Produced by PG Distributed Proofreaders Die Frauenfrage ihre geschichtliche Entwicklung und wirtschaftliche Seite Von Lily Braun Leipzig Verlag von S. Hirzel 1901 Meinem Mann und meinem Sohn. Vorwort. Auf Grund vieljhriger Arbeit habe ich den Versuch unternommen, die Frauenfrage in ihrem ganzen Umfang einer Darstellung zu unterziehen. Meinen Ausgangspunkt bezeichnet das fr ihr Verstndnis entscheidende Moment der wirtschaftlichen Lage der Frau. Von welcher Seite man auch das weitverzweigte Problem betrachte, die realen Existenzbedingungen des weiblichen Geschlechts innerhalb der Gesellschaft bilden fr die Vergangenheit wie fr die Gegenwart den orientierenden Ariadnefaden, ohne den das Urteil fehl gehen muss. Nur indem man die konomischen Thatsachen nach der ihnen zukommenden Bedeutung wertet, erschliet sich der Zusammenhang der Frauenfrage mit der sozialen Frage, deren integrierender Bestandteil sie ist. Mein Buch giebt zunchst eine gedrngte Geschichte der Entwicklung der Frauenfrage und der Frauenbewegung von den ltesten Zeiten bis zum 19. Jahrhundert. In eingehender Darstellung behandelt es sodann die wirtschaftliche Seite der Frauenfrage, schildert die konomische Lage der Frau in den wichtigsten Kulturlndern, bespricht die sozialpolitische Gesetzgebung, kritisiert sie, stellt die Grenzen ihres Einflusses fest und wirft einen Ausblick auf die Bedingungen, unter denen eine organische Lsung der Frauenfrage mglich ist. Dem vorliegenden Band, der ein in sich abgeschlossenes Ganzes bildet, wird ein zweiter folgen, der die zivilrechtliche und ffentlichrechtliche Stellung der Frau, die psychologische und ethische Seite der Frauenfrage zum Gegenstand hat. Wie weit mir die Aufgabe gelungen ist, steht dahin, und wird sachkundige Kritik entscheiden. Eines aber darf ich geltend machen: da die Darstellung auf einem umfassenden Studium der Litteratur, insbesondere auch, soweit es sich um die Ermittelung der thatschlichen Zustnde handelt, auf der Benutzung der amtlichen Statistiken, staatlichen wie privaten Enqueten, kurz so weit als mglich auf quellenmigen Untersuchungen beruht. _Berlin_, Oktober 1901. Lily Braun. Inhalt. Vorwort ERSTER ABSCHNITT. Die Entwicklung der Frauenfrage bis zum XIX. Jahrhundert. _Erstes Kapitel_: Die Frauenfrage im Altertum Die Periode des Mutterrechts.--Die Blutgemeinschaftsfamilie und die Schwgerschaftsverbnde.--Die Entwicklung zur Monogamie.--Die Gesetzgebung in Bezug auf die Frauen.--Platos und Aristoteles' Stellung zur Frauenfrage.--Die Frauenfrage im rmischen Reich.--Die Stellung der Frauen bei den Germanen. _Zweites Kapitel_: Das Christentum und die Frauen Christus und die Frauen.--Das kanonische Recht.--Die rmisch-katholische Kirche in Bezug auf die Frauenfrage.--Die Nonnenklster und ihre Bildung.--Die Folgen der Reformation fr das weibliche Geschlecht. _Drittes Kapitel_: Die wirtschaftliche Lage der Frauen Die hrigen Frauen in Burgen und Klstern.--Die Prostitution im Mittelalter.--Das znftige Handwerk und seine Stellung zur Frauenarbeit.--Weibliche Genossenschaften und Beginenkonvente.--Der Ausschlu der Frauen aus den Znften.--Die Anfnge der industriellen Entwicklung. _Viertes Kapitel_: Die Stellung der Frauen im Geistesleben Frauenbildung in der italienischen Renaissance.--Die berhmten Frauen Spaniens.--Christine de Pisan und die Bildung der Frauen Frankreichs.--Der erste deutsche Vorkmpfer der Frauenbewegung.--Die gelehrten Frauen und ihre Neigung zur Mystik.--Die Erziehungsplne Mary Astells.--Die "gelehrten Frauenzimmer" des 18. Jahrhunderts.--Die franzsische Salondame.--Rousseaus Einflu auf die Frauen. _Fnftes Kapitel_: Die Frauen im Zeitalter der Revolution Die franzsischen Frauen in Philosophie und Politik.--Die Vorkmpferinnen der Frauenemanzipation in Amerika.--Talleyrand und das Recht der Frauen auf Bildung.--Die franzsischen Arbeiterinnen und ihre Forderungen.--Die Frauenvereine whrend der Revolution.--Olympe de Gouges.--Auflsung der Frauenvereine durch den Konvent.--Condorcets Verteidigung der Frauenrechte.--Mary Wollstonecraft.--Hippels "brgerliche Verbesserung der Weiber". ZWEITER ABSCHNITT. Die wirtschaftliche Seite der Frauenfrage. _Erstes Kapitel_: Der Kampf um Arbeit in der brgerlichen Frauenwelt Anfnge einer Erziehungsreform unter dem Gesichtspunkt beruflicher Arbeit: Fnelons Reform der Mdchenerziehung.--Basedow und Karoline Rudolphi ber die Erziehung der Tchter.--Die Erziehungsreform in England und Amerika.--Der Einflu der Klassiker auf deutsche Frauenbildung.--Das Eindringen der Frauen in brgerliche Berufssphren: in Amerika,--in England,--in Frankreich,--in Deutschland.--Die Anfnge der deutschen Frauenbewegung.--Die Bestrebungen fr Frauenbildung und Frauenarbeit in neuester Zeit: in den Vereinigten Staaten,--in England,--in Frankreich,--in Ruland,--in Schweden,--in Dnemark,--in Holland und Belgien,--in der Schweiz,--in Italien,--in Spanien und Portugal,--in Oesterreich,--in Deutschland. _Zweites Kapitel_: Die treibenden Krfte der brgerlichen Frauenbewegung Das numerische Uebergewicht des weiblichen Geschlechts ber das mnnliche.--Das Verhltnis der Knaben- und Mdchengeburten in brgerlichen und proletarischen Familien.--Die Verheiratbarkeit nach den Altersstufen.--Statistik der verheirateten und der ledigen Frauen--Der Knabenberschu bei der Geburt.--Die grere Sterblichkeit der Mnner.--Der Rckgang der Heiratsziffern und seine Ursachen.--Statistik der erwerbsthtigen Frauen.--Statistik der Frauenarbeit in brgerlichen Berufen.--Die verheirateten Frauen in brgerlichen Berufen.--Die wirtschaftliche Lage der Lehrerinnen.--Die Lhne der Handelsangestellten.--Die Bhnenknstlerinnen und die weiblichen Journalisten. _Drittes Kapitel_: Die brgerliche Berufsthtigkeit von prinzipiellen Gesichtspunkten Der Unterschied der Geschlechter in Bezug auf die Krperkrfte.--Das weibliche Gehirn.--Der Einflu der Geschlechtsfunktionen auf die Berufsthtigkeit.--Mutterschaft und Frauenarbeit.--Die Zerstrung der Weiblichkeit durch die Berufsthtigkeit.--Der Unterschied der Geschlechter in Bezug auf die geistige Befhigung.--Das weibliche Genie und seine Zukunft. _Viertes Kapitel_: Die Entwicklung der proletarischen Frauenarbeit Die technische Revolution im Anfang des 19. Jahrhunderts.--Die Zunahme der Frauenarbeit infolge der Einfhrung der Maschinen.--Der Kampf der Arbeiter gegen die Maschine.--Der Kampf der Mnner gegen die Frauenarbeit.--Die Entwicklung der modernen Hausindustrie.--Frauenlhne um die Mitte des 19. Jahrhunderts.--Arbeiterwohnungen.--Die sanitren Zustnde in den ersten Fabriken.--Die Lage der Landarbeiterinnen um die Mitte des 19. Jahrhunderts.--Die Entwicklung der Dienstbotenfrage.--Proletarische Frauenarbeit im Handel. _Fnftes Kapitel_: Die Statistik der proletarischen Frauenarbeit nach den letzten Zhlungen Das numerische Verhltnis der proletarischen Frauenarbeit zur brgerlichen.--Das Wachstum der proletarischen Arbeit im Verhltnis zum Wachstum der Bevlkerung.--Das numerische Verhltnis der mnnlichen zu den weiblichen Arbeitern.--Die Frauenarbeit nach Berufsabteilungen, ihre Zu- resp. Abnahme.--Das Tempo des Wachstums der Frauenarbeit in der Industrie.--Die proletarische Frauenarbeit in Alleinbetrieben.--Die mithelfenden Familienangehrigen.--Die Verteilung der Frauenarbeit in der Industrie je nach den Berufsarten.--Die Statistik der Hausindustrie: in Deutschland,--in Oesterreich,--in Frankreich,--in Belgien--Die Abnahme der huslichen Dienstboten.--Die Altersgliederung der Arbeiterinnen.--Der Familienstand der Arbeiterinnen.--Die Zunahme der Arbeit verheirateter Frauen. _Sechstes Kapitel_: Die Lage der Arbeiterinnen in der Gegenwart _Die Groindustrie_: Die Lhne der Fabrikarbeiterinnen.--Verhltnis der Frauen- zu den Mnnerlhnen.--Differenzierung der Arbeit nach Geschlechtern.--Die Ursachen der Erwerbsarbeit verheirateter Frauen.--Das Verhltnis des Lohnes zu den Lebensbedrfnissen.--Die Arbeitszeit der Fabrikarbeiterin.--Der Einflu der Fabrikarbeit auf die Gesundheit der Frau.--Der Einflu der Fabrikarbeit verheirateter Frauen auf die Familie. _Hausindustrie und Heimarbeit_: Die Textil-Hausindustrie.--Die Lage der Arbeiterinnen in absterbenden Hausindustrien.--Die Dezentralisation des Grobetriebes und ihr Einflu auf die Frauenarbeit.--Die Lage der Nadelarbeiterinnen.--Das Sweating-System.--Die sanitren und sittlichen Folgen der Hausindustrie.--Die Existenzbedingungen der Hausindustrie. _Der Handel_: Die Lhne der Verkuferinnen.--Die Ladenzeit.--Die Ueberbrdung der Lehrlinge.--Das Alter der Verkuferinnen.--Die gesundheitlichen und sittlichen Folgen der Frauenarbeit im Handel.--Die Entwicklung zum Grobetrieb. _Die Landwirtschaft_: Die Gliederung der lndlichen Arbeiterschaft.--Das landwirtschaftliche Gesinde.--Die Instleute, Scharwerker, Deputanten und Heuerlinge.--Die Tagelhner.--Die Wanderarbeiter.--Die Arbeitsbedingungen der landwirtschaftlichen Arbeiterinnen.--Die lndlichen Arbeiterwohnungen.--Die Sittlichkeit auf dem Lande. _Der husliche und der persnliche Dienst_: Dienstbotenlhne.--Die Dienstvermittlung.--Die Wohnrume der Dienstmdchen.--Die Bekstigung.--Die ununterbrochene Arbeitsbereitschaft.--Die freie Zeit der Dienstmdchen.--Ihre Herkunft.--Die sittlichen Gefahren des huslichen Dienstes.--Das Ammenwesen.--Umwandlung des Haushalts durch den Mangel an Dienstboten.--Die Wschereien im Klein- und Grobetrieb.--Die Entwicklung des Wirtshauslebens.--Die Lehrzeit im Kellnerinnenberuf.--Die Arbeitszeit der Kellnerinnen.--Die Lohnverhltnisse im Gastwirtsgewerbe.--Die Trinkgelder und ihr Einflu.--Wohnung und Kost.--Die sanitren und sittlichen Folgen des Kellnerinnenberufs. _Siebentes Kapitel_: Die Arbeiterinnenbewegung Die Arbeiterinnenbewegung ein Bestandteil der Arbeiterbewegung.--Die Nur-Frauengewerkschaften.--Die Trennung der deutschen Arbeiterinnenbewegung von der brgerlichen Frauenbewegung.--Die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterinnen: in Deutschland,--in Oesterreich,--in England,--in Frankreich,--in den Vereinigten Staaten. Die Schwierigkeit der Organisation der Frauen und ihre Grnde.--Die Mittel zur Besiegung der Organisationsunfhigkeit der Frauen.--Die Teilnahme der Frauen an der genossenschaftlichen Bewegung.--Die Sozialdemokratie und die Arbeiterinnenbewegung.--Die politischen Erfolge der deutschen Arbeiterinnenbewegung.--Die Stellung der Arbeiterinnenbewegung zur brgerlichen Frauenbewegung.--Die positiven Aufgaben der Arbeiterinnenbewegung. _Achtes Kapitel_: Die Brgerliche Frauenbewegung Und Ihre Stellung Zur Arbeiterinnenfrage Die Wohlthtigkeitsbestrebungen und die soziale Hilfsarbeit.--Die prinzipielle Ablehnung des Arbeiterinnenschutzes durch die brgerliche Frauenbewegung.--Die Sozialreform und ihre Vertretung innerhalb der brgerlichen Frauenbewegung.--Die Stellung des Bundes deutscher Frauenvereine zur Arbeiterinnenfrage.--Die Haltung der Frauenrechtlerinnen gegenber der Dienstbotenfrage.--Die Organisation der Arbeiterinnen durch die brgerliche Frauenbewegung.--Die Wirkungen der brgerlichen Frauenbewegung in Bezug auf die Arbeiterinnen. _Neuntes Kapitel_: Die Sozialpolitische Gesetzgebung Und Ihre Aufgaben _Der Arbeiterinnenschutz_: Seine historische Entwicklung.--Synoptische Uebersicht des geltenden Rechts.--Die Regelung der Arbeitszeit in der Groindustrie.--Der Ausschlu der verheirateten Frauen aus den Fabriken.--Die Ueberarbeit und die Nachtarbeit.--Die Sonntagsarbeit.--Arbeitsverbote in gesundheitsgefhrlichen Betrieben.--Der Schutz der Schwangeren und Wchnerinnen.--Die Ausdehnung des Arbeiterschutzes auf die Hausindustrie.--Sanitre Vorschriften in Bezug auf die Hausindustrie.--Unterdrckung der Heimarbeit.--Der Arbeiterschutz im Handelsgewerbe.--Die Aufgaben der Gesetzgebung gegenber den Landarbeitern.--Der Kellnerinnenschutz.--Die Trinkgelderfrage.--Die Gesindeordnungen.--Arbeiterschutz fr Dienstboten.--Die genossenschaftliche Hauswirtschaft.--Die Fortbildungsschulen.--Die freie Verfgung ber den Arbeitsertrag.--Die Gewerbegerichte.--Das Koalitionsrecht. _Die Arbeiterinnenversicherung_: Ihre historische Entwicklung.-- Synoptische Uebersicht des geltenden Rechts.--Die Krankenversicherung.-- Die Mutterschaftsversicherung.--Die Unfallversicherung.--Die Alters- und Invalidittsversicherung.--Die Versorgung der Witwen und Waisen.--Die Frage der Arbeitslosenversicherung.--Die kommunale und staatliche Arbeitsvermittlung.--Die Ausdehnung der Arbeiterversicherung. _Die Grenzen der Gesetzgebung_: Der Gegensatz der Interessen zwischen Unternehmern und Arbeitern.--Die Prostitution.--Die Frauenarbeit, das revolutionierende Element in der sozialen Entwicklung. Erster Abschnitt. Die Entwicklung der Frauenfrage bis zum XIX. Jahrhundert. 1. Die Frauenfrage im Altertum. Die Entwicklungsgeschichte der Frau nimmt in der allgemeinen Menschheitsgeschichte, wie sie uns von Kindheit an berliefert wird, einen verschwindend kleinen Raum ein. Es ist vor allem eine Geschichte der Kriege und daher eine der Mnner, die wir unserem Gedchtnis haben einprgen mssen. Erst in neuester Zeit scheint sich fast unmerklich ein Umschwung vorzubereiten. Neben die politische tritt die Kulturgeschichte, neben die Thaten und Abenteuer der Frsten und Helden des Schwertes tritt das Leben und Leiden des Volks und seiner geistigen Fhrer. Der natrliche menschliche Egoismus hatte der Geschichtschreibung einen Klassencharakter verliehen. Die Herrschenden und Gebildeten sahen ber ihren Kreis nicht hinaus; wie man in den Feldzugsberichten nur von dem Heerfhrer als dem Sieger spricht, ihm allein Lorbeeren weiht und Denkmler baut, und die Tausende, die eigentlich die Schlachten schlugen, wenig beachtet, so wurde auch das Volk, der Trger der Menschheitsgeschichte, ber denjenigen fast vergessen, die, begnstigt von Glck oder von der Begabung, weithin sichtbar aus der Masse hervorragten. Die fortschreitende konomische Entwicklung befreite diese Masse mehr und mehr aus ihrem Sklavenverhltnis, und whrend auf der einen Seite die Unterschiede zwischen Reichtum und Armut sich verschrften, wurde andrerseits eine gewisse Gleichheit der Bildung und Aufklrung befrdert. Mit der Sklaverei und der Leibeigenschaft verschwand der Absolutismus: das zum Selbstbewutsein erwachte Volk erhob Anspruch auf das Recht, bei der Bestimmung ber sein Wohl und Wehe mitzusprechen, und gedieh zu einem Machtfaktor, mit dem gerechnet werden mu. Als es anfing, sich bemerkbar zu machen, wurde es von der Wissenschaft gleichsam erst entdeckt, man begann, sein Leben, Fhlen und Denken in Vergangenheit und Gegenwart zu erforschen, und erffnete damit ein Gebiet, das einen fast unerschpflichen Reichtum neuer Erkenntnis in sich birgt. Einen hnlichen Werdegang wie das Volk hat auch die Frau durchmessen. Sie steht jetzt in allen Kulturlndern auf dem Punkt, sich ihre wirtschaftliche, rechtliche und sittliche Gleichberechtigung zu erkmpfen. Nur fr denjenigen, der die Entwicklungsgeschichte kennt, der wei, welch langen, mhevollen Weg sie bis zu diesem Punkt zurcklegen mute, wird die groe, weit ber ihr Geschlecht hinausreichende Bedeutung dieses Emanzipationskampfes klar. Aus der Tiefe des weiblichen Wesens und seiner Geschichte ist die Frauenfrage herausgewachsen, und sie mu bis in ihre Wurzeln hinein verfolgt werden, um die ganze Schwierigkeit der in ihr enthaltenen Probleme zu erkennen und die richtigen Mittel zu ihrer Lsung zu finden. Die Entwicklungsgeschichte des weiblichen Geschlechts stellt sich, soweit wir auf historischem Boden stehen, als eine lange, im Dunkeln sich abspielende Leidensgeschichte dar. Aber auch wenn wir diesen Boden verlassen und uns auf Grund gelehrter Forschungen ein Bild des Lebens der Frau in grauer Vorzeit zu machen versuchen, finden wir sie immer in einem Zustand der Enge und Begrenztheit des persnlichen Daseins. Er war zunchst durch die Natur ihres Geschlechts selbst begrndet. Die Mutterschaft beschrnkte ihre Bewegungsfreiheit und machte sie schutzbedrftig, obgleich--was wir berechtigt sind anzunehmen--die Geschlechtsfunktionen weit weniger als heute mit pathologischen Erscheinungen sich verbanden. Das kleine Kind jedoch bedurfte infolge seiner vlligen Unselbstndigkeit der mtterlichen Frsorge und whrend der Mann--in welcher Periode der Menschheitsentwicklung immer--ungehindert durch Geschlechtsbeschrnkungen seinen Trieben folgen konnte, erschien es als das erste, dem Menschen zum Bewutsein kommende Naturgesetz, da die Mutter an das Kind gefesselt war. Es machte die Frau im Vergleich, zum Mann von vornherein unfrei; es lud ihr Lasten und Leiden auf, die niemand ihr abnehmen konnte. Es trug aber auch den Keim der Entwicklung aller Zivilisation und aller Sittlichkeit in sich. Die Mutterliebe, jenes ursprnglichste Gefhl, war die erste Erhellung moralischer Finsternis. Durch die Mutterliebe ging vom Weibe jede Erhebung der Gesittung aus.[1] Denn nicht der Bund zwischen Mann und Weib war, wie uns viele glauben machen wollen, die erste, unumstliche Vereinigung, sondern der Bund zwischen Mutter und Kind.[2] Die Entstehung des neuen Lebens aus dem Weibe war zugleich das erste Mysterium, das sich dem Menschen offenbarte. In den Mythologieen vieler Vlker finden wir daher die Spuren gttlicher Verehrung des weiblichen Prinzips in der Natur: In der Gttin Isis beteten die Aegypter die fruchtbare Erde an. Neith, deren geheimnisvoller Tempel in Sais stand, war die Personifikation der mtterlichen, gebrenden Kraft. Von der Urmutter Themis erfhrt Zeus das nur ihr bekannte Geheimnis des Alls. Ueber Odin, den Gttervater und alle Gtter der Germanen stehen. Die Schicksalsgttinnen, die Nornen. Gunnld, ein Weib, verwahrt den Trank der hchsten Weisheit; durch sie erst wird er Odin zu teil. Aber die Bedeutung des Weibes als Mutter, die Urgemeinschaft zwischen Mutter und Kind liegt nicht nur der primitiven Religion, sondern auch dem primitiven Recht zu Grunde. Fr das natrliche, durch keinerlei Klgeleien beirrte Rechtsbewutsein war das Kind Eigentum der Mutter, die es unter ihrem Herzen trug, an ihrer Brust ernhrte, seine ersten Schritte leitete, ihm Obdach und Nahrung gab. Es ist daher nicht zu verwundern, da sich bereinstimmend bei zahlreichen Vlkern eine Periode des geltenden Mutterrechts nachweisen lt. Vielfach ist diese Bezeichnung so verstanden worden, als ob sie mit Weiberherrschaft identisch wre, und es giebt sogar Vorkmpfer der Frauenbewegung, die in der Gynkokratie das goldene Zeitalter der Freiheit und Gleichheit des weiblichen Geschlechtes preisen, das verlorene Paradies, das wieder gefunden werden mu. Wer dagegen die Forschungen Morgans, Bachofens und anderer nchtern prft, vor dessen Augen erscheint die Zeit des Mutterrechts ohne jede poetische Verklrung als ein Zustand primitivster Kultur fr Mann und Weib, und er findet keinerlei Zeichen dafr, da das Weib eine "Oberherrschaft" nach unseren Begriffen ausgebt hat.[3] Versuchen wir es, uns ein Bild jenes Zustandes zu machen. Nach jahrtausendelanger Entwicklung hat sich der Mensch aus dem Tierreich losgelst; er ist aus den Baumwipfeln, wo er sich zum Schutz vor den wilden und strkeren Tieren vermutlich aufgehalten hat, zur Erde herabgestiegen und hat den ersten Triumph seines entwickelten Geistes gefeiert, indem er nicht nur den Stein gegen die Bedroher seines Lebens schleudern lernte, sondern ihn durch Bearbeitung zur Waffe gestaltete. Nun wird der Verfolgte zum Verfolger. Wohl kann das Weib, wie er, jagen und kmpfen, giebt es doch noch heute wilde Vlkerschaften, in denen die Geschlechter einander an Kraft nicht nachstehen,[4] aber sobald sie Kinder gezeugt hat, ist sie an sie gebunden. Dadurch entsteht zugleich die erste Arbeitsteilung; die Frau baut das schtzende Dach fr sich und ihren hilflosen Sugling; in die Felle der Tiere, die der Mann erlegt, hllt sie instinktiv das kleine frierende Geschpf und gewinnt dadurch die Anregung, schlielich auch fr sich ein deckendes und wrmendes Kleidungsstck zu schaffen. Sie mu, wenn die Nahrungsquelle in ihrer Brust versiegt, den Hunger ihrer Kinder auf andere Weise stillen, und so lernt sie die Mahlzeit zubereiten, indem sie nicht nur das Fleisch des Wildes, der Fische und Vgel dazu verwendet, das ihr der Mann von seinen Jagdzgen bringt, sie benutzt auch die Knollen, Krner und Frchte, die sie selbst findet, und gewinnt schlielich die Fertigkeit, sie fr den Gebrauch anzupflanzen.[5] Die Frau wurde immer sehafter und der Mann, dessen Leben sich zwischen Kampf und Jagd abspielte, sah ihre Htte bald als den Zufluchtsort an, wo er nicht nur zu flchtiger Ruhe einkehrte und Obdach, Nahrung und Kleidung fand, sondern wo er auch seine Beute verwahren konnte. Noch anziehender wurde die Htte fr den Mann und noch wichtiger die Gebundenheit der Frau, als die Menschheit das Feuer kennen und schtzen lernte. Wahrscheinlich ist es ihr durch die Zndkraft des Blitzes bekannt geworden, und es wurde wie ein Heiligtum--ein echtes Geschenk des Himmels--gehtet, weil die Fertigkeit, es selbst hervorzurufen, erst in weit spterer Zeit erworben wurde. Die natrliche Hterin und Bewahrerin des Feuers war die Frau.[6] Und so war es nicht der dem Urmenschen so hufig angedichtete Familiensinn oder die Liebe zu Weib und Kind--Gefhle, die nur die Produkte einer hheren Kultur sein knnen--, welche ihn an den huslichen Herd immer wieder zurckzogen, sondern lediglich die rohen, physischen Bedrfnisse. Von einer Ehe in unserem Sinn war natrlich keine Rede; dem regellosen Geschlechtsverkehr folgte die sogenannte Blutgemeinschaftsfamilie, in der die einzelnen Generationen sich nicht mehr miteinander vermischten. Bei der geringen numerischen Ausdehnung, die die Menschheit ursprnglich gehabt haben mu, ist zur Befriedigung des Geschlechtstriebs die Vermischung von Blutsverwandten selbstverstndlich. Ebenso selbstverstndlich ist es aber auch, da diese Form der Familie nicht auf irgend welchen Vorschriften beruhte, sondern sich vielmehr von selbst auflste, sobald sie durch ihre Gre im Bereich des mtterlichen Herdes weder Raum noch ausreichende Nahrung fand. Die Aufgabe der Blutgemeinschaftsfamilie und die Entstehung der Schwgerschaftsverbnde (Punaluafamilie, nach Morgan) ist nicht auf eine hhere sittliche Erkenntnis zurckzufhren, sondern auf die uralten Triebkrfte der Natur; Hunger und Liebe. Daraus entstand die Sitte und aus der Sitte die Moral einer jeden Zeit. Auch die neue Familienform kannte die Ehe nicht. Der Mann des einen Stammes, der sich mit der Frau des anderen verband, heiratete sozusagen alle ihre Schwestern mit; der Begriff der Keuschheit und der ehelichen Treue war beiden Geschlechtern fremd. Infolgedessen wurde ein vterliches Recht an den Kindern nicht geltend gemacht, sie gehrten ausschlielich der Mutter, die sie geboren hatte, und deren Stamm. Der Mann fhrte das Weib nicht wie ein persnliches Eigentum in sein Haus, sondern er kam in das ihre. Wie wir gesehen haben, ist dieser Rechtszustand, der zur Zeit der Blutgemeinschafts- wie der Punaluafamilie der herrschende war, nicht auf eine hohe moralische Wertschtzung der Frau zurckzufhren, sondern auf die ursprngliche Differenz der Geschlechter und auf wirtschaftliche Ursachen, er hatte auch keine Machtstellung der Frau zur Folge, sondern er legte vielmehr den Grund zu der feststehenden Meinung, da das Arbeitsgebiet der Frau allein auf das Haus zu beschrnken sei. Mit der Ausbildung des Handwerks in seinen verschiedenen Zweigen, mit der Zunahme der Bebauung des Bodens--lauter Arbeitsarten, die im Bereiche des ursprnglichen Hauswesens lagen und daher hauptschlich der Frau zufielen--, wurde die Frau dem Manne immer unentbehrlicher. Er selbst war, je dichter sich die Erde bevlkerte, immer mehr in Kmpfen mit den Nachbarn oder mit den Volksstmmen, durch deren Land er als Nomade zog, verwickelt. Zunchst waren es nur Kmpfe um die tgliche Nahrung, um die Jagdgrnde; als er es aber verstand, die Tiere nicht nur zu erlegen, sondern zu zhmen und zu zchten, da kmpfte er fr den Schutz und um die Vergrerung seines Besitzes. In frheren Perioden, wo er nichts besa, als was er tglich gebrauchte, hatte er den gefangenen Feind entweder gettet, oder als Gleichen und Freien in seine Blutsfreundschaft aufgenommen, jetzt, wo er mehr besa, als er gebrauchte, bedurfte er der Arbeitskrfte in seinem Dienst, daher machte er den Feind zu seinem Untergebenen. So entwickelte sich im unmittelbaren Gefolge der Entstehung des Privateigentums die Sklaverei. Aber ehe noch der erste Sklave sich unter der Knute des Herrn beugen mute, war das Weib, die Mutter seiner Kinder, zur ersten Sklavin geworden. Die Frau war, wie wir gesehen haben, infolge der angedeuteten Verhltnisse, von jeher die geschickteste Arbeiterin gewesen. Durch sie erst wurde aus dem, was der Mann erjagte oder erkmpfte, ein Gebrauchsgegenstand. Je mehr sich nun der Besitz vergrerte, desto wichtiger wurde ihre Arbeitskraft; sie war auf den Stufen primitivster Kultur auch eine erwerbende gewesen, verwandelte sich aber mit den steigenden Bedrfnissen immer mehr zu einer nur erhaltenden und umwandelnden. Der Mann wurde zum Erwerber. Die Htte, die das Weib einst zusammenfgte, war nichts als ein Obdach, das alle im Notfall benutzen konnten, das Haus, das aus Steinen geschichtet oder aus behauenen Blcken aufgerichtet wurde und Waffen, Vorrte, Erz und Felle barg, war ein wertvoller Besitz. Das Wild, das der Mann frher tglich erlegte, war nichts als ein Mittel, den Hunger zu stillen; die Herden, die jetzt auf seinem Boden weideten, reprsentierten ein Kapital, das durch Mnnerfuste gegen den Nachbarn geschtzt werden mute. Und die Kinder, die frher das unbestrittene Eigentum der Mutter waren, wurden zu wertvollen Arbeitskrften und Kampfgenossen fr den Vater. Es kam aber noch ein sehr wichtiger Umstand hinzu. Der Besitz hatte nchst der Habsucht jenen Egoismus gezeitigt, der ber den Tod hinaus reicht und dem Fremden das Erworbene auch dann nicht zufallen lassen will: der Besitzende wnschte rechtmige Erben fr seinen Besitz. Das Mutterrecht mute dem Rechte des Vaters weichen. Als Arbeiterin und als Mutter rechtmiger Kinder hatte das Weib einen Wert bekommen, der sich dadurch ausdrckte, da sie vielfach gekauft, d.h. gegen Vieh, Waffen oder Erz eingetauscht wurde. Man beraubte sie jeglicher Freiheit, die grausamsten Strafen standen auf ihrer Untreue, denn ihr Gebieter mute sich die mglichste Sicherheit verschaffen, da sie ihm legitime Erben gebar. Der fr die Entwicklung der Menschheit so bedeutungsvolle Fortschritt zur Einzelehe war daher fr die Frau zunchst nichts als eine Station auf ihrem Kreuzesweg.[7] Denn die monogame Familie entstand nicht infolge der Erkenntnis ihres hheren sittlichen Werts, sondern auf Grund konomischer Rcksichten. Die Monogamie bestand nur fr die Frau, wie die Tugend der Gattentreue auch nur von der Frau gefordert wurde. Sich, wie es hufig geschieht, ber diese einseitige Monogamie und ber die nur dem Weibe auferlegte Verpflichtung der Treue sittlich zu entrsten, hiee ihren Ursprung verkennen, der nicht in der Niedertracht des mnnlichen Geschlechtes, sondern in den wirtschaftlichen Verhltnissen zu suchen ist. Recht und Sitte, die auf ihrem Boden erwuchsen, wurden von Religion und Gesetz sanktioniert. Da besonders im Orient alles Recht, von der Manava an bis zum Koran, als gttliches Gesetz betrachtet wurde und auf religiser Basis[8] ruhte, so war das Sklavenverhltnis des Weibes hier das festeste und berdauerte alle Zeiten. Alle Vorschriften, die sich mit ihr, ihren Pflichten und Rechten beschftigen, lassen sich dahin zusammenfassen, da sie nur als Mutter legitimer Kinder, vor allem der Shne, eine Existenzberechtigung hat. Das Interesse des Vaters an rechtmigen Leibeserben, das in der patriarchalischen Familie seinen strksten Ausdruck fand, erweiterte sich bald zum Interesse des Staates an einer gengenden Zahl kampffhiger Mnner. Die Heirat war eine Pflicht gegenber dem Staat, daher wurden z.B. in China in jedem Frhjahr die unverheirateten Mnner von 30 und Frauen von 20 Jahren einer harten Bestrafung unterworfen, und es bestanden genaue gesetzliche Vorschriften ber die ehelichen Pflichten zum Zweck der Kindererzeugung[9]. Bei den Indern konnte eine unfruchtbare Frau im achten Jahre der Ehe mit einer anderen vertauscht werden, eine, deren Kinder gestorben waren, im zehnten, eine, die nur Tchter geboren hatte, im elften Jahre[10]. Der Israelit hatte die Pflicht, eine unfruchtbare Frau zu verstoen oder mit ihrer Magd Kinder zu zeugen, die unter Beistand der rechtmigen Gattin zur Welt kamen und dadurch als legitime Erben anerkannt wurden. So sagte Sarah, die kinderlose, zu Abraham: "Lege dich zu meiner Magd, ob ich doch vielleicht aus ihr mich bauen mge."[11] Und obwohl bei allen Vlkern des Orients die Untreue der Frau mit dem Tode bestraft werden konnte, wurde sie zu einer religisen Pflicht, sobald die Frau kinderlos blieb. Sie mute sich in Indien einem Mitglied der Familie des Mannes unter religisen Ceremonien vor den Augen ihrer Angehrigen hingeben;[12] sie fiel in Israel, wenn ihr Gatte starb, ehe sie ihm Kinder geboren hatte, seinem ltesten Bruder zu, damit er dem Verstorbenen noch Nachkommen zeuge.[13] Sie war des Mannes unbeschrnktes Eigentum und stand auch insofern auf derselben Stufe mit den Sklaven, als es ihr verboten war, eigenes Vermgen zu besitzen. Die heiligen Gesetze Indiens erklren ausdrcklich, da alles, was eine Frau oder ein Sklave etwa erwirbt, selbstndiges Eigentum des Herrn ist, "dem sie gehren".[14] Von Geburt an bis zum Tode sind die Frauen vollstndig unfrei; als Mdchen sind sie von ihrem Vater, als Frauen von ihrem Gatten, als Witwen von ihren Shnen oder Blutsverwandten abhngig.[15] Aus alledem geht hervor, da die Frauen im Orient nur ein Werkzeug zur Fortpflanzung des Geschlechtes waren. Auerhalb ihres einzigen Berufes, dem der Mutterschaft, hatten sie keinerlei Wert und Bedeutung, ja sie wurden so ausschlielich als Werkzeug, als Mittel zum Zweck betrachtet, da von jener ehrfrchtigen Verehrung, welche die in den Phantasiegestalten zahlreicher Gttinnen personifizierte Mutterschaft unter den Vlkern des Abendlandes geno, im Orient, mit Ausnahme von Aegypten, nichts zu finden ist. Auch als Mutter wurde hier das Weib verachtet und zwar um so mehr, wenn sie statt des einzig erwnschten Sohnes eine Tochter gebar.[16] Die Jdin, die einen Knaben zur Welt brachte, blieb sieben Tage unrein; war ihr Kind ein Mdchen, so blieb sie es vierzehn Tage. Sie mochte von noch so hoher Abkunft und die Mutter eines blhenden Geschlechtes sein, sie blieb immer ein unheiliges, von Staat und Religion nur als ein notwendiges Uebel gekennzeichnetes Geschpf. Dieser Auffassung entsprach auch der Mythus von der Stammmutter Eva, von der alle Snde und alles Unglck der Menschheit ausging. Das Weib, sagte Manu, ist niedertrchtig wie die Falschheit selbst, es mu wie Kinder und Geisteskranke mit der Peitsche oder dem Strick gezchtigt werden.[17] Nur der Mann hat, nach dem Glauben der Chinesen, eine unsterbliche Seele;[18] Brahma verbietet dem Weibe, die Veda, das heilige Buch der Inder, zu lesen; der Koran lehrt, da die Pforten des Paradieses den Frauen ewig verschlossen bleiben; mit den Kindern und Sklaven stehen die Hebrerinnen auf einer Stufe, wenn auch ihnen die Berhrung des Gesetzes nicht gestattet ist. Der Talmud schtzt die Ehre der Frau nach ihrem Vermgen, denn nur dann gilt sie als rechtmige Gattin, ihre Kinder als legitime Erben, wenn sie eine Mitgift in die Ehe bringt, andernfalls ist ihre Verbindung mit dem Mann nur ein Konkubinat.[19] Die Kulturentwicklung der alten orientalischen Vlker stand schon weit genug im Banne des Begriffs vom "heiligen" Eigentum, um das Verbrechen, arm zu sein, durch Schande zu strafen. Gro war daher die Zahl der armen Weiber, die mit ihrer Arbeitskraft ihren Leib verkaufen muten. So hart aber auch das Los der als Mgde und Sklavinnen in strengem Dienstverhltnis zu ihrem Herrn stehenden Frauen war, ein merkbarer Unterschied zwischen dem der begterten und der rechtmigen Gattinnen war nicht vorhanden; das weibliche Geschlecht als Ganzes stand gleichmig tief. Gegenber den Orientalen sind wir gewohnt, die Griechen fr die Reprsentanten einer bedeutend hheren Kultur zu halten. Nehmen wir jedoch die Stellung der Frau zum Mastab fr unser Urteil, so mu es ganz anders lauten, denn sie weist neben kaum bemerkbaren Fortschritten sogar erhebliche Rckschritte auf. Die Familie war im Orient ein Staat fr sich gewesen, der Vater der Patriarch, der Knig darin. Sie wurde in Griechenland fast bedeutungslos, denn der Staat bernahm viele ihrer wichtigsten Funktionen; der Familienvater war nicht mehr Herrscher, sondern Unterthan, seine Brgerpflichten entrissen ihn vollkommen seiner Huslichkeit, sein Leben als Gesetzgeber, Soldat, Advokat, Philosoph und Knstler spielte sich auerhalb des Hauses ab, dessen Geschfte und Obliegenheiten er ausschlielich der Gattin und den Sklaven berlie. Eines freien Mannes waren sie unwrdig und wurden um so verachteter, je mehr die Sklaverei zu einem wichtigen Faktor im sozialen Leben sich entwickelte. Whrend der Orientale, besonders der Israelit, in der Arbeit keine Schande sah und die Zchtung und Htung der Herden zu seinen Pflichten gehrte, whrend der Schwerpunkt seines Lebens in seiner Familie, seinem Besitztum lag, und die Frau ihm dadurch, trotz aller Unterdrckung, menschlich nher stand, sank sie in Griechenland vollstndig in die Reihen der Sklaven hinab. Sie war, wie im Orient, das willenlose Eigentum des Mannes. Der Vater, wie der Vormund konnten sie, wem sie wollten, zur Gattin geben; der Gatte konnte sie verschenken oder vertauschen; blieb sie unfruchtbar, so galt es fr ein Verbrechen gegen die Gtter, wenn sie nicht verstoen wurde. Die Pflicht, zum Zweck der Zeugung legitimer Kinder, die Ehe zu schlieen, wurde vom Staate den Mnnern auferlegt;[20] durch Solons Gesetzgebung wurden die Unverheirateten einer Strafe unterworfen. Denn noch waren die Lnder nur schwach bevlkert und vom Zuwachs tchtiger Brger hing das Bestehen und der Wohlstand des Staates ab. Daher beschftigt sich die Gesetzgebung jener Periode der Geschichte in einer so eingehenden Weise mit der Frage der Volksvermehrung. Die Monogamie war Gesetz. Der Mann durfte nur eine legitime Frau haben; die Zahl der Konkubinen, die er sich neben ihr hielt, war aber unbeschrnkt, und der einzige Fortschritt gegenber den orientalischen Zustnden bestand darin, da ihre Kinder nicht ohne weiteres Mitglieder der Familie waren, sondern es erst durch die Legitimation ihres Vaters werden konnten. Die aus dem vterlichen Hause meist in sehr jungen Jahren in das des Gatten eintretende Frau lebte hier wie dort in vlliger Abgeschlossenheit, ohne irgend welche Berhrung mit der Auenwelt; sie durfte weder am ffentlichen noch am geselligen Leben Anteil nehmen. Das Haus war ihre Welt, ber deren Grenze die tugendhafte Frau nicht hinwegschreiten durfte. Und wenn Dichter und Schriftsteller auch versuchten, sie ihr zu verklren[21]--genau wie es heute geschieht--so war ihre Lage doch die einer physisch und geistig allen Lichts beraubten Gefangenen, die auch wie eine solche verachtet wurde. Von einem Griechen stammt jener bekannte Ausspruch, wonach diejenigen Frauen am meisten Ruhm verdienen, von denen am wenigsten gesprochen wird,[22] und er bedeutet nichts anderes, als da die Frau im Guten ebensowenig wie im Bsen aus der Masse hervorragen darf. Es entsprach nur der allgemeinen niedrigen Meinung von den Frauen, wenn Demosthenes der Ansicht seiner Zeitgenossen von der Ehe Ausdruck verlieh, und sagte, da man Frauen nur nehme, um rechtmige Kinder zu zeugen, Beischlferinnen, um eine gute Pflege zu haben, und Buhlerinnen, um die Freuden der Liebe zu genieen. Die eheliche Verbindung aus Liebe kannte der Grieche nicht.[23] Im besten Fall war sein Gefhl fr die Gattin die wohlwollende Anhnglichkeit eines Patrons zu seinem Klienten.[24] Nicht die in strenger Zurckgezogenheit lebende, von klein auf zu khler Keuschheit und Zurckhaltung erzogene Frau war der Gegenstand seiner Leidenschaft, sondern die freie Priesterin Aphrodites, die Hetre. Die uralte Verehrung des mtterlichen Prinzips in der Natur, der Weiblichkeit und der Fruchtbarkeit, hatte sich mit dem allmhlichen Verfall des Mutterrechts mehr und mehr verwandelt. Einst muten sich die Jungfrauen Aegyptens einmal in ihrem Leben im Tempel der Gttin der Fruchtbarkeit einem Fremden preisgeben, spter bevlkerten zahlreiche Frauen das ganze Jahr die Tempel der Iris, der Astarte, der Anahita oder Mylitta. Denn hart war das Los der Mgde und Sklavinnen; nur die Mdchen, welche eine Mitgift besaen, hatten Aussicht auf eine legitime Ehe, und auch das Schicksal rechtmiger Frauen war ein trauriges. Da kann es nicht wunder nehmen, wenn Not, Glckssehnsucht und Freiheitsdurst Scharen Armer und Unterdrckter in den Dienst der Liebesgttin trieb. Geheiligt durch die Religion, gefrdert durch Not und Unterdrckung--so entstand in der ltesten Zeit die Prostitution. Sie wuchs mit der Ausdehnung der Sklaverei,--fast alle bekannten Hetren waren ursprnglich Sklavinnen,--und gewann an Ansehen und Bedeutung, je tiefer die Stellung des weiblichen Geschlechtes im allgemeinen war. Ihre Bltezeit erlebte sie in Griechenland, als Kunst und Wissenschaft auf ihrer Hhe standen und der Kultus der Schnheit die Religion beinahe ersetzte. Gern trat die schne Sklavin, auf die das bewundernde Auge des Gebieters gefallen war, aus dem engen dumpfen Gynkonitis mit seiner einfrmigen Arbeitspflicht auf den offenen Markt hinaus, um von den Dichtern besungen, den Knstlern gemalt und gemeielt, dem Volke verehrt zu werden. Und diejenigen Frauen, deren reger Geist sich durch das abgeschlossene Leben nicht ertten lie, in deren Gemach ein Schimmer vom Glanz griechischer Bildung verlockend eindrang, betraten hufig genug den einzigen Weg, der ihnen offen stand, denn nur die Buhlerin war in Griechenland eine freie Frau, die ihrer Liebe folgen, die an der hohen Geisteskultur ihres Vaterlandes persnlichen Anteil nehmen konnte.[25] Die Geliebte des Perikles, Aspasia, die Lehrerin des Sokrates, Diotima, die Schlerin des Plato, Lastheneia, die des Epikur, Leontion, nahmen dem griechischen Hetrentum das Odium eines ehrlosen Gewerbes und erhoben die Hetre in den Augen der hervorragendsten Mnner ber die Hausfrau, deren Geistes- und Gefhlsleben knstlich verkmmert wurde. Die Geschichte wei von keiner einzigen Griechin zu berichten, die sich gegen Sittengesetze emprt htte, welche als Lohn auf die weibliche Tugend--die dauernde Gefangenschaft, und als Strafe auf das Laster--die Freiheit setzten. Aus der Seele der griechischen Frauen spricht Goethe, wenn er seine Iphigenie sagen lt: "Der Frauen Schicksal ist beklagenswert", aber in Wirklichkeit besa das weibliche Geschlecht in dem sonnigen, ruhmgekrnten Hellas keine Priesterin, die seinem stummen Leid Worte verlieh. Nur den grten Denkern der Nation, Plato und Aristoteles, scheint es zum Bewutsein gekommen zu sein, da die Stellung der griechischen Frau eine unwrdige war. Wer Platos Aussprche, wie z.B. die: "So haben also Mann und Weib dieselbe Natur, vermge deren sie geschickt sind zur Staatshut", und "die Aemter--(im Staat)--sind Frauen und Mnnern gemeinsam",[26] aus dem Zusammenhang herausreit, der mag sogar zu der Ueberzeugung kommen, er sei im modernsten Sinne ein Vorkmpfer der Gleichberechtigung der Geschlechter gewesen. Der Sachverhalt ist aber thatschlich folgender: Er teilt die Bevlkerung seines Idealstaates in drei Klassen, von denen die oberste, die der Hter und Wchter, die geistig und krperlich vollendetste sein soll, weswegen die dafr Berufenen eine ganz ungewhnlich treffliche Erziehung genieen mssen. Aber sie sollen nicht nur fr ihre hohe verantwortliche Stellung als Staatsleiter erzogen, sie sollen schon dafr geboren werden. Und deshalb mssen ihre Mtter in gleicher Weise zu geistig und krperlich ber der Masse stehenden Wesen herangebildet werden, wie ihre Vter. Plato erklrt,--und das kann bei der hohen geistigen Bildung vieler Hetren seiner Zeit nicht Wunder nehmen,--da Mnner und Frauen gleiche Fhigkeiten besitzen, und da der Staat das hchste Interesse daran habe, da begabte und krftige Kinder geboren werden, so msse er die besten mnnlichen und weiblichen Exemplare der obersten Klasse zwangsweise miteinander vermhlen. Genau wie der Tierzchter nach seinem Belieben Hengst und Stute zusammenfhrt, so sollen die Oberen bestimmen, nicht nur welche Mnner und Frauen sich vermhlen, sondern auch wie oft sie Kinder zeugen drfen,[27] damit "der Staat weder grer werde noch kleiner". Ein Kind aber, das ohne den Willen der Oberen erzeugt wrde, dessen Eltern sich also freiwillig, aus Liebe umarmten, sollte dem Staat fr unecht und unheilig gelten,[28] und demselben Schicksal verfallen wie die Verkrppelten und Schwachen. Der Staat allein sollte das Recht haben, die geeignete Frau dem geeigneten Mann zu geben, und zwar nicht ein fr allemal, sondern so oft er es fr ntzlich hielt auch einem anderen. Der Kinderernhrung und Pflege sollten diese Frauen enthoben sein; ihre Kinder sollten ihnen sofort entrissen und gemeinsam von Ammen und Wrterinnen aufgezogen werden. Die Frau sollte, erklrt Plato ausdrcklich, vom zwanzigsten bis zum vierzigsten Jahre "dem Staat gebren".[29] Er vertritt den echt griechischen Standpunkt von der Omnipotenz des Staates und fhrt in logischer Weise nur weiter aus, was das griechische Recht und die Sitte von den Frauen forderte. Sie waren verpflichtet, dem Staate die Brger zu schenken, Plato wnschte, da es auch tchtige Brger seien, darum verlangte er, da die Frauen in "Musik und Gymnastik" unterrichtet wrden. Aber, wohlgemerkt, nur die Frauen der obersten Klasse. Aus diesem Umstand und daraus, da er Weibergemeinschaft, gewaltsame Trennung von den Kindern und eine lediglich grobsinnliche, zwangsweise Geschlechtsverbindung als das Wnschenswerte pries, lt sich ersehen, wie fern es ihm lag, die Frauen, um ihrer selbst willen, aus einer unwrdigen Stellung zu befreien und sie insgesamt den Mnnern gleichzustellen. So gewi es ist, da groe Geister, die einen tieferen Blick fr die hinter ihnen und die vor ihnen liegende Menschheitsentwicklung haben, die Gerechtigkeit und Notwendigkeit gewisser Umwlzungen predigen, ehe irgend ein anderer auch nur ihre Mglichkeit einzusehen vermag, so gewi ist es auch, da Fragen, die erst nach langer Zeit zur Lsung reif sein werden, nicht schon Jahrhunderte vorher von einem einzelnen in der Theorie gelst werden knnen. Trotzdem hat Plato dem weiblichen Geschlecht einen groen Dienst geleistet, indem er die Bedeutung der Frau als Mutter und die Pflicht des Staates, sie fr ihren Naturberuf fhig und wrdig zu machen, in eindringlicher Weise zum Ausdruck brachte. Weniger eingehend hat sich Aristoteles ber die Stellung der Frauen ausgesprochen. Aber so wenig Plato ein Feminist nach modernen Begriffen war, so wenig war Aristoteles der erste Antifrauenrechtler, fr den er oft gehalten wird. Wenn er sagt, da die Herrschaft des Mannes ber das Weib mit der Regierung einer obrigkeitlichen Person in einer freien Republik zu vergleichen sei,[30] und wenn er erklrt, da die eheliche nicht zugleich die ursprnglichste herrschaftliche Gesellschaft und das Weib nicht der Sklave des Mannes sei,[31] so war das gegenber der thatschlichen Stellung der griechischen Frau eine revolutionre Ansicht. In der Frage der Erziehung stimmte er sogar mit Plato berein, denn auch er forderte Musik und Gymnastik[32] fr beide Geschlechter. Einen hheren Begriff aber als Plato hatte er von der ehelichen Verbindung, denn er hielt die strenge Monogamie fr ihre hchste Form. Wenn er an anderer Stelle von den weiblichen Tugenden spricht[33] und meint, ein Mann sei noch feige, wenn er so heldenmtig wre, wie eine Frau, so erinnert dieser Ausspruch augenfllig an den Platos, der im Hinblick auf die Seelenwanderung sagt, da alle feigen und ungerechten Mnner bei der Wiedergeburt "wie billig" zu Weibern wrden.[34] So konnten sich selbst die bedeutendsten Denker der Hellenen nicht von dem Einflu ihrer Zeit und ihres Volkes befreien. Auch fr sie war die Frau ein minderwertiger Mensch. Wollen wir nun statt der Griechin die Rmerin betrachten, so tritt der Gegensatz zwischen beiden am klarsten hervor, wenn wir Cornelia, die Mutter der Gracchen, der Penelope, der Mutter Telemachs, gegenberstellen: hier wrdevolle Gre, ruhige Selbstndigkeit, dort ngstliche Schchternheit, Bedrfnis nach Schutz und Anlehnung; hier Shne, die der Mutter Ehrerbietung zollen, dort ein Sohn, der sie, als der Herr, zur Ruhe verweist. Schon in der Sage von der Egeria, der weisen Beraterin Knig Numa Pompilius', spricht sich die Achtung des Rmers vor der Frau aus. Ihr Ursprung mag in der dnnen Bevlkerung des Landes zu suchen sein, in dem nicht genug Frauen vorhanden waren. Die Geschichte vom Raub der Sabinerinnen spricht fr diese Annahme, ebenso die ursprnglich fr Mann und Weib gleich strenge monogamische Ehe. Es gab nicht so viel Frauen, als da der Mann ihrer mehrere htte haben knnen. Er forderte von seinem Weibe unverbrchliche Treue, aber seine Volksgenossen forderten von ihm dasselbe, denn sein Treubruch konnte zugleich den Treubruch eines ihrer Weiber bedeuten. Die Rmer waren in ihren ersten historischen Anfngen ein abgehrtetes Landvolk. Ihre Gtter waren Personifikationen der Saat, des Lichtes, des Lenzes. Der Begriff der Familie umschlo Eltern, Kinder, Knechte und Mgde gleichmig. An einem Tisch vereinigten sich alle; die Arbeit, der nichts Ehrloses anhaftete, beschftigte sie gemeinsam. Die rmische Hausfrau, die Matrone, stand der inneren Wirtschaft und der Erziehung der Kinder vor. Ihre Stellung war von vornherein eine gefestigtere und ehrwrdigere, da sie keine Rivalin neben sich hatte und die einzige Herrin im Hause war. Die hhere Achtung, die sie geno, verschaffte der Rmerin auch grere Freiheit. Sie empfing des Hauses Gste mit dem Gatten, sie war nicht in das Frauenhaus eingeschlossen, sie nahm teil an ffentlichen Festen und besuchte Theater und Zirkus. Rechtlich stand sie jedoch wie die Orientalin und die Griechin unter dauernder Vormundschaft. Niemals verfgte sie frei ber ihr Eigentum; thatschlich war es sogar das Eigentum, durch das sie unmndig wurde. So konnte nach altrmischem Recht das unter vterlicher Gewalt lebende Mdchen, das also selbst kein Vermgen besa, ber seine Person frei verfgen; die unter Vormundschaft stehende Waise dagegen, die im Besitz des vterlichen Erbes war, blieb in allen ihren Handlungen vllig unfrei. Daraus ergiebt sich, da nicht die Frau an sich, sondern die Frau als Eigentmerin eines Vermgens unter gesetzlichem Schutze stand.[35] Sie durfte weder ein Testament, noch Geschenke, noch Schulden machen; die rmischen Rechtslehrer selbst erkennen an,[36] da die Vormundschaft ber die Frau eine Institution sei, die weniger in ihrem Interesse als in dem des Vormundes lag. Nur in einem Punkt geno sie whrend der Bltezeit der Republik dieselben Rechte, wie der Mann: Sie hatte Zutritt zum Forum und konnte sowohl in eigener wie in fremder Sache als Zeuge oder als Verteidiger auftreten. So wird von Amesia Sentia erzhlt, da sie sich unter ungeheuerem Zulauf des Volkes mit Klugheit und Energie zu verteidigen verstand, worauf fast einstimmig ihre Freisprechung erfolgte,[37] und von Hortensia, der Tochter des Redners Hortensius, die es durch ihre glhende Beredsamkeit durchsetzte, da die Frauen der Bezahlung einer ihnen auferlegten Steuer wieder entbunden wurden.[38] Allzu schnell wurden die Rmer aus einem schlichten ackerbautreibenden Volk die stolzen Beherrscher der Welt, und frh schon trug ihre Existenz den Todeskeim in sich. Die siegreichen Feldzge, die Unterdrckung ganzer Nationen waren von bsen Folgen begleitet, denn nicht nur da auf ihre rohe Kultur griechische berfeinerung, orientalische Perversitt und Genusucht gepfropft wurde--ein Umstand, der auf alle Naturvlker verderblich wirkt--, auch das Grundbel der Staatenbildung im Altertum, das Sklavensystem, fand in Rom raschen Eingang und entwickelte sich hier zur hchsten Blte.[39] Ungeheuere Reichtmer strmten aus allen Teilen der Welt in Rom zusammen; sie vereinigten sich in den Hnden weniger. An Stelle der kleinen, freien Bauern trat der Grogrundbesitzer, an Stelle des kleinen Handwerkers und der freien Industrie der Grokaufmann mit seinen Sklaven.[40] Massen von Sklaven arbeiteten in den Palsten fr ihre Gebieter und ein solches Gemeinwesen aus Millionren und Bettlern mute die uerste sittliche Zerrttung zur Folge haben.[41] Ihr erstes Zeichen war, wie in Griechenland, die Entehrung der Arbeit. Nur der reiche Mann, der durch die Thtigkeit des Sklaven lebte, galt fr anstndig; jede Arbeit, die krperliche Anstrengung erforderte, war ehrlos, und der Arme, der sich durch seiner Hnde Arbeit sein Brot verdiente, wurde verchtlich als ein gemeiner Mann behandelt.[42] Verderblicher noch als fr die mnnliche Bevlkerung war diese moralische Dekadenz fr die weibliche. Der rmische Brger konnte, auch wenn die manuelle Arbeit eine fr ihn unwrdige war, seine geistigen und physischen Krfte als Politiker, als Philosoph, als Knstler, Dichter und Krieger bethtigen. Er konnte dadurch dem entsittlichenden Einflu des Reichtums Schranken setzen. Seine Gattin dagegen, der die Fhrung des Hausstandes, ja sogar die Wartung und Erziehung der Kinder von Sklaven abgenommen wurde, war ihm schrankenlos preisgegeben. Sie hatte dem Staat gegenber weder Rechte noch Pflichten und daher kein Verstndnis fr ffentliche Fragen; ihre Erziehung wurde in jeder Weise vernachlssigt, daher hatte sie nur ein ganz oberflchliches Interesse an Kunst und Wissenschaft. Reichtum und Langeweile trieb die rmische Brgerin der Genusucht und Sittenlosigkeit in die Arme, whrend die arme Sklavin, um dem Elend ihres jammervollen Daseins zu entrinnen, die Reihen der Prostituierten Jahr um Jahr in wachsender Zahl vermehrte. Der aus Griechenland und dem Orient eingefhrte Dienst der Liebesgttinnen kam dabei den Neigungen und Wnschen der Frauen entgegen, die die wstesten Orgien aus ihm machten.[43] Um der Verschwendungssucht der Frauen zu steuern, entstand schon whrend der Punischen Kriege das Oppische Gesetz, wonach ihr Besitz an Gold und Kleidern beschrnkt und ihnen verboten wurde, in einem Wagen zu fahren. Bald jedoch emprten sich die Frauen gegen diese Beeintrchtigung und zwei Brgertribunen beantragten die Abschaffung des Gesetzes. Da trat zum erstenmal der strenge Sittenprediger und Vertreter altrmischer Einfachheit, Marcus Portius Cato, gegen die Frauen auf. Unter groem Zusammenlauf der Rmerinnen erklrte er, da jede Menschenart gefhrlich sei, wenn man ihr gestatte, sich zu versammeln und gemeinsam zu beratschlagen. Gebe man den Wnschen der Frauen nach, die lediglich ihrer Genusucht frhnen wollten, so wrden sie bald volle Gleichberechtigung fordern und die Mnner auch im Staatsleben zu beherrschen suchen.[44] Diese Philippika des strengen Rmers,--der es brigens selbst so wenig ernst mit der Aufrechterhaltung alter Sitte hielt, da er sich von seiner Frau scheiden lie, weil ein Freund von ihm sie zu heiraten wnschte, und sie wieder zur Gattin nahm, als dieser sie nicht mehr mochte--hatte zunchst wenig Erfolg, denn das Oppische Gesetz wurde aufgehoben. Siebzehn Jahre spter beantragte der Tribun Voconius, da keine Frau erbberechtigt sein und Legate von mehr als 100000 Sestertien (ca. 15000 Mk.) annehmen drfe. Der damals achtzigjhrige Cato versagte es sich nicht, mit dem ganzen Gewicht seines Ansehens und seiner Beredsamkeit fr diesen Antrag zu kmpfen, indem er die Ausschweifungen und die Genusucht der Rmerinnen heftig tadelte, und seine Annahme schlielich durchsetzte.[45] Aber wie kein Gesetz Sitten zu verbessern vermag, das sich nur mit den Symptomen statt mit dem Grundbel beschftigt, so hatte auch dieses keine anderen Folgen, als da die davon Betroffenen es auf Schleichwegen zu umgehen suchten. Um sich von der vermgensrechtlichen Unselbstndigkeit zu befreien, schlossen die Frauen hufig mit Mnnern, die sich dazu hergaben, gegen eine Abfindungssumme Scheinehen.[46] Sie versuchten aber auch, auf die Gesetzgebung direkten Einflu zu gewinnen, indem sie durch Intriguen und Bestechungen aller Art die Abschaffung der Vormundschaft durchzusetzen suchten. Aus dieser Thatsache, die in die Zeit des Verfalls der rmischen Republik fiel, ist sehr hufig der Schlu gezogen worden, da die Emanzipationsbestrebungen der Frauen stets ein Zeichen fr die Dekadenz des Volks, dem sie angehren, und ein Beweis fr die Korruption aller Sitten sind. Die Emanzipationsbestrebungen der Rmerinnen aber waren keineswegs identisch mit denen der Frauen des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts. Sie entsprangen weder der Not, noch dem Bildungsdrang, noch dem Pflichtgefhl gegenber Staat und Gesellschaft; sie beschrnkten sich auf den kleinen Kreis der herrschenden, brgerlichen Klasse, die niemals eine Trgerin groer Reformen und einschneidender Umwlzungen gewesen ist und sein kann. Eine Frauenbewegung im modernen Sinn konnte es nicht geben. Dazu waren die rmischen Brgerinnen durch den groen Reichtum moralisch zu schwach und zu verweichlicht, und die Scharen der Sklavinnen durch die furchtbare Not und harte Arbeit zu stumpf und vertiert geworden. Wir finden in der rmischen Geschichte nirgends eine Spur von dem Kampf der Frauen um hhere Bildung oder politische Rechte, sie verlangten nur ber ihr Vermgen frei verfgen zu knnen, um in ihrem Genuleben unbeschrnkt zu sein. Von der altrmischen Ehe war kaum eine Spur mehr vorhanden. Noch stand auf den Ehebruch der Frau eine harte Strafe; die Gattinnen hochgestellter rmischer Brger gaben das Beispiel, wie man sich ihr entziehen knne; sie lieen sich in die Listen der Prostituierten eintragen, die straflos ihrem Gewerbe nachgehen konnten.[47] Mit dem zunehmenden Luxus nahm die Ehelosigkeit berhand; die Mnner scheuten die Kostspieligkeit eines eigenen Hausstandes und zogen ein freies Lotterleben vor, das die Denker und Dichter ihnen sogar empfahlen.