Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was produced from images made available by the HathiTrust Digital Library. M. Artzibaschew Ssanin Ssanin Roman von M. Artzibaschew Uebertragen von Andr Villard und S. Bugow Mit einer Einleitung von Andr Villard, einem Vorwort des Verlegers, und smtlichen die Konfiskation des Werkes in deutscher Sprache betreffenden Gerichtsbeschlssen und Sachverstndigengutachten. Siebzehnte Auflage Mnchen und Leipzig bei Georg Mller 1909 -- ich habe gefunden, da Gott den Menschen hat aufrichtig gemacht! aber sie suchen viele Knste. (Pred. 7, 29.) Der Ssanin und seine Schicksale in Deutschland Der Vertrag ber die deutsche Ausgabe des Ssanin wurde im Frhjahre 1908 abgeschlossen. Der Name des Verfassers dieses Romanes, der in Ruland, wie es in der Vorrede des Mitbersetzers Andr Villard des nheren ausgefhrt ist, ein so kolossales Aufsehen erregte, war damals in Deutschland noch so gut wie unbekannt. Nur wenige mit den russischen Literatur- und Kulturverhltnissen Vertraute wuten, da M. Artzibaschew einer der vielversprechendsten jungrussischen Dichter ist. Erst whrend der Drucklegung der deutschen Ausgabe des Romanes erfuhr man so langsam durch vereinzelte Notizen in der Presse von diesem Buche und seinen Folgen und hrte schlielich auch, da der Roman in Ruland verboten worden sei. Hier handelt es sich nun darum festzustellen, welche Schicksale der Roman in Deutschland erlebte. Die Nachfrage des Publikums war vor Erscheinen der deutschen Ausgabe, die Mitte September 1908 erfolgte, eine sehr geringe, dagegen war das Interesse der Presse, durch die aus Ruland kommenden Meldungen veranlat, ein auerordentlich reges, und umfangreiche Feuilletons erschienen in rascher Folge. Alle diese eingehenden Wrdigungen waren sich bei verschiedenartiger Einschtzung der literarischen Qualitten des Romanes darber einig, da es sich in diesem Werke Artzibaschews um eine der bedeutsamsten Neuerscheinungen der neueren russischen Literatur handele. Ja, manche behaupteten sogar, da man erst durch dieses Buch die gegenwrtigen kulturellen Strmungen Rulands so recht begreife. Um so sonderbarer mute es berhren, als das Buch am 28. November 1908 auf Veranlassung der Mnchener Staatsanwaltschaft mit Beschlag belegt wurde. Ganz unvorbereitet traf ja diese Manahme den Verleger nicht, denn schon vierzehn Tage vor Zustellung des Konfiskationsbeschlusses waren auf Veranlassung der Mnchener Polizeidirektion bei dem Drucker des Werkes in Rudolstadt und bei dem Leipziger Kommissionr des Verlages Recherchen ber die Hhe der bisherigen Auflage, den Orten, an denen die noch vorhandenen Exemplare lagerten usw., angestellt worden. Und dabei wre es doch das Nchstliegende gewesen, wenn die Behrde zunchst bei dem in Mnchen domizilierenden Verleger des Werkes diese Erkundigungen eingezogen htte, denn doch nur dieser war zu derlei Ausknften der einzig Befugte. Auch eine sofort nach Bekanntwerden dieser sonderbaren Manahme bei der Polizeidirektion gemachte Beschwerde blieb ohne weitere Aufklrung. Die Konfiskation des Romanes erfolgte gleichzeitig in Mnchen und Leipzig. In Mnchen waren die Vorrte erschpft, und es fielen den konfiszierenden Organen nur wenig Exemplare in die Hand. Reicher war die Ausbeute in Leipzig. Hier sollte gerade mit dem neuerschienenen Novellenbande Millionen die siebente Auflage des Romanes versandt werden; demzufolge fielen 1200 Exemplare des Ssanin der Polizei in die Hnde und fristeten an einem ihr durch die Polizei angewiesenen sicheren Orte ein geruhiges, aber keineswegs in ihrer Bestimmung liegendes Dasein. Die Millionen aber muten ihren Weg allein antreten und haben sich auch so bei Publikum und Presse rhmlich behauptet und mit dazu beigetragen, da der Name Artzibaschew nun auch in Deutschland ein literarisches Geprge besitzt, das ihm wohl nicht so leicht streitig gemacht werden kann. Eine rege Ttigkeit entfalteten die Polizeiorgane in den verschiedensten Stdten Deutschlands, berall wurden die Schaufenster und auch sehr oft das Innere der Buchlden inspiziert und alle noch vorzufindenden Exemplare des Romanes in sicheren Verwahr gebracht. Die gegen diesen Beschlagnahmebeschlu vom Verlag sofort eingereichte Beschwerde wurde nach einigen Wochen abschlgig beschieden, weil das einzige von der Staatsanwaltschaft eingeholte Gutachten nicht gnstig lautete. (Es ist unter Nr. 2 abgedruckt.) Den zahlreichen in der Presse erschienenen Feuilletons und Notizen ber das Werk, die doch in gewissem Mae die Stellung des deutschen Publikums dokumentierten, ma das Gericht scheinbar keinerlei Bedeutung bei. Auch eine von dem Vorstand des Deutschen Goethebundes gegen diese Konfiskation abgegebene Protesterklrung, die fast in der gesamten Presse abgedruckt wurde, machte offenbar nur geringen Eindruck auf die die Konfiskation vertretende Behrde. Merkwrdig mu es aber auch hier wieder berhren, da man sich nicht an einen mit der modernen Literatur oder gar den russischen Verhltnissen vertrauten Herrn, sondern an einen Kunsthistoriker von Beruf wandte, der zudem in seinem Gutachten selbst bemerkt, da es ihm nicht zustehe, ber das Buch und seine Uebersetzung in seinem ganzen Umfange zu urteilen, da er nicht russisch kenne. Im Dezember 1908 erfolgte dann die Ladung des Verlegers vor den Untersuchungsrichter. Nachdem der Tatbestand aufgenommen worden war, wurde ihm die Benennung einer Reihe von Sachverstndigen anheimgestellt, whrend auch von seiten des Gerichts noch eine Reihe von Gutachten eingefordert wurden. Wie aus den nachstehend abgedruckten Gutachten hervorgeht, lauteten diese mit Ausnahme des des Herrn Studienrates Nicklas, der von falschen Voraussetzungen ausging und in dem Buche eine Gefahr fr die heranwachsende Jugend sah, fr das Buch sehr gnstig. Auerordentlich interessant ist es, diese verschiedenen Gutachten nebeneinander zu halten. Wie wohltuend berhrt die Sachlichkeit in den meisten dieser Schriftstcke, und wie merkwrdig nimmt sich unter ihnen das Gutachten des Herrn Professor Brunner in Pforzheim aus, der sich eigentlich nur mit der gar nicht unter Anklage gestellten Einleitung befat. Das, was in der Einleitung des Herrn Villard gesagt wird, das konnte man eine Zeitlang fast tagtglich in der Presse lesen, und zwar schon bevor die deutsche Ausgabe erschienen war. Ist der Herr Sachverstndige denn derart mit der russischen Literatur und Kultur vertraut, da er Behauptungen wie die in seinem Gutachten aufgestellten beweisen kann? Wer kann sich eines Lchelns nicht erwehren, wenn er hrt, da die russischen Studenten nur die deutschen Universitten und Hochschulen besuchen, um sich erotisch ausleben zu knnen? Die russische Jugend sollte wirklich zu derartigen Auslassungen einmal energisch Stellung nehmen. Derartige Ausfhrungen gehren am allerwenigsten in ein Sachverstndigengutachten, dessen erste Vorzge Sachlichkeit, Krze, Grndlichkeit und Sicherheit des Urteils sind. Die Ausfhrungen des Herrn Professor aus Pforzheim hier zu widerlegen erbrigt sich, denn das Gutachten des Herrn Universittsprofessors Dr. Muncker, das in seiner vornehmen Sachlichkeit so wohltuend von dem seinen absticht und eine Kapazitt wie den Staatsrat Zielinski in St. Petersburg als Zeugen fr die Richtigkeit der Ausfhrungen des Vorwortes herbeiruft, enthebt mich dieser Mhe. Auf eine Sache aber mu im Interesse des Verlagsbuchhandels und der beteiligten Autoren hier einmal mit allem Nachdruck hingewiesen werden, denn es ist durchaus notwendig, da diese Frage einmal in der breitesten Oeffentlichkeit behandelt wird. Es mehren sich in letzter Zeit die auf durchaus unbegrndete Denunziationen hin erfolgten Konfiskationen in erschreckendem Mae, und der Schaden, der in materieller und moralischer Beziehung dadurch angerichtet wird, ist kaum zu berechnen. Der Ssanin, um auf diesen speziellen Fall hier einzugehen, war nun seit dem 23. November 1908 beschlagnahmt. Volle vier Monate liegen die Vorrte des Buches in sicherem Gewahr. Das Interesse fr ein Buch verebbt, denn der, der es gern besitzen wollte, konnte es nicht bekommen. Wird ein vermutlicher Ruber oder Mrder in Untersuchungshaft gehalten, und es stellt sich in der Voruntersuchung oder in der Verhandlung heraus, da die Anklage nicht aufrecht erhalten werden kann, so ersetzt das Gericht dem Betreffenden freiwillig den ihm entgangenen Vermgensausfall. Anders bei einer derartigen Konfiskation. Hier sind die schwer geschdigten Verleger und die in Mitleidenschaft gezogenen Verfasser machtlos. Aber nicht nur materiell, sondern auch ideell wird der Betreffende geschdigt, ganz abgesehen von den die Gesundheit untergrabenden Aufregungen, die ja schlielich bei derartigen Manahmen nicht zu vermeiden sind. Wer ersetzt ihm nun den Verlust, wer entschdigt ihn fr den Aufwand an Zeit und Nerven? Wre nicht wenigstens zu erwarten, da das Gericht derartige Verfahren beschleunigt, sie in der krzesten Zeit erledigt? Im vorliegenden Falle ist von einer Beschleunigung des Verfahrens nichts zu bemerken gewesen, denn trotz fortgesetzter energischer Reklamationen durch den Rechtsvertreter des Verlags zog sich die Angelegenheit durch vier Monate hindurch. Mit dem Ammenmrchen aber, da das konfisziert gewesene Buch unter allen Umstnden nach Freigabe stark gekauft werde, sollte endlich einmal aufgerumt werden. Wenn dieser Fall wirklich eintritt, dann mssen andere Grnde gesucht werden. Entweder wohnt dem Buch von vornherein eine suggestive Kraft, die auf den Absatz frdernd einwirkt, inne, oder aber der Verleger nutzt die erfolgte Konfiskation und die endlich verfgte Freigabe des Werkes mit allen ihm nur zur Verfgung stehenden Mitteln zu Propagandazwecken aus. Der ihm entstandene Schaden zwingt ihn in den meisten Fllen zu diesen Manahmen. Wehe ihm aber, wenn es sich um ein aktuelles Thema gehandelt hat, fr das das Interesse in den vier Monaten -- und was ndert sich in vier Monaten nicht alles -- vollstndig geschwunden ist, dann kann er die glcklich losgeeisten Vorrte in die Makulatur werfen. Die Allgemeinheit betrifft jedoch noch folgendes. Der Ssanin ist, wie aus allen noch vor der Konfiskation erschienenen Besprechungen in den Zeitungen und Revuen hervorgeht, ein Werk, das die weitgehendste Beachtung auch in Deutschland verdient, schon allein seiner kulturgeschichtlichen Bedeutung halber. Hat das deutsche Volk nicht von vornherein das Recht, ein derartiges Werk kennen zu lernen? Gengt nicht ein oberflchlicher Blick in das Buch, da es sich hier nicht um ein Werk handelt, das eine Gefahr fr die heranwachsende Jugend bildet, da schon die seitenlangen philosophischen Betrachtungen den jugendlichen Leser von vornherein abschrecken, ganz abgesehen von dem Preise, der die Anschaffung des Buches jugendlichen Lesern unmglich macht. Dieser sucht etwas ganz anderes in den Bchern, die ihm zum Unheil gereichen knnen: spannenden und erregenden Inhalt, aber nicht breite Schilderung und philosophische Betrachtung, wie sie russischen Romanen eigen ist. Und berhaupt: ist denn die Schdlichkeit fr jugendliche Leser ein Grund, ein von vornherein doch keineswegs fr die Jugend bestimmtes Werk zu konfiszieren? Sind denn alle der Jugend viel leichter zugnglichen Schaustellungen unserer Theater und Ausstellungen fr die Jugend bestimmt? Gibt es nicht Fragen, die in der breiteren Oeffentlichkeit behandelt werden mssen und die gar nichts fr die Jugend sind? Ich weise hier nur auf die Zeitungen hin, die doch der Jugend tagtglich ohne weiteres zugnglich sind. Soll schlielich der Verleger moderner Literatur die ihm zugehenden Manuskripte einzig und allein nach dem Grundsatze prfen, ob nicht eventuell in dem Werke eine Stelle enthalten ist, die den jugendlichen Leser, der spter nach Erscheinen das Buch durch Zufall in die Hand bekommt, auf wunderbare Gedanken bringen knnte, die zudem noch Unverstndnis ihre Entstehung verdanken. Welche Perspektiven erffnen sich, wenn man unsere gesamte Weltliteratur unter diesen Gesichtspunkten beurteilt. Und damit gewinnt diese Frage auch eine weitere Bedeutung. Inwieweit ist es notwendig, da der gebildete Leser in seiner Lektre durch Polizei und Staatsanwaltschaft bevormundet wird? Sollte im freien Deutschland nicht auch jeder Gebildete seine Lektre dort suchen drfen, wo er glaubt, da sie ihm am meisten gibt. Die schlechten nur fr den Sinneskitzel geschriebenen und verffentlichten Werke richten sich schon von selbst. Wird durch eine Konfiskation auf dieselben hingewiesen, so werden sie auf Schleichwegen leicht doch in die Hnde derer kommen, die sich nun fr dieselben interessieren, und die jedenfalls nie danach gegriffen htten, wenn sie nicht durch die Konfiskation darauf aufmerksam gemacht worden wren. Der Ssanin aber geht aus seiner viermonatlichen Verbannung nur als Sieger hervor, und selbst das Gericht in seinem Freigabebeschlu mu nun anerkennen, da es sich hier um ein dichterisches Werk von hoher kulturgeschichtlicher und auch literarischer Bedeutung handelt. Mnchen, am Tage der Freigabe des Ssanin, dem 26. Mrz 1909. Georg Mller 1. Konfiskationsbeschlu. Mnchen, 23. November 1908. Anz.-Verz. Nr. VII 610/08. Betreff: Mller, Georg, Verleger hier, wegen Vergehens wider die Sittlichkeit. -- Beschlu: Angeordnet wird die Beschlagnahme aller Exemplare des Romans Ssanin von M. Artzibaschew in der Villard-Bugowschen Uebersetzung, soweit sie sich im Besitze des Verfassers, Druckers, Herausgebers, Verlegers oder Buchhndlers befinden, ffentlich ausgelegt oder ffentlich angeboten sind, sowie der zu ihrer Herstellung bestimmten Platten und Formen. ( 94 R.-St.-P.-O.) Grnde: Der Roman Ssanin ist geeignet, das Scham- und Sittlichkeitsgefhl eines normal empfindenden Lesers in geschlechtlicher Beziehung grblichst zu verletzen. Er ist seinem Inhalte nach von ausgesprochener erotischer Tendenz. Hierbei ist die Behandlung der aufgeworfenen erotischen Fragen nicht eine derart wissenschaftliche, da hierdurch die gleichzeitige Darstellung geschlechtlicher Vorgnge in den Hintergrund gedrngt wrde. Der Held des Romans vertritt die Ansicht, da nur noch der Geschlechtsgenu Wert habe, er will die freie Liebe. Eine ernstliche Besprechung der Grnde fr und wider diese Ansicht bringt der Roman nicht. Hierzu kommt noch, da geschlechtliche Vorgnge und Gedanken hierber in krankhaft erotischer Weise realistisch geschildert werden. (_cfr._ unter anderem Seite 89, 211/212, 440/441, 471/473 des Romans.) Der Roman erscheint sohin als unzchtige Schrift im Sinne der Ziffer 1 des 184 des R.-St.-G.-B. K. Amtsgericht Mnchen I, Abteilung fr Strafsachen. der k. Amtsrichter: gez.: Kaufmann. 2. Gutachten ber den Roman Ssanin von Artzibaschew von Professor Dr. Karl Voll. Artzibaschew gilt in russischen Schriftstellerkreisen als ein sehr begabter junger Mann. Sein Roman Ssanin ist in der Tat, rein nach seiner Schreibweise beurteilt, talentvoll und knstlerisch zu nennen, obschon das Buch in Komposition und Handlung sehr unreif und auch unbedeutend ist. Die wissenschaftliche Bedeutung der Errterungen erotischer Fragen halte ich dagegen fr wertlos und ganz dilettantisch. Ssanin will die freie Liebe, das gengt ihm und soll auch dem Leser gengen; auf eine regelrechte ernsthafte Besprechung der fr und wider seine Ansicht geltend machenden Grnde lt er sich nicht ein. Was er aber zu gesunder reiner Lebensanschauung sagt, ist arg jugendlich. Die Uebersetzung ist zwar leicht leserlich; aber obschon ich selbst nicht russisch kann, so glaube ich doch sagen zu drfen, da sie nicht gerade charakteristisch im Ton ist. Sie ist glatt, mehr aus Oberflchlichkeit, als durch Feile. Die Darstellung geschlechtlicher Vorgnge ist unverhllt und krankhaft erotisch, in jener nervs krankhaften Weise sogar, da sie ansteckend wirkt. Man wird sich zumal in jungen -- oder auch vorgeschrittenen -- Jahren dieser aufreizenden Wirkung kaum ohne Mhe entziehen knnen. Das Buch ist Gift, vor allem fr die Jugend, worunter ich nicht allein die heranwachsende Jugend verstehe; das ausgesprochen Krankhafte kann meines Erachtens dadurch nachgewiesen werden, da der Roman schon nahe an sadistischen Schilderungen steht. Im Gegensatz zu der Behauptung, die Kurt Aram in seiner beigelegten Besprechung aufstellt, ergaben sich die jungen Mdchen, soweit sie aus besseren Kreisen stammen, durchaus nicht freiwillig ihrem Freund oder Verfhrer, sondern selbst, wenn Artzibaschew vorher alles mgliche beibringt, um die Mdchen in erotische Hitze hineinzutreiben, so unterliegen sie regelmig nur der brutalen Gewalt und es werden dann auch fr die eine der Damen dann sadistische Mihandlungen angedeutet. Aus diesem Grunde ist es mir nun aber schwer, zu beurteilen, ob der Verfasser noch bona fide gehandelt hat. Es kann sein, da er nach dem Spruch zu betrachten ist: kratzt den Russen und ihr werdet den Barbaren sehen; dann wre es mglich, da ihm, im Lande der Knute, solch sadistische Betrachtungsweise nicht als Zeichen pornographischer Erotik anzurechnen ist. Es kann aber auch das Gegenteil der Fall sein, und ich neige persnlich zu der Annahme, da die aufreizende Wirkung beabsichtigt war, nicht um ehrlicherweise ein soziales Programm zu vertreten, sondern um die Sinne zu kitzeln. Jedenfalls ist die Frage aufzuwerfen, ob das Buch jenes kulturhistorische Interesse hat, um seine Uebersetzung zu rechtfertigen, und ob wir in Deutschland uns diese Leistung eines jungen erotischen Doktrinrs vorsetzen lassen sollen. Ich glaube beide Fragen mit nein beantworten zu drfen. Dagegen glaube ich, da bei dem Verleger ein dolus nicht gegeben oder wenigstens nicht nachweisbar sein wird. gez. Dr. Karl Voll. 3. Ablehnung der durch den Verleger eingelegten Beschwerde durch das Landgericht. Ziffer des Anz.-Verz. 610 08. Beglaubigte Abschrift. Die 4. Strafkammer des kgl. Landgerichts Mnchen I hat am 1. Dezember 1908 vormittags 10 Uhr, versammelt in geheimer Sitzung, wobei zugegen waren: der Vorsitzende, Oberlandesgerichtsrat Freiherr von Dobeneck, die Landgerichtsrte Heuser und Maier B. E. in der Untersuchungssache gegen Mller Georg, Verleger in Mnchen, wegen Vergehens wider die Sittlichkeit folgenden Beschlu gefat nach Einsicht und Verlesung der wichtigeren Aktenstcke des bisherigen Verfahrens, nach Ansicht des vom kgl. Staatsanwalte unterm 14. November 1908 gestellten Antrages: Die Beschwerde des Beschuldigten Georg Mller gegen den Beschlu des kgl. Amtsgerichts Mnchen I vom 23. November 1908 wird kostenfllig zurckgewiesen. Grnde: Der Verleger Georg Mller in Mnchen vertreibt die Druckschrift Ssanin, ein Roman von M. Artzibaschew, in der von Andr Villard und S. Bugow hergestellten deutschen Uebersetzung im Wege des Buchhandels. Auf Antrag des Staatsanwalts hat das kgl. Amtsgericht Mnchen I, Abteilung fr Strafsachen vom 23. November 1908 auf Grund des 94 R.-St.-P.-O. durch Beschlu die Beschlagnahme aller Exemplare des Romans Ssanin von M. Artzibaschew in der Villard-Bugowschen Uebersetzung, soweit sie sich im Besitze des Verfassers, Druckers, Herausgebers, Verlegers oder Buchhndlers befinden, ffentlich ausgelegt oder ffentlich ausgeboten sind, sowie die zu ihrer Herstellung bestimmten Platten und Formen angeordnet mit der Begrndung, da der Roman eine unzchtige Schrift im Sinne des 184 Ziffer 1 R.-St.-G.-B. sei. Der Beschlu wurde am 26. November 1908 bei Georg Mller vollzogen. Mit Schriftsatz vom 27. _pr._ 28. November 1908 legte Rechtsanwalt Dr. W. Rosenthal in Mnchen namens des Georg Mller auf Grund dessen schriftlicher Vollmacht gegen diesen Beschlu Beschwerde ein mit dem Antrage auf Aufhebung des Beschlagnahmebeschlusses mit der Begrndung, da der Roman nicht unzchtig sei. Die Beschwerde ist an sich statthaft und formell nicht zu beanstanden, sachlich aber nicht gerechtfertigt. Nach 94 ff. St.-P.-O. knnen Gegenstnde, welche als Beweismittel fr die Untersuchung von Bedeutung sein knnen oder der Einziehung unterliegen, durch den Richter mit Beschlag belegt werden. Nach 40 ff. St.-G.-B. knnen, wenn der Inhalt einer Schrift strafbar ist, in der Regel alle Exemplare der Schrift, sowie die zu ihrer Herstellung bestimmten Platten und Formen unbrauchbar gemacht, also zu diesem Zweck eingezogen werden, selbst, wenn die Verfolgung oder Verurteilung einer bestimmten Person nicht ausfhrbar ist. Es fragt sich also lediglich, ob der Inhalt der deutschen Uebersetzung des Romans Ssanin von M. Artzibaschew strafbar ist. Diese Frage wird vom Beschwerdegericht in Uebereinstimmung mit dem angefochtenen Beschlusse bejaht. Nach 184 Ziffer 1 R.-St.-G.-B. wird nmlich bestraft, wer unzchtige Schriften feilhlt, verkauft oder sonst verbreitet. Der Roman Ssanin stellt nun nach dem Inhalte der deutschen Uebersetzung in der Tat eine unzchtige Schrift dar. Die ausgesprochene Tendenz des Romans ist die Darlegung, da uneingeschrnkter Geschlechtsgenu das einzige erstrebenswerte Ziel des Menschen sei. Demgem finden sich im Roman eine Anzahl von Stellen, z. B. Seite 88/90, 94, 196/197, 211/213, 231/233, 236, 248, 311, 316/318, 419/421, 430, 439/443, 470/473, welche teils den Geschlechtsverkehr selbst, teils die Vorbereitungen dazu und dessen Folgen und deren Beseitigung schildern oder errtern, teils mit Beziehung auf den Geschlechtsverkehr Krperteile schildern, immer aber nach dem Gegenstande und der Art der Darstellung geeignet sind, Lsternheit zu erwecken. Diese Eigenschaft tritt so stark hervor, da nach einer Behauptung des Vorworts des Uebersetzers und nach Notizen der ffentlichen Bltter die Lektre des Romans in Ruland zu geschlechtlichen Ausschweifungen, namentlich bei jugendlichen Lesern Anla gegeben hat. Hiernach ist der Roman in der deutschen Uebersetzung nach seinem Gesamtcharakter und nach einzelnen Stellen geeignet, das normale im deutschen Volk herrschende Scham- und Sittlichkeitsgefhl in geschlechtlicher Beziehung grblich zu verletzen. Der Inhalt des Romans ist also unzchtig. Daran ndert die knstlerische, wissenschaftliche oder geschichtliche Bedeutung, die dem Roman von manchen zugesprochen wird, nichts, sie ist nicht so erheblich, da durch sie der unzchtige Charakter in den Hintergrund gedrngt wrde. An dieser Beurteilung des Romans ndern auch die teils vom Beschwerdefhrer, teils von anderer Seite vorgelegten ffentlichen Kritiken nichts; sie sind trotz vielfacher Abweichungen im wesentlichen darber einig, da die literarische Bedeutung des Romanes keine auergewhnliche ist, da die dort vertretene Auffassung geschlechtlicher Sittlichkeit mit der in Deutschland herrschenden, sittlichen Auffassung in grobem Widerspruch steht; ein Teil dieser Kritiken spricht sich berdies mehr oder weniger offen auch ber die sittlichen Eigenschaften des Romans verurteilend aus; wenn einige der Kritiken bestreiten, da der Roman unsittlich oder pornographisch sei, so mag dies auf einer Verkennung der Begriffe oder auf anderen besonderen Grnden beruhen, ist aber jedenfalls fr die allgemeine Beurteilung nicht entscheidend. Der Roman Ssanin stellt daher in seiner Villard-Bugowschen deutschen Uebersetzung eine unzchtige Schrift im Sinne des 184 Ziffer 1 St.-G.-B. dar. Das Amtsgericht hat also nach 40 ff. R.-St.-G.-B., 94 ff. R.-St.-P.-O. mit Recht die Beschlagnahme angeordnet. Die Beschwerde des von der Beschlagnahme betroffenen Verlegers ist daher unbegrndet und zurckzuweisen. Die Kosten treffen nach 505 St.-P.-O. den Beschwerdefhrer. (_L. S._) gez. Dobeneck, Dr. Heuser, Maier. 4. Freigabebeschlu des Landgerichts. Ziffer des Anz.-Verz. VII, 610/08. Beglaubigte Abschrift. Die 4. Strafkammer des Kgl. Landgerichts Mnchen I hat am 16. Mrz 1909, vormittags 10 Uhr, versammelt in geheimer Sitzung, wobei zugegen waren: der Vorsitzende kgl. Ldgr.-Direktor Hezner die Landgerichtsrte Dr. Heuser Cl. und Graf in der Untersuchungssache gegen Mller Georg, Verleger in Mnchen, wegen Vergehens wider die Sittlichkeit nach 184 I R.-St.-G.-B. nach Einsicht und Verlesung der wichtigeren Aktenstcke des bisherigen Verfahrens nach Ansicht des vom kgl. Staatsanwalt unterm 12. Februar 1909 gestellten Antrags den Beschuldigten auer Verfolgung zu setzen, beschlossen: 1. Der Angeschuldigte Georg Mller wird wegen eines Vergehens wider die Sittlichkeit nach 184 Abs. 1 Z. 1 D. R.-St.-G.-B. auer Verfolgung gesetzt. 2. Der Beschlagnahmebeschlu des kgl. Amtsgerichts Mnchen I Abteilung fr Strafsachen vom 23. November 1908 wird aufgehoben. 3. Die Kosten des Verfahrens fallen der Staatskasse zur Last. Grnde: Der gesetzliche Tatbestand des 184 Abs. 1 Z. 1 D. R.-St.-G.-B. erfordert nach der objektiven Seite, da die Schrift in ihrer gegenstndlichen Erscheinung und dem daraus sich ergebenden geistigen Inhalte geeignet ist, das allgemeine Scham- und Sittlichkeitsgefhl -- nicht das abgestumpfte gewisser Personenkreise -- in geschlechtlicher Beziehung zu verletzen. Trifft dies zu, dann ist die Schrift als unzchtig zu erachten. Ob sie geeignet oder darauf berechnet ist, im Leser wollstige Empfindungen zu erregen, ist belanglos, ebenso auch, zu welchen Zwecken die Schrift nach dem bloen inneren Wollen des Verfassers dienen soll. Vgl. E. d. R. G. i. St. S. Einziehung von Anekdoten. Urteil vom 9. Dezember 1907, dann Bd. 31 S. 260, 4 S. 87, 24 S. 365, 27 S. 114. Magebend ist also auch nicht die Anschauung und individuelle Empfindung einer einzelnen Person, insbesondere auch nicht die Besorgnis fr die sittliche Integritt der Jugend. Vor Erffnung der Voruntersuchung hat sich nur ein Sachverstndiger, Professor Dr. Voll, ber den Roman Ssanin gutachtlich geuert. Sein Gutachten luft darauf hinaus, da wohl das Werk als unzchtig zu erachten ist, da aber die _bona fides_ des Verlegers, er sei sich des unzchtigen Charakters der Schrift nicht bewut geworden, nicht bezweifelt werden knne. Mit Durchfhrung der Voruntersuchung haben sich sechs weitere Sachverstndige ber den Charakter des Buches geuert. Darunter haben mehrere namhafte Kenner der Literatur sich dafr ausgesprochen, da es sich nicht um eine unzchtige Schrift, dagegen um ein dichterisches Werk von hohem kulturgeschichtlichem und auch literarischem Wert handelt. Hierzu uert sich Professor Dr. Munker wrtlich: Was der Verfasser an solchen Stellen (den beanstandeten) erzhlt, das scheint mir meistens zur Charakteristik der Menschen und Zustnde, um die es sich handelt, knstlerisch und psychologisch geradezu notwendig; wie er es aber erzhlt, das beweist durchaus den vornehmen Schriftsteller, der rein sachlich, objektiv episch darstellt und von jeder Lsternheit weit entfernt ist. Von den brigen Sachverstndigen haben sich Wilhelm Weigand, Prof. Dr. Schneegans und Ludwig Ganghofer ohne Einschrnkung dahin ausgesprochen, da der Roman Ssanin nicht als unzchtig zu erachten sei. Prof. Dr. Brunner erachtet ihn nur mit dem Vorworte, nicht aber fr sich unzchtig, whrend Oberstudienrat Dr. Nicklas den Roman, in der Hauptsache wohl von der durchaus zu billigenden Ansicht geleitet, da Ssanin fr die heranwachsende Jugend eine keineswegs geeignete, in unreifen Kpfen nur Verwirrung erzeugende Lektre ist, fr unzchtig hlt. Angesichts der den unzchtigen Charakter der Schrift verneinenden Gutachten der Sachverstndigen, denen sich das Gericht nach sorgfltiger Prfung des Werkes auf seinen gesamten Inhalt und den sich daraus ergebenden Gesamtcharakter, den seines literarischen und kulturgeschichtlichen Wertes angeschlossen hat, kann nicht davon gesprochen werden, da der Roman Ssanin eine unzchtige Schrift im Sinne des 184 des St.-G.-B. nach der eingangs gegebenen Begriffserklrung ist. Fehlt es aber schon an einem strafbaren Tatbestande in objektiver Hinsicht, so entfllt ohne weiteres die Prfung nach der subjektiven Seite, und es bedarf also der Einwand des Angeschuldigten, er sei sich des unzchtigen Charakters des Werkes nicht bewut gewesen, keinerlei Errterung. Hiernach erbrigte nur dem Antrage des Staatsanwalts, den Angeschuldigten wegen eines Vergehens nach 184 Abs. I Ziffer 1 des R.-St.-G.-B. auer Verfolgung zu setzen, stattzugeben, wie geschehen. Mangels strafbaren Tatbestandes aus 184 war auch der Beschlagnahmebeschlu des k. Amtsgericht Mnchen I Abt. f. St.-S. vom 23. November 1908 aufzuheben. Die Kosten des Strafverfahrens fallen der k. Staatskasse zur Last. R.-St.-P.-O. 202, 99, 496, 499. _L. S._ gez. Hezner, Dr. Heuser, Graf. Mnchen, den 23. Mrz 1909. 5. Gutachten von Professor Dr. Karl Brunner in Pforzheim. Erster Teil. Das Vorwort des einen Uebersetzers (Andr Villard) ist in seinen starken Uebertreibungen und in seiner einseitigen Tendenz, die dem Buch selber gar nicht in dem Mae eigen ist, geradezu irrefhrend und zwar, wie mir scheint, in der Absicht, dem Roman einen sensationellen Empfehlungsbrief mit auf den Weg zu geben. Ich halte diese Vorrede fr bedenklich vom literarischen wie vom ethischen Standpunkt aus, und zwar aus dem Grunde, weil sie ein vorurteilsloses Herantreten an das Buch erschwert, ja fr viele unmglich macht und diesem eine Tendenz vindiziert, die, so an die Reklameglocke gehngt, den Verdacht erweckt, als wre die Uebertragung des Romans auf den deutschen Bchermarkt in dem Bestreben erfolgt, durch Hervorkehren der erotischen Reize als den Aeuerungen einer neuen, fast mchte man sagen, beglckenden Weltanschauung auf das Lesepublikum bestechend zu wirken. Kann dies nicht ohne starke Uebertreibungen, ja Entstellungen des Inhalts des Romans geschehen, so ist der Verfasser des Vorworts auch um solche Uebertreibungen nicht verlegen, wenn es sich darum handelt, diese meines Erachtens unter 184 Ziffer 1 fallenden Versuche einer mit Sensationsmitteln arbeitenden Reklame mit hochtrabenden, den oberflchlichen Leser bestrickenden Redewendungen von politischen, kulturellen und wissenschaftlichen Beziehungen und Tendenzen des Buches so zu verschleiern, da sie nicht ohne weiteres fabar erscheinen. Aber ein dnn verschleiertes Objekt erotischer Neigungen ist erfahrungsgem viel geheimnis- und reizvoller, als ein unverhlltes. Und wenn beispielsweise S. 8 auf den wilden sexuellen Rausch, der auf den Ssanin zurckgeht, in ziemlicher Breite hingewiesen wird. Anmerkung. Die Stelle lautet: Der wilde sexuelle Rausch, der auf den Ssanin zurckgeht, hat auch schon genug von sich hren lassen. Die Organisation der Ssaninisti, die Propaganda-Vereine der freien Liebe, die Verbindungen zum ungehinderten Geschlechtsgenu unter Gymnasiasten und Gymnasiastinnen, die orgiastischen Klubs, die flschlicherweise behaupteten, die Weltanschauung des Ssanin zu vertreten und es jedenfalls mit Verve taten, haben nur das Recht der Geschmacklosigkeit fr sich. -- So mu das den oben ausgesprochenen Verdacht um so mehr bekrftigen, als derartige orgiastische Klubs in Ruland lngst vor dem Erscheinen des Ssanin bestanden haben, hier also gewissermaen knstlich herbeigezogen werden, als eine Folge des Romans. Daran ndert nichts die scheinbare Verurteilung solcher Exzesse durch den Vorredner. Wenn aber tatschlich solche Propaganda-Vereine der freien Liebe u. a. in Schler- und Schlerinnenkreisen, wie ausdrcklich hervorgehoben wird, ihre Daseinsberechtigung auf Ssanin zurckfhren, dann mchte man wahrlich noch vor Beginn der Lektre selbst das Buch weit, weit wegwnschen aus dem Bannkreis deutschen Lebens -- zurck in den tiefen moralischen Sumpf, aus dem es erwachsen ist. Doch damit habe ich noch nicht das Buch selbst charakterisieren wollen. Es sind dies nur Gedanken, die die Vorrede nahelegt. Es erwchst mir nur die Pflicht, durch eine eingehende Kritik des Vorwortes diese meine Auffassung zu begrnden, um dann im zweiten Teil meines Gutachtens das Buch selbst zu behandeln. Wenn ich auf die kaum acht Seiten umfassenden Vorbemerkungen so ausfhrlich eingehe, so drfte das in der starken Wirkung dieser Darlegungen seine Berechtigung finden. Mir scheint, als htte selten ein Verleger einen so geschickten Verknder der Sensation, die zudem der Roman selbst gar nicht hat, gefunden. Offenbar haben die Ausfhrungen Villards ber das Buch viel mehr als dieses selbst die Auffassung weiterer Kreise ber Ssanin beeinflut und die Lust es zu lesen hervorgerufen und gesteigert. Ich konnte das aus dem Mund verschiedener Leute erfahren, die den Ssanin vom Hrensagen kennen, wie ich es auch aus den Kritiken ber das Buch ersehen konnte, deren Abhngigkeit vom Vorwort unverkennbar ist. * * * * * Auf Seite 8 heit es: Selbst wenn er (Ssanin) nicht durch seine knstlerischen Qualitten zu einer der wichtigsten Erscheinungen in der modernen Literatur Rulands geworden wre, htten ihm doch kulturhistorische Grnde bleibende Bedeutung gegeben. Man wird die gegenwrtige Epoche, also die, welche die revolutionre ablste, psychologisch und soziologisch nicht beurteilen knnen, ohne den Ssanin als ihren charakteristischen Niederschlag in den Mittelpunkt der Betrachtung zu ziehen. Welche starke Uebertreibung in diesem Lobpreis der knstlerischen Qualitten des Buches liegt, wird im zweiten Teil zu beweisen sein. Die kulturhistorischen Grnde, die Ssanin als den charakteristischen Niederschlag der ganzen jetzigen Epoche in den Mittelpunkt der Betrachtung stellen sollen, sind keineswegs so besonderer, eigentmlicher Art. Vielmehr lassen sich gerade die Prinzipien der freien Liebe und ihre Bettigung lngst vor der Revolution, so gut wie in der Revolution und nach ihr, als in breiten Kreisen der russischen Intelligenz vorhanden, nachweisen (s. u.). Durch diese Einreihung an hervorragender, kulturhistorischer Stelle sollte nur dem Buch, das eine realistische Schilderung tatschlicher, keineswegs neuer Zustnde bietet, eine interessante Folie gegeben werden. Auf Seite 9 heit es: Interessanter ist die Feststellung, wie es berhaupt dazu kam, da ein ganzes Volk fr seine Gesamtuerungen mit einem Mal nur noch erotische Beziehungen finden konnte. Und da ein einziges Werk -- eben der Roman Ssanin -- gengt, um sie hervorzurufen, und sie mit seinem Namen zu decken. -- -- -- Die einzige Antwort ist: Ein russisches Volk existiert gar nicht -- wohl aber eine russische Gesellschaft, die den Charakter des nationalen Lebens ausprgt ... Einst beschrnkte sie sich auf den Adel, -- heute umfat sie die Schichten der akademisch gebildeten Berufe -- die Intelligenz. Ein ganzes Volk -- bedeutet doch etwas anderes -- auch fr Ruland --, als wie wenige Zeilen weiter unten gesagt ist mit der Bezeichnung russische Gesellschaft. Denn abgesehen davon, da selbst diese Kreise der Intelligenz keineswegs ein irgendwie einheitliches Geprge tragen, kommen doch fr jedwede Beobachtung des russischen Lebens in seiner Gesamtheit die Millionen von Angehrigen anderer sozialer Schichten in Betracht, die selbst in ihrer Stagnation und Hemmung eine Macht bilden, wie die Bauern, wenn sie nicht, wie die sozialistischen Kreise der Stdtebevlkerung eine aktive Rolle spielen. Doch selbst diese Beschrnkung des Begriffs russisches Volk zugegeben, -- heit es nicht _die Tatsachen vergewaltigen_, wenn man 1. die ganze russische Gesellschaft fr ihre Gesamtuerungen _nur noch erotische Beziehungen_ finden lt, das lehrt uns ja der Roman mit seinen zahlreichen Personen ganz und gar nicht -- und 2. mit einem Mal und zwar durch ein einziges Werk so etwas hervorgerufen sehen will? Die erste khne Bemerkung mu jeden auf die Lektre des Buches uerst gespannt machen. Denn selbst die Rolle der Erotik im Siecle de Louis XIV. oder im Zeitalter der franzsischen Revolution, die dem Geschichtskenner denkbar wichtig und tiefgehend erscheint, mu weit zurcktreten, gegenber einer so absolut allgemein gewordenen Lebens- und Weltanschauung, wie sie uns hier verkndigt wird. Wohl folgen auf Perioden ungeheuren Aufschwungs des Gemeinsinns und der Opferwilligkeit, kurz der praktisch bettigten Begeisterung fr hohe Ideale, wie sie der russischen Revolutionsbewegung ohne Zweifel zugrunde lagen, solche des Gegenteils, sei es stumpfer Apathie oder krassen Egoismus. Und gerade der slavische Rassencharakter neigt mehr als ein anderer besonders stark zu solchen Widersprchen. Aber da eine groe Volksbewegung die im Zug der Zeit liegt und sich wohl vorbergehend -- aus inneren sozialen, kulturellen und nicht zum wenigsten religisen Grnden -- unterdrcken, niemals aber mehr ganz ausrotten lt, eine Bewegung, die bei allem Terrorismus so gut wie einstens die franzsische Revolution vom Idealismus getragen war, sich ganz und gar auf den Standpunkt des Zynismus zurckwerfen lt -- durch ein einziges Buch der Contre-Revolution, das zu behaupten ist eine Ungeheuerlichkeit. Aber es klingt uerst pikant, wenn gesagt wird: Nichts hat in Ruland die sozialrevolutionre Bewegung, nachdem sie zum Stillstand gekommen war, so endgltig der Zersetzung zugefhrt, wie Ssanin mit seiner erotischen Suggestion. Der Uebersetzer Villard, der solche Ungeheuerlichkeiten als Kenner der russischen Verhltnisse, der er sein will, im Vorwort geschrieben hat, kann nicht als so naiv erscheinen, da er sich dessen nicht bewut gewesen wre. Ich sehe in seinem Vorwort, das von Widersprchen mit feststehenden Tatsachen und mit dem Inhalt des Romans strotzt, einen plumpen Versuch einer erotischen Suggestion auf den Leser um seine eigenen Worte zu gebrauchen, d. h. einer Spekulation auf die besondere Empfnglichkeit des Lesers fr Erotika. Und dieser Suggestion kann sich angesichts solch hoher Studienzwecke, wie sie die Vorrede vorspiegelt, mit Beziehung auf den Ausgang der russischen Revolution, fr die sich doch alle Welt lebhaft interessiert hat, gar mancher nicht entziehen. Ich behaupte, -- ich habe an einzelnen, sogar gra erscheinenden Stellen mit urteilsfhigen Lesern, die die Vorrede nicht kannten, die Probe darauf gemacht -- da man, ohne die Vorrede gelesen zu haben, an dem Buch als Ganzem keinen oder wenigstens keinen erheblicheren Ansto nehmen kann, als an zahlreichen anderen Bchern auch, die ungehindert im Verkehr sind und da die meisten der inkriminierten Stellen geradezu besonders aufgesucht werden mssen, um an ihnen etwas Schlimmes zu finden. Ich behaupte aber zugleich, da das Vorwort geradezu diese Stellen heraushebt, indem es der Erotik in dem Buch einen solchen Einflu zuschreibt mit der Aeuerung: Wohl noch niemals wurden durch ein Buch in so kurzer Zeit die gesamten Anschauungen einer Gesellschaft von Grund aus verndert zum Ausdruck gebracht. Mit wenigen Ausnahmen werden die meisten Leser nach Einblick in die Vorrede auch in den Kreisen, denen allein das Buch fr 6,50 Mark zugnglich ist, -- Anmerkung: Ich betone das, weil mir im Kampf gegen die schlechte Literatur fters entgegen gehalten wurde, da Bcher mit verhltnismig hohem Preise, schon ihres beschrnkteren Leserkreises wegen nicht zur Schundliteratur gerechnet werden knnten, -- von vornherein ihr besonderes Augenmerk auf die erotischen Stellen richten und darber die knstlerische Seite des Werkes und die tatschlich interessante Darstellung des sozialen und kulturellen Lebens, kurz die wissenschaftliche Seite, vernachlssigen oder die oft langatmigen, nicht eben tiefen Philosopheme einfach berschlagen, bis sie wieder den von dem Vorwort angedeuteten Spuren begegnen. Dadurch bekommt das Werk einen Charakter, den ihm der Verfasser ganz und gar nicht gegeben hat. Statt da der Leser mit einem auf das Groe gerichteten Interesse eine realistische, meines Erachtens berhaupt kaum tendenzis gefrbte Schilderung der Verhltnisse und Zustnde in der russischen Gesellschaft hinnimmt, mu er sich im Vorwort suggerieren lassen, da es sich hier um das Neue handelt, das man sucht, er mu sich sagen lassen, da es sich hier -- ausgerechnet in diesem Buch -- um die Vernderung einer gesamten Anschauung von Grund aus handle, er hrt -- und das wird vielen aus gesellschaftlichen Grnden verkappten Anhngern der freien Liebe willkommen sein, -- da die Ssaninisten, endlich die leidige Konspirativitt, die traditionelle Geheimniskrmerei beiseite werfen knnen, da die Erotomanie -- frei von gesellschaftlichen Vorurteilen eben wegen jener fundamentalen Umwlzung der Gesellschaftsanschauungen, nun stolz das Haupt erheben darf -- nur soll sie es nicht so laut und lrmend machen, wie die Ssaninisten, sondern mit behutsamem Stolz. Diese Ausfhrungen des Vorworts stehen, wie bereits angedeutet, in vlligem Widerspruch 1. mit den Tatsachen der Wirklichkeit wie 2. mit dem Inhalt des Romans und involvieren eine Tendenz, die meines Erachtens mit aller Entschiedenheit zu bekmpfen ist, denn sie machen erst den Roman zu einem sittlich minderwertigen Literaturprodukt, das er, an sich betrachtet, nicht ist. Frs erste (Widerspruch mit den Tatsachen) mgen einige wenige Hinweise gengen. Aus eigener Kenntnis und auf speziell eingezogene Erkundigungen wei ich, da sich bei russischen und polnischen Studenten, die bei uns auf deutschen Hochschulen weilen, das weitaus grte Interesse in der Bettigung erotischer Neigungen erschpft -- ein besonders grasser Fall ist erst unlngst in Karlsruhe vorgekommen, der mit Mord und Selbstmord endete. Und beim russischen Militr, insbesondere beim Offizierskorps, ist eine hnliche oder noch niedrigere Stellung des Weibes, wie sie ihm in diesem Roman der Offizier Sarudin zuweist, wahrlich schon lngst traditionell geworden. Ich kann dafr Belege aus unserem hiesigen industriellen Leben beibringen, die ich mir fr diesen Zweck aus authentischen Quellen verschafft habe. Eine einzige hiesige Firma hat zusammen mit ihrem Pariser Hause whrend des russisch-japanischen Krieges Bijouterie fr Damen nach Ostasien, speziell an ihr eigenes dafr errichtetes Geschftshaus in Charbin im Betrag von 4-5 Mill. Frcs. geliefert -- fr die mit der russischen Armee ausgerckten Scharen von Halbweltdamen. Nach Beendigung des Krieges mute das Importhaus dieser Firma in Charbin wieder ganz aufhren, und der Vertreter einer anderen hiesigen Bijouteriefirma, der persnlich monatelang auf dem Kriegsschauplatz war, kann grauenhafte Dinge von der Erotik im russischen Lager erzhlen, der man ja wohl mit Recht einen groen Teil der Schuld gibt an der Niederlage der Russen. Da solche Anschauungen bei russischen Studenten, wie bei russischen Offizieren herrschten, wute man im Grunde genommen bei uns und berall; man stie sich nicht einmal daran, man nahm das eben als russisch hin, als Ausdruck der Korruption gewisser Kreise, mit denen wir sonst keine Gemeinschaft suchen. Wenn aber, wie das im Vorwort geschieht, diese speziell slavische Schweinerei -- so hrt man sie wohl gelegentlich bei uns nennen -- auf eine allgemein menschliche Basis gestellt wird, wenn damit eine Passivitt gegenber aller Auflehnung gegen die staatliche Ordnung, namentlich aber die Befriedigung eines persnlichen Freiheitsdranges (Ich lebe fr mich Seite 12), verknpft wird, so liegt darin meines Erachtens eine schwere Gefahr, zugleich aber auch eine ungeheuere Anmaung der Trger jener zersetzenden Weltanschauung, die die Kraft der slavischen Rasse so verhngnisvoll untergraben hat, die auch erschreckend am Mark der romanischen Vlker nagt und auch in unserem Volk, besonders durch die herrschenden Richtungen in der Literatur, immer mehr Boden gewinnt. Es ist wohl kein Zufall, da sich ein Franzose -- als solchen darf ich wohl Herrn A. Villard, den Verfasser des Vorworts, vermuten -- so lebhaft zum Propheten des neuen Evangeliums der freien Liebe aufwirft. Wenn in der Tat das Buch als Ausdruck einer lngst vorhandenen Stimmung dessen was in der Jugend schon seit Jahren grte -- so korrigiert Kurt Aram in der Frankfurter Zeitung das Vorwort -- (Frkf. Ztg. 1908, 16. September, Abendblatt), nicht als Ausgang einer neuen Bewegung -- auch nur annhernd die Wirkung in Ruland hervorrief, die die Vorrede andeutet -- ich kann das mit den mir zur Verfgung stehenden Mitteln nicht gengend beurteilen, habe aber Nachforschungen in Ruland selbst angestellt, ber die literarischen Wirkungen des Buches, deren Ergebnis ich nachzutragen hoffe --, wenn diese Wirkungen tatschlich hervorgerufen wurden, dann ist bei der Sensationssucht, mit der unsere Presse sowohl wie nicht selten auch aus rein geschftlichen Grnden unser Buchhandel spekuliert (vgl. den Fall Ganter), nicht ausgeschlossen, da auch bei uns das Buch eine Mission erfllt -- von erschreckender Wirkung. Denn die Faktoren, die einem Buch -- ohne Rcksicht auf seinen Inhalt und wirklichen Wert -- einen Riesenerfolg bereiten, sind vollkommen unberechenbar, wie die Schicksale mancher literarischer Produkte der jngsten Zeit beweisen. Die reklamehaften Behauptungen des Vorworts stehen aber zweitens auch im Widerspruch mit dem Roman und seinem Inhalt selbst. Aus der berschwenglichen Art, wie hier im Vorwort gerade die erotische Seite des Ssanin dargestellt wird, mchte ich fast den Schlu ziehen, da die erotischen Momente, die im Roman selbst fr das ins Auge gefate Publikum zu nchtern behandelt sind, im Vorwort zum Zweck greren Erfolgs aufgebauscht, ja direkt in falsches Licht der Beurteilung gerckt werden. Sonst knnte Villard nicht von Vernderungen der gesamten Anschauungen einer Gesellschaft von Grund aus sprechen, er knnte auch nicht sprechen vom Beiseitewerfen der traditionellen Geheimniskrmerei in solchen Dingen. Die beiden praktischen Vertreter der freien Liebe im Ssanin sind genau so befangen in den konventionellen Schranken und genau so ehrbar nach auen, wie solche Leute bei uns zu sein pflegen. Ja, wenn sie noch die Schranken durchbrchen und in ihrer neuen Weltanschauung sich vor die breite Oeffentlichkeit stellten, das denkt und wnscht sich offenbar der Uebersetzer, der Autor ist ganz anderer Meinung. Zunchst konnte der im Vorwort besprochene Zusammenhang zwischen dem Sexualleben und der russischen Revolution einem, der von sexuellen Erregungen, von besonderen seelischen Schwingungen bei derartigen sozialen Erschtterungen gehrt hat, einleuchtend erscheinen, zumal, wenn es sich um solche Erscheinungen whrend der Revolution handelt, von denen Villard (S. 11) andeutungsweise spricht. Der Hinweis auf die Anarchisten mit ihrem Terrorismus, die Villard als die Pfadfinder Ssanins und der Ssaninisten bezeichnet, erinnert daran, da in den Kreisen der Anarchisten in der Tat auch ein sexueller Rausch herrschte, freilich ganz anderer Art, als der von Villard angedeutete, -- Anmerkung: Die von Villard geradezu als vorbildlich fr die russische Intelligenz hingestellte Bettigung der freien Liebe, seitens der terroristischen Anarchisten, ist bekanntlich eine propagandistische Forderung des Anarchismus berhaupt, -- nmlich eine pathologische Ausprgung des Sexuallebens, der Sadismus. Ueber diesen sagt Forel (Die sexuelle Frage, S. 239) in Uebereinstimmung mit Lombroso, da durch Kampf und Schlacht und die vom Krieg entfesselte Mordlust aufgeregte Soldaten zu viehischen sexuellen, wollstigen Exzessen gefhrt werden. Ein erschtternder, sinnverwirrender Beleg dafr findet sich speziell mit Bezug auf die russische Revolution bei Bloch (Das Sexualleben unserer Zeit, 2. und 3. Aufl., S. 646 ff.) mitgeteilt von Magnus Hirschfeld: Ein Beitrag zur Psychologie der russischen Revolution (Entwicklungsgeschichte eines algotagnistischen Revolutionrs, von diesem selbst verfat). Von sadistischen Regungen ist aber in vorliegendem Roman nur ganz selten andeutungsweise die Rede, solche Regungen kommen nach dem Urteil hervorragender Sexualpsychologen hufig bei exzessiver Bettigung eines normalen Geschlechtstriebes vor, sie geben darum auch dem Ssanin keineswegs ein abnormes Geprge. Zweiter Teil. (Disposition nach den im Schreiben des Untersuchungsrichters vom 31. Dezember 1908 gestellten Fragen:) 1. Ueber den literarischen und kulturhistorischen Wert des Romans. Der Gesamteindruck des Werkes in literarischer Hinsicht ist kein gnstiger. Es fehlt der einheitliche Aufbau und die das Ganze mehr oder minder beherrschende Haupthandlung. Es sind vielmehr aneinandergereihte, innerlich wenig oder gar nicht verknpfte Bilder, meist Gruppenbilder von Personen, die der Verfasser uns eigens vorfhrt, um interessante Typen aus dem russischen Gesellschaftsleben zu zeigen. So ist meines Erachtens die Bezeichnung Roman nicht recht angebracht. Die Bilder sind mit starkem Realismus gezeichnet und gewhren in der Tat tiefe Einblicke in die russischen Verhltnisse, da sie sowohl das landschaftliche, das soziale und das geistige Milieu, berhaupt das Zustndliche, wie auch das individuelle Seelenleben anschaulich und eindrucksvoll schildern. Insofern kommt dem Ssanin ohne Zweifel ein kulturhistorischer Wert zu. Was aber den literarischen Genu empfindlich beeintrchtigt, ist die breite Wiedergabe zahlreicher, meist ziemlich oberflchlicher philosophischer Errterungen und Monologe, die -- im Gegensatz zum Vorwort sei dies betont -- hufig nichts von Erotik enthalten. Direkt unknstlerisch, ja unsthetisch wirkt nach meinem Geschmack die Behandlung geschlechtlicher Vorgnge -- ich lasse dabei zunchst die moralische Seite auer acht. Wenn das Weib sonst in der schnen Literatur auftritt, selbst da, wo ihm eine im ganzen erniedrigende Rolle zugewiesen wird -- ich erinnere nur an Sudermanns neuesten Roman Das hohe Lied -- so trgt seine Erscheinung doch wenigstens stellenweise das Geprge echter Schnheit und Weiblichkeit im edlen Sinne. Das fehlt hier bei Artzibaschew ganz. Stets ist nur vom Weib in rein physischer Beziehung, ich mchte sagen, in zynischer Nacktheit, die Rede, von seinen Schenkeln, Brsten, dem Rcken usw. -- sei es in der Phantasie des Mannes oder in Wirklichkeit. Und selbst der Bruder tritt der Schwester mit solchen Empfindungen gegenber, diese einseitige Auffassung und Vorstellung des Verfassers hat literarisch einen schweren, meines Erachtens seine ganze knstlerische Qualitt in Frage stellenden Mangel zur Folge, nmlich die Unfhigkeit zum Differenzieren, was gerade bei einem so schwierigen Problem, wie dem des Weibes und des Sexuallebens, besonders schwer ins Gewicht fllt. Darunter leidet namentlich auch seine Charakterschilderung der Mnner in ihrem Verhltnis zum weiblichen Geschlecht. Man hat das Gefhl, wie wenn alle diese Mnner das Weib durch genau die gleiche Brille besehen, gleich begehrlich, gleichweit entfernt von jeder noch so bescheidenen Wrdigung des weiblichen Charakters als etwas nicht rein Sinnlichen, Animalischen. Nun mag vielleicht seine Grundauffassung vom Weib seitens des Mannes in Ruland typisch sein -- ich kann mir das zwar nicht recht vorstellen, da in der Heimat der Frauenemanzipation und des weiblichen Studententums die Frau keine andere Stellung gegenber dem Manne sich zu erringen vermochte und stehe diesem Typus des russischen Gesellschaftslebens skeptisch gegenber -- knstlerisch ist sie gewi nicht. Die Verwickelungen, die das Buch enthlt, stehen zum Teil auf sehr schwachen Fen, oft spielen Zuflligkeiten, die keinerlei logischen und psychologischen Zusammenhang mit dem sonstigen Verlauf der Dinge haben (Karssawina und Ssanin im intimen Verkehr) eine ausschlaggebende Rolle, und Lsungen (wie der Selbstmord Juriis) der Konflikte treten mitunter ganz pltzlich und unmotiviert ein. So darf denn meines Erachtens der literarische Wert des Buches trotz mancher anerkennenswerter Lichtseiten im ganzen nicht hoch angeschlagen werden. Schwerwiegende Mngel treten zu sehr in den Vordergrund, als da der Gesamteindruck ein erfreulicher genannt werden knnte. 2. Ueber die wissenschaftliche Bedeutung der Behandlung erotischer Fragen. Wissenschaftlich, d. h. in der Absicht, unser Wissen ber das menschliche Liebesleben irgendwie zu frdern, hat der Verfasser erotische Fragen sicher nicht behandelt. Nicht ein hherer Zweck, wie ihn das wissenschaftliche Streben im Auge hat, sondern einfach die Absicht, Zustnde und Anschauungen wie sie sind, darzustellen, hat dem Verfasser die Feder gefhrt. Dann kann ich -- unbeschadet meiner spteren Ausfhrungen unter Nr. 4 -- gleich hier beifgen, da dem Verfasser nach meiner Meinung auch kein verwerflicher Nebenzweck, etwa absichtlichen Sinnenreizes bei Darstellung geschlechtlicher Vorgnge, vorgeschwebt hat. 3. Ueber die Gte der Uebersetzung. Darber vermag ich mich nicht zu uern in Ermangelung russischer Sprachkenntnisse. Aber der Eindruck, den die sprachliche Form in der vorliegenden Uebersetzung macht, ist fast durchweg gnstig. Ich habe nur an einigen Stellen Ansto an Wortformen genommen, die anscheinend auf kleine Mngel in der Sprachkenntnis zurckgehen, u. a. an dem fters wiederkehrenden Adjektiv bange, das -- entgegen unserem Sprachgebrauch -- zu sachlichen Qualifikationen verwendet wird, so S. 263, 359, 364 und 373. 4. Wird die Darstellung geschlechtlicher Vorgnge durch die vorherrschenden wissenschaftlichen Zwecke dermaen in den Hintergrund gedrngt, da das Scham- und Sittlichkeitsgefhl des normal empfindenden Lesers nicht verletzt wird? Die so gestellte Frage mu ich bejahen. Wer ohne Voreingenommenheit an die Lektre des Ganzen herantritt, kann wohl an der oft bis zum Krassen, Frivolen, ja Zynischen gesteigerten Realistik (bes. S. 196-197, 215, 231-233, 248, Kap. 26, S. 318, 428-429, 440-441 u. a.) Ansto nehmen. Er wird aber aus dieser Realistik nicht dem Autor einen sittlichen Vorwurf machen, weil meines Erachtens auch das Ausmalen widerlicher Vorgnge, die Darstellung abstoender, niedriger Denkweise nirgends in der Absicht geboten ist, Freude an pikanten, den Sinnenreiz erregenden Szenen zu bezeigen und diese Freude etwa auf andere zu bertragen. Die ganze Eigenart des Buches, das den Eindruck starker Wahrheitsliebe und rckhaltloser Ehrlichkeit macht, ist nicht auf den gemeinen Grundton pornographischer Schreibweise gestimmt. Der Verfasser, der nun einmal die Zustnde der russischen Gesellschaft ohne Schminke schildern wollte, mute die Farbe so auftragen, wenn aus einem Gemlde berhaupt etwas Echtes, Brauchbares werden, wenn dabei ein kulturhistorischer rein wissenschaftlicher Zweck im Auge behalten werden sollte. Wenn ich krasse Vorkommnisse zu erzhlen und dekadente Stimmungen zu schildern habe, dann kann ich jene nicht formlos und diese nicht ideal hinstellen -- will ich nicht der hchsten sittlichen Pflicht als Autor mich entledigen. So sind nun einmal die Dinge in Ruland. Wrde sie Artzibaschew nicht schildern, wie sie sind, sondern, wie er sie haben mchte, dann lge in Anbetracht zahlreicher Stellen seines Ssanin ein Bestreben vor, das bei solch rauhem Realismus, wie er da zum Ausdruck kommt, als uerst bedenklich bezeichnet werden mte. Das schliet aber ohne Zweifel die Behauptung in sich, da wir es hier mit einem ausgesprochenen Tendenzroman zu tun haben. Und dieser Behauptung widerspreche ich mit Entschiedenheit. Wer sie verteidigt, der verurteilt indirekt den Ssanin als eine pornographische Schrift. Denn wenn das geschlechtliche Leben und alles, was damit zusammenhngt, nicht wirklich so wre, wie es uns hier vor Augen gefhrt wird, wenn es vom Autor mit seiner angeblichen Tendenz nur so erdacht wre, um die Unterlage einer neuen, erotischen Weltanschauung zu bilden, -- das Vorwort Villards will das glauben machen -- dann mte sich allerdings das Scham- und Sittlichkeitsgefhl des normal empfindenden Lesers schwer verletzt fhlen. Zustnde und Anschauungen, noch dazu in einem fremden Lande, die aus tausend Ursachen so geworden sind, die knnen wir aber, ob wir nun Kenntnis davon haben oder nicht, ob sie sittlich gut oder verwerflich sind, nicht ndern, nicht ablehnen, nicht durch literarische Konfiskationen usw. beseitigen, Zumutungen aber, Aufdringlichkeiten unsittlicher Art, kurzum Tendenzen, die im Gehirn eines Schriftstellers ihren Ursprung haben, knnen wir ablehnen, von uns fernhalten, ebenso gut wie die Zudringlichkeiten von Leuten, die uns am Leib und Leben, an Hab und Gut schdigen wollen, ntigenfalls unter Anrufung des gesetzlichen Schutzes. _Wer dem Ssanin des Artzibaschew anstelle der harten und herben Realistik der Tatsachen eine solche Tendenz vindiziert, der tut ihm meines Erachtens unrecht._ Indem nun aber das oben im ersten Teil meines Gutachtens ausfhrlich errterte Vorwort in denkbar anspruchsvollster Weise dem Buch eine geradezu das Ganze beherrschende _erotische Tendenz_ zuschreibt, und indem es die Schilderung der _ungeheuerlichen Wirkung solcher Tendenz_ dem, der das Buch zu lesen beabsichtigt, als die beste Empfehlung, die wirksamste Reklame zur Weiterempfehlung aufdrngt, stempelt es, wie ich oben bereits ausgefhrt habe, das ganze Buch _zu einem erotisch-tendenzisen_. Es zerstrt seine nchterne Realistik und nimmt ihm seinen unverkennbaren kulturhistorischen, belehrenden, wissenschaftlichen Charakter. Ich stehe nicht an, zum Schlu meines Gutachtens meine Meinung dahin zusammenzufassen: _Artzibaschews Ssanin an sich halte ich vom Standpunkt des 183 Ziffer 1 des St.-G.-B. fr einwandfrei. Die vorliegende deutsche Ausgabe jedoch mit Villards Vorwort fllt meines Erachtens unter den Begriff einer unzchtigen Schrift im Sinne des erwhnten Paragraphen._ Pforzheim, 2. Februar 1909. gez.: Prof. Dr. Karl Brunner. 6. Gutachten von Ludwig Ganghofer in Mnchen. Der mir zur Beurteilung vorgelegte Roman ist als eine dichterisch hochstehende, aus knstlerischem Geist entsprungene Schpfung zu bezeichnen, die in der Geschichte der russischen Literatur neben den Meisterwerken von Gogol, Turgenjew, Dostojewski und Gontscharow ihren verdienten Ehrenplatz finden wird. Die Komposition des Romans ist von schner und strenger Geschlossenheit; die Handlung ist ein starkes und berzeugendes Bild des Lebens, klar geschaut, grozgig erfat und mit knstlerischer Kraft aus der Wirklichkeit emporgehoben zu dichterischer Wahrheit; alle Gestalten des Buches sind mit Meisterhand gezeichnet, ohne Beschnigung, ohne Uebertreibung, ohne Absichtlichkeit, im plumperen Sinne dieses Wortes, ohne tendenzise Verschiebung der Linien, die das Leben dem Dichter zeigte; von fesselnder Wirkung sind die mit den Lebensvorgngen knstlerisch verwobenen Naturschilderungen, die in ihrem malerischen Reiz an die feinsten landschaftlichen Stimmungen bei Turgenjew erinnern; und als glhende Seele dieses Buches redet zu uns die leidenschaftliche Vaterlandsliebe des Dichters, seine schwermutsvolle Trauer ber das Schicksal seiner Heimat und ihrer Jugend, deren wertvolle Lebenskrfte zwischen politischem Unglck und sozialer Entartung nutzlos verbraucht und zerrieben werden. Die Lektre dieses Buches brachte mir jenen hohen Genu, wie ihn nur das Werk eines echten Dichters dem Leser zu bieten vermag -- gleichviel, ob es nun licht und erhebend oder erschtternd und bedrckend wirkt. Ich wrde nicht nur als Schriftsteller das lebhafteste Bedauern darber empfinden, wenn dieses Werk aus Grnden, die nur auerhalb seines dichterischen Wertes liegen knnten, bei uns in Bayern eine zensurelle Maregelung erfhre. Denn die an mich gestellte Frage, ob die im Ssanin geschilderten sexuellen Vorgnge geeignet wren, das Scham- und Sittlichkeitsgefhl eines normal empfindenden Lesers zu verletzen, mu ich mit Nein beantworten. Dabei verstehe ich allerdings unter einem normal empfindenden Leser auch einen gesunden, natrlich fhlenden Menschen von relativer Bildung und ernsten Kulturinteressen. Auf entartete und krankhaft gereizte Menschheitsexemplare kann ja auch ein viel harmloseres Kunsterzeugnis, als es der Ssanin ist, eine zu sexueller Nervositt umschlagende Wirkung ben. Aber in einem halbwegs gesunden, natrlich fhlenden und verstndigen Menschen wird die Lektre dieses Buches niemals ein Gefhl der Lsternheit erwecken, also meines Erachtens auch nie ein Gefhl der sittlichen Emprung ber die Form hervorrufen, in welcher die von der Handlung des Romans untrennbaren sexuellen Vorgnge hier geschildert sind. Von einer wissenschaftlichen Behandlung der erotischen Fragen oder von einem wissenschaftlichen Zwecke der hier gegebenen Darstellung geschlechtlicher Vorgnge zu sprechen, erscheint mir diesem Werke gegenber als nicht ganz zutreffend. Der Schpfer dieses Werkes wollte nicht als Arzt oder als Gelehrter sprechen, sondern als Dichter. Er wollte kein wissenschaftliches Compendium der modernen Erotik seiner Heimat verfassen, sondern mit Wahrheit und knstlerischer Kraft das versinkende Leben einer bedrckten und irregeleiteten Jugend schildern, die sich -- von hheren kulturellen Lebenszielen auf politischem und sozialem Gebiete gewaltsam abgedrngt -- auf die tierischen Reservatrechte der Menschheit beschrnkt sieht und sich in verschrfter Intensitt mit allem beschftigt, was ihr als erotisches Problem erscheint. Diese Jugend sagt: Untergang und Niederbruch auf allen Seiten, suchen wir also wenigstens einen Fortschritt auf diesem _einen_ Gebiete zu erzielen, auf dem uns die Arbeit nicht unterbunden werden kann. Die latente Nhe des Galgens erzeugt sexuelle Subtilitten. Ich halte es fr einen der Grundgedanken des vorliegenden Romans, da der Dichter aussprechen wollte: Hindert eine blutvoll und strmisch heranwachsende Jugend an der redlichen Bettigung ihrer besten Lebenskrfte, nehmt ihr die fliegenden Hoffnungen, die sie emportragen ber die Dunkelheiten des ewig Menschlichen, so werden die Feinfhligsten dieser Jugend zu Unglcklichen wie Ssoloveitschik, die gedankenvollen Schwchlinge zu ratlosen Selbstmrdern wie Jurii, die geistig minderwertigen Menschtiere zu perversen Schweinen wie Woloschin und Sarudin, die seelisch und krperlich Starken zu einsamen Spttern und zu rcksichtslosen Lebenstrinkern wie Wladimir Ssanin, der aus allem schwlen Sturm dieses Buches hhnisch und lachend hinausschreitet ins Ziellose, ein Zyniker und doch ein Held, der keinen Menschen hat, aber auch um keines Menschen willen leidet. Man mag erschrecken vor aller Wahrheit, die hier geschildert wird; aber man darf fr diese Wahrheit nicht den Dichter verantwortlich machen, der solche Wahrheit sah und zeigte. Aus dem ernsten Lebensklang seines Buches, aus dem Gang der Handlung, aus dem Kontrast der geschilderten Figuren, aus der Schrfe des Gegensatzes, mit dem der Dichter das Helle gegen das Dunkle stellt, das Kraftvolle gegen die Schwche, gesunde Natur gegen das Verkrppelte und Entartete, die Reinheit gegen die Vertierung, das Ersehnenswerte gegen das wirklich Bestehende -- aus diesen kontrastierenden Farben und Bildern des Werkes wre ohne mhsame Kombination zu erweisen, da dieses erschtternde Werk geschaffen wurde, um an giftige Lebenswunden das brennende Eisen zu legen. Aber mit Worten ist eine solche Absicht im Ssanin nirgends ausgesprochen. Der echte Knstler hat es nicht ntig, seinem grogefaten Werke jenes Moralfhnchen anzuhngen, wie es in der kleinen Fabel des Kinderbuches blich ist. Im Zusammenhange mit allem mutigen Ernste dieses Buches vermag die Darstellung der fr die Handlung unumgnglichen erotischen Szenen einen normalen und gesunden Leser weder sinnlich zu erregen, noch sein Scham- und Sittlichkeitsgefhl zu verletzen. Aber auch losgelst aus dem knstlerischen Zusammenhange dieses Buches, jede der inkriminierten Stellen fr sich allein betrachtet -- so, wie sie in der an mich gerichteten Zuschrift von der Kgl. Staatsanwaltschaft nach Seitenzahlen aufgefhrt wurden -- knnen diese Darstellungen nicht als unsittlich oder unzchtig bezeichnet werden. Diese Schilderungen gehen nie von der Absicht aus, die Lsternheit des Lesers zu erwecken oder eine Wirkung durch die Spekulation auf seine tierischen Instinkte zu erzielen. Hinter all diesen Szenen stehen ernste, psychologische, kulturelle und nationale Werte; die Form der Darstellung ist immer ruhig, abgeklrt, reinlich und vornehm, sie vermeidet mit Geschmack jede Linie und jedes Wort, das ber die Grenzen des knstlerisch Notwendigen und Zulssigen hinausginge. Mit einer einzigen Ausnahme. In der Szene zwischen Jurii und Karssawina -- Seite 440 -- strte mich die textliche Brutalitt der drei Worte auf Zeile 25. Diese Wendung ist geschmacklos, eine stilistische Entgleisung, von der ich nicht entscheiden kann, ob sie dem Dichter oder dem Uebersetzer anzukreiden ist. Ich mchte das letztere vermuten. Im brigen wird die Uebersetzung, von kleinen Nachlssigkeiten der Sprache abgesehen, dem ernsten Charakter des Buches wohl gerecht, so da sie als literarische Arbeit zu bezeichnen ist. Nicht vllig einverstanden bin ich mit einem Abschnitt der Vorrede. Die Behauptung, da der wilde sexuelle Rausch, der einen Teil der russischen Jugend erfate, auf den Ssanin zurckgeht, scheint mir historisch nicht richtig. Ich erwhne das, weil ich mich zu der Bemerkung verpflichtet fhle, da jene Stelle der Vorrede -- Seite VIII -- fr mich den unbehaglichen Beigeschmack einer nicht sehr delikaten Anpreisung des Buches bekam. Es ist mglich, da ein solcher Eindruck in mir vorbereitet war durch den geschmacklosen und marktschreierischen Aufdruck der Buchhndlerschleife, mit welcher der Band verschlossen war. Es ist richtig, da der Ssanin in Ruland verboten wurde. Aber mit dieser Tatsache buchhndlerischer Reklame zu machen, erscheint mir als unanstndig. Und Reklame der gleichen Gattung ist der Aufdruck: Ursprung der sexuellen Revolution. Dieser Reklameschrei, der sich bel an eine literarisch und kulturhistorische Sache anhngt, ist berdies eine Unwahrheit, denn der Ssanin ist weder der Weltanschauungsroman des heutigen Ruland, noch weniger der Ursprung der sexuellen Revolution. Durch _solche Reklame_ wird das Anstandsgefhl eines normalen Menschen verletzt, nicht aber durch dieses knstlerisch wertvolle Buch, das meines Wissens in Ruland nicht aus Sittlichkeitsgrnden, sondern aus politischen Motiven verboten wurde. Denn dieses Buch -- dessen sittlicher Wert allein schon durch das grauenvolle Schicksal dokumentiert wird, dem der Dichter die Gestalt des Masochisten Sarudin berantwortet -- dieses Buch mit seinem flammende Geiste und seiner peitschenden Ironie war geeignet, die russische Jugend aus ihrer seit Jahrzehnten entwickelten, schon _vor_ dem Raskolnikow und Oblomow angebahnten Verirrung und Versumpfung aufzurtteln und zu neuem Widerstande gegen die in Ruland herrschenden politischen Mistnde zu beseelen. Da der Ssanin nach seinem Erscheinen in unreifen Gehirnen und krankhaften Organismen der russischen Jugend mancherlei Miverstndnisse und Verwirrungen anrichtete, das ist dem Dichter und seinem Werke ebensowenig zur Last zu legen, wie die nationale und kulturelle Wirkung Goethes durch die Tatsache zu belasten wre, da sich nach dem Erscheinen der Leiden des jungen Werthers ein paar sensible Schwchlinge aus trichter Eitelkeit erschossen. Geniale dichterische Werke pflegen nach einigen Erschtterungen, die sie bei Unverstndigen anrichten, reinigend zu wirken und gesunde Erneuerungen des Lebens vorzubereiten. Mnchen, den 29. Januar 1909. gez. Ludwig Ganghofer. 7. Gutachten von Dr. Franz Muncker, Professor an der Universitt Mnchen. Mnchen, 7. Januar 1909. Ein Sachverstndigengutachten ber den Roman Ssanin von Artzibaschew in dem ganzen Umfang, wie es von mir gefordert wurde, kann ich nicht abgeben: Zunchst kann ich ber den Wert der Uebersetzung nur mit Einschrnkung urteilen. Das russische Original liegt mir nicht vor, und auch wenn dies der Fall wre, wrde meine -- ziemlich drftige -- Kenntnis der russischen Sprache nicht ausreichen, da ich wirklich ber die Treue und Gte der Uebersetzung sprechen drfte. Von meinen nheren Kollegen an der Universitt wre dazu meines Wissens am ersten Professor Dr. Krumbacher befhigt. Ich kann nur beurteilen, ob das Deutsch, das der Uebersetzer schreibt, gut und knstlerisch ist. Darin sind mir hie und da kleine grammatikalische Sorglosigkeiten, bisweilen auch eine allzu russisch klingende Wendung aufgefallen; im ganzen aber ist die sprachliche Darstellung ungezwungen, frisch und gewandt: die Uebersetzung liest sich wie ein gutes deutsches Originalwerk. Auch ber den kulturhistorischen Wert des Romans habe ich kein eigentliches Sachverstndigenurteil. Von Berufs wegen gehen mich die kulturellen Verhltnisse des modernen Ruland nichts an; was ich von ihnen wei, stammt in der Hauptsache aus den Quellen, aus denen sich jeder andere Gebildete ebensogut wie ich ber solche Dinge unterrichten kann, aus Zeitungen oder aus Gesprchen mit Leuten, die mehr davon zu wissen scheinen. So vermag ich nicht mit Sicherheit darber zu urteilen, ob Ssanin wirklich, wie es in der Vorrede der deutschen Ausgabe heit, die sexuelle Revolution in Ruland hervorgerufen hat, oder ob er nur ein knstlerisches Abbild von dieser Revolution gibt. Da jedoch die in ihm gekennzeichneten philosophisch sittlichen Anschauungen und Freiheiten des geschlechtlichen Lebens tatschlich der Wahrheit entsprechen, steht nach den Berichten der Zeitungen auer Frage. Auch knnte ich mich dafr auf besttigende Aeuerungen berufen, die eine der ersten Persnlichkeiten der Petersburger Universitt, Staatsrat Th. v. Zielinski, hiesigen Freunden -- namentlich auch dem Geheimrat Professor Dr. Crusius hier, dem ich den Roman zu rascher Lektre gab, eben weil ich wute, da Zielinski gerade mit ihm ber diese russischen Verhltnisse ausfhrlich gesprochen hatte; Crusius, einer der grten Kenner alter und neuerer Literatur, stimmt brigens in allem Wesentlichen meinem Urteil ber Ssanin bei -- gegenber getan hat. Durch diese Wahrheit des Inhalts gewinnt der Roman Ssanin, gleichviel wie seine Bedeutung in Ruland selbst geschtzt wird, fr uns deutsche Leser allerdings einen hohen kulturgeschichtlichen Wert; und insofern verdient er zweifellos ins Deutsche bersetzt zu werden. Da er in Ruland verboten worden ist, kann dabei nicht in Betracht kommen. In Ruland wird manches von der Zensur unterdrckt, was bei uns als vortrefflich gilt. Den Roman Ssanin verbot man dort, weil man frchtete, sein Inhalt mchte der dortigen Jugend gefhrlich werden, weil man sah, da diese Jugend die in dem Roman geschilderte freie Liebe und berhaupt die Lebensanschauung des Titelhelden in wildem Rausche praktisch zum Gesetz erheben wolle. Diese Gefahr besteht bei uns durchaus nicht, weil bei uns die ganze revolutionre Grung, berhaupt die politisch sozialen Voraussetzungen fehlen, die in Ruland solchen Bestrebungen die Wege bahnen. Unbestreitbar aber verdiente Ssanin auch um seines literarischen Wertes willen die Uebersetzung ins Deutsche. Mit groer Kraft und Kunst zeichnet der Verfasser eine Reihe von Personen lebenswahr und psychologisch sorgfltig in allen ihren Gedanken, Empfindungen, Reden und Handlungen individuelle Charaktere, die zugleich bedeutsame Typen der verschiedenen Arten von Menschen sind, mit nicht geringerer Kunst erzhlt er eine Reihe von Vorgngen, die sich zu einem lebensvollen Gesamtbilde zusammenschlieen, und trotz der Breite, mit der er das Meiste in ihnen ausmalt, trotz mancher ermdenden Einfrmigkeit der einzelnen Geschehnisse wei er sehr wohl den Leser dichterisch anzuziehen, zu spannen und zu fesseln. Ohne falsche Ueberladung, aber anschaulich und wirksam schildert er bald die Natur, bald Einzelheiten aus dem sozialen Treiben. Ausfhrliche Gesprche ber Religion, Christentum, philosophische Weltanschauung flicht er ein, um die wechselnden Gedanken und Bestrebungen der russischen Jugend genau zu beleuchten. Diese Gesprche erstrecken sich oft ber Dutzende von Seiten; ihnen sind unter anderem die Kapitel 23-25 (S. 276-311), 31-33 (S. 378-409) usw. gewidmet. Mehr als alles brige beweisen diese umfangreichen und nicht immer gerade kurzweiligen Abschnitte, wie ernste Absichten der Verfasser mit seinem Roman verfolgte. Wer mit unreinen sinnlichen Begierden zu dem Buche greifen wrde, den mten diese Abschnitte unbedingt abschrecken. Er kme aber auch sonst wohl nicht auf seine Rechnung, obwohl von geschlechtlichen Regungen und Handlungen mehrfach in dem Roman die Rede ist. Was der Verfasser an solchen Stellen erzhlt, das scheint mir meistens zur Charakteristik der Menschen und der Zustnde, um die es sich handelt, knstlerisch und psychologisch geradezu notwendig; wie er es aber erzhlt, beweist durchaus den vornehmen Schriftsteller, der rein sachlich, objektiv episch darstellt und von jeder Lsternheit weit entfernt ist. Ich gehe sogleich zu den einzelnen Stellen ber, die in dem gerichtlichen Schreiben an mich vom 28. Dezember 1908 besonders hervorgehoben sind. S. 88-90. Die Hingabe Lydas an Sarudin ist eines der Grundmotive des Romans, als solches daher unentbehrlich. Die Darstellung dieser Hingabe ist ganz sachlich, fast nchtern, von jeder Beschnigung durch den Erzhler, von jeder lstern schlpfrigen Ausmalung frei; streng genommen wird nur das fieberhafte Verlangen Lydas vor dem Akt der Hingabe selbst charakterisiert und zwar durch kurze Andeutungen. Fr kleine Mdchen und unreife Jngelchen sind diese Andeutungen freilich nicht, der ausgewachsene, normal empfindende Leser aber kann in ihnen nichts Unsittliches entdecken. S. 94 u. 96. Wo hier berhaupt etwas Unsittliches liegen soll, kann ich nicht herausbringen. Ebenso geht es mir bei S. 211-213 und 465-466. S. 196-197. Es handelt sich um die Charakteristik eines gemeinen Lstlings, deren Berechtigung in einem Roman kein literarisch verstndiger Mensch leugnen wird. Dieser Charakteristik dient die rohe Rede. Aber der Verfasser streicht selbst das roheste Wort und deutet es nur unbestimmt an, so da es der Leser nicht einmal mit Sicherheit ergnzen kann. Er weicht hier also geradezu dem aus, was das Schamgefhl des Lesers verletzen knnte. S. 231-233 und 236. Eine sittlich verwerfliche Anschauung wird von dem Helden des Romans ausgesprochen, den der Dichter aber keineswegs als Ideal gezeichnet hat, dessen Gesinnungen er in keiner Weise billigt. Dabei werden verschiedene rcksichtslose Ausdrcke (z. B. das Wort schwanger) gebraucht, allein noch besonders hervorgehoben, da diese unverblmte Rede die schuldige Hrerin aufs tiefste beschmte. Wie diese Stellen aber das Sittlichkeitsgefhl des normal empfindenden Lesers verletzen sollen, ist mir unfabar. S. 246-248. Ssanins Worte sind roh, aber ohne jeden lsternen, geschlechtlich erregenden Sinn. Die knstlerische Wahrheit erforderte brigens gerade hier unbedingt die Roheit des Ausdrucks, und die grbste Stelle in Ssanins Rede (S. 248) ist vom dichterischen Standpunkt aus ebenso notwendig wie etwa die Schimpfwrter, die der sterbende Valentin in Goethes Faust ausstt. S. 316-318. Wieder handelt es sich um die Charakteristik zweier elender Gesellen, die der Verfasser berdies wiederholt als schamlos bezeichnet. Ganz objektiv nchtern berichtet er ber ihre gemeinen Reden, die er verurteilt, deutet aber von diesen Reden nur das Ntigste an, und lt ihre unzchtig-witzige Pointe nicht einmal ahnen. Die Stelle ist geradezu ein Beweis dafr, da er nichts weniger als lstern wirken will, sonst htte er von dem Gesprch der erbrmlichen Patrone, sogar mit einem Schein von knstlerischer Berechtigung, viel mehr mitteilen knnen. Was er sagt, ist kaum unsittlicher als was bei einer Verhandlung ber seinen Roman im Gerichtssaal Anklger und Verteidiger auch sagen mten. Denn auch aus seinen Worten klingt berall der sittliche Ernst heraus; sein sittliches Urteil schwankt nicht einen Augenblick, hier so wenig wie an anderer Stelle des Romans. S. 419-421. Das Gesprch der zwei Mnner, ob man eine nackte Frau betrachten drfe oder nicht, ist rein theoretisch, von jeder Roheit oder Niedrigkeit frei, die folgende Szene aber, wie beide die badenden Mdchen beobachten, ist so einfach, fast naiv, jedenfalls dichterisch so hbsch, da sie einen gebildeten, rein empfindenden Leser ebenso wenig verletzen kann, wie etwa ein schnes Gemlde, das eine nackte Frau zeigt. Jede unsittliche Wirkung ist hier ausgeschlossen, wenn die Phantasie des Lesers nicht an sich schon verdorben ist. S. 430 u. 435. Rein sachlich, ohne Lsternheit von seiten des Schriftstellers, wird hier ausgesprochen, da sich in die Liebesgedanken Juriis auch sinnlich begehrliche Vorstellungen einmischen. Solange nicht bewiesen wird, da so etwas bei einem jungen Mann, der von wirklicher Liebe erfllt ist, niemals vorkommt, kann ich das Anstige oder Verwerfliche dieser Darstellung nicht verstehen. S. 439-443 und 470-473. Sinnlich geschlechtliche Vorgnge werden hier allerdings dargestellt, aber in sachlicher, nchtern objektiver Weise ohne lsterne Zutat. Die Vorgnge selbst sind im Gefge des Romans unentbehrlich; die Form der Darstellung aber kann nicht unzchtig wirken, weil sie einen rein geschichtlichen Charakter trgt. Wollte man um dieser Szenen willen das Buch verurteilen, so mte man vorher zahllose Werke alter und neuer Literatur verbieten, so z. B. allerlei griechische, lateinische, italienische, franzsische, englische, ltere wie moderne deutsche Dichtungen berhmter Autoren, besonders auch mehrere Erzhlungen Wielands und Heinses, die viel reicher an hnlichen, nur zwanzigmal sinnlicheren Stellen sind als der Roman Ssanin. S. 494. Auch hier fehlt jede Lsternheit in dem geschichtlich nchternen Bericht, von Unsittlichkeit kann keine Rede sein. Ueberblicke ich alle diese Stellen auf einmal und fasse zugleich den Sinn und Inhalt des ganzen Romans zusammen, so kann ich nirgends etwas wahrnehmen, was als unzchtig gelten knnte. Regungen einer starken Sinnlichkeit werden in den Personen des Romans geschildert, entsprechend den kulturgeschichtlichen und sozialen Absichten, die der Verfasser als knstlerischer Darsteller der modernen russischen Jugend verfolgt. Das Buch ist somit keine Lektre fr unreife Leser, fr Kinder oder fr Ungebildete. Solche knnten sich allerdings an einzelne unverstandene Szenen halten und dann allerlei Ansto daran nehmen; die Schuld daran trge aber nur ihr eigener literarisch und moralisch nicht gengend ausgebildeter Geist. Normal empfindende Leser, die auch die ntige knstlerische Bildung besitzen, knnen meines Erachtens unmglich in ihrem Scham- und Sittlichkeitsgefhl durch diesen Roman verletzt werden; solche Leser werden vielmehr die Anklage und eine etwaige Verurteilung des Romans, wenn diese aus mir unbekannten juristischen Grnden mglich sein sollte, nicht verstehen knnen. gez. Dr. Franz Muncker. 8. Gutachten des kgl. Oberstudienrats J. Nicklas in Mnchen. Der Roman Ssanin von Artzibaschew ist nach meiner Meinung eine Publikation ohne knstlerischen bezw. literarischen Wert. Das Werk, das die jetzige Jugend Rulands schildern will, wie sie von revolutionren Ideen und Handlungen zur Erotomanie berging, entbehrt vor allem des Rckgrates eines jeden literarischen Kunstwerks, der Handlung und der Charaktere. Der Verfasser lt seine Helden, die mit Ausnahme des Egoisten Ssanin blasierte, abgelebte, lsterne, erbrmliche junge Leute sind, lediglich Zigaretten rauchen, in breiter, selbstgeflliger und geschwtzigster Weise ohne tiefere Kenntnis der Welt ber alles mgliche, namentlich ber ihre weltschmerzlichen Gefhle Raisonnements anstellen; da sie sich in ihrem berreizten Empfinden in der Welt nicht zurechtfinden und keinen Begriff von der Bedeutung der Pflicht und der Arbeit haben, gefallen sie sich fortgesetzt in nichtigen Gefhlsentladungen und suchen den Wert des Lebens in der Befriedigung sexuellen Genusses. Nur die Darstellung der psychologischen Vorgnge in der Brust der gefallenen Mdchen Lyda und Karssawina erhebt sich zu einer gewissen literarischen Bedeutsamkeit. Die Uebersetzung ist in flieender und gewandter Sprache gegeben, wenn sie auch nicht immer frei ist von Inkorrektheiten. Eine kulturhistorische Bedeutung, wie sie etwa Goethes Werthers Leiden hat, oder gar einen wissenschaftlichen Wert kann ich dem Buche nicht beimessen; denn auch ohne diesen Roman hat die Welt Kenntnis von den gegenwrtigen soziologisch wichtigen Verhltnissen Rulands und von seiner Jugend. Diese Bedeutung kann das Werk schon deshalb nicht haben, weil das Geschlechtsproblem nicht in ernster, zurckhaltender und taktvoller Weise behandelt ist, sondern weil die Absicht des Verfassers immer wieder allzu deutlich hervortritt, unter dem Deckmantel knstlerischer Offenbarung auf den Kitzel niedriger Sinnlichkeit und auf gemeine und teilweise perverse Instinkte zu spekulieren. Geradezu abstoend, ekelerregend und schamlos sind die unfltigen Szenen, in denen ausfhrlich, eingehend und mit breiter Behaglichkeit dargestellt wird, wie Sarudin gegenber Lyda, sowie Jurii und besonders Ssanin dem Mdchen Karssawina gegenber sich benehmen. (S. 211 ff., 430 ff., 439 ff., 470 ff.) Diese Darstellungen haben mit Kunst gar nichts zu schaffen, da sie nicht die mindeste sthetische Befriedigung hervorrufen und himmelweit entfernt sind von einer Erhebung zu hherer sittlicher oder sthetischer Auffassung; sie gehen nur darauf aus, die Lsternheit zu erwecken. Schon diese Stellen allein wrden das Urteil rechtfertigen, da das Buch geeignet ist, eine Verwirrung in die Vorstellungen von Sittlichkeit zu bringen; aber auch noch viele andere Partien sind geeignet, die normalen sittlichen Empfindungen der Leser zu verletzen. (S. 233, 248 ff., 311, 316 ff., 338, 419 f., 494.) Auch das Vorwort, besonders S. VIII, wo von der Organisation der Ssaninisti und von Verbindungen zum freien Geschlechtsgenu unter Gymnasiasten und Gymnasiastinnen die Rede ist, ist angetan, die Jugend sittlich zu gefhrden; es ist dies umsomehr zu befrchten, als anzunehmen ist, da das Buch, falls es frei gegeben wrde, besonders von der Jugend gelesen werden wrde. Die Rcksicht auf die krperliche und seelische Gesundheit unserer Jugend verlangt gebieterisch, die deutsche Jugend vor der Lektre solcher literarischer Erzeugnisse zu schtzen, und zwar umsomehr, als die Welt nichts verliert, wenn das in Ruland beschlagnahmte Buch auch in Deutschland verboten wird. Mnchen, 15. Januar 1909. gez. J. Nicklas, K. Oberstudienrat. 9. Gutachten des Dr. H. Schneegans, Univ.-Professor, Wrzburg. Dem mir im Schreiben des kgl. Untersuchungsrichters E. A.-V.