Produced by Jens Sadowski, Norbert H. Langkau, and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net 66. Band. Jeder Band ist vollstndig abgeschlossen. Preis 10 Pf. (15 Heller.) Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff. Das Weltenfahrzeug zwischen den Riesen-Kometen. [Illustration: Der Zusammensto erfolgt, schrieen die Inder. Der Komet wird unser Fahrzeug in Atome zermalmen.] Druck- und Verlags-Gesellschaft Berlin Das Weltenfahrzeug zwischen den Riesen-Kometen. 1. Kapitel. Der groe Feuerstern. In der sonst so stillen Residenzstadt X. schien offener Aufruhr Platz gegriffen zu haben. Wstes Geschrei tobte, hier und da sah man Feuer aus stattlichen Gebuden emporlodern. Eine rasende Menge wlzte sich durch die Straen und versuchte immer wieder nach dem Residenzschlo zu gelangen. Noch gehorchten die Soldaten den Befehlen der Offiziere, noch drngten sie die Menge zurck, von Zeit zu Zeit hrte man das eigentmliche scharfe Rasseln des Magazingewehrfeuers. Dann wich die tolle Volksmenge unter Verwnschungen zurck, rannte nach den Vorstdten, berall plndernd, Fenster und Tren zertrmmernd. Was war denn nur geschehen, da das Volk meuterte, da offene Rebellion und Aufruhr herrschte? Es war ein Naturereignis, welches drohend am Himmel stand, ein Gestirn, das stndlich an Gre zuzunehmen schien. Ein Komet war es, wie man auf der Erde noch keinen zweiten gesehen. Ein Schweifstern, der einer ungeheuren dahinschwebenden Feuermasse hnelte. Als der Komet vor Wochen im Weltenraum auftauchte, war er von den Himmelskundigen bald gesehen, beobachtet, aber durchaus nicht gefrchtet. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich nun die schreckliche Kunde, da der Komet sich der Erde nahe und mit ihr zusammentreffen werde. Die feurige Gasmasse wrde die Luft, welche den Erdball umgibt, verzehren und dadurch alles Leben vernichten. Zu gleicher Zeit wrde auch ein schrecklicher Zusammensto des Kometen mit der Erde erfolgen. Als die Nachricht zuerst gehrt wurde, lachte man darber, aber das Lachen sollte bald verstummen. Der anfangs so unansehnliche Komet wuchs mit unbeschreiblicher Schnelligkeit, je nher er der Erde kam. Natrlich gab sich die Regierung die grte Mhe, den Schrecken zu bannen, aber vergeblich. Da half kein Verbot, kein strenger Befehl, da die Zeitungen keine Berichte ber das Fortschreiten des Kometen bringen durften. Umsonst konfiszierte man hier und dort die Bltter; es war unmglich, die Katastrophe aufzuhalten. Das war der Grund des Aufruhrs, der in den Straen tobte, man hrte es von den Leuten, die sich wie toll gebrdeten. In zwei Monaten ist alles vorbei, schrieen die Leute. Acht Wochen soll es ja noch dauern, dann ist es mit der Erde aus, dann mssen alle sterben. Aber so lange wollen wir noch das Leben genieen. Jetzt hat es ja keinen Zweck mehr, da man Reichtmer aufstapelt. Alle Schatzkammern mssen geffnet werden. Es gibt keine Gesetze mehr. Wir wollen leben und genieen, so lange das irdische Dasein noch dauert. Jedes Gesetz mu aufgehoben werden, jeder soll machen, was er will und keiner darf mehr sein wie der andere. Wieder drngten die Massen gegen das mchtige Residenzschlo vor, welches, von dem groartigen Park umgeben, einer Insel in tobender Meeresbrandung glich. Und so wie hier war es meist auf der ganzen Erde. Allenthalben kamen Berichte von Volkstumulten, von Aufstnden, von Anzeichen des drohenden Anarchismus, ein Drber und Drunter, welches schrecklicher als die bevorstehende Vernichtung der Erde durch den Feuerstern zu werden drohte. Oben in den prunkvollen Zimmern des Residenzschlosses stand der Herrscher. Um ihn standen eine Anzahl Mnner, die Minister, die Mitglieder der Regierung. Die meisten zeigten ratlose, gengstigte Gesichter. Nur der Herrscher, eine hohe, gebietende Gestalt, bewahrte die Fassung. Er brauchte nicht zu fragen, er brauchte nicht die Berichte der Militrgewalt zu vernehmen. Das dumpfe Brausen und Toben, welches durch die verhangenen Fenster drang, sagte genug und lftete man die schweren Vorhnge, so sah man den Feuerschein brennender Huser. Soeben war ein Ministerrat abgehalten worden. Hundert Vorschlge wurden gemacht, aber alle als unausfhrbar befunden. Sie scheiterten an der Wut der Volksmassen, die alles zu vernichten drohten. Die Minister und die sonstigen Spitzen der Regierung hatten schon seit Tagen und Nchten keine Ruhe gefunden. Eine Beratung war der anderen gefolgt, jetzt waren die Herren mit ihrer Weisheit zu Ende. Es schien, als ob ein bitteres Lcheln um die Lippen des Herrschers spielte, als er seine Rte und Vertrauten mit einer Handbewegung und einigen kurzen Worten verabschiedete. In wenigen Augenblicken war der Herrscher allein. Er blieb am Tische stehen und bltterte mechanisch in den Dokumenten. Dann trat er ans Fenster. Drauen knatterte wieder das Gewehrfeuer. Nur ungern hatte der Herrscher den Befehl erteilt, gegen das rasende Volk Gewalt zu gebrauchen. Es ging nicht anders, drauen begann man ja schon zu morden, zu rauben und zu plndern. Die Sturmflut naht, murmelte der Herrscher. Bald wird sie alles berfluten. Schrecklich, entsetzlich, die Menge wartet nicht, bis die Katastrophe erfolgt, sie macht schon vorher die Erde zur Hlle. Und das alles, alles nur, weil sich der eine an mir rchen wollte. Dieser Mann, der einen solchen Ruf besitzt, der ihn bis zur gehssigsten Vergeltung anwendet. Und dieser Mann, der soviel Unglck angerichtet hat, der htet sich, vor meine Augen zu kommen. Niemand wei, wo er sich befindet, er schleudert seine giftigen Pfeile aus der Verborgenheit in die rasende Menge. Der Herrscher hatte die letzten Worte unwillkrlich laut gesprochen. Pltzlich wendete er den Kopf, als ein Gerusch im Saal ertnte. Dort an der schweren Portiere, die zu den frstlichen Gemchern fhrte, stand ein stattlicher junger Mann mit geistreichem und zu gleicher Zeit auch energischem Antlitz. Es war einer der Prinzen des Herrscherhauses, ein Mann, der sich in seinen Muestunden aus Begeisterung mit der astronomischen Wissenschaft beschftigte. Der Herrscher trat in sichtlicher Erregung auf den Prinzen zu. Wie steht es? fragte er hastig. Ist der Aufenthalt des Gelehrten entdeckt worden? Der Prinz schttelte den Kopf. Es ist unmglich, erwiderte er. Der Rachschtige hlt sich verborgen. Zudem werden die Nachforschungen durch den Aufstand so erschwert, da ich das Unternehmen schon von Anfang an als hoffnungslos betrachtete. Der Herrscher stampfte mit dem Fue auf den Boden, da es drhnte. Wie kann dieser Mann das Unheil verantworten? rief er in hchster Emprung. Wie kann er nur solche entsetzliche Rache nehmen! Ich habe bereits Nachrichten erhalten, da die Soldaten in ihrer Treue wankend werden. Nicht alle, aber doch ein groer Teil. Und wenn das geschieht, wenn auch diese letzte Sttze der Ordnung zusammenbricht, dann kommt es zu einer Katastrophe, so furchtbar, so entsetzlich, wie man es noch nie auf Erden erlebt. Dann sind die frchterlichsten Revolutionen der Vergangenheit ein Kinderspiel gegen diese Schrecken. Der Prinz neigte zustimmend das Haupt. Und das schlimmste ist, erwiderte der, da dieser rachschtige Gelehrte recht hat. Ich war gestern und heute in der Universitt, auf den beiden Sternwarten. Ich habe alle Gelehrten auf Ehre und Gewissen befragt, gebeten, mir die volle Wahrheit zu sagen und die Berechnung nochmals durchzugehen. Ich hatte ja immer noch die Hoffnung, da die Rache jenes Mannes der Grundlage entbehrte, da er nur Schrecken und Aufruhr verbreiten wollte. Bis vor wenigen Stunden hegte ich noch Hoffnung. Und dann? fragte der Herrscher. Meine Hoffnung ist geschwunden, erwiderte der Prinz. Meine eigenen Beobachtungen geben mir die Gewiheit, da das Schreckliche bevorsteht und das gleiche sagten auch die Gelehrten. Der Riesenkomet trifft mit der Erde zusammen und vernichtet alles Leben. Anfangs hoffte ich noch darauf, da das nahende Ungeheuer durch andere Planeten in seinem verderblichen Lauf gestrt werden knnte, aber auch diese Hoffnung ist dahin. Unsere Instrumente haben es bewiesen, die Planeten knnen den Vernichter nicht mehr aufhalten. Er saust mit groer Geschwindigkeit auf die Erde zu, er wird mit der Erde zusammentreffen. Drauen tobte der Lrm, das Gebrll der rasenden Volksmenge schallte herber. Wieder knatterten Schsse. Der Herrscher ging mit groen Schritten im Saale auf und ab. Warum mute ich das erleben? sprach er, sein ergrautes Haar flchtig im Spiegel betrachtend. Warum konnte ich nicht in der Gruft meiner Vorfahren ruhen? Jetzt mu ich den doppelten Untergang der Erde mit ansehen. Es ist frchterlich, es ist entsetzlich. Die Emprung droht nicht allein in unserem Lande, sondern auch in allen Kulturstaaten der Welt. Pltzlich blieb der Herrscher stehen. Du willst mir noch etwas sagen, sprach er zu dem Prinzen. Ich sehe es Dir an, Du hast noch etwas auf dem Herzen. Sprich, ist es etwas Wichtiges? Es ist allerdings etwas Wichtiges, lautete die Antwort. Aber ich bin berzeugt, da der Vorschlag, den ich machen knnte, mit Entrstung zurckgewiesen wird. Wie -- was? rief der Herrscher erregt. Zurckgewiesen? Ist es ein Vorschlag, der die Katastrophe verhindern knnte? Das kann ich nicht sagen, erwiderte der Prinz. Aber es wrde der letzte Zweifel beseitigt werden. Ich habe ja immer noch eine ganz schwache Hoffnung, da das Frchterliche vermieden wird. Aber die Menge denkt nur an den drohenden Untergang der Erde, die Massen sind in Verzweiflung, sie wollen noch einmal ihr Dasein genieen. Rede, rede, rief der Herrscher, dessen Stimme leise zitterte. Noch knnte ich mit der Militrmacht den Aufruhr einige Zeit niederhalten, und das wird auch in anderen Kulturstaaten gelingen. Sprich, sprich, was bedeuten Deine geheimnisvollen Worte? Darf ich reden, ohne da