E-text prepared by Inka Weide, Wolfgang Menges, Juliet Sutherland, and the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net) WALDEMAR BONSELS INDIENFAHRT 113. bis 123. Tausend [Illustration: Verlags-Signet] 1920 Verlag der Literarischen Anstalt Rtten & Loening Frankfurt a. M. Das Buch ist im Jahre 1912 entstanden. Die erste Auflage erschien im Herbst 1916. Alle Rechte, besonders das der bersetzung, vorbehalten. Copyright 1916 by Literarische Anstalt Rtten & Loening, Frankfurt a. M. Die Einbandzeichnung ist von Walter Tiemann. Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig. Die schwedische Ausgabe bei C. W. K. Gleerup, Verlag, Lund. Die finnische Ausgabe bei Werner Sderstrm Osakeyhti, Porvoo, Suomi. Die hollndische Ausgabe im Verlag Patria, Amersfort. INHALTSBERSICHT I. Von Panja, Elias und der Schlange 9 II. Cannanore, die Fischer und das Meer 29 III. Die Nacht mit Huc, dem Affen 47 IV. Am Silbergrab des Watarpatnam 65 V. Dschungelleute 80 VI. Im Fieber 104 VII. In den Bergen 123 VIII. Am Thron der Sonne 137 IX. Die Herrschaft des Tiers 154 X. Sumpftyrannen 168 XI. Mangalore 189 XII. Von Frauen, Heiligen und Brahminen 207 XIII. Das letzte Feuer und der alte Geist 228 XIV. Der Heimat zu 246 Erstes Kapitel Von Panja, Elias und der Schlange Als ich in der gesegneten Provinz Malabar in der Stadt Cannanore anlangte, fhrte mich der Hindu Rameni vor das Haus, das er mir fr die Zeit meines Aufenthaltes vermieten wollte. Es war nach Art der europischen Huser Indiens erbaut, einstckig, mit hohem berhngenden Dach und einer breiten Veranda, die die ganze Front entlang lief. Ich erblickte es, nachdem wir uns mit vereinten Krften durch den verwilderten Garten gearbeitet hatten. Rameni sagte: Dies ist mein liebstes Besitztum auf Erden. Ich habe es geschont und behtet, und seit sieben Jahren hat kein menschlicher Fu es betreten. Sein letzter Bewohner war Sahib John Ditrey, ein englischer Offizier von groer Macht, dem jeder Soldat Gehorsam leistete, der in seine Nhe kam. Er war Tag fr Tag glcklich unter diesem Dach und wre es heute noch, wenn die Regierung ihn und seine Leute nicht an einen anderen Ort verschickt htte. Ich betrachtete die groen, meist leeren Rume, in denen sich eine ppige Vegetation entwickelt hatte und in denen eine Tierwelt ihr Dasein fristete, deren Mannigfaltigkeit meine Erwartungen aufs hchste steigerte. Alle diese Tiere sind arglos, sagte Rameni freundlich, sie werden sich zum groen Teil wahrscheinlich zurckziehen, denn sie lieben die Gesellschaft der Menschen nicht. Aber da du in Begleitung bist, Sahib, einen Hund, einen Diener und einen Koch mitgebracht hast, wird dein Gemt von keiner Einsamkeit zernagt werden. Ich gebe Hhner, wenn du willst... Rameni beherrschte die englische Sprache in einem Mae, da ich fhlte, wie meine Haare sich unter dem Korkhelm strubten. Auch du bist ein Englnder, sagte er zu mir, als er eine lange Ruhmrede auf Sir John Ditrey, den Offizier, beendet hatte. Ich sagte ihm, da ich ein Deutscher sei, und er trstete mich. Ich habe von diesem Land niemals gehrt, sagte er endlich, aber seine Bewohner gelten als freigebig, und wahrscheinlich ist es reicher als das britische Reich. Da ich ihn verstand, fragte ich nach dem Preis, den er als Miete fr seine Besitzung fordere. Er sprach darauf so eifrig von anderen Dingen, da meine Befrchtungen an Raum gewannen. Endlich gelang es mir, ihn zu Gestndnissen zu berreden, und er begann zu rechnen und addierte mit geheimnisvoller Ergriffenheit die Verluste zusammen, die ihm in den sieben Jahren entstanden waren, in denen sich kein Mieter gefunden hatte. Ich beobachtete schweigend ein Volk weier Ameisen, das die Dielen des Fubodens und das Mauerwerk auf das geschickteste zur Anlage ihrer Ortschaften untergraben hatte. Ich werde euch nicht hindern, dachte ich, eure Reiche sollen unter meiner Herrschaft zu ungeahnter Blte gelangen, und ich will euch ein weiser Frst und treuer Gefhrte sein. Durch das Palmendickicht am Fenster strahlte die Morgensonne, durch grne Schleier voll zackiger Ornamente. Das unfaliche Bewutsein jenes Glcks, unter dem ich erzitterte, seit ich den Boden Indiens betreten und zum erstenmal den Geruch, die Wrme und das Licht dieses Landes eingesogen hatte, sank mir aufs neue ins Herz. Frchte dich nicht, Sahib, sagte Rameni und zhlte an seinen krampfhaft gespreizten Fingern, vor Zweifel, Hoffnung und Erwartung beinahe fassungslos. Ich sprach von meinem Mut, und er hob die Hand zum zehnten Male, um aufs neue die braunen, mageren Finger von rechts nach links nebeneinander zu ordnen. Dann verga er alles und sprach hastig von der Teuerung und den schlechten Reisernten. Jeder Kuli wird es dir besttigen, rief er, soll ich einen rufen? Wieviel forderst du? sagte ich streng. Ich habe von einem Haus am Meer gehrt, das der Kollektor vor Jahren bewohnt haben soll, und das die Regierung fr einen geringen Preis hergibt. Rameni gab sich mit groer Anstrengung einen Ruck und teilte mir mit, da das Haus im Jahre wohl einen Mietwert von hundert Rupien habe, fr die verlorenen sieben Jahre wolle er mir nur den vierten Teil dieser Summe in Rechnung stellen, unter der Bedingung, da ich ihm fr die drei kommenden Jahre den vollen Preis vorauszahlte. Als ich nickte, erblate er. Sahib, stammelte er, verspottest du deinen Diener? Es ist wahr, ich habe eine groe Forderung gemacht. Vergessen wir die sieben verderblichen Jahre, ich werde die Schickung des Himmels verschmerzen, zumal sie vorbei ist. Wenn du in der Tat drei Jahre vorausbezahlst, so werde ich dir so lange dienen, als ich lebe. Ich habe ber meine Bereitwilligkeit niemals Reue empfunden und obgleich ich nur einige Monate in Cannanore geblieben bin, hat mein geringes Opfer sich in der ausgiebigsten Weise belohnt, denn Rameni setzte seine ganze Ehre ein, um die Beschmung gutzumachen, die ich ihm ohne meinen Willen angetan hatte. Er sandte mir beinahe tglich Eier und Frchte, Fische oder Geflgel und widersetzte sich keinem meiner Wnsche, die sich auf Einrichtungen oder Vernderungen in Haus und Garten bezogen. Erst als er nach Wochen bemerkte, da ich in einem Glaskasten eine lebende Kobra unterhielt, zog er sich von mir zurck, ohne meine Schwelle noch einmal zu betreten und ohne meine Hand noch einmal zu berhren. Er vermied es weniger aus Furcht und, wie ich zuverlssig wei, nicht ohne Kummer, sondern weil er es nicht mit seinen berzeugungen vereinigen konnte, eine Gottheit gefangenzusetzen, um durch eine Glasscheibe zu beobachten, was sie tat. Aber die Zeit unserer Gemeinschaft bis zu dieser Entdeckung gehrt zu den liebenswrdigsten Erinnerungen meiner indischen Jahre. Als mein Gepck auf einem Ochsenwagen vom Hafen herbeigeschafft worden war, begann ich die bestgelegenen Zimmer fr die Nacht einzurichten, wobei mir mein Diener Panja und der Koch zur Hand gingen. Panja warnte mich oft und eindringlich, kannte mich damals aber schon gut genug, um zu wissen, da gerade seine Befrchtungen nur zu hufig auf dasselbe hinausliefen, wie meine Hoffnungen. Der Koch, ein Sohn aus den Bergen von Sdmaratta, der in Bombay an den Umgang mit Europern gewhnt worden war, widerstand lngst nicht mehr dem Bsen in mir. Allerdings war ich ihm gleichgltig; er tat verschlossen und in stoischer Ruhe seine Pflicht, bestahl mich, wo er konnte, und erwartete mit matt gesenkten Lidern meinen Untergang, den er jedesmal voraussagte, wenn ich ihn ber einer Ungehrigkeit ertappte. Trotzdem habe ich immer eine Neigung fr diesen eigensinnigen und auf seine Art stolzen Mann empfunden, der es nicht ber sich brachte, sich vor den Europern zu beugen, und der seinen Ha gegen die Fremden um der Liebe zu seiner Heimat willen nhrte. Gegen Panjas gefgige Unterwrfigkeit, die brigens keiner niedrigen Gesinnung entsprang, sondern einer kindlichen Bewunderung fr den Glanz alles Fremden, hob sich der schweigsame Widerstand dieses Mannes seltsam wrdig ab. Ich nannte ihn Pascha, weil ich seinen Namen nicht behalten konnte. Das htte brigens niemand gekonnt. Als ich auf die Veranda hinaustrat, um mich davon zu berzeugen, da im Hause keine Scheibe heil war, hockte Panja auf einer Bcherkiste, rauchte und zog meine Hngematte ber die Knie. Sie ist berall zerrissen, sagte er, ohne aufzustehen, und ohne, wie er es anfangs getan hatte, bei meinem Herannahen in grere Arbeitseile zu verfallen. Sahib, das kommt davon, wenn du eine Hngematte zum Fischen im Flu verwendest. Es war ein ausgezeichneter Gedanke, entschuldigte ich mich. Aber Panja antwortete nur: Du hast nichts gefangen. Ich untersuchte die Fubden, die berall von den Ameisen untergraben waren; die Steinfliesen und Bretter schaukelten fast alle, oder sanken tief ein, wenn man darauf trat, ein Sodom und Gomorra dieses Volks vernichtend. Wenn du sehen willst, was diese Tiere tun, sagte Panja spttisch, so darfst du sie nicht stren. brigens sind Ratten im Haus, fgte er hinzu, und vor dem Tor von Cannanore ist die Pest. So mssen wir Katzen halten, entschlo ich mich. Morgen wirst du in die Stadt gehen, um welche zu kaufen. Panja sah mich mitleidig an: Wer wird eine Katze bezahlen? fragte er, berall laufen sie herum. Auch in diesem Hause werden Katzen wohnen. Er meinte die Moschuskatzen, eine kleinere Art, die mir in Malabar viel begegnet ist, und die in fast keinem lteren Gebude fehlt. So beschlo ich zu warten. Aber da die Ratte als Trgerin der Pest gilt und diese furchtbare Seuche immer noch nicht erlosch, obgleich die eigentliche Regenzeit lngst vorber war, handelte es sich darum, vorsichtig zu sein. Meistens erlischt die Pest mit dem letzten Regen, zu Beginn des indischen Frhlings, da ihr Bazillus nur im Feuchten fortkommt. Mit dem ersten Regen, nach der heien Zeit, taucht sie aufs neue auf. brigens knnte die Darstellung unseres Gesprchs ein falsches Bild meiner Stellung zu Panja geben und der Stellung der Europer zu den dienenden Klassen der Hindus berhaupt. Es ist wahr, da ich Panja, wie berhaupt allen Leuten, die mir dienten, viel persnliche Freiheit lie, aber meine Opfer an Autoritt oder gar an Selbstndigkeit wurden durch eine Gegengabe bedankt, die ich immer hher eingeschtzt habe, als jede andere Darbietung, und dieses Geschenk bestand in der freimtigen Offenheit des Menschenwesens. Die Verwendbarkeit eines Menschen ist der geringste Teil seiner Anlagen, die mir Interesse abntigen, und alle Unterwrfigkeit verbindet sich mit Verstellung. Die Art, wie die Englnder die Hindus behandeln, verschliet ihre Charaktere und unterdrckt ihr wahres Wesen, wenngleich ich ohne Einwand zugebe, da solche Stellungnahme, wie die ihre, das unerlliche Erfordernis zur Beherrschung des Landes ist. Aber ich bin nicht nach Indien gereist, um es zu beherrschen. brigens gab es auch zwischen Panja und mir erregte Szenen im Ringen um die Oberhand des Einflusses. Fr gewhnlich endete solch ein Auftritt damit, da ich diesen Sklaven niederschlug. Nun waren allerdings mein Schlag und sein Niedersinken zwei Erscheinungen, die in keinerlei Beziehung zueinander standen, denn hufig brach er schon zusammen, bevor meine Hand ihn erreicht hatte, und im schlimmsten Falle wute er sich fr gewhnlich immer noch auf eine Art zu wenden oder zu schtzen, die kaum mehr als eine Deformierung seines Turbans oder seiner gelten Haarfrisur zulie. Trotzdem brach er jedesmal zusammen, wlzte sich von einer Ecke des Zimmers in die andere, beklagte heulend meine Undankbarkeit und die Folgen seiner Treue. Aber ehe der Abend hereinbrach, sorgte er doch dafr, da die Last solcher Verschuldung gegen ihn mir nicht die Nachtruhe raubte. Sahib, sagte er und pflanzte sich kerzengerade vor mir auf, wobei ein Stolz und eine Menschenwrde seine Zge verklrten, die in der Tat mein Herz mit Dankbarkeit erfllten. Aber er schien nicht zu wissen, wem er beide verdankte. Sahib, wie konntest du dich so vergessen? Sein Gesicht trug einen Ausdruck so ehrlicher Traurigkeit, da ich alles eher vermocht htte, als an ihr zu zweifeln. Ich erklrte ihm bescheiden den Umfang seines Vergehens und die Bedeutung der Folgen, aber in solchen Fllen verstand er nicht gengend englisch, um mich zu verstehen. Deine Studien in Hindustani machen keine Fortschritte, meinte er dann etwa betrbt, und wir beide waren froh, ein Gebiet gefunden zu haben, das uns wieder auf die Strae unseres gewhnlichen Verkehrs brachte. Es kamen dann Zeiten eines glcklichen Wandels und schnster Gemeinschaft, in denen Panjas Selbstentuerung so weit ging, da er sogar meinen Whisky unverdnnt auf den Tisch brachte, und ich daher genau nachprfen konnte, wieviel er aus der Flasche gestohlen hatte. Ich war damals im zehnten Monat in Indien, und auer Panja und Pascha war noch ein prchtiger Hund die ganze Zeit hindurch mein treuer Begleiter gewesen. Er hie Elias und hatte eben sein erstes Lebensjahr vollendet, so da mir vergnnt gewesen war, seine Erziehung selbst zu leiten und seine Entwicklung zu berwachen. Leider ist es bei den Hunden so bestellt, da man bei einem zwei Monate alten Tierchen sehr schwer in der Lage ist, ber seine Abstammung und seine endgltige Ausgestaltung irgend etwas mit Bestimmtheit auszusagen. Aber ich habe immer eine besondere Neigung fr solche Menschen empfunden, die allen Erscheinungen und Personen die besten Seiten abzugewinnen wissen und ihre eigenen Tugenden in andere so lange hineinlegen, bis sie eines Schlechteren belehrt werden. Und in der Nacheiferung solcher Charaktere ist es mir gelungen, in Elias das Muster eines vortrefflichen Tieres zu erblicken. Ich mchte bei der Aufzhlung seiner Vorzge nicht in Dingen seiner ueren Erscheinung steckenbleiben, zumal nicht abzusehen ist, ob sich im Laufe der Zeit nicht noch das eine oder andere bei ihm verndern wird, aber sicher ist, da er einen gesunden Appetit und einen gesunden Schlaf hat. Er ist auerordentlich vorsichtig und begibt sich niemals in Gefahr, auch fllt er keine Fremden an und unterdrckt seine Wachsamkeit aufs uerste, was mir um so willkommener ist, als ich oft in aufreibende geistige Arbeit verstrickt bin, bei der jedes Gebell mich stren wrde. Seine Anhnglichkeit ist so gro, da er sie auf alle Menschen erstreckt, die ihm begegnen, und besonders mu man, ohne das Vorurteil einer selbstschtigen Hoffnung, den auerordentlichen Eigensinn seines Willens rhmen, der die Grundlage des echten Charakters ist. Elias lt sich weder durch Drohungen noch durch Versprechungen dazu bringen, die Wnsche anderer, oder die meinen, zu beachten. Er verunreinigt weder den Garten noch die Strae und nimmt uns auch, was seine Ftterung betrifft, jede Mhe ab, die durch Herzutragen von Nahrung entsteht. Leider ist es mir bisher nicht gelungen, zwischen ihm und Panja ein ertrgliches Verhltnis herzustellen. Wahrscheinlich lt Panja sich als Orientale in seinen herkmmlichen Begriffen vom Wesen des Hundes gehen, sicher ist, da ihm jedes tiefere Verstndnis fr Rasse abgeht. Sahib, was ziehst du fr ein Schwein ins Haus? rief er, als ich damals den eben erworbenen Elias heimbrachte. Er ist bestaubt, und die Schnur hat sich am Hals zugezogen, sagte ich, warte, bis er gewaschen ist. Willst du ihn waschen? fragte Panja und verschlang abwechselnd mich und Elias mit bergroen Augen. Es ist ein vorzglich veranlagtes Tier, das uns gute Dienste leisten wird, versicherte ich etwas enttuscht von dem Empfang, den uns Panja bereitete, und mit einem nachdenklichen Blick auf Elias, der die Trschwelle bekmpfte und in seinem hilflosen Eifer einen entzckenden Anblick unschuldiger Tatkraft bot. Wenn nicht alle Samenkrner, die ich in Elias' junge Seele legte, zu gedeihlicher Entfaltung erblht sind, so ist sicher Panja schuld daran, der seine herabwrdigende Meinung ber dieses Tier niemals bekmpft hat. Nach meiner berzeugung verdankt alle pdagogische Einwirkung auf ein unerwachtes Gemt ihren Erfolg der gemeinsamen Mhe aller Hausgenossen. Solange Elias keinen Rckhalt an Panja hat, und Panja Elias zur Quelle allen bels macht, werde ich kaum an einem von ihnen die volle Freude erleben, die ich mir versprochen habe. * * * * * Der Abend berraschte uns nach diesem ersten Tag in Cannanore. Panja stberte in den Kisten umher, um Kerzen zu finden, und warf alles durcheinander, um Ordnung zu schaffen. Die Moskitoschleier fr mein Lager befanden sich in der grten Kiste zu unterst, da Panja sie bei unserm Aufbruch naturgem zuerst abgenommen und damit auch am tiefsten vergraben hatte. Ich sa noch lange, nachdem Panja schlief, auf der Veranda meines neuen Hauses und wartete auf den Mond und auf die Khle. Aus den unbeweglichen Vorhngen der Bume, Bsche und Pflanzen des Gartens zog ein schwler Hauch voll betubender Gerche, alles blhte, und eine leidenschaftliche Lebensflle drngte sich auf mich ein, um den Weg in mein Blut zu finden. berall entzndete der gewaltige, stille Drang zu berschwenglichem Keimen die von den Grillen schallende Luft, die so ruhig war, da die Flamme meiner Kerze nur wie in der Bedrngnis der bersttigten Luft zitterte, ohne zu flackern. Aus den Palmwaldungen, irgendwoher aus der Ferne hinter dem Garten, klangen die Blasinstrumente der Hindus aus einem Tempelhof, untermischt mit einfrmigem blechernem Klirren. Man merkte dem begleitenden Gesang die zunehmende Trunkenheit der priesterlichen Snger an. Wenn ich die Augen schlo, berwltigte mich bei dieser Musik ein Bild aus meiner frhesten Kindheit. Ich erinnerte mich, da ich einmal durch ein seltsames Klingen, dem ich nichts von allem Bekannten zu vergleichen vermochte, aus dem elterlichen Garten auf die Landstrae gelockt wurde. Es schallte fernher, von dort, wo die Chaussee-Linden, die sich beim Dorf einander zu nhern schienen, alles in geheimnisvolle Schatten hllten, und ich lief hinaus in die Sonne, die Gartentr blieb hinter mir offen, und ich verga das Verbot meiner Mutter. Vor einem Bauernhof fand ich im Kranz einer hellhaarigen Schar von Dorfkindern zwei groe, traurige Mnner unter einem Baum stehen, mit schwarzen Brten und in langen Mnteln. Sie bliesen diese schreiende Musik auf grauen Scken und berwltigten mein Herz zum ersten und grten Ereignis meiner Kindheit. Ich wei deutlich, da ich wie in einem Taumel des Bluts Halt suchte, um nicht zur Erde zu sinken. Heute begreife ich, da seit jener Stunde die Ahnung einer schmerzlichen Ruhlosigkeit in meiner Seele wach geworden ist, und da der erste Blick meines Geschicks mich segnete. Immer noch gehen die Wnsche meiner Seele dieser tierhaften Klage voll ungestmer Lustbegier wie im Banne einer Erlserhoffnung nach. Sie tauschen mir das Nahe und Vertraute gegen das Fremde und Ungewisse ein, das Haus gegen die Strae und die Heimat gegen die Welt.-- Als ich die Augen ffnete, sa ein groer brauner Nachtfalter auf dem kupfernen Griff des Leuchters und sah bestrzt und hilflos in das unfabare Licht. Nach einer Weile begann er langsam die Flgel zu heben und zu senken, und seine Augen voller Angst und unbeweglicher Schwrze fllten sich mit dem Lichtwesen des heiligen Feuers. Die Luft trug seine starken Flgel leicht, diese Luft, die so schwer in meine Brust einzog und so ermdend auf ihr lastete. Ich bemerkte erst jetzt, da die Veranda sich bevlkert hatte, und da ein beflgeltes Geschlecht nchtlicher Vagabunden bei mir zu Gast gekommen war. Alles drang auf geheimnisvolle Art aus dieser grnen Mauer hervor, die mich und mein Haus einschlo. Der Mond mute hinter ihr aufgegangen sein, denn ich unterschied in der warmen Pflanzenwand nun hellere und dunklere Flecke, die Ornamente der Palmenfcher und die gewaltigen Formen der Bananenbltter, die wie die Keulen schlafender Riesen emporragten, oder gebrochen, wie zerrissene Hute niederhingen. Den Himmel konnte ich nicht sehen. Da lschte ich mein Licht aus, und eine matte, magische Dmmerung erhob sich lautlos um mich her, als sei die Welt durch ein grnes Glasmeer vom Licht getrennt.-- * * * * * Von allem, was dem Menschen gegeben ist, sind seine Gedanken das Herrlichste. Und die Nachtgeborenen, die auf ihrer Reise ber die Erde das unvergngliche Licht erstreben, werden in der Nacht am lebendigsten, als erwachten sie im Dunkeln, wie in heimlicher Angst, zu verdoppelter Tatkraft. Ihnen ist nichts verschlossen, der Weg in die Zukunft ist ihnen so frei, wie der in die Vergangenheit, und sie dringen in die Geheimnisse der versunkenen Geschlechter ein, in die Kelche der Blumen und in den Schlafraum der Geliebten. Die kleinen Dinge des Alltags, mit denen sie sich beschftigen, nehmen ihnen die Schwungkraft nicht, das Wesen Gottes zu ermessen. Ihr Triumph liegt im Grenzenlosen, und ihr unbewutes Ziel ist die Ewigkeit. Je strker sie sind, um so mehr streben sie die Ordnung an, die Schwester der Erkenntnis, und es ist ihre irdische Arbeit, die Zusammenhnge zwischen den versunkenen und den gegenwrtigen Geistern zu finden. Whrend ich so meinen Besinnungen freie Fahrt lie, hrte ich merkwrdige Gerusche aus dem Hause dringen, bald war es ein Scharren oder Pochen, bald rieselte es von den Wnden, oder knisterte im Geblk. Manchmal unterschied ich Tierstimmen, seltsam klagende Laute des Kampfes oder der Liebe. Es war schwer zu unterscheiden, ob die Laute von auen oder von innen zu mir drangen, aber ich entzndete nach kurzer Zeit mein Licht aufs neue, um den Ungewiheiten der nchtlichen Dmmerung zu entgehen. Als ich aufbrach, um mich zur Ruhe zu begeben, war der Mond voll aufgegangen; es lockte mich, den beschienenen Garten zu betreten, aber die damit verbundenen Gefahren waren auf einem fremden und seit langem von Menschen verlassenen Gebiete zu gro. Im Hausgang schlief Panja auf seiner Kokosmatte am Boden, und sein Schnarchen beruhigte mich als der einzige vertraute Laut in dieser Abgeschiedenheit. Im Hintergrund flchtete ein niedriger Schatten lautlos in eine der geffneten Tren der Gartenzimmer. Ich erwog es, ihm nachzugehen, unterlie es aber. Elias lag auf meinem Bett, als ich eintrat. Die Holzstbe an den Fenstern waren morsch und teilweise zerbrochen, Scheiben waren nicht mehr vorhanden. Auch hier verhllte die undurchdringliche Pflanzenwand den Ausblick ins Freie und den Zuzug frischerer Luft. Der Bltenduft im Raum war berauschend, bald giftig, bald s, die Dfte erschienen mir schwer und greifbar, whrend der Gesang der Grillen betubend im Mondlicht zunahm. Ich untersuchte meine Schuwaffe, obgleich ich wute, da sie in Ordnung war, und rckte mein Lager weit vom Fenster ab. Es stand mir schwer bevor, Elias wecken zu mssen, denn es war mir bekannt, da ihn jede Strung aufs tiefste verletzte, und fr diese unsichere Nacht wollte ich meinen einzigen Gefhrten ungern verstimmen. Aber er knurrte nur unwillig und schlief am Boden weiter, ohne recht erwacht zu sein. Da ich gezwungen war, das Licht bald zu lschen, weil seine Anziehungskraft auf die Insektenwelt zu gro ist, lag ich bald unter den Gazevorhngen im grnlichen Dmmerlicht und versuchte einzuschlafen. Drauen wurde es von Viertelstunde zu Viertelstunde lauter und leidenschaftlicher; die Lebendigkeit des fremden Getiers teilte sich meinem Blut in aufreizender Art mit, und ich fhlte den Augenblick herannahen, in welchem man die letzte Hoffnung auf Schlaf fahren lt. Meine Gedanken beschftigten sich mit den vielerlei Vernderungen und Einrichtungen, die fr einen dauernden Aufenthalt in diesem Hause notwendig waren. Solche Erwgungen verstimmten mich, wie leicht gleichgltige Dinge es tun, die mit einem Augenblickszwang an Stelle guter und harmonischer Besinnungen treten. Aber allmhlich umfaten meine Gedanken die Gegenstnde nicht mehr, mit denen sie sich abgaben, die Umrisse verwischten sich, ich hatte unter den geschlossenen Lidern noch den unbestimmten Eindruck, als ob es im Zimmer heller geworden sei, und das Grillengeschrei verschwamm zu einem schwlen, drckenden Luftmeer, in dem ich leblos dahintrieb. Ich versank in Schlaf wie in einen Opiumrausch. Ein weiches Gedrng an meiner Seite lie mich auffahren, erstarrt blieb ich in der Haltung liegen, in die mich mein Erwachen gestrzt hatte, bis ich Elias erkannte, der sich mitsamt dem Moskitoschleier unter meine Decke verkrochen hatte. Wre nicht ein schrecklicher Lrm im Zimmer strker als mein Zorn gewesen, so htte ich sicher meinem unschuldigen Hunde eine ganz neue Art des Luftsprungs beigebracht, aber mein Instinkt sagte mir rasch, da das uerste Entsetzen Elias zu seinem Vorgehen veranlat hatte, er zitterte heftig, und sein Winseln glich den Lauten der Todesangst. So lie ich ihn gewhren, drckte ihn an mich und forschte nach der Ursache des eigentmlichen Lrms, der meinen Schlafraum fllte. Es war fast hell im Zimmer, da der Mond nun so hoch am Himmel stand, da seine Strahlen durch die Palmenwipfel den Weg ins Haus fanden, aber die Lichtflecke am Boden und die blassen Streifen in der Luft verwirrten mein Auge anfnglich, bis ich erkannte, da der Fuboden von einer erregten Schar groer Ratten wimmelte, die sich wie zu einem Angriff an der einen Seite des Raums gesammelt hatten. Ihnen gegenber kauerte in der Ecke eine Katzenfamilie, kleinere, langhaarige Tiere mit ihren Jungen, und zwischen den beiden Parteien lagen gettete Ratten, einige verwundete schleiften sich mhsam unter klglichem Piepen voran, einen Blutstreifen hinter sich zurcklassend. Es war deutlich erkennbar, da die Katzen-- ich zhlte derer ohne die Jungen etwa vier oder fnf-- sich im Zustande hchster Angst und uerster Bedrngtheit befanden. Sie kmpften einen Verzweiflungskampf gegen die bermacht der Ratten. Ihr drohendes Fauchen und Miauen hatte etwas, selbst berlegene Gegner, auerordentlich Einschchterndes, und ihre Gebrden erinnerten mich an die eines gereizten Panthers. Es schien eine alte Feindschaft zu sein, die seit langem im Bereich dieses Hauses herrschte, und die in dieser Nacht vielleicht zum soundsovielten Male blutig ausbrach. Es mag einmal anders gewesen sein, vielleicht herrschte vorzeiten das Geschlecht der Katzen ohne Einschrnkung und als tyrannischer Unterdrcker der Ratten, bis diese zu jener berlegenheit gelangt waren, die mir jetzt ber jeden Zweifel erhaben schien. Die Ratten rckten langsam und mit widerwrtigen Lauten des Zorns und der Blutgier heran. Das magische Licht und der fast leere Raum, dessen Ecken in Dmmerung gehllt waren, verschob meinen Sinnen auf eigenartige Weise die Verhltnisse von Gre und Weite, es kam mir vor, als rckten dunkle Ungeheuer zum Kampfe gegeneinander heran, ich selber war kleiner als sie, auf einem weit entfernten Berg. Als die erste Katze, wie es mir erschien, ein alter und erfahrener Kater, zur Verteidigung mit einem langen, flachen Satz vorsprang, erschreckte und begeisterte mich die Wildheit seiner Bewegung. Der Kater verlie sich im Kampfe weniger auf sein Gebi, als vielmehr auf seine Pranken, die mit zher Geschmeidigkeit und tdlicher Sicherheit dreinhieben. Die Ratten stoben anfangs auseinander, als er mitten unter sie sprang, nur eine, die von seiner Tatze getroffen worden war, wand sich schreiend neben ihm am Boden, ohne da er sie vollends ttete, oder auch nur noch beachtete. Seine glhenden Augen, dicht ber dem Boden, waren auf die aufs neue heranrckenden Gegner gerichtet. Sie kamen langsam und mit hlichem Kreischen nher, aus welchem sowohl Todesangst als auch uerste Kampfeswut klangen, aber ein erneuter Sprung des Katers mitten unter sie hatte nicht mehr die gleiche Wirkung, wie der erste. Die diesmal getroffene Ratte hatte sich offenbar an seiner Lippe festgebissen, jedenfalls schlug das Tier, von seinen Schmerzen wie von Sinnen, mit ungeheurer Wut planlos um sich, sprang hoch empor und wlzte sich am Boden, whrend immer die eine Ratte, schon fast zerfleischt und in Strmen blutend, an seinem Maule festgebissen hing und hin und her geschlenkert wurde, hinauf und hinab. Und whrend ich, von Grauen fast atemlos, sah, da die unheimlichen schattenhaften Gefhrten der geopferten ersten sich von allen Seiten in der kmpfenden Katze festbissen, beobachtete ich sogleich, wie hart an der Wand eine andere Rattenschar gegen die in der Ecke zusammengedrngten Katzen vorrckte. Sie glitten, eng aneinandergedrngt, wie ein langsamer Schatten dahin, und das furchtbare Geschrei des sterbenden Katers mitten im Zimmer begleitete ihren gespenstigen Zug wie eine greuliche, herausfordernde Kampfesmusik. Pltzlich, wie auf einen heimlichen Zuruf hin, strzte der herannahende Schatten blitzschnell auf die zusammengekauerten Katzen, und es entspann sich ein zweiter, nicht weniger erhitzter Kampf im Dunkel, der mich um so mehr entsetzte, als ich keine Einzelheiten zu erkennen vermochte. Ein winziges, junges Ktzchen von zrtlichster Anmut flchtete betroffen, und scheinbar die Gefahr kaum ahnend, mit zierlichen Stzen ins Licht. Zwei rasche Schatten folgten ihm, man sah keine Bewegungen an ihnen als einzig die des Dahingleitens, und in wenig Augenblicken war das Tierchen zerfetzt. Auf den kurzen, jammervollen Angstschrei arbeitete sich die Mutter mit verzweifelten Anstrengungen zur Hilfe heran, und zu meinem Entsetzen sah ich die schauerlichen Nachtgesellen in ihren Leib verbissen, und sie schleppte, vor Schmerzen heulend, wie ich niemals eine Katze habe klagen hren, ihre blutdrstigen Mrder mit sich, ohne ihrem Kinde Hilfe bringen zu knnen. Wre dieser Kampf nicht gleich darauf auf eine entscheidende Art unterbrochen worden, so htte ich sicher eingegriffen, um ihn endlich zu beenden. Ich habe mich spter oft gefragt, was mich daran gehindert haben mochte, es gleich zu tun. Dem Menschengemt haftet ein sonderbarer Hang an, kmpfenden Tieren zuzuschauen, und der wollstige Genu an solch erregenden Schauspielen ist nicht nur verwerflicher Art, sondern er mu auch eine Achtung vor den selbstttigen Bewegungen der Natur zur Grundlage haben und ein heimliches Bewutsein fr die Wahrheit, da der Mensch ihrem Walten weder etwas nehmen noch hinzufgen kann. Ich entsinne mich, da ich schon als Kind einem Hahnenkampf mit Freude und Genugtuung zuschaute, und da ich sein Ende mit dem erhebenden Gefhl einer Bewunderung und ohne Beschmung erwartete. So habe ich als Knabe auch nur schwer begreifen knnen, da die Menschen Hunde zu trennen suchten, die in eine Beierei geraten waren, und obgleich einem reizenden Affenpinscher, den ich mein eigen nannte und dem ich aufrichtig zugetan war, von einem Wolfshund die Kehle durchbissen wurde, wei ich doch gut, da ich trotz meines Schmerzes dem bsen Sieger mit einer Ergriffenheit nachschaute, die geradezu an Anbetung grenzte und die mit heftigem Neid auf seinen Lorbeer gemischt war. In jenem Augenblick nun, als ich, von Entsetzen und Mitleid gepeinigt, in den blutigen Kampf der Tiere einzugreifen beschlo und vorsichtig nach meiner Schuwaffe tastete, im voraus mit heimlicher Genugtuung die furchtbare Wirkung ermessend, die das Krachen eines Schusses auf dem nchtlichen Schlachtfeld hervorrufen wrde, erklang aus dem dunklen Winkel des Raumes, hinter mir, ein Laut, dessen gebieterische Macht strker war, als der feurige Donner aus dem eisernen Mund meiner Waffe. Es war ein leises Zischen, das man auch ein trbes Fauchen htte nennen knnen und das den seltsamen und etwas lcherlichen Lauten zu vergleichen war, mit denen bisweilen Gnse mit gesenktem Kopf gegen einen Gegner vorzugehen pflegen. Aber die Wirkung dieser klanglosen und widerlich eindringlichen Stimme war alles andere als lcherlich, sie war von einer geradezu grauenhaften Macht. Ich fhlte mein Blut in den Adern gerinnen, und die Totenstille, die im Raume eingetreten war, erhhte den Schauer meines Entsetzens zu einer todesartigen Erstarrung. Es war so still, da ich mein gehemmtes Blut in den Ohren sausen hrte, bis langsam, ganz langsam mein Herz jenes furchtbare, dumpfe Hmmern begann, unter dem der Atem stockt und ein schmerzhaftes Gefhl des Erstickens einsetzt. Ich sah die Tiere wie dunkle, reglose Flecke am Boden, selbst das Todesgeschrei der Verwundeten verstummte fr eine Weile, nur eine groe Ratte, deren Leib vllig aufgerissen war, kreiste in einer Lache ihres Blutes am Boden, in ihr Eingeweide verwickelt, mitten im Mond, und ihr heiseres Piepen hatte in Gemeinschaft mit ihrem scheulichen Reigen eine fast komische Wirkung unbeteiligten und ahnungslosen Eifers. Die Schlange hat gesprochen, unter den heien Steinen, ihr tauber Gesang schttet das Herz in Schnee, aus ihrer Stimme brechen die Augen des Todes wie aus den Berggefilden des ewigen Schnees. Ich hatte diese Verse in Maratta von einem Fakir gehrt und sie mir spter geben lassen, wobei ich erfuhr, da sie alter Herkunft sind und einem viel gesungenen Liede der Bergvlker der West-Gates entstammen. Nun dachte ich in diesem Augenblick zwar nicht an sie, sondern die Verse schienen an mich zu denken, sie bemchtigten sich meiner in dieser schrecklichen Lage, und mir geschah aufs neue das ergreifende Wunder jener erhabenen Gelassenheit, die, in Augenblicken der Angst, wie eine hhere und unbeteiligte Gewalt ber uns hereinbrechen kann. Darber sah ich eine groe Schlange herangleiten, ihr schmaler Kopf war wohl eine Handbreit ber dem Erdboden erhoben, und als er ins Licht kam, sah ich die feine Zunge eifrig spielen. Es erschien mir, als lchelte das Tier. Unter meinen Augen begann nun das grausame Spiel der Schlange, das alle Vlker auf Erden kennen und rhmen oder verfluchen. Keinem anderen Tiere ist die geheimnisvolle Macht dieser Wirkung verliehen, die lautlos, unerklrbar, und wie aus einer unterirdischen Welt des Bsen stammend, daherkommt. Kraft und Mut, oder gute Waffen und khner Sinn bringen ihrer Herrschaft nur selten Gefahr, denn sie hat neben vielen magischen Mitteln jenes furchtbare in ihrer Begleitschaft, das auch den Helden wehrlos macht, den Ekel. Aber neben ihm und vielem anderen, das ihr Wesen enthlt, erstrahlt jener dmonische Abglanz aus ihren Regungen, der uns wie eine alte Erinnerung an den bestndigen Triumph des Bsen anmutet. So ist ihr listiges Schleichen mit Weihe gepaart, ihre Schnheit mit Verstecktheit und ihre Macht mit Niedrigkeit. Alle Eigenschaften, welche dem Starken Freimut verleihen, verbindet sie, wie in einer heimlichen Genugtuung eigenntziger Bosheit, mit Falsch. Die Elemente von Wasser, Erde und Luft scheinen bei den Bewegungen dieses Krpers ihre unterscheidende Eigenart einzuben, denn der Gang der Schlange ist dem keines anderen Lebewesens zu vergleichen; in ihm ist das einfltige Rieseln des Wassers mit den Beschwrungen der Magier verbunden. Die Schlange umkreiste eine verwundete Ratte, die noch lebte, fuhr aus ihrem verschlafenen Tanz, der alle Wesen bannt, jhlings zu und begann das erbeutete Tier zu verschlingen. Ihre Sorglosigkeit und die berlegene Sicherheit ihres Tuns erregte meine Bewunderung in hohem Mae, es war, als wre sie sich keiner Feindschaft bewut, die ihr etwas anzuhaben vermchte. Das Zimmer blieb still, nur von der Decke rieselte bisweilen ein feiner Staub, und die zackigen Lichtornamente am Boden rckten langsam beiseit. Die Erde kreist, dachte ich, mit mir, mit dieser Ruberin, mit den kleinen Sterbenden und Toten dieses Raumes und mit allen, von denen ich durch ein unendliches Meer getrennt bin. Drauen schnarchte Panja, und Elias war an meinem Rcken eingeschlafen. So nahm ich vorsichtig vom Kofferrand eine der groen indischen Landzigarren, die braun wie Torf und feucht wie Erde sind, zndete sie an und wartete auf den Morgen. Meine Gedanken zogen mit den Rauchwolken in die grnliche Dmmerung, und ihr Gegenstand war das Leben der Menschen und Tiere auf der merkwrdigen Erde. Zweites Kapitel Cannanore, die Fischer und das Meer Ehe die Morgendmmerung hereinbrach, trieb es mich hinaus, um den stillen Kampf der roten Morgensonne mit dem grnlichen Silberlicht des Mondes zu sehen. Oft sah ich die einsamen, hohen Palmen am Meer auf der einen Seite in rote Glut getaucht, whrend die andere noch die silbernen Wahrzeichen des Mondlichts trug, aus dessen kaltem Leuchten sie langsam im Morgenwind zu erwachen schienen. In solcher Licht- und Farbenpracht standen sie gegen das bewegte Meer, dessen Stimmen den heraufeilenden Tag begrten. Aber ich sollte diesen Morgen nicht zur Freude des herrlichen Anblicks gelangen, denn Panja hatte mit mir zu verhandeln. Sahib, rief er, als ich um Wasser bat, was ist dies fr ein Haus, in welches du eingezogen bist! Ich begann es zu beschreiben, aber er unterbrach mich mitleidig. Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugemacht! rief er, und die herausfordernde Traurigkeit seiner Augen grenzte geradezu an Miachtung. Sieh, Panja, sagte ich so freundlich, als es mir mglich war, ich brauche nun Wasser, bedenke die Sitten meines Landes. Da fhrte mich Panja durch den Garten, ohne noch etwas zu sagen, denn er verzweifelte offenbar daran, mich anders als durch Tatsachen von der Ungerechtigkeit meiner Forderung zu berzeugen. Die ganze Frische des indischen Frhlingsmorgens umfing uns. Alle Blten strmten von Tau ber, ihre Farben leuchteten im ersten Licht, so da meine Augen das Entzcken dieser Pracht nicht zu fassen vermochten, und der Geruch von Nsse, Erde und tausend aufbrechenden Blumen lie mich taumeln vor Glck. Auch ber Panja kam dieser Rausch, als risse das irdische Lebensheimweh der Blhenden seine Seele, wie auch die meine, mit sich empor. Er hob die braune Nase in die Luft, lchelte breit in einfltigem Behagen und sah sich nach mir um. Mit allen Sinnen sog er die Frische und das Licht ein, und sein dunkler, nackter Krper glnzte von Tau. Als wir am Ende des Gartens, dicht beim Palmendickicht, an der Zisterne anlangten, erblickte ich anfnglich nichts als eine turmartige Wildnis von Schlinggewchsen, und erst als Panja die Ranken zerteilte, gewahrte ich die zum Wasserspiegel niederfhrende Treppe, die wie in eine unterirdische Hhle hinabging. Die zerbrckelten Steinquadern in der Dmmerung waren von seltsamen Moosen bergrnt und fast ganz bedeckt, ein khler Modergeruch kam mir entgegen, und Panja, der den Eifer seiner Entrstung vergessen zu haben schien, warnte mich mit einem geflsterten Wort und sah fast ehrfrchtig drein. Sein braunes Gesicht unter dem weien Turban schaute aus einer Wolke halboffener, roter Blten hervor, die so gro wie Kinderkpfe waren. Ein Falter, wie aus blauem Samt, erhob sich schlfrig aus ihrem Ampellicht und zog lautlos davon, in die Pflanzenwildnis hinein. Du darfst nicht hinabsteigen, sagte Panja, berall hockt der Tod im halben Licht, hierhin geht er aus dem Tag der Menschen; tritt zurck. Ich habe das Wasser gesehen, es ist grn wie sterbendes Laub und von Pflanzen bedeckt, es trgt Blumen, die niemals ein Sonnenstrahl getroffen hat und die deshalb giftig sind, wie die Schlange und das Fieber, die bei ihnen wohnen. Dann besann er sich pltzlich, seine kindlichen Augen verloren ihren andchtigen Ernst und er sagte mit gerunzelter Stirn: Solch ein Haus mietest du! Wie lange willst du hier bleiben? Wir reisen nach Bitschapur zurck, ich werde alles in die Koffer stecken. Auf dem Rckwege trafen wir Pascha, den Koch, der ber die Strae kam und auf das Haus zuging. Einen roten Tonkrug mit Wasser auf der Schulter, schritt er durch die Sonne, die inzwischen aufgegangen war. Aus dem Hause drang Holzfeuergeruch. Pascha grte mich mit der freien Hand und schritt stumm an mir vorber. Mir war zumute, als sei er stolz auf sein Land und auf seine Pflicht, gnnte mir das erste nicht und tte das zweite um seiner selbst willen. In seinen groen, samtartigen Augen, unter den langen Wimpern, verbarg sich sein Verlangen nach den Bergen. Seine mnnliche Gestalt entzckte mich, ich empfand pltzlich den Namen, den ich ihm zugelegt hatte, als lcherlich und wnschte mir, den seinen zu wissen, nur um ihn vor mich hinsagen zu knnen, diesen fremdartigen Namen seines fremden Geschlechts aus den Bergen. Mich ergriff aufs neue jene sonderbare Traurigkeit, die mich in Indien nie verlassen hat, und die dem menschlichen Herzen, allem Unerforschbaren gegenber, eigentmlich ist. Panjas empfindsamer Sinn fr alle meine Regungen, die sein Interessengebiet berhrten, ahnte auf seine Weise, da Paschas wortlose Ttigkeit mir wohlgefiel. Er sagte: Diese Hunde aus den Felsspalten haben eine Sprnase fr alles Geniebare. Er wird aber vergessen, das Wasser zu kochen, und morgen hast du Fieber, Sahib. Ich werde also nach dem Rechten sehen. Er ging ins Haus, und gleich darauf hrte ich Elias klagen. Die Sonnenstrahlen wrmten bereits sprbar, obgleich ihr Licht noch rtlich war. Der Garten dampfte, und Vogelstimmen, mit den ersten Lauten der ausschwirrenden Insekten gepaart, drangen aus der nebligen Morgenschwle des Dickichts. Ich verlie den grenden Garten und betrat den rtlichen Sandweg, der unter uralten wilden Feigenbumen breit dahinfhrte, auf Cannanore zu, in freierer Luft. Mein Haus lag etwa in der Mitte zwischen der Stadt und dem Meere; um die eine oder das andere zu erreichen, mochte etwa eine Viertelstunde Wegs zu gehen sein. So entschlo ich mich, die Stadt zu einem kurzen Besuche zu betreten, whrend Pascha den Tee bereitete. Der breite Weg war fast leer, ber Cannanore lag ein blulicher Holzfeuerrauch, der aus den Palmen stieg, die Ortschaft war ganz von ihnen verborgen, wie die meisten Stdte und Drfer der fruchtbaren malabarischen Kste. Es war so still umher, da ich das Rauschen des Meeres an den Felsen vernahm, und das Sonnenlicht war von unfabarer Milde und Wohltat. Ein Ochsenwagen knatterte langsam heran, die hohen Rder mahlten leise im Sand, und ein Hindu hockte auf der Deichsel, dicht zwischen den Schwnzen der prchtigen, geduldigen Tiere, sein Kinn zwischen den mageren Knien. Er blinzelte scheu zu mir herber, ohne einen Gru zu wagen, die gewaltigen Hrner der Ochsen schaukelten gemchlich wohl einen Meter lang ber den blendend weien Rcken. Am zerfallenen Stadttor erhob sich zur Rechten und zur Linken eine einsame Palme, jene nach rechts, diese ein wenig nach links geneigt und ihre Fcherkronen, ber den flachen Dchern der Huser, zeichneten sich dunkel und deutlich gegen den klaren Morgenhimmel ab, die Stmme waren von der Sonne bemalt, wie mit roter Farbe. Ich sah durch das Tor in die bereits belebte Basarstrae, in der die eiligen nackten oder wei bekleideten Gestalten sich zwischen den niedrigen Husern bewegten und die Hndler ihre Straenlden ffneten und ihre Waren ausbreiteten. Der Wchter am Tore erhob sich, um sich tief zu verneigen, wobei er sein Gesicht mit den Hnden bedeckte. Ich beschritt die Basarstrae und empfand die Stille und das Erstaunen, die ich hinter mir zurcklie; nur die Brahminen, die graue Schnur auf der nackten Brust, gingen stumm und steil an mir vorber, ohne zu gren und ohne sich umzuschauen. Ich erblickte schne Gestalten und stolze Gesichter unter ihnen und las aufs neue aus ihren Zgen die ferne Verwandtschaft mit den germanischen Vlkern unseres Erdteils, deren Wesen die Jahrtausende nicht ausgelscht haben. Sie haben lange das gewaltige Reich beherrscht, bis Mohammed seine Fahnen inmitten ihrer Knigsschlsser aufpflanzte und ihnen langsam mehr und mehr die furchtbare und geheimnisvolle Macht erschtterte, die heute nur noch tief im Lande, in dsterer Gewalttat und mystischem Dunkel waltet. Bis auch Mohammeds Zeichen und die Pracht seiner Knige erblate, als das Gebrll des britischen Lwen sich ber dem Meer erhob und das Land erfllte. Als ich mich nach kurzem Gang zum Heimweg wandte, sah ich die Umrisse des englischen Forts gegen das Meer. Seine Kanonen sind Tag und Nacht auf das Schlo des Hinduknigs, im Herzen der Stadt, gerichtet, um es beim ersten Zeichen einer Revolte in Trmmer zu legen. Unter dem stummen eisernen Mund, der unerbittlich und unvernderbar unter der zornigen Sonne und dem ruhigen Mond auf die Stadt schaut, flackern die letzten, schchternen Reste der alten Knigsmacht von Cannanore. * * * * * Es war freilich mancherlei in meinem Hause vorzubereiten, bevor ich es zu dauerndem Aufenthalt behalten konnte, und beim Tee sprach ich mit Rameni und Panja ber die Manahmen. Rameni hatte seine offenen Schuhe vor meiner Tr stehen lassen und versuchte whrend unserer Unterhaltung vergeblich ein ertrgliches Verhltnis zu dem Liegestuhl zu finden, den ich fr ihn aufgerichtet, und den er aus Hflichkeit angenommen hatte. Endlich stand er auf und ordnete sein weies Gewand, aus dem von den Knien ab seine mageren braunen Beine schauten. Es soll alles nach deinem Willen geschehen, Sahib, sagte er so liebenswrdig, als sein furchtbares Englisch zulie. Panja verachtete ihn so angestrengt, da ihm der Schwei ausbrach. Es war herrlich auf der Veranda. Der Morgen des indischen Frhlings-- es war nach unserer Zeitrechnung Ende Oktober-- ist frisch und erquickend, erst nach drei oder vier Stunden wird die Sonne wirklich hei. Panja wurde guter Laune, als Rameni gegangen war. Wie das Schwein stinkt, sagte er freundlich. Er wird dich berall betrgen, Sahib. Wenn deine Reichtmer nicht unermelich wren, so wrde dieser Schurke dein Untergang sein. Zuerst werde ich nun die Ameisen vernichten, sie fressen alles, was sie finden. Wenn man Whisky zwischen die Steinplatten giet und zndet ihn an, so ist es um die Tiere geschehen. Gib eine Flasche, ich werde beginnen, wenn du ans Meer gehst. Ich schlug vor, es mit Petroleum zu versuchen, das man sicher in der Stadt auftreiben wrde. Panja schttelte sich. Die armen Tiere, sagte er. Nach einer Weile rckte eine Schar alter Weiber mit Besen, Eimern und Tuchfetzen heran, deren Anblick zuerst den ahnungslosen Elias und dann auch mich vertrieb. Nur Panja hielt dem Ansturm dieser wilden Amazonen stand, weil ihm daran gelegen war, seine Autoritt in Szene zu setzen. Das Haus war in wenig Tagen derart instand gesetzt, da ein beschauliches Leben voll reicher Eindrcke fr mich htte beginnen knnen. Auch Panja fand sich bald in unsere neue Lebenslage, und es kamen stille, herrliche Frhlingstage, die ich nie vergessen werde. Die bestndige Sonne weckte mich, und meine durch tiefen Schlaf belebten Sinne empfingen die ferne Stimme des Meeres, das mich Tag fr Tag in sein glitzerndes Bereich hinablockte. Die Fischer wurden meine ersten Freunde in Cannanore, und ich hatte mich bald daran gewhnt, ihre Arbeit mit ihnen zu teilen. Es gelang mir, ihr anfngliches Mitrauen zu zerstreuen, und ich lernte von ihnen, wie sie von mir. Wir saen in der Abenddmmerung bis tief in die Nacht hinein auf den schwarzen Uferfelsen, die in geraden, hohen Blcken weit in die Meerflut hineindrangen. Oft muten wir von einem Steinplateau zum andern springen, oder ber schmale Holzbretter balancieren, um bis an das uerste Riff zu gelangen, von wo aus die Angeln weit in die See geschleudert wurden. Neben uns, zur Rechten und zur Linken, wogte still die ungeheure Wassermasse, erst in tiefem, klarem Blau, dann frbte sie sich langsam rot und blendete den Blick, bis sie endlich tiefschwarz und drohend auf und ab stieg, so da es erscheinen konnte, als tauchte der Fels in einem unbeweglichen dunklen Spiegel auf und nieder. Weit hinter uns donnerte die Brandung, und hinter ihr ging ber den Palmen der rtliche Mond auf. Es war in der Hauptsache auf den Fang grerer Fische abgesehen, die Angelhaken hatten die Gre eines gekrmmten Kinderfingers und waren mit dem Eingeweide erbeuteter Fische umwickelt. Etwa vier bis fnf Meter vom Kder entfernt war ein Stckchen leichter Baumborke als Schwimmer an der Leine befestigt, und die Angeln wurden ber dem Kopf in Kreisform geschwenkt, so da sie bis zu zwanzig Metern weit ins Meer hinaus gelangten. Dann hockten die Mnner sich nieder und verharrten unbeweglich, wie mit dem Fels verwachsen, bis ein leises Rucken am Seil sie vom Erfolg ihrer Mhe unterrichtete. Oft kam das wogende Meer bis hart an unsere nackten Fe, dann wieder sahen wir es viele Meter tief unter uns. Selbst in der Nacht erkannten die Leute deutlich das Herannahen einer greren Welle, und ein leiser Zuruf warnte mich, damit ich mich am Felsen festhalten mchte. Wenn dann fr Augenblicke der Steinboden den Blicken entschwand und nichts als das leise brodelnde nchtliche Element unter mir kenntlich war, hatte ich anfangs ein dumpfes Gefhl der Angst, ja der Todesfurcht zu berwinden, und nur die unerschtterliche Gelassenheit meiner Nachbarn sicherte meinen Mut. Die Mnner hielten ihre Leinen niemals fest in den Hnden, sondern nur leicht zwischen den Fingern, weil es vorkam, da ein Haifisch anbi, und weil der erste Ruck ihnen htte verhngnisvoll werden knnen. In solchem Fall, den ich einmal erlebt habe, schreckte ein lauter Zuruf alle empor. Ich sah die Leine wie ein Ankerseil in rasender Schnelligkeit ins Meer gleiten und wie ihr Ende hastig um einen Felsvorsprung gewickelt wurde. In den meisten Fllen war das Gert dann verloren; zuweilen gelang es aber, das Raubtier durch die Felslcken bis auf den Strand zu schleifen, und ich erschrak ber die Lebenskraft und Wildheit des Gefangenen, der trotz seiner Hilflosigkeit einen geradezu einschchternden Widerspruch gegen seine Bndiger an den Tag legte. Man befestigte den Rest der Angelschnur mit einem Pflock im Sande, ohne den Haken zu lsen, und lie das Tier auf dem Trockenen sterben, so gut und rasch es konnte. Erst am andern Tage oder nach Stunden bemchtigten sich die Frauen alles Verwendbaren von seinem glatten Leibe, dessen Fleisch nicht genossen wird. Gegen Norden zu brachen die dunklen Kstenfelsen jhlings ab, und es breitete sich, soweit das Auge reichte, die freie Bucht entlang, weier Sand aus. Oft wuchsen Palmen, besonders wenn sie einem kleineren Bach das Geleite gaben, bis dicht an den Meeresstrand hinab. Dort sah man, noch nahe dem Ort, die bunten Boote der Eingeborenen in Reih und Glied im Sand, und weiter hinaus begann eine Stille und Verlassenheit, die wohl dazu angetan war, ein empfindsames Herz zu locken. Dort lag ich oft am Wasser, bohrte mich in den Sand und warf die Lasten meiner unntzen Gedanken weit von mir. Es war herrlich, der Stimme des Meers zu lauschen, die die ganze Welt zu beherrschen schien, und die endlos langen, ebenmigen Wogen zu betrachten, welche heranliefen wie sanfte Windwellen unter blablauer Seide, sich lautlos hoben und sich mit jubelndem Erbrausen, in ein weites Lichtband zerbrechend, auf den geduldigen Strand warfen. Das ging so lange so fort, wie nur immer die Sinne sich in Geduld und Traum hinzugeben vermochten, denn das Meer kennt keine Zeit. In seiner Stimme sind weder Hoffnungen noch Verheiungen, keine Liebe und kein Drohen, weder Wahrsagungen noch Beschwichtigungen. Das Wesen des Meeres hat keine Gemeinschaft mit dem unsrigen, und nichts als ein beseligter Unfriede erwacht in uns, wenn wir uns ihm zu nhern trachten, nur seine Gre erhebt uns, wie alle groen Formen dem Gemt eine Ahnung knftiger Freiheit vermitteln. Das Meer enthlt keine Mastbe fr unsere Rechte oder fr unsere Pflichten, wie die Erde sie uns bietet, die uns trgt und ernhrt und deren Schicksal dem unsrigen verwandt ist. Die Dichter haben das Meer selten verstanden, sie haben es nur beschrieben, aber wer wrde durch sie ein Bild von seiner unermelichen Gewalt und Freiheit bekommen, wenn er das Meer niemals gesehen htte? Nur in jenem ins Mystische hinber verblhenden Geiste des groen, gottberauschten Schwrmers der Apokalypse leuchtet ein wahrsagerisches Licht vom Wesen des Meers auf, als er das Tausendjhrige Reich in seinen unendlichen Visionen erblickt, und vom Meer sagt, es sei nicht mehr. In dieser Erkenntnis liegt eine tiefe Ahnung vom Wesen des Meers, das nicht wie die Erde verflucht scheint, und keinem Gericht, keiner Wiederkehr und keinem Wandel unterstellt ist. So hat auch das Meer keineswegs eine Verwandtschaft mit der Seele des Menschen, wie manche festgestellt haben, die weder das eine noch die andere kennen, und die nur deshalb, weil sie in der Seele etwas Bodenloses wittern, auf den Gedanken gekommen sind, sie wre vielleicht so tief wie der Ozean in der Mitte. Das ist ein leichtfertiger Schlu, der schwer zu erweisen ist, die einzige hnlichkeit zwischen solchen Seelen und dem Meer ist die, da man oft in beiden herumfischt, ohne etwas zu fangen.