[48] Selbst einer der besten Mnner des damaligen Rom, der Censor Metellus Macedonicus, der den Brgern die Pflicht zu heiraten nachdrcklich einschrfte, erklrte sie fr eine schwere Last, die der Mann nur aus Patriotismus auf sich nehmen msse,[49] damit der Staat nicht untergehe. Was die griechische Gesetzgebung schon frh als eine der ersten Brgerpflichten hervorhob,--durch eine zahlreiche Nachkommenschaft dem Vaterland zu nutzen,--das hat die rmische erst spt in ihre Bestimmungen aufgenommen. Denn fr den Rmer war die Bezeichnung Kinderzeuger--proletarius--lange Zeit ein Ehrenname gewesen; erst mit dem Niedergang der Republik war er zu einem Schimpfnamen geworden. Von den Frauen wurde das Gebren als eine sehr unangenehme Beeintrchtigung ihrer Schnheit und ihrer Vergngungslust empfunden. Die Mnner wnschten sich so wenig Kinder als mglich, damit ihr angehufter Reichtum nicht zersplittert wrde. Infolgedessen drohte die Kinderlosigkeit verhngnisvoll zu werden; die Gesetzgebung sollte Hilfe schaffen. Whrend Csars Konsulat wurden Verordnungen erlassen, nach denen Unverheiratete keine Legate annehmen und die Vter vieler Kinder bedeutende Privilegien genieen sollten.[50] Aber der beabsichtigte Segen dieser Gesetze wurde in den Hnden der entarteten Brgerschaft in sein Gegenteil verkehrt. Es wurden Ehen geschlossen, nur um der Legate nicht verlustig zu gehen; viele Mnner wurden zu Kupplern an ihren eigenen Frauen, um an den Privilegien der Kinderreichen teilzunehmen. Immer tiefer sanken die Frauen. Die begabteren unter ihnen, die ein Leben uerlicher Genusucht nicht befriedigen konnte, versuchten durch Hinterthren in die fr sie verschlossenen heiligen Hallen der Politik einzudringen, oder sie benutzten das einzige ffentliche Recht, das sie besaen--das vor Gericht zu plaidieren--, um ihrem leeren Leben dadurch Inhalt zu geben. Vielleicht, da es unter ihnen Frauen gab, die durch ihre Freimtigkeit den Zorn der mnnlichen Herrscher erregten, vielleicht, da sie fr eine gute Sache eintraten und groe Herren in ihrem Ansehen schdigten,--wir wissen nichts Genaueres darber, aber wir knnen annehmen, da selbst fr die ungerechtesten Gesetzgeber kein einzelnes Vorkommnis, wie das von dem Valerius Maximus erzhlt, die Ursache sein konnte, um den Frauen das Recht zu plaidieren, gesetzlich abzuerkennen. Der rmische Historiker berichtet nmlich,[51] da die Gattin des Senators Buccion, Afrania oder Cafrania, wie man sie spter nannte, mit Leidenschaft Prozesse fhrte und stets ihr eigener Anwalt war. Dabei soll sie sich so skandals benommen haben, da der Prtor sofort ein Edikt gegen das Auftreten von Frauen vor Gericht erlie, weil sie sich entgegen "der ihrem Geschlecht zukommenden schamhaften Zurckhaltung" in anderer Leute Angelegenheiten gemengt und mnnliche Tugenden ausgebt htten.[52] Die sptere Justinianische Gesetzgebung setzte dieser Verordnung die Krone auf, indem sie erklrte:[53] "Frauen sind von allen Aemtern, brgerlichen wie ffentlichen, ausgeschlossen, knnen daher weder Richter sein noch Verwaltungsbeamte, noch knnen sie klagen oder fr andere als Beistnde oder als Sachwalter vor Gericht auftreten." Die Begrndung fr dieses Verbot lautete: "Es wird allgemein angenommen, da Frauen und Sklaven ffentliche Aemter nicht auszufllen vermgen."[54] Durch den Vellejanischen Senatsschlu wurden sie schlielich auch in privater Beziehung vllig rechtlos, da sie fr unfhig erklrt wurden, Brgschaften irgend welcher Art zu bernehmen.[55] Das Bild der Frauenwelt Roms zu Beginn unserer Zeitrechnung ist das dunkelste, das die Sittengeschichte bis dahin aufzuweisen hatte. Kaum ein Lichtstrahl erhellte es, denn selbst die Dichter, die sonst die Frauen immer zu preisen pflegen, berhuften ihre Zeitgenossinnen mit Hohn und Spott, oder besangen nur die Dirnen unter ihnen, von denen keine die geistige Hhe griechischer Hetren erreicht hatte. Nur vereinzelt und beinahe schchtern versuchten einige Schriftsteller der allgemeinen Meinung entgegenzutreten. So sprach sich Cicero nicht, wie man infolge einer miverstndlichen Auffassung des Textes oft meint, fr die Abschaffung der Vormundschaft der Frauen, sondern vielmehr dafr aus, da jene Art Sittenpolizei, die ber die Auffhrung und den Luxus der Frauen in Griechenland zu wachen hatte, nicht in Rom eingefhrt werde; statt ihrer sollte "nur ein Censor da sein, der die Mnner lehre, ihre Weiber gehrig zu leiten".[56] Und Cornelius Nepos spricht in der Vorrede zu seinen Biographieen seine Zustimmung zu nichts anderem aus, als dazu, da die Rmerin im Gegensatz zur Griechin an Gastmhlern teilnehme, Besuche empfange und nicht wie jene im Frauenhaus eingesperrt sei.[57] Wichtiger, als diese kurzen Bemerkungen, die nur deshalb erwhnenswert sind, weil ihre Bedeutung leicht berschtzt und Cicero zuweilen als Vorkmpfer der Frauenemanzipationgefeiert wird, ist die Schrift Plutarchs ber die Tugenden der Weiber. Er erzhlt darin von einer ganzen Anzahl edler und heldenmtiger Frauen und erklrt in der Einleitung, durch diese historische Beweisfhrung den Satz bewahrheiten zu wollen, da die Tugend des Mannes und die des Weibes gleich sei.[58] Aber auch er ist weit entfernt davon, den Schlu auf die Notwendigkeit gleicher Rechte daraus zu ziehen. Weit mehr als diesen zweifelhaften "Vorkmpfern" der Sache der Frauen ging einem anderen, geistig und moralisch hher stehenden rmischen Schriftsteller--Tacitus--die Not seiner Zeit, die unwrdige Stellung seiner weiblichen Landsleute zu Herzen, und mit tieferem Ernst als sie suchte er dagegen anzukmpfen. Er entwarf von dem Volk der Germanen ein schattenloses Bild und der Gedanke liegt nahe, er habe es hauptschlich geschrieben, damit Rom an dieser schlichten Reinheit seine eigene Verworfenheit erkennen mge. Er glaubte an die Wirkung des guten Beispiels mehr als an die wohlgemeinter Predigten und zog dabei nicht in Betracht, da gute Sitten sich nicht durch den guten Willen verpflanzen lassen, sondern von selbst aus dem gesunden Boden der Volksnatur hervorwachsen mssen. In allen Vlkern, deren Entwicklungsstufe dem Urzustand am nchsten steht, die den schroffen Gegensatz von arm und reich, frei und unfrei noch nicht kennen, ist die Lage der Frauen eine verhltnismig gnstige, weil die fr die ganze Familie notwendig auszufhrende Arbeit allein in ihren Hnden ruht, weil die Bildung der beiden Geschlechter eine gleiche ist, und die uralte gttliche Verehrung der Mutterschaft ihren Glorienschein noch auf das Weib zurckwirft. Die germanische Frau erschien Tacitus in ihrer Keuschheit, ihrem Flei, ihrer Einfachheit als das gerade Widerspiel der sittenlosen, faulen, verschwenderischen Rmerin. Mit dem Tode wurde der Ehebruch bestraft, mit Peitschenhieben vertrieb man die Dirne aus dem Heerbann; "verfhren und verfhrt werden nennt man nicht Zeitgeist, und mehr wirken dort gute Sitten als anderswo gute Gesetze."[59] Die Mhseligkeiten mondelanger Wanderungen mit Kindern und Hausgert, die Schrecken der Fehden und Kriege teilten die Weiber mit den Mnnern. Das Klima ihrer Heimat und die Strapazen ihres Lebens hatten sie widerstandsfhiger und krftiger werden lassen als andere ihres Geschlechts. Trotz alledem war die Germanin nicht der Typus der glcklichen, freien, gleichberechtigten Frau, wie sie einem Tacitus auf den ersten flchtigen Blick erscheinen mochte. Auch sie war nur des Mannes willenloses Eigentum; alle Arbeit, auch die des Feldes, lag allein in ihren Hnden, whrend der Mann im Frieden auf der Brenhaut lag. Sie mute den Pflug fhren und auf schweren Handmhlen das Getreide mahlen, sie mute die Htte aufrichten, backen, Meth brauen, spinnen und weben; sie blieb auch dann noch berlastet, als nach den groen Wanderungen auch die Mnner Ackerbauer geworden waren, denn das Gebiet ihrer Thtigkeit umspannte, auer der huslichen Wirtschaft, die Viehzucht, die Schafschur, die Flachsbereitung und nicht zum mindesten die aufmerksame Bedienung des Mannes.[60] In der ganzen heidnischen Welt finden wir in Bezug auf die Stellung der Frau nur Gradunterschiede. Infolge ihrer Geschlechtsfunktionen und der notwendig daraus folgenden Beschrnkungen war sie dem Manne untergeordnet; Religion, Recht und Sitte heiligten und befestigten diesen Zustand. Die wirtschaftlichen Verhltnisse trieben sie noch nicht in den offenen Konkurrenzkampf mit dem Mann; selbst die Sklavin war nicht die Konkurrentin, sondern die Leidensgenossin des Sklaven, und es gab daher wohl Sklavenkriege, aber keine Frauenbewegungen. Erst mute die Frauenfrage in ihrer ganzen Schrfe formuliert werden, ehe eine Bewegung sich ihre Lsung zum Ziel setzen konnte. Nur leise Spuren von ihr haben wir in Griechenland und Rom verfolgen knnen. Mit dem Zusammenbruch der antiken Gesellschaft und dem allmhlichen Auftauchen neuer Lebens- und Arbeitsformen tritt sie immer deutlicher hervor, bis sie auf jenen Hhepunkt gelangt, von wo aus ihr Flammenzeichen berall sichtbar werden sollte. 2. Das Christentum und die Frauen. Whrend Rom auf der Hhe seiner ueren Macht zu stehen schien, im Innern aber von der schleichenden Krankheit der allgemeinen Korruption so zerfressen wurde, da sein Zusammensturz nahe bevorstand, war ber Bethlehem, mitten unter dem geknechteten, geschmhten Judenvolk jener Stern aufgegangen, durch dessen Glanz Rom zu neuer Weltherrschaft auferstehen sollte. Es ist hier nicht der Ort, den innigen Zusammenhang der Entstehung des Christentums mit den wirtschaftlichen und politischen Verhltnissen der Zeit, in der es sich ausbreitete, nher zu errtern. Es mute ber den Kreis des armen Volks, dem sein Grnder angehrte, schnell hinauswachsen, weil der Boden im rmischen Reich berall dafr vorbereitet war. Den Philosophen waren seine Gedanken zum Teil schon vertraut; von dem Nebenmenschen als dem Bruder hatte schon Plato gesprochen; die Stoiker lehrten die Verachtung irdischer Gter und waren die ersten gewesen, die erklrten, da der Mensch auch gegen seine Sklaven moralische Verpflichtungen zu erfllen habe. Und der Mhseligen und Beladenen gab es mehr als genug; fr sie alle war das Christentum der Rettungsanker, der sie ber ihr eigenes Elend hinaushob, der Hoffnungsstrahl, der in ihre Nacht leuchtete. Es war nicht jene vage Hoffnung der spteren Christen, die von der ewigen Seligkeit die Entschdigung fr ihre irdischen Schmerzen erwarteten, sondern der sichere Glaube an das nahe Ende der Welt, an die Wiederkehr Christi und an die Aufrichtung des tausendjhrigen Reiches. Unter all den Armen und Elenden, die ihm zustrmten, kamen auch jene gequltesten aller Menschen in Scharen, die Frauen. Ihnen brachte das Christentum neben dem Trost und der Hoffnung, die es allen Unterdrckten brachte, noch etwas ganz Besonderes: Die Gleichwertung des Weibes mit dem Manne als moralisches Wesen, als "Kind Gottes". Sowohl die orthodoxen Anhnger des Christentums als seine fanatischen Verchter sind, soweit sie fr die Frauenemanzipation eintreten, anderer Ansicht. Die einen behaupten, indem sie das Wort des Apostels Paulus: "Hier ist kein Jude noch Grieche, hier ist kein Knecht noch Freier, hier ist kein Mann noch Weib;"[61] aus dem Zusammenhang herausreien, da das Christentum sich darin fr die volle Gleichberechtigung der Frauen ausspricht; die anderen sttzen sich auf jenen Satz desselben Apostels: "Das Weib schweige in der Gemeine,"[62] wenn sie erklren, das Christentum habe das weibliche Geschlecht nicht nur nicht befreit, sondern nur noch vollstndiger geknechtet. Das ursprngliche Christentum aber ist von beiden Meinungen gleich weit entfernt. Eine Frauenemanzipation im modernen Sinn ist ihm ebenso fremd, wie eine Emanzipation der Sklaven ihm fremd war. Dagegen hatten Leid, Not und Unterdrckung die mnnlichen und weiblichen Lasttiere der Gesellschaft so aneinander gekettet, da die neue Religion beiden denselben Trost, dieselbe Hoffnung, dieselben Vorschriften geben mute. Wenn der Apostel Paulus sagt: "hier ist kein Mann noch Weib", so fgt er gleich hinzu: "ihr seid allzumal einer in Christo Jesu" und schickt voraus: "ihr seid alle Gottes Kinder durch den Glauben an Christo Jesu".[63] Nur vor Gott also, nicht vor dem Staat, sind Herren und Sklaven, Mnner und Frauen gleich. Aber auch die Verachtung des Weibes ist keine ursprngliche Lehre des Christentums. Wenn als eine natrliche Reaktion gegen die furchtbaren geschlechtlichen Ausschweifungen jener Zeit die Enthaltung von allem Geschlechtsverkehr als besonders heilig und eines Christen wrdig gepriesen wurde, so wurde die keusche Jungfrau stets dem keuschen Jngling gleich gestellt.[64] Nicht der Mann wurde vor der Berhrung des Weibes, als des bsen Prinzips, gewarnt, sondern beiden wurde der ledige Stand als der gottgeflligere anempfohlen.[65] Wie wir wissen, galt bei den Alten der Ehebruch des Weibes fr ein todeswrdiges Verbrechen, whrend der ehebrecherische Mann zumeist straflos ausging. Christus stellte das sndige Weib dem sndigen Manne gleich, indem er sagte: "wer unter euch ohne Snde ist, der werfe den ersten Stein auf sie", und er verdammte die Reuevolle nicht.[66] Er forderte von beiden die eheliche Treue,[67] seine Jnger verlangten vom Mann, da er sein Weib liebe, wie sie ihn,[68] und die Ausgieung des heiligen Geistes erfolgte ausdrcklich ber "Shne und Tchter".[69] In dieser moralischen Gleichstellung der Frau mit dem Mann liegt die Bedeutung des Christentums fr das weibliche Geschlecht. Weiter aber reicht sie nicht. Alle Einzelvorschriften, soweit sie sich auf das Weib beziehen, erheben sich nicht ber die bekannten religisen und weltlichen Gesetze der morgen- und abendlndischen Vlker. Das Weib mu dem Manne gehorchen, ihm unterthan,[70] schweigsam und huslich sein,[71] es darf weder lernen noch lehren[72] und soll selig werden durch Kinderzeugen.[73] Das alles bedeutet keinen Fortschritt in Bezug auf die Auffassung von der Stellung des weiblichen Geschlechts, aber es bedeutet ebensowenig eine verschrfte Knechtung. Erst als das Christentum aus einer Religion der Armen und Verfolgten zur Staatsreligion wurde, erfuhr es seitens seiner Haupttrger eine den neuen Verhltnissen entsprechende Umwandlung. Die Kirchenvter und die Gesetzgeber des kanonischen Rechts nutzten Aussprche Christi und der Apostel insoweit aus, als sie der Ausbreitung der Macht der Kirche frderlich sein konnten, und lieen andere auer acht, die diesem Zweck nicht dienstbar zu machen waren. Whrend Paulus seine Predigt von der greren Heiligkeit des ehelosen Lebens nicht nur an beide Geschlechter richtet, sondern sie ausdrcklich damit einleitet, da er sagt, er teile nur seine eigene Meinung, nicht ein Gebot des Herrn mit,[74] klammerten sich asketische Eiferer an Stze wie: "Es ist dem Menschen gut, da er kein Weib berhre",[75] und "Adam ward nicht verfhret; das Weib aber ward verfhret und hat die Uebertretung eingefhret"[76] und verdammten die Ehe als ein Laster, das Weib als diejenige, die dem Teufel Eingang verschaffte.[77] Das kanonische Recht erhob die Auslegungen der apostolischen Lehren durch die Kirchenvter zum Gesetz, indem es unter anderem verfgte: "die Frau ist nicht nach dem Bilde Gottes geschaffen. Adam ist durch Eva verfhrt worden und nicht Eva durch Adam. Es ist daher recht, da der Mann der Herr der Frau sei, die ihn zur Snde reizte, auf da er nicht wieder falle. Das Gesetz befiehlt, da die Frau dem Manne unterworfen und beinahe seine Dienerin sei."[78] Am deutlichsten jedoch kam die niedrige Auffassung, welche die rmische Kirche vom Weibe hatte, dort zum Ausdruck, wo sie dem Rechtsbewutsein der Germanen gegenbertritt, und zwar ist eine einzige Thatsache ausreichend, um den Gegensatz beider zu kennzeichnen: die Germanen verlangten fr ein verletztes Weib ein hheres Wehrgeld als fr einen verletzten Mann, weil sie in jedem Weibe die Mutter ehrten, und die Schwache und Wehrlose zu verwunden fr besonders schmachvoll galt; vom Mrder einer Frau forderten sie ein zweimal hheres Wehrgeld, als vom Mrder eines Mannes. Nach dem ersten Gesetzbuch dagegen, das durch die rmische Kirche einem germanischen Volke gegeben wurde--dem Fuero juzgo der Wisigoten--und das in Bezug auf die Ansichten des Klerus von den Rechten der Frau typisch ist, galt des Weibes Leben nur halb so viel als das des Mannes, denn ihrem Mrder wurde nur die halbe Bue auferlegt.[79] In einer Beziehung nur machte die rmische Kirche den heidnischen Germanen und ihrer Verehrung des mtterlichen Prinzips in der Natur eine Konzession, um sie dadurch leichter unter Kreuz und Krummstab zwingen zu knnen: sie erhob die Mutter mit dem Kind auf den Thron des Himmels. Dem ursprnglichen Christentum hatte der Kultus der Frau fern gelegen; die Mutter Jesu verschwindet in den Evangelien fast vollstndig, Christus selbst weist sie hart zurck, als sie wagt, ihm einmal einen mtterlichen Rat zu geben. Ihre Gestalt, wie sie der Katholizismus heute kennt, und die Verehrung, die ihr gezollt wird, sind nichts anderes als eine Reminiszenz an den heidnischen Gtterdienst. Die Kirche verstand es, die heidnischen Feste durch christliche, die Gtter durch Heilige zu ersetzen und den Germanen das Christentum durch die "Mutter Gottes" vertraut zu machen. Da der Madonnenkultus ein dem Baum der Kirche knstlich aufgepfropftes Reis war, geht schon daraus hervor, da trotz der Verehrung der himmlischen Jungfrau die Missachtung des weiblichen Geschlechts sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt steigerte. Die "Kreuzigung des Fleisches" wurde gleichbedeutend mit der Flucht vor dem Weibe. Auf dem Konzil zu Mcon entschied sich die Majoritt dafr, dem Klerus zu befehlen, die Frauen zu fliehen. Das Konzil zu Metz verschrfte diesen Befehl, indem es den Priestern sogar den Umgang mit Mutter und Schwester verbot. Whrend sich in der ersten Zeit des Christentums nur die Mnche dem Gebot der Keuschheit unterworfen hatten, wurde es nun fr den gesamten Klerus obligatorisch. Die Folgen des Clibats einer groen Zahl von Mnnern--meist der geistig hervorragendsten ihrer Zeit--waren von weittragender Bedeutung. Wohl hat sich die Kirche in ihnen eine Armee hingebender Kmpfer geschaffen, die durch keinerlei Familieninteressen von ihren Pflichten ihr gegenber abgelenkt wurden, aber wenn sie glaubte durch die Verherrlichung der Keuschheit, durch die erzwungene Abttung der geschlechtlichen Triebe im Dienste einer hheren Sittlichkeit zu handeln, so hatte sie nur mit abstrakten Theorieen, nicht aber mit der lebendigen Natur gerechnet. Sie erreichte nicht nur das Gegenteil von dem, was sie bezweckte, denn neben dem auerehelichen Geschlechtsverkehr und der raschen Zunahme der Prostitution wuchsen besonders in den Klstern die widernatrlichen Laster empor, sie fgte dem ganzen sittlichen Leben des Volkes einen Schaden zu, an dem es noch heute krankt, und durch den das weibliche Geschlecht am schwersten getroffen wird. Sie degradierte die natrlichsten Beziehungen der Geschlechter zu einander und suchte sie als etwas, dessen sich der Mensch schmen msse, zu verhllen; die Ehe war fr sie in erster Linie eine "Vereinigung der Seelen", selbst die Geschlechtsliebe in der Ehe galt fr sndhaft oder besten Falls fr einen Tribut, den der Mensch seiner sittlichen Schwachheit, seiner Gottentfremdung bringen msse.[80] Die uere Heiligung der Ehe durch ihre Erhebung zum Sakrament und die Erklrung ihrer Unauflslichkeit hat die innere Zerstrung, der die tiefste Beziehung der Menschen zu einander durch die Kirche ausgesetzt wurde, nicht aufzuhalten vermocht. Heuchelei, Prderie, Unterdrckung der besten Gefhle durch eine falsche Moralitt sind die Folgen davon und ein groer Teil der psychologischen und sittlichen Seite der Frauenfrage ist auf die durch die rmische Kirche dem Volksbewutsein eingeimpfte Meinung von Liebe und Ehe zurckzufhren. Aber auch nach anderer Richtung hin wurde die Entstehung der Frauenfrage durch die Kirche beeinflut: der wachsenden Zahl der ehelosen Geistlichen und Mnche stand eine gleiche Zahl alleinstehender Frauen gegenber. Die Grndung der Nonnenklster war eine notwendige Folge davon. In Massen strmten die Frauen in ihre schtzenden Mauern. Es blieb ihnen nur die Wahl zwischen dem Kloster und dem Frauenhaus und wenn auch viele nur Nahrung und Obdach suchten, so wurde doch auch die Zahl derer immer grer, die sich vor den Unbilden des rauhen Lebens drauen in der Welt nach einer Sttte friedlicher Arbeit und geistiger Vertiefung sehnten. In den Klstern wurde den Frauen eine im Vergleich zur allgemeinen Bildung ihres Geschlechts hohe Gelehrsamkeit zu teil. Sie lernten die klassischen Sprachen und gewisse Zweige der Wissenschaften und manche weise Klosterfrau wurde die Beraterin von Ppsten und Knigen. Eine solche war Hildegard von Bockelheim, die Aebtissin des Klosters Rupprechtshausen, die im 11. Jahrhundert neben Heiligengeschichten eine Reihe physikalischer und zoologischer Werke schrieb.[81] Auf derselben Stufe der Bildung stand die vielbewunderte "nordische Seherin" Brigitta von Schweden[82] und Hrotswith, die lateinische Dichterin der Ottonenzeit. Viele gelehrte Nonnen beschftigten sich mit dem Abschreiben alter Werke, dem Malen von Initialen und Miniaturen, whrend andere als Lehrerinnen in den Mdchenschulen ihrer Klster, als Krankenpflegerinnen, Stickerinnen, Weberinnen und Wscherinnen thtig waren. So lsten die Klster zum Teil die mittelalterliche Frauenfrage, indem sie nicht nur der groen Menge alleinstehender Frauen eine Zuflucht gewhrten, sondern sie auch geistig auf eine hhere Stufe erhoben und ihnen selbstndige Berufe erffneten. Freilich darf nicht vergessen werden, da ihre Bedeutung fr die Hebung des weiblichen Geschlechts nur ein paar Jahrhunderte lang geltend blieb, denn schon mit dem 11. und 12. Jahrhundert begann ihr sittlicher Verfall. Die bedenklichen, sich immer hufiger wiederholenden Grndungen von Doppelklstern,--Mnchs- und Nonnenklster dicht nebeneinander,--gaben mit den Anla dazu. Die Natur lie ihrer nicht spotten; sie siegte ber einen asketischen Fanatismus, der die unfruchtbaren "Gottesbrute" heilig sprach und die Mtter vor ihnen erniedrigte. Aus Orten der Gelehrsamkeit und des Fleies wurden die Klster Orte des geistigen Stumpfsinns und der Trgheit, aus Sttten frommer Andacht und reiner Sitte, Sttten lsterner Freuden und wilder Unzucht. Die Reformation fegte sie fort, und es ist nicht zu verwundern, da die Reformatoren in ihrem blinden Eifer vergaen, den Weizen von der Spreu zu sondern. Sie schadeten dadurch dem weiblichen Geschlecht um so mehr, als es in den Strmen des dreiigjhrigen Krieges und dem allgemeinen wirtschaftlichen Niedergang Zufluchtssttten dringend ntig hatte und in ihrer Ermangelung der Prostitution mehr denn je in die Arme getrieben wurde. Auch die Ansicht, die die Reformatoren vom Weibe hatten, war nicht geeignet, es aus seiner gedrckten physischen und moralischen Lage zu befreien. In schroffem Gegensatz zu der katholischen Predigt von der Kreuzigung des Fleisches und der Verherrlichung des Clibats hielten sie das eheliche Leben fr das eines Christen allein wrdige,[83] aber nicht als eine "Vereinigung der Seelen", sondern ausdrcklich als ein "weltlich Geschft", eine Vereinigung von Mann und Weib zur Befriedigung natrlicher Bedrfnisse. Luther ging soweit, zu erklren, da der Mann das Recht habe mit der Magd sich einzulassen, oder sein Weib zu verstoen, wenn es ihm nicht zu Willen sei[84] und er gestattete sogar dem Landgrafen Philipp von Hessen, eine zweite Ehe neben der ersten zu schlieen, weil er eine Doppelehe fr sittlicher hielt, als eine Mtressenwirtschaft und von der Unterdrckung sinnlicher Leidenschaft nichts wissen wollte. Nach ihm war die Frau ausschlielich fr den Mann geschaffen; um Haushaltung und Kinderwartung allein hatte sie sich zu kmmern,[85] eine Ansicht, die sich in der orthodoxen protestantischen Kirche bis in die Neuzeit hinein erhalten hat.[86] Dem, brigens sagenhaften Streit der katholischen Priester zu Mcon, ob die Frau eine Seele habe, knnen die einundfnfzig Thesen der Wittenberger Protestanten, welche beweisen sollten, da die Weiber keine Menschen seien, wrdig zur Seite gestellt werden. Das Christentum, dem die Frauen so begeistert wie einem Befreier entgegenkamen, fr das sie glaubensmutig den Mrtyrertod starben, hat ihre Hoffnungen nicht erfllt. Mehr noch als aus den direkten Beziehungen der Kirche zu den Frauen, tritt diese Thatsache aus der allgemeinen Lage des weiblichen Geschlechts in rechtlicher, wirtschaftlicher und sittlicher Beziehung whrend der geschichtlichen Entwicklung der frheren Jahrhunderte hervor. Das germanische Recht, dem das Gefhl der Hochachtung fr die Frau und Mutter zu Grunde lag, machte mehr und mehr jenem Rechte Platz, das dem heidnischen und dem christlichen Rom zusammen seinen Ursprung verdankte, und daher fr das weibliche Geschlecht nur nachteilig sein konnte. Wie es im allgemeinen sein Grundzug war, die Heiligkeit und Unverletzlichkeit des Privateigentums scharf zu betonen, so trat diese Tendenz besonders in Bezug auf die Frau hervor, die als des Mannes unumschrnktes Eigentum angesehen wurde. Der Vater konnte seine Tochter vermhlen, mit wem er wollte; der Vormund hatte volles Verfgungsrecht ber sein Mndel. Der Mann konnte sein Weib verschenken, ja bis ins 13. Jahrhundert herein war es ihm im Notfall sogar gestattet, es zu verkaufen.[87] Seine Witwe konnte er einem anderen vermachen, wie jedes Stck seines Vermgens; und charakteristisch fr die Rechtsanschauung der Zeit war es, da nur die Frau die Ehe brechen konnte,[88] denn sie beging dadurch ein Verbrechen an des Mannes Eigentum; dagegen war er unbeschrnkt in der Freiheit, neben der Ehe im Konkubinat zu leben, niemand nahm Aergernis daran. Aber auch ihrem Kinde gegenber befand sich die Frau, sofern es mnnlichen Geschlechts war, in untergeordneter Stellung. Nur whrend der ersten Kindheit hatte die Mutter rechtliche Gewalt ber den Sohn. Mit dem siebenten Jahre schon war er ihr entwachsen[89] und konnte sich z.B. in Friesland, falls sein Vater nicht mehr am Leben war, selbst fr mndig erklren und der Vormund der eigenen Mutter werden. Wie in der Familie, so war die Frau natrlich auch sonst berall rechtlos. Sie konnte keinerlei Geschfte selbstndig abschlieen; es war genau vorgeschrieben, fr welche Summe die Hausfrau, ohne die Einwilligung des Hausherrn einzuholen, Einkufe machen durfte. Nach ppstlichem Recht konnte sie nicht als Zeugin auftreten, da ihr Zeugnis stets fr unzuverlssig galt.[90] Wo das Landesrecht es ihr gestattete, wie z.B. im Kanton Bern, hatte nur die Aussage zweier Frauen die Beweiskraft der eines Mannes.[91] Hinter all diesen Vorschriften standen die hchsten Autoritten: Staat und Kirche. Gehorsam, Bescheidenheit, Unterwrfigkeit, Selbstlosigkeit--das waren die Tugenden, die den Frauen von frh an gepriesen wurden und die sie mit allen Unfreien gemeinsam hatten. Die Gleichwertigkeit aller Menschen,--der Herren und Knechte, der Mnner und Weiber,--war ein Begriff, der mit dem primitiven Christentum wieder verschwunden war. 3. Die wirtschaftliche Lage der Frauen. Es giebt nur wenige Thatsachen, die gegen die Behauptung, da das Fortschreiten der Menschheit zu hherer Kultur von sittlichen Ideen und moralischen Reformen in erster Linie abhngig sei, so schwer ins Gewicht fallen, als die Entwicklung ethischer Religionen, wie z.B. die des Christentums. Solange sie sich auf einen kleinen Kreis Glubiger beschrnkten, blieben sie auf ihrer sittlichen Hhe, je mehr sie sich jedoch ausbreiteten, desto mehr muten sie sich den ueren Verhltnissen anbequemen, desto mehr sahen sie sich, wenn sie nicht ganz untergehen wollten, gezwungen, ihnen ein Ideal nach dem anderen zu opfern. So hatten auch die Grundforderungen des Urchristentums der wirtschaftlichen Entwicklung, die zu Beginn des Mittelalters einen Stand unfreier, gehorsamer, demtiger Arbeiter kategorisch forderte, weichen mssen. Jeder Hof, jede Burg waren mit ihren Feldern und Wldern ein wirtschaftliches Zentrum fr sich, in dem aller Bedarf der Einwohner von ihnen selbst geschaffen werden mute. Der Herr des Landes war zugleich ihr Herr, dem sie leibeigen waren, dem ihre Arbeitskraft, dem ihr Leben selbst gehrte. "Er ist mein eigen, ich mag ihn sieden oder braten", lautet ein altes Sprichwort, das der Freie dem Unfreien gegenber gebrauchte. Drastisch schilderte der englische Rechtsspiegel des 13. Jahrhunderts die Lage der Hrigen, indem er sagt: "Diese knnen nichts erwerben, es sei denn fr ihre Herren; sie wissen am Abend nicht, welche Dienste ihrer am Morgen warten; sie knnen von ihren Herren geschlagen, gestoen, gefangen werden ... Sie haben keinen Willen ohne ihre Herren, und wenn sie im Eigentum ihrer Herren wohnen, so geschieht dies aus Gnade, ohne Sicherheit, von einem Tage zum anderen."[92] Die Hrigkeit war an Stelle der Sklaverei getreten und wies ihr gegenber kaum nennenswerte rechtliche und sittliche Fortschritte auf, soda ein hoher Grad von Selbstbetrug dazu gehrt, wenn die christliche Kirche behauptet, sie habe die Sklaverei abgeschafft, und sei thatschlich, ihrem Ursprung getreu, ein Hort der Armen und Unterdrckten geworden. Ihre Organe, die Priester und Aebte, bten dieselben Herrenrechte aus, wie die Frsten und weltlichen Machthaber. Das Los der Hrigen der Klster war kein besseres, als das derer, die im Dienste der Ritter standen. Da sie nicht, wie die Sklaven, gekauft werden konnten, und es fr ihre Herren bei der Ausdehnung von Landbau und Industrie wichtig war, eine gengende Zahl Arbeiter zu besitzen, galt es, sie zu zchten, wie das vierfige Eigentum. Die Klster, deren Macht auf ihrem Reichtum beruhte, hatten strenge Vorschriften in Bezug auf die Heirat unter ihren Hrigen. Klster desselben Ordens pflegten sie untereinander auszutauschen, um eine gleichmige Verteilung der Geschlechter herbeizufhren und, durch Vermeidung der Ehen unter Verwandten, einen krftigen Nachwuchs zu erzielen. Jeder Herr hatte das Recht, die Heirat einer hrigen Frau mit dem Hrigen eines anderen Herrn zu verbieten,[93] oder sie nur dann zu gestatten, wenn statt der ihm verloren gehenden Arbeitskraft eine andere geliefert wurde. Mit der Zeit entwickelte sich daraus eine bestimmte Abgabe, die eine Art Loskaufgeld darstellte. Unter den Karolingern konnte der Herr die hrige Frau, falls ihm nichts gezahlt und kein Ersatz fr sie gestellt worden war, gewaltsam ihrem Gatten entreien,[94] was meist dann geschah, wenn sie mehrere Kinder geboren hatte, die er zur Hlfte mit der Mutter in seine Dienstbarkeit zwingen durfte. Die Heiligkeit und Unauflslichkeit der Ehe wurde nur insoweit anerkannt, als die Heiligkeit des Eigentums dadurch keinerlei Schaden litt. Die Arbeitskraft der Frau wurde besonders hoch geschtzt, denn die schwersten und notwendigsten Arbeiten lasteten auf ihr. Die geistlichen und weltlichen Herren hatten auf ihren Burgen, Hfen und Klstern ausgedehnte Werksttten, in denen oft bis zu 300 hrige Frauen mit Spinnen und Weben, Nhen und Sticken beschftigt wurden.[95] Den Stoff gaben nicht nur die Schafschuren und Flachsernten der Herrengter,--Arbeiten, die wieder von Frauen verrichtet wurden,--sondern auch die Abgaben und Lieferungen der Unfreien und Zinsleute.[96] Wie die moderne Arbeiterin zur Fabrik, so ging die Hrige zum Frauengemach.[97] Ihre Arbeitszeit dauerte von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, erst im spteren Mittelalter wurde das Arbeiten bei knstlicher Beleuchtung blich. Lohn bekam sie nicht, dagegen eine meist unzureichende Bekstigung,[98] und, wo diese fortfiel, vier Pfennig tglich zu ihrem Unterhalt. Eine Meisterin, die zuweilen die Herrin selbst war, stand den Arbeiten vor; Zeichnerinnen fertigten die Vorlagen fr die Stickereien an, die berall, auf Mnner-und Frauenkleidern, Wsche, Wand- und Mbelbezgen angebracht wurden und oft sehr kunstvoll waren. Geschickte Stickerinnen wurden ebenso hoch geschtzt wie die Wirkerinnen seidener Bnder zum Besatz der Gewnder oder zum Schmuck des Zaumzeugs. Da nicht nur fr den Hausgebrauch gearbeitet wurde, sondern stets ein Vorrat von Kleidern und Wsche zum Geschenk an die Gste oder zur Ausstattung des groen Gefolges bei Turnieren und Festlichkeiten vorhanden sein mute, so war die Arbeit eine ununterbrochene und der Arbeitskrfte gab es nie zu wenig. Auch die Herrinnen und ihre Tchter hatten vollauf zu thun. Wie Weib und Weben schon in einer gewissen sprachlichen Verwandtschaft steht, so galt das Spinnen und Weben ausdrcklich fr eine der hchsten Tugenden der Frauen. "Sie war fromm und spann", heit es hufig auf alten Grabsteinen oder in Geschlechtsurkunden. "Die Mnner sollen streiten, die Frauen sollen spinnen", mahnte der christliche Volksredner Berthold von Regensburg. Auch ist diese Frauenthtigkeit trotz ihrer unbeschrnkten Ausnutzung gewi nicht die schlimmste gewesen. Weit hrter war die Landarbeit, die die hrigen Frauen zu verrichten hatten und zwar nicht nur fr den Gebieter, sondern auch fr den eigenen Hausstand, im Dienste des Gatten. Es ist mehr als eine Anekdote, wenn Lord Mahon in seiner Geschichte Englands erzhlt, da ein Landmann, der einen Ochsen verloren hatte, wohl heiratete, um auf solche Art den wohlfeilsten Ersatz zu haben. Auch der Hausdienst der hrigen Frauen in den Hfen und Burgen war, infolge der primitiven Hilfsmittel, auerordentlich schwer. Da sie Tag und Nacht auf dem Posten und ihren Gebietern zur Verfgung stehen muten, so wohnten die fr diesen Dienst bestimmten Mgde im Burgfrieden selbst. Sie waren, oft bis hundert an Zahl, in dem neben der Werksttte befindlichen Frauenhaus untergebracht, wo sie aber nur schliefen, da jede Stunde des Tages ihre Krfte in Anspruch nahm. Vor der Erfindung der Wassermhlen mute das Korn von den Mgden mit der Hand gemahlen, der Mhlstein mit dem Leib gedreht werden. Mit mchtigen Holzscheiten wurden die riesigen Kamine geheizt, aus dem Brunnen im Hof, oder aus der Quelle im Thal wurden die Wassereimer heraufgeschleppt. Neben der Reinigung von Stuben und Kchen, wurde auch der Stall und der Garten allein von Frauen besorgt.[99] Die Bedienung der Herrin, die Wartung der Kinder, das Kochen und Auftragen der Speisen und Getrnke gehrte selbstverstndlich zu ihrem Dienst. Aber auch die Bedienung der Mnner gehrte dazu. Die Mgde halfen dem Herrn wie jedem Gast beim An- und Auskleiden, sie bereiteten ihm nicht nur das Bad, sie reichten ihm auch die Linnentcher und trockneten ihm die Glieder.[100] Wnschte er es, so muten sie ihm ohne Widerrede im Schlafgemach Gesellschaft leisten--eine Sitte, die im spteren Mittelalter so ausartete, da es eine Forderung der Gastfreundschaft war, eine Magd dem Gaste whrend seines Aufenthalts zur freien Verfgung zu stellen.[101] So wurde die Einrichtung der Frauenhuser frhzeitig ein Herd der Prostitution, ein Harem der Ritter und Frsten,[102] und das berchtigte jus primae noctis, dessen Vorhandensein so vielfach angezweifelt wird, war berall in Kraft, wenn es auch vielleicht als geschriebenes Recht gar nicht bestanden hat. Arbeits- oder Lustsklavin--das war das Los der armen und unfreien Frauen. Mit der durch Fehden, Brgerzwiste und unaufhrliche Kriege wachsenden Verelendung des Volkes, mit dem allgemeinen wirtschaftlichen Niedergang wuchs die Sittenlosigkeit ins Ungemessene. Das jahrelange familienlose Abenteurerleben der Kreuzfahrer, die den Luxus und die Laster des Orients mit nach Hause brachten, trug auch nicht wenig dazu bei. Den europischen Sldnerheeren folgten Scharen von Dirnen, deren Zahl sich in jeder Ortschaft vermehrte, wo die mnnliche Bevlkerung von den zgellosen Horden niedergemacht, die weibliche geschndet, und--soweit sie jung war--mitgeschleppt wurde. In kostbaren Gewndern, hoch zu Ro, oder in Wagen und Snften, zogen die Konkubinen der geistlichen und weltlichen Herren mit zu den Reichstagen, den Konzilen und ins Feld. So folgten dem Heere des Herzogs von Alba nach den Niederlanden 400 Dirnen zu Pferde und 800 zu Fue nach.[103] An den Hfen von Frankreich und England waren vornehme Herren als Marschlle ber die Dirnen gesetzt. Im Felde fhrten besondere Amtmnner, die Weibel genannt wurden, die Dirnen, wodurch dieser weibliche Tross eine legale Existenzberechtigung erhielt. Wohl mochten die Mehrzahl "fahrender Frulein" durch bittere Not und harte Gewalt hineingetrieben worden sein; viele unter ihnen aber, das ist zweifellos, zogen den Landsknechten nach, weil sie in heier Liebe und selbstloser Aufopferung alles Elend und alle Gefahren mit dem Geliebten teilen wollten. So unfltig und roh die Soldatenlieder jener Zeit uns auch in die Ohren klingen mgen, wir werden uns dem gefhlswarmen Ton echter Hingebung nicht verschlieen knnen, der den Grundakkord bildet, sobald der Snger von seinem tapferen Liebchen erzhlt. Um so hher ist diese Tapferkeit einzuschtzen, als alles fahrende Volk, die Frauen insbesondere, vogelfrei, ehr- und rechtlos war. Sie konnten gefangen, beleidigt und gettet werden--fr sie gab es keine Gerechtigkeit. Auf die Ehe und das Familienleben wirkten die langen Abwesenheiten der Hausherrn aus mehr als einem Grunde zerstrend: Nur zu hufig suchten die verlassenen Frauen, wenn sie nicht ein einsames, freudloses Leben fhren wollten, bei jungen Pagen oder schmachtenden Minnesngern Trost, und die Mnner lernten vielfach jene Art Liebe kennen, die von steifer Konvenienz und falscher Prderei nichts wei, die ganz Hingebung und Aufopferung ist, und sie erfuhren, da das Weib nicht nur zwischen den wohlbehteten friedlichen vier Pfhlen des eigenen Heims eine sorgsame Hausfrau sein kann, sondern da sie als froher, bedrfnisloser Zeltgeno, als guter Kamerad Seiten ihres Wesens enthllt, die er sonst kennen zu lernen keine Gelegenheit hatte, und deren Wert unschtzbar ist. Whrend die Kirche durch ihre bersinnliche Auffassung von der Ehe erstickenden Mehltau auf die Blumen echter Liebe streute, wirkte die Ausbreitung der mittelalterlichen freien Liebe wie glhender Sonnenbrand auf eine nur an Schatten gewhnte Pflanze. Der Ursprung dieser tiefernsten und viel zu gering geachteten psychologischen und sittlichen Seite der Frauenfrage reicht bis hierher zurck. Da die fr unheilig erklrte, aus der Ehe herausgetriebene Liebesleidenschaft immer roher und zgelloser und statt der Kern der Lebensfreude, der Sporn zu allem Schnen und Groen, der Ausgang furchtbarer Laster und Verirrungen wurde, ist bei den wirtschaftlichen, rechtlichen und politischen Zustnden des Mittelalters nicht zu verwundern. Mit dem Aufblhen der Stdte, dem verhltnismigen Wohlstand und ruhigen, gesicherten Leben ihrer Brger schienen im Schutze ihrer Mauern die sittlichen Zustnde reinere zu werden. Aber die tiefgreifende Umwandlung der Arbeit und ihrer Bedingungen, die an Stelle der hrigen Arbeiterin nach und nach den freien Handwerker treten, die Arbeiten der Hausfrau und ihrer Mgde durch die verschiedenartigsten Gewerbe bernehmen lie, machte die Arbeitskraft zahlloser Frauen berflssig, sie selbst brot- und obdachlos, und fhrte sie dem Laster in die Arme. Die ehrsamen Brger, vor deren Augen die Prostitution sich mehr und mehr breit machte, wuten diesem Uebelstand nicht anders zu begegnen, als indem sie sogenannte Tchterhuser oder Jungfrauenhfe, die Nachfolger der antiken Lupanare und Vorlufer der modernen Bordelle errichteten. Sie verbargen dadurch nicht nur den rgerniserregenden Anblick der Dirnen, sie schufen sich auch einen geordneten, gesetzlich sanktionierten Zugang zu ihnen, und halfen mit ihrer Schande den Stadtsckel fllen.[104] Der Magistrat verpachtete nmlich die Huser an Wirte und Wirtinnen, die sich eidlich verpflichten muten, "der Stadt treu und hold zu sein und Frauen zu werben".[105] Vornehme Gste wurden vom Magistrat selbst in die offenen Huser gefhrt, oder von den schnsten, festlich geschmckten oder ganz entkleideten Dirnen empfangen. Jetzt erst wurde die Prostitution zum Gewerbe, das auch uerlich durch genau vorgeschriebene Kleidung kenntlich gemacht wurde, jetzt erst haftete auf der Stirn der Dirne, die als "fahrendes Frulein" doch noch die Freiheit gehabt hatte, sich durch reine Liebe ber sich selbst zu erheben, das unauslschliche Brandmal der Schande. Sich auf ehrliche Weise durch das Leben zu schlagen, wurde dem weiblichen Teil der stdtischen Bevlkerung zunchst auerordentlich erschwert, denn das znftige Handwerk monopolisierte die Arbeit und schlo die Frauen aus seinen Verbindungen berall aus. Trotzdem ergab es sich von selbst, da der Handwerker Frau und Tchter, deren Arbeitskraft nicht mehr, wie frher, vom Haushalt allein in Anspruch genommen wurde, zur Hilfe bei der Arbeit heranzog und schlielich auch die Mgde daran teilnehmen lie. Das Augsburger Stadtrecht des Jahres 1276 spricht schon von Sohn oder Tochter, die das Handwerk lernen; das Zunftbuch der Mainzer Schneider von 1362 gestattet dem Handwerker ausdrcklich, Frau, Kinder und Magd zum Nhen zu verwenden, auch im Nrnberger Stadtrecht ist von "Knaben oder Mgdelein" als Erlerner eines Handwerks oder einer Kunst die Rede, und eine Londoner Proklamation des 14. Jahrhunderts ber die Aufnahme der Lehrlinge wendet sich an beide Geschlechter. Die Mitarbeit der Frauen wurde aber keineswegs als Erziehung zur gleichberechtigten selbstndigen Ausbung des Handwerks betrachtet, denn zunchst blieben ihnen trotz dieser Bestimmungen die Znfte noch verschlossen. Da aber die Zahl derjenigen schnell zunahm, die sich ihre Lehrzeit bei dem Vater oder dem Meister zu Nutze machten, das Handwerk selbstndig betrieben und durch Unterbieten der blichen Preise eine gefhrliche Konkurrenz zu werden drohten, entschlossen sich die Handwerker auch den Frauen gegenber den Zunftzwang auszuben. So zwang der Rat von Soest im Jahre 1317 die Nherinnen, der Zunft beizutreten. Wenige Jahre spter verfgte der Straburger Rat infolge der Klagen der Wollenweber ber die auerhalb der Zunft arbeitenden Frauen, da die Weberinnen ihr beitreten mten, und auch die in groer Zahl fr sich arbeitenden Schleier- und Leinenweberinnen hatten, der Zahl ihrer Sthle entsprechend, einen Beitrag an die Zunft zu entrichten.[106] Trotzdem die Notwendigkeit der Beteiligung der Frauen am znftigen Handwerk somit anerkannt wurde, waren doch nur in den seltensten Fllen die Bestimmungen fr beide Geschlechter die gleichen. Der Eintritt der Frauen in die Handwerke, die an die Krperkrfte groe Anforderungen stellten, war schon von vornherein ausgeschlossen, weil niemand ein Meister in seinem Handwerk werden konnte, der es nicht in allen seinen Teilen selbst mit der Hand zu arbeiten vermochte.[107] Aber auch in den Znften, die zahlreiche weibliche Mitglieder hatten, wurden die Frauen nur selten, z.B. hie und da in der Schneiderei, zur selbstndigen Meisterschaft zugelassen; sie konnten sie meist nur durch Erbschaft erwerben, sofern sie das Handwerk ihres Mannes bei dessen Lebzeiten schon betrieben hatten. So heit es, in Anerkennung der Notwendigkeit der Erhaltung verwaister Kinder durch die Witwe, in der Schneiderordnung von Frankfurt a.M. aus dem Jahre 1585: Witwen sollen all das Recht haben, das ihre Mnner hatten, damit sie sich mit ihren Kindern ernhren knnen. Diese Bestimmung erfuhr jedoch meist eine groe Einschrnkung dadurch, da die auf solche Weise zur Meisterschaft gelangten Frauen die Lehrlinge ihres Mannes zwar behalten, aber keine neuen annehmen durften,[108] soda sie nach wenigen Jahren schon aus Mangel an Hilfskrften das Handwerk wieder aufzugeben gezwungen waren. Nur ausnahmsweise entschlossen sich einige Znfte, angesichts der bedrngten wirtschaftlichen Lage vieler Handwerkerwitwen, dazu, ihnen das Recht zuzugestehen, ein neues Handwerk zu erlernen, um es, nach Erwerbung der Meisterschaft, ihren Kindern zu vermachen--eine Bestimmung, die schon deshalb keine folgenschwere sein konnte, weil eine arme, kinderreiche Witwe gar nicht die Mglichkeit besa, eine lange Lehrzeit durchzumachen.[109] Der einzige Ausweg, der ihr blieb, war fast immer der, einen Gesellen zu heiraten, wozu sich die Gelegenheit um so leichter bot, als er dadurch sofort Meister wurde.[110] Der weitere Vorteil solcher Heirat war der, da, wenn beide Eheleute desselben Handwerks Meister waren, sie eine doppelte Zahl von Lehrlingen halten durften. Dieselbe Bestimmung galt, wenn ein Gesell eine Meisterstochter heiratete, ja sie verschrfte sich oft noch in der Weise, da die Gewinnung der Meisterschaft davon abhing.[111] Die Znfte suchten dadurch dem Eindringen einer unerwnschten Menge von Konkurrenten vorzubeugen, wie sie aus demselben Grunde die Zahl der Lehrlinge beschrnkten, die Lehrjahre verlngerten, oder zu dem letzten Gewaltmittel, der Schlieung des Handwerks, schritten. Ideelle Bedenken kamen ihnen inmitten des materiellen Kampfes nicht in den Sinn. Da sie den Egoismus frderten, der Habgier Thr und Thor ffneten, den sittlichen Wert der Ehe untergruben, indem sie sie zum bloen Geschft degradierten, und die Frau lediglich ein Mittel zum Zweck wurde, mgen auch heute die Schwrmer fr die gute alte Zeit des romantischen Mittelalters nicht einsehen. Wo trotzdem ein freiwilliger Liebesbund zwischen Mitgliedern verschiedener Znfte vorkam, pflegte die Frau das Handwerk, das sie als Mdchen gelernt hatte, weiter zu treiben; daraus ergiebt sich, da schon vor vier-, fnfhundert Jahren die Not die Frauen zwang, mitzuverdienen und fr die Masse des Volkes das Ideal der auf den Erwerb nicht angewiesenen Hausfrau und Mutter unerreicht blieb. Die meisten Frauen waren in der Textilindustrie und in den Weberznften zu finden. In Schlesien bertraf schon im 14. Jahrhundert die Zahl der Garnzieherinnen die der Garnzieher; in Bremen, Kln, Dortmund, Danzig, Speier, Ulm und Mnchen waren die Woll-, Schleier- und Leinenweberinnen zu Hause.[112] In den Baseler Steuerregistern von 1453 werden znftige Teppichwirkerinnen angefhrt; aber auch als Krschner, Bcker, Wappensticker, Grtler, Tuchscherer, Riemenschneider, Lohgerber, Goldspinner und Goldschlger waren Frauen thtig.[113] Besonders in Frankreich, fr das durch die von Etienne Boileau im Jahre 1254 gesammelten Handwerksstatuten eine genaue Uebersicht der Arbeitsgebiete des weiblichen Geschlechts ermglicht ist, waren die Frauen in den verschiedenartigsten Zweigen des Handwerks beschftigt. Bei den Kristallschleifern, den Seidenspinnern, den Leinenhosenmachern, und den Nadelmachern fanden sich weibliche Lehrlinge und Gesellen in groer Zahl. In einigen Gewerben, wie bei den Webern und Fransenmachern, konnten Frauen Meisterinnen werden und Lehrlinge anlernen, und whrend im Anfang des Eintritts der Frauen in die Handwerke nur die Meistertchter und allenfalls die im Hause dienenden Mgde als Lehrdirnen zugelassen wurden, traten nach und nach immer mehr fremde Frauen in die Lehre. Auch in den Bestimmungen der Wollen- und Leinenweber in Mnchen und Speier wird der fremden Lehrmdchen besonders Erwhnung gethan. Sie rekrutierten sich aus jener zunehmenden Menge armer Mdchen, die aus dem durch die fortwhrenden inneren Fehden verwsteten Lande in die Stdte getrieben wurden, wo sie hofften, lohnendere Beschftigung und grere persnliche Sicherheit zu finden. Infolge des groen Angebots weiblicher Arbeitskrfte sanken die Gesellenlhne und diejenigen Handwerker, die Frauen beschftigten, hatten im Wettbewerb vor den anderen einen Vorsprung.[114] Daher machte der Ha der Gesellen gegen die weiblichen Kollegen sich sehr frh schon geltend, ohne da sich dem immer zahlreicheren Eintritt weiblicher Arbeiter ins Handwerk Einhalt gebieten lie. Kriege und Seuchen rafften die Mnner hinweg; durch das Zlibat der katholischen Geistlichkeit wurden viele Frauen selbst zum Zlibat und selbstndigen Erwerb ihres Lebensunterhalts gezwungen. Auch die Bestimmung der meisten Znfte, da der Gesell nicht heiraten, keinen "eigenen Rauch" haben durfte,[115] und im Hause des Meisters leben mute, wo seine Arbeitskraft mehr ausgebeutet, sein Lohn durch Lieferung schlechter Lebensmittel mehr verkrzt werden konnte, vermehrte die Zahl alleinstehender Mdchen. Die Maurer-, Zimmerer- und Tuchmachergesellen, die heiraten durften, weil die Aussicht, Meister zu werden, wegen des groen bei diesen Handwerken ntigen Kapitals nur gering war,[116] muten meist auch auf die selbstndige Erwerbsarbeit ihrer Frauen rechnen, weil sie als sogenannte Stckwerker nur ein sehr geringes Einkommen hatten. Sie, wie die Gesellen anderer Handwerke, die trotz des Verbotes heirateten, und, aus der Zunft ausgeschlossen, in kleinen Orten als "Strer" sich niederlieen, durch schlechte Arbeit und niedrige Preise gegen die Meister der Zunft konkurrierten,[117] bildeten das rasch zunehmende Proletariat des Handwerks, das den Frauen auch nur Hunger und bermige Arbeit zu bieten hatte. Es einzuschrnken, um die schdigende Konkurrenz los zu werden, war das eifrige Bestreben der Znfte, die daher auch das Heiratsverbot noch besonders verschrften, indem sie, wie aus der Nrnberger Beutlergesellenordnung von 1530 hervorgeht, erklrten, da kein Gesell in seinem Handwerk gefrdert oder untersttzt werden drfte, der ein Weib hat.[118] Alle diese Umstnde zusammengenommen fhrten dazu, da nicht nur die Zahl der Frauen an und fr sich die der Mnner bei weitem bertraf, sondern da auch die Zahl der alleinstehenden, auf selbstndigen Erwerb angewiesenen Frauen eine stets wachsende war. Zwar fehlt es an einer umfassenden Statistik darber, die Berechnungen aber, die einzelne Stdte anstellten, lassen auf die allgemeinen Bevlkerungsverhltnisse annhernd richtige Schlsse zu. Eine Zhlung der Bevlkerung Frankfurts a.M. im Jahre 1385 ergab auf tausend mnnliche elfhundert weibliche Personen; eine zu Nrnberg im Jahre 1449 auf tausend erwachsene Mnner zwlfhundert und sieben Frauen; eine zu Basel im Jahre 1454 auf tausend Mnner ber vierzehn Jahren zwlfhundert und sechsundvierzig Frauen.[119] Die daraus entstehende Frauenfrage mute sich auch dem Gedankenlosen aufdrngen, um so mehr als ein erschreckendes Anwachsen der Prostitution die nchste Folge war. Durch die Einrichtung von Znften, die bis auf ein oder zwei Zunftmeister das mnnliche Geschlecht ausschlossen, suchten sich die Frauen selbst zu helfen. Die franzsischen Seidenspinnerinnen und -Weberinnen, die Putzmacherinnen, Stickerinnen und Geldtaschenarbeiterinnen des 13. und 14. Jahrhunderts waren in solchen Znften vereinigt, an deren Spitze eine Zunftmeisterin--preudefames--zu stehen pflegte. In Kln bestanden schon im 13. Jahrhundert verschiedene groe weibliche Genossenschaften, wie die der Spinnerinnen, Nherinnen und Stickerinnen,[120] und die Garnmacherinnen und Goldspinnerinnen bildeten geschlossene weibliche Handwerke, die Lehrlinge und Gesellen ausbildeten.[121] Aber dadurch waren die vielen alleinstehenden Frauen noch nicht untergebracht. Die Menge der Aermsten blieben vom Handwerk mit seiner langen Lehrzeit und seiner beschrnkten Zahl von Gesellen ausgeschlossen. Um sie unterzubringen, reichten die Klster nicht aus, die auch hufig die Einzahlung eines kleinen Kapitals beim Eintritt der Novize forderten und die Pforten zum Leben rcksichtslos hinter ihr verriegelten. Die Zuflucht armer Frauen wurden daher von der Mitte des 13. Jahrhunderts an die berall entstehenden Beginenanstalten. Es waren dies Vereine, die der Wohlthtigkeit der Brger oder der stdtischen Initiative ihre Entstehung verdankten. Sie nahmen in dazu bestimmten Husern oder Straen Mdchen und Frauen auf, die zwar kein Ordensgelbde abzulegen gentigt wurden, aber doch strengen Satzungen unterworfen waren, gleiche Kleidung trugen, das Haus nur bei Tage verlassen durften, und ihren Lebensunterhalt selbst erwerben muten. Es gab kaum eine grere Stadt, die nicht mehrere Beginenkonvente hatte; Kln allein besa deren im 15. Jahrhundert ber hundert mit je acht bis zehn Bewohnerinnen, in Basel gab es zur selben Zeit etwa 1500, in Paris 2000 Beginen, ein Frankfurt a.M. gehrten im 14. Jahrhundert 6% der erwachsenen weiblichen Bevlkerung den Beginenvereinen an.[122] Das Angebot an billiger weiblicher Arbeitskraft war daher auerordentlich gro. Die Beginen spannen, webten, nhten und wuschen, sie kamen in die Huser der Brger zur Aushilfe im Haushalt, sie beschftigten sich mit jeder Art weiblicher Handarbeit und konnten, weil sie umsonst wohnten, niemanden als sich selbst zu versorgen hatten und ihre Bedrfnisse sehr bescheidene waren, mit dem geringsten Lohn zufrieden sein. Auch auerhalb der Znfte, der Klster und der Vereine wagten es alleinstehende Frauen einen Broterwerb zu suchen. In greren Stdten gab es zuweilen weltliche Lohnschreiberinnen, die es zu einigem Ansehen brachten, wie z.B. die Augsburger Brgerin Klara Htzler, die infolge ihrer Gewandtheit sehr gesucht wurde. Hufiger werden weibliche Aerzte erwhnt; in Frankfurt a.M. wird ihre Zahl am Ende des 14. Jahrhunderts auf 15 angegeben und aus einem Edikt der franzsischen Regierung vom Jahre 1311, wonach Aerzte und Aerztinnen sich einer Prfung unterziehen muten,[123] geht hervor, da man auch dort an diesem weiblichen Beruf keinen Ansto nahm. Jedenfalls war die Zahl der Frauen, die sich ihm widmeten, zu gering, um den Konkurrenzneid ihrer mnnlichen Kollegen zu erregen und sie wre neben der Masse der armen Handarbeiterinnen nicht zu erwhnen, wenn nicht daraus zu ersehen wre, wie frh die Frauen sich schon gezwungen sahen, auch in die hheren Berufe einzudringen. Die ersten, die den Kampf gegen die bengstigende Zunahme der Frauenarbeit aufnahmen und energisch durchfhrten, waren die Znfte. Nachdem sie zuerst die Konkurrenz der nicht organisierten Arbeiterinnen dadurch zu unterdrcken gesucht hatten, da sie ihren Eintritt in die Znfte erzwangen, wuchs ihnen jetzt die Konkurrenz innerhalb der Znfte und die der ausschlielich weiblichen Znfte ber den Kopf; sie vernderten daher ihre Taktik, indem sie die Frauen aus den Znften wieder hinauszutreiben versuchten. Charakteristischerweise verhllten sie ihren Konkurrenzneid zunchst mit einem sentimentalen Mntelchen: die Teppichweber sagten, ihre Arbeit sei fr Frauen zu schwer, und schlossen sie schon im 13. Jahrhundert aus ihren Znften aus; die Tuchwalker und die Klner Tuchscherer und Hutmacher thaten desgleichen,[124] indem sie feierlich erklrten, da ihr Handwerk dem "Manne zugehrt". Bald bemhte man sich nicht mehr mit solchen Erklrungen, denn der Kampf gegen die Frauenarbeit sprang auf Gebiete ber, auf denen von keiner zu schweren oder nur dem Manne zukommenden Arbeit die Rede sein konnte, sondern die vielmehr von alters her hauptschlich den Frauen offen standen: der Textil- und Bekleidungsindustrie. Im 16. Jahrhundert beschwerten sich vor allem die Schneider in verschiedenen Mittelpunkten des Handwerks ber die Zunahme ihrer Arbeitsgenossinnen, und sie setzten es nicht nur durch, da den Frauen verboten wurde, andere als weibliche Kleidungsstcke anzufertigen, sondern auch da die Zahl der weiblichen Gehilfen und Lehrlinge auf je einen bei einem Meister beschrnkt wurde. Noch weiter gingen die Wrttemberger Weber, indem sie die Anstellung weiblicher Lehrlinge, selbst der Meisterstchter berhaupt untersagten, und die Frber, die alle Frauen aus der Zunft ausschlossen. Das treibende Element in diesen Kmpfen waren weniger die Meister der Znfte, die durch die billige weibliche Arbeitskraft, durch die Beschftigung ihrer Frauen und Tchter ihre Konkurrenten aus dem Felde schlugen, als die zu immer grerer Macht gelangenden Gesellenverbnde. Fr die Lohnarbeiter war die Lohnarbeiterin die Feindin, die besiegt werden mute, um vorwrts zu kommen. So hatte ein Grtlermeister in Straburg Mitte des 16. Jahrhunderts seine beiden Stieftchter zum Handwerk erzogen und erregte dadurch den Zorn des Gesellenverbandes seiner Zunft in dem Mae, da es zur Arbeitseinstellung kam, die zwei Jahre whrte und mit der Niederlage des Meisters und der Frauenarbeit endete.