ich in Ungnade falle? fragte der Prinz mit gedmpfter Stimme. Darf ich? Alles, alles, rief der Herrscher, was Du willst! Ich erlaube es Dir, ich gebiete es Dir sogar. Es ist sicherlich etwas Seltsames. Allerdings, tnte es zurck. Es gibt noch einen Menschen auf der Welt, der uns ber das letzte Geheimnis Aufschlu bringt, er vermag es. Und dieser Mann, der die Gewiheit bringt, der uns sagt, hier ist entweder Vernichtung oder Rettung, das ist der Luftpirat, Kapitn Mors, der Mann mit der Maske. Es herrschte tiefes Schweigen im Saal. Man hrte nur die Atemzge der beiden Mnner. Der Herrscher hatte anfangs eine abwehrende Gebrde gemacht, aber gleich darauf ging er in tiefem Nachdenken umher. Seine Stirn war gefaltet, die Hnde verkrampft, ein Kampf schien in der Seele des mchtigen Mannes zu toben. Pltzlich blieb er vor dem Prinzen stehen. Du hast mir noch nicht alles gesagt, sprach er. Du bist bereits mit dem Luftpiraten in Verbindung getreten. Du hast ihn aufgefordert, Klarheit zu schaffen, nur um das Entsetzliche zu verhindern. Sage es mir, ich zrne Dir gewi nicht. O nein, vielleicht mu ich Dir sogar recht geben. Gut denn, erwiderte der Prinz, whrend drauen das Wutgeschrei der Menge wie Donnerbrausen ertnte. Ja, ich habe es gewagt. Allerdings war es nur ein Zufall, vielleicht ein glcklicher Zufall. In dem geheimnisvollen Schlupfwinkel des Luftpiraten befindet sich nmlich ein Astronom, ein treuer Begleiter des Maskierten, der ihn schon auf seinen wunderbaren Weltreisen begleitet hat. Dieser Gelehrte steht mit einem andern Gelehrten unserer Sternwarten in Verbindung. Es ist noch eine alte Freundschaft und die beiden verkehren miteinander. Allerdings selten und geheimnisvoll. Der Zufall hat mir dies Geheimnis enthllt, ich habe den Gelehrten gebeten, dem Luftpiraten unsere furchtbare Lage zu schildern. Und die Antwort ist schon da? rief der Herrscher. Nicht wahr? Das geistvolle Gesicht des Prinzen war totenbleich. Ja, die Antwort ist hier, entgegnete er. Ich habe sie empfangen, ich habe es gewagt, auf die Gefahr der Ungnade, als letztes, verzweifeltes Mittel. Kapitn Mors der Luftpirat wird sich in dieser Nacht um zwlf Uhr an einer genau bezeichneten Stelle des groen Schloparkes einfinden. 2. Kapitel. Aus Rache. Der Herrscher stand wie ein Steinbild, aber das dauerte nur wenige Augenblicke. Er trat zu dem Prinzen und dieser fhlte, wie die Rechte seines mchtigen Verwandten eiskalt war. Zu jeder anderen Zeit htte ich eine Unterredung mit dem Luftpiraten zurckgewiesen, klang die Stimme des Herrschers. Aber jetzt will ich mit ihm sprechen. Ich zrne Dir nicht, nein, im Gegenteil, ich danke Dir. In der verzweifelten Lage, in der wir uns und alle anderen Kulturstaaten befinden, ist Kapitn Mors vielleicht die letzte Hoffnung. Gehe um zwlf Uhr nach dem Schlopark hinunter, ich gehe mit. Niemand soll sonst dabei sein. Du verbietest den Dienern, da sie uns folgen. Jetzt ist es zehn Uhr, hole mich ab, wenn die Zeit gekommen ist. Ich will dem Mann mit der Maske gegenbertreten. * * * * * Es war Mitternacht, aber es herrschte keine Ruhe. Das rasende Volk, welches die Branntweinschenken gestrmt, hatte einen nochmaligen Vorsto gegen das Residenzschlo unternommen. Das Militr stand aber fest wie Mauern und die rasende und tobende Masse mute, Tote und Verwundete mit sich schleppend, wieder zurckweichen. Jetzt grollte der Lrm in der Ferne, wie ein dumpfes Tosen, wie ein fernes Gewitter. Die Nacht war ziemlich klar und der groe Komet stand drohend am Himmel. Durch den groen Schlopark eilten zwei Mnner in Mntel gehllt, der Herrscher und der Prinz, die sich zu dem verabredeten Stelldichein begaben. Nur einmal wurde gesprochen. Wie kann nur der Luftpirat in den Park gelangen? fragte der Herrscher. Dieser ist ja von einer hohen, glatten Mauer und auerdem von einem tiefen Wassergraben umgeben. Fr diesen Mann gibt es kein Hindernis, erwiderte der Prinz. Er kommt und er wird zur Stelle sein. Die Kirchturmuhren der Residenz verkndeten die zwlfte Stunde, als sich die beiden Mnner einem kleinen tempelartigen Pavillon nherten. Ringsumher standen Bildsulen, Marmorgruppen, Gtter und Gttinnen, vom Mond gespenstisch beleuchtet. Hier war es fast unheimlich, der Nachtwind rauschte in den Bumen und Bschen, ein Kuzchen lie seine klgliche Stimme vernehmen. Der Totenvogel, murmelte der Herrscher, der sonst gewi nicht aberglubisch veranlagt war. Sonst war nichts zu sehen, die beiden Mnner schienen sich allein am Pavillon zu befinden. Aber im Augenblick, wo der letzte Schlag der zwlften Stunde vom Turm der Hauptkirche herberdrang, trat eine Mnnergestalt hinter dem Pavillon hervor. Da bin ich, sprach eine sonore Stimme. Der Mond beleuchtete einen Mann, der einen einfachen braunen Mantel von militrischem Schnitt ber den Schultern trug. Vorn war der Mantel geffnet, so da man eine dunkelblaue Uniform erblickte. Eine Mtze mit Goldtresse bedeckte den Kopf, whrend eine schwarze Halblarve das energische Gesicht fast verhllte. Es war Mors, der Luftpirat, der Erbauer des lenkbaren Luftschiffes und des Weltenfahrzeuges. Der Herrscher schien noch einmal mit sich zu kmpfen. Dann aber trat er kurz entschlossen auf den geheimnisvollen Mann zu. Die Unterhaltung braucht nicht lange zu dauern, tnte es von den Lippen des Maskierten. Die Vorgnge in der Welt sind mir nicht unbekannt, und ich wei, was man von mir will. Ich soll endgltig Gewiheit bringen, ob der groe Feuerstern da oben die Erde vernichten wird. Wenn Sie das zustande bringen, Kapitn Mors, erwiderte der Herrscher, so knnen Sie mglicherweise unabsehbares Unheil verhindern. Sie knnen die letzten Zweifel lsen, tritt die Katastrophe ein oder nicht? In letzterem Falle haben Sie sich die ganze Welt zu Dank verpflichtet. Dank begehre ich gar nicht, erwiderte der Luftpirat, ich tue das, was man von mir verlangt, und zwar der Menschheit zu Liebe. Auch ich hege noch Zweifel, ob der Riesenkomet die Erde treffen wird. Ich habe da eine Beobachtung gemacht oder richtiger gesagt, einer meiner Gefhrten hat es getan, eine Beobachtung -- Wie, was? rief der Herrscher. Lt sich das Verderben vermeiden? Das kann ich nicht sagen, erwiderte Mors. Hier gibt es nur eine einzige Mglichkeit, Gewiheit zu schaffen. Ich werde mit meinem Weltenfahrzeug unter Anwendung der grten Schnelligkeit dem Kometen entgegenfahren. An Ort und Stelle will ich mir die Gewiheit verschaffen. Aber das Schreckliche soll ja unabwendbar sein, meinte der Herrscher. Darin sind alle Gelehrten einig. Es ist nur ein Unglck, da einer jener Gelehrten die Kunde zur Kenntnis der Massen gebracht hat. Das Geheimnis htte verschwiegen bleiben sollen. Deshalb bin ich ja hierher gekommen, erwiderte Mors. Sonst wre ja die Zusammenkunft gar nicht ntig gewesen. Soviel ich gehrt habe, stammt dieser Astronom aus einer sehr vornehmen Familie dieses Landes. Er fhrt einen stolzen Namen. Weshalb hat dieser Aristokrat die Massen aufgehetzt? Warum? Ja, es ist ein Baron, erwiderte der Herrscher. In der alten Edelmannsfamilie, der er entstammt, herrscht die Sitte, da der lteste Sohn die groartige Herrschaft bernimmt. Das ist nun nichts Ungewhnliches, aber doch scheint dieser Mann dadurch verbittert zu sein. Er besa Vermgen und besitzt es auch noch. Er war ehrgeizig und obwohl ein ausgezeichneter Gelehrter, strebte er doch nach den hchsten Zielen. Sein Ehrgeiz kannte keine Grenzen, und so suchte er eine Prinzessin des Herrscherhauses als Gattin zu gewinnen. Er, ein schner Mann, der eine Art dmonischen Einflu besitzt, wre fast an sein Ziel gelangt. Schon war er nahe daran, das Herz einer blutjungen Prinzessin zu gewinnen, als ich, noch rechtzeitig gewarnt, dazwischen trat und dem Ehrgeizigen den Besuch des Hofes untersagte. Da kannte sein Zorn keine Grenzen, denn dieser Baron ist rachschtig. Vorerst blieb ihm nichts anderes brig, als sich in sein Schicksal zu ergeben, aber als der groe Feuerstern erschien, als er durch seine Beobachtungen erfuhr, da der Komet mit der Erde zusammentreffen wrde, da lie er seiner Rache freien Lauf. Anstatt das Geheimnis zu wahren, brachte er es zur Kenntnis der Massen und zog sich zu gleicher Zeit in ein unauffindbares Versteck zurck. Seine Rache ist gelungen. Der Aufruhr tobt in den Straen. Opfer sind schon gefallen, und wenn es so weiter geht, wird der Komet, wenn er mit der Erde zusammentrifft, nur noch einen Teil der Menschheit zu vernichten haben. Die Rache dieses Mannes verwandelt die Erde in die Hlle. Die furchtbarste Revolution steht vor der Tr. Das wollte ich wissen, erwiderte Mors, das gengt mir. In krzester Zeit befinde ich mich auf der Fahrt im Weltenraum, auf der Fahrt zum nahenden Kometen. Unterdessen mu alles getan werden, damit sich das Volk beruhigt. Kein Mittel darf gescheut werden, um die Massen glauben zu machen, da das Verderben noch einmal an der Erde vorbergehen wird. Mit uerster Strenge mu man die Emprung niederhalten, bis ich zurckkehre. Ist das Verderben unvermeidlich, nun gut, dann wird es sich ja zeigen, ob in den letzten Tagen der Erde die sinnlose Zerstrung Triumphe feiert. Bringe ich aber die Botschaft, da die Katastrophe vermieden wird, so wird wieder Ruhe eintreten, und dann mag jener Mann, der soviel Unglck angerichtet hat, seine Strafe empfangen. Jetzt ist diese Unterredung zu Ende. Nein, noch nicht, rief der Herrscher, auf den die Erscheinung des maskierten Mannes gewaltigen Eindruck gemacht hatte. Noch nicht. Kapitn Mors, wenn es Ihnen gelingen sollte, Klarheit ber das Bevorstehende zu schaffen, wenn Sie durch Ihr heldenmtiges Wagnis, ja so mu ich es nennen, die Kunde bringen, da der Tod an uns vorbergeht, so knnen Sie alles fordern, was Sie wollen, jede Belohnung und sei es auch die riesigste Summe. Nicht einen