Produced by Jens Sadowski Deutsche Hand- und Hausbibliothek Collection Spemann Die Hallig oder die Schiffbrchigen auf dem Eiland in der Nordsee von J. C. Biernatzki Mit einer Einleitung von _Heinrich Dntzer_ Stuttgart Verlag von W. Spemann Alle Rechte vorbehalten. Druck der _C. Hoffmann'schen_ Buchdruckerei in Stuttgart. Einleitung. Auf die weder durch Deiche noch durch Dnen geschtzten ganz kleinen Eilande an der Westkste Schleswigs, die als _Hallige_ bezeichnet werden, richtete sich die allgemeine Aufmerksamkeit, als man von der furchtbaren Sturmflut des 3. Februar 1825 vernahm, welche Kirchen, Htten und jedes Besitztum weggeschwemmt und die dem Untergang Entronnenen in solche Not versetzt hatte, da sie auch in weitern Kreisen zu thatkrftiger Mildthtigkeit antrieb. Als Prediger der nordwestlichsten dieser Halligen, welche von der im Jahre 1634 durch das tobende Meer grtenteils verschlungenen umfangreichen Insel Nordstrand, den Namen Nordstrandischmoor fhrt, wirkte damals Johann Christof Biernatzki. Er war am 17. Oktober 1795 als Sohn eines Gastwirts in dem holsteinischen Flecken Elmshorn geboren. Von Jugend an schwach und krnklich, von den Blattern stark entstellt, kam er erst spt auf das Altonaer Gymnasium, wo der durch langes Leiden in sich gescheuchte Knabe eine grndliche Vorbildung empfing. Er war hier Zeuge der Leiden des benachbarten Hamburg whrend des franzsischen Krieges. Nach Deutschlands Befreiung widmete er sich zu Jena, Halle und Kiel der Theologie und den morgenlndischen Sprachen, aber die auf den Hochschulen herrschende, das Herz leer lassende Behandlung des Christentums konnte ihn nicht befriedigen. Seine Seele verlangte nach Erwrmung und Erhebung, die er aus der lebendig aufgefaten Offenbarung in Gottes Wort und seiner Natur schpfte. Frischer Natursinn begeisterte ihn, die Schnheit des Deutschen Vaterlandes, (denn als Deutscher fhlte er sich) und die Wunder der Schweiz aufzusuchen. Als er im Jahre 1821 die Prfung weniger glnzend, als er gehofft, in Glckstadt bestanden, nahm er die ihm angebotene Stelle als Prediger auf der Hallig Nordstrandischmoor an, wie kmmerlich und von aller Welt abgeschnitten auch das Leben der mit Spott oder Mitleid betrachteten Halligpriester sein mochte. Nordstrandischmoor zhlte auf seiner kleinen Viertelquadratmeile neun Htten mit etwa fnfzig Einwohnern, die sich krglich von der Schafzucht nhrten. Die alte Kirche war 1816 von der Flut weggerissen worden, der die Hallig so sehr ausgesetzt war. Bei dem hchst schwachen Einkommen hatte der Priester, wie man die Prediger nannte, auch den Schulunterricht zu besorgen. Alles dies schreckte ihn nicht ab; er wollte als christlicher Prediger auf seine Gemeinde wirken, und eine lenkbarere konnte er nicht finden, da auf der Hallig strengste Sittlichkeit herrschte, dabei aber mute er auf jede erheiternde Geselligkeit verzichten, da die Bewohner in sich verschlossen, nur dem Bedrfnis des Tages und dem alten Gotte lebten. Gleich in der ersten Zeit ri das aufgeregte Meer die neue Kirche weg und beschdigte das Pfarrhaus, aber glubig hielt der treue Priester aus. Schon zwei Jahre spter fhrte er in seine bescheidene Wohnung die Geliebte seiner Seele, Henriette de Vries, die ihn mit einer ihm bald wieder entrissenen Tochter beschenkte. Die Geburt einer zweiten erfreute ihn unmittelbar vor der Sturmflut des Jahres 1825, die ihm nur Gattin und Tochter lie, auch Kirche und Pfarrhaus verschlang, blos der alte goldene Abendmahlskelch von 1549 fand sich wunderbar erhalten. Fr Biernatzki war dieses Unglck die Veranlassung nicht allein zu seiner Versetzung als Prediger der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Friedrichstadt, sondern auch zu seinem ersten Auftreten als Dichter; denn noch in demselben Jahre lie er sein religises Lehrgedicht, der Glaube, zum Besten seiner durch die letzte Ueberschwemmung zu Grunde gerichteten Gemeinde erscheinen. Die Teilnahme war so gro, da noch in demselben Jahre eine zweite Auflage folgte. Ruhte auch Biernatzki's Muse nicht, die sich gern in reinen Herzenstnen erging, so trat er doch in den nchsten neun Jahren nur bei besondern Gelegenheiten ffentlich auf: das Jahr 1829 brachte das Festgedicht Der Knig und sein Volk, und als der durch den Pariser Julisturm aufgeregte Freiheitsgeist aus Schleswig-Holstein und Dnemark ergriff, suchte er durch eine im Druck erschienene Predigt Die Pflichten des Brgers in einer unruhigen Zeit christliches Oel auf die brandenden Wogen zu gieen. Bei der allgemeinen Bewegung trieb es ihn, auch die Form des Romans, dessen sittenverderblichen Einflu er tief bedauerte, in christlicher und sittlicher Wirkung zu verwerten. Zehn Jahre nachdem er seine Hallig verlassen, trat er mit den Erzhlungen Wege zum Glauben oder die Liebe aus der Kindheit hervor, deren Absicht die nhere Bezeichnung Wanderungen auf dem Gebiete der Theologie im Modekleide der Novelle entschieden ausspricht. Denselben Nebentitel fhrt auch die im nchsten Jahre erschienene Die Hallig, die schon 1840 zum zweiten, 1852 zum drittenmal aufgelegt, auch ins Englische und Hollndische bersetzt wurde. Ihr folgt 1839 die einfach als Novelle bezeichnete, von demselben Geiste durchdrungene, Erzhlung Der brave Knabe oder die Gemeinde in der Zerstreuung. Im Jahre 1840 wurde Biernatzki auf seinen Wunsch zum Pfarrer von Rdern in Holstein befrdert, aber schon hatte ihn eine schmerzliche Krankheit ergriffen, die ihn, ehe er seine neue Gemeinde bernehmen konnte, am 11. Mai 1840 hinraffte. Seine 1844 gesammelten Schriften brachten auch eine Novelle Des letzten Matrosen Tagebuch und seine zum Teil in Zeitschriften zerstreuten Gedichte. Da von diesen, wie auch von der Sammlung der Werke, eine neue Auflage sich ntig erwies, deutet auf die Wirkung, welche der frhe hingeschiedene Dichter, auch im Gedrnge verschiedenster Richtungen, auf empfngliche Gemter gebt[1]. In seiner Hallig, die uns in den wenigen Monaten vom 9. September 1824 bis zum folgenden 3. Februar eine groe Menge von Ereignissen auf dem kleinen, einsamen Eilande zeigt, hat Biernatzki seiner frhern Gemeinde und sich selbst, als Priester und Dichter, ein dauerndes Denkmal gegrndet, aber auch zum Besten der armen Halligpriester einen nicht wirkungslosen Mahnruf erlassen. Die gemtliche, in tiefster Seele wurzelnde Liebe der Bewohner von Nordstrandischmoor zur Heimat, ihre still zufriedene Beschrnkung, ihr glubiges Vertrauen auf Gottes Wort als Leitstern in allen Leiden und Nten tritt lebendig hervor, und wir erschauen, wie gerade die uern Verhltnisse diesen Charakter immer mchtiger den Halligern aufdrcken muten, die von aller Welt geschieden, auf dem kleinsten Raum vom Meer beschrnkt, auf den Anblick dieses gewaltigen Elementes, einer uerst krglichen Natur und der ewigen Himmelsschrift angewiesen, von einem glubigen, wie sie selbst, in drftigen Umstnden lebenden Priester geleitet, fast nur durch schiffbrchige Fremde und die geforderten Abgaben mit der Auenwelt verbunden waren. Und auf einem solchen Boden mu die echte Treue wachsen, die sich nur des stillen Genusses freuen will und sich mit allen Wurzelfasern in den einmal liebgewonnenen Zustand einsenkt. Nur eine bermchtige Wirkung kann eine solche Treue wankend machen, wie es Biernatzki auf ergreifende Weise zu schildern wei, so da kaum ein leiser Zweifel an diese Mglichkeit aufzusteigen vermag. Unerschtterlicher als die Treue, zeigt sich die Heimatsliebe, der das unnatrliche Verhltnis weichen mu, zu dem der Verlobte, der so viele Jahre lang nach seiner Geliebten sich gesehnt, durch einen wunderlichen Zufall gerade beim Betreten seiner Hallig hingerissen worden. Wenn der Geliebte, den auf der weiten Erde, die er gesehen, nichts abwendig machen konnte, in einem unbewachten Augenblick sich vergit, so hlt das liebende Mdchen unerschtterlich fest an seiner Treue, an seiner reinen Einfalt und Unschuld; in ihrem Herzen ist Gottes Erdreich. [Funote 1: Eine Gesamtausgabe der Schriften Biernatzki's ist im Verlag von Ferd. Riehm in Basel erschienen, welche wir allen Freunden des Schriftstellers empfehlen.] Aber der Dichter zeigt uns nicht allein, wie die Hallig auf die Eingeborenen wirkt, der Aufenthalt auf ihr bewirkt auch die Bekehrung eines hochgebildeten fremden Kaufmanns, den Gott hier erkennen lt, was uns Not thut. Dazu mssen freilich andere Umstnde und auch der Priester mitwirken, aber alles dies beruht doch im Wesen des der Herrschaft des Meeres unterworfenen Halligs. Hierin wie in der ganzen Erfindung entwickelt Biernatzki groes Geschick. Nicht weniger zeigt die Entwicklung der Seelenzustnde einen feinen Beobachter, wenn auch bei einzelnen Zgen die Absichtlichkeit hervortreten mag. Die grte Meisterschaft aber bewhrt er in den groartigen Naturschilderungen, beim Schiffbruche und der Rettung nach der Hallig, bei dem schon gleich am Anfang angedeuteten, spter so ergreifend in Scene gesetzten Schicklaufe und zuletzt bei der die unglckliche Geschichte von Godber und Maria zu einem bei allem Grausigen doch zu einem beruhigenden Abschlu bringenden Sturmflut. Neben allem aber tritt die Persnlichkeit Biernatzki's selbst uns in dem voll ausgefhrten Bilde Holds, zu dem er selbst fast alle Zge geliefert hat, hchst verehrungsvoll als Muster eines vom innersten Geiste getriebenen werkttigen christlichen Geistlichen entgegen, das auch diejenigen ansprechen wird, die eine ganz abweichende Ansicht von der Offenbarung und der geistigen Bestimmung des Menschen haben, und seinen Trumen von einer Zeit des Rechtes und der Wahrheit auf Erden eben nur das Recht eines Traumes einrumen. Freilich mchten manche wnschen, da die Bekehrungsgesprche nicht einen so breiten Raum einnhmen, besonders aber, da die eigenen Bemerkungen, mit welchen der Dichter zuweilen gleichsam mit dem Finger auf die sittliche Verfhrung mahnend hindeutet, weggeblieben oder, so viel ntig, in die Darstellung verflochten wren. Auch aus der ganzen sprachlichen Darstellung weht uns ein dichterisches Gemt entgegen, das lebendig zu schildern, die rechten Farbentne zu whlen, durch leicht flieenden, treffenden Ausdruck zu fesseln wei, so da nur hier und da etwas Schleppendes, nie etwas Ungehriges oder die Reinheit der Sprache Trbendes stren mchte. So ist auch der uern Form nach die Hallig durchaus der Abdruck einer reinen, wolgestimmten Seele. Heinrich Dntzer. I. Der erste Blick, der auf zum Lichte schaut, Der erste schwanke Schritt im Staube, Des Mutternamens erster schwacher Laut: Giebt's eine Zeit, die sie dem Herzen raube? An der Westkste des Herzogtums Schleswig finden sich, umflutet von den Wogen der Nordsee, mehrere Inseln, die als Ueberreste einer zusammenhngenden Landstrecke, welche dem Meere zum Raube geworden ist, den Bewohner des festen Kstenlandes daran erinnern, sich mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln der Fluten zu erwehren. Die greren dieser Eilande sind teils durch Deiche (knstliche Seedmme), teils durch Dnen (natrliche Hhen von Meersand) vor den Wogen geschtzt, die, tglich mit Flut und Ebbe kommend und gehend, immer neue Versuche zu machen scheinen, die letzten Brocken ihres groen Raubes in den gierigen Schlund des Meeres hinunterzuziehen. Bei der Ebbe geht die See so weit zurck, da ein meilenweiter Schlickgrund blogelegt wird, der noch in kruselnden Zgen das Bild der Wogen darstellt, die ihn vor wenigen Stunden berfluteten. Einzelne Rinnen und andere Senkungen werden aber auch dann nicht wasserleer, und besonders winden sich fr jene Zeit sichtbar rings um die Inseln die, mit einander und dem zurckgewichenen Ocean zusammenhngenden, sogenannten Tiefen, gleichsam Schlangenarme, mit denen der eine Zeit lang an andern Gestaden kmpfende Riese die nie vergessene Beute umschlungen hlt, da sie nicht einen Augenblick der Hoffnung sich berlasse, von ihm aufgegeben zu sein. Diese Tiefen, welche dem einsamen Wanderer, der auf dem weichen, feinem Futritt fr eine kurze Zeit berlassenen Meeresgrunde Krabben, Rochen oder einen von dem schnellen Abflu der Wogen berraschten Seehund sucht, auch bei der hohlsten Ebbe unberschreitbare Grenzen setzen, verhindern die Verbindung zwischen den Inseln zu Lande selbst dann, wenn sie am scheinbarsten ist. Nur einzelne kleinere Eilande erfreuen sich beim Rckgange des Meeres einer kurzen Gemeinschaft mit einander oder mit dem festen Lande, auch ohne das umstndliche Mittel der Schifffahrt; aber wehe dem Wanderer, der zu viel dem trgerischen Riesen vertraute! Dieser kehrt oft mit ungewhnlicher Schnelligkeit zurck, fhret den Nebel mit sich als Bundesgenossen, und der Schlicklufer, so nennt man den, welcher die Ebbe zu greren Wanderungen benutzt, siehet das heimische Gestade vor seinen Blicken verschwinden, er fhlt die Flut um seine Fe spielen, Entsetzen strubt sein Haar bei diesem Spiel, er eilt mit Todesangst vorwrts, die schon ganz gefllten Rinnen versperren seinen Weg, er wendet sich seitwrts, um sie zu umgehen, er verliert dadurch seine Richtung, luft hin und her, ist gefangen ohne Ausweg, und mit jedem Augenblick kriecht die Flut hher an ihn hinan, sein Geschrei verhallt in der groen, weiten Wasserwste und wird zuletzt von den ihn berrauschenden Wogen ganz erstickt, die bald seine Leiche bedecken; denn ein tiefflutendes Meer ist da, wo noch vor Kurzem die Fustapfen des Armen sichtbar waren. Im Gegensatz der greren, durch Deiche und Dnen gesicherten Inseln werden die kleineren Eilande Halligen genannt. Eine solche Hallig ist ein flaches Grasfeld, das kaum zwei bis drei Fu hher liegt, als der Strand der gewhnlichen Flut des Meeres, und daher, weder durch Kunst noch durch Natur beschtzt, sehr oft, und besonders in den Wintermonaten sogar wol zweimal an einem Tage, von der wogenden See berschwemmt wird. Die bedeutendsten dieser Halligen sind noch keine halbe Quadratmeile gro; die kleineren, oft nur von einer Familie bewohnten, kaum ein paar tausend Fu lang und breit; die kleinsten und unbewohnten dienen nur dazu, ein wenig kurzes und feines Heu zu gewinnen, das aber sehr oft, ehe es geborgen werden kann, von der Flut weggesplt wird. Das geborgene Heu wird in Diemen zusammengehuft, ber die ein Flechtwerk von Stroh, an beiden Enden mit Steinen belastet herabhngt, wodurch sie eine solche Festigkeit gewinnen, da nur mit eisernen Spaten das zum jedesmaligen Gebrauche Ntige abgestochen werden kann, und diese Heuberge an der Seite des Hauses oft noch eine Zuflucht geben, wenn die Mauern vor der Gewalt der Wellen niederbrechen. Auf knstlichen Erderhhungen oder Werften stehen die einzelnen Wohnungen, die selten mehr Raum auf der sich schrge absenkenden Hhe lassen, als zu einem schmalen Gang um die Htte erforderlich ist. Daher trifft man denn auch auf fast allen Halligen keinen Fleck Gartenland fr ein wenig Gemse, keinen einzigen Strauch mit einer erquickenden Beere, keinen Baum zu einem Ruheplatz im Schatten. Fr solche Gensse mte die Werfte grer sein, deren Auffhrung und Unterhaltung aber schon, so klein sie ist, mehr Kosten erfordert, als das einfache Gebude, das darauf steht. Auf der Ebene sprot der Ueberschwemmungen wegen kein frhliches Gewchs, keine nhrende Frucht. Sie ist eine Wste, die freilich durch ihr fahles Grn, das noch dazu vielfach von schmutziggrau berschlickten Stellen unterbrochen wird, andeutet, wie das gengsame Schaf hier wol seine sprliche Nahrung finden mag, die aber keineswegs jenen frischen, duftigen Graswuchs kennt, in welchen sich behaglich die fette Kuh hinstreckt, oder ber welchem das wiehernde Ro mutwillig hin und her sprengt. Suchst du sprudelnde Quellen, die einen Labetrunk geben knnten, da, wo die Sonnenstrahlen, ohne durch eine buschigte Bltterkrone gebrochen zu werden, auf das matte Grasfeld brennen? Wol findest du vom Wellenschlag zerrissene Ufer; wol tiefe Einbrche des Meeres, die sich oft in langen Krmmungen weit in's Land hinein erstrecken, als wollten sie es in noch kleinere Stcke zerteilen, um leichter desselben Herr zu werden; wol viele stehende Lachen, ein Nachla der letzten Ueberschwemmung, zur Erinnerung, da das Land schon halb dem Ocean gehre und ihm bald ganz zufallen werde: aber Trinkwasser? Auf der Werfte wird ein Behltnis ausgegraben und ringsum mit Grassoden ausgesetzt; dahin mag sich Regenwasser von oben her sammeln oder von den Seiten durchsickern es dient den Schafen zur Trnke und ihren Herren zur Bereitung ihres Thees, obwol es von dem mit Meersalzteilen durchdrungenen Boden den widerlichsten Geschmack angenommen hat, der es fr den nicht daran Gewhnten ungeniebar macht. Vielleicht bringt auch gar einmal ein Boot ein Tnnchen Wasser mit vom festen Lande, und in Zeiten der Drre kann solche Zufuhr zur dringendsten Notwendigkeit werden. _Eine_ Freude hat doch wol der Halligbewohner: das muntere Treiben eines tglichen und reichen Fischfangs? Nein, nicht einmal den schnen Anblick eines in hellen, grnlichen Wellen flutenden Meeres hat er; ein widriges, trbes Gelb in Grau ist die gewhnliche Farbe der Gewsser um ihn her, und vor dem Aufenthalt in einer Meeresstrecke, die bei der Ebbe stundenweit ihren Schlammboden aufdeckt, hten sich die Fische und berlassen gern dem Seehund und der hlichen Roche allein das wenig einladende Gebiet. Und dies Meer, das die Halligen umgiebt und so oft berwogt, und das auf seinen verschiedenen Punkten nach den Namen der im Lauf der Jahrhunderte darin begrabenen Landstellen und ihrer Eigner bezeichnet wird, dies an Gaben so arme und an Raub so reiche Meer ist noch dazu fortwhrend ein Ruber, der bald mit langsamer, still untergrabender Macht, bald mit wildstrmender Gewalt ein Stck Land nach dem andern von dem Eilande abbricht, so da der Halligbewohner schon die Jahre zhlen kann, wann den Htten und den Heerden der letzte Raum genommen sein wird. Doch glcklich die Hallig, wenn hiemit ihr Bild vollstndig gezeichnet wre! Aber es bleibt noch eine furchtbare Seite brig. Zur Gewohnheit sind die Ueberschwemmungen geworden, die, alles flache Land berwogend, an die Werfte hinaufsteigen und an die Mauern und Fenster der Htten mit ihrem weien Schaum anschlagen. Da blicken denn diese Wohnungen aus der weiten, umrollenden Wasserflle nur noch als Strohdcher hervor, von denen man nicht glaubt, da sie menschliche Wesen bergen, da Greise, Mnner, Frauen und Kinder unterdessen vielleicht ruhig um ihren Theetisch hersitzen und kaum einen flchtigen Blick auf den umdrngenden Ocean werfen. Manch' ein fremdes, aus seiner Bahn verschlagenes Schiff segelte schon in solchen Zeiten bei nchtlicher Weile ber eine Hallig weg und die erstaunten Seeleute glaubten sich von Zauberei umgeben, wenn sie auf einmal neben sich ein freundliches Kerzenlicht durch die hellen Fenster einer Stube schimmern sahen, die halb von den Wellen bedeckt, keinen andern Grund als diese Wellen zu haben schien. Aber es bricht der Sturm zugleich mit der Flut auf das bange Eiland ein. Die Wasser steigen gegen zwanzig Fu ber ihren gewhnlichen Stand hinauf. Die Wogen dehnen sich zu Berg und Thal, und das Meer sendet in immer neuen, langen Zgen seine volle, breite Gewalt gegen die einzelnen Werften, um sie aus seiner Bahn wegzuschieben. Der Erdhgel, der nur eine Zeit lang zitternd widerstand, giebt nach; bei den unausgesetzten Angriffen bricht ein Stck nach dem andern ab und schiet hinunter. Die Pfosten des Hauses, welche die Vorsicht eben so tief in die Werfte hineinsenkte, als sie darber hervorstehen, werden dadurch entblt; das Meer fat sie, rttelt sie. Der erschreckte Bewohner des Hauses rettet erst seine besten Schafe hinauf auf den Boden, dann sieht er selbst nach; und hohe Zeit war es! Denn schon strzen die Mauern, und nur noch einzelne Stnder halten den schwankenden Dachboden, die letzte Zuflucht. Mit furchtbarem Siegesbermut schalten nun die Wogen in dem untern Teil des Hauses, sie werfen Schrnke, Kisten, Betten, Wiegen mit wildem Spiel durch einander, schlagen sich immer freieren Durchgang, um Alles hinauszureien auf den weitern Tummelplatz ihrer unbndigen Kraft, und der Sttzpunkte des Daches werden immer weniger, des Daches, dessen Niedersturz rettungslos einer noch vor wenigen Stunden in huslicher Geschftigkeit mit einander wirkenden, oder im sanften Arm des Schlummers neben einander ruhenden Familie ein schumendes Grab bereitet. Aengstlich lauscht das Ohr, ob nicht das Brausen des Sturmes abnehme; ngstlich pocht das Herz bei jeder Erschtterung; immer enger drngen die Unglcklichen sich zusammen. In der Finsternis sieht Keiner das entsetzenbleiche Antlitz des Andern; im Donnergeroll der tobenden Wogen verhallt das bange Gesthn; aber Jeder kann an seiner eigenen Qual die marternde Angst seiner Lieben ermessen. Der Mann pret das Weib, die Mutter ihre Kinder mit verzweiflungsvoller Todesgewiheit an sich; die Bretter unter ihren Fen werden von der drngenden Flut gehoben; aus allen Fugen quellen die Wasser auf; das Dach wird durchlchert vom Wogensturz; ein irrer Mondstrahl dringt durch die zerrissenen Wolken, fllt hinein auf die Jammerscene, die, von seinem bleichen, zuckenden Lichte beleuchtet, in all' ihrer Furchtbarkeit erscheint und die angstverzerrten Gesichter einander spiegelt. Da kracht ein Balken. Ein furchtbarer Schreckruf! Noch eine martervolle Minute! Noch eine! Der Dachboden senkt sich nach einer Seite; ein neuer Flutenberg schumt herauf, und im Sturmgeheul verhallt der letzte Todesschrei. Die triumphierenden Wogen schleudern sich einander Trmmer und Leichen zu. Dennoch liebt der Halligbewohner seine Heimat; liebt sie ber Alles, und der aus der Sturmflut Gerettete baut sich nirgends sonst wieder an, als auf dem Fleck, wo er Alles verlor, und wo er in Kurzem wieder Alles, und sein Leben mit, verlieren kann. Wir bewundern den Sohn der afrikanischen Wste, der sein Zelt aufschlgt unter der Glut einer versengenden Sonne, in der Mitte einer unbersehlichen, brennenden Sandstrecke. Er hat doch ein weites Gebiet, das er nach allen Richtungen hin auf seinem flchtigen Renner durchstreift. Er hat doch seine Oasen, diese Inseln des Sandmeeres, wo er im Schatten der Palme die Quellen sprudeln hrt und Lieder singt zur Ehre der Wste, oder den wunderreichen Erzhlungen eines vielgereisten Karawanenfhrers horcht. Die Heimat, die er liebt, ist doch nicht ohne Abwechslung, sein Leben nicht ohne Vernderung. Er schleppt sich nicht hin in steter Einfrmigkeit des Daseins, findet doch Raum fr seine Kraft, und hat doch Fernen, denen der Reiz der Neuheit nicht ganz fehlt. Der Halligbewohner bersieht mit einem Blick alle seine nahen Grenzen, sein Thun und Treiben ist dasselbe einen Tag wie den andern, auer da eine seltene Fahrt ihn zum Verkauf der Wolle seiner Schafe nach dem festen Lande fhrt; und er fhlt sich bei seiner Abgeschiedenheit vom Menschenverkehr fremd unter Fremden, sobald er seine Scholle im Meere notgedrungen einmal verlassen hat. Alle seine Freuden und Gensse bleiben wie seine Arbeiten in einem kleinen Umfang beschrnkt, ohne lebhaften Reiz, ohne die Spannung einer Ungewhnliches erwartenden Aussicht. Ein bei der geringen Zahl der Bewohner oft erst nach Jahren auf der Hallig wiederkehrender Hochzeitstanz gehrt zu seinen hchsten Vergngungen. Die Gefahren selbst, denen der Halligbewohner ausgesetzt ist, entbehren den einzigen Reiz, den die Gefahr haben kann, den Gegenkampf. Mag der Sand der Wste, vom Sturm aufgewirbelt in die Wolken, als sollte das Gewlbe des Himmels auch eine Sahara werden, daherjagen und Zeltdrfer und Karavanenzge in sein heies, erstickendes Bett begraben: die Mglichkeit der Flucht ist doch gegeben, und die Menschen versuchen auf Rossen und Kamelen mit dem Sandsturm in die Wette zu jagen; und oft gelingt es ihnen, dem drohenden Verderben zu entgehen. Der Halligbewohner hat seinen Feind rund um sich; erhebt _der_ sich in seiner schauervollen Macht, so mu er, hlfloser als ein Kind auf dem Wege des tobenden Stieres, sich diesem Gewaltherrscher hingeben und zitternd erwarten, ob er mitleidig schonend vorberziehe oder in blinder Wut alles niederwlze; er mu Leben oder Tod als ein willenloses Schlachtopfer annehmen, ohne Hand oder Fu zur vllig unmglichen, weder Gegenwehr noch Flucht zu regen. Verstand und Kraft sind ihm unntz; nur Ergebung ist sein Loos in dem vollen Bewutsein seiner Ohnmacht. Und nicht etwa die Unbekanntschaft mit den Vorzgen anderer Lnder ist es, was dem Halligbewohner seine Heimat lieb macht. Nein, er hat die fruchtbarsten, reichsten Strecken vor seinen Augen. Hinter den Deichen des festen Landes in seiner Nhe ist ein Boden, der seinen Bewohnern einen Ueberflu bietet wie wenige Lnder der Erde ihn haben. Da reift das schwere Korn; da streckt sich der breite Stier in den duftigsten Klee; da erheben sich groe und schne Bauernhfe, deren Bewohner, mit allen Genssen des Lebens vertraut und im Gefhl ihrer Wichtigkeit, mit Stolz sich Bauern nennen. Oft auch, und frher noch mehr als jetzt, fhrt den Halligbewohner in seiner Jugend und Mannheit der Dienst auf Schiffen in ferne Lande. Durch seine Gengsamkeit und Rechtlichkeit auch in der Fremde schwingt er sich zum Schiffsherrn auf; die reichsten Handelspltze, die herrlichsten Gegenden werden ihm bekannt wie die eigene Heimat. Aber er hat Alles gesehen, Alles verglichen, und -- Alles vergessen. Er kehrt mit seinem Ersparten heim zu seinem geliebten Eilande, heim zu diesem trostlosen Boden, zu diesem gefahrvollsten Fleck der Erde, zu dieser Oede voll Entbehrung und Entsagung, und dankt Gott, da seine Hallig noch nicht weggesplt ist; und kaum hat er sich da wieder eingerichtet, so ist er in seinem Wesen und seinen Neigungen wie Einer, der nie die Welt sah. Es ist auch nicht die Freiheit, die dem Halligbewohner seine kleine Heimat, wie dem Mauren die Wste, zum Paradiese macht. Er fhlt vielmehr den Druck der Civilisation mit Abgaben, Zllen und dergleichen, und benutzt dagegen wenig von ihren Vorteilen: von Sicherheit des Eigentums, -- ihn schtzt ja schon genug seine Armut und seine Wogengrenze -- von allgemeinem Verkehr, -- zu ihm fhrt keine gebahnte Strae, -- von vermehrten Kenntnissen, -- zu ihm verirrt sich selten eine andere Schrift als Bibel und Gesangbuch, -- von heiteren Knsten, -- die Kunst dringt nicht zu seinen Htten. Nicht einmal die Geselligkeit, die er haben knnte, gilt ihm etwas. Er ist meistenteils wenig gesprchig, lebt gern auf seiner Werfte fr sich, und obwohl sein Prediger oder Priester, wie er ihn nennt, von ihm sehr geehrt wird, so gelingt diesem doch nicht leicht, es zu einer herzlichen Gemeinschaft zu bringen; da er, besonders bei dem weiblichen Geschlecht, auer im Religisen, den vlligen Mangel eines Anknpfungspunktes an seine Bildung erkennen mu, und seine hochdeutsche Sprache ihn der friesisch sprechenden Gemeinde entfremdet. Nur auf diesen Eilanden hat nmlich das Friesische, das dem Englischen nahe verwandt ist, und worauf der deutsche Sprachforscher mehr, als bisher, sein Augenmerk richten sollte, noch fast seine ganze Eigentmlichkeit sich bewahrt, whrend es auf den Ksten des festen Landes schon nahe daran ist, in ein bloes Gemisch auszuarten. Eine dieser Halligen, von welchen wir im Obigen ein allgemeines und der Wahrheit getreues Bild zu zeichnen versucht haben, ist der Ort der nachfolgenden Handlung. Sie war damals, im Sommer des Jahres 1824, von ungefhr fnfzig Menschen in neun Htten, auf sechs ber die Flche einer kleinen Viertelmeile zerstreuten Werften bewohnt, welche sich durch Schafzucht krglich, aber fr die geringen Bedrfnisse ausreichend, nhrten. Eine, wenig vor den andern Wohnungen ausgezeichnete, neue Kirche, nachdem 1816 die alte, und 1821 wieder eine eben aufgebaute vom Meere weggerissen war, diente den gottesdienstlichen Versammlungen der frommen Gemeinde. II. Das schlanke Schiff mit seinen weien Schwingen Durchschumt die Wogen, strebt hinauf, hinab; Auf Abgrunds Tiefen mu es vorwrts ringen: Der Weg zum Hafen fhrt ja ber's Grab. Es war ein stiller, heiterer Nachmittag am 9. September 1824; der klare Himmel spiegelte sich in der glatten Flut des Meeres, das eben nur durch solchen Wiederschein sich heute schner als sonst malte, so rein und deutlich ab, da selbst das duftigste Wlkchen, das einen leisen Schatten auf seine Klarheit geworfen htte, auch auf dem Gegenbilde sichtbar geworden wre; aber weder Wolkenstreifen noch kruselnde Wellen trbten das lichte Blau. Maria sa mit ihrer Mutter, einer betagten Witwe, in der kleinen, niedrigen Stube ihrer Wohnung beim Spinnrade. Die hchste Reinlichkeit und die blau und rot gemalten Wnde und Fensterbnke, die mit blankem Messing gezierte Lade, die den Hausschatz von Leinenzeug, Feierkleidern und seidenen Tchern enthielt und zugleich in einem Schiebfach einzelne Kleinodien an goldenen Ringen und Ketten barg, die der Halligbewohner so sehr liebt, gaben dem Ganzen ein freundliches Ansehen, wozu die mit vielfarbigen Malereien geschmckten Thren der Wandbetten besonders beizutragen bestimmt schienen. Freilich waren die mit losen Kissen belegten Sthle und der Tisch, der durch seine Gre den Raum der Stube sehr beengte, nur von ungefrbtem Holze und verdankten ihre Politur allein dem bestndigen Gebrauch und der fleiig reinigenden und glttenden Hand. Selten unterbrach ein einzelnes Wort aus dem Munde der fleiigen Spinnerinnen die Stille, welche nur von den schnurrenden Rdern mit ihrer eintnigen Geschftigkeit belebt wurde. Eben so still sa der weie Schferhund auf der Fensterbank und blickte mit seinen hellen und klugen Augen durch die kleinen, in Blei gefaten Scheiben unverwandt auf das Meer hinaus, ohne da sich doch dort irgend Etwas gewahren lie, das seine Aufmerksamkeit so rege erhalten konnte. Doch auch Maria warf zuweilen, wenn ihre Arbeit es erlaubte, einen Blick auf die See. Denn nach neunjhriger Abwesenheit sollte endlich in diesen Wochen Godber wiederkehren, der nach weiten Seereisen zuletzt von Hamburg aus geschrieben, wie er sich ein kleines Kapital erworben, um seine vterliche Stelle auszulsen, und nun sich sehne, zu seiner Hallig und zu seiner Maria zurckzukommen. Ihm war sie schon, nach der Gewohnheit des Landes, seit ihrer frhesten Kindheit verlobt und hatte ihm still und treu eine Liebe bewahrt, die freilich von jener ungeduldigen Leidenschaftlichkeit, welche Viele ihrer Zeitgenossinnen als eine notwendige Eigenschaft der Liebe zu betrachten scheinen, weit entfernt war, die aber nichtsdestoweniger durch ihre Tiefe und Innigkeit sich mit dem ganzen Dasein Maria's verschmolz, jede andere, auch nur flchtige Neigung gnzlich ausschlo und allen Gedanken und Empfindungen der Jungfrau die bestimmteste und entschiedenste Richtung auf ihre Pflichten als die Braut und knftige Gattin Godber's schon lngst gegeben hatte und erhielt. Wohl kam in den Briefen Godber's Manches vor, das weit ber die Fassungskraft seiner einfach erzogenen Braut hinaus war, und sie konnte sich einer heimlichen Scheu vor ihm, der so Vieles gesehen und gelernt haben mte, da er so berklug zu schreiben verstnde, nicht immer ganz erwehren; aber er hatte doch auch wieder des Glckes gedacht, wenn er nun die Welt gleichsam hinter sich abschlsse und allein fr seine Hallig und seine Maria lebe, um all' das bunte und wirre Wesen und Treiben, das ihn ganz anwidere, auf dem kleinen, friedlichen Raume, an der Seite einer geliebten, gleichgesinnten Gattin zu vergessen. In solchen Aeuerungen fand ihr Herz sich heimatlich. Sie zauberten ihr ein Morgenrot lieblicher Hoffnungen herauf, vor dem sie die ihr fremde Frbung anderer Stellen seiner Briefe leicht bersah. Heute mu er kommen, sprach sie zu ihrer Mutter, mir ahnet so etwas. Dabei aber spann sie eben so emsig fort wie sonst; denn sie, wie ihre Schwestern alle auf jenen Eilanden, wute nichts von einer Liebe, die untreu macht den nchsten, bescheidenen Pflichten des Berufs. Heute mchte ich Godber lieber nicht auf der See wissen, meinte die Mutter, denn es ist ein Sturm im Anzuge. Hrst du nicht, wie die Mven schreien? Mutter, rief Maria, das thut der liebe Gott nicht! Ich habe ja so fleiig gebetet, und Er hat mir ein so gewisses, frhliches Herz gegeben, da ich wei, Er thut es nicht. Was thut er nicht? fragte die Mutter. Er lt keinen Sturm kommen, Godber zu verderben. Er lt nur die Winde los, da sie die Segel straffer fllen und ihn recht schnell heimtragen zu mir -- zu uns. Er mache es nach seinem Wohlgefallen, sagte andchtig jene. Was Gott thut, das ist wohlgethan! -- Komm, der Spitz ist schon vom Fenster gesprungen und wartet voll Unruhe auf uns. La uns die Schafe eintreiben, ehe das Wetter hereinbricht. Und sie gingen hinaus auf das Feld, wo der Hund, der schon lange, sei es durch seine Beobachtung der gewhnlichen Vorzeichen, oder durch die nur seinen reizbaren Nerven merkliche Vernderung der Luft, die Witterung von dem kommenden Sturm gehabt hatte, in raschen Sprngen vor ihnen voraus eilte und mit eifrigem Bellen die Schafe zusammen- und entgegentrieb. Schon gingen in einzelnen Sten die ersten Boten des Sturmes ber die Wellen hin. Diese rauschten unmutig auf und sanken langsam wieder herab, als seien sie zu trge, um sich zum Kampf zu erheben. In Sdwesten stand noch die Abendsonne, aber nur nach oben hin warf sie ihre Strahlen. Unter ihr war ein dunkles Gewlke hervorgetreten, dessen Rand in gelbgrauen Farben spielte und das beinahe eine Viertelstunde lang weder in der Hhe, noch in der Breite wuchs, sondern gleichsam nur als Vorwacht ber die See hinlugte. Pltzlich rauschte ein neuer strkerer Luftstrom daher, der aber mit noch unsicherem Fu ber das Meer wandelte, so da nur hier und da eine einzelne Welle vor ihm aufschumte; und Alles ward wieder still. Nun aber, wie gehoben von einer nachdrngenden Macht, tauchten schwarze Wolkenmassen empor und verhllten das Antlitz der Sonne. Immer schneller und heftiger folgten die Windste einander, immer unruhiger schttelten die Wogen das dunkle Haupt. Da streckte sich das dstere, schwere Schattenbild am Rande des Horizonts zu langen Armen aus, die immer weiter und weiter ber den noch lichten Himmel streiften, und deren mchtige Schatten ber den Ocean hinjagten. Auf diesen Armen, wie auf ihm gebahnten Straen, flog der Sturm daher in seiner Kraft, neigte sich zum Meere nieder und die furchtbare Schlacht begann. Die Wellen wogten in breiten, gewaltigen Reihen auf, als wollten sie die Wolken in ihre Tiefe niederziehen; aber der Sturm peitschte sie wieder von ihrer Hhe herab, da sie, vor Grimm schumend, gleich strzenden Gebirgen niederbrachen, um mit neuer Wut nur noch hher sich zu erheben; und immer rasender sauste der Sturm, und immer hohler rollten die Wogen mit dumpfem Rauschen. Unterdessen war eilig die kleine Herde auf die Werfte getrieben und Maria wandte nun erst wieder den besorgten Blick auf das Meer, das bereits ber das Land hinausgetreten war und die einzelnen Htten durch seine Wellen von einander trennte. Da sah sie, und ihr Herz schlug hher auf, einen weien Punkt, der bald auf dem Schaumrande einer hochbrausenden Woge keck dahertanzte, bald, in den schwarzen Abgrund niederfahrend, sich ihrem Auge entzog, als wolle er nimmer wiederkehren. Ein Schiff, Mutter! rief sie, und dachte an Godber. Auch die Mutter heftete teilnehmend ihren Blick nach der bezeichneten Gegend, wo sie aber anfangs mit ihren vom Alter geschwchten Augen nichts entdecken konnte. Aber nher und nher kam es; erst wie ein weier Fittig, der einer verspteten Mve anzugehren schien, die bald einen Ausweg durch das dunkle, drckende Gewlbe ber ihr zu suchen bemht war, bald in die verschlingenden Wellen untertauchte. Allmhlig entfalteten sich die Formen von Segeltchern, dann wurden die Masten sichtbar und endlich konnte man den ganzen schnen Bau beobachten, wie er jetzt, vllig auf eine Seite gelehnt, den vollen Bogen des straffen Leins zu den Wogen niedersenkte, und jetzt, wenn diese wie im kindischem Spiel den flchtigen Ku den Segeln gegeben, wieder gerade sich aufrichtete, und wie ein stolzer Sieger, der seinem glorreichen Grabe jauchzend entgegeneilt, in die Tiefe hinabschwebte. Aber immer tauchte wieder der leichte Kiel mit seinen glatten Wnden und seinen schlanken Masten, mit seinem vielfach, aber in fester Ordnung verschlungenen Tauwerk und seiner vom Meeresgru dunkler gefrbten Segelflle aus dem Ocean hervor und wiederholte stets auf's Neue denselben Auf- und Niedergang, dabei mit mannigfacher Wendung einen scheinbar regellosen, aber von erfahrener Hand geleiteten Weg durch die zahlreichen Untiefen jenes Fahrwassers verfolgend. Sie haben einen guten Steuermann, sagte die Mutter; und: Godber! tnte es leise von Maria's Lippen nach. Jetzt machte das Schiff eine neue Wendung, die es glcklich durch zwei einander beinahe berhrende Untiefen hindurchbrachte, und trat aus dem schumenden Schwall der brandenden Wogen eben siegesfroh in die dunklere Flut hinein. Steuer in Lee! kreischte die Mutter, als knnte sie mit ihrem im Sturm verhallenden Kommando das Schiff regieren; aber links drehte es sich und jeden Augenblick erwarteten die ngstlichen Zuschauer, da es nun an die ihnen bekannte gefahrvolle Stelle kommen wrde, wo es bei der geringsten Abweichung zur Linken oder zur Rechten auf den dort zu beiden Seiten der Tiefe mehr als anderswo erhhten, jetzt freilich auch von der Flut berdeckten Grund stoen mute. Doch pltzlich fielen alle schon lange gerefften Segel gnzlich von den Masten ab, da diese mit ihren nackten Spieren verdorrten Fichten glichen, durch die die Wucht des Sturmes unschdlich hinstreift, und das schwankende Schiff bewegte sich langsam in einem Halbkreis herum, so da das Boogspriet nun gegen den Wind stand, nachdem es so lange die Richtung mit dem Winde angedeutet. Sie haben Anker geworfen; rief Maria erfreut, und die alte kundige Witwe bemerkte: Wenn sie, wie ich glaube, nach Husum wollen, so knnen sie nun wieder mit der eintretenden Ebbe in den rechten Kurs kommen, von dem sie vor dem Sturm zu weit nach Norden abgetrieben sind. Von ihrer Furcht fr die Seefahrer befreit, gingen die Beiden in ihre Wohnung. So lange die Tageshelle es erlaubte, warf Maria noch manchen Blick aus dem Hinterstbchen zu dem Schiffe hinber, das bei nun eingetretener Ebbe ruhig auf seinem Platze liegen blieb, ohne da man vom Lande aus irgend eine Bewegung auf demselben bemerken konnte. Als die Abenddmmerung die Aussicht hinderte, spann sie wieder ungestrter an der Seite ihrer Mutter fort, wobei zwischen den Beiden Manches ber die Aussteuer und knftige Einrichtung verhandelt wurde. Denn auch die Mutter war durch Maria's Zuversicht allmhlig mit dem Gedanken vertraut geworden, da Godber auf dem Schiffe sei. Mit freundlichen Hoffnungen gingen sie dann, spter als sonst, zur Ruhe; jedoch nicht eher, als bis sie andchtig mit einander mit folgendem kurzen, kunstlosen Versgebet sich dem Schutze des Hchsten empfohlen: In Sturm und Wellenbraus Behte Gott, mein Leben Und um mein schwaches Haus La Deine Engel schweben, Da sich die wilden Wogen scheu'n Wie Lmmer vor dem starken Leu'n. Doch hast Du andern Sinn, Naht mir ein jhes Ende: So nimm mich gndig hin In Deine Vaterhnde; Und Todesflut und Christi Blut Mach' es mit meinen Snden gut. III. Das Meer ist hier und dort Wie's woget und wie's weht, Gehorsam seinem Wort, Ein See Genezareth. Wenden wir uns nun zu dem Schiffe, das, von des Ankers Zahn gehalten, sich auf seiner gewhlten Stelle von den Wellen schaukeln lie, um das Aufhren des Sturmes zu erwarten. Godber war wirklich, wie Maria es geahnt hatte und wie die kundige Fhrung des Schiffes in diesen Gewssern es erwarten lie, auf demselben als Steuermann, und auer ihm befanden sich der Kapitn und vier Matrosen am Bord, nebst drei Passagieren: Herr Mander, Kaufmann aus Hamburg, zugleich Eigentmer der Ladung, und seine schon erwachsenen Kinder, ein Sohn: Oswald, und eine Tochter: Idalia. Nicht um der Geschfte willen, sondern allein den Bitten seiner Kinder zu Gefallen, die von einer Seetour sich das grte Vergngen versprochen, hatte Mander die Reise unternommen. Die Hoffnung des Kapitns, auf die, von der Mutter Maria's angegebene Weise seinen Kurs wieder zu gewinnen, wurde getuscht. Denn als nach einigen Stunden die Ebbe wieder eintrat, lief das Wasser wegen des fortdauernden Sdwestwindes mit so geringer Strmung ab, da es nicht mglich war, mit Hlfe derselben das Schiff gegen den Wind aufzuarbeiten, wodurch auch die Absicht Godber's, der gerade jenen Ankerplatz vorgeschlagen, weil der Zug der abflieenden Wasser dort sonst besonders stark trieb, vereitelt wurde. Nun trat der gefhrliche Uebelstand ein, da das Schiff, auf seiner Stelle notgedrungen gefesselt, bei der Ebbezeit mit seinem Boden manchen schweren Sto gegen den Meeresgrund auszuhalten hatte. Als darauf, nach Verlauf einiger erwartungsvoller Stunden, die Flut wiederkehrte, und mit ihr der Sturm in noch grerer Wut ausbrach, zeigte es sich bald, da einige von jenen Sten gelste Fugen Wasser sogen. Jetzt galt es, einen entscheidenden Entschlu zu fassen, da auch die Dunkelheit der Nacht die Gefahr noch vermehrte. Die angefangene Beratung zwischen Kapitn und Steuermann wurde wider ihren Willen nur zu schnell beendigt. Ein furchtbarer Sto, der das Schiff in allen seinen Teilen erschtterte, als sollte es auf einmal ganz aus einander gehen, deutete auf einen unerwarteten Fall. Die Ankerkette ist gebrochen! Dieser Schreckensruf gab die Lsung des Rtsels. Die Taue auch? schrie der Kapitn. Diese, viel schwcher, aber lenksamer und dehnbarer, als die eiserne Gliederreihe, hielten freilich fr den Augenblick noch an zwei kleinen Ankern, es war aber zu erwarten, da der nchste Windsto auch diesen letzten Halt nehmen wrde. Alle Segel auf! alle Lappen bei! die Anker gekappt! war nun, nach schneller Uebereinkunft der Sachverstndigen, das nchste Kommando; und, die ganze Wucht des Sturmes in seine weiten Fittige fassend, die schumenden Wogen wie ein leichtes Schneegewlk auseinander stubend, flog das Schiff dem Strande zu. Ueber diesen waren freilich die Wellen auch schon wieder mit der Flut hinbergegangen; aber der so ganz kundige Mann am Steuer wrde, obwohl die Dunkelheit die Werften nicht mehr deutlich erkennen lie, ihn nicht verfehlt haben. Allein zu viel war den Masten zugemutet. Sie bogen sich, als htten sie noch ganz die zhe, elastische Kraft, mit der sie frher auf den Bergen der Heimat die Gewalt der Strme tuschten; sie strebten vorwrts, als wollten sie den schweren Leib des Schiffes weit hinter sich lassen; doch schon kndeten immer hellere verdchtige Laute eine Ueberspannung ihrer Krfte. Der Ruf: Alle Beile, alle Messer zur Hand! fhrte die Matrosen auf ihre Posten, wo sie in ngstlicher Erwartung, mit gehobenem Arm horchten auf das nchste Kommando. Krach! Krach! ging es pltzlich, Sturmgeheul und Wogengebraus bertnend, durch alle Teile des Schiffes, und die ganze volle Takelage schmetterte schrge auf das Vorderende nieder und tauchte seitwrts in die Wogen hinab, da die untern, gebrochenen Enden der Masten sich aufwrts kehrten. Kappt! Um Gotteswillen, kappt, kappt! gellte die Stimme des Kapitns den Matrosen zu, die, obgleich vom Sturz der Masten das Schiff im ersten Augenblick so tief in die Flut hineingedrckt wurde, als sollte es nie wieder aus dem Abgrund sich erheben, mit bewundernswrdiger Gewandtheit, getrieben von dem Bewutsein, da ihr Leben von der schnellen und sichern Ausfhrung abhinge, dem Befehl volle Genge leisteten. Da schwankte denn in dem nchsten Momente das ganze Segelwerk, das eben noch mit seinen vollen, weiten Schwingen und den khnen Masten so stolz sich zu heben und so anmutig sich zu neigen wute, eine wirre und schlaffe Masse auf der dunklen Oberflche des Meeres dahin, und das vllig seines besten Schmuckes und seines fhrenden Zuges beraubte Schiff ward, ein willenloser Spielball der gewaltigen Wogen, hin und her geschleudert. Es war aus einem scheinbar belebten Wesen voll Zier, Mut und Strke, zu einem stumpfen, toten Holze, zu einem lecken Wrack geworden. In dieser Lage muten die, deren Leben nun in offenbarer Gefahr schwebte, einen Entschlu fassen. Sollten sie erwarten, wie der Kampf enden wrde, den Sturm und Flut um das entmastete Schiff fhrten, das diese, immer unaufhaltsamer eindringend, in ihre Tiefe zu ziehen suchte, jener, es immer gewaltsamer vor sich herschleudernd, auf Untiefen zu zertrmmern drohte? Sollten sie es fr mglich halten, mit dem leichten Boote, da die Schaluppe an ihrem Platze, am Fu des groen Mastes, vom Sturz desselben zerschmettert war, die Kste zu erreichen und auf der berschwemmten Hallig in der Finsterni an eine Werfte zu gelangen? Die Reisenden forderten dringend diesen Versuch. Jede Aenderung war ihnen eine Lebenshoffnung; auf dem Schiffe zu bleiben, schien ihnen der gewisseste Tod. Dem Kapitn erlaubte es sein Pflichtgefhl nicht, so lange noch eine Planke zusammenhielte, seinen Posten zu verlassen. Er wollte aber auch seinen Passagieren nicht widerstreben, und berlie es daher seinem Steuermann, wenn dieser die Mglichkeit der Rettung auf dem Boote fr wahrscheinlicher halte, als auf dem rasierten und noch dazu lecken Schiffe, Jene an's Land zu bringen. Godber, vertrauend auf seine genaue Kenntnis des Fahrwassers und der Hallig, verstand sich dazu, und ihm schlossen sich zwei Matrosen an, die, gleichwie die Andern an aller Rettung verzweifelnd, dennoch es vorzogen, einen letzten Kampf um ihr Leben zu wagen und kmpfend unterzugehen, als sich auf dem Wrack unthtig und kraftlos dem Verderben hinzugeben. Konnte bisher noch eine Hoffnung da sein, das Schiff auf die eine oder die andere Weise vom gnzlichen Untergang zu retten, so mute diese, so schon auf das schwchste Vielleicht gesttzt, vllig wegfallen in dem Augenblick, da Godber, der allein mit dieser See voll Strmungen und voll Untiefen Vertraute, dasselbe verlie. Ihm selbst flog dieser Gedanke durch den Sinn. Schon wollte er von dem bernommenen Rettungsversuch zurcktreten; aber die flehend bittende Idalia stand vor ihm, und -- jede andere Bedenklichkeit mute schweigen. Die Heckjolle wurde daher vom Spiegel des Schiffes in's Meer gelassen, von den drei Seeleuten mit Leichtigkeit bestiegen, und mit erfahrener Gewandtheit an die Leeseite herumgebracht. Aber es bedurfte einer vollen halben Stunde, um die Andern nur erst in's Boot hinein zu bringen; denn das leichte Fahrzeug flog bald auf dem schumenden Kamm einer Welle weit vom Schiffe ab, bald wieder, der niederrauschenden Woge nach, mit solchem Schwung auf dasselbe zu, als sollte es im nchsten Augenblick daran zerschellen. Daher muten die Passagiere nach mancherlei Versuchen, die eben so oft die Furcht, als der Mangel an Gewandtheit vergeblich machte, zuletzt an Seilen heruntergelassen werden, und schwebend, von den am Schiffe brandenden Wogen berschumt, erwarten, bis das Boot wieder unter ihnen war. Wurden sie dann auch nur eine halbe Minute zu spt niedergelassen, so tanzte das Boot schon wieder fern von ihnen auf den schwindelnden Hhen eines Wasserberges, oder war in den Hohlen ihrem Blick entzogen, und sie tauchten in die Salzflut unter. Mander und Oswald, deren Hoffnung, sich auf der Jolle zu retten, bei dieser nicht erwarteten Schwierigkeit, sie nur zu besteigen, gnzlich dahin war, fgten sich doch willenlos allen Anordnungen. Idalia, erschreckt durch solche Vorkehrungen, weigerte sich lange, ihrem Vater und Bruder zu folgen, und die Ungeduld, die ihr Zaudern erregte, war wohl eine Mitursache, da, als sie sich endlich entschlossen hatte, das Seil, welches sie so lange halten sollte, bis das Boot sie aufgenommen, den Hnden der Matrosen auf dem Schiffe entglitt und sie in's Meer hinabstrzte. Godber aber, der kein Auge von ihr gewandt, sprang sogleich in die brausenden Wogen nach und hielt sie mit starkem Arm empor. Doch auch der fertigste Schwimmer wrde einem solchen tobenden Meer keine Beute entrissen haben. Glcklicher Weise gelang es den Leuten im Boote, das Ende des Seils zu fassen, welches um Idalia's Schultern gegrtet war, und so wurden Beide an Bord gezogen. Bei diesem Aufenthalt und dieser alle Sinne in Anspruch nehmenden Thtigkeit war es nicht leicht, die rechte Richtung nach dem kleinen Fleck Landes, von dessen Auffinden ihre einzige Hoffnung abhing, wieder zu gewinnen. Nur Godber, dem die Lage der Huser auf der nahen Hallig genau bekannt war, und der whrend des Tages fast keinen Blick von der lieben Heimat gewandt hatte, vermochte in der trben Finsterni, die Alles einhllte, an einzelnen ihm allein bemerkbaren, dunkleren Flecken sich zu vergewissern, welche Richtung einzuschlagen sei. Ein gegenseitiges: Lebewohl! und: Beht' euch Gott! riefen sich die Abfahrenden und Zurckbleibenden noch zu, und bald hatte sie die dunkle Nacht und die wogende See so weit von einander geschieden, da kein Zusammentreffen, wenn es auch versucht worden wre, mehr mglich war. Mander sa mit Oswald und Idalia platt auf dem Boden des Bootes, und diese drei schreckten nur dann und wann in die Hhe, wenn eine aufbrandende Woge ihren Schaumwall ber das Boot hinschleuderte und es in die Tiefe hinunterzuschwemmen drohte. Die Matrosen ruderten, obwohl hoffnungslos, doch mit ruhiger, gleichmiger Anstrengung, als ob keine Todesgefahr sie umgebe. Godber fhrte mit kraftvollem Arm das Steuer, in knstlichen Wendungen dem Abbruch der niederstrzenden Flutmassen auslenkend, und den am wenigsten gefhrlichen Weg durch die wogenden Thler und auf den schwankenden Hhen mit dem Scharfsinn und der Erfahrung eines auf den Wellen grogewiegten Seemanns fr sein schwaches Fahrzeug suchend. Dabei beachtete er mit durchdringenden Augen sorgsam die Ferne, wenn eine Welle, die das Boot emportrug, eine weitere Aussicht als von Woge zu Woge mglich machte. Aber die Finsterni lagerte sich immer dichter und undurchdringlicher ber das tobende Meer hin, und nur an dem krzeren Schlag der Wellen unterschied er nach zwei Stunden der angestrengtesten Arbeit seiner Ruderer und der ungeduldigsten Aufmerksamkeit von seiner Seite, da das Boot auf das berschwemmte Land der Hallig gekommen sei. Ein unter dem Wasser verborgener Pfahl oder Ueberrest einer alten Werfte konnte jetzt den Nachen kentern und Allen Verderben bringen. Mit dem gespanntesten Blick forschte Godber daher nach beiden Seiten hin, ob nicht ein Streif hohler gehender Wogen ihm einen schmalen Seearm bezeichne, von dem er wute, da er sich an dieser Seite des Landes weit in dasselbe hinstrecke. Gott schrfte seinen Blick und leitete sein Steuer. Er fand jene Einfahrt, wo dem minder Kundigen Alles ein Wogenschwall zu sein schien. Nun forderte er den jungen Mander auf, das Steuer zu nehmen. Dieser aber war gnzlich von Todesangst erstarrt und aller Kraft des Handelns vllig beraubt, da er bei dem Anruf regungslos sitzen blieb. Williger fand Godber den Vater, der wenigstens halb bewutlos sich zum Steuer hinsetzte, aber auch wohl ohne Nachhlfe der Matrosen, die mit ihren Rudern zur Lenkung der Jolle beitrugen, wenig geleistet haben wrde, die schnell auf einander folgenden Befehle Godber's, der sich auf das Vorderende des Nachens mit einem langen Handstock gestellt hatte, rasch in's Werk zu setzen. Da Niemand auf dem Boote Kunde hatte von der Einfahrt, in welcher es sich nun fortbewegte, sondern Alle meinten, noch die tiefe See um sich zu haben, so verstand auch Keiner den Zweck der Anordnungen Godber's, seiner bald rechts bald links gebietenden Befehle; aber der alte Mander gehorchte wie ein Sklave, der sich kein eigenes Denken und Wollen erlauben darf, die Matrosen als Leute, die gewohnt sind, ihr eigenes Urteil ganz dem strengsten Gehorsam unterzuordnen. Auf diese Weise ging es bald mit dem Winde, bald hart an dem Winde noch anderthalb Stunden fort, ohne da sie darum eine bedeutende Strecke vorwrts gekommen wren, denn die oft so pltzlichen Wendungen brachten immer einige strende Verwirrung in den Gang des Bootes, und die Krfte der Ruderer waren beinahe erschpft. Da fhrte eine neue kurze Wendung das Fahrzeug wieder in eine andere Richtung, und als ob sie pltzlich fast ganz aus dem Bereich des Windes herausgekommen wren, hrten sie nur noch sein Sausen, fhlten es aber nicht mehr, und die Wogen, deren Rauschen noch beinahe lauter als vorher an ihr Ohr schlug, spielten doch viel ruhiger um den Nachen. An dieser Stelle konnte der kleine Anker wohl halten, den sie auf Godber's Befehl sogleich auswarfen und die Ruder einlegten. Staunend ber die rtselhafte Vernderung ihrer Lage, blickten die seeerfahrenen Matrosen und der alte Mander, whrend seine Kinder sich erst allmlig aus ihrer starren Angst erhoben, in die Nacht hinaus; aber Alles um sie her war so schwarz verhllt, da sie kaum sich einander, viel weniger irgend Etwas auerhalb des Bootes erkennen konnten, und fragend wandten sich Alle an Godber. Er allein, der sie so wunderbar gefhrt, mute Auskunft geben knnen. Wir sind zur Stelle! rief dieser, sprang auf Idalia zu, lste das Seil, mit dem sie noch immer umgrtet war, von ihren Schultern, schlang das eine Ende um seinen Leib, band das andere Ende in einem Ring der Jolle fest, lehnte seine Stange schrge aus von dem Boot und sprang mit einem mchtigen Satz in die Finsternis und in die Wogen hinein. Ein Schrei des Entsetzens entfuhr Allen. Dann standen sie einige Minuten lang in stummer Erwartung, wie dies ihnen ganz zwecklos dnkende Wagestck Godber's enden werde. Schon gaben sie ihn verloren, und damit sank wieder jede Hoffnung, aus dem Schrecken dieser Nacht gerettet zu werden. Pltzlich schallte ein lautes Halloh! Halloh! wie aus den Wolken her ber sie hin. Die Matrosen antworteten unwillkrlich dem ihnen gewohnten Ruf, obwohl sie nicht begreifen konnten, woher die Stimme so nahe, und doch wieder so hoch von oben her, als ob ein Riese neben ihnen stnde. Vergebens strengten sie ihre Blicke an; ihr sonst so scharfes Auge fr alle Gegenstnde auf dem Meere sah Nichts, als die undurchdringlichste Nacht. Wieder gingen einige Minuten der gespanntesten Erwartung vorber. Siehe, da glnzte pltzlich ein freundliches Licht durch die Fenster einer friedlichen Wohnung dicht ber ihnen auf sie herab, und nach dem ersten regungslosen Erstaunen begrten die Matrosen dessen Erscheinen mit einem jubelnden Hurrah! whrend die Andern mit Thrnen der Freude einander in die Arme sanken. Die ganze Lage der Dinge war jetzt klar. Der Nachen ankerte neben einer bis zur halben Hhe von den Fluten bedeckten Werfte und ward durch dieselbe und die darauf stehende Wohnung vor dem Winde geschtzt, whrend noch rings umher der Sturm in gleicher Strke auf den Wellen tobte und scheinbar noch wilder brauste, indem die an der Werfte vorbei brandenden Wogen eine kleine Strecke hinter dem Boote gegen einander aufwirbelten. Das eine Ende des Seils, das Godber mit hinaufgenommen, hatte er schon an den Thrpfosten befestigt, zog daran das Fahrzeug so nahe wie mglich zu sich und bildete damit zugleich eine ausreichende Handhabe fr die Aufsteigenden, so da in wenigen Augenblicken sich alle in dem sichern Schutz des Hauses befanden. Hier mit der gutmtigsten Gastfreiheit aufgenommen und mit dem geschftigsten Eifer erquickt, gewannen sie Zeit, ihrem frohen Erretter den freudigsten Dank darzubringen, den die Matrosen mit einem warmen, festen Hndedruck und einem: Du bist ein braver Steuermann! kurz und bndig abmachten. Der alte Mander sagte ebenfalls nur wenige Worte und sa dann stumm und sinnend da. Oswald konnte nicht Redensarten genug finden, um seine Dankbarkeit auszusprechen, dabei war er lustig wie ein Kind, lachte und scherzte ber die geliehenen Kleider, in die sie angethan waren, und die freilich nicht eben im Modeschnitt anpaten, aber doch eine behagliche Wrme den Durchnten bereiteten. Idalia, die sich im Nebenzimmer umgekleidet, trat jetzt herein, und whrend Oswald sie jubelnd umfate und sich totlachen wollte ber ihren Anzug, in welchem, wie er meinte, sie notwendig auf dem nchsten Maskenball in Hamburg Furore machen msse, starrte Godber sie als eine Erscheinung an, die mit dem seligsten Entzcken alle seine Nerven durchbebte. Sie war eine Jungfrau seiner Heimat. Dies glattgescheitelte Haar, von der kleinen Haube nur ein wenig bedeckt, dieses grne Mieder mit seinen kurzen Aermeln, dieses nachlssig in einen Knoten geschlungene Tuch von bunter Seide, dieser gestreifte Rock, der nicht so lang war, die blauen Strmpfe zu verbergen, dieser Anzug hatte die prunkschtige Grostdterin zu einer bescheidenen Erbin seines Stammes umgeschaffen. Aber diese hohe, weie Stirn, diese glnzend braunen sprechenden Augen, diese feinen Gesichtszge und die zartgerteten Lippen und Wangen, diese lieblich gerundeten Arme mit der kleinen zierlichen Hand: nein! sie war das himmlische Bild einer irdischen Tochter der Hallig. Er war noch verloren in ihrem Anblick, als Idalia sich endlich frei machte von den Spssen ihres Bruders und nun, von ihrem lebendigen Gefhl hingerissen, Alles um sich her vergessend, auf Godber zueilte, mit dem leidenschaftlichsten Ungestm sich an seine Brust warf und ihn mit ihren Thrnen und ihren Kssen bedeckte. Er war ihr ja nachgesprungen in die grausige Tiefe; er hatte durch seine kluge und khne Fhrung sie und ihren Vater und Bruder gerettet! Wie konnte sie daran denken, da die ungehemmte Aufwallung ihrer Dankbarkeit die Grenzen berschritt? Wie konnte sie, die nie gewohnt war, ihre Lebhaftigkeit nur aus Rcksichten auf Andere in das Geleis des Gewhnlichen zu zwingen, in diesem Augenblick zurckhaltender sein, als das Gefhl ihres Herzens sprach? Einen Geist, wie der ihre war, der jeden Funken der Empfindung sogleich zur hellen Flamme anfachte, hatten die Stunden der Schrecknis auf die furchtbarste Hhe der Angst gesteigert, und so mute ihn auch die Freude der Errettung Alles berwltigend fortreien. In den sesten Tnen, die kaum zu Worten wurden, und die sich in immer von Neuem wieder hervorbrechende Thrnenstrme auflsten, dankte sie Godber fr ihr Leben; und so oft ein Gedanke ihr den Tod in den tobenden Fluthen wieder vormalte, dem sie entgangen, schauderte sie vor dem Schreckensbilde zusammen und klammerte sich fester um den Hals des Retters, als sollte er sie noch einmal aus der grauenvollen Tiefe ziehen. Und Godber -- da stand der mnnlich schne Jngling mit bebendem Entzcken, wie Einer, dem pltzlich die Pforte eines neuen, nie geahnten, seligen Daseins aufgethan ist. Ach! der Hoffnungsstern der armen Maria war untergegangen in der Stunde, in welcher endlich ihr langersehnter Verlobter den heimischen Boden betrat. IV. Bringst Du zur Heimat wieder Die alte Lieb' und Treu', Dann la Dich frhlich nieder, Es grt Dich Alles wieder Mit alter Lieb' und Treu'. Am andern Morgen war der Himmel klar und heiter. Hinter dem Deiche des festen Landes tauchte eben die Morgensonne empor und warf neugierig ihr Strahlenauge ber die Halligen hin, um nach den Verwstungen der vergangenen Nacht zu sehen und zu fragen, ob noch Wesen brig geblieben, die ihres Lichtes sich freuten. Das Meer flo still und friedlich in seiner gewohnten Bahn und schien den Menschen, in deren Ohr noch das Wogengebrause der letzten Stunden nachklang, lchelnd zu sagen: Ihr habt nur getrumt! Godber, welcher trotz der Anstrengung, zu der ihn die im vorigen Kapitel beschriebenen Gefahren gentigt hatten, wenig Ruhe fand, trat vor die Thre der freundlichen Wohnung. Die verschiedenartigsten Gefhle bestrmten sein Herz. Da lag vor ihm der Boden seiner Hallig, nach dem er an den blhenden Ksten Italiens, auf den reichen Fluren Hollands mit solchem Heimweh sich gesehnt; der Boden, auf dem er allein sich glcklich fhlen konnte, von dem sich jetzt wieder loszureien ihm eine Unmglichkeit gewesen wre. Fr diese Heimat hatte er in der Fremde gestrebt und gedarbt; der Gedanke an sie hatte ihn gespornt zur unermdlichsten Thtigkeit, zum willigsten Gehorsam, zum ngstlichsten Eifer in Erfllung aller seiner Pflichten; hatte ihn ferngehalten von allen