-- Einmal fand ich am Strand einige groe Meerschildkrten, die auf dem Rcken lagen und nach Wasser schnappten. Aus den Spuren nackter Fe, die sie wie ein in den Sand eingeprgter Lorbeerkranz umgaben, lie sich leicht entnehmen, da diese Tiere sich nicht freiwillig in solche Lage begeben hatten und da sich ein menschlicher Zweck mit dieser Grausamkeit verband. Und richtig sah ich unter den Bumen einen braunen Hinduknaben flchten, dessen Respekt vor mir so gro war, da er eine Palme bis an den Wipfel erklomm. Die Schildkrten waren in dieser Einschrnkung ihrer Bewegungsfreiheit einem langsamen Tode in der unbarmherzigen Sonne ausgesetzt, der um so qualvoller war, als sie nicht wie die Fische rasch sterben, wenn sie ihrem Element entrissen worden sind, sondern eine zhe Lebensdauer, auch auf dem Trockenen, beweisen. In der Tat war auch der Gesichtsausdruck einzelner von ihnen bereits sehr verstimmt, anderen hing der merkwrdig hliche Kopf schon leblos nieder, an dem faltigen Hals, der mir wie ein welker, rissiger Schlauch erschien. Ich kehrte mit groer Mhe diejenigen um, die mir noch regsam genug fr eine Fortsetzung ihres Daseins erschienen, aber sie taumelten wie betrunken hin und her und fanden das Wasser erst, als ich ihnen den Weg wies. Dort schwammen sie rasch und erregt hinaus und tauchten sobald als mglich unter, sichtlich im Zweifel darber, ob dieser Vorgang eine Tatsache war, oder nur eine neue greuliche Vorstellung ihrer Fieberphantasien im Sonnentod. Spter erfuhr ich, da die Tiere von den Eingeborenen in diese Lage gebracht werden, damit sie sterben, denn sie knnen sich nicht aus eigenen Krften wieder umkehren. Auf diese Weise gewinnen die Leute das sehr begehrte Schildpatt, ohne einen Eingriff in das Leben der Tiere vorzunehmen, was ihnen verboten ist und auch ihrer berzeugung widerspricht. Die Tiere sterben auf diese Art durch den Willen der Gottheit und werden so nach Vorstellung der Hindus nicht von Menschen gettet; offenbar ersieht man aus der Tatsache, da die Gtter die Schildkrten nicht wieder umdrehen, ihren Beschlu, sie zum Nutzen der Menschheit sterben zu lassen. brigens hatte ich es mit jener Handwerkerkaste in Cannanore endgltig verdorben, denn eben jener Knabe, welcher mir Achtung erwies, hatte von seinem hohen Versteck aus meine Manahmen wahrgenommen und er nahm Anla, diese Neuigkeit in Cannanore zu verbreiten. Es gab am Strand vielerlei Krebse und allerhand kleines Meergesindel, mit dem ich mich einlie, auch Ratten kamen bisweilen die Bche herab und erkundeten, ob das Meer Tote angeschwemmt oder ausgewhlt hatte. Eine bestimmte Kaste in Malabar begrbt ihre Pesttoten am Meer im Sand; zwar werden meist die Sandbnke und Inseln gewhlt, aber hufig findet man auch die Spuren der Grber an der Kste. Einmal machte ich die Bekanntschaft einer greren Fliege, die nur einen Flgel hatte und den Rest ihres Lebens am Gestade zu verbringen schien. Ich beobachtete sie, whrend ich am Strand lag und rauchte. Sie suchte sich die Steine aus, die besonders rund, blank und hei waren, und es schien, als bevorzugte sie die weien. Wenn sie eine Weile auf einem solchen gesessen hatte, fate sie einen anderen ins Auge und versuchte ihn mit einem sprungartigen Flug zu erreichen, aber sie landete jedesmal auf irgendeinem dritten, weil sich leider das Fehlen ihres einen Flgels beim Einhalten der Richtung bemerkbar machte. Jedesmal schaute sie anfnglich etwas verdutzt um sich, ergab sich aber dann ihrem merkwrdigen Schicksal, immer anderswo landen zu mssen, als sie gewollt hatte. Mit einem etwas bekmmerten, aber keineswegs gereizten Ausdruck orientierte sie sich ber die ihr bestimmte Umgebung, schlielich schien die Sonne auch hier, und sie blieb sitzen, im heien Licht, vor dem glitzernden Wasser. Ich fate eine gewisse Neigung zu dieser flchtigen Freundin meiner einsamen Stunden am Meeresstrand. So sehr viel besser ging es schlielich im Leben auch mir nicht, und im Grunde kam es uns beiden auf die Sonne an. Ich erzhlte ihr, wie ich es mit dem Dasein hielt, aber da sie nicht auf mich achtete, warf ich mit kleinen Steinen nach ihr, die lustig ber die runden Brder ihrer Jahrtausende kollerten und vergngt klirrten. Die meisten dieser Steine waren prchtig abgerundet, ich nahm einen von ihnen in die warme Hand und polierte ihn sorgenvoll. Du bist noch nicht rund genug, mein Kleiner, und ich warf ihn ins Meer zurck, damit ihn die Flut noch ein paar weitere tausend Jahre lang abschliffe. Es kam mir auf tausend Jahre nicht an, so wenig wie auf einen Tag. Aber vielleicht wrde dieser Stein mich nicht vergessen, sicherlich war es ihm noch nicht geschehen, da einer dieser vergnglichen Menschlein sich seiner annahm und pltzlich einen solchen Eingriff in seine gemchliche Entwicklung machte. Das Meer trug leichte und liebliche Gedanken in meinen Sinn, trichte und sinnvolle, aber niemals schwere. Seine Gaben waren Traum, Vergessen und Schlaf, sie stiegen mit der flimmernden, heien Luft in unbekannte Regionen empor, und der flchtige Seewind trug sie von dannen. Die Menschen meines verflossenen Lebens versanken in einem schimmernden All, in welchem ich wesenlos, wie sie selbst, dahintrieb, und auch die Liebe wurde zur Erinnerung. Nie aber, da Langeweile oder Mimut mich plagten, das Leben war ein makelloses Gef, angefllt mit dem klaren alten Wein lieblicher Sinnenfreude und heiterer Daseinslust. Ich begriff die Menschen dieses Landes und dieser Sonne, die kein anderes Begehren zu bewegen schien, als das Dasein auf solche Art als seligen Bestand auszukosten und sich dem selbstttigen Walten von Erstehen und Vergehen, den vergnglichen Glcksgtern der Erdenzeit gegenber wahllos und zufrieden, ohne Bedenken, anheimzustellen. Was den Unedlen zu einem Anla anteillosen Verkommens wurde, das wurde im verwandten Geist den Edlen zu einer tiefen Offenbarung tatlosen Versinkens in einer hellseherischen Demut der Selbstbeschrnkung. Zuweilen zollte ich am Strande dem Tode eine kleine Abschlagszahlung auf seine knftigen Rechte und schlief ein, aber die Stimme des Meerwassers ging mit mir in das dunkle, ruhige Land. Die Monotonie seiner frischen Stimme verwandelte sich in meinen Trumen in einen beredten Glanz von groer Mannigfaltigkeit, und ich erfuhr Wunder und Sagen vom Gang der Welt, die ein ganzes Buch fllen wrden, aber etwas an der Weisheit des Meerwassers verhinderte mich daran, so trichte Plne zu fassen. Ich sage es allen, rief es gleichmtig, warum willst du es tun? Niemand wird Dinge durch Menschen hren, die ihm die Natur nicht vertraut, und ihr, die ihr nicht einmal euch selbst versteht, wie wollt ihr mich, das Meer, in seinem heiligen Wesen erfassen? Als ich erwachte, sah ich im Abendglanz auf der Silberleiste der Meerflut gro und nah ein schwarzes Boot im roten Himmelsschein dahinfahren, das von vier Mnnern angetrieben wurde, die stehend ruderten, und die mir gleichfalls schwarz erschienen, weil das Licht hinter ihnen mich gelinde blendete. Vielleicht fuhren sie ins Weite hinaus, vielleicht kehrten sie heim, ich wute es von ihnen so wenig wie von mir. * * * * * Ein bedauernswertes Ereignis dieser Zeit, das den Wert meines Charakters in den Augen der Einwohner Cannanores ernstlich in Frage stellte, ist mir lebhaft im Gedchtnis geblieben. Von Jugend auf habe ich den Hang versprt, Schmetterlinge und Kfer zu sammeln, es aber leider auf diesem Gebiet niemals zu Erfolgen gebracht, im Gegenteil begleitete mich stets ein sprbares Migeschick bei solchen Unternehmungen, und es lag nachweislich kein Segen darauf. Der prchtige Kasten mit einem Glasdeckel, den meine Eltern mir zur Frderung meiner lehrreichen Neigung schenkten, wurde bald zu einer Goldgrube billiger Ernhrung fr eine kleine, lausartige Sorte von Parasiten, die ber meine gesammelten Insekten herfielen und sie verzehrten. Auf den Rat eines erfahrenen Schulfreundes hin erwarb ich das prchtige Schutzmittel, das Naphthalin genannt wird, aber die Parasiten fielen auch ber das Naphthalin her, fraen es auf und gediehen dabei zusehends. So sah ich die Resultate meiner Bemhungen zuschanden werden bis auf einen rtlichen Erdfloh, der hoch an einer rostigen Stecknadel hockte und kaum grer war, als ihr Knopf. Es wre sicherlich besser gewesen, wenn ich mir diese Erfahrungen meiner Jugend auch in Indien zunutze gemacht htte, anderseits aber wird es jedem verstndlich sein, da meine alte Leidenschaft bei der auerordentlich mannigfaltigen und prchtigen Insektenwelt Indiens aufs neue angeregt wurde. Ich schlug Panjas Einwnde in den Wind und lie in Cannanore bekanntgeben, da ich Erwachsenen oder Kindern fr jeden Schmetterling oder Kfer, die mir in meine Niederlassung gebracht wrden, den Preis von einer Anna zu zahlen bereit sei. Am Morgen nach dieser Kundgebung weckte mich in aller Frhe ein seltsames Gerusch vor meinem Hause, das ich anfnglich vergeblich zu erkennen trachtete, bis ich endlich herausbrachte, da es ein Volksgemurmel war. Erschrocken trat ich ans Fenster und erkannte nun eine auffallend geordnete Reihe von Menschen, Kindern, Greisen, Frauen mit Suglingen auf den Hften, Mnnern und Jnglingen, auch fehlte es nicht an Bettlern, Straendirnen und Landstreichern. Die Reihe machte gehorsam den Bogen des Gartenwegs mit, schlngelte sich durch die offene Pforte und ging dann auf Cannanore zu. Es war nicht abzusehen, wie lang sie war; diese Erfahrung blieb mir anfnglich erspart, wie es das Leben bei harten Schicksalsschlgen seinen Opfern zuweilen dadurch erleichtert, da es nicht sofort die ganze Flle des Ungemachs offenbart. Panja sagte nur: Sahib, die Leute bringen die Tiere. Ich mu gestehen, da ich in groe Verwirrung geriet und mich nur mhsam fassen konnte, aber es gelang mir doch, weil ich Panja den Triumph nicht gnnte, der hinter seinen stillen Augen lauerte, welche schrg und erwartungsvoll ohne Unterbrechung auf mir ruhten. Hast du kleine Mnze genug? fragte ich ihn frhlich, whrend ich mich rasch ankleidete. Panja fragte mich ernst, ob ich genug groe htte. Da nahm ich Elias an mich, setzte den Korkhelm auf und betrat mutig die Veranda meines Hauses. Ein beiflliges Murmeln der Erwartung begrte mich. Recht gelegentlich, als lge mir nur daran, ein paar Schritte in der Frische des Gartens zu tun, trat ich bis an die Pforte und schaute die Strae nach Cannanore hinab. Die Kette der wartenden Menschen erstreckte sich weiter, als meine Augen reichten, fern unter dem Dach der wilden Feigenbume verlief sie im Laubschatten wie ein schwarzer Kohlestrich, auf dem roten Latrittweg. Elias zog sich still ins Haus zurck, weil dieser Anblick ihm neu war, und auf der Veranda empfingen mich wieder Panjas ruhig abwartende Augen; er hatte einen Liegestuhl fr mich herausgetragen. Es blieb mir nichts anderes brig, als zu beginnen. So sandte ich denn Pascha mit einer Handvoll Rupien zum Wechseln in die Stadt, denn ich brauchte Panja als Dolmetscher, auch wre er wahrscheinlich bis zum Abend ausgeblieben, um mich dadurch am Erfolg meines Unternehmens zu hindern. Der erste der zahlreichen Ankmmlinge war ein kleiner dicker Knabe mit prachtvollen dunklen Augen und vllig nackt. In der festgeschlossenen kleinen Faust, die er mir mutig hinreckte und die von Schmutz starrte, entdeckte ich die Staubreste einer kleinen Motte, die vllig zerquetscht und aufgeweicht war. Ich verabfolgte eine Anna, um nicht mit einem verneinenden Bescheid zu beginnen, und der kleine nackte Jger entfernte sich mit einem glcklichen Satz, ohne da er wagte, in den Jubel auszubrechen, der ihm die Brust weitete. Offenbar hatte er bis zuletzt nicht an den Erfolg dieses Geschftes geglaubt. Panja sah ihm nach und sagte boshaft: Unterwegs wird er sich lausen, und dann schliet er sich hinten wieder an. Der nchste der Wartenden war ein alter Mann, der in der mageren Hand einen grnen Beutel aus einem groen Blatt emporreckte, das er oben zuhielt. Es befanden sich weie Ameisen darin, von denen mein ganzes Haus wimmelte, und er war mit der Hoffnung herzugetreten, seine Tiere einzeln honoriert zu bekommen. Ich wies ihn ab, da legte er sich aufs Bitten und begann die Schicksale seiner Familie zu erzhlen, der es in der Tat nicht gut gegangen zu sein schien; so gab ich zwei Anna, und er entfernte sich mit einem mignstigen Blick auf meine Mnzen, nachdem er mir zwei Ameisen auszuhndigen versucht hatte. Ich kann nicht alles aufzhlen, was mir an diesem Morgen an Gewrm, Fliegen, Ungeziefer und Kerbtieren zugetragen worden ist, es gelang mir, Indiens Reichtum an diesen Geschpfen zu ermessen. Eine alte Frau brachte ein Kcken, das von Ratten zur Hlfte aufgefressen worden war und keine Federn mehr hatte. Sie hoffte, da ich es meiner Sammlung einverleiben wrde, weil sie keine rechte Vorstellung von meinen Interessen hatte. Ein Mdchen, blhend wie der sonnige Morgen, in welchem sie schchtern vor mir stand, hatte einen wahrhaft schnen Schmetterling von der Gre eines Singvogels, orangegelb, mit zartestem Lila an den Rndern, aber er war zwischen ihren Fingern zerdrckt, wie ein Trambahnbillett in einem Handschuh. Ich betrachtete das Kind und den unschuldigen Glanz seiner groen Augen, die mir erschienen wie dunkler Samt in braune Seide gebettet. Jahrtausendalte Trume brachen aus ihnen hervor, ruhig und traurig, Mohn und Schlaf. Mich berkam ein jher Wandel meines Empfindens und eine Traurigkeit; pltzlich ward ich mir der ganzen Nichtigkeit meines Vorhabens in beschmender Klarheit bewut. Wie hatte ich dem Irrtum verfallen knnen, zu glauben, da wir den Herrlichkeiten der Natur dadurch auch nur um ein Geringes nher kommen, da wir ihre Erzeugnisse unter Glas und in Ksten bergen. Ich empfand mich pltzlich als vielfacher Mrder, und vor mir harrte das Heer der blutigen Krieger ihres Lohns. Da gab ich dem Kinde den Rest des Geldes, das Pascha mir gebracht hatte, und stand auf, um verknden zu lassen, da meine Ansprche befriedigt seien, und da ich keiner weiteren Insekten mehr bedrfte. Drittes Kapitel Die Nacht mit Huc, dem Affen Eines Morgens stand auf der Veranda meines Hauses in Cannanore ein brauner Hinduknabe, der einen Affen auf der Schulter trug. Wie lange er schon dort gestanden hatte, wute ich nicht, weil die Eingeborenen bescheiden zu warten pflegen, bis es dem fremden Herrn gefllt, sie anzureden. Auch wenn sie annehmen, lngst gesehen worden zu sein, harren sie geduldig fort, oft stundenlang, ob es nun auch gefllt, sie zu beachten. Dieser Umstand hat mir in der ersten Zeit meines indischen Aufenthalts oft einen nicht gelinden Schreck eingebracht, denn auch wenn ein Diener des Hauses ein Zimmer betritt, wartet er still in der Nhe des Herrn, bis er angeredet wird. Es geschah mir in Bitschapur, wo ich zu Anfang meiner Reise inmitten alter zerfallener Knigsschlsser mein Lager aufgeschlagen hatte, da ich nchtlicherweile pltzlich am Schreibtisch den Eindruck gewann, es stnde jemand hinter mir. Solche Befrchtung ist in der Verlassenheit tiefer Nacht um vieles bengstigender, als die Gewiheit eines jhen, unerwarteten Zusammentreffens. Ich wei noch heute genau, da ich lange nicht wagte, mich umzuschauen, und als ich es endlich langsam, Zoll um Zoll, tat und pltzlich den Umri einer braunen Gestalt, dunkel in dunkel, hinter mir gewahrte, emporfuhr, als sei es der Bse selber, der mich heimsuchte. Der Bote hatte, in der festen Annahme, da ich lngst von seiner Gegenwart Notiz genommen hatte, bescheiden und geduldig auf meine Anrede gewartet. Da die Hindus den Tritt nackter Fe, selbst auf einer Kokosmatte, deutlich hren, begreifen sie nicht ohne Schulung, da unser Ohr an deutlichere Beweise einer Annherung gewhnt ist. Glcklicherweise erschrak damals der nchtliche Ankmmling so heftig ber meinen Schreck, da mich ein Lachen befreite und aus meinem Entsetzen ri. Eine groe Zahl Berichterstatter aus dem heutigen Indien behaupten in Bchern und Journalen immer wieder, dies Land sei aller Geheimnisse und Wunder und aller Mystik lngst entkleidet. Wahrscheinlich kennen sie von Indien nur die neumodischen Hotels. Ich habe den poetischen Glanz der Veden und den Geist Kalidasas berall gefunden und erst im Lande selbst recht wrdigen und fassen gelernt, und der bedauernden Ernchterung der modernen Propheten habe ich nur den Kummer entgegenzuhalten, da meine Krfte nicht ausreichen, von den mystischen Herrlichkeiten und dem geheimnisvollen Zauber aller Erscheinungen ein rechtes Bild zu geben. Wer allerdings die Wunder Indiens in der Kunst der Taschenspieler sucht und enttuscht ist, wenn ihm keine Gelegenheit geboten ist, auf einem frei hngenden Seil emporklettern zu knnen, wird seine Erwartungen nicht erfllt sehen, aber er wird nicht nur in Indien, sondern berall in der Welt enttuscht sein, wo er glaubt, etwas Rechtes erleben zu knnen, ohne etwas Rechtes zu sein. Denn das Mystische ist weder das Dunkle und Unklare, noch das phantastisch Bedrohliche unverstndlicher oder geheimnisvoller Vorgnge, sondern es umschliet, seiner tieferen Bedeutung nach, viel eher die Gewiheit ewiger Wahrheiten in ihrem Fortwirken jenseits unserer Erkenntnis. Jener Knabe nun, den ich vor meinem Hause fand, bot mir seinen Affen zum Kauf an, ich erfuhr durch Panja sein Anerbieten und den ntzlichen Zweck, der sich fr jeden Garteninhaber mit dem Besitz eines Affen verbinde. Er holt die Kokosnsse aus den Palmen, erklrte mir Panja. Das kleine, graubraune Tierchen, das etwa die Gre eines Foxterriers hatte, sah mich von seinem erhhten Sitz ruhig aus seinen alten Zgen an. Es war an einer Kette befestigt, deren Ende einen Ring um seine hageren Lenden bildete. Der Knabe erklrte sich bereit, seinen Affen vorzufhren, und in der Tat zeigte sich das Tier auerordentlich gut unterrichtet. Kaum war er von seiner Fessel befreit worden, als er mit groer Geschwindigkeit eine Palme erstieg, eine groe Nu abdrehte und sich geduldig wieder festlegen lie, nachdem die Nu gefallen war, und er, um vieles langsamer, wieder niederkletterte. Panja verhandelte mit dem Knaben wegen des Kaufpreises, und whrend ich, ohne zu verstehen, die beiden beobachtete, gewahrte ich, da eine sichtbare Besorgnis das Gesicht des Hinduknaben betrbte. Er schien begierig und traurig zugleich. Er will seinen Affen nur vermieten, erklrte Panja, das kommt daher, da er ein Dummkopf ist. Mir schienen die Dinge anders zu liegen; ich bemerkte deutlich, da der Knabe heies Verlangen nach der Kaufsumme trug, die er zu erzielen hoffte, da er sich aber schwer fr alle Zeit von seinem Affen zu trennen vermochte. Biete ihm fnf Rupien als Kaufsumme, sagte ich. Panja bot eine. Der Knabe zitterte heftig, denn schon diese kleine Summe, die nach unserem Geld noch nicht zwei Mark ausmacht, bedeutete ihm einen groen Schatz. Da die Ergriffenheit des Kindes mich deshalb fesselte, weil ich deutlich zu fhlen glaubte, da nicht einzig seine Geldgier ihn bewegte, gab ich Panja ein nicht mizuverstehendes Zeichen, da ich vorbergehend Gehorsam von ihm forderte. Er wute, da ich genug kanaresisch verstand, um ihn kontrollieren zu knnen, und sank in eine Haltung gottergebener Verzweiflung zusammen, die er stets einnahm, wenn ich meinem Untergang entgegenging, ohne seine Hilfsbereitschaft zu beachten. Weshalb willst du den Affen nicht verkaufen? lie ich fragen. Ich habe sonst kein Eigentum, antwortete das Kind. Aber wenn ich dir eine groe Summe gebe, so kannst du leicht neue Affen erstehen. Ich biete dir fnf Rupien. Panja verschluckte sich bei der Summe und mute sie noch einmal sagen. Der Knabe zitterte so heftig, da ich ihn am liebsten in die Arme geschlossen htte. Er sagte zgernd: Es ist kein Affe so gut wie Huc. Aber, fgte er schnell und mhsam hinzu: fr diese groe Summe will ich ihn dir geben. Du wirst Huc weder schlagen noch tten, und wenn du erlaubst, werde ich zuweilen kommen und durch das Gartengitter schauen. Weshalb verkaufst du ihn, wenn du deinen Affen liebst? fragte ich. Soll ich so was wirklich bersetzen? fragte Panja. Ich sah ihn an, und er bersetzte meine Worte wie ein Automat. Meine Eltern hungern, sagte das Kind einfach, ohne Klage und ohne Anklage. Und im Verlauf des Gesprches erfuhr ich eine merkwrdige Geschichte, die mich lebhaft fesselte. Der Vater dieses Knaben war von der deutschen Missionsgesellschaft in einer Weberei, die in Cannanore von den Missionen unterhalten wird, angestellt gewesen, nachdem er sich zum Christentum bekehrt hatte. Da er sich aber im Verlauf seiner Ttigkeit wiederholt Diebsthle hatte zuschulden kommen lassen, war er entlassen worden. Seine Stammesgenossen, die ihn lngst als Abtrnnigen betrachtet hatten, wollten nun, bei seiner Wiederkehr in ihr Bereich, nichts mehr von ihm wissen, und er war hier wie dort ein Gechteter geworden und in Elend geraten. Nun begriff ich wohl, da man in einer Industrie keine Diebe gebrauchen kann, aber der Gedanke, ob im Tempel eine Weberei am Platze sei, erfllte mich nach dieser Erfahrung mit mancherlei Zweifeln. Die Wechsler und die Priester werden in keinerlei Gotteshaus zum Segen einander dienlich sein, am wenigsten in einem christlichen. Ich sollte auf diesem Gebiet noch recht unterhaltsame Erfahrungen machen, und es stand mir noch bevor, einige dieser Gottesboten kennen zu lernen, sowie auch den Geist und Wert ihres Wesens. Panja mute nun zu seiner Bekmmernis mit dem Knaben einen Vertrag abschlieen, nach welchem mir das Recht auf den Affen Huc fr zwei Monate zustand, wogegen ich die Summe von fnf Rupien im voraus als Gebhr entrichtete. Dem Besitzer stand es zu, seinen Affen zweimal in der Woche zu besuchen und ihn abzuholen, falls ich frher als in der ausgemachten Frist Cannanore verlie. Das Kind eilte glcklich heim, und Panja kndigte mir den Dienst; dies hatte aber weiter nichts zu bedeuten, denn er tat es oft. Als ich von seiner Abkehr keine Notiz nahm, blieb er stehen und sah mich an. Sahib, begann er, du wirst in wenigen Wochen ruiniert sein, und was wird dann aus mir und meiner alten Mutter, meinen Geschwistern, den Schwestern meiner Mutter und den Reisfeldern am Purrha? Ich erwiderte hflich: Panja, als ich dir vor wenigen Wochen die zehnte Rupie deines Vorschusses ausbezahlte, sagtest du mir, deine Mutter sei gestorben, und du brauchtest das Geld fr ihre Bestattung. Es war meine Gromutter, sagte Panja, soll ich dir von ihr erzhlen? Deine Gromutter starb bei unserer Ankunft in Bitschapur. Du wirfst alles durcheinander, sagte Panja traurig, nur den Vorschu behltst du richtig im Gedchtnis. Diesen Tadel meiner Gesinnung zog ich mir deshalb zu, weil Panjas Vorschu doppelt so gro war, als ich gewagt hatte, anzufhren, und ich nahm mir ernstlich vor, knftig ehrlicher zu sein. Als ich gegen Abend vom Meer heimkehrte, nachdem ich am Strand der Fischerstadt ein Boot erhandelt hatte, fand ich Huc in meinem Zimmer. Panja war nirgends aufzutreiben, und Pascha servierte mir schweigend den Reis am Ausgang zur Veranda. Ich sah seinen Bewegungen und dem gelassenen Schaffen des Mannes zu. Er nahm die Tonkrge mit gekochtem Wasser aus ihren Bambusschaukeln, in denen sie zur Khlung geschwenkt werden, trug die Speisen und Frchte ernst und sorgfltig herzu, alles in kleinen Gerichten und zierlich verwahrt, Frchte des Zimtapfelbaums, Ingwer, gerstete Pisangfrchte und Reis mit Curry und Kokossaft. Ich hatte mich damals lngst an die indische Kost gewhnt, die in ihrer groen Mannigfaltigkeit wahrhaft kennen zu lernen wenigen vergnnt ist, denn selbst in den Hinduhotels bemhen sich die Eingeborenen, den Europern die Speisen auf deren Art zuzubereiten. Wer den Reichtum der indischen Frchte kennen gelernt hat und ihre Art seinen Bedrfnissen anzupassen versteht, ist in Indien wohl daran und wird diese erfrischende und gesunde Ernhrungsart jeder anderen vorziehen und niemals vergessen. Als Pascha die Ananas und die Bananen brachte und die ersten Mangofrchte, die noch nicht in Malabar gereift waren, sah er Huc, den Affen, neben den Speisen auf dem Tisch sitzen und erschrak. Ich werde ihn hinausbringen, sagte er. Aber ich erklrte ihm, da ich mit Huc sprechen msse, und er ging still hinaus. Anfnglich hatte der Affe nur geringes Zutrauen zu mir gehabt und sich in seiner weichlichen Vorsicht immer wieder zurckzuziehen versucht, aber bald hatte er herausgebracht, da ich es gut mit ihm meinte, und in seiner scheinbar so nachlssig abwartenden Art betrachtete er mich und nahm zgernd mit matter, immer ein wenig hngender Hand, was ich ihm darbot. Er hatte groes Mitrauen gegen die Menschen, der Arme, denn einem gefangenen Affen ist in Indien kein gutes Los beschieden, er mu den Ha und die Verachtung erleiden, die seinen ruberischen Gefhrten gelten. Jeder Vorbergehende vergngt sich eine Weile damit, an dem Gefangenen einen Teil seines Zornes auszulassen, den seine Brder in der Freiheit mit ihrem frechen, spttischen Wesen, in der Sicherheit ihrer Palmenkronen, heraufbeschworen haben. Am schlimmsten aber setzen die Kinder ihm zu, deren gedankenlose Grausamkeit in keinem Lande schlimmer ist, als in Indien, da die Verdorbenheit der Gesinnung und des Blutes schon frh hinzukommt; und wieviel gilt in Indien das Leben eines Affen, wo kaum das Leben eines Menschen etwas gilt. Der Knabe, der mir Huc gebracht hatte, bildete in seiner Stellung zu dem Tier eine Ausnahme. Die Abendsonne schien noch. Da ich im Garten eine schmale Bresche in das Dickicht hatte schlagen lassen, so war nun ein Ausblick auf das Meer hinber mglich, aber ich sah nur die Hochebene, hinter der es atmete, sprte seinen khlenden Hauch und vernahm sein gedmpftes Drhnen an den Felsen. Auf der Hhe der Ebene erblickte ich die Silhouetten zweier Palmen, deren eine kerzengerade emporstieg, whrend die andere sich demtig in einem sanften, ebenmigen Bogen zur Seite neigte. Fein und schwarz, wie mit Kohle gezeichnet, sah ich diese zierlichen Figuren in der Ferne gegen das Ampelrot des Abendhimmels, sie erhoben sich in der Melodie des Meeres mitten auf jenem Wege in die Freiheit des Himmels, den meine Augen nun Abend fr Abend nahmen, so lange ich in Cannanore weilte. Lange noch, nachdem ich die Stadt verlassen hatte, erschien oft dies Bild unter meinen geschlossenen Lidern und mit ihm die verlorenen und versunkenen Gestalten meines indischen Lebens, dessen Herrlichkeit kein irdischer Mund wird nennen knnen. Im Getriebe der tobenden Grostdte Europas, mitten im Straengetmmel, in erleuchteten Slen unter schwatzenden und lachenden Menschen, oder in der einsamen Ruhe meines nchtlichen Arbeitsraums erscheint mir bisweilen noch dies einfache Bild, und mit ihm ersteht die groe Melodie des Ozeans und der Ruf des Wassers an den dunklen Felsen. Das unstillbare Heimweh nach der Fremde liegt darin beschlossen und ein groer Friede. Die Nacht sank nieder, aber Huc tat deutlich den Wunsch kund, noch in meiner Nhe zu verweilen, und ich lie es zu, da mich ohne Aufhr das merkwrdig beklemmende Bewutsein gefangenhielt, da wir einander in Rede und Antwort noch vieles schuldig seien. Kein Lebewesen der Schpfung lst in so hohem Mae den Hang zur Nachdenklichkeit ber sich selbst in uns aus, wie der Affe. Whrend ich langsam ein Glas des schweren indischen Palmweins nach dem andern meiner isolierten Seele gnnte, zog der gewohnte Reigen meiner Traumgestalten, von Weinlaub bekrnzt, an meinen Augen vorber, und langsam verlor mein Herz die Kraft des Alltags, um sie gegen eine bessere und hhere Kraft einzutauschen, die keine irdischen Erweise ihrer Gewalt zu geben vermag. Whrend dieser Stunde sa Huc still und nachdenklich vor mir und betrachtete mich geduldig. Seine merkwrdig zarten, hellgrauen Augenlider, die an dnnen Guttapercha erinnerten, hoben sich nur selten ber die Hlfte des scheinbar ermdeten Auges empor, und die dunklen Greisenhndchen mit den schwarzen Ngeln fhrten ein schlfriges und gesondertes Leben, von dem seine Gedanken nichts zu wissen schienen. Huc, sagte ich zu ihm, mein geliehener Affe, der Gang, den das menschliche Herz antritt, wenn es sich ohne Gesellschaft den beschwingten Fhrungen des Weins anvertraut, ist berall in der Welt der gleiche, nur im Grad voneinander unterschieden, aber in seiner Art wie die Gemeinschaft, derer alle teilhaftig werden, die sich unter die Segnungen eines Sakraments stellen. Ist es nicht zuerst, als trten die Sorgen des Alltags einen stillen Rckzug an, da unser Gefhl erstaunt und sehr erfreut nach der Ursache dieser Flucht forscht? Auf der nun begrnten Walstatt ihres qulenden Aufenthalts erhebt sich der freundliche Engel unserer Hoffnung, der, ohne unsere Augen zu blenden, in feierlicher Weise das Schnste unserer Zukunft zur Gewiheit macht, so da wir unvermerkt und heimlich am Ziel unserer Wnsche angelangt sind. Aber so ist es mit uns, Huc, an diesem Ziel wird uns pltzlich traurig zumute, weil es solcher Gestalt Guten, wie der Wein sie aus uns macht, nicht wohl tut, ohne Verlangen zu sein, es entsteht uns aus dem erreichten Ziel nicht mehr als ein Ausblick auf ein neues. Und mit der zugleich schmerzvollen und doch seligen Ahnung, da es immer so bleiben wird, erwacht in unserm Herzen das Heimweh nach einem bleibenden Gewinn. Prost, sagte Huc. Du mut mich jetzt nicht stren, antwortete ich in jener Bekmmernis, in die leicht Leute geraten knnen, die ihre Gedanken viel wichtiger nehmen, als sie sind, und die deshalb glauben, man wollte sie ablenken, wenn man ihre Ergriffenheit nicht teilt. Huc, wir mssen nun sehen, wo dieser Trost zu finden ist, und in welcher Gestalt er einhergeht. Er taucht aus dem Grund unseres Glases hervor, aus dem Schatten des Kelchs und wird zum Bildnis einer Frau auf seinem goldenen Spiegel. Alles was wir gern geglaubt strahlt aus seinem Grund, Jesu schmerzgeneigtes Haupt und der Liebsten Mund. Keine Verse, bitte, sagte Huc. Vergib, antwortete ich, es kommt zuweilen vor, ohne da man es beabsichtigt, aber ich begreife, da die Wesen selten sind, die erkennen knnen, da man die Dinge wahrhaft schn nur in Versen sagen kann. Sieh nun, Huc, das Bildnis dieser Frau gleicht dem keines dieser Wesen, die wir kennen, die Schnheit und Milde dieses Angesichts ist niemals in der Welt zu finden, und darin liegt sein unnennbarer Trost. Aus dem Grund ihrer Augen erstrahlen das unvergngliche Leben und der irdische Schlaf, und vom Schlaf steigen liebliche Schleier empor, wie der Duft des Jasmins in der Sommernacht, und legen sich ber unsere Augen, so da wir in Ruhe versinken, als htten wir uns nichts gewnscht, als diese gndige Ruhe. Ein Asket bist du also nur, antwortete Huc, weil der Weg dorthin mit einer Reihe genureicher Annehmlichkeiten verbunden ist. Er fuhr sich rasch mit der Hand ber die schmalen Lippen seines groen Mundes, der wie in eine dunkle Halbkugel eingeschnitten war, und lie dann mit hochgezogenen Brauen die Hand wieder sinken, als habe er sie vergessen. Gib einen Schluck her, fuhr er fort und zog die Schultern hoch, wobei sein Kopf vorrckte und mir so gro erschien wie ein Menschenkopf. Er trank vorsichtig, leckte sich umstndlich die Lippen und atmete so schmerzvoll auf, wie nur Menschen aufatmen knnen. Es war eine Weile still zwischen uns, die nchtlichen Gerusche der Natur drangen gedmpft zu uns herein und das leise, heimliche Sausen der reisenden Erde. Da legte Huc die welke Hand auf die Gegend seines Herzens und sagte einfach: Ich bin schwindschtig und werde nicht mehr lange leben, ich will dir von den Wldern erzhlen. Viel kann ich nicht sagen, denn die Schnheit der Wlder ist so gro, da die Gedanken und Worte darber zu Trumen werden, je nher sie der Wahrheit kommen. Denke nicht, meine Krankheit betrbte mich, nur armselige Wesen leiden an ihrem Leibe, alle Schmerzen des Krpers und seine Hinflligkeit sollte man nur mit einem Lcheln hinnehmen. Ich bin erstaunt ber deine Weisheit, Huc, sagte ich. Wie hochmtig du sein mut, um darber zu erstaunen, antwortete Huc ohne Eifer. Ihr Menschen habt verlernt, in den lebendigen Wesen der Schpfung den Schpfer zu ehren, und ihr berschtzt eure Eigenschaften so sehr, da ihr darber diejenigen aller anderen Wesen belchelt. Aber wir sind alle auf dem gleichen Wege, und wenn wir Sinne htten die Zeit zu ermessen und sie in Vergangenheit und Zukunft zu berschauen vermchten, wrden wir ehrfrchtiger sein, bescheidener und frmmer. Gib einen Schluck her. Ich reichte ihm das Glas, das er mit beiden Hnden nahm und langsam mit geschlossenen Augen leerte. Alle guten Menschen haben den Hang, den Tieren in ihrem Gehabe und Wesen zuzuschauen, fuhr Huc ruhig fort, es regt ihre Ahnungen einer zuknftigen Vollendung in Rhrung und ungewissem Glauben an; andere sind schon viel weiter und lernen es, die Eigenarten der Pflanzen zu bewundern, die, obgleich sie sich von denen der Tiere unterscheiden, doch nicht weniger mannigfaltig sind; wann aber werdet ihr das Leben der Steine beachten? Die Menschen haben die Geduld verloren. Ich habe lange unter ihnen leben mssen und darunter nicht nur gelitten, wie du meintest, als du mich ausliehst, sondern ich habe auch gelernt. Ich habe ihre Huser und Stdte kennen gelernt, bin auf Schiffen die Kste entlang gefahren, so da die Wlder an den Ufern mir wie feine blaue Nebelstriche erschienen, sogar eine Eisenbahnfahrt habe ich gemacht, so da ich wei, worauf ihr stolz seid. In der Gesellschaft mit Menschen habe ich mir meine Krankheit zugezogen, denn ich habe in Regen und Wind und in der furchtbaren Sonne ohne Schutz auf meinem Pfahl zubringen mssen, an den ich mit einer Kette angeschlossen war. Du wirst mein letzter Herr sein. Prost! Ich holte ein zweites Glas fr mich herbei und schenkte uns beiden aufs neue ein. Huc sa still mit seinen alten, nachdenklichen Augen dicht vor mir auf dem Tisch, so da unsere Stirnen etwa in gleicher Hhe waren, zwischen zwei glnzenden Flaschen im Kerzenlicht. Eine Weile spielte er mit dem farbigen Stanniol, zerri es und roch daran. Als er es endlich aus den Hnden fallen lie, als habe er nie Interesse daran bekundet, zweifelte ich wieder fr einen Augenblick an seiner Bedeutung. Du bist doch nur ein Affe, sagte ich, und raffte mich auf wie aus einem Traum. Huc zog seinen langen Schwanz melancholisch durch die Hand, hielt endlich das Ende fest und fragte, das runde Maul mit einem Ruck auf mich zustoend: Wieviel hast du eigentlich schon getrunken? Ich entschuldigte mich beschmt; so war also Huc doch im Recht, wie ich gleich anfangs angenommen hatte, als er mich von der Schulter seines jungen Herrn aus mit seinem unbeirrbaren Ernst und seiner versunkenen berlegenheit angesehen hatte. Erzhle von den Wldern, bat ich. Ich meine oft, begann Huc ruhig, ich kenne die Wlder erst, seit ich sie habe verlassen mssen, weil ich mich von jenem Tage an, Stunde fr Stunde, bis tief in meine Trume hinein habe mit ihnen befassen mssen, und darber habe ich auch erfahren, da das Geliebte erst recht unser Eigentum zu werden scheint, wenn wir es verloren haben. Alles Kleine ist dahingesunken, und mir ist nur ein einziges strahlendes Bild von herrlicher Freiheit im Gemt zurckgeblieben, es ist verwoben mit dem weien Licht des Mondes ber dem Bltterdach der Bume, mit dem Spiel des Sonnenscheins im frischen Grn, mit dem Lied der Nachtigall am Wasser und dem Geruch der Blten, deren es so viele gibt, wie unsere Sinne nur immer an Farben und Gestalten ersinnen knnen. Du wirst lnger leben als ich, so will ich dir die Sehnsucht nach den Wldern als Erbteil zurcklassen, bewahre sie. Ich hob mein Glas, um es als Zeichen der Besttigung aufs neue zu leeren, aber Huc trank nicht mehr mit. Er schmiegte sich an die eine Flasche, die nur um weniges kleiner war als er, als knnte ihr buntes Funkeln im Kerzenschein ihn wrmen, und sprach eintnig und scheinbar ohne Begeisterung weiter, seine Zge lchelten weder, noch verrieten sie Trauer. Es war an einem Frhlingsmorgen, als ich in Gefangenschaft geriet, meine Heimat liegt weit von hier, in den Dschungeln von Mangalore, der alten Priesterstadt am Meer. Ich geriet auf einem Reisfeld in eine Schlinge, die von den Menschen gelegt worden war, und ergab mich in mein Geschick, als ich merkte, da das Hanfseil unzerreibar war, das sich mir um Arm und Schultern gelegt hatte. Zwei Knaben schleppten mich in eine armselige Htte, die aus Lehmwnden und Palmblttern zwischen den hngenden Wurzeln eines wilden Feigenbaums errichtet worden war. Es roch nach Sandelholz und verbranntem Kuhmist und war so dumpf und dunkel, da ich lange Zeit wenig erkannte. Als ich nach der ersten Nacht am Morgen erwachte, sah ich den Sonnenschein auf den Bananenblttern vor dem engen Fenster und dachte an die Gefhrten in der Freiheit, die sich nun, wie einst auch ich, auf den Wipfeln der Arekapalmen im Morgenwind schaukelten und den Kranichen zuschauten, die auf den Sandinseln im seichten Wasser des Flusses standen und fischten. Wenn ich meine Augen schlo, so hrte ich das Wasser rauschen und die Stimmen der Schilfpflanzen am Ufer. Ich hrte die Lockrufe der Wildtauben aus den dichten Lauben des Gehlzes dringen und sah den Panther durch das Ried schleichen, um zu trinken. Er bewegte sich zwischen den Sonnenspeeren und Schattenstrichen des hohen Schilfs, als spielten Sonne und Wind mit Schatten und Licht, und niemand erkennt ihn, wenn ihn sein heiseres Keuchen nicht verrt, oder sein dampfender Atem, der von dem Blutgeruch seines nchtlichen Raubs schwer ist. Hoch ber mir sang der Milan seinen hellen Jagdruf im Blauen, nach Beute aussphend, wie von Gold bergossen schwebte er klein und selig in der khlen Morgenhhe, ber dem wilden, grnen Meer des Dschungels. Ich sa Schulter an Schulter mit den Gefhrten in der rtlichen Frhsonne in der Hhe, atmete die herrliche Luft ein und fhlte die schweigsamen Bewegungen der unzhligen Pflanzen unter mir, die sich gegen die Sonne emporreckten. Du wrdest lernen, das leidvolle und se Gerusch der aufbrechenden Blumen zu hren, wenn du mit mir im Urwald gelebt httest, du knntest den Duft des ersten Aufbrechens vom Hauch des Verblhens unterscheiden, und das wollstige Drngen, das sehnschtige Keimen, und die Hingabe dieser Geduldigen, in der Lust und Not ihres Frhlings Erzitternden. Aber was ist euch Alltglichen nicht alles wichtig und wie vielerlei Geringfgiges setzt ihr hher an, als die beschauliche Gemeinschaft mit dem Leben der groen Natur. Wir Affen gelten bei euch als ein unntzes gedankenloses Volk, das nichts Gescheites zustande bringt und seinen Tag vertndelt. Aber wieviel wit ihr vom Glck unseres freien Daseins in der Sonne oder im Mondglanz in der weien, grenden Nacht, von unserer Gemeinschaft mit dem unschuldigen Geschick der tausendfltigen Geschpfe der Natur? Glaubst du, wir gben nicht fr eine einzige Stunde friedvoller Gemeinschaft mit den Glcklichen des Waldes den ganzen Tand dahin, um dessentwillen ihr euch euren hastigen Tag hindurch so wichtig gebrdet? Die Wahrheit, da wir euer Wesen nicht haben, schliet uns vom irdischen Daseinsglck nicht aus, und habt ihr denn in der Zeitlichkeit ein anderes Ziel als das Glck? Ihr verlacht uns, wenn ihr uns unsere Freiheit genommen habt, und verget, da wir ohne sie nichts mehr sind. Nur im Glck lernt man ein Wesen wahrhaft kennen, denn das Glck ist die Vorbedingung zum wohlabgewogenen Selbstbewutsein, und aus dem Selbstbewutsein kommt alles Groe. Was ist denn von euch Affen Groes gekommen? fragte ich. Huc zog die Achsel hoch, und sein Gesicht wurde grau und alt, als wren Jahrtausende ber diese Zge dahingegangen; er bekam etwas von einer gyptischen Mumie und zugleich etwas schwermtig Tierhaftes von unbeschreiblich drohendem Ernst. So kann nur ein Mensch fragen, sagte er matt. Immer noch glaubt ihr, der Natur etwas hinzufgen zu knnen, und meint, etwas erschaffen zu mssen, um bestehen zu bleiben. Euer ewiger Bestand hat nichts zu tun mit euren Werken, und solange ihr glaubt, euch im Streben Erlsung zu sichern, beweist ihr nur, da ihr nicht wit, was Erlsung ist. Das Groe, das dem rechten Selbstbewutsein entspringt, ist nicht Werk von Menschenhand, sondern die Liebe zu allem Erschaffenen der Natur. Was weit denn du von Gott, du Affe! sagte ich. Es kommt nur darauf an, da Gott etwas von mir wei, antwortete Huc, und er tut es. Unglcklich sind nur diejenigen, derer Gott sich nicht erinnert. Das ist wahr, Huc, das ist wahr, ich habe dir unrecht getan, Huc. Nun fngst du gar an, mir zu glauben, entgegnete der Affe melancholisch, nichts knnte mich mehr an der Wahrheit meiner Worte irre machen. Huc hatte nun einmal keine gute Meinung von mir, ich wei nicht, wodurch ich sein Mifallen erregte, vielleicht dadurch, da ich zu viel Palmwein getrunken hatte. Erzhle von den Wldern, bat ich, ber Gott soll man nicht streiten, kein Weiser streitet ber Gott. Das wre fr dich ein Grund, es zu tun, sagte Huc, ffnete sein Maul ein wenig, so da ich seine Zhne blinken sah, und es erschien mir pltzlich, als lauerte eine erschreckende Bosheit hinter seinen Zgen. Es ergriff mich ber dieser Wahrnehmung ein unbeschreiblicher Zorn, dessen Ursprung gewi nicht allein in diesem heimlichen Hohn des Tieres zu suchen war, sondern vielmehr in jener an Wut grenzenden Beschmung, in welcher man das Gebude einer falschen Gotterkenntnis unter den einfltigen Liebesansprchen der Natur zusammenbrechen fhlt. In Besinnungslosigkeit und Verblendung ergriff ich jhlings eine der Flaschen, packte sie am Hals und schwenkte sie hoch durch die Luft, um sie mit einem wuchtigen Schlag auf Hucs kahlem Schdel zu zerschmettern. Die Scherben stoben in einem bunten Regen nach allen Seiten auseinander und ich glaubte einen dunklen Schatten davonhuschen zu sehen, als ich die von einem jhen Licht geblendeten Augen ffnete. Da erkannte ich, da drauen die Morgensonne auf die Bltter schien, und da ich in der Nacht am Tischrand auf meinen Armen eingeschlafen war. Bestrzt und benommen sah ich mich um, denn das Klirren des Glases lag mir so deutlich im Ohr, da kein Zweifel darber herrschen konnte, da eine Flasche zerschlagen war. Da erkannte ich, da ich im Schlaf ein Glas vom Tisch gestoen hatte, am Boden blinkten die Scherben im Morgenlicht, und vom halbgeffneten Fenster her wehte es khl herein und brachte das Geschrei der Sittiche aus den Mangobumen mit sich. Ich raffte meine erstarrten Glieder mhselig auf, eins nach dem andern, und ghnte ber die stille dunkle Weinlache hin, die den Tisch zierte, und in der meine Zigarre jmmerlich ertrunken war. Immer noch ein wenig betubt, bckte ich mich endlich nieder, um Hucs Leiche aufzulesen, aber ich fand den Affen nirgends. Da fiel mein Blick auf das ungeschlossene Fenster, und mit leisem Schreck begriff ich Hucs Geschick. Ich trat, nicht ohne einen Anflug von Altersschwche, mit geraden Beinen und etwas krampfhaft geschwenkten Armen auf die Veranda hinaus und richtig fand ich Huc auf dem Gipfel einer Papeiapalme. Es sah aus, als se er auf seinen Hnden, dabei schaukelte er sich seelenvergngt nach besten Krften, und auf meinen Zuruf hin schaute er nieder, zog den Kopf zwischen die Schultern und zeigte mir fletschend die Zhne, als verlachte er mich. Aber bald wurde ich ihm gleichgltig, er blinzelte in die rote Morgensonne hinein, lie den Zweig ausschwanken, wie er wollte, legte den kleinen, klugen Menschenkopf in den Nacken und schlo vor Lebensseligkeit die Augen. Als ich ins Zimmer zurckging, stand Panja in der geffneten Tr, die Hnde auf dem Rcken, morgenfrisch und ausgeschlafen stand er da, den sauberen Turban auf dem kohlschwarzen Strhnenhaar, und seine Augen wanderten mit unaussprechlichem Ausdruck von der umgestoenen Weinflasche bald zu den Scherben am Boden, bald ber meine arme Gestalt hin, die in der Tat der Frische und Schwungkraft entbehrte. Sahib..., sagte er und stemmte die Hnde in die Hften. Ich will den Ausdruck seines Gesichts nicht schildern, es ist eine unangenehme Erinnerung fr mich. Nun wird er nach dem Affen fragen, dachte ich, aber es geschah nicht. Panja war seit dieser Nacht, nach welcher er Elias allein in meinem Bett gefunden hatte, davon berzeugt, da selbst er mir nicht zu helfen in der Lage sei. Er sagte nur in einer ganz abscheulichen berlegenheit, die ich ihm nicht vergessen werde: Sahib, es ist ein Fischer drauen, der dir sagen lt, der Ostwind sei gekommen, und dein Boot sei fr die Meerfahrt bereit. Viertes Kapitel Am Silbergrab des Watarpatnam Es wurde von Tag zu Tag heier, ich schlief in der Mittagsstunde mit der Zigarre in der Hngematte ein, erwachte unfroh und matt, und auch die Bcher blieben oft tagelang, immer die gleiche Seite aufweisend, offen auf dem Schreibtisch liegen. Mein Entschlu zu reisen, stand fest, ich studierte die recht unvollstndigen Karten, war aber schon entschlossen, den Weg nach Norden durch die Fluniederungen der Kste zu machen, obgleich die Strme noch reich an Wasser waren und das Land teilweise berschwemmt hatten. Die Offiziere der englischen Garnison, deren einige ich kennengelernt hatte, rieten mir ab, aber sie verstanden meine Absichten nicht, und wenn sie des Glaubens waren, da mir daran gelegen sei, rasch und bequem voranzukommen, so hatten sie recht. Immerhin hatte ich in etwa vierzehn Tagen alle Vorbereitungen getroffen, der Ochsenwagen war gedungen, Proviant fr zwei Monate war herbeigeschafft, und eines Morgens brachte mir ein Knabe die Nachricht, da in Tschirakal am Seeufer die Boote auf uns warteten. Der Watarpatnam und der Ponani sind, im Norden und Sden Malabars ins Meer einmndend, die grten Strme des Landes. Der Watarpatnam bildet, wie die meisten Flsse der Westkste, vor seiner Einmndung ein gewaltiges Seenbecken, in welchem sich die Meerflut durch einen schmalen Ausflu mit seinen Wassern verbindet. Die einzelnen Flumndungen dagegen sind unter sich, mitsamt ihren Seen durch Kanle verbunden, die vor der Zeit der Kmpfe Tippu Sultans mit den Englndern, dieser ebenso umsichtige wie grausame Frst anlegen lie, um den Handel zur Zeit der Monsunstrme, die die Kste unbefahrbar machen, in den Meerstdten keine Unterbrechung erleiden zu lassen. Heute, wo der Hauptkstenhandel durch die Dampfschiffe besorgt wird, ist diese herrliche Wasserstrae durch die Seeniederungen und den Urwald fast vergessen worden. Die Kanle sind zum Teil durch die Anschwemmungen der Regenzeit versandet, oder das leidenschaftliche Wachstum seiner Ufer hat sie vllig eingesponnen. Panja war in bester Laune, seit ich meinen Entschlu kundgetan hatte, die Stadt zu verlassen, denn er liebte Cannanore nicht und wnschte sich, mit mir in Gebiete zu kommen, in denen wir allein herrschten. Als er von den Wegen hrte, die ich zu machen gesonnen war, kratzte er sich froh und nachdenklich im Nacken und sah mich geistesabwesend von der Seite an; heute wei ich, da er vielleicht manches besser berschaute, was unserer wartete, als ich, und da es ihn heimlich erfreute, mich bald in groer Abhngigkeit von sich zu wissen. Er leitete die Vorbereitungen mit viel Umsicht, und aus mancher Anschaffung, die er entschlossen und selbstndig machte, gewann ich langsam einen Einblick in die Schwierigkeiten, die es zu berwinden galt. Er vertauschte meine letzten Lederkoffer mit solchen aus Eisenblech, und eine Mauer von Blechbchsen verschwand im Gepckwagen, er riet mir, meine Waffen nicht zur Schau zu tragen, sie aber wohl zu rsten, da die Mohammedaner uns rudern wrden. Ich wute damals noch nicht, wie weit seine Befrchtungen angebracht waren, aber es war mir bekannt, da vielerlei Gesindel der Hinduwelt nur deshalb zum Islam bertritt, um die greren Freiheiten dieser Lehre zu genieen. Die Mohammedaner bilden in den Westprovinzen eine entschlossene und geeinte Gesellschaft, von der England grere Gefahr droht, als von den Anhngern des Hinduismus, der durch den Kastengeist hundertfltig gespalten und in die verschiedensten Interessengebiete zergliedert ist. Sonst verriet unsere Expedition eher die Friedlichkeit, als die Gefahren des Landes, die nicht von den Menschen kommen, und ich erinnerte mich, vergleichend, einer anderen Ausfahrt in die Wildnis, die in meiner Gegenwart fr den Sudan ausgerstet wurde. Damals starrte das bunte Lager von Waffen und Todesbereitschaft, die glnzenden Riesengestalten der Neger verbreiteten das heimliche Grauen vor ihren blutdrstigen Brdern im Innenlande, und mit den Schwingen der Aasgeier, die den Ausgangsort der Expedition umkreisten, rauschten in der Luft die Fittiche des Todesengels, dessen furchtbare Zge die Seuchen Afrikas und den Blutdurst in Fieberschwle ausstrahlten. Viel spter, als ich lngst nach Europa zurckgekehrt war, erfuhr ich, da von jener Gesellschaft nicht ein Einziger in die Heimat zurckgekehrt sei, der letzte Name ist in einem Krankenhaus von Genua verklungen, in das ein fiebernder Straenbettler eingeliefert wurde, der, aller Mittel beraubt, und von einer furchtbaren Krankheit zerfressen, den Versuch gemacht hatte, seine deutsche Heimat von Neapel aus zu Fu zu erreichen. Die Gefahren Indiens haben dagegen wenig mit dem Charakter der Urbevlkerung zu tun, denn seine Menschen sind friedliebend und ergeben, sie tten nicht und sind seit Jahrtausenden gewohnt, beherrscht zu werden. Abgesehen von den durch politischen Fanatismus aufgewhlten Leidenschaften und ihren von Rachgier, Ha und Herrschsucht entfesselten Unbillen, sind die europischen Reisenden im grten Teil des Landes vor den Eingeborenen sicher; gbe es nicht die Gefahren des Fiebers, der wilden Tiere und der Pest, so wre das heutige Indien fr die, welche um ihr Leben besorgt sind, weit weniger gefahrvoll, als die Umgebung unserer europischen Grostdte bei Nacht. Indiens Gefahren, seine Einflsse und geheimnisvollen Mchte walten in anderen Regionen des Seins, als dort, wo das Messer oder die Bchse ber Wohl und Wehe entscheiden. Indien wird kaum jemand gefhrlich werden, dessen Ansprche nicht ber die Erhaltung seines leiblichen Lebens hinausgehen, aber sein dmonischer Geist trifft das Mark der Seele dort inmitten, wo ihr Flug die groen Fragen allen Seins und die Hhen des Menschenbewutseins zu erstrmen sucht. Der alte Geist des ewigen Gottreichs lhmt mit der unfabaren Stille seines himmlischen Triumphs allen zornigen Eifer des Kampfes und der Forschung, alle Jugend im Streit um die Erkenntnis und die Frische jeder Tat im Geist. Es ist alles gewesen. Erkenntnis ist es, welche Opfer zeitigt, Erkenntnis nur vollzieht die heiligen Werke, die Gtter auch, im Licht, allein verehren als Brahman, als das lteste, die Erkenntnis. Und wer begreift als Brahman die Erkenntnis, und wer sich nicht mehr ab vom Brahman wendet, streift schon im Leibe alle bel von sich, und alle Wnsche werden sich erfllen. Den Himmelswelten der Upanishad und ihrem Licht ist kein Geistesstrahl fremd, der ihr aus der Erkenntniswelt unserer Kulturen entgegenbricht, es gibt nur Einkehr in Gehorsam und Stille oder eine ruhlose Umkehr, und berall in Indien trumt ihr Friede ber all den lebendigen und erstorbenen Wesen seines Schaffens und Wandelns. Ein altes Sprichwort sagt, da, wer ohne Geduld nach Indien ginge, sie dort bald lernte, da aber jeder, der mit Geduld gewappnet einzge, sie dort verlre. Dieses Wort lt sich leicht, auf uerliche Dinge angewandt, gleichmtig zu den Anekdoten rechnen, aber sein tieferer Sinn trifft auf das alte Geisteswesen der Jahrtausende zu, das berall waltet. Auf den Wegen Indiens hockt der Geist der Menschheit mit grauen Haaren und jungen Augen, mit einem stillen Triumphlcheln in den Zgen, ber seine eingescherten Vlker und ber den trichten Lichteifer der neuen Geschlechter. Niemand, in dessen Gewissen der alte Schuldgedanke der Menschheit brennt, kommt an ihm vorber, nur die leuchtenden Augen der Kinder sind vor seinem Anblick gefeit und die erbarmungswrdige Selbstsicherheit der Phariser. Es war zweifellos zum guten Teil mein seltsamer Traum von Huc, dem Affen, gewesen, der mich hinaustrieb in die unberhrte Natur, die Mutter des Glaubens und der Klarheit fr alle Aufrichtigen. Wer will ermessen, ob unsere Trume unsere Gedanken anzuregen vermgen, wie in einer unschuldigen Selbstttigkeit des Gehirns, die an wunderreiche Offenbarungen erinnert, oder ob nur unsere Gedanken unsere Trume zu befruchten vermgen? Damals erschien es mir, als lge ein ganz neues Evangelium der Weltanschauung in Hucs schlichter Meinung, da alles Groe des Erdendaseins uns allein aus unserer Liebe zu allem Erschaffenen der Natur erwachsen knnte. Daneben blieb mir der Satz im Sinn: Euer ewiger Bestand hat nichts zu tun mit euren Werken, und solange ihr glaubt, euch im Streben Erlsung zu sichern, beweist ihr nur, da ihr nicht wit, was Erlsung ist. Solcherlei Gedanken waren es, die mich mit Ruhlosigkeit erfllten und dahintrieben, als gelte es, das Herz des alten Reichs im Rauschen der Strme und Bume des Landes zu finden, im Himmelsblau ber den Wildnissen des Dschungels, im Gebaren seiner Geschpfe, seien es nun Menschen, Tiere oder Pflanzen, und in der strahlenden oder grenden Flut des Sonnenlichts ber dem jahrtausendalten Wandel und der geduldigen Wiederkehr, die alle miteinander in innigstem Verein das Brahman geboren zu haben schienen, als hchsten Anspruch und endliche Erfllung. So trieben mich die glcklichen Irrtmer meiner Jugend, wie sie Millionen vor mir erhht oder erniedrigt, befreit und gefesselt, gesegnet, verdorben oder vernichtet, aber niemals zur vollen Genge gebracht haben. Aber ihre Leiber erbrausen verwandelt als neue Hoffnung und als neuer Glaube in den Auferstandenen der Natur, im strzenden Quell, in schwellenden Frchten oder in den Liedern der Singvgel, die in Lichtwellen verwoben, ber aufbrechende Blten dahinklingen. Krishnas groe Worte vom eigenen Wesen, der Glanz der hchsten Gottheit, verfhrt und leitet uns immer aufs neue zu friedlosem Suchen nach Vollendung in uns selbst. Ich bin der Weg, der Trger, Frst und Zeuge, der Freund, die Heimat und die Zufluchtssttte, Ursprung und Endziel und Bestand der Dinge, bin der Behlter und der ewige Same. * * * * * Die erwachten Hindus standen noch, in der Morgenkhle frstelnd, in den Eingngen ihrer Htten, als unsere Ochsenwagen Cannanore gegen Norden zu verlieen. Es war von unaussprechlicher Frische umher, das Leben der Menschen hatte noch kaum begonnen, nur die Vogelstimmen begrten uns, das im Tau funkelnde Morgenlicht, das in unfalichem Rot, wie in Farbenflecken, im Grn und Braun der Palmen und des Buschwerks und auf der breiten Heerstrae lag, die anfnglich sacht emporstieg. Ich schaute nicht zurck, der rastlose Frohsinn meines erwartungsvollen Bluts kmpfte mit der gelinden Traurigkeit des Scheidens, aber ich empfand keinen Schmerz, sondern nur die Wehmut derer, die in tausend Hoffnungen eine alte Liebe aufgeben, um sie dennoch zu bewahren. Der Postwagen aus den Bergen, von Dindumalla, kam uns entgegen, ein schreiender Sturmwind, von Trompetengeschmetter begleitet. Vier kleine, abgehetzte Steppenpferdchen, die wie in Todesverzweiflung galoppierten, dampften unter der sausenden Peitschenschnur ihres Fhrers, der halb hockend und mit dem Geschrei eines gergerten Affen auf sie einhieb. Ein kleiner, berfllter Wagen rasselte in Sprngen und Zickzackkurven hinterdrein. Dieser Postwagen htte keine Maus mehr beherbergen knnen, selbst in den Rahmen der Fenster und auf dem gebrechlichen Verdeck hockten die halbnackten Gestalten auf Bndeln und Kisten und klammerten sich mit einem Geschrei, das zur Hlfte Ergriffenheit und Jubel und zur Hlfte Angst war, aneinander fest. Niemand begriff, aus welchen Grnden diese furchtbare Hast ihrer aller Leben gefhrdete, man schob die Wichtigkeit der Sendung auf die geheimnisvolle Weisheit der Behrde, deren halbeuropische Mischlingsvertreter noch in Cannanore schliefen. Eine rtliche Wolke hllte diese Hllenjagd aus Unfrieden und Torheit hinter uns ein. Panja, welcher neben dem Ochsentreiber, der zugleich Besitzer unserer Wagen war, ber dem Deichselende kauerte, wandte sich nach mir um, schob die Bambusvorhnge zur Seite und unterrichtete mich lakonisch ber den Vorfall. Er sagte nur: Wilde Schweine, und lie die Bambusmatte wieder fallen. Es wurde wieder still umher, die Sonne stieg, die Rder knarrten, und aus den Niederungen der Reisfelder rief die Hherdrossel ihre drei melodischen Flttne. Nach einer Weile bogen wir von der Heerstrae ab, um einen schmaleren Weg einzuschlagen, der schlicht und ohne Baumbestnde zwischen frisch bewsserten Reisfeldern dahinfhrte. Die kleinen, weien Rennochsen griffen krftig aus, so da unser Wagen fast die Geschwindigkeit eines migen Pferdetrabs erreichte. Man reist in den Sdprovinzen beider Indien bei weitem gesicherter und zuverlssiger mit Ochsen, als mit Pferden, da erstere die Hitze besser ertragen und anspruchsloser in der Ernhrung sind. Mit dem heraufsteigenden Tage zog der Frohsinn der Menschen bei mir ein, die sich jung und sorglos auf der Reise befinden. Auf der Reise sind die meisten Menschen besser als in den kleinen Bedrckungen ihrer engen Huslichkeit; mit meiner Erinnerung an meine Reisejahre, die fast meine ganze Jugend ausfllten, verbindet sich fr mich die Vorstellung, da ich damals ein bei weitem besserer Mensch war, als heute. Das Reisen lutert das Gemt, denn die Fremde macht bescheiden, und durchaus nicht auf die Art, wie es nur die Lumpen sein sollen. Die Achtung vor fremdem Wesen, die gerade uns Deutschen so gern als Tadel nachgesagt wird, ist nur dann eine Untugend, wenn sie sich mit einer Preisgabe des eigenen Wesens verbindet. Dieser Respekt aber vor fremdem Geist und Tun und vor der Lebensart anderer wird in allen reicheren Herzen die Tadelsucht und die Selbstberhebung dmpfen, die beiden Grundfehler unserer jungen Generation. Nicht, da solcherlei Gedanken mich damals beschftigten, sie kommen erst spter, sind meistens zwecklos und dienen nur denen, die sie im Grunde nicht brauchen. Denn gute Gedanken werden nur von denen recht verstanden, deren Wert darin beruht, da sie ihre eigenen haben. Nein, mich nahm das herrliche Bild des klaren