Heller, erwiderte der Luftpirat. Auch nicht ein Dankeswort begehre ich. Was ich tue, geschieht im Interesse der Menschheit. Wohl habe ich mich gewissermaen von der Menschheit zurckgezogen, aber ich hasse sie nicht. Ich will das arme Volk beschtzen und sein Los zu erleichtern suchen. Bringe ich die Kunde, da die Erde gerettet wird, nun wohl, so mgen die Regierungen der Kulturstaaten eine ungeheure Summe unter die Armen verteilen. Das wre fr mich die grte Belohnung. Der Herrscher war von diesem Edelsinn hingerissen. Er reichte Kapitn Mors die Rechte. Ich bin ja der Luftpirat, erwiderte der Maskierte bitter. Nein, Sie sind ein edler Mann, rief der Herrscher, indem er die Rechte des Maskierten fate. Frher habe ich Uebles von Ihnen geglaubt, aber diese kurze Unterredung hat mich berzeugt, da Sie ein Mann sind, den man verleumdete. Kapitn Mors, wer Sie auch sein mgen, vergessen Sie nicht, da Sie in diesem Lande, wenn das Unglck an der Erde vorbergeht, einen Mann finden, der Sie immer aufnehmen wird, komme, was da wolle. Ein Hndedruck folgte, der Luftpirat trat rasch zurck, er winkte dem Herrscher und dem Prinzen zu. Ich bringe die Botschaft, rief er, ich fahre zum Kometen. Im nchsten Augenblick verschwand die stolze Gestalt des Mannes im Gebsch, whrend der Herrscher und der Prinz den Rckweg antraten. Einsam war es beim Pavillon, das Kuzchen schrie wieder, aber es flog pltzlich erschreckt von dannen. Im Gebsch raschelte es und da wurde etwas Schwarzes, Schattenhaftes sichtbar. Der Kopf eines Mannes, der vorsichtig aus dem Dickicht heraussphte. Es war ein schner Kopf, aber die Augen besaen etwas Frchterliches. Darinnen schien ein hllisches Feuer zu brennen. Bald darauf ballte der Versteckte die Faust und schttelte sie nach der Richtung hin, wo der Prinz und der Herrscher gegangen waren. Geht, geht, klang es leise von den Lippen des Versteckten. Ihr habt wieder Hoffnung. Aber sie soll enttuscht werden. Mag der Mann mit der Maske seine Fahrt antreten, er wird nicht mehr zurckkommen, denn dafr habe ich gesorgt. Der Mann mit der Maske, er ahnt es nicht, was ihm droht. Der wei nicht, da ich schon frher an ihn dachte. Ich kenne den Luftpiraten, ich wute, was er tun wrde. Deshalb will ich seine Rckkehr unmglich machen. Der Volksaufruhr mu toben und alle Bande der Ordnung zerreien. Und wenn dann die Soldaten ihrer Pflicht abtrnnig werden, wenn alles drunter und drber geht, wenn man die Huser der Vornehmen und Vermgenden plndert, das Residenzschlo strmt, dann werde ich zur Stelle sein. Dann erreiche ich doch mein Ziel. Dann hole ich mir die Prinzessin, ich fhre sie mit mir fort nach meinem Schlupfwinkel, dem Herrscher zum Trotze. Ich will mich rchen fr die Stunde, in der man mich aus dem Schlo wies, mir den Zutritt untersagte. Rache will ich nehmen, Rache! In ohnmchtigem Zorn soll sich der Herrscher verzehren, wissen, da sich die Prinzessin in meiner Gewalt befindet. Die Wissenschaft, der ich mich einst gewidmet, die wird das Werkzeug meiner Rache sein. Und wieder schttelte der Mann die geballte Faust bald nach dem Schlosse hin, bald nach der Mauer. Ein unheimliches Lachen klang von seinen Lippen. Dann schlossen sich die Gebsche, aber nach einiger Zeit hrte man einen sonderbaren dumpfen Schall. Es klang so, als ob sich in dem Park im dichtesten Gestrpp eine schwere Falltr geschlossen htte. * * * * * Auf welche Weise Mors in den Schlopark gelangt war, wute niemand. Mglicherweise hatte er eine kleine Flugmaschine benutzt, die er an Bord des Luftschiffes mitzunehmen pflegte. Jedenfalls befand sich der geheimnisvolle Mann noch vor Anbruch des Tages auf dem riesigen lenkbaren Luftschiff, das sich auf der Stelle in ungeheure Hhen erhob. Dann fuhr der Kolo mit uerster Maschinenkraft nach Osten. Kapitn Mors hatte an seinem lenkbaren Luftschiffe noch einige Verbesserungen angebracht. Er war ja nie mig, sondern stets beschftigt, seine Wunderwerke zu vervollkommnen. Somit konnte er dem lenkbaren Luftschiff eine erhhte Geschwindigkeit verleihen und die Maschinen wurden diesmal bis zum uersten in Anspruch genommen. Fr lngere Zeit wre diese Schnelligkeit verderblich gewesen, aber fr einige Tage machte es dem Luftschiff nichts aus, obwohl das mchtige Fahrzeug allenthalben zitterte und bebte. Mors mute jede Stunde benutzen, und so scho denn der Lenkbare mit einer Schnelligkeit dahin, als ob er mit einem Adler wetteifern wollte. Endlich erreichte er seine Insel, wo seine unerwartete schnelle Rckkehr freilich wenig Befremden erregte. Die Zurckgebliebenen wuten, weshalb Kapitn Mors die Reise angetreten, sie hatten unterdessen alles zur Auffahrt des Weltenfahrzeuges vorbereitet. Mors verlor keine Zeit. Professor van Halen sollte ihn begleiten, ferner der Ingenieur Terror und eine ausgesuchte indische Mannschaft. Terror und Star, die beiden Ingenieure des Luftpiraten, waren diesmal auf der Insel zurckgeblieben und erstatteten Bericht. Sie gaben Kapitn Mors die Versicherung, da sie das Weltenfahrzeug auf das genaueste untersucht htten und da der Kolo sofort die gefahrvolle Reise antreten knnte. Und sonst ist nichts Besonderes vorgefallen? fragte Mors. Sonst hat sich nichts ereignet? Nichts, gar nichts, erwiderten die Ingenieure. Wir haben brigens, wie Ihr befohlen habt, Kapitn, die Leute auf der Insel aufs sorgfltigste beobachtet. Wir vergaen es nicht, da Ihr sagtet, wir mten die neu angeworbenen Inder, die unsere Verluste ersetzen sollen, erst kennen lernen. Es sind verschlossene Menschen dabei, die aber knftig recht brauchbar werden knnen. Sie sind fleiig, geschickt und willig und haben tchtig bei der Arbeit am Weltenfahrzeug geholfen. Wollt Ihr einige von der neuen Mannschaft mitnehmen? Mors schttelte den Kopf. Nur die alte Mannschaft, entgegnete er. Ich will nicht, da unser Unternehmen durch irgend eine Strung gehemmt wird. Ich habe manchmal mit neuer Mannschaft bse Erfahrungen gemacht, daher verlasse ich mich auf meine alten Getreuen. Macht alles bereit, in zwlf Stunden beginnt der Aufstieg. Die Inder drngten sich um Kapitn Mors, denn es wurde als Ehre betrachtet, den Luftpiraten bei den geheimnisvollen Fahrten in den Weltenraum begleiten zu drfen. Mors empfing sie alle, die alten Getreuen und auch die Neuangeworbenen. Diese sollten die Verluste, welche der Tod in die Reihen der alten Mannschaft gerissen, ersetzen. Es waren alles stattliche, sehnige Mnner aus den indischen Gebirgsgegenden und vor allen Dingen durch die ltere Mannschaft des Luftpiraten empfohlen. Allerdings konnte man niemand ins Herz sehen, denn die Inder waren verschlossene Menschen. Mors wollte deshalb auch die neu angeworbene Mannschaft erst prfen lassen. Wie ein Frst sa er im Kreise der Mnner, die sich mit gekreuzten Beinen nach morgenlndischer Art um ihn niedergelassen hatten und aufmerksam den Worten des Geheimnisvollen lauschten. Sie erkundigten sich nach dem seltsamen Feuerstern, aber Mors htete sich, davon zu sprechen, da der Komet mit der Erde zusammentreffen wrde. Dennoch schien es, als ob die Inder so etwas befrchteten, aber nicht davon sprechen wollten. Und wie lange wird die Fahrt nach dem Feuerstern dauern, Herr? fragte einer der Neuangeworbenen, ein groer, etwas finster dreinblickender indischer Gebirgsbewohner. Am vierzehnten Tage der Fahrt werde ich dort eintreffen, erwiderte der Luftpirat. Wie ist das mglich, Herr? erwiderte der Mann. Wie kann man das so genau berechnen? Dazu haben wir unsere Instrumente und unsere Geschwindigkeitsmesser, erwiderte Mors, indem er auf Professor van Halen deutete. Seht den Mann dort, der irrt sich niemals. Der hochgewachsene Inder schwieg und sprach auch whrend der weiteren Beratung kein Wort mehr. Als er aber aufstand und mit seinen Begleitern das Haus des Kapitns verlie, da schien es, als loderte unter den langen Wimpern des Inders ein rtselhaftes Feuer, als ob diese dunklen Augen ganz eigenartig, seltsam und unheimlich dreinblickten. 3. Kapitel. Die Fahrt nach dem Kometen. Als Kapitn Mors auf seiner Insel ankam, war es fnf Uhr nachmittags und um sechs Uhr am nchsten Morgen sollte der Aufstieg des Weltenfahrzeugs erfolgen. Der Inder, der die Frage gestellt, begab sich nach den kleinen indischen Htten, die in einem Palmenwldchen erbaut waren. Jeder der Mnner besa sein eigenes Huschen. Kaum war der hochgewachsene Mann dort angelangt, da begann er auch schon eine seltsame Ttigkeit zu entfalten. Er ging in das kleine Schlafgemach und versperrte zunchst die Tr. Dann holte er aus seiner einfachen Lagersttte ein Kstchen, welches er mit grter Sorgfalt ffnete. In diesem metallenen Kstchen lag ein Instrument, welches einer ungewhnlich groen Taschenuhr hnelte. Das hat mir der fremde Sahib gegeben, murmelte der Inder. Er hat mir alles gesagt, alles gezeigt. Und er hat mir die grte Belohnung versprochen. Mchtig und reich soll ich sein, eine schne, ppige Frstentochter als Gattin heimfhren knnen. Ich habe dem fremden Sahib Treue geschworen und sogar meine Freiheit hingegeben. Hier auf diesem Eiland bin ich ja gewissermaen Gefangener. Aber ich wei, da mich dieser mchtige Fremde, wenn ich alle seine Befehle erflle, spter holen wird und mich zum glcklichen, reichen Manne macht. Das hat er mir bei der mchtigen Gttin Kali geschworen. Nachdem der Mann das Kstchen auf den Tisch gestellt, begann er eine neue Arbeit. Vorsichtig hob er einige Bambusrohre empor, welche Boden und Wnde der Htte bildeten. Dann zog er wieder ein Pckchen hervor, welches aber etwas grer als das erste war und ebenfalls aufs sorgfltigste verhllt zu sein schien. Es mute sich etwas Seltsames darin befinden, denn der Inder zeigte die grte Vorsicht. Er ging damit um, als ob es sich um das zerbrechlichste Ding von der ganzen Welt handelte. Nun wartete er, bis