Vergngungen seines Standes, ihn rastlos gemahnt zum sparsamsten Haushalt. Jeder neue Beitrag zu seinem kleinen baaren Schatz, den er stets bei sich getragen und daher auch jetzt gerettet, war immer der Anfang eines lieben frohen Traumes von der Wiederkehr gewesen, dem er sich an solchen Tagen oft Stunden lang in der Einsamkeit hingegeben. Nur seine Begierde, sich zu unterrichten, sein Streben nach einer Bildung ber seinen Stand hinaus, konnte ihn verfhren, seinen Schatz zuweilen fr diesen Zweck anzugreifen; aber er darbte dann auch nur desto sorglicher, um solche Ausgaben bald wieder zu ersetzen. Nun hatte er es erreicht. Dort stand seine vterliche Wohnung. Schauer des Entzckens rieselten durch sein Gebein; Thrnen der Freude brannten auf seinen Wangen. Wer, selbst nicht Halligbewohner, diesen nackten Fleck, auf dem das sprliche Gras von der letzten Ueberschwemmung her noch in schlammigter Gltte niederlag, mit seinen tief ausgefurchten und zerlcherten Werften angesehen und dazu noch der vergangenen Nacht gedacht htte, die alle Lebendigen auf dieser Scholle im Meere dem Wellentode so nahe gebracht, der wrde nie geahnet haben, da _diese_ Heimat des Jnglings Freudenthrnen hervorgerufen. Aber Godber hatte um dieses Anblicks willen neun Jahre hindurch ein Leben voll Anstrengungen und Gefahren, voll Entbehrungen und Entsagungen ertragen; und htte er zwanzig Jahre so geduldet und gelitten, ihn wrde die Wiederkehr auf diese Flur damit nicht zu theuer erkauft dnken. Und doch, ganz rein war seine Freude nicht. Er konnte sein Kniee nicht beugen vor dem Gott, der ihn gndiglich behtet und heimgefhrt zu dem Lande seiner Vter. Htte er es doch gethan! Vielleicht wrde er dann ganz sein altes Herz wiedergefunden haben. Es wren die eitlen Trume von ihm gewichen. Das Gelbde der Treue wre der frommen Maria bewahrt und Idalia's verfhrerisches Bild htte seinen Zauber verloren. In jedes Menschen Leben tauchen wohl solche Zauberbilder auf, die ihm die innere Klarheit trben und den hellen Blick rauben fr die nchste Pflicht; die, wenn sie nicht bloe Trume der Phantasie sind, sondern vielmehr durch auerordentliche Lagen und Verhltnisse hervorgerufen wurden, ihm als Bestimmungen seines Geschicks erscheinen. Sie gaukeln um seine Seele wie ladende Boten eines Genusses, von dem ihn nur kleinliche Rcksichten und Mangel an Selbstvertrauen bisher zurckhielten, und der ihm gewi ist, wenn er es nur wagen will, sich in seiner Kraft zu erheben. Sie malen ihm eine Zukunft vor, gegen die Alles, was ihm ruhiges Beharren in dem gewhnlichen Gleise, treues Festhalten frherer Grundstze, williger Gehorsam unter dem seither dafr gehaltenen Gesetz Gottes zu bieten vermag, matt und farblos, ja seiner unwrdig vorkommt. Es ist ihm zu Mute wie Einem, der nur den Fu vorwrts zu setzen braucht, um einer langen Knechtschaft zu entfliehen, um in ein Paradies einzutreten, dessen Pforte er nur zu lange schon sich selbst eigensinnig verschlo. Er fragt sich, warum er nicht die schwachen Riegel, Pflicht und Gewissen, ganz zurckschieben solle? Ja, es will ihn bednken, als seien die Riegel nur ein Ammentraum, dem er entwachsen, oder als habe er jetzt erst in Wahrheit erkannt, was Pflicht und Gewissen eigentlich von ihm fordern. In solchen Zeiten hat der Mensch in sich selber Nichts, was ihm einen Halt geben oder zum Wegweiser dienen knnte. Er hat gleichsam den gewohnten Boden unter seinen Fen verloren, auf dem er sonst mit Sicherheit auftrat; ihm ist das Ziel seines ganzen frheren Lebens verrckt und seine Gedanken und Empfindungen sind doch noch nicht heimisch geworden in der neuen Aussicht. Darum hat er keine andere Hlfe, als die von Oben kommt. Er richte sein Sinnen und Denken hinauf zu der festen Burg des klaren Rechtes; er hafte mit Blick und Herz an dem ewigen Worte des Richters der Lebendigen und der Toten; er lasse die Welt mit ihren Trumen einen Augenblick hinter sich und versenke mit voller Hingebung sich in das Anschauen Dessen, der die fromme Brust durch Seinen heiligen Geist zu einer Sttte der Gemeinschaft erwhlet des Himmels und der Erden. Und dieser Geist wird ihm die Erleuchtung bringen, deren er bedarf. Die Nebelgestalten werden von ihm gewichen sein, wenn er wieder zurckschaut auf seinen Pfad. Er wird sie erkennen als Schatten einer im Hintergrunde lauernden Snde und nun klar seinen Weg wissen und ihn mit Zuversicht wandeln. Aber Godber betete nicht, und sein Auge und seine Seele verfinsterten sich, als sein Blick flchtig auf Maria's Wohnung hinstreifte. Es ergriff ihn ein Gefhl wie Gewissensangst; aber er scheute sich vor einer klaren Rechenschaft vor sich selbst und ward froh, als die Erinnerung an das im Sturm verlassene Wrack und die darauf gebliebenen Leute alle andern Gedanken verdrngte. Rasch wandte er seine forschenden Blicke nach dem westlichen Ende der Hallig und -- da lag das Schiff gekentert nicht weit vom Strande. Er eilte geflgelten Schrittes darauf zu. Sein Weg aber fhrte ihn an Maria's Wohnung vorber, und es wurde ihm unheimlich um's Herz, als er in die Nhe derselben kam; sein Blut flog rascher in den Adern und frbte seine Wangen rter. Er trat unwillkrlich leiser auf, als frchtete er, die Verlobte mit dem Gerusch seiner Tritte aus einem Hoffnungstraume zu wecken und in die zu seiner Freude noch geschlossene Thr zu rufen. Wie er vorbei war, fiel ein Stein von seiner Brust, ohne da er bedachte, wie wenig mit einer solchen kurzen Frist gewonnen sei. Jetzt fesselte wieder das Wrack seine ganze Aufmerksamkeit, und bald hatte er das Ufer erreicht. Doch vergebens strengte er seine Augen an, er sah keine menschliche Gestalt. Er watete so weit als mglich auf den Schlick hinaus, lie sein schallendes Halloh ertnen; Niemand antwortete. Stumm und unbeweglich lag der jetzt so formlose Bau vor ihm, den frher, als er noch in seiner Schne mit entfalteten Schwingen die Wogen rauschend durchschnitt, laute und frhliche Thtigkeit belebte. Godber mute sich, nach wiederholten Versuchen, einen Gegenlaut hervorzurufen, von dem unglcklichen Schicksal seiner frheren Gefhrten berzeugen. Es drngte sich ihm die Vorstellung auf, ob es ihm nicht besser gewesen wre, in den Wellen, gleichwie sie, begraben worden zu sein, als mit dem Bewutsein einer doppelten Untreue zu leben: gegen ein Schiff, dessen Steuer ihm anvertraut gewesen war, und das er, wie jeder Seemann das seine, gleich einer Braut geliebt hatte, und gegen die Verlobte seiner frhesten Jugend. Lange starrte er mit trbem Sinnen vor sich hin, bis beim Rckblick auf die Begebenheiten der vergangenen Nacht Idalia's Bild vor ihn hintrat und alle seine Gedanken und Empfindungen allein auf sich zog. Es ergriff ihn eine unbeschreibliche Sehnsucht, sie wieder zu sehen. Er klagte sich an, ihren Morgengru nicht erst erwartet zu haben und lenkte seine Schritte eilig zurck. Achtlos wre er an der Wohnung seiner Verlobten vorbergegangen, aber -- da ffnete sich die Thr; Maria trat mit ihrem Wassereimer heraus. Ihr erster Blick fiel auf Godber. Rasch warf sie ihren Eimer hin, sprang die Werfte hinab, flog jubelnd auf ihn zu und mit einem freudigen Godber, Godber, bist du da! ergriff sie seine Hand, die er ihr mechanisch entgegenstreckte. Htte er sie an seine Brust gezogen, sie wrde seinen Ku ohne Ziererei empfangen und wiedergegeben haben. Da er es nicht that, verstimmte sie aber keineswegs; denn an eine ruhigere Aeuerung der Liebe, als die grere Leidenschaftlichkeit der Bewohner des festen Landes in solchen Verhltnissen sie zult, war die Tochter der Hallig gewhnt. Wute sie doch, da er ihr treu geblieben sei; und wenn er es auch nicht geschrieben htte, er war ja ein Sohn ihrer Heimat, auf der Untreue unter den in frher Kindheit schon Verlobten eben so unerhrt ist, als unter Gatten. Wo kommst Du aber heute her? Wir erwarteten dich erst morgen von Husum; denn, nicht wahr? Du warst auf dem Schiff, das wir gestern in der Ferne ankern sahen? -- Wo ist denn das Schiff geblieben? Mit diesen Worten sah sie nach der Ankerstelle, nach der sie gestern mit so sehnschtiger Hoffnung hingeblickt hatte. Da! sagte Godber und streckte seine Hand seitwrts aus nach dem Wrack. Herr Gott! schrie Maria auf und wre nun fast an die Brust des Geliebten gesunken. So kmpftest Du mit dem Tode, whrend ich so ruhig von Dir trumte! Wir hrten wenig vom Winde in der Vorderstube und meinten, der Sturm habe lngst ausgetobt. Ich sagte es der Mutter wohl, da wir ein Licht in die Hinterkammer setzen sollten; ich htte gern dabei gewacht. Sie aber meinte, es knnte die in dieser Gegend fremden Schiffer irre machen und lachte mich aus, weil ich so gewi wissen wollte, da Du auf dem Schiffe seist. Und nun seid Ihr doch gestrandet! Ach! was hast Du wohl ausgestanden! und wie htte ich geweint, wenn Du umgekommen wrest. Gewi, ich wre auch gestorben! und dabei deckte sie die Augen mit ihrer Schrze und weinte vor Angst und vor Freude. Godber zitterte wie ein Verbrecher. Die Thrnen des Mdchens fielen wie glhende Tropfen auf seine Seele. Einen Augenblick kehrte sein frheres volles Gefhl fr sie wieder zurck. Er umfing sie mit seinen Armen, prete sie heftig an sich, und als sie mit ihren blauen, feuchten Augen so voll Liebe zu ihm aufblickte, war Idalia's Bild ganz aus seinem Herzen verschwunden. Aber Maria ri sich schnell von ihm los und rief: Armer Godber! wie zitterst Du! Komm doch geschwind in's Haus. Der Thee soll gleich fertig sein. Wie die Mutter sich freuen wird, wenn Du vor ihr Bett trittst! Bist Du allein gerettet? Diese Frage fhrte Godber's Gedanken schnell wieder zu Idalia hin. Er fiel wieder in seinen frhern Kaltsinn gegen Maria zurck und sprach hastig und in abgebrochenen Stzen: Es sind noch Andere gerettet. -- Leb' wohl! -- fr jetzt! -- Ich mu Bescheid bringen wegen des Schiffes. Warte doch! entgegnete Maria. Wo sind sie? Ich gehe mit Dir. La' mich nur erst der Mutter Nachricht bringen. Damit sprang sie frhlich die Werfte hinauf und kam in wenigen Augenblicken wieder zu Godber, der regungslos und in dumpfer Verzweiflung auf dem Flecke geblieben war. Sie gingen nun mit einander. Er mit trben Sinnen und einsilbigen Lippen; sie mit leuchtenden Augen und mit einer muntern, ihr sonst ganz ungewhnlichen Geschwtzigkeit. Sie hatte ihm ja so Viel zu erzhlen, wie sehr sie sich nach ihm gesehnt, wie sie bei allen Arbeiten seiner gedacht, wie fleiig sie gesponnen fr die Aussteuer, und sie rechnete ihm dabei jedes einzelne Stck des knftigen Haushalts vor, das sie teils von der lieben Mutter mitbekomme, teils selbst verfertigt habe. Godber war zu Mute, als ob ein ngstlicher Traum ihn immer fester umwob und sein Herz einschnrte; sie aber erzhlte weiter, wie sie so oft den lieben Gott gebeten, ihn glcklich heimzufhren; mit welcher Zuversicht sie auf die Erhrung ihres Gebetes vertraut; mit welcher Inbrunst sie nun dem Vater im Himmel danken wolle fr Seine Gte und Barmherzigkeit, der aber nicht bse werden msse, wenn sie jetzt vor lauter Frhlichkeit noch nicht zu einem rechten vollen Dankgebet kommen knne. Wenn sie so mit kindlich frommer Herzlichkeit bald mit Gott sprach, bald mit Godber von dem ersten gemeinsamen Kirchgang, dann fiel es ihm wie Felsenlasten auf die Brust und wie Bleigewicht in seine Fe; er mute still stehen und Atem schpfen und seine Kniee drohten einzusinken. Maria bemerkte es; aber die wahre Ursache nicht ahnend, fate sie ihn mit der zrtlichsten Besorgnis am Arm und schalt, da er die Erquickung in ihrem Hause verschmht. Er sei ja noch so angegriffen und es sei unverantwortlich, da er sich nicht erst gehrig ausgeruht; aber: Warte nur, fgte sie hinzu, nun sollst Du auch in den ersten vierzehn Tagen nicht vom bequemen Lehnstuhl aufstehen. Ich will Dich pflegen wie ein Schokind. In des seligen Vaters Schafpelz mit seiner wollenen Nachtmtze ber den Ohren sollst Du wohl wieder warm werden. Nein, es ist abscheulich, wie Du Deine Gesundheit durch Deine trotzige Weigerung, bei uns einzukehren, auf's Spiel gesetzt hast! sagte sie im Ernst zrnend und halb weinend, als sie zu dem schmalen Balken kamen, der, ber den dort noch 16 Fu breiten Seearm gelegt, freilich nur einem auf solchem Schwindelpfad gebten Halligbewohner ein Steg heien konnte, da er, um die Schafe zu hindern, nur die scharfe Kante dem Fue darbot. Maria war wie im Tanze hinbergehpft; Godber folgte ihr nur langsam und schwankend nach. Als sie in das Haus eintraten, fanden sie Alle um den groen Tisch beim Frhstck, dessen ganzer Aufsatz freilich nur in Thee mit Schwarzbrot, Butter und Schafskse bestand. Idalia trug noch die Kleidung der Hallig; doch hatte sie mit erfinderischem Sinn und geschmackvoller Auswahl dem Anzug, ohne Nachteil seiner Eigentmlichkeit, manchen ihm frher fehlenden gewinnenden Reiz gegeben. Ihr Haar, obwohl von der Stirn weggescheitelt, war doch nur in so weit unter die kleine Haube aufgebunden, da noch mehrere Locken ber die Schultern hinfielen. Sie hatte auch aus dem Schmuckkstchen der Familie, dessen reiche Flle ihre Erwartungen bei weitem bertraf, die lange goldene Kette geborgt, die jetzt von ihrer Brust glnzte, als oben weit und nach unten zu immer krzer geschnrtes Band das Mieder zusammenhaltend, nach der Weise, wie beim Brautputz solche Ketten auf den Halligen getragen werden. Die groen, ebenfalls goldenen Medaillons, die sonst wohl noch darber hngen, hatte sie mit besserm Geschmack unbenutzt gelassen. Bei Godber's Eintritt stand sie rasch auf und trat mit dem unwiderstehlichsten Liebreiz in allen ihren Zgen ihm entgegen, nicht mehr mit der Alles vergessenden Leidenschaftlichkeit von gestern, sondern mit einem Lcheln, in welchem das Bewutsein sich auszudrcken schien, da sie ihm gefallen msse. Man wrde aber Idalia Unrecht thun, wenn man ihr Benehmen gegen Godber als leere Gefallsucht auslegen wollte. Nein, ungewohnt, die Verhltnisse zu beachten, oder die Folgen zu bedenken, wo ihre Neigung sprach, gab sie sich auch jetzt ihrem Gefhle ganz hin; und dies Gefhl war mehr als Dankbarkeit gegen den Retter ihres Lebens, es war, wenn nicht volle, zu jeder Aufopferung fhige Liebe, doch eine Aufwallung von Liebe mit allen Ansprchen, welche die wahre Liebe auf den geliebten Gegenstand macht. Sie wollte gefallen, um sich des Jnglings Herz zu gewinnen, fr den so Viel in ihrem Herzen sprach; und fern war sie dem Gedanken, ihn nur als Sklaven ihrer Laune an den Triumphwagen ihrer Reize zu fesseln, obwohl ihr ganzes Benehmen von einer Absichtlichkeit geleitet wurde, zu welcher sonst nur eine Kokette und nie eine wahrhaft Liebende fhig ist. Godber hing mit stummem Entzcken an dem Anblick der lieblichen Erscheinung. Festgebannt auf der Stelle, wo er stand, sah er sie mit einem Blicke auf sich zuschweben, der alle Tiefen seiner Seele durchdrang. Wie sie nun seine Hand fate, sie an ihre Brust drckte und mit schmelzenden Tnen und dem traulichen Du fragte: Godber, mein Retter, wie konntest Du uns so frh verlassen ohne meinen Dank fr den Morgen zu erwarten, den ich ohne Dich nie gesehen? Da wre er fast ihr zu Fen gesunken, und Idalia feierte den vollstndigsten Sieg, der ihr, wie das zufriedene Lcheln um ihre Lippen verkndete, auch nicht unbemerkt blieb. An ihrer Seite mute er sich niedersetzen, whrend Maria, scheu und verlegen und pltzlich verstummt in der Nhe der Fremden, ihr gegenber kaum sich zu setzen wagte und nur halbe Blicke zu Idalia aufrichtete, deren zarte Schnheit und deren ihr wohl bekannte und doch wieder fremdartige Tracht ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie konnte sich eines unheimlichen Gefhls nicht erwehren, das mehr war, als bloe Befremdung ber die ungewhnliche Erscheinung und ber das zutrauliche Benehmen der Fremden gegen Godber. Sie mute unwillkrlich die bei weicher Flle schlanken Formen und die blendenden Reize Idalia's mit dem eignen, von der Sonne gebrunten Antlitz, den von anstrengender Arbeit zeugenden Armen und Hnden und der gedrungenen, nur Rhrigkeit und Gewandtheit versprechenden, aber keineswegs in stolzer Hoheit imponirenden Gestalt vergleichen. Sie, unter den Halligmdchen leicht die Schnste, stellte sich in ihrer Bescheidenheit tief unter die Fremde, tiefer wohl noch, als sie wirklich zu stehen verdiente. Was Godber's kalte Erwiderung auf die Aeuerungen ihrer Freude beim Wiedersehen nicht zu wecken vermocht hatte, das drngte beim Anblick der Fremden sich ihr auf: Zweifel an des Verlobten Treue. Und nicht Idalia's Benehmen gegen Godber war es allein, das solchen Stachel in ihr Herz drckte, sondern die Eifersucht der Liebe, die auch dem einfachsten Mdchen einen nicht leicht zu tuschenden Scharfblick leiht, wenn sie mit dem Geliebten in der Nhe eines andern weiblichen Wesens weilt, wrde ihr, auch ohne die Zutraulichkeit der Fremden gegen den Jngling, manche ihr unwillkommene Bemerkung aufgedrungen haben. Maria's Herz sollte bald ganz gebrochen werden. Wer ist das liebe Mdchen? fragte Idalia mit dem freundlichsten Tone, der aber mit einem scharfen, forschenden Blicke auf Godber begleitet war, als wte sie schon, wie viel ihr an der Antwort gelegen sei. Maria errtete tief, sah aber doch dabei mit einem gewissen Trotz zu der Fremden auf. Godber erglhte noch tiefer; sein Auge senkte sich zu Boden, und seine Stimme zitterte, als er erst nach einer Pause antwortete: Maria Nommens. -- Er schien noch etwas hinzusetzen zu wollen, aber -- er schwieg. Maria horchte noch eine ttliche Minute lang, aber -- er schwieg. Da sank sie bleich in sich zusammen, prete die Hand auf's Herz, in welchem alle Pulse stockten, und sah und hrte nun nichts weiter. Da er nicht hatte hinzusetzen knnen oder wollen: meine Braut! das war fr sie genug zur Entscheidung ihres Geschicks. Mit diesem seinem Schweigen war das Glck ihres Lebens vernichtet. Sie wute nun, da sie ihn verloren. Idalia ahnete wohl etwas von den Verhltnissen. Ihr konnte die Bewegung Beider nicht entgehen; aber die Freude, Godber fr sich gewonnen zu haben, berwog fast ganz ihr Mitleid mit der armen Maria. Auch Godber fhlte, wie er durch das Verschweigen seines Verhltnisses zu Maria schon Alles gesagt habe, und dachte gar nicht daran, wie ja mglicherweise sie gar keine Bedeutung auf dies Verstummen gelegt habe. Er wagte es nicht, aufzusehen und sa in der peinlichsten Unruhe da, woraus er erst durch die Frage Mander's: ob er nichts von dem Schiffe gesehen? zu seiner Freude gerissen wurde. Er erzhlte nun, indem er aufsprang, mit einer Hast und mit einer Teilnahme, die mit seinem bisherigen Stillschweigen ber diesen Gegenstand gar nicht zu vereinigen war, was er gesehen und wie die Zurckgebliebenen wohl ihren Tod in den Wellen gefunden htten. Alle beschlossen jetzt nach dem Wrack hinzuwandern. Maria folgte allein und langsam nach. Sie sah nur noch, wie an dem oben bezeichneten Steg Idalia vor dem Schwindel erregenden Uebergang zurckbebte und nach mehreren vergeblichen Versuchen, von Godbers Hand gefhrt, hinberzugehen, zuletzt ihren Arm um seinen Nacken schlang, und so, von ihm getragen, das jenseitige Ufer erreichte. Nun flossen ihre Thrnen ungehemmt. Sie dachte nicht mehr daran, den Andern zu folgen, sondern wankte, bei ihrer Wohnung angekommen, die Werfte hinauf und warf sich laut weinend auf ihren Sitz nieder. Maria blieb mit ihrem Schmerz allein. Ihre Mutter hatte die Neugierde an den Strand gefhrt, wo schon fast alle Bewohner der Hallig versammelt waren. Als Godber sich mit den Freunden dazu gesellte, wurden nach der ersten herzlichen Begrung des glcklich Wiedergekehrten Anstalten gemacht, ein Boot ber den Schlick hinauszuziehen bis dahin, wo das Wasser tief genug ward, es mit seiner Bemannung zu tragen. Von dieser wurde das halb mit Wasser gefllte Wrack bestiegen, und auf das Genaueste untersucht. Wie von lebenden Wesen fand man auch von Leichen keine Spur. Wahrscheinlich war beim Kentern des Schiffes der Kapitn mit seinen Leuten durch die Gewalt der Wogen vom Verdeck hinweggerissen, und es stand zu erwarten, da in einer der nchsten Flutzeiten die Leichen ans Land getrieben werden wrden. Einiges Wertvolle wurde sogleich mitgenommen, und Godber verga nicht, fr Idalia eine Kiste mit Sdfrchten und einen Korb, worin ein paar Bouteillen sen Weins verpackt waren, beizufgen. Die Bergung der brigen Ladung, die grtenteils aus Fssern mit Wein und aus Citronenkisten bestand, wurde dadurch vorbereitet, da mehrere Schiffsseile, um die Stmpfe der Masten und um andere Teile des Wracks geschlungen, mit dem andern Ende am Strande befestigt werden sollten. Whrend die Zurckgekommenen Alles berichteten, wie sie Schiff und Ladung gefunden, und Mander, der Vater, dann mit den Leuten um den Berglohn sprach, worber sie aber zu seiner Verwunderung jede eigentliche Unterhandlung verwarfen und Alles in seinen guten Willen stellten, wobei sie ihm ihre besten Dienste mit einer Herzlichkeit gelobten, die fr die Aufrichtigkeit ihrer uneigenntzigen Gesinnung sprach, hatte Idalia, mit Hlfe ihres nach einer, wie er sagte, menschlichen Erquickung begierigen Bruders, das Kstchen mit Apfelsinen und eine Flasche Wein geffnet, aus welcher Oswald sogleich ein paar krftige Zge that. Darauf schlte sie mit ihren weien Fingern eine der sen Frchte ab, teilte sie mit gewandter Kunsterfahrung in zwei Hlften und bot Godber mit dem freundlichsten Dank fr seine Aufmerksamkeit die eine Hlfte. Lchelnd schlrfte auch sie dann aus der Flasche und reichte sie ihm mit der Bitte, den labenden Trunk nicht zu verschmhen, wenn er auch dadurch mit ihren Lippen mittelbar in Berhrung kme. Des beglckten Jnglings Lippen waren wie festgebannt auf der Stelle, wo ihr Mund gesogen, und erst Idalias Frage: warum er nicht daran gedacht habe, lieber ihren Koffer mit ihren Kleidern mitzubringen? ri ihn aus seiner Begeisterung. Ach, sagte er, ich mchte Sie nie in einer andern Kleidung sehen, als in dieser Kleidung meiner Heimat. Er errtete selbst vor dem Gestndnis, das in diesen Worten lag; Auch Idalia's Wangen frbten sich hher, und erst nach einer Pause erwiderte sie mit leiser Stimme, indem sie sich voll Anmut zu ihm neigte: Ich werde keine andere mehr tragen, so lange es Dir Freude macht. Aber Ihr seid auf diesem Eilande, wie ich glaube, Alle mit einander verwandt oder verschwgert, denn ich habe noch keine andere Anrede gehrt, als das liebe Du. Nimmst Du mich nun als ein Mdchen Deiner Hallig an, warum denn mir allein das kalte Sie? Ueberraschung und Schauer des Entzckens verschlossen Godber den Mund. Eine Sekunde noch ruhte sein Auge fragend an ihrem Blick; doch der weiche Anhauch einer tiefern Empfindung lag zu deutlich in diesem freundlichen Lcheln, in dieser lieblichen Stimme. Er konnte nicht lnger zweifeln an der Erfllung seiner khnsten Hoffnungen. Als jetzt die langen, seidnen Wimpern sich niedersenkten, um gleichsam das Auge zu strafen, weil es zu viel verkndet, als die enger angezogenen Lippen die Furcht, mehr zu sagen, und zugleich die Erwartung, wie das Gesagte aufgenommen wrde, anzudeuten schienen, da ri es ihn allmchtig hin zu ihren Fen. Sie aber scheute die Nebenstehenden, und schnell besonnen, obwohl berrascht durch die leidenschaftliche Bewegung des jungen Mannes, ergriff sie seine Hand, und mit einer leichten Wendung von ihm fhrte sie ihn in seine Schranken zurck. Wer aber konnte es dem Liebetrunkenen wehren, in ihren Hndedruck, wie in den Blick, der diesen begleitete, ein antwortendes: Dein! hineinzulegen? Sie rief nun ihren Vater herbei und forderte ihn auf, an der Labung Teil zu nehmen, mit welcher Alicante den Strand einer Hallig bedacht. Wundern wir uns nicht, da Idalia die volle Gewiheit ihres Sieges ber das Herz des Jnglings, an dem sie schon auf dem Schiffe mit Wohlgefallen den Eindruck, welchen ihre Reize auf ihn machten, bemerkt hatte, so schnell und mit einem kaum jungfrulichen Entgegenkommen herbeifhrte. Es lag ganz in ihrem Charakter, an jenem Hangen und Bangen der ahnenden Liebe keinen Geschmack zu finden. Sie wollte, was sie wnschte, rasch entschieden sehen, ohne das ihr langweilige Schweben zwischen Frchten und Hoffen, und dazu drngte sie noch die wahrscheinliche Krze ihres Aufenthalts auf der Hallig, wodurch sie frchten mute, nach wenigen Tagen vielleicht auf immer von Godber getrennt zu werden, den sie, so weit ihr selbstisches Gemt lieben konnte, wirklich liebte! Auch war durch frhzeitige Romanlektre jenes zarte, scheue Wesen lngst abgestreift, das, gleichwie der weiche, duftige Schmelz auf dem Farbengewande der Blume, diese Farben mildert und dadurch verschnt, so den Empfindungen der Jungfrau jenen keuschen Sinn leiht, der mehr ist, als erlernter Anstand, der eben zu ihrem eigentmlichsten Sein gehrt und ihr den hchsten Reiz giebt, dessen Nachffung zur widerlichsten Ziererei wird. Dieses schne Erbteil, dieser nie wieder zu gewinnende Dufthauch der jungfrulichen Weiblichkeit geht wenigstens immer Euren Tchtern verloren, sorglose Eltern, die Ihr ihnen ohne Ausnahme fast Alles zu lesen verstattet, was die belletristische Literatur darbietet. Mit Euren Anstandsregeln, mit Euren Klugheitsvorschriften, mit Euren Ehrbegriffen knnt Ihr nur bertnchen, nicht jene Weihe der sich ihrer selbst unbewuten Unschuld wieder neu schaffen, welche das ganze Wesen und Thun wie mit einem Odem aus reineren himmlischen Gefilden beseelt und in welcher die Jungfrau an das Wort des Herrn von den Lilien erinnert: Ich sage Euch, da auch Salomon in aller seiner Herrlichkeit nicht bekleidet gewesen, als derselben eine. Mit dem Verlust dieser Mitgabe fr's Leben ist aber nicht allein jene Lieblichkeit verloren, die durch keine noch so blendende Schnheit, von keiner noch so glnzenden Bildung ersetzt werden kann; es ist auch damit zugleich jeder wsten Leidenschaft ein freier Eingang geffnet, wodurch so leicht ein Betragen hervorgerufen wird, das aller Eurer guten Lehren spottet und Euer graues Haar mit Schanden in die Grube bringt. Ihr pfleget Eure Blumen und bewahret sie sorgsam vor dem Nachthauch und dem scharfen Mittagsstrahl, und Eure Tchter setzet Ihr durch Romanlektre in eine Welt hinaus, in welcher die schwle Stickluft lsterner Begierden und der helle Brand wilder Leidenschaften fast allein das bewegende Triebrad sind, und welche um so gefhrlicher ist, weil sie durch ihre reizende Hlle gefllt und der Phantasie noch immer eine weitere Ausmalung brig lt. Die Religion, die allein noch wehren knnte, ist dabei zu einer Blumenknigin umgewandelt, die, mit heitern Krnzen geschmckt, dem frivolen Spiel freundlich zusieht und nur Liebe, Gte, Milde, Duldung und Nachsicht atmet. Das Auge der Jungfrau, wie auch des Weibes, sollte berhaupt weniger aufgetan sein fr den groen Markt der Leidenschaften in der Welt; sie sollten mehr in harmloser Unbekanntschaft mit dem Irren und Wirren der Menschheit ein ungetrbtes Gefhl fr alles Wahre, Gute und Schne sich in einem stillen, frommen Gemt bewahren, ohne erst, wie der Mann, sich in scharfem Unterscheiden und Zerlegen zu ben, und im besten Falle mit langsam verharrschenden Narben aus dem Kampfe zurckzukehren. Ihre ganze bescheidene Stellung in der Welt, ihre feinere Krperbildung und ihr ihnen angebornes, zarteres Gefhl, wodurch sie mehr der vor jeder leisen Berhrung erbebenden Sinnpflanze, als dem in Strmen aufwachsenden Baum mit harter Rinde zu gleichen bestimmt sind, weisen sie auf ein Stillleben hin. Dagegen fhrt, wenn nicht die Wirklichkeit, doch ihre jetzt gewhnliche Lektre sie in ein Gebiet, das ihnen besser verschlossen geblieben wre, und sie werden in Lagen versetzt, die, wenn sie auch nur ertrumt sind, dennoch eine glckliche Binde von ihren Augen nehmen, sie zur Unzufriedenheit mit ihrem Loose fhren, und eine Frucht der Erkenntnis geben, wie die der Eva nach dem Sndenfalle, wodurch ein Paradies verloren ging. Fern sei es, bei der Bildung des weiblichen Geschlechts nur an den Herd und die Wiege zu denken; aber gewi ist jede Bildung desselben, die den Herd und die Wiege unleidlich macht, eine verkehrte. Fern sei jene Oberflchlichkeit, welche nur die Versuche zu schimmern nhrt; aber doch mge ihr Geist mehr an den Resultaten der Wissenschaft reifen, als da er in die Tiefen aller Grnde und Beweise sich verliere. Fern sei jenes Weben und Schweben in bloen Gefhlen ohne Halt und Kraft; aber doch gehe das feinfhlende Herz dem berlegenden Verstande voran und merke das Falsche und Sndliche eher, als jener es durchschaut, habe den Willen schon dem Wahren, Guten und Schnen zugelenkt, whrend jener noch das Fr und Wider abzuwgen nicht fertig ist. Und ber dieser Bildung schwebe, sie mit ihrem milden Lichte durchdringend und verklrend, die Religion als die himmlische Jungfrau, um welche die Ahnung einen duftigen Rosenschleier webt, dessen geheimnisvoller Zauber nicht zur Enthllung entflammt, sondern nur eine heilige Sehnsucht und Liebe nhrt. Nur dem Manne mag, dem Weibe sollte nie die Religion als Theologie erscheinen, als jene strahlende Knigin, die ihres Thrones Stufen von den Trmmern des Aberglaubens, Unglaubens und der Zweifelsucht erbaut. V. So gterreich, Und doch so arm; So knstlich hei, Und doch nicht warm; So berfein, Und doch so roh; Genu und Spiel, Und nimmer froh; Nur Glanz und Pracht, Kein Morgenrot: Fehlt da zum Schlu Denn noch der Tod? Zu den am Strande Versammelten hatte sich nun auch der Pastor Hold eingefunden, welcher Godber, den er, obwol erst seit einigen Jahren auf der Hallig angestellt, doch schon aus Maria's Erzhlungen kannte, freundlich begrte. Da das Haus, welches die Fremden zuerst aufgenommen, nicht gerumig genug war, sie auch ferner zu beherbergen, erboten sich Hold und Andere der Gemeinde zur gastfreundlichen Aufnahme, wobei aber, aus demselben Mangel an Raum, eine Trennung vorausgesetzt werden mute. Als nun Godber mit dem Vorschlage hervortrat, seine vterliche Wohnung, die ja ganz unbesetzt sei, mit den notwendigsten Mbeln und Gerten fr Alle einzurichten, wie denn auch sein leerer Schafstall den besten Raum fr die zu bergende Ladung darbte und die Anwesenden auf das Bereitwilligste ihren Beitrag zu dieser Einrichtung versprachen, entschied sich Idalia sogleich fr die Annahme. Sie sprach unter frhlichem Hndeklatschen laut ihren Jubel darber aus, dort als regierende Hausfrau zu schalten, und malte ihre Phantasie jenes husliche Walten ihr zu dem lieblichsten idyllischen Bilde aus. Mander fand es aber passend, eine ltere und erfahrenere Martha um ihre Mithlfe zu bitten. So zogen denn Mander und Oswald, Godber und Idalia, nebst einer bejahrten und verstndigen Frau von der Hallig, in Godbers Wohnung ein und die Andern verfgten sich nach ihren verschiedenen Husern, um dort das Notwendigste fr die ersten Bedrfnisse der fremden Familie auszuwhlen. Fr diesen Tag war Idalia vollauf beschftigt, um, so weit es die Umstnde erlaubten und die empfangenen Sachen es zulieen, Alles auf das Zierlichste und Freundlichste einzurichten. Wol zehnmal mute hier ein Stuhl anders angesetzt, dort ein Tisch anderswohin gerckt werden, und es gehrte der ganze geduldige Gehorsam einer Halligbewohnerin dazu, um ihrer Gefhrtin bei diesen derselben ganz zwecklos scheinenden Vernderungen nicht den bernommenen Dienst zu verleiden. Godber lchelte innig vergngt ber diese Geschftigkeit, und putzte nach Idalia's einander drngenden Anordnungen an der Reinigung und Ausschmckung der Stuben mit, als gelte es, die Kajte des Kapitns fr den Empfang vornehmer Gste zu bereiten. Mander selbst freute sich ber dieses frher nie bemerkte Wolgefallen seiner Tochter an solchem Treiben. Nur Oswald bemerkte spottend, wie gut es sei, da der Mittagstisch heute vom Pastorate aus bestellt wrde, und verglich seine Schwester mit dem Vetter Fritz, der, als man ihm bei einem Diesput vorwarf: Sie werden ja immer confuser! rasch antwortete: Nein, ich ordne nur meine Gedanken! Es mchte hier Zeit sein, einen nhern Blick auf des jungen Mander's Charakter zu werfen. Zeigte er sich bisher nur als einen jener faden und rmlichen Menschen, auf die allein die sinnliche Seite des Lebens Einflu hat, und die der Erhebung ber die Welt des Genusses nicht fhig sind, so hat er sich damit nicht so ganz dargestellt, da unser Urteil ber ihn nun als ausgemachte Wahrheit feststnde. Vielmehr, obwol beinahe zwei Jahre jnger als seine dreiundzwanzigjhrige Schwester, war doch auch sein Benehmen nicht mehr der offene Spiegel seines Herzens, sondern wie sie Berechnung und Gefhl also verschmolz, da auch der erfahrenste Menschenkenner oft schwer htte unterscheiden knnen, wodurch ihr Betragen bestimmt und geleitet wurde, gleichwie ihr selbst jene Unterscheidung nicht leicht mglich gewesen wre, so vereinte sich bei ihm ein Herz, fhig der wrmsten Empfindung fr alles wahrhaft Groe und Schne, mit der fast ausschlielichen Richtung seines Lebens auf das sinnliche Gefallen und krperliche Behagen. Es war nicht etwa eine blose Maske, die er vornahm, wenn er sich so aussprach und so handelte, als ob er nichts Hheres kenne ber des Leibes Wolsein und der Sinne Ergtzung hinaus; nein, er gehrte zu dem Schwarm junger Grostdter, die es Lebensphilosophie nennen, alle ernster anschlagenden Saiten des Herzens in den frivolen Ton einer Brust umzustimmen, in welcher nur Gedanken an Theater, Schmausereien, Trinkgelage, Blle und Liebschaften Raum haben. Er war noch zu jung, als da jene Philosophie, die Ausgeburt eines gefallenen Geistes, der das Gemlde seiner Erniedrigung bertnchen und die Stimme des Gewissens bertuben wollte, dadurch, da er fr seine Tierheit den Namen System mibrauchte, in ihm so feste Wurzel gefat haben sollte, um alle Keime des wahren Lebens zu berwuchern und zu ersticken. Er war aber doch ein zu gelehriger Jnger zu den Fen dieser Seelenverkuferin gewesen, um sich nicht selbst zu berreden, da er ganz das sei, wofr er sich gab, um wenigstens nicht vor Andern das Ansehen behaupten zu knnen, ein Meister in der Kunst der Erbrmlichkeit zu sein. Natrlich muten Stunden im Leben, wie die auf der strmenden See, ihm seine Ble zeigen; aber eben darum bemhte er sich nur desto mehr, sie aus seinem Gedchtnis zu tilgen und den Eindruck, den in solchen Momenten die traurige Gestalt seiner sogenannten Weltansicht auf ihn und Andere gemacht haben knnte, durch eine schnelle Rckkehr in das alte Geleis zu verwischen, so sehr auch die mahnende Stimme des gewaltsam erweckten besseren Sinnes gegen ein solches Benehmen sprach. Daher war auch sein Lachen und Scherzen gleich nach der Errettung aus dem drohendsten Untergang mehr eine widernatrliche Anspannung seiner Krfte gegen sich selbst, als, wie er sich und Andere berreden mochte, ein Zeugnis seines leichten Sinnes. Es gehrt die Stimme eines Propheten dazu, um die Nachtwandler zu wecken, die auf dem Pfade fortgehen, den Oswald betreten, diese Damen und Herren, denen im Besitz und Genu aller Gter des Lebens nur Eines fehlt, das Leben selber. Aber nirgends deutlicher als an ihnen zeigt sich die Wahrheit des Wortes Christi: wer nicht glaubet, ist schon gerichtet! Die ganze fade Armseligkeit ihres Daseins mitten in der Flle ist ihr Gericht. Gleich einer Verwnschung wirkt schon die Zeichnung eines ihrer himmlischen Tage auf das Gemt. Diese stundenlange Toilette mit allen ihren jmmerlichen Knsten und dabei das Entzcken ber eine wolgelungene Schleife, ber die Zier eines neumodischen Kleides, dieser letzte triumphierende Blick in den Spiegel, dieser Wonnegedanke, so Bewunderung zu ernten. Nur ein paar Besuche gegeben oder angenommen, Gesprche in nichtsmeinenden und nichtssagenden Formeln sich bewegend, oder an der ersten Melone, an der neuesten Oper, an dem letzten Ball mit einer Zhigkeit haftend, als ob man sich es bewut wre, da darber hinaus aller Gedankenvorrat erschpft sei. Glcklich, wenn eine Stadtneuigkeit, ein eben herausgekommener Roman, oder ein Krnchen Medisance, das schnell auf fruchtbarem Boden fortwuchert, von der Verstandesmarter, unterhaltend zu sein, erlsen und das Lob eines interessanten Gesprchs auf die Sprecher zurckspiegeln. Nun die Tafel mit ihren Leckerbissen und feinen Weinen. Eine gute Gelegenheit, von zarter Constitution, Krieg und Frieden, Hungersnot und Cholera, Volksaufstnden und Militrparaden in demselben Gemenge zu reden, in welchem die Kunst des Koches vorliegt. Dann das Concert, wo die schmelzendsten Tne den Weg nicht zum Herzen, sondern nur zu der zahlenden und klatschenden Hand suchen, oder das Theater, wo Thekla auf die Geisterstimme des Souffleurs lauscht und der ermordete Wallenstein auf die Danksagung gegen das hervorrufende Publikum denkt, whrend dieses allvergessend von Loge zu Loge kokettirt. Oder der Ball, der, den Staub einer schwindschtigen Gallopade aufwirbelnd, noch das letzte Fnkchen Leidenschaft in der hohlen Brust anfacht, um das knstlich erregte Blut mit dem knstlichen Eise wieder zu dmpfen. Und dieses Leben, dessen schmutzige Orgien, so wol sie sich mit der feinen Gltte und Zierlichkeit jener Menschen vertragen, wir nicht aufdecken wollen, sollte nicht mitleidenswert sein? Sollte nicht in seiner Flachheit und Fadheit eine Jammergestalt darstellen, gegen die der frechste und roheste Uebertreter aller gttlichen und menschlichen Gesetze noch ein Mensch ist? Er ist doch noch ein Wesen, das Etwas ist, und darum kann er auch noch inne werden den Richter der Lebendigen und der Toten und umkehren von seinem Wege. Auf jener Flachheit gefriert aber der Thau vom Himmel wie auf dem Spiegel des Eises. In jener Fadheit wird jedes Mannakorn aus den Wolken zu geschmackloser Spreu. Wo eine Kraft wirken soll, da mu auch eine Kraft sein, auf die sie wirken kann, sonst geht ihre Wirkung in leere Winde. Wie soll man aber jene mit Dunst erfllten Totengerippe fassen? Sie thun den Mund auf und nennen ihre Dunstblasen feine Bildung; sie gehen ihren Weg hin und atmen sich ihre Leichengerche zu als Nahrung fr Geist und Herz. Tritt ihnen das Leben entgegen, so wenden sie sich verchtlich ab, als htten sie Moder und Verwesung gesehen. Ihre Armseligkeit ist ihnen Reichtum, ihre Erniedrigung Hoheit, ihr Unsinn Weisheit, ihre Verdammnis Seligkeit. So sind sie, wenn auch fr den nur obenhin Schauenden mit lieblicher Schale doch durch und durch eine faule Frucht, die, abgefallen vom Baume des Lebens, im Staube liegt, und sich freuet dieses Staubes, ohne Sehnsucht wieder hinauf zu der grnen, frischen Krone. Hold mochte, als er spter den jungen Mander nher kennen lernte und sich die eigenen in grostdtischen Kreisen gemachten Erfahrungen vergegenwrtigte, manches dem hier Ausgesprochenen Aehnliche gedacht haben. Denn wir finden in einer Handschrift von ihm, der er den etwas auffallenden Titel: Gesichte gegeben hat, und woraus wir vielleicht noch einige Mitteilungen vorlegen werden, aus jener Zeit unter Anderem auch folgendes Gesicht: Ich sah ein kleines Mdchen mit allen Zgen des Hungers auf den bleichen eingefallenen Wangen und mit der Ble der tiefsten Armut angetan, am Wege sitzen. Ihr Alter mochte zehn bis zwlf Jahre sein, aber ihr Krper war klein und schlaff, wie das krnkelnde Gewchs eines Treibhauses. -- Und ein Weib, reinlich aber rmlich gekleidet, am Busen einen lchelnden Sugling und an der Hand einen hpfenden Knaben. Ein Korb hing an ihrem Arm. Ihr eilender Schritt stockte an der Seite des Mdchens am Wege; sie lie die Hand des Knaben fahren und blickte auf ihren Korb. Aber sie ging vorber und schritt ber einen Steg auf das Feld zu einem arbeitenden Manne. Der wischte sich mit dem nervigen Arm den Schwei von der Stirne und nahm das schwarze Brod aus dem Korbe, whrend der Knabe fr ihn die Flasche aus der nahen Quelle fllte. Da sah das Mdchen am Wege hinber nach dem Brote, und der Mann brach es in zwei Hlften und trat hin und gab der Hungrigen die eine Hlfte. Sie dankte ihm mit der Begierde, mit welcher sie die Gabe an ihren Mund brachte. Da glitt der Blick des Mannes noch einmal ber die ganze Gestalt hin und er legte nun auch die andere Hlfte des Brotes in ihren Schoo. Das Mdchen verga ihren Hunger und blickte ihm staunend nach, wie er ber den Graben zurckschritt. Sein Weib aber strich mit der Hand ber die Augen, als weinte sie, und wischte dann mit ihrer Schrze sorgsam den Schwei von seiner Stirne, und es schien mir auch, da sie ihn kte. Da setzte er sich mit ihr nieder in den Schatten eines Dornbusches, und neben ihnen stand der leere Korb. Sie aber spielten mit dem lchelnden Sugling. Eine Karosse fuhr unterdessen vorber auf dem Wege, und die darinnen wandten ihre Augen weg von den Menschen zur Rechten, und ich hrte nur noch den Theaterbericht des Herrn, der zur Linken ritt: Ach! das dumme Stck: die Waise. Da dachte ich: sie sind schon gerichtet! Weiter ging ich und sah nur noch, wie der Mann im Felde freundlich nickte, als ich dem armen Mdchen, schamrot ber die geringe Gabe, zwei Silberstcke gab. Wie viel mehr hatte er gegeben! -- Immer schner entfaltete sich die Gegend vor meinem Blicke. Wie ein Garten Gottes lag sie da, gekleidet in Seiner Schne, erfllt mit dem Reichtum Seiner Herrlichkeit, trufelnd von dem Segen Seiner Gte und duftend in dem Odem Seiner Allgegenwart. Dort der Saum schtzender Gebirge, deren freie Gipfel aus der Tannenwaldung sich erhoben, hier das weiche Grn kruterreicher Weiden, auf denen die gesttigte Kuh ihre breiten Glieder in den Klee streckte, whrend das mutige Ro im geflgelten Lauf seine Krfte bte. Tiefer hinab der schlngelnde Strom, dem fremden Segler nach den Gefahren des Oceans eine willkommene Strae und dem Fischer am Ufer eine Quelle gengsamen Reichtums. Weiter ging ich, doch nur bis zu der breitstigen, dichtbelaubten Eiche am grnen Hgel. Da drang es, wie eine Stimme aus der Hhe berwltigend in mein Herz: Sehet und schmecket, wie freundlich der Herr ist! Mein Fu hatte in diesem Tempel Gottes den Altar gefunden, an welchem Keiner vorbergehen kann, ohne ein Opfer der Bewunderung und des Dankes gegen Den, dessen Werke so gro und so viel, der sie alle weislich geordnet und die Erde erfllet mit Seinen Gtern! Und es dauerte lange, ehe ich, froh und verklrt, wie Einer, dessen Glaube zum Schauen geworden ist, dem Hause am Fue des Hgels mich nahte. Mit seinen roten Ziegeln ragte es weit ber die schattenlose Anpflanzung auslndischer Strucher hervor, und in seiner Gre verdeckte es fast ganz das dahinterliegende Dorf. Die Inschrift: Zum lndlichen Vergngen, prangte in goldenen Buchstaben ber der Thr. Auf dem Vorhofe hielten mehrere Karossen, und reichbordirte Livreebediente zechten und lrmten auf der nahen Kegelbahn. Die Gste drinnen aber vergngten sich mit lautem Gerusch am Billard, und als ich ein stilles Nebenzimmer suchte, trafen mich die finstern Blicke gestrter Kartenspieler. Vor ihrem unfreundlichen Murren flchtete ich in eine andere Stube. Hier aber saen viele Herren und Damen und bltterten in Journalen und Modezeitungen, bis die Abbildung eines Pariser Maskenanzuges alle Blicke auf sich zog, und allerlei sehnschtige Ausrufungen und witzige Bemerkungen hervorriefen. Doch strten diese die eine junge Dame nicht, die selbstgefllig eine Arie aus Fra Diavolo am Fortepiano mit heller Stimme sang. Wie sie aber aufstand, drngte sich Alles an sie heran, ihrem entzckenden Gesange und kunstreichen Spiele zu huldigen. Da kam mir der Garten Gottes rings um dies lndliche Vergngen her in den Sinn, und ich dachte: sie sind schon gerichtet! Pltzlich rief eine Stimme aus dem Fenster: Singe Du uns auch einmal etwas vor! und als Alle nun sich dahin wandten, blickte auch ich mit auf die Strae. Da stand das Mdchen vom Wege. Sie hatte auf den Gesang gehorcht und wollte sich eben scheu wegschleichen, erschreckt ber die Aufmerksamkeit, die sie erregte. Doch der eine Herr zeigte ihr eine Silbermnze und befahl ihr zu bleiben und zu singen; whrend der Reiter, den ich vom Wege her wieder unter den Gsten erkannte, mit finsteren Augenbrauen und drohender Stimme ihr zurief: Pack' Dich, Dirne! Nein, sie soll singen! forderten die Uebrigen. Der Reiter aber warf einen Thaler vor sie hin auf die Strae und schrie noch einmal: Weg mit Dir! Da riefen die Andern einen Diener, der ihr den Weg versperren mute, und wollten sich den kstlichen Spa nicht nehmen lassen, den Knittelvers irgend eines Gassenliedes von den Lippen der zagenden Unschuld zu hren. Ich kann nicht singen, stammelte ngstlich die Kleine. So sag' uns ein Lied her, das Du weit! Eher darfst Du keinen Finger nach dem Thaler ausstrecken. Das Mdchen blickte nach dem Gelde, das zu ihren Fen lag, dann nach dem Reiter, der sich aber mrrisch vom Fenster weggezogen hatte, und begann endlich mit zitternder Stimme: Wer nur den lieben Gott lt walten Und glaubensvoll -- -- Aber bei dem schallenden Gelchter, das diese Worte hervorriefen, schreckte das arme Mdchen zusammen; in ihre Wangen scho die volle Glut der Scham auf, und wie ein gejagtes Reh floh sie ber die Strae hinweg. Den Thaler nahm der Diener zu sich und eilte der Schenkstube wieder zu. Die aber drinnen flehten nach diesem Intermezzo bei der Kunstbegabten um eine Arie aus: Robert der Teufel. Da dachte ich: sie sind schon gerichtet! Zu eng ward mir es in diesem Hause; und ich wandte meine Schritte auf die Strae durch's Dorf entlang. In der Nhe einer der letzten Htten gellten die scheltenden Worte: Du Bastard, komm mir nicht wieder unter die Augen! und eine alte, erboste Burin stie die Kleine vom Wege aus ihrer Thr. Die aber setzte sich auf einen Stein und weinte bitterlich. Ich trat hinzu und suchte sie zu trsten, und fragte dann, ob sie von ihren Eltern das Lied gelernt, das sie vorhin hatte aufsagen wollen. Von meinen Eltern? und dabei blickte sie mich verwundert an; die Mutter schilt nur immer mit mir. Dem blinden Nachbar habe ich es an der Thr abgehorcht, der singt es alle Abend. -- So versprich mir, jeden Tag einen Vers aus diesem Liede fr dich herzusagen, bis Du gro bist. Sie gab dieses Versprechen gern und weinte nicht mehr. Hier ist auch der Thaler, fuhr ich fort, als Lohn fr dein Aufsagen am Fenster. Die Kleine griff hastig nach dem Gelde. Dank, Dank! rief sie, nun kann ich der Mutter eine Decke kaufen. Da erfuhr ich, ihre Mutter sei schwer erkrankt und sie ausgesandt, die Gromutter im Dorfe um eine warme. Decke zu bitten. Nun kann ich eine Decke _kaufen_! mit diesen Worten blickte sie halb trotzig nach der Htte ihrer Gromutter auf, die sie eben ausgestoen. Da sah sie die Alte am Fenster und eilte freudig allen Zwist vergessend auf sie zu, in der hochgeschwungenen Hand ihr den Thaler entgegen haltend. Und diese Freude, wem galt sie? Der Mutter, die immer nur schalt! -- Hr', Kleine! rief ich ihr nach. Und ich fragte: Hast Du nie Deinen Vater gekannt? Das Mdchen blickte schchtern um sich her, als drohe ihr eine Gefahr; dann neigte sie sich nher zu mir hin und flsterte leise: Vater ist reich und vornehm, aber ich darf ihn nicht Vater nennen; und noch leiser und mit einer Hastigkeit, als frchte sie sich vor ihren eigenen Worten, fgte sie hinzu: Der war's, der mir den Thaler zuwarf. Da dachte ich: sie sind schon gerichtet! VI. Der Geist mag sich im Werk verknden, Das schpferisch er Dir enthllt, Die Macht kann sich ein Zeugnis grnden, Das mit Bewundrung Dich erfllt. Willst Du nach einem Herzen fragen, Dem Deine Thrne nicht zu klein: Da mu das Herz an Deinem schlagen, Mu mit Dir dulden, mit Dir tragen, Da mu Dein Gott Dir Christus sein. Am Nachmittag nach eingetretener Ebbe begannen die Versuche zur Bergung der Gter aus dem Schiffe, wobei Mander und Oswald mit beschftigt waren, Godber aber nicht, indem Idalia rund heraus erklrte, da sie seine Hlfe nicht entbehren knne, wenn die Herren eine ruhige Nacht wnschten. Hold war zu Maria's Wohnung gegangen, um ihr seinen Glckwunsch zu der Wiederkehr ihres Verlobten zu bringen. Wie ganz anders traf er es da, als er erwartet hatte. Maria in Thrnen schwimmend, ihre Mutter ngstlich um sie her trippelnd, und bald schmeichelnd trstend, bald eifrig darein redend von Unverstand und Wunderlichkeit. Gott Lob! rief diese, als sie Hold erblickte, Gott Lob! Herr Pastor, da Sie kommen! Ich wei nichts mehr mit dem Mdchen anzufangen. Da kommt sie diesen Morgen, deckenhoch springend, vor mein Bett gejubelt: Godber ist da! da ich alte Frau noch den Schreck in allen Gliedern fhle, und nun sitzt sie, seit ich vom Strande zurckgekommen bin, bis jetzt laut weinend und schluchzend auf diesem Flecke, weil sie sich einbildet, die fremde Stadtdame, die wunderlich genug aussieht in unserer Tracht, habe mit ihren langen Locken ihm den Kopf verrckt. Als ob so ein schiffbrchiges Milchgesicht das hbscheste und fleiigste Mdchen in der ganzen Hallig so mir nichts dir nichts bei ihrem Verlobten ausstechen knnte. Und nun erzhlte sie, immer dazwischen wieder sich zu der jammernden Maria wendend, Alles was sie von der Armen nach und nach, obwohl ohne rechten Zusammenhang, erforscht hatte, und das freilich in ihrem Munde und mit den mildernden Deutungen, die sie dem Benehmen Godber's unterlegte, nicht geeignet war, den Pastor von der Untreue desselben zu berzeugen. Doch war er auch zu sehr davon berrascht und ergriffen, ein Herz trostbedrftig zu finden, dessen Jubel er zu einem freudigen Dankgebet hatte leiten wollen, als da er nicht mit mehr Ernst, denn sonst wohl, in Maria's Vorstellungen eingegangen wre. Er glaubte zugleich zu ihrer Beruhigung besser wirken zu knnen, wenn er ihrem aufgeregten Gefhle keinen Widerspruch entgegensetzte, und sagte daher: Wir wollen einmal annehmen, liebe Maria, da Deine Liebe zu Godber nicht _mehr_ in seinem Betragen erblickte, als darin lag, da die natrliche Teilnahme, die er fr die durch ihn Gerettete haben mu, weiter geht, als Du wnschen kannst, wird er nicht, wenn der erste lebhafte Eindruck vorber ist, zu der Treue zurckkehren, die er Dir gelobte? Wird er nicht bald sein Herz wiederfinden, das, wie Du aus seinen Briefen weit, neun Jahre in der Ferne nur allein fr Dich schlug, obwohl ihm gewi schon manche reizendere Gestalt als diese Fremde entgegentrat? Maria schttelte schweigend den Kopf. Wenn auch, fuhr Hold fort, in diesem Augenblick die Zuneigung der jungen Stadtdame fr Godber vielleicht ber die Grenzen der Freundschaft und Dankbarkeit hinausgeht, ist damit schon eine ernsthafte Liebe gewi? Willst Du von ihr verlangen, da sie, aus der drohendsten Todesgefahr durch ihn gerettet, sogleich ihre Gefhle auf das Ma beschrnke, das sie in der Zukunft bewahren mssen und werden? Diese lockende Sprache und dies verfhrerische Benehmen, wodurch sie Dir jetzt so viel Weh bereitet, werden sich frh genug zu einem freundlichen Dank, zu einer besonnenen Bercksichtigung der Verhltnisse zurecht finden, und Godber wird, vorausgesetzt, da Du sein Betragen an diesem Morgen recht beurteilst, gar bald sich als das thrichte Gngelkind einer flchtigen Aufregung erkennen. Maria antwortete noch immer nicht. Aber was reden wir weiter davon, schlo des Trstenden Zuspruch; ist denn Dein Glaube an Godber's Liebe nicht fester, als da ein Augenblick ihn erschttern kann? Ist Euer Bund nicht geschlossen unter dem Aufschauen auf Den, der die Herzen der Menschen lenket wie Wasserbche? Und sollte der Gott, der ihn nach neun Jahren aus jeglicher Gefahr zu Dir heimgefhrt, nun nicht auch ferner wachen, frdern und helfen zu einem glcklichen Ende? Gieb Deine Zukunft hin in des Herrn Hand; Er wird's wohl machen nach Seinem weisen und gtigen Rat und Willen! Befiehl Ihm Deine Wege. Er lie noch Keinen ohne Trost und Hoffen, der ihm vertraute. Amen! sagte die Mutter, die ihre Hnde andchtig gefaltet hatte; aber Maria konnte nicht Amen sagen, und schluchzte nur noch lauter, bis sie in die Worte ausbrach: Er hat mein Gebet verworfen und mein Vertrauen nicht angesehen! Kind, frevle nicht! rief die Mutter ngstlich, und: Gott behalt' ihr die Snde nicht! flehte sie mit emporgehobenen Hnden, indem die Thrnen ihr von den gefurchten Wangen perlten. Hold sah zu seinem Erstaunen, zu welcher Leidenschaftlichkeit pltzlich Maria's Liebe gestiegen sei, die whrend der langen Trennung und bei Godber's gefahrvollem Leben auf der See so ruhig geblieben war. -- Fliet denn nicht auch der kleine Bach der Flur, wie unter des Himmels Strmen, so im Sonnenschein, gleich ruhig dahin? Von einem rauhen Stein, in seine Bahn geworfen, aber schumt er heftig auf. -- Es konnte hier nicht mehr die Rede davon sein, ob ihre Ansicht falsch oder wahr sei; sondern eine rasche und starke Hlfe that ihrer Seele not. Er fate daher Maria's herabgesunkene Rechte und sprach in einem ernsten und ruhigen, aber eindringlichen Tone: Wehe den Herzen, die an Gott verzagen, und den Hnden, die nicht festhalten! Wir aber schauen auf Jesum Christ, den Anfnger und Vollender des Glaubens. Er kam, den Frieden zu bringen auf Erden. Er hatte nicht, wo er Sein Haupt hinlegte. Er wurde von Seinen Feinden geschmht, von Seinen Freunden verraten. Er weinte blutige Thrnen auf Gethsemane, trug die wundenvolle Dornenkrone und war gehorsam bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuze. Er hat's vollbracht! Zu Ihm kommen die Mhseligen und Beladenen und empfangen den Frieden, Seinen Frieden. Was wollen wir weinen und klagen in unserm Leid beim Gedchtnis Seiner Leiden fr uns? Was wollen wir weinen und klagen um unser kurzes, vergngliches, irdisches Teil? Haben wir denn nicht mehr empfangen, als die Welt uns nehmen kann? Haben wir nicht Teil an Seinen Segnungen und in diesen den Reichtum der Gottseligkeit, die zu allen Dingen ntze ist und die Verheiung hat _dieses_ und des zuknftigen Lebens? Ich aber hebe meine Augen hinweg von der Welt auf zu der Hhe und frage: was ist der Mensch, o Gott, da er mehr erbitte, als Deinen Willen, mehr begehre, als Deine Liebe, die sichtbarlich geworden ist auf Erden, und, selbst mit dem bittersten Leid getrnkt, freundlich naht dem Herzen voll Gram und spricht: Sieh mich an und weine nicht! Der Himmel ist Dir offen! Die aber der Welt Unruhe und Kmmernis scheidet von Christo und Seiner Liebe, die kreuzigen Ihn auf's Neue und verderben sich selber. Darum gieb Ihm Dein Herz und bewahre Ihm Deine Treue; und die Stunde in die Du gekommen bist, wird Dich nicht berwinden, sondern durch den Schmerz der irdischen Liebe Deine Liebe zu dem Heiland nur gelutert, erhoben und verklret werden. Die mit Thrnen sen, werden in Freuden ernten! Und nun Maria's Hand in seiner gefalteten erhebend, whrend sie lautlos in die Knie sank, rief er: Herr Gott! Vater alles Dessen, was Kind heit im Himmel und auf Erden, hier ist Deine Magd. Dein Wille geschehe! Amen. Maria betete die letzten Worte leise und mit bebender Stimme nach. Ihre Thrnen flossen linder, ihr Blut wallte ruhiger. Da stand sie auf, und das Auge, in welchem noch die letzte Zhre schwamm, nach Oben richtend, die Hnde ber die Brust faltend, hochatmend wie von einem langen Druck befreit, sprach sie noch einmal lauter und mit festerem Tone: Hier ist Deine Magd! Dein Wille geschehe! Nun gab sie voll Zuversicht ihrer Mutter das Versprechen, Alles mit Geduld und Stille in des Herrn Hand zu stellen und nur fr sie zu leben, und ihr nur Freude zu machen in den Tagen ihres Alters. Als Hold sich entfernte, dankten ihm weder Maria noch die Mutter fr seine Trstung anders als mit einem Blick voll Herzlichkeit. Sie waren es ja gewohnt, die Prediger auf den Halligen immer als Teilnehmer solcher Stunden zu sehen und den Segen des geistlichen Amtes an sich zu erfahren. Die Mutter, unter einem Vorwande Maria von der Begleitung zurckhaltend, bat noch den Pastor unter der Thr, doch bei Gelegenheit ein ernstes Wrtchen mit Godber zu reden, was er schon ohnedies sich vorgenommen. Auf dem Heimwege dachte Hold darber nach, warum die Hinweisung auf Christum augenscheinlich so mchtig auf die Bekmmerte gewirkt. Er glaubte diesen beruhigenden Einflu nicht allein daraus ableiten zu mssen, da das Gedchtnis des Herrn in ein hheres Reich einfhre, in welchem die weltlichen Freuden und Leiden nur als Schatten und Trume erscheinen, sondern auch darin finden zu drfen, da der Friedefrst und Ueberwinder der Welt uns nicht ohne Sein Kreuz und Seine Dornenkrone erscheint. Der Mensch will schauen, nicht etwa allein der, welcher den Glauben als eine Entwrdigung der Vernunft verwirft, sondern auch der, welcher ein kindlich gehorsames Herz sich bewahrte fr das Wort des ewigen Vaters. Bei diesem ist dies Verlangen das allgemeine Bedrfnis der schwachen Natur des Staubes, die auch da, und vielleicht da am dringendsten, eine Ansprache an die Sinne fordert, wo es darauf ankommt, sich aus deren Bereich zu erheben, wie der Adler, der zur Sonne aufstrebt, in der niedern Luftschicht seinen Flgeln allein die Schwungkraft geben kann, mit der sie ihn in ruhiger Schwebung emportragen. Ein Glaube, der nicht von dem: Wer mich siehet, der siehet den Vater ausgehet, wird der Vermittelung ermangeln, wodurch zu dem ewigen, einigen Geist ein Geist sich aufringt, fr den das Leibliche nicht blos Behausung ist, sondern zu dessen eigentmlichem Wesen und Sein es gehrt, so da er, wenn auch diese Erdenhlle bricht, doch wieder in einen, wenn auch verklrten Leib gekleidet wird. Mag auch das allgemeine Gefhl der Andacht den Menschen hinauftragen zu den himmlischen Hhen, und, den blden Sinn berwltigend, ihn an das Vaterherz Gottes legen mit solcher Innigkeit und Zuversicht, als ob der Glaube zum Schauen geworden wre, so verliert er sich doch auch wieder leicht in den Tiefen der Gottheit, ohne eine feste Ruhesttte gefunden zu haben, und die Frucht seiner Andacht geht ihm verloren in einem unbestimmten Verschwimmen seiner Gedanken und Gefhle. Besonders aber wird es ihm schwer, in Leiden einen dauernden gewissen Trost von dort her zu nehmen, wo kein Leid ist, wo er fr die schmerzlichen Gefhle, die ihn bewegen, keinen Anknpfungspunkt findet und daher oft so vergeblich ringt, das eine Ende seiner Gedanken, womit er an den Schmerz gebunden ist, fahren zu lassen und das andere Ende zu ergreifen, woran er auf der Himmelsleiter sich emporschwingen soll. In Christo sind diese Enden verknpft. In Ihm sieht der Leidende den friedvollen Himmel und die schmerzensreiche Erde vereint. Er sieht seiner eigenen Herzenswunden blutige Gestalt und zugleich mit demselben Blick den Sieg, der die Welt berwindet, den Frieden, der vom Himmel stammt und zum Himmel fhrt. So ist ihm an Christi Hand die Bahn zum Vater geebnet. Sie ist kein pltzlicher Aufschwung mehr ber den Abgrund seines Kummers hinweg, sondern ein allmliger Uebergang aus den Dornen in der Tiefe zu den Friedenspalmen auf der Hhe. Er trgt, indem er mit dem leidenden Heilande aufsteigt, gleichsam seine eignen Leiden mit hinauf und fhlt darum die heilende Hand nher und gewisser. Auch in diesem Sinne ist es wahr: Niemand kommt zum Vater, denn durch den Sohn! Heiland, Deine bangen Schmerzen Auf der dornenvollen Bahn Lassen jedem wunden Herzen, Ein vertrauter Freund, Dich nahn! Heiland, Deine Siegesfreuden In der Schmach und in der Pein, Leuchten auf den Quell der Leiden Mit des Himmels Wiederschein. Tau aus ew'gem Lichtgebiete, Zhren, wie die Erde weint: Perlen, ihr an einer Blte, Trank in einem Kelch vereint; Abgrund, den die Nacht geboren, Kreuz, voll Marter und voll Hohn: Zur Verherrlichung erkoren, Lebenswiege, Friedensthron! Ja, die Scheidung ist gefallen, Und verklrt der Erde Leid. Aufwrts darf der Seufzer wallen, Gilt er auch dem Traum der Zeit. Fand mein Schicksal andre Gleise? Welche Wandlung ist gescheh'n? Sieh', der Freund entfhrte leise Hin mich, wo die Palmen weh'n. VII. Wie sich Licht und Schatten wende Wechselnd in der Vlker Loos, Knechtschaft zieht die Freiheit gro, Unrecht schlgt die eignen Hnde. Als Hold in seine Wohnung zurckkehrte, fand er Mander und Oswald dort vor. Sie waren gekommen, teils um zu danken fr die bewiesene Frsorge, teils um zu sehen, ob fr ihren Aufenthalt auf der Hallig die Annehmlichkeit eines gebildeten Umgangs wenigstens in einer Familie ihnen nicht ganz fehlen wrde. Ihre Erwartungen