Morgens gefangen, das stille Leben auf den fruchtbaren Reisckern, der Takt der Wassermhlen und die schnen Gestalten der arbeitenden Mnner und Frauen. Langsam verwilderte das Land mehr und mehr, nur einmal noch, als unser Wagen, wie aus einer Laube, aus hohen Buschbestnden und Laubwald in ein Stckchen freien Landes ausfuhr, breitete sich vor meinen Augen ein dunkler Acker aus, der gepflgt, aber noch nicht bewssert worden war, und das schrge Sonnenlicht legte die aufgeworfene Erde in Schatten und Licht. Ein reicher Glanz der Morgenfrische strahlte ber dem dampfenden Land, das duftete und von Fruchtbarkeit zu gren schien. Zwei schneeweie Ochsen vor dem Krummholz, das unseren Pflug ersetzt, wurden von einem jungen Manne gelenkt, der auer seinem schmalen Lendenschurz nur einen leuchtend roten Turban auf den schwarzglnzenden, langen Haaren trug. Ein Palmenwald schlo das Bild im Hintergrund ab, und darber strahlte ein unfalich blauer und klarer Himmel von seliger Weite. Am Ende des Feldes waren Mdchen an der Wassermhle beschftigt, sie mochten vierzehn oder fnfzehn Jahre alt sein, waren fast vllig nackt, und ihr tiefschwarzes Haar, das von l glnzte, hing in einem langen, schmalen Knoten in den lichtbraunen Nacken nieder. Sie hantierten eifrig, ihre jungen Krper bewegten sich in einem noch unverstandenen Glcksbewutsein kindlicher Freiheit und in jener grozgigen Schamhaftigkeit der selbstseligen Natur, die unbegrenzten Frohsinn um sich her verbreitet, und sangen einstimmig ein monotones Lied von groer Traurigkeit. Der Fall des strzenden Wassers und ihre Stimmen bewirkten, da sie das Herannahen des Wagens nicht sogleich bemerkten; als sie uns aber erblickten, flchteten sie mit einem hellen Aufschrei hinter die trockenen Schilfwnde einer kleinen Htte, wobei sie, wie zwei aufgeschreckte Antilopen, ber einen kleinen Bach sprangen. Aus der Htte trat gleich darauf eine zusammengeschrumpfte Alte, die uns aus ihren welken Zgen anlchelte und uns winkte. Dann nahm der Wald uns auf, der dichter und dichter wurde. Die Sonnenstrahlen drangen nur noch in spitzen Speeren bis zu uns herab, es wurde dmmerig und schwl, die Bambusdickichte und die hngenden, buntverwobenen Teppiche der Lianen verhllten mehr und mehr den Blick in die Schatten des Urwalds. Niemand schien anfnglich ber den Verlauf unseres Unternehmens erfreuter als Elias. Die erste Tagesstunde hindurch durchma er unseren Weg etwa zehnmal, die zweite machte er ihn ungefhr fnfmal und selbst in der dritten Stunde, in der es schon empfindlich hei geworden war, lief er immer noch munter kreuz und quer, uns alle an Eifer und Ausdauer bertreffend. Erst als wir in den Urwald kamen, wurde er nachdenklicher, blieb zuweilen betroffen stehn und suchte die Dmmerung unter den Bumen mit seinen Blicken zu durchdringen, wobei er gewhnlich das eine Vorderbein emporhob und die Pfote im rechten Winkel herabhngen lie. Seine Ohren bewegten sich dabei unablssig, zuweilen sah er mich forschend an, wie in Unsicherheit darber, ob diese Umgebung mir ebensowenig geheuer sei, wie ihm. brigens hatte Elias sich auf das prchtigste entwickelt, er trug nun die Merkmale eines Wolf- und Schferhundes nicht minder deutlich, wie die eines forschen und geschmeidigen Terriers, jener tchtigen Rasse, die damals die Englnder bevorzugten und pflegten. Seine wollige Behaarung erfreute auch verwhnte Kenner durch ihre Flle und die Mannigfaltigkeit ihrer Frbung, whrend ein groer Ringelschwanz ihn auf das prchtigste zierte. Da er noch ein wenig gewachsen war, so verband er mit seiner Anmut eine gewisse Bedrohlichkeit der Erscheinung, die er jedoch wegen der Vortrefflichkeit seines Charakters in keiner Weise auszubeuten suchte. Zweifellos flo auch vom Blut des sehr beliebten Hhnerhundes ein gut Teil in seinen Adern, denn sobald sich ein Geflgel zeigte, verriet Elias einen unbezhmbaren Hang, sich dieses Getiers zu bemchtigen, um es zu zerreien. Hier zeigte er einen nachahmungswerten Mut, der so leicht nicht wieder bei einem Hunde gefunden werden wird. * * * * * Es begann eine herrliche Zeit! Wie soll ich die leuchtende Klarheit der hereinbrechenden Morgen schildern, die in unfabarer Bestndigkeit heraufzogen, den stillen, glhenden Glanz der Tage und den magischen Frieden der weien, gefhrlichen Nchte! Von allem, was mir aus dieser Zeit der Wanderung durch die Wildnis am tiefsten im Gedchtnis geblieben ist, preise ich die Kanufahrt durch die Seen und Kanle. Ich vergesse die Abendstunde niemals, in der unsere Wagen in Tschirakal anlangten, einem kleinen Ort an jenem Binnensee, den der Watarpatnam vor seinem Austritt ins Meer bildet. Der Ort lag unter Palmen und hob sich wei, braun und grn von der merkwrdig stillen, graublauen Silberwand des groen Wassers ab, als wir die Strae zum Hafen niederfuhren. Aus den niedrigen Husern und Palmenhtten stieg blauer Rauch auf, und aus der Dmmerung einer hlzernen Tempelpagode drang ein priesterlicher Singsang. Es regte sich kein Windzug, die Mattigkeit des Tages lagerte in der Luft, und der bunte Hafen war so still wie ein Bild. Ungeheure Laubbume, unserem Ahorn vergleichbar, berschatteten den schmalen Wassereinschnitt, in dem die Kanus ruhig, wie eingelassen in erstarrtes Metall, dicht nebeneinander lagen, sie waren zum Teil hoch mit grell bemalten Warenballen bepackt, und die Zugnge zu diesem Hafen fhrten eng an den Husern entlang. Es duftete nach Tee, Gewrzen und Frchten, und als unsere Wagen dicht am Rand des Wassers haltmachten, erhob sich ein alter Mann, ganz in ein weies Gewand gehllt, und begrte mich im Namen Allahs und des Propheten. Bist du der Herr, der das Wasser befahren will, um nach Taliparambu zu gelangen? Seine Stirn war dicht ber den Brauen, wie von einer weien Binde, abgeschnitten, die schwarzen Augen sahen mich sicher und abwgend an. Gib die Geldsumme fr die Fahrt, Sahib, wir mssen die Ruderer ablohnen, damit sie gehorsam sind. Panja trat zwischen uns, absichtlich so, da der Alte einen gelinden Sto empfing und zurcktreten mute. Er funkelte Panja zornig an. Wer hat dir erlaubt, den Sahib anzureden? zischte Panja. Ich war erstaunt ber seine Keckheit. Tritt zur Seite und zeig' deine Kanus her, ob sie dem Herrn gengen, glaubst du, der Sahib wre gekommen, um mit dir zu schwatzen? Der Alte schwankte und sah zweifelnd zu mir herber, aber dann folgte er Panja und sagte zgernd: Die Kanus sind gut. Das entscheide ich, sagte Panja kalt. Fhrst du einen groen Herrn durchs Land? fragte der Alte. Panja lachte. Ihr wit in Tschirakal nicht mehr als die Frsche in euren Smpfen, sagte er geringschtzig. Ich habe meine Seide nicht gestohlen. Der Kollektor von Mangalore wartet so ungeduldig, da er einen Boten nach dem anderen sendet. Ist kein Bote angekommen? Der Alte schttelte den Kopf und wandte sich scheu nach mir um. Panja gefiel mir, und trotz seiner sonstigen kleinen Eitelkeiten empfand ich, da hier sein Vorgehen Grnde hatte. Ich war oft vor den Mohammedanern gewarnt worden. Panja kannte sein Land. Wir besichtigten die Boote eingehend. Es waren etwa acht Meter lange Kanus aus Baumstmmen mit langen Auslegern, da sie von stehenden Ruderern angetrieben werden, und mit wohlgepflegten Leinendchern, die den mittleren Teil beschtzten, etwa auf die Art, in der in Deutschland Lastfuhrwerke mit Leinen gedeckt sind, straff angespannt und gewlbt. Zwischen dem Leinenschirm und dem Bootsrand war ein schmaler Durchblick gelassen, und vor dieser Kabine befand sich ein etwa zwei Meter langer Aufenthaltsort fr khlere Stunden, in denen der Sonne nicht ausgewichen zu werden brauchte. Der Boden war sorgfltig gepolstert und mit sauberen Bambusmatten belegt, aber die Boote selbst waren nicht breiter als ein schmales Feldbett. Panja zeigte sich zufrieden. Ich sah ber den See hinaus, der sich rtlich frbte. Wann kommt der Mond? fragte Panja. Gegen Mitternacht, antwortete der Alte nachdenklich, wir werden in der Morgendmmerung fahren. Wer will reisen? fragte Panja gelassen, du oder der Herr? Wir fahren sogleich. Es geht nicht, die Leute sind in Tschirakal weit verstreut und nicht so rasch zu finden. Wieviel Ruderer hast du? fragte Panja, ohne auf den Einwand des Schiffers einzugehen. Fr jedes Boot vier. Es gengen zwei fr jedes Boot, entschied Panja, das Wasser ist still. Der Alte schttelte den Kopf. Morgen kommt ihr am offenen Meer vorber, wenn auch nur fr eine kurze Zeit, so knnen doch zwei Mnner das Boot nicht durch die Brandung rudern. Diesmal schien der Alte recht zu haben, denn Panja fgte sich, aber er forderte, da die Leute sogleich gerufen und in den Booten verteilt wrden. Er sagte mir spter, da es besser sei, die Ruderer tauschten ihre Meinung ber uns zuvor nicht aus, und er setzte seinen Willen durch. Unser Gepck wurde hinbergetragen, die Ochsenwagen kehrten noch in dieser Nacht um, und wir fuhren nach kaum einer Stunde hinaus, unter den aufgehenden Sternen dahin. Der Gesang der Ruderer weckte mich. War ich denn eingeschlafen? Ich brauchte eine kleine Weile, um zu mir zu kommen, die Luft roch fremd und es war khl, ich hrte das Wasser und taumelte empor in einen sanften weilichen Lichtschein. Es fiel mich ein stechender Glanz vom Himmel her an, als ich aus der Kabine kroch: die Sterne! Unter mir sanken sie in unendliche schwarzblinkende Abgrnde, totenstill, ohne zu zittern, wie Diamanten auf kohlschwarzer Seide. Zwischen den beiden zornigen Lichtwelten, am Firmament und in der Totentiefe, schaukelten und schwankten zwei riesige dunkle, nackte Krper vor mir hin und her, stieen in das dunkle von Sternen und Sternbildern funkelnde All und sangen. Ihre Ruder tauchten in die Flut und hoben sich wieder, wie mit flieendem Silber bergossen, sprhend und glitzernd troff es nieder, und als ich mich umwandte, sah ich eine schmale Silberstrae von solchem Glanz, da meine Augen geblendet wurden. Wie ein traurig ertnender Komet mit langem Schweif scho unser Boot durch ein uferloses, von Himmelsfunken flimmerndes Weltall. Ich vermochte nirgends Land zu erkennen, wir waren mitten auf dem See, diesem Bett des ruhenden Stromes, der, ber tausendjhrigem Schlamm, zgernd ins Meer hinberglitt. Ich tauchte meine Hand ins Wasser, und sie berzog sich mit Silber. Kraftlos sank ich, ohne Erfassen und Begreifen gegen die Wandung meines Verdecks, erbebend in bersinnlichem Schwindel vor diesem Wunder der Nacht. Gegen Mitternacht tauchten im Licht des aufgehenden Mondes bluliche Nebelkuppen vor uns auf. Der Mond stand, eine ockerrote Sichel, ber dem Dschungel. Wir liefen Land an, ich empfand lange Zeit nichts anderes als nasse Zweige, die mein Gesicht streiften, hrte die Zurufe der Mohammedaner in der feuchten Finsternis, und meine Augen wurden nur selten durch einen weilichen oder rtlichen Schein ber mir getroffen. Von solchem Hintergrund hoben sich groe Bltter oder die Schwerter eines hohen Schilfs ab. Einmal scho mit durchdringendem Klageruf, der noch lange drauen ber dem Wasser gurgelte, ein groer Sumpfvogel empor. Panja! rief ich. Da flammte vor mir ein Feuerschein auf, in dem ich eine schmale Sandbank erkannte, auf die das Kanu aufgelaufen war. Es ffnete sich darber ein Laubengang, so dicht verwachsen, da er wie eine grne Hhle wirkte, mitten darin stand Panja in seinem weien Gewand, hielt eine Fackel hoch und winkte mir. Die Leute muten einige Stunden ruhen. Es wurde ein Halbkreis von Feuern gegen das Land zu angebrannt, nach kurzer Zeit lagen die Mnner in tiefem Schlaf auf ihren Matten, und Panja hockte mir gegenber am Feuer und sprach leise und erregt ohne Aufhr. Ich merkte ihm die Ruhlosigkeit der tropischen Sommernacht an, die Ruderarbeit der Leute hatte eine merkwrdig im Blute siedende Erinnerung an wilde Taten in mir zurckgelassen, und es lauerte in der grenden Stille umher eine aufreizende Liebessucht und die Ahnung eines hastigen trichten Todes. Es war, als erwartete die Daseinsgier und der Lebensdrang der ppig und in stiller Wildheit ausbrechenden Pflanzen und Bume unsere Leiber. Mein Blut pochte in den Spitzen der Finger, in den Schlfen und im Halse. Nach einer Weile brach Panja auf, er wand sich aus trockenen Lianen und vermodertem Holz eine Fackel, go l darauf und entzndete sie am Feuer. Wohin gehst du, Panja? Zu den Frauen, sagte er dumpf. Noch eine Weile sah ich den Schein seiner Fackel rot durch das Dickicht schaukeln, er schwenkte sie hoch empor und weit hinter sich, zum Schutz gegen die wilden Tiere, im Takt seines raschen, weichen Tritts. Dann blieb ich allein am Feuer zurck mit Elias, Pascha schlief im Boot bei den Koffern, er hatte seine Matte quer ber meinem Eigentum ausgebreitet und bewachte es schlafend mit seinem Leibe. Fnftes Kapitel Dschungelleute Panja roch die Drfer, ehe wir sie erreichten, wenn der Wind seinen Forschungen gnstig war. Es kommt ein Dorf, Sahib, pflegte er zu sagen, hier schlagen wir das Zelt ein. Es geschah hauptschlich deshalb dort, weil wir sicher sein konnten, in der Nhe einer Niederlassung frisches Wasser, Reis und Bananen, auch Geflgel oder Eier zu bekommen. Wir hatten viel Umstnde und Mhe damit, Trger zu finden, denn einmal brauchten wir auch fr kleinere Lasten meistens zwei Mnner oder Frauen, und zum andern wurden die Leute gewhnlich nach zwei oder drei Tagen von Heimweh befallen und liefen zurck, obgleich ich ihnen ihren Lohn erst nach der beendeten Frist auszuzahlen pflegte. Sie lieen ihn um so leichter im Stich, als sie fr gewhnlich irgend etwas stahlen, was sie reichlich entschdigte, ohne mir empfindliche Verluste beizubringen. Jedesmal, wenn wieder einer unserer Sklaven fehlte, sprach Panja die Hoffnung aus, der Panther mchte ihn auf seiner Flucht erwischen, er hoffte es herzlos und aufrichtig und wechselte niemals das Raubtier, dem der Flchtling erliegen sollte. Dann blieben wir oft tagelang am Rand der Steppe oder mitten in der Dschungelwildnis liegen, lieen die Sonne kommen und gehen, rauchten, schliefen und jagten. Ich hatte die genaue Orientierung auf der Karte verloren, aber es war nicht wichtig, da ich die Breite des Dschungels kannte und der Richtung durch die Sonne und den Kompa gewi war. Auch zeigten uns die Flsse, die wir auf schmalen Furten, oder in den Kanus der Eingeborenen berquerten, da wir im wesentlichen die Richtung nicht verloren hatten. Und hatte ich denn ein Ziel? Einer der jungen Trger ist lange bei mir geblieben und er fand nicht allein meine, sondern endlich auch Panjas Gunst, was eine groe Seltenheit war. Er hie Gurumahu und war ein Jngling von etwa achtzehn Jahren, hochgewachsen und sehr schlank, aber geschmeidig und krftig. Er war zum Islam bergetreten, weil er die grten Hoffnungen auf die Freiheiten gesetzt hatte, die sich mit dieser Lehre fr sein knftiges Leben einstellen sollten, aber leider hinderte sein gutmtiger Charakter ihn daran, Gebrauch von ihnen zu machen. Er erzitterte nach wie vor vor den Brahminen und nderte seine Lebensgewohnheiten in keiner Weise. Er kam uns auf die nicht eben ungewhnliche Art eines Diebstahls besonders nahe, und zwar hatte sein unersttlicher Drang nach Reichtmern ihn auf meine Kupferkessel gestrzt. Gurumahus Diebstahl wurde gottlob zeitig genug entdeckt, denn wir wren in nicht geringe Verlegenheit geraten, wenn er mit seiner Beute entkommen wre. In der Hauptsache ist seine Entlarvung Elias zu danken, was allerdings von Panja bestritten wurde. Wir hatten damals unser Zelt am Rand der Steppe aufgeschlagen, so da der Ausgang den Blick auf die hglige Ebene zulie, und ich erwachte vom Knurren des Elias. Da sah ich Gurumahu im Mondschein ber die Steppe laufen, rechts und links einen unserer Kupferkessel in der Hand. Er fra den Boden mit so riesigen Sprngen, als hinge das Heil seiner Seele von ihrer Lnge ab. Ich nahm den Revolver und scho in die Luft, die Kugel htte ihn ohnehin nicht mehr erreicht, auch lag es mir fern, ihn tten zu wollen. Man tte in Indien nicht gut daran, so entscheidend vorzugehen, da die Hindus nicht das gleiche Vergngen am Sterben empfinden, wie nach den Berichten der Afrikareisenden die Neger. Auch wute ich, da der Knall eine ntzliche Einwirkung auf das bse Gewissen des Rubers ausben wrde, der selbst eine groe Schiewaffe besa, auf die ich spter noch zu sprechen kommen werde. Gurumahu warf sich mit einem gellenden Aufschrei der Lnge nach zu Boden, auf das Gesicht, und die beiden Kessel rollten, funkelnd im Mond, zu beiden Seiten ber ihn hinaus ins Steppengras. Als es hinter ihm still blieb und er keine Verfolger sah, raffte er sich langsam auf und begann seine Glieder der Reihe nach zu befhlen. Er fing mit den Beinen an, die ihm in dieser Situation wahrscheinlich am wichtigsten waren, ging langsam bis zu den Armen empor und gedachte zuletzt auch seines Kopfes, der ihm anscheinend, wie alles andere, an seinem Platze und in Ordnung vorkam. Dann sprang er auf und lief gebckt, in Sprngen, weiter, ohne die Kupferkessel, die ihm nicht gegnnt waren, noch eines Blicks zu wrdigen. Panja holte sie zurck und putzte sie, boshaft wie er war, mit groer Ausfhrlichkeit. Der Panther wird ihn erwischen, sagte er und warf rgerlich Reisig ins Feuer. Es verstimmte ihn tief, da er durch meinen Schu um seine Nachtruhe gebracht worden war. Ich gab im stillen, nicht ohne Bedauern, Gurumahu verloren, wenn auch nicht unbedingt auf die Art, wie Panja es tat, aber ich sollte mich hierin tuschen, denn er kam am andern Tage gegen Mittag in unser Lager geschlichen. Wahrscheinlich hatte ihm der Dschungel bei Nacht in seiner Verlassenheit nicht gefallen, oder der Currygeruch unserer Reismahlzeit zog ihn an. Panja fhrte ihn mir majesttisch vor, der arme Verbrecher sah aus, als wre er aus dem Wasser gezogen worden. Ich werde dich tten, sagte ich still. Er sprang ein Meter hoch in die Luft und fiel dann zur Erde nieder. Soll ich ihn aufhngen? fragte Panja so gleichmtig, da ich darber die ganze Niedertrchtigkeit meiner Drohung erkannte. Es ist merkwrdig, wie rasch einem eine Ungerechtigkeit auffllt, wenn ein anderer sie sich zuschulden kommen lt. Er hat ein ganzes Glas mit Salz gefressen, berichtete Panja sachlich, vom Whisky will ich schweigen, denn er hat ihn nicht finden knnen. Hat dich der Hunger hergetrieben? Wo warst du so lange? fragte ich den beltter. Er hob den Kopf und versuchte meinen Blick auszuhalten, was den Eingeborenen der Urbevlkerung sehr schwer ist, wenn es sich um blaue Augen handelt, in die sie hineinsehen mssen, und wenn sie selten mit Weien in Berhrung kommen. Aber Gurumahu erkannte den Ausdruck meines Gesichts doch und begann zu lachen wie ein Kind. Du bist freundlich, Herr, sagte er zgernd und dann mit berzeugung: du bist nicht klug und gerecht, wie die Englnder. Ich werde deine Kessel bewachen, bis ich sterbe. Wenn du sonst nichts tun willst, kannst du dich wieder in die Smpfe scheren, grollte Panja, aber Guru lie sich nicht im Genu seines ihm eben erst geschenkten Lebens beeintrchtigen, und als sich die beiden entfernten, hrte ich ihn hochmtig zu meinem Diener sagen: Hat schon ein Sahib auf dich geschossen, du Abtrnniger? Du bist keine Kugel wert, deshalb lebst du und kriechst dem Herrn zwischen den Fen umher, ich aber habe mit ihm gekmpft! Das ist wahr, du Kupferfresser, sagte Panja, ich danke dir, da du ihn nicht zerschmettert hast, du Blattlaus! Aber Gurumahu blieb von nun an bei uns, wir nannten ihn Guru, weil sein Name mir zu lang war, brigens war es nicht sein einziger, er hatte noch eine ganze Reihe wohlklingender Namen, aber auf Gurumahu schien es ihm am meisten anzukommen. * * * * * Einmal hatten wir das Herabsinken der Sonne trotz Panjas Vorsicht verpat, und die Finsternis berraschte uns am sumpfigen Ufer eines Flusses. Guru schnupperte in die feuchte Nachtluft hinaus und sphte vom Ufer aus zu den gegenberliegenden Palmenhainen hinber, und richtig sahen wir nach einer Weile ein schwaches Lichtlein aufblinken. Als das Zelt aufgeschlagen worden war und die Feuer brannten, hrten wir, wie das Fluwasser von Ruderschlgen pltscherte, oberhalb unseres Zeltes verklang das Gerusch, und das Dickicht raschelte, aber dann blieb alles still. Jetzt haben die Mangroven Augen bekommen, sagte Panja, aber es mu ein leichtsinniges Volk sein, denn sie frchten den Panther nicht. Auf Elias war in dieser Beziehung kein rechter Verla, denn seine Gesinnungsart hinderte ihn daran, friedlich sich nhernde Nachtwandler durch Gebell zu ngstigen. Hrten wir den Panther in der Nhe des Lagers husten, so pflegte Elias sich in den Hintergrund des Zeltes zurckzuziehen, nicht etwa, weil er Furcht hatte, sondern weil es ihm dort besser gefiel. Am Tage hatte ich eine Hherdrossel geschossen, ich rupfte ihr das braune Gefieder aus, und das zierliche Kpfchen mit den hellblauen Augenringen schlenkerte mit geffnetem Schnabel ber meinem Knie. Gurus Augen fehlten nur noch diese hellfarbigen Ringe, um ebenso starr und leblos dreinzuschauen wie meine Jagdbeute. Er begriff nicht, da ich Vgel verspeiste, in denen wahrscheinlich die Seele eines Abgeschiedenen mitverschlungen wurde. Panja war in dieser Beziehung seiner heimatlichen Weltbetrachtung lngst entrckt. In den Kupferkesseln siedete das Wasser, und eine Unmenge beschwingten Nachtvolks sammelte sich im Feuerschein, umschwrmte die Flammen wie farbige Funken, oder glotzte von den Blttern aus in dies unfabare rote Leben, aus dessen Glut der Tod lockte. Panja brachte mir freundlich die Reste meines Rasiermessers, das einer Taschensge glich und auch als solche hier und da Verwendung fand. Es war in Zeiten betrblicher Unkenntnis einmal von einem Koch zum Schlachten einer Ziege verwendet worden; so rcht es sich, wenn wir Europer ein argloses Volk zu unsern barbarischen Sitten verleiten. Ein Schatten dieses Barbarentums lagerte nun seit langem in unsteten Wucherungen um mein Kinn und um meine Wangen und wetteiferte an planloser Ausgestaltung mit der Pflanzenwelt des Dschungelbodens. Guru hatte in den Pfefferranken bei Tage Vogelnester ausgenommen und mir die Eier gebracht, wir kochten aber nur die, welche noch nicht piepten. Panja kaute Betel und sah mir zu, er hatte viel Sinn dafr, wann eine Arbeit mich selbst vergngte und wann er sie mir abnehmen mute, auch fhlte er sich in der letzten Zeit in seiner Rolle als Reisefhrer sichtlich gelutert, und mir schien es, als tte er seine Arbeit mit einem ganz neuen Bewutsein schner Freiheitlichkeit. Pascha putzte Palmenschlinge, das zarteste und wohlschmeckendste Gemse, das Indien zu bieten hat, aber ein streng verbotenes Gericht, weil das Leben der Palme, durch diesen Raub ihres Herzens, zerstrt wird. Der weiliche, mittlere Trieb des Baumes wird herausgeschnitten, er ist zart wie ganz frische Haselnsse und schmeckt hnlich; mit l und saurem Fruchtsaft zubereitet, stellt er einen Salat dar, wie ihn die europische Kche nicht aufzuweisen hat. Soll ich die Leute fragen, ob Mangobume im Dorf stehen? sagte Guru pltzlich. Welche Leute? fragte ich erstaunt. Jene dort, sagte Guru und zeigte vor sich hin. Da erkannte ich die braunen Gesichter im Feuerschein zwischen den Blttern der Mangroven. Ich hatte mich lngst daran gewhnt, da ich niemals allein war, aber ich erschrak jedesmal aufs neue. Erst zhlte ich fnf, dann zehn und endlich etwa zwanzig groe und kleine Gesichter, das ganze Dorf schien versammelt. Ich schickte Guru hinber, die Gesichter tauchten unter, aber dann begann ein immer lebhafteres Geschnatter im Dunkeln, endlich wurde Feuer gemacht, und die Ruder polterten im Kanu. Ich htte gern mit den Leuten gesprochen, aber sie waren zu furchtsam, brachten uns jedoch alles, was wir wollten. Die Bewohner dieser Landstriche, wie auch die der stlichen Berge entstammen der Urbevlkerung und haben sich mit den eingewanderten indogermanischen Stmmen kaum vermischt. Ihre Hautfarbe ist fast ganz schwarz, und ihre Gesichtszge hneln eher denen der Neger, als denen der Brahminen. Sie stehen auf einem auerordentlich niedrigen Stande der Zivilisation, sind aber arglos und sehr friedsam. Ihre Religion ist anscheinend in den primitivsten heidnischen Vorstellungen geblieben, sie beten hlzerne Gtzen an, und nur hier und da ist ein schwacher Lichtschein des Brahman oder der buddhistischen Lehre in ihre Geisteswelt gedrungen. Irgendeine der vielen Inkarnationen Brahmas lebt hin und wieder in ihrer Vorstellung in entstellter Gestalt fort, ohne da ihr Sinn lebendig geworden ist. Der Dschungel ernhrt sie freigebig in guten Zeiten, sie tragen Pfeffer in die kleinen malabarischen Hfen, wo die eingeborenen Gewrzhndler ihn ihnen fr sehr geringes Entgelt abnehmen. Ihre Nahrung besteht aus Frchten, einige fischen sogar, andere sollen auch Fleischkost zu sich nehmen, ich habe es aber nie gesehen. Auf den flachgeklopften Lehmpltzchen, vor ihren Laubhtten, breiten sie die Pfefferbeeren zum Trocknen in der Sonne aus, und man erblickt dort in wohlgeordneten Rechtecken den Pfeffer in allen Farbennuancen seines Drrens am Boden ausgebreitet, vom saftigen Grn bis zum tiefsten Schwarz. Ihre Hauptbesitztmer sind Kinder. Ich habe niemals so viele kleine Kinder gesehen wie in diesen Drfern, wie Orgelpfeifen standen die schwarzen Reihen vor den Htten, mit kleinen Kugelbuchlein und Rotznasen, und glotzten uns an, wenn wir vorberkamen. Dieser Abend und diese Nacht sind mir unvergelich geblieben, weil unter meinen Augen ein bebendes Lebenslichtlein in der Dschungelnacht erlosch. Ich hatte keine Vorstellung, wie weit die Zeit vorgeschritten war, ein lauter Ruf weckte mich. Panja fuhr neben mir empor und stie in der Schlaftrunkenheit gegen meine Hngematte, so da ich fast herausgefallen wre und im ersten Augenblick in ihm einen Feind vermutete. Das Feuer war fast erloschen. Panja war mit einem Satz an der glhenden Asche, und ich begreife heute noch nicht, wie rasch es ihm gelungen ist, eine Flamme emporzuschren. Der klagende Ruf wiederholte sich laut und nahe beim Feuer in der dichten Finsternis, die nun so schwarz wie Kohle war, nur die beschienenen Bume, dicht am Feuer, glommen phantastisch und unwirklich, wie Ungeheuer, die mit verschlungenen Gliedmaen, unter verworrenen Laubkrnzen, in ein rotstrahlendes Gemach drngen. Pascha rief etwas vom zweiten Feuer her, das Guru eifrig schrte. Was sagt er? fragte ich Panja. Eine Frau schreit aus Angst vor dem Tod, sagte Panja, der noch nicht verstanden hatte, um was es sich handelte. Ich trat aus dem Zelt heraus und erkannte nun im Dickicht schwelende Fackeln und die dunklen Gestalten der Wilden. Das Geschrei einer Frauenstimme zerri mein Herz. Ich habe selten wieder etwas so Durchdringendes an Schmerz und Verzweiflung gehrt. Ein tierischer Wehelaut, der doch die erbarmungswrdige Erniedrigung der Menschenseele enthielt, fiel mich wie ein nchtliches Gespenst an, und ich mute mich wieder und wieder aufraffen, um nicht in tatlosem Erstarren zu lauschen und um nicht meinem Entsetzen zu erliegen. Feuer! brllte ich, Licht! Eine Wolke gelben Qualms hllte uns ein, dann flackerte eine hohe, rote Sule daraus empor. Guru schrie: Es ist die Mutter! Endlich brachte Panja Ordnung in einen scheu herandrngenden Haufen halbnackter Gestalten, die ein dunkles Etwas auf einer Bahre aus Zweigen heranstieen. Eine Frau, der das schwarze Haar wild um das Gesicht hing, und deren Arme durch die Luft irrten, schrie mir etwas zu. Sie wagte sich trotz der groen Erregtheit, die das Ereignis mit sich brachte, das sie zu mir gefhrt hatte, nicht in meine unmittelbare Nhe, aber ich sah nun, da ihr Gesicht von Angst und Hoffnung entstellt war. Auf den Zweigen lag ein Kind von vielleicht zwlf oder dreizehn Jahren, ein Mdchen, drftig mit einem bunten Kattunfetzen bedeckt, unter dem sich der kleine, dunkle Krper wand, und ich hrte einen matten zischenden Klagelaut, ein ersticktes Gurgeln, aus dem Knuel hervordringen. Guru sthnte bedauernd und hob sich auf die Zehen als frre er. Die Kobra, sagte Panja kurz und sah mich an. Die Mutter hofft, du knntest ihrem Kind helfen. Mein Herz blutete unter den Blicken der alten Frau, die in ihrem Schmerz und ihrer bedrftigen Hlichkeit unsagbar rhrend und bejammernswert vor mir stand. Ihre welke Brust hing leblos nieder, und es zitterte und zuckte in den Furchen ihres eingefallenen Gesichts. Sie klagte nicht mehr, ihre Erwartung hielt sie gefesselt, und ihre Augen, im vorgereckten Angesicht, prften und suchten in meinen Zgen, aus denen sie den Tod oder das Leben ihres Kindes glaubte entnehmen zu knnen, nach meinem Willen. Das Mdchen war mit den andern Bewohnern des Orts an unser Lager geschlichen, um den sonderbaren Mann aus einer fremden Welt zu sehen, die jenseits des Meeres lag und unerforschlich war an Geheimnissen und Wundern. Und ihr Verlangen nach dem Glanz dieses Neuen, Unfabaren hatte sie die Vorsicht vergessen lassen, die so not tut im Dschungelland, die man sie von Kind auf an gelehrt hatte, und die sie in allen Fllen so klug und sorgsam zu beachten gewut hatte. Nun hatte es im Finstern den kleinen, bsen Stich gegeben, den anfnglich das Herz nicht als das furchtbare Verhngnis glauben will, obgleich das Blut es ahnt und die Schrecken des jhen Dahinsinkens wie dunkle Flgel um die Schlfen brausen. Ein Dorn, ein Dorn war es, vom Rand eines Palmblatts, oder vom Zedernbaum..., aber dann kam der feine se Schwindel, der in den Augen beginnt und der den Pulsschlag des Herzens so eigen behindert, der zuerst die Hnde und langsam alle Glieder in trockene, kurze Krmpfe zerrt, als trieben Glassplitter im Blut, die die Adern zerrissen. Bis die grliche Klage aus der Gewiheit brach: Die finstere Knigin! Diese aus Ehrfurcht vor der Gottheit und aus tiefstem Grauen gemischte Wehklage erfllte die Walddunkelheit. Es war zu spt. Ich ffnete die Wunde, die nur in einem winzigen, schwarzumrandeten Pnktchen am Fu bestand, aber das Blut flo nicht mehr rot und warm, sondern zersetzt und stockend. Wir versuchten es mit Whisky, aber das Kind konnte trotz unserer Mhe das scharfe Getrnk nicht aufnehmen, und die groen brechenden Augen flackerten angstvoll unter den Peinigungen ihrer grausamen Bedrnger. Feuer hilft nur im ersten Augenblick, auch htte ich es um alles nicht ber mich gebracht, auch diese neue Marter noch dem kleinen Leib zuzufgen. La das Kind sterben, rief es in mir, das ist sein letztes, irdisches Recht. Die Blicke der Mutter marterten mich, ich wandte mich ihr zu in der einzigen Barmherzigkeit, welche es fr sie in dieser Stunde gab. Sie brach mit einem langen Klagelaut zusammen und blieb die ganze Nacht stumm an der Leinwand des Zeltes liegen, wie ein dunkles Kleiderbndel. Als das Kind gestorben war, erschtterte mich, wie mit rauhen Fusten, die bittere Erkenntnis unserer Menschenohnmacht. Wir sind nicht, was wir nach unserem besten Verlangen sein knnten, wo ist die Macht, die wir in unserem Begehr nach Vollendung ahnen, wo die Hoheit, die unsere Gte sucht, wo unser Glaube, der Berge versetzt? * * * * * Dster, lieblich und glhend strichen diese seltsamsten Tage meines Lebens dahin. Wir blieben oft tagelang am gleichen Platze, ich verga mein Ziel und die Zeit. Die grnen Sumpfaugen des Dschungels und das Silberwehen der Steppennchte bannten mich, das tiefe Atmen bei geschlossenen Augen ersetzte die Gedanken, das Licht wurde zu einer unermdlichen Gewiheit der Lebensfreude und die Nacht zum gestaltlosen Traum. Das gewaltige, stille und geduldige Leben der Pflanzen, die die ganze Erde fr sich beanspruchten, raubte meinem Gemt langsam das Bewutsein seiner eigenen Rechte, gewiegt von Staunen und erfllt von fremdem Daseinswillen trieb mein Geist wie schlafend dahin, und doch berwach und tief innerlich durchglht von einem heiligen Daseinsglauben. Ich ahnte das grnlich-morastige Gift des Waldes, dessen Knigin und Gttin mir in ihrer ganzen Macht erschienen war, ich sah den Fiebergeist im feuchten Dmmern schleichen, aber mein Widerstand war zu einer vagen Hoffnung auf mein Glck herabgesunken. Diese grende, brodelnde Sumpffruchtbarkeit wrde auch meinen Leib aufnehmen und neu erblhen lassen, wenn sie ihn in ihr Bereich saugte. Der Wald war mchtiger als die Menschen.-- Eines Nachts lag ich im Zelt auf einem Laublager, da ich die unsichere Nachgiebigkeit der Hngematte nicht mehr ertrug. Guru war am Feuer eingeschlafen. Er hockte neben der glhenden Asche vor dem Dreieck des Zelteingangs wie ein Gekpfter, den Nacken zwischen den hochgezogenen Knien, und seine fast drei Meter lange, uralte Araberflinte berragte ihn wie eine halb gesunkene Fahnenstange. Er liebte dieses Gewehr zrtlich und trug es meist bei sich, besonders wenn Aussicht vorhanden war, da wir Menschen begegneten. Dabei lebte er in dem festen Glauben, da diese Waffe es ihm niemals antun wrde, eines Tages loszugehen. Er war nicht in Gefahr, enttuscht zu werden, denn die Flinte war hundert Jahre alt, hatte sicher vom Sudan bis Singapore den ganzen Orient bereist, und es bestand keine Mglichkeit, sie zu laden oder gar abzufeuern. Aber Guru wre mit dieser Waffe mitten im Urwald sorglos eingeschlummert, so sicher war er, da auer ihm kein anderes Wesen hnliche Hoffnungen wie er auf seinen langen Talisman setzte. Wir waren am Tage an Felsauslufer des Gebirges gekommen, in deren Schluchten der Dschungel sich aufwrts erstreckte, um sich mehr und mehr zu lichten. In den Felsspalten flo klares Wasser, und als wir endlich umkehrten, da der Boden zu zerklftet und verwachsen war, kamen wir an ein kleines Dorf von etwa zehn Laubhtten, das Itupah hie. Unweit dieser Niederlassung hatten wir die Zelte aufgeschlagen und die Lagerfeuer angezndet. Die Leute waren gekommen, um uns Frchte anzubieten, hatten sich aber bald zurckgezogen, da unsere Gertschaften ihnen allzu magisch und gefahrdrohend erschienen waren. Ich konnte nicht einschlafen. Die Stimmen der wilden Tiere und der Mond strten mich. Panja war in das Hindudorf geschlichen, um Liebesabenteuer zu bestehen, er benutzte die Aufregung, die meine Gegenwart in Itupah hervorgerufen hatte, um darzutun, wie berechtigt sie war. Ein paar Flecke Mondlicht lagen am Zelteingang wie Papierschnitzel, und die Grillen fllten die Luft mit ihrem Zirpen, als wrde feiner Silberdraht gefeilt von vor Hast toll gewordenen Strflingen. Es raschelte in der Zeltecke, und als ich hinbersah, entdeckte ich ein kleines Tier, das ich anfnglich fr einen Marder hielt. Es sa totenstill da, nachdem meine Bewegung es mitrauisch gemacht hatte, und sah mich mit zwei riesengroen schwarzen Augen an, die sehr weit vorn und dicht beieinander saen, wie bei einem Affen. Das zierliche Kpfchen war nicht viel grer als eine Walnu in ihrer grnen Schale, und die Frbung des Fells erschien mir graubraun, wie bei einem Eichktzchen im Winter. Der Kleine gefiel mir auerordentlich, und ich versuchte Anschlu an ihn zu gewinnen. Treten Sie nher, sagte ich und pfiff leise ein paar immer gleiche Tne in die dmmerige Nachtluft. Das Tierchen rhrte sich nicht, und ich sann auf ein Anlockungsmittel. Als ich eine Bewegung mit der Hand machte, um ihm ein englisches Biskuit anzubieten, das neben mir lag, tat es einen lautlosen Ruck, und der Zeltwinkel war leer. Aber nach einer Weile huschte es wieder wie ein Schatten durch die Mondflecke, der kleine Fremde war wieder da, offenbar wurde er durch seine Neugier geplagt. Die beiden schwarzen Augenkugeln saugten, weit geffnet und starr vor Erstaunen, meine Erscheinung in sich auf, ich bin noch niemals so angeglotzt worden. Der Kleine schien furchtbar aufgeregt vor Begierde, herauszubringen, was es fr eine Bewandtnis mit mir hatte, und was mich aus meinem entlegenen Lande nun gerade in die Nhe der Menschenstadt Itupah und dort in die Gegend seiner Behausung gefhrt haben mochte. Ich htte es ihm nicht sagen knnen. Aber enttuschen wollte ich ihn auch nicht. Haben Sie Familie? fragte ich leise. Fort war er. Die Frage mag fr den Beginn einer Bekanntschaft vielleicht etwas zudringlich gewesen sein, aber nach einer kurzen Weile kam der Kleine doch wieder, diesmal genau an derselben Stelle, zwischen unsern Salzglsern und Panjas Sandalen. Er schien nun bemerkt zu haben, da meine Worte nicht so gefhrlich waren, wie er anfnglich angenommen hatte, und kam ein wenig nher, um besser glotzen zu knnen. Es tat mir leid, da ich nichts anzubieten hatte, und da meine Gastfreundschaft sein Mitrauen erregte. Es scheint, Sie leben des Nachts, begann ich vorsichtig, ich entnehme es Ihren Augen und der Tatsache, da wir uns zu dieser Stunde begegnen. Ich bitte Sie darum, keine falschen Schlsse aus den vielerlei Gertschaften zu ziehen, die Sie hier erblicken, im Grunde bewegt uns lange aufrechte Wesen kein anderer Herzensdrang als euch. Es lt sich so leicht sagen: das Glck, im Sonnenschein in der Welt zu sein, die Liebe und der Schlaf. Darber wacht etwas, wie eine unermdliche Hoffnung, es mchte eines Tages alles noch um vieles herrlicher werden. Das spricht auch aus deinen groen Nachtaugen; und ist die Begierde, die dich herzutreibt, im Grunde etwas anderes, als die meine, die mich veranlate, in die Wildnis deiner Heimat zu kommen? Da antwortete mir ein heller, bser Pfiff, der mir durch Mark und Bein ging, und gleich darauf erscholl, als Entgegnung, ein rgerliches Zischen im Laub meines Lagers. Nun galt es, still zu liegen, das wre ein verdrielicher Abschlu meiner Dschungelfahrt gewesen... Ich wute nun, wen ich vor mir hatte, aber bei weitem wichtiger war mir, wen ich in meiner unmittelbaren Nhe in den welken Blttern wute. Das kleine Tier vor mir begann sich sanft und sonderbar zu schaukeln und brachte dabei hell und stoweise einen halb gepfiffenen, halb geknarrten Ton hervor, der der Gefhrtin meines Lagers galt. Nun quoll es dicht unter meinen Augen aus dem Reisig hervor, wie das Rinnsal einer dicken, dunklen Flssigkeit und suchte den Ausgang zu gewinnen. Ein kleiner Schatten vom Zeltrand her huschte der Schlange blitzschnell nach, und drauen begann fr eine kurze Weile ein von Fauchen, Zischen und Schnarchen wildbewegtes Rascheln und Schleifen. Dann wurde es still, und ich hrte nur die Hammerschlge meines Herzens und sah die weien Papierschnitzel des Mondlichts, bis langsam die eintnige Grillenmusik wieder die Nacht beherrschte. Mir war, als habe sie geschwiegen, whrend sich ein Schicksal unter den Geschpfen des Nachtvolks vor meinen Augen abgespielt hatte. Wie eigenartig unterscheiden sich oft unsere Erwartungen von den Erscheinungen selbst! Ich hatte von diesem merkwrdigen Tier oft gehrt, das in Indien als der rgste Feind der Schlange gepriesen wird, und das sogar oft von den Englndern wie ein Haustier zum Schutz gegen die Kobra gehalten werden soll, aber ich hatte mir die Erfllung meines Wunsches, diesem Tier einmal zu begegnen, anders vorgestellt. Was hatte sich mehr zugetragen, als ein von wenigen Rufen des Kampfes, der Angst und der Lebensgier zerrissenes Huschen und Springen? Schattenhaft, fast unwirklich war es geschehen, grau, im Halbdunkel und ohne jene pathetische Gebrde, die erst die Erkenntnis langsam dem Ereignis verleiht. Erst die Erinnerung erschafft die Gestalten der Helden. War dies alles? Wie wird es uns mit dem raschen, kleinen Leben ergehen, das wir in Erwartungen dahinhuschen lassen? * * * * * Oft, wenn ich von unserm Zelt aus mit der Bchse und Elias den Dschungel durchschweifte, sah ich vom Fluufer aus die Alligatoren in der Sonne liegen. Sie sonnten sich auf den Sandbnken und lagen kreuz und quer durcheinander, einmal lagen sogar zwei aufeinander, das war peinlich. Der Ausdruck ihrer sehr ausgedehnten Gesichter war in der Regel ungemein vergngt, die winzigen uglein funkelten frhlich, und die riesigen, oft weit geffneten Muler zeigten deutlich einen Hang zum Lcheln. Man merkte den Tieren an, wie wohl ihren knorpligen Schuppenhuten die Sonnenglut tat, und entschlo sich schwer, etwas Bses von ihnen anzunehmen. Zuweilen gluckst etwas in ihren gelben Hlsen, die zart und weich wie Wachs sind. Ich habe niemals welche gesehen, deren Lnge zwei Meter berschritt, ihre afrikanischen Geschwister scheinen einem anderen Volksschlag anzugehren und mehr Wert auf die Einschchterung der Menschen zu legen. Zuweilen scho ich auf eine dieser riesigen Eidechsen, aber meine Kugel wirkte nie so ausschlaggebend, da das verwundete Tier nicht noch Zeit gewann, ins Wasser zu schnellen. Es kann auch sein, da ich niemals getroffen habe. Nachdem der Donner des Schusses verhallt war, war die Sandbank fr gewhnlich leer. Diese Tiere haben eine geradezu verletzend geschwinde Art, sich zu empfehlen, sie schieen ins Wasser wie Torpedos, es ist unmglich, eine Bewegung ihrer Beine zu unterscheiden, und es erweckt den Anschein, als wren sie an gestrafften Gummibndern mit dem Wasser verbunden und wrden pltzlich losgelassen. Sie schwimmen prchtig und erinnern in der Flut an Hechte, sind aber auerordentlich scheu und werden nur kleinerem Rotwild gefhrlich, das sie an der Trnke berraschen. Ich warf ihnen eines Morgens die berreste einer erlegten Hirschantilope zu, von der ich nicht mehr als ein Rckenstck hatte genieen knnen, und die sonst die Sonne oder die Schakale vernichtet htten, und erschrak ber die sinnlose Gier dieses Flugesindels. Es dauerte kaum eine Minute, bis der Krper des Tiers in einem dahintreibenden blutigen Schaumbecken, in hundert Fetzen zerrissen, verschwunden war. Am Mittag lagen die Ungeheuer wieder in der Sonne und lchelten, whrend der breite, trbe Strom gurgelnd dahinzog und den Sonnenschein in mrderischen Lichtpfeilen in die schmerzenden Augen schleuderte, die die Dschungeldmmerung verwhnt hatte. Einmal sa ich in der Nhe unseres Zeltes in den Rankenverschlingungen der Luftwurzeln eines wilden Feigenbaumes in der Morgensonne am Flu und putzte meine Jagdflinte, als es neben mir in den Mangroven raschelte. Als ich mich umwandte, sah ich einen kleinen Hinduknaben vor mir stehen, der vor Schreck vllig erstarrt war. Seine Augen schienen leblos geworden, wie zwei schwarze, runde Spiegel, und sein Mund stand offen. Es war recht begreiflich, denn ich hatte gebadet und so viel am Leibe, wie man ohne bertreibung etwa mit nichts bezeichnen kann. Offenbar hatte der Kleine auf seinem Morgengang zum Flu alles andere erwartet, als solch ein weies Ungetm vorzufinden, das ihn angrinste. Er zitterte heftig und schluckte, wagte aber keine Bewegung. Dies war schlimmer als der Tiger, es war ein furchtbarer Waldspuk. ber und ber wei war dies fremde Wesen, das da vor ihm eine unfaliche blanke Sache ber den Knien hielt, triefte und glitzerte und Augen hatte, in die man nicht hineinschauen konnte, ohne seinen Untergang zu riskieren. Als aber dies dampfende Ungeheuer nun pltzlich nieste, entwand sich der gequlten kleinen Brust, die ganz mit Entsetzen angefllt war, ein lauter Jammerruf und wahrscheinlich machte der Kleine innerlich einen raschen Strich unter sein verflossenes Dasein und beschlo es in seinen Erwartungen endgltig. Jedenfalls fiel er zu Boden, prete sein Gesicht in die Pflanzen und stie wieder und wieder denselben monotonen Klagelaut hervor, in dem er sich wahrscheinlich dem besonderen Wohlwollen irgendeines Gtzen empfahl. Es kam mir gar nichts in den Sinn, was ich etwa anstellen knnte, den gebrochenen, kleinen Mann zu beruhigen. Wenn ich ihn berhrt htte, so wre er vor Angst gestorben, so lie ich ihn einstweilen liegen und stellte fest, da sich seine Toilette in einer hnlichen Etappe der Entwicklung befand, wie die meine. Dann verfiel ich darauf, ihm eine arglose und sinnvolle Weise vorzupfeifen, die nach meiner berzeugung etwas Beschwichtigendes enthielt, erst whlte ich ein altes Wiegenlied, dann einen Choral und endlich Heil dir im Siegerkranz. Das wirkte. Mein Freund drehte das dunkle Kpfchen am Boden so weit, da er mich mit dem einen Auge bis etwa an meine Knie hinauf betrachten konnte. Da ich Menschen fra, war immer noch sicher fr ihn, aber es schien doch, als wenn ich es nicht besonders eilig damit htte. Ich gab ihm nun in zurckhaltender Weise zu verstehen, da er sich erheben sollte, und er gehorchte, immer noch am ganzen Krper zitternd, aber sichtlich erstaunt darber, da ich wie ein vernnftiger Mensch zu sprechen verstand und noch dazu in seiner Sprache. Er bestand gewissermaen nur noch aus Augen, und in ihnen brannte nur ein einziger Wunsch, der, sich auf mglichst unauffllige Art empfehlen zu drfen; glotzen lie sich weit besser aus einem Versteck, und was konnte aus dieser Annherung gutes kommen? Aber er nderte seine Meinung doch, als ich nach meinen Kleidern tastete und ihm eine Kupferanna unter die Augen hielt. Zunchst war sie da, das lie sich begreifen, aber nur langsam dmmerte in seinem Kpfchen der Glaube hervor, da sie ihm gehren sollte. Das war schlechthin unmglich. Als ob er den Wert dieser runden Metallplttchen nicht kannte, die sein Vater zuweilen aus den Hafenstdten mitbrachte, wenn er Pfeffer oder Ingwerwurzeln hinabgetragen hatte, und mit Hilfe derer man alles erlangen konnte, alle Herrlichkeiten der Welt, buntes Tuch, die Sigkeiten der Basarstrae, Reis und Maniokbrot und Macht ber alle Knaben des Ortes. Und so entwischte er ungefressen mit seinem Schatz, nachdem er endlich begriffen hatte, da meine Plne sich in diesem Opfer erschpften. Vielleicht erinnert er sich meiner zu einer Zeit, wo er ein Jngling geworden ist und zu seiner ersten Kupferanna in den Hafenstdten so manche andere verdient, und seine Meinung ber uns Weie gendert haben mag, in einem zweifachen Sinn.-- Mehr und mehr empfand ich von Tag zu Tag, da ein fremder Bestand, der nicht festzustellen war, die Beschaffenheit meines Bluts vernderte. Ich schob die Schuld, wie man es in solchen Fllen zu tun pflegt, bald auf das eine, bald auf das andere, heute schien mir das Trinkwasser der Anla zu sein, morgen der Tabak, oder eine fremde Frucht, dann wieder verband ich meinen Zustand mit meiner Schlaflosigkeit, oder mit der Beschaffenheit dieser schwlen, von tausend Dften geheizten Luft. Panja betrachtete mich oft lange und besorgt von der Seite, ohne zu wissen, da ich seine Blicke gewahr wurde, und da sie mich reizten. Ich behandelte ihn ungerecht und hart, aber er blieb geduldig und verfiel nicht wie frher in sein gekrnktes Schmollen. berhaupt hatte er sich in der letzten Zeit merklich gendert, mir war oft, als habe ihn eine neue Verantwortlichkeit ber sich selbst hinausgehoben, gerade als ob er sich htte bewhren mssen, um sich seiner Krfte und Tugenden bewut zu werden. Ich lohnte ihm diesen Wandel schlecht, aber ich konnte nicht anders. Mir war bisweilen, als habe mein Gehirn sich um vieles verkleinert und als mache es eigenartige Drehungen und Schwankungen in seiner Schale, wie ein schwimmender Ball in einem Wasserglas. Dabei verfiel ich auf alle mglichen Heilmittel, nur nicht auf das einzige, das mir htte helfen knnen: auf die Flucht aus den Niederungen des Dschungels. War es Morgen, so mute ich den Mittag erwarten, in welchem die Insekten mit einem seligen Brausen, oder die groen Schmetterlinge leicht und lautlos von Blte zu Blte zogen, durch unwahrscheinlich tiefes Blau oder Grn, whrend die Welt in heier Flle verging. Mit dem leisen Unbehagen des sinkenden Mittags mute ich den Abend erwarten und an ihm die Nacht mit ihrem Licht und Luten ber schwarzen Tiefen, ihren gurgelnden und sthnenden Stimmen der Raubgier und der Liebeswut und mit ihren blendenden Gestirnen. Tag und Nacht waren fr mich lngst keine Begriffe des Wachens oder der Ruhe mehr, sondern wechselnde Zge des indischen Weltenantlitzes, magisch ineinander berwogend, wahrsagerisch entstellt. Ich hatte meine Heimat vergessen. Europa versank in meiner Erinnerung wie ein lauter, hlicher Traum voll unntzer Erregtheit, und ich lchelte mitleidig ber die Schande, die mir in den kleinen Beteiligtheiten meiner hastigen Vergangenheit widerfahren zu sein schien. Wie ein einziger, kreischender, grellfarbiger Lebensirrtum erschien mir das Treiben der groen Stdte, und ich verging und erstand in Schlafen und Wachen wie in Frhling und Winter, das Angesicht der Tages- und der Jahreszeiten verschmolz miteinander zu einem unbestimmbaren Gefhl des Wandels, und die Unschuld der Pflanzen, die mich einhllten, wie ein lebendiges Gewand, war die strkste Gewalt ber meine langsam verschwindende Erkenntniskraft. Es trieb mich zuweilen aus der Dschungelnacht an den Steppenrand zurck, es war ein Verlangen, den offenen Himmel zu sehen und das weite braune Hgelland, und es war mir angesichts dieser Helligkeit, als entkleidete mich ein lautloser stiller Sturm des Lichts. Oft brachen wir mitten in der Nacht auf, nahmen zuweilen den gleichen Weg, den wir am Tage mit Mhe durchmessen hatten, und errichteten das Lager an der verlassenen Feuersttte. Mir war, als htten die Pflanzen mich am Atmen behindert, als raubten sie meiner Brust, was ihr zum Leben not tat. Oft ertappte ich mich ber gereizten und boshaften Blicken auf eine blhende Pflanze, deren dargebotene Liebeswut in purpurroten Kelchen mich mit Zorn und Ha und zugleich mit hingebender Demut erfllte. Langsam war eins meiner Manuskripte und Bcher nach dem andern dem nchtlichen Feuer zum Opfer gefallen, ich sah die weien Bltter in hmischer Genugtuung in der Glut welken und fhlte mich freier, wenn die verkohlten Rollen zerbrckelten. Nur ein kleines, trichtes Bchlein begleitete mich lange noch, ich wei zuversichtlich, da ich es nur deshalb nicht zerstrte, weil eine merkwrdig verschlungene Ranke aus geprgtem Gold den Einband verzierte, ungefllig, sinnlos und aufdringlich, aber es tat mir wohl, diesen Linien mit den mden Augen nachzugehen. Einmal versuchte ich, mich darauf zu besinnen, wo Nachrichten fr mich liegen knnten, ich schlo auf Bombay, Goa und Madras, aber ich wute es nicht mehr. In den Ohren die Muschelstimmen des Chinins, trumte ich oft in der totenstillen Mittagsglut mit geschlossenen Augen vom Winter. Immer wieder tauchte das gleiche Bild vor mir auf: ein graues Flutal im Abendnebel, auf den Feldern der bluliche Schnee im sinkenden Tageslicht, und ein eisiger Wind ber dem pechschwarzen Wasser, auf welchem Eisschollen dahintrieben. Sie stieen sich und knarrten und luteten, auf einigen von ihnen saen Raben und lieen sich mitnehmen. Dann empfand ich die Klte pltzlich als schneidenden Schmerz an Stirn und Wangen, und meine Brust weitete sich, wie zerspringend vor Frische. In kalten Schauern schlief ich ber solchen Visionen zuweilen ein, aber die sinnlosesten Trume raubten meinen Schlaf die ersehnte Erquickung. Eines Nachts trumte mir, ich sei am Meer eingeschlafen, in einer Bergschlucht, und pltzlich weckten mich die Stimmen zweier Mnner, deren Klang eine eigenartige Verwandtschaft mit dem Reden des Meerwassers hatte. Ich richtete mich halb empor, stemmte die Ellenbogen in den Sand und sah betroffen auf. Die Sonne war ins Meer gesunken und schien aus der Tiefe, durch das Wasser. Obgleich sie selbst rtlich glnzte, war doch das Licht der Luft grnlich und bla, und merkwrdige Schattenwellen zogen hindurch, wahrscheinlich entstanden sie durch die Uferwogen. Die beiden Mnner standen gerade nebeneinander im Sand, der wie Trkisen schimmerte. Sie hatten ihre Arme schlicht und ohne Gebrde an den Krper gelegt, und unter ihren leichtgesenkten Stirnen sahen mich ruhige, runde Augen von einem gleichmigen sehr hellen Blau an, in denen ich keine Abzeichnung der Pupillen unterscheiden konnte. Die Frbung ihrer Haut war bernsteingelb und ihr Haar weilich, sie hatten breite, aber hagere Schultern, und ihre Hften waren so schlank und so wenig ausgezeichnet, da man von der Achselhhle bis an die Fuknchel hinsah, wie an einer geraden, schrg gestellten Leiste. An ihren Schlfen war ein eosinrotes Band befestigt, das in einem breiten Fcher auf die linke Schulter herabsank und hinter ihr verschwand. So standen die Zwei, die sonst nicht bekleidet waren, ruhig vor mir in der grnlichen Luft mit ihren geheimnisvollen Schattenwellen. Es schien mir, als lchelten sie, aber eher neugierig als spttisch. Endlich begannen sie eine Unterhaltung miteinander und versuchten den Anschein zu erwecken, als sei ihnen an meiner Beachtung nichts gelegen, aber ich unterschied doch, da sie nur meinetwegen sprachen. Sie lchelten verstohlen und ungefllig und sahen bisweilen mit einem raschen Blick zu mir hinber. Nun wies einer von ihnen zu den Felsen einer Schlucht empor, wo sich in halber Hhe der Berge ein gleichmiger, tiefer Einschnitt im Gestein bemerkbar machte, der rundlich ausgehhlt war. Richtig, antwortete der andere, das ist unsere alte Meergrenze, die letzte, aber wo ist die Grenze der Vter geblieben? Die Gipfel schwemmen gar zu rasch nieder, lautete die Antwort, die neue Welt wird klein. Dann unterschied ich nicht mehr alles, was sie sagten oder meinten, aber ich empfand, da sie von versunkenen Reichen sprachen, deren Kultursttten der Meersand seit undenkbaren Zeiten in tiefen Grnden der Flut vergraben hatte, und sie tuschelten davon, da nun bald die Zeit anbrechen msse, in der der Meerboden und der Erdboden vertauscht werden sollten. Bestrzt berfiel mich eine dunkle Ahnung der Reiche, die das Meer verbarg, und ich sah sie, nach ihrer Auferstehung, von Sonne, Wind und Regen langsam aus ihrer sandigen Hlle brechen. Ich wagte keine Frage, obgleich mein Herz vor Begierde brannte, an den Erfahrungen der beiden Menschen teilzunehmen, aber es war, als ahnten sie, da ich die Absicht im Sinn trug, ihnen ihre Geheimnisse zu entreien, denn sie berhrten einander die Schultern mit der Hand, so da sie zu einem seltsam schnen Ornament verschmolzen, wandten sich dem Wasser zu und schwebten hinein und in die Tiefe, wie durch die Luft. Ich sah sie noch einmal, als sie an der Sonne vorberzogen, die sehr tief gesunken war, dann schlief ich ein, in groer Traurigkeit, wie ich sie nie gekannt habe, und wie man sie nur im Schlaf empfinden kann. Ein anderes Mal im Traum schenkte mir irgend jemand ein Kriegsschiff mit weiblicher Bedienung, damit ich gegen meine Feinde vorgehen knnte, aber ich hatte deren leider nur drei und die lebten auf dem Festlande. So entlie ich die Damen, damit diese drei Gegner glcklich wrden. Mit den Kanonen scho ich auf Mwen, aber sie schnappten nach den Kugeln, ja, dies Geflgel wartete geradezu an der ffnung der Geschtze, es war ungemein rgerlich. So sah ich ein, da es hiermit nichts Rechtes werden wrde, und lste einstweilen spielend eine Reihe von Problemen, die mich frher auf ganz unverstndliche Art geqult hatten. Dabei brachte ich endgltig heraus, da man zu dererlei Geistesexperimenten am Boden umherkriechen mute, und ich tat es mit Ausdauer und frhlich. Als ich aber nach vielerlei Trumen dieser Art, die ich vergessen habe, eines Tages mit trockenem Mund und einer scheulichen Leere hinter der Stirn, in der Mittagshitze frierend, am Fuboden, in einem Winkel des Zeltes, erwachte, ergab ich mich anteillos den Weisungen Panjas, lie mich in Wolldecken wickeln und erwartete meinen Verbrennungstod in diesen phantastischen Feuern