es dunkel geworden war, und bis die getreuen Anhnger des Kapitn Mors die Runde machten. Diese Mnner sahen ja jeden Abend nach, ob sich die Inder in ihren Htten befanden, und als sie das Huschen des Neuangeworbenen betraten, lag dieser auf seiner einfachen Lagersttte. Er schien fest zu schlafen, aber es war nur Schein. Er wachte und stellte sich nur schlummernd. Um Mitternacht aber verlie er die Htte. Vorsichtig lauschte er erst und berzeugte sich, da alles ruhig war. Hierauf schlich er geschmeidig wie eine Katze durch die Gebsche. Die beiden Pakete hatte der Inder mitgenommen und trug sie in ein Stck Zeug gewickelt auf dem Rcken. Immer schneller glitt der Mann dahin, bis er den Ort erreichte, wo das Weltenfahrzeug in seiner Halle stand, der stolze Meteor, der in den ersten Morgenstunden die Fahrt in den Weltenraum unternehmen sollte. Wchter waren aufgestellt, aber der Inder verstand es, die beiden Wachen zu tuschen. Er kletterte wie eine Katze durch die Dunkelheit begnstigt an der Halle empor und schlpfte durch ein Luftloch in das Innere der Halle. Da hing der Metallriese in seinem Gerst, aus dem er jeden Augenblick, wenn das Dach geffnet wurde, emporsteigen konnte. Der Inder aber glitt in die Halle hinab und kauerte sich am Vorderteil des Weltenfahrzeuges nieder. (Man vergleiche hier den Plan des Weltenfahrzeuges auf der Rckseite dieses Bandes.) Der unheimliche Mensch beschftigte sich an der Vorrichtung, welche das Genie des Kapitn Mors erfunden, nmlich an der vorderen Einrichtung fr die Luftzufuhr am Unterteil des Weltenfahrzeuges. Dort befand sich zwischen den Metallteilen und den Behltern fr flssige Luft eine Oeffnung, eine Lcke, die gerade gro genug fr das zweite Pckchen war, welches der Inder auf dem Rcken trug. Mit uerster Vorsicht schob er es hinein, er hielt sogar den Atem an, es schien, als wrde bei einer Unvorsichtigkeit eine Katastrophe erfolgen. Als das geschehen war, ffnete der Inder das zweite Pckchen. Da hrte man deutlich, wie er die groe Uhr aufzog, die alsbald leise, kaum vernehmbar zu ticken begann. Vierzehn Tage hat er gesagt, sprach der Mann fr sich. Gut, ich werde den Zeiger auf den fnfzehnten Tag stellen. Dann wird er noch dort sein. Dann geschieht das, was der fremde Sahib von mir begehrte. Niemand wird es merken, niemand wird Verdacht schpfen. Jetzt noch die Drhte. Der Inder setzte seine Manipulationen fort. Wre es hell gewesen, so htte man gesehen, wie dieser unheimliche Mensch einige dnne Kupferdrhte hervorzog und diese auf sinnreiche Weise mit der leise tickenden Uhr und dem geheimnisvollen Paket verband. Auch hierbei ging er mit uerster Vorsicht zu Werke und prfte dann nochmals aufs sorgfltigste den sonderbaren Apparat, welchen er in die Lcke zwischen den Metallteilen hineingeschoben. Es ist geglckt, murmelte der Mann befriedigt. Der fremde Sahib wird zufrieden sein. Niemand hat Argwohn geschpft, und ich werde von dem fremden Herrn, der bei Kali geschworen, meine Belohnung empfangen. Ein paar Minuten spter kletterte der Mann wieder aus der Halle heraus. Die indischen Wchter besaen scharfe Ohren, aber sie merkten nichts Verdchtiges. Lautlos, wie er gekommen, schlpfte der neuangeworbene Inder von dannen. * * * * * Kurz vor sechs Uhr war alles zur Abfahrt bereit. Mors kam mit Terror, van Halen und seiner getreuen alten Mannschaft, um das Fahrzeug zu besteigen. Der Luftpirat warf noch einen prfenden Blick auf den Meteor und seine Feueraugen musterten das gewaltige Fahrzeug. Auch die neuangeworbenen Inder waren mitgekommen, und der Unheimliche, der in der Nacht die seltsame Arbeit verrichtet, schien leise zu zittern. Wenn nun die scharfen Augen des Luftpiraten etwas Verdchtiges bemerkten? Der Mann atmete tief auf, als Mors sich von dem Fahrzeug abwendete. Er hatte nichts entdeckt, er gab das Zeichen, da die Abfahrt erfolgen sollte. Mors hatte mit den zurckbleibenden Getreuen gesprochen und den beiden Ingenieuren Star und Herbert genaue Weisung gegeben. Die beiden waren es auch, welche in alles eingeweiht wurden. Jetzt schwang sich Mors als letzter durch die eiserne Tr, die alsbald luftdicht verschlossen wurde. Dann wurde das Zeichen gegeben, das bewegliche Dach der Halle drehte sich, und majesttisch erhob sich der Meteor in die Lfte. Der Riesenmagnet drehte sich langsam der Erde zu, immer schneller wurde die Bewegung des Giganten. Im Nu verschwand er in den Wolken, das Weltenfahrzeug befand sich auf der Fahrt nach dem Feuerstern. * * * * * Mors hatte gleich von Anfang an die grte Geschwindigkeit eingeschaltet. Der Magnet war genau der Erde zugekehrt, so da der Meteor blitzartig durch den Weltenraum jagte. Die Luftzone der Erde war im Nu durchflogen. Der Himmel nahm eine dunkelblaue Frbung an, bis er zuletzt schwarz wurde. Man sah die Sonne, aber auch die Sterne, man sah den riesigen Kometen, der seinen verhngnisvollen Pfad zur Erde verfolgte. Mors begab sich nach dem Beobachtungsraum. Dort sa der Professor am groen Fernrohr und betrachtete aufmerksam den merkwrdigen Himmelswanderer. Nun, wie steht es, Professor? fragte Mors. Sie haben seit der letzten Beobachtung, die wir im Weltenraum veranstalteten, Zeit genug gehabt. Wie ist es mit Ihren Berechnungen? Ferner mchte ich wissen, ob Sie etwas Neues an dem Feuerstern entdeckten? Van Halen war aufgesprungen. Ich habe mich in meinen Beobachtungen nicht getuscht, erwiderte er mit fester Stimme. Schon damals erschien mir der Komet als ein hchst merkwrdiges Gebilde. Jetzt, wo er der Erde nher gerckt ist, sehe ich deutlich, was ich damals nur vermutete. Und von dieser Vermutung haben Sie nicht gesprochen, bester van Halen, meinte der Luftpirat. Sie sagten damals, Sie seien Ihrer Sache nicht sicher genug, und ich wollte nicht in Sie dringen. Aber jetzt wiederhole ich meine Frage. Der Astronom deutete mit der Rechten nach dem flammenden Kometen. Es ist ein merkwrdiges Gebilde, erwiderte er, jedes Wort betonend. Ein Himmelskrper, wie ihn die Beobachter vielleicht noch nie gesehen haben. Und wenn dies jemals in der Geschichte der Welt geschah, so haben die Astronomen die Natur jenes Himmelskrpers nicht erkannt. Aber wie kann ich nur immer von einem Krper sprechen. In Wirklichkeit sind es deren zwei, und sie nhern sich der Erde, das ist nicht zu leugnen. Was, zwei? rief Mors erstaunt. Ja, zwei Kometen, erwiderte der Professor mit Nachdruck. Es ist in der Tat eine seltsame Erscheinung. Von der Erde aus kann man dies nicht erkennen, weil sich die beiden Kometen in einer Linie nhern, so da der eine immer den andern deckt. Auch mag der feurige Glanz die Beobachtung erschweren. Genug, die Sache ist folgendermaen: Einer dieser Kometen besteht aus einem dunklen, massigen Krper, der gar kein Licht verbreitet. In einiger Entfernung von ihm folgt dann die eigentliche feurige Gasmasse. Mors zweifelte keinen Augenblick daran, da van Halen richtig beobachtet hatte. Und was geschieht, wenn die beiden Krper mit der Erde zusammentreffen? fragte er. Das Schlimmste, erwiderte van Halen mit eisiger Ruhe. Der feste, massige dunkle Krper wird mit entsetzlicher Gewalt die Erde treffen und natrlich eine grauenvolle Katastrophe hervorrufen. Dann folgt der zweite Komet, die feurige Gasmasse, welche die Luft der Erde, vor allen Dingen den zum Leben unbedingt notwendigen Sauerstoff aufsaugt. Sollte dann von der ersten Katastrophe noch Leben brig sein, wird dasselbe nach der zweiten Katastrophe sicher verlschen. Mors blieb ganz ruhig. Und wird der Zusammensto unabwendbar sein? fragte der Luftpirat. Das kann ich erst sehen, wenn wir oben anlangen, erwiderte der Professor. Ich mu erst wissen, wie die Wechselwirkungen sind, in der diese Krper zueinander stehen. Und da sage ich, da noch eine leise Hoffnung brig ist, eine geringe Hoffnung, da das Unheil noch einmal an der Erde vorbergeht. Aber das wird sich da unten auf der Erde entscheiden. Es ist ganz so, wie ich mir gedacht, erwiderte Mors. Damit habe ich von Anfang an gerechnet. Also wollen wir so schnell wie mglich den Kometen zu erreichen suchen. Und das wird am vierzehnten Tage unserer Fahrt geschehen. Vorwrts! Das war das einzige Gesprch, welches die beiden Mnner ber die Zukunft fhrten. Von diesem Zeitpunkte an redeten sie nicht mehr ber das bevorstehende Geschick, sondern widmeten sich einzig und allein ihren Arbeiten. Mors befand sich meist im Lenkraum, whrend der Professor bei seinen geliebten Instrumenten verweilte. Die Fahrt selbst ging schnell und ohne Hindernis vor sich. Man kam dem rtselhaften Weltenkrper von Tag zu Tag nher. Immer furchtbarer, immer drohender war der Anblick dieses Doppelkometen. Er schien allmhlich einen groen Teil des Firmamentes zu bedecken. Ein jeder andere htte sich besonnen, die Fahrt fortzusetzen, denn man wute ja gar nicht, welche Gefahren in der Nhe der Kometen drohten. Aber Mors war nicht der Mann, der sein Unternehmen aufgab. Er setzte seine Reise fort. Mit unverminderter Geschwindigkeit sauste der Meteor durch den Weltenraum dahin und nherte sich immer mehr und mehr den Riesen-Kometen, diesen schwebenden Vernichtern, die von der entgegengesetzten Seite kommend, gleichfalls mit groer Geschwindigkeit der Erdenbahn zustrebten. 