[125] Und wie hier das Kampfmittel des Strikes, so wurde in einem anderen Fall das des Boykotts mit Erfolg angewandt. Die Straburger Nestler beklagten sich nmlich bei den Nrnbergern, da diese Mgde beschftigten und das Handwerk daher zu Schaden kme, und drohten ihnen, alle in Nrnberg gelernten Nestler fr untauglich und unredlich zu erklren, wenn sie diesen Uebelstand nicht beseitigen wrden.[126] Ein Beispiel, wie die Wandlung sittlicher Begriffe Hand in Hand geht mit der Vernderung wirtschaftlicher Zustnde, bietet die Thatsache, da der Frauenarbeit im Verlaufe des Kampfes gegen sie und nach ihrer Unterdrckung der Stempel des Unehrlichen, sittlich Verwerflichen immer deutlicher aufgeprgt wurde. Der Mann hielt es fr unter seiner Wrde, neben einer Frau zu arbeiten. Die Schneider- und Grtlerordnung sowie die Nrnberger Beutlergesellenordnung, verbieten es dem Gesellen ausdrcklich.[127] Die Nrnberger Buchbindergesellen erklrten jeden fr unehrlich, der mit einer Magd arbeitet, und was zuerst nur die Gesellenverbnde und die Znfte beschlossen, wurde schlielich in die Ratsschlsse und landesherrlichen Verfgungen aufgenommen. Sie verboten nicht nur die Arbeit der Frauen in den Znften, sie hielten sie auch fr schndend, indem sie die mit den Frauen arbeitenden Mnner als unredliche bezeichneten. Mit dem Ende des 17. Jahrhunderts waren die Frauen aus dem znftigen Handwerk hinausgedrngt und das mnnliche Geschlecht wurde berall zur Bedingung des Eintritts.[128] So schien der Feind besiegt, whrend thatschlich die Sterbestunde der Znfte schlug, und er sich nur in den Hintergrund zurckgezogen hatte, um von da aus des Handwerks goldenen Boden weiter zu unterminieren. Verbieten lie sich den Frauen die Arbeit nicht; die Not zwang sie dazu, und es hie jetzt nur, neue Bedingungen fr sie zu suchen. Wie die sogenannten Stckwerker, die, auerhalb der Znfte stehend, fr geringen Lohn arbeiteten, wurden nunmehr die Frauen in steigendem Mae von den Meistern und den "Verlegern", kaufmnnischen Auftraggebern, in ihrem eigenen Hause beschftigt.[129] Da diese Beschftigungsweise an keine Werkstatt, an keine znftigen Bestimmungen gebunden war, fr die Frauen einen sehr gesuchten, wenn auch noch so kmmerlichen Erwerb bildete und fr die Auftraggeber stets ein glnzendes Geschft bedeutete, so dehnte sie sich rasch bis in die entferntesten Bauernhfe aus und ri die groe Masse des weiblichen Geschlechts in ihren Frondienst. Es war nicht mehr jene Heimarbeit wie zur Zeit der Hofverfassung, die fr den Bedarf der Hofgenossenschaft allein produzierte, es war nicht mehr die Arbeit im Rahmen des znftigen Handwerks, die doch einige Aussicht auf Vorwrtskommen, auf Selbstndigkeit in sich schlo, es war vielmehr jene Lohnarbeit, durch die eine immer wachsende Zahl der Bevlkerung in dauernde Abhngigkeit vom Kapitalismus geriet und zum besitz- und aussichtslosen Proletariat herabgedrckt wurde. Durch sie zerfiel das Handwerk und verwandelte sich zum Teil selbst in die Hausindustrie,[130] denn zahlreiche verarmte Handwerksmeister wurden Hausarbeiter im Solde der Unternehmer und nicht nur die Frauen, auch die Kinder, die das znftige Handwerk nicht beschftigt hatte, wurden zur Mitarbeit herangezogen, um den kmmerlichen Verdienst ein wenig zu erhhen. Inzwischen hatte sich in aller Stille eine Revolution vorbereitet, die die gesamte Arbeit berhaupt, die Frauenarbeit insbesondere, von Grund aus umgestalten sollte. Sie beschleunigte die Auflsung des znftigen Handwerks, sie entfhrte die Frauen mehr und mehr dem huslichen Herd, aus ihr heraus entwickelte sich die moderne Groindustrie, die Mann und Weib schlielich gleichmig in ihre Dienste zwang. Ihre ersten Spuren lassen sich bis in das Mittelalter zurckverfolgen, wo die Kunst des Strickens zur Erfindung des Strumpfwirkerstuhls fhrte und die Produktivitt auf diesem Gebiete sich enorm steigerte. Auch die durch Barbara Uttmann erfundene Spitzenklppelei beschftigte in Deutschland viele Hunderte von fleiigen Hnden, whrend die von Frau Gilbert aus Italien in Frankreich eingefhrte Kunst venezianischer Spitzenarbeit schnell zu einer blhenden Industrie sich entwickelte, in der am Ende des vorigen Jahrhunderts gegen 100000 Arbeiterinnen thtig waren.[131] Mit dem Aufkommen des Stickrahmens verbreitete die Weistickerei sich rapid; durch die Band- und Schermhle, die Schnellbleiche, die Tuchpresse, das Aufdrucken von Formen auf Zeug fanden zahllose Frauen Beschftigung, denn eine mannigfaltigere und reichere Kleidung wurde dadurch weiten Kreisen zugnglich und die Bedrfnisse danach, die sich frher, bei der schwierigen und langwierigen Art ihrer Herstellung, auf die groen Damen der Hfe, die Patrizierinnen der Handelsstdte und die Courtisanen beschrnkten, ein Gemeingut auch der Frauen des Brgerstandes. Aber wie geringfgig erscheint der Einflu all der genannten technischen Vervollkommnungen der Arbeitsmittel gegenber der geradezu umwlzenden, die von England 1767 durch Hargreaves Erfindung der spinning jenny, einer zunchst durch Wasserkraft getriebenen Maschine, ausging! Sie wurde von Jahr zu Jahr vervollkommnet, bis sie 20, 100 und schlielich bis zu 1000 Faden spann. Mit ihr begann der Siegeslauf der Maschinenarbeit, der Niedergang der Handarbeit.[132] Noch vor Anwendung der Dampfkraft, in der zweiten Hlfte des 18. Jahrhunderts, entstanden in England und Schottland die ersten Spinnereien, und 1788 gab es dort bereits 142 Fabriken, die nicht weniger als 59000 Frauen und 48000 Kinder beschftigten.[133] Groe Fortschritte hatte indessen auch die mechanische Weberei zu verzeichnen. Die durch Vaucanson erfundene, durch Cartwright verbesserte und praktisch nutzbar gemachte Webemaschine trat neben den auerordentlich vervollkommneten Websthlen in Thtigkeit und es waren auch hier Frauen, die in erster Linie zu ihrer Bedienung herangezogen wurden. Zwischen 1762 und 1765 waren in Frankreich, hauptschlich in Saint-Quentin, 60000 Weberinnen allein mit dem Weben von Linon, Batist und Gaze beschftigt.[134] Die Folgen einer solchen industriellen Entwicklung muten fr das weibliche Geschlecht von schwerwiegender Bedeutung sein. Jede neue Maschine, die die Arbeit von so und so vielen Handarbeiterinnen verrichtete, machte viele brotlos oder erschwerte ihre hausindustrielle Thtigkeit und drckte auf ihren Lohn. Sie entri aber auch den Frauen ihnen bisher fast ausschlielich vorbehaltene Arbeitszweige, wie das Spinnen und Weben, indem sie Mnner und Kinder zur Mitarbeit heranzog und den Konkurrenzkampf heftiger denn je entbrennen lie. Und endlich griff sie auflsend und zersetzend in den einst so fest umfriedeten Kreis des Hauses ein. Durch das Leben der Frau klaffte von nun an ein furchtbarer Ri: die bittere Not zwang sie in die Fabrik, wo sie der Ausbeutung schutzlos preisgegeben war, die Mutterliebe und die von alters her ehrwrdigen Hausfrauenpflichten fesselten sie an ihr Heim. Allen diesen aus dem wirtschaftlichen Fortschritt hervorwachsenden, in das Volksleben tief eingreifenden Fragen, stand die Gesellschaft ratlos gegenber. Mit ungeschickten Hnden versuchte man einzelne Knoten zu entwirren, um nur immer neue zu knpfen. Durch Unterdrckung der gefhrlichen Konkurrenz der billigen weiblichen Arbeitskraft sollte der Not ein Ende gemacht, das Familienleben wieder hergestellt werden. So wurde den Spitzenarbeiterinnen in Toulouse mit der Begrndung, sie ihren Frauenpflichten wiedergeben zu wollen, schon 1640 die Arbeit verboten; in Sachsen verfgte ein Gesetz, da Bauerndirnen keinen anderen Beruf, als den huslicher Dienstboten ergreifen durften; in der Oberlausitz wie in Hannover wurden die "Eigenzimmerinnen", die sich nicht verdingen wollten, mit schweren Steuern belastet.[135] Aus den Badestuben, dem Schankgeschft und dem Kleinhandel wurden die Frauen vertrieben. Die Menge der Spitzenklpplerinnen in Nrnberg veranlate den Kameralisten J.L. Dorn strenge Polizeimaregeln gegen selbstndige Arbeiterinnen zu verlangen. Doch den gewaltigen Strom der Entwicklung vermochten diese Mauern und Wllchen nicht aufzuhalten, und die hingeworfenen Strohhalme konnten die Menge der mit den Fluten Kmpfenden nicht retten. Den Frauen des arbeitenden Volkes blieb nur die Wahl zwischen Ausbeutung, Hunger und Schande. Ihre Arbeitskraft war den Fesseln des Hauses entwunden; um ihre wirtschaftliche Existenz muten sie nicht nur selbstndig kmpfen, sie muten sie auch von Grund aus neu auferbauen. Sie schleppten dieselben Lasten wie ihre mnnlichen Arbeitsgenossen, nur da sie noch unterdrckter, noch rechtloser waren wie sie. Und wie alle am schwersten Leidenden duldeten sie stumm. 4. Die Stellung der Frauen im Geistesleben. Die wirtschaftliche Entwicklung wirkte in steigendem Mae auf die Trennung der Menschheit in die Masse der Besitzlosen auf der einen und die wenigen Besitzenden auf der anderen Seite. Der geistige Fortschritt, die Ausbreitung allgemeinen Wissens und hherer Kultur wurden dadurch bestimmt: harte Arbeit, unaufhrlicher Kampf ums tgliche Brot, raubten dem Volk sowohl die notwendige Mue, als die geistige Frische und Empfnglichkeit fr eine tiefere Bildung, die daher zu einem Privilegium der besitzenden Klassen werden mute. Mehr noch als fr die Mnner gilt diese scharfe Trennung fr die Frauen, denen bedeutend weniger Hilfsmittel zu Gebote standen, um die widrigen ueren Lebensumstnde berwinden zu knnen. Auch in die Klster, die in der ersten Zeit ihres Bestehens Zufluchtssttten aller Bildung waren, traten meist nur begterte und vornehme Frauen ein. Wurden Arme aus Gnade und Barmherzigkeit aufgenommen, so fanden sie als Mgde Verwendung und nahmen keinen Teil an dem vielfach reichen geistigen Leben des Klosters. Wenn daher die Geschichte der geistigen Entwicklung des weiblichen Geschlechts verfolgt werden soll, so darf nicht vergessen werden, da sie sich im allgemeinen auf die Kreise der Besitzenden beschrnkt, wie die Geschichte der Frauenarbeit fast ausschlielich nur von den besitzlosen Frauen sprechen konnte. Im frhen Mittelalter waren Geistliche und fahrende Spielleute die Lehrer der vornehmen Frauen. Sie vermittelten ihnen einen Grad von Bildung, der zwar an sich gering genug war, aber immerhin den der Mnner im allgemeinen bertraf. Hie es doch, da Gelehrsamkeit den Mann furchtsam und weibisch mache und daher mglichst zu vermeiden sei.[136] Manche Burgfrau konnte nicht nur die Heiligenlegenden, sondern auch die Bibel im Urtext lesen. Die traurigen, durch die unaufhrlichen inneren Wirren verursachten Zustnde, verbunden mit dem Einflu der protestantischen Kirche, die aller Frauenbildung durchaus abhold war, hemmten im Norden Europas die Weiterentwicklung der geistigen Hebung des weiblichen Geschlechts. Im Sden dagegen, vor allem in Italien, wo nicht wie im deutschen Reich die unter dem Deckmantel religiser Kmpfe gefhrten Kriege der Frsten untereinander allen Wohlstand untergraben, die Gemter erhitzt und mit dem schlimmsten Fanatismus, dem religisen, erfllt hatten, wurden die Thore der Wissenschaft den Frauen weiter geffnet als je vorher. Auf klassischem Boden war die antike Kunst und Wissenschaft zu neuem Leben erwacht. Alle Umstnde wirkten zusammen, um diese Wiedergeburt zu ermglichen. Die Kleriker, die die Sprache des Horaz und des Cicero nicht untergehen lieen, die Kreuzfahrer, die nicht nur das Morgenland, sondern auch das Land Homers und Platos wieder entdeckten, die fahrenden Snger, die ihre Weisen nach denen heidnischer Dichter formten, sie alle bahnten dem Zeitalter der Renaissance die Wege, und die blhenden Handelsstdte mit ihrem freien Brgertum, die glnzenden Frstenhfe mit ihren an Mitteln und Mue reichen Bewohnern bildeten den Nhrboden, aus dem es seine Lebenskraft sog. Auch die Religion war kein Hindernis; der Glanz der Kirche hatte die weltentsagenden Lehren des ursprnglichen Christentums lngst vergessen machen. Die Frauen nahmen, soweit sie den begterten Volksklassen angehrten, ohne darum kmpfen zu mssen an den geistigen Schtzen teil, die in fast unerschpflicher Flle gehoben wurden. Ihre Zeit und ihre Krfte wurden nicht mehr durch die umfangreiche hauswirtschaftliche Thtigkeit frherer Jahrhunderte in Anspruch genommen, da Handwerk und Industrie die Herstellung einer groen Menge Gebrauchsgegenstnde bernommen hatten und die grobe tgliche Arbeit ausschlielich den Mgden berlassen blieb. So war es nur eine natrliche Folge der Befreiung des begterten Teils des weiblichen Geschlechts von einfrmiger Arbeitslast, da er an der Kunst, die ihn umgab, an der Wissenschaft, von der er reden hrte, lebhafteres Interesse nahm und da einzelne, besonders begabte Frauen gelehrte Berufe ergriffen, oder knstlerisch thtig waren. In den Husern der Handelsherrn und den Palsten der Frsten genossen die Kinder beiderlei Geschlechts von humanistisch gebildeten Erziehern denselben Unterricht. Hervorragende Pdagogen widmeten ihre ganze Kraft der Heranbildung ihrer Zglinge, soda z.B. eine Ccilia Gonzaga unter Leitung Vittorinos de Feltre schon mit zehn Jahren die klassischen Sprachen vollkommen beherrschte.[137] Aber nicht einseitige Gelehrsamkeit war das Ziel der Erziehung, vielmehr war es die harmonische Ausbildung der ganzen Persnlichkeit, die Individualisierung des einzelnen Menschen.[138] Die groe Errungenschaft der Renaissance fr das weibliche Geschlecht lag demnach nicht darin, da die Universitten den Frauen geffnet wurden und der Ruhm einzelner weiblicher Gelehrten die damalige Welt erfllte, sondern in der Anerkennung der Frau als eines selbstndischen Menschen. Die hhere Form des Umganges zwischen den Geschlechtern, von dem die italienischen Novellisten[139] und Biographen erzhlen, ist allein schon ein Beweis dafr. Der Inhalt der Geselligkeit bestand nicht mehr allein in den Freuden der Tafel und der Liebe, das Weib war nicht mehr nur Schaffnerin und Geliebte, sie nahm an wissenschaftlichen Unterhaltungen teil, vor ihr trugen die Dante, Petrarca, Boccaccio ihre Dichtungen vor, und ihr reifes Urteil wurde dem der Mnner gleich geachtet, ja hufig wog es schwerer, als jenes.[140] Frauen, wie Katharina Cornaro in Venedig, Isotta Malatesta in Rimini, Aemilia Pia in Urbino, Isabella von Este in Mantua, Veronica Gambarra in Bologna waren der Mittelpunkt geistig lebendiger Kreise, von deren Meinung der Ruhm so mancher Dichter und Knstler abhing. Die grere Freiheit, welche die Frauen der Renaissance genossen, die Selbstndigkeit, mit der sie ihren eigenen Ueberzeugungen und Gefhlen folgten, hat religise und moralische Zeloten veranlat, sie als ganz besonders sittenlose Geschpfe hinzustellen, und manche fhren sie noch heute als Beispiele dafr an, da das Weib verderbe, wenn es dem Manne sich gleich stellen wolle. Ein Vergleich jedoch zwischen den im allgemeinen geistig tief stehenden Frauen Frankreichs und Englands im 15. und 16. Jahrhundert mit den hochgebildeten Frauen Italiens zur gleichen Zeit, mu durchaus zu Gunsten dieser entschieden werden.[141] Sie waren keine stillen stumpfen Dulderinnen oder hinterlistige Intrigantinnen, sie zerrissen daher hufig die Bande entwrdigender Ehen und folgten der Stimme ihres Herzens, und diese hhere Sittlichkeit schlo von selbst leichtfertige Sittenlosigkeit gerade bei den bedeutendsten unter ihnen aus. Wo aber die allgemeine Bildung der Frauen in einseitige Gelehrsamkeit ausartete und wo Frauen als Knstlerinnen, Dichterinnen oder Rednerinnen ffentlich auftraten, machte sich ein Charakterzug besonders bemerkbar: ihre Wissenschaft wie ihre Kunst trugen ein vllig mnnliches Geprge, und das hchste Lob, das ihnen gezollt wurde, war das, einen mnnlichen Geist zu haben. Schon die Theologin Boulonnois, die im 13. Jahrhundert in Bologna predigte und Professor wurde,[142] war wegen der "mnnlichen Kraft" ihrer Rede berhmt. Novella d'Andrea, die holdselige Lehrerin des kanonischen Rechts und Magdalena Buonsignori, die gepriesene Verfasserin von "de legibus connubialibus"[143] waren Rechtsgelehrte von "mnnlichem Scharfsinn". Isotta Nogarola, die vor Ppsten und Kaisern Vortrge hielt, Cassandra Fedele, die in Padua dozierte, Ippolita Sforza, die auf dem Kongre zu Mantua den Papst begrte, Isikratea Monti und Emilia Brembati, deren Redekunst Hunderte von Zuhrern anzog--sie alle sahen ihren hchsten Ehrgeiz darin, ihr Geschlecht vergessen zu machen. Und so sehr war diese Auffassung gang und gbe, da sogar bedeutende Frauen vor sich selbst das Gelbde der Keuschheit ablegten, weil sie zwischen dem Dienst der Wissenschaft oder Kunst und dem physischen Leben des mtterlichen Weibes keine harmonische Verbindung fanden. Zu ihnen gehrte Vittoria Colonna, die gefeierte Dichterin, die unsterbliche Freundin Michelangelos.[144] Auch sie vermochte, trotz der geistigen Hhe, auf der sie stand, trotz der geistigen Kraft, die ihr eigen war, die Kluft zwischen dem Weibe als Geschlechtswesen und dem Weibe als Knstlerin und Gelehrte nicht zu berbrcken. Und an diesem Punkt muten die Frauen der Renaissance scheitern, weil die Rolle, die sie als ausbende, nicht nur als anregende und urteilende Krfte im geistigen Leben spielten, nicht das Ergebnis einer aus der inneren Entwicklung des gesamten weiblichen Geschlechts herauswachsenden Bewegung, sondern nur eine spontane Befreiung einzelner Frauen aus geistiger Gebundenheit war. Darum blieb diese Erscheinung auch ohne tiefgreifende Folgen; sie war nicht einmal ein ausreichender Beweis fr die geistige Ebenbrtigkeit der Frauen, weil sie zu ngstlich in die Fustapfen der Mnner traten, statt zu zeigen, da sie auch ihren eigenen Weg zu gehen wissen. Durch oberflchliche Beurteilung knnte aus den zahllosen Schriften jener Zeit ber die Frauen, ihren Ruhm und ihre Fhigkeiten eine tiefgehende Frauenbewegung gefolgert werden. Eine nhere Kenntnis jedoch beweist, da viele Schriftsteller, der antikisierenden Mode folgend, einen wahren Heroenkultus trieben und jeder ein Plutarch zu sein glaubte, wenn er Biographien berhmter Mnner schrieb. Solche berhmter Frauen konnten nicht ausbleiben, da sie berall mit im Vordergrund des geistigen Lebens standen. Boccaccio ging zuerst mit dem Beispiel voran und schilderte in seiner lateinisch geschriebenen Abhandlung: De casibus virorum et feminarum illustrium eine Reihe hervorragender Frauen von den Griechen an bis zu seiner Zeit. Wie wenig er dadurch zu einem Vorkmpfer der Frauenfrage wurde, zeigt seine heftige Satire auf das weibliche Geschlecht: Il Corbaccio. Zahlreich waren seine Nachahmer;[145] sie suchten einander nicht durch Geist und Witz, sondern durch die Masse der verherrlichten Frauen zu bertreffen, bis schlielich Peter Paul Ribera durch sein Werk ber die unsterblichen Triumphe und heldenhaften Abenteuer von 845 Frauen alle in den Schatten stellte. Es war nur ein Schritt weiter auf dem einmal betretenen Wege, wenn mit groem Aufwand von tnenden Worten nunmehr der hhere Wert des weiblichen Geschlechts vor dem mnnlichen gepriesen[146] und die Frage zum Stoff gesellschaftlicher Unterhaltung wurde, an dem Redekunst und geistreicher Witz sich bten. Einen tieferen Eindruck hinterlie diese ganze Litteratur auf die Dauer in Italien nicht, weil sie dem Bedrfnis zu fern lag und nur fr jene wenigen Frauen von Interesse sein konnte, die dank ihrer gnstigen ueren Verhltnisse sich mit gleichen geistigen Waffen mit den Mnnern zu messen vermochten. Ihre Zahl war, trotz der 845 berhmten Frauen Riberas, im Verhltnis zur Allgemeinheit und zu der Zeitspanne, auf die sie sich verteilten, nur gering. Auch Spanien, dessen Frauen sich damals mehr als andere ihres mnnlichen Geistes wegen rhmten, brachte nur wenige wirklich hervorragende weibliche Gelehrte hervor, unter denen die Theologin Isabella von Cordoba[147] und die in vierzehn Sprachen gleich gewandte Rednerin Juliana Morelli von Barcelona sich besonders auszeichneten. Whrend in Italien und Spanien die Frauen, ohne darum kmpfen zu mssen, gewissermaen selbstverstndlich an den geistigen Errungenschaften teil nahmen--als Empfangende, wie als Gebende, war ihre Lage in Frankreich, England und vor allem in Deutschland eine durchaus andere. Sie waren gedrckt durch die wirtschaftliche Lage, und Wissenschaft und Kunst gelangte nur durch zweite und dritte Hand zu ihnen. Darum entstand zunchst nur in wenigen Frauen durch das Beispiel der Italienerinnen der Wunsch nach geistiger Fortbildung, nach intellektueller Gleichberechtigung. Und er trat--bezeichnend genug fr die Zustnde in Mitteleuropa--hufig in Gemeinschaft mit dem Bedrfnis nach einem Broterwerb auf. Die franzsische Schriftstellerin Christine de Pisan ist ein klassisches Beispiel dafr.[148] Frh verwitwet, sah sie sich gezwungen, ihre Kinder zu ernhren und gro zu ziehen. Da sie eine, fr die Ansichten ihrer Zeit, des 15. Jahrhunderts, gute Erziehung genossen hatte, bildete sie sich mit eiserner Energie weiter aus und ermglichte es, von ihrer Schriftstellerei mit ihren Kindern leben zu knnen. Ihr Roman von der Rose, ihre geistvolle Geschichte Karls V. machten ihr ber die Grenzen ihres Vaterlandes hinaus einen Namen. Fr die Beurteilung der Frauenfrage jener Zeit ist jedoch ihre Streitschrift "La cit des dames" besonders interessant. Sie schilderte darin das Leben und Wirken der italienischen Juristin Novella d'Andrea, um, daran anknpfend, fr die wissenschaftliche Bildung der Frauen einzutreten, und erklrte zum Schlu, da die Mnner nur aus dem Grunde dagegen seien, weil sie frchteten, die Frauen knnten klger werden als sie. Christine de Pisan geniet den Ruhm durch diese Arbeit die erste Schrift zur Frage der Emanzipation der Frauen geschrieben zu haben; sie war, infolge ihres eigenen Lebenskampfes, prdestiniert dazu. Nicht der Sden, der ber seine Kinder einen solchen Ueberflu an Reichtum und Schnheit ausschttete, da auch die Frauen nicht abseits stehen konnten, sondern die Lnder Mittel- und Nordeuropas, wo der Kampf ums Dasein alle, auch die Frauen erfate, waren der Nhrboden der Frauenfrage und der Frauenbewegung. Diejenigen, die sich der Not und Unterdrckung ihres Geschlechts zuerst bewut wurden und sie in Worte zu fassen wagten, konnten natrlich nicht die Allermihandeltsten sein; sie muten auf einer gewissen Hhe der Bildung und des Verstndnisses stehen. Denn die tiefste Not macht stumpf; sie zerstrt alle Thatkraft; sie lt selbst das Gefhl der Unzufriedenheit mit dem eigenen Elend nicht aufkommen. Die erste Nachfolgerin Christinens in Frankreich war darum auch eine Frau desselben Standes wie sie: Mademoiselle de Gournay, die Adoptivtochter Montaignes. Sie proklamierte die Gleichberechtigung der Geschlechter mit Ausnahme der Wehrpflicht. Einen direkten praktischen Erfolg hatten diese Bemhungen selbstverstndlich nicht, aber sie wirkten im Verein mit dem Einflu des Humanismus, dem Aufblhen von Kunst und Litteratur und dem durch zunehmende Ausbeutung des Volks wachsenden Wohlstand der oberen Klassen auf die Erhhung der Frauenbildung. Was Geist und Wissen betrifft, ragte eine Knigin, die beinahe zu einer sagenhaften Gestalt geworden ist, aus der Menge gelehrter Frauen hervor: Margarete von Navarra, die Schwester Franz' I.[149] Ihre Erzhlungen, ihre Gedichte, vor allem aber ihr Briefwechsel, geben den Geist des 16. Jahrhunderts mit all seinem Leichtsinn und seiner Grazie lebendig wieder, sie weisen aber auch berall die Spuren der Nachahmung italienischer Vorbilder auf. Ihre gleich kluge, aber, im Gegensatz zu ihr, sittenlose Namensschwester, Margarete von Valois, die Gattin Heinrichs IV.[150], schrieb fnfzig Jahre spter einen selbstndigeren Stil und verfate, voller Verachtung fr die sie umgebende schwchliche und gemeine Mnnerwelt, trotzend auf ihren energischen Geist, eine Schrift ber die Ueberlegenheit des weiblichen Verstandes. Bedeutende Leistungen auf wissenschaftlichem Gebiet haben die Frauen Frankreichs jedoch nicht aufzuweisen. Eine einzige nur ragt aus der Menge hervor: Anna, die Tochter des gelehrten Philologen Tanneguy Lefbre und Gattin seines unbedeutenden Schlers Andr Dacier. Die ersten franzsischen Uebersetzungen des Plautus und Aristophanes, des Terenz und vor allem des Homer stammen von ihr, und ihre Streitschrift: Trait des causes de la corruption du got, worin sie die Angriffe Lamottes gegen die Ilias und die Odyssee energisch zurckwies, hat einen dauernden Wert behalten. Da Anna Dacier so allein steht, ist leicht begreiflich, denn die Gelehrsamkeit, die ein Mittel geistiger Befreiung, vertieften und verfeinerten Lebens fr alle htte werden sollen, wurde zur Modelaune der "guten Gesellschaft", die sich schlielich bis zu lcherlichen Verzerrungen verstieg. Die Frauen fanden, wie in Italien, die Harmonie zwischen ihrer weiblichen Natur und ihrer wissenschaftlichen Bildung nicht. Auch sie entsagten vielfach der Liebe und der Mutterschaft, um sich ungestrt ihren Studien zu widmen. So brachten z.B. die Prcieuses des Hotel Rambouillet die gelehrten Frauen in berechtigten Verruf, und wenn Molire in seinen Lustspielen Prcieuses ridicules und Femmes savantes ihrer Unnatur tdliche Streiche versetzte, so zeigte er sich damit nicht als Feind, sondern als Freund des weiblichen Geschlechts. Weit mehr als auf die geistige Entwicklung Frankreichs hatte die Wiederbelebung des klassischen Altertums auf die Deutschlands eingewirkt. Aber die Zeiten waren zu schwer, die Masse des Volks zu arm, die Frauen zu tief befangen in dem engen Kreis ihrer huslichen Sorgen, als da sie in nennenswerter Weise daran htten teilnehmen knnen. Erst sehr allmhlich drang der Geist der neuen Zeit aus den Stuben der Gelehrten und den Hrslen der Universitten auch zu ihnen. Whrend das fnfzehnte und sechzehnte Jahrhundert die Bltezeit weiblicher Gelehrsamkeit in Italien, in Spanien, zum Teil auch in Frankreich war, setzte sie in Deutschland erst im Anfang des siebzehnten Jahrhunderts ein. Viel frher beschftigten sich jedoch die Humanisten mit der theoretischen Errterung der Frauenfrage, wie sie die italienische Renaissance dadurch aufgestellt hatte, da sie den Frauen die Pforten zur klassischen Bildung nicht verschlo. Was dort ohne Kampf unter dem unmittelbaren Eindruck der groen geistigen Errungenschaften geschah, darber mute der grblerische Deutsche erst langatmige Theorieen aufstellen, und der langsame, knstlich niedergehaltene Geist der deutschen Frau konnte die fremde Nahrung nur in homopathischen Dosen vertragen. Der erste Gelehrte, der als Vorkmpfer dieser Art Frauenfrage gelten kann, war der merkwrdige platonisch-christliche Philosoph Cornelius Agrippa von Nettesheim. Seine Schrift ber den Vorzug des weiblichen Geschlechts,[151] die 1505 erschien, liest sich zum Teil wie eine moderne Verteidigung des Rechts der Frauen auf Bildung. Er geielt die Erziehung der Mdchen zur Faulheit und erklrt, da nur sie daran schuld sei, wenn die Frauen ihre Fhigkeiten nicht entwickeln und den Beweis ihrer der mnnlichen gleichwertigen Geisteskraft nicht liefern knnten. Das mystisch-phantastische Beiwerk erdrckt freilich hufig den klaren Gehalt seines Werkes. Von seinem Erscheinen ab nahm der Federkrieg fr und wider die hhere Frauenbildung kein Ende. Die Gegner verstiegen sich sogar bis zu der Behauptung, da die Weiber keine Menschen seien und forderten dadurch die Freunde, wie Simon Gedicke, Andreas Schoppius und Balthaser Wandel zur Verteidigung heftig heraus.[152] Trotz aller theoretischen Auseinandersetzungen aber blieb die weibliche Bildung auf die elementarsten Kenntnisse beschrnkt; eine Charitas Pirkheimer, die im Hause ihres Bruders die Leuchten deutscher Kunst und Wissenschaft versammelt fand, und, hnlich den Prinzessinnen an den Hfen italienischer Mcene, zwischen ihnen lebte, gehrte zu den sehr vereinzelten Ausnahmen.[153] Der Adel war verroht, das Brgertum beschrnkt und nchtern, die Frstenhfe arm und klein. Erst mit dem 17. Jahrhundert trat ein Wandel ein. Aber gerade jetzt, wo die Gelehrsamkeit der Mnner etwas Mdes, Unproduktives, Epigonenhaftes an sich trug, konnte auch das endlich zum Vorschein kommende Bedrfnis der Frauen nach hherer Bildung nicht in lebenspendender Weise befriedigt werden. Wohl lernten Frstinnen und Gelehrtentchter die klassischen Sprachen, wohl wurden Wunderkinder, wie Anna Marie Kramer, angestaunt, die mit 12 Jahren alte Professoren in der Disputation besiegten, wohl brachten einzelne Frauen[154] es zu einem solchen Grade von Gelehrsamkeit, da ihre Arbeiten nicht gleich mit ihnen starben, wohl wurden Strme von Tinte zu ihrem Lobe verschrieben,[155] aber keine einzige, wirklich durchbildete, geistig reife, und dabei weibliche Persnlichkeit ist unter ihnen zu finden. Die Gelehrsamkeit haftete nur an der Oberflche, sie war nichts weiter als jener "Wissenskram" Fausts, den starke Naturen abschtteln, wie bunte Lappen, um von innen heraus erst sie selbst zu werden. Einen Versuch der Art hat vielleicht Elisabeth von der Pfalz, die Tochter des unglcklichen Winterknigs gemacht, die durch groes Elend zu tieferer Weltanschauung gelangte. Sie war zuerst eine eifrige Schlerin von Descartes gewesen, mit dem sie in regem Briefwechsel gestanden hatte, und warf schlielich all ihre gelehrten Bcher bei seite, die ihr Gemt unbefriedigt lieen, und der Hunger nach einem vollen Lebensinhalt durch alle eingelernte Weisheit nicht zu stillen war. So wandte sie sich der mystischen Sekte der Labadisten und schlielich den Qukern zu, weil auch sie die Einheit zwischen Leben und Wissen nicht fand. Zu ihren Freunden gehrte jene weit ber ihr Verdienst bewunderte Niederlnderin Anna Maria von Schurmann. Man pries sie als das Wunder des Jahrhunderts, als zehnte Muse. Und doch litt auch sie Schiffbruch im Glauben an sich selbst und ihre Weisheit und folgte ebenfalls, eine schlichte Berin, dem neuen Propheten Jean Labadie. Das Schicksal der gelehrten Knigin Christine von Schweden gestaltete sich kaum anders; auch ihr Wissen wurde nicht Gehalt und Bereicherung ihres Daseins, auch sie suchte schlielich durch ihren Uebertritt zum Katholizismus in der Religion das was sie bisher nicht gefunden hatte: Befriedigung fr ihr vernachlssigtes Gemt. Die Erkenntnis von der Notwendigkeit einer allgemeineren Bildung des weiblichen Geschlechts, die nicht gelehrte, sondern denkende, fr die Erziehung der eigenen Kinder fhige Frauen schaffen sollte, lie allenthalben den Wunsch nach hheren Schulen fr Mdchen laut werden. In England, wo die weibliche Schulbildung eine sehr mangelhafte war, trat der Dissenter und treue Anhnger Wilhelms von Oranien, Daniel Defoe,[156] fr die Grndung einer Frauenakademie ein, indem er erklrte: Wenn Wissen und Verstand berflssige Zuthaten fr das weibliche Geschlecht wren, so htte ihnen Gott nicht die Fhigkeiten dazu verliehen,[157] und Mary Astell,[158] die mit Christine de Pisan als Vorkmpferin der Frauenbewegung in eine Reihe gestellt werden kann, unterwarf die Erziehung des weiblichen Geschlechts einer scharfen Kritik. Sie schlug vor, Anstalten zu grnden, in denen nicht nur die Mdchen in den Wissenschaften unterrichtet, sondern auch die alleinstehenden, unzufriedenen, weil unthtigen Frauen zu ntzlicher Arbeit im Dienste der Armen und Kranken angehalten werden sollten.[159] Mit logischer Schrfe wandte sie sich gegen das Recht des Strkeren: "Wenn durch Naturgesetz jeder Mann jeder Frau berlegen ist, so drfte selbst die grte Knigin nicht regieren, sondern ihrem letzten Diener gehorsam sein ... Wenn bloe Strke das Recht zu herrschen giebt, so sind wir jedem Lasttrger Gehorsam schuldig ... Aber der krftigste ist nicht immer der weiseste Mann ... Geist ist ein Geschenk, das Gott unparteiisch unter die Geschlechter verteilte." Aus dem Ton ihrer Sprache geht deutlich hervor, da keine zaghafte, unselbstndige Frau ihn gebraucht hat. Denn trotz der mangelhaften Bildung stand die Englnderin, was ihre Stellung in der Gesellschaft und ihren Charakter betrifft, ber den Frauen des nrdlichen Kontinents. Die freiheitliche politische Entwicklung, die schon damals aus jedem Mann einen Staatsbrger mit den Rechten und Pflichten eines solchen gemacht hatte, konnte auch an der Frau nicht spurlos vorbergehen. Und die groen Herrscher ihres Geschlechtes muten die gesamte Meinung ber die Frau gnstig beeinflussen; vor allem aber lebten Traditionen einer Vergangenheit in ihnen fort, in der die Frauen der hheren Stnde politische Rechte besessen hatten. Die Grogrundbesitzerinnen aus den alten eingesessenen Familien und die freien Brgerinnen der Stdte sandten ihre Vertreter ins Parlament. Staatliche Aemter, so das der Friedensrichter, wurden hufig von Frauen bekleidet. Erst auf das Betreiben des berhmten Juristen, Sir Edward Coke, der sich auf die Vorschriften des Neuen Testaments berief und eine Frau nicht einmal als Zeugin vernehmen wollte, wurde das weibliche Geschlecht Anfang des 18. Jahrhunderts vom Wahlrecht ausdrcklich ausgeschlossen.[160] In Anna Clifford verkrperte sich kurz vorher noch einmal die ganze stolze Selbstndigkeit der englischen Staatsbrgerin. Jahrelang protestierte sie gegen die Vergewaltigung ihrer Rechte; als sie unter Karl II. ihr Wahlrecht ausbte, ihre Wahl jedoch beanstandet wurde und die Regierung an Stelle ihres Kandidaten einen anderen aufstellte, erklrte sie ihr: "Ein Usurpator hat mich vergewaltigt, ein Knig hat mich verachtet, aber ein Unterthan wird mich nicht beherrschen. Ihr Mann wird Westmoreland nicht vertreten." Der Kampf um die mit Fen getretenen Grundrechte des englischen Volkes und die Declaration of rights, sowie ihre gesetzliche Besttigung im Jahre 1689 muten auch in das geistige Leben der Frau eingreifen, wenn sie auch persnlich unbercksichtigt blieb. Steigerte doch die Erweiterung und Befestigung der Rechte der Brger, die Einschrnkung der Befugnisse der Krone die allgemeine Sicherheit und das Selbstbewutsein jedes Einzelnen. Alle diese Ursachen wirkten zusammen, um die Anfnge der Frauenfrage in England anders zu gestalten, als auf dem Kontinent. Sie spitzte sich gleich zu einer rechtlichen und politischen Frage zu, und der Kampf um die intellektuelle Gleichberechtigung trat mehr in den Hintergrund. Daher werden wohl die Namen derer genannt, die wie Anna Clifford, ihre politischen Rechte verteidigten, aber der Typus der gelehrten Frau tritt nur ganz vereinzelt auf. Das Interesse fr die Wissenschaften uerte sich weit mehr durch Grndung und Untersttzung gelehrter Anstalten--nicht weniger als zwlf Colleges wurden vom 14. bis zum 16. Jahrhundert von Frauen gegrndet[161]--als durch produktive Geistesarbeit. Keiner dieser Frauen fiel es ein, eine Hochschule fr ihr eigenes Geschlecht ins Leben zu rufen. Defoes Plan und Mary Astells Vorschlag blieben somit unbeachtet. In Deutschland fanden sie--soweit es sich eben nur um Plne handelte--zahlreiche Nachahmer. Die moralischen Wochenschriften im Anfang des 18. Jahrhunderts errterten das Thema nach allen Richtungen hin. In Hamburg war man sogar nahe daran, eine Akademie zu grnden. Aber es kam nicht dazu. Statt dem weiblichen Geschlecht eine fruchtbare allgemeine Bildung zu vermitteln, vermehrte sich nur die Zahl einseitiger "gelehrter Frauenzimmer". Gottsched, der lange Zeit der litterarische Alleinherrscher war, sang ihnen unverdiente Loblieder, whrend seine weit klgere Frau sich in ihren Briefen wiederholt ber die Frauen lustig machte, deren sehnschtig erstrebtes Ziel der Doktorhut war. Thatschlich erwarben ihn Frauen, die durch den Mangel selbstndiger Leistungen deutlich genug zeigten, da mehr Eitelkeit und Ehrgeiz, als Talent und Wissensdurst die Triebfedern ihres Strebens waren. Zu den wenigen Ausnahmen gehrte Dorothea von Schlzer, die unter anderem ein dem weiblichen Geschmack scheinbar so fernab liegendes Thema, wie die russische Mnzgeschichte, behandelte. Die hervorragendste aller gelehrten Frauen Deutschlands, die freilich weit in die moderne Zeit hineinreicht, bedurfte zur Erhhung ihres Ruhmes der akademischen Wrden nicht: es war Karoline Herschel,[162] die Entdeckerin von sechs Kometen, die groe Gehilfin ihres groen Bruders. Trotz des absprechenden Urteils, das im allgemeinen ber die weiblichen Gelehrten des 17. und 18. Jahrhunderts zu fllen ist, drfen doch die Dienste nicht vergessen werden, die sie der Frauenbewegung leisteten: sie brachten durch eigenes energisches Heraustreten aus dem gewhnlichen Rahmen des Frauenlebens die Frage der hheren weiblichen Bildung in Flu und auf sie ist es mit zurckzufhren, da ihre Lsung die erste Aufgabe der deutschen brgerlichen Frauenbewegung, ja die eigentliche Triebfeder ihrer Entstehung wurde. Um aber das Bild der Frau der oberen Stnde bis zur Schwelle des 19. Jahrhunderts, also bis zu der Zeit, von der ab eine planmige Frauenbewegung berall zum Durchbruch kam, zu vollenden, darf die franzsische Beherrscherin der Salons des vorigen Jahrhunderts nicht vergessen werden. In den zahllosen Memoiren jener Zeit spiegelt sich das Bild ihres Wesens wieder: ihre Grazie und ihre Frivolitt, ihre Gefhlsroheit und ihre Sentimentalitt, ihre tiefe Erniedrigung und ihr Erwachen. Selbst durch die dicken Mauern der Klster, in denen die jungen Mdchen erzogen wurden, schlpfte die Lascivitt: so schmiedete eine der Maitressen Ludwigs XV. hier schon als Schlerin den Plan, durch den sie den Knig einfangen wollte.[163] Glanz und Vergngen war Aller Sehnsucht; eine Ehre war's, die Heldin eines Skandals zu sein und die Kavaliere des Hofes konnten sich der Verfolgungen hoher Damen kaum erwehren.[164] Die Ehe war ein zwischen den Eltern des Paares abgemachtes Geschft. Es widersprach durchaus der Sitte, galt fr altmodisch und lcherlich, wenn die Gatten einander Liebe zeigten. Die Frau hatte ihre Liebhaber, der Mann seine Maitressen. Bei der umstndlichen Morgentoilette empfing die Dame des Hauses ihre ersten Besuche; abends in der kleinen, dicht verschlossenen Theaterloge, die auch gegen den Zuschauerraum durch Vorhnge geschtzt werden konnte, nachts auf den ppigen Maskenbllen hatte sie ihre rendez-vous. Wie die Mode alle Natur unterdrckte, die Taille gewaltsam einzwngte, die Hften durch Reifrcke ins Ungeheuerliche vergrerte, die Haare durch Puder ihrer Farbe beraubte, das Gesicht durch Schminken und Schnpflsterchen zur Maske machte, so waren auch alle natrlichen Gefhle erstickt und verzerrt. Liebe, Kunst, Wissenschaft--alles stand nur im Dienst der Genusucht. Die vielgerhmte geistreiche Konversation des 18. Jahrhunderts war schillernd und oberflchlich, nur auf Triumphe der Eitelkeit berechnet. Fr die Korruption des weiblichen Geschlechts spricht jedoch eine Thatsache lauter als alles andere: die Verachtung der Mutterschaft, das Verleugnen des Kindes. Kaum geboren, schickte die Mutter es aufs Land zu einer Amme; es selbst zu nhren, verbot die Rcksicht auf die Gestalt und die Forderung des geselligen Lebens. Zurckgekehrt, wurde es einem Hofmeister, oder einer Gouvernante bergeben, die so frh als mglich einen jungen Herrn oder eine junge Dame aus ihm machten. Da es eine frhliche Kindheit fr diese armen Geschpfe nicht gab, beweisen die steifen Toiletten--Miniaturausgaben der Anzge Erwachsener--die geschminkten Kinderwangen und gepuderten Lckchen. Das Kloster lste schlielich die Erziehung durch die Gouvernante ab.[165] Und whrenddessen ging die Mutter dem Vergngen nach, ohne selbst zu wissen, da sie in dieser Hetzjagd dasjenige suchte, was ihr verlassenes Kind ihr htte bieten knnen: ein innerlich reiches Leben. Aber whrend auf der einen Seite ihr Gemtsleben abstarb und ber all den schnen und klugen Frauen jener Zeit ein Schatten von Trauer ruht, entwickelte sich auf der anderen Seite ihr Verstand, ihr kritisches Urteil in einem bisher unbekannten Grade, und die Frau wurde die Herrscherin nicht nur im Reiche der Geselligkeit, der Mode, der schnen Knste, sondern auch im Reiche der Politik. Die Knige, die Minister und Diplomaten wurden in ihren Entschlssen von ihr gelenkt, in ihren Sympathieen und Antipathieen von ihr beeinflut.[166] In den Salons der Grfin Boufflers, der Freundin des Prinzen Conti, der Du Barry, der Estrades, der Herzogin von Gramont, der Prie und der Langeac liefen die Fden der inneren und ueren Politik zusammen. Das Reich der Frauen war, wie Montesquieu sagte, ein Staat im Staate: "Wer die Minister handeln sieht und die Frauen nicht kennt, die sie beherrschen, ist wie jemand, der eine Maschine arbeiten sieht, aber die Krfte nicht kennt, durch die sie bewegt wird."[167] Diese Hintertreppenpolitik, welche die Frauen treiben muten, weil sie ffentliche Rechte nicht besaen, wirkte natrlich uerst nachteilig auf ihren Charakter; denn je schlauer und intriganter sie waren, desto mehr erreichten sie. Andererseits wurde ihr Interesse fr die Fragen des ffentlichen Lebens dadurch erweckt, und whrend die groe Courtisane und begabte Diplomatin, Marquise de Tencin zu Gunsten ihrer Liebhaber und ihrer korrumpierten Gesellschaft politisierte und intriguierte,[168] traten die Frauen des Brgertums, eine Necker, eine Roland, fr die Vorkmpfer der Revolution in die Schranken der politischen Arena. Auch die Revolution des Geistes, die von Diderot, d'Alembert, und ihren Freunden, den Encyklopdisten, getragen wurde, fand Untersttzung durch die Frauen. Aber diese Untersttzung darf nicht berschtzt werden. Nur zu oft war es das Bedrfnis nach neuen Sensationen, das den modernen Philosophen die Salons und die Herzen ffnete. Alle Gensse hatten diese Frauen durchkostet; sie haschten nur begierig nach einem neuen Genu. Daher ist die entschieden frauenfeindliche Richtung der Encyklopdisten leicht zu erklren, ebenso wie der bei dem lebendigen geistigen Leben zunchst berraschende Umstand, da keine Frau es zu groen schpferischen Leistungen brachte. Whrend aber ein Voltaire die Frauen verspottete, ein Montesquieu ihnen alle Gaben des Geistes absprach und nur ihre krperlichen Reize gelten lie,[169] war es Rousseau, der die Fehler und Schwchen des weiblichen Geschlechts erkannte, um mit feinem psychologischen Verstndnis ihren Ursachen nachzuspren und sie von da aus zu bekmpfen. Wenn er dabei ber das Ziel hinausscho und die Frauen, die, losgerissen von jedem festeren Grund ihres Daseins, zu seiner Zeit halt- und ziellos umherschweiften, nur im Haus und fr das Haus erzogen wissen wollte, so wiegte diese eine Uebertreibung sehr leicht gegenber den Diensten, die er den Frauen geleistet hat. Unnachsichtig in seiner Kritik, erklrte er doch zugleich viele ihrer Schwchen: eine Frau, die sechs Stunden am Tage zum Anziehen braucht, meinte er, zeigt dadurch, da sie nichts Besseres zu thun hat, um ihre Langeweile zu tten.[170] Der Kindheit und der Jugend wollte er die harmlose, ungebundene Heiterkeit,[171] dem Weibe die reine Liebe wiedergeben, denn nicht ihre Eltern haben den Gatten zu whlen, sondern ihr eigenes Herz.[172] Er hielt ihr den Spiegel der Natur vor Augen, damit sie ihre eigene innere und uere Unnatur beschmt erkennen mchte. Er geielte rcksichtslos ihren Miggang, und wandte sich an beide Geschlechter, wenn er ausrief: Wer in Unthtigkeit verzehrt, was er nicht selbst verdient hat, ist ein Dieb.[173] Das erlsende Wort jedoch fr die eingeschnrte Frauenseele war dies noch nicht; er fand es in der kurzen Weisung: werde Mutter! Nhre dein Kind an deinem eigenen Busen, hte es, erziehe es, und von selbst wird die Sittenlosigkeit verschwinden, das Gefhlsleben zur Natur zurckkehren, werden die Eheleute sich innig verbunden fhlen; denn sobald die Frauen wieder anfangen, Mtter zu sein, werden die Mnner es lernen, wieder Gatten und Vter zu werden.[174] Mit diesem Hinweis auf die Verachtung der Mutterschaft hatte Rousseau die verborgene Wunde der Frau des 18. Jahrhunderts aufgedeckt. Da er aber kein Prophet im Sinne naiver Glubiger war, aus dessen Kopf vllig neue Gedanken unvermittelt aufsteigen, wie Athene aus dem Haupte des Zeus, sondern nur einer jener genialen Mnner, die das geheime Leid ihrer Nebenmenschen, ihr wortloses Seufzen und Sehnen zuerst vernehmen und aussprechen, so begrten zahllose ihn als ihren Erlser. Sagte er doch nur, was sie selbst dumpf empfunden hatten, wies er ihnen doch nur den Weg, den sie unsicher tappend, wie Blinde, selbst schon suchten. Nirgendwo zeigt sich diese Wirkung deutlicher als in den wundervollen Memoiren der Madame d'Epinay. Fr eine kommende Zeit und ein neues Geschlecht mit jugendkrftigen Gliedern und warm pulsierendem Herzensblut, schrieb Rousseau, derselbe Mann, der der Gegenwart das Grablied sang, den feurigen Morgengru: Der Mensch ist frei geboren.... Strke gewhrt kein Recht.... Auf seine Freiheit verzichten, heit auf seine Menschheit, seine Menschenrechte, ja selbst auf seine Pflichten verzichten.... Der Grundvertrag der Gesellschaft mu an Stelle der physischen Ungleichheit eine sittliche und gesetzliche Gleichheit setzen.[175] Wie er damit die Grundlinien einer Revolutionierung des bestehenden Gesellschaftssystems zog, so bezeichnete er dadurch zu gleicher Zeit die Leitstze fr eine Revolutionierung der Stellung der Frau. Da aber die krftigste Saat unfruchtbar bleiben mu, wenn sie nicht auf fruchtbaren Boden fllt, so wre auch keiner dieser Gedanken in die Kpfe und Herzen des Volkes eingedrungen, wenn nicht die wirtschaftliche und politische Entwicklung sie dafr empfnglich gemacht htte. Nicht die wenigen Mnner, deren spekulativer Verstand ihnen die Erkenntnis der Notwendigkeit tiefgreifender Wandlungen vermittelte, machten die Revolution, sondern sie wuchs mit der Gewalt eines Naturgesetzes aus den gesamten verrotteten Zustnden heraus; und nicht die wenigen Frauen, die infolge persnlicher Begabung die ihrem Geschlecht gesteckten Grenzen berschritten, oder infolge persnlicher Schicksale ihre unwrdige Lage erkannten, machten die Frauenbewegung--zu der sittlichen mute die materielle Not der Masse der Frauen kommen, die, herausgerissen aus Haus und Familie, in harter Arbeit den Kampf ums Dasein kmpften, damit sie entstehen konnte. 5. Die Frauen im Zeitalter der Revolution. Nach schwchlichen, unzureichenden Versuchen friedlicher Reformen brach die Revolution aus. Sie mute von Frankreich ausgehen, obwohl in allen Kulturstaaten die gleichen Konflikte zu Tage traten, weil gerade hier alle Umstnde zusammentrafen, aus denen allein sie in ihrer ganzen welterschtternden Gewalt hervorwachsen konnte: die durch ein jahrhundertelanges frivoles Lasterleben erzeugte Korruption der herrschenden Klassen, die damit in engstem Zusammenhang stehende Verelendung des arbeitenden Volks und--nicht zuletzt--die geistige Revolutionierung der Bourgeoisie durch die Voltaire, Rousseau und die Encyklopdisten. In der franzsischen Philosophie des 18. Jahrhunderts finden sich alle jene Ideen, die in den Strmen der Revolution nach Verwirklichung strebten.[176] Wie diese Ideen gerade die Frauen erobert hatten, beweisen die Memoiren und Briefwechsel jener Zeit. Mit neun Jahren las Manon Philipon den Plutarch und begeisterte sich an den Gestalten antiker Helden, mit vierzehn Jahren verlor sie, eine Klosterschlerin, durch die Schriften Diderots und d'Alemberts ihren Glauben und wurde eine feurige Schlerin Rousseaus;[177] hnlich entwickelte sich ihre reizende Rivalin in der Herrschaft ber die Helden der Anfnge der Revolution, Sophie de Grouchy, Marquise de Condorcet, deren erstes Andachtsbuch Mark Aurels Meditationen war und die mit kaum zwanzig Jahren Voltaires und Rousseaus Geist in sich aufnahm, um ihnen bis zum Ende treu zu bleiben.[178] Aber auch andere Frauen, die in der Geschichte der Revolution eine Rolle zu spielen nicht bestimmt waren, nhrten ihren Geist an denselben Quellen und gaben ihren Kindern, denen sie sich, beeinflut durch Rousseau, wieder zu widmen lernten, das Beste, was sie selbst besaen. Es ist kein Zufall, da die Zeit der ersten Begeisterung fr "Emile" mit der Zeit der Geburt und Kindheit der Helden der Revolution, der Robespierre, Danton, Desmoulins und vieler anderer zusammenfllt, denn in den Hnden ihrer Mtter lag der Contrat social, mit der Muttermilch sogen sie die Ideale der Freiheit und Gleichheit ein.[179] Die Theorieen der Denker, die Trume der Philosophen appellierten wie nie zuvor an das Gefhl und machten daher die Frauen zu ihren glhendsten Vertreterinnen. In ihren Salons versammelten sich die fhrenden Geister und achteten ihr Urteil als ein dem der Mnner durchaus gleichwertiges, die ganze Geselligkeit war erfllt von jenem elektrischen Fluidum, dem niemand sich entziehen kann, der in seinen Strom gert, und das alle schlummernden Krfte des Geistes zu reger Bethtigung auslst.[180] Whrend der eine Teil der Frauen sich damit begngte fr Natur, Freiheit und Gleichheit zu schwrmen, zog der andere die Konsequenzen der neuen Wahrheit und griff--es sei hier nur an eine Roland, eine Stal erinnert--nicht nur urteilend, sondern auch leitend in das Getriebe der inneren Politik ein.[181] Bei der Beurteilung der Teilnahme der Frauen Frankreichs am politischen Leben darf aber ein Umstand nicht auer acht gelassen werden: der Einflu Amerikas. Wie er sich in der Erklrung der Menschenrechte in der Nationalversammlung geltend machte, und der freiheitliche Luftzug, der von den Unabhngigkeitskriegen ausging, manch mittelalterlichen Trdel aus Europa austreiben half, so ist auch die Frauenbewegung der Revolutionszeit in vielen ihrer Zge auf ihn zurckzufhren. Die Frauen Amerikas schrten von Anfang an den Widerstand ihres Vaterlandes gegen die englische Herrschaft. Mercy Otis Warren, die Schwester des feurigen Freiheitskmpfers James Otis, vereinigte in ihrem Salon die Fhrer der Bewegung; als sogar Washington von der endgltigen Trennung der Kolonieen vom Mutterlande noch nichts wissen wollte, forderte sie die Unabhngigkeit Amerikas. Sie stand mit Jefferson in lebhaftem Briefwechsel und die Unabhngigkeitserklrung zeigt deutlich die Spuren ihres Geistes. Sie und ihre Freundin Abigail Smith Adams, die Gattin des ersten Prsidenten der Vereinigten Staaten, waren aber auch die ersten Vorkmpferinnen der Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts. Als im Jahre 1776 der kontinentale Kongre die Verfassung zu beraten hatte, schrieb Abigail Adams ihrem Gatten: "Wenn die knftige Verfassung den Frauen keine grndliche Aufmerksamkeit schenkt, so sind wir zur Rebellion entschlossen, und halten uns nicht fr verpflichtet uns Gesetzen zu unterwerfen, die uns keine Stimme und keine Vertretung unserer Interessen zusichern." Zu gleicher Zeit verlangte sie die Zulassung des weiblichen Geschlechts zu den ffentlichen Schulen und begrndete ihre Forderung, indem sie erklrte, da ein Staat, der Helden, Staatsmnner und Philosophen hervorbringen wolle, zuerst wahrhaft gebildete Mtter haben msse. Infolgedessen wurden die Schulen den Frauen geffnet, whrend der Wunsch nach politischer Gleichberechtigung fr die Gesamtheit der Vereinigten Staaten unerfllt blieb. Nur New-Jersey und Virginia verliehen als erste Staaten der Welt ihren weiblichen Brgern das Wahlrecht--eine gesetzgeberische That, die weit ber die Grenzen Amerikas hinaus das grte Aufsehen erregte.[182] Alle diese Thatsachen zusammengenommen fachten die Begeisterung fr die Frauenbewegung in Frankreich zu hellen Flammen an. Da der Boden dafr vorbereitet war, konnte sie nicht unfruchtbar bleiben. Der Wunsch nach hherer Bildung, um durch sie wirkungsvoller in die Kmpfe der Zeit eingreifen zu knnen, machte sich zunchst geltend. Die Konversation in den Salons, die Privatlektre gengten nicht mehr und so wurde im Jahre 1786 unter Leitung von Montesquieu, Laharpe und Condorcet ein Lyceum gegrndet, das bald der Sammelpunkt der hervorragendsten Frauen wurde, denen sich ein kleiner Kreis von Mnnern,--im ganzen etwa 700 Personen,--anschlo. Die letzten der Encyklopdisten und ihre Nachfolger lasen dort ber Mathematik, Chemie, Physik, Geschichte, Litteratur und Philosophie; aber unter dem Gluthauch der Revolution wurden ihre gelehrten Vorlesungen bald zu feurigen Agitationsreden. Laharpe erschien in der phrygischen Mtze auf der Tribne,[183] und die Schler, zu denen Madame Roland, Marquise Condorcet und Madame Tallien gehrten, wurden aus Zuhrern handelnde Personen in dem Drama, das sich drauen entwickelte. Durch die Grndung des Lyceums war das Recht der Frauen auf Bildung anerkannt worden; sobald die Nationalversammlung zusammentrat, forderten die Frauen in Petitionen und Flugschriften die Anerkennung dieses Rechtes auch vom Staat.