waren freilich geringe, und das Aeuere und Innere einer Wohnung, gegen welche das Haus des Grtners auf ihrem lndlichen Ruhesitze bei Hamburg ein Palast war, diente nicht dazu, ihre Erwartungen hher zu spannen. Einfachheit und Beschrnktheit schienen hier die gengsamen Schaffnerinnen gewesen zu sein. Reinlichkeit mute den Glanz, Nettigkeit die Schnheit, gefllige Anordnung die Flle ersetzen; und der Anzug der Pastorin wie ihrer Kleinen trug die Spuren der wirtschaftlichen Nadel, die den abgetragenen Stoff so lange als mglich benutzen lehrt und ihm immer neue, wenn auch kleidsame, doch wenig modische Formen verleiht. Uebrigens blhten Mutter und Tochter in der Flle der Gesundheit: und der Eindruck, den das herzliche Willkommen der Pastorin auf die Fremden machte, wurde nicht allein durch die angenehmen Zge ihres Gesichtes und ihre gefllige Gestalt, sondern auch durch ihr ungezwungenes, einen frhereren Umgang in hheren Kreisen verratendes Wesen erhht. Oswald ward dadurch ganz irre gemacht, da er nicht wenig darauf gerechnet hatte, durch gewandte Verdeckung der gewi erwarteten Verste und durch freundliche Herablassung zu den beschrnkten Vorstellungen und trivialen Lieblingsgesprchen einer Familie, deren Gesichtskreis, wie er voraussetzte, sehr eng sei, hier groes Lob zu ernten, nun aber bald merkte, da es fr ihn nur darauf ankomme, mit gleicher Leichtigkeit den rechten Umgangston fr eine unter solchen eigentmlichen Umstnden gemachte Bekanntschaft zu treffen. Auch Mander, der feingebildete Weltmann, der ein solches Benehmen zu beurteilen und zu schtzen wute, fand sich davon nicht wenig berrascht bei der ebenfalls von ihm vorgefaten Aussicht, auf unbeholfene Verlegenheit oder berlstige Hflichkeit zu stoen. Nach den ersten Begrungen suchte er daher mit geschickter Wendung eine Gelegenheit zu der Frage an die Pastorin, ob sie sich in dieser ihrer Lage wohl glcklich fhlen knne? Das ist eine Gewissensfrage, erwiderte sie lchelnd. Wir Frauen hngen einerseits mehr als die Mnner von ueren Eindrcken ab. Die Sttte, die uns gro gezogen, die Gespielinnen der Jugend, die Kreise des geselligen Lebens, in denen wir uns freuten mit den Frhlichen und weinten mit den Weinenden, die Gewohnheiten, die Formen einer frhern Zeit bleiben treuer in unserm Gedchtnisse und behaupten lnger ihren Einflu auf unsere Neigungen, Wnsche und Hoffnungen, als es bei dem Manne der Fall sein wird, dem sein Beruf und sein Amt seine Welt ist, in die er sich mit allem seinen Denken, Wollen und Thun hineinversetzt, wodurch die Erinnerung an das Vergangene geschwcht und der Traum von den zuknftigen Tagen weniger lebhaft unterhalten wird. So mchte Ihnen denn Ihre Stellung hier weniger gefallen, als ihrem Gatten? Ich habe, sprach sie, nur von einer Kammer gleichsam des weiblichen Herzens gesprochen, die andere wird mehr fr meine Zufriedenheit reden. Unser demtiges, zweites Geschlecht ist ja an den Herrn der Schpfung, wie der Mann sich selbst nennt, gewiesen. An ihn schlieen wir uns an, ihm folgen wir; und Vater und Mutter soll ja das Weib verlassen und ihrem Manne anhangen. Warum denn nicht auch eben so leicht ihm ihre lieben Gewohnheiten, ihre bisherigen Neigungen opfern? Und wie von selbst giebt sich das an der Seite des guten geliebten Gatten. Vergangenheit und Zukunft verbleichen vor dem Rosenschimmer der Gegenwart, wenn dieser auch nicht ber die vier Wnde des Hauses hinausreicht, wenn dieser auch nur aus dem Auge des Gatten mir strahlt und nicht aus der Umgebung. Er findet doch den Eingang in das offene Herz und bt seinen verklrenden Zauber auf alle Dinge um sie her. Das husliche Glck berwindet auch selbst eine Hallig mit allen ihren Entbehrungen. Aber unbegreiflich ist es mir, sagte Oswald, wie der Pastor sich hier wohl fhlen kann, da er ja doch in seinen Studienjahren ein reich bewegtes Leben hat kennen lernen mssen? Nicht allein seine Studienjahre hat er zum Teil in Deutschland zugebracht und sie zu Reisen in den schnsten Strecken unseres groen Vaterlandes und der Schweiz mitbenutzt, sondern auch seine Kindheit und erste Jugend verlebte er im Genusse alles dessen, was grostdtischer Verkehr und grostdtische Sitte Angenehmes haben. So werden gelehrte Untersuchungen es ihn vergessen machen, was er jetzt entbehren mu? bemerkte Mander, der unterdessen einen Blick auf das kleine Bcherrepositorium geworfen hatte. Sie meinen, lchelte die Pastorin, weil Ihnen da die Titel arabischer und persischer Bcher entgegenblitzen. Nein, das ist noch aus jener Zeit her, in welcher, wie Hold sagt, der altertmliche Reifrock der seligen Gromama oft eben so viel Anziehungskraft hat, als der duftende Blumenkranz der lebensfrohen Enkelin; oder die herbe und trockene Frucht, die aus der Ferne und Fremde kommt, lieblicher mundet, als die frische Pflaume aus dem Garten der Heimat. Jetzt mu ich bei vielen dieser Bcher dafr sorgen, da der Staub nicht ihre goldenen Titel bedecke; nur wenige erfreuen sich noch des Immergrns der jungen Liebe. Natrlich mssen die einzelnen Lieblingsstudien, sagte Mander, bei dem gebildeten Manne vor dem Interesse fr die groen, neuen Fortschritte der Wissenschaft zurcktreten; und so wenig ich auch mit der theologischen Literatur bekannt bin, so wei ich doch, da der Theologe, der eine bersichtliche Kenntnis des allgemeinen Ganges seiner Wissenschaft sich bewahren will, schon hinreichend mit Lectre versorgt ist. Wenn es dem Halligprediger nur vergnnt wre, entgegnete die Pastorin mit einer Stimme, deren Schwanken die Furcht verriet, mehr zu sagen, als vor fremde Ohren gehrte, etwas fr die Befriedigung des wissenschaftlichen Bedrfnisses aufzuwenden. Hold beklagt dies oft und meinte noch neulich, da die Vierteljahrsgage eines der geringsten Opernsnger oder Ballettnzer ausreichen wrde, um den vom Weltverkehr und vom Bchermarkt ausgeschlossenen Geistlichen der Hallig die Schriften und Journale in die Hnde zu geben, welche sie vor Lcken in der Kenntnis des Standes ihrer Wissenschaft bewahren knnten. Dazu kommt der tgliche Schulunterricht, der sich bei der geringen Bildungsstufe der Halligbewohner und der gnzlich fehlenden Mithlfe der Eltern fast nur auf die ersten Anfangsgrnde beschrnkt. Wie! riefen Mander und Oswald erstaunt, der Geistliche ist verurteilt, das ABC zu lehren und Buchstaben vorzumalen? Wenn sie dies Verurteilung nennen wollen, habe ich nichts dagegen. Mir thut es auch oft in der Seele weh, wenn ich im Nebenzimmer das eintnige Buchstabieren anhre und dabei einen Blick auf diese Bcher werfe. Aber Hold wei sich ganz darein zu fgen und geht eben so munter in die Schulstube hinein, wie er aus derselben zurckkehrt. Auf allen Halligen ist brigens der Schuldienst mit dem Pastorat verbunden. Aber ich wrde mir einen Gehlfen halten, sagte Oswald etwas unbedachtsam. Dieselbe Ursache, erwiderte die Pastorin, indem sie die Augen senkte und leise errtete, welche jene Verbindung ntig macht, erspart uns auch den Gedanken an einen Gehlfen fr die Schule. Die Pastorin wurde durch die Ankunft ihres Mannes aus dieser Unterhaltung befreit, die fr sie etwas peinlich geworden war, da Frauen berhaupt noch weniger als Mnner dazu geeignet sind, die beschrnkte Lage des Hauswesens vor Fremden aufzudecken, und gern, so lange als mglich, einen gewissen Schein zu bewahren streben. Hold trat den Fremden mit freundlicher Offenheit entgegen und wute ihren Dank fr Das, was auch er fr ihre gastliche Aufnahme auf der Hallig gethan, sogleich mit den Worten abzuwenden: wie er ihnen vielmehr danken mte, da sie hierher gekommen seien, ihm ein Bischen von der Welt drauen zu erzhlen. Whrend nun die Hausfrau den Thee mit den Butterschnitten von Schwarzbrod bereitete, das Einzige, was der Halligbewohner in solchen Fllen fr seine Gste hat, und was er den grten Teil der Woche hindurch selbst als Mittagessen mit seiner Familie nur geniet, hatten die Mnner im raschen Laufe des Gesprchs schon fast die ganze Erde umflogen, hatten die wirren Bahnen der Politik durchwandelt, sich auf den luftigen Hhen der Weltansichten bewegt und waren in die Tiefen der Wissenschaft hinabgetaucht. Aber nirgends fanden sie sich in Uebereinstimmung mit einander; nirgends gelang es ihnen, die verschiedenen Noten, die jeder anschlug, zu einer melodischen Harmonie zu verschmelzen. Wollte Oswald die aufgestellten Fragen leicht abfertigen, so zeigten ihm Mander und Hold den schweren Ernst derselben und den entscheidenden Einflu einer richtigen Beantwortung auf das Wol und Wehe der Menschheit. Wollte Mander den Scharfsinn des menschlichen Geistes in der seither versuchten Lsung dieser Lebensfragen bewundern, dann schob ihm Hold die Erfahrung entgegen, wie wenig jene Lsung gefruchtet. Da aber jetzt die Politik das Gebiet ist, wie es in frheren Zeiten oft die Theologie war, auf welchem sich die Geister am liebsten tummeln, der Gemeinplatz, der fast keinem ganz fremd ist, der die verschiedensten Stnde und Stmme mit gleichem Spruchrecht um das Beratungsfeuer sammelt und zugleich fr den feineren Beobachter das Tinggericht, wo Vieler Herzen offenbar werden und sich unter einander erkennen auch ber den Zeitungs-Krieg und Frieden hinaus, so fanden sich unsere Freunde auch immer wieder zu derselben zurck. Hold sagte, als er dies bemerkte: Es ist immer eine rmliche Zeit, die keinen ber die nchste Wand hinausgehenden, Allen gemeinsamen Stoff zur Unterhaltung hat; sie brtet einen widerlichen Kastengeist, ein kleinliches Mein- und Dein-Leben, eine jmmerliche Ntzlichkeitsprosa aus. Ueber dem tglichen Verkehr, ber dem Dichten und Trachten fr die Duodezwelt, die fr Jeden eine andere ist, mu ein Reich aufgethan sein, das Alle zult, ohne nach Pa und sonstiger Berechtigung zu fragen, das ihren Gedanken einen weiten Raum giebt, ihre Empfindungen an Vieler Wol und Wehe gro zieht. Aus diesem Grunde will ich die jetzt so allgemeinen politischen Unterhaltungen, in die auch wir stets wieder unwillkrlich hineingeraten, nicht ganz als bloen Zeitvertreib verwerfen; obwol die Politik selbst, wie sie als Wissenschaft gelehrt und von den Staaten gegen einander gebt wird, mir die verchtlichste Migeburt ist, die ich kenne. Wie! rief Mander voll Erstaunen, mssen Sie nicht den Staatsmann achten, der in seinem Geiste das Schicksal der Vlker und Lnder abwgt; der Vergangenes, Gegenwrtiges und Zuknftiges zu kombinieren wei und mit einem Federstrich oft mehr ausrichtet, als die sieghaftesten Armeen; der das Staatsschiff durch alle Klippen hindurch in den schwersten Strmen steuert und auf tausend Umwegen glcklich an's Ziel fhrt? Meinethalben mag seine Klugheit bewundernswert sein, entgegnete Hold; aber sehe ich, da seine Winkelzge eben erst die Strme hervorgerufen haben und die Klippen entstehen lieen; sehe ich, wie er eine Grube zu seinen Fen grbt, whrend er sich selbstgefllig seiner Voraussicht in die Zukunft rhmet; sehe ich, wie er mit Treu und Glauben, mit der Heiligkeit der Vertrge, mit den Gesetzen des Rechtes, wie mit Schalen spielt, die man wegwirft, wenn der saftreiche Kern ausgesogen ist und auch wol bei Gelegenheit einmal wieder aufnimmt, um den letzten Tropfen Oel noch herauszupressen; wenn er das eine Knie beugt, um mit vollem Munde Gott und alle Heiligen fr sein gutes Recht und um Bestrafung des Treubruchs anzuflehen, whrend er den andern Fu aufhebt, um die Gerechtigkeit in den Staub zu treten, dann widert mich der Staatsmann, oder vielmehr die Politik, die er reprsentirt, als die groe babylonische Buhlerin unserer Zeit an, die sich am Verderben der Vlker sttiget. Sie wollen doch wol nicht die Gesetze der gewhnlichen Moral, die im huslichen und brgerlichen Leben ihre gute Geltung haben, auch auf die Leitung des Geschicks der Vlker bertragen? Ja wol will ich das, erwiderte Hold mit groem Eifer. Gerechtigkeit und Treue sind kein Menschenfndlein, an dem gedreht und gedeutelt werden darf. Sie sind Gebote des lebendigen Gottes, der die Welten lenket mit Rat und Weisheit und die Vlker des Erdkreises richtet mit Gerechtigkeit. Der Gedanke, weil ich auf diesem Staubkrnlein Erde die Miniaturgeschichte eines Pnktchens bersehe und ein paar Sekunden lang sie weiter fhren soll, darum bin ich erhaben ber das Gesetz des Schpfers und ewigen Regierers des Himmels und der Erden, dieser Gedanke ist so mitleidswert armselig, da man ihn nur belcheln knnte, wenn er nicht zugleich so verchtlich wre. Wahrlich, so lange das Gesetz Gottes als allein bestimmende Richtschnur noch keine Sttte gefunden hat in der kalten Brust der Leiter unserer Staatenmaschine, so lange bleibt diese ein Rderwerk, das von Blut und Thrnen truft, und das, in wilder Unordnung bald vorwrts, bald rckwrts gehend, den Baumeistern nur Schande macht. An ihren Frchten sollt ihr sie erkennen! Was ist denn Europa? Ein ewiger Tummelplatz des eisernen Wrfelspiels, ein immer neu geffneter Kirchhof hingemordeter Millionen. Dabei jeder einzelne Staat eine Schuldbank, die nur von neuen Glubigern vor dem Einsturz bewahrt wird. Ueberall ein Beben und Schweben der Vlker und ihrer Hirten in der Furcht, da die eben glcklich zum Stillstand gebrachte Maschine wieder losrdere; und um diesen ngstlichen Stillstand zu erhalten, mssen groe stehende Heere schlagfertig bleiben auch im gerhmten Frieden, dem Meisterstck der Diplomatie. Sie werden diesen Zustand nicht den Staatsmnnern zur Last legen. Keineswegs; wohl aber der falschen, zweideutigen, rechtlosen Gttin, der sie huldigen. Knnen Sie sich denken, da der Zustand Europa's schlimmer wre, wenn die Diplomatiker, anstatt in ihr System die Hintansetzung der Moral aufzunehmen, in allen Beziehungen der Staaten gegen einander die Gesetze derselben als hchste Norm befolgt htten? Aber das politische Gleichgewicht soll doch bewahrt werden, erinnerte Oswald. Ein vorherrschender Staat wrde Einseitigkeit in die Intelligenz der Vlker bringen, wrde die freie Entwicklung der Nationaleigentmlichkeit hemmen, wrde die andern Herrscher zu Sklaven eines allmchtigen Willens herabwrdigen. Und alle Politik geht doch am Ende nur auf die Erhaltung jenes Gleichgewichts unter den Vlkern. Was die Vlker betrifft, so wissen sie aus der Geschichte, da jedes Uebergewicht eines Staates, das seinen Grund in der Ausdehnung ber die natrlichen Grenzen hinaus hat, auch ohne die Gegenwirkung der Politik seinem Falle nahe ist, eben gerade durch die falsche Politik, die zu solcher Ausdehnung verfhrte. Sie wissen, da dies gerhmte, mit so viel tausend Aufopferungen von ihrer Seite immer neu zu erkmpfende Gleichgewicht doch stets ein eingebildetes bleibt, und im besten Falle nur ein sehr schwankendes Gleichgewicht der grern Staaten gegen einander ist, whrend die kleineren, wie ein Rohr, von jeglichem Winde bewegt, bald in diese, bald in jene Schale sich neigen, und gar oft zur Wiederherstellung der Balance jener diplomatischen Waagschale sich zerstckeln lassen mssen. Dies wissen auch die Frsten dieser Staaten und zgen gern sich und ihre Lnder aus jenem Conflict heraus, in welchem das Recht des Strkern allein gilt, und der heiligste Vertrag nur dann geehrt wird, wenn ihn ein paarmal hunderttausend Bajonette aufrecht halten. Jenes Gleichgewicht wrde aber auch nie solche Strungen erlitten haben, wenn eben nicht dem einzelnen Strenfried die diplomatischen Fechterstreiche seiner Gegner seine Unternehmungen so sehr erleichterten. Ist ein glcklicher Gegenkampf gegen einen solchen begonnen, dann tritt sogleich die Politik mit ihrem scheelschtigen Auge hinzu und deutet mit der weitsichtigsten Klugheit darauf hin, wie leicht der eine Mitstreiter durch den gemeinsamen Sieg zuviel gewinnen knne, und ffnet das Auge fr das, was so nahe liegt, fr das durch solches Mitrauen dem zu bekmpfenden Gegner gegebene Uebergewicht nicht eher, als bis es zu spt ist. Ist das nicht die Geschichte fast aller Gleichgewichtskriege des letzten Jahrhunderts? Ich darf Sie zu ihrer Widerlegung nur an den Befreiungskampf gegen Napoleon erinnern, rief Oswald, in welchem auch mein Vater mitgestritten hat. Gerade jener Kampf spricht fr mich, entgegnete Hold. Es war fr die unterjochten Frsten und Vlker ein Augenblick der Begeisterung, der sich ber die diplomatischen Winkelzge der Politik erhob. Wenn dieser Krieg ebenso mit derselben kalten, lauernden Berechnung, mit denselben politischen Seitenblicken, wie die frheren Kmpfe gegen jenen Eroberer, gefhrt worden wre, was wrde der Erfolg gewesen sein? Was aber die Weisheit der Staatsmnner in jenen Tagen an Groartigkeit angenommen, das flog ihr nur zu in Folge des Sturms der Auferweckung, der ber Altre, Throne und Htten dahin brauste; es war kein Teil ihrer Natur. Da die alte Heuchlerin einmal in einer Stunde der hchsten Not zum Gebet getrieben wurde, hat sie damit aufgehrt, eine Heuchlerin zu sein? Und hat sie nicht schon whrend jenes Gebetes, whrend sie die Gerechtigkeit Gottes anrief, auf neue Ungerechtigkeit gebrtet? Hat sie nicht die gefaltete Hand zugleich zum Raube gekrmmt und auf das Siegesfeld die Drachenzhne neuer Zwietracht ausgeset? Sie mgen darin Recht haben, erwiderte Mander; jedoch werden Sie auch zugeben, da mancher Staat, bei einem strengen Festhalten an den Grundstzen der Moral sich seinen Untergang bereitet htte, dem er nur durch eine gewandte, den Umstnden und Verhltnissen sich anbequemende Politik entgangen ist. Wol wahr! Aber das ist ja eben der Fluch, da es so weit gekommen ist, da der Teufel nur durch den Beelzebub ausgetrieben werden kann, da die Notwehr uns die unwrdige Waffe des Angreifers in die Hnde zwingt. Vergessen Sie jedoch nicht, da trotz seines politischen Spiels und vielleicht eben durch dasselbe auch mancher Staat nur seinen Untergang gefunden hat, und da wir die Geschichte der Staaten allein vor uns haben, wie sie in jenem politischen Treiben geworden ist; also gar nicht behaupten knnen, das Bestehen eines einzelnen Staates htte auer der Reihe der Mglichkeiten gelegen, wenn seine Leiter in ihrer Haltung und in ihrem Handeln nur die strenge Rechtlichkeit und die gewissenhafteste Treue vor Augen gehabt htten. Das mchte ich doch Keinem raten, meinte Oswald, so lange nicht die Politik Aller sich zu Ihren Grundstzen bekehrt hat, und dahin wird es nie kommen. Und warum sollte es nie dahin kommen? antwortete Hold. Was wahr und recht ist, das hat seine Wurzel droben im Himmel und senkt seine Bltenzweige auf die Erde herab, um da einen guten Samen auszustreuen. Mag dieser Same denn hier auf steinigtem Boden keine Nahrung zum Keimen finden, dort im Sande der Wste verdorren: derselbe Himmel hat auch Tau und Sonnenschein, um den Boden allmlig zu bereiten und ihn empfnglich zu machen fr die gute Saat. Aus all' dem Irren und Wirren hienieden wird ein Reich der Gerechtigkeit, der Freude und des Friedens hervorgehen, das seinen glcklichen Brger nicht ahnen lt, mit welchem Blut der Boden gedngt ist, den er betritt; mit welcher Tuschung die in den Grbern ruhen nach einem Frieden strebten, der vor ihnen her wandelte, ohne da sie ihn sahen, mit welchem Unsinn man zweierlei Gesetz stellte, eines fr die einzelnen Menschen: Du sollst Gott, Deinen Herrn, ber Alles lieben und Deinen Nchsten als Dich selbst! und das andere fr die Gesammtheit derselben Menschen, fr den Staat: Du sollst nach jeglichem Winde lieben oder hassen, und Deinen Nchsten bervorteilen, wie Du kannst! Ein solches Friedensreich auf Erden bleibt immer, sagte Mander lchelnd, nur der schne Traum eines liebevollen Herzens, und wrde nicht einmal, wenn es mglich wre, frderlich sein fr die Entwickelung der Menschheit; denn gerade der Kampf soll Regen und Bewegen in ihr erhalten, soll die Kraft sthlen, den Geist schrfen. Die Geschichte mu eine Epopee bleiben und kann nie eine Idylle werden. Auch in der brigen Schpfung finden wir gleichen Kampf. Welche, auf furchtbare Umwlzungen deutende Vernderungen bemerken die Astronomen an den Himmelskrpern! Welche Erdbeben, Ueberschwemmungen, vulkanische Ausbrche; welche Zeiten der Drre oder berflutender Wolkenbrche und dergleichen gehren zur Geschichte des Erdbodens! Welcher rastlose Kampf unter den Tieren, welches Recht des Strkern, welche Beraubung und Erwrgung der Schwchern unter ihnen! Und davon, entgegnete Hold, wollten Sie eine Anwendung auf die Menschen machen, die erschaffen sind nach dem Bilde Gottes; denen Er das Vermgen gab, die Erfahrungen der vergangenen Jahrtausende fr die Gegenwart zu benutzen; denen Er Seine heiligen Gebote verkndet, welche alle nicht allein das ewige Heil, sondern mit demselben auch das irdische Wol zum Zweck und Ziel haben, denen Er in Jesu Christo den Abglanz Seiner Herrlichkeit leuchten lie auf Erden, einer Herrlichkeit, die da ist Gerechtigkeit und Liebe, Kraft und Friede? Mute nicht auch Christus kmpfen, leiden und sterben, und ist nicht auch durch Ihn so viel neue Zwietracht geweckt auf Erden? Und darum sollten wir immer und ewig Seine Mrder bleiben mssen durch die Verleugnung Seiner Lehren, Segnungen und Verheiungen? Sollten Ihn zum Hausgott bestellen fr unsern kleinen huslichen brgerlichen Verein; als Gott der Weltgeschichte aber den anbeten, der ein Mrder war von Anfang an? Nein, so gewi wie, von Christo ganz abgesehen, der ber jeden Vergleich hinaus ist, die Apostel, die das Evangelium hinausriefen in die Welt, mehr Segen brachten den Menschenkindern, als Alle, die vor ihnen und nach ihnen gelebt haben, so gewi wird auch dies Evangelium durchdringen durch alle Tiefen und zu allen Hhen hinauf; und dann erst ist das rechte Streben und Bewegen in der Menschheit, das nicht in der Zwietracht, sondern in der Liebe thtig ist; dann wird mancher jetzt in der Geschichte hochgepriesene Name, der seinen Ruhm auf verbrannte Trmmer und zertretene Schdel erbaute, nur als ein Denkmal menschlichen Unsinns eine kurze Spalte in dem Buche der Vorzeit fllen, whrend man eifrig den Thaten dessen nachforscht, der einen Grundstein mitlegen half zum Aufbau der bessern Zeit. Und doch, bemerkte Oswald, haben die scheinbar verderblichsten Kriege auch mit zur Frderung der Fortschritte der Menschheit gewirkt. Weil ein Gott vom Himmel darein sieht und Alles zum Besten lenket: Die Gewitter reinigen die Luft und frdern einen schnen Tag herauf. Aber dieser schne Tag mu droben ber den Wolken und Strmen bereitet werden, die Gewitter schaffen ihn nicht; sie entladen nur ihre eigene heillose Kraft, die aus den Dnsten geboren ist, die sie zerstreuen. Die Pastorin, der ihr Mann zu eifrig wurde gegen die Fremden, unterbrach ihn hier lchelnd, indem sie sagte: Die Dnste meines Thees wrden auch lngst Zeit gehabt haben, sich zu einem Gewitter zu sammeln, wenn sie nicht so friedsamer Natur wren. Mander aber setzte nach einer kurzen Unterbrechung das ernste Gesprch fort. Ihm hatten die Erfahrungen vielbewegten Lebens jenes besonnene Urteil gegeben, das nicht ber die Grenzen der Wirklichkeit hinausgeht, und keinen Blick weit ber den Anknpfungspunkt hinberwagt; doch hrte er gern einen Mann reden, der in der eignen, so viele Wnsche brig lassenden, beschrnkten Lage nur von Idealen fr die Menschheit trumte, und hatte mit Absicht nur so viel entgegnet, als ntig war, um Hold im Feuer zu erhalten; wobei aber auch in seiner Brust manche lngst entschlafene Empfindung wieder wach zu werden geneigt schien. Ich kann mir es wol denken, wie Ihnen, bei Ihrer Bildung zum Volkslehrer und in Ihrer Stellung als solcher, die Mnner der Wissenschaft die hchste Bedeutung haben mssen. Es giebt nur eine Wissenschaft, erwiderte Hold, von der das wahre Leben ausgehet in Zeit und Ewigkeit, die Wissenschaft von dem Heil der Menschheit in Gott. Unter das Licht und Gericht derselben soll Alles gestellt werden, was ist und was geschieht; und nur in soweit hat unser Wissen und Erkennen Gehalt und Bestand, als es uns und Andere frdert in dem Bewutsein unserer Abhngigkeit von Gott, in der heiligen Lust an Seinem Willen, in dem freudigen Vertrauen auf Seinen Rat, mit einem Worte: in der Kindschaft zu Ihm. Gleichwie unser Wollen und Vollbringen in so fern einen lebendigen Keim und eine bleibende Frucht in sich trgt, als es dient jener Wissenschaft des Heils, da sie eine Gestalt gewinne in unserm Leben und im Leben der Menschheit. Auf diese Weise, bemerkte Mander, htten alle Wissenschaften nur eine Aufgabe; whrend sie doch von so verschiedenen Punkten ausgehen, so ganz verschiedene Richtungen einschlagen. Lassen Sie mich ein Bild gebrauchen, war Hold's Antwort. Die eine Wissenschaft ist die Sonne am Himmel der Menschheit; die andern Bestrebungen der Wibegierde sind nur die Trger der Strahlen dieser Sonne nach allen Seiten hin und in jedes Dunkel hinein. Vergessen sie diesen ihren Beruf und gehen mit der eignen Hornleuchte umher, so werden sie sich in Wsten verlieren und auf tausenderlei Irrwegen wandeln. Aber sie werden doch auch ihr Wissen vollstndiger entwickeln, klarer durchbilden und fester begrnden und dadurch reifen in der Erkenntnis ihres wahren Berufes und in der Zurckfhrung alles Wissens auf die eine Wissenschaft. Je vollstndiger des Irrtums Bahnen durchlaufen sind, desto sicherer werden sie auch zurckgemessen und dienen dann nur als Wegweiser auf den rechten Weg. Sie sind Theologe, und Jedem ist seine Wissenschaft die erste. Die Theologie ist nicht die Wissenschaft, die ich meine; sie ist nur die Anleitung dazu. Sie stellt sich, wenn sie sich selbst erst begriffen hat, die Aufgabe: Alles, was war, ist und geschieht, unter den Brennpunkt der einen gttlichen Wissenschaft zu bringen, wo sich das reine Erz von den Schlacken sondert; und in diesem Sinne soll Jeder ein Theologe sein, indem er all' sein Denken, Wollen und Thun, alle Arbeit und alle Erfahrung seines Lebens, alle seine Sehnsucht und seine Hoffnung durchleuchten und durchlutern lt von der wahren Wissenschaft, die aus Gott ist und zu Gott fhrt. Nur da der eigentliche Theologe nicht allein, was _sein_ Leben bewegt, sondern die Bestrebungen und Erfahrungen, die Meinungen und Hoffnungen aller Zeiten und aller Vlker in das Licht und Gericht der gttlichen Weisheit stellt und dadurch an Schrfe und Bestimmtheit in der Beurteilung des Treibens seiner Zeit, im Durchblicken des Scheines, in der Erkenntnis der Quellen des Irrtums und der Gottentfremdung der Menschheit und des einzelnen Menschen gewinnen soll. Dadurch wird er geschickt werden zum Leiter der Blinden, zum Lehrer der Ungebten, zum Ermahner der Leichtsinnigen, zum Trster der Glaubensschwachen, zum Erwecker der Lauen und Gleichgltigen und zum Sprecher des Gerichtes wider Die, welche fr sich selber das Heil verschmhen und Andern den Zugang hindern. Und weil wir Alle nach unserer Schwachheit und Sndhaftigkeit bald zu der einen, bald zu der andern Klasse gehren, so darf es Keiner, sei er Priester oder Laie, an dem weitern Anbau der wahren Wissenschaft fr sich selbst je fehlen lassen, keine Gelegenheit versumen, zu reifen in aller Erkenntnis, Tugend und Gottseligkeit. Wo ist aber die wahre Wissenschaft zu finden, fragte Mander, auf die wir Alles zurckfhren und an der wir Alles prfen sollen? Sie ist nicht da und kann nicht da sein, entgegnete Hold, wo Irrtum und Tuschung wenigstens mglich sind, in keinem System der Philosophie. Sie kann nur aus dem Quell der Wahrheit selbst geschpft werden. Ich mchte mit der Frage des Pilatus, sagte Mander, nicht ohne eine schmerzliche Bewegung zu verraten, Ihnen antworten: was ist Wahrheit? Das Wort Gottes! sprach Hold fest und ernst. Aber ein leises Kopfschtteln des alten Mander und ein fast spottendes Lcheln seines Sohnes zeigten ihm, wie wenig diese Antwort seine Zuhrer befriedigt habe. Oswald erinnerte jetzt, da es schon spt geworden sei, und die Gste schieden mit dem gern angenommenen Versprechen, ihren Besuch bald zu wiederholen. VIII. Du klagst, da Deinen Blick umfloren Die Schatten um der Wahrheit Thron? Dein eigen Herz hat sie geboren; Sie sind der Snde Frucht und Lohn. Idalia glaubte in ihrem ganzen Leben nie so glcklich gewesen zu sein, als sie jetzt sich fhlte. Diese husliche Geschftigkeit, der sie sich mit allem Eifer hingab, hatte, je ungewohnter sie ihr war, einen desto greren, ja zauberischen Reiz fr sie, der noch durch das Eigentmliche ihrer Lage und ihres Aufenthaltes auf einer Hallig erhht wurde. Die Liebe lste in ihrer Brust, die frher nur Raum hatte fr das flatterhafte Wesen eines eitlen Mdchens, alle Ahnungen der wahren Weiblichkeit und den Sinn fr die Wrde einer Hausfrau. Zugleich wute sie ja, da sie so gerade Dem am meisten gefalle, von welchem sie geliebt sein wollte. Sie benutzte nicht einmal alle Vorteile, welche ihr die Mittel ihres Vaters liehen, um Bedrfnisse und Annehmlichkeiten, die sonst der Hallig fremd waren, fr ihren Zustand zu gewinnen; sondern gefiel sich in der Einfachheit und Gengsamkeit ihrer jetzigen Heimat, und machte tausend, fast immer unausfhrbare Vorschlge, um das Ganze noch mehr in die Form einer Gesner'schen Idylle zu kleiden. Den Rand des sogenannten Soods, in welchem sich das Regenwasser sammelte, umkrnzte sie mit einer breiten Lage von Seemuscheln, die sie mhsam hatte am Strande zusammensuchen mssen, weil dieser in jener Gegend auch damit geizt. Der Bedarf an Trinkwasser mute jedoch fr die verwhnten Zungen vom festen Lande herbergebracht werden. Den Schatten und die trauliche Enge einer Laube zu ersetzen, hatte sie mit Godber's Hlfe ein Zelt von Segeltchern auf der Werfte aufgeschlagen, und wenn das Wetter es nur zulie, ward der Kaffee unter dem Dache desselben getrunken. Sie fhrte auch mit ihrem Bruder manchen Streit, indem sie das Leben auf diesem Eilande vor allen Herrlichkeiten der groen Stadt rhmte, und so oft sie eine der Eigentmlichkeiten der Hallig, wenn auch nur scherzhaft, mit den glnzendsten Lobeserhebungen anpries, fhlte sich Godber enger und enger zu ihr hingezogen und gab sich den schnsten Trumen einer goldenen Zukunft hin. Bei ihm war ja die Liebe zu seiner Heimat so mit seinem innersten Wesen verwoben, da er Alles, was Idalia in dieser Hinsicht sagte, nur fr natrliche Anerkennung der Wahrheit, fr ein Zeugnis voller Uebereinstimmung ihrer Seelen nahm, und mit jedem Lobe aus ihrem Munde wuchs daher auch seine Liebe zu ihr, die allein in der Liebe fr das Land seiner Geburt ein Gleichgewicht hatte, sonst alle seine andern Gedanken und Empfindungen weit berwog. Die Erinnerung an Maria trat immer weiter in den Hintergrund zurck, und kamen auch einzelne Augenblicke, die an Treu und Glauben mahnten, so bte sich Godber in der Kunst, mit seinem Gewissen sich so zu beraten, da er Recht behielt. Was konnte er dafr, da er jetzt erst den Stern gefunden, der ihm auf seiner Erdenwallfahrt zu leuchten bestimmt war? Da er nun erst sich selbst ganz gefunden durch die Gemeinschaft mit einem Wesen, in welchem sein Denken und Fhlen sich wie in einem verklrenden Spiegel abmalte, so da er selbst dadurch zu einer nie geahnten Hhe erhoben und begeistert wurde? Er erschrak jetzt vor der niedern Sphre, in welcher sein Geist und sein Herz geblieben sein mten, wenn nicht Idalia's Zauberschlag an die Tiefen seiner Brust gerhrt, wenn er mit der unbedeutenden Maria sein Leben hingebracht. So war es bei ihm, und so ist es bei Allen, die Eitelkeit, die in den verschiedensten Formen und Gestalten, mit den verschiedensten Wendungen und Umkleidungen sich in unsere Selbstbetrachtungen mischend, den Dingen einen Schein leiht, der uns verblendet gegen die klare Beurteilung der Verhltnisse, gegen die offenen Forderungen des Rechtes und der Pflicht. Darum ist es dem Menschen so not, da er sich halte an dem festen prophetischen Worte. Er soll in Stunden, die er als Scheidewege erkennt, weder blindlings folgen den von Auen gegebenen Eindrcken, noch es versuchen, durch vielseitige Ueberlegung den rechten Pfad herauszufinden. Bei solcher Ueberlegung wachen in ihm alle bsen Geister auf, als fnde der Aberglaube seine Erklrung und Besttigung, der die Kreuzwege zum Tummelplatz nchtiger Dmonen macht. Sinnlichkeit, Eigennutz, Eitelkeit werden sein Urteil irre zu fhren suchen, und selbst mit dem besten Willen wird seine Prfung nie eine gerechte Wrdigung Dessen sein, was sich fr die eine oder andere Seite sagen lt. Er soll vielmehr auch in diesem Sinne seine Vernunft, die durch das Erwachen jener bsen Geister in der Abgebung eines wahrhaftigen Zeugnisses gehindert wird, gefangen geben unter den Gehorsam des Glaubens. Er soll fragen, was da sei des Herrn Wille? und die Antwort darauf nicht suchen in sich selbst, als wre seine Brust eine Wohnung des heiligen Geistes, da doch, wenn sie das wre, es der Frage nicht bedurft htte; sondern er soll die Antwort suchen in den Geboten Gottes, wie sie ihm gegeben sind in der reinen und lautern Offenbarung des gttlichen Gesetzes. Ein solches in seiner festen Entschiedenheit, in seiner einfachen Hoheit dastehendes Gesetz, an dem sich nicht drehen und deuteln lt, so viel man es auch hin- und herwenden mag, und das kein Zuthun und kein Abnehmen leidet, wenn man es nicht ganz verndern und in Widerspruch mit sich selber bringen will: ein solches Gebot ohne Ausflucht, ein solcher Wegweiser ohne Seitenarm, ein solches Ja und Nein, ohne ein Wrtchen darber, mu allein entscheiden. Ohne einen solchen Gesetzfels kommt es dahin und ist dahin gekommen, da jeder Mensch seine eigene Moral hat, und da diese Moral noch dazu ein wahrer Januskopf ist mit zweierlei Gesichtern, und mit Augen, die, was sie heute grn sehen, morgen frh fr grau halten und umgekehrt. Berufst Du dich auf Dein Gewissen, so ist dies ja eben nichts Anderes, wenn es den Namen verdient, den Du ihm beilegst, als der Strom lebendigen Wassers vom Felsen des Gesetzes; und ist es das nicht, so ist noch weniger Verla darauf als auf eine von jedem Winde bewegte Wetterfahne, die darin noch den Vorzug hat, da sie doch wenigstens die Richtung anzeigt, woher der Wind blst. Also das klare, lautere, _gegebene_, nicht erst nach den Umstnden und Verhltnissen zu machende oder zu modelnde Gesetz Gottes sei Dir fr Dein Wollen und Thun ein unerschtterlicher Sinai. Vor Seiner Stimme durch die Wolken mssen alle andern Stimmen schweigen; und schmeicheln sie noch so lockend als Stimmen der Wahrheit um Dich her, sie sind Lge mehr oder minder, in dem Mae, in welchem sie sich von dem einfachen, offenen Sinn des Gesetzes entfernen. Denkst Du an die Folgen? Ein lieblicher Sonnenschein lchelt Dir entgegen, wenn Du es nur einmal nicht so streng und scharf nehmen wolltest mit den Geboten Gottes, oder sie umkleidest in eine Dir geflligere Wahrheit. Schwere Wolken dagegen hngen herab ber Deinen Pfad, bereit, ihre Gewitter und ihren Hagelschlag auf Dich und die Deinen, auf die Saat Deines Nchsten zu entladen, wenn Du ohne Weichen und Wanken beharrest in dem Worte des Gesetzes. Beharre bis in den Tod, auf da Du das Leben gewinnest! Du sollst Deine unsterbliche Seele beraten, da sie bestehe vor dem Richter der Lebendigen und der Toten. Fr die Folgen da la Ihn sorgen; sie stehen ja in Seiner, in des gndigen Vaters Hand. Sie sind nicht Deine Sache. Dein ist es aber, treu erfunden zu werden! Dies sei Dir genug; wenn auch die Erfahrung Dir nicht so oft zeigte, wie unsere Berechnung der Folgen so leicht dem Irrtum unterworfen ist; wie das Licht die Nacht, und die Nacht das Licht gebiert. Immerdar mssen ja auch alle Dinge, sei's Reichtum oder Armut, Glck oder Unglck, Leben oder Tod, zum Besten dienen dem, der da sagen kann: Hier bin ich, Herr! Dein Wort war meines Fues Leuchte! Woher kommt denn all die Armseligkeit selbst unter den sogenannten guten Menschen? Woher denn bei ihnen diese vielen unschuldigen Schwchen, diese feinen, scheuen Wendungen, wenn Gott einmal ein Brandopfer wieder fordert auf dem Altar der Pflicht? Weil sie sich selbst ihre Tugend gemacht haben, um sie, gleich einem bequemen und behaglichen Kissen, bald nach der einen, bald nach der andern Seite hin ihrem Erdenschlummer unterzulegen. Weil sie um den Sinai in der Wste einen schattenreichen Park angepflanzt haben, der ihnen den Berg aus den Augen rckt, whrend sie auf blumigen Pfaden ber Thal und Hgel dahinwandeln, ganz zufrieden damit, wenn sie nur nicht so weit sich entfernen, da die Mitgste im Park sie nicht mehr als ihres Gleichen erkennen wollen. Wahrlich, es thut diesem Geschlecht der Flammenspiegel des Gesetzes not, vor dem die Spreu, die sie eine gute Saat nennen, zur Asche werden mu, nicht einmal geeignet, die drre Sttte zu bedecken. Es stimmt freilich wenig mit der sogenannten Aufklrung unserer Zeit, sich an ein solches festes Wort zu binden. Nein, wir wollen lieber uns selbst Gesetz sein, und reden daher viel von dem ins Herz geschriebenen Gebot, worunter wir, wenn wir die Wahrheit sagen wollten, eine weiche Wachsflche verstehen, worin die ueren Eindrcke allerlei Figuren malen, aus denen wir dann ein mit unsern Neigungen am besten bereinstimmendes Orakel herauslesen, um ihm als einem Gtterspruch nachzufolgen. Daher haben wir es denn auch so leicht gefunden, recht gute und sittliche Menschen zu werden; weil wir, wenn unsere Neigungen nur durch glckliche Umstnde, durch Erziehung und Scheu vor dem Urteil der Welt in einer gewissen Flauheit gehalten werden, die es nicht zu tobenden Ausbrchen der Leidenschaften kommen lt, davor bewahrt bleiben, Diebe und Mrder zu heien. Ein bischen Hoffahrt, Weltlust, Verleumdung, Rachsucht, Betrug, ja selbst ein bischen Buhlerei mag dabei gern mit unterlaufen; es ist ja einmal das Erdenleben nicht anders, und es ist ja kein Richter in unserer Brust, der es so genau nimmt; es ist kein Gesetz da, das schrfer als ein zweischneidig Schwert teilet zwischen Gott und Welt, Recht und Unrecht, Tugend und Snde. Wie im lauen Wasser Wrme und Klte gemengt sind, so ist auch in unserem selbstgeschaffenen Gesetz Licht und Finsternis zu einem die Augen nicht angreifenden Nebel vereinigt. Wie die Schlangenlinie bald rechts und bald links fhrt, und wenn sie der einen Seite zulenkt, schon die Wendung nach der andern vorbereitet, so ist auch in unserm Wandel weder ein Fortschreiten auf dem Wege des Lebens, noch ein vlliges Abirren auf den Weg des Todes. Freilich, wenn der Tag aufgehet, an welchem Gott die Vlker der Erde richtet; wenn Er Rechenschaft fordert auch von jeglichem unntzen Wort, das aus unserm Munde gegangen ist; wenn von Seinem Throne das Wort niederleuchtet: Ihr sollt heilig sein, denn Ich bin heilig! dann freilich wird das weiche Wachs _unseres_ Gesetzes vor den Flammenstrahlen _seines_ Gesetzes hinschmelzen; dann wird unser gefgiger Mittelweg offenbar werden als ein Weg des Fleisches und des Verderbens, der in seinen Windungen nur darum an den Weg des Lebens hinstreifte, auf da wir keine Entschuldigung htten, als wre uns verborgen geblieben, was der Herr, unser Gott, von uns fordert. -- Die Fabel vom Gewissen, wie dies Wort gewhnlich genommen wird, mu aufhren, eher mag keine rechte Tugend gedeihen. Und eine Fabel, noch dazu mit gar schlechter Moral, ist das Gewissen; so es, wie bei den meisten Menschen, nichts weiter ist, als ein Gebru von Lebensklugheit, Sorge fr den guten Ruf, Beachtung des Anstandes, versetzt mit einem Teil natrlicher Gutmtigkeit, die eben so gut Charakterschwche heien mag, und einem Teil Erkenntnis des gttlichen Willen, die aber nicht recht wei, wie sie sich mit jener Mixtur verbinden soll, und nur als Bodensatz zu dienen scheint, der, wenn das Gewissen sich einmal aufrttelt, unstt im Ganzen verschwimmt. Das wahre Gewissen ist kein Gesetzgeber, sondern nur das Auge, das geffnet ist fr das gegebene Gesetz. Es fragt nicht, wie entschieden werden soll, sondern zeigt nur, wie entschieden ist durch Den, der da sprach: Du sollst, und Du sollst nicht! es erlaubt sich kein Urteil ber die Umstnde und Verhltnisse; sondern erinnert Dich nur an das Urteil Gottes ber den Fall, der vorliegt. Dadurch allein bewahrt es sich in seiner Freiheit wider die Anlufe bser Neigungen und Begierden, da es sein Licht und seine Kraft nimmt aus einer Hhe, zu der diese nicht hinaufreichen. Will es selbst den Weg finden, den Du wandeln sollst, dann fllt es der Knechtschaft anheim; ist nur ein vielleicht hochmtiger, aber doch williger Diener alles ungttlichen Wesens und der weltlichen Lste, und trgt die Livree seiner Herren. Es ist also ein fester Pol, ein: Gieb mir, wo ich stehe! dem Gewissen not, von welchem aus es die Welt berwinde. Es hat sein Licht nicht in sich selber; sondern bedarf eben so gut, wie Dein leiblich Auge das Licht von Auen her, um zu sehen. Ist denn etwa der inwendige Mensch nach seinen verschiedenen Geistes- und Seelenthtigkeiten so getrennt und gespalten, da jede ihr eigenes Gebiet habe, welches sich frei hlt von aller Berhrung und Einwirkung der andern? Da jede schaffet und waltet fr sich, ohne von der Bewegung der andern sich mitbestimmen zu lassen? Also da, whrend das Herz sich krmmt vor einem Opfer, das die Tugend fordert, whrend die Sinnlichkeit der bsen Lust zustrebt, whrend die Klugheit eigenntzig rt, den breiten Weg zu whlen, da nun das Gewissen, ohne einen Fhrer auerhalb dieser Bewegung, sich ganz frei halten sollte von dem Einflu dieser Hausgenossenschaft? Wird es nicht bald in den verfhrerischen Sirenengesang mit einstimmen, oder wenigstens bald bertubt werden, wenn ihm keine Hlfe von Auen her wird? Wenn lange Gewohnheit leichtsinnig und gleichgltig machte gegen den Weg, den wir wandeln, wenn die Geleise, die wir betreten, unserm Fu einmal so bequem und natrlich geworden sind, da es uns gar nicht mehr in den Sinn kommt, andere zu whlen: ist dann Dein Gewissen nicht mit Dir in gleiche Gewohnheit versunken? Wird es wachen, wenn Du schlfst? Wird es stille stehen, wenn Du fortgehst? Wird es sehen, wenn Du blind bist? Wird es reden, mahnen, strafen, anders als Du willst, als ob es kein Teil von Dir wre, da Du es doch auf Dich selbst allein hinweisest, als auf den Quell, woraus es seine Erkenntnis nehmen soll? Damit verlangst Du ja, da Du Dir selbst widersprechen, Du selbst Dich selbst berwinden sollst; verlangst Licht von der Finsternis, Kraft von der Ohnmacht, Antwort von der Frage. -- Es mu Etwas auer uns sein, wohin wir schauen, als auf einen festen Polarstern, ein Licht, das erhaben ist ber die Nebeldnste dieser Welt, ein Wegweiser, auf den wir nicht selbst den Weg malen, den wir fr den richtigen halten, sondern auf dem er vorgezeichnet ist von Dem, dessen Wort unseres Fues Leuchte ist, und ein Licht auf dunklen Wegen. Es mu ein heiliger Wille uns verkndet sein vom Vater des Lichtes. Sonst leben wir in einem revolutionren Lande, wo das alte Recht abgeschafft ist und noch kein neues wieder gegeben; wo Jeder mit seinen Ansichten und Neigungen zu Rate geht, was er thun und lassen soll, und wo der Eine mit dem besten Gewissen ein Totschlger wird und der Andere mit gleich gutem Gewissen die Beute zu sich nimmt. Nicht weil man ohne Gewissen handelte, wurden Scheiterhaufen erbaut und die Guillotine aufgerichtet, sondern weil man das Gesetz Gottes: Du sollst nicht tten! verga, und die eigenen Ansichten und Neigungen sich zur Gewissenssache machte. Nicht _gegen_ sein Gewissen lebt der, welchem die Befriedigung des irdischen Gelstens, das Treiben in zeitlichen Geschften, der behagliche Genu des weltlichen Friedens Alles ist; der, dem kein Blick der Andacht den Himmel ffnet, keine ernste Frage nach den gttlichen Dingen das Herz bewegt, keine Heiligung des Sinnnes und Wandels als Lebensaufgabe vorliegt. Er merkt vielmehr in sich gar keinen Widerspruch gegen solche Weise, weil er es nicht gelernt oder wieder verlernt hat, sein Leben im Spiegel des gttlichen Gesetzes zu betrachten; und hat nichts destoweniger auch seine Ehrenpunkte, die sein Gewissen ihm nicht zu verletzen erlaubt. Der Ton, der vielleicht auch bei ihm in einzelnen Stunden wie aus einer hheren Welt anschlgt, ist nur ein Nachklang des frher erkannten gttlichen Gesetzes, oder ein Anklang desselben, durch Gottes Schickungen hervorgerufen. Das Gewissen aber in seiner Wahrheit und Klarheit ist nichts mehr und nichts weniger, als ein Abglanz der Herrlichkeit des gttlichen Gesetzes. Ein Spiegel ist es, in welchem wir den Willen des Ewigen erkennen, wenn wir diesen Willen davor halten. Wollen wir aber nur unser eigenes Bild davor hinstellen, so sehen wir eben auch nur unser eigenes Bild, und unser Wollen und Thun wird auch nichts Anderes sein, als eine Nachffung dieses Bildes; kein Wollen und Vollbringen dessen, was der Herr, unser Gott, von uns fordert. Der Pilger, der kein Ziel vor sich hat, nach dem er strebt, oder keine Anweisung, wie und wohin er wandern soll, richtet sich nach der Munterkeit oder Mdigkeit seiner Glieder, nach der Annehmlichkeit oder Beschwerde des Weges, nach dem Sonnenschein oder Regenwetter des Tages. So auch die Wallfahrt durch's Leben ohne Gesetz von Auen her. Wo aber dies als Machtgebot des Richters der Lebendigen und der Toten uns vorleuchtet, da gilt kein Sumen und kein Wanken, da gilt kein Frchten und kein Gefallen, da gilt kein Leben und kein Sterben, da gilt allein das strenge, unerbittliche Wort, das kein Drehen und kein Deuteln zult, das keine Vorwnde und Entschuldigungen annimmt, das keine Verfhrungen und Versuchungen anerkennt, das Gehorsam, nur Gehorsam will. Ohne ein solches Wort der Zucht und der Kraft, das ganz ber unser Klgeln und Mkeln hinausgehoben ist, werden wir nie die Snde berwinden, nie wandeln in rechtschaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit. Darum soll unser Gewissen nie etwas Anderes sein, als ein Merken und Erwgen dieses Wortes; und redeten auch tausend Stimmen dagegen und sprche auch die ganze Welt ihr Anathema aus gegen dessen Ausspruch, und flehten auch alle Seufzer und Thrnen Deines Herzens gegen seine Erfllung, und gelte es auch den letzten Brosamen unseres irdischen Glckes, die letzte Hoffnung unseres zeitlichen Daseins: la fahren dahin, Du hast nur ein Gesetz, das Gesetz des Herrn! und darin beharre bis an's Ende! Das Reich Gottes mu Dir doch bleiben. Godber war in der Furcht Gottes und in der Zucht des Gesetzes erzogen. Es war ihm darum nicht so leicht, sein Gewissen, das wenigstens mit einem Fue noch auf dem Boden stand, zu seinen jetzigen Ansichten hinzudrngen. Wenn er eben glaubte, da es mit ihm ruhig auf dem Wege fortwandle, welchen er fortan als den fr ihn notwendigen, durch die Fgungen des Geschicks ihm vorgezeichneten Lebensweg zu betrachten sich zu gewhnen suchte, dann trat es eigensinnig aus dem Geleise und stand wieder wie eingewurzelt auf der Stelle der Schrift: La Dich nicht einen jeglichen Wind fhren, und folge nicht einem jeglichen Wege, wie die unbestndigen Herzen thun; sondern sei fest in Deinem Gemt und bleibe bei einerlei Rede! Doch wir sind nie schlauer und gewandter, als da, wo es darauf ankommt, uns selbst zu betrgen; und so frderte sich auch Godber immer weiter in der Kunst, aus der ehernen Gesetztafel eine wchserne zu machen, und das strrige Ro seines Gewissens in ein folgsames Paradepferd umzuwandeln. Der Herr aber in der Hhe wollte ihm zeigen, wie eitel solche Kunst sei und wie wenig haltbar der Zgel, an dem sie ein Gewissen, das einmal eine andere Fhrung gewohnt war, zu leiten sucht. Gott sprach durch den Mund der Toten, und -- vor das Paradies, in das Godber ruhig einzugehen meinte, trat der Engel mit dem feurigen Schwert. IX. Die Stunde kommt, von Gott gesendet, Das sinnentrunkne Herz wird wach, Und jedes dunkle Blatt, es wendet Zurck sich an den hellen Tag. Die Leichen der mit dem Schiffe Verunglckten wurden gefunden. Godber hatte auf der alten Kirchwerfte einen Stein, in der Form eines groen Taufbeckens, bemerkt und war auf Idalias Wunsch hinausgegangen, um zu sehen, ob derselbe sich nicht fr ihre Absicht gebrauchen liee, seiner Werfte eine neue Zier zu geben. Da lag vor ihm die Leiche seines Schiffsherrn, und spter fanden sich, noch im Tode getreu, nicht weit davon die beiden andern Seeleute. Sie hatten zusammen in den Hhlungen des frhern, jetzt fast ganz dem Meere anheimgefallenen Friedhofs, der aber noch durch manches vom Wellenschlag wieder ans Licht gebrachte Gebein von seiner ehemaligen Bestimmung zeugte, ihre Ruhesttte gefunden, nachdem sie lange ein Spiel der Wogen gewesen waren. Haben die Toten da in den halboffnen und verwitterten Srgen, sagte Hold, als er bald darauf herbeigerufen wurde, um die ntigen Anordnungen wegen der Beerdigung zu treffen, nicht, gleichsam mitleidig ihre Arme ausgestreckt, um diese Leichen neben sich zu betten? Ach! wie bald wird auch der Platz, wohin wir sie bringen, ausgewaschen werden von der Flut, und die Welle ihr Spiel erneuen mit den ruhelosen Gebeinen! Die Abgeschiedenheit, in welcher die Halligen oft Wochen lang durch den Wind und Wetter oder Eisgang gehalten werden, ntigt den Hausvater, auch daran zu denken, da ein Sarg vorrtig sei. Unter seinem brigen Gert darf auch dies ^memento mori^ nicht fehlen, so schwer und so ungern man sich auch sonst anderswo daran gewhnen mchte, tagtglich mit seinem Blick die enge Bretterkammer zu messen, die fr einen unserer Lieben oder fr uns selbst bestimmt ist. An Srgen zur notwendig schnellen Beerdigung der aufgefundenen Leichen fehlte es daher nicht, und diese wurde auf den folgenden Tag, einen Sonntag, festgesetzt. Der fast unerhrte Fall auf der Hallig: drei Leichen an einem Tage, die auerordentlichen Umstnde, welche dies Ereignis herbeigefhrt, die besondere Rettung der Andern vom Schiffe, dies Alles bestimmte Hold, die ganze Feier des Tages daran zu knpfen. Es wurden also zur Kirchzeit die drei Srge vor die Kirchthre gesetzt, da der innere Raum zu beschrnkt war, sie und die Gemeinde aufzunehmen. Die Predigt nach Vorlesen des Evangeliums fr jenen Tag, den 13. Sonntag Trinitatis, Lukas 17, 11--19, nahm die Frage: Wo sind aber die Neun? als Thema aus dem Schrifttext heraus, und die bloe Ankndigung dieses Themas mute, so wenig auch nach den Regeln der Homiletik ein solches Herausgreifen eines einzelnen Wortes oder Nebenumstandes gerechtfertigt werden kann, erschtternd wirken, da gerade auch neun Personen in dem Schiffe zusammengewesen waren. Diese einzige Frage stellte die Geretteten und Verunglckten neben einander, fhrte die Gedanken zurck auf ihre frhere Gemeinschaft, hin auf den jetzt so verschiedenen Zustand, und drngte die Betrachtung auf: wie, wenn die Loose nun vertauscht worden wren? Wo sind aber die Neun? fr die Fremden war dies Wort genug zu einer unvergelichen Predigt. Es schien auch, als habe Hold durch Hervorhebung dieser Frage nur einen kurzen, aber eindringlichen Schlag auf die Herzen der anwesenden Fremden fhren wollen, denn in der Beantwortung redete er weit weniger, als Viele seiner Zuhrer erwarten mochten, in Beziehung auf den vorliegenden Fall; machte von dem Besonderen sogleich allgemeine Anwendungen und verga ber die Einzelnen nicht die Gemeinde. Vielleicht aber gerade deswegen fanden seine Worte Eingang auch bei diesen Einzelnen. Sie hatten nun nicht die Unannehmlichkeit, alle Blicke und Gedanken auf sich gerichtet zu sehen und nur von und fr sich reden zu hren. Sie konnten nun mit voller Aufmerksamkeit dem Worte folgen, da ihre Phantasie nicht immer wieder auf die erlebten Schreckensscenen zurckgefhrt wurde. Sie fanden sich nun nicht gestrt durch falsche Zeichnung der Umstnde ihrer Gefahr und Rettung, durch Andichtung von Empfindungen, die sie nie gehabt, durch Zuschreibung von Wnschen oder Gelbden, die nie in ihre Gedanken gekommen waren. -- Nach der Predigt wurden die Srge auf den Gottesacker, der eine kurze Strecke von der Kirche entfernt war, in drei verschiedenen Gngen getragen, da der Mangel an Trgern es nicht erlaubte, sie mit einander hinzubringen. Aber eine Gruft nahm die drei Toten auf, und die groe Flagge des Schiffs, dem ihre letzten Dienste im Leben gewidmet waren, sollte ber die Srge hingesenkt werden. Godber hatte diese Flagge, die mit schwarzem Flor umhangen war, vorgetragen; aber als er sie hinabsenken wollte in die Gruft, entglitt sie seinen zitternden Hnden und von dem Fall ihrer Stange drhnten die Srge mit hohlem Klang. Godber aber sank totenbleich und an allen Gliedern bebend auf die Umstehenden zurck. Doch mssen wir hier wohl erst ein wenig wieder zurckgehen, um Godber's innere Kmpfe bis zu diesem Augenblick zu verfolgen. Mit der Auffindung der ertrunkenen Gefhrten war ber sein Gemt eine dstere Wolke gezogen, die er mit der grten Anstrengung zu verscheuchen, oder wenigstens vor Andern zu verbergen strebte. Die starren, strengen Zge im Antlitz seines Kapitns, als er neben der Leiche desselben am Ufer unter den zerrissenen Grften stand, schienen ihn zu fragen: warum hat mein Steuermann vor mir das Schiff verlassen? und als er den Blick verstrt zurckwandte, ging Maria eben mit langsamem Schritt auf ihre Werfte hinauf, und er glaubte ihren Seufzer zu hren: warum hast Du Deine Braut verlassen, Godber? Da ward es ihm finster vor den Augen, da krampfte eine eisige Hand sich um sein Herz, da gellte es ihm wie Hohngelchter in die Ohren: Du doppelt Meineidiger! Er eilte wie vom Fluch gejagt hinweg von dieser grauenvollen Sttte und stand, ehe er noch wieder zur Besinnung kam, vor Idalia. Wre diese ihm mit Thrnen in den Augen, oder auch gar mit Zorn und Schelten entgegengetreten, er wrde an ihren Hals geflogen sein, und an ihrem Busen sein von Wehmut und Bitterkeit gleich erflltes Herz ausgeweint haben. Sie aber kam mit ihrem gewhnlichen holden Lcheln auf ihn zu, mit dem Lcheln, das so oft ihn wie mit magischer Gewalt hingerissen hatte; jetzt aber in der Stimmung, worin er war, wirkte es nur zurckstoend auf ihn; es widersprach zu sehr allen seinen Empfindungen, und es fiel ihm gar nicht ein, da sie, noch unbekannt mit Dem, was er eben gesehen, auch keine Trauer ber das Geschick der Umgekommenen zeigen knne. Er mute, anstatt zu ihr sich hinzuneigen, scheu zurckweichen. Er mute, whrend er seinen Blick starr auf sie heftete, sich selber fragen: ist dies herzlose, spottende Zauberbild eines doppelten Treubruchs wert? Idalia trat stolz zurck. Sie war zu sehr an eine allvergessende Huldigung gewhnt, als da sie sich htte entschlieen knnen, ihn teilnehmend zu fragen: was ihm fehle? Mochte auch Liebe fr ihn eben so dringend, als Neugierde, sie antreiben, den vllig Verstrten, der sich, mit beiden Hnden die Augen bedeckend, auf einen Stuhl geworfen hatte, um Aufschlu ber sein Benehmen zu bitten, so trug doch ihre Empfindlichkeit den Sieg davon. Sie setzte sich grollend in eine andere Ecke, sttzte ihren Kopf mit dem Arm, und, die kleinen Lippen hoch aufwerfend, die Augen, wie feucht von einer Thrne, mit dem Schnupftuch trocknend, nur dann und wann einen flchtigen und verstohlenen Blick auf Godber werfend, spielte sie eben so sehr die Rolle einer Uebellaunigen, als sie es wirklich war. Denn wenigstens das war ihr klar geworden, da sie nicht so ganz allein herrsche in seinem Herzen, da es noch Etwas gebe in der Welt, was ihn unempfindlich machen knne gegen die Macht ihrer Reize; da daher ihr Sieg noch gar nicht so vollstndig sei, wie sie bisher geglaubt. Und hatte seine Verstimmung wohl gar allein ihren Grund in einem Zusammentreffen mit Maria? Wenn dieser Gedanke ihrer Liebe, die nicht weniger abgttische Verehrung, als ausschlieliche Hingebung des Herzens von dem Geliebten forderte, vielleicht Eintrag that, so weckte er doch auch wieder ihren Stolz, und durch diesen den Entschlu, ihn mit allen Mitteln ganz zu fesseln. Sie selbst urteilte freilich nicht so klar ber ihre Empfindungen und rechnete auch der Liebe einen nicht kleinen Anteil zu an diesem Entschlusse. Godber aber schien vllig abwesend zu sein mit seinem Geiste. Er brtete bald mit dumpfem Schweigen in sich hinein, bald kndeten einzelne Seufzer und zuckende Bewegungen die tiefe Aufregung seines Innern. Idalia wute sich in der Spannung zwischen Neugierde und Aerger kaum mehr zu lassen. Selbst ihr Schluchzen hatte der Unempfindliche berhrt. Zu ihrer Freude kam endlich ihr Vater, und aus dessen theilnehmenden und trstenden Worten an Godber, der sich bei dem Eintritte Mander's emporraffte und ruhiger zu erscheinen strebte, erfuhr sie nun die Auffindung der Leichen. War ihr auch der Schmerz Godber's ber das Geschick der schon lngst verloren gegebenen Gefhrten unbegreiflich, fhlte sie sich auch noch mehr beleidigt, wie eine ihr so gering dnkende Ursache ihn zu einem solchen Betragen gegen sie verleiten konnte, so hatte sie _das_ doch wenigstens gewonnen, da nicht mehr die Eifersucht sich in ihre Betrachtungen ber sein Benehmen mischte. Sie mute mit einem Blick in den Spiegel ber sich selbst lcheln, da sie nur einen Augenblick hatte daran denken knnen, da ein Halligmdchen ihr den Rang streitig mache. Doch sollte Godber ernsthaft bestraft werden; zu ihren Fen sollte er Verzeihung betteln, und erst nach langem Flehen wollte sie ihm die Hand zum Kusse als Anfang der Vershnung reichen; die rechte Vershnung sollte noch mehrere Tage weiter hinausgeschoben werden, damit es ihm nie wieder einfallen mge, zu vergessen, wie sein Glck allein von ihrer Liebe abhnge, und wie dieses Glck mit voller Hingebung und Vergessenheit erkauft werden msse. Und das nennen sie Liebe! Fr heute schien Godber keinen Anfang zur reuigen Rckkehr machen zu wollen, denn, ohne nur mit einem Blicke nach Idalia zu sehen, ging er mit Mander zu dem Pastor, um Verabredungen wegen der Beerdigung zu treffen. Hold nannte die Hausvter, die wohl passende Srge haben wrden, und Godber ging zu diesen. Als er spter wieder zum Pastorat zurckkam, war Mander schon fortgegangen, und Hold hatte nun Gelegenheit, ein Wort ber Godber's Verhltnisse zu Maria und Idalia zu reden. Kaum aber begann er darauf hinzudeuten, als Godber mit dem Ausruf, der aber keineswegs wie trotzige Abweisung, sondern eher wie ein Schrei der Verzweiflung klang: Ich wei Alles, was Sie sagen wollen! ihn unterbrach und aus dem Hause strzte. Idalia wartete den Abend vergebens auf seine Rckkehr. Sie weinte jetzt wirklich bittere Thrnen, die anfangs nur der tiefbeleidigte Stolz hervorgerufen; die aber, weil sie nur den Schmerz der gekrnkten Liebe darin sah, auch ihre Gefhle zu der Hhe der wahrhaften Liebe steigerten. Am andern Morgen fehlte Godber beim Frhstck, und es wute Niemand im Hause, ob er berhaupt in der Nacht da gewesen sei. Idalia sah ihn zuerst wieder, wie er bleich und verstrt mit der Trauerfahne an der Werfte vor den Srgen her vorberschwankte. Godber hatte in der Nacht bei den Toten gewacht und sich ausdrcklich jede Teilnahme Anderer an dieser Wache verbeten, so ungern sich auch die beiden mitgeretteten Matrosen aus alter Neigung zu ihrem Kapitn und ihren Gefhrten davon zurckweisen lieen. Er wollte allein sein, allein mit den glcklichen Toten und seinem unglcklichen Herzen. Sein Schmerz lste sich in dieser Stille zu Thrnen der Wehmut auf. Seine ganze glckliche Kindheit, seine Spiele mit Maria, das Gelbde, das er ihr gegeben, die Briefe, die er ihr geschrieben, die Trume von einer schnen Zukunft an ihrer Seite mitten in den Gefahren des Meeres, mitten unter dem geruschvollen Treiben seines Berufs, die einsamen Nchte am Steuer, wenn die Wellen fremder Meere wie Gre aus der Heimat um den Kiel rauschten und die Sterne am Himmel von dem Frieden dieser Heimat redeten: Alles dieses wiederholte sich in seiner Erinnerung und ging an ihm vorber wie Bilder eines verlorenen Paradieses. Warum konnte er dies Paradies nicht wieder gewinnen? Warum die Fesseln, die die Untreue gebunden, nicht von sich abstreifen? so fragte er sich selbst; und Idalia's Bild vermochte nicht einen Augenblick seinen Geist in diese Bande zurckzufhren. Vielmehr erwachte in ihm eine unendliche Sehnsucht, Maria, seine Maria wiederzusehen. Um Mitternacht verlie er die Totenkammer, trat leise hinaus in's Freie; und siehe! die Sterne blickten so freundlich lchelnd auf ihn herab, als wollten sie