4. Kapitel. Die Katastrophe. Tag um Tag verging, Nacht um Nacht, wenn man hier im Weltenraum berhaupt von Tag und Nacht sprechen konnte. Der Professor hatte brigens recht, denn eine dunkle Masse flog dem eigentlichen Feuerkometen voran, ein Weltenkrper, den sogar nach den Berechnungen und Beobachtungen des Astronomen eine Lufthlle umgab. Es war dies ein neues Geheimnis der unerschpflichen Natur, und der Professor erging sich in allerhand Vermutungen. Er sprach davon, da die Kometen mglicherweise die Welten der Zukunft sein mten, und da sich nach der Vernichtung der Planetenwelten ein neues Leben auf diesen Himmelswanderern entwickeln knnte. Das waren allerdings nur Hypothesen, aber sie hatten viel Wahrscheinlichkeit fr sich, war doch Professor van Halen einer der geistvollsten aller Gelehrten. Die Zeit verging, es kam der zwlfte Tag, der dreizehnte, der vierzehnte. Die Beobachtungen waren genau, der Meteor nherte sich dem dunklen Weltenkrper. Wir knnen unbesorgt landen, sprach der Professor am Mittag des vierzehnten Tages. Nach meinen Beobachtungen ist die Luft, die diesen dunklen Krper umgibt, zu atmen. Es scheint sich sogar Wasser auf ihm zu befinden, da ich Spuren von Wasserdampf entdeckte. Vor dem zweiten, dem eigentlichen Kometen sind wir vorerst sicher, denn dieser ist von dem dunklen Weltkrper wenigstens tausend Meilen entfernt. Das hat man von der Erde aus nicht bemerkt, weil die beiden Himmelskrper hintereinander standen. Mors stimmte dem Professor zu. Eine Landung war ntig, denn van Halen behauptete, da man nur bei einer Landung Gewiheit ber das Schicksal der Erde erlangen knnte. Er gab jetzt den Befehl, die Geschwindigkeit des Meteor zu migen, und nach wenigen Stunden schwebte das riesige Fahrzeug bereits in der Luftschicht des neuen Weltkrpers. Der Anblick desselben war allerdings trostlos. Er mochte halb so gro sein wie der Mond und schien ganz aus einer ungeheuren Steinmasse zu bestehen. Hier und da gewahrte man freilich Spuren von Wasser, auch sah man einige Sandwsten, aber der grte Teil dieser neuen Welt war Stein, rauhe wilde Felsen, denen jede Vegetation zu mangeln schien. Allerdings mochten Moose und Flechten hier und da diese starren Felsen bedecken, aber das ganze war doch ein Bild des Todes. Das war also auch ein Komet, und der Professor meinte, da dieser Weltkrper der sogenannte Kern eines ehemaligen gigantischen Kometen gewesen sei, und da also gewissermaen eine Trennung zwischen der Feuergashlle und dem Kern stattgefunden htte. Solche Teilung von Kometen war schon in frheren Jahrzehnten beobachtet worden. Mors schpfte aus diesen Mitteilungen neue Hoffnung fr das Schicksal der Erde. Vielleicht fand durch diese Teilung eine Umwlzung statt, so da die Vernichter die Erdenbahn frher oder spter durchkreuzten. Van Halen zuckte freilich die Achseln und meinte, es sei noch immer wenig Hoffnung vorhanden, die Entscheidung konnte also erst nach der Landung fallen. Wenige Stunden spter berhrte der Meteor einen von Mors mittels des Fernglases ausgesuchten Landeplatz. Es war noch die am meisten ansprechende Gegend dieser neuen Welt, nmlich eine kleine Sandwste. Zur Linken und zur Rechten sah man die Klippen emporsteigen, die weiterhin ein wahres Felsenlabyrinth bildeten. Alles ging nach Wunsch. Der Meteor berhrte sanft den Boden der neuen Welt, und die Luft erwies sich, wenn auch dnn und etwas absonderlich wirkend, doch immerhin als zum Atmen geeignet. Natrlich war diese Luft sehr klar, weil das Wasser beinahe ganz fehlte, jedoch war das Aussehen dieses Luftmeeres hchst unheimlich. Hier war nichts von jenem schnen Blau zu sehen, welches der irdischen Luft an schnen Tagen ein so unbeschreiblich reizvolles Aussehen verleiht. Dafr sorgte schon die Feuermasse des zweiten Kometen. Der gab eine schreckliche Beleuchtung, und es schien, als ob die Luft hier glhte. Sie war bald dunkelrot, bald violett, bald schwefelgelb gefrbt, so da man meinte, sich in der Hlle zu befinden. Kapitn Mors' Gefhrten aber betrachteten diese Naturwunder ohne Schrecken. Sie waren schon durch ihre vielen Fahrten mit dem Luftpiraten an die seltsamsten Dinge gewhnt, nichts in der Welt konnte ihr Vertrauen fr ihren geliebten Gebieter erschttern. Der Professor berzeugte sich zunchst, da die Luft geatmet werden konnte, und lie dann eiligst seine Beobachtungsinstrumente auf ein paar nahe Felsen schaffen. Es war dies ntig, weil der Metallkrper des Fahrzeugs oftmals strte, namentlich bei magnetischen Messungen. Nun mu es sich ja bald entscheiden, sprach der Professor, ehe er sich nach seinem neu eingerichteten Observatorium begab. In vierundzwanzig Stunden kann ich sagen, ob die Erde erhalten bleibt oder nicht, dann wird die Entscheidung fallen. Van Halen nahm ein paar Inder mit, die er in der Handhabung der Instrumente unterwiesen hatte. Die brigen blieben beim Weltenfahrzeug. Wieder vergingen die Stunden. Mors ahnte nicht, da da vorn an dem Apparat zur Luftzufuhr ein seltsames Uhrwerk tickte, da diese Uhr unablssig ihren Lauf fortsetzte. Stunde auf Stunde verging, und jetzt war der fnfzehnte Tag zu Ende. Mors befand sich gerade mit Terror im Lenkraum, als er pltzlich zu Boden strzte. Auch Terror lag im selben Moment auf dem Boden, whrend das Weltenfahrzeug von einer ungeheuren Gewalt emporgehoben wurde. Es schien gerade, als htte ein Riese das Fahrzeug gepackt und mit einem Ruck in die Hhe geschleudert. Dann schwankte es zweimal hin und her und zu gleicher Zeit hrte man ein dumpfes, unheilverkndendes Prasseln. Im Nu erhob sich der Luftpirat vom Boden. Er hrte die Inder vorn schreien, er vernahm, wie sie nach ihm riefen, wie sie seinen Namen nannten. Rasch, rasch, Terror, schrie er seinem halbbetubten Gefhrten zu. Hinaus, da ist ein Unglck geschehen. Die beiden Mnner strzten durch die Rume nach der Ausgangstr, ihnen folgten die Inder, welche durch den furchtbaren Sto in alle Ecken geschleudert worden waren. Mors war der erste, der das Freie erreichte und an dem Metallkrper des gigantischen Fahrzeuges entlanglief. Er eilte nach dem Vorderteil des Meteor, denn von dort war der Sto gekommen. Mors stie einen leisen Schrei aus, als er die Spitze des Fahrzeugs sehen konnte. Ja, ein Unglck war geschehen. Dort klaffte eine furchtbare Bresche. Eine Explosion, schrieen die Inder. Die flssige Luft hat ihre Behlter zertrmmert! Nein, erwiderte Mors mit Stentorstimme. Da ist etwas anderes geschehen. Diese Bresche kann nur ein moderner Sprengstoff geschlagen haben. Das ist kein Unfall, der aus der Konstruktion des Fahrzeuges herrhrt. Nein, nein, hier ist Verrat im Spiele. Das Fahrzeug ist absichtlich beschdigt worden. Der Meteor sah aus, als ob ihn ein Torpedo getroffen htte. Die metallenen Platten, aus denen der Auenrumpf bestand, waren im Vorderteil zersprengt und ein gewaltiges Loch in den Rumpf des Weltenfahrzeuges geschlagen worden. Mors heftete jetzt seine Augen auf die Inder. Das ist eine Hllenmaschine, klang seine Stimme. Ich wiederhole es, der durchdringende Dunst, den wir alle spren, rhrt von einem Sprengstoff her. Es ist schmhlicher Verrat. Diese Katastrophe ist mit Absicht herbeigefhrt worden. Vor ihm standen die Inder. Die treuen Mnner kreuzten die Arme ber der Brust und erwiderten fest und sicher den furchtbaren Blick ihres Gebieters. Die Prfung dauerte mehrere Minuten, dann hob Mors seine Rechte. Ihr habt ein reines Gewissen, sprach der Luftpirat. Ihr habt jenen Frevel nicht begangen. Ich wei nicht, wer es getan hat. Aber ich wiederhole nochmals, es war Absicht, es war auf die Zerstrung des Meteor abgesehen. Befanden wir uns noch im Weltraum, als die Explosion stattfand, so waren wir verloren. Jetzt gilt es, die Beschdigungen so rasch als mglich auszubessern. Nach der Rckkehr auf unsere Insel werde ich den Tter ermitteln. Vorwrts, Leute, wir haben alle Materialien zur Ausbesserung des Schadens an Bord. Die Zerstrung ist geschehen, aber wir werden das Leck wieder schlieen. An die Arbeit, ich werde Euch helfen! Der Professor war mit seinen beiden Gehilfen von den Felsen herabgekommen und betrachtete das Geschehene. Seine beiden Leute kamen bei dem heimtckischen Anschlag nicht in Betracht, denn sie gehrten zu Mors' getreuesten und ltesten Veteranen. Es war auch gar keine Zeit, migen Vermutungen nachzuhngen, eine Bemerkung des Professors zeigte Mors, da jetzt Gefahr auch noch von anderer Seite drohte. Kapitn, sprach der Professor mit gedmpfter Stimme, als die Inder durch die klaffende Oeffnung in das Innere des Fahrzeugs hineinstiegen. Kapitn, ich habe eine seltsame Beobachtung gemacht. Diesmal droht uns Gefahr, und es ist sehr bedauerlich, ja hchst bedenklich, da die Katastrophe stattfand. Ich kann es nicht verhehlen, da wir uns in der furchtbarsten Lage befinden. Mors sah ihn fragend an. Der erste Komet, auf dem wir uns befinden, hat seinen Lauf verlangsamt, fuhr der Professor fort. Der Feuerkomet aber kommt rasch heran. Die beiden Kometen haben sich geteilt, scheinen sich aber wieder miteinander verbinden zu wollen. Geschieht dies, whrend der Zeit, wo wir noch hier liegen und den Schaden verbessern, dann sind wir verloren. Ich dachte es mir, antwortete der Luftpirat. Jetzt wollen wir sehen, wer das Spiel gewinnt. Der Schaden wird ausgebessert. Sie, Herr Professor, knnen Ihre Beobachtungen fortsetzen. Unterdessen werden wir hier unten mit Ablsung fortwhrend arbeiten, damit wir diesen Kometen vor dem drohenden Zusammensto verlassen knnen. Der Professor warf einen prfenden Blick auf die klaffende Oeffnung. Offenbar zweifelte er daran, da dieser frchterliche Schaden so schnell beseitigt werden knnte und frchtete das Schlimmste. Er sagte aber kein Wort, sondern begab sich wieder zu den Instrumenten. Die Inder und Terror brachten allerhand Werkzeuge und Gertschaften aus dem Meteor, Reserveplatten und Panzerrippen, da man von all diesen Dingen fr unvorhergesehene Flle Vorrat mitfhrte. Mors war der erste, der mit Hand anlegte. Es war ganz zweifellos, da man sich, um das groe Leck zu verstopfen und so schnell als mglich fertig zu werden, grter Eile befleiigen mute. Die Reparatur war nur ein Notbehelf, aber immerhin konnte er gengen, den Meteor zur Erde zurckzufhren. Man mute, um an das durch den Sprengstoff geschlagene Leck heranzukommen, die Apparate, welche zur