Produced by Jens Sadowski Petersburg Roman von Andrej Bjly 1919 Mnchen bei Georg Mller Autorisierte bersetzung aus dem Russischen von Nadja Strasser Alle Rechte vorbehalten Erstes Kapitel Apollon Apollonowitsch Ableuchow Apollon Apollonowitsch Ableuchow war von hchst wrdiger Abstammung: er hatte Adam zum Vorfahren gehabt. Das war aber die Hauptsache nicht: viel wichtiger war, da sein edelst geborener Ahne _Sem_ gewesen war, also der eigentliche Ahnherr der semitischen, chetitischen und farbigen Vlker. Hier wollen wir aber zu den Vorfahren weniger ferner Epochen einen bergang tun. Diese Vorfahren lebten im kirgiskaijsakischen Hordenstaat, und von da aus trat Mirsa Ab-Lai, Ururgrovater des Senators, der in der christlichen Taufe den Vornamen Andreij und den Rufnamen Uchow bekommen hatte, zur Regierungszeit Anna Joannownas ruhmvoll in den russischen Dienst ein. So berichtet ber dieses Hervorgehen aus den Tiefen einer mongolischen Rasse des _Russischen Reiches Wappenkalender_. Dann wurde der Krze wegen Ab-Lai-Uchow in Ableuchow verwandelt. Dieser Ururgrovater wurde, der berlieferung nach, zum Urquell des ganzen Geschlechts. * * * Ein mit Goldtressen geschmckter, grauer Lakai staubte mit einem Federbusch den Schreibtisch ab; in der offenen Tr zeigte sich die Papiermtze des Kochs. Er ist schon auf, was? Reibt sich mit Eau de Cologne ab, wird gleich zum Kaffee erscheinen. Morgens sagte der Briefbote, fr den gndigen Herrn sei ein Briefchen aus Hispanien gekommen: mit hispanischer Marke. Ich mache Sie aufmerksam: Sie sollten Ihre Nase weniger in die Briefsachen stecken. Anna Petrowna ist also . . . Na ja: also . . . Aber ich -- ich meine es nur so . . . Was bin ich: nichts . . . Des Kochs Kopf verschwand im Nu: Apollon Apollonowitsch Ableuchow schritt in sein Arbeitszimmer herein. * * * Ein auf dem Tisch liegender Bleistift fesselte die Aufmerksamkeit Apollon Apollonowitschs. Er fate einen Beschlu: dem Ende des Bleistiftes eine spitze Form zu geben. Rasch nherte er sich dem Schreibtisch und griff nach . . . einem Briefbeschwerer, den er lange in tiefer Nachdenklichkeit in der Hand drehte, ehe er bemerkte, da er einen Briefbeschwerer und nicht einen Bleistift in der Hand hielt. Die Zerstreutheit kam daher, da ein tiefer Gedanke ihn im selben Augenblick erleuchtete; und sogleich, zur ganz ungeeigneten Zeit (Apollon Apollonowitsch mute eilig ins Amt), entwickelte sich der Gedanke zu einem fortlaufenden Gedankengang. In dem Tagebuch, das im Jahr seines Todes zu erscheinen hatte, war eine neue Seite dazugekommen. Nachdem er den Gedankengang eilig aufgeschrieben, dachte Apollon Apollonowitsch: Jetzt ist es Zeit in den Dienst. Und er schritt weiter in das Speisezimmer, um seinen Kaffee zu sich zu nehmen. Vorerst begann er mit peinlicher Beharrlichkeit den alten Kammerdiener auszuforschen: Ist Nikolai Apollonowitsch schon auf? Nein, der junge Herr sind noch nicht aufgestanden. -- . . . sagen Sie: wann eigentlich . . . sagen Sie, wann pflegt Nikolai Apollonowitsch sozusagen . . . Ja, der junge Herr stehen ein wenig spt auf . . . Na, wie denn, ein wenig spt? Und sogleich, ohne auf eine Antwort zu warten, schritt er, nachdem er einen Blick auf die Uhr geworfen hatte, weiter, um seinen Kaffee zu trinken. Es war genau halb zehn. Um zehn fuhr er, der Alte, ins Regierungsamt. Nikolai Apollonowitsch aber, der Jngling, erhob sich aus dem Bett -- zwei Stunden spter. Jeden Morgen erkundigte sich der Senator nach der Aufstehzeit des Jngeren. Und jeden Morgen faltete er unzufrieden das Gesicht. Nikolai Apollonowitsch war des Senators Sohn. Kurz, er war das Haupt eines Regierungsamtes . . . Apollon Apollonowitsch Ableuchow zeichnete sich durch ruhmvolle Taten aus; mehr als _ein_ Stern ist auf seine goldbestickte Brust niedergefallen: der Stern des Stanislaus und der Anna sogar: sogar der Stern des Weien Adlers. Und vor kurzem erglnzten an dem Wohnsitz patriotischer Gefhle die Strahlen des Diamantzeichens, nmlich: das Ordenszeichen -- des Alexander Newski. Wie war nun die gesellschaftliche Stellung der aus dem Nichts hier ins Leben gerufenen Persnlichkeit? Ganz Ruland kannte Ableuchow wegen der ungemeinen Lnge der von ihm gehaltenen Reden; diese Reden glnzten und spritzten geruschlos Gifte auf die feindliche Partei; das Resultat dessen war, da die Antrge dieser feindlichen Partei an den Stellen, auf die es ankam, abgelehnt zu werden pflegten. Mit der Einsetzung Ableuchows auf den verantwortlichen Posten hrte die Ttigkeit des neunten Departements auf. Gegen dieses Departement fhrte Ableuchow einen zhen Kampf auf dem Wege des Papiers oder, wo es anging, durch Reden. Die Reden des Senators durchflogen Kreise und Gouvernements, von denen manche ihrer Ausdehnung nach dem Deutschen Reich nicht nachstanden. Apollon Apollonowitsch war das Haupt eines Regierungsamtes. Eines Regierungsamtes, das Ihnen wohl bekannt ist. Wollte man die saftlose, gnzlich unansehnliche, kleine Gestalt meines Helden mit der unermelichen Gre der von ihm betriebenen Mechanismen vergleichen -- man wrde wohl fr lange Zeit in naives Staunen verfallen; und in der Tat: es staunten ausnahmslos alle ber den Wettersturz geistiger Krfte, der aus diesem Schdel -- ganz Ruland und allen Departements, mit Ausnahme eines einzigen, zum Trotz -- hervorgebrochen war; und nun ruhte das Haupt jenes einzigen Departements, dem Willen des Schicksals gehorchend, seit zwei Jahren unter des Grabes Stein. Mein Senator war gerade achtundsechzig alt geworden; und sein Gesicht, das blasse, erinnerte bald an den grauen Briefbeschwerer (in feierlichen Augenblicken), bald an Papiermach (in Muestunden); die steinernen Senatoraugen, umgeben von schwarz-grnem Graben, schienen in Momenten der Mdigkeit noch blauer und riesenhafter. Unsererseits fgen wir hinzu: Apollon Apollonowitsch regte sich beim Anblick seiner vollstndig grnen, auf dem blutroten Fond des brennenden Ruland ungeheuer vergrerten Ohren keinesfalls auf. So war er nmlich vor kurzem abgebildet: auf dem Titelblatt einer humoristischen Gassenrevue, eines der judaischen Blttchen, deren blutrote Umschlge in jenen Tagen sich auf den menschenwimmelnden Straen mit erstaunlicher Raschheit vermehrten . . . Nordost Im eichenen Speisezimmer erklang das Keuchen der Uhr; der graue Kuckuck stie, sich verneigend und zischend, seinen Ruf aus; auf das Zeichen des altertmlichen Kuckucks nahm Apollon Apollonowitsch vor der Porzellantasse Platz und brach knusperige Stckchen vom Weibrot ab. Beim Kaffee dachte Apollon Apollonowitsch an die frheren Jahre zurck; und -- sogar, ja sogar -- leicht zu scherzen pflegte er beim Kaffee: Wer ist der Wrdigste unter allen Menschen, Ssemjonytsch? Ich denke mir, Apollon Apollonowitsch, der Wrdigste unter allen wird der Geheime Wirkliche Rat sein. Apollon Apollonowitsch lchelte nur mit den Lippen. Sie denken nicht richtig: Der Wrdigste unter allen ist der Kaminkehrer . . . Der Kammerdiener kannte bereits den Scherz, doch die Ehrfurcht gebot Schweigen darber. Warum, gndiger Herr, wenn ich fragen darf, dem Kaminkehrer diese Ehre? Vor dem Wirklichen Geheimen Rat weicht man aus, Ssemjonytsch? Ich denke -- so ist's, Exzellenz . . . Der Kaminkehrer . . . vor ihm weicht selbst der Wirkliche Geheime Rat aus, denn: er beschmutzt, der Kaminkehrer. So ist also die Sache, meinte ehrfurchtsvoll der Kammerdiener. So ist es; aber es gibt ein Amt, das noch wrdiger ist . . . Und gleich darauf: Das eines Wasserklosettarbeiters . . . Pff! . . . Vor diesem weicht nicht nur der Wirkliche Geheime Rat, sondern selbst der Kaminkehrer aus . . . Und -- einen Schluck Kaffee. Wir bemerken aber: Apollon Apollonowitsch war ja selbst Wirklicher Geheimer Rat. Ja, Apollon Apollonowitsch, auch das noch: Anna Petrowna erzhlte einmal . . . Bei den Worten Anna Petrowna brach der grauhaarige Kammerdiener ab. * * * Den grauen Mantel? Den grauen Mantel. Ich denke, auch die grauen Handschuhe? Nein, geben Sie mir die Wildlederhandschuhe . . . Geruhen Exzellenz einen Augenblick zu warten: die grauen Handschuhe haben wir ja im Schrank, Fach C, Nordwest. Nur ein einziges Mal ging Apollon Apollonowitsch in die Kleinigkeiten des Lebens ein: er fhrte einmal eine Revision seines Inventars durch. Ordnungsmig war das Inventar registriert und eine Nomenklatur der groen und kleinen Fcher eingefhrt; es entstanden Fcher mit Lettern: a, b, c, und die vier Seiten der Fcher bekamen die Bezeichnung der vier Weltgegenden. Wenn er eine Brille auf den Platz gelegt hat, notierte Apollon Apollonowitsch auf seiner Liste mit kleiner, perlenartiger Schrift: Brille--Fach b, NO, d. h. Nordost; eine Kopie dieser Liste bekam der Kammerdiener, der die Richtungen der kostbaren Toilettengegenstnde auswendig gelernt hat; fehlerlos skandierte er nachts in schlaflosen Stunden diese Richtungen herunter. Brief mit spanischer Marke Auf dem Tisch erhob sich eine kalte, langbeinige Bronze; des Lampenschirms rosig-violette Farbe schimmerte nicht: verloren hat das neunzehnte Jahrhundert das Geheimnis dieser Farbe; das Glas dunkelte ab von der Zeit, und ebenso die feine Zeichnung. Die goldenen Trumeaus zwischen den Fenstern verschlangen berall mit dem Grn ihrer Spiegelflchen den Salon; Perlmuttertischchen schimmerten neben jedem Trumeau. Sich mit der Hand auf die fein geschliffene Kristallklinke sttzend, ffnete Apollon Apollonowitsch rasch die Tr; seine Schritte hallten auf dem glnzenden Parkett; berall an allen Ecken standen Haufen kleiner Nippsachen aus Porzellan; diese Nippsachen brachten sie mit aus Venedig, er und Anna Petrowna, vor -- vor nun dreiig Jahren. Seine Augen glitten zum Klavier hinber. Apollon Apollonowitsch erinnerte sich: eine weie Petersburger Nacht; hinter den Fenstern ein breiter Flu; der Mond stand oben, und es rauschte eine Roulade von Chopin: ja, er wei es noch; Chopin (nicht Schumann) hatte Anna Petrowna gespielt . . . Apollon Apollonowitsch lie sich in einen Empiresessel nieder, wo auf dem blablauen Atlas des Sitzes Krnzchen sich wanden, seine Hand griff nach dem chinesischen kleinen Tablett, auf dem ein Paket unerffneter Briefe lag; sein kahler Kopf neigte sich ber die Briefe. In Erwartung des Kammerdieners mit der Meldung: Der Wagen wartet vertiefte er sich in die Morgenpost. Die Kuverte wurden erbrochen, eins nach dem anderen. Hm . . . So--o, so--o-- so--o: schn . . . Und eines der Kuverte wurde sorgfltig eingesteckt. Hm . . . Bittgesuch . . . Bittgesuch, Bittgesuch . . . Ein Umschlag aus massivem grauen Papier, versiegelt, mit Wappenzeichen, ohne Marke, mit Siegellackpetschaft. Hm . . . Graf Dublwe . . . Was mag's wohl sein? Bittet, im Bureau zu empfangen . . . Persnliche Angelegenheit . . . Hm . . . Aha! . . . Graf Dublwe, das jetzige Oberhaupt des neunten Departements, war der Gegner des Senators. Weiter . . . Ein blarotes Miniaturkuvert; die Hand des Senators erbebte, Anna Petrownas Schrift; er besah sich die spanische Marke, brach aber das Kuvert nicht auf: Hm . . . Geld? . . . Geld war ja abgeschickt? Es wird geschickt werden!! . . . Hm . . . notieren . . . In der Meinung, einen Bleistift aus der Tasche gezogen zu haben, hielt er ein beinernes Nagelbrstchen in der Hand und wollte gerade die Notiz: Zurcksenden machen, als . . . -- ? . . . Der Wagen wartet . . . Apollon Apollonowitsch hob den kahlen Kopf und schritt hinaus aus dem Zimmer. * * * An den Wnden hingen Bilder, deren lig schimmernde Leinwand nur mit Mhe Franzsinnen unterscheiden lie, die wie Griechinnen aussahen, in engen Direktoire-Tuniken und riesenhohen Frisuren. ber dem Klavier hing eine verkleinerte Kopie des Bildes von David: Distribution des aigles par Napolon premier. Kalt war die Pracht des Salons wegen des vollstndigen Mangels an Teppichen; der Parkettboden glnzte; wrde ihn die Sonne einen Augenblick bescheinen, die Augen wrden von selbst sich geschlossen haben. Kalt war dieses Gastzimmers Gastfreundschaft. Senator Ableuchow aber hat diese Klte zum Prinzip erhoben. Sie prgte sich: im Wirt, in den Bronzen, in den Dienern, selbst in der tigerhnlichen, dunkelfarbigen Bulldogge, die irgendwo in der Nhe der Kche lebte. Mit der Abreise Anna Petrownas verstummte der Salon; der Deckel des Klaviers klappte zu, keine Roulade erklang mehr. Ja, was Anna Petrowna betrifft -- oder einfacher gesagt, was den Brief aus Spanien betrifft: kaum war Apollon Apollonowitsch hinausgeschritten, begannen zwei Lakaien miteinander zu plappern: Er las den Brief nicht . . . I wo: fllt ihm nicht ein, ihn zu lesen . . . Wird er ihn zurckschicken? Wahrscheinlich ja. So ein Stein von einem Menschen, Gott sei mir gndig. Ich will Ihnen was sagen: Sie sollten delikater in Ihren Ausdrcken sein. * * * Whrend Apollon Apollonowitsch ins Vorzimmer schritt, sah der grauhaarige Kammerdiener, ebenfalls hinschreitend, zu den wrdigen Ohren empor und drckte in der Hand seine Tabakdose -- ein Geschenk des Ministers. Apollon Apollonowitsch blieb auf der Treppe stehen und suchte nach einem Wort. Mm . . . hren Sie . . . Exzellenz? Apollon Apollonowitsch suchte nach einem passenden Wort. Was im allgemeinen -- ja -- macht . . . macht . . . --? . . . Nikolai Apollonowitsch. Nichts weiter, Apollon Apollonowitsch, der junge Herr befinden sich wohl. Und sonst? Wie immer: Der junge Herr geruhen sich einzusperren, lesen Bcher. Auch Bcher? Dann promenieren der junge Herr durch die Zimmer. Promenieren -- ja, ja . . . Und . . . Und? Wie? Der junge Herr promenieren . . . im Schlafrock . . . Lesen, promenieren . . . So. Weiter? Gestern erwarteten der junge Herr . . . Erwarteten -- wen? Den Kostmeur . . . Was fr einen Kostmeur? Den Kostmeur. Hm -- hm . . . Wozu denn eigentlich? Ich denke mir, der junge Herr wollten zu einem Ball . . . * * * Aha -- so . . . zu einem Ball . . . Apollon Apollonowitsch rieb sich an der Nasenwurzel: ein Lcheln erhellte sein Gesicht, es wurde pltzlich greisenhaft. Apollon Apollonowitsch nahm seinen Zylinder und schritt durch die geffnete Tr. Der Wagen raste in den Nebel Reif lag auf den Straen, Trottoiren und Dchern. Reif bedeckte die Passanten; beschenkte sie mit Grippe; zugleich mit dem feinen Regenstaub kroch Influenza und Grippe hinter die aufgeschlagenen Kragen der Gymnasiasten, Studenten, Staatsbeamten, Offiziere und der gewhnlichen Subjekte; und das Subjekt (der Brger sozusagen) sah sich gengstigt um; er sah in die graue, abgeschlissene Strae; er zirkulierte durch die Endlosigkeit der Straen, berwand, ohne Murren, diese Endlosigkeit, im endlosen Flu ebensolcher Subjekte wie er, unter dem Rennen, Rasseln, Klappern der Droschken, fern von sich die melodischen Stimmen der Automobilrouladen und des anwachsenden Gerusches (das dann allmhlich wieder verhallte) der gelbroten Trambahnen, unter ununterbrochenem Rufen der Zeitungsverkufer. An diesem dsteren Petersburger Morgen flogen die schweren Flgeltren des prunkvollen gelben Hauses auf: das gelbe Haus blickte mit all seinen Fenstern auf die Newa. Ein Lakai mit rasiertem Gesicht, mit Goldtressen an den Reversen, sprang aus dem Entresol hervor, um dem Kutscher ein Zeichen zu geben. Die grauen, scheckigen Pferde zogen an und rollten zum Vestibl den Wagen heran, der ein altes Adelswappen trug: ein Einhorn, einen Ritter durchbohrend. Als Apollon Apollonowitsch Ableuchow in grauem Mantel und Zylinder mit steinernem, einem Briefbeschwerer hnlichem Gesicht, im Gehen den schwarzen Wildlederhandschuh anziehend, rasch im Vestibl erschien und noch rascher die Wagenstufe betrat, wurde der Gesichtsausdruck eines gerade vorbergehenden braven Polizisten im Nu noch dmmer, und er streckte sich starr in Positur. Apollon Apollonowitsch Ableuchow warf einen flchtigen, verlorenen Blick auf den Polizisten, auf den Wagen, den Kutscher, auf die groe schwarze Brcke, auf den Newaspiegel, hinter dem sich neblige, vielschlotige Fernen zeichneten und von wo her ngstlich die Wassiljewski-Insel hervorblickte. Der graue Lakai schlug eilig die Wagentr zu. Der Wagen rannte in den Nebel hinein: der zufllig vorbergehende Polizist, erschttert von allem Gesehenen, blickte lange, lange ber die Schulter in den schmutziggrauen Nebel dem fortgerasten Wagen nach; dann seufzte er und ging weiter; bald verschwanden im Nebel auch die Schultern des Polizisten wie alle Schultern, Rcken, alle grauen Gesichter und alle schwarzen, nassen Regenschirme in diesem Nebel verschwanden. In dieselbe Richtung warf auch der wrdige Lakai einen Blick; er blickte dann nach rechts, nach links, auf die Brcke, zuletzt auf die weite Flche der Newa . . . Quadrate, Parallelepipede, Kuben He, he . . . So schrie der Kutscher . . . Und die Rder spritzten auf alle Seiten Straenkot. Der Wagen raste auf den Newskij-Prospekt. Apollon Apollonowitsch Ableuchow wiegte sich auf dem Atlaspolster des Sitzes; von dem Dreck der Strae war er durch vier perpendikulre Wnde getrennt; war auch von den vorbeiflutenden Menschenmengen getrennt, von den trbselig nassen, roten Umschlgen der Gassenblttchen, die an der Straenkreuzung dort verkauft wurden. Die Regelmigkeit und Symmetrie beruhigten die Nerven des Senators, die durch Unebenheiten des huslichen Lebens und dem hilflosen Kreisen unseres Staatsrades erregt waren. Harmonische Einfachheit war das Kennzeichen seines Geschmacks. Am meisten liebte er die geradlinige Strae; diese Strae mahnte ihn an den Flu der Zeit, zwischen zwei Punkten des Lebens. Nasse, glitschrige Straen: Huser in Kubusform als regelmige fnfstckige Reihen; von der Linie des Lebens unterscheiden sich dieselben nur in einer Beziehung: diese Reihen hatten weder Ende noch Anfang. Begeisterung erfllte jedesmal die Seele des Senators, wenn sein lackierter Kubus wie ein Pfeil die Linie des Newskij durchschnitt. Dort hinter den Fensterscheiben liefen die Nummern der Huser vorbei, eine Zirkulation ging dort vor sich; dort schimmerten an klaren Tagen von weit, weit her blendend: die goldene Spitze[*], die Wolken, der rote Strahl des Sonnenuntergangs; und dort sah man an nebligen Tagen -- nichts, niemand. [Funote *: Die berhmte, schon von Puschkin besungene Spitze des Arsenals.] Weiter aber waren die Linien der Newa, der Inseln. Apollon Apollonowitsch liebte diese Inseln nicht: die Bevlkerung dort waren Fabrikarbeiter, roh; ein vieltausendkpfiger Menschenschwarm wlzte sich dort morgens zu den vielschlotigen Fabriken; er wute, jetzt zirkulierte dort der Browning. Und noch an etwas anderes dachte Apollon Apollonowitsch: Die Bewohner der Inseln zhlen zu der Bevlkerung des Russischen Reiches; auch dort ist die allgemeine Volkszhlung durchgefhrt: auch sie haben numerierte Huser, Polizeireviere, Staatsinstitute; der Insulaner ist: Advokat, Schriftsteller, Arbeiter, Polizeibeamter; er hlt sich fr einen Brger Petersburgs, doch ist er Brger des Chaos, er bedroht des Reiches Residenz aus herannahender Wolke . . . Apollon Apollonowitsch wollte nicht weiter denken: voll Unruhe sind diese Inseln -- niederstampfen, niederstampfen! Durch das Eisen einer riesigen Brcke an den Boden festschmieden und in alle Richtungen durch Straenpfeile durchbohren . . . Und so vertrumt blickend in die Endlosigkeit der Nebel, wuchs der Staatsmann aus dem schwarzen Kubus seines Wagens heraus, dehnte sich auf alle Seiten und reckte sich in die Hhe empor; er wnschte, sein Wagen mge vorwrts rasen, da die Straen ihm entgegen flgen -- eine Strae nach der anderen; da die ganze sphrische Oberflche des Planeten wie durch Schlangenringe durch schwarzgraue Huserkuben eingefat wrde; da die ganze von Straen zusammengedrngte Erde im kosmischen Linienlauf die Endlosigkeit wie ein geradliniges Gesetz durchschnitt; da ein Parallelstraennetz, durchkreuzt von einem anderen Parallelstraennetz, sich mit den Flchen der Quadrate und Kuben in die Himmelsabgrnde bohrt: fr jeden Stadteinwohner je ein Quadrat; da . . . da . . . Am meisten beruhigte ihn nach der Linie, die Figur des Quadrates. Er pflegte oft lange sich gedankenloser Betrachtung hinzugeben von: Pyramiden, Dreiecken, Parallelepipeden, Kuben, Trapezen. Unruhe ergriff ihn nur beim Anblick des abgebrochenen Kegels. Die Zickzacklinie aber, die konnte er nicht ausstehen. In seinem Wagen geno Apollon Apollonowitsch durch lange Augenblicke gedankenlos die viereckigen Wnde, im Zentrum eines vollendeten, mit Atlas berspannten Kubus sitzend: Apollon Apollonowitsch war zur Einzelhaft geschaffen; nur die Liebe zur Staatsplanimetrie hatte ihn in die Vieleckigkeit eines verantwortlichen Postens hineingezogen. * * * Die nasse, schlpfrige Strae wurde in geraden, neunziggradigem Winkel von einer anderen nassen Strae durchquert; im Kreuzungspunkt der Linien stand ein Polizist . . . Und ebensolche Huser erhoben sich dort, und ebenso grau zogen dort Menschenstrme hin und ebenso grngelb stand dort ein Nebel. Konzentriert liefen dort Gesichter vorbei; die Trottoirs flsterten, scharrten, wurden mit den Gummischuhen gerieben; feierlich zog die Brgernase vorbei. In Mengen zogen Nasen vorbei: Adlernasen, Entennasen, Hhnernasen, grnliche, weie; auch die mangelnde Nase zog da vorbei. Hier zogen einzelne, Paare, Dreier- und Vierergruppen; einem Hut folgte ein zweiter; steife Hte, Federn, Mtzen; Mtzen, Mtzen, Federn; Dreimaster, Mtzen, Zylinder, Mtzen, Kopftuch, Schirm, Feder. Doch parallel der dahineilenden Strae lief eine zweite Strae, mit einer ebensolchen Reihe von Schachteln, mit Numerierung, mit Wolken; und mit demselben Staatsbeamten. Der Bewohner der Inseln[*] [Funote *: Ein viel bevlkerter lterer Stadtteil Petersburgs hinter der Newa, von verschiedenen Newaarmen sowie Kanlen durchschnitten.] Es war der letzte Tag des Septembers. Auf der Wassiljewskij-Insel in der Tiefe der siebzehnten Linie blickte aus dem Nebel ein Haus, gro und grau; vom winzigen Hofraum fhrte eine schwarze, etwas schmutzige Treppe hinein: es gab da Tren und Tren. Eine davon wurde geffnet. Ein Unbekannter mit schwarzem Schnurrbrtchen erschien an der Schwelle. Dann begann der Unbekannte langsam die Treppe herunterzusteigen. Er kam von der Hhe des fnften Stockwerkes, vorsichtig ber die Stufen tretend; in seiner Hand wiegte sich, gleichmig, ein nicht gerade kleines, aber auch nicht sehr groes Paket in einer schmutzigen Serviette mit rotem Rand eines abgefrbten Fasanenmusters. Mein Unbekannter zeigte sich ungemein vorsichtig im Behandeln des Pakets. Es war selbstverstndlich die Hintertreppe, und sie war mit Gurkenschalen und mehrfach zertretenen Kohlblttern bedeckt. Der Unbekannte mit dem schwarzen Schnurrbrtchen rutschte darauf mehrmals aus. Mit einer Hand ergriff er dann das Treppengelnder, whrend die andere (mit dem Bndel) in der Luft eine nervse Zickzacklinie beschrieb; doch die Zickzacklinie betraf nur den Ellbogen; mein Unbekannter wollte offenbar das Bndel vor einem rgerlichen Zufall bewahren: vor jhem Sturz auf die steinerne Stufe. Auch weiter unten, bei einer Begegnung mit dem Hausmeister, der beladen mit Brennholz nach oben ging, zeigte mein Unbekannter in intensivster Weise seine delikate Sorge um das Paket, das an die Holzscheite anstoen konnte; die im Bndel verwahrten Gegenstnde muten besonders zerbrechlicher Natur sein. Sonst wre das Benehmen meines Unbekannten nicht zu verstehen. Als mein bemerkenswerter Unbekannter vorsichtig die schwarze Ausgangstr erreicht hat, prustete eine schwarze Katze vor seinen Fen und lief mit gehobenem Schwanz, seinen Weg berquerend, davon. Das Gesicht meines Unbekannten durchzog ein krampfhaftes Zucken, den Kopf aber warf er nervs nach hinten, wobei sich ein zarter Hals zeigte. Und nun ist er im Hofe, in dem mit Asphalt gepflasterten, von den fnf Stcken des vielfenstrigen Riesen eingezwngten Viereck. Inmitten des Hofes standen regelmige Holzstapel, und man sah noch ein Stck der vom Winde abgekahlten siebzehnten Linie. Der Unbekannte von der Insel hate Petersburg schon immer: dort -- dort erhob es sich, das Petersburg, aus einer dichten Wolkenwoge; dort schwebten Huser; dort schwebte, schien es, ber den Husern etwas Gehssiges und Dunkles, dessen Atem mit dem Eis seines Granits und seiner Steine die einst grnen, lauschigen Inseln fest eingezwngt hat. Ein befremdend Kaltes, Dunkles, Schweres starrte von dort aus kmpfendem Chaos; starrte mit steinernem Blick und schlug in wahnsinnigem Flug mit seinen Fledermausflgeln; und peitschte mit schwerwiegendem Wort die Armut der Inseln, und aus dem Nebel traten Schdel und Ohren hervor: so war nmlich vor kurzem auf dem Titelblatt eines Gassenblttchens jemand abgebildet gewesen. Der Unbekannte dachte daran und drckte in der Tasche seine Faust fest zusammen; er dachte an ein von jemand gesagtes grausames Wort, und er dachte noch, da die Bltter an den Bumen schon fielen. * * * Unsererseits sagen wir aber: O, ihr russischen Leute, ihr russischen Leute: Lat nicht die Scharen der aus den Inseln gleitenden Schatten an euch heran! Frchtet die Insulaner! Sie haben das Recht, sich frei im Reiche zu siedeln: sind nicht deswegen Brcken, schwarze und graue, ber die lethischen Gewsser zu den Inseln gespannt? Abbrechen sollte man sie . . . Zu spt . . . Die Polizei dachte nicht daran, die Nikolajewsche Brcke fortzuschaffen; nun wlzten sich dunkle Schatten ber die Brcke; unter diesen Schatten spannte sich auch der dstere des Unbekannten. In der Hand dieses Schattens wiegte sich gleichmig ein nicht ganz kleines und doch nicht allzu groes Paket. Und indem sie ihn erblickten, weiteten sie sich, begannen zu leuchten, zu glnzen . . . In der grnlichen Beleuchtung des Petersburger Morgens, im rettenden Als ob zirkulierte vor dem Senator Ableuchow auch das bliche Phnomen: der Strom von Menschen; wortstumm wurden hier die Menschen; ihre Wogen, wie die ans Ufer schlagenden Wellenfluten -- drhnten, brllten; das gewhnliche Ohr aber begriff es nicht im geringsten, da jene donnernden Wogen menschliche Wogen waren. Mit der vorderst flutenden Menge verkehrte der greise Senator mit Hilfe der Drhte (der Telegraphen- und Telephondrhte), und der Schattenstrom prgte sich in seinem Bewutsein wie die ruhig flieende Kunde aus einer hinter Fernen liegenden Welt. Apollon Apollonowitsch dachte: an die Sterne, an die Unfalichkeit der dahinrollenden Donnerwogen; und sich auf seinem schwarzen Polster wiegend, stellte er Berechnungen an ber die Strke der vom Saturn herberstrmenden Lichtkraft. Pltzlich . . . -- faltete sich sein Gesicht und wurde von einem Zucken entstellt; krampfhaft rollten die steinernen, von Blau umrnderten Augen; die mit schwarzem Wildleder bekleideten Hnde flogen bis zur Hhe der Brust, als sollten diese Hnde ihn schtzen. Sein Oberkrper sank zurck und der Zylinder fiel, an die Wand aufschlagend, auf die Knie unter den entblten Kopf . . . Die vorbergleitenden Silhouetten betrachtend (Mtzen, Hten, Federn), erblickte Apollon Apollonowitsch unter den Mtzen, Hten, Federn in der Ecke -- ein paar wahnsinnige Augen: die Augen zeigten eine unerhrte Eigenschaft; die Augen erkannten den Senator; und indem sie ihn erkannten, wurden sie wahnsinnig; vielleicht hatten die Augen an der Ecke gelauert; und indem sie ihn erblickten, weiteten sie sich, begannen zu leuchten, zu glnzen. Dieser wahnsinnige Blick war ein bewut geworfener Blick und gehrte einem unbestimmten Individuum mit schwarzem Schnurrbrtchen, in einem Mantel mit aufgeschlagenem Kragen; wenn sich Apollon Apollonowitsch spter in die Einzelheiten des Geschehnisses vertiefte, kam er -- eher durch berlegung als durch Erinnerung -- auf noch einen Umstand: in der rechten Hand hielt das Individuum ein in ein nasses Tuch gewickeltes Paket. Die Sache war ja so einfach: der Strom der Droschken hielt den Wagen an der Straenkreuzung auf (dort hob eben der Schutzmann sein weies Stbchen in die Hhe); die vorbeiziehende Woge von Individuen, gedrngt von den Droschken, die quer den Newskij durchschnitten, diese Woge wurde ganz einfach an den Wagen des Senators gedrngt und zerstrt? die Illusion: wenn er, Apollon Apollonowitsch, ber den Newskij raste, war er Milliarden von Werst weit weg von dem menschlichen Tausendfler, der dieselbe Strae beschritt; beunruhigt rckte Apollon Apollonowitsch dicht an das Fenster heran und sah, da ihn nur eine dnne Wand und ein vier Werschok breiter Raum von der Menge trennte; hier hatte er das Individuum erblickt; und begann es ruhig zu betrachten; es war etwas Bemerkenswertes in seiner ganzen unansehnlichen Gestalt; und sicher wre ein Physiognomiker, zufllig in der Strae auf diese Figur stoend, berrascht stehengeblieben und wrde spter bei seinen Geschften an das gesehene Gesicht denken; die Besonderheit des Gesichtes lag nur in der Schwierigkeit, seinen Ausdruck unter irgendeine Kategorie zu bringen -- in nichts anderem . . . Diese Betrachtung wre durch den Kopf des Senators gehuscht, wenn er auch nur eine Sekunde lang beobachtet htte; doch es dauerte keine Sekunde. Der Unbekannte hob die Augen und -- hinter den Spiegelscheiben des Wagens, in vier Werschok Entfernung von sich, erblickte er -- nicht ein Gesicht, sondern . . . einen Totenschdel im Zylinder und ein riesiges blagrnes Ohr. In derselben Viertelsekunde erblickte der Senator in den Augen des Unbekannten -- jene Unbegrenztheit des Chaos, aus der die neblige, vielschlotige Ferne und die Wassiljewskij-Insel schon seit jeher zum Haus des Senators hinberschielte. Da eben war es, wo sich die Augen des Unbekannten weiteten, zu leuchten, zu glnzen begannen; und da eben flogen hinter dem Wagenfenster, in vier Werschok Entfernung, die Hnde des Senators in die Hhe und bedeckten die Augen. Verschwunden ist der Wagen; mit ihm entschwand auch Apollon Apollonowitsch in die feuchten Fernen; dorthin, wo an klaren Tagen herrlich die goldene Spitze, die Wolken und der purpurne Sonnenuntergang glnzten, wo aber heute schmutzige Wolkenschwrme zogen . . . Apollon Apollonowitsch litt an Herzerweiterung. Einen kurzen Augenblick nur hatte all dies gedauert. Apollon Apollonowitsch setzte mechanisch den Zylinder wieder auf und drckte den wildledernen schwarzen Handschuh ans hpfende Herz, dann nahm er sein geliebtes Betrachten der Kuben auf, um sich ber das Geschehene ruhige und klare Rechnung zu geben. Apollon Apollonowitsch sah wieder aus dem Fenster des Wagens: was er jetzt sah, verwischte das Frhere: eine nasse, glitschrige Strae, nasse, glitschrige Pflastersteine, die fiebernd glnzten im septemberlichen Tag! * * * Die Pferde hielten. Der Polizist salutierte. Hinter dem Fenster des Vestibls, unter dem die Sulen des kleinen Balkons sttzenden brtigen Karyatiden dasselbe Schauspiel wie immer: die schwerkpfige Messingkeule glnzte in der Hand des Portiers; die achtzigjhrige Schulter drckte ein dunkler Dreimaster; ein achtzigjhriger Portier schlummerte ber dem Brsenkurier. So schlummerte er schon vorgestern, gestern. So schlummerte er in jenen verhngnisvollen fnf Jahren . . . So wird er auch weitere fnf Jahre schlummern. Fnf Jahre sind es her, seit dem Tag, an dem Apollon Apollonowitsch als unverantwortliches Haupt eines Amtes im Amt erschienen war; seit dieser Zeit sind fnf Jahre verstrichen. Und Ereignisse hat es gegeben: China revoltierte, Port Arthur war gefallen. Doch unverndert blieben die Visionen der Zeiten: achtzigjhrige Schultern, Livreetressen, ein Dienerbart. * * * Die Flgeltre flog auf: die Messingkeule klopfte. Durch die Wagentr trug Apollon Apollonowitsch seinen steinernen Blick in das breite Vestibl hinber. Dann schlo sich die Tr hinter ihm. Apollon Apollonowitsch stand und atmete. Exzellenz . . . wollen sich doch hinsetzen . . . Siehe doch nur: Exzellenz schpfen kaum Atem. Immer laufen Exzellenz, als ob Sie noch ein kleiner Junge wren . . . Wollen doch Exzellenz ein wenig sitzen, bis Sie zu sich kommen. So ist es, ja . . . Vielleicht . . . einen Schluck Wasser? Aber das Gesicht des ruhmreichen Mannes erhellte sich wieder, kindisch wurde es, greisenhaft, berzog sich mit Fltchen. * * * Doch das Herz, der Vernunft nicht gehorchend, bebte und pochte; und alles umher schien deswegen so -- und wieder auch nicht so . . . Aber schweigen Sie doch! . . . Die Petersburger Strae durchdringt im Herbst den ganzen Organismus: Sie macht das Knochenmark frieren; sie kitzelt das zitternde Rckgrat; trittst du aber von der Strae in einen warmen Raum, beginnt sie im Blute als Fieber zu kreisen. Diese Eigenschaft der Strae empfand jetzt der Unbekannte, in das Vorzimmer tretend, das erfllt war von schwarzen, blauen, grauen, gelben Mnteln, von burschikosen, langohrigen, stutzschwanzigen Mtzen und allerhand berschuhen. Warme Feuchtigkeit schlug ihm entgegen; in der Luft hing weilicher Dampf. Das Individuum mit dem Schnurrbrtchen trat, nachdem es seine berkleider in Verwahrung bergeben hatte, in den Saal . . . A--a--a . . . Ihn betubten zuerst die Stimmen. * * * Kre--e--ebse . . . aaa . . . ah--aa--ha . . . Sehen Sie, sehen Sie, sehen Sie . . . Sprechen Sie nicht . . . Me--emme . . . Und noch Wodka dazu . . . Aber wieso denn . . . aber gehen Sie . . . Was Sie nicht sagen . . . * * * Der Restaurantsaal war ein ziemlich schmutziger Raum; der Boden war mit Pasta bestrichen; die Wnde, von einem Schildermaler bemalt, stellten die Trmmer einer schwedischen Flottille dar, von deren Hhe Peter der Groe mit der Hand in die Ferne zeigte; und weiter sah der Beschauer waschblaufarbene Flchen als weimhnige Wlle ihm entgegenstrmen; durch den Kopf des Unbekannten aber strmte ein Wagen . . . * * * Wnschen Sie mit Sirup? wandte sich der dick aufgedunsene Wirt vom Schanktisch an unseren Unbekannten. Nein, ohne. Selbst aber dachte er: Warum war der Blick hinter dem Wagenfenster erschrocken? Die Augen waren hervorgetreten, wurden steinern und schlossen sich dann; der tote, rasierte Kopf wiegte sich und verschwand; der Rcken war nicht von der Peitsche eines grausamen Wortes erwrmt; die schwarz-wildlederne Hand schwang sich machtlos in der Luft; es war nicht eine Hand, es war nur ein . . . armseliges Hndchen . . . Noch ein Glas . . . * * * Dort weiter sa ein mig schwitzender Mann mit breitem Kutscherbart; in blauer Joppe, die geschmierten Schaftstiefel ber die graue Soldatenhose gezogen. Der mig schwitzende Mann trank ein Glas nach dem anderen. * * * Dreimal schluckte mein Unbekannter das scharfe, farblos glnzende Gift, dessen Wirkung an die Wirkung der Strae gemahnte. Speiserhre und Magen lecken mit vertrockneter Zunge seine rachevollen Flammen, das Bewutsein aber, des Krpers entledigt, sich um diesen zu wirbeln beginnt und wird unerhrt hell . . . Nur fr einen kurzen, einen Atemzug whrenden Augenblick. Und das Bewutsein des Unbekannten wurde fr einen kurzen, einen Atemzug whrenden Augenblick hell, und er erinnerte sich: die Arbeitslosen hungern; die Arbeitslosen hatten ihn gebeten, und er hatte ihnen versprochen; und er hatte von ihnen bekommen -- ja? Wo ist das Paketchen? Da ist es ja, hier -- neben ihm . . . Von ihnen hatte er das Paketchen bekommen. In der Tat: die Begegnung auf dem Newskij hat sein Gedchtnis verwirrt. * * * Der Unbekannte mit dem schwarzen Schnurrbrtchen setzte sich vor ein Tischchen, um den zu erwarten, der . . . Haben Sie Lust auf ein Glschen? Der mig schwitzende Brtige zwinkerte lustig. Danke . . . Warum nicht? Aber ich hab' schon getrunken . . . Trinken Sie noch eins, in meiner Gesellschaft . . . Mein Unbekannter berlegte etwas: Mitrauisch sah er den Brtigen an, griff erst nach dem feuchten Paketchen, dann griff er nach einem Zeitungsstck und deckte wie zufllig jenes Paketchen zu. Pltzlich . . . Doch von diesem Pltzlich spter einmal. Ein Schreibtisch stand dort Apollon Apollonowitsch suchte sich auf den laufenden Geschftstag einzustellen; pltzlich standen deutlich vor ihm die Berichte des gestrigen Tages; er sah vor sich die gefalteten, auf seinem Schreibtisch liegenden Akten, ihre Anordnung, die von ihm auf den Akten gemachten Notizen, die Buchstabenform der Schrift, den Bleistift, mit dem er blau Folge geben, rot Information geschrieben hatte. In der kurzen Zeit von der Treppe zum Arbeitszimmer vernderte Apollon Apollonowitsch durch eigenen Willen das Zentrum seines Bewutseins; alles Spiel des Gehirns wurde an den Rand des Gesichtsfeldes geschoben: ein Hufchen parallel gelegter Akten aber bekam seinen Platz im Zentrum jenes Feldes. Apollon Apollonowitsch ffnete die Tr des Arbeitszimmers. Der Schreibtisch stand auf seinem Platz, und ihn bedeckte ein Haufen von Akten; Holzscheite knisterten im Kamin; ehe er in die Arbeit versank, wrmte Apollon Apollonowitsch seine frierenden Hnde am Kamin; doch das Spiel des Gehirns fuhr fort, seine nebelhaften Flchen zu bauen und begrenzte das senatorische Gesichtsfeld. Apollon Apollonowitsch blieb in der Tr stehen -- denn -- wie nun anders? Das harmlose Gehirnspiel schob sich wieder in sein Gehirn, das heit in den Haufen von Akten und Bittgesuchen. Apollon Apollonowitsch erinnerte sich: das Individuum hatte er schon einmal gesehen. _Das Individuum sah er ein mal -- denken Sie -- im eigenen Hause._ Er wei noch: er stieg die Treppe hinab, um zum Empfang zu erscheinen; auf der Stiege stand Nikolai Apollonowitsch und unterhielt sich, ber die Brstung gelehnt, mit jemand, der unten stand: Nikolai ber seine Bekanntschaften auszufragen -- dazu hielt der Staatsmann sich nicht fr befugt; das Taktgefhl hinderte ihn auch damals geradeheraus zu fragen: Sag' mal, Nikolinka, wer ist es, der dich da besuchte, mein Engel? Nikolai htte die Augen zu Boden geschlagen und htte gesagt: Nun so, Vater, mich besuchen eben . . . Damit htte das Gesprch sein Ende gehabt. Deswegen hatte auch Apollon Apollonowitsch fr die Person des Individuums im dunklen Mantel, das unten stand, kein Interesse gezeigt. Der Unbekannte hatte dasselbe schwarze Schnurrbrtchen und dieselben Augen, dieselben absonderlichen Augen (solchen Augen knnen Sie nachts in der Moskauer Kapelle des Mrtyrers Panteleymon begegnen: diese Kapelle ist berhmt durch Heilung Besessener; solche Augen wrden Sie auf den Photographien sehen, die den Lebensbeschreibungen bedeutender Menschen beigegeben sind; und schlielich: solche Augen sehen Sie in neuropathischen und selbst psychiatrischen Anstalten). Schon damals hatten die Augen sich geweitet, zu spielen, zu glnzen begonnen; also war das schon einmal gewesen und wird sich vielleicht wiederholen. ber alles -- ja, ja . . . Notwendig . . . Genaueste Information . . . Seine genauesten Informationen bekam aber der Staatsmann nicht auf direktem, sondern auf verschlungenem Wege. * * * Apollon Apollonowitsch sah durch die Tr seines Arbeitszimmers: Schreibtische, Schreibtische! Haufen von Akten! ber die Akten gebeugte Kpfe! Kratzen der Federn! Knistern der umgeschlagenen Bltter! Was fr fieberhaft gigantische papierne Ttigkeit! Apollon Apollonowitsch versank beruhigt in die Arbeit. Seltsame Eigenschaften Das Gehirnspiel des Trgers diamantener Orden hatte seltsame, sehr seltsame, hchst seltsame Eigenschaften: Sein Schdel wurde zum Behlter gedanklicher Bilder, die sofort ihre Verkrperung in dieser Gespensterwelt fanden. Mit Rcksicht auf diesen seltsamen, sehr seltsamen, hchst seltsamen Umstand htte besser Apollon Apollonowitsch keinen seiner migen Gedanken von sich geworfen; denn jeder seiner migen Gedanken entwickelte sich hartnckig zu einem rumlich-zeitlichen Bilde und setzte seine -- jetzt nun unkontrollierbaren -- Handlungen auerhalb des senatorischen Kopfes fort. Apollon Apollonowitsch war in gewissem Sinne wie Zeus: aus seinem Kopfe entstiegen Gtter, Gttinnen und Genien. Wir haben es schon gesehen: einer dieser Genien (der Unbekannte mit dem schwarzen Schnurrbrtchen), als bloes Bild entstanden, begann dann in der gelblichen Newa-Rumlichkeit sein wirkliches _Sein_; dabei behauptete er, dieser Rumlichkeit, nicht dem senatorischen Kopf, entstammt zu sein; nun hatte aber auch der Unbekannte mige Gedanken; und auch diese besaen die gleichen Eigenschaften. Sie entflohen dem Hirn und wurden zu etwas Festem. Ein dem Kopfe des Unbekannten entflohener Gedanke war, da er, der Unbekannte, wirklich existiere; vom Newskij-Prospekt lief dieser Gedanke zurck in das Senatorhirn und befestigte in ihm das Bewutsein, die Existenz des Unbekannten in diesem Kopfe sei -- eine illusorische Existenz. So schlo sich nun der Kreis. Apollon Apollonowitsch war in gewissem Sinne wie Zeus: kaum wurde in seinem Kopfe die mit einem Paketchen bewaffnete Pallas -- der Unbekannte -- geboren, als schon aus ihm eine zweite, ebensolche Pallas hervorstieg. Diese letzte Pallas war das senatorische Haus. Das steinerne Ungeheuer war dem Hirn entflohen; und nun ffnet es seine gastliche Tr -- vor uns. * * * Der Lakai stieg die Treppe hinauf; er litt an Asthma; doch ist nicht von ihm jetzt die Rede, sondern von -- der Treppe: einer herrlichen Treppe! Die Stufen: weich waren sie wie die Windungen des Hirns. Doch diese Treppe zu beschreiben, ber die fters schon Minister gegangen waren, bleibt dem Autor keine Zeit, denn nun ist der Lakai schon oben im Saal . . . Aber auch -- der Saal: herrlich! Fenster und Wnde: die Wnde etwas kalt . . . Aber der Lakai ist schon im Salon. Wir betrachteten das schne Wohnhaus nach jenen allgemeinen Merkmalen, die der Senator an alle Dinge anzuwenden pflegte. -- So: -- In wei Gott welcher Zeit einmal in die freie Natur gekommen, erblickte hier Apollon Apollonowitsch dasselbe wie wir; d. h.: er sah eine blhende Natur; fr uns pflegt sie im Nu in einzelne Teile zu zerfallen: Veilchen, Butterblumen, Nelken; der Senator aber machte aus der Geteiltheit wieder eine Einheit. Wir wrden natrlich gesagt haben: Hier ist ein Gnseblmchen. Hier -- ein Vergimeinnicht . . . Apollon Apollonowitsch sagte einfach und kurz: Blumen . . . Eine Blume . . . Unter uns gesagt: Apollon Apollonowitsch hielt alle Blumen, wei Gott warum, fr Glckchen . . . Mit lakonischer Krze wrde er auch sein eigenes Haus charakterisieren; fr ihn bestand es aus Wnden (die bildeten Quadrate und Kuben), aus durchgeschlagenen Fenstern, aus Parkettbden, Sthlen, Tischen; weiter kamen Details . . . Der Lakai trat ins Vorzimmer . . . Und da wollen wir uns erinnern: alles, was an uns vorberglitt (Bilder, Klavier, Spiegel, Perlmutter-Inkrustation an den Tischchen), kurz alles, was vorberglitt an uns -- all das konnte keine rumliche Form besitzen: all das war nur Reizung der Hirnhaut, wenn nicht am Ende ein chronisches Kranksein . . . des Kleinhirns . . . Es entstand die Illusion eines Zimmers; sie zerflo dann aber spurlos, und hinter der Grenze des Bewutseins baute sie ihre nebelhaften Flchen; wenn der Diener die schwere Salontr hinter sich schlo, wenn seine Stiefel laut auf dem Korridorboden aufschlugen -- das alles war nur ein Pochen in den Schlfen: Apollon Apollonowitsch litt an Blutandrang gegen den Kopf, dessen Ursache die Hmorrhoiden waren. Hinter der zugeschlagenen Tr war kein Salon: es war . . . Hirnraum: Windungen, graue und weie Hirnmasse, die dicken Wnde aber, die aus funkelnden Pnktchen bestanden (bedingt durch den Blutandrang), diese nackten Wnde waren nur das bleierne Schmerzgefhl in den Nacken-, Stirn-, Schlfen- und Scheitelknochen, die zu dem wrdigen Schdel gehrten. Das Haus -- dieses steinerne Ungeheuer war kein Haus; es war ein Senatorkopf: Apollon Apollonowitsch sa vor dem Tisch, ber den Akten, durch Migrne bedrckt, mit dem Empfinden: sein Kopf sei sechsmal so gro und zwlfmal so schwer als er sein sollte. Seltsame, sehr seltsame, hchst seltsame Eigenschaften. Unsere Rolle Die Petersburger Straen haben eine unleugbare Eigenschaft: sie verwandeln die Passanten in Schatten; Schatten aber verwandeln sie in Menschen. Wir sahen es an dem Beispiel mit dem geheimnisvollen Unbekannten. Als der Gedanke im Senatorhirn entstanden, wurde er auf dem Newskij-Prospekt zu etwas Festem und folgt nun dem Senator durch unsere ganze bescheidene Erzhlung. Wir haben den Weg von der Straenkreuzung bis zur Millionenstrae beschrieben, den der Unbekannte gegangen war; wir beschrieben auch, wie er in dem kleinen Restaurant sa, bis zu dem vielsagenden Pltzlich, bei dem alles abbrach; mit dem Unbekannten geschah etwas pltzlich; eine unangenehme Empfindung berkam ihn. Untersuchen wir jetzt seine Seele; doch erst untersuchen wir das kleine Restaurant; dafr haben wir Grnde; wenn wir, der Autor, mit pedantischer Genauigkeit den Weg eines ersten besten Unbekannten beschreiben, so glaube uns der Leser: die Zukunft wird unser Verhalten rechtfertigen. Als der Unbekannte hinter der Tr des kleinen Restaurants verschwunden war und wir den Drang versprten, ihm zu folgen, wandten wir uns um und bemerkten zwei Silhouetten, die langsam den Nebel durchquerten; eine der Silhouetten war behbig und gro, doch ihr Gesicht konnten wir nicht unterscheiden (Silhouetten besitzen eben kein Gesicht); wir bemerkten jedoch: einen neuen aufgespannten seidenen Regenschirm, blendend glnzende Gummischuhe und eine Pelzmtze mit Ohrenklappen. Der Hauptbestand der zweiten Silhouette war die ausgemergelte Gestalt eines kleinen Mnnchens; das Gesicht zeichnete sich deutlich genug, doch wir sahen es nicht, gefesselt von der riesigen Warze. Wir taten, als betrachteten wir die Wolken und lieen das dunkle Paar an uns vorbeigehen; vor der Tr des Restaurants blieb besagtes Paar stehen und wechselte einige Worte: Hm? Hier . . . So dacht' ich's mir: Vorkehrungen sind getroffen; fr den Fall, da Sie mir ihn an der Brcke nicht zeigten. Und welche sind die Vorkehrungen? Ich lie jemand ins Restaurant sich hineinsetzen. Ach, wozu Sie nur Vorkehrungen treffen! Ich habe Ihnen gesagt: hundertmal hab' ich's Ihnen gesagt . . . Verzeihung, ich tat es aus Eifer . . . Erst htten Sie sich mit mir beraten sollen . . . Ihre Vorkehrungen sind gut . . . Nun sagen Sie es selbst . . . Ja, aber Ihre guten Vorkehrungen . . . Hm . . . Wie? . . . Ihre guten Vorkehrungen werden alles verwirren . . . * * * Das Paar machte fnf Schritte, blieb stehen. Und wieder wechselte es einige Worte: Hm! . . . Ich mu nun . . . Hm! . . . Ihnen Erfolg wnschen . . . Wie knnen da Zweifel bestehen: das Unternehmen ist im Zug wie ein Uhrmechanismus. Wenn ich selbst nicht dahinterstnde -- ich sagte Ihnen aus Freundschaft: die Sache ist sicher. Hm? Was meinten Sie? Verfluchter Schnupfen. Ich spreche von der Sache . . . Hm . . . Die Seelen sind wie Instrumente gestimmt: und bilden ein Konzert -- was meinen Sie? -- Dem Dirigenten hinter den Kulissen bleibt nur, das Stbchen zu schwingen. Senator Ableuchow wird ein Zirkular verfassen, der Unbekannte aber . . . Verfluchter Schnupfen . . . Nikolai Apollonowitsch wird . . . Kurz: ein Konzerttrio, und Ruland ist der Zuschauerraum; Sie verstehen mich? Verstehen? Warum schweigen Sie immer? Hren Sie: Sie sollten Ihr Gehalt beziehen . . . * * * Nein, Sie knnen mich nicht verstehen! Ich kann's schon; hm -- hm -- hm -- wo soll einer nur so viel Taschentcher hernehmen? Was ist los? Na, der Schnupfen! . . . Und wird das Tier -- hm -- hm -- hm -- nicht inzwischen Reiaus nehmen . . . Aber wo . . . Sonst nehmen Sie lieber Ihr Gehalt . . . Gehalt! Mir handelt es sich nicht um das Gehalt; ich bin Artist, verstehen Sie, Artist! In seiner Art . . . Wie? Nichts: ich kuriere mich mit Talglicht. Die Figur zog ein ganz durchntes Taschentuch hervor und begann sich wieder zu ruspern. Ich spreche ja von der Sache. Sie knnen es so ausrichten: Nikolai Apollonowitsch hat das Versprechen gegeben . . . Talglicht ist ein sehr gutes Mittel gegen Schnupfen . . . Richten Sie bitte alles aus, was ich Ihnen sagte: die Sache ist organisiert . . . Du reibst abends die Nase ein -- und am Morgen ist der Schnupfen verschwunden . . . Ich sage nochmals, die Sache ist organisiert wie ein Uhrwerk . . . Die Nase ist dann frei, du kannst wieder atmen . . . Wie ein Uhrmechanismus! . . . Ha? Wie ein Uhr--mecha--nismus, zum Teufel. Meine Ohren sind belegt, kann kaum hren. Uhr--en--mech . . . Apschi! . . . Das Taschentchlein spazierte wieder unter die Warze: zwei Schatten verloren sich wieder in nakaltem Grau. Bald tauchte der Schatten mit der Ohrenklappenmtze aus dem Nebel auf, blickte zerstreut auf die Spitze der Petropawlowschen Festung hinber. Und trat ins Restaurant ein. Und dabei glnzte fettig sein Gesicht Leser! Du kennst das Pltzlich. Warum versteckst du dann wie der Vogel Strau den Kopf in die Federn, wenn du das verhngnisreiche, unabwendbare Pltzlich nahen siehst? Hre also . . . Dein Pltzlich schleicht hinter deinem Rcken; du fhlst dich sehr beunruhigt: im Rcken entsteht eine unangenehme Empfindung, als wlzte sich gegen ihn wie gegen eine offene Tr eine Schar Unsichtbarer; du wendest dich und bittest die Wirtin: Gndige Frau, gestatten Sie, da ich die Tr schliee; ich ertrag's nicht, mit dem Rcken gegen eine offene Tr zu sitzen. Dein Pltzlich nhrt sich vom Spiel deines Hirns; gern frit es wie ein Hund die Gemeinheit deiner Gedanken; es schwillt an, du aber schmilzt dann wie ein Licht; sind deine Gedanken gemein und erfat dich ein Zittern, dann beginnt das Pltzlich, vollgefressen an allerhand Gemeinheit, wie ein gemsteter, unsichtbarer Kter vor dir her zu laufen, und ein Fremder bekommt den Eindruck, als seiest du durch eine schwarze unsichtbare Wolke vor den Blicken verdeckt. * * * Wir verlieen unseren Unbekannten im kleinen Restaurant. _Pltzlich_ wandte sich der Unbekannte rasch um: es schien ihm, als krche ein widerwrtig-schleimiges Etwas ihm hinter den Kragen und ber das Rckgrat hinweg. Hinter seinem Rcken war aber nichts; dster ghnte die Trffnung des Einganges, und durch die Tr wlzte sich das Unsichtbare. Da wurde es ihm klar: die von ihm erwartete Person schritt jetzt die Treppe herauf; gleich, sofort wird sie eintreten; aber sie ist noch nicht eingetreten; in der Tr hat sich noch niemand gezeigt. Doch whrend mein Unbekannter sich von der Tr abwandte, trat auch schon der unangenehme Dicke herein; whrend er sich dem Unbekannten nherte, knarrte der Fuboden unter seinen Fen; sein gelbliches, rasiertes, leicht zur Seite geneigtes Gesicht schwamm gemchlich in dem eigenen Doppelkinn, und dabei glnzte fettig sein Gesicht. Da wandte sich mein Unbekannter um; die _Person_ winkte ihm freundlich mit der Ohrenklappenmtze: Alexander Iwanowitsch . . . Lipantschenko! Ich bin's . . . Sie lieen auf sich warten. An dem Tische des Unbekannten Platz nehmend, rief die Person selbstzufrieden aus: Kaffee . . . Und -- hren Sie -- einen Kognak: meine Flasche haben Sie dort mit meinem Namen vermerkt. Und um sie herum hrte man: Hast du mitgetrunken? Jawohl . . . Mitgegessen? Jawohl . . . Was bist du dann, mit Verlaub, fr ein Schwein . . . * * * Vorsichtig! rief mein Unbekannter: der Dicke, den der Unbekannte mit Lipantschenko ansprach, wollte seinen Arm auf den Zeitungsfetzen legen, der ber dem Paket lag. Was denn? Da hob Lipantschenko den Zeitungsfetzen, sah das nasse Paketchen, und seine Lippen erbebten. Das . . . das . . . ist es? Ja, _das_ -- ist es . . . Lipantschenkos Lippen bebten noch immer. Wie sind Sie doch unvorsichtig, Alexander Iwanowitsch. Lipantschenko streckte seine hlzernen Finger aus; die falschen Steine seiner Ringe funkelten auf diesen geschwollenen Fingern mit den abgebissenen Ngeln (auf den Ngeln sah man Spuren derselben braunen Farbe, die seine Haare zeigten; ein aufmerksamer Beobachter wrde daraus schlieen: die Haare der Person waren gefrbt). Eine Bewegung nur (htte ich den Ellbogen darauf gelegt), dann wre es zu . . . einer Katastrophe gekommen . . . Und mit auerordentlicher Vorsicht legte die Person das Paket auf den Stuhl. Ha, wir wren dann, beide, witzelte unangenehm der Unbekannte. -- Wir wrden beide . . . Er schien sich zu weiden an der Verlegenheit der Person, die er -- wie wir von uns hinzufgen -- hate. Nicht meinetwegen, natrlich, sondern . . . Gewi, Ihretwegen nicht, sondern . . . * * * Und um sie herum hrte man: Mit >Schwein< haben Sie mich nicht zu beschimpfen . . . Aber ich schimpfte ja doch gar nicht. Freilich schimpften Sie: Sie warfen es mir vor, da Sie gezahlt haben . . . Was ist dabei? Neulich haben Sie gezahlt, heute zahl' ich . . . La dich kssen, Freund, fr diese Tat . . . Essen Sie nur, essen Sie, das wird schon richtiger sein. Na, das >Schwein< nicht belnehmen und essen -- essen tu' ich auch so schon . . . * * * Wissen Sie, Alexander Iwanowitsch, wissen Sie, mein Lieber, nehmen Sie dieses Paketchen, -- Lipantschenko schielte hinber -- und tragen Sie's gleich zu Nikolai Apollonowitsch. Ableuchow? Eben: zu ihm; zur Aufbewahrung. Aber gestatten Sie, aufbewahrt kann das Paket auch bei mir werden. Das ist ungeschickt: Sie kann man abfassen; _dort_ aber ist es sicher. Immerhin: das Haus des Senators Ableuchow . . . brigens, haben Sie schon von dem letzten Wort des ehrenvollen Alterchens gehrt? Da neigte sich der Dicke zum Unbekannten und flsterte ihm etwas ins Ohr. Sch--sch--sch . . . Ableuchow? Sch . . . Ableuchow? Sch--sch--sch . . . Mit Ableuchow? Jawohl, nicht mit dem Senator, sondern mit des Senators Sohn: wenn Sie ihn besuchen, bergeben Sie ihm geflligst zugleich mit dem Paket auch dieses Briefchen: da ist's . . . Lipantschenkos schmalstirniger Kopf wlzte sich wie eine Last gegen das Gesicht des Unbekannten; in ihren Hhlen lauerten prfend zwei bohrende uglein; die Lippe bebte leicht und sog an der Luft. Der Unbekannte mit dem Schnurrbrtchen horchte aufmerksam und suchte im Lrm der Stimmen den Inhalt des Geflsterten genau zu erfassen. Kaum hrbar flsterten die widerwrtigen Lippen, und es schien, als lge darin ein furchtbarer Inhalt, als flsterten sie von Welten und Planeten; bei genauem Zuhren aber erwies sich der Inhalt von einfachster Alltglichkeit. Sie bergeben ihm das Briefchen . . . Wie, steht denn Nikolai Apollonowitsch selbst in Beziehungen? Die Person zwinkerte mit den uglein und schnalzte mit der Zunge. Ich dachte, nur durch mich wird der Verkehr mit ihm vermittelt . . . Sie sehen nun -- das stimmt nicht . . . * * * Um sie herum hrte man: I, Freund, i . . . Hau' mir ein Stck vom Aspikfleisch herunter. Im Essen liegt die Wahrheit . . . Was ist die Wahrheit? Wahrheit ist das Ebare . . . Das wei ich auch . . . Wenn du's weit -- dann ist's gut. Gib den Teller her und i . . . * * * Der dunkelgelbe Anzug Lipantschenkos erinnerte den Unbekannten an die dunkelgelbe Tapete seines Zimmers auf der Wassiljewskiinsel -- an jene Farbe, die sich fr ihn mit der Schlaflosigkeit der weien Frhlings- und der dsteren Herbstnchte verband; und diese bse Schlaflosigkeit war es wohl, die jetzt vor ihm ein unheilvolles Gesicht mit schmalen, mongolischen Augen, das ihn so oft von jener gelben Tapete angesehen hatte, hervorrief. * * * Verzeihung, Lipantschenko, sind Sie Mongole? Warum diese sonderbare Frage? . . . So, mir schien's . . . In jedem Russen kreist ja mongolisches Blut . . . Was fr Kostmeur? Die Appartements Nikolai Apollonowitschs bestanden aus Schlaf-, Arbeits- und Empfangszimmer. Das Schlafzimmer: ein riesiges Bett, darauf eine rote Atlasdecke; ein feiner Spitzenberwurf ber die hoch aufgeschlagenen Kopfkissen. An den Wnden des Arbeitszimmers eichene Bcherschrnke mit Seidenvorhngen, die leicht auf ihren Messingringelchen nach links und rechts glitten; eine sorgliche Hand konnte den Inhalt der Fcher vor dem Beschauer verdecken oder aber eine Reihe von Einbandrcken sehen lassen, die mit der Aufschrift Kant geziert waren. Die Sitzmbel hatten dunkelgrnen Bezug, und herrlich war die Bste . . . eben desselben Kant natrlich. Seit zwei Jahren stand Nikolai Apollonowitsch nie vor Mittag auf. Zweieinhalb Jahre vorher pflegte er aber in frherer Stunde zu erwachen: um neun; und um halb zehn erschien er in geschlossener Studentenuniform beim Familienfrhstck. Vor zweieinhalb Jahren spazierte Nikolai Apollonowitsch nicht im bucharischen Schlafrock im Hause umher; das rote Kppchen hing nicht im orientalischen Salon; vor zweieinhalb Jahren verlie Anna Petrowna, die Mutter Nikolai Apollonowitschs, die Gattin Apollon Apollonowitschs, fr immer den huslichen Herd, inspiriert von einem italienischen Snger. Nach ihrer Flucht mit dem Snger erschien Nikolai Apollonowitsch auf dem Parkett des erkalteten huslichen Herdes im bucharischen Schlafrock; die tglichen Begegnungen von Vater und Sohn beim Morgenkaffee hrten von selbst auf. Den Kaffee bekam Nikolai Apollonowitsch ins Bett. Zu erheblich frherer Stunde als der Sohn geruhte Apollon Apollonowitsch seinen Kaffee zu trinken. Vater und Sohn trafen sich nur bei Tische; und auch da nur ganz kurz; am Morgen aber sah man Nikolai Apollonowitsch im Schlafrock; seine Fe staken in pelzverbrmten, tatarischen Pantffelchen, auf dem Kopfe aber hatte er ein rotes Kppchen. Der glnzende junge Mann wurde zum orientalischen Menschen. Nikolai Apollonowitsch hatte soeben einen Brief erhalten; einen Brief mit fremder Schrift; armselige Virsche von erotischer Nuance mit der verblffenden Unterschrift: Die flammende Seele. Nikolai Apollonowitsch begann, um die Virsche genauer zu studieren, hilflos durchs Zimmer zu kreisen; nach der Brille suchend, warf er Bcher, Federhalter und andere Kleinigkeiten durcheinander und brummte vor sich hin: Ah -- ah . . . Wo ist doch nur die Brille? Hol's der Teufel . . . Verloren? . . . Ha? Nein, so was! Nikolai Apollonowitsch pflegte ebenso wie Apollon Apollonowitsch mit sich selber zu sprechen. Seine Bewegungen waren rasch wie die Bewegungen seines exzellenten Vaters; wie Apollon Apollonowitsch war er klein von Gestalt, und das stets lchelnde Gesicht hatte denselben ruhelosen Blick; versank er jedoch in Betrachtung irgendeines Gegenstandes, dann wurde allmhlich dieser Blick steinern: trocken, klar und kalt zeichneten sich die Linien seines Antlitzes, wie das eines Heiligenbildes, berraschend durch besonderen, edlen Aristokratismus: das Edle des Gesichts zeigte sich besonders in der Stirn, die wie gemeielt war, mit angeschwollenen derchen: das rasche Pulsieren dieser derchen war ein deutliches Voranzeichen frhzeitiger Sklerose. Diese blulichen derchen entsprachen dem Blau um die riesigen kornblumenblauen Augen (nur in Augenblicken der Erregung waren diese Augen durch die erweiterten Pupillen schwarz). Wir sehen Nikolai Apollonowitsch vor uns mit seinem Kppchen auf dem Kopf; wrde er es abnehmen, erblickten wir eine ppige flachsweie Mhne, die den Trotzausdruck dieses kalten, fast rauhen Antlitzes milderte; schwerlich konnte man bald wieder bei einem Erwachsenen Haare von solcher Farbe finden; oft finden wir sie nur bei Dorfkindern, besonders in Weiruland. Er warf den Brief unachtsam fort und setzte sich vor ein aufgeschlagenes Buch hin; die gestrige Lektre, eine Abhandlung, entstand deutlich vor ihm. Er erinnerte sich des Kapitels und der Seite, des lenksamen Ganges der Gedanken und der am Rand des Buches gemachten Notizen; sein Gesicht, noch immer streng und klar, wurde lebhaft von Gedanken belebt. Hier in seinem Zimmer wuchs Nikolai Apollonowitsch in Wahrheit zu einem sich selbst berlassenen Zentrum; er wandelte sich in eine Serie aus dem Zentrum entstammender, logischer, fr Gedanken und Seele vorbestimmender Voraussetzungen, und dieser Tisch da: er war hier das einzige Zentrum des Alls -- des denkbaren und undenkbaren, alle onen der Zeit zyklisch durchlaufend. Aber kaum gelang es heute Nikolai Apollonowitsch, sich den Kleinlichkeiten des Lebens zu entziehen, dem Wirbel allmglicher Unvernehmbarkeiten, genannt Leben und Welt; kaum gelang es ihm, sich zu sich selbst zu erheben, als eine dieser Unvernehmbarkeiten sich in seine Welt gedrngt hat: Nikolai Apollonowitsch ri sich von seinem Buche los, es wurde geklopft. Na? . . . Was ist? Hinter der Tr antwortete eine dumpfe, ehrfurchtsvolle Stimme: Dort . . . . . . fragt jemand nach Ihnen . . . Wenn Nikolai Apollonowitsch sich auf einen Gedanken konzentrierte, sperrte er die Tr seines Arbeitszimmers ab: dann begann es ihm zu scheinen, als verwandelten sich augenblicklich er selbst und die Gegenstnde des Zimmers aus Dingen der realen Welt in nur gedanklich erfabare Symbole rein logischer Konstruktionen; der Zimmerraum und sein eigener Krper, der die Gefhlsfhigkeit verlor, wurden zum einzigen Sein-Chaos, von ihm das _All_ genannt; sein Bewutsein aber, abgesondert vom Krper, verband sich unmittelbar mit der elektrischen Lampe des Schreibtisches, von ihm genannt _Sonne des Bewutseins_. So hinter der abgesperrten Tr, Schritt fr Schritt seine zur Systemeinheit geschlossenen Stze berdenkend, fhlte er seinen Krper sich in das _All_, d. h. ins Zimmer, ergieen; der Kopf dieses _Krpers_ aber fand seinen Platz im dickbuchigen kleinen Zylinder der elektrischen Lampe mit dem zierlichen Schirm. Und so sich in einen anderen Raum versetzend, wurde Nikolai Apollonowitsch ein wahrhaft schpferisches Wesen. Das ist es, warum er es liebte, sich einzusperren: eine Stimme, ein Schritt oder ein fremdes Gerusch verwandelte das _All_ in ein Zimmer, das _Bewutsein_ in eine Lampe und zerstrte in Nikolai Apollonowitsch den willkrlichen Bau der Gedanken. So auch jetzt. Was ist's? Ich hre nicht . . . Aus den Fernen des Raumes antwortete des Lakaien Stimme: Jemand ist hier. * * * Das Gesicht Nikolai Apollonowitschs bekam den Ausdruck der Zufriedenheit. Ah, das ist wohl der Kostmeur? Er brachte mir das Kostm. Was ist es nur fr ein Kostmeur? Nikolai Apollonowitsch ging hinaus, bog sich ber die Brstung der Treppe und rief hinunter: Sind Sie's? Der Kostmeur? Vom Kostmeur? Hat er das Kostm geschickt? Und wieder fragen wir von uns aus: Was ist das nur fr ein Kostmeur? * * * Im Zimmer Nikolai Apollonowitschs lag nun ein Karton. Er sperrte die Tr ab; geschftig zerschnitt er die Kordel; hob den Deckel; dann zog er aus dem Karton: erst eine kleine Maske mit schwarzem Bart aus Spitzen, dann folgte ein hellroter prchtiger Domino mit rauschenden Falten. Bald stand er, ganz in Atlas und Rot, vor dem Spiegel, die Maske ber dem Gesicht hochhaltend, die schwarze Spitze des Bartes verschob sich und fiel auf die Schultern, rechts und links, wie zwei phantastische Flgel; und zwischen den schwarzen Spitzenflgeln blickte aus dem Spiegel qualvoll-seltsam im Halbdunkel des Zimmers das Eigentliche: das Gesicht, sein Gesicht, sein eigenes; Sie wrden sagen, dort im Spiegel sah Nikolai Apollonowitsch nicht sich selbst, sondern einen unbekannten, blassen, sehnsuchtskranken -- Dmon des Raumes. Nach dieser Maskerade packte Nikolai Apollonowitsch mit ungemein zufriedenem Gesicht erst den roten Domino, dann auch die Maske in den Karton. Feuchter Herbst Der feuchte Herbst lagerte ber Petersburg, und traurig glomm der septemberliche Tag. Wie ein grnlicher Schwarm zogen Wolkenflocken dahin, und verdichtet zum gelblichen Rauch, fielen sie auf die Dcher wie eine Drohung nieder. ber den Himmel einen Trauerbogen spannend, erhob sich ein dunkler Rustreifen von den Rauchfngen der Dampfer, der seinen Schwanz in die Newa versenkte. Und die Newa drhnte, stie durch die Pfeife des kleinen Dampfers gellende Schreie aus, ihre sthlernen Wasserschuppen zerbrachen an den steinernen Pfeilern; und ihre Zungen leckten den Granit; mit ihren kalten Newawinden berfiel sie und zerrte an Mtzen, Schirmen, Mnteln. Und berall in der Luft lagerte die fahlgraue Fulnis; von dort aber, wo auf dem Felsen[*] der nasse Reiter steht, blinkte das gelbe, grnberzogene Kupfer zur Newa, in die fahlgraue Fulnis hinber. [Funote *: Das berhmte aus Kupfer gegossene Denkmal Peters des Groen.] Auf diesem dsteren Fond des schwnzigen, berhngenden Rues der feuchten Kaisteine, die Augen auf das bazillenerfllte, trbe Newawasser gerichtet, zeichnete sich deutlich die Silhouette Nikolai Apollonowitschs im grauen Studentenmantel und seitlich sitzender Studentenmtze ab. Langsam bewegte sich Nikolai Apollonowitsch gegen die graue, dunkle Brcke. Vor der groen schwarzen Brcke blieb er stehen. Ein unangenehmes Lcheln erleuchtete fr einen Augenblick sein Gesicht und erlosch gleich wieder; die Erinnerung an eine unglckliche Liebe hatte ihn erfat, und er wurde von ihr wie vom Aufbrausen eines kalt-kalten Windes bedrngt; Nikolai Apollonowitsch erinnerte sich einer nebligen Nacht; in dieser Nacht hatte er sich bers Brckengelnder gebeugt; er hatte sich umgewandt und gesehen, da niemand ihm zusah; er hatte den Fu hochgehoben, und sein glatt-blanker Gummischuh hatte sich bers Gelnder geschwungen und -- so war er -- mit hochgehobenem Fu stehengeblieben; es sollte scheinen, da daraus weitere Folgen sich ergeben mten; doch . . . Nikolai Apollonowitsch war mit hochgehobenem Fu stehengeblieben. Einige Augenblicke spter hatte er seinen Fu wieder zurckgezogen. Damals eben reifte in ihm der unberlegte Plan: einer leichtsinnigen Partei ein furchtbares Versprechen zu geben. Dieser unglcklichen Tat jetzt gedenkend, lchelte Nikolai Apollonowitsch in unangenehmster Weise. So bog er auf den Newskij-Prospekt ein; es begann zu dmmern; in den Auslagen blinkten bald da, bald dort Lichter auf. Ein schner Mann, hrte Nikolai Apollonowitsch immer wieder sagen. Eine antike Maske . . . Apollo vom Belvedere. Ein schner Mann . . . So sprachen die ihm begegnenden Damen wohl von ihm. Dieses blasse Gesicht . . . Dieses marmorne Profil . . . Gttlich . . . Die ihm Begegnenden sagten es zueinander. Wre Nikolai Apollonowitsch aber mit einer der Damen ins Gesprch gekommen, sie wrde fr sich gedacht haben: Scheusal . . . Dort, vor einer Einfahrt, wo zwei melancholische Lwen spttisch die Tatzen auf die grauen Granitplatten legten, dort, an diesem Platz, blieb Nikolai Apollonowitsch stehen und sah verwundert in den Rcken eines vor ihm schreitenden Offiziers. Er holte diesen ein: Ssergeij Ssergeijewitsch! Der Offizier wandte sich um und sah mit einem Schatten des rgers durch die blauen Brillenglser, wie, sich ihm nhernd, die kleine Figur im Studentenmantel von der Einfahrt herkam, wo zwei melancholische Lwen mit glatten Granitmhnen spttisch die Tatzen bereinander gelegt haben. Fr einen kurzen Augenblick wurde das Gesicht des Offiziers von einem Gedanken erleuchtet; das leichte Beben der Lippen lie vermuten, da er erregt war; als schwankte er: _erkennen_ oder _nicht_. Ah, guten Abend! Wohin? Ich gehe zur Pantelemonstrae, log Nikolai Apollonowitsch, um mit dem Offizier durch die Moika zu gehen. Gehen wir zusammen, bitte. Wohin gehen Sie? log wieder Nikolai Apollonowitsch, um mit dem Offizier durch die Moika zu gehen. Ich -- nach Hause. Dann haben wir denselben Weg. Beide schienen das Berhren einer schweren Vergangenheit vermeiden zu wollen, und sie leiteten sogleich das Gesprch auf anderes ber: sie sprachen vom Wetter, dann davon, da die Unruhe der letzten Tage ungnstig auf die philosophischen Arbeiten Nikolai Apollonowitsch' gewirkt, von den Schwindeleien, die der Offizier in der Proviantierungskommission (er versorgte dort irgendein Amt) aufgedeckt haben wollte. So unterhielten sie sich whrend des ganzen Weges. Und nun kam die Moikastrae. Adieu, also . . . Sie gehen ja weiter? Das Herz Nikolai Apollonowitschs begann eifrig zu pochen; etwas wollte er sagen; und doch, nein: er sagte es nicht; einsam stand er nun vor der zugeschlagenen Tr; ihn packte die Erinnerung an eine verunglckte Liebe, vielmehr -- an einen sinnlichen Trieb -- und blau pulsierten die derchen an den Schlfen; er sann jetzt ber seine Rache; er sann ber die boshafte Verhhnung seiner Gefhle von seiten der, die hinter diesem Vestibl wohnte; schon seit nahezu einem Monat sann er ber seine Rache; doch -- jetzt kein Wort mehr davon! * * * Nikolai Apollonowitsch sah nicht den Newskij-Prospekt, noch immer stand das graue Haus vor seinen Augen; Fenster, hinter den Fenstern Schatten; hinter den Fenstern vielleicht lustige Stimmen: die des gelben Krassiers, Baron Ommau-Ommergau; die des blauen Krassiers, Graf Awen; und ihre -- ihre Stimme . . . Da sitzt Ssergeij Ssergeijewitsch, der Offizier, und wirft vielleicht unter den Witzen dazwischen: Und ich bin jetzt mit Nikolai Apollonowitsch gegangen. Im Arbeitszimmer eines hohen Verwaltungsamtes Hier, im Arbeitszimmer des hohen Verwaltungsamtes, wuchs Apollon Apollonowitsch zu einem wahrhaften Zentrum heran: in eine Serie von Staatsmtern, Abteilungen und grnen Tischen. Hier war er, der Kraft aussendende Punkt, der Kreuzungspunkt der Krfte, und der Impuls unzhliger, reich gegliederter Manipulationen. Hier war Apollon Apollonowitsch eine Kraft im Newtonschen Sinne; Kraft im Newtonschen Sinne aber ist, wie Sie sicher wissen, eine okkulte Kraft. Hier war er die letzte Instanz. Apollon Apollonowitsch war heute besonders genau: bei Entgegennahmen der Berichte winkte er kein einziges Mal mit dem nackten Schdel; Apollon Apollonowitsch frchtete Schwche zu zeigen: bei Erfllung der amtlichen Pflichten! . . . Schwer fiel es ihm heute, sich zur logischen Klarheit zu erheben: wei Gott wieso -- doch Apollon Apollonowitsch kam zu dem Schlusse, da sein eigener Sohn Nikolai -- ein ausgemachter Schuft sei . . . * * * Im Begriff, vor die Schar wartender Bittsteller zu treten, lchelte Apollon Apollonowitsch; dieses Lcheln aber kaum aus Schchternheit: was mochte nur seiner hinter der Tr harren . . . Apollon Apollonowitsch verbrachte sein Dasein zwischen zwei Schreibtischen, zwischen dem seines eigenen Arbeitszimmers und dem des Verwaltungsamtes. Ein dritter beliebter Ort war fr ihn sein Wagen. Und nun war er -- schchtern. Schon ging die Tr auf; der Sekretr, ein junger Mann mit einem etwas liberal ber die Bruststrke hngenden Orden, flog der hohen Persnlichkeit entgegen, und dabei knisterte ehrfurchtsvoll der berstrkte Rand seiner schneeweien Manschette. Auf seine schchterne Frage brllte ihn Apollon Apollonowitsch an: Nein, nein! . . . Machen Sie so, wie ich gesagt habe . . . Die kalten Finger Apollon Apollonowitsch Ableuchow im grauen Mantel und hohen schwarzen Zylinder mit steinernem, an einen Briefbeschwerer mahnendem Gesicht, sprang rasch aus dem Wagen und lief ber die Stufen des Entresols, im Gehen den schwarzen Wildlederhandschuh herunterstreifend. Rasch trat er ins Vorzimmer. Der Zylinder wurde mit Vorsicht dem Lakai berreicht. Mit derselben Vorsicht wurden Mantel, Portefeuille und Cachenez bergeben. Apollon Apollonowitsch stand vor dem Lakai in Nachdenken versunken; pltzlich wandte er sich an ihn mit der Frage: Haben Sie die Freundlichkeit, mir zu sagen: kommt fters hierher ein junger Mann -- ja: ein junger Mann? Ein junger Mann? Verlegenes Schweigen: Apollon Apollonowitsch fand keine andere Formulierung seines Gedankens. Der Lakai aber war nicht imstande, zu erraten, von welchem jungen Mann der gndige Herr sprach. Junge Leute, Exzellenz, kommen hierher selten . . . Na, und . . . junge Leute mit Schnurrbrtchen? Mit Schnurrbrtchen? Mit schwarzen . . . Mit schwarzen? Na ja, und . . . in einem Mantel . . . Alle kommen in Mnteln . . . Ja, aber mit aufgeschlagenem Kragen . . . Etwas erleuchtete den Diener. Ah, Sie sprechen von dem, der . . . Na ja, von dem . . . Einmal war so einer hier . . . er kam zum jungen Herrn: aber es ist schon lange her; ja, jawohl . . . der kommt schon hie und da . . . Wie denn? Jawohl, ja! Mit Schnurrbrtchen? Ganz richtig! Mit schwarzem? Mit schwarzem Schnurrbrtchen! Und einem Mantel mit aufgeschlagenem Kragen? Ganz richtig . . . Apollon Apollonowitsch stand einen Augenblick wie angewurzelt da, dann pltzlich ging Apollon Apollonowitsch weiter. Die Treppe war mit grauem Plschteppich bedeckt; die Treppe war -- naturgem -- von schweren Wnden begrenzt; diese Wnde waren mit grauen Plschteppichen bespannt. An den Wnden blinkten die Ornamente altertmlicher Waffen, unter einem rostgrnen Schild glnzte das Gold einer litauischen Mtze; es funkelte der kreuzfrmige Griff eines Ritterschwertes; hier rosteten Schwerter; dort neigten sich, schwer bereinander, Hellebarden; bunt in seinem Matt zeichnete sich der vielringelige Panzer; und mit dem Sechserlauf nach unten hing da eine alte Pistole. Oben ber der Treppe befand sich eine Balustrade; eine weie Niobe hob hier auf einem Sockel aus mattweiem Alabaster ihre alabasternen Augen gen Himmel. Sich mit der knochigen Hand auf den geschliffenen Kristallgriff sttzend, ffnete Apollon Apollonowitsch mit Nachdruck die Tr; kalt klangen in dem riesigen, bermig in die Lnge gezogenen Saal seine Schritte. So geschieht's immer ber den leeren Petersburger Straen schwebten arm beschienene Undeutlichkeiten; jagend berholten einander abgerissene Wolkenflocken. Ein phosphoreszierender Fleck flog matt und tot am Himmel; in phosphoreszierendem Glanz lag neblig des Firmamentes Tiefe, und davon durchglnzt war das Eisen der Dcher und Rauchfnge. Da flo das grne Wasser des Moikakanals, und an einem seiner Ufer erhob sich das dreistckige Haus mit seinen fnf weien Sulen. Dort auf dem lichten Fond des lichten Gebudes schritt langsam ein Krassier Ihrer Majestt: ein goldener, glitzernder Helm sa auf seinem Kopfe. Und die silberne Taube ber dem Helm breitete weit ihre Flgel aus. Nikolai Apollonowitsch, parfmiert und rasiert, ging, gehllt in Pelz, ber die Moika; sein Kopf war in den Mantel gesunken, und seltsam leuchteten die Augen; in der Seele erhoben sich Schauer -- die keinen Namen besaen; in ihr sang etwas Banges, Ses. Er dachte: dies da -- ist _dies_ auch Liebe? Er erinnerte sich: es war eine neblige Nacht, er rannte aus jenem Vestibl dort heraus und lief ber die eiserne Petersburger Brcke, um dort auf der Brcke . . . Er erbebte. Eine Lichtgarbe flog an ihm vorber: ein schwarzer Hofwagen raste vorbei; an den leuchtenden Fenstervertiefungen _jenes_ Hauses glitten seine roten, wie blutunterlaufenen Laternen vorbei; in die schwarze, strmende Mainacht gossen diese Laternen fr kurze Augenblicke Spiel hinein und Glanz; der gespensterhafte Abri vom Dreimaster des Lakais und der Abri von flatterndem Uniformkragen huschten zugleich mit dem Licht aus dem Nebel, um sich im Nebel zu verlieren . . . Nikolai Apollonowitsch stand kurze Zeit nachdenklich vor dem Haus; wild schlug das Herz in seiner Brust -- pltzlich verschwand er im wohlbekannten Vestibl. In frherer Zeit trat er jeden Abend hier ein; jetzt hat er ber zweieinhalb Monate diese Schwelle nicht betreten; und nun berschritt er sie wie ein Dieb. Die Entreetr ffnete sich vor ihm, und als sie zufiel, schlug ihn der Laut von diesem Zuschlagen in den Rcken; Finsternis umfing ihn, als wre hinter ihm alles in einen Abgrund versunken (so ist's wohl im ersten Augenblick nach dem Tode, wenn von der Seele der Tempel des Krpers in den Abgrund des Verwesens hinabsinkt); doch an den Tod dachte jetzt Nikolai Apollonowitsch nicht -- fern war der Tod; auf die kalten Stufen setzte er sich hin, vor die Tr einer Wohnung, das Gesicht vergraben in den Pelz, und horchte auf das Klopfen seines Herzens; schwarze Leere lag hinter seinem Rcken; schwarze Leere breitete sich vor ihm. So sa Nikolai Apollonowitsch im Dunkel. * * * Ein weiblicher Schatten, das Gesicht im kleinen Muff vergraben, lief ber die Moika und nherte sich ebendemselben Haus, wo auf der kalten Stufe hinter der Tr Nikolai Apollonowitsch sa. Die Tr ging auf und schlug hinter ihr zu; Finsternis umfing sie, als wre alles hinter ihr in einen Abgrund versunken; die kleine schwarze Dame dachte an so einfache, irdische Dinge, nun wird sie gleich die Teemaschine auftragen lassen; sie fhrte schon die Hand an die Glocke, und da -- sah sie: eine Gestalt, wie es schien, eine Maske erhob sich vor ihr von den Stufen. Als die Wohnungstr aufging und in das Dunkel des Stiegenhauses sich fr einen Augenblick eine Lichtwelle ergo, besttigte der Schrei des Stubenmdchens die Wunderlichkeit der Erscheinung. In der hellen Beleuchtung erschien ein Bild von unbeschreiblicher Seltsamkeit, und die schwarze Gestalt der kleinen Dame rannte durch die geffnete Tr. Hinter ihrem Rcken aber erhob sich im Dunkel seidenrauschend ein dunkelflammenroter Bajazzo mit brtigem, zappelndem Lrvchen. Lautlos und langsam glitt von den Schultern ber den rauschenden Atlas der Pelzmantel hinunter, zwei rote Arme streckten sich sehnschtig gegen die Tr. Aber die Lichtgarbe zerschneidend, schlo sich die Tr und stie das Stiegenhaus zurck in die Leere, ins Dunkel. * * * Eine Sekunde spter lief Nikolai Apollonowitsch auf die Strae hinaus; aus den Falten seines Mantels quoll ein Stck roter Seide hervor; die Nase in den Studentenmantel vergraben, galoppiert Nikolai Apollonowitsch Ableuchow in die Richtung der Brcke. Ende des ersten Kapitels. Zweites Kapitel Tagesschau Es ist -- eine Sage aus der Wirklichkeit . . . hier die Zeitungsausschnitte von jener Zeit (der Autor wird schweigen): zugleich mit Mitteilungen ber Diebsthle, Vergewaltigungen, ber das Verschwinden eines Schriftstellers haben wir eine Reihe interessanter Notizen: eine durchgehende Phantastik oder so was, vor der jeden Leser des Conan Doyle schwindeln mte: kurz -- hier die Zeitungsausschnitte. _Tagesschau_. _Erster Oktober_. Wir geben einen hchst geheimnisvollen Vorfall wieder, der uns von der Kursistin N. N. mitgeteilt wurde. Am ersten Oktober ging die Kursistin N. N. in der Abendstunde an der Tschernyschow-Brcke vorbei. Dorten beobachtete sie ein sehr sonderbares Schauspiel: am Ufer des Kanals neben dem Brckengelnder tanzte in der nchtlichen Dunkelheit ein roter Atlasdomino, ber dem Gesicht trug derselbe eine schwarze Spitzenmaske. _Zweiter Oktober_. Nach Wiedergabe der Volkslehrerin M. M. teilen wir dem geehrten Publikum einen geheimnisvollen Vorfall mit, der sich neben einer der Vorstadtschulen zutrug. Die Volkslehrerin M. M. war gerade mit dem Vormittagsunterricht in der O.-Volksschule beschftigt; die Fenster der Schule gehen auf die Strae; pltzlich begann sich auf der Strae vor den Fenstern ein mchtiger Staubwirbel zu drehen; natrlich strzte die Lehrerin und mit ihr, die lustige Kinderschar zum Fenster; man denke sich aber die Bestrzung der Kinder und ihrer Klassenlehrerin, als der rote Domino, der sich im Zentrum des von ihm aufgewirbelten Staubes befand, sich dem Fenster nherte und seine schwarze Spitzenmaske gegen die Scheibe drckte. Der Unterricht in der O.-Volksschule wurde eingestellt . . . _Dritter Oktober_. Whrend der spiritistischen Sitzung im Hause der ehrenwerten Baronin R. R. hatten die Anwesenden gerade eine spiritistische Kette gebildet, als ein roter Domino sich in die Kette mischte und im Tanzen mit der Falte seines berwurfs die Nasenspitze des Geheimen Rates S. berhrte. Der Arzt der G.