-Z. VII 610-08 Tab. Nr. 73/08 E. vom 28. Dezember 1908 auferlegten Auftrage, ein Gutachten abzugeben ber den literarischen und kulturhistorischen Wert des Romans _Ssanin_ von Artzibaschew, ber die wissenschaftliche Bedeutung der Behandlung erotischer Fragen in ihm und die Gte der Uebersetzung, sowie darber, ob die Darstellung geschlechtlicher Vorgnge (s. insbesondere S. 88-90, 94, 96, 196-197, 211-213, 231-233, 236, 246-248, 316-318, 419-421, 430, 435, 439-443, 445-446, 470-473, 494) durch die vorherrschenden wissenschaftlichen Zwecke dermaen in den Hintergrund gedrngt wird, da das Scham- und Sittlichkeitsgefhl des normal empfindenden Lesers nicht verletzt wird, erlaube ich mir im folgenden nachzukommen. Zunchst glaube ich feststellen zu mssen, da nach meiner Ansicht im Roman von einer _wissenschaftlichen_ Bedeutung oder Tendenz keine Rede sein kann. Ich wte nicht, welche wissenschaftlichen Zwecke hier vorherrschen sollten. Eine wissenschaftliche Belehrung ber erotische Fragen will der Roman nicht geben. Er ist nicht wissenschaftlicher als irgend ein anderer Roman. Es wre ein ungerechtfertigter Mibrauch, wenn er diesen Namen beanspruchen wollte. Eine andere Sache ist es natrlich, ob man vielleicht in spterer Zeit aus der Darstellung erotischer Vorgnge, resp. der Errterung erotischer Fragen in diesem Roman fr eine Kulturgeschichte Rulands im zwanzigsten Jahrhundert Nutzen wird ziehen knnen. Das glaube ich allerdings, doch gilt das mutatis mutandis von jedem kulturgeschichtlich interessanten Roman. Was die _literarische_ Bedeutung des Romans betrifft, so ist er an und fr sich als dichterische Komposition nach meinem Dafrhalten keine hervorragende Leistung. Die ziemlich lose aneinander gereihten Bilder der Liebesverhltnisse miger russischer Kleinstdter vermgen kein sonderliches sthetisches Interesse zu erwecken. Es fehlt dem Roman an Geschlossenheit der Handlung und an der Erzhlung einer spannenden Begebenheit, die Personen sind nicht alle scharf gezeichnet, einige Nebenfiguren heben sich nicht von den andern ab. Im schnsten gelungen ist die Schilderung der Naturvorgnge und am tiefsten die Darstellung der psychischen Zustnde der einzelnen Personen. Die wirkliche Bedeutung des Romans ist aber gewi nach der _kulturgeschichtlichen_ Seite zu suchen. Darber sagt treffend das Vorwort S. VIII: Man wird die gegenwrtige Epoche, also die, welche die revolutionre ablste, psychologisch und soziologisch nicht beurteilen knnen, ohne den Ssanin als ihren charakteristischen Niederschlag in den Mittelpunkt der Betrachtung zu ziehen. Nach dem Scheitern der Revolution zog sich die Intelligenz in Ruland, wie aus S. X, XI hervorgeht, von der Politik zurck. Man suchte nach dem Neuen. Dieses Neue fand man, wie es scheint, in der praktischen Ausbung der freien Liebe. Man sah, da es Gebiete des tglichen Lebens gab, die, trotzdem sie polizeilich nicht strafbar, doch ganz annehmlich waren. Aber niemals htte man diesem Beispiel zu folgen gewagt, wenn nicht in diesem Zeitpunkt das erlsende Wort fr die unbewuten Empfindungen gesprochen worden wre. Dieses Wort sprach Ssanin aus. Deshalb gilt nach dem Vorwort Artzibaschew als der charakteristische Vertreter des heutigen Ruland. Der Roman scheint ungeheuren Anklang gefunden zu haben, da nach kurzer Zeit die 10000 Exemplare der ersten Auflage vergriffen waren. Fr jeden gesunden Menschen, heit es im Vorwort S. XII ist in einem Lande, wo die geistige Bewegungsfreiheit vollstndig eingeengt ist, die sexuelle Schmackhaftigkeit die zureichendste. Hierin nun kommt Ssanin den oben erwhnten sozialen Unterstrmungen entgegen und weist ihnen den offenen Weg. Wenn das in der Tat in Ruland zutrifft, so bedeutet das fr die russische Gesellschaft zugleich den Bankerott in sittlicher und infolgedessen auch in politischer Beziehung. Deshalb drfte in letzterer Hinsicht das Buch weit entfernt sein, eine Gefahr fr die russische Regierung zu bedeuten. Die schwachen, jedem Liebestaumel sofort erliegenden und bei jeder Schwierigkeit zum Selbstmord als letzter Zuflucht greifenden Menschen, die der Roman darstellt, sind keine Revolutionre, die den Staat in irgend welche Gefahr strzen knnten. Ssanin, der Held des Romans, ist ein blasierter, gleichgltiger, kalter Egoist. Er hat so wenig Piett gefhlt, da er z. B. seine Mutter als Idiotin bezeichnet, er hat so wenig Sinn fr Freundschaft, da er auf dem Grabe eines Freundes, dem er die Geliebte geraubt hat, als man ihn bittet, auf ihn eine Grabrede zu halten, antwortet: Was ist hier zu reden? Die Welt ist um einen Dummkopf rmer geworden, das ist alles; er ist so frei von moralischen Bedenken, da er z. B. seiner schwangeren Schwester den Rat erteilt, sie mchte die Frucht ihres Leibes abtreiben. Den hchsten Zweck der Menschheit erblickt er in folgendem: Er trumt immer von der glcklichen Zeit, wo zwischen den Menschen und dem Glck nichts mehr stehen wird, wo der Mensch sich frei und furchtlos allen ihm zugnglichen Genssen hingeben kann ... Die Menschen sollen die Liebe genieen ... ohne Furcht und Entsagung ... ganz schrankenlos ... Und dann werden sich auch alle Formen der Liebe in eine endlose Kette von Zuflligkeiten, Ueberraschungen und Verbindungen erweitern. S. 469. Und diese Freiheit gilt nach diesem russischen Evangelium ebenso fr die Frauen wie fr die Mnner. Heit es doch nach S. 179: Entweder msse man ewige Keuschheit bewahren oder sich _und auch der Frau_ natrlich volle Freiheit gewhren, um sich dem Genu der Liebe und Leidenschaft voll und ganz hinzugeben. So werden wir uns nicht wundern, da Ssanin dem Liebhaber seiner Schwester Nowikow gegenber es zu rechtfertigen sucht, da sie sich einem andern Mann vorher hingegeben hat. Es sei nicht schlimmer, als wenn _er_ eine Frau vorher geliebt habe. Und diesem Gedanken gibt er den drastischen Ausdruck: Wie oft bist du auf dem Bauch irgend einer Hure herumgerutscht, hast dich geil vor Gier gewunden, betrunken und schmutzig wie ein Hund. Aus dieser Stelle mag sogleich hervorgehen, wie kra die Ausdrucksweise des Buches ist. Da ein Roman, der in Liebesfragen eine so vollstndige Freiheit predigt, auch in der Schilderung erotischer Dinge kein Blatt vor den Mund nimmt, ist selbstverstndlich. Freilich einige der oben als das sittliche Gefhl besonders verletzenden angefhrten Stellen sind im Ausdruck nicht so sehr derb. (S. 94, 96, 196-197, 211-213, 430, 435, 465-466, 494.) -- Dagegen sind die Stellen 88-90, 316-318, 419-421, 439-441, 472 recht krftig. Immerhin sprechen sie nicht in unverhllterer Weise von erotischen Dingen als zahlreiche Stellen in den Romanen Zolas (so in Nana, Pot Bouille, Germinal, Fcondit, oder in Daudets Sapho, oder in zahllosen anderen franzsischen Romanen, die in aller Hnden sind. Ob obige Stellen das Scham- und Sittlichkeitsgefhl des normal empfindenden Lesers verletzen, ist sehr schwer zu sagen. Einem in der modernen Literatur nur einigermaen bewanderten Leser werden sie nicht besonders auffallen. In der antiken Literatur oder der Renaissanceliteratur aller Kulturvlker, namentlich Italiens und Frankreichs, finden sich Stellen, die noch viel freier von der physischen Liebe reden. Eine Lektre fr die heranwachsende Jugend ist das Buch natrlich nicht. Doch ist es weniger die Darstellung erotischer Vorgnge, als die Predigt einer ganz schrankenlosen, ber jedes sittliche Bedenken sich hinwegsetzenden egoistischen Liebe -- oder um dieses schne Wort nicht zu entwrdigen, Befriedigung niederer Instinkte --, die auf die Jugend verderblich wirken knnte. Ein in seinen Grundstzen nur einigermaen gefestigter Leser wird das Buch viel eher als document humain auffassen und auf die wenig interessanten Persnlichkeiten des Buches das Wort Dantes anwenden: _Non ragioniam di lor, ma guarda e passa._ (Sprechen wir nicht von ihnen; schau sie an und gehe deines Weges). Was endlich die Uebersetzung anlangt, so ist ber die Gte derselben ein wissenschaftliches Urteil nicht abzugeben, wenn man nicht das Original zum Vergleich daneben hlt. Uebrigens wre es mir gegebenenfalls nicht mglich, diesen Vergleich anzustellen, da ich kein Russisch verstehe. So kann ich denn nur im allgemeinen sagen, da die Uebersetzung sich leicht und flssig liest. Nur einige Ausdrcke fielen mir auf, die sich deutsch merkwrdig ausnehmen. So S. 11, wenn von dem _gedunsenen_, aber gut gebauten und krftigen Krper die Rede ist, oder den Ausdruck S. 24 Als Lyda an den Mnnern vorberschritt, _zog_ sie den ganzen Krper ein wenig an oder S. 48 wenn vom versterbenden Tag gesprochen wird, oder S. 242 Was _gehst_ du denn gleich in die Hhe? statt springst du oder etwas hnliches. Damit meine ich auf alle Punkte, ber die ich befragt worden bin, eine Antwort erteilt zu haben. Eines kgl. Landgerichts hochachtungsvoll ergebener gez. Dr. H. Schneegans, Kgl. Univ.-Professor. 10. Gutachten von Wilhelm Weigand. Der Aufforderung des K. Landgerichts Mnchen 1. ein Gutachten ber den russischen Roman Ssanin von Artzibaschew (bersetzt von Andr Villard und S. Bugow, Georg Mllers Verlag) abzugeben, komme ich hiermit nach. Ich mchte gleich bemerken, da ich das Einschreiten des Staatsanwalts gegen das Buch fr einen ganz entschiedenen Migriff halte. Man mag ber den dichterischen Wert des Romans verschiedener Meinung sein; aber die groe kulturhistorische Bedeutung des Buches steht auer Frage. Das ganze gebildete Lesepublikum Europas ist darber einig. Der Roman Ssanin ist ein hochbedeutendes Dokument des gegenwrtigen russischen Lebens, auf das der Betrachter und Forscher immer wieder zurckkommen wird, schon weil sein Einflu und seine Wirkung historisch geworden sind. Er nimmt eine hnliche Stellung ein, wie sie Turgenjeffs Roman Vter und Shne fr die ltere Generation in Ruland hatte. Ich gestehe, da ich viele Momente des gegenwrtigen geistigen Lebens in Ruland erst nach der Lektre dieses Buches verstanden habe. Der Autor zeigt, wie die Kontre-Revolution auf die sogenannten Intellektuellen gewirkt hat; er zeigt, wie die westeuropische Naturwissenschaft (Darwin, Haeckel) und die Ideen Nietzsches auf die Jugend wirken. Der Einflu, den der Roman in Ruland hatte und auch in der Presse vielfach errtert wurde, ist bezeichnend fr die Krise, die die russische Gesellschaft gegenwrtig durchmacht. Die Wirkung, die das Buch in Ruland hatte, ist fr Deutschland und Westeuropa ausgeschlossen. Ueber den dichterischen Wert des Ssanin kann man, wie gesagt, verschiedener Meinung sein; er ist nicht so gro wie der kulturhistorische. Der Held ist eine konstruierte Gestalt. Er ist mehr dazu da, die anderen zu treiben, als da er selbst handelnd eingriffe. Das ist echt russisch. Das Buch ist ferner, wie die meisten russischen Romane, nicht besonders gut komponiert, aufgebaut. Doch dies sind Fragen, die nur insofern zur Erwgung stehen, als sie die Frage nahe legen, ob der Roman fr Massenabsatz geeignet ist. Es fehlt aber durchaus nicht an sehr schnen dichterischen Stellen in dem Buch. Keinesfalls aber hat der Autor Zwecke verfolgt, die im Sinne unseres Strafgesetzbuches verfolgbar wren. Die Stellen, die durch die Darstellung geschlechtlicher Vorgnge auf das Scham- und Sittlichkeitsgefhl des Normallesers verletzend wirken sollen, sind im Verhltnis zu dem dickleibigen Roman gar nicht zahlreich. Einen sogenannten _Normalleser_, der von dem Staatsanwalt namhaft gemacht wird, kenne ich allerdings nicht. Es kann, wie jeder ohne weiteres zugeben wird, sehr wohl sein, da sich einzelne Leute, die gewissen Kulturschichten angehren, durch die inkriminierten Stellen verletzt fhlen; aber es gibt hundert Meisterwerke der Weltliteratur, von denen man dasselbe sagen kann: Goethe, Shakespeare, um nur die Grten zu nennen, bieten Gelegenheit zu derartigen Schnffeleien. Der Autor ist ferner durch die Schilderung erotischer Vorgnge in keiner Weise aus dem knstlerischen Ton des Buches herausgefallen, es ist einheitlich. Er unterstreicht nichts, um der Sensation willen. Er gibt nur das Ntigste. Er treibt Psychologie als Russe, und wir wissen, in welcher Weise die groen russischen Romandichter die analytische, oder sagen wir, zerfasernde Methode lieben. Als Knstler konnte er die psychologische Zergliederung der erotischen Momente gar nicht auer acht lassen, und er hat es ohne jede Nebenabsichten getan. Ich wiederhole noch einmal, da sich das Buch an Intellektuelle wendet. Nur fr solche kann der Roman Interesse haben; denn stofflich ist er nicht allzu reizend fr europische Leser, und schon dadurch, da er sich an das gebildete Publikum wendet, ist die Gefahr, da er demoralisierend wirken knne, ganz ausgeschlossen. Wohin kommen wir, wenn schon solche Dokumente der Zeit nach Einzelheiten beurteilt werden, die eine reine Geschmacksfrage, aber keine Moralfrage sind! Ich kann also nur betonen, da ich das Vorgehen des Staatsanwalts gegen den Ssanin fr einen sehr bedauerlichen Migriff halte. Es gibt in der gegenwrtigen deutschen Romanliteratur viele Bcher, die viel aufstachelnder wirken, obwohl kein Wort in ihnen steht, das eine uere Handhabe zum Einschreiten bte. Auch hier heit es: _C'est le ton, qui fait la musique._ Meinem Gutachten mchte ich zum Schlusse nur beifgen, da es mir nicht mglich sein wird, der Verhandlung selbst anzuwohnen, da ich auf der Pariser Nationalbibliothek fr einige Zeit beschftigt sein werde. Meinem Gutachten knnte ich brigens auch mndlich im wesentlichen nichts neues hinzufgen. Mnchen, den 8. Januar 1909. gez. Wilhelm Weigand. Vorwort Der Ssanin wurde zuerst fortsetzungsweise in der Zeitschrift Sowriemenni Mir verffentlicht. Bei der Bedeutung, die die groen literarischen Revuen fr das geistige Leben Rulands besitzen, ist es kein Wunder, da man sofort ganz allgemein zu ihm Stellung nahm. Als der Roman dann in Buchform erschien, war die erste Auflage in wenigen Wochen vergriffen. Die zweite folgte nach kurzer Zeit; das offizielle Verlagsregister gibt ihren Umfang auf 10000 Exemplare an. Wenige Wochen spter wird sie auf Anordnung der Zentral-Zensurbehrde konfisziert. Das ist fr die Wichtigkeit, die man dem Roman in den Kreisen der russischen Regierung beima, erwhnenswert; fr gewhnlich gehen die zensorischen Manahmen von den Gouvernementsbehrden aus. Aber das Verbot des Ssanin war ein Schlag ins Wasser; bei der Konfiskation in den Buchhandlungen fand sich fast kein Exemplar mehr vor. Auf diese zweite Auflage war sehnschtig gewartet worden; man hatte schon in der Zwischenzeit fr gelesene Exemplare 30 und 40 Rubel bezahlt; das Publikum verschlang auch diese Auflage in wenigen Tagen. Einer dritten, die vor kurzem in Deutschland erschien, wird es wohl hnlich ergehen; in keinem anderen Lande wie in Ruland sind Verbote nur dazu da, um erlassen zu werden. Umgangen werden sie doch und von den revolutionren Jahren her ist der Schriftenschmuggel eine liebgewordene Ttigkeit. Artzibaschew gehrt seit seinem Ssanin zu den Personen, deren Name unumgnglich mit der Geschichte ihrer Zeit verknpft ist. Durch seine sozialen Wirkungen allein ist der Ssanin aus der Reihe der Werke, die nur literarisch zu werten sind, ausgeschieden. Selbst wenn er nicht durch seine knstlerischen Qualitten zu einer der wichtigsten Erscheinungen in der modernen Literatur Rulands geworden wre, htten ihm doch kulturhistorische Grnde bleibende Bedeutung gegeben. Man wird die gegenwrtige Epoche, also die, welche die revolutionre ablste, psychologisch und soziologisch nicht beurteilen knnen, ohne den Ssanin als ihren charakteristischsten Niederschlag in den Mittelpunkt der Betrachtung zu ziehen. Es ist hier nicht der Platz, die Ereignisse in Ruland, welche sich um diesen Roman kristallisiert haben, im einzelnen zu schildern. Der wilde sexuelle Rausch, der auf den Ssanin zurckgeht, hat auch schon genug von sich hren lassen. Die Organisationen der Ssaninisti, die Propaganda-Vereine der freien Liebe, die Verbindungen zum ungehinderten Geschlechtsgenu unter Gymnasiasten und Gymnasiastinnen, die orgiastischen Klubs, die flschlicherweise behaupteten, die Weltanschauung des Ssanin zu vertreten und es jedenfalls mit Verve taten, haben nur das Recht der Geschmacklosigkeit fr sich; es lohnt sich nicht, ihrer Existenz durch Errterungen selbst absprechender Art neues Leben zuzufhren. Interessanter ist die Feststellung, wie es berhaupt dazu kam, da ein ganzes Volk fr seine Gesamtuerungen mit einem Mal nur noch erotische Beziehungen finden konnte. Und da ein einziges Werk -- eben der Roman Ssanin -- gengt, um sie hervorzurufen und sie mit seinem Namen zu decken. -- -- -- Die einzige Antwort ist: Ein russisches Volk existiert gar nicht. Da leben hundert Millionen von Mushiks, die ihr Stckchen Feld bestellen, sich bei Miernten zu Tode hungern, abwechselnd auch an Epidemien zugrunde gehen, zwischendurch mit Vergngen den Kulak -- ihren Dorfwucherer -- totschlagen wrden und auerdem darauf warten, da einmal die groe Landaufteilung kommt. Und sie wird kommen, der russische Mushik wird zum freien Bauern werden und aus den breiten unberhrten Krften, deren Naivitt und Intensitt schon heute jeden entzckt, der sie zum Vorschein kommen sieht, -- Tolstoi kennt sie, Gorki nicht -- wird das groe, russische Volk erstehen. Gegenwrtig existiert kein russisches Volk. Wohl aber eine russische Gesellschaft, die den Charakter des nationalen Lebens ausprgt. Einst beschrnkte sie sich auf den Adel -- die Zeiten sind lngst vorbei. Heute umfat sie die Schichten der akademisch gebildeten Berufe. Die Reprsentantin des modernen Rulands ist die studierende Jugend, und was ihr entstammt -- _die Intelligenz_! Dieses Wort wurde in Ruland nicht umsonst zu einem soziologischen Begriff; es bezeichnet die Klasse, an die die aktive Entwicklung des Volkes gebunden ist und in der sie sich in politisch-soziale Formen umsetzt. Die russische Intelligenz war Jahrzehnte lang revolutionr; so stand ganz Ruland im Banne der Revolution. In dieser Epoche strmten Weltanschauung, Moral, soziale Energien in dem einen groen Becken zusammen -- -- -- Kampf gegen die bestehenden Verhltnisse. Fr das Geschlechtsproblem war damals kein Platz. Die freie Liebe existierte hchstens als ein Punkt des sozialistischen Programms. Aber auch ein Punkt, von dem man nicht viel sprach, da man kein Interesse an ihm nahm. Wer in jener Zeit und in jenen Kreisen wirklich ungetraut mit seiner Frau zusammenlebte, stand auf der hchsten Spitze der Entwicklung; auf den Gedanken, in der Liebe tatschliche Freiheit zu suchen, kam man nicht. Man hatte ja auch gar keine Zeit, _die Liebe_ zu suchen, -- -- man suchte die Revolution. Sie beanspruchte alle Krfte; sie verlangte viel. Sie war die stille Frau, der alle Empfindungen zugehrten, ohne Sentimentalitt aber voll Innigkeit. Die freie Liebe der Revolutions-Epoche war eine gesetzlich nicht geschtzte Einehe, die monogamer gehalten wurde, als manche hochzeitliche Verbindung, vor und hinter welcher der Pope stand. Und die revolutionre Bewegung, die damals die gesamte Intelligenz umfate, htte ber jeden ihr wtendes Anathema ausgesprochen, der es wagen wollte, gegen ihre so ganz gewhnliche, so ganz gut brgerliche, so mehr als brgerliche Moral zu verstoen. Die Revolution ging in Stcke, die revolutionren Parteien zerfielen, lsten sich auf; die Intelligenz zog sich von einer Bettigung zurck, in der es nur, wenn man Glck hatte, ein vergngtes Ende am Galgen, sonst ein langwieriges und -weiliges Hinvegetieren in Gefngnissen und der Zwangsarbeit gab. Doch die aufgepeitschten Erregungen des nationalen Temperaments lieen sich nicht einfach in die Ecke stellen. An ein stillverlaufendes, gemigtes Leben war man nicht gewhnt; man konnte es auch nicht werden, da die Manahmen der Regierung auf keinem sonstigen Gebiet freie Bahn lieen. Man suchte nach dem Neuen. Die Organisationen der Anarchisten haben den Vorzug, noch ehe man an Artzibaschew und seinen Ssanin dachte, den Weg dahin gewiesen zu haben. Nachdem der offene revolutionre Kampf unmglich geworden war, fhrten sie die terroristischen Aktionen in das Alltagsleben ein. Man warf Bomben zum Morgenimbi und machte Expropriationen zum Nachmittagstee -- am Abend hing man am Galgen, -- eine Tageseinteilung, die auf die Dauer auch den kaltbltigsten Menschen in besondere seelische Schwingungen versetzen kann. Derartige Vibrationen lsen sich am leichtesten in geschlechtlichen Reizen aus; die terroristischen Gruppen der Anarchisten waren die ersten, in denen die praktische Ausbung der freien Liebe zur Notdurft wurde. Die Nachrichten hierber verbreiteten sich bald in den Kreisen der russischen Gesellschaft, in der Intelligenz; man sah, da es Gebiete des tglichen Lebens gab, die, trotzdem sie polizeilich nicht strafbar, doch ganz annehmlich waren. Aber niemals htte man diesem Beispiel zu folgen gewagt, wenn nicht in diesem Zeitpunkt das erlsende Wort fr die unbewuten Empfindungen gesprochen worden wre. Im Anfang steht das Wort; -- wenigstens in Ruland noch immer. Man tut nichts, was einem nicht schwarz auf wei ins Haus getragen wird. Und dieses Wort spricht Ssanin aus, um dieses Wortes willen ist Artzibaschew der charakteristische Vertreter des heutigen Ruland. Ssanin sieht, da die revolutionre Politik keinen persnlichen Nutzen bringt, wie sie auch -- gegenwrtig -- nicht einmal einen sozialen Zweck nachweisen kann. Da fr ihn weiter der persnliche Nutzen im sexuellen Genu zu liegen scheint, kommt dabei erst in zweiter Linie in Betracht; -- das erste und wichtigste ist wohl, da in diesem Ruland, wo man bisher nur die eine Wertbemessung kannte -- wem anderem gereichen unsere Handlungen zum Guten -- endlich einer hinausschreit: Ich lebe fr mich. Ich pfeife auf unsere Konstitutionen der Welt, die uns nichts angehen. Fr jeden gesunden Menschen ist in einem Lande, wo die geistige Bewegungsfreiheit vollstndig eingeengt ist, die sexuelle Schmackhaftigkeit die zureichendste. Hierin nun kommt Ssanin den oben erwhnten sozialen Unterstrmungen entgegen und weist ihnen den offenen Weg. So wurde der Roman Ssanin zum Programm der Gesellschaft. Und als Programm hatte er die ungeheuren Wirkungen, wie vor ihm nur drei Werke: Jewgenii Oniegin, Vter und Shne, die Kreuzersonate. Die seinen sind noch umfassender und eindringlicher, weil er sich in seinen Gesichtspunkten an weitere Kreise wendet; er hat die Jugend hinter sich. Ssanin ist sicher fr sein Land zu einem der revolutionrsten Werke der Weltliteratur geworden. Wohl noch niemals wurden durch ein Buch in so kurzer Zeit die gesamten Anschauungen einer Gesellschaft von Grund aus verndert zum Ausdruck gebracht. Und doch ist der Ssanin gleichzeitig das Buch der Contre-Revolution. Nichts hat in Ruland die sozialrevolutionre Bewegung, nachdem sie zum Stillstand gekommen war, so endgltig der Zersetzung zugefhrt, wie Ssanin mit seiner erotischen Suggestion. Die Freudenfeste, die man in seinem Namen beging, waren die Leichenfeiern der Revolution, und die russische Regierung htte wohl im Grunde wenig dagegen einzuwenden gehabt, da die Jubelhymnen der Ssaninisten das letzte Rcheln einer verendenden Emprung bertnten. Doch die Ssaninisten, anscheinend froh, endlich die leidige Konspirativitt, die traditionelle Geheimniskrmerei, beiseite werfen zu knnen, hatten damit auch den behutsamen Stolz der vorangegangenen Revolution verloren; sie wlzten sich zu laut, zu lrmend in ihrer Erotomanie. So mute die Regierung, wohl mehr der Not gehorchend, als dem eigenen Triebe, zur Konfiskation des Buches schreiten, das ihr wie kein anderes Ereignis die Wege geebnet hat. Immerhin; -- die einfachste Wahrheit der Tatsachen hat Artzibaschew fr sich. Sein Roman packte so unwiderstehlich, weil sich jeder in ihm leben fhlte. Wer nicht Ssanin ist, ist Jurii oder zum wenigsten Schawrow oder Iwanow. Die Personen sind ber den Rahmen der Einzelschicksale hinausgewachsen, sie sind zu Typen ihrer Zeit geworden. Auf ihren Charakteren baut sich nun einmal das gesellschaftliche Leben auf; dadurch werden sie zur Grundlage jeder kulturellen Betrachtung des heutigen Ruland. Artzibaschew war bisher in Deutschland unbekannt; der Ssanin ist das Werk, welches ihn bei uns einfhrt! In Ruland gilt er seit langem als einer der prgnantesten Vertreter der Jungen, die die psychologische Darstellungsweise mit der Leichtigkeit realistischer Schilderung, hauptschlich bei Behandlung erotischer Probleme, verbinden. Da er aber nicht an ein enges Stoffgebiet gebunden ist, hat er in seinen Novellen bewiesen, die mit seinen beiden besten Erzhlungen Millionen und Der Tod des Iwan Lande in deutscher Uebersetzung erschienen sind. _Andr Villard._ I Die wichtigste Zeit im Leben, in der sich unter dem Einflusse der ersten Zusammenste mit Menschen und Natur der Charakter bildet, verlebte Wladimir Ssanin fern von seiner Familie. Niemand beaufsichtigte ihn, niemandes Hand leitete ihn, und die Seele dieses Menschen wuchs frei und eigenartig heran, wie der Baum im Felde. Viele Jahre hindurch war er nicht in der kleinen Stadt gewesen und als er endlich zurckkehrte, erkannten ihn die Mutter und seine Schwester Lyda kaum wieder: In den Gesichtszgen, in Stimme und Manieren hatte er sich nur wenig verndert, aber doch zeigte sich an ihm etwas Anderes, Unbekanntes, das im Innern herangereift war und das Gesicht mit einem neuen Ausdruck durchleuchtete. Es war gegen Abend, als er ankam, und er trat so ruhig in das Zimmer ein, als ob er es erst fnf Minuten vorher verlassen htte. In seiner hochgewachsenen, breitschultrigen Gestalt mit den hellen Haaren, in seinen ruhigen und fast garnicht, hchstens in den Mundwinkeln, spttischen Mienen, lag weder Aufregung noch Ermdung; die lrmende Freude, mit der ihn die Mutter und Lyda empfingen, schwand wie von selbst. Solange er a und trank, sa ihm seine Schwester gegenber und schaute ihn gerade an, ohne die Blicke abwenden zu knnen. Sie war in ihren Bruder so verliebt, wie nur exaltierte, junge Mdchen ihre abwesenden Brder zu lieben vermgen. Lyda stellte sich den Bruder als einen ganz besondern Mann vor, dessen Eigenart sie sich selbst aus den Bchern zusammengetrumt hatte. In seinem Leben wollte sie einen tragischen Konflikt sehen: Kampf, -- Leiden, -- Einsamkeit einer gewaltigen Individualitt. -- -- -- -- Warum schaust du mich so grade an? fragte sie Ssanin lchelnd. Dieses interessierte Lcheln bei dem in sich vertieften Blick der Augen war der stndige Ausdruck seines Gesichts. Und seltsam, -- dieses Lcheln, an sich hbsch und sympathisch, mifiel Lyda von Anfang an. Es kam ihr selbstgefllig vor, und es schien ihr so garnichts von Kampf und Leiden und Einsamkeit zu erzhlen. Lyda schwieg und wurde nachdenklich, und, die Augen abwendend, bltterte sie mechanisch in einem Buche. Als das Mittagessen beendet war, streichelte die Mutter ihrem Sohne zart und sanft Haar und Stirne und fragte: Nun erzhle uns aber auch! Wie hast du dort gelebt, was hast du alles getan? ... Was ich getan habe? ... Ssanin wiederholte es lchelnd. Na, was schon? ... A, trank, schlief, arbeitete auch mitunter, manchmal tat ich auch garnichts, ... so ... Anfangs schien es ihm peinlich zu sein, von sich selbst zu sprechen, aber, als die Mutter sich sorgsam nach allem zu erkundigen begann, da kam er ins Erzhlen und es machte den Eindruck, da er gern erzhle. Und doch fhlte man heraus, da es ihm im Grunde ganz gleichgltig war, wie sich die Andern zu seinen Reden stellten. Trotzdem er zrtlich und aufmerksam blieb, lie sich in seinem Benehmen niemals die intime Nhe eines verwandten Menschen spren, die von der ganzen Welt absondert, und man konnte eher glauben, da all seine Zrtlichkeit und Aufmerksamkeit von ihm so einfach und selbstverstndlich ausgestrahlt wurde, wie das Licht einer Kerze. Fr alle gleich! Sie traten auf die Terrasse hinaus, die in den Garten fhrte, und setzten sich auf die Stufen nieder. Lyda machte es sich auf einer tieferen mglichst bequem, und lauschte ganz fr sich und schweigend, dem, was der Bruder ihnen erzhlte. Ein unfabarer, kalter Strahl lief durch ihr Herz. Mit dem scharfen Instinkt des jungen Weibes empfand sie bereits, da ihr Bruder nichts von ihren Phantasien in sich trug, und sie wurde dadurch unwillkrlich eingeschchtert und befangen, wie einem Fremden gegenber. Es war schon Abend, und ein weicher Schatten fiel auf alles. Ssanin zndete sich eine Zigarette an; das leichte Aroma des Tabaks mischte sich mit dem duftigen, sommerlichen Hauch des Gartens. Er begann davon zu reden, wie ihn das Leben hin- und hergeschleudert hatte, wie er bummelte, manchmal hungern mute; von seiner Teilnahme am politischen Kampf und wie er sie wieder beiseite warf, als sie ihn zu langweilen anfing. Lyda hrte gespannt zu und sa unbeweglich, schn und etwas eigenartig da, wie alle jungen Mdchen in der Frhlingsdmmerung. Immer klarer wurde ihr, da sein Leben, welches sie sich in so feurigen Zgen ausgemalt hatte, ganz einfach und gewhnlich war. Zwar ... irgend etwas Besonderes klang noch daraus hervor, doch das, was es sein mochte, konnte Lyda nicht erfassen. Im brigen aber blieb es unwichtig und gleichgltig, ja, wie es ihr vorkam, sogar banal. Er wohnte, wo es grad der Zufall mit sich brachte, tat, was ihm in die Hnde fiel, arbeitete bald, bald bummelte er, alles scheinbar ohne Ziel; nur trank er mit Vorliebe und kannte gut die Frauen. Hinter diesem Leben lauerte nicht das schwere und dstere Schicksal, welches die trumerische Mdchenseele Lydas zu sehen wnschte. In ihm herrschte keine allumfassende Idee; er hate niemanden und litt auch um keines Menschen willen. Im Gesprch drngten sich Worte in seine Rede, die Lyda aus irgendeinem Grunde unschn fand. Kannst du denn auch nhen? ... unterbrach sie ihn einmal unwillkrlich mit verletzendem Erstaunen; das schien ihr hlich und unmnnlich. Frher hatte ich gewi keine Ahnung davon, aber als es sein mute, gut, da lernte ich's eben, antwortete Ssanin mit seinem Lcheln; er empfand, was in Lyda vorging. Das Mdchen zuckte, ein wenig unbeholfen, mit den Achseln, schwieg aber; sie starrte tief in den Garten, mit dem Gefhl, wie wenn man des Morgens voller Trume an die Sonne erwacht und pltzlich den Himmel grau und kalt erblickt. Auch die Mutter ergriff eine drckende, lstige Bangigkeit. Es berhrte sie schmerzlich, da ihr Sohn nichts dazu tat, um in der Gesellschaft die Stellung einzunehmen, die sich fr ihn gebhrt htte. So begann sie, darber zu reden, da man auf solche Weise nicht weiter fort leben knne und da man wenigstens jetzt versuchen msse, sich anstndig einzurichten. Zuerst sprach sie behutsam, noch in Furcht, den Sohn zu verletzen; aber sobald sie bemerkte, da er nur oberflchlich hinhrte, wurde sie ungeduldig und fing an, mit dem stumpfen Verdru einer Greisin auf ihn einzureden, als ob er sie absichtlich gereizt htte. Ssanin zeigte keine Verwunderung, wurde auch nicht bse; wie es schien, hrte er kaum auf sie. Mit zrtlichen Blicken sah er sie vollkommen gleichgltig an und schwieg. Nur auf ihre Frage: Aber wie denkst du denn zu leben? gab er gleichmtig zur Antwort: So! ... Irgendwie! ... Doch seine ruhige, feste Stimme und die hellen, nicht blinzelnden Augen lieen erkennen, da diese zwei bedeutungslosen Worte fr ihn einen allumfassenden Sinn voll tiefer Bestimmtheit hatten. Maria Iwanowna seufzte, hielt einen Augenblick inne und sagte dann traurig: Nun, wie du es fr das Beste hltst. Es ist deine Sache. Du bist auch kein Kind mehr ... Doch ihr solltet etwas in den Garten gehen. Seht nur, wie schn es jetzt ist. Gehen wir wirklich Lyda! Komm, zeig' mir einmal unsern Garten. Ich habe schon ganz vergessen, wie es dort aussieht. Lyda fuhr augenblicklich aus ihren Trumereien empor, seufzte ebenfalls und stand auf. Langsam schritten sie miteinander den breiten Mittelweg entlang in die feuchte, dunkle Tiefe hinein. Das Haus der Ssanins lag an der Hauptstrae der Stadt. Aber die Stadt war nur klein und der Garten lief direkt zum Flu herunter, an dessen gegenberliegendes Ufer schon die Felder stieen. Das Haus war ein alter Herrensitz mit nachdenklichen Sulen, von denen der Bewurf in Stcken abgebrckelt war, und einer breiten Terrasse, die in den Garten fhrte. Und dieser Garten war gro, verwachsen und lauschig; man konnte glauben, da sich eine dichte, dunkelgrne Wolke an die Erde schmiegte. Des Abends war es im Garten geheimnisvoll schaurig, als ob dort in dem formlosen Gebsch, geradso wie in den verstaubten Mansarden des Hauses, irgend ein altes, abgelegtes und trauriges Gespenst herumschleiche. In dem oberen Stockwerke lagen weite, dunkle Sle und leere Gastzimmer und im Garten war nur die eine Allee gangbar geblieben, auch sie war mit abgebrochenen Zweigen und Blttern bedeckt; hin und wieder stie der Fu an einen zertretenen Frosch. Das ganze gegenwrtige Leben aber hauste still und bescheiden nur in einer Ecke. Neben dem Hause schimmerte dort der gelbe Kies hervor, krause Blumenbeete waren mit bunten Blten durchsetzt; ein hlzernes Tischchen, an dem man bei gutem Wetter speiste und den Tee einnahm, hatte dort seinen Platz. Diese ganze, kleine Ecke war von einfachem, friedlichem Leben durchwrmt, soda sie nicht mit der dsternen Schnheit des weiten, verwahrlosten Ortes verschmolz, der dem unvermeidlichen Verfall geweiht schien. Als das Haus im Grnen verschwunden war und um Ssanin und Lyda nur noch die vertrumten Bume gleich lebendigen Wesen standen, legte er seinen Arm um ihre Taille und sagte mit einer eigentmlichen Stimme, die zrtlich und doch bedrckend klang: Nein, bist du aber zu einer Schnheit herangewachsen. Mu der Mann glcklich sein, dem du dich als Erstem hingeben wirst ... Ein heier Strom zuckte aus seinem krftigen, wie aus Eisen geschmiedeten Arm durch den schmiegsamen und zarten Krper Lydas. Sie wurde verwirrt, erzitterte, und schwankte fast von ihm zurck, als fhlte sie das Herannahen eines unsichtbaren Tieres. Sie waren schon an den Flu herangekommen, wo man den feuchten Dunst des Wassers roch, das spitze Schilf nachdenklich hin und her trieb und sich den Blicken die breite Flche des andern Ufers ffnete, mit dem tiefen, warmen Himmel und dem ersten Aufblitzen der Sterne. Ssanin trat einige Schritte zurck und erfate irgendwo mit den Hnden einen dicken, trockenen Baumast; er brach ihn geruschvoll ab und warf ihn ins Wasser. Zarte Kreise erwachten und liefen nach allen Seiten auseinander; das Schilf am Ufer begann eilig zu nicken, als bestnde zwischen ihm und Ssanin eine geheime Verbindung. II Es war gegen ein Uhr mittags. Die Sonne strahlte hell, doch rckte schon vom Garten wieder ein weicher, grnlicher Schatten heran. Licht, Stille und Wrme bebten gespannt in der Luft. Maria Iwanowna kochte Eingemachtes und unter der grnen Linde roch es schmackhaft und eindringlich nach brodelndem Zucker. Ssanin hatte sich seit dem frhen Morgen an den Blumenbeeten zu schaffen gemacht; er bemhte sich eifrig, die Blumen, welche ihre Kpfchen unter der Hitze und dem Staube sinken lieen, wieder aufzurichten. Du solltest doch erst das Unkraut ausjten, rief ihm Maria Iwanowna zu, indem sie versuchte, durch den blulichen, zitternden Dunst des Herdes zu ihm herberzublicken. Sage es doch Gruschka, sie wird es dir machen. Ssanin hob sein schweibedecktes, heiteres Gesicht empor. Wozu, sagte er und schttelte mit einer Bewegung das an die Stirn geklebte Haar zurck, mag es doch wachsen. Ich liebe berhaupt jedes Grn. Ein komischer Kauz bist du! meinte die Mutter gutmtig die Achsel zuckend; aber doch waren ihr seine Worte nicht angenehm. Ihr seid selbst komische Kuze, rief Ssanin im Tone fester Ueberzeugung und ging ins Haus, um sich die Hnde zu waschen; er kehrte bald wieder zurck und lie sich behaglich in dem geflochtenen Korbstuhl am Tische nieder. Ihm war froh zumute, leicht und freudig. Das Grn, die Sonne, die Blue des Himmels drngten sich in einem so starken Strahl in seine Seele, da sie sich in dem weiten Empfinden vollkommenen Glckes breit ffnete. Die groen Stdte mit ihrem eiligen Lrm und dem hastenden Leben waren ihm zum Ekel geworden. Rings um ihn war Sonne und Freiheit und die Zukunft bekmmerte ihn nicht, weil er bereit war, alles vom Leben hinzunehmen, was es ihm bieten konnte. Ssanin kniff die Augen zusammen und dehnte mit krftigem Behagen seine gesunden Muskeln; dehnte und streckte sie. Es wehte eine stille, weiche Khle durch den ganzen Garten; er schien tief und sanft aufzuseufzen. Die Spatzen zwitscherten von irgendwo, zugleich nah und fern und der gefleckte Foxterrier Mill lauschte, die rote Zunge heraushngend und das eine Ohr aufgerichtet, nachlssig aus dem dichten, hohen Grase hervor. Ueber seinem Kopfe rauschten leise die Bltter und ihre runden Schatten bewegten sich lautlos auf dem glatten Sande des Weges. Maria Iwanowna verdro die Ruhe ihres Sohnes. Sie liebte ihn ebenso wie ihre anderen Kinder. Doch eben deshalb kochte es in ihr vor Erregung; -- sie wnschte, seine eigensinnige Klte anzupacken und zu verletzen; sie wollte ihn zwingen, ihren Worten und ihrer Auffassung vom Leben Wert beizulegen. Alle Augenblicke ihres langen Daseins durchwhlte sie wie eine Ameise, die sich im Grase herumgrbt, um den zertretenen Bau ihrer huslichen Wohlfahrt wieder aufzurichten. Dieses langweilige, eintnige Gebude, einer Kaserne und einem Krankenhaus hnlich, bestand aus winzigen Ziegelsteinen, die ihr jedoch, dem talentlosen Baumeister, als der Schmuck des Lebens erschienen. In Wirklichkeit beengten sie nur Maria Iwanowna, verdrossen und ngstigten sie; stets wurde sie von ihnen in eine bekmmerte Trbsal versetzt. Aber trotzdem glaubte sie, da kein Mensch ein anderes Leben fhren knne. Nun, wie also, soll es etwa so weitergehen? ... Sie tat, als ob sie angestrengt in die Schssel mit dem Eingemachten blicke. Wie ... so ... weiter? ... fragte der Sohn und nieste mehrmals. Maria Iwanowna war berzeugt, da auch dieses Niesen nur in der Absicht geschah, sie zu verletzen. Und obgleich sie offensichtlich unrecht hatte, fhlte sie sich dadurch gekrnkt und wurde noch mimutiger. Es haust sich doch ganz gut bei euch, meinte Ssanin trumerisch. Nicht schlecht, gab Maria Iwanowna reserviert zur Antwort, da sie es fr notwendig hielt, bse zu sein. Aber doch war es ihr angenehm, da ihr Sohn Haus und Garten gelobt hatte, mit denen sie wie mit nahen, lieben Wesen verwachsen war. Ssanin blickte zu ihr auf und erwiderte nachdenklich: Und wenn ihr mich nicht noch mit allerlei Kleinlichkeiten belstigen wolltet, so wre es noch besser. Der harmlose Ton, mit dem er dies hinredete, widersprach dem verletzenden Inhalt seiner Worte, soda die Mutter nicht wute, ob sie bse sein oder lachen sollte. Wenn ich dich so ansehe, ... du bist auch als Kind immer anders gewesen, abnorm, aber jetzt, ... Was jetzt? ... fragte Ssanin so heiter, als erwartete er etwas sehr Interessantes und Angenehmes zu hren. ... und jetzt bist du schon ganz vollkommen! antwortete Maria Iwanowna und schwenkte den Lffel aus. Nun um so besser! lchelte er und fgte nach kurzem Schweigen hinzu: Da kommt auch Nowikow! Vom Hause her kam ein hochgewachsener, hbscher und blonder Mann. Sein rotes Seidenhemd, das sich dicht an den gedunsenen, aber gut gebauten und krftigen Krper legte, flammte unter den Sonnentupfen grell und mit rtlichen Spiegeln auf; seine blauen Augen schauten zrtlich und lssig gradeaus. Und Sie zanken sich noch immer? lie er sich schon von weitem mit einer ebenso zrtlichen und lssigen Stimme vernehmen. Worber nur, um des Himmels willen? Ja, siehst du, Mama findet, da meinem Gesicht eine griechische Nase besser gestanden htte; ich aber meine, wie sie auch ist, dem Himmel sei Dank! Ssanin schielte von der Seite auf seine Nase, lchelte und drckte Nowikows weiche, breite Hand. Nun, was noch gar! rief Maria Iwanowna verdrossen aus. Nowikow lachte laut und heiter auf und der abgerundete, weiche Wiederhall lie sein Lachen gutmtig und drhnend aus dem grnen Dickicht zurckschallen, gleichsam, als ob sich dort jemand stille seiner Heiterkeit gefreut htte. Ja, das wei ich selbst; hier sorgt man in einem fort um dein Schicksal! Was soll ich nur damit anfangen? ... sagte Ssanin in komischer Verlegenheit. Du hast's ja reichlich verdient. Hoho, wenn ihr euch meiner etwa von beiden Seiten annehmen wollt, so steht es mir immer noch frei, davonzulaufen. Nein, bleib nur, ich werde selbst lieber fortgehen, unterbrach ihn pltzlich Maria Iwanowna mit ganz unerwartetem Aerger. Sie ri mit einemmal die Schssel vom Herde herunter und ging ins Haus, ohne einen von ihnen anzublicken. Mill sprang aus dem Grase auf, spitzte die Ohren, und sah ihr fragend nach. Dann rieb er die Nase an der Vorderpfote, blickte wieder aufmerksam aufs Haus und lief schlielich rgerlich irgendwo tief in den Garten hinein. Zigaretten! ... Hast du welche? ... fragte Ssanin uerst zufrieden, da seine Mutter fortgegangen war. Nowikow nahm, seinen Krper lssig zurckreckend, das Etui heraus: Du neckst sie doch rein umsonst. La doch das Necken! sprach er gedehnt mit zrtlichem Vorwurf in der Stimme. Sie ist doch eine alte Frau. Womit necke ich sie denn? ... Nun, mit alledem. Ach was, alledem! Sie hackt selbst auf mir herum. Ich verlange nie etwas von den Leuten, Brderchen, mgen sie mich auch in Ruhe lassen. Beide schwiegen. Nun, wie geht's dir, Doktor? ... Ssanin verfolgte whrend seiner Frage angespannt die zierlichen und kaprizisen Gebilde des Tabakrauches, die sich in der reinen Luft zart um seinen Kopf wanden. Nowikow, der ber etwas anderes nachdachte, antwortete nicht sogleich. Schlimm, sagte er schlielich. Weshalb das? ... Na so im allgemeinen! Langweilig! ... Dieses Nest hngt mir lngst zum Halse heraus. Gibt nichts zu tun hier. Du? ... Fr dich gibt es hier nichts zu tun? ... Du hast ja selbst dein Leid geklagt, kmst garnicht zum Aufatmen. Davon spreche ich ja nicht. Man kann doch nicht nur ewig kurieren und Mixturen verschreiben. Es gibt doch noch was anderes im Leben. Und was strt dich, auch fr dieses andere zu leben? ... Nun, das ist schon eine komplizierte Geschichte. Durch was kompliziert? ... Ueberhaupt, sage mal, was fehlt dir denn eigentlich? ... Du bist ein junger Kerl; hbsch, gesund ... Und das ist, wie sich herausstellt, im Grunde sehr wenig, erwiderte Nowikow mit gutmtiger Ironie. Wie soll man dir das beibringen. Viel ist das, sehr viel sogar. Und fr mich nicht genug ... Nowikow schmunzelte ein wenig. Und aus diesem Schmunzeln konnte Ssanin entnehmen, da ihm das Lob ber seine Gesundheit, Kraft und Schnheit angenehm gewesen war. Er wurde sogar ein wenig verlegen und errtete wie ein junges Mdchen auf der Brautschau. Dir fehlt nur eins, sagte Ssanin nach einer Weile. Und das wre? ... Der richtige Blick frs Leben ... Siehst du, du fhlst dich von der Einfrmigkeit deines Lebens bedrckt. Aber wollte dir jemand vorschlagen, alles beiseite zu werfen und deiner Nase nachzulaufen, so wrest du einfach platt. Vor Staunen. Wohin? ... Vielleicht als Landstreicher? Meinetwegen auch als Landstreicher! Warum denn nicht? Ich seh dich so an und denke mir: Das ist nun auch so einer, der bei Gelegenheit fhig wre, fr irgendeine Konstitution im russischen Reich auf Lebenslang nach Schlsselburg zu gehen, alle Rechte, seine Freiheit einzuben ... und man sollte doch meinen: Was kann ihm die Verfassung sein? ... Aber handelt es sich darum, sein eigenes, berflssiges Leben umzugestalten und fortzugeben, um einen Sinn und Interesse darin zu suchen, so steht auch schon die Frage vor ihm: Wovon werde ich leben? ... Und werde ich auch ja nicht untergehen, ich der gesunde, krftige Mann, wenn ich mal mein Gehalt verliere und damit auch die Sahne zum Morgentee, das seidene Hemd und den gestrkten Kragen ... Komisch ist das ... bei Gott komisch! Daran ist garnichts Komisches! Dort handelt es sich um eine Frage der Weltanschauung und hier ... Was hier? ... Ja, wie soll man das auseinandersetzen, Nowikow knackte mit den Fingern. Hier siehst du, wie du urteilst! Gleich hast du Unterscheidungen zur Hand. Ich werde es dir noch nicht glauben, da dich die Sehnsucht nach einer Verfassung mehr aufreibt, als Sinn und Interesse an deinem eigenen Leben. Nun, das ist immer noch eine Frage ... Vielleicht doch mehr. Ssanin winkte ihm verdrielich mit der Hand ab: Ach la doch den Unsinn. Schneidet man dir in den Finger, so wird's dir sicher weher tun, als tut man's irgendeinem andern Untertanen Vterchens. Das ist Tatsache! Oder Zynismus, Nowikow wollte beiend antworten, aber er forderte nur zum Lachen heraus. Mag brigens sein. Aber das steht fest. Obwohl es nicht nur in Ruland, auch in vielen andern Lndern der Welt keine Verfassung, ja nicht einmal eine Andeutung davon gibt, grmst du dich jetzt nur, weil dir dein eigenes Leben nicht das richtige Vergngen macht. Aber nicht im Geringsten einer Konstitution wegen. Und wenn du was anderes behauptest, so, nun so schwindelst du eben. Pltzlich unterbrach sich Ssanin selbst mit frohem Aufleuchten in seinen hellen Augen und richtete sich halb auf: Du grmst dich ja auch jetzt garnicht, weil dich vielleicht dein Leben anekelt, sondern ganz einfach, weil dich Lyda bisher nicht lieben wollte. Nun, ist es nicht so? ... Jetzt redest du schon ganz und gar dummes Zeug, rief Nowikow rot werdend wie sein rotes Hemd und in seine guten, ruhigen Augen stiegen Trnen der naivsten und aufrichtigsten Verlegenheit. Warum denn dummes Zeug, wenn du ber Lyda die ganze Welt vergit. Von Kopf bis zu den Fen steht auf dir der eine Wunsch geschrieben, sie hinzunehmen. Und dann sagst du dummes Zeug. ... Nowikow zuckte ganz eigentmlich mit der Achsel und ging hastig die Allee auf und ab. Selbst wenn nicht grade Lydas Bruder davon gesprochen htte, wre er wohl in Verlegenheit geraten, aber es schien ihm ganz besonders eigentmlich, diese Worte, deren Sinn er garnicht einmal richtig verstehen mochte, nun von Ssanin zu hren. Weit du was, murmelte er endlich vor sich hin, entweder du willst eine Pose markieren, oder ... Oder? ... fragte lchelnd Ssanin. Nowikow zuckte schweigend mit der Schulter und blickte zur Seite. Die andere Auffassung sollte Ssanin als einen gemeinen, verdorbenen Menschen bezeichnen. Das aber konnte er ihm nicht sagen, weil er fr ihn stets, schon auf dem Gymnasium, eine aufrichtige Zuneigung empfunden hatte. Wirklich gefiel ihm dieser schlechte Mensch, trotzdem er fhlte, da es eigentlich nicht der Fall sein durfte; das schlug sich in Nowikow als schwere und trbe Stimmung nieder. Die Erinnerung an Lyda war ihm schmerzlich und setzte ihn in Verlegenheit; und doch konnte er, da er Lyda vergtterte und das groe und tiefe Gefhl selbst, welches er fr sie empfand, anbetete, Ssanin wegen der Erinnerung nicht bse sein. Sie war qualvoll, aber gleichzeitig auch beglckend, als htte jemand sein Herz ergriffen und leise gedrckt. Ssanin schwieg und lchelte; sein Lcheln war aufmerksam und zrtlich. Nun, denke dir nur die richtige Bezeichnung aus; ich warte ein Weilchen, ich habe es nicht eilig. Nowikow schritt noch immer die Allee auf und ab und man sah ihm an, da er aufrichtig litt. Mill kam herbeigelaufen, schnffelte besorgt umher und begann, sich an Ssanins Knieen zu reiben. Augenscheinlich war er ber etwas froh und wnschte seine Freude auch den andern mitzuteilen. Du bist mir ein schnes Hundevieh, sagte Ssanin, ihn streichelnd. Nowikow hielt sich mhsam zurck, mit ihm Streit zu beginnen, frchtete aber, da Ssanin noch einmal das berhren knnte, was ihn auf der ganzen Welt am tiefsten traf. Und doch schien ihm alles andere, das ihm in den Kopf stieg, gleichgltig, leer und tot in Vergleich mit jedem Gedanken an Lyda. Und wo ist Lyda Petrowna? ... fragte er ganz mechanisch, grade das, was er am liebsten fragen wollte, aber sich eigentlich nicht zu fragen getraute. Lyda? ... Wo soll sie sein? ... Sie wird auf dem Boulevard mit den Offizieren herumlaufen. Nowikow empfand einen schmerzlichen Stich. Eiferschtig erwiderte er: Lyda Petrowna ... sie ist so klug und entwickelt, ... wie kann sie ihre Zeit mit diesen vernagelten Kerlen verbringen? ... Eh, mein Freund, Lyda ist jung, schn und gesund, ganz wie du auch; -- -- vielleicht noch mehr, weil sie das hat, was dir fehlt, die Gier nach allem. Sie mchte gerne alles wissen, alles durchempfinden. Ah, da ist sie ja selbst. Schau sie nur an und begreife doch, was fr eine Schnheit sie ist. Lyda war im Wuchse kleiner, aber bedeutend schner als ihr Bruder. In ihr berraschte die feine und zauberhafte Verknpfung reizender Zrtlichkeit und gewandter Kraft; der leidenschaftliche, stolze Ausdruck ihrer dunklen Augen und ihre weiche und klangvolle Stimme, auf die sie stolz war. Langsam und sich beim Gehen ein wenig mit dem ganzen Krper wiegend, wie eine junge, prachtvolle Stute, stieg sie die Steinstufen, ihr langes, graues Kleid geschickt und sicher raffend, herab. Hinter ihr gingen zwei junge, hbsche Offiziere in glnzenden, hohen Reitstiefeln und enganliegenden Hosen; sie verwickelten sich in die Sporen, deren Klirren den Eindruck hervorrief, als ob es von ihnen selbst bertrieben wrde. Wer ist das? ... Eine Schnheit? ... fragte Lyda, indem sie den ganzen Garten mit ihrer weiblichen Frische und ihrer klangvollen Stimme erfllte. Sie reichte Nowikow die Hand und schielte argwhnisch auf den Bruder, an den sie sich immer noch nicht gewhnen konnte; sie begriff nicht, wann er lachte und wann er im Ernst sprach. Als ihr Nowikow die Hand drckte, bemerkte sie nicht, wie scheu und ehrfurchtsvoll seine Blicke auf ihr ruhten; sie erregten sie nicht mehr wie frher. Guten Abend, Wladimir Petrowitsch, grte, die Sporen aneinanderklirrend und den ganzen Krper reckend, der Offizier, der von grerem Wuchs und der Schnere war. Ssanin wute schon, da er Sarudin hie, Rittmeister war und sich beharrlich und eindringlich um Lyda bemhte. Der andere Offizier war ein Leutnant Tanarow, der Sarudin fr das Muster eines Offiziers hielt und nur den einen Wunsch hatte, ihm in allen Dingen gleichen zu knnen. Er war aber schweigsam und wenig gewandt, auch war sein Gesicht weniger hbsch als das Sarudins. Er klirrte ebenso mit den Sporen, sagte aber nichts. Du! antwortete Ssanin pltzlich auf die Frage seiner Schwester, doch in einem Tone, der viel zu ernst klang. Natrlich eine Schnheit und vergi nur nicht, gleich hinzuzufgen, eine unbeschreibliche. Lyda lachte hell auf und warf sich mit dem ganzen Krper in den Korbsessel, whrend sie gleichzeitig mit einem Blick das Gesicht ihres Bruders streifte. Langsam hob sie beide Hnde zum Kopf, wodurch sich ihre hohe, elastische Brust erhaben ausprgte und begann die Nadeln aus dem Hut zu ziehen. Dabei lie sie eine dieser Nadeln, lang wie Stacheln, in den Sand niederfallen und verwickelte ihren Schleier in das Haar und in die andere Nadel. Aber Iwan Pawlowitsch, so kommen Sie mir doch zu Hilfe, wandte sie sich kokett bittend an den schweigsamen Leutnant. Ja, wirklich, eine Schnheit, wiederholte Ssanin nachdenklich, ohne seine Augen von ihr zu lassen. Lyda schielte wieder mit einem mitrauischen Blick zu ihm herber. Wir sind hier alle nur Schnheiten! Was sind wir? ... lachte Sarudin. Nur eine armselige Staffage, auf deren Hintergrund sich Ihre Schnheit noch heller und prunkvoller abhebt. Wie elegant Sie sich ausdrcken, sagte Wladimir Petrowitsch und durch seine Worte klang eine leichte Nuance von Spott hindurch. Lyda Petrowna wird jeden dazu bringen, sich so auszudrcken, bemerkte tiefsinnig der schweigsame Tanarow, der mit vielem Eifer versuchte, Lydas Hut zu lsen, sie aber so am Haare zerrte, da sie zugleich rgerlich wurde und lachte. _Sie_ hat sie also auch schon dazu gebracht, meinte gedehnt und verwundert Wladimir Petrowitsch. La sie doch, raunte ihm Nowikow unaufrichtig und doch mit einem Gefhl des Vergngens zu. Lyda sah mit zusammengekniffenen Augen grade in die ihres Bruders und an ihren verdunkelten Pupillen konnte Ssanin deutlich lesen: ... Denke nicht, ich wte nicht gut, was das alles bedeutet. Aber es macht mir Spa. Ich bin nicht dmmer als du und wei genau, was ich tue. Ssanin lchelte ihr zu; der Hut war endlich abgenommen und Tanarow trug ihn feierlich auf den Tisch. Ach was sind Sie fr ein Mensch, Iwan Pawlowitsch, rief Lyda, im Augenblick ihren Blick verndernd, wieder liebenswrdig und kokett. Sie haben mir die ganze Frisur verdorben. Jetzt mu ich erst ins Haus gehen. Oh, das werde ich mir niemals verzeihen, murmelte Tanarow verlegen. Lyda erhob sich schnell, raffte das Kleid zusammen und whrend sie die erregenden Blicke der Mnner auf sich gerichtet fhlte, lachte sie grundlos auf und lief die Steinstufen hinauf. Als sie verschwunden war, fhlten sich alle unwillkrlich freier, erschlafften und lieen den Krper zusammenfallen; sie verloren jene nervse Spannung der Bewegung, welche die Mnner in Anwesenheit eines jungen und schnen Mdchens empfinden. Sarudin nahm eine Zigarette aus seinem Etui und begann, schon whrend er sie ansteckte, behaglich zu sprechen. Aber man hrte heraus, da er nur aus Gewohnheit das Gesprch fortfhrte, und da er dabei an etwas ganz anderes dachte: Heute riet ich Lyda Petrowna alles im Stich zu lassen und ganz ernsthaft mit Gesangsunterricht zu beginnen. Mit ihrer Stimme hat sie sicher eine Karriere vor sich. Nicht zu leugnen, eine nette Aussicht! erwiderte ihm dster und zur Seite schauend Nowikow. Und weshalb das? ... fragte Ssanin voll Erstaunen; er lie sogar die Zigarette sinken. Was ist denn eine Schauspielerin? ... Auch nichts anderes als eine Dirne. Nowikow geriet pltzlich in Erregung. Doch jedes Wort, das er sprach, qulte und erregte ihn selbst am meisten. Er litt unter dem Gedanken, da die Frau, die er liebte, ihren Krper den Blicken anderer Mnner preisgeben sollte. Und dazu in herausfordernden Kostmen, die diesen Krper blostellten und ihn noch verlockender machten. Das ist wohl etwas zuviel gesagt, meinte Sarudin die Augenbrauen hebend. Nowikow sah ihn voll Ha an. In seiner Vorstellung gehrte grade Sarudin zu jenen Mnnern, die das Mdchen, das er liebte, mit begehrlichen Blicken betrachteten, und es war ihm schmerzlich, da jener schn war. Nicht im mindesten zuviel. Halb nackt auf die Bhne zu treten. Sich hin und her zu recken. Unter den Augen von Leuten wollstige Szenen darzustellen, von Leuten, die spter so fortgehen, wie man von einer Dirne geht, nachdem man ihr das Geld hingeworfen hat. Nicht zu leugnen, sehr hbsch. Mein Freund, bemerkte Wladimir Petrowitsch lchelnd, einer jeden Frau ist es vor allem angenehm, wenn man ihren Krper bewundert. -- -- Nowikow zuckte verdrielich die Achseln. Weit du, du sprichst sehr abgeschmackte Dinge. Wei der Teufel, ob es abgeschmackt ist oder nicht. Wahr ist es! Lyda wrde sich aber auf dem Theater ganz effektvoll machen. Ich htte selbst Lust, das mit anzusehen. Obgleich sich durch diese Worte Ssanins bei allen eine instinktive, gierige Lsternheit regte, wurde ihnen doch peinlich zumute. Sarudin, der sich fr intelligenter und abgeschliffener als die anderen hielt, glaubte verpflichtet zu sein, sie aus dieser unangenehmen Situation herauszureien. Und was mu nach Ihrer Meinung eine Frau tun? ... Heiraten? ... Auf die Universitten laufen? ... Und dafr ihr Talent vernachlssigen? ... Das wre gradezu ein Verbrechen an der Natur, die sie mit ihren besten Gaben ausgestattet hat. Nun, nun, sagte Ssanin mit unverhohlenem Spott. Aber in der Tat, mir selbst ist niemals der Gedanke an dieses Verbrechen auch nur in den Kopf gekommen. Nowikow lachte schadenfroh auf, erwiderte aber Sarudin aus Hflichkeit: Weshalb denn ein Verbrechen? ... Eine gute Mutter oder eine gute Aerztin ist doch tausendmal mehr wert als jede Schauspielerin. Nanu, rief Tanarow entrstet. Wird es euch wirklich nicht langweilig, Herrschaften, all dieses dumme Zeug zusammenzuschwatzen? ... Sarudin blieb die Erwiderung in der Kehle stecken und auch den anderen schien es mit einemmal, als ob es langweilig und nutzlos wre, noch weiter zu sprechen. Nichtsdestoweniger fhlten sich alle durch Ssanins Einwurf beleidigt. Es wurde still und sehr langweilig. Maria Iwanowna und Lyda waren bei dem letzten Satze Wladimir Petrowitschs auf die Terrasse hinausgetreten und hatten ihn gehrt; sie verstanden aber nicht, um was es sich eigentlich handelte. Ihr seid ja mit eurer Unterhaltung ziemlich schnell bei der Langeweile angekommen. Gehen wir zum Flu hinunter; da ist's jetzt am hbschesten. Als Lyda an den Mnnern vorberschritt, zog sie den ganzen Krper ein wenig an, und ihre Augen schimmerten so rtselhaft, als versprche sie etwas, doch ohne zu sagen, was ... So ist's recht! Geht nur bis zum Abendbrot spazieren, rief Maria Iwanowna. Sehr schn. Mit Vergngen! Sarudin war bereitwilligst dabei und bot Lyda, wieder mit den Sporen klirrend, seinen Arm. Hoffentlich gestatten Sie mir auch, mich Ihnen ... Nowikow versuchte seinem Ton einen verletzenden Klang zu geben, doch dadurch erhielt sein ganzes Gesicht nur einen jmmerlichen Ausdruck. Wer hindert Sie denn? ... fragte Lyda ber die Achseln lchelnd. Ach, Bruder, geh, geh, riet ihm Ssanin. Ich wrde selbst mitkommen, wenn Lyda nicht zu sehr daran dchte, da ich ihr Bruder bin. Lyda erzitterte eigentmlich; ihre Aufmerksamkeit spannte sich. Dann ma sie den Bruder mit einem raschen Blick und lachte kurz und nervs auf. Auch Maria Iwanowna hatte diese Aeuerung ihres Sohnes chokiert: Wozu redest du solche Dummheiten, fragte sie grob. Mut dich durchaus originell machen. Fllt mir garnicht ein. Maria Iwanowna blickte ihren Sohn mit Erstaunen an. Sie konnte ihn absolut nicht verstehen; sie begriff ebensowenig wie Lyda, wenn er scherzte oder Ernst machte; und vor allem nicht, warum er grade entgegengesetzt dachte und empfand wie sie, whrend doch alle ihre Bekannten mit ihr fast gleicher Auffassung waren. Nach ihren Begriffen mute der Mensch immer das denken, empfinden und tun, was alle Menschen dachten, empfanden und taten, die mit ihm in bezug auf Besitz, Bildung und soziale Lage gleichstanden. Fr sie war es ganz natrlich, da Menschen nicht einfach nur Menschen sein sollten, mit all den individuellen Eigenheiten, welche die Natur in sie hineingelegt hat, sondern Personen, die in eine allen gemeinsame Form gegossen waren. Ihre Umgebung befestigte sie in dieser Anschauung: Darauf wurde auch das Schwergewicht der erzieherischen Ttigkeit gelegt und allein durch sie wurden die Unterschiede zwischen Gebildeten und Ungebildeten ausgeprgt. Die letzteren durften ihre Individualitt bewahren und wurden dafr von den andern verachtet; diese Andern aber zerfielen in Gruppen, die allein der anerzogenen Bildung entsprachen. Ihre Ueberzeugungen hatten sich nicht nach ihren persnlichen Anlagen, sondern nach ihrer Stellung zu richten: -- -- -- jeder Student war revolutionr, jeder Staatsbeamte bourgeois, jeder Schauspieler schlug ber die Strnge und jeder Offizier war mit bertriebenen Ehrbegriffen ausgestattet. Wenn sich pltzlich ein Student als Konservativer, ein Offizier als Revolutionr herausgestellt htte, so wre das zum mindesten sehr eigenartig, wahrscheinlich aber uerst unangenehm gewesen. Ssanin durfte seiner Herkunft und Erziehung nach garnicht so sein, wie er sich gab, und Maria Iwanowna sah ihn, wie Lyda, Nowikow und alle, die auf ihn stieen, mit dem rgerlichen Gefhl getuschter Erwartung an. Mit dem Instinkt der Mutter merkte sie sofort den Eindruck, den ihr Sohn auf die ganze Umgebung machte und dieser Eindruck war ihr sehr schmerzlich. Ssanin empfand es. Er htte die Mutter gerne beruhigt, wute aber nicht, wie er es anfangen sollte. Einen Augenblick kam ihm sogar der Gedanke, sich zu verstellen und der Mutter einige beruhigende Worte zu sagen. Aber es wollte ihm nichts einfallen; er lachte auf, erhob sich und ging ins Haus. Gelangweilt legte er sich aufs Bett und begann darber nachzudenken, wie die Menschen die ganze Welt in ein Kloster verwandeln wollen, mit einer Regel fr alle. Und diese Regel ist auf der Vernichtung jeder Persnlichkeit und ihrer Unterwerfung unter die strikten Anordnungen einer geheimnisvollen Greisenhaftigkeit aufgebaut. Dann gingen seine Gedanken auf das Schicksal des Christentums ber und die Rolle, die es in der Geschichte gespielt hat; diese Gedanken langweilten ihn aber so, da ihn unmerklich der Schlummer berkam und er bis zum Abend durchschlief. Maria Iwanowna hatte noch lange hinter ihm hergeschaut; endlich seufzte sie auf und wurde nachdenklich. Sie sann darber nach, da Sarudin offenkundig Lyda den Hof machte und sie wnschte im stillen, da es ihm ernst wre. -- -- -- Lyduschka ist schon zwanzig Jahre alt, zog es ihr leise durch den Kopf, und Sarudin scheint ein guter Mensch zu sein. Man sagt, da er in diesem Jahre eine Schwadron bekommen wird. Nur, -- -- Schulden hat er bis ber den Kopf. Und weshalb habe ich nur diesen abscheulichen Traum gehabt. -- -- -- Dieser Traum, den Maria Iwanowna an demselben Tage gesehen hatte, als Sarudin zum erstenmal zu ihnen ins Haus kam, qulte sie unaufhrlich und Gott wei warum. Sie hatte getrumt, da Lyda in einem weien Kleide ber ein Feld ging, und die Weie des Kleides schien ihr ein groes und schweres Unheil vorauszusagen -- -- -- Maria Iwanowna lie sich jetzt in einen Korbsessel nieder, sttzte nach Art der alten Frauen den Kopf in die Hand und sah lange in den allmhlich dunkler werdenden Himmel. Kleinliche, aber zhe und verdrossene Gedanken schoben sich durch ihren Kopf. Es war ihr grmlich und bengstigend zumute. III Es war dunkel geworden, als die Spaziergnger endlich zurckkehrten. Schon aus der Tiefe des Gartens, der in der Dmmerung weich versunken lag, vernahm man ihre hellen, belebten Stimmen. Die lustige, erregte Lyda lief Maria Iwanowna in die Arme. Auf ihr lag noch der frische Duft des Flusses. Und mit ihm hatte sich jener reizvolle Hauch schner, junger Mdchen verbunden, welche bis zur uersten Spannung von liebenswrdigen, jungen Mnnern, die sie selbst in gierige Stimmung versetzt haben, erregt sind. Abendbrot machen, Mtterchen, Abendbrot machen, sie zupfte Maria Iwanowna zrtlich an den Ohrlppchen. Und inzwischen wird uns Viktor Sergejewitsch etwas vorspielen. Maria Iwanowna ging, um das Abendbrot anzuordnen und dachte dabei, da das Schicksal eines so interessanten und ihr so klaren Wesens wie Lydas nicht anders als glcklich sein knne. Sarudin und Tanarow gingen in den Saal ans Klavier und Lyda lie sich in dem Schaukelstuhl nieder, der auf dem Balkon stand; geschmeidig streckte und reckte sie ihre Glieder. Nowikow schritt schweigend auf den knarrenden Dielen des Balkons auf und ab und betrachtete von der Seite ihr Gesicht, ihre hohe Brust und die schlanken Fe, die in schwarzen Strmpfen und gelben Schuhen steckten. Sie aber bemerkte weder seine Blicke noch ihn selbst, ganz hingerissen von dem mchtigen und zauberhaften Eindruck der ersten Leidenschaft. Sie schlo die Augen und lchelte rtselhaft in sich hinein. In der Seele Nowikows ging der alte Kampf vor sich. Er liebte Lyda, aber er konnte sich nicht in ihr zurechtfinden. Manchmal glaubte er, da auch sie ihn liebe; -- dann wieder kam ihm dieser Gedanke ganz ungeheuerlich vor. In Augenblicken, in denen er sich ihrer Liebe sicher fhlte, schien es ihm sehr wahrscheinlich, ja selbstverstndlich, da ihm einst ihr schlanker Krper in seiner jungen Reinheit angehren wrde. Sobald jedoch in ihm Zweifel aufstiegen, ob sie ihn jemals lieben knne, empfand er die gleichen Gedanken als schamlos und gemein, und wenn er sich dann bei sinnlichen Vorstellungen ertappte, nannte er sich einen niedrigen, schmutzigen Menschen, der Lydas nicht wert sei. Whrend er so ber die Dielen schritt, suchte er sich selbst eine Entscheidung zu setzen: Trete ich mit dem rechten Fu zuerst auf die letzte Diele, so bedeutet es Ja und ich mu mich ihr erklren; ... und wenn mit dem linken, so ... Er wollte nicht zu Ende denken, was dann geschehen msse. Die letzte Diele betrat er mit dem linken Fu und wurde von kaltem Schwei bergossen; er sagte sich aber sofort: Pfui, was fr Dummheiten! Wie ein altes Weib! Nun, eins, zwei, drei ... Und mit dem Worte drei gehe ich grade darauf los und sage, ... ja, was sage ich ... nun, ganz gleich. Also ... eins, zwei, drei ... Der Kopf brannte ihm, im Munde wurde es ihm trocken und das Herz klopfte ihm so stark, da seine Beine anfingen zu zittern. Vielleicht wird es Ihnen doch noch einmal ber, herumzulaufen, rief ihm Lyda zu, ihre Augen ffnend. Sie lassen einen ja garnicht zum Zuhren kommen ... Nowikow bemerkte erst in diesem Augenblick, da Sarudin sang. Es war die alte Romanze: Ich liebte dich, vielleicht ist dieses Feuer In meinem Herzen noch nicht ganz verglht, Doch deine Ruh' ist mir vor allem teuer, Durch nichts betrben will ich dein Gemt. Er sang nicht schlecht, aber doch so wie alle musikalisch nicht gebildeten Menschen, die den Ausdruck durch Geschrei und Sinkenlassen der Stimme zu ersetzen suchen. Nowikow erschien der Gesang von Sarudin besonders unangenehm. Was ist denn das? Selbstverfat? ... erkundigte er sich, mit dem ungewohnten Gefhl des Grolls und der Erregung, nach dieser allbekannten Romanze. Nein! Setzen Sie sich doch hin. Stren Sie doch nicht! befahl ihm launisch Lyda. Wenn Sie die Musik nicht lieben, so gucken Sie eben solange in den Mond. Der vllig runde und rtlichschimmernde Mond sah wirklich eindringlich und geheimnisvoll hinter den schwarzen Baumwipfeln hervor. Sein leichtes, unfabares Licht strich ber die Stufen, ber Lydas Kleid, und ber ihr Gesicht, das die eigenen Gedanken belchelte. Die Schatten im Garten verdichteten sich und wurden allmhlich immer schwrzer wie im Walde. Dann schon lieber Sie ansehen, sagte Nowikow ungeschickt. -- -- Ach, was fr Abgeschmacktheiten ich zustande bringe, wenn ich rede, dachte er weiter. Lyda lachte laut auf: Ja, welch ein hlzernes Kompliment. Ich verstehe es nicht, Komplimente zu machen, erwiderte dster Nowikow. Aber so schweigen Sie doch und hren Sie zu. Lyda zuckte unwillig die Achseln. Ich liebte dich stumm, hoffnungslos und schmerzlich, Mit all der Qual, die solche Liebe gibt, Ich liebte dich so wahrhaft und so herzlich, Gott gb', da dich ein andrer je so liebt. Die Tne hallten vom Piano wie klingende, kristallene Aufschlge in den Garten hinein. Der Mondenschein wurde immer leuchtender, die Schatten immer tiefer. Unten im Grase ging Ssanin leise vorber, setzte sich unter die Linde, und sa unbeweglich da, bezaubert von der Stille, welche die Laute des Klaviers und der leidenschaftliche Gesang nicht verwischen konnten, sondern im Gegenteil noch erhhten. Pltzlich fuhr Nowikow in die Hhe, als wre es ihm mit einemmal entschieden ins Bewutsein gekommen, da er unmglich noch einen Augenblick verlieren drfe: Lyda Petrowna! Was? fragte Lyda mechanisch und schaute auf den Garten und den Mond und ber die schaukelnden Zweige, welche sich von seiner runden und hellen Scheibe abhoben. Ich warte schon so lange! ... Ich mchte jetzt sprechen! fuhr Nowikow mit abgerissener Stimme fort. Ssanin wendete den Kopf und horchte auf. Worber? ... fragte Lyda zerstreut. Sarudin beendete grade seine Romanze, schwieg eine Weile, und setzte dann von neuem ein; er glaubte, eine selten schne Stimme zu haben, und liebte es, vorzutragen. Nowikow fhlte, da er abwechselnd errtete und erblate; ein Gefhl der Uebelkeit stieg in ihm auf und der Kopf schwindelte ihm. Ich ... sehen Sie ... Lyda Petrowna ... wenn Sie ... vielleicht geneigt wren, meine ... Frau ... seine Zunge schlotterte und er wurde sich bewut, da man in solchen Augenblicken nicht so sprechen drfe wie er. Und bevor er noch geendet hatte, erwartete er es schon als etwas ganz Selbstverstndliches, da sich sogleich ein sehr beschmender Vorgang, der ebenso tricht wie lcherlich wre, abspielen msse. Mechanisch erkundigte sich Lyda noch einmal: Wessen? ... Und pltzlich wurde sie glhend rot, stand auf, setzte zu einer Antwort an, sagte aber nichts und wandte sich voller Verlegenheit ab. Jetzt schaute ihr der Mond grade ins Gesicht. Ich liebe Sie! Nowikow bebte am ganzen Krper; er hatte die Empfindung, als ob der Mond zu leuchten aufgehrt htte, als ob es im Garten beraus schwl sei und alles irgendwo in einen hoffnungslosen, furchtbaren Abgrund strze. Ich verstehe nicht zu reden. Aber das ist ja gleich. Ich habe Sie sehr gern! -- -- -- Wozu brauche ich hier das _sehr_, dachte er pltzlich, als wollte ich ber Vanille-Eis sprechen. Er verfiel in Schweigen. Lyda zupfte nervs an einem Blttchen, das ihr grade in die Hand kam. Es machte sie verlegen, weil seine Worte fr sie gnzlich unerwartet und unntig waren. Sie riefen eine traurige Stimmung, die nichts wieder gut machen konnte, zwischen ihr und Nowikow hervor, an dessen Person sie seit langem fast wie an einen Verwandten gewhnt war und den sie auch ein wenig liebte. Ich wei wirklich nicht! ... Ich habe niemals an so etwas gedacht. Nowikow fhlte sein Herz mit einem stumpfen Schmerz irgendwohin zurckfallen. Er wurde noch blsser, stand auf und griff zur Mtze. Auf Wiedersehen! sagte er, ohne da seine Stimme ihm selbst in den Ohren nachgeklungen htte. Seine Lippen verzerrten sich zu einem unpassenden, widersinnigen und bebenden Lcheln. Wo wollen Sie denn hin? ... Auf Wiedersehen! Lyda war verwirrt; beim Hndereichen bemhte sie sich, harmlos zu lcheln. Nowikow drckte rasch ihre Hand und ohne die Mtze aufzusetzen, lief er mit hastigen Schritten ber das betaute Gras, geradeaus durch den Garten. Als er in die ersten Schatten eintrat, griff er sich erregt in die Haare: -- -- -- Oh, mein Gott, warum bin ich so unglcklich? ... Sich eine Kugel durch den Kopf jagen? ... Ach, das sind ja alles nur Bagatellen. Aber doch, sich eine Kugel durch den Kopf jagen ... so scho es wirbelnd und zusammenhangslos durch seine Gedanken und er hielt sich fr den unglcklichsten Menschen, fr vllig entehrt und lcherlich. Zuerst wollte ihn Ssanin anrufen; er bedachte sich aber anders und lchelte nur. Es kam ihm sehr komisch vor, da sich Nowikow an den Haaren ri und beinahe heulte, nur weil es eine Frau, deren Gesicht, Schultern und Fe ihm gefielen, ablehnte, sich ihm hinzugeben. Dann aber war es Ssanin auch angenehm, da seine schne Schwester Nowikow nicht liebte. Lyda stand einige Minuten unbeweglich auf demselben Fleck und Ssanin folgte mit scharfer Aufmerksamkeit dem hellen Umri ihrer Gestalt, auf die grell das Mondlicht fiel. Durch die schon im Mondlicht liegende Tr trat Sarudin auf die Terrasse heraus; fr Ssanin war sein vorsichtiges Sporengeklirr deutlich hrbar. Im Saale spielte jetzt Tanarow einen alten Walzer mit zerrinnenden, duftigen Lauten zaghaft und grmlich. Sarudin ging leise auf Lyda zu und umschlang ihre Taille mit einer weichen, geschmeidigen Bewegung; es fiel Ssanin auf, wie pltzlich zwei Schatten in einen zusammenflossen, der dann im Mondenlicht sonderbar hin und her schwankte. Worber sinnen Sie so verloren nach? flsterte Sarudin leise; seine Lippen ergriffen ihr kleines, zartes Ohr, und seine Augen blinkten dicht vor den ihren. Lyda schwamm es s und ngstlich durch den Kopf. Wie immer, wenn sie und Sarudin sich umarmten, erfate sie ein eigentmliches Gefhl. Sie war sich klar, da er seiner geistigen Entwicklung nach unendlich niedriger stnde als sie und da sie sich ihm niemals unterwerfen wrde. Gleichzeitig aber beherrschte sie ein angenehmer Schauer der Unsicherheit bei dem Gedanken, diese Berhrungen einem starken und schnen Mann zu gewhren; es war, als blicke sie in einen bodenlosen Abgrund: -- -- -- Und mit einemmal raffe ich mich auf und strze mich hinunter ... will es und strze mich ... Man wird uns sehen ... flsterte sie kaum hrbar, ohne sich aber strker an ihn zu drcken oder sich weiter von ihm zu entfernen, whrend sie ihn grade durch diese hingebende Passivitt noch mehr lockte und erregte. Ein Wort! fuhr Sarudin fort, indem er sich, mit heiem Blut bergossen, strker an sie drngte. Lyda zitterte. Diese Frage stellte er nicht zum ersten Mal an sie und stets begann in ihr etwas zu sehnen und zu beben, das sie schwach und willenlos machte. Wozu das? fragte sie ihn dumpf und ihre Augen blickten, von irgendeinem feuchten Schimmer berzogen, weit geffnet in den Mond. Sarudin konnte und wollte ihr nicht die Wahrheit sagen, obgleich er wie alle Mnner, die bei Frauen Glck haben, fest davon berzeugt war, da Lyda ihn verstand und im Inneren dieselben Wnsche hatte; sie ngstigte sich nur. Wozu? ... Nun, um Sie endlich einmal frei anschauen zu knnen. Um mit Ihnen ein freies Wort zu sprechen. Wie wir jetzt zusammenkommen, das ist eine Folter. Sie qulen mich. Lyda, Sie kommen, ja? ... wiederholte er, seine bebenden Kniee an ihren elastischen und warmen Schenkel drckend. Diese Berhrung seiner Kniee brannte in ihr wie glhendes Eisen; um sie erhob sich nur noch ein dichter, traumschwler Nebel. Ihr ganzer, biegsamer Krper erstarb; er schob und zog sich ohne ihren Willen dem seinen entgegen. Ihr wurde qualvoll gut und scheu zumute. Ringsumher hatte sich alles in sonderbarer, unbegreiflicher Weise verndert. Der Mond war kein Mond mehr, er leuchtete nahe, ganz nahe durch das Gitter der Terrasse, als hinge er grade ber der hellerleuchteten Lichtung. Der Garten, nicht jener, den sie bisher gekannt hatte, sondern ein anderer, der viel dunkler und geheimnisvoller war, rckte dicht an sie heran und drngte sich um sie. Ihr Kopf schwindelte langsam und nachhaltig. Doch, sich mit eigenartiger Lssigkeit biegend, entwand sie sich seinen Armen und flsterte mhsam durch die pltzlich wie ausgetrockneten Lippen: Gut! Schwankend und schwerfllig ging sie ins Haus; sie verstand da etwas Furchtbares, Unabwendbares geschehen war, das sie lockte, lockte, das sie in den Abgrund zog. -- -- Es ist ja nur eine Bagatelle, es wird nichts sein, ich mache nur Spa; ganz einfach, weil es mir interessant ist, ein Scherz, weiter nichts; -- -- so bemhte sie sich selbst zu berzeugen, als sie in ihrem dunklen Zimmer vor dem Spiegel stand und darin nur ihren Schatten sah, welcher durch den Widerschein der vom Ezimmer aus beleuchteten Tre hineingeworfen wurde. Sie hob langsam die Hnde ber den Kopf, knackte die Finger zusammen und dehnte sich leidenschaftlich; dabei beobachtete sie die Bewegungen ihrer schlanken Taille und ihrer breiten, runden Hften. Sarudin durchschauerte es, als er allein geblieben war; er knirschte mit den Zhnen und zuckte, die Augen schlieend, mit den Achseln. Wie gewhnlich fhlte er sich glcklich und er empfand, da ihm ein noch greres Glck bevorstnde. Lyda erschien ihm in dem Augenblick, in dem sie sich ihm hingeben wrde, so ungewhnlich, so wollstig schn, da ihm die Erregung physische Schmerzen verursachte. In der ersten Zeit, als er anfing, ihr den Hof zu machen und auch spter noch, als sie ihm schon erlaubte, sie zu umarmen, konnte er ein Gefhl der Furcht in sich nicht unterdrcken. In ihren verdunkelten Augen lag etwas Fremdes, das ihm unbegreiflich war, wie, wenn sie ihn trotz ihrer Liebkosungen doch im geheimen verachtete. Sie erschien ihm so klug, so allen jenen Frauen und Mdchen unhnlich, bei denen er stolz seine Ueberlegenheit empfunden hatte; -- -- ihr klares Selbstbewutsein zeigte sie so deutlich, auch whrend er sie kte, da er bei den Umarmungen zurckhaltend und ngstlich wurde, als erwartete er in jedem Augenblick, eine Ohrfeige zu bekommen. Der Gedanke, sie ganz zu besitzen, rief in ihm nur strkere Furcht hervor. Mitunter kam es ihm geradeso vor, als spielte sie nur mit ihm und seine Rolle schien ihm dann einfach dumm und lcherlich. Nach dem heutigen Versprechen jedoch, welches sie ihm mit einer eigentmlich ersterbenden, willenlosen Stimme, die er schon von anderen Frauen her kannte, gegeben hatte, fhlte er, wie seine Kraft unerwartet zurckkehrte. Er verstand, da nun alles so kommen mute, wie er es wollte. Und in das beklemmende Gefhl wollstiger Sehnsucht mischte sich fein und unbewut eine Spur von Schadenfreude darber, da dieses kluge und gebildete Mdchen, welches so stolz und rein war, ihm ebenso unterliegen wrde, wie alle die anderen, und da sie mit sich dasselbe vornehmen lassen sollte, was er bei den andern zu tun pflegte. Harte, brutale Szenen stiegen vor ihm empor und schwebten nebelhaft vor seinen Augen auf und ab; sie waren voll berreizter Wollust und von ausgesprochener Niedrigkeit. Als Mittelpunkt drngte sich allmhlich das Bild von Lydas nacktem Krper hervor. Sarudin sah ihr aufgelstes Haar, ihre klugen Augen; alles das verband sich zu einer wilden Orgie berhitzter Grausamkeit. Pltzlich erblickte er sie deutlich vor sich auf dem Boden liegen, hrte das Sausen seiner Reitpeitsche und ein rosiger Streifen zog ber ihren nackten, zarten Krper, der sich in sklavischer Unterwrfigkeit zuckend dehnte und streckte. Unter einem pltzlichen Aufschieen des Blutes, das ihm ins Gehirn stieg, schwankte er zitternd gegen das eiserne Gelnder der Terrasse. Goldene Kreise, Flammen schwirrten ihm vor den Augen. Es war ihm physisch unertrglich, weiter zu denken. Mit bebenden Fingern zndete er eine Zigarette an, seine starken Fe hatten alle Kraft verloren; er trat ins Haus. Wladimir Petrowitsch, der nichts von allem gehrt, aber doch genug gesehen hatte, um Sarudins Lage zu begreifen, ging ihm mit einer Empfindung der Eifersucht nach. -- -- -- Welch ein Glck doch solche Bestien haben, dachte er. Wei der Teufel ... Lyda und dieser ... Das Abendbrot wurde im Ezimmer eingenommen. Maria Iwanowna war nicht gut aufgelegt, Tanarow schwieg gewohnheitsmig und trumte davon, wie angenehm es sein mte, Sarudin zu hneln und von einem Mdchen wie Lyda geliebt zu werden. Es schien ihm, da er sie nicht so wie Sarudin lieben wrde, der nicht imstande war, ein solches Glck zu schtzen. Lyda war bla und schweigsam; sie schaute niemanden an. Listig und behutsam dagegen benahm sich Sarudin, wie ein Raubtier auf der Fhrte, und Ssanin ghnte wie immer, a, trank sehr viel Wodka; dem Anschein nach war er uerst schlfrig. Das hinderte ihn aber nicht, nach dem Abendessen zu erklren, er wolle sich noch nicht hinlegen und werde statt eines Spazierganges Sarudin nach Hause begleiten. Ssanin und Sarudin gingen bis zur Wohnung des Offiziers in fast vlligem Schweigen; -- -- um sich die tiefe Nacht. Nur in den obersten Wolkenschichten schwamm, kaum sichtbar, der Mond. Ab und zu blickte Ssanin auf den Offizier und berlegte, ob es nicht das beste wre, ihm eine herunterzuhauen. Ja, sagte er pltzlich, schon dicht vor Sarudins Wohnung, es gibt Verschiedenes in der Welt; zum Beispiel so allerlei Lumpen. Wie meinen Sie das? ... fragte Sarudin, vor Verwunderung die Augenbrauen hochziehend. Ja, so im allgemeinen. Aber grade die Lumpen, das sind die interessantesten Kerle. Was sagen Sie da? ... Natrlich, es gibt nichts Langweiligeres in der Welt, als ein rechtschaffener Mensch zu sein. Was ist so einer? Das Programm der Rechtschaffenheit und Tugend, das ist doch eine allbekannte Geschichte; was sollte es darin Neues geben? In diesem alten Plunder geht dem Menschen jede Individualitt verloren. Das ganze Leben engt sich in einen den, platten Rahmen der Anstndigkeit ein. Hehle nicht, lge nicht, verrate nicht, brich nicht die Ehe, und dabei ist die Hauptsache, da grade alles dies am festesten im Menschen sitzt; jeder Mensch lgt, verrt, und betreibt besagtes Ehebrechen, nach Magabe seiner Krfte. Doch nicht jeder, bemerkte nachsichtig Sarudin. Nein, jeder! Es gengt schon, sich in das Leben eines anderen Menschen hineinzuversetzen, um darin auf die Snde zu stoen. Sehen Sie, in dem Augenblick, wo wir dem Kaiser geben, was des Kaisers ist, uns dann ruhig schlafen legen und zum Mittagessen niedersetzen, verben wir schon Verrat. Aber was sprechen Sie da? rief Sarudin unwillkrlich entrstet. Nun wir zahlen Steuern, gengen unsern Brgerpflichten und die Folge davon ist, da wir dem Staat die Mittel geben, Tausende von Menschen in denselben Krieg zu schicken, ber dessen Ungerechtigkeit wir uns empren. Wir legen uns schlafen und wir denken garnicht daran, die zu retten, die sich gleichzeitig fr unsere Ideen aufopfern. Wir verzehren soviele berflssige Bissen und lassen Menschen Hungers sterben, fr deren Wohlergehen wir sorgen mten, wenn wir wirklich tugendhafte Menschen wren. Und so fort. Das ist ja verstndlich. Aber eine andere Sache ist es mit dem Lumpen, dem echten, aufrichtigen Lumpen. Das ist vor allen Dingen ein vollkommen offener, natrlicher Mensch. Ein natrlicher? ... Gewi, unbedingt. Er tut eben das, was fr einen Menschen ganz natrlich ist. Er sieht irgendetwas, was ihm nicht gehrt, aber gefllt, und nimmt es sich. Er sieht ein prachtvolles Weib, das sich ihm nicht gleich hingeben will, also nimmt er es mit Gewalt oder mit List. Und das ist vollkommen natrlich, weil das Bedrfnis und Verstndnis fr den Genu grade einer der wenigen Zge ist, wodurch sich der Mensch vom Tiere unterscheidet. Je mehr Tier das Tier ist, um so weniger wei es etwas vom Genu oder ist imstande, ihn zu suchen. Tiere befriedigen nur ihre Triebe. Ich glaube, darber sind wir uns doch alle klar, da der Mensch nicht zum Leide geschaffen ist, und da Leiden nicht das Ideal menschlichen Strebens sein kann. Selbstredend, gab Sarudin zu. Also liegt im Genu das Ziel des Lebens. Paradies ist gleichbedeutend mit absolutem Genu und alle Menschen trumen auch, so oder so, vom Paradies auf Erden. Ursprnglich war es ja auch hier unten, wie man sagt. Und dieses Mrchen vom Paradies ist keineswegs ein Unsinn; es ist ein Traum und ein Symbol. Ja, sagte nach einigem Schweigen Sarudin, die Enthaltsamkeit ist wirklich keine natrliche Eigenschaft des Menschen; am aufrichtigsten sind tatschlich die, welche ihre Begierden garnicht zu unterdrcken suchen. Ganz recht, fiel ihm Ssanin ins Wort, das heit also solche, die man in unserer Gesellschaft Lumpen nennt. Sehen Sie, wie Sie zum Beispiel. Sarudin zitterte und prallte zurck. Sie sind natrlich, fuhr Ssanin fort und tat so, als wenn er nichts bemerkt htte, der beste Mensch von der Welt. Wenigstens in Ihren eigenen Augen. Aber gestehen Sie, trafen Sie jemals einen Menschen, der besser war als Sie? ... Viele, antwortete unentschlossen Sarudin, der ihn jetzt berhaupt nicht mehr begriff und nicht mit sich ins Reine kommen konnte, ob es angebracht wre, sich beleidigt zu fhlen oder nicht. Sagen Sie wen? ... Sarudin zog schwankend die Schultern an. Nun da haben Sie's, rief Ssanin heiter, zuletzt bleiben Sie doch selbst der allerbeste Mensch. Und ich zhle mich natrlich auch zu ihnen. Und haben wir beide nicht, wenn's drauf ankommt, den Wunsch, zu stehlen, zu lgen und ehezubrechen? Selbstverstndlich, ... vor allen Dingen ehezubrechen. Sarudin schob wieder die Schultern in die Hhe. Originell, murmelte er. Meinen Sie? fragte Ssanin, mit einer unfabaren Nuance von Spott. Von der Seite habe ich es noch garnicht angesehen. Ja, Lumpen sind die aufrichtigsten Menschen. Nebenbei auch die interessantesten. Weil man sich in der menschlichen Lumpenhaftigkeit gar keine Schranken und Begrenztheit vorstellen kann. Einem Lumpen werde ich stets mit ganz besonderer Hochachtung und groem Genu die Hand drcken. Und mit einem ungewhnlich offenen, freudigen Gesicht drckte Ssanin dem Offizier die Hand, schaute ihm dabei liebenswrdig gerade in die Augen, verdsterte sich aber pltzlich und murmelte, nun schon mit vllig vernderter Stimme: Adieu, gute Nacht! und ging fort. Sarudin blickte, einige Minuten unbeweglich auf demselben Flecke stehend, dem fortgehenden Ssanin ganz verdutzt nach. Er wute nicht, wie er seine Worte aufnehmen sollte und er befand sich daher in einer selten peinlichen Stimmung. Aber sofort wurde sie durch die Erinnerung an Lyda verdrngt; -- -- er dachte daran, da Ssanin ja ihr Bruder sei und da er im Grunde wohl recht htte; im selben Augenblick empfand er fr ihn auch ein Gefhl brderlicher Liebe und Freundschaft. -- -- -- Er bleibt aber doch ein interessanter Kerl, dachte er selbstgefllig, als wenn ihm Ssanin bis zu einem gewissen Grade angehre und er selbst fr dieses Interesse in Frage komme. Dann ffnete er die Haustr und schritt, immer noch kopfschttelnd und von angenehmem Nachdenken angeregt, in seine Wohnung. Ssanin kehrte gleichmtig nach Hause zurck, kleidete sich aus, legte sich nieder, zog die dicke Decke hoch und wollte zum Zarathustra greifen, den er bei Lyda gefunden hatte. Aber schon von der ersten Seite an war ihm das Buch langweilig. Die aufgeblasenen Bilder erweckten in seiner Seele keinen Rhythmus, er spuckte drauf, warf es beiseite und schlief sofort ein. IV In das Haus des Obersten Nikolai Jegorowitsch Swaroschitsch, das nicht weit von dem der Ssanins lag, war der Sohn zurckgekehrt, ein Student der technischen Hochschule. Die Behrde hatte ihn aus Moskau ausgewiesen und unter Aufsicht der Heimatspolizei gestellt, weil er verdchtig war, an einer revolutionren Verbindung teilgenommen zu haben. Jurii Swaroschitsch hatte seine Familie schon frher davon benachrichtigt, da er verhaftet worden sei und ein halbes Jahr lang im Gefngnis sitzen mute; auch von seiner Ausweisung schrieb er ihnen, soda seine Ankunft niemanden berraschte. Gewi war Nikolai Jegorowitsch anderer Ansicht wie sein Sohn und die ganze Geschichte hatte ihn aufs uerste betrbt, aber doch sah er in dessen Handlungsweise nur jugendliche Torheit, und empfing ihn voll zrtlicher Liebe. Absichtlich vermied er es, die Unterhaltung auf dieses Thema zu bringen. Jurii war drei Tage lang ununterbrochen in der dritten Klasse gefahren, wo man vor dem Gebrll kleiner Kinder und den schwlen, muffigen Ausdnstungen nicht schlafen konnte. Er kam furchtbar mde und abgespannt nach Hause. Kaum hatte er den Vater und seine Schwester Ludmilla, die in der ganzen Stadt nur mit ihrem Kindernamen Ljalja gerufen wurde, begrt, so legte er sich schon in ihrem Zimmer schlafen. Er erwachte erst gegen Abend, als die Sonne im Untergehen war, und ihre rtlichen Strahlen die Umrisse des Fensters an der Wand mit bunten Farben umzogen. Aus dem Nebenzimmer hrte man das Geklirr von Glsern und Lffeln, das Rcken von Sthlen; dazwischen das lustige Lachen Ljaljas und eine aristokratische Herrenstimme, die Jurii vllig unbekannt war. Zuerst kam es ihm vor, als ob er noch immer im Eisenbahnwagen dahinfhre, dessen Fensterscheiben und Puffer klapperten und krachten und wo vom Nachbarabteil her Stimmen unbekannter Leute zu ihm drangen. Doch sofort besann er sich wieder auf seine Umgebung; er erhob sich rasch und setzte sich im Bette aufrecht hin. Ach ja, er dehnte das Wort lang durch die Lippen und fuhr sich mit allen fnf Fingern durch das dichte und widerspenstige, schwarze Haar. Nun bin ich also wirklich hier gelandet ... Seine Gedanken sammelten sich und mit einem Mal kam er ganz erstaunt zu dem Schlusse, da er eigentlich garnicht nach Hause htte zurckkehren sollen. Die Wahl des Aufenthaltsortes war ihm freigestellt worden; wie er glaubte, folgte er nur einem pltzlichen Einfall, als er, ohne sich lange zu besinnen, nach Hause fuhr. Doch in Wirklichkeit war dem nicht so: In seinem ganzen Leben hatte er niemals versucht, sich durch eigene Arbeit zu erhalten. Stets war er auf die Untersttzung des Vaters angewiesen gewesen und daher scheute er sich jetzt davor, ohne Hilfe an einen fremden Ort zu gehen. Innerlich schmte er sich dieses Gefhls, gestand es sich aber selbst nicht ein. Pltzlich kam es ihm vor, als ob er grundfalsch gehandelt htte. Seine Verwandten konnten seine Situation nicht begreifen und billigen; das war klar. Dazu kamen auch hier materielle Fragen; denn es schien ihm wenig angenehm, dem Vater noch einige Jahre hindurch auf der Tasche zu liegen. All das mute von Anfang an bewirken, da zwischen ihnen keine harmonischen Beziehungen aufkommen konnten. Schlielich wrde auch das Leben in dieser kleinen Landstadt, in der er seit zwei Jahren nicht gewesen war, sehr langweilig sein. Alle Einwohner kleiner Landstdte hielt Jurii von vornherein fr Spiebrger, vollkommen unfhig, Fragen der Philosophie und Politik, in denen er den einzigen Sinn und Wert des Lebens sah, zu begreifen oder sich auch nur fr sie zu interessieren. Langsam stand er endlich, noch bedrckt von all diesen Gedanken, auf, ging auf das Fenster zu, ffnete es und lehnte sich in das Vorgrtchen hinaus, welches an diese Seite des Hauses stie. Eigentmlich