Lufterneuerung dienten, abnehmen. Und hierbei war es Mors, der die Spuren des Verbrechens entdeckte. Er bckte sich pltzlich und hob etwas von der Erde empor. Dieses Ding war freilich durch die Explosion halb zerschmettert, aber man sah noch deutlich die Ueberreste einer groen Metallkapsel, eine Art Zifferblatt und darauf ein paar zerstrte Zeiger. Der letzte Zweifel ist geschwunden, sprach Mors zu seinen Leuten. Hier seht Ihr es, es war eine Hllenmaschine. Diese Uhr war jedenfalls reguliert, um den Sprengstoff zu einer ganz bestimmten Zeit zur Explosion zu bringen. Ha, rief er pltzlich. Jetzt wei ich es. Jetzt kenne ich den Tter! Terror und die Inder sahen den Luftpiraten fragend an. Ja, ich kenne ihn, sprach Mors finster. Jetzt entsinne ich mich, da einer der neuangeworbenen Inder kurz vor der Abreise fragte, wie lange es dauern wrde, bis wir den Kometen erreichen. Ich gab dem Mann auch ahnungslos Antwort, denn ich hielt diese Frage fr bloe Neugierde. Jetzt wei ich es besser. Der Mann wollte wissen, wann die Hllenmaschine ttig sein sollte. Er hat das Uhrwerk auf den fnfzehnten Tag gestellt. Da seht, dieser zerstrte Zeiger deutet noch auf die Zahl fnfzehn. Dieser neuangeworbene Inder ist ein Verrter und ein Verbrecher! Der ist von meinen Feinden gewonnen worden! Die anderen Inder stieen drohende Rufe aus und gelobten frchterliche Vergeltung. Von neuem wurde gearbeitet. Mors war der erste an der Spitze. Er legte selbst die schweren Panzerplatten auf das Leck, whrend die Inder die Bolzen durch die Verbindungsstcke hindurchtrieben und Terror alle Lcken auf das sorgfltigste verltete. Ueber den Arbeitenden aber stand drohend der Feuerkomet, der sich mit unbegreiflicher Geschwindigkeit dem dunklen Kometen zu nhern schien. Unablssig nahm er an Gre zu, die Luft schien zu glhen, die dunkle Rte, welche das Firmament erfllte, gab die Beleuchtung zu der Arbeit, die mit ungeschwchten Krften zu der Wiederherstellung des schwerverletzten Meteor fortgesetzt wurde. 5. Kapitel. Der Zusammensto. Wieder waren sechsunddreiig Stunden verflossen. Wer den Schaden, den die Hllenmaschine hervorgerufen, betrachtete, htte gedacht, da die Besatzung des Weltenfahrzeugs die Hnde in den Scho gelegt haben msse. Noch immer klaffte das furchtbare Leck, aber das war nur Schein. Mors hatte bereits alle Panzerplatten, die zur Schlieung der Oeffnung dienten, zugerichtet. Die Rippen waren schon befestigt, und so brauchten die Inder die Panzerplatten nur aufzulegen. Dann wurde der Meteor in den Stand gesetzt, wieder in das Weltall emporzusteigen und dem drohenden Zusammensto der beiden Kometen zu entrinnen. Von dem Observatorium kam zuweilen eine Botschaft des Professors. Dieser beobachtete den nahenden Kometen, und die Botschaften mahnten zur hchsten Eile. Sie wurden Mors insgeheim berbracht, damit sich die Inder nicht etwa durch die drohende Gefahr entmutigen lieen. Die Leute ahnten aber wohl, was ihnen bevorstand, auch sahen sie mit ihren eigenen Augen den feurigen Riesen herannahen. Sie gnnten sich kaum die ntigste Ruhe, sie verzehrten ihre Mahlzeit, whrend sie arbeiteten, sie taten das uerste, was sie nur vermochten. Die Luft sah geradezu unheimlich aus. Es schien, als ob man sich in einem Glutmeer befnde. Immer dunkler wurde dieser rote Schein, so da man zuletzt das Gefhl hatte, in einem feurigen Ofen zu stehen. Mors sprach seinen Leuten unablssig Mut zu, aber er sah, da die Mnner oftmals nach dem Feuerkometen emporblickten. Dort schien eine unheimliche Kraft ttig zu sein, es sah manchmal so aus, als ob sich der Komet drehte und wendete, oftmals glich er einem feurigen Drachen. Als die Inder gerade beschftigt waren, die Panzerplatten auf dem Leck zu befestigen, hrte man hoch droben ein furchtbares Brausen und Zischen. Der Metallkrper des Weltenfahrzeuges verdeckte die Aussicht auf den Kometen, Mors sprang rasch zu einem naheliegenden Felsen. Der Anblick, der sich ihm bot, war geradezu unheimlich. Der groe Feuerkomet schien sich gedreht zu haben, er glich einer riesigen Flamme, die sich langsam auf den weiten dunklen Kometen herabsenkte. Einige Inder, die gerade ihre Ruhepause hatten, kamen entsetzt auf die obere Brstung gestrmt, auch der treue Terror zeigte sich auf der Galerie und betrachtete mit einem Fernglase den ungeheuren Kometen. Zwei der arbeitenden Inder strzten zu Mors, der wie eine Bildsule auf dem Felsen stand. Der Zusammensto erfolgt, schrieen sie entsetzt, der Komet wird unser Fahrzeug in Atome zermalmen! An die Arbeit, tnte die Stimme des Luftpiraten. Ich komme gleich hinunter. Und wieder gehorchten die Inder dem Manne, der solchen Einflu ausbte. Sie kehrten an ihre Arbeit zurck. Man hrte das Hmmern und Klopfen. Mors sah brigens, da die Inder recht hatten, so da sich sein Meteor in einer geradezu verzweifelten Lage befand. Bei dem Zusammensto der beiden Kometen wrde er sicherlich vernichtet werden. Der Maskierte eilte zum Leck und griff mit Riesenkrften nach einer Panzerplatte. Sie war schon genau hergerichtet und schlo die grte Lcke. Die Bolzen wurden befestigt, das glhende Ltblei gegossen. Keiner darf mehr nach oben sehen, befahl Mors. Kmmert Euch nicht darum, was dort geschieht. Denkt nur an unsere Rettung. Wir mssen von diesem Weltenkrper hinweg, koste es, was es wolle. Die Inder gehorchten. Da konnte man erst sehen, was es fr Leute waren, Mnner, denen der Gehorsam gewissermaen in Fleisch und Blut bergegangen war. Tausend andere htten jetzt in der Arbeit innegehalten und wren zitternd und bebend in das Innere des Meteor geflchtet, um dort rat- und tatlos das Ende zu erwarten. Schrecklich war der Lrm, der sich jetzt erhob. Es heulte, brllte und zischte in den Lften, als ob Tausende von Dmonen herabkmen. Das Nahen der feurigen Gasmasse machte sich bemerkbar. Mit ungeheuerlicher Geschwindigkeit sauste dieselbe auf den zweiten Kometen zu. Der Anprall mute entsetzlich werden. Mors hatte schon vorher eine Botschaft an den Professor geschickt. Dieser gab seine Leute, die ihm bis dahin geholfen hatten, dem Luftpiraten, whrend er selbst die schweren, astronomischen Instrumente nach dem Meteor schleppte. Die Inder sahen das, meinten aber, es wre vergebliche Arbeit, sie glaubten nicht, da nur ein einziger von ihnen mit dem Leben davonkommen knnte. Dennoch arbeiteten sie mit Feuereifer, mit wildem Ungestm, sie verloren keinen Augenblick Zeit, sondern dachten nur an ihre Arbeit. Mitten durch den grlichen Tumult, der in den Lften tobte, hrte man die Stimme des Luftpiraten, befehlend, ermahnend, whrend er selbst berall Hand mit anlegte. Unablssig wurden die Panzerplatten ber das klaffende Leck geschoben, wobei es sich zeigte, da die Vorarbeiten nicht umsonst getroffen worden waren. Die Panzerplatten griffen ineinander und hielten fest, Bolzen wurden zur Befestigung eingeschlagen und dann breite metallene Bnder aufgeltet. Jetzt dachte niemand mehr an Essen und Trinken, die Inder verlangten nicht einmal einen Schluck Wasser. Sie bissen die Zhne zusammen und ertrugen alles, sie hielten aus, obwohl die Luft allmhlich hei, ja glhend zu werden schien. Man arbeitete wie in der Hlle, die Leute benutzten die kurzen Pausen whrend ihrer Ttigkeit dazu, um sich die Gewnder abzureien. Sie arbeiteten fast nackt. Auch der Professor half, soviel er nur vermochte. Eben trat van Halen wieder an die Seite des Luftpiraten. Es eilt, Kapitn, es eilt, sprach er kurz, aber dringlich. Der Komet kommt herab, die beiden Teile des Weltenkrpers suchen sich wieder zu vereinen. Die gasfrmige glhende Hlle wird von neuem den Kern umschlieen. Und bei dieser Gelegenheit mssen wir zu Atomen zermalmt werden. Das mag sein, erwiderte Mors. Sie, Professor, frchten ja den Tod so wenig wie ich. Vorlufig denke ich noch nicht daran, mich in das Unvermeidliche zu ergeben. Ich kmpfe bis zum letzten Augenblick und mit mir die Inder. Vorwrts, Leute, vorwrts, Terror! Es handelt sich um Leben und Sterben! Mors brauchte die Weisung nicht zu wiederholen. Die Leute arbeiteten mit grter Eile, schweitriefend griffen sie zu, untersttzten sich und dichteten das gewaltige Leck, ohne auf die Umgebung zu achten. Von oben senkte sich das furchtbare Ungetm herab. Der Komet glich einem feurigen Riesenmantel, der alles, was er erfate, mit Vernichtung bedrohte. Schrecklich, grauenvoll sah es aus, wie das Ungetm nher und nher kam. Kein Zweifel, nun mute die Katastrophe erfolgen. Haltet aus, Leute, schallte die Stimme des Kapitns durch den Hllenlrm der Naturgewalten. Ich will zur Erde zurck, ich will einem Schurken die Larve vom Gesicht reien. Zeigt, was Ihr knnt. Ihr seid meine Leute, die weder Tod noch Teufel frchten. Rasch, rasch, es gilt die letzte Lcke zu schlieen. Das Metall drhnte unter den Schlgen der Hmmer. Das glhende Blei zischte auf den Fugen und verschlo jede Ritze. Mors war allenthalben der erste, ihm entging nichts, er sah die kleinste Oeffnung, und sofort wurde diese verschlossen, mit Blei berschmolzen. Das Getse in den Lften war jetzt geradezu frchterlich, aber die Stimme des Luftpiraten war selbst durch diesen grausigen Tumult vernehmbar. In den Meteor, Leute, klang es, rasch hinein. Das Leck im Metallrumpf ist verstopft. Hinein! Terror und ich, wir werden den Luftzufuhrapparat in Ordnung bringen. Die Inder gehorchten. Es war auch die hchste Zeit. Die Hitze war bereits erstickend geworden. Alles in der Runde schien zu glhen. Mhsam erhielten sich die Braven auf den Fen und schleppten den Professor mit sich, der zusammenzubrechen drohte. Mors und Terror blieben noch zurck und schoben mit ganzer Kraft den Luftregelungsapparat in die dazu bestimmten Hhlungen und Rinnen. Noch einmal tnten Hammerschlge, whrend Terror die Schrauben zuzog. Der brave Ingenieur war dem