meines Bluts und meiner Seele, die von boshaften Dmonen geschrt wurden. Sechstes Kapitel Im Fieber In einer ungewissen Stunde, die nicht am Morgen und nicht am Abend war, kam ich mit dem bestimmten Bewutsein zu mir, nach jener denkwrdigen Nacht mit Huc, dem Affen, am Morgen gestorben zu sein. Es mu nach dem Tode einen seltsamen Halbschlaf der ersterbenden Sinne geben, der uns noch eine Zeitlang den Fortgang des Lebens vortuscht, eine Art Erinnerung des Krpers, der sich seinem Verfall noch nicht zu ergeben vermag, in welcher die Hoffnung unseres Herzens in einem mitleidigen Spiel den Gang des Daseins fortsetzt, nachdem die Seele ihrer Hlle entflohen ist. In jenem Stadium mute mir alles geschehen sein, was ich bis zu diesem Morgen erlebt zu haben glaubte; ich lchelte geringschtzig und melancholisch in die grauen, sanft erklingenden Sphren hinein, in denen ich dahintrieb. Immerhin erfreute es mich, da mein Bewutsein nicht vllig erloschen zu sein schien, und die Erkenntnis, nun endlich mit Sicherheit zu wissen, da ich gestorben war, beruhigte mich sehr; ich begriff nun deutlich die qualvolle Ungewiheit, die ber allem gelegen hatte, was mir in der letzten Zeit zugestoen war. War nicht alles wie aus grauen Spiegeln emporgetaucht und in anderen wieder versunken, in seltsamem Kreisen und liederlicher Gleichgltigkeit gegen die Wirklichkeit? Bei dieser neuen Offenbarung ber meinen Tod, den ich mir aus einer im Grunde recht kleinlichen Lebensngstlichkeit bisher nicht einzugestehen gewagt hatte, entschlo ich mich in einer wundervollen Gelassenheit des Gemts, nun niemand mehr zu dienen, als allein der Erinnerung. Es war merkwrdig, da Panjas Gesicht mich dabei strte, das ungewi und gro, wie ein Wolkenschatten, zuweilen ber mir erschien, mein Dahinziehen durch das flimmernde All hinderte und in sinnloser Aufdringlichkeit in meiner Nhe verharrte. Ich lie mich nicht tuschen, ich erkannte in unzweifelhafter Klarheit, da der Durst, der meinen Krper durchglhte, der Wissensdurst meiner Seele war; er war mein einziger Schmerz, und ich pries mich glcklich. Irgend jemand sprach zu mir; ich beachtete es lange absichtlich nicht, weil ich mich nicht von der berzeugung trennen wollte, da niemand das Recht hat, mit einem Toten zu reden. Merkte denn dies wesenlose Geschpf immer noch nicht, da Tote andere Interessen haben, als sich mit dem vergnglichen Tand abzugeben, der die Lebendigen der ungewhnlich kleinen Erde beschftigt, die nicht einmal in der Lage ist, sich ruhig zu verhalten und in lcherlicher Abhngigkeit von der Sonne umhertanzt? So entschlo ich mich endlich, mir Ruhe zu verschaffen, und wandte mich in der prchtigen Freiheit des Muts um, den nur Tote haben, um Schweigen zu gebieten. Aber da erkannte ich, da mein Ich neben mir sa und rauchte. Es hatte sich meiner Pfeife bemchtigt, meiner Kleider und Schuhe und trug meinen fnfmal gewundenen Schlangenring aus Gold mit den Saphiraugen und der Brillantenkrone. Ich fand im Augenblick nicht den rechten Ton, denn es ist ungewhnlich schwer, sich im Tode richtig gegen jemand zu benehmen, den man im Leben oft hintergangen hat. Mein Ich lchelte mir ermutigend zu, aber ich lie mich nicht irrefhren; dies Lcheln kannte ich, man wei doch, womit man andere ber sich selbst zu tuschen pflegt, und was hinter seinem eigenen Lcheln steckt. Aus irgendeinem Grunde sagte ich rasch und rgerlich: Nur keine Philosophie, bitte. Mein Ich erwiderte freundlich, da ihm dererlei vllig fernlge, und da nach der Scheidung, die ich als vor sich gegangen zugeben mte, berhaupt alle Fragen ber das Wesen von Sein und Nichtsein aufgehoben wren. Es war ungemein fesselnd, meine eigene Stimme zu hren, derer sich mein Gegenber bediente; aber irgend etwas am Klang der Stimme ging in khler Sachlichkeit weit ber die arme Befangenheit hinaus, in welcher ich mich frher dieser Stimme bedient hatte. Dies rgerte mich empfindlich, denn ich erkannte, was ich zu Lebzeiten versumt hatte. Siehst du, was alles in mir gesteckt hat? fragte ich, aber ich verwand meinen Verdru rasch, denn mein abgeklrtes Ich an meiner Seite hatte etwas ungemein Imponierendes. Habe ich eigentlich jemals auf einen Menschen einen hnlichen Eindruck gemacht, wie Sie auf mich? fragte ich. Du kannst schon du sagen, meinte mein Ich recht liebenswrdig und ohne krnkendes Wohlwollen, wir mssen versuchen, uns endlich zu verstehen. Das sah ich ein. Gib wenigstens den Ring her! bat ich. Da sah ich, wie ich selbst, an meinem Lager sitzend, meinen Ring vom Finger zog, genau auf die gleiche Art, wie ich es zu Lebzeiten getan haben mochte, wenn ich ihn irgend jemand auf seinen Wunsch hin zeigte. Ich versuchte, den Ring anzustecken, aber mein Finger brach ab. Verflucht, ist es schon so weit mit mir, Sahib? fragte ich unwirsch. Mein Ich nahm den Finger und steckte ihn umstndlich in die Tasche, und zwar in die richtige, die ich fr solcherlei Gegenstnde leer zu halten pflegte. Sind wir noch in Indien? fragte ich; aber unmittelbar, nachdem ich diese Frage ausgesprochen hatte, berkam mich die Erkenntnis, wie vllig belanglos solch ein Umstand fr mich war. Was soll geschehen? fragte ich etwas burschikos, denn ohne einen bestimmten Zweck wrde mein Ich sich hier kaum niedergelassen haben, so gut glaubte ich mich zu kennen. Und wirklich erhob sich nun das Ich in meiner Gestalt, zog seinen Rock zurecht, trat einmal mit dem Bein nach vorn, um die Hose zu gltten, und strich sich ber das Haar. Ich wute schon, da es sich darum handelte, da ich mein Grab kennen lernen sollte. Du darfst dir keine besondere Vorstellung von der Ausstattung machen, hrte ich. Panja hat dich im Wald verscharrt, kaum tiefer, als deine Arme lang sind, und die Waldblumen wachsen ber deinen Augen. Nachdem diese Worte verklungen waren, sah ich niemand mehr und empfand nun, da ich in meinem Grabe ruhte. Einen kleinen Augenblick lang huschten mir noch Gedanken durch den Sinn, aber dann berwltigte mich eine unbeschreibliche Ruhe. Diese Ruhe vermag kein irdischer Mund zu schildern; es ist mir niemals eine Wohltat geschehen, die dieser Ruhe zu vergleichen wre. Nach einer langen und ermdenden Wanderung voll ungesunder Hast und qualvoller Befrchtungen langte ich frher in meinem Leben einmal am Ort meiner Bestimmung an und auer einer trostreichen Gewiheit empfing mich ein khles, weies Lager in einem stillen Raum, dessen Fenster den Blick auf die Berge hinausfhrten. Die wenigen Minuten, in welchen ich meinen bermdeten Krper vor dem Einschlafen auf diesem Lager ruhen fhlte, sind vielleicht entfernt dem glcklichen Zustand zu vergleichen, in welchem ich nun im Grabe lag, aber man mu sich diese Wohltat bis an die Grenze der Bewutlosigkeit gesteigert denken und wie im friedlichen Rausch einer berirdischen Musik. Meine Hnde waren hoch auf der Brust bereinandergelegt, ohne gefaltet zu sein; ich ruhte ganz gerade ausgestreckt, und die schwere Decke der Erde war eine glckliche Last; sie lag auf meiner Stirn und auf meinem Gesicht, wie die liebevollen Hnde einer besorgten Mutter nicht sanfter ruhen knnen. Ich vernahm einen gleichmigen, starken Pulsschlag, dessen Ursprung ich nicht erkannte, der mich aber mit groer Beruhigung erfllte. So lange unter den lebenden Wesen der Erde noch eines meiner in Liebe gedachte, blieb mein Bewutsein wach, aber ohne qualvolle Erinnerungen; es war ein unbeschreiblich erhabenes und freies Lcheln, mit welchem ich der irdischen Ereignisse gedachte, ohne mich ihrer recht zu erinnern. So ruht das Korn in der winterlichen Erde, es trgt sein Gedenken an den Sommerwind und an die Sonne, in der es herangereift ist, wie einen Frhlingstraum durch seinen Schlaf. Das Licht, der Regen, das Schwanken in der bewegten Luft und der Schnitter sind eine einzige lind durchbebte Ahnung der Vergangenheit, die keine Trauer oder kein Gefhl der Verlassenheit aufkommen lt. Denn im dunklen Schlummerland pocht ein herber, gleichmiger Pulsschlag; ob es die Lichtwellen der Sonne, ob es Tag und Nacht sind, oder der Wechsel der Jahrtausende, ist niemals die Sorge eines im Erdreich Schlummernden gewesen, denn nun ist der Tod berwunden; man mu ihn nur kennen, um zu wissen, wie wesenlos seine Mchte sind, die die armen Erdbefangenen als eine so unerhrte Herrschaft feiern. Nun sind tausend Jahre wie ein Tag. Ich hatte weder den Wunsch, jemand von denen wiederzusehen, die ich geliebt hatte, noch kannte ich Sorge um ihr Geschick. Glckseliger konnten die Frommen nicht sein, die Gottes Angesicht schauten. Nach einer unabsehbar langen Zeit, in der ich keinerlei Vernderung sprte, schien es mir, als wrde es langsam dunkler um mich her und in mir. Nicht die Furcht, nun vergessen zu sein, bewegte mich, aber eine laue Anteillosigkeit auch an dieser Mglichkeit. Vielleicht war das Laub des Waldes dichter und dichter ber meiner Ruhestatt niedergesunken, oder die Erde kreiste nicht mehr um die Sonne, vielleicht war sie von einem anderen, greren Gestirn aufgenommen, auf welchem der Wechsel der Zeit nach anderen Gesetzen vor sich ging. Mehr und mehr verlor ich das Bewutsein meiner selbst, aber ohne darber in Gram zu sinken; es war mir, als ob der Rest meiner Klarheit sich in einem einzigen Fnkchen sammelte, das hnlich glomm, wie die Hoffnung in den Herzen der lebendigen Menschen. Da bemerkte ich allmhlich, in einem heraufdmmernden Zeitraum, den ich nicht begrenzen kann, einen sanften Lichtschein ber mir, der still anwuchs und sich langsam nherte. Er war weilich, ohne zu glnzen, und erschien mir wie ein blasser Strahl von zartem Umri und langsamem Leben; er senkte sich auf die Gegend meines Herzens nieder und ohne einen Schein im Erdreich zu verbreiten, glomm er doch in lieblicher Seligkeit, und der unfabare Zauber einer fernen Erinnerung an die Sonne verband ihn mit meiner Zuversicht. Da erkannte ich, da es der tastende Wurzelkeim einer Pflanze war, der sich meiner Brust nherte, und mich ergriff ein tiefer Schauer, der nicht Freude noch Hoffnung war, aber man knnte ihn vielleicht mit der Ergriffenheit vergleichen, in der die Irdischen bei einer groen Erschtterung ihres Gemts in Trnen ausbrechen, ohne dabei schon Lust oder Schmerz zu verspren. Je nher der bleiche, saugende Mund auf kindlicher und frommer Wanderschaft und in gehorsamem Wachstum meiner Brust kam, um so mehr verwandelte sich mein erlschendes Menschbewutsein in ein seliges Allgefhl von erhabener Gestilltheit und froher Bereitschaft zum Vergehen in ein unversiegbares Bereich. Da geschah es bald darauf, da die Wurzel der Pflanze in mein Herz eindrang und in einem funkelnden Erklingen, in einem von Frische und seliger Wildheit betubenden Lichtwirbel wurde mein Wesen emporgerissen in das warme, leuchtende Brausen der Erdoberflche. ber meinem Grab brach eine groe Blume auf und ffnete sich gegen die himmlische Sonne.-- Nun kam es mit weichen Schritten durch die dichten Lauben des Urwalds heran, auf diesen verschlungenen Pfaden, die kaum ein paar Schritt weit zu bersehen sind und wie grne Hhlen wirken; unendlich weich und geschmeidig schritt es dahin, von der stolzen Erhobenheit der Gestalt, die unter allen Geschpfen nur die Menschen haben. Es war ein Mdchen, das herankam, beinahe noch ein Kind an Jahren. In jener schattigen Lichtung im groen Urwald, an welcher unter einem Baum vorzeiten mein Grab gegraben worden war, und in welcher nun die frische Blume sich langsam gegen das Sonnenlicht kehrte, machte das Mdchen halt und beugte sich nieder. Sie trug Lotusblten im Haar, von sanftem Rot und einen schmalen Grtel von gewundener ockerroter Seide um die zarten Hften. Ein Hauch von Ambra begleitete sie, wie unsichtbare Flgel der Jugend. Um den Hals trug sie eine zweifache Schnur aus roten Angolaerbsen, und ein breiter Goldring, der um ihr Fugelenk geschmiedet war, funkelte im Tau der Bodenpflanzen. Als ihre Augen mit dem nchtlichen Glanz einer tausend Jahre alten Schwermut sich ber das frische, helle Blau der kaum erblhten Blume neigten, war es, als begegneten einander ein himmlisches Erstrahlen und ein irdischer Widerschein. Aber das Mdchen brach die Blume nicht, sondern es schien, als erinnere sie sich zuvor einer kstlichen Pflicht, denn ihr Angesicht belebte sich unter einer mit Schamhaftigkeit gemischten Erwartung. ber die Wurzeln der Bume dahin, im weichen Erdreich und ber braunem Laub, flo ein Bach; sein klares Wasser zog rasch und lautlos durch Sonnenflecke und Buschschatten. Das Mdchen legte ihre Halsschnur ab und hngte sie in kindlicher Frsorge nachdenklich in die Betelranken, die die hngenden Zweige des Baumes mit dem Waldboden verbanden; sie legte ihren Grtel ab und blinzelte frhlich in das warme Licht. Nur die Blumen, die ihr Haar schmckten, lie sie in der nachtdunklen, glnzenden Flle ruhen, in der sie zum Ruhm ihrer jungen Herrlichkeit verwelken sollten. Das Wasser wurde unter der Freude ihres lieblichen Krpers beredt; es berrieselte wie mit frhlichem Lachen die helle Bronze dieses Leibes, der sich unter den Berhrungen der Natur beseligt dehnte und in einer Hingabe ohnegleichen seinen Schpfer lobte, den Schpfer der Waldriesen, die ihn behteten, der Milliarden Pflanzen und allen Getiers, das gleich ihm im duftenden Schatten atmete, und der groen Sonne, die ohne Aufhr goldenes Glck zum Wohlergehen der Ihren auf die geduldige Erde sandte. An einem besonnten Hgel, der weich von Moos gepolstert war, legte das Mdchen sich auf den Boden nieder, um in der warmen Luft zu trocknen; sie gab sich dem Licht in holder Bedachtlosigkeit preis, denn es gibt vor ihm keine Geheimnisse des Krpers oder der Seele, und beide sehnen sich nach ihm. Sie schien mit dem Boden zu verschmelzen; der Pulsschlag der Erde verband sich mit dem Pochen ihres Bluts, und die Blten in ihrem Haar dufteten noch einmal empor im Verein mit dem sanften Hauch von Mdigkeit, der wie ein Lied von ihrem Leib aufstieg. Die Sonnenstrahlen glitten spielend ber die zierlichen Hgel der kleinen Brste dahin, ber die Rundungen der warmen Glieder; hier leuchteten sie auf, dort tauchten sie in heimliche Schatten nieder, allmchtiger als der strkste Beherrscher, der sich jemals eine Welt zu eigen gemacht hat, und mit der Anmut eines Geliebten, der nach berwundenen Strmen seine Wohltterin beglckt. Wie in reglosem Stolz, erstarrt vor Andacht, sah die grne Waldherrlichkeit auf den ruhenden Triumph der Schpfung nieder, bis jhlings mit hellem Flten ein Vogel im Rankendickicht ein Lied begann, berselig, beinahe grell und erschreckend, und aus der Nhe drang eine gejubelte Antwort. Da erhob sich das Mdchen, legte bedchtig ihren geringen Schmuck aufs neue an und bckte sich ber die Blume nieder, in der das Blut meines Leibes auferstanden war; sie brach sie und befestigte sie, indem ihre groen Augen ber dem zitternden Kelch lchelten, in ihrem Grtel.-- Wie war es doch gewesen? Ach, nun erinnerte ich mich, jene groe Blume von leuchtendem Blau rief mir alles ins Gedchtnis zurck. Ich kannte dies Mdchen und ihre Blume schon lngst; es war in einer jener vertanen Nchte in Bombay, in einer jener Nchte, die ruhlos und ziellos beginnen und oft so trostlos verstreichen, hingegeben an Nichtigkeiten, in denen unsere hohen Erwartungen, vom Geist des Weins umhllt, in grauen Morgenstunden versiegen. Aber es gibt keine Hoffnungen, die nicht irgendwo in unserer Seele und irgendwo in unserer Zeit mit einem jenem Lcheln verwandten Glanz gestillt werden, in dem sie erwachen. Hoffnungen sind den Blten schlummernder Rechte vergleichbar, im Dmmerlicht der Ahnung. Ich hatte damals in einer Abendstunde das Hotel verlassen, in dem ich schon seit Tagen auf einen Dampfer wartete, der mich nach Singapore bringen sollte, und war die breite, belebte Strae hinabgeschlendert, ohne Ausrstung fr eine bewegte Nacht, ja, ohne eine andere Absicht, als die, mich noch fr einige Minuten in der khleren Luft des Abends zu ergehen und dem bunten Straentreiben zuzuschauen. Aber es lag keine Linderung in der schwlen Luft, die nach verdunstendem Sprengwasser, nach Pferden und l duftete, sowohl die freien Atemzge behinderte, als auch die vernnftigen Gedanken. Oft wirkt diese Atmosphre wie eine Ankndigung des Fiebers, verwirrend und zu allerhand Sinnlosigkeiten ermunternd; die Lebensleiden der Verlassenheit gren darin, satt von Melancholie; kleine Teufel erheben darin die nach Abenteuern lsternen Narrenkpfe, whrend der nahende, rote Mond den nchternen Sinn aller Dinge in Schleier legt.-- Ich lie mich nach einer Weile am Holztischchen eines Straencafs nieder; es erschien mir, als verbrgen mir alle, die mich anschauten, etwas, in mitleidiger berlegenheit. Eine kleine, ganz in ein dunkles Tuch gehllte Straenbettlerin hielt mir die braune, offene Hand hin, und unter ihrem Lcheln verstand ich pltzlich die Nacht. Nun war es dunkler geworden, als ich weiterschritt. Aus geffneten Tren drang der Schein bunter Lichter; die Straen wurden enger und die Passanten seltener. Ich hrte Schritte herannahen und jhlings hinter mir verstummen, sobald eine der vermummten Nachtgestalten an mir vorbergegangen war; man blieb stehen und sah mir nach, neugierig, oder lstern auf einen Raub, von einer Ahnung der Ruhlosigkeit und Unsicherheit angeweht, die mich gefangenhielten und dahintrieben. Einen Augenblick war ich um mein Leben besorgt, da ich die Gefhrlichkeit dieser Stadtgegend kannte, aber dann war mir, als sei dies, mein geliebtes und umsorgtes Leben, eine ganz fremde und gleichgltige Sache fr mich geworden. Es kam auf ganz andere Dinge an; die Nacht forderte ihr Recht, die Nacht der Erde und die meiner unruhigen Seele, die nach einem mystischen Tag ihrer Wandlung Verlangen trug. Die Tr eines Holzhauses stand angelehnt, und als ich sie aufstie, blickte ich in einen schmalen Korridor, der durch eine grnliche Papierampel dmmerig erhellt wurde. Zur Rechten und zur Linken der Ampel waren an den kahlen Wnden Spiegel angebracht, die das matte, schwebende Gestirn dieses stillen Bereichs nach beiden Seiten hin tausendfach in ein magisches All hinberzauberten. Von irgendwoher erklang gedmpft eine klimpernde Musik, der einer Mandoline vergleichbar, aber um vieles unbelebter und im Takt oft von einem lang anhaltenden Ton unterbrochen, der einer Flte entstammen konnte. Ein schwerer, ser Geruch drang mir entgegen, wie von grendem Honig und betubendem Rucherwerk; er quoll aus dem Spalt eines roten Vorhangs im Hintergrund, wie aus der Wunde einer berreifen Frucht. Als ich an diesem Ort eine kleine Weile gestanden und gelauscht hatte, ffnete der niedrige Vorhang sich, und eine alte Frau trat zgernd und scheinbar berrascht auf mich zu. Sie war welk, und ihr ergrautes Haar flimmerte vermodert in dem blafarbigen Licht der Papierlaterne ber ihrem Scheitel, ein gelbes Tuch war wie eine Fahne um ihren Krper geschlungen, so da ihre Schultern und Arme, sowie ihre Beine von den Knien an abwrts unbedeckt waren. Nachdem sie sich von ihrer anfnglichen berraschung erholt hatte, lchelte sie mir in feiner, unpersnlicher Herzlichkeit zu, die Leuten eignet, die aus Beruf oder Gewohnheit gastfreundlich sind, und lud mich, nach einem prfenden Blick ber meine europische Kleidung ein, nherzutreten. Sie sagte ein paar Stze, die ich nicht verstand, denen aber leicht ein Willkomm zu entnehmen war und eine ehrende Begrung. Da ich ohne Zgern nhertrat, verdoppelte sie ihre Unterwrfigkeit, und ich hatte den Eindruck, als krche sie mir die Stiege hinauf voran, die wir im rtlichen Dmmerlicht erklommen; ich sah immer nur ihr Angesicht dicht vor meinem, whrend ihr briger Krper bereits voraus war. Sie grinste slich und boshaft; irgendwo bimmelte zaghaft ein Glcklein; beklommen folgte ich, ohne Aufwand von Mut, ohne Umsicht, ja fast ohne rechte Erwartung; was geschehen sollte, mochte geschehen. Das Leben wog leicht. Wir kamen an eine mit buntem Papier bezogene Tr, die die Treppe hart abschlo, und die sich lautlos und leicht unter dem Druck der welken Hand der alten Frau ffnete. Tritt ein, Herr, sagte sie auf Hindustani und drckte sich an die Wand, die nachgab und schwankte; ich hatte den bestimmten Eindruck, da wir von allen Seiten beobachtet wurden. So tappte ich nun vorsichtig voran in das von Rauch wie in Nebel getauchte bluliche Dmmerlicht eines niedrigen Raumes, in welchem ich anfnglich, auer dem erlschenden Mond einer stillen Ampel, nur hngende Wandteppiche in mancherlei gedmpften Farben und seltsamen Ornamenten zu erkennen glaubte. Es glitzerte mir in matten Goldtnen entgegen und ein sanft betubender Hauch von welkendem Jasmin und Opium beengte die Brust. Ich durchschritt mit meiner Fhrerin diesen Raum, um in einen zweiten zu gelangen, der noch kleiner und finsterer war, und in dem ich zuerst nur ein breites Ruhebett erkannte, das mit vielfarbigen Decken und Fellen belegt und kaum einen Fu hoch war. Die Alte verbeugte sich viele Male, nachdem ich, wie sie es zu wnschen schien, auf diesem Lager Platz genommen hatte, und sagte im Hinausgleiten in gebrochenem Englisch: Ich werde Goy fr dich holen, Herr, du wirst zufrieden sein. Als ich ihr mit zwei zustimmenden Worten zunickte, lachte sie, glcklich und stolz darber, verstanden worden zu sein. O, sie war eine hochgebildete Frau, nun hatte sie den Beweis erbracht, und nichts wre in der Lage gewesen, sie zu einer Handlung zu bewegen, die mich an dieser Meinung ber sie wieder irremachte. Ich sah mich kaum im Zimmer um, als ich allein war; es mute alles so sein und kommen, wie es fr diese Nacht bestimmt war. Unter einer winzigen grnen Ampel, dicht an der Decke, erblickte ich ein rundes Tischchen mit unwahrscheinlich dnnen Beinen, und in einer mit roten und blauen Ornamenten ausgelegten Messingschale, die darauf stand, lagen trockene, fremdartige Frchte, Tabak, Hanf und Betel. Da meine Augen sich bald an das ebenmige, sanfte Licht gewhnt hatten, erblickte ich, als nun die Tr sich ffnete, sogleich mit der bersinnlichen Deutlichkeit einer Vision das Mdchen, das meinen Raum betrat und vorsichtig die Tr hinter sich schlo und verriegelte. Sie trat so gelassen und freundlich auf mich zu, als sei ich ihr ein lngst vertrauter Gast, und grte mich, indem sie nach kanaresischer Sitte die Spitzen ihrer Hnde an die Stirn legte und sich tief verneigte. Sie war vllig nackt unter einem unendlich feinen Schleier von rauchfarbenem Seidenflor; ihr schwarzes Haar war mit grauen Blumen geschmckt, und ein schmaler Ledergrtel von verblichenem Ockerrot legte sich, ohne ihren Krper zu beengen, wie ein Ring aus rostigem Metall um ihre Hften, die, obgleich ich ein Kind vor mir zu haben glaubte, doch von weicher Rundung und lieblicher, ebenmiger Flle waren. In diesem Grtel war eine groe Blume von hellem Blau befestigt, mit tiefem goldbraunem Kelch; sie hob sich fast unwirklich und in seltsam wohltuendem Kontrast vom Bronzeton des jungen Krpers ab. Alles, auer dieser frischen Blume, hatte jene seltsam berzeugende Bewutheit in Farbe, Erscheinung und Bewegung, wie nur eine jahrhundertalte Tradition sie verleihen kann, alles auer dieser Blume und dem schmiegsamen Mdchenleib. Ich wei nicht, ob ich alles verstanden habe, was in dieser denkwrdigen Nacht dieses Kind zu mir sagte, wohl aber wei ich, da wir einander verstanden. Die Ausschlielichkeit, welche das glhende Bereich heraufbeschwrt, in das der Liebreiz dieses Mdchens mich zog, verbannte alle kleinen Einzelinteressen und Begierden, die unser Leben spalten und bedrngen, und es gab nur ein Ziel fr unser Blut. Soll ich tanzen? fragte Goy, sage mir, was dir wohltut? Sie tanzte unter dem grnlichen Mond der kleinen Ampel, der eine ganze Welt bestrahlte. Es war schwl und totenstill in dieser Welt. Ich hrte nur den Schlag der weichen Fe auf den Matten, und wenn ich die Augen schlo, so fhlte ich den zarten Fu auf den Herzensquellen meines Lebens tanzen. Mit jedem neuen Erwachen meiner Blicke erschien mir Goys erblhter Kinderkrper erneut; er blieb mir fremd und wechselte wie eine Landschaft, die der Geist im Flug durcheilt. Nun wurde es still, und ihre Frauenaugen lchelten erfahren, kindlich und begierig ber den meinen: Willst du mir nicht befehlen, Herr? sagte Goy so langsam, da mir war, als stnde mein Herz unter den unausgesprochenen Verheiungen ihrer Bitte still, aber doch lauerte hinter ihrer Unterwrfigkeit, ohne Falsch, das glckliche Bewutsein ihrer Herrschaft. Nun hockte sie sanftmtig, merkwrdig beschienen vom Ampellicht, wie eine groe, goldene Katze vor mir auf dem Lager, drehte bedchtig Papyrus, zerbrckelte Tabak und Hanf und, als sie Opium hineinmischte, verwandelte sie sich mir pltzlich in eine Gttin, die den Schlaf herbeifhrt. Goy war, wie die meisten Frauen des Orients, auf eine Art fr die Liebe erzogen, die die Folge einer grauenhaften Verwhntheit ist, aber ber allen ihren Handlungen lag ein zauberhaftes Glck von einer Unschuld der Gesinnung, die wie Keuschheit wirkte. Goy tat ihre Pflicht, und kein Gewissen, wie es in unserer Brust wohnt, behinderte ihre geschftige Treue gegen den einzigen Genu, den sie kannte und austeilte. Ich rauchte in tiefen, durstigen Zgen und sank mehr und mehr in Betubung. Das Mdchen lie keinen Augenblick verstreichen, in dem sie sich nicht hinzugeben schien; ihr Bild verwandelte sich unaufhrlich; sie gab keines ihrer Geheimnisse preis, ohne ein neues ahnen zu lassen. Vergi das Leben, sagte sie mit sanftem Tadel, scheinbar ber mein Zgern in milden Schrecken versetzt. Bin ich nicht schn? Doch, du bist sehr schn, Goy, schner als alle, die ich gesehen habe. O, nein, antwortete sie nachdenklich, die blassen Mdchen sind schner. Sie schaute mit ihren bergroen Kinderaugen auf mich hin und lchelte, als ich schwieg. Ihre Ngel waren rot bemalt, und ihre Hnde, wie ihr ganzer Krper waren mit groer Sorgfalt gepflegt. Die Menschen legen mit den Kleidern die Lge nicht ab, sagte Goy, ich glaube an nichts, als an die Liebe und an die Lust, die durch sie kommt. Ich verstand, wie sie ihre Worte meinte, denn sie stand, als sie so sprach, innig dargeboten und aufgerichtet vor mir und hob ihre Arme, als ob sie eine Schale darreichte. Ihr Haupt verdunkelte die Ampel, so da ihre Gestalt in magischen Lichtrndern glomm. Aber ihre Worte bewegten sich in meinem Herzen auf eine andere Art, sie nahmen Glanz an und entzndeten sich fr eine weite Reise. Goy las in meinen Zgen. Vergi, sagte sie, woran mut du denken? Hier ist weder Zeit, noch Tag und Nacht. Und doch, du Geliebte dieser kleinen Ewigkeit, ist nicht das Leben lnger als die Jugend? Nein, sagte Goy sicher, und ihr Lcheln hatte etwas unfalich berzeugendes, vielleicht fr euch Mnner, aber fr uns Mdchen nicht. Eine alte Frau ist schlimmer als eine ausgeprete Mangofrucht, mit den Gliedern welkt die Hoffnung, denn das Blut verliert seine Stimme, der der Gang der Welt gehorcht. Kein Kind wird meine Freude sein. Was kann ich fr dich tun, Goy? Nimm alles, was ich habe! Ich nehme nichts, sagte das Mdchen. Ich habe niemals etwas genommen. Die Alte nimmt. Sage mir, da ich schn bin und da ich dich beglckt habe. Du bist sehr schn. Du sagst nur das eine, so bist du undankbar, oder du bist von denen, die niemals sich selbst vergessen knnen, als wren sie so wichtig, ach, so wichtig! Sie kam mir ganz nah und sah mir unter die Augen, dann zog sie gelinde den Finger vom Winkel meines Auges ber die Wange und um den Mund herum, seufzte tief auf, als beklagte sie mich, und nickte. Ich schlo die Augen. Die feuchte Blte an ihrem Grtel nherte sich meinem Gesicht, und mir war fr einen Augenblick, als legte sie sich kalt auf meine Stirn. Welche Menschen meinst du? fragte ich. Mir war, als wiche der bunte Rausch, wie Wolken dem Wind weichen, fr kurz von mir. Goy sann nach und lchelte wehmtig, als gbe sie mich verloren; dann hob sie die Hand an meine Stirn, tippte schnell mit der Spitze des Fingers an die Schlfen und sagte: Das kalte Feuer dort! Es ist strker als alle anderen Flammen und scheint heller. Es kmpft mit der Wrme des Herzens und hat schon viele Herzen ausgelscht. Ihr mt immer von einem zum andern. Wer alle Hindernisse zu seinen Mitteln machen will, verdirbt seine Ruhe, denn die Welt ist voller Hindernisse. Wohin willst du? Unsere Weisen lcheln ber euch. So komm', vergi!-- Als ich aus dem Hause trat, fiel mich die Sonne wie ein Raubtier an. Ich taumelte und tastete mich an den Husern entlang voran, bis langsam meine Besinnungen zurckkehrten. Ich wute nicht, wieviel Zeit verstrichen war. So mu Lazarus die Welt empfunden haben, als ihn ein Gott ins Leben zurckrief. Ich erinnerte mich langsam der Einzelheiten meiner Erlebnisse, wie der eines tiefen Traumes.-- Es mag nun wohl gewesen sein, da eine habgierige Alte mich gefhrt und ein verdorbenes Kind mein Lager geteilt hatte, aber da ich von beiden Eigenschaften keine frchte, so bekmmern sie mich wenig, denn es kam mir damals nicht darauf an, wieviel die Dinge in den richterlichen Augen einer Weltgerechtigkeit wert sein mochten, sondern es kam mir darauf an, wie sie sich in meinen Augen spiegelten. Das Leben aber trbt die Augen der Menschen mit Trumereien, Scherzen und Trnen. * * * * * Langsam empfand ich nun mehr und mehr, da es einzig noch auf jene sonderbare Blume ankam und auf ihr schimmerndes Blau, das sich seltsam herrschschtig und still vor mir auszudehnen schien. Da war mir, als erwachte ich wiederum zu einem neuen Dasein. Eine unendliche Mattigkeit beschwerte meine Glieder, und meine Augen waren unsicher und benommen, wie befangen von jenem strahlenden Azur meiner Traumblume, die sich nun als eine endlose blaue Mauer vor mir ausbreitete. Ich versuchte mit groer Anstrengung, diese blaue Mauer zu begreifen. Da sah ich pltzlich, wie einen ganz fremden Gegenstand, meine Hand auf meinen Knien liegen, abgemagert und ganz wei. Ich versuchte, sie zu heben, und sie gehorchte mir. Die unbeschreiblichen Schauer eines ganz neuen Lebens lieen meine Glieder erbeben; sie gingen vom Bewutsein aus und rieselten wie Lichtgarben durch meine Adern, eigensinnigen Funken gleich, hei und kalt. Ich seufzte tief auf und wei heute noch gut und genau, da ich laut sagte: Es kann das alte Leben nicht sein. Da kam Panja um eine weie Sule geschritten, die sich von der blauen Wand abhob, und starrte mich an. Er stand merkwrdig unwirklich da, als schwebte er in der Luft. Dies ist ja ein brauner Mann mit einem weien Turban, dachte ich. Sahib! schrie er, als er in meine Augen sah. Sahib, sprich. Wo sind wir, Panja? fragte ich matt, was ist mit der Zeit geschehen, Panja? Mein Diener starrte mich verstndnislos und in einer deutlich in seinem Gesicht aufs neue auftauchenden Angst an, aber sie wich mehr und mehr, je lnger er in meine Augen schaute. Sahib, sprich gute Worte, bat er, zweifelnd und hoffnungsvoll zugleich. Da kam mir zum Bewutsein, da ich meine Frage in deutscher Sprache gestellt hatte, und ich wiederholte sie englisch. An Stelle einer Antwort stie Panja einen lauten Schrei aus und warf sich auf die Knie, indem er die meinen mit seinen Armen bedeckte. Schluchzend stammelte er: Sahib, du wirst leben! Wohin sind wir geraten, Panja? Was ist dort fr eine blaue Wand? Panja erhob sich mit glcklichem Lachen, trat zur Seite und sagte: Es ist das Meer. Wir sind hoch in den Bergen, du siehst auf das Meer hinab. Wir haben dich aus den Smpfen hinaufgetragen, zwei Tage und zwei Nchte lang, ohne zu schlafen und kaum, da wir geruht haben, bis die leichte Luft kam, die Khle und die Ruhe. Sieh um dich, sieh die Wlder an! Dies ist das verlassene Bungalow einer englischen Farm. Wir haben die Affen vertrieben, die von ihm Besitz ergriffen hatten, er stockte und sah mich an. Ach, Sahib, nun bist du erwacht und gesund geworden, der Sinn ist in deine Augen und Worte zurckgekehrt und die Freude in meine Brust. Ich sah Panja weinen und begriff, da er die Wahrheit sprach, und da mein Geist aus dem Bereich der Fiebergifte in die Wirklichkeit zurckgekehrt war. Da sah ich in einiger Entfernung Guru am Boden hocken und mich unverwandt mit seinen groen Nachtaugen anstarren. Es lag etwas in seinen Blicken, was ich nie vergessen werde. Erst nach Tagen erfuhr ich langsam, was sich zugetragen hatte, denn Panja verschonte mich mit allem, bis ich danach fragte. Ein groer Teil unseres Gepcks war verloren, da die Leute sich meiner annehmen muten und keine Trger zu bekommen waren. Panja hatte hauptschlich Proviant mitnehmen lassen und die Koffer, von denen er wute, da sie meine wertvollsten Besitztmer bargen, ebenso meine Waffen und ein Zelt. Zwar waren seit gestern Pascha und ein Kuli hinabgestiegen, um zu retten, was noch zu finden war, und um Sorge zu tragen, da alles noch Vorhandene in einem Eingeborenendorf untergebracht werden sollte, aber Panja hatte wenig Hoffnung und frchtete, da die ersten Gewitter hereinbrechen knnten. Er sa oft lange schweigend in der Mittagsglut neben meinem Liegestuhl und sah den Himmel ber dem Meer an und die weite, blaue Flche, die aus dieser Hhe so ebenmig erschien, wie eine Platte aus Metall. Zuweilen lag ein feiner, grauer Dunst darber. Aber auer dieser Besorgnis, deren Gewicht ich kannte, bedrckte ihn ein anderer Kummer; ich merkte es ihm an, wollte aber nicht fragen. Erst als ich meine erste Zigarre anzndete, lchelte Panja melancholisch und meinte: Nun wirst du auch das Schlimmste ertragen, da deine Kraft zurckgekehrt ist. Elias war vom Panther geholt worden. Siebentes Kapitel In den Bergen Panja prfte aufs neue das verfallene Haus, in dem ein Raum notdrftig fr mich hergerichtet worden war, so da er geschlossen werden konnte, da ich die Nacht ohne Feuer verbrachte. Willst du bleiben, Sahib, bis die groen Regen kommen? Ich wute, da dies nicht anging, und da wir verloren sein wrden, wenn die ersten Gewitter uns in den Bergen berraschten. Erfolglos versuchte ich die Zeit seit unsrer Abreise von Cannanore zu ermessen, es mochten vier, fnf oder sechs Monate vergangen sein. Gurumahu war eines Morgens zu mir gekommen und hatte sich heimwehkrank gemeldet. Er trennte sich mit schwerem Herzen von uns, aber wenn er sein Dorf vor Anbruch der groen Regen erreichen wollte, so mute er sich nun auf den Weg machen. Ich schenkte ihm meine verltete Tropenuhr aus Nickel. Das war gewi an sich kein groes Geschenk, obgleich sie aufgeregt zu ticken verstand und bei trockener Witterung sogar ging, aber Guru nahm sie beglckt entgegen. Er wird knftig alles aus ihr ersehen, was sein Herz zu wissen begehrt: die Jahreszeiten, die Windrichtung und den Gang der Gestirne.-- Oft fehlte es uns am Ntigsten. Panjas besorgte Augen schreckten mich aus der Tuschung, in der ich mich dem Glauben hingab, da die wohltuende, oft khle Luft der Berge und der hochgemute Seelenzustand, wie er Genesende erfreut, zu hoffnungsvollem Blick in die Zukunft berechtigten. Unser Gepck war zum grten Teil gerettet, nur unter den Nahrungsmitteln hatten die weien Ameisen auf das furchtbarste gewtet, aber auer Panja und Pascha hatte ich nur noch zwei Trger aus Sd-Kanara bei mir, die uns unter groem Mheaufwand und oft unter Einsetzung ihres Lebens mit Reis und Frchten aus dem nchsten Dschungeldorf versahen. Die dortigen Bewohner hatten unsere Abhngigkeit von ihrer Leistung herausgebracht, und meine Geldvorrte schmolzen immer mehr zusammen, eine Tatsache, die Panja in stille Raserei brachte. Er schwor den Erpressern unten im Grnen Rache und versprach mehr als einmal, ihr Dorf in Brand zu stecken; meine Gleichgltigkeit fhrte ihn zu ernstlichen Ermahnungen: Sahib, du bist ein groer Herr, und du kannst tun, was du willst, aber du tust nichts. Die Tage verstreichen, einer nach dem andern, wie die Wasserwogen an der Meereskste, sie lassen keine Spuren zurck und bringen immer das gleiche. Wer lebt so? Als wir in Anandapur waren, hast du die Brahminen verlacht, die den ganzen Tag in der Sonne liegen und den Tempelreis fressen, der ihr Anrecht ist, aber wie machst nun du es? Frher hast du alles in Bchern verzeichnet, was du sahst, und mich oft gefragt, aber nun tust du auch das nicht mehr, und die Bcher sind verbrannt. Das war Panja ein groer Kummer, denn er wute, da auch seiner oft in diesen Bchern Erwhnung getan war, und er hatte sich auf den Ruhm vorbereitet, der seiner im Okzident, im Lande der Herren, wartete. Ich lachte ihn aus; nur was die Gewitter betraf, hatte er recht, und so entschlo ich mich eines Tages, den krzesten Weg nach Mangalore zu nehmen, um im Schutz dieser alten, gesicherten Hafenstadt die Regenzeit abzuwarten. Aber im Herzensgrund ahnte ich bei solchen Vorstzen, was ich aufgab und dahinten lie, und da meinem Leben keine Zeit mehr wrde gegeben werden, die der verstrichenen an Licht und Freiheit glich. Und so kam es, da sich unsere Abreise von Tag zu Tag hinauszgerte, obgleich alle meine Erlebnisse in den Bergen sich im Schleier jener dmmerigen Unwahrscheinlichkeit und heimlichen Ruhlosigkeit zutrugen, die uns befallen knnen, wenn wir an schner Sttte den Gedanken des Abschieds schon mit uns umhertragen.-- Da war Gong, ich werde ihn nicht vergessen, wahrscheinlich ist er inzwischen gestorben, denn er zhlte schon damals nicht mehr zu den Jngsten, und er berwand sein Mitrauen gegen mich niemals ganz. Er gehrte jener Sorte von halbgroen Affen an, die in Indien nur in den Bergen leben, sie sind bedeutungsvoller als ihre Brder aus dem Dschungel, und sie haben andere Eigenschaften, aber keineswegs bessere. Ich nannte diesen meinen Gefhrten der Frhmorgenstunden Gong wegen seiner auerordentlich hlichen Stimme, die so klang, als ob man einen alten, rostigen Blechkessel gegen eine Steinmauer wrfe. Gottlob sagte er nicht viel, aber meine Erscheinung ntigte ihm das grte Interesse ab, offenbar hatte er sich in den Kopf gesetzt vor seinem Hinscheiden noch etwas ganz Besonderes zu erleben, und sich meine Person ausgewhlt, die ihm dazu angetan schien und die sich morgens unter den hohen alten Latan- und Tamarindenbumen finden lie. Kaum da die ferne Flche des Meeres sich im Dmmern silbern frbte, als ich auch schon mein Lager verlie, um die khlsten Stunden nicht zu verpassen. Ich sah diesen blassen Himmelsschein wie er sich vor der vergitterten ffnung meines Fensters matt und glanzlos abhob, nur wenig vom Licht des Mondes unterschieden und vom ersten Ruf der Raubvgel erfllt, die weit hinter mir, schon in hellerem Licht, um die Felszacken kreisten. Nun dauerte es noch etwa eine Stunde, bis die ersten Sonnenstrahlen unser Hochland erreichten, zuerst sah ich sie fern auf dem Wasser funkeln, und im Osten zeigten die Felszacken goldene Rnder in unendlich freier, weiter Hhe gegen den blablauen Morgenhimmel emporgereckt. Es gingen ein Glanz und eine Stille von ihnen aus, die jeden Morgen aufs neue mein Gemt erfllten und es bis weit in die Tagesstunden hinein begleiteten, da nichts geschah, was ihren Frieden in meiner Seele auszulschen vermochte. Nur wer auf diese Art und unter solchen Bedingungen die Natur aufzunehmen vermag, lernt sie begreifen, denn sie erfordert, wie alles Groe, unsere schrankenlose Hingabe, um sich uns voll zu offenbaren. In dieser Stunde wartete Gong auf einem der meinem Hause nahe stehenden Bume, meistens auf einem niedrigen dicken Ast. Die eine Hand umklammerte allerdings in der Regel, fr alle Flle, einen hheren Zweig, und wenn ich meine Bchse bei mir hatte, so konnte anfangs kein Zureden ihn bewegen, zu verharren. Ich wei nicht, auf welche Art er die Bekanntschaft meiner Waffe gemacht haben kann, sicher ist, da die Affen mich weit lnger kannten und beobachtet hatten, als ich sie. Seine Gefhrten flohen anfnglich in groen Scharen. Es war leicht, sie dabei zu beobachten, weil die Bume in groen Abstnden voneinander wuchsen, und die Herren sich jedesmal die Mhe machen muten, erst wieder auf den Erdboden herabzusteigen, wenn sie weiterkommen wollten. Gong nun machte eines Tages eine Ausnahme, er blieb sitzen, als ich nahte, und ich blieb stehen, denn es war mindestens erstaunlich, da dieser Affe sich nicht auf- und davonmachte. Er sa auf einem niedrigen, dicken Ast, hielt sich mit allen vier Hnden fest, als ob er sich hindern wollte, schlielich doch die Flucht zu ergreifen, zitterte und sah mich mit hochgezogenen Brauen zugleich neugierig, boshaft und ngstlich an. Ich habe nun bei Tieren immer zu erkennen geglaubt, da sie es in der Regel erst dann bse mit uns meinen, wenn wir ihnen Anla dazu geben. Es mag sein, da diese Anschauung daher kommt, da ich in meiner Jugend niemals schlechte Erfahrungen mit Hunden, Pferden oder Katzen gemacht habe, obgleich diese Geschpfe aus jener Zeit durchaus nicht das gleiche von mir behaupten werden, auch mag es daran liegen, da ich mich nicht im Bewutsein einer berlegenheit wohlzufhlen vermag. Von allen Empfindungen, die die Geselligkeit unter andern Wesen, seien es nun Menschen oder Tiere, mit sich bringt, ist mir die der berlegenheit am peinlichsten; ich habe immer gesehen, da die beschrnktesten Menschen sie am ergiebigsten auskosteten, wenn sich ihnen einmal Gelegenheit dazu bot. Es liegt im Wesen aller Andacht vor dem Lebendigen, da man sich einschliet, indem man Rechte zugesteht, und sie erst dann einfordert, wenn das gemeinsame Wohlergehen unserer Leitung bedarf. Von den gewaltigen Lebensstimmen, die in der kurzen Wegstrecke des Erdendaseins unser Gemt erschttern, ist das Seufzen der unterdrckten Kreatur, wie die leitende und klagende Melodie in einem brausenden Orgellied, immer das Vernehmlichste gewesen, das mir zu Ohren gedrungen ist, und da ich verabscheue, Mitleid zu geben oder zu empfangen, ist mir nur der Weg geblieben, in allem Lebendigen einen meinem Leben gleichberechtigten Ausdruck der Natur zu erblicken. Als nun Gong sitzen blieb, ohne mit seinen Gefhrten zu flchten, und ich mich ihm langsam nherte, unterschied ich deutlich in seinen Zgen die Anspannung eines, der mit Herzklopfen zwischen Angst und Neugier schwankt. Darber aber schien ihm pltzlich einzufallen, da es noch einen dritten Weg gab, und er schlug ihn ein und machte den Versuch, mich dadurch einzuschchtern, da er mir auf seine Art einen Beweis seiner Waldrechte und seiner persnlichen Bedeutung vermittelte. Er zog den Kopf tief zwischen die Schultern ein, reckte ihn darauf mit einem Ruck vor und schttelte zugleich den Ast, auf dem er sa, durch ein energisches Schaukeln seines ganzen Krpers so wild und angreiferisch, als seine Kraft irgend zulie. Dabei stie er aus rund gehhlten Lippen einen Ton hervor, der sehr schwer zu schildern ist, von dem man aber dadurch einen Begriff bekommen wrde, wenn man einen Lampenzylinder fest an die Lippen setzte und im Brustton ergrimmtester berzeugung hineinstiee: Groer Gott! Diese Erfahrung wirkte im ersten Augenblick so komisch auf mich, da ich lachen mute, und ich schlug auf meine Schenkel und tat es laut. Einen Augenblick schaute Gong verdutzt drein, aber dann nahm er meine Gebrde als ein Zeichen wohlwollender Annherung und wiederholte sie, so gut er konnte. Seine Augen blieben dabei merkwrdig ernst, und seine Stirn zeigte tiefe Falten. Wir erwiesen uns nun diesmal und knftig unser Verstndnis freinander dadurch, da wir uns nach bestem Vermgen nachahmten, und so belustigend wir vielleicht dabei aufeinander gewirkt haben mgen, blieb mir doch eine Bekmmernis und eine leichte Melancholie im Sinn, wenn ich bedachte, wie gro und unberbrckbar die Schranke war, die mich von Gong trennte. Ich habe im Verlauf unserer Bekanntschaft die deutliche Beobachtung gemacht, da Gong sich verstimmt zeigte, wenn ich einmal ausgeblieben war, und da er sich ehrlich ber meine kleinen Aufmerksamkeiten freute. Vielleicht mag ihn ein hnlicher Gedanke bei seiner Betrachtung meiner Person bewegt haben. Er versuchte zu lernen und zu begreifen, was irgend sich fr ihn verstehen lie, und wenn es hufig auch nur bei der ueren Gebrde blieb, so war doch auf beiden Seiten der Wunsch erkennbar, einander nherzukommen. Zwar lie er mich uerlich niemals weiter an sich herankommen, als bis etwa auf fnf oder sechs Schritte. Sobald ich den Versuch machte, diesen Abstand zu verkrzen, hob er mit einem bedauernden Ablehnen die Hand und ergriff einen hheren Ast, um mir anzudeuten, welche Folgen mein Entgegenkommen haben wrde. Gong hatte im Laufe unserer Bekanntschaft alles gelernt, was sich mit den Augen von den Vornahmen eines Menschen begreifen lt, er hat meinen Tropenhut auf dem Schdel gehabt, mein Taschentuch gebraucht, und er wei wozu ein Messer gut ist. Er hat meine Notizbcher durchblttert und in meiner Hngematte geschaukelt, und er verstand die Bewegungen des An- und Ausziehens eines Rockes so tuschend nachzuahmen, als sei er von alters her gewohnt, Kleidung zu tragen. Oft allerdings begriffen wir einander gar nicht, denn Gong wute in seiner Sucht, mir gleich zu sein, bald kein Ma mehr zu halten, und verstimmte mich zuweilen empfindlich durch seine Nachahmungen, so da ich mir lcherlich in meinen Bewegungen vorkam und den bestimmten Eindruck gewann, verspottet zu werden. Es mute nun darber nachgedacht werden, auf welche Art Gong eines Teils seiner Erziehung wieder zu entwhnen war, denn es wurde von Tag zu Tag offenkundiger, da sowohl er selbst, wie auch seine Gefhrten, mich nicht mehr ernst nahmen und es an dem Respekt fehlen lieen, den ich glaubte beanspruchen zu drfen. Die Tiere lachten geradezu, wenn ich kam. Zuweilen warteten sie morgens in Reih und Glied auf mich, um mich bei jeder Gelegenheit auszulachen. Sie stieen sich gegenseitig an, um sich aufmerksam zu machen, rieben sich vor Vergngen die grauen Hnde und schlugen sich auf die Schenkel, dabei quietschten sie in allen Tonarten, mignnten sich im nchsten Augenblick ein Glck, das sie einander noch vor kaum einer Minute zuerteilt hatten, und fhlten sich bei alledem auf eine Art wichtig, die auch bescheidenere Leute, als ich einer bin, ernstlich verdrossen htte. Ich war nirgends mehr allein, wo immer ich mich aufhielt, und selbst die Achtung vor meiner Bchse schwand von Tag zu Tag, da die Herren herausgebracht hatten, da es mir auf Vgel und Rotwild ankam, und da das wichtige Geschlecht der Affen vllig auer Gefahr war, geschdigt zu werden. War es mir aber einmal gelungen, irgendein kleineres Tier zu erbeuten, so warteten sie, bis ich die Bchse beiseite legte, und kamen herzu, wobei sie sich gebrdeten, als htte ich diesen Erfolg einzig ihnen zu verdanken. Am meisten rgerte ich mich ber ihre Vergelichkeit. Es war schndlich, wie wichtig sie sich bei einer Sache anstellen konnten, die ihrem Gedchtnis gleich darauf entglitt, als wre sie nie in der Welt gewesen. Jeden Augenblick fiel ihnen etwas anderes ein, und immer beanspruchten sie, in ihrer neuen Pose vllig ernst genommen zu werden. Ich kam mir schlielich so vor, als sei ich in einer fremden Stadt ein zum Amsement der Brger geduldeter Sonderling, und begann an meiner Tier- und Weltbetrachtung ernstlich irrezuwerden. So klagte ich Panja mein Leid. Oh, sagte er, die Affen! Wer wird sich mit den Affen einlassen, Sahib? Aber wenn du nur eine Heuschrecke erblickst, so wirst du schon sorgenvoll und redest sie an, und dann tust du so, als ob es dir antwortete, das Vieh. Wer aber mit Affen umgeht, hat bald den Eindruck, als sei sein eigener Schatten nrrisch geworden, und den Schatten kann man nicht fangen. Ich will Gong haben, antwortete ich. Panja dachte nach. Ich habe als Kind manchen Affen in der Schlinge gefangen, und wenn der Affe, den du haben willst, dich kennt und kein Mitrauen hegt, so kannst du ihn leicht fangen, wenn du ihm zuvor genau zeigst, wie man in eine Schlinge geht. Von diesem Kunststck lernt er nur die erste Hlfte, und wenn du rasch hinzuspringst, kannst du ihn greifen. Aber du mut ihm mit der linken Hand entgegenkommen und ihn unversehens mit der rechten im Genick packen. Die alten Affen beien, solange sie noch Hoffnung haben, entwischen zu knnen. Spter denken sie nach und geben es auf. Das war ein ausgezeichneter Gedanke. Ich nahm am andern Morgen ein haltbares Hanfseil, fettete es ein, und als meine Peiniger mich empfingen, begann ich mich auf alle Arten, bald am Arm, bald am Hals, aufzuhngen, wobei ich besonders Gongs Aufmerksamkeit zu erregen suchte. Seine Gefhrten zogen sich betroffen zurck, da meine Manahmen ihnen fremd waren, aber Gong sah mir nachdenklich zu und wurde ungemein ernst. Als ich glaubte, gengsam durch mein Beispiel gewirkt zu haben, ffnete ich die Schlinge, soweit als ntig, zog mich zurck und legte mich in einiger Entfernung ins Gras, um meiner Genugtuung in aller Ruhe entgegenzusehen. Aber Gong blieb ruhig auf seinem Ast sitzen und schaute mit hochgezogenen Brauen bald die Schlinge an, bald mich. Dann machte er sein bses, rundes Maul, stie den Kopf gegen mich vor, sagte verchtlich Groer Gott und wandte sich ab, um die Gegend zu betrachten. Da hrte ich Panja hinter mir lachen und beschlo, ihn sofort zu tten. Sahib, dieser Affe kennt die Schlinge, er kennt auch die Menschen, deshalb ist er damals so nahe herangekommen. Warum lachst du? schrie ich. Wer hat dir erlaubt, zu lachen? Das mu man, sagte Panja. Da sah auch ich es ein und lachte mit ihm zusammen. * * * * * Die grne Wildnis des Dschungels unter mir dampfte in der Frhsonne und blieb oft bis Mittag verhllt, ich begriff nun zuweilen schwer, wie ich es dort unten so lange Zeit ertragen hatte, jetzt, da die Klarheit der Bergluft khl um meine Stirn wehte. Nachts kam der Panther bisweilen bis auf die Veranda des Hauses, von Hunger aus dem drren Hgelland in unsere Nhe getrieben. Das Wild hatte sich aus der verbrannten Steppe in den Dschungel zurckgezogen, und ich begegnete auer Schakalen bald nur noch Hynen, wenn ich mit der Bchse aus den Waldpartien bisweilen des Nachmittags ber die kahlen Berge zog. Aber immer huschten die Tiere in Abstnden und auer Schuweite am Horizont dahin. Die graubraunen Schakale, die die Farbe des Bodens hatten, reizten mich oft zum Schu, aber kaum hatten die zierlichen Kpfchen mit den hochstehenden Ohren sich gezeigt, so schien der Boden sie auch schon wieder verschlungen zu haben. Nahe bevor wir abreisten, scho ich meinen ersten Panther. Es war in einer klaren Mondnacht, als ich hrte, wie Panja in mein Zimmer drang und mich rief. Hinter ihm stand Pascha still und steil im Mond, von unten her ein wenig vom Schein des Feuers beleuchtet, das nur schwach am Boden des Vorplatzes brannte. Sahib, sagte Panja, der Panther ist so hungrig, da er Feuer frit, wir knnen ihn nicht vertreiben und keinen Schlaf finden. Mir war die Nachricht willkommen, ich nahm die Bchse und befahl Panja, das Feuer zu lschen. Die Trger waren unterwegs in die Niederungen, um Reis und Geflgel zu kaufen, und wurden nicht vor Ablauf des kommenden Tages zurckerwartet. Ich lud beide Lufe mit Kugeln und legte den Revolver neben mich. Das Fenster enthielt keine Scheiben, sondern war nur mit dicken Holzstben versehen, die Panja zum Teil erneuert hatte, die aber einem energischen Eingriff keineswegs standgehalten htten. Ich stellte mich in den Mondschatten, und wir warteten. Pascha legte sich im Winkel des Raumes zum Schlafen nieder, und ich hrte ihn nach kurzer Zeit schnarchen; Panja dagegen blieb dicht an meiner Seite, nachdem er sich mit dem lngsten Messer bewaffnet hatte, das unser Lagerbestand aufwies, und mit einer Wegaxt. Er schttelte sie wie ein Indianerhuptling und grinste vor Aufregung, dann begann er das Meckern einer Ziege so tuschend nachzuahmen, da mir zum ersten Mal mit ganzer Klarheit vor Augen trat, da wir hier das groe Raubtier erwarteten. Es war vielleicht eine Stunde vergangen, und ich begann bereits die Geduld zu verlieren, als pltzlich unter meinen Augen, jenseits des Fensterbretts, das Mondlicht erlosch. Ich dachte zuerst an alles andere, merkwrdigerweise nur nicht an den Panther, zumal sich nichts mehr rhrte, weil das Tier mit seinem letzten Schritt Witterung von uns bekommen haben mute. Und nun erkannte ich die groe Katze unmittelbar vor mir, niedriger zwar, als sie in meiner Vorstellung lebte, und merkwrdig farblos, aber ich unterschied deutlich die geschmeidige Belebtheit der schnen Rckenlinie und den herrlichen Katzenkopf, der mir mit halb geffnetem Rachen zugekehrt war. In diesem Augenblick brach ein Gerusch aus den zurckgezogenen Lippen hervor, das mein Blut erstarren machte, es war ein fauchendes Schnarchen, berlaut und von einem Zorn und einer Angst hervorgestoen, die den Willen bannten. Ich erinnerte mich, dieses hliche und zugleich so berwltigende Fauchen in meiner Kindheit im Tiergarten am Kfig des Tigers gehrt zu haben, wenn der Wrter nahe an den Stben vorberschritt. Nun trennte mich allerdings auch in diesem Augenblick ein Gitterwerk von dem Raubtier, aber der Grimm dieser Stimme erweckte die Vorstellung einer so unmittelbaren Nhe, da auch die strksten Eisenstbe kein Vertrauen eingeflt htten. Ich entsinne mich nicht mehr, ob ich die Bchse im Anschlag hatte, oder ob ich sie emporri, jedenfalls zielte ich ohne das geringste Zutrauen zur Wirkung meines Geschosses, zwischen die Augen, die ich deutlich unterschied, wobei ich mich mehr auf die natrliche Fhigkeit der Arme verlie, dem Lauf die notwendige Richtung zu geben, als auf das Visier, und drckte, wahrscheinlich viel zu rasch, beide Lufe ab. Ich hrte ein Gerusch am Boden, als sprnge das Tier in diesem Augenblick vom Hausdach herunter vor mich hin, gleich darauf zerkrachte wie ein Zndholz einer der Fensterstbe unter einem furchtbaren Tatzenhieb. Dann wurde es ruhig vor mir und leer, wir hrten den rollenden Widerhall der Schsse von den Bergen her, sie polterten bellend von Felswand zu Felswand, rollten durch die Tler und verhallten endlich fern in der Mondnacht wie zwei gehetzte, klagende Brder auf der Flucht. Die erste deutliche Empfindung, die mich zu mir brachte, war das Schmerzen meiner Hand, mit der ich den Revolver so fest umklammerte, als ob ich mit dem ganzen Krper daran hinge. Ich erinnerte mich nicht mehr, ihn ergriffen zu haben, lockerte aber nun aufatmend die Finger und gewahrte, da ich am ganzen Krper zitterte wie im Frost. Ich habe spter in Kanara und Maisur noch manchen Panther erlegt, auf Reisfeldern, in Bumen auf der Lauer liegend und in Felsschluchten, aber nie wieder durchschttelte mich, selbst bei weit grerer Gefahr, ein annhernd so starkes Fieber des Entsetzens und der Hilflosigkeit. Ein unzulnglicher Schutz ist oft bei weitem bengstigender als die volle Gewiheit einer schrankenlos wirkenden Gefahr, und nicht nur, wenn es sich um einen Panther handelt. Es mag hinzukommen, da es in der Tat berwltigend ist, pltzlich zum ersten Mal dieser groen Katze Auge in Auge gegenberzustehen, deren Ankndigung aus geheimnisvoller Nachtfinsternis man monatelang vernommen hat, und aus der die Phantasie in unablssiger Beschftigung ein bei weitem schlimmeres Fabelwesen erschaffen hat, als der Panther es in Wirklichkeit ist. Er ist im Grunde sehr scheu und fllt fast niemals Menschen an, selbst Kinder nicht, wenn ihn nicht die uerste Not des Hungers oder die Bedrngnisse der Treibjagd ntigen. Im gesttigten Zustande weicht er stets der Begegnung mit dem Menschen aus und er mordet nicht mehr, als zur Erhaltung seines Daseins erforderlich ist. Alle Hirten, die mir in Malabar vom Tiger oder Panther erzhlt haben, stimmten in ihrer Erfahrung darin berein, da diese Katzen sich mit dem begngen, was sie brauchen; unter gewhnlichen Verhltnissen nimmt der Panther eine Ziege aus der Herde, schleppt sie davon, sttigt sich und berlt die Reste seiner Beute neidlos den Hynen, die fast immer in seiner Gefolgschaft zu finden sind, und die er nur dann angreift, wenn der uerste Hunger ihn ntigt. Vom Tiger gibt es vielerlei widersprechende Geschichten, die aber alle mit groer Vorsicht aufgenommen sein wollen, denn die aberglubische Furcht der Hindus vor dem Tiger ist so gro, da kaum einer noch in der Lage ist, zwischen Tatsachen und allegorischen Erfindungen zu unterscheiden. Das Grauen der Eingeborenen vor dem Tiger ist so nachhaltig, da sich in vielen Provinzen der Begriff des Bsen, des Satans, im Namen mit dem dieses Raubtiers deckt, eine Tatsache, die nur verstndlich ist, wenn man die unerhrte berlegenheit des Tigers ber die dortigen Menschen kennt, die fast alle ohne Waffen sind, und deren Laubhtten keinen gengenden Schutz gegen einen nchtlichen berfall bieten. Von vielen Sagen beruht jedenfalls die auf Wahrheit, da Tiger, welche den Genu des Menschenfleisches kennen, selten noch andere Nahrung zu sich nehmen, und solche Exemplare knnen dem Lande ein auerordentlicher Schrecken werden.