[184] Die Konstitution von 1791 nahm zu diesen Forderungen Stellung. Talleyrand, der der Nationalversammlung den Bericht ber die Neuordnung des ffentlichen Unterrichts vorlegte, widmete der Frage der Frauenerziehung und Bildung einen Abschnitt, der von den brigen ruhigen theoretischen, ja oft trockenen Ausfhrungen durch seinen agitatorischen Ton auffallend absticht.[185] Um die von ihm gewnschte Einschrnkung der Frauenbildung auf das geringste Ma zu begrnden, griff er bis auf die Frage zurck, ob Frauen als Staatsbrger anzusehen seien. Er gab von vornherein zu, da es wie eine mit den Idealen der Revolution in schroffstem Widerspruch stehende Ungerechtigkeit erscheine, wenn eine Hlfte des Menschengeschlechts auerhalb der Verfassung stehe, aber, so fgte er hinzu, ein anderer wichtiger Umstand msse dabei in Betracht gezogen werden: der Zweck aller staatlichen Einrichtungen mu das Glck der grten Anzahl sein; wenn die Ausschlieung der Frauen von allen ffentlichen Rechten fr beide Geschlechter ein Mittel ist, die Summe ihres Glcks zu erhhen, so mu jeder Staat sie in seine Verfassung aufnehmen. Da nun die Erziehung der mnnlichen Jugend das Ziel hat, Brger heranzubilden, die allen Rechten und Pflichten dem Staate gegenber gewachsen sind, die Natur den Frauen dagegen das Leben im stillen Kreise des Hauses inmitten ihrer Kinder bestimmt hat, und jede Uebertretung der Naturgesetze eine Quelle des Unglcks ist, so mssen die Erziehungsmethoden fr beide Geschlechter durchaus verschieden sein. Im Anschlu an Talleyrands Bericht beschlo die Nationalversammlung die Mdchen nur bis zum achten Lebensjahr in ffentlichen Schulen zuzulassen und sie von da ab der huslichen Erziehung durch die Eltern anzuvertrauen. Wo diese fehlt, sollen an Stelle der frheren klsterlichen Erziehungsanstalten weltliche treten, in denen die Mdchen in allen ihrem Geschlecht angemessenen Kenntnissen und Fertigkeiten unterrichtet werden. Der Konvent von 1793 ging etwas weiter, indem er bestimmte, da alle Kinder, ohne Unterschied des Geschlechts, vom 5. bis zum 12. Jahre in sogenannten maisons d'galit gemeinsam erzogen werden sollten.[186] Eine andere Spur eines Versuchs, die Erziehung des weiblichen Geschlechts zu heben oder gar der mnnlichen gleichzustellen, findet sich nicht. Die politischen und wirtschaftlichen Fragen standen viel zu sehr im Vordergrund des allgemeinen Interesses, als da diese Forderung der Frauen eingehende Bercksichtigung htte finden knnen. Sie wurde auch von ihnen selbst ohne groen Nachdruck verfolgt; die Frauen der Bourgeoisie saen sowieso schon als Gleichberechtigte an der reichbesetzten Tafel geistiger Gensse, und die Frauen der arbeitenden Klassen waren noch nicht imstande, geistigen Hunger zu spren, wo der physische ihren Krper verzehrte. Ihre Lage war von Jahr zu Jahr entsetzlicher geworden. Die Jahre 1789 bis 1799 waren fr die franzsische Industrie verderblich, nicht nur weil die machtvolle Konkurrenz Englands sie frmlich erdrckte, sondern,--und das sprten die arbeitenden Frauen besonders empfindlich,--weil infolge der Emigration und der Stockung des groen geselligen Hoflebens die Seiden-und Spitzenmanufaktur rapide zurckging.[187] Dabei stiegen die Lebensmittelpreise und die Scharen der hungernden Arbeitslosen wuchsen erschreckend an. Zwanzig Jahre vor Ausbruch der Revolution zhlte man 50000 Bettler in Frankreich; obwohl auf die Bettelei drei Jahre Galeerenstrafe stand, wuchs die Zahl der Bettler in den nchsten zehn Jahren bis auf 1-1/2 Millionen;[188] in Lyon, dem Hauptsitz der Seidenindustrie, waren um 1787 30000 Arbeiter auf Almosen angewiesen, in Paris fanden sich auf 680000 Einwohner 116000 Bettler.[189] Vielfach wurden die Frauen unter ihnen jahrelang in engen, schmutzigen Arbeitshusern interniert, wo die grlichsten Krankheiten nie aufhrten, und man die Armen, als ob sie nicht durch das eigene Unglck genug gegeielt wrden, mit Peitschenhieben zchtigte.[190] Die grte Not aber herrschte in den Pariser Proletariervierteln von St. Antoine und du Temple. Hier wuchs mit dem Elend der Ha empor, und er richtete sich nicht nur gegen den Absolutismus, die Feudalherrschaft und das Kirchenregiment, wie der Ha der Bourgeoisie, sondern in erhhtem Mae gegen die Ausbeuter und Kornwucherer, die den politisch Rechtlosen auch noch um das tgliche Brot bestahlen oder es durch verdorbenes Mehl vergifteten, so da Skorbut und Dysenterie besonders massenhaft die Kinder hinwegrafften.[191] Hier war der Herd jener furchtbaren Seuche, der Prostitution, die entsetzenerregende Dimensionen annahm. Schtzte doch Pater Havel im Jahre 1784 die Zahl der Prostituierten in Paris auf 70000![192] Aber von hier entstammten auch jene Frauen, die, ohne von den Menschenrechten und den philosophischen Redeturnieren etwas zu verstehen, in den Gang der Revolution bestimmend eingreifen sollten, weil die gewaltigsten Triebkrfte der Natur, Hunger und Liebe,--Liebe zu den jammernden, schuldlosen Erben ihres Elends,--sie in den Kampf jagten. Die Frauen der Bourgeoisie schienen vor 1789 gegenber den Leiden und Forderungen der Frauen des arbeitenden Volks mit Blindheit geschlagen; sie schwrmten fr Freiheit und Gleichheit, fr ein friedliches Leben in der Natur, fr Brderlichkeit und allenfalls fr Gleichberechtigung ihres Geschlechts in Bezug auf Bildung und politische Rechte, aber sie waren, wie die gesamte Bourgeoisie jener Epoche, weit entfernt davon, ber die Kluft, die sie vom Proletariat trennte, hinwegzuschreiten oder auch nur hinberzusehen. Selbst die Memoiren der bedeutendsten unter ihnen enthalten keine Schilderung, ja nicht einmal einen Hinweis auf das Elend ihrer rmsten Geschlechtsgenossinnen. So merkwrdig nun auch dieser Umstand erscheint, so wenig kann daraus auf bewute Herzlosigkeit geschlossen werden. Wie es noch heute selbst vortrefflichen Menschen schwer fllt, den Kreis ihrer Gefhle so ber die eigene Klasse auszudehnen, da keinerlei Regung des Klassenegoismus mehr bei ihnen aufkommen kann, so war es vor hundertzehn Jahren, wo die inneren und ueren Schranken zwischen den Stnden weit grere waren, noch viel schwerer. Das Proletariat mute seine Sache selbst fhren, wenn es berhaupt beachtet werden wollte; erst das Heer schuf die Heerfhrer, nicht umgekehrt. Erst als die Schlsser des Adels in Flammen aufgingen und die Bastille, die Zwingburg des Absolutismus, unter dem wtenden Ansturm des Volkes zusammenbrach, entschlossen sich die Deputierten der Nationalversammlung zur Aufhebung des Frondienstes und der Feudallasten und wiesen, halb entsetzt, halb erfllt von dem Wunsch, Abhilfe zu schaffen, auf die verdeten Werksttten und die Massen der Arbeitslosen hin.[193] Und die Frauen, die, soweit sie Mtter waren, vom Unglck doppelt getroffen wurden, fanden nicht eher Beachtung, als bis sie endlich aus ihrem stumpfen Dulderdasein zu selbstndigem Handeln erwachten. Von den zwei Arbeiterdeputationen, die, Hilfe heischend, vor der Nationalversammlung erschienen, bestand eine aus Frauen und war von Frauen entsandt. Ihr Auftreten war so naiv und ungeschickt wie mglich. Sie kamen wie die Kinder zum Vater: sie klagten ihre Not, sie baten um Hilfe, aber sie wuten selbst nicht, wie man ihnen helfen sollte;[194] da sie kamen, war schon Wagnis genug, wie htten sie sich auch noch zur Aussprache bestimmter Forderungen entschlieen knnen? Ihre That, so ergebnislos sie an sich zu sein schien, wurde von weittragender Bedeutung: die Frauen fhlten den Mut, zu sagen, was sie qulte; die durch die wirtschaftliche Entwicklung der voraufgehenden Jahrhunderte immer klarer in Erscheinung tretende soziale Seite der Frauenfrage gelangte zu klarem Bewutsein. Zahlreiche, meist anonym erscheinende Broschren beschftigten sich mit der Frauenarbeit und ihrer Regelung; die ganze Not des armen alleinstehenden Mdchens, das von der ehrlichen Arbeit ihrer Hnde nicht leben kann und der Schande gewaltsam in die Arme gestoen wird, klang aus der "Motion de la pauvre Javotte"[195] erschtternd heraus; als eine notwendige Folge der wirtschaftlichen Zustnde wurde in anderen Schriften,--ein bis dahin unerhrter Schlu!--die Prostitution betrachtet und Mittel, sie einzuschrnken, gesucht. Auf die Zurckdrngung der Frauen von guten Erwerbsmglichkeiten wurde die Korruption der nur aus geschftlichen Grnden geschlossenen Ehen zurckgefhrt, und die Forderung, dem weiblichen Geschlecht die Wege zu ehrlicher, den Lebensunterhalt ermglichender Arbeit zu erffnen, wurde immer lauter und bestimmter. In einer Petition der Frauen an den Knig fand sie ihre klarste Fassung. Die Mnner, so heit es darin, sollen die den Frauen zukommenden Gewerbe, Schneiderei, Stickerei, Putzmacherei etc., nicht ausben drfen, dafr wrden die Frauen sich verpflichten, weder den Kompa noch das Winkelma zu fhren; "wir wollen Beschftigung haben, nicht um die Autoritt der Mnner an uns zu reien, sondern um unser Leben zu fristen."[196] Ein Resultat hatten ihre Wnsche natrlich nicht, aber die einmal aufgeworfene Frage der Frauenarbeit konnte nicht mehr berhrt und vergessen werden. Sie beeinflute die Diskussion ber die Lage der Znfte, die bekanntlich das weibliche Geschlecht nach und nach ganz aus ihren Verbnden herausgedrngt hatten, und deren Auflsung im Jahre 1791 daher von seiten der Frauen jubelnd begrt wurde. Sie bedeutete fr sie, gleichgltig welches die weiteren Folgen waren, die Anerkennung der Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts auf dem Gebiete manueller Arbeit. Das ffentliche Auftreten der Frauen des arbeitenden Volks beschrnkte sich jedoch nicht auf Petitionen und Pamphlete, und es ist bekannt, wie die Gegner der Revolution sich darin gefallen, ihr Eingreifen in die Kmpfe des Tages in den grausigsten Farben zu schildern, indem sie Schillers Ausspruch von den Weibern, die zu Hynen werden, zu illustrieren suchen. Gewi ist, da der Sturm entfesselter Leidenschaften nirgends verderbenbringender auftritt, als dort, wo er mit allen Mitteln der Gewalt unterdrckt worden war, und da es unter den Frauen wie unter den Mnnern Abenteuerer und Verbrecher gab, wie sie in erregten Zeiten berall aufzutauchen pflegen. Die Heldinnen der Revolution sind aber von diesen wohl zu unterscheiden. Der 9. Oktober 1789 war der Tag ihres Triumphes. Die Hungersnot in Paris, die Gerchte der skandalsen Vorgnge in Versailles hatten die Aufregung des Pariser Volks aufs uerste gesteigert, aber nicht die Mnner, sondern die Frauen, die Arbeiterinnen der Vorstdte, die Hndlerinnen der Hallen waren es, die sich zur That entschlossen. Nachdem sie zuerst das Rathaus gestrmt und vergebens Brot gefordert hatten, zogen sie, 8000 an der Zahl, nach Versailles.[197] Diese revolutionre Aktion vom 6. Oktober, die unvorbereitet aus dem natrlichen Gefhl des Volks herauswuchs, gehrt den Frauen, wie die des 14. Juli den Mnnern gehrt hatte. Die Mnner eroberten die Bastille, die Frauen den Knig und damit das Knigtum.[198] Denn obwohl es zunchst den Anschein hatte, als wre die Revolution beendet, fing sie in Wahrheit erst an. Die Frauen des Volks aber hatten sich aus eigener Kraft ihren Platz im ffentlichen Leben erkmpft; mochten sie auch der Rechte der Staatsbrger noch lange verlustig gehen, ihre Stimme konnte nicht mehr berhrt, ihre Lage nicht mehr bersehen werden. Dabei war ihr eigenes Interesse an den Fragen der inneren und ueren Politik geweckt worden, sie hatten einsehen gelernt, wie tief diese Fragen auch in ihr Leben und das ihrer Kinder eingreifen, und wurden auf Grund dieser Erkenntnis zu treibenden Krften der revolutionren Propaganda.[199] Sie traten nicht nur in die politischen Klubs der Mnner ein und beteiligten sich an den Debatten, sie grndeten nunmehr auch in fast allen groen Stdten Frauenvereine, deren Mitgliedschaft eine sehr bedeutende war. Der Verein Amies de la Constitution zhlte allein in Bordeaux 2000 Mitglieder,[200] und der Verein der Femmes rpublicaines et rvolutionnaires brachte es in Paris bis zu 6000. Dem der Patriotes des deux sexes dfenseurs de la Constitution, der unter dem Saale des Jakobinerklubs zu tagen pflegte, gehrt auch Madame Roland, die einflureichste Politikerin der Revolution als Mitglied an. Sie war die Seele der Gironde; ihrem Ruf und Einflu verdankte ihr Gatte seine Bedeutung und seine Wiederberufung ins Ministerium; die franzsischen Archive enthalten zahlreiche diplomatische Akte, die von ihrer Hand geschrieben sind. Sie bertraf an Kenntnissen, an Reinheit der Gesinnung, an moralischem Mut die meisten ihrer Zeitgenossen; nur sie war im stnde jenen Brief an den Knig zu schreiben, der die Ereignisse des 21. Juni und 10. August vorbereitete. So sehr demnach ihre Person den Beweis fr die Berechtigung der Forderungen der Frauenbewegung lieferte, so wenig bte sie irgend welche direkten Einflu auf ihren Fortschritt und ihre Organisierung. Eine der eigentmlichsten Persnlichkeiten, welche die an Originalen so reiche Revolutionsperiode hervorbrachte, sollte die erste Organisatorin und Agitatorin der Frauenbewegung werden: Olympe de Gouges. Ihr eigentlicher Name war Marie Gouze, ihre Eltern einfache Brger von Montauban, doch scheint es nicht ausgeschlossen, da sie einem Verhltnis ihrer Mutter Olympe,--nach der sie sich spter nannte,--mit dem Dichter Le Franc de Pompignan ihr Dasein verdankte.[201] Noch sehr jung heiratet das blhend schne Mdchen, deren bourbonische Zge zu dem Gercht Anla gaben, da Ludwig XV. ihr Vater gewesen sei, aber schon nach wenigen Jahren warf sie die Fesseln ihrer tief unglcklichen Ehe von sich. Olympe begab sich nach Paris, wo sie trotz ihrer sehr mangelhaften Bildung infolge ihres sprhenden Geistes und ihrer Schnheit der Mittelpunkt frhlicher Geselligkeit wurde. Da das unerfahrene Geschpf dabei ihr Herz vor strmischen Leidenschaften nicht behten konnte, darf nicht Wunder nehmen. Sie lernte die Abgrnde und die Hhen des Lebens nach jeder Richtung kennen, ehe sie dazu gelangte, die Vorkmpferin ihres Geschlechts zu werden. Ihre reiche Phantasie suchte sich zunchst einen Ausweg in litterarischer Produktion fr das Theater, natrlich, trotz geistreicher Aperus, bei ihrer geringen Bildung mit wenig Erfolg.[202] Bald jedoch wandte sie unter dem Eindruck der fortschreitenden Revolution dieser Thtigkeit und ihrem ganzen bisherigen Leben den Rcken. "Ich brenne darauf," schrieb sie, "mich der Arbeit fr das ffentliche Wohl rckhaltlos in die Arme zu werfen." Sie that es mit der ganzen Energie ihres Charakters. Ihre Genialitt berwand spielend alle Schwierigkeiten, die ihr entgegenstanden. Das Elend des Volks und ihres Geschlechts war es, was ihr ungewhnliche Krfte verlieh. Sie berraschte nach dem Urteil der Zeitgenossen immer wieder durch den Reichtum ihrer Ideen und die Macht ihrer Sprache. Selbst die Nationalversammlung hrte staunend dieser glnzenden Rednerin zu und folgte vielfach ihren praktischen Anregungen. Aus allem aber, was sie schrieb und sagte, sprach die weibliche Natur in ihren schnsten Zgen. Angesichts der Hungersnot veranlate sie durch einen ffentlichen Aufruf und durch ihr Beispiel, da zahlreiche Frauen in wetteiferndem Opfermut ihren Schmuck dem Staate schenkten. Ergreifend schilderte sie das Elend im Armenhaus von St. Denis und beschftigte sich mit der brennenden Frage der Zunahme der Bettelei. Zuerst verlangte sie Einrichtung ffentlicher Untersttzungskassen zu seiner Bekmpfung, dann aber, als ihr das Erniedrigende des Almosenempfanges zum Bewutsein kam, agitierte sie in Wort und Schrift fr die Errichtung staatlicher Musterwerksttten fr Arbeitslose, ein Gedanke, der teilweise zur Verwirklichung kam. Alle diese Bestrebungen aber waren gegenber ihrer Thtigkeit zu gunsten ihres eigenen Geschlechts nur von ephemerer Bedeutung. Auf dem Gebiete der Frauenbewegung war ihr Auftreten epochemachend. Schon in ihrer Adresse an die Frauen hatte sie ausgerufen: "Ist es nicht Zeit, da auch unter uns Frauen eine Revolution beginnt? Sollen wir immer vereinzelt sein? Werden wir nie an der Gestaltung der Gesellschaft thtigen Anteil nehmen?" Als aber die Erklrung der Menschenrechte erschien und alles begeisterte, verffentlichte sie ein Manifest, die Erklrung der Rechte der Frauen, das in kurzen krftigen Zgen das Programm der Frauenbewegung enthlt. Nach einigen einleitenden Worten, in denen sie nachweist, da das Verkennen, Vergessen oder Verachten der Rechte der Frauen die Ursache nationalen Unglcks und sittlicher Korruption wre, fhrt sie fort: "Die Frau ist frei geboren und von Rechtswegen dem Manne gleich. Das Ziel jeder gesetzgebenden Gemeinschaft ist der Schutz der unveruerlichen Rechte beider Geschlechter: der Freiheit, des Fortschritts, der Sicherheit und des Widerstands gegen die Unterdrckung.... Die Ausbung der Rechte, die der Frau von Natur gebhren, ist aber bisher in engen Schranken gehalten worden. Aus der Gemeinschaft von Mnnern und Frauen besteht die Nation, auf der der Staat beruht; die Gesetzgebung mu der Ausdruck des Willens dieser Allgemeinheit sein. Alle Brgerinnen mssen ebenso wie alle Brger persnlich oder durch ihre gewhlten Vertreter an ihrer Gestaltung teilnehmen. Sie mu fr alle die gleiche sein. Daher mssen alle Brgerinnen und alle Brger, entsprechend ihren Fhigkeiten, zu allen ffentlichen Stellungen, Auszeichnungen und Berufen gleichmig zugelassen werden; nur die Verschiedenheit ihrer Tugenden und Talente drfen den Mastab fr ihre Wahl abgeben. Die Frau hat das Recht, das Schaffot zu besteigen, die Tribne zu besteigen, sollte sie dasselbe Recht besitzen. Die Rechte der Frau aber sollen der Wohlfahrt aller, und nicht dem Vorteil des Geschlechts allein dienen. "Die Frau trgt ebenso wie der Mann zum Vermgen des Staates bei, sie hat dasselbe Recht wie er, ber dessen Verwaltung Rechenschaft zu fordern. Eine Verfassung ist ungltig, wenn nicht die Mehrheit aller Individuen, aus denen die Nation besteht, an ihrer Gestaltung mitgearbeitet hat.... Erwacht, ihr Frauen!... die Fackel der Wahrheit hat die Wolken der Thorheit und der Tyrannei zerstreut; wann werdet ihr sehend werden? Vereint euch; setzt der Kraft der rohen Gewalt die Kraft der Vernunft und Gerechtigkeit entgegen. Und bald werdet ihr sehen, wie die Mnner nicht mehr als schmachtende Anbeter zu euren Fen liegen, sondern, stolz darauf, die ewigen Rechte der Menschheit mit euch zu teilen, Hand in Hand mit euch gehen."[203] Ihre Erklrung blieb nicht ohne Folgen. Zahlreiche Broschren fr und gegen die Forderungen der Frauen erschienen. Aus der unbedeutenden Modenzeitung Journal des femmes entstand die erste Zeitschrift fr die Frauenbewegung: l'Observateur fminin. Die Nationalversammlung wurde mit Petitionen bestrmt, die politische und soziale Gleichstellung verlangten. "Ihr habt eben die Privilegien abgeschafft, beseitigt auch die des mnnlichen Geschlechts," hie es in der einen; "das Volk wird in den Besitz seiner Rechte eingesetzt, die Neger werden befreit, warum befreit man nicht auch die Frauen?" in der anderen.[204] Olympe de Gouges hielt in richtiger Erkenntnis den Augenblick fr gekommen, die vereinzelten Kmpferinnen fr Frauenrechte zu vereinigen, um ihrem Vorgehen greren Nachdruck zu verleihen. Sie grndete die ersten politischen Frauenvereine, deren Leiterin und glnzendste Agitatorin sie wurde. Leider sollte ihrer Wirksamkeit ein frhzeitiges Ende bereitet werden. Ihrem Gefhl widerstrebte jede Grausamkeit, die sie im Namen der Freiheit verben sah, und sie gehrte nicht zu denen, die es verstehen, der Klugheit zu Liebe die Sprache des Gewissens zum Schweigen zu bringen. "Selbst das Blut der Schuldigen, das grausam vergossen wurde, schndet die Revolution," rief sie aus. Wohl war sie eine begeisterte Republikanerin; schon im Jahre 1789 hatte sie in einem Brief an die Nationalversammlung die Absetzung des Knigs gefordert und angesichts der Hungersnot in einer Adresse an ihn ausgerufen: "Es ist Zeit fr Sie, um sich selbst und um ihr Volk zu zittern. Wollen sie ber Pyramiden von Toten und Berge von Asche regieren?" aber gegen die Art, wie der Proze des Knigs gefhrt wurde, emprte sich ihr mitleidiges Herz. "Wenn ihr mit rauher Hand den Baum der Monarchie umhaut, htet euch, da ihr nicht unter ihm begraben werdet," schrieb sie. Schon dieser Ausspruch erregte Verdacht. Man warf ihr vor, von den Royalisten gekauft zu sein, wogegen sie sich mit dem Hinweis auf ihre Armut,--sie hatte den Armen alles gegeben, was sie besessen hatte,--zu verteidigen suchte. Man wollte jedoch der unbequemen Mahnerin nicht trauen, die durch ihre Beredsamkeit die Massen hinzureien verstand und klagte sie im Jakobinerklub an, an der Spitze einer royalistischen Verschwrung zu stehen, zu der sie, als natrliche Tochter Ludwigs XV., sich besonders berufen fhle. Statt nun in ihren ffentlichen Angriffen auf die Fhrer der Revolution vorsichtiger zu werden, wurde sie nur noch rcksichtsloser, denn das Todesurteil ber den Knig versetzte sie in die uerste Erregung. Sie sah darin nicht nur eine Grausamkeit, sie frchtete auch die Folgen fr die Entwicklung der Revolution: "Blut verwandelt die Geister und Herzen; eine tyrannische Regierungsform wird nur von der anderen abgelst werden." In dem Bedrfnis, nichts unversucht zu lassen, um das Verhngnis, das sie nahen sah, abzuwenden und in dem allen leidenschaftlich empfindenden Naturen gemeinsamen Drang, bis zum uersten fr ihre Ueberzeugung einzustehen, bot sie sich dem Konvent zur Verteidigung des Knigs an. Nach seiner Hinrichtung schrieb sie, ungeachtet der Gefahr, die sie heraufbeschwor, die schrfsten Pamphlete, in denen sie besonders Robespierre heftig angriff und prophetisch ausrief: "Auch dein Thron wird einst das Schaffot sein." Dabei versuchte sie, auch auf die Frauenvereine in ihrem Sinn Einflu zu ben, und erreichte vielfach, da diese eine drohende Haltung einnahmen und ffentlich fr die Opfer der Guillotine Partei ergriffen. Olympe de Gouges konnte dem Schicksal, das sie selbst heraufbeschwor, nicht lange entgehen. Im Sommer 1793--sie war 45 Jahre alt--wurde sie verhaftet, am 3. November fiel ihr Kopf unter dem Fallbeil.[205] Mochte sie in ihrem abenteuerreichen Leben die Grenzen brgerlicher Sittsamkeit noch so oft berschritten haben, mochte ihr exzentrisches Wesen dem landlufigen Begriff zurckhaltender Weiblichkeit noch so wenig entsprechen,--die Frauenbewegung darf dennoch stolz auf ihre Vorkmpferin sein. Das Urteil ber die ffentliche Wirksamkeit eines Menschen bestimmt sich vorwiegend nach den Wirkungen, die er durch seine Thtigkeit auf den sozialen Fortschritt ausgebt hat. Von diesem Standpunkt aus gebhrt Olympe de Gouges der Ruhm, die Frauenbewegung zuerst organisiert und zu einem beachtenswerten Faktor im ffentlichen Leben gemacht zu haben. Dabei war ihr Auftreten typisch fr die Haltung der Frauen und ihrer Vereine berhaupt. Sie erregten in steigendem Mae die lebhafteste Unzufriedenheit des Konvents und der Kommune; teils wurde den Frauen unsittlicher Lebenswandel, teils allzu leidenschaftliches Eingreifen in die politischen Kmpfe zum Vorwurf gemacht. Das geschah gewi nicht ohne Grund, denn eine Zeit, in der alle alten Institutionen ins Wanken geraten, wirft schwache Charaktere und heie Herzen nur zur leicht aus dem rechten Geleise; aber es mu angesichts der harten Urteile der Zeitgenossen ber die Frauenbewegung stets in Betracht gezogen werden, da sie ihr und ihren Forderungen gegenber fast smtlich einen von vornherein feindseligen Standpunkt einnahmen. Selbst die radikalsten Politiker hatten, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht das geringste Verstndnis fr sie. Die Frauen standen fast vollstndig allein, dazu kam, da sie, ihrer Natur getreu, die nach der Gefhlsseite hin am strksten entwickelt ist, rcksichtslos gegen jedermann vorgingen, der sich einer Gemeinheit oder Ungerechtigkeit schuldig machte. Eine groe Anzahl der Anklagen gegen Frauen grndete sich darauf, da sie sich mitleidig eines Gefangenen angenommen, oder fr einen, ihrer Meinung nach unschuldig Verurteilten lebhaft Partei ergriffen hatten. Das war den Mnnern in jener Periode der wachsenden Unempfindlichkeit gegenber den Leiden der Gegner so unverstndlich, da sie es sich immer nur durch das Bestehen eines Liebesverhltnisses zwischen der betreffenden Frau und dem Verurteilten zu erklren vermochten. Auch eine der begabtesten Leiterinnen der Frauenvereine, Rose Lacombe, die den Zug der Frauen nach Versailles angefhrt hatte, geriet unter diesen Verdacht, obwohl er gerade bei ihr, der hingebenden Vorkmpferin der Revolution, am wenigsten begrndet zu sein scheint. Infolge der Erbitterung gegen die ffentlich auftretenden Frauen, die im Jahre 1793, dem Todesjahr Olympe de Gouges, ihren Hhepunkt erreicht hatte, gestalteten sich die Angriffe gegen Rose Lacombe schlielich zum Kampf gegen die Frauenbewegung selbst. Sie hatte sich dem Jakobiner Bazire gegenber beklagt, da Gefangene tagelang im Gefngnis schmachteten, ohne auch nur verhrt zu werden, wie es bei dem Maire von Toulouse, in dessen Sohn man ihren Liebhaber vermutete, geschehen war, und sie forderte, man solle beschlieen, jeden Gefangenen binnen 24 Stunden zu verhren, ihm die Freiheit zu schenken, wenn seine Unschuld sich erweist, ihn zu tten, wenn er schuldig ist. Eine Behandlung, wie die gegenwrtige, verstiee gegen die Gesetze der Menschlichkeit, die die Gesetze der Republik sein mten. Auf die Frage, warum gerade der Maire von Toulouse, ein Aristokrat, sie, die Verfolgerin der Aristokraten, zur Verteidigerin gewinnen knne, erwiderte sie ruhig: "Er verteilt Brot unter die Armen!" Diese Erklrung erschien Bazire nicht ausreichend. Er denunzierte sie im Jakobinerklub und stie um so weniger auf Widerstand, als der revolutionre republikanische Frauenverein, an dessen Spitze Rose Lacombe stand, durch den Mut, mit dem er der Selbstherrlichkeit Robespierres gegenber die Rechte des Volks verteidigte und einer sozialen Revolution die Wege zu bahnen versuchte, schon lngst verdchtigt wurde.[206] Rose Lacombe versuchte vergebens, sich und den Verein zu verteidigen; man lie sie nicht zum Worte kommen und bergab ihre Sache der Kommission fr ffentliche Sicherheit.[207] Obwohl nichts Gravierendes gefunden wurde, beantragte die Kommission, der Konvent mge beschlieen, da alle Frauenvereine, gleichgltig, welchen Namen sie trgen, aufgelst und ein fr allemal verboten wrden. Die Rede des Konventmitglieds Amar, die diesen Antrag begrndete, ist bezeichnend fr die Stellung, welche die Mnner der Revolution der Frauenbewegung gegenber einnehmen. Er verneinte darin die beiden Fragen, ob die Frauen politische Rechte ausben und aktiven Anteil an der Regierung nehmen drften, und ob es ihnen gestattet sein sollte, politische Vereine zu bilden, indem er folgendermaen argumentierte: "Regieren heit, die ffentlichen Angelegenheiten durch Gesetze leiten, deren Ausarbeitung ausgedehnte Kenntnisse, strenge Unparteilichkeit, ernste Selbstverleugnung zur Voraussetzung hat; regieren heit, die Handlungen der Diener des Staates unter stndiger Aufsicht haben. Sind die Frauen dazu fhig, besitzen sie die notwendigen Eigenschaften dafr? Nur durch recht wenige Beispiele knnte diese Frage bejaht werden. Die politischen Rechte der Brger bestehen darin, im Interesse des Staates Beschlsse zu fassen, sie durchzusetzen und der Gewalt zu widerstehen. Haben die Frauen die moralische und physische Kraft, welche das eine wie das andere dieser Rechte erfordert? Die allgemeine Ueberzeugung spricht dagegen...." "Der Zweck der Volksvereine ist, die Thtigkeit der Feinde des ffentlichen Wohles aufzudecken, die einzelnen Brger, die Beamten des Staates, ja selbst die gesetzgebende Krperschaft zu beaufsichtigen; die Begeisterung Aller durch das Beispiel republikanischer Tugenden anzufeuern; sich selbst durch ffentliche Besprechungen ber die Fehler oder die Vorteile politischer Manahmen aufzuklren. Knnen Frauen sich diesen ebenso ntzlichen wie schwierigen Arbeiten unterziehen? Nein, denn sie sind verpflichtet, sich den wichtigen Sorgen hinzugeben, die die Natur ihnen auferlegt hat.... Jedes Geschlecht ist zu der Thtigkeit berufen, die ihm entspricht; seine Handlungen sind auf einen Kreis beschrnkt, den es nicht berschreiten darf, weil die Natur selbst diese Grenzen dem Menschen gesteckt hat.... Erlaubt die Ehrbarkeit dem Weibe, da es sich ffentlich zeigt, da es mit Mnnern diskutiert, und ffentlich, angesichts des Volkes, sich ber die Fragen ausspricht, von denen das Wohl der Republik abhngt? Im allgemeinen sind die Frauen unfhig hoher Konzeptionen und ernster berlegungen.... Aber noch unter einem anderen Gesichtspunkt sind Frauenvereine gefhrlich. Wenn wir bedenken, da die politische Erziehung der Mnner noch im Frhrot der Entwicklung steht, und da wir das Wort Freiheit erst zu stammeln vermgen, um wie viel weniger aufgeklrt sind dann die Frauen, deren Erziehung bisher gleich Null war. Ihre Anwesenheit in den Volksvereinen wrde daher Personen einen aktiven Anteil an der Regierung gewhren, die dem Irrtum und der Verfhrung strker ausgesetzt sind als andere. Fgen wir hinzu, da die Frauen zu Aufregungen besonders geneigt sind und die Interessen des Staates sehr bald alledem geopfert wrden, was die Heftigkeit der Leidenschaften an Irrungen und Aufruhr hervorbringt...." Nach einer schwachen Verteidigung der Frauenvereine erhob der Konvent am 30. Oktober 1793 ihre Auflsung zum Beschlu.[208] In strmischen Versammlungen protestierten die Frauen dagegen, und eine Deputation von ihnen erzwang sich den Eintritt in den Sitzungssaal der Kommune, um hier persnlich fr die Anullierung des Beschlusses, soweit die Stadt Paris in Betracht kam, einzutreten. Sie kamen jedoch nicht zum Wort, da der Generalprokurator Chaumette sich sofort erhob, um sich in einer wtenden Philippika gegen die Frauenbewegung zu wenden. Er folgte darin dem Gedankengang Amars, verlieh aber schlielich seiner Rede den ganzen poetischen Schwung, mit dem die Gegner, wenn ihre Grnde nicht durchschlagen, schlielich die Unentschiedenen fr sich zu gewinnen pflegen. "Die Natur sagte der Frau: Sei Weib!" rief er aus, "die Erziehung der Kinder, die huslichen Sorgen, die sen Mhen der Mutterschaft--das ist das Reich deiner Arbeit; dafr erhebe ich dich zur Gttin des huslichen Tempels, du wirst durch deine Reize, durch deine Schnheit und deine Tugenden alles beherrschen, was dich umgiebt!--Thrichte Frauen, die ihr zu Mnnern werden wollt, was verlangt ihr noch? Ihr beherrscht unsere Sinne, die Gesetzgeber liegen euch zu Fen, euer Despotismus ist der einzige, den unsere Kraft nicht brechen kann, weil er der der Liebe ist. Im Namen der Natur, bleibt was ihr seid; und, weit entfernt davon, uns um die Kmpfe unseres Lebens zu beneiden, begngt euch damit, sie uns vergessen zu machen!"[209] Nach dieser leidenschaftlichen Ansprache schlo die Kommune sich dem Beschlu des Konvents an und erklrte auerdem, Frauendeputationen nicht mehr empfangen zu wollen. Trotz alledem setzten die Frauen diesen Beschlssen den uersten Widerstand entgegen, muten aber schlielich der Gewalt weichen: Man vertrieb sie auch von den Tribnen des Konvents, man untersagte ihnen die Teilnahme an ffentlichen Versammlungen, ja man ging soweit, ein Gesetz zu erlassen, wonach Frauen, die sich zu mehr als fnf zusammenfanden, mit Gefngnis bestraft werden sollten.[210] So schien die Frauenbewegung der Revolution resultatlos verlaufen zu sein. Aber es ging ihr wie allen sozialen Bewegungen: Der erste strmische Angriff wurde von den Gegnern zurckgeschlagen, nicht nur, weil ihrer noch viel zu viele waren, sondern weil das Ziel der Bewegung noch zu wenig geklrt, der Weg zu ihm noch zu dunkel war und seine Schwierigkeiten daher nicht bersehen werden konnten. Die Frauenbewegung geriet scheinbar ins Stocken, thatschlich wirkte sie jedoch im stillen weiter, indem sie die Kpfe gewann und hervorragende Denker sich mit ihren Problemen beschftigten. Als sie noch im Anfang ihrer Entwicklung stand, wurde der letzte der groen franzsischen Philosophen des 18. Jahrhunderts, Condorcet, auf sie aufmerksam und widmete ihr in seiner Schrift: Lettres d'un bourgeois de New-Haven un citoyen de Virginie[211] einen bemerkenswerten Abschnitt. Er ging von der Voraussetzung aus, da die Frauen, ebenso wie die Mnner, fhlende, mit Vernunft begabte, sittlicher Ideen fhige Wesen seien, und daher dieselben Rechte haben muten, wie die Mnner. Er forderte das aktive und das passive Wahlrecht fr sie und wollte sie von keinem Amt gesetzlich ausgeschlossen wissen, wobei er erklrte, da es berflssig sei, den Brgern zu verbieten, sie z.B. zu Heerfhrern zu whlen, da man ihnen doch auch nicht zu untersagen brauche, etwa einen Blinden zum Gerichtssekretr zu machen. Im Jahre 1789 verffentlichte er im Journal de la socit (No. 5)[212] einen Artikel ber die Zulassung der Frauen zum Brgerrecht, der auch heute noch als die glnzendste Rechtfertigung und Verteidigung der Frauenbewegung angesehen werden darf, und dessen Forderungen leider noch unerfllt geblieben sind. Condorcets Ansicht nach wurde das von der Revolution aufgestellte Prinzip der Gleichheit dadurch auf das empfindlichste verletzt, da die Hlfte des Menschengeschlechts des Rechtes beraubt wurde, an der Gesetzgebung teilzunehmen. Wolle man fr diese Thatsache eine Anerkennung, so msse nachgewiesen werden, da nicht nur die natrlichen Rechte der Frauen andere seien, als die der Mnner, sondern da sie auch unfhig seien, die Brgerrechte auszuben. Da die Frau ein Mensch sei wie der Mann, habe sie dieselben natrlichen Rechte wie er, denn entweder gebe es berhaupt keine angeborenen Menschenrechte, oder jeder Mensch, gleichgltig welches sein Geschlecht, seine Religion oder seine Rasse sein mag, hat die gleichen. Was die Grnde betrifft, die angefhrt werden zum Beweise der Unfhigkeit der Frau, den Pflichten eines Staatsbrgers zu gengen, so wandte sich Condorcet zunchst gegen den ihrer physischen Konstitution, indem er ausfhrte, da er nicht einsehen knne, wieso Schwangerschaften und vorbergehende Unplichkeiten die Frauen fr Ausbung der Brgerrechte untauglich machen sollten, da doch auch die Mnner Krankheiten aller Art ausgesetzt seien, ohne da man es fr notwendig halte, ihnen deshalb die Pflichten und Ehren der Brger abzusprechen. Ferner sagt man, da keine Frau in den Wissenschaften Bedeutendes geleistet oder Beweise von Genie gegeben habe, aber man habe doch nie daran gedacht, die Verleihung des Brgerrechts an die Mnner von ihrer Begabung abhngig zu machen. Auch das geringere Ma an Kenntnissen, die schwchere Urteilskraft, die man den Frauen zum Vorwurf mache, knne, selbst wenn man sie zugeben wolle, nicht als Grund angesehen werden, sie politisch fr rechtlos zu erklren. Als Konsequenz dieser Anschauung msse man sonst auf jede freie Verfassung verzichten und die Regierung, wie den Einflu auf die Gesetzgebung nur der sehr kleinen Zahl kenntnisreicher und wahrhaft aufgeklrter Mnner berlassen. Was man an den Frauen mit Recht aussetzen knne,--ihren Mangel an Gerechtigkeitsgefhl, ihre Einseitigkeit und geringe Bildung,--sei lediglich eine Folge ihrer schlechten Erziehung und der sie umgebenden sozialen Verhltnisse, die man daher zu ndern trachten msse. Auch eine Reihe von Ntzlichkeitsgrnden werden gegen die Zulassung der Frauen zum Brgerrecht hervorgebracht: man frchte ihren Einflu auf die Mnner,--als ob ihr geheimer Einflu nicht viel bedenklicher sei, als es ihr ffentlicher sein wrde, man glaube, sie wrden ihre natrlichen Pflichten dem Haushalte, den Kindern gegenber vernachlssigen, und doch habe man nie Bedenken in Bezug auf die Mnner gehabt, die doch auch ihrem Beruf, ihrer Arbeit nachgehen mssen. Man scheine dabei auch absichtlich bersehen zu wollen, da nicht alle Frauen einen Haushalt und kleine, der Pflege bedrftige Kinder haben, und die Ausbung des Wahlrechts ihnen nicht mehr Zeit kosten wrde, als die banalen Vergngungen und Zerstreuungen, denen sie jetzt nachgehen. Solche Ntzlichkeitsgrnde haben immer, wo andere nicht ausreichten, Tyrannenherrschaft rechtfertigen sollen: in ihrem Namen lgen Handel und Industrie in Ketten, in ihrem Namen bestehe die Sklaverei der Neger noch heute, in ihrem Namen fllte man die Bastille und wendete die Folter an. Die Frage der Zulassung der Frauen zum Brgerrecht drfe aber nicht mehr mit Ntzlichkeitsgrnden, Phrasen und Witzen abgethan werden. Auch die Gleichheit, welche die neue Verfassung Frankreichs zwischen den Mnnern festsetzte, habe eine Flut geschwollener Reden und billiger Scherze hervorgerufen, stichhaltige Grnde jedoch habe niemand vorzubringen vermocht. "Ich glaube," so schliesst Condorcet, "da es mit der Rechtsgleichheit der Geschlechter nicht anders sein wird." Mehr als in seinem eigenen Vaterlande fanden die Ansichten des franzsischen Philosophen in England und Deutschland eine wissenschaftliche Vertretung. Die ruhigeren politischen Verhltnisse in jenen Lndern lieen dem Einzelnen mehr Zeit zum Nachdenken und Theoretisieren, whrend die Lage Frankreichs zum Handeln aufforderte. So schrieb ein deutscher Historiker eine vielbndige Geschichte des weiblichen Geschlechts, die er mit den Worten einleitete, da die Geschichte keines Volkes und keines Standes ein so emprendes, Abscheu und Mitleiden in so hohem Grade erregendes Schauspiel darbiete, als die der Frauen,[213] und ein englischer Gelehrter, der denselben Stoff behandelte, sprach sich hnlich aus, indem er erklrte, da die emprende Behandlung des weiblichen Teils der menschlichen Species nur dem menschlichen Manne eigentmlich sei, und in der ganzen Natur kein Gegenstck und kein Vorbild habe.[214] Eine der bedeutendsten litterarischen Erscheinungen aber auf diesem Gebiet war das Werk der Englnderin Mary Wollstonecraft: Vindication of the rights of women.[215] Ein Leben voll innerer und uerer Kmpfe und Entbehrungen hatte sie die Leiden ihres Geschlechts kennen gelehrt. In ihrem Berufe als Lehrerin hatte die Erziehungs- und Bildungsfrage sie schon lebhaft beschftigt, so da sie als ihre erste litterarische Arbeit eine kleine Schrift ber die Erziehung junger Mdchen erscheinen lie. Ihr folgten eine ganze Anzahl Uebersetzungen aus dem Deutschen und einige selbstndige Arbeiten, die ihre Existenz sicherten und sie zugleich in persnliche Beziehungen zu ihrem Verleger Johnson brachten, bei dem sie einen geistig anregenden Verkehr fand. Er selbst wie alle seine Gste verfolgten die Ereignisse der franzsischen Revolution mit strmischer Begeisterung, war doch Thomas Paine, auf dessen Haupt der Lorbeer der amerikanischen Freiheitskriege sich mit dem des Pariser Bastillensturmes vereinigte, derjenige, der den Ton angab und in Johnsons Salon die Menschenrechte verkndete. So wurde Mary Wollstonecraft in den Strom der Revolutionsbewegung hineingezogen und Burkes Angriff auf sie gab den Ansto, da die feurige Frau sich ffentlich zu ihren Idealen bekannte: "Die Rechtfertigung der Menschenrechte" hie die kleine Schrift, die den Namen der Verfasserin ber den Kreis ihrer Freunde hinaus bekannt machte.[216] Aber sie war nur das Vorspiel und die Einleitung ihres Hauptwerkes, der Verteidigung der Rechte der Frauen, das sie, in der Hoffnung auf die Neugestaltung des franzsischen Schulwesens Einflu ben zu knnen, Talleyrand widmete. Ihrem leidenschaftlichen Impulse folgend brachte sie die umfangreiche Schrift in wenigen Wochen zu Papier, ohne sich zu ruhigem Nachdenken Zeit zu lassen. Sie trgt denn auch die Spuren ihrer Entstehung an sich und besteht aus vllig ungeordneten, oft sprunghaft wechselnden Gedanken, die aber ohne Ausnahme von der Originalitt Mary Wollstonecrafts und der Schrfe ihrer Beobachtung zeugen. Den grten Nachdruck legt sie auf die Erziehung, in deren Vernachlssigung sie die Ursache der Fehler und Schwchen des weiblichen Geschlechts sieht. Auf einen ungesunden Geist fhrt sie das Verhalten der Frauen zurck und vergleicht ihn mit einer Pflanze, die in zu ppigem Boden steht und schne Blten, aber keine Frchte hervorbringt. Es werden wohl "Damen", aber keine Frauen erzogen, man lehre sie Sitten, aber keine Moral, man richte ihr Streben auf Eitelkeiten und nichtigen Tand, aber nicht auf ernste Ziele, man gewhne sie, sich mit Spielereien zu beschftigen und durch Vergngungen zu zerstreuen, statt sie an Arbeit zu gewhnen und ihre Mue den Freuden der Kunst, der Natur und der Wissenschaft zu widmen. So werden jene schwachen, gedankenlosen Wesen gradezu gezchtet, denen ihre eigenen Zchter, die Mnner, nachtrglich ihre Schwche und Gedankenlosigkeit zum bittersten Vorwurf machen. Wer aber ihre Erziehung genauer betrachte, knne sich nicht wundern, da sie Vorurteilen zum Raub fallen, unselbstndig urteilen und zu blindem Autorittsglauben geneigt sind. Sie seien durch die sie umgebenden Verhltnisse thatschlich minderwertige Menschen geworden. Weil sie aber nur knstlich so herabgedrckt worden seien, drfe man nicht das weibliche Geschlecht als solches nach seinem gegenwrtigen Stand beurteilen. Erst gebe man den Frauen Raum, sich zu entwickeln, ihre Krfte zu bethtigen, dann bestimme man, welche Stelle auf der intellektuellen und moralischen Stufenleiter sie einnehmen. Wenn sie dann zu vernnftigen Wesen erzogen worden seien, drfen sie auch nicht mehr als Sklaven behandelt werden und mssen dieselben Rechte genieen, wie die Mnner. In Bezug auf diesen Punkt erweist sich Mary Wollstonecraft ihrem Gesinnungsgenossen Condorcet gegenber als die Vorsichtigere, Zurckhaltendere. Whrend er auf Grund der berall gleichen Menschenrechte dem weiblichen Geschlecht die politische Gleichberechtigung zuerkennt und die Unwissenheit der Frauen nicht zum Vorwand der Ungleichheit nimmt, weil auch die Mnner keiner Prfung ihrer Geisteskrfte unterliegen, ehe sie als vollwertige Staatsbrger anerkannt werden, erklrt sie die Reform der Erziehung fr die Voraussetzung der Reform der Gesetze. In allen anderen Teilen ihres Werkes jedoch ist sie die echte Schlerin der Revolution. Nicht nur, da sie in vielen ihrer abschweifenden Gedanken das Knigtum, die stehenden Heere, die Aristokratie heftig angreift, sie errtert auch das Problem der Armut und erklrt sie fr eine der wesentlichen Ursachen der Laster und Verbrechen. Fr die Frauen folgert sie daraus die Notwendigkeit, wirtschaftlich unabhngig vom Mann zu sein. Diese, auch im modernen Sinn radikale Forderung ist von ihr zuerst ausgesprochen worden und erhebt sie in die Reihe der aufgeklrtesten und weitblickendsten Vorkmpfer der Frauenbewegung. Aber auch in anderer Beziehung war sie ihrer Zeit voraus: im Namen der Keuschheit, die fr beide Geschlechter dieselbe sein msse, fordert sie, da Knaben und Mdchen gemeinsam in ffentlichen Schulen erzogen werden. Nur wo ein kameradschaftlich harmloser Verkehr, und geistiger Wetteifer zwischen den Geschlechtern von frh an zu finden sei, werde die Liebe zwischen Mann und Weib eine reinere und tiefere, werden die Ehen glcklichere sein. Neben die geistige solle auch die krperliche Erziehung treten, damit ein krftigeres, schneres Geschlecht heranwachse, damit das Vaterland Mtter habe, die gesunde Kinder hervorzubringen und zu erziehen im stnde seien. Damit ist der Grundakkord ihres ganzen Buches angeschlagen: um ihres heiligen Naturberufes, um des kommenden Geschlechtes willen, das aus ihrem Schoe hervorwchst, von ihrem Krper und von ihrem Geist seine erste, die sptere Entwicklung bestimmende Nahrung empfngt, soll das Weib dem Manne ebenbrtig zur Seite stehen, ein freier Brger wie er. Mary Wollstonecrafts khnes Buch machte ungeheures Aufsehen. Die heftigen Angriffe, die es erfuhr, richteten sich natrlich auch gegen ihre Person, unter der Sptter und Karikaturenzeichner sich ein starkknochiges, hliches Mannweib vorstellten, whrend sie eine zarte, im besten Sinne weibliche Frau war, wie, denn auch ihr Werk den Stempel der Weiblichkeit trgt, wie nur wenige Frauenwerke. Es wurde gleich nach seinem Erscheinen ins Franzsische und von ihrem Freunde, dem bekannten Schnepfenthaler Pdagogen Salzmann, ins Deutsche bersetzt. Noch ehe aber dies Werk die Ideen der Frauenbewegung in Deutschland verknden sollte, war ein anderes ihm zuvorgekommen: Theodor von Hippels Buch ber die brgerliche Verbesserung der Weiber,[217] das im selben Jahr in Berlin erschien, als das Mary Wollstonecrafts in London. Schon im Jahre 1774 hatte er durch seine Schrift ber die Ehe, in der er Frauen und Mnnern derbe Lektionen gab, sein Interesse an der Stellung der Frau im brgerlichen Leben kund gethan.[218] Aber erst die franzsische Revolution, die Teilnahme der Frauen an ihren Kmpfen regte ihn zu tieferem Nachdenken an. Er kam zu denselben Schlssen wie Condorcet und Mary Wollstonecraft und konnte sein Erstaunen darber nicht verhehlen, da die franzsische Verfassung kurzsichtig und engherzig genug war, dem weiblichen Geschlecht die Gleichberechtigung zu verweigern. Dabei ging er so weit, zu erklren, da die Sklaverei, wenn sie auch nur in einer einzigen Beziehung geduldet werde, ber kurz oder lang alle wieder zu Sklaven mache. Allen Einwnden gegen die Emanzipation der Frauen begegnete er mit schlagfertiger Schrfe. Soll, so sagte er, eine verwerfliche Einrichtung, auch wenn sie schon Tausende von Jahren alt ist, nur deshalb fortbestehen, weil ihre Abnderung mit Schwierigkeiten verknpft ist und man vermutet, es knnten bedenkliche Folgen daraus erwachsen? Man msse endlich das andere Geschlecht zum Volk zu machen sich entschlieen. Freilich mte eine durchaus vernderte Erziehung die Frauen dazu befhigen, denn jetzt, wo sie nur zum Spielzeug der Mnner gemodelt wren, knnten sie ihren Pflichten nur schlecht gengen. Man erziehe Brger fr den Staat, ohne Unterschied des Geschlechts. Gemeinsame Erziehung der Knaben und Mdchen, Zulassung der Frauen zu allen Berufen, verlangte Hippel. Nur das "Monopol des Schwertes" soll den Mnnern bleiben, falls "der Staat sich nun einmal nicht ohne Menschenschlchter behelfen kann oder will!" Zur Erleichterung krperlicher Ausbildung rt er zu einer gleichen Kleidung der Kinder bis zum 12. Jahr; denn um die weibliche Furchtsamkeit auszutreiben, die ihren Grund ebensowohl im Gefhl des Mangels an krperlichen Krften wie in der Beschrnktheit des Verstandes habe, drfe keine Seite des Wesens in der Erziehung vernachlssigt werden. Fr thricht hlt er den Einwand, da die Weiber zu viel Zeit auf ihren Putz verwenden,--sind es nicht grade die Mnner, die ihnen die Seele bestreiten und sie auf den Krper beschrnken? Jetzt haben sie keine andere olympische Bahn, als mit ihren Reizen Mnner zu fangen; sie werden Wunder thun, wenn man ihnen andere erffnet. Auch die natrliche Schwachheit des weiblichen Geschlechts bestreitet er, denn das Kindergebren, das zum Hauptbeweis dieser Schwche angefhrt zu werden pflegt, lege geradezu ein Naturzeugnis seiner Strke ab. Von ihrer Anteilnahme an der Staatsverwaltung erwartet er groes: "Gewi htten wir alsdann weniger Tyrannen, die auf festem Grund und Boden Schiffbrchige mit Lust arbeiten sehen, oder die solchen, die mit den Fluten ringen, Strohhalme zuwerfen; weniger Blutigel, die den Schwei und das Blut der Unterthanen ohne Ma und Ziel verschwenden." So forderte Hippel die Befreiung der Frau um des Staatswohls, um des Fortschritts der Menschheit willen, wie Condorcet sie im Namen der Gerechtigkeit, Mary Wollstonecraft sie im Namen der Mutterschaft gefordert hatte. Whrend Mann und Weib auf der Stufe primitiver Kultur einander gleich standen, vergrerte sich mit der fortschreitenden konomischen Entwicklung der Abstand zwischen ihnen mehr und mehr. Die Interessen, die Kmpfe, die Ziele des physisch strkeren, durch die Bedingungen des Geschlechtslebens ungebundeneren Mannes und diejenigen der an Haus und Kinder gefesselten Frau wurden die Ursache einer geistigen und rechtlichen Trennung, die von der Frau zunchst nicht empfunden werden konnte, weil sie durch ihre husliche Thtigkeit vollauf in Anspruch genommen war und infolge der allgemeinen gesellschaftlichen Verhltnisse ber die ihrem Geschlecht gesteckten engen Grenzen nicht hinauszublicken vermochte. Erst als die mannigfachen Arbeiten der Hausfrau in wachsendem Mae von dem Handwerk und der Industrie bernommen wurden, und die Frau, soweit sie als Angehrige der besitzenden Klassen Mue gewann, sich berflssig fhlte, die Leere ihres inneren und ueren Lebens empfand oder als Mitglied der besitzlosen, gezwungen war, ihre husliche Thtigkeit in Lohnarbeit auer dem Hause und getrennt von der Familie umzuwandeln, wurde sie sich ihrer drckenden Lage bewut. Nicht nur, da sie auf einer Stufe geistiger Rckstndigkeit festgebannt war, die vergangenen Kulturepochen entsprach, sie sah sich auch durch wirtschaftliche, rechtliche und politische Fesseln zum Kampf ums Dasein, den sie wie der Mann zu kmpfen hatte, untauglich gemacht. Diese Widersprche wurden die Ursache einer tiefgehenden Unzufriedenheit, die stetig wuchs und in der Frauenbewegung der franzsischen Revolution einen Hhepunkt erreichte. Das Recht auf Bildung, das Recht auf Arbeit, das Recht auf Gleichheit vor dem Gesetz waren die Ziele, die die Revolution proklamierte und die durch ihre litterarischen Vertreter theoretische Begrndung fanden. Das neunzehnte Jahrhundert stellte _neue_ Probleme der Frauenfrage nicht mehr auf. Sie teilte sich nur, je umfassender sie wurde, in um so deutlicher ausgeprgte einzelne Seiten, ebenso wie der Strom kurz vor seinem Eintritt in das Meer ihm seine mchtig angeschwollenen Wassermassen nicht in einem Flu, sondern in vielen Fluarmen zufhrt. Jeder einzelne wird zu einem Strom fr sich und jede Seite der Frauenfrage umfat schlielich ein so weites Gebiet, da sowohl von historischen als von kritischen Gesichtspunkten aus eine gesonderte Behandlung notwendig wird. Die Erkenntnis von den wirtschaftlichen Ursachen der Frauenfrage, die an der Hand der Geschichte gewonnen wird, fhrt notwendig dazu, ihre konomische Seite in den Vordergrund zu stellen. Aus ihr heraus entwickelt sich erst die rechtliche und aus beiden die sittliche Seite der Frauenfrage. Alle Einzelprobleme sind in diesen drei Seiten des Gesamtproblems enthalten. Zweiter Abschnitt. Die wirtschaftliche Seite der Frauenfrage. 1. Der Kampf um Arbeit in der brgerlichen Frauenwelt. Erste Periode. Anfnge einer Erziehungsreform unter dem Gesichtspunkt beruflicher Arbeit. Theoretische Errterungen der Frauenfrage haben weder wissenschaftlichen Wert noch praktische Bedeutung, wenn sie lediglich von vorgefaten Meinungen oder allgemeinen ethischen Prinzipien ausgehen. Um zu richtigen Resultaten zu gelangen, gilt es vielmehr, auf dem Boden der Thatsachen zu fuen. Es erschien deswegen nicht nur notwendig, die geschichtliche Entwicklung der Stellung der Frau im Menschheitsleben im allgemeinen darzustellen, es ist auch erforderlich, von dem Zeitpunkt an, wo die Frauenfrage sich erweitert und in ihr verschiedene gleich wichtige Seiten hervortreten, die historische Betrachtung jedesmal der theoretischen vorauszuschicken. Dabei kann es sich weniger darum handeln, einzelne Thatsachen mit mglichster Vollstndigkeit zusammenzustellen, als vielmehr, den Gang der Entwicklung in seinen groen Zgen zu verfolgen und seine treibenden Krfte aufzudecken. Die wirtschaftliche Seite der Frauenfrage, die das ganze Erwerbsleben des weiblichen Geschlechts von den Hhen wissenschaftlicher Arbeit bis in den dsteren Abgrund der Prostitution umfat, bedarf besonders dieser Behandlungsweise. Viel unfruchtbarer Streit ber das Recht der Frauen auf Arbeit, ber ihre Zulassung zu oder ihre Ausschlieung von mnnlichen Berufen wrden vermieden werden, viele nur moralisierende Sittlichkeitsapostel wrden ihre vergeblichen Reformversuche einstellen, wenn an Stelle eingewurzelter Vorurteile und verschwommener Gefhle die historische Erkenntnis treten wrde. Sich der Entwicklung in den Weg zu werfen, ist ein nutzloses Bemhen; auch der, der sie frchtet, kann ihre unheilvollen Wirkungen nicht anders abwenden, als indem er ihr die Wege bahnt. Was die Frauenbewegung an traurigen Resultaten gezeitigt hat, das verdankt sie ausschlielich ihren Gegnern und ihren falschen Freunden. Ihr eigner Gang ist ein klarer, gesetzmiger, der auch in dem Kampf um Arbeit in der brgerlichen Frauenwelt deutlich zum Ausdruck kommt. Das Ende des achtzehnten Jahrhunderts war fr die Frauenwelt eine der bedeutsamsten geschichtlichen Epochen. Wohl waren schon vorher Mnner und Frauen aufgetreten, die mehr Gerechtigkeit, mehr Bildung, erweiterte Arbeitsmglichkeiten fr das weibliche Geschlecht gewnscht hatten, aber sie waren vereinzelt geblieben und daher verhallten ihre Stimmen fast ungehrt. Erst die hereinbrechende neue Zeit erhob die theoretischen und philosophischen Errterungen ber die Rechte das Weibes in den Bereich praktischer Forderungen. Aber es waren weniger die vielen rednerischen und schriftstellerischen Auseinandersetzungen und Erklrungen der politischen Rechte, die zu Erfolgen fhrten, als vielmehr die von den Massen der Frauen erhobene Forderung ihres Rechtes auf Arbeit. Schon das franzsische Edikt von 1776 hatte mit der Proklamierung der Gewerbefreiheit diese Forderung anerkannt, und nach der Revolution schien es, als stnden den Frauen nunmehr dieselben Wege offen, auf denen die Mnner ihrem Broterwerb nachgingen. Bald zeigte sich jedoch, da die grten Hindernisse erst noch zu berwinden waren, denn es fehlte den Frauen jede Vorbildung; man hatte sie aufs offene Meer hinausgelassen ohne ihnen Steuer, Anker und Kompa mitzugeben. Die Frauen und Tchter des arbeitenden Volkes, die in immer ausgedehnterem Mae gezwungen waren, sich einen Broterwerb zu suchen, strmten den Industrien zu, die ungelernte Arbeiter brauchen konnten. Lohndruck, Vergrerung des Elends, infolgedessen neuer Zuzug weiblicher Arbeiter war die Folge. Aus diesen Anfngen heraus entwickelte sich die Arbeiterinnenbewegung. Aber whrend diese Schicht der weiblichen Bevlkerung den Kampf ums tgliche Brot von jeher ebenso, ja oft noch viel schwerer empfunden hatte, als die Mnner, waren die Frauen und Tchter der Bourgeoisie vom Erwerbszwang bisher verschont geblieben. Sie lebten der huslichen Thtigkeit und der Kindererziehung, hufig aber lediglich dem Vergngen, der Schngeisterei oder anderem maskierten Miggang. Die Verarmung des Brgerstandes, die Revolutionen und Kriege, die Zunahme der alleinstehenden Frauen, der Tchter und Witwen der Opfer des Schlachtfeldes, ntigten die Frauen zu einer Arbeit, die ihnen, weil sie bisher das allein richtige Verhltnis in der Erhaltung der Frau durch den Mann gesehen hatten, nicht nur an sich schwer fiel, sondern auch wie eine mglichst zu verbergende Schande erschien. Zahlreich waren schon Mitte des achtzehnten Jahrhunderts die armen adeligen Fruleins, die in den Stellungen als Erzieherinnen frstlicher Kinder, als Kammerfrauen der Prinzessinnen, ja selbst als Hofdamen an den vielen kleinen Frstenhfen nichts anderes suchten als einen Broterwerb und sich oft, unter ngstlicher Aufrechterhaltung ueren Glanzes kmmerlich genug durchschlugen. Und nicht nur sentimentale Romane, auch manche der an die Nationalversammlung gerichteten Petitionen fhren den Beweis dafr, da viele Brgertchter sich gezwungen sahen, durch Stickereien und Wirkereien ihr Brot zu verdienen. Mit den Frauen des handarbeitenden Volkes teilten sie das gleiche Schicksal: die Not trieb sie zur Arbeit; und sie hatten auch noch ein anderes mit ihnen gemein: den Mangel jeglicher Vorbildung zu einem Erwerbsberuf. Aber whrend fr jene, dank der Entwicklung der Technik und des Maschinenwesens, in der Armee der Industriearbeiter Platz genug vorhanden, und ihre, wenn auch ungelernte Arbeitskraft, eine begehrte war, standen diese vor geschlossenen Thren, vor denen Unbildung und Vorurteil Wache hielt. Die Arbeiterin kmpfte bereits in Reih und Glied mit dem Mann den harten Kampf ums Dasein, whrend die Frau der Bourgeoisie sich erst ihren Platz neben dem Mann zu erringen hatte. Aus diesem Umstand erklrt sich die oft bis zu Gegenstzen sich steigernde Verschiedenheit der brgerlichen und der proletarischen Frauenbewegung und auch, die Notwendigkeit, beide getrennt voneinander zu behandeln. Die Frau der Bourgeoisie wurde fr das Haus und fr die Geselligkeit erzogen. Auch die erweiterte Bildung, die die neue Zeit fr sie forderte, und die ber den Religions- und Haushaltungsunterricht des Mittelalters hinausging, hatte nur den Zweck, die geselligen Talente zu untersttzen und dem Mann eine verstndnisvollere Gefhrtin zu sein. Die erste Stelle unter den Vorkmpfern der Reform der Mdchenerziehung nahm Fnelon ein.