Ersticken nahe. Jetzt war die letzte Arbeit getan. Mors fate seinen treuen Gefhrten und zog ihn mit Riesenkraft nach dem Weltenfahrzeug. In wenigen Augenblicken hatte sich die Doppeltr hinter den zwei Mnnern geschlossen. Hier drinnen war es gewi nicht khl, aber den Mnnern kam es vor, als ob sie pltzlich in einen Eiskeller geraten wren. Diese Luft belebte sie wie durch einen Zauber. Die Erschpften, Halberstickten fhlten neue Kraft. Mors und Terror eilten nach dem Lenkraum. Es war die hchste Zeit, kaum eine halbe Stunde spter, und der Meteor wre vernichtet worden. Auch jetzt entging das Weltenfahrzeug nur mit knapper Not dem Verderben, indem es gerade noch im letzten Moment durch den Zwischenraum, der sich noch zwischen den beiden Kometen befand, hindurchsauste. Grauenvoll war der Anblick, alles schien in Feuer getaucht zu sein. Die furchtbare Schnelligkeit des Weltenfahrzeuges aber rettete den Kolo, der jetzt in den luftleeren Raum hinauseilte. Gerettet! sprach Mors, als die furchtbare Glut allmhlich nachlie. Im letzten Augenblick gerettet! Und auch noch etwas anderes ist gerettet, sprach der Professor, der jetzt eben in den Lenkraum trat. Der Zusammensto oder richtiger gesagt die Wiedervereinigung der beiden Kometen hat es bewirkt. Zurck zur Erde, dort sollen die Menschen eine wichtige Botschaft hren. 6. Kapitel. Vergeltung. Ein und ein halber Monat waren seit jenem Tage verflossen, wo der Herrscher mit dem Luftpiraten in stiller Mitternachtsstunde zusammentraf. Nach den Berechnungen der Gelehrten sollten nur noch fnfzehn Tage vergehen, bis der gefrchtete Zusammensto zwischen der Erde und dem Doppelkometen erfolgte. Auf der Erde hatte man die Wiedervereinigung und den Zusammensto des Kometenpaares nicht beobachtet. Merkwrdigerweise umhllten gewaltige Wolkenmassen den ganzen Erdball und zwar waren diese Wolkenmassen in allen Zonen aufgetreten. Nur hier und da entstand eine flchtige Lcke, die man zur Beobachtung benutzen konnte. Da kamen denn Botschaften und Depeschen, Nachrichten ber das Nahen des Kometen. Die Zeit zu Beobachtungen war nur kurz, so da man nichts Sicheres ermitteln konnte. Dennoch hatte ein berhmter Professor aus der Neuen Welt ein Telegramm geschickt, welches allenthalben verbreitet wurde. Der berhmte Gelehrte depeschierte, da mit dem Kometen irgend eine Vernderung vorgegangen sein mte, im brigen aber stnde er der Erde recht nahe. Vielleicht war das eine kleine Hoffnung auf eine Wendung des drohenden Schicksals. Indessen glaubten doch die meisten an den Untergang der Erde. Der Emprung aber war man jetzt mit dem Aufgebot aller Energie einigermaen Herr geworden. Der Janhagel, das Gesindel, welches durch die Aussicht auf Beute aus seinen Verstecken hervorgelockt wurde, erhielt einen furchtbaren Denkzettel, die wankenden Soldaten kehrten zu ihrer Pflicht zurck und schtzten so gut als mglich die brgerlichen Kreise. Freilich mute man ganze Horden von Verbrechern und raubschtigen Unholden niederschieen, aber das war kein Verlust fr die Menschheit. Dennoch flatterte die Fahne des Aufruhrs immer wieder empor, bald hier, bald dort, hauptschlich auf dem Lande. Da kamen Nachrichten von verwsteten Schlssern, von verbrannten Gehften, berall trieben sich arbeitsscheue Elemente umher, welche den allgemeinen Schrecken zur Befriedigung teuflischer Lust zu benutzen suchten. In der Residenz herrschte scheinbar Ruhe. Man konnte in der Tat diese Ruhe nur eine scheinbare nennen, vielleicht weil die Wolkenmassen den Anblick des nahenden Vernichters verdeckten. Mit geheimem Schrecken dachten die Machthaber an den Augenblick, wo sich die Wolkenmassen zerstreuten und das nahende Ungetm sichtbar werden wrde. Vielleicht kam es dann von neuem zum Aufruhr, zur entfesselten Wut der Volksmassen, die sich kurz vor ihrem Tode noch einmal aller Lebenslust berlassen wollten. Aber im groen Residenzschlosse war es noch etwas anderes, was die Gemter beunruhigte. Die junge Prinzessin, welche einst der dmonische Baron begehrt, dieser Gelehrte, der seine Wissenschaft so bel benutzte, sie war es, welche von Zeit zu Zeit beunruhigende Beobachtungen machte. Es schien, als ob eine unsichtbare, geheimnisvolle Gewalt es auf sie abgesehen, und auch die Dienerschaft im Schlosse hatte Sonderbares bemerkt. Ein paar Lakaien wollten sogar eine schattenhafte Gestalt in dem ltesten Teile des Schlosses gesehen haben. Natrlich wurde nachgesucht, aber nichts gefunden. Man hielt es fr eine Tuschung, manche meinten auch, es sei Gespensterspuk gewesen. Von dem verschollenen Baron hatte man noch immer keine Nachricht, aber der Herrscher ahnte, da dieser Mann nicht weit entfernt sei. Er kannte seine Rachsucht, seine Eitelkeit, er mute von diesem Manne das Schlimmste erwarten. Mglicherweise hetzte er die Volksmassen noch immer auf, zumal ihm groe Mittel zur Verfgung standen. Oefter hrte man des Nachts Tumulte und dann muten die Soldaten Zusammenrottungen auseinander sprengen. Ich wnschte, es wre erst alles zu Ende, sprach der Herrscher zu dem Prinzen, der ihm seinerzeit den Luftpiraten zugefhrt. Wenn der Untergang der Welt unvermeidlich ist, so wnschte ich, er wre schon da, damit meine Augen nicht vorher alle Greuel entfesselter Leidenschaften sehen mten. Aber der Prinz hatte auf alle diese Reden nur immer die eine Antwort: Er wird kommen, sprach er. Ich wei es. Kapitn Mors hat gesagt, da er Botschaft bringen will. Und er hlt sein Wort. Ich kenne diesen Mann besser als viele andere. Er kommt, es kann jeden Tag von ihm Botschaft eintreffen. Vielleicht hat er lngst den Untergang gefunden, meinte der Herrscher, auf den die Erscheinung des Luftpiraten gewaltigen Eindruck gemacht hatte. Vielleicht hat er sich, den Untergang der Erde voraussehend, auf einen anderen Planeten hinbergerettet. Der Prinz schttelte den Kopf und schwieg. Er gab die Hoffnung nicht auf. Er ahnte, da er Kapitn Mors wiedersehen wrde. Die Antwort konnte nicht direkt kommen, sondern sie wurde hchstwahrscheinlich durch Professor van Halen an jenen Gelehrten geschickt, mit dem er von Zeit zu Zeit Nachrichten wechselte. Dieser Gelehrte weilte in der groen Sternwarte der Residenz, einem ausgedehnten, mit allen modernen Errungenschaften ausgestatteten Gebude. Dort befand sich auch eine Station fr Funkentelegraphie, die aber in der letzten Zeit gar nicht benutzt worden war. Ein recht unruhiger Tag war vorbergegangen. Gegen Abend trafen neue Nachrichten ein, die einen furchtbaren Aufstand ziemlich gewi machten. Es war kein Zweifel, unruhige Elemente wurden aufgehetzt, die Unzufriedenheit geschrt. Das kaum unterdrckte Feuer drohte wieder emporzuflammen. Sorgenvoll hatte der Herrscher die Berichte angehrt. Es ist nichts mehr zu retten, sprach er. Es kommt zur grauenvollsten Katastrophe. Da meldete der diensthabende Kammerherr einen neuen Besucher und mit Erstaunen, aber auch Erregung hrte der Herrscher den Namen des gelehrten Mannes, der mit Professor van Halen in Verbindung stehen sollte. Ich habe eine Botschaft von meinem Freunde, begann der Gelehrte, als er die fragenden Blicke des Herrschers gewahrte. Ich habe sie mit der Funkentelegraphie empfangen. Die Nachricht lautet aber recht sonderbar. Ich kann eigentlich gar nicht daraus klug werden. Jedenfalls erhielt ich die Weisung, sie augenblicklich nach dem Residenzschlo zu bringen. Und wie lautet die Botschaft? rief der mchtige Mann in gespanntester Erwartung. Der Gelehrte zog ein Stck Papier hervor. Sie lautet folgendermaen, begann er. Melden Sie auf der Stelle im Residenzschlosse, da sich in dieser Nacht in der Mitternachtsstunde einige treue, zuverlssige und bewaffnete Mnner in der Nhe des Pavillons aufhalten sollen. Es gilt jemand festzuhalten, der auf rtselhafte Weise den Schlopark betreten kann. Es handelt sich auch um die Sicherheit einer hochstehenden Person, der Gefahr zu drohen scheint. Das ist alles, setzte der Gelehrte hinzu. Da trat der Prinz hinzu. Ich wei zwar auch nicht, was es bedeutet, hob er an. Aber ich bin berzeugt, da der rtselhafte Maskierte zurckgekehrt ist und da diese Nachricht etwas Wichtiges bedeutet. Ich werde gleich die ntigen Vorkehrungen treffen. Ja, tue es, sprach der Herrscher zum Prinzen. Ich werde auch um Mitternacht im Parke sein. Ich mu wissen, was da vorgeht. Ich will alles erfahren. Der Prinz sumte keinen Augenblick, das geheimnisvolle Gebot, welches offenbar vom Luftpiraten ausging, zu erfllen. Es gab noch zuverlssige Leute genug, auf die man sich unbedingt verlassen konnte, vor allen Dingen auf die Schlowache, eine aus altgedienten Soldaten bestehende Leibgarde. Es waren erprobte Mnner, tapfer, entschlossen, jeden Augenblick bereit, ihren letzten Blutstropfen fr das Herrscherhaus und dessen Angehrige herzugeben. Der Prinz beorderte diese Leibwache bei eintretender Nacht in den Schlopark und wies den Bewaffneten selbst die Verstecke, in denen sie die Entwicklung der Dinge abwarten sollten. In krzester Frist hatte sich jeder der Mnner ein Versteck ausgesucht, und nun schien der Schlopark so einsam und verlassen zu sein wie sonst in der Nacht. Nirgends sah man einen Menschen. Auch der Prinz und der Herrscher hllten sich in ihre Mntel und suchten sich einen Platz aus, wo sie vielleicht fnfzig Schritte vom Pavillon stehend, die Umgebung beobachten konnten. Zu sehen war freilich nicht viel. Die Umgebung des Pavillons war kaum in ihren Umrissen zu unterscheiden. Die dichten Wolkenmassen, welche den Himmel schon seit Wochen verhllten, brachten groe Dunkelheit zu Wege. Allerdings war ein Teil der Bewaffneten mit elektrischen Laternen versehen, aber diese sollten erst in Funktion gesetzt werden, wenn es ntig wurde. Noch war alles still, aber mit einem Male fate der Prinz den Arm des Herrschers. Man