-Klinik konstatierte eine starke Verbrennung: wie es heit, wird die Nasenspitze lilafarbene Flecke bekommen. Kurz, berall -- der rote Domino. Endlich: _Vierter Oktober_. Die Bevlkerung des Vorortes I. ergriff einmtig vor dem roten Domino die Flucht; es wurden eine Reihe von Protestkundgebungen veranstaltet: in den Vorort N. ist eine Kosakenabteilung abgegangen. Der Domino, der Domino -- was hatte es damit fr eine Bewandtnis? Ein wrdiger Mitarbeiter einer sicher wrdigen Zeitung, der fnf Kopeken fr die Zeile bekam, hatte beschlossen, eine Geschichte als Stoff zu benutzen, die er in einem bekannten Hause gehrt hatte; die Wirtin dieses Hauses aber war eine Dame. Es handelt sich also um einen wrdigen Zeitungsreporter, der per Zeile honoriert war; und es handelte sich um eine Dame. Von ihr wollen wir nun beginnen. Eine Dame: hm! und eine hbsche . . . Was ist eine Dame? Die Eigenschaften einer Dame hat noch nicht einmal der Chiromant zu entdecken vermocht; wie soll sich nun ein Psychologe -- pfui! -- ein Schriftsteller an dieses Geheimnis wagen? Das Geheimnis wird tiefer, wenn die Dame jung ist und wenn man von ihr sagt, sie sei hbsch. Also: es war eine Dame; sie besuchte aus Langerweile Kurse; und wieder aus Langerweile vertrat sie zuweilen die Lehrerin der O.-Volksschule, wenn sie nicht am Abend vorher im Spiritistenzirkel gewesen war. Im Hause dieser Dame verbrachte der Zeitungsreporter seine Abende. Diese Dame erzhlte ihm lachend, sie habe soeben im dunklen Stiegenhaus einen roten Domino gesehen. Dieses harmlose Gestndnis einer hbschen Dame, in die Rubrik Tagesschau gekommen, wuchs zu einer Serie ruhebedrohender, nie gewesener Vorflle heran. Sofja Petrowna Lichutina Jene Dame . . . Aber jene Dame war Sofja Petrowna; ihr mssen wir sogleich viele Worte widmen. Sofja Petrowna zeichnete sich durch einen mehr als ppigen Haarwuchs aus, und sie war auerordentlich schlank; wrde sie ihre schwarzen Haare auflsen -- diese schwarzen Haare wrden ihre ganze Gestalt einhllen, bis ber die Knie; und sie waren so schwarz, da es keinen schwrzeren Gegenstand gab. Sei's die Flle ihrer Haare oder deren Schwrze, aber Sofja Petrownas Oberlippe zeigte einen Flaum, der ihr fr spter mit einem regelrechten Schnurrbrtchen drohte. Sofja Petrowna besa einen ungewhnlichen Teint, ihre Gesichtsfarbe war einfach die Farbe der Perle, vom Wei der Apfelblten, doch mit zartem Rosa dazu. Die uglein Sofja Petrownas waren keine uglein, sondern -- wenn ich nicht frchtete, prosaisch zu werden, ich sagte: -- Riesenaugen, von dunkler, blauer -- von dunkelblauer Farbe. Diese Augen waren bald funkelnd, bald matt, bald schienen sie stupid, wie abgefrbt -- und sie schielten. Ihre hellroten Lippen waren gro, viel zu gro, aber . . . die Zhnchen (ach, die Zhnchen!): wie Perlen waren die Zhnchen! Und dazu -- ein kindliches Lachen . . . Dieses Lachen gab den vorstehenden Lippen einen besonderen Reiz; und ein besonderer Reiz lag in der schlanken, wieder allzu schlanken Gestalt: ihre Bewegungen, auch die ihres nervsen Rckens, waren bald rasch, bald trge -- bis zur Hlichkeit plump. Sofja Petrowna trug ein schwarzes Wollkleid, das im Rcken geknpft war. Ach, Sofja Petrowna. Sofja Petrowna Lichutina bewohnte eine kleine Wohnung in der Moikastrae; grelle, lrmende Farben fielen dort wie Kaskaden von den Wnden nieder: feuerrote, himmelblaue; japanische Fcher, Spitzen, Anhngsel, Schleifen; an den Lampen Atlasschirme und Atlasflgel, die tropischen Schmetterlingen glichen; es war, als schwebte ein Schwarm dieser Schmetterlinge, die Wnde verlassend, um Sofja Petrowna Lichutina. Sofja Petrowna behngte die Wnde mit japanischen Landschaften; was diesen Landschaften gnzlich fehlte, war die Perspektive. Aber auch in den Zimmern, vollgestopft mit Sofas, Puffs, Fchern und lebenden japanischen Chrysanthemen -- fehlte die Perspektive; die Perspektive ergab nur der Atlasalkoven, aus dem Sofja Petrowna hervorschwebte, das flsternde Schilf ber der Tr, durch die sie gleitend hereinschritt; der Berg Fusi-Jama -- der farbige Hintergrund fr ihre prchtigen Haare; es mu gesagt sein: wenn Sofja Petrowna Lichutina in ihrem rosa _Kimono_ des Morgens von der Tr zum Alkoven schwebte, war sie eine echte kleine Japanerin. Perspektive aber gab es hier keine. Es waren winzige Zimmerchen; und jedes fllte ein riesengroer Gegenstand aus. Das Bett war dieser riesige Gegenstand im winzig kleinen Schlafzimmer; die Wanne war es im winzigen Badezimmer; im Salon war es -- der hellblaue Alkoven; Tisch und Kredenz waren es im Speiseraum; dieser Gegenstand im Dienstbotenraum war das Dienstmdchen; dieser Gegenstand im Herrenzimmer war selbstredend der Gatte. Woher also sollte hier Perspektive kommen? Alle sechs Zimmerchen wurden durch Dampfheizung erwrmt, und in der Wohnung erstickte man deshalb fast vor feuchter Treibhauswrme; die Fensterscheiben schwitzten; und die Besucher Sofja Petrownas schwitzten; ewig schwitzten die Dienstboten und der Gatte; Sofja Petrowna selbst war mit leichter Dunstwolke bedeckt, wie die japanischen Chrysanthemen mit Tau. Wie konnte nun in diesem Treibhaus eine Perspektive entstehen? Und es gab auch _keine_. Die Besucher Sofja Petrownas Sofja Petrowna unterhielt nicht ihre Besucher: war dieser ein junger Mann aus der Gesellschaft, der das Vergngen liebte, dann hielt sie es fr ntig, zu all seinen witzigen, nicht ganz witzigen sowie ganz ernsten Worten zu lachen; sie wurde purpurn vor Lachen, und ihre kleine Nase bedeckte sich mit Schweiperlchen; der mondne junge Mann wurde, wei Gott weshalb, auch purpurn, und seine Nase bedeckte sich mit Schweiperlchen; der mondne junge Mann wunderte sich ber das junge, aber doch unmondne Lachen und rumte Sofja Petrowna innerlich einen Platz unter den Demimondnen ein. Inzwischen erschien auf dem Tisch eine Sammelbchse mit der Inschrift Fr wohlttige Zwecke, und Sofja Petrowna Lichutina rief lachend: Sie haben wieder eine >Fifka< gesagt -- Sie haben zu zahlen. Sofja Petrowna hatte seit kurzem eine Sammlung zugunsten der Arbeitslosen angelegt, und jeder, der eine gesellschaftliche >Fifka<, d. h. eine gewollte Dummheit, sagte, mute -- zahlen; das Wort Fifka leitete sie von fi . . .[*] ab. Und Baron Ommau-Ommergau, der gelbe, Ihrer Majestt Krassier, Graf Awen, der blaue Krassier, der Leibhusare Sporyschew und Werhefden, Sekretr im Amte Ableuchows, lauter mondne junge Leute, sprachen eine Fifka nach der anderen und warfen eine Silbermnze nach der anderen in die Bchse. [Funote *: pfui.] Warum kamen nur zu ihr so viele Offiziere? Mein Gott, sie tanzte ja auf Bllen; war hbsch, ohne Demimondne zu sein; und schlielich war sie selbst Offiziersgattin. War ihr Besucher Musiker oder Musikliebhaber, erklrte ihm Sofja Petrowna, da ihre Gtter -- die Duncan und der Nikisch seien (sie sagte aber Dunkn und Niksch), da sie selbst Meloplastik zu erlernen gedenke, um den Walkrenflug in -- ja, man denke nur! -- in Bayreuth zu tanzen. Doch erschttert durch die falsche Aussprache der Namen kam der Besucher bald zu dem Schlusse, Sofja Petrowna Lichutina sei nichts weiter als einfach ein Gnschen; und sein Verhalten wurde ein wenig ungezwungen; inzwischen aber brachte das sehr hbsche Stubenmdchen das Grammophon ins Zimmer: und aus der Kehle des roten Blechrohres ergo sich ber den Gast der Flug der Walkre. Sofja Petrownas Besucher zerfielen in zwei selbstndige Gruppen: die zur Gesellschaft Gehrenden und die _sozusagen_ Besucher, die keine waren, denn sie waren -- gern Gesehene -- etwas fr die Seele; diese sozusagen Besucher gaben sich keine Mhe -- nicht die geringste! --, in das Treibhuschen zu gelangen. Mit Gewalt fast lockte sie Engel Peri -- wie die Offiziere sie nannten -- zu sich; und war das geschehen, dann erwiderte sie sofort den Besuch; in ihrer Gesellschaft sa Engel Peri mit geschlossenem Mndchen: sie lachte nicht, kokettierte nicht im geringsten, war uerst schchtern und, whrend die sozusagen Besucher strmisch miteinander debattierten, war sie stumm. Man hrte Revolution -- Evolution. Und wieder Revolution -- Evolution. Immer ber dasselbe debattierten die _sozusagen_ Besucher; es war nicht die Jeunesse dor, es war die einfache, arme Jugend, Studierende, die mit den Fremdwrtern: soziale Revolution und soziale Evolution stolzierten. Engel Peri verwechselte konsequent diese beiden Worte. Der Offizier Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin Unter den Studierenden befand sich eine hufige Besucherin des Hauses Lichutin, eine in diesem Kreise geschtzte Persnlichkeit: die Studentin Warwara Ewgrafowna. Unter dem Einflu der Studentin gab sich Engel Peri dazu her, einen -- denken Sie! -- Meeting zu besuchen. Unter dem Einflu der Studentin stellte auch Engel Peri die Sammelbchse mit der verschleierten Inschrift Fr Wohlttigkeit auf den Tisch. Die Bchse war natrlich nur fr die Besucher bestimmt; die zu den _sozusagen_ Besuchern Gehrenden waren vom Zahlen befreit; die Zahlenden waren Graf Awen, Baron Ommau-Ommergau, Sporyschew und Werhefden. Unter dem Einflu der Studentin begann Engel Peri die O.-Schule zu besuchen und ochste verstndnislos das Manifest von Karl Marx. Zu dieser Zeit nmlich besuchte sie tglich der Student Nikolenka Ableuchow, den sie ohne Risiko sowohl mit Warwara Ewgrafowna (die in Nikolenka verliebt war) als auch mit Ihrer Majestt gelbem Krassier bekannt machen konnte: der Sohn Ableuchows war natrlich berall willkommen. brigens huschte Engel Peri seit einiger Zeit heimlich zu den Spiritisten hinber, im Hause der Baronin . . . (na, wie heit sie nur?), die ins Kloster gehen wollte. Seit dieser Zeit auch lag auf Sofja Petrownas Tischchen ein prachtvoll gebundenes Bchlein _Der Mensch und sein Krper_ von einer gewissen Henri Besanon (Sofja Petrowna hatte wieder die Namen verwechselt: es war nicht Henri Besanon, sondern Anni Besant). Ihre neue Passion verheimlichte Sofja Petrowna sorgfltig sowohl vor dem Baron Ommau-Ommergau wie auch vor Warwara Ewgrafowna; und aufs Verheimlichen verstand sich Engel Peri in bewunderungswrdiger Weise: so ist Warwara Ewgrafowna bei ihr nie auf Graf Awen und Baron Ommau-Ommergau gestoen. Was dahinter gesteckt haben mochte -- wei der Himmel! Es gab noch einen unter den Besuchern Sofja Petrownas; einen Offizier, Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin; eigentlich war er ihr Gatte; er war irgendwo in der Proviantverwaltung ttig; frhmorgens verlie er das Haus; vor Mitternacht erschien er nie wieder; gleich sanft begrte er die Besucher und die _sozusagen_ Besucher; mit derselben Sanftheit sprach er aus Hflichkeit eine Fifka und zahlte eine Mnze; oder er nickte bescheiden bei den Worten Revolution -- Evolution, trank eine Tasse Tee und ging in sein Zimmer. Im Grunde genommen wre Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin den Besuchern wie den _sozusagen_ Besuchern gern ferngeblieben. Im Grunde genommen htte er gern die Spiritistensitzungen bei der Baronin besucht; doch lag es ihm fern, seinen bescheidenen Wunsch als Gatte geltend zu machen; denn er war kein Despot: Sofja Petrowna liebte er mit der ganzen Kraft seiner Seele; ja, noch mehr: er hatte vor zweieinhalb Jahren gegen den Willen seiner Eltern, steinreicher sibirischer Gutsbesitzer, geheiratet; sein Vater verfluchte ihn deswegen und entzog ihm das Geld; da trat er, unerwartet fr alle, bescheiden in das Gregorische Regiment ein. Und noch ein Besucher war da: der schlaue Kleinrusse Lipantschenko; er war ein sinnlicher Mensch und nannte Sofja Petrowna nicht Engel, sondern Herzchen; doch hielt er sich in den Grenzen der Hflichkeit und durfte ins Haus kommen. Der gutmtige Gatte Sofja Petrownas verhielt sich mild gegen die revolutionren Freunde seiner teuren Hlfte; gegen ihren mondnen Bekanntenkreis verhielt er sich mit unterstrichenem Wohlwollen; den Kleinrussen Lipantschenko aber duldete er blo. Der schlanke hbsche Trauzeuge Schon am ersten Tage ihres sozusagen Damendaseins, whrend des Mysteriums der Trauung, als Nikolai Apollonowitsch ber dem Haupt ihres Gatten, Ssergeij Ssergeijewitsch, den hochfeierlichen Kranz hielt, wurde sie in qulender Weise von dem hbschen schlanken Trauzeugen berrascht, von der Farbe seiner unirdischen dunkelblauen Augen, von dem Wei seines marmornen Gesichts, von der Gttlichkeit seiner flachsweien Haare. Nun und . . . Nikolai Apollonowitsch kam ins Haus der Lichutins: erst einmal in vierzehn Tagen, dann jede Woche ein-, zwei-, drei-, viermal, dann erschien er tglich. Bald merkte aber Sofja Petrowna, da das Gesicht, das gotthnliche, strenge, nur eine Maske war; Grimassen, zielloses Reiben der Hnde, schlielich ein unangenehmer Froschausdruck beim Lcheln, herrhrend vom ununterbrochenen Spiel der Gesichtszge -- hinter all dem verbarg jenes Gesicht sich fr immer. Zu ihrem Schrecken begriff dann Sofja Petrowna, da sie verliebt war in jenes Gesicht; nicht in _dieses_, wohl aber in jenes. Engel Peri hatte sich vorgenommen, eine tadellose Gattin zu sein; und der Gedanke, da sie, ihrem Gatten treu, von jemand anderem gefesselt wurde, bedrckte sie gnzlich. Aber weiter nur, weiter: ber die Maske, den Froschmund, ber die Grimassen hinweg, suchte sie, unbewut, ihre verlorene Verliebtheit zu retten: sie qulte Ableuchow, berhufte ihn mit Beleidigungen; doch heimlich vor sich selbst verfolgte sie seine Spuren, suchte seine Wnsche und seinen Geschmack zu erraten, richtete sich unbewut nach ihnen, in der ewigen Hoffnung, wieder einmal jenes eigentliche, gttliche Antlitz zu erblicken. Seit dieser Zeit war ihr eigener Gatte nur Besucher in der kleinen Wohnung an der Moika. Dies konnte Sofja Petrowna nicht ertragen, denn sie hatte ja ein so winzig, winzig kleines Stirnchen; und neben dem kleinen Stirnchen lebten in ihr Vulkane tiefster Gefhle: denn sie war eine Dame; und man soll in einer Dame das Chaos nicht wecken. Der rote Narr Eigentlich benahm sich Sofja Petrowna ihrem Gegenstand gegenber in den letzten Monaten hchst provozierend: vor dem Grammophon, aus dem Siegfrieds Tod tnte, bte sie Krperplastik und hob dabei ihren rauschenden Seidenrock fast bis zum Knie; ferner: ihr Fchen berhrte unter dem Tische mehr als einmal Ableuchow. Nicht zu verwundern, da dieser manchmal den Engel zu umarmen versuchte; dann entwand sich ihm der Engel und bergo ihn mit Klte. Bald darauf aber begann das Spiel von neuem. Einmal klatschte eine Ohrfeige durchs japanische Zimmer: --, Uu -- Scheusal, Frosch . . . Uuu -- roter Narr. Ruhig und khl erwiderte Nikolai Apollonowitsch: Bin ich ein roter Narr, so sind Sie -- eine japanische Puppe . . . Vor der Tr richtete er sich voll Wrde empor, in diesem Augenblick bekam sein Gesicht den einmal gesehenen Ausdruck, und an diesen erinnert, erwachte ihre Liebe jh wieder; als Nikolai Apollonowitsch verschwunden war, warf sie sich auf den Boden, bi und kratzte im Weinkrampf den Teppich; sprang dann pltzlich auf und streckte die Arme gegen die Tr: Komm, kehre zurck -- Gott! Ihr zur Antwort schlug unten die Tr zu. Nikolai Apollonowitsch lief zu der groen Petersburger Brcke. Wir werden weiter sehen, da er an dieser Brcke den wichtigen Beschlu gefat hatte, durch eine Tat sein eigenes Leben von sich zu werfen. Zu tief hatte ihn das Wort roter Narr getroffen. Nie wieder hat ihn Sofja Petrowna gesehen . . . Dafr kamen um so fter Graf Awen, Baron Ommau-Ommergau, Werhefden und selbst Lipantschenko; sie lachte mit ihnen ohne Unterla; dann hielt sie im Lachen inne und fragte neckisch: Nicht wahr, ich bin eine Puppe? Sie antworteten mit einer Fifka nach der anderen und warfen Silbermnzen in die Sammelbchse. Lipantschenko aber machte ihr zum Geschenk eine Puppe mit gelbem Gesicht. Als sie das vor ihrem Gatten Ssergeij Ssergeijewitsch aussprach, sagte er nichts und tat, als ginge er schlafen; in seinem Zimmer aber setzte er sich hin und schrieb an Nikolai Apollonowitsch einen kurzen Brief; in seinem Briefchen schrieb er Ableuchow, da er, Ssergeij Ssergeijewitsch, sich erlaube, ihn um folgendes zu bitten: Er wolle sich aus prinzipiellen Grnden nicht in die Beziehungen Ableuchows zu seiner unendlich geliebten Gattin mischen, doch bitte er dringend (dringend war dreimal unterstrichen), ihrem Hause fr immer fernzubleiben, da die Nerven seiner geliebten Gattin angegriffen seien. Sein Benehmen vernderte Ssergeij Ssergeijewitsch nicht im geringsten: er verwaltete -- irgendwo -- das Proviantamt. Ssergeij Ssergeijewitsch war gro von Gestalt, trug einen hellblonden Bart, besa Nase, Mund, Ohren, Haare und wundervoll glnzende Augen: leider trug er eine dunkelblaue Brille, und niemand kannte die Farbe dieser Augen und auch nicht ihren herrlichen Ausdruck. Gemeinheit, Gemeinheit, Gemeinheit In diesen frostreichen Oktobertagen befand sich Sofja Petrowna in ungewhnlicher Aufregung; blieb sie allein in ihrem Treibhuschen, dann runzelte sich ihr Stirnchen, und ihr Gesicht wurde purpurn; sie trat ans Fenster und wischte mit ihrem Taschentchlein aus zartem Batist die schweibedeckten Scheiben, das Glas begann zu quieken, und ffnete einen Augenblick auf den Kanal und auf einen vorbergehenden Herrn mit Zylinder -- nichts weiter; als wre sie in ihren Ahnungen getuscht, begann Engel Peri ihr angefeuchtetes Taschentuch mit den Zhnchen zu beien und zu zerren, dann lief sie hinaus, zog ihren schwarzen Plschmantel an, setzte die Mtze aus ebensolchem Plsch auf (Sofja Petrowna kleidete sich sehr bescheiden) und ging fort, um, die Nase in den Pelzmuff vergraben, zwischen der Moikastrae und dem Kai zu schlendern. Und einmal, whrend Lipantschenko da war, ergriff sie ihre Hutnadel und stach sich ins kleine Fingerchen. Sehen Sie, es schmerzt nicht, und es kommt kein Blut: ich bin aus Wachs . . . eine Puppe. Lipantschenko lachte und sagte: Sie sind keine Puppe, Herzchen. Erbost jagte ihn Engel Peri von sich. Er ergriff seine Ohrenklappenmtze und ging. Sie aber fuhr fort, ruhelos durchs Treibhuschen zu wandern, runzelte das Stirnchen, errtete, wischte die Scheiben; es erffnete sich der Ausblick auf den Kanal und auf eine vorberfahrende Droschke -- nichts weiter. Was aber weiter? Die Sache war so: vor einigen Tagen kehrte Sofja Petrowna von der Baronin R. R. nach Hause zurck. Bei der Baronin R. R. hatte es an diesem Abend geklopft; weiliche Funken waren ber die Wand gelaufen, und einmal hatte der Tisch einen Sprung getan: sonst nichts; aber Sofja Petrownas Nerven waren uerst gespannt, und die Treppe zu ihrer Wohnung war nicht beleuchtet (in Husern mit billigen Wohnungen werden die Treppen bekanntlich nicht beleuchtet): und im Dunkel der Stiege sah Sofja Petrowna ganz deutlich einen noch schwrzeren Fleck, der sie wie eine schwarze Maske anstarrte. Sofja Petrowna zog mit aller Kraft an der Glocke. Als sich die Tr geffnet und ein Lichtstrahl die Treppe beleuchtete, schrie das Dienstmdchen Mawruscha auf und schlug die Hnde zusammen: Sofja Petrowna sah nichts, denn sie rannte in die Wohnung hinein: Mawruscha aber hatte gesehen: hinter dem Rcken der gndigen Frau stand ein roter Atlasdomino mit schwarzer Maske, die von einem Fcher aus ebenso schwarzen Spitzen umrahmt war; der rote Domino streckte Mawruscha seinen blutigen rmel entgegen, aus dem eine Visitenkarte hervorlugte; und als die Tr vor dem ausgestreckten Arm zugeschlagen ward, erblickte auch Sofja Petrowna die Karte, die wahrscheinlich durch die Spalte hereinflog; was war aber auf der Karte? An Stelle eines Wappens -- ein Schdel mit Knochen und darunter in modernem Schriftsatz die Worte: Ich erwarte Sie auf dem Maskenball -- Ort, Datum und weiter die Unterschrift _Der rote Narr_. Den ganzen Abend war Sofja Petrowna in grter Erregung. Wer mochte sich als roter Domino verkleidet haben? Er natrlich, Nikolai Apollonowitsch: so hatte sie ihn ja einmal genannt . . . Der rote Narr war also gekommen. Wie war aber eine solche Handlungsweise einer wehrlosen Frau gegenber zu nennen? War das nicht eine Gemeinheit? Gemeinheit, Gemeinheit, Gemeinheit. Wre doch nur schon der Gatte gekommen, der Offizier. Er wrde es dem Unverschmten gezeigt haben. Sofja Petrowna errtete, bi und zerrte ihr Taschentchlein und begann zu schwitzen. Wr' doch nur jemand gekommen. Es kam jedoch niemand. Aber vielleicht war er es nicht? Sofja Petrowna fhlte sich merklich beunruhigt: es tat ihr leid, den Gedanken fallen lassen zu mssen: der Narr sei -- er; in diesen Gedanken flocht sich zugleich mit dem Zorn das se, bekannte bange Empfinden; sie schien zu wnschen, er htte sich als vollendeter Schuft entpuppt. Nein -- nicht er; er ist doch kein Schuft, kein dummer Knabe! -- Und ihr Herz stand still: nicht er. Unter ihren _sozusagen Besuchern_, die von Revolution -- Evolution sprachen, befand sich einer, der Zeitungsreporter war und Neintelpfein hie. Sofja Petrowna schtzte ihn hoch, und ihm erffnete sie sich: er begleitete sie darauf zum Maskenball; dort gab es Harlekine, Italienerinnen, Spanierinnen und orientalische Frauen, die einander durch die schwarzen Masken in bser Weise zublinzelten. Gesttzt auf Neintelpfeins Arm schritt Sofja Petrowna bescheiden in ihrem schwarzen Domino mit schwarzer Maske, jemand suchend, unstet durch die Sle. Da eben war es, wo Sofja Petrowna mit der ntigen Vorsicht, Neintelpfein von dem geheimnisvollen Vorfall erzhlte. Der kleine Neintelpfein war Zeitungsreporter und bekam fnf Kopeken fr die Zeile: von diesem Abend ging es an. Jeden Tag eine Notiz in der Tagesschau, der rote Domino und wieder der rote Domino! Man sprach ber den Domino, debattierte und ereiferte sich unglaublich; die einen erblickten darin einen revolutionren Terror; die anderen schwiegen und zuckten die Achseln. Ein ganz verruchertes Gesicht Nikolai Apollonowitsch lehnte ber die Treppenbalustrade und warf auf alle Seiten irisierenden Glanz, der ganz im Gegensatz zu der Sule stand und zum Alabaster, von dem aus die Niobe ihre Alabasteraugen gen Himmel hob. ber das Gelnder gebeugt, rief Nikolai Apollonowitsch etwas hinunter, doch auf seinen Ruf erwiderte erst nur die Stille; dann aber antwortete mit bertriebener Deutlichkeit eine Fistelstimme: Sie hatten mich sicher fr jemand anders gehalten . . . Ich bin es -- ich . . . Unten stand der Unbekannte mit dem schwarzen Schnurrbrtchen, im Mantel mit aufgeschlagenem Kragen. Nikolai Apollonowitsch verzog darauf das Gesicht in ein unangenehmes Lcheln: Sie sind es, Alexander Iwanowitsch? . . . Hchst angenehm! Dann fgte er heuchlerisch hinzu: Ich erkannte Sie ohne Brille nicht . . . * * * Das unangenehme Empfinden berwindend, das in ihm die Anwesenheit des Unbekannten im lackierten Haus hervorrief, fuhr Nikolai Apollonowitsch fort, mit dem Kopfe nach unten zu winken: Ich bin eigentlich gerade aus dem Bette gekommen, deshalb auch noch im Schlafrock. (Dies wie nebenbei erwhnend, wollte Nikolai Apollonowitsch dem Besucher zu verstehen geben, da er zur ungeeigneten Zeit gekommen sei; wir fgen von uns hinzu: Nikolai Apollonowitsch hatte all die letzten Nchte auer dem Hause verbracht.) Auf dem reichen Fond des Ornaments aus altertmlichen Waffen machte der Unbekannte mit dem schwarzen Schnurrbrtchen eine recht klgliche Figur, doch nahm er sich zusammen und begann eifrig Nikolai Apollonowitsch zu beruhigen: Das macht gar nichts, Nikolai Apollonowitsch, da Sie gerade aus dem Bette sind . . . Ich versichere Sie, es hat gar nichts zu bedeuten. Sie sind ja keine Dame, und auch ich bin's nicht . . . Ich selbst bin nmlich auch erst jetzt aufgestanden . . . Vor der Eichentr zum Arbeitszimmer drehte sich Nikolai Apollonowitsch pltzlich zu dem Unbekannten; ber beide Gesichter flog ein Lcheln: beide sahen einander erwartungsvoll an. Also bitte, . . . Alexander Iwanowitsch! Nur ja keine Umstnde . . . Der Salon Nikolai Apollonowitschs war der vollstndige Gegensatz zu der Strenge seines Arbeitszimmers: er war bunt. Wie . . . der bucharische Schlafrock. Der Schlafrock Nikolai Apollonowitschs setzte sich gewissermaen in allen Gegenstnden des Zimmers fort; so im niederen Sofa, das einem orientalischen Ruhebett aus bunten Geweben glich; der bucharische Schlafrock setzte sich weiter fort im Taburett von verschiedenen Tnen; das Dunkelbraun inkrustiert mit Streifchen aus Elfenbein und Perlmutter; der Schlafrock fand seine Fortsetzung auch in einem Negerschild aus der dicken Haut eines einst erlegten Nashorns, dann im sudanischen, verrosteten Pfeil mit massivem Griff, der -- wei Gott warum -- hierher gehngt wurde; endlich setzte sich der Schlafrock in dem gestreiften Pelz eines Leoparden fort, der mit aufgesperrtem Rachen auf den Boden geworfen ward; eine dunkelblaue, trkische Wasserpfeife stand auf dem Taburett und dabei ein dreibeiniges, goldenes Rauchzeug, gebildet aus einer durchlcherten Kugel, ber der ein Halbmond schwebte; das Wunderlichste aber war ein bunter Kfig, in dem von Zeit zu Zeit kleine, grne Papageien mit den Flgeln zu schlagen begannen. Nikolai Apollonowitsch reichte dem Besucher das bunte Taburett: der Unbekannte mit dem Schnurrbrtchen setzte sich auf den Rand und zog ein billiges Zigarettenetui aus der Tasche. Sie gestatten? Bitte. Sie rauchen nicht? Nein, ich habe diese Gewohnheit nicht. Und verlegen setzte er sofort hinzu: brigens, wenn andere rauchen . . . Machen Sie das Fenster auf? * * * Verteidigen Sie den Tabak nicht, Nikolai Apollonowitsch. Ich sage es Ihnen aus eigener Erfahrung . . . Der Rauch durchsetzt den grauen Hirnstoff. Die Hemisphren des Hirns werden verstopft: eine allgemeine Mattigkeit ergiet sich in den Organismus . . . Der Unbekannte zwinkerte Nikolai Apollonowitsch familir zu. Sehen Sie mein Gesicht? Ohne die Brille gefunden zu haben, nherte Nikolai Apollonowitsch seine Augen dem Gesicht des Unbekannten. Sehen Sie das Gesicht? Ja, das Gesicht . . . Das Gesicht ist bla . . . Ja, es ist etwas bla -- Ableuchows Wangen wurden von Hflichkeitswellen in verschiedenen Nuancen berstrmt. Ein ganz grnes, verndertes Gesicht, unterbrach ihn der Unbekannte, Das Gesicht eines Rauchers. Nikolai Apollonowitsch sprte schon lngst eine beunruhigende Schwere, als fllte das Zimmer sich nicht mit Rauch, sondern eher mit Blei; Nikolai Apollonowitsch fhlte, wie sich die Hemisphren seines Hirns verstopften und eine allgemeine Mattigkeit seinen Krper durchzog; er dachte aber nicht an die Wirkungen des Tabakrauches -- er dachte vielmehr daran, wie er sich mit Wrde aus der peinlichen Lage zurckziehen knnte; er dachte, was er wohl im bedenklichen Fall tun sollte, wenn der Unbekannte . . . wenn . . . Diese bleierne Schwere kam nicht von der billigen Zigarette; sie kam vielmehr von der gedrckten Stimmung des Wirtes. Er erwartete von Sekunde zu Sekunde, da sein unruhiger Besucher nun das Geschwtz abbrche, dessen eigenster Zweck zu sein schien -- ihn durch Erwartung zu qulen; ja: da er es abbrechen wrde, um ihn daran zu erinnern, da er, Nikolai Apollonowitsch, seinerzeit durch ihn, den sonderbaren Unbekannten -- wie es nur deutlicher aussprechen? . . . Kurz, da er seinerzeit die fr ihn furchtbare Verpflichtung bernommen hatte, der gerecht zu werden, ihm nicht blo die Ehre gebot; dieses furchtbare Versprechen aber hatte Nikolai Apollonowitsch damals nur aus Verzweiflung gegeben; ein Mierfolg hatte ihn dazu bewogen; die Spuren dieses Mierfolges verwischten sich nun allmhlich. Das furchtbare Versprechen mte, schien es ihm, von selbst weggefallen sein; doch es blieb bestehen; es blieb schon deswegen bestehen, weil es nicht zurckgenommen ward; aufrichtig gestanden hatte es Nikolai Apollonowitsch einfach grndlich vergessen; und so blieb dieses Versprechen bestehen und lebte im Kollektivbewutsein einer gewissen Partei fort, whrend in ihm selbst die Empfindung von der Bitternis des Seins entschwunden war; und er sein Versprechen gern als ein scherzhaftes betrachtet htte. Das Erscheinen des Individuums mit dem Schnurrbrtchen erfllte Nikolai Apollonowitsch mit Angst. Warum denn aber -- warum hatte er sein Versprechen gegeben? -- Und das wre nicht das Wichtigste: warum hatte er aber sein furchtbares Versprechen einer leichtfertigen Partei gegeben? Die Antwort wre einfach: Nikolai Apollonowitsch, beschftigt mit der Methodik der sozialen Erscheinungen, hatte die Welt dem Feuer und Schwert preisgegeben. Wissen Sie, Nikolai Apollonowitsch, (Nikolai Apollonowitsch fuhr erschreckt auf) ich kam eigentlich nicht zu Ihnen wegen des Tabaks . . . das heit das mit dem Tabak war ganz zufllig . . . Ich verstehe schon. Der Tabak ist eine Sache fr sich; ich kam aber nicht wegen des Tabaks, sondern einer Sache wegen . . . Sehr angenehm . . . Eigentlich ist es auch gar keine Sache; es handelt sich nur um eine Geflligkeit -- und diese Geflligkeit werden Sie mir sicher erweisen . . . Gewi doch, sehr angenehm . . . Nikolai Apollonowitsch wurde blau; er sa und bemhte sich, einen Knopf vom Sofa zu lsen. Mir ist es hchst peinlich, aber eingedenk . . . Nikolai Apollonowitsch fuhr zusammen: die scharfe, hohe Fistelstimme des Unbekannten fuhr wie ein Messer durch die Luft; eine Sekunde des Schweigens war dieser Fistelstimme vorangegangen; diese Sekunde aber glich einer Stunde -- einer unendlichen Stunde. Doch nahm er sich sofort zusammen; er meinte nur: So, ich stehe zu Ihren Diensten -- Und dabei dachte er: die Hflichkeit habe ihn vernichtet . . . Eingedenk Ihres Mitfhlens mit uns, kam ich . . . Alles, was ich nur kann -- schrie Nikolai Apollonowitsch heraus und dachte: er sei doch ein vollendeter Esel . . . Eine kleine, o, eine ganz kleine Geflligkeit . . . (Nikolai Apollonowitsch horchte gespannt): Pardon . . . darf ich um die Aschenschale bitten? Die Zusammenste in den Straen huften sich Es war eine nebelreiche, sonderbare Zeit: mit frostigem Schritt zog durch Rulands Norden der giftige Oktober; im Sden aber hingen bereits seine Fulnisnebel in der Luft. Er jagte das goldene Waldflstern aus den Bumen, und das goldene Waldflstern legte sich ergeben auf den Boden -- ergeben fiel das Espenlaub zu Boden, wirbelte und klebte an den Fen der Passanten, wisperte und flocht gelbrote Worte aus Blttern. Das se, in der septemberlichen Laubwelle badende Piepsen der Meisen, es badete lngst nicht mehr in den Laubwellen; und die Meise selbst hpfte jetzt verwaist im Netzwerk der nackten Zweige umher. Es war eine nebelreiche, sonderbare Zeit; die Froststrme nahten schon in den bauschigen Wolken, die bleiern waren und blau, aber alle glaubten an den Frhling: vom Frhling berichteten die Zeitungen, vom Frhling unterhielten sich die Staatsbeamten der allerletzten Klasse; an den Frhling mahnte ein damals populr gewesener Minister; und direkt nach Maiveilchen dufteten die Seelenergsse in den Briefen einer Petersburger Studentin. Die Bauern hatten lngst aufgehrt, den rauhen Boden zu pflgen; ihre Pflge warfen sie fort, die Bauern, ebenso ihre Eggen; sie sammelten sich in Huflein vor ihren Htten und errterten die Nachrichten der Zeitungen; sie sprachen und debattierten und bereiteten sich vor, in einer vereinten Schar gegen das Gutsherrenhaus zu ziehen, gegen das Haus mit den Sulen, das sich in den Wolga-, Kama- und selbst in den Dnjeprwellen spiegelte; der Feuerschein der brennenden Gter leuchtete in den langen Nchten ber Ruland; der Tag aber verwandelte das Leuchten in das Schwarz der Rauchsulen. Da aber konnte man in den entlaubten Bschen Haufen zerzauster Kosaken erblicken, die die Lufe ihrer Flinten gegen den Alarmturm richteten; auf ihren zerzausten Pferden sprengten dann ihre Abteilungen hervor, blaue brtige Menschen rasten, die Nagaiken schwangen durch die herbstlichen Fluren dahin. So war es auf dem Lande. Aber so war es auch in den Stdten. In den Werksttten, Friseurlden, Milchgeschften, Wirtshusern, berall trieb sich ein redseliges Subjekt umher; die aus den blutgetrnkten Feldern der Mandschurei mitgebrachte, buschige Pelzmtze in die Stirn gedrckt, in der Seitentasche ein -- wei Gott woher herbeigeschaffter -- Browning, steckte das redselige Subjekt zum soundsovielten Male dem Vorbergehenden ein schlecht gedrucktes Blttchen in die Hand. Alles wartete, hoffte und frchtete sich; man lief beim leisesten Gerusch auf die Strae, versammelte sich in Haufen und ging wieder auseinander; so lebten in Archangelsk die Loparen, Korelen und Finnen; in Nischne-Kolymsk die Tangusen; am Dnjepr -- die Juden und die Kleinrussen. In Petersburg und Moskau lebten so alle: man wartete, frchtete sich, hoffte; beim leisesten Gerusch rannte man auf die Strae; man versammelte sich in Haufen und ging wieder auseinander. Die Zusammenste in den Straen huften sich: die Zusammenste mit den Hausportiers, den Wchtern, den Revieraufsehern; die Hausportiers, die Polizisten und besonders die Revieraufseher wurden von jedem belstigt: vom Arbeiter, vom Abcschtzen, vom Kleinbrger Iwan Iwanowitsch Iwanow und seiner Gattin, selbst vom Ladeninhaber Pusanow, der in den vergangenen besseren Tagen den Revieraufseher bald mit Lachs, bald mit kernigem Kaviar beschenkt hatte. Jetzt wandte sich der wohlgeborene Kaufmann Pusanow gegen den Revieraufseher und das andere Gesindel: so etwas schchterte den Polizeibeamten ein: grau, in grauem Mantel, wanderte er unbemerkt wie ein Schatten daher und zog in Ehrfurcht beflissen seinen Sbel ein, mit zum Boden gesenkten Augen. So fristete zu jener Zeit seine Tage der Polizeibeamte in irgendeinem Kem; so fristete er die Tage in Petersburg, Moskau, Orenburg, Taschkent, kurz, in all den Stdten, die zum Russischen Reiche gehrten. Petersburg ist von einem Ring vielschlotiger Fabriken umgeben; die Vorstadt ist wie ein Ameisenhaufen belebt. Zu jener Zeit waren alle in den Fabriken hchst aufgeregt; und die Anfhrer der Haufen wurden alle zu redseligen Subjekten; es zirkulierte unter ihnen der Browning; und noch etwas. Die blichen Schwrme wuchsen in jenen Tagen unmig an und verdichteten sich zu vielkpfiger, vielstimmiger, riesenhafter Schwrze; und griff ein Fabrikinspektor nach dem Telephonrohr, so wute man schon: gleich wird ein Steinhagel aus der Menge zu den Fenstern fliegen. Petersburg selbst blieb unverndert; nur ein einziges Mal zogen Scharen von Menschen, von Geistlichen gefolgt, ber den Newskij-Prospekt: man trug den Sarg eines Professors; voran wlzte sich ein Meer von Grn; blutrote Atlasbnder wehten in der Luft. Es war eine neblige, sonderbare Zeit; mit frostigen Fersen schritt der Oktober durchs Land; frostiger Staub flog in braunen Strmen durch die Stadt; und ergeben legte sich das goldene Blttergeflster auf die Wege des Sommergartens, ergeben legte sich das raschelnde Laub zu den Fen der Passanten, um, vor ihnen herjagend, an ihren Fen hngenzubleiben; raunend flocht es gelbrote Worte aus Bltterbscheln; das Meisengepiepse, das den ganzen August in den Laubwellen gebadet hatte, badete lngst nicht mehr in den Wellen des Laubes; und die Meise im Sommergarten hpfte verwaist im Netz der trockenen Zweige umher, hpfte auf dem bronzenen Gitter und flog auf das Dach ber dem Huschen Peters des Groen. So waren die Tage. Die Nchte aber -- -- Bist du schon nachts einmal gewandert, befandest du dich da in einem entlegenen Vorstadtgehlz, und hast du da die aufdringlichen, schreckenden U-Laute vernommen? Uuuu -- uuuu -- uuuu: so tnte es in der Ferne; war es berhaupt ein Laut? Wenn's aber ein Laut war, so kam er sicher aus einer anderen Welt; von seltener Strke und Klarheit: Uuuu -- uuuu -- uuuu, tnte es in den Vorstdten von Moskau, Petersburg, Saratow; doch die Fabrikpfeife hatte geschwiegen, der Sturm hatte nicht gepfiffen, und stumm war der Haushund geblieben. Hrtest auch du einmal das Oktoberlied von neunzehnhundertundfnf? Ein solches Lied hatte es vorher nicht gegeben; ein solches Lied wird es nicht mehr geben: nie mehr. Es ruft mich mein geliebter Delwig ber die Stufen des Amtsgebudes schreitend, sich mit der Hand an des Gelnders kalten Marmor sttzend, blieb Apollon Apollonowitsch mit der Fuspitze an dem Plschlufer hngen und -- stolperte; unwillkrlich verlangsamte sich sein Schritt; da geschah es, da seine Augen eine Zeitlang an dem Riesenportrt des Ministers hafteten, der mit traurigem und mitleidigem Blick vor sich hin sah. Das Rckgrat Apollon Apollonowitschs durchzog eine Frostwelle: das Gebude war wenig geheizt. Wie eine Ebene schien Apollon Apollonowitsch der weie, ausgedehnte Raum. Er hatte Angst vor dieser Weite. Der Raum ngstigte ihn noch mehr als der Zickzack oder die gebrochene Linie; eine Dorflandschaft war ihm ein Schrecken: dort hinter Schnee und Eis, hinter der gewundenen Linie des Waldsaums, in der sich kreuzende Luftstrme im Schneesturm rasen, dort wre er einst einmal, einem Zufall zufolge, beinahe erfroren. Es geschah vor fast fnfzig Jahren. In jener damaligen Stunde des einsamen Erfrierens hatte er gefhlt, wie kalte Finger seine Brust durchbohrten und grausam streichelnd sein Herz berhrten; jene frostige Hand geleitete ihn dann weiter; jener frostigen Hand folgte er in seiner Karriere, vor Augen immer die unheilvolle, unmgliche Ausdehnung; dort, von dort winkte immer die frostige Hand; von dort ghnte ihm entgegen -- die Un--Unermelichkeit: Russisches Reich. Ja: nun zum Portrt des Ministers . . . fters hatte er diesem gesagt: Ruland ist eine eisige Ebene, in welcher sich seit Hunderten von Jahren Wlfe umhertreiben . . . Der Minister hatte ihn mit samtweichem, liebkosendem Blick angesehen; mit der weien Hand den gepflegten, grauen Schnurrbart streichelnd, schwieg er und seufzte. Der Minister hatte seine mter als ein qualvolles, opferheischend drckendes Kreuz getragen; er trug sich mit dem Gedanken, nach Beendigung des Dienstes . . . Aber er starb. Jetzt ruhte er im Grabe, und Apollon Apollonowitsch Ableuchow war nun ganz allein; hinter ihm verloren sich die Jahrhunderte, in der Un--ermelichkeit; vor ihm zeigte eine frostige Hand in die Un--ermelichkeit. Un--ermelichkeiten flogen ihm entgegen. Ruland, Ruland, dich sah er, dich! Du bist es, das durch Wind, Sturm, Schnee und Regen heulte; heulte durch Millionen lebendiger, beschwrender Stimmen! Es schien in diesem Augenblick dem Senator, als riefe eine Stimme aus einem einsamen Grab, in unbestimmter Weite nach ihm; es wiegte sich dorten kein einsames Kreuz; es winkte von dort kein Lichtchen in das eisige Schneetreiben hinein; und hungrige Wlfe heulten in Rudeln dort als Echo der heulenden Winde. Unstreitig: im Senator entwickelte sich mit den Jahren Raumangst. Die Krankheit wurde akut -- seit jenem tragischen Tod; vielleicht beobachtete ihn nchtlich die Gestalt des toten Freundes und blickte ihn in den langen Nchten an mit seinem samtweichen Blick und streichelte mit der weien Hand den gepflegten, grauen Schnurrbart. Inzwischen setzte sich die Unterhaltung fort Inzwischen setzten Nikolai Apollonowitsch und der Unbekannte die Unterhaltung fort. Ich habe den Auftrag, sagte der Unbekannte, die Aschenschale von Nikolai Apollonowitsch nehmend, --ja: ich habe den Auftrag, Ihnen dieses Paketchen zur Aufbewahrung zu bergeben. Nur das? rief Apollonowitsch Nikolai. Er wagte noch kaum zu glauben, da das bengstigende Erscheinen des Unbekannten nicht _jenes schreckliche_ Versprechen betraf, da es sich nur um ein harmloses Paketchen handelte; rasch erhob er sich und nherte sich dem Paket; doch seltsamerweise erhob sich auch der Unbekannte und trat zwischen Nikolai Apollonowitsch und das Paket; und als die Hand des Senatorsohnes nach diesem griff, erfate der Unbekannte derb seine Finger: Vorsichtig, um Gottes willen . . . Da ertnte pltzlich ein metallischer Laut, ein Knall; man hrte das Quieken einer gefangenen Maus; im Nu flog das Taburett zu Boden, und mit eiligen Schritten lief der Unbekannte in die Ecke: Nikolai Apollonowitsch! Nikolai Apollonowitsch, rief seine ngstliche Stimme, eine Maus, eine Maus . . . Sagen Sie geschwind Ihrem Diener . . . da, das . . . _das_ kann ich nicht ertragen . . . Nikolai Apollonowitsch wunderte sich. Sie frchten sich vor Musen? . . . Rasch, rasch . . . schaffen Sie sie fort . . . Nikolai Apollonowitsch beeilte sich, den Knopf der elektrischen Klingel zu drcken und sah ordentlich komisch aus, in der Hand die gefangene Maus haltend, die allerdings in der Falle sa, und Nikolai Apollonowitsch neigte sein Gesicht fast bis an den Draht, um das Tierchen genauer zu betrachten. Ein Muschen, sprach er, die Augen zum hereintretenden Diener gewandt; hflich wiederholte seinerseits dieser: Ein Muschen. * * * Nikolai Apollonowitsch trug endlich das Paket in sein Arbeitszimmer; es fiel ihm flchtig nur auf, da das Paketchen so schwer war; doch dachte er darber nicht weiter nach; nur als er auf dem weichen Teppich leicht stolperte, ertnte aus dem Paket ein metallischer Klang; der Unbekannte fuhr bei diesem Laut leicht in die Hhe, und dabei beschrieben seine Arme jene Zickzacklinie in der Luft, die den Senator vor kurzem so erschreckt hatte. Doch es geschah nichts: der Unbekannte erblickte nur zu seiner nicht geringen Verwunderung auf dem Lehnstuhl im Nebenzimmer einen faltenreichen roten Domino und eine schwarze Maske; whrend Nikolai Apollonowitsch einen Platz in seiner Schreibtischlade freimachte und, vorsichtig, das Paketchen hineintat, betrachtete der Unbekannte den Domino; zugleich sprach er lebhaft Gedanken aus, die in ihm grndlich gereift zu sein schienen: Wissen Sie . . . Die Einsamkeit richtet mich zugrunde. Ich habe in diesen Monaten verlernt zu reden. Merken Sie nicht, da meine Worte verworren sind? Nikolai Apollonowitsch, den bucharischen Rcken dem Gaste zugewandt, sagte hierauf durch die Zhne: Na, das geschieht zuweilen mit jedem. Der Unbekannte sprach hinter seinem Rcken weiter: Ich finde mich nicht mehr in den Stzen zurecht. Ich will irgendein Wort sagen, sage aber etwas ganz anderes: drehe mich immer im Kreis um die Sache herum . . . Ich vergesse zuweilen die Namen der gewhnlichsten Gegenstnde, und wenn ich auf sie komme, dann zweifle ich, ob sie richtig sind. Ich wiederhole mir: Lampe, Lampe, Lampe; pltzlich aber scheint es mir, da ein solches Wort gar nicht existiere. Ich habe meist niemand, den ich fragen knnte; und den ersten besten zu fragen, davon hlt mich Scham zurck; man wrde mich am Ende fr einen Wahnsinnigen halten. Aber was fllt Ihnen ein . . . brigens, was das Paket betrifft: htte Nikolai Apollonowitsch aufmerksam auf die Mahnungen zur Vorsicht seitens seines Gastes geachtet, er wrde begriffen haben, da das vermeintlich harmlose Paketchen keinesfalls so harmlos war; aber er beachtete es nicht und verstand auch kaum die jetzt aufgefangenen Worte. Indessen fuhr die prasselnde Fistelstimme fort, ihn auf den Rcken zu trommeln: Das Leben ist schwer fr einen, der, wie ich, in der Torricelli-Luftleere . . . Torricelli? fragte verwundert Nikolai Apollonowitsch, ohne auf die Rede zu achten. Ja, eben -- Torricelli-Luftleere, und das alles im Namen der Allgemeinheit, der Sache fr die Allgemeinheit; diese Sache fr die Allgemeinheit hat aber mich aus der Liste der Lebenden gestrichen. Meine Gesellschaft sind Wanzen und Mauerkfer. Ich bin nur -- ich. Hren Sie mir zu? Gewi doch. Nikolai Apollonowitsch hrte jetzt tatschlich zu. Hier aber schwieg pltzlich der Unbekannte. Denn Nikolai Apollonowitsch hatte den Schreibtisch abgesperrt und wandte sich um. Wissen Sie: ich wollte Sie schon lngst einmal sehen, um mich einmal vor Ihnen auszusprechen: ich sehe so wenige. Ich wollte Ihnen von mir erzhlen. Von wem? . . . Aber warten Sie, warten Sie: ich habe einen Kognak im Schrnkchen -- mgen Sie . . . Nicht abgeneigt . . . Bald erschien vor dem Gast eine kleine Karaffe und zwei geschliffene Weinglschen. Whrend er dem Gast das Glas fllte, dachte Nikolai Apollonowitsch daran, da jetzt die beste Gelegenheit sei, sich von dem damaligen Versprechen loszusagen; als er aber diesen Gedanken in Worte einkleiden wollte -- wurde er verlegen; aus Feigheit vermochte er es nicht, sich vor einem Fremden feige zu zeigen. Ich lese jetzt Conan Doyle zur Erholung, fuhr der Unbekannte zu prasseln fort, Meine Lektre wrde Ihnen berhaupt sehr verrckt erscheinen: ich lese die Geschichte des Gnostizismus, Gr. Nissk., den Syrianer, den Apokalypsis. Das ist, wissen Sie, mein Privileg. Die Originalitt meiner geistigen Nahrung kommt von denselben Sonderstellungen. Ich bin ein revolutionrer Snob, wie es militrische Snobs gibt, die sich den Georgsorden verdient haben: einem alten Kriegsmann mit Verdiensten verzeiht man manches. Der Unbekannte wurde nachdenklich, dann fllte er sein Glschen, trank es aus, um es von neuem zu fllen. Und warum sollte ich auch nicht nach meinem Eigenen, Persnlichen suchen: Ich privatisiere auch so zwischen vier gelben Wnden. Sie waren ja deportiert gewesen? Ja, nach Jakutsk. Hier entstand ein verlegenes Schweigen. Der Unbekannte mit dem schwarzen Schnurrbrtchen sah aus dem Fenster auf die Flche der Newa. Schwnze von Rauch hingen ber dem dunkelfarbigen Gewsser. Der Unbekannte nippte aus dem Glschen, dann sah er die gelbe Flssigkeit an: seine Hnde zitterten. Nikolai Apollonowitsch sagte beinahe mit . . . Ha: Den Massen aber sagen Sie wohl nichts davon? Natrlich schweig' ich noch so lange. Nun, und nach der Rckkehr aus Jakutsk? Die Flucht aus Jakutsk war mir gut gelungen; ich wurde in einem Sauerkrautfa herbertransportiert, und jetzt bin ich das, was ich bin: ein Arbeiter im Dunkeln. Glauben Sie ja nicht, ich arbeite im Namen sozialer Utopien oder im Namen eurer Eisenbahn -- Gedankengnge. Eure Kategorien erscheinen mir wie Schienen und euer Leben wie ein rollender Eisenbahnwagen; ich war frher auch ein vollendeter Nietzscheaner. Wir alle sind ja Nietzscheaner: auch Sie, Herr Ingenieur Ihrer Eisenbahnlinie, sind es, nur werden Sie es nie zugeben. Nun also: fr uns, Nietzscheaner, ist die agitatorisch und revolutionr gestimmte Masse die Klaviatur, ber die die Finger des Pianisten frei laufen, eine Schwierigkeit nach der anderen berwindend; und whrend irgendein Gaffer im Parkett sich an den gttlichen Beethoventnen labt, liegt fr den Spieler und fr Beethoven die Sache nicht in den Tnen, sondern im Septakkord. Sie wissen ja, was Septakkord ist? So sind wir alle! Also Sportsmnner der Revolution! Was ist dabei? Ist denn der Sportsmann nicht Artist? Ich bin Sportsmann aus reiner Liebe zur Sache, und deshalb bin ich Artist. Wieder entstand verlegenes Schweigen. Nikolai Apollonowitsch zupfte gergert am Knopf seines Ruhebetts. Alles ist aufgebaut auf Kontrasten! Und meine Ttigkeit fr die Gesellschaft brachte mich in die traurigen Regionen des Eises. Hier gedachte man wohl meiner, man verga aber, da ich dort allein war, in einer Leere; und whrend ich in dieser Leere versank, verlor ich alle Parteivorurteile, alle Kategorien, wie Sie sagen wrden: seit Jakutsk habe ich nur eine einzige Kategorie. Und wissen Sie, welche? Welche denn? Die Kategorie des Eises . . . Wie meinen Sie dies? Wohl vom Nachdenken oder vom Alkohol nahm hierbei das Gesicht Alexander Iwanowitschs einen seltsamen Ausdruck an. Seine Farbe, ja selbst sein Umfang vernderte sich kra (es gibt Gesichter, die sich jh verndern): er schien jetzt ganz berauscht. Die Kategorie des Eises -- das Eis der jakutischen Gegend; ich trage es immer im Herzen; das ist es, was mich von den anderen scheidet; ja, ja, ja; das Eis scheidet mich: erstens als Menschen, der unter fremdem Namen lebt, und dann hat mir dieses Eis jene besondere Eigenschaft verliehen, durch die ich mich, auch wenn ich unter Menschen bin, in die Un--ermelichkeiten versetzt fhle . . . Nikolai Apollonowitsch empfand eine seltsame Klte: sein an die Partei gegebenes Versprechen war ja noch nicht zurckgenommen; von den Worten des Unbekannten wehten so durchdringlich eisige Ebenen; wie sein Vater liebte Nikolai Apollonowitsch nicht die Weite. Inzwischen stand Alexander Iwanowitsch beim Fenster und lchelte: Ein Programm fr die Revolution hat unsereiner nicht ntig: das ist etwas fr Theoretiker, Publizisten, Philosophen . . . Pltzlich brach er ab und schwieg: aus dem schlackigen Nebel rollte ein Wagen heran, die Wagentr flog auf, und Apollon Apollonowitsch sprang rasch hervor und warf einen flchtigen, ngstlichen Blick auf die Spiegelscheiben der Fenster. Auch Alexander Iwanowitsch empfand eine jhe Angst und fhrte die Hand vor die Augen. Er . . . Was ist los? Nichts Besonderes: Ihr Vater ist mit dem Wagen gekommen. Wnde -- Schnee und nicht Wnde Apollon Apollonowitsch liebte seine gerumige Wohnung nicht; ihre Mbel glnzten zu aufdringlich, so in alle Ewigkeit . . . Lauttnend, grell hallten die Schritte des Senators durch den Saal. Von der mit weien Girlandenmustern verzierten Decke, aus dem Kreis der Stuckfrchte, hing ein Lster aus Bergkristall. Er wiegte sich, durchschimmernd, behangen von durchsichtigen Mullgeweben, und bebte in kristallenen Trnen. Die Quadrate des Parketts glnzten wie ein Spiegel. Die Wnde: Schnee -- und nicht Wnde. Hochbeinige Sthle standen dort und goldene Rinnen liefen die weien Beine entlang; zwischen den Sthlen mit cremefarbenen Plschsitzen glnzte das Wei der hohen Alabastertischchen, auf deren jedem sich ein Archimedes aus demselben Material erhob. Aber es war nicht nur Archimedes, es waren auch andere Griechen. Kalt blinkte von den Wnden das eingelegte ernst-eisige Spiegelglas; doch eine sorgliche Hand hngte auch dahin rundrahmige Bilder von blablauen Tnen, die an die Fresken von Pompeji erinnerten. Apollon Apollonowitsch warf im Vorbergehen einen flchtigen Blick auf die Fresken und gedachte derjenigen Hand, die sie dahin gehngt; diese sorgliche Hand war die der Anna Petrowna: Apollon Apollonowitsch verzog verchtlich den Mund und schritt in der Richtung seines Arbeitszimmers weiter. Zwei Jahre waren es her, seit Anna Petrowna ihn, eines italienischen Sngers wegen, verlassen hatte. -- Eine Persnlichkeit Mit dem Erscheinen des Senators im Hause wurde der Unbekannte von Nervositt ergriffen; seine bis dahin glatt flieende Sprache wurde holprig: wahrscheinlich die Wirkung des Alkohols; berhaupt schien sein Gesundheitszustand bedenklich; die Gesprche, die er mit sich selbst und mit anderen fhrte, lsten in ihm ein sndhaftes Gefhl aus und wirkten qulend auf sein Rckenmark; er empfand einen sonderbaren, dsteren Ekel vor seinen interessierenden Gesprchen; dieser Ekel bertrug sich dann auf ihn selbst; diese uerlich harmlosen Unterhaltungen schwchten ihn sehr; doch am unangenehmsten war der Umstand, da, je mehr er sprach, um so unwiderstehlicher sich in ihm das Bedrfnis regte, noch weiterzusprechen; er konnte nicht mehr Einhalt tun und erschpfte sich mehr und immer mehr; manchmal ging dies so weit, da er dann vom Verfolgungswahn befallen ward; in Trumen setzten sich diese Anflle fort: er hatte furchtbare Trume; der Albdruck kehrte oft dreimal in einer Nacht wieder. All das fiel Alexander Iwanowitsch ein, und er schttelte die Achseln: als htte die Rckkehr des Senators seine Seele wieder in Aufruhr gebracht; ein fremder Gedanke beunruhigte ihn. Zuweilen nherte er sich der Tr und horchte auf kaum vernehmbare, ferne Schritte: die Schritte des Senators, der sich in seinem Zimmer bewegte. Nun hren Sie meinem Geschwtz weiter zu, Nikolai Apollonowitsch: in all den Worten ber die Selbstbehauptung meiner Persnlichkeit liegt ja wiederum Krankhaftigkeit. Ich spreche mit Ihnen, debattiere -- aber nicht mit Ihnen debattiere ich, sondern mit mir, nur mit mir selbst. Der Partner bedeutet fr mich gar nichts: ich spreche ebenso mit Wnden, mit Laternenpfahlen, mit vollendeten Idioten. Ich hre nicht auf fremde Gedanken, das heit ich hre nur davon das, was mich selbst, was das _meine_ betrifft. Ich kmpfe, Nikolai Apollonowitsch: die Einsamkeit ist der Angreifer; ich sitze stunden-, tage-, wochenlang in meiner Mansarde und rauche. Dann beginnt es mir zu scheinen, als wre alles nicht das Eigentliche. -- Kennen Sie das? Ich kann es mir nicht deutlich vorstellen. Ich hrte, so was kommt bei Herzschwche vor. Beim Anblick von leeren Flchen, in deren Nhe sich nichts befindet . . . Das versteh' ich eher. Ich aber nicht; doch wenn ich so allein sitze . . . da sag' ich mir: warum bin ich -- ich? Und da scheint es mir: ich bin es eben gar nicht. Oder: da steht vor dir ein Tischchen. Wei der Teufel: ist das ein Tischchen, oder ist es keines? Und ich sage mir: was hat doch das Leben aus dir gemacht? Aber glauben Sie: ich bin nur allein krank? Oho: auch Sie, Nikolai Apollonowitsch, sind es. Fast alle sind -- krank. Lassen Sie, ich wei alles, was Sie sagen wollen, und doch: ha--ha--ha! -- Fast alle Ideenarbeiter in der Partei sind in derselben Weise krank; nur bei mir tritt es deutlicher hervor. Ich hab' auch in frherer Zeit, wissen Sie, die Parteiarbeiter gern beobachtet: eine gefllte Versammlung; Geschfte, Rauch, Gesprche -- ber lauter Erhabenes, Edles; mein Genosse ist voll Aufregung; dann aber ldt er mich ein, mit ihm ins Restaurant zu gehen. Nun, und was dann? Nun, da erscheint natrlich Wodka und dergleichen; ein Glas hbsch nach dem anderen; ich beobachte nun: zeigte sich nach dem Wodka um den Mund meines Partners so ein Schmunzeln (welches es ist, kann ich Ihnen nicht sagen), dann wute ich: auf diesen Ideenarbeiter ist kein Verla; seinen Worten und seinem Tun ist kein Glauben zu schenken; dein Partner ist krank -- an Willensschwche, an Neurasthenie; und nichts, glauben Sie mir, nichts in der Welt schtzt ihn vor Gehirnerweichung: dieser Partner ist nicht nur fhig, in schwieriger Situation sein Wort zu brechen (Nikolai Apollonowitsch fuhr zusammen): er ist auch fhig zum ganz einfachen Diebstahl und Verrat. Und sein Verbleiben in der Partei ist Provokation, Provokation. Seither lernte ich die Bedeutung solcher, wissen Sie, Fltchen um den Mund, kleiner Schwchen, eines Auflachens, einer Grimasse verstehen; und wohin ich meine Augen wende, berall, berall stoe ich auf Zerrttung des Gehirns -- eine allgemeine, schleichende, nicht zu fassende Provokation -- versteckt hinter einem solchen, wissen Sie, kurzen Auflachen; welcher Art -- knnte ich Ihnen nicht sagen, aber ich erkenne es mit unfehlbarer Sicherheit -- ich habe es auch bei Ihnen erkannt. Dann sind aber auch Sie ein Provokateur. Nehmen Sie es mir nicht bel, ich meine es in idealem Sinne. Ich -- ja, ja, ja. Ich bin ein Provokateur. Aber meine ganze Provokation bettigt sich im Namen einer groen, heimlich aus Fernen rufenden Idee; eigentlich nicht einer Idee, sondern einer Strmung. Die Erregung des Unbekannten bertrug sich auf Ableuchow; die blulichen Tabakwellen und die zwlf zerknllten Zigarettenstummel machten ihn durchaus nervs. Als wre ein unsichtbarer Dritter zwischen sie getreten. Warten Sie, ich geh' mit Ihnen; mir brummt der Schdel. Wir knnen drauen ungestrt weiterreden. Ein vorzglicher Gedanke. Ein scharfes Pochen an die Tr unterbrach ihn, und ehe Nikolai Apollonowitsch fragen konnte, wer da sei, ffnete der halbberauschte Alexander Iwanowitsch die Tr. Hart vor ihm, fast an seine Stirn stoend, befand sich ein nackter Schdel mit groen, allzu groen Ohren. Der Unbekannte sprang zurck und sah zu Nikolai Apollonowitsch hinber; doch was er erblickte, war nur . . . eine Friseurladenpuppe: ein blasses, schnes Wachsgesicht mit unangenehmem Lcheln auf dem bis zu den Ohren gehenden Munde. In der offenen Tr stand Apollon Apollonowitsch, eine riesige Melone unterm Arm . . . So--o--o, so--o--o. Ich habe, scheint es, gestrt . . . Ich brachte dir dieses Melonchen da, Kolenka . . . Es war Tradition des Hauses, da Apollon Apollonowitsch, wenn er in der Herbstzeit vom Dienst nach Hause fuhr, eine Astrachaner Melone mitbrachte, fr die beide, sowohl er wie sein Sohn, eine Passion hatten. Alle drei bewahrten einen Augenblick Schweigen; whrend dieses Augenblicks empfand jeder von ihnen ganz offen eine tierische Angst. Mein Universittskollege, Vater . . . Alexander Iwanowitsch Dudkin . . . So--o--o . . . Sehr angenehm. Apollon Apollonowitsch reichte zwei Finger: _jene Augen_ -- ohne den schrecklichen Blick; war es in Wahrheit jenes Gesicht, das ihn auf der Strae anblickte? Apollon Apollonowitsch sah vor sich einen schchternen, offensichtlich von Not bedrckten Menschen. Doch drei Herzen pochten laut; drei Augenpaare vermieden es, einander zu begegnen. Nikolai Apollonowitsch rannte hinaus, um sich umzuziehen. Inzwischen knpfte Apollon Apollonowitsch mit dem Unbekannten ein Gesprch an. Die Unordnung im Zimmer des Sohnes, der Kognak, die Zigarettenstummel machten einen peinlichen Eindruck auf den Senator; aber die Antworten des Unbekannten beruhigten ihn: diese waren vllig zusammenhanglos. Alexander Iwanowitsch errtete immer wieder und gab zufllige Antworten. Er sah vor sich nur gutmtige Fltchen, und aus diesen gutmtigen Fltchen blickten gutmtige Augen: die Augen eines Gehetzten; und die knisternde Stimme formte sich zu Worten, die Alexander Iwanowitsch kaum hrte; nur die Endworte der Stze fing sein Ohr auf: Wissen Sie . . . schon als Gymnasiast liebte Kolenka alle Vgel . . . Er war wibegierig . . . Jetzt ist er ganz anders: hat alles verworfen . . . Und geht nicht zu den Kollegs . . . So redete im Schreiton Apollon Apollonowitsch, der achtundsechzigjhrige Greis; etwas wie Mitgefhl regte sich im Herzen des Unbekannten . . . Nikolai Apollonowitsch trat wieder ein. Wo gehst du hin? Ich mu geschftlich wohin, Vater . . . Zusammen mit . . . Alexander . . . mit Alexander . . . Mit Alexander Iwanowitsch . . . So--so . . . Also mit Alexander Iwanowitsch. Bei sich dachte Apollon Apollonowitsch: Am Ende ist es vielleicht am besten: vielleicht waren die _Augen_ nur Einbildung . . . Weiter dachte Apollon Apollonowitsch, da -- Not keine Schande sei . . . Warum nur der Kognak? (Apollon Apollonowitsch hate Alkohol.) Ja, wir gehen geschftlich . . . Apollon Apollonowitsch suchte nach einem passenden Wort: Vielleicht essen wir erst zu Mittag? Alexander Iwanowitsch knnte mit uns speisen . . . Apollon Apollonowitsch sah auf die Uhr: brigens ich will nicht stren. Auf Wiedersehen, Vater . . . . Adieu . . . * * * Whrend sie ber den helltnenden Korridor schritten, stand der kleine Apollon Apollonowitsch hinten in der Korridorhalbdmmerung und blickte neugierig den beiden nach. Und doch, und doch . . . Gestern erblickten ihn diese Augen: Ha und Angst waren in ihnen; und diese Augen: -- sie gehrten _ihm_. -- Und eine Zickzackbewegung mit der Hand . . . eine hchst unangenehme -- oder war alles gar nicht -- war es berhaupt nicht? Alexander Iwanowitsch Dudkin, Student . . . Apollon Apollonowitsch schritt hinter ihnen weiter. * * * Im prunkvollen Vorraum blieb Nikolai Apollonowitsch vor dem alten Diener stehen und suchte nach dem Wort, das er sagen wollte. Ja--aa . . . aa . . . Zu dienen! Aha . . . das Muschen! Jawohl! . . . Bitte, was haben Sie damit gemacht? Mit dem Muschen? Auf dem Kai in Freiheit gesetzt . . . Ist es auch richtig? Gewi doch, gndiger Herr: wie immer. Nikolai Apollonowitsch empfand besondere Zrtlichkeit gegen diese kleinen Bestien. Beruhigt ber das Schicksal der Maus schritt er neben Alexander Iwanowitsch weiter. Beiden schien es, als blicke ihnen von der Balustrade jemand mit traurigem, prfendem Blick nach. * * * Die Flucht Alexander Iwanowitsch kehrte in seine traurige Behausung zurck, um einsam zwischen den vier kahlen, braungelben Wnden zu sitzen und das Leben der Mauerkfer in den feuchten Wandfalten zu studieren. Sein morgendlicher Ausgang war eine Flucht vor den Mauerkfern; er merkte schon lngst, da die Ruhe seiner Nchte in direktester Weise von der Ruhe des vorhergegangenen Tages abhnge: was er auf der Strae, im Wirtshaus, im Caf erlebte, das brachte er mit nach Hause. Und was war nun heute? Alexander Iwanowitsch dachte: wenn er nach Hause zurckgekehrt sein wird, werden die Geschehnisse des Tages seine Tr zu sprengen beginnen. Hinter sich lie Alexander Iwanowitsch die diamantenschimmernde Brcke zurck. Weiter, hinter der Brcke, auf dem Fond des nchtlichen Issakijdoms, reckte sich -- aus der grnen Wirrnis -- immer derselbe Granitblock, immer derselbe geheimnisvolle Reiter hielt dort in der schweren, grnenden Hand seinen kupfernen Lorbeerkranz hoch ber die Newa; unter den weit ausschlagenden Vorderhufen des Rosses stand schlummernd ein alter Grenadier mit buschigem Helm auf dem Kopf. Ein leicht wogender Halbschatten bedeckte des Reiters Angesicht, und die Einheit des metallenen Antlitzes verlor sich im Doppelsinn des Ausdrucks; die metallene Hand schnitt in die trkisblaue Luft ein. Von jener schicksalsschwangeren Zeit, als der metallene Reiter an die Ufer der Newa herangesprengt kam, von jener, mit kommenden Tagen schwangeren Zeit, als er sein Ro auf das graue, finnische Granit warf -- von da ab -- spaltete sich Ruland; es spalteten sich auch die Schicksale des Vaterlandes; diesen Ri trug Ruland leidend und weinend, trug und trgt ihn bis zur heutigen Stunde . . . Du, Ruland, bist wie ein Ro! Ins Dunkel, in die Leere schlgst du mit den Vorderhufen aus; und fest verankert im Granit sitzen deine Hinterbeine. Willst auch du dich von dem haltenden Stein lsen, wie sich manche deiner wahnsinnigen Shne vom Boden lsten -- willst auch du dich lsen von dem haltenden Stein, um zaumlos in der Luft hngenzubleiben, um dann in das undurchdringliche Wasserchaos zu strzen? Oder whnst du, durch die Lfte, Nebel zerreiend, mitsamt deinen Shnen in die Wolken zu tauchen? Oder, Ruland, bist du nur aufgebumt, in Sinnen versunken ber das grausige Schicksal, das dich hierher verschlug -- in diesen Norden, wo selbst die Sonne zgernd stundenlang nicht unterzugehen vermag; wo die Zeit fiebernd, bald in frostiger Nacht, bald im tagelichten Schimmer sich dehnt? Oder willst du, dich vor dem Sprunge frchtend, deine Hufe dem Boden nhern und wiehernd deinen groen Reiter aus den trgenden Landen zurck in die Tiefen der Ebenen tragen? Mge es nicht geschehen! . . . Einmal hoch aufgebumt, die Lfte mit dem Blick messend, wird das kupferne Ro nicht die Hufe senken: ein Sprung wird es sein in die Geschichte, ein Brausen, ein mchtiges, wird es geben; spalten wird sich der Boden; die Berge selbst werden strzen von dem Sprung; und die geliebten Ebenen werden hckerig werden; dann werden sich Nishnij Nowgorod und Wladimir und Uglitsch erheben . . . Du aber, Petersburg, wirst sinken. Alle Vlker werden dann ihre Pltze verlassen; einen groen Streit wird es geben, einen Streit, wie ihn die Welt noch niemals gesehen: die gelben Horden aus Asien, ihre festangesessenen Pltze verlassend, werden die europischen Fluren mit Ozeanen von Blut berstrmen; es wird, es wird -- ein Zusima geben! Es wird -- eine neue Kalkschlacht geben! . . . Schlachtfeld von Kulikowo -- ich harre deiner! Aufgehen wird dann die letzte Sonne auch ber meinem geliebten Land. Wenn du, o Sonne, nicht aufgehst, dann versinken, o Sonne, unter den schweren mongolischen Fersen die europischen Ufer, und weie Gischt wird diese Ufer bespritzen, die Erdgeborenen werden wieder auf des Ozeans Grund sinken -- in das ureigene, in das lngst vergessene Chaos . . . Geh auf, o Sonne! Geh auf! * * * Ein trkisblauer Durchblick glitt am Himmel hin; ihm entgegen flog durch die Wolken ein brennender Phosphorfleck, der sich pltzlich in die helleuchtende Mondscheibe wandelte; fr einen Augenblick entflammte alles rundum: Wasser, Rinnsteine, Granit, die zwei Gttinnen ber dem Viadukt, das Dach des vierstckigen Hauses; hell blinkte die Kuppel des Issakijdoms; entflammt waren auch -- des Reiters Angesicht und der Kupferlorbeerkranz; allmhlich erloschen die Lichter der Inseln, und das zweideutige Fahrzeug inmitten der Newa erwies sich als ein einfacher Schoner; ein heller Punkt leuchtete funkelnd von der kleinen Kapitnsbrcke: vielleicht das Lichtsignal des rotnasigen Bootsmanns mit der hollndischen Mtze, vielleicht die helle Laterne des wachthabenden Matrosen. Einem Ruwlkchen gleich, lste sich der Halbschatten vom kupfernen Reiter, und schwrzer zeichneten sich auf den Steinen des Pflasters der buschhaarige Grenadier und der Reiter. Die Schicksale der Menschen sah Alexander Iwanowitsch pltzlich von hellem Licht durchleuchtet: er vermochte klar zu erblicken, was einmal sein wird; er vermochte es jetzt zu erfahren, was nie geschehen kann: alles war deutlich; das Schicksal schien sichtbar geworden zu sein; doch in sein _eigenes_ Schicksal zu blicken, davor bangte es ihm; erschttert, ergriffen, sehnsuchterfllt stand er davor. Und -- der Mond bohrte sich in eine Wolke hinein . . . Wild jagend flogen die Flockenarme der Wolken dahin; neblige Hexenhaarstrhnen durchzogen die Hhe; und zweideutig tanzte dazwischen ein brennender Phosphorfleck . . . Pltzlich -- ein betubendes Brllen: vom Viadukt her gegen den Newastrom raste, mit riesigen Scheinwerfern blendend, petroleumkeuchend, ein Auto; Alexander Iwanowitsch erblickte noch die gelben Mongolengesichter; dann verlieen ihn die Krfte. Er fiel pltzlich zu Boden, und zu seinen Fen rollte seine durchnte Mtze, whrend er hinter seinem Rcken ein einem Wehklagen hnliches Lispeln vernahm: Herr Jesus Christus! Steh uns bei! Alexander Iwanowitsch wandte sich und gewahrte, da es der Grenadier war. Herrgott, was war das? Ein Auto: hohe japanische Gste . . . Das Auto aber war nicht mehr zu sehen. Stjopka Hinter Petersburg, von Kolpino ab, luft in Windungen die verlassene Strae: diese Gegend -- es gibt keine schrecklichere Gegend! Nherst du dich Petersburg morgens oder blickst beim Erwachen aus dem Fenster: -- tot; keine einzige Seele, kein Dorf; es ist, als wre das Menschengeschlecht ausgestorben und die Erde selbst -- ein toter Krper. Vielschlotiges, vielrauchiges Kolpino. Von Kolpino gegen Petersburg luft also diese sich windende Strae; sie schlngelt sich einem grauen Bande gleich; ihr Rand ist von Schotter und Telegraphenpfhlen eingefat. Mit einem Bndel am Stock ber der Schulter wanderte dort ein Arbeitsbursche dahin; wurde aus irgendeinem Grund fortgejagt; jetzt zog er auf seinem eigenen Rappen in der Richtung gegen Petersburg; um ihn herum borstete sich das gelbe Schilf; tot lagen die Steine am Wege; zuweilen flogen Schlagbume auf und nieder, die Telegraphendrhte summten, anfangs und endlos. Der Arbeitsbursche war der Sohn eines verarmten Krmers; sein Name war Stjopka; kaum einen Monat hatte er in der Fabrik gearbeitet, nun ging er nach Petersburg. Vielstckige Mauerriesen kauerten zwischen den Fabrikschloten, da und dort, dort und hier; am Himmel war keine einzige Wolke zu sehen, und der Horizont schien wie ein schmieriger Rustreifen; und diesen Ru atmeten dorten anderthalb Millionen Einwohner. All das sah mein Stjopka, doch aus all dem machte er sich wenig; auf einen Schotterhaufen sich niederkauernd, a er ein Stck von seinem Brot. Und weiter ging's: gegen Petersburg; gegen Petersburg, das giftige, rubedeckte. Am Abend dieses Tages ffnete sich die Tr der Hausmeisterwohnung; der Hausmeister Matweij Morschow sa gerade im Zimmer und las den Brsenkurier; die korpulente Hausmeisterin (sie litt immer an den Ohren) hatte einen Berg von Kissen auf dem Tische liegen und war eifrig bemht, mit Hilfe russischen Terpentinls die Wanzen aus denselben zu vertilgen; ein scharfer, tzender Geruch erfllte die Hausmeisterwohnung. In diesem Augenblick ging quiekend die Tr auf; auf der Schwelle stand unsicher Stjopka (der Hausmeister Matweij Morschow auf der Wassiljewskij-Insel war sein einziger Landsmann in Petersburg; es war daher begreiflich, da Stjopka ihn aufsuchte). Am Abend erschien auf dem Tische eine Wodkaflasche; es erschienen auch Sauergurken; es erschien auch Bemertny, der Schuhmacher, mit seiner Gitarre. Die Wodka lehnte Stjopka ab: um so mehr tranken der Hausmeister Matweij Morschow und Bemertny, der Schuhmacher. Hr' nur mal . . . hr' nur mal, was der Landsmann da alles erzhlt, sprach schmunzelnd Morschow. Das kommt alles davon, weil sie nicht den gehrigen Verstand haben, zuckte der Schuster Bemertny die Achseln; er berhrte die Saite mit dem Finger, und es ertnte: bim, bim. Stjopka aber erzhlte immer wieder von demselben: was sich in ihrem Dorfe fr besondere Menschen eingefunden hatten, was diese besonderen Menschen ber dies und jenes fr Ansichten besaen, wie sie im Dorfe des Kindleins Geburt, das heit die Freiheit, verkndeten: o, die allgemeine Freiheit. Das kommt alles davon, weil sie nicht den gehrigen Verstand haben; sie haben nicht den gehrigen Verstand: und niemand hat ihn. Der Schuster berhrte wieder die Saiten, und es ertnte: bim, bim. Er sang dabei. Stjopka erwiderte zuerst nichts; dann sang auch er ein Liedchen. Wer aufmerksam gehorcht hatte, war der junge Herr, der oben die Mansarde bewohnte und zufllig in die Hausmeisterwohnung hereingetreten war; er fragte Stjopka ber die von ihm erwhnten besonderen Menschen: was diese von dem Untergang der Welt prophezeiten und von der Zeit, in welcher dies geschehen werde; noch genauer erkundigte er sich ber den fremden Herrn, der ins Dorf gekommen war. Mager war der Herr, litt, wie es schien, und trank auch zuweilen gern ein Glschen; so da Stjopka ihm fters zugeredet hatte: Herr, Sie sind krnklich; der Tabak und die Wodka ist fr Sie der Tod; auch ich frnte frher diesem Laster, ich trank: dann aber gab ich ein Gelbde . . . Vom Tabak und der Wodka ist alles Bse gekommen; ich wei auch, wer das Volk mit Wodka vergiftet: der Japaner. Woher weit du das alles? Von der Wodka? Erstens sagt es selbst Graf Lew Nikolajewitsch Tolstoi -- haben Sie sein Bchelchen >Der erste Brantweinbrenner< gelesen? -- Dasselbe sagten aber auch die Leute im Dorf, die besonderen. Und das mit den Japanern? Von den Japanern -- das wei man schon: das wissen alle. Erinnern Sie sich noch an den Sturm, der in Moskau wtete; damals haben die Leute auch dies und jenes gesprochen; es sollen die Seelen der Erschlagenen gewesen sein: sie seien vom Jenseits, hie es, ber Moskau gezogen, denn sie waren ohne kirchlichen Segen von dannen gegangen. Und noch weiter hie es: es bedeute einen Aufruhr, der in Moskau ausbrechen wrde. Und was wird mit Petersburg geschehen? Was da geschehen wird: Die Chinesen errichten hier einen Gtzentempel! Der junge Herr lud dann Stjopka zu sich in die Mansarde ein: die Wohnung des jungen Herrn war nicht hbsch, es bangte ihn, allein drinnen zu sitzen, da nahm er Stjopka zu sich hinauf und lie ihn bei sich schlafen. Er nahm ihn also mit nach oben, lie ihn vor sich Platz nehmen, holte aus dem Koffer ein zerrissenes Schriftstck und las es Stjopka vor: Eure politischen berzeugungen sind mir klar und deutlich: es ist immer derselbe Teufelsspuk, immer dieselbe finstere Nacht; ihr glaubt mir nicht, aber ich wei es schon zur Genge: ich wei, da ihr es in Blde erfahren werdet, wie es viele bald erfahren werden . . . Ich aber werde aus den unreinen Krallen befreit. Es naht eine groe Zeit: denkt daran, schreibt es euch auf, und sagt es euren Nachkommen . . . Stjopka zog mit der Nase laut die Luft ein, der junge Herr las noch lange das Schriftstck . . . So ist es -- so, so. Und wer hat das geschrieben? Der ist im Auslande, verbannt ist er. So--o . . . * * * Und was wird in der Zukunft geschehen, Stjopka? Ich hrte: vor allem wird es ein Morden geben, dann kommt eine allgemeine Unzufriedenheit; dann wieder kommen Seuchen, Hunger; nun, und dann, sagen gelehrte Leute, wird es Unruhen geben: der Chinese wird sich gegen sich selbst erheben; die Mohammedaner -- auch sie werden sich rhren, aber daraus wird nichts . . . Na, und weiter? Was weiter? Da hast du, Herr, eine Prophezeiung: wir mssen eine Arche Noah bauen! Wie bauen? Wir werden sie schon bauen: Sie sagen es mir, ich sag' es Ihnen -- wir werden es uns zuflstern. Was werden wir uns zuflstern? Aber das eben, immer dasselbe: vom zweiten Erscheinen Christi. Genug: das alles ist . . . * * * Komm hernieder, Jesus Christus! Ende des zweiten Kapitels. Drittes Kapitel Die Feier Es hie an einer sehr hohen Stelle zu erscheinen; das Erscheinen sollte sich gestalten, d. h. -- es gestaltete sich hochfeierlich. Aus diesem Anla fanden sich auerordentliche Persnlichkeiten mit auerordentlich ernsten Gesichtern, in goldgestickten Uniformen, an besagter Stelle ein. Es war ein Tag des Auerordentlichen. Dieser Tag war natrlich hell. In den frhesten Stunden schon funkelte am Himmel die Sonne: und alles funkelte, was nur zu funkeln vermochte: die Petersburger Dcher, die Petersburger Spitzen, die Petersburger Kuppeln. In der Ferne fielen Kanonenschsse. Htten Sie Mue genug, um einen Blick auf jene wichtige Stelle zu werfen, Sie htten nur Lack, nur Glanz gesehen: Glanz lag auf den Spiegelscheiben; und selbstverstndlich -- hinter den Spiegelscheiben; Glanz waren die Sulen; Glanz das Parkett; vor der Einfahrt ebenfalls Glanz; kurz: Lack, Schimmern und Glanz! Es war ein Tag des Auerordentlichen; und er sollte natrlich in Glanz vergehen; und -- er verging natrlich in Glanz. Vom frhen Morgen schon war jede Dunkelheit gewichen, und es war ein Leuchten, heller als das der Elektrizitt, ein Leuchten des Tages; in dieser Helligkeit funkelte alles, was zu funkeln vermochte: die Petersburger Dcher, die Petersburger Spitzen, die Petersburger Kuppeln. In der Mittagssonne donnerten Kanonenschsse. An diesem auerordentlichen, leuchtenden Morgen sprang aus dem Bett mit blendend weien Bettlaken, im blendenden Schlafzimmer, ein kleines weies Figrchen; dieses Figrchen erinnerte, wei Gott weshalb, an einen Zirkusreiter. Nach einer heiligen Tradition alter Zeiten begann dieses Figrchen durch schwedische Gymnastik seinen Krper zu strken; es streckte die Arme und Beine und machte zwlf (und mehr) Kniebeugen. Nach dieser ntzlichen bung rieb das Figrchen den nackten Schdel und die Hnde mit Eau de Cologne. Weiter, nachdem Schdel, Hnde, Ohren und Hals mit kaltem Wasser erfrischt waren und der Kaffee, fr den auerordentlichen Tag ins Schlafzimmer gebracht, eingenommen war, warf sich Apollon Apollonowitsch Ableuchow (wie die anderen hochgestellten Greise an diesem Tag) in das gestrkte Linnen; er steckte durch die ffnung des panzerartigen Hemdes zwei berraschend groe Ohren und den lackglnzenden Schdel. Dann holte Apollon Apollonowitsch Ableuchow aus dem Schrank die rotlackierten Schchtelchen, unter deren Deckel, in weichem Samt gebettet, seltene, kostbare Orden lagen. Wie den anderen hochgestellten Greisen, wurde auch ihm eine glnzende Uniform mit vergoldeter Brust gereicht; dazu eine Hose aus weiem Tuch, ein Paar weie Handschuhe, eine Schachtel von besonderer Form, eine schwarze Sbelscheide, deren Griff mit silbernen Fransen verziert war; unter des gelben Nagels Druck flogen alle zehn rotlackierten Deckelchen auf, und hervorgeholt wurden: der Weie Adler mit entsprechendem Stern und blauem Band und viele andere Orden, endlich auch die Brillantenzeichen; das alles legte sich auf die goldgestickte Brust. Apollon Apollonowitsch stand vor dem Spiegel, weigoldig (ganz Schimmern und Schauer!), mit der Linken den Sbel an die Seite drckend, die Rechte mit dem pleureusengeschmckten Dreimaster und den weien Handschuhen -- an der Brust. In dieser Schauer einflenden Ausstattung lief Apollon Apollonowitsch den Korridor entlang. Im Salon machte der Senator etwas verwirrt einen Augenblick halt; die auerordentliche Blsse und das nachlssige Aussehen des Sohnes versetzten den Senator in Erstaunen. Nikolai Apollonowitsch erhob sich an diesem Tage ungewhnlich frh; nebenbei gesagt, hatte Nikolai Apollonowitsch diese Nacht berhaupt nicht geschlafen: am Abend rollte ein Wagen an das gelbe Haus heran; Nikolai Apollonowitsch sprang aus dem Wagen und begann krftig zu luten; als ihm der graue, goldbetrete Lakai aufgemacht hatte, lief Nikolai Apollonowitsch, ohne den weiten Mantel abgenommen zu haben, die leere Zimmerflucht entlang und sperrte sich in seinem Zimmer ein. Bald darauf begannen vor dem gelben Hause unbekannte Schatten zu spazieren. Nikolai Apollonowitsch wanderte in seinem Zimmer auf und ab; um zwei Uhr in der Nacht, dann um halb drei, selbst um vier hrte man noch immer seine Schritte. Ungewaschen und bernchtig, sa Nikolai Apollonowitsch im bunten Schlafrock dster vor dem Kamin. Apollon Apollonowitsch, ganz Schimmer und Schauer, blieb unwillkrlich stehen, und auf dem glatten Parkett spiegelte sich sein Glanz; er stand vor einem Trumeau, umgeben von pausbackigen Putten; seine Finger trommelten leise auf der Inkrustation eines Tischchens. Nikolai Apollonowitsch sprang, pltzlich wie zu sich gekommen, auf, wandte sich um und schlo unwillkrlich die Augen: auch ihn blendete der weigoldene Greis. Der weigoldene Greis war ihm Vater; doch versprte Nikolai Apollonowitsch in diesem Augenblick nicht die geringsten verwandtschaftlichen Gefhle; er empfand im Gegenteil etwas ganz anderes, dasselbe vielleicht, was er schon in seinem Zimmer empfunden hatte; in seinem Zimmer bte nmlich Nikolai Apollonowitsch terroristische Akte an sich selbst: -- Nummer eins bte terroristische Akte an Nummer zwei, der Sozialist an dem Edelmann, der Tote an dem Verliebten; in seinem Zimmer verfluchte Nikolai Apollonowitsch sein irdisches Wesen, und da er das Ebenbild seines Vaters war, verfluchte er denselben logischerweise. Es war klar, da seine Gotthnlichkeit ihn dazu bewog, seinen Vater zu hassen; liebte aber sein _irdisches_ Wesen dennoch den Vater? Dies wrde Nikolai Apollonowitsch sich kaum gestanden haben. Lieben? . . . Ich wei nicht, ob dieses Wort hier am Platz ist; Nikolai Apollonowitsch kannte seinen Vater gewissermaen mit den eigenen Sinnen, kannte ihn bis zu den verborgensten Seelenwindungen, bis zum Beben der unaussprechlichen Gefhle; noch mehr: er glich, seinen Sinnen nach, dem Vater vollstndig; am meisten wunderte es ihn, da er psychisch nicht wute, wo er selbst aufhrte und wo in ihm der Geist des Senators begann, des Trgers jenes funkelnden Brillantenordens unter anderen, die jetzt schimmerten auf der goldgestickten Brust. Er stellte sich im Augenblick vor (vielmehr er fhlte sich selbst in dieser prunkvollen Uniform): was htte er empfunden, angesichts eines solchen unrasierten Kumpans im bunten bucharischen Schlafrock wie er? Es mute ihm als Verletzung des guten Tones erscheinen. Nikolai Apollonowitsch begriff, da er Ekel empfunden htte, da diesen Ekel jetzt sein Vater empfand. Er begriff auch, da es ein Gemisch von Ha und Scham war, das ihn bewogen hatte, vor dem weigoldenen Greis emporzuspringen: Guten Morgen, Vater. Der Senator aber fuhr fort, mit den Sinnen, instinktiv vielleicht, in dem Sohne das zu sehen, was ihm selbst nicht uneigen war; seinerseits dachte er sich absichtlich im Neglig, den Sohn dagegen als Karrieristen und Emporkmmling ganz weigolden vor ihn tretend, und -- er zwinkerte ngstlich mit den Augen und erwiderte mit uerst bertriebener Naivitt, lustig und besonders familir: Guten Tag. Der Trger der Brillantenzeichen schien seine eigene Endentwicklung in der Psychik des Sohnes nicht zu erkennen. In beiden war die Psychik zu sehr durch Logik verdrngt. Ihre Psychik erschien ihnen als Chaos, aus dem nur berraschungen hervorgingen: wenn sie sich aber psychisch berhrten, so waren sie wie zwei gegeneinander gerichtete, in einen Abgrund fhrende Luftlcher, und vom Abgrund zum Abgrund lief ein hchst unangenehmer Luftzug; diesen Luftzug versprten jetzt beide; und die Gedanken der beiden mischten sich, so da der Sohn sicher die Gedanken des Vaters htte weiterdenken