[219] Seine pdagogischen Grundstze veranlaten Frau von Maintenon, in St. Cyr die erste hhere Mdchenschule zu grnden, die insofern noch ein besonderes Interesse beansprucht, als sie zugleich die erste Anstalt war, die, durch Ausbildung von Erzieherinnen, der beruflichen Thtigkeit der Frau die Wege bahnte.[220] Aber sie war nur eine Oase in der Wste und entsprach so wenig der Zeitstrmung, da sie bald auf das jmmerliche Niveau der blichen Mdchenschulen herabsank, und Putz, Tanz und Konversation ihr wesentlicher Unterrichtsstoff blieb. Ihrer deutschen Nachahmung, dem Gynceum A.H. Franckes, erging es nicht anders. Er, der einfache, fromme Mann, mute es sich gefallen lassen, da auch seine Grndung, wie damals alle Erziehungsanstalten fr Mdchen, in die Hnde franzsischer Gouvernanten fiel, die Modepppchen darin dressierten.[221] Die franzsische Sprache, die Umgangssprache der hheren Stnde, trat berall in den Mittelpunkt des Unterrichts. Franzsische Erzieher und Erzieherinnen, deren einzige Kenntnis meist ihre Muttersprache war, wurden in jedem Hause, dessen Bewohner auf "Bildung" Anspruch machten, gesucht. Viele zweideutige Existenzen gelangten besonders in Preuen, wo Friedrichs II. Vorliebe fr die franzsische Sprache magebend war, zu derartigen Stellungen. Die Bildung, die sie vermittelten, war noch ungesunder und oberflchlicher als die des Mittelalters. Eine Reaktion gegen die herrschende Strmung, gegen die Ausschlieung des weiblichen Geschlechts von allen ernsteren Kenntnissen, gegen sein einseitiges Interesse fr Putz und Tand, Spielerei und Liebelei, war unausbleiblich. Sie wird in Deutschland durch Gottsched und seine Schule gekennzeichnet und--gerichtet. Denn statt eine durchgreifende Umwandlung der Erziehung der Mdchen anzustreben, beschrnkte er und sein Kreis sich auf die Treibhauskultur einzelner weiblicher "Dichter" und "Gelehrten", die mehr als die geputzten Dmchen der hfischen Salons fr den niedrigen Stand weiblicher Geistesentwicklung Zeugnis ablegten.[222] Die hufigen Krnungen von Dichterinnen, ja selbst manche Promotionen weiblicher Doktoren muten uns heute wie eine grausame Satire an. Es wre aber durchaus verkehrt, die Schuld daran Einzelnen zuzuschreiben: noch war fr die Frauen die Bildung nur ein ueres Schmuckstck, Kunst und Gelehrsamkeit nur ein Mittel, um in geistreichen Salons zu glnzen. Vertiefung, ernste Arbeit war erst da zu erwarten, wo sie zu einer Berufsthtigkeit die Grundlage zu schaffen hatten, da sie anfingen, aus diesem Grunde notwendig zu werden, erkannten Tieferblickende nach und nach. So schrieb Basedow schon im Jahre 1770: "Die meisten, die von Erziehung der Tchter schreiben, geben denselben so viel Anmut oder so glckliche Umstnde, da man an ihrer baldigen Verheiratung nicht zweifeln darf. Aber giebt es denn keine hlichen und gebrechlichen Tchter? Keine, die in ihrem Stande der Armut halber, nach den jetzigen Sitten in Gefahr sind, von einem wrdigen Manne nicht begehrt zu werden?" Er giebt danach den "Eltern von Stande, die kein Vermgen besitzen", den Rat, ihre Tchter nicht wie bisher allein im Hinblick auf die Ehe zu erziehen, sondern ihnen eine Bildung zu geben, die es ihnen ermglicht, als Lehrerinnen und Gesellschafterinnen einmal ein Unterkommen zu finden.[223] Sein mutiger Ausspruch, den bisher viele gefhlt, aber niemand zu thun gewagt hatte, fiel auf fruchtbaren Boden. So manches unbefriedigte, einsame Mdchen schuf sich im Lehrberuf einen befriedigenden Wirkungskreis, und trug, indem es sich selbst half, dazu bei, da seinem vernachlssigten, unwissenden Geschlecht geholfen wurde. Als die hervorragendste ihrer Art sei Karoline Rudolphi genannt, die nach entbehrungsreicher Jugend und Jahren inneren Kampfes zu dem Entschlu kam, Erzieherin zu werden und schlielich in Hamburg eine Mdchenschule grndete, die Vorbild mancher anderen wurde. Ihre Erziehungsgrundstze hat sie in ihrem Buche: "Gemlde weiblicher Erziehung" niedergelegt; sie gipfeln in dem Ausspruch: "Lasset euere Kinder Menschen werden!"[224] Erziehet die Mdchen nicht zuerst zu Damen und Hausfrauen, sondern zu tchtigen Menschen, die im Notfall auch allein durchs Leben gehen knnen, die nicht zu verzweifeln brauchen, wenn die fhrende Hand des Mannes fehlt. In schroffem Gegensatz steht Karoline Rudolphi zu ihrer Zeitgenossin, Madame de Genlis, die die Mdchen nur fr die Ehe, nur fr den Mann erziehen wollte, die in der Bildung nichts als ein Mittel, die Langeweile zu bekmpfen und dem Miggang vorzubeugen, sah und in logischer Konsequenz zu dem Schlsse kam: "Das Genie ist fr die Frauen eine gefhrliche und nutzlose Gabe, es entfremdet sie ihrer Bestimmung und lt sie diese nur als drckend empfinden."[225] Die Verfasserin, die typische Erzieherin ihrer Zeit und ihres Volkes, sprach damit aus, was die Ansicht dessen war, der fr die nchsten Dezennien die Geschicke der Welt in seinen eisernen Hnden hielt: Napoleons. Wie Rousseau sah er in den Frauen nur Mtter; zu solchen, zu Gebrerinnen und Erzieherinnen eines Geschlechts von Helden, wollte er sie erzogen wissen. Und so schroff und festgewurzelt war seine Meinung, da er allen geistreichen und gelehrten Frauen mit Widerwillen begegnete, einem Widerwillen, der sich bis zu dem kleinlichen Kampf gegen Madame de Stal steigern konnte. Aber ebenso wie man, besonders auerhalb Frankreichs, ber dem Eroberer den Reformator zu vergessen pflegt, so vergit man auch ber dem Gegner der Frauenemanzipation den Befrderer einer verbesserten Mdchenerziehung. Die Mdchenpensionate der Madame Campan in St. Germain und Ecouen fanden seinen lebhaftesten Beifall und unter seinem Einflu entstanden in Italien die ersten hheren Mdchenschulen. Er scheute sich sogar nicht, eine Frau in ein ffentliches Amt einzusetzen, wo er glaubte, da sie die Erziehung der Mdchen gnstig beeinflussen knnte: 1810 wurde Madame de Genlis Schulinspektorin in Paris.[226] Irgend welche staatliche Hilfe den Mdchenschulen angedeihen zu lassen, lag jedoch ganz auerhalb seiner Gedankenrichtung. Aber ein Einzelner, so allmchtig er auch sein mochte, konnte den Gang der Entwicklung nicht ndern, noch aufhalten. Die franzsischen Frauen forderten nachdrcklich ihr Anrecht an den geistigen Gtern der Nation. Es entstanden immer mehr Mdchenschulen und 1820 endlich nahm der Unterrichtsminister Duruy, von allen Seiten gedrngt, das Projekt wieder auf,[227] das schon neunzig Jahre vorher der Abb de St. Pierre entworfen hatte, wenn er eine staatliche Untersttzung der Mdchenerziehung verlangte.[228] Wenn auch sein Plan zunchst an dem mangelnden Verstndnis der Regierung scheiterte, so fate die Idee, da die Gesellschaft die Verpflichtung habe, auch ihrem weiblichen Teil eine der mnnlichen annhernd ebenbrtige Erziehung zu gewhren, immer tiefer Wurzel und die Frauen selbst nahmen sich ihrer Ausbreitung energischer an. In ihrer vordersten Reihe kmpfte die Grfin Rmusat.[229] Von der Voraussetzung ausgehend, da die Frau dem Manne nicht untergeben, da sie als intelligentes Geschpf von ihm nicht verschieden und durchaus fhig sei, ffentliche Berufe auszuben, hielt sie eine Anpassung der Mdchenerziehung an die neuen Verhltnisse fr notwendig, ja sie sprach schon von der Zuerkennung einer gewissen Gleichberechtigung an das weibliche Geschlecht, und forderte von den ffentlichen Verwaltungen, da sie neben dem Lehrerinnenberuf, die Ausbung einer geregelten Wohlthtigkeit den Frauen anvertrauen sollten. Der Kmpfern Arbeit war's, der hier zum deutlichen Ausdruck kam, und die Zeit, in der die Frauen zuerst nach ihm riefen, war die Geburtsstunde der brgerlichen Frauenbewegung. Sie vollzog sich in merkwrdiger, und doch fr den, der die Geschichte der Menschheitsentwicklung nicht allein aus Frstengeznk, Staatsaktionen und Kriegen herleitet, verstndlicher Uebereinstimmung in allen Kulturlndern zu gleicher Zeit. In England, wo schon Daniel Defoe, Mary Astell und Mary Wollstonecraft den Boden vorbereitet hatten, wo ein Sheridan seine Zeitgenossen mit glhender Begeisterung auf den Wert der Frauenbildung aufmerksam machte, denn "von der Geisteskultur der Frauen hngt die Weisheit der Mnner ab", entstanden schon Anfang des neunzehnten Jahrhunderts zwei Vereine, die sich die Hebung der Mdchenerziehung zum Ziel setzten. Der praktische Sinn der Englnder erkannte frh, da die bessere Erziehung ihrer Tchter von der grndlicheren Ausbildung ihrer Lehrerinnen abhngig ist. Von solchen, die sich auf Grund ganz unzureichender Kenntnisse dafr ausgaben, war England berschwemmt, und die Lehrerin war daher eine komische, oft verachtete Erscheinung, an der Thakeray und Dickens noch ihren Witz auslieen. Ihr Los war traurig genug: die Not zwang sie in den einzigen, ihnen offen stehenden Beruf und kmmerlicher Unterhalt und allgemeine Miachtung waren ihr Lohn. Erst mit der Zunahme geregelterer Mdchenschulen nderte sich langsam auch ihre Lage. Frauen, wie Hannah More und Maria Edgeworth waren hier die Wortfhrerinnen der beginnenden Frauenbewegung. In dem, inzwischen von England mit Hilfe der Frauen abgefallenen nordamerikanischen Staatenbunde machten sich gleiche Bestrebungen geltend, weil auch hier die Schden dieselben waren. Die Vorteile, die die tapferen Kmpferinnen der Befreiungskriege fr ihr Geschlecht errungen hatten, waren entweder drftig von Anfang an oder mit der ebbenden Begeisterung wieder verschwunden. Die wenigen Mdchenschulen, die im Anfang des Jahrhunderts berhaupt bestanden, waren nur whrend der Hlfte des Jahres geffnet und auch dann nur zwei Stunden am Tag, whrend die Knaben, die dasselbe Schulhaus besuchten, Freistunden hatten. Die reaktionrsten Ansichten der alten Welt, die das Mdchen allein auf das Haus verwiesen, fanden in der neuen die allgemeinste Vertretung, um so mehr als hier der Umstand viel weniger ins Gewicht fiel, der der Frauenbewegung Europas den Ansto gab: der Zwang zur Erwerbsarbeit. Als daher Emma Willard fr die hhere Bildung ihres Geschlechts eintrat, stie sie auf Spott und heftigsten Widerstand. Als sie aber im Jahre 1821, ohne noch lnger auf das allgemeine Wohlwollen ihrer Landsleute zu rechnen, in Troy das erste Mdchenseminar grndete, zeigte es sich, da es eine Notwendigkeit gewesen war, denn es fand zahlreichen Zuspruch und vielfache Nachahmung.[230] Emma Willards Schule ist der Grundstein des ausgedehnten Gebudes weiblicher Bildung geworden, das heute Amerika schmckt. Zu gleicher Zeit begann eine andere Frau ihre ffentliche Thtigkeit: Lucretia Mott. Von 1820 an zog sie ungehindert als Predigerin der Quker durch die Staaten, nicht nur eine Missionarin ihrer Religion, sondern auch eine Pionierin der Frauenbewegung, deren Auftreten allein den Beweis dafr lieferte, da die Frau mit derselben Fhigkeit und demselben Erfolg ihren Geist in den Dienst allgemeiner Interessen stellen kann. Kehren wir nach Deutschland zurck. Dort waren die Schulverhltnisse, trotz Francke, trotz Gottsched und Basedow, aufs uerste verwahrlost. "Unsere Tchter sind von aller besseren Bildung ausgeschlossen," klagte ein braver deutscher Mann.[231] "Aus dem ABC-Unterricht werden sie ohne Gnade an den Kochherd, in die Kinderstube, in das Putzzimmer verstoen." Und eine mit seltenem Scharfblick ausgestattete Frau, Helene Unger, schilderte in ihrem Roman "Julchen Grnthal" die traurige Pensionserziehung der Mdchen und ihre verderblichen Folgen: Putz und Spiel, franzsische Konversation und seichte Lektre fllten das Leben des Schulmdchens aus, um spter in die nchste Modekrankheit, die rhrselige, vom wirklichen Leben ganz entfremdende Empfindsamkeit berzugehen.[232] Aber diese Klagen und verurteilenden Darstellungen waren an sich schon ein Zeichen des Fortschritts. Und es begann in der That in den Kpfen und Herzen der Frauen ein neuer Geist sich zu regen. Die klassische Dichtung und die politische Umwlzung waren seine Erzeuger. Zwar wre es durchaus verkehrt, von den Frauen aus der Umgebung der groen Dichter auf alle brigen schlieen zu wollen; erst ganz nach und nach drangen ihre Werke bis in die dunklen Winkel brgerlichen Frauenlebens, erweckten Begeisterung, Sinn fr das Schne und erhoben die armen Vernachlssigten und Verirrten in eine andere geistige Lebenssphre. Dank einer Lotte, einem Gretchen, einem Klrchen kam die warmbltige Natrlichkeit wieder zu ihrem Recht. Und eine Minna von Barnhelm, eine Jungfrau von Orleans, eine Maria Stuart fhrten den Blick ber die Engigkeit des eigenen Lebens hinaus, in das die Empfindsamen sich in ihrer Selbstliebe eingesponnen hatten. Aber mehr noch wirkte die drckende Not darauf, die ganz Deutschland in einen Trauermantel hllte. Die Frauen, deren Vter und Brder, deren Gatten und Shne unter den Waffen standen, verloren nicht nur den Sinn fr die Tndeleien frherer Jahrzehnte, sie lernten auch teilnehmen an den groen Interessen, die die Welt bewegten. Die Mode des Destillierens der gegenseitige Gefhle, der endlosen Gesprche ber sentimentale Romanheldinnen, machte der Unterhaltung ber die Ereignisse des Lebens Platz. Rahel Varnhagens Kreis[233] ist das bekannteste Beispiel fr die belebende Wirkung des neuen Geistes. Die langatmigen Briefwechsel zwischen Freunden und Freundinnen zeugen dafr, da er berall durchbrach, und mit ihm regte sich das Bedrfnis nach einer grndlichen Aenderung der Mdchenerziehung. Verarmte und vereinsamte Brgerfrauen fanden sich genug, die nach einer Lebensstellung Umschau hielten und denen nichts anderes offen stand, als der Lehrerinnenberuf. Denn wenn auch eine Charlotte von Siebold zum Doktor promoviert worden war und seit 1817 ungehindert in Darmstadt praktizierte, sie stand allein; es fehlte ihren Geschlechtsgenossinnen die Mglichkeit der Vorbereitung zum Studium. Aber das Verlangen nach vertiefterer Bildung der Tchter und das Bedrfnis nach einem Erwerb der Alleinstehenden begegneten sich und fhrten zwischen 1800 und 1825 zur Grndung eine Reihe von Tchterschulen, die teils ganz durch private Mittel, teils mit Untersttzung der Gemeinden entstanden.[234] Zweite Periode. Das Eindringen der Frauen in brgerliche Berufssphren. Der folgenreichste Schritt auf dem Gebiete der Erziehung wurde von jenem Lande gethan, das es nicht erst ntig hatte, seine Krfte durch mhsames Ueberbordwerfen des Ballastes der Vergangenheit abzunutzen, von Amerika, wo Horace Mann die Grundlage zu einem neuen Schulsystem legte. Dem immer dringenderen Verlangen nach einer der der Knaben gleichen Mdchenbildung, konnte man, bei der dnnen Bevlkerung des Landes, durch Grndung besonderer Mdchenschulen nicht nachkommen. So wurde denn aus der Not eine Tugend gemacht und in den neu entstehenden Freien Normalschulen Co-Education eingefhrt. Die weittragende Bedeutung des gemeinsamen Unterrichts der Geschlechter hatte sich Horace Mann, der mehr einem praktischen Bedrfnis entgegenkommen wollte, nicht klar gemacht. Nicht nur, da auch hhere Schulen, in der Art unserer Gymnasien, nach diesem Vorbild eingerichtet wurden,--Oberlin-College in Ohio als das erste seiner Art,--schon 1835 rttelte eine Schar mutiger Mdchen, die sich mit ihren Schulkameraden die ntige wissenschaftliche Vorbildung erworben hatten, an den Pforten der alten Harvard-Universitt[235] und kurz darauf begehrte der erste weibliche Arzt, Harriot K. Hunt, wie sie, vergebens Einla.[236] Was ihr verwehrt wurde, sollte wenige Jahre spter der tapferen Pionierin des Frauenstudiums, Elizabeth Blackwell, gelingen. Sie und ihre Schwester Emily sahen sich pltzlich, nach dem Tode ihres Vaters, vor die Notwendigkeit versetzt, nicht nur sich, sondern auch ihre Mutter und ihre jngeren Brder und Schwester zu ernhren. Da kam ihnen die Erkenntnis der traurigen Lage ihres Geschlechtes. Sie sahen, wie wenige und schmale Wege zum Erwerb den Frauen nur offen standen und bemerkten "die Massen der Konkurrentinnen, von denen eine die andere niederzutreten suchte. Wir beschlossen, lieber einen neuen Pfad fr uns zu entdecken, als in schon berfllten Berufen einen Platz zu erobern."[237] Elisabeth wurde, nachdem sie zwlf medizinische Schulen vergebens um Aufnahme gebeten hatte, Studentin in der Schule von Geneva, Emily in Cleveland. Diese wurde 1850 erste Aerztin an dem ersten, eben gegrndeten Frauenhospital in New York, jene ging nach England, der Frauenbewegung dort wie in ihrem Vaterlande Pionierdienste leistend. Indessen wurde durch Grndung von Lehrerinnenseminarien und Colleges dem Bedrfnis der weiblichen Jugend mehr und mehr Rechnung getragen. 1860 entstand das erste College nur fr Frauen,--Vassar-College,--das von Anfang an auf einem hheren wissenschaftlichen Standpunkt stand, als die anderen oft sehr primitiven Institute. Hier war es auch, wo zuerst eine Frau den wissenschaftlichen Lehrstuhl bestieg: Maria Mitchel wurde als Professor fr Astronomie und Mathematik 1866 nach Vassar berufen. Kurze Zeit spter gestattete der oberste Gerichtshof von Iowa Arabella Mansfield die Ausbung der Praxis als Rechtsanwalt. Diesen Frauen, im Verein mit den Schwestern Blackwell, gebhrt der Ruhm, in Amerika ihrem Geschlecht Bahnbrecherinnen geworden zu sein. Als die Universitt Michigan ihm als erste ihre Thore ffnete, war dies gleichsam die Anerkennung des Beweises, den die Frauen fr ihre wissenschaftliche Befhigung erbracht hatten. Auch auf dem Gebiet des gewerblichen Unterrichts hatten die Frauen Erfolge zu verzeichnen. Zwar wurden die ersten Lden, in denen weibliche Kommis thtig waren, von den sittlich entrsteten Einwohnern geboykottet,[238] aber schon zwei Jahre spter, 1856, wurde mit privaten Mitteln die erste Handels- und Gewerbeschule fr Frauen in New York erffnet. Dem wachsenden Bedrfnis gegenber war sie jedoch keineswegs ausreichend. 1859 grndete Peter Cooper, selbst ein Kaufmann, der die Vorteile weiblicher Arbeit erkannt hatte, eine Schule der Art im grten Stil, die heute noch besteht und eine Musteranstalt genannt werden kann. Eine lebhafte Kontroverse ber die Zunahme der Frauenarbeit, ihre Vorteile und Nachteile, entspann sich in der Presse und wurde durch Broschren und Bcher ber den Gegenstand vertieft und erweitert. Gail Hamilton und Catherine Cole traten als Agitatoren im Interesse der Frauen auf und forderten ihre vllige Gleichstellung mit dem Mann in Bezug auf Unterricht, Beruf und Erwerbsbedingungen.[239] Epochemachend fr ganz Amerika waren die Schriften Virginia Pennys[240], in denen sie schilderte, unter welch traurigen Bedingungen die Million arbeitender Frauen, die der Census von 1860 gezhlt hatte, zu arbeiten gezwungen wren, und wie nur eine grndliche Vorbereitung zur Berufsarbeit ihre Lage zu ndern im stande wre. Die Agitation, die in Amerika weniger die Aufgabe hatte, mit heftigen Gegnern zu kmpfen, als vielmehr Blinden die Augen zu ffnen, hatte berall Erfolg: Colleges und Gewerbeschulen ffneten sich mehr und mehr den Frauen, ja die staatlichen und landwirtschaftlichen Schulen, die dadurch ins Leben gerufen waren, da der Washingtoner Kongre von 1862 den einzelnen Staaten zu diesem Zweck groe Lndereien berwiesen hatte, lieen in immer grerem Umfange Frauen zu. Zum Verstndnis fr diese, im Vergleich zu Europa ungewhnlich frhe Erfllung der Wnsche der Frauen, die zwar darum zu kmpfen hatten, aber auf geringeren Widerstand stieen, mu man sich vergegenwrtigen, da nicht etwa der grere Edelmut oder das tiefere Verstndnis der Amerikaner fr die Bestrebungen des weiblichen Geschlechts die Ursache davon ist, sondern vielmehr die Thatsache, da die Vereinigten Staaten erst auf eine kurze wirtschaftliche Entwicklung zurcksahen und von einer Ueberfllung der Berufe, die den Widerstand der Mnner htte hervorrufen mssen, keine Rede war. Im Mutterlande lagen die Dinge anders. Wohl waren schon 1835 Karoline Herschel und Mary Somerville einstimmig zu Mitgliedern der englischen Astronomischen Gesellschaft erwhlt worden und ihre wissenschaftlichen Verdienste dadurch zu einer bisher unerhrten Anerkennung gelangt,[241] aber die allgemeine Lage der "gentlewoman" war noch jahrzehntelang so gut wie unbercksichtigt geblieben. Zuerst lenkten die traurigen Verhltnisse, in denen sich die Erzieherinnen befanden, deren mhselige Lebensarbeit ihnen nicht einmal ein sorgenloses Alter sicherte, die Aufmerksamkeit auf sich. Es wurde ein Pensionsverein fr Lehrerinnen gegrndet, und nach unermdlichen Kmpfen der Lehrerinnen selbst, die lngst eingesehen hatten, da sie nur auf Grund besserer Leistungen eine hhere Entschdigung beanspruchen konnten, wurde 1846 das erste Lehrerinnenseminar erffnet,[242] dem wenige Jahre spter Queens College und Bedford-College folgten. Das war ein groer Schritt auf dem Wege der Befreiung der Frauen durch Arbeit, der noch an Bedeutung gewann, als, wieder infolge zher Agitation, die bis dahin privaten Anstalten die Genehmigung der Regierung erhielten. Damit war dem immer noch verlachten, als unweiblich bekmpften Brotstudium der Frau die erste ffentliche Sanktion erteilt worden. Es hatte dazu noch einer strkeren treibenden Kraft bedurft, als der Agitation einiger Frauen; sie fand sich in den Ergebnissen der Volkszhlung 1851. Furchtbare Zustnde deckte sie auf und man stand entsetzt vor der Thatsache, da ber zwei Millionen alleinstehender Frauen auf Selbsterhaltung angewiesen waren, ohne da ihnen die Mittel dazu zur Verfgung standen. Mi Leigh Smith bearbeitete zuerst in einer aufsehenerregenden Broschre, Women und Work, die Ergebnisse der Statistik und schuf in dem Englishwomens Journal--1875--das Organ der nunmehr krftig einsetzenden Frauenbewegung. Ein neuer Beruf fr gentlewomen hatte sich inzwischen aufgethan: die internationale Telegraphengesellschaft stellte seit 1853 Frauen als Telegraphistinnen an. Aber ebenso wie in Amerika die zunehmende Verwendung von Frauen im Lehrberuf, wie Gneist in seiner oben erwhnten Broschre ganz richtig sagte, nicht auf humanitre, sondern pekunire Ursachen zurckzufhren ist, so wurden hier die weiblichen Arbeitskrfte lediglich ihrer greren Billigkeit wegen den mnnlichen vorgezogen. Die kapitalistische Gesellschaft strzte sich wie ein Raubtier auf seine Beute, auf die ihr durch die Not entgegengetriebenen Opfer. Der brgerlichen Frauenbewegung fehlte dafr aber das Verstndnis. Sie jubelte nur ber jede neue Mglichkeit, ihre nach Arbeit suchenden Schutzbefohlenen unterzubringen.[243] Neue Arbeitsgebiete zu schaffen, mute auch in diesem Stadium der Entwicklung ihr wesentlichstes Bestreben sein. Die Universitten waren den Frauen noch verschlossen; wie Mi Hunt in Amerika ein Jahrzehnt frher, so hatte Mi Jessie Meriton 1856 in England den ersten vergeblichen Versuch gemacht, zugelassen zu werden.[244] Der ersten Englnderin von Geburt, die im Ausland Medizin studiert hatte, Elisabeth Garret, gelang es erst 1865 nach langen Kmpfen, das Recht zu erringen, als Lizentiat der Apothekergesellschaft zu praktizieren. Dieser Weg war also vorlufig fr die Masse der Frauen ungangbar. Es muten andere, die schneller zum Ziele fhrten und von vielen betreten werden konnten, gefunden werden. Zu diesem Zweck entstand im Jahre 1859 unter Leitung von Mi Jessie Boucherett die Society for Promoting the Employment of Women. Sie setzte sich ausdrcklich das Ziel, den notleidenden Frauen der Brgerklasse--den gentlewomen--Hilfe zu bringen. Sie erffnete Unterrichtskurse fr Handelsangestellte, Zeichnerinnen, Photographinnen, Holzschneiderinnen, Lithographinnen, Kunststickerinnen u. dergl. und es strmten ihr nicht nur die Schlerinnen zu, sie fanden auch, einmal ausgebildet, leicht ein Unterkommen. Whrend es 1851 in ganz England keine Photographin und keine Buchhalterin und nur 1742 Verkuferinnen gab, zhlte man 1861 bereits 308 Buchhalterinnen, 130 Photographinnen und 7000 Verkuferinnen, und 1871 war allein die Zahl der Buchhalterinnen auf 1755 gestiegen. Englands Beispiel wirkte anregend auf das Festland, wo dieselben Zustnde Abhilfe forderten. In Schweden stellte sich die Frauenzeitung Tidskrift for Hennet an die Spitze der Bewegung; hhere Unterrichtskurse fr Mdchen, eine Handelsschule und ein Lehrerinnenseminar entstanden in den Jahren 1859 bis 1861. Selbst Ruland wurde vom Zuge der Zeit berhrt. Nach heftiger Agitation, besonders seitens der Lehrerinnen, deren Bildungsgrad ebenso niedrig war, wie ihr Einkommen, entschlo man sich schon 1867, Universittskurse fr Frauen einzurichten. Schon ein Jahr spter promovierte Barbara Rudnewa als Dr. med. an der medico-chirurgischen Akademie in Petersburg.[245] Zu gleicher Zeit machte ihre Landsmnnin, Nadjesda Suslawa in Zrich, wo Frauen nur als Hrerinnen hie und da zugelassen worden waren, ihr Doktorexamen.[246] In Holland und Belgien wirkten seit 1865 Vereine fr den gewerblichen Unterricht der Frauen; die Zulassung der Frauen zum Apothekerberufe war ihr erster praktischer Erfolg in den Niederlanden[247]; die Errichtung einer Handels- und Gewerbeschule in Brssel ihre erste That dort.[248] Der fruchtbarste Boden jedoch fr die sich anbahnende Umwlzung war der von politischen Strmen wie von einer Pflugschar immer wieder aufgewhlte Frankreichs. Als die Julirevolution ausbrach, kam der Gedanke an die Befreiung auch der Frauen aus langer Knechtschaft aufs neue deutlicher zum Ausdruck und erregte die Frauenwelt selbst aufs tiefste. Die alte Forderung der politischen Emanzipation trat wieder in den Vordergrund, und der Saint-Simonismus warf einen neuen Zndstoff in die Welt, indem er die Befreiung der Frau von der mnnlichen Tyrannei auch auf dem Gebiete des Geschlechtslebens verkndete. Eines der interessantesten Dokumente der Zeit ist die von 1832 bis 1834 in Paris erschienene Zeitschrift: La Femme nouvelle. Die neue Frau, die darin geschildert wird, deren Existenzmglichkeit durch Umwandlung der Gesetze und Sitten gesichert werden sollte, forderte auch ihr Recht auf Arbeit, als Grundlage wahrer Befreiung. Als dann vom Jahre 1836 ab Madame Poutret de Mauchamps an der Spitze der franzsischen Frauenbewegung trat, begann sie systematisch vorzugehen. La Gazette des femmes wurde ihr Organ, ein treues Spiegelbild ihres Wachstums. Die Erffnung der Universitten, die Zulassung der Frauen zu hheren Berufen, das waren die Forderungen, mit denen sie nunmehr ihren Feldzug erffnete und die Grndung einer Gesellschaft zur Hebung der Lage der Frauen,--der ersten ihrer Art,--war ihr nchster praktischer Erfolg.[249] Ein ideeller Erfolg aber von weittragender Bedeutung war das wachsende Interesse, mit dem Mnner der Wissenschaft sich der Frauenfrage zuwandten. So hielt Ernest Legouv im Jahre 1847 im Collge de France eine Reihe von Vorlesungen ber die moralische Geschichte der Frauen[250], in denen er durch die Schilderung ihrer traurigen Lage den grten Eindruck hervorrief. "Keine ffentliche Erziehung, kein gewerblicher Unterricht fr die Mdchen; das Leben ohne Heirat eine Unmglichkeit fr sie, und die Heirat ohne Mitgift unmglich", rief er aus, und malte mit dunklen Farben das Los der armen Tchter der Bourgeoisie, denen nur das Kloster, der Beruf der Gesellschafterin und Lehrerin, oder das entehrende Bettlerleben bei begterten Verwandten brig blieb. Er forderte fr sie Zulassung zum rztlichen Beruf und wnschte ihre staatliche Anstellung als Schul-, Gefngnis- und Fabrikinspektoren,--eine Forderung, ber deren Berechtigung noch ein halbes Jahrhundert spter, in gewissen Lndern noch immer gestritten wird! "Die Arbeit, das heit Freiheit und Leben" war fr ihn der Ausgangspunkt und das Ziel der Emanzipation. Das Gesetz von 1850, wonach alle Kommunen von 800 Seelen an verpflichtet wurden, mindestens eine Mdchenschule zu grnden[251], und die den Frauen erteilte Erlaubnis, den Vorlesungen des Collge de France beizuwohnen, knnen als Erfolg der von Legouv mit getragenen Agitation betrachtet werden. Die Reaktion nach 1848 hinderte bald jede lebhaftere Vorwrtsbewegung. Die hhere Mdchenerziehung, die einen so vielversprechenden Aufschwung genommen hatte, litt besonders schwer unter der rapiden Zunahme der Erziehungsklster, die die Revolution von 1789 vllig unterdrckt und Napoleon auf das uerste beschrnkt hatte. Ihre Konkurrenz war fr die weltlichen Pensionen fast vernichtend; nicht nur da die Bourgeoisie die gut eingerichteten, von Grten umgebenen, Vorteile aller Art bietenden Klster den engen, dunklen weltlichen Erziehungsanstalten fr ihre Tchter vorzog, auch die Lehrerinnen vermochten sich den Klosterschwestern gegenber kaum zu behaupten. Die Unterlehrerinnen in den Pensionaten muten Dienstbotenarbeit mit bernehmen und erreichten kaum ein Gehalt von 200 Frs. im Jahr und die Privatlehrerinnen waren froh, wenn sie nach einem ermdenden 12- bis 14stndigen Arbeitstag 4 Frs. verdienten. Dabei wuchs ihre Zahl infolge des Mangels anderer Berufsarten enorm. 1864 gab es allein 3000 Klavierlehrerinnen in Paris![252] Erst Englands Beispiel rttelte die Frauen aus ihrer Lethargie. Madame Allard und Jules Simon grndeten nach dem Vorbild des englischen Vereins zwei Gesellschaften zur gewerblichen Vorbildung der Frauen. Eine Reihe von Artikeln, die im Jahre 1862 ber die Frage der Frauenarbeit im Journal des Dbats erschienen und das auf grndlichen Studien beruhende Buch von Jeanne Daubi ber die Lage der vermgenslosen Frauen[253], beeinfluten die ffentliche Meinung und untersttzten die Ideen jener Vereinigungen. Handels- und Gewerbeschulen fr Frauen wurden erffnet und fanden binnen kurzem zahlreichen Zuspruch.[254] Die Post machte zuerst den Versuch mit der Verwendung von Frauen, der Staat stellte sie, nachdem seit Frau von Genlis keine Frau mehr den Posten bekleidet hatte, als Schulinspektorinnen an. Und wie in England und Amerika, so pochte auch hier eine Frau, Madame Madeleine Brs, an die Pforten der Universitt und verlangte, zu den Vorlesungen der medizinischen Fakultt zugelassen zu werden. Ihre Forderung wurde dem Ministerrat vorgelegt und dem energischen Eintreten der Kaiserin Eugenie zu ihren Gunsten ist es zu verdanken, da die Pariser Universitt den Frauen geffnet und die Erwerbung akademischer Grade ihnen ermglicht wurde.[255] Wieder war Frankreich, wie zu den Zeiten Condorcets und Olympe de Gouges, bahnbrechend vorgegangen. Und wie hier die Revolution es jedesmal war, mit der der Aufschwung der Frauenbewegung zusammenfllt, so lste sie auch in Deutschland die Zunge der Stummen. Ihrem Einflu hat die brgerliche Frauenbewegung ihre erste Vorkmpferin, Luise Otto, zu verdanken; durch sie bekam sie in ihren strmischen Anfngen einen politischen Charakter, der aber unter der eisernen Rute der Reaktion schnell wieder verschwand. Die praktische Frage des augenblicklichen Notstands trat in den Vordergrund, und die Erregung, die sich darber der Gemter bemchtigte, spiegelte sich vor allem in dem Kampf um die Entwicklung der Mdchenschulen ab; die Radikalen wollten durch die Erziehung die Frauen erwerbsfhig machen, die Konservativen wollten dagegen den huslichen Beruf wieder strken und betonen.[256] Da sie am Staatsruder saen und die deutschen Frauen selbst viel zaghafter waren, als ihre auslndischen Genossinnen,--selbst eine Luise Otto schwieg, von der Reaktion eingeschchtert, viele Jahre lang,--blieben sie Sieger im Kampf auch gegen die privaten Unternehmungen zur Erweiterung der Frauenbildung. Die unter den glnzendsten Aussichten von Emilie Wstenfeld 1849 in Hamburg gegrndete, zwei Jahre lang von Karl Frbel geleitete Hochschule fr Frauen wurde zur Schlieung gezwungen. Selbst in den Frbelschen Kindergrten, die schon vielen Frauen befriedigende Beschftigung sicherten, sah man Herde verderblicher Aufklrung; sie wurden 1851 von Staats wegen aufgelst.[257] Man brachte die Notleidenden zum Schweigen,--das war ja von jeher das Ziel antirevolutionrer Bewegungen,--aber die Not selbst wuchs im Stillen um so schneller. Der einzige Beruf brgerlicher Frauen, der der Lehrerin, war schon aufs uerste berfllt. Von 1825 bis 1861 war ihre Zahl allein in Preuen von 705 auf 7366 gewachsen[258], whrend die Grndung von Mdchenschulen nicht im entferntesten gleichen Schritt gehalten hatte. Es kam vor, da sich innerhalb einer Woche zu einer Schulstelle 114 Bewerberinnen meldeten![259] Dazu kam, da die preuische Volkszhlung von 1861 nicht weniger als 700000 alleinstehende Frauen und Mdchen ergeben hatte. Als daher die Berichte ber die englischen und franzsischen Vereine, die gegen dieselben Zustnde kmpften, die hier in die Augen sprangen, nach Deutschland gelangten, wirkten sie wie Schlssel zu einer neuen Welt. Es waren nicht Frauen, wie dort, sondern Mnner--und das ist bezeichnend fr den Standpunkt der deutschen Frauen--, die nunmehr die Initiative ergriffen: Adolph Lette legte im Jahre 1865 dem Verein fr das Wohl der arbeitenden Klassen eine Denkschrift vor, in der er auf Grund der Ergebnisse der Volkszhlung und persnlicher Beobachtungen, die Grndung eines dem englischen und franzsischen Vorbild hnlichen Vereines befrwortete.[260] Dieser msse sich in seiner Thtigkeit, so fhrte er aus, ausschlielich auf die Frauen des Mittelstandes beschrnken, und ihnen durch Einfhrung praktischer Unterrichtskurse neue Berufszweige erffnen. Als solche bezeichnete er in der Heilkunde den rztlichen Beruf und den der Krankenpflegerinnen; in der Technik die Anfertigung von chemischen, chirurgischen, mikroskopischen, optischen Apparaten, von Farben, Parfmerien und Essenzen, sowie von Photographieen; im Handel: Buchhaltung, Korrespondenz, Kassenfhrung, Warenverkauf; im ffentlichen Dienst: Post und Telegraphie. Damit umschrieb er ungefhr die Berufe, die auch heute noch als Berufe brgerlicher Frauen angesehen werden knnen. Wenn er, seine Anhnger und alle Befrderer seiner Ideen in ihren Bestrebungen nicht ber den Kreis dieser Frauen hinausgehen wollten, so drckt sich darin ein Klassenegoismus aus, der um so abstoender wirkt, als die Not der Proletarierinnen weit mehr nach Abhilfe zu schreien schien. Aber gerade in dieser Einseitigkeit lag die Strke der jungen Bewegung. Indem sie mit den beschrnkten Krften, die sie noch besa, engbegrenzten Zielen zusteuerte, konnte sie sicher sein, sie schlielich zu erreichen. Der Gedanke entsprach so sehr der Zeitstrmung, da er nicht allein durch den Mund Lettes zum Ausdruck kam. Auf dem Vereinstage deutscher Arbeitervereine beantragte Moritz Mller, da Staat und Gemeinden veranlat werden mchten, Gewerbeschulen fr Frauen zu grnden, denn "die Frauen sind zu jeder Arbeit berechtigt, zu der sie befhigt sind"; der schlesische Gewerbetag nahm eine Resolution zu gunsten der kaufmnnischen Ausbildung und der Anstellung der Frauen im Post- und Telegraphendienst an, und in Leipzig, wo ein Hauptmann auer Diensten, A. Korn, in seiner Allgemeinen Frauenzeitung die Sache der Frauen energisch vertrat, berief er im selben Jahr, als Lette in Berlin seinen Vortrag hielt, eine Frauenkonferenz ein, an deren Spitze die alte Kmpferin Luise Otto trat. Auch hier wurde die Frage der Erweiterung der weiblichen Wirkungskreise allein errtert. Ihr praktisches Ergebnis war die Grndung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins, als dessen Ziel "die erhhte Bildung des weiblichen Geschlechts und die Befreiung der weiblichen Arbeit von allen Hindernissen" aufgestellt wurde.[261] Whrend der in Berlin ins Leben gerufene Letteverein von Mnnern geleitet wurde und Frauen nur zur Beihilfe heranzog, stellte der Leipziger Verein sich sofort auf radikaleren Standpunkt, indem er Luise Otto zur Vorsitzenden whlte und Mnner sowohl von der Leitung als von der Mitgliedschaft ausschlo. Hier also kmpften die deutschen Frauen zum erstenmal persnlich, in organisiertem Verbande fr ihre Rechte. Sie, die durch die Reaktion gleichsam auf den Mund geschlagen worden waren, wagten es nun auch wieder, durch Wort und Schrift ihre Sache zu frdern. Dieselbe Einseitigkeit, die schon den Letteverein charakterisiert, spiegelt sich auch in ihren Ansprchen wieder und beweist, da der aus rein wirtschaftlichen Motiven entsprungene Kampf um Arbeit die Urquelle der brgerlichen Frauenbewegung ist. "Wir verlangen nur, da die Arena der Arbeit den Frauen geffnet werde", hatte Auguste Schmidt, die eigentliche Wortfhrerin des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins ausgerufen.[262] "Die einzige Emanzipation, die wir fr unsere Frauen anstreben, ist die Emanzipation ihrer Arbeit"[263], schrieb Luise Otto. Und Fanny Lewald-Stahr, die von sich selbst erzhlt, da sie heimlich habe arbeiten mssen, weil es sich fr Mdchen ihrer Art nicht schickte, Geld zu verdienen, und die anerkennt, da "der gewaltigste Aufklrer, die bittere Not" es war, die vielen die Augen geffnet hat, erklrt die "Emanzipation zur Arbeit" fr die einzige, von der vor der Hand geredet werden kann.[264] So hatte sich in Nordamerika, in England, Frankreich und Deutschland, dem sich ein Jahr spter, durch Grndung des Frauenerwerbvereins, auch Oesterreich anschlo, jener Proze vollzogen, durch den die brgerliche Frau in eine neue Phase ihrer Entwicklung eintrat. Eine Revolutionierung der Sitten und Begriffe, des Haus- und Familienlebens, der Staats- und Gesellschaftseinrichtungen, bereitete sich dadurch vor, die keiner von Denen, die nur der augenblicklichen Not abhelfen wollten, voraussah, ja die sie vor ihrem eigenen Vorhaben zurck htte schaudern lassen, wenn sie sie htten ahnen knnen. Dritte Periode. Die Bestrebungen fr Frauenbildung und Frauenarbeit in neuester Zeit. Der organisierte Kampf um Arbeit, der an die Stelle des Ringens einzelner Frauen um einen Erwerbsberuf trat, bezeichnet den Beginn der modernen Frauenbewegung. Es mute ihm erst die wirtschaftliche Entwicklung vorausgehen, die die Frauen mehr und mehr aus der Vereinzelung der huslichen Thtigkeit herausri, sie zwang, Arbeit auerhalb der engen vier Wnde zu suchen und sie schlielich ihre Interessengemeinschaft lehrte. Selbstverstndlich konzentrierte sich die Frauenbewegung je nach dem Grade der Verarmung des Brgerstandes und der Zahl den die Mnner berwiegenden Frauen auf diesen Kampf um Arbeit; und der Widerstand, der ihr auf diesem Gebiet entgegengesetzt wurde, gestaltete sich dort am schrfsten, wo die allgemeine wirtschaftliche Lage die gedrckteste, die Ueberfllung der Berufe die grte und die Konkurrenz der Mnner infolgedessen die strkste war. Am leichtesten vollzog sich daher der Kampf in Nordamerika. Die Frauenbewegung war hier seit den Tagen der Sklavenbefreiung in erster Linie eine politische geworden und gegen sie richteten sich hauptschlich die Gegner, whrend der Wunsch, der Frauen, zu den hheren Lehranstalten und Berufen zugelassen zu werden, auf geringeren Widerstand stie. Zwar wurde im Anfang der Vorwurf der Unweiblichkeit auch gegen die Schlerinnen der ersten Frauen-Colleges erhoben, ja von der Kanzel herunter gegen sie gepredigt, besonders das System des gemeinsamen Unterrichts beider Geschlechter heftig befehdet, aber bald beschrnkte sich der Widerstand nur auf einzelne Zeloten. In den siebziger Jahren ffnete sich den andrngenden Frauen eine Hochschule nach der anderen und sie entschlossen sich auch zum Teil, ihnen akademische Grade zu verleihen. Die in allen Staaten entstehenden Frauenvereine hatten die Forderung hheren Unterrichts in ihre Statuten aufgenommen; besondere Vereine, wie die Female Medical Educational Society, richteten ihre Agitation auf bestimmte Berufsvorbereitungen. Schon 1874 wurde in der medizinischen Fakultt der Universitt Boston ein besonderer Kursus fr weibliche Studenten eingerichtet; heute stehen ihnen, mit Ausnahme der Staatsschulen, alle medizinischen Schulen offen. Wie Elisabeth Blackwell auf diesem Gebiet bahnbrechend vorgegangen war, so Antoinette Brown auf dem des Studiums der Theologie. Im Oberlin-College, wo sie ihr Examen glnzend bestanden hatte, waren ihr schon von den Lehrern die grten Schwierigkeiten bereitet worden und man strafte ihr "unweibliches" Vorgehen damit, da man ihren Namen nicht in die Liste der Graduierten aufnahm. Wenige Jahre spter jedoch begannen die kirchlichen Gemeinschaften, mit Ausnahme der katholischen und episkopalischen Kirche, in ihre theologischen Schulen auch weibliche Studenten zuzulassen. Aehnlich entwickelte sich das Studium der Jurisprudenz, das Arabella Mansfield zuerst fr sich erzwungen hatte. Viel schwieriger wurde es den Frauen, nun auf Grund ihrer Kenntnisse zur Berufsthtigkeit zugelassen zu werden. Den weiblichen Aerzten wurde die klinische Ausbildung schon dadurch unmglich gemacht, da keines der bestehenden Krankenhuser sie zulie, noch weniger fanden sie natrlich Patienten, man begegnete ihnen sogar mit Mitrauen und Geringschtzung. Als Dr. Emily Blackwell und Dr. Marie Zakzrewska sich in New York niederlieen, wo das erste Krankenhaus fr Frauen, an dem nur weibliche Aerzte ordinierten, durch sie entstand, war es ihnen zuerst unmglich, eine Wohnung zu bekommen: kein Hausherr wollte die Verachteten aufnehmen. Die ersten Juristinnen wurden entweder von den Gerichtshfen als Advokaten nicht zugelassen, oder sie warteten vergebens auf Klienten. Niemand wollte den Frauen seine Sache anvertrauen. Die weiblichen Geistlichen wurden ausgepfiffen, zuweilen sogar mit Steinwrfen vertrieben, und die Graduierten der philosophischen Fakultten fanden nur selten einen Lehrstuhl in einem College. Etwas rascher gelang den Erwerb Suchenden der Eintritt in den kaufmnnischen Beruf und zwar war die Regierung ihnen hier behilflich. Schon 1862 stellte General Spinner, die allgemeine Entrstung darber nicht achtend, sieben Frauen als Beamte in der National-Bank an, und 1875 konnte er von ber tausend Angestellten im Staatsdienst berichten, und deren Leistungen als durchaus zufriedenstellend bezeichnen.[265] Ebenso bewhrten sie sich im Postdienst, in dem Mitte der sechziger Jahre gleichfalls die ersten Frauen beschftigt wurden. Ihr Eintritt in brgerliche Berufe machte von da an rapide Fortschritte. Ein ganzes Netz von Vereinen aller Art spann sich ber Amerika aus; ihre Agitatorinnen reisten von Ort zu Ort, den Gedanken der Frauenbefreiung durch selbstndige Arbeit berall hin tragend. Mehr aber als durch ihre Agitation erreichten die Frauen durch ihre Leistungen whrend des Brgerkrieges, wo sie den Beweis fr ihre Arbeitsfhigkeit fhrten. Nicht nur, da weibliche Journalisten als Leiter von Zeitungen und Berichterstatter sich einen Namen erwarben, es waren auch allein die Frauen, die mit heldenmtiger Aufopferung die Pflege der Soldaten und ihrer Hinterbliebenen bernahmen und einheitlich organisierten. In dieser Zeit entstand in Clara Barton, die bis dahin Geistliche gewesen war, und nun rastlos pflegend und helfend den furchtbarsten Greueln des Krieges ins Antlitz sah, der Plan eines allgemeinen Verbandes von Krankenpflegern, wie er 1864 auf der Genfer Konvention unter dem Namen des Roten Kreuzes ins Leben trat. Zur obersten Leiterin der Verwundetenpflege war whrend des Krieges Dorothea Dix in Anerkennung fr ihre Leistungen als Reformatorin des Gefngniswesens von der Regierung ernannt worden. Zu gleicher Zeit riefen eine Anzahl weiblicher Aerzte einen Frauenverein ins Leben, der zunchst nur den Zweck hatte, fr die Pflege, Nahrung, Bekleidung und Untersttzung der Soldaten und ihrer Angehrigen zu sorgen, sich aber nachher zu jener Sanitts-Kommission entwickelte, deren Zweigvereine heute in jedem Staat und fast jeder Stadt fr die unbemittelten Kranken Sorge tragen. So bewiesen die Frauen Kraft zur Arbeit und Verstndnis fr ffentliche Angelegenheiten. Der Widerstand gegen ihr Ringen um Bildung und Arbeit wurde immer schwcher. Heute haben sie von 484 Colleges und Universitten zu 345 Zulass von 51 technischen Hochschulen zu 28. Auerdem bestehen 4 Universitten und gegen 160 Colleges fr Mdchen allein. Seit dem Jahre 1886, wo ca. 36000 an diesen Anstalten studierende Frauen gezhlt wurden[266], hat ihre Zahl sich verdoppelt; allein 25000 studieren davon an den Universitten.[267] Neben 6 medizinischen Frauenhochschulen stehen fast alle Schulen fr Mnner auch den Frauen offen; in 6 Frauenhospitlern knnen sie ihrer klinischen Ausbildung nachgehen. Selbst das Studium der Theologie ist ihnen ermglicht. Diese glnzenden Resultate eines fast hundertjhrigen Kampfes drfen jedoch nicht mit europischem Mastab gemessen werden. Es giebt, besonders im Westen, sogenannte Universitten, deren Unterrichtskreis nicht ber die Tertia unserer deutschen Gymnasien herausgeht; die meisten entsprechen in Lehrplan und Lehrstoff der Sekunda und Prima, soda der zum Schlu verliehene Grad eines Bachelor of Arts (B.A.) nicht hher steht, als unser Abiturientenzeugnis. Sehr viele Colleges gleichen hheren Tchterschulen in Deutschland, mit dem Unterschied, da Mathematik und klassische Sprachen dem Unterricht eingegliedert sind; andere wieder erreichen die Hhe deutscher Universitten. So kann angenommen werden, da von den 25000 studierenden Frauen nur etwa 500 in unserem Sinne Studentinnen sind.[268] Danach kann auf eine gewisse Hhe der Allgemeinbildung der Amerikanerinnen, nicht aber auf wissenschaftliche Grndlichkeit geschlossen werden. In der Erkenntnis dieser Thatsache suchen nicht nur ernster Strebende an einer europischen Universitt den Doktorgrad zu erringen, sie haben sich auch zur Verbindung der Collegiate Alumnae zusammengethan, die durch Stipendien das Studium im Auslande ermglicht und ein hheres Niveau der inlndischen Ausbildung zu erreichen sucht. Das erstrebenswerteste Ziel aber fr die weibliche Jugend Amerikas ist die bisher unerreichte Erffnung der vier bedeutendsten Universitten: Harvard, Yale, Johns Hopkins und Columbia. Erst eine Frau hat in Harvard ihr philosophisches Doktorexamen machen drfen, und diese mute sich mit einer privaten Bescheinigung darber begngen. Da sich nun aus den, als B.A. entlassenen Schlerinnen der Universitten die Schulvorsteherinnen und Lehrerinnen, auch vielfach die Professorinnen der Colleges rekrutieren, so gehen deren Schlerinnen selbstverstndlich wieder als mangelhaft Vorgebildete aus ihnen hervor, ein Zirkel, der nur dann durchbrochen werden wird, wenn die schrfer werdende Konkurrenz mit den Mnnern die Frauen zu grerer Energie um vertiefteren Unterricht aufstachelt. Heute wird den Amerikanerinnen der Zutritt zu brgerlichen Berufen--wohlbemerkt: Erwerbsberufen, nicht staatlichen oder kommunalen Ehrenmtern--nur selten erschwert. Seit 1872, wo Illinois durch Gesetz bestimmte, da alle Berufe ohne Unterschied des Geschlechtes jedem offen stnden, sind etwa zwei Drittel der Bundesstaaten seinem Beispiel gefolgt. Kaum ein Beruf drfte den Frauen vollstndig verschlossen sein; seit der Ernennung von Dr. Anita Newcomb zur Militrrztin mit dem Range eines Leutnants scheint selbst die militrische Karriere ihnen in gewisser Weise offen zu stehen. Unter den Staatsbeamten finden sich nicht nur Frauen in subalternen Stellungen: in zwei Staaten bekleiden sie das Amt eines Staatssuperintendenten des Schulwesens, sind also mit anderen Worten Unterrichtsminister. Weibliche Gemeindevorsteher giebt es in grerer Zahl.[269] In 22 Staaten finden sich 227 Provinzialsuperintendenten der Erziehungsanstalten. Eine Frau, Mi Estelle Reel, wurde von der Bundesregierung zum Oberinspektor der gesamten Indianerschulen ernannt. In Michigan fungiert seit 1899 eine Frau als Staatsanwalt; in Kansas sind 20 Prozent aller Schulrte und 5 Prozent aller Notare Frauen. In verschiedenen Parlamenten sind die amtlichen Stenographen Frauen; 30 weibliche Fabrikinspektoren wirken in den Bundesstaaten. Staatsarchivare und Bibliothekare sind zahlreich angestellt. In allen Ministerien der Bundesregierungen sind weibliche Beamte beschftigt. In den sogenannten liberalen Berufen ist die Zahl der weiblichen Advokaten besonders bemerkenswert; sie werden in 22 Staaten zugelassen und selbst der oberste Gerichtshof in Washington stellte durch Gesetz vom Jahre 1879 die Frauen den Mnnern gleich. Bis heute nahm er acht Frauen auf. Weibliche Universittsprofessoren finden sich auch an den ersten Universitten des Landes, so in Boston Mercy Jackson als Professor fr Kinderkrankheiten, in Wiskonsin Helen Campbell als Professor der Nationalkonomie. Auer in den genannten Berufen haben Frauen sich durch kaufmnnische Unternehmungen selbstndig zu machen gesucht, und besonders in den Sd- und Weststaaten haben sie sich als Besitzer und Leiter von ausgedehnten Viehzchtereien und Milchwirtschaften, von Gemse-, Obst- und Blumenkulturen aus Armut zum Reichtum emporzuarbeiten verstanden.[270] Der amerikanischen Entwicklung dieser Seite der Frauenfrage kommt die englische am nchsten; die politische Freiheit verbunden mit der open door policy, d.h. dem Gedanken des freien Wettbewerbs, hatte einen rapiden wirtschaftlichen Aufschwung zur Folge, der auch den Frauen zugute kam. Der Platz am Brotkorb brauchte ihnen nicht in so heftiger Weise streitig gemacht zu werden, wie sonst in Europa. Auch ihrem Ringen nach hherer Ausbildung wurden weniger Schwierigkeiten in den Weg gelegt. Nachdem die knigliche Kommission zur Untersuchung der Schulzustnde, die 1864 eingesetzt wurde, und deren weibliches Mitglied Mi Beale den Stand der hheren Mdchenschulen zu begutachten hatte, die denkbar ungnstigsten Berichte ber den Unterricht des weiblichen Geschlechts zu geben gezwungen war, entstanden allenthalben Vereine zur Verbesserung der Mdchenerziehung, die auf die Hhe des vorbereitenden Unterrichts der Knaben zur Universitt gehoben werden sollte. Um einen Mastab fr sie zu haben, richtete sich die nchste Agitation auf die Zulassung der Mdchen zu den Lokalexamen der Universitten. Schon 1865 verstand sich Cambridge, etwas spter Oxford zur Abhaltung dieser Examen, die etwa zwischen das 13. und 16. Lebensjahr der Schler zu fallen pflegen.[271] Sie stehen ungefhr den Examen unserer Realschulen gleich und berechtigen keineswegs zum Universittsstudium. Um dies zu erreichen, das den Frauen hartnckig verweigert wurde, legte Mi Emily Davies, die schon die erfolgreiche Agitatorin fr die Lokalexamen gewesen war, im Jahr 1869 zuerst in einem kleinen Hause in Hitchin die Grundlage zu Girton College. Es gelang ihr, einige Professoren von Cambridge fr ihre Idee, ihre Schlerinnen zunchst zu dem leichtesten--dem sogenannten little-go--Universittsexamen vorbereiten, zu gewinnen. Sie bestanden nicht nur dies, sondern drei Jahre spter auch das schwerste, das Triposexamen. Inzwischen wurden nach dem Muster von Girton, Newnham-College, gegrndet. Durch vereinte Bemhungen, die oft zu heftigem Federkrieg fhrten, wurde endlich erreicht, da die Frauen zu einzelnen Vorlesungen in der Universitt selbst Zutritt erlangten und schlielich--im Jahre 1881--wurden sie zu den Universittsexamen, dem little-go und Tripos, offiziell zugelassen; bis heute jedoch mssen sie sich, trotz dauernder Bemhungen, mit einem einfachen Zertifikat begngen; die Erteilung, der mit dem bestandenen Examen bei den mnnlichen Studenten verbundenen Titel wird ihnen standhaft verweigert,--es ist das das letzte Prrogativ, das die Mnner sich vorbehalten wollen!--Der Kampf um Oxford war ein hnlicher, wie der um Cambridge.