-- Wir fanden den erlegten Panther in der Morgendmmerung in den Alon. Der Boden umher war zerwhlt und im Todeskampf aufgerissen worden, aber das groe Tier lag jetzt ruhig, fast friedlich da, ohne Entstellung und ohne Spuren eines Todeskampfs. Ich fand nur den Weg der einen Kugel, die hinter dem Ohr in den Nacken gedrungen war und den Wirbel zerschmettert hatte. Die Augen waren geschlossen, was man sehr selten bei einem erlegten Tier findet, und das schn geschnittene Maul, in einem wehmtigen und beinahe zrtlichen Ernst, war ein klein wenig geffnet, wie von einem letzten Todesseufzer bewegt. Seltsam harmonisch, fremdartig und zugleich im Sinn dieses Landes vertraut und notwendig, hoben sich die stachligen, blaugrnen Bltter der Alostauden von der gelben Frbung des Fells ab. Ich vergesse diesen Anblick niemals, der sich mir so entscheidend in die Seele einprgte, als erfate ich zu dieser Stunde zum ersten Mal mit ganzer Inbrunst den unnennbaren Begriff Indien, den der Pinsel keines Malers und das Wort keines Dichters in seiner ganzen Flle und Eigenart zu vermitteln vermgen. Panja war den ganzen Morgen ber schweigsam, ein mchtiger Herr der Berge war gestorben. Ich trug mich den Tag hindurch mit eigenartigen Gedanken, und zuweilen war mir zumut, als sei eine arge und sinnlose Willkr geschehen, als habe ich einen Eingriff in die Pracht und Mannigfaltigkeit der Schpfung getan, die mit dem Aussterben der groen Katzen in Indien langsam um ihre vollkommensten Resultate geschmlert wird. Achtes Kapitel Am Thron der Sonne Nachts, wenn ich nicht einschlafen konnte, weil das Mondlicht wie das wahrsagerische Gespenst einer ewigen Todeskhle an den zerbrckelten Mauern entlang geisterte, die mich vor den Gefahren der Auenwelt schirmten, erwachte in meiner Brust der Wunsch, jene Hhen zu erreichen, auf denen des Morgens das rote Gold der aufgehenden Sonne leuchtete. Es verlangte mich danach, von jener khlen, hohen Ruhe aus auf das indische Land jenseits der Berge hinabzusehen und angesichts der unermelichen, hgligen Weite meine Gedanken noch einmal durch jene Tage zu fhren, die ich durchlebt hatte, bevor ich in Cannanore angelangt war. Panja ri die Augen auf, als ich mit meinen neuen Plnen herausrckte. Er stampfte den Wasserkessel in das Feuer, da die Funken stoben und betrachtete mich eine Weile auf jene Art, die Leute an den Tag zu legen pflegen, die aus lauter Hoffnungslosigkeit, jemals berzeugen zu knnen, am Rande der Verzweiflung angelangt sind, und die doch darber ihren Wunsch zu berzeugen nicht verbergen knnen. Als ich meinen Lebensretter so erblickte, im Augenblick aber mehr Verlangen nach dem Tee, als eben nach seinem Verstndnis trug, mute ich fr eine kurze Weile an eine Schulstunde zurckdenken, in der mir von einem hnlich ergriffenen Mnnerangesicht zugemutet wurde, Pythagoras dadurch gleichzusein, da ich ihn begriff. Auch dort erstickte ein bedauernswerter Zorn in der Hochflut anschwellender Ohnmacht, und sprachlos gewordene Verachtung sagte mir an bsem Lebensgeschick weit mehr voraus, als ein vereinzeltes Gemt, mit leisem Hang zum Grbeln, ertragen kann. Du siehst aus wie Professor Stolzenburg, sagte ich zu Panja, denn ich halte dafr, da man bse Gedanken guten Leuten gegenber am besten offen ausspricht, damit sich ein Weg zum Ausgleich mit gemeinsamen Krften suchen lt. Htte ich das nur in der Schule auch schon gewut, vielleicht htte der gestrenge Verbitterer so mancher meiner Morgenstunden zwischen zehn und elf Uhr mit sich reden lassen. Panja verschmhte es der Bedeutung meines Vergleichs nachzuforschen, er sagte nach einer Weile resigniert: Nun, es ist ja gleichgltig, Sahib, ob wir hier oder dort im Wasser umkommen. Das befestigte meinen Beschlu aufs beste, denn wie alle leichtsinnig und zugleich eigensinnig veranlagten Naturen habe ich oft dem Hang in mir nachgegeben, jede Latte, die mir zwischen die Fe geworfen worden ist, als Sprungbrett zu benutzen. Man mu allerdings springen knnen, um dererlei wagen zu drfen, das ist wahr, und dieses Springen-Knnen ist im Grunde nichts anderes, als das, was die Menschen in der Regel Glck-Haben nennen. Glck haben gibt es nicht. Das sogenannte Glck ist so eng mit Geschicklichkeit verbunden, wie Unglck mit Ungeschick, und diese Wahrheit bezieht sich durchaus nicht einzig auf uere Vorgnge, auch das Unglck der Seele ist zuletzt Ungeschick, wenn auch in einem weit hheren Sinn, der sein Recht in der Gesetzmigkeit des Weltwesens findet. Ich habe das Panja damals nicht gesagt, er lief hin und her und hantierte dergestalt mit den Gegenstnden, da man deutlich wahrnehmen konnte, da keine Zweckmigkeit mit seinem Eifer verbunden war. Es ist merkwrdig, da Leute, die rgerlich geworden sind, so oft dazu neigen, leichtere Gegenstnde von einem Platz auf den anderen zu stellen, und dann mitunter sogar wieder von dem neuen Platz auf den alten zurck. Offenbar liegt es daran, da ihre Gedanken mit den Entschlssen hnlich verfahren, und da ein heimlicher Hang existiert, den Krper und die Seele mglichst im Einklang miteinander zu erhalten. Ich erinnerte mich bei Panjas nutzloser Beschftigung meines Vaters, wenn er aus irgendeinem Grunde zum Ausdruck brachte, da seine Weltanschauung sich nicht mit der meinen deckte. Leider geschah dies gewhnlich bei den Mittagsmahlzeiten, denn sonst vermied ich es nach Krften, ihm ohne Grund lngere Zeit ruhig gegenberzusitzen, und dann sah ich, wie das Messer oder die Gabel, auch das Salzfa oder der Serviettenring bald an die rechte, bald an die linke Seite des Tellers wanderten. Leider hatten wir damals Messerschrfer aus Schmirgelstein in Gebrauch, runde, schwarze Stbe von der Lnge einer migen Spargel und mit einem polierten Handgriff aus Hartholz. Wenn zufllig eine besonders wichtige Meinungsuerung meines Vaters mit dem Transport dieses ntzlichen Gegenstandes zusammenfiel, so geschah es in der Regel, da der Schmirgelstein zerbrach, denn seine berlegenheit, selbst dem besten Stahl gegenber, bewhrt sich nicht im Kampf mit der Tischplatte. Dies erhhte den Verdru meines Vaters bis an die Grenze bedenklicher Einseitigkeit und zog die Laune meiner Mutter in Mitleidenschaft, whrend es meist meinem Selbstbewutsein einen erheblichen Aufschwung verlieh und mir nicht ohne Berechtigung den Gedanken beibrachte, da mein Charakter in den Augen meines Vaters um vieles milder angesehen wrde, wenn wir Messerschrfer aus gerilltem Stahl in Gebrauch nhmen. So sagte ich denn Panja meine Ansicht ber Messerschrfer, und dieser unerwartete Ausdruck meiner berzeugung brachte ihn so weit zur Besinnung, da ich Tee bekam. Er trank mit, wie gewhnlich, hockte mir gegenber in der Morgensonne und rckte melancholisch an seinem Turban. Auer ihm trug er nun schon seit Wochen nicht mehr als ein schmales Lendentuch, aber auf seinen schweren Turban verzichtete er selbst in der grten Hitze nicht. Es ist wirklich recht merkwrdig mit diesem Panja gewesen, je entschiedener sein Widerspruch oft zu Anfang war, um so lebhafter wurde sein Eifer fr gewhnlich von dem Augenblick an, in dem er merkte, da ich nicht umzustimmen war. In beidem erkannte ich die ehrliche Besorgnis seiner Neigung, und ich erinnere mich seiner niemals ohne den Kummer ber einen der grten Verluste meines Lebens. Die Harmonie unseres Verhltnisses mag im Grunde auf seiner Gewiheit beruht haben, da die berlegenheit meiner Rasse mit der Unerschtterlichkeit eines Naturgesetzes feststand. Das nahm seinem Wesen jede Devotion im niedrigen Sinn und machte seine Ergebenheit durch eine Demut wrdig, die beinahe einen Einschlag von Religiositt hatte. Heute bebaut er in Malabar die Reisfelder am Purrha, jenem beschatteten Landstrich am Palmenwald, auf dem die Htte seines Vaters stand, und den er aufgeben mute, um in der Fremde zu dienen, weil seine Brder den Verlockungen der groen Stdte in Verschwendung erlegen waren. Der Rckkauf dieses Stckchens Land war meine letzte Gabe an ihn, und es bedrckt mich, da ich ihm niemals die Gewiheit habe verschaffen knnen, da seine Gaben an mich reichere und unvergnglichere Geschenke gewesen sind. Als der Tee getrunken war, sagte er wtend: Aber Pascha bleibt hier. Er tat immer noch so, als wre an diese Reise auf keinen Fall zu denken, und wahrscheinlich meinte er deshalb nach einer Weile: Es sind drei Tage oder Nchte fr den Aufstieg ntig, aber in der halben Zeit steigen wir ab. Hast du etwa geglaubt, wir brauchten lnger? Ich hatte es nicht geglaubt. Panja sah hinauf zu den Gipfeln. Oben flutete alles in Licht, ein nie gesehener Glanz verklrte die einsame Ruhe, die kreisenden Adler schimmerten, als wren sie aus Gold. Alle Trume bleiben lange leicht von der Frische der Hhen, sagte er versunken. Panja, hre, nur wer die Schnheit der Erde lieben gelernt hat, hat die Erde in seinen kurzen Lebenstagen wahrhaft beherrscht. In diesem Sinn ist sie uns von Gott gegeben, so hat er es mit uns gemeint, als er sie uns gab. Panja lchelte kindlich, in solchen Augenblicken htte ich ihn in die Arme schlieen knnen. Dir wird nichts geschehen, Herr, sagte er still und wie zu sich selbst. Ich wei nicht, ob er bei solcher Zuversicht an Gottes Hilfe glaubte oder an seine, gewi ist, da ich selten im Leben wieder durch eines Menschen Nhe so glcklich geworden bin wie durch die seine. Durch nichts vermag ein Mensch uns seine eigenen Krfte besser zur Verfgung zu stellen, als indem er die unseren glaubt. * * * * * So wagten wir vor Anbruch des kommenden Tages den Aufstieg zu zweien, noch als die Nacht umher herrschte und ber den blauen Zelten der Berge vor uns die Sterne leuchteten. Wir schritten im sprlichen Gesang der Grillen durch drres Steppengras unter den hohen Latambumen dahin, die in weiten Abstnden voneinander standen. Zuweilen schalt ber unseren Kpfen ein Affe, den unser Tritt geweckt hatte, oder ein Vogel flog auf mit einem lauten Warnruf, der unser Nahen der ahnungslosen Natur verkndete, die an diesen Sttten wohl seit undenkbar langer Zeit der Fu keines Menschen betreten hatte. Es war khl und still, Panja sprach nicht, und ich schritt im Traumbann einer so tiefen Einsamkeit dahin, da mir zuweilen war, als she ich, wie ein fremder Dritter, uns kleine Zwei durch die riesenhaften, graugrnen Wogen der Hgellandschaft dahinschreiten, im Dmmerlicht unter den Bumen und Sternen. Es war unvorsichtig genug, da wir den Weg ohne Fackeln machten, denn am Morgen ist in dieser Jahreszeit der Panther am khnsten, wenn er nach vergeblichem nchtlichem Raubzug durch die Dmmerung schweift. Aber es war so hell unter den Sternen, da wir das Land weithin bersahen, und ich trug die Bchse in der Hand. Panja schritt schweigend neben mir dahin, leichten Tritts und mit erhobenen Augen, Kraft und Freude gingen von ihm aus, und ich empfand ihn als allen Lebewesen seines Landes zugehrig, und die Harmonie seiner Seele teilte sich mir mit, als sei auch ich in der Heimat. Pltzlich begann er leise zu singen, immer die Augen auf die Hhen gerichtet und so versunken in sich selbst, als schritte er allein durch das Land. Seine gedmpfte Stimme erinnerte mich, wie auch der eintnige Rhythmus seines Liedes, an den Singsang der Priester, deren Tempel in Cannanore hinter dem Garten meines Hauses im Grnen lag, und jhlings war ich aus der freien Hhe und aus der khlen Luft in die tropische Niederung versetzt, so da mir war, als schlgen die schwlen Dmpfe des leidenschaftlichen Wachstums ber mir zusammen. Als ich nach einer Weile die Blicke hob, nachdem wir die letzten Baumbestnde durchschritten hatten, erschrak ich vor einer zackigen, flammend roten Lichtlinie, die den Himmel vor uns, hoch oben, in wagerechter Richtung zerteilte. Totenstill und wie aus Farbe zog sich dies rote Band lngs des Gebirgskamms dahin, hinter den Hhen war die Sonne aufgegangen. Ich wandte mich erschttert um und sah hinter mir das Land unter dem besternten Dmmerblau der sinkenden Nacht, fern auf dem Meer regte sich ein matter Silberglanz. Wie zwischen zwei Himmeln aus Blut und Silber pochte mein entzcktes Herz seinen Lebensschlag auf den weiten, grnbraunen Wellen der Erde, unendlich klein und doch die beseligte Quelle meiner unfabaren Daseinsfreude. Panja warf sich auf die Knie und verbarg sein Gesicht in den Hnden.-- Eine Stunde, nachdem die Sonne ber die Bergzinnen schaute, hrten die Bume fast ganz auf. Wohl sahen wir, sobald wir eine Hhe erklommen hatten, zur Rechten oder Linken die dunklen Mauern groer Wlder in der Ferne, aber bald wurde uns der Ausblick erschwert, da wir in einer Schlucht, im Bett eines eingetrockneten Gebirgsbachs aufwrts klommen. Einen der Berggipfel ersteigen zu knnen, stellte sich bei der Art unserer mangelhaften Ausrstung bald als unausfhrbar heraus, und so schlug Panja den Versuch vor, einen der nchstliegenden Psse zu besteigen. Wir konnten fast den ganzen Morgen hindurch marschieren, denn die Luft war khl und von einer Durchsichtigkeit, gegen die ein wolkenloser deutscher Sommertag wie in Nebel gehllt wirkt. Panjas Frhlichkeit erleichterte mir jede Strapaze, er lachte oft ohne allen erkennbaren Grund, nur aus berflu von Daseinskraft und glcklich ber die Tatsache, in der von himmlischem Blau berdachten Welt da zu sein. Als wir gegen Mittag, um vieles hher, im Schatten eines Felsens Rast machten und Panja unser Mahl bereitete, schreckte in nicht allzu weiter Entfernung ein dumpfer, anwachsender Donner mich auf. Panja sprang empor und sphte mit geschtzten Augen in die flimmernden Steppenwogen. Die Bffel! rief er, sieh die Wolke, die sich den Hang niederwlzt. Es war das erstemal, da ich aus so unmittelbarer Nhe eine Bffelherde gewahrte. Sie rollte wie eine dunkle Lawine dahin, und der Erdboden drhnte. Nur fr kurz unterschied ich im Vordergrunde einen oder den andern der schwer gehrnten schwarzen Kpfe, den Glanz der groen Augen und den Fall der Mhnen. Ich scho nicht, da Panja mir erregt in den Arm fiel, als ich die Bchse emporhob, und spter erklrte er mir, da es vorgekommen sei, da der leitende Stier, durch einen Angriff in Schrecken oder Wut versetzt, pltzlich die Richtung gendert und gerade auf das Hindernis zu genommen habe. Zwar htten wir einen Schutz auf den Felsen gefunden, aber wenn unsere Flucht uns milungen wre, so wrden wir zerstampft worden sein, da die ganze Herde dem Stier folgt. Die Bffel kmpfen mit dem Tiger, erzhlte mir Panja, selbst die gezhmten frchten ihn nicht, und wenn du mit ihnen das Reisfeld bestellst, so wird der Tiger sich hten, euch anzugreifen. Der Bffel sprt ihn eher als du, und es wird dir nicht gelingen, ihn von seinem Standort zu verdrngen, denn er wendet sich genau dem Tiger zu, wie eine Fahne, die du gegen den Wind trgst. Wenn der Tiger den Sprung wagt, so endet er auf den Hrnern, und du bist in Sicherheit, solange du dich hinter dein Tier stellst. Die Staubwolke verrauchte im tieferen Gelnde, und die klare Luft war wieder still. Ich schlief kurz nach diesem Vorfall ein, ohne Nahrung zu mir genommen zu haben, und Panja weckte mich nicht, denn er kannte die ermdende und gefhrliche Kraft der Sonne, deren Strahlen auf den Berghhen nicht anders wirken als im Tal, obgleich die Khle darber forttuschen kann. So gilt es in den Bergen, fast mehr noch als im Tal, den Kopf und die Schlfen nicht ungeschtzt zu lassen, die Sonne hat viele tdlich getroffen, die ihre Macht ber diesen klteren Regionen nicht geglaubt oder vergessen haben. Mein Korkhelm drckte mich auch keineswegs sonderlich, im Gegenteil, er wurde von Tag zu Tag leichter, weil eine Schar mottenartiger Parasiten von ihm Besitz ergriffen hatten und ihn zugleich bebauten und verzehrten. Bisweilen rieselte ein feines Korkmehl nieder, wie ein liebevoller Beweis der Natur, da sie keinen Menschen in vlliger Vereinsamung seinen Weg machen lt. Panja war bereits mit allerlei Mitteln gegen diese Tiere ins Feld gezogen, aber sie verlieen sich auf mich und vermehrten sich um so leidenschaftlicher, je mehr Panja sie unterdrckte.-- So geschah es mir, da ich bald darauf von einem hohen Pa aus einen Blick in das weite indische Land hinab gewann, das ich vor meiner Zeit in Malabar durchreist hatte. Die ungeheure Hgellandschaft erstreckte sich, wie von Urzeiten her gelagert, ohne ein Anzeichen menschlichen Werks, und wie die riesenhaften Wogen eines Meeres, das mitten im Sturm in Erstarrung geraten war. Die Ebene in weiter Ferne schimmerte lichtgrau und wie die Oberflche eines gewaltigen Sees, ich glaubte winzige Spitzlein und Trmchen in ihr zu erkennen, deren Silhouetten nicht anders gegen den Himmel abstachen, als sei der Horizont mit feinem Stacheldraht umzumt. Wir blieben den Tag ber auf der Pahhe, unter dem Dach eines schrg gesunkenen Felsens gegen die Strahlen der Sonne geschtzt, und durch die unbeschreibliche Stille der Hhe zogen die Gestalten meiner Erinnerung, wie in der Stunde eines Abschieds, unter dem Lied der Adler, noch einmal durch meinen Sinn. Geister kamen aus dem Blau zu meinem Geist, Dahingesunkene drangen in die Bewutseinswelt des noch Verweilenden ein, Brder und Gegner in Gesinnung, Hoffnung und Schicksal, Freunde und Feinde in der Welt der Lust und Trbsal und des raschen Todes. Auf jedem Erdteil hat der Tod ein anderes Angesicht, nirgends sind seine Zge feierlicher, als bei uns in Europa, ich habe ein wenig verlernt, seine pathetische Sonntagsgebrde meiner Heimat zu berschtzen. Es hat noch niemand dem Gespenst der Willkr sein Schauriges dadurch genommen, da er es heiligsprach; sicherlich ist die schwerfllig romantische Auffassung vom Tode, die in Europa herrscht, eine Folge der Einwirkung der Kirche, die die Tatsache des Todes so sehr in das Bereich des Ungeheuerlichen gerckt hat, um aus ihrer Einwirkung einen Teil ihrer Autoritt zu gewinnen. Uns ist das Sterben in der Vorstellung so schwer gemacht, da sicherlich ein gut Teil Gerechter und Ungerechter beim Tode auf das angenehmste enttuscht sein wird. Sterben ist Pflicht, wie auch das Leben. Es wird ein jeder so leicht oder so schwer sterben, als seiner Natur das Leben geworden ist, und wer das eine verstanden hat, wird auch das andere knnen. Die Menschen Indiens sterben leichter, selbstverstndlicher und gewissermaen unaufflliger als wir, sie berlassen der Gottheit die Sorge fr ihr knftiges Ergehen und werden den Gedanken schwer erfassen lernen, da sie selbst in letzter Stunde fr einen geordneten Abzug verantwortlich sein sollten. Diese Auffassung, die christlich genannt wird, entstammt auch keineswegs der berzeugung des unschuldigen Begrnders unserer Kirche, sondern vielmehr der berechnenden Klugheit ihrer Verwalter. Langsam zog die Sonne ihren strahlenden Bogen, und das Land wechselte in ihrem Schein. Wann wieder sollen Tage fr mich kommen, die in so groer Stille dahingehen, dem Gedanken und der Erinnerung geweiht, durchklungen vom Kampfruf der Adler? Whrend ich hinabschaute ins Land, bald umwunden vom schwermtigen Weinlaub des Traums, das glhte von Licht, bald in wunderbare Klarheit des thers getaucht, durchlebte ich noch einmal so manches, das ich gesehen und erfahren hatte, als ich das Land zu meinen Fen durchzog. Gegen Nordosten mute Bitschapur liegen, die alte Knigsstadt, aus deren Schlsserruinen sich die mchtige Halbkugel erhob, die einst ein mohammedanischer Frst erbaut und ganz mit Gold hatte ausschlagen lassen. Sie war gegen die aufgehende Sonne geffnet, deren Licht sich in tausendfachem Glanz darin brach, so da kein Auge hineinzuschauen vermochte, ohne geblendet zu werden. Mitten im Herzen dieser Kuppel, unter dem gewlbten Golddach, waren die beiden Thronsessel des Maharadscha und des Maharadscha Khunwar, des Knigsohns, aufgestellt, und in dem zornigen Strahlengefunkel, das das Feuer der Morgensonne millionenfach widerspiegelte, empfing der Knig seine Gste. So dienten das kostbare Blut seiner Berge und das Himmelslicht des neuen Tages seiner Herrlichkeit, und die bestrzten Freunde seines Reichs, die im Augenblick des Sonnenaufgangs vor seinen Thron gefhrt wurden, hrten den Gru des Frsten aus einem Glanz erklingen, der ihre Augen schlo und die Knie zu Boden zwang. Es mag gewesen sein, als dienten Himmel und Erde einem Allmchtigen, um seine Hoheit unfabar zu machen. Zwischen jener Goldkuppel und dem Marmorplateau, auf welches die Ankmmlinge gefhrt wurden, war ein tiefer gelegener Garten voll blhender Blumen, wie sie sich in Duft und Pracht nur dem tropischen Himmel ffnen, und die Wohlgerche ihrer Kelche gesellten sich dem Glanze. Der prachtliebende Sultan fiel von der Hand eines strkeren Knigs, der von Norden kam und die Stadt zerstrte. Ihre Tore waren bis an die runden Bogen der Gewlbe mit Toten angefllt, und die Zhne des gefallenen Herrn der Stadt konnten nicht aus dem elfenbeinernen Griff seines Sbels gelst werden, den er, zerfetzten Leibes, den Feinden nicht hatte berlassen wollen. So ist er unter einem Berg seiner gefallenen Getreuen gefunden worden, und die Sage erzhlt, da er auch so bestattet worden sei unter dem gewaltigen Kuppelbau, den er sich selbst, wie alle Frsten jener Zeit, zu seinen Lebzeiten hat erbauen lassen. Diese riesenhaften Grabdenkmler der Stadt berragen noch heute das Trmmerfeld von Bitschapur, sie erinnern in ihrer Bauart und Gre an Moscheen, auch wird in einigen noch Gottesdienst gehalten, oder sie locken Tausende von mohammedanischen Pilgern als Wallfahrtsort aus weiter Umgebung in die heilige Stadt der groen Toten. Man erblickt in diesen Bauten seltene Steinblcke eingefgt, deren Entstammung bis heute nicht hat aufgeklrt werden knnen, besonders als Grabsteine sind hier und da schwarze, basaltartige Felsstcke verwandt worden, deren Beschaffenheit die Gelehrten sich nur dadurch erklren knnen, da sie sie unter die Meteorsteine einreihen. Die grte dieser Kapellen ist von einer Kuppel gedeckt, von deren Galerie der schwindelnde Blick unter sich die beiden Grabsteine klein wie Streichholzschchtelchen erblickt, und das Auge ist nicht in der Lage, einen Menschen von Angesicht zu erkennen, der sich ihm gegenber auf derselben Galerie befindet, wohl aber versteht er das leiseste Wrtlein, das drben im Flsterton, gegen die Wand gesprochen, fllt, da das Kreisrund des Steingefges auf wunderbare Art den Schall bewahrt und deutlich herumtrgt. Man erzhlt, da der Sultan auf solche Art die Ergebenheit seiner Minister, die Treue seiner Gste und die Neigung seiner Frauen erprobte, von denen er die einen oder anderen mit ihren Vertrauten auf diese Galerie fhrte und sich, nach herausfordernden Worten, wie zufllig von ihnen trennte, um dann Wort fr Wort ihre Gedanken am verrterisch erklingenden Kreisrund der Galerie zu erlauschen. In banger Ehrfurcht vor diesem Wunder zittert das Volk noch heute in der Erinnerung an die geheimnisvolle Macht des Toten. In einem dieser Dome, fast dem grten, fand ich statt der gewohnten zwei Grabsteine, die die Leiber des Knigs und der Knigin bergen und den einzigen Inhalt der Gebude darstellen, deren drei und erfuhr die Geschichte dieser seltsamen Ausnahme, in der die Geliebte des Knigs neben ihm und seiner rechtmigen Gattin, der Mutter des Knigssohns, beigesetzt worden ist. Es geschieht sonst in keinem Fall, da nur die Favoritin, die den Erben des Reichs geboren hat, im Tode neben dem Sultan ruht, seine brigen Frauen bleiben rechtlos, sowie auch deren Kinder, so ausgiebig sie ihre Macht und ihren Einflu im Leben angewandt oder mibraucht haben mgen. Aber die Geschichte erzhlt, da der Knig diese junge Gefhrtin seines Alters zrtlich liebte, und als er aus einem Kriegszug heimkehrte, gelang es den Intrigen der Benachteiligten, Mitrauen gegen ihre Treue in sein Herz zu sen. Sie beschwor ihre Unschuld, aber die falschen Beweise berzeugten den Knig gegen seinen Glauben. Jedoch im Zwiespalt seiner Empfindungen mag er auf den Gedanken gekommen sein, ein Gericht Gottes ber Schuld und Unschuld der jungen Frau entscheiden zu lassen. Er fhrte sie auf die hohe Galerie seiner vollendeten Grabkirche, ber deren niedriges Steingelnder hinab dem Blick das Gefge der groen Steinquadern des Bodens klein, wie die Musterung eines Schachbretts, erscheint, und befahl ihr, hinabzuspringen. Die Luft verfing sich whrend des Falls in ihren weiten Gewndern, und sie langte unversehrt in der Tiefe an, grte hinauf zu ihrem Herrn, der ihr mitraut hatte, und ttete sich mit einem kleinen Dolch, der noch heute in der Gegend ihres Herzens hockt. Das Volk nennt sie die Fremde, ihr Grabstein wird mit heimlicher Scheu erwhnt, es mag dies seinen Grund darin haben, da ihr freiwilliger Tod nach erwiesenem Recht dem Geist der orientalischen Weltbetrachtung wunderbar und unerklrlich erscheint. Der Knig fiel in Schwermut, und der Gram seiner Reue soll oft in groe Grausamkeit umgeschlagen sein, seine Rachsucht ist furchtbar gewesen und erst durch den Tod gestillt worden, man erzhlt, da er seit jenem Tage, nachdem die Verleumder eines grlichen Todes gestorben waren, allmorgendlich die Schrfe seines krummen Sbels im nackten Rcken des Sklaven prfte, der ihm die Steigbgel seines Pferdes hielt. Sein Bildnis, das Hndler der Stadt in kunstvollen bunten Kopien aus Wasserfarbe feilbieten, zeigt ihn auf einem hohen Samtkissen hockend, das Schwert ber den Knien und den Blick unter dem roten, mit Edelsteinen geschmckten Turban starr und erkaltet in die Weite gerichtet. Seltsam genug meldet die Kunde von ihm, da er, obgleich er niemals in Berhrung mit seinem Volke gekommen ist und sein Anblick Entsetzen verbreitete, auch kein Mdchen seines Landes vor ihm sicher war, doch zugleich geliebt worden sei, wie kein anderer Frst vor oder nach ihm. Seine Krieger sollen fr ihn in den Tod gegangen sein, als sprche die Sterbenspflicht unter seinem Willen ihre Seelen fr alle Ewigkeit frei, und seine Widersacher verfielen der Volkswut. Es ist dies ein neuer Beweis dafr, wie wenig die Volkstmlichkeit eines regierenden Frsten mit seinen guten Eigenschaften zu tun hat, und da kein Irrtum grer ist als der, da die Liebe der Untertanen und die Nahbarkeit des Herrschers Hand in Hand gehen. Als ich Bitschapur sah, lag die Stadt voll Toter. Wir kamen in der Morgenfrhe auf Pferden an, ohne Kunde davon erhalten zu haben, da die Pest in so furchtbarer Weise in der Stadt wtete. Als wir nahe vor den Toren waren, wies mein Begleiter auf die Hgel im Umkreis der Stadt, die mit Zelten bedeckt waren, und riet zur Umkehr, aber es bot sich uns keine Mglichkeit dazu, da es uns an Wasser und Nahrung gebrach. Die Lager auf den Hhen unterrichteten uns darber, da die Bewohner aus der Stadt geflchtet waren, und so fanden wir nur Tote im Bereich der herrlichen Ruinen. Die Pferde zitterten, als uns der erste, widerlich se Hauch der Verwesung entgegenschlug, und Wolken von Aasgeiern erhoben sich trge mit hlichem Geschrei bei jeder Straenbiegung. Die Leichen lagen in den offenen Tren und auf den Gassen, aus leeren Augenhhlen und geschwrzten Angesichtern starrte der Tod uns an, und die Hufe unserer Tiere verwickelten sich in den faulenden Schluchen der menschlichen Eingeweide, die die Geier weit ber die Wege gezerrt hatten. Die unbarmherzige Sonne spiegelte im Marmor, ihren stillen Liebeszorn bewegte kein Lufthauch, ein paar vergessene Ziegen irrten durch die furchtbare Todesde und den gigantischen Prunk der Vergangenheit. Es war eine Hungersnot vorangegangen. Heute noch sehe ich die mageren, dunkeln Menschenkrper, geschwrzt vom Gift der Verwesung, gegen weie Mauern gelehnt, ber Steintreppen geworfen, oder am rtlichen Boden. Zwei Kinder, die einander umschlungen hielten, schienen am Rand eines Tempelteichs eingeschlafen zu sein, die Lage ihrer zrtlichen Gestalten verriet weder Angst noch Schmerzen, aber die Augen fehlten, und in geschftigem, frohem Eifer bohrte ein grauer Geier seinen Schnabel unter die Stirnen, so da die Kpfchen schaukelten. Als ich mich nherte, hob der Vogel den kahlen Kopf mit dem harten Schnabel, und seine gelben Augen sahen mich ruberisch an, als ob er Verwunderung darber empfnde, da ein aufrechter, lebender Mensch sein Totenreich betrat. * * * * * Als die Sonne ins Meer gesunken und ihr letztes Licht wie in violettem, feuchtem Qualm ber dem fernen Wasser zergangen war, brannte Panja ein kleines Feuer auf der Berghhe unter unserem Felsen an, der uns nach zwei Seiten hin schtzte. Wir muten mit dem Brennmaterial sparsam umgehen, Panja hatte es zum guten Teil unterwegs sammeln und bis zu unserer hohen Lagersttte schleppen mssen. Die Nacht war totenstill, die ganze Welt schien erstorben, nur ein paar groe Nachtschmetterlinge besuchten mein Feuer, und ihr Surren zitterte in der Luft, bis Panjas Schnarchen sie fllte. Aus weiter Ferne unterschied ich Hynenstimmen und schwaches Bellen der Schakale. Der Sternschein tauchte in blassem Dunst der Tiefe glanzlos unter, aber ber den Bergkuppen und -zacken funkelte das Licht hart und zornig, wie im gttlichen Rausch seiner unirdischen Freiheit. Der schmale Mond war erst gegen Mitternacht zu erwarten. Ich schlief nur ganz kurze Zeit, um den Aufgang der Sonne nicht zu verpassen, und die Stunden eines einsamen Wachens auf der Hhe, in der blauen silbernen Tropennacht sind mein unvergngliches Eigentum geblieben, ein feierliches Kleid der Erinnerung, das meine Seele niemals ablegen wird. Es ist ihr bannender Zaubermantel gegen die Bedrngnisse des kleinen Alltags geworden, das Leben und der Tod wiegen ihr in solcher Hlle leicht, und der Gedanke an das Unendliche rckt nahe, wie sich das Bild im spiegelnden Wasser dem Knienden nhert. Ich verga in jener Nacht, da die Erde bewohnt ist, und ich begriff, da wir Menschen unseres Jahrhunderts unser ganzes Wesen zu sehr darauf eingestellt haben. Unsere Beziehung zur Natur ist oft nur durch eine Flucht vor den Menschen und aus unseren Lebensverhltnissen mglich, und so erscheint uns das nur fr kurz gegnnt, was uns von Anfang an zum Eigentum bestimmt war. Der Satan der neuen Welt entschdigt uns berreichlich fr die Verluste unserer alten Rechte, und doch werden wir am Ende die Betrogenen sein, denn der beste Teil entgeht uns, jener Anteil, der die Gelassenheit der Besinnung mit sich bringt, die Ruhe des guten Gedankens und den Frieden der Erkenntnis unserer selbst. Neuntes Kapitel Die Herrschaft des Tiers Unendliche Mattigkeit lagerte in der Luft. Wir waren nun den zweiten Morgen unterwegs, um Mangalore zu erreichen, und die Auslufer der Dschungelwaldungen deckten uns zu, zwischen ungeheuren Felsschluchten. Der Abstieg von den Bergen zur Kste ging langsam vonstatten, da wir unmglich lnger als die Stunde vor Sonnenaufgang und zwei oder drei nachher marschieren konnten. Bisweilen unternahmen wir noch kleine Strecken am Abend, aber es wurde wenig vom Wege zurckgelegt, da die anstrengenden und umstndlichen Vorbereitungen fr unser Nachtlager die khlere Stunde vor Aufgang der Nacht beanspruchten. Eine schmerzende Rastlosigkeit und ein dumpfer Druck in meiner Brust machten mir die Weiterreise fast unmglich. Ich glaubte, nicht atmen zu knnen, und mir war, als zersprengte mein Blut seine Gefe wie grender Wein. Mich befiel ein Taumel, dem kein Rausch zu vergleichen ist, und ich begriff nicht, da ich monatelang in diesem kochenden Dunst hatte leben knnen, wobei ich allerdings nicht bedachte, da das Jahr vorgeschritten war und die heie Zeit ihren Hhepunkt erreicht hatte. Die bsen Erinnerungen an mein berstandenes Fieber berfielen mich wie Raubtiere; ich frchtete sie mehr als die hungrigen Bestien, die nicht von unserer Fhrte wichen, und als die Giftschlangen, deren Bi in dieser Zeit am gefhrlichsten ist und fast unmittelbar tdlich wirkt. Der ganze Urwald schien von diesem Gift erfllt, und die Ermattung seiner Geschpfe teilte sich dem Krper mit, bis tief in die Kammern des Herzens. Mehr als einmal verlangte ich gebieterisch, da der Rckweg in die Berge angetreten wrde, aber Panja und Pascha, die kaum noch widersprachen, taten in stoischer Gelassenheit, was sie fr richtig hielten und was es unter den drohenden Ereignissen der Natur auch einzig gewesen sein mag. Ich verlor den Sinn fr die Pracht der Gegenden, durch die wir kamen; die einzige Hoffnung, die mich aufrecht erhielt, war der Gedanke an das Meer, und oft flehte ich, der tdlichen Gefahr zum Trotz, in heimlicher Gemeinschaft mit den schmachtenden Geschpfen der Natur, den Himmel um Regen an. Es kam hinzu, da ich die sichere Orientierung auf der Karte vllig verloren hatte, ich wute mit Bestimmtheit kaum mehr als die Himmelsrichtung und mute mich ganz auf Panja verlassen, dessen Urteil mir um so leichtfertiger erschien, je mehr er mich mit falschen Aussichten vertrstete. Auch muten wir oft die Richtung wechseln, da wir uns unberwindbaren Hindernissen gegenbersahen, so da sich die in der Tat zurckgelegte Wegstrecke auf unser ungewisses Ziel zu oft kaum bestimmen lie. Bald fehlte es uns an Nahrung, bald an Wasser, und nur Panjas Kenntnissen der vielerlei Frchte des Waldes ist es zu danken, da wir nicht in bittere Not gerieten. Zuweilen fand ich trotz des schmerzenden Hungers nicht den Aufwand von Energie, mit der Bchse Umschau zu halten, und oft waren die Milch einer Kokosnu oder eine Ananas meine einzige Nahrung fr einen Tag. Aus der Reihe der Entbehrungen und Leiden dieser Tage ist mir ein Eindruck geblieben, der sich tief in meine Seele gegraben hat, und dem ich den letzten Aufschwung meiner Kraft verdankte. Wir kamen an einem Frhmorgen, bevor die Sonne aufgegangen war, in die schmale Felseinmndung zu einer Schlucht, die sich bald gro und weit vor unseren Augen ffnete. Es herrschte noch jenes seltsame und ergreifende Zwielicht von Mondschein und hereinbrechendem Morgenlicht, das ich nur in den Tropen in diesem magischen Glanz eines Kampfes um die Herrschaft angetroffen habe. In den Lndern des Abendlandes scheint die Nacht dem Tage auszuweichen, ihre Gestirne verblassen gelinde, lange bevor die Sonne am Horizont sichtbar wird, und der schchterne Morgenmond, der noch bisweilen zu sehen ist, wirkt wie eine verlschende Erinnerung an die Nacht. Aber in Indien sind die Lichter der Nacht mit dem Glanz des hereinbrechenden Tages in einen leidenschaftlichen Kampf verstrickt, der seine Zwiesplte der Seele um so eindringlicher mitteilt, je mehr die Stille der Lichtwelten ihre Gewalt und Beharrlichkeit behauptet. Die ersten Tierstimmen erwachten um uns her, aber nichts regte sich. Wir waren tief im Grnen und krochen und sprangen abwrts in weiten Abstnden voneinander, von Fels zu Fels, ber gestrzte Baumstmme und sumpfige Lcher, in denen die berreste eines Gebirgsbachs faulten. Nach einer Weile ffneten sich Bambuswnde, und ich gewann fr kurze Zeit einen freien Blick ber die ungeheure Schlucht. Zur Rechten und zur Linken erhoben sich gelbliche Felswnde, beinahe senkrecht abfallend und fast ohne Vegetation. Sie liefen in der Ferne auseinander und lieen einen Blick in die dampfende, grauschimmernde Weite zu. Der Dschungel erschien wie eine dicke, grne Decke im Winkel eines riesenhaften Gemachs mit braunen Wnden, und der Morgenhimmel darber war von glserner Klarheit. Die westliche der beiden steilen Felswnde war bis zur Hlfte wie mit dunkelroter Farbe bemalt, gegenber flimmerte das Mondlicht im Grnen. Ich stand, von diesem Bild gebannt, in Betrachtung versunken da. Zugleich mit der Hoffnung, da nun der schwierigste Teil unserer Reise berwunden sein mchte, glaubte ich die Wohltat eines leisen, khleren Windes zu verspren, und meine Augen glitten entzckt ber die goldene Glutbahn des Morgenlichts an der Felswand dahin. Auf halber Hhe dieser Wand, etwa dort, wo sie der Sonnenschein teilte, lief eine ausgehhlte Bahn wagerecht durch das Gestein, die man wohl fr eine alte Meergrenze htte halten knnen. Sie wirkte wie ein berdachter Weg und mag auch zum groen Teil gangbar gewesen sein, fhrte an halbkuppelartigen Hhlen vorber und gewhrte vereinzelten Zwergpalmen und Alostauden Halt. Vor der grten dieser Hhlen war ein kleines Felsplateau, nicht grer als etwa der Raum, den ein alter Lindenbaum in der Mittagssonne zu beschatten vermag, und am Rand dieser Felsplatte in der Sonne lag etwas. Ich erinnere mich deutlich, da, noch bevor der Eindruck, der meine Augen fesselte, mir irgend zum Bewutsein gedrungen war, noch ehe ich darber sann, was dies gelbliche ruhige Etwas sein mchte, ein Unterbewutsein, wie eine ahnungsvolle Ehrfurcht mich bannte. Aber dann wute ich es jhlings, wie durch einen lauten Zuruf aufgeklrt, und auch ohne da ich noch Figur und Zeichnung recht unterschied: der Tiger. Es ist das einzige Mal gewesen, da ich in Indien einen Tiger in der Freiheit erblickt habe. Ich lehnte mich an den Stamm eines Baumes, schlo die Augen und ffnete sie wieder und sah hinauf wie einer, der sich von seinen Blicken betrogen glaubt. Niemals werde ich die hellbraunen Felswnde vergessen, das Morgenlicht in der Steinkuppel und vor ihr, wie auf einem Marmorsockel als Thron, im Schutze des steinernen Baldachins, die ruhende Sphinxfigur des Tigers. Die Entfernung und die Hhe der Felswnde lieen ihn mir klein erscheinen, aber ich unterschied die Zeichnung des Fells deutlich und sah die Pranken nebeneinander ruhen unter dem schrecklichen Haupt, das unbeweglich, wie gemeielt, die geschmeidige Linie des Rckens und des breiten Nackens vollendete und dessen Augen in die Weite gerichtet schienen. Eine Majestt ohnegleichen ging von diesem glhenden Monument der Natur aus. Es ergriff mich eine Traurigkeit, die ich niemals ganz werde begreifen lernen, aber ich wei, da meine Hnde sich ballten und zitterten. Damals erfate ich zum ersten Male die Schnheit und Gre der gyptischen Sphinx, dieses gewaltigsten Steinmonuments, das der Geist und die Erkenntnis des Menschen jemals im Licht des Anspruchs und der Ehrfurcht erschaffen haben. Die Begriffe der Gottheit, der Natur und des Menschseins sind in ihren vielfachen Widersprchen in dieser Gestalt zu einem Kunstwerk vereint, welches das Unerbittliche lieblich mit der Hoffnung verbindet, die Herrschsucht mit der Anmut, die Gefahr mit der Lust und die Gottheit mit dem Spiel. Und keineswegs einzig durch den Abstand, welcher uns von diesem Bildwerk scheidet, sondern an sich und fr alle Zeiten der Vergangenheit und Zukunft stellt die Sphinx das gewaltige Denkmal der Historie dar, jener Historie, die ber der Gewiheit einer grozgigen Entwicklung jede Erinnerung an Einzelheiten und Geschehnisse zu verschmhen scheint und nur in erhabenen Merksteinen die Jahrtausende mit, welche das Menschenherz im unvernderbaren Pulsschlag durchpocht. Der Anblick dieser groen ruhenden Katze in der Sonne, hoch in der Felsenfreiheit, ber dem unruhig grenden Bett der vielerlei kleinen Geschpfe und Pflanzen des Dschungels, trug meinen Geist ber die Geschicke der Zeiten fort, zurck bis an jenen ltesten Stein der Menschheitserinnerung. So erschien mir das herrliche Tier in seiner Vereinsamung, wie ein spter Nachkomme einer versunkenen Zeit, schon im schwermtigen Schatten des Abschieds seines starken Geschlechts von der Erde der Menschen, denen es mit vielen, lngst vergessenen Wesen hat weichen mssen. Aber hier war noch das Reich seiner Herrschaft. In der Morgensonne funkelte sein steinerner Thron, und den erwachenden Urwald, tief unter dieser kniglichen Ruhe, schreckten die Schauer vor solcher Majestt. Arm, mde und machtlos schlichen ein paar Menschlein unten durch das schtzende Grn, und unter ihnen ich, geduldet und eingeschchtert durch die Herrschaft des Tiers. * * * * * Als ich am Abend im Zelt einzuschlafen versuchte, entdeckte ich zwischen den Bumen hindurch an den Himmelslcken einen rtlichen Schein, der nicht von unserem Feuer kommen konnte. Ich trat hinaus und prfte die Weite umher, so gut es mir gelang. Der Mond ging erst gegen Morgen auf; ich sah, da der ganze Himmel glutete, und weckte Panja. Die Steppen brennen, sagte er, nachdem er sich umgesehen hatte, und sog die Luft durch die Nase ein, aber die windlose Nacht trug keinen Brandgeruch bis zu uns. Die Berge brennen, wiederholte er schlaftrunken, tausend Tiere sterben, darunter die schdlichen. Die Bergmalabaren znden die Reste an, die die Sonne zurckgelassen hat; oft entstehen die Feuer auch, ohne da jemand wei, wer sie angelegt hat. Der Glutschein nahm zu und verbreitete eine erregende, matte Helligkeit im nchtlichen Wald, die Stimmen der Tiere schienen vereinzelter und gedmpfter zu klingen, wie in Ehrfurcht vor dem drauen herrschenden Element. Es heult nicht, das Feuer, sagte Panja und lauschte, ruhig schleicht es ber die Hhen. Er legte sich wieder zur Ruhe nieder, es drohte uns keine Gefahr, aber mich floh der Schlaf, den ich eben noch ohne Glauben gesucht hatte. Ich sah im Geist die roten, wehenden Feuerfahnen ber die endlosen graugrnen Hgelweiten flattern in der blauen Nacht, und mir war, als hrte ich die Stimmen des fliehenden und ereilten Getiers, das im Streit um den Besitz der Berge, dem Menschen auf der Walstatt eines unaufhrlichen Kampfes erlag. Gegen Morgen wrde der Mond durch den Rauch scheinen, bis langsam die Sonne die goldenen Kmme der Berge in ihrer Ruhe ber dem bewegten Bild entzndete; dort oben war es still, die ewigen Kriege waren dort lngst verrauscht. In der Schlucht rief ein Uhu, immer lange, wie aus tiefer Brust hervorgehauchte Tne, in weiten Abstnden voneinander, bald wie in dumpfer Daseinsangst, bald wie in Liebesqual. Als der rote Schein zunahm, verstummte er, die Felsschlucht schwieg, die dunklen Wnde im rtlichen Nebel vereinsamten aufs neue, und die verlassene Nacht zog weiter, im glhenden Schleier. Es war eine lautlose Unruhe in der trgen ppigkeit des verblhten Waldes und die Geister der Vermoderten kamen aus der Vergangenheit hinber in die Bereiche meiner Erinnerung und begannen zu mir zu reden. berall umher lagen berwache Sinne in Krankheit, aus Lchern, Hhlen und grnen Schlnden starrten die Masken unersttlicher Gier und gereizter Ermattung einander an, im steilen Bambus schlief der Wind, hingesunken wie ein von giftigen Gasen zum Taumeln gebrachter Falter. Die Ungeduld des Erdbodens, an der widrigen Grenze slicher Ersticktheit, teilte sich dem Blut der Wesen mit, aber nichts half mehr, kein Geschrei und keine Klage, kein Trost und keine Wut. Nur im Wasser oder im Feuer war Errettung zu finden. Hatte nicht Panja eben noch gesagt, die Steppen entzndeten sich selbst? Es klagte matt in der belebten Stille, ein Vogel, ein Waldtier oder ein sinkender Baum, der sich seufzend in das morastige Bett seiner Entstehung neigte. Ich lauschte auf die rchelnden Flstertne des Verfalls, in denen die Stimmen der Versunkenen meine willenlosen Gedanken in ihr vergessenes Bereich zurckfhrten. Der Geist des Fiebers schillerte mich bse, mit grnen Augen, aufs neue an, und ich fhlte mich vom Sterben umhllt und ihm unrettbar preisgegeben. Ich empfand in merkwrdig tauber Verwirrung der Verlassenheit, da ich das Sterben noch nicht gelernt hatte, mich verlangte inbrnstig nach Taten, nach Kampf und Anstrengungen, und meine hchste Angst bestand im Gedenken an dies laue, erstickende Welken des Bluts, wie es umher von mir gefordert wurde. War es, weil meine Augen am Tage die Hoheit des Dschungelherrschers gesehen hatten, da ich den Mut und die Kraft zum eigenen Lebensrecht nicht mehr aufzubringen vermochte? Die Bedrngnisse, in denen sich die Natur befand und die sich meinem Gemt von Stunde zu Stunde eindringlicher und berwindender mitteilten, ja, denen ich vllig zu erliegen drohte, weckten im Grunde meiner Gedanken ein bohrendes Bewutsein von Schuld. Welcher Empfindende und Verstehende suchte in aller Not nicht zuerst die Schuld in der eigenen Brust? Die Erkennenden sind verantwortlich, sie sind es, welche in Wahrheit Opfer bringen und welche die Shne tragen, im Kleinen wie im Groen. Hatte ich die Trauer und Gre der alten Herrschergewalt dieses Landes nicht erschauernd erblickt und ehrfrchtig auf meine Art erkannt, wie ein verchtlicher Eindringling, und im Herzen schuldig aus Hochmut? Wenn ich die Augen schlo, so war mir, als drnge durch die Erschlaffung der verschmachtenden Welt ein Pesthauch von jener Sttte zu mir hinber, an der ich zwischen den blulichen Stachelarmen der Alon den gelben Leib des toten Panthers gesehen hatte, dann wieder tauchte die beschienene, steinerne Kuppel vor meinem Geiste auf, die als ein goldstrahlender Baldachin den Thron des Tieres schtzte. Der Tiger war berufen, in diesen Bereichen zu herrschen, ihn vergifteten die Dnste des Dschungels nicht, der Brand der Tropensonne wurde seinem zhen Leib mit den eisernen Strngen der Sehnen zur Wohltat, er durchschwamm die reienden Strme zu seiner Erfrischung, wie im Spiel, und durchschweifte die Steppe tagelang, ohne Gefhrdung und ohne Bedrngnisse. Wie in den zugleich bedrckenden und bengstigenden Sinnesschwankungen des nahenden Fiebers, die sowohl Verwirrungen als auch die bernatrlichen Klarheiten der Vision mit sich bringen, war mir, als knnte unmglich jene Grenze gar zu weit zurckliegen, an welcher der Wechsel der Herrschaft von Tier und Mensch ber die Erde stattgefunden haben sollte. Als habe sich meinen eingeschchterten Sinnen erwiesen, wie tricht der Menschenhochmut, in der leichtfertigen Sicherheit seiner zerbrechlichen Stdte, sein Machtbereich und seine Herrschaft berschtzt. Und mir war aufs neue, als trte der Geist dieses Landes und seiner alten Vlker zu mir und berredete mein Herz. Ich begriff eine Lehre, die das Tier ehrt, anbetet und niemals ttet, deren religises Bewutsein und Bekenntnis eine tiefe Beziehung zum Wesen des Tiers ahnen lt, und die die tatlose Geduld, die ehrfrchtige Erwartung und das heilige Harren in demtiger Ergebenheit preist. Wie vorzeiten in einer unvergelichen Traumnacht ein Affe im Triumph seiner berwundenen Gefangenschaft zu mir gesprochen hatte. Wie aber die ungewisse Neigung zur Ehrfurcht Angst und noch keine Beruhigung erzeugt, deren Friede erst mit der eingetretenen Erkenntnis hereinbricht, so erschien es mir in heimlichem Erzittern zu dieser Stunde, als sei die Herrschaft des Tiers auf der Erde nicht berwunden, sondern als bestnde sie noch, wenn auch verborgen und beengt, so doch in ihrer ursprnglichen Gewalt und Finsternis. Mit den ermdeten Zgen Hucs, des Affen, der mir zu Beginn meiner leichtfertigen Fahrt in die berblhten Ruinen des alten Gottreichs erschienen war, trat aufs neue der Geist dieser versunkenen Zeit vor mich hin, und seine grauen Augen sahen mich an: Noch herrscht das Tier, hier, um dich her, im Rahmen der ihm zugehrigen Natur, in die der Mensch nicht weiter eingedrungen ist, als ein Borkenkfer in einen Baum, dort verborgen in der aufrechten Gestalt, unter der weien Haut, hinter der klugen Stirn und den schnen Augen. Vollzieht sich die Wandlung unter dieser Hlle nicht immer noch rasch und leicht? Nicht allein auf Schlachtfeldern und im Getmmel der entflammten Haufen, auch in stillen Kammern oder auf offenen Mrkten, unter den Marterpfhlen der Heiligen, oder im Schmeicheln der sesten Rede? Noch herrscht das Tier. Die Weisen der Erde erzittern auf ihrem Weltpfade unter dem Gebrll, das um sie her erklingt, wenn sie eilend, gerafften Kleids, mit verwundeter Hoffnung ihre Zeit durchmessen. Mit feurigen Schritten schlich die Nacht trge dahin, der Himmelsschein der brennenden Steppen erlosch allmhlich, aber es war, als habe er eine vermehrte Hitze zurckgelassen, immer noch war kein Hauch des nahenden Morgens zu verspren. Vergebens forschte ich am Himmel nach dem Morgenstern, und mit den dsteren Wetterwolken, die wie bse Ahnungen im glhenden All herandrngten, begann neben mir monoton die Stimme meiner Angst aufs neue: Das Tier herrscht. Wenn der Morgen sich ankndigt, so wird dein Blut erloschen sein, du sollst in diesem schwlen, grnen Mantel ersticken. Meine Qual entstand nicht durch den Gedanken an den Tod meines Leibes, sondern durch diese dstere Ahnung von der Herrschaft des Tiers und durch die Hoffnungslosigkeit, in der ich, am Rande des Wahnsinns, nach einem Ausweg suchte, nach einer erlsenden Gewiheit, nach dem Licht der Zukunft. Wie der Zweifelnde das Leben seiner Geliebten argwhnisch nach Beweisen ihrer Schuld durchforscht, gegen seinen besseren Willen, ja, fast gegen sein Gewissen, so durchforschte mein Geist in diesen Nachtstunden die Geschichte der Erde nach den Merkmalen des Tiers, und aufs neue tauchte das Bildwerk der Sphinx vor meinen geistigen Augen empor. Es verschmolz mir in der alten Erinnerung des Menschenwesens und in der Erinnerung meiner eigenen zeitlichen Erlebnisse mit der Erscheinung des ruhenden Tigers an der Felsenwand. Es war, als habe diese Erscheinung, von der meine Augen am vergangenen Tage betroffen worden waren, im mystischen Zusammenhang mit der alten Menschenfurcht und -ehrfurcht, einen erklrenden Lichtschein auch in meine Erkenntniswelt geworfen, und in jener Nacht htten keine menschliche Weisheit und keine berzeugungskraft mich vom Wege meiner Gedanken abzubringen vermocht. In ihm, jenem alten Volke der gypter, mute das Bewutsein klar gelebt haben, da die Herrschaft des Tiers nicht berwunden war, sie erschufen in unfabarer organischer Einheit den Katzenleib mit dem Menschenkopf und den Menschenleib mit dem Lwenhaupt. Sie erhoben diese Standbilder zu Gottheiten, verehrten sie in ihnen und erkannten sich selbst darin. Whrend meine Gedanken nach Sicherheit suchten, nach dem entscheidenden Gegenwert, nach der Verkndigung der Wahrheit, da das Tier dennoch berwunden sei, schritt auch Johannes an mir vorber, der den gttlich-weisen Heiligen von Golgatha am lautersten geliebt hatte. Auch ihn, den, wie keinen, die menschliche Hoheit und der gttliche Triumph seines Meisters durchdrungen hatten, schreckte in den verzckten Ahnungen eines knftigen Reichs des Menschensohns, das Tier. In seinen letzten Visionen, in denen Furcht und Hoffnung das liebende Gemt im zerrtteten Leib zerrissen, erschien ihm das Tier: Und ich trat an den Sand des Meers und sah ein Tier aus dem Wasser steigen, das hatte sieben Hupter und zehn Hrner und auf seinen Hrnern zehn Kronen und auf seinen Huptern Namen der Lsterung. Und ich sah seiner Hupter eines, als wre es tdlich wund, aber seine tdliche Wunde ward heil, und der ganze Erdboden verwunderte sich des Tiers. Und sie beteten das Tier an und sprachen: 'Wer ist dem Tiere gleich? Wer kann mit ihm Krieg fhren?!' Und ihm ward gegeben, zu streiten mit den Heiligen und sie zu berwinden, und ihm ward Macht ber alle Geschlechter gegeben.