knnen. Beide lieen die Augen sinken. Die undefinierbare Empfindung des Verwandtseins glich am allerwenigsten der Liebe; wenigstens kannte das Bewutsein Nikolai Apollonowitschs diese Liebe nicht. Dieses undefinierbare Verwandtsein empfand er als schmachvollen physiologischen Akt; in diesem Augenblick wrde er das Hervortreten verwandtschaftlicher Gefhle als eine natrliche Absonderung seines Organismus betrachtet haben: Absonderungen dieser Art aber pflegt man weder zu lieben noch zu hassen: man ekelt sich einfach vor ihnen. Ein kraftloser Froschausdruck erschien auf seinem Gesichte. Sie sind heute in Gala? Finger berhrten Finger und sprangen zurck. Apollon Apollonowitsch wollte, schien es, den Grund seiner feierlichen Ausstattung erklren; auch wollte er nach der Ursache der unnatrlichen Blsse des Sohnes fragen wie seines Erscheinens in so ungewohnter Stunde. Die angefangenen Worte blieben ihm jedoch in der Kehle stecken und gingen in ein Husten ber. In diesem Augenblick meldete der eintretende Diener, da der Wagen warte. Gleichsam erfreut winkte Apollon Apollonowitsch dankbar dem Lakai zu: So--o, schn. Apollon Apollonowitsch, ganz Schauer und Glanz, rauschte an seinem Sohn vorbei; bald verklangen seine Schritte in der Ferne. -- Nikolai Apollonowitsch sphte seinem Vater nach; auf seinem bernchtigen Gesichte erschien wieder ein Lcheln: der Abgrund hatte sich vom Abgrund abgewandt; der Luftzug wehte nicht mehr. Nikolai Apollonowitsch Ableuchow dachte an das letzte Zirkular des Apollon Apollonowitsch, das im vollstndigen Gegensatz zu seinen eigenen Plnen stand; Nikolai Apollonowitsch kam zu dem Schlu, da sein Vater, Apollon Apollonowitsch, ganz einfach -- ein ausgemachter Schuft war. Auf dem Meeting Nach dem nakalten Schmutz der ersten Oktobertage badeten eines Tages die Petersburger Dcher, die Petersburger Spitzen, die Petersburger Kuppeln im blendenden Glanz der Oktobersonne. Engel Peri blieb an diesem Tag allein; der Gatte war abwesend; er verwaltete -- irgendwo dort -- den Proviant; der unfrisierte Engel schwebte in seinem rosa Kimono zwischen den Vasen mit Chrysanthemen und dem Berg Fujiyama. Die Falten des Kimonos flatterten wie Atlasflgel, und der besagte Engel bi unter der Hypnose eines Gedankens bald sein Taschentchlein, bald das Ende des schwarzen Zopfes. Nikolai Apollonowitsch blieb natrlich nach wie vor der schuftigste Schuft, aber auch der Zeitungsreporter Neintelpfein -- so einer! -- war auch -- ein Vieh. Die Gefhle des Engels waren bis zum uersten aufgewhlt. Um ein wenig die aufgewhlten Gefhle ins Gleichgewicht zu balancieren, kauerte sich Engel Peri mit untergeschlagenen Beinen auf ihre Chaiselongue hin und schlug das Bchlein von: Henri Besanon Der Mensch und sein Krper auf. Dieses Bchlein hatte Engel Peri schon des fteren aufgeschlagen, aber . . . (und noch einmal aber): das Bchlein fiel ihr jedesmal aus den Hnden, die Augen schlossen sich im Nu, im kleinen Nschen entstand ein strmisches Leben: es pfiff darin und schnaufte. Nein, heute wird sie nicht einschlafen: Baronin R. R. hatte sich schon einmal nach dem Bchlein erkundigt; als sie hrte, da es bereits gelesen ist, fragte sie schelmisch: Na, und was meinen Sie dazu, ma chre? Aber ma chre erwiderte gar nichts; und Baronin R. R. drohte ihr mit dem Fingerchen: Doch nicht umsonst hatte sie auf die Titelseite des Bchleins geschrieben: meiner devanchanischen Freundin und als Unterschrift: Baronin R. R. -- eine irdische Hlle, doch mit buddhistischen Funken. Aber gestatten Sie: was ist es: devanchanische Freundin, Hlle, buddhistischer Funken? Das sollte ihr nun Henri Besanon jetzt erklren. Und Sofja Petrowna wollte sich diesmal in ihn vertiefen; aber kaum hatte sie das Nschen in Henri Besanon gesteckt, als die Glocke ertnte und, einem Sturme gleich, die Kursistin Warwara Ewgrafowna ins Zimmer hereinflog. Engel Peri hatte nicht Zeit, das kostbare Bchlein zu verstecken und wurde bei der Tat ertappt. Was ist das? rief streng Warwara Ewgrafowna, setzte den Zwicker auf die Nase und beugte sich ber das Bchlein . . . Was haben Sie da? Wer hat's Ihnen gegeben? Die Baronin R. R. Na, freilich . . . Und was ist das? Henri Besanon . . . Sie wollen sagen: Anni Besant . . . Der Mensch und sein Krper? . . . So ein Unsinn . . . Die blauen uglein zwinkerten ngstlich, whrend die roten Lippen sich schmollend zusammenzogen. Die Bourgeoisie, ihr Ende fhlend, warf sich auf die Mystik: berlassen wir den Himmel den Spatzen, und bauen wir aus dem Reich der Notwendigkeiten das Reich der Freiheit. Und Warwara Ewgrafowna bergo den Engel mit sieghaftem Blick: die uglein des Engels aber zwinkerten noch hilfloser; Engel Peri achtete Warwara Ewgrafowna und Baronin R. R. in gleicher Weise, und nun sollte sie zwischen ihnen whlen. Zum Glck machte Warwara Ewgrafowna aus der Sache keine Affre; die Beine bereinandergeschlagen, wischte sie den Zwicker. Es handelt sich um folgendes . . . Sie werden sicher auf dem Ball bei den Zukatows sein . . . Ja, erwiderte schuldbewut der Engel. Es handelt sich also darum: auf diesem Ball wird, wie ich erfahren habe, auch unser gemeinsamer Bekannter sein: Ableuchow. Der Engel errtete. Nun also, Sie bergeben ihm hier diesen Brief. -- Warwara Ewgrafowna streckte dem Engel ein Kuvert entgegen. bergeben Sie ihn, weiter nichts: werden Sie es tun? Ich werde . . . ich werde ihn bergeben. Schn also. Ich habe augenblicklich leider wenig Zeit, ich mu zu einem Meeting . . . Liebste Warwara Ewgrafowna, nehmen Sie mich mit. Aber frchten Sie sich denn nicht? Es kann zu einer Schlgerei kommen. Nein, Liebste, nehmen Sie mich mit. Dann bitte, kommen Sie. Aber Sie werden erst noch Toilette machen mssen, sich pudern und so weiter . . . Machen Sie es rasch . . . * * * Da sie ihn morgen auf dem Ball bei Zukatows sehen, mit ihm sprechen, ihm den Brief hier bergeben wird -- all das war bengstigend und schmerzhaft: Schicksalschweres lag darin -- nein, nicht denken, nicht denken! Eine trotzige, schwarze Haarstrhne fiel auf den Nacken. Ja, der Brief. Auf dem Brief stand deutlich zu lesen: An Nikolai Apollonowitsch Ableuchow. Sonderbar war nur dies: diese Schrift war die Schrift Lipantschenkos . . . Welcher Unsinn! Nun ist sie schon in ihrem Wollkleid, das am Rcken geknpft war. Also gehen wir, gehen wir . . . brigens, dieser Brief . . . von wem ist er? . . . ? Ach so, dann nicht, nicht: ich bin fertig. Warum wollte sie durchaus zum Meeting? Um unterwegs auszufragen, auszuforschen? Wonach aber forschen? Beim Tor stieen sie auf den Kleinrussen Lipantschenko. So, so, wohin? Sofja Petrowna winkte gergert mit der Hand und mit dem Plschmuff. Ich gehe zum Meeting, zum Meeting. Der schlaue Kleinrusse aber gab nicht nach. Schn, ich gehe mit Ihnen. Warwara Ewgrafowna errtete, blieb stehen: sie starrte den Kleinrussen an. Ich glaube, ich kenne Sie: Sie wohnen im Zimmer bei . . . Der schamlose Kleinrusse geriet hierber in grte Verwirrung: begann zu schnaufen, trat zurck, lftete verwirrt seine Mtze und ging fort. Wer ist, bitte, dieses unangenehme Subjekt? Lipantschenko. Das stimmt nicht. Nicht Lipantschenko, sondern ein Grieche aus Odessa: Mawrokordato; er kommt fters ins Zimmer, das hinter meiner Wand ist: ich rate Ihnen nicht, ihn zu empfangen. Doch Sofja Petrowna hrte nicht zu. Mawrokordato, Lipantschenko -- das war ganz gleich . . . Der Brief nur, der Brief . . . * * * Edel, schlank und bla! . . . Sie gingen ber die Moikastrae. Links von ihnen bebte das letzte Gold der Baumbltter; trte man nher, man wrde die Meisen hpfen sehen; aus dem Garten aber zog sich, resigniert am Boden liegend, bis zu den Steinfliesen hin, ein knisternder Faden, der sich vor den Fen des Fugngers wirbelte, sich an seine Fe hngte und flsternd gelbrote Worte aus Blttern flocht. Uuuu -- uuuu -- uuuu? Haben Sie gehrt? Was denn? * * * Pltzlich tauchte auf dem feuerroten Fond eine Silhouette auf: Flgeln gleich flatterte im Winde der weite graue Mantel; im Wachsgesicht mit den vorstehenden Lippen ein nachlssiger Ausdruck; die Augen schienen nach irgend etwas in den blulichen Newafernen zu suchen, fanden es aber nicht und glitten ber alles Nahe hinweg: so sah er weder Sofja Petrowna noch Warwara Ewgrafowna: die Augen sahen nur die Tiefe, das grnliche Blau. Vor der Silhouette aber lief keuchend die tigerartig gestreifte Bulldogge, die silberne Reitpeitsche des Herrn in den Zhnen. An die beiden nher herangekommen, blinzelte Ableuchow, zu sich kommend, mit den Augen und berhrte grend seine Mtze; er sagte nichts und ging weiter: dorthin, wo im Feuerrot die Huser badeten. Sofja Petrowna, mit schielenden Augen, verbarg ihr Gesichtchen in den Muff und nickte unbeholfen seitlich mit dem Kopfe, nicht ihm, sondern der Bulldogge zu. Warwara Ewgrafowna aber blieb mit starrem Blick an ihm hngen. Ableuchow -- Ja . . . ich glaube. Nach dieser bejahenden Antwort (sie selbst war kurzsichtig) murmelte Warwara Ewgrafowna erregt vor sich hin: Edel, schlank und bla, Wie Flachs der blonde Schopf; Reich an Geist und arm an Herz: N. A. A. -- Kennt ihr diesen Kopf? Sofja Petrowna wandte sich pltzlich unerwartet fr sie selbst um und sah, wie dort in der Ferne in den letzten grellroten Strahlen der Newasonne, ihr zugewandt, Nikolai Apollonowitsch stand; seltsam vornbergebeugt, das Gesicht in den Kragen vergraben, stand er und lchelte, wie es ihr schien, in unangenehmster Weise; er gab eine hchst komische Figur ab: in seinen weiten Mantel gehllt, sah er bucklig und wie seiner Arme beraubt aus; vor diesem Anblick wandte sie eilig ihr Kpfchen ab. Lange noch stand er, gekrmmt, unangenehm lchelnd und machte auf dem feuerroten Fond der untergehenden Sonne eine recht komische Figur. Doch nicht sie sah er: bei seinen kurzsichtigen Augen konnte er die sich entfernenden, kleinen Gestalten kaum sehen; er lachte vor sich hin und blickte weit, weit, wo die Linien der Inseln sich tief senkten. Sie aber -- weinen wollte sie: sie wnschte, ihr Gatte, Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin htte sich dem Schuft genhert, ihm mit seiner sehnigen Faust ins Gesicht geschlagen und ihm seine ehrliche Offiziersmeinung gesagt. Die untergehende Sonne schleuderte ihre herzlosen Strahlen direkt vom Horizont; ber ihm wiegte sich die Unermelichkeit der rosa schimmernden Luftwellen; noch hher lagen die soeben noch weien, jetzt rosigen Wlkchen in von Perlmutter durchzogenem Trkisblau; bald werden die Perlmutterstreifen die zarten Durchblicke im Trkisblau erlschen; ergieen wird sich das dunkle, schwere Blau, die blaugrne Tiefe, auf die Huser, auf den Granit, auf die Wasser. Einen Sonnenuntergang aber wird es nicht mehr geben. Comt! -- Comt! -- Comt! Der Lakai trug die Suppe auf. Vor den Teller des Senators hatte er schon vorher eine Pfefferschale hingestellt. Apollon Apollonowitsch in seinem kurzen grauen Sakko zeigte sich in der Tr; rasch nahm er seinen Platz ein, und der Lakai hob den Deckel der dampfenden Suppenschssel. Dann ging die Tr links auf; Nikolai Apollonowitsch in hochgeknpftem Studentenrock sprang rasch ins Zimmer. Beide richteten die Blicke aufeinander, und beide wurden verlegen (sie wurden immer verlegen). Nikolai Apollonowitsch stolperte am Tischbein. Apollon Apollonowitsch reichte dem Sohne seine wulstigen Lippen; an diese wulstigen Lippen drckte Nikolai Apollonowitsch seine zwei Lippen; die Lippen berhrten einander; und zwei Finger schttelten eine schwitzende Hand. Guten Abend, Vater! Guten Abend! Apollon Apollonowitsch setzte sich. Apollon Apollonowitsch ergriff die Pfefferschale und pfefferte wie gewhnlich seine Suppe zu stark. Aus der Universitt? . . . Nein, vom Spaziergang . . . Und ein Froschausdruck legte sich um den Mund des ehrerbietigen Sohnes; wir betrachteten sein Gesicht mit all den mannigfachen Grimassen, mit dem Lcheln und den Mienen der Hflichkeit, die der Fluch Nikolai Apollonowitschs war, wenn auch nur deswegen, da von der _griechischen Maske_ dann nicht eine Spur zurckblieb; dieses Lcheln, die Grimassen und die einfachen Gesten der Hflichkeit schumten wie eine ununterbrochene Kaskade vor dem hpfenden Blick des zerstreuten Vaters. Die Hand, die den Lffel hielt, zitterte sichtlich, und die Suppe lief daneben. Aus dem Amt, Vater? Nein, vom Minister . . . * * * Oben sahen wir, wie Apollon Apollonowitsch in seinem Arbeitszimmer sitzend, zu der berzeugung gelangte, da sein Sohn ein ausgemachter Schuft sei: so pflegte der achtundsechzigjhrige Vater tglich einen zwar nur mit den Gedanken erfabaren, aber doch terroristischen Akt an seinem eigenen Blute und seinem Fleische zu begehen. Doch das waren abstrakte, durch gedankliche Arbeit gezogene Schlsse, die nicht einmal in den Korridor, geschweige in das Speisezimmer aus dem Privatraum getragen wurden. Wnschest du Pfeffer, Kolenka? Ich mchte um das Salz bitten, Vater . . . Apollon Apollonowitsch blickte seinen Sohn an, das heit, er hpfte mit den Augen ber die Gestalt des grimassierenden jungen Philosophen und er gab sich in dieser Stunde, der Tradition gehorchend, einer Aufwallung von Vterlichkeit hin. . . . Und ich gebrauche gern Pfeffer: es schmeckt besser gepfeffert . . . Nikolai Apollonowitsch, die Augen auf den Teller gerichtet, war bemht, die aufdringlichen Assoziationen aus seinem Gedchtnis zu jagen: den Sonnenuntergang an der Newa, die Unaussprechlichkeit der rosaschimmernden Wellen, den zarten Perlmutterglanz, die blaugrne Tiefe; und auf dem Fond des zartesten Perlmutterschimmers . . . So--o! . . . So--o! . . . Sch--n . . . So unterhielt Apollon Apollonowitsch seinen Sohn (oder vielmehr sich selber). Schwer lastete das Schweigen ber dem Tische. Aber dieses Schweigen strte den suppespeisenden Vater gar nicht (das Schweigen pflegt alte Leute nicht zu stren, wohl aber die nervse Jugend). . . Der Sohn aber empfand im Suchen nach einem Gesprchsthema regelrechte Qual. Fr ihn selbst unerwartet, platzte er heraus: Und ich . . . Wie? Was? Nein . . . so . . . nichts . . . ber dem Tische hing schwer das Schweigen. Nikolai Apollonowitsch platzte wiederum unerwartet fr sich heraus. Und ich . . . Die Fortsetzung zu diesem herausgeplatzten Und ich fand er noch immer nicht. Was soll ich nur zu diesem >Und ich< hinzufgen? dachte er. Doch rein nichts fiel ihm ein. Apollon Apollonowitsch, beunruhigt durch die sinnlose Wortverwirrung des Sohnes, sah ihn indessen fragend, streng und kaprizis an, erbost ber das Gestammel . . . Aber gestatte: Was meinst du? Und ich . . . las in der >Theorie der Erfahrung< von Cohen . . . Wieder hielt er stockend inne . . . Also was ist das fr ein Buch, Kolenka? In der Ansprache bewahrte Apollon Apollonowitsch seinem Sohne gegenber die Tradition von dessen Kindheit: und der _vollendete Schuft_ wurde _Kolenka, Shnchen, Liebling_ genannt . . . Cohen ist der bedeutendste Vertreter der europischen Kantianer. Erlaube -- Comtianer? Kantianer, Vater . . . Aber Kant ist ja nicht wissenschaftlich . . . -- Comt ist es, der nicht wissenschaftlich ist . . . * * * Apollon Apollonowitsch, mde und ein wenig unglcklich, rieb sich langsam mit dem kalten Fustchen die Augen und wiederholte zerstreut: Comt . . . Comt . . . Comt . . . Apollon Apollonowitsch dachte, da sein Gehirn die letzte Woche wieder unter heftigem Blutandrang, verursacht durch starkes Hervortreten der Hmorrhoiden, litt; sein Schdel fiel schwer gegen die dunkle Stuhllehne; die blauen Augen starrten fragend vor sich hin. Comt . . . Ja: Kant . . . Er berlegte etwas und richtete den Blick auf den Sohn: Was ist es also fr ein Buch, Kolenka? . . . * * * Nikolai Apollonowitsch hatte aus instinktiver Schlauheit das Gesprch auf Cohen gebracht; Cohen war ein neutrales Gesprchsthema. Dieses Thema schlo andere Themen aus, und so wurde eine Auseinandersetzung verschoben (von Tag zu Tag -- von Monat zu Monat). Auerdem behielt der Sohn von der Kinderzeit die Gewohnheit, mit dem Vater lehrreiche Gesprche zu fhren: so pflegte Nikolai Apollonowitsch, aus dem Gymnasium kommend, seinem Vater eifrig die Einzelheiten des gallischen Krieges zu erzhlen; vergngt hatte der Vater dem Sohne zugehrt und wohlwollend dessen Interesse am Lehrstoff zu steigern gesucht. Auch in spteren Zeiten hat Apollon Apollonowitsch fters seine Hand auf die Schulter seines Sohnes gelegt: Kolenka, du solltest die _Logik_ von Mill einmal lesen: es ist dies -- weit du -- ein ntzliches Buch . . . Zwei Bnde . . . Ich habe es seinerzeit von A bis Z gelesen . . . Nikolai Apollonowitsch erschien am Tage darauf mit einem mchtigen Buch in der Hand. Apollon Apollonowitsch fragte freundlich mit geheuchelter Unabsichtlichkeit: Was liest du da, Kolenka? Mills Logik, Vater. So--o, so--o . . . sehr, sehr gut. * * * Jetzt endgltig voneinander gelst, kehrten sie unbewut zu dem Alten zurck: ihr gemeinsames Mittagessen endete oft mit einem lehrreichen Gesprch . . . Apollon Apollonowitsch dachte: Es mu zugegeben werden; sein Gehirnapparat ist gut ausgearbeitet. Und beim Dessert waren sie bis zu einer Art Freundschaft gelangt. Beide erhoben sich, beide spazierten durch die Zimmerflucht; die weien Schatten der griechischen Weisen huschten durch die Rume: dort, dort und dort; die Flucht der Zimmer verdunkelte sich; weit im Salon hpfte an der Wand ein rtlicher Schein; man vernahm das Knistern des Kaminfeuers. So pflegten sie auch frher durch die leere Zimmerflucht zu wandern -- der Knabe und . . . der damals noch zrtliche Vater. Etwas spter pflegte der zrtliche Vater dem blonden Knaben kameradschaftlich die Hand auf die Schulter zu legen; der zrtliche Vater fhrte damals den Knaben an das Fenster, die Finger zu den Sternen hebend: Die Sterne, Kolenka, sind weit: ber zweieinhalb Jahre sind notwendig, bis der Strahl von dem nchsten Stern, zu uns herberkommt . . . So ist es, mein Lieber! Einmal schrieb er ihm ein Verschen: Kolenka, der dumme Tropf, Tanzt und hpfet immer; Mit der Mtze auf dem Schopf Reitet er durchs Zimmer. War es -- oder war es vielleicht gar nicht? . . . Nie, niemals? Beide saen jetzt im Salon auf dem Atlassofa und sprachen, zwecklos und gedehnt, bedeutungslose Worte. Der glattrasierte, graue alte Apollon Apollonowitsch zeichnete sich im hpfenden Feuerschein mit seinen Ohren und dem Sakko: mit ebendemselben Gesichtsausdruck, auf dem Fond des brennenden Rulands, wurde er vor kurzem auf dem Titelblatt eines Straenblttchens dargestellt. Kommt fters zu dir, Liebling, der . . . der . . .? Wer, Vater? Der, wie heit er nur . . . Der junge Mann? Der junge Mann? . . .? Nikolai Apollonowitsch grinste pltzlich . . . Der, den Sie neulich in meinem Zimmer trafen? Alexander Iwanowitsch Dudkin . . . Nein, er kommt nur manchmal. * * * Wenn . . . wenn . . . es keine indiskrete Frage ist, so . . . scheint mir . . . Was, Vater? * * * brigens . . . wenn meine Frage sozusagen ungeschickt ist . . . Wieso ungeschickt? Ich meine . . . ein ganz angenehmer junger Mann: arm, wie es scheint. Apollon Apollonowitsch sah auf die Uhr. Ja, so . . . Es gibt viele spezielle Wissenschaftsgebiete: jedes Spezialgebiet ist tief. Weit du, Kolenka, ich bin mde. Apollon Apollonowitsch wollte seinen Sohn, der sich die Hnde rieb, nach etwas fragen . . . Er blieb stehen, sah sich um, fragte aber nichts, sondern senkte den Blick: Nikolai Apollonowitsch empfand einen Augenblick Scham. Mechanisch hielt Apollon Apollonowitsch dem Sohne seine wulstigen Lippen hin; zwei Finger schttelten eine Hand. * * * Bald darauf ffnete sich die Tr des senatorischen Arbeitszimmers: mit einer Kerze in der Hand lief Apollon Apollonowitsch in den mit nichts zu vergleichenden Raum, um sich . . . dem Zeitungslesen zu widmen . . . * * * Nikolai Apollonowitsch trat ans Fenster. Ein phosphoreszierender Fleck raste in wildem Tempo ber den Himmel; in phosphoreszierendem Glanz leuchtete neblig die Newaferne, und grn schimmerten die lautlos gleitenden Flchen; bald dort, bald da sprhte ein goldener Funken auf; an verschiedenen Stellen des Wasserspiegels entflammten rtliche Lichter, um sich vielleicht nach einer Sekunde im phosphoreszierenden Nebel zu verlieren. Hinter der Newa dehnten sich die Riesengestalten der Inseln und warfen in den Nebel mattleuchtende Blicke -- endlos, lautlos, qualvoll: es schien, als weinten sie: hher streckten sich in wildem Rasen undeutlich gezeichnete bauschige Arme; Schar um Schar erhoben sie sich ber den Wellen der Newa; vom Himmel aber fielen sie als durchleuchtend phosphoreszierende Flecke. Nur an einer vom Chaos unberhrten Stelle, wo sich am Tage die Troitzkibrcke breitete, glnzten durchnebelte riesige Brillantennester ber einer glitzernden Schar rundgliedriger Lichtschlangen; sich bald zusammenringelnd, bald streckend, rasten die Schlangen als Funkenlinie nach oben; und untertauchend, erschienen sie dann wieder als Sternfden auf dem Spiegel des Wassers. Nikolai Apollonowitsch blickte vertrumt auf diese Fden. In der dunklen Ferne des Korridors ertnte metallisch ein Trriegel, in der dunklen Ferne des Korridors schimmerte Licht auf: mit der Kerze in der Hand verlie Apollon Apollonowitsch den mit nichts zu vergleichenden Raum: ein mausgrauer Schlafrock, graue, rasierte Backen und riesige Konturen ganz toter Ohren zeichneten sich deutlich im tanzenden Licht und liefen aus der Helle in die vllige Dunkelheit hinein. * * * Nikolai Apollonowitsch dachte: Es ist Zeit. Nikolai Apollonowitsch wute, da sie zum Meeting gegangen war (dafr brgte die Begleitung Warwara Ewgrafownas), Nikolai Apollonowitsch dachte, da schon zweieinhalb Stunden vergangen sind, seit er sie getroffen hatte; jetzt dachte er: Es ist Zeit . . . Tatam -- tam -- tam! Es war schon spt. Sofja Petrowna war auf dem Wege nach Hause, sie verbarg ihr Nschen in den flaumigen Muff. Hinter ihrem Rcken dehnte sich die Troitzkibrcke, lief endlos gegen die Inseln, die stumm in der Ferne sich dehnten; ber die groe eiserne Brcke breiteten sich Schatten, legten sich auf das feuchte Gelnder, legten sich auf die grnlichen, von Bazillen wimmelnden Wasserflchen. Pltzlich weiteten sich Sofja Petrownas Augen, begannen zu zwinkern, schielten: unter dem feuchten, feuchten Gelnder lag mit gespreizten Beinen ein dunkles tigerartiges Tier, in den Zhnen eine silberne Reitpeitsche; die runde Schnauze des tigerartigen Tieres war zur Seite gewandt; als Sofja Petrowna in diese Richtung den Blick warf, sah sie das wchserne Gesicht mit den vorstehenden Lippen, den Blick auf das grnliche, von Bazillen wimmelnde Wasser gerichtet; es schien, als barg dies Gesicht in sich einen teuflischen Gedanken, der in ihr seinen Widerklang gefunden hatte; denn qulend verfolgten sie in den letzten zwei Tagen die Worte aus der allbekannten Romanze: Wir standen am Ufer der Newa Und sahen dem purpurnen Sonnenuntergang zu. Und nun, er stand auf dem Ufer der Newa und sah dumpf auf das Grn, oder nein -- er flog mit dem Blick in die Ferne, wo sich die Ufer breiteten, wo sich resigniert die Inselhuser duckten, wo ber den weien Festungswnden hoffnungslos und kalt die qualvoll scharfe, herzlose, kalte Spitze der Petropawlowski-Festung zum Himmel ragte. Es zog sie zu ihm -- was sind Worte, was sind Gedanken! Aber er, er bemerkte sie wieder nicht; mit den vorstehenden Lippen und glasig erweiterten Augen hnelte er in seinem weiten Mantel einem kleinen, armlosen Krppel. Als sie vorbei war, wandte sich Nikolai Apollonowitsch langsam um und ging mit raschem, trippelndem Schritt fort; an der Ecke vor der Brcke wartete sein Wagen; der bald dahinraste; und als sein Wagen Sofja Petrowna berholte, wandte Nikolai Apollonowitsch, whrend er, zum Hunde niedergebeugt, mit den Hnden dessen Halsband herunternahm, den Blick der einsam schreitenden dunklen Gestalt zu, die ihr Nschen in den Muff gesteckt hat; er sah sie an, lchelte; doch der Wagen raste vorbei. Pltzlich, unerwartet, begann der erste Schnee zu fallen; seine lebendigen Diamanten schimmerten tanzend im Lichtkreis der Laterne; nur ganz, ganz matt beschien der Lichtkreis auch eine Mauer des Palais, den Kanal und die kleine steinerne Brcke; leer war es rundum; eine einsame Droschke wartete auf jemand an der Ecke, und der Kutscher pfiff sorglos ein Liedchen; in der Droschke lag nachlssig hingeworfen ein weiter grauer Mantel. Sofja Petrowna Lichutina blickte, auf der Brcke stehend, vertrumt in die Tiefe; Sofja Petrowna Lichutin war schon fters dagestanden; einmal stand sie auch mit ihm da; und sie sprach von den gttlichen, wundervollen, zauberhaften Klngen einer Oper und, mit dem Fingerchen dirigierend, sang sie halblaut: Tatam-tam-tam! . . . Tatam-tam-tam! Nun stand sie wieder da; ihre Lippen ffneten sich, das Fingerchen hob sich in die Hhe: Tatam-tam-tam! . . . Tamtam-tam-tam! Pltzlich hrte sie Schritte, die sich ihr rasch nherten. Sie sah sich um -- und schrie nicht einmal auf: hinter der Palaisecke erschien der rote Domino, lief wie suchend bald hin, bald her und strzte, die Frauengestalt auf der Brcke entdeckend, ihr entgegen; er stolperte vom Laufen und hielt die Maske weit vor sich, der kalte Newawind aber spielte mit dem schwarzen breiten Spitzenfcher. Sofja Petrowna Lichutina hatte angesichts der laufenden Maske kaum Zeit, sich klar darber zu werden -- da der rote Domino eine Narrenmaske sei, da ein geschmackloser Witzbold (und wir wissen, wer es war) mit ihr einfach einen Scherz machen wollte, da hinter der Samtmaske sich ein menschliches Gesicht verbarg -- Sofja Petrowna dachte (sie hatte ja so eine winzige Stirn), da die Welt ein sonderbares Loch bekommen habe und da sich auf sie aus diesem Loch, keinesfalls aber aus der umgebenden Welt, ein teuflischer Spavogel strzte; wer dieser teuflische Spavogel sei, das htte sie kaum zu erklren vermocht. Als die schwarze Spitzenmaske stolpernd die Brcke erreichte, ri ein Windsto an dem roten Narrenanzug so heftig, da seine Flgel bers Gelnder in die dunkelfarbige Nacht flogen; zum Vorschein kam ein wohlbekannter Anzug, und der furchtbare Domino verwandelte sich einfach in den armseligen Witzbold; in diesem Augenblick rutschte der Witzbold aus und fiel mit der ganzen Wucht seines Krpers zu Boden; ber ihm aber klang jetzt lautes, unbndiges Lachen: Kleiner Frosch, Scheusal -- roter Narr! . . . Ein flinker kleiner Frauenfu stie zornig gegen den Narren. Lngst des Kanals eilten inzwischen brtige Mnner daher, aus der Ferne ertnte das Polizeisignal; der Narr sprang auf; der Narr strzte zur Droschke; man sah aus der Ferne, wie in der Droschke sich hilflos eine Gestalt bewegte, bemht, den Mantel wieder ber die Schulter zu ziehen. Sofja Petrowna begann zu weinen und verlie im Laufschritt die verruchte Stelle. Vom Kanal her lief bellend in der Richtung der Droschke die stumpfnasige Bulldogge: ihre kurzen Beine flitzten nur so dahin, und hinterher raste ein Gefhrt, in dem zwei Schutzleute saen. Es winselte ein toller Hund Sofja Petrowna lief gekrnkt auf die andere Seite; gekrnkt vergo sie Trnen in ihren Muff; an das schreckliche, fr sie ewig schmachvolle Geschehnis konnte sie nicht denken. Htte Nikolai Apollonowitsch sie nur in anderer Weise beleidigt, htte er sie lieber geschlagen, htte er sich in seinem roten Domino bers Gelnder gestrzt -- sie wrde ihr ganzes weiteres Leben mit grausigem Beben an ihn gedacht haben. Jetzt aber Rache, Rache! Wie ein Sturm lief Sofja Petrowna in ihre Wohnung. Im hellen Vorzimmer hing ein Offiziersmantel mit Kappe: ihr Mann war also zu Hause. Ohne abzulegen, flog Sofja Petrowna ins Zimmer des Gatten; sie ri mit derber, prosaischer Geste die Tr auf, flog hinein: mit zerzauster Boa, weichem Muff und flammendem, flammendem Gesichtchen, das so unschn geschwollen war: flog hinein und blieb stehen. Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin schien sich zum Schlafengehen fertigzumachen; seine graue Joppe hing bescheiden auf dem Kleiderstock, er selbst aber in schneeweiem Hemd und Hosentrgern -- lag auf den Knien, einer regungslosen, wie gebrochenen Silhouette gleich; er hatte ein matt glnzendes Heiligenbild vor sich, mit knisterndem llmpchen davor. Bla zeichnete sich im Halbdunkel des llmpchens das Gesicht des Offiziers mit spitzem, blau erscheinendem Brtchen und der zur Stirn gehobenen, blauen Hand; Hand, Gesicht, Bart und weie Brust schienen wie geschnitzt aus festem, duftendem Holz; kaum merkbar bewegte Ssergeij Ssergeijewitsch die Lippen, kaum merkbar neigte er seine Stirn gegen das blaue Lichtchen, und kaum merkbar rhrten sich die aneinandergepreten blauen Finger an der Stirn, das Kreuz schlagend. Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin drckte erst die blulichen Finger auf die Brust und auf beide Schultern, verneigte und wandte sich dann wie gegen seinen Willen um. Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin erschrak nicht, wurde nicht verlegen; sich vom Fuboden erhebend begann er gewissenhaft hngengebliebene Stubchen von den Knien zu entfernen. Nach dieser etwas langsam vollfhrten Handlung fragte er ruhig: Was hast du, Ssonjuschka? Die gleichmtige Ruhe des Gatten reizte und beleidigte sogar Sofja Petrowna, ebenso wie das blaue Lichtchen dort in der Ecke. Mit einem scharfen Ruck fiel sie auf einen Stuhl, ihr Gesicht mit dem Muff deckend, und begann laut zu weinen. Aber Sonja . . . Nun beruhige dich doch . . . Beruhige dich doch, mein Kind! Kindchen, Kindchen! . . . Lassen Sie mich, lassen Sie mich! . . . Was ist geschehen? Sag'! . . . Wir wollen uns beide ruhig darber beraten. Nein, lassen Sie mich, lassen Sie mich! . . . Nichts . . . lassen Sie mich! Sie scheinen kaltes . . . aaaa . . . Fischblut zu haben . . . Verletzt trat Ssergeij Ssergeijewitsch beiseite, blieb einen Augenblick unschlssig stehen und lie sich dann ebenfalls in einen Sessel nieder. Aaaa . . . Seine Frau so im Stich zu lassen! . . . Er verwaltet irgendwo dort den Proviant! . . . Geht fort! . . . Wei nichts! . . . Es ist nicht richtig, Ssonjuschka, wenn du glaubst, ich wte gar nichts . . . Sieh mal . . . * * * Sieh mal, Liebling: seit der Zeit, wo ich . . . in dieses Zimmer bersiedelte . . . Kurz, auch ich habe mein Selbstgefhl; dich aber will ich in deiner Freiheit, das mut du wissen, nicht stren . . . Noch mehr: ich kann dich in deiner Freiheit nicht stren: ich verstehe dich; ich wei, Liebling, sehr gut, da es dir nicht leicht ist . . . Ich lebe, Ssonjuschka, in einer Hoffnung: vielleicht wird einmal wieder . . . Na, nicht, nicht! Aber verstehe mich auch: meine Fremdheit, meine, wie soll ich es nennen, Gleichgltigkeit kommt keinesfalls von Klte . . . Nein, nicht, nicht! . . . * * * Du mchtest vielleicht Nikolai Apollonowitsch Ableuchow sehen? Es ist etwas zwischen euch vorgefallen, wie mir scheint! Erzhl' mit doch alles: erzhle alles, ohne etwas zu verheimlichen: wir wollen dann beide ber deine Situation nachdenken. Sie drfen nicht von ihm sprechen! . . . Er ist ein Schuft, ein Schuft. Ein anderer Mann wrde ihn lngst erschossen haben . . . Ihre Frau wird verfolgt, verhhnt . . . Und Sie? . . . Nein, lassen Sie mich. Und verworren, erregt, mit auf die Brust gesenktem Kpfchen erzhlte sie alles, alles. Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin war ein einfacher Mensch. Einfache Menschen sind aber von einer unverstndlichen, sinnlosen Tat mehr berrascht als von einer Gemeinheit, als von Mord und tierischer Bluttat. Ein Mensch kann Verrat, Verbrechen und Schmach menschlich verstehen. Verstehen aber heit ja beinahe -- rechtfertigen; wie ist es aber zu begreifen, wenn ein Mann aus guten Gesellschaftskreisen und, wie man annehmen konnte, ein durchaus ehrlicher Mensch, auf den absurden, sinnlosen Gedanken kommt, sich an der Schwelle eines Salons auf alle viere hinzustellen und die Falten seines Fracks in der Luft zu bewegen? Dies wre, wie ich aussprechen mu, eine vllige Schufterei! Die Unbegreiflichkeit, die Zwecklosigkeit einer solchen schuftigen Handlungsweise kann keine Rechtfertigung finden, ebensowenig wie eine Gotteslsterung, Kirchenschndung oder hnliche sinnlose Bosheiten. Nein, mag ein ehrlicher Mensch lieber straflos Staatsgelder veruntreuen, als sich auf alle viere stellen, denn durch eine Handlung wie die letztere wird alles geschndet. Zornerfllt stellte sich Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin deutlich vor, wie der Harlekindomino im unbeleuchteten Stiegenhaus ausgesehen habe und . . . Ssergeij Ssergeijewitsch begann zu errten, bis er purpurn wurde: das Blut stieg ihm zu Kopfe. Er hatte ja schon als Kind mit Nikolai Ableuchow gespielt; spter bewunderte er oft seine philosophischen Fhigkeiten; edelmtig erlaubte er Nikolai Apollonowitsch, sich zwischen ihn und seine Gattin zu stellen, weil er ihn fr einen Mann aus guter Gesellschaft, fr einen ehrlichen Mann hielt, und nun . . . zornerfllt stellte sich Ssergeij Ssergeijewitsch den grimassierenden roten Domino im unbeleuchteten Stiegenhaus vor. Er erhob sich und begann erregt durchs winzige Zimmer zu schreiten; er ballte die Hand zu einer Faust und schwang sie bei den scharfen Kurven wuterfllt in die Luft; wenn Ssergeij Ssergeijewitsch auer sich war (und das war zwei-, dreimal in seinem Leben geschehen), kam diese Geste immer wieder zum Vorschein; Sofja Petrowna verstand wohl diese Geste; sie frchtete sich ein wenig: sie frchtete sich immer -- nicht vor der Geste, doch vor dem Schweigen, das die Geste ausdrckte. Was . . . was haben Sie? Nichts . . . nichts weiter. Und Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin schritt durch das winzige Zimmer auf und ab, die Hand zu einer Faust geballt. Der rote Domino! . . . Ekel, Ekel, Ekel! Dort stand er hinter der Eingangstr -- ha?! . . . Leutnant Lichutin empfand Ekel und Grauen . . . Seinen Brief unbeachtet lassen, ihn, den Offizier, durch eine harlekinische Missetat zu entehren, durch eine giftige Grimasse seine geliebte Frau zu beleidigen!!! . . . Ssergeij Ssergeijewitsch gab sich das ehrliche Offizierswort, diese Schlange zu zertreten, zu zertreten; nach diesem Entschlu fuhr er fort, auf und ab durchs Zimmer zu spazieren, mit krebsrotem Gesicht, die Hnde zu Fusten geballt, den muskulsen Arm bei den scharfen Kurven in der Luft schwingend; selbst Sofja Petrowna war ngstlich geworden: ebenfalls rot, mit halb offenen Lippen, die ungetrockneten Trnen an den Wangen, verfolgte sie aufmerksam die Bewegungen ihres Gatten. Was haben Sie? Rauh klang jetzt die Stimme Ssergeij Ssergeijewitschs. In ihr lag jetzt Drohung und unterdrckte Wut. Nichts . . . nur so . . . Aufrichtig gesagt, Ssergeij Ssergeijewitsch empfand in diesem Augenblick auch gegen seine geliebte Frau so etwas wie Ekel, als wre auch sie an der schmachvollen harlekinischen Tat des roten Dominos beteiligt. Geh in dein Zimmer: leg' dich schlafen . . . berla alles mir. Und Sofja Petrowna Lichutina erhob sich folgsam und suchte leise ihr Zimmer auf. Allein geblieben, spazierte Ssergeij Ssergeijewitsch noch lange auf und ab und hstelte. Von Zeit zu Zeit schwang er die eichene Faust ber ein Tischchen, und es schien, als mte es in Stcke zerfallen. Doch die Faust lste sich. Endlich begann er sich rasch auszuziehen; dann kroch er unter seine Decke; doch einen Augenblick spter flog die Decke auf den Boden; Ssergeij Ssergeijewitsch setzte sich auf, starrte in die Dunkelheit und sagte vernehmlich flsternd: Ah, Ah! Was sagen Sie dazu. Ich erschiee ihn wie einen Hund . . . Da ertnte hinter der Wand ein weinerliches, lautes Stimmchen. Was haben Sie? * * * Nichts . . . nur so . . . Ssergeij Ssergeijewitsch stieg wieder in sein Bett, zog die Decke ber den Kopf und seufzte, flsterte, drohte . . . * * * Sofja Petrowna rief nicht nach dem Mdchen. Sie entkleidete sich selbst und stand bald ganz in Wei unter einer Fontne von Kleidungsstcken, die sie in drei, vier Minuten um sich zu bilden verstand; dann warf sie sich ins Bett; jetzt sa sie, die Beine bereinandergeschlagen, das erboste Gesichtchen mit den vorstehenden Lippen und dem deutlich gezeichneten Schnurrbrtchen auf beide Arme gesttzt. Sofja Petrowna horchte auf die Laute hinter der Wand, dann horchte sie auf das Klavierspiel, das heute wie allabendlich ber ihrem Kopfe tnte; dort wurde die Melodie einer Masurka gespielt; nach ihr hatte sie schon als zweijhriges Kind lachend mit ihrer Mutter getanzt. Durch die alten, ahnungslosen Tne legte sich Sofja Petrownas Zorn, verwandelte sich in Mdigkeit, in Apathie; sie begann sich ber den Mann zu rgern, in dem sie selbst die Eifersucht, wie sie es nannte, gegen den _Andern_ geweckt hatte. Sofja Petrowna sah pltzlich ein, da ihr Mann mit dem ganzen Vorfall nichts zu tun hatte; dieser Vorfall sollte ein Geheimnis zwischen ihr und dem _Andern_ bleiben. Die Hinzuziehung des Gatten gestaltete die Angelegenheit in eine fr sie beleidigende Form: Ssergeij Ssergeijewitsch wrde aus diesem Geschehnis sicher ganz unzutreffende Schlsse ziehen; vor allem wrde er das Ganze keinesfalls verstehen: weder ihre s-bangenden Gefhle noch die Verkleidungskomdie des Andern. Sofja Petrowna horchte auf die Tne der alten Masurka und auf das peinliche Gerusch hinter der Wand; aus der Flle der schwarzen Haare blickte gengstigt das perlenfarbige Gesichtchen mit den dunkelblauen, jetzt matt schimmernden Augen. Pltzlich fiel ihr Blick auf ihren Toilettenspiegel; dort lag der Brief, den sie _ihm_ auf dem Ball bergeben sollte (sie hatte diesen Brief ganz vergessen). Im ersten Augenblick beschlo Sofja Petrowna, das Schreiben am nchsten Tag an Warwara Ewgrafowna zurckzusenden. Wie durfte man es wagen, sie mit Auftrgen an ihn zu belstigen! Sie wrde ihn ohne Zweifel zurckschicken, wenn sich nicht ihr Mann in die Angelegenheit gemischt htte (wenn er doch endlich einschlafen wrde!); jetzt rgerte sie sich ber die Einmengung anderer, whrend sich in ihr ein Gefhl des Protestes erhob: schlielich war es _ihre_ persnliche Angelegenheit, und sie hatte auch das vollstndige Recht, den Brief zu ffnen, um den Inhalt zu erfahren; wie wagte er es berhaupt, Geheimnisse vor ihr zu haben?). Mit einem Stze war Sofja Petrowna am Tischchen; doch kaum hatte sie den Brief in Hnden, als sie ein wtendes Flstern hinter der Wand vernahm. Was haben Sie? Hinter der Wand antwortete man ihr: Nichts . . . nur so . . . Das Bett krachte, dann wurde alles still. Mit zitternder Hand brach Sofja Petrowna das Kuvert auf . . . und je weiter sie las, um so grer wurden ihre Augen. Der matte Ausdruck verschwand aus ihnen und verwandelte sich in schimmernden Glanz: das blasse Gesichtchen bekam erst das Rosa der Apfelbltter, dann wurde es rosarot und schlielich, als sie mit dem Lesen fertig war -- einfach purpurn. Jetzt war Nikolai Apollonowitsch ganz in ihrer Hand; sie erbebte bei der Vorstellung an den furchtbaren Schlag, den sie ihm jetzt fr ihre zweimonatige Qual versetzen konnte; von diesen, ihren Hndchen wrde er diesen Schlag bekommen. Er hatte sie durch eine dumme Maskerade erschrecken wollen; doch dieselbe milang ihm und wurde zu einer Reihe von Bldigkeiten; nun sollte er jetzt das shnen, was er in ihr hervorgerufen hatte! Ja, ja, ja: sie wrde sich rchen durch die einfache bergabe des geffneten Briefes von so furchtbarem Inhalt. Einen Augenblick lang empfand sie Schwindel vor dem Weg, den sie, verleitet durch den roten Domino, betrat. Doch mag es geschehen: mag es der blutige Weg fr den blutigen Domino werden! Die Tr knarrte: Sofja Petrowna hatte kaum Zeit, den Brief zu verbergen, als sich auf der Schwelle ihr Gatte zeigte; er war ganz in Wei: in weiem Hemd und Unterhose. Das Erscheinen eines ihr vllig fremden Menschen in so ungenierter Weise versetzte sie in Wut. Sie htten sich doch wenigstens anziehen sollen. Ssergeij Ssergeijewitsch wurde verlegen und trat rasch aus dem Zimmer, einen Augenblick spter aber erschien er wieder, mit einem Schlafrock bekleidet. Einfach, doch mit unangenehmer, bei ihm ungewohnten Schrfe sagte er ihr: Sophie . . . Sie mssen mir versprechen, ich bitte Sie sehr darum, morgen nicht zu den Zukatows zum Ball zu gehen . . . Schweigen. Ich hoffe, Sie versprechen mir das; die Vernunft wird es Ihnen selbst sagen: ersparen Sie mir weitere Erklrungen. Schweigen. Ich mchte, da Sie selbst die Unmglichkeit einsehen, nach dem Vorgefallenen diesen Ball zu besuchen. Schweigen. Wenigstens gab ich selbst fr Sie das Offizierswort, da Sie nicht auf dem Ball sein werden. Schweigen. Ich werde sonst gentigt, es Ihnen einfach zu verbieten. Ich werde auf dem Ball sein . . . Nein, Sie werden nicht dort sein!! Sofja Petrowna war berrascht von der hlzernen Stimme, mit der er es sagte. Nein, ich werde dort sein . . . Es entstand eine drckende Stille; man hrte nur ein seltsames Rcheln in der Brust des Offiziers. Er griff sich nervs an den Hals und bewegte den Kopf, wie bemht, eine schwere Entscheidung abzuschtteln; mit bermenschlicher Kraft unterdrckte er einen drohenden Ausbruch; er lie sich still auf einen Stuhl nieder und blieb stockgerade sitzen; mit unnatrlich leiser Stimme begann er: Sehen Sie: ich habe Sie nicht mit Fragen belstigt. Sie selbst haben mich zum Zeugen des Vorgefallenen gemacht. Ssergeij Ssergeijewitsch konnte das Wort roter Domino nicht aussprechen; instinktiv fhlte er sich vor einem Lasterabgrund, dem seine Frau, auf abschssigem Wege, entgegenrannte; wo in diesem sinnlosen Treiben das Lasterhafte lag, konnte sich Ssergeij Ssergeijewitsch nicht sagen, doch er fhlte, da es sich hier nicht um einen einfachen Roman, nicht um Untreue, selbst nicht um einen Fall handelte. Nein, nein, nein; hier schwebte ber dem Ganzen das Aroma satanischer Erzesse, die wie Blausure fr immer die Seele seiner Frau zu vergiften drohten, er wute: wird seine Frau morgen bei Zukatows erscheinen, wird sie dort den ekelhaften Domino sehen, dann ist alles verloren: die Ehre der Frau, seine Ehre als Offizier, alles. Sehen Sie, nach all dem, was Sie mir sagten, mu es Ihnen klar sein, da Sie sich mit ihm nicht treffen drfen, da dies eine Schande, eine Schande wre; endlich gab ich das Wort, da Sie nicht hingehen wrden. Haben Sie Erbarmen mit sich, Sophie, mit mir und auch . . . mit ihm, denn sonst . . . ich, ich wei nicht . . . ich brge fr nichts . . . Doch Sofja Petrowna emprte sich immer mehr ber die freche Einmengung dieses fremden Offiziers; eines Offiziers noch dazu, der es gewagt hatte, in ihrem Schlafzimmer in einem so unanstndigen Aufzug zu erscheinen: sie hob irgendein Kleidungsstck vom Fuboden auf (sie hatte erst jetzt bemerkt, da sie selbst im vollstndigen Neglige war) und warf es ber sich, darauf drckte sie sich in eine Ecke; und von dort aus dem Halbdunkel sagte sie entschlossen, das Kpfchen bewegend: Vielleicht wre ich auch nicht hingefahren, aber jetzt, nachdem Sie sich so eingemengt haben, gehe ich hin, gehe ich gerade hin! Nein, das werden Sie nicht!!! Was ist es? Es schien ihr, als krachte im Zimmer ein betubender Schu; gleichzeitig tnte ein unmenschlicher Schrei: eine dnne, heisere Fistelstimme schrie etwas Unverstndliches; ein eichener Mann sprang in die Hhe; ein Sessel fiel krachend um, und ein Faustschlag schlug das billige Tischchen entzwei, dann flog krachend die Tr ins Schlo, und alles war ruhig . . . Die Masurka oben brach ab, Schritte und Stimmen wurden hrbar; schlielich begann der beunruhigte Nachbar mit einem Besenstiel am Boden zu klopfen, um damit von oben in gebildeter Weise seinem Protest Ausdruck zu geben. Sofja Petrowna Lichutina sa zusammengekauert in der Ecke und weinte: zum erstenmal im Leben stand sie vor solchem Wutausbruch; der Mensch, der soeben vor ihr stand . . . das war kein Mensch, das war . . . nicht einmal ein Tier. Vor ihr hatte soeben ein wtender, toller Hund geheult. Der zweite Raum des Senators Das Schlafzimmer Apollon Apollonowitschs war einfach und klein: vier graue perpendikulre Wnde und ein einziger Fensterausschnitt mit weien Spitzengardinen; ebenso wei waren die Bettlaken, Handtcher und Kissenberzge; vor dem Schlafengehen des Senators spritzte der Kammerdiener die Bettlaken mit einem Pulverisator ein. Apollon Apollonowitsch gebrauchte nur das Eau de Cologne des Petersburger Chemischen Laboratoriums. Weiter stellte der Kammerdiener ein Glas mit Zitronenlimonade auf das Nachttischchen und entfernte sich dann, Apollon Apollonowitsch entkleidete sich selbst. Mit groer Korrektheit zog er seinen Schlafrock aus, mit ebensolcher Korrektheit faltete er ihn zusammen und warf ihn geschickt ber die Lehne des Stuhles; mit grter Korrektheit zog er dann auch Sakko und Hose aus; in gestrickter, fest anliegender, weier Unterhose und im Hemd pflegte er vor dem Schlafengehen seine gymnastischen bungen zu machen. Diese ntzlichen bungen machte er besonders eifrig an jenen Tagen, an denen er an Hmorrhoiden litt. Nach den ntzlichen bungen zog er die Decke ber sich, um sich der friedlichen Ruhe hinzugeben und die Reise zu beginnen: denn der Schlaf (das fgen wir von uns hinzu) ist eben nichts anderes als eine Reise. Das alles vollfhrte Apollon Apollonowitsch auch heute. Bis zum Kopf in die Decke gehllt, schwebte er bereits in der zeitlosen Leere. Aber da werden wir unterbrochen, und man fragt uns: Wieso Leere? Und die Wnde, der Boden? Und . . . so weiter? . . . Wir antworten: Apollon Apollonowitsch sah immer zwei Rumlichkeiten vor Augen: eine war die _materielle_ (die Zimmerwnde, die Wnde des Wagens usw.), die andere -- nicht gerade die _geistige_ . . . (die materielle aber keinesfalls) . . . Also, ber seinem Kopf sah der Senator Ableuchow sonderbare Strmungen: funkelnde, gleiende, aber auch neblige, irisierende Flecke, aus sich drehenden Zentren hervorgehend, im Halbdmmer die Grenzlinien der materiellen Flchen verschleiernd; so schwirrte Raum im Raum, und letzterer, alles andere verdeckend, verband sich mit dem Unermelichen der sich bewegenden, sich biegenden Perspektiven, deren Inhalt aus . . . so etwas wie Tannennadeln, Sternchen, Fnkchen, Flmmchen bestand. Apollon Apollonowitsch pflegte vor dem Einschlafen die Augen zu schlieen und sie dann wieder zu ffnen; wobei sich folgendes ergab: die Flmmchen, Nebelflecke, Fden und Sternchen fgten sich wie aufsteigender heller Schaum brausender, bergroer Dunkelheiten pltzlich zu wahrnehmbaren, deutlichen Bildern (fr eine Viertelsekunde nur): zu einem Kreuz, zu einem Brillanten, zu einem Vieleck, zu einem Schwan, zu einer lichterfllten Pyramide. Dann zerstob alles. -- Apollon Apollonowitsch besa ein seltsames Geheimnis: die Welt der mathematischen Figuren, der Konturen, der Zitterigkeiten, der absonderlichen physischen Empfindungen -- kurz: ein All der Seltsamkeiten. Dieses _All_ entstand immer vor dem Schlafengehen und entstand so, da Apollon Apollonowitsch in diesem Augenblick alle frheren Unvernehmbarkeiten, Gerusche, kristallographischen Figrchen, goldene, im Finstern sich tummelnde chrysanthemenartige Sterne auf vielfigen Strahlen wahrnahm (manchmal bergo ein solcher Stern des Senators Schdel mit flssigem Gold, dann lief es ihm kalt ber den Schdel); kurz, er erinnerte sich alles dessen, was er am Tage vorher gesehen hatte und dessen er sich folgenden Morgen wohl nicht mehr erinnerte. Manchmal (nicht immer) merkte Apollon Apollonowitsch beim Schlafengehen, in den letzten Momenten seines Tagesbewutseins, da alle Fden, alle Sterne, einen kochenden Wirbel bildend, aus sich einen Korridor bauten, der ins Unendliche lief; und (was das Seltsamste war) er fhlte, da dieser Korridor seinen Anfang im Senatorkopfe hatte, da er, der Korridor -- eine unendliche Fortsetzung des Kopfes selbst sei, seines Kopfes, dessen Scheitel sich ffnete, um eine Fortsetzung zum Unermelichen zu bilden; und so gewann der alte Senator vor dem Einschlafen den hchst sonderbaren, eigentmlichen Eindruck, als she er nicht mit den Augen, sondern mit dem Zentrum seines Kopfes, das heit, als sei er, Apollon Apollonowitsch, nicht _er_, sondern ein Etwas, das in seinem Hirn sa und von dort aus alles ansah; wurde der Scheitel geffnet, konnte jenes _Etwas_ frei und ohne Hemmung ber den Korridor bis zu dem in unendlich weiter Ferne liegenden Abgrundsrand laufen. Das war die zweite Rumlichkeit des Senators -- das Land seiner allnchtlichen Reisen; und nun genug davon . . . ja. Den Senatorkopf in die Decke gehllt, schwebte er bereits ber der zeitlosen Leere, der lackierte Fuboden lste sich schon von den Beinen des Bettes, und dieses stand sozusagen im Unbekannten -- als des Senators Ohren sonderbare Laute vernahmen, hnlich denen aufschlagender Hufe. Tra -- ta -- ta . . . Tra -- ta -- ta . . . Die Laute kamen nher. Seltsam, hchst seltsam: der Senator schob ein Ohr aus der Decke hervor -- ja: es _scheint_ richtig -- aus dem Spiegelsaal kam das Gerusch. Apollon Apollonowitsch schob den Kopf hervor. Die Laute klangen noch immer: Apollon Apollonowitsch sprang auf und lief in den Korridor. Der Mond beschien die stillen Zimmer. Mit bloen Beinen, mit brennender Kerze in der Hand spazierte der Senator durch die Rume. Die pltzlich aufgetauchte Bulldogge folgte ihrem beunruhigten Herrn und wedelte wohlwollend mit dem abgehackten, halben Schwanze. Wie ein flacher Holzdeckel wiegte sich keuchend die haarige Brust, whrend das blagrne Ohr lauschte. Zufllig fiel der Blick des Senators in einen Spiegel; der zeigte ein seltsames Bild: seine Arme, Beine und Brust waren mit dunkelblauem Atlas berzogen. Apollon Apollonowitsch schpfte Atem und lief in den Saal: von woher die Laute drangen. Tra -- ta -- ta . . . Tra -- ta -- ta . . . Schimpfend hallte des Senators Stimme: Nach welchem Paragraphen des Gesetzes? Dies rufend sah er, da die gleichmtige Bulldogge, friedlich und verschlafen, neben ihm herlief. Doch -- welche Frechheit! -- Aus dem Saal erwiderte eine Stimme: Auf Grund einer auerordentlichen Verfgung. ber die freche Antwort emprt, lief der blaue Ritter in den Saal, und Apollon Apollonowitsch sah jetzt: die Laute waren nichts anderes als das Zungenschnalzen eines elenden, tanzenden Mongolen: eines dicken Mongolen, dessen Physiognomie er in Tokio gesehen hatte (der Senator war einmal nach Tokio geschickt worden) --, und dieser dicke Mongole eignete sich das Gesicht des Nikolai Apollonowitsch an; _eignete_ es sich an, sagte ich, denn er war nicht Nikolai Apollonowitsch, sondern ein gewhnlicher Mongole, den der Senator frher in Tokio gesehen hatte. Dies zu begreifen, weigerte sich der Senator, mit den Fustchen die erstaunten Augen reibend. Der Mongole aber (Nikolai Apollonowitsch) nherte sich ihm in eigenntziger Absicht. Da rief der Senator zum zweitenmal: Nach welchem Gesetz? Und nach welchem Paragraphen? Und die Rumlichkeit antwortete ihm: Es gibt jetzt schon keine Paragraphen und keine Gesetze. * * * Pltzlich der Schwere beraubt, ja selbst des Empfindens der Krperlichkeit, ganz Gesicht und Gehr, von jedem anderen Gefhl befreit, hob er die Stellen der Augen (denn die Augen waren nicht mehr: jede Krperlichkeit war ja entschwunden!) in die Richtung seines eigenen Scheitels und merkte, da kein Scheitel mehr existierte, denn dort, wo sonst das Hirn von festen Knochen gehalten wurde, war jetzt eine runde ffnung, die zur dunkelblauen Ferne strahlte, und ber dieser ffnung hing ein rotierendes Rad aus tanzenden, sprhenden Funken; im Augenblick, als Apollon Apollonowitsch den Mongolen an seinen kraftlosen Krper heranschleichen fhlte -- im selben Augenblick begann ein Etwas, das wie der Wind im Schornstein heulte und pfiff, das Bewutsein Apollon Apollonowitschs in die unendlichen Sternfernen emporzuziehen. Hier geschah ein Skandal (das Bewutsein Apollon Apollonowitschs konstatierte, da schon einmal ein hnlicher Fall vorgekommen war: wo, wann -- dessen erinnerte er sich nicht) -- hier geschah ein Skandal: der Wind blies das Bewutsein Apollon Apollonowitschs aus Apollon Apollonowitsch. Durch die runde, strahlende ffnung flog er hinaus in das Blau der Gestirne als goldener, federleichter Stern; als er gengend hoch ber seinem eigenen Kopfe schwebte (der ihm als _Planet_ erschien); zerstob der goldene Stern, einer Rakete gleich, lautlos in Luft . . . Ende des dritten Kapitels. Viertes Kapitel Der Sommergarten Nchtern, vereinsamt liefen die Wege des Sommergartens auseinander; mit eiligen Schritten durchquerte sie der dster dreinschauende Passant, um sich dann in der hoffnungslosen digkeit des Marsfeldes zu verlieren. Verstimmt lag der Sommergarten da. Die Sommerstatuen flchteten sich unter die Holzverschlge; die groen Bretter glichen in ihrer Lngsseite, der Form nach, einem Sarg; diese Srge umstanden die schmalen Gartenwege; in diesen Srgen verbargen sich Nymphen und Satyre, damit der Zahn der Zeit nicht an ihnen mit Regen, Schnee und Frost nagen konnte; denn die Zeit -- sie zernagt alles mit ihrem eisernen Zahn; sie zernagt in gleicher Weise den Krper wie die Seele und selbst die Steine. -- Mit dem Verschwinden der alten Zeiten verdete der Garten, er wurde grau, schrumpfte zusammen; die Grotte zerfiel, die Springbrunnen murmelten nicht mehr, die Sommergalerie war zerstrt, der Wasserfall ausgetrocknet; zusammengeschrumpft lag der Garten geduckt hinter dem Gitterzaunwerk. Peter selbst war es, der den Garten angelegt hat; mit seiner eigenen Giekanne bego er die Pflanzen; er lie Zedern aus Solikamsk, Sauerdorn aus Danzig und Apfelbume aus Schweden herbeibringen; er errichtete Wasserspiele, und ihre Sprhregen glitzerten zuweilen wie leichtes Spinngewebe auf den roten Kamisolen der allerhchsten Persnlichkeiten, mit gepuderten Locken, schwarzen Arabergesichtern und den eleganten Hofdamen in kostbaren Roben; gesttzt auf den geschliffenen Griff des schwarzen, goldverzierten Stockes, fhrte der grauhaarige Kavalier seine Dame an das Bassin, wo vom dunkelgrnen, schumenden Grund, prustend, der Seehund seine Schnauze hervorstak; ein gengstigtes Ach! von seiten der Dame, indessen der Kavalier scherzhaft lchelte und seinen Stock dem schwarzen Monstrum entgegenhielt. Damals zog sich der Sommergarten weit hin, und das Marsfeld mute ein ordentliches Stck seiner Flche fr die Alleen des Gartens hergeben, jenen Alleen, die dem kaiserlichen Herzen so nahelagen; riesige Muscheln aus indischen Gewssern streckten hier von den rauhen Steinen der Grotte ihre rosafarbigen Fhler in die Luft, und die hohe Persnlichkeit nherte, den pleureusengeschmckten Hut abnehmend, neugierig das Ohr der rosigen ffnung: ein chaotisches Summen drang ihr entgegen; inzwischen labten sich andere hohe Persnlichkeiten vor der Grotte an Fruchtsaftwasser. Auch in spteren Zeiten hrte man fters Lachen, Seufzer und Flstern vor der Statue, die in malerischer Pose ihre Hnde in den dmmernden Tag vorstreckte; dabei glnzten die Perlen der Hoffrulein. Im Frhling war es, am Pfingsttag; die Abendluft verdichtete sich; pltzlich wurde sie von Orgeltnen erschttert, die aus einer Gruppe schlummernder Ulmen hervorbrachen; und von derselben Ecke aus breitete sich pltzlich spaiges grnes Licht aus; von diesem grnen Licht beschienen, bliesen grellrote Jgermusikanten in ihre Hrner, und von den melodischen Tnen erzitterte die Luft, die Seelen der Zuhrer in ihren Tiefen aufwhlend; hast du das sehnsuchtsvolle Weinen der in die Luft emporgehobenen Hrner nicht vernommen? Das war alles einmal gewesen; jetzt ist es vorbei; jetzt laufen dster verstimmt die Wege des Sommergartens auseinander; eine schwarze, ruhelose Vogelschar kreiste ber dem Peterhuschen; unertrglich war ihr Gezwitscher und das Aufschlagen der vielen Flgel; die schwarze, ruhelose Schar lie sich strend auf die Zweige niederfallen. Nikolai Apollonowitsch, parfmiert und rasiert, schritt, in seinen Wintermantel gehllt, ber den hartgefrorenen Weg; sein Kopf sank auf den Pelz, und die Augen glnzten eigentmlich. Er hatte gerade beschlossen, sich in Arbeit zu vertiefen, als ihm ein Zettelchen berreicht wurde; mit unbekannter Schrift lud ihn jemand zu einem Stelldichein in den Sommergarten ein; die Unterschrift war ein S. Wer mochte sich hinter dem geheimnisvollen S verbergen? S ist -- Sofja (sie hat wohl ihre Schrift verndert). Nikolai Apollonowitsch, frisch rasiert und parfmiert, schritt ber den hartgefrorenen Weg weiter. Er sah aufgeregt aus; er hatte in diesen Tagen keinen Appetit, keinen Schlaf gehabt; eine dnne Staubschicht legte sich ungehindert auf die aufgeschlagene Seite des Kant. Ein Strom ser Gefhle zog durch die Seele Nikolai Apollonowitschs; hnliches hatte er auch schon frher empfunden. -- Dumpf, fern. Aber seit er durch sein eigenes Vorgehen in Sofja Petrowna die unbestimmten Schauer geweckt hatte, war auch er von diesem Schauer erfat; als hatte er in ihm selbst schlummernde Krfte in unergrndeten Tiefen geweckt; als wre in ihm eine olssaite gesprungen und anderer Leidenschaften -- Kinder htten ihn durch die Lfte in andere Lnder getragen. Sollten auch das nur die wiedergekehrten, rein sinnlichen Empfindungen sein? Oder war es am Ende -- die Liebe? Aber die Liebe verneinte er. Er sah sich bewegt um nach der bekannten Gestalt im Pelzmantel mit kleinem, schwarzem Muff; doch niemand war auf den Wegen zu sehen. Auf einer nahen Bank sa eine nachlssig gekleidete Frauensperson. Diese erhob sich pltzlich, trippelte erst eine Weile an der Bank herum und ging dann auf ihn zu. Sie haben mich . . . nicht erkannt? Ach ja, guten Tag! Sie scheinen mich auch jetzt nicht zu erkennen? Ich bin -- Solowjowa. Aber natrlich erkannte ich Sie, Warwara Ewgrafowna! Dann wollen wir hier auf der Bank Platz nehmen . . . Nikolai Apollonowitsch lie sich geqult neben ihr nieder; in dieser selben Allee war ihm das Stelldichein gegeben, und nun kam diese unglckliche Begegnung! Nikolai Apollonowitsch berlegte, wie er das Mdchen loswerden konnte; in Erwartung der anderen sah er sich fortwhrend verlegen um, doch es kam niemand. Vor ihren Fen lagen Haufen dunkelbrauner, wurmstichiger Bltter; ein dunkles Netz von Zweigen zog sich vor ihnen, matt den Horizont durchschneidend, hin; von Zeit zu Zeit begann dieses Netz zu chzen; von Zeit zu Zeit begann sich dieses Netz zu bewegen. Haben Sie meinen Zettel bekommen? Welchen Zettel? Den Zettel mit >S< gezeichnet? Was, den haben _Sie_ geschrieben? Aber gewi doch . . . Wieso dann >SDie flammende Seele< bekommen? Nein. Wie ist das mglich? Ach, wie rgerlich! Ohne diese Verse ist es mir eigentlich schwer, Ihnen zu erklren . . . Ich wollte Sie ber den Sinn des Lebens fragen . . . * * * Verzeihen Sie, Warwara Ewgrafowna, ich habe gar keine Zeit. Wieso? Ach, wieso denn? Auf Wiedersehen! Ich bitte vielmals um Verzeihung: wir werden dieses Gesprch ein anderes Mal aufnehmen. Nicht wahr? Warwara Ewgrafowna machte einen schchternen Versuch, ihn zurckzuhalten, doch er erhob sich entschlossen und reichte ihr seine parfmierte Hand. Ihr fiel im Augenblick nichts ein, wodurch sie ihn zu bleiben bewegen konnte; er aber lief ganz verrgert, das Gesicht stolz und gekrnkt in den Pelzmantel vergraben, von dannen. Madame Farnoix Erst in spter Stunde beliebte Engel Peri ihre unschuldigen uglein aufzuschlagen; ihre uglein wollten durchaus nicht offen bleiben, und im Kpfchen bohrte ein dumpfer Schmerz; Engel Peri geruhte noch lange im Halbschlummer dazuliegen; in ihrem Kpfchen schwirrten Unverstndlichkeiten, Undeutlichkeiten durcheinander; der erste volle Gedanke war der an den bevorstehenden Abend: was wird nun werden? Als sie sich darber klar zu werden versuchte, fielen ihre Augen wieder zu, und ihren Kopf erfllten wieder Unverstndlichkeiten, Undeutlichkeiten. Aus dieser Unklarheit erhob sich nun das Wort: Pompadour, Pompadour . . . Was war es aber mit dem Pompadour? Hell erleuchtete dieses Wort ihre Seele: Toilette la Pompadour -- himmelblaue Seide mit Blmchenmuster, Valencienner Spitzen, silbergraue Halbschuhe mit Pompons. ber die Toilette la Pompadour hatte sie mit Madame Farnoix neulich einen groen Disput; Madame Farnoix wollte keinesfalls auf die Blondenspitzen verzichten. Es entstand eine Meinungsverschiedenheit, die so weit ging, da Madame Farnoix Sofja Petrowna vorschlug, den Stoff wieder mitzunehmen und sich an Maison Tricotons zu wenden. Davon wollte aber Sofja Petrowna nichts hren, und so blieben die Blondenspitzen; ebenso gab Sofja Petrowna in anderen, den Stil Pompadour betreffenden Punkten nach, z. B. was das leichte Chapeau Bergre an den rmeln betraf. So war man einig geworden. Vertieft in Gedanken ber Madame Farnoix, Maison Tricotons und Pompadour, fhlte Sofja Petrowna doch, da gestern noch etwas geschehen war, das alles andere verwischen mute; sie benutzte aber ihren verschlafenen Zustand unbewut, die halbentschwundene Erinnerung von dem gestrigen Tage nicht in sich aufkommen zu lassen; endlich erinnerte sie sich der zwei Worte: Domino und Brief; sie sprang vom Bett auf und rang in gegenstandsloser Bangigkeit die Hnde; noch ein drittes Wort gab es, mit dem sie gestern auch eingeschlafen war. Doch Engel Peri konnte sich dieses dritten Wortes nicht entsinnen; dieses dritte Wort war von Belang: Gatte, Offizier, Leutnant. Engel Peri nahm sich vor, an die beiden ersten Worte vor dem Abend nicht zu denken, das dritte aber vollstndig zu ignorieren. Doch gerade dieses dritte drngte sich ihr unerwartet schon sehr bald auf; das kam nmlich so: kaum war sie aus ihrem berheizten Schlafzimmerchen in den Salon getreten, ihre schwebenden Schritte weiter ins Zimmer des Gatten lenkend, berzeugt, da dieser, wie immer, schon lngst aus dem Hause war, um irgendwo dort den Proviant zu verwalten, als sie zu ihrer Verwunderung die Tr von innen abgeschlossen fand; entgegen jeder Regel, entgegen der Vernunft, der Ehrlichkeit, trotz Unbequemlichkeit und enger Wohnung -- befand sich Leutnant Lichutin allem Anschein nach noch in seinem Zimmer. Da erst fiel ihr die gestrige hliche Szene ein; und mit schmollendem Mndchen schlug sie die Tr ihres Schlafzimmers zu (er habe sich eingesperrt, dann wolle auch sie das gleiche tun). Zugleich aber erblickte sie das zerschlagene Tischchen. Gndige Frau wnschen den Kaffee ins Zimmer? Nein, nicht. * * * Der gndige Herr wnschen den Kaffee ins Zimmer? Nein, nicht. * * * Gndiger Herr, der Kaffee ist kalt geworden. Schweigen. Gndige Frau, es ist jemand da. Von Madame Farnoix? Nein, von der Wscherin. Schweigen. * * * Die Stunde hat sechzig Minuten; die Minute besteht aus lauter kleinen Sekunden; die Sekunden liefen und bildeten Minuten; schwerfllig wlzten sich die Minuten; und langsam, langsam gingen die Stunden dahin. Schweigen. Whrend des Tages sprach der Gelbe, Ihrer Majestt Krassier, Baron Ommau-Ommergau, vor, mit einer Zwei-Pfund-Bonbonniere mit Kraftschokolade unter dem Arm. Die Bonbonniere wurde gndig entgegengenommen, der Krassier mute gehen. Gegen zwei Uhr nachmittags klingelte der Blaue, Seiner Majestt Krassier, Graf Awen, mit einer Bonbonniere von Ball in der Hand. Die Bonbonniere wurde angenommen, er mute gehen. Nicht empfangen wurden auch der Leibhusar mit der hohen Pelzmtze; der Husar schttelte seinen Sultan hinter dem Busch zitronengelber Chrysanthemen, den er in der Hand hielt; er war unmittelbar nach Graf Awen erschienen. Dann war Werhefden mit einem Logenbillett fr das Mariensche Theater erschienen; es fehlte nur Lipantschenko. Endlich, spt am Abend, kam das Laufmdchen von Madame Farnoix mit einem riesigen Kleiderkarton; sie wurde sofort vorgelassen; als darber im Vorzimmer ein Kichern entstand, ffnete sich die Tr des Schlafzimmers, ein verweintes Gesichtchen blickte neugierig hervor, und eine Stimme rief erzrnt: Rasch damit her! Zu gleicher Zeit knackte das Schlo im Herrenzimmer, eine zerwhlte Mhne erschien einen Augenblick und -- verschwand. War es wirklich der Leutnant? * * * Petersburg verkroch sich in die Nacht. Wer erinnert sich nicht des Abends vor der ereignisvollen Nacht? Wer erinnert sich nicht des traurigen Hinscheidens dieses Tages? Die riesengroe Purpursonne lief ber der Newa dahin, um sich dann hinter den Fabrikschloten zu verbergen: die Petersburger Huser berzogen sich mit einem feinen Dunstschleier, zerflossen gleichsam und verwandelten sich in eine leichte, amethystgraue Spitze; die Fensterscheiben warfen allerorts einen goldigflammenden Schein, und die hohen Turmspitzen leuchteten rubinenrot. Alles, was sonst schwerfllig hervorstach: die Vorsprnge der Mauern, die Karyatiden an den Eingngen, die steinernen Balkons, verloren sich in der brennend roten Flammenhaftigkeit. Blutrnstig grell lag das rostrote Palais da: dieses alte Palais wurde noch von Rostrelli erbaut; ein zarter, hellblauer Mauerkrper, umgeben von einer Schar weier Sulen, stand damals das Palais; bewundernd pflegte einst die Kaiserin Elisabeth, Peters Tochter, das Fenster zu ffnen, um in die Newafernen zu blicken. Zur Zeit Alexanders I. war das alte Palais mit fahlgelber Farbe bestrichen; unter Alexander II. wurde es wieder renoviert, und von da ab behielt es seinen rostroten Farbenton, blutigrot gegen Westen. An diesem ereignisreichen Abend flammte alles und alles, und so flammte auch das Palais; alles andere aber, was nicht von dem Schein erfat war, versank, langsam, in Dunkel; langsam in Dunkel versanken die Reihen der Linien und Wnde, indessen dort auf dem erlschenden lila Himmel in den Perlmutterwlkchen sich langsam sprhende Feuerchen entzndeten; langsam, langsam leichte duftige Flmmchen aufhpften. Du wrdest gesagt haben, dort erblickte man die Abendrte der Vergangenheit. Eine Dame von kindlicher, nicht allzu groer Gestalt, ganz in Schwarz, die an der Brcke dort die Droschke verlassen hatte, wandelte schon seit geraumer Zeit vor den Fenstern des gelben Hauses; etwas seltsam zitterten ihre Hnde. Die rundliche Dame war im vorgerckten Alter und sah aus, als litte sie an Asthma; ihre rundlichen Finger griffen immerzu nach dem Kinn, das erheblich ber dem Kragen hervorhing und einzelne graue Hrchen zeigte. Vor den Fenstern des gelben Hauses stehend, nahm sie pltzlich mit der zitternden Hand und einem ihrem Alter unentsprechend raschen Griff ein Spitzentaschentuch aus dem kleinen Handtschchen heraus, wandte sich gegen die Newa und begann zu weinen. Die untergehende Sonne beschien dabei ihr Gesicht, und auf ihrer Oberlippe zeichnete sich deutlich das Schnurrbrtchen; sie legte ihre Hand auf einen Stein und sah mit kindlichem, nichts sehendem Blick in die nebelhafte, vielschlotige Ferne und die Tiefe des Wassers. Endlich nherte sich die Dame erregt dem gelben Haus und lutete. Die Tr ging auf; ein betreter Greis streckte durch die ffnung seinen kahlen Schdel vor und zwinkerte mit den trumenden uglein in den gelben Glanz des Newasonnenuntergangs. Sie wnschen? Die ltliche Dame kam in Aufregung: Rhrung vielleicht, vielleicht verborgene Schchternheit erhellten ihre Zge . . . Semjonytsch . . . erkennen Sie mich nicht? Da erbebte der kahle Lakaienschdel, und sein Blick fiel auf das kleine Handtschchen. Mtterchen, gndige Frau! . . . Anna Petrowna! Ja, Semjonytsch, ich bin's . . . Aber wieso denn? Woher? Rhrung, wenn nicht gar verborgene Schchternheit klang aus der angenehmen Stimme. Aus Spanien, . . Ich wollte nun sehen, wie es euch ohne mich geht. Gndige Frau, Mtterchen . . . Kommen Sie doch nur herein . . . Anna Petrowna schritt ber die Treppe, die derselbe Teppich bedeckte wie damals. Aber niemand ist zu Hause, weder der junge Herr noch Apollon Apollonowitsch. ber der Balustrade erhob sich wie damals die Sule aus weiem Alabaster, und auf ihr hob wie damals die Niobe ihre Alabasteraugen gen Himmel; dieses _Damals_ berfiel Anna Petrowna (seither sind bereits drei Jahre verstrichen, und vieles wurde inzwischen erlebt), vor ihr tauchten die schwarzen Augen des italienischen Kavaliers auf, und wieder sprte sie ihre sorgsam verborgene Schchternheit. Befehlen gndige Frau Kaffee oder Schokolade? Oder vielleicht den Samowar? Anna Petrowna schttelte mit Mhe die Vergangenheit von sich (hier war alles wie frher). Also, wie ist es euch all die Jahre gegangen? Es ging eben . . . Aber ich mu der gndigen Frau sagen: ohne Sie gibt's keine Ordnung . . . Sonst aber blieb alles beim alten . . . . Der gndige Herr hat . . . Ja, das wei ich . . . Jawohl, immer neue Auszeichnungen . . . Die Gnade des Kaisers . . . Was ist da zu sagen: der gndige Herr bedeuten schon was! Und ist -- der Herr -- gealtert? Der gndige Herr kommt -- wie es heit -- auf einen verantwortlichen Posten: er ist so gut wie Minister . . . Anna Petrowna schien es pltzlich, da der Lakai sie ein klein, klein wenig vorwurfsvoll anblickte; das schien ihr wohl; der Lakai blinzelte nur von dem blendenden Glanz der untergehenden Sonne, whrend er ihr die Tr zum Salon ffnete. Und Kolenka? Kolenka? Nikolai Apollonowitsch? O, der ist so gescheit. Macht Fortschritte in den Wissenschaften; und auch sonst, wie und wo es sich gehrt . . . Ein bildhbscher, junger Herr! Aber was sagen Sie da? Er war doch immer in den Vater . . . Sie sagte es, lie die Augen sinken und machte sich an dem Handtschchen zu schaffen. An den Wnden dieselben hochbeinigen Sthle; zwischen den Sthlen mit den cremefarbigen Plschsitzen berall kleine weie Sulen; und von jeder dieser Sulen sah sie ein strenger Mann aus kaltem Alabaster vorwurfsvoll an. Und direkt feindlich funkelte sie das grnliche, alte Spiegelglas an, unter dem sie mit dem Senator das entscheidende Gesprch hatte; dort weiter -- die blatnigen Bilder -- die pompejanischen Fresken; diese Fresken brachte ihr der Senator, als sie seine Braut gewesen war -- vor nun dreiig Jahren. Anna Petrowna wurde wieder von der alten Gastlichkeit des Salons erfat; von dem Lack und ueren Glanz; wie in alter Zeit bedrckte etwas ihre Brust; die alte Feindseligkeit wlzte sich nach oben, bis zur Kehle; Apollon Apollonowitsch wird ihr vielleicht verzeihen; sie ihm aber -- nie; im lackierten Heim entluden sich die Lebensgewitter lautlos, aber ihre Entladungen waren ttend. So wurde sie von aufgetauchten, dunklen Gedanken zu feindlichen Ufern gejagt; zerstreut lehnte sie sich gegen das Fenster und blickte auf die rosigen Wlkchen, die ber die Newawellen dahinglitten. Bleiben gndige Frau bei uns? Ich? . . . Ich wohne im Hotel. * * * Im zerflieenden Grau tauchten pltzlich matte, wie verwundert blickende Punkte auf: Lichter, Lichtchen; Lichter, Lichtchen reihten sich aneinander und sprangen dann als rtliche Flecken aus der Dunkelheit, indessen von oben Wasserflle herunterstrzten: blaue, dunkellila, schwarze. Petersburg verkroch sich in die Nacht. Ihre Schuhchen trippelten Die Klingel ging immer wieder. Aus dem Vorzimmer traten in den Saal engelhafte Wesen in hellblauen, weien, rosafarbigen Kleidern; sie schimmerten silbern, funkelten; fchelten einander mit den Augen, mit den Fchern, mit dem leichten Seidenstoff an; strmten eine wohltuende Atmosphre aus von Veilchen, Maiglckchen, Lilien, Tuberosen; die weimarmornen Schultern, noch berhaucht von leichtem Puderstaub, sollten whrend einer Stunde rot werden, von feuchtem Dunst berzogen; jetzt vor dem Tanzen schienen die Gesichtchen, die Schultern, die mageren, nackten Arme noch blsser und magerer als sonst; um so strker war der Reiz dieser Geschpfe, der nur in dem leisen Aufblitzen der Augen unmerklich hervortrat, whrend sie, wie richtige Engelskindlein, sich in farbigen, duftigen Mullwolken scharten; von dem ffnen und Zumachen der weien Fcher entstand ein leichter Wind. Ihre Schuhchen trippelten. Es war eigentlich gar kein Ball, den die Zukatows gaben; es war mehr ein Kindertanzabend, an dem auch die Erwachsenen sich zu beteiligen wnschten; die Kunde ging allerdings, da auch Masken erscheinen wrden. Darber wunderte sich Lubow Aleksejewna eigentlich ein wenig, denn es war ja noch nicht die Zeit der Blle; aber so waren schon einmal die Traditionen des geliebten Gatten: wo es sich um Tanzen und Kinderlachen handelte, galt ihm der Kalender nichts; der Gatte, der Eigentmer eines silberweien Backenbartes, wurde noch immer Koko genannt. In seinem tanzenden Heim hie er natrlich Nikolai Petrowitsch, das Oberhaupt der Familie und Vater zweier lieblicher Tchter von achtzehn und fnfzehn Jahren. Diese zwei lieblichen blonden Geschpfe trugen heute duftige Kleidchen und silberne Schuhchen. Seit neun Uhr schon fuchtelten sie mit ihren Fchern gegen den Vater, gegen die Wirtschafterin, gegen das Stubenmdchen, sogar . . . gegen den wrdigen, alten Herrn von Nashornumfang, der als Besuch im Hause weilte (ein Verwandter von Koko). Endlich erscholl das langersehnte Klingelzeichen, die Tr des weileuchtenden Saals tat sich auf, und im festanliegenden Frack trat der Tapeur ein und stie beinahe mit dem Offizianten zusammen, den man fr diesen glanzvollen Abend extra engagiert hatte. Der bescheidene Tapeur legte seine Noten zurecht, schlug den Klavierdeckel bald auf, bald wieder zu, blies vorsichtig den unsichtbaren Staub von den Tasten und drckte schlielich ohne plausiblen Grund den glnzenden Lackschuh aufs Pedal; er erinnerte an den Maschinisten der Lokomotive, der seine Maschine vor dem Verlassen der Station sorgfltig untersucht. Nachdem er von dem guten Zustande des Instruments berzeugt war, schob er die Sche des Fracks auseinander, lie sich auf das niedere Taburett nieder, warf den Krper zurck und blieb, die Finger auf den Tasten, einen Augenblick unbeweglich sitzen -- dann aber erschtterten helltnende Akkorde die Wnde, als wre ein Signal zur Abfahrt gegeben worden. Zu Ende getanzt Wie gewhnlich schlichen sich auch heute von Zeit zu Zeit Salongste durch den Saal zum Salon -- mit wohlwollender Miene schritten sie lngs den Wnden; freche Fcher nippten sie gegen die Brust, perlenverzierte Rcke trafen sie im Flug, und der heie Wind wehte ihnen zu von dahinsausenden Paaren; sie aber schritten lautlos weiter. Ein rundlicher Herr mit unangenehm blatternarbigem Gesicht durchquerte zuerst den Saal; sein Rock spannte sich ber dem bermig runden Buchlein; er war Redakteur einer konservativen Zeitung und entstammte selbst der liberalen Geistlichkeit. Im Salon angekommen, kte er das dicke Hndchen Lubow Aleksejewnas, der fnfundvierzigjhrigen Wirtin, mit aufgedunsenem Gesicht, dessen Doppelkinn auf den vom Korsett gesttzten Busen fiel. Kaum hatte die Wirtin eine harmlose Frage an ihn gerichtet, als der dickliche Redakteur dieselbe zu einer Frage von hchster Bedeutung erhob: Sagen Sie es nicht -- nein! Denn so denken sie alle, weil sie die reinen Idioten sind. Ich kann es Ihnen ganz genau beweisen. Aber mein Mann, Koko . . . Das sind alles jdisch-freimaurerische Schwindeleien, meine Gndige: Organisation, Zentralisation . . . Ach, wie interessant: erzhlen Sie bitte . . . Und er sagte, sich tief in den Lehnstuhl versenkend: Ja, meine Herrschaften, so ist es. Durch die offenen Tren der dazwischenliegenden zwei Rume sahen sie aus der Ferne den Saal, erfllt von Glanz und Flimmern. Man hrte das donnernde: Rrrekul . . . Balances vos dames! . . . Und wieder: Rrrekul! . . . Der Ball Was ist der Salon whrend eines lustigen Walzers? Er ist nur eine Zugabe zum Tanzsaal und die Zufluchtssttte fr Mtter. Aber die kluge Lubow Aleksejewna benutzte die Gutmtigkeit ihres Gatten (er besa keinen einzigen Feind) sowie ihr mitgebrachtes, riesiges Vermgen, schlielich auch den Umstand, da ihr Haus gegen alles auer Tanzen hchst gleichgltig war und so ein neutrales Zentrum fr alle bildete -- dies alles benutzte die kluge Lubow Aleksejewna, um, -- dem Gatten das Dirigieren im Tanzsaal berlassend -- selbst die Begegnungen der verschiedensten Persnlichkeiten zu vermitteln; bei ihr trafen sich die Fhrer der verschiedensten Parteien; der Publizist mit dem Departementsverwalter; der Demagoge mit dem Antisemiten. In ihrem Hause verkehrte, speiste sogar Apollon Apollonowitsch. Und whrend Nikolai Petrowitsch im Tanzsaal das Contredance durch neue Figuren verwickelte -- verwickelte und entwickelte sich zur gleichen Zeit in dem gegen alles gleichgltig freundlichen Salon manche Konjunktur. Auch hier tanzte man, wenn auch in anderer Weise. Der zweite, der sich in den Salon schlich, war ein Mann von wahrhaft vorsintflutlichem uern, mit erschreckend zerstreutem Gesichtsausdruck. Die Sche seines Rockes, auf dem stellenweise weie Federchen hingen, waren hinten etwas geffnet und lieen eine hchst primitive Hosenschnalle sehen; es war ein Professor der Statistik; an seinem Kinn hing in Bscheln ein gelblicher Vollbart, und ber die Schultern fielen ihm Haarstrhnen, die aussahen, als kmen sie selten mit einem Kamm in Berhrung. Unheimlich wirkte seine blutrote hngende Lippe, die sich gleichsam vom Munde loszulsen schien. In den prunkvollen Salon eingetreten, wurde der Professor verwirrt: der Glanz und das Flimmern schien ihn geblendet zu haben; mit gutmtigen Blicken betrachtete er den feierlichen Saal, trippelte eine Weile auf ein und derselben Stelle, blieb verlegen stehen, zog sein gefaltetes Taschentuch hervor, um die auf dem Schnurrbart hngende Feuchtigkeit von der Strae abzutrocknen; er zwinkerte den Paaren zu, die einen Augenblick, zwischen zwei Quadrillefiguren, stillstanden. Endlich gelangte er in den von blulichem, elektrischem Licht beschienenen Salon, als ihn die Stimme des Redakteurs an der Schwelle zurckhielt. Verstehen Sie jetzt, meine Gndige, den Zusammenhang zwischen dem japanischen Krieg, den Hebrern, der uns drohenden Mongoleninvasion und der Revolution? Das jdische Auftreten und die Treibereien der groen Fuste in China stehen in engster und deutlichster Verbindung miteinander. Ich verstehe es jetzt, ich verstehe. Es war die Stimme der Lubow Aleksejewna. Der Professor blieb entsetzt stehen; denn er war durch und durch liberal und ein Anhnger sozusagen humaner Reformen; er erschien zum erstenmal in diesem Hause, in der Hoffnung, hier Apollon Apollonowitsch zu treffen; doch dieser schien nicht da zu sein -- und anwesend war nur der Redakteur des konservativen Blattes; derselbe Redakteur, der soeben gerade die fnfundzwanzigjhrige, reine Ttigkeit des Sammelns statistischer Daten -- human ausgedrckt -- in unanstndigster Weise mit Schmutz beworfen hatte. Der Professor begann pltzlich zu keuchen, zwinkerte gegen den Redakteur und pfiff leise verchtlich in seinen struppigen Bart. Begreifen Sie jetzt, meine Gndige, das jdisch-freimaurerische Treiben? Jetzt begreife ich es; jetzt habe ich es begriffen. Und dort, dort . . . Mit einer Hand auf die Batasten aufschlagend, schlo der Tapeur dort elegant das Tanzstck, whrend er mit der anderen mit meisterhafter Schnelligkeit das Notenblatt umwandte, und dann, die Hand in der Luft und die Finger ausdrucksvoll zwischen Klaviatur und Noten gespreizt, drehte er seinen Krper erwartungsvoll dem Wirt zu, wobei seine blendend weien Zhne schimmerten. Die Geste des Tapeurs beantwortete Nikolai Petrowitsch Zukatow durch eine aufmunternd anerkennende Bewegung des glatt rasierten Kinns zwischen dem strmisch wallenden Backenbart; dann mit nach vorn gebeugtem Kopf, wie mit der Stirn gegen die Luft stoend, glitt er eilig ber das blinkende Parkett zwischen den Paaren durch, mit zwei Fingern ein Endchen des grauen Bartes drehend; und willenlos schwebte hinter ihm das engelhafte Wesen her, hinter ihr flatternd eine heliotropfarbene Schrpe; inspiriert durch den Flug seiner Tanzphantasie, flog Nikolai Petrowitsch Zukatow blitzartig in die Richtung des Tapeursitzes und brllte wie ein Lwe durch den Saal: Pas -- de -- quatre, s'il vous plait! Und hinter ihm her flog willenlos das engelhafte Geschpf. Rauchwolken von Zigaretten stiegen im Rauchzimmer auf; Rauchwolken stiegen im Vorzimmer auf. Hier streifte ein kleiner Kadettenschler seinen Handschuh von der Hand und fchelte sich mit ihm Luft zu; zwei kleine Mdchen, eng umschlungen, flsterten hier einander Geheimnisse, die vielleicht soeben aufgetaucht waren; die Schwarzhaarige sagte es der Blonden, und die Blonde kicherte und knapperte erregt an ihrem duftigen Batisttchlein. Im Vorzimmer stehend, konnte man auch einen Blick in das von Gsten vollgestopfte Speisezimmer werfen; dort wurden Butterbrote, Frchte in groen Schalen, Wein und Brauselimonade herumgereicht. In dem grell erleuchteten Saal blieb jetzt der Tapeur ganz allein zurck; er legte seine Noten zurecht, trocknete sich sorgfltig die heien Finger, fuhr mit einem weichen Lppchen ber die Tasten, legte die Notenhefte suberlich bereinander und ging, einem langbeinigen, schwarzen Vogel gleich, ein wenig unentschlossen -- whrend die Diener ungeachtet seiner Anwesenheit im Saal die Fenster zum Lften ffneten -- in die Richtung des lackierten Vorzimmers. Dort weiter irrte auch der Professor der Statistik einher, der bis dahin (wie auf Kohlen) im Salon gesessen war; er stie jetzt auf den liberalen Leiter einer Kreisverwaltung, der einsam und gelangweilt im Durchgang stand, erkannte ihn, lchelte ihm freundlich zu, und wie gengstigt, da dieser ihm davonlaufe, ergriff er mit zwei Fingern einen Knopf dessen Rockes, gleichsam als Rettungsanker; und nun hrte man: Nach den Ergebnissen der Statistik . . . Der jhrliche Salzverbrauch eines normalen Hollnders . . . Und wieder hrte man: Der jhrliche Salzverbrauch eines normalen Spaniers . . . Nach den Ergebnissen der Statistik . . . Als klagte jemand In diesem Augenblick sprang ein zehnjhriges Mdchen aus dem Mittelzimmer heraus; es sah in den soeben noch vollen, jetzt durch Leere schimmernden, verlassenen Saal. Am Eingang des Vorraumes ging leise die Tr auf; der geschliffene, diamantensprhende Trgriff bewegte sich geheimnisvoll, und in den schmalen Raum zwischen Tr und Wand schob sich vorsichtig eine schwarze Maske herein; zwei glnzende Funken leuchteten durch die Augenausschnitte derselben. Das zehnjhrige Kind gewahrte diese Maske mit den zwei bs funkelnden Punkten in den Ausschnitten, dann einen wallenden schwarzen Spitzenbart und schlielich einen atlasrauschenden, faltenreichen Domino; erschreckt fhrte das Kind die Finger zu den Augen, dann aber lchelte es freudig, klatschte mit den Hndchen und lief mit dem Schrei: . . . Die Masken sind angekommen! durch die Flucht der Zimmer, in deren bauschigen Tabaksrauchwolken sich die Gestalt des Professors mit seinen Elefantenbeinen nebelhaft zeichnete. Der Kreisverwaltungsbeamter, der inzwischen festen Fu gefat hatte, sah verwundert den Domino an und fate sich aus Verlegenheit wieder an den Bart; der Domino aber flehte ihn gleichsam stumm an, ihn nicht aus dem Hause in den Schmutz der Petersburger Straen, in den bsen, dicken Nebel zu jagen. Sagen Sie, bitte, sind Sie eine -- Maske? Schweigen. Die Maske flehte; schweigend irrte sie durch den Saal. Aus der Ferne kam inzwischen eine zwitschernde Schar, um den Domino zu sehen; doch bei seinem Anblick verstummte das lustige Gezwitscher und ging in ein hauchendes Flstern ber; endlich verstummte auch das Flstern; eine schwere Stille trat ein. Der arme Domino: als wre er bei einem Vergehen ertappt -- er neigte sich vor, und sein vorgestreckter roter Arm flehte gleichsam alle an, ihn nicht aus dem Hause in den Petersburger Straenschmutz, in den bsen, feuchten Nebel zu jagen. Sag, Domino, bist du es am Ende, der durch die Petersburger Straen herumluft? Meine Herrschaften, haben Sie heute die >Tagesneuigkeiten< in der Zeitung gelesen? Warum? Aber da steht wieder etwas ber den roten Domino. Meine Herrschaften, das ist alles Unsinn. So rief ber die bunten Kpfchen der jungen Mdchen der kleine Kadett hinweg und richtete, sicher zielend, eine Papierschlange gegen den Domino. Einen Augenblick schwebte der papierene Bogen in der Luft; als sein Ende mit leichtem Knistern die Maske erreichte, schrumpfte der Bogen zusammen und fiel schlaff auf den Boden; diesen Scherz lie der Domino unbeantwortet und streckte nur flehend die Arme vor. Gehen wir, meine Herrschaften. Und die Schar lief davon. Eine kleine vertrocknete Gestalt Er hatte sich selbst vergessen; er verga seine Gedanken und verga seine Hoffnungen; er weidete sich an der Rolle, die er sich selbst zugedacht hatte: das gotthnliche, leidenschaftslose Wesen war verschwunden; geblieben war nur die nackte Leidenschaft; und diese Leidenschaft wurde zu Gift. Als htte er all die letzten Tage seine Zaubermacht an ihr versucht; indem er die Arme aus den Fenstern des gelben Hauses ihr entgegen ausgestreckt, indem er seine kalten Arme gegen die Newanebel ber dem Granit ausstreckte. Er suchte das von ihm in Gedanken hervorgerufene Bild liebend zu fassen; um sich zu rchen, wollte er die vor ihm schwebende Silhouette erwrgen; deswegen breiteten sich all diese Tage auch ihre kalten Arme aus, Raum gegen Raum; deswegen klangen ihr all diese Tage ber in den Ohren wie aus der Ferne kommende, unirdische Liebesbeschwrungen, pfeifende Schwre und keuchende Leidenschaftsworte; deswegen hrte sie unverstndliches Summen, und deswegen flochten zu ihren Fen knisternde Bltter Girlanden aus Worten . . . An sein Ohr drangen ferne Stimmen, und langsam wandte er sich um; undeutlich und unklar -- ganz, ganz weit von ihm -- schritt eine kleine, trockene Gestalt durch den Saal, haarlos, bartlos, ohne Brauen ber den Augen, seltsam. Nikolai Apollonowitsch konnte durch die Maske nur mit Mhe die Einzelheiten der Erscheinung sehen, denn das Blicken durch dieselbe verursachte ihm Schmerz (auerdem war er kurzsichtig); er sah nur die Konturen grnlicher Ohren; kurz, er erblickte vor sich den Vater: mit den Ringen seiner Uhrkette spielend, starrte Apollon Apollonowitsch mit schlecht verborgener Angst, auf die pltzlich aufgetauchte Maske; er dachte, ein boshafter Spavogel wollte ihn, den Hfling, durch die symbolische Farbe seines grellroten Kleides terrorisieren . . . Unerwartet vernahm man das Lachen nahender Gste; das Zimmer fllte sich mit Masken; eine Schar schwarzer Kapuziner sprang herein; sie bildeten sofort einen Kreis um ihren roten Genossen und begannen einen wilden Reigen zu tanzen; die Atlassche ihrer schwarzen Gewnder flogen auf und nieder; dazu hpften die Spitzen der Kapuzen drollig im Takt, und vorn an der Brust baumelten die gestickten, auf zwei gekreuzten Knochen ruhenden Totenschdel. Der rote Domino machte sich von der ihn umringenden Schar frei und lief aus dem Saal; lachend folgte ihm die schwarze Kapuzinerschar; so liefen sie durch den weiten Vorraum ins Speisezimmer; die um die Tische Sitzenden dort begrten sie, indem sie mit den Tellern klapperten. Nur einer sagte: Meine Herrschaften, es ist zuviel . . . Pompadour Engel Peri stand vor dem etwas schrggehngten, ovalen Spiegel: alles lief in ihm nach unten; die Zimmerdecke, die Wnde, der Fuboden, und dort gleich einer Fontne von duftigen Gegenstnden, aus dem Meerschaum, aus Spitzen und Mull trat sie selbst hervor, eine Schnheit mit hochgewelltem Haar und einem Schnheitspflsterchen auf der Wange: Madame Pompadour! Und ihre Haare, ganz in Locken gedreht, nur leicht von einem Band gehalten, waren wie Schnee; und fein waren die Fingerchen, die jetzt die Puderquaste hielten; die schmale himmelblaue Taille war ein wenig nach links gebeugt, die Hand hielt eine kleine schwarze Maske; aus dem engen, tiefausgeschnittenen Mieder blickte, wie hauchberzogen, atmend, lebendigen Perlen gleich, der Busen; an den schmalen, seiderauschenden rmelchen wogten in Wellen Valencienner Spitzen; Valencienner Spitzen wogten auch sonst berall, an dem Ausschnitt, unter dem Ausschnitt; der Panierrock wiegte sich unter dem Mieder, wie vom Windhauch getragen wiegte er sich, spielend mit Volants und flimmernd mit der Silbergirlande der Festons; silberne Schuhchen an den Fen und jedes verziert mit einer Silberquaste. Aber seltsam: Sofja Petrowna sah in ihrer Robe gealtert und weniger hbsch aus; statt des kleinen rosigen Mndchens hoben sich die unschn abstehenden, allzu roten, allzu schweren Lippen vom kleinen Gesichtchen ab; und als die Augen zu schielen begannen, zeigte Madame Pompadour etwas Hexenhaftes: in diesem Augenblick steckte sie den Brief hinter das Mieder. Im selben Augenblick auch sprang Mawruscha herein und brachte einen Stab aus hellem Holz mit goldenem Griff und flatternden Bndern; whrend aber Madame Pompadour den Stab nahm, blieb in ihrer Hand ein Zettelchen zurck, von ihrem Gatten; darauf stand: Wenn Sie abends fortgehen, kehren Sie nicht mehr in mein Haus zurck. Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin. Dieser Zettel war natrlich an Sofja Petrowna Lichutina, nicht an Madame Pompadour, gerichtet; Madame Pompadour lchelte verchtlich; sie sah in den Spiegel, in die Tiefe, in das matte Grn: dort weit, weit zogen leichte, rauschende Wellen dahin; und aus dieser grnlichen, blassen Tiefe mit dem grellen Fleck des roten Lampenschirms tauchte -- pltzlich, ein Wachsgesicht auf, und Sofja Petrowna drehte sich um. Vor ihr stand ihr Gatte, der Offizier; aber wieder lchelte sie verchtlich, hob leicht ihren spitzenverzierten Panierrock an den Festons und schritt knicksend zurck; ein leichter Zephir hob sie vor ihm auf seinen Schwingen davon, und ihr Reifrock wiegte sich gleichmig wie eine Glocke und rauschte in sem Zephirhauch; in der Tr wandte sie ihm das Gesicht zu und machte dem Offizier mit der Hand, die die schwarze Maske hielt, schelmisch lchelnd, eine lange Nase; hinter der Tr hrte man dann lautes Lachen und den lauten wie sonst ausgesprochenen Befehl: Marwruscha, den Mantel! Da lief Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin, Leutnant des Gr. Greischen, Seiner Majestt Regiment, bla wie der Tod, doch ganz ruhig, mit ironischem Lcheln der grazisen Maske vor, schlug die Sporen aneinander und blieb ehrfurchtsvoll wartend, mit dem befohlenen Mantel in der Hand vor seiner Gattin stehen; mit noch grerer Ehrfurcht warf er ihr den Pelz um, ri weit die Flgeltr vor ihr auf, mit verbindlichem Lcheln mit der Hand nach auen zeigend, in die farblose Dunkelheit; und wie sie rauschend, mit hochgehobener Stirn, an dem ergebenen Diener vorbeischritt -- schlug Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin nochmals die Sporen aneinander und machte wieder eine tiefe Verbeugung. Die dunkelfarbene Finsternis ergo sich ber sie -- von allen Seiten ergo sie sich: Lange, lange noch hrte man das Rauschen auf der Treppe, denn fiel unten die Tr zu; Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin aber kehrte in die Wohnung zurck und begann mit denselben bertriebenen scharfen Bewegungen berall die elektrischen Lichter zu lschen. Das Verhngnisvolle Komm mit mir! bedrngte eine Madame Pompadour Nikolai Apollonowitsch, und da er Madame Pompadour nicht erkannte, gab er nur unwillig den Arm; unmerklich spttisch sah sie ihren roten Kavalier an, und mit zurckgeworfenem Kopfe legte sie eine Hand in seinen Arm, indessen die andere den Rocksaum aus hellblau flatterndem Duft hielt und ein reizvolles, silbernes Schuhchen hervorlugen lie. Und nun begann man zu tanzen: Eins -- zwei -- drei -- und die Taille bog sich, das Fchen lugte hervor . . . Erkennst du mich? Nein. Du scheinst jemand zu suchen? Eins -- zwei -- drei -- und wieder ein Wiegen der Taille wie ein Vorschieben des Fchens. Ich habe einen Brief fr dich. Dem ersten Paar -- Domino und Marquise -- folgten Harlekine, Spanierinnen, perlmutterblasse Fruleins, Juristen, Husaren und willenlose Mullgeschpfe: Nackte Schultern, silberige Rcken und Schrpen. Allmhlich legte sich die eine Hand des roten Dominos um ihre hellblaue Taille, und whrend er mit der zweiten die der Dame ergriff, lie diese den Brief in seine Hand bergleiten; und im gleichen Augenblick legten sich dunkelgrne, schwarze und husarenrote Arme aller anderen Kavaliere um die schlanken, weien, heliotropfarbenen, seidenknisternden Gewnder, und alles begann sich im Tanze zu drehen. Der weibrtige Wirt aber brllte: A vos places! Und hinter ihm her flog ein willenloser Backfisch. * * * Apollon Apollonowitsch Apollon Apollonowitsch erholte sich von seinem Herzanfall; er schmte sich seiner Angst -- und trat in den Salon; alle erhoben sich bei seinem Erscheinen von den Pltzen, und Lubow Aleksejewna ging ihm entgegen; der Statistikprofessor bewegte sich ruhelos auf seinem Platze und stammelte: Ich hatte schon einmal die Ehre gehabt; ich wollte Sie, Apollon Apollonowitsch, in einer Angelegenheit . . . Der Wirtin die Hand kssend, antwortete Apollon Apollonowitsch etwas trocken: Ich bin im Departementsbureau zu sprechen. Zerstreut warf inzwischen die Wirtin ihrem Partner zu: Und was meinen Sie, bitte . . . Da trat ein Neuer ein: ein schweigsames, bewegliches Herrchen mit riesiger Warze unter der Nase; er winkte wie aufmunternd dem Senator zu, lchelte und rieb sich die Finger; mit zweideutig sanfter Miene fhrte er den Senator beiseite: Ja, sehen Sie, Apollon Apollonowitsch . . . Der Direktor des N.-Departements trug mir auf . . . na, wie soll ich es sagen . . . an Sie eine etwas heikle Frage zu richten . . . Weiter konnte man nichts hren; man sah nur, wie das kleine Herrchen etwas in das blagrnliche Ohr flsterte und pltzlich Apollon Apollonowitsch ngstlich dazwischenwarf: Sprechen Sie also geradeheraus . . . mein Sohn? Wieder ein Flstern; der Senator fragte: Der Domino, sagen Sie? Der Domino -- ebendieser dort. Mit diesen Worten zeigte das lebhafte Herrchen in den Nebenraum, wo der ruhelose Domino in Rot ber das spiegelnde Parkett tanzend dahinglitt. Der Skandal Nachdem sie den Brief bergeben hatte, schlich sich Sofja Petrowna von ihrem Kavalier fort, kraftlos lie sie sich auf ein weiches Taburett nieder; ihre Arme und Beine versagten den Dienst. Was hatte sie gemacht? Sie sah, wie der rote Domino aus dem Tanzsaal in das Nebenzimmer lief, wie er dort in einer Ecke das Briefchen entfaltete; um die kleine Schrift besser zu lesen, schob er seine Maske auf die Stirn; die Spitzen des Bartes legten sich wie schwarze, flatternde Flgel auf beide Seiten des Kopfes; aus den flatternden Flgeln aber blickte ein wchsernes, unbewegliches Gesicht mit vorstehenden Lippen; die Hand bebte, und auch der Brief, den die Finger hielten, zitterte; kalter Schwei perlte auf seiner Stirn. Der rote Domino sah nicht Madame Pompadour, die ihn aus der Ecke beobachtete; er ging vollends im Lesen des Briefes auf; da trat pltzlich jemand herein; der Domino verbarg mit nervser Bewegung das Billett in den Atlasfalten; die Maske aber verga er herunterzuziehen. Und so stand er da, mit auf die Stirn geschobener Larve, halboffenem Munde und nichtssehendem Blick. Vom Tanzen erhitzt, lief ein kleines Mdchen, Khlung suchend, herein; sie stie beinahe in der Tr den liberalen Leiter der Kreisverwaltung um, eilte dann zum Spiegel, richtete das Bndchen im Haar, schnrte das weie, seidene Schuhchen fester und begann mit ihrer Freundin Heimliches zu flstern. Umsehend gewahrte sie den roten Domino mit offenem Gesicht und rief: Sie sind es also? Guten Abend, Nikolai Apollonowitsch. Wer htte es nur gedacht! Sofja Petrowna sah, wie schmerzhaft Nikolai Apollonowitsch dem Mdchen zulchelte; dann verlie er mit scharfem Ruck seinen Platz und ging eilig in den Saal. An herumstehenden Masken; und tanzenden Paaren vorbei rannte Nikolai Apollonowitsch mit zitternden Beinen immer weiter, und hinter ihm her rauschte der karminrote Atlas, bei dessen Anblick man unwillkrlich an Blut denken mute. Diese Flucht des roten Dominos mit nach oben geschobener Maske, unter der das Gesicht Nikolai Apollonowitschs zu sehen war, gestaltete sich zu einem wahren Skandal; die Tanzenden verlieen ihre Pltze, die Damen sahen ihm mit weit aufgerissenen Augen nach. Der Leibhusar Sporyschow ergriff den laufenden Ableuchow an der Hand und fragte flehend: Um Gottes willen, Nikolai Apollonowitsch, was ist geschehen? -- Doch wie ein gehetztes Tier sah ihn dieser mit wahnsinnigem Gesichtsausdruck an, versuchte zu lcheln, ohne da daraus ein Lcheln wurde, und strzte, sich losreiend, weiter. Dieser Zwischenfall im Tanzsaal lenkte auch die Aufmerksamkeit des Salons auf sich; die schwerflligen Salonbesucher drngten sich, beschienen vom blulichen Lichte, in die Tr, neugierige Blicke in den Tanzsaal richtend. Aus dieser Gruppe hob sich des Senators kleine, vertrocknete Gestalt mit wie aus papiermachbleichem Gesicht, mit festeingezogenen Lippen und grnlichen, abstehenden Ohren: genau so war er krzlich auf dem Titelblatt eines humoristischen Straenblttchens dargestellt gewesen. Wie aber wenn . . .? Sofja Petrowna Lichutina blieb mitten im Saale stehen. Erst jetzt wurde ihr ihre furchtbare Rache klar; erst jetzt verstand sie deutlich den Inhalt des Briefchens: begriff, da der Brief Nikolai Apollonowitsch aufforderte, die mit einem Uhrmechanismus versehene Bombe, die sich angeblich in seinem Schreibtisch befand, gegen -- dies war kaum mizuverstehen -- gegen _den Senator_ zu werfen (denn Apollon Apollonowitsch wurde allgemein _der Senator_ genannt). Sofja Petrowna stand verloren mit leicht zur Seite geneigter Taille unter den Masken und bemhte sich, das Ganze zu begreifen; gewi, es war ein boshafter und gemeiner Scherz von jemand, und von ihrer Seite die Lust, ihn durch diesen Scherz zu erschrecken: er war ja doch . . . der schuftige Feigling. Wie aber, wenn . . . Nikolai Apollonowitsch wirklich in seinem Tische einen so furchtbaren Gegenstand liegen hat? Und wenn man das erfhrt? Und ihn jetzt gleich festnehmen wird? . . . Verloren stand Sofja Petrowna unter den Masken, mit himmelblauer Taille und silbergrauen, ppigen Locken. berall hrte man ein Flstern, ein Murmeln. Nein, haben Sie es gesehen? Verstehen Sie es? Was? Ich habe es immer gesagt, ma chre: sein Sohn wird ein Schuft. Und auch Tante Lise und Mimi und Niklas -- sie alle sagten es ebenfalls. Arme Anna Petrowna: ich verstehe sie! . . . Ach, wir verstehen sie alle. Da kommt er selbst, da kommt er . . . Er hat schreckliche Ohren . . . Es heit, er wird Minister . . . Er wird das Land zugrunde richten . . . Man mu es ihm sagen . . . * * * Wie aber, wenn . . . wenn Nikolai Apollonowitsch in seinem Schreibtisch eine Bombe liegen hat? Das kann ja bekannt werden; er kann ja auch selbst einmal gegen den Tisch stoen . . . Abends sitzt er vielleicht an diesem Tische vor einem Buche. Eine Bombe -- das ist etwas Rundes, was nicht berhrt werden darf. Sofja Petrowna fuhr zusammen. Einen Augenblick lang sah sie deutlich Nikolai Apollonowitsch vor sich, wie er bei ihr, sich die Hnde reibend, vor dem Teetisch sitzt; auf dem Tisch steht das Grammophon und schleudert gegen sie leidenschaftliche, italienische Liebeslieder; ach, warum muten sie sich zanken! Wozu die alberne Geschichte mit dem Brief, dem Domino und alles andere? . . . Wie aber, wenn . . . der Brief kein Scherz war, wenn er . . . wirklich verurteilt ist . . . Nein, nein, nein! Solche Schrecknisse gibt es nicht in der Welt; nicht einmal unter Tieren fnden sich solche, die einen wahnsinnigen Sohn zwingen wrden, gegen den Vater die Hand zu erheben. Das waren Albernheiten der Freunde. Wie dumm war sie doch -- vor einem einfachen Spa zu erschrecken! Aber: auch ihn erschreckte der Scherz der Freunde; er war doch ganz einfach ein Feigling: auch damals, am Kanal, lief er nicht vor dem Signal des Polizisten davon? Er benahm sich damals nicht wie ein Held: er rutschte aus, fiel hin, und so prosaisch lugte unter dem Atlas die gewhnliche, graue Hose hervor . . . Und auch jetzt: er lachte nicht ber den naiven Scherz der revolutionren Freunde, er erkannte die berbringerin nicht; er rannte durch den Saal ohne Maske, machte sich zum Lachobjekt aller Herren und Damen. Nein, Ssergeij Ssergeijewitsch mute diesem Feigling eine Lektion erteilen! Ssergeij Ssergeijewitsch mu den Feigling herausfordern . . . Der Leutnant! . . . Ssergeij Ssergeijewitsch! Der Leutnant Ssergeij Ssergeijewitsch fhrte sich seit dem gestrigen Abend in unanstndigster Weise auf; er brummte sich etwas in den Bart und ballte die Faust; er wagte es, in bloer Unterhose zu ihr ins Schlafzimmer zu treten, und wagte es dann, hinter ihrer Wand bis zum frhen Morgen auf und ab zu schreiten. Undeutlich fiel ihr das gestrige wahnsinnige Schreien, fielen ihr die blutangelaufenen Augen ein, die auf den Tisch donnernde Faust: ist Ssergeij Ssergeijewitsch am Ende vom Wahnsinn befallen worden? Er schien ihr schon seit langem verdchtig: verdchtig schien ihr seine Schweigsamkeit in den letzten drei Monaten; verdchtig schien ihr dieser dienstliche Eifer. Ach, sie war so einsam und arm: und jetzt brauchte sie so sehr eine feste Sttze; wie wnschte sie, ihr Mann, Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin, htte sie wie ein Kind in seine Arme genommen und von hier weggetragen . . . Sofja Petrowna fuhr zusammen, da sie sich der Geste erinnerte, mit der er ihr gestern den Abendmantel gereicht und die Tr devot geffnet hatte. Wie mochte er hinter ihrem Rcken dann gestanden haben! Wie verchtlich aber hatte sie ihm ins Gesicht gelacht, und wie sie dann mit leicht gerafftem Panierrock knicksend an ihm vorbeigegangen war (ach, warum hatte sie nicht auch bei der bergabe des Briefes vor Nikolai Apollonowitsch einen Knicks gemacht: das Knicksen stand ihr doch sehr gut!), wie sie sich dann in der Tr umgedreht und dem Offizier eine lange Nase gemacht hatte! Und jetzt: sie ngstigte sich doch ein bichen, nach Hause zurckzukehren . . . Gergert stampfte sie mit dem Fchen. Na, warte, du sollst es schon sehen! Und doch war es ihr ngstlich zumute, nach Hause zurckzukehren. Aber noch ngstlicher, hier noch lnger zu verweilen; denn schon waren die meisten der Gste fort, der gutmtige Wirt trat, ein wenig niedergedrckt, bald zu dem einen, bald zu dem anderen der briggebliebenen Gste und erzhlte irgendeine Anekdote; dann sah er sich verwaist in dem immer leerer werdenden Saale um, sah die kleine Schar der noch anwesenden Harlekine und Narren, und sein Blick bat unverhohlen, den Rest der Frhlichkeit doch nun aufzugeben. Der weie Domino Es war hchste Zeit, das Haus zu verlassen. Einsam und aufgeregt schlich sich Sofja Petrowna durch die fast leeren Sle. Pltzlich erblickte sie in der Ferne einen weien Domino, der jetzt gerade aufgetaucht zu sein schien, und: jemand, traurig und schlank, jemand, den sie unzhlige Male gesehen zu haben glaubte, auch vor kurzem, auch heute -- jemand, traurig und schlank, ganz in weien Atlas gehllt, schritt ihr durch die leeren Sle entgegen; durch die Ausschnitte der Maske ergo sich auf sie das helle Licht seiner Augen; es schien ihr, als strahlte trauriges Licht von seiner Gestalt, von seinen knchernen Fingern . . . Und vertrauensvoll rief Sofja Petrowna dem lieben Domino zu: Ssergeij Ssergeijewitsch! . . . Ssergeij Ssergeijewitsch! Kein Zweifel, es war Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin; er hatte den gestrigen Auftritt bereut; er kam -- um sie abzuholen. Sofja Petrowna rief noch einmal dem lieben Domino zu -- dem Schlanken, Traurigen: Sie sind es doch? Sie? Doch der Schlanke, Traurige schttelte langsam den Kopf und legte die Finger an den Mund, wie zum Schweigen auffordernd. Vertrauensvoll streckte sie dem Kostmierten ihre Hand entgegen: wie schimmerte doch der weie Atlas, wie war er khl! Ihr himmelblauer Arm legte sich, willenlos, auf den weien des Dominos. Nie hatte sie Ssergeij Ssergeijewitsch so glnzend gesehen, whrend sie flsternd bat: Sie haben mir verziehen? Durch die Maske kam ein Seufzer als Antwort. Wir werden uns jetzt vershnen? Aber der Schlanke, Traurige schttelte langsam den Kopf. Warum schweigen Sie? Aber der Schlanke, Traurige, legte wieder den Finger an den Mund. Sind Sie es, Ssergeij Ssergeijewitsch? Aber der Schlanke, Traurige befahl ihr zu schweigen. Sie traten bereits ins Vorzimmer hinaus; das Unaussprechliche umgab sie, Unaussprechliches stand zwischen ihnen; Sofja Petrowna nahm ihre Maske ab und versank im liebkosenden Pelz; der Schlanke, Traurige zog seinen Wintermantel an, nahm aber die Maske nicht ab. Verwundert sah sie auf ihn: ihm wurde kein Offiziersmantel gereicht, sondern ein schbiges Mntelchen, aus dessen rmeln die schmalen Hnde seltsam hervortraten, sie an Lilien erinnernd. Unter den verwunderten Blicken der Diener schmiegte sie sich nahe an ihn; das Unaussprechliche umgab sie, das Unaussprechliche stand zwischen ihnen. Aber auf der Schwelle schttelte der Schlanke, Traurige mit dem Kopfe und befahl ihr zu schweigen. Der Himmel war schon gestern gegen Abend ganz schmutzig gewesen; ber Nacht lie sich der Schmutz auf die Erde nieder; und der Nebel und alles verwandelte sich dann in schwrzliche Dunkelheit, aus der schreiend grell die braunroten Flecken der Laternen hervorstachen. Sofja Petrowna sah vor sich die unklaren Abrisse der langen Gestalt, und flehend bat sie ihn: Ich mchte eine Droschke. Die lange Gestalt ihres unbekannten Begleiters, eine abgetragene Mtze ber den Kopf gestlpt, schwenkte den Arm gegen den Nebel, eine Droschke kam langsam nher. Sofja Petrowna verstand nun alles; die traurige Erscheinung hatte eine wundervolle, kosende Stimme -- eine Stimme, die sie unzhlige Male gehrt; erst vor kurzem, erst heute; ja, heute: im Traum; und sie hatte sie vergessen, wie sie vergessen hatte -- den Traum selbst . . . Er hatte eine wundervolle, kosende Stimme, aber . . . kein Zweifel; es war nicht die Stimme Ssergeij Ssergeijewitschs. Sie aber hatte gehofft, sie aber hatte gewnscht, dieser herrliche, freundliche, ihr fremde Mensch, wre ihr Gatte gewesen. Aber ihr Gatte war nicht gekommen, hatte sie nicht aus der Hlle geholt; ein Fremder hatte es getan. Wer mochte er sein? Wer? Die unbekannte Gestalt erhob mehrmals die Stimme: die Stimme wuchs, wuchs und wuchs, und es schien, als wachse jemand riesengro unter der Maske. Wer sind Sie doch? Ihr alle verleugnet mich; ich aber folge euch allen. Ihr verleugnet mich, um dann nach mir zu rufen . . . Die lichte Erscheinung half ihr in die Droschke; als sie ihm aber flehend die zitternden Hnde entgegenstreckte, legte er wieder den Finger auf die Lippen und befahl ihr zu schweigen. Der Wagen bewegte sich bereits: o, wre er doch stehengeblieben! Oder wre er doch, o, zurckgekehrt -- zu jener Stelle, wo soeben noch der Schlanke, Traurige stand, wo jetzt aber niemand war und nur eine Laterne mit ihrem grellen, trben Auge in die Nacht blinkte. Sie verga das, was war Sofja Petrowna Lichutina verga das, was war. Ihre Zukunft verlor sich in der schweren, dunklen Nacht. Das Nicht-mehr-gut-zu-Machende nahte sich ihr, das Nicht-mehr-gut-zu-Machende erfate sie. Mitsamt einem Stck ihrer nahen Vergangenheit lste sich der gestrige Tag von ihrem Bewutsein; Unannehmlichkeiten mit dem Gatten; Unannehmlichkeiten mit Madame Farnoix: als sie tiefer gehen wollte und das Bewutsein befragte -- da lste sich der gestrige Tag los, wie sich ein Stck Erde manchmal loslst; er lste sich los und versank in einer dunklen Tiefe. Man hrte einen Laut, als wrden Steine zerschlagen. Vor ihr erstand ihre Liebe von diesem unglcklichen Sommer; und auch die Liebe dieses unglcklichen Sommers lste sich wie alles andere und versank in einem dunklen Abgrund; und wieder hrte man einen Laut, als wrden Steine zerschlagen. Es erstanden vor ihr, um gleich wieder zu versinken, ihre Gesprche mit Nikolai Ableuchow; es erstanden -- um wieder zu versinken -- die Jahre ihrer Ehe, ihre Brauttage, ihre Hochzeit: eine Leere verschlang diese Stcke ihrer Erinnerungen, und es tnten Laute, als zerschlge jemand Steine. Ihr ganzes Leben flog an ihr vorbei, und dieses ganze Leben versank in einer Tiefe; als wre es nie gewesen; als wre sie selbst -- ein noch nicht geborenes Seelenwesen. Hinter ihrem Rcken bereits begann diese Leere (denn alles war dort versunken und sank in einen dunklen Grund) und setzte sich in die Ewigkeit fort; und von den Ewigkeiten her tnte ein Schlag nach dem anderen: dort lste sich ein Stck nach dem anderen von ihrem Leben und fiel, laut aufschlagend, in einen dunklen Abgrund . . . Pltzlich kam Sofja Petrowna zu sich: die Droschke berholend raste ein Feuerwehrwagen vorbei; ein Helm und eine brennende Fackel blitzten vor ihr fr kurze Augenblicke auf; gleich darauf raste, klappernd und rasselnd, ein ganzer Feuerwehrzug vorbei. Brennt es irgendwo? wandte sich Sofja Petrowna an den Kutscher. Ja, Herrin, wie es scheint, auf den Inseln. Das Gefhrt hielt nun vor ihrem Hause. Sofja Petrowna erinnerte sich da an alles: alles stand erschreckend prosaisch vor ihr. Die Masken erschienen ihr als einfache Spamacher; sicher waren es Bekannte, die auch ihr Haus fters aufsuchten; der Traurige, Schlanke war wohl einer von ihren revolutionren Freunden (wie lieb es von ihm war, sie zur Droschke zu bringen). Gergert bi sie sich auf die Lippen: wie konnte sie so ungeschickt _ihn_ mit ihrem Gatten verwechseln? Und ihm sinnlose Bekenntnisse ins Ohr flstern ber irgendeine Schuld? Jetzt wird dieser unbekannte Bekannte allen Leuten den Unsinn berbringen, wird die Meinung verbreiten, sie frchte sich vor ihrem Manne. Und dieser Klatsch luft dann durch die ganze Stadt . . . Nein, Ssergeij Ssergeijewitsch, Sie werden mir gleich fr diese unntige Schmach bezahlen! . . . Zornerfllt stie sie mit dem Fchen gegen die Eingangstr; die Tr klappte mit lautem Krachen hinter ihrem Rcken zu. Finsternis umfing sie, das Unaussprechliche erfate sie wieder fr einen Augenblick (so mute es wohl im ersten Augenblick nach dem Tode sein). Aber Sofja Petrowna dachte nicht an den Tod, im Gegenteil, sie dachte an so einfache Dinge. Sie dachte daran, wie sie Mawruscha gleich befehlen wrde, den Samowar aufzutragen, wie sie inzwischen ihrem Manne eine ordentliche Predigt halten wrde (auf so was verstand sie sich: vier Stunden konnte sie es, ohne Aufatmen, fortsetzen), und wenn Mawruscha den Tee fertig serviert hatte -- dann wrde sie sich mit ihrem Manne vershnen. Sofja Petrowna klingelte. Gleich mute sie den eiligen Schritt Mawruschas hinter der Tr vernehmen; aber sie hrte diesen eiligen Schritt nicht. Sofja Petrowna fhlte sich beleidigt und klingelte zum zweitenmal. Mawruscha schlft natrlich; Sofja Petrowna braucht nur aus dem Hause zu gehen, da wirft sich die dumme Gans sofort ins Bett . . . Aber auch der Gatte, Ssergeij Ssergeijewitsch ist groartig: er wartete natrlich seit Stunden voll Ungeduld auf ihr Kommen, hrte das Luten und merkte, da die Bediente schlief. Und doch rhrte er sich nicht! Der Herr ist beleidigt! Na, warte nur! Du bleibst ohne Vershnung und ohne Tee! . . . Sofja Petrowna begann heftig zu luten, einmal nach dem anderen, die Glocke prasselte nur so . . . Nichts, niemand! Sie neigte sich mit dem Ohr gegen das Schlsselloch; und wie sie ihr Ohr lauschend am Schlsselloch hatte, hrte sie hinter der Tr (in einem Werschok Entfernung) ganz deutlich: ein keuchendes Atmen und ein Reiben von Zndhlzern an der Schachtel: Herrgott Jesus Christus, wer mochte dort keuchen? Sofja Petrowna trat etwas zurck. Mawruscha? Nein, sie war es nicht. Ssergeij Ssergeijewitsch? Ja, er war es. Aber warum schwieg er? Warum machte er nicht auf? Warum stand er hinter der Tr und keuchte? Bses ahnend begann Sofja Petrowna, verzweifelt, an die filzbeschlagene Tr zu hmmern; Bses ahnend rief Sofja Petrowna: So macht doch auf! Hinter der Tr fuhr jemand fort keuchend zu atmen, regelmig und hastig: Ssergeij Ssergeijewitsch, lassen Sie es doch! . . . Schweigen. Sind Sie es? Was haben Sie? Ta -- ta -- ta -- etwas wlzte sich von der Tr. Was ist denn los? Herrgott, ich frchte mich, ich frchte mich . . . Machen Sie doch auf, Liebling! Etwas heulte auf hinter der Tr und lief eilig in die inneren Zimmer; man hrte ein Rumoren, Sthle wurden geschoben; Sofja Petrowna glaubte die Lampe im Salon klimpern zu hren, dann wurde wieder ein Tisch geschoben. Einen Augenblick lang war dann alles ruhig. Aber dann pltzlich hrte man ein furchtbares Krachen; wie wenn die Decke eingestrzt wre und der Schutt nach unten fiele; unter den verschiedenen Tnen vernahm Sofja Petrownas Ohr mit Schrecken: das schwere Niederfallen eines menschlichen Krpers. Unruhe Apollon Apollonowitsch Ableuchow hate im Grunde genommen das unvermittelte Sprechen, bei dem man in die Augen des Partners blicken mute; das Sprechen mittels der Telephondrhte beseitigte diese Nachteile. Apollon Apollonowitsch horchte mit Vergngen auf das Summen des Telephons. Apollon Apollonowitsch ging zu Zukatows mit dem einzigen Vorhaben, dem Leiter eines gewissen Amtes einen Schlag zu versetzen. Diesem Amt hatte es in der letzten Zeit beliebt, mit einer radikalen Partei ein wenig zu kokettieren. Apollon Apollonowitsch hate Kompromisse; und er wollte dem Parteileiter zeigen, wie er, einmal erst auf seinem hohen Posten, sich zum besagten Amtsleiter stellen wrde . . . Deswegen blieb Apollon Apollonowitsch den ganzen Abend bei Zukatows, vor sich das hchst widerliche Bild: konvulsivisch hpfende Beine und blutrote, unangenehm knisternde Stoffe: solche roten Fetzen sah er schon einmal: auf dem Platze vor der Kathedrale: dort wurden diese Fetzen Fahnen geheien. Diese roten Fetzen hier, auf einem Tanzabend, bei dem das Haupt der Verwaltung anwesend war -- schienen ihm ein unschicklicher, unwrdiger, schmachvoller Scherz, und die konvulsivisch tanzenden Beine riefen in ihm das Bild einer traurigen (aber unumgnglichen) Manahme hervor, durch die Staatsverbrechen unmglich wurden. In offensichtlicher Langeweile, mit kaum zu berwindendem Widerwillen, sa Apollon Apollonowitsch auf dem Stuhle, aufrecht wie ein Stock, ein kleines Porzellantchen in den winzigen Hndchen. Gegen den bunten, bucharischen Teppich stemmten sich in perpendikulrer Richtung die dnnen Beinchen, deren untere Teile mit den Schenkeln einen geraden Neunziggradwinkel bildeten; perpendikulr zu der Brust streckten sich die dnnen Arme nach dem Porzellantchen vor. Apollon Apollonowitsch Ableuchow, die erstklassige Persnlichkeit, glich einer auf den Teppich gemalten gypterfigur -- eckig, breitschulterig, jede anatomische Regel verleugnend. Die Mitteilung des kleinen, unscheinbaren Herrchens wirkte auf Apollon Apollonowitsch wie ein Schlag: der blutrote unangenehme Domino, der hirnlose Narr, der ihm am meisten auf die Nerven fiel -- sein leiblicher Sohn . . . Nein, nein -- nein, nein: der Domino sein leiblicher Sohn! . . . Ist er auch wirklich sein Sohn? Sein leiblicher Sohn kann ja einfach nur der Sohn Anna Petrownas sein; durch berwiegen in den Adern des mtterlichen Blutes. Das mtterliche Blut hat das reine Ableuchowsche Geschlecht verunreinigt, indem es dem berhmten Manne einen _unsauberen_ Sohn geschenkt hat. Nur ein _unsauberer_ Sohn, ein _Bastard_, konnte Dinge treiben wie diese. Am meisten emprt war Apollon Apollonowitsch, da der widerwrtige, dort hpfende Domino (Nikolai Apollonowitsch), wie ihm das kleine Herrchen berichtete, bereits eine ebenso widerwrtige Vergangenheit hatte, da ber sein Treiben die jdische Presse bereits geschrieben hatte; Apollon Apollonowitsch bedauerte, nicht in die Tagesneuigkeiten der Zeitungen hineingesehen zu haben. Mit rascher Bewegung erhob sich Apollon Apollonowitsch und lief in das Nebenzimmer, um dort den Domino ausfindig zu machen; aber aus demselben kam mit eiligen, eiligen Schritten ein kleiner, glattrasierter Gymnasiast im Salonrock auf ihn zu, und Apollon Apollonowitsch war nahe daran, ihm aus Zerstreutheit die Hand zu reichen; der glattrasierte Gymnasiast erwies sich bei nherer Betrachtung als Senator Ableuchow selbst: in der Eile war der Senator beinahe in den Spiegel hineingerannt. Apollon Apollonowitsch wandte dem Spiegel den Rcken zu; und -- dort, dort: im Zimmer, zwischen Saal und Salon, sah Apollon Apollonowitsch den widerlichen Domino (den Bastard), der in das Lesen eines (sicher widerlichen) Briefes (sicher unanstndigen Inhalts) vertieft war. Apollon Apollonowitsch hatte nicht den Mut, den Sohn zur Rede zu stellen. Bald vernahm Apollon Apollonowitsch ein Murmeln und Flstern und merkte da und dort ein spttisches Lcheln; er bemerkte auch, da das konvulsivische Tanzen pltzlich aufgehrt hat; das beruhigte fr einen Augenblick sein aufgewhltes Gemt. Aber dann ging es wieder mit erschreckender Klarheit durch seinen Kopf: sein Sohn sei ein ganz miserabler Kerl; denn nur ein ganz miserabler Kerl konnte sich in so abscheulicher Weise auffhren: einige Tage hintereinander einen roten Domino anziehen, einige Tage hintereinander eine Maske vors Gesicht binden; einige Tage hintereinander die jdische Presse in Aufregung halten . . . Apollon Apollonowitsch gedachte jetzt auf seinen Posten verzichten zu mssen: er konnte den Posten nicht annehmen, ehe er die Schmach weggewaschen hatte, die seinem Geschlecht durch das Benehmen des Sohnes (immerhin ein Ableuchow) zugefgt wurde . . . Mit diesen trben Gedanken reichte er den Anwesenden seinen Finger und lief, von Wirt und Wirtin geleitet, aus dem Salon. Und als er in seinem Lauf durch den Tanzsaal angsterfllt gegen die Wnde blickte -- dabei fand er den hellerleuchteten Saal viel zu gro --, sah er deutlich, wie ein Hufchen grauer Matronen miteinander tuschelte. An Apollon Apollonowitschs Ohr gelangte nur das Wort -- Hhnchen. Apollon Apollonowitsch hate die Hhnchen, die mit weggeschnittenen Kpfen in den Basaren verkauft werden. Der Brief Nikolai Apollonowitsch befand sich in einem dunklen Traum, im dunkelsten Nakalt der Strae, in das die Laterne hartnckig einen rtlichen Fleck hineinzuleuchten bemht war. Nach ein paar Schritten bemerkte Nikolai Apollonowitsch mit Gleichmut, da ihm die Beine fehlten; unordentlich patschten durch den Schmutz weiche Krperteile; vergeblich bemhte er sich, diese weichen Krperteile in gewnschter Richtung zu bewegen; sie weigerten sich, ihm zu gehorchen; sie hatten wohl uerlich die Form von Beinen: aber Beine waren es nicht; unwillkrlich lie sich Nikolai Apollonowitsch auf eine Stufe vor dem Nachbarhause nieder; so sa er, gehllt in seinen Wintermantel, wohl eine Minute lang. Das war ganz natrlich in seiner Lage (sein ganzes Benehmen war durchaus natrlich); ebenso natrlich war es, da er den Mantel aufschlug, in den Taschen suchte und das Briefchen hervorzog; wieder und wieder las er es, bemht, darin eine Spur von Scherz oder Spott zu entdecken; aber nichts davon gelang ihm . . . Eingedenk Ihres im Sommer gemachten Vorschlages teilen wir Ihnen mit, da der Wrfel nun auf Sie fiel. Sie haben unverzglich an die Sache zu gehen -- und . . . hier konnte Nikolai Apollonowitsch nicht lesen, denn da stand der Name seines Vaters -- doch weiter: Das ntige Material in der Gestalt der Bombe mit dem Uhrmechanismus wurde Ihnen seinerzeit bergeben; Eile ist geboten; es ist erwnscht, da die Angelegenheit schon in den nchsten Tagen erledigt ist . . . Weiter folgte -- die Parole: Nikolai Apollonowitsch kannte die Parole wie die Schrift gut. Es war die Schrift des Unbekannten. Er hatte schon fters Briefe von dem Unbekannten erhalten. Zweifel waren ausgeschlossen. Nikolai Apollonowitsch bemhte sich, nicht zu denken, nicht zu verstehen: denken, _verstehen_ . . . konnte man denn so etwas _verstehen_; das _kam_ einfach und zwang und wrgte . . . darber denken hie sich ins Wasser strzen . . . Zu denken gab es da nichts, denn . . . das war . . . Na, wie war es nur zu bezeichnen? . . . Nein, niemand vermochte hier etwas zu denken. Nikolai Apollonowitsch suchte sich an ueres zu klammern: da ist die Karyatide an der Einfahrt; nichts weiter: eine Karyatide . . . Doch -- nein, nein! Gar keine Karyatide: er hatte eine solche noch nie gesehen: sie hngt gerade ber einer Flamme. Und dort ist -- ein Haus: nichts weiter -- ein Haus. Nein, nein, nein! Es ist kein einfaches Haus, wie alles andere nicht einfach ist: alles in ihm hat sich verschoben, hat sich von den Wurzeln losgelst, er selbst hat sich von seinen eigenen Wurzeln losgelst und sieht von irgendwoher (fr ihn ganz unbekannt), wo er noch nie gewesen, seine Umgebung. Da sind nun auch Beine -- nichts weiter -- Beine . . . Nein, nein! Es sind keine Beine, es sind ganz weiche, unntig baumelnde Krperteile. Nikolai Apollonowitsch erhob sich schwer von der Stufe. Nikolai Apollonowitsch trat in ein leeres Gchen. Das Gchen war leer, wie alles: wie dort oben die Ferne; so leer, wie die menschliche Seele sein kann. Fr einen Augenblick bemhte sich Nikolai Apollonowitsch, an die transzendenten Dinge zu denken; daran, da die Geschehnisse dieser vergnglichen Welt nicht im geringsten das unsterbliche Zentrum berhren und da selbst das denkende Hirn nur ein Bewutseinsphnomen sei; da, soweit er, Nikolai Apollonowitsch, in dieser Welt handelte, er -- nicht er sei; sondern nur -- vergngliche Materie; sein wirklicher, beschauender Geist kann ihm noch immer den Weg erleuchten; erleuchten trotz _diesem_; beleuchten -- selbst . . . _dieses_ . . . Doch _dieses_ umgab ihn, umgab ihn von allen Seiten wie ein Zaun; zu seinen Fen sah er nur eine Pftze. Und nichts leuchtete. Das Bewutsein Nikolai Apollonowitschs bemhte sich vergeblich zu leuchten; es leuchtete nicht. Die furchtbare Dunkelheit blieb, wie sie war. Sich ngstlich umsehend, erreichte er mit schleichenden Schritten den hellen Laternenfleck. Er begann wieder zu lesen. Die Gedanken entflogen dem Bewutseinszentrum wie eine Schar betubter, vom Sturm gepeitschter Vgel; aber auch dieses Zentrum gab es nicht mehr: es gab nur noch ein dsteres Loch, vor dem Nikolai Apollonowitsch verloren stand, wie vor einem tiefen Brunnen. Wann und wo war er schon einmal so gestanden? Er suchte sich dessen zu entsinnen, aber es gelang ihm nicht. Und wieder begann er: Eingedenk Ihres im Sommer gemachten Vorschlages, las er und wollte einen Punkt entdecken, den er beanstanden konnte; doch er fand keinen. Eingedenk Ihres im Sommer gemachten Vorschlages . . . Er hatte in der Tat den Vorschlag gemacht, aber er hatte ihn spter vergessen; wohl fiel er ihm nachtrglich wieder ein, aber dann folgten die Ereignisse der allerletzten Zeit, folgte der Domino; verwundert blickte Nikolai Apollonowitsch auf diese Vergangenheit zurck; er fand sie einfach albern; eine Dame mit hbschem Gesichtchen fllte sie aus; nichts weiter -- eine Dame, eine Dame, eine Dame! . . . Wir teilen Ihnen mit, da der Wrfel auf Sie fiel, las Nikolai Apollonowitsch, als er hinter seinem Rcken Schritte vernahm; er wandte sich um und ging dem Herannahenden entgegen; er erblickte Hut, Mantel, Stock, ein kleines Vollbrtchen und eine Nase: das alles ging an ihm vorbei, ohne ihn zu beachten (er hrte nur die Schritte und das sich berschlagende Pochen des Herzens). Er wandte sich wieder dem Brief zu. Das ntige Material in Gestalt einer mit Uhrmechanismus versehenen Bombe ist Ihnen seinerzeit bergeben worden . . . Es war ihm nichts bergeben worden, nein, nichts! Es tauchte etwas wie eine Hoffnung in ihm auf, alles wre nur -- Spa . . . Eine Bombe? Nein, er hatte keine Bombe! Ja, ja -- keine!! * * * Das Paket?! * * * Da erinnerte er sich: das Paket, der verdchtige Besucher, der septemberliche Tag -- alles, alles. Nikolai Apollonowitsch erinnerte sich deutlich, wie er das Paket nahm (es war na) und in seinen Schreibtisch verbarg. Und zum erstenmal erfate ihn eine unaussprechliche Angst. Das kleine Mnnchen, das hinter ihm herging (warte nur, hatte er es nicht soeben gesehen?), blieb am Zaun, zwei Schritte von ihm entfernt -- eines natrlichen Bedrfnisses wegen stehen; aber vor dem alten Zaun stehend, drehte es das Gesicht Ableuchow zu, schnalzte in besonderer Art mit der Zunge und lchelte kaum merklich: Vom Ball sicher? Ja, vom Ball . . . Ich wei es wohl . . . So--o . . . Und woher denn? Aber unter Ihrem Mantel blickt ein . . . ein Zipfel vom Domino hervor. Na, ja: ein Domino . . . Neulich, da hat er auch herausgesehen . . . Wie, neulich? Ja, neulich, neben dem Kanal . . . Herr!! . . . Aber lassen Sie es nur gut sein: Sie sind ja der Domino? Welcher Domino eigentlich . . . Na, eben -- _derjenige_. Ich verstehe Sie nicht; und berhaupt ist es seltsam, einen unbekannten Menschen . . . Unbekannt sind Sie durchaus nicht: Sie sind Nikolai Apollonowitsch Ableuchow, und auerdem sind Sie der _rote Domino_, von dem die Zeitungen schreiben . . . Nikolai Apollonowitsch wurde bla wie der Tod. Hren Sie, hren Sie . . . Glauben Sie mir, das alles sind abscheuliche Mrchen . . . Mit seinem natrlichen Bedrfnis fertig geworden, verlie das Mnnchen den Zaun, knpfte seinen Mantel zu, schob familir die Hand in die Tasche und zwinkerte vieldeutig: Wo wollen Sie hin? Auf die Wassiljewskij-Inseln. * * * Sie scheinen nicht genau zu wissen, wo Sie hinwollen, sagte lchelnd das kleine Herrchen; dann machen wir doch zusammen einen Abstecher ins Restaurant. Begleiter In grauem Mantel, mit schwarzem Zylinderhut, das Gesicht von der Farbe grauen, grn berhauchten Wildleders, lief Apollon Apollonowitsch Ableuchow wie gengstigt die Stufen hinunter und stand nun im durchnten glitschrigen Portal. Jemand rief seinen Namen, und auf den ehrfurchtsvollen Ruf hin tauchten aus der Dunkelheit die schwarzen Konturen des Wagens auf, und im Lichtkreis der Laterne hob sich das Wappen ab: ein Einhorn, einen Ritter durchbohrend. Schon hob Apollon Apollonowitsch seinen Fu zum Wagentritt, als er das schbige Herrchen, von dem er soeben die wichtige, traurige Wahrheit vernommen hatte, auf der Strae erblickte. Apollon Apollonowitsch lie darauf den im geraden Winkel gehobenen Fu wieder sinken, berhrte mit dem Handschuh den Rand des Zylinders und gab dem vor Erstaunen bld dreinschauenden Kutscher trocken den Befehl: allein nach Hause zu fahren. Dann beging Apollon Apollonowitsch eine unerhrte Tat: so was wies die Geschichte seines Lebens in den letzten fnfzehn Jahren nicht auf: Apollon Apollonowitsch, selbst vor Verwunderung mit den Augen zwinkernd und die Hand, des Asthmas wegen, an das Herz gedrckt, begab sich zu _Fu_, bemht, den sich im Nebel verlorenen Rcken des schbigen Herrchens einzuholen, auf den Weg; eine wesentliche Tatsache bitte ich in Betracht zu nehmen: die unteren Extremitten des ruhmvollen Mannes waren nmlich bis zum uersten klein geraten; wenn Sie diese wesentliche Tatsache bercksichtigen, dann werden Sie es verstndlich finden, da Apollon Apollonowitsch durch eifriges Bewegen der Arme sich das Gehen zu erleichtern suchte. Apollon Apollonowitsch beging also zwei unerhrte Abweichungen von dem Kodex seiner hchst geregelten Lebensweise, erstens: verschmhte er den Wagen (in Anbetracht seiner krankhaften Raumangst -- eine wirkliche Heldentat); zweitens: flog er in nicht bertragenem, sondern buchstblich wahrem Sinne des Wortes in dunkler Nacht durch eine menschenleere Strae. Er rief dem in die Dunkelheit entfliehenden Rcken zu: Mm . . . Hren Sie! Doch der Rcken (eigentlich nicht der Rcken, sondern die mitlaufenden Ohren) hrten nicht. Halten Sie doch . . . Pawel Pawlowitsch! Der Rcken wandte sich um, blieb stehen und, den Senator erkennend, kam er ihm entgegen. Exzellenz! . . . Apollon Apollonowitsch! Wieso ohne Wagen? . . . Aber Apollon Apollonowitsch unterbrach den Gefhlsergu: Die Nachtluft ist mit ntzlich . . . Beide gingen nun in derselben Richtung: das Herrchen bemhte sich, Schritt mit dem Senator zu halten, was aber in Wirklichkeit nicht leicht war (die Schrittchen Apollon Apollonowitschs konnte man durch das Mikroskop betrachten). Apollon Apollonowitsch hob die Augen auf den Begleiter und sagte -- sagte mit sichtbarer Verwirrung: Ich . . . wissen Sie . . . Ja? horchte das Mnnchen auf. Ich . . . wissen Sie . . . mchte Ihre genaue Adresse haben, Pawel Pawlowitsch. Pawel Jakowlewitsch, verbesserte bescheiden der Begleiter. Pardon, Pawel Jakowlewitsch, ich habe, wissen Sie, ein schlechtes Gedchtnis fr Namen . . . Macht nichts, bitte, macht absolut nichts, nichts. Das schbige Herrchen dachte inzwischen bei sich: Mchte wohl ber den Sohn etwas erfahren . . . aber schmt sich zu fragen . . . Also, Pawel Jakowlewitsch, ich bitte Sie um Ihre Adresse. Apollon Apollonowitsch Ableuchow knpfte den Mantel auf und zog sein, in das Fell eines gefallenen Nashorn gebundenes Notizbuch hervor; sie blieben unter einer Laterne stehen. Meine Adresse, sagte, sich gleichsam windend, das Herrchen, ist vernderlich. Meist halte ich mich auf der Wassiljewskij-Insel auf: 18. Linie, Haus Nr. 17; dort habe ich zwei Zimmer beim Schuhmacher Bemertny; zu fragen: der Schreiber des Polizeireviers Woronkow. So -- so -- so: ich werde Sie in diesen Tagen besuchen . . . Pltzlich hoben sich die Augenbrauen des Senators und Erstaunen prgte sich in seinem Gesicht: Warum? fragte er, warum? . . . Warum mein Name Woronkow ist, whrend ich in Wirklichkeit Morkowin heie? Ja -- eben. Das kommt daher, Apollon Apollonowitsch, weil ich dort unter falschem Namen wohne. Das Gesicht Apollon Apollonowitschs drckte Ekel aus (im Prinzip war er gegen solche Erscheinungen). Meine eigentliche Wohnung ist auf dem Newskij . . . Apollon Apollonowitsch dachte: Was ist zu machen: solche Erscheinungen sind in einer bergangszeit und im Rahmen der Gesetzlichkeit -- eine traurige Notwendigkeit, aber eben eine Notwendigkeit. Ich bin zur Zeit, Exzellenz, mit der Auffindung einer gewissen Spur beschftigt: es ist jetzt eine uerst bedeutsame Zeit. Ja, ja, Sie haben recht, stimmte Apollon Apollonowitsch bei. Es ist ein politisches Verbrechen von besonderer Wichtigkeit in Vorbereitung . . . Vorsichtig: hier ist eine Pftze . . . Dieses Verbrechen . . . Soo . . . In nchster Zeit drfte es uns gelingen, dieses Verbrechen an den Tag zu bringen . . . Hier ist eine trockene Stelle, darf ich Ihnen die Hand bieten? . . . Apollon Apollonowitsch wurde von seiner Angst befallen: sie schritten ber einen groen Platz; unwillkrlich rckte er ganz nahe an den Begleiter heran. Soo, soo: sehr gut . . . Apollon Apollonowitsch suchte Mut zu fassen, aber der riesige Platz und die ihm entgegenlaufende Ferne drckten ihn nieder. Einen Augenblick berwand die Sorge um das bedrohte Ruland die persnlichen ngste: die Angst um den Sohn und die Angst vor der Notwendigkeit, diesen riesigen Platz zu berschreiten. Ist ein terroristischer Akt in Vorbereitung? Wie gesagt -- ja . . . Und sein Opfer? Soll ein hoher Beamter werden! ber das Rckgrat Apollon Apollonowitschs lief es kalt: er hatte vor einigen Tagen einen Drohbrief erhalten; in diesem Briefe wurde ihm mitgeteilt: falls er den Posten annehme, wrde er von einer Bombe vernichtet werden; Apollon Apollonowitsch verachtete anonyme Briefe; er warf das Schreiben fort; den Posten nahm er an. Verzeihen Sie, wenn es kein Geheimnis ist: wen haben sie jetzt vor? Hier geschah etwas wirklich Seltsames: alle Dinge an dem Senator duckten sich gleichsam und rckten viel nher heran; auch Herr Morkowin schien kleiner geworden zu sein und rckte nher heran; ein spttisches Lcheln spielte um seine Lippen, als er im Flsterton, den Kopf gegen den Senator geneigt, sagte: Wieso -- wen? Sie, Exzellenz, Sie! Apollon Apollonowitsch sah: eine Karyatide vor dem Portal: nichts weiter -- eine Karyatide. Doch -- nein, nein! Keine Karyatide, so eine hat er nie im Leben gesehen: diese hngt nur so im Nebel. Dort ist der Giebel eines Hauses: nichts weiter -- ein Giebel; doch -- nein, nein: es ist nicht einfach ein Giebel, wie auch alles andere nicht mehr einfach ist; alles hat sich verschoben, hat sich von den Wurzeln gelst; selbst er hat sich von den Wurzeln gelst; und er stammelte in die mitternchtliche Dunkelheit: Warum aber? . . . Bitte -- bitte. Warum? . . . Apollon Apollonowitsch konnte es sich durchaus nicht denken, da diese behandschuhte Hand, da diese Beine, da dieses mde, absolut mde (glaubt es mir!) Herz -- unter der Einwirkung sich verbreitender Gase in irgendeiner Bombe im Nu sich verwandeln knnen sollte . . . Das heit, wie meinen Sie das? Aber eben so, Apollon Apollonowitsch -- hchst einfach . . . Dann aber fgte Herr Morkowin hinzu: Sie drfen sich durchaus nicht frchten, Exzellenz, denn es sind die strengsten Maregeln getroffen worden: wir verhindern es: eine unmittelbare Gefahr fr heute oder morgen besteht nicht . . . In einer Woche aber werden Sie informiert sein. So lange gedulden Sie sich . . . Das ngstlich bebende Gesicht betrachtend, das, vom fahlen Laternenlicht beschienen, an eine Leiche gemahnte, dachte Herr Morkowin: Wie alt er doch ist, die reinste Ruine . . . Aber mit kaum merklichem Krchzen wandte Apollon Apollonowitsch dem Mnnchen sein bartloses Gesicht zu und lchelte pltzlich, ganz trbe, wodurch sich unter seinen Augen gewaltige faltige Scke bildeten. Einen Augenblick spter kam jedoch Apollon Apollonowitsch wieder zu sich, verjngte sich, seine Gesichtsfarbe wurde heller: er drckte fest Herrn Morkowins Hand und schritt, aufrecht wie ein Stock, dem schmutzigen, herbstlichen Nebel entgegen, im Profil an die Pharaomumie Ramses' des Zweiten erinnernd. Uh! Wie war es feucht, wie faulna, wie war die Nacht so blulich und lila mit rtlichem Ausschlag von den Laternen, wie entwand sich Apollon Apollonowitsch dem Lila, um in den Kreis der Laterne zu gelangen, und wie flog er aus dem Rot der Laterne wieder in das Lila! Nrrisch Knacks -- knacks -- knacks: so knacksten die elektrischen Knpfe, und die Dunkelheit nahm einen unbeholfen langen Menschen auf, mit allzu scharfen Gesten. Das war vielleicht gar nicht Leutnant Lichutin? Nein, begreifen Sie doch seinen Zustand: sich so widerwrtig im Spiegel zu erblicken, weil irgendein Domino sein ehrliches Haus entehrt hatte, weil, seinem Offizierswort treu, er jetzt auch seine Frau nicht auf die Schwelle lassen durfte. Nein, begreifen Sie doch seinen Zustand: es war eben Leutnant Lichutin -- er selbst. Knacks -- knacks -- knacks: im zweiten Zimmer knacksten die elektrischen Knpfe; ebenso im dritten. Dieser Laut beunruhigte Mawruscha, und als sie mit schlrfendem Schritt aus der Kche ins Zimmer trat, erstaunte sie ber die vllige Dunkelheit. Und sie brummte: Was ist das nun wieder? Aber in der Dunkelheit hstelte jemand trocken. Gehen Sie fort . . . Aber, gndiger Herr . . . Aus der Ecke schrie jemand zornig mit pfeifender, befehlender Stimme: Gehen Sie fort . . . Aber, gndiger Herr, ich mu im Zimmer der gndigen Frau Ordnung machen . . . Gehen Sie ganz fort . . . * * * Und dann sind auch, Sie wissen, die Betten nicht abgedeckt . . . * * * Hinaus! sagte ich. Kaum war sie in die Kche getreten, als der Herr ihr dahin folgte: Gehen Sie berhaupt weg aus dem Hause . . . Aber warum nur, gndiger Herr . . .? Fort, gleich fort! . . . Aber wohin soll ich? Wohin Sie wollen: fort mit Ihnen . . . Gndiger Herr!! . . . Fort mit Ihnen, da Sie sich nicht zeigen bis morgen. Aber gnd . . . Fort, fort! . . . Er steckte ihr ihren Mantel zu und schob sie aus der Tr hinaus; Mawruscha brach in Trnen aus; sie erschrak -- tdlich: der Herr schien pltzlich nicht ganz . . . Sie htte zum Hausmeister und aufs Polizeirevier laufen sollen, statt dessen lenkte sie ihre Schritte zu einer Freundin. Ja, Mawruscha . . . * * * Wie schrecklich ist die Lage eines harmlosen, eines normalen Menschen: sein Leben hngt an einer Anzahl gewhnlicher Gebrauchswrter, an dem Faden ganz durchsichtig klarer Handlungen, von diesen Handlungen geleitet, segelt er in die Ferne, einem Fahrzeug gleich, wohl ausgerstet mit absolut -- ausreichenden Worten und Gesten; luft aber dieses Fahrzeug auf einen verborgenen Felsen der Lebensunverstndlichkeiten auf -- so zerschellt es, und der einfltige Segler sinkt im Nu auf den Grund des Meeres . . . Beim kleinsten Sto des Lebens verlieren Normalmenschen die Fhigkeit des Verstehens. Nein, kein Wahnsinniger kennt die Gefahren fr das Hirn, die fr den Normalen bestehen: das Hirn der Abnormen ist vielleicht aus leichterem therstoff geschaffen. Fr das normale Hirn gibt es vllig undurchdringliche Dinge, die dem kranken Hirn ohne weiteres klar erscheinen: dem normalen Hirn bleibt nichts brig, als sich zu zerstren; und es -- zerstrt sich. Seit dem gestrigen Abend empfand Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin die schrfsten Schmerzen im Kopf, wie wenn er im Laufen mit der Stirn gegen eine eiserne Mauer gestoen wre; und whrend er vor der Mauer stand, sah er, da es gar keine Mauer gab, da sie nicht undurchdringlich war und da es dort, hinter ihr, ein unsichtbares Licht gab; da es dort eigene Gesetze des Sinnlosen gab; wie es hinter den Mauern einer Wohnung Licht gab . . . Hier brummte Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin etwas und schttelte den Kopf; er fhlte ein intensives, ihm selbst verborgenes Arbeiten des Hirns . . . Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin brummte wieder etwas und dann wieder: er schttelte wieder und wieder den Kopf: seine Gedanken verwirrten sich vollstndig. Er hatte seine Betrachtungen mit der Analyse der Handlungen seiner untreuen Gattin begonnen und endete damit, da er sich selbst auf Hlichkeiten ertappte. Was also nun? Seit dem gestrigen Abend begann _es_: es kroch heran, zischte; was ist dieses _Es_? -- Warum kam es? Auer der Verkleidung Nikolai Ableuchows gab es nichts, was zu beanstanden wre . . . Ssergeij Ssergeijewitsch, ein einfach gutmtiger Mensch, stie mit dem Kopf an die Mauer: aber durch sie sehen, hinter ihre spiegelnden Flchen -- das vermochte er nicht: hatte er nicht, wenn auch nur vor seiner Frau -- das ehrliche Offizierswort gegeben, sie nicht wieder ins Haus zu lassen, falls sie zum Ball gehen wrde? Was also tun? Was tun? Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin kam in Aufregung und begann, immer von neuem, Streichhlzer zu reiben; rotbraune Flmmchen zuckten auf; rotbraune Flmmchen beleuchteten das Gesicht eines Wahnsinnigen; voll Unruhe blickte er auf die Uhr: zwei Stunden waren vergangen, seit Sofja Petrowna fortgegangen war -- zwei Stunden, das heit hundertundzwanzig Minuten; jetzt begann er zu rechnen, wie viele Sekunden es waren. Sechzig multipliziert mit hundertzwanzig . . . Sechzig mal einhundert . . . Ssergeij Ssergeijewitsch fate sich an den Kopf: Sechzig mal einhundert . . . Nein, eine Sekunde mal einhundert . . . Seine Gedanken verwirrten sich: Ssergeij Ssergeijewitsch bewegte sich in vollstndiger Dunkelheit: ta -- ta -- ta -- tnten seine Schritte; Ssergeij Ssergeijewitsch fuhr fort zu rechnen: Einmalhundert mal . . . Und zwei Nullen dazu -- macht zusammen siebentausend zweihundert Sekunden. Ja. Erfreut ber die Bewltigung dieser komplizierten geistigen Arbeit uerte er diese Freude in einer etwas berlauten Weise. Pltzlich fiel ihm ein: sein Gesicht verfinsterte sich: Siebentausendzweihundert Sekunden -- seit ihrem Entfliehen: zweihunderttausend Sekunden -- dann ist alles zu Ende! Nach den siebentausendzweihundert Sekunden fhrt die siebentausendzweihundertunderste in den Zeitraum hinein, in dem sein Offizierswort Geltung bekommt; siebentausendzweihundert Sekunden durchlebte er gleich siebentausend Jahren; seit der Entstehung der Welt sind ja bis zum heutigen Tage nicht mehr Jahre vergangen. Es schien Ssergeij Ssergeijewitsch, als wre er seit der Entstehung der Welt in diese Finsternis eingeschlossen gewesen, mit seinen unertrglichen Kopfschmerzen; den selbstttigen Gedanken, der Autonomie des Gehirns, das die leidende Person ausschliet. Ssergeij Ssergeijewitsch begann pltzlich fieberhaft in einer Ecke zu suchen; er nahm aus einem Schrank einen Strick und versuchte eine Schlinge zu machen: das wollte ihm aber nicht gelingen. Ganz verzweifelt lief er in sein Zimmer, den Strick hinter sich herschleifend. Was tat nun Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin? Suchte er seinem gegebenen Offizierswort Geltung zu verschaffen? Ach -- wo! Er nahm blo, wei Gott wozu, die Seife aus der Seifendose heraus, kauerte sich auf den Fuboden nieder und begann ber einem hingestellten Waschbecken den Strick mit Seife einzureiben. Kaum war er damit fertig, als seine Handlungen einen wahrhaft phantastischen Charakter annahmen; man konnte ruhig sagen, nie im Leben hatte Ssergeij Ssergeijewitsch so originelle Dinge gemacht. Denken Sie sich nur! Er stieg, wei Gott wozu, auf den Tisch (vorerst hatte er die Tischdecke abgenommen); dann zog er vom Fuboden einen gebogenen Stuhl herauf, den er ebenfalls auf den Tisch stellte; auf dem Stuhle stehend, nahm er die Lampe vom Haken und legte sie sich vorsichtig vor die Fe; an Stelle der Lampe aber befestigte Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin den von der Seife glitschrigen Strick; dann schlug er ein Kreuz und blieb unbeweglich einen Augenblick stehen; und langsam legte er mit beiden Hnden die Schlinge ber seinen Kopf, wie jemand, der im Begriff ist, sich aufzuknpfen. Aber ein glnzender Gedanke ging dem Offizier jetzt durch den Kopf: eigentlich mute er sich doch die Haare vom Halse wegrasieren. Mit diesem glnzenden Gedanken ging Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin in sein Zimmer: dort begann er beim Schein einer abgebrannten Kerze sich die Haare vom Hals zu rasieren. Endlich war er fertig, zgern durfte er nicht mehr. Aber gerade in diesem Augenblick ertnte im Vorzimmer die Hausglocke; gergert schlenderte Ssergeij Ssergeijewitsch, vor sich das mit Seife bedeckte Rasiermesser, sah mit Bedauern auf die Uhr (wie viele Stunden doch dahingeflogen waren:) und -- was tun? Was tun? Einen Augenblick lang dachte er daran, sein Vorhaben zu verschieben; er konnte doch wahrhaftig nicht voraussehen, da er berrascht werden wrde; zum zweitenmal ertnte inzwischen die Glocke und verkndete ihm, da er keine Zeit zu verlieren habe; er sprang also auf den Tisch, um die Schlinge vom Haken zu lsen; aber der glitschrige Strick gehorchte ihm nicht und entrutschte seinen Fingern. Eiligst stieg Ssergeij Ssergeijewitsch wieder herunter und begann sich in das Vorzimmer zu schleichen; und whrend er schlich, merkte er: langsam schmolz die schwarzblaue Finsternis der Zimmer, die sich wie Tinte die ganze Nacht ber ihn ergossen hatte; langsam begann sich in die Tintenfinsternis Grau zu mischen; und in dieser grauenden Finsternis zeichneten sich Gegenstnde: ein auf dem Tische stehender Stuhl, eine umgelegte Lampe; und ber all diesem -- eine nasse Schlinge. Im Vorzimmer legte Ssergeij Ssergeijewitsch das Ohr an das Schlsselloch und blieb unbeweglich stehen; aber wohl infolge der Aufregung zeigte sich bei ihm ein solcher Grad von Vergelichkeit, einer Vergelichkeit, bei der die Durchfhrung eines Vorhabens undenkbar ist: Ssergeij Ssergeijewitsch merkte nicht im geringsten, wie sehr er keuchte; und als er nun das unruhige Rufen seiner Frau hinter der Tr hrte, begann er aus purer Angst entsetzlich zu brllen; jetzt sah er ein, da alles verloren war, schnell rannte er ins Zimmer zurck, um sein originelles Vorhaben rasch durchzufhren: geschwind sprang er auf den Tisch, streckte den frisch rasierten Hals und begann hurtig die Schlinge zuzuziehen, wobei er aber, wer wei wozu, zwei Finger zwischen Strick und Hals steckte. Dann rief er, wei Gott wozu: Wort und Tat! Er stie mit den Fen den Stuhl um, und der Tisch rollte auf seinen Messingrllchen fort (diese Laute waren es eben, die Sofja Petrowna vor der Tr hrte). Was weiter Einen Augenblick . . . Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin begann im Dunkeln mit den Beinen in der Luft zu schleudern; deutlich sah er indessen den Widerschein der kleinen, von der Straenlaterne herstammenden Lichtreflexe am Ofen; deutlich hrte er das Klopfen und Kratzen an der Tr; seine zwei Finger wurden ihm so fest ans Kinn gedrckt, da er sie nicht mehr herausziehen konnte; pltzlich schien es ihm, als ersticke er; ber seinem Kopfe hrte er einen Knall (wahrscheinlich vom Platzen der Hirngefe). Pltzlich begann sich oben an der Decke etwas zu lsen, und auf einmal lag Ssergeij Ssergeijewitsch vollstndig tot am Boden; doch er erhob sich gleich wieder von den Toten, nachdem er im Jenseits blo einen ordentlichen Schupser bekommen hatte; er kam zu sich und begriff, da er nicht von den Toten auferstanden, sondern da er, mit Schmerzen im Rckgrat, auf dem Fuboden seines Zimmers lag und zwei Finger zwischen Hals und Strick eingeklemmt hatte; und Ssergeij Ssergeijewitsch begann an der Schlinge zu zerren, bis sie sich lockerte. Jetzt wurde es ihm klar, da er sich, beinahe, erhngt htte: da nicht viel, nicht viel gefehlt -- und er wre tot gewesen. Ssergeij Ssergeijewitsch stie einen Seufzer der Erleichterung aus. Wir wollen jedoch einige Worte zugunsten Ssergeij Ssergeijewitschs sagen: der Erleichterungsseufzer entrang sich ihm ganz unwillkrlich, wie etwa unwillkrlich die Abwehrbewegungen der Ertrinkenden sind, bevor sie, ihrem eigenen Willen entsprechend, in der kalt-grnen Tiefe untertauchen. Ssergeij Ssergeijewitsch wollte, ganz im Ernst (lcheln Sie, bitte, nicht!), seine Rechnung mit der Erde beschlieen, und er htte dieses Vorhaben ohne jeden Zweifel zur Ausfhrung gebracht, wenn nicht die morsche Zimmerdecke (woran der Erbauer des Hauses Schuld trgt) nachgegeben htte; den Erleichterungsseufzer stie also nicht die Persnlichkeit Ssergeij Ssergeijewitschs aus, sondern nur sein tierisch-fleischlicher, unpersnlicher Krper. Wie dem auch sei, jetzt kauerte dieses Ich auf dem Fuboden, und horchte auf alles mgliche (auf die tausend verschiedenen Laute); sein Geist aber in der Tiefe der Hlle bewahrte vlligen Gleichmut. Im Nu wurden seine Gedanken klar, im Nu entstand vor seinem Bewutsein das Dilemma: Was also tun? Was tun? Den Revolver suchen -- das dauerte zu lange . . . Das Rasiermesser? Mit dem Rasiermesser -- hu -- hu -- hu! Nein: das Natrlichste war: hier auf dem Fuboden gestreckt liegenzubleiben und alles andere dem Schicksal zu berlassen; ja, aber bei dieser natrlichen Lsung wird Soja Petrowna (sie hat sicher das Fallen gehrt) zum Hausmeister laufen -- wenn sie nicht schon gelaufen ist --, man wird an die Polizei telephonieren, es gibt einen Zusammenlauf, die Menge wird die Tr aufbrechen, eindringen und ihn da auf dem Boden, mit einem Strick um den Hals, liegen sehen. Nein, nein, nein! Nie wird sich der Leutnant zu so was erniedrigen: die Ehre seines Offiziersrocks ist ihm mehr wert als irgendein seiner Frau gegebenes Wort. Es bleibt nur eines brig: rasch die Tr aufzumachen und sich mit der Frau zu vershnen. Rasch versteckte er den Strick unter das Sofa und lief in schmachvollster Weise zur Tr, hinter der es jetzt ganz still war. Mit demselben unwillkrlich keuchenden Atem ffnete er und blieb, unschlssig, auf der Schwelle stehen; brennende Scham berkam ihn, und der Sturm, der in seiner Seele gewtet, legte sich, als htte sich im Augenblick, als sich der Deckenhaken lste, alles in ihm gelst: der Zorn gegen die Frau, die Emprung ber das Benehmen Nikolai Ableuchows. Hatte er doch selbst jetzt Unerhrtes begangen, eine mit nichts zu vergleichende Schandtat: er wollte sich erhngen und -- zog statt dessen den Haken aus der Decke heraus. Einen Augenblick . . . Niemand lief ins Zimmer, doch stand jemand dort (das sah er); endlich aber flog Sofja Petrowna herein; sie flog; herein und brach in Weinen aus. Was ist das? Was ist das? Warum ist es dunkel? Ssergeij Ssergeijewitsch schwieg verlegen. Warum hrte ich hier ein Rumoren und Laute? Ssergeij Ssergeijewitsch drckte verlegen ihre kalten Fingerchen in seinen Hnden. Warum sind Ihre Hnde voll Seife? . . . Ssergeij Ssergeijewitsch, Liebster, sagen Sie, was das alles bedeutet? Siehst du, Sonjuscha . . . Aber sie unterbrach ihn: Warum sind Sie heiser? Ja, siehst du, Sonjuscha . . . ich . . . ich hatte das Fenster geffnet . . . Deswegen bin ich heiser . . . Aber darum handelt es sich nicht . . . Er stockte. Nein, nicht, nicht! -- rief Ssergeij Ssergeijewitsch, als seine Frau das elektrische Licht aufdrehen wollte -- nicht hier, komm ins andere Zimmer. Und er zog sie mit Gewalt in sein Zimmer. Der Morgen begann bereits zu dmmern, und manchen Augenblick schien es hier, als wren die Gegenstnde des Zimmers: Sthle, Bilder, Vasen, Sbel, Wnde, die verstreut liegenden Rasierutensilien -- nur aus Luft gewobene Spitzen, ein Spinngewebe; und durch diese feinen, feinen Spitzen spiegelte, verschmt und zrtlich, der ins Fenster fallende morgendmmernde Himmel. Von unklarer Angst getrieben, begann Sofja Petrowna sich in den Zimmern umzusehen. Aus dem Nebengemach des Gatten rief eine heisere, weinerliche Stimme ihr nach: Dort findest du Unordnung . . . Weit du, Liebling, ich habe die Zimmerdecke gerichtet . . . Die Decke hat einen Ri gegeben . . . Man mute . . . Aber Sofja Petrowna hrte nichts: sie stand angstvoll vor dem Haufen der auf den Teppich herabgefallenen Stuckdecke, in dem sich dunkel der Haken abhob; der Tisch mit dem auf ihm befindlichen umgestrzten Stuhl war beiseite geschoben; unter der weichen Chaiselongue -- auf der liegend Sofja Petrowna noch vor kurzem Henry Besanon gelesen hatte -- unter dieser weichen Chaiselongue lugte ein grauer Strick hervor. Sofja Petrowna Lichutina zitterte; sie fhlte, wie der beginnende Tag sie anhauchte; sie krmmte sich. Hinter den Fenstern begannen pltzlich leichte Flammen zu sprhen, und alles wurde durchleuchtet; ein rosa schimmerndes Netz aus Perlmutterschuppen breitete sich dort, und durch die Lcken dieses Netzes blickte ein zart-zartes Blau; ganz zart war das Blau, alles erfllte sich mit bebender Unsicherheit; alles erfllte sich mit der verwunderten Frage: Aber wieso doch? Aber wieso doch? Scheine ich denn nicht mehr? Durch Sofja Petrownas Seele gingen pltzlich hauchend leichte Stimmen; und alles leuchtete fr sie auf, als ein blasser Strahl auf die Schlinge des Strickes fiel. Ihr Herz erfllte sich mit pltzlichem Schauer und mit der verwunderten Frage: Aber wieso doch? Aber wieso doch? Warum hab' ich vergessen? Sofja Petrowna Lichutina neigte sich gegen den Boden und streckte die Hand zum Stricke aus. Sofja Petrowna Lichutina kte den Strick und begann leise zu weinen: eine vergessene und, wieder aufgelebte Gestalt aus ihrer Kindheit (die Gestalt war doch nicht vllig vergessen -- wo habe ich sie nur gesehen: krzlich erst, heute?). Diese Gestalt hob sich langsam, und jetzt stand sie hinter ihrem Rcken. Als sie sich umwandte, sah sie: hinter ihrem Rcken stand ihr Mann, Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin, schlank, lang und traurig; er hielt seinen hellblauen, sanften Blick auf sie gerichtet: Du mut mir verzeihen, Sonjuscha! Sie fiel, wei Gott warum, zu seinen Fen, umarmte sie und weinte: Du Armer, Armer, Geliebter! . . . Was sie noch miteinander flsterten -- wei der Himmel: das blieb unter ihnen; bei der Morgenrte aber sah man ihn seine mageren Arme ber sie breiten: Gott wird dir verzeihen . . . Gott wird dir verzeihen . . . Das rasierte Gesicht lachte glcklich: wer konnte auch jetzt nicht lachen, angesichts des lachenden Himmels, an dem leichte, schimmernde Wlkchen dahinflogen? Der Brger Weit dehnten sich und liefen die Gchen, Gassen, Straen und vornehmen Prospekte auseinander; aus dem Dunkel trat bald die hochragende Ecke eines Hauses hervor, eines schweren Ziegelsteinbaus, zusammengesetzt aus lauter Wuchtigkeiten; bald ghnte im Dunkel ein Portal, vor dem zwei steinerne gypter den steinernen Vorsprung eines Balkons trugen. Mitten im Petersburger Nebel, aus dem Dunkel in das Dunkel, schritt Apollon Apollonowitsch weiter, an dem hochragenden Haus vorbei, an der steinernen Ecke, an all den Hunderten zentnerschweren Wuchtigkeiten vorbei, er ging und ging, alle Schwierigkeiten berwindend: nun erreichte er einen niederen, grauen, ein wenig moderigen Bretterzaun. Da ging pltzlich eine niedrige Tr auf, die dann offen stehen blieb; weier Dampf wlzte sich aus der Trffnung, scheltende Stimmen, das Klimpern einer armseligen Balalaika und Gesang drangen nach auen. So ist also der Brger? Apollon Apollonowitsch empfand pltzlich Interesse fr diesen Brger, und es gab da einen Augenblick, wo ihn der Wunsch packte, an die erste beste Tr zu pochen und den Brger zu suchen; aber da fiel ihm ein, da eben dieser Brger ihm einen schmachvollen Tod wnschte: sein Zylinderhut rutschte auf die Seite, und die mden Schultern sanken: -- Ja, ja, ja: sie hatten ihn in Stcke zerrissen; nicht ihn selbst, aber seinen besten Freund, einen Freund, wie ihn das Schicksal einem Menschen nur einmal im Leben sendet; einen Augenblick lang sah Apollon Apollonowitsch deutlich vor sich einen grauen Schnurrbart, die grnliche Tiefe der auf ihn gerichteten Augen, whrend sie beide ber der Reichskarte gebeugt dasaen und ihr seltsam jugendhaftes Greisenalter sich in heien Trumen erging (das geschah gerade einen Tag, bevor . . .). Aber die Brger hatten auch diesen einzigen Freund zerfleischt, den ersten unter den ersten . . . Man sagt, das dauert nur eine Sekunde, dann aber ist -- rein gar nichts . . . Was ist nun zu machen? Ein Staatsmann ist nun einmal ein Held; aber doch -- brr -- brr . . . Apollon Apollonowitsch Ableuchow richtete den Zylinderhut zurecht, hob wieder die Schultern hoch und schritt weiter durch den faulen Nebel und das nicht weniger faule Leben des Brgers dahin -- durch das Netz schleimig-feuchter, modriger, halbeingesunkener Mauern, Tore, Bretterzune -- durch den ekligen, stinkenden, leeren, allgemeinen Abort. Und es schien ihm auf einmal, als werde auch er von dem Ha jenes modrigen Zauns und jener blinden Mauer verfolgt. Aus Erfahrung wute Apollon Apollonowitsch, da _sie_ ihn haten; doch wer waren diese _sie_? Ein armseliges, wie alles andere stinkendes Huflein? Das Gehirnspiel Apollon Apollonowitschs baute vor seinem Blick neblige Flchen; die Riesenkarte Rulands erschien ihm winzig klein: War _das_ der Feind? Die ungeheure Zusammenhufung von Vlkern, die auf dieser Flche wohnen: _hundert Millionen_. Nein, mehr . . . Was? Er wird gehat? . . . Nein, Ruland liegt gedehnt vor ihm. Ihn selbst aber . . . ihn will man . . . will man . . . Nein, brr -- brr . . . Miges Spiel des Gehirns. Mit wem sollte er nun durch das Leben gehen? Mit dem Sohn? Aber sein Sohn ist ja ein ausgemachter Schuft. Mit dem Brger? Aber der Brger will ihn . . . Apollon Apollonowitsch erinnerte sich, da er einst vorhatte, mit Anna Petrowna durchs Leben zu gehen; nach Beendigung seiner Laufbahn ein Landhaus in Finnland zu beziehen . . . Aber nun -- Anna Petrowna hatte ihn verlassen, ja, verlassen! Apollon Apollonowitsch sah pltzlich ein, da er keinen Lebenskameraden besa (bis zu diesem Augenblick hatte er darber nie nachgedacht), und ein Tod, der ihn auf dem Posten ereilt, erschien ihm als eine eigentliche Verschnerung seines dahingegangenen Lebens. Und kindliche Trauer berkam ihn und Ruhe und Behaglichkeit. Er hrte nur das Suseln des dahinflieenden Rinnenwassers, als betete jemand, betete immer um dasselbe, um das eine: um das, was nie war, was aber auch nie sein wird . . . Das Grauschwarz, das ihn die ganze Nacht bedrckt hatte, begann sich langsam zu dehnen. Die Husermauern verschmolzen matt mit der entschwindenden Nacht. Die rotgelben Laternen, die soeben noch rotgelbe Flammen von sich warfen, begannen gleichsam zu schwinden -- und entschwanden allmhlich vollstndig. Die fiebernden Lichter auf den Mauern erloschen. Die Laternen verwandelten sich schlielich in dunkle Punkte, die verwundert in den trben Nebel blinkten. Einen Augenblick lang schien es, als wre die graue Zusammenhufung von Linien, Turmspitzen, Mauern mit den huschenden Flchen der Schatten und der unendlich vielen Fenster -- da das alles keine Zusammenhufung von Steinen, sondern ein in die Luft sich erhebendes Spitzengeflecht von feinster Arbeit, durch dessen Muster die Sonne zaghaft hervorblickte. Pltzlich tauchte vor Apollon Apollonowitsch ein armgekleidetes, etwa fnfzehn Jahre altes Mdchen mit einem Tuch auf dem Kopfe auf; hinter ihr her zeichnete sich im nebligen Morgengrau die Gestalt eines Mannes; die Gestalt schien mit niedrigen Vorschlgen an das Mdchen herangekommen zu sein. Apollon Apollonowitsch hielt sich fr einen Ritter; unerwartet fr sich selbst lftete er den Zylinder. Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten und Sie nach Hause bringen? In dieser spten Stunde ist es fr junge Personen von Ihrem Geschlecht nicht ungefhrlich, allein durch die Straen zu gehen. Sie gingen in tiefem Schweigen; alles erschien nher, als es in der Wirklichkeit war; na und alt schien sich alles in die Jahrhunderte zu entfernen; all das hatte Apollon Apollonowitsch auch schon frher aus der Ferne gesehen. Aber jetzt -- jetzt war es unmittelbar vor ihm: kleine Huschen, Mauern, niedrige Tore und an seinen Arm ngstlich gedrckt dieser Backfisch, fr den er, Apollon Apollonowitsch, kein Schuft, kein Senator war, sondern einfach nur so ein unbekannter gtiger Greis. Sie kamen bis zum grnen Huschen mit schiefem Tor und morschen Stufen; hier lftete der Senator wieder den Zylinderhut und verabschiedete sich vom Backfisch; als die Tr sich hinter dem Mdchen schlo, verzog sich traurig der greisenhafte Mund; die toten Lippen begannen zu kauen; in diesem Augenblick ertnten in der Ferne Laute wie von einem Violinbogen: es war die Stimme des Petersburger Gockels, der etwas verkndete, das nicht existierte, jemand weckte, der nicht vorhanden war. Ende des vierten Kapitels. Fnftes Kapitel Das Herrchen Nikolai Apollonowitsch schwieg whrend des ganzen Weges. Der Petersburger Schmutz gluckste in den Straenrinnen; tastend mit seinen Laternenlichtern sauste dort ein Wagen in den Nebel hinein . . . Whrend des ganzen Weges hrte er das zudringliche Aufschlagen der hinter ihm her eilenden Gummischuhe; er fhlte auf seinem Rcken zwei entzndete, kleine uglein gerichtet, die zu dem steifen Hut gehrten, der sich ihm angeschlossen hatte -- an jener Stelle am Zaun -- dort im Gchen. Nikolai Apollonowitsch wandte sich und sah gerade dem Herrchen ins Gesicht; sein Gesicht besagte nichts: steifer Hut, Stock, Mantel, Brtchen und Nase. Mit wem hab' ich die Ehre? Pawel Jakowlewitsch Morkowin. Die Petersburger Feuchtigkeiten krochen ihm unter die Haut; der Petersburger Schmutz gluckste in den Straenrinnen; frostig kalte Nsse durchtrnkte seinen Mantel. Der Schatten des steifen Hutes dehnte sich bald an der Mauer, bald schrumpfte er wieder zusammen; wieder ertnte eine deutliche Stimme hinter Ableuchows Rcken: Ich wette, da Sie aus purer Koketterie diesen gleichgltigen Ton anzunehmen geruhten . . . Hren Sie, versuchte Nikolai Apollonowitsch dem steifen Hut zu erwidern, ich bin, aufrichtig gesagt, hchst verwundert; ich bin, aufrichtig gestanden . . . Dort, dort blitzte der erste helle Apfel auf, da der zweite; dort weiter der dritte; diese Linie der elektrischen pfel zeigte den Newskij-Prospekt an, wo die steinernen Husermauern die ganze lange Petersburger Nacht von elektrischem Licht bergossen stehen und wo die kleinen, hellerleuchteten Restaurants mit dem grellen Rot ihrer Schilder in die Nacht starren, whrend vor ihnen federngeschmckte Dmchen auf und ab spazieren und das Karminrot ihrer gefrbten Lippen in die Boas vergraben; sie spazieren da neben Zylinderhten, Schirmmtzen, Russenkitteln, vornehmen Wintermnteln, in dem matthellen Lichtchaos -- dem weitaufgesperrten, glhenden Rachen, der wie die Hlle von den armseligen finnischen Smpfen gegen das sich weit, weit breitende Ruland gerichtet ist. Nikolai Apollonowitsch beobachtete immerzu den Schatten des steifen Hutes an der Mauer, den ewig dunklen Schatten; es war klar: die besonderen Umstnde der Begegnung mit dem geheimnisvollen Pawel Jakowlewitsch hatten ihn daran gehindert, gleich dort -- am Zaun im Gchen -- diese Bekanntschaft abzubrechen, ohne dabei die eigene Wrde preiszugeben; jetzt hie es mit der grten Vorsicht auszuforschen, was eigentlich dieser Pawel Jakowlewitsch von ihm wute, was zwischen diesem und seinem Vater vorgegangen war; deshalb zgerte er, sich zu verabschieden. Sie gingen ber die Brcke. Vor ihnen schritten zwei Leute: ein fnfundvierzigjhriger, in schwarzes Leder gekleideter Seemann; auf seinem Kopf sa eine Mtze mit Ohrenklappen, er hatte blauschimmernde Wangen und einen grellrotblonden Bart, in dem sich weie Fden mischten; sein Begleiter, ein Riese in Schaftstiefeln, mit dunkelgrnem Filzhut, schwarzen Haaren und Brauen und kleinem Schnurrbrtchen, schritt neben ihm her. Beide erinnerten Nikolai Apollonowitsch an etwas; und beide schritten durch die offene Tr in das kleine Restaurant mit dem brillantenen Schild. Pawel Jakowlewitsch fate Ableuchow am Mantel: Hierher, Nikolai Apollonowitsch, ins Restaurant: da, hierher, das kommt uns sehr gelegen! . . . Aber gestatten Sie . . . Es war nichts zu machen: Nikolai Apollonowitsch zuckte kaum merklich mit den Achseln und ffnete mit leichter Ekelgrimasse die Tr . . . Eine seltene, hchst seltene Gelegenheit . . . Herr Morkowin schnalzte mit den Fingern: Ich sage es Ihnen ganz offen: einen jungen Mann von Ihren Talenten . . . auslassen?! ignorieren?! . . . Hier im geschlossenen Raume empfand man die Petersburger Strae als ein scharfes fiebriges Prickeln am Krper, als ein Krabbeln zahlloser rotfiger Ameisen. Mich kennen ja alle . . . Alexander Iwanowitsch, Ihr Vater, Schischiganow, Peppowitsch . . . Um sie herum aber tnte es: Wer sind Sie eigentlich? Wer? . . . Iwan! . . . Iwan Iwanowitsch! . . . Was bist du doch, Iwan Iwanowitsch, fr ein Schwein! An einer Stelle stieg eine dicke Rauchwolke in die Hhe; dort wieder brllte pltzlich das Orchestrion auf, wie wenn zehn Blashrner ihre ohrenzerreienden Tne in die durchqualmte Luft hinausstoen wrden. Der Kaufmann Iwan Iwanowitsch Iwanow stellte sich, eine grne Flasche in der hochgehobenen Hand, mit seiner Dame, deren Bluse ganz zerzaust war, in Tanzpositur vor das Orchestrion. Nikolai Apollonowitsch sah sich erstaunt um: wie konnte er in eine solche unmgliche Gesellschaft, in einen solchen unmglichen Ort geraten, er, der doch . . .? Ha--ha--ha--ha--ha--ha! drhnte es in der Ecke, wo die betrunkene Gesellschaft sa. Verzweifelt, qualvoll, wie das Explodieren unterirdischer Ungeheuerlichkeiten in einem Vulkan, wuchs und breitete sich und weinte in den goldenen Trichtern, bald aufbrausend, bald mit Kastagnetten schlagend, das alte, alte Lied: Schwei--ei--get, ihr lodernden Ge--fh--le, Schlaaaf ein, du hooofnungsloo--oses Heee--erz . . . Ein Glschen Wodka! Gestehen Sie . . . He: zwei Glschen Wodka! -- Gestehen Sie . . ., rief Pawel Jakowlewitsch Morkowin, ich wette, da ich fr Sie ein Rtsel bin, ber das Sie jetzt vergeblich Ihren Gehirnapparat anstrengen . . . Dort, dort ein kleiner Tisch: vor diesem Tischchen sitzt ber sein Glas gebeugt ein etwa fnfundvierzigjhriger Seemann mit schwarzem Lederanzug, blulich schimmerndem Gesicht. Und neben dem Seemann kauerte schwer, wie aus Stein gehauen, der Riese. Der Riese -- mit schwarzen Brauen und schwarzen Haaren -- lachte zweideutig und schielte gegen Nikolai Apollonowitsch. Also, mein junger Freund? Was meinen Sie? Was sagen Sie zu meinem Benehmen auf der Strae? Was ich zu Ihrem Benehmen auf der Strae sage? Ach was? . . . Ich wei wirklich nicht . . . Trinken wir noch eins? Ja, wir trinken noch eins . . . * * * Vor ihm glnzte das prickelnde Gift; um sich in ruhigere Verfassung zu versetzen, legte er sich auf den Teller etwas von dem welken Gemse, das ihnen angeboten wurde; nun stand er so mit dem voll gefllten Glas, whrend Pawel Jakowlewitsch geschftig bemht war, mit der Gabel einen glitschrigen Pilz zu erwischen; nachdem er endlich diesen glitschrigen Pilz erwischt hatte, wandte er sich wieder Nikolai Apollonowitsch zu (auf seinem Schnurrbart blieben Fdchen vom Gemse hngen). . . Nicht wahr, das hat seltsam ausgesehen? So stand er einmal (denn das alles -- war schon frher einmal gewesen) . . . Die Glser stieen laut aneinander; genau so hatten die Glser aneinander gestoen . . . Wo? Wann? Nikolai Apollonowitsch suchte sich zu erinnern. Doch er konnte sich nicht erinnern. Dort, neben dem Zaun . . . Nein, Herr Wirt, keine Sardinen: die schwimmen ja in einem gelben Schleim. Wissen Sie, Pawel Jakowlewitsch, ich erwarte von Ihnen eine Aufklrung . . . Meines Verhaltens? Jawohl, Ihres Verhaltens . . . Ich werde es erklren . . . Wieder glnzte das prickelnde Gift: Nikolai Apollonowitsch fhlte, wie er berauscht wurde -- alles begann sich um ihn zu drehen; gespensterhafter schimmerte vor ihm die Schankstube, noch blauer schien der Seemann, riesenhafter der Riese; sein Schatten verteilte sich an den Wnden und schien wie mit einer Krone geschmckt. Trinken wir also noch ein drittes Glschen? Jawohl, trinken wir ein drittes . . . * * * Also, was haben Sie zu dem Gesprch am Zaun hinzuzusetzen? ber den Domino? Na ja, natrlich . . . Voll Ekel wollte Nikolai Apollonowitsch den wenig appetitlichen Lippen des Herrn Morkowin ausweichen, doch er berwand sich. Und nachdem er das Schmatzen zweier Lippen auf seinen Lippen gefhlt hatte, hob er seine Augen zur Decke, mit der Hand eine Locke von der hohen Stirn wegstreichend, und seine Lippen verzogen sich in ein unnatrliches Lcheln und zuckten und zitterten angestrengt (so zucken unnatrlich die Beinchen der gemarterten Frsche, wenn an sie die Enden der elektrischen Drhte angesetzt werden). Gestehen Sie -- es ist ein ganz absurder Gedanke: Sie wren der Domino . . . Hi--hi--hi: wie konnte man auf einen solchen Gedanken nur kommen -- he? Sagen Sie blo? Ich sagte mir: He, Pawel, das ist nur so ein kurioser Einfall; und dazu noch neben dem Zaun, beim Verrichten eines sozusagen menschlichen Bedrfnisses . . . Domino! . . . Es war einfach nur ein Anla fr die Bekanntschaft, mein Lieber. Sie verlieen den Schanktisch und drngten sich zwischen den Tischen durch. Und wieder brllte das Orchestrion wie zehn kreischende Blashrner, die ihre ohrenzerreienden Tne in den Qualm hinausstoen; an den Ohren sich brechend, erhob sich das Gebimmel eines ganzen Schwarms von Glckchen. Kellner! Eine saubere Tischdecke! . . . Und Wodka . . . Nun sind wir mit dem Domino fertig. Und jetzt, mein Lieber, gehen wir zum anderen, uns miteinander verbindenden Pnktchen ber . . . * * * Beide sttzten die Ellbogen auf das Tischchen. Nikolai Apollonowitsch fhlte seinen Rausch (vor Mdigkeit wahrscheinlich). Ja -- ja -- ja: es ist ein seltsamer, kurioser Punkt . . . Schn: geben Sie mir Nierenbraten mit Madeira; und Ihnen . . . auch Nierenbraten? Was ist das nur fr ein Punkt? Kellner, zwei Portionen Nierenbraten . . . Nun also -- ich mu Ihnen sagen: die Bande, die uns aneinander knpfen -- diese Bande -- es sind heilige Bande . . . ? Es sind Bande des Blutes . . . In diesem Augenblick wurde der Nierenbraten gebracht. Ach, denken Sie ja nicht, da jene Bande . . . -- bitte Salz, Pfeffer, Senf! -- etwa mit Blutvergieen in Zusammenhang stehen . . . Aber warum zittern Sie, mein Lieber? Sieh mal einer her: wie er rot wurde, wie er aufflammte: rein wie ein junges Mdel! Wnschen Sie Senf? Da ist Pfeffer. Was sagten Sie? Ich sagte: da ist der Pfeffer . . . Vom Blute . . . Ah? Von den Banden? Unter den Banden des Blutes verstehe ich die Bande der Verwandtschaft. Verzeihen Sie, ich glaube Sie nicht recht verstanden zu haben: Was verstehen Sie unter Verwandtschaft? Ich bin ja, Nikolai Apollonowitsch, ein Bruder von Ihnen. Wie, ein Bruder? Ein morganatischer natrlich, denn ich bin das Resultat einer unglcklichen Liebe zwischen Ihrem Vater und -- einer im Hause lebenden Weinherin . . . Wahnsinn! Das hatte er frher einmal schon erlebt. Und nun wollen wir zu Ehren unserer Begegnung als Verwandte noch ein Glschen trinken. Verzweifelt, qualvoll drhnte es in dem wildgewordenen Orchestrion, heulend und wie die Tanztrommel schlagend, festigten und breiteten sich die Tne und ergossen sich jammernd aus den vergoldeten Trichtern in den Saal. * * * Sie wollten sagen, da mein Vater . . . A--a--a: die Schulter! Wie die Schulter zuckt! unterbrach ihn Pawel Jakowlewitsch. Wissen Sie, warum sie gezuckt hat? Warum? Weil die Verwandtschaft mit einem solchen Subjekt, Sie, Nikolai Apollonowitsch, gewissermaen verletzt . . . Dann haben Sie aber auch wieder etwas Mut gewonnen. Mut gewonnen? Weswegen sollte ich den Mut verloren haben? Ha--ha--ha -- Pawel Jakowlewitsch hrte ihm nicht zu -- Sie haben Mut gewonnen, weil Ihrer Meinung nach . . . -- Noch ein Stck vom Braten? Danke . . . . . . Meine ausfallende Neugierde und unser Gesprch neben dem Zaun sich in einfacher Weise erklrten. Nikolai Apollonowitsch kniff die Augen zusammen, whrend seine Finger auf dem Tisch trommelten. Jetzt aber bin ich gentigt, Sie freudig und traurig zugleich zu stimmen . . . Sie entschuldigen mich: bei einer neuen Bekanntschaft mach' ich es immer so; es bleibt mir nur noch brig, Ihnen zu sagen, da wir wohl Brder sind, aber von verschiedenen Eltern . . . Inwiefern sind wir dann Brder? Den berzeugungen nach . . . Was wissen Sie von meinen berzeugungen? Sie sind ein fest berzeugter Terrorist, Nikolai Apollonowitsch. Ha--ha--ha! Nikolai Apollonowitsch warf sich auf seinen schbigen Stuhl zurck. Ha--ha--ha--ha . . . Hi--hi--hi! echote Morkowin. Ich werde Ihnen was sagen -- Nikolai Apollonowitsch wurde ganz ernst und tat, als htte er mit Mhe den Lachanfall berwunden (er hatte nur knstlich gelacht), Sie irren sich, denn ich verhalte mich dem Terror gegenber ganz negativ; doch abgesehen von all dem: woher nehmen Sie es an? Aber gestatten Sie, Nikolai Apollonowitsch! Ich bin ja ber alles, was Sie betrifft, unterrichtet: ber das Paket, ber Alexander Iwanowitsch Dudkin, ber Sofja Petrowna . . . * * * Ich wei alles, erstens dank meiner persnlichen Neugierde, dann aber, weil es meine dienstliche Pflicht von mit fordert . . . Sie stehen im Dienst? . . . Ja, der Polizei . . . Der Polizei? Mein Lieber, warum faten Sie sich an die Brust, als lge dort ein sehr gefhrliches und sehr diskretes Dokument. . . Ein Glschen! Rettungslos verloren Mit ganz neuem, schuldbewutem Lcheln zog Nikolai Apollonowitsch aus seiner Seitentasche ein Notizbchlein heraus. A--a--a--a--! Wollen Sie mir geflligst dieses Bchlein . . . zur Durchsicht geben . . . Nikolai Apollonowitsch wehrte nicht; er fuhr fort, mit demselben schuldbewuten Lcheln dazusitzen. Pawel Jakowlewitsch beugte sich ber das Bchlein; sein ber den Tischrand sich erhebender Kopf schien nicht am Halse, sondern an den zwei Hnden befestigt zu sein; einen Augenblick lang sah er wie ein wirkliches Ungetm aus: Nikolai Apollonowitsch sah in diesem Augenblick vor sich einen scheulichen Kopf mit zwinkernden uglein, die Haare -- wie Wolle, die man einem Hunde ausgekmmt hatte; mit widerlicher Lachmiene lie er seine zehn mit gelben Hautfalten berzogenen, hpfenden Finger ber die Bltter laufen: wie ein riesenhaftes Insekt sahen sie aus, wie eine zehnbeinige Spinne, deren Pfoten ber knisterndes Papier liefen. Pawel Jakowlewitsch wollte jedoch Ableuchow blo erschrecken; es war nur ein netter Scherz gewesen; mit demselben widerlichen Lachen warf er das Bchlein Ableuchow ber den Tisch zurck. Ich bitte; warum eigentlich diese bergroe Zuvorkommenheit . . . Ich habe ja gar nicht vor, Sie etwa ins Verhr zu nehmen . . . ngstigen Sie sich doch nicht, Liebster: ich bin ja bei der Polizei -- in direktem Auftrage der Partei ttig . . . Es war gar nicht ntig, da Sie sich so aufregten, Nikolai Apollonowitsch, wahrhaftig nicht . . . Wre ich wirklich ein Polizeibeamter, Sie wren jetzt sicher verhaftet; denn Ihre Geste, die war, wissen Sie, sehr bemerkenswert; erst faten Sie sich an die Brust mit so erschrecktem Gesichtsausdruck, als befnde sich bei Ihnen ein Dokument . . . Wenn Sie in Zukunft auf einen Spitzel geraten, wiederholen Sie nicht diese Geste, diese wrde Sie verraten . . . Einverstanden? . . . Dann aber erlaube ich mir, Sie auf einen anderen Fehler, den Sie begangen haben, aufmerksam zu machen: Sie zogen ein harmloses Bchlein aus der Tasche hervor in einem Augenblick, wo es von Ihnen noch gar nicht gewnscht wurde; Sie nahmen das Bchlein heraus, um die Aufmerksamkeit von etwas anderem abzulenken . . . * * * Was bedeutet diese Tortur? Wenn Sie wirklich _das_ sind, wofr Sie sich ausgeben, -- He, Kellner, zahlen! -- ist Ihr ganzes Benehmen, sind alle Ihre Grimassen -- unwrdig. Beide erhoben sich. In den weien, stinkenden Dampfwolken, die aus der Kche herberdrangen, stand Nikolai Apollonowitsch -- bla, wei und wutschnaubend, den roten Mund ohne jegliches Lcheln weit auseinandergezogen, umgeben vom Kranz seiner hell-hellen, flachsnebligen Haare; wie ein von Hunden mde gejagtes Tier; die Zhne fletschend, wandte er sich verchtlich gegen Morkowin, nachdem er dem Kellner ein Halbrubelstck zugeworfen hatte. Das Orchestrion spielte nicht mehr; die Nachbartische waren schon lngst leer und das Zwittergeschlecht hatte sich in den Straen der Wassiljewskij-Insel verzogen; auf einmal wurde das elektrische Licht berall ausgelscht; das gelbrote Licht einer Kerze durchzog die tote Leere; im Halbdunkel zerrannen die Wnde; von einem Tischchen erhob sich der fnfundvierzigjhrige Seemann; einen Augenblick lang sprhten seine Augen grne Funken um sich; dann verschwand er im Dunkel. Mit Zwischenpausen sagte Pawel Jakowlewitsch: Lassen Sie es nur sein: mir ist es genau so peinlich wie Ihnen. Und wozu das Versteckenspiel, Genosse . . . Ich kam hierher nicht der Scherze wegen . . . Haben wir uns nicht verabreden wollen? . . . * * * . . . nun ja: ber den Tag, an dem Sie Ihr Versprechen einzulsen gedenken . . . Mit ernstem Blick auf Ableuchow fgte er voll Wrde hinzu: Die Partei erwartet Ihre unverzgliche Antwort, Nikolai Apollonowitsch. Nikolai Apollonowitsch stieg schweigend die Treppe hinunter. Die Restauranttr schlug hinter ihm zu. Die vielugigen, hohen Laternen, vom Winde gezerrt, hpften in seltsamen Lichtgestalten, indem sie sich fr die lange Petersburger Nacht bereit hielten. Na, und wenn ich den Auftrag ablehne? Dann verhafte ich Sie . . . Sie? mich? verhaften? Bitte nicht zu vergessen, da ich . . . Da Sie ein Konspirator sind? Da ich Polizeibeamter bin; als Polizeibeamter verhafte ich Sie . . . Was wird die Partei dazu sagen? Die Partei wird mir recht geben. Und wenn ich Sie anzeige? Versuchen Sie es . . . Auf der groen eisernen Brcke sah sich Nikolai Apollonowitsch um: niemand, nichts . . . die nasse Brstung, das grnliche, von Bazillen wimmelnde Wasser, die kalten, weinerlich summenden Newawinde; hier an dieser Stelle hatte er vor zweieinhalb Monaten sein furchtbares Versprechen gegeben. Er stand an der Newa und sah mit dumpfem Blick in das Grn der Tiefe -- oder nein: sein Blick flog dorthin, wo ganz tief unten die Ufer kauerten; dann ging er mit raschen, ungelenken Schritten weiter. Ein phosphoreszierender Fleck sauste, vom Nebel umschleiert, in wildem Flug dahin; mit phosphoreszierendem Leuchten breitete sich die Ferne ber die Newa dahin. Hinter der Newa erhoben sich jetzt die Riesenhuser der Inseln, die mit flimmernden Augen in den Nebel blickten. Oben in der Hhe spreizte eine schattenhafte Gestalt wild ihre klumpigen Hnde; eine Schar nach der anderen. Vollstndig leer war der Kai. Mit besonderer Neugierde starrte nun Nikolai Apollonowitsch die Riesengestalt des kupfernen Reiters an. Pltzlich teilten sich die Wolken, und ein grnlicher Rauchschleier berzog sie im Mondlicht wie geschmolzenes Kupfer . . . Einen Augenblick lang stand alles in Flammen: das Wasser, die Dcher, der Granit; das Gesicht des Reiters blitzte auf, und sein kupferner Lorbeerkranz glnzte; und er streckte befehlend die vielhundertzentnerschweren Hnde direkt gegen Nikolai Apollonowitsch. Lachend lief Nikolai Apollonowitsch von dem kupfernen Reiter fort: Ja, ja, ja . . . Ich wei, ich wei . . . Unrettbar verloren . . . * * * . . . Es hie sofort etwas beginnen, ohne Zeit zu verlieren -- doch was? War es nicht er, war es nicht er selbst, der von dem Wahnsinn des Mitleids so oft gepredigt hatte? War es nicht er, der von seiner Verachtung gegen die Adeligen, gegen die greisen adeligen Ohren, den vogelhaft langgezogenen Hals . . . Endlich stie er auf eine versptete Droschke: die vierstckigen Huser fuhren -- sausten nun an ihm vorbei. Das Admiralittsgebude schob seine achtsulige Ecke vor; es schimmerte eine Weile mit seiner rosigen Farbe und verschwand; ein wei-schwarz gestreiftes Schilderhuschen lief nach links vorbei; in seinem grauen Mantel schritt dort ein alter Pawlowscher Grenadier auf und ab. Da sah pltzlich Nikolai Apollonowitsch eine kleine, ausgemergelte Gestalt, die sich mit eiligen, verspteten Schritten wie hpfend auf dem Trottoir bewegte; diese trockene, winzige Gestalt . . . in dieser trockenen Gestalt . . . er erkannte diese trockene Gestalt: es war Apollon Apollonowitsch. Apollon Apollonowitsch, der den Backfisch nach Hause gebracht hatte, eilte jetzt zur Schwelle des gelben Hauses. Apollon Apollonowitsch hrte hinter seinem Rcken das Poltern der Droschke; der alte rasierte Kopf drehte sich in diese Richtung; als die Droschke den Senator einholte, sah der Senator: dort auf dem Sitz lauerte gekrmmt ein ltlich, krppelhaft aussehender Jngling, in unangenehmster Weise in seinen Mantel vollstndig gehllt. Und es schien ihm, da sich die Augen des unangenehmen Jnglings bei seinem Anblick zu weiten begannen . . . ja, ja, ja: sie hatten denselben Blick und weiteten sich mit demselben Glanz; aber schon hatte ihn der Wagen berholt und hpfte mit zudringlichem Gepolter ber die Steine dahin, whrend hinten die weie Nummer schimmerte: 1095. Nikolai Apollonowitsch sprang aus der Droschke und lief eilig gegen das Portal des gelben Hauses. Nikolai Apollonowitsch zog aus aller Kraft an der Glocke; auf beiden Seiten des Portals befanden sich Greife mit aufgerissenen Rachen, jetzt rosig von der Morgenrte, mit ihren Krallen die Stange festhaltend, von der aus an gewissen Kalendertagen die rotweiblaue Flagge ber die Newa flatterte; und unter den Greifen erblickte Nikolai Apollonowitsch das Wappen: einen federgeschmckten Ritter mit Rokokolocken, von einem Einhorn durchbohrt. Dieses alte Wappen gehrte den Ableuchows; aber auch er, Nikolai Apollonowitsch, war durchbohrt -- doch von wem? Von wem? Und dort, dort auf dem Trottoir sah er im Nebel -- jene kleine, trockene Gestalt, in der . . . die . . . -- Apollon Apollonowitsch, der Vater, sah aus -- wie der Tod in einem Zylinderhut. Inzwischen kam die kleine Gestalt nher; Nikolai Apollonowitsch wurde, wie immer, ganz verwirrt. Apollon Apollonowitsch sah nun: sein Sohn, greisenhaft und sonderbar bs aussehend, lief rasch die Stufen des Portals hinunter und kam eilig und schuldbewut, mit zwinkerndem, ausweichendem Blick dem Vater entgegen. Guten Morgen, Vater . . . Schweigen. So eine unerwartete Begegnung: ich komme nmlich von Zukatows. So -- so: guten Morgen, Kolenka . . . Die Flgeltr flog auf, der ihnen wohlbekannte Geruch ihrer Wohnung schlug den beiden Ableuchows entgegen. Die eine Seite etwas vorschiebend, schritt jeder von ihnen rasch durch die Tr. Rot wie Feuer Beide wuten, da ihnen ein Gesprch miteinander bevorstand; dieses Gesprch war schon in all den vielen Jahren des Schweigens gereift; Apollon Apollonowitsch bergab dem wartenden Lakai Zylinder, Mantel und Handschuhe, doch hielt er sich sonderbarerweise mit den Gummischuhen lange auf; armer, armer Senator: wute er denn, da es gerade sein Sohn, Nikolai Apollonowitsch, war, der mit jenem Auftrage betraut war? Ebensowenig konnte Nikolai Apollonowitsch vermuten, da sein Vater die Geschichte mit dem roten Domino genau kannte. Beide atmeten den wohlbekannten Geruch ihrer Wohnung ein; der silberschimmernde weiche Biber fiel auf die Hnde des Dieners; in seinem Domino erschien nun Nikolai Apollonowitsch vor dem Vater. Ah . . . ah . . . Ein roter Domino? . . . Sieh mal her! Ich war maskiert . . . So--o . . . Kolenka . . . so--o . . . Als er seinen Sohn errten sah, wurde er selbst rosig, und um dies zu verbergen lief er mit koketter Grazie die Treppe zum Vestibl zur Wohnung hinauf. Nikolai Apollonowitsch blieb allein auf den Stufen der samtbelegten Treppe zurck, versunken in tiefes Nachdenken; doch die Stimme des Lakaien unterbrach seinen Gedankengang. Vterchen! . . . Dieses schbige Gedchtnis! . . . Gndiger Herr, lieber gndiger Herr: es ist ja etwas vorgefallen! . . . Was ist vorgefallen? Etwas -- etwas . . . Ich wage es kaum zu sagen . . . Auf den Stufen der grauen, mit Samt belegten Treppe hielt nun Nikolai Apollonowitsch inne; durch das Fenster drang purpurnes Licht herein und bildete auf dem Boden ein Netz aus hellen Flecken. Es ist so etwas! Ja, also: unsere gndige Frau . . . Unsere gndige Frau, Anna Petrowna . . . . . . ist zurckgekehrt!! * * * Wer ist zurckgekehrt? Anna Petrowna! . . . Wer ist denn das? . . . Wieso -- wer? . . . Ihre Frau Mutter . . . Wie sprechen Sie doch nur, lieber gndiger Herr, als wren Sie ein Fremder: es ist doch Ihre Mutter . . . ? Die gndige Frau ist aus Hispanien nach Petersburg zurckgekehrt . . . * * * Die gndige Frau schickte erst einen Brief durch einen Boten: sie wre in einem Hotel abgestiegen . . . Denn das lt sich denken . . . Die Lage der gndigen Frau ist eine solche . . . ? Kaum waren Seine Exzellenz, Apollon Apollonowitsch, ausgefahren, als pltzlich -- ein Bote, mit einem Brief . . . Na, den Brief legte ich auf den Schreibtisch hin, und dem Boten gab ich ein Zwanzigkopekenstck . . . Aber kaum war eine Stunde danach vergangen -- als . . . du meine Gte! Da erscheint die gndige Frau selbst . . . Sie hat jedenfalls ganz sicher gewut, da niemand zu Hause war . . . * * * Es lutete also . . . Ich mach' die Tr auf . . . Vor mir steht eine fremde Dame, eine sehr wrdige Dame; nur einfach gekleidet und -- ganz in Schwarz . . . Ich sage nun: >Sie wnschen, Gndige?< Und die Dame zu mir: >Aber erkennst du mich denn nicht, Mitri Ssemjonytsch?< -- Da habe ich rasch ihr Hndchen gekt: >Mtterchen, Anna Petrowna . . .< * * * Und Anna Petrowna -- Gott schenk' ihr Gesundheit -- sah so, sah mich so an . . . Sie sah mich an -- und brach in Trnen aus: >Ich will sehen, wie ihr da ohne mich lebt< . . . Das Taschentchlein hat sie aus dem Tschchen gezogen . . . Ich hatte allerdings strengen Auftrag bekommen, nichts reinzulassen . . . Aber ich hab' unsere gndige Frau doch reingelassen . . . Und sie . . . Der Greis machte groe Augen; mit weitgeffnetem Munde blieb er stehen und dachte bei sich, da die Herrschaften im lackierten Haus wohl schon lngst den Verstand verloren hatten: statt Freude, Verwunderung oder Bedauern zu uern -- rannte Nikolai Apollonowitsch ganz einfach, ohne ein Wort zu sagen, die Treppen hinauf, so da die roten Atlasenden seines Dominos wunderlich in der Luft flatterten. * * * Ein schlechtes Zeichen In den Zimmern blitzte schon die Sonne; die Inkrustation an den Tischen scho ihre Strahlen in die Luft, und die Spiegel glnzten freudig; ja, sie lachten, die Spiegel, denn aus dem ersten von ihnen, der im Salon hing, vom Saal aber zu sehen war, blickte ein weies, wie mit Mehl bestubtes Gesicht; das war Nikolai Apollonowitsch, der unbeabsichtigterweise in den Salon hineinrannte, hier aber wie angewurzelt stehenblieb . . . Nikolai Apollonowitsch sah nun, da sein Vater ihn hier erwartete. Statt des Sohnes erblickte Apollon Apollonowitsch im Spiegel eine einfache rote Marionettenpuppe; beim Anblick dieser Marionettenpuppe ging ihm der Atem aus; die rote Puppe aber blieb in der Mitte des Saals verlegen stehen . . . Da nherte sich Apollon Apollonowitsch, unerwartet fr sich selbst, der Tr und schlo sie; der Rckzug war abgeschnitten. Das Begonnene mute erledigt werden. Das Gesprch ber das sonderbare Verhalten des Sohnes betrachtete Apollon Apollonowitsch als einen schweren chirurgischen Eingriff. Wie der Chirurg zum Tischchen eilt, auf dem die Messer, Zangen, Feilen zurechtgelegt sind, so trat Apollon Apollonowitsch, sich die gelben Finger reibend, dicht an Nikolai heran; er suchte den ausweichenden Blick aufzufangen, nahm mechanisch das Brillenetui aus der Tasche, drehte es zwischen den Fingern eine Weile und steckte es wieder ein; er hstelte behutsam, schwieg einen Augenblick und sagte: So -- so: ein Domino. Zugleich ging ihm durch den Kopf, da dieser scheue Jngling da, dessen grinsender Mund bis zu den Ohren reichte, der es nicht zustande brachte, einem gerade ins Gesicht zu sehen -- da dieser scheue Jngling und der Petersburger Domino, von dem die judische Presse voll war -- ein und dieselbe Person war; da er selbst, Apollon Apollonowitsch, die erstklassige Persnlichkeit und Trger alten Adels, da er selbst diesen Jngling gezeugt hatte; in demselben Augenblick sagte Nikolai Apollonowitsch etwas verlegen: Ja . . . es waren eben viele in Masken . . . da hab' auch ich mir . . . diesen Maskenanzug . . . Zugleich ging es Nikolai Apollonowitsch durch den Kopf, da dieses zwei Arschin lange Krperchen seines Vaters, mit einem Umfang von hchstens zwlfeinhalb Werschok, das Zentrum und den Kreis eines unsterblichen Zentrums bilde: des darin sitzenden Ich; da aber ein Ziegelstein, der sich irgendwo zufllig gelst hatte, dieses Zentrum vernichten kann, vollstndig vernichten. Vielleicht unter dem Einflu dieses sich auf ihn bertragenen Gedankens lief Apollon Apollonowitsch eilig zum allerentferntesten Tischchen und begann darauf mit zwei Fingern zu trommeln. Inzwischen trat Nikolai Apollonowitsch mit schuldbewutem Lcheln nher: Es war, weit du, sehr lustig . . . Wir tanzten, weit du . . . Zugleich aber dachte er: Haut, Knochen und Blut, kein einziger Muskel; aber dieses Hindernis -- Haut, Knochen und Blut -- mu durch den Willen des Schicksals in Stcke zerrissen werden . . . Dann weit du, haben wir Petit jeu gespielt. Apollon Apollonowitsch sah fest dem Sohn ins Gesicht und antwortete nichts . . . Apollon Apollonowitsch erinnerte sich: einst war diese fremde Marionettenpuppe ein kleines Krperchen; dieses Krperchen hatte er mit vterlicher Zrtlichkeit auf den Armen getragen; der blonde kleine Knabe hatte sich eine Papiermtze aufgesetzt und war ihm auf den Nacken gestiegen. Apollon Apollonowitsch hatte mit etwas heiserer und zerrissener Stimme gesungen: Kolenka, der dumme Tropf, Hpft und tanzet immer; Mit der Mtze auf dem Kopf Reitet er durchs Zimmer. Jetzt aber, jetzt? Nicht ein Krperchen sah Apollon Apollonowitsch vor sich, sondern einen Krper, und dieser Krper -- war gro und fremd . . . War er fremd? War er . . .? Apollon Apollonowitsch, begann durchs Zimmer zu zirkulieren, auf und ab: Siehst du, Kolenka . . . Apollon Apollonowitsch lie sich in einen weichen Lehnstuhl nieder. Ich mu, Kolenka . . . das heit, nicht ich mu, sondern -- wie ich hoffe -- wir mssen . . . miteinander sprechen: hast du jetzt die ntige Zeit dazu? Die Sache, die mich aufregt, besteht darin . . . Apollon Apollonowitsch stockte, er lief wieder zum Spiegel (in diesem Augenblick schlug die Turmuhr), und Nikolai Apollonowitsch erblickte im Spiegel den Tod im Gehrock, sah einen vorwurfsvoll auf sich gerichteten Blick, hrte, wie Finger trommelten; da sprang mit lautem Lachen der Spiegel: wie ein Blitz durchschnitt ihn eine schrge Nadel mit lautem Knistern und blieb fr immer im Glas wie ein Silberzickzack stecken. Apollon Apollonowitsch warf einen Blick auf den Spiegel, und der Spiegel sprang; Aberglubische wrden gesagt haben: Es ist ein bses, ein bses Zeichen . . . Geschehen, fertig: das Gesprch war nun unausbleiblich. Mit allen Mitteln hatte Nikolai Apollonowitsch sich bemht, die Auseinandersetzung hinauszuschieben; und gerade jetzt erschien sie ihm berhaupt berflssig: alles htte sich ja von selbst bald geklrt. Nikolai Apollonowitsch bedauerte, da er nicht rechtzeitig aus dem Salon entwichen war (wie viele Stunden die Agonie schon dauerte: und unter dem Herzen schwoll ihm etwas, schwoll, schwoll); doch zugleich mit dem Schrecken empfand er eine seltsame Wollust: er konnte sich von seinem Vater nicht losreien. Ja, Vater, ich habe, aufrichtig gesagt, diese Auseinandersetzung erwartet. Ah, du hast sie erwartet? Ja, ich habe sie erwartet. Hast du jetzt Zeit? Ja, ich bin frei. Dann, Kolenka, geh in dein Zimmer und sammle erst deine Gedanken. Entdeckst du in dir etwas, was wir zusammen besprechen knnen, dann komm in mein Arbeitszimmer. Jawohl, Vater . . . Apropos: leg' diese Jahrmarktsfetzen ab . . . Aufrichtig gesagt, mir mifllt das alles in hchstem Grade . . . ? Ja, es mifllt mir sehr! Es mifllt mir in hchstem Grade! Die Tr fiel ins Schlo. * * * Nikolai Apollonowitsch blieb neben dem Tischchen stehen; sein Blick hpfte ber die Bltter der Bronze-Inkrustation, ber die Nippsachen und die kleinen Etageren an der Wand. Ja, hier hatte er gespielt: hier war er oft lange gesessen -- in dem Lehnstuhl mit den kleinen Girlanden auf dem blablauen Atlasbezug; und wie jetzt hing auch damals die Kopie vom Bilde Davids: Distribution des aigles par Napolon premier. Das Bild stellte den groen Kaiser im Purpurmantel und mit einem Kranz auf dem Haupt dar, wie er den Arm gegen die Marschallversammlung ausstreckte. Was wird er seinem Vater sagen? Wieder in qualvoller Weise lgen? Lgen, wo das Lgen schon nicht mehr ntzt? Lgen, wo seine Situation jede Lge eigentlich ausschliet? Lgen . . . Nikolai Apollonowitsch erinnerte sich, wie er in den fernen Kinderjahren gelogen hatte. Da ist das Klavier, gelb, stilgem; es berhrt kaum den Parkettboden mit seinen feinen Rollbeinchen. Hier pflegte die Mutter, Anna Petrowna, zu sitzen, die alten Beethoventne erschtterten die Wnde: das unendlich Alte, das in Tnen rann, rief in seinem kindlichen Herzen dieselbe Sehnsucht hervor wie der verblassende Mond, der erst rot auftauchend, immer hher ber die Stadt seine blagelbe Trauer trgt . . . Mu er nicht schon gehn, um mit dem Vater zu sprechen? In diesem Augenblick sah die Sonne in das Zimmer herein; die Sonne, die leuchtende Sonne warf von oben ihre lanzenartigen Lichter; der goldene tausendarmige Titan der uralten Zeiten berzog die Leere mit seinen leuchtenden Vorhngen und beleuchtete die Turmspitzen, die Dcher, die Wsser und die Steine und die an die Fensterscheibe gedrckte, gttlich-blasse Sklerosestirn; der goldene tausendhndige Titan jammerte dort still ber seine Einsamkeit: Kommt, kommt zu mir, zur alten Sonne! Ihm aber schien die Sonne eine riesige, tausendbeinige Tarantel, die in wahnsinniger Leidenschaft die Erde berfllt . . . Und unwillkrlich schlo Nikolai Apollonowitsch die Augen; da alles pltzlich aufblitzte: der Lampenschirm blitzte auf; der Lampenzylinder wurde von Amethysten berst; Funken strahlten auf den Flgeln des goldenen Amors; die Oberflche des Spiegels blitzte auf -- ja, der Spiegel, der hat einen Sprung bekommen. Aberglubische wrden gesagt haben: Ein bses Zeichen, ein bses Zeichen . . . In all dem Hellen und Blitzenden zeichnete sich pltzlich eine dunkle Gestalt vor Nikolai Apollonowitsch; in all das Stumme hpfte pltzlich ein eindringliches Flstern hinein: Und wie soll es nun . . . soll es nun . . .? Nikolai Apollonowitsch hob sein Antlitz . . . Wie soll es nun mit . . . der gndigen Frau? Vor sich erblickte er den Diener Ssemjonytsch. Alles Alte kehrt wieder zurck . . . Nein: das Alte kehrt nie wieder. Alles, alles, alles: das Blitzen der Sonne, die Wnde, der Krper, die Seele -- alles wird verschwinden; schon jetzt schwindet alles; und dann: ein Delirium, ein Abgrund, eine Bombe. In der Kindheit hatte Kolenka oft phantasiert; nachts begann oft ein elastisches Kgelchen vor ihm zu hpfen; das Kgelchen schien bald aus Gummi zu sein, bald aus einem Stoff aus anderen Welten; den Boden berhrend, gab es einen sonderbaren lackierten Laut von sich: ppp -- peppp und wieder: ppp -- peppp. Pltzlich blhte sich das Kgelchen in erschreckender Weise auf und nahm deutlich die Gestalt eines kugeligen dicken Herrn an; dieser dicke Herr, der zu einer langweiligen Kugel geworden war, blhte sich immer mehr auf, immer mehr, immer mehr, so da er zu zerplatzen drohte. Und whrend er sich dehnte und zu einer Kugel wurde, um dann zu zerspringen, hpfte er, wurde rot, sprang in die Luft und lie einen leisen lackierten Laut hren: Ppp . . . Pppowitsch . . . Ppp . . . Und er sprang auseinander. Im vollstndigen Delirium begann dann Nikolenka seltsame, sinnlose Dinge zu schreien. Ppp, Pppowitsch, Ppp . . . Was ist das? Fieberphantasien? Nikolai Apollonowitsch drckte seine kalten Finger an die Stirn: es wird -- ein Delirium, ein Abgrund, eine Bombe . . . Bleistiftpckchen Das Arbeitszimmer des Senators war uerst einfach; in der Mitte erhob sich natrlich ein Tisch; das war aber nicht das Wichtigste; viel wichtiger waren die Schrnke, die an allen Wnden standen; auf dem Tische aber vorn lag ein Lehrbuch der Planimetrie. Vor dem Schlafengehen schlug Apollon Apollonowitsch gewhnlich dieses Buch auf, um das ungefgige Leben dem Schlaf unterzuordnen und es im Kopfe zu beruhigen durch Betrachtung der beseligenden Zeichnungen: der Parallelepipede, Parallelogramme, der Konuse, Kuben und Pyramiden. Apollon Apollonowitsch lie sich in einen schwarzen Lehnstuhl nieder, und hier sa er gerade gestreckt und wartete auf das Erscheinen seines nichtsnutzigen Sohnes. Ein ngstlicher Seufzer ertnte hinter seinem Rcken; er sah sich um und erblickte den Diener Ssemjonytsch . . . Was ist los?! Ich erlaube mir, es Ihnen vorzubringen: unsere gndige Frau . . . Anna Petrowna . . . Zornig kehrte Apollon Apollonowitsch dem Lakai sein riesiges Ohr zu . . . Was? Was ist los? . . . Sprechen Sie lauter, ich hre schlecht. Der zitternde Ssemjonytsch neigte sich ganz zum blagrnen Ohr des Senators hin, der ihn wartend ansah. Die gndige Frau . . . Anna Petrowna . . . sind zurckgekehrt . . . ? . . . Aus Hispanien -- nach Petersburg . . . * * * So--o, so--o, sehr gut! . . . * * * Sie geruhten ein Briefchen durch den Boten zu schicken . . . Sie sind im Hotel abgestiegen . . . * * * Apollon Apollonowitsch legte eine Hand ber die andere und sa vollstndig ruhig und unbeweglich; es schien, als bewegten sich auch keine Gedanken in ihm: gleichgltig streiften seine Blicke ber die Rcken der vielen Bcher, auf denen es goldig schimmerte: Gesetzbuch des Russischen Reiches. Erster Band. Dann weiter: Zweiter Band. Auf dem Tische lagen Papiere, schimmerte ein vergoldetes Tintenfa, lagen verstreut Federhalter; auch lag dort ein Briefbeschwerer: ein Buerlein (der Untertan) mit einem Schnapsglas in der gehobenen Hand. Vor all den Sachen, vor den Federhaltern, vor den Papierhaufen sa Apollon Apollonowitsch mit gekreuzten Armen ohne jegliche Bewegung, ohne Zittern . . . * * * Apollon Apollonowitsch sagte nichts, er ffnete nur eine der Schubladen und nahm daraus ein Pckchen mit einem Dutzend Bleistiften heraus (sehr, sehr billiger); einige davon zog er hervor -- und zwischen den Fingern des Senators knackten die zerbrochenen Stbchen. In dieser Weise pflegte Apollon Apollonowitsch seine seelischen Schmerzen zu uern: er brach Bleistifte auseinander, die zu diesem Zweck von ihm in der Schublade unter Buchstaben B sorgfltig aufbewahrt lagen. Gut, Sie knnen gehen . . . * * * Trotz des Zerbrechens der Bleistifte gab er seine uerliche Wrde und Ruhe nicht auf, und niemand htte es geglaubt, da dieser steife Wrdentrger kurz vorher, mhsam Atem holend und vor Rhrung fast weinend, die Tochter einer Kchin durch den Schmutz nach Hause geleitet hatte. Nachdem Ssemjonytsch sich entfernt hatte, warf Apollon Apollonowitsch die zerbrochenen Bleistifte in den Papierkorb und lehnte sich mit dem Kopf gegen den Sitz des schwarzen ledernen Lehnstuhls: das Greisengesichtchen verjngte sich und er begann an seiner Krawatte zu zupfen, um sie in tadellose Ordnung zu bringen; er sprang jhlings auf und begann durchs Zimmer zu schreiten: mit seiner kleinen Gestalt und den flatternden Bewegungen erinnerte Apollon Apollonowitsch lebhaft an seinen Sohn, ganz besonders an eine Photographie desselben von neunzehnhundertundvier. Die Tr ging auf, an der Schwelle stand Nikolai Apollonowitsch, in der Studentenuniform, doch in Hausschuhen. Da bin ich, Vater . . . Der kahle Kopf wandte sich der Sonne zu; nach dem passenden Worte suchend, schnalzte er mit den Fingern: Siehst du, Kolenka . . ., Apollon Apollonowitsch sprach jetzt nicht mehr von dem Domino (ach was, Domino!), er sprach von etwas ganz anderem. Siehst du, Kolenka, ich habe mit dir ber etwas zu sprechen, wovon du sicher schon gehrt haben wirst . . . Deine Mutter, Anna Petrowna, ist nun zurckgekehrt . . . Erst jetzt wurde es Nikolai Apollonowitsch vollstndig klar, da seine Mutter zurckgekehrt war. Anna Petrowna, mein Lieber, hat etwas begangen, was ich . . . was ich . . . schwer mit der ntigen Ruhe zu qualifizieren in der Lage bin . . . Kurz, was sie begangen hatte, ist dir, hoffe ich, bekannt; ich vermied es bisher -- das hast du wohl gemerkt -- in deiner Gegenwart, mit Rcksicht auf deine natrlichen Gefhle, darber zu sprechen . . . Ich danke Ihnen, Vater: ich verstehe Sie . . . Selbstredend . . . -- Apollon begann wieder in der Diagonalrichtung durchs Zimmer auf und ab zu laufen, zwei Finger in die Westentasche gesteckt: Selbstredend: die Rckkehr deiner Mutter nach Petersburg ist fr dich eine berraschung. (Apollon Apollonowitsch sah dem Sohn gerade ins Gesicht, wobei er sich ein wenig auf die Zehenspitzen hob.) Eine vollstndige . . . Eine berraschung fr uns alle . . . Wer htte gedacht, da Mama zurckkehrte . . . Ich meine es auch: wer htte es gedacht -- Apollon Apollonowitsch spreizte ratlos die Hnde auseinander, hob die Achseln in die Hhe, machte vor dem Fuboden eine Verbeugung -- da Anna Petrowna zurckkehren wird. Und er begann wieder auf und ab zu laufen: Diese berraschung kann -- wie du dir leicht denken kannst -- mit einer Vernderung (Apollon Apollonowitsch hob vielsagend einen Finger in die Luft, und seine Stimme drhnte in tiefem Ba, als hielte er eine wuchtige Rede vor einer Versammlung) unseres ganzen huslichen Status quo; oder aber (er wandte sich um): alles bleibt beim alten. Ja, ich denke es mir auch so . . . Im ersten Falle: -- bitte, willkommen . . . Apollon Apollonowitsch machte eine Verbeugung vor der Tr. Im anderen Falle -- Apollon Apollonowitsch begann ratlos mit den Augen zu zwinkern: -- wirst du sie selbstverstndlich sehen, ich aber . . . ich . . . ich . . . Und Apollon Apollonowitsch richtete seine Augen auf den Sohn; die Augen waren traurig: die Augen eines zappelnden, gehetzten Rehs: Ich wei wahrhaftig nicht, Kolenka, ich denke aber . . . brigens ist es mir so schwer, dir das zu erklren, besonders, wenn ich deine natrlichen Gefhle bercksichtige, die . . . Nikolai Apollonowitsch erbebte bei dem Blick, mit dem sich der Senator an ihn wandte, und -- ganz merkwrdig: er fhlte pltzlich eine Aufwallung von -- was glauben Sie? Liebe? -- ja, Liebe zu diesem alten Despoten, der verurteilt war, in Stcke zerrissen zu werden. Unter dem Einflu dieses Gefhls machte er eine ruckhafte Bewegung in die Richtung seines Vaters: einen Augenblick noch, und er wre vor seinem Vater niedergekniet, um ihm alles zu bekennen und ihn um Vergebung anzuflehen; aber der Alte, als er die Bewegung des Sohnes wahrgenommen hatte, zog wieder die Lippen fest zusammen, trippelte etwas eilig beiseite und begann mit einer Miene des Ekels mit den Hnden zu fuchteln: Nein, nein, nein! Ich bitte Sie, es zu unterlassen . . . Ich wei, was Sie wollen! . . . Sie haben mich gehrt: bitte mich jetzt allein zu lassen. Zwei Finger klopften herrisch ber den Tisch; die erhobene Hand zeigte auf die Tr: Sie halten mich zum besten; mein Herr, Sie sind nicht mein Sohn, mein Herr, Sie sind ein schrecklicher Schuft. Das alles sprach Apollon Apollonowitsch nicht, sondern schrie es heraus; unerwartet fr ihn selbst brach es aus ihm hervor. Ppp, Pppowitsch, Ppp Nikolai Apollonowitsch rannte beinahe mit der Stirn gegen die Tr seines Zimmers; er drehte das elektrische Licht auf (Wozu? Die Sonne, ja, die Sonne blickte schon durch die Fenster) und lief in die Richtung seines Schreibtisches, wobei er unterwegs einen Stuhl zu Boden warf. Ah -- ah -- ah . . . Wo mag nur der Schlssel sein? -- -- ? -- -- ! Ah! . . . Na, also . . . Schn . . . Ebenso wie sein Vater pflegte Nikolai Apollonowitsch mit sich selbst zu reden. Und -- ja: er wollte sich beeilen . . . Er bemhte sich, die widerspenstige Schublade herauszuziehen; er entnahm ihr einige mit Bndchen versehene Bndel mit Briefen; dann eine groe Photographie; sein Blick streifte das Bild, und von diesem blickten ihm zwei Augen einer hbschen Frau entgegen -- mit spttischem Lcheln sahen sie ihn an; er schleuderte das Bild von sich; unter dem Bild befand sich das in ein Tuch gewickelte Paket; mit gemachter Gleichgltigkeit legte er es auf die Handflche und prfte sein Gewicht: es war etwas Schweres darin; er legte das Paket wieder rasch auf den Tisch. Mit geschftigen Bewegungen begann er nun, das Paket von dem Tuch, in das es gewickelt war, zu befreien. Sein Erstaunen war grenzenlos: Eine Bonbonniere . . . Ah . . . Ein Bndchen . . . Nein, schau mal einer her . . . Wie sein Vater hatte Nikolai Apollonowitsch die Gewohnheit, mit sich selbst Gesprche zu fhren. Als er aber das Bndchen aufgeknpft hatte, waren seine Hoffnungen zerschmettert (er hatte doch auf etwas gehofft), denn drin -- in der mit einem rosa Bndchen zugeschnrten Bonbonniere -- befand sich nicht Konfekt von Bal, sondern eine einfache Blechbchse; sein Finger empfand in unangenehmster Weise die Klte des Deckels. Da bemerkte er zugleich den Uhrenmechanismus, der seitlich an der Bchse angebracht war: man brauchte nur den Schlssel zu drehen, um den schwarzen Zeiger auf die vorgemerkte Stunde zu bringen. Nikolai Apollonowitsch hatte eine dumpfe berzeugung, die seine Schwche und Charakterlosigkeit dokumentierte: er fhlte, da er nie imstande war, diesen Schlssel umzudrehen, denn es gab kein Mittel, den einmal in Bewegung gesetzten Mechanismus zum Stillstand zu bringen. Um sich den Rckzug von vornherein unmglich zu machen, fate Nikolai Apollonowitsch sofort den Schlssel mit den Fingern: sei's, da seine Finger in diesem Augenblick zu zittern begannen, sei's, da er in einem Schwindelanfall in den Abgrund strzte, dem er mit aller Kraft auszuweichen suchte -- der Schlssel machte eine Drehung um eine Stunde, dann um zwei . . . Nikolai Apollonowitsch machte unwillkrlich einen kunstvollen Sprung auf die Seite; nach dem Seitensprung schielte er wieder zum Tisch hinber: noch immer stand die Blechbchse, die frher Sardinen enthalten hatte, auf dem Tische (er hatte sich einmal mit Sardinen bergessen, seither hatte er sie nie mehr gegessen); eine gewhnliche Sardinenbchse wie jede andere: glnzend, mit abgerundeten Ecken . . . Nein -- nein -- -- nein --! Wohl war es eine Sardinenbchse, doch eine Sardinenbchse mit furchtbarem Inhalt! Der metallene Schlssel hatte sich schon um zwei Stunden weitergedreht, und in der Sardinenbchse begann das seltsame, mit dem Verstand nicht zu kapierende Leben; die Sardinenbchse war dieselbe und doch wieder nicht dieselbe; in ihrem Innern krochen die Zeiger: der Stunden- und der Minutenzeiger; der geschftige Sekundenzeiger hpfte im Kreise; er wird nun weiterhpfen, bis zu dem Augenblick (der ist nicht mehr fern) -- bis zu dem Augenblick, bis zu dem Augenblick, an dem . . . -- der schauerliche Inhalt der Sardinenbchse sich hlich aufblht; sich malos dehnt; und da -- und da: zerspringt die Sardinenbchse . . . -- Teile des schauerlichen Inhalts rasen im Kreise umher, zerreien mit donnerndem Gepolter den Tisch; der vielfach gespalten zusammenfllt; und auch sein Krper wird in Stcke zerreien: zusammen mit den Holzspnen, mit den sich nach allen Seiten ausbreitenden Gasen wird er als eine blutige, schmutzige, leblose Masse an den kalten steinernen Wnden hngenbleiben . . . -- in dem hundertsten Teil einer Sekunde wird das alles geschehen: in dem hundertsten Teil einer Sekunde werden die Wnde einstrzen und der schauerliche Inhalt wird, sich dehnend, dehnend, dehnend -- zugleich mit den Holzsplittern, Blut und Steinen gegen den dunkeln Himmel emporfliegen. Drauen stiegen bauschige Rauchwolken nach oben, ihre Schwnze in die Newa tauchend. Was hat er nun getan, was hat er getan? Die Blechbchse stand noch immer auf dem Tisch; hat er nun den Schlssel umgedreht, dann msse er unverzglich die Bchse an die richtige Stelle bringen (zum Beispiel: unter das Kissen in dem weien Schlafgemach); oder sie mit dem Fue zerstampfen. Aber sie an die richtige Stelle zu bringen, unter das hochaufgeschlagene Kopfkissen des Vaters, damit der alte, kahle Kopf, ermdet von dem soeben Vorgefallenen, mit aller Wucht auf die Bombe niederfllt -- nein, nein, nein: dazu konnte er sich nicht hergeben; das wre Verrat. Mit dem Fue zerstampfen? Doch bei diesem Gedanken fhlte er etwas, was auf seine Ohren wie ein unglaublicher Druck einwirkte: er fhlte eine so heftige belkeit (dank den acht Branntweinglsern, die er getrunken hatte), als htte er die Bombe wie eine Pille heruntergeschluckt. Nie wird er sie zerstampfen knnen, nie. Es bleibt noch: sie in die Newafluten zu werfen; aber dazu hatte es noch Zeit: er braucht ja nur noch etwa zwanzigmal den Schlssel umzudrehen; dann ist eine Frist gewonnen; hat er einmal den Schlssel umgedreht, da heit es nur eine Frist, so lange wie nur mglich, zu gewinnen; doch er zgerte, indem er sich, ganz entkrftet, in den Lehnstuhl niederlie; belkeit, furchtbare Schwche, Schlfrigkeit berwltigten ihn; das mattgewordene Denken aber, vom Krper losgelst, baute vor ihm hliche, sinnlose Arabesken . . . und er schlummerte ein. * * * Im Schlaf, des Krpers beraubt, fhlte er doch diesen gleichsam als ein unsichtbares Zentrum, das frher ein Bewutsein und ein Ich besessen hatte und so hatte das Ich Nikolai Apollonowitschs noch immer eine krperliche Gestalt, wiewohl es auch kein Krper mehr war; und in diesem _Nicht-Krper_ lebte ein fremdes Ich, das vom Saturnus herabgeflogen kam und sich zum Saturnus wieder hinaufschwang. Er sa vor seinem Vater (wie er schon frher zu sitzen pflegte) -- doch krperlos; hinter den Fenstern seines Zimmers aber, in der vollstndigen Dunkelheit, tnte es unaufhrlich halblaut: turn -- turn -- turn. Es waren die Jahreszahlen, die nach rckwrts liefen. Bei welcher Jahreszahl sind wir nun? Laut auflachend antwortete Apollon Apollonowitsch: Bei keiner, Kolenka, bei keiner: die Jahreszahl, mein Lieber, ist Null . . . Der grauenhafte Seeleninhalt Nikolai Apollonowitschs bewegte sich unruhig (dort, wo die Stelle des Herzens war), wie ein summender Kreisel: er blhte und dehnte sich; es war, als ob der grauenhafte Seeleninhalt zu einer marternden Kugel wrde. Es war das Jngste Gericht. Ei -- ei: was ist das >ich bin?< Ich bin? -- eine Null . . . Und -- was ist die Null? Die Null ist eine Bombe, Kolenka . . . Nikolai Apollonowitsch begriff nun, da er eine Bombe war, nichts weiter; diese Bombe war explodiert, und an jener Stelle, wo im Lehnstuhl die Hlle des Nikolai Apollonowitsch (einer Eierschale gleich) sa -- zuckte ein Blitz auf und tauchte in die schwarzen onenwellen unter. * * * Da erwachte Nikolai Apollonowitsch halb; schaudernd merkte er, da sein Kopf auf der Sardinenbchse lag. Und er sprang in die Hhe: ein schrecklicher Traum . . . Was war es aber? Er konnte sich des Traums nicht entsinnen; der Alpdruck, der ihn in seiner Kindheit zu qulen pflegte, stellte sich ein: Ppp, Pppowitsch, Ppp, ein Kgelchen, das sich zu einer Riesenkugel aufblht; die alten Kinderdelirien kehrten wieder zurck, denn -- Ppp, Pppowitsch Ppp, das Kgelchen von schauerlichem Inhalt, ist nichts als eine Bombe; dort steht sie und summt unhrbar mit ihren Zeigern und dem Hrchen; Ppp, Pppowitsch, Ppp wird sich dehnen, dehnen, dehnen; Ppp, Pppowitsch, Ppp wird dann explodieren: alles, alles wird zerspringen . . . Was? Phantasiere ich? Mit rasender Schnelligkeit ging es durch seinen Kopf: Was tun? Es bleibt nur noch eine Viertelstunde brig: den Schlssel wieder umdrehen? Er drehte zwanzigmal den Schlssel um; und zwanzigmal chzte etwas drinnen in der Blechbchse: die alten Delirien kehrten fr einige Zeit zurck, damit der Morgen -- Morgen, der Tag -- Tag und der Abend -- Abend bleibe; am Ende der Nacht aber wird keine Umdrehung des Schlssels die Frist zu verlngern vermgen: es wird etwas geschehen, was die Wnde zum Umstrzen bringen, den purpur erleuchtenden Himmel in Stcke zerreien und ihn zusammen mit dem verspritzten Blut zum finsteren Urchaos verwandeln wird. Ende des fnften Kapitels. Sechstes Kapitel Er fand wieder den Faden seines Seins Es war ein trber Petersburger Tag. Wollen wir nun zu Alexander Iwanowitsch zurckkehren; Alexander Iwanowitsch erwachte; Alexander Iwanowitsch schlug die Augen auf, doch die fielen ihm immer wieder zu; die Geschehnisse der Nacht wurden zurck in die unterbewute Welt gedrngt; seine Nerven waren zerrttet: die Nacht war fr ihn ein Ereignis von riesiger Bedeutung. Wenn er sich zwischen Schlaf und Wachsein befand, war es ihm, als werde er in eine Tiefe geschleudert: als fiele, strze er aus einem Fenster des fnften Stocks; seine Empfindungen zeigten ihm eine Bresche, die in seine Welt geschlagen wurde; durch diese Bresche flog er in eine andere, gestaltenwimmelnde Welt hinein, von der es nicht gengt zu sagen, man werde dort von furienhnlichen Geschpfen berfallen: in ihr war selbst das Weltgewebe nichts als Furiengewebe. Erst gegen Morgen vermochte Alexander Iwanowitsch von sich diese Welt abzuschtteln; und er versank dann in Wonne; das Erwachen stie ihn jh wieder hinunter: es blieb in ihm ein unbestimmtes Sehnsuchtsgefhl zurck, und sein ganzer Krper schmerzte. Im ersten Augenblick nach dem Erwachen merkte er, da er von Frost geschttelt wurde, er hatte die Nacht hindurch gefiebert: etwas ging mit ihm vor . . . Doch was? Whrend der ganzen langen Nacht rannte er im Delirium durch neblige Straen oder stieg ber Stufen einer geheimnisvollen Treppe; am wahrscheinlichsten aber war es das Fieber gewesen, das durch -- seine Adern rannte; das Gedchtnis erzhlte etwas, aber die Erinnerungen daran entglitten immer wieder, und er bemhte sich vergeblich, es festzuhalten. All das war -- Fieber. Ernstlich erschrocken (bei seiner Einsamkeit frchtete sich Alexander Iwanowitsch vor Krankheiten), dachte er, es wrde gut fr ihn sein, wenn er das Zimmer nicht verliee. Mit diesem Gedanken begann er einzuschlummern; im Einschlummern aber dachte er: Etwas Chinin sollte ich einnehmen. Er schlief ein. Und beim Erwachen fgte er hinzu: Und einen krftigen Tee . . . Und nach einigem Nachdenken fgte er wieder hinzu: Mit Himbeersaft . . . Es ging ihm durch den Kopf, da er die letzte Zeit in einer fr seine Lage unerlaubt leichtsinnigen Weise gelebt hatte; dieser Leichtsinn erschien ihm jetzt um so unverzeihlicher, als ihm ernste und schwere Tage bevorstanden. Unwillkrlich seufzte er: Und dann sollte ich streng das Trinken vermeiden . . . Nicht die Offenbarung lesen . . . Nicht bei dem Hausmeister unten sitzen . . . Und auch die Unterhaltungen mit Stjopka, der beim Hausmeister wohnt: ich sollte nicht mit diesem Stjopka plaudern . . . Diese Gedanken an Tee mit Himbeer, an Wodka, an Stjopka, an die Offenbarung Johanni beruhigten ihn erst, indem sie die Ereignisse der Nacht zu einer Lappalie machten. Als er sich aber mit dem eiskalten Wasser aus der Leitung und mit Hilfe eines Seifenrestes, der in einem seifigen, gelben Brei lag, gewaschen hatte, fhlte Alexander Iwanowitsch, wie ihn wieder die Ereignisse der Nacht berwltigten. Er streifte mit dem Blick sein Zwlfrubelzimmer (ein Mansardenraum). Was fr eine traurige Behausung! Das Hauptmbelstck des rmlichen Raumes war das Bett; dieses Bett bestand aus vier Brettern, die auf zwei Holzbcke gelegt wurden; die Oberflche dieser Bcke war mit ekelhaften, dunkelroten, vertrockneten Wanzenspuren bedeckt, mit denen Alexander Iwanowitsch viele Monate hindurch mit Hilfe eines Wanzenpulvers einen hartnckigen Kampf gefhrt hatte. Auf den Brettern lag eine mit Holzwolle gefllte, dnne Matratze; ber das schmutzige Bettuch hatte Alexander Iwanowitsch sorgfltig eine gestickte Decke gebreitet, deren rote und blaue Streifen mehr vom langjhrigen Gebrauch als vom Schmutz grau aussahen; von dieser Decke, die ein Geschenk von irgend jemand (vielleicht von der Mutter) gewesen war, zgerte Alexander Iwanowitsch sich zu trennen; vielleicht auch aus Mangel an Geld (diese Decke hatte ihn auch nach Sibirien begleitet). Auer dem Bett . . . -- ja: hier mu ich noch erwhnen: ber dem Bett hing ein kleines Heiligenbild, das den heiligen Seraphin im Fichtenwald auf einem Stein kniend bei seinem tausend Nchte whrenden Gebet darstellte. Auer dem Bett stand dort noch ein glattgehobelter, kleiner Tisch ohne jede Verzierung: in billigen Landwohnungen gebraucht man solche Tische zum Aufstellen der Waschschsseln; solche Tischchen werden berall auf den Sonntagsmrkten feilgeboten; in der Wohnung Alexander Iwanowitschs war das Tischchen Schreib-, Speise- und Nachttischchen zugleich; Waschschssel gab es berhaupt keine: bei seiner Toilette bediente sich Alexander Iwanowitsch der Wasserleitung, neben der eine Blechdose mit einem in schleimiger Seifenflssigkeit schwimmenden Seifenrest hing; auerdem gab es einen Kleiderrechen, auf dem eine Hose baumelte; eine zerrissene Pantoffelspitze blickte unter dem Bett hervor. (Alexander Iwanowitsch trumte eines Nachts: dieser zerrissene Pantoffel wre ein lebendes Wesen, eine Art Stubengeschpf, wie etwa der Hund oder die Katze; es schlrfte selbstndig aus einer Stelle des Zimmers zur anderen, kriechend und in den Ecken rasselnd; als Alexander Iwanowitsch die schlrfenden Pantoffel mit im Munde aufgeweichtem Semmelbrot fttern wollte, bissen ihn diese in die Finger, weswegen er erwachte). Es stand noch im Zimmer ein brauner Reisekoffer, der lngst seine ursprngliche Form verloren hatte und Gegenstnde von schrecklichster Bedeutung enthielt. Doch das ganze Mblement dieses sozusagen Zimmers, trat zurck vor der Farbe der Tapete, die unangenehm und frech war, von dunkelgelber oder brauner Nuance, mit riesigen feuchten Flecken; abends kroch langsam bald ber den einen, bald ber den andern dieser Flecke ein Tausendfler. Das ganze Innere des Zimmers war von Tabakrauch erfllt. Alexander Iwanowitsch mute unaufhrlich, mindestens zwlf Stunden tglich rauchen, um die farblose Atmosphre in eine dunkelgraue, blaue zu verwandeln. Alexander Iwanowitsch Dudkin betrachtete seine Behausung, und wieder -- wie schon immer -- zog es ihn hinaus aus dem vollgerauchten Zimmer, zog es ihn fort von hier; es zog ihn auf die Strae in den schmutzigen Nebel, wo er mit den Schultern, den Rcken und grnlichen Gesichtern der Petersburger Prospekte eins werden konnte, um sich mit ihnen zu einem einzigen riesengroen, grauen Gesicht zu verschmelzen. Am Fenster seines Zimmers klebte der dichte Oktobernebel: Alexander Iwanowitsch Dudkin empfand das Bedrfnis, sich von dem Nebel durchdringen zu lassen, alle seine Gedanken von ihm durchdringen zu lassen, alles, was in seinem Hirn herumspukte, in dem Nebel zu ertrnken; durch die Gymnastik der schreitenden Fe wollte er dieses Spukzeug auflsen; schreiten wollte er, immer schreiten und schreiten: von Prospekt zu Prospekt, von Strae zu Strae; schreiten so lange, bis das Hirn gnzlich verstummt ist, dann vor dem Tischchen der Schenke niedersinken, um sich mit Wodka zu verbrennen. Nur ein solches zielloses Wandern durch Straen und krumme Gchen, an Laternen, Zunen und Fenstern vorbei erstickt die qulenden Gedanken im Hirn. Whrend er seinen armseligen Mantel anzog, sprte er wieder, da es ihn frstelte, und er dachte traurig: Htt' ich doch etwas Chinin! Aber woher Chinin nehmen? . . . Und whrend er die Treppe hinunterging, dachte er wieder traurig: A--ach, htt' ich doch nur einen krftigen Tee mit Himbeersaft . . . Die Treppe Die Treppe! Schaurig, dunkel, feucht -- gab sie erbarmungslos seine schlrfenden Schritte wieder, die schaurige, dunkle, feuchte Treppe! Heute nacht war das gewesen. Nun erst erinnerte sich Alexander Iwanowitsch, da er diese Nacht wirklich hier gegangen war: oder war es etwa im Traum? Nein, das war in der Wirklichkeit; doch was war es eigentlich? Was? Ja: aus all diesen Tren ergo sich das tdliche Schweigen ber ihn; es breitete sich endlos aus und lie ein sonderbares Rasseln vernehmen: und unermdlich, ohne Aufhren schluckte irgendein schmatzendes Etwas seinen eigenen Speichel herunter, mit langgezogener Deutlichkeit. Es waren schreckliche, unbekannte Tne, aus Seufzern, aus dumpfem Sthnen aller Zeiten zusammengeschmolzen; durch die schmalen Fenster oben konnte man sehen (und er hatte es gesehen), wie von Zeit zu Zeit die Dsterkeit aufblitzte, wie sie die Gestalt zerrissener Wolken annahm, wie alles aufleuchtete, wenn die bla-trkisblauen Strahlen sich lautlos auf den Boden legten, um da bewegungslos und tot liegenzubleiben. Dorten -- dort: dort blickte der Mond herein. Doch Schwrme nahten heran: ein Schwarm nach dem anderen -- bauschige, dunstige, gewitterschwere -- strzten sich all diese Schwrme ber den Mond her: die bla-trkisblauen Strahlen erloschen; von berall her schwangen sich Schatten hervor; alles bedeckten die Schatten . . . Da erinnerte sich Alexander Iwanowitsch Dudkin, da er gestern abend ber dieselbe Treppe gelaufen und die letzten, versagenden Krfte angespannt hatte, ohne jede Hoffnung auf berwindung. Und eine schwarze Gestalt (war auch _das_ Wirklichkeit?) rannte ihm nach; lief hinter seinen Fersen her, seinen Fuspuren nach. Und sie hatte ihn zugrunde gerichtet, rettungslos vernichtet. * * * Die Treppe! An grauen Werktagen ist sie friedlich, alltglich; von unten her kommen dumpfe Schlge: Krautkpfe werden gehackt: Die Partei von der Wohnung Nummer vier bereitet ihren Sauerkrautvorrat fr den Winter; so alltglich sehen die Treppengelnder aus, die Tren, die Stufen; ber das Gelnder ist ein alter, abgetretener, nach Katze riechender Teppich gehngt, der Partei aus Nummer vier gehrend; der Hausknecht mit einer geschwollenen Backe klopft ihn mit dem Ausklopfer aus; eine blonde Weibsperson, die aus einer Tr herauskam, niest in ihre Schrze: zwischen dem Hausknecht und der Weibsperson entwickelt sich wie selbstverstndlich ein Gesprch: Uh--uh--uh! Hilf doch mal ein bichen, lieber Mensch . . . Stepanida Markowna . . . Was haben Sie da schon wieder zusammengeschleppt! . . . Schon gut, schon gut . . . Aber hren Sie mal . . . Jetzt heit es >zusammengeschleppt<, wenn's aber an das Trinkgeld geht . . . Aber hren Sie mal -- diese Arbeit . . . Wrden Sie nicht immer zu den Meetings laufen, dann wren Sie mit der Arbeit fertig geworden . . . Sticheln Sie da nicht wegen den Meetings herum: Sie werden schon selbst einmal sehen, was Sie den Meetings zu danken haben! Na -- na, klopf nur jetzt die Kissen recht gut aus he, du Kavalier! * * * Tren! Da, da und da . . . An dieser da ist der Wachsleinwandbeschlag ganz zerfetzt; aus den Lchern blicken Rohaarbschel hervor; an die andere ist mit einer Stecknadel eine Visitenkarte geheftet, die schon ganz vergilbt ist; sie trgt den Namen Sakatilin . . . Wer ist dieser Sakatilin? Wie er sonst heit, welches sein Beruf ist -- das alles ist den Neugierigen zu erraten berlassen: Sakatilin -- und damit fertig. Hinter der Tr gibt ein Fiedelbogen sich eifrig die Mhe, ein bekanntes Liedchen zu spielen. Und eine Stimme singt: Das Vaterland, das geliebte . . . Sakatilin, das wird sicher ein Musiker sein, der in einem Orchester eines kleinen Restaurants beschftigt ist. Das ist alles, was man bei der Betrachtung der Tren beobachten kann . . . Die Stufen? Sie sind mit Gurkenschalen, Straenkotklumpen und Eierschalen reichlich bedeckt . . . Er ri sich los und begann zu laufen Alexander Iwanowitsch Dudkin warf einen Blick auf die Treppe, auf den Hausknecht und die Weibsperson, die sich gerade mit einem neuen Federunterbett aus der Tr schob; und -- merkwrdig: die alltgliche Einfachheit der Treppe verwischte keinesfalls, was er diese Nacht hier erlebt hatte; selbst jetzt bei Tageslicht, angesichts der Stufen mit den herumliegenden Eierschalen, des Hausknechtes, der Weibsperson, der Katze, die auf dem Fensterbrett das Eingeweide eines Huhns verzehrte, kehrte zu ihm die berstandene Angst wieder: die Erlebnisse der vorigen Nacht waren -- _Wirklichkeit_! Und in der bevorstehenden Nacht wird dieses Wirkliche wiederkehren: die Treppe wird dunkelschattig und schauerlich sein; wieder wird eine schwarze Gestalt sich an seine Fersen heften; hinter der Tr mit der Visitenkarte Sakatilin wird er wieder hren, wie jemand schmatzend seinen Speichel schluckt (vielleicht nicht Speichel, sondern Blut) . . . -- Und er wird wieder das bekannte, unglaubliche Wort mit vollstndiger Deutlichkeit vernehmen: Ja -- ja -- ja . . . Ich bin es . . . Ich richte rettungslos zugrunde . . . Wo hat er es gehrt? * * * Fort von hier! Auf die Strae! . . . Er msse weiterschreiten, immerzu schreiten, weit weg von hier sein; er msse schreiten bis zur vollstndigen Erschpfung, bis zum vollstndigen Einschlafen des Gehirns; er msse sich dann vor ein Tischchen in der Schenke niederlassen und dort schlafen, damit ihn nicht die bsen Trume aufsuchen. Dann msse er das Ganze von neuem beginnen: quer und kreuz durch Petersburg schreiten, sich im Schilf und im hngenden Dunst der Ufer verbergen, in Erstarrung alles von sich werfen und erst dann zu sich kommen, wenn in den Vororten die dsteren Lichter angezndet sind. Alexander Iwanowitsch Dudkin war schon im Begriff, die steinerne Treppe hinunterzugehen, als er pltzlich stehenblieb; er bemerkte einen Menschen in schwarzem italienischen berwurf mit phantastisch gebogenem Hut auf dem Kopf, der, drei Stufen auf einmal nehmend, das Gesicht gegen den Boden gerichtet einen schweren Stock in der Hand, mit dem er gewaltig fuchtelte, ihm entgegenrannte. Sein Rcken bildete einen Bogen. Dieser seltsame Unbekannte mit dem schwarzen italienischen berwurf lief in seiner Eile direkt auf Alexander Iwanowitsch zu; beinahe hat er ihn mit dem Kopf gegen die Brust gestoen; als der Unbekannte aber endlich den Kopf aufgerichtet hat, erblickte Alexander Iwanowitsch Dudkin direkt vor seiner Nase die todblasse, mit Schweitropfen bedeckte Stirn des -- denken Sie nur! -- des Nikolai Apollonowitsch: er sah die Stirn mit der dicken, pulsierenden Ader; nur an diesem charakteristischen Zeichen (der hpfenden Ader) erkannte Alexander Iwanowitsch Ableuchow; an den wild schielenden Augen sowie der seltsamen, auslndischen Kleidung htte er ihn sicher nicht wiedererkannt. Guten Tag! Ich bin es; ich komme zu Ihnen. Nikolai Apollonowitsch stie diese Worte rasch, rasch hervor; und -- was das nur heien sollte! -- er stie sie in drohendem Flstertone hervor. Ah -- ah! Und wie er nach Luft schnappte! Ohne Alexander Iwanowitsch die Hand zu reichen, sagte er eilig in drohendem Flsterton: Ich mu Ihnen, Alexander Iwanowitsch, mitteilen, da ich es -- _nicht tun kann_. ? Sie haben hoffentlich verstanden, was ich nicht tun kann: ich _kann nicht_ und ich _will nicht_; kurz -- _ich tu es nicht_. ! Es ist eine Absage, eine unwiderrufliche. Das knnen Sie weiter ausrichten. Und ich bitte, mich in Ruhe zu lassen . . . Auf dem Gesicht Alexander Iwanowitschs malte sich Verlegenheit, ja Angst. Nikolai Apollonowitsch wandte sich um; seinen schweren Stock in der Hand schwingend, begann er die Stufen hinunterzulaufen, als wolle er entfliehen. Aber warten Sie doch, warten Sie doch! rief Alexander Iwanowitsch Dudkin, ihm nacheilend, so da die Stufen unter seinen Fen knatternd nach oben flogen. Nikolai Apollonowitsch! Im Flur erfate er Ableuchows Mantel, doch Nikolai Apollonowitsch ri sich wieder los. Dann aber sah er sich um; mit leicht zitternder Hand schob er seinen burschikos sitzenden Hut tiefer in die Stirn und stie mit geknstelter Festigkeit halblaut hervor: Das ist sozusagen . . . ekelhaft! . . . Hren Sie? Und er rannte mit kleinen Schrittchen ber den Hof weiter. Alexander Iwanowitsch hielt sich einen Augenblick an der Tr fest. Alexander Iwanowitsch wurde von einem Unruhegefhl erfat: er wurde ohne jeglichen Grund beleidigt; einen Augenblick berlegte er, was er zu tun habe; unwillkrlich zuckten seine Glieder; unwillkrlich streckte er seinen feinen, weiblichen Hals vor; dann holte er mit zwei Stzen den Davoneilenden ein. Er klammerte sich fest an den ihm entwichenen berwurf; der Eigentmer des berwurfes machte verzweifelte Versuche, sich loszureien; fr einen Augenblick lang war auf dem engen Raum zwischen zwei Holzsten eine Balgerei entstanden; etwas fiel dabei herunter, und auf dem Asphalt ertnte ein metallischer Klang. Mit dem Stock fuchtelnd, voll Wut stie Nikolai Apollonowitsch einzelne sinnlose Worte von unglaublichem und vor allem beleidigendem Inhalt hervor, beleidigend fr Alexander Iwanowitsch. Das nennen Sie Aktionen, Parteiarbeit? Mich von Spionen zu umgeben . . . Mich berall zu verfolgen . . . Selbst an nichts mehr glauben . . . Die Offenbarung lesen . . . Zugleich aber spionieren . . . Mein Herr, Sie sind . . . Sie sind . . . Sie sind . . . Endlich ri sich Nikolai Apollonowitsch wieder los: sie rannten durch die Strae. Die Strae Die Strae! Wie hat sie sich verndert! Wie haben diese rauhen Tage auch auf sie eingewirkt! Dort die gueisernen Stbe eines Gartengitters; die rostbraunen Ahornbltter schlagen, vom Wind getrieben, an diese Gitterstbe; die rostbraunen Bltter haben schon den Baum verlassen; und nur die ste -- vertrocknete Skelette -- erhoben sich krchzend in die Luft. Im September war der Himmel blau und rein gewesen; jetzt ist aber alles anders: schon vom frhen Morgen ergo sich ein schwerer Bleistrom ber den Himmel; der September war zu Ende. Sie rannten durch die Strae: Aber gestatten Sie, Nikolai Apollonowitsch, fuhr erregt und beleidigt Dudkin fort -- Sie werden zugeben, da wir nicht ohne eine Erklrung Ihrerseits voneinander gehen knnen . . . Wir haben nichts mehr miteinander zu sprechen, rief trocken Nikolai Apollonowitsch, den Hut burschikos auf die Seite geschoben. Aber erklren Sie doch vernnftig, um was es sich handelt, drang Alexander Iwanowitsch heftig in ihn ein. In seinen hpfenden Gesichtszgen malte sich Unruhe und Beleidigung; seine Bestrzung -- fgen wir von uns hinzu -- war aufrichtig, so aufrichtig, da Nikolai Apollonowitsch trotz seines Zornes es merkte. Er wandte sich um und begann schon ohne den frheren Zorn, vielmehr weinerlich erbost, zu murmeln: Nein, nein, nein! . . . Worber sollen wir noch miteinander sprechen? . . . Sie knnen es nicht bestreiten . . . Eher habe ich das Recht, Aufklrung zu verlangen . . . Ich leide ja, nicht Sie und nicht Ihre Genossen . . . Aber was? . . . Was ist denn eigentlich los? . . . Mir ein Paket aufzudrngen . . . Na, und? Ohne vorher zu sagen, ohne zu erklren, ohne um Erlaubnis zu bitten . . . Alexander Iwanowitsch errtete tief. Und dann verschwinden . . . Mir durch eine unterstellte Person mit der Polizei zu drohen . . . Bei dieser unverdienten Beschuldigung wandte sich Alexander Iwanowitsch mit nervsem Ruck Ableuchow zu: Halten Sie: welche Polizei? Die Polizei eben . . . Von welcher Polizei reden Sie? . . . Was ist das fr eine Niedertracht? . . . Was sind das fr Anspielungen? . . . Ist einer von uns unzurechnungsfhig? Aber Nikolai Apollonowitsch, dessen weinerliche Erbostheit wieder in Wut umgeschlagen war, schrie ihm heiser ins Ohr: Ich wrde Sie . . . (sein Mund mit den fletschenden Zhnen lchelte; es schien, als wollte er das Ohr des Begleiters beien). Ich htte Sie . . . da gleich -- an dieser Stelle . . . Ich htte . . . ich . . . auf offener Strae, zur Belehrung all dieser Leute da, mein lieber Alexander Iwanowitsch . . . (die Sprache verwirrte sich ihm). . . Dort -- dort . . . Dort hinter dem kleinen Fenster des blankgestrichenen Huschens sa, immer mit den Lippen kauend, an sommerlichen Juliabenden, bei untergehender Sonne ein steinaltes Frauchen (-- Ich htte Sie! . . . drang es von irgendwoher zu Alexander Iwanowitsch herber); im August war die Alte verschwunden, und das Fenster blieb geschlossen; im September wurde aus dem Huschen ein geschmckter Sarg herausgetragen; dem Sarge folgte ein kleiner Haufen: ein Herr mit abgeschabtem Mntelchen und einer Beamtenmtze auf dem Kopf und -- sieben flachshaarige Jungen. Der Sarg war zugenagelt gewesen. (-- Ja, Alexander Iwanowitsch, ja--a, drang es von irgendwoher an Dudkins Ohr.) Dann sah man Mnner mit einfachen Mtzen aus und ein gehen: man sprach davon, da in dem Huschen Bomben gefertigt wurden. Alexander Iwanowitsch wute, da die Bombe, die seinerzeit ihm zur Aufbewahrung bergeben wurde, aus diesem Huschen gekommen war. Da fuhr er unwillkrlich zusammen. Wie seltsam: whrend Nikolai Apollonowitsch ihm seine Vorwrfe und Beschuldigungen entgegenschleuderte, dachte er an das Huschen. Jetzt roh in die Wirklichkeit zurckgestoen, begriff er aus all den verworrenen Reden des Senatorshnchens nur das eine: Hren Sie, sagte er, das wenige, das ich aus Ihren Worten verstehe, ist: da es sich um das Paket handelt . . . Es handelt sich um _sie_: Sie haben mir _sie_ persnlich zur Aufbewahrung bergeben. Komisch: das Gesprch wurde vor demselben Huschen gefhrt, in dem die Bombe entstanden war: die Bombe, zu einem gedanklichen Wesen geworden, hat einen geschlossenen Kreis beschrieben, und wo sie entstanden war, war jetzt die Rede von ihr. Aber seien Sie doch nicht so laut, Nikolai Apollonowitsch; ich begreife Ihre Aufregung nicht . . . Sie berschtten mich da mit Beleidigungen: Wo finden Sie aber in meiner Handlungsweise etwas Verwerfliches? Wieso -- wo? Ja, warum ist das verwerflich, wenn die Partei -- diese Worte sprach er ganz im Flsterton aus -- Sie bat, einige Zeit das Paket bei sich aufzubewahren? Sie selbst waren ja damit einverstanden? Es ist ja weiter nichts dabei . . . Ist es Ihnen unangenehm, das Paket weiter bei sich zu behalten, so hol' ich es gern ab . . . Ach, lassen Sie es doch: diese Miene der Unschuld: als ob es sich nur um das Aufbewahren des Pakets handelte . . . Tsss! Leiser: es kann uns jemand hren . . . Nicht darum allein handelt es sich: tun Sie nicht, als ob Sie mich nicht verstnden. Aber um was handelt es sich denn? Um die Vergewaltigung. Es war keine Vergewaltigung . . . Um die planmige Verfolgung . . . Ich wiederhole: es war keine Vergewaltigung -- das geben Sie mir selbst zu. Was die Verfolgung betrifft, so mu ich . . . Ich habe mich seinerzeit, im Sommer, bereit erklrt; ja, ich habe mich sogar selbst angeboten und . . . ja, gewi: ich habe es versprochen, doch in der Voraussetzung, da es dabei keinen Zwang gebe; da es berhaupt keinen Zwang in der Partei gebe; wenn man dennoch bei Ihnen gezwungen werden kann, dann sind Sie einfach ein Hufchen verdchtiger Intriganten . . . Jawohl, ich habe mein Wort gegeben -- aber was folgert daraus? Konnte ich denn nicht der Ansicht sein, da ich mein Wort auch zurcknehmen darf . . . Aber warten Sie . . . Unterbrechen Sie mich nicht: konnte ich denn wissen, da mein Versprechen _so_ aufgefat werden wrde? Da man es in solcher Weise deuten wrde . . . da man mir _dieses_ vorschlagen wrde? Nein, warten Sie, ich mu Sie doch unterbrechen . . . Von welchem Versprechen reden Sie eigentlich? Drcken Sie sich bitte deutlicher aus . . . Unklar dmmerte etwas in Alexander Iwanowitsch auf (wie er doch alles verga!). Ach, Sie reden von _jenem_ Versprechen? . . . Es fiel ihm ein, da ihm eine _gewisse Persnlichkeit_ einmal in dem kleinen Restaurant mitgeteilt hatte (der Gedanke an diese gewisse Persnlichkeit rief in ihm ein unangenehmes Gefhl hervor); diese gewisse Persnlichkeit mit anderen Worten: Lipantschenko hatte ihm damals mitgeteilt, Nikolai Apollonowitsch htte sich bereit erklrt -- pfui! Er mochte gar nicht daran denken . . . Und er sagte rasch: Aber ich rede ja gar nicht davon; es handelt sich ja gar nicht darum. Doch, doch! Es handelt sich eben um das gegebene Versprechen: aber es wurde als unwiderruflich angesehen und schuftig ausgelegt. Nur ruhig, Nikolai Apollonowitsch, worin sehen Sie die Schuftigkeit? Worin? Ist das nicht eine Schuftigkeit? Ja, ja, ja: wo? Die Partei bat Sie, einige Zeit bei sich das Paket aufzubewahren . . . Das war alles . . . Nur das, Ihrer Meinung nach, nur das? Das war alles . . . Wenn es sich nur um die Aufbewahrung des Paketes gehandelt htte, wrde ich Sie verstehen, aber verzeihen Sie einmal . . . Er machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand. Wir haben wirklich nichts miteinander zu sprechen: sehen Sie denn nicht ein, da wir uns nur immer um die Sache herumdrehen und gar nicht an sie herankommen? . . . Ich merke das wohl . . . Aber: Sie reden da immerzu von einer Vergewaltigung . . . Ich erinnere mich nun, einmal im Sommer gehrt zu haben . . . Nun? . . . Von einem terroristischen Akt, den Sie uns angeboten haben: dieser Vorschlag ging also nicht von uns aus, sondern von Ihnen. Alexander Iwanowitsch erinnerte sich jetzt, da ihm Lipantschenko (damals im Restaurant, whrend er immer wieder sein Glas mit Likr fllte) gesagt -- Nikolai Apollonowitsch Ableuchow htte ihnen durch eine dritte Person mitteilen lassen, er sei bereit, seinen eigenen Vater zu tten; Lipantschenko hatte es mit einer widerwrtigen Ruhe mitgeteilt, doch hinzugefgt, die Partei werde selbstredend das Anerbieten ablehnen; dieser sonderbare Vorschlag, die Unnatrlichkeit, die sich in der Auswahl des Opfers uerte, der an Niedertracht grenzende Zynismus -- das alles hatte in dem sensiblen Alexander Iwanowitsch das schrfste Ekelgefhl hervorgerufen. Alexander Iwanowitsch hatte sich ja damals in einem Rauschzustand befunden, und spter erschien ihm das ganze Gesprch mit Lipantschenko als ein Spiel seiner alkoholverdsterten Gehirnmasse. Das alles ging ihm aber jetzt durch den Kopf: Im Grunde genommen . . . Von mir zu verlangen, unterbrach ihn Ableuchow, da ich . . . da ich . . . meinen eigenen Vater . . . Eben, eben . . . Das ist widerlich! Ja, das ist widerlich! Und ich habe es eigentlich auch damals schon nicht geglaubt. Htte ich es geglaubt, Sie wrden in meinen Augen . . . sehr gesunken sein . . . Also auch Sie halten es fr eine Gemeinheit? Ja, verzeihen Sie: aber dafr halte ich es . . . Na, sehen Sie! Sie selbst halten es fr eine Gemeinheit und haben doch fr diese Gemeinheit Ihre Hand gegeben? Dudkin geriet in Erregung, sein zarter Hals streckte sich: Nein, hren Sie . . . Er ergriff mit der zitternden Hand den Knopf des italienischen berwurfs, seine Augen starrten seitlich auf einen unbestimmten Punkt: Reden Sie keinen Unsinn: wir schleudern da einander Beschuldigungen an den Kopf, und dabei stimmen wir beide . . . er richtete seinen Blick verwundert auf Ableuchow -- in der Bezeichnung der Tatsache berein . . . Auch Sie nennen es eine Gemeinheit? Nikolai Apollonowitsch zuckte zusammen: Gewi ist es eine Gemeinheit! . . . Sie schwiegen eine Weile . . . Sehen Sie, wir sind beide derselben Meinung . . . Nikolai Apollonowitsch zog sein Taschentuch hervor und fuhr sich damit ber die Stirn: Da wundere ich mich aber . . . Ich auch . . . Verdutzt sahen sie einander in die Augen. Alexander Iwanowitsch (er verga jetzt, da er vom Fieber geschttelt wurde) erfate wieder mit der Hand den Rand des italienischen berwurfs: Um diesen Knoten zu lsen, antworten Sie mir bitte auf folgende Frage: Ging das Versprechen nicht direkt von Ihnen aus? Nein doch! Nein! _Diesen Mord_ haben Sie also nicht einmal in Gedanken gehabt? Verzeihen Sie, ich frage so, weil ein Gedanke sich manchmal unwillkrlich, durch eine Geste, durch den Tonfall, durch einen Blick, ja sogar durch das Beben der Lippen uert . . . Aber nein doch, nein . . . das heit . . . Nikolai Apollonowitsch hielt inne; und dabei merkte er, da er innehielt, weil er einen verdchtigen Gedankengang verbergen wollte; er errtete und begann von neuem: Das heit, ich habe den Vater nie geliebt . . . Und ich glaube es oft ausgesprochen zu haben . . . Aber, da ich . . .? Nie und nimmer! . . . Schn, ich glaube Ihnen. Aber tckischerweise errtete hier Nikolai Apollonowitsch bis zu den Haarwurzeln; nun wollte er die Sache wieder erklren, doch Alexander Iwanowitsch schttelte abwehrend den Kopf, um eine gewisse, diskrete Nuance eines ihnen beiden zu gleicher Zeit gekommenen Gedankens nicht zu berhren. Aber lassen Sie es . . . Ich -- glaube Ihnen . . . Ich spreche jetzt nicht mehr davon, ich spreche von etwas anderem: Sagen Sie mir . . . Sagen Sie mir ganz offen: Habe ich es -- veranlat? Nikolai Apollonowitsch sah verwundert zu seinem naiven Partner auf: er sah ihn an, errtete und sagte hitzig mit forcierter berzeugung, die er nun brauchte, um einen gewissen Gedanken, der in ihm aufgeblitzt war, zu verscheuchen: Ich glaube -- ja . . . Sie haben ihm geholfen . . . Wem denn? Dem Unbekannten . . . ? Der Unbekannte wnschte . . . ? Da ich diese Gemeinheit begehe. Wann hat er es gewnscht? In seinem gemeinen Zettel . . . Ich kenne keinen Unbekannten . . . Der Unbekannte, murmelte ratlos Nikolai Apollonowitsch, Ihr Parteigenosse . . . Warum wundern Sie sich so . . .? * * * Ich versichere Sie, einen _Unbekannten_ gibt es in der Partei nicht . . . * * * Jetzt