[272] In dem Zeitraum von 1870 bis 1894 wurden die Frauen nach und nach zu den Vorlesungen und Examen aller Fakultten, mit Ausnahme der medizinischen zugelassen, aber die Titel gnnten ihnen auch hier ihre mnnlichen Kollegen nicht. Dafr gewhrte ihnen schon 1878 die Universitt London--lediglich eine Examinationsbehrde--smtliche Grade, was um so wichtiger ist, als ihre Examen fr die weitaus schwersten gelten. Mit kleinen Unterschieden,--so ist das Studium der Theologie und Medizin an einigen Universitten den Frauen verboten--nehmen heute smtliche Universitten Grobritanniens weibliche Studenten mit gleichen Rechten auf wie mnnliche. Als eine Folge jedoch nicht nur der englischen Prderie, wie viele meinen, sondern vor allem der auf diesem Gebiet besonders lebhaften Konkurrenzfurcht der Mnner mu es angesehen werden, wenn der schwierige Kampf der Frauen sich um das Studium der Medizin, vor allem um die klinische Ausbildung drehte. Keine Schule und keine Examinationsbehrde wollte Frauen zulassen und so entschlossen sie sich denn, sich selbst zu helfen, indem sie, mit Untersttzung einiger Professoren, 1874 die mit einem Frauenhospital verbundene London school of Medicine for women grndeten. Ihrem energischen Vorgehen war es zu danken, da durch Parlamentsbeschlu zwei Jahre spter die Prfungsbehrden autorisiert wurden, weibliche Studenten zu examinieren. Sie folgten freilich nur sehr langsam dieser offiziellen Aufforderung. Bis heute haben sich neun Universitten und medizinische Schulen dazu bereit erklrt, auerdem stehen ihnen acht allgemeine Krankenhuser neben achtzehn Frauenhospitlern offen.[273] Dem Beispiel des Mutterlandes folgten die Kolonieen. Die indischen Universitten sind seit 1878 den Frauen geffnet; vier hhere Schulen, von denen die in Pronah unter Leitung der gelehrten und wohlthtigen Indierin Pundita Ramabai steht, sorgen fr die Vorbereitung; die australischen Universitten Sydney und Melbourne haben nie einen Unterschied zwischen den Geschlechtern gemacht.[274] Auch auf anderen Gebieten des vorbereitenden Unterrichts fr brgerliche Lebensberufe ist fr das weibliche Geschlecht in England fast ebenso gut gesorgt, wie fr das mnnliche. Private und ffentliche Schulen zur gewerblichen, kaufmnnischen und knstlerischen Ausbildung nehmen sie auf. Auf den Lehrerseminarien, von denen es fr Frauen mehr giebt als fr Mnner, genieen sie die Vergnstigung unentgeltlicher Ausbildung. Den Weg zu einem neuen Frauenberuf erffnete die 1891 gegrndete Gartenbauschule von Swanley[275]. Durch ihre Erfolge wurde den Frauen auch die Schule der kniglichen botanischen Gesellschaft zugnglich. Eine landwirtschaftliche Schule, die statutengem ausschlielich fr gentlewomen, d.h. Frauen der brgerlichen Kreise bestimmt ist, richtete Lady Warwick auf ihrer Besitzung 1898 ein. Wie sie neben der Grtnerei die Geflgel- und Bienenzucht und die Milchwirtschaft in den Kreis neuer $Arbeitsmglichkeiten einbezog, so geschieht es auch durch die von den Grafschaftsrten und Gemeinden vielfach ins Leben gerufenen landwirtschaftlichen Schulen; auch die landwirtschaftliche Nationalunion von Grobritannien hat sich durch Grndung eines Frauenzweigvereins der Sache angenommen. Durch die Einrichtung der Krankenpflegerinnenschule am St. Thomashospital, die Florence Nightingale durchgesetzt hatte, nachdem ihr im Krimkrieg die Schden der dilettantischen Krankenpflege traurig genug bekannt geworden waren, wurde auch dieser Beruf ein Erwerbsberuf gebildeter Frauen. So giebt es kaum ein Gebiet des Berufslebens, fr das die Englnderinnen sich nicht vorbereiten knnten. Im Unterschied von Amerika aber ist die Erziehung der Geschlechter,--mit Ausnahme von Irland, wo krzlich der Versuch eines fr Knaben und Mdchen gemeinsamen Colleges gemacht wurde,--fast durchweg eine getrennte. Daraus ergeben sich sowohl praktische als psychologische Folgen schdlichster Natur und die Ausbildung der Frauen ist vielfach eine minderwertige; so werden sie z.B. in zwei Jahren zu Landschaftsgrtnern vorbereitet, whrend Mnner dazu eine Studienzeit von 5 bis 6 Jahren brauchen; und fast alle, fr das weibliche Geschlecht allein eingerichteten kaufmnnischen und knstlerischen Schulen haben einen krzeren oder weniger grndlichen Studiengang, als die fr Mnner bestimmten. Andererseits wird aber auch durch das System der Trennung der Gegensatz zwischen den Geschlechtern, der durch den Konkurrenzkampf hervorgerufen wird, noch verschrft, statt da er durch gemeinschaftliche Erziehung htte gemildert werden und der Begriff der Interessengemeinschaft seine Stelle htte einnehmen knnen. Der Zugang zu brgerlichen Berufen wurde den Englnderinnen im allgemeinen nicht allzu schwer gemacht. Sie waren nicht nur seit den Zeiten des Feudalismus keine unbekannte Erscheinung im ffentlichen Leben, sie hatten auch durch frhe, ausgedehnte und vortrefflich organisierte philanthropische Thtigkeit fr ihr Verstndnis und ihre Leistungskraft Zeugnis abgelegt. Von Elisabeth Fry, der Reformatorin des Gefngniswesens, bis zu Beatrice Webb finden wir eine Reihe bedeutender Frauen, die durch ihre Leistungen, mehr als durch ihre Worte fr das Recht der Frau auf Arbeit kmpften. So konnte die Regierung schon 1873 den Versuch machen, die erste Frau, Mrs. Nassau Senior, als Inspektor der unter dem Localgovernment Board geregelten Armenpflege anzustellen, und wie sie schon 1864 eine Frau in die Kommission zur Untersuchung der Schulverhltnisse berufen und ihr eine auerordentlich wertvolle Arbeit zu verdanken hatte, so bergab sie nach und nach immer hufiger Frauen wichtige Aufgaben. Von einschneidender Bedeutung war 1892 die Einsetzung einer Kommission zur Untersuchung der Arbeiterverhltnisse, in der vier Frauen mit Erhebungen ber die Lage der Arbeiterinnen betraut wurden. Sie bewhrten sich so, da kurze Zeit spter eine von ihnen, Mi Abraham, als erste Fabrikinspektorin und eine andere, Mi Collet, als Korrespondentin des Labour Department angestellt wurde. Auch Aerztinnen wurden als Bezirksrzte, als Sanittsinspektorinnen, als Leiter ffentlicher Krankenhuser,--besonders in den Kolonieen,--Beamte der Regierung. Vier von ihnen sind im Postdepartement beschftigt. Seit 1870 hatte die Regierung die Telegraphenlinien aus dem Besitz der privaten Gesellschaft bernommen und die weiblichen Angestellten beibehalten, ja sie hatte, trotz der lebhaften Agitation dagegen,--der einzigen, die in so groem Stil gegen das Eindringen der Frauen in brgerliche Berufe in England entfaltet wurde,--Frauen bei den Postsparkassen angestellt. Heute stehen 25928 Frauen im Post- und Telegraphendienst Grobritanniens.[276] Unter ihnen giebt es eine Anzahl, die bis zur Stellung von Postmeistern emporgestiegen sind. Fast in allen Ministerien beschftigt die Regierung Beamtinnen, ebenso in der Gefngnisverwaltung und -Aufsicht, auf kniglichen Observatorien und als Assistenten der Bibliothekare. In hervorragend leitenden Stellungen jedoch befinden sich keine Frauen. Bis vor einigen Jahren fhrte Miss Abraham ziemlich selbstndig die Geschfte des aus 7 Personen bestehenden weiblichen Fabrikinspektorats; als sie jedoch infolge ihrer Heirat ausschied, nahm man dies zum Vorwand, die weiblichen Inspektoren unter die Leitung des mnnlichen Oberinspektors zu stellen. Es scheint, da sich in der: Zurckdrngung der Frauen auf untergeordnete Stellungen der letzte Kampf gegen ihr Gleichberechtigungsbestreben ausdrckt. Er spielt sich in den englischen Lokalverwaltungen ebenso ab, obwohl die Frauenarbeit hier noch ausgedehnter und segensreicher wirkt, als im Dienst der Regierung. Wohl haben die Frauenvereine in jedem Ort, fast in jeder Gemeinde um die Anstellung weiblicher Beamten jahrelang ringen mssen, jetzt aber knnen sie stolz auf das Erreichte sein: Wir finden sie als Schul-, Sanitts und Handelsinspektoren, als Polizeimatronen und Leiterinnen ffentlicher Anstalten aller Art, als Standes- und Kirchspielbeamte, als Armenpfleger, als Steuererheber, als Landschaftsgrtner ffentlicher Anlagen und als Dozentinnen in den Haushaltungs- und landwirtschaftlichen Schulen der Grafschaftsrte thtig, aber Gemeindevorsteher und Brgermeister wie in Amerika finden wir nicht. Anders gestaltet es sich in den privaten Berufen, wo die persnliche Leistungsfhigkeit allein den Ausschlag giebt. Nicht nur, da weibliche Handelsangestellte, Stenographinnen und Maschinenschreiberinnen vor den Mnnern schon vielfach den Vorzug erhalten, immer mehr Frauen arbeiten sich zu Leiterinnen groer Geschfte, selbst zu Bankiers empor, die, obwohl die Brse ihnen verschlossen ist, zahlreiche Kunden haben. Und die Zahl der Privatgelehrten und Schriftstellerinnen, der Journalisten und Reporter nimmt Jahr um Jahr erheblich zu. Selbst in scheinbar den Frauen fernliegenden Berufen, wie in dem des Architekten, finden wir sie thtig und zwar mit solchem Erfolg, da krzlich eine von ihnen zum Mitglied der sehr exklusiven Kniglichen Gesellschaft der Architekten gewhlt wurde. Unter den gelehrten Berufen aber ist der medizinische derjenige, in dem die Frauen in England wie in Amerika sich am meisten auszeichnen. Sie erfreuen sich groer Praxis und allgemeiner Anerkennung, die auch den Konkurrenzneid der Mnner soweit besiegte, da sie vor wenigen Jahren Mrs. Garrett-Anderson zur Vorsitzenden einer groen Abteilung der fast nur aus Mnnern bestehenden medizinischen Gesellschaft erwhlten. Am strksten ist natrlich das weibliche Geschlecht im Lehrberuf vertreten. Nicht nur, da sie die mnnlichen Lehrer an Zahl berwiegen, es ist ihnen gelungen, leitende Stellungen, auch an Knabenschulen zu erobern. Dabei mu eingeschaltet werden, da das englische hhere Schulwesen ausschlielich in Privathnden ruht, weder Staatshilfe noch Staatsaufsicht geniet und die Gesellschaften, die es leiten, zum groen Teil auch aus Frauen bestehen. Infolgedessen konnte die englische Lehrerin zu solcher Bedeutung gelangen. Die mnnlichen Staats- und Lokalverwaltungen reprsentieren immer eine konservative Macht, die nur schwerfllig vorwrts schreitet. Das zeigt sich auch dort, wo die Frau solche Stellungen zu erreichen strebt, auf deren Gewhrung die Behrden, vom eingewurzelten Vorurteil berdies untersttzt, irgend welchen Einflu ben. Kranken- und Armenpflege, Erziehung und Unterricht waren seit alten Zeiten ein Frauenberuf innerhalb der Familien und des Stammes, es galt nur, ihn weiter auszubilden, ihn ber die ursprnglichen Grenzen herauszufhren, um zur Armenpflegerin und Inspektorin, zur Lehrerin und Aerztin zu fhren. Berufe aber, die nicht von Anfang an mit dem Weib als Geschlechtswesen in engem Zusammenhang standen, galten von vornherein fr unweiblich und wurden ihr daher verschlossen. So geschieht es z.B. in England noch bei dem Beruf des Geistlichen und des Advokaten; nur einzelne Sekten haben Predigerinnen und Missionarinnen, die Hochkirche lt sie ebensowenig zu wie die lutherische und katholische; und nur als Rechtskonsulenten drfen Frauen seit kurzem praktizieren, weibliche Advokaten schliet jeder Gerichtshof vorlufig noch aus. Frankreich, das im 18. Jahrhundert der Frauenbewegung Richtung und Ziel gegeben und sie in den revolutionren Strmen des 19. Jahrhunderts jedesmal zu neuem Leben erweckt hatte, blieb schlielich in seinen Erfolgen hinter Amerika und England zurck. Die Ursache davon ist vorwiegend in der durch die Napoleonische Gesetzgebung hervorgerufenen zivilrechtlich ungnstigen Lage der Frauen zu suchen. Sobald daher die Frauenbewegung sich von der Reaktion der fnfziger Jahre erholt hatte, verwandte sie ihre besten Krfte auf den Kampf gegen eine Unterdrckung, die wohl geeignet war, jedes Vorwrtsstreben zu erschweren. Ihre Agitation fr hheren Unterricht und Zulassung zu brgerlichen Berufen war aber immerhin, wenn sie auch in zweiter Linie stand, eine lebhafte. Zunchst galt es, die teilweise Erffnung der Universitt nicht dadurch illusorisch werden zu lassen, da die Erfllung der Vorbedingungen nicht vorhanden war. Man versuchte es Ende der sechziger Jahre mit der Einrichtung freier Vortragskurse fr Mdchen, ohne Erfolg zu haben. Auch die Privatanstalten gengten nicht. Legouv, der nach wie vor an der Spitze dieser Bewegung stand, sammelte schlielich eine immer grere Zahl von Frauen und Mnnern um sich, die fr die Idee der staatlichen Intervention eintraten und die Errichtung von Mdchengymnasien verlangten, die denen fr Knaben entsprechen sollten. Aber erst im Jahre 1880 setzte Camille Se ein Gesetz durch, wonach der Staat sich verpflichtete, mit Untersttzung der Kommunen hhere Mdchenschulen ins Leben zu rufen. Wenn dies Gesetz auch den Wnschen der Frauen und ihrer Freunde noch nicht entsprach, denn in der Praxis gestalteten sich die neuen Institute, von denen jetzt 32 staatliche und 27 stdtische bestehen, nur zu erweiterten Elementarschulen, keineswegs zu Gymnasien, so war die Anerkennung der Notwendigkeit hherer Frauenbildung durch den Staat immerhin ein Fortschritt. Seine Bedeutung ist um so grer, als von vornherein ausschlielich Frauen zu Leitern und Lehrern in den Lyceen bestimmt wurden. Das brachte eine Hebung des Lehrerinnenberufs mit sich und fhrte schon ein Jahr spter zur Grndung der Ecole normale in Svres, an der die Ausbildung der dem hheren Mdchenunterricht sich widmenden Frauen erfolgt[277], soweit sie sich nicht durch Universittsstudien vorbereiten. Seit 1870 schon stehen ihnen, mit Ausnahme der theologischen, nicht nur smtliche Fakultten offen, sie knnen auch dieselben Grade erwerben wie die Mnner. Auf dem Gebiet der Medizin hatten sie allerdings einen Kampf zu kmpfen, der bis heute noch nicht ganz zum Ziele fhrte: Zur klinischen und chirurgischen Ausbildung und dem damit verbundenen Examen wurde ihnen gar nicht oder nur ausnahmsweise Zula gewhrt. Schlielich erreichten sie es, in den Pariser Spitlern vier Jahre studieren zu drfen, ohne da man sie jedoch zu den hheren Prfungen zulie. Die Studenten sowohl wie die Aerzte waren whrend des ganzen Kampfes ihre ausgesprochenen Gegner. Auch auf einem anderen Gebiete, dem des knstlerischen Studiums, war von einer Gleichberechtigung der Frauen lange Zeit hindurch keine Rede. Selbst die Leistungen einer Rosa Bonheur, einer Vig-Lebrun waren nicht im stande gewesen, den Frauen den Zugang zur Ecole des Beaux-Arts zu ermglichen. Die traditionelle Meinung, da die guten Sitten dadurch verletzt wrden, mute hier ebenso wie beim klinischen Unterricht als Vorwand der Ausschlieung dienen. Erst 1897 erfolgte die Zulassung; die franzsische Kammer bewilligte zugleich eine bestimmte Summe zur Grndung von zwei Ateliers fr Schlerinnen, um damit dem Vorurteil der gemeinsamen Ausbildung der Geschlechter entgegen zu kommen. Viel rascher ging die Frage des gewerblichen und kaufmnnischen Unterrichts der Frauen einer Lsung entgegen. Schon 1870 zhlten die fnf Pariser kaufmnnischen Schulen 800 Schlerinnen. In den Provinzen entstanden, zum Teil durch die Kommunen, hnliche Anstalten, deren starke Frequenz dafr Zeugnis ablegt, da sie einem dringenden Bedrfnis entsprechen. Die Frau im kaufmnnischen Beruf ist denn auch seit langem eine wohlbekannte Erscheinung in Frankreich, und man rhmt ihr allgemein ihre Umsicht und ihren praktischen Verstand nach. Frauen, die ihr Geschft wirklich ganz selbstndig leiten, sind hier daher verhltnismig hufiger zu finden, als in anderen Lndern. Schon in den fnfziger Jahren wurden ihre Talente dadurch anerkannt, da die Eisenbahngesellschaften anfingen, Frauen in ihren Bureaux anzustellen, und der Staat, der schon im Anfang des Jahrhunderts Frauen im Postdienst beschftigt hatte, vermehrte ihre Zahl von 1877 ab bedeutend.[278] Auerdem vertraute er smtliche Tabakgeschfte--die Tabakfabrikation und der Handel mit Tabak sind bekanntlich Staatsmonopol--, Frauen an, und beschftigt eine groe Zahl von ihnen in der Bank von Frankreich. Im brigen ist die Zahl der staatlich angestellten Frauen gering und sie befinden sich fast ausschlielich in untergeordneten Stellungen. Den hchsten Rang nehmen die Gefngnis- und Schulinspektorinnen--von denen es allerdings nur drei giebt--ein. Die Fabrikinspektorinnen bekleiden nur das Amt von Assistentinnen, haben sich aber so bewhrt, da z.B. allein im Seine-Departement 14 thtig sind. Auer ihnen sind weibliche Staatsbeamte als Gefangenenwrter, als Lehrerinnen in Taubstummen- und Hebammenschulen zu finden. Seit einiger Zeit hat die Regierung auch Aerztinnen in ihren Dienst genommen: Madame Sarraute wirkt an der groen Oper; fr das weibliche Postpersonal sind in Paris zwei Aerztinnen angestellt, andere Aerztinnen wurden den afrikanischen Missionen angeschlossen oder an staatlichen Mdchenlyceen verwendet.[279] Von allen Frauen werden natrlich Lehrerinnen vom Staat und von den Kommunen am meisten beschftigt. Ihr Einflu reicht soweit, da sie sowohl den Departementsrten als dem Oberschulrat als gleichberechtigte Mitglieder angehren knnen. Aber noch keiner Frau ist es gelungen, als Dozent an der Universitt zugelassen zu werden oder die Leitung eines Hospitals in die Hand zu bekommen. Sobald es sich um angesehene oder besser bezahlte Stellungen handelt, hrt auch bei den damenfreundlichen Franzosen das Entgegenkommen auf. Trotzdem wird der Zugang zu brgerlichen Berufen den Frauen leichter gemacht, als etwa in England; sei es, weil infolge der stagnierenden Bevlkerung die Konkurrenz keine so lebhafte ist, sei es, weil die Franzsinnen der brgerlichen Kreise selbst noch nicht nach Amt und Brot so heftig zu streben gezwungen sind. Unter den Studentinnen giebt es wenig geborene Franzsinnen, selbst unter den Aerztinnen, von denen in Paris allein 77 eine groe Praxis ausben, sind viele Auslnderinnen. Neuerdings hat die franzsische Frauenbewegung dadurch einen wichtigen Schritt vorwrts gethan, da die Frauen zur Advokatur zugelassen wurden. Es war das jedenfalls nur die notwendige Konsequenz der Zulassung zum juristischen Studium. Jeanne Chauvin, die es schon vor Jahren glnzend absolvierte, hatte lange vergebens alles aufgeboten, um zu ihrem Recht zu gelangen. Nur als Beamte in den Bureaux der Rechtsanwlte hatten Frauen festen Fu gefat. 1899 jedoch nahm die Kammer einen Antrag des sozialistischen Abgeordneten Viviani an, der die Zulassung der Frauen zur Advokatur forderte. Im Herbst 1900 besttigte der Senat das Votum und ein Vierteljahr spter wurde die erste Advokatin, Madame S. Balachowski-Petit, feierlich vereidet. Unter den brgerlichen Berufen privater Natur, in denen die Franzsinnen thtig sind, wird einer von ihnen besonders geschtzt: der schriftstellerische und journalistische. Von jeher haben sich die Franzsinnen durch ihre Gewandtheit, mit der Feder umzugehen, hervorgethan. Es sei hier nur auf Madame de Stal, Georges Sand, Madame d'Agoult (Daniel Stern), neuerdings auf Juliette Adam, die Severine, die Gyp und viele andere hingewiesen. Seit 1898 nun haben sie, allen anderen Lndern vorangehend, den Versuch gemacht, die weiblichen Talente zusammenzufassen, indem Madame Marguerite Durand unter dem Titel La Fronde eine nur von Frauen redigierte, geschriebene, ja sogar gedruckte politische Tageszeitung grndete. So wenig solch ein Unternehmen auch dem wirklichen Fortschritt entspricht und im Interesse der Frauenbewegung gelegen ist--denn erst das Zusammenarbeiten von Mann und Weib auf gleichen Gebieten und unter gleichen Bedingungen wrde ihre Krfte sthlen und erproben--, so liefert es doch fr die Fhigkeiten der Frau den Beweis und bahnt den Weg zu neuen Erwerbsmglichkeiten. Trotz der Fortschritte, die Frankreich auf dem Gebiet der brgerlichen Frauenarbeit gemacht hat, sind sie doch nicht in demselben Tempo erfolgt, wie man es nach den Anfngen der franzsischen Frauenbewegung htte annehmen knnen, und in dem, was erreicht wurde, ist es von manchen anderen Lndern berflgelt worden. Nur ein flchtiger Ueberblick,--die Schilderung der Frauenbewegung eines jeden Landes wrde ins Endlose fhren und im groen und ganzen dieselben Entwicklungslinien zeigen, die wir schon verfolgt haben,--soll den Beweis dafr erbringen. In Ruland, das schon in den sechziger Jahren Universitts- und medizinische Kurse eingerichtet hatte, vermochte selbst die mehr als zehnjhrige Reaktionszeit von 1882 an, whrend der das Studium der Medizin den Frauen nicht gestattet wurde, dem Fortschritt ihrer Sache nicht Einhalt zu gebieten. Schon 1883 wirkten allein in Petersburg 52 Aerztinnen. 1896 erfolgte dann die Neuerffnung der medizinischen Hochschule, die den Frauen dieselbe Ausbildung zu teil werden lt, wie sie die Mnner erhalten, und sie denselben Prfungen unterwirft. Sowohl in Moskau als in Kiew knnen sie unter gleichen Verhltnissen Medizin studieren, auerdem steht ihnen in Petersburg ein orientalisches Seminar zur Verfgung. Die Vorbereitung zur Universitt vermitteln die schon 1868 von Frauen gegrndeten und geleiteten hheren Frauenkurse, die mit der Zeit in Bezug auf den Unterrichtsstoff und die Organisierung immer besser ausgebildet wurden. Auer ihnen bestehen noch klassische Mdchengymnasien, deren Besuch ebenfalls zum Universittsstudium berechtigt, und 350 Mdchenlyceen, die in manchen Punkten unseren hheren Tchterschulen hnlich sind, in anderen wieder,--z.B. werden die klassischen Sprachen gelehrt, wenn auch dieser Unterricht nur fakultativ ist,--weit ber sie hinaus gehen.[280] Besonders hoch steht in Ruland die Ausbildung der Lehrerinnen. Nicht nur, da sie groenteils Universittsbildung besitzen, es wird ihnen auch in den "Instituten der Kaiserin Maria", die der kaiserlichen Kanzlei unterstehen, eine ebenso billige wie vortreffliche Erziehung geboten, die sie, nach Absolvierung der Prfungen, zum Gouvernanten- und Volksschullehrerinnenberuf berechtigt. Es ist wohl nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, da unter den russischen Frauen die Lehrerin die Trgerin nicht nur der Frauenbewegung, sondern auch die wichtigste Befrderin der Volksaufklrung und des sozialen Fortschrittes ist. Ihre Leistungen fanden soweit ffentliche Anerkennung, da Mdchenschulen und Mdchengymnasien groenteils weibliche Lehrkrfte und sogar weibliche Direktoren haben, die allerdings zum Direktor des Knabengymnasiums in einem gewissen Abhngigkeitsverhltnis stehen. Einer groen Beliebtheit erfreuen sich die weiblichen Aerzte, deren staatliche Anstellung immer allgemeiner wird. Im Gegensatz zu der herkmmlichen Ansicht, da Frauen groen krperlichen Strapazen nicht gewachsen sind, hat es sich gezeigt, da gerade die Landrztinnen, die gezwungen sind, unter elenden Verhltnissen, inmitten einer rohen Bevlkerung, auf schlechten Landwegen, bei allen Schauern eines russischen Winters, ihrer Praxis nachzugehen, sich auerordentlich bewhren. Aber auch in den Grostdten sind sie mit Erfolg thtig. In Petersburg, wo neben 21 mnnlichen 15 weibliche Bezirksrzte und auerdem 35 Aerztinnen in staatlichen Krankenhusern Anstellung fanden[281], hat der Magistrat in einem offiziellen Bericht festgestellt, da auf einen mnnlichen Arzt 5400 bis 8000 Patienten, auf einen weiblichen 7000 bis 11000 fallen, diese also vom Publikum bevorzugt werden. Auer ihnen erfreuen sich auch die weiblichen Apotheker eines guten Rufs. Noch ein anderer fr die russischen Verhltnisse wichtiger Frauenberuf findet die Untersttzung des Staates: Seit kurzem hat das Ministerium fr Landwirtschaft landwirtschaftliche Lehranstalten fr Frauen in allen Teilen des Landes eingerichtet, in denen sie sich fr alle in Betracht kommenden Fcher ausbilden knnen. Die ersten, die ihre Studien zu Ende fhrten, wurden von der Regierung teils in den Bureaux des Ministeriums, teils als Inspektorinnen angestellt. Auch der Frage der Fabrikinspektoren ist Ruland in hnlicher Weise nahegetreten, indem es zunchst die Einrichtung von Unterrichtskursen plant, deren Schlerinnen dann als Aufsichtsbeamte Verwendung finden sollen. Als ein groer Erfolg kann es ferner betrachtet werden, da die Staatsbank Frauen beschftigt. Diese Untersttzung, die seitens der ffentlichen Verwaltung der Frauenbewegung zu teil wird, lt sich wesentlich aus dem Mangel an Arbeitskrften erklren und der geringe Widerstand, der ihr seitens der Mnner entgegengesetzt wird, hat seinen Grund darin, da das riesige Land und das groe Volk besonders fr Lehrer und Aerzte noch unendlich viel Platz haben. Noch weiter vorgeschritten als Ruland ist Finland, wo Gymnasien und Universitt dem weiblichen Geschlecht mit gleichen Rechten offen stehen, wie dem mnnlichen. Hier finden sich neben staatlich angestellten Aerztinnen auch weibliche Armenpfleger und Direktoren von Armenhusern. In den Privatberufen haben die Frauen sich vor allem als Leiterinnen und Lehrerinnen der weit verbreiteten Volkshochschulkurse hervorgethan. Das benachbarte Schweden, das schon 1870 zwei Universitten den Frauen erffnete und ihnen die medizinische Laufbahn erschlo, gewhrt ihnen heute fast berall dieselben Rechte wie den Mnnern. Die Mdchenschulen, an die sich Gymnasialklassen anschlieen, bereiten zum Abiturientenexamen vor, das auch von den Mdchen mit Vorliebe gemacht wird, die nicht das Universittsstudium daran schlieen; infolgedessen ist die Bildung der Schwedinnen eine im allgemeinen hohe. Seit Sonja Kowalewska als erster weiblicher Dozent den Lehrstuhl fr Mathematik in Stockholm bestieg, steht auch diese Laufbahn den Frauen offen. Dr. Ellen Fries war ihre nchste Nachfolgerin, und 1897 wurde Dr. Elsa Eschelson zum Professor der Jurisprudenz an die gleiche Universitt berufen. Ein Jahr spter wurde eine Aerztin am Pathologisch-Anatomischen Institut der Stockholmer medizinischen Hochschule angestellt. Die Lehrerinnen, die an der Lehrerschaft Schwedens mit 63 Proz. beteiligt sind, knnen schon seit 15 Jahren Mitglieder der Schulaufsichtsbehrden werden, auch als Armenpfleger und im Dienste der Sittenpolizei finden Frauen Verwendung. Seit dem Jahre 1898 sind sie offiziell zur Advokatur zugelassen. Norwegen war darin mit gutem Beispiel vorangegangen. Der erste juristische Verein hatte sich mit solchem Nachdruck auf die Seite der Frauen gestellt, da sogar ihre Zulassung zum Verwaltungsdienst und zum Notarberuf erfolgte,[282] Die Universitt, die ihnen erst 1880 erffnet wurde, lt sie heute zu jedem Studium und zu allen Prfungen zu, ebenso sind die Gymnasien ihnen geffnet. Apothekerinnen und Aerztinnen, Gymnasiallehrerinnen und Schulinspektorinnen sind schon lange eine gewohnte Erscheinung. Im Post- und Telegraphendienst befinden sich Frauen in Norwegen und Schweden schon seit 1857 resp. 1860. Dnemark steht hinter den genannten Lndern zurck. Zwar lt die Universitt Kopenhagen seit 1825 Frauen mit gleichen Rechten zu, Aerztinnen sind den Aerzten gleichgestellt, und die Schulbehrden haben weibliche Mitglieder, aber der Anwaltsberuf ist ihnen verschlossen und der Staat stellt nur selten weibliche Beamte an. Ein hnliches Verhltnis besteht in Belgien, wo sogar die Aerztinnen ihrem Beruf nicht ungehindert nachgehen knnen. Besonders gut eingerichtet ist dagegen hier die gewerbliche und landwirtschaftliche Ausbildung der Frauen, die auch vom Staat dadurch untersttzt wird, da landwirtschaftliche Lehrerinnen zur Abhaltung von Vortragskursen und Leitung praktischen Unterrichts auf das Land geschickt werden. Einen heftigen, aber bisher ganz vergeblichen Kampf kmpfen bisher die Frauen unter Fhrung der Juristin Marie Popelin um Zulassung zur Advokatur.[283] Weit grere Fortschritte hat die hollndische Frauenbewegung zu verzeichnen. In Bezug auf wissenschaftliche Ausbildung genieen die Frauen genau dieselben Vorteile wie die Mnner. Auch die Gymnasien besuchen Knaben und Mdchen gemeinsam. Ebenso ist kein wissenschaftlicher Beruf ihnen verschlossen. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich die weiblichen Aerzte. Eine von ihnen, Frulein Dr. von Tussenbroek, wurde 1898 als Professor der Frauenheilkunde an die Universitt Utrecht berufen. Unter den drei von der Kommunal-Verwaltung Amsterdams angestellten Aerzten ist einer eine Frau, und die medizinische Examinationskommission hat seit 1898 auch ein weibliches Mitglied. Im Staatsdienst steht auerdem eine Assistentin der Fabrikinspektion, deren Anstellung allerdings erst das Ergebnis einer sehr langen Agitation gewesen ist. Die Schweiz, die zuerst Frauen zum Universittsstudium zulie, ist ihrem frauenfreundlichen Prinzip seitdem treu geblieben. Zunchst spricht die steigende Verwendung von Lehrerinnen dafr: seit 1871 haben sie um 87 Proz., die Lehrer nur um 9 Proz. zugenommen. Einen noch strkeren Beweis liefert der Umstand, da die Frauen nicht nur als Schulrte, Schulinspektoren, Armenpfleger und,--wenn auch vorlufig in geringem Umfang,--als Arbeitsinspektoren thtig sind, sondern da ihnen auch das Recht gewhrt wurde, Lehrsthle der Universitten einzunehmen, sowie seit 1899 als Rechtsanwlte zu praktizieren. Italien hat gleichfalls seine alten Traditionen nicht verleugnet. Wie im Mittelalter, so lehren auch jetzt noch weibliche Dozenten an den Universitten, die den weiblichen Studenten nie verschlossen waren, und in denen sie seit 1890 den mnnlichen in jeder Beziehung gleichstehen. Die Knabengymnasien werden auch von Mdchen besucht, auerdem existieren noch besondere Mdchengymnasien mit dem gleichen Lehrplan, von denen das erste 1891 vom Kultusministerium in Rom erffnet wurde. Schon 1868 stellte der Staat die erste Schulinspektorin an[284]; heute sind doppelt soviel Lehrerinnen als Lehrer thtig und wirken sowohl an Knaben- wie an Mdchenschulen. Aerztinnen und Apothekerinnen stehen den Mnnern vllig gleich. Nur um die Zulassung zur Advokatur kmpfen die Frauen, seitdem Laida Pot, nach glnzend absolviertem Doktorexamen, energisch dafr eintrat[285], bis heute ebenso vergebens wie in Belgien, und im Staatsdienst stehen, auer den Post- und Telegraphenbeamtinnen, nur wenige Frauen. Unter den romanischen Lndern sind Spanien und Portugal die zurckgebliebensten, obwohl auch ihre Universitten, zum Teil sogar seit Jahrzehnten, den Frauen offen stehen. Es fehlt jedoch an den Mitteln zur ntigen Vorbildung. In Spanien sind auch die hheren Berufe den Frauen verschlossen, whrend in Portugal weibliche Aerzte praktizieren drfen.[286] Selbst die Trkei, wo ein Mdchengymnasium besteht, gestattet den Frauen schon seit 1894 das Studium der Medizin und lie sie bereits ein Jahr frher zur rztlichen Praxis zu. Griechenland, Serbien und Rumnien gewhren den Frauen in Bezug auf Bildung und Beruf fast vllig gleiche Rechte mit den Mnnern. Rumnien lt sie zu den Lehrsthlen der Universitt und zur Advokatur zu.[287] Erklren lt sich diese, fr die kulturell im allgemeinen zurckgebliebenen Lnder merkwrdige Erscheinung dadurch, da der Zudrang zum Studium und zu den wissenschaftlichen Berufen seitens der Mnner kein groer ist, und man nicht nur die Lcken durch Frauen ausfllen, sondern auch durch ihren Wettbewerb die Leistungen der Mnner steigern will. Hierzu kommt, da weibliche Aerzte gerade in muhamedanischen Bevlkerungen, wo die kranken Frauen jeder rztlichen Hilfe entbehrten, weil sie nur von Mnnern ausging, einem dringenden Bedrfnis entsprechen. Aus diesem Grunde hat auch Oesterreich sich schon verhltnismig frh entschlossen, Aerztinnen anzustellen, obwohl seine Stellung zur Frauenbewegung damals noch eine reaktionre war. 1890 wurde die erste Aerztin, Dr. Krajewska, nach Bosnien berufen, der bald drei andere folgten. Sie stehen in ihren amtlichen Rechten und Pflichten den mnnlichen Aerzten vllig gleich. Ihrer Ausbildung konnten sie jedoch nur auf nicht-sterreichischen Universitten nachgehen. Obwohl bereits im Jahre 1878 die ersten Frauen als Gste einzelnen Vorlesungen an sterreichischen Universitten beiwohnen durften, wurden sie erst seit 1897 als Studentinnen zu den Vorlesungen und Prfungen der philosophischen Fakultt zugelassen, whrend sie offiziell weder Medizin studieren noch darin geprft werden konnten. Erst neuerdings ist es ihnen ermglicht worden; es steht sogar zu erwarten, da das Studium der Jurisprudenz ihnen an allen Universitten gestattet wird. Gnstiger stellt sich die Frage des Universittsstudiums der Frauen in Ungarn, wo sie 1896 an der Universitt Budapest zu allen Fakultten zugelassen wurden.[288] Die Vorbereitung zur Universitt ist die Aufgabe einer Anzahl privater Mdchengymnasien, die seit Anfang der neunziger Jahre in Prag, Wien, Budapest, Krakau und Lemberg bestehen und auf die zhe Agitation verschiedener Frauenvereine zurckzufhren sind. Die Berufsthtigkeit der sterreichischen Frauen, die sich besonders im letzten Jahrzehnt rasch erweitert hat, beschrnkt sich trotzdem nur auf wenige Berufe. Zwar steht ihnen die rztliche Laufbahn offen, in Ungarn sind sie auch zum Apothekerberuf zugelassen, im allgemeinen aber wenden sich die meisten erwerbsuchenden Frauen aus brgerlichen Kreisen noch dem traditionellen Lehrerinnenberuf zu. Dort hat die Regierung sich nach und nach immer mehr dazu verstanden, die Volksschule, vielfach auch die Knabenklassen, weiblichen Lehrkrften anzuvertrauen. Seit kurzem--1899--hat Galizien den Anfang gemacht, Frauen auch in den Bezirksschulrat aufzunehmen,--ein Vorgehen, das von den brigen Lndern der sterreichisch-ungarischen Monarchie bald nachgeahmt werden drfte. Im Staats- und Gemeindedienst stehen, auer den Volksschullehrerinnen, die Post- und Telegraphenbeamtinnen, deren Zulassung erst nach hartem Kampf mit den mnnlichen Kollegen erfolgte, eine Anzahl Gerichtssachverstndige und Bureaubeamte in untergeordneten Stellungen. Noch ein Blick auf die auereuropischen Lnder vollende die Uebersicht: in Australien genieen die Frauen fast berall die gleichen Rechte auf Bildung und Beruf wie die Mnner. Sie stehen als Fabrik- und Schulinspektoren, als Ministerialbeamte im Staatsdienst; sie wirken als Aerzte, Anwlte und Lehrer ungehindert. In Mexiko und Brasilien knnen sie als Advokaten und Aerzte praktizieren. Selbst in Asien hat die Frauenbewegung Fortschritte zu verzeichnen: weibliche Aerzte und Rechtsanwlte sind in Indien, dessen Universitten den Frauen offen stehen, keine Seltenheit. Neuerdings nimmt auch die japanische Universitt Studentinnen auf und die Grndung einer eigenen Frauenhochschule steht in Aussicht. Im japanischen Postdienst finden Frauen Verwendung. China hat krzlich ein Mdchengymnasium gegrndet und an der Universitt Peking dozieren weibliche Professoren. Der Negus von Abessinien und der Emir von Afghanistan haben Aerztinnen an ihren Hof berufen, und in Arabien verbreitet eine Frauenzeitung die Ideen der Frauenbewegung. Wenden wir uns nunmehr Deutschland zu, das wir absichtlich zurckgestellt haben, damit es sich um so deutlicher, gleichsam wie ein dunkles Relief von einem hellen Hintergrund, von der vorgeschrittenen Entwicklung der brigen Lnder abhebe. Der Fortschritt der Frauenbewegung wurde hier zunchst allein durch die Organisation der Frauen bezeichnet. Fr die deutsche Frau, die mehr als irgend eine andere an die Familie, an das Haus gebunden gewesen war, erschien die Grndung von Frauenvereinen an sich schon als ein bedeutsames Ereignis. Da es einem Bedrfnis entsprach, bewies das zahlreiche ins Leben treten von Verbnden im Anschlu an den Allgemeinen deutschen Frauenverein und an den Letteverein. Einesteils drngte das von Sorgen und Zweifeln bervolle Frauenherz nach Aussprache, andererseits trieben die traurigen Vermgensverhltnisse Tausende auf die Suche nach Arbeit. Schon 1869 konnte daher der Letteverein an die Spitze eines Verbandes deutscher Bildungs- und Erwerbsvereine treten, deren Organ "Der Frauenanwalt" eine freilich recht gemigte Sprache fhrte, und der Allgemeine deutsche Frauenverein konnte fr sich und seine Zweigvereine das Blatt "Die neuen Bahnen" ins Leben rufen, das etwas energischer auftrat. Auf eine bessere Ausbildung der Mdchen versuchten beide zunchst einzuwirken. Handels- und Gewerbeschulen, wie sie in Berlin, Leipzig und Hannover seit einigen Jahren bestanden[289], wurden auch anderwrts eingerichtet, um die Mdchen vor allem zum kaufmnnischen Beruf vorzubereiten; sie verdankten ihr Entstehen jedoch fast ausschlielich privater Untersttzung. Staat und Kommunalverwaltungen verhielten sich ganz ablehnend. Noch schroffer war ihre Haltung, sobald die Frage der wissenschaftlichen Erziehung der Mdchen an sie herantrat. Fanny Lewald hatte ihre Zulassung zu den bestehenden Gymnasien gefordert[290]; der Allgemeine deutsche Frauenverein war schon vorsichtiger, indem er auf einer seiner Generalversammlungen der Rede des Dr. Wendt zustimmte, der die Grndung von Realgymnasien fr Mdchen befrwortete. Aber nicht nur auerhalb, auch innerhalb des Vereins gab es noch ngstliche Gemter genug, die um die Gefhrdung der Weiblichkeit zitterten, oder die Bestrebungen der Frauen mit Hohn und Spott berschtteten. Unter den Politikern, wie unter den Mnnern der Wissenschaft fand sich kein Verteidiger ihrer Sache. Die erste Petition des Lettevereins um Errichtung von Mdchengymnasien wurde mit Entrstung zurckgewiesen[291], und Heinrich von Sybel machte sich zum Wortfhrer der Gegner des Frauenstudiums, indem er sich scharf gegen jede Emanzipation wandte und das Schlagwort von dem "einzigen Beruf" des Weibes, dem, Gattin und Mutter zu sein, schuf, das die poetischen wie die prosaischen Feinde der Frauenbewegung mit gleicher Gewandtheit seitdem im Munde fhren. Ganz blind konnte jedoch selbst er nicht an den thatschlichen Verhltnissen vorbergehen, die es vielen Frauen unmglich machten, ihren "einzigen Beruf" zu erfllen und so entschlo er sich zu der Inkonsequenz, der Unverheirateten wegen, die Einrichtung von naturwissenschaftlichen, medizinischen und kaufmnnischen Schulen fr wnschenswert zu erklren.[292] Eine hnliche Stimmung zeigte sich berall: man gab die Notwendigkeit besserer Mdchenerziehung zu, aber man htete sich ngstlich, sich einzugestehen, wodurch sie verursacht wurde. Charakteristisch hierfr waren die Verhandlungen der Tchterlehrerversammlung in Weimar 1872. Eine Neuorganisation des hheren Mdchenschulwesens, sogar ihre gesetzliche Regelung wurde allgemein gewnscht, die Erwerbsfrage aber feige verleugnet und ausdrcklich bestimmt, da die Mdchenschule die Teilnahme an der allgemeinen Geistesbildung den Frauen ermglichen solle, ihre Gestaltung aber auf die Natur und die Lebensbestimmung des Weibes Rcksicht zu nehmen habe. Der deutsche Verein fr das hhere Mdchenschulwesen, der ein Jahr spter ins Leben trat, fute auf diesen Grundstzen, und als sich im selben Jahre das preuische Unterrichtsministerium entschlo, sich mit der Frage zu beschftigen, stellte es sich auf den gleichen Standpunkt, machte aber der Frauenbewegung insofern eine Konzession, als es erklrte, da die Vorbildung fr knftige Berufsarbeit besonderen Einrichtungen vorbehalten werden msse. Solche Einrichtungen zu treffen, sollte jedoch ganz der privaten Initiative berlassen bleiben. Eine Auslnderin, Mi Archer, war es, die zuerst dazu den Mut gefunden hatte, indem sie unter dem Namen Viktoria-Lyceum in Berlin eine Anstalt ins Leben rief, in der Mdchen, die die Schule absolviert hatten, sich wissenschaftlich weiterbilden konnten. Fast zehn Jahre spter wurde die Humboldt-Akademie in Berlin zu hnlichem Zweck gegrndet, ohne da beide zunchst praktische Folgen aufweisen konnten, weil das Studium in den Anstalten zu keinerlei Prfung berechtigte. In dieser ganzen Zeit war die Agitation der Frauen fr ihre Sache eine sehr zaghafte. Sie beschrnkte sich fast nur auf die Thtigkeit innerhalb der Vereine. Dagegen setzte die litterarische Fehde seit Sybels Auftreten ihr Fr und Wider lebhaft fort. Die streitbare Feder Hedwig Dohms trat seit Anfang der siebziger Jahre in den Dienst der Frauenbewegung[293], whrend die milde Luise Bchners durch Rcksichtnahme auf Tradition und Vorurteil die Leser zu gewinnen suchte[294]. So wurde zwar die Aufmerksamkeit mehr als bisher auf die Frauenfrage gelenkt, aber von ffentlichem Interesse war sie nicht. Mit dem Ende der achtziger Jahre entwickelte sich eine lebhaftere Bewegung zu gunsten des wissenschaftlichen Unterrichts der Frauen. Unzufrieden mit dem vorsichtigen Vorgehen des Allgemeinen deutschen Frauenvereins, der auerdem seine Krfte vielfach verzettelte, wurde der Verein Frauenbildungs-Reform ins Leben gerufen, der die Errichtung von Mdchengymnasien und Erffnung von Universitten zu seinem ausschlielichen Ziele nahm und sofort 1888-89 an die Unterrichtsministerien und Volksvertretungen aller Staaten eine Petition um Zulassung zu den Maturittsprfungen der Gymnasien und dem Studium an den Hochschulen versandte. Inzwischen war auch der Allgemeine deutsche Frauenverein lebendiger geworden; er reichte im selben Jahre allen Kultusministerien Deutschlands ein Gesuch ein, wonach das Studium der Medizin, sowie alle Studien und Prfungen, durch welche die Mnner die Befhigung zum wissenschaftlichen Lehramt erlangen, den Frauen freigegeben werden mchten. Die Antworten, die beide Vereine erhielten, gaben die Stimmung Deutschlands gegenber den Frauen zu einer Zeit, wo sie in fast allen Kulturlndern studieren, als Aerztinnen oder Advokatinnen praktizieren konnten und wichtige Staatsmter ihnen anvertraut wurden, deutlich genug wieder: dem Verein Frauenbildungs-Reform gegenber erklrten sich die Einzelstaaten nicht kompetent zur Lsung der Frage, der Reichstag aber verwies wieder an die Einzelstaaten, und der Allgemeine deutsche Frauenverein bekam von 7 Staaten eine ablehnende, von 6 gar keine Antwort. Nur in einer Beziehung kam der Staat den Frauen entgegen, indem er dem Viktoria-Lyceum das Recht erteilte, Oberlehrerinnen auszubilden und sie durch eine offizielle Prfungsbehrde examinieren lie. Inzwischen war noch ein anderer Verein mit radikaleren Zielen unter dem Namen "Frauenwohl" entstanden, der sich zur Grndung von Realkursen fr Mdchen entschlo, aus denen einige Jahre spter unter der Leitung von Helene Lange Gymnasialkurse sich entwickelten. Ihrer klugen und energischen Agitation war es auch zu danken, da endlich, 1893, die Zulassung zum Abiturientenexamen den Mdchen gestattet wurde. Die Gymnasien selbst blieben ihnen verschlossen,--nur die Gymnasien von Pforzheim und Mannheim nehmen neuerdings auch weibliche Schler auf,--man sah sich daher wieder auf Selbsthilfe angewiesen. Allmhlich entstanden in einer Reihe deutscher Grostdte Gymnasien nach dem Muster der Knabengymnasien oder Gymnasialkurse, die Mdchen nur nach der absolvierten Tchterschule aufnehmen wie das Berliner Vorbild. Von groer Bedeutung war es, da die Stadt Karlsruhe das Gymnasium schlielich selbst bernahm, es schien gewissermaen die ffentliche Sanktion der bisher privaten Bestrebungen der Frauen zu sein. Die Stdte Mnchen und Breslau gingen noch weiter, indem sie Mdchengymnasien selbstndig errichten wollten. Aber die Erlaubnis wurde ihrem staatsgefhrlichen Beginnen versagt! Der damalige preuische Kultusminister Dr. Bosse sprach in Bezug auf das Breslauer Unternehmen von einem Flmmchen, das er ersticken msse, ehe es zur verheerenden Flamme werde. Und das geschah im Jahre 1898, zu einer Zeit, wo Ruland schon 30 Jahre lang staatliche Mdchengymnasien besa, und China im Begriffe stand, das erste zu grnden! Da die Haltung der Regierung und der Volksvertretung gegenber der Forderung der Zulassung der Frauen zu den Universitten keine freundliche war, wo schon ihre Vorbereitung dafr keine Untersttzung fand, ist nicht zu verwundern. Als 1891 die erste Petition um Freigabe des rztlichen Studiums im deutschen Reichstage zur Verhandlung kam, wurde sie wie ein revolutionrer Akt betrachtet. "Das deutsche Weib", "die deutsche Familie", "die deutsche Sittsamkeit", wurden mit groem Aufwand an Pathos ihr gegenber verteidigt. Nur die Sozialdemokraten, Bebel an ihre Spitze, traten mit nachdrcklichem Ernst fr die Sache der Frauen ein[295],--gefhrliche Bundesgenossen, denn nun war in den Augen aller Konservativen die Frauenbewegung rot abgestempelt. Als in den folgenden Jahren die Petition aufs neue zur Verhandlung kam, zeigten sich die Vertreter liberaler Parteien zwar der Sache geneigter, das Resultat aber blieb dasselbe: die Wnsche der Frauen wurden durch einfachen Uebergang zur Tagesordnung erledigt.[296] Seitdem hat eine Aenderung der Verhltnisse sich im stillen vorbereitet. Die Universitten fingen an, Frauen als Hospitantinnen zuzulassen, zunchst--wahrscheinlich aus Ehrfurcht vor dem "deutschen Weibe"--wesentlich Auslnderinnen, von denen einige sogar deutsche Doktordiplome erringen durften, dann aber auch Deutsche. Die Erfahrungen, die man machte, muten keine schlechten sein, denn, obwohl die Aufnahme weiblicher Hrer von dem Wohlwollen jedes Dozenten abhing, steigerte sich ihre Zahl von Jahr zu Jahr. Und zwar lieen, im Unterschied zu anderen Lndern, Professoren aller Fakultten, auch der theologischen, Frauen zu ihren Vorlesungen zu. Aber einen praktischen Wert besa ihr Studium insofern nicht, als sie immer nur geduldet und nicht geprft wurden. Erst im Jahr 1899 beschlo der Bundesrat die Zulassung der weiblichen Studierenden zu den medizinischen und pharmazeutischen Staatsprfungen. Gegenwrtig hat er auf Antrag des Reichskanzlers beschlossen, den Frauen weitere Zugestndnisse zu machen, indem ihnen die Studienzeit auf auslndischen Universitten,--auf die sie bisher allein angewiesen waren, wollten sie mit dem Examen abschlieen,--bei der Meldung zur deutschen Staatsprfung voll angerechnet werden soll. Das ist fr Deutschland ein groer Fortschritt, auch wenn man in Betracht zieht, da in Italien schon seit zehn Jahren weibliche Dozenten der Medizin Lehrsthle der Universitten bekleiden, Griechenland dem Deutschen Reich um zwei, die Trkei gar um fnf Jahre voraus ist, und in Ruland schon seit nahezu 18 Jahren die Staatsprfungen den Frauen offen stehen. Der Geist des neuen Jahrhunderts schien sich endlich auch der deutschen Frauen erbarmen zu wollen: Heidelberg und Freiburg gewhrten ihnen volles akademisches Brgerrecht. Nach alledem sind die deutschen Tchter der Bourgeoisie auf folgende Bildungsmglichkeiten angewiesen: Es stehen ihnen neben Privatinstituten 580 hhere Mdchenschulen offen, im Gegensatz zu 850 hheren Knabenschulen, die aber nur gehobene Elementarschulen und im preuischen Etat z.B. den Volksschulen zugerechnet sind; von ihnen sind nur 17 staatlich. Sie knnen ferner Mdchengymnasien, die, bis auf eins, unter privater Leitung stehen, besuchen und zum Abiturientenexamen Zulassung finden. Wollen sie sich zur Lehrerin vorbereiten, so stehen ihnen in Deutschland 114 Seminare zur Verfgung. Charakteristisch ist, da in Preuen allein 112 Staatsseminare fr Mnner und--10 fr Frauen gezhlt werden. Das Oberlehrerinnenexamen knnen sie auf Grund ihrer Studien am Viktoria-Lyceum, an der Humboldt-Akademie oder in den von Gttingen eingerichteten Fortbildungskursen machen. Nur an zwei Universitten knnen sie mit gleichen Rechten wie die Mnner studieren und nur das medizinische Doktorexamen steht ihnen offiziell berall offen. Die staatlichen Kunst- oder Kunstgewerbeakademieen verhalten sich nicht anders als die Mehrzahl der Universitten. Zu den nicht wissenschaftlichen Berufen wird ihnen die Vorbereitung weniger erschwert, obwohl die betreffenden Schulen auch hier fast ausschlielich privater Initiative ihren Ursprung und ihr Bestehen verdanken. Neben den Handels- und Gewerbeschulen sind neuerdings, nach dem Muster Englands, auch Gartenbauschulen fr Frauen entstanden. Das trbe Bild, das wir entwerfen muten und das auf einen auerordentlich langsamen zaghaften Fortschritt schlieen lt, wird noch um vieles trber, wenn wir von dem Kampf um Ausbildung fr das Berufsleben zum Kampf um die Berufe selbst bergehen. Im Jahre 1867, als in England und Frankreich Frauen schon mit Erfolg im Post- und Telegraphendienst standen, erregte die darauf bezgliche erste Petition des Allgemeinen deutschen Frauenvereins im Reichstag des Norddeutschen Bundes nichts als schallende Heiterkeit[297], die sich fnf Jahre spter, unter Fhrung des Staatssekretrs von Stephan wiederholte[298], und nur insofern einen Fortschritt in der Stimmung zum Ausdruck brachte, als sie dem Reichskanzler zur Bercksichtigung berwiesen wurde. Gleiches Schicksal erfuhren die Petitionen um Zulassung der Frauen zum Apothekerberuf. In der Frauenwelt selbst war ein leiser, aber anhaltender Fortschritt bemerkbar. Not lehrt denken, und so wurden in den freilich engbegrenzten Kreisen der Vereine die Erwerbsmglichkeiten in eingehende Erwgung gezogen. Der Brsenkrach von 1873 bis 1874 zwang besonders Scharen von Frauen und Mdchen dazu, sich nach einem Beruf, der sie ernhren konnte, umzusehen. Man petitionierte bei den verschiedenen Landesvertretungen um vermehrte Anstellung von Lehrerinnen, man grndete--im Allgemeinen deutschen Frauenverein--einen Stipendienfonds, um arme Mdchen im Ausland studieren zu lassen, man sprach zum erstenmal davon, da Frauen im Gemeindedienst, in Kranken-, Armen- und Arbeitshusern, in Gefngnissen und bei der Sittenpolizei Verwendung finden mten, ohne natrlich den geringsten positiven Erfolg zu haben. In der Not verstieg man sich sogar dazu, den "wohlerzogenen" Mdchen den Beruf der Schneiderinnen anzupreisen, "deren Los ein angenehmes und besonders eintrgliches sei".[299] Thatschlich wandten sich auch, in Ermangelung anderer Berufe, viele Frauen der Bourgeoisie Arbeiten zu, die ihnen fr Haus und Familie schon gewohnt waren und die sie nun ernhren, oder--der hufigste Fall--ihre finanzielle Lage verbessern sollten. Dem deutschen Philister war solch ein Vorgehen, das Weib und Tochter nicht dem "trauten Heim" entri, sympathisch; kmpfte er doch sogar gegen jede Erweiterung desjenigen Berufs an, der schon lange ein Frauenberuf war: dem der Lehrerin. Dabei leitete ihn freilich weniger Vorurteil und Sentimentalitt, als Konkurrenzfurcht.--Die Differenzen zwischen Lehrern und Lehrerinnen traten zuerst im Verein fr das hhere Mdchenschulwesen zu Tage, ergriffen aber schnell weitere Kreise. Die Mnner wollten die Thtigkeit des weiblichen Erziehers womglich nur auf die Elementarfcher beschrnken, whrend die Frauen, gereizt durch diese Haltung, in das entgegengesetzte Extrem verfielen, und den ganzen Mdchenunterricht in die Hnde bekommen wollten, indem sie sich natrlich auch ihrerseits auf Sittlichkeit, Weiblichkeit und wie die schnen Worte alle heien, die dem Deutschen besonders gelufig sind, beriefen. Dieser Streit spitzte sich zu, als der Verein fr hhere Mdchenschulen darum petitionierte, da die Leitung solcher Anstalten nur einem Mann anvertraut, die Lehrerinnen dagegen dem Unterrichtsministerium ein Gesuch einreichten, wonach der Unterricht in der Mittel- und Oberstufe hauptschlich den Frauen berlassen werden sollte. Erst nach fast zwanzigjhrigem Kampf bestimmte das preuische Kultusministerium die strkere Verwendung weiblicher Lehrkrfte und die Anstellung von Oberlehrerinnen fr die Oberstufe.[300] Dieser Erfolg war groenteils dem organisierten Vorgehen der Lehrerinnen selbst zu danken, die sich unter Leitung von Frulein Helene Lange 1890 zu einem Verein zusammengeschlossen hatten, der heute ber elftausend Mitglieder zhlt. Trotz seiner numerischen Strke, die allerdings zu der Gesamtzahl der deutschen Lehrerinnen in traurigstem Miverhltnis steht, ist die Anstellung von Oberlehrerinnen sein wesentlichster Erfolg geblieben, der noch dadurch beeintrchtigt wurde, da die Wnsche der Mnner von der Regierung insofern Bercksichtigung erfuhren, als die Oberlehrerin nicht selbstndige Direktorin werden kann, sondern nur dem Direktor als oberste Hilfskraft zur Seite gestellt ist. Schroffer noch als gegen die Lehrerin, die doch immerhin die Tradition fr sich hat, war bis in die neueste Zeit die Stellung der deutschen Bourgeoisie der Aerztin gegenber. Sie konnte zwar, dank der Gewerbefreiheit, nicht an der Ausbung ihres Berufs gehindert werden, aber sie rangierte unter den Kurpfuschern, und jede ffentliche Stellung war ihr nicht nur verschlossen, sie war auch stndig der Gefahr ausgesetzt, auf Grund von Denunziationen oder dergleichen um ihr Brot gebracht zu werden. Wiederholt wurden Petitionen an den Reichstag sowohl wie an die Landtage gerichtet, die eine Aenderung dieses Zustandes und die Gleichstellung der weiblichen mit den mnnlichen Aerzten wnschten. Die vom Jahre 1894 trug nicht weniger als 50000 Unterschriften. Aber die Regierung sowohl als die Majoritt des Reichstags sprach sich gegen sie aus. Wie in der Frage des Studiums, so stellte sich auch in dieser Berufsfrage die sozialdemokratische Partei allein rckhaltlos auf die Seite der Frauen. Seit den Reaktionsjahren nach 1848 hatte der deutsche Liberalismus seinen revolutionren Geist und seine demokratischen Ideen so sehr eingebt, da er die Vertretung liberaler Forderungen mehr und mehr der Sozialdemokratie berlie. So kam es, da zu einer Zeit, wo die Frage der Zulassung der Frauen zum rztlichen Beruf in Amerika, England, Frankreich, Ruland und Oesterreich soweit entschieden war, da sie sogar im Staatsdienst Verwendung fanden, in Deutschland ihre Lsung zu Gunsten der Frauen wie ein revolutionrer Akt gefrchtet wurde. So kam es aber auch, da die Frauenbewegung bei allen "staatserhaltenden" Parteien in den Geruch sozialdemokratischer Gesinnung kam und zahllose von ihren Vtern, Mnnern und Brdern abhngige Frauen sich entweder ganz von ihr zurckzogen, oder so vorsichtig und zurckhaltend in ihren Wnschen wurden, wie etwa der Allgemeine deutsche Frauenverein es stets gewesen ist. Der im Jahre 1894 nach dem Vorbild des amerikanischen Nationalverbandes gegrndete Bund deutscher Frauenvereine wirkte, so brgerlich ngstlich er auch auftrat, doch belebend auf die deutsche Frauenbewegung, die an der groen Organisation--er umfat heute 131 Vereine--einen Rckhalt hat. Der Widerstand gegen sie wurde aber dadurch nur noch heftiger herausgefordert. Ein charakteristischer Beweis dafr ist die Haltung der Aerzte gegenber den Ansprchen, die die Frauen auf Eintritt in ihren Beruf erhoben. Es war auch hier in erster Linie der Kampf ums Brot, der die Mediziner zu den Waffen rief. Einige waren ehrlich genug, das ohne weiteres zuzugestehen, andere handelten wie blinde Fanatiker, indem sie die Verhltnisse im Ausland unrichtig darstellten, um ihre Ansicht zu untersttzen.[301] Zu einem gemeinsamen Vorgehen gestalteten sich die Verhandlungen und Beschlsse des 26. deutschen Aerztetags in Wiesbaden 1898, wo im Anschlu an Professor Penzoldts, auf einseitigstem Material beruhendem Referat gegen die Zulassung der Frauen zur rztlichen Berufsthtigkeit Beschlu gefat wurde,--im selben Jahr, als der groe englische Verein der Mediziner Mrs. Garrett-Anderson zu seiner Prsidentin erwhlte! Einen hnlichen, in schroffster Form ausgedrckten Beschlu fate zu gleicher Zeit der deutsche Apothekerverein, whrend ein Jahr frher der belgische Pharmazeutenkongre zu Mons genau das Gegenteil erklrt hatte, der russische Staat eine pharmazeutische Schule fr Frauen grndete und in Holland bereits seit 30 Jahren weibliche Apotheker thtig waren! Aber das war noch nicht alles. 