sahen von oben die auffallend bunten Flecken der vielfarbigen Blumenkpfe aus, die ber das ganze Stckchen Erde verstreut, wie in einem Kaleidoskop, durcheinandergeworfen waren. Diesem Vorgrtchen gegenber lag dunkel ein dichter Garten, der wie alle in diesem kleinen Stdtchen zum Flusse hinunterlief. Ganz von weitem sah man den blassen Glanz dieses Flusses durch die Bume schimmern; zart und fein stiegen Nebelschleier aus ihm empor. Der Abend war still und lag schwer und trchtig in der Luft. Jurii wurde es traurig zumute. Zu lange hatte er in der groen, steinernen Stadt gelebt, soda die Natur fr ihn, trotzdem er sie zu lieben glaubte, leer und de blieb. Sie beruhigte und erfreute ihn nicht, sondern erregte in ihm einen unbegreiflichen Gram und krankhafte Trumereien. Aha, Lieber, du bist ja schon aus den Federn gekrochen! Nun gut, es ist auch Zeit, rief Ljalja, die mit einem Schwung ins Zimmer kam. Jurii trat melancholisch vom Fenster zurck. Das schwere Bewutsein seiner einsamen, abgesonderten Lage und eine stille unbestimmbare Sehnsucht, von dem versterbenden Tag genhrt, bewirkten es, da er sich von der Heiterkeit seiner Schwester verletzt fhlte und es unangenehm fand, pltzlich ihre helle Stimme zu vernehmen. Bist du vergngt? Zu seinem eigenen Erstaunen richtete er pltzlich eine Frage an sie. Na, mit einem Mal aufgewacht! Ljalja ri die Augen auf, lachte aber gleich noch lustiger weiter, als htte sie die Frage des Bruders an etwas sehr Freudiges und Vergngliches erinnert. Wie kam es dir nur in den Sinn, dich pltzlich nach meiner Stimmung zu erkundigen. Uebrigens ich langweile mich niemals. Hab keine Zeit dazu ... Und mit ernstem Gesicht, augenscheinlich stolz auf ihre Worte, fgte sie hinzu: Es ist jetzt eine interessante Zeit; da wre es Snde und Schande, sich zu langweilen. Ich habe auch einige Arbeiterzirkel, mit denen ich mich beschftige. Und dann nimmt unsre Bibliothek viel Zeit in Anspruch. Wir haben hier auch ohne dich eine Volksbibliothek gegrndet; sehr gut geht sie. Zu anderer Zeit wre all das fr Jurii interessant gewesen und htte sicher seine Aufmerksamkeit erregt. Jetzt aber strte ihn irgend etwas. Doch da er sah, da Ljalja zwar ihrem Gesicht einen ber alles erhabenen Ausdruck zu geben versuchte, aber dabei komisch wie ein kleines Kind auf Anerkennung wartete, berwand er sich mit vieler Mhe und sagte: So? ... Nun gut! Wie sollte ich mich da also langweilen? ... Na, und ich komme vor Langweile um, gab Jurii ohne Ueberlegung zur Antwort. Wie liebenswrdig du bist! ... Garnicht zu sagen! ... Bist gerad erst ein paar Stunden zu Hause, hast die auch verschlafen und dann langweilst du dich schon. Dagegen ist nichts zu tun. Das kommt von Gott, erwiderte Jurii mit einem Anstrich von Selbstgeflligkeit. Sich zu langweilen, schien ihm viel eindrucksvoller und ernster, als vergngt zu sein. -- -- -- -- Das kann jeder, dachte er. Von Gott, von Gott, schmollte Ljalja scherzhaft und drohte ihm mit der Hand: Uuuuuu! Jurii fiel es garnicht auf, da sich seine Stimmung inzwischen bedeutend gebessert hatte. Die helle Stimme und die Lebensfreudigkeit Ljaljas zerstreute rasch die schalen Empfindungen, die er fr tief und wichtig hielt. Auch Ljalja glaubte nicht, doch ohne sich darber klar zu sein, an seine Trbsal und wurde deshalb nicht im geringsten durch sein Gerede verletzt. Ganz vergngt sah ihr Jurii jetzt ins Gesicht und sagte: Ich fhle mich niemals froh. Ljalja lchelte sehr interessiert und meinte in diesem Augenblick wirklich, da er ihr etwas sehr Witziges erzhlt htte. Nun gut, mein Ritter von der traurigen Gestalt, ... niemals ist niemals! Aber wir wollen gehen! Pa auf, gleich werde ich dir einen netten, jungen Mann vorstellen. Gehen wir! Ljalja zog den Bruder lachend an der Hand hinter sich her. So warte doch. Was fr ein junger Mann ist denn das! Mein Brutigam! rief ihm Ljalja glcklich und jubelnd grade ins Gesicht und drehte sich voll Freude und Entzcken im Zimmer herum, so da sich ihr Kleid von allen Seiten aufblhte. Jurii wute schon aus frheren Briefen des Vaters und Ljaljas selbst, da ein junger Arzt, der sich vor kurzem in der Stadt niedergelassen hatte, ihr eifrig den Hof machte; -- -- er wute jedoch noch nicht, da sie mit ihm schon verlobt war. So? ... meinte er unwillkrlich gedehnt und mit tiefer Verwunderung. Es erschien ihm ganz sonderbar, da diese reine und frische Ljalja, die er immer noch fr einen Backfisch hielt, bereits einen Brutigam haben sollte und bald Frau und Gattin sein wrde. In ihm stieg ein zrtliches Empfinden fr die Schwester auf, das sich aber fast gleichzeitig in stilles Mitleid verwandelte. Jurii legte ihr den Arm um die Taille und sie schritten zusammen in das Ezimmer, in dem bereits die Lampe brannte, und ein groer, sehr blankgeputzter Samowar an der Schmalseite des breiten Tisches stand. Am Tische sa auch Nikolai Jegorowitsch und unterhielt sich mit einem starkgebauten, doch noch jungen Menschen, an dem Jurii sofort auffiel, da er nicht den grorussischen Typus zeigte. Unbefangen, mit ruhiger Liebenswrdigkeit erhob sich dieser und trat Jurii entgegen. Nun, machen wir Bekanntschaft miteinander! -- -- Anatoli Pawlowitsch Rjsanzew. Von einer komischen Feierlichkeit seid ihr, rief Ljalja und machte gleichzeitig mit der offenen Handflche eine erhabene Bewegung, als wollte sie die Vorstellung untersttzen. Ich bitte Sie, mich zu lieben und zu achten, fgte Rjsanzew ebenso scherzhaft hinzu. Mit dem Wunsche aufrichtiger Zuneigung drckten sich beide die Hnde und dachten auch einen Augenblick daran, sich, wie blich, zu kssen; sie taten es jedoch nicht, sondern sahen sich nur freundschaftlich und aufmunternd in die Augen. -- -- -- So also sieht der Bruder aus, dachte verwundert Rjsanzew, der aus irgendeinem Grunde erwartet hatte, da die flinke, kleine Ljalja in ihrer blhenden Blondheit durchaus einen ebensolchen Bruder haben msse. Jurii aber war hochgewachsen, hager, hatte dunkles Haar, wenn es auch in seiner Art ebenso hbsch war, wie das Ljaljas; doch er hatte dieselben feinen, regelmigen Gesichtszge, wodurch er ihr hnlich wurde. Jurii, der seinerseits interessiert auf Rjsanzew blickte, kam in diesem Augenblick nur der eine Gedanke, da vor ihm der Mann stnde, der in diesem kleinen Mdchen, seiner Schwester, das Weib gefunden und liebgewonnen hatte, in diesem zarten, kleinen Mdchen, das so klar und frisch wie ein Frhlingsmorgen war. Natrlich so liebgewonnen, wie auch Jurii Frauen gegenber empfand; ... dieser Gedanke wurde ihm pltzlich unangenehm. Es war ihm peinlich, beide zu betrachten, als mten sie sofort seine geheime Ueberlegung erraten. Jurii wie auch Rjsanzew fhlten, da sie viele Fragen aneinander zu richten htten. Jenen drngte es, sich zu erkundigen: Lieben Sie Ljalja? ... Lieben Sie sie rein, ... ernst? ... Das wre doch schade, nein, widerwrtig, wenn Sie sie tuschen wollten. Sehen Sie nur, wie rein und unschuldig sie ist. Und Rjsanzew htte ihm geantwortet: Aber ich liebe doch ihre Schwester. Ja, wirklich, ich liebe sie sehr. Und man kann garnicht anders, als sie zu lieben. Sehen Sie, wie keck und frisch und lieb sie ist. Wie entzckend sie sich selbst in ihrer Liebe benimmt. Und wie reizend sich der Ausschnitt am Halse macht. Doch statt all dieser Gedanken sprach Jurii berhaupt nicht und Rjsanzew fragte nur hflich: Sind Sie fr lngere Zeit ausgewiesen worden? Nikolai Jegorowitsch, der im Zimmer auf und ab ging, hielt bei Rjsanzews Frage einen Augenblick inne; fuhr aber gleich wieder fort, mit den bertrieben regelmigen, abgemessenen Schritten eines alten Soldaten hin und her zu wandern. Er kannte die Einzelheiten der Ausweisung noch nicht und die unerwartete Erinnerung an sie stieg ihm zu Kopf. Wei es der Teufel, murmelte er vor sich hin, um seiner Emprung einen Ausdruck zu geben. Ljalja hatte die Bewegung des Vaters sofort verstanden und erschrak; sie frchtete schon im Voraus allerlei Zank, Streitigkeiten und unangenehme Errterungen und bemhte sich, das Gesprch abzubrechen. Innerlich machte sie sich Vorwrfe: Wie dumm bin ich doch. Natrlich htte ich daran denken und Tolja vorher warnen sollen. Aber da Rjsanzew garnicht wute, worum es sich handele, erkundigte er sich, nachdem er Ljaljas Frage, ob er Tee wnsche, bejaht hatte, von neuem: Und was beabsichtigen Sie, zunchst hier zu tun? Nikolai Jegorowitschs Mienen verdsterten sich zusehends; sein dumpfes Schweigen kam Jurii mit einem Mal zum Bewutsein. Ohne einer Ueberlegung Raum zu lassen, kochte in ihm die Erregung und der Trotz auf; absichtlich antwortete er mit dem lssigsten Tone, der ihm mglich war: Vorlufig garnichts! Was soll das bedeuten -- -- garnichts? ... fragte stehenbleibend Nikolai Jegorowitsch. Seine Stimme hatte sich nicht verndert, und doch klang aus ihr deutlich der Vorwurf heraus: -- -- -- Wie kannst du eine solche Antwort geben? ... Garnichts! Erlaubt dir denn dein Gewissen diese Antwort? ... Habe ich denn die Verpflichtung, dich mein ganzes Leben lang auf meinen Schultern zu tragen? ... Wie kannst du es vergessen, da dein Vater schon alt ist; es ist lngst an der Zeit, da du selbst fr dein Brot sorgen mut. Ich mache dir ja gar keine Vorschriften ... Gut, lebe! Aber begreifst du denn selbst nicht, wie du zu leben hast? ... Alle diese vorwurfsvollen Fragen klangen aus seiner Stimme und trotzdem der Eindruck auf Jurii um so strker war, als er seinem Vater innerlich vollkommen recht geben mute, fhlte er sich doch bis in die Tiefen seines Wesens verletzt. Gewi nichts? ... Was soll ich denn tun? ... fragte er herausfordernd zurck. Nikolai Jegorowitsch wollte ihm eine scharfe Antwort geben, schwieg aber und zuckte nur die Achseln. Dann begann er wieder aus einer Ecke in die andere zu gehen, mit schwerflligen in drei Tempi zerfallenden Schritten. Seine korrekte Erziehung gestattete ihm nicht, die Erregung schon am ersten Tage, an dem sein Sohn wieder ins Haus gekommen war, zu uern. Jurii verfolgte ihn mit glnzenden Augen; er konnte sich nicht mehr zurckhalten, gespitzt und wachsam auf den geringsten Anla zum Widerspruch zu lauern. Er war sich durchaus klar, da er den Streit hervorrufen wrde, aber es war ihm doch unmglich, sein Auflehnungsbedrfnis zu bewltigen. Am unglcklichsten fhlte sich Ljalja, die dem Weinen nahe, bald den Vater, bald wieder den Bruder hlflos ansah; sie wagte kein Wort zu sprechen, aus Furcht, dadurch irgendwie den Ausbruch des Sturmes zu beschleunigen. -- -- -- Auch Rjsanzew, der endlich begriffen hatte, was vorging, suchte ihr zu Hilfe zu kommen; doch die Art und Weise, wie er mhsam das Gesprch in andere Bahnen lenkte und mit aller Gewalt immer neue und allen uninteressante Themen herbeizog, war nicht besonders geschickt und verstrkte nur die gegenseitige Gereiztheit. So ging der Abend langweilig und gleichzeitig gespannt vorber. Jurii wollte sich nicht als schuldig betrachten, denn Nikolai Jegorowitsch verlangte im Grunde, da er mit dem politischen Kampf nichts zu tun haben drfe, und das mochte er unter keiner Bedingung zugestehen. Ihm schien es, da der Vater nicht fhig sein konnte, die einfachsten Dinge zu begreifen, weil er alt und unintelligent war, und da er nun ganz unbewut einen Groll auf ihn als den nchsten Zeugen seines Alters und seiner Unintelligenz habe. Zum Abendessen kamen Nowikow, Iwanow und Semionow. Letzterer studierte an der Universitt und war im hchsten Grade schwindschtig; seit einigen Monaten lebte er in der Stadt als Privatlehrer eines Knaben. An ihm fiel jedem sofort seine eckige Hlichkeit und Schwche auf; sein vorzeitig gealtertes Gesicht trug den schaudererregenden und doch so unfabar zarten Schatten des nahen Todes. Sein Begleiter Iwanow war ein langhaariger und breitschultriger Volksschullehrer von ungeschliffenem Benehmen. Sie waren beide auf dem Boulevard spazieren gegangen; sobald sie jedoch von Juriis Ankunft hrten, kamen sie, um ihn zu begren. Ihr Erscheinen belebte alles. Witze, Scherze, Lachen erscholl. Beim Abendbrot wurde von allen viel getrunken, doch von Iwanow am meisten. Auch Nowikow war schlielich von der allgemeinen Heiterkeit fortgerissen worden und lachte krftig mit den andern. Im Laufe der wenigen Tage, die seit seiner Erklrung an Lyda verflossen waren, hatte er sich wieder ein wenig beruhigt. Trotzdem war es ihm beschmend und peinlich, zu Ssanins zu gehen; um Lyda zu sehen, lief er zu gemeinsamen Bekannten oder nur die Straen entlang, die sie hinunterzukommen pflegte. Trafen sie sich, dann war Lyda zu ihm bertrieben aufmerksam mit einem Anflug von verschmter Zrtlichkeit. Und schon begannen sich in Nowikow neue Hoffnungen zu regen. Was meint ihr, Herrschaften, sagte er, als sie schon beim Verabschieden waren, wollen wir nicht einmal ein Piknik am Kloster veranstalten. Das Kloster war ein beliebter Ausflugsort, da es nicht zu weit entfernt von der Stadt auf einer Anhhe lag, in einer freien, stromumflossenen Ebene; der Weg zu ihm war sehr bequem. Ljalja konnte in der ganzen Welt nichts mehr begeistern, als allerlei Lrm, Spaziergnge, Baden, Rudern und durch den Wald laufen. Daher griff sie Nowikows Idee mit berquellendem Enthusiasmus auf. Unbedingt, das machen wir! Unbedingt! Aber wann? ... Wann wir wollen. Schon morgen meinetwegen. Und wen werden wir noch auffordern, fragte Rjsanzew, dem der Gedanke des Ausflugs ebenso gefiel. Im Walde war Ljaljas Krper, dessen Frische ihn mit seinen ganzen Sinnen anzog, sicher zwanglos in seiner Nhe; er konnte sie liebkosen und ungehindert kssen. Ja, wen denn noch? ... Wir sechs hier, und dann Schawrow. Wer ist das? fragte Jurii. Ach, hier luft so ein junger Studiosus herum. Und Ludmilla Nikolajewna wird Karssawina und Olga Iwanowna auffordern. Wen? erkundigte sich Jurii wieder. Ljalja lchelte: Das wirst du schon sehen! und sie kte geheimnisvoll vielsagend ihre Fingerspitzen. So? ... Nun, wollen wir sehen. Nowikow setzte eine zurechtgestutzte Miene auf und fgte mit unnatrlicher Gleichgltigkeit hinzu: Die Ssanins knnte man auch mitnehmen. Lyda vor allen Dingen, rief Ljalja, nicht, weil sie ihr gefiel, sondern weil sie von Nowikows Liebe wute und ihm eine Freude bereiten wollte. Von ihrer eigenen Liebe war sie so entzckt, da sie wnschte, alle Menschen um sie wren von demselben zufriedenen Glck erfllt. Bissig fiel Iwanow gleich nach ihr ein: Dann wollen wir aber auch ja nicht vergessen, die Offiziere einzuladen. Ganz gewi, sie ebenfalls! Je mehr Volk, um so besser. Die jungen Leute traten auf die Terrasse hinaus; der Mond verbreitete eine gleichmige Helle und alles war in warme Stille eingehllt. Oh, welche Nacht, sagte Ljalja, sich unmerklich an Rjsanzew schmiegend. Er drckte ihren runden, warmen Arm mit seinem Ellenbogen fest an sich; er fhlte, wie sie wnschte, da er noch bei ihr bleiben mge. Ja, die Nacht ist wunderschn, wiederholte er, diesen einfachen Worten einen tiefen, nur ihnen verstndlichen Sinn gebend. Mag ihr wohl sein, rief Iwanow im Ba. Meinen Segen, aber ich mchte schlafen. Gute Nacht, Signori! Er schritt gleichmig die Strae hinab, mit den Armen um sich fuchtelnd, wie eine Mhle mit ihren Flgeln. Nowikow und Semionow gingen zusammen fort. Rjsanzew brauchte unter dem Vorwand, noch das Piknik mit Ljalja zu besprechen, sehr viel Zeit zu seinem Abschied. Nun, baba, baba, sagte Ljalja endlich scherzhaft und schob ihn von sich. Als er ging, reckte sie sich und seufzte auf; es wurde ihr schwer, das Mondlicht, die warme Nachtluft zu verlassen und alles das, wozu sie ihr krftiger, junger Krper lockte. Jurii berlegte, da sich der Vater wahrscheinlich noch nicht niedergelegt htte und da es nun unvermeidlich zu dieser unerquicklichen und zwecklosen Auseinandersetzung kommen msse, wenn sie beide aufblieben. Nein, sagte er zgernd zu Ljalja, die wartend auf der Treppe stand, ich laufe noch ein wenig spazieren. Er blickte gradeaus auf die blulichen Wogen des Nebels, die wie ein Vorhang ber dem Flusse hin und her schwankten und die ganze Luft in zitternde Bewegung brachten. Wie du willst. Gute Nacht! Ljalja sprach mit einer eigentmlich zrtlichen Stimme. Dann reckte sie sich noch einmal in die Hhe, kniff die Augen wie ein Ktzchen zusammen, lchelte irgendwohin dem Mondschein nach und schritt schleppend ins Haus. Jurii blieb allein. Eine Minute lang stand er unbeweglich und starrte auf die schwarzen Schatten der Huser, die tief und kalt dalagen, schreckte pltzlich zusammen und schritt ebenfalls in der Richtung aus, in der er den kranken Semionow dahinschleichen sah. Der Kranke war noch nicht weit gekommen. Er ging eigentmlich langsam, Schritt fr Schritt, mit einer besonderen Betonung; er schleifte die Fe herum, whrend sein Oberkrper gebckt und nach vorn hing und nur von Zeit zu Zeit in einem dumpfen Husten zusammenfuhr. Auf der hellen Erde lief sein kalter, schwarzer Schatten aufmerksam hinter ihm her. Sowie Jurii ihn eingeholt hatte, fiel es ihm auf, da er sich vllig verndert hatte. Whrend des ganzen Abendessens hatte Semionow mehr gescherzt und gelacht als all die andern; jetzt aber lief er traurig und zerbrochen hin und aus seinem harten Husten klangen leidvolle, hoffnungslose Tne heraus; gleichzeitig drohend und grausam, wie die Krankheit selbst, an der er litt. Ach, Sie sind es, meinte er zerstreut, als er Jurii bemerkte, -- wie es diesem vorkam, unfreundlich. Ich habe gar keine Lust, zu schlafen. Ich mchte Sie ein Stckchen begleiten. So begleiten Sie mich, willigte Semionow mit deutlicher Gleichgltigkeit ein. Sie gingen langsam, schweigend weiter; Semionow hustete noch immer und beugte sich jedesmal nach vornber. Ist es Ihnen denn nicht zu khl, fragte Jurii oberflchlich, weil ihn dieser traurige Husten zu belstigen anfing. Ich friere immer, erwiderte Semionow verdrielich. Jurii wurde es peinlich zumut, als htte er versehentlich eine kranke Stelle berhrt. Wie, um diese Empfindung zu berwinden, erkundigte er sich wieder teilnahmsvoll: Sind Sie schon lange von der Universitt herunter? ... Semionow gab nicht sogleich eine Antwort. Lange, sagte er endlich. Jurii begann, ihm von den Stimmungen in der Studentenschaft zu erzhlen, von alledem, was er fr das Wichtigste und Aktuellste hielt. Zuerst sprach er ziemlich gleichmtig, dann aber ereiferte er sich, erzhlte lebhaft und voll Feuer. Semionow hrte zu und schwieg. Allmhlich kam Jurii dann auf die Grnde zu sprechen, welche zur Abschwchung der revolutionren Propaganda in den Massen fhrten, und man konnte merken, da ihm jedes Wort, das er hierber sagte, aufrichtig leid tat. Haben Sie die letzte Rede Bebels gelesen, fragte er hitzig. Gelesen! Nun, nett ist das? ... Was? ... Aber statt einer zusammenhngenden Antwort schwenkte Semionow pltzlich in groer Erregung seinen Stock mit der breiten Krcke. Sein Schatten bewegte neben ihm in gleicher Weise seinen langen, grauen Arm und Jurii mute in diesem Augenblick an das unheilvolle Flgelschlagen irgend eines schwarzen Raubvogels denken. Dann setzte Semionow eilig und zusammenhanglos zum Sprechen ein, als drfe er keine Zeit mehr verlieren und seine Worte strzten sich wild auf Jurii: Was ich Ihnen sagen werde, ... ich werde Ihnen sagen, da ich hier sterbe. Verstehen Sie, einfach sterbe. Und noch einmal schwang er den Stock und nochmals wiederholte der schwarze Schatten seine drohende Geste. Diesmal hatte Semionow selbst sie bemerkt. Da, sagte er bitter, hinter meinem Rcken steht der Tod und lauert auf jede meiner Bewegungen. Ach, was ist mir Bebel! Ein Schwtzer schwatzt _das_, ein andrer etwas Anderes, ins volle Leben schwatzen sie hinein, und mir steht sowieso bevor, heute oder morgen abzufahren. Verstehen Sie, zum Teufel zu gehen. Jurii schwieg verlegen, ihn berkam eine schmerzliche Trauer; das, was er gehrt hatte, verletzte ihn. Denken Sie vielleicht, da mir das alles wichtig ist? ... Das, was in der Universitt geschah oder was Bebel zu reden beliebte. Ich meine, wenn es einmal mit Ihnen so zum Sterben kommt, wie jetzt mit mir, verstehen Sie, es handelt sich hier darum, zuversichtlich zu wissen, da man stirbt, dann, nun zum Teufel, Ihnen wird noch nicht einmal der Gedanke in den Kopf kommen, da da Worte eines Bebels, Tolstois, Nietzsches oder von sonst irgend einem Trottel existieren und einen Sinn haben sollen. Semionow brach ab. Der Mond leuchtete hell und gleichmig wie frher, und unablssig glitt der schwarze Schatten hinter ihnen her. Also, der Organismus zerfllt, lie er sich pltzlich wieder mit einer ganz schwachen, jmmerlichen Stimme vernehmen. Wenn Sie wten, wie schwer es einem wird, so zu sterben. Besonders in einer solchen hellen, warmen Nacht. Er wendete Jurii sein hliches Gesicht aus Haut und Knochen und mit anormal glnzenden Augen zu, aus denen eine wimmernde Sehnsucht sprach. Alles lebt und ich sterbe. Diese Phrase wird Ihnen selbstverstndlich abgeleiert vorkommen, gewi, sie mu Ihnen so vorkommen, aber ich ... ich sterbe. Nicht in einem Roman, nicht auf einem Fest mit knstlerischer Wahrheit niedergeschrieben, nein, einfach so, in Wirklichkeit sterbe ich. Und mir scheint das wahrhaftig nicht banal. Ihnen wird dabei auch einmal anders zu Mute sein. Ich sterbe, ... sterbe, ... und weiter nicht. Semionow geriet in anhaltenden Husten; es dauerte einige furchtbare Minuten, bis er ihn berwunden hatte. Manchmal fange ich an, darber nachzudenken, da ich bald in vlliger Dunkelheit liegen werde. Verstehen Sie, in kalter Erde, mit eingefallener Nase und abgefaulten Gliedern. Und hier oben bei Ihnen auf der Erde wird alles weiter so seinen Gang gehen wie jetzt, wo ich noch lebend mit herumlaufe. Sie werden ja dann noch am Leben sein. Werden weiter herumlaufen, auf diesen Mond schauen, Sie werden atmen, an meinem Grabe vorbergehen; ... vielleicht werden Sie sich dort hinstellen und ein Bedrfnis erledigen. Und ich werde liegen und ekelhaft weiter faulen. He, schrie Semionow pltzlich haerfllt auf, was ist mir da Bebel und Millionen anderer fratzenschneidender Esel ... Jurii konnte sich noch immer nicht diesen angstdurchbebten Reden gegenber zurechtfinden und wurde nur verlegener. Nun leben Sie wohl, sagte Semionow ganz leise und weich, ich bin hier zu Hause. Jurii drckte ihm die Hand; er sah mit tiefem Mitgefhl auf seine eingedrckte Brust, die angezogenen Schultern und auf den Stock mit der dicken Krcke, den Semionow zwischen die Knopflcher seines abgetragenen Studentenpaletots eingehngt hatte. Er wollte ein gutes Wort zu ihm sprechen, ihn irgendwie trsten, und ihm Hoffnung einflen; er fhlte aber, da er ihm damit doch keine Ruhe bringen knne. So seufzte er nur und sagte: Auf Wiedersehen. Semionow fate an die Mtze und ffnete die Pforte. Noch hinter dem Zaune her hrte man seine schlrfenden Schritte und das hohle Husten. Dann wurde alles still. Jurii ging langsam zurck. Und alles, was ihm noch vor einer halben Stunde hell, leicht und ruhig erschienen war, ... der Mondenschein, der Sternenhimmel, die Pappelbume vom Monde bestrahlt und ihre geheimnisvollen Schatten, das lag jetzt tot und grauenhaft vor ihm, wie die Klte eines ungeheuren Weltengrabes. Als er nach Hause kam, ging er leise in sein Zimmer, und whrend er das Fenster nach dem Garten ffnete, stieg ihm zum erstenmal der Gedanke auf, da all die Ueberzeugungen, denen er sich so vertrauensselig und selbstlos hingegeben hatte, nicht das gaben, was in Wirklichkeit nottat. Einst, wenn er wie Semionow zum Sterben kommt, dann wird er ebenso vieles bedauern mssen ... Nicht, da es ihm unmglich war, die Menschen glcklich zu machen, die Ideale, die ihn beseelten, zu verwirklichen, ... nein, ganz allein, da im Tode seine Empfindungen schwinden, ohne da er im vollen Mae durchkostet hatte, was ihm das Leben bieten konnte. Doch sogleich schien ihm dieses Gefhl beschmend; er berwand sich und suchte nach einer Erklrung: Das Leben besteht eben im Kampfe. Doch fr wen? ... Warum nicht fr sich? ... Fr seinen eigenen Anteil an der Sonne, raunte traurig ein Gedanke in ihm. Jurii wollte ihn unterdrcken und begann sich mit anderem zu beschftigen. Aber das war schwierig und uninteressant. Immer wieder lief sein Denken in dieselben Kreise zurck und verdichtete sich zu einem qulenden Druck, der sich durch nichts abschtteln lie. V Als Lyda Ssanina den Zettel mit der Aufforderung zum Ausflug von Ljalja Swaroschitsch erhielt, reichte sie ihn dem Bruder hin. Sie glaubte, er wrde fr sich absagen, und sie wnschte es auch. Schon im voraus durchkostete sie den interessanten und bangen Genu, sich dort am Flu beim Mondlicht wie frher drngend und beklemmend zu Sarudin hingezogen zu fhlen; zugleich erfllte es sie dem Bruder gegenber mit Scham, da es sich gerade um den Offizier handeln mute, den er augenscheinlich von ganzem Herzen verachtete. Doch Ssanin erklrte sich sofort mit Vergngen bereit, an dem Ausflug teilzunehmen. Es war ein vollstndig wolkenloser, warmer Tag; trotzdem wurde es nicht zu hei. Man konnte nur mit Schmerzen in den glnzenden Himmel schauen; er erbebte fortwhrend unter der Reinheit der Luft und dem Schimmern der weigoldenen Sonnenstrahlen. Mdchen werden auch dabei sein, sagte ganz mechanisch Lyda. Du wirst mit ihnen bekannt werden. Ah, das ist ja nett! Eigentlich knnen wir uns ein besseres Wetter gar nicht wnschen ... Fahren wir also. Zur bestimmten Stunde kamen Sarudin und Tanarow in dem breiten Schwadrons-Jagdwagen, vor dem zwei hochbugige Soldatenpferde gingen, angefahren. Lyda Petrowna, wir erwarten Sie! rief heiter Sarudin, peinlich sauber, ganz wei gekleidet und stark parfmiert. Lyda in leichtem, hellem Kleide mit rosa Samtkragen und ebensolchem Grtel lief von der Terrasse herab und reichte Sarudin beide Hnde. Eine Weile hielt er sie vieldeutig vor sich hin, ihre Gestalt mit einem raschen, vollen Blick berfliegend. Fahren wir, fahren wir, rief Lyda, die seinen Blick verstand und durch ihn erregt wurde. Kurze Zeit darauf rollte der Wagen schnell auf dem wenig befahrenen Steppenweg dahin, wobei er die harten Halme des Feldgrases zum Boden bog, die dann aufschnellend die Fe streiften. Der frische Steppenwind bewegte leise das Haar der Fahrenden, er lief zu beiden Seiten des Weges in den zarten Wellen des Grases nebenher. Bald holten sie einen anderen Kremser ein, in welchem Ljalja Swaroschitsch, Jurii, Rjsanzew, Nowikow, Iwanow und Semionow saen. In ihrem Wagen war es eng und unbequem; aber darum waren sie auch doppelt lustig und alle in freudiger Stimmung. Nur Jurii Swaroschitsch fhlte sich in der Gesellschaft Semionows noch ein wenig von dem Gesprch am vorhergehenden Abend bedrckt. Da Semionow ebenso sorglos wie die anderen scherzte und lachte, machte einen sonderbaren und fast unangenehmen Eindruck auf ihn; dieses Vergngtsein konnte er nach allem dem, was er gestern von ihm gehrt hatte, nicht begreifen. War es denn nur eine Pose gewesen, dachte er. Er berflog ihn von der Seite mit einem schiefen Blick und wollte sich berzeugen, da es mit ihm gar nicht so schlimm stehen knne. Aber trotzdem brachten ihn seine Gedanken fortgesetzt in Verwirrung, und er versuchte stets mit aller Mhe, sie zu vergessen. Aus den beiden Kremsern flogen Scherze und Gre ber Kreuz hin und her. Nowikow, der ununterbrochen Possen trieb, sprang pltzlich von seinem Sitz im Fahren herunter und lief eine Zeitlang lachend neben dem Wagen her, in welchem Lyda sa. Zwischen beiden schien eine schweigende Uebereinkunft geschlossen zu sein, sich in bertriebener Weise Freundschaft zu bekunden und jedes Wort, das sie sprachen, erhielt dadurch eine besondere, liebenswrdige Unterstreichung. Immer klarer stieg vor ihnen der Berg empor, auf dessen Gipfel Kirchtrme blinkten und weie Klostermauern glnzend hell hervorschimmerten. Die ganze Hhe, mit einem Eichenwldchen bedeckt, erschien wie krausgelockt unter den wogenden Baumwipfeln. Eichen wuchsen auch unterhalb des Berges an beiden Ufern des Flusses, der sich am Fue der Hgelkette in breiter, trger Ruhe hinwlzte; auch seine Inseln, die wie aus einer silbernen Decke hervorbrachen, waren mit starken Eichen bestanden. Ueberall roch es nach Wasser und krftigen Baumblttern, nach Wiesengras und Feldblumen; ein starker, belebender Geruch, der den Frohsinn aller noch steigerte. Die Pferde bogen von selbst von dem befahrenen Wege ab und lenkten auf das weiche, saftige Wiesengras hinber, das unter den Hufen zu Boden klatschte, sich aber hinter den Rdern der leichten Wagen gleich wieder in die Hhe richtete. Als Treffpunkt hatte man eine besonders beliebte Waldwiese bestimmt; dort wurden sie schon von drei Personen erwartet, die vor ihnen angelangt waren; einem Student und zwei jungen Mdchen, beide in kleinrussischen, buntgestickten Blusen. Auf dem Grase hatten sie schon Decken ausgebreitet und unter Lachen und Neckereien waren sie beschftigt, Tee und Imbi zurechtzumachen. Die Pferde blieben mit einem Ruck stehen und lieen augenblicklich die Schweife auf das Fell klatschen, um die Fliegen zu vertreiben; die Ausflgler, von der Fahrt, der Luft und dem Dunst des Wasser und des Waldes angeregt, drngten sich alle gleichzeitig aus den Kremsern heraus, stieen sich und sprangen lachend auf den Boden. Ljalja begann sofort die beiden Mdchen, die den Tee bereiteten, laut zu begren. Lyda nickte, ohne unhflich zu sein, doch merklich zurckhaltender, stellte dann aber ihren Bruder und Jurii Swaroschitsch vor. Die Mdchen blickten hoch und sahen beide mit jugendlicher, heimlicher Neugierde an. Aber ihr seid ja selbst noch garnicht bekannt, rief pltzlich Lyda, auf ihren Bruder und Jurii blickend. Bitte, das ist mein Bruder, Wladimir Petrowitsch, und dies, Jurii Nikolajewitsch Swaroschitsch. Ssanin drckte lchelnd und mit weicher Bewegung, doch nachdrcklich die Hand Juriis, der ihm bis dahin gar keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte und sich auch bei der Vorstellung vollkommen gleichgltig verhielt. Fr Ssanin war jeder Mensch, der ihm begegnete, interessant, und es freute ihn stets, neue Menschen kennen zu lernen; Jurii war dagegen berzeugt, da es fr ihn nur sehr wenig bemerkenswerte Menschen geben knne und verhielt sich daher im Anfange sehr reserviert. Iwanow kannte Ssanin bereits oberflchlich und das, was er von ihm gehrt hatte, fand er sehr sympathisch. Neugierig sah er ihn jetzt an, trat als erster auf ihn zu und suchte ein Gesprch mit ihm anzuknpfen. Semionow reichte ihm nur im Vorbeigehen flchtig die Hand. Nun, jetzt drfen wir aber schon vergngt sein, rief Ljalja, mit der langweiligen Vorstellerei sind wir endlich fertig. Doch trotz ihrer Aufmunterung fhlte man sich im Anfang etwas befangen, da sich zu viele von ihnen das erste Mal sahen; erst, als man mit dem Essen begonnen hatte und die Mnner Wodka, die Mdchen Wein tranken, schwand die Spannung und alle wurden heiter. Es wurde viel getrunken, Scherze, denen dann jedesmal helles Lachen folgte, flogen hin und her, man tanzte und lief um die Wette und schlielich stiegen sie alle den Berg hinauf. Der Wald lag in grner Schnheit da, still, in verhaltener Ruhe, rings um sie regte sich kein fremdes Gerusch, soda keinem von ihnen ein trbes Gefhl oder irgendwelche Besorgnis im Herzen blieb. Ja, meine Herrschaften, sagte keuchend Rjsanzew, als man sich wieder auf der Wiese gelagert hatte, wenn die Menschen mehr springen und laufen wollten, wrde es neunzig Prozent aller Krankheiten nicht geben. Auch aller Laster nicht! rief Ljalja, ihm zrtlich zunickend. Nanu, das wre! fiel Iwanow fast entrstet ber diese Zumutung ein. Laster wird der Mensch immer bergenug mit sich herumschleppen. Warum auch nicht? Obgleich niemand htte erklren knnen, da seine Worte besonders treffend oder scharfsinnig waren, lachten doch alle aufrichtig ber sie. Whrend man jetzt den Tee trank, war die Sonne im Untergehen und der Strom wurde von ihrem matten Lichte golden berspiegelt; auch zwischen den Bumen zogen schon die rtlichen Strahlen des Abends. Jetzt aber, Herrschaften, zum Boote. Vorwrts, rief Lyda und lief, sich die Kleider raffend, den andern zum Ufer voraus. Wer am schnellsten dort ist, schrie sie noch zurck, whrend sie bermtig den Kopf wendete. Im Laufschritt die einen, die andern bedchtiger, ging's zum Ufer hinunter, und wieder mit dem Lachen, das allen so wichtig schien, nahmen sie im Boote Platz. Abstoen! kommandierte Lyda, und das Boot glitt leicht vom Ufer ab, zog breite Streifen hinter sich, die dann in eleganten Wellen nach dem Ufer zu auseinanderflossen. Jurii Nikolajewitsch, warum schweigen Sie eigentlich? fragte Lyda, als erste das Gesprch beginnend. Es gibt nichts, worber zu sprechen wre. Wirklich? ... sagte sie gedehnt und warf den Kopf zurck, von dem unbestimmten Gefhl beherrscht, da alle Mnner sie bewundern mten. Jurii Nikolajewitsch liebt es nicht, sich mit Bagatellen abzugeben, meinte Semionow. Aha, Sie brauchen ein ernstes Thema? ... Nun, schauen Sie, da haben Sie eins! unterbrach Sarudin Lyda. Er zeigte aufs Ufer. Dort tauchte unterhalb des Abhangs zwischen den knorpligen Wurzeln einer mchtigen Eiche ein enges und dsteres Loch auf, das noch zur Hlfte von Gestrpp verdeckt wurde. Was ist denn das? fragte Schawrow, der Student, welcher mit den beiden Mdchen zusammengekommen war. Er kannte die Gegend noch nicht, da er aus einem andern Gouvernement stammte. 'ne Art Spelunke ist das, antwortete ihm Iwanow. Und was fr eine! Wei der Teufel, die Leute erzhlen sowas, hier wre einmal eine Falschmnzer-Werksttte etabliert gewesen. Natrlich, wie das immer so kommt; sie sind alle gefat worden. Sehr bedauerlich brigens, da es immer so kommt. Sonst wrdest du schnellstens eine Fabrik von 20 Kopeken-Stcken aufmachen, was? fragte Nowikow. Aber nicht doch, ... wozu das? Von Rubeln, mein Freund, von Rubeln, aber sofort. Hm, rusperte sich Sarudin vernehmlich und zuckte die Achseln. Ihm mifiel die Anwesenheit Iwanows und dessen Scherze verletzten ihn. Iwanow achtete nicht darauf und fuhr fort. Also, eines schnen Tages hob man die Gesellschaft aus. Seitdem erfllt die Hhle kein Zweckbedrfnis mehr. Kein Wunder, da sie verwahrlost ist. Eingestrzt ist sie wohl auch. Traut sich niemand mehr hinein. Als ich noch ein Junge war, kroch ich selbstverstndlich durch. Ziemlich interessant ist es darin. Wie knnte es darin nicht interessant sein, rief Lyda begeistert. Viktor Sergeitsch, ich bitte Sie, kriechen Sie hinein. Sie sind doch tapfer. Ihr Ton war eigentmlich, gleichsam, als wollte sie jetzt im Licht und unter Leuten Sarudin verspotten und sich fr den bangen Zauber rchen, unter den er sie an Abenden zwang, an denen sie allein zusammen waren. Wozu das? Ich werde es tun, rief pltzlich Jurii, errtete aber im selben Augenblick, weil ihn der Gedanke erschreckte, da man glauben knnte, er wolle sich auszeichnen. Iwanow billigte seinen Vorschlag durchaus. Vielleicht gehst du selbst mit, kannst ja Fhrer sein, neckte ihn Nowikow. Du weit doch in diesem Mauseloch Bescheid. Ach nein, Bruder, ich bleibe schon lieber hier sitzen. Und damit rekelte er sich bequem im Boote zurecht. Alle lachten auf. Das Boot stie ans Ufer, und die schwarze Hhlung lag nun grade ber ihren Kpfen. Ljalja wurde mit einem Mal ngstlich. Jurii, mach geflligst keine Dummheiten, bat sie ihn. Das sind wirklich nur Dummheiten, bei Gott, nur Dummheiten. Gewi, nur Dummheiten, gab ihr Jurii ruhig zu. Aber bitte Semionow reichen Sie mir die Kerze rber. Wo soll ich denn eine hernehmen? ... Sehen Sie nur hinter sich, im Korb. Semionow holte, ohne sich zu beeilen, mit besonderem Ausdruck seines Phlegmas eine Kerze vor. Wie? Wollen Sie denn tatschlich da hineinkriechen? fragte eins der Mdchen. Sie war gro und schn; ihre volle Brust hob ihre Gestalt, ohne die feinen Linien zu verwischen. Ljalja nannte sie Sina; ihr Familienname war Karssawina. Natrlich, weshalb nicht. Mal etwas anderes, erwiderte Jurii, indem er gewaltsam eine gleichgltige Miene aufsetzte; unwillkrlich erinnerte er sich, wie oft er bei Partei-Unternehmungen dasselbe gleichgltige Gesicht zur Schau getragen hatte. Doch aus irgend einem Grunde erweckte diese Erinnerung in ihm ein unangenehmes Gefhl. Am Eingang zur Hhle war es feucht und dunkel. Ssanin blickte hinein: Brrrr, machte er voll Ekel. Ihm schien es ganz unverstndlich und lcherlich, da dieser Jurii sich in eine unbequeme, vielleicht gefhrliche Situation begeben wollte, nur weil ein paar Mdchen dabei auf ihn hinschauten. Das kann man doch viel leichter haben, dachte er. Jurii steckte die Kerze an und bemhte sich keinen der andern anzusehen. Ihm kam es jetzt ebenfalls so vor, als ob er sich mit seinem Mut nur lcherlich mache. Gleichzeitig tauchte aber die andere Empfindung in ihm auf, da es schn und bewunderswert sei, und damit regte sich in ihm eine angenehme und bange Neugierde. Er wartete, bis die Kerze aufflackerte, und lachend, um sich gegen den Spott zu sichern, schritt er vorwrts; sogleich verschwand er in der Dunkelheit. Das rief den Eindruck hervor, als wre die Kerze selbst ausgelscht, und allen wurde es in der Tat unheimlich zumute; man war besorgt um ihn und doch wieder neugierig. Seien Sie vorsichtig, Jurii Nikolajewitsch, rief Rjsanzew noch hinter ihm her, um seine Besorgnis auszudrcken. Geben Sie gut acht. Dort halten sich mitunter Wlfe versteckt. Ich habe einen Revolver bei mir, schallte Juriis Stimme dumpf zurck; sie erklang aus der Erde, so eigentmlich, wie die eines Toten. Jurii tastete sich vorsichtig vorwrts. Die Wnde waren uneben und feucht, wie in einem tiefen Keller. Abwechselnd hob sich der Boden und senkte sich dann wieder; ein paarmal wre er beinahe in glitschige Lcher gestrzt. Dann kam ihm der Gedanke, doch noch umzukehren. Er konnte sich ja einfach niedersetzen, sich eine Weile ruhig verhalten, und ihnen dann drauen vorreden, da er tief hineingegangen wre. Aber mit einem Male wurden hinter ihm Schritte, die ber den feuchten Lehmboden hinglitten, hrbar; dazwischen unterbrochenes Atmen. Jurii hob die Kerze ber seinen Kopf; er erkannte hinter sich das schne Mdchen. Sinaida Pawlowna! rief er erstaunt. In hchsteigener Person! schallte es von Karssawina lustig zurck und das Kleid aufraffend, bersprang sie eine breite Pftze. Jurii durchlief ein angenehmes Gefhl, als er ihre stolze Gestalt neben sich sah; er lchelte glcklich. Das Mdchen wurde unter seinem Blick verlegen: Nun gehen wir doch weiter, sagte sie hastig. Folgsam und leicht schritt Jurii voran, mit keinem Gedanken mehr bei der Gefahr verweilend; sorgsam suchte er den Weg vor Karssawinas Fen zu beleuchten. Die braunen, feuchten Wnde der Hhle nherten sich ihnen bald wie mit einer erstarrten Geste, bald bogen sie sich pltzlich wieder zurck, als wnschten sie selbst, diesen jungen, frohen Menschen den Weg frei zu machen. Stellenweise waren groe Erdblcke herausgebrochen, Steintrmmer niedergestrzt, und an ihrem Platze ghnten nun tiefe, schwarze Hhlungen, die durch die Dunkelheit noch bedeutend auseinandergedrngt schienen. Ueber ihren Kpfen hingen ungeheure Erdmassen tot und starr; es lag eine furchtbare Drohung darin, da sie nicht herunterschlugen, sondern von einem mchtigen, unfabaren Gesetz gehalten, unbeweglich ber ihnen wuchteten. Schlielich mndeten die Gnge in ein breites, dsteres Gewlbe, das von stickiger Luft erfllt war. Auch das Licht erlosch beinahe in dieser bedrckenden Finsternis, whrend Jurii an den Wnden entlang tastete, um einen neuen Ausweg zu suchen; dabei sprangen schwankende Schatten und getupfte Flecken, die das Licht zurckwarf, um ihn herum. Es gab noch einige andere Ausgnge, sie waren jedoch smtlich durch Erdrutsche verschttet. Alles machte den Eindruck des Grabes und es wre nicht denkbar gewesen, da hier Menschen gehaust haben sollten, wenn nicht in einer Ecke die Ueberreste einer hlzernen Lagerstatt traurig verfault wren. Aber auch sie glich nur einem alten, lngst zermorschten Sarge. Hier ist es nun grade nicht sehr interessant, meinte Jurii, ohne es selbst zu bemerken, mit gedmpfter Stimme. Die Erdmassen drckten so stark auf beide, da Karssawina unwillkrlich ihre Lippen zu einem Flstern bewegte, whrend ihre Augen im Lichtschein flimmernd umherirrten. Ihr wurde es bange, sie drngte sich nher an Jurii, als suche sie bei ihm Hilfe. Er bemerkte es und es erfllte ihn mit Freuden, da er, neben der Schnheit und Schwche dieses Mdchens, noch eine leise Zrtlichkeit hervorrief, von der sie nichts wute, die sie aber deutlich in ihren behutsamen Bewegungen ausstrahlte. Wir sind wie lebend Begrabene, flsterte Karssawina. Ich glaube, wenn hier jemand schreit, so kann ihn drauen keiner hren. Gewi nicht! Jurii lchelte. Pltzlich wurde sein Kopf von einem Schwindel ergriffen. Er blickte von der Seite auf ihre hohe Brust, kaum von dem dnnen Stoff der kleinrussischen Bluse verhllt und sah ihre runden, weich abfallenden Schultern. Der Gedanke, da sie sich in Wirklichkeit hier in seinen Hnden befand und da niemand ihre Schreie hren wrde, packte ihn mit furchtbarer Ueberraschung; im Kopf wirbelte es ihm so stark, da es ihm einen Augenblick lang dunkel vor den Augen wurde. Doch sofort wurde er wieder seiner Herr. Er empfand, wie widerwrtig der Gedanke allein war, mit Gewalt auf eine Frau einzudringen. Und vor allem fr ihn, Jurii Swaroschitsch, den Revolutionr. Anstatt der beienden Erregung, die jeden Nerv in ihm aufreizte, nachzugeben, sprach er ganz ruhig: Versuchen wir, wie es hallt. Ein seltsames Zittern seiner Stimme konnte er nicht unterdrcken; er war sicher, da auch Karssawina empfinden mute, was in ihm vorging. Wie? fragte sie. Jurii zog seinen Revolver heraus: Ich werde einen Schu abfeuern. Kann dabei nichts einstrzen? ... Ich wei nicht, antwortete er aus irgend einem Grunde, trotzdem er sicher war, da nichts geschehen wrde. Doch dann wendete er sich pltzlich zu ihr: Frchten Sie sich denn? Nein, schieen Sie nur! Karssawina rckte etwas von ihm zurck. Jurii hob die Hand mit dem Revolver und feuerte ihn ab. Ein blendender Streifen blitzte dicht vor ihren Augen auf; in einem Moment wurde alles um sie mit einem trben Dunst berzogen, dann rollte ein schwerer, dumpfer Lrm grollend durch den Berg. Aber die Erde hing ebenso unbeweglich wie frher ber ihren Kpfen. Und das ist alles, sagte eintnig Jurii. Gehen wir zurck! Kommen Sie! Sie gingen zurck, doch als Karssawina voraus schritt und Jurii nun den Rcken zukehrte, soda er ihre krftigen, elastischen Hften sah, stieg die heie Gier in der alten Strke wieder in ihm auf. Hren Sie, Sinaida Pawlowna, fing Jurii an, obgleich er schon im voraus von seiner Stimme und der Frage erschreckte; er bemhte sich, sie mglichst harmlos zu gestalten. Hren Sie. Es ist ein interessantes, psychologisches Problem! Warum frchten Sie nicht, mit mir hier herumzukriechen? Sie sagten selbst, da es niemand hren wrde, wenn hier drinnen jemand schreit. Und Sie kannten mich doch absolut nicht. Karssawina fhlte, da sie in der Finsternis tief errtete, schwieg aber; Jurii atmete schwer und sie konnte jedem dieser Atemzge deutlich folgen. Er war von glhender Scham erfat worden und doch durchflutete ihn ein angenehmes Gefhl, als glitte er sicher ber einen breiten Abgrund. Ich nahm selbstverstndlich an, da Sie ein anstndiger Mensch sind, stammelte schwach und zitternd das Mdchen. Vielleicht haben Sie das umsonst gedacht, erwiderte Jurii, noch immer das heie Gefhl durchkostend. Pltzlich erschien es ihm originell, da er so und nicht anders zu ihr sprach; er fand sich und die ganze Situation, in die er sie gebracht hatte, bewundernswert. So htte ich mich ertrnkt, sagte Karssawina einfach, noch stiller und noch mehr errtend. Aus diesem kurzen Satz strmte eine weite und mitleidvolle Bewegung in Juriis Seele ber. Die Erregung versank mit einemmal, und ihm wurde vollkommen frei und leicht zumut. Welch famoses Mdchen, dachte er warm und aufrichtig. Und das Bewutsein, da diese warme und aufrichtige Empfindung rein von jedem beschmutzenden Gedanken war, erfreute ihn so, da aus seinen Augen Trnen traten. Karssawina lchelte ihm glcklich zu, stolz auf ihre Antwort und auf seinen lautlosen Beifall, der sich stumm auf sie bertragen hatte. Solange sie dem Ausgang zuschritten, dachte sie mit eigentmlicher Erregung darber nach, warum es ihr garnicht beleidigend und beschmend gewesen war, sondern angenehm erregend, da er diese Frage an sie gerichtet hatte. VI Die drauen Gebliebenen hatten eine ganze Zeit vor der Hhle gestanden und ber Jurii und Karssawina gescherzt; dann zerstreuten sie sich am Ufer. Die Mnner zndeten sich ihre Zigaretten an, warfen die Streichhlzer ins Wasser und beobachteten nachlssig, wie der Rauch breite, glatte Kreise zog. Im Grase schritt Lyda leise singend hin und her und machte, die Finger um die Taille legend, halb unbewut einige Pas mit ihren niedlichen Fchen. Ljalja pflckte Blumen und warf sie dann Rjsanzew zu; er fhlte, wie ihn ihre Augen kten. Trinken wir doch lieber was, sagte Iwanow zu Ssanin. Das ist eine gute Idee, meinte dieser entzckt. Gehen wir. Sie stiegen zum Boot hinunter, ffneten die Bierflaschen und machten es sich bequem. Ihr gewissenlosen Sufer! rief Ljalja, und warf ein Bndel Gras, das sie rasch am Ufer ausgerissen hatte, auf sie hinab. Im Gegenteil, das ist vorzglich! schrie Iwanow. Und scherzend fuhr er fort: Ich kann es durchaus nicht begreifen, warum die Menschen gegen den Alkohol ankmpfen. Meiner Meinung nach lebt berhaupt nur der Betrunkene so, wie es sich gehrt. Oder wie ein Tier, lie sich Nowikow vom Ufer her vernehmen. Und doch, -- -- nur der Betrunkene tut, was er will, rief Ssanin zu ihm herauf. Er mchte singen, gut, er singt; will er tanzen, tanzt er; kurz, er schmt sich seiner Freude und Heiterkeit durchaus nicht. Manchmal prgelt er sich auch, oder prgelt andere, bemerkte trocken Rjsanzew. Kommt auch vor! Aber das ist's eben, die Leute verstehen nicht, zu trinken; sie werden gleich gehssig. Und du schlgst dich im betrunkenen Zustande nicht? Nein, meinte Ssanin. Eher im nchternen. Im Rausch bin ich der beste Kerl von der Welt, wahrscheinlich, weil ich viele Gemeinheiten vergesse. Nicht alle Menschen haben einen so liebenswrdigen Charakter, warf Rjsanzew ein. Die meisten wirklich nicht. Und wenn schon -- was geht mich das an? Mit seinem frohen Lcheln fhrte Ssanin das Glas zum Mund. Nein, man darf nicht so sprechen, wie du, erklrte Nowikow scharf. Warum denn nicht? ... Und wenn es doch einmal die Wahrheit ist? ... Eine schne Wahrheit, Ljalja schlug vor Schreck die Hnde zusammen. Die beste und schnste, die ich kenne, erwiderte Iwanow fr Ssanin. Lyda, die bis dahin laut gesungen hatte, brach das Gesprch verdrielich ab. Sie versuchte es auf ein anderes Thema zu lenken. Die beiden Herrschaften beeilen sich auch nicht. Wozu htten sie es ntig? ... warf Iwanow hin. Man soll sich berhaupt niemals beeilen. Und dann die Heldin ohne Furcht, -- -- und natrlich ohne Tadel! bemerkte Lyda in sarkastischem Ton. Tanarow platzte mit lautem Lachen heraus, weil diese letzten Worte grade seine eigenen Gedanken kreuzten; doch sofort wurde er verlegen. Lyda blickte auf ihn, umfate wieder ihre Taille und wiegte sich elastisch hin und her. Vielleicht sind sie dort sehr vergngt, fgte sie hinzu und zuckte die Achseln. Sssst, unterbrach sie Rjsanzew. Ein dumpfes Grollen ertnte aus dem schwarzen Loch. Ein Schu, rief Nowikow. Was bedeutet das? ... fragte Ljalja mit ngstlicher Stimme und klammerte sich an den Aermel ihres Brutigams. Aengstige dich nicht! Sollte es auch ein Wolf sein, so sind sie doch um diese Zeit nicht gefhrlich. Rjsanzew suchte sie zu beruhigen, innerlich auf Jurii und seinen kindischen Einfall rgerlich. Und ber zwei Menschen werden sie gewi nicht herfallen, brummte Iwanow gleichgltig. Eh, um Gotteswillen! Schawrow, der junge Student war ganz auer sich. Lyda empfand diese Aufregung als eine unberechtigte Strung. Aber sie werden ja schon kommen, sagte sie und schrzte verchtlich die Lippen. Da tauchten mit einem Mal Jurii und Karssawina aus der Finsternis auf. Er verlschte die Kerze und lchelte allen liebenswrdig und unentschieden zu, weil er noch nicht wute, wie sie sich zu seinem Einfall verhielten. Er war von oben bis unten mit gelbem Lehm befleckt und auch die Schulter Karssawinas, mit der sie die Wand gestreift hatte, war beschmutzt. Nun, was war? ... fragte gleichgltig Semionow, der sich die ganze Zeit ber scheinbar um nichts gekmmert hatte. Ziemlich originell und ganz hbsch, gab Jurii unentschlossen, wie um sich zu rechtfertigen, zur Antwort. Nur reichen die Gnge nicht weit hinein. Aber irgend ein Holzgestell fault da seinem Ende entgegen. Und haben Sie den Schu gehrt? fragte lebhaft und mit den Augen blinkend Karssawina. Wozu die Heldentaten berichten? ... Meine Herrschaften, das ganze Bier ist schon ausgetrunken und unsere Seelen sind also in gengendem Mae erquickt worden. Fahren wir los! schrie Iwanow. Als das Boot wieder die Mitte des Flusses erreichte, war der Mond schon aufgegangen. Die Luft war wunderbar still und durchsichtig. Im Himmel und im Wasser, ber und unter ihnen, prangten, goldenen Feuerhufchen gleich, die Sterne, und es schien, da das Boot zwischen zwei unendlichen, erleuchteten Lufttiefen dahinglitt. Der Wald an den Uferseiten und sein Schatten, der nicht bis in das Wasser fiel, war dster und geheimnisvoll. Eine Nachtigall begann zu schlagen. Und wenn alle schwiegen, so war es, als ob nicht ein Vogel snge, sondern irgendein vernunftbegabtes, in seinem Glcke nachdenkliches Wesen. Wie schn, sagte Ljalja, die Augen hebend und legte ihren Kopf auf die runde Schulter Karssawinas, deren Wrme sie durchdrang. Dann schwieg man wieder lange und lauschte. Das Schlagen der Nachtigall erfllte den Wald, hallte trillernd ber den tiefsinnigen Strom und zog ber die Wiesen dahin, wo lauschig Grser und Blumen in den monddurchleuchteten Nebel starrten. Wovon singt sie? fragte Ljalja wieder. Wie unbeabsichtigt fiel ihr Arm mit der Handflche nach unten auf die Kniee Rjsanzews. Sie fhlte, wie dieses harte, starke Knie unter ihrer zarten Hand erbebte, und sie wurde froh und erschrak gleichzeitig ber diese Bewegung. Von der Liebe natrlich! erwiderte halb scherzhaft, halb im Ernst Rjsanzew; er bedeckte sachte Ljaljas Hand, die vertrauensvoll auf seinem Knie lag, mit der seinen. In einer solchen Nacht mchte man nicht ber Gutes, nicht ber Bses nachdenken, sprach Lyda vor sich hin und gab damit nur ihren eigenen Gedanken lauten Ausdruck. Sie dachte daran, ob sie gut oder schlecht handle, das bange und verlockende Spiel mit Sarudin zu genieen. Als sie auf sein Gesicht blickte, das im Mondenschein noch hbscher und mannhafter erschien, fhlte sie pltzlich die gleiche bekannte, se Schwche, die bange Willenlosigkeit ihr ganzes Wesen durchfluten und mit sich fortreien. Sondern ber etwas ganz anderes, setzte Iwanow ihre Gedanken fort. Ssanin lchelte zu diesen Worten, wendete aber seine Augen nicht von der Brust und dem weien, im Mondenschein schimmernden Halse Karssawinas, die ihm gegenbersa. Auf den ovalen Ausschnitt ihres Kleides fiel pltzlich ein dunkler Schatten von einer der vorspringenden Uferstellen her; sobald jedoch das Boot, immer den glnzenden Silberstreifen hinter sich, wieder ber beleuchtete Wellen glitt, kam es Ssanin vor, als ob dieser Ausschnitt heller, weiter und freier geworden wre. Karssawina warf ihren breiten Strohhut beiseite, und whrend sie ihre Brust noch hher hob, begann sie zu singen; ihre Stimme war hbsch und klar, wenn auch nicht gro. Es war ein kleinrussisches Volkslied, so weich und traurig, wie all diese Lieder. Aeuerst gefhlvoll, murmelte Iwanow ghnend. Es ist schn, sagte Ssanin. Als Karssawina endete, klatschten alle Beifall; es schallte scharf in den dunklen Wald hinein und den Flu hinab. Singe noch Sinotschka! bat Ljalja oder, besser, trage deine eigenen Gedichte vor. Sind Sie etwa auch Dichterin? ... Welche Menge von Talenten kann doch der liebe Gott einem einzigen Menschen zukommen lassen, wenn er es gut mit ihm meint! Ist das denn schlimm? ... Aus Karssawinas Frage klang ein verlegenes Scherzen. Nein im Gegenteil, es ist sehr gut, sagte Ssanin mit ehrlicher Bewunderung. Wenn, sagen wir, das betreffende Mdchen nebenbei jung und schn ist, so kann es nichts schaden, stimmte ihm Iwanow bei. Trage doch vor, Sinotschka, bat Ljalja ganz zrtlich und voll Liebe. Karssawina blickte verlegen lchelnd ber das Wasser und begann, ohne sich zu zieren, mit derselben lauten und klaren Stimme. Liebster, mein Liebster, nie sollst du es wissen Wie mich mein Herz dir entgegentreibt; Will meine trumenden Augen verschlieen, Da tief mein Geheimnis verborgen bleibt. Niemand auf Erden soll es erraten, Nur Tage der Trauer haben's gekannt, Nur schweigende Nchte durften es ahnen, Nur Sterne, die golden am Himmel gebrannt. Und nur die zitternden, blinkenden Netze Der Zweige, die stillen Mrchen gelauscht. Wissen's und werden's doch nimmer verraten, Wie meine Liebe mich glhend durchrauscht. Alle gerieten wieder in Entzcken und klatschten voller Begeisterung Beifall; nicht, weil sie dieses Gedicht so gut fanden, sondern weil sie sich alle selbst gut und frei fhlten und nach Liebe, Glck und Sehnsucht verlangten. Man schwieg, man sah ber das Wasser, lchelte vor sich hin. Pltzlich rief Iwanow so laut und in so tiefem Ba, da alle erschreckt zusammenfuhren: Nacht, ... Tag ... und Sinaida Pawlownas Augen! ... Seid gromtig und teilt mir mit, ob ich nicht dieser Glcksvogel bin. Das kannst du auch von mir zu hren bekommen, erwiderte Ssanin. Du gewi nicht. Oh, weh mir, heulte Iwanow. Sind meine Verse schlecht? fragte Karssawina Jurii. Jurii fand eigentlich, da sie nicht sehr originell und hundert anderen hnlich seien. Aber Karssawina war so schn und sah ihn mit ihren schwarzen, schchternen Augen so reizend an, da er ein ernstes Gesicht machte und ihr antwortete: Mir schienen sie klangvoll und schn. Karssawina lchelte ihm zu, selbst verwundert, da ihr sein Lob so angenehm war. Du kennst meine Sina noch nicht, rief Ljalja voll Entzcken ihrem Bruder zu. Sie ist selbst so klangvoll und schn. Schaut mal an! meinte Iwanow erstaunt. Ihre Stimme ist klangvoll und schn, sie selbst ist eine Schnheit, ihre Verse sind klangvoll und schn, und selbst ihr Name ist klangvoll und schn. Ljalja umarmte sie und drckte ihren Krper an den Karssawinas. Uebrigens, auch ich habe nichts dagegen einzuwenden, erklrte Iwanow. Karssawina errtete und lchelte doch zufrieden vor sich hin. Es ist Zeit, nach Hause zu kommen, sagte Lyda pltzlich schroff; es berhrte sie unangenehm, da alle Karssawina lobten. Ssanin fragte sie: Und willst du nichts singen? ... Nein, antwortete Lyda in gereiztem Ton, ich bin nicht in Stimmung. Rjsanzew erinnerte sich, da er am nchsten Tage sehr frh aufstehen und ins Krankenhaus gehen mute; dann hatte er zu einer Sektion zu fahren. Darum stimmte er Lyda bei und drang ebenfalls darauf, sich ein wenig zu beeilen. Aber alle anderen bedauerten es, weiterfahren zu mssen; sie schienen durch die Verse Karssawinas noch immer mit diesem Flecken verbunden zu sein. Als man spter im Wagen nach Hause fuhr, versprte niemand mehr den Wunsch, sich zu unterhalten; in sich gekehrt saen sie in den Kremsern, keiner konnte der schweren Ermattung Herr werden, die sie alle bedrckte. Man fhlte das Steppengras, jetzt unsichtbar, ber die Stiefel streichen; hin und wieder haftete das Auge an den grauen Staubwolken, die die Wagen hinter ihnen aufwirbelten. Und weiter dehnten sich die Felder unendlich aus, ganz verschwommen im blulichen Glanze des Mondlichts, ohne dem Auge einen Anhaltspunkt zu geben. Gleichmig schlugen die Hufe der Pferde auf den Boden; es war das einzige Gerusch, das die Dunkelheit durchbrach. VII Drei Tage darauf kehrte Lyda spt abends heim; sie war wie zerschlagen, mde und unglcklich. In ihren Gliedern lag eine erstarrte Mattigkeit, die sie niederzog; die trge Abspannung in ihrem Denken war so stark, da es ihr Mhe machte, auch nur einen Gedanken zu formen. Sie verstand sich und begriff doch wieder nichts; in manchen Augenblicken schien sie sich selber fremd zu werden. Als sie endlich in ihr Zimmer gekommen war, blieb sie jh stehen, faltete die Hnde, und sah, langsam erblassend, zu Boden. Mit einem Mal zerri etwas in ihrem Hirn und erst jetzt erfate sie mit Entsetzen, das sich sofort in physischem Widerwillen auslste, was eigentlich mit ihr vorgegangen war, als sie sich Sarudin hingab. Seit diesem Augenblick, den nichts mehr gut machen konnte, war ihr in dem dummen, eitlen Offizier, mit dem sie keine geistigen Beziehungen verbanden, eine Macht entstanden, der sie sich auf keine Weise mehr entziehen konnte. Sie war rechtlos geworden; jetzt durfte er nach Belieben mit ihr schalten. Sie konnte sich nicht mehr weigern, ihn zu besuchen, sobald er es verlangte; nun hatte es aufgehrt, da sie mit ihm nach ihrer Laune spielte, einmal sich seinen Kssen hingab, dann wieder ihn beiseite schob und auslachte. Seinen grbsten Zrtlichkeiten mute sie willenlos und demtig wie eine Sklavin gehorchen. Wie alles abgelaufen war, suchte sie vergebens in der Erinnerung festzuhalten; alles verschwamm in der brennenden Hitze, die sie ergriffen hatte. Wie immer hatten sich ihr seine Zrtlichkeiten zuerst untergeordnet, wie immer waren sie ihr angenehm und doch bange gewesen und nur mit einemmal schien ihr ein blasser Nebel in den Kopf zu steigen, worin jede Klarheit und Ueberlegung versank. Pltzlich befand sich in ihr nur ein glhender Wunsch, der sie in einen Abgrund von Begierden und Erregungen zog. Der Boden schwoll unter ihren Fen an, ihr Krper wurde kraftlos und unterwrfig, die drngenden, furchtbaren Blicke Sarudins klammerten sich an ihn und dann erzitterten ihre nackten Beine schamlos und qualvoll unter der rohen Berhrung zweier grober Hnde. Alles in ihr schob sich diesen Hnden entgegen; in ihr lebte nur noch der eine Wunsch, -- -- der Neugierde, dem Schmerze und der Wollust zu folgen. Lyda erbebte unter der Erinnerung, hob langsam ihre Schultern in die Hhe und bedeckte ihr Gesicht mit den Hnden. Schwankend ging sie auf das Fenster zu, ffnete es und blickte fast ohne Bewutsein auf den Mond, der ber dem Garten stand. Die trbe Stimmung drckte sie zu Boden; es war eine sonderbare Mischung von hlicher Begierde und sehnschtigem Stolze, die sie bei dem Gedanken beschlich, da sie ihr ganzes Leben mit einem Hohlkopf befleckt hatte und da ihre Erniedrigung nur sinnlos und zufllig gewesen war. Etwas Drohendes erhob sich vor ihr; sie suchte es vergebens durch trotzige Verachtung zu zerstreuen. ... wir sind eben zusammengetroffen und ich bin mit ihm mitgelaufen, dachte sie, und mit schmerzlicher Wollust wiederholte sie sich das Wort mitgelaufen ... Ich wollte es und darum gab ich mich ihm hin. Aber doch wurde ich glcklich; es war ja so ... es wurde ihr unmglich, diese Gedankenreihe zu Ende zu fhren. Lyda schrak zusammen und reckte sich, indem sie die geballten Hnde nach vorn streckte. Dann strich sie mit den geffneten Handflchen durch die Luft, als wenn sie alles von sich fortschieben wollte. Mit Ueberwindung trat sie vom Fenster zurck und begann sich zu entkleiden; sie lste mechanisch die Bnder der Rcke und lie sie gleich dort, wo sie stand, zur Erde fallen. -- -- -- Warum auch nicht, dachte sie, das Leben ist nun einmal so. Sie erschauerte unter dem frischen Luftzug, der weich ihre Schultern berhrte. -- -- -- Was htte ich gewonnen, wenn ich wirklich die legitime Ehe abwartete. Was kann sie viel fr mich sein. Es ist ja im Grunde ganz gleichgltig. Ich bin dumm, da ich dem, was geschah, irgend eine Bedeutung beimesse ... Dummheiten! Am Ende dieser Gedanken schien ihr wirklich, da es sich nur um Kleinlichkeiten handle. Vom nchsten Tage an wrde alle Unruhe ein Ende haben; sie hatte in diesem Spiel gewonnen, sie war jetzt frei wie ein Vogel. Gefllt es mir, so lieb ich ihn, Und hab ich's satt, so ist's vorbei. Und dem Klange ihrer Stimme lauschend, dachte sie mit Vergngen, da sie doch viel besser singe, als Karssawina. -- -- -- Ja, das sind alles nur Dummheiten. Wenn es mir pat, so gebe ich mich dem Teufel hin ..., sie gab ihren Gedanken einen endgltigen Sto, dessen Rcksichtslosigkeit sie selbst erstaunte. Mit einem gleich schroffen, krperlichen Ruck richtete sie sich auf, verschrnkte, wie zum Halt, ihre Arme hinter dem Kopf und reckte sich so stark, da es ihre Brust erschtterte. Schlfst du noch nicht, Lyda? fragte die Stimme ihres Bruders hinter dem Fenster. Lyda erzitterte schreckhaft, lchelte aber sofort, schlug um ihre Schultern ein groes Tuch und lief ans Fenster. Wie hast du mich erschreckt, sagte sie. Ssanin trat auf sie zu und sttzte den Ellenbogen auf das Fensterbrett; seine Augen blinkten, und er lchelte. Es war aber doch umsonst, erklrte er heiter und leise. Lyda wandte fragend den Kopf. Ohne Tuch shst du viel hbscher aus. Er sprach mit bedeutungsvoller Stimme. Lyda jedoch verstand ihn nicht und wandte sich ihm erstaunt zu; gleichzeitig aber wickelte sie sich instinktiv noch fester in ihr Tuch. Verlegen lehnte sie ihre Brust an das Fensterbrett und beugte sich heraus; sie wurde noch verlegener, als Ssanin pltzlich leise spttisch auflachte und sein heier Atem ihre Wange streifte. Du bist eine Schnheit, Liebste, sagte er unvermittelt. Lyda schaute rasch auf ihn hin und erschrak vor dem Ausdruck seines Gesichts. Hastig wendete sie sich zum Garten, und sie fhlte es bis in die uersten Nervenenden, da Ssanin sie ganz besonders anblickte. Das machte auf sie einen so entsetzlichen Eindruck, da es ihr in der Brust kalt wurde und ihr Herz schmerzhaft erbebte. Doch sie berwand sich und lchelte. Ich wei. Sie hatte das Gefhl, als wre sie gezwungen, ihn so und nicht anders anzulcheln. Um es zu vermeiden, lehnte sie sich noch weiter aus dem Fenster. Dabei glitten das Hemd und Tuch herunter, und der obere Teil ihrer weien und unfabar zarten Brust, unter den Strahlen des Mondes noch zarter und weier, wurde sichtbar. Die Menschen errichten stets eine chinesische Mauer zwischen sich und dem Glck. Ssanins unnatrlich leise Stimme schluchzte fast vor Erregung und Lyda erstarrte noch mehr unter ihren Lauten. Wieso? fragte sie tonlos, ohne die Augen von dem dunklen Garten abzuwenden, in der Furcht, seinem Blick zu begegnen. Sie fhlte mit Sicherheit, da in dem Augenblick, wo sie ihn ansehe, etwas Furchtbares geschehen wrde, etwas, dessen Mglichkeit sie nicht einmal in Gedanken fassen konnte. Und zur selben Zeit wute sie schon, da alles so kommen mute. Sie ngstigte sich, sie hatte eine widerwrtige Empfindung und doch war es ihr gleichzeitig interessant. Ihr Kopf glhte und sie sah nichts mehr vor sich. Mit Abscheu und Verlangen sprte sie auf der Wange das heie Atmen ihres Bruders, das ihr Haar an der Schlfe bewegte und in ihr das Gefhl erweckte, als ob unter dem Tuche Ameisen ihren nackten Krper herunterliefen. Ganz einfach! erwiderte Ssanin, doch seine Stimme ri mit einem Male ab. Lyda fuhr es wie ein Blitz durch den ganzen Krper; sie richtete sich auf und ohne zu wissen, was sie tat, neigte sie sich zum Tisch hinber und lschte die Lampe aus. Zeit schlafen zu gehen, sie zog das Fenster zu. Als die Lampe erloschen war, wurde es drauen nur heller, die Gestalt Ssanins und sein Gesicht traten unter dem Licht des Mondes noch strker hervor. Er stand im hohen, taubedeckten Gras und lachte. Lyda ging vom Fenster zurck und lie sich fast ohne Bewutsein auf das Bett nieder. Alles schwankte und klopfte in ihr und ihre Gedanken verwirrten sich. Sie hrte die Schritte des Bruders, der mit seinen Fen das Gras beiseite schob, und sie suchte mit ihrer Hand das Schlagen ihres Herzens zu unterdrcken. -- -- -- Bin ich denn wirklich verrckt geworden, dachte sie mit Widerwillen. Wie ekelhaft ist das alles. Ein Satz, zufllig gesprochen und ich bin schon ... Was ist das? ... Erotomanie? Bin ich denn wirklich so verdorben? ... Wie tief mu man fallen, um so zu denken ... Und pltzlich weinte Lyda, den Kopf in die Kissen gedrckt, still und bitter auf. Sie fhlte sich gedemtigt und unglcklich und verstand doch den Grund ihrer Trnen nicht. Sie weinte, weil sie mit der Hingabe an Sarudin ihren frhern Stolz zerbrochen hatte und weil der verletzende Blick ihres Bruders immer noch an ihr nagte. Frher hatte er es nicht gewagt, sie so anzusehen; jetzt tat er es; -- denn er hielt sie fr eine Gefallene. Doch am strksten beherrschte sie das Gefhl, wie schmerzhaft und erniedrigend es ist, eine Frau zu sein, und da sie immer, solange sie jung und schn bleibt, ihre besten Krfte darauf verwenden mu, sich den Mnnern hinzugeben. Ihr ganzes Leben gipfelte nur darin, ihnen Genu zu bereiten, und sie konnte doch nur erwarten, von ihnen um so mehr verachtet zu werden, je mehr sie ihnen von diesem Genu zuteil werden lie. -- -- -- Woher kam diese Herrschaft der Mnner? ... Lyda starrte mit angespanntem Blick in die Finsternis, bis ihr die Augen schmerzten. -- -- -- Werde ich denn wirklich kein besseres Leben mehr sehen? ... Ihr junger, krftiger Krper gab ihr eindringlich die Antwort. Er rief ihr zu, da sie vor allem das Recht habe, vom Leben zu nehmen, was ihr angenehm und notwendig sei, ein Recht, alles mit diesem lebendigen, kraftvollen Krper zu wagen. Der Krper bin ich und ich bin frei, sang es in ihr, in einer monotonen, einschlfernden Melodie. Doch pltzlich verfing sich dieser Satz in einem verwickelten Netz von Gedanken, versuchte sich aus den Maschen zu reien und fiel kraftlos und trbselig zu Boden nieder. VIII Jurii Swaroschitsch beschftigte sich seit langem mit Malerei; er liebte sie und opferte ihr seine ganze freie Zeit. Einmal hatte er davon getrumt, Kunstmaler zu werden. Zuerst hinderte ihn Geldmangel an der Ausfhrung seiner Plne, spter kam die Parteittigkeit dazwischen, schlielich griff er nur hin und wieder einmal zu Pinsel und Palette. Da ihm jede Schulung fehlte, brachte ihm seine Kunst nur Unzufriedenheit und Enttuschung. Jedesmal, wenn die Arbeit pltzlich nicht mehr weiter gehen wollte, erregte sich Jurii furchtbar und litt tagelang unter dem Bewutsein seiner knstlerischen Unzulnglichkeit. Gelang ihm aber wirklich einmal ein Werk, so geriet er in trumerisches Nachdenken; dann fra der Gedanke an ihm, da sein ganzes Arbeiten zwecklos sei und ihm doch kein Glck bringen knne. Von Karssawina war Jurii entzckt. Er liebte solche hochgewachsenen und vollen Frauen mit den reinen Stimmen und etwas sentimentalen Augen. Aber alles, was er von Karssawinas Reinheit und seelischer Feinheit empfand, war nur durch ihre Schnheit, ihr zrtliches Wesen in ihm hervorgerufen worden. Aus irgend einem Grunde jedoch wollte er sich das selbst nicht eingestehen und suchte sich mit aller Mhe zu berzeugen, da ihm nicht die Schultern, die Brust und die Augen dieses Mdchens gefielen, sondern ihre Jungfrulichkeit und Unberhrtheit. Zwar htte er nicht leugnen knnen, da ihn gerade diese jungfruliche Unberhrtheit in Erregung versetzte; trotzdem schienen ihm seine Gedanken in dieser Gestalt edler und besser. Doch schon vom ersten Abend an entstand in ihm ganz langsam die unklare Gier, welche er von frher her kannte, die ihm aber bis jetzt noch nicht zum Bewutsein gekommen war, Karssawina ihrer Reinheit zu berauben. Es waren Gedanken, wie sie stets in ihm auftauchten, wenn er auffallend schnen Mdchen begegnete. Diesmal aber schlugen sie einen besonderen, eigenartigen Weg ein. Je mehr er sich mit Karssawina beschftigte und ihr blhendes Leben vor Augen sah, um so dringender wurde er von dem Wunsche gepackt, das Symbol dieses Lebens zu malen. Kaum war die Idee in ihm aufgetaucht, als er sich auch schon voll Begeisterung auf sie strzte, ganz berauscht von ihr und fest berzeugt, sie dieses Mal bis zu Ende durchfhren zu knnen. Er spannte sich eine groe Leinwand auf und machte sich mit fieberhafter Eile, als befrchtete er, sich zu verspten, an das Bild. Sowie er die ersten Pinselstriche hingeklatscht hatte und auf der Leinwand strahlende, saftige Flecken erschienen, bebte er am ganzen Krper vor Begeisterung und Kraft; sein zuknftiges Werk stand in allen Einzelheiten leicht und interessant vor seinen Augen. Je weiter die Arbeit vorschritt, um so strkere technische Schwierigkeiten, die ihm unberwindlich erschienen, ergaben sich. Was ihm die Phantasie hell und kraftvoll vorgespiegelt hatte, wurde auf der Leinwand schwach und flach. Auch die Einzelheiten, die ihn zuerst so stark anzogen, lockten ihn jetzt nicht mehr; sie verwirrten ihn nur und blendeten ihn. Jurii hielt sich nicht lnger bei den Details auf und begann statt ihrer die Striche breit und nachlssig anzulegen. Allmhlich trat ein oberflchlich hingeworfenes, graues Frauenzimmer hervor, ohne jede Originalitt; alles matt und schwerfllig. Jurii trat ein paar Schritte zurck, eine Zeitlang starrte er abwesend auf die bunte Flche. Dann sah er pltzlich ein, da sein Bild nichts Persnliches ausdrckte, sondern einfach die Kartons von Much nachahmte; selbst seine Idee war nur banal gewesen. Ihm wurde matt und traurig zumute. Htte er nicht geglaubt, da Weinen beschmend sei, so wren ihm jetzt die Trnen gekommen. Am liebsten wrde er den Kopf in die Hnde vergraben haben, schluchzend und ber irgend etwas klagend, nur nicht ber seine eigene Kraftlosigkeit. Doch so sa er nur finster vor seinem Bilde und dachte, da sich das Leben selbst langweilig und schwchlich abrolle und nichts mehr enthalte, was ihn anregen knne. Und pltzlich berfiel ihn geradezu mit Entsetzen der Gedanke, da er vielleicht dazu verurteilt sei, noch viele Jahre in diesem Neste zuzubringen. -- -- -- Dann besser der Tod, dachte Jurii und ein Klteschauer berlief ihn. Und unter der Anspannung, in der sich sein Hirn befand, setzte sich dieser Gedanke sofort in den Wunsch um, den Tod zu malen. Jurii griff zum Messer und begann mit einer Gehssigkeit, die ihn selbst emprte, sein Leben abzuschaben. Gleichzeitig aber rgerte es ihn, da dieses Bild, an welchem er mit solcher Begeisterung gemalt hatte, jetzt nur mit Mhe von der Leinwand verschwinden wollte. Die Farben lsten sich nur wie unwillig, das Messer schmierte, sprang ab und machte jedesmal zu Juriis grter Wut einige Risse in den Grund. Dann stellte es sich heraus, da die neuen Kohlenstriche nicht auf der ligen Unterlage sitzen wollten, und dies verursachte ihm wiederum geradezu krperliche Schmerzen. Er griff zum Pinsel und begann sofort Braun aufzusetzen, verlor aber gleich wieder alle Energie und malte langsam, nachlssig, unter schwerem und trbem Nachsinnen weiter. Das Bild, das er jetzt im Kopfe hatte, verlor nicht, sondern gewann geradezu durch die Oberflchlichkeit der Pinselfhrung und den matten, schleppenden Ton der Farben. Dazu war die ursprngliche Idee des Todes wie von selbst geschwunden, das Motiv wurde unter Juriis Pinsel zu einer Darstellung des Greisentums. Er malte es in der Gestalt einer abgerackerten, knochigen, alten Frau, die auf einem ausgetretenen Wege, einen Sarg auf dem Rcken, in grauer, trauriger Dmmerung dahinschleicht. Man rief Jurii zum Mittagessen, aber er lie sich nicht aufhalten, sondern malte ununterbrochen weiter. Spter kam auch Nowikow und begann ein Gesprch mit ihm, doch er hrte ebensowenig hin, blieb stetig bei seiner Arbeit und gab ihm keine Antwort. Nowikow lie sich aufseufzend auf dem Divan nieder; er war es ganz zufrieden, schweigen und denken zu knnen. Zu Jurii war er nur gekommen, weil er es nicht ertragen konnte, allein zu Hause zu sein. Die Ablehnung Lydas qulte ihn sehr; aber er war sich selbst nicht klar, ob er sich ihrer mehr schmte oder an ihr seelisch verkmmerte. Die Klatschereien ber Lyda und Sarudin waren ihm noch nicht zu Ohren gekommen, trotzdem sie schon berall in der Stadt aufstiegen. Daher war er auf niemanden eiferschtig, sondern litt nur unter der Zerstrung seines Traumes, der ihm eine Zeitlang nahe und glnzend erschienen war, so da er sich bereits voll seinem Glck hingegeben hatte. Obgleich er, whrend er auf Juriis Bild starrte, darber nachsann, wie jetzt auch sein Leben verderben und alt werden mute, kam ihm nicht einen Augenblick lang der Gedanke, da er sterben knne. Er begriff nur, da es nunmehr, seitdem er sein persnliches Leben aufgegeben hatte, seine Pflicht sei, fr andere Menschen zu leben. So war ihm bereits unklar der Gedanke aufgetaucht, hier alles stehen und liegen zu lassen und nach Petersburg zu fahren, wo er wieder die Beziehungen zur Partei anknpfen konnte. Von dort bis zum Tode war es nicht weit. Schon das Bewutsein, da ihm diese Idee, die ihm erhaben und schn dnkte, ganz allein gehre, gab ihm Trost. Sein eigenes Bild umrahmte sich vor seinen Augen mit einer lichten, schwermtigen Glorie, und durch den unwillkrlichen leisen Vorwurf gegen Lyda, der sich darin zeigte, wurde er so tief gerhrt, da ihn fast ein trockenes Weinen ergriff. Allmhlich wurde ihm das Nachdenken langweilig. Jurii malte ununterbrochen fort und schenkte ihm keine Aufmerksamkeit. Nowikow erhob sich mit seiner angeborenen Bequemlichkeit und trat auf ihn zu. Vorlufig fehlte dem Bilde noch jede tiefere Ausfhrung, aber gerade deswegen machten seine grellen Andeutungen auf Nowikow einen tiefen Eindruck. Ihm schien das Bild wunderbar. Er ffnete ein wenig den Mund und blickte mit naiver, unverhohlener Begeisterung auf Jurii. Nun was? fragte Jurii zur Seite blickend. Nowikow sagte einfach und begeistert: Sehr ... gut! In diesem Augenblick fhlte sich Jurii ganz als Genie, das mit Verachtung auf sein Werk herabblickt. Er seufzte gefhlvoll auf, warf den Pinsel hin, so da die Sofaecke bespritzt wurde und trat zur Seite, ohne das Bild nur mit einem Blick zu streifen. Eh, Bruder, sagte er. Beinahe htte er sich und Nowikow in diesem Augenblick die trbe Erkenntnis eingestanden, die einen Moment von der Freude am Erfolge durchbrochen worden war, da er doch nicht imstande sei, die Skizze ernsthaft auszufhren. Statt dessen aber meinte er nur wegwerfend: Das ntzt doch alles nichts. Nowikow wollte das fr eine Pose Juriis halten, aber in dieser Minute gab ihm sein eigener, enttuschungsvoller Gram einen Stich durch das Herz und er dachte: Wahr. Sehr wahr. Doch wenige Sekunden spter erwiderte er ganz ohne Ueberlegung: Was meinst du, es ntzt nicht? Jurii konnte diese Frage nicht gleich beantworten und schwieg; auch Nowikow blickte nur noch einmal flchtig auf das Bild und legte sich dann auf den Divan. Weit du, Bruder, begann er, sogar deinen Artikel im Sden habe ich gelesen. Er ist ganz gut. Hol ihn der Teufel, rief Jurii mit einer Erbitterung, die ihm vllig unverstndlich war; er erinnerte sich pltzlich der Worte Semionows. Dann fuhr er fort: Was erreicht man mit dem allem? ... Man wird weiter rauben, hinrichten und Gewaltttigkeiten begehen. Mit Artikeln ist da gar nichts zu machen; es tut mir leid, da ich ihn berhaupt geschrieben habe. Was ist nun schon? ... Einige Idioten werden ihn lesen. Welchen Zweck hat das? ... Und schlielich, was geht es mich an. Weswegen soll ich mit dem Kopf die Wnde einrennen? Vor den Augen Juriis zogen die ersten Jahre seiner Parteittigkeit vorber. Die geheimen Zusammenknfte, die Propaganda, die Gefahr und die Mierfolge, der heie Enthusiasmus und die vllige Apathie gerade jener Schichten, fr die er kmpfen wollte. Er ging im Zimmer auf und ab und machte eine wegwerfende Handbewegung. Nowikow brauste pltzlich auf. Von dem Standpunkt aus lohnte es sich berhaupt nicht, irgend was zu tun. Und sich Ssanins erinnernd, fgte er hinzu: Egoisten seid ihr alle! Weiter nichts. Ja, es verlohnt sich in Wirklichkeit nicht, etwas zu tun, setzte Jurii zu sprechen ein; er befand sich pltzlich, unter dem Einflu der gleichen Erinnerung und der matten Dmmerung, die schon ganz sachte alles im Zimmer zum Erblassen brachte, in einer glhenden, aufrichtigen Stimmung. Whrend er fortfuhr, schien er sich immer mehr zu erregen: Wollen wir wirklich ber die Menschheit sprechen, so sage, was bedeuten denn alle unsere Bemhungen. Diese Konstitutionen, diese Revolutionen, -- und wir knnen uns doch noch nicht einmal annhernd die Perspektive vorstellen, die die Menschheit in der Zukunft entlang laufen wird. Vielleicht, vielleicht liegen gerade in der Freiheit, von der wir trumen, die ersten Keime der Zersetzung? Vielleicht, nachdem der Mensch sein Ideal erreicht haben wird, geht es wieder mit ihm rckwrts, und schlielich luft er von neuem auf allen Vieren ... Und dann wird die ganze Geschichte von vorne anfangen. Oder denkt man auch nur an sich selber. Sage doch, -- schrie er pltzlich schmerzlich auf, -- was kann ich im allerbesten Fall erreichen? ... Natrlich, ich kann mit meinen Talenten und Taten, wenn alles gut geht, Ruhm einsammeln. Ich kann mich an der Ehrerbietung von allerlei Volk besaufen ... Sehr schn, von solchen, die noch niedriger stehen, als ich, also gerade die, welche ich noch nicht einmal achten kann. Deren Anerkennung mir in der Wirklichkeit nicht einen Pfifferling wert sein sollte. Und so ... leben, leben bis zum Ende! ... Weiter nichts! Und war ich noch so bedeutend, -- am Ende wird mir der Lorbeerkranz an den kahlen Schdel wachsen, da es mir nur Ekel hervorruft. So? ... Vor dir selbst? ... fragte Nowikow mit gemachtem Spott, vllig unklar, warum er eigentlich fragte und woher ihm die Lust zum Spotten kam. Aber Jurii achtete garnicht darauf. Er fuhr, voll Trauer in seinen Worten, fort, zu reden, ohne zu merken, mit welcher Befriedigung er ihnen lauschte; sie schienen ihm prachtvoll und eindringlich und riefen in ihm ein eigensinniges, erhebendes Gefhl hervor. Und schlimmstenfalls bleibe ich ein unbekanntes Genie, ein lcherlicher Schwrmer, wert als Objekt fr Witzbltter zu dienen, ein Mensch ohne Sinn und Verstand. Keinem zu Nutzen ... Nowikow fiel ihm ins Wort. Er wnschte sich seine eigenen Gedanken wegreden zu knnen, wenn er auch fhlte, wie zwecklos dieses Gerede war. Aha! -- -- -- Niemandem ntzlich, sagst du! Du merkst also selbst, das heit, du gestehst ... Welch ein komischer Kerl du bist, unterbrach ihn seinerseits Jurii. Meinst du wirklich, da ich mir nicht ganz klar bin, wofr man leben und was man glauben knnte? ... Vielleicht wrde ich mich mit Freuden kreuzigen lassen, wenn ich nur wte, da mein Tod die Welt retten wird. Aber so, was ich auch tun mag, an der Endsumme, die einmal die Geschichte ziehen mu, ndere ich verdammt wenig. Ach, garnichts, und der ganze Nutzen, den ich bringen kann, -- -- -- Ihr redet ja immer vom Nutzen, -- -- -- das ist ja alles so gering, so nichtig, -- -- -- und wenn ich berhaupt nicht wre, die Welt htte keinen Jota Nachteil davon. Aber es gehrt sich nun einmal so, und ich mu fr diesen Wert, geringer als ein Jota, leben und leiden und qualvoll auf meinen Tod warten. -- -- -- Als anstndiger Mensch, -- -- -- Es fiel Jurii garnicht auf, da er allmhlich auf ein anderes Thema bergegangen war und zuletzt nicht mehr auf Nowikows Worte antwortete, sondern zu sich selbst sprach, zu seinen eigenen, sonderbaren und unbestimmten Empfindungen. In diesem Augenblick erinnerte er sich wieder Semionows Reden ber den Tod und ein kaltes, widerwrtiges Grauen lief ihm den Rcken herunter. Weit du, diese Unvermeidlichkeit qult mich, sagte er still und vertrauensvoll, indem er mechanisch durch das dunkel gewordene Fenster schaute. Ich wei, da alles ganz natrlich ist, da es dagegen gar kein Ankmpfen gibt, -- -- aber doch, es ist entsetzlich und abscheulich. Nowikow verstand, da in diesen Worten etwas Richtiges liegen mochte; er wurde noch trbseliger. Dennoch zwang er sich, ruhig und nchtern zu erwidern: Der Tod ist eine ntzliche, physiologische Erscheinung. -- -- Welch ein Narr ist das, dachte wtend Jurii; aufgeregt gab er ihm zur Antwort: Ach mein Gott, was geht es mich im Grunde an, ob unser Tod jemandem Nutzen bringt oder nicht. Alles Unsinn! Und deine Kreuzigung? ... Das ist eine ganz andere Sache, antwortete er unentschlossen und mit einemmal ernchtert. Du widersprichst dir selbst, bemerkte Nowikow; er fhlte seine Ueberlegenheit, war aber doch gromtig genug, Jurii in diesem Augenblick nicht anzusehen. Jurii fing diesen Ton auf. Er war emprt und erhitzte sich aufs uerste ber Nowikows Ruhe. Wild fuhr er sich mit seinen Hnden durch die widerspenstigen, schwarzen Haare, und schrie wtend: Ich widerspreche mir berhaupt nicht. Das ist ganz klar. Es ist ein groer Unterschied, ob ich selbst nach meinem eigenen Wunsche sterbe ... Ganz egal ist es, mein Lieber. Nowikow fuhr in seinem berlegenen Ton fort, ohne aufzublicken. Was euch krnkt, -- -- -- ihr wollt eben alle Feuerwerk und Applaus haben. Egoismus, mein Lieber, das ist alles. Und wenn schon, das ndert an der Sache nichts. Das Gesprch verwickelte sich. Jurii merkte, da etwas nicht in Ordnung war, er konnte aber nicht mehr den Faden herausfinden, der ihm noch eine Minute vorher, so straff gespannt wie eine Saite schien. Aergerlich rannte er im Zimmer auf und ab und dachte wie immer in solchen Fllen, um sich selbst zu beruhigen: Es kann einfach nichts Vernnftiges herauskommen, wenn die Stimmung nicht klappt. Mal spricht man so klar, da einem alles wie selbstverstndlich vor den Augen liegt, und ein anderes Mal wieder ist es einem, als ob die Zunge im Munde festgebunden wre. Alles platzt dann so ungeschickt und grob heraus, ja, das kommt schon vor. Sie schwiegen beide eine Weile. Jurii lief immer noch im Zimmer umher, dann blieb er kurze Zeit vor dem Fenster stehen. Er starrte hinaus. Pltzlich wendete er sich um und griff zur Mtze. Gehen wir etwas spazieren, sagte er hastig. Gut, gehen wir! Nowikow willigte mit der geheimen Hoffnung ein, da ihnen der Zufall vielleicht Lyda Ssanina in den Weg fhren werde. IX Sie gingen den Boulevard hinauf und hinunter, ohne Bekannten zu begegnen und lauschten interesselos der Musikkapelle, die wie gewhnlich im Stadtgarten spielte. Jedesmal setzte sie mit falschen Intonationen ein, kam im Takt immer mehr auseinander, soda man htte glauben knnen, die Musiker versuchten im Spiel einander zuvorzukommen; trotz alldem klang aber die Melodie von ferne zart und traurig. Stets dieselben Spaziergnger kamen an ihnen vorber, flirteten miteinander und ihr Lachen, ihre aufgeregten, heien Stimmen paten nicht zu der stillen, traurigen Musik, dem stillen, traurigen Abend; sie versetzten Jurii in eine verdrieliche, gehssige Stimmung. Als sie wieder einmal am Ende des Boulevard angelangt waren und gerade umkehren wollten, trat Ssanin an sie heran und begrte sie vergngt. Doch er gefiel Jurii offensichtlich nicht und so wollte das Gesprch nicht recht in Flu kommen. Mit einemmal verletzte es auch Jurii, da Ssanin alles, was ihm vor die Augen kam, mit seinem leichten Spott bergo; jedes Wort klang ihm schmerzhaft in den Ohren. Seine Stimmung vernderte sich auch nicht, als Iwanow auf sie zukam und sich ihnen ebenfalls mit lauter Frhlichkeit anschlo. Wo wollen Sie denn hin? fragte Nowikow den Lehrer, um dadurch dessen Fragen zuvorzukommen. Ich will meine Freunde freihalten, erwiderte dieser lachend, zog eine Flasche Wodka aus der Tasche und zeigte sie mit feierlicher Miene im Kreise herum. Ssanin stimmte sofort in das Lachen ein. Jurii erschien das Lachen und der Wodka wiederum unnatrlich und platt; widerwillig wendete er den Kopf ab. Trotzdem es Ssanin bemerkte, ging er nicht darauf ein und behielt ruhig sein vergngtes Lcheln bei. Iwanow jedoch machte eine zweideutige Miene und sagte in gedehntem Ba: Ich danke dir, Herr, da ich nicht bin, wie diese Zllner. Jurii errtete: -- Der mu natrlich auch noch seinen Senf drauf geben, dachte er verchtlich, zuckte mit den Schultern und trat zur Seite. Nowikow, du unbewuter Phariser, so komme du wenigstens mit uns mit, drang Iwanow in ihn. Um welches Teufels willen? ... Nun, um einen zu nehmen. Nowikow gab nicht gleich eine Antwort, sondern berblickte mit gleichgltigen Mienen den Boulevard; es schmerzte ihn, da er Lyda nirgends erblickte. Lyda sitzt zu Hause und bt ihre Snden, bemerkte Ssanin lchelnd. Dummheiten, murmelte verlegen Nowikow, ich habe einen Kranken. Der auch ohne deine Hilfe verrecken wird, fiel ihm Iwanow ins Wort. Uebrigens knnen wir uns auch ebenso ohne deine Hilfe dem Wodka widmen. -- und uns besaufen! Und das ist noch das beste, dachte Nowikow bitter. Laut sagte er: Nun gut, gehen wir! Sie verabschiedeten sich flchtig von Jurii und schritten fort; er hrte noch von weitem den groben Ba Iwanows und das harmlos-zrtliche Lachen Ssanins. Er ging wieder, ganz mit seinen Gedanken beschftigt, den Boulevard hinunter, bis ihn Frauenstimmen anriefen. Sina Karssawina und die Lehrerin Dubowa saen auf einer der Boulevardbnke, und ihre Figuren in dunklen Kleidern und ohne Hte, aber mit Bchern unter den Armen, waren in dem tiefen Schatten kaum erkennbar. Rasch und erfreut trat er auf sie zu. Woher kommen Sie? fragte er, sie begrend. Wir waren in der Bibliothek, gab Karssawina zur Antwort. Dubowa rckte schweigend zur Seite, soda an ihrer Seite Platz wurde; aber trotzdem Jurii wnschte, sich an Karssawinas Seite zu setzen, wagte er es nicht recht und lie sich neben der hlichen Lehrerin nieder. Warum machen Sie ein so rgerliches, wtendes Gesicht? fragte Dubowa, wobei sie ihre schmalen und trockenen Lippen gewohnheitsmig mimutig aneinanderprete. Sieht es denn so aus? Es ist heiter genug und denn, ich glaube, es ist hier tatschlich etwas langweilig. Vielleicht liegt's an Ihnen? erwiderte spttisch Dubowa. Und verstehen Sie, hier was anzufangen? Ja, ich habe keine Zeit zu greinen! Ich auch nicht. Na, dann quietschen Sie eben, -- scherzte Dubowa. Das ist nun einmal mein Leben. Ich habe sogar das Lachen verlernt. In seiner Stimme lag eine so bittere Nuance, da die Mdchen unwillkrlich stille wurden. Auch Jurii schwieg; dann lchelte er: Ein Freund von mir sagte einmal, da mein Leben sehr erstaunlich sei. In welchem Sinne? Ich lebe, wie man nicht leben soll, antwortete er bestimmt, ohne da er zuvor von einem Menschen derartiges gehrt htte. Jurii hielt sein ganzes Leben fr miraten und sich selbst fr einen auerordentlich unglcklichen Menschen. Darin verbarg sich fr ihn eine traurige Genugtuung, und es machte ihm Vergngen, sich ber sein Leben und die Menschen zu beklagen. Zu Mnnern sprach er niemals davon, weil er instinktiv fhlte, da sie ihm nicht glauben wrden. Aber Frauen und besonders jungen und schnen Mdchen erzhlte er gern und lange von sich. Er war hbsch und sprach schn, und die Frauen hatten mit ihm stets das Mitleid, das mit Verliebtheit durchsetzt ist. Auch diesmal, im Scherz begonnen, ging Jurii leicht in den gewohnten, sentimentalen Ton ber und redete viel ber sein Leben. Nach seinen Worten mute man glauben, da er, ein Mensch von ungeheurer Kraft und bedeutender Veranlagung, an dem Milieu und den Umstnden zerbrochen war und da man ihn auch in der Partei nicht verstanden hatte. Wenn aus ihm nicht ein Volksfhrer, sondern ein Student wurde, der aus irgend einem nichtigen Anla verschickt worden war, so trug daran nur eine fatale Zuflligkeit und menschliche Dummheit, nicht er selber, die Schuld. Jurii kam, wie allen Menschen mit groer Eigenliebe, niemals der Gedanke in den Kopf, da diese Auffassung keineswegs auerordentliche Kraft beweise und da jeder geniale Mensch von gleichen Zuflligkeiten und Personen umgeben ist. Ihm schien, da nur ihn allein ein schweres, unberwindliches Schicksal verfolge. Doch da alles, was er erzhlte, voller Farben und Leben war, machte es auf die Mdchen den Eindruck, als ob es wirklich der Wahrheit hnlich sei. Sie glaubten seinen Worten, bemitleideten ihn und wurden mit ihm traurig. Die Musik spielte ebenso ungleichmig und sentimental wie vorher, der Abend war finster und nachdenklich, und ihnen allen wurde es trumerisch befangen zumute. Als Jurii schwieg, richtete Dubowa eine Frage an ihn, die eigentlich nur den eigenen Gedanken, wie langweilig und eintnig ihr Leben sei, und wie bald sie alt wrde, ohne Liebe und Glck gekostet zu haben, beantwortete. Sagen Sie, Jurii Nikolajewitsch, ist Ihnen niemals der Gedanke an Selbstmord gekommen? Weshalb fragen Sie mich danach? So! Alle schwiegen. Jurii verga die Antwort. Sie waren also im Komitee?