war Nikolai Apollonowitsch an der Reihe, sich zu wundern: Was? In der Partei gibt es den Unbekannten nicht? . . . Tsss, nicht so laut, bitte . . . Nein, einen solchen gibt es nicht . . . Aber ich bekam drei Monate hindurch Briefe . . . Von wem? Von ihm . . . Sie schwiegen beide. Beide atmeten sie schwer, und beide blieben mit fragendem Blick aneinander hngen; aber whrend der eine, von einem Grauen berwltigt, den Kopf sinken lie, blitzte ein Hoffnungsstrahl in den Augen des andern auf. * * * Nikolai Apollonowitschs tiefste Emprung, die das Grauen besiegt hatte, zeichnete zwei rote Flecken auf dem blassen Gesicht Alexander Iwanowitschs. Was? Aber Alexander Iwanowitsch vermochte nicht Atem zu holen; endlich hob er die Augen, und in seinem Gesicht malte sich eine unaussprechliche Traurigkeit, wie sie nur in Trumen vorkommt und die Worte berflssig macht. Was also? Qulen Sie mich nicht! Doch Alexander Iwanowitsch legte den Finger auf den Mund, schttelte den Kopf und schwieg: von seinem Gesicht von seinen erstarrten Fingern ergo sich unmerklich das Unaussprechliche, was man nur in Trumen versteht. Endlich bezwang er sich und sagte: Ich versichere Sie auf Ehrenwort: ich habe mit dieser ganzen dunklen Geschichte nichts zu tun . . . Nikolai Apollonowitsch glaubte erst nicht. Was haben Sie gesagt? Wiederholen Sie es, schweigen Sie nicht: begreifen Sie doch meine Situation . . . Ich habe damit nichts zu tun . . . Was bedeutet es also? Ich wei es nicht . . . -- Dann setzte er, rasch die einzelnen Worte hervorstoend, hinzu: Nein, nein, nein: es ist Lge; es ist Delirium, Hohn . . . Wie kann ich es aber wissen! . . . Nikolai Apollonowitsch richtete die nichtsehenden Augen auf Alexander Iwanowitsch; dann blickte er die Strae an: wie sich die verndert hat! Wei ich's denn? Mir ist damit nicht geholfen . . . Ich schlief diese Nacht nicht . . . Eine Droschke mit aufgestelltem Dach sauste den Fahrdamm hinauf: wie sich dieser verndert hat, wie haben die rauhen Tage auch ihn mitgenommen! Ein Windsto kam von der Bucht her: die letzten Bltter fielen herunter; es wird keine mehr bis zum Mai geben; wie viele werden im Mai nicht mehr sein! Diese heruntergefallenen Bltter sind, wahrlich -- die letzten. Alexander Iwanowitsch wute alles genau, was kommen wird: es werden blutige, ja blutige, grauenvolle Tage kommen; dann wird alles versinken; zieht nur, zieht hin, ihr letzten, unvergleichlichen Tage! O, windet euch, weht durch die Luft, ihr letzten Bltter! Wieder ein miger Gedanke . . . Die helfende Hand Er war also auf dem Ball? Ja, er war dort . . . Er sprach mit Ihrem Vater? Ja, und er erwhnte auch Ihren Namen . . . Dann trafen Sie ihn im Gchen? . . . Und er fhrte mich ins Restaurant . . . Und nannte sich? Morkowin . . . Teufelsspuk! * * * Als sich Alexander Iwanowitsch von dem Anblick der wehenden Bltter losgerissen hatte und zur Wirklichkeit zurckgekehrt war, merkte er, da Nikolai Apollonowitsch mit ungewhnlicher Lebhaftigkeit, sogar ein paar Schritte vorauseilend, redete; er gestikulierte; senkte das Profil mit dem unangenehmen, langgezogenen Mund; er erinnerte an eine tragische antike Maske, die mit der Beweglichkeit einer Eidechse kein einheitliches Ganzes darzustellen vermochte: kurz, er sah aus wie ein Heupferdchen mit starr-unbeweglichem Antlitz. Alexander Iwanowitsch machte nur hier und da eine Bemerkung: Und dabei sprach _er_ von der Polizei? Ja, er drohte mit der Polizei . . . Und behauptete, eine solche Drohung wre im Sinne der Partei, und die Partei billige so etwas? . . . Na ja, sie billige es . . . Nikolai Apollonowitsch sagte es etwas gereizt und versuchte einzuwenden: Sie werden sich erinnern, da auch Sie seinerzeit sagten, die Vorurteile der Partei . . . Was hab' ich gesagt? rief lebhaft und streng Dudkin. Soweit ich mich erinnere, meinten Sie, die Vorurteile der unteren Parteischichten werden von den oberen nicht geteilt . . . Unsinn! Dudkins ganzer Krper zuckte, und er beschleunigte den Schritt. Nikolai Apollonowitsch suchte seine Hand aufzufangen; er antwortete wie ein Schuljunge auf Dudkins Fragen und lchelte unnatrlich. Dann fuhr er fort zu erzhlen, was alles in dieser Nacht geschehen war: von dem Ball, von den Masken, von der Flucht aus dem Ballsaal, von der Begegnung am Tor, von dem Zettel und endlich von dem stinkenden Restaurant. Es waren vollstndige Fieberphantasien. Der Teufelsspuk hat alles durcheinander gebracht; alle wren sie schon lngst wahnsinnig geworden, wenn dasjenige, was rettungslos zugrunde richtet, wirklich existierte. * * * Schwarze Menschenschwrme wlzten sich ihnen entgegen: Hunderte von schwarzen Hten hoben und senkten sich wie Wellen. Ihnen entgegen schoben sich lackierte Zylinder; wie Dampferschornsteine erhoben sie sich ber den Wellen; eine Straufeder schumte vor ihnen auf; Tellermtzen lchelten sie an: blaue, gelbe und rote Mtzen. Von berall her lugten zudringliche Nasen. Nasen schoben sich in Mengen daher: Adlernasen, Hahn-, Enten- und Hhnernasen; und so weiter, und so weiter; dort wieder eine auf die Seite gebogene Nase; dann wiederum eine, die nicht gebogen war: grnliche, grne, blasse, weie und rote Nasen. All das wlzte sich ihnen entgegen auf der Strae: sinnlos, eilend, massenhaft. Nikolai Apollonowitsch, der mit bittenden Gesten Dudkin folgte, kaum imstande, ihn einzuholen, konnte sich noch immer nicht entschlieen, mit der Hauptfrage hervorzutreten, die sich aus der Tatsache: der Schreiber des schrecklichen Briefes konnte unmglich im Auftrage der Partei gehandelt haben, ergab; das war es aber, was ihn jetzt ausschlielich beschftigte: diese Frage war ja fr ihn von uerster Wichtigkeit -- seiner praktischen Konsequenzen wegen; und sie fllte sein ganzes Hirn aus. Sie glauben also -- Sie glauben also, es hat sich in das Ganze ein Irrtum eingeschlichen? Nachdem er diesen zgernden Versuch gemacht hatte, an die ihn beschftigende Frage heranzugehen, fhlte Nikolai Apollonowitsch, wie brennende Ameisen ber seinen Krper zu kriechen begannen: wie, wenn das alles nur ein Verstellungsspiel war? dachte er, und die Angst packte ihn von neuem. Sie sprechen von dem Brief? hob Alexander Iwanowitsch die Augen, nachdem er sich von dem Strom von Kpfen, Hten, Schnurrbrten losgerissen hatte. Selbstverstndlich -- nicht nur ein Irrtum . . . Es ist nicht nur ein Irrtum: es ist ein niedertrchtiger Schwindel in der ganzen Sache. Das Unsinnige ist tadellos durchgefhrt und verrt ein sicher gestecktes Ziel: sich in die Beziehungen zweier eng miteinander verknpften Menschen zu drngen, sie verwirrt zu machen und so in einem Chaos die Parteiaktion zu ertrnken. Dann helfen Sie mir aus der . . . Eine unglaubliche Verhhnung, unterbrach ihn Dudkin, ein Hineinziehen von Klatsch und Schauermrchen . . . Dann flehe ich Sie an, raten Sie mir . . . Und zu all dem mengte sich Verrat; es riecht nach Verhngnis, nach Grauenhaftem . . . Ich wei nicht . . . Ich bin ganz verwirrt . . . Ich . . . ich habe diese Nacht nicht geschlafen . . . All das ist ein Schauermrchen . . . Von Mitleid bermannt, streckte Alexander Iwanowitsch Ableuchow die Hand entgegen; dabei merkte er, da Nikolai Apollonowitsch viel kleiner war als er (Nikolai Apollonowitsch war eben nicht mit Gre gesegnet). Versuchen Sie Ihre ganze Kaltbltigkeit zu bewahren . . . Mein Gott! Sie haben leicht von Kaltbltigkeit reden; ich habe diese Nacht nicht geschlafen . . . ich wei nicht, was ich jetzt tun soll . . . Warten Sie . . . Werden Sie zu mir kommen? Ich sage Ihnen: warten Sie; ich werde Ihnen aus der Sache heraushelfen. Er sagte es so berzeugt und sicher, ja, fast feierlich, da sich Ableuchow sofort beruhigte; aber die Wahrheit gesagt, berschtzte Alexander Iwanowitsch in seiner Aufwallung von Mitleid, die Mglichkeit fr ihn zu helfen, in hohem Grade . . . In der Tat: in welcher Weise konnte er helfen? Er war ein Einsamer, durch die konspirative Stellung von der Auenwelt Abgesonderter; die Konspiration schnitt ihm den Weg selbst zur Parteittigkeit ab; dem Komitee selbst aber hat er nie angehrt, obschon er Ableuchow grosprecherisch vom Stabsquartier erzhlt hatte; das einzige, was er tun konnte, war -- mit Lipantschenko Rcksprache zu nehmen. Vor allem jedoch hie es, den bis zum uersten erschtterten Ableuchow zu beruhigen. Und er tat es. Ich hoffe, da es mir gelingen drfte, die verworrenen Fden wieder zu ordnen; ich werde heute noch die ntigen Erkundigungen einziehen und . . . Er stockte; die ntigen Aufklrungen konnte ihm nur Lipantschenko geben; sonst niemand; wie aber, wenn dieser nicht in der Stadt war? Und . . .? Und werde Ihnen morgen Antwort geben. Ich danke Ihnen, ich danke. Und Nikolai Apollonowitsch begann ihm in berschwenglicher Rhrung die Hnde zu drcken; das machte Alexander Iwanowitsch etwas verlegen; alles hing ja doch davon ab, ob Lipantschenko in der Stadt war und ber welches Material dieser verfgte. Lassen Sie es nur: wir sind ja an der Sache alle gleich interessiert. Doch Nikolai Apollonowitsch, der bis zu diesem Augenblick nur Grauen empfunden hatte, vermochte jedes Hilfe versprechende Wort entweder ganz apathisch oder begeistert aufzunehmen. Und Nikolai Apollonowitsch reagierte mit Begeisterung. Alexander Iwanowitsch versank inzwischen wieder in seine Gedanken; eine kleine Tatsache beschftigte ihn: Ableuchow versicherte ihm ja, da der furchtbare Auftrag von einem Anonymus ausging; dieser Anonymus hatte Ableuchow wiederholt geschrieben; es war nun klar: dieser Anonymus war eben ein Provokator. Weiter . . . Aus den verworrenen Reden Ableuchows waren immerhin einige Folgerungen mglich: es haben zwischen ihm und der Partei besondere Beziehungen bestanden; aus diesen Sonderbeziehungen wucherte das Gemeine hervor; Alexander Iwanowitsch suchte sich noch etwas zu erklren, doch vergeblich: die Flle der an ihnen vorbeiziehenden Nasen, Schnurrbrte, Schultern lenkte seine Gedanken von der gegebenen Richtung ab. Der Newskij-Prospekt Schultern, Schultern und Schultern zogen vorbei; sie bildeten zusammen einen pechschwarzen Brei; einen sehr zhen und langsam flieenden Brei; an diesen Brei heftete sich sofort auch die Schulter des Alexander Iwanowitsch, sie blieb sozusagen an ihm kleben; und Alexander Iwanowitsch Dudkin folgte seiner eigenwilligen Schulter, dem Gesetz der Unteilbarkeit des menschlichen Krpers gehorchend; so wurde er auf den Newskij-Prospekt geschleudert; wie ein Kaviarkrnchen wurde er in einen dicken Brei hineingedrckt. Was ist ein Kaviarkrnchen? Es ist eine Welt und ein Konsumtionsgegenstand zugleich; als Konsumobjekt stellt das Kaviarkrnchen keine befriedigende Einheit dar; diese Einheit ist der Kaviar selbst: die Gesamtsumme der Kaviarkrnchen; der Konsument kennt keine Kaviarkrnchen, er kennt den Kaviar, den er auf das Butterbrot gestrichen bekommt. So werden Krper, einzelne Individuen, die auf das Trottoir des Newskij-Prospekts hineingeraten, zu einem Teil eines greren Krpers, sie werden zu Krnchen des Kaviars: die Trottoire des Newskij-Prospektes sind die Butterbrotflchen. Dasselbe geschah auch mit Dudkins Krper, der aufs Trottoir geriet; dasselbe geschah auch mit seinen ihn beschftigenden Gedanken: er verschmolz sich mit einem fremden, mit dem Verstand nicht zu fassenden Gedanken -- dem Gedanken des riesigen, vielbeinigen Wesens, das durch den Newskij-Prospekt zog. Auf dem Newskij-Prospekt gab es keine Menschen, dort war nur ein laut tnender, kriechender Vielfler; eine Vielheit von Worten wurde an ein und derselben Stelle durch eine Vielheit von Stimmen abgelagert; richtig geordnete Stze wurden dort zerhackt durch Anprallen aufeinander; und die Worte flogen sinnlos und wahnsinnig geworden auseinander wie die Scherben zerschlagener, leerer Flaschen, die frher an einer bestimmten Stelle gelegen waren. Durcheinandergebracht verbanden sich die Worte dann wieder in einen endlosen Satz, ohne Anfang und Schlu; dieser Satz war jedes Sinnes beraubt und schien aus sinnlosen Fabeln zu bestehen: die endlose Sinnlosigkeit eines Satzes hing wie eine Ruwolke ber dem Newskij-Prospekt; in der Luft erhob sich der schwarze Rauch der Hirngespinste. Alexander Iwanowitsch ri seine Gedanken wieder aus der Flut zurck; sie kamen aus dem flieenden Wirrwarr ordentlich beschmutzt hervor; nach dem Bad in dem gedanklichen Kollektiv wurden auch seine Gedanken zu einem Wirrwarr, mit Mhe richtete er sie auf, die Worte, die gegen sein Ohr schlugen: auch die Worte des Nikolai Apollonowitsch; diese Worte klopften schon fortwhrend an sein Ohr, aber fremde Worte drngten sich wie Splitter dazwischen und zerrissen die Stze; Alexander Iwanowitsch konnte deswegen nicht den Sinn dessen auffangen, was an sein Trommelfell gelangte. Verstehen Sie, -- trommelte es vor seinem Ohr -- verstehen Sie mich, Alexander Iwanowitsch . . . O ja, ich verstehe . . . Das Ohr Alexander Iwanowitschs bemhte sich, den an ihn gerichteten Satz aus dem Wirrwarr herauszuziehen, das war aber nicht leicht, denn fremde Worte fielen wie ein Steinhagel dazwischen: Ja, ich verstehe Sie . . . In der Blechbchse dort -- trommelte es wieder -- bewegte sich ein Leben: dort tickte so seltsam ein Uhrwerk . . . Alexander Iwanowitsch dachte: Blechbchse? Was fr eine Blechbchse? Und was geht mich seine Blechbchse an? Als er aber seine Aufmerksamkeit konzentriert hatte, begriff er pltzlich, da der Senatorsohn von der Bombe sprach. Als ich sie aufgezogen hatte, begann sich drinnen ein Leben zu bewegen; und erst war sie doch tot . . . Ich habe nur den Schlssel umgedreht und ja . . . und . . . ja, es schluchzte sogar etwas darin, ich versichere Sie; wie ein Betrunkener, den man aus dem Schlaf gerttelt hat. Haben Sie sie denn aufgezogen? Ja, und sie begann zu ticken . . . Die Uhr? Auf vierundzwanzig Stunden. Wozu haben Sie das getan? Ich habe die Blechbchse auf den Tisch gestellt und sah sie an, betrachtete sie; die Finger streckten sich von selbst nach ihr -- einfach so, sie drehten von selbst den Schlssel um . . . Was haben Sie gemacht?!! Geschwind in den Flu mit ihr!! In aufrichtigem Schreck schlug Alexander Iwanowitsch die Hnde zusammen; seine Halsmuskeln zuckten. Verstehen Sie: sie schnitt eine Grimasse . . . Die Blechbchse? Ich wurde berhaupt, whrend ich vor ihr stand, von verschiedenen Empfindungen erfat, die einander rasch abwechselten, von sehr verschiedenen . . . Wei der Teufel, was das war . . . Ich habe, aufrichtig gesagt, noch nie im Leben derartiges empfunden . . . Ein Ekel hatte mich gepackt, aber so, da ich von Ekel zerrissen wurde . . . Das bldeste Zeug kam mir in den Kopf; und vor allem das Gefhl des Ekels, eines furchtbaren, unermelichen Ekels: schon die Form der Blechbchse ekelte mich an, der Gedanke, da darin frher Sardinen herumschwammen (nicht ausstehen kann ich sie!); es war ein Ekel wie vor einem groen, harten Insekt, das mir mit seinem Insektengeplapper ans Ohr schlug; denken Sie: es wagte mir etwas zuzuraunen . . . Ha? . . . Hm . . . Es war ein Ekel wie vor einem Rieseninsekt, dessen Krper mit belkeit erregendem Blech berzogen war . . . Ich wei nicht: war es das Insektenhafte oder war es das Blecherne . . . aber wissen Sie, mich drckte so der Ekel, als ob . . . na, als ob ich sie hinuntergeschluckt htte . . . Hinuntergeschluckt!? Pfui Teufel . . . Ja, wei der Kuckuck: geschluckt; verstehen Sie, was das heit? Ich wurde eine gehende Bombe mit zwei Beinen, in deren Leib es widerwrtig tickte. Leiser doch, Nikolai Apollonowitsch, man kann uns hren! Ach, was werden die verstehen! Das ist ja gar nicht zu verstehen . . . Man mu sie auf dem Tisch vor sich gehabt haben, ihr Ticken gehrt haben, vor ihr gestanden sein . . . Kurz, man mu alles selbst erlebt haben, in seinen Empfindungen . . . Ah, wissen Sie, -- pltzlich wurde auch Alexander Iwanowitsch lebhaft -- ich verstehe Sie: ein Ticken . . . Einen Laut kann man verschieden in sich aufnehmen: wenn man auf ihn horcht, kann man neben dem einen auch etwas anderes hren . . . Ich habe einmal einen Neurastheniker bis zur Raserei gebracht: ich begann nmlich im Gesprch mit ihm mit dem Finger leicht auf den Tisch zu klopfen, mit gewissem Vorbedacht, wissen Sie, im Takt zum Gesprch; pltzlich sah er mich an, verstummte, wurde bla und fragte dann: >Was machen Sie?< Ich sagte: >Nichts<, fuhr aber fort, weiterzuklopfen . . . Denken Sie: der hat einen Anfall bekommen und war so verletzt, da er mich von da ab bei Begegnungen auf der Strae nie mehr grte . . . Das kenne ich . . . Nein, nein, nein: das kann man nicht verstehen . . . In mir hob sich etwas: Erinnerungen, unbekannte und doch bekannte Delirien . . . Sie erinnerten sich Ihrer Kindheit, nicht wahr? Als wenn sich alle Empfindungen von einer Binde gelst htten . . . Es bewegte sich etwas ber dem Kopfe -- wissen Sie? Wenn sich einem die Haare struben -- das kann ich verstehen, aber das war es doch nicht, denn bei mir war der Schdel selbst offen. Jawohl: ich habe es diese Nacht verstehen gelernt, was das heit: die Haare stehen einem zu Berge; es sind aber nicht die Haare: der ganze Krper ist es, der einem >zu Berge steht<, alles strubte sich wie einzelne Hrchen: die Beine, die Arme, die Brust; wie wenn alles mit unsichtbaren Haaren bedeckt wre und jemand dir mit einem Strohhlmchen darber fhre; oder wie wenn du in ein Kohlensurebad tauchst und die mit Gas gefllten Luftblasen dir ber den Krper laufen: kitzeln, pulsieren, immer rascher, immer schneller, so da, wenn du still liegen bleibst, dieses Kitzeln, Pulsieren, Herumfahren zu einer mchtigen Empfindung wird; wie wenn dein Krper in Stcke zerrissen wrde, die einzelnen Teile deines Krpers in verschiedene Richtungen auseinandergezerrt wrden: vorn wird dir das Herz herausgerissen, hinten ein Stck deines Rckenmarks; du wirst an den Haaren nach oben gezogen; nach unten an den Beinen gezerrt . . . Dann machst du eine Bewegung, und alles beruhigt sich wieder . . . Kurz: Sie waren wie Dionysos, der Gemarterte, Nikolai Apollonowitsch . . . Doch Scherz beiseite: Sie sind jetzt auf einmal ganz anders, ich erkenne Sie nicht . . . Jetzt sprechen Sie nicht nach Kant . . . So habe ich Sie noch nie reden hren . . . Ja, ich sagte es Ihnen schon: meine Empfindungen haben sich gleichsam von einer Binde gelst . . . Nicht nach Kant, meinen Sie. Was Kant? Dort ist alles anders . . . Dort ist, Nikolai Apollonowitsch, eine ins Blut bergeleitete Logik, das heit Hirnempfindung im Blut oder Totenruhe; nun nherte sich Ihnen ein wirkliches Ereignis des Lebens, und das Blut stieg Ihnen zum Hirn; daher hrt man auch in Ihren Worten jetzt das Pulsieren wirklichen Lebens . . . So stand ich, wissen Sie, vor ihr, und es schien mir . . . ja, worber sprach ich? Sie sagten: und es schien Ihnen . . . Und es schien mir, ich selbst blhe mich auf; vielmehr: ich bin schon lngst ganz aufgeblht; es sind vielleicht schon hundert Jahre, da ich mich immer mehr aufblhe; ohne es gemerkt zu haben, lief ich als aufgeblhtes Monstrum herum . . . Das ist wirklich schrecklich. All das sind Empfindungen . . . Aber sagen Sie: bin ich nicht . . . nicht . . . Alexander Iwanowitsch lchelte mitleidig: Im Gegenteil, Sie sind etwas magerer geworden: Ihre Wangen sind eingefallen, unter den Augen sind bluliche Ringe. Ich bin dort vor ihr gestanden . . . Nein, nicht ich -- nicht ich, nein . . . ein Riese mit ungeheurem idiotischen Kopf, dessen Schdelnhte offen waren; und dabei pulsierte der Krper; ber den ganzen, ganzen Krper liefen Ndelchen; sie stachen, schossen hinein; ich empfand deutlich auf einer Entfernung von mindestens einem Viertelarschin vom Krper die Stiche -- ganz auerhalb des Krpers! . . . Ah! . . . Denken Sie nur! . . . Ich empfand unzhlige Stiche krperlicher Art -- auerhalb des Krpers . . . Und diese Stiche, die Pulsschlge -- begreifen Sie doch das! -- zeichneten mein Kontur ber den Grenzen meines Krpers, diesseits der Haut: die Haut befand sich innerhalb des Empfindungskreises. Was war das? Sollte ich umgekrempelt gewesen sein, mit der Haut nach innen? Oder war mein Hirn nach auen bergesprungen? Sie waren einfach auer sich . . . Sie haben gut zu sagen >auer sich< -- das sagen eben alle. Das ist ja nur eine Allegorie, die sich nicht auf krperliche Empfindungen sttzt; oder, im besten Fall, nur auf eine Emotion. Ich fhlte mich aber >auer mir< ganz krperlich, sozusagen physiologisch, nicht emotional . . . Gewi, ich war auch zugleich in Ihrem Sinne auer mir, das heit, ich war erschttert. Die Hauptsache war aber, da sich meine organischen Empfindungen, die Empfindungen meiner Sinnesorgane um mich herum ausbreiteten, sich in den mich umgebenden Raum ergossen, erweiterten: ich flog auseinander wie eine Bombe . . . Tsss! In kleine Teile! . . . Es kann uns jemand hren . . . Wer war es also, der dort gestanden hat -- ich oder nicht ich? Das geschah mit mir, in mir, auerhalb meiner . . . Merken Sie diese Anhufung von Worten? . . . Erinnern Sie sich: als ich neulich bei Ihnen war, wie ich das Paketchen brachte -- da fragte, ich Sie: Warum bin ich -- ich? Sie haben mich damals nicht verstanden . . . Und jetzt habe ich alles begriffen: aber das ist doch ein Schrecken, ein Schrecken . . . Es ist kein Schrecken, sondern das wahrhaftige Erleben des Dionysos: kein Erleben in Worten, im Buch . . . Ein Erleben des sterbenden Dionysos . . . Der Teufel wei, was das ist! Beruhigen Sie sich doch, Nikolai Apollonowitsch! Sie sind furchtbar mde; und das ist nicht zu verwundern: in einer Nacht so viel zu erleben . . . Das knnte auch einen Strkeren umwerfen. Alexander Iwanowitsch legte ihm die Hand auf die Schulter; die Schulter bebte; Alexander Iwanowitsch empfand jetzt direkt das Bedrfnis, sich von dem nervs plappernden Ableuchow frei zu machen und ber das Geschehene ins klare zu kommen. Ich bin ja ruhig, vollstndig ruhig; ich wre jetzt sogar nicht abgeneigt, ein Glschen zu trinken; ich fhle mich gehoben, frisch . . . Sie knnen mir ja mit Sicherheit besttigen, da der Auftrag ein Schwindel war? Das konnte nun Alexander Iwanowitsch nicht mit Sicherheit sagen; trotzdem sagte er kurz und ungemein heftig: Ich brge dafr . . . Die Offenbarung Endlich verabschiedete er sich. Jetzt hie es vorwrts schreiten: immerzu schreiten, schreiten bis zur vlligen Berauschung des Gehirns; dann vor das Tischchen im kleinen Restaurant niedersinken, Wodka trinken und nachdenken. Alexander Iwanowitsch fiel es pltzlich ein: der Brief, der Brief! Aber hatte er nicht selbst einmal einen Brief von der gewissen Person bernommen, um ihn -- Ableuchow zu bergeben? Wie hatte er doch alles vergessen! Den Brief hatte er bei sich, als er Ableuchow damals mit dem Paket besuchte, doch hatte er vergessen, ihn abzugeben; er bergab ihn bald darauf Warwara Ewgrafowna, die ihm sagte, sie werde Ableuchow treffen. Sollte es am Ende der verhngnisvolle Brief gewesen sein? . . . Aber nein doch, nein. Dieser konnte es nicht gewesen sein; Ableuchow bekam ja jenen Brief, wie er berichtet hat, auf einem Ball durch eine -- Maske . . . Ball, Maske -- und Warwara Ewgrafowna Ssolowjowa! Nein, nein! Das beruhigte Alexander Iwanowitsch: dieser Brief war es also nicht; so war er, Alexander Iwanowitsch Dudkin, an der Sache unbeteiligt; vor allem aber: der furchtbare Auftrag konnte nicht von Lipantschenko ausgehen; das behielt er als Haupttrumpf in der Hand; denn wrde der Brief von Lipantschenko ausgegangen sein, so mte dieser ihm als eine zweifelhafte Person erscheinen und er, Dudkin, wrde sich dann sagen mssen, da er mit einer zweifelhaften Person in Verbindung stehe. Das wre ein Wahnsinn. Kaum, da er sich all das berlegte, und im Begriff, einen Trambahnwagen zu besteigen, den Droschkenstrom zu durchqueren dachte, als er eine Stimme vernahm. Alexander Iwanowitsch, einen Augenblick . . . warten Sie . . . Er drehte sich um und sah Nikolai Apollonowitsch, der, kaum Atem holend, am ganzen Krper zitternd, mit Fieberflmmchen in den Augen, hinter ihm herlief und ihm zur Verwunderung der Passanten mit dem Stock lebhaft zuwinkte . . . Einen Augenblick . . . Herrgott, Sakra! . . . Warten Sie, Alexander Iwanowitsch: ich kann mich nicht so ohne weiteres von Ihnen trennen . . . Ich mu Ihnen nur sagen . . . Er nahm Dudkin bei der Hand und fhrte ihn zum Schaufenster eines Ladens, wo sie nun stehenblieben. Mir erffnete sich noch etwas . . . War es eine Offenbarung oder so etwas gewesen . . .? Dort vor der Blechbchse . . . Hren Sie, Nikolai Apollonowitsch, ich mu gehen: in Ihrer eigenen Sache . . . Ja, ja, ja: nur noch einen Augenblick . . . eine kleine Sekunde . . . Schn, schn: ich hre zu . . . Nikolai Apollonowitsch sah jetzt aus, als wre eine Inspiration ber ihn gekommen; vor Freude verga er, da der Knoten eigentlich noch nicht gelst war; und da -- was die Hauptsache war: die Blechbchse noch tickte und unermdlich daran arbeitete, die vierundzwanzig Stunden zu berwinden. Wie eine Offenbarung war es: als wachse ich, wissen Sie, in die Unermelichkeit hinein, den Raum berwindend; ich versichere Sie: es war ganz real -- und zugleich mit mir wuchsen alle Gegenstnde: das Zimmer, die Aussicht auf die Newa, die Spitze der Peter-Paul-Festung: alles wuchs, dehnte sich; schon nherte sich das Wachsen seinem Abschlu (es gab einfach keine Raummglichkeit mehr), da schien es mir: in diesem Abschlu, in dem Ende des Wachsens, in seiner Vollendung lag der Anfang von irgend etwas, lag etwas Fertiges . . . Und dieses >Etwas< war so unfabar und so unangenehm und so sinnlos; sinnlos aber vielleicht nur deswegen, weil mir das Organ fehlte, mit dessen Hilfe ich in diesem Sinnlosen, dem ber den Abschlu Hinausreichenden einen Sinn gefunden htte. An Stelle der sinnlichen Empfindung hatte sich eine >Null_Null minus Etwas_< war. Hren Sie, unterbrach ihn Alexander Iwanowitsch: sagen Sie mir lieber: hat Ihnen Warwara Ewgrafowna Ssolowjowa einen Brief bergeben? . . . Einen Brief? . . . Ja, einen Brief? . . . Ach, Sie meinen die Verse mit der Unterschrift >Flammende Seele_Null minus Etwas_<. Was ist das aber? Mein Gott, immer dasselbe! Sie sollten doch die Apokalypse lesen . . . Sie haben mir schon frher einmal zum Vorwurf gemacht, da ich die Apokalypse nicht kenne; ich will sie jetzt lesen, ganz bestimmt. Ich fhle, da, nachdem ich durch Sie wegen der Sache beruhigt bin, in mir das Interesse fr Ihre Lektre erwacht ist; ich werde mich jetzt, wissen Sie, zu Hause einschlieen, werde Brom trinken und die Apokalypse lesen; es interessiert mich ganz auerordentlich; etwas blieb in mir von dieser Nacht zurck: alles ist so und doch wieder anders . . . Sehen Sie zum Beispiel hier das Schaufenster . . . In ihm spiegeln sich die Gegenstnde ab: da geht ein Herr mit steifem Hut vorbei -- sehen Sie -- jetzt ist er fort . . . Da sind wir beide, sehen Sie? Und alles ist so sonderbar . . . Sonderbar . . . ja . . . Alexander Iwanowitsch nickte zustimmend: o, was das sonderbar betrifft, so war er darin wohl Spezialist. Oder auch: die Gegenstnde . . . Wei der Teufel, was das ist: alles ist so, wie es war, und doch wieder anders . . . Das ist mir bei der Betrachtung der Blechbchse klar geworden: eine Blechbchse wie jede andere -- und doch: keine, nein, keine Blechbchse, sondern . . . Tsss . . . Eine Blechbchse -- furchtbaren Inhalts! Tragen Sie nur die Blechbchse geschwind in die Newa; dann wird sich auch alles geben, alles wird wieder auf seine richtige Stelle kommen . . . Nein, nein, nie wird es wieder, wie es war, nie . . . Er sah sich traurig nach den vorbergehenden Paaren um; er seufzte traurig, denn er wute: nie wird es wieder, wie es war, nie, nie wieder . . . Alexander Iwanowitsch staunte ber den Beredsamkeitsstrom, der sich aus dem Munde Ableuchows ergo; er wute im Grunde genommen gar nicht, was er damit anfangen solle: sollte er ihn beruhigen, ihm beipflichten oder ihm im Gegenteil widersprechen; oder das Gesprch abbrechen (Ableuchows Anwesenheit bedrckte ihn jetzt sehr). Ihre Empfindungen, Nikolai Apollonowitsch, erscheinen nur Ihnen selbst merkwrdig; Sie sind einfach bis jetzt in ungelftetem Zimmer dagesessen und haben Kant studiert; nun gerieten Sie in einen Wirbelsturm, und da begannen Sie auf sich aufzupassen . . . Sie horchten auf den Sturm und entdeckten sich selbst in ihm . . . Ihre Empfindungen sind schon oft und oft beschrieben worden; sie sind Gegenstand der Beobachtungen, des Studiums . . . Wo aber, wo? In der Belletristik, in der Lyrik, in der Psychiatrie, in okkultischen Forschungen . . . Alexander Iwanowitsch lchelte unwillkrlich ber diese schreiende (von seinem Standpunkte) Unwissenheit dieses geistig hochentwickelten Scholastikers, dann fuhr er lchelnd fort: Der Psychiater . . . ? Wrde es bezeichnen . . . Ja, ja, ja . . . All das . . . Dieses: >das und wieder nicht dasPseudohalluzination< bezeichnen. ? Das bedeutet -- eine Art symbolischer Empfindungen, die dem reizauslsenden Geschehnis nicht entsprechen. Ah was: so etwas sagen ist so gut wie nichts sagen. Ja, Sie haben wohl recht. Nein, solche Erklrung kann mich nicht befriedigen . . . Gewi, der Ultramoderne wrde diese Empfindungen als die der Urtiefe bezeichnen, das heit, er wrde einer nicht alltglichen symbolischen Empfindung ein passendes Bild zu geben versuchen. Das wre doch nur eine Allegorie. Verwechseln Sie nicht Allegorie mit Symbol: Allegorie ist ein Symbol, das zu einer stehenden Redensart geworden ist; ein Beispiel dafr ist das bliche >auer sich<; das Symbol aber ist eine Appellation an das wirklich Erlebte, zum Beispiel von Ihnen -- an Ihr Erlebnis bei der Blechbchse; es ist eine Aufforderung an die anderen, knstlich das zu erleben, was der Betreffende wirklich erlebt hatte . . . Doch wre ein anderes Wort hier zutreffender: nmlich: das Pulsieren des Elementarkrpers. In dieser Weise hatten Sie eben Ihr Erlebnis gehabt; die erlebte Erschtterung hat Ihren Elementarkrper ganz real mitgerissen, er hat sich fr einen Augenblick von Ihrem physischen Krper gelst, und darin liegt der Grund all Ihrer Empfindungen: stehende Redensarten wie >Abgrundtiefe< oder >auer sich< haben Tiefe angenommen, wurden fr Sie lebenswahr, wurden Symbol; nach der Lehre verschiedener mystischer Schulen verwandeln die Erlebnisse des Elementarkrpers Worte und Allegorien in Realitten und Symbole; die Werke der Mystiker sind erfllt von solchen Symbolen, und ich wrde Ihnen raten, jetzt, nachdem Sie das alles erlebt haben, die Mystiker zu lesen . . . Ich sagte Ihnen schon, da ich es tun werde . . . Was Ihre Erlebnisse selbst betrifft, so kann ich nur noch folgendes hinzusetzen: Ihre ersten Empfindungen nach Ihrem Tode werden ganz derselben Art sein, wie Plato, gesttzt auf das Zeugnis der Bacchanten, uns versichert . . . Es gibt Experimentalschulen, in denen man solche Empfindungen bewut hervorruft. Sie glauben es nicht? . . . Solche gibt es, das kann ich Ihnen fest versichern, denn mein einziger Freund, der mir berhaupt am nchsten stehende Mensch, gehrt einer solchen Schule an; die Experimentalschule wrde Ihren Alpdruck durch zielbewute Arbeit in gesetzmige Harmonie verwandeln, indem sie den Rhythmus, die Bewegungen, die Pulsation studieren und das nchterne Bewutsein in die Empfindungen einfhren wrde, zum Beispiel in das Gefhl der Ausbreitung . . . brigens stehen wir noch immer da und plaudern . . . Sie mssen nach Hause eilen und die Blechbchse ins Wasser werfen; und bleiben Sie ja zu Hause, keinen Schritt hinaus (Sie werden sicher beobachtet); bleiben Sie zu Hause sitzen, trinken Sie Brom, und lesen Sie die Apokalypse: Sie sind ja sehr abgespannt . . . brigens lassen Sie lieber das Brom; Brom stumpft das Bewutsein ab; wer Brom mibraucht hat, der taugt zu nichts mehr . . . Und ich mu nun eilen, in Ihrer Sache. Alexander Iwanowitsch drckte rasch Ableuchows Hand und tauchte in den Strom schwarzer Hte unter; erst aber drehte er sich wieder um und rief: Vergessen Sie nicht -- die Blechbchse in den Flu! Seine Schulter klebte nun an anderen Schultern, und rasch schleifte ihn der Vielfler mit sich fort. Nikolai Apollonowitsch fuhr zusammen: in der Blechbchse brodelte ja inzwischen das Leben; auch in diesem Augenblick war der Uhrenmechanismus an der Arbeit; geschwind nach Hause, geschwind; er wollte gleich eine Droschke nehmen; zu Hause werde er _sie_ in die Tasche stecken, und dann in die Newa mit ihr! Nikolai Apollonowitsch fhlte pltzlich wieder, wie er sich zu dehnen begann; zugleich fhlte er: es rieselt. Die Karyatide Dort hinter der Kreuzung ghnte wie ein dunkler Schlund die Strae; steinern erhob sich in ihr vor einem Portal die Karyatide. Es war das Amt; jenes Amt, in dem Apollon Apollonowitsch Ableuchow unbeschrnkt herrschte. Der Herbst hat seine Zeitgrenze; und der Winter hat seine Zeitgrenze; zyklisch verlaufen selbst die Zeitperioden. Die brtige Karyatide aber erhob sich ber die Zyklen: halsbrecherisch stemmte sie ihren steinernen Huf gegen die Mauer; man glaubte: gleich wrde sie sich losreien und als Steinmasse auf die Strae strzen. Und doch -- sie strzt nicht hinunter. Was sie ber sich sieht, ist wie das Leben vernderlich, unerklrlich, unfabar: Wolken ziehen dahin; die weien Schfchen wandeln sich in weie Unfalichkeiten; oder -- es rieselt; es rieselt -- so wie jetzt, wie gestern, wie vorgestern. Das, was sie zu ihren Fen sieht, ist ebenso unvernderlich wie sie selbst: unvernderlich ist der Zug des menschlichen Vielflers auf dem erleuchteten Trottoir; oder wie im Augenblick, bei der trostlosen Feuchtigkeit: das tdlich eintnige Schlrfen der dahineilenden Fe; und ewig grn sind die Gesichter; nein, an ihnen sieht man nicht, da groe Ereignisse im Gange sind. Wer den dahinziehenden Strom von Hten beobachtete, htte nicht gesagt, da schon im Theater in Kutais aus dem Publikum vor kurzem der Ruf ertnte: Staatsbrger! . . ., da der Polizeihauptmann in Tiflis eine Bombenfabrik entdeckt hat, da in Odessa die Bibliothek geschlossen wurde; da an zehn Universitten Rulands Meetings abgehalten wurden -- an ein und demselben Tag, zu ein und derselben Stunde; da zur gleichen Zeit Tausende berzeugter, jdischer Revolutionre zu Versammlungen zogen; da die Bewohner von Perm rumorten; da im selben Augenblick die von Kosaken umzingelte Stahlfabrik in Reval die rote Flagge gehit hat. Wer den dahinziehenden Hutstrom beobachtete, htte nicht gesagt, das von berallher neues Leben hervorsprudelte; da schon auf der Strecke Moskau -- Kasan der Streik der Eisenbahner begonnen hat; da auf vielen anderen Strecken die Arbeit eingestellt wurde; da die Arbeiter in den Bahnhfen die Fenster einschlugen, die Eisenbahnschuppen zerstrten; da Zehntausende vom Starrkrampf getroffene Waggons berall stillstanden, da der Verkehr allmhlich erstarb. Angesichts dieses Hutstroms htte niemand gesagt, da in Petersburg die Ereignisse in vollem Gange waren, da sich die Setzer aller Zeitungen vereint und eigene Delegierte gewhlt haben; da an den Riesenwerken bei Petersburg gestreikt wurde und berall in den Vororten die mandschurischen Mtzen zu sehen waren; da jeder einzelne -- _er_ und doch wieder _nicht er_ war; da der Strom nicht nur einfach dahinzog, sondern dahinzog mit dem Gefhl der Unruhe in sich; da jeder die Empfindung hatte, sein Kopf sei ein Idiotenkopf mit offenen Schdelnhten, da dieser Kopf jeden Augenblick von einem Sbel oder sogar von einem einfachen Holzknppel gespalten werden konnte. Htte da einer sein Ohr auf den Boden gedrckt und gelauscht -- er htte ein liebliches Gemurmel vernommen: ein Revolverknattern, das sich von Archangelsk bis zur Krim, von Libau bis Blagoweschtensk ausbreitete. Doch war die Zirkulation noch ungestrt: monoton, langsam, leblos zog noch der Hutstrom zu den Fen der Karyatide dahin. * * * Die graue Karyatide beugte sich vornber und blickte auf die sich immer gleichbleibende Menge zu ihren Fen; unendlich war die Verachtung, die sich im alten Stein der Augen ausdrckte; unendlich war der berdru, unendlich die Verzweiflung. Und -- o, htte sie doch die Kraft! Wie htten sich die muskulsen Arme ber die steinernen Schultern gereckt; und der von dem Meiel zerhauene Nacken -- wie flge er wild nach oben; in einem lauten, verzweifelten, langgezogenen Brllen risse sich der Mund auf; du httest gesagt: Es ist das Brllen des Sturmes (so brllten die schwarzen Tausende von Mtzen der Huligans whrend der Pogrome). Wie aus einer Lokomotive wrde sich auf die Strae ein Dampfstrom ergieen; die von der Strae losgerissene Balkonbalustrade wrde erstaunt auf das Pflaster aufschlagen und in laut tnende, feste Steine zerfallen (so fielen bald darauf die Steine gegen die Fenster der Regierungsgebude); zu einem Steinhagel wrde dieses Meielwerk werden, whrend es erst in der trben Luft einen ebenso trben wie blendenden Bogen bilden wrde; und als blutige Splitter wrden diese Hagelkerne auf den erschreckten Hten der hier monoton, langsam, leblos Vorberziehenden liegenbleiben . . . * * * An diesem grauen Petersburger Tage flog auf einmal die schwere, prchtige Tr auf; der graue, glattrasierte Lakai mit Goldtressen auf dem Revers sprang heraus, um dem Kutscher das Zeichen zu geben; die Pferde zogen wild an und rollten pfeilschnell den lackierten Wagen an das Portal heran; der graue Lakai mit dem glattrasierten Gesicht streckte sich mit dmmster Miene in Positur, whrend Apollon Apollonowitsch Ableuchow mit vorgebeugtem Rcken, unrasiert, mit krankhaft aufgedunsenem Gesicht und herabhngender Unterlippe seine schwarz behandschuhte Hand an den Rand des glnzend schwarzen Zylinders fhrte. Apollon Apollonowitsch warf einen kurzen, von Gleichgltigkeit erfllten Blick auf den Lakai, auf den Wagen, auf den Kutscher, auf die schwarze Brcke, auf die gleichmige Flche der Newa, in der sich die dumpfe, vielschlotige Ferne zeichnete, whrend sich hinten aschgrau die Wassiljewski-Insel breitete mit den vielen Tausenden von Streikenden, die sie beherbergte. Der stramme Diener schlug die Wagentr zu, die das alte Wappen, einen Ritter, von einem Einhorn durchbohrt, trug; der Wagen strmte in den schmutzigen Nebel hinein, an der mattdunklen Riesensilhouette des Issakijdoms, an dem Reiterdenkmal des Kaisers Nikolaus vorbei, auf den Newskij, wo die Massen sich stauten, wo sich mit leichtem Suseln der rote flatternde Stoff ber die Strae spannte; die schwarzen Konturen des Wagens, die Silhouette vom Dreimaster des Lakaien durchschnitt pltzlich die schwarze, dichte Masse, aus der lauter Gesang dem Wagen entgegenschlug. Der Wagen hielt in der Menge. Fort, fort, Tomy! Mais j'espre . . . Sie hoffen? Mais j'espre que oui, schallte des Auslnders Stimme hinter der Tr. Die Schritte Alexander Iwanowitschs auf der Holzdiele der Terrasse tnten absichtlich laut; Alexander Iwanowitsch liebte es nicht zu horchen. Die ins Zimmer fhrende Tr war halb offen. Es wurde immer dunkler -- blauer. Man achtete auf seine Schritte nicht. Alexander Iwanowitsch Dudkin beschlo, nicht weiter zu horchen, und er berschritt die Schwelle des Zimmers. Ein schwerer Duft erfllte hier die Luft: eine Mischung von Parfm und scharfer Sure eines Medikamentes. Soja Sacharowna Fleisch erging sich wie immer in Liebenswrdigkeiten. Sie gab sich die grte Mhe, einen fremden Besucher zum Bleiben zu bewegen; der Fremde wehrte aber dankend ab. Es wurde immer dunkler -- blauer. Ah, ich freue mich sehr, Sie zu sehen, sehr . . . Es ist furchtbar nett, da ich Sie sehe . . . Putzen Sie bitte die Fe ab, und nehmen Sie Ihren berzieher ab. Alexander Iwanowitsch drckte khl Sojas Hand. Ich hoffe, Sie haben einen sehr schnen Eindruck von Ruland gewonnen . . . Nicht wahr? . . . wandte sie sich wieder an den Fremden. -- Welcher Aufstieg! Der Franzose trocken: Mais j'espre . . . Soja Sacharowna Fleisch rieb sich die vollen Hndchen und sah mit ihrem liebkosenden, doch etwas verlegenen Blick bald den Franzosen, bald Alexander Iwanowitsch an; sie hatte runde Augen, die ihr aus den Augenhhlen hervorquollen. Soja Sacharowna mochte etwa an die Vierzig sein; Soja Sacharowna war eine Brnette mit groem Kopf; ihre festen Wangen waren emailliert, und der Puder fiel von ihnen herunter. Er ist noch nicht da . . . Sie kommen doch zu ihm? fragte sie wie beilufig Alexander Iwanowitsch; in dieser flchtigen Frage verbarg sich eine gewisse Unruhe; vielleicht verbarg sich darin Feindseligkeit; vielleicht sogar Ha; doch die Unruhe, Feindseligkeit und der Ha verdeckte der Blick und das liebenswrdige Lcheln; so verdeckt die klebrige Sigkeit der Bonbons, die allenthalben in den Lden verkauft werden, all den Schmutz der ungelfteten Rume, wo sie gemacht werden. Ich werde auf ihn warten. Alexander Iwanowitsch verneigte sich vor dem Franzosen, dann langte er nach einer der Birnen, die in einer Fruchtschale auf dem Tisch standen; Soja Sacharowna stellte darauf die Schale etwas weiter weg; Alexander Iwanowitsch a Birnen gar zu gern. Soja Sacharowna lie inzwischen den Franzosen nicht los: Ja, ja, ja: wir erleben Dinge von geschichtlicher Bedeutung . . . berall Mut und Jugend . . . Der zuknftige Geschichtsschreiber wird . . . Glauben Sie es nicht? Besuchen Sie nur die Meetings . . . Hren Sie nur die Reden voll berschwenglicher Gefhle; sehen Sie sich nur die Begeisterung an . . . Der Franzose schien keine Lust zur Fortsetzung des Gesprchs zu haben. Pardon, madame, monsieur viendrat il bientt? Um dieses Gesprch, das sonderbarerweise sein nationales Gefhl verletzte, nicht zu hren, trat Alexander Iwanowitsch ans Fenster, wobei er fast ber einen buschigen Bernhardiner stolperte, der auf dem Boden liegend gemchlich einen Knochen bearbeitete. Aus den Fenstern des kleinen Landhauses sah man das Meer: es wurde immer dunkler -- blauer. Das Auge des Leuchtturms drehte sich im Kreise um; das Licht flimmerte -- eins, zwei, drei! -- und es erlosch; der dunkle Mantel eines Passanten flatterte in der Ferne; noch weiter sah man, wie sich die Wellen wiegten; die Lichter am Ufer lagen wie verstreute Funkensplitter da; der vielugige Strand borstete sich mit seinem Schilf; weit, weit tnte eine Sirene. Was fr ein Wind! Bitte, da ist die Aschenschale . . . Die Aschenschale blieb vor Alexander Iwanowitschs Nase stehen; doch Alexander Iwanowitsch war ein sehr empfindlicher Mensch: er warf den Zigarettenstummel in den Topf des Blumenstocks am Fenster, aus einem Protestgefhl heraus. Wer singt denn da? Soja Sacharowna machte eine Geste, aus der hervorging, da sie den Fragenden als einen rckstndigen Menschen betrachtete. So? Das wissen Sie nicht? . . . Ja, gewi: Sie wissen es eben nicht . . . Also: es ist nmlich Schischnarfijew . . . was das aber heit -- hinter seinen vier Wnden hocken . . . Schischnarfijew hat sich uns allen sehr angeschlossen . . . Ich habe diesen Namen schon irgendwo gehrt . . . Schischnarfijew hat sehr viel Kunstsinn . . . Soja Sacharowna sagte die letzten Worte mit solcher Betonung, als htte Alexander Iwanowitsch an den knstlerischen Fhigkeiten des genannten Sngers in unangebrachter Weise Zweifel geuert. Doch Alexander Iwanowitsch dachte gar nicht daran, die Talente des Knstlers zu bemkeln. Er fragte blo: Ist er Armenier? Bulgare? Georgier? Nein, ach nein . . . Chorwate? Persier? Ja, er ist ein Persier aus Schemacha; er war vor kurzem bei dem Aufruhr in Ispaganj beinahe umgebracht worden . . . Ah, so: er ist also ein Jungperser? Selbstverstndlich . . . Sie wuten es nicht? . . . Schmen Sie sich . . . Soja Sacharowna bergo ihn mit einem verchtlichen Blick und wandte sich wieder dem Franzosen zu: Alexander Iwanowitsch hrte der Unterhaltung der beiden nicht zu, natrlicherweise: er horchte aber auf die hoffnungslos zerrissene Baritonstimme; der Held Jungpersiens sang eine tiefelegische Romanze, und tiefe Wehmut wehte von ihr auf Alexander Iwanowitsch. Flchtig ging es aber Alexander Iwanowitsch nebenbei durch den Kopf, da Soja Sacharownas Gesichtszge den verschiedensten schnen Frauen entnommen sein konnten: der einen die Nase, der anderen der Mund, der dritten die Ohren. Zusammen ergaben die Zge jedoch ein Gesicht, das keinesfalls angenehm wirkte und das nichts weniger als schn war. Ihrem Typus nach gehrte aber Soja Sacharowna zu den ppigen orientalischen Brnetten. Die laut plappernde Stimme Soja Sacharownas drang indessen doch an Dudkins Ohr: Es handelt sich wohl um das Geld? Schweigen. Das Geld aus dem Auslande wird man wohl bentigen. Zur Antwort eine unruhige Handbewegung. Nach der Zerstrung der Organisation in T. T. wre es ratsamer fr Ihren Redakteur, nicht hierherzukommen . . . Der Franzose gab keinen Laut von sich. Denn es sind Dokumente entdeckt worden . . . Alexander Iwanowitsch hrte wieder das elegische Singen des Jungpersers. Inzwischen schien der Franzose die Geduld verloren zu haben. Etwas barsch sagte er: Je serai bien triste d'avoir manqu l'occasion de parler monsieur. Sie knnen ebenso mit mir sprechen . . . Excusez, dans certain cas je prfaire parler personnellement . . . Ein Busch schlug mit seinen Zweigen an das Fenster. Zwischen den Zweigen sah man die weie Gischt der Wellen schimmern, dmmerig und blau schaukelte ein Segelboot auf den Wellen, und ber den Segeln verdichtete sich blau der Abend. Die Segel schienen zu entschwinden in diesem dmmernden Blau. Da hielt pltzlich vor der Gartentr eine Droschke, und ein korpulenter Herr wlzte sich aus ihr herunter. Die ungelenken Finger der mit einem halben Dutzend hin und her baumelnder Pakete beschwerten Hand suchten lange im Portemonnaie herum; eine unterm Arm gehaltene Tte rutschte dabei nach unten, und flugs kullerten mehrere schne pfel im Schmutz der Strae. Der Herr beugte sich, um die pfel vom Boden aufzulesen; sein Mantel ging ihm dabei auf, und er schien schwer zu keuchen; beim Schlieen der Gartentr wren ihm die Pakete beinahe wieder in den Schmutz gefallen. Endlich schritt er auf dem gelben, von Struchern umsumten Gartenweg dem Hause zu; sofort verbreitete sich eine drckende Atmosphre; der mit einer Ohrenmtze bedeckte geierartige Kopf sa schwer auf den Schultern; die tiefsitzenden uglein aber liefen diesmal nicht unruhig hin und her (wie sie es immer taten, wenn ein fremder Blick sie traf); die tiefsitzenden Augen blickten mde und fest zu den Fenstern des Hauses hinber. Alexander Iwanowitsch bemerkte sogar in diesen Augen eine besondere, eigene Freude, zu der sich Mdigkeit und Traurigkeit gesellten -- eine rein tierische Freude, nach der Hetze des Tages bald ausruhen, sich erwrmen und in ausgiebiger Weise seinen Hunger stillen zu knnen. So erscheint das Raubtier, whrend es in seine Hhle zurckkehrt, zahm und mild und lt die auch ihm innewohnende Gutmtigkeit erblicken; es beschnuppert dann wohlwollend sein Weibchen und leckt die freudig winselnden Jungen ab. War das _er_? Ja, das war _er_; und _er_ sah diesmal harmlos und prosaisch aus; und doch: es war _er_. * * * Da kommt er auch! Enfin . . . Lipantschenko! . . . Guten Tag . . . Mit freudigem Knurren sprang der gelbe Bernhardiner auf und warf sich, mit einem Satz an die andere Ecke des Zimmers gelangend, seinem Herrn auf die Brust. Fort, fort, Tomy! . . . Lipantschenko, bemht, die Pakete vor dem Hunde zu schtzen, hatte nicht ein mal Zeit gehabt, seine ungerufenen Besucher in Augenschein zu nehmen: auf seinem breiten, flachen Gesicht drckte sich teils Humor, teils hilfloser Zorn aus; ein direkt kindlicher Zug huschte pltzlich in seinem Gesicht auf: Schon wieder das Ablecken! Er wandte sich hilflos von Tomy ab und rief: Soja Sacharowna, so helfen Sie mir doch loszukommen . . . Aber schon berhrte die breite Hundezunge ehrfurchtslos die Nasenspitze des Herrn; dieser schrie laut auf (und dabei, man denke nur, lchelte er) . . . Aber Tomy! Da erst bemerkte er die Besucher, die auf ihn warteten und etwas ungeduldig ber das Familienidyll lchelten; die Heiterkeit verschwand aus seinem Gesicht, und er sagte etwas barsch und wenig hflich: Bitte, gleich . . . Dabei bebte die herunterhngende Unterlippe, und man konnte ihr ablesen: Selbst hier keine Ruhe . . . Er ging in eine Ecke und bemhte sich lange, die neuen und etwas engen berschuhe abzustreifen; dann legte er ebenso langsam den berzieher ab, wobei er schwer und mhevoll etwas aus der Tasche hervorzog (man htte glauben knnen -- einen zwlflufigen Browning); was aber zum Vorschein kam, war -- eine Puppe. Diese Puppe warf er auf den Tisch mit den Worten: Das ist fr Akulinas kleine Manja . . . Da sperrte jeder der Besucher den Mund auf. Endlich wandte sich der Hausherr, indem er sich die erfrorenen Hnde rieb, mit gewissem, verlegenem Mitrauen an den Franzosen: Bitte . . . da hinein . . . da . . . Zugleich warf er Dudkin zu: Bitte geflligst zu warten . . . Hlich . . . Seltsam! Das Verhalten der _gewissen Persnlichkeit_ Dudkin gegenber hatte bis zu diesem Tage den Charakter grter Verbindlichkeit getragen; ja, es war nur Verbindlichkeit gewesen, und zwar Verbindlichkeit etwas zudringlicher Art; durch Monate hindurch, bei den verschiedensten Anlssen oder auch ohne diese hatte die gewisse Persnlichkeit ein Ornament aus Schmeichelei um Dudkin gewoben: diese Schmeichelei ernst zu nehmen -- das war so angenehm gewesen. Und Dudkin hatte sie ernst genommen. Er hatte die gewisse Persnlichkeit wohl verachtet, er hatte ihr gegenber einen physiologischen Widerwillen empfunden; ja, er hatte all diese Tage, die fr ihn eine Krise in seinem tiefsten Glauben bedeuteten, jede Begegnung mit der Persnlichkeit gemieden. Doch diese hatte ihn berall zu erreichen gesucht; seine oft mehr als spttischen Bemerkungen mit stoischer Gleichmtigkeit, zuweilen sogar mit zynischem Lachen entgegengenommen; htte er sie ber den Grund dieses Lachens gefragt, sie htte geantwortet: Ich lache -- ber Sie. Dudkin hatte sich bemht, der Persnlichkeit zu beweisen, da das Programm ihrer Partei unhaltbar sei, abstrakt, blind -- sie war damit einverstanden; doch wute Dudkin, da sie bei der Festsetzung des Programms mitgearbeitet hatte; htte er die Persnlichkeit gefragt, ob nicht ihrer Meinung nach bei der Ausarbeitung des Programms etwas wie Provokateurgeist mitgespielt habe, die Persnlichkeit htte beteuert: Nein, sicherlich nicht; diese Annahme ist eine Frivolitt . . . Dudkin hatte endlich versucht, die Persnlichkeit durch sein mystisches Kredo zu verblffen, indem er die Behauptung aufstellte: das Soziale, die Revolution sei keine Verstandeskategorie, sondern eine gttliche Forderung des Alls; die Persnlichkeit hatte nichts gegen die Mystik gehabt; sie hrte aufmerksam zu und bemhte sich sogar -- zu verstehen. Aber sie vermochte es nicht zu verstehen. Alle Einwendungen, alle radikalen uerungen hatte die Persnlichkeit schweigend hingenommen; dann klopfte sie ihm auf die Schulter und zog ihn mit ins Wirtshaus, wo sie vor dem Tischchen sitzend den ewigen Kognak tranken; zuweilen hatte ihm die Persnlichkeit unter dem Gerusch des Orchestrions gesagt: Ich? Was bin ich? -- nichts . . . Ich bin nur ein Unterseeboot; Sie aber sind ein Panzerkreuzer; ein groes Schiff gehrt ins groe Wasser . . . Und dabei hatte die Persnlichkeit ihn in die Dachkammer gejagt, ihn an die Dachkammer gefesselt und aus dem menschlichen Verkehr ausgeschaltet; der Panzerkreuzer lag im Hafen, ohne Mannschaft, ohne Kanonen; die einzigen Reisen, die er in der letzten Zeit gemacht hatte, waren nur -- ins Wirtshaus und zurck; die Persnlichkeit hatte all diese Wochen, die fr Dudkin eine Periode des Protestes bedeuteten, dazu benutzt, um aus ihm einen -- Sufer zu machen. Die Persnlichkeit war ihm immer gastfreundlich entgegengetreten, und Dudkin hatte das sichere Gefhl: kme er in eine Lage, wo er ernster Hilfe bedrfte, die Persnlichkeit wrde ihm diese ohne weiteres leisten; das erschien selbstverstndlich. Zum erstenmal ergab sich heute dazu die Gelegenheit. Er hatte Ableuchow versprochen, ihm den Knoten lsen zu helfen. Doch konnte er es nur mit Hilfe der Persnlichkeit ausfhren; durch eine unheimliche Verkettung von Umstnden hatte Ableuchow sich in ein frmliches Teufelsnetz verfangen; Alexander Iwanowitsch glaubte, er brauche nur der Persnlichkeit von der Sache zu berichten und diese wrde die Fden schon herausfinden. Was ihn also veranlate, hierherzukommen, war das Wort, das er Ableuchow gegeben hatte. Und nun -- sieh mal einer her! Der verletzende Ton, den die Persnlichkeit ihm gegenber jetzt angeschlagen hat, war ihm in ebensolchem Mae neu wie unangenehm (es war der Ton, dessen sich der hohe Beamte einem Bittsteller gegenber bedient; mit dem der Chefredakteur dem ber Diebsthle und Brnde berichtenden Reporter entgegentritt; in dem der Kreisschulinspektor zu dem Kandidaten auf die Lehrerstelle in -- Solwytschegotsk oder Sarepta spricht). Sieh mal einer her! . . . Also: nach Beendigung seiner Unterhaltung mit dem Franzosen (der Franzose hatte sich bereits entfernt) trat die Persnlichkeit gegen alle Gepflogenheit nicht aus ihrem Arbeitszimmer, sondern blieb dort sitzen, vor dem Schreibtisch, als wre Alexander Iwanowitsch berhaupt nicht da, als wre er nicht ein guter Bekannter, sondern -- wei der Teufel! -- irgendein Bittsteller, dem es an Zeit nicht fehlen darf . . . Es wurde immer dunkler -- blauer. In dieser sich ausbreitenden Dunkelheit, in der Halbdmmerung des Arbeitszimmerchens, sa die Persnlichkeit, den viereckigen Kopf ganz ber den Schreibtisch gebeugt, und wie ein hlicher dunkelgelber Fleck hob sich ihr Rcken im schwachen Fensterlicht ab. Alexander Iwanowitsch zuckte scharf mit den Achseln und wandte dem Rcken seinen eigenen Rcken zu; er begann mit vollstndig unabhngigem Ausdruck an seinem kleinen Schnurrbrtchen zu zupfen; er wollte eine beleidigte Miene aufsetzen, brachte es aber nur zu einer unabhngigen; er zupfte an seinem Brtchen mit einem Ausdruck, als htte er mit dem Rcken dort am Schreibtisch nichts zu tun. Eigentlich htte er aufspringen und die Tr hinter sich zuschlagen sollen, doch das durfte er nicht: die Lebensruhe Nikolai Ableuchows hing von seinem Gesprch mit der Persnlichkeit ab; er konnte also weder weggehen noch die Tr zuschlagen. Alexander Iwanowitsch hstelte, um der Persnlichkeit seine Ungeduld kundzutun . . . Doch klang dieses Hsteln wie das eines Abcschtzen, den es beim Anblick des Lehrers im Halse zu wrgen begann. Was war mit ihm? Woher diese Schchternheit? Er frchtete die Persnlichkeit keinesfalls: er frchtete sich nur vor den Halluzinationen, die ihn in seiner Dachkammer heimzusuchen pflegten, vor der Persnlichkeit wahrhaftig nicht . . . Die Persnlichkeit fuhr fort zu schreiben. Alexander Iwanowitsch hstelte wieder; dann wieder. Diesmal reagierte sie. Bitte sich zu gedulden . . . Dieser Ton! Endlich erhob sich die Persnlichkeit leicht vom Sitz und wandte sich um; sie machte mit der dicken Handflche eine einladende Geste: Bitte . . . Alexander Iwanowitsch wurde eigentmlich verwirrt; sein Zorn, der alle Grenzen berschritt, fand darin seine uerung, da er die allgemein gebruchlichsten Worte pltzlich vergessen hat: Ich . . . sehen Sie . . . ich komme . . . ? Wie Sie wissen . . . oder brigens . . . Zum Teufel! Und er brachte trocken und kurz hervor: Ich komme in einer geschftlichen Angelegenheit . . . Die Persnlichkeit aber lehnte sich im Lehnstuhl zurck (wie gern htte er sie jetzt in ihrem Lehnstuhl erwrgt!), ma ihn mit vernichtendem Blick und trommelte mit den dicken Fingern auf dem Tisch; dann brummte sie etwas gedmpft: Ich mache Sie aufmerksam . . . Ich habe heute fr lange Errterungen nicht genug Zeit, daher . . . Na, also! Ich wrde Sie daher bitten, mein Lieber, sich krzer und deutlicher zu fassen . . . Und das Kinn in das Doppelkinn vergrabend, wandte die Persnlichkeit einen starren Blick gegen das Fenster, hinter dem mit leichtem Gerusch die Bltter von den Bumen fielen. Seit wann, bitte, haben Sie mir gegenber diesen . . . diesen Ton? . . . kam es pltzlich aus Alexander Iwanowitsch, doch klang es nicht blo ironisch, sondern auch verlegen. Die Person unterbrach ihn aber wieder: unterbrach in unangenehmster Weise: Also? Sie kreuzte die Hnde ber der Brust. Ich komme in einer Angelegenheit . . . -- und er stockte . . . Also?! . . . Von groer Wichtigkeit . . . Zum dritten Male unterbrach ihn die Persnlichkeit: Das Ma der Wichtigkeit wollen wir lieber spter erlutern. Und sie kniff die uglein zusammen. Sonderbarerweise wurde nun Dudkin vollstndig verwirrt, errtete und hatte das Gefhl, kein Wort hervorbringen zu knnen. Er schwieg. Auch die Persnlichkeit schwieg. Die vom Baum sich lsenden roten Bltter schlugen ans Fenster, wirbelten und flsterten miteinander; die Zweige (die vertrockneten Skelette) zeichneten ein schwarzgraues Netz hinter den Glasscheiben; der Wind pfiff; das schwarz-neblige Netz begann zu schaukeln; das schwarz-neblige Netz begann zu raunen. Unzusammenhngend, verworren, hilflos erzhlte Alexander Iwanowitsch von dem Inzident des Ableuchow; je weiter er aber, die Strungen und Hindernisse der Sprache berwindend, in der Erzhlung kam, desto schroffer und trockener wurde die Haltung der Persnlichkeit; ihre Stirn glttete sich, die schwulstigen Lippen hrten auf zu saugen; bei der Stelle der Erzhlung aber, wo der Provokateur Morkowin auf die Oberflche trat, zog die Persnlichkeit bedeutungsvoll die Brauen in die Hhe und machte eine schnuppernde Bewegung mit der Nase, als htte die Unverfrorenheit des Erzhlers an dieser Stelle ihren Hhepunkt erreicht und die Geduld der Persnlichkeit ihre Grenze berschritten: Ah . . . Sehen Sie? . . . Und was haben Sie gesagt? . . . Alexander Iwanowitsch fuhr zusammen: Was ich gesagt hab'? . . . Nichts, nichts; fahren Sie fort. Vollstndig verzweifelt schrie Alexander Iwanowitsch heraus: Aber ich hab' ja alles gesagt! Was soll ich noch erzhlen?! Mit dem Kinn auf das Doppelkinn gesttzt, senkte die Persnlichkeit den Kopf, seufzte, sah vorwurfsvoll, ohne das bliche Zwinkern (der Blick war jetzt traurig), Alexander Iwanowitsch an und sagte kaum hrbar: Hlich . . . Sehr, sehr hlich! Sie sollten sich schmen! . . . Alexander Iwanowitsch fhlte, wie sein Herz hpfte; und -- o Grauen! -- beim Worte Sie sollten sich schmen fhlte er, wie seine Wangen von einer Rte bergossen wurden; aus den Worten des furchtbaren Partners hrte er deutlich die verborgene, vernichtende Drohung heraus; Alexander Iwanowitsch fuhr unruhig auf seinem Sitz hin und her und bemhte sich, seine nicht begangene Schuld sich ins Gedchtnis zu rufen. Seltsam: er hatte nicht den Mut zu fragen, was die verborgene Drohung eigentlich bedeute und was das Wort sich schmen in diesem Zusammenhang heien sollte. Er schluckte es einfach herunter. Wie soll ich nun diesen provokatorischen Brief Ableuchow erklren? Die schmale niedere Stirn nherte sich der seinen. Wieso provokatorisch? Er ist keinesfalls provokatorisch . . . Ich mu Sie ernchtern. Der Brief an Ableuchow war von mir geschrieben. Diese Worte waren mit einer Wrde ausgesprochen, die alles, Zorn, Vorwrfe und verletzenden Ton berwog; mit einer Wrde, die sich sogar bis zur Milde herablie. Wie? Den Brief haben Sie geschrieben? Und er ist durch Ihre Hnde gegangen -- erinnern Sie sich nicht? Oder haben Sie es vergessen? Das Wort vergessen sprach die Persnlichkeit so aus, als wre es selbstverstndlich, da Alexander Iwanowitsch es nicht vergessen hat und sich nur -- wei Gott warum? -- stellte, als wisse er nichts mehr davon; die Persnlichkeit lie ihn brigens deutlich fhlen, da sie mit ihm jetzt wie die Katze mit der Maus zu spielen beabsichtige. Erinnern Sie sich: ich bergab Ihnen den Brief damals im kleinen Restaurant . . . Ich gab ihn aber nicht Ableuchow, sondern Warwara Ewgrafowna, ich versichere Sie . . . Ah was, lassen wir es doch, Alexander Iwanowitsch; wir sind unter uns, mein Lieber, und brauchen vor einander keine Komdie zu spielen: der Brief hat den Adressaten gefunden, alles andere sind leere Ausreden . . . Und Sie sind der Verfasser des Briefes? Dudkins Herz hpfte und klopfte, als wollte es sich losreien und davonlaufen; wie ein Bffel wrde es gleich zu brllen anfangen und -- sich davonmachen. Die Persnlichkeit klopfte bedeutungsvoll auf den Tisch, wobei sie ihre Gleichgltigkeit mit steinerner Festigkeit vertauschte; dann rief sie: Warum wundern Sie sich? . . . Weil ich den Brief an Ableuchow geschrieben habe? . . . Freilich . . . Verzeihen Sie, ich mu aber sagen: Ihr Erstaunen grenzt an offenkundige Heuchelei . . . Dudkin nherte sich mit einem Ruck der Persnlichkeit. Hren Sie: entweder bin ich verrckt oder -- Sie! Die Persnlichkeit zwinkerte ihm zur Antwort nur zu: Also!? Ihr ganzes Aussehen sprach: He, he, Vterchen: glaubst, ich habe nicht bemerkt, wie du vorhin geblickt hast? . . . Du glaubst, mit mir kannst du . . . Dann aber: ganz pltzlich wurde sie heiter, fast lustig, sah ihren Partner mit geknstelter dummer Dreistigkeit an und schnalzte mit der Zunge, als wollte sie sagen: He, mein Lieber, ein gemeiner Kerl bist doch du, nur du, nicht ich . . . Laut sagte sie aber nur: Ahhh! . . . Dann aber, wie ein satanisches Lachen unterdrckend, lie die Persnlichkeit streng, aber wohlwollend ernst ihren schweren Arm auf Dudkins Schulter nieder, dachte einen Augenblick nach und fgte hinzu: Hlich . . . Sehr, sehr hlich . . . Alexander Iwanowitsch berkam das ihm wohlbekannte sonderbare, drckende Gefhl des Vernichtetwerdens durch ein Etwas, das gleich auf dem dunkelgelben Fleck seiner Tapete auftauchen wrde; Alexander Iwanowitsch empfand eine ihm unbewute Schuld; er sah hin, und es war ihm, als htte sich eine Wolke ber ihn gesenkt, ganz tief; als lief diese Wolke von der Persnlichkeit zu ihm, als steige sie wie Rauch aus der Persnlichkeit hervor. Die Persnlichkeit aber sa da, das schmalstirnige Gesicht ihm zugewendet, und sprach immer wieder: Hlich . . . Ein schweres Schweigen trat ein. brigens werde ich die weiteren Beweise abwarten: ohne Beweise geht es natrlich nicht . . . Aber immerhin: die Anklage wiegt schwer; so schwer, das mu ich sagen, da . . . -- Die Persnlichkeit seufzte. Aber welche Beweise meinen Sie? Sie selbst will ich vorderhand aus dem Spiel lassen . . . Wie Sie wissen, gehen wir in der Partei nur auf Grund von Tatsachen vor . . . Die Tatsachen aber, die Tatsachen . . . Was fr Tatsachen meinen Sie? Die Tatsachen ber Sie werden gesammelt . . . Das hat noch gefehlt! Die Persnlichkeit erhob sich vom Lehnstuhl, und whrend sie die Spitze einer Havanna abschnitt, begann sie leise eine Melodie zu pfeifen; sie hllte sich in undurchdringliches Wohlwollen; dann schritt sie mit gemessenen Schritten ins Speisezimmer hinber, fate freundschaftlich den dort sitzenden Schischnarfijew an der Schulter. In die Richtung der Kche, von wo ein angenehmer Bratengeruch herberzog, rief er: Ich habe einen Mordshunger . . . Dann mit einem Blick den gedeckten Tisch musternd: Ein Schnpschen noch . . . Dann schritt sie zurck in das Arbeitszimmer. * * * Ihr Herumsitzen beim Hausmeister . . . Ihre Freundschaft mit der Polizei des Reviers, mit dem Hofknecht . . . Ihre Gelage in Gesellschaft des Polizeibeamten Woronkow . . . Auf den verstndnislosen, fragenden Blick Dudkins -- einen von Grauen erfllten Blick -- setzte Lipantschenko, das heit die Persnlichkeit, ihr boshaftes, zweideutiges Flstern fort, indem sie die Hand auf Dudkins Schulter legte. Als ob Sie es nicht selbst wten? Warum die verwunderten Augen? Sie wissen am Ende gar nicht, wer der Woronkow sei? Wer Woronkow sei? . . . Woronkow? . . . Aber was hat das mit der Sache zu tun? . . . Was ist dabei? . . . Aber Lipantschenko, die Persnlichkeit, brach in ein Lachen aus und fate sich vor Lachen an die Hften: Das wissen Sie nicht? Das behauptete ich nicht: ich wei schon . . . Na, also! Woronkow ist ein Schreiber im Polizeirevier, und er besucht oft den Hausmeister Matwej Morschow . . . Sie haben Zusammenknfte, Sie unterhalten sich mit einem Polizeispitzel wie der letzte Provokateur . . . Aber erlauben Sie . . .! Sie brauchen kein Wort, kein Wort zu sagen, wehrte die Persnlichkeit, mit der Hand fuchtelnd, jeden Erwiderungsversuch des zu Tode erschrockenen Dudkin ab. Ich wiederhole: die Tatsache einer offenen Provokateurttigkeit Ihrerseits ist noch nicht definitiv festgestellt, aber . . . Ich warne Sie, aus Freundschaft warne ich Sie, Alexander Iwanowitsch, mein Liebling; Sie haben ein bses Spiel begonnen . . . Ich? Treten Sie zurck, ehe es zu spt ist . . . Die uglein unter der schmalen Stirn sprachen: So--o--o, Vterchen . . . Wie hast _du_ dir wohl die Sache gedacht? Der Speichel spritzende Mund aber sagte: Tuen Sie doch nur nicht so harmlos . . . Es fllt mir ja gar nicht ein . . . Ganz Petersburg wei es schon . . . Was wei es? Von der Zertrmmerung der Parteiorganisation in T. T. Was?! Ja, ja . . . Wenn es die Absicht der Persnlichkeit war, Dudkins Gedanken von der Spur, die ihn auf die wirklichen Motive ihres Benehmens bringen konnte, abzulenken, dann hat sie dieses Ziel durch die Nachricht von der Zerstrung der sehr wichtigen Organisation in T. T. vllig erreicht; diese Nachricht traf wie ein Blitzstrahl den schwachen Alexander Iwanowitsch: Herr Jesus Christus! Jesus Christus! -- hhnte die Persnlichkeit, Sie haben jedenfalls frher davon gewut als wir alle . . . Wir wollen es aber, ehe die Sache nicht unwiderleglich erwiesen ist, auf sich beruhen lassen. Hufen Sie jedoch die Verdachtsmomente nicht: sprechen Sie kein Wort von der Ableuchowaffre. Alexander Iwanowitsch schien in diesem Augenblick sehr idiotisch ausgesehen zu haben, denn die Persnlichkeit fuhr fort zu lachen und lie dabei in aufreizender Weise den schwarzen Schlund zwischen den Reihen der Zhne sehen: genau so aufreizend ghnt der Schlund im Gesicht eines abgehuteten Kadavers. Tuen Sie nicht so, mein Lieber, als wre Ihnen die Rolle Ableuchows unbekannt gewesen; und als ob Sie nicht wten, da ich ihn durch den gegebenen Auftrag dafr strafen wollte; tuen Sie doch nicht, als wten Sie nicht, wie dieser schuftige Kerl seine Rolle gespielt hat: ich gestehe, er hat es geschickt gemacht; seine Rechnung war gut -- die Rechnung auf allerlei Sentiments und Charakterschwchen, wie zum Beispiel Sie es zu verkrpern geruhen. Mit dem Vorwurf der Charakterschwche schien die Persnlichkeit einen Teil der Schuld von Alexander Iwanowitsch nehmen zu wollen und sich so in gewissem Grade weichen Gefhlen zugnglich zu zeigen; das hatte bewirkt, da sich Alexander Iwanowitsch in der Tat wie von einer Last befreit fhlte und da er es nun bereits versuchte, sich einzureden, er habe vorhin die Persnlichkeit falsch beurteilt. Ja, die Berechnung war schlau: der edle Sohn hat seinen Vater und ist bereit, diesen ins Jenseits zu befrdern; inzwischen treibt er sich unter uns herum, hlt Referate und hnliches Zeug; sammelt nebenbei Dokumente und wartet, bis er ihrer gengend besitzt, um sie -- seinem verehrten Vater zu unterbreiten . . . Und dabei fhlen sie sich alle von dieser Schlange in sonderbarer Weise angezogen . . . Aber, Nikolai Stepanowitsch, er hat . . . er hat geweint . . . Geweint . . . Und das hat Sie in Erstaunen versetzt? . . . Sie sind doch ein eigentmlicher Kauz: Trnen -- das ist ja etwas ganz bliches bei den Verrtern aus der Intelligenz; ein gebildeter Verrter glaubt selbst an die Aufrichtigkeit der Trnen, die er vergiet; und vielleicht bedauert er es auch in diesem Augenblick, da er Verrter geworden ist; aber uns ntzen diese Trnen nicht im geringsten . . . Sie, Alexander Iwanowitsch, weinen doch auch jetzt . . . Natrlich will ich nicht damit sagen, da auch Sie ein Schuldbelasteter sind . . . Und das war ja eine Lge, denn soeben noch hatte die Persnlichkeit von einer solchen Schuld gesprochen; diese offenbare Lge erfllte Alexander Iwanowitsch fr einen Augenblick mit unendlichem Grauen; durch sein Unterbewutsein flog es wie ein Blitz: Hier wird dir ein Handel vorgeschlagen: du wirst aufgefordert, eine niedertrchtige Verleumdung als wahr hinzunehmen und mit diesem Preis eine Verleumdung deiner eigenen Person abzuwehren . . . Doch blitzte es eben _nur_ im Unterbewutsein auf, denn die Wahrheit voll zu sehen hinderte die gegen den Tisch geneigte, schmale Stirn der Persnlichkeit, die bedrckende Atmosphre eines nahenden Verhngnisses, das Flimmern in den kleinen uglein und das So, soo, V--terchen . . . Und Dudkin begann bereits zu glauben, da er der Verleumdung glaube. Sie sind, Alexander Iwanowitsch -- davon bin ich berzeugt -- rein; was aber Ableuchow betrifft: hier in dieser Schublade hab' ich Dokumente, die ich im ntigen Augenblick dem Parteigericht unterbreiten werde . . . Da begann die Persnlichkeit in wildem Tempo auf und ab durchs Zimmer zu rennen, von einer Ecke schrg zur anderen, und schlug sich mit der dicken Faust auf die Brust. Ihre Stimme aber trug Tne wahrhaftigen Gekrnktseins bis zur Verzweiflung -- ja, ihre Stimme klang direkt vornehm (der Handel schien gnstig abgeschlossen zu sein). Spter einmal wird man mich -- ich versichere Sie -- verstehen: jetzt zwingen mich die Ereignisse, die Seuche in ihrem Herd zu ersticken . . . Ja . . . ich handle wie ein Diktator, kraft mir selbst erteilter Befugnisse . . . Es fiel mir schwer, glauben Sie mir, es fiel mir sehr schwer, das Urteil zu unterschreiben . . . Aber . . . Dutzende gehen zugrunde -- Ihres Senatorshnchens wegen . . . Dutzende gehen zugrunde! . . . Viele sind schon verhaftet . . . Erinnern Sie sich: auch Sie waren schon einmal in grter Gefahr, zugrunde gerichtet zu werden. (Alexander Iwanowitsch dachte bei diesen Worten, da er ja schon zugrunde gerichtet worden war.) . . . Wenn nicht ich . . . Denken Sie an Jakutsk! . . . Sie aber haben Mitleid, setzen sich fr ihn ein! . . . Weinen Sie nur, weinen Sie! Grund dazu ist genug da . . . Dutzende werden zugrunde gerichtet!!! . . . Die Persnlichkeit blitzte noch einmal mit den uglein und verlie das Zimmer. Dunkel wurde es, schwarz. * * * Die Dunkelheit berfiel alles; sie heftete sich an alle Gegenstnde des Zimmers; Tische, Schrank und Lehnstuhl -- alles tauchte in Dunkelheit unter; in dieser Dunkelheit sa mutterseelenallein Alexander Iwanowitsch; Dunkelheit betrat seine Seele -- er weinte. Alle Tonnuancen in den Worten der Persnlichkeit klangen jetzt wieder in Dudkins Ohr, und sie erschienen ihm jetzt aufrichtig; nein, die Persnlichkeit hat nicht gelogen; sein Mitrauen und Ha gegen sie erklren sich nur durch den Zustand, in dem er sich gerade befand: seine nchtlichen Delirien haben sich fr ihn zufllig -- durch ein Wort, eine Geste -- mit der Persnlichkeit verknpft. Eine Lautassoziation -- nichts weiter. Wohl ist es wahr: er hatte auch schon frher hnliches der Persnlichkeit gegenber empfunden; aber wahr ist es auch, da er der Persnlichkeit verschiedenes zu verdanken hatte und da sie sich seiner annahm; der Widerwillen, das Grauen vor ihr hat gar keine Berechtigung und erklrt sich nur durch seine Delirien: durch die Erscheinung der braungelben Flecke auf seiner Tapete. Ach, er ist eben krank, das ist es . . . Die Dunkelheit brach herein: sie berfiel alles, besiegte alles; ernst und drohend traten Tisch, Lehnstuhl und Schrank im Raum hervor; die Dunkelheit trat in seine Seele ein -- er weinte: zum erstenmal erblickte er vor sich Nikolai Apollonowitsch in seiner wahren moralischen Gestalt. Wie kam es, da er ihn nicht frher erkannt hatte? Wie kam es? . . . Er erinnerte sich seiner ersten Begegnung mit Ableuchow (in einem ihm bekannten Zirkel hielt damals Nikolai Apollonowitsch einen Vortrag, in dem er alle Werte umwertete): der allgemeine Eindruck war kein angenehmer; dann spter: es kann nicht geleugnet werden: Ableuchow hatte doch ein ganz besonderes Interesse fr Parteigeheimnisse gezeigt; mit der plump-zerstreuten Miene eines Degenerierten hat er berall seine Nase hineinzustecken gewut: die Zerstreutheit kann ebensogut eine Heuchelei gewesen sein. Alexander Iwanowitsch sagte sich: ein Provokateur hheren Genres kann sehr wohl das uere Ableuchows haben -- diese vertrumt traurigen Augen (die einem fremden Blick nicht standhielten) wie den Froschausdruck des langgezogenen Mundes; langsam nherte sich Alexander Iwanowitsch der berzeugung, da sich Ableuchow in der ganzen Sache hchst sonderbar aufgefhrt hatte; und -- Dutzende gehen zugrunde! . . . Je mehr er sich selbst zu berzeugen suchte, da an der Zerstrung der Organisation in T. T. Ableuchow beteiligt war, um so mehr wich das bedrckende Gefhl, das ihn whrend des Gesprchs mit der Persnlichkeit befallen hatte; eine gewisse Leichtigkeit und Sorglosigkeit rann in seine Seele. Alexander Iwanowitsch hatte seit jeher den Senator besonders gehat. Er empfand Apollon Apollonowitsch gegenber einen Ekel, einen frmlichen Ekel, wie ihn die Menschen vor der Tarantel empfinden; Nikolai Apollonowitsch aber hatte er zuweilen direkt geliebt; jetzt hatten sich fr ihn der Senator und der Senatorsohn zu einem gemeinsamen Etwas verschmolzen, das in ihm nicht nur Ekel auslste, sondern auch den Wunsch hervorrief, diese Tarantelbrut auszurotten, zu vernichten. O, ihr Gewrm! . . . Dutzende gehen zugrunde! . . . O, ihr Gewrm . . . Selbst die Tausendfler sind besser, selbst die gelbbraune Tapete, selbst die Persnlichkeit; in der Persnlichkeit ist wenigstens Gre des Hasses vorhanden; mit der Persnlichkeit kann man sich wenigstens in dem Wunsch, zu zerstren, zu vernichten, eins fhlen. O, ihr Gewrm! . . . Aus dem Zimmer nebenan lockte bereits der gastfreundlich gedeckte Tisch; allerlei Schmackhaftigkeiten waren auf dem Tisch aufgestellt: Wurst, Aal und kalter Kalbsbraten; man hrte die etwas ermdete Stimme der Persnlichkeit und die des Schischnarfijew, der sich verabschiedete; endlich war er fortgegangen. Gleich darauf trat die Persnlichkeit in das Arbeitszimmer, trat zu Alexander Iwanowitsch und legte ihm die schwere Hand auf die Schulter: So ist es! . . . Es ist besser, wir streiten uns nicht, Alexander Iwanowitsch: Wenn die, die zueinander gehren, sich herumstreiten, . . . was soll dann berhaupt werden? . . . * * * Nun, kommen Sie zu Tisch! . . . Essen Sie mit uns zu Abend . . . Aber um eins bitte ich: beim Essen kein Wort von alldem . . . Das ist ja alles ziemlich traurig . . . Und Soja Sacharowna braucht davon nichts zu wissen: sie ist auch so schon von alldem mde . . . Ich selbst bin auch schon ordentlich ermdet . . . Alle sind wir mde . . . Das machen eben die Nerven . . . Wir sind eben beide nervse Menschen . . . Also zu Tisch . . . kommen Sie . . . Gastfreundlich lockte der schimmernde Tisch. Wieder war er da, der Traurige und Schlanke Mehrmals lutete Alexander Iwanowitsch. Mehrmals lutete Alexander Iwanowitsch vor dem Tor seines dsteren Hauses; der Hausmeister ffnete ihm nicht; hinter dem Tor antwortete auf das Luten nur Hundegebell; ein Hahn in der Ferne verkndete durch seine krhende Stimme die Mitternacht; und -- schwieg dann; die 18. Linie schlngelte sich hin, in die Tiefe, ins Leere. berall war Leere. Alexander Iwanowitsch empfand eigentlich etwas wie Freude: in der Tat, es verschob sich in dieser Weise sein Eintreten in die dsteren Rume zwischen den Wnden; hinter diesen Wnden hrt man die ganze Nacht Gerusche, Knacken und Quieken. Und was die Hauptsache war: er mute, ehe er diesen Raum betrat, im Dunkeln achtmal zwlf kalte Stufen berwinden; er zhlte immer erst zwlf, dann machte er eine drehende Bewegung und zhlte wieder ebenso viele. Das machte er viermal hintereinander. Zusammen also -- sechsundneunzig lauttnende, steinerne Stufen; dann blieb er vor einer filzbeschlagenen Tr stehen; voll Angst mute er den halbverrosteten Schlssel ins Loch stecken; ein Streichholz anzuznden war gefhrlich: es konnte pltzlich die unglaublichsten Dinge beleuchten, wie zum Beispiel eine Maus oder noch was anderes . . . So dachte Alexander Iwanowitsch. Deswegen verweilte er gern vor dem Tor seines Hauses. Nun aber . . . -- -- Jemand, ein Trauriger und Schlanker, den Alexander Iwanowitsch oft schon an der Newa gesehen hatte, zeigte sich in der Tiefe der 18. Linie. Diesmal trat er leise in den hellen Lichtkreis einer Laterne; es war aber, als ergo sich wehmtig helles, goldenes Licht aus seinem Antlitz, von seinen knochigen Fingern . . . -- So ist auch heute der unbekannte Freund erschienen. Alexander Iwanowitsch erinnerte sich, da dieser liebe Bewohner der 18. Linie einmal von einer alten Frau mit haubenfrmigem Strohhut mit lila Bndern angerufen worden war. Sie hatte ihn da Mischa genannt. Alexander Iwanowitsch war jedesmal zusammengefahren, wenn der Schlanke und Traurige im Vorbeigehen ihm seinen unaussprechlichen, allsehenden Blick zugewandt; dabei hatten seine eingefallenen Wangen wei geschimmert. Nach solchen Begegnungen an der Newa war es Alexander Iwanowitsch immer, als hrte und hrte er nichts, als sehe und sehe er nichts. Wenn er doch stehengeblieben wre! . . . O, wenn er doch! . . . O, wenn er ihn doch anhren wollte! . . . Aber ohne zu sehen, ohne stehenzubleiben ging der Schlanke und Traurige vorbei. Deutlich verklangen seine Schritte. Alexander Iwanowitsch drehte sich um und wollte ihm leise etwas sagen; er wollte den unbekannten Mischa leise anrufen . . . Aber der helle Kreis, in den Mischa soeben eingetreten war, schimmerte leer; und niemand, nichts war dort zu sehen; nur der Wind pfiff, und in den Pftzen spiegelte sich Licht. Und die gelbe Lichtzunge der Laterne winkte herber. Ein toter Strahl fiel durchs Fenster So, so, so: dort standen sie, als er in der Nacht nach Hause zurckkehrte. _Sie_ warteten auf ihn. Wer _sie_ waren, dies zu sagen war nicht gut mglich: zwei deutliche Gestalten. Ein toter Strahl fiel durchs Fenster des dritten Stocks; er legte sich wie ein fahler Schein auf die grauen Stufen der Treppe. Und unheimlich ruhig lagen in der vollstndigen Dunkelheit die fahlen Lichtflecke -- ohne jeden Reflex. In diesem fahlen Licht rankte auch das Treppengelnder; neben dem Treppengelnder aber standen _sie_: zwei undeutliche Gestalten; sie lieen Alexander Iwanowitsch passieren und blieben rechts und links von ihm stehen; sie sagten nichts, rhrten sich nicht, bebten nicht; man fhlte nur in der Dunkelheit einen bsen, zusammengekniffenen, festen Blick. Sollte er sich ihnen nicht nhern, sollten er ihnen nicht die in seiner Erinnerung aufgetauchte Beschwrung zuflstern? Und unter diesem Blick in den fahlen Fleck treten zu mssen! Vom Mond beschienen zu sein, whrend zwei sphende Augen auf ihn gerichtet sind; dann hinter sich im Rcken die Augen zweier Spher zu fhlen, die jeden Augenblick ihm etwas antun konnten; den Schritt nicht zu beschleunigen, gleichgltig zu tun, zu hsteln! Denn -- wrde er die Treppe rasch hinauflaufen, dann folgen ihm seine Spher sofort. Auf einmal wurden die weifahlen Flecke grau und zerflossen harmonisch; sie lsten sich vollstndig in gnzliche Dunkelheit auf. (Ein schwarzer Knuel schien vor den Mond getreten zu sein.) Alexander Iwanowitsch nherte sich jetzt ruhig der vorhin weischimmernden Stelle; er sah die Augen nicht mehr und folgerte daraus, da auch er von den Augen nicht gesehen wird (der Arme: er hoffte, ungesehen in seine Dachstube