seinen Gang segnen. Er eilte raschen Laufs vorwrts, bersprang mehrere Grben, um nicht durch den Umweg ber die Stege aufgehalten zu werden. Da blinkte ihm schon von fern ein Lichtglanz aus der ersehnten Wohnung entgegen. Es fiel ihm nicht auf um diese spte Stunde. Er meinte, es msse so sein; sie warte ja auf ihn, sie zeige ihm ja damit nur den Weg zurck zu seinem Gelbde der Treue. Hastig, aber doch sorgsam jedes Gerusch meidend, ging er die Werfte hinauf. Ein Stein an der Mauer erlaubte ihm, ber die niedrigen Fensterladen hinwegzusehen. Da sa Maria am Bette ihrer Mutter, die Hnde gefaltet in den Scho gelegt und mit den halbgeschlossenen Augen, wie trumend, nach Oben blickend. Angewurzelt blieb Godber auf seiner Stelle, den Atem zurckpressend in der aufwallenden Brust, mit unverwandtem Auge an der Jungfrau haftend, die ihm jetzt, wenn er in diesem Augenblick htte vergleichen knnen, als eine himmlische Erscheinung gegen Idalia's irdisches Schattenbild vorgekommen wre. Lange, lange stand er so. Maria nickte zuweilen vom Schlummer berwltigt ein, und Godber's Herz klopfte dann hrbar vor Angst, da sie fallen mchte. Wenn sie die Augen wieder aufschlug, wartete er immer darauf, da sie ihn sehen und wie am ersten Tage mit dem Ausruf: Godber, Godber, bist Du wieder da! zu ihm hineilen sollte. War denn nicht heute der erste Tag? kam es ihm doch vor, als habe er nur schwer getrumt und sei erst eben angekommen auf der Hallig. Aber Maria nahm das Licht, leuchtete sorgsam nach dem Bette ihrer Mutter hin und horchte auf ihren Odemzug. So waren Stunden entflohen; fr Godber waren es Minuten. Der Morgen begann schon zu dmmern; fr Godber war es noch Mitternacht. Die Khle aber, welche dem Aufgang der Sonne vorhergeht, fieberte auch ihn an. Er merkte es nicht; nur wurden seine Gedanken dadurch von Maria auf die Ursache ihres Nachtwachens hingefhrt. Ach! dachte er, gewi ist die Mutter krank, und du, du allein trgst die Schuld! Du bringst die Mutter in's Grab, und die Tochter -- er konnte nicht vollenden -- wird ihr nachfolgen! Hinein mute er, zu ihren Fen die Stunde der Reue feiern, an ihrer Brust wieder zum neuen Leben erwachen. Er hatte die Hand schon an der Thrklinke. Da krhte der Hahn im Stalle dicht neben ihm dem Morgen entgegen. Er schrak zusammen, wie ein ertappter Verbrecher. Petrus der Verrther! murmelte er dumpf in sich hinein, zog die Hand rasch von der Thr hinweg und blickte wild um sich. Die Sterne waren untergegangen und ein grauer Nebel verdeckte noch die erste Rte des Tages. Godber's hochatmende Brust sog die kalte, schwere Luft mit vollen und raschen Zgen ein. Er fhlte auf einmal alle Bande wieder, in die er sich verwirrt, und strzte fort. Atemlos kam er in der Totenkammer wieder an. Die Lampe war fast ganz niedergebrannt und warf nur noch einen schwachen Schimmer in die Dunkelheit hinein. Sein rascher Futritt stie an einen der Srge an, dumpf drhnten die trocknen Bretter und besinnungslos sank der Lebende bei den Toten zu Boden. Nach dieser Nacht mute fr Godber der folgende Tag wahrhaft martervoll werden. Die vllige Erschpfung seiner Krperkrfte trug dazu bei, seiner Phantasie volle Herrschaft ber ihn zu geben. Er sah und hrte in Allem nur Anspielungen auf seinen Treubruch. In dieser Kirche hatte ja Maria fr seine glckliche Rckkunft gebetet; hierher gedachte sie den ersten Gang an seiner Seite zu machen. Diese ganze Gemeinde wute ja von seinem Gelbde; alle Blicke kndeten die tiefste Verachtung; alle diese heimlichen Unterredungen sprachen schon den Bann ber ihn; alle Tritte lenkten von seiner Nhe ab. Die Buchstaben selbst des Gesangbuches drngten sich von seinem Blick hinweg und die Tne flohen seinen vergifteten Odem. Bei der Frage Hold's: Wo sind aber die Neun? grten ihn die fahlen Gesichter der Toten und sprachen grinsend: Die Neun sind wieder beisammen! Da diese Worte der Predigt angehrten, konnte ihm nicht in den Sinn kommen; er sah und hrte nur die Toten, die sich immer nher an ihn herandrngten und deren eisiger Hauch ihm durch die Gebeine rieselte, whrend heie Tropfen von seiner Stirne fielen. So wurde er nach dem Schlu der Kirchenfeier in den Leichenzug als Trger der Trauerfahne willenlos hineingezogen. Aber die Flagge des seiner Hand vertraut gewesenen Schiffes ward ihm zu einer groen, schweren Woge, die vor ihm herrollte und ihn mit fortzog. Er klammerte seine Hand so fest um den Stock, da ihn der Arm schmerzte, und je mehr er den Schmerz fhlte, desto fester klammerte er seine Finger zusammen; denn desto gewisser ward es ihm, da er, in die Flut geschleudert, die letzte Planke des zertrmmerten Schiffes gefat habe. Dreimal hatte er, von den ngstlichen Bildern gefoltert, den schweren Gang machen mssen, und trat nun an das offene Grab. Er starrte hinein und strengte seine Augen vergebens an, den Abgrund zu seinen Fen abzusehen. Immer tiefer dehnte sich vor ihm die unergrndliche Gruft. Er wre, wie er sich immer weiter vorbog, um mit seinem irren Blick die Tiefe zu ermessen, hinabgestrzt, wenn ihn nicht Mander und Oswald, die in ihm nur den um den Verlust seiner Schiffsgenossen tieftrauernden Mann sahen, zurckgehalten htten. Da hrte er, wie Hold, in Bezug auf des Kapitns Weigerung, das ihm anvertraute Schiff zu verlassen, sagte: Es ist ein Segen bei der Treue, wenn nicht in der Zeit, doch in der Ewigkeit! Dieses Wort schmetterte seine letzte Kraft hin. Er murmelte leise wie ein Sterbender mit gebrochenem Herzen: Und ein Fluch bei der Untreue in Zeit und Ewigkeit! Jetzt schon wre er hingesunken, wenn er sich nicht mit schlaffen Gliedern auf die Flaggenstange gelehnt, die neben ihm in den Boden gesteckt war. Hold mute ihn erinnern, die Flagge in die Gruft zu senken. Er fate sie krampfhaft an und schwankte wieder vornber auf das Grab zu. Da standen die drei Srge; aber wie vorher die Tiefe unergrndlich schien, so rckten nun die schwarzen Srge dicht vor seine Augen hin. Die Deckel ffneten sich, die Toten rttelten sich zornig drohend gegen ihn auf. Er taumelte entsetzt zurck, und die Flagge fiel aus seinen ohnmchtigen Hnden auf die Srge hin. X. Es reift in stiller Htte In einfach frommer Sitte Das wunderreiche Herz, Dem Segen jede Wunde, Dem Licht die trbste Stunde, Dem Tau der grte Schmerz. Maria's Benehmen in diesen Tagen war ganz der Spiegel ihres gottergebenen Herzens. Sie erfllte die huslichen Pflichten, die ihr oblagen, mit demselben Eifer und derselben Ausdauer wie frher. Wer sie nicht, belebt von der Hoffnung einer schnen Zukunft, gekannt hatte, konnte nicht ahnen, welchen Schmerz die Jungfrau, der dies stille, ruhige Wesen angeboren zu sein schien, zu berwinden sich im tglichen Gebet bte, und welcher Kraft sie bedurfte, um fest zu werden in ihrer Erwhlung, eine Magd des Herrn zu sein. Gott, der da sorget fr die gebrochenen Herzen, und Keinem mehr auflegt, als er tragen kann, erleichterte ihr ihren Kampf durch die Krankheit, welche die Mutter befiel. Und Maria gab, als ob sie es empfunden, da diese Krankheit ihrer Wunde Heilung bringen sollte, sich mit einer Sorgsamkeit und Aufopferung der Pflege ihrer Mutter hin, da all' ihr Sinnen und Denken gleichsam verschlungen ward von diesem ihren neuen Beruf. Aerztliche Hlfe bot die Hallig nicht dar; und auswrts sie zu suchen, berstieg die Vermgenskrfte der Witwe, wenn auch nicht der Wille gefehlt htte, da Ruhe, Pflege und einige Hausmittel dem Halligbewohner in Krankheitsfllen genug dnken. Hold besuchte die Kranke mehrere Male, und wenn diese zuweilen auf Godber's Untreue zu sprechen kam, fiel ihr Maria schnell in die Rede und sagte: La das, Mutter. Ich kann Dich ja nun besser pflegen, als wenn ich an ihn dchte. Sprach sie mit Hold allein, dann drang wohl noch ein Ton des Schmerzes durch; aber als htte er nur einen Friedensgru aus der Hhe von den Lippen des Seelsorgers locken wollen, ging er gleich wieder in die aufrichtige Sprache frommer Ergebung ber. Lcheln aber mute Hold, als Maria ihm bei einem dieser Besuche ein paar damals vielgelesene Romane mit der Bitte gab, sie dem jungen Herrn zurckzubringen. Er erfuhr nun, da Oswald, vielleicht nur um eine, seinen Neigungen entsprechende Abwechslung in die Einfrmigkeit des Lebens, zu dem er gezwungen war, hineinzubringen, die Bekanntschaft des Mdchens gesucht, den einen Tag der Mutter eine Flasche Wein, den andern Tag der Tochter die Bcher gebracht habe. Sie aber, meinte diese, knne eben so wenig aus seinen Reden, wie aus seinen Bchern vernehmen. Ihr werde unheimlich dabei zu Mute; denn das sei eben die Sprache, welche Godber in seinen Briefen auch zuweilen geredet, und die wol die Schuld trage, da er seine Verlobte nun verachte; und unbekannt mit der Blume, die durch ihren Namen die Erinnerung fesseln soll, fgte sie mit dem scharfen Spott eines tiefverwundeten Herzens hinzu: Da reden sie von Vergi mein nicht, als ob man so Etwas abpflcken knne, wie eine Blume, die zum Verwelken bestimmt ist. Kein Wunder, da sie so leicht vergessen! O, diese feinen Herren, dachte Hold beim Heimwege, die die Fhlfden ihrer Lsternheit nach jedem hbschen Gesicht ausstrecken und es nicht merken, wenn sie die Einfalt der Unschuld vor sich haben, an der all' ihre Gifttropfen, wie an einem Krystall, abfallen, ohne eine Spur zu lassen. Nein, mein kluger Oswald, mit Deinen Romanen wolltest Du wol erst geschickt den Boden bereiten fr deine Liebschaft. Aber hier ist kein Boden, auf dem solche Schlingflanzen Wurzel fassen knnen. Hier ist Gottes Erdreich und nicht das faule Beet verborgen gehaltener Begierden. Ehe Maria Dich und Dein Gift versteht und dadurch ihm die Kraft zu schaden giebt, mtest Du sie gar lange in Deine Schule nehmen. Und dann noch das Vergimeinnicht, welches in ihrem Herzen als eine Blume aus dem Garten Gottes blht, das pflckst Du nicht so leicht ab, das schtzen Gottes Engel vor jedem versteckten oder offenen Angriff. Um Mander zu schonen, wartete Hold eine Gelegenheit ab, die Bcher an Oswald ohne Zeugen abzugeben, und sagte ihm dabei: Glauben Sie ja nicht, da ich diese Schriften dem Mdchen abgenommen. Sie gab mir sie ganz freiwillig, weil sie dergleichen nicht verstehen knne. Ich glaubte, stotterte Oswald verlegen, da dem uerlich so wol gebildeten Mdchen eine grere innere Bildung keinen Nachteil bringen wrde. Und Sie dachten, entgegnete Hold strenge, eben erst wegen dieser Wolgestalt ihres Aeuern an eine innere Bildung? warum denn, wenn Sie ihre sogenannte Bildung so hoch schtzen, gingen Sie ohne Teilnahme an den gleich ungebildeten, aber weniger mit krperlichen Reizen Geschmckten vorber? Es ist natrlich, da die auch blo uere Schnheit ein regeres Interesse weckt. Ja wol, natrlich, erwiderte Hold, wenn wir gewohnt sind, uns vom Sinnenreiz in unserm Interesse bestimmen zu lassen. Sie nehmen die Sache zu ernst, lachte Oswald, der sich von seiner augenblicklichen Verwirrung erholt. Als Hirte mssen Sie freilich darauf achten, da kein Schaf Ihrer Heerde zu Schaden kommt. Also auf einen Schaden war es doch abgesehen? fragte Hold mit scharfer Betonung, und als Oswald, wol fhlend, wie er sich in seinem eignen Ausdruck gefangen habe, erst nach einer Pause antwortete: Ich sagte Ihnen ja schon, da ich dem Mdchen, das, wie ich nicht leugnen will, mir gleich beim ersten Anblick sehr gefiel, eine reichere Bildung des Geistes und des Herzens wnschte, und darum ihr die Bcher gab, fuhr er fort: Um Maria's Willen wrde ich kein Wrtchen in dieser Sache verloren haben. Sie hat jene Unschuld, die da Gift trinken mag, und es wird ihr nicht schaden, die auf Schlangen treten mag, und ihr Fu wird nicht verwundet werden; denn sie ist einfltiglich frommen Sinnes. Fr ihren Verstand ist die Snde zu hoch und ihr Herz zu hoch fr die Snde. Aber um Ihretwillen, junger Mann, mchte ich noch ein Wort sagen. Vergleichen Sie sich einmal in Ihrem Gewissen mit dieser Maria. Sie wissen Vielerlei und Maria gar Wenig. Sie kennen die Geschichte der Vlker, ihre Sprachen, ihre Sitten; Maria's Kunde von diesem Allen ist fast nur auf den Umfang dieses Eilandes beschrnkt. Sie haben Mancherlei gesehen und erfahren, und wissen von hunderttausend Dingen zu reden, von denen Maria nicht einmal die Namen kennt. Sie gelten durch die Feinheit Ihres Benehmens, durch geflligen Anstand und kluge Benutzung aller Vorteile der Erziehung fr einen gebildeten Mann; Maria geht schlicht und recht dahin und redet, wie es ihr um's Herz ist, ohne Zier und Schminke. Sie suchen dabei die Erholung von Geschften in allerlei Vergngungen, welche die Sinne reizen und die Gelste des sterblichen Leibes befriedigen; Maria betet und arbeitet einen Tag wie den andern und sorgt mit aufopfernder Liebe fr die Pflege ihrer kranken Mutter. Sie nehmen Freuden und Leiden als Spiele des Zufalls; Maria dankt ihrem Gott und vertraut ihrem Vater im Himmel. Sie stehen hoch ber ihr, so hoch, wie die Erde mit ihren Gaben und Genssen nur erheben kann, und -- er fate Oswald's Hand und schlo mit erhobener Stimme: ich sage Ihnen, wenn Sie an einen Gott glauben, in dem Namen dieses wahrhaftigen Gottes: Maria steht hoch ber Ihnen, denn ihr Wandel ist im Himmel! Der junge Mander schwankte zwischen Unmut und Scham und erwiderte mit einer Stimme, in der Trotz und Verlegenheit sich mischten: Ein wenig Bildung mehr wrde der frommen Jungfrau keinen Schaden thun. Maria's Bildung, entgegnete Hold, ist fr ihren Stand und Beruf hinlnglich; und was ihr sonst zu wissen ntzlich wre, lernt sie wahrlich nicht aus diesen Bchern. Ja, -- verzeihen Sie, wenn auch ich, als ein Landsmann Maria's, schlicht und recht rede, wie mir's um's Herz ist, -- was Sie von ihr lernen knnen, ist bei weitem mehr und wichtiger, als das, was Sie ihr aus allem Ihren Wissen und aus allen Ihren Bchern an Belehrung zu geben vermgen. Gesetzt auch, sie knnte die Bildung annehmen, die Sie ihr darreichen wollen, was htte sie damit gewonnen? Unzufriedenheit mit ihrer Lage, Sehnsucht nach einem ihr unerreichbaren Leben, und was noch schlimmer ist, Erregung von Leidenschaften, die jetzt ihr Herz unzugnglich finden. Verloren aber htte sie, unwiederbringlich verloren: die Geduld und die Stille eines in Gott ergebenen Gemtes, den Frieden einer den irdischen Schmerz berwindenden Seele; verloren die Ruhe eines unbefleckten Gewissens und die sichere Freudigkeit eines kindlich frommen Glaubens. Wie mgen Sie diesen unschuldigen Romanen einen so schdlichen Einflu zuschreiben? sie sind ja nur zu einer augenblicklichen Unterhaltung bestimmt und bilden dabei unmerklich den Verstand. _Wir_ nehmen, war Hold's Entgegnung, solche Bcher fr das, was sie sind, fr Erzeugnisse der Einbildungskraft und sind zu bekannt mit dem Leben, das sie schildern, um mehr darin zu finden, als uns selbst, nur in andern Kleidern. Fr Maria aber wrden sie eine Welt erffnen, wenn sie dieselbe verstehen knnte; eine Welt, die ebenso heie Begierden entflammen und darum ihr ebenso schdlich werden wrde, wie Amerika bei der ersten Entdeckung es den Spaniern ward. -- Doch ich vergesse, da Ihr Versuch fr die Bildung Maria's nur eine versuchte Vorbildung fr ein hnliches Spiel war, wie Ihre Schwester es mit Godber treibt. Oswald lie sich nicht darauf ein, diesen erneuten Vorwurf noch einmal abzulehnen. Er ergriff vielmehr mit einer Hast, die seine Freude kund gab, auf einen andern Gegenstand das Gesprch gewandt zu sehen, die Gelegenheit, Idalia als Streitpunkt vorzuschieben. Was kann sie denn dafr, wenn ihre Reize so hinreiend wirken? sie hat schon ganz andere Mnner zu ihren Fen gesehen, als diesen Godber. Was kann ich dafr! antwortete Hold mit Spott. Dies Wort kommt mir vor, wie ein verlorener Posten, der auf's Geradewol dem anrckenden Feinde entgegengeworfen wird, weil es an einer ordentlichen Wehr zur Verteidigung fehlt. Aber es wrde unntz sein, mit Ihnen hierber zu reden, da Sie gerade ja schon in die Fustapfen Ihrer Schwester getreten wren, wenn nicht ein gebrochenes Herz, besonders wenn Gottes heilige Engel sich darin gelagert haben, so schwer zu erobern stnde, wie ein Herz, wo Eitelkeit und Sinnlichkeit die Wache halten, dagegen leicht. -- Als Oswald vor Unwillen erglhend jetzt nach seinem Hute griff, fgte der Pastor hinzu: Noch Eins, Herr Mander! Sie werden mich immer bereit finden zu all' der Freundlichkeit, die wir den Gsten unserer Hallig schuldig sind. Sie werden mich verbinden, wenn Sie durch Ihre Unterhaltung dazu beitragen wollen, fr diese Wochen mir den Genu einer heitern Geselligkeit zu verschaffen. Es wird mir wol thun, mit Ihnen und Ihrem Herrn Vater einmal wieder ber Dinge reden zu knnen, die frher das Gesprch mancher schnen Stunde mit meinen Freunden waren. Sie werden es mir aber erlauben mssen, da ich mich auf _meine_ Weise um Ihre Achtung bewerbe, und daher Ihnen bei jeder passenden Gelegenheit in mir den Seelsorger zeige. Versumte ich dies, liee ich Sie bei mir das Amt vergessen, das mir von Gott vertraut ist, dann wrde ich ja die Achtung eines vernnftigen Mannes verscherzen. Gehen _Sie_ daher Ihren Weg, wie Sie wollen. Lassen Sie _mich_ auf dem Wege, den Beruf und Gewissen mir vorschreiben; und dabei wollen wir uns die kurzen Stunden unserer Gemeinschaft gegenseitig zu erheitern suchen, und ich hoffe, wir werden dann als Mnner von einander scheiden, die sich gerne gesehen haben. Oswald war etwas verdutzt ber diese Wendung und entfernte sich mit einigen wenig sagenden, aber doch freundlich sein sollenden Worten. XI. Aus der Furche Nacht und Tau Hebt die Lerche khn die Schwingen, Von der lichten Morgenau Her den jungen Tag zu bringen. So aus schweren Erdenleid der Glaube, Da dem Himmel er den Himmel raube. Fr Godber waren jene Phantasien, die ihn zuletzt ohnmchtig am Grabe niederwarfen, der Anfang des in jenen Gegenden gewhnlichen Fiebers, das zwei Tage den Kranken mit Heftigkeit ergreifend, ihm den dritten Tag Ruhe gnnt, sich auf den nchsten Fiebertag zu bereiten. Idalia zeigte jetzt die ganze Heftigkeit ihres Charakters. Sie warf sich an Godber's Lager nieder. Sie bedeckte seine kalten Lippen mit ihren glhenden Kssen. Sie rief Himmel und Erde zu Zeugen an, da sie ohne ihn nicht leben knne, und machte sich die lautesten Vorwrfe ber ihr teilnahmloses Betragen gegen ihn. Mander sah mit Erstaunen, welche Gewalt die Liebe ber seine Tochter ausbte. Ihm war wol ihre Neigung fr den Retter ihres Lebens nicht verborgen geblieben; doch meinte er, wenn erst die Zeit die Dankbarkeit schwche, werde auch die Entfernung die flchtige Aufregung eines aus ihr hervorgegangenen Gefhls vergessen machen. Er hatte den Jngling, der ihm wert sein mute, bedauert, wenn er wahrnahm, wie dieser von Idalia's Reizen gefesselt wurde. Aber gewohnt, seinen Kindern mehr teilnehmender Begleiter auf ihrer Lebensbahn, als ein vterlicher Erzieher zu sein, hatte er sich gescheut, die in dieser augenblicklichen Zuneigung so Glcklichen durch klare Aufdeckung des wahren Verhltnisses zu stren. Jetzt freute er sich ber die Zurckhaltung; denn war Idalia's Liebe so tief und innig, wie sie sich nun ihm zeigte, so wollte er ihrer Wahl kein Hindernis entgegenstellen. Fehlte es ihm doch nicht an Mitteln, Godber zum Herrn eines schnen Schiffes zu machen, und durfte er doch hoffen, bei der erprobten Geschicklichkeit und Rechtschaffenheit des jungen Mannes, wie bei dem guten Herzen und festen Charakter desselben, in ihm einen wrdigen Schwiegersohn zu sehen, in dessen Hand Idalia's Glck fest begrndet sein wrde. Bei dieser Betrachtung bedurfte es nicht erst der flehenden Bitten seiner Tochter, ihn anzutreiben, fr rztliche Hilfe zu sorgen. Oswald fuhr deshalb nach Husum hinber und kam am folgenden Tag mit dem Arzte zurck, den Idalia in der ngstlichsten Spannung erwartet hatte. Dieser konnte, unbekannt mit dem Seelenzustande des Jnglings, nur ein gewhnliches Fieber in dessen Krankheit sehen und sagte, da jetzt allein Dit und Pflege, nach einigen Tagen erst Medicamente ntzlich werden knnten. Idalia mute sich mit diesem Ausspruche zufrieden geben, so schwer es ihr wurde. Sie hatte fast die ganze erste Nacht an Godber's Bette gewacht und konnte nur mit Mhe bewogen werden, selbst Ruhe zu suchen, als endlich der Kranke nach den heftigsten Phantasien, in welchen sich die Gefhle, die seine Brust bewegten, in den wunderlichsten Bildern durch einander wirrten, eingeschlummert war. Godber's Jugendkraft schien die Krankheit durch einen langen Schlaf berwinden zu wollen. Als er erwachte, war der Frost des wiederkehrenden Fiebers schon vorber und die Hitze begann aufzusteigen, die alten Phantasien mit sich fhrend. Idalia sa bereits wieder an seinem Lager. Er blickte starr auf sie hin, ohne eine Antwort auf ihre Frage nach seinem Befinden. Es schien, als strenge er sich an, seine Gedanken zu ordnen, und als wre die vor ihm sitzende Jungfrau eine ganz fremde Gestalt, die er nicht in den Kreis seiner Vorstellungen hinein zu bringen vermchte. Pltzlich zuckte er zusammen; seine Zge verzerrten sich, wie getroffen von dem Anblick einer grlichen Todesgefahr, und mit dem Ausruf: dreifach Meineidiger! barg er sich sthnend in die Kissen. Idalia konnte nur zum Teil erraten, was den Jngling so tief erschttert hatte; auch war sie oft geneigt, Alles fr Phantasiespiele des Fiebers zu halten, die keinen Grund in seinen wirklichen Gefhlen htten; doch freute sie sich innig, als in den nchsten Tagen diese Phantasien mit den Fieberanfllen wiederkehrten und Godber's volle Zrtlichkeit fr sie sich auf das deutlichste aussprach, weicher, hingebender als je zuvor. Seine krperliche Schwche milderte den Kampf in seinem Innern. Idalia's treue Pflege rhrte ihn tiefer, mit seinem Wesen bereinstimmender als alle frheren Zeugnisse ihrer Liebe, wenn diese ihn auch leidenschaftlicher entzckt hatten. Er gab sich gleichsam seinem Loose hin, ohne weiter durch die Erinnerung an das Vorhergegangene zu widerstreben. Nur an ihr haftete sein matter Blick; nur wenn sie neben ihm sa, war er zufrieden; nur ihr Lcheln erheiterte auch sein bleiches Gesicht. Wie ein Kind der Mutter folgte sein Auge allen ihren Bewegungen; und mehr stumm, als wortreich, malte sich doch gerade in seinem Schweigen die tiefste, vollste Liebe. Gleich wie die Abendrte nach einem strmischen Tage der wieder Lebensodem schpfenden Natur die lieblichste Frbung leiht, so war ber Godber's Wesen nun eine ganz eigene Milde, Zartheit und Hingebung verbreitet. Diese Wendung seiner frher mehr heftig bewegten Gefhle ging zum Teil aus wirklich jetzt innigerer Liebe zu Idalia, zum Teil aber auch aus der ihm freilich nicht klar bewuten Notwendigkeit hervor, sein Dasein nun ganz mit dem ihren zu verweben, um den Frieden seines Lebens wieder zu gewinnen. Auf Idalia's Herz blieb diese Innigkeit Godber's nicht ohne bedeutenden Einflu; es hatte der wahren Liebe nie so nahe gestanden, als jetzt. Diese ungewohnte, nie geahnte und ihrem Charakter fremde Weichheit, die vllige Verschmelzung aller Gedanken und Gefhle mit dem geliebten Wesen zog sie unwiderstehlich an, und sie fhlte in einzelnen Stunden Aehnliches. In einer solchen Stunde sang sie unter Begleitung der Laute, die sie mit hoher Kunstfertigkeit spielte, und deren Erhaltung im Schiffbruch sie der Sorgfalt verdankte, mit welcher sie dieselbe, als ein Mittel, mit ihrem Talent zu prunken, nach jedem Gebrauch wieder verschlo, das folgende Lied, welches sie auf Godber's Bitte ihm nun tglich wenigstens einmal vorsingen mute: Was ich einst gewesen, Wei ich's denn noch mehr? Kann ich Kunde geben, Wie ich anders _wr_? War mir Lebenswiege Nicht Dein erster Gru? Wie mir Todessiegel Wr' Dein letzter Ku. Kann die Blume scheiden Sich von Licht und Tau? Kann die Welle steigen Auf in's ferne Blau? Giebt's fr Dein Gebilde Eine andre Welt, Wo Dein Schpferwille Es nicht trgt und hlt? So nur _Deine_ Gabe Geb' ich Dir zurck, Wenn ich liebend atme Nur in Deinem Glck. Godber sah in diesen und hnlichen Ausdrcken die vollsten Beweise der hingebendsten Liebe, und sie dienten dazu, ihn in dem Bestreben zu bestrken, sein Verhltnis zu Maria mit dem Schleier vlliger Vergessenheit zu bedecken; wie sie zugleich ihm die unbegrenzte Erwiderung solcher Liebe gleichsam als eine Pflicht auflegten, an deren Erfllung doch auch sein Herz den grten Anteil hatte. So gingen beinahe vierzehn Tage hin, und bis auf die nach einer solchen krperlichen und geistigen Aufregung sehr natrliche Mattigkeit war Godber's Krankheit fast ganz vorber, und durch sie der Bund der Liebenden fester als je geknpft. Zugleich gab die Weise, wie Mander jetzt ber diesen Bund sprach, der Neigung, die bisher dem freundlichen Traum der Gegenwart als einer flchtigen Gunst des Geschicks ohne weitere Erwgung sich hingegeben, die bestimmte Richtung auf die Zukunft, gab ihr den brutlichen Charakter in seiner Entschiedenheit des Bewutseins. Idalia betrachtete, obwol sie es sich gestehen mute, da auch in ihrer Brust durch die Liebe zu Godber manche neue Saite angeschlagen sei, doch diesen gegen die Worte ihres Liedes als _ihr_ Gebilde. Hatte sie ihn nicht aus einer Beschrnkung des Daseins erhoben, in der er sich frher wolgefallen? Hatte sie ihm nicht eine neue Welt geffnet, an deren Pforte kaum sein khnster Traum ihn ohne sie gefhrt htte? Mute er nicht in ihr das Gestirn erkennen, das ihm in eine schnere, genureichere Zukunft hineinleuchtete, als wozu ihm seine Geburt und sein bisheriges Leben bestimmt zu haben schien? Da sie dies klar denken und darnach, seltene Momente der Vergessenheit ausgenommen, ihre ganze Stellung gegen den Jngling beurteilen und ihr Benehmen regeln konnte, zeigt, wie wenig ihre Brust der echten, weiblichen Liebe zugnglich war. Vielleicht mochte ein Vorfall am neunten Tage der Krankheit Godber's noch mehr dazu beitragen, Idalia zu einer scharfen, bersichtlichen Wrdigung ihrer Verhltnisse zurckzufhren. Es war ein heiterer Nachmittag. Die milde Herbstsonne blickte so freundlich und warm in die kleine, aber in ihrer lebhaften Frbung und zierlichen Ordnung recht gemtlich ansprechende Stube hinein. Whrend verschiedene Geschfte alle brigen Bewohner vom Hause entfernt hielten, sa Idalia allein an Godber's Lager und bewachte seinen ruhigen Schlummer. Sein bleiches Gesicht, von dem alle Spuren des rauhen Seelebens verschwunden waren, whrend die beginnende Genesung schon ihre erste leise Rte auf die Wangen gehaucht hatte, erschien, halbbeleuchtet von einem schrgen Sonnenstrahl, in einem Lichte, das die mnnlich schne Form desselben auf das Anmutigste hervorhob. Sie hatte ihn noch nie so anziehend gefunden und konnte sich nicht enthalten, mit einem leichten Ku seine Lippen zu berhren. Erwachte er auch nicht davon, so mute er diese Berhrung doch gefhlt haben, denn sie schien, wie das stille Lcheln um seinen Mund bezeugte, sich mit einem angenehmen Traum vermhlt oder diesen erst hervorgerufen zu haben. Idalia lehnte sich auf ihren Sitz zurck und ihre Augen mit behaglicher, verschwimmender Ruhe auf den Schlafenden richtend, fiel sie selbst auch bald in jenen Halbschlummer, der zwischen Wachen und Trumen die Mitte hlt, und in welchem wir liebliche Erscheinungen der Phantasie bald mit halbgeffneten, bald wieder mit geschlossenen Augen anlcheln; gleichwie das Kind, welches der Mutter freundlich Antlitz ber der Wiege wei, oft in seinen leisen Trumen durch die kaum gehobenen Wimpern den Blick durchschimmern lt zu der Mutter auf. Befremdet, aber noch ungewi, ob sie wache oder trume, erhob Idalia sich aus diesem Schlummer, als sie eine dunkle Gestalt am Ende des Bettes stehen sah, die mit unverwandtem Blick sie und Godber betrachtete und bei Idalia's Aufschauen den Finger auf den Mund legte, mit einer leisen Neigung gegen Godber, seinetwillen um Schweigen bittend. Es htte vielleicht dieser Weisung kaum bedurft, da die unerwartete Erscheinung Maria's, denn diese war es, wie lhmend auf ihre Nebenbuhlerin wirkte; wozu noch das von Nachtwachen und Seelenschmerz in eine Totenblsse verwandelte Gesicht der Verlassenen nicht wenig beitrug, sowie die ganze auf tiefe Trauer deutende Kleidung derselben. Besonders aber gab das schwarze Tuch, welches um den Kopf geschlungen, Stirn und Kinn fast ganz verhllte, und die bleichen Wangen und den matten Glanz der Augen noch mehr hervortreten lie, dieser Erscheinung etwas Schauerliches. Maria hatte den einfachen Goldreif, den Godber noch immer von ihr trug, mit vorsichtiger Berhrung von seinem Finger abgestreift und barg ihn in die Falten ihres Busentuchs. Dann zog sie den Verlobungsring an ihrer Hand langsam ab und neigte sich gegen Idalia hin, als wollte sie denselben ihr geben. Dabei bewegten sich ihre Lippen in dem Versuch, einige Worte zu lispeln; aber die Zunge versagte den Dienst, nur ein hrbarer Seufzer drngte sich aus ihrer Brust, eine heie Zhre fiel auf Idalia's Hand und der Ring in deren Schoo. Maria aber wandte sich rasch, warf aber an der Thr noch einen langen, schmerzlichen Blick auf Godber hin, sah dann mit einem vertrauensvoll bittenden Lcheln Idalia an, als wolle sie ihr damit Godber's Glck an's Herz legen und -- war verschwunden. Idalia sa noch lange auf derselben Stelle, ehe eine klare Vorstellung ber das Geschehene sich aus ihren irren Gedanken und wechselnden Gefhlen losrang. Da sie das Herz eines liebenden Mdchens gebrochen, war ihr nun zur vollen Gewiheit und ihr Mitleid im hchsten Grade rege geworden. Zugleich fhlte sie sich unangenehm in der freien Leitung ihres eigenen Herzens auf gewisse Weise dadurch beschrnkt, da es ihr eine notwendige Pflicht geworden war, eine solche Liebe, wie Maria kund gab, dem Jngling zu ersetzen, welchen sie jener entzogen. Stimmte auch diese Pflicht mit ihren Neigungen berein, so war sie doch nun eine Fessel und darum fr diese Neigung nach ihrem Charakter weniger zu einem Sporn, als zu einem Rckhalt geeignet. Auch verbarg sie vor Godber den empfangenen Ring und verschwieg ihm sorgfltig das Erscheinen Maria's an seinem Lager. So brachte sie die Unbehaglichkeit einer Verheimlichung in ihr Verhltnis zu ihm. Sie mochte heimlich fhlen, da _ihre_ Liebe nicht jeder Prfung gewachsen sei; wie konnte sie das rechte, volle Vertrauen zu _seiner_ Liebe haben? Maria wre wohl kaum je dahingekommen, auf die obenerzhlte Weise Idalia an sich zu erinnern, wenn nicht der Tod ihrer Mutter alle ihre Gefhle noch hher aufgeregt, als sie es schon durch die Untreue des Verlobten waren, und ihr eine Spannung gegeben htte, die sie aus dem einfachen Geleise ihres sonstigen Ganges hinaustrieb. Der Arzt, der um Godber's willen die Hallig besuchte, hatte auf Hold's Bitte auch nach der kranken Witwe gesehen, obwohl ihre Unplichkeit fr wenig gefhrlich gehalten wurde. Wie erschrack Hold, als der Arzt ihm erklrte, da hier alle Hlfe zu spt komme, und die Alte ihrer Auflsung rasch entgegengehe. So sollte denn Maria ganz verwaist in ihrem Schmerze dastehen? Ihr schwererkmpftes Vertrauen zu der vterlichen Fhrung Gottes sollte durch einen neuen Schlag erschttert werden? Hold suchte sie auf den ihr drohenden Verlust so schonend als mglich vorzubereiten. Sie nahm zu seiner Verwunderung die allmlige Mitteilung des rztlichen Ausspruches mit Gelassenheit auf. Konnte ihr, nach dem Schmerze, den sie berwunden, noch Etwas zu schwer zu tragen sein? Sie schien gleichsam dem Himmel trotzen zu wollen, sie noch hrter zu treffen. Nur als Hold sie darauf aufmerksam machte, wie wenig eine solche Ergebung diesen Namen verdiene, wie sehr sie sich darin versndige, den Schmerz nicht fhlen zu wollen, den ihr der himmlische Vater auf's Neue bereite; als er mit scharfem Worte diese Gelassenheit eine unchristliche, heidnische nannte, da brach sie in Thrnen aus und fragte wehmtig: Was wollen Sie denn von mir? Ich will, antwortete Hold, ein offenes Gemt, wo der warme Sonnenstrahl der gttlichen Barmherzigkeit, die sich auch im Leiden offenbaret, eine fruchtbare Sttte findet; keine eisige, verschlossene Brust, an welcher die Strme vorberwehen, ohne sie zu berhren. Ich will kindlichen Gehorsam und nicht eigensinnigen Trotz. Ich will Leben und nicht Tod. Der Herr soll Deine Thrnen sehen und Deine Seufzer hren, da sich darin kund gebe Deine Demut und Dein Getroffensein von Seinen Schlgen. In Seinen Himmel hinauf soll Dein Gebet und Flehen dringen um Kraft und Strke. Du sollst nicht schweigen vor Ihm, als httest Du schon, was du bedarfst. Du sollst lernen von dem Anfnger und Vollender des Glaubens, dem es ein Geringes gewesen wre, sich jenen kalten, harten Gleichmut anzueignen, mit dem Du tragen und dulden willst, der aber weinte und betete: Vater ist's mglich, so gehe dieser Kelch an mir vorber! Siehe Maria, es ist ein Geist ber Dich gekommen, der nicht der rechte ist, so sehr er sich auch rhmen mag seiner Geduld und Stille. La uns, die wir einen Vater im Himmel haben, auch zu diesem Vater kommen in der Traurigkeit, wie in der Freude. Wir wollen traulich mit Ihm reden, mit der Kinder Offenheit und Herzlichkeit; wollen Ihn fragen, und Er soll sich verantworten und uns offenbaren, warum Er das gethan! Und gewi, wir werden eine Antwort erhalten, wie der Heiland sie erhielt, als er rief am Kreuze zum Himmel auf: Gott, mein Gott! warum hast Du mich verlassen? und die Antwort hatte, als Er im Verscheiden betete: Vater in Deine Hnde befehle ich meinen Geist! Geh' in Dein Kmmerlein und weine Dich aus vor dem Vater in der Hhe, da Deine Thrnen nicht mehr wie brennende Tropfen auf eine drre Sttte fallen, sondern zum himmlischen Tau werden, der die Wunden Deines Herzens khlt. Maria's Thrnen flossen strker, und sie sagte endlich: Ich verstehe es nun an mir selber, was es heit: Herr, ich glaube! hilf meinem Unglauben! Ja, so ist es, erwiderte Hold. Das Verstndnis der Schrift geht uns immer erst allmlig auf. Sie wrde uns stets ein Buch mit sieben Siegeln bleiben, wenn die Erfahrungen unseres Lebens nicht hinzukmen und uns offenbarten die Offenbarungen Gottes in ihrer Flle, als Worte der Wahrheit und des Heils. Wir leben uns in die Schrift hinein, und dadurch wird sie uns wieder zu Licht und Leben. Das bloe Hineinlesen lt uns vielfach in der Dunkelheit selbst da, wo wir meinen, klar zu sehen. So klopfe auch Du nur mit Deinen Erfahrungen, und mit Allem, was Dir noch bevorstehen mag, an diese heilige Pforte an und sie wird Dir aufgethan werden. Ein reicher Schatz des Trostes wird Dir offen liegen, und eine Ergebung in den Willen des himmlischen Vaters wird Dein werden, die da traurig ist und doch frhlich, die da zaget und doch berwindet, die da schmerzlich fhlt, was genommen, und doch selig ruhet in Gott, der es genommen. Maria's Mutter starb, wie sie gelebt, still und fromm. Sie empfing das heilige Mahl, nicht zu einem bis auf die Todesstunde vorbehaltenen Ruhekissen des wunden Gewissens, sondern als letzte Versiegelung eines Glaubens, in welchem sie treu beharret bis ans Ende. Ihr Alter machte sie unfhig, die Tiefe der Wunde zu beurtheilen, an welcher ihre Tochter blutete. Weil am Rande des Grabes ihre Gedanken abgelenkt waren von den irdischen Dingen, und die Eitelkeit unserer zeitlichen Wnsche und Hoffnungen in solcher Nhe der ewigen Heimat ihr klarer vorstand, vermochte sie sich nicht mehr in die Gefhle eines jugendlichen Herzens hineinzuversetzen, das seine Ansprche auf das Glck dieser Welt nicht so leicht aufgiebt. Daher frchtete sie auch nichts fr ihre Tochter, um so mehr, da sie in dem religisen Sinn derselben eine sichere Gewhr sah, da ihr der Trost aus der Hhe nicht fehlen werde, Alles zu berwinden. Ihr letztes Wort an Maria war die Ermahnung: Bleibe fromm und halte Dich recht, denn solchen wird es zuletzt wohlgehen! und sie verschied mit dem Ausruf: Herr Jesu, nimm meinen Geist auf! So endete eine Frau, die manches Herbe in ihrem Leben erfahren, aber ihren festen Glauben und innern Frieden nie verloren. Sie schied aus einer Welt, in der sie nur gar Wenige gekannt hatten, und in der sie fast allein von ihrer Tochter vermit wurde; und doch mchte Mancher, dessen Leben Millionen bewunderten und dessen Nachruhm Millionen feiern, diese an Geist und Gut arme und in ihrem kleinen Kreise bald vergessene Witwe um ihren Platz am Throne Gottes beneiden. Wen sein Beruf oft an Sterbelager fhrte, und wem da Gelegenheit ward, ein einfach christliches Gemt in der Abschiedsstunde von einem ebenso einfach stillen Leben zu beobachten, dem ist jeder Prunk irdischer Gre widerlich, selbst da, wo er wahres Verdienst zur Folie hat, und wo dies Verdienst fehlt, kostet es ihm Mhe, sein Mitleid nicht in Verachtung bergehen zu lassen. XII. Ach! du gleiest, ohne je zu laben! Oede Weisheit einen Augenblick Gieb mir nur den Glaubenstraum des Knaben, Gieb mein Herz, mein kindlich Herz zurck! Es mchte vielen Menschen, denen das stille Kmmerlein im Hause fehlt, und auch den Meisten, welchen es nicht fehlt, recht gut sein, wenn sie Gelegenheit htten, auf lngere oder krzere Zeit einmal ganz aus dem Kreise ihrer bisherigen Umgebung und Thtigkeit herauszutreten, und sie in einem muereichen Stillleben sich allein auf sich selbst zurckgewiesen shen. Da wird Manches laut, was in dem Gewirre des tglichen Verkehrs bertubt wurde, Manches kommt ans Licht, was im Dunkel des Herzens verborgen schlief, manche Blume keimt hervor, der es frher an dem ihr willkommenen Boden, an der ihr zusagenden Luft mangelte, wie zugleich auch in mancher glnzenden Frucht der Wurm offenbar wird. Wir sind mehr oder minder auch geistig Sklaven unseres Erdenberufs und des Kreises, in dem wir leben. In den Ketten und Banden, mit welchen unsere Stellung in der Welt uns umschlingt, verlieren wir gar leicht Sinn und Kraft fr ein freies Um- und Aufschauen aus dem uns von ihr angewiesenen Gesichtskreise hinaus. Die Anforderungen und die Gensse, ja die Vorurtheile des Standes, dem wir angehren, und des Verhltnisses, in welchem wir zu Andern stehen, ben eine unmerkliche Herrschaft ber unsere Gedanken und Empfindungen und sind eben so viel Hemmketten fr eine reinmenschliche Auffassung unseres Standes in der Schpfung und im Reiche Gottes. Das erkannte Mander auf der Hallig. Es war ihm, als habe er das Kleid ausgezogen, das er bestndig getragen, und wollte er es nun auch wieder fest um sich wickeln, so blieb doch immer eine Oeffnung, durch welche ein Geist ihn anwehte, der das alte Gewand nicht duldete. Seither hatte er geglaubt, er werde endlich einmal in der Philosophie, welcher er alle seine Nebenstunden widmete, das reine Sonnenbad finden, das ihn zu dem vollen, freien, bersichtlichen Blick ber Gttliches und Menschliches, Bleibendes und Vergngliches befhige, obwohl er sich gestehen mute, da er es zu dieser Stunde noch nicht weiter gebracht, als bis zu den Flgelschlgen des seinem Neste noch nicht entwachsenen Vogels, und da zwischen dem Suchen nach dem Altarlicht, von dem alle Erleuchtung ausgeht, und der Verklrung durch dasselbe und in demselben eine weite Kluft befestigt sei. Jetzt drngte sich ihm nun gar die Frage auf, ob es der Philosophie berhaupt mglich sei, den Staub der niedern Welt, ber welcher sie richtend thronen wolle, je ganz von sich abzuschtteln? ob nicht auch auf den scharfsinnigsten Denker seine Zeit, sein Volk, seine Lebensverhltnisse, seine ererbten Gewohnheiten, die Irrtmer seiner Vorgnger einen nie vllig zu beseitigenden Einflu ben muten? Die Erfahrung schien diese Frage bejahend zu beantworten. Denn die vermeintlich hchste Stufe war ja immer nur der Anfang einer hheren gewesen, und die Philosophie mit ihren wechselnden Systemen glich einer ewig sich hutenden Schlange. So glnzend auch die neue Haut anfangs erscheinen mochte, konnte sie doch nicht dem Geschick entgehen, bald als dunkle abgestreifte Hlle einer andern zur bloen Folie zur dienen. Diese Betrachtungen fhrten Mander zu manchen ernsten Unterredungen mit dem Pastor, in welchen, wenn Oswald nicht dabei gegenwrtig war, er jenen allmlig einen offenen Blick in sein in religiser Hinsicht unbefriedigtes Herz thun lie. Wie oft, sagte Mander, habe ich mich auf ein neu angekndigtes System der Weltweisheit, wie ein Kind auf die Weihnachtsgabe, gefreut, und wenn ich durch die schwere Sprache mich zum Verstndnis durchgearbeitet, fand ich nur neue Fragen ohne Antwort, neue Rtsel ohne Auflsung; wohl tiefe Blicke ins Herz, aber keine Nahrung fr das Herz; wohl geistreiche Untersuchungen, aber keinen lohnenden Fund. Die Philosophen kamen mir vor wie Schatzgrber, die nach einem Schatz graben, dessen hohler Klang sie zu immer neuen Anstrengungen reizt, whrend neckische Geister ihn immer tiefer vor ihnen versenken. Lassen Sie uns, erwiderte Hold, bei einem scheinbaren Nebenumstande stehen bleiben, bei der schweren Sprache der Philosophen. Im Worte liegt eine wunderbare Macht. Indem der Mensch einem Dinge einen Namen gibt, macht er sich dadurch gleichsam zum Herrscher desselben. Es ist nun kein unbestimmtes Etwas mehr, das seine Gedanken verwirrt und sich denselben jeden Augenblick frei entziehen kann; nein, es ist gebunden unter dem Gehorsam seines geistigen Anschauens und mu ihm Rede stehen, sobald er es bei seinem Namen ruft. Es liegt ein tiefer Sinn darin, wenn nach der biblischen Schpfungsgeschichte Gott dem Menschen die Tiere vorfhrt und ihn sie nennen lt. Damit war diesem eine feste Herrschaft ber sie gegeben, weil nun mit dem Worte sogleich ihre Gestalt, ihre Eigenschaften, ihre Triebe in einem Gesammteindrucke vor die Seele traten, und er nun ihre Aehnlichkeit und Unhnlichkeit, ihre Ntzlichkeit oder Schdlichkeit mit einem Blicke bersehen konnte. So sind wir auch dann erst einer Vorstellung wirklich mchtig geworden, wenn wir fr sie das entsprechende Wort gefunden. Unser Denken ist Sprechen, sei es nun allein ein Sprechen in uns, oder auch zugleich fr unser Ohr. Um nun Gottes mchtig zu werden, wie die Philosophie es will, welche die gttlichen Dinge in den Bereich des menschlichen Wissens herunterzieht, mten wir auch eine Sprache haben, die Seiner mchtig wre. Fehlt aber diese Sprache uns, und ich meine die hohle, geschraubte, die gleich einem lebendig Begrabenen unter dem Leichensteine sich windende Sprache der bisherigen Philosophie gibt uns sattsam Kunde, da sie uns fehle, so drfen wir auch von dieser Philosophie keine Aufschlsse ber die gttlichen Dinge erwarten. -- Und drfen gar keine erwarten! seufzte Mander; denn jeder Aufschlu mu uns doch durch eine Sprache zukommen? Mit keiner Menschensprache, entgegnete Hold, wohl aber mit der Gottessprache, mit dem Glauben. Mander schttelte schweigend den Kopf. Halten Sie es fr so wunderbar, fuhr Hold fort, da Gott, der Unsichtbare und Unendliche, einen andern Weg nimmt, sich uns zu offenbaren, als auf welchem die sichtbaren und endlichen Dinge zu unserer Vorstellung kommen? Diese knnen wir besprechen, dies Wort zugleich im Sinne des Schlangenbeschwrers genommen, wir knnen sie ergreifen, umfassen, uns ihrer bemchtigen mit dem Vermgen des Geistes, das seinen Ausgang und die Spitze seiner Kraft im Worte hat. Sollte dies Vermgen, dessen Entwickelung und Vollendung von der Sprache bedingt wird, auch darum hinreichen, Gott eine Sttte in unserm Staube zu bereiten, da wir ihn betrachten, haben und halten, als einen mit der Merute unserer Vorstellungen zu messenden, in den Banden unserer Begriffe zu fesselnden, als einen zu besprechenden Gegenstand? Drfen wir nicht vielmehr schon im Voraus erwarten, da wenn Er von uns erkannt sein und unser werden will, Er auf einem andern Wege erkannt und unser wird? Der Glaube ist nun die Art und Weise, wie Gott zu uns kommt und wir zu Ihm kommen; er ist die Sprache, in der sich Himmel und Erde allein verstehen, und wir heben dies Verstndnis zwischen Beiden auf, und verlernen, uns selbst und Andern verstndlich zu reden, wenn wir in der Sprache, mit welcher wir uns das Irdische gleichsam zur Anschauung bringen, ein Mittel zur Anschauung Gottes zu haben glauben. Reden Sie aber auch nicht als Prediger von Seinem Wesen, Seinen Eigenschaften, Seinem Walten? Wie ich vom Geiste rede, sagte Hold; nur immer in Rcksicht auf krperliche Dinge; von seiner Unsichtbarkeit, Unteilbarkeit und in Rcksicht auf sein Hervortreten im Glauben. Nie kann es mir einfallen, ihn davon gesondert, als einen nackten Begriff in das Wissen meiner Zuhrer einfhren zu wollen. So auch mit Gott. Die Predigt nennt Ihn Schpfer, Erhalter und Regierer; sie weiset Ihn nach in allen Seinen Zeugnissen, in der Natur, in den Fgungen des Erdengeschicks, im Glauben, im Gewissen der Menschen, in der Offenbarung; aber auf diese Weise ebnet sie Ihm nur die Wege zum Menschenherzen, will nicht selbst dieser Weg sein; ja wre nicht Gott schon vor ihr die Strae gewandelt, dann wrde ihr Ebnen und Bahnen Ihn nicht des Weges fhren. Darin, meine ich, versieht es nun eben die Philosophie. Sie stellt sich hin als Weg zu Gott; sie greift dem heiligen Geist ins Amt und verwaltet es gar schlecht, weil sie Sein Werkzeug, den Glauben, entweder gar nicht, oder nur als Notbehelf benutzt, nicht als alleinige Himmelsleiter, nicht als das alleinige Bindemittel zwischen dem, was droben ist, und dem, was unten ist. Spricht aber der Glaube klar und deutlich genug in Aller Herzen? entgegnete Mander. Mu nicht die Philosophie das Heer der Irrtmer bekmpfen, das sich in die Vorstellungen von Gott hineindrngt? Mu sie nicht fortwhrend an einem Damm gegen den Aberglauben bauen, der gleich einem drngenden Meer immer von Neuem die Menschheit zu berfluten droht? Hat sie darum nicht immer die Anstrengungen der edelsten Mnner beseelt? Lassen Sie mich, war Hold's Erwiderung, auf das Letzte zuerst antworten. War in der Rede der Propheten: Der Herr spricht! war in dem Worte Jesu Christi: Meine Rede ist nicht mein, sondern De, der mich gesandt hat! Philosophie? Ja, ist selbst nur des Sokrates Dmon, oder ist in Platon's Mythen Philosophie? Ist nicht vielmehr in diesem Allen der Rede von Gott das Sprechen Gottes als vorausgegangen angegeben? Liegt darin nicht die Weisung fr unsere Philosophen, da Verstandeserzeugnisse keine Offenbarungen von den Tiefen der Gottheit geben, die Niemand erforscht, denn der Geist Gottes, und wem Er es offenbaren will? Was Sie aber von der Philosophie als Damm gegen den Aberglauben sagen, so hat ja Der, welcher in die Welt kam, das Licht der Welt zu sein, und dessen Lehre, Sie mgen von seiner Person denken, was Sie wollen, der mchtigste Damm wider den Aberglauben gewesen ist, mchtiger, krftiger wehrend, als alle Schulsysteme zusammen, weder in Hrslen gelernt und gelehrt, noch die dunkle und verschrobene Sprache der Hrsle geredet. Er hat ja immer bezeugt, da Er nicht aus sich selber rede, sondern nur verknde, was Gott ihm gegeben zu verknden. Was aber die Irrtmer betrifft, welche die Philosophie bekmpft, so mssen Sie gestehen, da sie, wie die sich einander bekmpfenden Philosopheme schon zeigen, in ihrem Kampfe gegen diese Irrtmer selbst die Wahrheit noch nicht gefunden hat, und oft Irrtmer hervorruft, die noch schdlicher sein wrden, als die bestrittenen, wenn das Gift nicht eben in der schweren Zunge der geistigen Giftmischer sein Gegengift fnde. Wenigstens haben Sie selbst schon gestanden, da die Philosophie Ihnen den Frieden zu geben nicht fhig sei und also fr Sie ihren Zweck verfehle. Das eben ist es, was mich so sehr verstimmt, sagte Mander. Ich kann nicht hinleben und mich wie ein Maulwurf in die Erde hineingraben. Ich werde von einer ruhelosen Gewalt aus diesem kleinlichen Zeittreiben, aus diesem eklen Sinnengenu, aus dieser niedern Weltsorge herausgetrieben und mu immer wieder fragen und seufzen: was ist Wahrheit? und immer wieder ausschauen und mich sehnen nach dem Licht, das wie ein Irrlicht mich auf falsche Wege fhrt, nach dem Frieden, der mich lockt und mich flieht. Ei, so wirf denn einmal weg, was Du weit und nicht weit! rief Hold eifrig. Hinweg mit dem alten Gewande all' Deines Forschens und Grbelns! Gieb einmal wieder hin dem Vater im Himmel ein kindlich offenes Herz, das Nichts will, als empfangen. Tauch einmal wieder empor mit freiem Geist aus den Abgrnden, in die Du Dich versenkst, und schme Dich des Flehens und der Thrnen nicht, und wahrlich! auch Du wirst es erfahren, da die Sterne Augen und Thrnen haben fr solch ein suchendes, sehnendes Menschenherz, da noch immerdar Tau vom Hermon fllt auf die Berge Zions! -- Glauben Sie mir, Mander, wir sollen nur fernhalten, was hindert und wehret, sollen nur nicht das Glas ber die Blume setzen und meinen, da ihre Ausdnstung sich wieder zum erquickenden Tau fr sie bilde. Nein, wir sollen die Blume hinstellen unter Gottes freien Himmel, und die Erquickung wird ihr nicht fehlen. Mander fhlte sich von der begeisterten Rede des Pastors getroffen, in seinem Auge zitterte eine Thrne, und die Rhrung der Pastorin, die ihrem Gatten die Hand drckte und sich nach einem Blick der vollsten Liebe an dessen Brust neigte, erhhte noch seine Gefhle. Er konnte nicht gleich antworten, und nur als die Pastorin, wie zwischen den beiden Mnnern vermittelnd, sagte: Es mchte dem Manne nicht immer so leicht sein, als es dem weicheren Frauengeschlecht ist, sich und sein Wissen zu vergessen und die Selbstthtigkeit des Geistes in die Empfnglichkeit des Herzens aufgehen zu lassen, erwiderte er: Nein, glauben Sie mir, nie sind meinem Leben solche Stunden ganz fremd geworden, in denen alle Zweifel und Fragen berwltigt wurden vom religisen Gefhl, und ich habe nie aufgehrt, sie als Feierstunden meines Lebens zu lieben und zurck zu wnschen. Doch, da sie eben nur Feierstunden in den langen Werktagen, nur Strahlen in die Nacht hinein, nicht die Morgenrte einer schnen Zukunft waren, das ist es, was mich betrbt, ja, mich mitrauisch gegen sie macht. Wie denn auch diese dunkeln, unbestimmten Gefhle, die wir nicht leiten und ordnen knnen, die uns vielmehr wie eine fremde Macht fortreien, uns unmglich ein auch fr ruhigere Betrachtung befriedigendes Gottesbewutsein geben knnen. Hold's Antwort hierauf war: Warum nennen Sie auch Das, was in solchen Feierstunden Sie bewegt, Gefhl? Ich wrde es viel lieber eine Pfingstpredigt nennen, die der Herr Himmels und der Erden in seinem Erbarmen ber Ihren schwachen Glauben Ihnen hlt. Das Wort Gefhl lt uns schon von vornherein an Dunkelheit, Unbestimmtheit, Unverllichkeit denken; wir deuten es als etwas uns Eigenes, ja Sinnliches. Doch erinnern Sie sich dessen, was ich vorhin sagte von der Sprache, in der Gott seinen Kindern im Staube offenbar wird. Nehmen Sie jene religise Erregung, jene andchtige Feier in Ihrem Innern, als diese Sprache Gottes, wie Sie selbst ihren Eindruck mit einer fremden Macht vergleichen, und Sie werden ihr mehr Vertrauen schenken. Wenn die Brust aufwallt, wie von einem neuen, frischen Lebensodem gehoben, wenn ein Beben durch die Gebeine geht, als sprten auch sie die Geisternhe mit empfnglichem Sinn, wenn die Thrne in's Auge heraufquillt aus dem innersten Herzen, wenn die Seele von einer Flle berstrmt wird, in der sie sich so reich und so selig fhlt, wenn der Geist frei und rein aufatmet, als sei er aller Schranken und Schlacken bar, warum wollen wir es in solchen Augenblicken leugnen und nicht bekennen: Der Herr spricht! Wie soll denn der ewige Geist sich dem endlichen Geiste anders ankndigen, als durch ein solches Insichaufnehmen, das mit einer Ueberwltigung der Staubeshlle verbunden sein mu und daher ganz andere Empfindung erzeugt, als dieser sonst eigen sind. Der zweideutige Ausdruck: religises Gefhl, nimmt solchem Nahen und Walten des heiligen Geistes den Wert fr uns und den Einflu auf uns zur Erleuchtung, Heiligung und Beseligung. Knnte nicht jene Aufregung und Erhebung der Andacht auch Tuschung sein, eine Folge unserer aus der Kindheit herbergenommenen, vielleicht falschen Vorstellungen von Gott. Ist es Menschenwerk, antwortete Hold, unser Selbstwerk, das uns treibt in solchen Stunden, woher denn die ber alle unsere sonstigen Sinne und Gefhle weit hinausgehende Erhebung? Nur uns Aehnliches knnen wir erzeugen, nur steigern, was wir haben, nur einen Schritt weiter uns fortbewegen auf unserm Geleise; nicht die Tiefe berspringen, nicht das Neue schaffen. Ich frage aber Sie, ich frage Jeden, dem einmal solche Andachtsfeier aufging, ob er nicht ein ganz Anderer war denn zuvor? ob der alte Mensch nicht zurcksank wie ein Gewand, und ein Neues in ihm geboren wurde, wodurch er selbst eine neue Creatur ward voll Licht und Leben, so lange, bis die vorige Finsternis wieder ber ihn kam, und er sich wieder erkannte in dem alten Gewande? Wer kann aber solch Neues schaffen, als der alleinige Schpfer? Dieses Alles zugegeben, sagte Mander: so ist damit noch keine Frage beantwortet. Auch bei mangelhaften religisen Vorstellungen mgen solche Momente der Weihe nicht fehlen. Sie sind vielleicht eine Offenbarung der Gottheit; aber eine Offenbarung, wodurch fr das Wissen von Gott Nichts gewonnen ist. Es ist wenigstens Freude, Friede, Seligkeit fr Augenblicke gewonnen, und die Gewiheit, da Gott Wege hat zum Menschenherzen, die nicht wie unsere Wege zu Ihm voll von Steinen des Anstoes sind. Es ist das Vertrauen gewonnen, da Er Sein Kind im Staube nicht lassen wird in Irrtum und Verblendung, sondern aus Seiner Flle geben wird, was demselben zu wissen not ist, um der rechten Empfnglichkeit fr Seinen heiligen Geist nicht zu ermangeln, um aus jenen Weihestunden die rechte Frucht mit in's Leben hineinzunehmen. Ja, Seine freie Gabe soll es sein, was wir von Ihm wissen, nicht das zweifelhafte, schwankende, trgliche Ergebnis unserer Forschungen. Ist aber nicht auch die Vernunft Gottes Gabe? bemerkte Mander. Und wenn wir sie als das Mittel unserer Erkenntnisse von Gott annehmen, so leiten wir damit ja all' unser Wissen in den gttlichen Dingen, wenn auch nicht unmittelbar, doch am Ende nur aus einer und derselben Quelle mit den Offenbarungsglubigen ab. Dem Licht des Tages, entgegnete Hold, dankt unser Auge das Vermgen zu sehen; will es aber in die Sonne schauen, dann sinkt es geblendet zurck. Es war vorzglich unserer Zeit vorbehalten, eine Offenbarung Gottes an die Menschen auerhalb der Grenzen der Vernunft zu leugnen. Wir treffen das: Der Herr spricht! sonst in allen Religionen der Erde. Wollen Sie mir dagegen bemerken, das komme daher, weil die ungebildete Vernunft ber ihren selbstgemachten Gewinn erstaunt und sich nicht selbst die Ehre zuzuschreiben wagt, oder weil die einzelnen Weisen meinten, eine gttliche Autoritt erlgen zu mssen, um Leiter des blinden Volkes zu werden, so kann ich ebenso wahrscheinlich sagen: es kommt daher, weil man eben wute, eine gttliche Offenbarung empfangen zu haben. -- Doch warum reden wir denn ber diese Dinge? Ist es nicht, weil Sie die Hhen und Tiefen, die Lnge, Weite und Breite des Gebiets der Vernunft durchwandert haben und nun kommen und fragen: was ist Wahrheit? Wandeln aber nicht so Viele in Frieden ihren Weg und halten sich an die Vernunftreligion? Nennen Sie diese unbestimmten Ideen von Gott, Freiheit des Willens und Unsterblichkeit Vernunftreligion, so vergessen Sie nicht, da es eben noch ausgemacht werden soll, ob diese Ideen denn Gaben der Vernunft sind, und nicht vielmehr ein Raub an der Offenbarung begangen. Und woher denn der Friede dieser Vielen? Eben weil sie gar keine weitere Nahrung suchen ber diese zufllig aufgerafften Brosamen hinaus, oder weil sie ihre Vernunft, die nach hellerem Lichte aus dem Halbdunkel hinausstrebt, ngstlich in Zgel halten, als wre sie ein scheues Ro, das mit seinem Vorwrtsrennen den Reiter in einen Abgrund strzen knnte. Wie oft hrt man das Wort: >Darber mu man nicht weiter nachdenken, sonst knnte man den Verstand verlieren.