[1] fragte Karssawina voller Neugierde. [Funote 1: Es ist das lokale Komitee der politischen Partei gemeint, zu der Jurii gehrte. Es galt als ein besonderes Verdienst, ihm anzugehren.] Ja, antwortete Jurii kurz und wie gezwungen; das Eingestndnis war ihm aber doch angenehm, weil er glaubte, da es ihm in den Augen des hbschen Mdchens ein neues, geheimnisvolles Interesse verleihen wrde. Und der Eindruck, den diese kurze Bejahung auf Karssawina und Dubowa machte, war so stark, da sie beide in Schweigen verfielen und nur hin und wieder einen fast ehrerbietigen Blick ber Jurii streifen lieen. Er fhlte sich von dieser guten Stimmung zrtlich geliebkost; um sie nicht zu stren, vermied er jede Bewegung und sa andchtig neben den Mdchen. Die Luft um sie wurde von der Sehnsucht, die sich aus ihnen allen drngte, durchsttigt und schien sich schwerer um sie zu legen, in leise Kreise getrieben, von den fern herberschallenden Melodien. Endlich erhob sich Karssawina, sah mit freudig glnzenden Augen, in denen sie mhsam ihre unbewute Erregung zurckhielt, auf Jurii und Dubowa und rief ihnen zu: Gehen wir, Herrschaften, gehen wir doch, es wird spt. Wir verbummeln uns ja hier. Und wieder glcklich lachend, fgte sie hinzu: Jurii Nikolajewitsch, diesmal aber sind Sie Schuld! Jurii neigte frhlich den Kopf, trat an ihre Seite und wartete, indem er ebenfalls ohne Grund in ihr leises freies Lachen einstimmte, auf Dubowa, die etwas schwerflliger aufstand und erst die Bcher in ihrem Arm zurechtschob, ehe sie sich ihnen anschlo. Jurii begleitete die Mdchen nach Haus. Unterwegs sprachen sie lebhaft und lachten viel; die traurige Stimmung war verflogen. Welch ein netter Kerl ist er, sagte Karssawina, als Jurii fortging. Sieh, sieh, verlieb dich nicht! Dubowa drohte mit den Fingern. Nun, was dir gleich in den Kopf kommt, rief Karssawina mit verborgenem, instinktivem Schrecken. Jurii kam in leichter und freudiger Erregung nach Hause. Er blickte auf das begonnene Bild, empfand nichts Sonderliches dabei und legte sich vergngt schlafen. Und in der Nacht trumte er wollstige und sonnige Bilder, trumte er von jungen und schnen Frauen. X Am nchsten Abend ging Jurii wieder auf denselben Platz, wo er Karssawina und Dubowa begegnet war. Den ganzen Tag ber machte es ihm Vergngen, sich an den Abend, den er mit ihnen verbracht hatte, zu erinnern und er wnschte, sie wieder zu treffen, mit ihnen ber dasselbe zu sprechen und wieder den gleichen Ausdruck von Teilnahme und Zrtlichkeit in den lustigen und hingebenden Augen Karssawinas zu sehen. Der Abend war beraus heiter, war still und schwl. Auf dem Boulevard traf er auer einigen flchtigen Bekannten keinen Menschen. Jurii schttelte den Kopf, rgerlich ber das verdrieliche Gefhl, das in seiner Brust Platz griff, als wenn er von jemandem beleidigt worden wre, und ging langsam, stumpf vor sich auf die Fe blickend, ber den Boulevard. Wie langweilig, dachte er, was soll man jetzt anfangen? Pltzlich kam ihm mit eiligen Schritten der Student Schawrow entgegen, der seine freie Hand auf und nieder schwenkte und ihm schon von ferne hflich zulchelte. Was bummeln Sie herum, fragte Schawrow freundlich, blieb stehen und reichte Swaroschitsch die Hand. Es ist langweilig, ich habe nichts zu tun. Und wo wollen Sie hin? Juriis Worte klangen faul und herablassend. Er sprach stets in diesem Tone mit Schawrow, auf den er, als ehemaliges Komiteemitglied, wie auf ein einfaches Studentchen, das ein wenig Revolution mitspielt, herabblickte. Schawrow lchelte mit der Selbstgeflligkeit eines glcklichen Menschen: Wir haben heute einen Volksvortrag, und er wies auf einen Sto dnner, bunter Broschren hin, die er im Arm trug. Jurii nahm aus seiner Hand mechanisch eine der Broschren, schlug sie auf und las den langen, drren Titel eines populren, sozialwissenschaftlichen Artikels, den er selbst schon lngst gelesen und wieder vergessen hatte. Wo ist denn Ihr Vortrag? fragte er mit demselben herablassenden Lcheln die Broschre wieder zurckgebend. In der stdtischen Volksschule. Schawrow nannte die Schule, in der Karssawina und Dubowa unterrichteten. Jurii erinnerte sich, da Ljalja ihm bereits von diesen Vortrgen erzhlte, ohne da er damals besonders darauf geachtet hatte. Darf ich mit Ihnen mitgehen? Bitte, Schawrow gab mit freudigem Lcheln seine Einwilligung. Er hielt Jurii fr einen echten Mitkmpfer und, indem er dessen Parteirolle bertrieb, empfand er fr ihn eine Achtung, die beinahe an Verliebtheit grenzte. Ich interessiere mich sehr fr diese Geschichte. Jurii hielt es doch fr ntig, dies hinzuzufgen, dachte aber in Wirklichkeit nur daran, da ein Abend ausgefllt und es ihm mglich sein wrde, Karssawina zu begegnen. Bitte, bitte, wiederholte Schawrow. Nun, so gehen wir denn. Und sie schritten rasch den Boulevard entlang, bogen zur Brcke um, an deren beiden Seiten ein herber Wassergeruch emporstieg und traten endlich in das zweistckige Schulgebude ein, wo sich bereits Menschen zu versammeln begannen. In dem groen, noch dunklen Saal, der mit geraden Reihen von Sthlen und Bnken durchstellt war, schimmerte ihnen die Leinwand fr den Projektionsapparat wei entgegen, und aus irgendwelchen Ecken wurde zurckhaltendes, heiteres Lachen vernehmbar. Neben dem Fenster, durch das der verfinsterte Himmel und die Gipfel tiefgrner Bume sichtbar wurden, standen Ljalja und Dubowa. Sie begrten Jurii mit freudigen Ausrufen. Das ist aber schn, da du mitgekommen bist! ... Dubowa drckte ihm krftig die Hand. Warum fangt ihr denn nicht an? fragte Jurii, der verstohlen durch den dunklen Saal schaute, ohne doch Karssawina zu bemerken. Und beteiligt sich Sinaida Pawlowna nicht? fgte er in unebenem Ton ein wenig enttuscht hinzu. Aber in diesem Augenblick zuckte am Katheder, dicht an der Leinwand, ein Streichholz auf und beleuchtete das Gesicht Karssawinas, die im Begriff war, einige Lichter anzustecken. Wie sollte ich nicht dabei sein, rief sie mit klingender Stimme und streckte Jurii von oben her die Hand hin. Erfreut, aber schweigend, reichte er ihr die seine und sie sprang elastisch vom Katheder herab, whrend sie sich leicht auf ihn sttzte, wobei sie in sein Gesicht den eigenartigen Duft von Frische und Gesundheit hinberstrmte. Es ist Zeit anzufangen, sagte Schawrow, der geschftig aus dem nchsten Zimmer kam. Schwer mit seinen klobigen Stiefeln auftrampfend, ging der Diener im Saal umher und zndete die Kerzen an, soda es bald von hellen, lustigen Lichtern wimmelte. Schawrow ffnete die Tr zum Korridor und rief laut: Bitte, meine Herrschaften, es beginnt. Ein Fescharren, erst scheu, dann eiliger wurde laut, und durch die Tren drngten sich die Haufen der Besucher in den Saal. Jurii sah sie mit Neugierde an. Das gewohnheitsmige eindringliche Interesse des Propagandisten wurde in ihm rege. Da tauchten alte und junge Leute auf und auch Kinder waren unter ihnen; sie stachen mit ihren frischen Kpfen hell von den dunklen Kleidern der hinter ihnen Drngenden ab. In der ersten Reihe hatte niemand Platz zu nehmen gewagt; sie wurde erst spter durch einige Damen, die Jurii unbekannt waren und wenig interessant aussahen, den dicken Schulinspektor und die Lehrer und Lehrerinnen des Knaben- und Mdchenprogymnasiums besetzt. Der ganze brige Saal aber schien im Augenblick berschwemmt von Leuten in Jacken und Joppen, von Soldaten, Bauern, Weibern und zahlreichen Kindern in bunten Hemdblusen. Jurii setzte sich neben Karssawina an den Tisch und hrte aufmerksam hin, wie Schawrow ruhig, aber schlecht, ber das allgemeine Wahlrecht vorzulesen begann. Schawrow hatte eine dumpfe starke Stimme und alles, was er las, machte dadurch den Eindruck einer trockenen statistischen Tabelle. Und doch hrte man ihm aufmerksam zu; nur in der ersten Reihe fingen die Vertreter der Intelligenz bald an zu tuscheln und sich zu bewegen. Jurii wurde dadurch gestrt und rgerte sich; er bedauerte, da Schawrow so schlecht vorlas. Als er merkte, da dieser mde wurde, neigte er sich zu Karssawina und flsterte ihr ins Ohr: Lassen Sie mich doch zu Ende lesen. Karssawina warf durch ihre Wimpern einen zrtlichen Blick auf ihn: Das ist sehr schn! Lesen Sie! Lt es sich denn machen? fragte Jurii nun, indem er ihr, wie einem heimlichen Verbndeten, zulchelte. Gewi geht es, alle werden damit zufrieden sein. Sie benutzte eine kurze Pause, um es Schawrow zu sagen. Dieser war mde und empfand selbst lstig, da seine Stimme so hlich klang. Er willigte ein, indem er deutlich seine Freude darber zeigte. Bitte, bitte, sagte er; nach seiner Gewohnheit wiederholte er das Wort, ihm dadurch eine besondere Wichtigkeit verleihend, und trat seinen Platz ab. Jurii liebte es vorzulesen; er verstand es. Ohne auf jemanden hinzusehen, stieg er auf das Katheder und begann mit markigem, kraftvollem Ton. Mehrmals schaute er sich nach Karssawina um und jedesmal begegnete er dann ihren blinkenden und ausdrucksvollen Augen, die fest auf ihn gerichtet waren. Verwirrt und erfreut lchelnd wandte er sich dann wieder zum Buch und suchte sein Vorlesen noch eindringlicher zu gestalten. Und er war berzeugt, da er fr sie irgend etwas unergrndlich Schnes und Interessantes darstellen msse. Als er geendet hatte, klatschte ihm auch die erste Reihe Beifall zu. Jurii verneigte sich ernst, und vom Katheder forttretend, lchelte er im geheimen zu Karssawina hinber, als wenn er sagen wollte: Fr dich ist das alles. Das Publikum fing an, mit den Fen zu scharren, Sthle wurden gerckt, Zwiegesprche setzten ein, und langsam gingen die Anwesenden auseinander. Jurii achtete kaum darauf, da er noch ein paar Leuten vorgestellt wurde, die ihm Liebenswrdigkeiten ber sein Lesen sagten. Nach und nach verlschten die Lichter, und nun schien es mit einem Male noch dunkler zu werden, als es je vordem im Saal gewesen war. Ich danke Ihnen, sagte Schawrow, Jurii herzlich die Hand drckend. Wenn man bei uns nur immer so vorlesen knnte. Die Veranstaltung der Bildungsabende lag in seinen Hnden, und er hielt sich daher fr verpflichtet, Jurii in ausfhrlicher Weise zu danken, als ob ihm eine persnliche Geflligkeit erwiesen worden wre. Dabei klang aber durch seinen Worten unwillkrlich die Nuance, als ob er ihm im Namen des ganzen Volkes spreche. Er benahm sich sehr ernst und gewichtig. Fr das Volk wird bei uns viel zu wenig getan, sagte er mit Mienen, als weihe er Jurii in ein groes Geheimnis ein. Und wenn wirklich mal irgend etwas geschieht, dann auch nur ganz oberflchlich und nachlssig. Es scheint mir in der Tat sonderbar; -- -- um einigen Herrschaften, die sich langweilen, ein Vergngen zu machen, werden Snger, Schauspieler, Deklamatoren nach Dutzenden auf das Podium gestellt; um aber dem Volk etwas zu bieten, mu sich solch elender Vorleser wie ich ans Pult setzen. Mit gutmtiger Ironie schwenkte er seine Hand hin und her. Und das Beste ist, -- alle sind noch damit zufrieden. Ja, -- was htte es denn auch zu wollen, das Volk -- seine Stimme wurde bitter, schmerzlich. Das ist ganz richtig, sagte Dubowa. Es ist widerwrtig, etwas Gedrucktes in die Hand zu nehmen. In den Zeitungen werden ganze Spalten damit gefllt, wie wunderbar irgendwelche Schauspieler spielen und hier ... Und wie schn doch unsere Sachen hier stehen, meinte Schawrow und begann zrtlich seine Broschren zusammenzupacken. Die reine Einfalt, dachte Jurii, aber die Anwesenheit Karssawinas, und sein eigener Erfolg stimmten ihn weich und gutmtig. Die Einfachheit Schawrows rhrte ihn sogar ein wenig. Wohin gehen Sie jetzt? fragte ihn Dubowa, als sie auf die Strae hinaustraten. Drauen war es nicht viel heller als in den Zimmern, obgleich am Himmel schon die Sterne aufleuchteten. Schawrow und ich gehen zu Ratowa, fuhr sie selber fort. Und Sie begleiten Sina? Mit Vergngen, gab Jurii aufrichtig zur Antwort. So trennten sie sich. Den ganzen Weg bis zu der Wohnung Karssawinas, die sie mit Dubowa gemeinsam in einem kleinen Huschen gemietet hatte, sprachen sie ber den Eindruck, den die Vorlesung in ihnen hervorgerufen hatte, und Jurii gewann mehr und mehr die Ueberzeugung, da von ihm etwas Wunderschnes und sehr Wichtiges geleistet worden war. An der Pforte sagte Karssawina: Kommen Sie zu uns herein! Das kann ich! Jurii willigte heiter ein. Karssawina ffnete die Tr und sie traten in einen kleinen, grasbewachsenen Hof, hinter dem der Garten in dichtem Schwarz auftauchte. Gehen Sie in den Garten, sagte Karssawina lachend. Zwar mchte ich Sie in unsere Wohnung einladen, aber ich frchte, -- wissen Sie, ich war seit heute morgen nicht zu Hause und da ist es unsicher, ob bei uns zur Genge aufgerumt ist. Sie lief allein in das Haus, und Jurii schlenderte langsam in den duftigen grnen Garten hinber. Er ging nicht weit, sondern blieb am Anfang des Pfades stehen, starrte erst zwecklos auf den Boden, drehte sich dann pltzlich um und sah mit brennendem Verlangen in die offenen, dunklen Fenster des Hauses. Ihm schien, da sich dort ein entzckendes Geheimnis abspielen msse. Fast bewegungslos war Karssawina auf die Vortreppe hinausgetreten. Jurii erkannte sie kaum. Sie hatte ihr schwarzes Kleid abgelegt und eine dnne, kleinrussische Bluse, mit tiefem Ausschnitt und kurzen Aermeln, dazu ein leichter, blauer Kleiderrock bedeckten, von der Luft durchweht, die prchtigen Formen ihres Krpers. Hier bin ich! sagte sie; ein verlegenes Lcheln berzog aus einem Grunde, der ihnen beiden unverstndlich war, ihr Gesicht. Ja, ich sehe, erwiderte Jurii, und jetzt begriff auch sie den bedeutsamen Ausdruck, der in den wenigen Worten lag. Sie lchelte wieder und wandte sich ein wenig zurck. Beide schritten den Pfad zwischen den grnen, niedrigen Fliederbschen und Rasenhecken entlang. Die Bume, die zerstreut standen, waren noch klein, meistens Kirschen mit saftigen, jungen Blttern; sie strmten einen starken, herben Geruch aus. Hinten an den Garten stie eine Wiese, reich mit Blumen bedeckt, die hohes ungemhtes Gras trug. Sie lieen sich auf einem halbeingebrochenen Zaun nieder und schauten bedchtig auf die Wiese, die durchsichtige, vergehende Abendrte. Jurii zog einen biegsamen Fliederzweig zu sich herab; zarte Tautrpfchen glitten dabei auf ihr Haar und setzten sich dort glitzernd fest. Wollen Sie, da ich Ihnen etwas vorsinge, sagte Karssawina. Natrlich mchte ich das! Karssawina reckte, wie auch damals auf dem Flu, ihre Brust, die deutlich unter dem zarten Stoff hervortrat, und begann zu singen. Der schne Stern der Liebe -- -- -- -- -- Ihre Stimme klang leicht und rein, aber voller Leidenschaft, durch die abendliche Luft. Jurii sa still und wagte kaum zu atmen; er schaute auf sie, ohne die Augen von ihr einen Augenblick abzuwenden. Sie fhlte seinen Blick, schlo ihre Augen, dehnte die Brust noch hher; ihr Gesang wurde immer schner und krftiger. Es schien, da alles einhielte und lausche. Und Jurii kam die scheinbare, geheimnisvolle und gespannte Stille in den Sinn, die pltzlich eintritt, sobald eine Nachtigall zu schlagen anhebt. Als sie mit einem hohen, silbernen Ton abbrach, wurde alles noch stiller. Die Abendrte war vollends erloschen, und der Himmel verdunkelte mehr und mehr. Kaum sichtbar, kaum hrbar begannen sich die Bltter zu bewegen, das Gras zu schwanken, und durch die Lfte schwebend, zog ein zarter und duftiger Laut, wie ein Seufzer, von der Wiese herber und zerrann im Garten. Karssawina wandte sich mit Augen, die im Dunkel blitzten, zu Jurii: Warum schweigen Sie? Zu schn ist es hier. Jurii flsterte es leise und zog wieder an dem tautriefenden Zweig. Ja, sehr schn, rief sie trumerisch, es ist berhaupt schn, auf der Welt zu sein, fgte sie, nach kurzem Schweigen, hinzu. In Jurii stieg ein leidiges Gefhl empor, nahm aber keine greifbaren Formen an und verschwand sofort wieder. Einmal ertnten pltzlich hinter der Wiese zwei schrille Pfiffe, doch gleich fiel alles wieder in die zitternde Ruhe zurck. Gefllt Ihnen Schawrow? fragte unerwartet Karssawina und lachte selbst ber das Pltzliche ihrer Frage. In Juriis Brust regte sich eine eiferschtige Stimmung, doch er zwang sich selbst zu einer ernsten Antwort. Er ist ein guter Bursche. Mit welchem Enthusiasmus gibt er sich seiner Ueberzeugung hin. Jurii schwieg. Auf der Wiese erhob sich ein leichter, weilicher Nebel, und selbst das Gras nahm unter dem Tau einen weien Schimmer an. Es wird feucht, sagte Karssawina, sich schnell erhebend. Unwillkrlich blickte Jurii auf ihre runden weichen Schultern; er wurde verlegen. Sie fing seinen Blick auf und geriet ebenfalls in Verwirrung, obgleich ihr angenehm und froh zumute war. Gehen wir! Und sie schritten mit innerem Bedauern auf dem schmalen Pfad zurck, hin und wieder streiften sie sich mit den Krpern. Der Garten blieb leer und schwarz hinter ihnen, und als Jurii sich umsah, setzte sich der Gedanke in ihm fest, da dort jetzt ein ganz neues Leben erwachen msse; -- allen verborgen, allen ein Geheimnis. Zwischen den niedrigen Bumen, ber dem taubedeckten Rasen werden Schatten hingleiten. Die Dmmerung wird sich verdichten und die Stille mu beginnen, mit matter Stimme leise Worte zu murmeln. Er erzhlte ihr die Phantasie. Das Mdchen schaute sich um, blickte lange in den Garten mit Augen, die nachdenklich und tief geworden waren. Und Jurii dachte: Wenn sie pltzlich die Kleider von sich wrfe und in frhlicher, glcklicher Nacktheit hinein in das grne Dickicht liefe, dann wre das gar nicht sonderbar, -- nur wundervoll und natrlich. Und es wrde das grne Leben des Gartens nicht stren, sondern ergnzen, ausfllen und erhhen. Jurii verlangte es, ihr auch diesen Gedanken mitzuteilen, er wagte es aber nicht und sprach wieder von verschiedenen Referaten und der allgemeinen Volksbewegung. Das Gesprch stockte bald und versiegte, als ob sie nicht von dem sprachen, was ihnen das Nchste gewesen wre. So gingen sie lchelnd bis zur Pforte und streiften mit ihren Schultern die nassen, triefenden Bsche. Ihnen schien alles ins Schweigen zu versinken, ebenso nachdenklich und im gleichen Glck wie sie selbst. Im Hofe war es wie vorher still und leer. Nur das weie Huschen sah mit seinen offenen Fenstern schwarz zu ihnen herber. Doch die Pforte nach der Strae zu stand offen, und aus dem Zimmer hrte man Schritte und Poltern, als wrde das Schubfach einer Kommode mit Gewalt aufgerissen. Ah, Ola ist gekommen, rief Karssawina. Sina, bist du da, fragte Dubowa vom Zimmer her. Ihrer Stimme merkten beide sogleich an, da etwas Schlimmes vorgefallen war. Dubowa trat auf die Treppe hinaus, bla und fassungslos. Wo steckst du? Ich suchte dich, Semionow stirbt! rief sie keuchend und sich berstrzend. Was, fragte Karssawina entsetzt und lief auf sie zu. Ja, er stirbt. Er hat einen Blutsturz gehabt. Anatoli Pawlowitsch meint, da es zu Ende geht. Wir haben ihn ins Krankenhaus gebracht. Und wie eigentmlich und unerwartet. Wir saen bei Ratows und tranken Tee. Er war so lustig, stritt sich mit Nowikow herum, und dann hustete er pltzlich, stand auf, schwankte, und Blut strzte, strzte -- so -- einfach -- direkt aufs Tischtuch, -- in den Teller mit Eingemachtem hinein. Dicht, schwarz -- -- -- Und wie? Er -- wei er ..., fragte mit brennender Neugierde Jurii, dem in diesem Augenblick die Mondnacht, die schwarzen Schatten, und die aufgeregte, traurige Schwche jener Stimme einfiel: -- -- -- Und Sie werden noch leben, werden an meinem Grabe vorbeigehen, irgend eines Bedrfnisses wegen stehen bleiben und ich -- -- -- -- Er scheint es zu wissen, unterbrach Dubowa, mit nervsem Zucken ihrer Arme, seine Gedanken. Er sah uns alle an und fragte: >Was bedeutet das? ...< Und dann bebte er am ganzen Krper und sagte noch: >Schon? ...< Ach, wie abscheulich und furchtbar das ist. Alle schwiegen. Nun wurde es ganz still und trotzdem die Luft ebenso durchsichtig und klar wie frher war, kam es ihnen vor, als wre die ganze Welt pltzlich mit einer dunklen Decke berzogen worden. Eine entsetzliche Sache -- der Tod, sagte Jurii und erblate. Dubowa seufzte und senkte die Blicke zu Boden, Karssawina bebte das Kinn; sie lchelte schuldbewut und bedauernswert. Sie konnte das niederdrckende Gefhl der anderen nicht ertragen, weil ihr ganzes Wesen von Leben erfllt war. Es lie nicht zu, da sie sich den Tod vergegenwrtigte. Sie konnte sich kaum vorstellen, da jetzt, wo sie ein so prchtiger Sommerabend umgab und alles in ihr voll Glck und Freuden schwankte, ein Mensch leiden und sterben sollte. Ihre Empfindungen waren nur natrlich; aber ihr schien, da sie schlecht seien. Sie schmte sich ihrer; unbewut bemhte sie sich, sie zu unterdrcken und an ihrer Statt bessere hervorzurufen. Mehr als Jurii und Dubowa drckte sie deshalb jetzt in ihrer Frage Teilnahme und Schrecken aus: Ach der Arme, wie geht es ihm? Sie wollte sich noch weiter erkundigen: ... wird er bald sterben; aber sie stockte bei diesem Wort und richtete an Dubowa, whrend sie sich an sie klammerte, leere Fragen ohne Sinn und Nutzen ... Anatoli Pawlowitsch meinte, da es mit ihm heute Nacht oder morgen frh zu Ende gehen wird, entgegnete diese dumpf. Karssawina sprach scheu und leise: Wollen wir zu ihm gehen? ... Oder vielleicht nicht? Ich wei garnicht ... Und vor allen tauchte pltzlich die gleiche Frage auf: -- -- -- Darf man dorthin gehen und zusehen, wie dieser Semionow stirbt, und wrde es gut oder schlecht sein ... Jurii zuckte unentschlossen die Achseln, sagte aber schlielich: Gehen wir wirklich hin. Wir werden vielleicht nicht eintreten drfen, aber mglicherweise ... Vielleicht will er sogar jemanden sehen. Dubowa willigte erleichtert ein und auch Karssawina sagte entschlossen: So gehen wir. Schawrow und Nowikow sind dort, fgte Dubowa wie zur Rechtfertigung hinzu. Karssawina lief schnell ins Haus, um ihr Jackett zu holen, dann schritten alle drei dster und traurig durch die Stadt nach dem grauen, schlecht abgeputzten, dreistckigen Gebude, in dem sich das Krankenhaus befand und wo Semionow jetzt sterben mute. In den Korridoren mit niedrigen, hallenden Decken war es dster; es roch scharf nach einem Gemisch von Karbol und Jodoform. Als sie an dem Irrenabteil vorbeikamen, vernahmen sie eine sonderbar gespannte Stimme schnell und bse sprechen; als dann niemand zu sehen war, berlief sie eine bange Empfindung. Erschrocken sahen sie nach dem kleinen quadratischen Fensterchen hin. Doch gleich darauf begegnete ihnen im Korridor ein alter Bauer mit weiem Vollbart, der in seiner Dichtigkeit einem gewebten Brusttuch hnlich sah, und einer groen weien Schrze; hflich scharrend zog er seine schweren Fe an. Wohin wnschen Sie? Hier wurde ein Student hergebracht, Semionow. Heute! sagte Dubowa. Auf der sechsten Station. Bitte, oben! -- Man hrte, wie er fortgehend laut auf den Boden spuckte und wiederum mit den Fen scharrte. Oben war es heller und sauberer, und die Decken waren ungewlbt. Die Tr des Kabinetts, an dem ein Schild mit der Aufschrift: Diensttuender Arzt! angeschlagen war, stand offen. Dort brannte die Lampe; jemand klirrte mit Glasflaschen. Jurii blickte hinein und rief etwas. Das Klirren der Flschchen hrte auf und Rjsanzew kam heraus, frisch und heiter, wie immer, offenbar an die Umgebung, die die Anderen bedrckte, gewhnt. Ah! Heute habe ich Dienst! Guten Abend, meine Herrschaften. Aber sogleich zog er die Augenbrauen in die Hhe und fuhr mit vllig vernderter, trauriger und bedeutungsvoller Stimme fort: Ich glaube, er ist schon ohne Bewutsein. Gehen wir zu ihm. Dort ist Nowikow und die anderen. Und whrend sie einer nach dem anderen den bermig sauberen Korridor an groen weien Tren mit schwarzen Nummerschildern vorbeigingen, sprach Rjsanzew leise weiter: Man hat schon nach dem Geistlichen geschickt. Es ist ganz erstaunlich, wie schnell es ihn klein gekriegt hat. Ich habe mich selbst gewundert. Dazu hat er sich in der letzten Zeit in einem fort erkltet, und das war in seiner Lage gewagt. So, hier liegt er. Rjsanzew ffnete eine hohe weie Tr und trat hinein. Die anderen drngten sich in den Trrahmen und stieen sich gegenseitig an, als sie hinter ihm hergingen. Die Station war gro und sauber. Vier Betten waren leer und sorgfltig mit rauhen, grnen Decken, durch die gerade weie Falten liefen, zugedeckt. Sie erinnerten an Srge. Auf dem einen sa ein kleiner, zusammengeschrumpfter Greis im Bauernkaftan, der sich erschrocken nach den Eingetretenen wie auch nach dem sechsten Bett umsah, wo unter einer ebenso harten Decke Semionow lag. Neben ihm hockte Nowikow vornbergebeugt auf dem Stuhl; am Fenster standen Iwanow und Schawrow. Alle fanden es sonderbar und unpassend, da sie sich in Gegenwart des sterbenden Semionow begren muten und sich die Hnde drckten. Aber merkwrdigerweise schien es ihnen ebenso unrichtig, es zu unterlassen, als wrden sie dadurch die Nhe des Todes besonders betonen. Daraus ergab sich eine allgemeine Konfusion; einige von ihnen grten sich; andere nicht. Jeder blieb dort stehen, wo er gerade stand, und blickte mit scheuer und banger Neugierde auf Semionow. Semionow atmete schwer und selten. Er war garnicht mehr jenem Semionow hnlich, der ihnen allen bekannt war, sah berhaupt kaum noch einem Lebenden hnlich. Obgleich ihm dieselben Gesichtszge wie im Leben, dieselben Glieder, wie allen anderen Menschen, geblieben waren, hatten sie doch den Eindruck, da sich seine Mienen irgendwie furchtbar und unverrckbar verndert htten. Das, was die Krper Anderer belebt und so selbstverstndlich bewegt, schien fr ihn nicht mehr vorhanden zu sein. Irgendwo in der Tiefe seines grauenhaft regungslosen Krpers vollzog sich eilig ein entsetzenerregender Vorgang, als tastete er jetzt schon nach einer neuen, unabwendbaren Arbeit. Sein ganzes Leben hatte sich in die Tiefe verkrochen, um dieser Arbeit mit einer intensiven, unerklrlichen Aufmerksamkeit lauschen zu knnen. Die Lampe, welche inmitten der Zimmerdecke hing, beleuchtete mit greller Schrfe seine unbeweglichen Gesichtszge, die nichts mehr sahen, nichts hrten. Alle standen schweigend da und schauten, ohne die Augen abzuwenden, auf ihn; sie hielten den Atem ein in der Furcht, den groartigen Proze zu stren. Und in dieser Stille war nur mit schrecklicher Deutlichkeit das verkrppelte, pfeifende Atmen Semionows vernehmbar. Die Tr ffnete sich, und trippelnde Greisenschritte klappten auf dem Boden. Ein alter dicker Pope kam mit dem Kster, einem mageren und schwarzen Menschen; hinter ihnen ging leicht und ruhig Ssanin. Der Pope grte hflich die Aerzte und verneigte sich dann, ebenso zuvorkommend vor den anderen. Sie antworteten ihm alle gleichzeitig, bertrieben den Gru eilig und berhflich; dann fielen sie sofort wieder in ihre Erstarrung zurck. Ssanin setzte sich, ohne ein Wort, aufs Fensterbrett und sah neugierig auf Semionow und die Anwesenden; man merkte ihm deutlich den Wunsch an, das, was er und sie empfanden und dachten bis ins Einzelne zu begreifen. Der Sterbende atmete in gleicher Weise fort und bewegte sich nicht. Kein Bewutsein? fragte weich der Geistliche, ohne sich aber mit seiner Frage an einen von ihnen direkt zu wenden. Ja, beeilte sich Nowikow zu antworten. Der Pope lie irgend einen unbestimmten Laut vernehmen; wendete sich aber, als er nichts weiter hrte, um, stellte das Kreuz zurecht, legte die Stola an und begann mit dnnem, slichem Tenor und vertieftem Ausdruck herunter zu lesen, was zum Tode eines Menschen orthodoxen Glaubens gehrt. Vom Kster her ertnten heisere, unangenehme Balaute, und diese beiden Stimmen, die nicht zusammen paten, gingen fortgesetzt auseinander und verklangen in ihrer Dissonanz seltsam und traurig an der hohen Decke. Als der scharfe, laute Klagegesang erscholl, sahen alle mit unwillkrlichem Schrecken auf das Gesicht des Sterbenden. Nowikow, der nher als die anderen stand, fiel es auf, da Semionows Lider ein wenig erzitterten und da sich auch seine blicklosen Augen kaum merklich nach der Seite wandten, woher die Stimmen ertnten. Aber fr die anderen blieb Semionow genau so sonderbar unbeweglich, wie vorher. Karssawina weinte gleich bei dem ersten Laut still und klagend vor sich hin, ohne die Trnen, die ber ihr junges schnes Gesicht rollten, abzutrocknen. Alle blickten hoch, und auch Dubowa begann zu weinen; selbst die Mnner fhlten Trnen in ihre Augen steigen und bissen die Zhne zusammen, um sie zurckzuhalten. Immer, wenn sich der Gesang der Priester verstrkte, weinten die Mdchen heftiger. Dann runzelte Ssanin jedesmal bei dem Gedanken die Stirn, wie unertrglich dieser Gesang, der auch auf gesunde Menschen, die dem Tode fernstanden, schwer einwirkte, erst fr Semionow sein mte, wenn er ihn hre. Machen Sie es doch leiser ab, sagte er zornig zum Pfarrer. Dieser neigte erst liebenswrdig das Ohr, aber sobald er die Worte verstanden hatte, zog er die Brauen zusammen und sang noch lauter. Der Kster blickte sich strenge nach Ssanin um und auch die anderen sahen sich erschrocken an, als ob er eine Unanstndigkeit gesagt htte. Ssanin winkte die stummen Vorwrfe mit einer verdrielichen Handbewegung ab und schwieg still. Als die Zeremonie beendet war und der Pfarrer das Kreuz wieder in die Stola gewickelt hatte, wurde es noch schwler. Semionow lag unbeweglich wie vorher. Und pltzlich begann sich in ihnen allen ein entsetzliches Gefhl, das keiner berwinden konnte, zu regen: Sie wnschten, da dieser ganze Vorgang endlich zu Ende gehe und Semionow schneller sterbe. Trotzdem sich dieses Gefhl immer deutlicher in ihnen festsetzte, gaben sie sich voll Angst und Scham alle Mhe, es zu unterdrcken und zu verbergen; sie wagten es nicht, sich einander anzublicken. Ginge es doch nur schneller, meinte endlich Ssanin leise, welche schwere Geschichte. Tja, rief Iwanow. Beide sprachen still zusammen; es war ganz klar, da Semionow nichts mehr hren konnte. Und doch schauten sich die Andern entrstet nach ihnen um. Schawrow wollte etwas bemerken, aber gerade in diesem Augenblick brach ein neuer, unsagbar klglicher Laut hervor, der alle krankhaft erzittern lie. Fffft -- seufzte Semionow und begann dann, als wenn er endlich das gefunden htte, was allein ihm ntig war, dieses langgezogene Sthnen ohne Einhalt zu wiederholen; nur manchmal wurde es durch ein heiseres, beschwertes Atmen unterbrochen. Zuerst hatten die Umstehenden nicht fassen knnen, um was es sich handele, aber gleich darauf setzte das Weinen Dubowas und Karssawinas wieder strker ein, und auch Nowikow strzten die Trnen aus dem Auge. Der Pfarrer begann langsam und feierlich die Sndenvergebung zu lesen. Auf seinem gedunsenen, rhrseligen Gesicht drckte sich sentimentale Teilnahme und erhabene Trauer aus. Einige Minuten vergingen. Pltzlich wurde Semionow still. Ausgelebt, murmelte der Pfarrer. Aber im selben Augenblick versuchte Semionow langsam und mit Anstrengung die zusammengeklebten Lippen zu bewegen; sein Gesicht verzerrte sich wie zu einem Lcheln. Gleich darauf vernahmen Alle eine dumpfe, unglaublich schwache und ergreifende Stimme, die sich von irgend woher aus der Tiefe seiner Brust wie unter einem Sargdeckel hervor quetschen mute. Und diese Stimme sagte: Ein kompletter Lump. Die Augen Semionows waren dabei starr auf den Popen gerichtet. Dann erzitterte er, ri die Augen mit dem Ausdruck eines wahnsinnigen Schreckens noch weiter auf und reckte sich. Alle hrten seine Worte, doch keiner bewegte sich. Allein von dem feucht gewordenen, gerteten Antlitz des Popen schwand in einem Augenblick der Ausdruck erhabener Trauer. Aengstlich sah er sich um, doch niemand beachtete ihn; allein Ssanin lchelte ihm interessiert zu. Semionow bewegte sich, doch kein Laut drang hervor, und nur die eine Seite seines dnnen, hellen Schnurrbarts senkte sich. Dann streckte er sich wieder; wurde dadurch noch ausgezogener und grauenhafter. Aber pltzlich gab es keinen Laut, keine Bewegung mehr. Jetzt weinte auch niemand. Das Nahen des Todes war furchtbarer und trauriger als sein Erscheinen. Ja, es kam ihnen jetzt sogar sonderbar vor, da diese feierliche und qualvolle Geschichte so einfach und schnell beendet war. Sie standen noch eine Weile um das Bett und schauten in das scharf gewordene, zugespitzte Gesicht des Toten, als wenn sie noch etwas erwarteten, und bemhten sich auch, Entsetzen und Mitleid in sich hervorzurufen; mit gespannter Aufmerksamkeit sahen sie zu, wie Nowikow ihm die Augen zudrckte und seine Hnde auf der Brust faltete. Dann begannen sie fortzugehen; zurckhaltend, mit den Fen scharrend. Im Korridor brannte die Lampe, und hier sah es so gleichmig und gemtlich aus, da alle befreit aufatmeten. Voran schritt der Pope. Er machte hufige, kleine Schritte, und in dem Wunsch, bei der Jugend einen guten Eindruck hervorzurufen oder irgend eine Liebenswrdigkeit zu sagen, seufzte er tief auf und sprach weich: Es ist schade um den jungen Mann. Um so mehr, als er augenscheinlich als ein unbereuter ... Aber, Gottes Barmherzigkeit, nicht wahr. Ja, gewi, antwortete aus Hflichkeit Schawrow, der ihm am nchsten ging. Hat er Familie? fragte der Pope, zuversichtlich werdend. Ich wei wirklich nicht, gab Schawrow zur Antwort. Bei dieser Antwort schauten sich alle an; sie fanden es selber sonderbar und unschn, da keiner von ihnen wute, ob Semionow Familie habe und wo sie lebe. Eine Schwester von ihm besucht irgendwo das Gymnasium, bemerkte Karssawina. So, nun adieu, sagte der Pfarrer, indem er mit weichen Fingern seinen Hut lftete. Adieu, antworteten alle gleichzeitig. Als sie auf die Strae traten, atmeten sie erleichtert auf und blieben stehen. Nun, wohin jetzt, fragte Schawrow. Zuerst bewegten sie sich unentschlossen auf dem Platz hin und her, dann begannen sie sich, wie auf Verabredung, pltzlich zu verabschieden und nach allen Seiten auseinander zu gehen. XI Wollen wir zu mir gehen, um des in Gott entschlafenen treuen Knechtes zu gedenken, sagte Iwanow feierlich zu Ssanin. Ssanin nickte schweigend mit dem Kopf. Im Vorbeigehen kauften sie in einem Laden Wodka und einige Kleinigkeiten zum Essen und holten dann Jurii Swaroschitsch ein, der langsam mit gesenktem Kopf den Boulevard entlangschritt. Der Tod Semionows hatte auf Jurii trbe und niederdrckend eingewirkt; es schien ihm ganz unmglich, sich damit abzufinden. -- -- -- Ja, das ist so; das alles ist sehr einfach. -- -- -- Jurii versuchte in seinen Gedanken eine gerade und kurze Linie zu ziehen. Der Mensch existiert nicht frher, als bis er geboren ist und niemandem scheint das entsetzlich und unbegreiflich. Der Mensch wird nicht mehr sein, wenn er gestorben ist, und das ist gerade so einfach und verstndlich. Der Tod als vlliges Stehenbleiben einer Maschine, die die Lebenskraft produzierte, ist vollkommen natrlich, und es gibt nichts darin, was Entsetzen einflen knnte. Es gab einen Jura, der einst aufs Gymnasium ging, seinen Feinden in der Sexta die Nasen blutig schlug und Distelkpfe mit Stcken abhieb. Er besa ein eigenes und wunderbar kompliziertes Leben. Dann ist dieser Jura gestorben, und jetzt geht an seiner Statt ein ganz anderer Mensch herum, der Student Swaroschitsch. Knnte man diese beiden gegenberstellen, so wrde Jura nicht imstande sein, Jurii wiederzuerkennen. Ja, er wrde sogar gegen ihn einen instinktiven Ha empfinden, wie gegen einen Menschen, der sein Repetitor werden soll und ihm noch eine Menge Unannehmlichkeiten bereiten kann. Folglich liegt zwischen ihnen eine breite Kluft, folglich ist der Junge Jura wirklich gestorben ... ich selbst bin gestorben, und habe es bis jetzt noch nicht einmal bemerkt. Das war so einfach und natrlich geschehen. Und mit allem, was wir im Tode verlieren, wird uns im Grunde nichts genommen. Im Leben gibt es auf jeden Fall mehr unangenehme als freudige Ereignisse. Zwar wird es einem schwer, auch die wenigen Freuden hingeben zu mssen. Aber die Befreiung von der Last des Schlechten, die der Tod mit sich bringt, mu doch zuletzt ein Plus ergeben. Ja, wirklich, das ist ja ganz einfach und gar nicht furchtbar, sagte Jurii leise mit einem erleichternden Seufzer vor sich hin, aber sofort unterbrach wieder ein schneidendes Gefhl feinsten, seelischen Schmerzes diesen Gedanken. Nein, da eine volle, lebende, unendlich feine und komplizierte Welt in einem Augenblick in ein Nichts verwandelt wird, in einen Klotz, in ein gefrorenes Scheit, das ist nicht mehr die Verwandlung des Knaben Jura in Jurii Swaroschitsch, sondern das ist eine bis zum Ekel abschreckende Widersinnigkeit und darum entsetzlich und unbegreiflich. Ein feiner, kalter Schwei bedeckte die Stirn Juriis. Er mute alle Krfte seines Hirns zusammennehmen, um sich den Zustand, den zu erleben jedem Menschen unmglich erscheint und den doch ein jeder erleben wird, vorzustellen. So wie ihn eben Semionow erlebt hatte. Und der war auch nicht vor Angst gestorben, dachte Jurii und lchelte ber das Sonderbare dieses Gedankens. Er verspottete sogar noch diesen Popen, den Gesang und die Trnen. Es schien, da hier irgend ein Punkt verborgen sein mute, der, wenn er erst einmal begriffen war, auch alles andere erleuchten wrde. Aber zwischen seiner Seele und diesem unbekannten Punkt befand sich eine dichte, undurchdringliche Mauer. Seine Gedanken glitten ber eine ungreifbar glatte Flche und in dem Augenblick, als er glaubte, der Lsung des Rtsels nahe zu sein, befanden sie sich wieder unten auf demselben Platz. Und nach welcher Seite er auch das Netz der feinsten Gedanken und Vorstellungen auswarf, er fing nur immer dieselben platten und bis zur Schmerzhaftigkeit berdrssigen Worte: Entsetzlich und unbegreiflich. Dieses Spiel qulte und schwchte ihn seelisch und krperlich. Bis ins Herz stieg die wehe Trbsal, die Gedanken wurden farblos, der Kopf begann zu schmerzen und ihm kam der Wunsch, sich jetzt hier auf dem Boulevard niederzulegen, und alles, alles beiseite zu schieben, -- selbst die Tatsache des Lebens. Aber wie konnte Semionow lachen, da er wute, da nach einigen Augenblicken das Ende kommt? Was war er? Ein Held! Nein, das hatte mit Heldentum nichts zu tun. Es bedeutete einfach: Der Tod ist nicht so schrecklich, als ich denke. In diesem Augenblick rief ihn Iwanow an: Ach, Sie sind es? Jurii fuhr mit dem ganzen Krper zusammen. Ja, und des Sterbens des soeben dahingeschiedenen Knecht Gottes gedenkend, antwortete frhlich und gertet Iwanow. Wollen Sie mit uns gehen? Warum treiben Sie sich immer allein herum? Jurii war es so ngstlich und traurig zumute, da ihm Ssanin und Iwanow nicht so antipathisch wie sonst erschienen. Schn, wollen wir gehen! -- Doch kaum hatte er eingewilligt, als er sich seiner Ueberlegenheit erinnerte und sich sagte: Nun, was werde ich mit ihnen anfangen. Wodka saufen und Gemeinheiten reden. Er wollte sich schon zwingen, die Einladung doch noch abzulehnen, aber sein ganzes Wesen widerstrebte der Einsamkeit und so ging er mit ihnen mit. Iwanow und Ssanin schwiegen; sie gingen ohne ein Wort bis zur Wohnung Iwanows. Es war schon tiefe, nchtliche Dunkelheit und nur auf einer Bank an der Pforte spukte die Figur eines Menschen, der einen dicken gekrmmten Knppel in der Hand trug, herum. Ah, Onkel? Pjotr Iliitsch? rief laut Iwanow. Ich! rollte es im tiefsten Ton einer menschlichen Stimme zurck; kraftvoll und mnnlich schallte es durch die Luft. Jurii erinnerte sich, da der Onkel Iwanows ein dem konsequenten Trunk ergebener Snger des Domchors war. Er hatte einen grauen Schnurrbart, wie ein Soldat Nikolai des Ersten und sein abgetragenes Jackett strmte einen hlichen Geruch aus. Bububu, -- klang es wie ein dumpfer Sto gegen ein leeres Fa von ihm her, als ihn Iwanow mit Jurii bekannt machte. Jurii reichte ihm eingeschreckt die Hand und wute nicht, was er sprechen und wie er sich ihm gegenber benehmen sollte. Doch im Augenblick fiel ihm ein, da ja fr Jurii Swaroschitsch alle Menschen gleich sein mten, und so ging er neben dem alten Snger einher, wobei er darauf achtete, ihn bei jeder Gelegenheit hflich voranschreiten zu lassen. Iwanow wohnte in einem Zimmer, das einer Rumpelkammer mehr als einer menschlichen Wohnsttte hnelte, so viel Plunder, Staub und Unordnung war da. Doch als ihr Wirt die Lampe ansteckte, sah Jurii, da alle Wnde mit Gravren von Wasnitzow beklebt waren und die Haufen Plunder entpuppten sich als Bcherste. Jurii fhlte sich immer noch etwas peinlich berhrt, und um es zu verbergen, begann er aufmerksam die Bilder zu betrachten. Lieben Sie auch Wasnitzow? fragte Iwanow, wartete aber nicht auf die Antwort, sondern lief fort, um das Geschirr zu holen. Ssanin erzhlte Pjotr Iliitsch, da Semionow gestorben sei. Mg' ihm das Himmelreich beschieden sein, so ertnte es wieder wie aus einem Bierfa zurck. Und nach kurzem Schweigen fgte Pjotr Iliitsch hinzu: Nun gut, so ist also alles vollbracht. Jurii sah ihn nachdenklich an und empfand mit einemmal Sympathie fr den Alten. Iwanow kam zurck, brachte Brot, saure Gurken und Weinglser. Er stellte alles auf dem Tisch zurecht, der mit Zeitungspapier bedeckt war, und mit einem kurzen Schlag der Handflche gegen die Flaschenbden trieb er die Pfropfen hinaus, ohne einen Tropfen zu verschtten. Das ist geschickt! lobte Pjotr Iliitsch. Man merkt es doch gleich, wenn ein Mensch sein Handwerk versteht, scherzte Iwanow selbstgefllig und go die grnlich-weie Flssigkeit in die Glschen ein. Nun, meine Herrschaften, er nahm sein Glas in die Hand und erhhte seine Stimme, -- auf die Ruhe der Seele und alles sonstige. Man griff zum Essen und trank bald mehr und mehr. Es wurde nur wenig gesprochen. Zumeist tranken sie. In dem kleinen Zimmer wurde es bald hei und dumpf. Pjotr Iliitsch zndete eine Zigarette an und berschwemmte alles mit blauen Streifen schlechten Tabaksqualmes. Von dem Wodka, dem Rauch und der Hitze begann Jurii der Kopf zu schwindeln. Er erinnerte sich wieder an Semionow: Eine dumme Geschichte ist der Tod! Warum denn? fragte Pjotr Iliitsch, der Tod, -- oho -- aber im Gegenteil, er -- er ist ja etwas durchaus Notwendiges. Der Tod, -- und wenn man ewig leben sollte. Oho! -- Nehmen Sie sich in acht, -- -- so zu sprechen. Ewiges Leben -- was ist das? ... Jurii dachte pltzlich, da falls er ewig leben sollte ... Vor ihm breitete sich ein unendlicher grauer Streifen aus, der sich qualvoll und ziellos im Leeren aufrollte, als wenn er von einer Walze auf die andere herbergezogen wrde. Jede Vorstellung von Farben und Lauten, von Tiefe und Flle der Erlebnisse verwischte sich und verblate wieder, zerrann zu einer grauen Masse, die ohne Bett und Strmung dahinflo. Das war nicht mehr Leben, das war wieder Tod. Jurii wurde geradezu schreckhaft ngstlich. Ja, gewi! murmelte er. Auf Sie scheint der Tod einen groen Eindruck gemacht zu haben, bemerkte Iwanow. An wem knnte er so vorbergehen? fragte Jurii statt einer Antwort. Iwanow nickte unbestimmt mit dem Kopf und fing an, Pjotr Iliitsch von den letzten Augenblicken Semionows zu erzhlen. Im Zimmer wurde es allmhlich unertrglich schwl. Jurii beobachtete mechanisch, wie der Wodka, im Schein der Lampe glnzend, in die dnnen, roten Lippen Iwanows hineinflo und fhlte, wie alles um ihn langsam zu drehen und zu zerrinnen begann. Aaaaah --, sang es in seinen Ohren mit dnner, geheimnisvoll trauriger Stimme. Nein, der Tod ist eine furchtbare Sache, wiederholte er, ohne es selbst zu bemerken, als mte er dieser geheimnisvollen Stimme eine Antwort geben. Sie sind zu nervs, meinte Iwanow mit noch lssigerer Herablassung zu ihm. Und knnen Sie das nicht empfinden? Ich -- nein, nicht! Zu sterben habe ich gewi keine Lust. Das ist eine dumme Geschichte und es ist ganz ohne Vergleich vergnglicher zu leben ... Aber wenn es denn einmal zum Sterben kommt, gut, ich mache mit. Ich sterbe innerhalb einer Stunde und ohne jeden Apparat. Du stirbst nicht und weit deshalb nichts davon, sagte Ssanin lchelnd. Das stimmt auch, Iwanow lachte auf. Alles das haben wir schon gehrt, Jurii sprach pltzlich mit trbseliger Erbitterung. Reden kann man vieles, aber Tod bleibt Tod. Er ist an sich entsetzlich. Und einem Menschen, der sich -- -- -- nun, der sich von seinem Leben Rechenschaft gibt, dem mu dieses im Keim tdliche, gewaltsame Ende jede Lebenslust ertten. Was htte das fr einen Sinn? ... Auch das haben wir schon gehrt, unterbrach ihn spttisch Iwanow, der pltzlich ebenfalls erbittert wurde. Ihr meint alle, da nur ihr ... Welchen Sinn hat es? fragte nachdenklich Pjotr Iliitsch. Aber gar keinen, brllte Iwanow mit derselben unbegreiflichen Erbitterung. Nein, das ist unmglich, erwiderte Jurii. Alles um uns ist zu weise. Na, ich denke, es gibt nichts Gutes, meinte Ssanin. Und die Natur? Was? die Natur? Ssanin schwenkte mit einem schwachen Lcheln abwehrend mit der Hand. Es ist ja Brauch, zu sagen, da die Natur vollkommen ist ... In Wirklichkeit ist sie genau so schlimm, wie der Mensch. Jeder von uns wird sich ohne jede besondere Anstrengung der Phantasie eine Welt vorstellen knnen, die hundertmal besser wre, als die heutige. Warum sollte es nicht ewige Wrme und Licht und einen ununterbrochenen Garten geben, ewig grn und freudig. Und der Sinn? Einen Sinn gibt es natrlich. Der kann nicht fehlen. Einfach darum, das Ziel mu auerhalb unseres Lebens liegen, in den Grnden des Universums selbst. Das ist begreiflich. Wir sind nicht der Anfang, also knnen wir auch nicht das Ende sein. Uns ist nur ganz allein eine Aushilfsrolle bestimmt, eine passive Rolle. Durch die Tatsache, da wir leben, erfllen wir schon unseren Zweck. Unser Leben ist ntig und folglich ist auch der Tod ntig. Fr wen? ... Woher soll ich denn das wissen, lachte Ssanin. Und was geht es mich denn im Grunde an. Mein Leben, das sind meine Empfindungen; die angenehmen und unangenehmen. Und was hinter ihren Grenzen liegt, -- ich spucke drauf. Welche Hypothese wir auch hinstellen mgen; es bleibt immer nur Hypothese und auf dieser Grundlage sein Leben aufzubauen, das wre Dummheit. Wem es Bedrfnis ist, der mag sich dafr absorgen; ich aber will leben. So trinken wir aus diesem Anla aus, schlug Iwan vor. Und glauben Sie an Gott? fragte Pjotr Iliitsch, Ssanin seine trbgewordenen Augen zuwendend. Jetzt glaubt ja niemand mehr. Man glaubt nicht einmal, da man an Gott glauben darf. O, an Gott glaube ich schon, sagte Ssanin wieder lchelnd. Der Glaube an Gott steckt noch von der Kindheit her in mir und ich sehe keine Notwendigkeit, ihn zu bekmpfen oder auch ihn zu strken. So ist es am besten. Gibt es einen Gott, so werde ich wahrhaft aufrichtig an ihn glauben; gibt's keinen -- -- nun, um so besser fr mich. Aber auf der Grundlage des Glaubens oder Nichtglaubens baut sich ja das ganze Leben auf, bemerkte Jurii. Nein, Ssanin machte eine abwehrende Kopfbewegung und seine Zge legten sich in ein gleichgltig frhliches Lcheln. Ich brauche diese Grundlage des Lebens nicht. Welche haben Sie denn? fragte mde Jurii. -- -- -- Ah, ich darf nicht mehr trinken, dachte er traurig und strich mit seiner Hand ber die mit kaltem Schwei bedeckte Stirn. Vielleicht hatte Ssanin irgend etwas darauf geantwortet, vielleicht auch nicht. -- Jurii hrte nichts mehr, ihm schwindelte der Kopf und fr einen Augenblick wurde ihm bel. ... Ich glaube, da ein Gott existiert. Aber dieser Glaube ist in mir ganz abgesondert. Hat seine eigene Ecke, sprach Ssanin weiter. Doch ... mag er existieren oder nicht, ich kenne ihn nicht und wei nicht, was er von mir will. Woher sollte ich es auch wissen; selbst bei dem heiesten Glauben. Gott ist Gott und kein Mensch, -- -- -- mit keinem menschlichen Ma kann er gemessen werden. In seiner Schpfung, soweit wir es beobachten knnen, gibt es alles: Gut und Bse, Leben und Tod, Schnheit und Hlichkeit ... Alles. Und da jede Bestimmtheit oder Sinn in ihr verschwindet und sich ein Chaos offenbart, so ist sein Sinn folglich kein menschlicher, -- -- sein Gut und Bse ist kein menschliches Gut und Bse. Unsere Definition Gottes wird immer eine Gtzenanbeterei sein und wir werden unseren Fetisch stets mit dem Gesicht und den Kleidern ausstatten, die den lokalen klimatischen Verhltnissen entsprechen. Unsinn. So, Iwanow rusperte sich stark, richtig, sehr richtig! Wofr denn aber eigentlich leben? fragte Jurii und stie sein Weinglas mit Widerwillen von sich. Und wozu sollte man sterben? ... Ich wei nur eines, antwortete Ssanin. Ich lebe und will, da das Leben fr mich ohne Unannehmlichkeiten sei. Deshalb mu man zunchst die natrlichen Begierden befriedigen knnen. Sie sind alles. Sterben im Menschen die Wnsche, so stirbt auch sein Leben, und wenn er in sich die Wnsche erttet, so ttet er sich selbst. Aber die Wnsche knnten doch schlecht sein ... Das ist schon mglich. Und was denn? Dasselbe! antwortete Ssanin mit seiner zrtlichen Stimme, und schaute Jurii mit hellen Augen, ohne zu blinzeln, ins Gesicht. Iwanow zog die Augenbrauen an, sah mitrauisch auf Ssanin und schwieg. Auch Jurii sprach nicht mehr; aus irgend einem Grunde wurde es ihm bnglich in diese hellen, klaren Augen zu sehen, und doch bemhte er sich wieder, seinen Blick nicht zu senken. Einige Minuten war es still; man hrte deutlich, wie sich ein Nachtfalter, einsam und verzweifelt, an der Fensterscheibe zerschlug. Pjotr Iliitsch schttelte traurig den Kopf, whrend er sein betrunkenes Gesicht auf eine Zeitung gesenkt hielt. Ssanin lchelte immer noch. Dieses bestndige Lcheln reizte Jurii und zog ihn gleichzeitig an. -- -- -- Wie hell seine Augen sind, dachte er unbewut. Ssanin stand pltzlich auf, ffnete das Fenster und lie den Falter heraus. Wie ein groer weicher Flgelschlag rauschte eine Welle reiner khler Luft durch die Stube. Ja, sagte Iwanow auf seine eigenen Gedanken eingehend, es gibt verschiedene Leute. Also darum, Rest weg. Nein, Jurii schttelte den Kopf, ich trinke nicht mehr. Warum? Ich trinke berhaupt wenig. Vom Wodka und von der Hitze hatte Jurii bereits Kopfschmerzen und wnschte an die frische Luft zu kommen. Nun, ich gehe, sagte er sich erhebend. Wohin? Trinken wir doch noch aus! Nein! Ich mu wirklich fort, er suchte zerstreut nach seiner Mtze. Na, auf Wiedersehen! Als Jurii die Tr schlo, hrte er, wie Ssanin Pjotr Iliitsch die Antwort gab: Ja, wenn ihr nicht wie Kinder sein werdet! Kinder unterscheiden doch nicht Gut und Bse, sie sind nichts als aufrichtig. Und darin lgt ihr ... Jurii drckte die Tr ins Schlo und ganz pltzlich wurde es still um ihn. Der Mond stand hoch, und strahlte in leichter Helligkeit hernieder. Die Luft wehte auf ihn, vom Tau durchfeuchtet, frisch ein. Alles war wie aus Mondenschein gewebt, war schn und nachdenklich. Als Jurii allein durch die Straen schritt, die von dem gelben Licht geglttet waren, berhrte ihn die Erinnerung eigentmlich, da es irgendwo ein schweigsames, schwarzes Zimmer gibt, wo auf einem kahlen Tische gelb und unbeweglich der tote Semionow liegt. Doch es war ihm nicht mglich, jene furchtbaren und schweren Gedanken wieder in sich hervorzurufen, die seine Seele noch vor kurzem niederdrckten, und die ganze Welt in einen schwarzen Nebel hllten. Ihm war nur still und traurig zumute und er wnschte mit seinen Blicken unverwandt den fernen Mond festhalten zu knnen. Als Jurii einen leeren Platz, der im Mondenlicht besonders weit und eben erschien, berschritt, kam ihm wieder Ssanin in den Kopf. -- -- -- Was ist das fr Einer, fragte er sich und konnte lange nicht ins Reine kommen. Ihm war es unangenehm, da da mit einem Mal ein Mensch aufgetaucht war, der sich von ihm nicht in eine Formel fassen lie; deshalb wnschte er unbedingt, ber ihn aburteilen zu knnen. Ein Phraseur, dachte er mit hlicher Freude. Einst posierte man mit Lebensverachtung, mit hheren, unverstandenen Aphorismen und jetzt erlangt die Pose der Bestialitt ihre Geltung. Jurii lenkte seine Gedanken von Ssanin ab und begann sich mit sich selbst zu beschftigen. Er berlegte, da er sich niemals in Pose stelle, sondern da sein Leiden, wie jeder seiner Gedanken ganz originell und keinem hnlich sei. Das war angenehm, aber es fehlte ihm noch etwas und so begann er sich wieder des verstorbenen Semionow zu erinnern. Es machte ihn traurig, da er den kranken Studenten niemals wiedersehen wrde; dieser Semionow, der ihm garnicht besonders gefallen hatte, stand ihm mit einem Male nahe und wurde ihm teuer. Es rhrte ihn zu Trnen. Jurii stellte sich den Studenten vor, wie er im Grabe liegt, mit verfaultem Gesicht, mit einem Krper voller Wrmer, die langsam und ekelhaft in dem zerfallenden Brei, der von einer grnen und feuchten Studentenuniform eingeschlossen wird, herumwimmeln. Und vom Ekel durchrttelt, erinnerte er sich der Worte des Toten. -- -- -- Ich werde liegen und Sie werden hier vorbeigehen und an meinem Grabe irgend eines Bedrfnisses wegen stehen bleiben ... Auch das waren doch alles Menschen, dachte Jurii mit Entsetzen und starrte auf den fetten Straenstaub herunter. Ich gehe und trete auf Gehirne, Herzen und Augen. Eh! -- -- -- er fhlte mit einem Mal eine widrige Schwche in den Knieen. Ich werde auch sterben, werde es auch, -- und ber mir wird man ebenso hinweg schreiten und sich dieselben Gedanken machen, wie ich jetzt. Ja, man mu leben, solange es noch nicht zu spt ist. Es ist schn zu leben, aber nur so, da kein Augenblick ungentzt vorbergeht. Doch wie soll man das tun? -- -- Auf dem Platz war es leer und licht und ber der ganzen Stadt schwebte eine leuchtende, rtselhafte Mondenhelle. -- -- -- Und Bajans helle Saiten tnten, Kein Lied, das uns von ihm erzhlt. sang leise Jurii. Langweilig, traurig, furchtbar, rief er laut, als wollte er gegen irgend etwas seine Anklage richten. Doch er erschrak selbst ber seine Stimme und wendete sich um, ob ihn auch niemand gehrt hatte. -- -- -- Ich bin betrunken, dachte er. Die Nacht war hell und schweigsam. XII Karssawina und Dubowa waren irgendwohin auf Besuch gereist, und seitdem verlief das Leben Jurii Swaroschitschs einfrmig und ohne Interesse. Sein Vater, Nikolai Jegorowitsch, war von huslichen Angelegenheiten und dem Klub so in Anspruch genommen, und Ljalja und Rjsanzew wurden in so offensichtlicher Weise von jeder Anwesenheit eines Dritten gestrt, da sich Jurii in ihrer Gegenwart vollstndig berflssig fhlte. Schlielich kam es dahin, da er sehr spt schlafen ging, aber auch erst gegen Mittag aufstand. Und die ganzen Tage lang, whrend er bald im Garten, bald in seinem Zimmer sa, schwirrten ihm ununterbrochen Gedanken durch den Kopf; er erwartete eine mchtige Welle von Energie, durch die er etwas Ganzes in Angriff nehmen wrde. Dieses Ganze erhielt jeden Tag neue Gestalt. Einmal war es ein Bild, dann wieder eine Folge von Artikeln, die, ohne da es Jurii bewut wurde, der ganzen Welt beweisen muten, welchen groen Fehler die Sozialdemokratie beging, als sie Jurii Swaroschitsch nicht die fhrende Rolle in der Partei zuwies. Manchmal auch wollte er Anschlu an das Volk und eine rege, innige Ttigkeit in ihm finden -- immer aber war alles von Bedeutung und in jedem Zuge grandios. Doch die Tage gingen ebenso fort, wie sie kamen, und brachten nichts auer Langeweile mit sich. Einige Mal besuchten ihn Nowikow und Schawrow; auch Jurii selbst ging auf Vortrge und machte Besuche. Doch alles blieb ihm innerlich fremd, zerstreute ihn nicht; es hatte keinen Zusammenhang mit dem, was tief in ihm trauerte. Eines Tages ging Jurii im Vorbeigehen zu Rjsanzew mit hinein. Der Arzt bewohnte eine groe und saubere Wohnung; in den Zimmern gab es eine Menge Gegenstnde, die zur Zerstreuung eines gesunden und intelligenten Menschen dienen. Turnapparate, Hanteln, Schlger, Angelgertschaften, Netze fr Wachteln, Pfeifen und Zigarrenspitzen. Ueber allem lag die Ausdnstung eines krftigen, mnnlichen Krpers ausgebreitet. Rjsanzew trat ihm liebenswrdig und zutraulich entgegen, zeigte ihm alle seine Schtze, lachte, erzhlte eine Anekdote, bot zu rauchen und zu trinken an, und forderte ihn schlielich auf, mit ihm auf die Jagd zu gehen. Aber ich habe ja keine Bchse, sagte Jurii. So nehmen Sie eine von mir. Ich habe acht Stck. Rjsanzew sah in Jurii den Bruder Ljaljas; er wnschte mit ihm befreundet zu werden und ihm zu gefallen. So brachte er selbst bereitwillig seine Gewehre herbei, bat Jurii, sich eins auszuwhlen, nahm sie auseinander, erklrte ihren Mechanismus und scho dann im Hof nach der Scheibe, so da schlielich auch in Jurii der Wunsch rege wurde, ebenso freudig zu lachen und zu schieen wie er. Jetzt machte es ihm sogar Vergngen, Gewehr und Patronen gleich an sich nehmen zu knnen. Also vorzglich, Rjsanzew war aufrichtig erfreut. Grade morgen wollte ich auf den Entenstrich. Fahren wir zusammen, was? Erfreut willigte Jurii ein. Nachdem er nach Hause gekommen war, bastelte er zwei Stunden lang am Gewehr herum, beschaute es gut, pate sich den Riemen ber den Schultern zurecht, legte den Kolben an und zielte gegen die Lampe; mit aller Sorgfalt schmierte er sich selbst die alten Jagdstiefel. Am andern Tag kam Rjsanzew gegen Abend zu ihm, um ihn auf einem Begunki -- einem leichten Wagen, zwischen dessen vier Rdern ein gepolstertes Brett liegt, auf dem man rittlings sitzt -- abzuholen. Sind Sie fertig? rief er heiter zu Jurii ins Fenster hinein. Jurii, der sich schon Gewehr, Jagdtasche und Patronen aufgepackt hatte, trat verlegen lchelnd, aus dem Hause; er verwickelte sich fortgesetzt in den Jagdutensilien. Fertig, fertig! sagte er. Rjsanzew war leicht und bequem angezogen und schaute mit einer gewissen Verwunderung Juriis Ausrstung an. So wird es Ihnen unbequem werden. Nehmen Sie vorlufig lieber alles herunter. Wenn wir an Ort und Stelle sind, legen Sie es wieder an. Er half Jurii, die Ausrstung wieder abzulegen und sie im Holzkasten des Wagens unterzubringen. Dann fuhren sie im schnellen Trabe davon. Der Tag ging zu Ende, doch noch war es hei und staubig. Das Stuckern der Rder schnellte das Sitzbrett des Wagens auf und nieder; -- Jurii, der das Fahren in diesem kleinen Jagdwagen nicht gewohnt war, mute sich am Sitz anklammern. Rjsanzew lachte und sprach ohne Aufhren, und Jurii blickte mit vollem Vergngen auf seinen starken Rcken, der von einem unter den Achseln durchschwitzten Seidenrock dicht berspannt war; unwillkrlich machte er es ihm im Lachen und Scherzen nach. Als sie auf die Strae hinauskamen, und die drren Feldgrser leicht ihre Fe streiften, wurde es frischer und der Staub hielt sich am Boden. An einem unendlich ebenen, mit Wassermelonen bestandenen Gemsefeld hielt Rjsanzew das schweibedeckte Pferd an und rief in seinem vollen Bariton, indem er beide Hnde hohl um den Mund legte, anhaltend: Kusma! Kusma! Zwerghaft kleine Menschen, die am anderen Ende des Gemsefeldes kaum sichtbar auftauchten, starrten eine Zeitlang unbeweglich auf die Schreienden, bis sich schlielich einer von ihnen loslste und langsam zwischen den Furchen herberschritt. Endlich lie sich erkennen, da es ein groer Bauer war, mit langem Vollbart und mit herabhngenden knochigen Armen. Er kam auf sie zu und sagte mit breitem Lcheln: Guten Tag, Anatoli Pawlowitsch, du hast es aber raus, -- das Schreien. Guten Tag, Kusma, was machst du? Kann ich das Pferd bei dir einstellen? Kann bei mir stehen, sagte ruhig und freundlich der Bauer, das Pferd am Zgel greifend. Soll wohl auf die Jagd gehen, nicht? Und wer werden jener Herr sein? fragte er zutunlich auf Jurii blickend. Der Sohn von Nikolai Jegorowitsch, antwortete Rjsanzew heiter. So? ... Das merkt sich doch gleich, da der Herr unsrer Ludmilla Nikolajewna hnlich sind. Ja? Jurii berhrte es aus irgend einem Grunde angenehm, da dieser alte, freundliche Bauer seine Schwester kannte und sie so einfach und nett erwhnte. Nun, gehen wir also, sagte Rjsanzew, indem er unter dem Vordersitz Gewehr und Tasche hervorholte und sich umlegte. Weidmannsheil, rief ihnen Kusma nach und man hrte, wie er auf das Pferd einsprach, whrend er es zu seiner Htte fhrte. Bis zum Sumpf hatten sie noch gegen einen Werst zu laufen, und die Sonne war schon vllig im Untergehen, als der Boden saftiger und allmhlich von frischem Wiesengras, Rohr und niedrigem Weidengebsch bedeckt wurde. Wasser blinkte vor ihnen auf, es roch nach feuchter Luft. Die Dmmerung senkte sich, immer dunkler werdend, nieder. Rjsanzew hrte auf zu rauchen, und wurde pltzlich ganz ernst, als trete er an ein wichtiges und verantwortungsvolles Werk. Jurii ging von ihm nach rechts ab, und whlte sich hinter dem Rohr ein trockeneres und zum Stehen geeignetes Fleckchen. Grad vor ihm lag das Wasser, das in der hellen Abendrte rein und tief aussah; hinter ihm schimmerte das andere Ufer herber, doch vllig zu einem schmalen, schwarzen Streifen zusammengezogen. Fast im selben Augenblick tauchten Enten auf, und strichen zu zweien und dreien, schwer mit den Flgeln schlagend an ihnen vorber. Zuerst scho Rjsanzew und erfolgreich. Ein von ihm getroffener Enterich strzte, sich in der Luft berschlagend, nieder und prallte irgendwo abseits auf, wobei das Wasser hoch aufspritzte und die Rohrstengel mit Gerusch durchschlagen wurden. Weidmannsheil, schrie Rjsanzew und lachte laut auf. -- -- -- Im Grunde genommen ist er doch ein sehr guter Kerl, dachte Jurii pltzlich. Dann scho er und ebenfalls mit Glck; doch diese von ihm gettete Ente konnte er spter nicht auffinden, trotzdem er sich die Hnde an den Rohrstengeln zerschnitt und bis an die Knie ins Wasser geriet. Von jetzt ab schien ihm alles, was passierte, vergnglich zu sein. Das Pulver verbreitete in der durchsichtigen, khlen Luft ber dem See einen eigenartig reizvollen Geruch und bei jedem Schu leuchteten unter dem hellen Geknatter die Feuerfunken zwischen dem dunkelgewordenen Grn auf. Die getroffenen Enten berstrzten sich ebenfalls schn und zierlich am Hintergrund des hellroten Himmels, bis die Abendrte zerrann und die ersten funkelnden Sterne schwach hervortraten. Jurii empfand einen ungewhnlichen Zustrom von Kraft und Freude; er glaubte, noch niemals etwas so Interessantes und Lebensvolles mitgemacht zu haben. Doch schlielich flogen die Enten immer seltener auf und das Zielen wurde in der dichten Dmmerung immer schwieriger. Ehoi! rief Rjsanzew, Zeit nach Hause zu fahren. Jurii tat es leid, die Jagd abzubrechen, aber er schritt doch Rjsanzew entgegen, ohne die Wasserlachen zu seinen Fen zu vermeiden; er platschte durch die Pftzen und blieb im Rohrgestrpp hngen. Mit glhenden Augen und freien Atemzgen trafen sie zusammen. Nun, wie steht's? fragte Rjsanzew. Hatten Sie Glck? Und wie! Jurii zeigte auf seine gefllte Jagdtasche. Sie schieen ja besser als ich, rief Rjsanzew erfreut. Jurii war dieses Lob angenehm, trotzdem er bisher geglaubt hatte, da er auf physische Kraft und Gewandtheit keinen Wert zu legen brauche. I wo denn besser, sagte er selbstgefllig. Einfach Glck, das ist alles. Es war schon tiefdunkel, als sie die Htte Kusmas erreichten. Das Feld lag in tiefer Schwrze und nur die nchsten Beete kleiner Wassermelonen waren vom Feuer erhellt und warfen lange, flache Schatten. Neben der Htte schnaubte, nicht sichtbar, ein Pferd; ein kleines, aber grelles, gewandt aus drrem Steppengestrpp hergerichtetes Feuer brannte knallend; man hrte harte Bauernstimmen, Weiberlachen. Dazwischen mischte sich eine heitere gleichmige Stimme, die Jurii bekannt vorkam. Aber da sitzt doch Ssanin, meinte Rjsanzew verwundert. Wie ist der denn hierher gekommen? Sie traten an das Feuer. Der weibrtige Kusma, der inmitten des Lichtkreises sa, hob seinen Kopf und winkte ihnen freundlich zu. Glck gehabt? fragte er mit dumpfer Bastimme hinter seinem herunterhngenden Schnurrbart hervor. Ssanin, der auf einem groen Krbis hockte, hob ebenfalls den Kopf und lchelte ihnen zu. Was hat Sie denn hierher verschlagen? fragte Rjsanzew. Ich und Kusma Prochorowitsch sind alte Freunde, erklrte Ssanin, sein Lachen etwas verstrkend. Kusma zeigte vergngt die gelben Wurzeln seiner abgentzten Zhne und klopfte Ssanin frhlich mit harten unbiegsamen Fingern auf das Knie. So, so, sagte er, setze dich hierher, Anatoli Pawlowitsch. Und Sie auch Junker. Wie nennt man Sie denn? Jurii Nikolajewitsch, gab dieser mit fast zuvorkommendem Lcheln zur Antwort. Er fhlte sich etwas deplaziert, aber dieser alte Bauer, mit dem halb russischen, halb ukrainischen Dialekt, gefiel ihm ausnehmend gut. Jurii Nikolajewitsch, gut! So, nun sind wir also Bekannte. Setze dich, Jurii Nikolajewitsch. Jurii und Rjsanzew lieen sich am Feuer nieder, nachdem sie sich zwei schwere harte Krbisse herangewlzt hatten. Nun zeigt doch, was ihr geschossen habt, bat Kusma voll Interesse. Ein Haufen Enten fiel aus den Jagdtaschen und bedeckten den Boden mit Blut. Beim flackernden Feuerschein hatten sie ein sonderbares und unangenehmes Aussehen. Das Blut war wie schwarz und die zusammengekrampften Krallen schienen sich zu bewegen. Kusma befhlte einen Enterich unter den Flgeln. Fett ist er, sagte er billigend. Du solltest mir doch ein Prchen hier lassen, Anatoli Pawlowitsch. Wozu brauchst du so viele? Nehmen Sie die meinen alle, schlug Jurii lebhaft vor, errtete aber sofort ber seinen Eifer. Wozu denn alle? Sieh welch ein guter Kerl, lachte der Greis. Und ich mchte nur ein Prchen, damit jeder was hat. Auch die anderen Bauern und Weiber kamen herbei, um die Beute zu sehen. Aber als Jurii die Blicke vom Feuer weglenkte, konnte er nichts unterscheiden. In der Dunkelheit schien bald das eine, bald wieder ein anderes Gesicht, je nachdem es von dem Feuerschein getroffen wurde. Ssanin blickte stirnrunzelnd auf die getteten Vgel, rckte etwas beiseite und stand rasch auf. Es wurde ihm peinlich, auf die toten Tiere zu sehen, wie sie in Staub und Blut mit zerschmetterten Flgeln herumlagen. Jurii verfolgte mit Neugierde das Leben um sich her, bi gierig in die Schnitten der reinen saftigen Wassermelonen, die Kusma mit einem Taschenmesser mit gelbem Horngriff absbelte. I, Jurii Nikolajewitsch, die Wassermelone ist gut. Auch Ihre Schwester Ludmilla Nikolajewna und den Herrn Papa kenne ich. I und sei gesund. Jurii gefiel hier alles. Die Ausdnstungen der Bauern, die dem Geruch frischen Brotes gemischt mit dem von Schafpelzen hnlich sind, der kecke Glanz des Feuers und die runden Krbisse, auf denen er sa, und da man Kusmas Gesicht nur sah, wenn er nach unten blickte, whrend es bis auf die glnzenden Augen verschwand, sobald er den Kopf hoch richtete. Die Finsternis schien dicht ber den Kpfen zu hngen, so da sich eine heitere Freundlichkeit ber den beleuchteten Fleck ausbreitete; man mute sie erst allmhlich durchdringen, bis sich dann pltzlich ein hoher, majesttisch-ruhiger, dunkler Himmel auftat, an dem sich kleine Sterne zeigten. Doch hatte er whrend der ganzen Zeit, ohne da es ihn bedrckte, ein peinliches Gefhl; er wute nicht, worber er mit den Bauern sprechen sollte. Die Anderen aber, sowohl Kusma wie Ssanin und Rjsanzew, unterhielten sich, ohne erst ein besonderes Thema zu whlen, so einfach und frei ber alles, was ihnen in den Kopf kam, da Jurii erstaunte. Nun und wie geht es bei Ihnen mit dem Land? fragte er, als alle fr einen Augenblick schwiegen; dabei fhlte er selbst, da die Frage hergeholt und unangebracht erscheinen mute. Kusma sah ihn an und antwortete: Wir warten immer noch! Vielleicht kommt etwas heraus. Dann sprach er wieder ber den Gemsegarten, den Preis der Wassermelonen und seine persnlichen Verhltnisse. Man hrte Schritte. Ein kleines Hndchen mit aufgerolltem weichem Schwanz kam in den Lichtkreis, wedelte, beschnupperte Jurii und Rjsanzew und begann sich an Ssanins Knieen zu reiben, der ihm glttend ber das Fell strich. Hinter ihm tauchte ein kleiner Greis mit struppigem Barte und kleinen Aeuglein auf. In der Hand hielt er ein verrostetes einlufiges Gewehr. Unser Wchter, sagte Kusma. Der Greis lie sich auf dem Boden nieder, legte das Gewehr beiseite und schaute auf Jurii und Rjsanzew. Von der Jagd, so? brummelte er und zeigte sein hohles Zahnfleisch. Aeh Kusma, es wird Zeit die Kartoffeln zu kochen, h. Rjsanzew hob das Gewehr des Alten auf und zeigte es lachend Jurii. Es war eine schwere, rostbedeckte und mit Drahtfden umschnrte Pistonflinte. Das ist eine Muskete, lachte er. Wie kannst du dich nicht frchten, Grovterchen, daraus zu schieen? Jawohl, sieh mal, habe mich auch beinahe totgeschossen. Stepan Schapka sagte mir, da man gar nicht Piston zum Schieen braucht, ehe -- ganz ohne 'n Piston. Er sagt, wo der Schwefel bleibt, da geht's auch ohne 'n Piston mit dem Schieen. Da leg ich sie mir nun so bers Knie, zieh den Hahn an, blo so mit dem Finger und knack, knallt es los. Hat mich beinah totgeschossen. Ehe, ehe, zieh den Hahn blo an und schie. Knack, knallte es, hat mich beinahe totgeschossen. Alle lachten und Jurii traten sogar Trnen in die Augen, so rhrte ihn der Greis mit dem struppigen grauen Brtchen und dem brummelnden Munde. Auch der Alte lachte und seine Aeuglein trieften. Mich beinahe totgeschossen, h. Im Dunkel hinter dem Feuerschein hrte man Lachen und Kreischen der Mdchen, die sich vor den fremden Mnnern schmten. Einige Schritte entfernt, gar nicht dort, wo es Jurii erwartete, knirschte Ssanin mit einem Streichholz, und als ein Flmmchen aufbrannte, sah Jurii seine ruhigen freundlichen Zge und das frische Gesicht eines Mdchens, das Ssanin bewundernd ansah. Rjsanzew blinzelte ebenfalls nach dieser Seite. Grovterchen, du solltest doch auf deine Enkelin aufpassen, nicht? Wozu denn aufpassen? Der alte Mann machte eine gutmtige Handbewegung. Das ist Sache der Jugend. Aeh, h, rief der Alte und holte aus dem Feuer mit bloer Hand eine Kohle heraus. Ssanin lachte lustig aus der Dunkelheit zu ihnen herber. Aber das Mdchen war wohl verlegen geworden, denn beide gingen pltzlich fort und ihre Stimmen waren kaum noch zu vernehmen. Nun, es wird Zeit, sagte Rjsanzew aufstehend. Sorgt euch nicht, rief freundlich Kusma, und streifte mit seinen Armen die schwarzen Kernchen der Wassermelonen ab, die an ihren Anzgen kleben geblieben waren. Er reichte Jurii und Rjsanzew herzlich die Hand. Jurii war es wieder peinlich und doch angenehm, seine harten und steifen Finger zu drcken. Als sie vom Feuer fortgingen, wurde es heller. Ueber ihnen glnzten die Sterne und alles schien in wunderbarer Schnheit und stiller Unendlichkeit dazuliegen. Schwarz hoben sich die Krper der am Feuer Sitzenden ab. Die Pferde, der Schatten eines Wagens, ein Haufen Wassermelonen. Jurii stolperte ber einen runden Krbis und wre beinahe gefallen. Vorsichtig! Na, auf Wiedersehen! hrte er Ssanin rufen. Auf Wiedersehen, sagte Jurii, sah sich noch einmal um und bemerkte, da sich an Ssanins dunkle Gestalt die schlanke Figur eines Mdchens schmiegte. Sein Herz zog sich zusammen; er empfand einen leisen tiefen Schmerz. Mit einem Mal kam ihm Karssawina in Erinnerung und augenblicklich wurde er auf Ssanin rgerlich. Wieder rollten die Rder des Wagens ber die Steppe. Das gut ausgeruhte Pferd schnaubte, das Feuer blieb hinter ihnen zurck, das Sprechen und Lachen brach ab. Jurii hob seine Blicke langsam zum Himmel und sah ein unendliches Meer von glitzernden Sternen. Sie schwiegen beide whrend der ganzen Fahrt. Erst als sich die Lichter und Zune der Stadt zeigten, sagte Rjsanzew: Ein Philosoph ist doch dieser Kusma nicht? Jurii blickte auf seinen dunklen Nacken und gab sich Mhe, trotz seiner nachdenklichen traurig-zrtlichen Stimmung, die ihn innerlich von der ganzen Umgebung abschlo, zu verstehen, was er meinte. Ach ja, antwortete er, doch erst nach einigem Besinnen. Ich wute aber gar nicht, da Ssanin ein so tchtiger Kerl ist, lachte Rjsanzew. Jurii kam endlich wieder zu sich und stellte sich Ssanin und jenes Mdchengesicht vor, welches ihm wunderbar schn und zrtlich erschienen war, als er es im Aufleuchten des Streichholzes pltzlich erblickte. Unbewut stieg aber gleichzeitig wieder Aerger in ihm auf und da fand er mit einem Male, da er Ssanins Verhalten zu diesem Bauernmdchen verurteilen msse. So? -- -- und ich bemerkte das noch nicht! erklrte er mit harter Stimme. Rjsanzew verstand seinen Ton gar nicht; er schnalzte mit der Zunge, um das Pferd anzutreiben, schwieg dann eine Weile und sagte schlielich mit Nachdruck: Ein hbsches Mdel, wie. Ich kenne sie, das ist die Enkelin des Alten! Jurii erwiderte nichts. Der gutmtige heiter nachdenkliche Eindruck des heutigen Abends glitt rasch von ihm ab, der frhere Jurii schob sich wieder vor und sah bereits klar und bestimmt, da Ssanin ein schlechter und banaler Mensch sei. Rjsanzew zuckte endlich komisch mit Kopf und Schultern und rusperte sich entschlossen. Wei der Teufel, diese Nacht, die ist selbst mir in die Glieder gefahren. Was meinen Sie, wollen wir nicht mal rber fahren? Jurii verstand ihn nicht gleich. Da gibt es ein paar hbsche Mdel. Fahren wir hin, was? ... fuhr Rjsanzew mit kichernder Stimme fort. Dichte Rte stieg Jurii ins Gesicht. Der lang unterdrckte Instinkt regte sich in ihm mit tierischer Gier; bange neugierige Phantasien durchzogen sein entflammtes Hirn. Doch sofort gelang es ihm sich zu bezwingen und er erwiderte trocken: Nein, es ist Zeit nach Hause zu fahren; und dann fgte er, schon boshaft, hinzu: Ljalja erwartet uns. Rjsanzew schrumpfte mit einem Schlag zusammen, als wenn er im Augenblick kleiner geworden wre. Na ja, -- -- brigens scheint es in der Tat an der Zeit ... murmelte er eilig. Jurii prete vor Grimm und Ekel die Zhne zusammen und starrte haerfllt auf den Rcken mit dem festgespannten Rock. Erst nach einer Weile sagte er: Ich bin berhaupt kein Freund derartiger Abenteuer. Nun ja, lachte Rjsanzew feige und feindlich. Dann blieb er still. -- -- -- Teufel, dachte er fr sich, das habe ich recht ungeschickt herausgebracht. Sie fuhren im Schweigen nach Hause, der Weg kam beiden unendlich lang vor. Treten Sie ein? Jurii blickte whrend der Frage glatt an Rjsanzew vorbei. Nein, wissen Sie, ich habe einen Kranken ... es ist auch spt, erwiderte dieser unentschlossen. Jurii stieg vom Wagen; es war ihm unangenehm, die Flinte und das Wild mitzunehmen. Alles was Rjsanzew gehrte, erschien ihm jetzt widerwrtig. Doch dieser fragte aufmerksam: Und die Flinte? Gegen seinen Willen kehrte Jurii wieder um, griff mit Abscheu zu der Flinte und den Enten, reichte Rjsanzew ungeschickt die Hand und ging ins Haus. Rjsanzew fuhr die erste Minute ganz ruhig weiter. Mit einem Mal polterten aber die Rder rasch in eine Nebengasse nach der entgegengesetzten Seite hin. Jurii lauschte mit Ha, in dem unbewuter Neid und geheime Wnsche steckten, bis das letzte Gerusch verhallt war. Dieser Plattkopf, murmelte er; -- es tat ihm um Ljalja leid. XIII Nachdem Jurii die Sachen ins Haus gebracht hatte, ging er wieder, ohne zu wissen, was er mit sich anfangen sollte, in den Garten hinaus. Dort war es dunkel wie in einem Abgrund. Es berhrte ihn eigentmlich, darber den mit Sternen besten Himmel glnzen zu sehen. Auf den Stufen sa Ljalja; ihre kleine graue Gestalt schimmerte undeutlich durch die Finsternis. Bist du es, Jura? fragte sie. Ich, antwortete Jurii, stieg behutsam hinab und setzte sich an ihre Seite. Vertrumt neigte Ljalja ihr Kpfchen an seine Schulter. Aus ihrem unbedeckten Haare stieg ein frischer und reiner Hauch in Juriis Gesicht. Es war der weiche Duft eines jungen Weibes und Jurii zog ihn mit Genu in sich ein. Habt ihr Glck gehabt? fragte ihn Ljalja freundlich, und nach kurzem Schweigen fgte sie leise und zrtlich hinzu: Und wo ist Anatoli Pawlowitsch geblieben? Ich hrte, wie ihr heranfuhrt ... Dein Anatoli Pawlowitsch ist ein schmutziges Vieh, wollte Jurii in pltzlicher Wutaufwallung herausschreien. Doch statt dessen antwortete er zgernd: Wahrscheinlich ist er zu einem Kranken gefahren. Zu einem Kranken, wiederholte Ljalja mechanisch. Sie verstummte aber gleich wieder und blickte auf die Sterne. Sie war nicht betrbt darber, da Rjsanzew nicht mit hereingekommen war. Sie wnschte selbst eine Weile allein zu bleiben, damit sie sich, ganz ungestrt von seiner Anwesenheit, das Verlangen, das ihr den ganzen Krper und ihre junge Seele durchwhlte, vergegenwrtigen konnte. Es war der brennende Wunsch, jenen unvermeidlichen und doch bengstigenden Bruch herbeizufhren, nach dem ihr ganzes frheres Leben abfallen und ein neues beginnen mchte. Ein neues Dasein, das sie zu einem anderen Menschen machen mute. Jurii berhrte es sonderbar, wie diese immer lustige, lachende Ljalja, mit einem Male still und nachdenklich geworden, neben ihm sa. Und weil er selbst ganz voller trauriger aufregender Stimmungen war, so kam ihm alles um Ljalja, wie auch der ferne Sternenhimmel und der dunkle Garten, traurig und kalt vor. Er begriff nicht, da hinter dieser lautlosen und unbeweglichen Nachdenklichkeit nicht Trauer, sondern rauschendes Leben gelegen haben sollte. In den weiten Wolken brauste eine berschumend machtvolle, unverkennbare Kraft, der dunkle Garten zog in jeder Bewegung aus der Finsternis lebensprhende Regungen ein und in der Brust der stillen Ljalja verbarg sich soviel Glck, da sie jeden Eindruck frchtet, der diesen Zauber verletzen konnte. Nur lauschen wollte sie ihrer Harmonie von Liebe und Sehnsucht, die ebenso glnzte wie der Sternenhimmel, ebenso lockte wie der geheimnisvolle Garten und unbeengt in ihrer Seele wiederklang. Ljalja, liebst du Anatoli Pawlowitsch sehr? fragte Jurii leise und behutsam, als mte er frchten, sie mit jedem Laut aufzuschrecken. ... Kann man danach noch fragen ..., dachte verloren Ljalja, sie kam aber gleich zu sich und schmiegte sich an den Bruder, dankbar dafr, da er jetzt nicht ber etwas Gleichgltiges, sondern gerade von ihrer Liebe zu sprechen begann. Sehr, antwortete sie so innig, da Jurii ihre Antwort eher erriet als hrte. Ljalja mute sich energisch zwingen, die glcklichen Trnen zurckzuhalten, die ihr in die Augen stiegen. Jurii bemerkte es nicht. Ihm schien eine traurige Note aus der Stimme herauszuklingen, und so regte sich von neuem in ihm der Ha auf Rjsanzew und ein strkeres Bedauern fr Ljalja. Aber wofr nur, fragte er unwillkrlich, gleichzeitig vor der eigenen Frage erschreckend. Ljalja blickte verwundert zu ihm auf, konnte jedoch sein Gesicht nicht erkennen. Ganz leise lachte sie auf. Dummer, wofr? ... Fr alles! ... Warst du niemals selbst verliebt? Er ist doch so gut, so nobel -- -- -- Schn, krftig, wollte Ljalja hinzufgen, aber sie errtete tief in der Dunkelheit und brach kurz ab. ... Kennst du ihn denn auch jetzt? fragte Jurii. Ach, man sollte doch nicht davon reden, dachte er mit Trauer und Erregung, -- wozu? Natrlich ist er fr sie der Allerbeste in der Welt. Anatoli hat kein Geheimnis vor mir, gab Ljalja mit unterdrcktem Triumph zur Antwort. Bist du dessen sicher? lchelte Jurii verzerrt in dem Gefhl, da es nun keinen Halt mehr gab. In der Stimme Ljaljas klang eine unruhige Schwche, als sie erwiderte: Natrlich, was denn sonst? Nichts, -- ich meinte nur so, sagte Jurii erschrocken. Ljalja schwieg. Man konnte nicht verstehen, was in ihr vorging. Vielleicht weit du irgend etwas darber, fragte sie pltzlich und ihr sonderbar krankhafter Ton berraschte und ngstigte Jurii. Ach nichts, was sollte ich wissen und besonders ber Anatoli Pawlowitsch. Ich meinte nur so. Nein, nein, du wrdest so nicht geredet haben, sagte Ljalja beharrlich mit einem Klingen in der Stimme. Ich wollte ganz einfach sagen, da berhaupt ... Jurii wurde verwirrt und erstarb fast vor Scham. Dann fuhr er gewaltsam fort: Wir Mnner sind doch nach allen Regeln verdorben. Alle ... Ljalja schwieg und mit einem Male lachte sie erleichtert auf: Nun, das wei ich schon. Dieses Lachen erschien Jurii ganz unangebracht. So einfach ist die Geschichte doch nicht, wie es dir vorkommt. Die Aufregung hetzte Jurii in eine boshafte Ironie hinein. Alles kannst du sowieso nicht wissen. Du kannst dir gar nicht alles Gemeine im Leben vorstellen. Du bist viel zu rein dazu. Nun, nun, lchelte Ljalja geschmeichelt, fuhr aber gleich sehr ernst fort, whrend sie die Hand auf die Knie ihres Bruders sttzte: Du meinst wohl, ich habe ber alles das noch nicht nachgedacht. O, ich habe viel nachgedacht. Es war mir immer schmerzlich und beleidigend, weit du. Warum halten wir unsere Reinheit und unseren Ruf so hoch -- wir frchten jeden Schritt, frchten zu fallen -- oder so was -- aber die Mnner, die denken fast, es ist eine Heldentat, eine Frau zu verfhren. Das ist doch furchtbar ungerecht, nicht wahr? Ja, sagte Jurii bitter und suchte einen Genu darin, seine eigenen Erinnerungen zu geieln, doch gleichzeitig davon berzeugt, da er, Jurii, etwas ganz anderes wre als alle anderen. Das ist eine der grten Ungerechtigkeiten in der Welt. Frage nur den ersten Besten von uns. Wird er eine ... Er wollte >Straendirne< sagen, aber er stockte und fuhr statt dessen fort: eine Kokotte heiraten? Jeder wird dir >Nein< antworten. Und warum ist denn eigentlich ein Mann besser als die Kokotte. Jene verkauft sich wenigstens fr Geld, fr ihr tgliches Brot; der Mann treibt sich einfach in -- in Ausschweifungen herum und immer auf die roheste und auf die perverseste Art und Weise. Ljalja schwieg. Eine unsichtbare Fledermaus schwirrte rasch und schchtern am Balkon vorbei, streifte mehrmals mit den schwingenden Flgeln die Wand und glitt dann wieder mit einem leichten Laut hinaus. Jurii lauschte auf die so geheimnisvolle Regung des nchtlichen Lebens, dann sprach er mit steigender Erregung, von seinen eigenen Worten fortgerissen: Und das Schlimmste ist dabei, da es nicht nur alle wissen und hinnehmen, als wenn es ganz selbstverstndlich wre; nein, sie spielen sogar die schwierigsten Tragikomdien; sie heiligen die Ehe -- lgen, wie man sagt -- vor Gott und den Menschen! Und immer geraten die reinsten, idealsten Mdchen -- das fgte er im Gedanken an Karssawina und mit einer leichten Eifersucht auf etwas Unbekanntes hinzu -- an die verdorbensten, schmutzigsten Mnner. Oft genug sind sie ja infiziert. Semionow, der Tote, sagte einmal: >Je reiner die Frau ist, um so schmutziger ist der Mann, der sie besitzt.