zu schlpfen). Er beschleunigte nicht seinen Schritt und begann sogar -- an seinem Brtchen zu zupfen; und . . . . . . Alexander Iwanowitsch hielt nicht stand. Pfeilschnell rannte er ber die Stufen bis zum ersten Treppenabsatz (welche Taktlosigkeit!). Als er den Treppenabsatz erreicht, tat er etwas, was ihn vllig in den Augen der unten stehenden Gestalten herabsetzen mute. Er rieb ein Streichholz, beugte sich ber das Treppengelandet und warf einen erschreckten, verlorenen Blick in die Tiefe: die Eisenstbe des Gelnders blitzten auf, und deutlich erblickte Alexander Iwanowitsch unten die Silhouetten. Wie gro war aber sein Erstaunen! Eine der Silhouetten erwies sich einfach als der Tatare Machmudka, der im Kellerraum des Hauses wohnte, und neben ihm stand ein ganz gewhnlicher Mensch mit steifem Hut auf dem Kopfe und einer gebogenen, orientalischen Nase; der Mann mit der orientalischen Nase schien Machmudka um eine Auskunft zu bitten, worauf dieser verneinend den Kopf schttelte. Dann erlosch das Streichholz, und Alexander Iwanowitsch konnte nichts weiter sehen. Doch verriet das brennende Zndholz seine Anwesenheit, und sofort ertnte ein Scharren von Tritten auf den Stufen; und schon hrte Alexander Iwanowitsch direkt vor seinem Ohr eine Stimme. Entschuldigen Sie, sind Sie nicht Andrej Andreitsch Gorelski? Nein, ich bin Alexander Iwanowitsch Dudkin . . . Ja, dem falschen Passe nach . . . Alexander Iwanowitsch fuhr zusammen, aber . . . er sah ein, da jetzt ein Leugnen nutzlos wre. Schn. Und was wnschen Sie? . . . Ich bitte um Entschuldigung: ich komme zu Ihnen zum erstenmal in so ungewhnlicher Stunde . . . Bitte . . . Diese Hintertreppe . . . Ihre Wohnung war geschlossen . . . Aber jemand war drin . . . Ich beschlo, Sie beim Eingang zu erwarten . . . Diese Treppe . . . Wer ist in meinem Zimmer? . . . Das wei ich nicht; mir antwortete eine Bauernstimme . . . Stjopka! . . . Gott sei Dank, Stjopka ist dort . . . Und was wnschen Sie? . . . Verzeihen Sie, ich hrte soviel von Ihnen: wir haben gemeinsame Freunde . . . Nikolai Stepanowitsch Lipantschenko, in dessen Hause ich wie ein Sohn aufgenommen bin . . . Ich wollte Sie schon lngst kennenlernen . . . Ich hrte, da Sie ein Nachtschwrmer sind . . . Deswegen hab' ich mir erlaubt . . . Ich wohne eigentlich in Helsingfors und komme nur hier und da hierher; meine Heimat ist der Sden . . . Alexander Iwanowitsch leuchtete es sofort ein, da sein Gast log, und zwar in ganz unverschmter Weise, denn genau dieselbe Geschichte war ihm schon einmal passiert (wo und wann -- das konnte er sich im Augenblick nicht vergegenwrtigen). Nein, nein, nein: die Sache ist keinesfalls harmlos; doch durfte er nicht verraten, da er das gemerkt hat; er sagte also in die Dunkelheit hinein: Mit wem hab' ich die Ehre zu sprechen? Ich bin der Perser Schischnarfijew . . . Ich hab' Sie schon fters gesehen . . . Schischnarfijew . . . Wir waren heute zu gleicher Zeit dort, bei Lipantschenko. Ich sa dort zwei Stunden und wartete, bis Sie mit Ihrer geschftlichen Angelegenheit fertig waren, aber ich mute dann doch fortgehen, ehe Sie herauskamen . . . Soja Sacharowna hatte mir vorher nichts von Ihrem Besuch gesagt. Ich suchte schon lngst eine Gelegenheit, Sie zu treffen . . . Ich suche Sie schon lngst . . . Die letzten Worte riefen wieder in Dudkin eine Erinnerung wach, eine schwache Erinnerung, wie im Schlaf: er fhlte sich angewidert, gelangweilt, angedet . . . Haben wir uns schon frher getroffen? Ja . . . erinnern Sie sich nicht? . . . In Helsingfors . . . Eine schon klarere Erinnerung tauchte jetzt in Dudkin auf; unerwartet fr sich selbst zndete er wieder ein Zndholz an und hielt es direkt vor Schischnarfijews Gesicht: die Wnde blitzten gelb auf, die Eisenstbe des Gelnders schimmerten fr einen Augenblick metallisch; im flatternden gelben Licht erblickte Alexander Iwanowitsch gerade vor sich das Gesicht des Persers; zugleich fiel es Alexander Iwanowitsch ein, da er in der Tat dieses Gesicht schon einmal in Helsingfors in einem Caf gesehen habe; und auch damals schon verfolgte ihn der Fremde mit seinem unverwandt auf ihn gerichteten Blick der forschenden Augen. Erinnern Sie sich? Alexander Iwanowitsch erinnerte sich noch, da gerade in Helsingfors -- ja eben: gerade in Helsingfors hat seine Krankheit ihren Anfang genommen; gerade in Helsingfors begann jenes mige, in ihn gleichsam von auen eingedrungene Gehirnspiel. Er erinnerte sich nun, da es gerade die Zeit gewesen war, in der er die ganz paradoxe Idee vertreten hatte: die Kultur msse beseitigt werden, da die bestehende geschichtliche Periode: die des Humanismus -- zu Ende angelangt sei, und was von ihr noch brigblieb, sei nur ein verwitterter, morscher Steinberrest; es beginnt die Periode der gesunden Tierinstinkte, die sich von unten in dem Huligan- und Apachenwesen, oben, bei der Aristokratie, in der Rebellion der Knste gegen das Althergebrachte wie in der Zuneigung zu primitiver Kultur, zu allem Erotischen anzeigt; ja, selbst die Bourgeoisie trat in die neue Bahn ein, die die orientalischen Moden, die Negertnze, der Cake-walk, der Two-step und dergleichen mehr zeitigte; Alexander Iwanowitsch predigte in jener Zeit die Verbrennung der Bibliotheken, der Universitten, der Museen; er predigte auch noch die Herbeirufung der Mongolen (doch spter bekam er vor den Mongolen Angst). Alle Erscheinungen des modernen Lebens hatte er damals in zwei Kategorien eingeteilt: zu der einen gehrten die Erscheinungen, die von einer absterbenden Kultur sprachen die andere war das gesunde Barbarentum, das sich jetzt noch unter der Maske der uersten Verfeinerung bergen mute (Nietzsche, Ibsen), um unter dieser Maske das Chaos in die Herzen zu pflanzen, das schon, heimlich, aus allen Seelen ruft . . . Alexander Iwanowitsch war dafr eingetreten, da die Masken abgenommen und dem Chaos freies Spiel gegeben werde. Er erinnerte sich, damals im Caf in Helsingfors gerade dieses gepredigt zu haben; und als ihn jemand gefragt, wie er sich zum Satanischen stelle, hatte er zur Antwort gegeben: Das Christentum ist berlebt: im Satanischen aber liegt ein groer Fetischismus, das heit gesundes Barbarentum. Gerade bei dieser Unterhaltung -- das erinnerte er sich jetzt -- hatte abseits vor einem einsamen Tischchen Schischnarfijew gesessen und ihn unverwandt angesehen. Die Predigt des Barbarentums hatte ein sonderbares Ende gefunden (damals schon, in Helsingfors): ja, es war ein vollstndiger Alpdruck gewesen: er war nmlich (ob im Traum oder im Einschlafen, das wute er nicht) mit rasender Schnelligkeit durch einen nicht zu definierenden, mglicherweise zwischen den fernen Planeten sich befindenden Raum geschleift worden, wo an ihm ein dort vielleicht blicher, von unserem Standpunkte aber sicherlich brutaler Akt vollfhrt worden war; es war sicher alles ein Traum gewesen (unter uns: was ist eigentlich ein Traum?), aber es war ein hlicher Traum gewesen; der damals zum Abbrechen der Predigt gefhrt hatte; diesen Traum hielt Alexander Iwanowitsch spter fr den Anfang seiner Krankheit, doch im brigen -- liebte er es nicht, daran erinnert zu werden. Da war es gewesen, wo er heimlich die Offenbarung zu lesen begonnen hatte. Jetzt an der Treppe war fr ihn die Erinnerung an Helsingfors furchtbar. Und er dachte: Das war es also, warum sich mir in den letzten vierzehn Tagen immerzu das Wort Helsingfors aufdrngte. Schischnarfijew fuhr inzwischen fort: Erinnern Sie sich? Die Sache nahm eine hliche Wendung: er htte eigentlich unbedingt in sein Zimmer flchten mssen, so rasch als mglich, die steinernen Stufen hinauf; er sollte die Dunkelheit ausnutzen, ehe das phosphoreszierende Licht wieder seine fahlweien Strahlen auf die Stufen wirft; doch von Grauen erfllt, zgerte Alexander Iwanowitsch. Schischnarfijew aber sagte wieder: Sie werden mir also erlauben, zu Ihnen einzutreten? . . . Ich bin, aufrichtig gesagt, etwas mde vom Warten . . . Ich hoffe, da Sie mir meinen mitternchtlichen Besuch nicht belnehmen . . . In einem Anfall unbewuter Angst schrie Dudkin heraus: Bitte sehr! . . . Fr sich aber dachte er: Dort ist ja Stjopka, er wird mir helfen . . . * * * Alexander Iwanowitsch lief die Treppe voran; hinter ihm her lief Schischnarfijew: die langen Reihen der Stufen schienen sie nicht blo in den fnften Stock zu tragen, sondern in eine unendliche Hhe; die Treppe schien kein Ende zu haben; umkehren war nicht mglich: hinter ihm her lief Schischnarfijew, und vor ihm schlug ein Lichtstrahl aus einem Trspalt. Alexander Iwanowitsch dachte: Wie konnte Stjopka da hineingekommen sein: der Schlssel ist ja bei mir? Durch einen Griff in die Taschen berzeugte er sich aber, da er sich geirrt hatte: statt des Trschlssels hatte er den vom alten Reisekoffer eingesteckt. Petersburg In vollstndiger Verwirrung betrat Alexander Iwanowitsch sein armseliges Zimmer; vor einem brennenden Lichtstumpf kauerte Stjopka auf der Pritsche, den buschigen Kopf tief ber ein Buch in altslawischem Druck gebeugt. Stjopka las in einem Gebetbuch. Alexander Iwanowitsch erinnerte sich, da er Stjopka gebeten hatte, das Gebetbuch mitzubringen: er wollte darin das Gebet des groen Wassilij: die Beschwrung des Teufels, nachlesen. Du bist da, Stjopka, das freut mich! Ich habe Ihnen das Geb . . . -- Nachdem er einen Blick auf den Gast geworfen: Ich habe Ihnen das Gewnschte gebracht . . . Ich danke dir . . . Ich habe Sie erwartet und inzwischen darin gelesen . . . (Wieder ein Blick auf den Unbekannten). . . Jetzt mu ich aber gehen . . . Alexander Iwanowitsch fate Stjopka an der Schulter: Geh nicht fort, bleib noch eine Weile . . . Dieser Herr da ist Herr Schischnarfijew. Dieser stand an der Tr; er hatte seinen Hut abgenommen, den Mantel aber behielt er an und betrachtete das Zimmer mit fragenden Blicken: Nicht sehr schn haben Sie es hier . . . Feucht ist es ein wenig . . . und kalt . . . Der Lichtstumpf brannte aus: das Papier, mit dem es an seinem Ende umwickelt war, begann zu brennen, und pltzlich begannen die Wnde in flieendem Rot zu tanzen. * * * Nein, Herr, bitte mich zu entlassen, ich mu gehen -- Er warf einen etwas schielenden, feindseligen Blick auf Alexander Iwanowitsch, whrend er den Gast berhaupt keines Blickes mehr wrdigte; -- lassen Sie mich gehen; ein anderes Mal schon . . . Er nahm das Gebetbuch an sich. Unter Stjopkas scharfem Blick senkte Alexander Iwanowitsch unwillkrlich den seinigen: ihm schien der scharfe Blick ein Blick des Vorwurfs zu sein. Wie soll er sich jetzt Stjopka gegenber verhalten? Er htte ihm so gern etwas gesagt; er hat wohl Stjopka beleidigt; Stjopka wird es ihm nicht verzeihen; er glaubte Stjopkas Gedanken zu lesen: Nein, Herr, wenn Sie _solche_ Besucher empfangen, da ist es nichts mehr zwischen uns; und Sie brauchen dann auch kein Gebetbuch mehr . . . Solche Leute suchen nicht einen jeden auf; und wen sie aufsuchen, der mu von _derselben_ Sorte sein wie sie selbst . . . Also -- also erkennt Stjopka in dem Gast eine verdchtige Person . . . Wie sollte nun er mit ihm allein im Zimmer bleiben? . . . Stepan, bleib doch hier. Aber Stjopka machte eine abwehrende Bewegung, die etwas wie Ekel verriet. Der Herr kommt doch zu Ihnen, nicht zu mir! Die Tr hinter Stjopka fiel zu. Alexander Iwanowitsch wollte ihm erst nachrufen, er solle doch das Gebetbuch dalassen, aber . . . er schmte sich. Nun sollte er pltzlich das fr ihn, den Freigeist, kompromittierende Wrtchen Gebetbuch aussprechen. Alexander Iwanowitsch nahm sich fest vor, vor nichts, was auch kommen mag, zu erschrecken; denn alles, was jetzt kommt, nachdem Stjopka das Zimmer verlassen hat, kann nur Halluzination des Gesichts und des Gehrs sein. Die tanzenden roten Flammen an den Wnden erstarben; alles wurde -- ein tdlich fahles Grn. * * * Mit einer Handbewegung lud er den Gast ein, auf der Pritsche vor dem Tischchen Platz zu nehmen, selbst aber blieb er neben der Tr stehen, um gegebenenfalls entschlpfen zu knnen, das Zimmer mit dem Besucher abzusperren und selber ber alle sechsundneunzig Stufen hinunterzukollern. Der Gast sttzte seinen Ellbogen aufs Fensterbrett, zndete eine Zigarette an und begann zu plaudern; sein Profil zeichnete sich schwarz auf dem Fond des durchs Fenster hereinstrmenden, grnlichen Lichtes; hinter dem Fenster flog der Mond zwischen Wolken dahin . . . Ich sehe wohl ein, da es nicht die rechte Stunde, in der ich zu Ihnen gekommen . . . da ich Sie, wie es scheint, stre . . . Das macht nichts, bitte sehr, versuchte Alexander Iwanowitsch den anderen zu beruhigen, whrend er selbst der Beruhigung bedurfte und mit der Hand heimlich hinter dem Rcken untersuchte, ob die Tr offen oder zugesperrt sei. Aber . . . Ich habe Sie so lange schon besuchen wollen, hab' Sie berall gesucht, und als wir uns auch bei Soja Sacharowna verfehlt haben, bat ich diese um Ihre Adresse; ich komme jetzt direkt von dort zu Ihnen und beschlo auf Sie zu warten . . . Um so mehr, als ich morgen schon ganz frh verreise. Sie verreisen? fragte Alexander Iwanowitsch, denn es schien ihm, die Worte seines Besuchers htten in ihm ein doppeltes Echo ausgelst: whrend sein ueres Ohr die Worte Ich verreise ganz frh vernommen hatte, hrte er mit einem anderen, inneren Ohr deutlich: Ich verreise ganz frh am Morgen, um mit der Abenddmmerung zurckzukehren . . . Aber er bestand nicht auf der Beantwortung seiner Frage und fuhr fort, das weitere mit seinem ueren Gehr aufzunehmen. Ja, ich verreise nach Finnland, nach Schweden . . . Dort wohne ich; meine Heimat ist aber -- Schemacha. Ich wohne eben in Finnland, weil das Petersburger Klima, aufrichtig gesagt, auch fr mich schdlich ist. Ein doppeltes Echo lste wieder dieses auch fr mich aus: das Klima von Petersburg ist fr alle schdlich, es war nicht ntig, es zu betonen. Ja, erwiderte Dudkin mechanisch, Petersburg befindet sich auf einem Sumpf . . . Ja, ja, ja . . . Fr das Russische Reich ist Petersburg ein sehr bezeichnender Punkt . . . Nehmen Sie nur die Landkarte zur Hand . . . Unsere Hauptstadt, die so reich von Denkmlern geschmckt ist, gehrt auch zum Lande des Jenseits . . . Oh, oh, oh! dachte Dudkin; nun heit es die Nase nach dem Winde halten, um rechtzeitig fliehen zu knnen . . . Laut aber erwiderte er: Sie sagen: _unsere_ Hauptstadt . . . Doch nicht Ihre: Ihre Hauptstadt ist ja nicht Petersburg, sondern Teheran . . . Ihnen, als einem Orientalen, drften die klimatischen Verhltnisse unserer Hauptstadt . . . Ich bin Kosmopolit: ich lebte ja schon in Paris und in London . . . Ja, wovon sprach ich? -- da unsere Hauptstadt zum Land des Jenseits gehrt, das pflegt man bei den Landkarten, Reisefhrern und dergleichen nicht in Betracht zu ziehen; selbst der ehrenwerte Baedeker schweigt darber; der bescheidene Provinzler, der nicht vorher aufmerksam gemacht wurde, gert schon bei dem ersten Schritt vom Nikolaijewer oder Warschauer Bahnhof in einen Sumpf; er hatte eben nur mit der realen Behrde gerechnet und hatte es unterlassen, sich mit einem Schattenpa zu versehen. Wie meinen Sie es? Nun eben, ganz einfach: wenn ich in das Land der Papuas gehe, wei ich, da ich im Land der Papuas auf Papuas stoen werde; ber diese Naturerscheinung hat mich Herr Karl Baedeker rechtzeitig unterrichtet; aber denken Sie, wie ich mich fhlen mte, wenn ich auf dem Wege nach Kirssanow auf eine Horde schwarzer Papuas stiee (was brigens sehr bald in Frankreich der Fall sein wird, da Frankreich in aller Stille die schwarzen Horden bewaffnet, um sie nach Europa zu bringen): Sie werden das erleben, brigens drfte es Ihren Wnschen sehr zustatten kommen; es pat ja so gut zu Ihrer Theorie der Vertierung und der Kulturvernichtung: erinnern Sie sich? . . . Ich hrte Ihnen damals im Helsingforser Kaffeehaus mit Befriedigung zu. Alexander Iwanowitsch fhlte sich immer unbehaglicher; es frstelte ihn; besonders widerlich war es ihm, einen Hinweis auf die von ihm lngst berwundene Theorie zu hren; er hat diese Theorie lngst als krankhaft erkannt und verworfen; und nun jetzt, wo er sich wieder krank fhlt, tritt sie ihm in so widerlicher Form entgegen. Also, wo bin ich? Ja, die Papuas: die Papuas sind, sozusagen, erdgeborene Wesen; die Biologie der Papuas, so primitiv sie auch ist, drfte Ihnen, Alexander Iwanowitsch, nicht unbekannt sein. Mit einem Papua knnen Sie schlielich und endlich sich irgendwie noch immer verstndigen; sagen wir zum Beispiel etwa mit Hilfe des Schnapses; und dann: selbst in Papuasien gibt es Rechtsinstitutionen, die unter Kontrolle des papuasischen Parlaments stehen . . . Alexander Iwanowitsch fiel das hchst befremdende Benehmen seines Gastes auf, dessen Stimme sich pltzlich in hchst unpassender Weise von ihm gelst hatte; und berhaupt verwandelte sich der unbeweglich auf dem Fensterbrett sitzende Gast (oder betrogen ihn etwa seine Augen?) ganz deutlich in einen Rufleck auf der mondbelichteten Fensterscheibe, whrend seine Stimme, immer lauter werdend, den krchzenden Ton eines Grammophons annahm, der Alexander Iwanowitsch unmittelbar ins Ohr hineintrommelte. Der Petersburger Schatten aber ist nicht einmal ein Papua; die Biologie der Schatten ist noch nicht erforscht. Sie werden sich nie mit dem Schatten verstndigen knnen, seine Forderungen nie verstehen lernen; sobald Sie Petersburger Boden betreten, schlpft der Schatten in Sie zugleich mit allen mglichen Krankheitsbazillen hinein, die Sie mit dem Wasser aus den Leitungen hinunterschlucken . . . * * * Vom Mond beschienen und mit phosphoreszierenden Flecken berdeckt, sa er auf seinem schmutzigen Lager und ruhte von den Angstanfllen aus; da, hier war sein Gast gesessen: der war jetzt nicht mehr da. Diese Angstanflle! Drei-, vier-, fnfmal whrend einer Nacht; den Halluzinationen folgten klare Augenblicke. Jetzt war sein Bewutsein klarer wie der Mond dort hoch vor den seitwrts dahinziehenden Wolken; und wie der Mond schien das Bewutsein hell und belichtete die Seele, wie der Mond die labyrinthartigen Straenprospekte. Weit nach hinten und nach vorn belichtete das Bewutsein die kosmischen Zeiten und die kosmischen Fernen. In jenen Fernen gab es nichts: keine Menschen, keine Schatten. Und -- leer waren die Fernen. In seinen vier einander perpendikulren Wnden kam er sich selbst wie ein in den kosmischen Rumen eingeschlossener Gefangener vor; ein Gefangener, der -- freier ist als alle anderen Menschen, fr den der winzige Raum zwischen den vier schmalen Wnden dem ganzen Raum des Alls gleicht. Einsam ist der Raum des Alls! Sein leeres Zimmer! . . . Das All ist der letzte Besitz an Reichtmern . . . Das eintnige All! . . . Eintnig war sein Zimmer schon immer gewesen . . . Die Wohnung eines Bettlers mu aber prunkvoll erscheinen im Vergleich mit der Leere des Raumes im All. * * * Die Befreiung von den Dmmerzustnden wie eine Erholung empfindend, trumte sich Alexander Iwanowitsch hoch ber alles Sinnliche der Welt hinweg. Eine hhnische Stimme sprach: Der Schnaps! Das Rauchen!? Die wollstigen Gefhle? Befand er sich auch wirklich so hoch ber allem Sinnlichen der Welt? Er senkte den Kopf: davon kommt alles: die Krankheit, die Angstzustnde, die Schicksalsschlge -- von den schlaflosen Nchten, vom Rauchen, vom Trinken. Der Schnaps! Pltzlich fhlte er einen schmerzhaften, scharfen Stich in seinem kranken Backzahn; er drckte die Hand auf die Wange. Seine Irrsinnsanflle erschienen ihm auf einmal in neuem Licht; er begriff jetzt die Wahrheit dieses Irrsinns: er war nur die Botschaft seiner erkrankten Sinnesorgane an das bewute Ich; nicht der persische Untertan Schischnarfijew verfolgte ihn, sondern seine schwergewordenen Sinnesorgane verfolgten sein _Ich_; und indem sich dieses _Ich_ vor ihnen zu retten sucht, wird es zum _Nicht-Ich_, denn nur durch die Sinnesorgane kommt das _Ich_ wiederum zu sich zurck; der Alkohol, der Tabak und die schlaflosen Nchte untergruben seinen schwachen Krper; unser krperlicher Organismus aber ist eng mit dem Raum verbunden; whrend der Organismus zu zerfallen begann, bildeten sich auch Lcken im Raum; in die Spalten der Sinnesorgane drangen Bazillen ein; das Rumliche aber, das immer den Krper umschliet -- fllte sich mit Visionen . . . Zum Beispiel: Wer ist Schischnarfijew? Ein Alpdrucktraum; dieser Traum aber ist eine Folgeerscheinung des Alkohols; Schischnarfijew ist also nichts anderes als ein Stadium der Alkoholvergiftung. Du solltest nicht rauchen, nicht trinken, dann wrden deine Sinnesorgane wieder ihren Dienst tun! Er fuhr zusammen. Heute hatte er jemand verraten. Wie konnte er es bersehen, da er jemand verraten hatte? Er hatte ja zweifellos verraten: er hatte aus Angst Nikolai Apollonowitsch an Lipantschenko ausgeliefert; deutlich erinnerte er sich aller Einzelheiten des widerlichen Handels. Er hatte ohne zu glauben an etwas geglaubt: das war Verrat. Ein noch grerer Verrter ist Lipantschenko selbst; da Lipantschenko sie alle verriet, hatte er eigentlich schon immer gewut, und doch verbarg er vor sich selbst dieses Wissen (Lipantschenko bte eine besondere Macht ber seine Seele aus): darin lag die Wurzel seiner Krankheit: im furchtbaren Wissen, da Lipantschenko ein Verrter ist; das Trinken, Rauchen, das ausschweifende Leben waren nur Folgen; und die Halluzinationen waren die letzten Glieder der Kette, an die ihn Lipantschenko geschmiedet hielt. Warum tat es dieser? Weil Lipantschenko wute, da ihm sein Verrat bekannt ist; nur weil Lipantschenko wei, lt er ihn auch jetzt nicht los. Lipantschenko hat seinen Willen geknechtet; er hat durch diese Knechtung seines Willens den schrecklichen Verdacht, der alles aufdecken konnte, abzuwenden gesucht; Lipantschenko ahnte, da in ihm, Dudkin, Mitrauen erwacht war, und suchte durch eine engere Gemeinsamkeit dieses Mitrauen einzudmmen, daher hatte er ihn keinen freien Schritt machen lassen; daher hatte er ihn an sich gebunden; er hat in Lipantschenko seine Mystik gegossen, dieser aber in ihn den Alkohol. Alexander Iwanowitsch erinnerte sich deutlich der Szene im Arbeitszimmer des Lipantschenko; der freche Zyniker und Schuft hatte es auch da verstanden, ihn zu hintergehen; er sah jetzt deutlich vor sich den feisten Hals des Lipantschenko mit der dicken, fetten Falte; dieser Hals hatte ihn gleichsam frech verhhnt, bis Lipantschenko, seinen Blick auf dem Halse fhlend, sich umgedreht hatte; dieser aufgefangene Blick war es aber, der Lipantschenko alles gesagt hatte. Damals hatte er mit seiner Einschchterungspolitik begonnen: er hatte ihn berfallen und so alle Karten vermischt; er hatte einen tdlich verletzenden Verdacht ausgesprochen und ihm dann einen Kompromi vorgeschlagen: so zu tun, als ob er dem Verrat Ableuchows glaubte. Und Dudkin hat es geglaubt! Alexander Iwanowitsch sprang auf und ballte in hilfloser Wut die Fuste; das war nun Tatsache, das ist nun geschehen. Hier lag der Grund seines Alpdruckes. * * * Er erinnerte sich der ersten Begegnung mit Lipantschenko; der Eindruck war wahrlich kein angenehmer gewesen; Lipantschenko hatte entschieden etwas zuviel Interesse fr die Schwchen seiner Mitmenschen gezeigt. Dieser plumpe Krper, diese stumpfsinnig zwinkernden uglein konnten wohl einem Provokateur hheren Genres angehren, nicht aber . . . Ein solcher konnte schon manchmal auch ganz einfltig erscheinen. Gewrm . . . O, du Gewrm! Je mehr er sich in Lipantschenko vertiefte, in die Betrachtung seiner Krperteile, seiner Manieren, Gepflogenheiten, um so deutlicher sah er vor sich: nicht einen Menschen, sondern -- eine Tarantel. Und etwas Sthlernes drang ihm in die Seele: Ja, ich wei jetzt, was ich zu tun habe. Ein Gedanke erleuchtete ihn: alles wird so einfach enden; da es ihm nicht schon frher eingefallen war! Nun ist es ihm klar, welche Mission er zu erfllen hat. Alexander Iwanowitsch lachte hell auf: Dieser Wurm glaubte mich hintergehen zu knnen. Da fhlte er wieder einen starken Stich im Zahn: aus seinen Trumereien gerissen, griff er sich an die Backe; sein Zimmer, der kosmische Raum -- verwandelte sich wieder in eine armselige Dachkammer; das Bewutsein begann zu erlschen (wie das Mondlicht in den Wolken); er wurde vom Fieber geschttelt; seine Augenblicke fllten sich langsam mit ngsten und Bangigkeit; er rauchte eine Zigarette nach der anderen, rauchte sie ganz bis zum uersten Rand herunter . . . Pltzlich aber . . . Der Gast Alexander Iwanowitsch Dudkin vernahm einen seltsamen knallenden Laut; der knallende Laut kam von unten; dann wiederholte er sich (begann er sich zu wiederholen) auf der Treppe: ein Schlag folgte dem anderen, mit Pausen dazwischen. Wie wenn jemand mit aller Wucht ein riesengroes, zentnerschweres Metallstck auf Stein warf; und diese auf Stein niederfallenden Metallschlge stiegen immer hher, kamen immer nher. Alexander Iwanowitsch begriff nun, da ein beltter die Treppenstufen zerschlug. Er horchte, ob nicht aus irgendeiner Tr jemand herauskam, um den nchtlichen Ruhestrer dingfest zu machen. Ist es aber auch wirklich blo ein nchtlicher beltter? Die Schlge auf der Treppe folgten einander; eine Steinstufe nach der anderen wurde zermalmt; und die Steine flogen unter den wuchtigen Schritten nach unten; dieses metallene, drhnende Etwas nherte sich hartnckig dem dunkelgelben Dachzimmer; mit betubendem Gepolter rollten jetzt vielhundertzentnerschwere Steinmassen ber die Stufen: zertrmmert sind sie; und -- mit furchtbarem Knall lste sich auf einmal der Steinboden vor der Tr: Die Tr spaltete sich mit donnerndem Krachen und flog aus den Angeln; aus der ghnenden ffnung ergossen sich melancholische Dsterkeiten wie rauchige, tiefgrne Wolkenknule in die Kammer; von dem Stiegenraum her flo Mondferne herein, und die Dachkammer schlo sich an die Unermelichkeit an; mitten aber an der Trschwelle, zwischen den zerrissenen Wnden, durch die die grnliche Unermelichkeit hereinsickerte, stand pltzlich, den gekrnten, grnumwobenen Kopf tief gesenkt, den schweren, grnumsponnenen Arm vorgestreckt, eine mchtige, phosphorleuchtende Gestalt. Das war -- der kupferne Gast. Der metallene, matt schimmernde Mantel glitt schwer von den metallisch blinkenden Schultern ber den geringelten Panzer; die aus Eisen gegossenen Lippen bebten zweideutig, denn nun wiederholte sich das vergangene Jahrhundert; jetzt, im selben Augenblick, in dem hinter der armseligen Kammer die Wnde des alten Gebudes in die grnliche Unermelichkeit strzten; und ebenso klaffte seine eigene Vergangenheit vor Alexander Iwanowitsch auf; er rief: Jetzt erinnere ich mich . . . Ich habe dich erwartet . . . Der Riese mit dem kupfernen Kopf war im Fluge durch alle Zeitepochen gezogen und schlo so den eisernen Ring bis zu diesem Augenblick ab; Vierteljahrhunderte zogen dahin; Nikolai stieg auf den Thron; die verschiedenen Alexander stiegen auf den Thron; Alexander Iwanowitsch aber, der Schatten, hatte sich vergeblich bemht, den Ring zu berwinden: alle Zeitepochen zu durchlaufen, indem er die einzelnen Tage, Jahre, Minuten durchlief, indem er die feuchten Petersburger Prospekte durchwanderte -- trumend, wachend, sich in Sehnsucht verzehrend . . . Und hinter ihm her, hinter allen anderen her klirrte das Metall, das die Existenzen zerschlug; krachten die metallenen Schlge -- in leeren Fluten, in Drfern, in den Stdten; donnerten unter den Haustoren, auf den ffentlichen Pltzen, auf den Stufen der nchtlichen Haustreppen. Es donnerten -- die Zeitepochen; ich habe dieses Donnern gehrt. Und du -- hast auch du sie gehrt? Apollon Apollonowitsch Ableuchow ist -- ein Schlag auf Stein; Petersburg ist -- ein Schlag auf Stein; die Karyatide dort vor dem Portal, die sich bald lsen will -- ist wiederum derselbe Schlag auf Stein; unvermeidlich ist die Verfolgung; und unvermeidlich sind -- die Schlge; du kannst dich in deiner Dachkammer nicht verbergen; die Dachkammer ist Lipantschenkos Werk; die Dachkammer ist eine Falle; einrennen mut du sie, einrennen . . . durch Schlge auf Lipantschenko! Dann wird sich alles wenden; unter den Metallschlgen, die den Stein zerbrckeln, mu Lipantschenko in Stcke zerfallen; dann zerfllt auch die Dachkammer und zerfllt auch Petersburg selbst; die Karyatide wird zu Staub werden, und der nackte Schdel Ableuchows wird durch die Schlge, die Lipantschenko treffen, tdlich getroffen. Alles, alles erhellte sich jetzt fr ihn, als nach zehn Jahrzehnten der kupferne Gast bei ihm erschien und mit laut tnender Stimme sagte: Ich gre dich, mein Sohn! Drei Schritte nur: ein dreimaliges Knattern der Bretter unter den Fen des riesigen Gastes; mit seinem metallenen Hintern schlug der aus Metall gegossene Kaiser laut klirrend auf den Stuhl auf; der grnumsponnene Ellbogen, mit tnenden, glockenhnlichen Lauten sich vom Mantel befreiend, fiel mit seiner ganzen kupfernen Schwere auf das billige Tischchen; und mit langsamer, zerstreuter Bewegung griff der Kaiser vom Kopfe die kupfernen Lorbeeren; klirrend fiel der kupferne Lorbeerkranz vom Haupt. Klirrend und prasselnd zog die tausendzentnerschwere Hand die rotglhende Pfeife hervor; und zwinkernd sprach er: Petro Primo Catherina Secunca . . . Er schob die Pfeife zwischen die starken Lippen, und der grne Rauch des geschmolzenen Kupfers stieg in den Mondschein auf. Da erst begriff Alexander Iwanowitsch, da er umsonst durch all die Jahrzehnte gelaufen; da die Schlge hinter ihm ohne jeden Zorn gedonnert haben; jene Schlge in den Stdten, Drfern, unter den Toren, auf den Treppen; er war ein seit Ewigkeit Begnadigter; und alles Gewesene -- ebenso wie das Kommende -- war nur ein visionres Durchwandern, bis zum Trompetenruf der Erzengel. Und -- er sank zu den Fen des Gekommenen: Meister! In den kupfernen Gesichtsfalten des Gastes leuchtete kupferne Melancholie; gutmtig legte sich auf seine Schulter die steinzermalmende Hand, und weiglhend brach sie ihm das Schlsselbein. Macht nichts: sterbe nur, dulde . . . Der metallene Gast, in tausendgradiger Hitze, im Mond glhend, sa jetzt sengend vor ihm; ganz durchglht, blendend wei geworden, flo er ber den gebeugten Alexander Iwanowitsch wie ein geschmolzener Eisenstrom; in vollstndigem Wahn wand sich Alexander Iwanowitsch in der tausendzentnerschweren Umarmung: der kupferne Reiter ergo sich mit seinem Metall in seine Adern. Die Schere Herr, schlafen Sie? In seiner bleiernen Bewutlosigkeit fhlte Alexander Iwanowitsch dumpf, da ihn wer rttelte. Herr, he? . . . Herr! Endlich schlug er die Augen auf und versetzte sich in den dsteren Tag. Aber Herr! . . . Der Kopf neigte sich. Was ist los? Alexander Iwanowitsch merkte erst da, da er auf der Pritsche lag. Die Polizei?! Vor seinem Blick erhob sich ein Zipfel des heien Kissens. Welche Polizei denn . . .? Ein dunkelroter Fleck kroch auf dem Kissen dahin -- brr: in seinem Bewutsein blitzte es auf: Eine Wanze . . . Er wollte sich auf den Ellbogen sttzen und sich erheben, verfiel aber wieder in Bewutlosigkeit . . . Herrgott, aber kommen Sie doch zu sich . . . Alexander Iwanowitsch sttzte sich endlich auf den Ellbogen. Bist du es, Stjopka? Er erblickte ein aufsteigendes Dampfwlkchen; ein Dampfwlkchen aus einer Teekanne; auf dem Tische sah er auch die Kanne und eine Tasse. Ah, das ist schn, Tee. Was schn! Sie fiebern ja ganz, Herr . . . Mit Verwunderung sah Alexander Iwanowitsch, da er angekleidet war; er war ja sogar im Mantel dagelegen. Wieso bist du hier? Ich bin zu Ihnen raufgekommen; es wird auf sehr vielen Fabriken gestreikt; die Polizei berall, massenhaft. . . . Ich kam zu Ihnen rauf, hab' das Gebetbuch mitgebracht. Das Gebetbuch war aber schon bei mir. Aber wo, Herr, das hat Ihnen nur getrumt . . . Warst du nicht gestern hier gewesen? Nein, Herr, Sie haben mich schon zwei Tage nicht gesehen. Ich glaubte aber . . . Mir schien eben . . . Was schien ihm? Ich kam heute zu Ihnen rauf und sah Sie liegen; Sie sthnten, fieberten ganz, wie im Feuer lagen Sie da. Ich bin aber gesund, Stjopka. Aber wo denn, gesund! . . . Ich hab' da fr Sie einen Tee gemacht; hier ist auch Brot, ganz frisches; trinken Sie, vielleicht wird's doch besser. Ja! So dazuliegen -- das ist doch nichts . . . (Er erinnerte sich: In der Nacht war durch seine Adern eine kochende Metallbrhe geflossen.) Ja, ja, mein Lieber, in der Nacht habe ich ein ganz anstndiges Fieber gehabt . . . Das glaub' ich schon . . . Ein Fieber von hundert Grad. Sie werden einmal im Alkohol zu Tode gesotten . . . In der eigenen Brhe? Ha--ha--ha . . . Was meinen Sie? Man erzhlt: es hat einmal einen alkoholischen Menschen gegeben, dem sind aus dem Mund weie Dampfwolken aufgestiegen . . . und er war dann totgesotten . . . Alexander Iwanowitsch lchelte ein bses, wehes Lcheln. Sie haben sich schon den Teufel auf den Hals getrunken . . . Die Teufel waren schon da, das ist wahr . . . Deswegen habe ich dich auch um das Gebetbuch gebeten: ich will sie verjagen. Sie werden sich auch noch die grne Schlange auf den Hals trinken . . . Alexander Iwanowitsch lchelte wieder schief: Ganz Ruland aber auch, mein Lieber . . . Waas? . . . Trinkt sich die grne Schlange . . .? Er dachte aber gleich: Solltest doch lieber deine Zunge hten . . . Das ist nicht wahr: Ruland steht unter Jesu Christi Schutz . . . Du quatschst . . . Sie quatschen selbst: Sie werden schon sehen . . . wenn Sie noch weitertrinken, dann werden Sie einmal von _ihr_, von _ihr_ selbst geholt . . . Alexander Iwanowitsch schrak heftig zusammen. Von wem? Von . . . von . . . der _weien Frau_. Da das Delirium tremens, das Stjopka mit der weien Frau meinte, auf den Fersen war -- daran war nicht zu zweifeln. Ach, weit du: wenn du doch in die Apotheke laufen . . . und mir ein Chininpulverchen kaufen mchtest . . . Das kann ich schon tun . . . Aber nicht vergessen: salzsaures, kein schwefelsaures. Schwefelsaures Chinin ist nur Verschwendung und hilft wei Gott nichts . . . Ach, Herr, am Chinin liegt es nicht . . . Fort mit dir! . . . Stepan lief zur Tr und Alexander Iwanowitsch ihm nach. Vergi auch nicht, Stjopuschka, mir bei dieser Gelegenheit auch etwas Himbeersaft zum Tee zu kaufen. Er dachte: Himbeer ist ein gutes, schweitreibendes Mittel. Mit raschen, flieenden Bewegungen trat er an die Wasserleitung; kaum hatte er sich aber aus dem Hahn gewaschen, als in ihm wieder alles aufflammte, die Grenze zwischen Delirium und Wirklichkeit verwischend. Whrend er mit Stjopka gesprochen hatte, schien es ihm immerfort, hinter der Tr lauere etwas: etwas ihm seit Ewigkeiten Bekanntes. Dort, hinter der Tr? Und er lief hinaus; aber hinter der Tr sah er nur das Treppenhaus sowie das Treppengelnder, das ber dem Abgrund hing. Hier blieb Alexander Iwanowitsch angelehnt stehen; er schnalzte mit der vollstndig ausgetrockneten Zunge, zitternd vor innerer Klte. Ein Geschmacksgefhl reizte ihn, ein Kupfergeschmack; im Mund und auf der Zungenspitze. Wahrscheinlich wartet es unten im Hofe . . . Im Hof war aber niemand, nichts. -- Vergeblich suchte er berall, in allen versteckten Ecken, in den Durchgngen (zwischen den Holzstapeln); silbern schimmerte der Asphalt; silbern schimmerten die Ahornbltter; nichts, niemand, nichts . . . Wo ist _es_ also? Stjopka lief mit den gekauften Sachen vorbei; nun schlpfte er rasch, um von Stjopka nicht gesehen zu werden, hinter einen Holzsto; pltzlich wurde er von einem Gedanken erleuchtet: _Es_ ist in einem metallenen Ort . . . Was das fr ein Ort war und warum ein metallener? Darauf gab ihm sein im Wirbel sich kreisendes Bewutsein keine erklrende Antwort. Umsonst strengte er seine Gehirnzellen an: nichts deutete auf das in ihm frher gewesene Bewutsein; eines blieb in der Erinnerung haften: es hat sich hier ein anderes Bewutsein befunden; dieses andere Bewutsein hatte sehr klare Bilder vor ihm entstehen lassen; in jener Welt, die keinesfalls unserer hnlich war, befindet sich . . . _es_ . . . Und . . . _es_ wird wieder erscheinen. Mit dem Erwachen verwandelt sich jedes andere Bewutsein in einen unrealen, mathematischen Punkt; am Tage also, im Wachsein, schrumpft _es_ zu einem Bruchteil eines mathematischen Punktes zusammen; ein Punkt hat aber keine Teile; also kann _es_ nicht gewesen sein. Es blieb nur die Erinnerung an eine Erinnerungslosigkeit und an ein Etwas, das einer Ausfhrung harrte, das kein Verschieben duldete; doch -- was war es? Eine Erinnerung an einen _metallenen Ort_ . . . Eine Erleuchtung kam ber ihn: mit federnden, leichten Schritten eilte er zu einer Straenecke, wo sich zwei Straen kreuzten; an dieser Straenecke (das wute er) war ein Geschft, dessen Fenster ein Glanzflimmern verbreiteten . . . Wo war aber das Geschft, und -- wo war diese Straenecke? Dort glnzten Gegenstnde. Gibt es dort Metalle? Diese sonderbare Passion! Woher auf einmal diese sonderbare Passion bei Alexander Iwanowitsch? Wirklich: an der Ecke glnzten Metalle: es war ein kleiner Laden, in dem alle mglichen, billigen Metallgegenstnde: Scheren, Messer, Gabeln, verkauft wurden. Er trat in das Geschft ein. Eine verschlafene Gestalt (wahrscheinlich der Eigentmer all dieser Sgen, Messer, Bohrer) erhob sich hinter der Kasse und trat vor den Verkaufstisch, auf dem verschiedene Stahlgegenstnde glnzten; der schmalstirnige Kopf fiel eigentmlich schwer gegen die Brust; hinter der Brille verbargen sich kleine, rtlichgraue uglein: Ich mchte, ich mchte . . . Da er nicht wute, was er wollte, berhrte er mit der Hand eine Sge; die gab einen klirrenden Laut von sich: wss--wss--wss. Der Ladeninhaber blickte mit seinen tief in den Hhlen sitzenden Augen den Kufer an: Alexander Iwanowitsch ist ja ganz unerwartet fr sich selbst auf die Strae gelangt; so wie er auf seiner Pritsche im Mantel gelegen war, kam er in das Geschft; der Mantel war zerdrckt und mit Schmutz bedeckt; vor allem aber: er hatte keinen Hut auf dem Kopf: das Gesicht mit berhngenden, wirren Haaren konnte jeden erschrecken. Deswegen sah ihn der Ladeninhaber mitrauisch, mit gefalteter Stirn an; mit unberwindlichem Ekel in den ungemtlichen, von Natur aus schwer gebauten Gesichtszgen starrte er unverwandt Dudkin an. Wnschen Sie eine Sge? Die scharf prfenden uglein aber sprachen wtend: So--o--o! . . . Ein wahnsinnig gewordener Trunkenbold! So schien es ihm. Nein, keine Sge; mit einer Sge, wissen Sie, geht es nicht. Ich brauche ein finnisches Messer, ein geschliffenes. Doch der Ladeninhaber erwiderte grob: Verzeihen Sie: wir haben keine finnischen Messer. Die bohrenden Augen sagten gleichsam: Wenn du ein Messer in die Hand bekommst . . . dann geschieht manches Unheil . . . Wenn sich die Lider gehoben htten, dann wren die scharf bohrenden uglein zu einfachen Augen geworden; aber eine hnlichkeit berraschte Dudkin; eine hnlichkeit -- denken Sie, mit wem? Mit Lipantschenko. Jetzt drehte ihm die Gestalt den Rcken zu und warf ihm einen Blick zu, der selbst einen Ochsen zu Boden gestreckt htte. Es ist ganz gleich: geben Sie mir eine Schere . . . Bei sich aber dachte Dudkin: Woher diese Wut in ihm? Woher diese hnlichkeit mit Lipantschenko? Aber gleich darauf beruhigte er sich selbst: Ach wo! Ist da berhaupt eine hnlichkeit? Lipantschenko trgt keinen Bart, und dieser dicke Kerl hat einen runden Vollbart. Aber bei dem Gedanken an Lipantschenko fiel ihm pltzlich alles ein: alles -- alles -- alles! Jetzt wute er ganz klar, warum er auf den Gedanken verfallen war, in dieses Geschft zu gehen. Jetzt wute er, was er vorhatte. Vor der Schere stehend, begann er zu zittern: Sie brauchen nicht einzuschlagen -- nein, nein . . . Ich wohne ganz in der Nhe . . . Ich kann es so tragen, es geht auch so . . . Mit diesen Worten nahm er die kleine Schere, die von eleganten Leuten zum Ngelschneiden gebraucht wird, und steckte sie in die Tasche; dann lief er aus dem Laden. Mitrauisch, verwundert und erschreckt blickte ihm der quadratfrmige, schmalstirnige Kopf mit dem vorstehenden Stirnknochen nach; der vorstehende Stirnknochen ging im hartnckigen Wunsch auf, das Vorgefallene zu verstehen; es um jeden Preis zu verstehen, koste es, was es wolle; zu verstehen -- oder in Stcke zu zerfallen. Doch der Stirnknochen vermochte es nicht zu verstehen; er war ja ein so armseliger Stirnknochen: schmal, mit Querfalten; es war -- als weinte er. * * * Unermelichkeiten Wir verlieen Nikolai Apollonowitsch in dem Augenblick, als Alexander Iwanowitsch Dudkin, verwundert ber den aus Ableuchows Lippen pltzlich hervorgebrochenen Redestrom, ihm die Hand drckte und in der schwarzen Kopfbedeckungsflut untergetaucht war, whrend Nikolai Apollonowitsch da wieder fhlte, da er sich zu dehnen begann. Wir verlieen Nikolai Apollonowitsch in dem Augenblick, als die peinliche Verkettung von Umstnden sich unerwartet glcklich gelst hatte. Bis zu diesem Augenblick hatten sich vor ihm wie Felsenblcke allerlei Visionen und gedankliche Ungetme getrmt; ganze Gaurissankare von Geschehnissen drohten ber ihn niederzustrzen, und das alles hatte sich im Laufe von vierundzwanzig Stunden vollzogen: das Warten im Sommergarten und die unruhigen Schreie der Krhen; die Verkleidung in rote Seide; der Ball, das heit: die gestreiften, glckchenbehngten Harlekine, die flammend roten Narren, der gelbbucklige Pierrot und der sinnlos betrunkene, den Mdchen Angst einflende Bajazzo -- diese ganze Harlekinade, die wie ein Schreck durch die Sle dahingesaust war; die unbekannte himmelblaue Maske, die knicksend getanzt und ihm knicksend ein Zettelchen zugesteckt hatte; und dann -- dann seine schmachvolle Flucht aus dem Saal, fast bis zum Abort an den Zaun, wo ihn das kleine rudige Mnnchen abgefangen hatte; endlich Ppp, Pppowitsch, Ppp, das heit, die Sardinenbchse furchtbaren Inhalts, die . . . noch immer . . . tickte . . . Die Sardinenbchse furchtbaren Inhalts, geeignet, die ganze Umgebung in einen einzigen blutigen Schlamm zu verwandeln. Wir verlieen Nikolai Apollonowitsch bei dem Schaufenster eines Ladens; wir verlieen ihn, weil zwischen uns und dem Senatorsohn Regentropfen niederzufallen begonnen hatten; ein rieselndes Regennetz hatte sich zu spinnen begonnen; hinter diesem Netz verloren alle schweren Gegenstnde, die Huserkanten und Vorsprnge, die Karyatiden, Portale, die Karniese der steinernen Balkons ihre deutlichen Konturen, verwischten sich allmhlich und traten kaum, kaum hervor. Man spannte Regenschirme auf. Nikolai Apollonowitsch stand vor der Auslage und dachte daran, da es keinen Namen fr diese Gemeinheit gebe; einer Gemeinheit, die vierundzwanzig Stunden andauerte oder achtzigtausendsechshundert in der Tasche dahinhpfende Sekunden: achtzigtausend Augenblicke bedeuten ebenso viele Punkte in der Zeitlichkeit; kaum war ein Augenblick eingetreten, als schon ber ihn Sekunden, Augenblicke, Punkte, hpfend, im Kreise verteilt, herannahten und sich langsam in eine dehnbare kosmische Kugel verwandelten; die Kugel zersprang immer wieder; der Fu glitt in die kosmischen Leeren ber: der durch die Zeit Wandernde fiel in unbekannte Tiefen, vielleicht in die kosmischen Rume, bis zu . . . einem neuen Augenblick; so waren vierundzwanzig Stunden dahingegangen, achtzigtausend in der Tasche hpfende Sekunden; jede von ihnen verpuffte: der Fu glitt in Unermelichkeiten hinber. Nein, es gibt keinen Namen fr diese Gemeinheit, nein! Es war besser, nicht zu denken; aber -- irgendwo dachte _es_; vielleicht kamen die Gedanken aus dem aufgequollenen Herzen; Gedanken, die nicht im Kopfe, wohl aber im Herzen hausten; das Herz dachte; das Hirn aber fhlte. Ganz von selbst entstand vor ihm der scharfsinnige, bis in Einzelheiten ausgearbeitete Plan; ein fr den Urheber verhltnismig ungefhrlicher Plan, aber ein um so gemeinerer, ja gemeinerer! Wer hat diesen Plan ausgeheckt? Htte er, Nikolai Apollonowitsch, so etwas zustande gebracht? Nmlich: In all diesen Stunden hpften vor seinen Augen, unabhngig von ihm selbst, nadelscharfe Gedankensplitter, die in allen mglichen Farben irisierten, wie Sternfunken und wie das lustige Klimbim des Weihnachtsbaumes schimmerten: unaufhrlich versanken, flogen sie durch die einzige vom Bewutsein erleuchtete Stelle und versanken wieder: aus dem Dunkel ins Dunkle; bald wand sich vor ihm die Gestalt eines Clowns, bald galoppierte der zitronengelbe Narr Petruschka durch die erleuchtete Stelle des Bewutseins dahin -- aus dem Dunkel in das Dunkle -- das Bewutsein aber beschien unparteiisch alle sich berstrzenden Bilder; und wenn sie miteinander verschmolzen, verlieh ihnen das Bewutsein einen erschtternden, unmenschlichen Sinn; Nikolai Apollonowitsch spuckte beinahe vor Ekel. Ideenarbeit? Es war ja gar keine Ideenarbeit . . . Es war nur feige Angst und tierische Empfindungen, das Bestreben, die eigene Haut zu retten . . . Ja, ja, ja . . . Ich bin ein vollendeter Schuft . . . Wir hatten schon gesehen, da auch der verehrte Herr Vater seinerzeit zu genau demselben Schlu gekommen war. * * * Er war -- ein ausgemachter Schuft! Nachdem er das begriffen, war sein erstes, auf die Wassiljewski-Insel zu eilen, in die 18. Linie; eine schbige Droschke fuhr ihn dahin; mit keuchender, wuterfllter Stimme flsterte er hinter dem Rcken des Kutschers: Ha! . . . So etwas! . . . Heuchler . . . Lgner . . . Mrder . . . Einfach fr die eigene Haut . . . Auf dieses laut emprte Flstern wandte sich der Kutscher um und fragte etwas gergert: Was ist? Nichts . . . Gar nichts . . . Der Kutscher dachte: Ein sonderbarer Herr, wahrhaftig . . . Nikolai Apollonowitsch pflegte, wie Apollon Apollonowitsch, mit sich selbst zu reden. Die Winde echoten: Vatermrder! Lgner! Vllig auer sich sprang Nikolai Apollonowitsch aus der Droschke; an den Holzstapeln vorbei durchflog er den asphaltierten kleinen Hof und gelangte an die Hintertreppe, um ber die Stufen hinaufzurennen . . . weswegen -- das wute er allerdings nicht; wahrscheinlich aus Neugierde; um demjenigen in die Augen zu blicken, der die ganze Sache -- durch die bergabe des Pakets -- verschuldet hatte. Hier stie er auf Alexander Iwanowitsch; alles andere wissen wir ja nun. * * * Es gibt keinen Namen fr diese Schndlichkeit, nein! Ja, -- doch sein Herz, von all dem Geschehenen erwrmt, begann langsam zu schmelzen; das eisigkalte Herzklmpchen wurde allmhlich wieder ein Herz; erst hatte es sinnlos gepocht; jetzt pochte es mit bestimmtem Sinn; auch pochten in ihm die Gefhle; diese Gefhle erbebten ganz pltzlich in ihm; diese kleinen Erschtterungen erschtterten und verwandelten jetzt seine ganze Seele. Soeben noch trmte sich jenes Ungeheuer von einem Hause als ein Massenhaufen steinerner Balkons ber der Strae; wre er ber die gepflasterte Strae gelaufen, dann htte er mit der Hand seine steinerne Ecke fassen knnen; aber es fing zu regnen an, und in dem Nebel begann diese steinerne Ecke zu schwimmen. So schwamm jetzt auch alles andere. Es begann zu rieseln, und das Ungeheuer aus ineinandergreifenden Steinen begann sich aufzulsen; nun erhebt es schon, aus dem Regen heraus -- in den Regen hinein, seine leichten Spitzenkonturen, seine kaum merklichen Linien: ein wahrhaftiges Rokoko: das Rokoko verschwindet dann in einem Nichts. In nassem Glanz blinken die Fenster, die Vitrinen; aus den Dachrinnen schiet ein Wasserstrahl hervor; auf die bleichen Trottoirs fielen von oben dichte, lange Tropfen, die tdliche Trockenheit des Trottoirs nahm eine dunkelbraune Farbe an; ein vorbeisausendes Gummirad spritzte Kot nach beiden Seiten. Und so ging es und ging es weiter . . . Nikolai Apollonowitsch verschwand unter den aufgespannten Regenschirmen der Passanten: die Prospekte schwammen in Dunst; es war, als schben sich die Riesenkrper der Huser aus dem Luftraum in irgendeinen anderen, unbekannten Raum; dumpf blinken von dort ihre Konturen herber, der ineinander verworrenen Karyatiden, Spitzen, Mauern. Es schwindelte ihn: er lehnte sich gegen ein Schaufenster; etwas zersprang in ihm, flog auseinander; und -- vor ihm erstand ein Stck seiner Kindheit. * * * Er sieht seinen Kopf auf dem Scho der Gouvernante, der alten Nokkert, ruhen; beim Lampenlicht liest die Alte: Wer reitet so spt durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind . . . Pltzlich heulte der Sturm hinter den Fenstern auf; sicher wird das Kind dort verfolgt; an der Wand zittert der Schatten der Gouvernante. Und wieder . . . Apollon Apollonowitsch -- klein, alt, grau -- lehrt Kolenka das franzsische Contre-Danse; gleitend bewegt er sich, zhlt seine Schrittchen und schlgt mit den Handflchen den Takt; er schreitet bald rechts, bald links; er schreitet bald vorwrts, bald rckwrts; an Stelle der begleitenden Musik rezitiert er laut und schnell: Wer reitet so spt durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind . . . Dann richtet er seine haarlosen Augenbrauen auf Kolenka: Wie ist also, mein Lieber, die erste Figur der Quadrille? Alles andere war Nacht und Wind gewesen, denn die Verfolger hatten ihn eingeholt: hatten das Kind aus den Armen des Vaters gerissen: In seinen Armen das Kind war tot . . . Das ganze Leben nach jenem Augenblick erwies sich als ein Spiel der Nebel. Das Stck Kindheit verschwand. * * * In nassem Glanz blinkten die Fenster, die Vitrinen, die Wasserrinnen; die graubraune Nsse der Trottoirs glnzte; Gummirder spritzten Kot auf alle Seiten. In der dunstigen Nsse verschwand Nikolai Apollonowitsch unter den aufgespannten Regenschirmen der Passanten; es war, als schben sich die Riesenkrper der Huser aus dem Luftraum in einen anderen, unbekannten Raum; es blinkten von dort ihre Konturen herber, die ineinander verwobenen Karyatiden, Spitzen, Mauern. Die Kraniche Nikolai Apollonowitsch wnschte sich in die Heimat zurck, in die Kindheit, denn auf einmal begriff er es: er war -- ein kleines Kind. Er mute _alles_, _alles_ von sich abstreifen, vergessen; er mute alles, alles, wieder lernen, wie man es in der Kindheit einmal lernt; die alte vergessene Heimat -- jetzt hrt er sie wieder. Und -- schon, schon hrte er berall die Stimme der traurigen, aber doch lieben Kindheit, die lange nicht mehr erklungene Stimme, die nun zu klingen begann. Jener Stimme Laut? Wie man in der Stadt den Schrei der Kraniche nicht hrt, so hrt man auch diese Stimme nicht: hoch oben schweben die Kraniche; in dem Gepolter der Stadt hren sie die Stdter nicht; sie aber fliegen, fliegen, ber die Stadt dahin -- die Kraniche! . . . An irgendeiner Stelle, vielleicht auf dem Newskij-Prospekt, bleibt im Lrm der dahinsausenden Droschken, unter dem Schrei der Zeitungsverkufer, in vorabendlicher Stunde zur Frhlingszeit ein Mann wie angewurzelt auf dem Trottoir stehen, ein Bewohner der Felder, der zufllig in die Stadt gekommen war; er bleibt stehen -- neigt den struppigen Kopf mit dem brtigen Gesicht auf die Seite und redet dich an: Tsss! . . . Was ist's? Aber er, der Bewohner der Felder, der zufllig in die Stadt gekommen war, schttelt zur Antwort den struppigen Kopf und lchelt schlau-schlau: Hren Sie nicht? ? Horchen Sie doch! . . . Aber was? Aber was denn? Er aber seufzt: Dort . . . rufen die . . . Kraniche . . . Du horchst auch hin. Erst hrst du rein nichts; dann aber hrst du von oben, aus den Fernen: ein lieber, vergessener Laut -- ein besonderer Laut . . . Dort schreien die Kraniche. Ihr wendet beide die Kpfe nach oben. Ein dritter, ein vierter, ein fnfter wendet den Kopf nach oben. Erst sind alle von den kosmischen Fernen geblendet; nichts auer Luft . . . Doch nein: es ist etwas da, auer der Luft . . . Durch das gnzlich leere Blau sieht man etwas ziehen, etwas immerhin Bekanntes: nach dem Norden . . . fliegen . . . die Kraniche . . . Ein ganzer Ring von Neugierigen; alle Kpfe sind nach oben gewendet, das Trottoir ist von Menschen versperrt; langsam schiebt sich der Gorodowoi heran; und -- o nein, er bemeistert seine Neugierde nicht: bleibt stehen, wirft den Kopf nach oben; er schaut. Ein Murmeln: Kraniche! . . . Sie kehren wieder zurck . . . Die Lieben . . . ber den verfluchten Petersburger Dchern, ber dem Holzpflaster, ber der Menge -- dieses Vorfrhlingsbild, diese bekannte Stimme! . . . * * * Ebenso -- die Stimme der Kindheit! Man hrt sie nicht; aber -- sie sind da; der Ruf der Kraniche ber den Straen von Petersburg: pltzlich hrt man ihn einmal! Ebenso die Stimme der Kindheit. So etwas wie diese Stimme vernahm auf einmal Nikolai Apollonowitsch. Wie wenn ein trauriger Jemand, den Nikolai Apollonowitsch noch nie gesehen hatte, um seine Seele einen lichten, durchdringenden Kreis beschrieben htte und dann in seine Seele eingedrungen wre; durch die Seele drang das helle Licht seiner Augen hindurch. Nikolai Apollonowitsch fuhr zusammen; es dehnte sich etwas in seiner Seele, was bis dahin ganz zusammengeschrumpft darin gelegen war; leicht flo dieses Etwas in die Unermelichkeit hinber; ja, die Unermelichkeit war selbst da und sprach: Ihr verjagt mich alle! . . . Was, was, was? versuchte Nikolai Apollonowitsch zu horchen; die Unermelichkeit sprach unentwegt: Ich folge euch allen . . . So sprach sie. Nikolai Apollonowitsch sah sich verwundert um, als erwarte er, den Sprecher vor sich zu erblicken; er erblickte aber etwas anderes, und zwar: eine schwimmende Masse von Hten, Schnurrbrten, Kinnen; weiter zog sich nur einfach der Prospekt hin; und in ihm schwammen Blicke, wie alles jetzt schwamm. Der neblige Prospekt erschien ihm auf einmal lieb und bekannt; ah -- ah -- ah! -- wie traurig war jetzt der Prospekt; und der Strom der Hte mit den Gesichtern? Alle an ihm vorbeiziehenden Gesichter -- wie waren sie nachdenklich und unaussprechlich traurig. Den aber, der gesprochen hatte, erblickte er nicht. * * * Aber wer ist denn dort? Dort, auf der anderen Seite? Neben jenem Riesenhause? -- unter den Steinmassen der Balkons? Ja, dort steht jemand. Genau so wie er selbst; auch vor dem Schaufenster eines Ladens; er steht unter dem aufgespannten Regenschirm, einfach so . . . Ja, einfach so: oder betrachtet er etwas? . . . Es scheint so -- sein Gesicht ist nicht zu sehen. Was ist daran Besonderes? Steht er doch, Nikolai Apollonowitsch, auf dieser Seite, einfach so, zu seinem eigenen Vergngen . . . _Jener_ steht nun auch so: wie er, Nikolai Apollonowitsch, wie die anderen Passanten; er ist ja auch nur ein Passant; und er ist auch lieb und traurig (wie alle jetzt); er betrachtet etwas mit ganz unbefangener Miene: ich bin nichts weiter als ein einfacher Jemand, mit einem Schnurrbart! . . . Nein -- glattrasiert . . . Seine Gestalt in dem Wintermantel erinnert -- doch an wen? Winkt er nicht? Einfach jemand mit einer Schirmmtze auf dem Kopf. Wo war es doch nur frher schon einmal gewesen? Sollte er nicht an ihn nher herankommen, an den lieben Eigentmer der Schirmmtze? Der Prospekt gehrt ja der Allgemeinheit, wahrhaftig! Auf diesem ffentlichen Prospekt ist fr jeden Platz . . . Er konnte einfach hingehen -- sich die Sachen dort im Schaufenster ansehen. Dazu ist jeder berechtigt. Er konnte unbefangen neben dem anderen stehenbleiben, dann zufllig einen flchtigen, wie zerstreuten, dabei aber aufmerksamen Blick werfen -- -- auf ihn! Um sich zu vergewissern: wer er denn eigentlich sei? Nein, nein, nein! . . . Um seine -- sicher erstarrten -- Finger zu berhren und zu weinen vor dummem Glcksgefhl! . . . Sich aufs Trottoir platt hinstrecken! Ich bin -- krank, taub, belastet . . . Beruhige mich, Meister, beschtze mich . . . Und die Antwort zu bekommen: Steh auf . . . und . . . Gehe . . . Begehe keine Snden . . . * * * Nein, er wird keine Antwort bekommen. Gewi, er wird keine Antwort von dem Traurigen bekommen, denn es gibt jetzt noch keine Antwort: die Antwort wird spter kommen -- in einer Stunde vielleicht, in einem Jahr, in fnf Jahren; vielleicht noch spter -- in hundert, in tausend Jahren; aber eine Antwort wird kommen! Jetzt aber wrde der Traurige und Schlanke, den er nie vorher im Traum gesehen, der ein Unbekannter, doch kein einfacher Unbekannter, sondern ein geheimnisvoller Unbekannter war -- jetzt wrde dieser Traurige und Schlanke ihn nur ansehen und den Finger auf den Mund legen. Ohne sich umzusehen, ohne stehenzubleiben wrde er weiter durch den Straenschmutz gehen . . . Und wrde in dem Straenschmutz verschwinden . . . * * * Aber ein Tag wird kommen. Und all das wird sich in einem kurzen Augenblick ndern. Und alle unbekannten Passanten -- alle, die im Augenblick der tdlichen Gefahr aneinander vorbeigegangen waren (irgendwo in einem schmalen Gchen), alle, deren unaussprechliche Blicke von diesem kommenden Augenblick gesprochen hatten und die dann in der Unermelichkeit verschwunden waren -- alle, alle werden sie sich finden! Die Freude dieser Begegnung wird ihnen niemand nehmen. Ich gehe einfach so . . . und stre niemand Was ist das mit mir? dachte Nikolai Apollonowitsch, ich versank zu sehr unrechter Zeit in Trumereien. Es war keine Zeit zu verlieren . . . Die Zeit vergeht, inzwischen tickt die Sardinenbchse noch immer. Das beste wre: an den Schreibtisch zu gehen, das Ganze in ein Papier einschlagen, in die Tasche stecken und dann -- zur Newa . . . Er wandte bereits die Augen von dem Riesenbau, vor dem unter den steinernen Balkons der Unbekannte mit aufgespanntem Regenschirm stand; wieder ergo sich der dicke Krperbrei mit den vielen Fen an ihm vorbei -- der Brei aus menschlichen Krpern, der hier immer flo, im Frhling, im Sommer, im Winter: der Brei aus immer gleichen Krpern. Aber er hielt es nicht aus und sah wieder hin. Der Unbekannte hatte sich nicht vom Platz gerhrt; er wartete offenbar, ebenso wie Nikolai Apollonowitsch; wartete, bis der Regen aufhrt; pltzlich rhrte er sich, pltzlich schlo er sich dem Menschenstrom an; den Paaren und den Gruppen; er verschwand hinter einem blanken, lackierten Dreimaster; nur sein Regenschirm ragte hilflos hervor. Du solltest dich abwenden und weitergehen! Hol' ihn der Kuckuck, den Unbekannten, was geht er dich an? Kaum hatte er es gedacht, tauchte die Schirmmtze, die ihn so gefesselt hatte, hinter dem blanken Dreimaster und den sich rasch vorbeiziehenden Schultern wieder auf; in Gefahr, unter eine Droschke zu kommen, lief der Unbekannte quer ber die Strae; komisch streckte er seinen Regenschirm vor, den der Wind ihm aus der Hand zu reien drohte. Wie sollte er sich jetzt abwenden? Wie jetzt fortgehen? Was will er? dachte Nikolai Apollonowitsch und war, unerwartet fr sich selbst, darber verwundert. Ah, so sieht er also aus! In der Nhe verlor der Unbekannte sehr an Interesse; aus der Entfernung hatte er imposanter ausgesehen; geheimnisvoller, trauriger; seine Bewegungen waren langsamer. He! bitte: er sieht ja ganz idiotisch aus! Diese Mtze, nein diese Mtze! Wie er auf seinen Kranichbeinen dahintrippelt! Die Sche des schbigen Mntelchens flattern hin und her, der Schirm mit Lchern, und die Gummischuhe sind viel zu gro . . . Nikolai Apollonowitsch empfand etwas wie Feindseligkeit gegen den Fremden; erst wollte er ihn vorbeilassen, dann nderte er seine Taktik und rhrte sich nicht vom Platz, um dem anderen nicht etwa den Weg frei zu, machen; so stieen sie direkt aufeinander; Nikolai Apollonowitsch machte eine erstaunte Miene, der andere zeigte sich gleichgltig; sonderbar: die durchfrorene, groe Hand (mit Gnsehaut bedeckt) berhrte die Mtze; eine hlzerne, heisere Stimme hmmerte entschlossen: Ni--ko--lai A--pol--lo--no--witsch!! . . . Da erst merkte Nikolai Apollonowitsch, da der Unbekannte, der ihn fast berrannt hatte (offensichtlich ein gewhnlicher Kleinbrger), um den Hals einen Verband trug (wahrscheinlich eines, Furunkels wegen, die ja gewhnlich dort ihren Sitz nehmen, wo sie am meisten strend empfunden werden: am Hals, am Schulterblatt oder an einer nicht nher zu bezeichnenden Stelle! . . .). Doch seine Betrachtungen ber die tckischen Eigenschaften der Furunkel wurden unterbrochen: Sie scheinen mich nicht zu erkennen! (Ei, ei!) Mit wem hab' ich die Ehre? hatte schon Nikolai Apollonowitsch mit etwas beleidigter Miene begonnen, aber er sah aufmerksamer den Unbekannten an, ri dann pltzlich den Hut vom Kopfe und rief mit entstelltem Gesicht: Nein . . . Sind Sie es wirklich? . . . Gewi, in dem zuflligen Passanten, der wie ein Bettler aussah, war nicht leicht Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin zu erkennen; denn erstens war jetzt Lichutin in Zivilkleidung, die ihm ungefhr so pate wie der Kuh ein Sattel; und dann -- sieh mal einer her! -- war Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin bartlos. Das war die Hauptsache: an Stelle des welligen runden Bartes trat ein unangebrachtes, ein wenig unsauberes Nichts hervor; und -- was ist nur mit dem Schnurrbart geworden? Diese haarlose Stelle zwischen Nase und Lippe war es eben, die das wohlbekannte Gesicht zu einem vllig fremden, zu einem unangenehmen Nichts machte. Das Verschwinden des eigens Lichutin gehrenden Bartes, des eigens Lichutin gehrenden Schnurrbartes verlieh dem Leutnant den erschtternden Ausdruck eines Idioten: Nein, entweder versagen meine Augen . . . oder . . . Sie scheinen, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Ganz richtig: ich bin in Zivil . . . Das mein' ich nicht, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Das nicht . . . Nicht das erstaunt mich . . . es ist aber immerhin etwas erstaunlich . . . Was ist erstaunlich? Sie haben sich ganz verwandelt, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Ich bitte Sie vielmals um Verzeihung . . . Das sind Kleinigkeiten . . . O, gewi . . . Ich sage es nur so . . . Ich wollte nur sagen, da Sie sich den Bart abgenommen haben . . . Was ist dabei? sagte etwas gereizt Lichutin, Den Bart abgenommen! Warum auch nicht? . . . Ja, ich habe mir den Bart abgenommen . . . Diese Nacht habe ich nicht geschlafen . . . Warum drfte ich mir da nicht den Bart wegrasieren? . . . In der Stimme des Leutnants Lichutin klang seltsamerweise eine gewisse Erbostheit, eine Rauheit, die mit dem bartlosen Gesicht wenig harmonierte. Ja, ich habe mich rasiert . . . Natrlich, natrlich . . . Hol's der Kuckuck! regte sich noch immer Lichutin auf, Ich quittiere eben den Dienst . . . Warum quittieren Sie? . . . Wieso? . . . Aus privaten Grnden, die nur mich allein angehen . . . Uns gehen diese Lappalien nichts an, Nikolai Apollonowitsch . . . Uns gehen unsere privaten Angelegenheiten nichts an . . . Hier rckte Leutnant Lichutin nher an Ableuchow heran. brigens gibt es Angelegenheiten, die . . . Mit dem Rcken die Vorbergehenden stoend, begann Nikolai Apollonowitsch zurckzuweichen. Es gibt Angelegenheiten, Ssergeij Ssergeijewitsch, die . . .? Angelegenheiten, die, mein Herr . . . In der heiseren Stimme des Leutnants merkte Nikolai Apollonowitsch deutlich unheimliche Noten; es schien ihm, als bemhte sich der Offizier, seine Hand zu erhaschen. Sie sind erkltet? nderte Ableuchow brsk das Thema und stieg vom Trottoir herunter; zur Erklrung seiner Worte berhrte Ableuchow seinen eigenen Hals und deutete damit auf den Halsverband des Offiziers hin, auf eine mgliche Halsentzndung oder Grippe. Ssergeij Ssergeijewitsch aber wurde rot, sprang schnell vom Trottoir herunter und bemhte sich um jeden Preis, an Ableuchow heranzukommen, um . . . um . . . um . . . Ein paar Passanten blieben stehen und sahen zu: Ni--ko--lai Apol--lono--witsch! . . . ? Ich habe Sie wahrhaftig nicht deswegen eingeholt, damit Sie -- von dem Hals . . . und wei der Teufel wovon reden . . . Es blieb ein dritter, dann ein fnfter, ein zehnter Passant stehen, wohl in der Meinung, da ein Taschendieb gefangen wurde. Das gehrt gar nicht zur Sache . . . Ableuchows Aufmerksamkeit war aufs uerste geschrft, er dachte bei sich: So--so--so? . . . Was gehrt denn eigentlich zur Sache? Lichutin ausweichend, befand er sich nun wieder auf dem Trottoir. Um was handelt es sich also? Wo war nur sein Gedchtnis? Die Angelegenheit mit dem Offizier schien ernst zu werden. Ja: der Domino! Zum Teufel! Er hatte die Geschichte mit dem Domino gnzlich vergessen; jetzt erst fiel sie ihm wieder ein. Es gibt was, es gibt was . . . Sofja Petrowna Lichutina hat sicher ber den Vorfall im dunklen Entree und vorher am Kanal geplaudert. Das ist wohl die Angelegenheit, mit der ihn Lichutin jetzt bedrngte. _Das_ hatte noch gefehlt . . . Ach, zum Teufel, auch das noch jetzt, auch das noch . . . Pltzlich wurde alles ganz trb. Der Hutstrom wurde dunkel; rachschtig glnzten die Zylinder; wieder sprang die Kleinbrgermasse berall vor; in Mengen zogen Nasen vorbei: Adlernasen, Hahn- und Hhnernasen, grnliche, blaurote und mit Warzen geschmckte; ausdruckslose, eilige, groe Nasen. Vor Lichutins Blick ausweichend berflog Nikolai Apollonowitsch sie alle mit den Augen und wandte sich dann dem Schaufenster zu. Inzwischen hatte Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin sich Ableuchows Hand bemchtigt und hielt sie, halb drckend, halb knetend, in der seinen; whrend sich allmhlich ein Kreis von Neugierigen um sie versammelt hatte, trommelte seine hlzerne Fistel unaufhaltsam weiter: Ich . . . ich . . . ich . . . erlaube mir, Ihnen zu versichern, da ich . . . Sie schon seit dem Morgen . . . ? Ich suche Sie . . . War schon berall -- auch in Ihrer Wohnung . . . Wurde in ihr Zimmer gefhrt . . . Bin dort lange gesessen . . . habe einen Zettel hinterlassen . . . Ach, wie rgerlich . . . Aber, unterbrach ihn der Offizier, die Angelegenheit ist sehr wichtig, ein unaufschiebbares, geschftliches Gesprch . . . So? Nun beginnt es, hpfte es durch Ableuchows, Kopf, und er erblickte zugleich im groen Fenster sein Spiegelbild zwischen Schirmen, Stcken, Handschuhen und allerlei hnlichen Dingen. Inzwischen heulte und tanzte durch den Newskij-Prospekt der kalte Wind, und die Regentropfen fielen wie Schrotkerne auf die Schirme, auf die ernst gebeugten Rcken, raunten und flsterten und bergossen die Haare und die erstarrten Hnde der Kleinbrger, der Arbeiter, der Studenten mit ihrem kalten Na. Ich habe eine Angelegenheit mit Ihnen . . . Ich will sagen -- eine Sache, die keine Verzgerung duldet, die aufgeklrt werden mu; ich forschte berall nach, wo ich Sie treffen knnte; zu diesem Zwecke besuchte ich auch . . . wie heit sie nur? . . . unsere gemeinsame Bekannte -- Warwara Ewgrafowna . . . Ssolowjowa? . . . Ganz richtig . . . Mit Warwara Ewgrafowna hatte ich eine sehr unangenehme Auseinandersetzung -- Ihretwegen . . . Sie verstehen mich? . . . Um so schlimmer . . . Wovon sprach ich aber? . . . Ja, diese Warwara Ewgrafowna Ssolowjowa (die habe ich brigens eingesperrt) gab mir die Adresse eines Ihrer Freunde . . . Dudkin, glaube ich. Es ist brigens gleich . . . Ich ging nun nach dieser Adresse; aber gerade whrend ich den Hof betreten hatte, sah ich Sie aus dem Hause kommen. Sie liefen eilig weiter, und Sie waren nicht allein; mit Ihnen war ein mir unbekannter Herr . . . Lassen Sie es: Nomina sunt odiosa . . . Sie sahen sehr erregt aus, der Herr aber . . . der Herr . . . Nomina sunt odiosa . . . sah krnklich aus . . . Ich wollte Ihre Unterhaltung mit dem Herrn nicht stren . . . Verzeihung, Sie knnen den Namen des Herrn durchaus fr sich behalten . . . Ssergeij Ssergeijewitsch, ich . . . Warten Sie! . . . Ich traute mich nicht, Ihre Unterhaltung zu stren, obwohl ich Sie -- aufrichtig gestanden -- mit solcher Mhe gefunden hatte . . . Nun also, ich folgte Ihnen; natrlich in gewisser Distanz, um nicht zufllig Ohrenzeuge Ihres Gesprchs zu werden: ich liebe es nicht, die Nase in fremde Angelegenheiten zu stecken, Nikolai Apollonowitsch . . . Aber davon spter . . . Hier wurde Lichutin nachdenklich, er sah sich, wei Gott warum, um und verlor sich mit dem Blick in der Ferne des Newskij-Prospektes. Ich verfolgte Sie . . . bis zu dem Platz dort . . . Sie unterhielten sich immerzu miteinander . . . Ich folgte Ihnen und rgerte mich ein wenig, offen gesagt . . . -- Halt! -- unterbrach er pltzlich seinen Wortergu -- hren Sie nichts? Nein . . . Tsss . . . Horchen Sie . . . Aber was eigentlich? . . . Ein Ton . . . Ein U-Ton . . . Dort . . . Von dort kommt er . . . Nikolai Apollonowitsch wandte den Kopf; merkwrdig: wie eilig die Droschken pltzlich vorbeirasten, und alle in eine Richtung; die Fugnger beschleunigten die Schritte (und stieen die beiden immerfort); manche drehten sich um und sahen zurck; sie stieen dabei auf die Entgegenkommenden; das Gleichgewicht des Verkehrs war gestrt worden. Nikolai Apollonowitsch sah auf alle Seiten und hrte Lichutin gar nicht zu. Sie blieben dann schlielich allein und lehnten gegen eine Vitrine; da begann es auch zu regnen . . . Ich lehnte mich auch auf der anderen Seite der Strae gegen eine Vitrine . . . Sie sahen mich fest an, taten aber, als merkten Sie mich nicht. Ich erkannte Sie nicht . . . Ich grte Sie aber . . . Also, dachte gergert Ableuchow, er verfolgt mich . . . Er will mich . . . Was wollte er? Vor etwa zweieinhalb Monaten hatte Nikolai Apollonowitsch von Lichutin ein Briefchen bekommen, in dem dieser ihn sehr eindringlich bat, die Ruhe seiner heigeliebten Gattin nicht zu stren. Das geschah nach der Szene an der Brcke; einige Stze in diesem Briefchen waren zweimal unterstrichen, und auf dem Ganzen lag ein ernster Hauch, ein Zugwind aus Worten, knnte man sagen, wobei es nicht an dem Inhalt der Worte lag, sondern berhaupt . . . Und in seiner Antwort hatte Nikolai Apollonowitsch zugesagt . . . Er hatte ein Versprechen gegeben und es -- gebrochen. Was ist das nur? Zusammengedrngt blieben auf einmal die Passanten auf den Trottoirs stehen; auf dem breiten Prospekt war pltzlich keine Droschke zu sehen; weder das eilige Klatschen der Gummirder noch das helle Aufschlagen der Pferdehufe aufs Pflaster war zu hren; die vorbergesausten Droschken bildeten am Ende der Strae, in der Ferne, eine unbewegliche schwarze Masse, whrend sie hier eine holzgepflasterte Leere hinterlieen, in die der pfeifende Wind kaskadenartig hpfende Schwrme rastloser Tropfen schleuderte. Sehen Sie doch nur hin! Wie merkwrdig, wie merkwrdig! . . . Aus der Ferne des Prospektes, von dort, wo er leer und rein war, zwischen den zwei schwarz wimmelnden Trottoirs, durch die jetzt ein anwachsendes, tausendstimmiges Summen (hnlich wie in einem Wespennest) kam, sauste eine Droschke heran; in gebckter, halb sitzender Stellung hielt dort ein bartloser Herr, ohne Hut, mit zerzausten Haaren, eine lange, schwere Stange mit den Hnden umklammert; ein an der Stange befestigtes groes rotes Tuch durchschnitt mit leichtem Pfeifen die Luft; indem es sich in der kalten weiten Leere wellenfrmig wand, krmmte und seine zungenartigen Enden vorstreckte; merkwrdig war dieser Flug der roten Flagge durch den leeren Prospekt; als aber der Wagen mit dem fliegenden roten Tuch vorber war, gerieten die steifen Hte, Dreimaster, Zylinder, Schirmmtzen, Federhte und die buschigen, mandschurischen Mtzen auf den Trottoirs in Bewegung; es entstand ein Wogen, ein Stampfen von Fen, ein Stoen von Ellbogen, und pltzlich ergo sich die schwarze Menge von den Trottoirs auf die Mitte des Prospektes; aus den zerrissenen Wolken sandte die blasse Sonnenscheibe fr einen Augeblick gelbliches Licht auf die Huser, die Spiegelscheiben, die lackierten Schirmmtzen; der Sturm war mit seinem tollen Tanz zu Ende. Der Regen hatte ausgeweint. Die Menge ri auch Ableuchow und Lichutin mit sich; sie wurden vom Trottoir geschoben und durch ein paar krftige Ellbogen voneinander getrennt; Nikolai Apollonowitsch wollte die Gelegenheit benutzen, um eine Droschke zu erreichen und nach Hause zu fahren, ohne auf die Auseinandersetzung mit Lichutin einzugehen: denn zu Hause lag noch immer . . . die Bombe im Schreibtisch und . . . tickte! Solange sie noch nicht in der Newa lag, konnte er ja nicht ruhig sein! Er wurde fortwhrend von den Dahinstrmenden gestoen: aus den Geschften, den Friseurlden, Husern, aus den Querstraen ergossen sich immer neue Bche in den Menschenstrom; und immer wieder fluteten Teile dieses Stromes in die Huser, Lden, Friseurlden, Querstraen zurck, ein Heulen, Brllen, Stoen: mit einem Wort -- eine Panik; ber den Kpfen in der Ferne breitete sich pltzlich etwas wie Blut: aus den schwarzen Massen erhoben sich kochend rote Zungen, wie Flammen und wie Hirschgeweih. Und nun -- ach wie rgerlich! Durch zwei -- drei Schultern von ihm getrennt erblickte er die verhate Mtze und zwei besorgte Augen, die nach ihm sphten; Leutnant Lichutin hat ihn auch im Gedrnge nicht aus den Augen gelassen; gerade als sich Ableuchow von ihm befreit glaubte, suchte dieser ihn durch die Menge wieder zu erreichen. Da wir uns nicht verlieren, Nikolai Apollonowitsch; ich werde mich brigens schon an Sie halten. Natrlich, dachte nun vollstndig berzeugt Nikolai Apollonowitsch, der verfolgt mich; ich werde mich von ihm nie mehr frei machen knnen . . . Und er suchte sich durchzudrngen, um nur einen Wagen zu erreichen. Hinter der Menge her, ber den Kpfen und dem Stimmengewirr flatterten die Fahnen wie flieende Zungen und wie flieende Helligkeiten; pltzlich aber blieb alles -- Fahnen, wehende Flammen -- still, alles erstarb; es ertnte Gesang, deutlich und klar. Nikolai Apollonowitsch erreichte endlich eine Droschke; schon hatte er den Fu auf das Trittbrett gesetzt und war im Begriff, dem Kutscher zuzurufen, so rasch als es die Menge erlaubte, wegzufahren, als er an der Schulter ber eine fremde Schulter hinweg, von einer Hand gefat wurde; es war der Offizier; wie angewurzelt blieb Ableuchow stehen; Gleichgltigkeit simulierend, sagte er mit gezwungenem Lcheln: Eine Manifestation! . . . Ganz einerlei: ich habe etwas mit Ihnen zu besprechen . . . Ich . . . wissen Sie . . . Ich bin ganz mit Ihnen einverstanden . . . Wir mssen etwas miteinander erledigen . . . Pltzlich kam von irgendwoher ein zerrissenes Knattern; in einzelne Teile zerrissen fiel dieses Knattern in der Ferne, aber sofort begannen die ber den Kpfen flatternden Helligkeiten hin und her zu schwanken; der rote Fahnenwirbel geriet in heftige Bewegung, und bald sah man die roten Zungen vereinzelt an verschiedenen Stellen zaghaft zappeln. Dann wollen wir in ein Caf, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Sie haben doch nichts gegen ein Caf? Wieso in ein Caf? entrstete sich Lichutin. Ich bin nicht gewohnt, an solchen Orten ernste Besprechungen zu haben . . . Aber wo denn, Ssergeij Ssergeijewitsch? . . . Ich denke . . . Sie wollten ja eine Droschke nehmen, dann fahren wir zusammen in meine Wohnung . . . Der Ton dieser Worte war offensichtlich geheuchelt; Nikolai Apollonowitsch bi sich fast bis zum Bluten auf die Lippen. Nach Hause, nach Hause . . . Wie konnte er das? Das hiee ja unter vier Augen dem Offizier ber sein Benehmen gegen Sofja Petrowna Rechnung geben; das hiee dem beleidigten Gatten vielleicht sogar in Anwesenheit Sofja Petrownas wegen des Wortbruches Genugtuung geben . . . Es war klar: es konnte sich nur um eine Falle handeln . . . Ich glaube aber, Ssergeij Ssergeijewitsch, da aus Grnden, die uns beiden bekannt sind, ein Besuch bei Ihnen fr mich nicht ganz passend ist . . . Ach was, lassen wir das! Nikolai Apollonowitsch war vernnftig genug, sich nicht weiter zu struben. Ich bin bereit, sagte er ergeben. Er verhielt sich auch ganz ruhig; sein Unterkiefer bebte nur ein wenig -- das war alles. Als gebildeter und humaner Mensch, Ssergeij Ssergeijewitsch, werden Sie mich verstehen . . . Kurz . . . kurz . . . was Sofja Petrowna betrifft . . . Weiter kam er nicht. Sie stiegen nun in die Droschke. Und -- es war auch hchste Zeit: denn wo noch soeben die vielen Fahnen flatterten, war jetzt keine einzige mehr zu sehen; aber von dort her, wo das Knattern in zerrissenen Teilen durch die Luft geflogen war, strzte ein so fest zusammengeknulter Menschenstrom, da die Droschken, die hier in einem Rudel gestanden, sich im raschesten Tempo in die entgegengesetzte Richtung davonmachten und den Teil des Newskij-Prospektes zu erreichen suchten, wo die Zirkulation schon wiederhergestellt wurde und nur graue Polizeihauptmnner zu Fu neben berittener Gendarmerie zu sehen waren. Die Droschke mit Lichutin und Ableuchow bewegte sich. Nikolai Apollonowitsch sah, wie sich der menschliche Vielfler gewohnheitsgem vorwrts bewegte, als wre nichts geschehen; er bewegte sich, wie er sich schon vor Jahrhunderten bewegt hatte, die Zeiten flossen dort oben dahin, ber den Menschen; auch den Zeiten war eine Grenze bestimmt; fr den menschlichen Vielfler gab es aber keine Grenze; wie bisher bewegt er sich und wird sich in allen Ewigkeiten weiterbewegen . . . Pltzlich verschwand alles: sie verlieen den Prospekt. Tief ber den Husern hingen bauschige Wolken, von einem dunklen, wassergesttigten Streifen beschwert, vom Himmel herunter; Nikolai Apollonowitsch knickte unter dieser unerwarteten schweren Last zusammen; die bauchige Wolke kroch nher heran; und als der dunkelblaue Streifen allmhlich grau geworden, sie zudeckte, begannen geschftige Tropfen zu klappern und zu lispeln und bildeten in den glucksenden Pftzen kalte Luftblasen; ganz zusammengekauert, mit dem Gesicht in den italienischen berwurf eingehllt, sa Nikolai Apollonowitsch im Wagen; er verga fr einen Augenblick, wohin es ging; es blieb nur ein dunkles Gefhl in ihm zurck, er werde gegen seinen Willen gefahren. Die unglckliche Verkettung von Umstnden wlzte sich wieder an ihn heran. Die unglckliche Verkettung von Umstnden -- kann man so die Pyramide von Geschehnissen bezeichnen, die sich in den letzten vierundzwanzig Stunden wie Felsen bereinander aufgetrmt hatten? Eine Felsenpyramide, die Seelen zermalmt; ja -- eine Pyramide! . . . An einer Pyramide liegt etwas, was die Macht der menschlichen Vorstellung bersteigt; die Pyramide ist ein Delirium der Geometrie, das heit, sie ist ein Delirium, fr das es kein Ma gibt; die Pyramide ist ein von Menschen geschaffener Begleiter des Planeten; sie ist auch gelb und tot wie der Mond. Die Pyramide ist ein durch Zahlen mebares Delirium. Es gibt ein Grauen der Zahl, ein Grauen, das aus dreiig aneinandergereihten Ziffern besteht, wobei jede Ziffer eine Null ist; dreiig Nullen neben einem Einser -- das ist ein Grauen; streichen Sie den Einser aus -- und die dreiig Nullen versinken in ein Nichts. Dann gibt's nur eine -- Null. In dem Einser liegt das Grauen nicht; an sich ist ein Einser ein Imponderabilium; er ist eben nur -- ein Einser! . . . Aber ein Einser plus dreiig Nullen bildet das Ungetm einer Pentallion: die Pentallion -- oh, oh, oh! -- hngt an einem schwarzen dnnen Stbchen; der Einser der Pentallion wiederholt sich mehr als eine Milliarde mal Milliarde Milliarden. Sie zieht sich durch Unermelichkeiten. So zieht sich der Mensch durch den Kosmos aus urewigen in urewige Zeiten. Ja -- -- als menschlicher Einser, das heit als drres Stbchen, lebte bis jetzt Nikolai Apollonowitsch im Kosmos, seinen Lauf aus urewigen Zeiten nehmend -- -- in Adamgestalt war Nikolai Apollonowitsch nur ein Stbchen; sich seiner Drre schmend, hat er nie zusammen mit einem anderen gebadet -- -- seit urewigen Zeiten! Und nun fiel auf die Schultern dieses drren Stbchens das Ungetm einer Pentallion; zum unansehnlichen Etwas seines Inneren gesellte sich das ungeheure Nichts; im