< O, du gerechter Himmel! Ueber das Band, das mich halten soll in der Gemeinschaft mit dem Ewigen, ber das Licht, das mein Leben auf Erden verklren soll zu einem Wandel der Kinder Gottes, ber den Pfad, der mir die Brcke bauen soll ber der Zeit Vergnglichkeit und des Todes Verwesung hinweg zum ewigen, seligen Leben: darber sollte ich mich scheuen, weiter zu denken? in diesen Dingen klar zu schauen mich frchten? vor tieferem Aufschlu mich ngstlich zurckziehen? Wo es sich um die Anbetung Gottes im Geist und in der Wahrheit handelt, wo mein eigentliches Sein, meine Zuversicht im Leben und im Sterben, mein Heil in Zeit und Ewigkeit in Frage steht: da sollte ich mir das Schicksal der Mcken zur Warnung dienen lassen, die ihre Flgel an den Flammen versengen? Aber ist dies nicht oft das Schicksal Derer geworden, die weiter forschten? meinte Mander. Wenn sie es auch nicht selbst empfunden haben in der Leidenschaft fr ihre glnzenden Systeme, so spricht es sich doch aus in dem schnellen Wechsel derselben, in den Widersprchen, die darin offenbar werden, in dem geringen Einflu ihrer Weisheit, die kaum in wenigen Jngern fortlebt und sich in denen schon anders gestaltet, als sie aus dem Haupte des Meisters, eine scheinbar so wol gerstete Minerva, hervorging. Was bedrfen wir weiter Zeugnis? erwiderte Hold. Sind wir nicht zu der Notwendigkeit einer gttlichen Offenbarung gekommen? Vielleicht htte das Gesprch noch bis tief in die Nacht hinein gedauert, wenn nicht Oswald gekommen wre, um seinen Vater abzuholen, da es schon sehr spt geworden war. Die Pastorin gestand, da sie sich freue, die Fortsetzung einer solchen Unterhaltung verschoben zu sehen, da sie nicht lassen knne, zuzuhorchen und doch merke, wie solche Untersuchungen erkltend auf ihr Herz wirkten. Oswald sagte lachend: Gewi lt mein Vater sich noch von Ihnen bekehren, Herr Pastor. Aber ehe ich vor Bileams Esel meine Kniee beuge, mte mein Haar so grau werden, wie die Haut des Esels vermutlich war. Sein Vater warf ihm einen unwilligen Blick zu und htte ihm mit hartem Wort seinen unziemlichen Spott verwiesen, wenn nicht Hold rasch das Wort genommen: Halten Sie Ihrem Sohn ein wenig Derbheit zu Gute. Er giebt nur auf seine Art wieder, was er in meiner Art davon bei unserer letzten Unterredung hat erfahren mssen. Uebrigens mchte ich, fuhr er, zu dem ber diese Anspielung lchelnden, aber doch errtenden Oswald gewendet, fort, da Ihr Haar recht bald so grau wrde, wie Sie es haben wollen, um Ihr Knie zu beugen, wenn auch nicht vor Bileams Esel, doch vor Dem, den ein gleiches Tier trug, als Er einzog in Jerusalem, keinen gezwungenen, sondern einen freiwilligen Segen zu bringen, nicht einem Volke, sondern allem Volke. Verzeihen Sie, Herr Pastor, erwiderte Oswald, wenn ich mich zu hart ausdrckte. Aber es ist mir immer unbegreiflich gewesen, wie vernnftige Menschen keinen Ansto an solchen Erzhlungen im sogenannten Worte Gottes finden. Hold antwortete: Halten Sie den Spruch: >Du sollst lieben den Herrn, Deinen Gott, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemte;< oder den andern: >Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was keusch, was lieblich, was wollautet, ist etwa eine Tugend, ist etwa ein Lob: dem denket nach,< fr gute und reine Lehre? Ja, gewi. Nun, dann thun Sie, was diese Sprche sagen. -- Wie wrden Sie einen Menschen nennen, der an einer mit kstlichen Speisen reichbesetzten Tafel deswegen vorberginge, weil er ein Gericht bemerkt, an dem er keinen Geschmack finden kann? Ich werde mich wol hten, lachte Oswald, diesen Menschen einen Narren zu heien; sonst schickten Sie mich mit der Extrapost meines eigenen Wortes in's Tollhaus. Aber Sie werden doch auch zugeben, da Ihre verfngliche Frage eben nur ein Ausweichen und kein Antworten ist. Lassen Sie mich bei dem Bilde bleiben, entgegnete Hold. Der Gast, der sich an die fr ihn bereitete Tafel setzt und seinen Hunger und Durst an den Speisen, die er loben mu, stillet, der mag wol fragen, was es mit der einen Speise bedeute, die ihm geschmacklos vorkommt. Wer aber um ihretwillen alle andern auch verschmht, der hat kein Recht zur Frage. Abgefhrt! rief Oswald, drehte sich auf dem Absatz herum und entfernte sich mit seinem Vater. XIII. Um zu nehmen, mut Du geben. Siehst Du auf Dich selbst zurck, Flieht Dich das gehoffte Glck. Nur fr Opfer zahlt das Leben. Kindlein in des Meeres Wiege, Eiland an der Wellen Brust! Scholle Du im Weltgebiete, Meine Heimat, meine Lust! Keine Waldung Dich verhllet, Dich kein Felsengrtel hlt, Rings umher die Wasserflle, Ueber Dir des Himmels Zelt: Legst Du offen Dein Gelnde Hin vor Gottes Angesicht, Kennst im Kampf der Elemente Andre Wehr und Waffe nicht. Friede wohnt in Deinen Htten, Deine Armut ist Dein Glck; Treu blieb hier der Vter Sitte In der Enkel Kreis zurck. Frmmigkeit und Tugend heimen Gern an Deinem stillen Herd, Wo kein Gut, das Andre neiden, Wo kein Herz, das Mehr begehrt. Kindlein in des Meeres Wiege, Eiland an der Wellen Brust! Menschen schiffen kalt vorber; Doch der Engel weilt mit Lust! Diese Verse fand Godber auf einem losen Zettel, der als Merkzeichen in einem der Bcher diente, welche Mander von Hold geliehen. Es mute ihn dieses einfache Lied mchtig ergreifen, weil der Inhalt so ganz aus seinem Herzen genommen war. Er las es fast nie ohne Thrnen, und htte gern gegen den Pastor, der es allein verfat haben konnte, seinen innigsten Dank fr dasselbe ausgesprochen, wenn ihm nicht dieser bei jedem zuflligen Zusammentreffen eine Scheu eingeflt, wie die des Schuldbewuten vor seinem Verklger. Den Schlu der Verse: Doch der Engel weilt mit Lust! wandte er auf Idalia an, und sie lie sich auch dies gefallen, weil seine Liebe ihr die Tage wirklich recht angenehm machte, und sie ja wute, da die Zeit ihres Aufenthalts auf der Hallig nicht mehr so lange dauern wrde. Sie konnte daher auch auf seine Darstellungen von dem knftigen Zusammenleben auf seinem heimatlichen Eilande auf eine Weise eingehen, die es ihm lange verbarg, wie sie nur Trume in diesen Gemlden eines so gengsamen und weltverachtenden Glckes sah. Htte sie es im Geringsten nur fr mglich halten knnen, da Godber bei der Wahl zwischen ihrem Besitz und dem Verlust der Heimat im Ernst schwanken wrde, dann wrde sie sich stolz, ja verchtlich, wenn auch mit wundem Herzen, von ihm zurckgezogen haben. Fhlte sie sich auch auf dieser den Flur glcklicher, als je frher im Glanz der Welt, so dankte sie dieses Glck ja doch keineswegs dieser rmlichen Scholle, sondern der hingebenden Liebe des Jnglings, von dem sie annahm, da ihm auer ihr Alles gleichgltig sei. Gefiel sie sich auch in der Lebensweise, die sie jetzt fhrte, so war es doch nur der augenblickliche Reiz des Ungewohnten, des von ihren sonstigen Verhltnissen gnzlich Abstechenden und das Anziehende der hausfrulichen Sorge. Fr die Unterhaltung weniger Wochen war dies Leben gut genug, mochte immerhin als eine neue Art von Badereisen gelten; aber fr immer auf diesem Fleck zu bleiben, der Entbehrung und Entsagung aller Lebensgensse von seinen Bewohnern fordert, wo das Leben selbst immer auf der Spitze der Gefahr schwebt: das war ein Gedanke, der ihr zu fern stand, als da sie ihn in der Seele eines Andern vermuten konnte, dem ein Tausch mglich war, und noch dazu ein Tausch, der alles Glck, das Liebe, Reichtum, Weltverkehr geben konnte, in die Wagschale legte. Wenn wir aber Godber mit dem Gedanken htten vertraut werden lassen, fr jenes Glck seine Heimat aufzugeben, dann wrde in ihm kein echter Halligbewohner gezeichnet sein. Wir haben die Hallig, welche der Schauplatz unserer Erzhlung ist, in einer Zeit gesehen, als die eine Hlfte der Wohnungen von den Fluten in Trmmerhaufen an den Deichen des festen Landes aufgedmmt und die andere Hlfte, nur noch bloe Pfahlgerippe darstellend, allein an dem Dache als gewesene Wohnungen kenntlich war; als ein einziges Haus auf der durchlcherten Werfte kaum noch so weit stand, da es zu einer Zuflucht der dem Wellentode Entronnenen dienen konnte; als die Aussicht auf die nchste Hallig nur einen kahlen Fleck zeigte, von dem Werfte, Huser, Herden und Menschen in einer Nacht hinweggesplt waren, ohne eine Spur ihres Daseins zu lassen. Wir haben Die, denen das nackte Leben kaum eine dankenswerte Gabe heien konnte, mitten in der grausen Zerstrung, worin sie Alles eingebt, in der vollen Lebendigkeit der Schreckenserinnerung an die furchtbare Nacht, mit dem Eindruck, den Frost, Hunger, Nsse auf den Krper und durch ihn auf die Seele machen; wir haben sie in diesem Zustande gesprochen, wir haben es ihnen vorgehalten, wie die nchste Nacht die Verwstung in dem Untergange Aller vollenden knne, und konnten nur zwei hochbejahrte Leute, die allein standen und zu schwach waren, sich ein Bretterdach aufzuschlagen, dazu berreden, ein sicheres Asyl anzunehmen. Alle andern blieben, und bauten, als spter die wahrhaft christliche Mildthtigkeit der Hohen und Niedrigen, der Reichen und Armen im Lande es erlaubte, sich auf der geliebten Scholle wieder an. Sie htten Wohnungen haben knnen, wo sie es wnschten, so reichlich flossen die Untersttzungen; aber sie fhlten wol, da Heimweh ihnen den Tod bringen wrde auch auf den gesegnetsten Fluren. Sie sprachen sogar den Wunsch aus, da wir fr immer bei ihnen bleiben mchten, und in ihrer Vorliebe fr ihre Heimat meinten sie nicht, damit ein Opfer zu verlangen, wogegen sich unsere Ansprche an das Leben struben knnten; denn fr sie war eine Hallig, selbst nach den neuesten Erfahrungen, doch eine Sttte, die alle Wnsche befriedige. Dies muten wir hier einschalten, um es dem Leser begreiflich werden zu lassen, wie Godber dem Gedanken so fern stand, die Hallig wieder zu verlassen, und wie er sich schmeicheln konnte, Idalia werde diese Heimat gern mit ihm teilen. Lange konnte freilich diese Tuschung nicht whren, und Oswald war der erste, der dem Trumer die Augen ffnete. Wenn man hier nur eine alte Mhre herberbringen knnte! uerte Jener einmal bei Tische. Es geht gar zu langsam mit dem Transport der Gter. Sollen wir ebenso langsam in die Frachtschiffe einschleppen, wie wir aus dem Wrack herausgeschleppt haben, so kann der Winter kommen und uns mit diesem Kindlein in des Meeres Wiege in Eis und Schnee einwindeln bis zum Frhling. Auch wre es gut, wenn mein knftiger Herr Schwager sich ein bichen in der Reitkunst ben knnte. Hier bedarf es keiner Reitkunst, und hier werd' ich knftig an der Seite meiner Idalia leben, hier sterben, erwiderte Godber. Oswald sah erstaunt bald auf ihn, bald auf Idalia, die auch in dem Tone, mit welchem Godber sprach, nicht den Scherz finden konnte, der doch notwendig in seinen Worten liegen mute. Idalia hier! rief Oswald aus, als er wieder Worte fand fr seine Verwunderung. Hier, auf dieser einsam treibenden Rbe im weiten Kessel des Oceans! Hier auf dieser Amphibie, von der man nicht wei, ob sie ein Landtier oder ein Seebutt ist! Hier in dieser Stube voll Himmelblau und Purpurrot! Hier bei dem ewigen Theetopf und seinen treuen Gevattern: Schafskse und Schwarzbrot! Hier Idalia die Knigin der Blle! die Herrscherin im Herzgebiete der Mnnerwelt! die Entzckung und Verzweiflung von hundert Anbetern! die unbestrittene Siegerin im Kreise der Modedamen! Das war ein kstlicher Gedanke von Dir, Godber, ber den ich in acht Tagen mich nicht ausgelacht habe. Godber wandte sich vor Unwillen errtend von ihm, und zuversichtlich Idalia's Hand ergreifend wiederholte er ihr mit dem zrtlichsten Ausdruck ihres eigenen Liedes: Giebt's fr _Dein_ Gebilde Eine andre Welt, Wo Dein Schpferwille Es nicht trgt und hlt? Es blieb den Worten nach zweifelhaft, ob er darin _seine_ Bereitwilligkeit, ihr berall zu folgen, oder ihre Gesinnung mit ihrem eigenen Ausdruck darlegen wollte. Er glaubte in ihrer Seele zu reden, da er ja auch nur ihre Sprache gebrauchte, die ihn so oft als Besttigung seines hchsten Wunsches entzckt hatte. Sie aber, -- ob ganz ohne Ahnung, da es im Widerspruch mit seiner Meinung sei, wollen wir nicht entscheiden, -- nahm die Worte fr die Sprache _seines_ Herzens, und noch ohne dies ganz offen auszusprechen, sagte sie: Unsere Liebe wird uns jeden Fleck der Erde zur angenehmen Heimat machen, so mir, wie _Dir_. Die scharfe Betonung des: wie Dir, traf Godber's Herz wie ein Schmerzensstich, in seine Wangen stieg eine dunkle Rte auf, und mit einer Frage auf den Lippen haftete sein Blick lange und ernst auf Idalia. Das Wort aber blieb auf seiner Zunge und scheute sich hervorzutreten, gleichsam im bangen Vorgefhl des verletzenden Widerspruchs, den es finden wrde. Sie hielt seinen Blick lchelnd aus, und eine leichte Berhrung seiner Lippen mit ihrer Hand drngte seine Frage ganz zurck. Oswald dagegen lie das Gesprch nicht so schnell fallen. Das klingt wie ein Schferroman, lachte er; und ich habe eben Nichts dagegen, obgleich ich kein Myrtill bin und eine Daphne anbete; wenn nur nicht von einer Hallig die Rede wre, die kaum ein liebendes Seehundspaar wohnlich finden wrde. Mander, der bisher dem Gesprch wie einem Scherz zugehrt, erinnerte seinen Sohn, da sie gar keine Ursache htten, von diesem Eilande verchtlich zu reden, dem sie nchst Gottes Hlfe und Godber's Mut und Geschicklichkeit ihre Rettung verdankten, wo der Friede, dem Tausende in groen Stdten bis an ihr Ende vergeblich nachjagten, bei allen Bewohnern von der Wiege bis in's Grab heimisch zu sein schiene. Godber ergriff freudig das Lob seiner Heimat. Nicht wahr, rief er, ist das Leben hier nicht schn? Gerade diese mannigfachen Entbehrungen, diese Abgeschiedenheit von der Welt, dieser Mangel an uern Reizen fhren den Menschen auf sich selbst zurck und lehren ihn in seiner eigenen Brust, in seinem kleinen huslichen Kreise sein Glck finden, das eben darum ein sicheres, dauerndes ist, weil es unabhngig von Auendingen seinen Grund und Boden, wie seine Nahrung in dem Menschen selber hat. Selbst die Gefahren, die mit diesem Aufenthalt verbunden sind, dienen nur dazu, den kindlich demtigen und glubig ergebenen Sinn in uns zu erhalten, aus welchem Vertrauen und Zuversicht, und freudiges Aufschauen zum Vater in der Hhe hervorgehen. Hier wird der Mensch wieder Mensch und streift all' die bunten Flitter ab, die ihm doch am Ende mehr Sorge als Freude machen. Hier ist er frei von den Ketten, die ihm die groe Welt da drauen schmiedet durch tausend Bedrfnisse und Gewohnheiten, von denen sein Herz nichts wei und nichts zu wissen braucht, um glcklich zu sein; ja die er selbst nur zu oft als Hemmketten fhlte, ohne vor der Welt es wagen zu drfen sich ihrer zu entledigen. Hier ist er, was er ist; nicht Das, wozu ihn die Sitte macht und was er um Anderer willen sein mu. Hier kann er sich freuen und weinen, thtig sein und ruhen, lieben und meiden, wann, wie und wen er will. Er hat nur sich zum Herrn, und Keiner darf ihm darein reden. Nicht um aller Schtze der Erde willen liee ich mich wieder spannen in das Joch der verkehrten Welt, die da ruft Friede, Friede! und ist kein Friede, sondern eitel Zwietracht, Migunst und Haschen und Jagen nach einem Ziel, das weit hinter ihr liegt; die da rennet mit verblendetem Auge nach Lust und Freude, und nie sie findet, sondern nur Ekel, Ueberdru, Uebersttigung ohne Genu; die heute auf Eiern schleicht, morgen auf Leichen tritt; die mit dem sesten Lcheln die Giftschale darreicht und zugleich sich selbst in ihrem Unverstande den Becher des Lebens vergiftet. Auch mir wrdest Du in diese verkehrte Welt nicht folgen? fragte Idalia mit dem freundlichsten Blick, whrend Mander und Oswald ber die grauenvolle Beschreibung ihrer Welt scherzten. Dir? sagte Godber, wie erschreckt von einem pltzlichen Lichtstrahl. Sich selbst beruhigend setzte er aber sogleich hinzu: Darum eben kettet sich ja meine Seele so fest an Dich, darum bist Du mir die kstliche Perle im Ocean, weil Dein reiner Lichtglanz keine Frbung angenommen von der frheren Umgebung; weil Du, in der dunklen Wiege eingeschlossen, dennoch den keuschen Sinn Dir empfnglich gehalten hast fr das wahre Glck, von dem jene Welt Nichts wei. Idalia fand nicht gleich eine Antwort auf diese Worte, und ihr Blick, in welchem sich Erstaunen und Verlegenheit malten, go eine eisige Klte ber Godber's Begeisterung. Oswald aber sagte mit tragikomischem Pathos: Leb' wohl, Idalia! In tiefer Bewunderung beuge ich mich vor der knftigen Primadonna im grnen Mieder und bunten Rock; aber um Deines Ruhmes willen mu ich Dich verlassen. Ein geflgelter Bote will ich eintreten in die Theezirkel Deiner trauernden Vaterstadt, ein Verknder Deines seligen Martertums auf diesem meerumflossenen Altar der Liebe. Dein Name soll glnzen an dem, in den letzten Zeiten etwas bleich gewordenen Sternenhimmel weltberwindender Liebesmacht. Postfrei will ich Dir jede Woche hundert klangvolle Sonnette und fnfzig schwungreiche Oden bersenden, die von Lippen armer, unter der Last ihrer Krbe seufzender Poeten ertnen zur Feier Deines weltverachtenden Herzens. Eine feurige Kohle sollst Du jeder Jungfrau werden, die nicht Deinem Vorbilde nachfolgen will. Eine Htte, eine Scholle, Einen Mann und einen Hund, Eines Schafes grobe Wolle, Thee und Schwarzbrot fr den Mund; Die von andern Dingen spricht, Kennt Idalia's Liebe nicht! Idalia bemerkte freilich, da, wenn der Herr Bruder knftig noch einmal wieder Verse auf sie machen sollte, sie hoffe, diese wrden dann an Inhalt und Form etwas zierlicher und feiner ausfallen; aber dabei lachte sie doch ber Oswald's Spe, und der Schmerz Godber's ber dies Lachen drngte den auflodernden Zorn zurck und erstickte die harte Rede, die auf seiner Zunge lag. Mander bemerkte die Blsse auf Godber's Gesicht und das Zittern, das dessen Glieder berflog; er sagte daher lchelnd: Unser Freund kann besser scherzen, als Scherz vertragen! und setzte ernster hinzu: Ich mchte auch nie so verchtlich reden von einem Fleck, der uns einmal so willkommen war. Es wird Godber schwer werden, seine Heimat zu verlassen; denn die Liebe zu derselben scheint ja zur andern Natur Aller zu gehren, die hier geboren sind. Er ist aber zugleich zu vernnftig, als da er die Heimatliebe, die ihn selbst beseelt, nicht auch bei Idalia voraussetzen sollte, und daher wird er ja von ihr kein Opfer verlangen, das selbst zu bringen er sich nicht fhig hielte; besonders wenn er zugestehen mu, da der Hallig den Vorzug vor Hamburg zu geben nur eben einem Eingeborenen dieses Eilandes mglich ist. Godber fand sich tief getroffen durch diese Bemerkung. Es war ihm noch gar nicht eingefallen, da, wie er nur in seiner Heimat sich glcklich fhlen knne, auch Idalia nur in ihrer Vaterstadt ihr Glck finden wrde; da dasselbe Recht, welches er fr sich in Anspruch nahm, ein Halligbewohner bleiben zu drfen, er ihr nicht verweigern knne, wenn sie eine Grostdterin bleiben wolle. Fhlte er, da selbst an ihrer Seite ihn in der Fremde Heimweh verzehren wrde, wie durfte er ihr denn an seiner Seite auf der Hallig Heimweh verargen? Diese Betrachtung hielt ihn stumm. Tiefe Schwermut lagerte sich wie eine bange Last ber seine Seele. Er verlor sich in Gedanken, die an seine Untreue gegen Maria nahe genug hinstreiften, um eine Empfindung wie Reue zu wecken. Oswald unterbrach die verlegene Pause, indem er das Glas erhob, um auf einen frohen Verein in Hamburg anzustoen. Mechanisch ergriff auch Godber sein Glas und stie mit an, aber er setzte es wieder hin ohne zu trinken. Mit diesem Tage trat eine gewisse Spannung zwischen den Liebenden ein. Idalia ward ernster, nachdenklicher, zurckhaltender, und obwohl sie nicht zweifelte, da Godber seine Grille fahren lassen wrde, war es ihr doch unangenehm, da er sie genhrt hatte, da er sie wenigstens nicht sogleich habe vergessen knnen, als er ihre Abneigung bemerkte, eine Halligfrau zu werden. Er dagegen war traurig bewegt; dabei jedoch so hingebend, so achtsam, so besorgt, immer die vollste Liebe zu zeigen, als nhre er noch eine geheime Hoffnung, sie zu dem Opfer bewegen zu knnen, von welchem das Glck seines Lebens abhing. Beide vermieden es, auch nur mit dem leisesten Worte jene Verschiedenheit ihrer Ansprche an die Zukunft zu berhren. Die verwaiste Maria war unterdessen in Hold's Familie aufgenommen und dadurch der Wohnung Godber's nher gebracht. Es konnte nicht fehlen, sie muten sich von jetzt an fter sehen, wenn auch nur aus der Ferne. Ja, es geschah auch wohl, da ihre Wege neben einander vorbeifhrten, so sehr sie auch jede Begegnung zu vermeiden suchten. Doch eines Tages trafen sie sich am Steg und waren, gedankenvoll hinwandelnd, sich schon zu nahe, um ohne Gru vorbergehen zu knnen. Sie standen vor einander, Beide die Augen zu Boden schlagend; Maria die Hand auf die beklemmte Brust gepret, Godber mit bebenden Lippen, ohne eines Wortes mchtig zu sein. Endlich fate er ihre Hand und sagte leise: Maria, es mute so sein! Sie blickte auf, und eine Thrne zitterte in ihrem Auge. Der Herr hat es so gewollt! seufzte sie. Er mache Dich glcklich. Und Dich, Marie! antwortete er. Sie aber schlug den Blick gen Himmel, und es brach wie ein Lichtglanz durch ihre Thrnen: Seine Kraft ist in dem Schwachen mchtig. Maria, rief Godber, und drckte ihre Hand fester, kannst Du mir vergeben? Als ich den Ring von Deinem Finger zog, antwortete sie, da habe ich Dir vergeben! Godber lie ihre Hand fahren und sah nach seinem Ringe. Zum ersten Mal bemerkte er, da dieser ihm fehle. Er starrte auf die Stelle, wo er ihn getragen, konnte nicht begreifen, wann das Pfand der Treue von seiner Hand gekommen, und es war ihm, als sei nun erst seine Untreue vollendet, als sei nun erst jede Rckkehr unmglich geworden. Er htte in diesem Augenblick viel darum gegeben, den Ring noch zu haben; er htte ihn in diesem Augenblick um keinen Preis fahren lassen. Der Gedanke, da er ihn nicht mehr habe, dehnte eine Kluft vor ihm aus, die ihn auf ewig von Maria trennte. Nun erst war sie fr ihn verloren, unwiederbringlich verloren, als wenn nicht schon lngst sie von einander geschieden gewesen wren. Als er wieder aufsah, war Maria verschwunden. Idalia hatte diesen Auftritt von weitem angesehen, und ohne ein Wort darber zu verlieren, ward sie nur immer klter und fremder gegen Godber. Er aber hing sich mit seiner Liebe ihr desto fester und fester an. Sie war gleichsam das Anker, das ihn halten sollte im Sturm der widersprechenden Gefhle, in dem Kampf der sich unter einander verklagenden Gedanken. Er fhlte, da wenn sie ihn aufgebe, die Kraft seines Lebens gebrochen wre, da ihm dann das Bewutsein ausginge, warum denn Alles so gekommen sei, da er dann in der Wste des Meeres umhertaumele, wie ein Leichnam, der von der felsigen Kste ringsum immer wieder in die Wogen zurckgeworfen wird. XIV. Gabe ist, was Licht und Leben, Gnade ist, was Frieden gab! Sollen Engel niederschweben, Du kannst nicht die Leiter heben, Engel senken sie herab. Mander wrde vielleicht die Liebenden aufmerksamer beobachtet und so bald die Pflicht des Vaters erkannt haben, ein Verhltnis, das bei dem gnzlichen Mangel an Uebereinstimmung in den Wnschen und Hoffnungen fr's Leben unmglich glcklich enden konnte, bei Zeiten zu lsen, wenn er nicht zu sehr mit sich selbst beschftigt gewesen wre. Er mochte keinen Versuch mehr wagen, aus sich selbst heraus die Himmelsleiter zu erbauen, und doch scheute sein Geist vor dem Gedanken zurck, da Gott sie in seiner Barmherzigkeit und Liebe lngst herabgelassen habe. Wie mgen Sie doch nur annehmen, sagte er in seinen Unterredungen mit dem Pastor ber die Offenbarung, da Gott, der mehr Welten regiert, als das Alter der Erde Sekunden zhlt, als der Ocean Tropfen, als die Wste Staubkrner hat, da dieser Gott so groe Dinge thun sollte, um dieses winzigen Menschengeschlechts willen, dessen mchtigste Geister, von bloen Gewalthabern gar nicht einmal zu reden, wie Mcken sind, die im Sonnenstrahl spielen? Und dessen groe und kleine Geister doch meinen, sprach Hold, sich den Gott, den sie anzubeten berufen sind, auf das weie Blatt ihres Weltsystems hinsetzen zu knnen wie einen Tintenfleck, den man mit dem Lschpapier auftrocknet, um darber hinzuschreiben! Lassen wir Das! fiel ihm Mander in die Rede. Ich merke wohl, hier auf dieser flachen Scholle, den Himmel so weit ber sich, das Meer so weit um sich, fast ohne einen Gegenstand, der an kleinliche Menschenarbeit erinnert, weitet sich das Herz, und die Gedanken wollen sich nicht mehr zgeln und gngeln lassen in Begriffen und Schlssen, sondern schweifen frei in die Unendlichkeit aus, als wren sie einem Kerker entflohen. Als ich gestern Abend auf dem Taufstein am alten Kirchhof sa und nur Meer und Sternenhimmel sah, da kam ich mir vor, als schwimme auch ich im Weltocean, selbst eine kleine Welt, bewegt von Gottes Odem, getragen von Gottes Macht, verklrt von Gottes Geist, friedlich und selig, wie die andern Sterne, feiernd wie sie den Schpfer, Erhalter und Regierer. Und es ist mir noch jetzt, als knnte ich, seit ich einmal so reich war, nie wieder in der Zukunft so arm werden an Glauben und Glaubensfreudigkeit, wie ich frher es gewesen. Nun, sprach Hold wie segnend, so mge denn Ihnen immerdar leuchten der Morgenstern, der aufgegangen ist in Ihrem Herzen. Mu es denn nicht ein liebevoller Gott sein, der solche Stunden dem Menschen giebt? Sollten wir leugnen, da in solcher Feier Gottes Sprache ist, dies leugnen, weil unsere Sprache keine Worte hat, sie nachzustammeln? Aber sie fragten, wie Gott fr das winzige Menschengeschlecht so groe Dinge thun sollte, sich ihm zu offenbaren in Seiner Herrlichkeit, und ihm Licht zu bringen in der Finsterni, Frieden in der Zwietracht, auf eine solche Weise, wie das Evangelium von Christo aussagt. Ich gehe noch weiter. Nicht allein ein winziges, schwaches, ohnmchtiges, vergngliches Geschlecht nenne ich die Menschen, sondern auch ein durch Selbstverschuldung verblendetes und sndiges. Es ist Keiner, auch nicht Einer, der vor Gott gerecht erfunden wre. Es ist der Spiegel unseres Herzens befleckt mit unheiligem Wesen, und unser Wandel Trgheit zu allem Guten und Ungehorsam gegen Gottes Gesetz. Jeder Gedanke an Gott, den heiligen und gerechten Richter der Lebendigen und der Toten, mu eine Beichte sein und ein Flehen um Gnade, wodurch auch der leiseste Vorbehalt von eigenem Verdienst und eigener Gerechtigkeit hinweggenommen wird, wie Gottes Sonnenstrahl den Regentropfen wegnimmt, der auf einem Grabstein liegt. Doch nicht um dies winzige Geschlecht allein auf einem Staubkorn Seiner Welt, auch um dies durch eigne Schuld verderbte und tglich neue Schuld hufende Geschlecht hat Gott so groe Dinge gethan; denn das ist Seine Liebe. Und wre auf diesem Erdboden auch nur eine Seele unter allen Millionen gewesen, empfnglich fr Seine Segnungen und Verheiungen, fr diese eine Seele wrde Er Himmel und Erde bewegt haben in ihren Axen, diese Eine an Sein Vaterherz zu ziehen; denn das ist Seine Liebe! Und wre diese eine Seele siebenmal siebzigmal wieder zurckgefallen in ihre Finsternis und ihr Verderben, Er wrde siebenmal siebzigmal Himmel und Erde bewegt haben in ihren Axen, diese Eine wieder heimzufhren in das Reich der Gerechtigkeit, der Freude und des Friedens; denn das ist Seine Liebe! Wir reden von Seiner Allmacht und Weisheit, die die Unermelichkeit fllen mit ihren Zeugnissen; wir sehen den kleinsten Wurm im Staube so fein und knstlich gebildet und sein gedacht, wie des Seraphs, dessen Hallelujah durch die Himmel rauschet; und Gottes Liebe sollte nicht eben so vollkommen sein, wie alle Seine andern Eigenschaften? Sie sollte eine Begrenzung, Beschrnkung, einen Rckhalt kennen, wovon Seine Allmacht und Seine Weisheit nichts wei? Es kann und darf nie gefragt werden, sollte Gott je so gndig und barmherzig sein wollen, wie das Evangelium Ihn verkndet in der Lehre vom Vershner? Denn das ist eine Frage, die ihm eine Vollkommenheit abspricht; eine Vollkommenheit gerade im Herrlichsten, was Himmel und Erde kennen, in der Liebe. Es ist nur eine Frage: thut es dem Menschen not zu seiner rechten Heiligung im Geiste des Gemts, zu seinem Frieden im Leben und im Sterben, da sich Gott ihm offenbare als Weg, Wahrheit und Leben, als Heiland, Vershner, Erlser, Friedensfrst? Mu sich der Mensch diese Frage mit >Ja< beantworten, wenn er aufrichtig prfet sein Wissen, sein Wesen und seinen Wandel, wenn er es gelernt hat, Halbheit und Lauheit im Denken, Wollen und Thun zu verschmhen und zu verachten, dann kann er mit khner Hand in die Wolken greifen, dann kann er freudig miteinstimmen: also hat Gott die Welt geliebt! Dann darf er nicht weiter fragen: wie mag solches zugehen? Denn wie alles Wesen ber des Menschen Wissen und Verstehen ist, wie sollte denn nicht auch die Liebe Gottes ber sein Wissen und Verstehen sein? Sie haben einen Glauben, der im Stande wre, Berge zu versetzen! sagte Mander tief bewegt. Ich wollte, ich htte ihn, erwiderte Hold, dann wrden wir bald eines Glaubens sein. Ich mchte fragen, was mu ich thun, da ich das ewige Leben erbe? sprach Mander mehr in sich hinein, als zu Hold gewandt. Fragen Sie die Schrift, die von Christo zeuget. Lassen Sie vor Allem erst Ihr Nachdenken weilen beim Gesetze. Prfen Sie all' Ihr Wesen und Thun mit unerbittlicher Strenge an den Geboten Gottes und an dem Vorbilde des Herrn. Machen Sie keine Snde zur Schwachheit, keine Unlauterkeit zur Natur des Staubes, keine Versuchung zu einer unberwindlichen Macht, keine Vergleichung mit Andern zur Entschuldigung fr sich. Malen Sie sich keine Liebe Gottes aus, die nachsichtig, begtigend, vergelich ist, wie die krnkelnde Liebe der Menschen, sondern eine Liebe die mit der strengsten Gerechtigkeit Hand in Hand gehet; auf da der Wetterstrahl des Gerichtes Sie durchleuchte und durchflamme, auf da Sie hingeschmettert werden in den Staub und Ihre vermeinte Tugend und Ehrbarkeit, wie Splitter und Spreu, von Ihnen fliege; auf da Sie zittern und zagen lernen vor Dem, der Rechenschaft fordert auch von jeglichem unntzen Worte, das aus unserm Mund gegangen ist; und Ihre Seele, so wenig sie auch noch jetzt glauben mag, da es dahin mit ihr kommen knne, zu kommen brauche, in Reu und Leid zage unter dem Licht und Gericht des gttlichen Gesetzes. Nur durch Traurigkeit zur Freude! Nur durch's Gericht zur Gnade! Nur durch Zwietracht zum Frieden! Nur durch Tod zum Leben! Nur die Niedrigen werden erhht und die Demtigen angenommen! So lange wir uns vor Gott noch dnken, Etwas zu sein, sind wir Nichts. Hineinpredigen aber lt sich solche schmerzensreiche Bue nicht. Die mu von Oben kommen, als Liebesgabe und gttliche Gnade. Nur raten kann mein Wort dazu; nur an dem Bollwerk rtteln, das hindert; nur leise rtteln an des Herzens Thoren, da ihre Angeln leichter sich umwenden, wenn der Herr kommt zum Gericht! Gehen Sie in eine einsame Stunde und treten Sie Ihren Dornenpfad an. Sind Sie auf demselben Dornenpfade zur Glaubensfreudigkeit gekommen? fragte Mander leise. Ich gehe diesen Weg noch tglich und bin doch froh und selig im Herrn! erwiderte Hold. Das ist wunderbar! Nicht so wunderbar wie der Bund der gttlichen, vershnenden Liebe und der strengrichterlichen Gerechtigkeit mit einander. Nicht so wunderbar, wie Christi Zagen vor dem Kreuze und doch Hingebung an's Kreuz. Darber aber gebe ich Ihnen keine Erklrung, bis Sie in die Stunde gekommen sind, die ich zuerst von Ihnen fordern mu, die Gott von Ihnen fordert, weil Er Sie derselben so nahe gebracht hat; wenn Sie dann noch nach einer Erklrung fragen sollten. Es war aber keineswegs so leicht, Mander auf den Dornenweg zu bringen, wo seine Selbstzufriedenheit bluten sollte. Mancher Abend ging noch in lebhaften Unterredungen hin, in welchen Hold vorzglich Mander's erwachende Neigung bekmpfte, sich eine Art von philosophischem Christentum zu construiren. Sind aber nicht alle Materialien dazu gegeben, in der Schrift, wie in den sonstigen Zeugnissen Gottes? verteidigte sich Mander. Materialien fr Sie bergenug, entgegnete Hold; aber der Mrtel fehlt noch, das Herzblut, das die Reue erprete, und die Thrnenflut, welche die Sehnsucht nach einem Frieden, wie ihn die Welt und die Weltweisheit nicht geben kann, aufquellen lie. Sie sind in Gefahr, in der Halbheit zu bleiben, weil Sie anfangen, die Baustcke an einander zu passen, ehe das Gebude in seiner Hhe und Tiefe, in seiner Lnge und Breite vor Ihrer Seele steht. Es mchte aber der Weg zum Glauben nicht fr Alle derselbe sein, meinte Mander. Ohne die Demut kommt Keiner in diesen Weg hinein; und ohne die tiefe, durchdringende, ja zermalmende Erkenntnis der Sndhaftigkeit vor Gott, ohne das laute, aufrichtige, in Reu' und Leid ringende Bekenntnis derselben ist keine Rckkehr fr den, der, wie Sie, in den Irrpfaden der geistigen Selbstanbetung sich erging. Da Sie jetzt schon Baumeister sein wollen, ehe Sie selbst wahrhaft erbauet sind, oder jedenfalls noch in der ersten Frhlingslust der beseligenden Erbauung leben sollten, scheint mir anzudeuten, da Sie noch unter der Knechtschaft Ihres eigenen Geistes gefangen und nicht durchgedrungen sind zur Freiheit der Kinder Gottes, deren Glaube keine dorische oder korinthische Sulenordnung, sondern eine khn aufstrebende Sule ist, deren fester Fu in den Tiefen des Herzens steht und deren Spitze der Regenbogen der Verheiung krnzt. Eine sichere Begrndung, warf Mander ein, kann dem Glauben nicht schaden, ja ihn allein der Vernunft annehmbar machen, da sie mitstimme mit dem Herzen, das seiner bedarf. >Der Glaube ist eine gewisse Zuversicht des, was man hoffet, und nicht zweifelt an dem, was man nicht siehet<, sagt schon der Apostel, war Hold's Antwort. Unter diesem >was man nicht siehet< ist doch auch wohl das Nichtsehen der Vernunft durch Begriffe und Schlsse mitverstanden; denn was sie so sich zusammenkettet, Glied an Glied, das _sieht_ sie, das hrt auf Gegenstand der Hoffnung und des Glaubens zu sein; es wird Gegenstand des Wissens und bleibt Stckwerk, wie all' unser Wissen Stckwerk ist. Der Glaube aber ist ein Ganzes, Volles, Vollkommenes, ein Tag ohne Wolken, ein Kleinod, des wir uns freuen ohne Diebe und Ruber zu frchten. Er ist kein Raub, sondern eine Gabe. Wir schaffen ihn nicht, sondern er schafft uns. Er ist nicht unser, sondern wir sind sein. Wir kommen nicht zu ihm dadurch, da wir ihn in unser Gebiet hereinziehen, sondern dadurch, da wir aus unserm Gebiet heraustreten und in sein Gebiet eingehen. Darum bauen Sie vergeblich an einem Fachwerk; es bleibt ein Gerst, durch dessen Sparren jeglicher Wind weht, und worin der Geist Gottes nie heimatlich wird. Thun denn aber die gelehrten Theologen etwas Anderes, als was ich versuche? Leider thun sie oft nichts Anderes. Aber da geht es denn auch Vielen ihrer Zuhrer, wie es mir ging, erwiderte Hold, und nahm vom Bcherbord ein Heft aus seiner Studentenzeit, auf dessen letzter Seite sich folgender Epilog zur Dogmatik fand: So hat denn alle Wissenschaft gelogen! Vom blinden Wahne sollt' der Geist gesunden; Und nun ist jeder lichte Blick verschwunden, Und um den Frieden ist das Herz betrogen. Ich seh' mich auf ein Meer hinausgezogen, Wo keine Nadel mag den Pfad erkunden, Wo nie ein Blei den Ankergrund gefunden, Wo alle Winde weh'n auf irren Wogen. _Der_ Lootse winkt zur Rechten, der zur Linken: Sieh, wie Dir dort der Heimat Sterne blinken! Nein, folge mir, da drut ein Felsenriff! Der Dritte nickt ein Ja zu beiden Seiten; Ein Vierter fngt mit Allen an zu streiten; Und unterdessen sinkt das lecke Schiff. Doch halt! Was will der Mann mit Kennermienen? Mein Sohn, Du sogst die rechte Weisheit ein. La nun Dein Pfund dem blinden Volke dienen. Er spricht's, und ich -- soll Seelenhirte sein! Es mag schlimm genug sein, sagte Mander, Fhrer sein zu sollen, wenn man noch selbst ungewi auf dem Kreuzwege steht. Aber da man sich erst die Leiter zurecht stellt und Stufe auf Stufe prft, ist doch klger, als wenn man sich vornimmt, erst auf der hchsten Staffel sich nach dem sichern Stande und der Haltbarkeit der Stufen umzusehen. Ach! zu solchem Vornehmen, entgegnete Hold, lt es der Glaube gar nicht kommen. Er bedarf keiner Leiter. Er ist ein Adler, den seine Schwingen sogleich ber die Wolken hinauftragen. Er _wird_ nicht, sondern er _ist_. Er macht sich nicht allmlig, sondern steht da in seiner Herrlichkeit. Ein schwacher, lauer und halber Glaube ist ein Unding. Wohl mag er auf Zeiten, in Stunden der Prfung oder vor den Anlufen des ungttlichen Wesens und der weltlichen Lste zurckweichen; aber eine Mischung, Zersetzung und Teilung kennt er nicht. Er ist Alles oder Nichts; ganz oder gar nicht. Nur im Wissen, Wollen und Thun giebt es Halbheit, nicht im Glauben. Er kann nur beseligen oder verdammen, nicht ein wenig trsten, ein bischen erheben, ein wenig schrecken, ein bischen zittern machen. Er kmpft nicht, sondern er siegt nur. Er schreitet daher in seiner Kraft und erfllet mit seiner Flle das Herz; schmettert es nieder in den Abgrund und trgt es aus dem Abgrunde mit Jauchzen empor zu den himmlischen Hhen. Von diesen Hhen herab mgen wir den Glaubensweg erkunden, nicht von unten auf; nur mit dem Senkblei, nicht mit dem Fernrohr. Mander war oft in Versuchung, den Pastor der Einseitigkeit und Beschrnktheit zu zeihen. Oft wieder war er in schmerzlichem Ringen nach Zuversicht der demtigste und gelehrigste Jnger. Dann aber klagte er ber Dunkelheit in Hold's Ausdrcken; wogegen dieser bemerkte: Das Wort ist Same und nicht mehr und minder. Im Samen liegt aber der Keim verborgen unter der Hlle und wartet auf Sonnenstrahl und Tau von Oben her, um die Hlle zu durchbrechen und Blte und Frucht zu werden. Bald klagte er ber die Dunkelheit der Offenbarungen Gottes. Hold erinnerte ihn: Die Fackel fr die mancherlei Wege der gttlichen Offenbarungen ist die eine Offenbarung der heilsamen Gnade Gottes in Christo. Ist diese aufgegangen dem Herzen in ihrem vollen Glanze, so fliet ihr Lichtstrom ber die ganze dunkle Gegend aus, und Alles wird hell! Nur Licht giebt Licht. Unser blder Verstand mag uns wohl dazu fhren, da wir die Wahrheit nicht bei ihm erwarten. Unsere Sndhaftigkeit kann uns wohl die Sehnsucht wecken nach der Gnade Gottes; aber was Wahrheit ist, lernen wir erst durch die Wahrheit, und die Erlsung kennen wir erst durch die Erlsung. Sie aber ringen nach Beiden, als htten sie schon das Wesen derselben erforscht und ihre Kraft erfahren. Da dies aber nicht der Fall ist, zeigt Ihr Kampf mit einzelnen Dunkelheiten: denn Schatten weisen weg vom Licht und sind keine Wegweiser zum Lichte, wofr Sie sie nehmen, da Sie sich so lange bei ihnen aufhalten. XV. Von der Heimat sel'gem Frieden Nach dem wsten Streit hienieden Zeugt das lichte Sternenzelt; Doch des Liedes klarer Spiegel Offen der Verheiung Siegel Zeig' er in dem Kampf der Welt. Ein Amtsgeschft ntigte Hold zu einer Reise nach der nchsten, eine Meile entfernten Insel. Oswald begleitete ihn, teils um einige Angelegenheiten, die schnellere Ueberfhrung der geborgenen Ladung nach Husum betreffend, zu ordnen, teils um den fr ihn so langweiligen Aufenthalt auf der Hallig durch einen Tag in anderer Umgebung zu unterbrechen. Ein gnstiger Wind trug in der mondhellen Nacht das Schiff mit dem ruhigen Gleiten eines Schwans dem Ziel der Reise entgegen, und Oswald, der diese Meeresstrecke in dem furchtbarsten Aufruhr gesehen und auf derselben in Todesgefahr geschwebt hatte, sprach einmal ber das andere seine Verwunderung ber den Gegensatz aus. Heute so still und mit kaum merkbaren Wellen das kleine Schiff fortwiegend; damals anzuschauen wie eine ungeheure Woge, auf der das mchtige Gebude auf und nieder schwankte, wie eine Feder, von Knaben in die Hhe geblasen. Heute der leise Hauch, der die Segel eben fllet und sich zu frchten scheint, mehr zu thun, als wir gerade wollen; damals ein Heulen und ein Rasen, als wollte die tolle Windsbraut unser Schiff wie einen Knuel zusammenwickeln und es gen Himmel schleudern. Dem Winde hat man so viele Namen gegeben, um seine wechselnde Weise zu bezeichnen. Das Meer heit Meer, mag es wie ein gefgiger Sclave uns dienen, mag es wie ein wtender Tyrann mit unserm Leben wrfeln. Der Mensch heit Mensch, bemerkte Hold, mag er kindlich friedlich mit Blumen spielen, oder in blinder Leidenschaft Leichenhgel auftrmen; und der Uebergang von der einen zur andern Art zu sein, ist bei demselben Menschen nicht weniger berraschend, als bei dem Meere, und es ist nur gut, da die ungestmen Wogen unserer Brust gewhnlich wenig Macht haben, Unheil zu stiften. Darum halte ich es damit, sagte Oswald, dem Leben die leichte Seite abzugewinnen und das Blut hbsch ruhig zu halten. Alles Aufwogen, sei's in Ha, sei's in Liebe, ist nicht meine Sache. Dadurch habe ich es so weit gebracht, da ich lache und scherze, wo Andere sich totgrmen wollen und auer sich vor Angst oder Zorn sind. So nutz' ich das Leben, Und nehm' es, wie's ist; Eh' kalt mich im Grabe Das Leben vergit. Wenn Sie Jahre lang in einem Kerker schmachten sollten, Jahre lang auf ein Krankenlager hingestreckt lgen, meinen Sie dann, da Sie mit diesem Verse die feuchten Wnde zieren, oder mit dieser Melodie Ihre Schmerzen einlullen wrden? fragte Hold. Das will ich nicht behaupten, erwiderte Oswald; aber darum freue ich mich, da ich nicht in diese Probe gefhrt werde. Warum trachten Sie aber nicht lieber nach einer Zuversicht, die auch solche Proben aushalten kann? Knnen Sie eine Ansicht fr Wahrheit halten, welche von Auendingen abhngt, die nicht in unserer Gewalt sind? Rechnen Sie den Glimmerschiefer zu den Edelsteinen, weil er im Sonnenstrahl wie Diamanten funkelt? Sie haben vollkommen Recht, lieber Pastor, antwortete Oswald, eben weil sie Pastor sind, fr mich aber Unrecht, weil ich singe: Vergessen ist Freude Und Denken nur Pein; Und _gilt_ er Dir Wahrheit, Ist Wahrheit der Schein. Ich kann Ihnen auch einen Vers dazu geben, sagte Hold: O, kindisches Treiben! O, rmlicher Wahn! So schaukeln die Wellen Den herrnlosen Kahn. Und dieser Vers fhrt mich auf die Frage: was dachten und fhlten Sie in den Stunden, als Sie auf diesem Meere vor einigen Wochen zwischen Tod und Leben kmpften? Ich dachte und fhlte gar nichts. Mir war alles Denken und Empfinden rein ausgegangen. Ich war eine hohle Schale, in die erst nach unserer Rettung ein Kern zurckkam. Was htten mir auch alle Gedanken und Gefhle helfen sollen? Sie konnten den wilden Ocean nicht bndigen und den gebrechlichen Kahn nicht zusammenhalten. _Ihr_ Denken und Empfinden konnte Ihnen freilich nichts helfen; aber wohl wre es anders mit dem gewesen, der in Sturm und Wogendrang htte sprechen knnen nach den Worten des Liedes, das Sie nur halb kennen wollen: Wer kmpfend und fallend Dem Siege vertraut, Der hat sich errungen Das Jawort der Braut. Sie fhrt dem Altare Der Heimat ihn zu. Sein Glaube wird Schauen; Der Staub ist zur Ruh. Ich streite nicht mit Ihnen, Herr Pastor, antwortete Oswald. Ich gebe Ihnen, wie gesagt, vollkommen Recht. Ich ehre Ihre Ueberzeugungen und Sie um derselben willen. Ich wrde auf Ihre Redlichkeit und Treue mehr bauen, als auf mich selbst. Aber -- ich bleibe, was ich bin; und wie ich bin; wenn ich nicht, wie ich es Ihnen schon halb versprochen, einst im grauen Haar zu Ihnen zurckkehren sollte, um zu lernen, wie man die Falten des Leichentuchs mit Anstand um sich wickelt. Gewi, lieber Hold, schlo Oswald, als er merkte, wie der Pastor sich bei dieser letzten Aeuerung unwillig von ihm wandte, ich will nicht spotten, wenn es auch manchmal so klingt; es ist nur ein hohler Klang, dem Sie keine Bedeutung unterlegen mssen, die er nicht haben soll. Aber wir stehen uns so fern und so fremd in unsern Ansichten und Meinungen, da keine Vereinigung mglich ist. Sie stehen fest auf Zion, und ich treibe, ein leichter Nachen, jeden Blumenbach entlang, der mich eben tragen will. Den hohlen Klang nehme ich Ihnen nicht bel, erwiderte Hold; aber da es eine Stunde in Ihrem Leben geben konnte, in welcher Sie nach Ihrem eignen Ausdruck eine hohle Schale waren, und doch nun, bei solchem Gestndnis, sich noch lnger in der ganzen Hohlheit und Leerheit Ihrer Ansichten, die eigentlich, wie Sie es selbst aussprechen, nichts weiter als Gedankenlosigkeit sind, wohl fhlen knnen, das verstehe ich nicht. Ich frchte, Gott wird Sie noch einmal mit gar schwerer Hand anfassen, oder vielmehr ich mu es wnschen. Sie werden es mir erlauben, sprach Oswald lachend, den Dank fr diesen frommen Wunsch bei Ihnen zu ersparen. Hold wandte das Gesprch auf andere Dinge, und da sie sich in der Bekanntschaft mit dem Liede, aus dem die vorher von ihnen angefhrten Strophen genommen sind, zusammengefunden, ward die Poesie der Gegenstand ihrer Unterhaltung. Hierin stimmten die Urteile Beider fast ganz zusammen. Oswald's ausgebreitete Belesenheit in diesem Fache hatte sein richtiges Gefhl nicht verwirrt, sondern nur geschrft. Kein blendender Bilderschmuck bestach ihn; kein dichterischer Gedanke ging ihm um der mangelhaften, poetischen Form willen verloren. Ossian, der Barde, der selbst dem Nebel Kraft und Anmut einzuhauchen wute, war sein Liebling, und er behauptete mit Hold's vlliger Zustimmung, da man in dem Brodem des Plumpuddings gro gezogen sein mte, um Ossian's Gedichte zu dem untergeschobenen Machwerk eines ^gentleman^ machen zu knnen. Je lebendiger Oswald sprach, je reicher er seine vielseitige Kenntnis der schnen Literatur entfaltete, je wahrer er das Flache von dem Tiefen, die gemachte von der wirklichen Begeisterung unterschied, desto mehr mute sich Hold wundern, wie ein Mensch zugleich so scharf und richtig urteilen, und doch so gedankenlos hinleben; so wahr und so stark empfinden, und doch so gefhllos fr den Geist Gottes sein knne. Es war ihm unbegreiflich, wie Oswald bei den Ergssen himmlischer Begeisterung eines Dichters mit inniger Anerkennung weilen konnte, ohne dadurch auf sich selbst und seine Entfremdung von allem Gttlichen gefhrt zu werden. Es war, als trge ihn seine Phantasie mit in den Aufschwung dieser Dichter hinein, und als she er dennoch darin nur den Flug eines Luftballons, der aus seiner Hhe ohne weitere Kunde von den gttlichen Dingen zur Erde herabsinkt. Aber -- sie haben Augen und sehen nicht; sie haben Ohren und hren nicht. Fr die Leser, welche das Gedicht, aus welchem wir oben einzelne Verse in die Erzhlung verflochten haben, ganz kennen zu lernen wnschen, mge es hier stehen. Das Leben. Ein Anfang ohn' Ende; Ein Schleier ohne Bild; Ein Trumen und Sehnen, Das nimmer gestillt; Ein Blhen und Duften; Ein schmeichelndes Lied; Und Alles nur Tuschung, Die lockt und entflieht. Ein Wollen und Knnen, Und nie ein Vollbracht; Ein Lernen und Wissen, Das klger nicht macht. Ein Drngen und Treiben Bergauf und bergab; Ein Sorgen und Mhen Fr's wartende Grab. Fr Herren und Knechte Ein wunderlich Spiel, Als Ernst gar zu wenig, Als Scherz gar zu viel: Und dennoch zum Leben Die Liebe so gro? -- Gern sitzen die Narren Der Narrheit im Schoo. * * * * * Was zrnst Du dem Leben, Dem gaukelnden Spiel? Du fragst nach dem Ziele? Der Weg ist das Ziel! Dein Hoffen und Wagen, Und wr's ohne Lohn; -- Im Hoffen und Wagen Genieest Du schon. Entstrmt ohne Lorber Dem Helden sein Blut; Doch freut sich im Streite Des Kmpfenden Mut. Der Rtsel so viele? Die Antwort so kahl? Frag' nicht nach den Reben Den vollen Pokal. Vergessen ist Freude, Und Denken nur Pein; Und _gilt_ er Dir Wahrheit, Ist Wahrheit der Schein. So nutze das Leben, Und nimm es, wie's ist, Eh' kalt Dich im Grabe Das Leben vergit. * * * * * O, kindisches Treiben! O, rmlicher Wahn! So schaukeln die Wellen Den herrnlosen Kahn! Das Leben ein Schleier, Den Keiner durchschaut; Doch ehre den Schleier; Er wallt um die Braut, Die wstem Verlangen Nur keuscher sich hllt, Den Glauben mit froher Verheiung erfllt. Es wehet ihr Odem Dahin und daher, So gret von Kste Zu Kste das Meer. Und wandelt der Pilger Nach Sd und nach Nord, Sie ladet ihn liebend So hier und so dort. Sie blickt von den Sternen Ihm freundlich herab; Und lchelt weissagend Auf Wiege und Grab; In Kmpfen, in Strmen, In wolkiger Nacht, Von Weisen gescholten, Von Spttern verlacht, Schmck' khn Dir mit Krnzen Hochzeitlich das Haupt, Vom Baume der Hoffnung, Der nimmer entlaubt. Wer streitend und fallend Dem Siege vertraut, Der hat sich errungen Das Jawort der Braut. Sie fhrt dem Altare Der Heimat ihn zu. Sein Glauben wird schauen; Der Staub ist zur Ruh. XVI. -- Und jede neue Welle sumte Fr mich am feuchten Leichentuch. Und jede neue Welle schumte Entgegen mir den Todesspruch. Wir bergehen den kurzen Aufenthalt auf der Insel, die, umgeben und durchschnitten von starken Deichen mit einer Hhe von mehr als zwanzig Fu und einem Belauf von achtzig bis hundert Fu, in der Mitte ihrer Abteilungen oder Koege, wo das Meer vllig dem Auge entzogen war, das Ansehen eines von festen Wllen umgrteten Lagers darbot, das von den Kriegern verlassen, nun dem friedlichen Landmann angehrte, der es nur biher versumt, die Wlle abzutragen. Auf der Rckfahrt nach der Hallig mute das Schiff anfangs mit widrigen Winden kmpfen; spter trat eine vllige Windstille ein, und eine Viertelmeile vom Ziel wurde Anker geworfen, da auch die Ebbe dazu kam, die kein Weiterkommen selbst bei gnstigem Winde gestattet htte. Noch war es heller Nachmittag, und klar lagen die einzelnen Wohnungen der Hallig vor dem Blicke der ungern Verweilenden. Das Schiff stand bald ganz auf dem Trocknen, und es schien so leicht, die kurze Strecke zum Ufer zu Fu zu machen. Sollte auch hie und da ein bichen in dem weichen Schlamm gewatet, oder eine und die andere Wasserrinne bersprungen werden mssen, so kam man doch vor Abend nach Hause. Der Gedanke, so festgebannt zu sein, machte Oswald ungeduldig, und fr Hold war jede Stunde der Entfernung von den Seinen ein Abbruch an seinem huslichen Glck. Die beiden Schiffer hatten nichts dagegen, ihr Fahrzeug bis zur nchsten Ebbe liegen zu lassen, wie sie dies schon oft gethan, und so traten denn die vier Reisegenossen ihren Weg zur Hallig an. Freilich htten die vielen Unglcksflle, welche durch dies sogenannte Schlicklaufen herbeigefhrt werden, sie abhalten sollen; aber die Luft so heiter, das Land so nahe, woher denn Gefahr? Oswald lachte laut auf, als Hold nur so obenhin sagte, da solche Versuche, das Land zu gewinnen, schon Vielen das Leben gekostet, und dieser fgte auch selbst gleich hinzu, da heute freilich nichts zu frchten sei. O, des kurzsichtigen Geschlechts, das sich so sicher dnkt, indem es dem Tode entgegenrennt! Kaum zehn Minuten spter standen die Wanderer schon ratlos und angstvoll da, und wuten nicht mehr, wohin sie die Schritte wenden sollten, ob rckwrts, ob vorwrts. Ein dicker Nebel, der urpltzlich, man wute nicht, ob von oben herab, oder von unten heraufgestiegen kam, lagerte sich um sie her. Die Nebel oder Seednste sind oft nicht hher als sechs bis acht Fu, und es begegnete uns einmal, da wir vom Schiffe aus mit den Leuten am Ufer uns unterredeten, ohne da wir auch nur das Geringste mehr sehen konnten, als deren Kpfe, die im hellsten Lichte auf der grauen undurchdringlichen Masse gleichsam schwammen, und deren Bewegungen von einer Stelle zur andern, ohne da man die bewegenden Glieder sah, einen wunderbaren Anblick gewhrten. Was wir in dem Folgenden erzhlen, mag ebenfalls fr Den, welcher jene Meeresstrecke nicht kennt, manches Wunderbare haben; aber wir legen auch hier, wie andern Stellen dieser Schrift, unsere eigenen Erfahrungen zu Grunde. Sobald der Nebel aufkam, wandten sich Aller Blicke unwillkrlich auf das Schiff zurck. Wenn nur noch irgend etwas zu sehen gewesen wre! Aber die weiter als drei Schritte von einander standen, waren ja schon nicht mehr fr einander da und muten sich durch Rufen zusammenfinden. Oswald ahnte noch nicht die Gre der Gefahr und konnte sich in das ngstliche Beraten der andern nicht finden, da er meinte, sie mten bald das Ufer gewinnen, wenn sie nur darauf hielten, die gerade Richtung nicht zu verfehlen. Auch der Schlu der Beratung fiel dahin aus, vorwrts zu gehen, weil die freilich entferntere Hallig sich doch immer in diesem Nebelmeer wahrscheinlicher treffen lie, als das nahe, aber leicht zu verfehlende Schiff. Oswald schritt keck voran und trllerte ein Liedchen. Doch als tiefere Stellen, die nicht zu durchwaten waren, umgangen werden muten, als Rinnen kamen, an denen man in mancherlei Wendungen hinzuwandern gezwungen war, ehe eine Stelle gefunden ward, schmal genug, um hinberzuschreiten, als bald der eine, bald der andere Gefhrte im Nebel oft eine geraume Zeit verschwand, da wurde er stiller und stiller. Als er ein paarmal, entweder unbesonnen forteilend, oder zaghaft zurckbleibend, nur nach lautem Geschrei, da der Nebel den Schall hemmte, sich den Genossen wieder anschlieen konnte; als er bald im Schlamme tief einsinkend, bald mit ungewissem Sprung die Weite verfehlend, alle Mhseligkeiten des Weges erfuhr, da begann ein kalter Schwei von seiner Stirne zu perlen, und bei jedem Stillstand fhlte er das Beben der Angst in seinen Gebeinen. Solcher Stillstand ward immer fter ntig, teils um die erschpften Krfte wieder zu sammeln, teils um ber die rechte Richtung sich zu vergewissern. Welche Umwege aber wurden in der dichten Nebelhlle gemacht, die bei heller Witterung leicht htten vermieden werden knnen! Vielleicht war der Uebergang ber eine Rinne nur ein paar Fu weiter rechts oder links, und eine halbe Stunde wurde vergeudet, um ihn aufzufinden, weil man ihn an der Seite vermutete, wo er nicht war, und wenn man sich endlich berzeugte, da er da nicht zu finden sei, wo man ihn suchte, ging wieder eine neue halbe Stunde darber hin, um zu dem alten Fleck zurckzukommen. Zuletzt muten sich die vier Leidensgefhrten anfassen, um nicht durch die graue Wand, die zwischen ihnen jetzt schon bei der Entfernung von auch nur einem Schritt von einander aufgetrmt war, getrennt zu werden. Bisher waren nur wenige, durch die Umstnde gebotene Worte gesprochen. Jeder ging still, sich seinen trben Gedanken berlassend, hinter dem andern her; nur Oswald unterbrach nun durch sein Sthnen und Klagen vielfach das ngstliche Schweigen. Aber nicht lange, da tnte die Schreckensfrage von Mund zu Mund: wohin sollen wir uns wenden? Ach! die sich widersprechenden Antworten zeigten nur zu gewi, da man sich auf keine Antwort mehr unbedingt verlassen konnte. Die Richtung, bisher noch teils durch die Aufmerksamkeit auf jede neue Wendung, teils auch durch die Kenntnis der Schiffer von dem Lauf wenigstens der greren Rinnen, vielleicht nicht ganz verloren, ward nun Allen vllig zweifelhaft. Denn die zu machenden Wendungen und Krmmungen waren immer verschlungener, des Hin- und Hergehens, Vor- und Rcklaufens immer mehr geworden; und unheilbringendes Zeichen! die Rinnen wurden allmlig breiter, flossen zu zahlreicheren Wasserstraen ber, welche bald langsam wie heimtckische Ruber dahinschlichen, indem sie zwischen den kleinen Erhhungen in vielfachen Krmmungen sich fortwanden, oder lauernd und auf neuen Zuschu wartend an einer greren Bank sich verweilten; bald aber auch wie mutige Krieger von einem erklimmten Wall auf die Ebene niederwogten und dort sich nach allen Richtungen ausbreiteten. Von diesen Bewegungen sahen die Wanderer freilich Nichts, obgleich der Nebel jetzt anfing, sich ein wenig zu verteilen. Aber sie kannten ja die Stunde, in welcher ihr Todfeind die Herrschaft wieder antrat auf den Marken, die sie mit mutwilligem Fu zu betreten gewagt hatten. Sie merkten sich auch schon von seinen verstrickenden Netzen umschlossen, denn wohin sie sich wandten, stieen sie auf seine Gnge, wohin sie sich wandten, folgte er ihnen nach, und bald splte er allenthalben um die Fe der gejagten Beute. Nun kroch er, sich hebend und sich senkend, langsam, aber mit sicherm Fortschritt, immer hher hinauf, steigerte in gleichem Stufengang das Bangen und die Beklemmung der Umherirrenden, deren Tritte immer heftiger, aber auch immer unsicherer wurden auf dem berschwemmten Boden, und wallte jetzt um die schlotternden Kniee mit hhnischem Rauschen, in welchem sich nur zu deutlich die grausame Freude aussprach: Ihr entgeht mir doch nicht mehr! Was half die erneute Beratung: wohin sollen wir uns kehren? Ja htte nun auch die rechte Richtung ausgemacht werden knnen, wie ja wirklich die aufmerksame Beachtung der Bewegung der Flut sie ungefhr erraten lie, hatte man nicht vor sich Rinnen, die jetzt zu undurchdringlichen Tiefen geworden waren? Durfte man, selbst dies Hindernis nicht mit erwgend, es sich verbergen, da eine ungefhre Richtung gar keine sei, da sie an der Scholle, die im weiten Ocean aufgefunden werden sollte, eben so gut rechts oder links vorbei als darauf hin fhren konnte? Doch wurde ein Versuch gemacht, vorwrts zu dringen, aber schnell wieder aufgegeben, als der Fhrer des Zuges pltzlich bis ber die Achsel in eine Tiefe versank, aus der er nur mit Mhe herausgezogen werden konnte. Jetzt blieb nichts anderes brig, als auf dem Platze, wo man gerade sich befand, stehen zu bleiben und sich in voller Hlflosigkeit der Macht des immer hher schwellenden Oceans zu berlassen, und dem Vater im Himmel, der allein den Wogen gebieten kann: bis hierher und nicht weiter! Leib und Leben im Gebet zu empfehlen. Mein armes, armes Weib! dachte Hold; und sein Geist war so ganz in diesem Gedanken aufgegangen, so ganz mit ihrem Schmerz um den Verlust des Gatten eins geworden, da ihm die Teilnahme fr die nahe Bedrngnis verloren ging in der vollen Empfindung ihres Jammers. Die beiden andern Mnner standen in dumpfer Hingebung schweigend da. Oswald aber verlor in dieser gezwungenen Unthtigkeit alle Fhigkeit, seiner Todesangst irgend ein strkeres Gefhl entgegenzusetzen, oder auch nur sie unter einer anscheinenden Ruhe zu verbergen. So lange noch Versuche zur Rettung gemacht werden konnten, war er bei jedem gnstigen Anschein voll Hoffnung, und die Beschwerden der Wanderung lieen es ihn zuweilen ganz vergessen, da sie auf dem Wege wandelten, der sie vielleicht nur immer fester als Opfer des Meeres umstrickte. Aber stille zu stehen, rings um sich die Wste des Oceans, in jedem leisen Wellenschlag einen neuen Todesboten zu merken, mit welchem der beutesichere Feind neckisch sein Opfer grte, eine Marter auszuhalten, die ohne die Abwechslung des Schmerzes in immer gleicher Ruhe einen Tropfen aus dem Becher der Hoffnung nach dem andern auszhlte; diesem schwerfllig aufkriechenden Tode, als wrde der Krper von einer ungeheuren Schlange in immer hher schwellenden Windungen langsam umzogen, von Sekunde zu Sekunde seinen Gang nachzumessen, ihn immer nher und nher am hochschlagenden Herzen zu fhlen: das war mehr, als Oswald zu ertragen vermochte. Anfangs drang er in seine Gefhrten mit dem leidenschaftlichsten Ungestm, doch irgend ein Mittel zur Rettung zu ergrnden. Als er endlich ihren vielfltigen Beteuerungen glauben mute, da Alles versucht sei, was versucht werden knne, und da jetzt nur noch die Mglichkeit als letzter Hoffnungsstern brig bleibe, wenn der Nebel sich noch mehr verteile, und das Land nahe sein sollte, durch ihr Geschrei ein Boot herbeizurufen, da schrie er, in jeder lngern Zgerung den gewissen Tod sehend, so gellend auf, da es diesem herzzerschneidenden Ruf anzumerken war, wie nur die furchtbarste Seelenangst ihm die bernatrliche Strke gegeben. Mit diesem Ruf war aber auch alle seine Kraft dahin, seine Fe wollten ihn nicht mehr tragen, alle seine Gebeine schttelten sich wie aus ihren Fugen heraus, seine Zhne hmmerten auf einander und sein Haar strubte sich hoch empor; keines zusammenhngenden Wortes war er weiter mchtig. Er wre jetzt schon umgesunken, wenn Hold ihn nicht gehalten. Es ward auch fr Alle ntig, sich gegenseitig zu sttzen, da die Wellen schon so hoch gestiegen waren, da es schwer wurde, die Fe gegen ihren Andrang festzustemmen. Schweigend standen die Mnner so neben einander, fest die Hnde in einander geschlungen. Jeder hatte in seinem Innern die Rechnung mit dem Leben zu schlieen und weder Zeit zu klagen, noch Lust zu trsten. Oswald wollte freilich auch seine Seele in Gottes Vaterhuld empfehlen und rang sich aus seinen durch einander tobenden Gedanken und wild lodernden Empfindungen zu einem Blick nach oben durch, aber der Himmel, an dem schon hin und wieder ein Stern durch den Nebelflor schimmerte, nahm seinen Blick nicht an, wenigstens sank des Jnglings Auge sogleich scheu wieder zurck, und in demselben Augenblick rauschte eine Woge, hher als die brigen, hinter ihm auf; ein doppelter Wasserstrahl ging von seinem Nacken um den Hals her und flo ber seine Brust hin. Du bist gerichtet! schauderte es durch seine Seele, und ein neuer Angstschrei ri sich aus seiner Brust los, dem ein dumpfes anhaltendes Sthnen, untermischt mit abgebrochenem Aechzen, folgte. Festeren Gemtern wre vielleicht dieses Sthnen widerlich gewesen, auf seine Leidensgefhrten wirkte es dahin, da auch sie ohne Rckhalt seufzten und klagten. Die Wasser aber rauschten heran, heran; eine Woge legte sich ber die andere hin, und mit jeder kommenden Woge lief eine Sekunde ab von der kurzen, den Armen noch zugemessenen Lebensstunde. Der Nebel sank endlich vllig und begrub seine feuchten Dnste in die Flut. Am Himmel blinkten nur einzelne Sterne, und auf dem Meere war fr Die, denen das Wasser schon bis an die Brust stand, nichts zu sehen, als bald hier, bald da auf dem kruselnden Kamm einer Welle der Wiederschein eines Sternenlichts. Die Dunkelheit verbarg das Schiff. Doch da, da, und wieder da! Das sind Lichter der Heimat! -- Schliet Eure Rechnung schneller, Unglckliche, die Lichter der Heimat werden zu Lampen fr die Toten hingestellt. Wie seid Ihr irre gegangen! Jene Lichter zeigen Euch, da Ihr wenigstens drei Mal weiter von der Heimat entfernt seid, als Ihr es waret, da Ihr das Schiff verlieet. Kein Ruf dringt hinber zu der fernen Kste; ja, knnte ein Ruf hinberdringen, kein Boot, und wrde es auch noch so rstig getrieben, vermag Euch zu erreichen, ehe noch das Meer mit Euren Leichen spielt. Da sitzen Eure Lieben und warten auf Euch! Nun mu er bald kommen! sprechen Vater und Mutter, Weib und Kind, Bruder und Schwester, und Euer Platz wird leer gelassen in ihrer Mitte, bis Ihr kommt. Fr Euren freundlichen Empfang, fr Eure Erquickung nach der Reise sind Alle geschftig; wohnlich und gastlich soll Euch Alles anlcheln; traulich und herzlich das Willkommen sein, das Euch begrt. Erzhlen sollt Ihr den horchenden Lieben, was Ihr gesehen, und die gemtliche Heimat von Neuem loben. -- Euer Platz wird leer bleiben in der Mitte der Lieben, denn die Wasser rauschen heran, heran; eine Woge legt sich ber die andere hin, und mit jeder kommenden Woge luft eine Sekunde ab von der kurzen, Euch noch zugemessenen halben Stunde. Mein armes Weib! mein Kind! mein Kind! rief Hold laut zum Himmel auf. Neben ihm seufzten die Mnner, und Oswald's Gesthn klang verzweiflungsvoll dazwischen. Aber der trbe Geist, der Hold's Seele niederdrckte, und der dadurch so lhmend auf den sonst so glaubensfreudigen Mann wirkte, weil dieser besonders durch eine Regung von Eitelkeit verleitet war, sich der Wanderung ber den Schlick nicht zu widersetzen, zu der er lieber zustimmen, als fr furchtsam gehalten werden wollte, dieser trbe Geist war mit jenem Ausruf auf die hchste Spitze gelangt, wo ihn nun wie ein Wetterstrahl aus der Hhe das Wort traf: Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Zucht! Da war es, als trte Hold mit vollem Siegesjubel heraus aus dem Schatten der Finsternis und den Banden des Todes, die ihn so lange gehalten, und er hub an zu predigen in den Wellen mit lauter und fester Stimme; freilich mehr in abgebrochenen Stzen, wie es die Lage der Dinge natrlich machte, als in dem Zusammenhange, welchen unsere Aufzeichnung seinen Worten gegeben hat. Gelobet sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesu Christi, der Vater der Barmherzigkeit und der Gott alles Trostes! Der uns trstet in aller unserer Trbsal, da wir auch trsten knnen, die da sind in allerlei Trbsal, mit dem Troste, damit wir selber getrstet werden von Gott. -- Lobet den Herrn in allen Seinen Werken, denn alle Seine Werke sind unstrflich! Auf Sein Gebot kommen und gehen die Wasser. Er wehet das Meer an mit dem Hauche Seines Mundes, und es weichet scheu vor Ihm zurck. Er wehet das Meer an mit dem Hauche Seines Mundes, und es schwellet und wallet heran folgsam Seinem Ruf; und was Er gebeut, das geschieht zur rechten Stunde. So ist es denn auch Seine Stunde, in die wir gekommen sind. Es ist Sein Rat, der uns dies Grab bereitet; und darum leitet auch Seine Hand uns hinber in Sein Reich. -- Freuet Euch! Er hat in diesen Stunden der Angst uns gereiniget von unsern Snden. Er hat uns hingegeben in unsere Ohnmacht, da die letzten Trmmer unseres Dnkels niederbrchen unter Seinem Wort: Seid stille und erkennet, da ich der Herr bin! -- Er hat uns hienieden schon gerichtet, und unter Seiner Heimsuchung ist unsere Schuld und Missethat ber unser Haupt gewachsen, wie das Meer ber unser Haupt wchst; also da wir weit von uns geworfen haben das eitle Gewand eigner Gerechtigkeit und unsere Seele gekleidet in das hochzeitliche Kleid der Gerechtigkeit in Christo, die vor Gott gilt. -- Hallelujah dem Gott der Strke, dem Vater der Liebe! In Seiner Kraft berwinden wir die Welt, und Seine Gnade erfllet die verzagten Herzen mit Freude und Friede. Und die da weinen um uns, -- Herr, unser Gott, durch die Wolken hindurch dringt unser Gebet aus der Tiefe, und Du erhrest, erhrest uns, die wir ausschtten unser Herz vor Dir. Ja, wir bitten und zweifeln nicht: Du bist ein Helfer und Vater der Witwen und Waisen, unter dem Schatten Deiner Flgel ruhen sie. Du richtest sie auf, wo sie meinen vergehen zu mssen. Du weisest ihnen Wege, wo sie keine Wege sehen. Vater trste sie, strke sie, fhre sie um unserer Bitte willen, wie Du verheien: Bittet, so wird Euch gegeben. -- Nicht fr uns bitten wir. Wir haben nur Dank, da Du uns hast hren lassen Dein Wort zu uns mit wahrhaftigem Sinn und vlligem Glauben. Wir haben allenthalben Trbsal, aber wir ngstigen uns nicht. Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrckt, aber wir kommen nicht um. Denn Du hast einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, und unser Glaube ist schon hienieden zum Schauen geworden, also da Dein Licht uns umleuchtet in der Finsternis, da unsere Seelen auffahren mit Flgeln, wie Adler, aus der Tiefe, da wir Dich loben und preisen im Sterben. -- Hallelujah! Ehre und Preis unserm Gott, der uns den Sieg gegeben hat ber den Tod! Hallelujah! Dem Herrn sei Dank und Preis in Einigkeit! Amen. Auf die beiden Mnner der Hallig machten diese begeisterten Worte ihres Pastors den entschiedensten Eindruck. Sie hatten eben noch seine Seufzer und Klagen gehrt, ihn die Schwche und Trostlosigkeit seiner Leidensgenossen teilen sehen, und nun erhob er sich auf einmal zu solcher Hhe des Glaubens und der Todesfreudigkeit, da sie seinen Zuspruch, obwohl dieser sich ganz in den Grenzen ihres geistigen Gebiets hielt, aufnahmen als eine Stimme von Oben, als die Sprache eines weltberwindenden Geistes, der wie im Sturm den Geist der Furcht und des Zagens ausgetrieben, und dessen Sttte eingenommen in der Brust ihres vorher mit ihnen verzagten Seelsorgers. Da fast jedes Wort seiner Trstung an einen Bibelspruch erinnerte, gab ihr fr Diejenigen, welche von Kindheit an die heilige Schrift als Gotteswort geehrt hatten, den vollen Stempel der Untrglichkeit und daher noch gewisseren Einflu auf die Gemter. Fr Oswald jedoch war jede Trstung verloren. Whrend Jene lobten und dankten, als sei die Todesstunde ein Fest geworden, klang ihm dies Zeugnis der Glaubensfreudigkeit wie ein Hohn ber die Oede seines Herzens. Oft versuchte er es, ein Wort des Glaubens und der Hoffnung seinen Gefhrten nachzusprechen; aber er wute nicht einmal, ob es ber seine Zunge ging, wenigstens kam es ganz leer zu ihm zurck und fand in seiner von Todesngsten gemarterten Brust keine Sttte, um auch nur einen Augenblick zu haften. Er glaubte zu jammern und zu schreien, um so irgend eine Macht zum Mitleid zu bewegen, aber dies Jammern und Schreien war nur in ihm, seine Lippen fieberten nur, ohne da ein Laut ber dieselben kam; er glaubte mit aller Macht zu kmpfen wider die umdrngende Flut, aber seine Nerven zuckten nur krampfhaft, alle Muskelkraft war aus den erschlafften Gliedern entschwunden. So bot er das vollendete Bild eines Menschen dar, der an seinem Unglauben und seiner Gottvergessenheit zum Mrtyrer geworden ist. Die Wasser aber rauschen heran, heran; eine Woge legt sich ber die andere hin und mit jeder kommenden Woge luft eine Sekunde ab von der kurzen, den Opfern des Meeres noch zugemessenen Viertelstunde. XVII. Alles wollen sie begreifen, Alles wollen sie verstehn; Alles schneiden sie in Streifen, Um -- zusammen sie zu nhn; Und was wider ihre Lehren Ist wahrhaftiglich geschehn, Soll das offne Ohr nicht hren, Nicht das offne Auge sehn. Nicht allein mit den obenstehenden Versen mchten wir die zunchst folgende Erzhlung einer bis zur Erscheinung gesteigerten Einwirkung der Seele auf die Seele einleiten. Mit der bloen Behauptung oder Verwerfung einer Ansicht oder Erfahrung, die von der gewhnlichen Meinung, von dem alltglichen Gange der Dinge abweichen, ist Nichts gewonnen. Auch von den Grnden, welche unsere Erfahrung einer solchen Einwirkung in eine leere Tuschung aufzulsen streben, mssen wir bekennen, da sie ihre Kraft bisher noch nicht an uns bewiesen haben, so zweifelnd-prfend wir uns auch auf diesem dunkeln Felde der hheren Seelenkunde bewegen. Hold's Versuch, sich eine nicht abzuleugnende Thatsache fr seinen Glauben annehmlicher zu machen, teilt die gewhnliche Eigenschaft solcher Versuche, er ist Grau in Grau gemalt, erklrt das Wunderbare durch das Wunderbare. Doch benutzen wir ihn gern, wenn auch nur zu einer bescheidenen Einleitung in dieses Kapitel. Ist nicht so Vieles in unserm Geiste, sagte er, das ber die gewhnlichen Gesetze des Denkens und Empfindens hinaus ist? Oeffnet die Andacht nicht Tiefen in unserer Brust, die wir ohne sie ganz bersehen? und sind die Perlen und Edelsteine, die sie aus diesen Tiefen zieht, nicht von einer Art, da unser Wissen und Verstehen jede Schtzung aufgeben mu? Die Andacht aber ist in ihrer hchsten Blte Einswerden mit Gott, ein Verschmelzen unseres Geistes mit Seinem Geiste, also, da wir absterben unserm frheren selbsteigenen Geistesleben, und in Gott leben, weben und sind, wodurch wir fhig werden, zu denken, zu fhlen und zu handeln ber unsere sonstige Kraft weit hinaus, weil die Kraft Gottes in dem Schwachen mchtig ist. Wie nun die Liebe zu Gott solches Wandeln auf Hhen, zu denen unsere gewhnlichen Gaben nicht hinaufreichen, mglich macht, so auch ffnet die irdische Liebe uns Wege vom Herzen zum Herzen, auf die kein uns ohne diese Liebe bekanntes Seelenvermgen hinweist. Es gibt auch hier eine Sprache und Mitteilung, die eben wie die Andacht nur in einzelnen Momenten ihre Hieroglyphe in das Buch unseres Lebens hineinschreibt. In Augenblicken, in welchen wir uns selbst ganz vergessen, und all' unser Denken und Empfinden in die Seele des geliebten Gegenstandes hineinversenken, wird die Ferne zur Nhe und die Trennung zur Gemeinschaft; und unsere Bitten, Warnungen, Seufzer und Gre werden Gedanken und Empfindungen der geliebten Seele, und damit sie nicht als eigene Trume unbeachtet bleiben, kleiden sie sich auch wohl in das Gewand sichtbarer Gestalten, hrbarer Worte, die aber nur eine Abspiegelung der auf solche Art geweckten Vorstellungen sind, daher nicht in die Sinne der diesen fremden Personen fallen. Es sind Erkennungen, denen hnlich, mit welchen wir uns droben in den ewigen Htten wiedererkennen, wenn die Seele mit dem neuen Leibe berkleidet wird, von dem unsere irdische Hlle nur der grbere Schatten ist. Doch werden diese Wechselwirkungen der Seelen auf einander wohl nur da mglich sein, wo eine Liebe ist, nicht allein der vollsten Hingebung fhig, sondern auch in derselben durch langes Erkennen und innige Verschmelzung der Gedanken und Empfindungen erprobt und bewhrt. Nun zu unserer Erzhlung. Godber und Idalia saen in der Abenddmmerung dieses Tages, der fr die Hallig ein Tag der schmerzensreichsten Trauer zu werden drohte, neben einander in der Stube ihrer Wohnung. Das Gesprch zwischen ihnen stockte oft, eben weil Beide sich Mhe gaben, es zu unterhalten. So geschieht es immer, wenn zwei Menschen zusammen sind, die Etwas auf dem Herzen haben, worber eine gegenseitige Erklrung notwendig ist, diese Notwendigkeit auch erkannt, aber die offene Erklrung vermieden wird, weil man von ihr ein Resultat frchtet, das noch unangenehmer die Seele berhrt, als die drckende Empfindung der Ungewiheit und Unentschiedenheit es thut. Idalia verbarg ihre Verstimmung nur wenig, whrend Godber sich ernstlich anstrengte, alle mgliche Weichheit und Zrtlichkeit in seine Worte und sein Benehmen zu legen. Getrennt waren die Herzen schon. Erloschen war fast ganz das Feuer der Liebe; nur da Beide sich noch nicht berwinden konnten, dies einander oder auch sich selbst nur recht zu gestehen; Idalia nicht, weil ein gewisses Mitleid mit dem Jngling, der sein Leben fr sie gewagt und ihr die Verlobte geopfert, noch in ihrer Brust sich regte, und dies Gefhl dem schwachen Rest ihrer Neigung ein Gewicht lieh, das er eben nur durch diese fremdartige Zugabe noch hatte. Godber wagte nicht, ber seine Empfindung klar zu denken, weil er das Kleinod, fr welches er so viel gegeben, nicht fahren lassen wollte, obgleich er eingesehen, da es ihn nicht glcklich mache, und weil ihm graute vor der Leere eines Herzens, das zwischen der weggeworfenen und der zur Tuschung gewordenen Lebenshoffnung in der Mitte stnde. Als eben wieder eine lange Pause eingetreten war, ffnete sich pltzlich die Thre, und die Pastorin, eine ganz unerwartete Erscheinung in diesem Hause, stand bleich und bebend vor den Erstaunten. Godber, sagte sie hastig, Godber! ich beschwre Dich, nimm Dein Boot und fahre dem Schiff entgegen. Sie sind in Gefahr, mein Gatte ist in Gefahr. Um eines armen unglcklichen Weibes willen, erbarme Dich, Godber, und fahre hinaus. Dabei hatte sie seine Hand ergriffen mit dem flehendsten Ausdruck der furchtbarsten Angst, und war im Begriff, vor ihm niederzusinken, als Godber aufsprang und die halb ohnmchtige Frau auf seinen Stuhl sich setzen lie. Beruhigen Sie sich, Frau Pastorin! rief er. Ich will Alles thun, was Sie wnschen. Ist irgend eine Nachricht da? Auch Mander, der jetzt aus dem Nebenzimmer trat, in welchem er bei den Bchern, die ihm Licht geben sollten in der Dmmerung seines Glaubens, geweilt hatte, fragte erschreckt ber die Angst der Pastorin, woher sie von der Gefahr des Schiffes wisse? O Ihr fragt, ihr glaubt nicht! klagte diese hnderingend, und unterdessen versinkt mein Gatte in den Fluten. Ihr saht ihn nicht, wie ich ihn sah. An mein Fenster klopfte sein Finger. Ich eilte freudig vor die Hausthr. Er stand da. Ich sah sein Gesicht so hell im Nebel. Ich wollte ihn umarmen und in's Haus fhren. Aber da flossen seine Zge auseinander, und wie sie verschwammen, hrte ich den Seufzer: mein armes, armes Weib! O Godber, hab' Erbarmen und fahre hinaus. Ich will mit Dir, ich bin stark genug zum Rudern. Du weit nicht, wie stark die Frau und Mutter ist, die fr den Gatten kmpft. Vergebens bemhte sich Mander, die Verstrte auf die Macht der Einbildungskraft hinzuweisen, und wie natrlich es sei, da ihre Liebe, die jede Abwesenheit des geliebten Mannes so schwer ertrge, ihr allerlei schreckhafte Bilder vorgaukele, die ihren Grund nur in ihrer Sehnsucht nach dem Abwesenden htten, und in dem vielleicht in der Einsamkeit zu weit verfolgten Gedanken: wie, wenn er einmal von solcher Reise nicht wiederkehrte? Vergebens sprach Godber zu ihr vom Winde, vom Wetter, von der Flut, wie durchaus keine Gefahr denkbar sei, aber eine Verzgerung notwendig htte eintreten mssen. Die Pastorin setzte diesem Allem immer wieder die ihr gewordene Erscheinung entgegen. Sie gab genau an, was sie vorher bis zu dem Augenblick dieses Gesichtes gedacht und gethan, sie erklrte, gerade in jenem Momente nur ein heiteres Bild der Heimkehr vor der Seele gehabt zu haben, und sprach mit solcher Sicherheit der Ueberzeugung und solcher bestimmten Ausmalung der kleinsten Umstnde, da wenigstens der offene Widerspruch verstummte. Ja Godber, der mit den meisten Seeleuten die Empfnglichkeit fr den Glauben an geheimnisvolle Einwirkungen und wunderbare Vorbedeutungen teilte, hatte kaum noch einen Zweifel daran, da hier etwas dergleichen sich kund gebe. Als daher bei der Pastorin die Angst um den Gatten wie eine fr kurze Zeit mhsam zurckgehaltene Flut wieder alle ihre Gedanken und Empfindungen berwogte und sie mit den herzzerreissendsten Jammertnen ihn anflehte: Godber, rett' ihn, rett' ihn! beeilte er sich, ihren Bitten zu willfahren. Mander und Idalia begleiteten aber die von der Sorge um ihren Gatten gequlte Frau, bei der nun, da sie ihren Zweck erreicht hatte, eine Erschpfung aller Krfte eintrat, und die doch nicht lnger von ihrem Kinde entfernt bleiben wollte, nach Hause, whrend Godber mit den beiden Seeleuten, seinen frheren Schiffsgenossen, an den Strand ging und sein Boot bestieg. Glcklicherweise lag dieses, da es am nchsten Morgen zur Ueberfhrung einiger Kisten von der geborgenen Ladung auf ein Frachtschiff gebraucht werden sollte, auf einer Stelle, von der sie, wiewohl die Flut eben erst das Gestade benetzte, gleich fortrudern konnten; und obschon der Nebel noch wenig gesunken war, fanden sie doch das Schiff, das sie suchten, bald auf, da der Eine der Matrosen es kurz vor dem Eintritt der hohlen Ebbe hatte vor Anker gehen sehen. Als ihr lauter, mit kurzen Unterbrechungen vom ersten Gewahren des Schiffes an fortgesetzter Ruf unbeantwortet blieb; als sie auf das Verdeck, in die Kajte hinabstiegen und keine Seele antrafen, da blieb kein Zweifel brig, da die Unglcklichen, die auf dem Fahrzeuge gewesen waren, irgendwo auf dem Schlick umherirrten, oder vielleicht schon dem anschwellenden Meere zur Beute geworden waren. Wo sie suchen? Nach welcher Gegend hin das Boot wenden? Godber stand eben mit diesen Fragen auf dem Verdeck, sah mit dem angestrengtesten Blick, als knnte er die dichten Dnste mit seinem Auge durchsphen, rings umher und hrte das Pltschern der Wellen um den Kiel mit einem Grausen, als stnde er, selber ein ratloses Opfer, mitten in den andrngenden Fluten; da -- Horch! was war das? riefen alle drei Mnner auf einmal. Es kam durch den Nebel hin wie ein pfeifender Schrei aus weiter, weiter Ferne her. Wir wissen, da es Oswald's gellender Angstruf war, und auch jene glaubten darin einen Hlferuf der Gesuchten zu hren. Sie wurden freilich wieder zweifelhaft, als ihr vereintes Geschrei keine Antwort brachte, obwohl sie es mehrmals wiederholten. Doch da jede Richtung, die sie htten einschlagen knnen, gleich ungewi war, so zogen sie die Richtung vor, von welcher sie jenen Ton vernommen. Rasch ruderten sie vorwrts, wechselten oft, um immer mit gleicher Kraft den Lauf des Bootes zu beschleunigen, hielten nur zuweilen einige Augenblicke an, um auf eine Antwort auf ihren Ruf zu horchen. Da diese aber immer ausblieb, da die Flut schon so hoch gestiegen war, da in der Gegend, wo sie sich befanden, es kaum noch denkbar schien, die Unglcklichen, wenn sie sich hieher verirrt htten, am Leben zu finden, und da, obgleich der Nebel nicht mehr die Aussicht hinderte, die Flche des Meeres, so weit sie bersehen werden konnte, nur das ununterbrochene Spiel der Wellen im Sternenlicht zeigte, so beschlossen sie, noch einmal alle Kraft zu einem gemeinsamen Ruf zu vereinen, und dann eine andere Richtung zu nehmen. Wir kehren jetzt zu Denen zurck, die wir in der uersten Todesgefahr verlieen. Ihre Kraft, dem immer hher anschwellenden Meere zu widerstehen und sich gegen die wogende Flut aufrecht zu halten, nahm mehr und mehr ab. Wre der Wind nicht so ganz still gewesen, dann wrden sie schon lngst ihren Tod gefunden haben. Die Begeisterung, welche Hold und durch seine Ansprache auch die beiden Mnner von der Hallig ber die Not des Augenblickes emporgetragen, war in eine schweigende, fast bewutlose Ergebung bergegangen, whrend in Oswald's Brust bei vlliger Erstarrung des Krpers alle Schrecken des kommenden Gerichts forttobten, und das vergebliche Ringen nach irgend einem Gnadenworte ihn bis zur wahnsinnigen Verzweiflung hinaufmarterte. Wohl hatte er in seinen frheren Lebensverhltnissen zu Denen gehrt, welche sich in den Gesetzen uerlicher Ehrbarkeit bewegen, wenn sie auch die Grenzen dieser uerlichen Ehrbarkeit so weit stecken, da allerlei sogenannte natrliche Schwachheitssnden mit hineinpassen; wohl hatte er in dem ihm nie versagten Titel eines liebenswrdigen, geflligen, unterhaltenden jungen Mannes das Ziel aller Forderungen, die an ihn gemacht werden knnten, erreicht geglaubt, und dennoch -- jetzt diese schreckliche Leere und Ble im Angesicht der Einigkeit! Warum lie ihn denn das gute Herz, dessen er sich doch in allen einzelnen ernsteren Augenblicken sonst so wohl zu getrsten wute, nun so ganz ohne Trost und Hoffen? Seine Freundlichkeit gegen Jedermann, seine Teilnahme fr Anderer Wohl und Wehe, seine Bereitwilligkeit, ihr Bestes zu frdern, sein Flei in seinem Berufe, ja selbst seine Rhrung in, frher wenigstens, nicht so ganz seltenen Momenten beim Aufblick zum Sternenhimmel, beim Lesen schner Stellen in Dichterwerken, wodurch er sein weiches, empfngliches Gemt bekundet, konnte ihm solcher Ruhm jetzt nicht helfen in der Nhe des Todes? Warum wich dies Alles so scheu nun aus seinem Gedchtnis hinweg, da er es herzerren mute in seine Erinnerung, und es dennoch, wenn er darauf haften wollte, gleich einem flchtigen Schatten wieder entschwunden merkte? Warum lag trotz diesem Allen sein Leben vor ihm wie eine nackte, drre Haide, auf der kein Blmchen sich pflcken lie fr die Ernte, die jetzt nach seiner Aussaat fragte? Waren doch Tausende noch lange nicht wert, ihm gleichgestellt zu werden, und Tausende so tief versunken in Snde und Schande, da er gegen sie noch ein Heiliger genannt werden konnte; und doch -- warum wendete der Herzenskndiger, den ja die Frommen als den Gott der Liebe und der Gnade bezeichnen, nicht das Flammenschwert des Gerichtes von ihm ab, das ihm die Seele durchschnitt und das innerste Mark seiner Kraft verzehrte? Warum rollte, ein immer nher kommender Donner, vor seinem Ohr das furchtbare: Verloren! Verloren!? Knnten auch Dir vielleicht, lieber Leser, wenn Gott hnliche Schreckensstunden ber Dich verhngte, gleiche Fragen den letzten Kampf schwer machen? Dieser Kampf schien fr die von den Fluten fast Bedeckten gekommen. Herr, in Deine Hnde! rief Hold, und glaubte das letzte Wort fr sich und seine Gefhrten gesprochen zu haben; da -- da scholl ein mchtiger Ruf ber die Wasser hin und zuckte durch die Seelen Derer, die schon jede Lebenshoffnung aufgegeben, wie ein Auferstehungsgru. Aber eine lange Minute voll Entzcken und voll Angst ging darber hin, ehe sie zu antworten vermochten. Die ersten Laute waren kaum mehr, als ein bloes Aufatmen aus den Tiefen der Brust und dienten nur dazu, die Furcht zu wecken, da ihre Stimme gar nicht hrbar werden wrde. Zugleich war jene schwer errungene Ergebung in Gottes Willen pltzlich mit jenem Ruf von ihnen gewichen, und das volle Gefhl ihrer schrecklichen Lage, das Gedchtnis der Lieben, die ihr Tod in Gram und Herzeleid versenken wrde, wieder in seiner ganzen Strke zurckgekehrt. Endlich ri sich mit der furchtbarsten Anstrengung aus jeder Brust ein Schrei los, der weithin gellte, und der, da das Band der Zunge einmal gelst war, fast ununterbrochen fortdauerte, ja immer strker wurde, je nher die Antworten tnten. Und nun hob es sich dort wie eine schwarze Woge und rauschte heran ein Boot, getrieben von starken Ruderschlgen, welche die im Sternenlicht blitzenden Wassertropfen wie ein Feuerregen von sich sprhten. Ein wirres Jauchzen klang herber, hinber. Schauer des hchsten Entzckens rieselten durch die Gebeine der dem Leben Wiedergegebenen. In sehnschtiger Erwartung streckten sie schon von fern ihre Arme dem Nachen entgegen, der, von der begeisterten Kraft seiner Ruderer getrieben, je nher dem Ziel mit desto rascherem Fluge durch die Wellen schumte. Jetzt war er bei ihnen. Der Freudenruf der Retter verschmolz mit dem Jubel der Geretteten, und bald trug das eben im letzten Augenblick Erlsung bringende Boot froh die dem Meere entrissenen Opfer dem heimatlichen Heerde zu. XVIII. Nur Spiegel ist das Leben, Das Herz ist die Gestalt; Das Wort, das _Du_ gegeben, Tnt her nur aus dem Wald. Auf der Hallig war die Absendung des Bootes und die Ursache dieser ungewhnlichen Maregel schnell bekannt geworden. Daher fanden die Ankommenden die ganze Gemeinde am Strande versammelt. Schon von weitem sah man, da Niemand fehle, und die ngstliche Besorgnis der Pastorin wurde als Zeugnis ihrer Liebe zu dem Gatten gutmtig entschuldigt. Als aber nun kund ward, in welcher Gefahr die vier Mnner geschwebt hatten, als deren vllige Erschpfung diese Gefahr auf das Deutlichste bezeugte, da wandten sich Aller Augen auf die Frau, deren lebendige Ahnung sie nun als das Werkzeug des barmherzigen Gottes erscheinen lie. Sie aber hing sprachlos im Arm des geliebten Mannes und teilte ihre seliglchelnden Blicke zwischen ihm und dem Sternenhimmel. Dahin deutete sie auch, als eine der Frauen, deren Gatte mit Hold gewesen war, ihr laut dessen Rettung zuschrieb. In ihren Husern angekommen, fhlten die Geretteten erst ganz die krperlichen Folgen der berstandenen Gefahr. In dem Mae, wie die natrliche Aufregung des Geistes sich in der Ruhe snftigte, nahm die leibliche Schwche bis zur vlligen Ohnmacht zu und weckte neue Besorgnisse in der Brust der Lieben. Der nchste Tag ging ihnen in einem Halbtraum hin, von dem sie kaum auf wenige Augenblicke erwachten, um die ihnen dargebotenen strkenden Mittel zu sich zu nehmen. Hold, der dem Ansehen nach am wenigsten kraftvolle, war doch der erste, der geistig und krperlich Alles berwunden hatte. Vielleicht deswegen, weil sein Gemt eher als die Andern die wohlthuende Richtung nach Oben nahm und in freudigem Dank gegen Gott sich ergo. Oswald lag mehrere Tage in einem unruhigen, durch krampfhafte Erschtterungen und ngstliche Trume unterbrochenen Schlummer und bedurfte sorgfltiger rztlicher Pflege. Erst am fnften Morgen erwachte er neugestrkt nach einem mehrstndigen, tiefen Schlaf, aber es gingen noch einige Tage hin, ehe er zum ersten Male auf lngere Zeit das Bett verlassen konnte. An seines Vaters Arm wandelte er in der Stube auf und nieder und suchte im Gesprch mit demselben ber das Vorgefallene schon wieder seine alten leichtsinnigen Redensarten hervor, freilich jetzt mit einem ihn oft bermannenden inneren Widerstreben. Der alte Mander aber war ernst und feierlich, und sagte endlich: Oswald, la uns nicht widerstreben Gottes Fgungen. Ja, er hat uns auf dies Eiland gefhrt, da wir erkennen sollen das Eine, was not thut. Er will uns retten! Auch mich hat er auf's Neue ergriffen mit Dem, was Er ber Dich verhngt in jenen schrecklichen Stunden Deines Lebens. Ich kann Ihm nicht lnger widerstehen. Ich mu Ihn loben und Ihm danken, da Seine Gnade grer gewesen ist, als meine Verblendung und meine Schuld. Ich will fortan Ihm, nur Ihm allein dienen, und mchte sagen knnen: ich und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen! Wie furchtbar hat Er sich Dir offenbart in Seinem Gericht, und doch zugleich auch in Seiner Gnade, die nicht will, da Einer verloren gehe, sondern Jedermann sich zu Ihm kehre und Bue thue. Wie die Hausmutter einen Brand aus dem Feuer reit, da er nicht ganz verzehret werde, so reit auch der Herr Deine Seele zu sich. Oswald, mein Sohn, widerstrebe Ihm nicht lnger! Aber, Vater, erwiderte Oswald, ebenso verlegen, als bewegt bei Mander's sichtbarer Rhrung, soll ich denn meine Jugend einem finstern, freudenlosen Ernst opfern? Nein, nicht opfern, rief Mander, heiligen, verklren sollst Du sie und Dein ganzes Leben bis an's Ende mit einer Freude, die mehr ist und reicher giebt, als Alles, was Du bisher an Lust und Genu gekannt hast. Eine innere sichere Freudigkeit sollst Du gewinnen, die selbst Stunden der Angst, wie die, welche Dich fr immer gezeichnet haben, berwinden lehrt. Oswald hatte, in Verwunderung ber die Worte: welche Dich fr immer gezeichnet haben, einen Blick in den Spiegel geworfen, und blieb voll starren Entsetzens vor demselben stehen. Im grauen Haar, hatte er spottend zu Hold gesagt, wolle auch er an seine Bekehrung denken, und siehe! nun hatte die eine schreckliche Nacht sein Haar grau gefrbt; er war ein Greis geworden in der Blte der Jugend. Lange blieb er bebend an allen Gliedern, mit der Blsse des Todes bergossen, lautlos in seiner Stellung, dann sank er mit dem Ausruf: Gott, ich erkenne Dich! seinem Vater ohnmchtig in die Arme. Als er wieder zu sich selbst kam, verlangte er nach einem Spiegel, den er aber nach dem ersten Blick in denselben sogleich wieder schaudernd und sthnend von sich wies. Auf alles Zureden, sich zu beruhigen, antwortete er nur mit abgebrochenen Lauten, welche bald die von allen Schrecken der Verzweiflung gemarterte Seele, bald das nach dem Trost aus der Hhe lechzende Herz verkndeten. Lat ihn allein! sagte Hold, an den Mander sich gewandt hatte. Es ist genug, wenn er still beobachtet wird; merken mu er es nicht. Der Herr hat ihn ergriffen und will einen Kampf mit ihm ausringen, in welchem jede menschliche Hlfe eine unntze, ja gefhrliche Zuthat ist. Oswald mu noch Stunden erfahren und durchleben, furchtbarer als die in der See, und es ist nicht gut, wenn ihm das rettende Boot zu frh entgegengefhrt wird. Er mchte es dann bald wieder verlassen. Und der besorgte Vater sah und hrte, wie Oswald sich vom Lager aufri, mit hastigen Schritten trotz seiner frheren Mattigkeit in der Stube auf- und abeilte, jetzt mit beiden Hnden die Augen bedeckte und am Rande seines Bettes das Gesicht in die Kissen begrub, wie er nun zu beten versuchte, nun sich alle Hoffnung auf Gott absprach, bald wieder mehr wie ein unruhig Trumender, als wie ein Schlafender lautlos dalag. Erst gegen Abend hrte man ihn auf seinem Bette still schluchzen und weinen, und in diesem Zustande nahm er schwach und willenlos die leibliche Erquickung an, die sein Vater ihm darbot. Auf dessen Frage aber nach seinem Befinden, ergriff er die Hnde desselben, benetzte sie mit heien Thrnen und flehte: Vater, Vater, vergieb mir! La uns Beide Gott bitten, uns zu vergeben, mein Kind, erwiderte Mander weich, und seine Thrnen mischten sich mit denen seines Sohnes. Doch der Gedanke an die Notwendigkeit der gttlichen Vergebung regte alle Schrecken der letzten Stunden wieder auf in Oswald's Brust, und Mander hatte eine Nacht am Lager seines Sohnes, von der er nachher selbst gestand, da sie eine Schule der strengsten, aber zugleich heilsamsten Zucht auch fr ihn gewesen sei. Der Morgen kam, und mit ihm kam fr Oswald das schpferische Werde mit seinem Siegesruf: das Alte ist vergangen, und siehe! Alles ist neu geworden! Der Sturm des Aufruhrs in seiner Brust schwieg, das Meer lag still und eben, und Gottes Sterne spiegelten sich in seinen friedvollen Tiefen. Dieser Uebergang aus der qualvollsten Unruhe zur seligsten Ruhe glich nicht dem langsamen Sinken der Wellen, wenn der Flgelschlag der Windsbraut immer matter und matter wird, sondern jener wunderbaren Wandlung, als der Herr hrte die Bitte Seiner Jnger: Herr, hilf uns! wir verderben! und stand auf und bedruete Wind und Meer. Da ward es ganz stille. Auf gleiche Weise hatte auch hier das angstvolle: Herr, hilf uns! wir verderben! die rechte Zeit und Stunde gefunden, und aus der tobendsten Wetternacht trat pltzlich die Sonne siegstrahlend und friedebringend hervor. So hat oft die Stunde der geistigen Wiedergeburt in der Stunde der leiblichen Geburt ihr Gleichnis. Wie dort die schwersten Wehen mit einem Augenblick in die Seligkeit aufgehen, da das Kindlein geboren ist, so fhlt hier sich die Seele auf einmal aller Zweifel und Schrecken, aller Banden und Kmpfe entlastet und ruht glubig selig am Vaterherzen. Und haben nicht alle Stunden der Andacht, wenn sie nicht ein bloses Anklopfen bleiben sollen ohne Eingang zum Vater, solche Momente, in denen das Gefhl der Gottesnhe und die Freude der Gemeinschaft mit ihm das Herz berwallen ohne allmlige Entwicklung, ohne sptere Steigerung? -- Oswald war wie ein Kind, das aus dem ngstlichen Traum erwacht und -- den hellen Glanz der Weihnachtsfreuden vor sich ausgebreitet sieht. Kein Gedanke an die Schrecken, die noch eben seine Seele durchschauerten, strte das Hosianna des neuen Lebens. Mander's Empfindungen waren mehr nur ein Nachklang der Gefhle Oswald's und seine Freude darber, da dieser den Frieden gefunden, lie es bei ihm nicht gleich zur vollen Anerkennung dessen kommen, was er selbst in dieser Nacht gewonnen. Hold fand ihn in der Frhe dieses Tages auf den Knieen am Lager des Sohnes. Beider Hnde waren in einander geschlungen zum gemeinschaftlichen. Gebet. Beider Augen, in denen noch die letzten Thrnen schwammen, verloren im Aufschauen zu Dem, der ihnen Seine heilsame Gnade hatte widerfahren lassen. Das Werk des heiligen Geistes war vollbracht. Daher sprach Hold nur wenig. Sein Wort berhrte keine Vergangenheit, gab keine Mahnung fr die Zukunft, sondern war mehr nur der Segen zum Schlusse, das letzte nachtnende Hallelujah der Friedensfeier. Erst am zweiten und dritten Tage lie Hold sich auf eine lngere Unterredung ein und fand den jungen Mander so empfnglich fr alle Segnungen und Verheiungen des Evangeliums, so bereit und willig, in alle Tiefen des Glaubens zu folgen, ja nach der ersten Hinleitung und Anweisung so klar und entschieden in seinem Verstndnis der Offenbarungen Gottes, da er voll Verwunderung ausrief: Seit wann haben Sie das Alles gelernt? Gelernt? antwortete Oswald. Wei ich's doch selbst nicht, wann und wie? Jene qualvollen Stunden in der See kommen mir vor wie Hammerschlge, die nur das Golderz an das Tageslicht bringen, das lange harrte der Erlsung von den Schlacken. Wie schrecklich mir auch jene und die nachfolgenden Stunden waren, jetzt ist es mir, als htte ich Nichts erduldet fr den Frieden der nun mein Teil ist; als mte ich einen noch viel herberen Kelch trinken, um nur einigermaen den Gnadenreichtum aufzuwiegen, der seine Flle ber mich ausgeschttet. O, wie ist Gott so voll Liebe, Gte und Barmherzigkeit, weit, weit ber unser Wissen und Verstehen! Und ich konnte Ihn so lange verkennen! Wie vielfach hat Er mich geladen. Ich sehe Ihn nun so sorgsam um meine Seele bemht von Anfang an; verstehe nun jede Stimme an mein Herz, die frher mir unbeachtet verhallte. Ja, mein ganzes vergangenes Leben liegt vor mir als eine ununterbrochene Kette von Ansprchen an mein Herz, von Mahnungen fr mein Gewissen, von Hinweisungen auf den rechten Weg, von Erinnerungen an Sein Gericht. Wie konnte ich doch nur so taub und verblendet sein? Wir taufen die Kinder mit Wasser, sagte Hold fr sich; aber Gott whlet Seine Stunde, sie mit Geist zu taufen. Und sollen wir denn die Gnade richten, wenn wir meinen, unsere Bereitung zu dieser Taufe sei lnger und schmerzlicher gewesen, und die Taufe selber doch nicht gabenreicher, als die des andern Kindes, das Gott bestimmt hat zu einem Zeugnis Seiner wunderbaren Liebesmacht? War dies Selbstgesprch Hold's, der erst nach schweren Kmpfen und auf weiten Umwegen durchgedrungen war zu der Glaubenshhe, auf der er stand, eine Anwandlung von Neid, oder ein kluges Mitrauen in die Wiedergeburt des frher so gottentfremdeten Jnglings? Vielleicht kam das Erstere zum Letzteren mit hinzu, ohne da Hold selbst das Eine von dem Andern in seinen Gedanken klar unterschied. Am folgenden Morgen gab Oswald seinen Entschlu zu erkennen, sich zum Missionar vorzubereiten. Ich mu, rief er, hinaus unter die Heiden! Ich mchte meine Arme ausstrecken nach Allen, die noch wandeln in der Finsternis, und ihnen zurufen; Gehet ein zu Eures Herrn Friede! Es wird die Liebe, die ich erfahren, mir zur Last und Brde, wenn ich Nichts dafr thun und leiden kann. Sie wird zu einer Flamme, die mich verzehrt, wenn ich nicht Andern von ihrer Glut mittheilen soll. Hold bekmpfte diesen Entschlu; anfangs damit, da er den Rat gab, nicht bei der ersten Aufwallung der Begeisterung auf die Beharrlichkeit zu rechnen, die dem Apostel ntig sei. Als aber Oswald die gnzliche Umwandlung seines Wesens und Charakters versicherte, als er es fr seinen knftigen Frieden durchaus notwendig erklrte, fr das Evangelium in Not und Tod zu gehen, da erinnerte Hold mit einer Strenge, die in seinen vorhin angedeuteten Gedanken ber Oswald's Umwandlung ihre Erklrung findet: Wie schwer lernen wir es, wahrhaft demtigen Herzens zu sein! Wie sehr struben wir uns noch immer gegen das Empfangen und wollen nehmen, wollen uns selber geben, wenigstens nach Mglichkeit abverdienen, was wir dem Herrn verdanken. So wollen auch Sie jetzt kmpfen, tragen und dulden, um sich doch am Ende noch ein wenig eigen Verdienst zurechnen zu knnen bei der reinen Gnadenthat des Vaters im Himmel. O, gewi nicht! rief Oswald. Ich fhl' es so ganz, da Nichts mein ist, da Alles Sein ist, da nur Sein warmer Frhlingsodem die kalte Winternacht weggehaucht hat von der Wste meines Lebens. Mir ist so wunderbar neu zu Mute, wie die Erde, wenn sie eine Seele htte, fhlen mte in den Tagen des Lenzes, vor dessen Blick die lange erstarrten Strme niederschmelzen und alle Quellen wieder rieseln, auf dessen Gang die Keime wieder erwachen zum Leben und zu Blten und Dften aufschwellen im Sonnenlicht. Ich will ja weiter Nichts, als dies Blhen und Duften hinaustragen in die Wste, wo noch der Winter lagert. Ich will ja nur eine Seele suchen, die mit mir erwacht zum Leben, mit mir den Vater preist, der so Groes an uns gethan. Vergessen Sie nicht, erwiderte Hold, da noch genug Stunden kommen werden in Ihrem Leben, in welchen Sie Ihre Armut fr sich selber fhlen, obgleich Sie sich nun reich genug dnken, Andern mittheilen zu knnen. Und dann mchte ich wenigstens fr die Heiden lieber Mnner einfachen Sinnes von Jugend auf, wie die ersten Apostel es waren; Mnner, die unverwirrt und unverirrt ein empfngliches, offenes Herz dem Herrn darbrachten von Anfang an; Mnner, deren Rckblick in die Vergangenheit weniger von Reue verfinstert wird, und die daher das Amt der Verkndigung nur aus reiner Liebe, nicht mit dem Nebengedanken, ein Buopfer zu bringen, bernehmen. Deren Predigt wird einfacher sein, weniger berechnend, weniger aus dem Eigenen schpfend, allein mehr gebend, was sie empfangen vom Herrn und von Ihm haben in Seinem Worte. Sie wird nicht so sehr das Ausreuten des Verkehrten zu ihrem Geschft machen, als vielmehr nur darreichen, was dienet zur Erleuchtung, Heiligung und Beseligung. Sie wird den Boden der Heidenwelt nicht so ausschlielich als ein Feld betrachten, das zubereitet werden mu fr die Saat; sondern sie wird den Samen streuen in Hoffnung und sein Gedeihen dem Tau und Sonnenschein von Oben berlassen; und ich glaube, das ist die rechte apostolische Weise, von der aber gar zu leicht derjenige abgeht, dessen Herz selbst lange ein Feld voll Unkraut war, ehe der Weizen Raum finden konnte. Ach! da Sie auch immer Recht haben mssen, seufzte Oswald. Aber unmglich kann ich wieder zurckkehren zu jenen trocknen, nur fr irdische Gensse arbeitenden Geschften meines frheren Berufs; unmglich wieder heimatlich werden in der mir jetzt widerlichen Welt meiner Vaterstadt. Der Glaube verklrt Alles, sagte Hold, all' unser Lieben, Wirken, Leiden und Hoffen. Haben Sie bisher im Kaufmannsstande nur ein Wirken fr irdische Gensse gesehen, so werden Sie ihn jetzt in einem neuen Lichte betrachten. Er ist es, der alle natrlichen und knstlichen Grenzen zwischen den Vlkern der Erde niederbricht. Er sendet sein Banner hinber ber die weite Ebene des Oceans, treibt sein Rad die Felsengebirge hinauf und hinab, zieht das Saumtier durch Wsten und Einden. Ihn schreckt keine Mhe und keine Gefahr. Er trotzt dem versengenden Mittagsstrahl und dem Eis des mitternchtlichen Pols. Ja, fiel Mander hier in die Rede, auch wir dienen der geistigen Entwickelung der Menschheit. Ich habe erst, seit ich mir dies recht vergegenwrtigt von der Lectre der Schriften, die den Geist emportrugen ber alles Eitle und Weltliche, ohne Murren aufstehen und an die Brse gehen knnen. Wir frdern die allmlige Verbrderung und hhere Reife der Vlker, indem wir ihre Entfremdung von einander rastlos bekmpfen und dadurch auch die Folgen derselben: Mitrauen, Feindseligkeit, Verachtung, Einseitigkeit und Unwissenheit. Denn der Handel ist ein ber den Erdboden sich hinstreckendes, lebendiges, ewig bewegliches Gewebe, dessen Fden ber alle Scheidungen hinweg die Vlker an einander ziehen, sich gegenseitig von einander abhngig machen und dadurch sie sich einander achten und lieben lehren. Er ist der Trger eines nie ruhenden Umtausches, nicht allein irdischer Gter, sondern auch geistiger Fortschritte. Mit seinen Frachtbriefen sendet er Wissenschaft, Kunst, Cultur den entferntesten Nationen zu; macht durch seine Ballen zum Gemeingut Aller nicht allein die Produkte jeder Zone, sondern auch die Geistesflamme, die ohne seine weltumfassende Thtigkeit nur einem kleinen Fleck der Erde gestrahlt htte. Er mindert die Kriege, weil seine Interessen, die bei jedem Kriege so hart verletzt werden, immer schwerer in die Wagschale fallen. Er schafft, da die Erde ein Vaterland und die Menschheit ein Volk werde, das, so verschieden an Sprachen und Sitten, doch im gegenseitigen Verkehr sich befreundet, das, so oft auch entflammt in Zwietracht, doch nach dem ersten Friedensblatt sogleich wieder verbunden ist durch brderlichen Austausch. Und, fuhr Hold fort, ffnet nicht das Kaufschiff dem Boten des Evangeliums die sonst feindlich verschlossene Kste? Baut nicht der Handelsverkehr die Brcke von Land zu Land, von Volk zu Volk dem Worte Gottes? Nehmen Sie den Stand des Kaufmannes hinweg, wie fern wrde dann noch die Zeit sein, von der es heien soll: Eine Heerde unter Einem Hirten, Ein Herr, Ein Glaube, Eine Taufe, Ein Gott und Vater Aller!? Wir knnen nicht Alle unmittelbar, aber Alle mittelbar wirken fr das Reich Gottes. Und wollen wir uns unser Wirken, das scheinbar allein dem Nchsten, dem irdischen Wolergehen dienet, verklren, so mssen wir ihm jene Beziehung auf das Eine, was not thut, auf die Erhebung der Kinder des Staubes zu Kindern Gottes zu geben wissen. Es ist dem Arzt eine Freude, wenn er den Kranken von der Nhe des Grabes durch seine Kunst zurckgerufen hat zum Genu des Lebens. Seine Freude wird aber hher, himmlischer, wenn er dabei bedenkt, da Gott durch ihn einer Unsterblichen Seele eine lngere Frist bereitet hat, fr die Ewigkeit zu reifen, da Gott durch ihn dem Snder noch Raum gab zur Bue, dem Glaubensschwachen noch Gelegenheit zum hheren Verstndnis, dem Frommen zur weitern Vollendung. So auch der Kaufmann. Er sorgt fr Bedrfnisse und Gensse, die vielleicht nur die niedere sinnliche Natur des Menschen befriedigen, und er ist ein Werkzeug in der Hand Gottes, die Wege zu ebnen und die Bahnen zu brechen den Segnungen und Verheiungen, die Freude und Friede bringen in Zeit und Ewigkeit. In solchem Bewutsein treibt er freudig sein Geschft. Es ist ein Werk Gottes fr ihn geworden. Er beneidet nicht mehr den Priester um sein den gttlichen Dingen allein geweihtes Amt. Er ist, wie dieser, ein Diener des Herrn, der da will, da Allen geholfen werde an allen Enden der Erde. Nun lerne ich mehr verstehen, bemerkte Mander, was Sie frher einmal sagten, da Sie alle Bestrebungen der Menschheit nur in Beziehung auf ihren Dienst fr die eine Wahrheit wrdigten. Aber, entgegnete Oswald, sind nicht gerade groe Handelspltze die Sttten der grten Entfremdung von den gttlichen Dingen? Fhrt nicht das Streben nach Erwerb und Gewinn am leichtesten von dem Ringen nach den wahren Gtern des Lebens ab? Alle groen Stdte sind jetzt hierin gleich, war Hold's Antwort. Doch ist Irreligiositt keineswegs eine natrliche Zugabe des Handelsverkehrs. Im Mittelalter waren die groen Kaufstdte, -- denken Sie an Augsburg mit seinen edlen Geschlechtern: Fugger und Welser, -- an Frmmigkeit, Tugend und Ehrbarkeit reicher, als viele andere Stdte, deren Ruhm sich nur auf einen Bischofssitz oder auf ein Residenzschlo grndete. -- Kehren Sie zurck zu ihrem frhern Beruf. Zeugen Sie inmitten der Verderbnis vom Reiche Gottes. Stellen Sie in Sinn und Wandel einen Handelsherrn dar, der seinen rechten Schatz im Himmel wei, der wach und thtig in seinem Weltberufe, diesen verklret durch das Bewutsein seines hhern Berufes. Schmen Sie sich auch unter den Spttern nicht des Evangeliums von Christo, geben Sie Rede und Antwort ber Ihren Glauben vor Jedermann, erwerben Sie ihm Achtung auch von Denen, die ihn nicht teilen; und Sie sind, was Sie vorher zu werden wnschten, Sie sind ein Arbeiter im Weinberge des Herrn; und vielleicht gesegneter in Ihrer Ernte fr Sein Reich, als wenn Sie die Sttten aufsuchten, die noch vllig brach liegen. Sie erffnen mir eine Aussicht, erwiderte Oswald, deren Reiz ich nicht verkenne; aber Sie senden mich zurck in einen Kampf, dem ich schon einmal nicht gewachsen war. Doch nun angethan mit den Waffen des Lichtes, doch nun gerstet mit dem Schwert des Glaubens und gedeckt von seinem Schilde! Wol aber ist Ihnen sorgsame Vorsicht, strenge Aufmerksamkeit not. Was der Herr auch Groes an Ihnen gethan, Sie sind, Oswald, doch noch eine junge Blte im Glauben, die der Entwickelung und Ausbildung auch noch ferner sehr bedarf, ehe sie Andere erfreuen mag mit ihren Dften und Frchten. Bitten Sie Gott, da Er Sie krftige und vollbereite. So wird Er Sie darstellen zum Zeugnis, ohne da Sie sich dazu drngen, ein Zeuge zu sein. Oswald wagte keine weitere Gegenrede, doch fhlte er sich verletzt durch das wenig verhehlte Mitrauen in seine vllige Umwandlung zu einem neuen Menschen und htte daran wol am besten erkennen knnen, wie gerecht dies Mitrauen sei. Zur weiteren Durchbildung und gleichsam Wurzelung im Heil wre ein lngerer Aufenthalt auf der Hallig und Hold's Anleitung und Anregung gewi ntzlich gewesen, und Oswald's Siegesfreude ging mehr allein aus dem Rckblick auf die Vergangenheit hervor, als da sie von einem ernsten Aufschauen auf den Anfnger und Vollender des Glaubens begleitet war. Vielleicht mochte auch Hold zu wenig auf die Macht des lebendigmachenden Glaubens rechnen, und eine Umwandlung, wie die vorliegende, nicht ganz zu wrdigen wissen, weil sie als eine fr ihn neue Erscheinung auftrat. Auerdem beurteilte er frher den jungen Mander nur nach Dem, was dieser selbst von sich erkennen lie, und verborgen war ihm die leise Arbeit, wodurch der Geist Gottes, der die Herzen lenkt wie Wasserbche, diesen scheinbar so drren Boden schon lange empfnglich gemacht; wie ja auch Oswald diese stille Bereitung nicht verstanden, und darin nur Regungen kindischer Schwche gesehen, die er bekmpfen, und, um den vermeinten Ruhm eines starken Geistes nicht zu verlieren, sorgfltig verbergen zu mssen glaubte. Und wer konnte zeugen von der furchtbaren Qual der Luterung in jenen Stunden, als jede kommende Woge zu einem Boten ward, der das immer gleiche Wort wiederholte: dem Menschen ist es gesetzt zu sterben, und darnach das Gericht!? wer zeugen von seinen sptern schweren Kmpfen, bis der Morgenstern aufging in seinem Herzen? Doch in seinen sptern Jahren machte auch Oswald noch manche trbe Erfahrungen, wie er sich im ersten Augenblick der Begeisterung zu viel zugetraut, wie auch unter dem Morgenrot der Gnadensonne noch Wolken und Strme nicht fehlen, wie oft wir in einzelnen Momenten Hhen berstiegen, die wir nachher erst wieder mit Mhe erklimmen mssen. Die Kmpfe blieben fr ihn nicht aus. Der Umwege wurden noch viele. Nur Das hatte er gewonnen, da seine Augen aufgethan waren fr das rechte Ziel, und da er darum sich immer wieder auf den rechten Weg zurckfand, und da die Thrnen seiner Reue gesegnet waren mir dem Troste: Freude ist im Himmel ber einen Snder, der Bue thut! Und mehr gewinnen ja auch die Meisten nicht vom Glauben an das Evangelium. Ihrer guten Werke sind vielleicht nicht mehr, als die Derer, welche das Heil in Christo verschmhen; aber sie wissen, da diese Werke ohne Verdienst und Gerechtigkeit sind, und halten darum um derentwillen Nichts von sich selber, sondern bekennen in Demut ihr Zurckbleiben in der Nachfolge des Herrn. Sie sind vielleicht nicht strker in der Versuchung als Jene; aber sie fhlen ihre Unwrdigkeit und kehren bald um in Reue und Bue und tragen Leid ber ihre Sndhaftigkeit. Daher, wenn auch Beide wenig unterschieden sind nach ihrer uerlichen Erscheinung, ist doch im Innern ein vlliger Gegensatz. Hier Demut; dort Eitelkeit. Hier Betrbnis ber den Mangel an Heiligung und immer tiefer gefhltes Bedrfnis der Erlsung; dort leichtsinniges Entschuldigen und Vergessen und Vertrauen auf das sogenannte gute Herz und auf die einzelnen lblichen Bestrebungen, als ausreichend zur Befriedigung der Forderungen des gttlichen Gesetzes. Wir sagen: die Meisten gewinnen kaum mehr von ihrem Glauben an das Evangelium, und bekennen gern, da sie schon damit unendlich Viel gewonnen haben; keineswegs aber wollen wir dieser Halbheit irgend einen Vorschub leisten; sondern stellen das Ziel der Vollendung auf, wonach wir unermdlich ringen sollen mit Gebet und Flehen, mit Seufzern und Thrnen, mit Wachen und Streiten, mit Treiben und Drngen, mit Sorgen und Hoffen: die vllige Erneuerung im Geiste des Gemtes, die Verklrung des inwendigen Menschen, die sich abspiegelt in allen Gedanken und Gefhlen, in allen Worten und Werken, die alles ungttliche Wesen und die weltlichen Lste austreibt, wie vor der Sonne die Nebel und Schatten schwinden; die Wiedergeburt, wodurch das Erdengeschpf in seinem Wesen und Thun zu einem Kinde Gottes, und der Wandel auf Erden zu einem Wandel im Himmel wird, wodurch die Welt selbst dem also Wiedergeborenen auch zu einer neuen Schpfung sich umwandelt, deren Freuden und Leiden nur Zeugnisse sind, da sie Gottes Welt ist. Mit dem Glauben an die Erlsung tritt erst die Mglichkeit einer solchen Wiedergeburt ein, weil durch ihn im Menschen die Liebe, die reinste und strkste Triebkraft im Himmel und auf Erden, auf das Gttliche gelenkt wird; aber dieser Glaube ist nicht die Wiedergeburt selbst, wie unsere Halbheit sich oft gern berreden mchte, er ist nur die notwendige Bedingung dazu und bleibt ein totes Erz und eine klingende Schelle, wenn er nicht in der Liebe thtig ist, in der Liebe, die da schaffet und wirket zur Heiligung des Sinnes und Wandels. Aber -- wer darf dann auf Erden ein Wiedergeborner heien? -- -- Lat uns den Vater bitten, da er uns unsere Schwachheit vergebe doch wehe uns, wenn wir sie uns selbst verzeihen! XIX. Reift mir auf Erden nicht Aehre noch Traube, Bleibt mir doch immer das hoffende Herz. Wird ihm zum Schauen auch nimmer der Glaube, Bricht es im Tode doch himmelwrts. Die Nhe des Winters erinnerte die fremden Gste der Hallig an ihre Abreise zu denken. Ungern entschlossen sich Mander und Oswald dazu, den Tag der Entfernung von einer Sttte zu bestimmen, die ihnen zu einem Altar des Hchsten geworden war. Dieses Eiland war ja ihr Vaterland, denn hier hatten sie zuerst mit vollem Lebensgefhl den Vaternamen stammeln lernen; hier in dem Irren und Wirren ihres Geistes die Ruhe gefunden, nach der sie so lange mehr oder minder gedurstet. Hier war fr sie die Nacht gewichen und der Morgenstern aufgegangen in ihrem Herzen. Beide scheuten sich, wieder in die ihnen unheimlich gewordene Welt ihres frheren Lebens hinauszutreten. Dort muten sie sich Gste und Fremdlinge fhlen, whrend sie die Hallig als eine, wenn auch neue, doch fr sie segensreiche Heimat liebten. Mit Schmerz dachten sie zugleich an die Trennung von Hold und seiner Gattin. Sie verehrten in ihm den Fhrer zum Lichte und zum Frieden, den Mann, dessen wissenschaftliche Geistesrichtung sich mit einem so kindlichen Glauben verschmolz, den Seelsorger, welcher bei aller Vielseitigkeit seiner Bildung dennoch fr seine so unbedeutende Stellung im Amte zu leben schien. Sie verehrten in ihr das liebende Gemt, das stille Walten im huslichen Kreise; und an Beiden die Zufriedenheit in einem mehr als bescheidenen Erdenloose, in welchem Tausende, bei solcher Kenntnis des Besseren, sich hchst unglcklich gefhlt htten. Sie wuten nicht, da ein Halligprediger schon als solcher wenig geehrt wird, und da dieser Titel bei Vielen genug ist, eine halb verchtliche Miene anzunehmen; aber htten sie dies gewut, dann wrden sie auf die Entbehrungen und Entsagungen, auf die Mhseligkeiten und Gefahren eines solchen Amtes aufmerksam gemacht haben, wrden die Aermlichkeit der Einnahme, die notwendige Beschftigung mit all' den kleinlichen Arbeiten des Hauses und der Schafhrde, wodurch grtenteils allein jene Einnahme gewonnen wird, die Abgeschiedenheit von der Welt und allem wissenschaftlichen Verkehr haben reden lassen fr Diesen und Jenen der Amtsbrder Hold's, dem es an geselliger Gewandtheit im Leben und an bersichtlicher Kenntnis der Fortschritte der Wissenschaft fehlen mag. Hat der Geistliche, so htte etwa ihre Verteidigung gelautet, den Ihr bewundert wegen seiner Feinheit im Betragen und wegen seines Anstandes in vornehmen Zirkeln, den Ihr oben an setzet in der Zahl der Geistreichen, Hochgebildeten, Hochgelehrten, hat er die schnsten Jahre seiner Jugend und Manneskraft als Halligprediger verlebt? Hat er es versucht, was es heit: aus der reichen Welt des Genusses in solche Entbehrung versetzt, mit dem warmen fr die ganze Menschheit schlagenden Herzen auf solche vergessene Scholle verpflanzt, aus dem blhenden Paradiese hoffnungsvoller Jugendtrume in solcher Umgebung zu erwachen, in welcher die Natur nicht weniger als der Mensch darbt, wie keine noch so kahle Haide darbt, von den Quellen des Wissens in solche fr den Geist nahrungslose Oede verbannt, zu solchen niedern Arbeiten, zu solchem Betriebe eines Schafzchters verurteilt zu werden? Hat er es versucht, was es heit: bei einem so sprlichen, auf solche Art verdienten Lohne hauszuhalten und dabei in jeder kommenden Sturmflut den Tod vor Augen zu sehen, und wenn Weib und Kind ihn berleben, diese als Bettler in die Welt hinausgestoen zu wissen? Fraget ihn, auf sein Gewissen, ob er dann noch der Mann geblieben wre, als den Ihr ihn jetzt lobt und ehrt? Fraget ihn, ob er sich getraue in solcher Lage auch nur einige Jahre hindurch, -- und mancher Halligprediger kommt zeitlebens nicht von seiner Scholle, -- sich jene Kraft zu bewahren, die an dem innern Lohn und an dem Bewustein von dem Segen seines Amtes genug hat, und die eben darum Geist und Herz aufrecht hlt selbst in solcher Kmmerlichkeit des uerlichen Daseins? Fr Euch, seine frheren Amtsgenossen, will der Verfasser dieser Bogen, -- der sich nicht schmt, daran zu erinnern, da auch er ein Halligpriester, wie man Euch oft nennt und damit meint etwas Spttisches gesagt zu haben, in den ersten Jahren seiner Amtsfhrung war, und vielleicht noch wre, wenn ihm das Meer nicht zweimal die Kirche weggerissen, deren neuer Aufbau zuletzt unthunlich ward, -- hiermit ein Wort des Ernstes wider die stolz auf Euch Niederblickenden gesagt haben. Es wird dieses Wort Euch keine Frucht bringen und keine Hand bewegen, einen Fond zu sammeln, um wenigstens fr den wissenschaftlichen Bedarf zu sorgen, ohne den auch der denkendste und gelehrteste junge Geistliche bald dem Stande der Wissenschaft nicht mehr gewachsen sein wird, und ohne den es ein wahrhaft seltener Sieg ber die Schwche der menschlichen Natur sein mu, wenn nicht Mangel, Einsamkeit, Elementarunterricht, Besorgung der Wollheerde, Abhngigkeit vom Preise des von ihr gewonnenen Produkts allmlig den lteren Mann abstumpfen fr die hhere Richtung des Geistes. Nur wer _vor_ dieser Prfung schon vllig durchgedrungen ist zum rechten Leben im Geiste, mag in ihr bewhrt erfunden werden. Fr Den, welchen sie vor der Reife trifft, ist die Bitte not, da sie nicht lange whre. Wenn auch fruchtlos, sei doch fr Euch mit warmem Eifer geredet ein Wort des Bruders, der ber die Wasser hin Euch die Hand reicht, und dem es lange ein Bedrfnis war, fr Euch zu sprechen. Kommt auch sein Wort leer zu ihm zurck von der Herzenspforte Derer, welche aus ihrer sichern und bequemen Hhe auf Euch herabsehen, Eurem Herzen wird es wolthuend sein; und es ist das erste, das ffentlich Eure gute Sache fhrt wider die ungerechte Beurteilung und wenige Bercksichtigung Eures Mrtyrertums im Dienste der Kirche.[2] Idalia fand es, da der Tag der Abreise bestimmt ward, durchaus notwendig, mit Godber offen zu reden. Gern htte sie das ganze Verhltnis sich ohne eine solche Entwicklung lsen sehen. Sie war mit ihren Gedanken schon der Abreise vorausgeeilt und sah sich wieder in der glnzenden Umgebung der Vaterstadt, in allen Genssen eines reichbewegten Lebens. Dort hoffte sie auch, wrden ihr Vater und ihr Bruder von den wunderlichen Grillen, welchen nur die Einsamkeit und die Gesprche mit Hold Nahrung geben konnten, bald wieder genesen. Ihre Abneigung gegen den mystischen Anstrich, wie sie es nannte, verleidete ihr die Hallig nun ganz, und ihr Mifallen an dieser erstreckte sich auch auf ihr Verhltnis zu Godber, der ja mit seiner Hallig so vllig eins war, da er zu schwanken schien, ob er dieser oder seiner Liebe entsagen solle. Freilich sprach sich in Godber's Benehmen noch immer die alte Zrtlichkeit aus; aber sie wute ja doch, da er nicht ohne Bedenken die Heimat um ihretwillen verlassen wrde, und seine Weichheit und Hingebung kam ihr jetzt, da in ihrem Herzen seine Neigung keinen gleichen Anklang mehr fand, unmnnlich und kindisch vor. Sie konnte nicht begreifen, wie sie frher an ein engeres Verhltnis mit ihm habe denken knnen. Sie wute nicht mehr, was sie Ungewhnliches und Anziehendes an ihm gefunden, und schalt sich eine Thrin, da sie sich von der Dankbarkeit fr ihre Lebensrettung habe so weit fhren lassen. Sie frchtete nun im Ernst, da er sich noch entschlieen mchte, ihr zu folgen, und machte sich allerlei Plne, wie sie ihn, wenn er mit nach Hamburg kommen sollte, allmlig ntigen wollte, sich so in den Hintergrund zu ziehen, da er jede Hoffnung auf ihren Besitz aufgeben msse. Aber fragen mute sie ihn doch nun erst, denn er schien ja nicht reden zu wollen, obgleich sie schon durch Ablegung der Kleidung der Hallig ihm ihre Meinung deutlich genug offenbart, und vergebens auch suchte sie durch Klte und Verschlossenheit ihn zu reizen; es war, als ob er nur desto magnetischer zu ihr hingezogen wrde, je mehr sie ihn zurckstie. Wol mute er merken, da seine Liebe nicht mehr wie frher erwidert ward, wol war auch seine Leidenschaft fr sie erkaltet, doch kettete ihn das Bedrfnis, einen Gegenstand zu haben, ber den er sich selbst vergessen knnte, an Idalia. Er sah ihre peinliche Frage voraus, sah die Stunde der Entscheidung immer nher kommen, und wich doch ngstlich jeder Hindeutung auf dieselbe aus. [Funote 2: Durch obige Worte veranlat, haben einige edle Frauen in Kopenhagen einen Versuch gemacht, die Lage der Halligprediger zu verbessern. So wenig nun auch das Resultat ihren Wnschen entsprach, so wollte ich doch nicht ihre Bemhungen mit Stillschweigen bergehen. Die Zinsen des zusammengebrachten Kapitals werden wenigstens dazu dienen, in der Zukunft einer etwaigen Witwe eines Halligpredigers einen kleinen Zuschu zu dem drftigen Witwengehalt zu geben, und so wird auch diesem Scherflein der Dank nicht fehlen. Auch ich, dem von einer dnischen Insel her das einzige Zeugnis ward, da mein Wort fr die Halligprediger nicht ganz ohne Anklang geblieben sei, nehme meinen Gru an diese Insel, freilich in Erwartung eines reicheren Ausfalls damals dargebracht, nicht zurck und setze den letzten Vers dieses Grues noch mit ebenso warmem Herzen hierher, wie ich ihn zuerst niederschrieb: Hilfer hoit, i Gaedestoner, Den, hvor i Kamp og Raad Borgerdyd hver Tinding kroner; Taarer fandt jeg der og -- Daad.] An einem heitern Novembertage stand er am Ufer des Meeres und blickte auf das Spiel der Wellen zu seinen Fen. Eine wehmtige Rhrung breitete ihren weichen Schleier immer weiter ber seine Gedanken und Gefhle und snftigte sie, wie die Mutter das unruhige Kind, wenn sie es in ihr Gewand hllt und an die warme Liebesbrust drckt. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft flossen ihm wie in eine Thrne zusammen, in welcher all' sein Trumen und Sehnen sich zu dem lieblichen Bilde eines friedlichen Stilllebens ausmalte; aber ob vom aufgehenden Morgenstrahl oder vom scheidenden Abendrot dies Bild beleuchtet werde, das wute er nicht; nur da es ein Bild nicht der Wirklichkeit, sondern nur der Sehnsucht sei, erinnerte ihn die feuchte Perle, die ber seine Wangen niederrollte. Lange stand er so da, in dem Vergessen, das doch wieder kein Vergessen ist, indem um die Schwinge des schnsten Traumes immer noch der Flor der Trauer weht, und das Herz zu keiner stolzen Hhe voll Licht und Seligkeit zu erheben vermag. In solcher Stimmung erschien ihm seine Hallig als der einzige Fleck der Erde, der ihm zusagen konnte, als die Sttte, auf der allein die Wunden seiner Brust Heilung finden wrden; es war ihm unmglich sich in den Verkehr der Welt hineinzudenken, und er schauderte vor der furchtbaren Einsamkeit und Verlassenheit unter den Menschen, die sich in dem lauten Treiben des Lebens bewegten. Hold, in welchem gerade entgegengesetzte Wnsche durch den Verkehr mit den Fremden, durch die aufregenden Gesprche, durch die Erneuerung des geistigen Austausches, durch die Erinnerung an das lebendige Treiben der Welt rege geworden waren, und der, fter als sonst, jetzt sehnschtig ber die Wogen hinschaute die ihn vom festen Lande und dessen geistiger und politischer Lebensflle trennten, berraschte Godber in seinen Trumen. -- Sie waren bald in ihrem Gesprch bei dem, was Beiden, Jedem auf seine Weise, nahe lag: bei der Abreise der Fremden. Du wirst uns, fragte Hold, nun wol verlassen? Nein, nein, rief Godber heftig, ich verlasse meine Heimat nicht. Und Idalia bliebe hier? war die verwunderte Gegenfrage. Ich wei es nicht, erwiderte Jener leise mit unsicherem Tone. Du weit es nicht? und dabei sah Hold den Jngling, der schweigend und gesenkten Auges vor ihm stand, prfend an. Du weit es nicht? Godber, hast Du Dich selbst, hast Du das Rechte wiedergefunden? und als Godber noch immer nicht antwortete, fuhr er lebhaft fort: Gewi, Du kannst nicht glcklich werden in der groen Stadt, in dem rauschenden Leben und Treiben, unter Menschen, die jeder Thrne, wie sie ja noch in Deinem Auge hngt, nur spotten. Du mit Deinem einfachen stillen Wesen wrdest Dich unheimlich fhlen mssen in ihren glnzenden Kreisen. Fr den Sohn der Hallig ist nur die Hallig der Boden, wo sein Leben gedeihlich wurzelt, nirgends sonst kann es ihm wol werden. Und Idalia? Die Neigung, die sie Dir zugewandt, ist wol nur Regung der Dankbarkeit, Folge der ungewohnten Einsamkeit, Ausfllung miger Stunden, hchstens Aufwallung leidenschaftlicher Gefhle, in denen sie wechselt wie mit ihren Modekleidern. Godber errtete bei diesen Worten vor Scham, und Hold, der es bemerkte, ergriff seine Hand und sagte: Es krnkt Deinen Stolz, da ich Dir dies sage; es thut Dir wehe, da ein Anderer von Dir wei, Du habest mehr zu gelten geglaubt, als Du giltst. Aber es wrde Deinen Stolz ja noch mehr empren mssen, dies an ihrer Seite erst dann zu lernen, wenn kein Rckschritt mehr mglich, wenn Du durch ein heiliges Band in den Zauberkreis ihres blendenden Schimmers gebunden bist, und, wie Du selbst Dich darin unbehaglich fhlst, sie auch es fhlen lieest, da Du ihr ein unbehaglicher Schatten bist. Und es ist ja nicht Deine Schuld, da Du vertrautest ihrer sen Rede und ihrem schmeichelnden Benehmen. Es ist ja vielmehr Deine Ehre, da Du dadurch getuscht werden konntest. Der Mensch, der sagen knnte: ich bin nie getuscht worden, der hat sich selber sein Urteil damit gesprochen, und ich wrde mich vor seiner Freundschaft ebenso sehr hten, wie ich mich drnge zu Dem, dessen Herz blutet von den Wunden, welche das getuschte Vertrauen schlug. Ja, Godber, darum und weil ich mir es gelobte in dem rettenden Boote, in welchem Du mich zu meiner Gattin und zu meinem Kinde zurckbrachtest, drngte ich mich an Dich und bitte um Dein offenes Vertrauen. Ich werde es nicht tuschen, so lange ich des Augenblicks gedenke, als Dein und Deiner Gefhrten Ruf ber die Wasser scholl, die um mein Haupt splten. Godber widerstand nicht lnger; ein Blick, in welchem der glnzende Tau einer dankbaren Thrne perlte, und ein fester warmer Hndedruck bezeugten es dem Pastor, da die Zurckhaltung, die jener immer gegen ihn beobachtet, nun einer herzlichen Annherung gewichen sei. Offen sprach jetzt Godber ber seine ganze Lage und Stimmung. Er verschwieg nicht, wie Idalia's Benehmen in der letzten Zeit ihn gekrnkt, und ihm fast die Gewiheit gegeben, sie wnsche das Verhltnis mit ihm gelst zu sehen. La fahren dahin! rief Hold. Scheide, was schon lngst geschieden ist und sich entgegensteht wie Sd und Nord. Und will Dein Herz noch bluten, so wirf es mit all' seinen Wunden an's groe Vaterherz dort oben; Gott wird es zu heilen wissen, da es aus dem schweren Kampfe hervorgehet, ein Held, fr den seine Narben zeugen, da man sich verlassen darf auf seine Kraft und Treue. Hold vertraute der Zukunft mehr, als Godber, denn nur dieser kannte ja ganz die Gewissensunruhe, die ihn bei jedem ernsten Gedanken ber sich selbst folterte. Nur eine scheinbare Kraft lieh ihm den Entschlu, ein letztes, entscheidendes Wort mit Idalia zu reden. Der Grund seiner Schwche lag tiefer, als in der Trauer der unerwiderten Liebe, denn dann wre ihm jetzt die Rckkehr zur vollen Freiheit des Geistes nahe gewesen, da er im Begriff stand, eine Fessel zu lsen, die ihn bisher von dem Glcke zurckgehalten, fr welches er jahrelang in Geduld und Hoffnung gearbeitet, und das selbst durch die Flammen der neuen Leidenschaft oft noch als ein milder, freundlicher Stern hindurchgeblickt. Doch wre seine Liebe zu Idalia auch fortan fr ihn nichts weiter gewesen als ein Traum, der bei unserm Erwachen kaum in kurzer Erinnerung fortlebt, konnte er damit auch vergessen, da um ihretwillen er vor der letzten Planke das Schiff verlassen, dessen Steuer ihm anvertraut gewesen, da er um ihretwillen seinen Gelbden gegen Maria untreu geworden war? Wenn diese ihm auch verzeihen wollte, konnte er sich selber verzeihen? Nur so lange er noch hoffen durfte, die zu besitzen, fr welche er so viel geopfert, hatte dieses Opfer noch eine lichte Seite, hatte noch einen, wenn auch zu teuer erkauften Vorteil, hatte einen Altar, auf dem es dargebracht war; nun, da er selbst es erfolglos zu machen im Begriff stand, fiel es auf sein Herz zurck wie eine dunkle, schwere Wolke, durch die kein Streif des Morgenrotes brechen konnte, die Aussicht in die kommenden Tage zu erhellen. Nur das Eine, was die Gegenwart von ihm forderte, die Trennung von Idalia, blieb ihm klar; jede Zukunft war fr ihn Nacht und Finsternis, whrend Hold einer frohen Entwickelung des Geschicks der durch frhe Gelbde Verbundenen, oder vielmehr einer ruhigen Rckkehr in das ebene Geleis ihrer Vereinigung fr's Leben mit freudiger Teilnahme entgegensah. Du wirst mit Deinem Vater reisen? sagte Godber am andern Morgen zu Idalia, mit einem Tone, dessen Frage wie gewisse Voraussetzung klang, nachdem ihn die Ueberlegungen einer schlaflosen Nacht noch entschiedener in dem Entschlu gemacht hatten, mit dem Mute der vollendeten Hoffnungslosigkeit sich ganz in das dunkle Gewand eines unausweichlichen Geschicks zu hllen. Idalia erbebte sichtbar. War es die letzte Regung fr den Jngling, war es die pltzliche Nhe der lngst gewnschten Entscheidungsstunde, wodurch sie so heftig bewegt wurde? Sie vermochte nicht gleich etwas zu erwidern. Sie sann auf eine Antwort, die, indem sie ihm jede Hoffnung auf ihren Besitz abschnitt, dennoch so wenig als mglich ihn verletzen sollte, und, wie es gewhnlich in solchen Fllen geht, sie verwundete ihn gerade auf's Tiefste mit ihrer Erwiderung. Wie vielen Dank bin ich Dir, schuldig, Godber. Ohne Dich htte ich meine Vaterstadt, nach der ich mich jetzt so sehne, nie wiedergesehen. Nie, dabei ergriff sie seine Hand und drckte sie innig, nie werde ich es vergessen, wie Du mir nachsprangst in die rollende See. Nie wird meine Dankbarkeit, nie werden meine Wnsche fr Dein Glck aufhren! Und, nicht wahr? wir haben ein freundliches, liebliches Spiel mit einander gehabt auf diesem Eilande, woran wir uns immer gern erinnern werden, als an eine im Leben so seltene, kindliche Vergessenheit. Godber erglhte vor Scham und Zorn. Also ein Spiel durfte sie nennen, was ihn und die arme Maria um das Glck des Lebens betrogen! Er prete die Lippen zusammen und stand eine Zeit lang da, wie Einer, der zweifelhaft ist, ob er die innere Wut bezhmen oder auslassen soll. Idalia wurde immer unruhiger, je lnger sein Schweigen whrte. Sie wollte ihren Stolz zusammenraffen und sich kurz von ihm wenden; aber das Gefhl ihres Unrechts, nicht ohne eine Beimischung von Furcht vor dem so tief gekrnkten Jngling, berwog, und sie sagte mit schmeichelnden Tnen: Welch ein Festtag wird es fr mich werden, wenn Du uns einmal in Hamburg besuchst! Dann wollen wir wieder plaudern von den alten Zeiten, und Du wirst sehen, wie treu mein Gedchtnis auch die kleinsten Umstnde unseres Zusammenlebens auf diesem Eilande bewahrt haben wird. Godber hatte diese letzteren Worte ganz berhrt; aber der zornige Aufruhr seiner Seele ging pltzlich in eine Wehmut ber, die seine Augen mit Thrnen fllte. Ein gewhnlicher Uebergang der Empfindungen in seinem Gemt, dessen Schwche einer heftigen Bewegung nicht lange gewachsen ist. Die Spannung, in seinen Zgen wie in seiner Stellung lste sich in eine Schlaffheit auf, vor der sich Idalia fast noch mehr scheute, als vor dem Ausbruch des Zorns, da sie davon eine rhrende Scene frchtete, die sie um jeden Preis vermeiden wollte, weil diese doch zu Nichts fhren konnte, und weil sie bei der tiefen Erschtterung Godber's zugleich fhlte, da sie ihres Herzens noch nicht so vollkommen Meister sei, wie sie es geglaubt hatte. Doch Godber besann sich, da Alles ja doch nur so gekommen sei, wie es kommen mute, da er selber Entscheidung gewnscht, ja da diese Entscheidung schon lngst da gewesen, und ihr nur das Wort gefehlt habe. Er wandte sich rasch um und eilte fort, ohne nur einen Blick des Abschieds auf Idalia zu werfen. Diese htte gern eine freundlichere Trennung gesehen. Sie schwankte einen Augenblick, ob sie ihm nicht nachfolgen und noch ein paar herzlichere Worte mit ihm reden sollte; aber ehe sie sich darber besonnen, war es zu spt. Godber eilte die Werfte hinab, und bald trieb sein Boot mit ihm einsam auf den Fluten. Erst nach der Abreise der Fremden fand er sich auf der Hallig wieder ein. Auch wir knnen von Idalia hier Abschied nehmen, indem wir einen flchtigen Blick in ihre Zukunft werfen. Htte sie es verstanden, ihre Neigung fr Godber zur wahren weiblichen Liebe zu erheben, sie wrde vielleicht selbst seine Abneigung, der Heimat untreu zu werden, berwunden haben, und er htte an ihrem Herzen wohl vergessen, wie teuer er das Glck an ihrer Seite erkauft. Da sie aber nun einmal solche Hingebung erfahren und von sich gestoen, durfte sie erwarten, je wieder ein Herz zu finden, das nur in ihrer Liebe alle Sehnsucht erfllt sah? Sie fand sich in Hamburg bald wieder in all' die Zerstreuungen, in welchen sie frher gelebt, und heiratete zuletzt einen Mann, dessen Vermgen und Neigung es ihr erlaubte, auch als Gattin in den Thorheiten zu glnzen, welche die Zeit ausfllen, ohne das Herz zu befriedigen, vielmehr dasselbe zu einer wahren Parforcejagd nach immer neuen Befriedigungen der Eitelkeit und der Weltlust stacheln. Was ihre Seele bewegte, welche Erinnerungen aus der Vergangenheit auftauchten, wenn sie in den doch nicht ganz zu vermeidenden einsamen Stunden ihrer kinderlosen Ehe, den Kopf auf die Hand gesttzt, die Stickerei vergessend auf dem Schooe ruhen lassend, mit halbgeschlossenen Augen wie in die Leere hinausstarrend, oft lange dasa, so lange, bis sie erschreckt von einer heien Thrne, die auf ihren Arm fiel, aufsprang, hastig die Laute ergriff und die Saiten strmen lie, als sollten die wilden Tne gewaltsam eine Lust aufregen, von der das Herz nichts wissen wollte, das mgen Die beurteilen, welche folgende Verse verstehen: Einen Maitag hat das Leben, Einen Schpfer-Augenblick; Lt Du ihn vorberschweben, Kehrt er nimmer Dir zurck. Einmal kommt das Glck Dir nahe, Winket Dir mit offner Hand; Wer es einmal scheiden sahe, Hat es ewig fortgebannt, Und dann ruft es keine Zhre, Wieder hin in Deine Spur! Treibe bis zum fernsten Meere. Pilgre bis zur fernsten Flur. Breit' der Erde Gter alle Um Dich her in weiten Reih'n, Fhr' in Deine reiche Halle Jede Lebensfreude ein, Schlrfe tief aus voller Schale: -- Ach! Du seufzest im Genu; Denn es fehlt dem Feiermahle Der verscherzte Weiheku; Denn es fehlet Deinen Krnzen Das verschmhte Immergrn; Deine Blumen, wie sie glnzen, Blhen nur, um zu verblhn. Einmal durftest khn Du hoffen, Brutlich grte das Geschick; Einmal sahst Du Eden offen -- Hoff' auf keinen zweiten Blick. XX. Was der Herr den Seinen giebt, das trage Nicht hinein in's khne Wortgefecht. Was von Oben stammt, will keine Frage, Fordert Glauben als ein gttlich Recht. Mander und Oswald wnschten noch das Mahl des Herrn, gleichsam als eine Versiegelung ihres neuen Bundes mit Ihm, in der ihnen so lieb gewordenen Gemeinde zu feiern. Idalia antwortete auf die Frage ihres Vaters, ob sie sich der heiligen Handlung anschlieen werde? da ihre Gedanken zu sehr auf die Abreise gerichtet wren, als da sie mit Andacht an der Feier Teil nehmen knne. Gewi ist es uns am angenehmsten, wenn wir das: ich bitte Dich, entschuldige mich! in das blendende Gewand einer zarten Ehrfurcht vor dem Heiligen einkleiden knnen; und es giebt Leute, die, wenn man ihren Worten glauben soll, allein aus jener gewissenhaften Scheu vor einer zerstreuten Teilname am Gottesdienst die Kirche zeitlebens meiden und die husliche Andacht auch nur darum unterlassen, weil sie bis an das Ende ihrer Tage darauf warten, einmal mit rechter Wrde andchtig sein zu knnen. Mander fragte Hold, als er demselben seinen und seines Sohnes Entschlu zu erkennen gab, zum Tische des Herrn zu gehen: welcher Ansicht vom heiligen Abendmahle er zugethan sei? Hold erwiderte: Ich wollte, Sie htten mich nicht gefragt, sondern sich, unberhrt vom Streite der Meinungen und Ansichten, mit voller Seele dem Eindruck dieser Feier hingegeben, um an sich zu erfahren, was sie Ihnen sein soll. Vielleicht ist das Abendmahl fr Jeden nach seinem Bedrfnis und seiner Empfnglichkeit etwas Anderes, und ich htte lieber von Ihnen gehrt, welchen Gehalt Sie in diesem Kleinod der Christenheit gefunden, als da ich Ihnen Anleitung gegeben zu einem vorgefaten Urteil, da dies nicht angeht, ohne eine Trennung in der Gemeinde des Herrn zu errtern, die dem Abendmahl den Charakter der Communion nimmt. Aber es kann doch nur eine Ansicht die wahre sein, entgegnete Mander, und es kann doch nur der das Mahl des Herrn mit dem vollen Segen fr sich feiern, der wei, was der Herr mit dieser Feier wollte? Aller Segen kommt von Oben, war Hold's Antwort, und ich glaube, es haben Viele, welche mit den verschiedensten Ansichten zum Mahle des Herrn kamen, doch den gleichen Segen davon gehabt, weil im Augenblick der Feier Keiner mehr seiner Ansichten gedachte, sondern sich hingab dem Einflu, den die Feier auf ihn ausbte. Freilich wird dieser Einflu bei Allen sicherer und auch wohl dauernder sein, wenn sie vorher und nachher die ganze Bedeutung dieses Genusses erwgen. Sie sind bisher mein Lehrer gewesen, seien Sie es auch ferner, bat Mander. Ihr Urteil mu bei Dem, was ich Ihnen sonst verdanke, eine groe Autoritt haben. Meine Autoritt soll Ihnen nicht weiter gelten, als was ein langjhriges Nachdenken ber die Heilsordnung des Evangeliums voraus hat vor der erst krzlich gewonnenen Einsicht in die Wahrheit der Offenbarung Gottes in Christo. Nun lassen Sie es sich noch einmal gesagt sein: ich knpfe den Segen der Feier, die Sie vor sich haben, nicht so sehr an das volle Verstndnis von dem Charakter derselben, als an eine Gnadenwirkung Gottes auf das empfngliche Gemt. Sie sollen daher nicht zum Tische des Herrn treten mit der Ueberzeugung: Dies oder Jenes werde ich an mir erfahren, sondern vielmehr warten der Verheiung, die diese Feier hat; sich und Ihre Andacht nicht binden an diese und jene Auffassung vom Abendmahl, sondern willig und bereit sein, mit reiner Hingebung anzunehmen, was der Herr Ihnen in demselben darreicht. Ich fr meinen Teil stehe auf dem Grunde der Kirchenlehre. Fassen wir das Ganze der Offenbarung in Christo als eine Wunderthat der erlsenden Gnade Gottes, wodurch ein wirklich Neues, nicht den bisherigen Mitteln der Gemeinschaft mit dem Himmel Aehnliches, etwa nun nur in hherem Grade sich Entfaltendes, in das Leben der Menschheit eintrat, als eine Erhebung der Natur des Staubes zu einer Trgerin des Lebens, welches war bei dem Vater und erschienen ist auf Erden, so knnen wir uns auch nicht dagegen struben, ein Fortleben und Fortwirken dieser That in bestndigen Wundern anzunehmen. Ist einmal statt der Vermittelung zwischen dem, was droben ist, und dem, was hienieden ist, welche an die uns verliehenen geistigen Gaben ihre Geistesgaben anknpft, -- so bei uns in den Weihestunden der hchsten Andacht, so bei den Propheten im reichsten Mae, -- ein Mittler gegeben, in welchem Himmel und Erde eins wurden, so drfen wir auch die Lehren, Segnungen und Verheiungen dieses Mittlers nicht mit dem Mastabe messen, welchen wir den Dingen anlegen, die dem gewhnlichen Gesetz folgen, nach welchem Himmel und Erde in ihrem Wesen sich ewig fern bleiben, und nur durch das Band der Gemeinschaft im Geiste sich einander nhern. Wir drfen vielmehr erwarten, da Alles, was von jener That ausgeht, einen Charakter habe, der dieselbe nicht allein fortspiegelt als eine wunderbare, sondern der alles dieses von ihr Ausgehende in sich selber ein Wunder sein lt. So das Abendmahl. Es ist nicht das Gedchtnis an die That der Vershnung, das neu geboren werden soll, sondern die That selber, die neu geboren wird im Glubigen. Das Mahl des Herrn ist Er, der sich mir neu giebt, es ist nicht Ich, der ich mich Ihm neu gebe. Wie die Erlsung durch sein Leibesleben und Lebensleiden auf Erden bedingt war, so ist das Abendmahl nicht allein eine geistige Nahrung fr den Geist; sondern eine irdisch-himmlische Speise, durch die wir Sein werden und Er unser wird durch eine volle Vereinigung. Im Abendmahl ist der ganze Christus, der Lehrer und der Erlser, der Leidende und der Ueberwinder, der Gekreuzigte und der Auferstandene, der Sohn der Maria und der Sohn Gottes, und der erstere nicht weniger als der letztere. Whrend uns in jeder andern Feier bald der Eine, bald der Andere strker hervortritt, ist beim Abendmahl Jener mit Diesem, und Dieser mit Jenem in einer Hlle verbunden, und geht in einer Gemeinschaft in uns ber. Ohne die leibliche Gegenwart Christi im Abendmahl wird die Erlsung eine That in der Zeit, die allein durch den Glauben fortlebt, aus dem irdischen Gebiet ganz wieder in das geistige aufgegangen ist; whrend sie auch nach ihrer irdischen Seite im heiligen Abendmahle fortleben soll, nicht allein weil Christus nun im Geiste der Glubigen fortlebt, sondern weil Er selber noch fr sie da ist. Denn Sein Fortleben in unserm Geiste ist doch immer nur unser Leben in Ihm, abhngig von unserem Verstndnis und unserer Andacht, ist nicht in der That und Wahrheit Sein Leben in uns, ist immer nur Wir, nicht Er. Unsere Zeit aber ist nicht rmer, als die der ersten Jnger, wenn wir sie nicht arm machen. Sie hat nicht allein Seine Lehren, Segnungen und Verheiungen; sie hat Ihn, Seinen Leib und Sein Blut. Auch uns wird die neue Schpfung geboten, die Durchdringung und Verklrung unseres geistigen Daseins zur Einheit mit Ihm. -- Wie mag Solches zugehen? ist hier nicht die Frage, und alle Theorien und Formeln sind Gebrechlichkeit. Es ist nur die Frage: stimmt solche Lehre vom Abendmahl, wie sie sich in der echt lutherischen Theorie und Formel, soweit unsere irdische Sprache berhaupt fr solche Dinge ausreicht, am wenigsten klgelnd und deutelnd ausspricht, berein mit den Worten der heiligen Schrift, mit dem ganzen, wunderbaren Rat Gottes zur Erlsung der Kinder im Staube, mit der Thatsache der Erlsung selbst, und mit dem Glauben der Mnner, denen wir ein Erzpriestertum in der groen Gemeinde des Evangeliums beilegen mssen? Mit diesem letzten Punkt schiebe ich keine menschliche Autoritt vor, da er seinen Rckhalt in der gemeinsamen Uebereinstimmung der Antworten auf alle andern Punkte haben soll; aber wohl behaupte ich damit, da wie die Wahrheit die Frucht des Geistes, so die gttliche Wahrheit allein die Frucht des gttlichen Geistes sein kann. Dieser Geist nun hat seine Zeit und Stunde fr Das, was dem Glauben der Kirche dienet. Fr Das, was dem Glauben des Einzelnen dienet, weiset er zurck auf eine solche Stunde der Menschheit, die eben so wenig auf Concilien, als am Schreibpult hinter der nchtlichen Lampe geboren wird; sondern deren Wiege ein Herz ist, das mit seinem weltberwindenden Glauben auch wirklich eine Welt berwindet, ein Herz, das nicht etwa einzelne Lichtfunken aus Schutt und Asche hervorsucht, sondern das durchglhet ist vom heiligen Feuer, und gereinigt und gelutert ist von diesem Feuer zu einer Sttte, von welcher aus Gott gern seine Stimmen in die Welt aussendet. Darum wer neue Theorien und Formeln in den gttlichen Dingen aufstellen will, der frage nicht allein, was er wisse, sondern auch, was er sei an Leben in Gott und Wandel vor Gott. Mit Schulweisheit und kritischem Scharfsinn mag man einen Homer zu zerstckeln wagen, und es wird doch nur so lange gelingen, bis die Flammen der Begeisterung, die in einzelnen Stcken fortglhen, wieder in eine helle Lohe zusammenschlagen, und der Erzgu auf's Neue dasteht in uralter Kraft und Herrlichkeit. Kann nun jene kalte, trockene Scheidekunst selbst an einer Schpfung des menschlichen Geistes und Herzens nur zum Ritter von der traurigen Gestalt werden, dessen kurzer Sieg bald zur desto gewissern Niederlage wird, mit welcher Aussicht kann er sich dann auf dem Gebiete des Gttlichen versuchen? Sowohl die rechte Lehre von den gttlichen Dingen, als auch das rechte Wort dafr kann nur der Geist Gottes geben, und Der will Tempel und Altar sehen, will Horebs Hhen und Mamres Palmen, will Herzen, deren Flgelschlag zu einem Adlerfluge fhig ist, will Mnner, die Mut und Demut genug haben, Gott zu bitten um Erleuchtung. Hat aber nicht die reformirte Kirche, bemerkte Mander, die doch auch Mnnern, wie Sie eben bezeichneten, ihr Dasein verdankt, eine Ansicht vom Abendmahl, nach welcher es eine blose Gedchtnisfeier ist? Auch die reformirte Kirche, war Hold's Entgegnung, gewann bald wieder durch Calvin die Richtung auf einen tieferen Sinn; obwohl in der katholischen und lutherischen Kirche, so wenig auch beide in der nheren Bestimmung dieser Lehre und den Folgerungen daraus bereinstimmen, allein eine wirklich tiefere Wrdigung des Abendmahls gefunden wird; da Alles, was man sonst dieser Feier beizulegen versucht hat, durch Vergeistigung der Gefhle beim Andenken an den Herrn auf die schwindelndsten Hhen hinauf nur eine gewisse Scheu bei einem blosen Gedchtnismal stehen zu bleiben, zu erkennen giebt, ohne doch wirklich etwas mehr daraus zu machen. Man fhlt wohl das Bedrfnis, der Gemeinde eine Nahrung zu geben, die nicht blose Brosamen darreicht, sondern eine sttigende Lebensspeise; aber man thut nur Gewrze hinzu, und denkt nicht daran, da Gewrze eben nur zur Wrze dienen und nicht zur Sttigung. Wie vereinen Sie aber dieses Vergessen mit dem Erzpriestertum, wie Sie es vorher solchen Mnnern beilegten, die Sulen der Kirche Gottes sind, zu welchen Sie doch auch Zwingli und Calvin mitrechnen? fragte Mander. Erinnern Sie sich, da ich diesem Punkt von der Autoritt solcher Heroen des Evangeliums einen Rckhalt gab in der Uebereinstimmung mit andern Zeugnissen. Wo diese Uebereinstimmung ist, da gebe ich mich freudig hin, und sie ist gerade in dem Kern des Evangeliums, in der Lehre von der Erlsung; wo sie fehlt, da suche ich mit desto grerem Eifer selber in dem Worte des Lebens, freue mich aber doch, wenn die Wahrheit, die ich finde, auch viele Zeugen Gottes in der Kirche, wenn auch nicht alle, fr sich hat. Aufrichtig mu ich bekennen, sagte Mander, da gerade das Wort: Solches thut zu meinem Gedchtnis, mir in dem Augenblick, in welchem es gesprochen wurde, kurz vor dem Tode am Kreuze, so natrlich vorkommt in dem Munde des Herrn, und da die Stiftung, auf welche es deutet, mir ebenso natrlich allein aus der Scheidestunde hervorgegangen zu sein, und darum auch ihr Wesen und ihren Charakter nur in der Erhaltung einer lebendigen Erinnerung an des Stifters Leiden und Sterben fr uns zu haben scheint. Dagegen mu ich bekennen, entgegnete Hold, -- so verschieden ist das Urteil! -- da mir Nichts wundersamer vorkommt, als eine Feier zum Gedchtnisse Dessen, der uns Weg, Wahrheit und Leben ist, von dem die ganze jetzige Bildung des Menschengeschlechts ihren Anfang und ihren Ausgang hat, dem wir in der Taufe geweiht sind, in dessen Licht wir atmen, in dessen Gemeinde wir leben, dem wir Freude, Friede und Seligkeit verdanken im Leben und im Sterben. Kann Der, welcher spricht: >Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte nicht!< und: >Ich bin bei Euch bis an der Welt Ende!< gemeint haben, mit solchem Mahl allein ein Erinnerungsfest einzusetzen, wie allenfalls Derjenige es stiften mag, welcher frchtet, es knnten seine Lehren und Segnungen vergessen werden, und doch gern in seiner Persnlichkeit, als ein Mann, der zu seiner Zeit und fr seine Zeit Gutes gewollt, in der Erinnerung fortleben mchte? Ja, mte solche Stiftung nicht in der christlichen Kirche mehr und mehr an Bedeutung verlieren, je lebendiger der Herr lebte im Gedchtnis der Seinen? Je inniger die Seele Ihm angehrte, je tiefer der Geist sich versenkte in die Flle Seiner Segnungen und Verheiungen, desto weniger knnte eine Feier gelten, die nur erinnern soll, Ihn nicht zu vergessen. Der Apostel Paulus redet ferner auf solche Weise vom Abendmahl, da jeder Gedanke an ein bloses Gedchtnismal wegfallen mu. Er spricht: >Welcher unwrdig von diesem Brot isset oder von dem Kelch des Herrn trinket, der ist schuldig an dem Leibe und Blute des Herrn. Der Mensch aber prfe sich selbst, und also esse er von diesem Brote und trinke von diesem Kelch. Denn welcher unwrdig isset und trinket, der isset und trinket ihm selber das Gericht, damit, da er nicht unterscheidet den Leib des Herrn.< Erlauben Sie mir noch die Frage, sagte Mander hierauf: Konnten die ersten Jnger, die mit dem Herrn zu Tische saen, in dem Brote und dem Kelche ein solches Sacrament, wie sie es vorher auslegten, genieen, da der Herr noch bei ihnen war? Ich brauchte Ihnen keine Antwort auf diese Frage zu geben, erwiderte Hold, ehe Sie mir nicht meine Einwendungen gegen eine blose Erinnerungsfeier widerlegt, bevor Sie nicht erwiesen haben, da die Deutungen, mit welchen man dem Abendmahl einen hheren Charakter geben will, ohne die leibliche Gegenwart zu bekennen, wirklich mehr sind als blose Zuthaten, die bei aller ihrer scheinbaren Flle es doch nur ein Gedchtnismahl bleiben lassen, ein Mahl, dessen Genu in seinen Wirkungen auf den Glubigen nichts Anderes giebt, als was schon jede andere lebendige Erinnerung an den Heiland und Erlser geben kann. Aber ich will Sie doch daran erinnern, da auf die Beantwortung Ihrer Frage gar nicht so viel ankommt. Erkennen wir im Abendmahl eine Stiftung fr die Kirche, fr alle kommenden Christengemeinden, -- und das haben nur Wenige gelugnet, -- so kann es gern fr die spteren Bekenner eine andere Bedeutung haben, als er fr die ersten Jnger, denen die sichtbare Gegenwart des Herrn das Sacrament war, schon haben konnte, und welchen es erst Das wurde, was es uns ist, als der Herr heimgegangen war zu Seinem himmlischen Vater. Diese andere Bedeutung besteht ja denn doch immer nur darin, da wir mit, in und unter dem Brote und Wein haben, was sie noch sichtbar vor sich hatten. Die Kraft des Mahls, die sacramentliche Flle bleibt dieselbe, nur bei ihnen Schauen, bei uns Glaube. Doch ich fhle, wie es mit allem Erweisen eine miliche Sache ist auf diesem Gebiete. Die gttlichen Dinge wollen erfahren sein. Mir ist so unsicher um's Herz geworden, sprach Mander mit einem Seufzer, da ich wollte, ich htte nicht gefragt! Ich sagte es Ihnen im Voraus, da Sie keine andere Frucht nehmen wrden aus dieser Errterung. Aber vielleicht werden Sie noch knftig mit mir Denen, die das Abendmahl nicht in seiner ganzen Bedeutung wrdigen, zurufen: Entkleidet nicht die Kirche ihres heiligen Schmuckes; nehmt ihr nicht die Krone von ihrem Haupte; reit sie nicht los von der Wurzel des Lebens, von der innigen, ewigen, thatschlichen Gemeinschaft mit dem, der vom Vater kam, um vom Vater zu zeugen! Uebrigens treten Sie hinzu zu dem Tische des Herrn mit Andacht und Hingebung, und erwarten Sie, was Er Ihnen darreicht aus Seiner Flle. Er ist Allen, die zu Ihm kommen, Etwas, und leitet sie selber dazu, da Er ihnen Alles werden kann. Sein Segen wird Ihnen nicht fehlen! Die Stunde der Feier war gekommen. Die ganze Gemeinde, die, nach der am Sonntage vorher geschehenen Bekanntmachung, sich zur Communion gemeldet hatte, da auf den Halligen es nicht immer zu erwarten ist, da die sonst bestimmten Tage zu solcher Feier wegen des oft durch Sturm und Wellen verhinderten Kirchganges regelmig gehalten werden knnen, sammelte sich in der an Hold's Wohnung anstoenden, mit ihr durch ein Dach verbundenen Kirche. Nach Beendigung des Gesanges trat Hold vor den Altar und hielt eine kurze, eindringliche Rede, die in ihren schlichten Worten nur auf das Verstndnis seiner gewhnlichen Zuhrer berechnet schien, whrend sie gerade in ihrer Einfachheit, in ihrer festen Hinstellung Dessen, was den Beiden, die heute zum erstenmal mit rechter Sehnsucht nach der Verheiung, die er verkndete, zum Tische des Herrn traten, noch nicht als gewisse Zuversicht aufgegangen war, auf diese einen wahrhaft erbauenden, begrndenden Eindruck machte. Darauf trat der Bejahrteste in der Gemeinde, ein Mann mit schneeweiem Haar, vor Hold hin und sprach mit einer Stimme, deren Zittern von Altersschwche und zugleich von tiefer Rhrung zeugte, folgende Worte, bei denen sich Alle von ihren Sitzen erhoben: Wrdiger, lieber Herr! Also rede ich fr mich und fr Alle: Ich bitte Euch, wollet meine Beichte hren und mir die Vergebung sprechen. Ich armer sndiger Mensch bekenne und beklage mich, da ich die heiligen Gebote Gottes unseres Vaters mannigfaltig bertreten, und mich gegen Gott und meinen Nchsten oft versndigt habe, damit ich Gottes gerechte Strafe, zeitlichen und ewigen Tod wohl verdienet. Aber alle meine Snde gereuet mich ernstlich und ist mir von Herzen leid, und ich habe keinen andern Trost, denn die Gnade Gottes, die grer ist, als meine Schuld, und das teure Verdienst meines Herrn Jesu Christi. Komme daher in der Zeit der Gnaden, da ich mge Vergebung empfangen und damit neue Freudigkeit zu Gott und Kraft zur Heiligung durch Seinen Geist. Amen. Dieser den Fremden unerwartete Auftritt verfehlte nicht seine Wirkung auf ihr Herz. Mander fhlte tief den Wert einer solchen thtigen Teilnahme der Gemeinde am Gottesdienst bei dieser Feier. Er fhlte sich in dem Augenblicke gleichsam eins geworden mit dem Greis, der fr Alle sprach. Er fhlte in dessen Bekenntnis sein Bekenntnis, in dessen Bitte seine Bitte und darum sich klarer und deutlicher als Einer, der da nahet mit demtigem Flehen und der Verheiung entgegensieht, als wenn der Geistliche allein geredet. Oswald zitterte heftig. Jedes Wort, das der Greis sprach, klang in allen Tiefen seiner Brust wieder. Es war ihm, als tnte die Bitte von seinen eigenen Lippen, aber als wrde sie inniger, dringender, flehender, indem sie der Ausdruck seiner Sehnsucht wurde, als gestaltete sie sich zu einem Ruf aus der Tiefe, zu einem Schrei des Erbarmens, zu einem Seufzer, an dessen Erhrung sein Leben hing. Als der Greis geendet, faltete Hold seine Hnde, hob die Augen empor in stillem Gebet und sprach dann nach einer kurzen, erwartungsvollen Pause, indem er seine Rechte segnend auf das Haupt des alten Mannes vor ihm legte, der unterdessen seine Knie gebeugt hatte an den Stufen des Altars: Der in die Welt kam, nicht da Er die Welt richte, sondern da die Welt durch Ihn selig werde, der da die Mhseligen und Beladenen zu sich ruft, da Er sie erquicke, Der spricht durch das Amt, das Er mir vertraut, zu Dir und zu der Gemeinde, die durch Dich bekannt hat ein gutes Bekenntnis: Sei getrost, Deine Snden sind Dir vergeben. Und als nun Hold seine Hnde weiter ausbreitete ber die ganze Gemeinde hin, und noch einmal die Worte wiederholte: Sei getrost, Deine Snden sind Dir vergeben! da sank es wie eine Decke von Mander's und Oswald's Seele. Das Evangelium war nun vllig Licht, Kraft und Leben in ihnen geworden, und alle Dmmerung, Schwachheit und Lauheit schwand wie der letzte winterliche Nebeltag vor dem siegenden Frhlingsodem. Sie fhlten sich so offen und empfnglich fr jeden Gru aus der Hhe, so klar und entschieden im Glauben, so leicht und frei in der Erfllung der Verheiung, da das Reich der Wunder, durch die das Gttliche sich dem Staube offenbart, ihnen als eine natrliche Welt erschien, in welcher sie schon lngst heimisch, und sie traten zum Tische des Herrn als in Allem Bekenner der Lehre ihrer Kirche. XXI. Schmerzen giebt es, deren Wunden Nur die _stumme_ Brust ertrgt; Wenn das khne Wort sie wgt, Ist des Duldens Kraft geschwunden. Auf den nchsten Mittag war die Abreise bestimmt. Die Geschfte wegen der Bergung waren schon einige Tage vorher zur Zufriedenheit beendigt, und Mander und Oswald nahmen von allen Bewohnern der Hallig durch Besuche in jeder Wohnung Abschied, und wurden allenthalben als liebe Freunde, die man nicht hoffen darf, wiederzusehen, mit der Feierlichkeit eines solchen letzten Zusammenseins aufgenommen und entlassen, an keiner Stelle ganz ohne Thrnen der gutmtigen, fr jede ihnen bewiesene Teilnahme leicht empfnglichen Halligbewohner. Da diese Leute, besonders auf der Hallig, die wir im Sinne haben, -- auf welcher, so weit das Kirchenbuch geht, keine auereheliche Geburt, und so weit die Erinnerung der ltesten Personen reicht, nie ein leidenschaftlicher Streit vorgekommen war, -- gar zu leicht geneigt sind, die Welt auerhalb ihrer kleinen Eilande, und besonders in den groen Stdten, nur als eine unglubige und zuchtlose sich zu denken, so hatte die Teilnahme der Fremden am Abendmahl diese in ihren Augen so gehoben, da sie dieselben mit einer Art bewundernder Ehrfurcht betrachteten. Sie ahneten nicht, da ihr Eiland erst das Emmaus gewesen war, wo jene den Herrn erkannten. Jede einzelne Familie brachte auch ihren besonderen Dank dar fr die silbernen Altarleuchter, welche Mander der Gemeinde geschenkt, und die Hold freilich aus bestimmten Grnden nicht am gestrigen Tage schon auf den Altar gesetzt, aber sie den Hausvtern, die nach der Feier bei ihm gewesen, gezeigt hatte. Am bewegtesten war der Abschied von Hold. Einige Gaben, welche die Freundschaft und Dankbarkeit der Scheidenden dem Pastor und seiner Gattin darboten, wurden ohne Ziererei angenommen. War doch auch die Schwierigkeit, welche mit der Besorgung dieser Gaben aus der Ferne verbunden gewesen sein mute, ein Beweis mehr, da sie, wie lange vorbedacht, so auch Zeugnisse einer Freundschaft sein sollten, die lnger dauern wrde, als der Aufenthalt auf der Hallig. Nur gegen ein groes Fa mit Wein, das auf seiner Hausflur aufgestellt wurde, protestirte Hold, da er sich dieses Getrnks lngst entwhnt habe. Doch er mute auch hierin nachgeben, da Mander versprach, bei der ersten Gelegenheit fr kleinere Gebinde zum Umfllen zu sorgen, und darauf aufmerksam machte, da, wenn auch Hold selbst keinen Genu davon haben wolle, doch den Kranken und Schwachen in der Gemeinde eine solche Strkung oft wohlthtig werden knne. Wer htte bei diesem Hin- und Herreden daran denken sollen, da das Leben mehrerer Menschen ganz allein, und die Gesundheit der ganzen Gemeinde grtentheils allein von der Annahme dieses anfangs verschmhten Geschenkes abhinge! Oswald trennte sich von Maria nicht ohne eine ernstere Regung, als mit welcher er von den brigen Bewohnern der Hallig Abschied genommen, und Mander legte fr sie und Godber, da er mit Hold auf eine baldige frohe Vereinigung dieses Paares hoffte, eine Summe Geldes bei dem Pastor nieder und machte sich zu einer jhrlichen Summe schriftlich verbindlich. Auch den Verlobungsring Godber's, den Maria Jenem auf seinem Krankenlager vom Finger gezogen, hatte Idalia ihrem Vater zurckgegeben, um ihn Maria einzuhndigen. Mander gab ihn Hold, da er die passende Gelegenheit zur Rckgabe abwarten mchte. Am Ufer fanden die Abreisenden die ganze Gemeinde versammelt, und noch einmal rief ein Hndedruck und ein herzliches Lebewohl alle Gefhle des Abschieds wach, und mit Thrnen in den Augen bestiegen Mander und Oswald das Schiff. Auch Idalia wandte mehr als einmal den von einem feuchten Tau umflorten Blick auf das bald in einem lichten Nebel schwindende Eiland zurck. Sie htte gern dem Schiffe Halt geboten, nicht um die Hallig wieder zu betreten, aber sie im Auge zu behalten. Alle ihre Gedanken und Empfindungen waren wie in einer Schwebe, und sie konnte ihnen ebensowenig die volle Richtung in die Zukunft geben, als sie in die Vergangenheit ganz zurckwenden. Sie htte es fr eine Wohlthat fr ihr Herz gehalten, wenn das Schiff, das sie unaufhaltsam forttrug, von der Ebbe bereilt, stehen geblieben wre zwischen den beiden Ufern, wie sie sich selbst auf einem leeren Raum zwischen dem Zeitstrom der Vergangenheit und dem der Zukunft zu stehen schien. Als sie die Kste des festen Landes betrat, da zitterte und schwankte sie, wie Einer, der nach einem langdauernden, heftigen Sturm den mit der wogenden Bewegung des Schiffs nicht durch frhe Uebung vertrauten Fu an's Land setzt. Auf der Hallig blieben die Bewohner derselben so lange am Ufer versammelt, als noch der Nebel einen Blick vom Schiffe erhaschen lie, und sowohl die auf demselben, als auch die Zurckbleibenden winkten bis dahin einander zu, ohne bestimmt zu wissen, ob ihre Abschiedsgre noch bemerkt und erwidert werden knnten. Hold war den Tag ber in einer Stimmung, der er den Namen der Wehmut ber die Trennung von den Freunden gab; und doch war es mehr als diese Trennung, was ihn so tief bewegte. Alle Trume seiner Jugend waren durch die Gesprche mit diesen Gsten aus der Welt, in welcher er sich frher so hoffnungsreich und lebenskrftig bewegt, wieder wach geworden. Seine frheren Freunde, denen er gleichsam ohne Kunde durch Versetzung auf die Hallig entschwunden war, winkten ihn nun von Neuem in ihren Kreis. Die Lnder, die er an ihrer Seite durchpilgert, breiteten wieder alle ihre Schnheiten vor ihm aus. Das rege Treiben der politischen Welt, von der ihm jetzt kaum dann und wann die Zeitung eine drftige Nachricht brachte, trat wieder vor seine Gedanken hin, als ein Zauberbild, das hell vor unserer Nacht vorberzieht. Das reiche Feld der Wissenschaft blhte und duftete vor seinem Geist in der kstlichen Blumenpracht auf, aber wie ein schner Garten, den wir durch ein Gitter anschauen, in welchem wir uns nicht ergehen drfen. Und hier diese de Hallig! Dies wste Meer um sich her! Dieser Nebel, der ihn verhllte, als wollte er ihn fr immer von der Welt ausschlieen. Hatte er denn den Becher Djemschids, auf dessen Rand sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft malt, nur an die durstenden Lippen gesetzt, um nun fr sein ganzes Leben mit ungestilltem Verlangen nach einer Labung aus demselben zu schmachten? Mit welch' ganz andern Gefhlen, mit welch' schnen Hoffnungen fr sein Erdenleben wandelte er auf den Schweizerbergen, an den Ufern der Strme des Vaterlandes! des Vaterlandes, aus dem er nun vielleicht fr immer fortgebannt war, vergessen auf einer von trben Meeresfluten umflossenen Scholle, hingegeben jeder Entsagung und Entbehrung! Er ging hinaus an das Ufer. Er schaute sehnschtig in die Nebel hinein, als knne sein Auge sie durchdringen, und den Gedanken folgen, die ber das Meer hinflogen und ber Berg und Thal schweiften. Seine Sehnsucht wurde zum Liede, das wie ein langer Seufzer sich aus den Tiefen seiner Brust losrang: Schwebt hinber, Trauertne, Grt den heimatlichen Strand; Grt das liebe, wunderschne, Heil'ge, deutsche Vaterland. Grt, wo ber Thal und Hgel -- Hell des Jgers Horn erschallt, Wo der blaue Wellenspiegel Um die Fischerbarke wallt. Grt, wo die Lawinen toben In des Staubbachs Silberduft, Ach! wie drngt das Herz nach Oben, Nach der Berge Himmelsluft; Wo mit brutlich schnen Krnzen In der Abendrte Glhn, Jungfrau, Deine Scheitel glnzen; Knnt ich dahinber ziehn! Oder hin zum Strand der Saale, Wo der Tannen schwankes Dach Wlbt sich ber Heldenmale, Die der Zeiten Sturm zerbrach. Allenthalben an der Elbe, An der Donau und am Rhein, Ist mein Vaterland dasselbe, Wert der Deutschen Land zu sein. Reich an Reben, reich an Eichen, Felsenkrftig, blumenmild, Malt es rings in treuen Zeichen Seines treuen Volkes Bild. Schwebt hinber, Trauertne, Grt den heimatlichen Strand, Alle Lust und alles Schne Blieb zurck im Vaterland. Ach! vergebens wecken Klagen Die verhaltnen Schmerzen nur, Keine milden Lfte tragen Sie zur heimatlichen Flur. Mich umrauschen Meereswogen, Nebel hllen meinen Blick; Meine Gre sind verflogen, -- Keine Antwort kommt zurck! XXII. Nur das Heute ist das Alte, Jede Morgenrte weiht Uns fr eine neue Zeit, Und wer sagt uns, wie sie walte? Godber war bald nach der Abreise der Fremden auf die Hallig zurckgekehrt und lebte einsam in seiner Wohnung. Wenn man ihn sah, schlich er trbsinnig und in sich gekehrt dahin und vermied mit ngstlicher Scheu jede Anrede. Sein Haus und seine Werfte waren whrend seiner langen Abwesenheit und nach dem Tode seines Vaters ganz verfallen; er aber that Nichts fr die versumte Ausbesserung und schien es nicht zu beachten, da die Fluten in den strmischen Weihnachtstagen groe Beschdigungen anrichteten, die seinen Aufenthalt sehr unsicher machten. Hold kam oft zu ihm und versuchte es, ihn zu neuer Lebenshoffnung zu erheben. Er erzhlte viel, so wenig auch Godber solche Gesprche zu lieben schien, von Maria's frommer Ergebung in den Willen des Herrn, von der Ruhe, mit welcher sie ihr knftiges Geschick erwarte, von der Gte ihres Herzens, die keiner Beleidigung lange gedenke. Er suchte, ohne geradezu Godber's Verhalten zu entschuldigen, doch Alles auf, was es in einem mildern Lichte erscheinen lassen konnte, und wies hin auf die erbarmende Liebe Gottes, die uns nicht umkommen lt unter der Brde des bsen Gewissens. Als er eines Tages auch wieder so sprach, erhob sich Godber, der bisher ihn schweigend angehrt, von seinem Sitze, trat vor ihn hin, blickte mit starren Augen ihn an und sprach mit einer Stimme, die feierlich und schauerlich klang: Wird der Gott, den Du verkndest, auch jene Nacht wieder ungeboren machen, in der ich das Steuer des Schiffes verlie, um _Die_ zu retten, um deretwillen ich ein doppeltes Gelbde brach? Wird Er, wie Er Maria's verwundetes Herz zu heilen verstand, auch den schnen Bau wieder zusammenfgen, der durch mich zu einem elenden Wrack geworden ist. Wenn Du in blinder Leidenschaft Deine Kirche angezndet, wrdest Du das so leicht vergessen, da Du meinest, ich sollte vergessen, was ich an dem Schiff gesndigt? Wird Gott auch die drei Toten dort aus ihrer Gruft in's Leben zurckrufen, da ich es von ihnen wieder hre: >Godber ist ein braver Steuermann!< ohne ein Hohngelchter der Hlle daneben zu hren? Hold erbebte sowol vor dem irren Ausdrucke in Godber's Zgen und Worten, als vor der Entdeckung einer nicht geahnten Brde auf dem Gewissen des Jnglings. Godber aber fuhr fort: Du zitterst vor solchem Verbrechen und hrst es doch nur, und ich, der es gethan, sollte nicht zermalmt werden unter seiner Last? Fr mich ist keine Hlfe mehr! Mit weicherer Stimme, deren leises Beben den Uebergang aus starrer Verzweiflung in eine wehmtige Rhrung bezeugte, setzte er nach einer kleinen Pause hinzu: Und kannst Du mir auch Maria brutlich froh in den Arm legen, Du kannst nicht sagen: dieses Auge hat nicht um Deinetwillen geweint; dies Herz hat nicht um Deinetwillen geblutet; an der Treue des Halligsohnes haftet durch Dich kein Makel. Maria hat nur meine Schuld zu vergessen. So ein Vergessen ist leicht. Ich soll mich selbst vergessen. Da mu der Tod helfen. -- Und _der_ kann ja auch nicht helfen, schrie er entsetzt auf, denn droben ist das Gericht! Damit schlug er beide Hnde vor's Gesicht und sank in dumpfem Brten auf seinen Sitz zurck. Hold bedurfte einiger Zeit, um sich zu sammeln, dann trat er vor Godber hin und sagte: Ich will nicht mit Dir reden von dem Schiffe; nicht Dich darauf aufmerksam machen, wie Deine Kunst und Erfahrung es doch vielleicht nicht htte retten knnen; wie viel wahrscheinlicher Euer Aller Tod bei solchem Versuch gewesen wre, whrend nun fnf Menschen Dir ihr Leben verdanken. Ich will aber reden von dem Amte, das die Vershnung predigt. -- Wir sind allzumal Snder und mangeln des Ruhmes, den wir vor Gott haben sollen. So wir mit aufrichtigem Herzen prfen unser Selbstwerk, mssen wir bekennen, da wir nicht bestehen knnen vor dem heiligen und gerechten Gott, mssen bekennen, da unter dem Licht und Gericht des gttlichen Gesetzes unsere Tugend wie ein Schattenbild zerfliet, und dagegen unsere Uebertretungen wachsen wie Wogen, die ber unser Haupt zusammenschlagen. Vor dem Worte: >Ihr sollt heilig sein, denn Gott ist heilig!< vor der Wahrheit: >Ihr sollt Rechenschaft geben auch von jedem unntzen Worte, das aus Eurem Munde gegangen ist!< bestehet keine Entschuldigung, kein Vorwand, keine Rechtfertigung. Unsere Schwachheit ist Lge, denn sie ist eine Frucht des Lgengeistes, der uns Gottes Gesetz verfinstert und entstellt, der diese Macht aber nicht haben wrde, wenn wir sie ihm nicht selber gegeben, dadurch, da wir die bse Lust in uns wuchern lieen. Was wir Verfhrungen und Versuchungen nennen, sind blos Antworten von Auen her auf die Lockstimmen der Snde in unserm Innern. Wer das >Heilig< nicht in seiner ganzen Bedeutung nimmt, als eine vllige Reinigung unseres Sinnes und Wandels von allem ungttlichen Wesen und den weltlichen Lften, als eine vollkommene Verklrung vom Kinde des Staubes zum Kinde Gottes in allen Gedanken, Worten und Werken, der wei noch gar nichts von Gott und seinem Willen und unserer Berufung auf Erden, und meint noch teilen zu knnen zwischen Gott und dem Mammon; whrend alle Halbheit und Lauheit vor Gott ein Greuel ist, whrend, wer das Gesetz hlt und sndigt an einem, des ganzen Gesetzes schuldig ist. Von solcher Strenge haben wir keine Macht, uns Etwas nachzulassen, und Gott selber hat nicht die Macht, denn Er ist heilig! Godber rang die Hnde und schluchzte laut: Fr mich ist keine Hlfe mehr! Hold aber fuhr fort: So wir nun solches zu Herzen nehmen, knnen wir nicht mit Freudigkeit weder vor Gott treten, noch mit Freudigkeit Sein Gesetz erfllen. Denn zwischen Ihn und uns wird sich unsere Snde legen und eine dunkle Scheidewand, die uns ausschliet von allem Trost und allem Hoffen; und unser Versuch zur Aenderung des Sinnes und Wandels mu scheitern, weil die Snde, die einmal mchtig geworden ist in uns, nur in schweren Kmpfen berwunden wird; zu solchem Kampfe aber Freudigkeit zu Gott und Liebe zu Ihm gehren, die wir nicht haben, so lange unser beladenes Gewissen nur zeugt von dem Richter der Lebendigen und der Toten. Er hat schon gerichtet! rief Godber. Wir mssen das alte Gewand ausziehen und ein hochzeitliches Kleid anziehen knnen. Wir mssen die Last von uns werfen und leichten Herzens ein neues Leben beginnen knnen. Wir mssen die Traurigkeit von uns thun und in Freudigkeit zum Himmel aufschauen knnen. Ein solches Knnen liegt aber nicht in unserer Macht. Wollen wir es aus eigener Macht versuchen, da werden wir den kurzen Flgelschlag des frohen Entschlusses bald wieder gelhmt fhlen durch das Gedchtnis der ungeshnten Schuld. Wir knnen aber uns selber Nichts vergeben, auch den geringsten unlautern Gedanken nicht; denn wir stehen nicht unter unserm Gesetz und Gericht, sondern unter Gottes Gesetz und Gericht. Ich wei es! Ich wei es! sthnte Godber. Hold aber fuhr mit erhobener Stimme fort: Wir bedrfen _Gottes_ Vergebung. Nicht aber in einem bloen Ahnen, Meinen, Hoffen, sondern in einer Zuversicht, welche die Pforten der Hlle nicht berwltigen. Und nun, Godber, die Zeit ist erfllet, die Nacht ist vergangen und der Tag ist herbeigekommen! Es ist kund geworden auf Erden das groe Geheimnis der Erlsung: Gott war in Christo und vershnte die Welt mit Ihm selber! Empor, Du mde, sndenvolle Seele! Empor! Denn Freude ist im Himmel ber einen Snder, der Bue thut. Das ist kein Wort, das trostbedrftige Sehnsucht dem Menschen eingab; dann wre es nichts ntze, htte keinen Halt wider die ewig neuen Anlufe des anklagenden Gewissens. Es ist das Wort Dessen, der vom Vater kam, um vom Vater zu zeugen, und es stehet fester, als die Veste des Himmels. Der Herr spricht, der Herr, dessen Wort nicht Sein Wort, sondern De, der Ihn gesandt; der Herr spricht, und durch Ihn der Richter der Lebendigen und der Toten: >Sei getrost, Deine Snden sind Dir vergeben!< So thue auch Du, Godber, Deine Brust auf, und la die Liebe, die anklopfet mit solchen Stimmen an Deines Herzens Thore, mchtig werden, wo das Gericht mchtig war. Wirf hin Deine Last und Brde und tritt freudig an die neue Bahn, als wrest Du heute neu geboren und die Vergangenheit nicht Dein. Gedenke ihrer nur, um immer in der Demut zu bleiben die sich Nichts dnket mit eigenem Verdienst und eigener Gerechtigkeit, um im lebendigen Eifer zu bleiben nach der Krone der Vollendung in aller Heiligung des Sinnes und Wandels, um die Snde zu verabscheuen, die so unselig macht, wie Du es erfahren, um die Gnade des himmlischen Vaters, der so groe Dinge fr Dich gethan, in Freude, Friede und Seligkeit bis an Dein Ende zu preisen. Aber gedenke der Vergangenheit nicht Dir zum Fluch, sondern zum Segen; wie Gott ihrer nur gedenkt, um Dich aus ihr heraus einzufhren in das Reich Seiner Segnungen und Verheiungen. Godber war tief ergriffen von Hold's Worten, und wenn sie ihm auch nicht die Ruhe zurckgeben konnten, die von ihm gewichen war, so dienten sie doch dazu, das Auge wieder mit einem, wenn auch nur kurzen und scheuen, doch suchenden Blick nach oben zu lenken, durch den Sturm der anklagenden Stimmen ein leises Wehen, wie vom Friedenslande her, durchzittern zu lassen und heie Thrnen hervorzurufen, in welchen die verzehrende Flamme der Reue gleichsam einen Ausweg fand und darum an sinnverwirrender Macht ber ihn verlor. Er fate Hold's Rechte, beugte sein Haupt herab und drckte seine heie Stirne auf die Hand des Mannes, dessen guten Willen, ihm ein Fhrer aus seinen Nchten heraus zu sein, er nicht verkannte. Der Unglckliche aber, der den guten Willen, ihn zu trsten, dankbar erkennt, der ist auch schon auf dem besten Wege, sich trsten zu lassen. Von Tag zu Tag gelang es nun Hold sichtlicher, Godber's Gemt mehr zu beruhigen. Dadurch, da er -- von der anfnglichen schonenden Weise zurckgekommen, -- dessen Betragen in den letzten Monaten mit eiserner Strenge beurteilte, hatte er des selber sich so streng Verdammenden Vertrauen ganz gewonnen und damit ihn zugleich zu den Fen des Erlsers gedrngt. Denn der Weg nach Golgatha geht nur ber den Sinai, und wer auf freundlicheren Umwegen dahin will, der bleibt auf halbem Weg stehen und findet darum auch nur einen halben Frieden, der keiner einsamen, ernsten Stunde, keiner wahrhaftigen Selbstprfung gewachsen ist. Zugleich aber wandte Hold nun fter die Gesprche auf zeitliche Dinge, machte Godber aufmerksam auf den schlechten Zustand seiner Werfte, auf die bisherige Vernachlssigung seiner kleinen Heerde, gab ihm Rat und fragte ihn um Rat bei kleinen huslichen Arbeiten und weckte ihn dadurch zur Thtigkeit und zur Teilnahme fr die gewhnlichen Lebensverhltnisse. So glaubte er denn vllig den Sieg gewonnen zu haben und der Ausgleichung der unglcklichen Trennung zwischen Godber und Maria nahe zu sein. Aber hierin fand er einen unerwarteten Widerstand. Jede Hindeutung auf die Wiedervereinigung Beider ward lebhaft zurckgewiesen. Ueber die ewige Halbheit! sagte Hold endlich rgerlich. Da hat nun der liebe Vater im Himmel Alles gethan, da Seine Kinder sich freuen sollten der Erde und ihrer guten Gaben; hat uns in Seiner Gnade geholfen, los zu sein von dem bsen Gewissen, verlangt keine Bue und kein Opfer mehr, sondern will, da wir in Erkenntnis und Erfahrung seiner unendlichen Liebe nun auch froh und selig wandeln unter dem Himmel und kindlich annehmen und genieen, was Er uns darreicht aus Seiner Flle. Kinder will er haben, die offnen und empfnglichen Herzens sind fr Seine Liebe, nicht fr die Liebe allein, die da redet mit Orgelklang, sondern auch fr die, welche locket mit Fltentnen. Kinder will Er haben, die sich freuen nicht allein Seines Himmels, sondern auch Seiner Erde, die nicht allein danken dem Vater in der Hhe, der Seinen Trost ausgiet ber die Mhseligen und Beladenen, sondern auch dem Vater hinieden, der da wandelt unter den Glcklichen und lieb hat die Herzen, die ihm danken, da Er ihre Wallfahrt so reich machte an heiterm Sonnenschein und lieblicher Bltenflle. Und wir? Wir wollen uns ein Verdienst daraus machen, da wir fort und fort ben, und gefallen uns darin, Seiner Gte fr diese Zeit zu entsagen, als knnten wir dadurch irgend einen Anspruch auf Seine Verheiungen in der Ewigkeit erwerben. Das ist die falsche Scham, die sich schmet, Alles aus Seiner Hand zu nehmen; die ein Selbstwerk hinzuthun will zu dem Gotteswerk der Erlsung, der der frohe Glaube und die kindliche Liebe und die Heiligung, die aus solchem Glauben und solcher Liebe, wie die Frucht aus der Blte, hervorgeht, nicht genug sind; sondern die in der Verschmhung der Freude an Gottes Werken und Gottes Gaben hienieden noch ein vermeintlich verdienstliches Opfer darbringen will! O nein, rief Godber, das ist es nicht! Und habe ich auch wol frher dergleichen gedacht, Sie haben mich lngst geheilt von dieser krankhaften Demut, die eine Tochter des Stolzes ist. Aber -- Maria wird nie an meiner Brust glcklich werden. In jeder Wolke, die meine Stirne trbt, wird Idalia vor ihr stehen; aus jedem Gedanken, dem ich achtlos nachhnge, wird sie diesen Namen herauslesen. Von bangen Trumen in ihrem Schlummer gestrt, wird sie meine Trume belauschen, und ich werde an ihrer Seite in der bestndigen Furcht wandeln, ihren Zweifeln an meiner Liebe einen, wenn auch unschuldigen Anla zu geben. Es wre ein Anderes, wenn wir uns vorher nie gekannt htten; aber ein Treubruch lt immer einen Stachel zurck, den oft die aufmerksamste Liebe nur tiefer drckt, weil sie dem einmal so bitter Getuschten als Berechnung erscheint! Hold wute hierauf nicht Viel zu erwidern, und vielleicht hatte Godber Recht. Wenigstens machte Hold die Bemerkung, da Maria wol Aehnliches im Sinne tragen mochte; denn auch sie warf jede Hindeutung auf Wiederherstellung des frheren Verhltnisses mit einem Kopfschtteln weg, das bei der jetzigen Lage der Dinge kaum dem Zweifel an Godber's Werbung um ihre Hand gelten konnte. Im Uebrigen war in ihrem ganzen Wesen ein so kindlich heiterer Friede, da wer, unbekannt mit ihren bittern Erfahrungen, sie sah, fr die Unbefangenheit einer hoffnungsvollen Jugend halten mute, was die Frucht vlliger Ergebung in den Willen des himmlischen Vaters und der Spiegel eines gottseligen Herzens war. La uns von der Zeit, sagte Hold zu seiner Gattin, die Lsung dieses Knotens erwarten! Von der Zeit? Ja, wenn die Zeit nur unser wre! XXIII. Und solche Nacht, die bleibt im Leben Ein Denkmal, das auf Felsen ruht; Der Schein, den sie in's Herz gegeben, Verlischt in keiner Thrnenflut. So kam der dritte Februar 1825 heran. Wir stehen in der nachfolgenden Erzhlung wieder fast ganz auf dem Boden der Geschichte, deren Schuld es ist, wenn Manches dem Leser als zu khnes Gemlde der Phantasie erscheinen sollte, was doch nur die Erfahrung an die Hand gab. Es ist gerade da, wo die Begebenheiten in's Gebiet des Wunderbaren hinberstreifen, am sorgsamsten darauf gehalten, nur die ungefrbte Thatsache zu geben, und deswegen auch der Stoff fr die folgenden Schilderungen allein aus der Geschichte jener furchtbaren Nacht der Trbsal in der Gemeinde des Verfassers genommen. Heftige Strme aus Nordwesten trieben die Fluten ber das Land hin, so da selbst bei der Ebbe die Hallig vom Meere bedeckt blieb. Doch gewhnt an solche Strme, und ihre Kraft und Richtung vergleichend mit frheren, glaubten die Halligbewohner diesmal Nichts zu frchten zu haben, und whrend die Wogen an die Werften heranbrausten und die Htten erzitterten vor dem Anprall der Windsbraut, legten die Meisten am frhen Abend sich ruhig nieder. Hold sa noch etwas spter auf, beschftigt mit einer literarischen Arbeit. Seine Gattin, die in einigen Monaten zum zweiten Male Mutter zu werden hoffte, schlummerte sanft in der Nebenkammer an der Seite ihrer Erstgeborenen. Da trat zu Hold's Erstaunen Maria leise in's Zimmer. Das Wasser steigt hoch, sagte sie mit bebender Stimme. Wie! rief Hold, und dmpfte aus Besorgnis fr die Ruhe seiner Frau schnell den Ausruf des Schreckens: Gegen zwei Uhr ist erst Flut! Jetzt ist es kaum zehn! Und schon ist beinahe die ganze Werfte bedeckt, fuhr Maria fort. Schon schlagen einzelne Wellen an Godber's Wohnung hinauf, schon hat sich die eine Seite derselben gesenkt. Aus meinem Fenster sah ich ihn vor der Thr. Er blickte so starr nach mir herber. Hold war schnell aufgesprungen und trat mit Maria vor die geffnete Hausthr. Ein wahrhaft blendender Mondschein go sein Licht ber das Meer aus, das mit vollen, breiten Wogen schumend und rauschend, in dunklen Thlern und leuchtenden Hhen wechselnd, sich um die einzelnen Wohnungen gleichsam ber sich selber ausschpfte, als wollte ein Meer das andere berfluten. Gott sei unserer armen Seele gndig in dieser Nacht! rief Hold, und blickte unwillkrlich zurck in dem Gedanken an seine Gattin. Da stand diese schon hinter ihm, und mit einer Fassung, wie sie gerade bei dem weiblichen Geschlecht in Stunden der hchsten Gefahr fast fter gefunden wird, als bei Mnnern, sagte sie, indem sie den Arm um seinen Nacken schlang: Wir sterben doch zusammen, Du und ich und unser Kind. Ich bleibe nicht allein zurck, wie damals, als nur Dich diese Wogen bedrohten! In demselben Augenblick brach ein Teil von Godber's Wohnung hinab in die Flut, und es war vorauszusehn, da der jetzt schon so deutlich werdende schlechte Zustand der Werfte bald den vlligen Untergang des Hauses und den schnellen Tod seines Bewohners herbeifhren wrde. Godber aber schien, obgleich manche zu seinen Fen brandende Woge ihn mit ihrem Schaum hoch bespritzte, ganz unempfindlich fr die Gefahr. Noch stand er, im klaren Lichte des Mondes fast bis zu den Zgen seines Antlitzes kenntlich, auf derselben Stelle, wo Maria ihn zuerst gesehen; aber sein Blick war nicht mehr auf Hold's Wohnung gerichtet, sondern starrte nach der Seite hinaus, wo der Kirchhof lag, von dem freilich kaum mehr der uerste Kamm des ihn umgebenden Walles dann und wann noch sichtbar wurde. Da ein Fach seiner Wohnung niederbrach, strte ihn nicht auf. Maria rief aus angstgepreter Brust ihm zu. Er hrte es nicht. Da -- war es ein zuflliges Ausgleiten auf dem glatten Rande der vom Wellenschlag gepeitschten Werfte, war es bedachter Versuch zu Godber hinzudringen, -- sank Maria in die Flut hinab und tauchte in der nchsten Minute schon gegen zwanzig Schritt von der Werfte aus dem schumenden Berge einer Woge auf und glitt dann wieder in dem langen dunklen Bogen der folgenden Welle fort. Der Schrei des Entsetzens von den Lippen Hold's und seiner Gattin weckte Godber aus seinem Brten. Sein Blick flog rasch ber die Fluten hin in der Richtung, die ihm der gellende Angstruf gegeben, und in demselben Augenblick rauschte die Welle, die Maria trug, wieder empor, und in dem glnzenden Schaumgewlk ihres Absturzes zeigten sich die hocherhobenen Arme und der Kopf der Jungfrau. Da strzte Godber hinein in die rollende See, mit schneller Besonnenheit die Bewegung der Flut ermessend, die glcklicherweise fast gerade auf seine Werfte zutrieb. Einen langen Bootshaken hatte er eben in der Hand gehabt, um sich damit gegen den wtenden Sturm festzustemmen, und dieser diente ihm nun zu einem Ankerhalt in dem Kampfe mit den tobenden Wasserbergen, denen seine Krfte nicht gewachsen waren, whrend er, wo seine Kraft ausreichte seinem Ziele in schrger Richtung entgegenstrebte. Und siehe! da er eben aus dem ihn hochberdeckenden Strudel einer abbrechenden Woge aufathmete, scho von dem Schaumrande der nchsten Wassermauer vor ihm eine dunkle Gestalt herab und schwebte, von der neuen Welle getragen, ihm entgegen, und -- in wenigen Augenblicken stand Godber wieder auf seiner Werfte. Maria hing wie leblos in seinem Arm. So weit waren die ngstlichen Blicke Hold's und seiner Gattin den Bewegungen Beider gefolgt, jetzt erinnerte aber eine hochrauschende Woge, die die Hausflur bersplte, sie daran, die ntigen Vorkehrungen fr die eigne Rettung zu machen. Hold schlo alle Fensterlden fester und verriegelte die Hausthr. Die besten Schafe htten auf den Boden gebracht werden sollen, aber dazu sahen sich Beide ohne anderweitige Hlfe unfhig. Daher wurden nur sonstige wertvolle Dinge, die leichter zu transportieren waren, hinaufgebracht, und um ihr Kind nicht oben der Klte ohne Not auszusetzen, und um bereit zu sein, wenn vielleicht durch kleine Nachhlfe die Thren gegen die heranbrechenden Fluten haltbarer gemacht werden knnten, entschlossen sie sich, so lange als mglich unten zu bleiben. Wol fingen bald leichtere Gegenstnde um sie her zu treiben an, da die Zugnge in's Haus nicht gegen die dasselbe umgebende Wassermasse ganz verstopft werden konnten; aber doch war dem wogenden Element noch kein solcher Zugang geffnet, der demselben eine zerstrende Macht ber das Inwendige der Wohnung gegeben htte. Nur hatte die Pastorin fr jeden Fall ihr Kind in den Arm genommen, das nach einem schlfrigen, aber freundlichen Blick auf die Eltern ruhig fortschlummerte. Diese sprachen wenig, sondern saen neben einander auf dem schweren Eichentisch, der ein Erbstck des Pastorats wol schon fter die See um sich her gehabt hatte, und drckten bei jedem Wogenschlag, der die Grundfesten des Hauses erschtterte, sich fester an einander. In der nchsten halben Stunde trieben schon alle Koffer und Kasten im ganzen Hause, und das Wasser stand an dem Rande des Tisches. Da muten sie sich entschlieen, ihren Platz zu verlassen, um der Bodentreppe zuzuwaten. Allein ehe sie diese noch erreichten, schlug es wie mit gewaltigen Donnerschlgen gegen die Thr an der Westseite des Hauses; diese brach zugleich mit einem ganzen Fachwerk der Mauer ein, und das Vorderende eines mchtigen Balkens drang mit einem rasenden Flutenschwall in's Haus und zersplitterte im furchtbaren Anprall die Bodentreppe. Im starren Schreck standen die Unglcklichen einige Minuten regungslos und athemlos; sie umklammerten sich fest und bargen die todesbleichen Gesichter Einer an des Andern Brust. Da hrten sie laute Klagetne neben sich, und aus dem Halbdach, das jener Balken hinter sich schleppte, und das in dem Augenblick in Trmmer zerri, wurde der Nachbar, dessen Werfte nur in einem geringen Abstande vom Pastorat