-- Die brodelnde Finsternis des heien Urwalds umdunkelte meine berwachen Sinne, wie im Taumel einer nahenden Ohnmacht, und meine armen Gedanken huschten wie blasse Irrlichter darber hin. Damals war mir der Gedanke an meinen nahen Tod zur Gewiheit geworden, und ich wei zuversichtlich, da ich seinem Schatten niemals nher war. Eine unbeschreibliche Sehnsucht nach dem Morgen wachte, wie eine letzte Hoffnung, unverstanden und von dsterer Traurigkeit bedrckt, in meinem Herzen, das erstickend in Finsternis und Erdschwle nach Erlsung rief. Ich mu kurz nach diesen letzten Erinnerungen in Schlaf gesunken sein, ber mir den qualmenden Rachen des Tiers. Aber der Traum, mit welchem ich im Morgenlicht erwachte, war leicht und lieblich, als belohnte ein gndiger Geist die Bedrngnis meiner Gedanken mit einer frohen Zusicherung. Es ergeht uns Irdischen oft so, da sich der Wechsel und Ausgleich von Finsternis zum Licht mit dem Wechsel von Schlafen und Wachen vollzieht, oder bisweilen wohl auch umgekehrt, als lge die Absicht, zu schlichten und zu besnftigen, im natrlichen Wandel unserer Zustnde. So mag es sich erklren, da ein heiter verbrachter Tag sich in dsteren Traumbildern spiegelt, oder da die Angesichter der Toten zuweilen nach furchtbaren Qualen des Sterbens einen unnennbaren Frieden in ihren Zgen tragen. Ich erinnere mich keines Traums, der meinem Gemt eine grere Helligkeit gebracht htte, und keine Wohltat ist jener Ruhe zu vergleichen, die mir in den Lsungen geschah, die sich wie gndige Offenbarungen an die Pein meiner Angst und meines Zweifels im Schlafe anschlossen. Erkenntnisse, welche uns durch Trume vermittelt werden, haben eine seltsame Unschuld der Erfahrung, es erscheint oft, als schlssen sie alle jene Irrtmer aus, die das bereitwillige Denkvermgen des wachen Gehirns so leicht begeht, in seiner Hoffnung, es mchte aus dem Vielerlei ein Viel entstehen, und aus dem Mancherlei ein Besonderes. Das Grbeln ist der Feind des Denkens, denn die guten Gedanken kommen zu uns wie das Licht oder die Wrme, unversehens, wie ein Sonnenblick durch die Schleier der Wolken, oder wie eine Knospe an ihrem Strauch im Frhlingsregen aufbricht. So mag der Schlaf ein ttiger Freund des Denkens sein, und das oft scherzhaft gebrauchte Wort, da der Herr es den Seinen im Schlafe gibt, hat ebensowohl einen tiefen Sinn, wie das uralte Verlangen der Menschen, Trume auf rechte Art deuten zu lernen. In einem hellen Zug, der auf dunklem Erdgrund allein und deutlich von einem klaren Himmelsstrahl beschienen wurde, zogen die Heiligen der Geschichte, die das Tier berwunden haben, im Traum an mir vorber. Die Reihe rckte aus unergrndbarer Welttiefe, die ganz in Finsternis gebettet war, so hell heran, als flsse ein weier Bach in der Nacht ber schwarzen Erdgrund. Und jedesmal mit dem Augenblick, in welchem eine Gestalt deutlich erkennbar wurde, zerflo sie in das groe Wort ihres wichtigsten Bekenntnisses. Mit dem Erklingen dieses Worts aber, das sich wie ein Lichtschein in meine Sinne ergo, versanken das Angesicht und der Name seines Trgers, aber es erschien mir, als lge es so im Willen der Heiligen. Im Halbdmmern, das in ihrer Nhe herrschte, erkannte ich undeutlich in ihrer Begleitschaft die gewaltigen Umrisse gefesselter Tiere. Ich erblickte darunter einen Drachen, hundertfach verschlungen und in dunklen, glhenden Farben von groer Pracht, das Lwenhaupt der Sechmet, ber den lieblichen Mdchenschultern, tauchte empor und erlosch, die heilige Schlange, gekrnt, mit geblhtem Hals unter dem Gift des Rachens, und das weie Rind. Unter den Heiligen kam auch aufs neue jener seltsamste Prophet zu mir, den die Religionen der Vlker kennen, und dessen Worte ber die Macht des Tiers mir noch kurz zuvor durch den Sinn gegangen waren, aber seine Erscheinung hatte die Gebrde des heimgesuchten Mrtyrers seiner Angst verloren. Er war der Letzte; mit ihm und dem Wort seiner Gottheit erlosch der strahlende Zug: Ich bin der Erste und der Letzte. Ich bin der Ursprung des erwhlten Geschlechts, ein heller Morgenstern. Zehntes Kapitel Sumpftyrannen Es wrde schwer halten, mit Sicherheit ber den Zeitraum zu berichten, der zwischen den inneren Erlebnissen dieser Nacht lag, in welcher ich dem Tier begegnete, und der Morgenstunde, in welcher bald nachher Panjas helle jubelnde Stimme mir aus dem Buschwerk entgegendrang. Beim Klang seiner lauten Worte berkam mich nach seinen vielerlei Vertrstungen zum erstenmal die ganze Zuversicht unserer Befreiung. Ich verstand anfnglich immer nur ein Wort, und da er es im Rufen mehr sang als sprach, so unterschied ich den Sinn nicht, bis er lachend vor mir stand und zitternd vor Freude erklrte, sie seien bis an die Ufer des Kumardary vorgedrungen, des groen Stroms von Sd-Kanara, dessen Wasser aus den Bergen von Kurg und Maisur zusammenstrmen und der bei Uppanangadi in den Netrawati einmndet, an dessen Ausflu in das Meer Mangalore liegt, die Stadt, die unser Ziel war. Der Flu hat noch Wasser genug fr die grten Kanus, rief Panja glcklich, wenn wir Boote aufgetrieben haben, so brauchst du keinen Schritt mehr zu machen, bis die Palmen von Mangalore dich beschatten, und der Regen mag kommen. Der Flu trgt uns schnell hinab. Seine frohe Gewiheit teilte sich mir anfnglich mit. Nach seinen Schilderungen nherten wir uns dem rechten Ufer des Flusses, in einem Abstieg genau von Norden nach Sden, hatten sein Bett also im Laufe der zurckliegenden Wochen bereits einmal berschritten, wahrscheinlich in den heien Tagen des glcklichen Wanderlebens vor meinem Fieber. Eine merkwrdige Ernchterung berkam mich pltzlich, sie stellte sich in Gemeinschaft mit einer neuen Lebenskraft ein, aber zugleich mit einer tiefen Verstimmung. Eine vernderte Wirklichkeit rckte heran, mit den grauen Bildern der gewohnten Lebensweise, und die tiefere Wirklichkeit des Traums wurde darber schadhaft und unwahr. Ach, gewilich wrde ich die Erlebnisse der zurckliegenden Zeit niemals vergessen, aber irgend etwas an ihnen schien mir pltzlich seine Inbrunst einben zu mssen; was einst dem Ernst meiner Seele heilig war, das wrde nun im Schein eines feinen Lchelns zurckbleiben. Gewi, jener schne Zustand der Vergangenheit war einmal gro und wichtig gewesen, aber es war nun nicht mehr der einzige, denn die neue Welt wrde aufs neue meine Hingabe, wiederum meinen Ernst und meine Andacht einfordern. Damals war es, als ich mir vornahm, niemals ber die groe Welt meines Erlebens zu schreiben oder zu erzhlen, sondern mich bei beiden an die ueren Ereignisse zu halten. Ich wandte mich um und sah hinter mich, als knnten meine Augen noch einmal alles bersehen, was mich bedrngt und erhoben hatte. Aber nur die undurchdringlichen grnen Wnde, deren Palmengefieder in der Sonne glitzerte, boten sich meinen Augen, keine Spur unserer Fe war mehr kenntlich, ich war vergessen in dem Bereich, das ich flchtig durchmessen, nur in der Ahnung begriffen und im eingeschchterten Gemt geliebt hatte. Heute, nach Jahren, ber die weien Bltter gebeugt, die meine Gedanken, meine Freuden und die Bilder und Farben meiner Erinnerung tragen sollen, begreife ich jene Trauer besser. Damals schlug in meiner Brust die Stunde der Umkehr, damals fhlte ich, da ich htte bleiben sollen, denn es gibt keine Berhrungen und Umarmungen in der Welt, die an Glck denen der Natur zu vergleichen sind, welche unschuldig und grozgig bleiben, und in keinen wei sich die besondere Art unseres Lebensbewutseins geborgener. Auch mgen damals heimliche Erinnerungen an die Hast und Willkr des europischen Treibens in mir erwacht sein, die alles in Begleitschaft und zum Ziel haben, was immer Menschenaufgabe sein mag, Glck fhren sie nicht herbei. Der Zustand des Glcks ist nicht ohne die Ruhe zur Selbstbesinnung mglich, denn Selbstbetubung fhrt zur Verarmung. Und doch ergriff mich daneben der Taumel des Neuen, das mich erwartete, und ich wei deutlich, da mich damals schon eine Ahnung streifte, welcher Art meine Erlebnisse sein wrden. Lichtwelten und Strme der Geisteswelt knden sich begierigen Seelen so deutlich an, wie Gewitter oder Sonnentage sich in der Natur vor ihrem Herannahen zu offenbaren pflegen. Mir war damals fr einen Augenblick zumut, als she ich durch das Buschwerk der Dschungelwildnis nieder auf das Meer, erblickte den blulichen Rauch der Hindustadt ber dem unruhigen Beet der groen und kleinen, bald geneigten, bald kerzengeraden Palmen, und hier und dort das Schimmern einer weien Mauer. Ich sah eine braune, hlzerne Tempelpagode zackig aus dem Grn steigen und hinter ihr den blauen Streifen des Ozeans. So sah die Wohnung des alten Geistes in meiner Vorstellung aus, und mich verlangte nach keiner Begegnung inniger, als nach der mit einem der Shne dieses Geistes. Wohl war ich hier und dort auf meiner Reise mit Brahminen zusammengetroffen, aber niemals war ich einem nahe getreten, da die heute zugngigen unter diesen Leuten meist in Gewohnheit und Bildung von der Tradition ihres Geschlechts gelassen haben, sie sind nicht mehr Priester oder Gelehrte, sondern Hndler geworden. Mangalore aber, soviel wute ich gut, war ein alter und von der neuen Welt nur wenig berhrter Platz, eine der wenigen greren Meerstdte der Westkste, die weder von der Eisenbahn noch vom Dampfschiffverkehr berhrt werden und in denen, wie sonst nur tief im Lande, die Herrschaft der Priesterkaste noch groe Macht ausbte. Es kam hinzu, da sowohl die Jesuiten als auch die Protestanten dort Niederlassungen ihrer kirchlichen Einwirkung unterhielten, so da der Kampf der Geister belebt und heimlich in der Stadt wogte. * * * * * In solch geteiltem Zustand meines Empfindens durchma ich mit den braunen Gefhrten meinen letzten Tag im Urwald. Wir erreichten gegen Mittag ein kleines Dorf, das nah am Flu auf einem sanften Hgel lag, und auf das wir nur durch das Trompeten eines Elefanten aufmerksam wurden. Den Flu hatte ich den Tag ber noch nicht zu Gesicht bekommen, obgleich wir uns an seinem sumpfigen Ufer dahinbewegten, nur das Gurgeln und Schnattern von Wasservgeln verriet ihn und der morastige Dunst der Luft. Wir kamen bald auf einen ausgetretenen Pfad, der wie ein braunes Band in mancherlei Verschlingungen, tief in Schilfwnde eingebettet, dahinfhrte, und trafen dort nach langer Zeit einmal wieder einen Menschen an. Es war eine alte Frau, die an einem Stab einen Kupferkessel ber der Schulter trug, und die bis auf einen Lendenschurz nackt war. Ihre Augenbrauen waren mit Henna gefrbt, und sie trug ein dunkles Abzeichen auf die Stirn gemalt, das in der Form einer groen Spinne glich. Als ich ihr winkte, kam sie schchtern nher, eigentlich blieb sie eher stehen und lie nur zu, da ich an sie herantrat, dann hob sie die Arme und verneigte sich, ihre Gebrde schien anzudeuten, da sie sich zu jeder Dienstleistung bereit erklrte, aber im schlimmsten Fall auch zur Flucht. Panja schaute in ihren Topf. Pfui Teufel, sagte er wrdig, es hockt eine Krte darin. Er konnte sich nur schwer mit der Alten verstndigen, die kein Wort hindustani und nur sehr wenig kanaresisch verstand, aber wir erfuhren, da der Ort Schamaji hie, und da der Knig den weien Herren gndig gesinnt sei und zwei Elefanten bese, beide mnnlichen Geschlechts. Wei Gott, was das fr ein Knig ist, sagte Panja ohne Respekt und sah mich mit einer Grimasse an, die mindestens Fragwrdigkeit ausdrckte. Es gibt in Malabar und Sd-Kanara eine ganze Reihe kleiner Hinduknige, die sich aus ihren stdtischen Sitzen, langsam der Macht der Mohammedaner oder der Englnder weichend, in die Provinz zurckgezogen haben, um ganz ihrem Volke leben zu knnen, oder besser von ihrem Volke. Es geht ihnen mit ihrer Macht hnlich wie manchem angeblich verkannten Dichter mit seinem Genie, beide entwickeln sich in der Ausgeschlossenheit ins Ungeheuerliche, aber nur in den Augen ihrer wenig glcklichen Trger. Diese Despoten geistiger oder weltlicher Macht haben etwas ungemein Rhrendes, und es gehrt geradezu Hartherzigkeit dazu, sie ihrer Illusion zu berauben. Es verbirgt sich soviel Gutmtigkeit hinter der meisten Eitelkeit, da man lernen sollte, sie mit weniger Verachtung zu ertragen, denn der wahrhaft Bse ist selten eitel. Diese vereinsamten Gewaltigen ihrer verkannten Herrlichkeit sind oft durch einen unvermuteten fremden Glauben an ihre Bedeutung so heftig zu erschttern, da ihre Hoheit sich in bittere Anklage verwandelt, sobald sie einmal nicht bestritten wird. Trotz dieser Kenntnis beschlo ich, den Knig von Schamaji so ernst zu nehmen, als sei er der Maharadscha von Maisur; die kleinen Geschenke, die ich ihm htte zum Empfang senden knnen, wrden wahrscheinlich keinen groen Eindruck auf ihn gemacht haben, denn diese vergessenen Frsten sind oft noch vermgend genug, um sich mit allem erreichbaren Tand zu umgeben, den der Handel aus dem Westen einfhrt. Ich beschlo deshalb, zuerst seine Bekanntschaft zu machen, und schickte Pascha mit der Alten, um um eine Audienz einzukommen und um die Erlaubnis, mein Zelt bis zum Morgen in der Nhe seines Throns aufschlagen zu drfen. Pascha ging, ernst wie immer und ohne erkennen zu lassen, was er von meinem Vorhaben hielt, die Alte quietschte vergngt und schlo sich ihm an, in merkwrdigen Sprngen, die eher auf ihre Rstigkeit, als auf ihre Wrde schlieen lieen und die sicherlich ihre erbeutete Krte auf das unangenehmste berhrten. Panja dagegen erhob Einspruch: So darfst du keinen Knig behandeln, Sahib, sagte er nachdenklich und ohne Eifer. Er schien wirklich besorgt, und ich hatte alles andere erwartet, als er fortfuhr: Er wird sich auf seinen lahmen Elefanten hocken und auf dich herabsehen wie auf einen Bettler. Wenn du ihm aber erlaubt httest, dich zu sehen, so wrde er dir seinen Elefanten geschickt und sich zur Erde geworfen haben, wenn du in seine Residenz eingeritten wrst. Panja, ich will nicht, da der Knig mich sieht, sondern ich mchte ihn sehen, und zwar so, wie er gesehen sein will und wie er zu leben pflegt. Glaubst du, der gebeugte Nacken eines Menschen sei unterhaltsamer, als sein erhobenes Gesicht? Das ist der Kummer, sagte Panja, du hltst nichts auf deine Wrde. Du knntest wie ein Frst durch den Dschungel ziehen und kommst wie ein Wandermnch, der berall bitten mu. Es ist schwer, solchem Herrn dienen zu mssen. Dies wre nun wirklich einmal ein Knig fr uns gewesen. Bei anderen Knigen, die noch Macht und Reichtmer haben, wre dir ohnehin nichts anderes briggeblieben. Er hockte sich bekmmert auf einen Gepckballen und betrachtete die Ameisen, die ihn zu erobern suchten. Im Grunde dachte er gewi nicht so, und er wre leicht vom Gegenteil zu berzeugen gewesen, es lag ihm nur daran, mein Ansehen zu heben und seines in Szene zu setzen, und da sich fr das letzte gewi noch Gelegenheit bieten wrde, lie ich ihn in seinem Kummer allein. Sein Schmerz brach noch einmal durch: Glaubst du, ich hielte dich fr arm oder machtlos, Sahib? Ich wei alles. Aber was hilft ein goldgesticktes Kleid, wenn man es verkehrt anzieht und zuknpft? Wer ehrlich ist, zeigt was er ist. Panja, es ist zu hei zum Reden, wir wollen ein wenig ruhen, bis der Knig kommt. Nein, du sollst sprechen! Als ich schwieg, stampfte er mit dem Fu. Glaubst du, ich sei glcklich, wenn ich recht behalte? fragte er bse. So geht es auch mir, antwortete ich ihm, und so ist es mit dem goldgestickten Kleid, von dem du gesprochen hast. Er schttelte eifrig den Kopf. So kann es nicht sein, denn ich bin dein Diener, du aber bist der Herr und mut recht behalten. Bist du ein Diener des Knigs, da es dich qulen knnte, wenn er schweigt, und du fhlst, da er doch im Grunde recht hat? Du lt ihn sitzen und gehst. Aber ich kann nicht fortgehen. In dem Reiche, in welchem es mir gefllt, gibt es keine Herren und Knechte, Panja, sondern nur lebendige Wesen, und das Ziel aller Lebendigen ist die Freiheit. Der Wunsch nach rechter Freiheit aber richtet seine Augen nicht auf andere, sondern zuerst in die eigene Brust. Auf diese Art braucht niemand um sein Recht besorgt zu sein, es fllt jedem sein Teil zu, wenn jeder sein Teil erkennt und bewacht. Wenn dein Gott dich das lehrt, sagte Panja, so kennt er die Welt nicht und wei nicht, wie es in ihr zugeht. Vielleicht wei er nicht, wie sie ist, aber er wei, wie sie sein sollte. So sage mir, was du Freiheit nennst? Wie soll ich dich verstehen? Freiheit beginnt mit der Erkenntnis und dem Willen, da man sein Handeln nicht mehr danach richtet, was man anderen damit antut, sondern danach, was man sich selbst zufgt, oder was man um seiner selbst willen unterlt. Nimm an, du schlgst einen Menschen oder ein Tier, das mag zuweilen notwendig sein. Du und das fremde Wesen, ihr beide werdet etwas dabei empfinden. Es wird dir solange gleichgltig sein, was ein anderer dabei fhlt, bis du gelernt hast, zu beachten, was dir selbst dabei durch die Seele geht. Hierauf achtzuhaben und sein Handeln danach einzustellen, ist der erste Schritt zur Freiheit. Und der letzte? fragte Panja. Der letzte ist der Wille, alles Bse deines Herzens in Liebe zu verkehren. Ich wei nicht, was gut ist und was bse. Alle Menschen denken darber verschieden. Die Brahminen denken anders als ich, du denkst anders als die Fakire, die aus den Bergen niedersteigen, und wenn du gar einem Missionar begegnest, so denkt er so darber, da sich deine Haare struben. Das ist nicht wahr, du weit doch, was bse ist, und du brauchst es nur fr dich selbst zu wissen. Es ist nicht deine Aufgabe, dem Bsen zu begegnen, das dir bei anderen entgegentritt. Fr dich selbst aber wirst du es wissen. Gut, wenn ich aber keine Liebe habe, Sahib? Dann bist du verloren, Panja, dann kann kein Gott dir zur Freiheit verhelfen, der meine nicht und der deine nicht, keiner. Solche Menschen sind wahrhaft arm und verloren. Panja schien sich mit diesem Resultat einer bescheidenen Reflexion zufrieden zu geben, er lchelte vor sich hin, als kme er selbst bei einer solchen Lage der Dinge nicht eben schlecht weg. Aber dann begann er sich zu kratzen, und ich erkannte, durch den Sonnenschein blinzelnd, da kein uerlicher Grund fr diesen Kraftaufwand vorlag. Er meinte vorsichtig: Was du in deinem Kopf ausdenkst, Sahib, ist gar nicht bel, aber wenn es herauskommt und man will etwas damit anfangen, so geht es einem hnlich, als wollte man sich Sonnenlicht fr die Nacht aufheben. Das Leben ist doch anders, das ist die Sache. Es ist dunkel, Panja. Dadurch unterscheidet sich unser Herz von unseren Hnden, in ihm lt sich Licht aufheben und bewahren. Wre nicht eine trippelnde Schar kleiner Wilder am Ende des Pfades vom Dorf her erschienen, so htte sich Panja sicher noch einen Einwand ausgedacht, jedenfalls behielt er insofern auch ohne Entgegnung recht, als die greifbaren Tatsachen des Lebens gebieterisch die Oberhand forderten. Es waren vielleicht zwanzig oder dreiig Hindukinder, die in einiger Entfernung auf dem schmalen Weg den Versuch machten, immer eins vor dem andern zu stehen, da jedes die Absicht mit sich trug, am besten glotzen zu knnen. Dies Bestreben bewirkte, da das belebte Knuel sich immer mehr nherte, bis endlich die strksten Knaben vorn waren und die Beine in den Boden stemmten, um nicht weiter an uns herangedrngt zu werden. Einige kletterten in die Pfefferranken, und die schwarzen Augen sahen ber den braunen Pausbacken durch die grnen Bltter. Eine Botschaft im Kopf einer alten Frau ist wie Reis in einem groben Sieb, sagte Panja und lachte. Es war keine junge da, Panja. Er sah mich neugierig an und meinte dann: Dir ist es gleichgltig, Sahib. Du siehst auf die Frauen meines Landes wie ich auf die Gedanken deiner Stirn. Ich wunderte mich in der letzten Zeit oft ber Panjas Freimut und ber den vergngten Eifer, mit dem er vertrauensvoll im Element unserer Beziehung umherzuschwimmen begann. Ich empfand darber groe Freude, denn meine Art, mich mit ihm einzulassen, htte bei den meisten Mnnern seines Volkes und seines Standes zu Enttuschungen gefhrt. Panja trat gebieterisch vor die lebenden Resultate der erfolgreichsten Bemhung der Einwohner der Knigsstadt, aber der Eindruck, den er machte, war nicht so gro, als er erwartet hatte. Da kehrte er um, nahm mein Gewehr und ging wieder zurck. Jetzt wichen ihm die Kleinen scheu aus, und er lchelte befriedigt und hielt eine Ansprache in hindustani, die einen um so strkeren Eindruck machte, als sie nicht verstanden wurde. Er wurde durch ein fernes Klirren und Flten unterbrochen und kam rasch zu mir zurck. Der Knig kommt, rief er, wenn er nicht zu neugierig wre, wrde er dich wahrscheinlich lnger haben warten lassen. Die lrmende Musik kam nher, sie spannte seltsam die Erwartung, wie sie hinter den grnen Vorhngen des Dickichts heranrckte, und ihr Rhythmus erschtterte das Blut geheimnisvoll. Das erste, was ich bald darauf erblickte, war der graue Schdel eines riesigen Elefanten und ber ihm das bunte Kattundach eines etwas schiefen Baldachins, der von drei vergoldeten Stangen gehalten wurde und von einer eisernen. Unter dem hellen Dach war ein geflochtener Verdeckstuhl aus Rohr kunstvoll befestigt, und auf ihm sa der Knig von Schamaji und sphte mit eifrig bewegtem Kopf nach seinem Besuch aus. Acht Diener zur Rechten und Linken des Elefanten trugen Fcher aus Pfauenfedern, die an dnnen Bambusstangen befestigt und etwas schadhaft waren, ihre vielfarbigen Augen waren zum Teil erblindet, wie auch die Gewnder der Gefolgschaft in etwas den Eindruck einer raschen Zusammengesuchtheit erweckten. Immerhin entbehrte der Anblick des Zuges keineswegs einer gewissen Pracht, besonders die Decken des Elefanten gefielen mir wohl und waren, bis auf die faustgroen, glsernen Edelsteine, wertvoll, von reicher Stickerei und schnem Stoff. Die Musikanten schritten, entgegen der gewohnten Art solcher Festzge, hinter dem Elefanten, wahrscheinlich hatte der Knig ihnen den Vortritt nicht gegnnt, und so gruppierten sie sich auch eher neugierig, als eben feierlich, und suchten zur Rechten und zur Linken des dicken Ungeheuers soviel als mglich von dem Fremden zu ersphen. Hinter ihnen zog in ungeordneten Haufen das ganze Dorf heran. Wir waren bis zu einer Lichtung vorangeschritten, und der Knig nickte mir huldvoll zu, nachdem er den Aufstieg der Musik durch eine Bewegung seiner braunen Hand beschwichtigt hatte. Er hie mich auf englisch in seinem Reich willkommen, nachdem er zuvor einen prfenden Blick auf mein Gepck geworfen hatte. Ich antwortete ihm englisch, und Panja bersetzte meine Worte, denn er traute dem Knig keine weiteren Kenntnisse dieser Sprache zu, und er behielt darin recht. Der Knig kletterte hierauf mit groem Geschick von seinem Elefanten, wobei er so selbstverstndlich auf die Schultern seiner Wrdentrger trat, als bildeten sie eine natrliche Treppe. Durch den Abstand, in welchem er sich von mir hielt, deutete er mir an, da er die abendlndische Sitte eines Hndedrucks zu vermeiden gedchte, und ich sagte ihm einige Hflichkeiten ber sein Ansehen und ber seine Macht, von welchen beiden der Dschungel widerklnge. Das gefiel ihm wohl, und so erfuhr ich von ihm, da er noch einen zweiten Elefanten bese, der aber nicht mitgewollt htte, da mir der Zutritt in seine Stadt offen stnde, und da ich mein Zelt im Garten seines Schlosses aufschlagen drfte. Wir standen in einem braun-weien Ring von staunenden Menschen, im Schatten des Elefanten, und sagten uns noch eine ganze Weile angenehme Dinge. Endlich fragte der Knig, was mein Begehr sei. Panja riet mir rasch, eine Regierungspflicht vorzuschtzen, aber es widerstand mir, und so antwortete ich, da ich gekommen sei, sein Land und seine Stadt zu sehen, von der ich im Abendland gehrt htte. Ich glaube nicht, da Panja dies richtig weitergegeben hat, jedenfalls minderte seine Auskunft die Gunst des Knigs nicht herab, und er begleitete uns ins Dorf zurck, immer bemht, mir nicht zu nahe zu treten, und auerordentlich unhflich gegen sein Volk. Bist du ein Englnder? fragte der Knig zgernd, und Panja antwortete, bevor ich etwas entgegnen konnte: Der Sahib lt fragen, ob du ein Knig seist? Das wurde verstanden, ich wunderte mich sehr darber auf wie freundliche Art, aber man mu die Klte und Sicherheit der englischen Beamten im Innern Indiens gesehen haben, um zu begreifen, da diese Gegenfrage keinesfalls das gewohnte Ma der englischen Arroganz berschritt. So war ich also ein Englnder. Wahrscheinlich htte die Verkndigung meiner deutschen Nationalitt keinen greren Eindruck auf diesen Frsten gemacht, als wenn sich in Berlin ein Neger mit Stolz als zum Stamme der Aschanti gehrig ausgibt. Wir kamen ber den Dorfplatz, der, wie mit groen graugrnen Zelten, mit wilden Feigenbumen umstellt war, deren hngende Wurzeln, wie das Gitterwerk eines Kfigs, den Ausblick auf die fast ganz im Grn verborgenen Htten anfnglich verdeckten. Das Schlo lag am Ende des Dorfs in einem Hain von wilden Zitronenbumen und Arekapalmen, es war zweistckig und wei getncht, von einem hohen Kakteenzaun umgeben, zwischen dem Termitenbauten natrliche Befestigungstrmchen bildeten. Die mit Bambusgitterwerk verhangenen Fenster schwiegen geheimnisvoll in dem abendlichen Sonnenschein, der schrg durch die Palmen drang, nur zuweilen klirrten die blanken Stbchen leise, als rhrte sich hinter ihnen die Hand einer Neugierigen. Ich habe nur den Hof des Hauses betreten drfen und htte nach dieser kurzen Begrung den Knig wahrscheinlich nicht mehr zu Gesicht bekommen, wenn nicht ein aufregender Vorfall mein Interesse aufs hchste gespannt und meine zur Stunde nicht sonderlich auf uere Abenteuer gestimmte Seele in ein gefahrvolles Ereignis verwickelt htte. * * * * * Als der rasche Abend niedersank und wir vor unserem Zelt unsere Mahlzeit beendet hatten, vernahm ich aus dem Dunkel des Gartens einen klagenden Sington von merkwrdig einschmeichelnder und zugleich wehmtiger Verlorenheit. So singen zuweilen im Einsamen beschftigte Menschen vor sich hin, die sich fr unbeobachtet und unbelauscht halten. Es waren langgezogene, wie mit dem schweren Atem hervorgehauchte Tne, nur wenig voneinander unterschieden und tierhaft traurig. Sie wiederholten sich immer wieder und bemchtigten sich meiner auf eine geradezu dmonisch zwingende Art, so da ich mich getrieben sah, ihnen wider meinen Willen nachzugehen. Panja lie mich auf diesem Streifzug durch den nchtlichen Garten nicht allein. Die Sterne schienen hell, und die riesigen Bltter der Bananenstauden zur Rechten und zur Linken der schmalen Wege erhoben sich wie gestrzte und sinkende Sulen eines heidnischen Bollwerks gegen die Macht bser Gtter, oder sie hingen zerrissen im Sternenschein nieder, wie die Hute zerfetzter Ungeheuer. Der Knig gibt uns Boote, sagte Panja leise, aber er erwartet eine Bezahlung, die seiner Wrde entspricht. Er hat auch Ruderer ausgewhlt, sogar Bananen, Papaya und Gewrze fr den Reis. Ich nickte schweigend, wir sprachen nicht ber die Tne, die uns lockten. Vielleicht setzte Panja voraus, da ich wute, um was es sich handelte, vielleicht hielt ihn eine hnliche Scheu von seinen Mitteilungen ab wie mich vom Fragen. Dicht am Kakteenzaun des Gartens erhob sich nach einer Weile schwarz und mchtig die hlzerne Pagode eines Tempels, wir sahen in den Hof hinber, was vom kniglichen Garten aus mglich war, und erblickten die heilige Ziege zwischen den braunen Pfhlen des Vorplatzes zum Heiligsten. Es rhrte sich nichts an der geweihten Sttte, nur ein schwacher, rtlicher Lichtschein glomm hinter dem niedrigen dunkeln Trrahmen, als wre ein Vorhang aus zartroter Seide vor dem geheimnisvollen Raum ausgespannt. Als unsere Schritte sich einem Bambusdickicht nherten, hinter dessen leise sirrendem Gefieder der Umri eines niedrigen Gebudes sichtbar wurde, verstummte der trbe Singsang, hnlich wie der Grillengesang im hohen Gras erlischt, wenn ein nchtlicher Spher herantritt. Wir drangen in die hohen Stauden ein, auf einem schmalen, kaum sichtbaren Pfad, ber uns hingen die Sterne im dnnen Bambusbltterwerk, wie stechende, kleine Ampeln. Hinter einer vergitterten Tr, im Schwarzen, erklang ein schwaches Sthnen, dicht an den hlzernen Stben. Wir mssen Licht haben, sagte ich leise zu Panja. Dies wre nur durch eine Fackel mglich gewesen, und ihr Schein htte uns verraten. Wir wren unserem kniglichen Gastgeber wohl kaum als sonderlich hflich erschienen, wenn er uns darber ertappt htte, wie wir sein husliches Bereich nchtlicherweile durchforschten. Wenn wir warten, so werden wir sehen lernen, meinte Panja. Die Sterne schienen sehr hell, ich hrte mein Herz klopfen und stand unentschlossen. Ist es ein Tier? fragte ich Panja. Er sah mich berrascht an, als htte er mich fr unterrichtet gehalten und wundere sich nun ber meine Frage. Ein Tier? Es ist ein Weib, das klagt, sagte er. Vielleicht hat die Liebe sie verwundet, vielleicht erleidet sie eine Strafe. Ein trber Dunst, der den Atem benahm, schlug mir entgegen, als ich nun nahe an das Holzgitter herantrat. Meine Furcht war jenem gedankenlosen Mut der Emprung gewichen, der mit Panjas Worten in mir erwachen mute. Ich hielt mich seitlich, um den schwachen Lichtschein auf die dunkle ffnung fallen zu lassen. Das niedrige Huschen war gemauert und glich einem vernachlssigten Stall. Wer ist dort? fragte ich auf kanaresisch. Panja stand dicht hinter mir. Da sah ich nach einer kurzen Weile bedrngten Wartens ein schmales Menschengesicht, merkwrdig farblos und von kranker Blsse, zwischen zwei Stben des Gitters erscheinen. Rechts und links von dem schwarzen Haar, das gelst niedersank, erblickte ich die erschreckend mageren Finger der Hnde, die in der Hhe der Augen je einen Stab umklammerten. Diese Erscheinung war im nchtlichen Licht so grauenhaft in ihrer Verdammnis, als tauchte das Gesicht einer lngst Verstorbenen aus der Gruft empor. Die groen dunklen Augen saugten die Nacht auf und gaben sie in lhmender Stille zurck. Mir war, als erlsche mein Herz, und ich taumelte und ergriff Panjas Arm. Komm, Sahib, sagte er, wenn sie krank ist, so schleicht die Seuche in deine Glieder. Ist sie krank? Ich wei es nicht, sagte er zgernd. Du weit es doch, schrie ich, die Zhne aufeinander gepret. Panja erschrak. Ich wei nur, Herr, da untreue Frauen in diesem Lande auf solche Art bestraft werden, aber es ist mglich, da sie erkrankt ist. Mich verlie der Rest meiner natrlichen Besinnung, ich packte einen der Holzstbe des Gitters mit beiden Fusten, stemmte den Fu gegen die Bodenmauer und setzte jenen groen Aufwand entfesselter Kraft ein, den die hchste Emprung uns verleihen kann, aber meine Bemhung war vergebens, da die Stbe aus Bambus waren. Panja zog mich zurck. Ich entsinne mich nicht, da er mich jemals vorher berhrt hat, und mehr diese Khnheit als seine Absicht brachten mich zur einsichtvolleren Betrachtung der Lage, die zweifellos recht schwierig war, wenn ich erwog, da ich auf jeden Fall alles einsetzen wollte, dieser Unglcklichen ihr Geschick zu erleichtern, und mich zum andern die Angelegenheit durchaus nichts anging. Der Knig wrde mir einen eigenmchtigen Eingriff in seine Rechte niemals verzeihen, und wenn seine Machtbefugnisse auch keinesfalls so gro waren, wie er whnte und vorgab, so hatte ich andererseits nicht den Rckhalt, den er bei mir vermutete. Die Englnder pflegen die Gebruche und die persnlichen Gewohnheiten der vornehmen Hindus, wie auch die der Brahminen auf das zurckhaltendste zu respektieren, weil sie erkannt haben, da sie durch die Unterschiede der Sitten, welche die einzelnen Kasten auszeichnen, das Land um so leichter beherrschen. So gering ihre Zahl im Vergleich zu den Eingeborenen ist, so gro ist sie als eine einzige geschlossene Gesellschaft, selbst der mchtigsten Kaste gegenber. So mute ich wohl bedenken, da ich keinen Schutz bei einer Regierung finden wrde, deren Verwaltungstendenz einen Eingriff, wie den von mir geplanten, verurteilte, am wenigsten vielleicht als Deutscher. Gerade damals war England noch nicht ber Deutschlands Krfte und Rechte unterrichtet, und man hielt in London das erste energische Vorgehen der Deutschen in berseeischen Lndern nur fr anmaend. Trotzdem stand mein Entschlu fest, meinen Wunsch zur Geltung zu bringen, und ich nahm mir vor, Panja in der Morgenfrhe zum Knig zu senden und ihn um eine besondere Unterredung zu bitten. Es ist seltsam, wieviel leichter wir grausame oder ungerechte Handlungen begehen, als bei anderen dulden knnen. Der Gedanke an das Elend dieser eingekerkerten Frau berschttete mich in einer schlaflosen Nacht in der Schwle unter dem Moskitovorhang mit einem heien Schauer der Emprung nach dem andern. Im kurzen Eindmmern eines qualvollen Halbschlafs erschien das wchserne braune Frauengesicht vor mir in glhendem Nebel, und die klagenden Singtne ihrer ersterbenden Stimme fllten die von Unheil und nahenden Ungewittern schwangere Nachtluft. * * * * * Ich erhob mich mit dem ersten Morgengrauen in einem ins Schmerzhafte gesteigerten Verlangen danach, endlich das Meer, die Weite, den Widerschein der Befreitheit zu erblicken. Mir war, als htten die grnen Wnde meine Augen, ja alle Sinne abgestumpft und bis zur uersten Gereiztheit eingezwngt, ich fhlte mich schuldig und am Ersticken. In diesem Zustand mag der Eigensinn eines Gedankens um so ausschweifender und zher Gewalt gewinnen, es war zweifellos eine gesteigerte Wut, in der ich bald darauf dem Knig gegenbertrat. Es kam mir wenig auf die Folgen meiner Handlungsweise an, und dieser Verfassung mag ich mehr an Erfolg verdankt haben, als ich vielleicht einem berlegten Vorgehen zu danken gehabt htte. Du hltst ein Weib in deinem Garten gefangen, sagte ich barsch. Es ist eines mchtigen Frsten unwrdig, so gegen ein hilfloses Wesen vorzugehen. Ich verlange, da du ihr sogleich ihre Freiheit zurckgibst. Mehr nicht, aber das. Tu es gleich! Nach einem betroffenen Aufblick kam eine groe Geschmeidigkeit in das Wesen des Hindufrsten, eigensinnig und zugleich unterwrfig und von einer Ausdauer im Umstndlichen, die auch den grten Langmut ermdet htte. Panja war sehr ernst und bersetzte jedes Wort aufs genaueste, ich fhlte, da er nicht wagte, in dieser Situation eine Verantwortlichkeit zu bernehmen. Ich sehe, da du mir nicht zu Willen bist, lie ich dem Knig antworten, so erinnere ich dich an das Gesetz der Regierung, das verbietet zu tten und das den Mord mit Tod bestraft. Der Knig erblate und seine Lippen zitterten leicht, aber er blieb freundlich und herbeilassend und versuchte mich zu berzeugen, da es sich um eine leichte Strafe handelte, die zu verhngen sein gutes Recht sei. Auch sei mir das Vergehen dieser Frau unbekannt. Er wte von der Strenge der Englnder, aber zugleich habe er bisher niemals Grund gehabt, an ihrer Gerechtigkeit zu zweifeln, und er wrde eher glauben, da ein ungerechter Mann kein Englnder sei, als er einem Englnder eine Ungerechtigkeit zutraue. Ich begriff aufs neue die Schlauheit und Zhigkeit dieser Menschen, ihre Beharrlichkeit und die List, mit der sie ihre kleinsten Zweifel zu Waffen machen, ohne eine nachweisbare Krnkung damit zu verbinden. Billigerweise blieb mir kein anderer Ausweg, als nachzugeben, bevor ich nicht die Rechte zu einer Prfung erbracht, oder die Grnde fr die Bestrafung der Eingekerkerten angehrt hatte. Aber die kleine Enge, in die ich getrieben worden war, machte mich nicht vorsichtig, sondern zornig, und so rief ich bse: Wenn die Englnder ihre Gerechtigkeit von den indischen Knigen gelernt htten, so sest du hinter jenen Stben, noch ehe ich nach Bombay zurckgekehrt wre. Es ist sonst nicht meine Art, Knigen auf so unhfliche Weise zu begegnen, aber nach dem Anfang, den ich gemacht hatte, blieb mir nur dieser Weg brig, denn mir ist die Klugheit fremd, die ihre Zelte auf der Walstatt errichtet, auf welcher ein hochherziger Vorsatz von Furcht berwltigt worden ist. Ich sah Panja an, da er meine Antwort fr richtig hielt, er trat vor und sagte ruhig: Die Beine der Gefangenen sind bis an die Knie hinauf von den Ameisen zerfressen. Der Knig gab ihm keine Antwort, er sah vor sich nieder, als ginge ihn dies alles pltzlich nichts mehr an, und zum erstenmal schlich, ber dieser neuen Gebrde meines Gegners, eine graue Furcht in mein Herz. Ich fhlte, da er den Gebrauch von Waffen erwog, denen keine Gesinnung gewachsen ist; dies war die Stille, in der das Bse, zum uersten getrieben, das Niedrige beschwrt. Ich werde die Gefangene freigeben, Sahib Kollektor, sagte er ruhig und trat zurck. Dieser Titel war mir gewi nicht aufrichtigen Herzens zugelegt, denn der englische Kollektor ist der hchste Regierungsbeamte des Bezirks und wrde sicherlich nicht in meinem Aufzug durch die vergessene Wildnis des Dschungels von Kanara reisen. Ich wute dies wohl, und nicht nur der lauernde Blick des Knigs unterrichtete mich ber die Tcke dieses Angriffs. Wenn der Kollektor htte kommen wollen, so wre ich nicht selbst gegangen, sagte ich frech. Es kam mir nun durchaus nicht mehr darauf an, etwas anderes zu geben, als gute Antworten. Ich forderte die Entgegnung des Knigs mit ruhigen Augen heraus, und sicherlich hat ihre Farbe ihn mehr bedrngt als meine Anmaung. Er sah mich nur einmal rasch und voll unterdrckten Hasses an. Das dunkle Gift der Dschungelnacht blinkte in seinen mden Samtaugen auf, die Bosheit der Fremde und der ganze Rassenha eines unterdrckten Volks. Ich hielt es fr angebracht, mich vorderhand mit diesem Zugestndnis zu begngen und abzuwarten, welche weitere Wirkung meine Forderung haben wrde. So verabschiedete ich mich vom Knig, wobei wir uns beide beflissen zeigten, so gndig als mglich zu erscheinen. Ich lie das Zelt abbrechen und alles zur Abfahrt vorbereiten, nahm mir aber fest vor, das Boot nicht eher zu betreten, als bis ich das Resultat meiner Bemhung gesehen hatte. Es blieb mir kaum recht Zeit zu berlegen, ob ein Erfolg oder ein Mierfolg grere Schwierigkeiten fr mich mit sich bringen wrde, denn noch ehe die letzten Eisenkoffer geschlossen waren, brachten zwei Diener des Knigs seine Gefangene zu uns. Die junge Frau war in ein weies Tuch gehllt und schritt langsam und mhselig dahin, ich sah kaum mehr als ihre Augen, als sie vor mir stand, und die flackernde Furcht darin machte mich ratlos. Panja versuchte mit ihr zu sprechen, und nach langer Mhe gelang es ihm, ihr verstndlich zu machen, da sie uns ihre Befreiung aus ihrer Lage verdankte, und da es ihr anheimgestellt sei, zu gehen, wohin es ihr beliebte. Sie lie sich stumm am Boden nieder, wahrscheinlich aus Erschpfung, und schlo immer wieder fr lange ihre Augen, die des Lichts entwhnt waren. Kein Zeichen von Dank oder Freude belohnte uns, bis sie endlich, nachdem ich mich zurckgezogen hatte, Panja fragte, ob sie den fremden Sahib begleiten msse. Panja will ihr gesagt haben, da wir nichts von ihr forderten oder erwarteten, er hat ihr die Freiheit so verlockend geschildert, als sie ihm nur immer erschienen sein mag. Nach einer kleinen Weile kam er zu mir und sagte ohne Triumph oder Parteinahme, aber ehrlich bestrzt: Sahib, die junge Frau bittet dich, sie zurckkehren zu lassen. In ihr Gefngnis? Ja, Herr. Sie hat die Hnde auf ihr Herz gelegt und den Namen des Knigs genannt.-- Eine Stunde darauf stieen unsere Boote vom Landungsplatz des Dorfes Schamaji aus in die lauen Strudel des Kumardary, der uns trge und still nach Westen trug, auf das Meer zu. Der Liebe lassen sich keine Liebesdienste erweisen, sie ist in ihrem Fortgang selbstndiger und beharrlicher als jedes andere menschliche Gefhl, und ihre Sicherheit ist hheren Ursprungs als die Vernunft. Elftes Kapitel Mangalore Die merkwrdige Tatsache unseres irdischen Daseins ist mir immer in den Augenblicken des Erwachens am wunderbarsten erschienen. Wenn sich unsere Sinne, unter dem Glanz der Morgensonne oder durch das Lied eines Vogels im Licht erweckt, aufs neue zum Bewutsein zusammenfinden, so bricht ber das Herz bisweilen wie ein Schauer von Glck und Erstaunen die Gewiheit herein, am Leben zu sein, noch nach Unzhligen, die versunken sind, und nach Ungezhlten, die kommen werden, auf der beschienenen Oberflche der Erde ein lebendiger Mensch zu sein. Ich wurde mir dieses freudigen Erstaunens in keiner Stunde strker bewut, als an jenem Morgen, an dem ich im Boot auf dem Flu erwachte. Am Abend vorher hatten wir einen toten Arm des versandeten Stroms gefunden, in dem das Wasser, still wie in einem See, unter einer grnen Decke wunderlicher Sumpfpflanzen lag, und da keine Mglichkeit bestand, die Boote durch den Morast der Ufer an festes Land zu ziehen, hatte Panja geraten, auf dem Wasser zu bernachten. Es war mir gegen Morgen entgangen, da das Boot, in welchem ich schlief, wieder in die Strmung gestoen wurde, und so erwachte ich erst, als schon die Sonne schien, und der leise Gesang des Wassers traf meine leicht bestrzten Sinne. Ich erinnerte mich nur langsam der Lage, und sogar meine Lebenszeit hatte sich mir fr Augenblicke verwischt. In einem von aller Zeitrechnung befreiten Aufstieg meines Bewutseins wurde mir nur eines zur Gewiheit: Die Sonne scheint auf die Erde, in den Bumen rufen lebendige Geschpfe und du selbst lebst. Solche Augenblicke erscheinen uns oft in spterem Gedenken daran sehr bedeutungsvoll, da sie mit dem Abstand wachsen, und weil die Erinnerung die Geschehnisse nicht nach ihrer Dauer und ihrem Wert zu bewahren pflegt, sondern nach dem Mae ihrer Eindringlichkeit. Und ob ein Erlebnis uns im Gedchtnis zurckbleibt, hngt wenig von seiner erkennbaren Bedeutung ab. Vielmehr sind es zumeist so unscheinbare, ja oft geradezu kleinliche Begebenheiten, welche unsere Erinnerung unauslschbar bewahrt, da wir ihr nur ein Lcheln gnnen, ohne zu begreifen, da ihre Krfte ein eigenes sittliches Reich darstellen, dessen mystische Eigenart unserem Willen in keiner Weise untergeordnet ist. Wenn Gottes Augen, welche ohne Aufhr die Regionen seiner Schpfung durchschweifen, unser Dasein treffen, so bleibt der Augenblick in unserer Erinnerung fr immer haften, sagte einmal ein buddhistischer Mnch aus Kaschmir zu mir, der Malabar auf der Suche nach einem heiligen Baum mit grauen Blten durchwanderte. So werden die Lebensstunden, welche wir fr gro gehalten haben, oft abhngige Kindlein kleiner Einzelflle, an die sie sich lehnen mssen, um nicht im Dunkel zu versinken.-- Ich richtete mich im Boot auf und sah die Ufer gleiten, sie waren so dicht umwachsen, da es erschien, als wren wir zwischen zerbrckelten grnen Mauern auf stiller, eiliger Flucht, zwischen Wnden, die bald auseinanderwichen, bald aufeinander zurckten. Das unsterbliche Himmelsblau, unwirklich in seiner funkelnden Farbstille, spannte sich darber aus, und bisweilen schossen die blendenden Strahlen der Morgensonne in meine Augen und schlossen sie. Der zurckliegende Tag war voller Beschwerden gewesen, und wir hatten Uppanangadi nur mit Mhe erreicht, ohne die Stadt angeschaut und ohne lnger Rast gemacht zu haben, als es aus Rcksicht gegen die Ruderer notwendig war. Ihre Ttigkeit bestand zu Anfang unserer Fahrt mehr im Steuern als im Rudern, sie taten es stehend, und indem sie, je nach der Richtung, die eingehalten werden mute, ihr Ruder zur Rechten oder Linken des Kanus ins Wasser tauchten. Dies geschah mit groem Geschick und unterhielt mich lange. Es war hufig vorgekommen, whrend wir noch auf dem Kumardary schwammen, da die Boote sich auf Sandbnken festfuhren, wir muten dann ins Wasser und sie mit vereinten Krften wieder flott machen. Bisweilen kreisten wir sanft, aber recht ausdauernd, in tiefen Kesseln oder glitten niedrige Flle nieder, eine Beschftigung, an die sich meine Sinne gewhnen muten, weil die Vorstellung etwas durchaus Erschreckendes hatte, dort zu kentern und vom trben Wasser an die sumpfigen Ufer getrieben zu werden, oder in Stromschnellen und tiefen Wirbeln mit den Alligatoren in nahe Berhrung zu kommen. Nachts war es am schnsten. Zwar fuhren wir nachts nur die Stromstrecke vor der Stadt Uppanangadi bis an die hlzernen Landungsstege des Orts, aber die wandernden Fackeln im Dunkel der Ufer, die wie riesige Leuchtkfer aussahen, erregten die Phantasie geheimnisvoll und unterrichteten uns darber, da wir uns bewohnteren Gegenden nherten. Je weiter wir nun den Netrawati hinabtrieben, um so gemchlicher zog die Flut, und die Arbeit der Ruderer setzte ein. Bei Krmmungen des Stroms verloren wir oft das zweite Boot fr lange aus den Augen, aber es lag kein Grund zur Besorgnis vor, denn Pascha, der unser Gepck im andern Kanu bewachte, geno jenen Respekt bei den Leuten, der schweigsamen Menschen leicht zufllt, die, ohne unhflich zu erscheinen, niemals ein Lcheln und selten eine Frage erwidern. Meine Trger waren in Schamaji von Panja entlassen worden, ich langte nach dreitgiger Fahrt, in Begleitung von Panja und Pascha, in Mangalore an, die Kanus kehrten im Hafen um, ohne da die Leute aus Schamaji das Ufer betreten hatten. Sie leben in keinem guten Einvernehmen mit den Kstenvlkern, die sie fr abtrnnig und fremdenfreundlich halten. Die letzten Stunden war unser Boot langsam durch trbes, stehendes Wasser gerudert worden. Die Vegetation nahm immer mehr ab, Reisfelder wechselten mit sumpfigen Einden, auf denen bse, stille Lachen spiegelten, von schweren Dnsten umlagert und von Menschen und Tieren verlassen. Dort schlief die Pest ihren Sommerschlaf, um mit den ersten Regen wieder zu erwachen. Es war so drckend hei, da das Atmen zur qualvollen Mhe wurde, die Ruderer arbeiteten zuletzt wie in einer dumpfen Betubung, und die Stimmen des trben Wassers erloschen oft ganz. Der Flu teilte sich in vielerlei breite und schmale Kanle, aus den Palmen am Ufer ragte der rote Schornstein der deutschen Ziegelei. Wir durchfuhren die ganze Stadt bis zum Meerhafen, der am Ort unserer Ankunft kahl und de, durch eine Sandbank gegen das Meer geschtzt, lag, und die Dnste der See, ohne Leben und Frische, enttuschten mich bitter. Von der Stadt hatten wir so gut wie nichts gesehen, sie liegt ganz im Palmengrn auf drei sanften Hgeln. Nun aber erblickte ich die Huser des Hafens, schlechte zerfressene Steinbauten, unfreundlich und verlottert, in jener ganzen Roheit und erbrmlichen Charakterlosigkeit, wie man sie oft in orientalischen Hfen findet, deren Tradition lngst zerstrt und deren neue Gewohnheiten und Einrichtungen dem Geist einer flachen und ruberischen Geschftigkeit dienen. Ein paar alte, groe Segelboote mit hohem Bug und breitem Deck lagen kreuz und quer, bald halb im Wasser, bald eingesunken in schmutzigen Sand. Es war fast menschenleer, nur auf einer kleinen Dampfschaluppe kauerte ein Hindu im Schatten und rauchte. Er sphte neugierig nach uns aus; als ich mich im Boot erhob, sprang er empor, rief gellend und berlaut ein paar Worte ber den Damm gegen die trben Fenster eines bemalten Hauses. Sein kleines Schiffchen vermittelt den Personenverkehr zwischen der Kste und den Hochseedampfern, die einige Kilometer vom Land entfernt Anker werfen, um fr zwei oder drei Stunden auf Passagiere zu warten. Der Hafen von Mangalore selbst ist fr den Verkehr grerer Dampfschiffe nicht geeignet. * * * * * Die ersten Eindrcke, die ich von Mangalore empfing, boten sich mir um so abstoender dar, als ich nach der Lebensweise der zurckliegenden Zeit alles mit der grozgigen Einfachheit der unberhrten Natur zu vergleichen gentigt war. Es kam hinzu, da die Stadt in einem dumpfen Schlaf der Erwartung lag und mir berall Trgheit, Verfall und Teilnahmlosigkeit begegneten. Der vernachlssigte Hindugasthof, in dem ich meine ersten Tage zuzubringen gentigt war, ermutigte meine Unternehmungslust in keiner Weise, und das qualvolle Harren auf die ersten Gewitter nahm allen und endlich auch mir den Rest wohlbestellter Daseinsfreude. Als Mangalore nach wenig Monaten im Glanz der Frhlingssonne seine bunte Auferstehung feierte, glaubte ich die Stadt nicht wiederzuerkennen. Die Unterschiede zwischen unserem deutschen Sommer und Winter sind in ihrer Einwirkung auf das Befinden und die Lebensgewohnheiten der Menschen bei weitem nicht so bedeutungsvoll, wie der Wechsel der Jahreszeiten in den Tropen. Die Meinung von dem Gleichma und der steten Sommerlichkeit der Witterung in diesen Zonen, entstammt der mangelhaften Kenntnis oberflchlicher Passanten oder einer falschen Vorstellung; wer das tropische Jahr von Beginn bis zu Ende in der Nhe des quators durchlebt hat und die Menschen in Leid und Freude seines Wechsels beobachtet hat, wird dagegen die Unterschiede unserer Jahreszeiten in den gemigten Zonen als unerheblich empfinden. Spter lernte ich vieles in Mangalore verstehen, das ich anfangs mit Geringschtzung bergangen hatte, manches lieben, das mir zuerst fremd und abstoend entgegentrat, und ich schied mit der Gewiheit aus der Stadt, da kein bewohnter Ort der Welt an paradiesischer Schnheit und Versunkenheit sich mit Mangalore zu messen vermchte. Wir erlangen in unseren kurzen Lebenstagen niemals das Ma von Erfahrung fremden Erscheinungen gegenber, das uns ermglichte nach dem ersten Eindruck gerecht auf den allgemeinen Wert zu schlieen. * * * * * In einem unbeschreiblichen Zustand von Gereiztheit entschlo ich mich am dritten Tage meines Aufenthaltes kurzer Hand den englischen Kollektor aufzusuchen, um endlich Gewiheit ber die Mglichkeit eines lngeren Aufenthalts, ber die Wohnungsverhltnisse und die Lebensbedingungen zu erhalten. Die Leute drckten sich berall in einer mir vllig unverstndlichen Angst um offene Antworten herum, bald frchteten sie, es mit der Regierung zu verderben, bald mit den Priestern, selbst meine Opfer an Geld machten mir nur den Pbel gefgig. Das Bungalow des Beamten lag herrlich auf einem beschatteten Hgel und erinnerte mich an einen alten Herrensitz. Der Garten war aufs beste gepflegt, die Amtsrume sauber, khl und gro. Im Vorzimmer sa ein Mischling in weier, halbeuropischer Kleidung an einem groen Schreibtisch und stellte sich ungemein beschftigt. Ich war zu Anfang so bescheiden, als meine Nerven irgend zulieen, aber die gedankenlose Einbildung dieses Sklaven auf seine Beziehungen zu einer Kultur, die er nicht verstand, brachte mich auf. Ich htte mich sicher beherrscht, wenn Panja nicht an meiner Seite gewesen wre. Stehn Sie auf, wenn ich rede, sagte ich. Mein Blut kochte. Es bedarf in der Tat nur eines sehr geringen Grades von Erregtheit, um in dieser Zeit das ohnehin vor dem Sieden stehende Blut zum berschumen zu bringen. Der Schreiber erhob sich trge, als htte er Blei in den Knien, aber sein frecher, erstaunter Blick entzndete mir Feuer in den Hnden, und noch ehe er ganz auf seinen drren, braunen Beinen stand, schallte eine Ohrfeige durch den wrdigen Raum, die ich wie einen kalten Wassergu geno. Ihn mag sie anders berhrt haben. Er drehte sich einmal um sich selbst, sein Strohsessel machte es ihm in bureaukratischer Ergebenheit dienstbeflissen nach, und, auf der verschonten Wange erbleichend, rang er vergeblich nach Fassung. Die dunklere Linie seiner Abstammung besann sich auf die Gasse. Ich wnsche den Kollektor zu sprechen, sagte ich freundlich. Es ging mir um vieles besser, aber ich bin lange Zeit nicht fhig gewesen mir die Rauheit dieser Handlung voll erklren zu knnen. Sicherlich hing diese bedachtlose Aufwallung und mein Mangel an Beherrschung mit der Verwhntheit zusammen, in der ich fast ein halbes Jahr lang nur unter Menschen zugebracht hatte, bei denen selbst auch nur ein Gedanke an Gleichberechtigtheit niemals aufgekommen war, so da mir der erkennbare Widerstand dieses Menschen weit mehr als berhebung erscheinen mute, als er es in der Tat gewesen sein mag. Der in zweierlei Hinsicht arg betroffene Mann begann den Kampf um seine beleidigte Beamtenehre erst, nachdem er einen Abstand von etwa vier Metern und einen Tisch aus gebeiztem Hartholz zwischen sich und mich gebracht hatte. Alles an ihm war Emprung, sogar sein geltes Haar, von dessen glnzender Frisur das graue Leinenkppchen sich entfernt hatte, schien mir vor Entrstung zu funkeln. Ich nahm fr alle Flle ein schwarzes Kstchen aus Ebenholz vom Tisch, in dem Stahlfedern, ein Radiergummi und Kupferannas mit dem Anstand geordnet waren, mit dem eine Prinzessin Juwelen verwahrt. Dabei war ich entschlossen das erste unehrerbietige Wort dadurch zu erwidern, da ich dies Kstchen als Wurfgescho verwandte. Ich habe einmal davon gehrt, da Bauern, deren Felder unter anhaltender Hitze in Gefahr sind zu verdorren, den Regen durch Kanonenschsse herbeizulocken suchen. Eine ganz hnliche Hoffnung mu mich damals bewegt haben, und ein verwandter Glaube. Aber es kam zu keinem Wort und keinem Gewaltakt mehr zwischen mir und meinem Widersacher, weil die Tr sich ffnete und mit khlen Augen und wohlrasiertem Antlitz der englische Beamte im Rahmen erschien und seinen Blick gelassen bald von mir zu seinem Sklaven und bald wieder zurck wandern lie. Der Abstand, in dem wir uns voneinander befanden, der Tisch zwischen uns, die an die Wange gelegte Hand des Schreibers und meine streitschtige Haltung mgen den Beherrscher Sd-Kanaras genugsam darber unterrichtet haben, was etwa vor sich gegangen sein mochte. Die im Tropendienst und an ausgesetzten Posten bewhrten, gebildeten Englnder haben eine bewunderungswerte Besonnenheit in allen ungewhnlichen Lagen und verstehen es ausgezeichnet, die Dinge zunchst einmal so zu nehmen, wie sie sind, ohne vorschnell kundzutun, wie sie nach ihrer Meinung sein sollten. Das zeugt mindestens von groem Selbstbewutsein. Und so wandte der Beamte sich mir ruhig zu und fragte hflich, ob er in der Lage sei, durch seine Einmischung diese Situation harmonischer zu gestalten. Dabei wies er ohne weitere Frage auf die geffnete Tr zu seinem Zimmer und ich trat ein, ohne ein Wort der Beschwerde, denn ich merkte, da dies in Gegenwart eines Untergebenen nicht erwnscht sei. Ich sah mich gleich darauf in einem bequemen Korbsessel einem Manne von etwa fnfzig Jahren gegenber, dessen starke, wohlbestellte Gestalt, dessen kluges und zugleich wohlwollendes Gesicht mir das unbedingteste Vertrauen einflten, und da ich etwa dreiig Jahre jnger war als er, wurde es mir leicht, ihn zu bitten, die ungewhnliche Art meiner Einfhrung nicht als Miachtung gegen die englische Regierung oder gegen seine Person anzusehen. Als ich ihm meinen Namen nannte, sagte er mir khl den seinen und fragte mich, ob ich Englnder sei. Wie wichtig den Vertretern dieser Nation diese an sich so unschuldige Tatsache erscheint! Auf meine Antwort hin glitt ein kleiner Schatten von Unwillen ber seine Stirn und er fragte mich, ob ich der deutschen Mission in Mangalore zugehrte. Schlieen Sie das aus der Behandlung, die ich Ihrem Schreiber angedeihen lie? fragte ich. Er lchelte und schttelte den Kopf, schien aber ohne weitere Erklrung aus der Art meiner Antwort zu ersehen, da ich seine Frage damit verneinte, und dann wartete er. Als ich sprach, musterte er mich unauffllig, und ohne da sich auch nur ein Schatten von Kritik in seinen Zgen zeigte. Nach seinem Ausdruck zu schlieen, htte ich selbst und meine Erzhlung ihm ebensogut unausstehlich wie angenehm, oder vllig gleichgltig sein knnen. Bei einer Pause, die ich machte, setzte er eine kleine Tischglocke in Bewegung und gab einem eintretenden Diener einen Befehl, und gleich darauf pflanzte ein stilles, braunes Wesen ein Tablett zwischen uns auf, das Whisky, Sodawasser und-- Eis trug. Mein Herz schlug in Empfindungen, wie sie nicht zrtlicher fr einen Vater htten sein knnen, und dies Gefhl wurde noch durch die einfache Warnung des Kollektors erhht, als er mich bat, mit dem Trinken vorsichtig zu sein, da ich wahrscheinlich in Schamaji kein Eis vorgefunden htte. Die Geschichte mit dem Knig hatte ihm gefallen, nach einer Weile meinte er: Als ich vor Jahren meinen ersten tropischen Sommer erlebte, wurde ich nahezu ein Mrder, im zweiten ein Verzweifelter und erst im dritten begann ich wieder einem Englnder zu hneln. Sie brauchen sich deshalb nicht besorgt zu zeigen, wenn Ihre Besinnung sie fr Augenblicke verlassen hat, die Geduld verliert man in Indien zuerst, dann gewhnlich den Verstand. Nur wenige finden beides wieder, aber diese pflegen sie dann auch zu brauchen. Ich erfuhr damals, was ich in meiner Angelegenheit wissen wollte, und brauchte dabei nur wenig zu fragen. Im Amtszimmer des Kollektors fiel auch in spteren Tagen zuerst der Name Mangesche Raos, des Brahminen. Bei diesem Klang und beim Anhren der kurz und ohne tieferes Verstndnis vorgetragenen Lebensgeschichte dieses Mannes, empfand ich deutlich eine Beziehung, die weit ber Neugierde oder Interesse hinausging. Der Beamte erzhlte mir nach und nach folgendes, anknpfend an meine Bitte, mir in Mangalore unter den gebildeten Brahminen eine Persnlichkeit zu nennen, mit der ich nutzbringenden Umgang pflegen knnte, und nachdem unsere Beziehung zu einiger Freundschaftlichkeit erprobt war: Mangesche Rao ist unter den jngeren Brahminen Mangalores, ja Sd-Kanaras, einer der bekanntesten, und zweifellos auch einer der klgsten. ber seine Gesinnung kann ich keinen Aufschlu geben, da seine Interessengebiete die unseren nur politisch berhren, und kaum eine andere Leidenschaft verhllt den Charakter des Gegners vor dem Gegner mehr, als eben eine solcher Art. Der Mann hat uns viel zu schaffen gemacht und nur deshalb, weil er das Verstndnis und die Teilnahme seiner Kastengenossen nicht einmtig gefunden hat, ist er uns nicht gefhrlich geworden. Da er die Universitt von Madras besucht hat und so weit akademisch gebildet ist, als die englischen Hochschulen in Indien es ermglichen, hat er naturgem das Vertrauen seiner Kaste verloren, dagegen lange das unsere besessen, im Grunde allerdings niemals mein persnliches. Ich war als Vertreter der Regierung verpflichtet, ihn so weit zu frdern, als er uns ntzte, wenn er mir aber, was damals oft geschah, in jenem Sessel gegenbersa, den nun Sie einnehmen, so bin ich niemals ein Gefhl heimlicher Scheu vor der seltsamen Undurchdringlichkeit seines Wesens losgeworden. Er erreichte bald einen fhrenden Posten am hiesigen englischen