< Und das stimmt! Es ist nicht mglich ... O gewiß«; ber Juriis Gesicht flog ein bitteres Lcheln. Davon wei ich nichts, sagte Ljalja nach einer schweren Weile, und in ihrer Stimme erzitterten Trnen. Wie? fragte Jurii zurck, da er nicht mehr hingehrt hatte. Ist denn Tolja wirklich so wie alle anderen? sagte Ljalja, indem sie zum ersten Male dem Bruder gegenber Rjsanzew mit dem Kosenamen nannte. Sie begann zu schluchzen. Nun gewi, er ist auch so einer. Jurii packte mit Schmerz und Grauen ihre beiden Hnde. Ljalja -- Ljalitschka -- was hast du denn? Ich wollte ja gar nicht -- mein Tubchen, hre auf -- weine doch nicht, stammelte er zusammenhanglos, ri ihre feuchten kleinen Fingerchen von ihrem Gesicht und kte sie. Nein, nun verstehe ich schon, es ist wahr, wiederholte Ljalja; sie erstickte fast unter dem Schluchzen. Obgleich sie ihm vorher sagte, da sie frher bereits ber all das nachgedacht htte, war dem in Wirklichkeit doch nicht so. Niemals hatte sie sich das intime Leben Rjsanzews vorzustellen versucht. Sie wute natrlich, da sie nicht die Erste war, die er liebte, und verstand, was das bedeutete. Aber dieses Bewutsein verdichtete sich niemals zu einem klaren Bilde und glitt an ihrer Seele nur leicht vorber. Sie fhlte, da sie sich beide liebten und das war ihr genug. Alles andere blieb dagegen unwichtig. Als ihr Bruder jetzt mit scharfer Betonung der Verurteilung und der Verachtung sprach, tat sich vor ihr ein Abgrund auf, aus dem unzerstrbar qualvolle Vorstellungen aufstiegen. Ihr Glck war darin fr immer versunken; es schien ihr undenkbar, Rjsanzew je wieder zu lieben. Jurii versuchte ihr, selbst fast weinend, gut zuzureden; er kte sie und fuhr streichelnd ber ihr Haar. Aber sie schluchzte ununterbrochen fort; -- zerbrochen und hoffnungslos. Ach, mein Gott, mein Gott, wiederholte sie immer wieder und zerflo wie ein Kind in Trnen. In der Dunkelheit kam sie Jurii so klein und so bemitleidenswert, ihre Trnen so hilflos vor, da er von unertrglichem Mitleid fortgerissen wurde. Bla und kopflos lief er ins Haus, stie schmerzhaft mit der Schlfe gegen die Tr und holte ihr ein Glas Wasser, das er sich zur Hlfte ber die Hnde go. Ljalitschka, hre doch auf! Wie darf man sich so -- --. Nun was ist denn mit dir. Vielleicht ist Anatoli Pawlowitsch gar nicht so ... besser als die anderen. Ljalja, stammelte der Bruder verzweifelt. Ljaljas Krper bebte unter dem Schluchzen und ihre Zhne schlugen gegen die Wand des Glases. Was ist denn hier los? fragte aufgeregt das Zimmermdchen, in die Tr strzend. Gndiges Frulein, was ist denn mit Ihnen? Ljalja stand auf, sttzte sich auf das Gelnder und ging, ohne im Weinen nachzulassen, schwankend und schleppend auf ihr Zimmer. Liebes gndiges Frulein, was ist denn nur los? Soll ich vielleicht den gndigen Herrn holen? Jurii Nikolajewitsch! Sagen Sie doch ... Aus seinem Zimmer kam mit festen, abgemessenen Schritten Nikolai Jegorowitsch und blieb in der Tr stehen; er starrte verwundert auf die weinende Ljalja. Was gibt's hier? fragte er. Aber nichts, -- ganz unwichtige Geschichten, antwortete gezwungen lchelnd Jurii. Wir sprachen ber Rjsanzew -- Kleinigkeiten. Nikolai Jegorowitsch blickte ihn sphend an; ihm schien pltzlich ein Gedanke zu kommen. Mit einem Mal drckte sich auf dem Gesicht des greisen Gentleman uerste Entrstung aus. Hol's der Teufel; er zuckte kurz mit den Achseln und machte linksum kehrt; abgerissen schritt er hinaus. Jurii errtete, wollte eine Grobheit nachrufen; aber es wurde ihm beschmend und bange zumute. Mit dem Gefhl aufgestachelten Ingrimms gegen den Vater und kopflosen Mitleids zu Ljalja, mit der schmerzlichen Verachtung gegen sich, trat er leise auf die Treppe, stieg die Stufen hinunter und ging in den Garten. Ein kleiner Frosch winselte heftig und zuckte unter seinem Fu, aufplatzend wie eine zerdrckte Eichel. Jurii glitt aus, fuhr zusammen, sthnte und sprang mit einem Satze zur Seite. Eine Zeitlang rieb er mechanisch den Fu am feuchten Gras, in seinen Rcken grub sich ein nervses Gefhl von Ekel und Klte. Er wurde immer migestimmter; am Fue haftete unverndert die widerwrtige Empfindung des weichen Krpers; er wand sich schmerzhaft unter ihr. Er war mit Abscheu vor allem geladen. Tastend suchte er in der Dunkelheit eine Bank und lie sich schwerfllig auf ihr nieder. Dann starrte er mit gespanntem trockenem Blick in den Garten hinein, sah aber nur einige verschwommene Nebelfetzen. Durch seinen Kopf krochen trbe plumpe Gedanken. Er blickte auf den Flecken, wo irgendwo im dunklen Grase das von ihm zerdrckte Frschlein lag und wahrscheinlich bereits unter grlichen Qualen verendet war. Dort nahm jetzt eine ganz Welt voll eigenartigen, selbstndigen Lebens ihr Ende und doch war der Abschlu, der tatschlich unsagbar martervoll sein mute, allen verborgen geblieben. Pltzlich zog dieselbe Gedankenkette eine neue, ganz fremde Vorstellung heran, von der er sich nicht mehr losreien konnte. Alles das, was sein Leben bis in die feinsten Fden durchsetzte, die gewaltigen Krfte, die in Liebe und Ha zum Ausbruch kamen, die unbekannten Triebe, durch die er eines von sich stie und anderes wieder gegen seinen Willen ergreifen mute, das Gute und das Bse, fr das er kmpfte und litt, seine ganze Persnlichkeit -- alles war im Grunde nichts mehr als eine dnne Nebelwolke, die sich schemenhaft um ihn ausstreckte. Fr die Welt in ihrem unermelichen Ganzen existierten seine schmerzlichsten und seine innigsten Erlebnisse ebensowenig, wie hier die Qualen des kleinen Tieres, von denen auer ihm niemand etwas wute. In dem Glauben, da seine Leiden, seine Vernunft, sein Gut und Bse noch fr andere Menschen von groer Bedeutung seien, flocht er absichtlich und offenbar ohne Sinn ein kompliziertes Netzwerk zwischen sich und der Welt. Aber der einzige Augenblick des Todes reit jh die blinkenden Maschen in ihrer Mitte durch und wirft die Reste hinter sich zurck, ohne da er auch nur einen einzigen Blick ber sie werfen liee. Ihm kam wieder Semionow in Erinnerung und seine Gleichgltigkeit gegen die erhabenen Ziele und Ideen, die ihn, Jurii, und Millionen andere so tief bewegten. Pltzlich wurde ihm wieder der scharfe Gegensatz bewut zwischen der naiven unversteckten Freude am Leben in der Mondnacht, als sie im Boote nach dem Kloster zurckkehrten, und jenem dumpfen, gehssigen Gesprch am Abend zuvor. Wieder fiel ihm ein, wie scharf dieser Kontrast hervorgetreten war und wie unangenehm er davon berhrt wurde. Als sie damals durch die Nacht fuhren, war es ihm unbegreiflich gewesen, da dieser Semionow so nichtigen Sachen wie dem Rudern oder schnen Mdchenkrpern irgend eine Bedeutung beimessen konnte, nachdem er am Abend zuvor die hchsten Ideale bewut von sich gestoen hatte. Jetzt aber verstand Jurii leicht, da es gar nicht anders sein konnte: jene Kleinigkeiten entrollten das Leben, -- das echte Leben voll ergreifender Ereignisse und verlockender Gensse, whrend die groen Ideen nichts waren als leere Zusammenhnge von Worten und Gedanken, die auf das unergrndliche Geheimnis des Lebens und des Todes ohne Einflu blieben. Diese Schlufolgerung htte Jurii frher ganz fern gelegen und stieg jetzt so unerwartet aus dem Nachsinnen ber Gut und Bse hervor, da er selber in Verlegenheit geriet. Eine hemmungslose Leere erffnete sich vor ihm, doch gleichzeitig durchleuchtete ein scharfes Gefhl von Klarheit und Freiheit, hnlich dem, das den Schlafenden im Traum in die Lfte hebt und fliegen lt, wohin er will, fr einen Augenblick sein Gehirn. Jurii erschrak. Mit angespannter Anstrengung sammelte er all die auseinanderfallenden, gewohnheitsmigen Ueberzeugungen und Begriffe und sofort verschwand wieder die berkhne und bengstigende Empfindung. Es wurde dunkel und verworren um ihn. In dieser Minute wre Jurii geneigt gewesen, einzugestehen, da der Sinn eines echten lebendigen Lebens in der Ausbung seiner Freiheit liege, da es natrlich und folgerichtig sei, seinen Genssen zu leben. Selbst Rjsanzew schien von dieser einheitlichen Erkenntnis eines primitiveren Standpunktes aus klarer und logischer, als Jurii selbst, schon allein dadurch, da er mglichst vielen Geschlechtsgenssen als den tiefgehendsten Lebensuerungen nachstrebte. Aber nach einer solchen Ueberlegung mte man auch zugeben, da die Begriffe des Lasters und der Reinheit nichts als drre Bltter sind, die frischer, keimender Graswuchs bedeckt, und da selbst schamhafte keusche Mdchen wie Ljalja und Karssawina das Recht haben, sich frei in den Strudel sinnlicher Gensse zu strzen. Jurii scheute sich, diesen Gedanken zu bejahen, er schien ihm gemein und schmutzig. Er empfand Entsetzen ber die Erregung, die sich seiner dabei bemchtigte, und suchte ihn durch altgewohnte, wuchtige Drohungen aus Kopf und Herz zu drngen. -- Ja gewi, dachte er, whrend er zum grundlosen, mit strahlendem Sternenstaub bedeckten Himmel aufblickte: Das Leben ist Empfindung, aber die Menschen sind keine unvernnftigen Tiere; sie mssen ihre Wnsche zum Guten lenken und sich nicht ihrer Gewalt unterwerfen. Und wie, wenn es einen Gott dort ber den Sternen gibt! erinnerte sich Jurii pltzlich und eine bange ehrfrchtige Stimmung drckte ihn zu Boden nieder. Er starrte auf den leuchtenden Stern im Schweif des groen Bren und unwillkrlich fiel ihm ein, da der Bauer Kusma vom Gemsegarten dieses majesttische Gestirn Karren genannt hatte. Diese Erinnerung kam ihm, ebenfalls unwillkrlich, unpassend und fast wie verletzend vor. Er blickte wieder in den Garten, der ihm, im Gegensatz zum Sternenhimmel, ganz schwarz erschien, und begann wieder zu grbeln. -- Beraubt man die Welt der weiblichen Reinheit, welche den ersten jungen Blten, die noch ganz schchtern aber schon prchtig und rhrend hervorgucken, so hnlich ist, was wird dann noch Heiliges im Menschen bleiben? Tausende von Mdchen, prchtig und rhrend wie Frhlingsblumen, tauchten vor ihm im Sonnenschein, im Frhlingsgras, unter blhenden Bumen auf. Zarte Brste, runde Schultern, biegsame Arme, schlanke Hften huschten, sich schamhaft und geheimnisvoll biegend, an seinen Augen vorbei und ein heier Schwindel verwirrte in wollstigem Entzcken seinen Kopf. Jurii fuhr sich langsam mit der Hand ber die Stirn und kam sofort wieder zu sich. Meine Nerven sind ganz kaput ... Ich mu mich in die Klappe legen. Unbefriedigt, verstimmt, immer noch durch die blitzartig erschienenen wollstigen Phantasien erregt, ging er mit gegenstandsloser Wut, durch die alle Bewegungen heftige Formen annahmen, ins Haus. Als er schon im Bette lag und sich vergebens zu schlafen bemhte, erinnerte er sich Rjsanzews und Ljaljas. Warum ist es einem eigentlich emprend, da Rjsanzew Ljalja nicht als erste und Einzige liebt? Seine Gedanken wollten darauf keine Antwort geben, aber vor ihm stieg das Bild Sina Karssawinas auf. Von stiller Zrtlichkeit umflossen, liebkoste es sein Gehirn unsagbar wohltuend. So sehr er sich auch Mhe gab, die traditionelle Empfindung zu unterdrcken, wurde es ihm doch klar, warum er selbst danach verlangte, da sie rein und unberhrt sei. Aber ich liebe sie ja! kam es Jurii zum ersten Mal ins Bewutsein, und diese leise Regung verdrngte alle anderen. Dieser einfache, klare Gedanke trieb Trnen der Rhrung in seine Augen ... Doch im nchsten Augenblick fragte sich Jurii schon mit bitterm Hohn: Aber mit welchem Recht liebte ich dann andere Frauen vor ihr. Allerdings wute ich noch nichts von ihrer Existenz, aber ebensowenig wute Rjsanzew etwas von Ljalja. Und seinerzeit glaubten wir beide, da diejenige Frau, die wir im Moment zu besitzen wnschten, grade die Echte wre, die, welche zu uns am besten pate. Wir hatten uns geirrt, das sahen wir spter ein, als wir stets wieder Andere liebten; aber vielleicht irren wir uns dann auch dieses Mal. Folglich heit es: Entweder ewige Keuschheit zu bewahren, oder sich und auch der Frau natrlich volle Freiheit zu gewhren, um sich dem Genu der Liebe und Leidenschaft voll und ganz hinzugeben. Aber was rede ich mir nur ein, zum Teufel, fiel sich Jurii pltzlich selbst in seine Ueberlegungen: Rjsanzew, ... ja es ist auch nicht schlimm, da er berhaupt geliebt hat, sondern nur, da er jetzt ruhig fortfhrt, mit verschiedenen Frauen zu verkehren; das aber tue ich nicht ... Dieser Gedanke versetzte Jurii in einen Taumel von Stolz ber seine Reinheit; aber nur fr einen Augenblick. Schon in der folgenden Minute erinnerte er sich wieder der gierigen Empfindung, die sich seiner bei der Vorstellung tausender, sonnenberstrmter nackter Mdchen bemchtigt hatte. Ratlos hielt er ein, vllig ohnmchtig, sich selbst zu beherrschen und das Chaos von Gedanken und Empfindungen zu meistern. Er merkte, da es ihm unbequem wrde, auf der rechten Seite zu liegen. Mit einer ungeschickten Bewegung warf er sich herum. -- -- -- Im Grunde genommen, dachte er, wren doch smtliche Frauen, die ich kennen gelernt hatte, nicht imstande, mich fr das ganze Leben zu befriedigen. -- -- -- Nun gut, so ist eben alles, was ich echte Liebe nannte, unerreichbar und dafr zu schwrmen ist einfach dumm. Das Liegen auf der linken Seite wurde ihm bald ebenso unbequem. Wieder warf er den verschwitzten, klebrigen Krper, in das zusammengepappte, brennende Laken verwickelt, herum. Es war drckend hei und unbequem. Der Kopf begann ihm zu schmerzen. -- -- -- Die Keuschheit mag ein Ideal sein, aber die Menschheit wrde zugrunde gehen, wenn man es verwirklichen wollte ... Und darum ist es ein Unsinn. -- -- -- Jurii seufzte verzweifelt. -- -- -- Ja dann, dann ist das ganze Leben ein Unsinn, schrie Jurii fast brllend heraus und prete vor Grimm so fest die Zhne aufeinander, da vor seinen Augen goldene Kreise aufschwirrten. Und bis tief in das Morgengrauen hinein wlzte er in schwerer, unbequemer Lage, die Seele voll dumpfer Verzweiflung, mchtigen Steinblcken gleich, harte und widerstndige Gedanken in seinem Kopfe. Endlich, um sich von ihnen zu befreien, begann er sich einzureden, da er selbst ein schlechter, wollstiger und egoistischer Mensch sei und sein ganzes Zweifeln nichts als unterdrckte Lste wre. Das jedoch legte auf seine Seele nur schwerere Lasten, entfachte in seinem Gehirn ein wildes Durcheinander der verschiedenartigsten Vorstellungen und die ganze verzweifelte Anspannung lste sich zuletzt in der Frage aus: -- -- -- Aber warum eigentlich mu ich, gerade ich mich so qulen? ... Mit berreiztem Ekel vor jedem Denken und Ueberlegen schlief Jurii in dumpfer nervser Uebermdung ein. XIV Ljalja weinte in ihrem Bett noch so lange, bis sie, das Gesicht tief in die Kissen vergraben, endlich einschlief. Am nchsten Morgen stand sie mit schwerem Kopf und geschwollenen Augen auf. Ihr erster Gedanke war, da sie nicht mehr weinen drfe, da Rjsanzew zum Mittag kommen werde; es mute ihm unangenehm sein, wenn sie ein verweintes, hliches Gesicht htte. Doch gleich darauf dachte sie wieder, da es ja gar nicht mehr darauf ankme, weil doch alles zu Ende sei. Sie empfand einen scharfen Schmerz, als sie dachte, da Rjsanzew sie nicht mehr lieben knne und weinte von neuem. Wie hlich, wie abscheulich, flsterte Ljalja in dem Gefhl, von bitteren, noch nicht frei gewordenen Trnen erstickt zu werden ... Warum, warum ist das ..., fragte sie sich beharrlich und in ihre Seele legte sich eine Traurigkeit ber das fr ewig vergangene, nicht mehr wiederkehrende Glck, die keinen Ausweg vor sich sah. Es war ihr unerklrlich, wie Rjsanzew sie so leicht und ununterbrochen belgen konnte. ... Aber nicht nur er allein, nein, alle lgen, sagt man, dachte Ljalja verwirrt ... Alle, alle freuten sich ja ber meine Heirat und sagten, er ist ein guter, anstndiger Kerl. Und nein, sie logen auch nicht ... Sie hielten das einfach nicht fr schlecht ... Wie grlich. Ljalja war es widerwrtig, die gewohnte Umgebung, die ihr Gestalten in die Erinnerung warf, welche ihr jetzt unertrglich schienen, vor Augen zu haben. Sie prete ihr Gesicht an die Fensterscheiben und begann durch Trnen hindurch in den Garten zu blicken. Drauen war es trbe; es rieselte ein loser Regen, doch in starken Tropfen, nieder. Die fallenden Tropfen klopften hart gegen die Scheiben und rollten dann rasch hinunter; Ljalja wurde es schwer, zu unterscheiden, wann es ihre Trnen, wann es diese harten Regentropfen waren, die ihr die Aussicht in den Garten benahmen. Im Garten war es feucht; die herabhngenden Bltter waren na und bewegten sich traurig. Selbst die Baumstmme hatte die Nsse geschwrzt und das feuchte Gras neigte sich demtig zur Erde. Ljalja schien es, da ihr ganzes Leben voller Unglck, ihre Zukunft hoffnungslos, ihre Vergangenheit grau sei. Das Dienstmdchen kam herein, um sie zum Tee zu rufen, doch lange Zeit verstand Ljalja nicht ein Wort. Spter im Ezimmer schmte sie sich, als sie der Vater ansprach. Ihr kam es vor, wie wenn er in seine Stimme ein besonderes Mitleid legte. Alle muten es bereits wissen, da sie dieser Mann, den sie liebte, schmutzig und gemein betrogen hatte. Aus jedem Wort hrte sie das verletzende Mitleid heraus. Bald lief sie wieder in ihr Zimmer. Wieder setzte sie sich ans Fenster und wieder fing sie an, nachdenklich in den rinnenden, grauen Garten zu blicken. ... Warum heuchelt er, -- warum hat er mich so tief beleidigt? Bedeutet es, da er mich nicht liebt? Nein, Tolja liebt mich, so wie ich ihn. Und worum handelt es sich eigentlich? Gewi, er hat mich betrogen. Schon frher liebte er irgendwelche andere, niedrige Frauen und sie liebten ihn. -- Ob so wie ich, fragte sie sich mit naiver und brennender Neugierde. Welch ein Unsinn -- was geht mich das jetzt noch an. Er hat mich ja mit ihnen verwechselt und nun mu alles zu Ende sein. Wie arm, wie unglcklich bin ich. Aber nein, es ist ganz meine Sache. Er betrog mich doch. Und, wenn er es gestanden htte. Aber nein -- ganz gleich; -- es bleibt mir widerwrtig. Er hat schon andere ebenso geliebkost wie mich, sogar mehr -- das ist entsetzlich. Ich bin sehr unglcklich. Ein Frschlein aus dem Grase qukt, Wobei es seine Beine streckt, Ljalja sang in Gedanken den alten Kindervers vor sich hin, whrend sie auf einen kleinen grauen Knuel starrte, der ngstlich ber den glitschrigen Weg sprang. ... Ja, ich bin unglcklich und alles ist zu Ende, begannen die Gedanken wieder, als der Frosch im Grase verschwunden war. Fr mich war es so wunderbar und schn und fr ihn war es nur eine altgewohnte Geschichte. Darum vermied er es immer, ber seine Vergangenheit zu sprechen. Darum machte mir sein Gesicht auch whrend der ganzen Zeit den Eindruck, als ob er ber etwas nachsnne. Er dachte sich: Alles das kenne ich schon, alles wei ich. Ich wei auch, was du empfindest und was du bald tun wirst. Aber ich, wie beschmend, wie widerlich; -- niemals, nie werde ich wieder jemanden lieben knnen. Ljalja weinte und legte den Kopf mit der Wange an das kalte Fensterbrett, whrend sie durch Trnen beobachtete, nach welcher Richtung die Wolken zogen. Pltzlich erinnerte sie sich wiederum, da Rjsanzew an diesem Tage zum Mittagessen kommen werde. Erschrocken sprang sie auf. ... Was werde ich ihm sagen. Wie mu man in solchen Fllen sprechen. Ljalja ffnete den Mund und starrte mit erschrockenen, verwirrten Augen auf die Wand. Es fiel ihr ein, da sie sich bei Jurii danach erkundigen knne und das beruhigte sie. ... Wie ehrlich und gut er ist, dachte sie, mit zrtlichen Trnen in den Augen. Und wie sie stets alles ohne Verzug tat, ging sie sofort in Juriis Zimmer. Doch dort sa Schawrow und redete ber irgendwelche Angelegenheiten. Ljalja blieb unschlssig an der Tre stehen. Guten Tag, sagte sie nachdenklich. Guten Tag, begrte sie Schawrow. Kommen Sie zu uns, Ludmilla Nikolajewna. Wir haben hier eine Sache vor, bei der Ihre Hilfe unentbehrlich ist. Immer noch mit demselben unschlssigen Gesicht setzte sich Ljalja demtig an den Tisch und begann mechanisch in den grnen und roten Broschrchen, die in Haufen aufgestapelt lagen, mit den Fingern herumzustbern. Hren Sie, worum es sich handelt, Schawrow wendete sich ihr zu und begann zu erzhlen; dabei machte er ein Gesicht, als wollte er ein uerst verwickeltes und umfangreiches Problem auseinandersetzen. Die Genossen in Kursk befinden sich in uerst schwieriger Lage. Man mu ihnen unbedingt helfen. Da bin ich auf den Gedanken gekommen, ein kleines Konzert zu veranstalten, wie? Dieses Wie, das bei Schawrows Reden gewhnliche Anhngsel, erinnerte Ljalja, weshalb sie hierher gekommen war; voll Vertrauen und Hoffnung schaute sie auf Jurii. Warum denn nicht? Das ist sehr schn! Sie antwortete ganz mechanisch, whrend sie sich im stillen wunderte, da Jurii sie garnicht anblickte. Jurii fhlte sich noch nach dem gestrigen Trnenausbruch Ljaljas und seinem eigenen nchtlichen Nachdenken wie zerschlagen; er war unfhig, Ljalja anzusehen. Er hatte es erwartet, da die Schwester bei ihm Rat holen wrde, fand sich aber, in seiner vlligen Ohnmacht, selbst zu einer befriedigenden Lsung zu kommen, in nichts mehr zurecht. So wenig er es fertig bringen mochte, seine eigenen Worte zu widerrufen, Ljalja umzustimmen und sie wieder Rjsanzew zuzufhren, htte er gar ihrem naiven kindlichen Glck einen entschiedenen Schlag versetzen knnen. Also, wir haben nun folgendes beschlossen, fuhr Schawrow fort, indem er sich noch nher an Ljalja heranschob, als ob sich die Angelegenheit noch weiter kompliziere und verwickelter gestalte. Wir laden Ssanina und Karssawina zum Singen ein ... Zuerst jede Solo, dann zusammen. Die eine hat einen famosen Alt, die andere einen feinen Sopran, das wird sich sehr schn machen. Nachher werde ich Geige spielen. Spter mu Sarudin singen und Tanarow kann ihn begleiten. Ebenso mechanisch wie vorher, mit ihren Gedanken bei ganz etwas anderem, fragte Ljalja: Werden denn die Offiziere solch ein Konzert mitmachen? ... Na, gewi doch! Schawrow schwenkte die Hnde. Wenn Lyda Ssanina nur einwilligt, werden die gewi nicht zu Hause bleiben. Uebrigens liebt es Sarudin, sich berall zu produzieren, wo man es zult. Wenn er nur singen kann. Und das wird uns das Regiment heranziehen; wir werden eine Einnahme haben, na einfach glnzend, wie? Ja, laden Sie Karssawina ein, stimmte Ljalja bei und sah den Bruder mit trauriger Unschlssigkeit an ... Er kann es doch unmglich vergessen haben, dachte sie ... Und wie kann er sich nur ber dieses trichte Konzert unterhalten, whrend ich ... Aber das schlage ich doch selber eben vor ... Schawrow staunte sie in hchster Verwunderung an ... Ach ja! Ljalja lchelte mde. Nun, und Lyda Ssanina ... Ach ja doch, sie sprachen ja schon von ihr. Schawrow nickte eifrig mit dem Kopf: Gewi, gewi! Aber wen laden wir denn noch ein? ... Wie? ... Ich wei nicht ... Ich habe Kopfschmerzen ... Jurii drehte sich im Augenblick nach ihr um, wandte sich aber gleich wieder ohne ein Wort seinen Bchern zu. Mit ihrem blassen Gesichtchen und den groen umschatteten Augen, erschien sie ihm ganz erstaunlich schwach und bemitleidenswert. ... Ach wozu, wozu hab ich ihr nur diese Geschichte erzhlt, dachte er. Fr mich selbst ist es ja noch ganz unklar. Und berhaupt ist das fr alle Menschen eine verdammt ungeklrte Frage. Nun erst fr ihr kleines, winziges Herzchen ... Wozu habe ich das zusammengeredet? ... Er ri sich beinahe die Haare aus. Gndiges Frulein, rief das Zimmermdchen in der Tre, Anatoli Pawlowitsch sind gekommen ... Jurii blickte wiederum erschrocken auf Ljalja, doch als er ihrem starren Mrtyrerblick begegnete, meinte er unschlssig zu Schawrow: Haben Sie Charles Bredlaugh gelesen? Ja! Wir haben es mit Dubowa und Karssawina zusammen gelesen. Eine interessante Sache! So? ... Ja, sind die Mdchen schon wieder zurckgekommen? ... Gewi! Wann, fragte Jurii und unterdrckte seine Erregung. Vorgestern schon! So? ... Jurii lauschte mit einemmal wieder, was Ljalja tat. Ein Gefhl von Qual und Angst durchzuckte ihn, als ob er seine Schwester betrogen htte. Sie stand noch ein Weilchen im Zimmer herum, ordnete irgend etwas auf einer Etagere und schritt dann unschlssig auf die Tre zu. Ihre ungewhnlich nervsen Schritte peinigten Jurii von neuem und noch strker als der zitternde Ausdruck ihrer Augen. Ljalja trat in den Saal; sie empfand, wie in ihr alles in gespannter, trauriger Verwirrung erstarrte. Es sah so aus, als wenn sie in einem nebligen Wald den Pfad verloren hatte. Unterwegs blickte sie flchtig in den Spiegel und sah darin ein dunkles, krankes Gesicht. ... Nun gut, mag er es nur sehen, dachte sie. Mitten im Ezimmer stand Rjsanzew und sprach zu Nikolai Jegorowitsch mit seiner heiteren, aristokratisch selbstsicheren Stimme. Das ist natrlich eine seltsame Erscheinung, ist aber vllig unschdlich. Beim Laut dieser Stimme erzitterte pltzlich ein unbestimmtes Wehgefhl in Ljaljas Brust und ri sich ab. Sowie Rjsanzew sie erblickte, unterbrach er jh seine Rede, ging auf sie zu und streckte ihr beide Arme entgegen, als wollte er sie umarmen. Aber doch so, da diese Bewegung nur ihr allein bemerkbar und verstndlich war. Ljalja sah von unten herauf in sein Gesicht; ihre Lippen erzitterten. Schweigend und mit Ueberwindung machte sie ihre Hand von ihm los, schritt durch den Saal und ffnete die Glastr zum Balkon. Rjsanzew sah ihr mit ruhiger Verwunderung nach. Meine Ludmilla Nikolajewna geruhen zu zrnen. Er sprach im Tone scherzhafter Wichtigkeit zu Nikolai Jegorowitsch. Dieser lachte laut auf: Sehr gut, ... so laufen Sie, sich zu vershnen. Ja, es wird mir wohl nichts anderes brig bleiben, seufzte er komisch und ging hinter Ljalja zum Balkon hinaus. Es regnete noch immer, und das feine Pltschern des Wassers lag unaufhrlich in der Luft. Doch in der Hhe zerflossen die Nebel schon locker und licht. Mit der Wange an das kalte, nasse Holz des Pfahls gelehnt, stand Ljalja ihren Kopf dem Regen entgegen gestreckt, so da ihr Haar sofort durchnt wurde. Mein Prinzelein zrnt ... Ljalitschka! sagte Rjsanzew und zog sie an sich; leise drckte er seine Lippen auf ihr feuchtes, duftendes Haar. Unter dieser Berhrung, die Ljalja so bekannt und glckverheiend war, lste sich alles in ihrer Brust auf. Bevor sie noch Zeit hatte, zu einem Entschlu zu kommen, wand sich ihr Arm, wie von selbst um den festen Nacken Rjsanzews und inmitten von langen, betubenden Kssen sagte Ljalja: Wie ich dir furchtbar bse bin, du abscheulicher Kerl! Mit einmal schien ihr selbst ihre ganze Stimmung unerklrlich. Es war doch nichts Schreckliches, Schweres, nichts Unverbesserliches vorgefallen. Am Ende, was ging es denn sie an ... Nur lieben und von diesem groen starken Mann geliebt zu werden. Spter beim Essen wurde es ihr peinlich, Jurii anzusehen, der ratlos auf sie blickte; bei der nchsten Gelegenheit flsterte sie ihm bittend zu: Widerwrtig bin ich! Jurii lchelte gezwungen. Im Innern war er froh, da alles so gut abgelaufen war. Aber gleichzeitig war er doch bemht, in sich eine verchtliche Empfindung ber die philistrse Duldsamkeit und die kleinbrgerliche Glckseligkeit Ljaljas aufkommen zu lassen. Er zog sich auf sein Zimmer zurck und blieb fast bis zum Abend allein. Erst als es in der Dmmerung drauen etwas freundlicher wurde und der Himmel sich aufheiterte, griff er zur Bchse und ging auf die Jagd. Mit schnellen Schritten ging er los, bis er wieder das Feld vor sich liegen sah, auf dem der alte Bauer ihn und Rjsanzew am Tage zuvor empfangen hatte. Jurii zwang sich, nicht ber das Vorgefallene nachzudenken. Jetzt nach dem Regen begann der ganze Sumpf aufzuleben. Eine Menge neuer und mannigfaltiger Laute wurde vernehmbar und bald hier bald dort geriet das Gras in Bewegung, wie getrieben von dem in ihm hausenden, geheimnisvollen Leben. Frhlich berboten sich die Frsche in allen Stimmen; ein ferner Vogel lie anspruchslose, knarrende Tne hren, die einem Trrrr Trrrr hnlich waren, die Enten krchzten nahe und doch unsichtbar, geheimnisvoll im nassen Schilf, zogen aber nicht zum Schu hoch. Jurii hatte garnicht einmal den Wunsch, zum Schu zu kommen. Gedankenlos warf er die Flinte ber die Schulter und ging wieder nach Hause, whrend er angeregt auf die krystallenen Laute horchte und in sich die tiefen Abendfarben, die bald dunkel, bald wieder hell, um ihn aufleuchteten, einsog. -- -- -- Schn ist es, dachte er, alles ist schn -- -- -- nur der Mensch ist widerwrtig. -- -- -- Von ferne erkannte er das runde Feuer im Gemsegarten und die hellerleuchteten Gestalten des alten Kusma und Ssanins, die dicht am Feuer saen. -- -- -- Wohnt denn der Ssanin hier? dachte er verwundert und neugierig. Kusma erzhlte irgendetwas und lachte dabei, die beiden Hnde fortgesetzt hin- und herwerfend. Auch Ssanin lchelte. Das Feuer, jetzt noch rosig und nicht so grellrot wie in der Nacht, brannte wie eine Kerze; ber ihm bedeckte sich der Himmel friedlich und weich mit Sternen. Es roch nach frischer Erde und nach taubesprengtem Gras. Aus irgendeinem Grunde frchtete Jurii, da man ihn bemerken wrde und es machte ihn traurig, da er nicht einfach zu ihnen hingehen konnte, weil zwischen diesen Menschen und ihm etwas Unbegreifliches stand, gleichsam etwas, das garnicht existierte, und leer aber doch unberwindlich vor ihm lag, wie ein luftleerer Raum. In diesem Augenblick fhlte er sich vllig vereinsamt. Die groe Welt in ihren abendlichen Farben, mit den Feuerchen, mit Menschen und Lauten, voller Luft und Leuchten, wie sie sich vor ihm wiegte, war doch weit von ihm getrennt; -- -- -- er war klein und trbe wie ein dunkles Zimmer, in dem etwas weint und trauert. Und das Gefhl einsamer Wehmut bemchtigte sich seiner mit solcher Strke, da ihm, als er durch das Gemsefeld schritt, die vielen hundert Wassermelonen, die in der Dmmerung gelblichgrau schimmerten, wie menschliche Schdel erschienen, welche weit ber ein wstes Feld zerstreut liegen. XV Der Sommer entfaltete sich berfllt von Licht und Wrme; es schien, da ein goldener Schleier zwischen dem lichten, blauen Himmel und der glutmden Erde bebe und sich in tausend Falten breche. In stumpfer Ermattung standen die Bume, von den heien Dnsten erschlafft mit gesenkten Blttern; ihre kurzen, durchsichtigen Schatten lagen hilflos in dem staubigen, matten Gras. In den Zimmern aber war es khl. Die Lichtreflexe vom Garten schimmerten grnlich auf den Decken und die Gardinen schwankten seltsam lebendig, whrend alles sonst in gepreter Ruhe erstarrte, an den Fenstern. Den weien Kittel geffnet, schritt Sarudin langsam von einer Zimmerecke in die andere. Mit besonderer von ihm mhsam herausgearbeiteter Nonchalance rauchte er eine Zigarette, wobei seine groen, weien Zhne deutlich aus dem Munde hervortraten. Tanarow, ebenfalls schweidurchnt, lag in breiten Reithosen auf dem Divan und sah mit kleinen, schwarzen Aeuglein voll verstohlener Besorgnis auf ihn. Er brauchte fnfzig Rubel erbarmungslos notwendig. Schon zweimal hatte er Sarudin darum gebeten, aber da er nicht wagte, sie zum drittenmal zu fordern, wartete er in Aengsten, bis sich Sarudin selbst daran erinnern wrde. Dieser wute davon, doch im Laufe des letzten Monats hatte er selbst 700 Rubel verspielt und er rgerte sich ber alles, was mit Schuldenmachen zusammenhing. -- -- -- Er ist mir ohnedies noch 250 Rubel schuldig, dachte er, und ohne auf Tanarow zu blicken, wurde er bei dem Gedanken ber die unvermuteten Ausgaben immer verbissener. -- -- -- Eigentmlich, wir sind zwar in den besten Beziehungen zu einander, aber er sollte sich doch wirklich schmen. Mte sich doch wenigstens entschuldigen, da er mir noch soviel schuldig ist, -- -- -- nein, ich gebe ihm nichts, fgte er mit bser Freude in Gedanken hinzu. Der Bursche trat herein. Ein winziger sommersprossiger Kerl, mit Federn berdeckt. Krumm und schlapp suchte er seinen Krper in die vorschriftsmige Haltung zurechtzurcken und dabei Tanarow ins Auge zu fassen. Hochwohlgeboren erlauben zu melden, da, wie Ihre Hochwohlgeboren Bier verlangt hatten, dieses Bier grade alle ist. Mit aufflammender Wut sah Sarudin unwillkrlich Tanarow an. -- -- -- Na, da haben wir's wieder. Hol ihn der Teufel. Das wird ja schlielich unertrglich. Er wei doch, da ich selbst keinen Groschen brig habe und da lt er sich noch Bier holen. Auch der Wodka wird alle, fgte der Bursche hinzu. Aber scher dich doch zum Teufel ... Was, du mut doch noch zwei Rubel haben. Kaufe eben, was ntig ist. Sarudin winkte in wachsendem Zorn dem Burschen, abzutreten. Garnichts! ... Nichts ist brig geblieben. Was heit das? ... Was lgst du da? ... schrie ihn Sarudin an und blieb stehen. Wie Seine Hochwohlgeboren befohlen haben, der Waschfrau zu bezahlen, so habe ich ihr einen Rubel siebzig Kopeken bezahlt, und dreiig Kopeken habe ich in Ihre Hochwohlgeboren Arbeitszimmer auf den Tisch gelegt. Ach ja, warf Tanarow, mit geheuchelter Nachlssigkeit ein, whrend er rot wurde und sich aufregte, ich habe es ihm gestern gesagt. Weit du, es war schon peinlich, die ganze Woche lief das Weib mir das Haus ein. Rote Flecken erschienen auf den festen, glattrasierten Wangen Sarudins und unter ihrer feinen Haut gerieten die Backenknochen in zitternde Erregung. Schweigend ging er im Zimmer auf und ab. Mit einemmal blieb er neben Tanarow stehen. Hr einmal, sagte er mit seltsam zitternder, scharf verletzender Stimme, ich mchte dich doch bitten, nicht ber mein Geld zu verfgen ... Tanarow errtete ber und ber und geriet in Bewegung. Hm, was ist das? ... Diese Kleinigkeiten ... murmelte er verletzt und zog die Schultern zusammen. Dabei handelt es sich garnicht um die Kleinigkeiten, entgegnete Sarudin ihm mit grausamen Vergngen, als mte er sich an ihm rchen. Nein, um ein Prinzip. Aus welchem Grunde sage bitte, ... Ich ... Nein, ich mu dich ganz entschieden darum bitten, fiel ihm Sarudin hartnckig mit demselben niederdrckenden Ton ins Wort. Und schlielich knntest du dich doch in solchem Fall zunchst einmal an mich wenden. Auf diese Weise, das ist wirklich sehr wenig angenehm. Tanarow bewegte hilflos die Lippen und senkte die Augen; er zupfte mit zitternden Fingern an dem Perlmuttermundstck seiner Zigarrenspitze. Sarudin wartete noch eine Weile auf Antwort, dann drehte er sich jh um und machte sich, mit dem Schlssel rasselnd, an der Tischschublade zu schaffen. Hier, kaufe, was du brauchst! schrie er den Burschen zornig an und reichte ihm eine Hundertrubelnote. Zu Befehl, sagte der Soldat, machte linksum kehrt und ging hinaus. Langsam und nachdrcklich klapperte Sarudin mit den Schlsseln an der Schublade und schob sie zu. Tanarow sah verstohlen auf das Fach, in dem die fr ihn so notwendigen fnfzig Rubel lagen, begleitete das Schlieen der Schublade mit schchternen Blicken und begann mechanisch eine Zigarette anzuznden. Er fhlte sich sehr gekrnkt, gleichzeitig damit aber frchtete er, dieser Empfindung Ausdruck zu geben, um Sarudin nicht noch mehr zu erzrnen. -- -- -- Was machen schon fr ihn zwei Rubel aus. Er wei doch wie notwendig ich das Geld brauche ... Sarudin ging im Zimmer auf und ab; er zitterte noch vor Aufregung. Aber allmhlich begann er sich zu beruhigen und als der Bursche Bier brachte, trank er selbst mit Genu ein Glas des eisigen, schumenden Trankes. Pltzlich sagte er ganz ruhig, als ob garnichts vorgefallen wre, whrend er die Schnurrbartenden durch die Lippenwinkel zog: Gestern war Lyda wieder bei mir! Bruder, das ist ein interessantes Mdchen. Feuer! Tanarow schwieg verdrossen. Ohne es zu bemerken, schritt Sarudin weiter langsam durch das Zimmer und seine Augen lchelten belebt den Erinnerungen nach. Sein gesunder, starker Krper war unter der Hitze erschlafft, soda glhende, erregende Gedanken die Oberhand gewinnen konnten und ihn fortrissen. Pltzlich lachte er laut, kurz wiehernd auf. Er blieb stehen. Weit du, gestern wollte ich mal, ... er nannte hier ein sehr eindeutiges Wort, das fr die Frau uerst verletzend ist. Da ist sie zuerst in die Hhe gegangen, hat sich auf die Hinterfe gesetzt, weit du solch ein stolzes Leuchten steigt bei ihr manchmal in die Augen ... Tanarow, dessen Leib sich bei diesen Worten rasch und gierig spannte, lste auf seinem Gesicht erzwungen ein klebriges und aufgeregtes Lcheln aus. Und dann, ... na, soda ich selbst fast in Krmpfe verfiel, schlo Sarudin, der noch unter der unertrglich scharfen Erinnerung nachzitterte. Du hast Schwein, hol's der Kuckuck, rief neidisch Tanarow. Pltzlich ertnte von der Strae her die laute Stimme Iwanows: Ist Sarudin zu Haus? ... Darf man zu Ihnen? ... Sarudin erschrak bei dem pltzlichen Anruf und frchtete, wie stets, da jemand etwas von seiner Erzhlung ber Lyda Ssanina gehrt htte. Aber Iwanow schrie ber den Zaun von der Nebengasse her; er war nicht einmal zu sehen. Zu Hause, zu Hause, rief Sarudin durch das Fenster zurck. Im Vorzimmer ertnten Stimmen und Lachen, als wenn dort eine ganze Volksmenge hineingestrmt wre. Iwanow, Nowikow, ein Rittmeister Malinowski, zwei andere Offiziere und Ssanin traten herein. Hurra, brllte Malinowski, sich schief ber die Schwelle schiebend, whrend ber sein dunkelrotes Gesicht mit zitternden, aufgespannten Backen und einem buschigen Schnurrbart, der wie zwei Roggengarben in die Luft starrte, ein grelles Blinken glitt. Guten Morgen, Kinder. -- -- -- Na, zum Teufel, dachte Sarudin rgerlich, da geht wieder ein 25-Rubelschein zum Teufel. Aber doch befrchtete er noch mehr, da irgend jemand denken knnte, er wre nicht der freigebigste, reichste und kameradschaftlichste Kerl im Regiment. Deshalb rief er mit breitem Lcheln: Woher kommen Sie in so groer Gesellschaft? ... He, Tscheriepanow, schleife Wodka her und was du sonst noch hast. Laufe in das Kasino und lasse sofort einen Kasten Bier heranschleppen. Wollen Sie Bier, Herrschaften. Es ist doch hei. Als erst Wodka und Bier kamen, wurde der Lrm noch strker. Man lachte, brllte in ungezgelter Lustigkeit; alle tranken und lrmten durcheinander. Nur Nowikow blieb trbe gestimmt und sein stets weichliches und bequemes Gesicht war unheilvoll durchleuchtet. Erst gestern hatte er das erfahren, was fr ihn bisher unbekannt geblieben war, trotzdem die ganze Stadt bereits ber die Affre tuschelte. Das Gefhl, unertrglich verletzt und in seiner Eifersucht gedemtigt zu sein, hatte ihn im ersten Augenblick betubt. Es ist nicht mglich, es ist Unsinn, Klatsch ... sein Hirn weigerte sich, das Bild Lydas, in die er so rein und mit Ehrfurcht verliebt war, in widerwrtig schmutzige Nhe zu Sarudin, den er fr unendlich niedriger stehend und dmmer hielt als sich, kommen zu lassen. Doch dann brach tief aus seiner Seele wilde, tierische Eifersucht hervor und begrub alles. Es gab einen Augenblick bitterer Verzweiflung und dann des frchterlichsten, fast elementaren Hasses gegen Lyda und vor allem gegen Sarudin. Diese Emprung war seiner weichen schlaffen Seele so ungewohnt, da er fr sie nach irgend einem Ausweg suchen mute, wenn sie ihn nicht ganz zerreiben sollte. Die ganze Nacht hindurch schwankte er auf der krankhaften Grenze zwischen qulerischer Selbstpeinigung und dem vagen Gedanken an Selbstmord. Gegen Morgen war er wie erstarrt und nur das sonderbare, trbe Verlangen, Sarudin zu sehen, vibrierte noch in seinen Empfindungen. Jetzt, unter den Ausrufen der lrmenden und betrunkenen Stimmen, sa er abseits, trank ganz mechanisch groe Massen Bier, und mit jeder Fiber seiner angespannten Empfindlichkeit beobachtete er die Bewegungen Sarudins, wie ein Tier, das im Walde einem anderen entgegenschleicht, schon zum Sprunge gebckt, und sich doch verstellt, als ob es nichts she. Alles, was von Sarudin ausging, stie mit scharfen Schlgen an eine berreizt zarte Stelle Nowikows, die jetzt sein ganzes Wesen zu bilden schien, alles, sowohl das Lcheln Sarudins, das seine weien Zhne zeigte, wie seine Schnheit, sein Lachen, seine brutale Stimme. Sarudin, sagte ein langer eckiger Offizier, mit unmig langen, am Krper baumelnden Armen. Ich habe dir ein Buch mitgebracht. Und durch den wsten Lrm hindurch hrte Nowikow allein den Namen und die antwortende Stimme Sarudins heraus, als ob alle anderen schwiegen und nur dieser eine redete. Welches denn? ... Von Tolstoi ... Ueber Frauen, gab der drre Offizier mit Stolz aber deutlich wie beim Dienstrapport zurck. Auf seinem farblosen schmalen Gesicht stand klar ausgedrckt, da er sehr befriedigt war, Tolstoi zu lesen und ber ihn zu sprechen. Iwanow fiel dieser stolze und naive Ausdruck sofort auf und er fragte ironisch: Lesen Sie auch manchmal Tolstoi? ... Von Deutz ist ja unser Tolstoianer, erklrte der betrunkene Malinowski und lachte auf. Sarudin nahm die dnne, rote Broschre zur Hand und bltterte ein paar Seiten um: Ist das interessant? ... Na, das wirst du schon merken! Die Antwort von Deutz' berstrzte sich fast vor Begeisterung. Das ist ein Kopf, sage ich dir. Da kommt's einem vor, als ob man selber alles wte ... Aber wozu ... braucht denn Viktor Sergejewitsch Tolstoi vorzunehmen, wenn seine eigenen Ansichten ber Frauen schon vllig feststehen ... sagte Nowikow, nicht laut, ohne da er dabei die Augen vom Glase abwendete. Woraus schlieen Sie das? ... fragte Sarudin, der instinktiv den Angriff sprte, aber ihn noch nicht ganz verstand, vorsichtig. Nowikow schwieg. Alles ri ihn dazu hin, Sarudin anzubrllen, ihm ins Gesicht zu schlagen, in dieses prchtige, selbstgefllige Gesicht, ihn zu Boden zu werfen und ihn in einem wilden Ausbruch seines Zornes, der endlich in die Freiheit strmen kann, mit den Fen zu zerstampfen. Aber kein Wort kam auf seine Zunge. Unter dem klaren Bewutsein, da er garnicht das sprche, worauf es ankomme, litt er nur noch mehr. Er wurde fast zum Wahnsinn getrieben; er lchelte verzerrt; er sagte: Es gengt, Sie nur anzusehen ... um zu diesem Schlu zu kommen. Der eigentmlich tragische Ton seiner Stimme zerschnitt im Augenblick den allgemeinen Lrm und pltzlich verstummte alles, wie vor einem Morde. Iwanow erriet zuerst, um was es sich handelte. Sarudins Gesicht hatte sich unter den letzten Worten kaum merklich verndert, doch sofort beherrschte er sich wieder, als ob er ein scheues Pferd bestiege, dessen Nervositt er kenne ... Nu, ... Herrschaften, Herrschaften, was soll denn hier vorgehen, rief Iwanow. La sie, la sie sich ruhig prgeln, fiel ihm Ssanin lchelnd ins Wort. Mir scheint es garnicht, sondern es ist so, fuhr Nowikow anstelle Sarudins fort, noch immer nicht den Kopf vom Glase hebend und ohne seinen Tonfall zu ndern. Aber eine lebendige Wand von schreienden Stimmen, Armbewegungen, lachenden Gesichtern und Zwischenrufen, schob sich zwischen sie. Sarudin wurde von Deutz und Malinowski zur Seite gedrngt; Nowikow von Iwanow und einem anderen Offizier. Tanarow begann die Glser zu fllen und irgendwas zu schreien, ohne sich an jemanden direkt zu wenden. Es entstand eine falsche, gewaltsam frhliche Erregung, die fr einen Augenblick den Streit verwischte. Mit einemmal empfand Nowikow, da er die Kraft verloren hatte, diesen Zustand fortzusetzen. Er verzog seine Lippen zu einem unsinnigen Lcheln, sah sich nach Iwanow und einem der Offiziere um, die ihn mit Gesprchen festzuhalten versuchten und dachte ratlos: -- -- -- Was mache ich nur. Zuhauen mu man. Einfach hingehen und in die Schnauze schlagen. Sonst bleibe ich ja in der dmmsten Lage. Alle mssen es verstanden haben, da ich den Streit suchte ... Aber statt dessen lauschte er mit gemachtem Interesse auf das, was Iwanow und von Deutz sprachen. In seinen Ansichten ber die Frau bin ich nicht vllig mit ihm einverstanden, sprach selbstgefllig der Offizier. Die Frau ist zunchst mal ein Weibchen, erklrte Iwanow. Unter Mnnern knnte man vielleicht noch einen auf Tausend finden, der den Namen Mensch verdient. Aber unter den Frauen, nein, unter ihnen gibt es keinen Einzigen. Nacklige, rosige, fette, schwanzlose Affen sind es und weiter nichts. Das ist ja uerst originell bemerkt; -- -- von Deutz kaute sichtbar an dem Vergngen ber Iwanows letzter Phrase. Nowikow dachte bitter vor sich hin, wie wahr das sei. Eh, mein Lieber, erwiderte Iwanow, seine Hand grade vor der Nase von Deutz schwenkend, erzhlen Sie mal den Leuten: Ich sage euch: jedes Weib, das einen Mann geil ansieht, treibt in ihrem Herzen schon Unzucht mit ihm. Erzhlen Sie das und die Meisten werden berzeugt sein, eine hchst originelle Sache zu hren. Von Deutz lachte mit heiserer Stimme, wie wenn ein Windhund pltzlich anschlgt, und sah Iwanow mignstig an. Den Spott verstand er nicht und er war nur neidisch, da er sich nicht so witzig ausgedrckt hatte. Pltzlich reichte ihm Nowikow die Hand. Was denn? fragte von Deutz verwundert. Neugierig und erwartungsvoll sah er auf die breite Handflche. Nowikow gab keine Antwort. Wohin? erkundigte Ssanin sich ebenfalls. Nowikow schwieg weiter. Er fhlte, da nur ein Augenblick des Wartens gengen wrde, um das Schluchzen, das ihm in der Kehle steckte, ausbrechen und jeden Rckhalt berstrmen zu lassen. Ssanin lchelte ihn ruhig und doch mit ernstem Interesse an: -- -- -- Ich verstehe, was mit dir ist. Spuck darauf! -- -- -- Nowikow schaute mit wehleidigen Augen ber ihn hin, seine Lippen zitterten; mit einer verzweifelten Handbewegung, als ob er alles, sich selbst, die Welt, beiseite schieben wollte, ging er fort, ohne weiter Abschied zu nehmen. Der Druck schwerer Ohnmacht, wie bei einem Menschen, der eine Last nicht anheben kann, bi sich in ihm fest und prete ihn zu Boden. Um sich zu beruhigen, dachte Nowikow: -- -- -- Nun, was schon, was wre viel damit bewiesen, wenn ich diesem Halunken die Fresse eingeschlagen htte. Es kme doch nur eine platte Keilerei heraus. Lohnte es sich wirklich, die Hnde an ihm dreckig zu machen. -- -- Doch das Gefhl unbefriedigter Eifersucht und der eigenen Schwche verlie ihn nicht. In tiefster Trbsal kam er nach Hause, warf sich mit dem Gesicht in die Kissen und lag so den ganzen Tag ber, nur von dem einen Gedanken geqult, da er nichts tun knne ... Los, wollen Sie Macao spielen? fragte Malinowski. Immer hingeschmissen! erwiderte sofort Iwanow. Der Bursche stellte den Kartentisch zurecht, und das grne Tuch lchelte ihnen frhlich entgegen. Eine konzentrierte Belebung ergriff alle. Malinowski begann, Karten zu geben, wobei seine behaarten Finger hart auf dem Tisch anschlugen. Gewandt zerstoben die bunten Karten in regelmigen Kreisen auf der grnen Decke; mit hellem Klang rollten die silbernen Rubel von einem Tableau zum andern und wie gierige Spinnen liefen nach allen Richtungen Finger ber das Tuch, die das Geld aufrafften. Nur knappe Worte und eintnige wie auswendig gelernte Ausrufe des Aergers und des Vergngens waren vernehmbar. Sarudin hatte offensichtlich ganz besonderes Migeschick. Hartnckig machte er immer wieder den Einsatz von fnfzehn Rubeln und bei jedem Mal wurde er vollstndig abgeschlagen. Auf sein hbsches Gesicht traten die roten Flecke gegenstandsloser Erbitterung. Im Laufe des letzten Monats hatte er gegen 700 Rubel verspielt; jetzt frchtete er sogar, den endgltigen Verlust genau festzustellen. Seine verdrieliche Stimmung teilte sich auch den andern mit. Von Deutz und Malinowski wechselten scharfe Worte miteinander. Sehr bestimmt, wenn auch zurckhaltend, erklrte von Deutz, voller Verwunderung darber, da der betrunkene, ungeschlachte Malinowski sich berhaupt unterstand, mit ihm, dem klugen und distingierten von Deutz zu streiten: Ich hatte wohl auf die Flgel gesetzt. Was wollen Sie mir einreden? warf ihm dieser grob entgegen. Hol's der Teufel. Schlage ich, so sagt man Auf Flgel und wenn ich gebe ... Von Deutz brauste auf. Aber erlauben Sie mal. Sofort, wie immer, wenn er aufgeregt war, wurde seine Aussprache unrussisch und deutsche Laute mengten sich komisch hinein. Nichts will ich erlauben. Nehmen Sie das zurck ... nein, bitte, nehmen Sie das zurck. Meine Herren, aber das ist doch, -- -- wirklich zum Teufel, schrie Sarudin wtend, die Karten mit Gewalt auf den Tisch werfend. Aber sogleich erschrak er seines jhen Ausrufs wegen ebenso wie ber die betrunkenen, verzerrten Gesichter, Karten und Flaschen, ber das ganze Bild eines platten soldatischen Trinkgelages, denn -- -- in der Tr hatte er pltzlich ein neues Gesicht auftauchen sehen. Ein hochgewachsener schlanker Mann in einem bequemen, weien Kostm hielt verwundert auf der Schwelle an; seine Augen suchten Sarudin. Ah, Pawl Lwowitsch! Welches Schicksal hat Sie zu uns hergeweht? rief dieser rot im Gesicht und strzte ihm eilig entgegen. Der Herr trat unschlssig tiefer in das Zimmer ein und den Anwesenden fielen sofort seine weien Stiefel auf, die aus dem Morast von Bierlachen, Korken und zertretenen Zigarrenresten besonders hervorstachen. Er war so wei, sauber und parfmiert, da er zwischen den Wolken Tabakdampfes und den betrunkenen, berhitzten Menschen, an eine Lilie im Sumpfe erinnern konnte, wre er nicht so hilflos dnn, so ausgemergelt gewandt gewesen und htte er nicht ein so kleines Gesichtchen mit schlechten Zhnen und einem winzigen Schnurrbart gehabt. Woher kommen Sie? Haben Sie Pitier schon lange hinter sich? sagte Sarudin zu ihm mit berflssiger Eile, wobei er ihm stark die Hand drckte und gleichzeitig wieder ngstlich berlegte, ob es nicht ein faux Pas gewesen wre, das legere Pitier statt des St. Petersburg zu gebrauchen. Ich bin erst gestern angekommen, antwortete endlich der Weigekleidete. Seine Stimme war selbstgefllig aber saftlos, wie ein abgeschnrter Hahnenschrei. Meine Kameraden, stellte Sarudin vor. Von Deutz, Malinowski, Tanarow, die Herren Ssanin, Iwanow. Meine Herren, ... Pawl Lwowitsch Woloschin. Woloschin verneigte sich ein wenig. Wollen's uns vormerken, antwortete zum Entsetzen Sarudins der betrunkene Iwanow. Bitte hier, Pawl Lwowitsch, belieben Sie Bier oder vielleicht Wein. Woloschin lie sich vorsichtig ins Fauteuil nieder; er schimmerte auf dem groben Gummituchberzug in seinem matten Wei. Ich komme nur auf eine Sekunde mit heran. Bitte, lassen Sie sich nicht stren, entgegnete er mit leichter Khle des Unbehagens, indem er die Gesellschaft musterte. Aber warum das? ... Ich lasse sofort Weien bringen. Ich wei doch, Sie lieben ihn. Sarudin strzte ins Vorzimmer. -- -- -- Dieses Luder hatte auch nichts anderes zu tun, als gerade heute hierherzukommen, dachte er wtend, whrend er dem Burschen befahl, nach Wein zu laufen. -- -- -- Spter erzhlt dieser Woloschin bei allen Bekannten in Petersburg solchen Unsinn, da man mich in kein anstndiges Haus mehr aufnehmen wird. Inzwischen fuhr Woloschin fort, ohne es im geringsten zu verbergen, die Gesellschaft zu mustern, wie wenn er sich ber alle unendlich erhaben fhlte. Der Blick seiner glasgrauen Aeuglein war voll aufrichtiger Neugier. Besonders der Wuchs, die offenbare Kraft und das Kostm Ssanins lockten seine Aufmerksamkeit. Das ist ein interessanter Typus; darin liegt Kraft, dachte er mit der starken Zuneigung, die alle schwachen Menschen groen und starken gegenber empfinden. Er wnschte Ssanin anzusprechen. Aber dieser blickte unbekmmert in den Garten, mit der Brust an das Fensterbrett gelehnt. Schon das erste Wort seiner Anrede blieb Woloschin in der Kehle stecken; der saftlose, abgeriebene Klang seiner Stimme verletzte ihn selbst. -- -- -- Die andern, das ist irgend welch' Lumpenpack, dachte er sich. Sarudin kehrte zurck. Er setzte sich neben Woloschin nieder. Hflich begann er ihn nach Petersburg und nach seiner Fabrik auszufragen, auch um seinen Bekannten verstehen zu geben, welch reicher und bedeutungsvoller Kerl dieser Gast sei. Alles nach dem alten Strich, wie Sie sehen, antwortete nachlssig Woloschin. Und was machen Sie? Was kann man hier tun. Ich vegetiere! Woloschin schwieg und sah verchtlich zur Decke hoch, auf der die grnen Reflexe des Gartens lautlos hin- und herglitten. Wir kennen hier nur dies eine Vergngen, fuhr Sarudin mit bedeutungsvoller Geste fort, in der er alles, seine Gste, die Flaschen und die Karten einfate. Jawohl, sagte Woloschin mit unbestimmter Dehnung; aus seinem Ton hrte Sarudin die Frage heraus: und was bist du denn selbst? ... Doch gleich darauf erhob er sich schon: Na, aber ich mu doch schon fort. Ich bin hier im Hotel auf dem Boulevard abgestiegen. Wir sehen uns natrlich noch? Das letztere sprach Woloschin in verndertem Ton. Gerade in diesem Augenblick trat der Bursche ein, nahm nachlssig die vorschriftsmige Haltung an und meldete: Hochwohlgeboren, das Frulein sind da! Wie? fragte Sarudin erschrocken. Jawohl! Ach so, ja, ich wei schon, sagte Sarudin rasch und ungeschickt, whrend seine Augen unruhig ber die Anwesenden hinliefen. Die Ahnung von Unannehmlichkeiten durchstach ihm das Herz. -- Sollte das wirklich Lyda sein, dachte er verwundert. In den Augen Woloschins flammte ein gieriges und neugieriges Feuerchen auf; sein schwchlicher Krper geriet unter dem weichen, weien Kostm in matte, konvulsivische Bewegungen. Na, nun auf Wiedersehen. Er sprach ausdrucksvoller, mit andeutendem Lcheln. Sie sind also immer noch derselbe? ... Sarudin lchelte ebenfalls; und war auch dies Lcheln unnatrlich, so mischten sich doch Selbstgeflligkeit und Besorgnis ein. Von dem Hausherrn begleitet, ging Woloschin rasch hinaus, seine weien Schuhe blinkten und seine scharfen Augen bersphten noch einmal das Ganze. Sarudin kehrte zurck. Nun, meine Herren, was wird mit den Karten? ... Tanarow, bernimm du meine Partie, ich komme sofort zurck. Lge! brllte der ganz betrunkene, bullenartige Malinowski. Wollen wir doch selbst mal sehen, was fr ein Frulein da ist. Tanarow packte ihn an den Schultern und drckte ihn mit Gewalt auf den Stuhl zurck. Die andern nahmen bereilig ihre Pltze wieder ein, wobei sie sich bemhten, Sarudin nicht anzuschauen. Auch Ssanin setzte sich mit ernstem Lcheln nieder. Er erriet, da Lyda gekommen war, und das trbe Gefhl eiferschtigen Mitleides zu seiner schnen und jetzt augenscheinlich unglcklichen Schwester erstand in ihm. XVI Auf dem Bette Sarudins sa in einer unbestimmbar seitwrtigen Stellung Lyda Ssanina und knllte ratlos ihr Taschentuch in den Hnden. Selbst Sarudin war von der Vernderung, die in ihr vorgegangen sein mute, berrascht. Von dem schnen Mdchen voll stolzer Kraft war keine Spur geblieben. Ein krankes, ratloses Frauenzimmer sa da tiefgebckt vor ihm. Ihr Gesicht war eingefallen, bla geworden, ihre dunklen Augen liefen aufgeregt hin und her. Als Sarudin kam, heftete sich ihr schwerer Blick eilends auf ihn, senkte sich aber sofort wieder. Instinktiv erriet er, da sie sich vor ihm frchtete. Ganz unerwartet stieg Aufregung und Zorn in ihm krampfartig empor. Er schlo die Tr fest ab, und anders wie frher, grob und gradeaus, trat er auf sie zu. Er konnte sich kaum beherrschen; pltzlich hatte er das brennende Verlangen, sie zu schlagen: Du bist eine verrckte Person. Bei mir steckt die ganze Bude voller Menschen, drin sitzt dein Bruder und du ... als wenn du auch keine andere Zeit finden knntest. Das ist ja ... zum Teufel. Die dunklen Augen hoben sich mit einem sonderbaren Aufleuchten zu ihm und wie stets erschrak Sarudin sofort wieder ber seine Heftigkeit, bleckte ergeben seine weien Zhne und, Lydas Hand ergreifend, setzte er sich an ihre Seite. Uebrigens ist es ja ganz gleich; ich frchte doch nur deinetwegen. Ich bin froh, da du kommst; ich hatte Sehnsucht nach dir. Er hob ihren weichen, etwas feuchten Arm mit dem vornehmen Geruch und kte ihn vorsichtig oberhalb des Handschuhs. Ist das wahr? ... Lyda fragte mit einem ihm unbekannten Ausdruck; wieder hob sie ihre Augen, deren Blicke Worte zu werden schienen, zu ihm: ... Ist das wahr, da du mich liebst? Siehst du denn, wie elend und zerbrochen ich jetzt bin. Gar nicht mehr, die ich frher war. Ich frchte mich vor dir. Ja, ich fange an, das Entsetzliche meiner Erniedrigung zu erraten. Hab ja aber niemanden, auf den ich mich sttzen knnte ... Zweifelst du? ... erwiderte Sarudin unsicher, und ein feiner kalter Strahl, der ihm selbst peinlich war, machte sich in diesen Worten bemerkbar. Wieder hob er ihren Arm, um ihn zu kssen. Ein sonderbares, kompliziertes Durcheinander von Gedanken und Gefhlen regte sich in ihm. Erst zwei Tage zuvor lagen die matten Haare Lydas zerstreut auf demselben weien Kissen, wand sich ihr heier, biegsamer Krper im Ausbruche gewaltiger Leidenschaft, ihre Lippen flammten und Sarudins ganzes Wesen versank in dem fressenden Feuer unertrglichen Genusses. In jenem Augenblick verband sich in ihm die ganze Welt, tausende von Frauen, alle Gensse, das ganze Leben immer wollstiger zu der schamlosen Grausamkeit, gerade diesem demtigen Krper Qualen zu verursachen. Doch ebenso pltzlich schlug dieses Gefhl wieder um; Lyda wurde ihm widerwrtig. Er mute von ihr fortgehen, sie von sich stoen, nichts mehr von ihr hren und sehen. Der Widerwille zeigte sich so unvershnlich, da selbst das Sitzen an ihrer Seite zur Folter wurde. Aber gleichzeitig machte ihn die dunkle Angst vor ihr, die sich in ihm wand und krmmte, willenlos und heftete ihn an die Stelle. Mit seinem ganzen Wesen empfand er, da ihn nichts mehr mit ihr zusammenhielt. Er hatte sie mit ihrem Einverstndnis, ohne ihr das geringste Versprechen zu geben, besessen; er gab ihr nur das, was er selbst von ihr erhielt. Er erwartete, da Lyda von ihm etwas fordern wrde und er mute entweder einwilligen oder er handelte lumpenhaft und schmutzig. Das Gefhl vlliger Ohnmacht ergriff ihn, als htte man aus seinen Gliedern alle Knochen herausgezogen und in seinen Mund statt seiner Zunge einen nassen Lappen gehngt. Diese Gedanken verletzten und emprten ihn. Es drngte ihn aufzuschreien, ihr ein fr alle Mal zuzurufen, da sie kein Recht htte, etwas von ihm zu verlangen. Doch sein Herz zog sich nur feige zusammen und er rief nur eine Dummheit aus, die fr ihn selbst unerwartet kam und garnicht zum Moment pate. Oh, Weib, Weib, -- -- -- so wie Shakespeare sagte. Lyda sah ihn erschrocken an. Und pltzlich wurde ihr Hirn von einem schonungslos grellen Licht durchflammt. Jetzt begriff sie, da sie verloren war. Fr einen Menschen, der in Wirklichkeit garnicht existierte, hatte sie das ungeheuer Reine und Groe, das zu geben sie fhig war, von sich gerissen. Ihr herrliches Leben, ihre unwiederbringliche Reinheit war einem widerwrtigen und feigen Tierchen vor die Fe geworfen worden; es nahm nichts mit Freude und Dank fr den Genu entgegen, sondern bespritzte sie nur in Akten stumpfsinniger Gier mit Kot. Es gab einen Augenblick, wo sie der Ausbruch der Verzweiflung unter ohnmchtigem Schluchzen und Hnderingen fast zu Boden warf. Aber in krankhafter Geschwindigkeit wurde die Verzweiflung durch eine Flut rachschtigen, stechenden Hasses fortgeschwemmt. Begreifen Sie denn wirklich nicht, welch ein Idiot Sie sind? stie sie scharf und leise durch ihre zusammengepreten Zhne, whrend sie sich seinem Gesicht dicht entgegenschob. Diese groben Worte und der drngende, grimmige Blick waren bei der feinen und weiblichen Lyda so unerwartet, da Sarudin unwillkrlich von ihr abrckte. Aber doch verstand er die ganze Bedeutung dieses Blicks noch nicht und versuchte ihn noch immer mit einem Scherz beiseite zu schieben. Was sind das fr Ausdrcke, sagte er verwundert und tat ein wenig verletzt. Ich habe an Wichtigeres als an die Ausdrcke zu denken. Aber wozu gleich die Tragik! Sarudin runzelte unmutig die Stirne. Er folgte mit pltzlich erwachter Begierde unbewut der Wlbung ihrer ausgemeielten Arme und schlanken Schultern. Ihre verzweifelt hilflose Geste brachte ihm das Bewutsein seiner eigenen Ueberlegenheit wieder zurck. Es war, als stnden beide auf einer Wage. Senkte sich der eine, so hob sich sofort der andere. Mit besonderem Vergngen fhlte Sarudin heraus, da dieses Mdchen, das er innerlich fr hherstehend wie sich selbst hielt, und vor dem er in Augenblicken wollstiger Zrtlichkeiten nicht seine Scheu berwinden konnte, nach seinen Begriffen jetzt eine erbrmliche und erniedrigte Rolle spielte. Diese Ueberlegung war ihm angenehm und stimmte ihn weicher. Sarudin ergriff zrtlich ihre gesenkten, willenlosen Hnde und zog sie leise an sich heran; er erregte sich schon jetzt und atmete heier. Nun genug doch, es ist ja nichts Schreckliches passiert. Glauben Sie? fragte Lyda. Sie fate ihn ganz eigentmlich ins Auge; aus ihrer Ironie holte sie pltzlich neue Kraft. Na, gewi doch, antwortete Sarudin und suchte sie mit einer erregenden und schamlosen Berhrung zu umarmen. Aber von Lyda strmte ihm eisige Khle, unter der seine Hnde unwillkrlich erschlafften, entgegen. Nun genug doch! Warum bist du bse geworden, mein Ktzchen, sagte er mit zrtlichem Vorwurf. Mit einer bsen Bewegung ri sich Lyda aus seinen Armen los. Sarudin fhlte sich physisch darber verletzt, da das Aufschnellen seiner Leidenschaft unntz verloren gegangen war. -- -- -- wei es der Teufel, dachte er. Da fange mal einer mit diesen Weibern an. Laut fragte er sie: Was hast du denn eigentlich? Auf seine Backenknochen traten rote Flecken. Als htte diese Frage in Lyda einen letzten Schleier zerrissen, schlug sie ihre Hnde vors Gesicht und begann ganz unerwartet zu weinen. Sie schluchzte geradeso wie die Weiber im Dorfe schluchzen. Mit den Hnden das Gesicht bedeckt, den ganzen Krper vornbergeneigt und die Laute gedehnt ausziehend. Die langen Haarstrhnen hingen lngs des nassen Gesichts; sie wurde hlich. Lchelnd und doch ngstlich, da sie dieses Lcheln krnken knnte, versuchte er ihr die Hnde vom Gesichte loszureien, aber Lyda drckte sie hartnckig dagegen und weinte ohne Unterbrechung. Ach du lieber Gott, stie Sarudin rgerlich aus. Wieder kam ihm der Wunsch, ihr Grobheiten zu sagen, sie zu beschimpfen, an den Haaren zu zerren. Ja, was hast du denn eigentlich. Nun, du bist eben mit mir gelaufen, was schadet das schon. Und mit einemmal. Was ist denn Groes passiert? Hr doch endlich damit auf! Er ergriff sie am Arm. Der Kopf Lydas mit dem nassen Gesicht und dem aufgelsten Haar erschtterte unter dem Sto, und mit einemmal schwieg sie still, die Hnde gesenkt, ganz zusammengekrmmt; in kindischer Furcht blickte sie zu ihm herauf. Der wahnsinnige Gedanke, da von jetzt ab jeder das Recht htte, sie zu schlagen, zuckte durch ihr Hirn. Doch Sarudin erschlaffte selbst wieder und sprach einschmeichelnd und unsicher: Aber Lydotschka, genug doch, du bist ja selbst schuld. Wozu diese Szenen. Nun, du hast gewi viel verloren. Aber dafr gab es doch auch viel Glck. Niemals werden wir vergessen, -- -- diese -- -- Lyda weinte wieder. Aber so hre doch endlich auf! Er ging im Zimmer auf und ab und zupfte den Schnurrbart ber den nervs zitternden Lippen. Es war still, und hinter dem Fenster schwankten leise, wahrscheinlich von einem Vogel bewegt, dnne, grne Zweige. Sarudin beherrschte sich mit Mhe, kam wieder auf Lyda zu und versuchte nochmals, sie vorsichtig zu umarmen. Doch sie ri sich augenblicklich mit scharfem Ruck von ihm los und stie ihn mit dem Ellenbogen so gegen das Kinn, da seine Zhne deutlich aneinanderknackten. Ah Teufel! Er rief es, wtend ber den Schmerz, aber noch mehr darum, weil das Klappern seiner Zhne sehr unerwartet und komisch war. Obgleich es Lyda selbst garnicht bemerkt hatte, fhlte sie unwillkrlich, da die Situation fr Sarudin lcherlich geworden war. Und mit weiblicher Grausamkeit ntzte sie diesen Umstand aus. Was sind das fr Ausdrcke, ffte sie hhnisch. Das kann jeden in Wut bringen, denke ich. Wenn man wenigstens wte, um was es sich handelt. Und das merken Sie noch immer nicht? Lyda behielt noch immer die gleiche Ironie bei. Schweigen trat ein. Lyda sah ihn gerade an und ihr Gesicht flammte auf. Pltzlich begann Sarudin rasch und gleichmig bla zu werden, als wenn eine graue Decke von auen ber seine Mienen gezogen wrde. Nun, weshalb schweigen Sie? ... Sagen Sie doch etwas! Trsten Sie doch! ... Lydas Stimme brach in einen hysterischen Schrei ab, vor dem sie selbst erschreckte. Ich? ... Sarudins Unterlippe zitterte. Gewi! Kein anderer! Leider sind Sie es gerade! schrie sie, fast erstickt von bsen, verzweifelten Worten, die den letzten Schleier der Feinheit zwischen ihnen zerrissen und mit einemmal aus ihnen eine verzerrte Bestie herausbrechen lieen. Reihen von Gedanken durchschlpften blitzschnell, einem Schwarm flinker Muse gleich, das Hirn Sarudins. Sein erster Gedanke war, Lyda Geld zu geben, damit sie die Frucht abtreibe und der Sache ein Ende mache. Aber trotzdem er das fr das Beste hielt, wagte er es nicht vorzuschlagen. Das habe ich wirklich nicht erwartet, stammelte er. Nicht erwartet? ... So. Und mit welchem Recht wagten Sie es, das nicht zu erwarten? Lyda ... ich habe doch eigentlich nichts ... Sarudin frchtete seine eigenen Worte schon im Voraus, sah aber ein, da es gesagt werden mute. Lyda verstand ihn auch so. Wilde Verzweiflung durchbrach ihr schnes Gesicht. Ohnmchtig lie sie die Hnde fallen und setzte sich aufs Bett. Gott, was soll ich denn nur machen, sagte sie mit seltsamer Nachdenklichkeit vor sich hin. Soll ich ins Wasser gehen ... oder wie, was? ... Na, ... warum gleich das! Und wissen Sie, Viktor Sergejewitsch ... Sie htten wahrscheinlich garnichts dagegen, wenn ich es wirklich tte! In ihren Augen und den Zuckungen der feinen Lippen lag etwas so Trauriges und Furchtbares, da Sarudin unwillkrlich die Augen abwendete. Lyda stand auf. Ekelndes Grauen packte sie pltzlich, da sie nur einen Augenblick an ihn als ihren Retter denken konnte; daran, da sie mit ihm fr immer leben sollte. Und nun wnschte sie, nur noch einmal mit der Hand abzuwinken, um ihm mit dieser einen Bewegung ihre Verachtung auszudrcken und alle Demtigungen zu rchen; doch sie fhlte, da sie, sobald sie zu sprechen begnne, auch anfangen msse, zu weinen und sich dann nur noch mehr erniedrigen wrde. Eine Regung des Stolzes, der letzte Ueberrest der schnen und starken Lyda, hielt sie davon zurck. Statt dessen sagte sie nur, zusammengepret, aber klar und deutlich: Rindvieh! Dann strzte sie zur Tr, da die Spitzenmanschetten der Aermel von der Klinke erfat und zerrissen wurden. Sarudin stieg das Blut zu Kopf. Htte sie ihm Halunke oder Schurke zugerufen, so wrde er das ganz ruhig ertragen haben, aber gerade das Wort Rindvieh klang besonders hlich und widersprach ganz der Vorstellung, die er sich ber seine Person gebildet hatte, er wurde vollstndig verwirrt. Sogar das Weie seiner schnen, konvexen Augen rtete sich. Er lchelte ratlos, zuckte die Schultern, ri seinen Kittel auf und schlo ihn wieder und empfand im Augenblick nur, da er tief unglcklich sei. Aber gleichzeitig damit begann in irgend einem Winkel unwillkrlich das Gefhl der Freude darber zu wachsen, da die Affre mit Lyda so oder anders, doch auf jeden Fall zu Ende kam. Ein feiger Gedanke flsterte ihm wieder zu, da ein solches Mdchen wie Lyda ihn niemals mehr aufsuchen wrde. Eine Sekunde lang tat es ihm leid, da ihm eine so schne und geschmackvolle Geliebte verloren gehen sollte, aber dann schlug er gleichgltig mit der Hand durch die Luft und dachte: Hol's der Teufel, es gibt deren viele. Er ordnete den Kittel, zndete sich mit Fingern, die noch zitterten, eine Zigarette an, markierte auf dem Gesichte einen geschickten, sorglosen Ausdruck und ging zu seinen Gsten zurck. XVII An dem Spiel war auer dem betrunkenen Malinowski niemand mehr interessiert. Alle beschftigte allein die Frage, was fr ein Mdchen zu Sarudin gekommen sei. Die, welche errieten, da es sich um Lyda Ssanina handele, waren unbewut neidisch, und ihre Einbildung strte sie am Spiel, indem sie ihnen Lydas ungekannte Nacktheit und ihre Intimitten mit Sarudin vorspiegelte. Ssanin blieb nicht lange bei den Karten sitzen. Er stand auf und sagte: Ich mache nicht mehr mit! Auf Wiedersehen! Warte, Bruder, wo willst du hin? fragte Iwanow. Will mal hingehen und nachschauen, was da eigentlich passiert. Ssanin zeigte mit den Fingern auf die geschlossene Tr. Alle belachten seine Worte als einen Scherz. Genug, den Hans Narr zu spielen! Komm, setz dich hin, genehmigen wir einen. Du bist selbst ein Hans Narr, erwiderte Ssanin gleichgltig Iwanow und ging hinaus. Als er in eine schmale Gasse trat, in der saftige und dichte Nesselstrucher wuchsen, machte er sich zunchst klar, wo sich die Fenster von Sarudins Zimmer befinden muten. Es gelang ihm, die Nesselstrucher vorsichtig mit dem Fue beiseite zu drcken; er kam bis an den Zaun und kletterte elegant hinauf. Oben verga er fast, weshalb er hinaufgeklettert war, so angenehm war es ihm, von dem hohen Platz herab, auf das grne Gras und den dichten Garten zu schauen und mit allen von der Bewegung angespannten Muskeln, den frischen, weichen Luftzug zu empfinden, der die Hitze milderte, und frei durch seine dnne Bluse hindurchlief. Dann sprang er wieder hinab, trat in die Nesseln, kratzte melancholisch die verbrannten Stellen und schritt durch den Garten. Er trat grade in dem Augenblick an das Fenster, als Lyda zu Sarudin sagte: Und haben Sie denn selbst nichts gemerkt? ... Sofort verstand er an dem seltsamen Tonfall ihrer Stimme, um was es sich handelte. Mit den Schultern an die Wand gelehnt, blickte er in den Garten hinein und lauschte doch interessiert den Stimmen, die durch die Erregung entstellt waren. Es tat ihm um die schne, in den Schmutz gezogene Lyda leid, zu derem reizenden Bild das rauhe, tierische Wort schwanger so garnicht pate. Aber noch tiefer als der Inhalt ihres Gesprchs berhrte ihn der sonderbare und unsinnige Kontrast zwischen den erbosten Menschen im Zimmer und der lichten Stille des grnen Gartens, die auch diesen Menschen von der Natur gegeben war. Ein weier Falter schwebte leicht durch das Gras; sich in der sonnigen Luft badend, senkte er sich und schwirrte wieder empor. Seinen Flug verfolgte Ssanin ebenso aufmerksam, wie die Worte im Zimmer. Als Lyda Rindvieh schrie, lachte Ssanin hell auf, prallte mit seinem ganzen Krper von der Wand zurck und ohne daran zu denken, da man ihn sehen knnte, schritt er langsam durch den Garten. Eine Eidechse, die gewandt seinen Weg kreuzte, lockte seine Aufmerksamkeit; sein Blick lief lange hinter ihrem biegsamen Krperchen her, das elegant durch die grnen Grasbschel glitt. XVIII Lyda ging nicht nach Hause, sondern lief in der entgegengesetzten Richtung gradaus. Die Straen waren leer; die Luft, von den heien Sonnenstrahlen mit Glutwellen durchsetzt, zitterte schwer. Kurze Schatten lagen hart an Zunen und Mauern, wie vernichtet von der triumphierenden Glut. Lyda schtzte sich nur aus Gewohnheit mit ihrem Schirm, ohne zu bemerken, ob es hei oder khl wre, hell oder dunkel; sie lief schnell die mit staubigem Gras bewachsenen Zune entlang und schaute mit trockenen, glnzenden Augen, gesenkten Kopfes, auf ihre Fe. Ab und zu begegneten ihr erhitzte und keuchende Menschen, die von der Hitze schon ganz zermrbt waren; aber es waren nur wenige. Sommerliche Nachmittagsstille lag ber der Stadt. Ein fremdes, weies Hndchen beschnffelte eilig und vorsichtig Lydas Rock und trottete ihr dann voran, sah sich um und wedelte mit dem Schwanz, als Beweis, da es mit ihr zusammenhalten wolle. An einer Straenecke stand ein kleiner, grotesk dicker Knabe, aus dessen Hose hinten das Hemdchen stach; mit beerenbeschmutzten Backen pfiff er verzweifelt auf einer Schote. Lyda winkte dem Hndchen mit der Hand zu, lchelte den Jungen an; alles das aber streifte nur die Oberflche ihres Bewutseins; ihre Seele blieb verschlossen. Eine dstere Macht, die sie von der ganzen Welt trennte, ri sie, die Einsame und Tote, eilends weiter, an dem lichten Grn der Sonnenhelle und der Lebensfreude vorbei, immer weiter und weiter, einem schwarzen Abgrund entgegen, dessen Nhe sie bereits an der khlen und erschlaffenden Wehmut fhlte, die ihr Herz umzog. Ein bekannter Offizier ritt an ihr vorbei. Sobald er sie bemerkte, lie er seinen verschwitzten Fuchs tnzeln und karessieren. Auf dem glatten Fell des Pferdes glitt die Sonne mit goldschmiedenen Tupfen nieder. Lydia Petrowna, rief er mit lauter und frhlicher Stimme. Wohin gehen Sie in dieser Hitze? Lyda lie ihre Augen unbewut ber seine kleine Mtze, die fesch auf seiner halbgerteten Stirn sa, gleiten und schwieg, obgleich sie ihn aus Gewohnheit kokett anlchelte. Doch fragte sie sich in diesem Augenblick selber ratlos: Wo soll ich denn nur hin? ... In ihr war kein Ha gegen Sarudin; sie dachte garnicht an ihn. Als sie vorher, ohne selbst zu wissen, weshalb, zu ihm gegangen war, schien es ihr unmglich zu sein, allein weiterzuleben und ihr Unglck ohne ihn zu berwinden. Aber jetzt war er einfach aus ihrem Leben verschwunden. All dies war gewesen und war gestorben; -- was zurckblieb, ging nur sie an und konnte nur durch sie allein gelst werden. Ihre Gedanken arbeiteten fieberhaft schnell und deutlich. Das Entsetzlichste war, da allmhlich die stolze Lyda verschwand und an ihre Stelle ein kleines, gehetztes, beschmutztes Tierchen trat, das alle Menschen verhhnen werden und das nun ganz hilflos gegen Geklatsch und Gekeif dastehen wird. Doch ihr Stolz und ihre Reinheit muten davor behtet werden; sie mute sich aus dem Schmutze dorthin retten, wo sie die klebrige Welle nicht mehr erreichen konnte. Und in einer Sekunde hatte Lyda sich klar gemacht, da es um sie leer wurde, da Sonnenlicht und Menschen nicht mehr fr sie existieren; sie wrde unter ihnen einsam bleiben. Es gibt keinen Platz mehr, auf dem sie frei und aufrecht stehen kann; sie mu sterben, sie mu ins Wasser gehen. Das erschien ihr so abgeschlossen und sicher, als wenn sich zwischen ihr und alldem, was frher war und was noch htte kommen knnen, eine steinerne Kreismauer aufbaute. Fr einen Augenblick schwand sogar die eigenartige, widerwrtige Empfindung, die sich in ihr seit jener Zeit, da sie zum erstenmal erriet, da ein unbegreiflich neues Wesen ihr Leben in Trmmern schlug, festgesetzt hatte. Um sie herum bildete sich eine leichte, farblose Leere, in der die Gleichgltigkeit des Todes herrschte. -- -- -- Wie einfach doch das alles im Grunde ist. -- -- -- Man braucht doch eigentlich nichts weiter ... dachte Lyda sich umwendend. Nach und nach schritt sie schneller aus und doch kam es ihr, trotzdem sie fast nicht mehr ging, sondern rannte, noch immer unertrglich langsam vor. Dazu verwickelten sich ihre Fe fortgesetzt in ihren zu weiten, modernen Rock. Nur dieses Haus und dann noch eines mit grnen Lden und dann nur noch den Bauplatz ... Der Flu, die Brcke, und das, was sich dort unbedingt ereignen wrde, trat nicht vor Lydas Augen. An ihrer Stelle lag irgend ein leerer Nebelfleck, in dem alles versinken mute. Aber dieser Zustand hielt nur so lange an, bis Lyda die Brcke betrat. Sowie sie am Gelnder stehen blieb und das trbe, grne Wasser unten pltschern sah, schwand sofort das Gefhl der Gewichtslosigkeit und in ihr ganzes Wesen senkte sich schwere Angst und klammerndes Verlangen nach dem Leben. Sofort vernahm sie auch wieder den Schall der verschiedensten Stimmen, das Zwitschern der Spatzen, sah das Sonnenlicht, weie Gnseblmchen zwischen krausem Ufergras und das weie Hndchen, welches zu dem endgltigen Entschlu gekommen war, Lyda als seine legitime Herrin zu betrachten. Es setzte sich vor sie nieder, zog das Vorderpftchen etwas an, und klopfte mit seinem weien Schwnzchen rhrselig auf die Erde. Lyda sah das Hndchen ernst an und drckte es pltzlich in einer leidenschaftlichen, verzweifelten Aufwallung an sich. Schwere Trnen traten ihr in die Augen und das Gefhl des Mitleides mit ihrem schnen, untergehenden Leben war so stark, da ihr der Kopf schwindelte und sie sich auf das sonnenerhitzte Gelnder sttzte. Bei dieser Bewegung fiel ihr der Handschuh ins Wasser; mit unbegreiflichem, stummen Entsetzen verfolgte sie ihn mit den Augen. Kreisend trieb er auf der Oberflche, dann sank er lautlos durch die glatte, schlfrige Wasserdecke nach unten. Rasch wachsende Kreise liefen dem Ufer zu und Lyda konnte noch immer sehen, wie der hellgelbe Handschuh dunkler wurde und ganz allmhlich in der ernsten, grnlichen Tiefe verschwand. Pltzlich stieg er noch einmal, eigentmlich, wie in einer schwermtigen Agonie, nach oben und drehte sich wiederum in langsamen, kreisfrmigen Bewegungen. Lyda spannte ihre Blicke an, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren, aber der gelbe Fleck wurde immer kleiner und dunkler, durchbrach dann noch einmal die grnliche Decke und verschwand endlich lautlos. Ebenso wie frher lag jetzt wieder eine glatte, schlfrige, dunkle Flche vor Lydas Augen. Wie kam es denn, Frulein! ertnte in der Nhe eine weibliche Stimme. Erschrocken wandte sich Lyda um und sah in das Gesicht eines dicken Weibes, das sie mit neugierigem Mitleid anblickte. Obgleich sich dieses Mitleid nur auf den hineingefallenen Handschuh bezog, schien es Lyda, da dieses dicke, gutmtige Weib sie kennen und bedauern msse. Fr einen Augenblick kam ihr der Gedanke, es wrde ihr leichter werden, wenn sie ihr einfach alles erzhlen wollte. Doch zur gleichen Zeit, wie in zwei Teile gespalten, verstand Lyda, da diese Gedanken unsinnig waren. Sie wurde rot, kam in Hast, stammelte: Ach nichts, garnichts, und lief eilig und schwankend, wie eine Betrunkene, von der Brcke fort. -- -- -- Hier geht es nicht, das sieht man schon, schwirrte es durch die kalte Leere, die sich in Lydas Kopf ausgebreitet hatte. Sie ging nach links abbiegend, einen schmalen Pfad am Ufer entlang, der zwischen Nesseln, Winden und bitterriechendem Wermut ausgetreten war, neben sich den Flu und die verwachsene Hecke eines Gartens. Hier war alles still und friedlich wie in einer Dorfkirche. Die Weiden blickten mit nachdenklich gesenkten, feinen Zweigen ber das Wasser. Die Sonne warf bunte Flecken und Streifen auf das grne, steile Ufer. Die breiten Windenbltter lagen starr in den hohen Nesselbschen und harte Disteln hefteten sich an die breiten Spitzen von Lydas Rock. Irgend ein krauses Gras, hoch wie ein Bumchen, bestreute sie mit feinem, weien Staub. Jetzt mute sie sich schon zwingen, entgegen der starken, inneren Kraft, die mit ihr rang, den Ort zu erreichen, wohin es sie vorher von selbst getrieben hatte. ... Ich mu, ... ich mu, ... ich mu ... wiederholte sich Lyda mit eiserner Energie. Doch als ob sie noch auf jedem Schritt irgend welche zhe Fesseln zu zerreien htte, konnte sie ihre Fe nur mit Mhe vorwrts schieben, einer bestimmten Stelle zu, die ihr jetzt ohne zu wissen warum, als das Ende des Weges bestimmt schien. Als sie sie erreicht hatte, und unter dem dnnen, verworrenen Gestruch das kalte Wasser erblickte, welches schnell das berhngende Ufer umflo, begann sie zu begreifen, wie stark in ihr noch der Drang zu leben war und wie entsetzlich das Sterben ist. Und da sie dennoch sterben mute, weil sie nicht leben durfte. Ohne hinzusehen, warf sie den zweiten Handschuh und den Schirm auf das Gras, und ging ber den Pfad hinaus durch dichte Disteln an das Ufer heran. In diesem Augenblick erinnerte sich Lyda an unermelich vieles und vieles durchlebte sie: -- und tief in ihrer Seele stammelte ohne Unterla ein kindlicher Glaube, der lngst vergessen und von neuen Gedanken zurckgedrngt worden war, voll naiven Flehens und voller Angst: Mein Gott, mein Gott, hilf mir doch! -- -- -- Irgendwie drngten sich die Tne einer Arie dazwischen, die sie vor kurzem am Piano bte, und schwirrten lckenlos durch ihren Kopf. Sie erinnerte sich an Sarudin, hielt sich aber nicht bei diesem Gedanken auf. Dann stieg das Gesicht der Mutter, das ihr in diesem Augenblick unendlich teuer und lieb war, vor ihr auf und gerade hierdurch wurde sie von neuem dem Wasser zugestoen. Niemals vorher oder spter, verstand Lyda mit solcher Klarheit und Tiefe, da die Liebe der Mutter und all der anderen Menschen, im Grunde genommen garnicht ihr selbst, so wie sie mit ihren Mngeln und Wnschen war, galt, sondern nur dem, was sie in ihr sehen wollten. Nun aber, wo sie nackt wurde und sich von dem Wege entfernte, den diese Leute allein fr gangbar hielten, mute sie von ihnen um so mehr mihandelt werden, als sie frher geliebt worden war. Dann verwirrte sich alles wie im Fieber: Angst und der Trieb zu leben, das Bewutsein der Unentrinnbarkeit, Hoffnung auf irgend etwas und doch die Sicherheit, da alles zu Ende sei, die Verzweiflung, die qualvolle Erkenntnis der Stelle, an der sie sterben sollte; pltzlich auch die Gestalt eines Menschen, der ihrem Bruder hnlich sah und eilig ber die Hecke geklettert kam. In diesem Augenblick rief er sie auch keuchend an: Etwas Dmmeres httest du dir auch nicht aussuchen knnen! Jener unfabare Zusammenhang von Wnschen und Trieben, fhrte Lyda gerade zu dem Fleck, wo Sarudins Garten endete, und wo sie sich ihm einst auf halbzerfallener Hecke, in unbequemer Lage, vor dem Mondlicht durch den schwarzen Schatten der Bume gedeckt, hingegeben hatte. Ssanin hatte sie schon von weitem gesehen und erkannt; er erriet sogleich, was sie im Sinne hatte. Seine erste Bewegung war fortzugehen und sie in nichts zu stren. Aber ihre, offenbar unbewut hastigen Bewegungen, zogen sein Herz vor Mitleid zusammen; er strzte, ohne zu berlegen, im Laufschritt ber die Strucher und Bnke des Gartens springend, zu ihr hin. Seine Stimme machte einen furchtbaren Eindruck auf sie. Ihre Nerven, bis zum uersten im Kampfe mit sich selbst angespannt, erschlafften augenblicklich, ihr Kopf wurde von Schwindel ergriffen, und alles um sie begann sich mit leichten Kreisbewegungen von ihr zu entfernen. Lyda konnte nicht mehr fassen, wo sie sich eigentlich befand, ob im Wasser oder auf dem Ufer. Hart am Rande gelang es Ssanin noch, sie zu ergreifen; seine eigene Geschicklichkeit und Kraft kamen ihm angenehm zum Bewutsein und riefen in ihm ein starkes Gefhl der Freude hervor. So, sagte er befriedigt. Dann fhrte er Lyda zur Hecke, setzte sie herauf und sah sich ratlos um. -- -- -- Was soll ich nur mit ihr anfangen, dachte er. Doch Lyda kam sofort wieder zu sich; bla, verwirrt und wie zerbrochen, weinte sie bitter und unaufhaltsam vor sich hin. Gott, Gott, stammelte sie, wie ein Kind schluchzend. Du bist ein Dmmchen, sagte Ssanin zrtlich und mitleidsvoll. Lyda hrte ihn nicht; aber als er eine Bewegung machte, klammerte sie sich krampfhaft und fest an seinen Arm und weinte noch lauter. Was tue ich nur, dachte sie mit Entsetzen. Ich darf doch nicht weinen; ich mu ja jetzt das Ganze als Scherz hinstellen, sonst errt er alles. Nun leidest du, meinte Ssanin, und streichelte sie weich ber die Schultern; es war ihm angenehm, so zrtlich sprechen zu knnen. Lyda sah unter dem Rand des Hutes herauf, ganz kindlich in sein Gesicht; pltzlich wurde er still. Ich wei ja alles. Die ganze Geschichte kenne ich schon lange. Trotzdem Lyda wute, da ihre Beziehungen zu Sarudin den Leuten bekannt waren, ri sie sich mit ihrem ganzen biegsamen Krper von Ssanin los, als wenn er sie ber das Gesicht geschlagen htte. Ihre weitgeffneten, im Augenblick ausgetrockneten Augen, hefteten sich mit dem prachtvollen Entsetzen eines reizenden, gehetzten Tieres auf den Bruder. Nun, was tust du so, als wenn ich dir auf den Schwanz getreten htte. Ssanin lchelte gutmtig, griff sie mit Vergngen an die runden, weichen Schultern, die unter seinen Hnden ngstlich zitterten, und hob sie wieder auf die Hecke. Unterwrfig nahm Lyda die frhere, gebrochene Stellung ein. Was hat dich denn so zerschmettert? Da ich alles wei? ... Als du dich Sarudin hingabst, glaubtest du da so schlecht zu handeln, da du dich jetzt vor dem offenen Eingestndnis frchtest? Das begreife ich berhaupt nicht. Und, da Sarudin dich nicht heiraten wollte. Nun, danke Gott dafr! Jetzt weit du es ja selbst ... und du hast es auch frher gewut, da dieses Kerlchen ein ganz schmutziges und niedertrchtiges Kerlchen ist, obgleich er hbsch ist und -- -- sich sicher zur Liebe eignet. Ja, das war das einzige Schne in ihm, die Schnheit, na und die hast du wohl zur Genge ausgekostet. -- -- -- _er_ meine und nicht _ich_ ... oder auch ich? ... Ja, ... Gott, Gott, ... schwirrte es in dem heien Kopfe Lydas. Ja, da du schwanger bist ... Lyda schlo die Augen und zog den Kopf tief in die Schultern ein. Das ist natrlich schlimm, fuhr Ssanin mit weicher, fast lautloser Stimme fort. Erstens, ... es ist eine furchtbar langweilige Geschichte, Kinder in die Welt zu setzen, ... schmutzig und sinnlos. Zweitens, die Leute werden dich dann zu Tode hetzen ... Und das wird wohl die Hauptsache sein! Lydotschka, du meine kleine Lydotschka, fiel sich Ssanin selbst in strmischem Aufwallen schner, zarter Empfindungen ins Wort. Niemandem hast du doch etwas Bses getan, und wenn du selbst ein Dutzend Ghren zur Welt brchtest; -- Herrgott, kein andrer hat Unannehmlichkeiten davon als du. Ssanin schwieg still und bi nachdenklich auf den Schnurrbart; die Arme hielt er auf der Brust verschrnkt. Ich wrde dir sagen, was du machen sollst, aber dazu bist du zu schwach und dumm ... Dafr reicht dein Mut nicht aus. Aber auch zu sterben lohnt sich nicht. Sieh nur, wie schn alles ist. Sieh, wie die Sonne leuchtet, sieh, wie das Wasser fliet. Stelle dir doch vor, da man nach deinem Tod erfhrt, du wrest schwanger gewesen. Was geht es dich dann an. Folglich stirbst du nicht, weil du schwanger bist, sondern nur weil du die Menschen frchtest. Weil du Angst davor hast, da sie dir keine Ruhe lassen. Das Entsetzliche deines Unglcks besteht nicht darin, da es an und fr sich ein Unglck ist; nein, nur darin, da du es zwischen dich und dein Leben stellst. Und du denkst dir, es gbe nichts weiter hinter ihm. Du frchtest dich doch nicht vor den Menschen, die