lag, mit seiner Frau auf das erschreckte Paar hingeworfen. Mein Kind, mein Kind! schrie die Nachbarin mit dem herzzerreiendsten Jammer, als sie sich von der ersten Betubung erholte. Ach! das Kind war auf eine Heudieme festgebunden, da der Vater den Sturz seines Hauses vorausgesehen, und die armen Eltern wuten nicht, ob es von dem Fall der Mauer zerschmettert sei oder mit dem Heu in den Wogen treibe. Mein Kind, mein Kind! schrie die Mutter wieder und wieder, und der Vater jammerte mit ihr. Beide vergaen, da sie, wenigstens fr den Augenblick, gerettet, Beide vergaen, da die nchste Minute auch sie als Opfer der tobenden See auf schumenden Wellen forttreiben knne. Die Lage der Armen ward zur furchtbarsten Angst gesteigert. Um sie her fluteten die Wellen mit schrecklicher Gewalt, schlugen nach und nach alle Seitenmauern im Innern des Hauses ein, warfen sich mit rasendem Spiel die schwersten Lasten wie leichte Federblle zu, und jeden Augenblick in Gefahr, von den umhergeschleuderten Massen zerschmettert zu werden, standen die schon halb dem Tode Verfallenen vor der offenen Bodenluke, von der eine lngere Lebenshoffnung wie neckisch herabschaute, da keine Stiege mehr hinauffhrte. Einige Erleichterung gewhrte es ihnen, da ein Teil der Mauer an der dem ersten Einbruch entgegengesetzten Seite jetzt niederstrzte, whrend gerade hinter ihnen die Wand noch fest hielt. Nun trieben doch wenigstens die bisher ohne bestimmte Richtung umhergeschleuderten Kisten, Balken und Mauerstcke in wildem Gedrnge diesem Ausgang zu, und sie hatten bald nur allein mit den immer hher schwellenden Wogenstrzen zu kmpfen, da nur noch nackte Pfhle um sie her waren. Wre die Wand hinter ihnen gebrochen, dann freilich htten die Wellen auch sie hinausgerissen in die weite Tiefe. Doch immer hher und hher stieg die Flut, und immer gewisser ward der Untergang, auch wenn jene Wand nicht nachgab, da kaum mehr die hchste Anstrengung die Unglcklichen aufrecht zu halten vermochte, und keine Mglichkeit da war, auf den Boden hinaufzukommen; und schon schlugen einzelne Wellen ber ihr Haupt hin; und Hold's Gattin mute das weinende Kind, das sie selbst nicht ihrem Manne abgeben wollte, hher halten, um es vor dem Ertrinken im Arm der Mutter zu bewahren. Aber lange vorher, ehe solche Gefahr von einem Sterblichen geahnt werden konnte, war die Hlfe schon bedacht und bereitet. Das Weinfa, das Mander ihm aufgedrungen, schlug, da vermutlich die Wasser den Grund, wo es gestanden, untergraben, von einer schweren Woge gefat, vorne ber und stand aufrecht gerade vor der so sehnsuchts- und verzweiflungsvoll angestarrten Oeffnung im Boden. Auf diesem Fasse retteten sich die mit neuer Hoffnung nun Beseelten nach Oben. Welche Zuflucht aber? Ein vom Sturm schon hie und da zerrissenes Dach auf schwankenden, von jedem Wellenschlag erschtterten Pfhlen. Rings um und unter sich den emprten Ocean, dessen Wellen ihren Schaum oft hoch ber das zitternde Obdach hinspritzten und reiche Wasserstrahlen durch die Lcher desselben hereingossen. In dieser, gegen die frhere unten im Hause ruhigeren Lage sank Hold's Kleine wieder in ihren sanften Schlummer und wurde selbst nicht von den heien Thrnen erweckt, die aus den Augen der Mutter auf die teure Brde in ihren Armen herabfielen; aber die Nachbarin erwachte hier aus ihrer dumpfen Hingebung und jammerte von Neuem laut um ihren Sohn. Jetzt strzte die Kirche, die mit Hold's Wohnung, wie schon erwhnt, ein Haus ausmachte, zusammen. Es wrde Allen unbemerkt geblieben sein, da im Heulen des Sturmes und im Brausen der Wellen, wie im Knarren und Krachen aller Fugen des Geblks auch selbst des Himmels Donnerschlge aus dem betubenden Gemisch von Tnen nicht heraus gehrt worden wren, wenn nicht mit dem Sturz der Kirche auch an zwei Seiten das noch bisher das Obdach tragende Pfahlwerk weggerissen, und somit nicht allein der Bodenraum auf ein paar schmale Bretter mit einigen Sparren ber sich, um welche das Ried des Daches in Fetzen flatterte, beschrnkt worden, sondern auch eine freie Aussicht nach Norden und Osten hin gegeben wre. Welche Aussicht! Ein weites unbersehliches Wogenfeld, das bald zu einem Bogen sich vor ihnen auftrmte, der ihre Zuflucht mit seiner mchtigen Last mit einemmale niederzumalmen drohte, bald in einem tiefern Zuge darunter hinschumte, als wollte es dieselbe hoch in die Luft drcken und in fliegende Trmmer aus einander sprengen. Dabei jagten sich Balken, Bretter, Kisten, Betten, Wiegen, tote Schafe durcheinander, gleichsam in ngstlichem Wetteifer, wer zuerst eine Ruhesttte hinter den Deichen des festen Landes erreiche, die vom Sturm und Wellenschlag gebotene Richtung verfolgend. Aus diesem Gewirre, welches das Schicksal auch der brigen weiter nach Nordwesten gelegenen Halligen beurkundete, tauchte dann und wann eine Gestalt auf, die den aller Lebenshoffnung Entsagenden ihr eignes Schicksal in einem schauerlichen Bilde malte. Das grelle Licht des Mondes breitete einen frchterlich hellen Schein auf dies Schreckensgemlde, als htte die Nacht darum des Tages Schimmer geborgt, um mitleidlos dem Menschen kein Entsetzen zu ersparen. Von den Husern der Hallig htte nur Godber's Wohnung von der offenen Seite gesehen werden knnen, und diese war verschwunden. Doch sieh! standen nicht dort zwei Gestalten eng umschlungen, gleichsam nur von der Brandung getragen, denn kein fester Punkt war zu sehen, worauf die Fe hafteten. Es waren Godber und Maria. Mit bermenschlicher Kraft schien er sich gegen Sturm und Wogendrang zu stemmen. Er bog sich bald dem Sto der tollen Windsbraut entgegen, da mit ihr die Wasser ganz ber ihn hinrauschten, bald hob er sich und die Jungfrau in seinem Arm wieder empor, um aus dem Wogenschwall herauszuatmen zu neuen Anstrengungen. Aber vergebens! Der Stand unter seinem Fu -- war es ein Mauerwerk, war es Geblk, -- hielt nicht lnger. Eine frchterliche Woge rauschte wie ein gieriges Meerungeheuer heran, und einen Augenblick schwebten Godber und Maria, ein vereintes Paar, als wrden sie so gen Himmel gehoben, noch ber den Wassern und hinauf bis zu dem uersten Hhenschaum der langgestreckten Woge; dann sanken sie hinab in den brausenden Strudel, aus dem keine Rettung mehr mglich. Ueber diesen Anblick hatten die, welche Zeugen des Unterganges der Liebenden waren, ihre eigne Gefahr eine Zeit lang vergessen; aber jetzt dachten sie wieder an sich selbst zurck, wie Leute, die den Tod, den sie selber erleiden mssen, an andern sahen, und die nun die Nchsten in der Reihe der Opfer sind. Furcht vor dem Tode war nicht mehr das vorherrschende Gefhl, obwohl bei jeder starken Erschtterung des schwankenden Asyls diese Furcht mit dem Beben der schauerlichen Erwartung des letzten Augenblicks durch Geist und Gebein flog. In den kurzen Momenten der Erwartung eines neuen Todesboten ging die gewisse Aussicht des Unterganges beinahe in Hoffnung, ja in Sehnsucht auf baldige Erlsung aus der Schreckensstunde durch ein schnelles Ende ber. Nur lenkte Godber's und Maria's Versinken in die Fluten die Gedanken der Nachbarin wieder auf den Verlust ihres Kindes, von dem sie auch nicht anders erwarten konnte, als da es zum Spiel der Wellen eine Leiche auf dem Meere treibe; und ihr Jammer wurde von Neuem laut. Da verfinsterte sich die Aussicht, als zge eine dunkle Wolke vorber. Es war eine Heudieme, die noch von dem Flechtwerk, an welchem von beiden Seiten schwere Lasten herabhingen, zusammengehalten wurde, nun aber an einen vorragenden Balken hinangeschleudert, berschlug und aus einander ging. Der obere Teil scho unter das Dach, und berschttete die auf dem Boden liegenden mit nassen Heuhaufen. Und siehe! zu den Fen der Mutter lag ihr lngst verloren gegebenes Kind lebend und unverletzt! O, wer fat die Wonne der Eltern. Mit tausend Kssen bedeckte sie den Knaben, mit Lob und Dank feierten sie des Herrn Gte und Barmherzigkeit. Jeder Gedanke, da der Tod Allen noch immer gleich nahe sei, war verschwunden. Selbst Hold und seine Gattin hob die Teilnahme an der Freude der Eltern zu einer vlligen Vergessenheit der gemeinsamen Lage; und htte in diesem Augenblick das leichte Geblk dem Sto der Wellen nachgegeben, sie wrden mit einander, noch voll von der Wonne des Entzckens ber die Rettung des Kindes, von den Fluten bedeckt worden sein. Als die Gedanken an die durch jene Rettung nicht verminderte Gefahr zurckkehrten, war diese schon vermindert. Der Sturm tobte nicht mehr so heftig und snftigte sich mit jeder Minute. Die Wogen gossen nicht mehr so gewaltige Massen ber das gebrechliche Dach aus und rauschten bald nur noch darunter hin. Doch wurde der Jubel der mit neuer Lebenshoffnung Erfllten dadurch sehr gemigt, da die Sttzen der wenigen Querbalken und Bretter, durch die sie ber der Tiefe gehalten wurden, jetzt kaum mehr auch den kleinsten Sten und Schlgen gewachsen schienen, sondern heftiger als vorher schwankten und in ihre Fugen sich mehr und mehr lsten; ja da mit dem Rckgang der Flut der Grund, auf dem die tragenden Stnder ruhten, in groen Brchen abfiel und daher die eine Seite des kleinen Bodenraums sich so sehr neigte, da es den Bedrngten nur durch das Umklammern der einzeln stehenden Sparren allein mglich ward, sich noch eine Zeit lang auf den schrgen und glatten Brettern zu halten. Das Meer aber schlug noch mit einzelnen schweren Wogenzgen nach der Beute hinauf, die es ungern zurcklie, und whlte, als es immer tiefer sank, den Grund um die Sttzpfhle so gierig ab, da diese fast allen Halt verloren, und die Gefahr der bis dahin gesparten Opfer jetzt erst den hchsten Grad erreichte. Je hher deren Hoffnung gestiegen, das Leben zu retten, desto ngstlicher ergriff sie der Gedanke, nun der immer mehr und mehr abfallenden Macht der Sturmflut doch zuletzt noch zu unterliegen. Wie langsam flossen die Minuten hin! Wie langsam ging die See zurck! Doch die Zeit zhlte sich an dem Pulsschlag der pochenden Herzen ab, und nach sechs Stunden, in denen jede Minute ein Todesbote in der furchtbarsten Gestalt gewesen, standen die Geretteten wieder auf dem Boden der Mutter Erde. XXIV. Gott siehet herab! und -- horch! die Wetter schweigen, Errettung kommt, woher Verderben kam; Des Tages langersehnte Blicke zeigen, Wie Gott uns schtzte und was Gott uns nahm. Aus der Ueberschwemmung 1825. Aber mit welchen Gefhlen sahen sich die dem Tode Entronnenen auf der Sttte ihres frheren, bei allen Entbehrungen ihnen doch so freundlichen, huslichen Stilllebens! Wer mchte sie richten, da nicht gleich der erste Aufblick Dank war. Kaum konnte das Leben als eine willkommene Gabe erscheinen, da ihnen Alles genommen, was das Leben in dieser Erdenzeit zur Erhaltung und zum Genu fordert. Ausgeschwemmt war der Boden, wo die Mauern des Hauses gestanden, die das gengsame, und darum so reiche Glck eines liebenden Paares umschlossen. Das Gotteshaus war fort und damit der Verknder des Evangeliums in dem innersten Leben seines Berufes auf's Tiefste verwundet und von seinem zweiten Heiligtum, von dem stillen Herde seines huslichen Glcks, waren ihm nur einige Trmmer geblieben, die kaum noch die Sttte desselben bezeichneten. Er und seine Gattin sahen mit Thrnen auf die Verwstung. Er gedachte seiner Bcher, auch nicht eins war ihm geblieben; sie dachte an die tausend kleinen Mittel und Zeugnisse der Wirtschaftlichkeit, auch keine Spur war brig gelassen, woran sich ein neuer Hausstand anknpfen lie. Was Beide verloren, konnte eine Geldrolle aufwiegen; aber die Freude an Dem, was sie unter Sorgen und Mhen erworben, die Liebe zu Dem, was freundliche Erinnerungen ihrem Herzen teuer gemacht, das Band, mit welchem die Gewohnheit uns auch an ein sonst wenig beachtetes Eigentum bindet, die alte Traulichkeit, mit der uns ein Besitz anblickt, der gleichsam als treuer Freund und Genosse zu den Freuden und Leiden unseres huslichen Lebens gehrt, das Alles konnte kein Gold wieder erstatten. Und wre dies auch mglich gewesen, woher der Ersatz? Standen sie nicht arm und blo da? -- Ohne Aussicht fr die Zukunft! Ohne Aussicht auch nur fr des Tages Bedrfnis! Das Leben aus der tobenden See gerettet, mute es nicht vielleicht schon in den nchsten Tagen dem Hunger und dem Froste unterliegen? Durften sie jetzt schon vertrauend hinberblicken zu den Ksten des festen Landes, von wo die Hlfe kommen sollte, ehe sie wuten, wie weit die Ueberschwemmung sich auch ber Deiche und Dmme ergossen, wie weit die Milde und die Mittel ihrer Nebenmenschen reichen und wie schnell die Blicke von jenen Ufern auf ihren Zustand geleitet werden wrden? Hatte doch wohl damals Keiner in unserm Vaterlande erwartet, da fr die Halligen so viel rasche Thtigkeit sich entwickeln, so reichliche Untersttzung ihnen zuflieen werde, als die Folge bewhrte; wie viel weniger konnten im ersten Augenblick, in dem vollen Gefhl ihrer furchtbaren Lage, die unglcklichen Halligbewohner selbst erwarten? Hold und seine Gattin weilten trostlos auf der nun wsten Sttte ihres frheren Glckes, und ihr Kind weinte vor Klte. Sie wandten ihre Blicke umher und allenthalben sahen sie dieselbe Verwstung. Leere Werften oder noch einzelne Pfhle hier und da, die ein zerrissenes Dach trugen! Nur eine Wohnung war weniger zerstrt und konnte einigermaen noch Schutz und Obdach bieten. Dahin lenkten sie ihre wankenden Schritte. Als Hold von der zerlcherten Werfte hinabstieg, bemerkte er eine Platte von dem umgestrzten eisernen Ofen, unter der ein Buch hervorragte. Und er stand still, und eine dunkle Rte, wie die Glut der Scham, go sich ber sein bleiches Gesicht. -- Dann aber flossen seine Thrnen strker, doch aus den Thrnen hob sich ein leuchtender Blick zu dem umwlkten Himmel. Er fate die Hand seiner Gattin, drckte sie fest und innig und sprach: Siehe, da redet der Herr wieder zu uns! Nein, und damit schlo er Weib und Kind in seine Arme, wir wollen nun und nimmer verzagen. Er will, da wir Ihn hren. Wie klar hat Er auf's Neue geredet! Er selber hat mir am Abend zu schreiben gegeben, was mir am Morgen dienen sollte zur Strkung meines schwachen Glaubens. Und nun erzhlte er auf dem Wege zu der Zufluchtssttte, was er in das Buch seiner Gesichte, denn dies war das gefundene, am gestrigen Abend zuletzt geschrieben: Und wieder war der Himmel geffnet wie in der Zeit, da Jakob, der Sohn Isaaks, schlummerte auf dem Felde. Aus dem lichten Gewlk, das den Eingang zu der Sttte der Engel, die das Antlitz Gottes schauen, umwallte, ging herab die Himmelsleiter hinein in die schweigende Nacht der winterlichen Erde. Die Strebesulen der Leiter waren wie zwei breite, von Morgendften umflossene Sonnenstrahlen, und die Stufen wie Mondenschimmer, durchblitzt von Sternenlicht. Niederstieg ein Bote Gottes, anfangs anzuschauen wie ein weies, duftiges Gewlk, das sich wieget am Sommertage in dem blauen Himmelsmeer; dann nher zur Erde schwebend erschien seine Gestalt, wie den Himmlischen die Gestalt einer frommen Seele erscheinen mag, wenn sie in dem verklrten Leibe, fr den unser Auge keinen Blick hat, der Heimat beim Vater zueilt. Mein Auge aber sollte geffnet werden, den Engel zu schauen auch in dieser Gestalt, denn eine feurige Kohle war mir bereitet in des Vaters Rat, weil meine Schwachheit gezagt hatte in Sorgen der Nahrung. Und der Engel betrat die Erde, winkte und schwebte mir voran leise und leicht, wie Sommerfden durch die Lfte ziehen. Wir wandelten ber Berg und Thal hin durch die stille Winternacht, und mein Fu strauchelte nicht auf der glatten Eisdecke und wurde nicht mde in dem weichen Schnee, als berhrten meine Sohlen nicht den Grund unter mir. Auch an einzelnen nchtlichen Pilgern kamen wir vorber, aber sie sahen uns nicht, denn auch meine Gestalt war vor Menschenaugen nicht da. Kam es mir doch selber vor, als htte ich den schweren, dunklen Erdenschatten zurckgelassen auf seiner Schlummersttte, und es pilgerte meine Seele in dem Kleide der zuknftigen Heimat. So kamen wir in eine groe Stadt und die Thore ffneten und schlossen sich ohne Gerusch, wie eine Nebelwand auseinanderfliet und den Sonnenstrahl durchlt, der, eine schlummernde Knospe zu wecken, mit raschem Blick auf die Flur niederleuchtet. In den Straen war es de und still, und wir schritten durch die langen Huserzeilen wie zwei Lustwandler, die, versptet auf ihrer Ausflucht, nun die Pforten ihrer Wohnung verschlossen fanden und eine gastliche Sttte suchen bei einem entfernten Freunde. So wandelte der Engel Gottes mit mir durch die weite Stadt, und die da schliefen in den hohen Palsten, trumten von dem Reichtum, den Ehren und den Wollsten dieser Erde, wie zuvor; und die da schliefen in den Htten der Armut, sorgten auch im Schlafe in Sorgen der Nahrung und waren voll Neid und Gier, wie am Tage; aber der Engel Gottes ging vorber und Niemand merkte ihn. Nur ber des Kindleins Angesicht, das noch unbekannt mit der Welt in der Wiege schlummerte, und noch nicht wute, ob es reich oder arm geboren sei, mochte ein Lcheln hinwallen, schner und lieblicher, als das Lcheln der Braut, die im Traum den Verlobten sieht. Da lag am andern Ende der Stadt eine hohe Kirche, deren schlanke Thrme sich in die Wolken streckten, durchbrochen vom leuchtenden Schein des Mondlichts, und deren breite Seiten und Sulenhallen dahin gebaut schienen, um die dahinterliegenden engen Gchen, die Heimat der Elenden und Verachteten, zu bedecken. Durch die hohen Fensterbogen glnzte Lampenschimmer, und wie wir an der gewlbten Pforte standen, lutete ein liebliches Glockenspiel zur Frhmette. Mich ergriff das Gelute vom Thurm und der Gesang der Priester am Altar mit heiligen Schauern, und es drngte mich hineinzugehen mit den einzelnen Andchtigen, die zum Gebet eilten. Der Bote Gottes aber winkte zu bleiben und wandte seinen Blick hinauf zu dem Gesimse des stattlichen Tempels. Da fiel ein Sperling, erstarrt in dem scharfen Winterfrost, herab vom Dache zu den Fen des Engels. Dieser aber hob ihn auf und barg ihn mitleidig in die Falten seines Gewandes, ihn zu erwrmen an seinem Busen. Und als ob damit sein Geschft aus wre an dieser Sttte, schritt er rascher, und wie es mir schien, mit freudigerem Antlitz weiter vorwrts, hinein in das gechtete Viertel der Stadt, hinein in die dunklen, schmalen und gewundenen Gassen bis an die uerste Ringmauer. Da stand eine Htte, also verfallen, da mir bange war, nur vorberzugehen. Aber der Bote Gottes ging hinein und ich mute ihm unwillkrlich folgen. Eine morsche Stiege hinauf, und noch eine, da traten wir in eine schmale Bretterkammer unter dem Dache. Das einzige Fenster der rmlichen Behausung hatte ber die Ringmauer hinweg die Aussicht auf das offene Feld und bot mit seinen geborstenen Scheiben dem rauhen Winde freien Eingang, zugleich aber auch dem vollen Mondstrahl, also da ich alle Gegenstnde deutlich erkennen konnte, als wre es heller Tag. Vielleicht mochten auch meine Augen klarer sein, denn sonst. Auf dem Strohlager in der einen Ecke lag ein Sterbender, ich hrte es an dem Rcheln seiner Brust. Ach! er war der Versorger, der einzige, letzte Versorger der Seinen, die um sein Lager standen, sein Weib mit sechs Kindern und das siebente an ihrer Brust. Die Kinder rangen die Hnde und weinten laut. Die Mutter aber blickte mit dem bleichen, starren Antlitz vor sich hin und hatte keine Thrne mehr. Nur der Sugling lag am Busen der Verzweiflung und sog die wenige Nahrung. Der Sterbende richtete sich mit matter Anstrengung auf und blickte mit den hohlen Augen hin auf die Seinen. In allen seinen Zgen lag die martervolle Sehnsucht nach einer Trstung fr sie, er pflckte krampfhaft mit den hagern Fingern in den Strohhalmen vor ihm, als hoffte er, noch eine Aehre zu finden, die ihn erinnere an den Gott, der den Hungrigen Brot giebt; aber die Halme waren leer, und sein Seufzer ward zum Verzweiflungsgesthn. Die Kinder weinten lauter, und der Mutter brachen die Kniee, da sie niedersank neben dem Gatten. Wohin fhrst Du mich? sprach ich leise zu dem Engel. Hilf hier, wenn Du kannst, oder la uns von hinnen gehen, la mich weinen ber das Elend des menschlichen Lebens. Der Engel aber antwortete, und seine Worte tnten wie das Wehen, das dem erwachenden Morgen vorangeht: Das Auge unseres himmlischen Vaters schauet herab auf alle seine Kinder im Staube. Die Hlfe ist in seinem Rat. Er wird auch hier Keinen verlassen und versumen. Ich aber bin von ihm nur gesandt, da die Seele des Sterbenden im Frieden von hinnen fahre. Bei diesen Worten lftete er die Falten seines Gewandes, und der Sperling, neubelebt an seiner Brust, flatterte hervor und dem Fenster zu. Auf der Fensterbank lag der Rest einer Brodrinde, der letzte Vorrat der Armen. Und der hungrige Vogel lie sich nieder und machte sich an die Brodrinde, und pickte geschftig eine Krume nach der andern ab. Da flo es wie ein Strahl der Verklrung ber das Antlitz des Sterbenden. Sein Auge beobachtete mit leuchtendem Blick jede Bewegung des Vogels, der bald an die eine, bald an die andere Seite hpfend von der gefundenen Nahrung kostete. Und immer glnzender spiegelte sich die Freude, immer seliger der Friede in den Zgen des dem Tode nahen. Hher richtete er sich auf, als wre ihm die jugendliche Kraft zurckgekehrt, eine Thrne des Dankes schimmerte in seinem nun zum Himmel gewendeten Auge; Vertrauen, Zuversicht, Hoffnung thronten auf seiner heitern Stirn. Dann schaute er zurck auf die Seinen, streckte die Hand aus ber die Gattin und die Kinder hin, wies auf den Sperling am Fenster und rief mit voller, fester und klarer Stimme: Sehet die Vgel unter dem Himmel an: sie sen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen und euer himmlischer Vater nhret sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr, denn sie? Er sprach's und sah nur noch, wie aus der Gattin Auge, das so lange thrnenleer gewesen war, wieder eine milde Zhre flo, da -- schied seine Seele in Frieden. XXV. Hinauf zum Himmel, tiefgebeugte Seele, In Thrnen reift die Saat der Ewigkeit, Da sich der Mensch das bessre Teil erwhle, mahnt ihn des irdischen Vergnglichkeit: Das Zeitliche vergeht der Zeit zum Raube, Doch ewig bleibt die Liebe und der Glaube. Aus der Ueberschwemmung 1825. Am Morgen nach dieser Nacht der Verwstung war die ganze Gemeinde, Mnner, Frauen, Greise, Kinder, in dem einen Hause versammelt, das allein noch obdachfhig geblieben war! Alle brigen Wohnungen waren teils gnzlich weggerissen, teils zu einem blosen Pfahlwerk geworden. Welche Aussicht fr die Zukunft der unglcklichen Halligbewohner! Hab und Gut und Herden dahin! Fr die kommenden Tage kein Obdach, kein Erwerb; fr den Augenblick nicht einmal trockene Kleidung und Nahrungsmittel! Krankheit, Hunger, Frost, Ble, Verzweiflung oder Tod in den Wellen mit der nchsten wiederkehrenden Flut: das war das Geschick, dessen Vorboten schon zu nahe waren, um sie zu bersehen. So lange noch nicht Alle die Zuflucht erreicht hatten, gaben die Erzhlungen der einzeln Ankommenden immer neue Nahrung zur lauten Bewunderung der gttlichen Macht und Gte. -- So war unter Andern eine Frau mitten in der ernsten Stunde, die zum ersten Male ihre mtterlichen Hoffnungen erfllen sollte, von den Wellen auf ihrem Lager berrascht worden. Auf den Boden getragen, strzte sie mit dem niederbrechenden Hause auf eine Heudieme hin. Hier klammerte sie sich an und hielt, von schweren Balken belastet, die mit jeder Woge sich hoben und senkten, die ganze Nacht aus, watete dann gegen Morgen bis ber die Kniee im Wasser hin zu dem Hause, in welchem sie jetzt sogleich nach ihrer Ankunft eines gesunden Kindes[3] genas. -- Als aber, auer Godber und Maria, Niemand mehr fehlte, wandten sich Aller Gedanken und Gefhle auf den Verlust, den sie erlitten, auf die Hoffnungslosigkeit ihres Zustandes, und Alle klagten, weinten und schluchzten mit einander. Nur Hold, dessen Aussicht fr die Zukunft, nach Ueberwindung der ersten Not, weniger betrbend war, der seit dem Antritt seines gefahrvollen Kirchendienstes auf der Hallig sich oft hnliche Lagen gedacht, und den der Herr, wie wir gesehen, bereits mchtig getrstet in seiner Trbsal, gewann bald wieder das Gedchtnis der Verpflichtungen, die sein Amt ihm auferlegte; und nie war ihm die Herrlichkeit seines Berufes so klar gewesen, als sie ihm in diesen Stunden ward. Er wandte sich bald an Alle, bald wieder an Einzelne; machte auf die wahrhaft wunderbaren Errettungen aufmerksam, von denen vorher Einer dem Andern erzhlt; suchte das Vertrauen zu dem Vater zu wecken, der die Vgel unter dem Himmel nhrt und die Blumen des Feldes kleidet; zeigte, wie so viele kstliche Sprche gleichsam gerade fr die Lage geredet seien, in welcher sie sich befnden, und ermunterte, da seine ersten Vorstellungen, eine Zuflucht auf dem festen Lande mit Hlfe des einzigen Schiffes zu suchen, das noch unzertrmmert an seinem Anker lag, zurckgewiesen waren, nun selbst dazu, mit voller Hingebung auf dem geliebten Boden der Heimat Alles zu erwarten, was im Rate Gottes beschlossen sei. Dem Tiefgebeugten flo seine Rede wie Manna in der Wste und erinnerte ihn an den glimmenden Docht, der nicht verlischt, an das geknickte Rohr, das nicht zerbricht. Die Verzweifelnden strafte er mit mchtigem Wort: Demtiget Euch unter die gewaltige Hand Gottes! Wer ist jemals zu Schanden worden, der auf Gott gehoffet? Wer ist jemals verlassen, der in der Furcht des Herrn geblieben ist? Haben wir Gutes empfangen von Gott, warum sollten wir denn auch nicht Uebles annehmen? Darum seid geduldig in der Trbsal! Und ber Alle hin rief er: Wenn ich nur Dich habe, Allmchtiger, so frage ich nichts nach Himmel und Erde. Wenn mir auch Leib und Seele verschmachten, so bist doch Du, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Heil! Allmlig gewann seine Trstung Eingang in die bekmmerten Gemter, immer mehr schlossen sich ihm an und stimmten in seine Reden ein; und die Klagen verstummten, die Thrnen flossen linder, und die Seufzer wurden zu stillen Gebeten. [Funote 3: Dieser Knabe, in dem Kirchenbuche der nun der nchstgelegenen Insel zugepfarrten Gemeinde das vorletzte Kind, -- die nach dem frhen Tode der erstgeborenen jetzt lteste Tochter des Verfassers dieser Novelle ist das letzte, -- wurde in der Taufe: Johannes (Gott ist gndig) genannt.] Nun mahnten Frost und Hunger, eine nhrende und wrmende Speise zu bereiten. War es auch mglich, ein Feuer anzuznden, so fehlte es doch an Nahrungsmitteln, die nicht vllig vom Meerwasser durchnt waren, und vor Allem fehlte es an sem Wasser zum Kochen, da die Ueberschwemmung alle Brunnen mit ihrer Salzflut gefllt. Doch Hold erinnerte an das Weinfa, das ihm und den Seinen zur Rettung gedient, und einige junge Leute gingen hin, es zu suchen. Diese stieen bei ihrem Herumwandern auf Godber's Leiche, die ihren Ruheplatz in der durch die Sturmflut wieder aufgerissenen Gruft des Kapitns und der beiden Matrosen gefunden hatte. Gleichsam als sicheres Zeichen der Vershnung war er also gebettet! Htte er sich selber eine Grabsttte whlen sollen, er wrde keine andere gewhlt haben. Der Mensch ist in Stunden besonderer Aufregung gar leicht geneigt, dem Zusammentreffen einzelner Umstnde eine tiefere Bedeutung unterzulegen, als es vielleicht fr ihn haben sollte. Wir wollen daher gern dem Leser das Urteil frei lassen, ob Hold Recht hatte, als er spter im Gesprch mit seiner Gattin ber die Auffindung der Leiche Godber's in jener Gruft seiner frheren Schiffsgenossen sich dahin uerte: Mir ist, als habe Gott mir dadurch eine groe Beruhigung geben wollen. Ich kann nun an Godber denken ohne den geringsten Zweifel, da ihm vergeben ist. Diese Vereinigung im Tode mit allen Denen, welche er mit Recht oder Unrecht als Opfer seiner Untreue betrachtete, kommt mir als eine bejahende Antwort vor auf die Frage der Ueberlebenden: >Ist seine Reue angenommen im Gericht?< Wir sollten in Frieden sein gedenken, darum sahen wir seine Leiche in Frieden schlummern neben Denen, deren Tod sein Gewissen beunruhigte. Ich wenigstens mu Gott danken, da Er es also gefgt, und mchte um keinen Preis Godber's Leiche an einer andern Stelle gefunden wissen. Er mute erst den Weg dahin machen, wohin ihn die Shne rief. Maria gehrte nicht dahin. Darum wurden ihre Leichen getrennt. Mit ihr vershnten ihn die letzten Augenblicke seines Lebens; und sie sind nun vereint in den ewigen Htten. Gewann unsere Erzhlung Deine Teilnahme, lieber Leser, so scheide auch Du von Godber, ohne mit Unwillen seiner Schwche zu gedenken. Wer hat die Gewalt der Leidenschaft ermessen, deren lodernde Flamme oft in einem unseligen Augenblick Alles verzehrt, was an Pflicht und Treue wir unser nennen, und wir stehen vor dem Aschenhaufen und fragen verwundert: Wie konnte es doch so kommen? Richten wir uns selber, dann sei keine Strenge zu streng; urteilen wir aber ber Andere, dann flstere das Bewutsein unserer Schwachheit das Gebet uns zu: Herr, fhre uns nicht in Versuchung! Das gesuchte Fa ward glcklicherweise wohlbehalten aufgefunden, geffnet, und darauf wurden in Wein die vorrtigen Nahrungsmittel gekocht, deren Genu nun den Durchnten und Durchklteten eine erquickende Lebenswrme zurckgab. Bis hieher hat der Herr geholfen! rief Hold, nachdem Alle gesttigt waren. Lasset uns hinziehen zu der Sttte, wo Sein Heiligtum stand, da wir Ihm dort danken, wo wir so oft Seinen heiligen Namen angerufen haben. Dort im Angesicht der Zerstrung alles Dessen, was wir von Ihm hatten an zeitlichem Gut, wollen wir Ihn preisen, da er unsere Lieben erhalten und Seine Liebe uns bewhrt auch da, als Seine Hand schwer auf uns lag. Und er stimmte aus Luther's Kernliede: Aus tiefer Not schrei' ich zu Dir! die folgenden Verse an, in welche die ganze Gemeinde auf dem Zuge zu der Sttte, wo die Kirche gestanden, mit einfiel: Und whrt es auch bis in die Nacht, Und wieder an den Morgen, So soll mein Herz an Gottes Macht Verzweifeln nicht, noch sorgen. So thut der Fromme rechter Art, Der aus dem Geist erzeuget ward, Und seines Gottes harret. Ob bei uns ist der Snden viel, Bei Gott ist viel mehr Gnade. Sein Arm zu helfen hat kein Ziel, Wie gro auch sei der Schade. Er ist allein der gute Hirt, Der Israel erlsen wird Aus seinen Nten allen. Als Hold die Kirchenwerfte betrat, die kaum in ihrer Zerstrung noch eine Werfte heien konnte, und auf der auch kein Stein und kein Balken zurckgeblieben, die daran erinnern konnten, da hier ein Haus gestanden, war das Erste, das ihm in die Augen fiel: Maria's Leiche. Diese mute mit der rckgehenden Flut hierher getrieben sein und lag in einer der Hhlungen der zerrissenen Werfte in einer fast sitzenden Stellung, so da sie beim ersten Anblick als eine Lebende erschien, die hier einen Schutz vor den rauhen Winden gesucht. Alle drngten sich um Hold her, als er sich mit einer Thrne im Auge ber den Leichnam niederbeugte. Er war so weich und wehmtig geworden, da er die freudige, gottvertrauende Stimmung, in welcher er die Gemeinde hierhergefhrt, vergebens wieder suchte. So war denn dies jugendliche Leben dahin, das vom irdischen Glck nur getrumt. Als der Traum in Erfllung gehen sollte, breitete der Morgen seinen scharfen Winterfrost ber die Blten der brutlichen Hoffnung und sie welkten alle. Auch Du mit Deinem bescheidenen, einfachen Wesen, die Du geschaffen schienst, um friedlich ber die Erde hinzugehen, unbeachtet vom Geschick, das die stolzen Herzen trifft und die reichen Gemter prft, auch Du mutest bluten, ein stillduldendes Opfer der von Leidenschaften bewegten Welt. Doch der Stern eines schnern Morgens war ja aufgegangen in Deinem Herzen und weckte Blten, die die Erde nicht geboten, wider die der feindliche Winterfrost nichts vermochte, die von dem Tau des himmlischen Friedens und von den Thrnen des irdischen Schmerzes zugleich genhrt, nur desto reicher sich entfalteten und desto lieblicher aufdufteten der Heimat zu. Nicht in ein anderes Land ist Deine Seele bergegangen, sie war ja schon hienieden losgebunden von den Fesseln zeitlicher Wnsche, war hienieden schon eine Pilgerin nicht zum Himmel, sondern im Himmel. Die Thrne, die auf Deine Leiche fllt, gilt nicht Dir, deren Glaube zum Schauen geworden ist, sie gilt der Welt, die nicht einmal fr Dein anspruchsloses Herz eine ruhige Sttte hatte. Ja, wir sind Gste und Fremdlinge auf Erden! Indem Hold sich tiefer hinabbeugte, weniger um die Tote nher zu betrachten, als vielmehr, um seine Thrnen zu verbergen, sah er neben Maria den goldenen Abendmahlskelch liegen, der seit 1459 der Gemeinde gedient[4]. Dieser Fund ergriff ihn wie eine Botschaft aus der Hhe. Mit siegender Kraft kehrte sein heiterer Glaubensmut in seine Brust zurck. Er fate schnell das ihm und der Gemeinde so werte Kleinod, hob es hoch empor in der Linken, whrend seine Rechte wie segnend ber den Huptern der ihn umgebenden Gemeinde lag. Sein freudeverklrter Blick ruhte am Himmel, durch dessen leichte Wolken eben die Sonne brach, deren Strahl die grause Zerstrung umher beleuchtete, zugleich aber ber das Antlitz Hold's einen Schimmer ergo, in welchem sich seine innere Gottesfreudigkeit klar und glnzend abspiegelte. So stand er auf der hchsten Stelle der zertrmmerten Werfte, den Mittelpunkt eines wunderbaren Gemldes bildend. Zunchst an ihm Maria's Leiche in halbsitzender Lage, wie eine fromme Schlerin zu den Fen ihres Lehrers, das Gesicht mit dem mildesten Frieden des Todes in den Zgen gleichfalls dem Himmel zugewendet. Die Gemeinde ringsum in den mannigfaltigsten Stellungen mit mehr oder minder deutlichen Zeichen der Ermattung; Alle nur in leichter Kleidung, der man die Verwirrung der Nacht ansah, die Mnner mit freiem Nacken und offener Brust, die Frauen und Mdchen mit dem langen, nassen Haar, das ber die Schultern herabfiel; bei dem Einen das Antlitz ganz verklrt im Aufschauen zum Herrn, bei dem Andern ein Zug von Trauer und Wehmut beim neuen Anblick der Vernichtung ihres irdischen Glckes; die Kinder furchtsam umschauend und den Eltern sich anschmiegend, als shen sie die Schreckbilder der vergangenen Nacht noch einmal zurckkehren. Dabei die zerrissene Werfte, hier in tiefen Hhlungen ausgewaschen, dort in steilen Abbrchen und herumliegenden Erdhaufen einem gesprengten Festungswall gleichend. Auf der einen Seite das halbgesunkene Balkengerst, der einzige Ueberrest der Wohnung Hold's; auf der andern die Aussicht ber die glatte Flche des Landes hin, voll zerstreuter Trmmer, die durch einzelne Streifen des am Morgen gefallenen Schnees von dem dunklen, feuchten Grunde gehoben wurden. Weiterhin das Meer, dessen Wellen nach der Erschtterung des letzten Sturmes noch in ungewhnlicher Bewegung waren und die Macht bezeugten, die solche Zerstrung angerichtet. Das Ganze gab ein Gemlde, das in seiner Wahrheit jede Schpfung der Phantasie weit hinter sich zurcklie. [Funote 4: Dieser Becher befindet sich jetzt in der Kunst- und Antiquittenkammer in Kopenhagen.] Frchte Dich nicht, Du kleine Gemeinde! rief Hold. Siehe der Herr ist Dir nahe! Wie der Regenbogen nach der Sndflut der Welt ein Zeichen und Zeugnis war, da Gottes Gnade fortan grer sein werde als ihre Schuld, so giebt Gott uns diesen Kelch, der so vielen Geschlechtern gedient, und der so manche Sturmflut berdauert hat, heute wieder zum Zeichen und Zeugnis, da er sich unser erbarmen will mit alter Lieb' und Treue. Frchte Dich nicht, Du kleine Gemeinde! Der Gott, der Jesum Christum in die Welt gesandt, da Er den Kelch der Vershnung flle mit Seinem Blute, der Gott spricht durch dies Gef der heiligsten Feier zu Dir: Ich will Dich nicht verlassen, noch versumen! Herr, wir halten fest an Deinem Worte! Herr, wir bauen auf Deine Zeugnisse! Wer mag noch daran gedenken, was diese Nacht ihm genommen? Wessen Brust ist nicht durchstrmt von dem Trost aus der Hhe? Wessen Herz schlgt nicht kindlich froh dem Vaterherzen droben entgegen? Er hat Seinen Boten vorausgesandt, diesen Kelch. Er ist da und teilet einem Jeden aus Seiner reichen Flle. Er ist da und mit Ihm weltberwindende Kraft und freudige Hoffnung. Er ist da, Du Tochter Zions, und hat aufgerichtet in Deinem Herzen Sein Heiligtum, dessen Grund ist der Fels der Zuversicht, dessen Sulen sind Licht und Gnade, dessen Altar ist Verheiung dieses und des zuknftigen Lebens, dessen Zinne ist Friede und Seligkeit. Arm und hlflos, wie wir aus dem Mutterschoe hervorgegangen sind, stehen wir wieder vor Ihm. Er will uns neugeboren werden lassen, da wir fortan ganz die Seinen sind, genhrt nur von der lautern Milch des Glaubens, stark nur in Seiner Strke, reich nur in Seinem Reichtum, selig nur in Seiner Liebe. Herr, unser Gott, hier sind wir! Wir sind Dein; Deines Reiches Erben, nicht mehr Kinder der Zeit! Das Zeitliche vergeht der Zeit zum Raube; Doch ewig bleibt die Liebe und der Glaube! Die Collection Spemann ist in der Absicht begrndet, den guten alten Brauch einer eigenen Hand- und Hausbibliothek wieder zu Ehren zu bringen. Neben dem vollberechtigten Interesse an der anziehenden Zeitungslektre wollen wir die Freude an dem _abgeschlossenen Buche_ wieder zu wecken suchen. Keine Litteratur der Welt besitzt einen solchen Reichtum von eigenen wie von angeeigneten Werken unvergnglichen, klassischen Wertes, als gerade die deutsche. Wie die Werke unserer deutschen Geisteshelden dem Fortschritt der Menschheit die Wege gewiesen, so hat die Litteratur der ganzen Welt durch unsere Uebersetzungsknstler auf uns zurckgewirkt. Franzosen und Englnder, Russen und Italiener, Spanier und Skandinavier, Rmer und Griechen muten ihr Bestes hergeben -- durch musterhafte Uebertragungen sind sie in unsere Litteratur aufgenommen. Romane, Novellen und Dramen, schildernde und sachlich belehrende Reisebeschreibungen, Memoiren und Geschichtswerke, naturwissenschaftliche und medizinische Schriften -- ein unermelicher Reichtum des Besten und Edelsten ist unser. Aber wem ist es geboten, fr die Stunden der Mue und geistigen Erbauung sich aus dieser reichen Flle das Edelste und Beste, das Brauchbare und Gute auszusuchen und zusammenzustellen zu einem wahren litterarischen Hausschatz? Nur wenig Bevorzugten! Die Gesammtheit des Lesepublikums ist mehr oder minder darauf angewiesen, es dem Zufall zu berlassen, was er ihm bietet oder was uere Mittel zu erlangen gestatten. Da ist es nun die Hand- und Hausbibliothek, deren Zusammenstellung bewhrte und kenntnisreiche Mnner leiten, die beseelt sind von dem schnen Gedanken, die geistigen Errungenschaften weitesten Kreisen zugnglich zu machen -- die Deutsche Hand- und Hausbibliothek die mit jedem neuen Band jenen Hausschatz bereichert und vermehrt in wohldurchdachter Wahl. Ja noch mehr, die den Genu dessen, was sie bietet und bringt, erhht und erweitert durch Einleitungen der namhaftesten Forscher, durch biographisch-kritische Vorworte gewissermaen die engere Bekanntschaft zwischen Autor und Leser vermittelt. Das deutsche Buch ist fast sprichwrtlich geworden durch seine hohen Preise, die nur Wenige zu erschwingen im stande sind. Fnf bis sieben Mark ist der gewhnliche Preis einer Oktavbandes. Wir wagen es und geben unsere Bnde gebunden fr 1 Mark, ein Preis, wie er noch nie und nirgends aufgestellt ist. Wir geben unsere Bnde _gebunden_ in schnem und solidem, von Knstlerhand entworfenen Einband. So sind unsere Ausgaben nie dem Auseinanderfallen beim Lesen und ebenso nie der Fhrlichkeit ausgesetzt, von ungeschickten Buchbindern verdorben oder in hlicher Ungleichheit gebunden zu werden. Damit auch dem so rgerlichen Verlieren beim Ausleihen vorgebeugt werde, hat jeder Band ein Bibliothekschild zur Einzeichnung des Namens des Besitzers. Da ferner alle Bnde in gleichem Einband erscheinen, so kann der Bezug der _Collection Spemann_ an jedem Ort Deutschlands und des Auslandes begonnen und fortgesetzt werden. Jeder Band ist einzeln kuflich. Wir erffnen aber auch ein Abonnement auf eine Serie von 20 Bnden. Alle zwei bis drei Wochen soll ein Band erscheinen und jeder Abonnent einer Serie erhlt den 20. Band gratis. Damit ist Gelegenheit geboten, eine musterhafte Bibliothek fr sich und die Familie fr einen Betrag zu erhalten, welcher kaum den Abonnementsbetrag einer greren Leihbibliothek berschreitet. Wir hegen die Zuversicht, da die Nation der Deutschen Hand- und Hausbibliothek eine freundliche Aufnahme gnnen werde. Inhalt der ersten Serien (vorbehaltlich etwaiger Abnderung im Einzelnen). _Louise von Franois, Zwei Erzhlungen._ Mit einem biographisch-kritischen Vorwort von _Joseph Krschner_. Zwei Kabinettsstcke vollendeter Erzhlungskunst, welche mit den besten Mitteln die tiefste und sthetisch reinste Wirkung erzielt. _Karl Immermann, Der Oberhof._ Mit einer Einleitung von _Levin Schcking_. Die vorzglichste deutsche Dorfgeschichte, die treffendste Schilderung westflischen Bauernlebens, voll realistischer Wahrheit, anmutender Frische, zum Herzen sprechender Poesie. _Miguel de Cervantes Saavedra, Moralische Novellen._ Eingeleitet von _Otto von Leixner_. Durch Selbstndigkeit und Mannigfaltigkeit der Stoffe nicht weniger als durch scharfe, lebensvolle Charakteristik ausgezeichnete Leistungen des berhmten Verfassers des Don Quixote. _J. Ch. Biernatzki, Die Hallig oder die Schiffbrchigen auf dem Eilande in der Nordsee._ Roman. Mit einer Einleitung von _Heinrich Dntzer_. Mit fesselnder Anschaulichkeit geschriebene Nordseegeschichte, die das so eigenartige Lokalkolorit meisterhaft wiedergiebt und die Sturmflut von 1825 mit ergreifender Wahrheit schildert. _August Becker, Auf Waldwegen._ Mit einer Einleitung von _Joseph Krschner_. Eine durch Einfachheit der Charakterzeichnung wie Naturwahrheit der Scenerie gleich ausgezeichnete Erzhlung des wohlbekannten Verfassers von Rabbis Vermchtnis. _Nicolas Gogel, Russische Novellen._ Mit einer Einleitung von _Friedr. Bodenstedt_. Die mitgeteilten Novellen enthalten u. A. die vollendetste Leistung Gogols Tara Bulba, eine Erzhlung aus der Ukraine von berwltigender Schnheit und erhabener Einfachheit. _Sophie Junghans, Die Erbin wider Willen._ Mit einem biographisch-kritischen Vorwort von _Joseph Krschner_. Eine Familiengeschichte im besten Sinne des Worte, die den Leser anheimelt und von der er mit dem vollen Bewutsein scheidet, eine gute und liebe Bekanntschaft gemacht zu haben. _Alain Ren Lesage, Der Hinkende Teufel._ Miteiner Einleitung von _Ferd. Lotheien_. Der hinkende Teufel Asmodi gewhrt seinem Retter einen Einblick in alle Huser Madrids, was zu den lebendigsten und kstlichsten Schilderungen von Scenen verschiedenster Art Anla giebt. _James Fenimore Cooper, Der Bravo._ Mit einer Einleitung von _L. Prscholdt_. Diese der Geschichte Venedigs entnommene Erzhlung des bedeutendsten amerikanischen Romanschriftstellers erregt durch reiche Handlung und ungemein lebendige Schilderungen bis zum Schlu anhaltende Spannung. _Ludwig Achim von Arnim, Die Kronenwchter._ Roman. Mit einer Einleitung von _Johannes Scherr_. Bedeutender historischer Roman aus dem Zeitalter Maximilians, groartig concipiert, ein treuer Spiegel des deutschen Lebens im Mittelalter, in echt poetischer Beleuchtung. _Levin Schcking, Etwas auf dem Gewissen._ Mit einem biographisch-kritischen Vorwort von _Joseph Krschner_. Eine der besten neueren Leistungen des gefeierten deutschen Erzhlers, von origineller, fesselnder Prgung. _Washington Irving, Alhambra._ Mit einer Einleitung von _L. Prscholdt_. Eine der reizendsten Schpfungen Irvings, welche alle Vorzge des beraus gewandten Schriftstellers im hellsten Lichte zeigt und mehr bekannt zu werden verdient, als sie es ist. _Homers Odyssee._ Uebersetzt von Vo. Mit einer Einleitung von _Jakob Mhly_. Von Homers Epen, den hervorragendsten und unvergnglichen der Weltlitteratur, schildert die Odyssee die Irrfahrten und schlieliche Heimkehr des Odysseus. _Ludovika Hesekiel, Von Lieb' und Treue!_ Erzhlungen. Mit einem biographisch-kritischen Vorwort von _Joseph Krschner_. Die hchst originelle Art des Erzhlens, die L. Hesekiel so charakteristisch von vielen ihrer Kolleginnen unterscheidet, zeigt sich in diesem Bande um so mannigfaltiger, als es eine ganze Reihe einzelner Erzhlungen sind, die sie bietet. _Charles Dickens (Boz), David Copperfield._ Mit einer Einleitung von _L. Prscholdt_. Der beste Roman des berhmten Romanschriftstellers und vorzglichen Humoristen, um so anziehender und interessanter, als der Dichter darin zum Teil seine eigenen Erlebnisse schildert. _A. Schroot, Der Dampf im Dienste der Menschheit._ Mit zahlreichen Illustrationen. In allgemein verstndlicher Form gehaltene und anziehende Darstellung der Verwendung eines der wichtigsten Faktoren im industriellen und Verkehrsleben der Gegenwart, mit erluternden historischen Rckblicken. _Wunderbare Reisen und Abenteuer des Freiherrn von Mnchhausen._ Mit einer Einleitung von _Joseph Krschner_. Die mehr dem Hrensagen nach, als aus der Lektre im Publikum bekannten unglaublichen Lgengeschichten des Freiherrn Hieronymus von Mnchhausen, die noch heute bei Jung und Alt allgemeinen Interesses gewi sind. _Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe._ Eingeleitet von _Robert Boxberger_. Eines der schnsten Vermchtnisse des unvergnglichen Dichterpaares, eine Fundgrube erhebender Gedanken, die lautersten Offenbarungen ber die Beziehungen der groen Geister zu einander und zu ihrer Zeit, das unentbehrliche Supplement zu allen Ausgaben ihrer Werke. _Zehn Jahre geographischer Forschungen und Entdeckungen._ Nach den Originalberichten der berhmtesten Reisenden zusammengestellt u. mit einer Einleitung versehen. Treue und anschauliche Schilderung der groen Entdeckungsfahrten, welche whrend des letzten Jahrzehnts unternommen wurden, mit entsprechendem kritischen Beiwerk zur Erkenntnis ihrer wissenschaftlichen Bedeutung. _E. T. A. Hoffmann, Elixire des Teufels._ Diese fr die Geschichte der romantischen Schule hochbedeutsamen Nachtstcke sind mit glhender Phantasie geschrieben, welche auch da, wo sie ins Ungeheuerliche gert, die spannendste Illusion erzeugt. _Karl Julius Weber, Demokrites oder hinterlassene Papiere eines lachenden Philosophen._ Ausgewhlt und mit einer Einleitung versehen. Hchst unterhaltendes Buch mit einer unerschpflichen Flle von Witz, Humor, Ironie, guten Einfllen und kstlichen Anekdoten, die auch dem schwrzesten Hypochonder ein Lcheln abntigen. _Max King, Frauenherzen._ Zwei Erzhlungen. Mit einer Einleitung. Zwei tief empfundene kleine Novellen, aus dem Herzensleben der Frau, ihren Irren und Erkennen, Leiden und Siegen, auf dem Hintergrund gut getroffener gesellschaftlicher Zustnde. _Linguet, Enthllungen aus der Geschichte der Bastille._ Mit einer Einleitung. Der Advokat Linguet, der seiner Zeit wohlbekannte Publizist, erzhlt in diesem Buch seine Haft und Behandlung in dem berhmten franzsischen Staatsgefngnis kurz vor der franzsischen Revolution. _Frederick Marryat, Der Pirat._ Mit einer Einleitung. Ueberaus fesselnder und spannender Roman dieses namhaftesten Meisters der Seeromandichtung mit glcklich entworfener und durchgefhrter Handlung, farbenprchtigen Schilderungen. _A. Schroot, Die Elektricitt._ Mit zahlreichen Abbildungen. Zeitgemes Seitenstck zu desselben Autors Buch vom Dampf. Auf Grund der besten Quellen entworfene Geschichte der Dienstbarmachung der Elektricitt im Dienste der Menschheit, unter Bercksichtigung der epochemachenden Fortschritte auf diesem Gebiet in unserer Zeit. _Joh. Jak. Engel, Lorenz Starck._ Ein Charaktergemlde. Mit einer Einleitung. Einer der vorzglichsten Familienromane der deutschen Litteratur, sowohl durch inneren Gehalt wie durch die Darstellungsform ausgezeichnet. _Daniel Defo, Leben und wunderbare Abenteuer Robinson Crusos._ Mit einer Einleitung. Dieses zu den verbreitetsten Bchern der Welt gehrende Werk, aus zahlreichen Bearbeitungen fr die Jugend bekannt, erscheint hier in der Originalfassung, die den Leser lebhaft fesseln und manche liebe Reminiscenz an die Kindheit auffrischen wird. _Wohlgeflltes Schatzkstlein deutschen Scherzes und Humors._ Zu Nutz und Frommen lachlustiger Leser aus den Schchten deutscher Litteratur ans Licht befrdert. Reichhaltigste Sammlung alles Dessen, was an Scherz und Humor vereinzelt verschiedenen Orts vorkommt, zur Unterhaltung und Krzung miger Stunden nicht minder, wie als Beitrag zur Erkenntnis deutschen Gemts und Verstandes zusammengetragen. _Hans Christian Andersen, Der Improvisator._ Roman. Mit einer Einleitung. Der sinnige Kinderfreund, der liebenswrdige Mrchenerzhler Andersen bietet in dem Improvisator den Erwachsenen unter seinen Verehrern ein vollendetes Kunstwerk, das meisterhaft erzhlt, ungemein ansprechend wirkt. _Aus dem Leben eines deutschen Reichsritters._ Selbstbiographie _Gtz von Berlichingens_. Mit einer Einleitung. Eines der charakteristischen Memoirenwerke aus dem 16. Jahrhundert, bedeutsam zur Beurteilung des damaligen Adels und fr den deutschen Leser um so interessanter, als der grte deutsche Dichter den Selbstbiographen zum Helden eines unvergnglichen Dramas machte. _Ludwig Ziemssen, Umwege zum Glck._ Ein Roman. Mit einer Einleitung. Sinnige anmutige Erzhlung des beliebten Schriftstellers, der darin in ansprechendster Weise ein Vorkommnis im modernen Leben mit lebensvollen und lebensfrischen Farben ausfhrt. _Aus den Briefen der Madame de Sevign._ Mit einer Einleitung. Die Briefe der Md. de Sevign, eine der vorzglichsten Schriftstellerinnen Frankreichs, zeichnen sich durch lebhaften Geist, wahres Gefhl aus und bieten die lebendigsten Schilderungen, charakteristischsten Aeuerungen und Anekdoten der franz. Hofverhltnisse im 17. Jahrhundert. _Konrad Arnold Kortm, Die Jobsiade._ Ein komisches Heldengedicht. Mit einer Einleitung. Mit prchtiger Laune und vielem Witz geschriebenes niedrig-komisches Gedicht, das in seinem Genre als das beste Erzeugnis der deutschen Litteratur gilt und heute noch ebenso wie zur Zeit seiner Schpfung wirkt. _Alessandro Manzoni, Die Verlobten._ Eine mailndische Geschichte. Mit einer Einleitung. Einer der vorzglichsten historisch-nationalen Romane der Weltlitteratur, der das italienische Leben im 17. Jahrhundert mit Meisterschaft schildert, mit einer Wahrheit, einem Farbenreichtum, der das Geschriebene als Wirklichkeit erscheinen lt. _Friedrich Freiherrn von der Trencks merkwrdige Lebensgeschichte._ Mit einer Einleitung. Selten haben die Schicksale eines Menschen so lebhaftes und allgemeines Interesse erregt, wie die des Freiherrn von der Trenck, dessen Lebensbeschreibung eine Flle interessanter Momente darbietet. _Aus dem Leben eines Humanisten im 16. Jahrhundert._ Selbstbiographie _Thomas Platers_. Mit einer Einleitung. Hochinteressantes und kulturhistorisch wichtiges Memoirenwerk, eines durch Nacht zum Licht gelangten Mannes, der es vom Ziegenhirten bis zum Rektor der lateinischen Schule in Basel brachte. _Joseph Franz Isla, Geschichte des berhmten Predigers Gernudio von Campazas._ Mit einer Einleitung. Nchst dem Don Quixote des Cervantes der bekannteste Roman der spanischen Litteratur, sittengeschichtlich hchst wertvoll und von packendem Humor. _H. J. Christoffel von Grimmelshausen, Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch._ Mit einer Einleitung. Die bedeutendste Sittenschilderung des 17. Jahrhunderts in der deutschen Geschichte. Die Arbeit zeigt die tiefsten Einblicke in das Kriegsleben, den Aberglauben der Zeit u. s. w. in buntestem Wechsel und das alles mit einer Frische und einem Humor von geradezu frappierender Wirkung. _Heinrich von Kleist, Mustererzhlungen._ Mit einer Einleitung. Dieser Band eint die besten der durch ihren klassischen Stil, wie durch Schrfe der Charakteristik, vorzgliches Kolorit und lebendige Spannung ausgezeichneten Erzhlungen des Dichters der Hermannsschlacht und des Kthchens von Heilbronn. _Aus dem Briefwechsel Charlotte Elisabeths von der Pfalz._ Mit einer Einleitung. Eine der treffendsten Schilderungen von den Verhltnissen und Personen am Hofe des groen Knigs Ludwigs XIV. aus der Feder der scharfblickenden Witwe des einzigen Bruders des letzteren. _Wolfram von Eschenbach, Parzival._ Mit einer Einleitung. Die tiefe und gedankenreiche Schpfung aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts, die den ersten Platz unter den hfischen Epen der deutschen Litteratur einnimmt, drfte in unseren Tagen mit um so mehr Interesse gelesen werden, als es zur Zeit ein deutscher Dichter unternommen hat, den Parzival als musikalisches Drama der Nation vorzufhren. _Wilhelm Hauff, Lichtenstein._ Mit einer Einleitung. Von dem besten deutschen Erzhler im ersten Viertel dieses Jahrhunderts die mit Recht beliebteste Erzhlung, die auf einem prchtig gezeichneten historischen Hintergrund eine poetisch anmutende Herzensgeschichte abspielen lt. _Ludwig Brne, Briefe aus Paris._ Mit einer Einleitung. Die geschichtlich hochinteressanten Aufzeichnungen, von denen Gottschall sagt, es seien dithyrambische Philippiken, elegische Wehrufe, satyrische Bambocciaden, der blutrote Maskenscherz eines weichen Gemts. _Walter Scott, Kenilworth._ Mit einer Einleitung. Einer der berhmtesten historischen Romane des Schpfers dieser Gattung, der in der Regierungszeit der Knigin Elisabeth spielt und all' die berhmten Vorzge Scott'scher Erzhlungskunst aufweist. _Georg Christ. Lichtenberg, Vermischte Schriften._ Mit einer Einleitung. Auswahl der besten Arbeiten des eben so geschmackvollen wie geistvollen Schriftstellers, der ber den feinsten und schneidigsten Witz verfgte und die Ueberspanntheit in der Litteratur seiner Zeit mit Erfolg bekmpfte. _Saint Simon, Denkwrdigkeiten._ Mit Erluterungen und einer Einleitung. Die Denkwrdigkeiten Saint-Simons, des Tacitus Frankreichs, werfen grelle Lichter auf den Hof Ludwig XIV. und Ludwig XV. und sind in unserer Ausgabe unter Vermeidung des weniger Wichtigen und Anziehenden wiedergegeben. _Caroline von Wolzogen, Agnes von Lilien._ Mit einer Einleitung. Dieser vortreffliche Roman der Schwgerin Schillers, der hchst ansprechende Schilderungen des deutschen Familienlebens enthlt, wurde bei seinem ersten Erscheinen selbst von den beiden Schlegels fr ein Werk Goethes gehalten. _Johann Heinrich Jung Stillings Lebensgeschichte._ Mit einer Einleitung. Der Verfasser dieser Autobiographie geno wie bekannt des groen Altmeisters Goethes besondere Gunst, der auch die als chtes Volksbuch wirkende erste Abteilung (Jugendgeschichte) selbst zum Druck befrderte. _Das Nibelungenlied._ Ins Hochdeutsche bertragen und mit einer Einleitung versehen. Das vollendetste deutsche Volksepos, in dem sich in reinster Unmittelbarkeit das ganze innere und uere Leben des deutschen Mittelalters spiegelt. _Jean Jacques Rousseau, Die neue Heloise._ Mit einer Einleitung. In poetischer Sprache geschriebener Roman, welcher dem Autor einen seiner glnzendsten Erfolge verschaffte. Das reine Naturleben wird darin den abstoenden Verhltnissen des wirklichen Seins gegenber gestellt. _Mathias Claudius, Vermischte Schriften._ Mit einer Einleitung. Auswahl der besten, im Volkston gelungensten litterarischen Arbeiten des Wandsbecker Boten, die von edler, biederer Einfachheit zeugen, welche aus gutem, ehrlichen Gemt hervorging. _Benjamin Franklins Selbstbiographie._ Mit einer Einleitung. Der hervorragendste Staatsmann Amerikas und einer der berhmtesten Schriftsteller dieses Landes erzhlt hier die ebenso interessante wie lehrreiche Geschichte seines reichbewegten Lebens, das nicht nur dem engeren Vaterland, sondern den Interessen der ganzen Menschheit geweiht war. _Horace Walpole, Das Schlo von Otranto._ Mit einer Einleitung. In dieser Arbeit des geistvollen englischen Schriftstellers wird zum erstenmal die Feudalzeit fr den Roman verwertet und man mu ihn als Ausgangspunkt der Romantik fr Walter Scott bezeichnen. _Denkwrdigkeiten der Markgrfin von Ansbach._ Mit einer Einleitung. Originelle und anziehende Memoiren von historischem und kulturgeschichtlichem Interesse. _Edgar Allen Poe, Amerikanische Geschichten._ Mit einer Einleitung. Sammlung einer Reihe besonders ausgezeichneter Arbeiten des amerikanischen Dichters, der vorzglich zu erzhlen, spannend seine Stoffe zu entwickeln wei und ber eine ganz auergewhnliche Phantasie verfgt. _Adalbert v. Chamisso, Vermischte Schriften._ Mit einer Einleitung. Da Beste, was der Dichter schuf, der die lobenswerten Eigenschaften der Franzosen mit denen der Deutschen verband, ist hier zusammengetragen worden und giebt ein vollstndiges Bild der eigenartigen Dichter-Individualitt. _Joachim Nettelbecks Selbstbiographie._ Mit einer Einleitung Der mutige Retter Kolbergs, der Freund Schills und Genosse Gneisenaus, den alle deutschen Brgertugenden zierten, giebt hier das Bild seines reichbewegten Lebens, dessen fesselnden Reiz niemand verkennen wird. _Edward George Bulwer, Eugen Aram._ Mit einer Einleitung. Vortrefflich geschriebener Roman des namhaften englischen Dichters und Staatsmannes, ausgezeichnet vor allem durch psychologische Feinheiten der Schilderung. _Giovanni Franceso Straparola, Erzhlungen._ Mit einer Einleitung. Eine Folge ansprechender Novellen, die leicht und angenehm erzhlt und in origineller Weise aneinander gereiht sind. _Till Eulenspiegel._ Mit einer Einleitung. Lange Zeit eines der beliebtesten Volksbcher, in denen eine Menge loser Streiche um eine Person gesammelt werden, die als Held der Handwerks- und Landfahrerwitze ein noch heute nicht verschwundenes Dasein fhrt. _Historia von Dr. Johann Fausten, den weitbeschreyten Zauberer und Schwarzknstler._ Mit einer Einleitung. Wiedergabe des berhmten alten Volksbuches, aus dem die zu einer auerordentlichen Flle angewachsene Faustlitteratur hervorgegangen ist. Jeder Band ist einzeln kuflich, gebunden 1 Mark = 1 Frc. 35 Cts. = 60 Kr. . W. -- Franko per Post 1 M. 25 Pf. Anmerkungen zur Transkription Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet. Fremdsprachige Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, wurden ^so^ markiert. Einfache Anfhrungszeichen wurden durch ">" und "<" ersetzt. Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt (vorher/nachher): [S. 6]: ... Der Knig und sein Volk, und als er durch den Pariser Julisturm ... ... Der Knig und sein Volk, und als der durch den Pariser Julisturm ... [S. 27]: ... versucht worden wre mehr, mglich war. Mander sa mit ... ... versucht worden wre, mehr mglich war. Mander sa mit ... [S. 50]: ... dem Oden Seiner Allgegenwart. Dort der Saum schtzender ... ... dem Odem Seiner Allgegenwart. Dort der Saum schtzender ... [S. 71]: ... sie zu einem Gewitter zu sammeln, wenn sie nicht so friedsamer ... ... sich zu einem Gewitter zu sammeln, wenn sie nicht so friedsamer ... [S. 80]: ... unserm Fu einmal so bequem nud natrlich geworden ... ... unserm Fu einmal so bequem und natrlich geworden ... [S. 85]: ... auch gar mit Zorn nnd Schelten entgegengetreten, er wrde an ... ... auch gar mit Zorn und Schelten entgegengetreten, er wrde an ... [S. 94]: ... Der junge Mander schwankte zwischen Unmut uud Scham ... ... Der junge Mander schwankte zwischen Unmut und Scham ... [S. 96]: ... bei jeder passenden Gelgenheit in mir den Seelsorger zeige. ... ... bei jeder passenden Gelegenheit in mir den Seelsorger zeige. ... [S. 107]: ... dabei gegenwrtig war, er jenem allmlig einen offenen Blick in ... ... dabei gegenwrtig war, er jenen allmlig einen offenen Blick in ... [S. 152]: ... Tages, der fr die Hallig ein Tag der chmerzensreichsten Trauer ... ... Tages, der fr die Hallig ein Tag der schmerzensreichsten Trauer ... [S. 161]: ... Schule der strengsten, aber zugleich heilsamsten Zuch auch fr ... ... Schule der strengsten, aber zugleich heilsamsten Zucht auch fr ... [S. 182]: ... sein zu knen. ... ... sein zu knnen. ... [S. 192]: ... der Scheidende dem Pastor und seiner Gattin darboten, ... ... der Scheidenden dem Pastor und seiner Gattin darboten, ... [S. 206]: ... Flutenschwall in's Haus und zerspitterte im furchtbaren ... ... Flutenschwall in's Haus und zersplitterte im furchtbaren ... End of Project Gutenberg's Die Hallig, by Johann Christoph Biernatzki License: Share Alike