College, man sah ihn unter den Jesuiten, in geheimen Versammlungen seiner Stammesgenossen und sogar im Lager der protestantischen Mission. Ich habe nie in Erfahrung bringen knnen, ob ihm die Sympathie, die er berall zu erwecken schien, aufrichtig entgegengebracht, oder ob sie ihm gezeigt worden ist, weil man ihn frchtete. Vor einem halben Jahre ist er entlassen worden. Ich habe nicht gewagt, weiter gegen ihn vorzugehen, weil ich inzwischen erfahren habe, da sein Einflu gro ist, und wahrscheinlich auch sein Anhang, wenn auch nicht eben in der Provinz, so doch im ganzen Reich. Wir mssen uns wohl hten, in diesem Lande die Strafe als Vergeltung oder Rache aufzufassen, vielmehr drfen wir in solchen Fllen durchaus nur so weit vorgehen, als unsere Gegner unter ihr machtloser werden. Es hatte sich folgendes ereignet. Ein Jesuitenpater des hiesigen Klosters lie sich eines Tages bei mir melden, und brachte mir ein kleines, in Malayalam verfates Schulbchlein, wie sie hier berall in den Regierungs- und Missionsschulen nach Form und Aufmachung Verwendung finden. Ich will Ihnen das Buch zeigen. Er erhob sich und schritt im Nebenraum auf einen eisernen Schrank zu, dem er nach einigem Suchen unter Akten und Papieren ein graues, heftartiges Bchlein entnahm und vor mich hinlegte. Es war schmal und an drei Seiten beschnitten, nchtern und sachlich von Gewand und wies in der traditionellen Anordnung eines Lehrbuchs einen Titel auf und unten die Abzeichen der Druckerei der Jesuiten, die fr ihre Propaganda eine Druckerei mit mehr als zehn verschiedenen Schriftzeichen der Eingeborenensprachen unterhalten. Der Kollektor bersetzte mir den Titel: Ein Lehrbuch der vergleichenden Sprachwissenschaft ber den Zusammenhang der Sdindischen Dialekte mit dem Sanskrit. Bearbeitet von Mangesche Rao, Lehrer am englischen College zu Mangalore, gedruckt in der Offizin der S. J. daselbst. Der Titel und die ersten zehn Seiten des unscheinbaren Heftes wurden in kurzen Vergleichen seiner Aufschrift gerecht, dann aber folgte eine mit groem Verstand und agitatorischer Inbrunst verfate Kritik der englischen Regierung in den Sdprovinzen, die um so aufreizender wirkte, als sie sachlich war und eingehende Kenntnis verriet, ohne da etwa ein Landesverrat nachzuweisen war. Ich habe mir diese Abhandlung spter von Panja im einzelnen bersetzen lassen. Der Beamte fuhr fort: Der Pater erzhlte mir, da ein Zufall zur Entdeckung dieses Mibrauchs ihrer Druckerei gefhrt habe, er lehnte die Verantwortung seines Ordens der Regierung gegenber mit diesem Eingestndnis ab, und teilte mir mit, da die bestochenen Leute entlassen seien. Auf meine Bitte, mir seinen Verdacht zu nennen, wen er fr den Verfasser dieser Broschre hielte, erwiderte er in groer Hflichkeit, da wohl ein solcher Verdacht bestnde, da es aber nicht zu den Absichten und Gewohnheiten seines Ordens gehre, ber Verbrechen Meinungen auszutauschen, die nicht klar zu begrnden seien. Es war augenscheinlich: die Leute hatten Furcht, Furcht, wie hier alle haben, die nicht dem interesselosen Pbel angehren. Es ist allzuoft vorgekommen, da die eifrigsten Fhrer einer Partei an einem Morgen, gekrmmt vom Gift ihrer Gegner, tot in ihren Husern aufgefunden wurden. So war es an mir, Mut zu zeigen, aber alle unbedachte Art von Khnheit, die nicht von hchster Vorsicht geleitet ist, hat hierzulande nur den Wert einer eiteln Knabenposse. Mir wurde, noch ehe ich eine Verhandlung eingeleitet hatte, sehr unverblmt deutlich gemacht, da ich im Falle eines unbesonnenen Eingriffs nicht mit einem leichtsinnigen Verbrecher, sondern mit einer mchtigen Partei des ganzen indischen Reiches zu kmpfen htte. Das steht mir weder zu, noch garantiert die Tragweite meiner Stellung mir auch nur geringen Erfolg. Ich gab den Fall an die Regierung weiter. Naturgem ging es nicht an, hier nur Vorsicht und sonst nichts erkennen zu lassen. So lie ich Mangesche Rao zu mir bitten. Diese Begegnung vergesse ich niemals. Zunchst lie der Brahmine mir sagen, da ihm ein spterer Tag zu einer Begegnung lieber sei. Ich war betroffen, da ich daraus entweder auf vllige Unbefangenheit, oder auf einen Fluchtversuch schlieen mute, und so lie ich ihn berwachen, ohne ihn zu drngen. Ich wei heute, da er diese berwachung, die er sofort merkte, absichtlich durch sein Zgern heraufbeschworen hatte, um zu erfahren, ob es sich um etwas Bedeutsames handelte. So kam er am nchsten Tage, und war auf alles gefat. Ich gab ihm, mitten in einer gleichgltigen Unterhaltung, unversehens das Buch. Er nahm es, warf einen Blick darauf und sagte hflich: Ich will es prfen, sobald ich Zeit finde. Es ist von Ihnen, sagte ich. Ja, antwortete er ruhig, als habe ich alles andere gesagt, es geschieht bald. Dies Buch trgt Ihren Namen als Verfasser, fuhr ich fort, und ich gestehe, innerlich unsicher und aufgebracht. Mangesche Rao sah mich an, als erwartete er bestimmt, ich wrde fortfahren, in jener vermeintlichen Sache zu sprechen, die durchaus nichts mit dem kleinen Heft zu tun hatte, das er gleichgltig zwischen den Fingern drehte. Endlich folgte er meinen Augen und, scheinbar erst jetzt aufmerksam geworden, begann er in dem Heft zu blttern und durchaus nicht, wie es zweifellos jeder andere getan htte, in den harmlosen ersten Seiten, sondern mitten in dem verrterischen Angriff auf die Regierung. Er sah einen Augenblick auf, fragte hflich und mit ein wenig gerunzelten Brauen, Sie erlauben? und las weiter. Nach einer Weile wandte er die Einbanddecke, betrachtete wieder den Titel, verglich, lchelte befangen und fuhr fort zu lesen. Der Mann hat es fertig gebracht, eine Viertelstunde lang unter meinen Augen seinen eigenen Text zu lesen, nicht etwa mit Anzeichen des Erstaunens oder der Emprung, sondern ohne Anzeichen. Und ich habe die ganze Verhandlung hindurch sicherlich eher als er den Anschein des Geprften erweckt. Nun, ich blieb geduldig, mir dessen bewut, da er innerlich gelassen den Grund meiner Geduld erwog. Als er aber nach einer guten Weile mit einem amsierten Lcheln aufsah, den Kopf schttelte und begann, mir einen ganz sonderlich treffenden und zugleich boshaften Absatz vorzulesen, brauchte ich meine ganze Beherrschung, um dieses Lcheln zu erwidern. Er legte das Heft nachdenklich hin und meinte besorgt und mit erhobenen Brauen: Das ist nicht angenehm fr uns. Haben Sie einen Verdacht, wer der Verfasser sein knnte? Mangesche Rao antwortete nicht und ich sah mich gentigt, fortzufahren: Wie mag Ihr Name auf dies Heft gekommen sein? Der Brahmine beantwortete meine erste Frage, nachdem er mich zuvor kurz angesehen hatte, als wollte er zu meiner zweiten sagen: War das nicht ein wenig plump geforscht? Ich habe keinen Verdacht. Was mich am meisten berrascht, ist die Tatsache, da die Jesuiten ihre Befugnisse so gedankenlos in den Dienst einer Sache stellen, welche der Regierung schadet, die sie schtzt. Es blieb mir nichts anderes mehr brig, als nun entweder meinen Argwohn gegen den Brahminen auszusprechen, oder die Unterhaltung abzubrechen, aber das erste durfte ich nicht ohne Beweis, dem ein Eingriff folgte, und das zweite wollte ich nicht. So whlte ich noch einmal einen Mittelweg, obgleich ich die Ergebnislosigkeit meines Vorgehens wute. Wie mag der Verfasser gerade auf Ihren Namen gekommen sein? fragte ich mich laut. Mangesche Rao meinte, da, nach dem flchtigen Eindruck, den er nach der Lektre empfangen htte, ihn dieser Mibrauch, bei parteiloser Betrachtung des Bildungsgrades, der aus der Arbeit sprche, wenigstens nicht eben blostellte, aber dann fgte er ernst hinzu: Der Gedanke lag nahe. Wurde das Buch schon in Mangalore gedruckt, so whlte man am besten als Deckung den Namen eines Lehrers vom hiesigen englischen College. Es wird eher deshalb geschehen sein, weil es galt, die Jesuiten zu tuschen, als aus Grnden einer anderen Vorsicht. Man htte auch einen englischen Namen nehmen knnen. Mangesche Rao betrachtete den Titel, dann erwiderte er mir mit bescheidenem Kopfneigen: Das wre nicht klug gewesen, denn jeder in Indien, der lesen kann, wei, da ein Englnder nur selten etwas von fremden Sprachen versteht. Nun, ich schluckte auch dies noch und begriff, da ich einen falschen Weg eingeschlagen hatte. Als das Meisterlichste dieser diplomatischen Sicherheit meines Gegners erschien mir seine von jedem, auch dem kleinsten Triumph vllig freie Art der Verabschiedung. Er ging still und ein wenig beklommen, als wre ihm langsam klar geworden, da diese seltsame Entdeckung ihm doch unangenehmer werden knnte, als er zu Anfang geglaubt hatte. Ich hatte damals bereits Beweise in Hnden, die ich weitergab; es ist ber jeden Zweifel erhaben, da Mangesche Rao der Verfasser dieses Pamphlets ist, er hat es mir spter, nicht ohne Hohn, auf eine Art eingestanden, die nur mich, mich aber grndlich berzeugt hat. Die Regierung verfgte in hflicher Zurckhaltung seinen vorbergehenden Rcktritt von seinem Posten, mit der Begrndung, da zwar kein Verdacht gegen ihn vorlge, da jedoch sein Name auf eine Art blogestellt sei, die diese Verfgung fr kurze Zeit notwendig mache. So lautete, aus Einzelheiten zusammengesetzt, die ich nach und nach erfuhr, die Geschichte des Brahminen Mangesche Rao, und meine Erwartungen waren gespannt, als Wochen darauf der Tag kam, an welchem ich seine Bekanntschaft machen sollte. * * * * * Inzwischen hatten die groen Regen eingesetzt. Es war mir gelungen am Hang einer bewaldeten Anhhe den Flgel eines schnen Hauses zu mieten, mit groen Zimmern und einer breiten Veranda, die ganz von Buschwerk umschattet war, aber einen Ausblick auf eine herrliche Allee von Platanen erffnete, die auf ein altes Stadttor fhrte. Die niederbrechenden Wassermengen und die furchtbaren Unwetter, die die Regenzeit einleiten, verbannten mich lange in meine weien Rume, in denen ich wie in einer ununterbrochen mihandelten Trommel hauste, zwischen Wasserwnden, deren matte Silberstrme lau und klatschend vor den Scheiben niederdonnerten. Nachts flackerte das All in bengalischen Flammenkrnzen, die Ketten der Blitze knatterten, und oft betubten die Donnerschlge alle Empfindung, bis zuletzt auch die Furcht in einer dumpfen Ergebenheit versank, in welcher alle Geschpfe verharrten, wie in den Flammenzeichen des Jngsten Gerichts, whrend im Umkreis entzndete Huser und Bume aufleuchteten und erloschen. Es ging wochenlang so fort, ohne abzukhlen, unter den undurchdringlichen, nahen Wolkenmassen konnten die schwlen Dnste der monatelang durchglhten Erde nicht aufsteigen. Die Lungen stieen die von Feuchtigkeit und Wrme bersttigte Luft, wie unter den trben Scheiben eines berhitzten Treibhauses aus und ein, und langsam erlosch die letzte Lebenskraft. Drauen aber begann ein Wachstum von bengstigender Gewalt. Nach sieben Tagen drang kein Lichtstrahl mehr in meine Rume, und Panja arbeitete mit der Axt im spritzenden Saft. Die blauen Feuer der Blitze zeichneten nchtlicherweile ein kohlschwarzes Blttergewebe, wie ein wirres, flackerndes Gitterwerk, vor die Scheiben meiner Fenster, und es war mir unbegreiflich, an den ersten stilleren Tagen, die Stadt Mangalore noch an ihrem Platz zu finden. Langsam wurde es unter dem andauernden Regen von Tag zu Tag khler. Niemand beschreibt die Befreitheit und das Glck meiner Sinne, als mich nach langer Zeit zum ersten Mal die Sonne im Palmengrn weckte. Es ging aufs neue dem indischen Frhling entgegen, und die von Entzcken und tausend Dften geschwellte Brust wute ihren Jubel nicht zu bergen. Mangalore brach auf vor meinen Augen, wie eine wunderbare, fremde Blume, bunt und ppig, geheimnisvoll-verschwiegen, von giftig-ser Lebensgier. Ihr Duft brachte Vergessen mit sich, ihr Klang unnennbare Trume von der Mannigfaltigkeit der Welt, und ihre Farben berauschten die Sinne bis zur Verzcktheit. ber das hlzerne Gelnder der Veranda brach wie eine grne Schlange eine Schlingpflanze, ffnete ber Nacht blaue Blumen von der Gre eines Kinderkpfchens, mit einem gelben, gierigen Auge, das am Tage die Falter lockte und sich am Abend schlo. Der Jasmin betubte mich bis zum Taumeln, die schnarrende Klage der Krte mischte sich melancholisch und liebesselig in die metallische Klarheit des Nachtigallenlieds, und im Mond blhten die Lotusblumen auf den schwarzen Spiegeln der Brunnen und Smpfe auf. Die braunen Menschen in weien Gewndern im Grnen, lautlos auf rtlichen Wegen dahinschreitend, bewegten sich auf ihrem gesegneten Erdland wie unnahbare Gestalten eines Mrchens, erdacht, lngst bevor die Wiege unseres Volks, unter Eichen im fernen Westen, von den ltesten Sagen umklungen wurde. Und mit allen Wohltaten solcher Schnheit trat, wie ein Jngling aus einer tauglitzernden Wiese, der Schlaf wieder an mein Lager und mit ihm das glckliche Bewutsein von Gesundheit, von Kraft und frhlichen Daseinsrechten. Zwlftes Kapitel Von Frauen, Heiligen und Brahminen So waren die Eindrcke, die ich in den ersten Monaten meines Aufenthalts in Mangalore erhielt, auerordentlich bunt und mannigfach, und so eifrig ich nach dem Sinn der Erscheinungen forschte, so verwirrte mich das meiste eher, als da es mein Verstndnis frderte. Aber wie der glckliche Zustand frhlichen Wohlbefindens, besonders in der Jugend, eher zu gedankenloser Hingabe, als zu hingebenden Gedanken fhrt, so lie ich die farbigen Bilder an meinen Augen vorberziehen, wie ein munterer Wanderer die wechselnde Landschaft, und wenig von allem sank in mein Herz, bis zu jenem Tage, an dem Mangesche Rao mein Haus betrat. Panjas bermut verfhrte mich oft zu frohsinniger Oberflchlichkeit, wir bummelten am Hafen umher, der sich von Tag zu Tag mehr belebte, lieen uns zur Jagd auf Sumpfvgel die Fluarme emporrudern, die etwa um das Zehnfache breiter erschienen, als am Tage unserer Ankunft, wagten hier unser Leben und dort unser Geld und vergaen miteinander, da es in der Welt noch etwas anderes gab, als diese grne, blhende Wildnis und diese bunte Stadt. Vor den Tempeln und der Basarstrae gab es Feste heidnischen Gtzendienstes, am Hafen Schlgereien zwischen mohammedanischen Hindus und den Negern, die in groen Seglern von Arabien kamen, um Gewrze einzutauschen. Es war ergtzlich, dem bald trgen, bald ausschweifenden Leben des Hafens beizuwohnen, in beschaulicher Tatlosigkeit der englischen Regierung und dem lieben Gott die Sorge fr das eigene und fremde Wohlergehen berlassend. Ich schlo Freundschaft mit Negern, Elefanten und Knigen, von denen allen es in Mangalore ein gut Teil gibt. Der Frhling spendete uns Rausch, Vergessen und Andacht, der durchsonnte Lebensstrom, der die ganze Stadt berflutete, ri uns mit sich fort. Eingehllt in die Geheimnisse der Fremde, wieder erlst durch die himmlische Klarheit der Sonne und geleitet von der unermdlichen Lebenslust der Jugend, flossen meine Tage dahin. Meine letzten Bcher wurden ein Raub der Insekten, meine Gedanken eine Beute der Trume, und selbst meine Zukunftshoffnungen fielen fr lange dem sanften Rausch so vergnglicher wie berwltigender Gensse zum Opfer. Ich erwachte unter dem Glitzern der Sonnenspeere, die durch die Blumen und Palmengefieder in mein Zimmer sanken, unter dem Duft des Tees, den Panja mir an mein Lager brachte, und meine erste Erwartung galt der grnlichen feuchten Landzigarre, die, dick und lang wie ein Treibhausspargel, aus besten Blttern gewickelt worden war. Der goldene Tag zog herum bei Schmetterlingsjagden oder Kahnfahrten, am frischen Meer oder im tiefen Schatten des Palmendickichts, zwischen weisen und nrrischen Menschen oder Tieren, zu Pferd oder zu Fu verbracht, und immer in jener unnennbaren Erhobenheit, die das Bewutsein eintrgt, von allen geachtet oder gefrchtet, sicherlich aber fr etwas ganz Auerordentliches angesehen zu werden. Bis der khle Abend niedersank, mit dem Gesang der Menschen, dem gespenstig wandernden Licht der groen Leuchtkfer, den Lauten der liebesseligen Tiere, und ob ich die weien Nchte im Schein des gewaltigen Monds allein zubrachte oder nicht, werde ich nicht sagen, denn es gibt zu viele Menschen, die solcherlei Erwgungen in ernstliche Besorgnis wirft, und man soll niemand Sorge bereiten, am wenigsten durch die Erinnerung an eigene Freuden. Auf diesem so ausgedehnten Gebiet mu Panja in ernstliche Bedrngnisse geraten sein, eines Morgens schttete er mir sein Herz aus. Das hatte einen ganz besonderen Grund, und der Anla waren zwei lange Schrammen, die vom Auge ber seine Wange niederliefen, und deren Ursprung sich um so leichter erraten lie, als er die Nacht ber fort gewesen war. Als er sah, da ich sein Gesicht musterte, whrend er das Frhstck bereitete, meinte er bedauernd: Diese Dornen, Sahib! Man wei nicht, wie man ihnen im Dunkeln entgehen soll, es ist Zeit, da ich im Garten wieder Platz schaffe. Und wir klagten eine Weile miteinander ber die Dornen. Zuweilen sitzen zwei nebeneinander, sagte ich, hnlich wie die Fingerngel einer Hand. Panja musterte mich mitrauisch, aber da ich ernst blieb, meinte er zgernd: Ja, auch das, es kommt allerlei vor. Aber dann mute er doch ein Lcheln gewahr geworden sein, denn er sprang rgerlich auf, stampfte mit dem Fu und rief: Also weit du es, Sahib! Gut, aber was wird dadurch besser? Ist es schn von dir, jemand zu verhhnen, der ohnehin Undank geerntet hat? Ich beruhigte ihn und sprach ihm Trost ein, er war ernstlich erbittert und weit davon entfernt, auch nur einen Schatten von Schuld an diesem Unheil bei sich zu suchen. Da wurde er melancholisch, wie gutmtige Leute mit bsem Gewissen es leicht werden, wenn man ihr Verbrechen auf andere schiebt. Kratzen die Frauen deines Landes auch? fragte er, da er mein bewiesenes Verstndnis aus meinen Erfahrungen ableitete. Und wie, Panja! Sich und andere. Spotte nicht, bat er, dies sind ernste Dinge, und wenn ich auf den Schlaf warte, so mu ich viel darber nachdenken. Und er blinzelte in die Morgensonne, die grnes Feuer im Palmengitter entzndete, und spiegelte sich dann gedankenvoll in einer runden Kupferkanne, die ihm sein Bild hnlich zurckgegeben haben mag, wie die Welt seiner Gedanken in seinem Kopf aussah. Warum heiratest du nicht? fragte ich ihn. Es war einen Augenblick still. Das Geschrei der Handelsleute und Ausrufer von der Basarstrae klang zu uns herber, und die Zweige im Gebsch schaukelten unter dem Morgenspaziergang irgendeines greren Tiers. Vielleicht ein Affe, meinte Panja. Man sah, er dachte an etwas anderes. Gut, brach er pltzlich eifrig los, ich heirate, aber was dann? Es ist nicht verlockend, zu wissen, was einen auf dem Nachtlager erwartet, solange man jung ist. Zur Liebe gehren die Neugierde und die Gefahr, die erlaubte Liebe ist wie ein gefangener Vogel. Ich beschlo, ein wenig ernster zu werden, und sagte deshalb leichthin: Wenn es nur das gbe, was du jetzt Liebe nennst, Panja, so httest du recht, aber es kann vorkommen, da das Herz sich berall wie ein gefangener Vogel vorkommt, nur nicht dort, wo eine bestimmte Frau wartet. Panja dachte nach. Es kommt vor, Sahib, aber es geht vorber. Vielleicht kommt dafr etwas anderes? Was sollte kommen, Sahib? Vielleicht ein Sohn. O Gott, sagte Panja betroffen, wer denkt gleich an das Schlimmste!? Aber auch, wenn ich mich darber freuen sollte, so kann ich doch nicht an einen Sohn denken, wenn ich keinen habe. Ist das Vergessen schner oder die Erinnerung, Panja? Sieh um dich in der Natur, wohin du willst, und unter den Menschen, immer geht die Liebe mit der Erinnerung und das Laster mit dem Vergessen. Ist nicht ein Kind die schnste Erinnerung an die Liebe und der lieblichste Begleiter auf dem Wege vom Sommer zum Herbst? Panja rckte an seinem Turban und kratzte sich umstndlich, was immer ein Beweis war, da etwas ber seine Sinnenwelt hinaus in sein Herz gesunken war, aber es blieb in der Regel sein einziges Zugestndnis an mich. Ich bin kein Brahmine, sagte er endlich, warum soll ich also nachdenken? Du hast nur deshalb schne Gedanken, Sahib, weil du die Frauen nicht kennst. Wenn du einmal ein Weib genommen hast, so werden die guten Gedanken ausbleiben. Ich mute lachen, und Panja triumphierte. Nun war er es, der mich belehrte. Vielleicht sind die Frauen deines Landes anders, Sahib, aber wahrscheinlich ist es mit den Frauen wie mit der Palme, berall in der Welt ist sie dieselbe. Hast du niemals gemerkt, da sie im Grunde alle dumm sind? Du kannst es daran sehen, da sie sich in gleichem Mae vor einem Tiger frchten wie vor einer Maus, denn nicht einmal zwischen diesen beiden Tieren knnen sie den Unterschied herausbringen. So kennen sie auch bei den Mnnern keine Unterschiede, und als der beste erscheint ihnen immer der, den sie lieben. Ist das nicht ein Vorzug? Aber Panja lie sich nicht ablenken: Sagst du etwas recht Dummes, so reien sie die Augen auf und strahlen, nur weil es vielleicht auf das Gleichgltigste der Welt zutrifft; sagst du aber etwas Gescheites, was alle Klugen bewundern wrden, so vergessen sie es sofort, nur, weil sie es nicht in ihr Haar stecken knnen. Oh, was kann nicht alles geschehen! Mit der Zeit wird vielleicht deine Liebe abnehmen, und du kehrst zu vernnftigen Gedanken zurck, aber dann nimmt die ihre genau in dem Mae zu, wie sie dir gleichgltig wird. Sie behngt dich mit allem, was sie ausdenkt oder findet, wie einen wunderttigen Gtzen, bis du anfngst, selbst so Ungeheuerliches von dir zu glauben, da du ein Gesptt der Mnner wirst. Wie aber ist es erst, wenn dein Herz an dem ihren hngen bleibt, und dein Eifer und deine Mhe machen sie klter und klter? Gib du selbst alles, was du hast, und ohne Rckhalt dich selbst, sofort fngt sie an, nach anderen Mnnern Ausschau zu halten. Die Seele solcher Frauen ist wie eine Grube, die kleiner wird, je mehr man hinzutut, und das Elend in deinem Hause nimmt kein Ende. Ach, du weit nicht, wie es selbst den Braven ergeht! Du hast einmal gesagt, durch Geben wird niemand arm, aber alles, was einem herzlosen Weib gegeben wird, ist verloren. Das ist vielleicht richtig, Panja, unterbrach ich seinen Eifer, aber nicht alle Frauen sind herzlos. O Sahib, solange du lieben mut, ist in deinen Augen alles schn, was du an einer Frau erblickst, entgegnete Panja berzeugt, und das Bse an ihr entfacht nur den Eifer deiner Gunst. So fuhr Panja fort, mir noch lange die irdische Misere der Herzen zu schildern, die lieben, oder die es wollen, ohne es zu knnen, oder mssen, ohne es zu wollen. Ich antwortete ihm wenig, aber es wurde mir deutlich, wie viele Mnner unserer Zeit und unseres Landes ber eine hnliche Betrachtung der Frau niemals hinausgekommen sind. Hatte Panjas Anschauung auch zweifellos die heitere Beigabe einer kindlichen Auffassung, so lag ihr doch ein Urteil zugrunde, das mir, im nachdenklichen Sinn bewegt, nur allzu vertraut war. Wenn ich ihm nur beilufig widersprach, so bedachte ich bei meiner Zurckhaltung seine Jugend und die Tatsache, da die meisten Mnner erst durch die Erfahrung belehrt werden, und da niemandes Erlebnisse grer sind als er selbst. Auch dient eine solche oder hnliche Betrachtungsart gutmtigen Jnglingen zu einer Vorsicht, die dem Grade ihrer Widerstandskraft angepat sein mag. Aber im Grunde ist es nicht gut, in solchen Anschauungen allzu lange ein Kind zu bleiben, und ich habe die Mnner selten sonderlich ernst zu nehmen vermocht, die der Frau die selbstndigen Krfte des Gemts nur deshalb absprachen, weil sie anderer Art als die des Mannes sind; denn nur Oberflchliche rechnen Verborgenes leichtfertig dem Fehlenden zu. Auch bleibt es hinreichend lcherlich, Eigenschaften der Frau zu tadeln, die wir nicht genug loben knnen, solange ihre Wirkung uns selbst zugute kommt. Je eher das Gemts- und Geistesleben einer Frau im Zusammenhang mit ihren Eigenschaften einen Charakter darstellt, um so sicherer wird sie auch ohne uere Erfahrung die Wahl treffen, die ihrem Werte entspricht. Dieser Wert aber wird sich, nach ihrer Entscheidung, nicht in ihrer Fhigkeit zeigen, die Mnner gerecht miteinander vergleichen zu knnen, sondern in ihrer Bestndigkeit. So ging mancher Morgen in nachdenklicher Plauderei und gedankenlosem Spiel mit Nichtigkeiten herum, die Sonne begann uns Irdische dieser gesegneten Zone langsam wieder an Bestndigkeit zu bertreffen, an Treue und Kraft. Wie es manchen auf der Reise ergehen mag, so verlangte es auch mich, im berma der sonntglichen Freiheit, nun oft nach der herben Sicherheit jener hheren Freiheit im Geist, die uns bei ganzer Anspannung unserer besten Krfte vergnnt ist. Aber dies Klima erlaubt unserem Blut nicht den Ernst unserer Rasse, nicht den Eigensinn zur Ttigkeit, der ihr eigentmlich ist, und am wenigsten die Neigung zu bestndiger Arbeit. Ungezhlte unseres Volkes sind, solange die Geschichte es kennt, den Verfhrungen der sdlichen Sonne erlegen, fast unvermerkt, unheilbar der Sigkeit des tatenlosen Genusses verfallen, und erst nach eingebter Lebenskraft zu jenem Heimweh aufgeschreckt, das im Glanz der weichen Tage zu einer wollstigen Wehmut herabgesunken war. Oft, wenn ich am Meeresstrand unter schattigen Bumen lag und Traum und Wille sich im Blau des Himmels und des Wassers schaukelten, gedachte ich Homers und seines Helden, der, an den Mastbaum seines Schiffes gefesselt, mit empfnglichen Sinnen, machtlos und zerrissen von Verlangen, an dem gepriesenen Eiland vorberfuhr, erkennend und durch den Geist gefeit, vom Verstand gemeistert, der lter war als sein Verlangen, hingegeben und beherrscht. Oft beneidete ich ihn, oft bedauerte ich ihn, wie einen, den die Klte seines Geistes vom Altar beseligter Hingabe verbannt hat. Aber in meinen Trumen erschienen mir die singenden Frauen, und ich ahnte unter dem Glanz ihrer lockenden Leiber die tdliche Kraft ihrer mrderischen Krallen. Es trieb mich, bei innerer Ruhlosigkeit, uerlich von einem zum andern, ich versuchte zu arbeiten, verbrannte aber bald nach den armen Anfngen die untchtigen Versuche, die Herrlichkeit um mich her in Worten und Gestalten zu bannen. Entzndete die Sonne ihr grngoldenes Morgenfeuer in den Bschen, die meine Fenster einhllten, so tauchten meine Sinne in der Ahnung einer Vollkommenheit unter, die jedes Menschenwerk zu nichtigem und vergnglichem Tand herabsetzte, es gab nur Befreitheit in andchtiger Hingabe. Panja beobachtete mich sorgenvoll, und eines Tages meinte er: Sahib, weshalb verbrennst du dein Papier nicht, bevor du es beschreibst? Nun, das rgerte mich. Zu solcher Frage hat ein Diener kein Recht. Dummkopf, sagte ich, weit du nicht, da man Gedanken auf ein Blatt Papier niederschreiben kann, und da, wenn beide zugleich verbrannt werden, der Gedanke als Rauch in die Kpfe von Menschen zieht, die wir von unserer Meinung berzeugen wollen? Panja ri die Augen auf und schwieg andchtig. Er hatte es noch nicht gewut. Nach einiger Zeit ertappte ich ihn darber, da er im Garten unter merkwrdigen Sprngen einen Brief verbrannte, und entfernte mich mit der Genugtuung, da enttuschte Hoffnungen ihn fr seine unbotmige Frage strafen wrden. Auch mit den Vertretern der deutschen Mission in Mangalore kam ich flchtig in Berhrung, es sind ttige und ernste Leute, die in kleinen Industrien die bergetretenen Eingeborenen beschftigen und den Geisteskampf mit den gebildeten Reprsentanten des Hinduismus nur vereinzelt und immer erfolglos wagen. Es fehlt ihnen an Bildung und Kenntnis und vor allem an Achtung vor dem Brahman oder der Lehre Buddhas, und der einfltige Glaube, es hier mit finsterem Heidentum zu tun zu haben, ist der beste Weg zur grndlichen Erfolglosigkeit. Ich habe kuriose Leute unter diesen Missionaren und Missionsfrauen angetroffen. Was sie einem feineren Anspruch immer wieder fatal macht, ist ihre bewute Beschrnkung und Ausschlielichkeit in einer Weltbetrachtung, deren wirkende Kraft unerprobt bleibt. Es ist leicht, recht zu behalten, wenn man nur sich selbst oder Meinungsgenossen hrt, und das Lcherliche solcher Erscheinungen beruht darauf, da ihre Einfalt mit Groartigkeit verbunden ist und ihre Behutsamkeit mit Mangel an Takt. Ein bezeichnendes Merkmal, woran solche Leute im Fall eines Zweifels bald zu erkennen sind, ist ihre Fhigkeit, ber alle Dinge mitzureden, sie zu beurteilen oder einzuschtzen, ohne da sie sich je die Mhe gemacht htten, sie auch zu verstehen. Naturgem verbindet sich mit einem solchen Standpunkt der Weltbetrachtung eine besondere Vorliebe fr die Kehrseite der Dinge, die sich berall, wie auch beim Menschen, leichter kenntlich, bersichtlicher und ohne komplizierten Ausdruck oder vielseitige Linienfhrung darbietet. Und so findet man auch in der Regel, da das Selbstbewutsein dieser Menschen sich daran aufzurichten pflegt, da sie die Schattenseiten anders gesinnter Brder oder fernliegender Dinge zuerst, oder gar ausschlielich entdecken, und da es leichter ist, etwas zu tadeln, als etwas zu begreifen, so findet dieses Selbstbewutsein fast stndlich Nahrung und entwickelt sich auf das prchtigste. Panja meinte einmal, nachdem wir unsere ersten Bekanntschaften hinter uns hatten: Diese Herren sind wie der Knig von Schamaji, immer herrschen sie, aber man wei nicht, warum oder ber wen. Wahrhaft Bescheidene fordern nicht heimlich den Dank fr ihre Beschaffenheit ein, und es ist immer ein wenig peinlich, wenn Dienstboten sich deshalb fr etwas Besonderes halten, weil ihre Herrschaft etwas Groes geleistet hat. Trotzdem ist mir ein Beweis inniger Glaubenskraft erbracht worden, und da ich durch die bezeichnenden Worte, welche ich ber diese Leute vorangeschickt habe, ungern in den verpnten Ruhm kommen mchte, auf der Bank der Sptter zu sitzen, will ich die Geschichte so folgen lassen, wie ich sie gehrt habe: In einer Gebetsversammlung dieser kleinen christlichen Gemeinde erhob sich jngst eine Missionsfrau, die aus den dunkleren Provinzen des im brigen so gesegneten Knigreichs Wrttemberg stammte und die in ihrer Beziehung zur Einfalt in der Gottesfurcht etwas geradezu Auerordentliches leistete. Sie sagte nach kurzem Gebet, das in solchen Versammlungen laut und allgemein verrichtet zu werden pflegt, da es Gott dem Herrn in seinem unerforschlichen Ratschlu gefallen habe, ihre neben ihr sitzende, bereits erwachsene Tochter Helene mit einem Bandwurm zu schlagen. Darauf forderte sie die Gemeinde in bekmmertem Werben von geneigter Stirn instndig auf, Gott mit ihr und ihrem Kinde gemeinsam um das Ausscheiden des unangenehmen Parasiten anzuflehen. Ihrem Ersuchen wurde bereitwillig stattgegeben, und Mnner und Frauen der Versammlung beschftigten sich eine angemessene Zeitlang vor Gottes Augen in inniger Frbitte mit dem Bandwurm der jungen Dame und mit der Laufbahn, welche fr die Zukunft dieses merkwrdigen Tiers erhofft wurde. Am Schlu der Versammlung erklrte eine freundliche Beisitzerin im Saale, da sich in ihren Privatbestnden ein wirkungsvolles Mittel befnde, dem auch ein energischer Bandwurm nicht zu widerstehen in der Lage sei, und dieses Medikament wurde mit Dank angenommen. Schon in der nchsten Zusammenkunft konnte die Mutter der aufhorchenden Gemeinde die Mitteilung machen, auf wie wunderbare Art die Kraft der gemeinsamen Frbitte bei ihrer Tochter gewirkt habe. Sie erzhlte mit bewegter Stimme den Versammelten, da der Bandwurm gekommen sei, augenscheinlich im bereits entschlafenen Zustande, da sich aber ein groer Frieden in seinen Zgen ausgedrckt habe.-- Da Gottes Hand sichtbar ber dem Wohlergehen dieser opferfreudigen Leute waltet, geht auch aus einer anderen, nicht weniger eigenartigen Geschichte hervor, die mir in Mangalore von einem sehr erfahrenen und im Heidendienst erprobten Manne erzhlt worden ist. Als sich dieser Herr zu Beginn seiner Laufbahn an einem schnen Abend auf der Veranda seines Hauses aufhielt, erblickte er pltzlich einen Tiger, der die Treppe vom Garten emporkam. Gott gab dem bestrzten Manne jedoch rechtzeitig einen guten Gedanken ein, der zur Errettung fhrte. Auf der Terrasse stand zum Glck, von der letzten Kinderlehre im Freien her, noch das Harmonium, ein besonders in pietistischen Glaubenskreisen recht beliebtes Erbauungsinstrument, das auch in indischen Missionen hier und da Verwendung findet, obgleich es den Einwirkungen des Klimas nur selten zu widerstehen vermag. Auf dieses Instrument strzte sich der beklommene Mann und begann, in zuversichtlichem Glauben an seine Aussichten, den bekannten schnen Choral zu spielen: Wie soll ich dich empfangen Und wie begegn' ich dir? Der Tiger soll sich sofort entfernt haben, um den Schutz der Wildnis aufzusuchen. * * * * * Eines Nachmittags, als ein Hndler aus Kaschmir seine bunten Messingvasen und Stickereien auf meiner Veranda zur Schau ausbreitete, kam ein Bote aus der Stadt und blieb nach Art der eingeborenen Diener bescheiden am Aufgang zur Treppe stehen, eine Anrede erwartend. Es kamen zu vielerlei kleine Nachrichten fr Panja oder den Koch, als da ich den Fremden sonderlich beachtete, er rusperte sich nach einer Weile dezent, und als ich hinbersah, legte er die Hand an die Stirn und verneigte sich zum zweiten Male. So ging es mich an, und ich winkte ihm. Du kommst mir gelegen, sagte ich, wie viel Wert hat nach deiner Meinung dieser mit Gold bemalte Vorhang, du bist unparteiisch, sag' es mir. Der Fremde prfte das Tuch und die Arbeit aufmerksam, mir schien aber, als besnne er sich dabei auf einen Ausweg, zugleich meiner und der Forderung des Hndlers gerecht zu werden. Dann sagte er: Ich kenne den Wert dieser Arbeiten nicht genau, aber ich kenne Dewan Chundar, den Kaufmann, der dich bedient, und wei, da er gerecht und vorsichtig ist. Wenn er es nicht wre, so knnte er es von dir lernen, sagte ich. Die Antwort gefiel mir, und ich betrachtete den Ankmmling genauer. Seine Gewandung war sorgfltig und gut und ohne Anlehnung an die europische Kleidung, der rote Turban war aus Seide, das weie Hftentuch breit gelegt, und es reichte, wie eine weite Pumphose, bis an die Knie, ein kurzes Jckchen aus dunklem Tuch, wie es die Perser in Bombay tragen, verhllte Brust und Arme. Und du selbst? Was fhrt dich zu mir? Mein Herr bittet dich, ihn morgen um diese Stunde zu erwarten, er dankt dem fremden Sahib fr seine Bitte. Du dienst dem Brahminen Mangesche Rao? Mein Herr ist Bahadur Mangesche Rao. Der stille Sklave erhielt eine Silberrupie, mein Herz schlug vor freudiger berraschung. Eigentlich ohne rechte Hoffnung auf den Erfolg meiner Mhe war ich dem Rat des Kollektors gefolgt und hatte den Brahminen in einem Brief angegangen, ob er willens sei, mir Unterricht im Sanskrit und in der Geschichte seines Landes zu geben. Mir war in den letzten Wochen zumut gewesen, als mte ich mir durch meine leichtfertigen Umtriebe in der Stadt das Vertrauen dieses ernsten Politikers und Diplomaten verscherzt haben, denn ich fiel auf, da ich mich sowohl anders als die Englnder benahm, als auch die Gebruche der Missionare nicht eben zum Vorbild whlte. Sonst gab es wenig Europer in Mangalore. Panja hatte mir allerlei Lustiges ber die Bilder berichtet, die man sich im Volk von mir machte, ich galt hier als verkappter Spion der englischen Regierung, dort als Perlenhndler und im niedern Volk als Zauberer, weil ich einmal mit einem Taschenknstler in Konkurrenz getreten war, der noch niemals ein Spiel franzsischer Karten gesehen hatte und von der Volte so wenig verstand, wie ich vom Schlangenbndigen. Nun, es erschien, als habe der Brahmine weiter nicht Ansto an meinem Ruf genommen. Der Hndler erhielt den geforderten Preis und benutzte den Rest des Tages zum gemchlichen Einpacken seiner Schtze, offenbar hatte das Geschft, das er mit mir gemacht hatte, ihm ermglicht, sich fr einige Wochen ins Privatleben zurckzuziehen. Ich rief nach Panja. Ich wei schon, sagte er kalt, du ziehst Verbrecher ins Haus. In kurzer Zeit werden wir alle drei gehngt werden. Woher weit du denn, wer kommt? Du hast es mir ja selbst gesagt, Sahib. Ich war berzeugt, es nicht getan zu haben, konnte aber nicht fr mich brgen. Die Tatsache, mich bis ins kleinste beobachtet zu finden, berraschte mich immer wieder, aber Neugierde ist die heiligste Pflicht eines indischen Dieners, und es erscheint einem oft, als stnden Todesstrafen auf Verschwiegenheit. Sicher war, da Panja diesem Besuch ungern entgegensah, er hufte alles an Schmhungen und Verdchtigungen an, was er aus einem zweitausendjhrigen Ruf dieser Kaste nur immer in Erfahrung gebracht hatte. Trotzdem gewahrte ich deutlich eine Scheu, jene alte Achtung, die allen Kasten den Brahminen gegenber eigentmlich ist, und die kein Ha und keine Furcht verdrngt haben. Mangesche Rao kam am nchsten Tage mit groer Pnktlichkeit genau zur angegebenen Stunde. Er ritt durch das Gartentor ein, bis dicht vor die Holztreppe der Veranda. Der Diener, der sein Pferd am Zgel fhrte, diesmal ein anderer, meldete seinen Herrn durch einen gedmpften Zuruf an, der mir in seiner seltsamen Feierlichkeit und seinem eindringlichen Pathos unauslschlich im Gedchtnis geblieben ist. Panja erschien, ernst und wrdevoll. Der Brahmine schritt die Treppe erst empor, als ich ihm in der Tr entgegentrat, er reichte mir nach europischer Sitte die Hand, das einzige, was mich auer seiner Erscheinung in seinen Gewohnheiten an seine Kaste mahnte, war die eigentmliche rituale Vorsicht, mit der er seine Schuhe an der Schwelle der Tr ablegte, um das fremde Haus mit nackten Fen zu betreten. Er bckte sich dabei nicht, die safranroten sandalenartigen Schuhe blieben zurck, wie durch einen Zauberspruch von den Fen gelst. Wahrscheinlich wird mein Gast sich keine Vorstellung von dem Eindruck gemacht haben, den seine Erscheinung von den ersten Augenblicken an auf mich machte. So gro das Selbstbewutsein eines Menschen sein mag, der sich seines Werts bewut ist, immer wird ihn vom unbedingten Glauben seiner Wirkung die Erkenntnis abhalten, da ein anderer nur so viel wrdigen kann, als er beansprucht, und in dieser Hinsicht lag fr den Brahminen gewi kein Grund vor, von mir ein besonderes Erfassen seiner Vorzge anzunehmen. Ich war berrascht, wie jung er wirkte, als ich sein Alter erfuhr. Nicht allein sein sorgfltig rasiertes und sehr schmales Gesicht lie darber in Zweifel, sondern vor allem seine ungewhnlich schlanke Gestalt und die Anmut seiner Bewegung, die allerdings weit von jeder Gefallsucht entfernt war. Als seine Augen, dunkel aus dem hellen Braun des Gesichts, unter dem gelben Seidenturban hervor, zum ersten Male in die meinen sahen, erfate mich wie ein Taumel von Begierde, Befriedigung und Stolz eine Ahnung vom Geist der Jahrtausende, die ihrem spten Sohn den Glanz ihrer Kultur wie einen Kranz um die Schlfen gelegt zu haben schienen. Etwas vom Zauber jener Trume meiner Jugend, die unter dem Namen Indien in mir erwacht waren, beglckte mich, und mir erschien, als stnde ich erst heute wahrhaft vor den Toren seiner Geheimnisse. Die fremden Augen sahen mich bei den ersten Worten unserer Unterhaltung an, als lge dem Sinn dieses Mannes nichts so fern, als mich zu prfen. Es ist das erstemal gewesen, da diese Bescheidenheit der berlegenheit mir wohltat, ich begriff, wie viel Unsicherheit, wie viel Abwehr und falsche Besorgnis in jenem Prfen liegt, mit dem wir in den meisten Fllen einer neuen Bekanntschaft beginnen oder empfangen werden. Diese Unbeteiligtheit der Augen wirkte hflich und verbreitete eine Gelassenheit, als gbe es in der Welt nichts Natrlicheres, als unsere Zusammenkunft. Ich dachte an die Erzhlung des Kollektors und mute ber seinen Eifer lcheln, mit dem er sich bemht hatte, mir ein Bild dieses Mannes zu entwerfen, ich begriff, wo die Besorgnis des Englnders ihren Ursprung hatte, und war ber nichts so glcklich, als da kein politisches Interesse den Brahminen und mich zusammengefhrt hatte. So mag es gekommen sein, da ich ohne Rckhalt, ohne kleinliche Vorsicht und in heiterer Offenheit zu diesem Manne sprach, und er schien rasch zu bemerken, da ich nichts zu verlieren frchtete, als seine persnliche Achtung. Es war erstaunlich, wie richtig er aus den uerungen meines Temperaments auf meine Gesinnung schlo. Offenbar hatte er, ohne falsch oder auch nur vorsichtig zu erscheinen, schon nach der ersten halben Stunde unserer Unterhaltung eine ganze Reihe heimlicher Prfungen vorgenommen, deren Resultat den Rest seiner Befrchtungen zerstreute. Wir sprachen von der englischen Regierung, er lobte ihre Umsicht, die Rede kam auf die deutsche Mission und Mangesche Rao sagte, hflich gegen mich, als den Landsmann ihrer Vertreter, das Beste ber diese Leute, was sich ber sie sagen lie. Ich war jung genug, nicht ohne weiteres zu dulden, da ich mit diesen Propheten der heiligen Einfalt zusammen das Deutsche Reich in Indien reprsentieren sollte, und sagte: Die Leute sind einfltig. Das schliet ihre Aufrichtigkeit nicht aus, meinte Mangesche Rao, doch ich konnte mich nicht enthalten, hinzuzufgen: Sie mssen Ihnen wenig schaden, da Sie so nachsichtig sind. Mangesche Rao lchelte, meine Unvorsichtigkeit schien ihm wohlzutun, und so bemerkte er leichthin: Wir begegnen einander nur auf Gebieten, die wir ihnen berlassen. Seine Meinung ber die Jesuiten unterschied sich wesentlich von der ber die protestantische Mission, und aus den Ansprchen, die er durch die Wirksamkeit und Eigenart dieses Ordens befriedigt sah, merkte ich rasch, wie wenig ihm alles galt, was nicht im Geistigen zu suchen war. Aus keiner Einzelheit, die unsere Unterhaltung berhrte, war bisher zu entnehmen, da mein Gast sich auch nur beilufig um Politik bekmmerte, ja auch nur das kleinste Interesse am Ergehen des Landes, an seiner wirtschaftlichen oder sozialen Lage nahm. Ich war vorbergehend in Zweifel, ob sich der Kollektor nicht mit seiner Annahme im Irrtum befand und die Unschuld seines vermeintlichen Gegners fr hchste Verstellungskunst gehalten hatte. Die Sonne trieb ihr buntes Spiel im ruhigen Raum, der Besuch sa im gedmpften Licht, und sein Anblick erfllte mich mit der stolzen Freude des Gastgebers einem ungewhnlichen Fremden gegenber. Der blaue Vorhang, den ich am Tage vorher erstanden hatte, schmckte die Wand meines Zimmers als Hintergrund, und die Schultern, das glnzende schwarze Haar und das gedmpfte Seidengelb vom Turban Mangesche Raos hoben sich unwirklich und fremdartig davon ab, mir erschien der Anblick zuweilen wie ein Bild aus der Mrchenwelt von TausendundeineNacht. Panja, lautlos und vorsichtig, brachte Tee und Tabak, ich war nicht wenig darber erstaunt, als ich sah, wie tief und feierlich er den Brahminen begrte, der durch einen Blick dankte, ohne auch nur die Stirn zu neigen. Es schien dem Gast nach einer Weile in Frage und Antwort doch zu hastig zu gehen. Die vornehmen Inder verkehren mit den Europern in auerordentlich gesetzter Weise und haben sich in ihrem Umgang mit den Herren ihres Landes daran gewhnt, das Wort als ein Mittel zu betrachten, um die Gedanken zu verbergen. Diese Kunst haben sie gewi nicht erst in ihren Kmpfen mit den mohammedanischen oder englischen Eroberern gelernt, aber sie sind zu oft getuscht worden, um nicht mitrauisch zu sein, bis zur Verstecktheit. Wie ich Mangesche Rao spter kennen lernte, lag seiner Natur der Freimut nher als die Verstellung, aber zu Beginn unserer Bekanntschaft prfte er meine uerungen wieder und wieder darauf hin, was sie hinter ihrem Wortlaut bedeuten mchten, oder was darber hinaus. Das lie ihn oft zgern oder schweigen, und ich erkannte bald, da mein bestes Mittel, ihn rascher zu Vertrauen zu gewinnen, sicherlich eine gewisse Gleichgltigkeit gegen jede Vorsicht war. Aber welcher Vorsichtige erwgt nicht, selbst vor der arglosen Gebrde einer Preisgabe, die Mglichkeit eines Mittels zu verborgenem Zweck? Mangesche Rao whlte geschickt einen Weg, der ihm Gelegenheit zu beilufigem Beobachten und Schweigen gab, er nahm vom Nebentisch ein Schachbrett und begann, wie in Gedanken und scheinbar unbeteiligt, die Figuren zu ordnen. Das Spiel, das sich alsbald zwischen uns ergab, war sehr erheiternd fr mich, aber es dauerte nur kurze Zeit. Der Brahmine sagte mir nach dem vierten Zuge, den ich machte, mit hflichem Bedauern mein unvermeidliches Geschick voraus und fragte mich, auf welchem Feld des Bretts mein Knig am liebsten seinen Untergang erlebte. Ich gab es an, und der hlzerne Frst rutschte, eine Weile von eigenen und fremden Kriegern bedrngt, wie ein gescholtener Kuli hin und her, bis er seine unrhmliche Herrschaft, von einem feindlichen Bauern aus dem Hinterhalt berfallen, auf jenem Felde aufgab, das ich bestimmt hatte. Dem geht es hnlich unter Ihrem Verstand wie dem englischen Kollektor, sagte ich und lachte. Ohne Besinnen antwortete mir Mangesche Rao: berschtzen Sie die kleine Arbeit nicht, die dem Beamten zu schaffen macht, ich hoffe, das alles einmal wirkungsvoller zu sagen. Also Sie haben es geschrieben und geben es ohne weiteres zu? Was ich unter vier Augen zugebe, kann ich unter sechs ohne Mhe widerrufen. Aber glauben Sie, da mir von einer Regierung Gefahr droht, die nicht den Mut hat, unumwunden zu fragen, aus Furcht eine Antwort zu erhalten, die sie zu einem Eingriff zwnge? Mich schtzt nicht meine Geschicklichkeit, sie war zur Hlfte Nachsicht gegen die Persnlichkeit dessen, der sie nicht zu bertreffen vermochte; was mich schtzt, sind die Macht und der Wille der Gleichgesinnten im Reich. So wissen Sie auch, da ich zuweilen ein Gast des Kollektors war? fragte ich, aufs hchste angeregt. Mangesche Rao nickte. Es ist leichter fr uns, in Mangalore einen Europer zu beobachten, als umgekehrt. Zu Anfang habe ich den Gedanken erwogen, Sie mchten mich im Interesse der englischen Regierung zu sich geladen haben, deshalb bin ich gekommen. Aber dieser Gedanke war falsch. Was brgt Ihnen dafr? Ihr Bemhen, arglos zu erscheinen, sagte der Brahmine und lchelte, auf diese Art versuchen es nur Leute, die es sind. Ich lachte, und da er ernst blieb, fragte ich: Und wenn ich nun, Ihrer Meinung zum Trotz, vielleicht nur aus gleichgltigem Unterhaltungsbedrfnis, dem Kollektor Ihr Gestndnis erzhlte? Sie wrden sich weder Dank erwerben, noch Schaden tun, meinte der Brahmine, ohne ein Anzeichen von besonderem Interesse. Es ist niemandem wichtig, Dinge zum zehnten Mal zu hren, die er wei. Der Tag verlief damit, da ich Mangesche Rao meine in seinem Lande verbrachten Tage von Anfang bis zu Ende erzhlte. Ich sprach nicht nur von Ereignissen, sondern auch von den Empfindungen, welche mich bewogen hatten, sie zu suchen. Er hrte mir mit ruhigen Augen zu, warf hier und da eine Frage ein, die mir sein Verstndnis erwies und mich zu immer grerem Freimut bewegte. So gestand ich ihm endlich auch den Grund ein, aus welchem ich ihn gebeten hatte mein Haus aufzusuchen, und seine Freude war nicht ohne Stolz, als er mir auf seine vornehme Art versicherte, das Beste seines geistigen Eigentums sei so weit das meine, als ich Verlangen danach trge. Ich begreife den Geist, der Sie in die Welt hinaustreibt, sagte er zum Abschied zu mir. Immer erfat bei allen Vlkern Einzelne diese Rastlosigkeit, sie finden nirgend Ruhe und mischen die Welt. Mit ihnen gehen Segen oder Unsegen, und diese entstehen nach dem Mae des Werts solcher Menschen. Die Einen treibt ihre ungebndigte Flle hinaus, die Anderen ihre Leere. Die letzteren glauben bereichert zurckzukehren, aber sie lassen berall nur Unordnung und Verwirrung zurck, auch bringen sie in Wahrheit nichts heim, denn in leeren Kpfen ist am wenigsten Platz. Die Reichen aber geben, indem sie suchen, und der Notstand ihrer Wanderung gereicht oft denen zum Nutzen, die ihnen begegnen. Dreizehntes Kapitel Das letzte Feuer und der alte Geist Es war damals noch die Zeit des Prabuddha Bhrata, des erwachten Indiens. Die Auslufer des groen Geistesstromes hatten weit ber das Land hin die Gemter zu neuem Glauben an eine Einigung der Vlker unter dem Licht der urvterlichen Religion befruchtet. Die Wirkung Brahma-Samajs, der die Veden, besonders aber die Upanishads im Sinn eines geklrten Theismus auslegte, hatte ber die Finsternis des Gtzendienstes und Aberglaubens hin, den Versuch einer sozialen Reform hervorzurufen, die mit Raghunatha Rao einsetzte und sich in eigensinnigen Kmpfen zuerst gegen den Kastengeist wandte. Der Name Swmi Viveknandas klang wie ein heller Weckruf durch das schlafende, unterdrckte Land, aber die schwelende Flamme dieser neuen Wahrheit schlug niemals zum vollen Glauben an die Freiheit empor. Es folgten diesen Propheten der Erhebung andere. Die verschiedenen Richtungen der Auffassung zerteilten ihre Anhnger zu Parteien, und was im Sinn einer Einigung zu einer neubelebten Landesreligion begonnen hatte, artete in Parteigeznk aus, und als gar europische Agitatoren sich der groen Sache annahmen, wuchs das Mitrauen der Menge. Der Gedankenstrom geriet hier in buddhistische Geistesbahnen, dort in den Einflu christlicher Ideen, und die englische Politik, sich dessen wohl bewut, da die Macht ihrer Einigkeit von der Zersplitterung der feindlichen Parteien abhing, verwertete die verschiedenen Regungen geschickt zu ihrem Vorteil und spielte sie gegeneinander aus. Dadurch ergab sich naturgem, da die zu Beginn dem Aufbau einer erneuten Landeskirche zugedachten Reformen mehr und mehr ein politisches Geprge bekamen, die fanatischsten Anhnger der erneuten Religion sahen in ihr bald ein Mittel zur Befreiung des Landes von der englischen Herrschaft, und mit diesem Umschwung war das Herz der Sache tdlich verwundet, und ihre Kraft versickerte im Vielerlei einer von Tendenz und Leidenschaft erfllten nationalen Bestrebung. Ich erfuhr von diesen Dingen zum ersten Mal durch den Brahminen Mangesche Rao, dessen aufrichtiger Glaube an die Mglichkeit eines geeinten Indiens mich hinri, wie auch sein Ha gegen England, welche beide im Verlauf unserer Beziehung immer unverhohlener zutage traten. Ich gewann Mangesche Raos Vertrauen in dem Mae, als er an meine Anteilnahme glauben lernte, und wenn er auch, mehr einem Prinzip als eben einer Befrchtung folgend, alle praktischen Einzelheiten vor mir geheimhielt, so gewann ich doch bald einen allgemeinen Einblick in das Interessengebiet des politisch kmpfenden Indiens. Er setzte voraus, da seine Ideen mir wertvoller waren, als seine Mittel, sie zu realisieren, und berlie mir den Schlu vom Gedanken auf die Mglichkeiten zur Tat. Die Liebe zu seinem Lande begeisterte mich, seine Hoffnung war hei und jugendlicher Art und stand in einem seltsamen Gegensatz zur Gelassenheit und Beherrschung des Wesens, die er zur Schau trug. Ich lernte ihn um der glhenden Hingabe willen lieben, in welcher er sich einer Sache opferte, deren Bedeutung und Aussichten ich damals nicht zu bersehen in der Lage war. Sicher ist, da ich leicht bei meiner raschen Anteilnahme in Dinge htte verwickelt werden knnen, die mir verhngnisvoll geworden wren. Aber was der Brahmine aus seiner reichen Welt groer Ideen in einen politischen Kampf hinbernahm, hing so eng mit seiner Jugend zusammen, wie sein Eifer mit seiner Hoffnung. Im Grunde war er so wenig Politiker, wie die Fragen nach Mein und Dein ihn lange in ihrem znkischen Bereich htten fesseln knnen. Die priesterliche Tradition seines Stammes, die tief in seinem Blute lebte, zog ihn immer wieder in ihre beschauliche Stille zurck, und im Grunde lockte die Erkenntnis ihn mchtiger, als der Kampf um den ueren Glanz der Welt. Die Bekanntschaft und mein immer mehr zunehmender Umgang mit ihm vernderten meine Lebensweise und meine Betrachtungsart der Welt, die mich umgab. Ich strich nun oft allein und nachdenklich durch den belebten Basar und am Dunkel der Tempeleingnge vorber, deren gelbe Messingplatten am alten, von unzhligen Hnden und Fen dunkelpolierten Holz, geheimnisvoll aufblinkten, wie die Riegel zu Hhlen voll ungeahnter Wunder. Ich achtete mit neuem Verstndnis auf die vielerlei Abzeichen auf den Stirnen der Inder, die bald mit Ru oder Asche, bald mit Henna gemalt waren, und lernte die Kasten voneinander unterscheiden. Wenn die Trommeln und Pfeifen und der wahrsagerische Gong im Dmmern der Tempelhfe erklangen, kamen mir die Worte Mangesche Raos ber den Sinn der einzelnen Zeremonien neu belebt ins Gedchtnis, und gemeinsam mit seiner Hoffnung erwachte der Wunsch in mir, der alte Geist mchte sich einst von den Schlacken dieser heidnischen Entstellungen zu seiner ehemaligen Freiheit erlsen. Einmal waren wir weit ber die Stadt hinaus am Meer dahingeschritten, unter der geraden Palmenallee, und ich sah die nackten Hindus, braun im Sonnenlicht glnzend, im flachen Wasser fischen, unser Gesprch war bald, wie schon so oft, von weltlichen Dingen der Politik auf religise Fragen gekommen, und vielleicht in der Hoffnung, einmal klar und bestimmt den Sinn des Hinduismus zu erfassen, fragte ich Mangesche Rao: Was ist das Brahman? Ich hre Gedanken von tiefem Sinn, Weisheit voller Schnheiten, Erlsungsgedanken voll hellen Befreiungsglaubens, aber ber dem Begriff des Brahman selbst schwebt ein mystisches Dunkel. Da antwortete mir der Brahmine: Das Wesen des Gttlichen kann ein Herz nur empfinden, aber ich will Ihnen so antworten, wie die ltesten Priester der Veden es gedeutet haben. Nach ihnen ist das Brahman das Licht des Geistes und die Seligkeit ohne Leid. Das Brahman ist die Freude, das uranfngliche Wissen, eine unterschiedslose Masse von Erkenntnis, aus Seligkeit bestehend, zugngig durch das Bewutsein, mit hchster Einsicht ausgestattet. Wie nah lag nach dieser herrlichen Darlegung die Frage nach der Mglichkeit, auf die ein Herz dieses Heils teilhaftig werden knnte. Mangesche Rao dachte eine Weile nach, dann sagte er: Ich will Ihnen eins der Distichen aus dem Atmabodha nennen, das vielleicht Ihre Frage nicht so beantwortet, wie sie gestellt ist, das aber die rechte Entgegnung auf eine recht gefate Frage wre: Der Fromme, der des rechten Wissens kundig, erschaut es mit dem Auge der Erkenntnis, da in ihm selbst beruht das ganze Weltall, und da er selbst das Eine ist und alles. Wie eine Eisenkugel, die durchglht ist vom Feuer, so durchdringt das Brahman das ganze All im Innern und von auen mit seinem Licht, indem es selbst erstrahlt. Er sprach leise und feierlich. Mir war, als erinnere sich ein tausendjhriges Geisterreich seines versinkenden Lichts, und zum ersten Mal berkam mich mit dunkler Gewalt die Trauer um das verlorene Indien. Ich begriff in heimlicher Bengstigung die Vergeblichkeit des Kampfes, in welchen dieser Mann neben mir, wie in sein Schicksal, verstrickt war, und mein Verlangen schwankte unruhig zwischen dem Wert der alten und der neuen Welt. Mangesche Rao schien meine Gedanken zu ahnen, denn nach einer Weile des Schweigens meinte er in leichterem, fast geschftigem Tone: Es ist niederdrckend, erkennen zu mssen, da alles, was wir unter groen Opfern zur Wohlfahrt des geknechteten Volks errungen haben, immer wieder zum Anla seines Mitrauens wird. Als ich mich entschlo, die Hochschule in Madras zu besuchen, wurde ich aus der Gemeinschaft meiner Kaste ausgestoen, und als ich mit Erfolg um eine einflureiche Stellung unter den Feinden rang, verlor ich das letzte Zutrauen im engsten Kreis meiner Freunde. Und doch haben wir Inder keinen anderen Weg, den Kampf mit England aufzunehmen. Heute unterdrckt in Indien noch die politische Macht die Freiheit des Geistes, aber es wird bald so weit kommen, da auch hier, wie berall in der Welt, der Geist die Herrschaft antritt. Damit wird Englands Niedergang in Indien beginnen. Die Einsichtigen wissen es, und es beginnt bereits eine starke Strmung, die uns die eingerumten Rechte wieder zu schmlern sucht, denn England fhlt, wo es uns gewachsen ist und wo nicht. Aber wie bitter ist es, in solchem Kampf erfahren zu mssen, da unsere eigenen Landsleute, deren Wohl unsere Mhe gilt, sich gegen uns wenden. Ich habe spter oft an diese Worte denken mssen, als das Geschick meines Freundes sich erfllt hatte, ich erinnerte mich ihrer, wie einer ausgesprochenen Ahnung seines Verhngnisses. Zwischen den Palmen glitzerte das farbige Meer. Wir kamen an den Verbrennungssttten fr die Toten vorber. Ein Holzsto war fr den hereinbrechenden Abend geschichtet, und der Tote lag, mit kunstvoll gebrochenen Gliedern, fast rechteckig gefgt, nackt auf dem kleinen Scheiterhaufen. Zahllose Aschensttten umher verrieten die Feiern der vergangenen Tage, und pltzlich erinnerte ich mich jenes merkwrdig qulenden Brandgeruchs an manchen Abenden. Im Qualm des verbrannten Fleisches stiegen die Seelen ins Nirwana empor. Ich sah Mangesche Rao an. Hinter dieser ruhigen Stirn brannte die furchtbare Hoffnung, da bald der Aufstand durch die Gassen heulen wrde. Ein ausstziger Bettler kroch auf allen Vieren ber den roten Weg auf uns zu, er hatte sich im Dickicht verborgen gehalten, um den Steinen seiner Verfolger zu entgehen, nun bellte er heiser und drehte den Kopf mit den zerstrten Wangen, wie vom Irrsinn seiner Qual genarrt. Am Strand hatten die Raben sich gesammelt, ihr Geschrei beunruhigte die sonnentrunkene Stille. Ich sah fort, als ich den von allem Fleisch entblten Brustkorb eines Menschen erkannte. Die Pest und die Blattern haben ihren Einzug gehalten, sagte Mangesche Rao. Er sprach auf dem Rckweg kein Wort mehr. Vielleicht war ihm, wie auch mir, bedrohlich durch den Sinn gezogen, wie vielerlei Feinde sein Land belagerten und zersetzten, Feinde, gegen die kein Kampf von Nutzen war. Es waren jene Opfer des Lebendigen, die sich mit dem Alter und der Mdigkeit eines Volkes einstellen, der Verfall der Sitte, das Laster, das Elend und die schleichenden Seuchen.