dich nicht kennen; natrlich nur vor denen, die dir am nchsten stehen. Und am meisten vor allen, die dich lieben. Und fr die ist dein Fall ein schwerer Schlag, aber nur, weil, weil er nicht auf dem Ehebett, sondern irgendwo im Wald auf dem Grase oder sonstwo vor sich ging. Die werden doch nicht zgern, dich fr deine Snde zu bestrafen, -- was kann dir also noch an ihnen liegen? ... Du siehst, sie sind dumm, grausam und philisterhaft, -- warum sich also qulen und in den Tod gehen, weil dumme, abgeschmackte, grausame Menschen existieren ... Lyda richtete weit geffnete, fragende Augen auf ihn; in ihrem Blick sah Ssanin einen Funken von Verstndnis aufblitzen. Was kann ich aber sonst tun? ... Was kann ich tun? ... sagte sie schwermtig. Zwei Auswege hast du vor dir: entweder du machst dich von diesem Kinde frei ... dieses Geschpf fehlt ja noch niemandem auf der Welt; seine Geburt wird auch niemandem etwas anderes als Schaden bringen ... Schwere Angst zeigte sich in Lydas Augen. -- -- -- Es ist vielleicht grausam, ein Wesen zu tten, das bereits die Freude des Lebens und den Schrecken des Todes verstanden hat, aber einen Keim zu tten, ein sinnloses Klmpchen von Blut und Fleisch ... In Lyda entstand ein sonderbares Gefhl. Zuerst eine prickelnde Scham, als wenn man sie bis zur Nacktheit entkleidet und mit groben Fingern in den tiefsten Geheimnissen ihres Krpers gewhlt htte. Sie frchtete, den Bruder anzusehen, damit sie beide nicht vor Scham vergingen. Aber die grauen Augen Ssanins blinzelten garnicht; sie sahen scharf und klar vor sich; seine Stimme klang ruhig und fest, es war, als sprche er ber die selbstverstndlichsten und gewhnlichsten Dinge. Unter der Unbeweglichkeit dieser Worte zerflo die Scham; sie verlor ihre Schrfe, ja fast ihren Sinn. Lyda sah den tiefen Grund in diesen Worten und fhlte, da sie jetzt jede Angst berwunden hatte. Dann, ber die Schrfe ihres Denkens erschreckt, fate sie sich mit Verzweiflung an die Schlfen; die Aermel ihres Kleides schwangen sich wie die Flgel eines aufgestrten Vogels. Ich kann es nicht, kann nicht, fiel sie ihm ins Wort. Vielleicht ist es auch so, ... mglicherweise ... aber ich kann es nicht ... es ist zu entsetzlich. Nun, wenn du es nicht kannst, ... was ist da zu tun, sagte Ssanin, vor ihr niederknieend, und zog ihre Hnde still vom Gesicht ab. Dann werden wir es verheimlichen. Ich werde es dahin bringen, da Sarudin von hier abreist und du ... heiratest Nowikow und wirst glcklich werden ... Ich wei sicher, wenn nicht diese hbsche Bestie von Offizier gekommen wre, wrdest du Nowikow lieb gewonnen haben ... Sicher wre es dazu gekommen. Bei dem Namen Nowikow schwang sich etwas Helles und Liebes wie ein lichter Strahl durch Lydas Seele. Weil sie durch Sarudin so unglcklich geworden war, weil sie fhlte, da Nowikow sie niemals dahin gebracht htte, erschien ihr eine Sekunde lang das Ganze als ein einfacher und leicht gutzumachender Irrtum, aus dem alles Entsetzliche verschwinden msse: Sogleich wird sie aufstehen, gehen, ein paar Worte sprechen und lcheln; und gleich wird sich das Leben wieder in seinen leuchtenden Sonnenfarben vor ihr entfalten. Wieder wird sie frei atmen drfen, wieder lieben, nur um vieles besser, strker und reiner. Doch sofort erinnerte sie sich, da die Hoffnungen zwecklos wren, da sie bereits durch die unwrdige, sinnlose Hingabe beschmutzt und zerknllt sei, wie ein Fetzen Papier. Ein ungewhnlich grobes Wort, das ihr kaum bekannt und niemals von ihr gebraucht war, trat ihr pltzlich ins Bewutsein. Mit diesem Ausdruck brandmarkte sie sich wie mit einer schweren Ohrfeige in schmerzhafter Wollust; sie erschrak vor sich selbst. -- -- -- Herrgott, aber ist es wirklich schon so weit? ... Bin ich denn solch eine. Ja, gewi, so eine. Ganz genau so. Hier zeigt es sich. Was sprichst du da? ... flsterte sie verzweiflungsvoll ihrem Bruder zu und schmte sich ihrer wie immer klangvollen und schnen Stimme. Und was denn sonst? ... fragte Ssanin zurck. Er schaute von oben herab auf ihre schnen in Unordnung geratenen Haare und den gesenkten weien Nacken, auf dem ein leichter goldiger Tupfen Sonnenlichts, der durch die Bltter hindurchgefallen war, schwankte. Ihm wurde allmhlich ngstlich zumute, da es ihm noch nicht gelungen war, sie zu berreden und da dieses schne, sonnige Mdchen, welches so vielen Glck zu geben vermochte, in sinnlose Leere versinken sollte. Lyda schwieg hilflos. Sie strengte sich an, in sich die herbeigesehnte Hoffnung zu ersticken, die gegen ihren Willen ihren ganzen Krper erfat hatte. Ihr schien, da es nach dem Geschehenen nicht nur beschmend wre, weiterzuleben, sondern da allein schon der Wunsch nach dem Leben unrecht war. Aber ihr starker, glutvoller Krper stie diese schwchlichen Gedanken wie ein Gift von sich und wollte die verkrppelten, migeborenen Kinder nicht als die Seinen anerkennen. Warum schweigst du denn, fragte Ssanin. Das ist doch unmglich ... das wre gemein ... ich ... Hr mit dem Unsinn auf, erwiderte er mivergngt. Lyda schielte wieder mit ihren schnen Augen voll Trnen und verborgenen Wnschen auf ihn. Ssanin blieb still, ri an einem kleinen Zweig, bis er abbrach und warf ihn von sich. Gemein, gemein, wiederholte er. Dich hat wohl furchtbar berrascht, was ich dir vorschlug ... Weshalb? ... Glaube, weder du noch ich, wir werden beide auf diese Frage keine bestimmte Antwort geben knnen. Und wenn wir selbst eine fnden; es wird doch keine rechte sein ... Ein Verbrechen? ... Was ist denn ein Verbrechen? ... Wenn die Mutter bei der Geburt vom Tode bedroht wird, so ist es kein Verbrechen, ein bereits lebendes Kind, das jeden Augenblick losbrllen will, in Stcke zu schneiden, zu vierteilen, ihm den Kopf mit einer sthlernen Zange zu zerdrcken. Es ist eben nur eine unglckliche Notwendigkeit. Und einen unbewuten physiologischen Proze, irgend etwas noch nicht Existierendes, irgend eine chemische Reaktion, einzuhalten, das ist ein Verbrechen, etwas Entsetzliches, ja ... Ein Verbrechen! Obgleich das Leben der Mutter davon genau so gut abhngt und sogar noch etwas greres als ihr Leben ... ihr Glck. Warum das eigentlich! Niemand kann darauf eine Antwort geben, aber alle brllen Bravo ... Ssanin lchelte. Ja, so sind sie, die Menschen, so machen sie sich irgend ein Schemen, ein Gesetz, eine Fata Morgana und leiden darunter ... Und dann schreit man noch ... Der Mensch, das ist was herrliches, ist erhaben, unbegreiflich, ... ein Mensch ist ein Knig ... Ein Knig der Natur, der niemals zum Herrschen kommt ... Immer frchtet er sich vor seinem Schatten ... Ssanin schwieg eine Weile. Aber im Uebrigen handelt es sich ja garnicht darum. Du sagst ... Niedertrchtig ... Nun, ich wei nicht, ... vielleicht. Aber wenn man jetzt Nowikow von deiner Geschichte erzhlte, wird er ein tragisches Drama durchleben, sich vielleicht erschieen, aber, er wird doch nicht aufhren, dich zu lieben. Und er wird selbst daran Schuld haben, weil er eben an demselben Aberglauben leidet. Vor der Oeffentlichkeit wird er das natrlich nicht zugeben. Wenn er wirklich vernnftig wre, wrde er sich gar nicht darum kmmern, da du schon mit irgend jemandem zusammengelegen hast. Weder dein Krper noch deine Seele sind dadurch im Geringsten schlechter geworden. Herrgott, eine Witwe zum Beispiel wrde er doch ohne weiteres heiraten. Also offenbar handelt es sich garnicht um die Tatsache; es liegt einfach an der Konfusion, die in seinem Kopfe herrscht. Und du? ... Ja, wenn die Menschen nicht anders knnen, als nur einmal zu lieben, ja, dann wrde wohl bei dem Versuch, es ein zweites Mal zu tun, nichts herauskommen. Es mte nur schmerzhaft, unbequem, abscheulich sein. Aber das ist doch nicht im geringsten der Fall. Alles ist gleich angenehm und vergnglich. Du wirst Nowikow lieben ... oder -- liebst du ihn wirklich nicht? Weit du, so reise doch mit mir mit, Lydotschka! Man kann doch berall leben. Lyda seufzte, und strengte sich an, aus ihrem Innern etwas Schweres fortzustoen. -- -- -- und vielleicht wird wirklich alles wieder gut. Nowikow ... er ist doch lieb, gut ... und auch hbsch ... Aber nein, ich wei nicht ... Und welchen Zweck htte es nun gehabt, wenn du dich wirklich ersuft httest. Gut und Bse wrde weder Gewinn noch Verlust dadurch haben, nein, nur Schleim wrde deiner aufgedunsenen, formlosen Leiche ankleben, dann wrde man dich herausziehen und einbuddeln, ... weiter nichts. Vor Lydas Augen tat sich eine grne, unheimliche Tiefe auf, schleimige Fden, Streifen, Blasen schlngelten sich in langsamen Windungen an sie heran; im selben Augenblick packte sie auch schon eine furchtbare Bangigkeit. Nein, nein, niemals, ... lieber die Schande, Nowikow, -- alles mgliche, nur nicht das! dachte sie erblassend. Da siehst du, wie du vor Grauen vollstndig zusammenklappst. Lyda lchelte durch Trnen und dieses zufllige, eigene Lcheln erwrmte sie, als wenn es ihr bewiese, da es noch mglich sei, zu lachen. ... Was auch sein mag, ich werde leben; -- -- sie dachte es mit leidenschaftlichem und fast triumphierendem Impuls. Na siehst du! ... Es gibt nichts Ekelhafteres, als Gedanken an den Tod. Solange man noch nicht vollstndig fertig ist, nichts mehr vom Leben sieht und hrt, lebe man weiter! Nicht? ... Na, gib doch das Pftchen. Lyda reichte ihm ihre Hand und in ihrer scheuen, weiblichen Bewegung lag kindliche Dankbarkeit. Na, welch ein hbsches Hndchen du doch hast! ... Lyda lchelte und schwieg. Nicht die Worte Ssanins waren es, die die Vernderung in ihr hervorgerufen hatten. In ihr selbst pulsierte hartnckiges und freies Leben. Eine Minute des Schweigens und der Schwche spannten es nur noch strker wie eine Saite an. Noch eine Bewegung und die Saite wre geplatzt. Aber diese Bewegung kam nicht. Ihre ganze Seele sang noch lauter und klangvoller von Lebenslust und rcksichtsloser Kraft. Mit Entzcken und Verwunderung ber die Frische, die ihr selbst seit langem nicht mehr bekannt war, lauschte Lyda auf sich und erfate in jedem Atom das mchtige, freudige Leben, das sie umflutete, das heraufbrauste aus dem Lichte der Sonne, dem grnen Grase, dem flieenden, von der Sonne tiefdurchtrnkten Wasser, dem lchelnden, ruhigen Gesicht des Bruders und aus ihr selbst. Es schien ihr, da sie das alles zum ersten Male in ihrem Leben sah und fhlte. Lebe! -- -- Lebe! rief es betubend und freudig in ihr. So, -- so ist es gut, sagte Ssanin. Ich helfe dir im Kampfe, in dieser schweren Zeit und du, -- -- gib du mir dafr einen Ku, -- -- du bist so schn. Lyda lchelte schweigend, ihr Lcheln war unbestimmt. Ssanin legte die Hand um ihre Taille und, whrend er fhlte, wie sich ihr warmer, elastischer Krper in seinen sehnigen Armen dehnte und anschmiegte, zog er sie fest und berlegen an sich. In Lydas Seele ging etwas Eigenartiges, aber unsglich Angenehmes vor. Alles lebte in ihr und verlangte gierig nach einem noch strkeren Leben. Ohne sich selbst Rechenschaft abzulegen, umschlo sie langsam den Nacken ihres Bruders mit beiden Armen und prete, die Augen geschlossen, die Lippen zum Kusse zusammen. Als die heien Lippen Ssanins lange und schmerzhaft die ihren kten, fhlte sie sich unsglich glcklich. In dem Augenblick kmmerte es sie nicht, wer sie ksse, so wie es der von der Sonne beschienenen Blume nicht darauf ankommt, wer sie bescheint. -- -- -- Was tue ich nur, dachte sie mit freudigem Staunen. Ach ja, ich wollte mich ja aus irgendeinem Grunde ertrnken. O, wie schn ... nur nochmal, nochmal, ... jetzt ksse ich selbst, oh wie wunderschn und ganz gleich ist es ja, wer da ist ... nur leben, ... leben ... So, -- so, der Bruder lie sie aus den Armen, alles was gut ist, ist gut. Weiter braucht man nicht darber nachzudenken. Lyda machte langsam ihre Haare zurecht, sie blickte ihn mit einem glcklichen und doch sinnlosen Lcheln an. Ssanin reichte ihr Schirm und Handschuh; zuerst wunderte sich Lyda ber das Fehlen des einen, erinnerte sich dann aber an alles und lachte lange leise vor sich hin; -- sie berlegte, welchen schrecklichen Eindruck vorher das ganz bedeutungslose Inswasserfallen des einen Handschuhs auf sie gemacht hatte. -- -- -- und so ist alles, dachte sie, whrend sie mit dem Bruder das Ufer entlang schritt und ihre gespannte Brust der Sonnenglut entgegenstreckte. XIX Nowikow ffnete selbst Ssanin die Tre; er wurde mrrisch, als er ihn sah. Ihm war alles peinlich, was in ihm die Erinnerung an Lyda und an all das unbegreiflich Schne, das in seiner Seele, wie eine zersprungene, feine Vase in Trmmern gegangen war, wachrief. Ssanin bemerkte es und trat mit vershnlichem und zrtlichem Lcheln ein. In Nowikows Zimmer herrschte Unordnung. Die Sachen waren durcheinander geworfen, als wenn ein Sturmwind durchgefegt wre und den Boden mit Papierfetzen, Stroh und allerlei Plunder bestreut htte. Ohne jede Ordnung lagen auf dem Bett, den Sthlen und den aufgezogenen Schubladen der Kommode Bcher, Wsche, Instrumente, Taschen aufgestapelt umher. Wohin, fragte Ssanin, der Nowikows Absichten nicht begriff. Nowikow schob schweigend, ohne ihn anzusehen, ein paar Kleinigkeiten zusammen. Bruder, ich fahre in die Hungersnot. Ich habe ein Schreiben erhalten. Seine Worte waren ungeschickt und er wurde deswegen selbst auf sich zornig. Ssanin sah ihn, sah die Koffer an, dann wieder ihn und schmunzelte mit einem Mal vergngt. Nowikow schwieg und packte mechanisch ein paar Stiefel mit Glasrhren in ein Packet. Es war ihm schmerzlich zumute und er fhlte seine volle, trbe Einsamkeit. Wenn du so weiter packen willst, kommst du sicher ohne Instrumente und ohne Stiefel an. Ah ... sagte Nowikow. Er blickte flchtig auf. La mich ... Du siehst, es wird mir nicht leicht. Ssanin verstand ihn und schwieg. Nachdenkliche, sommerliche Dmmerung schwamm schon durch das offene Fenster und ber dem leichten Laub des Gartens verlosch der dnne, kristallklare Himmel. Nach meiner Meinung, begann Ssanin nach einer Pause, wrdest du besser tun, dich mit Lyda zu verheiraten, als wei der Teufel wohin zu reisen. Nowikow drehte sich unnatrlich rasch zu ihm herum und zitterte pltzlich am ganzen Krper. Ich mchte dich ersuchen, diese dummen Spe zu unterlassen, rief er mit klirrender Stimme. Dieser scharfe Laut seiner Stimme flog in den nachdenklichen, khlen Garten hinein und verklang eigenartig unter den stillen Bumen. Was gehst du denn gleich in die Hhe? fragte Ssanin. Hr auf, ... Nowikow sprach heiser, seine Augen wurden rund, seine Zge ganz unhnlich den weichen, gutmtigen, die Ssanin von frher kannte; doch er brach sofort wieder ab. Und willst du behaupten, da eine Heirat mit Lyda ein Unglck wre, fragte Ssanin ruhig weiter, wobei er nur mit den Augenwinkeln lchelte. Aufhren, hr auf, winselte Nowikow, schwankte wie ein Betrunkener, strzte sich dann pltzlich auf Ssanin, ergriff den ungeputzten Stiefel, der ihm zur Hand lag, und schwang ihn mit unbekannter Wut ber seinen Kopf. Nun, ruhig, du Teufel, schrie Ssanin zornig und wich unwillkrlich zurck. Nowikow warf den Stiefel mit Widerwillen von sich und blieb vor Ssanin schwer keuchend stehen. Du wolltest mich mit dem alten Stiefel ... Ssanin schttelte mibilligend den Kopf. Ihm war es um Nowikow leid; dabei schien ihm alles lcherlich, was er tat. Bist selbst daran Schuld ... erwiderte Nowikow sofort wieder schlaff werdend und sich schmend. Aber gleichzeitig empfand er Anhnglichkeit und Vertrauen zu Ssanin. Als wenn dieser gro und ruhig wre, er aber nur ein kleiner Knabe, so wollte er sich an ihn schmiegen, ihm klagen, was ihn bedrckte. Sogar Trnen traten in seine Augen. Wenn du wtest, wie schwer mir ist, sagte er abgebrochen, mit Mund und Kehle schluckend, um nicht in Weinen auszubrechen. Ja, mein Lieber, ich wei alles, suchte ihn Ssanin zrtlich lchelnd zu beruhigen. Nein, das kannst du nicht wissen, erwiderte Nowikow, whrend er sich mechanisch an Ssanins Seite setzte. Ihm erschien sein Zustand so ausnahmsweise schwer, da niemand fhig sein konnte, ihn zu verstehen. Doch, ich wei es, sagte Ssanin. Nun, wenn du nicht glaubst -- -- bei Gott! Wenn du dich nicht mehr mit deinem alten Stiefel auf mich strzen willst, werde ich sogar den Beweis antreten. Nun, wirst du nicht? Nein, entschuldige, Wolodja, stammelte Nowikow, beschmt, da er Ssanin mit dem Vornamen anredete, was er sonst nie tat. Ssanin gefiel es gerade und darum wurde in ihm der Wunsch, zu helfen und alles beizulegen, nur noch strker. Hre zu, mein Lieber, wollen wir ganz klar sprechen, begann er, wobei er seine Hand auf Nowikows Kniee legte. Du hast dich doch nur auf die Reise machen wollen, weil Lyda dich ablaufen lie, und weiter, weil du damals bei Sarudin annahmst, da _sie_ gekommen wre. Nowikow wurde finster. Ihm war es, als wenn Ssanin eine frische, unertrglich schmerzliche Wunde von neuem aufreie. Ssanin sah ihn an und dachte sich ... Ach du liebes, dummes Viecherl, wie tricht bist du doch. Ich werde nicht versuchen, dir zu versichern, fuhr er fort, da Lyda mit Sarudin nichts gehabt hat. Das wei ich nicht. Ich glaub es nicht. Er fgte es eilig hinzu, weil er den Ausdruck des Schmerzes bemerkte, der wie der Schatten einer vorbeifliegenden Wolke ber Nowikows Gesicht huschte. Nowikow sah ihn mit trber Ahnung an. Ihre Beziehungen sind von so kurzer Dauer gewesen, da nichts Ernstes vorgefallen sein kann. Besonders, wenn man Lydas Charakter in Betracht zieht. Du kennst doch Lyda. Vor den Augen Nowikows erstand das Bild Lydas, so wie er sie kannte und liebte; das stolze, schlanke Mdchen, mit den groen, bald zrtlichen, bald fast drohenden Augen, von reiner Klte wie einer eisigen Gloriole umstrahlt. Er schlo die Augen; er glaubte alles, was Ssanin sprach. Und wenn es auch wirklich zwischen ihnen so was, wie einen gewhnlichen Promenaden-Flirt gab, so ist jetzt sicher alles zu Ende. Und was geht dich im Grunde die kleine Leidenschaft eines freien Mdchens an, das doch nichts als ihr Glck suchen will. Du wirst sicher, auch ohne lange im Gedchtnis nachzugraben, Dutzende solcher Leidenschaften oder wahrscheinlich noch viel schlimmere bei dir selber finden. Nowikow wandte sich nach ihm um, und das Vertrauen, von dem seine Seele bervoll war, machte seine Augen hell und durchsichtig. In seiner Seele bewegte sich eine zitternde Blte leise schwankend hin und her, doch so schwach, so bereit, in jedem Augenblick zu verschwinden, da er selbst frchtete, sie mit einem unvorsichtigen Wort oder Gedanken zum Welken zu bringen. Weit du, wenn ich ... Nowikow sprach nicht zu Ende, weil er gar nicht imstande war, das, was in ihm arbeitete, in Worte zu fassen; er fhlte leise, zarte Trnen der Rhrung ber sein Leiden und seine tiefe Bewegung in die Kehle steigen. Was? ... Wenn nun? ... wiederholte Ssanin feierlich, mit erhobener Stimme und glnzenden Augen. Ich kann dir nur eins sagen, -- -- zwischen Lyda und Sarudin gab es nichts und wird es nichts geben. Ich dachte aber ... Nowikow fhlte mit Entsetzen, da er ihm nicht glauben konnte. Dummheiten hast du gedacht? ... Ssanin sprach mit steigender Erregung. Verstehst du denn Lyda nicht? ... Wenn sie bisher schwankte, was war es dann fr eine Liebe? Nowikow ergriff seine Hand und blickte ihm mit Entzcken auf die Lippen. Ssanin wurde pltzlich von furchtbarer Wut und Ekel gepackt. Eine Zeitlang sah er diesem Menschen, den der Gedanke selig machte, da die Frau, mit der er geschlechtlich verkehren wollte, niemals vor ihm jemandem angehrt hatte, emprt ins Gesicht. Nackte, tierische Eifersucht, flach und gierig wie eine Reptilie, kroch ihm aus den gutmtigen Menschenaugen Nowikows, die dabei von aufrichtigem Leid verklrt waren, entgegen. Oho, rief Ssanin in drohendem Ton, nun, so will ich es dir sagen. Lyda war nicht nur in Sarudin verliebt, -- -- nein, Bruder, sie hatte auch ein Verhltnis mit ihm; und, -- -- jetzt ist sie von ihm geschwngert. Klingende Stille griff durchs Zimmer. Mit abwehrend schwachem Lcheln sah Nowikow Ssanin an; pltzlich begann er, sich die Hnde zu reiben. Seine Lippen gerieten in Bewegung, aber nur ein elendes Wimmern drang hervor und verstarb sogleich. Ssanin blickte ihm von oben herab in die Augen; in seine Mundwinkel legte sich eine grausame und gefhrliche Falte. Nun, warum schweigst du denn? fragte er. Nowikow hob die Augen rasch zu ihm empor, senkte sie aber ebenso schnell wieder, schwieg und lchelte weiter; -- schwach und abwehrend. Lyda durchlebt jetzt ein furchtbares Drama. Ssanin sprach ganz leise, wie zufllig vor sich hin. Htte mich nicht der Zufall grade im richtigen Augenblick zu ihr gebracht, so wrde sie schon nicht mehr sein. Und was gestern noch ein prachtvoller Mensch voller Leben war, lge jetzt nackt und ekelerregend von Krebsen benagt, irgendwo im Schlamm ... Aber -- -- da sie nun tot wre -- darum handelt es sich am wenigsten! Jeder Mensch stirbt. Aber mit ihr wre zugleich die ungeheure Freude gestorben, die sie in das Leben ihrer Umgebung hineintrug ... Lyda ist natrlich kein einziger Mensch; doch in ihr zeigt sich das Ganze. Und wenn die weibliche Jugend zugrunde gehen wrde, dann wre es in der Welt still, wie in einem Grab. Ja, ich mu sagen, wenn ich sehe, da man ein schnes, junges Mdchen stumpfsinnig zu Tode hetzt, dann habe ich das dringende Verlangen, jemanden totzuschlagen ... eins ber den Schdel ... So ... Ja, hr mal, mein Lieber, mir ist es ganz gleich, ob du Lyda wirklich heiratest oder ob du zum Teufel gehst. Ich mchte dir nur eins sagen ... Du Idiot, du, denke doch, wenn in deinem Schdel nur ein einziger, gesunder Gedanke hockt, wrdest du dich dann selbst so qulen, dich und andere unglcklich machen, nur weil ein freies, junges Weib sich geirrt hatte, als sie sich das Mnnchen aussuchte. Grade nach dem Geschlechtsakte ist sie doch erst zu dem freien Menschen geworden und nicht vor ihm. Ich spreche nur zu dir. Aber du bist es ja nicht nur allein. Oh, diese Idioten, die das Leben zu einem unertrglichen Gefngnis, ohne Sonnenlicht und Bewegung, machen, sie zhlen ja nach Millionen. Nun und du selbst. Wie oft bist du auf dem Bauch irgend einer Hure herumgerutscht, hast dich geil vor Gier gewunden, betrunken und schmutzig wie ein Hund, -- -- Du! Bei Lyda war Leidenschaft; es war eine Poesie der Schnheit und Kraft und dagegen bei dir ... Welches Recht hast du nun, dich von ihr wegzuwenden. Du, du hltst dich fr einen klugen und gebildeten Menschen. Zwischen eurer Vernunft und dem Verstndnis fr das Leben sollen angeblich keine Scheidewnde sein. Was geht dich ihre Vergangenheit an! Ist sie dadurch schlechter geworden? ... Wird sie dir vielleicht weniger Genu geben knnen? ... Wolltest du ihr nicht selbst die Unschuld nehmen -- -- nein? Du weit selbst, das ist nicht so ... Nowikows Lippen bebten beim Sprechen. Nein, gerade so! Und wenn nicht das, was denn? Nowikow schwieg. In seiner Seele war es leer und dunkel geworden; nur wie ein erleuchtetes Fensterchen in dunkelem Feld zuckte in weiter Ferne das trbselige Glck der Vergebung, des Opfers und des Heroismus auf. Ssanin schaute ihn an und es schien, als fange er seine Gedanken aus allen Windungen des Gehirnes heraus. Ich sehe, sagte er wieder mit leisem aber eindringlichem Ton, da du an Selbstaufopferung denkst. Hast fr dich bereits ein Loch zum Durchkriechen herausgefunden. Sehr schn, ich lasse mich zu ihr herab, ich decke sie vor der Menge und so weiter ... Und nun wchst du schon in deinen Augen wie ein Wurm auf dem Mist. Nein, du belgst dich da! Nicht fr einen Augenblick hast du Selbstaufopferung zu ben. Htten Lyda die Pocken zerfressen, so mtest du dich jetzt vielleicht bis zu einem gewissen Grade anstrengen; aber nach zwei Tagen wrdest du anfangen, ihr das Leben zu verekeln. Dann httest du ber das Schicksal gejammert, und wrst entweder davongelaufen, oder, ... du wrdest ihr das Leben ganz gehrig versalzen und dich verzweifelt als Opfer fhlen. Jetzt siehst du wie ein Heiligenbild auf dich. Warum auch nicht. Mache nur noch ein liebenswrdiges Gesicht und jeder wird dir besttigen, da du ein Heiliger bist. Zum Teufel, in Wirklichkeit hast du garnichts verloren ... Was willst du denn? Lyda hat genau dieselben Arme behalten, dieselben Beine, dieselbe Brust, dieselbe Leidenschaft, das gleiche, starke Leben ... Ja, Bruder, es ist doch wirklich ganz wunderschn, all das zu genieen und dabei noch mit dem Bewutsein, ein edles Werk zu tun. Unter Ssanins Worten schrumpfte die rhrselige Selbstbewunderung in Nowikows Seele zu einem kleinen Klmpchen zusammen und verendete wie ein zerquetschter Wurm, der sich daran vollgefressen hatte. In seiner Seele entstand ein neues Gefhl, reiner und aufrichtiger als das erste. Mit traurigem Vorwurf sagte er Ssanin: Du denkst schlimmer von mir, als in Wirklichkeit recht ist. Ich bin garnicht so stumpfsinnig, wie du meinst. Vielleicht ... ich will's nicht bestreiten, ist in mir auch ein Stck von dem alten Aberglauben, aber ... sieh, Lyda Petrowna hab ich lieb. Und wenn ich nur wte, da sie mich liebte, -- -- -- ich wrde mich nicht daran stoen ... Das daran sprach er nur mit Mhe. Die Schwierigkeit, dies eine Wort ebenso glatt auszusprechen, die ihm sofort zum Bewutsein kam, verursachte ihm einen scharfen Schmerz. Ssanin war pltzlich abgekhlt. Er wurde nachdenklich, ging durch das Zimmer, blieb am Fenster bei dem dmmrigen Garten stehen und redete leise vor sich hin: Sie ist jetzt unglcklich ... Sie ist jetzt nicht in der Stimmung, zu lieben ... Und ob sie dich liebt oder nicht ... wer kann es wissen ... Ich glaube nur, wenn du jetzt zu ihr hingingst, und -- -- du dann fr sie zu dem zweiten Menschen in der Welt wirst, der sie nicht fr das momentane, zufllige Glck steinigt, sondern -- -- nun, so kann sie ... aber man kann nicht wissen ... Nowikow blickte nachdenklich vor sich hin. In ihm mischten sich Trbsal und Freude; beide bildeten in seiner Seele ein klares, wehmtiges Glck, das einem absterbenden Sommerabend hnlich war. Gehen wir zu ihr! Was auch sein mag, es wird ihr leichter sein, unter all den tierischen Fratzen, ein paar menschliche Gesichter um sich zu sehen ... Du bist zur Genge dumm, mein Freund. Aber selbst in deiner Dummheit besitzt du etwas, was andere nicht haben. Was soll man tun. Auf diese Dummheit hat die Welt lange genug ihr Glck und ihre Hoffnungen gebaut. Gehen wir! Nowikow lchelte ihm schchtern zu: Ich will gehen. Aber wird ihr das auch angenehm sein? Daran brauchst du nicht zu denken. Ssanin legte ihm beide Hnde auf die Schultern. Glaubst du, da du richtig handelst, dann wird schon alles von selber werden. Gut, so gehen wir. In der Tr blieb Nowikow noch einmal stehen und blickte Ssanin gerade in die Augen. Mit einer Kraft, die ihm selbst unbekannt war, sagte er: Weit du; -- -- wenn es nur mglich ist, so werde ich sie glcklich machen. Natrlich, die Phrase ist banal. Aber ich kann nicht anders ausdrcken, was ich fhle. Das tut nichts, Bruder. Wirklich, ich verstehe dich so. XX Glhender Sommer lag ber der Stadt. In den Nchten stieg der helle, runde Mond hoch ber dem Himmel, die Luft war warm und dicht und rief, vom Duft der Grten durchtrnkt, mchtige, wirre Wnsche hervor. Am Tage arbeiteten die Menschen, beschftigten sich mit Politik, Kunst, mit der Durchfhrung verschiedener Ideen, mit Essen, Baden, Trinken, Sprechen, doch sobald die Hitze nachlie, die ruhig gewordenen Staubmassen sich schwerfllig legten und am dunkeln Horizont hinter dem fernen Wldchen oder den nahen Dchern der Rand einer runden, rtselhaften Scheibe erschien, die die Grten mit khlem geheimnisvollen Licht berschwemmte, dann blieb alles stehen, gleichsam als ob man pltzlich irgendwelche bunte Kleider von sich abwarf, um frei und leicht ein echtes Leben zu beginnen. Und je jnger die Menschen waren, desto freier und voller wurde dieses Leben. Von den Grten her sprudelten die Triller der Nachtigall, die Grser von leichten Frauenkleidern erfat schwenkten eigenartig ihre Kpfchen, die Schatten wurden tief, in der Luft lag dumpfes Liebeswirren, die Augen blitzten bald auf, bald bedeckten sie sich mit Nebeln, Wangen wurden rosig, Stimmen verlangend und geheimnisvoll haschend, und neues menschliches Leben entstand urpltzlich unter khlem Mondlicht im Schatten der schweigsamen Bume, die Khle atmeten, auf niedergebogenem saftigem Gras. Auch Jurii Swaroschitsch glaubte, als er mit Schawrow Politik trieb, sich mit Selbstbildungsvereinen und der Lektre der neuesten Bcher abgab, da er gerade darin sein echtes Leben und die Auflsung und Klrung aller Zweifel und Unruhen finden msse. Aber soviel er auch las und was er auch begann, alles wurde ihm langweilig und niederdrckend; er sah kein Licht in seinem Leben. Ein solches Licht wollte nur in den Augenblicken aufflammen, in denen Jurii sich gesund und krftig fhlte und in eine Frau verliebt war. Frher schienen ihm alle jungen und schnen Mdchen gleich interessant; sie erregten ihn auch in gleicher Weise. Aber jetzt begann sich eine einzige abzuheben; sie nahm allmhlich alle Farben und Schnheiten fr sich allein und stand prchtig und liebenswrdig wie im Frhlingslicht ein Birkenbumchen am Waldessaum vor ihm. Sie war sehr schn, von hohem Wuchs, stark und krftig, bewegte bei jedem Schritt ihre gespannte hohe Brust, trug den Kopf hoch aufgerichtet auf dem schlanken, weien Hals, lachte hell, sang schn, und obgleich sie viel las, kluge Gedanken und ihre Gedichte liebte, empfand ihr ganzes Wesen doch nur dann volle Befriedigung, wenn sie irgend etwas Anstrengendes vorhatte, sich mit ihrem elastischen Busen gegen etwas stemmen mute, etwas aus aller Kraft mit den Armen umschlieen, mit den Fen stoen, lachen, singen und auf krftige und schne Mnner blicken konnte. Manchmal wenn die Sonne schien, alles Dunkle niederbrechend, oder wenn auf dunklem Himmel der Mond glnzte, wnschte sie sich die Kleider herunterzureien und nackt auf dem grnen Grase herumzulaufen, sich ins schwarze, schwankende Wasser zu strzen, jemanden zu erwarten und zu suchen und dann mit einem klangvollen jubelnden Ruf an sich zu locken. Ihre Anwesenheit erregte Jurii, und zauberte in ihm frische, unausgentzte Krfte hervor. Vor ihr war seine Sprache farbiger und heller, seine Muskeln wurden krftiger, sein Herz strker und sein Denken schrfer. Den ganzen Tag hindurch dachte er nur an sie, des Abends ging er sie zu suchen; und doch verbarg er es auch vor sich selbst. In seiner Seele lag noch etwas, wie ein abgenagter Knochen, der sich der Kraft, die von innen heraus zur Freiheit drngte, in den Weg legte. Jedes Gefhl, das in ihm auftauchte, hielt er fest, um es zu analysieren. Dadurch wurde das Gefhl farblos und fahl und verlor seine Bltter, wie eine Blume im Frost. Wenn er sich danach fragte, was ihn zu Karssawina ziehe, so antwortete er sich, da es der Geschlechtstrieb sei und weiter nichts. Und obgleich er selbst keinen Grund dafr angeben konnte, rief dieses eckige, harte Wort nachlssige und niederdrckende Verachtung vor sich selbst hervor. Inzwischen legte sich ein geheimnisvolles Band um sie und wie in einem Spiegel fand sich jede seiner Bewegungen in ihr und ihrer in ihm wieder. Karssawina versuchte nicht, sich ber die geheimen Regungen ihrer Seele klar zu werden. Nur wie von ferne lauschte sie ihnen glcklich, gleichzeitig aber bemht, sie vor den Anderen geheim zu halten. Es verursachte ihr qulende Unruhe, da sie nicht alles verstehen konnte, was in Seele und Krper des schnen und jungen Menschen, den sie liebte, vorging. Zeitweilig redete sie sich ein, da zwischen ihnen keine besonderen Beziehungen bestnden; dann brach sie pltzlich in Schluchzen aus, als ob sie einen unersetzlichen Schatz verloren htte. Auch die Aufmerksamkeit anderer Mnner, deren seltsame Blicke sie oft auf sich gerichtet sprte, vermochte sie dann nicht zu trsten. Fast immer blieb sie ihnen gegenber vollstndig gleichgltig. Nur zu Zeiten, wenn sie sicher war, von Jurii geliebt zu werden und unter diesem Gedanken wie eine Braut aufblhte, bemerkte sie, da sie auf andere besonders aufreizend wirkte; dann wurde sie selbst von den geheimnisvoll gierigen Wnschen in Aufruhr gebracht. Eine besondere sinnliche Spannung empfand sie, wenn sich ihr Ssanin mit seinen breiten Schultern, ruhigen Augen und den sicheren, krftigen Bewegungen nherte. Sobald sie sich bei dieser unfabaren Erregung ertappte, erschrak sie, hielt sich fr schlecht und verdorben, konnte es aber doch nicht unterlassen, Ssanin auch weiter mit Neugierde zu betrachten. An dem Abend des Tages, an dem Lyda ihr furchtbares Drama durchlebte, trafen sich Jurii und Karssawina in der Bibliothek. Sie grten sich einfach; jeder war von seiner Arbeit in Anspruch genommen. Karssawina suchte sich Bcher aus, whrend Jurii die Petersburger Zeitungen durchbltterte. Doch traf es sich wieder, da sie zusammen hinausgingen und so begleitete Jurii Karssawina durch die schon leeren vom Mond beleuchteten Straen. In der Luft lag eine ungewhnliche Stille und nur die Knarre des Nachtwchters drang von der Entfernung gemildert zu ihnen herber, hin und wieder auch hinter den Husern hervor das Belfern eines kleinen Hundes. Am Boulevard stieen sie auf eine Gesellschaft, die im Schatten der Bume sa. Von ihr schallten lebhafte Stimmen zu ihnen her, die Feuerchen von Zigaretten glimmten einen Augenblick auf und zeigten Schnurrbrte und rote Gesichter. Als sie bereits vorbeigegangen waren, hrten sie eine helle, frhliche Mnnerstimme ein Lied beginnen: Das Herz der Schnen ist ein Hauch im Felde ... Dicht bei dem Hause, in dem Karssawina wohnte, setzten sie sich auf eine Bank, die an einem fremden Tore stand. Aus seinem tiefen Schatten heraus hatten sie jetzt die breite vom Mondlicht gleichmig beschienene Strae bis zu einer wei schimmernden Kirchenkuppel vor sich liegen. Dort hinten schwankten breite Linden, die das leuchtende Bild in einen dunklen Rahmen spannten; ber ihnen funkelte khl wie ein Stern das goldene Kirchenkreuz gegen den Himmel. Sehen Sie, wie schn, sagte Karssawina gedehnt und wies mit der Hand durch die Luft. Jurii warf verstohlen einen entzckten Blick auf ihren weien Oberarm, der weich durch die kurzen Aermel der kleinrussischen Bluse blickte; er hatte das unbndige Verlangen, sie an sich zu reien und auf die vollen saftigen Lippen zu kssen, die den seinen verfhrerisch nahe standen. Pltzlich fhlte er, da es sogleich geschehen msse; auch sie schien mit Furcht und Sehnsucht nur darauf zu warten. Aber dieser Augenblick entfiel ihm. Er wurde schlaff, zog die Lippen zusammen und stie ein spttisches Ruspern aus. Warum das? ... fragte Karssawina. Ach nichts, Jurii konnte das leidenschaftliche Beben in seinen Fen nur mit Mhe berwinden. Es ist zu schn ... hier. Sie schwiegen, lauschten den entfernten Lauten, die von den dunklen Grten und den vom Mond bestrahlten Grten her herberklangen. Waren Sie schon einmal verliebt, fragte pltzlich Karssawina. Ja, ... antwortete Jurii langsam und dachte ... wie wre es, wenn ich ihr gleich alles sagte. Zgernd fuhr er fort: Ich bin auch jetzt verliebt. In wen? Karssawinas Stimme zitterte voll scheuer Zuversicht. In wen? ... Aber in Sie doch! Jurii neigte sich vor und suchte ihre Augen, aus denen er nur durch die Schleier des Schatten ein seltsames Glnzen aufblinken sah. Er versuchte scherzhaft zu sprechen, kam aber nicht in den Ton hinein. Sie schaute ihn rasch und erschrocken an und ihr beengtes glckseliges Gesicht war voll Erwartung. Jurii wollte sie umarmen; in seinen Hnden fhlte er schon die weichen warmen Schultern und die elastische Brust, erschrak aber wieder vor sich selbst und kraftlos, ohne seinem Wunsch nachzugeben, ghnte er. -- -- -- Er scherzt nur, dachte bitter Karssawina und im selben Augenblick wurde in ihr alles unter der Empfindung, gekrnkt zu sein, eiseskalt. Sie sprte, da sie gleich weinen msse; in dem krampfhaften Versuch, die Trnen zurckzuhalten, prete sie die Zhne zusammen. Dummheiten, murmelte sie und erhob sich eiligst; in dem einen Wort tnte ihre Stimme vllig verndert. Ich spreche ernst, sagte Jurii in einem Ton, der jetzt gegen seinen Willen unnatrlich klang. Ich liebe Sie und ... glauben Sie es mir, von ganzem Herzen. Karssawina nahm ohne Antwort ihre Bcher zusammen. Warum das? ... dachte sie mit Gram und pltzlich ergriff sie eine entsetzliche Scham bei dem Gedanken, da er ihre Empfindungen erraten hatte und sie nun verachten wrde. Jurii reichte ihr ein Buch, das auf den Boden gefallen war. Es ist Zeit, nach Hause zu gehen, sagte sie leise. Jurii bedauerte es selbstqulerisch, da sie fortgehen wollte; gleichzeitig fiel es ihm auf, wie alles, was sie sagte, so originell und schn, weit entfernt von jeder Banalitt, erschien. Als Karssawina ihm die Hand reichte, verneigte er sich unbeabsichtigt und kte die weiche, warme Handflche, von der ihm ein lieblich frischer Geruch ins Gesicht stieg. Karssawina ri sofort mit einem leisen Aufschrei die Hand zurck: Was tun Sie! Doch die flchtige Empfindung, die seine Lippen bei der Berhrung aus ihrem warmen, jungfrulichen Krper mit sich rissen, war so stark, da sie ihm den Kopf benahm und er nur glckselig und sinnlos dem raschen Rauschen ihrer sich entfernenden Schritte nachlcheln konnte. Bald hrte er die Pforte knarren. Immer noch mit demselben Lcheln schritt Jurii nach Hause; aus vollen Krften atmete er die reine Luft ein. Er fhlte seine Krfte wachsen; er war glcklich. XXI Sobald Jurii in sein Zimmer trat, das ihm nach der Freiheit und Khle der Mondnacht eng und dumpf wie ein Gefngnis vorkam, begann er darber nachzudenken, wie das Leben doch nichts als eine Kette von den Banalitten sei. -- -- -- einen Ku abgepflckt ... was fr ein Glck, nein, wahrlich was fr eine Heldentat, -- -- -- denk einer an ... wie wrdig und poetisch ... Es scheint der Mond ... der Held verfhrt die Jungfrau mit feurigen Reden und Kssen ... pfui Teufel welche Abgeschmacktheit, -- -- -- in diesem verfluchten Nest merkt man garnicht, wie flach man wird. Als Jurii noch in der Grostadt lebte, war er niemals ber den Gedanken fortgekommen, da er nur aufs Land zu gehen brauche, um in dem einfachen Leben der buerlichen, schwarzen Erde, voll echter, nicht erst mhsam konstruierter Arbeit, mit Feldern, Sonne und Bauern unterzutauchen, damit sein nutzloses Dasein endlich einen tiefen, wahren Sinn erhalte. Jetzt war er wieder ebenso fest berzeugt, da er sein Leben sofort in die richtige Bahn bringen wrde, wenn er anstatt in diesem Nest zu stecken, pltzlich in die Hauptstadt fliegen knnte. Es lrmt die Stadt, es brausen Reden, Es tobt der wste Tintenkrieg, Doch Ruland liegt in tiefem Schweigen, Wie es Jahrhunderte lang schwieg. deklamierte Jurii mit nachdenklichem Gesicht und unwillkrlichen Pathos. Aber gleich ertappte er sich bei seiner knabenhaften Begeisterung und fiel automatisch wieder in die teilnahmslose Stimmung zurck. -- -- -- und brigens, was hat das alles zu bedeuten ... Alles ganz gleich. -- -- -- Politik, Wissenschaft, das ist Alles sehr gut und schn, aber nur aus der Ferne, im Ideal. -- -- -- Im Allgemeinen und im Leben eines einzelnen Menschen ist es gradso gut ein Handwerk wie jedes andere. Kampf, titanische Krafteinsetzung, ja, -- -- -- im gegenwrtigen Leben ist es doch unmglich. -- -- -- Gut ich leide aufrichtig, ich kmpfe, ich suche mich zu berwinden, -- -- aber was bleibt mir denn zu guter Letzt. Der endgltige Abschlu des Kampfes liegt auerhalb meines Lebens. Prometeus wollte den Menschen das Feuer bringen; er tat es auch wirklich. Das war sein Sieg! Wir aber, wir knnen nur Spne in das Feuer werfen, das wir nicht entfacht haben und das von uns ebensowenig einmal verlscht werden wird. Pltzlich stieg ihm der Gedanke auf, da seine Schwche nur daher kme, weil er kein Prometeus sei. Diese Erkenntnis war ihm unangenehm, und doch ergriff er sie mit krankhafter Selbstpeinigung. -- -- -- Was fr ein Prometeus bin ich! Bei mir luft alles sofort aufs persnliche Gebiet ber; ich, ich ... fr mich, mich ... Ich bin ebenso schwach und nichtig wie alle diese Leutchen, die ich von ganzem Herzen verachtete. Die Parallele wirkte so niederschlagend auf ihn, da er zusammenzuckte und eine Zeitlang stumpf vor sich hinstarrte, um nach einer Rechtfertigung fr sich zu suchen. -- -- -- Nein, ich bin nicht wie die Andern, dachte er endlich mit Erleichterung ... Schon aus dem einfachen Grunde, weil ich mir hierber Gedanken mache. Die Rjsanzew, Nowikow, Ssanin, die kommen garnicht zum Nachdenken ... sie sind weit entfernt von tragischer Selbstkasteiung, wie die triumphierenden Schweine Zaratustras. Bei ihnen liegt das ganze Leben in ihrem eigenen, mikroskopisch kleinen Ich; sie sind es gerade, die auch mich mit ihrer Flachheit anstecken. Mit den Wlfen mu man heulen, das ist natrlich! Jurii begann im Zimmer herumzulaufen, und wie es oft der Fall ist, nderten sich seine Gedanken mit dem Wechsel der Stellung. -- -- -- Nun gut, das ist so ... Aber ich habe noch mehr zu berlegen. Wie sind eigentlich meine Beziehungen zu Karssawina. Ob ich sie liebe oder nicht, das ist gleich ... Aber was kann daraus werden ... Wenn ich sie heiraten wrde, oder einfach mit ihr fr eine Zeit ein Verhltnis anfinge ... wre das fr mich wirklich ein Glck? Sie zu betrgen, ist ein Verbrechen, und -- falls ich sie liebe ... nun gut, sie bekommt Kinder, -- -- -- Jurii errtete pltzlich ohne Grund. -- -- -- Das ist noch nichts Schlimmes, aber dennoch wird es mich binden, und fr immer meiner Freiheit berauben ... Familienglck, Spieerfreuden, nein, das ist nichts fr mich. Eins, zwei, drei, dachte Jurii und bemhte sich mechanisch so zu gehen, da er mit jedem Schritt ber zwei Dielen fort, immer erst die dritte mit seinem Fue berhrte. -- -- -- Wenn ich nur sicher wte, da es kein Kind geben wird. Oder wenn ich meine Kinder so voll und ganz liebgewinnen wrde, da ich Ihnen mein Leben hingeben knnte. Nein, das ist auch banal, genau so wird auch ein Rjsanzew seine Sprlinge lieben. Wodurch werden wir uns dann voneinander unterscheiden. Leben und sich opfern, das ist das echte Leben. Ja, aber wem sich opfern. Wie? ... Auf welchen Weg ich mich auch strzen werde, und was fr ein Ziel ich mir auch vorstelle, wo gibt es jenes reine und zweifelsfreie Ideal, fr das man nicht einen Augenblick zu bedauern brauchte, -- -- -- zu sterben. Ja, nicht ich bin schwach, sondern das Leben ist keiner Opfer und Hingabe wert ... Ist es aber so, ... dann lohnt es sich ja garnicht zu leben. Diese Schlufolgerung hatte sich noch niemals vorher so stark in Juriis Hirn festgesetzt. Auf seinem Tisch lag stets ein Browning. Jetzt bekam er ihn zu Gesicht, sobald er beim Gehen am Tisch vorbeikam und kehrt machte; jedesmal fielen ihm dann die glnzenden Teile ins Auge, die gegen das Mondlicht spiegelten. Schlielich nahm er ihn in die Hand und betrachtete ihn aufmerksam. Er war geladen. Jurii spannte den Hahn und drckte ihn an die Schlfe. So, dachte er ... nur einmal abgedrckt und alles ist fertig. Ist es klug oder nur eine bldsinnige Dummheit sich niederzuknallen. Selbstmord ist Kleinmut. Auch gut, so bin ich feige. Die vorsichtige Berhrung des kalten Eisens mit der heien Schlfe war angenehm und gleichzeitig bange. -- -- -- Und Karssawina? ... schwirrte es ihm mit einem Mal kalt durch den Kopf ... Ich werde sie also nicht besitzen und diesen Genu, der mir vielleicht zufallen wrde, irgend einem anderen berlassen mssen. Bei dem Gedanken an Karssawina zitterte in ihm alles vor zarter Wollust. Aber mit scharfer Willensspannung zwang sich Jurii zu der Ueberlegung, da Alles nur Kleinigkeiten seien, nichts im Vergleich mit jenen tiefen und wichtigen Ideen, die seinen Kopf durchwhlten. Doch das blieb Zwang und das unterdrckte Gefhl rchte sich, indem es den unbestimmten Gram und seine Abneigung gegen das Leben noch verstrkte. -- -- -- Warum soll ich es in der Tat nicht tun? ... fragte sich Jurii mit zitterndem Herzen. Mit einer Bewegung, an die er selbst nicht glaubte und ber die er sogar schamhaft lchelte, setzte er den Revolver nochmals an die Schlfe. Doch dann drckte er, ohne sich noch einen Augenblick ber sein Vorhaben Rechenschaft abzulegen, den Hahn ab. Im selben Augenblick durchzuckte ihn eine kalte, schneidende Empfindung und ri sich pltzlich in ihm in entsetzlicher Angst los. Es rauschte in seinen Ohren, das ganze Zimmer brach hinter ihm fort. Doch es gab keinen Schu, die Waffe hatte versagt; nur das schwache, metallische Klappern des Hahnes verklang deutlich in seinen Ohren. Eine Schwche erfate ihn vom Kopf bis zu den Fen, soda er unwillkrlich die Hand mit dem Revolver sinken lie. Alles bebte an ihm und schmerzte ihn, der Kopf schwindelte, der Mund trocknete pltzlich aus; als er den Revolver aus der Hand legen wollte, schlugen seine Hnde nervs hin und her und klapperten einige Mal mit der Waffe gegen die Tischplatte. -- -- -- Ein schner Kerl bin ich, dachte er. Er bemeisterte seine Aufregung, trat vor den Spiegel und blickte in die dunkle Flche. -- -- So bin ich also ein Feigling? ... Nein, dachte er mit einem Anflug von Stolz. Nein, kein Feigling! Getan hab ich's, -- -- -- ist nicht meine Schuld, da es versagte. Aus dem dunklen Spiegel sah ihm wie immer ein bleiches Gesicht entgegen; Jurii aber schien es feierlich und streng. Befriedigt streckte er sich die Zunge heraus ... dabei gab er sich Mhe, sich selbst die Ueberzeugung beizubringen, da er diesem Akte der Selbstbeherrschung keine Bedeutung beimesse und trat wieder zur Seite. -- -- -- Nicht mein Schicksal also, sagte er laut, und dieses Wort trstete und ermunterte ihn. Was? ... wenn mich jetzt einer she, dachte er mit ngstlicher Verwirrung und schaute sich um. Aber Alles blieb still. Hinter der geschlossenen Tr war nichts zu hren, es schien, da es hinter den Grenzen dieses Zimmers kein lebendes Wesen mehr gbe, da Jurii ganz allein in unendlicher Leere existiere und leide. Er lschte die Lampe aus und wunderte sich, da durch die Spalten der Jalousieen hellrosiges Morgenlicht ins Zimmer hereindrang. Er legte sich schlafen, und im Traum fhlte er, da sich eine Gestalt, die unheimlich rotes Feuer ausstrahlte, schwer und ungelenk auf ihn setze. Das ist der Teufel, zuckte es voll Entsetzen durch seine Seele. Jurii machte krampfhafte Anstrengungen, frei zu werden. Aber der Rote ging nicht fort, sprach auch nicht, lachte nicht; er schnalzte nur mit der Zunge. Man konnte nicht erkennen, ob dieses Schnalzen spttisch oder mitleidig klingen sollte ... Jurii verursachte diese Unsicherheit tiefe Qualen ... XXII Weich und liebevoll quoll die Dmmerung, von Grser- und Blumenduft durchtrnkt, durchs offene Fenster herein. Ssanin sa hinter dem Tisch und las bei den letzten Tagesstrahlen eine Erzhlung von Tschechow, die er ganz besonders liebte, -- -- -- ein alter Vikar, umringt von Menschen, umgeben von Achtung, Weihrauchdunst, umkleidet mit goldenem Talare, Brillantenkreuzen und allgemeiner Ehrfurcht stirbt -- -- Im Zimmer war es ebenso khl und rein, wie auf dem Hof, der leichte Atem des Abends lief frei durch den Raum, fllte Ssanins Brust, bewegte seine weichen Haare, und htschelte seine festen Schultern, die aufmerksam und ernst ber das Buch gebeugt waren. Ssanin las, sann nach, bewegte die Lippen; er war so einem groen kleinen Jungen hnlich, der ber seinem Schmker vertieft die ganze Welt vergessen hat. Je weiter er las, um so strker durchdrangen ihn traurige Gedanken ber das schwere Grauen, das im menschlichen Leben liegt, ber den Stumpfsinn und die Roheit der Masse; er fhlte wieder, wie fern er ihr stand. Sicher wre es sehr nett gewesen, mit dem alten Vikar bekannt zu sein; sein Leben wre dann gewi nicht so einsam verlaufen. Die Tr zum Zimmer ffnete sich und Nowikow trat herein. Ssanin schaute sich um. Ah, guten Tag, er schob das Buch von sich. Nun, was bringst du Neues? Nowikow drckte ihm schwach die Hand; sein Lcheln gab nur eine blasse, traurige Grimasse. Nichts. Alles ist ebenso grlich wie es frher war. Er machte eine abwehrende Handbewegung und trat zum Fenster. Von Ssanins Platz aus war nur seine gut gebaute Figur sichtbar; durch den erlschenden Hintergrund der Abenddmmerung wurde von ihr ein zarter Schatten zurckgeworfen. Ssanin betrachtete ihn lange voll Aufmerksamkeit. Als er zum ersten Mal Nowikow, der wie vor den Kopf gestoen war, zu Lyda schleppte, die selbst vllig ratlos, dem frheren stolzen und schnen Mdchen gar nicht mehr glich, sprachen die beiden kein Wort ber das, was ihre Seelen bis zum tiefen Grunde erschtterte. Ssanin verstand, da sie unglcklich werden muten, sobald erst das erste Wort gesprochen wre, doppelt unglcklich aber, wenn sie weiterschwiegen. Er fhlte, da sie nur durch Leid hindurchtastend, das, was fr ihn klar und selbstverstndlich war, finden konnten. Aber er versuchte nicht, sie vorwrtszustoen, weil er schon damals erkannte, da sich diese beiden Menschen in einem geschlossenen Zirkel bewegten, in dem sie sich doch unvermeidlich frher oder spter treffen muten. -- -- -- Nun es wird schon gut werden, dachte Ssanin. Sie werden es verschmerzen. Im Leide knnen sie nur reiner und inniger werden. Als er jetzt Nowikow einsam am Fenster stehen sah, sagte er sich, da diese Zeit gekommen wre. Schweigend blickte jener auf den verlschenden Himmel. Er war von dem seltsamen Gefhl erfllt, in dem sich Trauer nach einem unwiederbringlich verlorenen Glck zart mit dem Zittern sehnsuchtsvoller Erwartung nach neuem Glck verbindet. In dieser traurig feinen Dmmerung stellte er sich Lyda klarer als je schchtern, unglcklich, von allen gedemtigt vor. Es trieb ihn, sich vor ihr auf die Kniee zu werfen, ihre kalten Finger mit Kssen zu erwrmen und sie durch seine allvergessende, groe Liebe zu neuem Leben zu erwecken. Alles in ihm verlangte nach diesem Opfer; doch er hatte nicht die Kraft, zu ihr zu gehen. Ssanin empfand auch diese Stimmung. Langsam erhob er sich, warf den Kopf nach hinten und sagte: Lyda ist im Garten. Gehen wir. Mit einer erbarmungswrdigen Regung des Schmerzes, und doch glcklich, zog sich Nowikows Herz zusammen. Eine lichte Zuckung lief ber sein Gesicht und verschwand. Es war ersichtlich, wie stark seine Finger beim Drehen des Schnurrbartes zitterten. Wie also? ... Gehen wir nun zu ihr? ... Ssanin wiederholte es mit gemessener Stimme, als wenn er an eine wichtige aber selbstverstndliche Angelegenheit herantrte. An diesem Ton begriff Nowikow, da Ssanin alles in ihm verstand; er empfand eine groe Erleichterung, gleichzeitig aber naiven, kindischen Schreck. ... Also gehen wir! sagte Ssanin noch einmal zart, ergriff Nowikows Schultern und schob ihn zur Tr. Nun gut, ja, murmelte Nowikow. Eine rhrselige Zrtlichkeit, der Wunsch, Ssanin zu umarmen, stieg in ihm auf. Aber er hatte doch nicht den Mut dazu, er sah ihm nur mit tiefen, feuchten Blicken ins Gesicht. Im Garten war es dunkel, es roch nach warmem Thon. Die Baumdurchschlge leuchteten in der Dmmerung wie gotische Fenster. Ueber den weien Lichtungen rauchte feiner, gelber Nebel; es war, als ginge ein unsichtbares Wesen zwischen den schweigenden Struchern und leise erzitterten die schlafbefangenen Grser und Blumen bei seiner Annherung. Am Ufer war es heller; die Dmmerung umfate erst die Hlfte des Flusses, der sich noch immer glnzend gegen die dunklen Wiesen abhob. Lyda sa hier dicht am Wasser und ihre feine, gesenkte Silhouette stach wei vom Grase ab, wie ein geheimnisvoller Schatten, der ber dem Wasser trauert. Jene leichte, khne Ueberlegenheit, die sich ihrer unter dem Einflu der beruhigenden Stimme des Bruders bemchtigt hatte, verschwand ebenso rasch wieder, als sie gekommen war. An ihre Stelle schlichen sich die schwarzen Gespenster Scham und Furcht, legten sich neben sie und flsterten ihr von neuem zu, da sie kein Recht mehr auf ein anderes Glck, ja nicht einmal selbst auf ihr Leben htte. Ganze Tage lang sa sie mit dem Buche im Garten, weil sie der Mutter nicht mehr einfach und gerade in die Augen zu blicken vermochte. Tausende Mal emprte sich alles in ihr. Immer wieder sagte sie sich, da die Mutter nichts mit ihrem Leben zu tun htte. Aber jedesmal, wenn sie sich ihr nherte, nderte sich ihre Stimme und in ihren Augen zeigte sich ein scheuer, schuldbewuter Ausdruck. Die Mutter wurde durch ihre Verwirrung, ihr Errten, die unsichere Stimme, den irren Blick beunruhigt. Peinliche Verhre folgten nun; argwhnische Augen liefen hinter ihr her und qulten sie, bis sie sich zu verstecken begann. So sa sie auch an diesem Abend, verfolgte gramvoll die am Horizont niedersteigende Dmmerung und dachte ihre schweren, auswegslosen Gedanken durch. Sie begriff nicht, warum es ihr nicht mglich war, das Leben zu verstehen. Nur eine unfabare Ahnung, unentwirrbar wie ein Polyp, klebrig und bedrckend, erhob sich vor ihren Augen. Eine Menge von Schriften, die sie gelesen hatte, eine Reihe von groen und freien Ideen durchzogen ihr Hirn. Ma sie an ihnen ihre Handlungsweise, dann war sie nicht nur natrlich; sie war auch schn. Niemandem hatte sie Bses getan; sich und einem zweiten Menschen gab sie reiche Lust. Ohne diese Lust htte sie nichts von der Flle ihrer Jugend gewut und das Leben wre trostlos, wie ein Baum im Herbst, geblieben, wenn alle Bltter abgefallen sind. Der Einwurf, da die Kirche den Bund mit diesem Manne nicht sanktioniert hatte, kam ihr lcherlich vor; schon lngst waren alle Sttzen dieser traditionellen Forderung durch das freie, menschliche Denken zerbrckelt und zermrbt worden. Schlielich kam sie zu dem Schlu, da sie sich eigentlich freuen mte, wie sich eine Blume freut, die sich an einem sonnigen Morgen von neuem Leben befruchtet fhlt. Aber in ihrem Innern litt Lyda doch, sah sich tief am Boden eines Abgrundes, tiefer gesunken als alle Menschen; sie war zur Letzten der Letzten geworden. Mochte sie auch die erhabensten Ideen, unverrckbare Wahrheiten zu Hilfe rufen, vor dem kommenden Tage der Schande schmolzen sie dahin, wie Wachs im Feuer schmilzt. Anstatt den Menschen, die sie wegen ihres Stumpfsinns und ihrer Beschrnktheit verachtete, den Fu auf den Nacken zu setzen, dachte sie nur daran, wie sie sich retten und jene tuschen knne. In dieser ganzen Zeit fhlte sich Lyda, wenn sie einsam weinte und ihre Trnen sorgsam vor jedem Menschen verbarg, oder wenn sie pltzlich in stumpfe Verzweiflung versank, nachdem sie ihrer Umgebung falsche Frhlichkeit vorgeheuchelt hatte, doch stets, wie eine Blume zum warmen Sonnenstrahl, nur zu Nowikow hingezogen. Aber wie ein niedertrchtiges Verbrechen schien ihr der Plan, sich von ihm retten zu lassen. Oft loderte in ihr wilde Verzweiflung darber auf, da sie von seiner Vergebung und Liebe abhngen solle. Doch strker als ihr Stolz, strker als der innere Protest war das Bewutsein ihrer Ohnmacht und die Liebe zum Leben. Statt sich ber die menschliche Dummheit zu empren, zitterte sie vor ihr, statt Nowikow frei in die Augen zu blicken, demtigte sie sich wie eine Sklavin vor ihm. In diesem zerspaltenen Mdchen lag etwas Bemitleidenswertes und Hilfloses, wie in einem Vogel, dem die Schwingen gebrochen sind und der sich nun nicht mehr fortbewegen kann. In Augenblicken, in denen ihre Qualen ganz unertrglich werden wollten, kam ihr stets der Bruder in den Kopf; dann fllte sich ihre Seele mit naiver Bewunderung. Ihr war es klar, da ihm nichts heilig sei, da er sie, die Schwester, nur mit den Blicken des Mannes betrachtete. Sicher war er egoistisch, unmoralisch, aber doch blieb er der einzige Mensch, in dessen Gegenwart ihr leichter wurde, mit dem sie ohne Scham ber die intimsten Geheimnisse ihres Lebens sprechen konnte. In seiner Anwesenheit nahm alles andere einfache und nichtige Formen an! -- -- -- Sie war schwanger, nun gut, was hat das weiter zu bedeuten, -- -- -- sie hatte eine Liebes-Affre hinter sich, um so besser, also hatte es ihr gradso gefallen; man wird sie verachten und demtigen wollen, was macht es denn? ... Das Leben, die Sonne und die Freiheit liegen vor ihr und Menschen gibt es berall. Die Mutter wird leiden, na, wenn sie es durchaus will? ... Das ist ihre Sache! Lyda hat das Leben der Mutter nicht mit angesehen, als diese ihre Jugend durchkostete, und die Mutter wird Lyda nicht mehr beobachten, wenn sie erst gestorben ist. Zufllig auf der Lebensbahn begegnet, nur eine Strecke des Weges miteinander gehend, knnen und drfen sie nicht einander die Bahn versperren. Lyda sah ein, da sie allein niemals so frei werden wrde, wie Ssanin. Um so zu denken, mute sie sich dem Einflu dieses starken und freien Mannes unterwerfen. Doch mit um so strkerer Bewunderung und grerer Zrtlichkeit blickte sie auf ihn, -- -- -- eigenartige, zgellose Gedanken flatterten durch ihre Seele. Wenn er doch ein Fremder, nicht der Bruder wre ... dachte sie zaghaft und scheu; doch sie erstickte schleunigst den Schlu dieses beschmenden, aber verlockenden Gedankens. Und wieder wendeten sich dann ihre Gedanken Nowikow zu; sie wartete und hoffte auf seine Liebe. So schlo dieser Zauberkreis ab; kraftlos zerschlug sich Lyda in ihm. Die letzten Krfte und Farben ihrer jungen, hellen Seele gingen darin verloren. Sie hrte Schritte und schaute sich um. Nowikow und Ssanin kamen auf sie schweigend zu; ohne darauf zu achten, schritten sie durch das hohe Gras gradeaus. Man konnte ihre Gesichter in der blassen Dmmerung nicht gut erkennen, aber eine pltzliche Ahnung blitzte in Lyda auf, da der gefrchtete Moment nahe sei. Sie sah aus, als wenn sie das Leben verliee, so bla und schwach wurde sie. Nun, hier, sagte Ssanin, ich habe dir Nowikow gebracht, was er will, wird er dir selbst sagen. Bleib ruhig hier, ich gehe Tee trinken. Jh wandte er sich um; mit weiten Schritten ging er ins Haus. Eine Zeitlang, nur ganz allmhlich in der Dunkelheit versinkend, schimmerte noch sein weies Hemd zu ihnen herber; dann verschwand es hinter den Bumen. Es wurde so still, da man garnicht glauben konnte, er wre fortgegangen und stehe nicht mehr im Schatten der Bume. Nowikow und Lyda begleiteten ihn mit den Blicken und beide verstanden, da in dieser einen Bewegung schon alles gesagt war; jetzt mute man es nur noch einmal in Worten wiederholen. Lydia Petrowna, sprach Nowikow leise, und der Klang seiner Stimme trug so viel Trauer, war so rhrend aufrichtig, da sich Lydas Herz zart zusammenzog. -- -- -- Es kann einem auch leid um ihn tun ... Wie unglcklich und gut er ist, dachte sie mit wehmtiger Freude. Ich wei alles, Lydia Petrowna, fuhr Nowikow fort, er fhlte, wie die Rhrung ber sein Tun und das Mitleid mit ihrer traurigen Gestalt in ihm wuchs. Aber ich liebe Sie wie vorher. Vielleicht werden Sie auch mich einmal lieb gewinnen. Sagen Sie, wollen Sie meine Frau werden ... -- -- -- ich brauche ihr nichts weiter zu erzhlen; sie braucht nicht zu wissen, welch Opfer ich ihr bringe. -- -- -- Lyda schwieg. Es war so still, da man das flinke Aufschlagen des Wassers hrte, das gegen das Gebsch des Ufers pltscherte. Beide sind wir unglcklich, sagte pltzlich aus der Tiefe seiner Seele, fr sich selbst unerwartet, Nowikow. Aber vielleicht werden wir zu zweien das Leben leichter tragen knnen. Lyda erhob ihr Gesicht zu ihm: Ja, vielleicht ... antwortete sie einfach, aber ihre Augen sagten: -- -- -- Gott sei mein Zeuge, da ich eine gute Frau sein werde, ich werde dich immer lieben und alles mit dir fhlen. Nowikow verstand diesen Blick; er lie sich rasch und impulsiv neben ihr auf die Kniee nieder und begann ihre zitternde Hand zu kssen. Er zitterte selbst am ganzen Krper vor Erregung und pltzlicher froher Leidenschaft. Diese Erregung teilte sich Lyda so tief und leuchtend mit, da das schmerzliche bange Gefhl der Scham mit einem Mal verschwunden war. -- -- Nun, jetzt ist alles zu Ende, ich werde wieder glcklich sein, -- -- du, mein Lieber, mein Armer, dachte sie, glckliche Trnen weinend. Sie zog ihre Hand nicht zurck, sie beugte sich selbst auf die weichen Haare Nowikows, die ihr stets gefallen hatten, herab und kte sie. Die Erinnerung an Sarudin huschte grell an ihr vorber; erlosch aber sofort wieder. Als Ssanin, der fand, da nun Zeit genug fr Erklrungen verflossen wre, zu ihnen zurckkam, hielten sich Lyda und Nowikow bei den Hnden und sprachen leise und vertrauensvoll miteinander. Nowikow sagte ihr, da er niemals aufhren knne, sie zu lieben; Lyda ihm, da sie ihn von nun an immer lieben werde. Es war die Wahrheit; denn Lyda verlangte nach Liebe und Glck, sie hoffte sie in ihm zu finden und liebte ihre Hoffnung. Beide glaubten, niemals so glcklich gewesen zu sein. Als sie Ssanin erblickten, schwiegen sie still und schauten ihn mit verwirrten, freudigen und vertrauensvollen Augen an. Nun, ich verstehe, sagte Ssanin ernst, als er sie erblickte, ... Gott sei's gedankt. Wenn Ihr nur glcklich werdet. Er wollte noch etwas hinzufgen, mute aber niesen und tat es so laut und zufrieden, da es ber den ganzen Flu schallte. Feucht ist es hier. Na, seht zu, da ihr keinen Schnupfen kriegt, er rieb die Augen. Vergngt lachte Lyda auf und glcklich und schn klang es vom Flusse zurck. Ich gehe! ... sagte Ssanin. Wohin? ... Da ist Swaroschitsch gekommen und dann der eine Offizier, der Tolstoischwrmer, -- -- -- wie heit er doch gleich, dieser lange Deutsche? Von Deutz, half Lyda mit grundlosem Lcheln ein. Ja, ... er! Sie wollen uns zu einer Besprechung abholen. Na, ich sagte ihnen, da ihr nicht hier wret. Warum? fragte Lyda, noch immer lachend. Bleib du nur hier sitzen. Ich htte mir auch lieber hier ein Eckchen zurecht gemacht, wenn ich nur jemanden dazu htte. Wieder ging Ssanin fort; diesmal endgltig. Es wurde Abend. Im dunklen flieenden Wasser schwankten die Sterne. XXIII Der Abend war dunkel und dumpf. Ueber den Wipfeln der schwarzen, versteinerten Bume drngten in schweren Klumpen Wolken dahin, von einem Ende des Himmels bis zum andern, schnell, als wenn sie einem unsichtbaren Ziel zueilen mten. In ihren grnlichen Lcken tauchten blasse Sterne auf und nieder. Der Himmel quoll ber von unaufhrlicher, unheimlicher Bewegung; auf der Erde kauerte alles in gespannter Erwartung. In dieser Stille hrten sich die Stimmen streitender Menschen so widerwrtig schrill und znkisch an, wie das Klffen kleiner, unruhiger Kter. Wie dem auch sei, stie, mit den langen Beinen wie ein Storch stolpernd, von Deutz hervor. Aber das Christentum hat der Menschheit als einzige volkstmlich humanitre Lehre einen unvergnglichen Reichtum gegeben. Was Sie nicht sagen, erwiderte Jurii, der hinter ihm ging, mit einer hartnckigen Kopfbewegung, whrend er zornig auf seinen Rcken blickte. Im Kampfe gegen die tierischen Instinkte hat sich das Christentum ebenso unzulnglich gezeigt, wie alle and -- -- -- Wieso denn gezeigt? ... rief voll Emprung von Deutz. Die ganze Zukunft liegt frei vor dem Christentum. Und dann von ihm wie von einer abgetanen Sache sprechen. -- -- -- Das Christentum hat keine Zukunft, fiel ihm Jurii mit grundloser Erbitterung ins Wort. Wenn das Christentum die Menschheit nicht in der Zeit seiner hchsten Entwickelung unterjochen konnte, wenn es nur einem Haufen Schurken in die Hnde geraten konnte, die es als Werkzeug ihrer frechen Betrgereien gebrauchten, dann ist es jetzt, wo bereits das Wort Christentum abgeschmackt klingt, doppelt lcherlich und komisch, irgend ein Wunder seiner Erneuerung abzuwarten. Die Geschichte verzeiht niemals. Was einmal von der Bhne herunter ist, kommt niemals wieder herauf. Der hlzerne Brgersteig war unter den Fen kaum sichtbar. Ging man unter den Bumen, war berhaupt nichts mehr zu erkennen, auch die Stimmen machten, weil man keine Gesichter unterscheiden konnte, einen unnatrlichen Eindruck. Stie einer oder der andere gegen einen Straenpfosten, so wurde seine Stimme sofort noch aufgeregter und wtender. Das Christentum von der Bhne fort? ... rief von Deutz. In seinem Ton klang bertriebenes Staunen und Entrstung. Natrlich! Weg, -- -- einfach weg, beharrte Jurii. Sie tuen so erstaunt, als wenn man das gar nicht ausdenken drfe. Wie der Mosesglauben zur rechten Zeit von der Szene abgetreten ist, wie Buddha und die hellenischen Gtter fr uns nicht mehr leben, so ist auch Christus gestorben. Das Gesetz der Evolution ... was erschrecken Sie denn davor! Sie glauben doch wohl nicht an die Gttlichkeit seiner Lehre. Selbstredend nicht, fauchte verletzt von Deutz. Er antwortete weniger auf die Frage als auf den verletzenden Ton Juriis. Wollen Sie also wirklich die Behauptung aufstellen, da der Mensch ein ewiges Gesetz schaffen kann? ... dieser Idiot, dachte er im stillen weiter. Die unerschtterliche Sicherheit, da dieser Mensch niemals imstande sein wrde, das, was fr ihn selbst so tagesklar und einfach war, zu verstehen, die angenehme Empfindung, da jener dmmer sei, verband sich im Kopfe Juriis unsinnigerweise mit dem wtenden Verlangen, ihn unter allen Umstnden zu berzeugen und umzustimmen. Zugegeben, da dem selbst so wre, erwiderte dieser jetzt ebenfalls erbittert. Aber das Christentum ist nun einmal zur Grundlage der Zukunft geworden. Es ist nicht zugrunde gegangen, sondern wie ein jeder Same in den Boden gesunken, -- seine Frchte werden ... Wer hat denn davon gesprochen -- ich nicht, schrie Jurii, aus dem Konzept gebracht und darber noch erboster. Ich wollte sagen ... Nein, erlauben Sie bitte, fiel ihm von Deutz triumphierend ins Wort, er frchtete wieder die Oberhand zu verlieren. Im Gehen drehte er sich fortgesetzt um und kam dabei stets vom Brgersteig herunter. Sie haben grade so gesagt ... Wenn ich sage, da es nicht so war, dann war es eben nicht so ... Es ist eigentmlich, unterbrach ihn Jurii seinerseits. Er empfand einfachen, bitteren Ha, bei dem Gedanken, da dieser Dummkopf von Offizier einen Augenblick glauben konnte, er wre der Intelligentere. Ich wollte sagen ... Nun, mag sein. Verzeihen Sie bitte, da ich Sie nicht richtig verstanden habe. Von Deutz zuckte mit nachsichtigem Lcheln seine schmalen Achseln; es sollte heien, da er Jurii fr zurckgeschlagen halte, und da alle Entgegnungen nichts anderes mehr sein wrden, als eine versptete Retirade. Jurii begriff das und fhlte sich dadurch so furchtbar gekrnkt, da sich seine Kehle zuschnrte. Ich will gar nicht die ungeheure Bedeutung des Christentums leugnen. Dann widersprechen Sie sich, verschluckte sich von Deutz mit neuem triumphierendem Entzcken. Es war ihm durchaus klar, da Jurii unendlich dmmer wre, als er und da er augenscheinlich nicht annhernd das wute, was in seinem Hirne so harmonisch aufgestapelt war. Das kommt _Ihnen_ so vor, da ich mir widerspreche. Aber tatschlich gerade im Gegenteil, ... mein Gedanke ist ganz logisch. Ist nicht meine Schuld, wenn Sie ... mich nicht verstehen wollen, rief Jurii mit verletzender Schrfe, durch die er das Gefhl des Leidens in sich unterdrcken wollte. Ich sagte vorher und das sage ich auch jetzt, ... das Christentum ist ein durch und durch wiedergekuter Stoff, und von ihm, so wie er ist, hat man keine Ernhrung zu erwarten. Nun ja ... Aber, wollen Sie denn den wohltuenden Einflu des Christentums leugnen. ... Das heit, da es einfach zur Grundlage wurde ... Auch von Deutz erhob seine Stimme, mit hilfloser Eile suchte er seine weiteren Schlsse, die ihm bei dieser Wendung des Gesprchs zu entgleiten drohten, wieder einzufangen. Das leugne ich gar nicht! Aber ich leugne es! mischte sich pltzlich Ssanin, der die ganze Zeit schweigend hinter ihnen herging, lchelnd ins Gesprch. Seine Stimme war leicht und ruhig und schnitt eigentmlich in den wirbelnden, tzenden Ton des Streites ein. Jurii schwieg. Er fhlte sich durch diese khle Stimme und den offensichtlichen Spott, der aus ihr herausklang, verletzt; aber er fand kein Wort zur Entgegnung. Fr ihn war es stets peinlich und unbequem, mit Ssanin zu streiten, -- als wenn all die Worte, welche er gewhnlich brauchte, bei Ssanin nicht am richtigen Platz waren. Dann fhlte er sich, als mte er eine Mauer umstrzen, whrend seine Fe auf glattem Eis standen. Von Deutz konnte nicht schweigen. In seiner Erregung ber den unerwarteten Angriff stolperte er und klirrte schrill mit den Sporen; dazwischen schrie er mit sich berschlagender Stimme: Aber warum denn das, wenn ich fragen darf? Ganz einfach -- -- -- so, erklrte Ssanin mit unfabarem Unterklang. Wie denn _so_? ... Wenn man solche Behauptungen aufstellt, mu man sie auch beweisen. Wozu htte ich es ntig, sie zu beweisen? Was heit das: ... wozu? ... Gar nichts habe ich zu beweisen. Es ist meine Ueberzeugung; aber Sie zu berzeugen, fehlt mir der geringste Wunsch. Es htte auch keinen Zweck. Wenn man in dieser Weise urteilen will, sagte Jurii zurckhaltend, so knnte man wohl die ganze Literatur zum alten Eisen werfen. Aber nicht im geringsten! Die Literatur, nein, das ist eine wichtige und interessante Sache. Die Literatur, -- -- ja, nmlich die, die ich so bezeichne, die ist nicht dazu da, mit jedem dahergelaufenen Kopfwackler zu polemisieren. Der selbst nichts zu tun hat, und nur alle Menschen mit seiner Klugheit breitschlagen mchte. Sie baut das ganze Leben um, dringt von Generation zu Generation in das Blut der Menschheit hinein. Wenn man die Literatur vernichten wollte, wrden im Leben viel Farben verbleichen. Von Deutz blieb stehen, lie Jurii vorbeigehen, und als Ssanin neben ihn kam, sagte er zu ihm: Nein, bitte, die Idee, die Sie da eben streifen, interessiert mich aufs uerste. Mein Gedanke ist sehr einfach. Wenn Sie durchaus wollen, will ich ihn Ihnen klar machen. Meiner Meinung nach hat das Christentum in der Geschichte eine traurige Rolle gespielt. In der Zeit, als die Menschheit ihr Dasein nicht mehr ertragen konnte und nur wenig daran fehlte, da alle Demtigen und Unglcklichen zur Vernunft kmen und mit einem Sto die ganze unertrgliche und ungerechte Ordnung der Dinge zerschlagen htten, -- -- -- einfach alles vernichteten, was sich von fremdem Blute nhrt, ja, gerade in dieser Zeit erschien das stille, demtige, viel verheiende Christentum. Es verurteilte den Kampf, versprach innere Seligkeit, suselte die Menschen in einen sanften Schlummer ein, brachte eine Religion des >Nicht dem Bsen mit Gewalt widerstehen<, nun kurz ausgedrckt, lie den ganzen Dampf ab. Die gewaltigen Charaktere, die durch den jahrhundertelangen Schmerz zum Kampf erzogen worden waren, gingen wie die bldesten Idioten in die Arena hinab und mit einem Mut, der unendlich bessere Verwendung verdient htte, zogen sie sich mit eigenen Hnden die Haut in Striemen herunter! ... Ihre Feinde haben natrlich garnichts Besseres gewnscht. Und jetzt sind wieder Jahrhunderte ntig, es mu wieder unendliche Versklavung und Knebelung kommen, um die Emprung in Schwung zu bringen. Der menschlichen Persnlichkeit, die zu wild war, um zum Sklaven zu werden, zog das Christentum ein Buhemd ber und verbarg darunter alle Farben des freien menschlichen Geistes ... Die Starken, die sofort im Augenblick ihr Glck in ihre Hnde nehmen konnten, hat es betrogen, den Schwerpunkt ihres Lebens in irgend eine Zukunft verlegt, in den Traum an etwas nicht Existierendes, an etwas, das keiner von ihnen jemals erblicken kann ... Und alle Schnheit des Lebens verschwand dadurch: Der Stolz, die freie Leidenschaft, die Willenskraft, und nur die Pflicht ist brig geblieben und dann, -- der unsinnige Traum an das kommende goldene Zeitalter, golden natrlich fr die anderen. Ja, das Christentum hat eine hliche Rolle gespielt und der Name Jesu Christi wird noch lange wie ein Fluch auf der Menschheit lasten. Von Deutz blieb pltzlich stehen und man konnte trotz der Dunkelheit bemerken, wie sich seine langen Arme hoben und senkten. Nun wissen Sie -- -- -- er stammelte in Schreck und Ratlosigkeit. Auch in Jurii regte sich ein eigenartiges Gefhl. Einerseits schien in Ssanins Worten nichts Besonderes zu liegen, auch konnte ja Ssanin wie Jurii alles aussprechen, was er dachte und fr gut hielt. Aber doch wieder legte sich, gleich einem Schatten des Unbewuten, ein schwerer Druck auf sein stehengebliebenes Denken. Die Existenz dieser vererbten Furcht hatte Jurii lngst vergessen; er kam niemals darauf, sie sich zu vergegenwrtigen. Jetzt empfand er sie um so intensiver; es verletzte ihn. Denken Sie denn garnicht an die blutige Messe, die ber die Menschheit losgebrochen wre, wenn sie das Christentum nicht abgewendet htte, fragte er Ssanin mit eigentmlich nervsem Grimm. Eh, Ssanin wehrte mit der Hand ab. Unter dem Deckmantel des Christentums wurden zuerst die Arenen mit Mrtyrerblut berieselt, dann ttete man Menschen, steckte sie in Gefngnisse, warf sie in Irrenhuser, tagaus, tagein, noch jetzt strmt Blut in solcher Menge, -- -- kein Weltumsturz wre imstande, ein greres Quantum in Flu zu bringen. Am schlimmsten ist ja, da die Menschen noch immer jede Verbesserung mit Blut, durch Revolution erkmpfen mssen. Warum stellen sie denn als Grundlage ihrer Existenz die Humanitt und Nchstenliebe auf. Eine platte Tragdie, Lge und Heuchelei kommt da zutage, weder Fisch noch Fleisch. Ich wrde jetzt lieber eine Weltkatastrophe als das trbe waschlappig-schleimige Leben von zwei Jahrtausenden kommen sehen! Jurii erwiderte nichts. Es war eigentmlich, da sein Denken sich nicht ber dem Sinn der Worte halten konnte, sondern sich stets an die Persnlichkeit Ssanins klammerte. Ihm schien dessen absolute Sicherheit uerst beleidigend, ja, geradezu unertrglich. Sagen Sie bitte, meinte er pltzlich, ohne da er selbst erwartet htte, er wrde dem dringenden Verlangen, Ssanin zu verletzen, nachgeben. Warum sprechen Sie immer in einem Ton, als ob Sie kleine Kinder belehren wollten? Von Deutz wunderte sich ber Juriis Angriffe, wurde verwirrt und hielt sich fr verpflichtet, ein paar begtigende Worte vor sich hinzumurmeln. Da haben Sie's, auch Ssanin war rgerlich. Warum sind Sie denn bse? Jurii fhlte selbst, da er ausfallend geworden war und da er nicht weitergehen drfe, aber die Erregung, die sich tief in ihm eingefressen hatte und der, bis auf die Nerven nackte Eigensinn rissen ihn fort. Ihr Ton ist wirklich unangenehm, gab er hartnckig, fast drohend zurck. Es ist nun einmal so meine Art zu reden, meinte Ssanin, trotz des erkennbaren Aergers, doch mit dem Wunsche zu beruhigen. Er ist aber nicht berall angebracht! Ich begreife berhaupt nicht, warum Sie immer mit solchem Aplomb auftreten ... Wahrscheinlich in dem Bewutsein, da ich klger bin als Sie, antwortete Ssanin noch ruhiger. Jurii blieb, von Kopf bis zu den Fen durchgehend erzitternd, stehen: Hren Sie mal, obgleich man sein Gesicht nicht erkennen konnte, fhlte man, da es bla wurde. Regen Sie sich doch nicht auf, Ssanin hielt ihn liebenswrdig zurck. Ich hatte gar nicht die Absicht, Sie zu beleidigen. Ich habe Ihnen nur meine aufrichtige Meinung gesagt. Und dieselbe Meinung haben Sie von mir, von Deutz hat sie von uns beiden, -- -- -- was wollen Sie, das ist ganz natrlich ... Ssanins Stimme war so aufrichtig und zart, da es nur komisch gewesen wre, mit dem aufgeregten Schreien fortzufahren. Jurii schwieg eine Minute still. Von Deutz, der offenbar die unangenehme Situation fr ihn mitempfand, klirrte ernsthaft mit den Sporen und atmete schwer und deutlich. Aber ich spreche es doch nicht aus, sagte Jurii gepret. Recht schade darum! Ich habe vorhin Ihrer Diskussion mit Deutz zugehrt; in jedem ihrer Worte klang ganz handgreiflich und verletzend dasselbe durch. Es handelt sich also nur um die Form. Ich sage frei heraus, was ich denke, und Sie tun es nicht. Das aber wird auf die Dauer uninteressant. Wenn Sie aufrichtig sein wollten, wren Sie viel geniebarer. Von Deutz lachte pltzlich kleinlich auf: Das ist aber originell! Er verschluckte sich wieder einmal vor Entzcken. Jurii antwortete nichts. Aber sein Aerger legte sich. Er wurde sogar im Augenblick innerlich froh. Immerhin bedrckte es ihn, da er schlielich hatte nachgeben mssen; doch das wollte er nicht zu erkennen geben. Von Deutz war inzwischen mit seinem Entzcken zu Ende gekommen, und erklrte nunmehr gewichtig: Auf diese Weise wrde es aber zu primitiv hergehen. Mssen Sie denn alles durchaus verwickelt und kompliziert haben? ... Von Deutz zuckte die Achseln und wurde nachdenklich. XXIV Sie kamen auf den Boulevard, schritten ihn herunter und bogen in einen entlegenen Stadtteil ein, auf dessen kahlen Straen viel mehr Licht schwamm. Die trockenen Bretter des Brgersteigs hoben sich deutlich von der schwarzen Erde ab und ber ihnen ffnete sich der blasse Himmel, auf dem dunstige Wolkenfetzen zerstreut hingen. Nur hin und wieder funkelte ein Stern. Hier ist es! Von Deutz klinkte eine niedrige Pforte auf und verschwand im Augenblick. Sofort schlug in der Nhe ein alter, heiserer Kter an; dann schrie jemand von einer kleinen Holztreppe herunter: Sultan, -- -- Still. Ein ungeheurer, verwahrloster Hof lag vor ihnen. An seinem einen Ende stand wie mit Kohle hingezeichnet, die stumpfe Masse einer Dampfmhle, auf der sich ein dnner, schwarzer Schornstein traurig zu den fernen Wolken hinaufreckte. Um sie herum lagen schwarze Schuppen. Nirgends war ein Baum zu sehen, nur unter den Fenstern des Seitenflgels stand in einem kleinen Vorgrtchen einsam ein Bumchen. Dort war ein Fenster geffnet und eine Garbe grellen Lichts durchdrang die trbe Finsternis und die durchsichtig grnen Bltter. Na, das ist ein trostloser Flecken, meinte Ssanin. Die Mhle arbeitet wohl schon lange nicht mehr, erkundigte sich Jurii. Oh ja, die steht schon eine ganze Weile, antwortete von Deutz. Im Vorbeigehen schaute er in das erleuchtete Fenster und wandte sich dann mit ungewhnlich zufriedener Stimme zu ihnen: Oho, es ist ja schon eine ganze Menge Volk drin. Jurii und Ssanin blickten ebenfalls durch das Vorgrtchen hinber. In dem hellen, frhlichen Viereck sah man schwarze Kpfe sich bewegen; blauer Tabakdunst schwamm darber. Jemand lehnte sich in die Dunkelheit hinaus; die dunkle verschobene Gestalt, der krause Kopf, von einer Gloriole langer Haare umgeben, verdeckte die ganze Oeffnung. Wer da? ... wurde laut gefragt. Von uns, schrie Jurii zurck. Sie stiegen die Steintreppe hinauf und stieen auf einen Menschen, der ihnen in bereitwilliger Eile die Hnde drckte. Ich dachte schon, da Sie werden garnicht mehr kommen ... sprach er mit stark jdischem Akzent. Ssoloveitschik ... Ssanin, stellte von Deutz vor und drckte freundlich die kalte, sehr zapplige Hand des Unsichtbaren. Dieser kicherte verwirrt und schchtern. Sehr angenehm fr mich ... Wissen Sie, ich habe doch so viel gehrt von Ihnen und sehen Sie, -- -- -- es ist sehr ... Ssoloveitschik sprach in der Aufregung ganz zusammenhanglos, schob sich dabei nach rckwrts, hrte aber nicht einen Moment auf, Ssanins Hand zu drcken. Mit seinem Rcken stie er auf Jurii und trat von Deutz auf den Fu. Verzeihen Sie mir gtigst, Alexander Adolphowitsch, rief er Ssanin verlassend; er klammerte sich jetzt an Deutz an. Dadurch verwickelten sie sich alle in dem dunklen Flur, soda lange Zeit hindurch keiner von ihnen die Tr oder einer den andern finden konnte. Im Vorzimmer hingen auf Ngeln, die von dem ordnungsliebenden Ssoloveitschik eigens fr diesen Abend eingeschlagen waren, Hte und Mtzen. Auf dem Fensterbrett stand eine enge Reihe von Glsern der verschiedensten Formen, die fr den Tee vorbereitet waren. Auch dieses Vorzimmer war schon von Tabaksrauch durchzogen. Bei Licht besehen, stellte sich Ssoloveitschik als ein junger Jude dar, mit schwarzen Augen, krausem Haar, einem schnen mageren Gesicht und verdorbenen Zhnen, die sich jeden Augenblick bei seinem schchternen, geflligen Lcheln zeigten. Die Eintretenden wurden von einem Chor lebhafter und heller Stimmen empfangen. Jurii erblickte vor allen Karssawina, die am Fensterbrett sa; sofort nahm alles fr ihn ein besonderes freudiges Aussehen an, als wenn hier nicht eine Zusammenkunft im dumpfen vollgerauchten Zimmer wre, sondern ein Frhlingsfest auf einer Waldlichtung. Sie lchelte ihm verwirrt entgegen. Nun meine Herrschaften, nun -- -- -- wir werden wohl sein vollzhlig, rief Ssoloveitschik; er mute seine krnkliche und unsichere Stimme anstrengen, weil er ihr einen hellen, frhlichen Klang zu geben versuchte. Beim Sprechen konnte er gewisse sonderbare Handbewegungen nicht unterlassen. Sie mssen schon mich entschuldigen, Jurii Nikolajewitsch, ich glaube, da ich Sie habe angestoen, wendete er sich an Jurii; vor Hflichkeit bog er sich ganz auseinander. Tut ja nichts. Jurii ergriff ihn gutmtig an der Hand. Alle sind wir nicht! Aber hol sie der Teufel, die andern, rief ein gutgewachsener, hbscher Student. An seiner breiten, krftigen Stimme konnte man gleich den sicheren, selbstbewuten Menschen erkennen. Ssoloveitschik sprang zum Tisch und schellte schleunigst mit einer kleinen Glocke, wobei er selbst, vergngt ber diesen kleinen Scherz, den er seit dem Morgen vorbereitet hatte, lchelte. Aber lassen Sie doch das! erboste sich der Student. Immer schleppen Sie irgendwelche Dummheiten heran. Diese Feierlichkeit ist doch wirklich berflssig. Ich habe es nicht, -- -- -- ich wollte ... habe ja nur ... Ssoloveitschik kicherte verlegen, steckte aber die Glocke sofort in die Tasche. Ich glaube, den Tisch rcken wir in die Mitte des Zimmers! sprach der Student wieder. Sofort ... Werde sofort ... Eilig strzte sich Ssoloveitschik auf den Tisch und packte ihn in ohnmchtiger Anstrengung am Rande an. Aber doch die Lampe ... Werfen Sie die Lampe nur nicht um, rief Dubowa. So beruhigen Sie sich doch. Es ist ja nicht so eilig, mischte sich der Student wieder ein. Lassen Sie mich Ihnen behilflich sein, schlug Ssanin ihm liebenswrdig vor. Aber ich bitte sehr, sagte Ssoloveitschik so hastig, da die Worte kaum unterscheidbar ineinander klangen. Ssanin schob den Tisch in die Mitte des Zimmers und solange er damit zu tun hatte, blickten alle auf seinen Rcken und seine Schultern, deren Linien unter dem dnnen Stoff seiner russischen Bluse leicht hin und her liefen. Nun, Hoshijenko, Sie als Initiator des Ganzen haben die Antrittsrede zu halten, sagte die blasse, farblose Dubowa. Aus ihren klugen, hlichen Augen lie sich kaum ersehen, ob sie es ernsthaft meinte oder sich ber den breiten Studenten lustig machen wollte. Meine Herrschaften, begann Hoshijenko, indem er seine Stimme anhob. Sie wissen alle natrlich, aus welchem Grunde wir uns versammelt haben. Deshalb knnten wir eine Einleitung eigentlich entbehren, aber ... Ssanin unterbrach ihn lchelnd: Ich fr meine Person wei leider nicht, warum ich mich versammelt habe. Es hie so etwas, es wrde hier Bier geben ... Uebrigens, die Einleitung will ich gerne entbehren. Hoshijenko sah herablassend ber die Lampe auf ihn hin und fuhr fort: Der Zweck unseres Zirkels ist, auf dem Wege gegenseitigen Lesens, der Besprechung des Gelesenen, und dann des selbstndigen Referierens ... Wie meinen Sie ... gegenseitigen Lesens, rief Dubowa dazwischen und es war wieder nicht zu verstehen, ob sie im Ernst fragte oder zum Spott. Der dicke Hoshijenko errtete etwas. Ich wollte sagen ... gemeinsamen Lesens. So ist also der Zweck unseres Zirkels, indem er beilufig die geistige Entwicklung seiner Mitglieder frdert, die individuellen Anschauungen herauszuarbeiten, um dadurch die Entstehung einer Parteiorganisation auf sozialdemokratischer Grundlage in unserer Stadt in die Wege zu leiten. Aha, schrie Iwanow gedehnt und rieb sich andauernd den Nacken, dicht unter dem Kopfhaar, -- so luft der Hase. Aber das kommt erst spter. Vorlufig wollen wir uns aber keine so weiten ... Oder engen ... brach Dubowa wieder in ihrem sonderbaren Ton dazwischen. ... Aufgaben stellen, der dicke Hoshijenko tat, als wenn er nicht gehrt htte, sondern werden mit der Ausarbeitung eines Leseplans beginnen. Was auch, wie ich vorschlagen mchte, die Tagesordnung unserer heutigen Versammlung bilden soll. Ssoloveitschik! ... Und Ihre Arbeiter ... Werden Sie kommen? ... Aber gewi, ja! Ssoloveitschik schnellte aus seiner gebckten Stellung in die Hhe, als wenn ihn jemand gebissen htte und sprang mit seiner Antwort zu Dubowa herber. Man ist sie schon holen gegangen. Ssoloveitschik, regen Sie sich doch nicht jedesmal auf. Seien Sie doch ruhig, bemerkte Hoshijenko in strengem Ton. Sie kommen schon, rief Schawrow, der ernst und aufmerksam fast mit ehrfurchtsvoller Miene den Ausfhrungen Hoshijenkos zugehrt hatte. Hinter dem Fenster ertnte das Knarren der Pforte und gleich darauf wieder das heisere Bellen des Hundes. Ssoloveitschik sprang impulsiv mit unverkennbarem Entzcken aus dem Zimmer. Sultan, ... still ... schrie er schrill von der Steintreppe herab. Man hrte schwere Schritte, Stimmen und Husten. Ein kleiner Student der technischen Hochschule, der Hoshijenko ziemlich hnlich sah, nur da er brnett und hlich war, trat ein; hinter ihm kamen verwirrt und ungeschickt zwei Arbeiter. Ueber ihre schmutzigen roten Hemden hatten sie Jacken gezogen; ihre Hnde sahen schon von weitem geschwrzt aus. Der eine von ihnen war hoch gewachsen, hager mit bart- und blutlosem Gesicht, auf dem die langjhrige Unterernhrung, die ewige Sorge und der tief in die Seele eingeprete Grimm unverwischbare Furchen gezogen hatten. Der andere sah wie ein Athlet aus, war breitschultrig, kraushaarig und schn; er