vernahm verworrene Gerusche unter der Erde. Man hrte Schreie, dann etwas wie einen dumpfen Knall, der sich mehrmals wiederholte. Jetzt wurde das Gerusch deutlicher, und mit einem Male klang es vom Pavillon her. Dort wurde es lebendig. Man hrte ein Knicken und Knacken in den Gebschen und es schien dem Herrscher, als ob dunkle Gestalten zum Vorschein kmen. Unmittelbar darauf wurde es hell. Die Lichtstrahlen glichen der grellen Beleuchtung eines Scheinwerfers und irrten nach allen Richtungen in die Runde. Dieser Lichtschein beleuchtete bewaffnete Mnner, die in groer Hast durch die Bsche rannten. Haltet sie fest, schallte pltzlich eine mchtige Stimme, die dem Herrscher sofort bekannt schien. Lat keinen entrinnen. Sie haben Bses im Sinne. Haltet sie fest und wenn sie Widerstand leisten, so macht sie nieder. In diesem Augenblick wurde es berall hell. Die Leibgarden des Herrschers setzten ihre elektrischen Leuchten in Funktion und strzten den bewaffneten Mnnern entgegen. Bei der Leibwache befand sich aber auch der Polizeichef, den der Prinz im Schlosse zurckbehalten. Das sind ja langgesuchte Verbrecher, rief er den Soldaten zu. Gefhrliche Schurken, die pltzlich spurlos verschwanden und schon seit lngerer Zeit gesucht werden. Die Leibgarden strzten sich auf die bewaffneten Verbrecher, die sich jetzt, als sie sich umringt sahen, verzweifelt zur Wehr setzten. Sie hatten offenbar nichts zu verlieren und kannten das Los, das ihrer wartete. Es war umsonst, denn die Soldaten machten kurzen Proze und wendeten ihre Waffen ohne Rcksicht an. Man hrte die Hiebe der blanken Waffen, das Knattern von Schssen. Das Gefecht setzte sich durch die Gnge des Schloparkes fort, aber von den Mnnern, die da so pltzlich aus den Gebschen hervorstrzten, entkam keiner, sie wurden alle erreicht und nach wtendem Widerstand zusammengehauen oder zusammengeschossen. Der Prinz und der Polizeichef stellten sich schtzend vor den Herrscher, damit ihn nicht etwa eine verirrte Kugel erreichte, whrend der mchtige Mann, der groen, persnlichen Mut besa, durchaus an dem Abenteuer teilnehmen wollte. Da schallte die sonore Stimme, die man vorhin vernommen, von neuem. So, ich denke, den Schurken ist das Handwerk gelegt. Aber den Anstifter des Frevels, den habe ich gepackt. Hier ist er. Die Leute sollen nicht auf ihn schieen. Ich bin's, den man erwartet hat, und ich denke, gute Botschaft zu bringen. Der Mann mit der Maske, stie der Herrscher hervor. Wahrhaftig, er ist es. Der Herrscher, der Prinz und der Polizeichef sahen jetzt seltsame Dinge. Wieder teilten sich die Gebsche in der Nhe des Pavillons, aber diesmal erschienen bewaffnete Inder, welche die helleuchtenden Laternen trugen, deren gewaltiges Licht schon vorhin das Staunen der Lauscher erregt hatte. Die Mnner stellten sich auf dem freien Platz auf, so da die Laternen denselben hell beleuchteten. Wieder teilten sich die Gebsche, abermals kamen Bewaffnete zum Vorschein, die zwei gefesselte Mnner mit sich schleppten. Der eine von ihnen war ein riesengroer Inder, den man wie ein Bndel zusammengeschnrt hatte. Der zweite schien erst vor wenigen Augenblicken gebunden zu sein. Der Herrscher stie einen Ruf hchster Ueberraschung aus. Das ist ja der Baron von ...-.. rief er. In diesem Augenblick trat wieder eine Gestalt in den Lichtkreis der elektrischen Laternen. Diesmal war es Kapitn Mors. Ja, das ist der Mann, der so viel Unheil angerichtet hat, sprach er. Es ist der gelehrte Edelmann, der sich mit Astronomie beschftigt, derselbe, welcher die Prinzessin begehrte. Er war es, der die Entdeckung, da ein Zusammensto der Erde mit dem Kometen droht, unter das Volk brachte. Er war es, der das Volk aufhetzte und sich durch eine Emprung zu rchen gedachte. Und als er nun bemerkte, da die Emprung Dank der treubleibenden Truppen gedmpft wurde, da griff er zum letzten Mittel, um Rache zu nehmen. Seine reichen Mittel erlaubten es, eine Schar von Banditen und Mrdern anzuwerben, die er den Hnden der Gerechtigkeit entzog. Sie sollten in dieser Nacht in das Schlo einbrechen, sie sollten den Herrscher des Landes tten. Damit htte dieser Unhold seine Rache genommen. Woher wissen Sie denn das, Kapitn Mors? rief der Frst in hchstem Staunen. Sind Sie denn allwissend? Allwissend ist nur der, der die Welten erschaffen, lautete die Antwort des Luftpiraten. Ich verdanke die Kunde von diesem Anschlag meist glcklichen Zufllen. Dieser Mann hier -- er deutete auf den gefesselten Inder -- war ebenfalls von dem Baron gewonnen. Als dieser seine Entdeckung des nahenden Kometen machte, ahnte er schon, da ich alles aufbieten wrde, um eine Panik zu verhindern. Der Baron, welcher fters Reisen nach Indien unternahm, gewann diesen Menschen durch groe Versprechungen, und es schien anfangs, als ob sein Anschlag, der zuerst gegen mich gerichtet war, glcken wrde. Dieser Inder wurde von mir mit anderen Gebirgsbewohnern angeworben und er schwur Treue. In Wirklichkeit brachte er schon die Hllenmaschine mit, die mein Weltenfahrzeug vernichten sollte. Und als dieser Mensch, der alles aufs schrfste beobachtete, erfuhr, da ich die Reise nach dem nahenden Kometen antreten wollte, vollfhrte er den Auftrag, den er von dem Baron erhalten. Es sind zwei Kometen da oben im Weltenall. Und als ich auf dem einen landete, wurde mein Fahrzeug fast vernichtet. Erst im letzten Moment gelang es mir, dasselbe auszubessern und zu flchten, gerade, als die beiden Kometen wieder zusammenstieen. Wie, rief der Herrscher in hchstem Staunen. Sie, Kapitn Mors, haben diese unheimliche Welt betreten? Ja, und ich bringe gute Botschaft. Der Zusammensto der Erde mit den beiden Kometen htte unwiderruflich stattgefunden. Aber glcklicherweise hat der Zusammensto dieser beiden Weltenkrper die Gefahr von der Erde abgewendet. Der Zusammensto ist furchtbar gewesen und er gengte, um den Kometen, der jetzt wieder aus einer Masse besteht, aus seiner Bahn zu schleudern. Wenn die Wolkenmassen schwinden, wird man auf Erden sehen, da der Erdball noch einmal gerettet ist. Der Komet eilt bereits mit rasender Schnelligkeit zur Sonne. Mors hatte bei den letzten Worten nach oben gedeutet. Da geschah Seltsames. Pltzlich erhob sich ein Sturm, die Wolkenmassen, die bis dahin unbeweglich ber der Erde gelastet, begannen sich zu bewegen. Sie schienen sich zu zerteilen, schon sah man hier und dort Sterne hindurchschimmern. Der Komet! rief der Herrscher pltzlich. Ja, er ist es, erwiderte Mors. Aber jedermann wird sehen, da sich das Gestirn von der Erde abwendet. Jetzt eilt es nach der Sonne hinber und von dort wird es wieder in das Unendliche hineinsausen. Alle mgen es hren, die Erde ist vom Verderben gerettet. Die Leibgarden hatten diese Worte vernommen und brachen in Jubelrufe aus. Der Polizeichef aber trat auf Mors zu, den er mit sichtlicher Bewunderung betrachtete. Und wie gelangten diese Banditen in den Park? fragte er. Durch einen alten unterirdischen Gang, erwiderte Mors. Hier, der Inder, verriet mir manches, was seinen Auftraggeber, den Baron, anbetraf. Es gelang mir, diesen Unhold bei seinem Zusammentreffen mit den angeworbenen Banditen zu belauschen. Er hat diesen Gang schon fters benutzt. In dieser Nacht sollte der Anschlag auf den Herrscher ausgefhrt werden. Das war die schattenhafte Gestalt, die man im alten Schlo bemerkt hat, rief der Prinz berrascht. Der Rachschtige sah alles verloren. Kapitn Mors, rief der Herrscher, wie soll ich Ihnen danken? Sie haben alles, alles gerettet. Ich verdanke Ihnen mein Leben! Ich selbst begehre nichts, erwiderte der Luftpirat. Aber wenn die Mchtigen der Erde den Armen eine groe Summe geben wollen, wenn sie die durch das Unheil entstandene Not lindern wollen, so bin ich's zufrieden. Das soll geschehen, rief der Herrscher. Das gengt mir, erwiderte Mors. Ich habe die Genugtuung, da ich die Welt von dem Alpdruck, der auf ihr lastete, befreite. Und der Baron? fragte der Prinz unwillkrlich. Den nehme ich mit mir, erwiderte Mors finster. Der hat mir nach dem Leben getrachtet. Ganz so, wie sein verrterischer Gefhrte, der Inder. Der gelehrte Edelmann erbleichte. Gnade! rief er dem Herrscher zu. Ich will nicht in der Gewalt des Maskierten bleiben. Man soll mich hier ins Gefngnis setzen! Mors sah mit seinen feurigen Augen auf den Herrscher und den Prinzen. Sie reichten ihm die Hnde. Er drckte sie. Dann winkte er seinen Indern. Im Nu faten diese die beiden Gefangenen und schleppten sie nach dem geheimen Gang, der sich irgendwo in den Gebschen befinden mute. Den Gang versperre ich fr immer, tnte die Stimme des Luftpiraten. Seine hohe, stolze Gestalt verschwand im Gebsch, dann hrte man ein dumpfes Drhnen wie von einer schweren Falltr. Und als der Prinz in das Gebsch eilte, sah er nichts von dem seltsamen Mann, der auf dem Kometen gewesen. Kapitn Mors war mit seinen beiden Gefangenen spurlos verschwunden. Anmerkungen zur Transkription Dieser Text wurde nach einem Nachdruck-Auswahlband transkribiert: Heinz J. Galle (Hrsg.): Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff. Dieter von Reeken, Lneburg, 2005, S. 233-267. Moderne Zustze und Anmerkungen wurden nicht bernommen. Die Originalausgaben hatten auch farbige Rcktitel. Diese sind in dieser Ausgabe nicht enthalten, obwohl sich im Text ein entsprechender Hinweis findet. Der entsprechende Rcktitel mit dem Plan des Weltenfahrzeuges findet sich in Band 42. Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch Variationen in der Schreibweise von Namen wurden nicht verndert. Lediglich offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. End of the Project Gutenberg EBook of Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff 66: Das Weltenfahrzeug zwischen den Riesen-Kometen, by Anonymous License: Share Alike