-- * * * * * Panja hielt es immer noch fr ntig, mich zu warnen, und vom Standpunkt seiner Betrachtungsweise hatte er recht. Ich beruhigte ihn nach Krften, obgleich seine Besorgnisse in diesem Fall eher seiner Eifersucht, als seiner Frsorge entstammen mochten. Die Englnder frchten meinen Freund, Panja. Das Schlimmste, was ihm geschehen kann, wird seine Verbannung sein, und wenn auch mich dies Unheil trfe, so kme es nur mit meinen Absichten zusammen, und wir fhren vielleicht auf Staatskosten nach Bombay statt auf eigene. Panja wandte sich ohne Erregung, fast traurig ab. Du kennst das Land nicht, Herr. Wer spricht von einer Gefahr, die dir oder dem Brahminen von England drohen knnte? Weit du nicht, da Mangesche Rao unter den Priestern seiner Kaste so verhat ist, wie die Hyne unter den Schakalen? Ihre Waffen ersticken den Schrei im Halse, unter dem Palmendickicht ist Finsternis, in die kein Richter schaut. Man sagt von der Kobra, da man sie erst erblickt, nachdem der Tod einem die Augen geffnet hat, und die Kaste dieser Priesterlichen nennt diese Schlange heilig. Was meinst du denn, Panja? Ich fragte angeregt, denn wenn dieser merkwrdige und kindliche Freund meiner indischen Tage nicht in Eifer geriet, so war ihm sicherlich zu glauben. Ich wute lngst, da sein anfnglicher Ha gegen Mangesche Rao sich in heimliche Neigung verkehrt hatte, eine Wandlung, die seine Eifersucht nicht ausschlo, die mich aber aufmerksamer auf seine Besorgnisse machte. Ich wei es nicht, antwortete er, warum aber begibst du dich in Gefahr? Wer wrde dich schtzen? Einem Englnder darfst du nur so lange trauen, wie du ihm Vorteile bietest, und wenn du mit seinen Feinden umgehst, kann er dich nicht fr seinen Freund halten. Mangesche Rao steht in der Mitte, die keinen Halt gewhrt, sowohl die Priester als auch die Regierung halten ihn fr einen Verrter, denn im Kampf um das Land schaut niemand eines Menschen Herz an, wie du es tust. Panja, die Freuden des Daseins, welche sich allen ohne Gefahr bieten, sind mir gleichgltig. Was ich empfange, ist meinen geringen Einsatz wert. Ich spreche nicht so, weil ich dich verlassen will, antwortete Panja einfach. Ich hatte ihn lange nicht mehr so ernst gesehen, und nachdenklich erwog ich meine Lage. * * * * * Mangesche Rao kam in den letzten Wochen seltener. Es lag eine aufreibende Spannung in der Luft, die um so drckender wirkte, als sich ihre Ursache beharrlich verbarg, aber die Stimmung meines neuen Freundes schlug in Stunden unseres Beisammenseins oft in heitere Unbefangenheit um. Er verga ber unseren vielerlei Gesprchen die verantwortungsvollen Lasten, die seine freiwillige Pflicht ihm auflud. Eines Abends brachte sein Diener, der ihn begleitete, das Fell eines siamesischen Panthers mit, das mir Mangesche Rao zum Geschenk machte. Er wollte, da ich ein Andenken von ihm annehmen sollte, und mir war fr einen Augenblick, als handelte es sich um einen Abschied. Meine Augen ruhten den Abend hindurch oft auf dem tiefen Schwarz des herrlichen Fells, mit tausend Erinnerungen an die Wildnis stieg der Gedanke an die Nacht in meiner Seele empor, an die Nacht Indiens und an die Herrschaft des Tiers. An jenem Abend, wir hatten uns zur Nachtstunde auf die Veranda begeben, kam unser Gesprch auf die Weltliteratur und ihre grten Vertreter. Eine bewegte Wolke geflgelten Nachtvolks sammelte sich im Schein der Lampe, und bald sah die Tischplatte wie ein Schlachtfeld nach einem wilden Treffen aus. Die geheimnisvolle Nacht erklang im tropischen Liebesfieber ihrer unzhligen Geschpfe, und der Mond glitzerte wei in den blanken Blttern. Es berhrte mich seltsam genug, da Goethes Name, durch Meere und Welten von seiner deutschen Heimat getrennt, so selbstverstndlich erklang, als sei er lngst geistiges Eigentum der ganzen bewohnten Erde. Die Meinung des Brahminen ber das groe Werk seines Lebens, die er meiner jugendlichen Begeisterung entgegenhielt, war eigenartig genug, um mir fr immer in Erinnerung zu bleiben. Goethe, sagte Mangesche Rao, ist so sehr der Erzieher des deutschen Volks in Gesinnung und Anspruch geworden, da es Ihren Landsleuten sehr schwer fallen mu, seine Bedeutung ber die pdagogische Einwirkung hinaus gerecht einzuschtzen, da die meisten wie mit seinen Augen auf ihn blicken, und die berragende Autoritt seiner Erscheinung knpft an keine Tradition an, die einen Mastab bieten knnte. Zuletzt wird er, wie alle Groen, nach dem Umfang seiner Gestaltungskraft eingereiht werden, und in dieser Hinsicht erscheint uns Friedrich Schiller als der grere Meister. Wir kamen auf Dante zu sprechen, dessen hohen, sittlichen Anspruch er pries und den er ber alles liebte, auf Shakespeare und endlich auf Kalidasa, dessen Sakuntala er weit ber alles stellte, was der groe Englnder jemals empfunden, gedacht und gestaltet hat. Die Art seiner Betrachtungsweise und die Ansprche in seinen Begrndungen gaben mir ein merkwrdig neues und allgemeines Bild. Ich mute mit heimlichem Lcheln an alle die Groen denken, welche die Generation unserer Vter, und mit ihr wir selbst in unserer Jugend, so bereitwillig neben bedeutsame Geister gestellt haben. Panja war am anderen Tage sehr glcklich, als ich ihm mitteilte, da ich mit Mangesche Rao eine Reise ins Land verabredet hatte, an der auch er teilnehmen sollte, und die einige Tage whren und uns in die Nhe von Barkur und zu den Wasserfllen des Shita fhren wrde. * * * * * Ich sa mit Mangesche Rao am Feuer, am Rand des Urwalds in der unendlichen Nacht. Die Steppe klagte, und ihre Stimmen bewegten mein Gemt zu Begierde und Trauer. Ich habe die Sterne selten wieder so hell gesehen, wie in dieser denkwrdigen Nacht, die mir um vieler Gedanken willen, die der schweigsame Mann aussprach, unvergelich geblieben ist. Panja schlief damals schon im Zelt, was er eigentlich stets tat, wenn er sich fr abkmmlich hielt, und aus dem Schattendunkel des Dschungelwalds erklang in der Nhe unseres Feuers das Grasraufen der weidenden Ochsen und das Schnauben ihrer Nstern am Boden. Der Mond war noch nicht aufgegangen; aber es war hell in der Weite, unter den Sternen. Mangesche Rao hatte nach der Abendmahlzeit schweigend die selbstgerollte Zigarette durch die hohle Hand geraucht, und wir htten uns gewi in dieser Nacht, wie in so mancher anderen, ohne viel Worte zur Ruhe gelegt, wenn uns nicht ein eigenartiger Vorfall aufgeschreckt htte. Einer der grasenden Ochsen, der sein Geschirr noch zum Teil trug, begann pltzlich sich auf eigentmliche Art zu schtteln. Mir erschien dies Gerusch erst dadurch ungewhnlich, da Mangesche Rao pltzlich rasch hintereinander zwei Hnde voll Reisig auf das Feuer warf, so da eine hohe Flammensule in die Nacht emporstieg, unter deren Schein die blaue Weltweite fr kurze Zeit in Finsternis zu versinken schien und die nhere Umgebung aufleuchtete wie ein rotes Gemach. Er stand auf und schritt vorsichtig auf das Tier zu, die hngende Bchse, am Lauf gefat, wie er es stets tat, lauernd hinter sich herziehend, und ich folgte ihm mit der meinen. Es gibt wenig Gefahren in Indien, die man deutlich nahen sieht und denen man ruhig entgegentreten kann, dieses Abwartende und gebrdelos Hereinbrechende eines Verhngnisses macht einen Teil des groen Grauens aus, das niemanden in der indischen Wildnis verlt, dessen Sinne diesen Ahnungen erschlossen sind. Wie wenig das einzelne Ereignis, das mein Leben oder das meiner Freunde gefhrdet hat, es im Grunde war, das mich erschtterte, sondern wie vielmehr es die Ungewiheit seiner unfabaren Annherung war, geht mir daraus hervor, da heute noch eine Palmengruppe oder der schwle Luftzug eines Treibhauses mich aufs tiefste entsetzen knnen. Mit der gefiederten Gestalt des harten Grns eines Palmblattes ist mir dauernd eine Ahnung des Todes verknpft, whrend ich den Bewegungen einer Schlange ohne andere Ergriffenheit zuzuschauen vermag, als in der, welche ihre Schnheit und Eigenart auslsen. Nach einer Begegnung mit einem mohammedanischen Hindu in einer engen Gasse von Bombay, der einen Schu auf mich abfeuerte, ist mir weder vor den Mnnern seines Volkes noch vor einer Schuwaffe auch nur ein Schatten von Besorgnis verblieben, aber noch jahrelang hat mich der kaum hrbare Klang nackter Fe auf einem Steinboden entsetzt. Ich erinnere mich von diesem Geschehnis kaum an etwas empfindsamer, als an dieses dumpfe, leise Tapp-Tapp, mit dem es hinter mir begann. Und so htte auch in dieser Nacht am Steppenrand die Gewiheit, da etwa ein Panther unser Lager umschliche, mich nicht so erregen knnen, wie die zweiflerische Vorstellung bald von etwas Nichtigem, bald von Ungeheuerlichem. Mag es ein jeder nennen, wie er will, wir fanden unseren Ochsen in einem seltsamen Erstarrungskrampf, er zitterte so heftig, da sein Geschirr unaufhrlich klirrte, und war nicht zu bewegen, in die Nhe des Feuers zu gehen, in dessen Schein wir nach der Ursache seiner Plage htten forschen knnen. Pltzlich sagte Mangesche Rao zu mir, da ich stillstehen und keinen Fu rhren solle, aber ich kam nicht zur Befolgung seines Ratschlags, weil das gewaltige Tier lautlos umsank und am Boden in furchtbaren Verrenkungen und unter keuchendem Schnauben verendete. Das Feuer war wieder auf ein bescheidenes Flmmchen zurckgebrannt, und ich sah den weien Kolo des toten Tiers im Sternenlicht im Gras liegen und hinter ihm die unendliche Weite des blauen Steppenlandes. Der Brahmine schien die Ursache dieses pltzlichen Todes zu wissen, denn er suchte mit Aufmerksamkeit und bewut wie nach der Besttigung einer feststehenden Annahme. Endlich brannte er einen greren Span am Lagerfeuer an und zeigte mir im Licht der rauchenden Flamme ein winziges, dunkel umrandetes Lchlein am Maul des verendeten Tiers. Hier ist die Ursache, sagte er langsam in einer Wichtigkeit, die nichts als Ergriffenheit war, es ist der Stich der Kobra. Ich glaube, da das grasende Tier die Schlange im Gras aufgestrt hat. Es fate mich ein Schauer, dessen nachhaltige Einwirkung ich damals kaum recht zu begreifen vermochte, aber ob hier ein Mensch oder ein Tier dem Gift erlegen war, schien mir angesichts des verdorbenen Lebens zu meinen Fen ohne entscheidende Bedeutung. Mich erfate die Ehrfurcht vor der Kobra aufs neue, und das Angesicht Mangesche Raos spiegelte in seinem Ernst diese Ehrfurcht wieder, wie eine uralte Erinnerung seines Geschlechts an eine erhabene Gottheit, die keine Aufklrung hatte beeintrchtigen knnen. Durch dieses Erlebnis mag es gekommen sein, da unser Gesprch vorbergehend den Gedanken und Begriff des Todes streifte, und was mir daraus unauslschlich im Gedchtnis geblieben ist, will ich erzhlen. Nach einer Weile saen wir wieder am Feuer, das in dieser Nacht nicht mehr erlosch. Eine seltsame Ruhlosigkeit war ber den gelassenen Mann gekommen, es stimmte mich wehmtig, ihn im inneren Kampf zwischen seinen klugen Gedanken und der seinem Blute innewohnenden Tradition der Weltbetrachtung seiner Priesterkaste zu wissen. Noch heute sehe ich seine aufrechtsitzende Gestalt so deutlich vor mir, wie keine Worte sie dem Bewutsein eines anderen zuzutragen vermgen, den rot beschienenen Seidenturban ber der Stirn und den bedchtigen Augen, seine schmalen, fast zierlichen Schultern und den gesenkten Kopf, der beim Sprechen eine Haltung einnahm, als suchten die Augen die Gedanken von den Hnden zu lesen, die auf den Knien ruhten. Zuweilen hob er eine der mageren hellbraunen Hnde, wenn es ihm galt, einem Wort besonderes Gewicht zu verschaffen. Ich habe niemals im Leben wieder mit einem Menschen im Eifer und mit Leidenschaft ber wichtige Fragen unserer Seele gesprochen, der mit so viel Gelassenheit und so feinem Anstand sein Gegenber ausreden lie. Einmal sagte er mir: Sie mssen einem Gegner Ihrer Betrachtungsart sein Amt nicht dadurch erleichtern, da Sie ihn unterbrechen, dadurch nehmen Sie ihm oft die Gelegenheit, zu erweisen, wie wenig er zu sagen hat. berhaupt war sein Spott von merkwrdiger Umstndlichkeit der Darbietung, und seine schrfsten Bosheiten sagte er freundlich. Er geno niemals den Triumph seiner berlegenheit sichtbar und sprach am eifrigsten, wenn sein Gegner eine Niederlage zu verwinden hatte. Wahrhaft empfindlich aber konnte seine Art zu schweigen auf Gemter wirken, die empfanden, da er damit darauf verzichtete, zu berzeugen, und weshalb. In Mangalore besuchte ich ihn eines Tages, als er vor seinem Hause auf dem Lehmboden im Palmschatten mit einem Pater der Jesuitenniederlassung Schach spielte. Gewi unterhielt er sich dadurch, da er spielte, aber er gewann nach der Meinung seines Partners zugleich dadurch, da er sich unterhielt. Als der Pater ihm vorwarf, da er ein Gesprch fhrte, um ihn abzulenken, wurde eine neue Partie ausgemacht, unter der Bedingung, da whrend des Spiels kein Wort fallen sollte. Der Ordensbruder konnte sich, in etlichem Verdru nach seiner Niederlage, nicht enthalten, hinzuzufgen: Wenn es Ihnen mglich ist, so lange zu schweigen. Mangesche Rao antwortete nicht, sondern ordnete die Figuren. Nach wenigen Zgen verlor sein Gegner die Dame und gab das Spiel auf, worauf Mangesche Rao bescheiden sagte: Ich habe sie nur genommen, weil es unhflich gewesen wre, in Gegenwart einer Dame so lange zu schweigen.-- In jener Nacht nun sprach ich vom Tode, anfnglich im leichtfertigen bereifer meiner Ergriffenheit und bewegt von der romantischen Betrachtungsart meiner Jugend. Mangesche Rao hrte mir zu und sagte endlich: Hren Sie die hungernden Hynen in der Steppe heulen? Ich gab es ihm, ein wenig ernchtert, zu, und er meinte, ohne Nachdenklichkeit, die nur diejenigen zur Schau tragen, die ihren Gedanken nicht trauen: Welch einen Festtag hat der Tod den Hynen beschert. Sie finden das tote Tier, wenn wir unsern Lagerplatz verlassen haben, um weiterzuziehen. Und er fuhr fort: Ich habe den Tod verstehen gelernt, als ich als Jngling an einem Tag im Sommer vor das Stadttor ging, von unliebsamen Gedanken gepeinigt und die Bedrngnisse einer tdlichen Krankheit im Blut. Ich durchschritt mhsam, mich im Fieber dahinschleppend, ein Trmmerfeld im Steppengras, das von der Sonne so trocken war, da es knisterte. Da berraschte mich ein sonderbares Blinken zwischen den Steinquadern im Sonnenlicht, und ich traute meinen Augen kaum, als ich eine funkelnde Schlange im Sande liegen sah. Die Hitze flimmerte ber den herrlichen Farben ihrer Haut, die vom zornigen Blitzen des Diamanten bis zum stillen Glhen der Rubinen alle Farben des gebrochenen Sonnenstrahls zu enthalten schien. Die Pracht und Lebensflle dieses blendenden Anblicks entzckte mich in so hohem Mae, da ich begierig einen Schritt nhertrat. Aber da geschah ein erregtes Brausen, die leuchtende Schnheit des sanft geringelten Krpers zu meinen Fen erhob sich als eine bunte Schar beflgelter Insekten in das warme Licht der Luft empor, und vor mir lagen die verwesenden berreste einer kleinen Steppenschlange, in denen ich die zarten Rippen zwischen der zerfressenen grauen Haut deutlich unterschied, und der sliche und widerwrtige Hauch der Zersetzung strmte mir entgegen. Das Lagerfeuer zwischen uns zngelte in matten Flmmchen in den irdischen Saal der Sterne ins Blau empor, und ich fhlte mein Herz unter dem Wunder erzittern, in welchem es zu begreifen scheint, ohne da die Gedanken seiner herrlichen Freiheit folgen knnen. Ich fhle die Wahrheit, die in diesem Gleichnis liegt, wie Sie sie damals empfunden haben mgen, sagte ich, aber ich vermag so wenig wie zuvor meine Gedanken ber den Tod zu einer Gewiheit der Erkenntnis zu ordnen. Es war jener letzte Schritt auf die Schlange zu, den Sie mit Ihrer Gewiheit meinen, sagte der Brahmine. Wenn Sie mir sagen knnen, wo das Leben aufhrt, und wo der Tod beginnt, so will ich Ihnen den Tod erklren. Wollen Sie bei den Pflanzen nach dieser Grenze suchen, bei den Menschen, bei den Steinen oder bei den Tieren? Ich sehe die Erneuerung aller hinflligen Gestalt in der Natur, wohin ich blicke. Bis zur Bildung der Kristalle im Gestein erblicke ich Leben und in der mathematischen Ordnung solcher Erstarrung, die sowohl gedankenvoll zu sein scheint, als sie schn ist, glaube ich die Gesetze zu erkennen, nach denen ich atme, mich bewege oder Lust und Sorge erleide. Tod ist eine vage Annahme, die unsere Sinne um der Beschrnkung ihrer Zeitbegriffe willen aufzustellen gentigt sind. Und was unsere Bewutheit betrifft, so liegt ihr der Glaube an den Tod um so ferner, je eingeschlossener in die Allgemeinheit alles Lebendigen wir uns sehen oder fhlen. Und doch ist es mit dem Tode wie mit der Wahrheit, sie lassen sich sicherer empfinden als jedes andere Element der lebendigen Seele, aber sie lassen sich nicht erklren. Es wird immer zwei Arten von Menschen geben, die einen nehmen den Tod als Pflicht des eigenen Wesens, die anderen als die Willkr einer fremden Macht. Eure Kirche lehrt den Tod als Sold der Schuld, aber euer Gott starb ihn als freie Pflicht. So rechnen Sie Christus den Ihren zu? fragte ich. Sie glauben seine Lebensweise und sein Gedankenreich der Ideenwelt Ihrer Gottheit einreihen zu knnen? Mangesche Rao antwortete mir: Ich vermag es so weit, als der Sinn aller irdischen Religionen, oder besser, die Religiositt aller Irdischen, aus einer gleichen Quelle des Anspruchs und der Hoffnung fliet, nicht aber so weit, als es die Lehre unserer Kirchen betrifft. Die Gedanken Christi sind grer als unsere Gedanken und fhren weiter. Es ist viel ber die Unterschiede und ber die hnlichkeiten der christlichen Religion und der Religion unseres Volkes nachgedacht worden, aber die meisten Vergleiche sind deshalb bedeutungslos, weil es schwerhlt, zwei Erscheinungen erfolgreich miteinander zu vergleichen, die im Wesen voneinander verschieden sind, denn das Brahman ist Philosophie, aber die Weisheit Christi ist praktische Lehre. Menschen, welche das Wesentliche der Erscheinungen schwer festzustellen und nachzuempfinden vermgen, lieben es besonders von unwesentlichen Begleiterscheinungen aus zu vergleichen und gegen einander abzuschtzen. In den meisten Fllen liegt solchen Bemhungen keine andere Absicht zugrunde, als die, den einen Wert auf Kosten des anderen herabzusetzen. So hart solche Behauptung klingen mag, so wenig werde ich sie einschrnken, denn es ist den meisten Menschen, die Begreifen ber Empfinden setzen, oder Verstehen ber Glauben, eigentmlich, da sie auch Verkleinern ber Vergrern setzen. So erscheint es mir auch gleichgltig, ob etwa Christus die Weisheit der Alten gekannt hat oder nicht. Groe Gedanken sind niemals jung, so wenig, wie sie alt werden, und sie gleichen einander im Wesen, wie die hchsten Spitzen der Berge im Schnee einander hnlich sind. Je niedriger das Auge sucht, um so mehr Unterschiede wird es finden; der Pbel ist am buntesten und nur im Elend einig. Aber das Ziel ist, in der Freude einig zu sein. Ich war ber diese Worte sehr berrascht und beglckt. Weniger in der Absicht, zu widersprechen, als vielmehr in dem lebhaften Wunsche, die Betrachtungsweise Mangesche Raos um so besser zu erfahren, sagte ich: Aber wie furchtbar ist die Wirkung der Lehre Christi auf das Menschengeschlecht gewesen. Sollte man nicht mehr als an jedem anderen Bekenntnis am Christentum verzweifeln, wenn man seine blutige Einwirkung auf die Geschicke der Vlker bersieht? Wer bersieht diese Wirkung denn? fragte Mangesche Rao. Was Sie als Resultat dieser Lehre hinstellen, erscheint uns wie ihr erster Beginn. Ich mchte das furchtbare und blutige Ringen der Menschen um den Sinn des Christentums eher die Geburtswehen dieser Lehre als ihr Resultat nennen. Diese Lehre ist sehr jung und noch kaum recht verbreitet. Ist man nicht ohne Mhe befhigt, sogar noch ihren ueren Weg auf der Landkarte nachzuzeichnen, wie sie von Asien ber Griechenland und Rom in das Herz Europas einzog, als wre sie diesen Weg erst gestern gegangen? Und der Teil der Erde, welcher ihre Bekenner trgt, ist nicht grer, als da wir ihn mit der Masse des Himalaja mit seinen Menschen, Stdten und Kirchen verschtten knnten. Wenn die Zeit von Christi Hinscheiden bis heute noch dreimal vergangen ist, wird sein groer Geist sich aus dem engen Mantel der Kirche geschlt haben und weit mehr zum Element der Geister geworden sein. Die Sonne ging ber der Steppe auf, es schien, als wrde sie aus Grnden ewiger Gluten emporgeschleudert, und begann ihren Weg ber das Erdreich zum ungezhlten Male, in unfabarem Triumph einer jauchzenden Herrschsucht. Das Geschrei der Tiere im Urwald erklang ohrenbetubend und das lrmende Erwachen der Natur vertrieb den letzten Gedanken an Schlaf aus meinem Blut. Ich trennte mich von meinem Gefhrten, nahm die Bchse und ging in die Steppe hinaus, den dampfenden, tobenden Dschungel hinter mir lassend. Und in den Flammen, die luternd emporsteigen, wenn die Jugend und der Morgen einander begegnen, kamen mir die Worte Christi in den Sinn: Solchen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden. Vierzehntes Kapitel Der Heimat zu Wir waren kaum einige Tage wieder in Mangalore angelangt, als eine Nachricht die Stadt durchlief, die die Gemter in hohem Mae bewegte. Es war ber Nacht eine Abteilung englischer Soldaten angelangt, angeblich verschlagen auf einer Felddienstbung, bei einer Inspektionsreise durch die Provinz, wie sie zuweilen unternommen werden. Aber niemand schenkte dieser arglosen Auslegung Glauben, die widersprechendsten Gerchte durchflogen die Stadt, und man sah berall in der Basarstrae und auf den Pltzen Gleichgesinnte in feierlichen Gruppen versammelt. Nur der Straenpbel trollte unbekmmert um Rechte und Pflichten einer gleichgltigen Regierung seine gewohnten Straen, und die Hndler versprachen sich gute Tage, als die leuchtend roten Jacken der Soldaten im bunten Bild des Basarlebens auftauchten. Sie schritten, wie es damals Vorschrift war immer zu vieren, gemchlich dahin, bestaunten die unverstandenen Eigentmlichkeiten der fremden Stadt, hielten sich hier ein wenig auf, amsierten sich dort auf ungezwungene Weise und erweckten im allgemeinen den Anschein von Arglosigkeit, so da ich den heimlichen Befrchtungen und mancherlei trichten Gerchten wenig Achtung schenkte. Mangesche Rao lie sich nicht bei mir sehen. Ich war nicht wenig erstaunt, als ich ihn nach einigen Tagen im Wagen des englischen Oberst erblickte, zu seiner Linken aber Seite an Seite mit ihm, die ruhigen Zge ohne jedes Zeichen einer Beteiligtheit oder auch nur einer Bewegung unter dem gelben Seidenturban, den ich so gut kannte. Der englische Offizier sprach lebhaft und gestikulierte eher vergngt als erregt, alles erweckte deutlich den Anschein einer gelegentlichen Begegnung. Ich ritt an seinem Wagen vorber, er erwiderte meinen Gru gemessen. Aber seltsam, seit diesem Zusammentreffen war es um meine Ruhe geschehen, obgleich bei vernnftigen Erwgungen gerade das Gegenteil htte der Fall sein mssen. Aber ganz abgesehen davon, da kein Land sich weniger als Indien dazu eignet, eine politische Macht in energischer Offenheit und schneidiger Entschiedenheit zu dokumentieren, war dieser fast freundliche englische Besuch mir pltzlich verdchtig und um so gefhrlicher erschienen, je mehr er sein Ansehen und seine Bedeutung zu verbergen trachtete. Nichts erweckt in tiefer Beunruhigung strker das Gefhl der Unsicherheit, als dies leise schleichende Indien. Pltzlich war mir, als gingen alle Wesen und Menschen in falschen Gesichtern umher, ich mitraute bald dem Brahminen, den ich liebte, bald Panja, bald meinen eigenen Sinnen, es verlangte mich danach, aus den Verwicklungen einer Interessenwelt entlassen zu werden, die ich nicht bersah, weil es mir an Hingabe fehlte, und in die ich doch eingeschlossen war, weil meine Liebe zu Mangesche Rao mich fesselte. Und so begrte ich die seltsame Gelegenheit, mich beteiligen zu knnen, die sich mir kurz darauf erffnete, mit groer Freude und erachtete die Gefahr um der Befreitheit willen gering, die sich einstellte, wie mit einem Entschlu nach langem Zweifel. So viel erschien mir nach den letzten Erfahrungen sicher, da der Brahmine weit hher eingeschtzt und viel ernster genommen wurde, als er selbst es mir oder andern jemals zu erkennen gegeben hatte. Diese Erfahrung erfllte mich mit Bewunderung und heimlichem Stolz, und solche Empfindungen mgen viel dazu beigetragen haben, da ich in fast gedankenloser Bereitwilligkeit auf seinen Wunsch einging, den ersten und einzigen, den er jemals vor mir ausgesprochen hat. Es war in einer mondlosen Nacht gegen zwei Uhr, als Panja mich durch sein vorsichtiges Ruspern neben meinem Bett weckte. Er hatte immer noch die alte zurckhaltende Art der Ankndigung und war besonders zartfhlend, wenn er mich aus dem Schlafe rief, denn er wute, da dieser Vorgang, mehr als alle andern, das Heer meiner schlechten Eigenschaften entfesselte. Es war so dunkel, da ich nur das finstere Dreieck im helleren, zurckgeschlagenen Moskitovorhang unterschied. Ich erkannte niemand. Mach' Licht! rief ich, da ich Panjas Gegenwart vermutete. Weshalb kommst du? Es soll kein Licht gemacht werden, Sahib, steh auf, ein Fremder ist da, der dich sprechen will, er sagt, der Brahmine Mangesche Rao schicke ihn. Es war Mangesche Rao selbst. Panja hatte mir geraten, auf keinen Fall zur Nacht einen Besuch zu empfangen, der forderte, da kein Licht angezndet wrde, aber ich dachte mir, schlielich sieht mein Gegner auch nicht viel mehr von mir, als ich von ihm, und der Name meines Freundes machte mich gefgig. Der Brahmine war seltsam durch eine ungewohnte Kleidung entstellt, ich schickte auf seinen Wunsch Panja hinaus. Wir saen uns gegenber, ein matter Schein von den Sternen beleuchtete das Bereich der Fenster sprlich, ich glaubte nun, da ich Mangesche Raos Gesicht zu unterscheiden vermochte, zu erkennen, da es schmaler und bleich war, aber es mochte vom unsicheren Nachtlicht herrhren. Mir schien, als rnge er innerlich mit dem Entschlu zu einem Bekenntnis, einem Wunsch, ber die Mhe der zurckliegenden Tage ein Wort der Klage zu uern, aber es geschah von alledem nichts. Er sagte nach einer Weile des Schweigens, in der ich Gelegenheit hatte, die merkwrdige Entstellung zu betrachten, die seine nchtliche Kleidung herbeifhrte, ruhig und unmittelbar: Morgen werden die Soldaten der Regierung in Ihrem Hause nach Dokumenten einer Verschwrung suchen, die ber das ganze Land hin verbreitet sein soll, und deren Anhnger sie auch in Mangalore vermutet. Ich stehe, wie Sie wissen, im Verdacht, ein Gesinnungsgefhrte der Unzufriedenen zu sein, und da ich oft in Ihrem Hause ein und aus gegangen bin, bringt man Ihre Person in Beziehung zu meinen Interessen. Eine Verschwrung? fragte ich erschrocken. Mangesche Rao wartete, ob ich noch etwas hinzufgen wrde, aber mir fiel im Augenblick nichts ein, diese nchtliche Begegnung, die Aussichten fr den nchsten Tag und jene Enthllung nun verwirrten mich in gleichem Mae, wie sie mich anregten. Wie anders die Dinge vor der Entscheidung als in romantischer Entfernung aussahen. Verschwrungen gibt es hierzulande beinahe tglich, sagte Mangesche Rao langsam, und als dchte er an andere Dinge. Sie werden entdeckt und vereitelt; und wenn sie nicht entdeckt werden, so brechen sie deshalb auch noch nicht aus. Die englischen Beamten brauchen Unterhaltung und ein Feld fr ihren Eifer. Uns geht es hnlich. Er wandte sich ab wie in heimlichen Zweifeln und sah mit einem traurigen Ausdruck in die dmmerige Nacht hinaus. Man hrte die Grillen feilen, ein paar Sterne hingen wie Funken im Gefieder der Papayakronen. Leider habe ich ein gutes Gewissen, sagte ich. Seltsamer und fremder war mir dies Land nie erschienen. Ich kannte die zurckhaltende Art des Brahminen gengsam, um zu wissen, da er weit mehr verbarg, als er erkennen lie, auch htten keine Worte mich so entscheidend von der Wichtigkeit seiner Angelegenheit und vom Stand der Dinge berzeugen knnen, als sein nchtlicher Besuch es tat. Es waren an diesem Tage noch kurze Regenschauer gefallen, es drang khl durch die Stbe der offenen Fenster zu uns herein und zog mit Duft und feinem Klingen bis in die dunklen Ecken des Zimmers. Mir war, als trumte ich. Was kann ich tun? fragte ich. Mangesche Rao ffnete sein Gewand ber der Brust und entnahm ihm einige verschnrte Pckchen, die Papiere zu enthalten schienen oder Briefe, ich sah es undeutlich, jedoch war die Verpackung derart, da man leicht auf solcherlei Dinge schlieen konnte. Wollen Sie diese Schriftstcke in Ihrem Hause verbergen? fragte er gleichmtig. Ich bejahte seine Frage ohne Besinnen, im Augenblick nur in schnellen Erwgungen damit beschftigt, welcher Ort meiner Wohnung oder meines Gartens am geeignetsten sein mchte. Es kam mir keinen Augenblick in den Sinn, da es in Mangalore Verstecke genug fr eine Handvoll verdchtiger Papiere geben mute, und der Gedanke, etwa mibraucht zu werden, lag mir so fern, wie ich tief durchdrungen war vom Charakter und Wert des Mannes, der mich bat. Spter habe ich oft daran denken mssen, welche Empfindungen in der Seele eines jungen Menschen Entschlsse hnlicher Art zu zeitigen vermgen, und wie selten die Gesinnung eines auf solche Weise Bereitwilligen im Grunde mitzuspielen braucht. Es mag sich so mancher, der durch einen raschen Entschlu, den vielleicht die gedankenlose Erbtigkeit eines Augenblicks mit sich gebracht hat, um die Freiheit seiner ganzen Jugend und um den Preis seines ttigen Lebens gebracht haben. Ich griff nach dem Pckchen. Verlassen Sie sich auf mich, sagte ich. Darber kam mir in den Sinn, da mein Freund mir soeben noch mitgeteilt hatte, da ich morgen mit einer Haussuchung zu rechnen htte, und ich stellte eine Frage, um diese seltsamen Zusammenhnge aufgeklrt zu sehen. Ich mchte, da diese Schriftstcke bei Ihnen gefunden werden, sagte Mangesche Rao. Er sprach leise und vorgeneigt, aber ohne Eifer und ohne den Wunsch, mir seine Verfgung dadurch geheimnisvoller zu machen. Wer in Indien eigene und gefahrvolle Interessenwege beschreitet, wei, da nicht nur die Wnde Lauscher verbergen, sondern da auch von der Nacht, den Frauen und dem besten Freunde Gefahr drohen kann. Ich ahnte seine Besorgnis und sagte: Mein Diener ist zuverlssig. Mangesche Rao schttelte den Kopf. Er ist ein Kind, sagte er. Gesinnung und Aufrichtigkeit ohne Schlauheit sind wie Verrter fr jeden bei uns, welcher die Mittel seiner Feinde kennt. Sie mssen aus einem Lande stammen, in welchem der Freimut und die Kraft neben der Khnheit als hoher Ruhm gelten, sie mgen zur Ehre eines freien Volkes gehren, dies Volk hat seine Freiheit fast vergessen. Irgend etwas berwltigte mich nach diesen Worten zu einer Traurigkeit, in welcher ich zum ersten Mal die Liebe meines Herzens zu diesem Manne in ihrer ganzen Tiefe empfand, und ich htte ihn instndig bitten mgen, von diesem fruchtlosen und bsen Kampf zu lassen. Mir wurde klar, da sein Wesen bei aller Kraft seines Geistes den Waffen seiner Gegner nicht gewachsen war, denn den Hochgesinnten berwltigt im Kampf mit der Niedrigkeit zuletzt der Ekel, aber ich schwieg aus Ehrfurcht vor dem Feuer, das in seiner Seele brannte. Mangesche Rao fuhr fort: Machen Sie es den Suchenden nicht gar zu leicht, aber tragen Sie Sorge, da sie die Papiere auf jeden Fall finden. Sollte der Zufall, der so gerne dort zu spielen liebt, wo die Absicht am deutlichsten ist, den Erfolg der Englnder vereiteln, so verraten Sie die Dokumente dadurch, da Sie sie, scheinbar ungeschickt, zu verstecken trachten, whrend noch gesucht wird. Er brach pltzlich ab und wartete wie auf einen Einwand, aber ich sprach das Mitrauen oder die Besorgnisse nicht aus, die er bei mir zu vermuten schien, weil kein Argwohn gegen den Freund in meinem Herzen war, und weil ich wute, da er niemals etwas von mir fordern wrde, das ihm diente, indem es mich schdigte. So erklrte er mir die Absicht, die er mit dieser Manahme verfolgte: Unsere Zeit ist noch nicht gekommen, sagte er einfach, die Funde, welche in Ihrem Hause gemacht werden, sind argloser Natur, aber immerhin bezeichnend genug, um als eine wichtige Entdeckung gelten zu knnen. Der Verdacht wird durch diese Dokumente abgelenkt und die Spur verwischt werden, man wird ihren Inhalt dankbar als Resultat der Untersuchung betrachten und an ihm die Eigenart und den Umfang jener Umtriebe messen, die Verdacht erregt haben. Einige unserer Freunde werden blogestellt, aber sie sind bereit, der Sache das Opfer zu bringen, das in der Verbung einer geringen Strafe besteht. Zuletzt wird man nicht viel mehr in Erfahrung gebracht haben, als ohnehin schon bekannt ist. Sie sagen mir viel, antwortete ich dankbar und voller Bewunderung fr das Geschick dieses Plans. Ihr Vertrauen verdient das meine, sagte Mangesche Rao einfach, und ein warmer Blick, der das khle Ma dieser stets so beherrschten Zge durchbrach, traf meine Augen kurz und traurig. Ich fragte noch, wie ich mich einem Verhr gegenber zu verhalten htte, welches danach forschte, wie die Papiere in mein Haus gekommen seien. Nennen Sie meinen Namen, entschied Mangesche Rao. Und wenn Sie selbst eine Strafe trifft? Man wird es nicht wagen und sich an die halten, welche wir vorgeschoben haben, aber besser wre es, man wagte es, weil meine Bestrafung mir das Vertrauen derer sichern wrde, fr welche ich sie trage. Je mehr die Regierung mich schont, um so eher werden die Brahminen von Mangalore mich fr einen Abtrnnigen halten. Meine Offenheit gegen die Priesterkasten selbst wrde Verrter im eigenen Lager erwecken, meine Vorsicht dagegen macht sie mitrauisch. Es ist schwer, im dunkeln Wald einen geraden Weg zu gehen. * * * * * Strahlend stieg ein neuer Tag ber Mangalore empor. Ich ritt, schon bevor die Sonne die Spitzen der braunen Pagoden frbte, durch die sumpfigen Mangroven-Dickichte der Fluniederungen, von Panja begleitet, der wie in einer Ahnung der hereinbrechenden Ereignisse nicht von meiner Seite wich. Eine seltsame Fremdheit lag in meinen Augen ber der Landschaft, ihren Tieren und Pflanzen und ber allen Dingen. Als ich nahe bei einem hlzernen Lagerschuppen ein Boot im dunklen Wasser erblickte, auf dem ein Hindu frstelnd in der Morgenkhle hockte und, noch benommen vom Schlaf, in die grnschimmernde Weite starrte, kam mir jener Tag in den Sinn, an welchem ich zu Beginn meiner Dschungelfahrt in Tschirakal am Watarpatnamsee angelangt war und Panja mit den Mohammedanern um den Preis der Kanus stritt. Die Erlebnisse und die Bilder meiner Reise zogen mit dem heraufsteigenden Tag durch meine Erinnerung, mit ihrem Glanz und ihren Sorgen und ihrem nie ruhenden Wunsch meines Herzens es mchte in diesem Lande Heimatrechte und jene Beziehungen erwerben, die Vertrautheit zur Liebe fhren. Huc, der Affe meines Traums, sa wieder mit alten Augen vor mir, wahrsagerisch und weise, von jenen Hoffnungen der seufzenden Kreatur ermdet, die so alt sind wie die Schicksale der Erde. Waren es die Unrast, der Ha und die Erbitterung der neuen Menschen meiner Erfahrung und ihre kleinen und doch so wichtigen Interessen, die mir den Glauben an die Harmonie zerstrten, welche die unberhrte Natur und das groe Meer mir vermittelt hatten? Nie kam ich mir verirrter vor in dieser Welt des Wirkens, als an jenem Morgen, und am liebsten htte ich alles dahinten gelassen, um aufs neue in die grnen Schatten der durchklungenen Wildnis zu ziehen, die die Sicherheit und den Wohlstand des armen Daseins gefhrden mochte, die aber den Weg der Seele zu jenem Erkennen bereitete, das allein Frieden bringen kann. Aber mein Verlangen erschien mir bald darauf wie ein Hang zur Flucht, als warteten Pflichten und Aufgaben meiner in einem anderen Land, in einem Bereich, dessen Krften und Zielen ich durch Abstammung und berlieferung verbunden war, und zum ersten Mal seit Jahren wandten sich meine inneren Augen ber das Meer hin der Heimat zu. Ich dachte daran, da der Mann, dem nun seit lange meine tiefste Teilnahme gehrte, wie in einem wehmtigen Bewutsein des Untergangs seines eigenen Geschlechts und seiner Rasse, den nahen Ruhm und die Hoffnung der meinen ahnungsvoll ausgesprochen hatte, und ich fhlte die Kraft seines Glaubens wie ein Vermchtnis im Gewissen glhen.-- Die Ereignisse des Tages verliefen hnlich, wie ich sie nach Mangesche Raos Worten erwarten mute. Gegen Mittag meldete sich ein junger Offizier, der in Begleitung von drei Soldaten kam, bei mir an. Er nahm seine Pflicht ungemein wichtig, er versuchte den Anschein zu erwecken, als sei er der Knig von England, und ich beantwortete seinen pathetischen Erla damit, da ich ihm mein Taschenmesser aushndigte, als habe er meinen Degen gefordert. Er mute lachen und schien sich darauf zu besinnen, da ein Privatmann kein Rekrut und ein Deutscher kein englischer Untertan ist, auch erinnerte ich ihn daran, da ein Verdacht kein Beweis und ich selbst kein verdchtiges Dokument sei. Sein Selbstbewutsein uniformierte sich wieder, als die Papiere gefunden wurden, und auf sein Ersuchen begleitete ich ihn im Ochsenwagen zum Regierungsgebude. Er war unterwegs hflich, still und sehr ernst, und ich freute mich heimlich des gelungenen Plans meines Freundes. brigens sah nach diesem ffentlichen Eingriff in die Privatrechte einer Reihe der Einwohner Mangalores das militrische Aufgebot pltzlich um vieles gewichtiger aus. Von den Fenstern des Regierungsgebudes aus erblickte ich drauen auf dem Meere den niedrigen eckigen Umri eines Kanonenbootes, das schwarz und drohend im stillen Blau schwamm, wie mit Kohle gezeichnet. Der unfreundliche Hof des Gebudes wimmelte von Soldaten. Einen Augenblick berkam mich ein Gefhl heier Besorgnis um Mangesche Raos Geschick. Die nchstliegenden Eindrcke sind besonders dann die strksten, wenn man die Aussichten der Parteien nicht bersieht. Panjas totenblasses Gesicht ging mir wie ein Gespenst nach, er war wie versteinert am Gartentor zurckgeblieben, ich wute nicht, ob er meinen Befehl verstanden hatte, mich am Abend zu erwarten, und ich frchtete ernstlich, er wrde irgend eine heldenmtige Dummheit begehen. Nach einer zweistndigen Wartezeit, in welcher ich eine treuherzige Schildwache mit einer Reihe der furchtbarsten Dschungelmrchen in ihrem Glauben an Hexen und bse Geister bestrkte und sie mit Zigaretten wieder beruhigte, erschien der Kollektor und verbrgte sich dem englischen Oberst gegenber, der ihn begleitete, fr meine Unschuld. Es mute wohl eine ausfhrlichere Verhandlung ber mich vorangegangen sein, der Beamte entschuldigte sich hflich aber etwas gereizt bei mir, offenbar erinnerte er sich dessen, da ich die Bekanntschaft Mangesche Raos seiner Vermittlung verdankte, und da ich mich seit jenen Tagen nicht gut zu einem gefhrlichen Umstrzler hatte auswachsen knnen. Es schien mir zudem aus allem hervorzugehen, da man den Brahminen zu schonen wnschte. Ein Rekrut machte sich auf den Weg, mein Pferd zu holen, und ich wurde etwas herzlos und beilufig verabschiedet. Man war offenbar beschftigt. Panja empfing mich glcklich und stolz, mir war, als schmte er sich seiner ngste, nun er mich wohlbehalten in unserm Hause wiedersah, aber weder seine Freude noch die eigene Erleichterung lieen mich aufatmen. Es trieb mich den Rest des Tages hindurch in groer Unruhe von einem zum andern, nichts wollte mir gelingen, nichts beschftigte mich ernstlich, ich wartete und wute nicht worauf. Gegen Abend schickte ich Panja zu Mangesche Rao. Er traf ihn nicht in seinem Hause an, aber ich erfuhr wenigstens, da er auf freiem Fu belassen worden war, ohne da ich mich nun fr eine Genugtuung oder fr eine neue Besorgnis entschlieen konnte. Aus diesen bedrngenden Stunden ist mir ein kleiner Vorfall ohne Bedeutung so lebhaft im Gedchtnis geblieben, als habe meine Sorge sich einzig um ihn gedreht. In der kurzen Dmmerung, als schon der Mond leuchtete, und ich mit meiner Zigarre im Liegestuhl auf der Veranda weilte, sah ich einen beweglichen Schatten am Gartentor. Ich beobachtete ihn eine Weile, ohne ihm Gewicht beizumessen, endlich rief ich Panja, der hinausging und gleich darauf ein Kind zu mir brachte, das mich mit stillen Augen betrachtete und lange kein Wort wagte. Es war ein Mdchen von etwa dreizehn Jahren, mit einem rtlichen Kittel bekleidet, mit offenem Haar und seiner Gesichtsbildung nach den niederen Kasten angehrig. Mit Panjas Hilfe erfuhr ich bald die Geschichte und die Bitte meines spten Gastes, und mit einem heimlichen Schauer sah ich das junge Wesen pltzlich mit ganz anderen Augen an, als ich wute, da es vor einigen Tagen Mutter geworden war. Man mu erfahren haben, wie gewhnlich solche Flle im tropischen Indien sind, um solcher Aussage ohne weiteres Glauben zu schenken. Die junge Mutter kam aus einem Dorfe im Flutal und bat mich um Schutz. Es handelte sich offenbar um eine Verwechslung meines Hauses mit der Missionsniederlassung. Es ist die Nacht der freien Liebe in ihrem Ort, erklrte mir Panja. Einmal im Frhling mu dort in ihrer Kaste jede Frau und jedes Mdchen jedem Manne angehren, der sie begehrt, das ganze Dorf heult und wimmert die Nacht hindurch, wie ein Sumpf mit Ertrinkenden, die zu ewiger Wollust verdammt sind. Es dauert, bis die Sonne am Erdrand erscheint, dann wird es still, und den Tag hindurch schlafen die Menschen. Das Kind ist aus Furcht geflohen. Panja fhrte die junge Mutter in die Missionsschule hinunter, ich blieb mit den Grillen allein in der weischillernden Nacht, der letzten in Indien, an die ich klare Erinnerungen habe, denn am Morgen des hereinbrechenden neuen Tages stand ich vor der Leiche Mangesche Raos. * * * * * Ich wei, da ich im Morgengrauen aufs Pferd stieg, im Reiten meinen Rock knpfte und mir dessen bewut wurde, da ich den Korkhelm vergessen hatte. Darber kam mir in den Sinn, da ich bei meiner Rckkehr den Schatten aufsuchen mte, und hrte Panjas fremde Stimme, der mit meinem Pferd sprach, das er laufend am Zgel fhrte. Er schrie einen Ochsenkarren an, der uns in der Nhe des Stadttors den Weg versperrte, und ich sah einen kleinen gekrmmten Mann, der ngstlich und mit bsen, unterwrfigen Augen seine Tiere in den Graben zerrte. Er hatte Maisschlinge geladen und trat mit seinem nackten Fu aufgeregt in die Weichen der schwerflligen Ochsen. Hatte diese selbe Stimme Panjas nicht eben noch geschrien: Die Brahminen haben Mangesche Rao vergiftet? Es war noch nicht ganz hell im Haus des Toten. Der festgetretene Lehmboden vor der Veranda glnzte feucht, am Zaun waren weie Ziegen angebunden, und die Palmenwedel sirrten im Morgenwind. Ich vernahm eine Stimme, die merkwrdig gleichfrmig klagte, immer in demselben Tonfall, die hellen Seufzer folgten einander mit dem ausgestoenen Atem, und mein erster Gedanke war: So ist er nicht tot, ich werde ihn noch lebend finden. An der Tr zum Totenzimmer flchteten einige dunkle Gestalten, ich sah im Raum, dicht am Fenster, ein niedriges Lager, auf das das Morgenlicht fiel, grnlich und bla, wie aus einem erlschenden Scheinwerfer. Unter einem weien Tuch erkannte ich undeutlich die Umrisse einer gekrmmten Gestalt, eine zur Faust verkrampfte Hand sah seitlich aus den Falten hervor und reckte sich, wchsern gefrbt, ein wenig aufwrts gebogen, in den fahlen Glanz des nahenden Tags empor. Ich schlug das Tuch zurck und lie es sogleich wieder ber das entstellte Gesicht zurckfallen. Das hllische Gift, dem der Brahmine erlegen war, verrt sich selbst unzweifelhaft durch seine Wirkung und zugleich die heimtckische Macht derer, die es im Namen ihrer zu hmischen Gtzen herabgesunkenen Gottheit mischen. Als ich mich abwandte, begegnete ich Panjas Augen, und als er mein Gesicht sah, warf er sich zur Erde, als habe eine Faust ihn niedergeschlagen, und brach in ein Geheul aus wie ein Tier.-- Auf der Basarstrae hatte das bunte Leben des neuen Tages begonnen, die braunen, nackten Gestalten unter den farbigen Turbanen eilten in gewohnter Weise dahin, geschftig oder lssig, bald von Lasten gebeugt, bald steif und wrdig im vertrauten Miggang. Ein mohammedanischer Hndler, dem ich seit langem schon versprochen hatte, ein Bndel Ingwerwurzeln abzukaufen, die ich mitnehmen wollte, verfolgte mich lange. Am Tempelteich, in dem eine weie Mauer sich spiegelte, predigte ein fremder Pilger. Es roch nach verdunstendem Sprengwasser und Ochsen, die Sonne schien, die vereinzelten Palmen hoben sich schrg und still ber den Lrm der Strae und ber die weien, flachen Dcher der Huser. Es begann warm zu werden. Als wir die hohe Palmenallee erreichten, die am Meer dahinfhrt, und die Gerusche der Stadt im eintnigen Rauschen des Wassers verklangen, gab ich Panja mein Pferd und schritt allein weiter. Eine Mdigkeit, die Leib und Seele wie ein bitterer Strom durchdrang, lie mich nach einer Weile innehalten, und ich lehnte mich an den Stamm eines Baums und schlo die Augen. Da sah ich im Abendfrieden ein Dorf meiner deutschen Heimat. Der Holunder blhte am Zaun, es hatte geregnet, und die Luft war khl und feucht. Hoch auf dem Giebel eines Bauernhauses sang eine Amsel in der letzten Sonne, und die klare Sigkeit ihrer Stimme erfllte das ruhige Land mit Glck. Ende Im Verlag von Rtten & Loening in Frankfurt a. M. erschien Waldemar Bonsels Menschenwege Aus den Notizen eines Vagabunden 75. Tausend Aus Urteilen der Presse: Als Dichtungen, mit sokratischer Methode gewertet, sind diese sieben Kapitel des Waldemar Bonsels das Reinste, Klingendste, Gewhlteste, was mir seit langem begegnete. Eine Keuschheit des Geistes ist in diesen Begegnungen, eine Zucht des Worts, eine Regie der Fhrung, die uns aus jeder Bedrngnis der Gegenwart in das Lichtgebude eines geruhsam betrachtenden Willens fhrt. Tgliche Rundschau, Berlin Waldemar Bonsels ist der tiefgrndige Denker und knstlerisch reife Gestalter, der Dichter mit der umfassenden Menschenliebe und Wortfhrer fr eine neue, auf voraussetzungsloser Gte aufgebaute Weltordnung. Zu der Weisheit und Liebe, die sein neues Buch: Menschenwege, aus den Notizen eines Vagabunden ausstrmt, gesellt sich als weiteres Geschenk die wahrhaft adelige Form der Sprache, in die der Dichter den Reichtum seiner Gedanken gefat hat. Gerade in unserer haerfllten und ungerechten Zeit, die so viel Schmerzliches und Bitteres ber uns gebracht hat, wirkt ein so ganz aus Seelengte, Milde und feierlichem Ernst gestimmtes Werk wie eine Offenbarung, in der wir den tieferen Sinn unseres Lebens wie eine Verheiung von neuem erkennen. Straburger Post Eine Vertiefung des Geistigen, eine Verinnerlichung des Seelischen und eine Umhllung des Ganzen mit einer Atmosphre des mystisch Reinen und Frohen, eines ins Hchste gerichteten Sinnes, spricht aus dieser Dichtung, da es sie schdigen hiee, wollte man versuchen, die Linien nachzuziehen. Es ist eine ber alle dogmatischen Satzungen erhobene, freie Religiositt, die als einziges Ziel das Unvergngliche hat, um das sich seit Anbeginn der Kosmos mit seinen Menschlein bewegt: Gott. Frankfurter Zeitung ber aller Wirklichkeit der bunten Lebensgeschehnisse dieses Buches steht leuchtend die Wahrheit, die der Dichter in prophetischem Geiste verkndet. Seine neue Betrachtung der Welt erwchst allein aus dem Glauben an eine reine Menschlichkeit. Dieser Vagabund ist die Verkrperung der Sehnsucht der neuen Jugend. Hannoverscher Courier Urteile der Presse ber: Waldemar Bonsels Indienfahrt Ich gestehe offen, da mir noch niemals ein so formvollendetes, knstlerisch durchdachtes und von Schnheit berquellendes Buch unter die Augen gekommen ist. Der Bund, Bern Waldemar Bonsels' Buch ist nicht nur das Schnste, was ich je ber Indien gelesen habe, auch ohne Rcksicht auf den Gegenstand mu ich es zu den wenigen groen Kunstwerken der Literatur der Gegenwart zhlen, die an sich vollkommen sind. In meiner tiefen Ergriffenheit mchte ich auf dieses Buch alle die Lobsprche hufen, wie sie schlagwortartig bei Anerkennungen wiederkehren. Die Hilfe, Berlin Es ist unmglich, die Glut dieses Buchs aus Rausch, Fieber, Weisheit und Liebe zu zergliedern! Das Erlebnis Indien ist fr Waldemar Bonsels das Erlebnis der Natur ohne Konventionen, ohne Zivilisation, ohne Mechanisierung des Lebens. Der Dichter durchstreift den Dschungel, immer auf der Suche nach reiner ungetrbter Natur, voll Qual und Lust, voll Gre und Einsamkeit. So wird der Leser vom stofflichen Reiz, vom Interessanten zur Philosophie, zur Betrachtung, zum Miterleben einer Dichtung geleitet, deren Gegenstand ein wirkliches Land ist, und aus einer Summe von Eindrcken wird ein phantastisches, groartiges und khnes Gemlde des Lebens, wie es berall aus Gott fliet und zu seinem Urgrund zurckflutet. Mrz, Mnchen Bonsels zeigt _sein_ Indien, das Indien eines Menschen, der mit durstiger Seele durch die Wlder und Berge zieht. So, aus dem Persnlichen heraus, erwacht dieses Land mit einer Lebendigkeit vor unseren Augen, als stnden wir selber auf seiner Erde, als qulle der Dunst seiner Frhe und die Glut indischen Mittags vor uns aus dem Boden mit all seinen Gefahren und mystischen Verlockungen. Mir scheint dies wirklich die einzige Methode zu sein, mit der ein Land deskriptiv zu erfassen ist. Man darf nicht mit der Kamera und dem Lot auf solch eine Reise gehen, sondern mit einer Seele; einer Seele, die hell sein mu wie ein Spiegel, der die Sonne aufnimmt und widerstrahlt aus der Begrenztheit seiner Dinghaftigkeit in die Unbegrenztheit seelischen Erlebnisses. Berliner Tageblatt Im Verlag von Schuster & Loeffler in Berlin erschienen: Waldemar Bonsels Die Biene Maja und ihre Abenteuer 315. Auflage Gebt dieses Buch euren Kindern; es ist ein herrliches Buch! Die deutsche Frau, Berlin Es ist das Werk eines Dichters und Sehers, der eine groe Offenbarung ber das tiefste Wesen der Dinge zu verknden hat. Straburger Post Waldemar Bonsels Das Anjekind Eine Erzhlung 49. Auflage In diesem Buche schlgt das Herz einer dichterischen Wahrhaftigkeit, das zu schlagen nie aufhren wird. Es ist ein Einklang zwischen Natur und Mensch dargestellt, wie er ergreifender kaum gedacht werden kann. Hannoverscher Courier Waldemar Bonsels Himmelsvolk Ein Buch von Blumen, Tieren und Gott 240. Auflage Dies zarte, berauschende Buch ist ein Buch des Kmpfens, des Sieges und des Untergangs. Alle Entwicklungen des Buches, sein inneres Ereignis, wird dargestellt in Unterhaltungen mit Blumen, in Gesprchen von Tieren, deren Ernst von einer kaum glaubbaren, niegekannten Heiterkeit getragen ist. Jedes Wort aber scheint hingeschrieben in groer Leidenschaft, tief erfhlt und in dem Willen, durch sein Werk beizutragen zu einer kommenden, reineren, alles auf das Erleben stellenden, um Gott wissenden Menschheit. Berliner Brsen-Courier Im Verlag von Schuster & Loeffler in Berlin erschienen: Waldemar Bonsels Wartalun Eine Schlogeschichte 56. Auflage ...das ist der Sinn des Geschehens zu Wartalun, einer Geschichte von so hohem dichterischen Gewicht, da ich sie nach den Maen anderer Romane nicht messen mchte. Der sie schuf, ist ein groer Knstler, wer sie liest, empfngt eines der schnsten, um Natur- und Menschengeheimnis gewebten Gedichte. Es klingt wie Urweltrauschen durch dies Buch, Winde, Bume, Tiere, die Erde selbst scheint zu reden, und das Tun der Irdischen ist wie ein Glied der groen unendlichen Kette, die alles Leben bewegt. Mnchen-Augsb. Abendzeitung Waldemar Bonsels Der Tiefste Traum Eine Erzhlung 46. Auflage Ein Stimmungszauber geht von dem Buche aus, der die Sinne mit lockender Gewalt zur innigsten Anteilnahme zwingt. Der eigenartige Zauber liegt auf der rein menschlichen Seite des tiefen Problems, und die ganze Entwicklung der beiden Charaktere ist einzig darauf gerichtet, alles in eine ungemein vertiefte und goldverklrte Harmonie ausklingen zu lassen. Generalanzeiger fr Elberfeld Waldemar Bonsels Don Juan Eine epische Dichtung 7. Tausend Erschienen 1919 * * * * * Anmerkung: Gegenber dem Originaltext wurden folgende nderungen vorgenommen: Buchseite 132: khl um seine Stirn wehte wurde gendert in: khl um meine Stirn wehte. Buchseite 134: Maisor wurde gendert in Maisur. Buchseite 154: Mangolore wurde gendert in Mangalore. Buchseite 168: Upanangadi wurde gendert in Uppanangadi. Buchseite 191: Kumadary wurde gendert in Kumardary. Buchseite 199: Malealym wurde gendert in Malayalam. Buchseite 224: Indier wurde gendert in Inder. Buchseite 230: Indier wurde gendert in Inder. Ein neuer Absatz wurde begonnen: Buchseite 54: vor Die Nacht sank nieder 76: vor Wir besichtigten die Boote 78: vor Gegen Mitternacht 80: vor Wir hatten viel Umstnde 119: vor Goy sann nach 122: vor Ich sah Panja weinen 122: vor Erst nach Tagen 132: vor Mir war die Nachricht willkommen 185: vor Ich begriff aufs neue 199: vor Er erhob sich 223: vor Die Sonne trieb ihr buntes Spiel License: Share Alike