machte den Eindruck eines Bauernburschen, der zum ersten Mal in die fremden stdtischen Verhltnisse, in denen ihm zunchst noch alles lcherlich vorkommt, untergetaucht war. Hinter ihnen schlpfte, sich mit der Seite voranschiebend, Ssoloveitschik durch. Meine Herrschaften, nun ... wollte er feierlich beginnen. Wie gewhnlich fiel ihm Hoshijenko nervs ins Wort: Aber lassen Sie doch! Dann fuhr er selbst fort: Guten Abend, Genossen. Der Technologe bernahm sofort die Vorstellung: Erlauben Sie, hier Piszow und dies Kudriawi. Schwer und vorsichtig schritten die beiden Arbeiter durch das Zimmer und schttelten verlegen die Hnde, die ihnen von den meisten Anwesenden mit besonderer Zuvorkommenheit entgegengereicht wurden. Piszow, der Bauer, lchelte unentschlossen und Kudriawi -- er war mager und bla -- machte mit dem langen, dnnen Hals Bewegungen, als wenn er an dem engen Hemdkragen ersticken mte. Dann setzten sie sich nebeneinander ans Fenster zu Karssawina, die auf dem Fensterbrett hockte. Aber warum ist denn Nikolajew nicht gekommen? ... fragte unzufrieden Hoshijenko. Nikolajew konnte nicht! antwortete zuvorkommend Piszow. Nikolajew ist besoffen wie ein Stint, fiel ihm dster und abgerissen Kudriawi ins Wort, wobei er eigentmlich nervs mit dem Hals zuckte. Ah so, ... so ... Hoshijenko nickte ungeschickt mit dem Kopf. Unwillkrlich erschien Jurii Swaroschitsch diese Bewegung widerwrtig, und von diesem Augenblick an sah er in dem Studenten seinen persnlichen Feind. Also whlte er den besseren Teil, bemerkte Iwanow in tiefem Nachdenken. Der Hund schlug im Hofe an. Noch einer, sagte Dubowa. Wenn nicht zu guter Letzt die Polizei ... meinte mit gemachter Nachlssigkeit Hoshijenko. Das wrde Ihnen wohl ganz gut in den Kram passen, wenn es die Polizei wre, versetzte sofort Dubowa. Ssanin blickte auf ihre intelligenten Augen, die aus ihrem hlichen Gesicht interessiert hervorsprangen. Sie nicht allein verfeinerten es; auch der helle Zopf, der ber die Achsel auf die Brust geworfen war, umrahmte es sehr niedlich von der Seite ... Welch ein famoses Mdchen, dachte Ssanin, ohne die Augen von ihr abzuwenden. Ssoloveitschik wollte wieder in die Hhe fahren, erschrak aber rechtzeitig und tat, als ob er auf dem Tisch nach einer Zigarette suchte. Aber Hoshijenko, der wie gespitzt auf jede seiner Bewegungen zu lauern schien, hatte es auch diesmal wieder bemerkt und machte eine abweisende strenge Geste, durch die seine Antwort auf Dubowas Einwurf abgelenkt wurde. Ssoloveitschik klappte unter ihr pltzlich zusammen; ihm schien das Verstndnis aufzudmmern, da sein einfacher Wunsch, allen Menschen zu helfen und gefllig zu sein, bei weitem keine so schroffe Zurckweisung verdiente. Vielleicht kmmern Sie sich nicht in einem fort um Ssoloveitschik, rief Dubowa zu Hoshijenko herber. Seien Sie doch ruhig. Rasch und lrmend trat Nowikow ins Zimmer. Nun, da bin ich, bemerkte er mit freudigem Lcheln. Das konstatieren wir, Ssanin nickte ihm zu. Nowikow lchelte verlegen und flsterte ihm beim Hndedruck eilig und wie zu seiner Rechtfertigung ins Ohr: Lydia Petrowna hat Besuch bekommen. Na, sollen wir uns auch weiterhin mit Privat-Unterhaltungen unterhalten, fragte wtend der Technologe. Beginnen wir doch meinetwegen! Hatten Sie denn noch garnicht begonnen? erkundigte sich Nowikow erfreut, whrend er den Arbeitern, die eilig vor ihm aufgestanden waren, die Hnde drckte. Es war ihnen peinlich, da ihnen der Arzt, der sie im Krankenhaus von oben herab behandelte, jetzt die Hand als Genosse reichte. Ja, mit Ihnen soll einer anfangen, zischte Hoshijenko unangenehm durch die Zhne. Dann fuhr er fort: Also, meine Herrschaften, uns allen wre es natrlich erwnscht, unsere Weltanschauung zu erweitern. Da wir nun glauben, da die beste Mglichkeit der Selbstentwickelung und Selbstbildung durch systematisches, gemeinsames Lesen und durch Gedankenaustausch ber das Gelesene gegeben wird, so haben wir beschlossen, einen kleinen Zirkel zu bilden ... So ... Piszow atmete begeistert auf und lie seine freudig glnzenden Augen ber alle Kpfe gleiten. Die Frage dreht sich nur noch darum, was wir jetzt lesen sollen. Vielleicht ist jemand bereit, ein Programm vorzuschlagen. Schawrow zupfte an seiner Brille herum, dann erhob er sich langsam, ein Heft in der Hand. Ich glaube, begann er mit trockener, langweiliger Stimme, da wir unser Lesen unbedingt in zwei Teile zerlegen mssen, wie? Es ist unzweifelhaft, da sich jede Bildung aus zwei Teilen zusammensetzt, aus der Kenntnis des Lebens, entwicklungsgeschichtlich betrachtet, und der Kenntnisse der Lebensvorgnge als solcher. Schawrow spricht gescheiter, bemerkte Dubowa. Das erstere wird durch das Lesen von Bchern erreicht, die Naturwissenschaften zur Grundlage haben, das zweite durch Lektre knstlerischer Literatur, und die wird uns mitten in das Leben einfhren. Dubowa konnte nicht zur Ruhe kommen: Wenn wir so langsam weitersprechen, schlafen wir alle ein. In ihren Augen leuchtete zrtlicher Spott wie ein lustiges Feuer auf. Ich bemhe mich, so zu sprechen, da mich alle verstehen knnen, wie? erwiderte Schawrow sanftmtig. Nun, Gott mit Ihnen, sprechen Sie schon, wie Sie wollen. Dubowa machte eine wegwerfende Handbewegung. Auch Karssawina lachte zrtlich ber Schawrow und warf vor Lachen den Kopf so weit in den Nacken zurck, da sich ihr voller, weier Hals zeigte. Ich habe ein Programm zusammengestellt, aber vielleicht wrde es langweilig sein, es vorzulesen. Darum mchte ich zunchst vorschlagen -- zu -- lesen: Der Ursprung der Familie von Engels, und daneben: Darwin, und als Belletristisches: Tolstoi. Tolstoi gewi. Zum ersten Mal beteiligte sich von Deutz, der bis dahin, nur neugierig auf alles starrend, Zigaretten geraucht hatte, an der Diskussion. Auch jetzt zndete er sich, sehr befriedigt von seinem Einwurf, eine neue Zigarette an. Schawrow wartete, Gott wei warum, bis die Zigarette in Brand gesetzt war, dann fuhr er methodisch fort: Tschechow, Ibsen, Knut Hamsun ... Aber das hat man doch schon lngst gelesen! Karssawina war sehr erstaunt. Jurii lauschte mit Freude ihrer klingenden Stimme und schlo sich ihr sofort an: Selbstverstndlich! Schawrow vergit ganz, da er hier nicht bei seinen Sonntagsvorlesungen ist. Und dann, was ist das fr eine komische Zusammenstellung: Tolstoi und Hamsun. Schawrow fhrte ruhig und weitschweifig einige Einwnde zur Verteidigung seines Programms an, aber keiner konnte verstehen, was er eigentlich sagen wollte. Nein, widersprach ihm Jurii laut und entschieden, whrend er den Blick Karssawinas ganz besonders auf sich ruhen fhlte und darber froh wurde. Ich kann da nicht zustimmen. Nunmehr entwickelte er seinen Standpunkt, und je lnger er sprach, um so mehr gab er sich Mhe, Karssawinas Beifall zu erringen. Er sprte, da es ihm gelang. Schonungslos schlug er auf Schawrow auch in solchen Punkten los, in denen er sonst mit ihm einverstanden gewesen wre. Der dicke Hoshijenko setzte sofort, nachdem Jurii geendet hatte, mit scharfem Widerspruch ein. Er hielt sich fr gebildeter, intelligenter und vor allem fr einen besseren Redner als die anderen, im Grunde hatte er diesen Zirkel nur gegrndet, weil er hoffte, so eine erste Rolle zu spielen. Der Beifall, den Jurii fand, berhrte ihn unangenehm und zwang ihn, sofort gegen ihn aufzutreten. Die Ansichten Juriis waren ihm vorher nicht bekannt gewesen, und er war daher nicht fhig, sie in vollem Umfange zu bekmpfen. So griff er nur die schwachen Stellen heraus und strzte bissig auf sie los. Ein langer Streit, von dem offenbar das Ende garnicht vorauszusehen war, schlo sich an. Der Technologe, Iwanow, Nowikow ergriffen ebenfalls das Wort; bald leuchteten durch den Tabaksrauch aufgeregte Gesichter. Die Worte verwickelten sich in ein unentwirrbares, formloses Chaos, in dem man fast nichts mehr herausfinden konnte. Dubowa war in Nachdenken versunken; schweigend sah sie in das Feuer der Lampe und Karssawina, die auch auf nichts mehr hinhrte, ffnete ihr Fenster zum Vorgrtchen und starrte sinnend, die straffen Arme auf der Brust verschrnkt, den vollen Nacken gegen den Fensterrahmen gelehnt, durch die nchtliche Finsternis. Zuerst konnte sie nichts erkennen, aber allmhlich traten aus dem schwarzen Dunkel die trchtigen Bume, der beleuchtete Vorgartenzaun und weiter hinten ein trb schwankender Lichtfleck, der ber das Gras auf den Fupfad glitt, deutlich heraus. Der weiche, elastische Wind umgab ihr Schultern und Nacken mit khlen Strichen, -- leise bewegte er zarte, einzelne Hrchen an ihrer Schlfe. Karssawina hob den Kopf und unterschied in der allmhlich klarer werdenden Finsternis den unaufhrlichen, eigenartig gespannten Zug dunkler Wolken. Sie dachte ber Jurii, ber ihre Liebe nach und glckliche schwere Gedanken erfllten mit liebkosender Erregung ihr Hirn. Es war so schn, hier zu sitzen, sich mit dem glhenden Krper der Nacht hinzugeben und dabei mit ganzem Herzen der einen aufreizenden Mnnerstimme zuzuhren, die fr sie ganz besonders laut aus dem allgemeinen Gewirr herausklang. Im Zimmer herrschte unterdessen ununterbrochenes Lrmen; es stellte sich immer klarer heraus, da jeder einzelne sich fr gebildeter und intelligenter hielt, und die anderen zu belehren suchte. Darin lag ein schwerer, aufpeitschender Vorwurf, der selbst die Friedfertigsten erbitterte. Ja, wenn wir es von der Seite nehmen, dann mssen wir auf den Urgrund aller Ideen zurckgehen. Jurii schrie es mit hartnckiger Anstrengung, -- einen gleichen hartnckigen Glanz in den Augen. Er frchtete, in Gegenwart Karssawinas, nur einen Schritt von seiner Meinung zurckweichen zu mssen. Er wute nicht, da sie ganz allein auf seine Stimme hrte, ohne auch nur einen Augenblick auf den Inhalt seiner Worte zu achten. Was sollen wir denn dann Ihrer Meinung nach lesen? fragte Hoshijenko spttisch. Meiner nach? ... Nun, Confucius, das Evangelium, den Ecclesiast ... Hoshijenko lchelte schadenfroh; dachte aber garnicht daran, da er bisher noch kein einziges dieser Bcher gelesen hatte. Aber was wollen Sie denn? ... Das geht doch nicht, wie? meinte Schawrow gedehnt. Die Psalter und das Leben der Heiligen ... nur los! bemerkte ironisch der Technologe. Wie in der Kirche, kicherte Piszow. Jurii wurde vor Wut dunkelrot. Ich scherze nicht. Wollen Sie logisch sein ... Und was erzhlten Sie vorhin ber Christus? ... fiel ihm von Deutz triumphierend ins Wort. Was ich gesagt habe? ... Wenn man an das Studium des Lebens herangeht, so, -- -- so will man sich eine bestimmte Weltanschauung bilden, um die gesamten Beziehungen zwischen sich und den Menschen zu klren. Dann ist doch wohl das Richtigste: zunchst hlt man sich bei der titanischen Arbeit jener Menschen auf, die die besten Reprsentanten des Menschengeschlechts waren. Sie haben ja in ihrem eigenen Leben alles getan, um die verschiedensten Zusammenhnge in der menschlichen Gesellschaft von den einfachsten bis zu den kompliziertesten, zu prfen und festzustellen. Hoshijenko, der die ganze Zeit ber wie gespannt sa, fiel ihm jetzt gewaltsam ins Wort: Bitte sehr, ich erklre mich damit durchaus nicht einverstanden. Bitte, ich kann das unter keiner Bedingung zugeben. Nowikow berschrie ihn: Aber ich bin ganz derselben Meinung. Sehr richtig war das. Wieder entstand ein sinnloser, brutaler Wirrwarr der Reden, in dem man weder Anfang noch Ende einer Ansicht herausfinden konnte. Ssoloveitschik, der sofort, als die anderen zu sprechen begannen, sich schweigend in die Ecke gesetzt hatte, achtete intensiv auf jedes Wort. Zuerst lag auf seinem Gesicht ungeteilte Aufmerksamkeit, die in ihrem Ernst fast kindlich wirkte. Dann schrfte sich in seinen Mienen mehr und mehr der Zug voller Verstndnislosigkeit und innigen Leides. Ssanin schwieg, trank Tee und rauchte. Man konnte Aerger und Langeweile aus ihm herauslesen. Als nun gar gehssige Nuancen das wirre Geschrei durchtnten, erhob er sich, drckte seine Zigarette aus und sagte: Ja, wit ihr, Herrschaften, eure Geschichte hier wird mit der Zeit langweilig. Wirklich. Von ganzem Herzen langweilig, untersttzte ihn Dubowa. Oh Eitelkeit aller Eitelkeiten, Qual fr den Geist! sprach Iwanow in einem Ton, als ob er diese Phrasen die ganze Zeit auf der Zunge gehabt und nur auf die Gelegenheit gewartet htte, sie anzubringen. Und weshalb finden Sie das, fragte wtend der brnette Technologe. Ssanin schenkte ihm keine Aufmerksamkeit und wendete sich an Jurii: Glauben Sie ernsthaft, da man sich nach irgend welchen Bchern eine gewisse Weltanschauung aufbauen knne? Aber gewi! Ganz im Gegenteil. Wenn dem so wre, mte man ja die ganze Menschheit auf eine Form bringen knnen. Man brauchte ihr nur Bcher von einer Richtung zu lesen geben. Nein, die Weltanschauung wird nur vom Leben selbst gestaltet. In dem ist die Literatur und selbst das menschliche Denken ein verschwindender Teil. Die Weltanschauung ist keine Theorie des Lebens. -- -- Nein, gewi nicht! Ganz allein die -- nun, warten Sie, -- die Stimmung der einzelnen Persnlichkeit. Und diese Stimmung wird so oft wechseln, solange der Mensch seine lebende Seele besitzt. Folglich kann es berhaupt nicht eine singulre, abgeschlossene Weltanschauung geben, fr die sie so energisch eintreten knnten. Aber wieso denn nicht, rief Jurii emprt. Wieder trat auf das Gesicht Ssanins der Ausdruck von Langeweile. Natrlich nicht. Wenn eine Weltanschauung als fertige Theorie mglich wre, so mte ja unser Denken vllig zum Stillstand kommen. Aber das gibt es ja garnicht. Jeder Augenblick unseres Daseins schreit uns sein neues, eigenes Wort ins Ohr und auf dieses Wort mu man hren, ohne sich vorher durch Begrenzungen festzulegen. -- -- Wozu brigens darber diskutieren, fiel er sich pltzlich, ber seine Interessiertheit erstaunt, selbst in die Rede. Denken Sie, was Sie wollen. Doch nur noch eins mchte ich Sie fragen. Warum haben Sie sich denn, -- Sie haben doch wahrscheinlich schon hunderte von Bchern gelesen, vom Ecclesiast bis auf den Marx -- noch keine Weltanschauung gebildet. Ich htte mir keine gebildet? ... Jurii fhlte sich tief verletzt. Bitte, ich habe schon eine. Vielleicht ist sie falsch, aber feststehend ist sie. Ja, was wollen Sie sich dann eigentlich hier noch anschaffen? ... Piszow kicherte. Eh, du! herrschte ihn verachtungsvoll Kudriawi an, drohend den Hals anreckend. Mit naivem Entzcken starrte Karssawina jetzt auf Ssanin, -- -- -- wie klug er doch ist, dachte sie. Sie verglich ihn mit Swaroschitsch; ihren ganzen Krper durchwhlte ein schamhaftes, frohes Gefhl, das ihr aber nicht bewut wurde. Als wenn sich diese beiden nicht aus allgemeinen Grnden stritten, sondern nur, um vor ihr zu glnzen. Also ... am letzten Ende zeigt sich ... Ihr habt euch hier alle ohne jede innere Notwendigkeit versammelt. Ich verstehe auch das! Es ist ganz klar. Einer will nur den andern zwingen, seine Ansichten anzuerkennen und anzunehmen; dabei frchtet jeder, da man ihn selbst berreden knnte. Offen gestanden, Herrschaften, das ist de und platt. Erlauben Sie mal, schrie Hoshijenko. Nein. Sie glauben hier die allerherrlichste Weltanschauung zu haben, sicher haben Sie auch in Ihrem Leben eine Menge von Bchern in der Hand gehabt. Und doch regen Sie sich darber auf, da nicht alle so denken, wie Sie. Auerdem verletzten Sie noch vorhin ein paar Mal den Genossen Ssoloveitschik, der Ihnen absolut nichts zuleide getan hatte. Hoshijenko schwieg verwundert, als ob ihm etwas ganz Unerhrtes gesagt worden wre. Jurii Nikolajewitsch, fuhr Ssanin lustig fort, seien Sie mir nicht bse, wenn ich Ihnen vorhin etwas derb gekommen bin. Ich sehe, da in Ihnen tatschlich ein Zwiespalt vorgeht. Jurii errtete; er war unsicher, ob er sich verletzt fhlen msse oder nicht. Wieso? ... Weshalb ein Zwiespalt? ... Ebenso wie auf dem Herwege berhrte ihn auch jetzt die zrtliche, beruhigende Stimme Ssanins angenehm. Das wissen Sie doch selbst, erwiderte ihm Ssanin lchelnd. Und auf dieses kindische Unternehmen hier, da, wirklich, da mu man einfach spucken; sonst lt man es sich tatschlich noch zu nahe gehen. Hren Sie mal, schrie Hoshijenko wieder tief errtend. Sie erlauben sich aber zu viel. Weniger als Sie. Was -- als ich? Denken Sie nur, sagte Ssanin lustig. In jedem Ihrer gehssigen Worte liegt sicher viel mehr Grobheit und Taktlosigkeit, als in einem vergngten von mir. Ich verstehe Sie nicht! Das ist nicht meine Schuld. Was? Ohne zu antworten, nahm Ssanin den Hut und sagte: Ich gehe fort. Das wird wirklich zu uninteressant. Eine gute Tat. Und Bier gab es auch nicht mal, stimmte ihm Iwanow bei und ging ins Vorzimmer hinaus. Dubowa stand ebenfalls auf: Ja, aus der Sache wird wohl nichts werden. Kommen Sie mit, Jurii Nikolajewitsch? wendete sich Karssawina an diesen. Auf Wiedersehen, sie reichte Ssanin die Hand. Fr eine Minute trafen sich ihre Blicke, unwillkrlich wurde sie betroffen. Beim Fortgehen sagte Dubowa: Der Zirkel ist verwelkt, bevor er geblht hat. Aber warum denn nur, fragte traurig und ratlos Ssoloveitschik, der allen wie ein Pfahl im Wege stand. Erst in diesem Augenblick erinnerte man sich an ihn; der sonderbare Ausdruck seines Gesichts fiel ihnen auf. Hren Sie, Ssoloveitschik, sagte nachdenklich Ssanin. Ich mchte einmal zu Ihnen kommen. Mich mit Ihnen ein bichen persnlich unterhalten. Ich bitte recht sehr ... Ssoloveitschik verbeugte sich hocherfreut. Auf dem Hofe schien es nach der Helle des Zimmers so dunkel, da man die Nebenstehenden garnicht bemerken konnte, man hrte nur laute Stimmen um sich. Die Arbeiter gingen abseits von den anderen. Als sie schon in der Finsternis untergetaucht waren, sagte Piszow: So geht's doch ein fr alle Mal. Ich mchte mal sehn, ob's nicht immer dasselbe ist. Da laufen die Herrschaftens nun zusammen und wollen ne Sache machen. Und was? ... Jeder will's in seine Hnde kriegen. Aber dieser gesunde Kerl da, der, der da immer zuletzt red'te, Donnerwetter, der macht Laune. Na, du hast auch 'ne Ahnung, wenn gebildete Leute unter sich zu reden haben, erwiderte Kudriawi und drehte wieder seinen Hals als wenn er einen Erstickungsanfall bekme. Seine Stimme war stumpf und erbittert. Piszow pfiff selbstsicher und spttisch. XXV Ssoloveitschik stand noch ziemlich lange unbeweglich auf der Steintreppe und starrte in den sternenlosen Himmel; mechanisch rieb er die mageren Finger gegeneinander. Der Wind bog hinter den schwarzen Scheunen und Schuppen, an deren Eisenpfosten er klirrte, die Wipfel der Bume, die sich wie Gespenster lautlos drngten, hin und her; ber ihnen zogen Wolken in furchtbarer Hast, wie von einer unwiderstehlich mchtigen Bewegung erfat, vorbei. Ihre schwarzen Massen bauten sich schweigend am Horizont auf, trmten sich in unerreichbare Hhen; pltzlich brachen sie weit in der Ferne in einem jhen Abgrund nieder. Man htte glauben knnen, da ihre unbersehbaren Regimenter hinter dem weiten Rand der Erde ungeduldig warteten und eins nach dem andern mit wehenden, dumpf grauen Fahnen in eine phantastische Schlacht zge. Ab und zu drhnte mit dem ruhelosen Wind das Tosen und Wuchten ihres Kampfes herber. Mit kindlicher Furcht blickte Ssoloveitschik hinauf; niemals frher hatte er so stark als in dieser Nacht empfunden, wie klein und ohnmchtig, fast garnicht existierend er sich inmitten dieses grandiosen, sich verschlingenden Chaos ausnahm. -- -- -- Oh Gott, Gott, seufzte er und sein Herz krmmte sich vor Trauer. Angesichts des Himmels und der tiefen Nacht war er nicht mehr derselbe wie unter den Augen der Menschen. Die hastige Geflligkeit der verzerrten Bewegungen war in irgend eine Tiefe versunken, die hlichen Zhne, die den Eindruck eines fletschenden alten Kters hervorriefen, verbargen sich hinter den dnnen Lippen eines jungen Juden; seine schwarzen Augen blickten traurig und ernst. Langsam ging er ins Zimmer zurck, lschte eine berflssige Lampe aus, rckte ungeschickt den Tisch an seinen alten Platz und setzte die Sthle mit peinlicher Mhe zurecht. Durch die Zimmer zogen noch immer Schwalme dnnen Tabaksrauches, auf dem Boden lag viel Schmutz, zertretene Zigarettenstummel und abgebrannte Streichhlzer. Ssoloveitschik holte den Besen und fegte das Zimmer aus. Wie immer bemhte er sich, den Ort, wo er wohnte, mit einer seltsamen, nachdenklichen Liebe so schn und gemtlich als mglich zu machen. Dann brachte er aus der Kammer einen alten Eimer mit Schmutzwasser, krmelte noch Brod hinein und ging ber den dunklen Hof, wobei er, um das Gleichgewicht zu halten, gezwungen war, den ganzen Krper auszurecken, die Fe in trippelnden Schritten voreinanderzusetzen und mit dem freien Arm hin und herzuschlenkern. Um sich ein wenig Licht zu schaffen, hatte er die Lampe auf das Fensterbrett gestellt; dennoch war es im Hof dunkel und bnglich. Ssoloveitschik war froh, als er an der Htte Sultans angelangt war. Der zottige Hund kroch ihm keuchend entgegen und rasselte traurig mit der eisernen Kette. Ah Sultan, still, schrie Ssoloveitschik, um sich an seiner eigenen lauten Stimme zu beruhigen. In der Finsternis stie ihn der Hund mit der nassen, kalten Schnauze an die Hand. Hier, hier, Ssoloveitschik stellte den Eimer nieder. Sultan glubschte und prustete im Eimer und Ssoloveitschik stand neben ihm; er lchelte traurig in die Finsternis hinein. -- -- -- Was kann ich tun, dachte er, kann ich denn die Menschen zwingen, anders zu denken, als sie Lust haben? Ich hatte selbst geglaubt, von ihnen zu hren, wie man leben und denken soll. Gott gab mir keine Prophetenstimme ... Was mu ich also tun ... Sultan knurrte freundlich. Fri schon, fri, ... ja, ja, ist ja gut ... Ich mchte dich schon von der Kette losmachen, damit du ein bichen herumlaufen kannst, aber ich habe keinen Schlssel. So bin ich zu schwach. -- -- -- Was fr kluge, wunderbare Menschen das sind ... Und wieviel sie wissen ... Und dennoch ... Oder vielleicht bin ich selbst schuld. Ich mte ein einziges Wort sagen. Und doch, ... dieses Wort fand ich nicht. -- -- Fern hinter der Stadt erklang ein gedehntes trbseliges Pfeifen. Sultan hob den Kopf und lauschte. Man konnte hren, wie von seiner Schnauze schwere Tropfen klingend in den Eimer fielen. Aber fri doch weiter, da pfeift der Zug ... Sultan seufzte schwer. -- -- -- Und werden einmal die Menschen so leben knnen ... oder vielleicht knnen sie es garnicht. -- -- -- Ssoloveitschik sprach diesen letzten Satz laut in die Luft. Ein endloses Menschenheer, das aus der Finsternis heraufstieg und wieder in sie hineinwallte, schob sich pltzlich an seinen Augen vorber. Eine Reihe von Jahrhunderten ohne Anfang und Ende, eine Kette von Leiden ohne Lichtstrahl, ohne Sinn, ohne Erlsung ... Und oben, wo Gott thront, herrscht ewiges Schweigen. -- -- -- Sultan klapperte mit dem leeren Eimer, stie ihn um und wedelte unter schwachem Kettengeklirr mit dem Schwanz. Nu, ... hast du gefressen, ... nu ... Ssoloveitschik streichelte den rauhen Rcken, fhlte einen Augenblick an der Hand den lebendigen, sich zrtlich biegenden Krper und ging ins Haus. Weit hinter ihm klirrte Sultan mit der Kette; auf dem Hof war es etwas heller, aber gerade dagegen erschien das alte, schwarze Gebude der Mhle mit dem zum Himmel ragenden Schornstein und dem schmalen, sargartigen Schuppen noch dunkler und furchtbarer. Ein schmaler Lichtstreifen schob sich vom Fenster durch das Vorgrtchen. Schwankende Kpfe zarter Blumen hoben sich von ihm ab, bewegten sich unter dem schwarzen Himmel, der seine grauen Fahnen unendlich entfaltet hatte, gengstigt hin und her, als wenn sie die dumpfe Ahnung des Sterbens heranschleichen fhlten. Ssoloveitschik ging ins Zimmer; er war von der erdrckenden Trauer, etwas unwiderbringlich verloren zu haben und jetzt ganz einsam zu sein, durchdrungen. Er setzte sich an den Tisch und begann langsam und schwer zu weinen. XXVI Gewaltsam waren den mden Sinnen immer neue Gensse abgetrotzt worden und doch reagierte der Krper, den die Ausschweifungen bis zu Schmerzen gepeinigt hatten, immer von neuem auf die eine Tatsache: Weib! ... Das Weib stand vor Woloschin nur nackt, stets zugnglich; in jedem Augenblick seines Lebens setzten Frauenkleider, die sich vollen, biegsamen Figuren eng anschmiegten, seine Nerven in Spannung, bis seine Knie scharf erzitterten und alle Muskeln an ihm zerrten. In Petersburg hatte er einen ganzen Haufen luxuriser und gutgepflegter Weiber zurckgelassen, die in jeder Nacht seinen Krper mit den raffiniertesten Perversitten aufpeitschten. Am Tage lag in seinen Hnden die Leitung eines wichtigen, umfangreichen Werkes, von dem die Existenz vieler Menschen, die fr ihn arbeiten muten, abhngig war; doch sobald er es gegen Abend verlie, strzten sich alle seine Gedanken auf das eine Ziel: Weib! ... Als er wenige Tage zuvor von Petersburg abgereist, weil in seiner Fabrik ein umfangreicher Streik eingesetzt hatte, entstanden vor seinen Augen welke Trume von blutjungen, unberhrten Frauen kleiner Provinznester. Er stellte sie sich scheu und ngstlich, saftig wie Waldpilzchen vor, und schon von der Ferne her sog er gierig ihren aufreizenden Duft von Jugendfrische und Reinheit in sich ein. Nachdem er die Verbindungen mit den hungrigen, schmutzigen und innerlich erbitterten Leuten frei zerrissen hatte, erfrischte er seinen bleichschtigen, zermrbten Krper mit Parfms und der schneeweien Sauberkeit eines hellen Kostms, nahm eine Droschke und fuhr zu Sarudin. Auf dem Wege zu ihm zitterte er fast vor Ungeduld, obgleich ihn seine Gesellschaft eigentlich chokierte. Der Offizier sa am Fenster zum Garten, trank kalten Tee und bemhte sich, in bessere Stimmung zu kommen. ... Ein sehr schner Abend, wiederholte er sich mechanisch, aber er konnte seine Gedanken nicht an diesen einfachen Phrasen festhalten; er war mit sich selbst unzufrieden; er schmte sich. Er frchtete Lyda. Seit dem Tage ihrer Auseinandersetzung hatte er sie nicht mehr gesehen. Sie stand jetzt ganz anders vor seinen Augen, als in der Zeit ihrer Hingabe. ... Wie dem auch sein mag; die Sache ist sicher noch nicht zu Ende. Man mu auf irgend eine Weise das Kind los werden. Oder ... sollte man einfach darauf spucken? ... ... Was mag sie jetzt tun? ... Vor ihm tauchte das hbsche Gesicht des Mdchens auf, aber mit drohendem, rachschtigem Ausdruck, mit festzusammengepreten Lippen und seinen rtselhaften Augen. ... Und wenn sie mir hier einen Tanz auffhren wird. -- So Eine, wie sie, lt die Geschichte nicht ruhig ablaufen ... Ich mte doch eigentlich etwas ... Das Gespenst eines entsetzlichen Skandals, der sich in seiner Form noch gar nicht voraussehen lie, tauchte vor ihm auf; sein Herz begann feige schneller zu schlagen. ... Aber am Ende, fragte er sich immer, was kann sie denn schlielich tun ... Nichts! ... Dann erhellte sich etwas in seinem Hirn, alles wurde klar und einfach, und er war zuletzt berzeugt, da nichts passieren wrde. ... Sie ersuft sich? ... Nun, mag sie der Teufel holen ... Ich habe sie auch nicht mit Gewalt zu mir hergeschleppt. Sie sagt, da sie nicht meine Geliebte war ... Was bedeutet das viel? ... Das Ganze zeigt doch nur, da ich ein hbscher Kerl bin. Da ich sie heiraten werde, habe ich niemals versprochen. ... Sonderbar, bei Gott! ... Sarudin zuckte mit den Achseln; wieder legte sich in diesem Moment der trbe, bange Druck in seine Seele ... Aber doch, auf jeden Fall gibt's Klatschereien, ... ich werde mich schon nirgends mehr zeigen drfen ... Ein wenig zitternd fhrte seine Hand das Glas mit kaltem Tee zum Mund. Er war ebenso reinlich und hbsch wie immer, aber zumute war ihm, als wenn auf ihm, auf seiner ganzen Persnlichkeit, auf dem Gesicht, dem schneeweien Kittel, den Hnden, ja selbst auf dem Herzen ein schmutziger Fleck lge, der langsam weiter um sich frit. ... Eh, das geht schon mit der Zeit vorber, ist ja nicht das erste Mal, trstete er sich. Doch in seinem Innern wollte sich das unbekannte Gefhl nicht damit beruhigen lassen. Woloschin trat ein, scharrte mit den Stiefelsohlen und zeigte nachsichtig die kleinen Zhne in einem zufriedenen Lcheln. Mit einem Mal erfllte sich das ganze Zimmer mit dem Geruch von Parfms, Tabak und Moschus, der den Duft des grnen Gartens und der Khle ablste. Ah, Pawl Lwowitsch, Sarudin erschrak etwas. Woloschin begrte ihn, setzte sich ebenfalls ans Fenster und zndete eine Zigarre an. In Sarudins Augen schien er so selbstsicher, so elegant, da dieser leichten Neid darber empfand. Aus allen Krften bemhte er sich, ein ebenso sorgloses und keckes Aussehen zu gewinnen. Aber seine Augen liefen die ganze Zeit ruhelos umher. Seitdem ihm Lyda das Wort Rindvieh ins Gesicht geschleudert hatte, kam es ihm vor, da jeder Mensch davon wte und innerlich ber ihn spottete. Mit Lcheln und alten, aber ungeschickten Witzen begann Woloschin ber Kleinigkeiten zu schwtzen, doch wurde es ihm schwer, den Ton aufrecht zu halten; das ungeduldige Verlangen nach dem Worte _Weib_ prete sich bald durch alle seine Witze, die Erzhlungen von Petersburg und den Streik in seiner Fabrik. Er wollte die Pause, die durch das Anrauchen einer neuen Zigarre entstanden war, ausnutzen, schwieg aber noch eine Weile und blickte Sarudin zunchst nur ausdrucksvoll ins Gesicht. Etwas Schlpfrig-Schamloses glitt aus seinem Blick in die Augen des Offiziers herber, und dieser verstand ihn sofort. Woloschin rckte sein Pincenez zurecht und lchelte weiter. Sofort spiegelte sich dieses Lcheln auf dem hbschen Gesicht Sarudins wieder; doch dadurch nahm es einen frechen Ausdruck an. Sie verlieren hier Ihre Zeit wohl auch nicht, fragte Woloschin, ein Auge listig und bestimmt zusammenkneifend. Sarudin antwortete mit einer prahlerisch wegwerfenden Bewegung der Schultern: Das ist so schon Sitte. Was sollte man hier auch anderes tun. Sie lachten und schwiegen. Woloschin erwartete gierig Details; unter seinem linken Knie zog sich krampfhaft eine kleine Ader an. Aber Sarudin dachte wiederum nicht mehr an die Einzelheiten, die Woloschin meinte, sondern an all das, was ihn seit Tagen qulte. Er wandte sich ein wenig zum Garten hinaus und trommelte mit seinen Fingern unruhig auf dem Fensterbrett. Der Besuch wartete schweigend, und Sarudin empfand die Notwendigkeit, wieder in den eingeschlagenen Ton hineinzukommen. Ich wei, begann er mit gemachter Selbstsicherheit. Ihr von der Hauptstadt meint, die hiesigen Frauen htten was Besonderes. Aber ihr irrt euch gewaltig. Allerdings die haben Frische, doch dafr fehlt ihnen die Eleganz, ... wie sollte ich es sagen ... nun -- die Kunst, zu lieben. Woloschin bebte im Augenblick. Seine Stimme nahm einen anderen Klang an: Ja, allerdings ... Aber auch das wird schlielich langweilig. Unsere Damen aus Petersburg haben keinen Krper, verstehen Sie ... Das sind Nervenknuel, und weiter nichts, whrend hier ... Das ist schon wahr, gab Sarudin zu. Unmerklich wurde er aufgeheitert, behaglich drehte er seinen Schnurrbart. Ziehen Sie der elegantesten Hauptstdterin das Korsett vom Leibe und Sie sehen dort ... Halt, hier haben Sie's ... Kennen Sie den neuesten Witz? ... Welchen. Ich kenne ihn gewi noch nicht. Sarudin beugte sich mit entflammtem Interesse vornber. So ... er ist recht bezeichnend. Eine Pariser Kokotte ... und Woloschin erzhlte ausfhrlich und kunstgerecht eine raffiniert schamlose Geschichte, in der gemeine Gier und magere Frauenbrste zu einem so berckenden und benebelnden Bild ineinandergriffen, da Sarudin nervs zu lachen und sich hin- und herzuwerfen begann, als wenn er am Spiee steckte. Ja, das Allerwichtigste bei den Weibern sind die Brste. Eine Frau mit mangelhafter Bste existiert einfach nicht fr mich, schlo Woloschin und klappte seine Augen, die sich mit einer weien Hlle zu berziehen schienen, nach oben. Sarudin kam Lydas Brust in Erinnerung, zart, hell, rosig, mit elastischen Wlbungen, die wie Trauben einer unbekannten herrlichen Frucht aussahen. Er erinnerte sich, wie sie stets danach lechzte, da er ihre Brust kte. Pltzlich wurde es ihm peinlich, mit Woloschin weiter darber zu sprechen, gleichzeitig auch schmerzlich zumute, da nunmehr alles vorbei war und nicht zurckkehren wrde. Doch berzeugt, da dieses Gefhl eines Mannes und Offiziers unwrdig sei, erwiderte er gleich darauf mit unnatrlicher Uebertreibung: Jeder hat seinen Gott! Fr mich ist an der Frau der Rcken, wissen Sie, so -- seine Biegung das Wichtigste. Ja, meinte nervs gedehnt Woloschin, bei einigen Frauen, besonders bei sehr jungen ... Der Bursche, der die Lampe anstecken wollte, trampelte mit seinen plumpen Kommistiefeln herein. Solange er sich am Tische zu schaffen machte, mit dem Zylinder klirrte und Streichhlzer anrieb, schwiegen Woloschin und Sarudin; bei dem aufflammenden Lampenlicht sah man nur ihre glnzenden Augen und die krankhaft aufzuckenden Zigarettenfeuer. Nachdem er fortgegangen war, griffen sie sofort wieder dasselbe Thema auf; das Wort Weib hing nackt und schamlos, zu perversen, fast sinnlosen Formen ausgezogen, in der Luft. Die Renommiersucht des Mnnchens packte Sarudin. Das unertrgliche Verlangen, Woloschin zu berbieten, ri ihn fort; um sich zu rhmen, welch prachtvolles Frauenzimmer ihm gehrt hatte, fing er an von Lyda zu sprechen und enthllte mit jedem Wort die geheimen Quellen seiner Lust mehr und mehr. In vlliger Nacktheit stand Lyda vor Woloschins Augen; in den sesten Geheimnissen ihres Krpers und ihrer Leidenschaften entblt, wie ein Vieh, das zum Markt getrieben und durch den Dreck geschleift wird. Die Gedanken dieser Mnner krochen ber sie dahin, beleckten sie, kneteten ihren Krper, ihre Triebe, verspotteten sie nach ihren augenblicklichen Gelsten; stinkendes Gift troff auf dieses herrliche Mdchen, das nichts gewollt hatte, als Lust und Liebe zu verschenken. Sie liebten die Frauen nicht, dankten ihnen nicht fr die gereichte Gunst; alles spornte sie an, sie zu demtigen und zu verletzen, ihnen den infamsten und unertrglichsten Schmerz zuzufgen. Im Zimmer wurde es dumpf und raucherfllt. Ihre verschwitzten Krper dnsteten schwer und ungesund aus, die Augen glitzten trb, ihre Stimmen klangen abgebrochen, gedmpft, wie das Scharren wildgewordener Tiere. Hinter dem Fenster erhob sich auf leisen Sohlen die Mondnacht; aber die ganze Welt mit allen Farben, Tnen und Reichtmern war irgendwohin verschwunden, in der Erde versunken. Allein das nackte Weib blieb vor ihren Augen. Bald zwngten sich diese Bilder so gewaltsam in ihre Einbildung, da es ihnen unumgnglich notwendig schien, diese Lyda zu sehen, die sie schon nicht mehr Lyda oder gar Lydia, sondern kurzweg Lydka nannten. Sarudin lie eine Droschke rufen, und sie fuhren nach einem gewissen Stadtviertel. XXVII Ein Brief, den Lydia Ssanina am nchsten Tage von Sarudin erhielt, kam Maria Iwanowna in die Hnde, weil ihn das Stubenmdchen auf dem Kchentisch hatte liegen lassen. Unter undeutlichen ungeschickten Anspielungen, da sich immer noch vieles ndern liee, bat der Offizier darin um die Erlaubnis, sie zu sehen. Aus den Seiten dieses Briefes schien Maria Iwanowna ein unheimlicher Schatten beschmutzend auf das Bild ihrer Tochter, das sie nur umgeben von reiner, heiliger Zrtlichkeit kannte, zu fallen. Ihr erstes Gefhl war kummervolle Ratlosigkeit. Dann stiegen Erinnerungen an die eigene Jugend, an Liebe und Enttuschungen, vor ihr auf; sie gedachte der schweren Schicksalsschlge, die sie in der Zeit ihres Ehelebens durchgemacht hatte. Ein langes Band von Leiden, die durch ein fest geregeltes Leben ineinander verwebt worden waren, reichte bis an ihr Alter heran. Es war ein grauer Streifen mit trben Flecken von Kummer und Langeweile, mit den abgerissenen Rndern gezhmter Wnsche und Trume; in ihrer Vorstellung rollte er sich als eine lebende Reihe gleichgltiger Tage auf. Bei dem Gedanken jedoch, da ihre Tochter die tnerne Wand dieses grauen, verstaubten Lebens durchbrochen haben knnte und vielleicht schon in den hellen Strudel geraten war, wo Lust und Glck chaotisch mit Schmerz und Tod zusammenbranden, ergriff die alte Frau Entsetzen. Sehr bald lste es sich in Zorn auf. Wenn es in diesem Augenblick mglich gewesen wre, htte sie Lyda am Halse gepackt, zu Boden niedergedrckt, mit Gewalt in den engen Gang ihres eigenen Lebens gezogen, von dem in die sonnige Welt nur gefahrlose, winzige Fensterlein eisenvergittert fhrten, um sie von neuem zu zwingen, den gleichen Weg herunter zu laufen, den sie einst hatte gehen mssen. ... Garstiges, abscheuliches Mdchen, dachte Maria Iwanowna, whrend ihre Hnde verzweifelt auf die Kniee sanken. Doch der Gedanke, da ja alles nicht ber eine gewisse ungefhrliche Grenze hinausgegangen sein konnte, beruhigte sie ein wenig. Ihr Gesicht wurde stumpf. Sie begann den Zettel wieder und wieder zu lesen; es gelang ihr aber nicht, aus dem gemacht khlen Styl etwas Bestimmtes herauszulesen. Da weinte die alte Frau bitterlich im Gefhl ihrer Ohnmacht, rckte ihre Haube zurecht und fragte das Hausmdchen: Dunka, ist Wladimir Petrowitsch in seinem Zimmer? Was? ... Dumme Gans, ich frage, ob der junge Herr zu Hause ist. Der Herr sind soeben in ihr Arbeitszimmer gegangen. Sie schreiben einen Brief. Maria Iwanowna blickte dem Mdchen hart und streng in die Augen; in ihren gutmtigen, verblaten Pupillen zeigte sich mit einem Mal wtende Emprung. Und du ... wenn du niedertrchtiges Frauenzimmer noch einmal Briefchen abgeben wirst, so nehme ich dich mir mal vor, da dir grn und blau vor den Augen wird. Ssanin sa und schrieb. Maria Iwanowna war nicht gewhnt, ihren Sohn an der Arbeit zu sehen; trotz ihres Kummers wurde sie interessiert. Was schreibst du da ...? Einen Brief, erwiderte Ssanin, seinen frhlichen, ruhigen Kopf erhebend. An wen ...? So ... an einen bekannten Redakteur. Ich will sehen, vielleicht werde ich wieder bei ihm auf der Redaktion eintreten. Ja, kannst du denn wirklich fr Zeitungen schreiben? ... Ich tue alles ... Ssanin lchelte. Wozu mut du dorthin gehen? Bei euch hngt mir schon alles zum Halse heraus. Alles. Ssanin erwiderte es mit aufrichtigem Lcheln. Ein leichtes Gefhl der Verletzung durchstach Maria Iwanowna. Sehr nett von dir! ... Ssanin sah sie aufmerksam an, er wollte noch hinzufgen, sie knne doch nicht so dumm sein, um nicht zu begreifen, da es schlielich jedem langweilig werden msse, auf einer Stelle und dazu noch ohne jede Beschftigung zu sitzen; aber er schwieg. Es war ihm ekelhaft, der Mutter eine so kleinliche und selbstverstndliche Sache erst auseinanderzusetzen. Maria Iwanowna zog das Taschentuch heraus und zerknllte es in ihren drren Greisenfingern. Wre der Zettel von Sarudin nicht gewesen und ihre Seele durch ihn in einen Wirrwarr von Zweifeln und Aengsten gestrzt worden, so htte sie jetzt ihrem Sohne eine lange, bittere Predigt ber seine Schroffheit gehalten. So aber beschrnkte sie sich nur in tragischem Ton auf die Gegenberstellung: Ja, der eine bricht wie ein Wolf aus dem Hause und die andere ... Sie machte eine wegwerfende, mde Handbewegung. Ssanin hob neugierig den Kopf. Augenscheinlich nahm das Drama mit Lyda seinen Fortgang. Woher wissen _Sie_ denn das, Mutter? ... Mit einem Mal empfand Maria Iwanowna ein unerklrliches Gefhl der Beschmung, weil sie den Brief an die Tochter geffnet hatte. Auf ihre eingefallenen Wangen trat ziegelrote Farbe; sie versetzte unsicher, aber zornig: Ich bin Gott sei Dank nicht blind. Ich hab doch noch meine zwei Augen im Kopf. Ssanin dachte eine Weile nach: Nichts sehen Sie, ... nun, ich kann Ihnen zur Verlobung Ihrer Tochter gratulieren. Lyda wollte es Ihnen selbst sagen, aber ... ist ja alles egal. Ihm tat es leid, da sich in das junge Leben Lydas eine neue Tortur eindrngen sollte -- -- stumpfsinnige Greisenliebe, die fhig ist, den Menschen durch die feinste und furchtbarste Qual zu Tode zu martern. Wie? ... Maria Iwanowna setzte sich streng aufgerichtet auf ihren Stuhl. Lyda wird heiraten. Wen? ... rief sie freudig und unglubig. Nowikow natrlich. ... Ja, ... aber, was ist denn mit ...? Ach hol ihn doch der Teufel! Kann es Ihnen denn nicht ganz gleich sein? ... Warum mssen Sie denn durchaus fremde Seelen berwachen. Nein, ... ich begreife nur nicht, Wolodja ... Die Greisin suchte sich verwirrt zu rechtfertigen. Ssanin zuckte streng die Achseln: Was ist denn hierbei nicht zu verstehen? ... Sie liebte einen, hat jetzt einen andern liebgewonnen, mit Gottes Hilfe wird sie morgen einen dritten lieben ... na also ... Was sprichst du da? ... rief Maria Iwanowna entrstet. Ssanin lehnte sich mit dem Rcken gegen den Tisch und verschrnkte seine Arme. Haben Sie denn Ihr ganzes Leben lang nur einen Mann geliebt, Mutter? Maria erhob sich; auf ihrem unintelligenten Gesicht prgte sich steinkalter Stolz aus. So spricht man nicht zu seiner Mutter! Wer? ... Was ... wer? ... Wer nicht? ... Ssanin wiederholte seine Frage mit angezogenen Augenbrauen. Er blickte scharf auf die Mutter; zum ersten Mal kam es ihm ins Bewutsein, wie stumpfsinnig und nichtig der Ausdruck ihrer Augen war; ihre Haube wackelte auf ihrem Kopf ganz haltlos, wie der rote Lappen einer Henne, hin und her. Niemand spricht so! Kein Mensch! Aber ich doch! Das ist eben der Unterschied, Ssanin wurde pltzlich ruhig, seine gute Laune kehrte wieder zurck; er wandte sich ab und setzte sich. Sie haben alles vom Leben genommen, Mutter, was Sie wollten. Sie haben durchaus kein Recht, jetzt Lyda ersticken zu wollen, sagte er, ohne sich abzuwenden, mit ziemlicher Gleichgltigkeit. Er hatte wieder zur Feder gegriffen. Maria Iwanowna sah den Sohn mit groen Augen an; in ihren Ohren klebte nur die einzige Phrase: Wie darf er es wagen, so mit seiner Mutter zu sprechen. Wie unter einem Bann erstarrt, wute sie nicht mehr, was sie tun sollte. Doch bevor sie noch zu einem Entschlu kam, wandte sich Wladimir Petrowitsch zu ihr, ergriff ihre Hand und sagte zrtlich: Aber lassen Sie doch das alles. Und Sarudin lassen Sie herauswerfen, wenn er kommen sollte. Sonst wird er womglich tatschlich noch Unzutrglichkeiten anrichten. Eine weiche Welle durchglitt das Herz der Mutter. Nun, Gott sei mit dir. Ich bin froh. Mir gefiel Sascha Nowikow immer. Und Sarudin werden wir natrlich nicht mehr empfangen. Wenn auch nur aus Achtung vor Sascha. Wenn auch nur aus Achtung vor Sascha, willigte Ssanin ein; seine Augen lachten. Wo aber ist Lyda? fragte schon mit ruhiger Freude die Mutter. Auf ihrem Zimmer? ... Und Sascha? ... Maria Iwanowna sprach den Namen ganz zrtlich aus. Ich wei wirklich nicht ... Er ging wohl, ... begann Ssanin, doch in diesem Augenblick erschien Dunja in der Tr und meldete: Viktor Sergejewitsch sind gekommen und noch ein fremder Herr. So? ... schmei sie die Treppe runter, sagte Ssanin ruhig. Dunja kicherte verstohlen. Was Sie sagen, junger Herr? ... Darf ich's denn? ... Selbstverstndlich! Du darfst es! Was sollen wir mit ihnen anfangen, zum Teufel! Dunja bedeckte ihr Gesicht mit dem Aermel und lief hinaus. Maria Iwanowna richtete sich auf; sie verjngte sich fast. In ihre Seele trat, als ob sie mit einer Karte geschickt eine Volte geschlagen htte, eine vollstndige Aenderung ein. So warm ihr Herz fr Sarudin auch frher, als sie noch annahm, da er Lyda heiraten werde, schlug, so khl wurde es jetzt, als sich herausstellte, da ein anderer Lydas Gatte wrde. Wie sie sich dem Ausgange zuwendete, blickte Ssanin auf ihr steinernes Profil, aus dem das eine Auge unfreundlich hervorbrach, und dachte sich: Ist das aber eine Idiotin ... Dann faltete er das Papier und ging ihr nach. Er war sehr neugierig, wie sich die neue verwickelte Situation, in die diese Menschen geraten waren, wieder lsen wrde. Sarudin und Woloschin traten ihm mit bertriebener Liebenswrdigkeit, doch ohne die Freiheit, die der Offizier sonst in seinem Wesen ausdrckte, entgegen. Auf seinem Gesicht spiegelte sich augenscheinlich schchterne Verlegenheit. Er begriff selbst, da er nicht htte kommen drfen; er schmte sich und war verwirrt. Er konnte sich nicht vorstellen, wie er Lyda entgegentreten sollte. Aber doch wrde er diese Regung unter keinen Umstnden Woloschin verraten und etwa auf den gewohnten selbstsicheren Ton verzichtet haben. Trotzdem er diesen Woloschin zuzeiten geradezu hate, lief er doch wie gefesselt, ohnmchtig, seine wahre Seele zur Geltung zu bringen, hinter ihm her. Meine gndigste Maria Iwanowna, gestatten Sie, da ich Ihnen meinen guten Freund Pawl Lwowitsch Woloschin vorstelle. Bei diesen Worten lchelte er mit einem unfabar kniffligen Zug um Mund und Augenwinkeln Woloschin zu. Woloschin verneigte sich, whrend er Sarudin das gleiche Lcheln, aber bemerkbarer, fast frech, zurckgab. Sehr angenehm, erwiderte khl Maria Iwanowna. Verborgene Unfreundlichkeit glitt aus ihren Blicken auf Sarudin hinab; der vorsichtig auf der Lauer liegende Offizier bemerkte es sofort. Im Augenblick war sein letzter Rest von Sicherheit verschwunden, und sein Besuch verlor endgltig den scherzhaften Charakter. Jetzt kam er ihm selbst einfach sinnlos und unpassend vor. ... Eh, ich htte lieber doch nicht kommen sollen, dachte er. Zum ersten Mal kam ihm hier nachdrcklich zum Bewutsein, woran er in der animierten Gesellschaft Woloschins immer verga: Gleich mu ja Lyda eintreten. Dieselbe Lyda, die mit ihm in intimstem Verkehr gestanden hat, die von ihm geschwngert wurde, die Mutter seines eigenen knftigen Kindes, das doch auf jeden Fall einmal zur Welt kommen mu. Was wird er ihr denn sagen? Wie wird er sie anblicken? ... Sein Herz zog sich schchtern zusammen, wie ein schwerer Klumpen drckte es nach unten. Er wagte nicht, auf Maria Iwanowna zu sehen ... wenn die nun alles wei, dachte er mit Entsetzen. Er begann auf dem Stuhl hin- und herzurutschen, bewegte sich beim Anznden einer Zigarette, schob Schultern und Fe vor und zurck, und lie die Augen nach allen Seiten laufen. ... wre ich doch nur nicht hergekommen ... Kommen Sie fr lngere Zeit zu uns? ... Maria Iwanowna wendete sich khl an Woloschin. Oh nein. Er blickte die Dame aus der Provinz ungeniert spttisch an. Mit einer geschickten Handbewegung schob er die Zigarre in die Mundwinkel, soda der Rauch der alten Dame ins Gesicht zog. Nach Pitier wird es Ihnen bei uns langweilig sein. Ganz im Gegenteil. Es gefllt mir hier ausgezeichnet. Ihr Stdtchen ist so patriarchalisch. Machen Sie einmal Ausflge. Wir haben eine prachtvolle Umgebung ... Badepltze, Reitwege ... Oh gewi, rief Woloschin, zwar mit spttischer Zuvorkommenheit, aber doch gelangweilt. Das Gesprch kam nicht vom Fleck; es war schwer und farblos, wie eine lchelnde Pappmaske, unter welcher bswillige Blicke hervorschieen. Woloschin begann von neuem, Sarudin Blicke zuzuwerfen; ihr Sinn war nicht nur dem Offizier, sondern auch Ssanin, der die beiden aus seiner Ecke aufmerksam beobachtete, verstndlich. Die Unsicherheit Sarudins trat allmhlich hinter dem Wunsch zurck, in Woloschin den Eindruck hervorzurufen, da er ein gewandter, unverfrorener Mensch und zu allem fhig sei. So berwand er sich und fragte: Wo ist denn Lydia Petrowna? Wieder geriet er ganz unntig in zuckende Bewegungen. Maria Iwanowna sah ihn mit erstaunter Feindseligkeit an: ... was interessiert dich das, da du sie ja nicht heiraten willst, fragten diese Blicke. Wahrscheinlich bei sich auf dem Zimmer. Ich wei es nicht, erwiderte sie khl. Woloschin warf Sarudin wieder einen ausdrucksvollen Blick zu: ... Wre es denn nicht irgendwie mglich, diese Lydka schneller herauszuholen; dieses alte Stck Mbel ist doch wirklich nicht besonders interessant. Sarudin ffnete den Mund und wedelte hilflos mit dem Schnurrbart. Ich habe soviel Schmeichelhaftes ber Ihre Tochter gehrt, sprach Woloschin, bog sich mit dem ganzen Krper nach vorn und rieb sich die Hnde. Ich hege die Hoffnung, da ich die Ehre habe, ihr vorgestellt zu werden. Maria Iwanowna lie ihren Blick ber das unwillkrlich vernderte Gesicht Sarudins gleiten und begriff in diesem Augenblick, was eigentlich dieser Kerl, der mit einem Mal einem faulen Pilz hnlich sah, von ihrer Tochter wollte. Der Gedanke durchschnitt so scharf ihr Herz, da in ihr die furchtbare Ahnung von Lydas Fall aufstieg, die sie hilflosem Schrecken preisgab. Sie sa ratlos da, ihre Augen wurden menschlicher und weicher. -- -- -- Wenn man diese Bande nicht sofort aus dem Hause jagt, werden sie Lyda und Nowikow sicher noch viel Aerger machen, dachte Ssanin und richtete sich pltzlich auf. Ruhig sprach er pltzlich aus seiner Ecke, dabei nachdenklich auf den Boden starrend: Ich habe gehrt, da Sie abreisen wollen? Sarudin wunderte sich, da ihm selbst dieser einfache und bequeme Gedanke noch nicht in den Kopf gekommen war. -- -- -- Gewi auf ein paar Monate Urlaub nehmen, das ist ja das Einfachste, -- -- -- schwirrte es durch sein Hirn. Er beeilte sich zu antworten: Ganz recht, -- -- das wollte ich auch. Ich mchte mich ein wenig erholen ... Wissen Sie, ein bichen auslften, ewig auf einem Fleck, dabei kann man ja verschimmeln. Ssanin lachte hell auf. Dieses ganze Gesprch, in dem kein einziges Wort ausdrckte, was die Leute in Wirklichkeit dachten und fhlten, diese ganze Kette von Lgen, die doch niemanden betrog, die Einfachheit, mit der alle fortfuhren, zu heucheln, trotzdem sie ganz klar sahen, da keiner von ihnen dem anderen glaubte, hatten ihn zum Lachen gebracht. Ein resolutes frhliches Gefhl packte wie ein froher Windsto sein Herz. Na, denn glcklichen Rutsch, er nahm den ersten Ausdruck, der ihm auf die Zunge kam. Momentan vernderten sich die drei Menschen, als ob ein steifgestrkter Anzug von ihnen abgestreift wrde. Maria Iwanowna erblate und sank in sich zusammen, in Woloschins Augen blitzte ein feiges, tierisches Leuchten auf, und Sarudin erhob sich langsam und unsicher von seinem Stuhle. Eine lebende Bewegung lief durch das Zimmer. Wie sagten Sie eben? ... fragte der Offizier mit gepreter Stimme und in diesem Augenblick klangen seine Worte zum ersten Mal aufrichtig. Woloschin kicherte kleinlich auf, indem er schon mit schchternen Aeuglein nach dem Hute suchte. Ohne Sarudin zu antworten, ergriff Ssanin Woloschins Hut und reichte ihn ihm mit frhlichem Lcheln hin. Woloschin ffnete seinen Mund; ein dnner winselnder Laut schob sich langsam hervor. Wie soll ich Sie verstehen, fragte Sarudin noch einmal; er hatte das Gefhl, den Boden vollstndig unter den Fen verloren zu haben. Dieser Skandal, zuckte es durch sein erstarrtes Hirn. Verstehen Sie es nur recht genau. Hier sind Sie nmlich vollstndig berflssig. Unser Genu wird um so grer sein, je eher Sie sich herausscheren! Sarudin tat einen Schritt nach vorwrts. Sein Gesicht wurde bla. Ah so, stie er krampfhaft keuchend hervor. Also raus! sagte kurz und hart Ssanin. In seiner sthlernen Stimme lag eine so furchtbare Drohung, da Sarudin zurckwich, stillschwieg, sinnlos und wild die Augen verdrehte. Aber das ist ja unerhrt, murmelte Woloschin kleinlaut; doch gleichzeitig wandte er sich eilig, den Kopf in die Schultern eingezogen, zur Tre. In diesem Augenblick trat Lyda ein. Noch niemals -- weder frher noch spter -- hatte sie sich so gedemtigt gefhlt. Als sie zuerst von dem Besuch Sarudins und Woloschins hrte und deutlich seinen Sinn verstand, war in ihr die Empfindung krperlicher Erniedrigung so stark, da sie nervs aufschluchzte und mit dem wieder erwachten Gedanken an Selbstmord zum Flu herunterlief. ... was ist das nur? ... wird es denn niemals ein Ende geben. Habe ich denn wirklich ein so groes Verbrechen begangen, da es mir niemals verziehen, ... da ein jeder stets das Recht haben wird ... schrie sie fast ... und rang die Hnde. Aber im Garten war es hell und voll Licht, grelle Blumen, Bienen und Vgel lebten dort so friedlich nebeneinander, so blau schimmerte der Himmel, so zart glnzte am Wasser das Schilf, und Mill umsprang sie so vergngt, als er sie zum Flusse laufen sah, da Lyda wieder zu sich kam. Instinktiv fiel ihr mit einem Mal ein, da ihr die Mnner immer gierig nachliefen; sie gedachte der Spannung, die ihr Krper stets unter den Blicken dieser Mnner angenommen hatte, und vollbewut erwachte das stolze Gefhl, im Recht zu sein. ... nun gut, dachte sie, was geht es mich an. Ist er da, gut, mag er es sein. Ich liebte ihn frher, jetzt sind wir auseinander; niemand hat deswegen ein Recht, mich zu verachten ... Jh drehte sie sich um und ging ins Haus. Sie trug ihr Haar nicht in einer koketten Frisur, sondern in einfachem Doppelzopf ber den Nacken hngend, und sie zog auch keine moderne Toilette an, sondern blieb in dem einfachen Hauskleid, das sie gerade trug. Als sie mit gemachter Ruhe ber die Schwelle schritt, warf sie ihrem Bruder ein seltsames Lcheln zu und sprach in besonders mdchenhaftem Tone: Hier bin ich! Wo wollen Sie denn hin, Viktor Sergejewitsch? ... Bitte, legen Sie doch Ihre Mtze aus der Hand. Ssanin schwieg und sah mit neugierigem Entzcken die Schwester an ... Was ist mit ihr, dachte er sich. Eine unberwindliche Kraft, drohend und doch frauenhaft lieblich, war ins Zimmer getreten. Wie eine Tierbndigerin im Kfig wtender Raubtiere stand Lyda unter den Mnnern. Und sogleich wurden sie weich und gefgig. Sehen Sie, Lydia Petrowna ... stammelte verwirrt Sarudin. Als er zu sprechen begann, huschte ber Lydas Gesicht ein lieblicher, hilfloser Ausdruck; sie schaute rasch auf; pltzlich erfllte sie ein unertrglicher Schmerz. In ihr bewegte sich krankhafte Zrtlichkeit und das Verlangen, auf etwas zu hoffen. Doch im selben Augenblick schlug das Verlangen in den Wunsch um, Sarudin zu beweisen, wie viel er verloren und wie stark und rein sie sich trotz des Leides und der Erniedrigung, die er ihr zufgte, erhalten hatte. Ich will garnichts sehen, sagte sie mit etwas theatralischem Ausdruck und schlo richtig ihre schnen Augen. Mit Woloschin geschah etwas Sonderbares. Die weiche Wrme, die dem kaum eingehllten, weiblichen Krper entstrmte, zerkochte sein ganzes Wesen. Seine spitze Zunge beleckte die trocken gewordenen Lippen, seine Aeuglein wurden klein, und der ganze Krper zerflo unter dem weichen Anzug in kraftloser, physischer Entzckung. Aber bitte, machen Sie mich doch bekannt, sagte Lyda und blickte ber die Schultern auf Sarudin hin. Woloschin, Pawl Lwowitsch, murmelte dieser, von dem Gedanken, da dieses prchtige Mdchen seine Geliebte gewesen sein sollte, vollstndig hingerissen. Lyda wandte sich langsam zur Mutter. Mama, drauen wollte Sie jemand sprechen. Das hat Zeit ... Verzeihen Sie, auch wir hatten uns ... Sarudin kam mit seinem Satz nicht zu Ende. Lyda schien ihn garnicht zu beachten. Strenger wiederholte sie der Mutter: Aber Sie hren doch, unerwartet brachen sich an ihren Worten Trnen. Maria Iwanowna erhob sich eilig. Sarudin und Woloschin waren ratlos zurckgetreten, sie schauten sich nervs an und schienen keinen Weg mehr zu finden, um sich zurckzuziehen. Ssanins Nasenflgel weiteten sich stark und kraftvoll. Meine Herren, bitte, wir gehen in den Garten. Hier ist es zu hei. Lyda schritt zum Balkon voran, ohne sich umzusehen, ob man ihr folge. Wie suggeriert gingen die Mnner hinter ihr her; es machte den Eindruck, da sie sie mit ihrem Zopf umschlungen hielt und mit Gewalt nach sich zge, wohin sie wollte. Als erster kam Woloschin, entzckt, gespannt; er hatte alles in der Welt auer ihr vergessen. Lyda warf sich in den Schaukelstuhl unter der Linde und steckte ihre kleinen Fe, die in durchbrochenen Strmpfen steckten, lssig aus. Zwei Wesen arbeiteten in ihr. Das eine qulte sich vor Scham und Krnkung; das andere nahm bewut aufregende Posen an, eine immer schner und elastischer als die andere. Nun, Pawl Lwowitsch, welchen Eindruck macht unser Nest auf sie? Woloschin spreizte und rieb seine Finger. Nun, so ungefhr wie ihn vielleicht ein Mensch hat, der pltzlich im wildesten Walde eine Blume vor sich sieht. Und nun entspann sich zwischen ihnen eine leichtfertige durch und durch verlogene Unterhaltung, in der jedes ausgesprochene Wort eine Lge war und Wahrheit nur das, was in ihr verschwiegen blieb. Ssanin beteiligte sich nicht am Gesprch; dafr beobachtete er gerade jene stummen, eigentlichen Reden, die sich ohne Worte in den Gesichtszgen, den Bewegungen der Hnde und Fe, im Klingen und Zittern der Stimmen offenbarten. Lyda litt. Woloschin sog unbefriedigt ihre Schnheit und ihren Duft in sich ein. Sarudin hate ihn, Ssanin, Lyda, die ganze Welt; er wnschte fortzugehen und blieb dennoch sitzen; er wollte irgend etwas Grobes begehen und rauchte doch nur eine Zigarette nach der andern. Whrenddessen lastete das unbndige Verlangen, da Lyda sich vor allen als seine Geliebte erweisen msse, wie ein Alpdruck auf seinem Hirn. Also gefllt es Ihnen wirklich bei uns? Bedauern Sie nicht, da Sie Petersburg verlassen haben? _Mais au contraire!_ erwiderte Woloschin mit einer koketten Handbewegung und starrte Lydas Brust an. Aber ohne Phrasen! befahl Lyda liebenswrdig. Immer noch kmpften in ihr zwei Wesen. Das eine trieb ihr die Rte ins Gesicht, das andere streckte noch gewaltiger und schamloser ihre Brust dem entblenden Blick entgegen. ... Du glaubst, ich wre sehr unglcklich, ... ich wre vollstndig zerbrochen. So sieh denn das Gegenteil! Ich brauche mich meiner Handlungen nicht zu schmen! Und wenn ich tausendmal mehr und Schlechteres getan htte, ich brauchte mich nicht zu schmen ... sprach sie innerlich zu Sarudin. Ah, Lydia Petrowna! Sarudin mischte sich trotz seiner gehssigen Laune ins Gesprch. Das brauchen doch wahrhaftig keine Phrasen zu sein! Ich glaube, Sie sagten etwas? meinte Lyda khl; doch sofort wandte sie sich wieder in verndertem Ton zu Woloschin. Erzhlen Sie doch bitte von dem Leben in Petersburg ... Bei uns lebt man ja nicht, wir vegetieren nur! Sarudin fhlte, da Woloschin kaum merklich nach seiner Richtung hin lchelte; ihm kam der Gedanke, jener glaube nicht mehr, da Lyda seine Geliebte gewesen wre. Unser Leben? O, dieses rhmlichst bekannte >Petersburger LebenIch merke,< sagte dieser Pjotr Iliitsch, >wie die Kchin betet.< -- -- -- Und ich begreife auch momentan, da in der Kche auf der Schlafbank die Kchin in der Tat betet. -- -- -- >Mir mag es unklar sein und verstehen kann ich es auch nicht, aber ein Mensch, der reinen Herzens ist, ... begreifst du das, reinen Herzens ... Als sie nun betete und uns alle erwhnte, da passierte noch nichts, aber als sie dich, mich und Ssanin erwhnte, so ...< Als Onkelchen dies sprach, da fhlte ich, da etwas ganz Ungewhnliches geschehen mu ... >Nicht umsonst beten doch alle einfachen Leute vom Tage der Schpfung an ...< Und da leuchtete es mir ein, gerade zur rechten Zeit, da es garnicht anders sein konnte, als da Gott der Kchin erschienen war. Und Pjotr Iliitsch zerflo vollstndig in nichts, aber doch redete er immer weiter ... >Ihr soll sich eine Erscheinung gezeigt haben ...< Dabei fhlte ich mich weiter garnicht schlecht, denn wenn es auch nicht gerade Gott war, so gab es also doch etwas ... es ist immerhin schmeichelhaft ... Ihr erschien zwar keine Erscheinung, aber dennoch eine Erscheinung. Darauf existierte das Onkelchen berhaupt nicht mehr. Ich wurde unruhig ... Dieses andere, das keine Erscheinung war, hatte meine Ruhe vollstndig vernichtet. Um sie wieder herzustellen, mute man unverzglich das zerstren, was sich in der Zimmerecke befand und was winselte. Offenbar war es einfach eine Maus. Sie nagte an etwas und nagte es durch ... Sie schien sogar darber erfreut zu sein. Schwermut packte mich ... die Maus nagte und nagte immerzu ... gleichmig und im Takt ... Und dabei erwachte ich gerade. Wrst du doch lieber noch eine Weile nicht aufgewacht, bemerkte Ssanin. Ja, spter habe ich das selber eingesehen. Trotz des scherzhaften Tones, in dem Iwanow seinen Traum erzhlte, merkte man doch, da er auf ihn einen starken Eindruck gemacht hatte, der sich in der Tiefe seiner Seele in unbegreiflicher Furcht verwandelte. Er lchelte verzerrt und griff wieder zum Bier. Alle schwiegen. In diesem Schweigen schien die Finsternis hinter dem Balkon noch nher heranzurcken; keinem war mehr frhlich, allen nur bange und gelangweilt zumute. Der unbegreifliche Traum drang mit dem dnnen Stachel trbseligen Grauens durch Spott und Unglauben hindurch in die Herzen. Ja, sagte feierlich Pjotr Iliitsch, klug seid ihr alle ... Klug wie die Teufel ... Aber es existiert etwas, ... es existiert. Ihr kennt es nicht, aber doch -- -- -- es spricht zu euch. Lag es an den Worten des Sngers oder an den lauten Stimmen, die durch die vom Wodka bedrckten Gehirne krochen oder an der pltzlich aufgeflammten Nhe des Geheimnisses von Leben und Tod; irgend etwas hallte in der Seele eines jeden von ihnen traurig wieder. -- -- -- Vielleicht existiert es wirklich ... Ssanin erhob sich; sein wie immer ruhiges Gesicht sah gelangweilt aus. Er ghnte und schob die Hand abwehrend durch die Luft: Das sind alles Aengste! Wenn ihr euch nur noch etwas zur Nacht graulich machen knnt. Sterben wir, dann merken wir's. Er zndete langsam eine Zigarette an und schritt zur Tr hinaus. Auf dem Balkon wurde weiter gebrllt und gestritten, und in dem Lrm der lauten betrunkenen Stimmen flatterten auf dem Tisch noch immer lautlose Falter, die auf das Feuer zugeflogen waren, halb versengt herum. Ssanin trat in den Hof des Gasthauses hinaus; die laue Nacht strich erfrischend ber seinen erhitzten Krper. Wie ein Goldei lugte der Mond hinter der Waldecke hervor und sein halb mrchenhaftes Licht glitt flssig ber die schwarze Erde. Hinter dem Garten, aus dem ein zher und ser Geruch von Birnen und Pflaumen drang, schimmerte trb das weie Gebude des zweiten Gasthauses hervor. Ein Fenster blickte Ssanin von dort durch die grnen Bltter hell an. In der Finsternis schallte das Klatschen barfiger Schritte, dem Auftreten von Tierpfoten hnlich. Ssanin konnte mit seinen Augen, die nicht an die Finsternis gewhnt waren, kaum die Silhouette eines Knaben erkennen. Wohin willst du? fragte er. Zu Frulein Karssawina, -- -- -- die Lehrerin. Wozu? ... Ssanin fiel es bei ihrem Namen wieder ein, wie sie nackt ganz durchtrnkt vom Licht der hellen Sonne und ihrer Jugend vor ihm am Ufer stand. Ich mu ihnen einen Zettel bringen, antwortete der Knabe. Aha, na, sie wird wohl im anderen Gasthaus sein. Also, mein Sohn, walle dorthin. Wieder klatschte der Knabe wie ein Tierchen mit den bloen Sohlen auf den Boden und verschwand in der Finsternis so schnell, als ob er sich in den Bschen versteckt htte. Ssanin schritt langsam hinter ihm her und atmete mit voller Brust die Gartenluft, dicht wie Honig, ein. Er trat an dem Gasthaus dicht unter das beleuchtete Fenster heran und ein Streifen Licht legte sich ber sein nachdenkliches und ruhiges Gesicht. Im Licht waren unter dem grnen Laub groe schwere Birnen sichtbar. Ssanin erhob sich auf die Zehenspitzen und pflckte eine; im Fenster sah er Karssawina. Sie stand im Profil, im Hemd; ber ihre runden Schultern glitten Lichtstupfen wie Atlasblenden. Ganz in Gedanken versunken, blickte sie unverwandt nach unten auf den Boden. Wahrscheinlich erregte sie das, woran sie dachte, mit Scham und Freude; denn ihre Augenlider zitterten und ihre Lippen lchelten. Dieses Lcheln erstaunte Ssanin. Eine unfabare Zrtlichkeit und Leidenschaft bebte darin, als lchelte das Mdchen einem nahen Kusse entgegen. Er stand und schaute auf sie hin, ein Gefhl, das strker war als er selbst, hatte ihn ergriffen. Karssawina dachte darber nach, was mit ihr geschehen war, es war ihr qualvoll, niederdrckend und s ums Herz. -- -- -- Mein Gott, fragte sie sich mit einer reinen Empfindung, wie sie wohl die knospenbrechende Blume ergreifen mag, bin ich denn wirklich so verdorben. -- -- -- Mit tiefster Freude erinnerte sie sich dabei an die unbegreiflich hinreiende Empfindung, die von ihr Besitz genommen hatte, als sie sich zum ersten Mal Jurii unterwarf. -- -- -- Mein Liebster, es zog sie hei und ermattend in Gedanken zu ihm. Wieder sah Ssanin, wie ihre Wimpern zuckten und ihre rosigen Lippen lchelten. Der abscheulich rohen Szene, die spter vorgefallen war, gedachte sie garnicht mehr. Irgend eine geheime Bewegung ri sie immer wieder aus der Ecke heraus, in der wie ein dnner Splitter eine krankhaft verletzte Ratlosigkeit stecken geblieben war. Es wurde gegen die Zimmertr geklopft. Wer ist da? fragte Karssawina den Kopf erhebend. Ich bringe einen Brief, piepste die Stimme des Knaben hinter der Tr. Karssawina warf ein groes Tuch um, und der barfige Knabe bis an die Knie mit Schmutz bespritzt, trat herein; er ri eilig die Mtze vom Kopf. Das Frulein haben ihn Ihnen zugeschickt, sagte er. Dubowa schrieb an Karssawina: Sinotschka, wenn es Dir irgend mglich ist, so komme noch heute in die Stadt zurck. Der Schulinspektor ist angekommen und wird morgen bei uns inspizieren. Es geht nicht gut, da Du dann gerade fehlst. Was ist denn los? ... fragte die alte Tante. Ola schreibt ... Der Schulinspektor ist gekommen. Der Knabe rieb einen Fu an den anderen. Sie haben mchtigen Fetz gemacht, da Sie auch sicher kommen sollen. Gehst du hin? ... Wie kann ich denn allein gehen. Es ist doch finster. Der Mond ist ja da, mischte sich der Knabe ein. Es ist ganz hell. Ja, ich mte eigentlich gehen, meinte Karssawina unschlssig. Gewi, du mut gehen. Nachher hast du Aerger. Also ja, ich gehe, das Mdchen nickte entschlossen mit dem Kopf. Sie zog sich rasch an, befestigte den Hut und ging zur Tante. Auf Wiedersehen, Tante. Auf Wiedersehen, Kindchen. Jesus mit dir. Und willst du mit mir gehen, fragte sie den Knaben. Der Knabe drckte sich hin und her und rieb sich wieder den Fu. Ich bin hier zu Muttern gekommen. Sie ist hier bei den Mnchen, auf Wsche. Aber wie soll ich denn allein gehen, Grischa? ... Nun gut, also, ich komme mit. Der Knabe warf mit starkem Entschlu die Haare zurck. Sie traten in den Garten hinaus und die blaue Nacht umfate das Mdchen ganz weich und behutsam. Wie gut riecht es hier, sagte sie; gleich aber schrie sie erschrocken auf, als sie pltzlich auf Ssanin stie. Das bin ich ja, meldete er sich lchelnd. Karssawina reichte ihm durch das Dunkel ihre Hand, die noch vor Schreck bebte. Sieh mal, was fr 'ne Angst, ... bemerkte Grischa herablassend. Das Mdchen lchelte verwirrt. Es ist nichts zu sehen, suchte sie sich zu rechtfertigen. Wo wollen Sie denn noch hin? In die Stadt. Deshalb hat man mir den Jungen geschickt. Allein? ... Nein, ich gehe mit ihm. Er soll mein Ritter sein. 'n Ritter, wiederholte Grischa grinsend und rieb sich sein Bein. Und was tun Sie hier? ... Wir sind in flssigen Angelegenheiten hier, erklrte Ssanin scherzend. Wer ... wir? ... Schawrow, Swaroschitsch, Iwanow -- -- Auch Jurii Nikolajewitsch ist mit Ihnen? Es war ihr bange und angenehm, diesen Namen laut auszusprechen, als blickte sie in eine tiefe Hhle. Und was? ... So? ... Ich hatte ihn hier allein getroffen, sie errtete noch tiefer, wie schon bei der ersten Antwort. Nun auf Wiedersehen. Ssanin hielt die gereichte Hand eine Weile zrtlich in der seinen. Erlauben Sie, da ich Sie aufs andere Ufer bersetze. Warum sollen Sie erst ringsherum laufen? Nein, wozu denn, erwiderte sie mit unbegreiflicher Schchternheit. La ihn lieber bersetzen. Auf dem Damm ist es dreckig genug, sagte mit Autoritt der barfige Grischa. Nun schn ... Dann kannst du zur Mutter gehen. Aber frchtest du dich nicht, nachher allein bers Feld zu laufen, fragte Grischa solide. Ich werde sie doch bis zur Stadt begleiten. Und wo bleibt dann Ihre Gesellschaft? ... Die saufen sich hier noch bis zum Morgen durch. Und sie sind mir auch so schon zur Genge ber. Nun, wenn Sie so freundlich sein wollen. Dann kannst du ja gehen, Grischa. Auf Wiedersehen. Fruleinchen. Der Knabe schien sich wieder pltzlich in dem Gestruch zu verlieren. Karssawina blieb mit Ssanin allein. Geben Sie mir Ihren Arm, sonst knnten Sie noch vom Berg abstrzen. Karssawina reichte ihm den Arm; sie fhlte mit eigenartig beklemmender und stickiger Erregung seine eisenharten Muskeln, die sich unter dem dnnen Hemd bewegten. So gingen sie durch den Wald zum Flusse hinunter, stieen sich unwillkrlich an und empfanden bei jedem Schritt die Elastizitt und Wrme ihrer Krper. Im Walde stand eine ununterbrochene Finsternis, als ob sie ewig wre, und es schien, da es dort keine Bume gab, sondern nur diese dichte, wrmeatmende Finsternis. Oh, wie dunkel ... Tut nichts, sagte leise, dicht an ihrem Ohr Ssanin; in seiner Stimme zitterte etwas. Ich liebe den Wald des Nachts noch mehr. Im nchtlichen Wald verlieren die Menschen ihre gewohnten Gesichter, sie werden viel rtselhafter, khner, interessanter. Die Erde glitt unter ihren Fen ab und sie muten sich mit Mhe aufeinander sttzen, um nicht zu fallen. Durch das Dunkel, durch das Anschmiegen des elastischen und festen Krpers, durch die Nhe des starken Mannes, der ihr immer gefallen hatte, bemchtigte sich des Mdchens eine unbekannte Aufregung. Sie wurde rot und ihr Arm schien auf dem Ssanins zu brennen. Oft lachte sie auf; es klang hoch und kurz. Unter ihnen wurde es allmhlich lichter und ber dem Flu leuchtete schon hell und ruhig der Mond. Die Khle des Wassers schlug ihnen ins Gesicht und der schwere Wald atmete so dster und geheimnisvoll zurck, als trete er sie dem Flusse ab. Und wo ist Ihr Boot? ... Hier! Das Boot hob sich wie gezeichnet von der glatten hellen Flche ab. Whrend Ssanin die Ruder anlegte, ging Karssawina ein wenig mit den Hnden die Balance haltend, zum Steuer und setzte sich dort nieder. Mit einem Mal wurde sie phantastisch von dem blauen Mond und der schwankenden Wiederspiegelung des Wassers beleuchtet. Ssanin stie das Boot ab und sprang hinein. Mit leisem Knirschen glitt es ber den Sand, klang im Wasser und kam schnell ins Mondlicht, whrend es hinter sich breite Wellen, die sich leicht entfernten, zurcklie. Lassen Sie, ich werde rudern ... Karssawina war voll von einer mchtigen gebieterischen Kraft, die sie zum Ausdruck bringen wollte. Ich liebe es, selbst zu rudern. Gut, setzen Sie sich hierher, rief Ssanin mitten im Boot stehend. Wieder stieg sie leicht und geschmeidig ber die Bnke an ihm vorbei und berhrte mit den Fingerspitzen kaum seine ausgestreckte Hand. Ssanin schaute sie, als sie neben ihm war, von unten herauf an und ihre Brust berhrte kaum die seine, whrend sie ihm doch den krftigen Geruch ihres frischen Krpers zustrahlte. Sie glitten ber das Wasser. Um sie spiegelte sich der blaue Himmel wieder, soda das Boot im hellen ruhigen Luftraum zu schweben schien! Karssawina sa aufrecht, bewegte kaum die Ruder und pltscherte mit dem Wasser, whrend sie ihren Busen elastisch anhob. Ssanin lehnte am Steuer, schaute sie an, ihre Brust, auf die man so schn den heien Kopf htte legen knnen, ihre runden geschmeidigen Arme, die sich so krftig und zrtlich um den Nacken schmiegen mochten, ihren jugendlichen wonnevollen Krper, den man so toll und alles vergessend an sich zu reien wnschte. Der Mond leuchtete auf ihr weies Gesicht mit den schwarzen Strichen ber den Augen und den glnzenden Augen selbst, glitt ber ihre weie Bluse, die leicht auf ihrer Brust anlag, ber den Rock auf den vollen Knieen und in Ssanin ging etwas vor, als wenn er mit ihr immer weiter und weiter in ein fernes Mrchenreich schwimme, und sich immer mehr von den Menschen, der Vernunft, und den vernnftigen menschlichen Gesetzen entferne. Wie schn ist es heute, sagte Karssawina sich umschauend. Ja, schn! erwiderte er leise. Sie lachte pltzlich ... Aus irgend einem Grunde mchte ich den Hut ins Wasser werfen und den Zopf aufreien, rief sie einem unbewuten Drang nachgebend. Sehr gut, tun Sie es nur! Ssanin sprach noch leiser. Aber sie wurde wieder verschmt und verstummte. Und von neuem stiegen in der Seele des Mdchens Erinnerungen, die von der Nacht, der Schwle und der Freiheit hervorgerufen waren, auf; es war ihr wieder peinlich und doch angenehm, um sich zu schauen. Ihr schien immer mehr, da Ssanin unmglich von dem nichts wissen konnte, was mit ihr vorgegangen war. Dadurch wurde ihr Gefhl aber nur strker und komplizierter. Ein unbndiges, ihr kaum bewutes Verlangen berkam sie, ihm anzudeuten, da sie nicht immer ein so zurckhaltendes stilles Mdchen sei, da sie sich ganz anders, auch nackt und schamlos, benehmen knnte. Diese instinktive Regung berhrte sie freudig und lie ihr Herz leichter schlagen. Kennen Sie Jurii Nikolajewitsch schon lange? fragte sie mit unruhiger Stimme. Nein, erwiderte Ssanin. Warum? So? ... Nicht wahr, er ist doch ein hbscher netter Kerl. Durch ihre Worte klang fast kindliche Schchternheit, als ob sie sich bei einem erwachsenen Menschen, der sie liebkosen und bestrafen konnte, eine Ueberraschung ausbat. Ssanin sah sie lchelnd an und antwortete: Ja! Karssawina erriet an seiner Stimme, da er ber sie lchele und wurde ber und ber rot. Nein, wirklich ... und wie sehr er ... Er hat wahrscheinlich viel durchgemacht. Wahrscheinlich! Da er unglcklich ist, stimmt ... Doch haben Sie mit ihm Mitleid? Gewi! sie sagte es mit gemacht naivem Ton. Ja, das ist begreiflich. Nur fassen Sie das Wort unglcklich sehr eigenartig auf. Sie glauben doch sicher, da ein seelisch unbefriedigter, ber alles nachdenkender Mensch nicht einfach unglcklich und bemitleidenswert sei, sondern etwas ganz anderes, etwas Besonders darstellt ... Er ist krftiger, strker. Das ewige Hin- und Herschleudern seiner Taten von rechts nach links erscheint Ihnen als ein schner Zug, der dem Menschen das Recht gibt, sich hher als andere einzuschtzen, das heit nicht so sehr das Recht auf Mitleid, wie auf Achtung und Liebe. Aber wie denn anders? ... fragte sie naiv. Sie hatte noch nie viel mit Ssanin gesprochen. Doch sie hrte ihn stets als einen ganz eigenartigen Menschen beurteilen, und sie empfand in seiner Gegenwart die Nhe von etwas Neuem, Interessantem, das sie erregte. Ssanin lchelte: Es gab eine Zeit, wo der Mensch ein beschrnktes viehisches Leben fhrte, ohne sich darber Rechenschaft abzulegen, was er treibt und fhlt. Dann kam die Zeit des bewuten Lebens. Die zweite Stufe war die der Umwertung aller Gefhle, Bedrfnisse und Wnsche. Auf dieser steht auch Jurii Swaroschitsch, der letzte der Mohikaner einer in die Ewigkeit versinkenden Periode menschlicher Entwickelung. Wie alles, was am Ende steht, sog er alle Sfte seiner Zeit in sich ein. Bis in das Innere seiner Seele ist er durch sie vergiftet. Er kennt kein Leben als dieses eine ... Alles, was er tut, ruft in ihm endlosen Streit darber hervor, ob es gut, ob es schlecht ist. Das ist bei ihm bis zur Lcherlichkeit bertrieben. Als er der Partei beitrat, zweifelte er, ob es nicht unter seiner Wrde sei, in Reih und Glied mit den andern zu stehen. Seit seinem Austritt aus der Partei qult ihn wieder der Gedanke, ob es nicht erniedrigend ist, sich abseits von der allgemeinen Bewegung zu halten. Uebrigens, solche Menschen gibt's in Menge. Es ist die Mehrzahl ... Jurii Swaroschitsch bildet nur darin eine Ausnahme, da er nicht so dumm ist wie die anderen und da der Kampf mit sich selbst in ihm nicht lcherliche, sondern manchmal wirklich tragische Formen annimmt. Irgend ein Nowikow, der mstet sich nur an seinen Zweifeln und Leiden wie eine im Stall eingesperrte Zuchtsau, Swaroschitsch aber, der schleppt vielleicht tatschlich eine Katastrophe in sich herum. Ssanin hielt pltzlich an. Seine eigene laute Stimme und die tglichen einfachen Worte, scheuchten den nchtlichen Zauber fort; das tat ihm leid. Er schwieg still, sah nur das Mdchen an, ihre schwarzen Augenbrauen auf dem weien Gesicht, ihre hohe Brust. Ich verstehe nicht, wie Sie so von Jurii Nikolajewitsch reden knnen. Als wenn er selbst daran schuld wre, da er so ist und nicht anders. Wenn ein Mensch vom Leben unbefriedigt ist, so steht er also hher als das Leben. Ein Mensch kann niemals hher als das Leben stehen. Er ist selbst nur ein Teilchen des Lebens. Unbefriedigt kann es wohl sein, aber die Ursachen liegen in seiner eigenen Person. Er kann es entweder nicht oder wagt es nicht, sich von dem Reichtum des Lebens so viel anzueignen, wie er tatschlich fr sich bedarf. Die einen sind lebenslang in einem Gefngnis eingesperrt, die andern wagen einfach nicht aus ihrem Bauer herauszufliegen, so wie Vgel, die schon zu lange in einem festgehalten wurden. Der Mensch ist solange eine harmonische Verbindung von Geist und Seele, wie sie noch nicht durchbrochen ist. Auf natrlichem Wege wird sie nur durch das Nahen des Todes gelst, aber auch wir selbst knnen sie aufheben -- -- -- durch eine miglckte Weltanschauung. Wir haben die Wnsche unseres Krpers als Bestialitt gebrandmarkt, fingen an, uns ihrer zu schmen, umkleideten sie mit einer erniedrigenden Form, und schafften ihnen eine einseitige Existenz. Diejenigen unter uns, die ihrem Charakter nach schwach sind, fristen ein Leben in Ketten. Aber solche, denen die Krfte nur infolge der falschen Lebensauffassung, an die sie gebunden sind, fehlen, das sind Mrtyrer. Die unterdrckte Energie reit an ihren Fesseln, der Krper verlangt nach Freude und qult sich selbst. Ihr ganzes Leben lang krochen sie zwischen Zwiesplten, klammern sich an jeden Strohhalm in der Sphre neuer sittlicher Ideale und schlielich grmen sie sich zu Tode in der Furcht, zu leben und zu fhlen. Mit unerwarteter Kraft fiel ihm Karssawina ins Wort: Ja, ja, so ist es! Eine Menge neuer, unerwarteter Gedanken stieg leicht in ihr auf. Sie schaute mit glnzenden Augen um sich und die machtvolle prchtige Schnheit der Flle, die im unbeweglichen Flu, im finstern Wald, in der Tiefe des blauen Himmels mit dem nachdenklichen Mond, um sie ausgegossen war, strmte in tiefen Wellen in ihren Krper und ihre Seele ein. Des Mdchens begann sich jenes eigentmliche Gefhl zu bemchtigen, das ihr bereits bekannt war, das sie liebte und frchtete, das Gefhl trben Suchens nach der Auslsung von Kraft und Bewegung, -- -- von Glck. Ich trume immer von der glcklichen Zeit, sprach Ssanin nach einer Weile, wo zwischen den Menschen und dem Glck nichts mehr stehen wird, wo der Mensch sich frei und furchtlos allen ihm zugnglichen Genssen hingeben kann. Und was dann? ... Wieder Barbarei? ... Nein! Das Zeitalter, in dem die Menschen nur mit dem Unterleib lebten, war zwar barbarisch grob und arm ... unseres aber, wo der Krper dem Geist unterworfen ist und in die Rumpelkammer gedrngt wurde, ist auch nur sinnlos schwach. Doch die Menschheit hat nicht umsonst gelebt. Sie wird neue Lebensbedingungen ausfinden ... in denen es keinen Platz mehr geben wird ... weder fr Bestialitt noch fr Asketik. Sagen Sie bitte ... und die Liebe ... gibt sie Pflichten ... fragte Karssawina unerwartet. Nein, -- -- denn die Pflichten, die die Liebe gibt, sind fr den Menschen nur durch die Eifersucht schwer geworden. Die Eifersucht aber wurde allein durch die Sklaverei ins Leben gerufen. Jede Sklaverei zieht Bses nach sich. Die Menschen sollen die Liebe genieen ... ohne Furcht und Entsagung, ... ganz schrankenlos ... Und dann werden sich auch alle Formen der Liebe in eine endlose Kette von Zuflligkeiten, Ueberraschungen und Verbindungen erweitern. -- -- -- ich habe doch damals nichts gefrchtet, dachte das Mdchen mit Stolz und sah Ssanin pltzlich an, als se er zum ersten Mal vor ihr. Gro und krftig lehnte er am Steuer, mit von der Nacht verdunkelten Augen; seine breiten Schultern waren unbeweglich wie aus Eisen. Unverwandt blickte ihn Karssawina mit bangem Interesse an. Mit einem Mal kam ihr der Gedanke, da sie vor sich eine ganze Welt unbekannter, eigenartiger Gefhle und Krfte liegen habe; ihr kam der Wunsch, sie in sich aufzunehmen. ... er ist doch sehr interessant, schwirrte es fein durch ihren Kopf. Sie lchelte sich selbst verstohlen zu, aber eine stechende Aufregung durchzuckte ihren ganzen Krper mit nervsem Zittern. Wahrscheinlich fhlte auch Ssanin diese pltzliche Flutwelle weiblicher Neugierde, denn er atmete selbst krftiger und strker auf. Die Ruder verwickelten sich in der engen Strae, in die das Boot langsam hineinglitt und fielen aus den Hnden des Mdchens. Auch in ihrem Innern schien ganz ebenso etwas niedergefallen zu sein. Ich kann hier nicht weiter, sagte sie schuldbewut. Es ist zu schwer. Ihre Stimme klang wie zu Boden gesunken, leise und melodisch in der dunklen, schmalen Wasserenge, wo das unsichtbare Gekrusel der Wellen still fr sich pltscherte. Ssanin erhob sich und ging auf sie zu. Wohin wollen Sie? rief sie mit unerklrlichem Schrecken. Lassen Sie mich. Karssawina stand auf und wollte zum Steuer gehen. Das Boot schwankte, als ob es unter den Fen fortgleiten wollte. Sie mute sich unwillkrlich an Ssanin anklammern, wobei sie mit ihrer elastischen Brust stark gegen ihn stie. In diesem Augenblick, in dem ihr selbst nichts bewut wurde, in dem sie nichts glaubte und nichts mehr erriet, hielt sie selber diese Berhrung an und verstrkte sie noch, als mte sie sich im Fluge an ihn anschmiegen. Und so fing er in einer Sekunde mit seiner ganzen Person den mrchenhaften Zauber der Nhe einer Frau in sich auf. Sie verstand sein Gefhl in der Flle ihres Wesens, empfand die ganze Strke seiner Erregung und wurde daran trunken, bevor sie begriffen hatte, was sie tat. ... Ahaaaaa, ri es sich erstaunt und entzckt durch Ssanins Brust; schmerzhaft und leidenschaftlich umarmte er sie, so da sie sich hinten bergebeugt fast in der Luft befand und instinktiv nach dem fallenden Hut und der Frisur griff. Das Boot schwankte noch strker, und die unsichtbaren Wellen stieben mit aufgewirbeltem Lrmen an die Ufer. Was tun Sie? ... schrie sie schwach auf. Lassen Sie mich. Um Gotteswillen, was tun Sie? ... Sie flsterte atemlos, whrend sie sich nach kurzem, lautlosen Schweigen aus seinen sthlernen Armen reien wollte. Aber krftig, ihre weiche Brust fast zerquetschend, prete Ssanin das Mdchen an sich ... ihr wurde schwl, alles, was zwischen ihnen als Scheidewand stand, war mit einem Mal irgendwohin versunken. Ringsherum war Stille, wrziger Geruch von Wasser und Grsern, eigentmliche Klte und Glut und Schweigen. Pltzlich senkten sich ihre Arme, sie fhlte sich selbst von einer vlligen Willenlosigkeit berwunden, lag ohne etwas zu sehen oder wahrzunehmen am Boden und gab sich dem fremden mnnlichen Willen und seiner Strke mit brennenden Schmerzen und taumelndem Genusse hin. XXXVIII Es dauerte lange, bis ihr Bewutsein zurckkehrte. Sie sah nur allmhlich die Flecken des Mondenlichtes auf dem schwarzen Wasser, das Gesicht Ssanins mit sonderbaren Augen, und merkte, da sie halb im Boote lag; er hielt sie wie die Seine umschlungen, whrend sich ihr nacktes Knie am Ruder rieb. Sogleich begann sie leise und unaufhaltsam zu weinen, ohne sich aus seinen Hnden loszureien; noch immer unterwarf sie sich ihm mit der gleichen Willenlosigkeit. In ihren Trnen lag die Trauer ber etwas Unwiederbringliches, lag Furcht und Mitleid mit sich selbst und schwache Zrtlichkeit zu Ssanin, die nicht aus der Vernunft oder dem Herzen, sondern direkt aus der Tiefe ihres jungen Krpers, der sich zum ersten Mal in seiner ganzen Kraft und Schnheit entfalten konnte, heraufquoll. Das Boot glitt langsam auf eine breitere, kaum beleuchtete Stelle und schwankte in dem dunklen Wasser, in dem die Wellen der Strmung mit stillem, gleichmigen Pltschern hinunterliefen, leise hin und her. Ssanin nahm sie in seine Arme und setzte sie auf seine Kniee. Hilflos und ratlos wie ein kleines Mdchen sa sie da. Wie durch Trume hindurch hrte sie, da er sie zu beruhigen suchte, ihr du sagte, und es berhrte sie angenehm, da seine Stimme voll von Zrtlichkeit gelster Kraft und dankbarer Ergebenheit war. -- -- -- Spter gehe ich ins Wasser, dachte sie matt, indem sie doch dabei auf seine Worte lauschte und gleichsam einem andern Antwort gab, der von ihr Rechenschaft forderte: Was hast du getan und was wirst du tun? ... Ganz unerwartet fragte sie halblaut: Was nun jetzt? Das werden wir sehen ... antwortete er. Sie wollte von seinen Knieen hinuntergleiten, aber er zog sie sofort wieder an sich und unterwrfig blieb sie sitzen. Es schien ihr selbst eigentmlich, da sie weder Zorn noch Widerwillen gegen ihn empfand. Auch spter, wenn sie sich dieser Nacht erinnerte, war ihr alles unbegreiflich und wie im Traum. Alles um sie schwieg; alles war dunkel, feierlich, unbeweglich, wie wenn es sich bewut wre, ein schweres Geheimnis wahren zu mssen. Das Licht des Mondes, das die schwarzen Waldeswipfel glatt abschnitt, blieb sonderbar unbeweglich und gespensterhaft in einer Richtung liegen. Die unfabare Finsternis blickte sie vom Ufer her mit bodenlosen Augen an; alles erstarrte in gespannter Erwartung vor irgend etwas, das geschehen mute. Sie hatte keine Kraft und keinen Willen mehr, um zu sich zu kommen, sich zu erinnern, da sie einen anderen liebte, um wieder das frhere freie Mdchen zu werden und die mnnliche Brust zurckzustoen. Sie strubte sich auch garnicht, als er sie wieder zu kssen begann und nahm fast bewutlos den neuen brennenden Genu hin, whrend sie mit halbgeschlossenen Augen immer tiefer in die unbekannte Welt, die sie geheimnisvoll zu locken suchte, hineinglitt. In Minuten kam es ihr vor, da sie nichts sah, nichts hrte, nichts empfand. Allein jede seiner Bewegungen, jeden seiner Angriffe auf ihren unterworfenen Krper nahm sie doch mit gemischten Regungen von Erniedrigung und heischender Neugier