1899 weigerte sich der Kongre deutscher Zahnrzte, eine Berufskollegin als Teilnehmerin aufzunehmen, und der Berliner rztliche Standesverein denunzierte den Hilfsverein fr weibliche Angestellte, weil er es gewagt hatte, fr seine 10000 Mitglieder drei weibliche Aerzte anzustellen. Infolgedessen befahl das Polizeiprsidium die Streichung der Aerztinnen aus der Liste. Damit aber auch die alten Aerzte sicher sein konnten, nicht auszusterben, erlieen die Kliniker in Halle einen fulminanten Protest "im Interesse der Sittlichkeit und Moral" gegen die Beteiligung von Frauen an klinischen Vorlesungen; schlielich kamen diese Ansichten im Reichsamte des Innern zu offiziellem Ausdruck, als die medizinische Sachverstndigen-Konferenz die Frage der Zulassung des weiblichen Geschlechts zum rztlichen Beruf noch nicht fr spruchreif erklrte--nachdem seit ber zwanzig Jahren Aerztinnen in Amerika, Australien, England, Ruland praktizierten, und der Negus von Abessinien und der Emir von Afghanistan dem Volke der Denker schon so weit voraus waren, da sie Leib- und Hausrztinnen ernannten. Diese lcherlichen Feindseligkeiten hemmten zwar die Bewegung, vermochten aber nicht, ihr Einhalt zu gebieten. Die in Deutschland thtigen weiblichen Aerzte, deren Bahnbrecherin Frulein Dr. Tiburtius gewesen war, erfreuen sich einer groen Praxis. Die Lebensversicherungsgesellschaften stellen sie mehr und mehr in ihren Dienst, und die Krankenkassen, die sich auf ihrer Generalversammlung 1899 einstimmig zu ihren Gunsten aussprachen, setzten es durch, da ihre Anstellung offiziell genehmigt wurde. Als Assistentinnen wirken eine Anzahl Aerztinnen in Krankenhusern und Sanatorien. Krzlich hat auch die Berliner Sittenpolizei einen weiblichen Arzt angestellt. Seit einigen Jahren besteht eine von Berliner Aerztinnen gegrndete und geleitete Klinik, die zwar winzig ist im Vergleich zu den Hospitlern Amerikas und Englands, aber sicher eine gnstige Entwicklung haben wird. Durch die Zulassung der Studentin zu den Staatsprfungen drfte die Aerztinnenfrage endlich auch in Deutschland gelst sein. Von bedeutenden Erfolgen der Frauenbewegung ist auf dem, Gebiet der Berufsthtigkeit nicht viel zu berichten. Sie sind minimal, wenn wir sie im Lichte der auslndischen Entwicklung betrachten: Seit kurzem werden hie und da weibliche Inspizienten des Handarbeitsunterrichts angestellt, den bisher Mnner zu begutachten hatten; einige Kommunalverwaltungen machen den Versuch mit der Beschftigung von Armen- und Waisenpflegerinnen; in Mannheim wurde eine Frau in den Aufsichtsrat der hheren Mdchenschule berufen; auch in stdtischen Arbeitsvermittlungen sind zuweilen Frauen thtig. Im Staatsdienst stehen, neben den Post-, Telegraph- und Telephonbeamtinnen, Gefngnisaufseherinnen in untergeordneten Stellungen und einige Gerichtssachverstndige und Dolmetscher; neuerdings sollen Frauen auch als Aufsichtsorgane in der Zwangserziehung Verwendung finden. Als Assistentinnen an Universittsinstituten sind gleichfalls auch Frauen thtig. Weit wichtiger ist die nach langer hartnckiger Agitation endlich erfolgte Anstellung weiblicher Assistenten der Fabrikinspektoren in Bayern, Wrttemberg, Baden, Hessen, Sachsen-Coburg-Gotha und schlielich auch in Preuen. Die Diskussionen, die ihrer Berufung im Reichstag und in den Landtagen vorausgingen, bilden allein ein interessantes Kapitel der Frauenbewegung. Im Anfang wurde die von den Sozialdemokraten untersttzte Forderung mit Gelchter aufgenommen, etwas spter entschlo man sich zu ernster Errterung, begrndete aber die ablehnende Haltung mit den--Mierfolgen der Fabrikinspektorinnen in England und besonders in Amerika, whrend ihre Existenz in Frankreich berhaupt angezweifelt wurde. Als schlielich auch die Liberalen der Sache Verstndnis entgegenbrachten, wurde sie von den Konservativen bekmpft, als gelte es, die Grundlagen des Staates zu schtzen. Man sprach sogar von Seiten der Regierung die Befrchtung aus, die weiblichen Beamten knnten zu sehr die Partei der Arbeiterinnen nehmen. Im schsischen Landtag erklrte ein Abgeordneter die Standesehre der Fabrikanten durch ihre Anstellung fr verletzt, und als im Mrz 1899 die Frage dem preuischen Abgeordnetenhaus zur Entscheidung vorlag, wurde von allen Seiten betont, da nur ein Versuch gemacht werden solle und die Frauen auf keinen Fall selbstndig sein, sondern nur als "Beamte zweiter Kategorie" angesehen werden drfen. Nur in diesem Sinn wurde endlich die Entscheidung getroffen. Einen etwas gnstigeren Verlauf nahmen die Bestrebungen zur Erweiterung der Berufsthtigkeit auf privatem Gebiet. Der von der Tradition geheiligte alte Frauenberuf der Krankenpflegerin, der bisher fr die einzelnen mehr eine Opferthat religiser Gesinnung, als ein aus Grnden des Erwerbs aufgesuchter Lebensberuf war, begann sich langsam den modernen Forderungen anzupassen. Sowohl der Verein des Roten Kreuzes, als, in noch hherem Grade, der evangelische Diakonieverein, bieten den Krankenpflegerinnen neben einer festen Organisation eine von religiser Engherzigkeit befreite Thtigkeit.[302] Aber das Odium christlicher Liebesarbeit, die keinen Lohn verlangt, klebt dem Berufe noch so fest an, da er noch keinen ausreichenden Lebensunterhalt bietet und dabei eine Aufgabe alles persnlichen Behagens fordert, der nur wenige gewachsen sind.[303] Infolgedessen bietet er noch Platz fr viele. Erst eine vllige Umgestaltung, durch die die Erinnerung an die Nonne ganz verwischt wird, kann hierin Wandel schaffen, und wrde viele brach liegende Frauenkrfte nutzbar machen. Wenn auch eine "Lsung der Frauenfrage" nicht davon zu erwarten ist[304], so doch eine Erleichterung und Bereicherung des Frauenlebens. Manche Enthusiasten der Frauenarbeit--es giebt auch solche in Deutschland!--haben durch einen anderen Beruf die Frauenfrage zu lsen geglaubt: durch den der Handelsangestellten. In der That ist ihre Zahl in rapider Zunahme begriffen und sie bewhren sich so sehr, da ihre Verwendung selbst in verantwortlichen Stellungen eine immer hufigere ist. Wir finden weibliche Handelsreisende und Agenten, weibliche Beamte in Lebensversicherungs-Gesellschaften und Banken, in den Bureaux der Rechtsanwlte und der groen Industriellen. Zumeist aber erklrt sich ihre starke Vermehrung weniger aus dem Wunsch, den Bedrfnissen der Frauen entgegenzukommen, sondern vielmehr daraus, da sie ihren mnnlichen Berufsgenossen gegenber als Lohndrcker ausgespielt werden. Auf anderen Gebieten, die sich die Frauen erst neuerdings erobert haben, fllt dieser Umstand weit weniger ins Gewicht. So sind in den zoologischen Instituten weibliche Hilfsprparatoren, in einzelnen chemischen Fabriken akademisch gebildete weibliche Chemiker thtig, und den Aufschwung des Kunstgewerbes haben sich viele Frauen zu nutze gemacht, indem sie als gelernte Modelleure und Zeichner in groen Werksttten Anstellung fanden, oder selbstndig als Kunststicker, Dekorateure u. dergl. arbeiten; auch als Grtner, Obst- und Gemsezchter finden Frauen eine lukrative Berufsthtigkeit. Ebenso sind weibliche Photographen, Bibliothekare, Versicherungsagenten keine Seltenheit mehr.[305] Einen weiteren Schritt auf dem Wege zur Gleichstellung hat die Humboldt-Akademie in Berlin den Frauen erffnet, indem sie in immer grerem Umfange wissenschaftlich Gebildete, meist weibliche Doktoren, zur Abhaltung von Vortragskursen heranzog. Allerdings ist das nicht im entferntesten ein Lebensberuf, wohl aber eine Anerkennung der wissenschaftlichen Befhigung der Frauen. Vorteilhafter fr sie ist ihre zunehmende Verwendung im Journalismus. Zwar sind sie noch weit davon entfernt, wie in Amerika und England als Kriegskorrespondentinnen groer Zeitungen, oder, wie in Frankreich, als Leiterinnen politischer Bltter thtig zu sein, ihre Mitarbeit beschrnkt sich meist auf spezielle Gebiete des Frauenlebens und der Frauenfrage, und sie stehen nur an der Spitze von Frauenzeitschriften, aber ihrem Einflu ist der Umschwung in der Stimmung gegenber der Frauenbewegung, der unverkennbar Platz greift, mit zu verdanken. Von wesentlicher Bedeutung hierfr ist es jedoch, da auch die deutschen Frauen anfangen sich wissenschaftlich zu bethtigen, und durch ihre Leistungen dem Gegner Achtung abntigen. Whrend bis vor nicht allzu langer Zeit selbst die Fhrerinnen der Frauenbewegung einen Mangel an Kenntnissen, selbst in Bezug auf ihr eigentliches Gebiet, verrieten, der oft geradezu verblffend war, haben sie im Laufe des letzten Jahrzehnts an Vertiefung und Einsicht gewonnen. Eine Reihe von Frauen haben Arbeiten ber die rechtliche sowohl wie ber die soziale Lage des weiblichen Geschlechts geliefert[306], die zwar an die Leistungen einer Beatrice Webb oder Helen Campbell nicht heranreichen, aber doch verraten, da sie mit dem Dilettantismus, dem traurigen Schokind gerade der deutschen Frauen, endgltig gebrochen haben. Auch das Prinzip ngstlicher Zurckhaltung, das bisher die deutsche Frauenbewegung kennzeichnete, scheint mehr und mehr zu verschwinden. Die Berhrung mit dem Ausland,--ein Verdienst des Bundes deutscher Frauenvereine, der sich im Anschlu an den internationalen Frauenbund bildete,--die Kenntnisnahme der Stellung und der Handlungsweisen der nichtdeutschen Frauen, die mit der Gewalt einer neuen Entdeckung wirkte, waren von belebendem Einflu. Vor allem aber ist es die zunehmende Not, die mit ihren Peitschenhieben auch die Trgsten vorwrts treibt. 2. Die treibenden Krfte der brgerlichen Frauenbewegung. Der Kampf um Arbeit in der brgerlichen Frauenwelt zeigt, sowohl in Bezug auf seine geschichtliche Entwicklung, als auf seinen gegenwrtigen Stand, in den verschiedenen Lndern eine auffallende Uebereinstimmung: Nachdem er schon seit dem Mittelalter einzelne Vorlufer gefunden hat, setzt er um die erste Hlfte des 19. Jahrhunderts berall ein und wird in der zweiten Hlfte aus einer Art Guerillakrieg zu einem berlegten Feldzug gut organisierter Truppen, die von Jahr zu Jahr an Zahl und Bedeutung zunehmen. Kaum ein Beruf, auer dem des Soldaten, wird heute noch als eine gesicherte Domne des mnnlichen Geschlechts betrachtet, die Frauen sind berall, hier etwas langsamer und dort etwas rascher, im Vordringen begriffen, dem bisher keine noch so heftige Gegnerschaft Einhalt gebieten konnte. Diese gleichmigen Erscheinungen mssen demnach auf gleiche Ursachen zurckzufhren sein. Das erste Argument, um den Kampf der Frauen um den Erwerb zu erklren, pflegt darin zu bestehen, da in der Mehrzahl der Kulturlnder das weibliche Geschlecht das mnnliche an Zahl berragt, und die Ehe, die in den brgerlichen Kreisen fast immer eine Versorgung der Frau bedeutet, von vornherein fr viele unerreichbar ist. Diese Begrndung erweist sich insofern als stichhaltig, als die Erwerbsfrage um so mehr die treibende Kraft der Frauenbewegung zu sein pflegt, je grer der Frauenberschu des betreffenden Landes ist. Folgende Tabelle dient als Beweis:[307] Lnder Zhlungsjahr Weibliche auf 1000 mnnliche Deutschland 1890 1040 Oesterreich 1890 1044 Schweiz 1888 1057 Niederlande 1889 1024 Belgien 1890 1005 Dnemark 1890 1051 Schweden 1890 1065 Norwegen 1891 1092 Grobritannien und Irland 1891 1060 Frankreich 1891 1007 In den Vereinigten Staaten dagegen, wo die Frauenbewegung in erster Linie eine politische ist und der Eintritt der Frauen in brgerliche Berufe sehr wenig Widerstand findet, kommen auf 1000 Mnner 953 Frauen. Betrachten wir Nordamerika aber genauer, so zeigt es sich, da die Frauenbewegung in den Oststaaten, wo auf 1000 Mnner 1005 Frauen gezhlt werden, nicht nur ihren Ursprung genommen, sondern auch ihren energischsten Ausdruck gefunden hat, whrend die westlichen Staaten, wo 1000 Mnnern nur 698 Frauen gegenberstehen, von ihr nur leise berhrt werden. Dem Argument des Frauenberschusses haben manche Gegner der Frauenbewegung die Thatsache gegenbergestellt, da die gezhlte Bevlkerung der Erde einen Mnnerberschu aufweist. Soweit sie sich berhaupt statistisch feststellen lt, ist die Verteilung der Geschlechter folgende:[308] Erdteile Mnnliche Weibliche Weibliche auf 1000 mnnliche Europa 170818561 174914119 1024 Amerika 41643389 40540386 973 Asien 177648044 170269179 958 Australien 2197799 1871821 852 Afrika 6994064 6771360 968 Zusammen 399301857 394366865 988 Ganz abgesehen von der unvermeidlichen Ungenauigkeit dieser Berechnung--Millionen knnen statistisch gar nicht erreicht werden--kommt es bei der Beurteilung dieser Frage weit weniger auf groe allgemeine Zahlen, als vielmehr darauf an, wie das Verhltnis der Geschlechter in den einzelnen Lndern sich stellt. Ist es schon fr die berzhligen Frauen Europas ein schlechter Trost, da es in Australien oder Asien berzhlige Mnner giebt, so ist auch z.B. den Frauen von Rhode Island, von denen 1078 auf 1000 Mnner kommen, wenig geholfen, wenn in den Oststaaten das umgekehrte Verhltnis besteht, oder denen der niederlndischen Kolonieen im westindischen Archipel, die gar um 263 auf 1000 die Mnner berragen, wenn man sie auf die berzhligen Asiaten verweisen wollte. Es kommt aber noch ein Umstand in Betracht, der bisher ganz unbeachtet blieb und gerade im Hinblick auf die brgerliche Frauenfrage schwer ins Gewicht fllt: das ist die Frage, aus welchen sozialen Schichten der Bevlkerung sich der Mnner- oder Frauenberschu zusammensetzt. Es ist klar, da bei den heutigen, aus den Gegenstzen zwischen Arm und Reich herrhrenden Unterschieden in Bildung und Lebensgewohnheiten die etwa berzhligen Tchter der Bourgeoisie nicht auf die vielleicht gleichfalls berzhligen Shne des Proletariats als knftige Ehegatten rechnen knnen. Die Statistik lt uns hierbei freilich im Stich, denn die Volkszhlungen fragen nicht nach der sozialen Herkunft der Einzelnen; es fehlt aber trotzdem nicht an Anhaltspunkten, um die Behauptung, da der Frauenberschu in der Bourgeoisie im Verhltnis ein grerer ist, als der der Frauenwelt im allgemeinen, nicht als vllig aus der Luft gegriffen erscheinen zu lassen. Schon die bloe Beobachtung lehrt, da die Familien der unteren Bevlkerungsschichten weit mehr mit Kindern gesegnet sind, als die der oberen, und Untersuchungen, die in Frankreich besonders genau vorgenommen wurden, besttigten es. So stellte Bertillon fr 20 Arrondissements von Paris den Zusammenhang zwischen der Wohlhabenheit und der Geburtenhufigkeit fest und fand, da auf je 1000 Frauen zwischen 15 und 50 Jahren der sehr armen Bevlkerung durchschnittlich 108, der armen 95, der wohlhabenden 72, der sehr wohlhabenden 65, der reichen 53 und der sehr reichen 34 jhrliche Geburten kamen[309]; es hat sich ferner ergeben,--und das ist angesichts des allgemeinen Rckgangs der franzsischen Bevlkerung besonders bemerkenswert,--da ihr Zuwachs in der Hauptsache dem Kinderreichtum der armen Bauern der Bretagne und der Berg- und Fabrikarbeiter der Departements Nord und Pas-de-Calais zu verdanken ist.[310] Leider geben die betreffenden Untersuchungen ber das Geschlecht der Kinder keinen Aufschlu, dagegen hat man in Sachsen fr einen zehnjhrigen Zeitraum und eine Zahl von fast 5 Millionen Kindern auf ca. 1 Million Mtter festgestellt, da die fruchtbarsten Frauen die meisten Knaben zur Welt bringen.[311] So vorsichtig solche Einzelergebnisse auch aufzunehmen sind, so lt sich doch vielleicht, da die Erfahrung und der allgemeine Volksglaube sie untersttzt, der Schlu daraus ziehen, da die kinderreichen unteren Bevlkerungsschichten im Vergleich zu den oberen mehr Knaben erzeugen, da also der Frauenberschu in den brgerlichen Kreisen ein grerer ist als in den proletarischen. Noch ein anderes kommt hinzu: wir finden z.B. innerhalb Deutschlands, das bekanntlich einen groen Ueberschu an Frauen besitzt, ganze Landstriche, wo das mnnliche Geschlecht berwiegt, so kommen in Westfalen 958, im Rheinland 998 und in Elsa-Lothringen 989 Frauen auf 1000 Mnner.[312] Fr die Verheiratbarkeit der Tchter der Bourgeoisie ist diese Thatsache jedoch ohne jede Bedeutung, denn es stellt sich heraus, da der Mnnerberschu lediglich auf die starke Industriebevlkerung und die vielen Soldaten zurckzufhren ist. Ein hnliches Verhltnis weist Nordamerika auf, dessen Mnnerberschu--953 Frauen auf 1000 Mnner--auf den ersten Blick zu der Annahme verfhrt, als mte seine Frauenbewegung anderen als wirtschaftlichen Ursachen--etwa rein ethischen und humanitren, wie viele behaupten wollen--entsprungen sein. Dabei wird jedoch auer acht gelassen, da die groe Zahl der Mnner der Einwanderung zu verdanken ist und da diese Einwanderer zum grten Teil Handwerker, Landleute, Arbeiter sind[313], also auch hier die Annahme nicht unberechtigt ist, da, trotz des allgemeinen Mnnerberschusses, in der Bourgeoisie ein Frauenberschu besteht und die Verheiratbarkeit auch hier eine beschrnkte bleibt. Nach alledem scheint es klar zu sein, da, selbst wenn auf der ganzen Erde eine annhernde Gleichheit der Geschlechter festgestellt werden knnte, die brgerliche Frauenfrage dadurch noch nicht gelst sein wrde, und die von Eduard von Hartmann nicht unrichtig bezeichnete Jungfernfrage auch in solchen Lndern besteht, wo ein Ueberschu an Mnnern konstatiert wurde. Die Frage kompliziert sich aber noch dadurch, da eine Gegenberstellung der Geschlechter allein nicht gengt, um die Verheiratbarkeit festzustellen, sondern die Gegenberstellung der Heiratsfhigen dazu notwendig ist. Berechnen wir zunchst beide Geschlechter nach gleichen Altersstufen und nehmen wir, um nicht zu tief greifen zu mssen, 20 Jahre als untere und 40 Jahre als obere Altersgrenze an, so ergiebt sich folgendes[314]: Auf 1000 mnnliche im Alter von 20-40 Jahren treffen weibliche Personen: Deutschland 1034 Oesterreich 1047 Schweiz 1080 Niederlande 1029 Belgien 987 Dnemark 1102 Schweden 1096 England und Wales 1093 Schottland 1104 Irland 1062 Frankreich 1003 Aber auch diese Tabelle vermag den Kern der Sache noch nicht zu treffen. Denn, da das Heiratsalter der Mnner in den meisten Lndern erst mit dem 25. Jahre beginnt und spter schliet, als das der Frauen[315], so mte man, um zu einem genaueren Resultat zu kommen,--obwohl auch das, infolge der groen Verschiedenheit des Altersaufbaus der Heiratenden, je nach den Nationalitten, nicht unbedingt sicher sein kann,--die Mnner im Alter von 25-45 Jahren den Frauen von 20-40 Jahren gegenberstellen Leider mssen wir uns hierbei nur auf die Resultate weniger Lnder beschrnken, weil die Bevlkerung nicht durchweg, wie es wnschenswert wre, nach fnfjhrigen Altersperioden berechnet wird Das Ergebnis ist dieses[316]: Mnner Frauen Auf 1000 Mnner Lnder 25-45 Jahre 20-40 Jahre kommen Frauen Deutschland 6229564 7272025 1167 Oesterreich 3147188 3638396 1154 Frankreich 5420922 5743177 1069 Auch abgesehen von den in die Augen springenden Zahlenverhltnissen ist es klar, da bei dem bestehenden Altersaufbau der Heiratenden die _Verheiratbarkeit des weiblichen Geschlechts immer eine unvollkommene bleiben mu, weil es stets mehr Frauen ber 20 als Mnner ber 25 Jahren giebt_. Nun handelt es sich aber nicht allein darum, wie viel Frauen durch die Heirat eine Versorgung finden knnen, sondern vielmehr darum, welcher Prozentsatz von ihnen thatschlich heiratet. Die letzten Zhlungen ergaben folgende Anzahl verheirateter Frauen: Lnder Zhlungsperiode Zahl der Verheiratete Prozent Frauen Frauen 15 u. darber Deutschland 1895 16531748 8398607 50,80 Oesterreich 1891 9353260 4022202 43,00 Frankreich 1891 12359544 7656679 61,95 England 1891 9848981 4916449 41,71 Vereinigte Staaten 1890 19602178 11126196 56,76 Wir sehen daraus, da zur Zeit der betreffenden Zhlung circa die Hlfte heiratsfhiger Frauen ledig, verwitwet oder geschieden waren. Diese Thatsache hat die brgerliche Frauenbewegung vielfach als Agitationsmittel zu verwenden gesucht, indem sie alle alleinstehenden erwachsenen Frauen als solche betrachtet wissen wollte, die auf den Erwerb angewiesen sind. Das aber ist ein Trugschlu. Denn ganz abgesehen davon, da ein groer Teil der Ledigen noch bei den Eltern lebt und von ihnen versorgt wird, ein anderer, wenn auch ein viel kleinerer, durch eigenes Vermgen, Pension oder dergleichen sich erhlt, kann ein betrchtlicher Prozentsatz der Mdchen noch darauf rechnen, zu heiraten, um so mehr, als sie nicht nur auf die ledigen Mnner sondern auch auf die Witwer zhlen knnen, die bekanntlich sehr hufig zu einer zweiten Ehe schreiten. Man kommt daher der Zahl der wirklich Uebriggebliebenen viel nher, wenn man nicht die Unverheirateten im allgemeinen ins Auge fat, sondern nur diejenigen, die das Alter der Verheiratbarkeit berschritten haben. Da sich auf Grund verschiedener Berechnungen ergeben hat, da fr Frauen, die das vierzigste Lebensjahr berschritten haben, die Heiratswahrscheinlichkeit eine sehr geringe ist, so knnen wir die ledig Bleibenden von dieser Altersgrenze an zusammenstellen. Das Ergebnis ist dies: Lnder Unter 100 weibl. Personen von 40 und mehr Jahren sind ledig Deutschland 10,7 Oesterreich 15,6 Frankreich 12,7 Grobritannien und Irland 14,0 Belgien 17,6 Niederlande 13,5 Schweiz 18,3 Damit aber knnen wir uns keineswegs beruhigen, denn nicht nur, da es bis zu vierzig Jahren noch eine groe Zahl Mdchen giebt, die nicht heiraten, oder sagen wir lieber, die nicht geheiratet werden, wir mssen vielmehr, bei der Betrachtung der Ursachen der Frauenbewegung, nicht die Ledigen allein, sondern die Alleinstehenden im allgemeinen bercksichtigen. Da die Frauen im Durchschnitt frher heiraten als die Mnner, eine lngere Lebensdauer haben als sie und schwerer zum zweiten Male heiraten, so ist es natrlich, da es eine groe Zahl Witwen giebt, zu denen die geschiedenen Frauen noch hinzukommen. Die genauen Zahlen sind folgende: Lnder Frauen Auf 100 Frauen ber 15 Jahren sind Witwen Deutschland 2208579 13,36 Oesterreich 1001136 10,70 England 1124310 11,40 Frankreich 2060778 16,67 Vereinigte Staaten 2226510 11,30 Wir mssen aber auch noch einen anderen Umstand in Betracht ziehen, der gerade fr die brgerliche Frauenfrage von Wichtigkeit ist: die spten Heiraten. Nach einer preuischen Statistik[317] heiraten Mdchen in brgerlichen Berufen durchschnittlich erst mit 28 Jahren, und wenn dem gegenber auch behauptet werden kann, da die Berufsthtigkeit die Heirat hinausschiebt, so mu andererseits doch auch betont werden, da die spten Heiraten zur Berufsarbeit zwingen. Daher knnen auch, soweit nur die Bourgeoisie in Frage kommt, die verheirateten Frauen nicht ohne weiteres zu denen gerechnet werden, die niemals dem Erwerb nachgingen, weil thatschlich viele von ihnen vor der Ehe darauf angewiesen waren. Auf Grund der bisherigen Errterungen sind wir zu dem Resultat gekommen, da eine groe Zahl von Frauen nicht heiraten knnen, weil es an Mnnern fehlt und noch mehr nicht heiraten, weil die Heiratslust der ledigen Mnner keine groe, ist. Fr die knftige Entwicklung der Frauenfrage, der brgerlichen insbesondere, ist es nun aber von grter Bedeutung, ob eine Aussicht vorhanden ist, da zwei ihrer Ursachen,--der Frauenberschu und die Heiratsunlust der Mnner,--verschwinden oder in ihren Wirkungen abgeschwcht werden knnen. Da entsteht zunchst die Frage, aus welcher Wurzel beide entspringen. Die feststehende Thatsache eines Knabenberschusses bei der Geburt, 106 Knaben auf 100 Mdchen, hat viele[318] zu der Annahme verfhrt, als bestnde ein Naturgesetz des Gleichgewichts der Geschlechter. Wir haben gesehen, da schon die verschiedene Verteilung und Altersgliederung der Geschlechter dem widerspricht. Fr den vorhandenen Frauenberschu ist jedoch der Hauptgrund in den verschiedenen Absterbeverhltnissen der Geschlechter zu suchen.[319] Die Sterbeziffern haben sich fr das letzte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts folgendermaen gestaltet[320]: Setzt man die mnnliche Sterbe- Mnner Frauen ziffer = 100, so ergeben sich fr die weibliche Sterbeziffer: Italien 26,2 25,6 98 Frankreich 23,6 21,6 92 Schweiz 21,3 19,5 91 Belgien 21,9 19,8 90 Niederlande 20,8 19,2 92 Deutschland 25,0 22,5 90 Oesterreich 29,8 26,8 90 Ungarn 33,7 32,2 96 England und Wales 20,6 17,8 89 Schottland 19,6 18,7 95 Irland 18,4 18,5 100,6 Schweden 17,8 16,7 91 Norwegen 18,3 16,5 91 Dnemark 19,7 18,3 93 Finland 22,2 20,4 92 Massachusetts 20,7 19,0 92 Connecticut 20,5 18,7 91 Rhode Island 20,4 19,0 93 Japan 21,7 21,1 97 Die grere Sterblichkeit der mnnlichen Suglinge vor den weiblichen, die lngere Lebensdauer der Frauen im allgemeinen,--auf 100 gestorbene Mdchen im Alter bis zu 5 Jahren sterben etwa 114 Knaben, auf 100 gestorbene Frauen im Alter von 60 bis 80 Jahren sterben gegen 108 Mnner,--scheint fr die strkere Lebenskraft der Frauen zu zeugen. Von einschneidenderer Bedeutung jedoch ist es, da die Mnner sowohl als Soldaten wie als Erwerbsthtige im allgemeinen greren Gefahren ausgesetzt sind, als die Frauen und da sie infolge ihrer Lebensweise,--geschlechtlichen Excessen, Alkoholgenu u. dergl.,--zerstrenden Krankheiten leichter unterworfen werden. Unter den gegenwrtig herrschenden wirtschaftlichen Verhltnissen, die die Intensitt des Kampfes ums Dasein steigern und sittlich korrumpierend auf Reiche und Arme wirken, ist daher an eine Abnahme der Sterblichkeit der Mnner nicht zu denken, dagegen ist bei der Zunahme der weiblichen Erwerbsthtigkeit eher eine Annherung der Sterbeziffern beider Geschlechter mglich. Was ihre Heiratsziffern, deren Zu- resp. Abnahme betrifft, so stellen sie sich folgendermaen dar[321]: Auf 100 Einwohner heirateten 1841/50 1881/90 Schweden 7,27 6,26 Norwegen 7,78 6,52 Dnemark 7,87 7,33 Finland 8,15 7,32 England 8,05 7,47 Niederlande 7,41 7,08 Belgien 6,79 7,07 Deutsches Reich 8,05 7,77 Weststerreich 7,71 7,50 Galizien 9,54 8,50 Frankreich 7,94 7,38 Man kann auf Grund dieser Statistik nachweisen, da sich die Heiratsziffer berwiegend im Rckgang befindet. Umfassen die Berechnungen krzere Zeitrume, so sind natrlich auch die Differenzen geringer, ja es zeigen sich zuweilen, wie z.B. in Deutschland, nur Schwankungen. Es ist aber ein Fehlschlu, daraufhin ein durchschnittliches Gleichbleiben der Heiratsfrequenz behaupten zu wollen[322], und es ist verkehrt, den Tchtern der Bourgeoisie dieses Gleichbleiben gewissermaen als Trstung vorzuhalten. Nicht nur, da das Heiratsalter der Mnner in brgerlichen Kreisen sich immer weiter hinausschiebt,--in Preuen betrgt es bei den Berufslosen durchschnittlich 41, bei den ffentlichen Beamten 33 Jahr,--und die Heiratsfrequenz infolgedessen notwendig sinkt, ihre Heiratslust ist auch in stndiger Abnahme begriffen. Leider lt sich das statistisch nicht feststellen, da es fast ganz an einer Einteilung der Heiratenden nach sozialen Schichten fehlt.[323] Nach einer Berechnung ber die Bevlkerung Kopenhagens kommen auf 100 Mnner in brgerlichen Berufen nur 51,94% Verheiratete resp. verheiratet Gewesene, whrend auf diejenigen in proletarischen Berufen 62,40% kommen[324]; ber die Abnahme der Heiratsfrequenz in der Bourgeoisie findet sich aber auch hier nichts, sie lt sich jedoch mit einiger Sicherheit auf Grund der allgemeinen Entwicklungstendenz behaupten.[325] Wo eine Schwankung, wo eine Steigerung der Heiratsziffern zu finden ist, drften sie allein auf Rechnung der greren Heiratsfrequenz im Proletariat zu setzen sein, whrend die Eheschlieungen in der Bourgeoisie sich in stetiger Abnahme befinden. Und hier stoen wir wieder auf einen wesentlichen Unterschied zwischen der brgerlichen und der proletarischen Frauenfrage: der Proletarier heiratet frh und leicht--sogenannt leichtsinnig--, weil die Frau in der Ehe keine "Versorgung" sucht, ihre Arbeitskraft, d.h. die Mglichkeit, sich selbst zu versorgen, ist sogar meist die gesuchteste Mitgift; der Mann aus brgerlichen Kreisen heiratet spt und schwer, weil die ganze Last der Bestreitung des Familienlebens allein auf seinen Schultern ruht, falls er keine reiche Frau findet. Aber auch da, wo das Einkommen des Mannes ihm die Erhaltung einer Familie leicht machen wrde, nimmt die Heiratslust ab. "Ein gewisses Ma des hheren Wohlbefindens wirkt in der Neuzeit nicht mehr ehefrdernd"[326], im Gegenteil: der Junggeselle, der sich ein bequemes Leben schaffen kann, scheut sich, es aufzugeben. Und die praktischen Erwgungen ber die Mglichkeit, eine Familie auf dem gleichen gesellschaftlichen Niveau zu erhalten, sind um so gewichtiger, je mehr der Mann seine Liebesempfindung in hundert kleinen Passionen und Verhltnissen verzettelt hat, je unfhiger er also ist, in erster Linie einem Zuge des Herzens zu folgen, hinter den alle Bedenken von selbst zurcktreten. Der moderne junge Mann der brgerlichen Kreise--mag er Beamter, Offizier, Schriftsteller, Knstler oder Kaufmann sein--hat aber gewhnlich nur ein Einkommen, das kaum ihm persnlich ein standesgemes Leben sichert, und es gehrt mit zu jener Masse verschrobener Ehrbegriffe, da die Aufrechterhaltung eines solchen Lebens unbedingt notwendig ist. Sein Junggesellenleben, das ihm besonders in der Grostadt in jeder Beziehung bequem gemacht wird, ist fr ihn angenehmer und billiger, als es das eheliche Leben sein wrde, das ihm berdies, wenn er Umschau hlt unter seinen verheirateten Bekannten, hchst selten verlockend erscheinen wird. Auch seine Herzensbedrfnisse kann er fr wenig Geld befriedigen; setzt er Kinder in die Welt, so kosten sie ihm nicht so viel, als eheliche kosten wrden, er trgt keine Verantwortung fr ihr Fortkommen und sie haben so gut wie keine Rechte an ihn. Wenn er berhaupt heiratet, so geschieht es nicht selten erst zu einer Zeit, wo er auf den bitteren Grund der genossenen Freuden gestoen ist und der Ruhe und Pflege bedarf. Doch auch fr sittlich ernst denkende Mnner der brgerlichen Kreise, die gern heiraten mchten, wird die Eheschlieung immer mehr erschwert. Ihr Einkommen steht meist zu den Bedrfnissen in grtem Miverhltnis; ihr Beruf selbst erschwert hufig die Familiengrndung, indem er Reisen und hufigen Ortswechsel nach sich zieht und ihr Fortkommen darin von ihrer leichteren Beweglichkeit abhngig ist. Aber die Schuld,--wenn berhaupt gegenber den Ergebnissen wirtschaftlicher Entwicklungen von Schuld gesprochen werden kann,--an dem Rckgang der Heiratsfrequenz trifft nicht allein die Mnner. In der Bourgeoisie, besonders in der des Mittelstandes, die von fortschrittlichen Ideen am schwersten berhrt wird, ist die Erziehung der Tchter im allgemeinen durchaus dazu angethan, gerade die besten Mnner vom Heiraten abzuschrecken: sie knnen weder geistig gleichstehende Gefhrtinnen, noch gute Hausfrauen und Mtter werden; sie sind Dilettantinnen in allen Dingen, von ihren oberflchlichen Schulkenntnissen und traurigen knstlerischen Bettigungen an bis in ihr niedergetretenes Gefhlsleben hinein. Sie sind fr den Mann Luxusgegenstnde, nicht viel anders als es die Haremsfrauen fr die Muhamedaner sind, und sie sind nicht dazu angethan, den Trieb zur Ehe zu erhhen. Bei den gesteigerten Ansprchen, die die Erziehung der Shne an den Geldbeutel des Vaters macht, bei der wachsenden Schwierigkeit fr sie, sich selbst zu erhalten, auch wenn sie ganz bescheiden leben,--ein preuischer Leutnant ist oft zehn Jahre lang auf ein Monatsgehalt von 75 bis 97 Mark[327], und unbesoldete Referendare sind oft bis zum 30. Lebensjahr ganz auf ihre Eltern angewiesen,--bleibt fr die Mitgift der Tchter immer weniger brig, und ihre Heiratsaussichten schwinden mehr und mehr, whrend ihre Ansprche schon unwillkrlich durch die Gewohnheit des Lebens im elterlichen Hause gesteigerte sind. Wird ihr Vater pensioniert, oder ihre Mutter wird Witwe, so steht die bitterste Not vor der Thr. Einige Zahlen mgen zur Illustration dienen: Ein preuischer Hauptmann erhlt eine Pension von 1033 bis hchstens 4000 Mark jhrlich, ein Stabsoffizier kann schon mit 2300 Mk. jhrlich pensioniert werden; das Witwengeld schwankt zwischen dem Mindestbetrag von--216 Mk. und dem Hchstbetrag von 3000 Mk. jhrlich, den aber nur die Witwe eines Generals erhlt, die an ein Jahreseinkommen von 10 und 20000 Mk. gewhnt war[328]; das Waisengeld betrgt 1/5 der Witwenpension, ist also auch nicht entfernt ausreichend, die Kinder, entsprechend der sozialen Schicht, der sie angehren, zu erziehen. In demselben Verhltnis bewegen sich die fr Beamte, deren Witwen und Waisen festgesetzten Pensionen. Weisen wir noch darauf hin, da auch der kaufmnnische Mittelstand sich in einer keineswegs beneidenswerten Lage befindet, da er mehr und mehr vom kaufmnnischen Grobetrieb zurckgedrngt wird, so erklrt sich daraus zum groen Teil die abnehmende Verheiratbarkeit der Tchter, und ihr zunehmendes Eindringen in die Erwerbsarbeit. So ist vorauszusehen, da der Rckgang der Heiratsfrequenz, der in der Hauptsache auf wirtschaftliche Ursachen zurckzufhren ist, die Zunahme der auf Erwerb angewiesenen alleinstehenden Frauen sich auch in Zukunft weiter entwickeln, und der wesentliche Ausgangspunkt der Frauenbewegung, insbesondere der brgerlichen, bleiben wird. Es ist jedoch nicht der einzige. Die Zeichen beginnen sich zu mehren, wonach nicht nur die unversorgte, sondern auch die durch die Ehe versorgte Frau der Bourgeoisie eine Berufsthtigkeit zu suchen gezwungen ist, ebenso wie die Proletarierin, wenn auch oft aus anderen Grnden als sie. Dabei will ich derer nicht gedenken, die, um ihr Wirtschafts- oder ihr Toilettengeld zu erhhen, der Arbeiterin Schmutzkonkurrenz machen, sondern vielmehr jener, deren brachliegende Krfte nach Bethtigung verlangen. Ihre Zahl steigt, je mehr die Industrie sie als Hausfrau und die Schul-Erziehung sie als Mutter entlastet. Der Gasherd, die elektrische Beleuchtung, die Zentralheizung, die Dampfwschereien sind schon heute wichtige Faktoren im Emanzipationskampf der Frau, denen in den verschiedensten Formen eine unbegrenzte Entwicklung bevorsteht. Die Kindergrten, der ffentliche Schulunterricht, die zunehmende Neigung, heranwachsende Kinder auf Jahre hinaus Instituten anzuvertrauen, die sie womglich von dem geistig und krperlich korrumpierenden Einflu der Stdte fernhalten, geben der Mutter ein gut Stck der freien Verfgung ber ihre Zeit zurck, das sich dadurch noch vermehrt, da die Berufsarbeit und die politischen Interessen des Mannes ihn immer mehr aus dem Hause fhren. Ueber diese Dinge mag man denken, wie man will, mag ihnen freundlich oder feindlich gegenberstehen,--ableugnen lassen sie sich nicht und auf ihnen beruht ein weiterer Fortschritt der Frauenbewegung, neben einer unausbleiblichen weiteren Zersetzung des traditionellen Familienlebens. Die unbeschftigten Gattinnen und Mtter haben die Wahl, ihre Zeit mit Vergngungen totzuschlagen oder sie mit ntzlicher Thtigkeit auszufllen. Die besten unter ihnen suchen nach Arbeit. Zunchst fanden sie sie in Wohlthtigkeitsvereinen; mit der wachsenden Erkenntnis entwickelt sich dann aus dem oft recht schdlichen Wohlthun eine ernstere soziale Hilfsarbeit, die schlielich zu dem Wunsche nach einer geregelten Berufsthtigkeit fhrt. So lt sich mit Recht behaupten, da die Frauenbewegung mit der Lsung der Jungfernfrage, nicht, wie Eduard von Hartmann behauptet, aus der Welt geschafft sein wrde, da vielmehr der Kampf um Arbeit auch der verheirateten Frauen der Bourgeoisie, der sich eben erst im Anfangsstadium befindet, ihr eine sehr lange Dauer sichert, eine um so lngere, als das steigende Miverhltnis zwischen Bedrfnissen und Einnahmen sie schon zu ntigen anfngt, fr den Erwerb zu arbeiten. Es hat sich gezeigt, da die Zunahme der alleinstehenden Frauen, die Abnahme der Heiratsfrequenz und die wirtschaftliche Not als Ursachen der Frauenbewegung in allen Lndern anzusehen sind. Gleiche Ursachen werden notwendig gleiche Wirkungen hervorbringen. Das Vordringen der Frau in alle Erwerbsgebiete haben wir aus dem geschichtlichen Ueberblick ihres Kampfes um Arbeit kennen gelernt. Es handelt sich nun darum, festzustellen, in welchem Tempo es fortschreitet, und wie sich dieses Tempo im Vergleich zur Mnnerarbeit darstellt. Sehen wir zunchst von der Unterscheidung in brgerliche und proletarische Arbeit ab, so ergiebt sich fr nachbenannte Staaten folgendes Verhltnis der erwerbsthtigen Bevlkerung zur Gesamtbevlkerung: Lnder |Zhlungs-|Gesamtbevlkerung|Erwerbsthtige |Von 100 |periode | |Bevlkerung |Mnnern resp. | | | |Frauen sind | | | |erwerbsthtig | |-----------------+----------------+------+------ | |Mnner |Frauen |Mnner |Frauen |Mnner|Frauen -----------+---------+--------+--------+--------+-------+------+------ Vereinigte | | | | | | | Staaten | 1880 |25518820|24636963|14744942|2647157| 57,78| 10,74 Vereinigte | | | | | | | Staaten | 1890 |32067880|30554370|18821090|3914571| 58,69| 12,81 England u. | | | | | | | Wales | 1881 |12639902|13334537| 7783656|3403918| 61,58| 25,53 England u. | | | | | | | Wales | 1891 |14052901|14949624| 8883254|4016230| 63,20| 26,87 Frankreich | 1881 |18656518|18748772|10496652|5033604| 56,26| 26,84 Frankreich | 1891 |18932354|19201031|11137065|5191084| 58,82| 27,03 Deutschland| 1882 |22150749|23071364|13415415|5541527| 60,56| 24,02 Deutschland| 1895 |25409191|26361123|15531841|6578350| 57,19| 24,94 Oesterreich| 1880 |10819737|11324516| 6823891|4688687| 63,07| 41,40 Oesterreich| 1890 |11689129|12206284| 7780491|6245073| 66,56| 51,16 Die Zunahme der Mnner- und der Frauenarbeit fr den Zeitraum von 1880-1890 stellt die folgende Tabelle dar: Lnder | Mnner | Frauen |---------------------+--------------------- |absolute|Zunahme |absolute|Zunahme |Zunahme |in Prozenten|Zunahme |in Prozenten ------------------+--------+------------+--------+------------ Vereinigte Staaten| 4076148| 27,64 | 1267414| 47,88 England und Wales | 1099598| 12,38 | 612312| 15,22 Frankreich | 640413| 6,10 | 157480| 3,11 Deutschland | 2116426| 15,78 | 1036833| 18,71 Oesterreich | 956600| 14,02 | 1556386| 33,19 Betrachten wir die Frage auch noch von einer anderen Seite, indem wir feststellen, wie sich die Zahl der weiblichen Erwerbsthtigen zu der der mnnlichen in den bezglichen Zhlungsperioden stellt, so kommen wir zu folgendem Resultat: Lnder |Zhlungs-|Die erwerbsttige |Von 100 |periode |Bevlkerung |Erwerbsttigen | | |waren | |--------------------------+-------------- | |im ganzen|Mnner |Frauen |Mnner|Frauen ------------------+---------+---------+--------+-------+------+------- Vereinigte Staaten| 1880 | 17392099|14744942|2647157| 84,78| 15,22 " " | 1890 | 22735661|18821090|3914571| 84,10| 15,90 England u. Wales | 1881 | 11187574| 7783656|3403918| 69,59| 30,41 " " " | 1891 | 12899484| 8883254|4016230| 68,09| 31,91 Frankreich | 1881 | 15540256|10496652|5033604| 67,59| 32,41 " | 1891 | 16328149|11137056|5191084| 68,20| 31,80 Deutschland | 1882 | 18956932|13415415|5541517| 71,24| 28,76 " | 1895 | 22110191|15531841|6578350| 70,25| 29,75 Oesterreich | 1880 | 11512578| 6823891|4688687| 59,27| 40,67 " | 1890 | 14025564| 7780491|6245073| 55,47| 45,53 Aus der Betrachtung der vorhergehenden drei Tabellen lassen sich folgende Schlsse ziehen: Die erste Tabelle zeigt, da die Frauenarbeit im Verhltnis zur gesamten weiblichen Bevlkerung durchschnittlich um 2,86 Proz., die Mnnerarbeit dagegen nur um 2,39 Proz. gewachsen ist. Betrachten wir diese Tabelle nher, so ergiebt sich jedoch, da der Prozentsatz der Zunahme der Frauenarbeit wesentlich auf das Resultat Oesterreichs zurckzufhren ist, wo die weibliche Erwerbsthtigkeit um 9,76 Proz. zugenommen haben soll, whrend die betreffende Zahl fr Amerika,--das das schnellste Wachstum der Frauenarbeit aufweist,--2,07 Proz., fr England 1,34 Proz., fr Frankreich 0,19 Proz. und fr Deutschland 0,92 Proz. aufweist. Da diese abnorm hohe Zunahme der sterreichichen Frauenarbeit, der wir an anderen Stellen wieder begegnen werden, sich auf keinerlei besondere wirtschaftliche Ursachen zurckfhren lt, so mssen wir annehmen, da entweder die Zahlung von 1880 nicht alle weiblichen Erwerbsthtigen umfat hat, oder die von 1890 bedeutende Fehler, sei es in der Aufnahme sei es in der Berechnung, enthlt. Schalten wir deshalb, um eine richtigere Durchschnittszahl zu gewinnen, Oesterreich hier aus, so stellt sich die Zunahme der Frauenarbeit im Verhltnis zur gesamten weiblichen Bevlkerung auf 1,13 Proz., und die Zunahme der Mnnerarbeit auf 2,11 Proz. Dies Ergebnis, das zunchst die Gegner der Erwerbsthtigkeit der Frau sehr beruhigen drfte, ist jedoch im wesentlichen auf den groen Frauenberschu zurckzufhren. Als Beweis dafr dient Amerika, dessen weibliche Bevlkerung an Zahl hinter der mnnlichen zurckbleibt und wo die weiblichen Erwerbsthtigen im Verhltnis zu ihr um 2,07 Proz., die mnnlichen dagegen nur um 0,91 Proz. zugenommen haben. Ein klares Bild des Wachstums der Frauenarbeit gewinnen wir aus der nchsten Tabelle auf S. 172. Mit Ausnahme von Frankreich, dessen eigentmliches Bild im Stillstand der Bevlkerung seine Ursache hat und dessen besonders langsam wachsende Frauenarbeit vielleicht auf den greren Wohlstand der Bevlkerung zurckzufhren ist,--wenn nicht die Unvollkommenheit der Zhlung einen Teil der Schuld trgt,--zeigt es sich, da die Erwerbsthtigkeit des weiblichen Geschlechts in den betreffenden Lndern in weit rapiderem Tempo zunimmt, als die des mnnlichen. Vergleichen wir sie mit dem Wachstum der Bevlkerung, so zeigt sich, da, whrend die mnnliche Bevlkerung durchschnittlich um 13,77 Proz., die mnnlichen Erwerbsthtigen um 15,18 Proz. zunahmen, die weibliche Bevlkerung um 13,46 Proz. und die weiblichen Erwerbsthtigen um 23,62 Proz. gewachsen sind. Aus diesen Zahlen spricht deutlich der Notstand, unter dem das weibliche Geschlecht zu leiden hat und der es in Scharen in den Kampf um Arbeit treibt. Noch drastischer wird dies Verhltnis durch die dritte Tabelle auf S. 172 beleuchtet, die zeigt, in welchem Verhltnis die Geschlechter an der Erwerbsthtigkeit beteiligt sind. Wieder mit Ausnahme Frankreichs, das aber gegenber den hohen Zahlen anderer Lnder wenig ins Gewicht fllt, wchst der Anteil der Frau am Erwerbsleben. Wir sehen auch, wie sehr er von der Zahl der alleinstehenden Frauen abhngig ist: in Amerika ist er auerordentlich gering, in England sehr hoch und in raschester Zunahme begriffen. Da nun, wie wir oben darstellten, nicht nur die Menge der Alleinstehenden stetig wchst, sondern auch die verheirateten Frauen immer mehr zur Arbeit gentigt werden, so ist an eine Abnahme der Frauenarbeit, die etwa gar durch uere Maregeln herbeigefhrt werden soll, berhaupt nicht zu denken. Sie kann allenfalls von einem Zweig der Erwerbsarbeit in den anderen gedrngt werden, ihre Entwicklung aber ist eine gesetzmige, deren aufsteigende Tendenz unverkennbar ist. Fr den gegenwrtigen Zweck der Untersuchung ist es nun notwendig, aus dem Bereich der weiblichen Erwerbsthtigkeit den Kreis herauszuschlen, der die brgerlichen Berufe umfat. Dabei kann man nicht bei den liberalen Berufen stehen bleiben und stt deshalb auf groe Schwierigkeiten. Handelt es sich doch hauptschlich darum, die Zahl von erwerbsthtigen Frauen festzustellen, die aus der Bourgeoisie hervorgegangen sind und hierfr fehlen, da an eine Feststellung der sozialen Herkunft der Erwerbsthtigen, trotz ihrer Wichtigkeit, bisher so gut wie gar nicht gedacht wurde, fast alle statistischen Anhaltspunkte. Obwohl die Erfahrung mit einiger Sicherheit lehrt, da Lehrerinnen, hhere weibliche Beamte, weibliche Aerzte und Gelehrte aller Art aus brgerlichen Kreisen stammen, so steht das fr Handelsangestellte, Krankenpflegerinnen, Wirtschafterinnen, Schauspielerinnen u. dgl. keineswegs fest, vielmehr setzen sich diese Berufe aus Gliedern brgerlicher und proletarischer Schichten zusammen. Eine Untersuchung, die auf Grund des Materials, das dem Berliner Hilfsverein fr weibliche Angestellte zur Verfgung steht, angestellt wurde[329], verbreitet einiges Licht ber diese Frage, soweit sie den kaufmnnischen Beruf betrifft. Danach stellt sich heraus, da 84 Proz. des kaufmnnisch gebildeten, also des Aufsichts- und Bureaupersonals, und 66 Proz. der Verkuferinnen brgerlichen Kreisen entstammen. Dieses Resultat lt sich jedoch nicht ohne weiteres auf die Gesamtheit der Handelsangestellten anwenden, weil der genannte Verein ihre Elite umfat und das Verhltnis in den Provinzstdten und unter den Nichtorganisierten ein anderes sein drfte. Wir glauben der Wahrheit nahe zu kommen, wenn wir,--soweit die Zhlungen der verschiedenen Lnder das zulassen,--die Verkuferinnen aus dem Kreis der brgerlichen Frauenarbeit ganz ausscheiden, dagegen das kaufmnnisch gebildete Personal vollstndig dazurechnen; der Prozentsatz unter ihm, der etwa aus proletarischen Schichten stammt, drfte durch den der Verkuferinnen ersetzt werden knnen, der ihre Herkunft aus brgerlichen Kreisen darstellt. Eine weitere Schwierigkeit bildet die Frage der selbstndigen erwerbsthtigen Frauen. Ein groer Prozentsatz von ihnen kann nicht zu denen gerechnet werden, die sich aus eigner Kraft emporarbeiteten und wirklich selbstndige Leiterinnen ihrer Unternehmungen sind; sie sind vielmehr durch Erbschaft in deren Besitz gekommen und sind keineswegs die leitenden Krfte; ihre Zu- resp. Abnahme ist daher vom Standpunkt der Frauenfrage vllig belanglos. Um so bedeutsamer wre es jedoch, liee es sich ermglichen, diejenigen unter ihnen statistisch festzustellen, die als selbstndig Erwerbsthtige in unserem Sinne gelten knnen. Das ist aber beinahe unmglich: nur Knstler, Photographen, Zeichner, Apotheker und Chemiker knnen ohne weiteres berechnet und in die Kategorie der brgerlichen Erwerbsthtigen einbezogen werden; im allgemeinen vermgen wir nur, und zwar wesentlich auf Grund der amerikanischen und englischen Verhltnisse, anzunehmen, da die Zahl der selbstndigen Frauen aus eigner Kraft in steter Zunahme begriffen ist. Leichter schon wre es, wenn dabei die Betriebszhlungen zu Grunde gelegt werden, die proletarischen Existenzen unter den Selbstndigen von den brgerlichen zu sondern. Noch schwerer als bei der Betrachtung der einzelnen Lnder gestaltet sich die Feststellung der in brgerlichen Berufen thtigen Frauen fr eine internationale Vergleichung, weil die Methoden, nach denen die Berufe eingeteilt werden, gar zu verschiedene sind. Teils werden, wie in Amerika und England, die sozialen Schichten nicht scharf genug auseinandergehalten, teils Berufe zusammengeworfen, wie z.B. die der Hebammen und Krankenpflegerinnen, die getrennt aufgefhrt werden mten. Nach alledem steht es fest, da die statistische Umgrenzung der brgerlichen Frauenarbeit keinen Anspruch auf vollkommene Genauigkeit machen kann, trotzdem aber ein im allgemeinen richtiges Bild von ihr geben drfte. Teilen wir sie in 38 Berufsarten ein, so stellt sie sich nach den Ergebnissen, die ich den letzten offiziellen Berufszhlungen entnommen habe, folgendermaen dar. Berufe |Deutsch- |Oester- |Frankreich|England |Vereinigte |land | reich | | u. Wales |Staaten -----------------------+----------+---------+----------+-----------+---------- 1. Beamte und | \ | | | |\ Bureauangestellte | } | | | | } im Staatsdienst | } | 865 | 445 | 8546 | } 2. Beamte und | } 1852 | | | | } 4875 Bureauangestellte | } | | | | } im Gemeinde- | } | | | | } und Kommunaldienst | / | 357 | 387 | 5165 |/ 3. Polizeibeamte, | | | | | Gendarmerie | | | | | und Wachtdienst | -- | 10 | -- | -- | 279 4. Post-, Telegraphen-| | | | | und Telephonbeamte | 2499 | 2703 | 5211 | 4356 | 8474 5. Eisenbahnbeamte | 382 | 605 | 3767 | 849 | 1438 6. Geistliche | -- | -- | -- | 4194[335]| 1143 7. Kirchen- und | | | | | Anstaltsbeamte | 430 | 2715 | -- | -- | -- 8. Aerzte, Chirurgen |\ | | | | und Zahnrzte | } | 37 | 870 | 446 | 4894 9. Krankenpflegerinnen| }72837 | | | | und Hebammen |/ [330] | 14623 |13475[333]| 53057 | 41396 10. Tierrzte | -- | -- | -- | 2 | 2 11. Advokaten | -- | 6[332]| -- | -- | 208 12. Bureaubeamte | | | | | bei Advokaten | -- | | | | und Notaren | [331] | 102 | 389 | -- | -- 13. Professoren | | |\ |\ | an Universitten | | | } | } | und Lyceen | -- | -- | }68448 | }144393 | 695 14. Lehrer | 66181 | 21417 |/ |/ | 245371 15. Privatgelehrte |\ |\ |\ | 42 |\ 16. Schriftsteller | } | } | } |\ | } 2725 und Redakteure | } 410 | } | } 391 | } 660 |/ 17. Journalisten |/ | } 332 |/ |/ | 888 18. Stenographen und | | } | | | Maschinenschreiber | 436 |/ | -- | 127 | 21270 19. Bibliotheks-, | | | | | Museums- | | | | | und Privatbeamte | 865 | 572 | -- | 240 | -- 20. Architekten | -- | 20 | -- | 19 | 22 21. Ingenieure | -- | -- | -- | -- | 124 22. Maler und Bildhauer| 839 | 337 | \ 3818 | 3032 | 10815 23. Musiker |\ |\ | / | \ 19111 |\ 34519 24. Musiklehrer | } | } | 4888 | / |/ 25. Schauspieler | } 8976 | }2586 | | | und Snger |/ |/ | 5301 | 3696 | 3949 26. Theaterbeamte | 195 | 1074 | -- | -- | -- 27. Chemiker | 92 | 42 | \ 657 | 27 | 39 28. Apotheker | 60 | 134 | / | 160 | 734 29. Photographen | 208 |\ | -- | 2496 | 2201 30. Zeichner, | | } | | | Musterzeichner, | | } 156 | | | Graveure, | | } | | | Modelleure | 114 |/ | -- | -- | 346 31. Agenten | 195 |\ 1809 | 91 | 765 | 4875 32. Handelsreisende |\ |/ | -- | 165 | 611 33. Buchhalter | } |\ | \94003 | 50 | 27772 34. Handelskommis | }11987 | }8138 | / [334] | 17859 | 64219 35. Bankbeamte |/ |/ | 1135 | 249 | 217 36. Verwalter, | | | | | Wirtschaftsbeamte | | | | | und Rechnungsfhrer| | | | | in landschaftlichen| | | | | Betrieben | 17170 | 1001 | 16766 | -- | --[336] 37. Technisch gebildete| | | | | Beamte in | | | | | industriellen | | | | | Betrieben | 5099 | 2094 | -- | 748 | --[337] 38. Andere freie Berufe| -- | 177 | -- | -- | 479 -----------------------+----------+---------+----------+-----------+---------- Summa: | 190827 | 61382 | 220042 | 269454 | 484580 Wir sehen aus dieser Tabelle, da die relativ grte Anzahl brgerlicher Frauen als Lehrerinnen, Handelsangestellte und Krankenpflegerinnen thtig sind. Wo sie, wie in Amerika, Zugang zu allen wissenschaftlichen Berufen haben, scheint ihre Neigung sie am meisten der Medizin und der Theologie zuzufhren. Bei dieser Berufswahl kommen die ursprnglichsten und durch die Erziehung der Jahrtausende gefestigten Begabungen ihres Geschlechts zum Ausdruck, als deren Grundzug die in jeder unverdorbenen Frau ruhende Mtterlichkeit anzusehen ist. Sie wirkt in der Lehrerin, die statt der eigenen fremde Kinder erzieht, in der Aerztin und Krankenpflegerin, der Missionarin und Predigerin. Und der Sinn fr Ordnung, die von dem Augenblick der ersten festen Ansiedelung an gebte Kunst der Haushaltung kommt in dem Talent des weiblichen Geschlechts fr den kaufmnnischen Beruf wieder zum Ausdruck. Seiner Begabung entsprechen auch die ffentlichen Anstellungen, die ihr gerade dort in immer erweitertem Mae zugeteilt werden, wo man bereits Erfahrungen ber die Befhigung der Frauen zum Staats- und Gemeindedienst gemacht hat: In England und Amerika werden Frauen hauptschlich im Bureaudienst, als Erzieher, Armenpfleger, Armenhaus-, Sanitts- und Gewerbe-Inspektoren verwendet. Um aber zu einer richtigen Wrdigung der Zahl brgerlich erwerbsthtiger Frauen zu kommen, mu sie mit der Zahl der in denselben Berufen thtigen Mnner verglichen werden. Dabei ergiebt sich nach der neuesten Zhlung fr die betreffenden Lnder als Resultat: Lnder Von 100 Erwerbsttigen in brgerlichen Berufen sind Mnner Frauen Deutschland 88,34 11,46 Oesterreich 87,77 12,23 Frankreich 78,02 21,98 England 77,67 22,33 Vereinigte Staaten 81,25 18,75 Die Berechnung zeigt, da die geringste Beteiligung der Frauen am brgerlichen Erwerbsleben dort zu finden ist, wo der Zugang dazu ihnen am meisten erschwert wird, und die hchste da vorhanden ist, wo nicht nur die Berufe ihnen offen stehen, sondern wo zu gleicher Zeit ein starker Frauenberschu konstatiert wurde. Wo, wie in Amerika, ein Mnnerberschu besteht, ist, trotz der Zulassung der Frauen zu allen Erwerbsgebieten, ihr Anteil daran ein geringerer. Der Eindruck dieses Momentbildes verschiebt sich jedoch wesentlich, sobald wir das Wachstum der brgerlichen Frauenarbeit einer Betrachtung unterziehen. Folgende Zusammenstellung giebt Aufschlu darber: Erwerbsttige in brgerlichen Berufen: Lnder |1880 resp. |1890 resp. | Absolute |Prozentuale |1881 und 1882|1891 und 1895 | Zunahme der |Zunahme der |-------------+--------------+--------------+------------- |Mnner|Frauen|Mnner |Frauen| Mnner|Frauen|Mnner|Frauen -----------+------+------+-------+------+-------+------+------+------ Deutschland|808213|118070|1474072|190827| 665859| 72757| 82,32| 61,61 Oesterreich|276070| 41693| 440288| 61328| 164218| 19690| 59,52| 47,22 Frankreich |660459|196296| 781052|220042| 120593| 23746| 18,26| 10,79 England |605245|168656| 936970|269454| 331725|100798| 54,81| 59,47 Verein. | | | | | | | | Staaten |992736|229451|2099513|484580|1106777|255129| 89,69|111,19 Sie zeigt deutlich, da die Zunahme der brgerlichen Frauenarbeit in England und Amerika, wo eine groe Ausbreitungsmglichkeit fr sie besteht, eine weit raschere ist, als die der Mnner. Eine nach dieser Hinsicht interessante Zusammenstellung, die wir hier wiedergeben, und die sich ber zwei Jahrzehnte erstreckt, liegt fr Amerika vor:[338] Von 100 Erwerbsttigen in Amerika waren Berufe 1870 1880 1890 Mnner Frauen Mnner Frauen Mnner Frauen Knstler und Kunstlehrer 89,90 10,10 77,36 22,64 51,92 48,08 Musiker und Musiklehrer 64,07 35,93 56,75 43,25 44,46 55,54 Professoren und Lehrer 33,73 66,27 32,21 67,79 29,16 70,84 Buchhalter und Kommis 96,53 3,47 92,90 7,10 83,07 16,93 Es handelt sich eben um einen allgemeinen Notstand, der die Frauen in rapidem Tempo in die sich ihnen ffnenden Berufe drngt, und es lt sich daraus schlieen, da dasselbe Verhltnis sich in anderen Lndern zeigen wird, wenn die verschlossenen Thren sich auch dort ihnen ffnen. Vor allem aus der prozentualen Zunahme der Lehrerinnen und Handelsangestellten in Deutschland und Oesterreich lt sich unschwer der Beweis dafr erbringen: Oesterreich Deutschland Zunahme der Zunahme der Mnner Frauen Mnner Frauen Lehrer 42,14 44,62 24,79 48,84 Handelsangestellte 115,81 126,66 80,60 279,21 Wir stehen somit zweifellos der Thatsache eines raschen Wachstums der brgerlichen Frauenarbeit gegenber. Dafr spricht auch der Umstand, da jeder offenen Stelle eine erschreckend groe Zahl Bewerberinnen gegenberstehen, die natrlich dort den grten Umfang annimmt, wo die arbeitsuchenden Frauen die geringste Auswahl unter den Berufen haben. Nach einer in Frankreich angestellten Untersuchung[339] bewarben sich bei einer Konkurrenz allein im Seine-Departement ber 8000 Frauen um 193 offene Schulstellen; fr 200 Stellungen, die die Post ausgeschrieben hatte, meldeten sich gegen 5000 Frauen; bei der Bank von Frankreich, die jhrlich hchstens 25 Stellen neu zu besetzen hat, stellten mehr als 6000 Arbeitsuchende sich vor; der Crdit Lyonnais zhlte fr ca. 80 Stellen 700 bis 800 Bewerberinnen und im Magasin du Louvre pflege im Durchschnitt 100 sich auf eine offene Stelle zu melden. Diese Zahlen zeigen nicht nur, da das Problem der Arbeitslosigkeit fr die Mdchen aus brgerlichen Kreisen vielfach in demselben Grade besteht, wie fr die Proletarierinnen, sie sprechen auch fr die wachsende Not, die sie zur Erwerbsarbeit treibt. Ein weiterer Beweis dafr ist die rasche Zunahme der weiblichen Studenten. An den preuischen Universitten, die sich bekanntlich sehr ablehnend gegen sie verhalten, haben sie trotzdem vom Jahre 1895 bis 1899 von 117 bis auf 414 zugenommen; an den Schweizer Universitten betrgt die Zunahme von 1890 bis 1900 184 zu 1026.