Unansehnlichen dehnte sich aus urewigen Zeiten das Ungeheure des Nichts -- -- so dehnt sich der Magen durch Gase, an denen alle Ableuchows litten seit urewigen Zeiten! Zum innerlich unansehnlichen Etwas gesellte sich das ungeheure Nichts; das Etwas schwoll durch das leere, nullige Nichts zu einem Grauen an. Gaurissankare entstanden; er aber, Nikolai Apollonowitsch, mute dabei explodieren wie eine Bombe. Ha? Bombe? Sardinenbchse? . . . Im Nu flog wieder durch seinen Kopf, was schon seit dem Morgen darin war: sein Plan. Was fr einer? Der Plan Ja, ja, ja! Heimlich die Sardinenbchse hinlegen: unter das vterliche Kopfkissen; oder nein: unter die Matratze. Das zu Erwartende wird eintreten: fr die Pnktlichkeit garantiert das Uhrwerk. Er aber wird sagen: Gute Nacht, Vater! Zur Antwort: Gute Nacht, Kolenka! Ein Ku auf die Lippen und dann zurck in das eigene Zimmer. Sich voll Ungeduld ausziehen -- unbedingt ausziehen! Die Tr mit dem Schlssel absperren und die Decke ber den Kopf ziehen. Wie der Vogel Strau sein. Im warmen, molligen Bett aber zu zittern, schwer zu atmen anfangen -- wegen der Herzste; sich bangen, frchten, horchen: bis es dort . . . bumsen . . . knallen wird, dort -- hinter dem Schwarm von steinernen Wnden; warten auf das Knallen, das die Stille zerreit, das Bett, den Tisch, die Wand zerreien wird; vielleicht auch . . . vielleicht auch . . . Sich bangen, frchten, horchen . . . Das wohlbekannte Schlrfen der Pantoffeln hren, die sich nach . . . dem mit nichts vergleichbaren Ort begeben. Das leichte franzsische Buch beiseite werfen und nach der Watte, der einfachen Watte greifen, um sich die Ohren zuzustopfen; den Kopf unter das Kissen stecken. Sich dann endgltig berzeugen: Jetzt hilft nichts! Jh die Decke fortwerfen, um den schweibedeckten Kopf frei zu machen und in dem Abgrund der Angst einen neuen Abgrund entstehen zu lassen. Warten und warten. Es ist nun noch eine halbe Stunde Zeit briggeblieben; es naht schon die grnliche Erhellung der Morgendmmerung; das Zimmer wird grau, blau; schwcher wird die Flamme der Kerze; noch fnfzehn Minuten; da erlscht das Licht; langsam flieen die Ewigkeiten dahin; es sind eben keine Minuten, sondern Ewigkeiten; ein Streichholz reiben; es sind nur fnf Minuten vergangen . . . nun sich bei dem Gedanken beruhigen, da es doch noch nicht bald ist, erst nach zehn langsamen Umdrehungen des Zeitrades, dann -- aber durch die Pltzlichkeit erschttert werden, wenn -- -- der nie gehrte, nie sich wiederholende, faszinierende Laut denn doch . . . -- erdonnern wird!!! . . . . * * * Dann: -- -- rasch in die Unterhose schlpfen (nein, was Unterhose: lieber so) -- oder sogar nur im bloen Nachthemd, mit verzerrtem, ganz weiem, erstauntem Gesicht -- -- ja, ja, ja! -- -- aus dem warmen Bett springen und mit nackten Fen in den geheimnisvollen Raum -- den dunklen Korridor rennen, wie ein Blitz rennen, dorthin, von wo der nie wiederkehrende Laut gekommen war, die Diener umrennend weiterstolpern und die besonderen Gerche in sich aufnehmen, die Mischung von Rauch, Gebranntem, Gas und . . . etwas, was noch schrecklicher ist als Rauch und alles andere. brigens, nein, riechen wird man wahrscheinlich berhaupt nichts. In das raucherfllte, qualmende Zimmer hineinrennen, um es, erstickend vor Husten, sofort wieder zu verlassen und den Kopf durch das schwarze Loch in der Wand zu stecken, das durch jene Explosion entstanden ist (in der Hand wird inzwischen der Leuchter mit der in aller Eile angezndeten Kerze tanzen). Durch das Loch in der Wand wird die rotgelbe Flamme den Ort beleuchten, der frher das Schlafzimmer geheien hatte . . . Die rotgelbe Flamme wird etwas hchst Unwesentliches beleuchten: den berall aufsteigenden Rauch. Dann -- wird noch etwas beleuchtet sein . . . nein! ber dieses Bild wird der Vorhang aus Rauch geworfen, aus Rauch! . . . Rauch und Rauch, nichts weiter! Aber doch . . . Einen kurzen Augenblick unter diesen Vorhang blicken und ah, ah! Die Hlfte der Wand ganz rot: dieses Rot fliet; die Wand ist also na; also auch -- klebrig, klebrig . . . Das alles wird der erste Eindruck vom Zimmer sein; zugleich aber auch der letzte. Zwischendurch wird sich anderes einprgen: die mit Stuck bedeckten Wnde, die Holzsplitter vom Parkett, Fetzen vom verbrannten Teppich; die Fetzen qualmen noch. Nein, lieber nicht weiter . . . aber doch . . . der Schienbeinknochen? Warum blieb gerade dieser Knochen unversehrt? All das wird Sache eines kurzen Augenblicks sein; hinter seinem Rcken aber -- ebenfalls kurze Augenblicke: ein bldes Stimmengewirr, ein Strampeln mit den Fen im Korridor, verzweifeltes Geheul der -- denken Sie sich nur! -- Abwaschfrau; das Rattern der Telephonglocke (wahrscheinlich wird die Polizei verstndigt). . . Den Leuchter fallen lassen . . . . auf dem Boden kauernd zucken vor dem kalten Oktoberwind, der durch das Loch in der Wand eindringt (bei jenem Knall waren alle Fensterscheiben auseinandergestoben), zucken vor Klte und an dem Nachthemd zupfen, bis der mitleidige Diener sich nhert -- -- der Kammerdiener vielleicht, derselbe, auf den spter die Schuld abzuwlzen am leichtesten sein wird (auf ihn wird ja auch so zu allererst der Schatten des Verdachtes fallen) -- bis der mitleidige Diener dich mit Gewalt in das andere Zimmer zieht und mit Gewalt kaltes Wasser in den Mund giet . . . Aber sich vom Fuboden erhebend erblicken: -- dir zu Fen dieselbe dunkelrote Klebrigkeit, die jener Knall hierher geschmissen hatte . . . er schmi sie durch das Loch in der Wand zugleich mit einem Stck Haut (von welcher Stelle mag nur die sein?) herber . . . Die Augen erheben und sehen, wie an der Wand klebend . . . Brrr! . . . Hier ohnmchtig werden. * * * Die Komdie bis zu Ende spielen. Vierundzwanzig Stunden spter vor dem fest geschlossenen Sarge (es gab ja nichts, was in den Sarg zu legen gewesen wre) mit deutlich klarer Stimme, im eng anliegenden Studentenkittel ber der Kerze gebeugt beten. Zwei Tage spter frisch rasiert, das marmorne, gotthnliche Gesicht in den Pelz des Wintermantels vergraben mit dem Ausdruck eines unschuldigen Engels hinter den Sarg auf die Strae treten; mit den weibehandschuhten Hnden die Mtze drcken und, von einer Suite hoher Persnlichkeiten umgeben, bis zum Friedhof hinter dem Blumenberg (dem Sarg) schreiten. Diesen Sarg werden Greise mit goldbestickter, ordengeschmckter Brust, weien Hosen und Sbeln an der Seite auf ihren zitternden Hnden die Treppe hinuntertragen. Acht kahlkpfige Greise werden die Last tragen. * * * Und -- ja, ja! Bei der Untersuchung so auszusagen, da . . . auf irgend jemand (ohne Vorbedacht) doch ein Schatten fallen mu; es mu auf irgend jemand ein Schatten fallen, damit er nicht auf dich selbst fllt . . . Wie anders machen? Auf irgend jemand wird ein Schatten geworfen . . . Auf irgend jemand wird ein Schatten fallen . . . * * * Kolenka, der dumme Tropf, Hpft und tanzet immer; Mit der Mtze auf dem Kopf Reitet er durchs Zimmer. * * * Ihm wurde es klar: in dem Augenblick, wo Nikolai Apollonowitsch im Namen einer Idee (so glaubte er) es auf sich genommen hatte, Vollstrecker des Todesurteils zu sein, im selben Augenblick -- nicht heute, wo er sich den ganzen Morgen auf dem grauen Prospekt herumgetrieben hatte, war dieser ganze Plan von ihm ausgeheckt worden; die Tat im Namen einer Idee, so sehr erregend sie war, verband sich in ihm mit teuflischer, gleichmtiger Verstellungskunst, mit der Fhigkeit zu verleumden: vollstndig unschuldige Menschen zu verleumden (am bequemsten -- den Kammerdiener; der wurde zuweilen von einem Neffen oder so was, einem Schler der Gewerbeschule, besucht; wohl schien er von Parteien nichts gewut zu haben, aber das macht nichts . . .). In jedem Falle rechnete er mit seiner Kaltbltigkeit. Zum Vatermord gesellte sich Lge, gesellte sich auch Feigheit, aber auch -- was die Hauptsache war -- Gemeinheit. * * * Er ist -- ein Schuft . . . * * * Alles, was in diesen zwei Tagen geschehen war, waren Tatsachen gewesen von denen jede ein Ungeheuer war; ein Haufen von Tatsachen, das heit, ein Schwarm von Ungeheuern; vor diesen zwei Tagen hatte es keine Tatsachen gegeben; und die Ungetme hatten nicht hinter ihm hergejagt; Nikolai Apollonowitsch hatte gegessen, geschlafen, gelesen; er hatte Liebe empfunden: zu Sofja Petrowna; mit einem Wort: alles hatte sich in bestimmtem Rahmen bewegt. Aber, und -- nochmals aber! . . . Er hatte anders als alle anderen gegessen und hatte anders als alle anderen geliebt; seine Trume waren schwer und dumpf gewesen; das Essen schien geschmacklos, und selbst seine Liebe hatte nach der Episode an der Brcke einen sonderbaren Charakter angenommen: den Charakter der Verhhnung mit Hilfe des Dominos; seinen Vater -- hatte er gehat; es gab also ein Etwas, das sich hinter ihm herschlich, das auf all sein Tun ein besonderes Licht warf (lag nicht darin auch der Grund, da er fortwhrend zusammenfuhr, da seine Arme wie unntige Lappen herunterhingen, da sein Gesicht ein Froschlcheln aufwies?). Was war dieses Etwas? War es sein der Partei gegebenes Versprechen? Wohl hatte er das Versprechen nicht zurckgenommen, aber er hatte auch an dieses nicht mehr gedacht; gedacht haben andere fr ihn (wie wir wissen -- Lipantschenko); er hatte aber auch gegessen, geschlafen, geliebt, gehat in seiner besonderen, seltsamen Weise; ebenso seltsam erschien seine kleine Figur auf der Strae, wenn das Ende seines berwurfs im Wind flatterte und er mit gekrmmtem Rcken wie ein Buckliger dahinschritt . . . Es lag also an dem Entschlu, den er dort, dort an der Brcke, gefat hatte, als ein kalter Newawind geblasen und er vor sich einen Mann mit steifem Hut, Stock, Schnurrbart erblickt hatte (die Bewohner Petersburgs zeichnen sich durch -- hm -- hm! -- Eigenschaften aus! . . .). Aber wiederum schon das Stehen auf der Brcke war ja nur eine Folge davon, da es ihn dahin getrieben hatte; die Liebe hatte ihn getrieben; doch hatte er seine Leidenschaften in besonderer Weise erlebt, unschn -- kalt. An der Klte also lag es. Diese Klte war schon in der Kindheit in seine Seele gedrungen, als er, Kolenka, nicht Kolenka, sondern -- Vaterbrut genannt wurde! Er hatte sich geschmt. Spter war ihm das Wort Brut ganz klar geworden (durch die Beobachtung des schamlosen Treibens der Haustiere), und -- ja, er erinnerte sich -- er hatte geweint; die Schmach seiner Entstehung hatte er dann auf den Urheber bertragen -- den Vater. Er war oft stundenlang vor dem Spiegel gestanden und beobachtete, wie seine Ohren wuchsen: sie wuchsen in der Tat. Da hatte Kolenka begriffen, da alles, rein alles, was in der Welt lebte, Brut war; da es keine Menschen gab, sondern da sie nur Erzeugnisse waren; Apollon Apollonowitsch selbst war nur ein Erzeugnis, das heit eine unangenehme Summe von Blut, Haut und Fleisch; eine unangenehme, weil die Haut -- schwitzte, das Fleisch verdarb durch Wrme, das Blut aber einen Duft hatte, der nicht der Duft von Maiveilchen war. So identifizierte sich die Temperatur seiner Seele mit den unabsehlichen Eisregionen, etwa der antarktischen Zone; er aber -- ein Peery, ein Nansen, ein Amundsen -- kreiste in diesen Eisregionen; oder auch: -- seine Seele war zu blutigem Schlamm geworden (der Mensch ist bekanntlich nichts als in einer Haut steckender Schlamm). Eine eigentliche Seele existierte also nicht. Er hatte sein eigenes Blut gehat und nach fremdem gelechzt. So hatte er seit seiner frhesten Kindheit in sich die Keime der Ungetme getragen; und als sie reif wurden, schlpften sie in vierundzwanzig Stunden hervor und umstanden ihn als Tatsachen von ungeheuerstem Inhalt. Nikolai Apollonowitsch wurde bei lebendigem Leibe aufgefressen; er war in die Ungetme bergeronnen. Kurz, er war selbst ein Ungetm geworden. Frschlein! Ungeheuer! Roter Narr! Ja, eben: man hatte vor seinen Augen mit Blut gespielt, ihn Brut genannt; jetzt lacht der Narr ber sein eigenes Blut; nicht der Narr war eine Maske: die Maske war Nikolai Apollonowitsch . . . Sein Blut ist vorzeitig in Zersetzung bergegangen. Es ist vorzeitig in Zersetzung bergegangen: das ist es wohl, warum er in anderen zuweilen Ekel auslste; das war der Grund, warum er auf der Strae so sonderbar aussah. Dieses morsche, armselige Gef mute zerbrechen: und langsam geschah es. Das Hohe Amt Das Hohe Amt. Irgend jemand hatte es geschaffen; seit dieser Zeit bestand es; bis dahin hatte es nur eine Zeit gegeben, die man mit dazumal bezeichnet. So berichtet uns das Archiv. Das Hohe Amt. Irgend jemand hatte es geschaffen, bis dahin gab es nur Dunkelheit, jemand schwebte ber dem Dunkel; und es entstand Licht -- ein Zirkular unter Nummer eins; das Zirkular der letzten fnf Jahre trug die Unterschrift: Apollon Ableuchow: im Jahre neunzehnhundertfnf war Apollon Apollonowitsch Ableuchow die Seele aller Zirkulare. Das Licht scheint im Dunkel; die Dunkelheit hat es nicht verschlungen. * * * Das Hohe Amt. Und die bockbeinige Karyatide. Seit dem Tage, an dem der von zwei Rappen gezogene schwarzlackierte Wagen zum erstenmal an das Portal herangesaust war und sich von den Trauerkissen erhebend die Statue mit dem Pergamentgesicht den Fu auf den Granit gesetzt hatte, seit dem Tage, an dem zum erstenmal die schwarzbehandschuhte Hand auf die vielen Verbeugungen hin den Rand des Zylinders berhrt hatte, seit diesem Tag waltete ber dem Hohen Amt, das seine feste Macht ber ganz Ruland ausbreitete, ein noch festerer Machtdruck. Lngst im Staub begrabene Paragraphen waren auferstanden. Der Paragraph -- das ist ein Papierfresser, er ist die Papierreblaus; an dem dunklen Abgrund der Willkr saugt sich wie ein Blutegel der Paragraph fest; und wahrhaftig: es ist etwas Mystisches an dem Paragraphen: er ist: das dreizehnte Zeichen des Zodiakus. ber einem ungeheuren Teil Rulands erhob sich der Paragraph als schwarzer Gehrock ohne Kopf; durch die weisuligen, ungeheizten Sle, ber die rotbespannten Freitreppen zirkulierte der kopflose Paragraph, und ber diese Zirkulation waltete Apollon Apollonowitsch. Apollon Apollonowitsch ist der populrste Beamte Rulands, ausgenommen . . . Konschin (dessen unvernderliches Autogramm ihr berall mit euren Banknoten herumtragt). Das Hohe Amt existiert. Und in ihm haust Apollon Apollonowitsch; vielmehr: er hatte gehaust, denn er ist gestorben . . . -- Ich war vor kurzem an seinem Grab: ber einem schweren, schwarzmarmornen Block erhebt sich ein schwarzmarmornes, achteckiges Kreuz; unter dem Kreuz ein deutliches Hautrelief, das einen Riesenkopf darstellt, aus dessen tiefen Augenhhlen zwei leere Pupillen sich in den Beobachter bohren; ein dmonischer, mephistophelischer Mund! Tiefer unten eine Aufschrift mit Riesenlettern: Apollon Apollonowitsch Ableuchow, Senator . . . Geburtsjahr, Todesjahr . . . Ein einsam verlorenes Grab! . . . -- -- Er existiert, Apollon Apollonowitsch: im Direktorzimmer: tglich ist er da zu sehen, ausgenommen die Hmorrhoidentage. Es gibt auerdem im Hohen Amt Rume der . . . Nachdenklichkeit. Und dann gibt es einfach Zimmer; am meisten aber Sle; in jedem Saal stehen einige Tische. Vor den Tischen sitzen Schreiber: zwei vor jedem; jeder von ihnen hat vor sich ein Tintenzeug, eine Feder und einen respektablen Sto mit Papier; die Feder in der Hand des Schreibers knarrt, die Papierbltter knistern; so knarrt der faule, herbstliche Wind durch die Wlder, durch Schluchten; so knistert der Sand -- in den Wsten, in den salzigen Steppen von Orenburg, Ssaratow, Ssamara; -- mit einem Wort: es existiert das Hohe Amt. * * * Im Direktorzimmer sitzt tglich Apollon Apollonowitsch Ableuchow mit dick geschwollener Ader an der Schlfe, die Beine bereinandergelegt, die sehnige Hand hinter die Rockborte geschoben; im Kamin prasseln die Holzscheite, der achtundsechzigjhrige Greis atmet den Paragraphenbazillus ein; und dieser Atem verbreitet sich dann ber das ganze, ungeheure Ruland: tglich wird ein zehnter Teil unserer Heimat von dem Flgelungetm dieser Wolke bedeckt. Von einem glcklichen Einfall erleuchtet sitzt Apollon Apollonowitsch, die Beine bereinandergekreuzt, die Hand hinter die Rockborte geschoben, und blht (so ist nun einmal seine Gewohnheit) seine Wangen ganz dick auf; es ist, als ob er blasen wrde; ein khler Wind zieht dann durch die ungeheizten Sle; Wirbelstrme aus mannigfachen Papieren erheben sich; in Petersburg erhebt sich der Wind, an irgendeinem entlegenen Ende Rulands verdichtet er sich zum Sturm. Apollon Apollonowitsch sitzt in seinem Arbeitszimmer und . . . blst. Und die Rcken der Schreiber beugen sich tiefer ber die Tische; und das Papier knistert: so laufen die Winde durch die rauhen Wipfel der Fichten . . . Dann zieht er seine Wangen wieder ein; und nun knistert alles: ein trockener Papierschwarm, wie der unheimliche Bltterfall im Herbst, jagt von Petersburg . . . bis zum Ochotskimeer. Norden, du mein geliebter Norden! . . . Apollon Apollonowitsch ist ein Stdter par excellence und ein gut erzogener Herr: er sitzt ruhig in seinem Arbeitssessel, whrend sein Schatten, den Stein der Wnde durchdringend . . . die Menschen auf den Landstraen berfllt: er zieht pfeifend wie ein lustiger Mordgeselle durch die weiten Flchen von Ssamara, Tambow, Ssaratow -- durch die sandigen Grnde, das Gestrpp, den wilden Klee; er zerrt an den Getreidehaufen, facht ein verdchtiges Feuerchen in den Stllen an; der rote Hahn in den Drfern hat in ihm seinen Urheber; er ist es, der die reinen Quellenbrunnen unsauber macht; wenn er als schdlicher Tau ber die Kornfelder fllt, dann verdirbt die Saat; das Rind krankt hin . . . Er vermehrt die Zahl der Grber und macht sie tiefer. Spavgel wrden sagen: nicht Apollon Apollonowitsch, sondern -- Aquilon Apollonowitsch. * * * Apollon Apollonowitsch ist einsam. Er kommt nicht mehr nach. Der Pfeil seiner Zirkulare dringt nicht mehr in die Provinzkreise: seine Spitze bricht schon vorher ab. Aus dem Palmyra: Sankt Petersburg erffnet Apollon Apollonowitsch immer von neuem seine Papierkanonade, aber die Schsse gehen (in der letzten Zeit) unheimlich oft fehl. Diese Kugeln und Pfeile hat der Staatsbrger schon seit langem -- Seifenblasen getauft. Vergeblich sandte immer wieder der Gewaltige seine zackigen Apolloblitze; das Blatt der Geschichte hat sich gewendet: der Glaube an alte Mythen ist verschwunden; Apollon Apollonowitsch Ableuchow ist nicht mehr der Gott Apollo: er ist einfach -- Apollon Apollonowitsch, ein Beamter in Petersburg. In den letzten Tagen war die Papierzirkulation geringer geworden: es wehte ein ungnstiger Wind. Zugleich zeigte sich in Petersburg selbst, auf dem Newskij-Prospekt, die dunkle Provinz in Gestalt der mandschurischen Mtze; die Trger dieser Mtze scharten sich zu einer Kompaktheit und zogen durch die Prospekte; hier reizten sie die Vorbergehenden durch einen flatternden roten Fetzen (so einen Tag hat es gegeben): an diesem Tag war auch kein Rauch aus den Schloten des Fabrikringes hervorgestiegen. Wie Sisyphus wlzte Apollon Apollonowitsch seit fnf Jahren das Rad des Riesenmechanismus unaufhrlich hinauf den steilen Abhang der Geschichte; die machtvollen Muskeln zerrissen; immer hufiger blickte hinter den Machtmuskeln ein fremdes Skelett: Apollon Apollonowitsch Ableuchow, wohnhaft am Englischen Kai. Wahrhaftig, er fhlte sich als ein Skelett, von dem sich das Fleisch -- Ruland -- gelst hatte. Aufrichtig gesagt war Apollon Apollonowitsch schon vor dieser unheimlichen Nacht manchem seiner hochbeamteten Beobachter wie von etwas angebohrt, wie von einer verborgenen Krankheit befallen erschienen; mit einem rabenschwarzen Mantel bekleidet, mit rabenschwarzem Zylinder auf dem Kopf warf er sich tglich sthnend in die Polster seines rabenschwarzen Wagens; zwei rabenschwarze Rosse trugen den bleichen Pluto davon. ber die Wellen des Phlegethon trugen sie ihn in den Tartarus: hier kmpfte er mit den Wellen. Endlich nach vielen kleinen Katastrophen schlugen die papiernen Phlegethonwellen in das vom Senator getriebene Rad der groen Maschine ein: das Hohe Amt zeigte eine Bresche; das Hohe Amt, deren es wahrhaftig wenige in Ruland gibt. Als dieser unvergleichliche Skandal ausgebrochen war, verlie -- wie man spter erzhlte -- in vierundzwanzig Stunden der Genius die irdische Hlle des Brillantenordentrgers; manche befrchteten sogar, er wre um seinen Verstand gekommen. In vierundzwanzig Stunden -- nein, eigentlich in zwlf -- zwischen Mitternacht und Mitternacht -- ist Apollon Apollonowitsch Ableuchow die Stufen seiner Beamtenkarriere hinuntergesaust. Er ist in der Meinung vieler gefallen. Spter wurde behauptet, der Skandal mit seinem Sohn wre die Ursache des Sturzes gewesen; ja: auf dem Ball bei den Zukatows war noch ein Mann von hoher staatlicher Bedeutung erschienen; als aber bekannt wurde, wie sein Sohn aus dem Ballsaal geflchtet war, da wurde auch pltzlich der Fehler des Senators gedacht, angefangen von seinen berzeugungen bis zu seiner mehr als kleinen Figur; und als am frhen Morgen die druckfeuchten Zeitungen erschienen waren und die Verkufer mit dem Ruf: _Das Geheimnis des roten Dominos_ durch die Straen rannten, da war jeder Zweifel gewichen. Apollon Apollonowitsch Ableuchow war endgltig aus der Liste der Kandidaten fr den uerst wichtigen Staatsposten gestrichen worden. Jene verhngnisvolle Zeitungsnotiz . . . Doch brigens hier ihr Wortlaut: Der Geheimpolizei ist es gelungen, festzustellen, da die in der letzten Zeit vielfach aufgetauchten Gerchte von einem roten Domino, der sich in den Straen Petersburgs herumtreibt, auf Tatsachen beruhen; es gelang, auf die Spur des Mystifikators zu kommen: verdchtig ist der Sohn eines hohen Beamten, der einen wichtigen administrativen Posten bekleidet; die Polizei hat die ntigen Manahmen ergriffen. Mit diesem Tage begann der Untergang des Senators Ableuchow. Apollon Apollonowitsch Ableuchow wurde im Jahre achtzehnhundertsiebenunddreiig geboren (im Todesjahr Puschkins); seine Kindheit war auf dem alten adligen Gut im Gouvernement Nischrod verflossen; im Jahre achtzehnhundertachtundfnfzig hatte er seine Ausbildung als Hrer der Rechte auf der Hochschule abgeschlossen; achtzehnhundertsiebzig wurde er zum Professor fr das Lehrfach F . . . P . . . an der Sankt Petersburger Universitt ernannt; seit achtzehnhundertfnfundachtzig war er Vizedirektor und seit achtzehnhundertneunzig Direktor des N. N.-Departements; ein Jahr darauf war er durch einen Allerhchsten Ukas zum Mitglied des Regierenden Senats befrdert; seit dem Jahre neunzehnhundert stand er an der Spitze des Hohen Amtes. Das ist sein Curriculum vitae. Ende des sechsten Kapitels. Siebentes Kapitel Kohlensureoblaten Die grnliche Helle des Morgens sah bereits zum Fenster herein, aber der alte Ssemjonytsch hatte noch kein Auge geschlossen! Er sthnte fortwhrend in seiner Kammer, wlzte sich von einer Seite auf die andere; bald berfiel ihn ein Ghnen, bald mute er sich jucken, dann wieder -- verzeih uns, Herr, unsere Snden! -- kam das Niesen ber ihn; und bei alledem noch die verschiedensten Gedanken und, was dergleichen mehr ist: Aus Hischpanien kam sie, unser Mtterchen, Anna Petrowna, aus Hischpanien . . . Und er erzhlte sich selber: Ja--a . . . Ich mache also auf . . . Eine Dame steht da, eine unbekannte . . . Eine unbekannte Dame, auf auslndische Art gekleidet . . . Sie aber sagt also zu mir . . . Aaaa . . . Sie aber sagt zu mir . . . Herr, vergib uns unsere Snden! . . . Wieder das verdammte Ghnen. Schon hat bereits die Teturinsche Fabrik ihre Sirene singen lassen; die kleinen Dampfer an der Newa pfiffen; das elektrische Licht an der Brcke -- pfit! -- weg ist es . . . Ssemjonytsch warf die Decke von sich und erhob sich, seine groe Zehe bohrte sich in das Geflecht des Bettvorlegers. Er flsterte mit sich selber. Ich sag' zu ihm: so und so, Exzellenz . . . Er aber -- ja, also . . . Nicht das geringste Interesse . . . Und auch der junge Herr . . . kaum den Windeln entwachsen . . . So ein -- Herr, verzeih uns unsere Snden! -- so ein junger Hund; noch feucht hinter den Ohren . . . Es sind keine Herrschaften . . . Chamlete sind es . . . So brummte Ssemjonytsch vor sich hin; und -- steckte wieder den Kopf unter das Kissen; langsam zogen die Stunden vorbei; blarosa Wlkchen, im Sonnenschein reifend, liefen hoch ber dem reif werdenden Glanz der Newa . . . Durchwrmt von der Decke lag Ssemjonytsch und brummte vor sich hin und flsterte trauernd: Es sind keine Herrschaften . . . es sind -- einfach Chemiker . . . Ei, wie knackte auf einmal die Korridortr! Vielleicht Diebe! Erst neulich waren Diebe beim Kaufmann Awdiew gewesen. Bestohlen haben sie den Kaufmann Awdiew. Auch Chacha, den Moldauer, hatte man einmal umbringen wollen. Er warf die Decke ab und streckte den dunstgebadeten Kopf vor; rasch schlpfte er in die Unterhose und sprang mit ernstlich beleidigter Miene und kauendem Unterkiefer aus dem durchwrmten Bett; barfig patschte er in den von Geheimnissen erfllten Raum: den dunkel ghnenden Korridor. Und nun? Der Riegel an der . . . Wasserklosettr knackte: Seine Exzellenz, Apollon Apollonowitsch, der gndige Herr, geruhte von dort in sein Schlafgemach zurckzukehren. Das Blau des dunklen Korridors wurde bereits von Grau durchzogen, die Zimmer aber leuchteten im Hell; die Kristallanhngsel funkelten: halb acht; die kleine Bulldogge kraute sich, strich, mit der Pfote kratzend, ber das Halsband und langte dann mit der Schnauze, der tigerhnlichen, nach dem eigenen Rcken. Herrgott, Herrgott! Awdiew, der Kaufmann, war bestohlen worden! . . . Awdiew, der Kaufmann, war bestohlen worden! . . . Chacha, den Provisor, hat man umbringen wollen! . . . * * * Wild ausgelassen ergossen sich die Strahlen vom blauen, klingenden, vom kristallblitzenden Himmel. Mit ungelenken Bewegungen, ber die himbeerfarbene Quastenschnur stolpernd, zog Apollon Apollonowitsch seinen wattierten, ein wenig abgeschabten, mausgrauen Schlafrock an; aus den grellhimbeerfarbenen Revers sah sein unrasiertes Kinn hervor (das gestern brigens noch glatt gewesen war), mit nadelscharfen, dichten, ganz weien Stoppeln wie frisch in der Nacht gefallener Reif; das Dunkel der Augen- und Backenhhlenknochen, die -- wie wir von uns sagen knnen -- sich ber Nacht bedeutend vertieft hatten, zeichneten sich dabei besonders scharf. Mit geffnetem Mund und entblter, behaarter Brust sa er auf seinem Bett, zog langsam die Luft ein, die jedoch, von der Lunge nicht aufgenommen, stoweise rasch wieder herauskam; er tastete immerzu nach seinem Puls und beobachtete die Uhr. Ihn schien ein unausgelstes Aufstoenbedrfnis zu qulen. Er dachte weder an die Serie alarmierender Depeschen, die ihn von allen Seiten eilig zu erreichen suchten, noch an den wichtigen Staatsposten, der ihm fr immer zu entschlpfen drohte, noch an -- an Anna Petrowna; wahrscheinlich dachte er nur daran, woran man, vor einer offenen Schachtel kohlensaurer Oblaten sitzend, zu denken pflegt. Das heit -- er dachte daran, da das Aufstoen, die unregelmigen Herzschlge, der Luftmangel (der Luftdurst), auch diesmal wie immer von Stichen und Kitzeln in den Handinnenflchen begleitet, bei ihm nicht vom Herzen komme, sondern eine Folge der Entwicklung von Gasen sei. An die ziehenden Schmerzen im linken Arm, an das schmerzhafte Zucken in der linken Schulter bemhte er sich jetzt nicht zu denken. Wissen Sie -- das alles kommt einfach vom Magen! So hatte ihm eines Tages der achtzigjhrige Kammerherr Ssaposchkow, der krzlich an einer Herz-Angina dahingegangen ist, all diese Beschwerden klarzumachen gesucht. Die Gase, wissen Sie, drcken auf die Magenwnde und verursachen ein Zusammenziehen des Zwerchfells . . . Daher das Aufstoen, die Herzschlge . . . Es kommt alles von der Gasentwicklung . . . Vor kurzem wurde Apollon Apollonowitsch im Senat bei der Entgegennahme eines Berichtes von einem Unwohlsein befallen; er wurde blau, begann zu keuchen und mute hinausgefhrt werden; auf das dringende Zureden, einen Arzt zu Rate zu ziehen, erklrte er den Anwesenden: Wissen Sie, es ist nichts als die Entwicklung von Gasen . . . daher die Schlge . . . Die schwarzen trockenen Pastillen, die Gase absorbieren, pflegten ihm zuweilen Erleichterung zu bringen; nicht immer brigens. * * * Ja, das sind die Gase -- und er begab sich . . . Es war gegen halb neun. Das war der Lrm, der Ssemjonytsch so beunruhigt hat. Bald daraus knallte eine Tr im Korridor; Apollon Apollonowitsch nahm den gestreiften Plaid von den frierenden Knien, erhob sich wieder, trat an die Tr seines Schlafgemachs, ffnete diese und steckte sein schweibedecktes Gesicht vor, um -- auf ein ebensolches schweibedecktes Gesicht zu stoen. Sie sind's? Jawohl -- ich, Exzellenz . . . Was wollen Sie? Ich habe nur so nachgesehen . . . Ah, ja, ja . . . Warum so zeitig . . .? Es mu berall nachgesehen werden . . . ? Ein Laut . . . Welcher Laut? Es hat geklopft . . . Ach, das da . . . Hier erfate Ssemjonytsch den Rand der viel zu weiten Unterhose und schttelte bedenklich den Kopf. Es wird nichts weiter sein . . . * * * Die Sache war, da zehn Minuten vorher Ssemjonytsch zu seiner groen Verwunderung bemerkt hatte: aus der Zimmertr des jungen Herrn war der hellblonde Kopf hervorgetaucht, hatte sich nach rechts, dann nach links umgesehen und war wieder verschwunden. Einen Augenblick darauf aber war der junge Herr wie ein Heupferdchen an die Tr des alten gndigen Herrn herangesprungen. Da war er stehengeblieben, atmete, schttelte den Kopf und drehte sich wieder, ohne Ssemjonytsch, der in der Ecke stand, bemerkt zu haben; er blieb wieder eine Weile stehen, atmete und drckte seinen Kopf an die Trspalte, aus der ein Lichtschein kam; ja, so stand er, den Kopf fest an die Trleibung gedrckt! Solche Neugierde bei einem jungen Herrn vornehmster Art! . . . nein, das war nichts fr einen jungen Herrn, der nicht nur so einer war . . . Hinter der Tr sphen? Nein, das ist kein wrdiges Benehmen. Wenn es wenigstens bei einem Fremden gewesen wre -- aber der eigene Vater, sein eigenes Fleisch und Blut; es wre ja nichts dagegen zu sagen, wenn der Sohn, um des Vaters Gesundheit besorgt, gespht htte; aber nein man fhlt schon, da es hier nicht um die kindliche Sorge geht, da es einfach nur so geschieht, aus miger Neugierde. Dafr gibt es nur ein Wort: ein Tunichtgut. Du bist doch nicht irgendein Lakai, sondern der Sohn eines Generals, hast franzsische Erziehung genossen. Hier begann Ssemjonytsch hm -- hm zu machen. Ei, wie er zusammenfuhr, der junge Herr! Meinen Gehrock bitte rasch abzubrsten, warf er dem Alten gergert zu. Und fort war er von Vaters Tr in das eigene Zimmer: ein wahrhaftiger Tunichtgut. Zu Befehl! brachte Ssemjonytsch mit kritischer Note durch die Zhne; bei sich dachte er aber: Die Mutter ist zurckgekehrt -- und er in aller Herrgottsfrhe: >Putzen Sie meinen Gehrock ab.< Das ist kein schnes Benehmen, kein wrdiges! Chamlete sind es einfach . . . Gott steh uns bei . . . An der Tr horchen . . . * * * All das ging dem Alten durch den Kopf, whrend er, seine Unterhose festhaltend, bedenklich den Schdel schttelte und leise vor sich hinbrummte: A? . . . Was das ist? . . . Geklopft hat es: das stimmt . . . Was aber hat geklopft, wer? Nichts Besonderes: der gndige Herr braucht sich deswegen nicht zu beunruhigen . . . ? Es ist nur Nikolai Apollonowitsch . . . Ha? Der junge Herr hat die Tr zugeschlagen: er ist heute frh ausgegangen. Apollon Apollonowitsch sah Ssemjonytsch an und wollte dann etwas fragen, aber er gab es auf und kaute nur greisenhaft mit dem Mund; er erinnerte sich der kurz vorher stattgehabten verunglckten Auseinandersetzung mit dem Sohn (es war ja der Morgen nach dem Ball bei Zukatows); mit dem Ausdruck des Verletztseins senkten sich seine Mundwinkel und bildeten hngende Hautsckchen. Der zurckgebliebene Eindruck war fr Apollon Apollonowitsch peinlich genug, und er jagte ihn von sich. Schchtern, bittend sah er Ssemjonytsch an. Der Alte hat Anna Petrowna gesehen . . . Hat immerhin mit ihr gesprochen . . . Zudringlich blieb dieser Gedanke haften. Verndert haben mochte sie sich schon, Anna Petrowna . . . Ist wohl mager geworden, hat abgenommen; hat vielleicht auch graue Haare bekommen; auch mehr Falten im Gesicht . . . Knntest ihn vorsichtig, auf Umwegen fragen . . . Doch -- nein, nein! Pltzlich zerflo das Gesicht des achtundsechzigjhrigen alten Herrn unnatrlich in Falten, der fletschende Mund reichte bis zu den Ohren. Und der Sechzigjhrige war jetzt -- ein Tausendjhriger; und mit knstlich erhobener Stimme, die fast wie ein Schreien klang, versuchte die grauhaarige Ruine aus sich ein Anekdotchen herauszupressen. A . . . m--m-- . . . Ssemjonytsch . . . Sie sind . . . m--m--m . . . barfu. Der alte Diener fuhr beleidigt zusammen. Entschuldigen, Erzell . . . Das . . . m--m--m . . . meine ich gar nicht, strengte sich Apollon Apollonowitsch an, um zu seiner Anekdote zu gelangen. Aber das Anekdotchen wollte ihm nicht gelingen, und er stand mit in die Leere geheftetem Blick da; ganz flchtig lie er sich dann nieder und brach mit dem Unsinn los: A . . . sagen Sie . . . ? Sie haben gelbe Fersen? Ssemjonytsch war beleidigt. Ich habe keine gelben Fersen; das haben nur die langzpfigen Chinesen . . . Hi -- hi -- hi . . . Dann vielleicht rosafarbige? Mit Verlaub -- menschliche . . . Nein -- gelbe, gelbe . . . Und Apollon Apollonowitsch, der Tausendjhrige, Zitternde, Kleine, stampfte mit dem Pantoffel auf den Boden auf. Auch Fersen, jawohl . . . Aber vor allem sind's die Hhneraugen, Exzellenz . . . Sobald ich den Schuh angezogen habe, da beginnen sie zu brennen und zu stechen, ja, Herr . . . Bei sich aber dachte er: Ach was -- Fersen? . . . Es handelt sich bei dir nicht um die Fersen . . . Hast wohl auch, alter Pilz, die ganze Nacht kein Auge geschlossen . . . Und die Gemahlin befindet sich in der nchsten Nhe, in erwartendem Zustand . . . Und der Sohn, dieser Chamletist . . . Aber nein, der mu von den Fersen reden! . . . Gelbe . . . Vielleicht hast du selbst gelbe Fersen . . . Auch eine -- >PersnlichkeitBitte<, hat er gesagt, >willkommen, Anna Petrowna< . . . Da erst hab ich die gndige Frau erkannt . . . Na, und wie . . . Alt, sag' ich euch, ist sie geworden . . . Ich erkannte sie erst gar nicht, aber dann . . . Sie hat mir ja oft eigenhndig Sigkeiten geschenkt . . . So redeten spter die Diener. * * * Wirklich! Eine unerwartete, unvorhergesehene Tatsache: vor zweieinhalb Jahren hatte Anna Petrowna ihren Gatten verlassen und war mit einem italienischen Schauspieler fortgezogen; von dem Schauspieler im Stich gelassen, verlie sie die herrlichen Palste Spaniens und eilte ber die Pyrenen, die Alpen, Tirol, mit dem Exprezug zurck; was aber am wunderlichsten war: zweieinhalb Jahre durfte der Name Anna Petrowna in Anwesenheit des Senators nicht genannt werden, ja, noch vor zweieinhalb Tagen war er durchaus verpnt; zweieinhalb Jahre vermied der Senator jeden Gedanken an Anna Petrowna (trotzdem dachte er wohl an sie), und selbst bei einem zuflligen Zusammentreffen dieser Lautverbindung zog er verchtlich die Lippen zusammen. Warum war aber bei der Nachricht von ihrer Rckkehr an Stelle des verchtlichen Zuckens ein erregt zorniges Zittern des Kiefers getreten? Warum schlief er diese Nacht nicht? Warum war der Zorn im Laufe der zwlf Stunden allmhlich gewichen und statt seiner stellte sich eine unruhevolle Sehnsucht ein? Warum hielt er es nicht aus und fuhr selbst ins Hotel; berredete sie, brachte sie selbst nach Hause? Was war dort im Hotelzimmer vorgefallen? -- Auch Anna Petrowna hat ihr Vorhaben vergessen; das Vorhaben, das sich ihr gestern beim Besuch im lackierten Haus wieder fest eingeprgt hatte. Sie hat ihr Vorhaben aufgegeben und ist zurckgekehrt. Beide waren durch die Auseinandersetzung im Hotel erregt und verlegen; deswegen verzichteten beide auf irgendwelche Gefhlsuerungen beim Eintritt in das lackierte Haus; Anna Petrowna sah von der Seite ihren Gatten an: Apollon Apollonowitsch schneuzte sich, dann rusperte er sich ein wenig. Anna Petrowna dankte herablassend auf die ehrfurchtsvollen Gre der Dienerschaft; sie verhielt sich sehr reserviert; nur den alten Ssemjonytsch umarmte sie und -- es sah aus, als mchte sie an seiner Schulter weinen; aber sie warf einen verlegenen, erschreckten Blick auf Apollon Apollonowitsch und berwand sich: sie griff nach dem Handtschchen, doch holte sie das Taschentuch nicht vor. Apollon Apollonowitsch, seiner Gattin ein paar Stufen voraus, warf den Lakaien strenge, befehlende Blicke zu; solche Blicke hatte er nur in Augenblicken der Verlegenheit; gewhnlich benahm sich Apollon Apollonowitsch gegen die Dienerschaft mit verletzend ausgesuchter Hflichkeit und Khle (die bekannten Scherze ausgenommen). Er behielt vor der Dienerschaft den Ton der Gleichgltigkeit: nichts ist geschehen, die gndige Frau hat sich aus Gesundheitsgrnden im Auslande aufgehalten, jetzt ist sie zurckgekehrt -- nichts weiter . . . Also was ist dabei? Es ist alles in schnster Ordnung! . . . brigens, einen Diener gab es (alle frheren auer Ssemjonytsch und dem Knaben Grischka sind inzwischen aus dem Hause fortgekommen), -- dieser Diener erinnerte sich ganz genau, wie die gndige Frau damals ins Ausland gereist war: der Dienerschaft war nichts gesagt worden; das ganze Gepck hatte aus einer Handtasche bestanden (und das fr die Zeit von zweieinhalb Jahren!); den Tag vor der Abreise hatte die Gndige sich in ihren Gemchern eingesperrt gehalten; die vorherigen Tage aber war bei ihr immer der Schwarze mit dem Schnurrbart gesessen: wie hatte er nur geheien -- Mindalini (er hie in Wirklichkeit Mantalini), -- der immer die nichtrussischen Lieder gesungen hatte: Tra--la--la . . . Tra--la--la . . . Und der nie Trinkgeld gegeben hatte. Dieser Lakai, der das alles in seiner Erinnerung hatte, kte besonders ehrfurchtsvoll das erlauchte Hndchen; sein Gewissen war durch die Schuld belastet, nicht die Einzelheiten der Flucht -- d. h. der Abreise -- aus seinem Gedchtnis weggewischt zu haben; er hatte die begrndete Angst, da mit dem Erscheinen der erlauchten Gndigen seine Tage im lackierten Haus gezhlt seien. Sie sind im groen Salon; wie Spiegel blitzen die Quadrate des Parketts: whrend dieser zwei Jahre war hier nur selten geheizt worden; von der kalten Zimmerflucht ging immer eine undefinierbare Traurigkeit aus; Apollon Apollonowitsch war stets in seinem Zimmer hinter abgesperrter Tr gesessen; es hatte ihm immer geschienen, aus der Zimmerflucht wrde ein Bekannter, ein Trauriger zu ihm hereinstrzen; jetzt stand er da und dachte: nun ist er nicht mehr allein; er wird nicht mehr allein ber die Quadrate des Parketts schreiten, sondern mit . . . Anna Petrowna. Er bot galant der Angekommenen den Arm und fhrte sie durch den groen Saal; Anna Petrowna blieb vor einer blatnigen Malerei stehen, wandte sich Apollon Apollonowitsch zu und lchelte: Ach das da . . . Erinnern Sie sich, Apollon Apollonowitsch? Sie schielte ein klein, klein wenig, wurde ein klein, klein wenig rot; zwei kornblumenblaue Augen versanken da in zwei andere, von Himmelsblau erfllte; und -- der Blick, der Blick; etwas Liebes, Gewesenes, Altes, -- etwas, was die Menschen vergessen haben, was aber die Menschen seinerseits nie verga, was immer vor jeder Tr steht, dieses Etwas stellte sich pltzlich zwischen ihre Blicke; es war nicht in ihnen; es erwachte nicht in ihnen: es stand zwischen ihnen -- als wre es vom Frhlingswind hereingeweht worden. Der Leser verzeihe mir: ich will den Sinn dieser Blicke mit dem ganz banalen Wort bezeichnen: es war -- _Liebe_. Erinnern Sie sich? Gewi doch . . . Wo? In Venedig . . . Es sind dreiig Jahre seither vergangen! . . . Die Erinnerung an einen im Nebel schimmernden Kanal tauchte in ihm auf, an eine Arie, die seufzend aus der Ferne klang: dreiig Jahre sind seither vergangen. Auch sie wurde von der Erinnerung an Venedig erfat; diese Erinnerung spaltete sich aber: vor dreiig Jahren und -- vor zweieinhalb Jahren; sie errtete: sie hatte ja diese Erinnerung zu verdrngen gesucht; nun trat eine andere auf: Kolenka. Sie hatte in den letzten zwei Stunden nicht an Kolenka gedacht; das Gesprch mit dem Senator hatte alles andere fr einige Zeit beiseite geschoben; vor diesen letzten zwei Stunden hatte sie doch nur an Kolenka gedacht, voll Zrtlichkeit, voll Zrtlichkeit und Krnkung: Kolenka hatte nichts von sich hren lassen, keine Nachricht gegeben. Kolenka . . . Sie traten in den Salon ein: berall Nippessachen, Metall- und Perlmutterinkrustationen, Bronzen. Kolenka geht es gut, Anna Petrowna . . . er befindet sich ganz wohl . . . Der Senator machte ein paar eilige Schritte seitwrts. Ist er zu Hause? Apollon Apollonowitsch, der sich gerade in einen Empiresessel niedergelassen hatte, erhob sich etwas widerwillig und drckte den Knopf der elektrischen Glocke. Warum kam er nicht zu mir? Er ist, Anna Petrowna . . . mm--mm . . . Er war . . . sehr . . . -- der Senator wurde seltsam verworren, dann zog er sein Taschentuch hervor, schneuzte sich lange mit sonderbaren Trompetenlauten; dann rusperte er sich ein wenig und steckte sehr langsam das Taschentuch wieder in die Tasche: Ja, er hatte sich sehr gefreut . . . Schweigen trat ein. Der kahle Kopf neigte sich ber einer kalten, langbeinigen Bronze; der Lampenschirm, mit feinster Malerei bedeckt, glnzte nicht mit seinen violetten Tnen: verloren hat das neunzehnte Jahrhundert das Geheimnis dieser Farbe; das Glas war abgedunkelt von der Zeit; und auch die feine Malerei war abgedunkelt von der Zeit. Auf das Luten trat Ssemjonytsch herein: Ist Nikolai Apollonowitsch zu Hause? Jawohl, gndiger Herr. Mm . . . hren Sie mal: sagen Sie ihm . . . Anna Petrowna sei hier und liee ihn bitten . . . Vielleicht gehen wir selbst zu ihm, sagte erregt Anna Petrowna und erhob sich lebhaft aus dem Lehnstuhl; aber der Senator unterbrach sie mit scharfer Wendung gegen Ssemjonytsch: M -- mm . . . Ssemjonytsch: also sagen Sie: . . . Zu Befehl . . . * * * Ich bin mit Kolenka, Anna Petrowna, nicht ganz zufrieden . . . Was sagen Sie . . . Kolenka benimmt sich schon seit geraumer Zeit -- regen Sie sich nicht auf -- er benimmt sich einfach -- aber regen Sie sich nicht auf -- einfach sonderbar . . . -- ? Die goldeingerahmten Trumeaus verschlangen mit ihrem grnlichen Glas den Salon. Kolenka wurde etwas verschlossen . . . Kche -- kche -- nach dem Hustenanfall begann er mit den Fingern aufs Tischchen zu trommeln; es fiel ihm etwas -- etwas Persnliches -- ein, er zog die Augenbrauen zusammen, rieb sich an der Nasenwurzel; doch er fate sich bald und rief mit fast bermiger Lustigkeit: brigens: nein, es ist weiter nichts dabei . . . Gar nichts . . . Zwischen den Trumeaus glitzerten berall Perlmuttertischchen. Eine einzige Sinnlosigkeit Den Schmerz im Knie berwindend (der Fall in Lichutins Zimmer machte sich immerhin bemerkbar), ein wenig hinkend, lief Nikolai Apollonowitsch durch den Korridor. Ein Wiedersehen mit der Mutter! Ein Wirbel von Gedanken und Vorstellungen rauschte durch seinen Kopf; oder nein: es waren keine Gedanken, und es gab nirgends einen Sinn -- es war ein Wirbel von Sinnlosigkeiten. Welche Gedanken waren es? Erstens der Gedanke an den Schrecken seiner Lage; der Schrecken seiner Lage ergab sich durch das Verschwinden der Sardinenbchse; die Sardinenbchse, d. h. die Bombe, ist verschwunden; es war klar, da jemand die Bombe weggeschafft hat; wer aber, wer? Einer von den Dienern; dann ist also die Bombe in die Hnde der Polizei gekommen; und er wird -- verhaftet; das wre nicht das Schlimmste; das Schlimmste ist: Apollon Apollonowitsch selbst hat die Bombe gefunden und hat sie mitgenommen und wei jetzt: wei jetzt alles. Was -- _alles_? Es war ja nichts gewesen; Ermordungsplan? Es gab ja keinen Ermordungsplan; er, Nikolai Apollonowitsch, bestreitet einen solchen Plan auf das entschiedenste: es ist eine niedere Verleumdung -- wenn behauptet wird, ein solcher Plan habe existiert. Es bleibt aber die Tatsache der gefundenen Bombe bestehen. Wenn ihn der Vater ruft, wenn seine Mutter -- nein, er kann's nicht wissen: er hat die Bombe nicht aus dem Zimmer fortgetragen. Auch die Diener . . . Diesen htte man es gleich angemerkt. Doch niemand zeigte was. Nein, sie wissen nichts von der Bombe. Aber wo ist sie, wo? Hat er sie wirklich im Schreibtisch versteckt; hat er sie nicht irgendwo unter dem Teppich verborgen, zufllig, mechanisch: so was passierte ihm manchmal. In einer Woche wird sich alles von selbst aufklren . . . Doch nein; die Bombe wird ihre Anwesenheit schon heute anzeigen -- durch ein furchtbares Gepolter (das Poltern konnten die Ableuchows absolut nicht vertragen). Ihre Anwesenheit -- unter dem Teppich, in irgendeinem Schrank, unter einem Kissen -- sie wird sie anzeigen; sie wird zu poltern beginnen und wird dann platzen; er msse die Bombe finden; nun habe er jetzt aber keine Zeit dazu: die Mutter ist da. Und dann ein weiterer Gedanke: man hat ihn beleidigt; das war sein zweiter Gedanke; und der dritte: ja, dieses widerliche kleine Mnnchen, Pawel Jakowlewitsch! Er glaube ihn jetzt wieder, gerade wie er nach Hause fuhr, gesehen zu haben; und schlielich -- Pepp Peppowitsch Pepp: Pepp, das ist die furchtbare Ausbreitung des Krpers, das Sichdehnen der Adern, das Sieden im Kopf . . . Ach: nun ist alles durcheinandergeraten; der Wirbel der Gedanken flog mit unmenschlicher Schnelligkeit durch den Kopf und rauschte in den Ohren, so da es gar keine Gedanken waren: es war eine einzige Sinnlosigkeit. Mama Er ffnete die Salontr. Das erste, was er erblickte, war . . . war . . . Na ja: er erblickte das Gesicht seiner Mutter und zwei Hnde, die sich ihm aus dem Lehnstuhl entgegenstreckten: das Gesicht war gealtert und die Hnde zitterten im durchbrochenen Goldlicht der Laternen, die gerade drauen hinter den Fenstern angezndet wurden. Und er hrte eine Stimme: Kolenka, mein geliebter, mein teuerer! Er verlor die Fassung, sein ganzes Wesen flog ihr entgegen. Bist du's, mein Junge . . . Nein, er konnte sich nicht mehr halten: er kniete vor ihr nieder, er umschlang krampfhaft ihre Taille: er drckte sein Gesicht in ihren Scho und brach in Weinen aus; er weinte -- wei Gott warum: ohne sich darber Rechenschaft zu geben, unaufhaltsam, schamlos weinte er, und seine breiten Schultern bebten (bedenken wir doch, da Nikolai Apollonowitsch in den letzten drei Jahren keine Liebkosung kannte). Mama, Mama . . . Auch sie weinte. Apollon Apollonowitsch stand abseits, in der Dmmerung der Fensternische; er berhrte mit der Hand den Kopf einer chinesischen Porzellanpuppe: der Chinesenkopf wiegte sich: Apollon Apollonowitsch trat aus der Dmmerung der Nische heraus; er hstelte leise; mit kleinen Schrittchen nherte er sich dem weinenden Paar, und pltzlich trompetete er neben dem Lehnstuhl heraus: Beruhigt euch, meine Lieben! Er hatte eigentlich solche Gefhle bei seinem Sohne nicht vermutet, bei dem kalten, in sich verschlossenen Sohne, an dessen Gesicht er in diesen zweieinhalb Jahren nie was anderes als Grimassen gesehen hatte; einen bis zu den Ohren breitgezogenen Mund, nach unten blickende Augen; dann drehte sich Apollon Apollonowitsch um und lief aus dem Zimmer -- um etwas zu holen. Mama . . . Mama . . . Die Angst, die Demtigungen der letzten vierundzwanzig Stunden, das Verschwinden der Sardinenbchse, das Gefhl der vlligen eigenen Unzulnglichkeit, all das flatterte in verworrenen Augenblicksgedanken durch sein Hirn; alles versank in dem warmen Dunst des Wiedersehens: Mein Knabe, mein geliebter . . . * * * Die eisige Berhrung von Fingern an seiner Hand brachte ihn zu sich: Da, Kolenka, nimm einen Schluck Wasser. Als er sein verweintes Gesicht vom Scho der Mutter hob, sah er vor sich die Kleinkinderaugen eines achtundsechzigjhrigen Greises: der kleine Apollon Apollonowitsch stand da mit einem Glas Wasser in der Hand; seine Finger tanzten; er ttschelte, vielmehr er versuchte, Nikolai Apollonowitsch ber Rcken, Wange und Schulter zu ttscheln; pltzlich strich er mit der Hand ber die flachsweien Haare. Anna Petrowna lachte; ganz unntigerweise richtete sie ihren Kragen am Halse zurecht; ihre glckberauschten Blicke bertrug sie von Nikolenka auf Apollon Apollonowitsch; und umgekehrt: von ihm auf Nikolenka. Nikolai Apollonowitsch erhob sich langsam von den Knien: Verzeihen Sie, Mama: das war nur so . . . Es war nur die berraschung . . . Ich . . . es ist nichts weiter dabei . . . Danke, Papa . . . Und er schluckte ein wenig Wasser herunter. Apollon Apollonowitsch stellte das Glas auf das Perlmuttertischchen; und pltzlich begann er -- zu lachen, wie Knaben zu den Scherzen des lustigen Onkels lachen und sich gegenseitig mit den Ellbogen anstoen; zwei altbekannte, liebe Gesichter! Soo . . . Soo . . . Sooo . . . Nikolai Apollonowitsch stand neben dem Trumeau, das von einem goldbackigen Amor oben gekrnt war; unter dem Amor wanden sich Lorbeer- und Rosengewinde durch Fackelflammen; pltzlich flog wie ein Blitz durch sein Gehirn: die Sardinenbchse! . . . Was ist nun damit? Wie ist es nun? Seine Gefhlswallung wurde jh abgebrochen. Ich mu einen Augenblick . . . Ich komme gleich wieder. Was hast du, Liebling? Das macht nichts . . . Lassen Sie ihn, Anna Petrowna . . . Ich rate dir, Kolenka, einen Augenblick mit dir allein zu bleiben . . . fnf Minuten . . . Ja, weit du . . . Und dann -- komm wieder . . . Den Gefhlsausbruch noch weiter ein wenig simulierend, wackelte Nikolai Apollonowitsch leicht, lie theatralisch das Gesicht in die Hnde fallen: wie etwas Totes schimmerten die flachsweien Haare in der Dmmerung des Zimmers. Wackelnd ging er hinaus. Verwundert sah der Vater die glckliche Mutter an. * * * Wahrhaftig, ich erkannte ihn nicht . . . Diese, diese . . . diese Gefhle -- Apollon Apollonowitsch lief vom Spiegel zum Fenster . . . Diese, diese . . . Gefhle -- er streichelte sich ber den kleinen Backenbart. Sie zeugen -- er machte eine scharfe Wendung, hob die Fuspitzen ein wenig vom Fuboden, balancierte einen Moment lang auf den Abstzen und machte dann mit dem ganzen Krper einen Ruck nach vorne, den den Fuboden berhrenden Fuspitzen nach -- Sie zeugen -- er kreuzte die Hnde auf dem Rcken und lief auf und ab durch den Salon: Sie zeugen von natrlichen Gefhlen und sozusagen -- er zuckte mit den Achseln -- von guten Charaktereigenschaften . . . Ich habe es keinesfalls erwartet . . . Eine auf dem Tisch stehende Tabakdose zog die Aufmerksamkeit des Staatsmannes auf sich; von dem Wunsch erfat, sie in symetrische Lage zu dem danebenstehenden chinesischen Tablettchen zu bringen, lief er pltzlich mit rasch-raschen Schrittchen dem Tische zu und langte . . . nach einer auf dem Tablettchen liegenden Visitenkarte, die er ziellos zwischen den Fingern zu drehen begann. Seine Zerstreutheit kam daher weil in ihm im selben Augenblick ein tiefer Gedanke auftauchte, der sich im Nu zu einem Labyrint weitverzweigter, gedanklicher Entdeckungen ausgedehnt hat. Doch Anna Petrowna, die in wonniger Selbstverlorenheit im Lehnstuhl sa, bemerkte mit berzeugung: Ich habe immer gesagt . . . Ja, weit du . . . Apollon Apollonowitsch erhob sich auf die Fuspitzen, dann lief er vom Tisch zum Fenster: . . . Wissen Sie . . . Apollon Apollonowitsch lief vom Fenster in die Ecke: Kolenka hat mich in Verwunderung versetzt: und aufrichtig gesagt -- mich hat sein Benehmen -- beruhigt -- er zog die Stirn in Falten -- in bezug auf . . . in bezug auf -- er nahm die Hand vom Rcken und trommelte ber das Tischchen: Mja! . . . Pltzlich unterbrach er sich scharf: Macht nichts! Und er wurde nachdenklich; er sah Anna Petrowna an; ihre Blicke begegneten sich; sie lchelten einander zu. * * * Nikolai Apollonowitsch trat in sein Zimmer; er betrachtete mit starrem Blick das arabische Taburett: das inkrustierte Muster aus Elfenbein und Perlmutter. Langsam schritt er zum Fenster: dort zog sich der Flu hin; ein Kahn schaukelte auf den Wellen; die Wellen schlugen leicht auf den Granit; die Stille des Zimmers wurde pltzlich von Klavierklngen erhellt, die aus der Ferne, aus dem Salon, hereinbrachen; so pflegte sie auch frher zu spielen, unter diesen Klngen pflegte er ber den Bchern einzuschlafen. Nikolai Apollonowitsch blieb vor dem Haufen hingeworfener Gegenstnde stehen und dachte qualvoll nach: Was bedeutet das . . . Wie ist das mglich . . . Wo konnte ich sie hingetan haben? . . . Und -- ihm fiel nichts ein. Schatten, Schatten und Schatten: die Ledersessel grnten hinter den Schatten; eine Bste -- Kants natrlich -- trat aus den Schatten hervor. Pltzlich bemerkte er auf dem Schreibtisch einen Briefbogen, der doppelt gefaltet dalag: solche doppelt gefaltete Zettel pflegen Besucher, die den Wirt nicht antrafen, etwas aber mitzuteilen hatten, liegenzulassen; mechanisch griff er nach dem Bogen, mechanisch blickte er auf die ihm bekannte Lichutinsche Schrift. Ja, wahrhaftig: er hatte ganz vergessen, da Lichutin in seiner Abwesenheit am Vormittag hier gewesen war, alles durchsucht, in den Sachen herumgestbert hatte. (Lichutin hat es ihm ja selbst bei ihrem peinlichen Zusammentreffen mitgeteilt). . . Ja, ja, ja: Lichutin hatte das Zimmer durchsucht. Nikolai Apollonowitsch atmete erleichtert auf. Nun ist alles auf einmal klar geworden: Lichutin! Natrlich, natrlich; hier war er und hat berall herumgestbert; er hat nach der Bombe gesucht, sie gefunden und mitgenommen; es war kein Zweifel: der Offizier hat die Sardinenbchse mitgenommen. Erleichtert lie er sich in den Sessel nieder; wieder wurde die Stille von Chopinklngen durchzogen; so war es auch frher: immer wurde die Stille durch Chopinklnge durchzogen -- vor neun, vor zehn Jahren -- immer hatte Anna Petrowna Chopin gespielt (nicht Schumann). Und es schien ihm jetzt, als htte es gar keine Ereignisse gegeben: alles hat sich ja so einfach aufgeklrt: die Sardinenbchse wurde von Lichutin fortgetragen (von wem denn sonst? Auer, er nhme an . . . -- aber wozu eine solche Annahme!); nein, es hatte keine Ereignisse gegeben. Jenseits der Newagewsser erhoben sich Riesen -- als Schattenrisse der Inseln, der Huser, und blickten in den Nebel mit bernsteinglnzenden Augen, als -- weinten sie. Die Laternenschnur lngs dem User lie feurige Trnen in die Newa fallen: kochender Glanz sprudelte auf ihrer Oberflche. Die Melone -- ein Gemse Nach zweieinhalb Jahren saen sie wieder zu dreien beim Mittagessen. Der Kuckuck in der Wanduhr rief, und in demselben Augenblick erschien der Lakai mit der dampfenden Suppenterrine; Anna Petrowna strahlte vor Zufriedenheit; Apollon Apollonowitsch . . . -- propos: wer am Morgen den gebrechlichen Greis gesehen hatte, wrde ihn in dem Mann, der jetzt am Tisch sa, nicht wiedererkannt haben; er sah auf einmal gekrftigt aus, verlor jedes Alter, sa stramm auf seinem Platz und ergriff mit federnder Bewegung die Serviette; sie hatten bereits ihre Suppe zu essen begonnen, als die Seitentr aufging: Nikolai Apollonowitsch, leicht gepudert, rasiert und sauber, in bis oben geschlossenem Studentenrock, mit ungemein hohem Kragen (wie man sie in der vorhergegangenen Alexandrowschen Epoche getragen hatte) trat herein und nherte sich, ein wenig humpelnd, dem Etisch. Was hast du, mon cher -- Anna Petrowna fhrte etwas affektiert das Lorgnon an die Augen du hinkst ja, wie ich merke? Ha? -- Apollon Apollonowitsch warf einen Blick auf Kolenka und ergriff das Pfefferfchen, In der Tat . . . Mit einer etwas jugendhaften Bewegung streute er viel zuviel Pfeffer in seine Suppe. Es ist nichts, maman: ich bin ausgeglitten . . . mein Knie schmerzt ein wenig . . . Sollte man nicht kalte Umschlge machen? In der Tat, Kolenka -- Apollon Apollonowitsch fhrte den Lffel zum Mund und sah zugleich zum Sohn hinber -- wenn man sich am Knie gestoen hat -- damit ist nicht zu spaen: das kann unangenehm werden . . . Und -- er schluckte die Suppe herunter. Nikolai Apollonowitsch lchelte entzckend und begann seinerseits die Suppe zu pfeffern. Sonderbar ist doch das Muttergefhl -- Anna Petrowna legte ihren Lffel in den Teller, blickte mit groen, kindlichen Augen, den Kopf in den Hals gedrckt (so da ihr Doppelkinn aus dem Stehkragen hervorquoll). Ist er auch schon erwachsen, ich bin aber um ihn besorgt, wie in frheren Zeiten . . . Sie verga vollstndig, da es durch zweieinhalb Jahre jemand anderes war, um den sie sich gesorgt hatte: Kolenka war von einem anderen verdrngt gewesen, von einem Fremden, mit schwarzem, ppigem Schnurrbart, mit Augen wie zwei Kirschen; sie verga vollstndig, da sie diesem fremden Mann durch mehr als zwei Jahre tglich die Krawatte gebunden hatte; aus violetter Seide; und jeden Morgen ein Glas -- Guniadi Janos zum Abfhren gereicht hatte. Ja, das Muttergefhl: erinnerst du dich -- als du deine Dysenterie hattest . . . Sie meinen das mit den Brotscheibchen? Gewi, ich erinnere mich sehr gut. Ja, eben . . . An den Folgen der Dysenterie, brummte Apollon Apollonowitsch ber dem Teller, leidest du, glaube ich, auch jetzt noch, mein Lieber. Und er schluckte seine Suppe herunter. Der junge Herr darf . . . auch jetzt noch . . . keine Erdbeeren essen, ertnte neben der Tr die zufriedene Stimme des alten Ssemjonytsch, der vor der Tr stand und durch die offene Spalte hereinlugte (bei Tisch bediente ein anderer). Erdbeeren, Erdbeeren! sagte in gedehntem Baton Apollon Apollonowitsch und drehte sich pltzlich gegen die Tr, wo Ssemjonytsch stand. Erdbeeren -- er begann mit dem leeren Mund zu kauen. Der am Tisch bedienende Lakai (nicht Ssemjonytsch) lchelte, und sein Gesichtsausdruck sollte den Anwesenden sagen: Ich wei schon, was jetzt kommt! Der Senator platzte heraus: Was meinen Sie, Ssemjonytsch: ist die Melone eine Beere? Anna Petrowna wandte sich blo mit den Augen zu Nikolenka: sie unterdrckte ein herablassend kluges Lcheln; dann bertrug sie den Blick auf den Senator, der wie versteinert in die Richtung der Tr blickte und ganz in Erwartung einer Antwort auf seine alberne Frage aufgegangen zu sein schien; ihre Augen sagten: Treibt er es noch immer so? Nikolai Apollonowitsch griff verlegen bald nach dem Messer, bald nach der Gabel, whrend eine unerschtterliche klare Stimme, die keinesfalls ber die Frage verwundert zu sein schien, aus der halboffenen Tr erklang: Die Melone, Exzellenz, ist keine Beere, sondern eine Gemsefrucht. Apollon Apollonowitsch machte mit dem ganzen Krper eine rasche drehende Bewegung, und flugs war auch schon der erwartete Witz -- ei--ei--ei! -- da: Richtig, stimmt, Ssemjonytsch, Alter Kuchentopf -- Er hat schlau geurteilt Der kluge kahle Kopf. Anna Petrowna und Nikolai erhoben ihre Augen nicht von den Tellern: kurz, es war wie in frheren Zeiten! * * * Apollon Apollonowitsch war offensichtlich bemht, den Seinigen zu zeigen: nun ist alles ins alte Geleise gekommen; er a wie sonst mit gutem Appetit, machte Scherze und hrte aufmerksam den Schilderungen von Spaniens Schnheiten zu; Nikolai Apollonowitsch sprte, wie sich eine eigentmliche Traurigkeit in seinem Herzen regte; als existiere keine Zeit mehr; als wre es erst gestern gewesen: er als Fnfjhriger hrt zu, wie seine Mutter mit der Gouvernante spricht (die, die Apollon Apollonowitsch dann aus dem Hause gejagt hat); Anna Petrowna erzhlt mit Begeisterung: Ich gehe mit Sisi und hinter uns her -- zwei _Schwnze_; wir treten in die Ausstellung ein; die _Schwnze_ ebenfalls . . . Nein, diese Frechheit! Kolenka sieht sich in einem gewaltigen Raum; eine Menge von Menschen; Damenkleider rauschen (er war einmal in eine Ausstellung mitgenommen worden); in der Ferne sieht er, wie sich ber der Menge in der Luft riesengroe, schwarzbraune Schwnze erheben; er bekommt Angst: Nikolai Apollonowitsch wute damals als Kind noch nicht, da die Grfin Sisi mit dem Wort Schwnze ihre Verehrer zu bezeichnen pflegte. Diese Erinnerung an die Angst vor den in der Luft baumelnden Schwnzen ruft jetzt in ihm ein unterdrcktes Gefhl von Unruhe wieder wach; eigentlich sollte er doch Lichutin aufsuchen und sich -- berzeugen . . . Von was -- _berzeugen_? Er hrte das fortwhrende Ticken einer Uhr: tick tack, tick tack; im Kreise lief die Spiralfeder; natrlich nicht hier in den glnzenden Zimmern (etwa unter einem Teppich, wo jeden Augenblick irgend jemand auf die Stelle treten konnte . . .), nein, die Haarfeder lief irgendwo in einer Mistgrube, im Feld, in der Newa: dort irgendwo liegt dieses Ticktackwerk; die Feder luft im Kreise bis die verhngnisvolle Stunde herannaht . . . Welcher Unsinn! Das alles war die Folge des furchtbaren Senatorwitzes, des wahrhaftig grandiosen . . . in seiner Geschmacklosigkeit; davon kam alles: die Erinnerung an die durch die Luft schwebenden Schwnze; und -- die Erinnerung an die Bombe. Was hast du, Kolenka? Du bist so zerstreut und it keine Crme? . . . Ach, ja . . . * * * Nach dem Mittagessen spazierte er auf und ab im unbeleuchteten Saal; der nur ein ganz klein wenig erhellt war: vom Mond und von dem durchbrechenden Licht der drauen brennenden Laterne; Apollon Apollonowitsch durchma mit ruhigem Schritt die Quadrate des Parkettbodens, und neben ihm ging -- Nikolai Apollonowitsch; sie schritten aus dem Schatten in das durchbrochene Laternenlicht; sie schritten aus dem durchbrochen-hellen Fleck in den Schatten. Mit ungewohnter vertraulicher Weichheit sprach Apollon Apollonowitsch, den Kopf tief nach unten geneigt, und es war schwer zu bestimmen: sprach er zum Sohne oder zu sich selbst. Wissen Sie -- weit du, schwer ist die Lage eines Staatsmannes. Sie kehrten um. Ich habe immer schon den Leuten gesagt: die Einfuhr amerikanischer Dreschmaschinen zu frdern -- das ist eine sehr wichtige Aufgabe; darin ist mehr Humanittsarbeit als in all den langen ffentlichen Reden . . . Die Staatswissenschaften lehren uns . . . Sie kehrten um und durchmaen die kleinen Quadrate des Parkettbodens; sie schritten aus dem Schatten in die mondbeschienenen Dreiecke. Humanitre Bettigung tut uns not; die Humanitt ist eine groe Sache, fr die groe Geister gelitten haben, wie ein Giordano Bruno, wie . . . Lange spazierten sie so, auf und ab. Apollon Apollonowitsch sprach mit etwas gebrochener Stimme; er fate manchmal mit zwei Fingern den Rockknopf seines Begleiters, nherte sich mit dem Mund direkt dessen Ohr. Schwtzer sind sie alle, Kolenka: Humanitt, Humanitt! . . . In Dreschmaschinen liegt aber mehr Humanitt als in allem anderen, Dreschmaschinen brauchen wir! . . . Er umfate mit der freien Hand die Taille des Sohnes und zog ihn zum Fenster, in die Ecke; er murmelte etwas und wiegte den Kopf: umgangen wurde er, sie brauchten ihn nicht mehr. Weit du: sie haben mich beiseitegeschoben . . . Nikolai Apollonowitsch wagte kaum zu glauben; wie einfach das kam -- ohne jede Auseinandersetzung, ohne Szenen, ohne Beichten: dieses vertrauliche Flstern, diese vterliche Liebkosung. Warum war es dann all diese Jahre . . . --? So, Kolenka, mein Lieber, wir wollen miteinander offener sein . . . Was sagtest du? Ich hrte nicht . . . An den Fenstern vorbei zog, wahnsinnig schrill pfeifend, ein kleiner Dampfer; die grelle kleine Laterne am Heck durchschnitt in seltsamer schrger Linie den Nebel; die rubinroten Kreise wurden immer grer. Mit vertraulicher Wrme, den Kopf tief nach unten geneigt, sprach Apollon Apollonowitsch -- man wei nicht, ob zu sich selbst oder zu seinem Sohn. Sie schritten aus dem Schatten in das durchbrochene Laternenlicht; sie schritten -- aus dem helldurchbrochenen Fleck in den Schatten. * * * Apollon Apollonowitsch -- klein, kahl und alt -- begann, vom letzten Auflodern der Kaminkohlen beschienen, auf dem Perlmuttertischchen die Karten fr ein Patiencespiel zu mischen; zweieinhalb Jahre hatte er sich nicht dem Patiencespiel zugewendet; vor zweieinhalb Jahren war es, als Anna Petrowna das letzte entscheidende Gesprch mit ihm hatte; damals war er vor demselben Tischchen gesessen, und Patience wurde gespielt; so hatte ihn auch Anna Petrowna noch in der Erinnerung behalten. Herz Zehn . . . Nein, mein Lieber, diese Karte ist drauen . . . Was meinen Sie, Anna Petrowna: wollen wir nicht im Frhjahr nach Proljotnoje bersiedeln? Proljotnoje war das Stammgut der Ableuchows: Apollon Apollonowitsch hatte Proljotnoje seit zwanzig Jahren nicht besucht. Dort im Wald, in Schnee und Eis, war er einst -- vor etwa fnfzig Jahren -- beinahe erfroren; eines dummen Zufalls wegen; in jener Stunde des einsamen Erfrierens war sein Herz wie von kalten Fingern gestreichelt worden; eine eisige Hand hatte ihm zugewinkt; hinter ihm liefen die Jahrhunderte zurck in die Unermelichkeit; vor sich sah er die eisige Hand in Unermelichkeiten winkend, Unermelichkeiten liefen ihm entgegen. Die eisige Hand! Und -- nun: sie begann aufzutauen. Zum erstenmal tauchten sie jetzt wieder vor ihm auf, jene fernen, verwaisten Gegenden; der aufsteigende Rauch aus den Dorfhtten und die -- Dohlen; in ihm erwachte der Wunsch, den Rauch der Dorfhtten wiederzusehen; und dann -- die Dohlen. Ja, wir knnen nach Proljotnoje ziehen: dort gibt es soviel Blumen. Und Anna Petrowna begann wieder aufgeregt von den Schnheiten der Alhambraschlsser zu erzhlen; in ihrer Begeisterung merkte sie nicht, da sie immerzu statt ich -- _wir_ sagte: d. h. sie und Mantalini. _Wir_ kamen am Morgen an, in einem wundervollen kleinen Wagen, der von Eseln gezogen wurde; das Geschirrzeug war mit _so_ groen Quasten verziert; und wissen Sie, Apollon Apollonowitsch, wir gewhnten uns . . . Endlich sagte er weinerlich: Ich bin aber mde . . . Und er erhob sich aus dem Lehnsessel und setzte sich in den Schaukelstuhl. * * * Nikolai Apollonowitsch bernahm es, seine Mutter ins Hotel zu bringen; beim Verlassen des Salons drehte er sich noch einmal um und sah seinen Vater an; er begegnete einem auf ihn gerichteten -- oder schien es ihm nur so? -- traurigen Blick; Apollon Apollonowitsch sa im Schaukelstuhl und wiegte diesen leise durch bloe Bewegung des Kopfes wie der Fe; das war des Sohnes letzter Eindruck; eigentlich hat er den Vater nie mehr gesehen; auf dem Lande und auf der See, in den Bergen und in den Stdten, in den glnzenden Slen der groen europischen Museen -- berall hatte er spter diesen Blick gesehen, und ihm schien: Apollon Apollonowitsch hatte damals fr immer Abschied von ihm genommen -- durch jene leichte Verneigung des Kopfes und durch Bewegen des Fues; das alte Gesicht, das leise Knarren des Schaukelstuhls und -- dieser Blick, dieser Blick! Die kleine Uhr Nikolai Apollonowitsch begleitete seine Mutter zum Hotel und ging dann -- auf die Moika; kein Licht in den Fenstern: die Lichutins waren also nicht zu Hause; es war nichts zu machen, so ging er also seiner Wohnung zu. Humpelnd erreichte er sein Schlafzimmer; da blieb er im vlligen Dunkel stehen: Schatten, Schatten, Schatten; das Licht der Laterne spannte ein Schleiernetz aus hellen Flecken auf die Zimmerdecke; mechanisch zndete er eine Kerze an; dann nahm er seine Uhr aus der Tasche; zerstreut sah er auf sie hin: es war drei Uhr. Jetzt erhob sich in ihm alles von neuem. Er fhlte: er hat seine Angst nicht berwunden; die Sicherheit, die ihn den ganzen Abend aufrechterhalten hatte, schwand pltzlich; alles begann zu schwanken; er wollte Brom einnehmen; doch war keins da; er wollte die Offenbarungen lesen; das Buch war weg; in diesem Augenblick vernahm sein Ohr deutlich einen beunruhigenden Laut: Tick tack, tick tack . . . Leise tnte es. Die Sardinenbchse? Dieser Gedanke befestigte sich in ihm immer mehr. Pepp Peppowitsch Pepp . . . Pepp . . . Um Nikolai Apollonowitsch wurde es immer klter; kalte Winde wehten ihm in die Stirn; gleich wird die gewaltige, rasch wachsende Kugel zerspringen und dann -- wird alles ganz einfach sein. Die kleine Uhr aber tickte weiter. Nikolai Apollonowitsch horchte angestrengt: der Laut verfolgte ihn; er suchte nach der Stelle, von der er herkam; leise auftretend -- nur die Schuhsohlen knarrten -- nherte er sich dem Tisch; das Ticken wurde deutlicher; als er aber dicht an den Tisch herankam, verstummte der Laut pltzlich. Tick tack -- kam es jetzt leise aus der entlegenen Schattenecke; er schlich sich nun vom Tisch in die Ecke; Schatten, Schatten, Schatten; Grabesstille . . . Nikolai Apollonowitsch rannte keuchend hin und her zwischen den tanzenden Schatten, sich bemhend, den neckisch ausweichenden Laut zu erhaschen (so haschen Kinder mit Fangnetzen nach gelben Schmetterlingen). Jetzt hat er's: dort ist die Stelle, von der der sonderbare Laut kam; ganz deutlich wird das Ticken; noch einen Augenblick und er hat's. Wo aber? wo, wo? Pltzlich fand er den Punkt, von dem aus sich der Laut ausbreitete: dieser Punkt war sein eigener Bauch. Erst jetzt bemerkte Nikolai Apollonowitsch, da er vor dem Nachttischchen stand, auf dem, gerade auf der Hhe seines Bauches, seine Taschenuhr lag . . . Zerstreut sah er auf sie hin: sie zeigte die vierte Nachtstunde. Nun kehrte er wieder in seinen Rahmen zurck: Leutnant Lichutin hatte die verfluchte Bombe weggetragen; das Deliriumgefhl verlor sich, rasch warf er den Salonanzug von sich ab; mit wonnigem Gefhl befreite er sich aus der Strke der Wsche: ri Kragen und Hemd herunter; dann zog er die Unterhose aus: das Bein zeigte neben dem Knie eine blutunterlaufene Stelle; das Knie war ein wenig geschwollen; endlich steckten auch die Beine unter der weien Decke; sinnend lag er, den Kopf auf den Arm gesttzt; das weie Mrtyrergesicht zeichnete sich deutlich auf dem weien Linnen. Und dann erlosch das Licht. Die Uhr tickte; ihn umfing vollstndige Dunkelheit; im Dunkeln begann das Ticken wie ein von einer Blume losgelster Falter durchs Zimmer zu hpfen: bald war es da, bald dort; und seine Gedanken tickten mit; an verschiedenen Stellen des entzndeten Krpers pulsierten die Gedanken: am Hals, in der Kehle, in den Armen, im Kopf. Einander berholend rasten die Pulse durch den Krper. Es waren Schwrme sich selbst denkender Gedanken. Und es tickt doch, es tickt . . . Ein anderer folgte . . . Der freie Gedanke klammerte sich an etwas, was das Hirn bewut verwahrt: die Sardinenbchse ist hier, die Sardinenbchse ist hier; in ihr bewegt sich kreisend der kleine Zeiger; der Zeiger wird mde: er nhert sich dem verhngnisvollen Punkt (dieser Punkt ist schon nahe). . . und ein Donnern ertnt, das du vielleicht nicht einmal hren wirst; denn ehe es das Trommelfell deines Ohrs erreicht, wird dein Trommelfell zerrissen sein (und manches andere auch) -- -- Mit Wahnsinnsbewegung sprang da Nikolai Apollonowitsch aus dem Bette: die Pulse bertnten die selbstdenkenden Gedanken; die Pulse hpften nicht mehr, sie schlugen wild: in den Schlfen, am Hals, in der Kehle, in den Hnden und . . . berall auerhalb dieser Organe. Barfig patschte er durchs Zimmer, doch statt zur Tr geriet er in die Ecke. Der Morgen wartete, grau. Er schlpfte rasch in die Unterhose und schlich in den dunkeln Korridor: warum, warum? Ach, ganz einfach, er frchtete sich . . . Er wurde von tierischer Angst fr sein eigenes, kostbares Leben erfat; aus dem Korridor ins Zimmer zurck konnte er nicht mehr; wieder in sein Zimmer hineinzugehen, dazu fehlte ihm -- der Mut; nach der Bombe zu suchen hatte er weder Zeit noch Kraft; in seinem Kopf hatte sich alles verwirrt, er konnte sich nicht mehr genau der Stunde erinnern, wann die Frist abluft: jeder Augenblick konnte der verhngnisvolle sein. Es blieb ihm nichts anderes brig, als bis zum Tagesanbruch hier im Korridor, zitternd, zu kauern. Er nherte sich einer Ecke und hockte sich nieder. Die Augenblicke rannen langsam; Minuten schienen ihm Stunden; und viele Hunderte von Stunden flossen da hin; der Korridor wurde blulich; der Korridor wurde grau: der helle Tag begann. Nikolai Apollonowitsch berzeugte sich immer mehr von der Unsinnigkeit der selbstdenkenden Gedanken; diese Gedanken hatten jetzt pltzlich ihren Sitz in seinem Gehirn und das Gehirn verarbeitete sie; als er sich sagte, die Frist sei nun schon lngst abgelaufen, stellte sich von selbst die Version ein: Lichutin habe die Sardinenbchse weggetragen, und dies umgab ihn mit dem Duft wonnigster Bilder; und Nikolai Apollonowitsch, im Korridor kauernd, verfiel -- sei's aus dem Gefhl der Sicherheit, sei's aus Mdigkeit -- in sanften -- Schlummer. Die Berhrung von etwas Feuchtem an seiner Stirn brachte ihn wieder zu sich; er schlug die Augen auf und erblickte -- die speichelbedeckte Schnauze der Bulldogge; schnaufend und wedelnd stand die Bulldogge vor ihm; gleichgltig stie er den Hund von sich; von neuem in das Frhere verfallend war er daran, das unbestimmte Etwas fortzuspinnen, mit Spiralen und Kreisen zu spielen, in der Erwartung da es ihm dabei gelnge, irgendeine Entdeckung zu machen. Pltzlich kam ihm deutlich zum Bewutsein: wieso ist er hier? Wieso ist er im Korridor? Im Halbschlaf schleppte er sich in sein Zimmer zurck, und whrend er sich seinem Bette nherte, beschftigten sich seine halb vom Schlaf umfangenen Gedanken noch immer mit den Kreisen und Spiralen . . . Da krachte es: er begriff alles. * * * -- Spter. -- An langen Winterabenden erinnerte sich Nikolai Apollonowitsch oft an dieses grauenhafte Krachen; es war etwas ganz Besonderes in ihm, mit nichts Vergleichbares; betubend, und doch nicht allzu laut; betubend und -- dumpf: mit metallischer, tiefer, dunkler Note; dann war es totenstill. * * * Bald darauf ertnten Stimmen; unregelmige Schritte nackter Fe wurden hrbar und das leise Heulen der Bulldogge; die Telephonglocke schrillte; Nikolai Apollonowitsch entschlo sich endlich, die Tr seines Zimmers zu ffnen; ein kalter Luftstrom schlug ihm gegen die Brust; sein Zimmer war erfllt mit zitronengelbem Rauch; er schritt weiter durch den Rauch und pltzlich stolperte er an einem Stck Holz; eher das Gefhl als der Verstand sagte ihm, da es ein abgespaltetes Stck von einer Tr war. Hier ein Haufen Mauersteine; da Schatten von Menschen, die durch den Rauch rennen; angebrannte Fetzen von einem Teppich . . . Wie kommen die her? Einer der Schatten, aus dem Rauchvorhang vortretend, brllte ihn an: He, was stehst du da herum: siehst du nicht, was fr ein Unglck im Hause passiert ist? Eine zweite Stimme rief: Diese Schufte sollte man! . . . Das bin ich . . . versuchte er zu sagen. Er wurde unterbrochen. Eine Bombe! . . . Ooh . . . Jawohl, eine richtige . . . geplatzt ist sie . . . -- ? Im Zimmer von Apollon Apollonowitsch . . . -- ? Ist Gott sei Dank -- unverletzt geblieben . . . Wir erinnern unseren Leser: Apollon Apollonowitsch hatte ja die Sardinenbchse, ohne ihr besondere Beachtung zu schenken, aus dem Zimmer des Sohnes in das seine getragen; dann hatte er sie vllig vergessen; er ahnte selbstverstndlich nicht, welchen Inhalt sie barg. Nikolai Apollonowitsch eilte zu der Stelle, wo soeben noch eine Tr, jetzt aber nur eine mchtige ffnung war, aus der sich Rauchknule wlzten . . . * * * Ohne zu wissen warum, lief Nikolai Apollonowitsch von der ghnenden ffnung zurck und sah sich -- er wute nicht, wo . . . -- Auf dem schneeweien Bett (direkt auf dem Kopfkissen!) hockte Apollon Apollonowitsch, die nackten Beine an die haarige Brust gedrckt; er war nur mit dem Nachthemd bekleidet; er hielt mit den Armen die Knie umklammert und -- weinte, nein, heulte herzzerbrechend; in der Verwirrung wurde er vllig vergessen; keiner der Diener war bei ihm, nicht einmal Ssemjonytsch; niemand war da, um ihn zu beruhigen; ganz allein, mutterseelenallein sa er da und . . . seine Stimme klang schon ganz heiser . . . -- Nikolai Apollonowitsch sprang zu dem hilflosen Krper hinzu, wie die Amme zu der hingefallenen ihr anvertrauten Dreijhrigen hinzuspringt, die sie unbeachtet mitten auf der Landstrae sitzengelassen hatte; doch beim Herannahen des Sohnes machte der kleine hilflose Krper einen jhen Sprung auf seinem Kissen und begann mit den Armen zu fuchteln: mit einem unbeschreiblichen Grauen und unkindlicher Heftigkeit. Und mit einem einzigen flinken Satz war er bei der Tr und verschwand. Nikolai Apollonowitsch ihm nach; mit dem Ruf Halt, halt! jagte er hinter der kleinen wahnsinnig gewordenen Gestalt her (brigens: wer von ihnen war der Wahnsinnige?). Beide liefen sie durch den Rauch, an verbrannten Fetzen und gestikulierenden Menschen vorbei, den Korridor entlang; das Nachthemd des Laufenden flatterte in der Luft; die Fersen schimmerten wei; Nikolai Apollonowitsch hielt mit einer Hand seine Unterhose fest und bemhte sich mit der anderen, den flatternden Rand des vterlichen Nachthemdes zu erhaschen. Im Laufen rief er: So warten Sie doch . . . Wohin, wohin? Aber bleiben Sie doch stehen . . . Als Apollon Apollonowitsch die Tr des mit nichts vergleichbaren Raumes erreicht hatte, ri er sie mit unglaublicher Behendigkeit auf und schlpfte berraschend schnell hinein, in das Innere. Nikolai Apollonowitsch sprang unwillkrlich erst einen Schritt zurck; vor ihm schwebten: die scharfe Kopfbewegung, die schweibedeckte Stirn, die Lippen, die Augen, die wie geschmolzener Stein glnzten; aber die Tr wurde zugeschlagen, der Riegel innen vorgeschoben: der Alte hat sich in das unvergleichliche rtchen geflchtet. Nikolai Apollonowitsch begann mit aller Wucht an die Tre zu hmmern, er bat, flehte bis zur Heiserkeit: Machen Sie doch auf . . . ffnen Sie doch . . . Aaa . . . Aaa . . . Aaa . . . Erschpft sank er auf den Boden hin. Der Kopf fiel ihm auf die schlaff ber den Knien hngenden Arme, er verlor das Bewutsein; die Diener fanden ihn und brachten ihn in sein Zimmer. Hier setzen wir einen Punkt. Wir verzichten auf die Beschreibung, wie der Brand gelscht wurde, wie der Senator whrend des polizeilichen Vernehmens einen schweren Herzkrampf bekam; ein gleich darauf einberufenes rztekonsilium stellte eine Erweiterung der Aorta fest. Ein paar Leute wurden verhaftet, doch wegen Mangels an Beweismaterial nach einiger Zeit wieder freigelassen. Die weitere Untersuchung wurde auf Betreiben des Senators eingestellt und die Sache vertuscht. Whrend all dieser Zeit lag der Sohn, Nikolai Apollonowitsch, an einem Nervenfieber bewutlos danieder; als er endlich zu sich kam, sah er sich mit seiner Mutter allein; Apollon Apollonowitsch hatte das lackierte Haus verlassen; er hatte Urlaub genommen und sich auf sein Erbgut zurckgezogen, wo er ohne Unterbrechung den ganzen Winter, hinter den Schneefeldern begraben, zubrachte. Nach Ablauf seines Urlaubs quittierte er definitiv den Dienst. Ehe er die Residenz verlie, hatte er fr den Sohn einen Auslandspa sowie eine betrchtliche Geldsumme zurechtgelegt. Sofja Petrowna Ableuchow begleitete Nikolenka ins Ausland; im Sptsommer erst kehrte sie allein zurck; Nikolai Apollonowitsch ist bis zum Tode seines Vater nicht mehr nach Ruland zurckgekehrt. Dieses Buch wurde im Auftrag des Verlags Georg Mller, Mnchen, in einer Auflage von 4000 Exemplaren in der Spamerschen Buchdruckerei zu Leipzig hergestellt. Einbnde von der Leipziger Buchbinderei-A.-G. vormals Gustav Fritzsche, nach dem Entwurfe von Paul Renner. End of the Project Gutenberg EBook of Petersburg, by Andrey Bely License: Share Alike