wahr. Die Verzweiflung, die sich dicht um ihr Herz wand, flsterte ihr zerbrochene, sich kaum biegende Gedanken zu. -- -- -- Jetzt ist ja alles gleich, ganz gleich, sprach sie zu sich, und die geheimnisvolle krperliche Neugierde wollte durchaus wissen, was dieser ferne und nahe, so feindselige und so krftige Mensch mit ihr noch beginnen knnte. Spter, als er sie losgelassen und, neben ihr sitzend, zu rudern begonnen hatte, schlo sie halb liegend die Augen. Trotzdem sie sich bemhte, alles Leben von sich abzuwerfen, erzitterte sie unter jedem Sto seiner Arme, die ihr jetzt so gut bekannt waren und die sich nun taktmig ber ihrem Busen bewegten. Mit leisem Knistern stie das Boot ans Ufer. Karssawina ffnete die Augen. Ringsumher dehnte sich Feld, Wasser und weier Nebel. Der Mond leuchtete bla und unklar, wie ein Gespenst, das an der Morgendmmerung vergehen mu. Es war schon hell und durchsichtig. Durch die Luft zog der erste leise Windsto vor dem Morgenrot. Darf ich Sie jetzt begleiten, fragte Ssanin leise. Nein, ich -- -- -- allein ... antwortete sie mechanisch. Ssanin hob sie in die Arme und trug sie mit dem Genu kraftvoller Anstrengung aus dem Boote; er war noch voll von der berstrmenden Empfindung seiner Liebe und dankbarer Zrtlichkeit. Bevor er sie auf den Boden niedersetzte, prete er sie noch einmal stark an sich. Karssawina taumelte; sie konnte sich nicht auf den Fen halten. O, du Schnheit, du, sagte Ssanin inbrnstig, als ob seine ganze Seele in einer Flut von Leidenschaft und Mitleid vor ihr entstrmen wollte. Sie lchelte mit unbewutem Stolz. Ssanin ergriff sie bei den Hnden und zog sie an sich. K du mich einmal! -- -- -- Jetzt ist doch alles gleich, -- -- -- warum hat er soviel Mitleid mit mir, warum ist er so nahe bei mir? ... Es ist alles ganz gleich, man braucht nichts mehr denken ... Zusammenhanglos schwirrten die Gedanken durch Karssawinas Kopf; klingend und zrtlich kte sie Ssanin auf die Lippen. Nun lebe wohl, flsterte sie; sie verwickelte sich in ihre eigenen Worte ... Sie bemerkte gar nicht, was sie sagte. Liebste, sei mir nicht bse ... sprach Ssanin mit stiller Bitte. Als sie dann allein den Damm entlang schritt, taumelnd, sich in die Rcke verwickelnd, sah ihr Ssanin traurig nach. Es packte ihn schmerzlich, wenn er an die unntigen Leiden dachte, die sie noch zu ertragen haben wird, und ber die sie sich, wie er glaubte, nicht wrde erheben knnen. Ihre Gestalt lste sich im Nebel auf und verlor sich, whrend sie immer weiter der Morgenrte entgegenschritt. Als sie nicht mehr zu sehen war, sprang Ssanin mit Macht in das Boot und unter den mchtigen triumphierenden Ruderschlgen schlug das Wasser lrmend und glcklich gegen die Planken. An einer breiten Stelle des Flusses unter dem Morgenhimmel, inmitten der weien wogenden Nebel, warf Ssanin die Ruder hin, sprang in voller Gre auf die Bank und schrie aus aller Kraft laut und freudig in den Morgen hinein. Wald und Nebel lebten auf und antworteten ihm mit dem gleichen, frhlichen weitverhallenden Rufe. XXXIX Sobald sich Karssawina nur niederlegte, schlief sie auch augenblicklich ein, wie wenn sie ein Schlag ber den Schdel zu Boden geworfen htte. Doch schon am frhen Morgen erwachte sie wieder nach schwerem kurzem Schlaf, am ganzen Krper krank und kalt wie eine Leiche. Die Verzweiflung in ihr schien nicht zur Ruhe gegangen zu sein; nicht fr eine Minute fhlte sie ein Vergessen des Geschehenen. Sie sah sich scharf nach jeder Kleinigkeit um, als ob sie irgend etwas herausfinden mte, das in ihrer Umgebung seit dem letzten Tage anders geworden war. Aber hell und ruhig, wie an jedem Morgen, sahen sie die Heiligenbilder aus der Ecke, die Fenster und der Boden, die Mbel und der hellblonde Kopf Dubowas, die im andern Bett in festem Schlaf lag, an. Alles war so einfach wie immer, nur ihr armes zerknautschtes Kleid, das sie lssig ber den Stuhl geworfen hatte, schien von etwas zu erzhlen. Die Rte, die der kurze Schlaf auf ihrem Gesicht hervorgerufen hatte, wurde mehr und mehr von einer toten Blsse fortgeschoben und ihre schwarzen Augenbrauen hoben sich dagegen so deutlich ab, als ob ihr Gesicht noch wie gestern vom Monde beschienen wre. Mit erstaunlicher Klarheit und mit der Prgnanz eines kranken Gehirns stand vor ihr wieder das Erlebte auf; am klarsten sah sie, wie sie am Morgen durch die verschlafenen Straen der Vorstadt lief. Die Sonne, die sich soeben ber die vom Tau besprenkelten Dcher und Zune erhoben hatte, leuchtete ihr schonungslos blendend, wie nie zuvor, ins Gesicht. Durch die geschlossenen Lden verfolgten sie, wie durch heuchlerisch geschlossene Lider, die feindseligen Fenster der kleinbrgerlichen Huser. Einsame Straenpassanten schauten sich nach ihr um. Sie lief unter der gleitenden Morgensonne hin, verwickelte sich in einzelne Bahnen ihres langen Rockes und konnte den grnen samtenen Pompadour kaum in den Fingern halten. Wie eine Verbrecherin schlich sie lngs der Zune mit unsicheren, schwankenden Schritten entlang ... Wenn sich in diesem Augenblick die ganze Menschheit mit geffneten Mulern und gierigen Augen in ihren Weg gestrzt und sie mit hhnenden Rufen und Worten, die infam wie Knuten einschnitten, verfolgt htte, wre es ihr ebenso gleichgltig gewesen; weiter wrde sie, taumelnd unter den Schlgen, ziel- und sinnlos mit leerer Trauer in der Seele, vorwrts gelaufen sein. Schon im Felde, als im Nebel die schallenden Ruderschlge, die strmisch die Wellen durchschnitten, verstummten, erfate sie pltzlich die furchtbare Last, die auf sie niedergefallen war. Ihr Herz, Vernunft und Leben wurde zu matter Verzweiflung. Sie schrie auf, lie den Pompadour auf den nassen Sand fallen und griff sich an den Kopf. Von diesem Augenblick an befand sie sich nur noch im Banne der Worte, die ihr von jetzt ab jeder Mensch entgegenschleudern konnte. Ihr eigener Wille war in der gestrigen Nacht, die wie ein wtender Rausch hinter ihr lag, verloren gegangen. Es gab nur noch ein Ungewhnliches, wahnsinnig Ergreifendes, etwas so kraftvolles wie niemals zuvor. Und doch konnte sie sich nicht erklren, wie es geschehen war, da sie sich bis zum Verlust ihrer Scham und jener Liebe, die ihr Leben auszufllen schien, vergessen konnte. In krperlicher Zerbrochenheit kroch Karssawina unter der Decke hervor, und fing an, sich mit lautlosen Bewegungen anzukleiden. Sie fhlte, wie bei jeder Bewegung Dubowas ihr ganzer Krper von eisiger Khle durchstrmt wurde. Dann setzte sie sich ans Fenster und starrte mit gespannten, unbeweglichen Augen in den Garten, wo die vom Morgen durchnten Bume hellgrn und gelb aufleuchteten. Ihre Gedanken zogen an ihr vorber, wie schwarzer Rauch, den der Wind hin- und hertreibt. Wenn jemand ihre Seele htte entfalten und wie ein Buch durchblttern knnen, er wre von Entsetzen gepackt worden. Auf dem Hintergrunde ihres ungewhnlich krftigen und frischen Lebens, in dem jeder Tag, jede Bewegung und jede Empfindung, von sonnendurchleuchtetem Blut getrnkt war, ballten sich furchtbare Bilder ineinander. Schwarz und bewegungslos trat der Gedanke an Selbstmord in ihr Bewutsein ein, leidenschaftliche Trauer ber den Verlust der reinen hellen Liebe zu Jurii prete ihr Herz zusammen; alles aber wurde durch eine trbe Welle der Furcht vor der Menge von bekannten und fremden Gesichtern, die sich vor ihr drngten, berschwemmt. Bald kam ihr der Gedanke, zu Jurii hinzustrzen, sich vor ihm auf den Boden zu werfen, ihm in einem Augenblick ihr ganzes Leben hinzugeben und dann fr immer irgendwohin zu verschwinden. Dann wieder berfiel sie bei dem Gedanken, mit Jurii zusammenzukommen, jagende Angst, und sie wnschte gleich zu sterben, im Augenblick, ohne die Stelle verlassen zu mssen, einfach, indem sie zu leben aufhrte. Dann wieder schien ihr pltzlich, da es vielleicht noch mglich wre, alles gut zu machen. Die Nacht von gestern konnte in der Wirklichkeit garnicht existiert haben, -- -- -- sie wollte es nicht glauben. Doch wie ein wilder Schrei blitzte durch ihre Seele die Erinnerung an ihre Nacktheit, an die Schwere des mnnlichen Krpers, an das momentane, brennende Sichvergessen und durch die unwiderrufliche Macht des Vergangenen ratlos betubt, lag sie ohne Regung und ohne Gedanken mit der Brust auf dem Fensterbrett. Inzwischen erwachte Dubowa. Sie bemerkte sofort die hastigen Bewegungen und die erregten Mienen der Freundin. Ah, du bist schon auf? ... Das ist man ja von dir garnicht gewhnt. Als Karssawina am frhen Morgen zurckgekehrt war, hatte sie Dubowa nur halb im Schlaf gefragt: Wie siehst du denn zerzaust aus? sie war aber sofort wieder eingeschlafen. Jetzt jedoch fhlte sie, da etwas geschehen war, und im Hemd, barfu, ging sie auf die Freundin zu: Was ist dir? ... Fehlt dir etwas? sie fragte zrtlich und besorgt, wie eine ltere Schwester. Karssawina zuckte zusammen, als ob sie einen Schlag erwartete, doch ihre rosigen Lippen verzogen sich nur zu einem falschen Lcheln und eine Stimme, die ihr selbst fremd erschien, antwortete viel zu lustig: Aber nichts! Garnichts! Ich habe nur zu wenig geschlafen. So war das erste Wort der Lge gefallen und es vernichtete ohne Rest die Erinnerung an das frhere freie, aufrechte Mdchen. Dies Eine war gewesen; jetzt wurde es zu einer Anderen. Und dies Andere war verlogen, feig und beschmutzt. Whrend Dubowa sich wusch und ankleidete, blickte Karssawina sie verstohlen an; die Freundin kam ihr hell und rein vor; sie selbst dagegen wie eine dunkle, zertretene Krte. Diese Empfindung ergriff sie so stark, da ihr der Teil des Zimmers, in dem sich Dubowa bewegte, sonnendurchleuchtet erschien, whrend ihre Ecke in feuchte, klebrige Finsternis versank. Karssawina erinnerte sich, wie erhaben sie sich in ihrer Gloriole der Schnheit und Frische ber die farblose, alternde Freundin gefhlt hatte; Gram und Wehmut weinten jetzt in ihr mit Trnen schwer wie Blutstropfen. Doch alles das spielte sich tief in ihrem Innern ab; uerlich blieb sie ruhig, fast frhlich. Sie zog ihr schnes blaues Kleid an, nahm Hut und Schirm und ging mit ihren gewhnlichen Schritten, die den Eindruck machten, da sie klar wie starke Wassertropfen niederfielen, in die Schule. Dort hatte sie bis zum Mittag zu tun, dann kam sie nach Hause. Unterwegs begegnete ihr Lydia Ssanina. Die beiden jungen Mdchen standen von der Sonne berstrmt, lchelten mit leidenschaftlichen Lippen und sprachen von allerlei Nichtigkeiten. In Lyda entstand sofort wieder krankhafter Ha auf das sorglose glckliche Mdchen und Karssawina beneidete Lyda um das Glck, so schn, lustig und unberhrt zu sein. Jede sah in dem Leben der anderen eine schreiende Ungerechtigkeit. -- -- -- Ich bin doch besser als sie ... Warum hat sie Glck und ich bin so unglcklich, liefen die Gedanken einer jeden eilig hin und her. Nach dem Mittagessen nahm Karssawina ein Buch zur Hand, setzte sich ans Fenster und begann wieder teilnahmslos und unverwandt auf das Licht und die Wrme des Gartens, der seine letzten Sommertage erlebte, niederzuschauen. Der erste scharfe Schmerz war vorber. In ihrer Seele verschwamm alles in indifferenter krankhafter Mdigkeit. -- -- -- Nun sei's denn ... ich gehe unter ... So ist es mir also bestimmt ... Ich werde sterben, wiederholte sie sich apathisch. Da sah Karssawina Ssanin kommen; noch frher, als er sie bemerkte. Er ging stolz und ruhig durch den Garten, sah sich nach allen Seiten um und strich mit seinen Hnden ber die Zweige der Bsche, als ob er sie zrtlich begren wollte. In die Hhe schnellend, das Buch an die Brust gepret, starrte sie erregt auf ihn, bis er ans Fenster herantrat. Gr Gott, sagte er ihr die Hand reichend. Bevor sie noch aufstehen und sich aus dem halb bewutlosen Sturm der Empfindungen freimachen konnte, wiederholte Ssanin mit beharrlicher Zrtlichkeit: Nun, gr dich doch Gott! In seiner Stimme lag etwas, das Karssawina der Mglichkeit, aufzuschreien, in die Hhe zu springen, fortzulaufen, beraubte. Sie verlor jeden Willen und antwortete nur leise: Guten Tag. Nach dieser Antwort fhlte sie, da er strker ist als sie und da sie alles mit sich mu tun lassen, was er will. Ssanin lehnte sich an das Fensterbrett und sagte: Kommen Sie auf einen Augenblick in den Garten hinaus ... Wir mssen ber einiges miteinander sprechen. Karssawina stand auf. Ganz im Banne einer unbegreiflichen Macht wute sie nicht, was sie zu tun htte, wohin und wie sie gehen sollte. Ich werde drauen warten, bemerkte Ssanin. Sie nickte nur mit dem Kopf. Er ging mit ruhigen langsamen Schritten fort; sie frchtete hinter ihm herzusehen. Einige Sekunden lang stand sie unbeweglich; sie hielt die Hnde fest zusammengepret. Dann kam sie in Bewegung, alles wurde pltzlich in ihr voller Hast; als sie aus dem Hause trat, raffte sie sogar ihr Kleid, um leichter gehen zu knnen. Das goldene Licht der Sonne und das Leuchten der gelben Bltter durchdrang unaufhaltsam den ganzen Garten. Schon von weitem sah sie Ssanin, der mitten auf dem Wege stand. Er lchelte ihr entgegen; unter seinem weichen, anteilnehmenden Blick wurde es dem Mdchen schwer, die Fe vorwrts zu setzen. Ihr schien es, da sie das Kleid nicht mehr vor seinen Augen verhlle, und da ihm jede Bewegung ihres nackten Krpers, der ihm nicht mehr fremd war, sichtbar sein msse. Das Gefhl der Hilflosigkeit und der Scham wurde in ihr so stark, da sie den Garten und das Licht zu frchten begann. Fast strzend, eilig, trat sie auf ihn zu und blieb so dicht vor ihm stehen, da er sie nicht ganz von Kopf bis zu Fen ansehen konnte. Da nahm er sie an den Hnden, fhrte sie tief in das Dickicht der verwachsenen Bume und zog sie sich auf die Kniee, whrend er sich selbst halb auf den Stumpf eines alten Apfelbaumes niedersetzte. Von der Seite sah er ihr gesenktes zartes Profil, ihre runden Schultern, weich und schwach, neben seiner breiten festen Brust, trotzdem aber harmonierten sie eigentmlich gut miteinander. Unwillkrlich wurde er von einem verzckten Rausch ber ihre Schnheit erfat, und indem er sich gleichsam vor ihr beugte, bog er sich nieder und kte den feinen trockenen Stoff, durch den ihr frischer Krper schimmerte und Wrmefluten ausstrahlte. Sie erschauerte, zog sich aber nicht zurck. Er besiegte sie mit seiner Kraft und Sicherheit; sie ihn durch ihre Zrtlichkeit und Schnheit. Beide hatten Furcht voreinander. Ssanin wnschte ihr viele zarte beruhigende Worte zu sagen, aber er glaubte, da sie der erste Laut verletzen wrde; er schwieg. Das Mdchen hrte das gespannte Gerusch seines Atmens. -- -- -- Was will er, ... was wird er tun, dachte sie vor Scham und Furcht fast ersterbend ... Wirklich denn wieder dasselbe? ... Dann reie ich mich los ... ich laufe fort. Sinotschka, sagte er endlich. Seine Stimme, die den ungewohnten Namen ungeschickt aussprach, war doch zrtlich und eindringlich. Karssawina blickte ihm fr einen Augenblick ins Gesicht und begegnete seinen glnzenden Augen, die entzckt und doch zurckhaltend so nahe in die ihren blickten, da sie zurckschrak ... Aber gleichzeitig fhlte sie instinktiv, da er garnicht so furchtbar wre, und da er sich in diesem Augenblick mehr vor ihr scheute als sie vor ihm. Eine Regung, hnlich einer kecken, mdchenhaften Neugierde, bewegte sich in einem Winkel ihrer Seele, und pltzlich wurde es ihr leichter und nicht mehr beschmend, auf seinem Schoe zu sitzen. Ich komme mit mir nicht zurecht ... sprach Ssanin. Vielleicht bin ich Ihnen gegenber sehr schuldig und ich htte nicht noch kommen drfen. Aber ich konnte Sie nicht so lassen. Ich wnschte so sehr, da Sie mich verstehen ... und zu mir keinen Widerwillen und keinen Ha empfinden. Was sollte ich tun ... Es gab einen Augenblick, in dem ich fhlte, da zwischen uns etwas niedergefallen war. Ich wute, wenn ich diesen Augenblick vergehen lasse, so wird er sich in meinem ganzen Leben nicht mehr wiederholen. Sie gingen an mir vorbei; und niemals wrde ich diesen Genu und das Glck erleben, das ich erleben konnte ... Sie sind ja so schn und so jung. Karssawina schwieg. Ihr durchsichtiges Ohr halb mit Haaren bedeckt, wurde rosiger und ihre Wimpern zuckten. Und ebenso leise, mit zitternden und unklaren Worten sprach Ssanin weiter von dem ungeheuren Glck, das sie ihm gegeben hatte, und da diese eine Nacht nun fr immer in seinem Leben wie ein Mrchen verbleiben wird. An seiner Stimme konnte man hren, da er offenbar unter der Unmglichkeit litt, ihr etwas sagen zu knnen, worunter die Trauer vergehen und eine neue frhliche Welle heranschwellen mte, die sie glcklich machen wrde. Sie leiden und gestern war es doch so schn, fuhr er fort. Aber diese Leiden kommen doch nur daher, da unser Leben sinnlos aufgebaut ist, da die Menschen selbst einen bestimmten Zehnten fr ihr eigenes Glck aufgestellt haben. Wenn wir anders leben wrden, dann mte diese Nacht in unserer Erinnerung als eines der wertvollsten und wunderbarsten Erlebnisse, die nur das Leben teuer machen knnen, bleiben. Wenn ... ja, wenn nur ... Und pltzlich, auch fr sich ganz unerwartet, lchelte sie neckisch vor sich hin. Als wenn die Sonne aufginge, als wenn die Vgel zu singen und die Grser zu rauschen begonnen htten, so wurde die Seele leicht und licht von ihrem Lcheln, das fr einen Augenblick das frhere frhliche und freie Mdchen auferstehen lie. Aber es war nur ein Aufflammen, das sofort wieder erlosch. Mit einem Mal stieg vor Karssawina ihr zuknftiges Leben auf, wie abgerissene schmutzige Fetzen von Hohn, Klatsch und Schande. Alle bekannten Gesichter sah sie vor sich und alle trugen in ihren Mienen Spott und Ekel; sinnlose Bilder sprangen um sie herum; dichte Furcht bedeckte wieder ihre Seele und rief in ihr nur Ha hervor. Gehen Sie ... lassen Sie mich, rief sie. Sie erblate und prete ihre Zhne mit einem grausamen Ausdruck, als wenn sie sich fr ihr Lcheln rchen wollte, zusammen; dann stie sie sich von seiner Brust ab und stand auf. Ein schwerer ohnmchtiger Druck bemchtigte sich Ssanins. Er fhlte, da sie keine Worte in dem, was sie offensichtlich mit Leiden und Schande bedrohte, trsten konnten. Sie hatte Recht in ihrem Zorn und Schmerz; in seinen Krften lag es nicht, die Welt mit einem Mal umzugestalten, um von ihren weiblichen Schultern die entsetzliche Last abzunehmen, die auf sie, ohne Schuld fr die Freuden und das Glck, die er durch ihre junge Schnheit erhalten hatte, herabgesunken war. Fr einen Augenblick stieg in ihm der Gedanke auf, ihr seinen Namen, ihr jede Hilfe anzubieten, doch davon hielt ihn etwas zurck. Er fhlte, da alles das in dieser Minute zu kleinlich wre und da jetzt anderes nottue. -- -- -- Gut, mag denn das Leben seinen Weg gehen, dachte er schlielich. Sie stand in der Nhe, die Arme gesenkt, den Kopf, der mit einer Krone herrlichen Haares bedeckt war, gebeugt; sie war in Gedanken versunken, whrend eine tiefe Falte ihre weie Stirne durchschnitt. Ich wei, sprach Ssanin. Sie lieben Jurii Swaroschitsch. Vielleicht leiden Sie gerade darunter am allermeisten. Ich liebe niemanden, flsterte sie, die Hnde krampfhaft ineinander verschlingend. Mit scharfen Strichen physischen Schmerzes zeichnete sich das Bewutsein ihrer Schuld gegen Jurii und hilflose Verzweiflung auf ihrem Gesicht. In ihrer Seele stieg inzwischen die ungeheure Frage, die ber ihre Kraft ging, die, wie ihr schien, das ganze Entsetzen und die ganze Auflsung des Vorgefallenen enthielt, auf und schwankte wie eine Rauchsule ber ihrem ganzen bisherigen Leben. -- -- -- Wie ist es mglich, das miteinander zu verbinden, -- -- -- ich liebe Jurii so sehr, liebe ihn noch jetzt, da es mein Herz zerreit. Beim Gedanken daran, da ich fr ihn nicht mehr so rein und einzig sein werde, wie ich war, wird in mir alles dunkel wie vor dem Tode. Und dennoch ... dennoch konnte ich ... Der Gedanke an Ssanin hatte keinen Ausdruck. Er bewahrte nur die Erinnerung an tolle Kraft, an berschumenden Genu, in dem der Schmerz mit dem Verlangen nach noch grerer, noch tieferer Innigkeit zusammenfiel; fr Augenblicke sprang aus ihm der Wunsch, zu Tode gemartert zu werden. Aber weiter trug er die lichte stille Erinnerung an eine singende, unsagbar innige Zrtlichkeit in sich, die ihr Herz liebkoste. -- -- -- Ich bin selbst schuld, sagte sich Karssawina ... Ich bin eben ein garstiges, lasterhaftes Geschpf. -- -- -- Am liebsten htte sie geweint, gebt, den weien herrlichen Krper, der strker als die Vernunft, die Liebe und Bewutsein gewesen war, mit der Peitsche gezchtigt. Einen Augenblick lang schien ihr, da sie diesen furchtbaren Taumel nicht ertragen werde; das Bewutsein wird untergehen, sie mu sterben. Doch es ging gleich wieder vorber, entkrftigte sie nur und lie hoffnungslose, stille Trauer in ihr zurck. Da sagte ihr Ssanin mit besonders rhrender Bitte: Gedenken Sie meiner nicht bse! Sie sind ebenso herrlich wie Sie stets waren ... Dem Mann, den Sie lieben, werden Sie dasselbe Glck geben knnen, das Sie mir gegeben haben ... Nein, noch ein greres, viel greres ... Wahrhaftig ... ich wnsche fr Sie nichts anderes, als das Allerbeste, das Allerzarteste ... Immer werde ich Sie so in meinem Gedchtnis haben, ... wie ... gestern. Leben Sie wohl ... und wenn ich einmal irgend etwas fr Sie tun kann, so ... ich bitte Sie, sagen Sie es ... ich wrde Ihnen ja gerne mein Leben geben, wenn es Ihnen nur ntzen knnte ... Ganz leise blickte ihn Karssawina an; es tat ihr um etwas leid. ... Aber vielleicht geht alles vorber ... ging es durch ihren Kopf. Im Augenblick schien alles nicht mehr so entsetzlich und schwierig. Eine Minute lang schauten sie einander in die Augen und aus dem Innern ihrer Herzen trat ein gutes, tiefes Gefhl. Es verband sie, als ob sie beide mit einem Mal verwandt und nahe wren, und etwas erfahren hatten, das kein anderer auer ihnen wissen durfte, und das in ihren Seelen immer als zarte, warme Erinnerung bleiben wrde. Nun leben Sie wohl, sprach Karssawina mit mdchenhafter Stimme. Freude und Zrtlichkeit durchstrmte Ssanins Gesicht. Sie reichte ihm die Hand, doch alles kam so, da sie sich pltzlich einfach und warm wie Geschwister gekt hatten. Als Ssanin fortging, begleitete sie ihn bis an das Tor und sah ihm lange und nachdenklich nach. Dann ging sie still in den Garten zurck und legte sich auf das Gras, die Hnde unter dem Kopf. Das verdrrende aber noch immer duftige Gras knisterte um sie und sie starb fast ab, ohne Gedanken, ohne Empfindungen, mit geschlossenen Augen. In ihr ging etwas Neues vor. Wenn es geendet hatte, dann mute sich wieder das alte frhliche offne Mdchen, vor der das Leben seine schnsten und glcklichsten Seiten auftun wird, erheben. Zhes Nachsinnen darber, ob sie Jurii das Vorgefallene erzhlen sollte oder nicht, kam ihr in den Kopf und brachte neues Entsetzen und frische Scham mit sich, aber sie sagte sich sofort: Ich werde nicht darber nachdenken, ... ich werde es nicht ... Alles mag von selbst kommen. Und wieder verfiel sie in den Zustand schlaffer Erwartung. XL Am darauffolgenden Tage stand Jurii erst sehr spt auf; er war in gedrckter Stimmung, hatte schlechten Geschmack im Mund und feinen bohrenden Schmerz in den Schlfen. Zuerst konnte er sich an nichts erinnern, als an das Schreien und Glsergeklirr, die blassen Feuerchen und an die Morgendmmerung, die fr die trunkenen, stumpf gewordenen Augen sonderbar klar und durchsichtig war. Dann fiel ihm ein, wie sich Schawrow und Pjotr Iliitsch von ihren Pltzen taumelnd erhoben hatten und grunzend auf ihr Zimmer krochen, whrend er mit Iwanow, der nach dem Wodka furchtbar bla aussah, aber sich wie immer gerade hielt, noch lange auf dem Balkon blieb. Sie stritten sich; Iwanow bewies Jurii triumphierend, da Leute seiner Art zu nichts tauglich wren. Sie wagten nichts vom Leben, das doch ihr freies Eigentum sei, zu nehmen; es wre das Allerbeste, wenn sie ohne jede Spur von der Bildflche verschwnden. Mit unbegreiflicher Schadenfreude wiederholte er fortgesetzt den Ausspruch Pjotr Iliitschs: Solche Leute Menschen zu nennen, davor hte ich mich. -- -- -- Dabei lachte er jedesmal wild auf, als wollte er Jurii in seinem Lachen ersufen. Dieser fhlte sich eigentmlicherweise garnicht verletzt, sondern hrte interessiert zu. Er ging berhaupt nur auf den Vorwurf ein, da seine Erlebnisse armselig seien, und behauptete dagegen, solche Menschen wie er, fhrten im Gegenteil ein besonders feines und kompliziertes Leben; schlielich aber gab er zu, es wre tatschlich besser, wenn sie untergingen. Juriis Stimmung quoll von unertrglicher Traurigkeit ber; er wnschte zu weinen und zu ben. Beschmend kam es ihm ins Bewutsein, da es ihn innerlich fast gedrngt hatte, Iwanow eine Beichte abzulegen. So trottete er immer um die Episode mit Karssawina herum und htte das feine liebe Mdchen beinahe dem aufgeblasenen groben Kerl vor die Fe geworfen. Doch Iwanow war viel zu betrunken, um irgend etwas zu bemerken und Jurii wnschte jetzt nachtrglich, glauben zu knnen, da ihm seine Niedergeschlagenheit tatschlich nicht aufgefallen wre. Iwanow war zuletzt unter grundlosem Brllen in den Hof gegangen; berhaupt schienen mit einem Mal alle verschwunden zu sein. Es wurde um Jurii ungemein leer; er blieb ganz allein zurck. Sein Gesichtskreis war von trunkenen Nebeln begrenzt; vor ihm baumelte nur das schmutzige, begossene Tischtuch, die grnen Schwnzchen der abgebissenen Radieschen, Glser mit Zigarettenstummeln und begossene Bierunterstze. Jurii sa mit gesenktem Kopf, schaukelte sich hin und her, und fhlte sich als Mensch, der von der ganzen Welt verlassen ist. Spter kehrte Iwanow nochmals zurck und schleppte Ssanin mit sich, der irgendwo gesteckt haben mochte. Ssanin war liebenswrdig und voller Leben, nur blickte er Jurii etwas eigentmlich bald berzrtlich, bald wieder zu spttisch, an. Nun kam in seiner Erinnerung ein weier leerer Fleck und dann tauchte ein Boot, der Flu, milchrosige Luftfetzen, wie er sie noch nie zu Gesicht bekommen hatte, vor ihm auf. Sie fuhren ber khlem durchsichtigem Wasser, gingen ber glatten Sand, der von der Sonne fast wie von unten durchleuchtet wurde, ein scharfer Schmerz lief nebenher durch seinen Kopf, zwischendurch packte ihn hin und wieder wtender Ekel. -- -- -- Wei der Teufel, wie widerwrtig das war, dachte Jurii. Grade Trinken, das hat mir nur noch gefehlt. Doch nachdem er all diese Erinnerungen, die, gleich Straenschmutz an den Fen, in ihm kleben blieben, von sich abgestreift hatte, dachte er intensiv daran, was vorher im Walde geschehen war. In einem Augenblick stand dieser ungewhnlich geheimnisvolle Wald vor ihm, die tiefe bewegungslose Finsternis unter den Bumen, das sonderbare Licht des Mondes, der weie khle Krper des Mdchens, ihre geschlossene Augen, der betubende aufregende Geruch, das gierige Verlangen, das ihm den Kopf bis zur Tollheit benahm. Die Erinnerung durchlief seinen Krper mit schwerem, wollstigen Zittern. Irgend etwas stach anhaltend in seiner Schlfe und prete sein Herz zusammen. Voll berflssiger Einzelheiten schienen daraus die Bilder der Szene aufzusteigen, wie er das Mdchen, ohne da ihn die innere Erregung betubend fortgerissen htte, auf den Boden niederdrckte; -- sie wehrte sich dagegen, stie ihn zurck, ri sich los, bis er schlielich einsah, da er selbst gar nichts tun mochte, nichts von ihr wollte; und dennoch warf er sich immer von neuem auf sie. Jurii schauderte unter diesem Nachsinnen in allen Nerven; das Tageslicht steigerte die Verachtung vor sich. Am liebsten htte er sich ins Dunkel verkrochen, sich in die Erde eingegraben, -- um seine Schande selbst nicht zu sehen. Doch schon im nchsten Augenblick suchte er sich zu berzeugen, da all das nicht deshalb so hlich verlief, weil er einen mchtigen Trieb der Leidenschaft verunstaltet und herabgewrdigt hatte, sondern weil er eine Minute lang nahe daran gewesen, eine Vereinigung mit dem Mdchen gewaltsam erzwingen zu wollen. Da drehte er mit furchtbarer, fast physischer Anstrengung, als wenn er einen Menschen, der viel strker ist, als er, berwinden mte, sein Gefhl einfach um. Und jetzt fand er seine Handlungsweise pltzlich in dieser Form berechtigt und notwendig. Doch eine neue, viel drckendere Frage schob sich jetzt ein ... Was ist weiter zu tun? ... Aus dem Chaos der verschiedensten Gedanken und Wnsche, kristallisierte sich allmhlich der eine: Alles zerreien! Sie hinnehmen und an ihr Freude haben! Doch sie dann wegwerfen, das kann ich nicht ... ich bin nicht solch ein Mensch ... Fremde Leiden gehen mir zu nahe, als da ich andern welche zufgen knnte. Und sie heiraten? ... Dieses Wort klang Jurii ungewhnlich platt. Er, mit seiner besonderen, ganz eigenartigen Veranlagung, die ewig an der Grenze groer Gedanken und erhabener Schmerzen schwankte, kann sich nun einmal nicht ein Philisterglck mit Frau, Kindern und Wirtschaft zurechtbauen. Er errtete sogar bei dieser Vorstellung, als ob ihn schon die Annahme eines solchen Ausweges verletzen mte. -- -- -- Also sie von sich stoen, einfach fortgehen ... Doch ihr Bild schien ihm jetzt, whrend es sich allmhlich von ihm entfernte, als das hchste Glck. Es glitt unwiederbringlich aus den Hnden; -- -- die Entsagung zerri sein Herz. Hinter ihr schleiften zuckende Sehnen und rissen sich mit bluttriefenden Fetzen ab. Um ihn schwand das Licht, seine Seele hing leer und schwer; sein Krper selbst erschlaffte. Aber ich liebe sie ja, sagte sich Jurii mit dem letzten Aufwand qualvoller Ratlosigkeit. Wie ist es denn mglich, da ich selbst mein eigenes Glck zerstre. Unsinnig, widerwrtig wre es doch. Aber was denn? ... Heiraten? ... Wieder von dem bloen Gedanken wie vor den Kopf geschlagen, sank Jurii von neuem in haltlose Trauer. Um nicht mehr weiter nachdenken zu mssen, setzte er sich an den Tisch und nahm sich einige Bltter zum Lesen vor, auf denen er im Tone des Prediger Salomo einige Aufzeichnungen gemacht hatte: In der Welt gibt es nicht Gutes, nicht Bses. So sagen die einen: Was das Natrliche ist, das sei auch gut und gerecht sei der Mensch in seinen Wnschen. Aber eitel Lge ist das, denn alles ist natrlich, nichts wird aus Leere und Finsternis geboren. Alles hat seinen Anfang. So sagen die anderen: Das ist gut, was da von Gott kommt. Aber ebenso ist das eitel Lge, denn, wenn ein Gott ist, so kommt alles von ihm, und so auch die Gotteslsterung. So sagen die dritten: Das ist gut, was den Menschen Gutes bringt. Aber gibt es denn solches? Was dem einen das Gute ist, das ist Bses dem anderen. Dem Sklaven ist seine Freiheit gut, dem Herrn die Knechtschaft des Sklaven. -- Dem Reichen die Erhaltung seiner Reichtmer, dem Armen der Untergang des Reichen. -- Dem Ungeliebten, da sie ihn lieb gewnne, dem Glcklichen, da sie alle Anderen verwerfe, auer ihm. -- Dem Lebenden, er mge nicht sterben, dem Geborenen, da da alle sterben und lassen ihm freien Platz. Dem Menschen der Untergang der Tiere, den Tieren der Untergang der Menschen. Und so ist alles, und so ist es von Anfang bis an das Ende der Zeiten. Und niemand hat vor dem anderen ein Vorrecht auf das Gute, das ihm allein das Gute ist. Hier gilt es unter den Menschen als Wahrheit: Gutes und Liebes schaffen, sei besser als Bses und Ha. Aber das ist verborgen. Denn so es eine Vergeltung gibt, ist es den Menschen besser, Gutes zu schaffen und sich selbst zu opfern, so es aber keine gibt, ist es besser, nach seinem Teil auf der Erde zu streben. Hier noch ein Beispiel fr die Lge, die da unter den Menschen lebt: Da ist einer, der sein Leben, fr die anderen hingibt. Und ihm wird gesagt: Dein Geist wird dich berleben, weil er in den menschlichen Taten, wie ein ewiger Same, verbleiben werde. Aber das ist Lge, denn wir wissen, da in der Kette der Zeiten der Geist der Schpfung in gleicher Weise lebt wie der Geist der Zerstrung und es ist unbekannt, was einst auferstehen und was zerfallen wird. Hier noch eins: Da denken die Menschen daran, wie man nach ihnen leben wird, und sagen sich, da es gut sei, und da ihre Kinder ihre Frchte ernten werden. Aber wir wissen nicht, was nach uns sein wird, wir knnen uns kein Bild machen von den Myriaden und Abermyriaden, die auf unseren Pfaden wandeln werden. Und wir knnen sie nicht lieben oder hassen, wie wir nicht die lieben oder hassen knnen, die vor uns waren. Das Band zwischen den Zeiten ist zerrissen. So wird gesagt: Machen wir die Menschen gleich vor der Quelle der Freude und des Kummers und teilen wir allen nach gleichem Mae zu. Aber kein Mensch kann Freude und Kummer, Schmerz und Genu in grerem Mae bekommen, als er sich selber schafft. Und wenn der Anteil der Menschen nicht gleich ist, so, weil sie nicht gleich sind. Und so auch ihr Ma gleich gemacht ist, werden ihre Herzen in Ewigkeit nicht gleich werden. So spricht Hochmut: Groe und Kleine gibt es. Aber jeder Mensch ist Aufgang und Untergang, Gipfel und Abgrund, ein Atom und eine Welt. Da wird gesagt: Gro ist die menschliche Vernunft. Aber das ist Lge, weil die Vernunft beschrnkt ist. Und der Mensch sieht weder seinen Wahnsinn noch seine Vernunft im unbeschrnkten Weltall, wo Vernunft und Wahnsinn zerflieen wie flssige Luft. Was wei der Mensch? ... Auch Adam wute, wie er zu essen und zu trinken htte und wie sich zu kleiden nach seinem Bedrfnis und auch hat er seinen Samen erhalten. Und wir wissen das Gleiche und werden unseren Samen in der Zukunft erhalten. Aber Adam wute nicht, was er tun solle, um nicht zu sterben und nicht zu frchten. Auch wir wissen es nicht. Viel Kenntnisse sind erfunden worden, nur ist nicht erfunden Leben und Glck, um sie zu fllen. Der Mensch hatte stets in allem, vom Haupt bis zu den Fen das Ziel, seinen Krper vom Tode zu retten. Und da sehen wir: Hat nicht durch einen einfachen Stock Kain den Abel umgebracht und kann man denn nicht mit dem gleichen Stock den Ersten der Menschen umbringen, der auf der hchsten Stufe der Erkenntnis steht. Lebte denn nicht lnger als alle anderen Methusalem? Aber auch er starb. War nicht glcklicher als alle Hiob? -- Aber auch ihn traf Gram. Und wird nicht ein jeder der Menschen, der in seinem Leben solch gerttelt Ma von Glck und Kummer erduldet hat, wie es nur seine Schultern zu ertragen vermchten, den gleichen Tod sterben, wie ihn sein Urahn starb? ... Jetzt, wo die Menschen Gtter der Wissenschaft krnen, schreien und rhmen sie sich. -- -- -- Doch: Gleich fressen alle die Wrmer! Ein kaltes Gefhl kroch ber Juriis Rcken und das Bild weier Wrmer, die in einer dicken Schicht auf der ganzen Erde von einem Ende bis zum andern wimmeln, durchrttelte ihn. Doch das, was er geschrieben hatte, kam ihm ungemein eindringlich und gewaltig vor. Das ist ja alles richtig, hmmerte es in seinem Hirn und das stolze Gefhl der Schpferkraft vermischte sich mit einer breiten Welle Wehmut. Er trat an das Fenster und blickte lange ziellos in den Garten, wo die Wege unter einer Schicht gelber und roter Bltter bereits goldig wurden und neu ersterbende Bltter, leise in der Luft kreisend, lautlos herunterfielen. Tote rote Farben deckten sich auf alles, Bltter starben ab ... Milliarden von Insekten, die nur von Licht und Wrme lebten, starben ab ... alles starb ab im stillen ruhigen Schein des Tages. Diese Ruhe war Jurii unbegreiflich und der stille Tod rief in seinem Innern formlosen plumpen Ha hervor. Hier ... krepiert alles ... und dabei strahlt es noch, als wenn es sich an Zuckerbrot berfressen htte, dachte er mit ausgesuchter Grobheit und es drngte ihn, noch grbere, hrtere Worte auszudenken. Viele Gedanken kamen; -- -- sie blieben in der Leere hngen und fielen ihm kraftlos auf die Seele. Und eine Wut packte ihn bis an die Haarwurzeln, da er beinahe an ihr erstickte. -- -- -- Hinter dem Fenster dehnte sich der goldene Garten, hinter dem Garten zog der Flu den grnblauen herbstlichen Himmel in sich ein, hinter dem Flu liefen die von den Netzen der Sommerfden versilberten Felder, hinter den Feldern kam wieder ein Flu; -- -- -- ein umgekehrter Wald auf seinem Spiegel, dann Ufer, Eichen, schmale Wege ... -- -- -- Ruhe. -- -- -- Dort geht einer still fr sich. XLI Der dem Trunke ergebene Kirchensnger Pjotr Iliitsch geht still fr sich. Wenn der Herbst kommt und die Villenstadt leer und de wird, wie ein abgelegener Kirchhof vergangener Freuden, dann steigt in ihr eigenartige, prchtige Schnheit auf: die feinen durchbrochenen Gartengitter dringen wie Spitzenwerk durch Bume und Bsche, roten Girlanden gleich hngt der Hopfen von ihnen herab, durch die goldenen Ornamente der entbltterten Aeste leuchten die spielzeugartigen Sommervillen; auf den leeren Blumenbeeten stehen einsam geordnet rote Astern, sinnen nach und nicken mit khlen Kpfchen; Balkons und grne Bnke scheinen noch die Spuren des vergangenen frhlichen, lrmvollen Lebens zu tragen, nur von Freude, Kraft und Glck mag dieses Leben erfllt gewesen sein; es war ein ganz besonderes, schmuckes Leben. Die verschlossenen Fenster und Tren heben die Stille noch mehr hervor, und unwillkrlich schleicht sich der Glaube ein, da sie es allein ist, die Herbststille, die jetzt hier ihr rtselhaftes menschliches Leben fhrt. Pjotr Iliitsch geht feierlich durch die verwahrlosten Wege und raschelt mit seinem Stock in den abgefallenen gelben Blttern. Wenn es hier voller Menschen, Lrm und Lust ist, dann kommt Pjotr Iliitsch niemals hierher. Vielleicht fhlt er instinktiv, wie alt, armselig unscheinbar er ist, und die Menschen mit ihrem Lachen und frhlichen Mienen stren ihn, auf das zu lauschen, was nur fr ihn vernehmbar klingt ... Er geht an den Villen vorbei, setzt sich auf eine verlassene Bank und schaut lange, lange vor sich hin, bis der jetzt erkaltete Himmel dunkel wird; so empfindet er wohl das Wehen der Ewigkeit, die unsichtbar ber diesem Flecken menschlicher Lust und Freude schwebt. Dann geht er unter den gravittischen Eichen zum Flusse hinunter; er schaut auf das verstummte Wasser. Dann legt er sich ins trockene Gras und hrt stundenlang mit dem Ohr an der Erde, ihrem lautlosen Gesprche zu und atmet ihren ruhigen wrzigen Odem ein. Bis an die wildesten Pltze schlgt er sich durch, wo Flu und Berg zusammenstoen und der Berg sich langsam in den Flu hineinschiebt, als ob er ihn erdrcken wollte; es war ihm nur noch nicht gelungen. Der Flu lachte ber den Berg, erschauerte vllig unter seinem blauen, silbernen Lachen; der Berg blieb dster, die Bume rauschten. Manchmal drngten sich riesige Eichen vom steilen Ufer ins Wasser herab und versenkten ihre herunterhngenden Aeste in der rollenden lachenden Tiefe. Wellen spielen im Flusse -- blau vom Himmel und grn von der Erde; es scheint, da jemand in fliegender Eile auf der Wasserflche unverstndliche, geheimnisvolle Schriften schreibt. Schreibt sie und verwischt sie, und schreibt eilig wieder und verwischt sie von neuem. Was diese Schriften erzhlen -- das kann niemand lesen, aber offenbar dringen sie Pjotr Iliitsch, der sie stundenlang betrachtet, tief ins Herz; still und ruhig machen sie ihn wie der verglimmende Abend des menschlichen Lebens. Wald, Flu, Felder und Erde geben ihm etwas, was ihm sein versoffenes armseliges Leben nicht zu geben vermochte, was aber seine Seele bis in die tiefsten Winkel erfllt. Und das Aussehen des alten Kirchensngers ist bei solchen Streifzgen voll heimlicher Nachdenklichkeit und Wrde. Wenn er dann zurckkehrt und einem seiner wenigen Bekannten begegnet, erzhlt er ihm etwas mit feierlichen Mienen; er versucht mitzuteilen, was er nicht mitteilen kann. Und immer wieder schliet er, ohne selbst zu wissen, warum, mit dem gleichen Satz: Ja, im Winter ... s' ist dort herrlich! -- Ganz still. -- So, -- -- die Schneeflckchen schwanken in der Luft, -- fallen ... die Snger singen! ... Eine Stimme steigt in die hchsten Hhen, sie lst sich in der Luft auf; oh, man kann fhlen, da es dieser Mensch trotz seiner Armseligkeit wahrhaft versteht, auf ganz eigene Weise die tiefsten Feinheiten der Lebensschnheit zu ergreifen. Wenn er einen Augenblick von Arbeit und Sorge um das Stck Brot, von Wodka und Krankheit frei wird, dann fllt er sein Leben so restlos schn aus, da seine Seele glcklich ist. XLII -- -- -- Herbst ... Schon Herbst ... Nun kommt der Winter, -- schnell ... Wieder wird es Frhling werden, Sommer, wieder Herbst ... Winter, Frhling, Sommer ... Bis zum Ueberdru der alte Gang! ... Und was werde ich in dieser Zeit anfangen? Das gleiche, wie jetzt! Jurii lchelte bitter. Im besten Fall werde ich ganz verbldet sein, werde ber nichts mehr nachdenken! Und nachher kommt Alter und Tod! Wieder zogen in endloser Reihenfolge Gedanken durch seinen Kopf: wie das Leben an ihm vorbeischlich, und da es eigentlich gar kein hervorragendes Leben geben kann. Jedes Dasein, auch das der Grten quillt von Langeweile ber, hat seine trbseligen Perioden, in denen es strichweis vorbereitet wird, in denen es zu freudlosem Ende kommt. Er erinnerte sich, wie er gewartet hatte, da sich endlich etwas Neues, Umwlzendes ereignen wrde und wie er alles, was er im Augenblick trieb, nur als interimistisch ansah, whrend sich dieses Vorbergehen in Wirklichkeit gleich einer Raupe auswuchs, neue und immer neue Ringe ansetzte. Nunmehr lie sich deutlich erkennen, da ihr grauer Schwanz dereinst im Alter und Tod verschwinden wird. -- -- -- Heldentaten! Alles Heldentaten! -- -- -- Jurii prete todestraurig die Hnde zusammen. -- Besser schon gleich zu enden und zu verschwinden, ohne Furcht und Qual! Nur darin kann noch ein Wert des Lebens liegen! Tausende heroische Taten, eine grandioser als die andere, standen vor ihm auf; doch aus jeder starrte ihm ein Totenkopf entgegen. Jurii schlo die Augen und sah ganz deutlich den klglichen Petersburger Tagesanbruch, nasse Ziegelmauern, einen Galgen, der als farblose Silhouette am bllichen Himmel klebte ... Oder ein bestialisches Gesicht, ein Revolverlauf an der Schlfe, Entsetzen, das gar nicht auszudenken sein scheint und das doch gedacht werden mu, der Knall des Schusses gerade ins Gesicht ... Oder die Nagaiken schlagen ber Kopf und Rcken ... ber den entblten Krper -- -- Auch damit wrde ich rechnen mssen! -- Oder wrde es mir gleichgltig sein? -- -- -- Jurii lie traurig die Hnde fallen. Die Heldentaten verblaten, versanken und zerrannen im Nebel; an ihrer Stelle lugte die spttische Fratze eigener Ohnmacht hervor und des klaren Bewutseins, da alle diese groartigen Trume nichts als Spielereien seines Hirns sind. -- -- -- Aus welchen Grnden soll ich meine Person in Schndung und Tod fhren, nur damit die Arbeiter des zweiunddreiigsten Jahrhunderts keinen Mangel an Nahrung und Geschlechtsgenssen leiden! Der Teufel mge sie doch holen, alle Arbeiter und Nichtarbeiter der ganzen Welt! ... Und wieder fhlte Jurii die Aufwallung seiner lcherlichen, vllig gegenstandslosen Emprung. Der verzehrende Wunsch, etwas von sich abzuwlzen, abzuschtteln, peitschte ihn auf. Aber unsichtbare Krallen hielten ihn fest, und der kriechende Druck endgltiger Erschlaffung schlich immer nher an Hirn und Herz heran und hllte den lebendigen Krper mit toter Gleichgltigkeit ein. -- -- -- Wenn mich nur irgend jemand niederschlagen wollte ... dachte Jurii schlaff, -- unerwartet, von hinten, damit ich meinen Tod nicht bemerke. Pfui Teufel, was fr Dummheiten mir in den Kopf kommen! Aber weshalb denn ein Fremder und ich nicht selbst? Bin ich denn wirklich ein solches Nichts, da ich keine Kraft mehr finde, mir selbst das Leben zu nehmen, wenn ich das klare Bewutsein habe, da Leben nur Qual bringt? Frher oder spter mu man sterben, ob man will oder nicht! Was ist das fr eine Art ... wie mit Pfennigen daran herumzurechnen. Aber jetzt drckte sich Jurii in Gedanken bis zur Erde nieder und sah sich selbst von oben herab mit verchtlichen Mienen und schmerzhaftem Spott an: -- -- -- Nein, warte nur, Bruder, das bringst du nicht fertig! Aufs Grbeln verstehst du dich gut; sobald es aber zur Tat kommt ... Nein, -- brauchst dir nicht erst Mhe zu geben! Eine leichte Khle, neugierig und feige, drngte sich an Juriis Herz. -- -- -- Vielleicht doch noch einmal probieren, wie? Nicht im Ernst -- so, zum Scherz! Nicht, um gleich ... sondern einfach so ... es wre doch immerhin interessant! Er sagte es sich, gleichsam, als mte er sich vor jemandem entschuldigen. Im Augenblick, als er den Revolver aus dem Schubfach des Tisches nahm, berkam ihn unsinnige Scham; der Gedanke, da Dubowa, Schawrow, Ssanin und an allererster Stelle Karssawina erfahren oder erraten knnten, was fr kindische Experimente er mit sich anstellt, erschreckte ihn. Verstohlen wie ein Dieb steckte er die Waffe in die Tasche und ging auf die Garten-Terrasse hinaus. Auf ihren Stufen lagen drre, leichengelbe Bltter. Jurii berhrte sie mit den Stiefelspitzen, lauschte dem schwachen Knistern und summte eine langgedehnte traurige Weise vor sich hin. Ljalja, die mit Buch und Schirm vom Garten ins Haus ging, hrte ihn. Was fr eine Melodie, fragte sie ihn. Sie war glcklich; sie war unten am Flu mit Rjsanzew zusammengetroffen und kehrte frisch und bewegt von seinen Kssen zurck. Niemand hinderte die beiden, sich, wo sie wollten, zu sehen, aber im Geheimen, in der Leere und dem Schweigen des alten Gartens lag das Eindringliche, wovon die Ksse krampfhafter wurden und in Ljalja neue Wnsche erweckten. Als wenn du deine Jugend zu Grabe trgst! fgte sie im Vorbeigehen hinzu. Dummheiten! erwiderte Jurii bse; von diesem Augenblick an fhlte er das Nahen eines Schicksals, das strker war als er selbst ... Wie ein Tier in Todesnot begann Jurii vorwrts zu laufen und einen Flecken fr sich zu suchen. Im Hofe fand er ihn nicht; er mute zum Flu hinunter gehen, wo gelbe Bltter mit glnzenden Sommerfden schwammen. Er warf einen drren Zweig ins Wasser und schaute lange hin, wie ber die Oberflche rasch schwache Kreise liefen und die schwimmenden Bltter erzitterten. Dann schritt er wieder ins Haus, wo sich die letzten roten Blumen einsam und schwermtig wie roter Trauerschmuck von den zertretenen, vergilbten Beeten abhoben. Jurii stand hier eine Weile und schlenderte dann wieder ohne Grund in die Mitte des Gartens. Auch dort war alles im Verfall; die Zweige traten wie schwarze Samtarabesken im goldenen Spitzennetz der Bltter hervor. Nur ein Baum war noch grn -- die Eiche, die majesttisch ihre schnen Bltter trug. Auf einer Bank hinter der Eiche sa der mchtige Kater mit rotem Fell und wrmte sich an der Sonne. Jurii streichelte traurig und zart den molligen Rcken und fhlte, da ihm Trnen in die Kehle stiegen. -- -- Das ganze Leben verloren, das ganze Leben verloren ... wiederholte er mechanisch Worte, die er selber sinnlos fand und die ihm dennoch mit feiner Schneide tief ins Herz hineindrangen. -- -- -- Aber das ist ja alles Unsinn! Ich habe noch mein ganzes Leben vor mir ... Ich bin doch erst sechsundzwanzig Jahre alt! rief er in Gedanken. Fr eine Sekunde hatte er sich pltzlich von dem Nebel, wie eine Fliege aus dem Spinnennetz, freigemacht. -- -- -- Ach, es kommt ja gar nicht darauf an, ob ich sechsundzwanzig bin, nicht darauf, ob das ganze Leben vor mir liegt ... Aber was ist eigentlich der Kernpunkt. -- -- -- Pltzlich tauchte der Gedanke an Karssawina auf. Nach der widerwrtigen Szene von gestern konnten sie unmglich noch zusammentreffen, doch ebenso undenkbar schien es ihm, sie nicht mehr zu sehen. Das war unmglich. Er stellte sich ihre erste Begegnung vor, Selbstverachtung stieg betubend in Kopf und Herz; von neuem schob sich der Gedanke, da da der Tod das Beste sei, automatisch vor. Der Kater bog den Rcken und knurrte rhrend, so wie wenn der Samowar sein Lied zu summen beginnt. Jurii betrachtete ihn aufmerksam. Dann fing er an, vor ihm auf- und abzugehen. -- -- -- Vom Leben aufgefressen ... Langweilig, Elend -- -- Uebrigens, ich wei nicht mehr, was ... Aber lieber der Tod, als sie nochmals zu sehen! Nun schien sie fr immer aus seinem Leben geschieden zu sein. Es war einmal ein Augenblick ergreifender, wilder Bewegung gewesen, weiblicher Nhe -- -- -- Jetzt ist sie fort und kommt nicht mehr zurck. Vor Jurii stand pltzlich der blasse kalte Tag seines zuknftigen Lebens; weder Licht noch Finsternis: leer, grau und schleichend, schleichend! ... -- -- -- Lieber Tod! Mit schweren Schritten ging der Kutscher einen Eimer voll Wasser in der Hand, an ihm vorbei. Auch im Eimer schwammen die toten gelben Bltter. Das Hausmdchen trat auf die Steinstufen der Terrasse, die durch die Zweige schimmerte, winkte Jurii und rief ihm etwas zu. Lange konnte er nicht verstehen, um was es sich handelte. Die Verbindung zwischen ihm und allem, was ihn umgab, begann zu reien, sich aufzulsen. Mit jedem Augenblick wurde er, von auen nicht merklich, allem ferner und ferner, weil er sich von der ganzen Welt in die dunkle Tiefe seines einsamen Wesens zurckzog. Ach so, gut ... sagte er, als er endlich verstanden hatte, da ihn das Hausmdchen zu Tisch rufen soll. -- -- -- Mittag essen? fragte er sich erschrocken. Mittag essen gehen! Also, alles wird beim alten bleiben ... Wieder leben, wieder jammern, wieder suchen, wie man die Geschichte mit Karssawina einrenken kann, einsam sein, mit meinen Gedanken, mit allem? ... Es mu bald geschehen, sonst ... zu Mittag essen gehen -- -- nachher habe ich keine Zeit mehr! Eine eigentmliche Hast bemchtigte sich seiner, ein Zittern schttelte seinen ganzen Krper, drang fein durch alle Gelenke hindurch, in die Brust, in die Arme, bis hinunter in die Fe. Dabei hatte er die Ueberzeugung, da es doch zu nichts kommen wrde, da eben alles nur so. -- -- -- Gleichzeitig damit aber prgte sich die Enge des Alltags noch schrfer aus und Tne des Entsetzens gellten in seinen Ohren. Das Hausmdchen stand, die Hnde unter der weien Schrze, auf der Terrasse, und ging nicht fort, sie wollte augenscheinlich noch ein paar Zge der herbstlichen Gartenluft mit hineinnehmen. Jurii trat verstohlen unter die Eichen, damit er nicht von der Terrasse aus gesehen wrde, und whrend er gleichzeitig auf das Stubenmdchen sah, ob sie nichts bemerke, drckte er den Revolver sehr rasch und unerwartet gegen die Brust ab. Versagt, -- -- -- schwirrte es im selben Moment freudig durch seinen Kopf zusammen mit dem drngenden Verlangen, zu leben und der Furcht vor dem Tode. Jetzt sah er aber gerade ber seinen Augen den Wipfel der Eiche, -- den blauen Himmel und den rtlichen Kater, der mit ein paar Stzen fortsprang. Das Hausmdchen strzte mit einem Schrei ins Haus und wie es Jurii vorkam, befanden sich auch sofort eine Menge von Menschen neben ihm. Jemand go ihm kaltes Wasser auf den Kopf; auf seiner Stirn klebte ein gelbes Blatt, das ihn furchtbar strte. Aufgeregte Stimmen ertnten um ihn herum, jemand weinte und schrie: Jura, Jura, wozu ... wozu? -- -- -- -- -- -- Da weint Ljalja, dachte er. Im selben Augenblick ffnete er die Augen und begann in wilder tierischer Verzweiflung um sich zu schlagen und zu schreien: Einen Arzt, ruft einen Arzt ... Schneller! Doch mit unglaublichem Entsetzen verstand er, da alles zu Ende sei, und nichts mehr helfen kann. Die Bltter, die auf seiner Stirn lagen, wurden rasch schwer und drckten den Kopf zusammen. Jurii reckte den Hals, um noch etwas hindurchsehen zu knnen, aber die Bltter wuchsen immer schneller nach allen Richtungen und verdeckten alles. Weiter verstand Jurii nichts mehr von dem, was in ihm vorging. XLIII Wer Jurii Swaroschitsch gekannt und wer ihn nicht gekannt hatte, wer ihn liebte und wer ihn miachtete, auch solche Menschen, die nie zuvor an ihn gedacht haben, -- sie alle bedauerten ihn jetzt, als er gestorben war. Niemand konnte begreifen, weshalb er sich das Leben genommen hatte, aber doch war jeder berzeugt, da er ihn verstnde und im Grunde seine Gedanken teile. Dieser Selbstmord machte einen wunderbaren Eindruck, er schien schn und die Schnheit hatte Trnen, Blumen und prchtige Reden zur Folge. Bei der Beerdigung waren die nchsten Angehrigen nicht zugegen, weil Juriis Vater einen Schlaganfall erlitten hatte, und Ljalja seitdem keinen Augenblick von ihm wich. Nur Rjsanzew nahm teil; er leitete auch die Beisetzungszeremonie. Die Vereinsamung Juriis schien dadurch noch im Tode besonders hervorzutreten; sein Bild wuchs zu grerer Bedeutung, seine Person wurde noch erhabener, so da die Trauer der Teilnehmenden sich nur noch mehr verstrkte. Viele schne herbstliche Blumen wurden ihm gebracht, und auf ihrer farbenhellen Unterlage sah Juriis Gesicht, das jetzt keine Spur der durchlebten Gedanken und Handlungen mehr trug, zum ersten Male beruhigt aus. Als der Sarg an der Wohnung von Dubowa und Karssawina vorbei kam, traten beide aus dem Hause und schlossen sich dem Leichenzuge an. Karssawina sah so hilflos gebrochen aus, wie ein junges Weib, das man zur Schndung und Hinrichtung fhrt. Trotzdem sie wute, da Jurii alles, was sich zwischen ihr und Ssanin abgespielt hatte, unbekannt geblieben war, konnte sie sich nicht von dem Gedanken losreien, da zwischen seinem Selbstmord und dem Geschehenen ein Zusammenhang bestnde, der niemals zu entrtseln sein wird. Sie nahm die schwere Last einer geheimen Schuld auf sich; sie fhlte sich als das unglcklichste Geschpf in der ganzen Welt. Die ganze Nacht hindurch hatte sie geweint, das Bild des Toten umarmt und geliebkost, und, als sie am Morgen aufstand, flo sie in unaussprechlicher Liebe zu Swaroschitsch und Ha gegen Ssanin ber. Wie ein Alpdruck erschien ihr die zufllige Annherung an ihn; aber noch abscheulicher dann der folgende Tag. Alles, was Ssanin zu ihr gesprochen und was sie ihm instinktiv geglaubt hatte, machte jetzt auf sie einen geradezu infamen Eindruck; sie war in einen so tiefen Abgrund geschleudert worden, da es fr sie keine Rckkehr mehr gab. Als Ssanin an sie herantrat, sah sie ihn mit einem Blick voll Entsetzen und Widerwillen an und wandte sich momentan ab. Die eisige Berhrung ihrer starren Finger in seiner Hand, die er zu einem festen freundlichen Druck ausgestreckt hatte, sagten ihm alles, was sie empfand und dachte; er verstand, da er fr sie von nun an stets ein Fremder bleiben wird. Sein Gesicht zuckte zusammen, er berlegte eine Weile, dann schlo er sich Iwanow an, der nachdenklich hinter allen mit seinen wehmtig herabhngenden gelben Haaren einherging. Hre nur, wie sich Pjotr Iliitsch ehrlich anstrengt, meinte Ssanin. Weit voran, hinter dem schwankenden Deckel des Sarges, ertnten die hohen Noten des Trauergesanges, der Ba von Pjotr Iliitsch zitterte deutlich und schwermtig durch die Luft und verklang ber den anderen Stimmen. Das Ganze ist einfach zum Staunen, sagte Iwanow. Im Grunde war doch dieser Mensch nur eine Kaulquabbe und doch ... sieh mal an! Ich bin berzeugt, mein Lieber, erwiderte ihm Ssanin, da er drei Sekunden vor dem Schu noch nicht gewut hatte, da er losknallen wird. Genau so wie er gelebt, so ist er auch gestorben! Das ist 'ne Sache ... Aber, -- seinen Platz hat er schlielich doch gefunden. Iwanow gab einem Gedanken Ausdruck, der allen anderen unverstndlich war. Fast freute es ihn, weil er offenbar etwas aufgegriffen hatte, was ihm allein begreiflich blieb und nur ihn allein beruhigen konnte. Auf dem Kirchhof war schon voll der Herbst gekommen; die Bume standen da, wie von rotem und goldigem Regen begossen. Nur an einzelnen Stellen lugte noch grnes Gras unter der Schicht abgefallener Bltter hervor; auf den Wegen waren die Bltter vom Wind in dichte Haufen zusammengefegt, so da gelbe Bche ber den ganzen Kirchhof zu flieen schienen. Wei schimmerten die Kreuze, in weichem Schwarz und Grau standen Marmordenkmler und goldig funkelten die Spitzen der Gitter. Den Herzen gab sich die unsichtbare aber trauervolle Gegenwart eines fremden Wesens kund, als wre soeben erst, bevor die vielen Menschen kamen, welche die Ruhe verscheuchten, eine schwermtige Gestalt durch die Alleen gegangen, htte an den Grbern gesessen und ohne Trnen und Hoffnungen still fr sich getrauert. Die schwarze Erde hatte Jurii verschlungen und schlo sich wieder; um die Gruft drngten noch lange Menschen, sphten mit banger fragender Neugierde in die Finsternis ihres Schicksals und sangen ernste Klagelieder. In dem furchtbaren Augenblick, als der Deckel des Sarges aus dem Gesichtsfeld verschwand und sich fr immer ewige Erde zwischen den Lebenden und dem Toten ausbreitete, schluchzte Karssawina gellend auf, und die hohe weibliche Stimme erhob sich im Weinen hoch ber den stillen Kirchhof und den in Gram und Unruhe verstummten Menschen. Karssawina nahm nicht mehr darauf Bedacht, da die Leute ihr Geheimnis erraten knnten. Und es errieten auch alle. Aber das Grauen des Todes, der das Band zwischen dem in die Erde Gesenkten und dem weinenden jungen Mdchen, die ihm ihr ganzes Leben, ihre Jugend, ihre Schnheit geben wollte, zerschnitt, war so offensichtlich, da niemand mit einem heimlichen Gedanken die unverhllte Frauenseele zu verletzen wagte. Nur noch tiefer senkten sich voll unbewuter Achtung und voller Mitleid die Kpfe. Karssawina wurde fortgefhrt, und ihr Schluchzen, das allmhlich in ein stilles hoffnungsloses Wimmern bergegangen war, verhallte in der Ferne. Ueber der Gruft wuchs ein lnglicher grner Hgel auf, der unheimlich an den unter ihm verborgenen Krper erinnerte. Schnell berdeckte man ihn mit einer grnen Tanne, deren Zweige noch seine Seiten umschlossen. Da geriet Schawrow in Eile. -- Herrschaften, jetzt mu eine Rede kommen, ... Herrschaften, so geht es doch nicht, wie? sprach er geschftig und doch in auffallend klagendem Tone, bald zu einem, bald zum anderen. Bitten Sie doch Ssanin, schlug Iwanow hinterlistig vor. Schawrow sah ihn erstaunt an, aber Iwanows Gesicht sah so treuherzig und offen aus, da er ihm glaubte. Ssanin, Ssanin ... wo ist Ssanin, Herrschaften? er eilte und sphte mit seinen kurzsichtigen Blicken nach allen Seiten umher. Ah! Wladimir Petrowitsch ... reden Sie ein paar Worte ... so geht es doch nicht! Reden Sie selbst, wenn Sie Lust haben, gab Ssanin verrgert zur Antwort, whrend er noch immer der verstummten Stimme Karssawinas nachlauschte. Er fhlte diese hohe, selbst im Weinen schne Stimme noch immer in der Luft schweben. Wenn ich reden knnte, wrde ich es gewi tun ... Er war doch im Grunde genommen ein ganz bedeutender Mensch! -- -- -- Nun, ich bitte Sie ... nur einige Worte! Ssanin sah ihm gerade ins Gesicht und rief rgerlich: Was ist hier viel zu reden? Die Welt ist um einen Dummkopf rmer geworden, das ist alles! Seine scharfen lauten Worte schlugen mit berraschender Kraft und Deutlichkeit durch. Im ersten Augenblick standen alle wie erstarrt, doch ehe noch der grte Teil von ihnen zu einem Entschlu gekommen waren, ob man die Worte gehrt haben sollte oder nicht, rief Dubowa mit zerrissener Stimme: Das war niedertrchtig gemein! Warum? Ssanin drehte den Kopf und zuckte die Achseln. Dubowa wollte noch etwas erwidern, doch einige Mdchen umringten sie. Alles kam in Bewegung. Unsichere, aber emprte Stimmen ertnten, rote aufgeregte Gesichter tauchten auf, und als ob ein Windzug in einen Haufen drrer Bltter geschlagen htte, so stieb die ganze Gesellschaft am Grabe auseinander. Schawrow war ebenfalls weggelaufen, kam aber wieder zurck. In einem getrennten Haufen gestikulierte Rjsanzew in voller Emprung. Ssanin bemerkte oberflchlich ein entrstetes Gesicht mit Brille, das auf unbekannte Weise dicht unter seine Nase geraten war, sich aber vllig schweigsam verhielt, und wandte sich Iwanow zu. Iwanow war verwirrt. Als er Schawrow gegen Ssanin aufhetzte, ahnte er, da es zu einem Zwischenfall kommen wrde, doch diese Erregung hatte er nicht vorausgesehen. Einerseits entzckte ihn das Ganze durch seine Schrfe, doch aber hatte er das unsichere Gefhl, sich in einer unbequemen Situation zu befinden. Er wute nicht, wie er sich jetzt uern sollte und blickte daher unbestimmt ber die Kreuze hinweg auf das weite Feld. Schon lngere Zeit hatte ein Gymnasiast vor seinen Augen gestanden, ohne da er ihn bis dahin bemerkte; pltzlich wurde er wtend. Eine Minute lang blickte er dem Gymnasiasten mit kalten Augen gerade ins Gesicht. Wozu stehen Sie hier herum, -- -- vielleicht als Schmuck? Der Gymnasiast errtete: Sehr witzig! antwortete er schlielich. Um den Witz handelt es sich nicht, sondern ... scheeren Sie sich geflligst zum Teufel! In den Augen Iwanows zeigte sich so viel Wut, da der Gymnasiast bla wurde und unschlssig auf die Seite trat. Ssanin sah mit schwachem Lcheln zu. Dann machte er eine wegwerfende Handbewegung. Dummes Viehzeug! meinte er mit aufrichtiger Trauer, den Auseinandergehenden nachblickend. Sogleich fhlte sich Iwanow beschmt, da er ber irgend etwas unschlssig sein konnte; seine Zge beruhigten sich, er steckte seinen Stock hinter sich in den Boden, um sich darauf zu sttzen und sagte: La sie zum Teufel gehen! Ziehen auch wir von dannen! Schn, meinetwegen ... Sie gingen an Rjsanzew vorbei, der sie feindselig anblickte, und dem Huflein, das sich um ihn drngte, und schritten dem Ausgang zu. Aber schon von weitem merkte Ssanin eine Gruppe ihm wenig bekannter junger Leute, die sich wie eine Hammelherde mit den Kpfen nach innen aneinanderdrckten. In der Mitte stand Schawrow und sprach unter hastigen Bewegungen auf sie ein, verstummte aber, sobald er Ssanin erblickte. Alle Gesichter wandten sich diesem zu und auf allen lag ein eigentmlicher Ausdruck: eine Mischung edler Entrstung, feuriger Emprung, kindischer Schchternheit und naiver Neugierde. Da werden gegen dich Rnke geschmiedet, sagte Iwanow. Ssanin wurde pltzlich finster, so da selbst Iwanow erstaunte, als er den Ausdruck seines Gesichts erblickte. Als sich Schawrow von der Menge der Studenten und jungen Mdchen mit teils erschreckten, teils entzckten rosigen Gesichtern trennte und rot wie eine Rbe, die kurzsichtigen Augen zusammengekniffen, auf Ssanin zuschritt, erwartete ihn dieser in einer Haltung, wie wenn er jeden, der sich ihm nherte, niederschlagen wollte. Schawrow schien es zu erwarten, denn er wurde bla und blieb etwas entfernter, als ntig, vor Ssanin stehen. Die Studenten und die Mdchen drngten ihm, wie eine kleine Herde hinter dem Bock, nach. Wnschen Sie noch etwas? fragte Ssanin nicht laut. Wir? -- -- -- Nichts, meinte Schawrow verwirrt. Nur, -- -- -- wir mchten Ihnen im Namen unserer ganzen Gruppe Genossen unsere Unzufriedenheit und ... Daran liegt mir sehr wenig, an Ihrer Unzufriedenheit, stie Ssanin durch die zusammengepreten Zhne mit Mienen, die nichts Gutes verkndeten, hervor. Sie haben mich gebeten, ich mchte ber den verstorbenen Swaroschitsch etwas sagen, und weil ich das sagte, was ich fr richtig halte, erklren Sie mir Ihre Unzufriedenheit. Meinetwegen ... Wenn Ihr nicht sentimentale dumme Jungen wret, wrde ich Euch auseinandersetzen, da ich recht habe, da Swaroschitsch in der Tat wie ein Dummkopf gelebt hat, sich mit Nichtigkeiten abqulte und den Tod eines Narren gestorben ist, aber ihr ... ich habe mit euch ja einfach eures Stumpfsinns, eurer Dummheit wegen nichts zu tun. Schert euch doch alle zum Teufel! Pack ich euch an? ... Weg! Und Ssanin ging, indem er die Menge, welche ihm den Weg verlegte, durchschritt, ohne umzuschauen, vorwrts. Stoen Sie nicht! protestierte Schawrow, rot, fast heulend, mit einer Stimme, die wie Hahnenkrhen klang. Das ist geradezu emprend! begann jemand, brach aber gleich wieder ab. Ssanin und Iwanow traten auf die Strae hinaus; beide schwiegen eine ganze Weile. Weshalb erbitterst du die Menschen so? sagte endlich Iwanow. Demnach mut du als ein ganz bsartiges Geschpf bezeichnet werden. Wenn es mit dir so ginge, wie mit mir, da dir dein ganzes Leben lang diese freiheitsliebenden jungen Menschen ohne Unterbrechung vor die Fe laufen, antwortete er ernst, so httest du sie noch ganz anders angefat! ... Uebrigens, hol sie der Teufel! Na, rege dich nicht auf, Freund! sagte Iwanow halb im Scherz, halb ernst, weit du was: wollen wir mal etwas Bier holen gehen und dann des nun verstorbenen Knecht Gottes Jurii Nikolajewitsch gedenken ... wie? Schn, meinetwegen ... willigte Ssanin gleichgltig ein. Bis wir wiederkommen werden die andern schon fort sein, fuhr Iwanow lebhaft fort, da werden wir gerade ber dem Grabe fr sein Heil trinken knnen ... so, dem Toten als Ehrung und uns zum Vergngen. Meinetwegen. Als sie wieder auf den Kirchhof kamen, war kein Mensch mehr da. Die Kreuze und Denkmler standen wie in Erwartung und drckten bewegungslos auf den gelbgewordenen Boden. Kein Lebewesen war zu sehen und zu hren; nur eine glitschige schwarze Schlange glitt rasch ber den Pfad und rauschte im abgefallenen Laub. Ah, du Biest! rief Iwanow und schrak zusammen; vergebens schlug er mit dem Stock hinterher. Am frischen Grab Juriis, wo es nach aufgerissener kalter Erde, nach verfaulten alten Blttern und der grnen Tanne roch, stapelten sie im Gras einen Haufen schwerer Bierflaschen auf. XLIV Weit du was? sagte Ssanin, als sie eine Stunde spter auf die dunkle Strae hinaustraten. Was denn? Begleite mich zum Bahnhof, ich will von hier fort. Iwanow blieb stehen. Warum? Mir wird es hier zu langweilig. Hast wohl Angst gekriegt? Nicht im geringsten. Mchte einfach weg von hier, weiter nichts. Wozu denn das? Mein Freund, stelle nicht erst dumme Fragen. Ich will, das ist alles ... Solange man die Menschen nicht kennt, glaubt man immer, sie wrden einem doch noch etwas geben ... Es waren hier ein paar interessante Leute. Karssawina kam mir neu vor, Semionow war noch am Leben, Lyda htte vielleicht einen anderen Weg gehen knnen ... Jetzt aber ist es langweilig. Alle fallen mir auf die Nerven. Gengt dir diese Erklrung nicht? Verstehst du, ich habe diese Leute solange es nur ging, ertragen; -- -- -- lnger kann ich's nicht. Iwanow schaute ihn lange an. Nun schn, gehn wir also, sagte er, du nimmst doch noch von deiner Familie Abschied, ja? Ah, zum Teufel mit ihnen! Die sind mir am meisten ber! Aber deine Sachen mut du doch mitnehmen? Ich habe nur sehr wenig ... Geh du durch den Garten und ich laufe in mein Zimmer und reiche dir dann den Koffer zum Fenster raus. Sonst sehen sie's, hngen sich mit Fragen an mich an, und was soll ich denn sagen, was trsten knnte? So--o! Iwanow senkte fr eine Minute den Blick und schlug verchtlich mit der Hand durch die Luft. Fr mich ist es recht traurig ... aber was liegt daran! Fahre doch mit! Wohin? Das ist ja ganz egal. Das werden wir schon spter merken. Ich habe kein Geld. Ich ebenso wenig! lachte Ssanin. Nein, fahr schon allein ... Am fnfzehnten fngt meine Schule an. So bleibt schon alles im alten Geleise! Ssanin schwieg und schaute Iwanow gerade in die Augen, und ebenso gerade blickte ihn Iwanow an. Doch mit einem Mal wurde es diesem peinlich zumute, er zog sich zusammen, als wenn ein Spiegel sein Gesicht als tierische Fratze zurckgeworfen htte. Ssanin wandte sich ab. Sie gingen durch den Hof. Ssanin trat in das Haus, Iwanow bog in den abendlichen Garten ein, wo ihn der Schatten des spten Herbstes und der Duft stiller Verwesung traurig umschlo. Ueber Gras und Bsche, begleitet vom Rauschen der Bltter und Aechzen der Zweige, kam er zum Fenster von Ssanins Zimmer. Es war offen und dunkel. Ssanin war inzwischen durch den Saal gegangen; an der Balkontr, von wo er bekannte Stimmen hrte, blieb er stehen. Was willst du also von mir? klang die Stimme Lydas zu ihm herber; er war von ihrem matten, gequlten Ton berrascht. Nichts will ich, erwiderte Nowikow, seine Stimme hrte sich offenbar gegen seinen Willen, mrrisch und verdrielich an, es kommt mir nur komisch vor, da du die Sache so ansiehst, als wenn du mir ein Opfer bringst. Ich wollte doch ... Schn, brach es aus Lyda heraus. Die kristallenen Tne naher Trnen drangen unerwartet durch die Stille der Abenddmmerung: Nicht ich ... du bringst mir also das Opfer ... du! Ich wei es! Was willst du also noch hren? Nowikow gab einen verwirrten und ratlosen Hm-Laut von sich; man konnte aber herausmerken, da er sich Mhe gab, seine Ratlosigkeit zu verbergen. Wie wenig scheinst du mich zu verstehen! Ich liebe dich, und daher kann von einem Opfer keine Rede sein ... Aber wenn du selbst unser Zusammensein als ein Opfer von einem von uns beiden ansiehst, welch ein Leben soll dann fr uns werden? Nowikows Stimme wurde fester und sicherer, fast froher, als htte er jetzt das Wichtigste herausgefunden und wre glcklich, Lyda berzeugen zu knnen. Du mut es begreifen ... Wir knnen nur unter einer Bedingung zusammenleben: da an kein Opfer, weder von deiner, noch von meiner Seite zu denken ist ... Eins von beiden: entweder wir lieben uns, und dann ist unsere Zusammengehrigkeit vernnftig und naturgem, oder wir lieben uns nicht, und dann ... Lyda schluchzte pltzlich auf. Was weinst du! fragte Nowikow erstaunt und erregt. Ich verstehe dich nicht! Ich glaube, -- -- ich kann doch nichts Verletzendes gesagt haben ... Hre doch auf! Ich hatte uns beide ganz gleich im Auge ... Aber das ist doch zum Teufel! Was weinst du eigentlich! ... Man darf sich kein Wort erlauben -- Ich wei nicht ... ich wei nicht ... Die gedrckte, bemitleidenswerte Stimme Lydas klang unsagbar traurig, voll unfabarer, ohnmchtiger Klage. Ssanin machte eine verdrossene Miene und ging in sein Zimmer. -- -- -- Nun, Lyda ist wohl auch fertig! dachte er. Am Ende htte sie besser getan, wenn sie damals ins Wasser gegangen wre -- -- aber vielleicht kommt sie trotz allem noch in die Hhe ... Man kann es nie voraussehen! Iwanow hrte hinter dem Fenster Ssanin etwas eilig zusammensuchen; dann raschelte er mit Papier und lie etwas fallen. Bist du bald fertig? fragte er ungeduldig. Es war ihm langweilig und bedrckend, in der blassen Dmmerung des Herbstabends unter dem finsteren Fenster zu stehen, hinter sich den dunklen geheimnisvollen Garten. Das Rauschen erinnerte ihn an seinen Traum. Sofort, antwortete Ssanin so dicht am Fenster, da Iwanow zusammenfuhr. Die Finsternis im Fenster geriet in Schwanken; dann hob sich von ihr der Handkoffer und das weie Gesicht Ssanins ab. Halt fest! Nun, gehn wir los! Sie schritten schnell durch den Garten. Blasse Dmmerung und der feine kalte Geruch der abgekhlten Erde lag um ihnen. Die Bume standen schon ziemlich kahl; alles machte einen ungeheuer leeren gerumigen Eindruck. Hinter dem Flu erlosch allmhlich die Abendrte, und das Wasser erglnzte einsam, vergessen und verlassen hinter dem Garten, der mit einem Mal ebenfalls fr niemanden mehr von Interesse schien. Als sie zum Bahnhof kamen, brannten schon Signalfeuer auf den unzhligen schwarzen Gleispaaren, und die Lokomotive eines abfahrtbereiten Zuges keuchte gleichmig und schwer. Menschen liefen umher, klappten mit den Tren, riefen einander an und schimpften mit herben, gehssigen Stimmen, gleichsam, als wren alle in trauriger Stimmung und suchten das unter der Maske der Gehssigkeit zu verbergen. Ein dunkler Haufen ratloser Bauern mit Bndeln beladen, drngte sich auf dem Bahnsteig. Im Wartesaal tranken sich Ssanin und Iwanow noch einmal zu. Nun, Glck auf die Reise! wnschte Iwanow traurig. Ich habe immer gleiches Glck, Freund, lchelte Ssanin. Ich verlange nichts vom Schicksal, ich erwarte auch nichts von ihm. Und das Ziel der Reise ist doch niemals glcklich. Alter und Tod, weiter bleibt nichts! ... Sie gingen zusammen auf den Bahnsteig und blieben vor dem Waggon stehen: Na, Lebewohl! Lebewohl! Es war beiden unerwartet, da sie sich kten. Knirschend und zischend setzte sich der Zug in Bewegung. Ach, Bruder, wie lieb, wie lieb du mir geworden bist! rief pltzlich Iwanow Ssanin zu. Der einzige wahre Mensch bist du fr mich! Und du bist der einzige, der mich gern hat, Ssanin lchelte, er sprang auf das Trittbrett eines vorbeirollenden Wagens. Abgefahren! rief er lustig. Lebewohl! Lebewohl! Schnell eilten die Wagen an Iwanow vorbei, als ob sie sich pltzlich verabredet htten, von ihm fortzulaufen. In der Dunkelheit huschte die rote Laterne vorbei und strahlte lange, noch lange rot im Finstern, so da sie sich garnicht zu entfernen schien. Iwanow sah dem Zug nach; er fhlte sich traurig und niedergeschlagen. Unmutig schlenderte er durch die Straen der Stadt und schaute auf die armseligen, kleinlichen Lichter. -- -- -- Sich bis zu Ende durchsaufen, was? fragte er sich, und das blasse, drre Gespenst eines farb- und klanglosen Lebens trat mit ihm ins Wirtshaus ein. XLV In der Dunkelheit und Enge erstickten die Wagenlaternen, und zwischen schwankenden, ruigen Schatten und trben Flecken Lichts krmmten sich zerknllte mde Menschen. Ssanin setzte sich neben drei Bauern. Als er eintrat, unterhielten sie sich, und einer von ihnen, in der Dunkelheit kaum sichtbar, fragte gerade: Also meinst du, mit dem Land kommt nichts heraus? Kann auch nichts herauskommen, antwortete mit hoher gebrochener Stimme ein alter zottiger Bauer, der neben Ssanin sa. Die Gutsbesitzer haben ihr Eigenes im Auge, unsertwegen wollen sie nicht zum Teufel gehen. Da kann man erzhlen, soviel man will; wenn es einem an den Leib geht, so wird am Ende der das Blut austrinken, der strker ist! Aber warum braucht ihr so lange zu warten? fragte Ssanin, der sofort verstanden hatte, um was sich das gierige, ekelhaft eintnige Gesprch drehte. Der Alte wandte sich zu ihm und schlug die Arme auseinander. Was sollen wir tun? ... Ssanin stand auf und ging auf einen andern Platz. Er kannte diese Menschen zur Genge, die wie Tiere lebten und dabei weder selbst zugrunde gehen, noch andere vernichten konnten. Sie lebten immer das viehische Leben fort in trber Hoffnung auf ein Wunder, das niemals kommen wird und in dessen Erwartung Millionen ihresgleichen bereits gestorben sind. Die Nacht verging. Alle schliefen und nur ein Kleinbrger im langen Rock zankte sich erbittert mit seiner Frau, die ngstlich schwieg und allein ihre erschrockenen Augen krampfhaft bewegte. Warte nur, du Aas, ich werde dir das noch beibringen! zischte der Mann wie eine mit dem Fu getretene Schlange. Ssanin war schon eingeschlummert, als das leise Aechzen der Frau ihn aus dem Schlafe weckte. Der Kleinbrger zog rasch seine Hand zurck, doch Ssanin konnte noch bemerken, da er die eine Brust der Frau um seine Finger drehte. Na, Brderchen, du bist ein Biest! schrie er zornig. Der Kleinbrger blieb erschrocken stumm und blickte ihn nur mit kleinen bsen Augen an. Ssanin sah voll Ekel auf ihn hin, dann trat er auf die Plattform hinaus. Als er durch den Wagen ging, sah er eine Menge Menschen, die in dichtem Gedrnge fast bereinander lagen. Bei dem blassen blulichen Licht des kommenden Morgens, das durch die Fenster des Wagens eindrang, schienen ihre Gesichter wie tot, und nchterne, traurige Schatten, die ber sie glitten, gaben ihnen einen ohnmchtigen leidenden Ausdruck. Auf der Plattform atmete Ssanin mit vollen Zgen die frische Morgenluft ein. Ein widerwrtiges Ding ist doch der Mensch! dachte er weniger, als da er es mit seinem ganzen Krper fhlte. Und pltzlich brach in ihm das Verlangen durch, sich sofort, wenn auch nur fr eine Zeit, von allen diesen Menschen, vom Zuge, von der stickigen Luft, vom Rauch und Gerassel freizumachen. Die Morgenrte stieg schon deutlich am Horizont auf. Die letzten Schatten der Nacht verliefen, bla und krank, spurlos in der blauen Finsternis, die sich weit in der Steppe auflste. Ohne sich lange zu besinnen, trat er auf das Trittbrett des Wagens, lie seinen Koffer im Stich und sprang auf den Boden herab. Mit Fauchen und Rasseln sauste der Zug neben ihm vorbei; der Boden glitt unter seinen Fen hin, und er fiel auf den nassen Sand der Bschung. Die rote hintere Laterne war schon weit, als er sich erhob. Er lchelte sich selber zu. Auch das ist schn! rief er laut und stie einen freien, gellen Schrei aus. Weit und gerumig war es um ihn her. Das Gras, noch immer grn, breitete sich in einem endlosen, ebenen Feld nach allen Seiten aus und versank erst hinten in den fernen Morgennebeln. Leicht atmete Ssanin auf und schaute mit frohen Augen in die unendliche Weite der Erde, als er mit groen, krftigen Schritten in den lichten, freudigen Schein der Morgenrte hineinwanderte. Und als die erwachte Steppe in der grnen und blauen Ferne aufzuleuchten begann und vor seinen Augen die ungeheure Himmelswlbung auf sich lud, als gerade vor ihm die Sonne aufging, blitzend und funkensprhend, da schien es Ssanin, da er ihrem Lichte entgegenschreite. In Krze erscheint im gleichen Verlage: M. Artzibaschew Millionen und andere Novellen Ein starker Band Geh. Mk. 4.--, geb. Mk. 5.50 Tritt in Ssanin die Tendenz des Buches etwas zu sehr in den Vordergrund, so haben wir es hier in diesem Novellenbande mit novellistischen Meisterwerken zu tun, die Artzibaschew in die erste Reihe russischer Erzhler stellen. Anna Croissant-Rust Winkelquartett Eine komische Kleinstadtgeschichte Geh. Mk. 4.--, geb. Mk. 5.-- _Gabriele Reuter_ schreibt ber das Buch in einem 7spaltigen Feuilleton der Neuen Freien Presse in Wien vom 26. September 1908 unter dem Titel: _Eine moderne Humoristin_ unter anderem: Zu diesen Lebenshumoristen mit der groen, freien menschlichen Seele und dem Mut zu jeder Entdeckung hat sich nun doch eine Frau gesellt. Trotz aller gegenteiligen Theorieen, welche ihr die Existenz eigentlich verbieten, hat sie sich hingesetzt und ein Buch geschrieben, das zu den wenigen, wirklich guten humoristischen Romanen der Jetztzeit gehrt. Die Frau heit Anna Croissant-Rust und ihr Buch ist das Winkelquartett. Anna Croissant-Rust? fragt manch ein Leser zgernd, kenne ich den Namen? Erinnere mich nicht -- wird wohl ein Erstlingswerk sein. Verzeihung -- nein! Ein solches Buch schreibt man nicht, wenn man jung ist, schreibt man nicht als Erstlingswerk. Dazu ist diese Menschenschilderung viel zu reif, dazu ist die knstlerische Luft viel zu klar und herbe, trotz aller blitzenden Sonnenlichter, die in Stil und Darstellungsart hin und wieder spiegeln. So souverain gelassen sieht man die Welt nur in ersten Septembertagen, wenn die schwlen Sommergewitter vorbergerauscht sind und alle Bume fruchtbeladen winken. -- -- (Nun folgt eine eingehende Analyse des Inhalts, voll grter Bewunderung ber das Buch und zum Schlu fhrt Gabriele Reuter fort): Das Winkelquartett ist eine so durch und durch originelle Schpfung, da es betrbend fr das Urteil des Publikums wre, wenn sie nicht die ihr gebhrende Beachtung fnde. Im gleichen Verlage erschienen: Otto Julius Bierbaum Prinz Kuckuck Leben, Taten, Meinungen und Hllenfahrt eines Wollstlings In einem Zeitroman 3 Bde geh. Mk. 15.--, geb. Mk. 18.--, Luxusausgabe Mk. 30.--. Fritz Engel im Berliner Tageblatt: Ein strotzendes Buch, aus dem das Leben wie in tausend Lichtern ins Auge des Beschauers zurckfllt. Der beste Erziehungsroman der letztjhrigen Literatur und hocherhaben ber alle die Gtz Kraffts, die nun durch die Leihbibliotheken spuken. Ein Zeitroman, in dem sich der gehetzte, zwischen Totem und Werdendem hin und her gerissene Charakter der Gegenwart spiegelt ... So sage ich noch einmal: ein starkes, mnnliches, ernstes Buch, trotz aller Schelmereien. Reif wie es ist, mge es nicht in unreife Hnde fallen. Es gehrt in die Hnde der Erzieher. Nicht in die der Mucker, die unreif bleiben selbst mit grauen Haaren. Sie wrden an Bierbaum ein Ketzergericht vollziehen wollen, weil er auf gewisse Entartungen der Zeit mit ruhiger Sachlichkeit und -- nebenbei bemerkt -- mit stupender Darstellungskunst hinweist. Weitere Urteile ber Prinz Kuckuck Leonhard Adelt in der Neuen Hamburger Zeitung: ... Alles aber wird weit in den Schatten gestellt durch den einleitenden Abschnitt von der Mutter, der schon im Stil eine Novelle fr sich bildet -- eine Meisternovelle, grazis, mokant, geistreich, schillernd und sprhend, ein Stck Welt, gesehen durch eine originelle, dichterische Natur, in einem kstlichen, geschliffenen und verzierten Spiegel. Fritz Droop in der Dortmunder Zeitung: ... Es ist ein _reifes kraftvolles Buch_, das nicht zuletzt dem Berufserzieher eine Flle von Anregungen und manche ernste Lehre gibt ... Wer die wahren Schden unserer Zeit kennt und sich nicht frchtet, dieses zu bekennen, der wird Bierbaums neuen Roman mit _noch grerer Freude begren wie einst den Stilpe_. Lest dieses Buch! Dr. Ludwig Finckh in den Propylen: ... Seid stille: Stilpe, der alte Stilpe, hat den Mund wieder aufgetan. _Das ist ein Ereignis in Deutschland_, denn wir haben alle seit Jahren eine _Lustanwandlung und Sehnsucht danach_ gehabt, ihn wieder zu begren. Der junge Stilpe heit Prinz Kuckuck, seine Geschichte ist nicht blo die eines einzelnen Menschen, sondern die einer ganzen Zeit mit ihren Anstzen, Auslufern und Entwicklungen ... Eins ist gewi, _keiner handhabt heute in Deutschland den galanten Roman so in aller Grazie wie Bierbaum_; es ist sein wahres Element und er ist unbertroffen. Ein Buch voll Freude am schnen, am abenteuerlichen, lebendigen Leben, darin das Blut rauscht hin und her und seine Gefe oft zu sprengen droht. Als Ausstrmung einer reichen Seele, als Dokument von Johannes Schlafs innerer Persnlichkeit ist dieser Roman ein ungewhnliches und groenteils stark fesselndes Buch. (Kunstwart). Willi Rath urteilt so an der Spitze einer langen Besprechung ber Johannes Schlaf Der Prinz Roman in zwei Bnden Broschiert 8.-- Mk., gebunden 10.-- Mk. und hnlich und noch mehr anerkennend eine Reihe von magebenden Schriftstellern, z. B. Professor Dr. Ludwig Geiger in Die Zeit: Ich erklre es fr das tchtige Buch eines Denkers. Eines Denkers mehr als eines Dichters. Denn wenn auch der Dichter in einzelnen Episoden (Naturschilderungen, Liebesszenen) das Wort fhrt -- auch der Humorist macht sich geltend in der Zeichnung eines kleinen Krmers aus Halle und der Figur eines Sonderlings, Traugott Taube, eines bemoosten Hauptes, der Zahnarzt werden will, der in allerlei Schrullen verfllt -- das Hauptwort hat der Denker ... Das Werk ist gedankenreich, voll trefflicher Episoden, bietet eine ausgezeichnete Entwicklungsgeschichte, lebensvolle Zeichnungen von Menschen und Gegenden ... Gegenber den zahlreichen widerwrtigen und unerfreulichen Erscheinungen der modernen Romanliteratur ein erfreuliches Buch, das man nicht als Lesefutter bezeichnen, sondern als ein literarisches Werk anzusprechen und einzuordnen hat. Rudolf Huch Die beiden Ritterhelm Roman Geheftet Mk. 4.--, gebunden Mk. 5.-- In einer umfangreichen Kritik schreibt Willy Rath in der Tglichen Rundschau: Die beiden Ritterhelm sind ein sehr ernstes und doch heiter anmutendes Buch, ein Werk schnster Reife. Zwei, eigentlich drei Sprossen einer Patrizierfamilie werden mit kundiger Liebe und zugleich mit gelassener Sachlichkeit dargestellt ... In der Darstellung selbst und ebenso zwischen Darstellung und Stoff herrscht eine undurchbrochene Einheit, als sei das Ganze mhelos in einem Zuge heruntergeschrieben. Und der Einheit gesellt sich eine auerordentliche Feinheit, die in diskretester Form sehr bedeutsame psychologische und gesellschaftkritische Ausblicke erffnet. Die beiden Ritterhelm -- so darf prophezeit werden -- gehren im literarischen Heute zu dem wenigen, das bleiben wird. Druck von Mnicke & Jahn, Rudolstadt Anmerkungen zur Transkription In den Materialien zum Verbot des Buches (Seiten VII-LXX) wird wiederholt auf Seiten im Vorwort des bersetzers (Seiten LXXI-LXXVIII) verwiesen. Diese Verweise beziehen sich auf die Seitenzahlen in den Ausgaben vor dem Verbot, in denen sich das Vorwort auf den Seiten VII-XIV fand. Zu den entsprechenden Seitenangaben mssen also in der vorliegenden Ausgabe 64 hinzugezhlt werden. In der Druckvorlage auf Seite 54 war die Zeile Jurii verfolgte ihn mit glnzenden Augen; er mit der Zeile Jurii konnte sich noch immer nicht diesen auf Seite 62 vertauscht. Auerdem war die Zeile spazieren gegangen, hatte immer dieselben herrlichen auf Seite 401 an das Ende des vorhergehenden Absatzes verschoben. In Kapitel XVIII setzt Ssanin Lyda auf eine Hecke, was unlogisch erscheint. Die richtige bersetzung fr den entsprechenden Ausdruck im russischen Original wre aber Flechtzaun oder einfach Zaun. Dies wurde hier dennoch beibehalten wie in der Buchvorlage. Hufig fehlende Fragezeichen wurden nach Abgleich mit dem russischen Original ergnzt. Andere offensichtliche Fehler wurden stillscheigend korrigert. Die variierende Transliteration hufig vorkommender russischer Personennamen wurde vereinheitlicht (nicht verwendete Formen in Klammern): Anatoli (Anatol, Anatole) Jurii (Juri) Kusma (Kuma) Pjotr (Peter) Schawrow (Schaffrow) Weitere nderungen, teilweise unter Zuhilfenahme des russischen Originaltextes, sind hier aufgefhrt (vorher/nachher): [S. 44]: ... er spuckte drauf, warf sie beiseite und schlief sofort ... ... er spuckte drauf, warf es beiseite und schlief sofort ... [S. 236]: ... ich; wir werden beide auf diese Frage keine bestimmte ... ... ich, wir werden beide auf diese Frage keine bestimmte ... [S. 279]: ... Dann widersprechen Sie sich, verschluckerte ... ... Dann widersprechen Sie sich, verschluckte ... [S. 283]: ... auf sein stehengebliebenes Denken. An die Existenz ... ... auf sein stehengebliebenes Denken. Die Existenz ... [S. 319]: ... Sehr bald lste es sich in Zorn aus. Wenn ... ... Sehr bald lste es sich in Zorn auf. Wenn ... End of the Project Gutenberg EBook of Sanin, by Michail Arzybaschew License: Share Alike