[340] Diese Zahlen wrden noch bedeutend hher sein, wenn nicht das Studium und der Eintritt in einen gelehrten Beruf groe finanzielle Opfer forderte, die bis jetzt in erster Linie nur den Shnen gebracht worden sind. Bei den Frauen gilt es meist, mglichst rasch zum Erwerb zu gelangen, daher whlen sie Berufe deren Vorbereitung nicht zu viel Zeit und Geld erfordert. Und das ist einer der proletarischen Zge in der brgerlichen Frauenbewegung. Noch ein anderer, bedeutungsvollerer sei an dieser Stelle erwhnt: die Berufsarbeit verheirateter Frauen. Ihr Verhltnis zu den alleinstehenden Frauen ist folgendes: Auf 100 Erwerbsthtige in brgerlichen Lnder Berufen kommen verheiratete Frauen Deutschland 15,02 Oesterreich 36,22 Vereinigte Staaten 8,92 Die Konkurrenzfurcht, die sich in dem oft leidenschaftlichen Kampf der Mnner gegen die Zulassung der Frauen zu brgerlichen Berufen ausdrckt, ist daher nicht unbegrndet, und sie gewinnt an Bedeutung, wenn wir die Bedingungen, unter denen die Frauen arbeiten, einer Betrachtung unterziehen. Ueberall, selbst in den Lndern, wo die Frauenarbeit die glnzendsten Fortschritte macht, zeigt es sich, da ihre Bewertung, auch bei gleicher Leistung, eine geringere ist als die der Mnner. In den Oststaaten Nordamerikas verdienen weibliche Buchhalter 5 bis 20 Dollars wchentlich, ihre mnnlichen Kollegen dagegen 10 bis 35 Dollars. Mnnliche Bureaubeamte im Staatsdienst haben ein Gehalt von 800 bis 2000 Dollars jhrlich, Frauen in gleichen Stellungen beginnen mit einem Mindestgehalt von 500 und erreichen nur ein Hchstgehalt von 1200 Dollars. Ueber die Verschiedenheit der Gehlter der Lehrer und Lehrerinnen giebt folgende Tabelle Aufschlu:[341] Durchschnittlicher Verdienst der Mnner Frauen New York 74,95 $ 51,33 $ Massachusetts 128,55 $ 48,38 $ Rhode Island 101,83 $ 50,06 $ Connecticut 85,58 $ 41,88 $ Delaware 36,60 $ 34,08 $ Maryland 48,00 $ 40,40 $ South-Carolina 25,46 $ 22,32 $ Florida 35,50 $ 34,00 $ Der Umstand, da der weitaus grte Teil der Lehrer in Amerika Frauen sind, fllt dabei besonders schwer ins Gewicht und beweist, da die Mehranstellung von Frauen nicht auf Grund besserer Leistungen, sondern geringerer Ansprche erfolgt. Derselben Thatsache ist zum Teil auch das rasche Vordringen der Englnderin in alle Erwerbsgebiete zu verdanken. Die weiblichen Bibliothekare z.B., von denen sich 19 in leitenden Stellungen befinden, erreichen nur ein Gehalt von 40 bis 80 Pfund jhrlich,--fast die Hlfte dessen, was ihren mnnlichen Kollegen zugestanden wird.[342] Auch die Lehrerinnen an hheren Mdchenschulen sind in keiner gnstigen finanziellen Lage. Viele von ihnen haben nur eine Jahreseinnahme von 80 bis 100 Pfund, wenige erreichen ein Einkommen von 150 Pfund und nicht mehr als ein halbes Dutzend stehen sich auf 200 Pfund. Noch schlechter sind die Verhltnisse der Volksschullehrerinnen, die von der Girls Day School Company angestellt werden und durchschnittlich 12 Pfund 12 sh jhrlichen Gehalt beziehen! Die Lehrerinnen der Elementarschulen, die mit 40 Pfund beginnen, haben auch nur in Ausnahmefllen die Aussicht, ihre Einnahmen zu erhhen.[343] Auch die Krankenpflegerinnen, die in England fast ausschlielich brgerlichen Kreisen entstammen, werden fr ihre aufopfernde Thtigkeit in ungengender Weise entschdigt: neben Wohnung und Bekstigung erhalten sie 12 bis 30 Pfund jhrlich. Selbst die vom Staat angestellten Post- und Telegraphenbeamtinnen erfreuen sich keineswegs einer glnzenden Stellung, da der grte Teil von ihnen nur 65 bis 80 Pfund im Jahr bezieht, ihre mnnlichen Kollegen erhalten fr gleiche Leistungen ein Mindestgehalt von 70 Pfund und whrend sie in den hheren Stellungen eine Einnahme bis zu 900 Pfund haben, bekommen die Frauen in denselben Stellungen im gnstigsten Falle 400 Pfund.[344] Gleiches lt sich von den Handelsangestellten sagen, deren Einnahmen sich auf 20 bis 40 Pfund im Jahr belaufen, eine Summe, die etwa 33% niedriger ist, als die der Mnner.[345] Dasselbe Bild wiederholt sich in Frankreich, und ist in Bezug auf die staatlich Angestellten besonders unerfreulich. Die weiblichen Beamten im Post- und Telegraphendienst beziehen ein Anfangsgehalt von 1000 Frs., die mnnlichen bei gleicher Leistung 1500 Frs.; die Einnahme der Frauen steigt alle 2 Jahre mit 100 Frs., die der Mnner alle 3 Jahre mit 300 Frs.; das Hchstgehalt der Frauen endlich betrgt 1800 Frs., das der Mnner dagegen weit ber das Doppelte, nmlich 4000 Frs.[346] Trauriger noch sind die Zustnde in Deutschland und Oesterreich. Giebt es doch im Deutschen Reich noch Lehrerinnen, deren Jahreseinkommen 300 bis 450 Mk. betrgt, eine Einnahme, die sich mit der einer besonders schlecht gestellten Wschenherin vergleichen lt. Eine Volksschullehrerin, die mit 700 Mk. angestellt wird,--kein Lehrer bezieht unter 900 Mk.,--hat die Aussicht, nach 31 jhriger angestrengter Thtigkeit 1560 Mk. alles in allem zu erhalten. In Gumbinnen erreicht sie nach 20jhrigem Dienst ein Hchstgehalt von 1150 Mk.[347] Zwei Drittel der technischen Lehrerinnen in Berlin beziehen ein Gehalt von--25 Mk. monatlich! In wie schroffem Gegensatz die Gehlter der Lehrerinnen zu denen der Lehrer an den hheren Mdchenschulen stehen, zeigt folgende Tabelle ber ihre niedrigsten und hchsten Einnahmen an den genannten Orten:[348] Lehrerinnen Lehrer Berlin 1800-2600 Mk. 2800-6000 Mk. Breslau 1300-2300 " 1800-4550 " Danzig 1200-2000 " 1800-4850 " Hannover 1000-2000 " 2250-5150 " Kassel 1200-1950 " 2600-5150 " Kln 1200-2200 " 1800-6075 " Dabei ist berechnet worden, da eine grostdtische Lehrerin bei bescheidensten Ansprchen ein Mindesteinkommen von 1500 Mk. haben mu. Viel schlimmer gestaltet sich die Lage der Frauen an Privatschulen, wo sie hufig mit 500-800 Mk. zufrieden sein mssen[349] und berdies durch Einkauf in die verschiedenen Pensions- und Rentenversicherungsanstalten fr Lehrerinnen fr ihr Alter selbst zu sorgen haben. Freilich ist die Pension, die Staat und Gemeinden den Frauen gewhren, die, unter Verzicht auf persnliches Lebensglck, ihre besten Jahre der Heranbildung der Tchter des Landes geopfert haben, jammervoll genug: sie betrgt 405 bis 912 Mk. jhrlich;--es liegt grimmiger Hohn darin, diese Summe mit dem Namen Ruhegehalt zu bezeichnen, denn von Ruhe ist auch fr die alternde Lehrerin keine Rede. Wie sie schon in ihren besten Jahren kaum existieren kann, ohne Vermgen zu besitzen, oder--der hufigste Fall--durch Privatstunden den Rest ihrer Krfte aufzureiben, so kann sie sich auch der verdienten Ruhe nicht erfreuen, wenn sie nicht aus anderen Quellen eine Pension sich selbst sicherte, oder, bis ihre Gesundheit ganz versagt, tagaus, tagein, treppauf, treppab luft, um sich noch ein paar Mark zu verdienen. Die Handelsangestellten befinden sich in keiner gnstigeren Lage, als die Lehrerinnen. Kaum ein Sechstel des weiblichen Bureaupersonals vermag als Hchstgehalt das Monatseinkommen zu erringen, das die Mnner in gleichen Stellungen in der Regel beziehen.[350] Gehlter zwischen 20 und 30 Mk. monatlich gehren, besonders in der Provinz, nicht zu den Seltenheiten und stehen in schreiendem Gegensatz zu der Behauptung, da eine Jahreseinnahme von 1000 bis 1200 Mk. fr die Handelsangestellten ein Existenzminimum darstellt. Nach den Angaben einer Anzahl Berliner Angestellten, die ganz auf eigenen Erwerb angewiesen sind, stellen sich ihre Ausgaben fr Wohnung und Nahrung--also ohne Kleidung, Wsche, Extraausgaben, wie Omnibusfahrten u. dergl., von Vergngungen ganz abgesehen--auf ca. 51 Mk. monatlich, dabei schwanken die Einnahmen von 28 Proz. unter ihnen zwischen 30 und 70 Mk.[351] Fr Oesterreich werden die Einnahmen der Handlungsgehilfinnen folgendermaen berechnet: 60 Proz. haben ein Gehalt von 10-25 Gulden, 20 Proz. 30 bis 35 Gulden, 10 Proz. 40-45 Gulden, 5 Proz. 50-60 Gulden und 5 Proz. verteilen sich auf noch hhere Gehlter. Trotz dieser jmmerlichen Bezahlung drngen sich die Mdchen zum kaufmnnischen Beruf; so mute z.B. eine der unentgeltlichen Fachschulen von 600 Aufnahmesuchenden 292 abweisen.[352] Die mnnlichen Bureaubeamten pflegen ein Anfangsgehalt von 35 bis 40 Gulden zu beziehen und stehen nach lngerem Dienst unverhltnismig gnstiger als die Frauen. Die Eisenbahnbeamtinnen beziehen ein Gehalt von 360 bis 600 Gulden jhrlich, nur sehr wenige erreichen eine Einnahme von 840 Gulden.[353] Aehnlich sind die Verhltnisse bei den Telegraphenbeamtinnen. Sie beginnen mit einem Gehalt von 30 Gulden monatlich, das alle fnf Jahre um 5 Gulden steigt, bis es den Hchstgehalt von 50 Gulden erreicht hat. Fast die Hlfte der Angestellten beziehen gegenwrtig den niedrigsten Gehalt, und whrend die Bezge der mnnlichen Beamten, von denen keine hhere Vorbildung und keine anderen Leistungen verlangt werden, als vom weiblichen Personal, wiederholte Aufbesserung erfuhren, sind sie in den ca. drei Jahrzehnten, seit denen der Staat Frauen beschftigt, fr die Frauen unverndert geblieben. Die Pensionen, die nur bei vlliger Dienstunfhigkeit gewhrt werden, entsprechen dem Gehalt: nach dreiigjhrigem Dienst, dem lngsten, der nach den gemachten Erfahrungen erreicht wird, sind sie auf 30 Gulden monatlich angewiesen.[354] Fast noch schlimmer ist die finanzielle Lage der Lehrerinnen, ja geradezu haarstrubend, soweit die Privatschulen in Betracht kommen. Sie nutzen die Zwangslage, in der sich die Mdchen dadurch befinden, da sie erst nach zweijhriger Lehrthtigkeit zur Lehrbefhigungsprfung, die sie in eine hhere Gehaltsstufe aufrcken lt, zugelassen werden, aus, indem sie die jungen Lehrerinnen groenteils--umsonst arbeiten lassen. Es kommt vor, da die Entschdigung fr 4 bis 5 Stunden Unterricht im Gabelfrhstck besteht; in den Klosterschulen werden die Volontrinnen am Ende des Schuljahrs mit einem Rosenkranz und einem Wachsstock belohnt. Nur wenige Institute gewhren ein Hchstgehalt von 30 bis 35 Gulden whrend der neun Monate des Schuljahrs. Stellungen mit 10, 15 oder 20 Gulden sind schon sehr gesucht.[355] Ist es ihnen endlich nach zweijhriger Arbeit unter den elendesten Verhltnissen gelungen, eine Anstellung als Unterlehrerin zu erhalten, so sind sie zunchst auf 1,16 bis 1,33 Gulden tglich angewiesen, mit der Aussicht, eventuell 10 bis 15 Jahre in hnlicher Stellung zu bleiben.[356] Handelt es sich um Industrielehrerinnen, so knnen sie bestenfalls auf ein Jahreseinkommen von 450 bis 600 Gulden rechnen, mssen aber auch darauf gefat sein, jahrelang mit 180 Gulden auszukommen.[357] Nun sind fr sehr bescheidene Bedrfnisse die notwendigen Ausgaben einer in brgerlichen Berufen thtigen Oesterreicherin zusammengestellt worden, wobei Ausgaben fr Arzt und Apotheke, Krankenkasse oder Altersversicherung, Tramwayfahrten, Bildungsmittel, Vergngungen etc. nicht in Rechnung kamen, und es hat sich ergeben, da 703 Gulden das Geringste ist, wessen sie bedarf.[358] Es zeigt sich also auch hier, da die Einnahmen zu den Ausgaben in schreiendem Miverhltnis stehen. Ein ganz besonders trauriges Kapitel in der Geschichte der erwerbenden Frau, das auf alle Lnder gleichmig pat, behandelt die Lage der Bhnenknstlerinnen. Nominell scheint ihr Einkommen hufig dem der Mnner gleichzustehen, thatschlich ist es ganz bedeutend geringer, weil Toilettenanforderungen an sie gestellt werden, von denen bei den Mnnern keine Rede ist, und sie, besonders an kleineren Bhnen, auch die historischen Kostme selbst zu beschaffen haben, die ihren mnnlichen Kollegen geliefert werden. Wir finden in Deutschland Gagen fr Solistinnen bis zu 50 Mk. monatlich, in Oesterreich bis zu 30 Gulden hinab, auf denen noch, als eine unertrgliche Steuer, die Prozentabgaben an die Agenten ruhen. Dabei wird der Luxus mehr und mehr in die Hhe, die Einnahme mehr und mehr heruntergeschraubt, weil in den Grostdten die Unsitte der Anstellung sogen. "Luxusdamen", die oft auf jede Gage verzichten, hingegen der Direktion infolge ihrer reichen Freunde einen groen Toiletteaufwand garantieren, berhand nimmt.[359] Werfen wir noch einen Blick auf die groe, rasch wachsende Zahl der weiblichen Schriftsteller, so zeigt es sich, da ihre starke Mitarbeit an Familienblttern zweiten und dritten Ranges zum grten Teil auf ihre geringen Ansprche zurckzufhren ist. Selbst in England, dem Dorado schreibender Damen, sind es nur die wenigen hervorragenden Autorinnen, die, dank ihres Talents, glnzend situiert sind. Im allgemeinen knnen 100 Pfund im Jahr schon als eine sehr gute Einnahme gelten.[360] Dasselbe gilt fr die Journalistinnen, die in Deutschland ganz bedeutend schlechter gestellt sind. Auch die weiblichen Zeichner und Maler, sowie die in allen Zweigen des Kunstgewerbes thtigen Frauen, geben sich mit Honorierungen zufrieden, die man einem Mann gar nicht wagen wrde, anzubieten. Das rasche Vordringen der Frau in die brgerlichen Berufe lt sich nach alledem weniger durch bessere Leistungen, als durch geringere Ansprche erklren; selbst der Staat handelt nicht anders wie jeder Fabrikant, der Arbeiterinnen beschftigt: es ist fr ihn eine Ersparnis. Die Ursachen aber der niedrigen Bewertung der Frauenarbeit sind auf den verschiedensten Gebieten zu suchen. Zunchst ist die Frau als selbstndig Erwerbende ein Begriff, der dem traditionellen, von dem durch den Mann zu ernhrenden Weibe, vollstndig widerspricht. Die Entlohnung ihrer Arbeit gilt daher nur fr einen Zuschu zum Lebensunterhalt, nicht fr seine vollstndigen Kosten, und der sentimentale Hinweis auf den Schutz der Familie, womit sogen. Menschenfreunde dem armen Mdchen helfen wollen, entspringt demselben Boden, aus dem der rohe Cynismus wchst, mit dem Kaufleute und Theaterdirektoren ihre Angestellten in die Arme hilfreicher "Freunde" zu treiben suchen. Aber die Schuld liegt nicht allein auf Seite der Brotgeber. Bis in die neueste Zeit hinein ist die Ausbildung der Frau fr die Berufsarbeit eine unzulngliche und der dadurch erzeugte Dilettantismus entwertet nicht nur die Frauenarbeit im allgemeinen, unter seinem Odium haben vielmehr auch diejenigen zu leiden, die dasselbe leisten wie die Mnner. Und noch ein anderes, fr die brgerliche Frauenarbeit charakteristisches Moment kommt hinzu: eine groe Zahl der Arbeit suchenden Frauen ist nicht vollstndig auf ihre Ertrgnisse angewiesen; sei es, da sie bei den Eltern wohnen und nur ein Nadelgeld verdienen mssen, sei es, da sie eine Rente beziehen, die nur nicht ganz zum Leben ausreicht,--auf jeden Fall sind sie in der Lage, die Mnner, und, was noch schlimmer ist, die wirklich Not leidenden weiblichen Konkurrenten zu unterbieten. Und sie thun das skrupellos. Es fehlt ihnen an jedem Solidarittsgefhl. Ihre jahrhundertelange Vereinzelung als Tchter, Gattinnen und Mtter--jede in einer engen Welt fr sich--hat sie kurzsichtig und egoistisch gemacht. Erst eine wirklich allgemeine Not wird das Ferment werden, das sie zusammenschmiedet und wird die Lohnfrage lsen helfen. Solange aber Beamtentchter durch Bureaudienst nur Toilettengeld zu verdienen wnschen und junge Damen sich die Langeweile wegpinseln und wegsticken, solange wird ein erfolgreicher Kampf um Gleichstellung mit dem Mann im Erwerbsleben nicht zu Ende gefhrt werden knnen. 3. Die brgerliche Berufsthtigkeit von prinzipiellen Gesichtspunkten. Fr die Gegner der Frauenbewegung beruht die geringere Bewertung der Frauenarbeit in erster Linie auf der nach ihrer Meinung feststehenden Thatsache der minderwertigen krperlichen und geistigen Fhigkeiten des weiblichen Geschlechts. Was zunchst die krperlichen Fhigkeiten betrifft, so fallen selbst gelehrte Mnner, blind gemacht durch ihre Voreingenommenheit, in den Fehler, die zweifellose Verschiedenartigkeit der Geschlechter mit der Minderwertigkeit des weiblichen Geschlechts zu identifizieren, und das Moment der krperlichen Ausbildung ganz auer acht zu lassen. Beginnt doch ihre Verschiedenheit fr Mann und Frau schon in frhester Jugend: dem Mdchen wird gelehrt, mit vielen langen Rcken, die die Bewegungsfreiheit beeintrchtigen, still bei den Puppen zu sitzen, whrend der Knabe in kurzen Hschen zum Laufen und Springen angehalten wird. Die Turnstunden in der Schule, die Bewegungsspiele auerhalb strken weiter seine Muskeln, dem Mdchen dagegen wird dafr bestenfalls ein minderwertiges Surrogat geboten, meist aber sitzt sie ber geistttenden Handarbeiten, oder qult sich und andere am Klavier, whrend ihr Bruder Fuball spielt, oder frhliche Wanderungen unternimmt. Neuerdings hat ein starker Emanzipator darin einige Wandlung geschaffen: das Fahrrad, dessen Wirkung zu Gunsten der Selbstbefreiung des weiblichen Geschlechts schon jetzt in der greren Selbstndigkeit und der Vereinfachung der Kleidung der jungen Mdchen deutlich zu Tage tritt, und auch darin einen glcklichen Ausdruck findet, da der Absatz der Klaviere seit seiner Einfhrung in stetigem Sinken begriffen ist. Die Masse der brgerlichen Mdchen aber, besonders in Deutschland und Oesterreich, wird von diesem Fortschritt ebensowenig berhrt, wie von der gnstigen Aenderung der krperlichen Ausbildung, die in Amerika und England Platz greift. Wrde der Entwicklung der weiblichen Muskelkraft eben solche Aufmerksamkeit geschenkt wie der der mnnlichen, so drften die Frauen dem Durchschnitt der Mnner zweifellos gleichkommen, das lehren die weiblichen Akrobaten und Hochtouristen, ganz abgesehen von den Lasttrgerinnen, Steinarbeiterinnen, Schnitterinnen u.s.w., zur Genge. Aber selbst wenn es nicht geschhe, wrde dadurch etwas anderes bewiesen werden, als da gewisse Berufe, wie etwa die der Bergfhrer, den Mnnern berlassen werden mssen? Auf die Geisteskrfte sind die Muskelkrfte jedenfalls ohne hervorragenden Einflu, und noch immer ist der Geist ohne Muskelkraft weiter gekommen, als Muskelkraft ohne Geist. Doch die Gegner der Frauenbewegung haben noch gewichtigere Grnde fr ihre Ansicht, indem sie auf all die Punkte hinweisen, die man als sekundre Geschlechtsmerkmale bezeichnet, und unter denen die Verschiedenartigkeit des weiblichen vom mnnlichen Gehirn und die weiblichen Lebensfunktionen besonders hervorgehoben werden. Die verhltnismige Leichtigkeit des Gehirns der Frauen ist lange Zeit hindurch, hauptschlich auf Grund der Untersuchungen Bischofs, ihr Hauptargument gewesen, indem man ohne weiteres annahm, da die Geisteskrfte damit in direktem Zusammenhange stehen. Thatschlich haben die Mnner ein absolut greres Hirngewicht als die Frauen, es hat sich aber schlielich infolge genauerer Untersuchungen herausgestellt, da es im Vergleich zum Krpergewicht kleiner ist als das des Weibes, da die Frauen daher ein relativ schwereres Gehirn haben als die Mnner.[361] Wie wenig mit beiden Ergebnissen zu beweisen war, geht schon daraus hervor, da die schwersten der bisher gewogenen Gehirne einem Ziegelstreicher, einem Idioten, dem russischen Dichter Turgeniew, einem einfachen Tagelhner und dem Zoologen Cuvier gehrten. Als eine Ironie der Natur kann es wohl auch angesehen werden, da Bischof, der aus dem absolut leichteren Gehirn der Frau mit besonderer Schrfe ihre geistige Inferioritt beweisen wollte, selbst ein leichteres Gehirn hatte, als es nach seiner Angabe die Frauen durchschnittlich besitzen. Auch das Wachstum der Hirnmasse hat man zu Ungunsten der Frauen ausgelegt, obwohl nichts weiter gefunden wurde, als da es bei den Mdchen schneller zunimmt, frher zu wachsen aufhrt und notwendigerweise infolgedessen auch frher anfngt abzunehmen, als bei den Mnnern. Weiter wurde die Gre des Stirnlappens fr ausschlaggebend erachtet. Experimente mit Tieren und der Umstand, da Schwachsinnige die grten zu haben pflegen, sprechen aber fr die Hinflligkeit auch dieses Beweises. Bei den Wgungen der verschiedenen Hirnteile hat sich ferner ergeben, da ein wesentlicher Unterschied zwischen den Geschlechtern in Bezug hierauf nicht besteht. Es stellt sich nach alledem heraus, da durch die Hirnuntersuchungen in Bezug auf die intellektuelle Veranlagung von Mann und Weib nichts bewiesen wurde. Selbst die Unterschiede, die etwa bestehen, haben fr die Lsung dieser Frage so gut wie keinen Wert, weil nicht nur die Zahl der untersuchten Gehirne eine viel zu geringe ist, um allgemein gltige Folgerungen daraus zu ziehen, sondern weil ihre grte Menge Mitgliedern geistig und krperlich unterdrckter Klassen angehrt hat, eine Beziehung zwischen den Gehirnteilen und der geistigen Veranlagung aber doch erst dann zur Feststellung gelangen kann, wenn die Gehirne intellektuell entwickelter Personen beiderlei Geschlechts mit denen der geistig tiefstehenden verglichen werden und man zugleich den Einflu der Erziehung auf die Gehirnentwicklung beobachten knnte. Weit begrndeter erscheint es, wenn die Geschlechtsfunktionen des Weibes als eine von der Natur gegebene Schranke betrachtet werden, die sie von der Berufsarbeit trennt. Schon die merkwrdige Thatsache eines periodisch wiederkehrenden Blutverlustes, die die Ansicht hervorgerufen hat, die Frauen seien dauernd krank, scheint sie von der Erwerbsarbeit auszuschlieen. "Das Weib leitet bestndig an dem Vernarben einer inneren Wunde," sagt Michelet, und Galiani erklrt sie fr ein von Natur schwaches und krankes Tier. Kulturvlker des Altertums und Naturvlker der Gegenwart betrachteten und betrachten sie zu gewissen Zeiten als Unreine und haben aberglubische Furcht vor ihnen.[362] All diese Ansichten sind durchaus verstndlich, da es sich um eine den Mnnern vollstndig fremde Funktion handelt, deren Folgen zu beurteilen sie daher durchaus nicht imstande sind. Wenn Aerzte an den heutigen Frauen whrend der Zeit der Menstruation krankhafte Erscheinungen, eine Abnahme der Krfte und die Unfhigkeit, Anstrengungen zu ertragen, beobachten, so sollten sie darin nichts weiter erkennen, als Folgen ungesunder Kleidung und Lebensweise, sich aber hten, diese Erscheinungen fr natrliche zu erklren.[363] Hierber drfte das endgltige Urteil den Frauen allein zustehen und dabei wrde sich herausstellen, da die Gesunden unter ihnen von einem Einflu der Menstruation auf ihre Krper- oder Geisteskrfte berhaupt gar nichts spren, manche sich sogar whrend der Zeit eines besonderen Wohlseins erfreuen. Die Kranken aber sind nicht besser und nicht schlechter daran, als die krnklichen Mnner, die ja leider auch nicht zu den Seltenheiten gehren. Gnstige Arbeitsbedingungen vorausgesetzt,--und diese sind ja fr alle ohne Unterschied des Geschlechts eine Notwendigkeit,--knnen daher Frauen trotz der Menstruation ohne Schaden ihrem Beruf nachgehen. Selbst wenn sie sich hier und da nicht ganz wohl befinden, so kann das doch ebensowenig ein Grund sein, ihnen gewaltsam die Thren zum Erwerb zu verschlieen als es Grund wre, die Mnner von der Arbeit zurckzuhalten, weil sie zuweilen Schnupfen oder Rheumatismus haben. Den Vorwand dazu bietet fr viele auch der Umstand, da die Vorbereitung zum Beruf, das Studium und der damit verbundene Zwang, lange in meist gebckter Stellung zu sitzen, der krperlichen Konstitution des Weibes besonders schdlich sein soll.[364] Das geben wir ohne Einschrnkung zu. Es fragt sich nur, ob das traditionelle Leben der Tchter brgerlicher Eltern whrend der in Betracht kommenden Jahre, das Sitzen ber nervenzerrttenden Romanen und geistig abstumpfenden Handarbeiten, das stundenlange nchtliche Tanzen in berhitzten Slen der Gesundheit zutrglicher ist, und ob die Wirkungen der heutigen Art der gymnasialen und akademischen Erziehung nicht auf die mnnliche Jugend ebenso traurige sind. Ist dies der Fall,--und daran werden Einsichtige kaum zweifeln,--so sollte die Folge nur die sein, gesndere Formen der Ausbildung fr alle zu schaffen, und die mit der geistigen Ueberbrdung Hand in Hand gehende krperliche Vernachlssigung endgltig ber Bord zu werfen, denn die im ersten Augenblick rhrend erscheinende Sorge fr die knftigen Mtter wird schnell all ihrer Menschenfreundlichkeit entkleidet, wenn sie sich nicht mit der Sorge um die knftigen Vter verbindet. Vielleicht, da die Thatsache der mehr und mehr in die brgerlichen Berufe eindringenden Frauen allen denjenigen, die bisher an den blassen, rundrckigen, kurzsichtigen mnnlichen Opfern unserer wissenschaftlichen Lehrinstitute blind vorbergingen, endlich die Augen ffnen wird. Damit htte die Frauenbewegung eine ihrer groen Missionen erfllt und bewiesen, da sie zu jenem frischen Lebensstrom gehrt, der die stagnierenden Gewsser der gegenwrtigen Zustnde von innen heraus aufwhlt und fortschwemmt. Damit aber wre das wichtigste Argument der Gegner der weiblichen Berufsthtigkeit noch nicht aus der Welt geschafft. Es ist uralt, bis zur Phrase herabgesunken; es wird von den typischen Frauenrechtlerinnen verlacht und kommt gewhnlich mit den Worten zum Ausdruck: Der einzige Beruf des Weibes ist der, Gattin und Mutter zu sein, mit ihm ist kein anderer vereinbar. Thatschlich ist dies Argument das schwerwiegendste und begrndetste, und die groe Schwierigkeit, es zu widerlegen, drckt sich schon darin aus, da die Vertreter der Frauenemanzipation ihm entweder mit bedeutungsvollem Schweigen oder mit billigem Spott und oberflchlichen Redensarten aus dem Wege gehen, obwohl die Mglichkeit der Verwirklichung der Ideen der Frauenbewegung schlielich allein davon abhngt, ob es steht oder fllt. Angesichts der gegenwrtigen Verhltnisse ist es freilich weniger bedeutungsvoll, weil, wie wir gesehen haben, es hauptschlich alleinstehende Frauen sind, die in brgerlichen Berufen stehen. Da die Frauenbewegung sich jedoch das Ziel gesetzt hat, alle Frauen durch selbstndige Arbeit aus ihrer wirtschaftlichen Versklavung zu befreien, so sollte zuerst untersucht werden, ob, wie weit und auf welche Weise das berhaupt geschehen kann. Stellen wir uns einen Arzt, Advokaten, Handelsangestellten oder Staatsbeamten in seinem Arbeitskreise vor: Er geht frh zu seinem Patienten oder in sein Bureau, kommt bestenfalls zur Mittagsstunde nach Hause, und mu meist auch einen groen Teil des Nachmittags seinem Berufe nachgehen. Die Ueberanstrengung der Gymnasialzeit setzt sich fort und wird in ihrer Wirkung durch die notwendige Einseitigkeit der Berufsarbeit noch verschrft, so da nur sehr starke, elastische Geister sich davor bewahren knnen, zu bloen Arbeitsmaschinen einzutrocknen. Bringen wir in Gedanken zunchst die verheiratete kinderlose Frau in dieselbe Lage und fragen wir uns, ob sie, sofern sie zu Hause eine selbstndige Wirtschaft zu fhren hat, ohne Schaden ihren Beruf ausfllen kann? Abgesehen davon, da sie sich natrlich zu derselben unerfreulichen Erscheinung entwickeln wird, wie ihr mnnlicher Kollege, ist es unseres Erachtens dann mglich, wenn eine zuverlssige Wirtschafterin ihr die huslichen Geschfte abnimmt, denn sich auch mit ihnen in den wenigen Stunden daheim belasten wollen, hiee sich jeder Ruhe berauben und die Gesundheit vollstndig untergraben. In hnlicher Lage befindet sich die Mutter erwachsener Kinder, nur da hier die Frage entsteht, ob eine durch Schwangerschaften und Kinderwartung Jahre dauernde Unterbrechung der Berufsthtigkeit, die jede Mglichkeit, darin vorwrts zu kommen, so wie so abschneidet, ihr nicht auch die Fhigkeit dafr geraubt hat. Besser wre es fr sie, wenn sie, wie es in England und Amerika auch hufig geschieht, in einen neuen, fr sie geeigneten Beruf eintritt, auf den sie sich teils durch Studium, teils durch Beteiligung an Wohlthtigkeitsbestrebungen und an sozialer Hilfsarbeit vorbereiten kann, so lange sie im Hause unentbehrlich ist. Es kme dabei wesentlich der Armen- und Krankendienst und etwa die Schulinspektion in Frage[365], und es ist sicher, da es fr all die Frauen, die sich, sobald die Kinder das Haus verlassen, pltzlich so gut wie aller Thtigkeit beraubt sehen und die nur zu hufig in den Vergngungen aller Art oder in Toilettenluxus einen Ersatz suchen und das tragikomische Schauspiel des Nichtaltwerdenknnens bieten, ein Segen wre, fnden sie ein Feld fr ihren Lebensdrang und ihre Arbeitskraft. Auch die kinderlose Frau wrde durch Berufsarbeit ber viele Klippen und heimliche nagende Schmerzen leicht hinweggefhrt werden. Ganz anders liegen die Dinge, sobald es sich um jngere verheiratete Frauen handelt, die Kinder im Hause haben oder solche erwarten. Gem den heutigen Verhltnissen, besonders in Europa, kmen fr sie nur solche Berufe in Betracht, die sich innerhalb der heimischen vier Wnde erledigen lassen, also etwa die der Malerin, Schriftstellerin und Kunststickerin, allenfalls die der Zahnrztin, falls die Praxis beschrnkt wird. Aber auch dann mu die Frau verstehen, mit ihrer Zeit hauszuhalten, mu entweder von vornherein in gnstiger Lage sein, um sich gute Dienstboten halten zu knnen, oder der Ertrag ihrer Arbeit mu es ihr ermglichen und zur selben Zeit das Mehr an Kosten ausgleichen, das zweifellos entsteht, wenn die Wirtschaftsfhrung fremden, und--was die Hauptsache ist--meist ungeschulten Krften berlassen bleibt. Vor allem aber darf sie ihren Kindern nichts entziehen: von der Muttermilch an, die der Lebensborn der kommenden Generation wieder werden sollte, bis zur krperlichen und geistigen Pflege, oder mindestens der Oberaufsicht darber. Nicht viele werden im stande sein, alle diese divergierenden Aufgaben miteinander zu vereinen, alle Konflikte glcklich zu lsen, die daraus entstehen, und sich und das Leben der Ihren zu einem harmonischen zu gestalten. Meist leidet eine Aufgabe unter der anderen, oder die Frau reibt sich innerlich auf. Und noch eins ist die Folge: sie wird, falls sie, sei es aus ueren oder inneren Grnden, berufsthtig sein mu, ihre Kinderzahl zu beschrnken suchen, denn fr die nervsen, degenerierten Damen unserer Zeit ist Schwangerschaft und Wochenbett meist eine Krankheit, und die ersten Jahre des Kindes nehmen, selbst bezahlte Pflege vorausgesetzt, die Mutter stark in Anspruch. Da unter den Lebens- und Arbeitsbedingungen unserer Zeit die brgerliche Berufsthtigkeit auer dem Hause fr die junge verheiratete Frau unmglich ist, oder den Ruin der Kinder und der huslichen Wirtschaft nachziehen mu, braucht nach alledem nicht noch bewiesen werden. Geschichten, die hufig von amerikanischen Frauen erzhlt werden, die etwa als Arzt oder Advokat eine groe Praxis haben, daneben den Haushalt persnlich fhren und ein Dutzend Kinder ausgezeichnet pflegen und erziehen sollen, sind Mrchen, und nur die leider so zahlreichen unverheirateten oder kinderlosen Sprecherinnen der brgerlichen Frauenbewegung knnen naiv genug sein, sie zu verbreiten. Bedeutet das nun den Bankerott der Frauenemanzipation berhaupt? Ganz und gar nicht! Es tritt vielmehr auch hier die Forderung an Denker und Gesetzgeber heran, die Formen zu finden, die sich den neu entstehenden Zustnden anpassen. Gerade diejenigen, die der Entwicklung der Frauenbewegung angstvoll zuschauen, mten sich dazu bereit finden, statt sie durch ihren Widerstand auf Seitenwege zu drngen und der Zerrttung des Familienlebens, der geistigen und finanziellen Not der Frauen noch Vorschub zu leisten. Nichts unbedingt Neues, Unnatrliches brauchte aus dem Boden gestampft zu werden, man brauchte nur den wirtschaftlichen und industriellen Entwicklungstendenzen aufmerksam nachzugehen und die Reformversuche, die besonders in Amerika gemacht werden, weiter auszubilden. Im wesentlichen kme es darauf an, die ungeheure Verschwendung von Arbeitskrften und Mitteln, die heute durch die Masse der Einzelwirtschaften,--den kmmerlichen Rest der groen Hauswirtschaft des Mittelalters,--getrieben wird, einzudmmen. Das knnte in groen Mietshusern durch Zentralkchen geschehen, die unter der Leitung einer wissenschaftlich und technisch ausgebildeten Wirtschafterin stehen mten und in der Lage wren, sich alle modernen Errungenschaften der Chemie und des Maschinenwesens zu Nutze zu machen. Das wre nicht nur eine groe Ersparnis, sondern dadurch wrde auch dem Dilettantismus in der Kche,--in nichts anderem besteht die mit so viel Aufwand an Sentimentalitt festgehaltene Thtigkeit der Durchschnittsfrau und ihrer Kchin,--ein Ende bereitet, statt da man ihn noch weiter auf einem so wichtigen Gebiet, wie die Ernhrung des Menschen es ist, Unheil stiften lt. Es wre ferner mit keinen groen Schwierigkeiten verbunden, fr bestimmt umgrenzte Husergruppen Turn- und Spielpltze, im Winter in Slen, im Sommer in Grten, anzulegen und auf gemeinsame Kosten der Eltern fr ihren Beruf grndlich vorgebildete Erzieherinnen und Kindergrtnerinnen anzustellen; selbst fr die Kleinsten, die heute gewhnlich zu verhtschelten Egoisten erzogen werden, wre es von groem Vorteil, wenn sie nicht nur, um vor der traurigen Frhreife der Stadtkinder bewahrt zu werden, mit Altersgenossen sich herumtummeln knnten, sondern auch beizeiten lernten, ihr kleines Ich nicht fr den einzigen Mittelpunkt der Welt zu betrachten. Durch solche Einrichtungen, die sich besonders in den Vororten groer Stdte, womglich in Verbindung mit Gruppen kleiner Familienhuser, treffen lieen,--es handelt sich ja, wie wir wissen, zunchst nur um einen kleinen Prozentsatz verheirateter berufsthtiger Frauen,--htten sie Stunden des Tages, ohne innere Unruhe, zu ihrer Verfgung, und die brige Zeit wrden sie sich um so frischer und freudiger ihrem Mann und ihren Kindern widmen, whrend heute nur zu hufig aus geistig angeregten, begabten Mdchen, unter dem Druck der huslichen Sorgen, der erzwungenen Vernachlssigung ihrer geistigen Bedrfnisse, und dem oft herzzerreienden stillen Kampf zwischen der nach Leben und Bethtigung drngenden Begabung und den notwendig zu erfllenden Pflichten, frh alternde, interesselose, stumpfe Frauen werden, die weder ihren heranwachsenden Kindern eine Erzieherin und Freundin, noch ihrem Gatten eine gute Gefhrtin sein knnen. Natrlich wird diesen Ausfhrungen das bekannte Schlagwort von der Auflsung der Familie entgegengeschleudert werden. Sehen wir aber doch einmal ehrlich, ohne die rosige Brille, mit der man das Familienleben zu betrachten pflegt, den Thatsachen ins Gesicht, und fragen wir uns, ob nicht die alte Familienform ohne unser Zuthun, einfach infolge der wirtschaftlichen Entwicklung, der auch die Frauenbewegung angehrt, ihrer Zersetzung entgegengeht. Am charakteristischsten ist es, da gerade da, wo man sehr konservativ zu sein glaubt und von modernen Strmungen nichts wissen will, diese Zersetzung deutlich Platz greift: oder werden Mdchen und Knaben nicht mit Vorliebe Bonnen und Gouvernanten anvertraut, schickt man sie nicht fr Jahre in Institute, Kadettenanstalten und dergleichen, wo jeder mtterliche Einflu wegfllt; und hat sie nicht noch andere, recht schdliche Einrichtungen hervorgebracht? Dabei sei nur daran erinnert, wie sich das Leben der Mnner, und zwar in den vorgeschrittensten Lndern am meisten, zwischen Bureau und Klub abspielt, und die Frauen anfangen, es ihnen schleunigst nachzumachen. Man hat eben, statt der Entwicklung offenen Auges zu folgen und sie in der Hand zu behalten, sie durchgehen lassen wie ein wildes Pferd. Es hilft nichts, sich vor der Wahrheit die Augen zu verbinden und zu versuchen, die Gegner zu entwaffnen, indem man in ihre Heiligpreisung der Familie einstimmt. Eine weit bessere Politik ist es, ihnen und uns den Gang der Dinge klar zu machen und ruhig auszusprechen, da die Frauenbewegung mit ihrer Tendenz der wirtschaftlichen Befreiung der Frau, zweifellos die heutige Familienform untergrbt, und es an uns liegt, den neuen Formen fr das Gemeinschaftsleben zwischen Mann, Weib und Kind nachzuspren und sie aufbauen zu helfen. Fr das Proletariat, wo von einem Familienleben nach den hergebrachten Anschauungen lngst keine Rede mehr ist, bahnt sich eine Neugestaltung, wenn auch sehr langsam und sehr vorsichtig, nach und nach an. Anstze dazu finden sich in den Kindergrten, Kinderhorten, in den vielfach entstehenden Krippen in der Nhe der mtterlichen Arbeitssttte, die den Frauen ermglichen, ihre Kinder zu nhren; in der Errichtung von Arbeiterwohnungen, die Zentralkchen, Kinderhorte, Grten, Sle fr gesellige Zusammenknfte u. dgl. mehr umfassen; in der Kranken- und Invalidenversicherung, in der, wenn auch zunchst fast nur in der Idee bestehenden Mutterschaftsversicherung[366], sowie schlielich in der ganzen Gesetzgebung fr Arbeiterschutz. Aehnliche Maregeln werden auch fr brgerliche Arbeiter beiderlei Geschlechts, die sich brigens sowohl in Bezug auf Entlohnung wie auf Ausbeutung ihrer Arbeitskraft mehr und mehr proletarisieren, nach und nach notwendig werden. Dabei wird die Regelung und Beschrnkung der Arbeitszeit fr Beamte, Bureauangestellte, Lehrer und hnliche Berufsthtige die grte Bedeutung haben. Und, erst wenn diese Reform mit der Reform der Wohnungs- und Hauswirtschaftsverhltnisse Hand in Hand geht, wird die brgerliche Berufsarbeit der Frauen nicht mehr mit dem Eintritt in die Ehe abzuschlieen brauchen, sie wird sich auch leichter ermglichen lassen, weil bei geringer Ausnutzung der einzelnen Platz fr viele frei wird. Damit wre, ohne auf die gleich wichtige ethische und psychologische Seite der Frage, deren Errterung nicht hierher gehrt, einzugehen, das Argument der Gegner, das die krperlichen Funktionen des Weibes als Hinderung seiner Berufsarbeit auffat, zugleich gesttzt und widerlegt: neue wirtschaftliche Gestaltungen, vernderte Arbeitsbedingungen sind notwendig, falls das Streben nach der Befreiung der Frau sein Ziel vollstndig erreichen und nicht zu neuer Versklavung und krperlichem und geistigem Siechtum ihrer selbst und ihrer Kinder fhren soll. Dabei gilt es, noch ein Moment im Auge zu behalten. Manche der besten Frauen unserer Zeit, die das Weib in sich zugleich mit individueller geistiger Persnlichkeit auszubilden verstanden, und die natrliche Sehnsucht ihres Geschlechts nach Mann und Kind in gesteigertem Mae besitzen, weil keine Konvention ihr Herz verkrppelte, wenden sich doch von der Ehe, wie sie ihnen heute erscheint, bewut ab. Denn was sie von ihr sehen, widerspricht ihrem geistigen und persnlichen Freiheitsbedrfnis und sie lassen lieber ihr tiefstes Wesen verkmmern, als da sie sich zu ihr entschlieen. Und das wird um so hufiger geschehen, je weniger sie einer Versorgung bedrfen, je mehr Berufe ihnen offenstehen und im stande sind, Geist und Herz von dem abzulenken, was ihnen fehlt. Im Interesse der Menschheit aber liegt es, der kommenden Generation die besten Mtter zu sichern; die Art des Familienlebens mte sich daher auch deshalb den neuen Bedrfnissen anpassen. Der Widerstand gegen das Eindringen der Frauen in mnnliche Berufssphren findet aber noch andere Begrndungen: in dem Hinweis auf die Menge der mnnlichen Bewerber drckt sich ein brutaler Geschlechtsegoismus aus, entspricht es doch nur einer vollstndig berwundenen Rechtsanschauung, irgend jemandem zu verwehren, sich in welchem Beruf immer durchzusetzen. Etwas ernsteren Charakter hat es, wenn von der Erwerbsarbeit der Frauen eine Schdigung ihrer Weiblichkeit gefrchtet wird. Dabei sollte man sich, was gewhnlich nicht geschieht, zunchst ber diesen Begriff klar werden. Meines Erachtens lt er sich in zwei Worte fassen: Anmut und Gte. Da diese Eigenschaften, statt sich zu hchster Vollendung zu entfalten, unter dem Einflu des Kampfes ums Dasein in seinen gegenwrtigen barbarischen Formen verkmmern und hufig in ihr Gegenteil umschlagen, unterliegt kaum einem Zweifel. Die drckende Arbeitslast, verbunden mit dem unzureichenden Einkommen, gewhren den meisten Frauen weder Zeit, noch Lust, noch Mittel, um ihre uere Erscheinung zu pflegen, ihr Schnheitsbedrfnis zu kultivieren, und die hufige innere Verbitterung und Vereinsamung raubt ihnen den Rest der Anmut ihres Wesens, wie der Zwang, sich rcksichtslos gegen andere durchzusetzen, und die Notwendigkeit, durch die Arbeit sich allein nur erhalten zu knnen, ihre natrliche Gte unterdrckt. Dazu kommt, da gerade die brgerliche Frauenbewegung, die wesentlich die Forderungen alleinstehender Frauen vertritt, einen zum Teil notwendigen, zum Teil ins Groteske auswachsenden Kampf gegen den Mann entfaltete, der die Schrfen des weiblichen Wesens zu unerfreulichem Ausdruck brachte. Er zeitigte jene sogenannten Emanzipierten, deren Typen in England und Deutschland besonders zahlreich zu finden sind: Frauen, die sich vernachlssigen, mnnliche Allren annehmen, ihr Weibsein uerlich und innerlich unterdrcken. Sie sind die Karikaturen der Frauenbewegung, wie jede soziale und revolutionre Bewegung sie hervorbringt, und der Ausdruck "das dritte Geschlecht" ist eine zutreffende Bezeichnung fr sie. Aus ihrer Richtung gehen alle Auswchse der Frauenbewegung hervor: so die Damenklubs, die die Trennung der Geschlechter noch mehr verschrfen helfen, statt da der gesunden Tendenz der Frauenbewegung, die sie wieder einander nhern will, allein nachgegeben wrde; so die von England ausgehende halbmnnliche Uniformierung der Frauen mit ihren groen, absatzlosen Stiefeln, ihren Herrenhten und ihren die Brust zurckdrngenden Herrenhemden. Aber all diesen Erscheinungen gegenber, die abzuleugnen Thorheit wre, wollen wir doch die Frage aufwerfen, ob unser gesellschaftliches, soziales und wirtschaftliches Leben und Streben nicht auf das mnnliche Geschlecht in hnlicher Art einwirkt. Wo findet sich bei unseren mnnlichen geistigen Arbeitern, die ber Manuskripten und Bchern hocken und zur Erholung dem Skat- und Biertisch zustrmen, noch mnnliche Kraft und Schnheit? Besitzen sie, die in der Mehrzahl unter der Geiel der Abhngigkeit Frondienste leisten, noch jene gerhmten Tugenden ihres Geschlechts: Mut und Unabhngigkeit? Sind nicht, bei Licht betrachtet, unsere Jnger der Wissenschaft, die Studenten, in einem viel jmmerlicheren Zustand, als ihre weiblichen Genossen? So kann man wohl mit Recht behaupten, da die Weiblichkeit unter unseren heutigen Berufs- und Arbeitsverhltnissen Schaden leidet, aber man soll nicht vergessen, hinzuzufgen, da die Mnnlichkeit nicht weniger geschdigt wird, und der weiteren Degenerierung nur durch grndliche Reformen vorgebeugt werden kann. Noch ein anderer Einwand gegen die Gleichberechtigung der Frauen auf dem Gebiet der Wissenschaft und der brgerlichen Berufe bleibt zu errtern; ihre angebliche untergeordnete geistige Befhigung. Leider fehlt es noch fast ganz an einem ausreichenden, wissenschaftlichen, unanfechtbaren Thatsachenmaterial, aus dem sich sichere Schlsse ber die Begabung der beiden Geschlechter ziehen lieen, und auch der Wert der vorhandenen ist kein allzugroer, weil sich die von der ersten Kindheit an verschiedenartige Erziehung der Geschlechter als eine nicht zu vermeidende Fehlerquelle erweist. So hat eine Untersuchung an einer Anzahl Berliner Kinder beim Schuleintritt gezeigt, da die Mdchen den Knaben in der Kenntnis der Dinge und Begriffe aus der nchsten Umgebung und dem tglichen Leben berlegen sind, whrend die Knaben von ueren entfernteren Dingen genauer unterrichtet waren.[367] Als das Ergebnis einer italienischen Untersuchung stellte es sich heraus, da Mdchen lieber lernen als Knaben, und es weit mehr Knaben giebt als Mdchen, die fr nichts Interesse haben.[368] Mit solchen Einzelheiten aber lt sich fr unseren Zweck wenig anfangen, wissen wir doch, da Mdchen von klein auf an husliche Thtigkeit, also an eine Kenntnis der Umgebung, gewhnt werden, und Knaben sich meist frei drauen herumtummeln drfen, also uere Dinge kennen lernen, ja da schon das verschiedenartige Spielzeug nach dieser Richtung erziehend einwirkt. Nach meiner Erfahrung werden Mdchen, die statt mit den Puppen, den Puppenstuben und Puppenkchen, mit Pferden, Viehstllen und Bleisoldaten spielen, denselben Kreis von Begriffen und Vorstellungen haben, wie die Knaben. Der Mangel an geistigen Interessen, die geringere Lernbegierde endlich, die bei den Knaben konstatiert wurde, lt sich sicherlich zum groen Teil auf ihre frhe geistige Ueberbrdung zurckfhren. Vielleicht da auch die hufig beobachtete Thatsache der schnelleren geistigen Entwicklung der Mdchen in der geringeren Belastung ihres Gehirns mit Gedchtniskram eine Erklrung findet, whrend die vom 20. Jahre ab sich meist geltend machende Ueberlegenheit der jungen Mnner ihre Ursache gewi darin hat, da sie sich nun frei und ungehindert im Leben umsehen knnen, whrend das Dasein der Mdchen gerade jetzt ein eng umgrenztes wird und man sie vor dem grten Lehrmeister, der persnlichen Lebenserfahrung, ngstlich behtet. Auch auf den Umstand, da Frauen im Bureaudienst mehr Flei und Geduld als Intelligenz bekunden, wie Umfragen bei Kaufleuten und bei der englischen Post- und Telegraphenverwaltung ergeben haben[369], ist die Art ihrer Erziehung sicher von wesentlichstem Einflu gewesen. Und die andere vielfach auftauchende Klage, da sie fr ihren Dienst wenig persnliches Interesse haben, wird ebenso wie die hufige Nachlssigkeit ihrer Vorbildung dadurch vollstndig erklrt, da leider heute noch fast alle Mdchen in ihrer Erwerbsthtigkeit keinen Lebensberuf sehen, dem sie sich mit voller Hingabe widmen, sondern nur ein fatales Durchgangsstadium zur Ehe, das sie rasch zu berwinden hoffen. Selbst die schnellere Auffassungsgabe der Frau, ihre Fhigkeit zu raschen Entschlssen, scheint kein feststehendes Attribut ihres Geschlechts zu sein, denn sie beruht weniger auf Raschheit des Denkens und Energie des Charakters, als darauf, da ihr in bedeutend hherem Mae als dem Mann mehr Gedanken als Denken gelehrt, blinder Respekt vor Autoritten in ihr gro gezogen wurde, und sie den Zweifel als die Ursache der geistigen Selbstndigkeit, aber auch der langsameren Entgegennahme der Ideen anderer und des vorsichtigeren Handelns, kaum kennt. So hat Buckle nicht Unrecht, wenn er meint[370], die Frauen seien geistig so beweglich, weil sie mehr von Gedanken als von geduldig gesammeltem Thatsachenmaterial ausgehen. Ist es ihnen denn gelehrt worden, da das rechte Wissen in der auf eigenen Untersuchungen beruhenden Gewiheit und nicht im bloen Nachbeten anderer besteht? Und wie verhlt es sich mit dem Mangel an Energie und Unabhngigkeitssinn, den man dem weiblichen Geschlecht vorwirft und auf Grund dessen man meint, da keine Frau ein Bacon oder Galilei werden knnte? Hat man nicht Jahrtausende hindurch jene Weiblichkeit in ihr gro gezogen und verehrt, deren Inbegriff in der bedingungslosen Hingabe, der Aufopferung, dem blinden Gehorsam besteht? Mehren sich nicht heute, wo man anfngt, von diesem Ideal sich abzuwenden, die Zeichen fr eine ganz enorme Energie des Weibes und einen Unabhngigkeitssinn, der keine anderen als die selbst gezogenen Schranken anerkennt? Ich erinnere nur an die Vorkmpferinnen der Sklavenbefreiung und der Frauenbewegung in Amerika, an die wachsende Zahl mutiger und durchaus selbstndiger Schriftstellerinnen beider Hemisphren. Gewhnlich wird die geistige Begabung des Weibes fr eine so minderwertige gehalten, da man sich aus diesem Grunde berechtigt glaubt, ihr den Zugang zu mnnlichen Berufen zu verwehren. Dabei fehlt es an vollgltigen Beweisen, die dies apodiktische Urteil ber die Befhigung der Frauen sttzen knnten. Aber selbst Gelehrte, die gewhnt sein sollten, erst auf Grund ausreichenden Thatsachenmaterials allgemeine Schlsse zu ziehen, sind, was das betrifft, vom Geschlechtsegoismus meist zu verblendet, da sie in leichtsinnigster Weise urteilen. So berief sich ein berhmter Mediziner und enragierter Feind des Frauenstudiums, den ich nach seinen Grnden befragte, auf folgende Erfahrung, die er gemacht hatte: In einer Vorlesung ber Gehirnanatomie befand sich eine ltere weibliche Hrerin; nach Schlu der Stunde, in der der Dozent auch den Umstand erwhnt hatte, da das weibliche Gehirn in seinem Wachstum frher zum Stillstand kommt, und auch frher abzunehmen beginnt, als das mnnliche, kam die Dame zu ihm und sagte, da sie das nicht glauben knne, denn sie sei doch schon 50 Jahr und fhle keinerlei Abnahme ihrer Geisteskrfte. "Niemals wrde ein Student," meinte der Professor, "solch eine thrichte, auf rein subjektiver Auffassung beruhende Bemerkung machen, das ist ausschliesslich Frauenart." So grnden viele Universittslehrer ihre absprechende Meinung auf die Erfahrung, die sie mit ihren weiblichen Zuhrern machten, aber whrend die einen,--zumeist solche, die seit Jahren viele Studentinnen mit Studenten unterrichten, wie z.B. Professor Winter in Mnchen[371],--ihnen das grte Lob erteilen und sie den Mnnern vllig gleichstellen, sprechen andere, die zumeist nur wenige, schlecht vorbereitete Schlerinnen haben, von ihrer durchgehenden Mittelmigkeit im Studium. Sind sie Mediziner, so pflegen sie den Frauen die Befhigung zum Hebammen- und Krankenpflegerinnenberuf zuzuerkennen, sie ihnen aber fr den rztlichen vollstndig abzusprechen; sind sie Juristen, so mchten sie ihnen den Bureaudienst zwar berlassen, halten sie aber fr unfhig, als Advokaten oder Richter zu praktizieren. Demgegenber stt uns nicht nur wieder die Frage auf, ob denn die bisher gemachten ganz minimalen Erfahrungen zu solchen Urteilen berechtigen, sondern wir schauen uns unwillkrlich unter den mnnlichen Studenten, den mnnlichen Aerzten etc. um und fragen uns, ob denn hier nicht auch die Mittelmigkeit dominiert, ja, ob die Begabung berhaupt der Mastab dafr ist, zu welchem Beruf ein junger Mann sich vorbereitet. Giebt nicht der Geldbeutel und der Stand des Vaters fast allein den Ausschlag? Sind aber die Mnner trotzdem von der Minderwertigkeit des weiblichen Geschlechts fest berzeugt, so brauchten sie ja seine Konkurrenz nicht zu frchten. Wer aber beiden Geschlechtern durchschnittlich hnliche Fhigkeiten zuerkennt, der sollte den Eintritt der Frauen in die brgerlichen Berufe schon darum befrworten, damit eine genauere Auslese der Besten mglich ist und die Mittelmigkeit, die mnnliche und die weibliche, etwas aus ihrer herrschenden Position gedrngt wird. Dabei darf man sich nicht verhehlen, da dieser als Folge der Frauenbewegung auftretende und mit ihrem Fortschreiten immer heftiger sich gestaltende Konkurrenzkampf notwendigerweise die unerfreulichsten Nebenresultate zeitigen mu: der Egoismus, der Brotneid, die geistige Ueberanstrengung und krperliche Vernachlssigung, die dadurch schon unter den Mnnern hervorgebracht werden, mssen nach und nach auch auf die Frauen korrumpierend wirken. Das abzuleugnen, wre ebenso thricht, als es thricht ist, von der Zulassung zu den Universitten und den brgerlichen Berufen die Befreiung der Frau zu erwarten. Freunde der Frauen, die sich vor einseitigen Urteilen hten und die Notwendigkeit ihrer Berufsarbeit anerkennen, sehen aber neben diesen daraus entstehenden Uebeln noch andere und behaupten, da der Eintritt der Frauen in das Berufsleben nicht nur auf sie selbst schdlich, sondern vor allen Dingen auf den Fortschritt der Welt hemmend einwirken mu. Und zwar berufen sie sich dabei auf den alten Erfahrungssatz: das weibliche Geschlecht hat noch kein Genie hervorgebracht. Urteilslose Anhnger des Feminismus pflegen dem unbedingt zu widersprechen, indem sie ihren ganzen Namensvorrat berhmter Frauen von Sappho und Hypatia an bis auf Sonja Kowalewska vor uns ausbreiten. Betrachten wir sie aber genau und ohne Voreingenommenheit, so ist das Ergebnis dieses: Von den Dichterinnen und Gelehrten des Altertums ist uns fast nur der Name geblieben, mehr als ihre Werke interessierte stets ihre Persnlichkeit. Die Leistungen der weiblichen Gelehrten neuerer und neuester Zeit sind achtungswert, zum Teil hervorragend, sie zeugen von ernstem Studium und groem Flei und berragen diejenigen vieler Mnner der Wissenschaft, aber eine wirklich geniale Leistung, eine bahnbrechende wissenschaftliche That ist ihnen bisher nicht gelungen. Die Freunde der Frauenbewegung pflegen hier die Erklrung abzugeben, da die Erziehung des weiblichen Geschlechts, seine soziale Gebundenheit, seine Ausschlieung von den wissenschaftlichen Lehranstalten die Ursache hiervon sei. Sie haben nicht unrecht. Nur wenige Frauen haben freie Bahn gehabt fr ihre Entwicklung, erst die neueste Zeit beginnt sie langsam auf gleiche Stufe zu stellen mit den Mnnern, und statt ber die geringen Leistungen der Frauen zu spotten, sollte man staunen ber das, was sie, trotz der Ungunst der Verhltnisse, geleistet haben. Der Mangel an weiblichen Genies aber lt sich dadurch noch nicht zur Genge erklren und er fllt noch mehr in die Augen, wenn wir das Gebiet der Kunst, zu dem der Zutritt berdies den Frauen viel leichter gemacht wird, mit in den Kreis der Beobachtung ziehen. Auch hier viel Talente, starke Begabungen, besonders solche reproduzierender Art, aber keine schpferische Kraft. Selbst groe Dichterinnen wie Annette v. Droste-Hlshoff, Elisabeth Barrett-Browning, Ada Negri, erreichen auch nicht von ferne die Hhen der Klassiker; im Drama stehen die Frauen sogar zweifellos unter dem Durchschnitt der mnnlichen Dichter. Ihre groe Neigung zur Musik hat noch nicht eine Komponistin hervorgebracht, die sich mit mnnlichen Komponisten zweiten und dritten Rangs messen knnte, und keine der berhmten Malerinnen kann beanspruchen, mehr als Tchtiges geleistet oder gar neue Wege gewiesen zu haben. Greifen wir noch auf andere Gebiete ber, auf denen genialer Erfindungsgeist zum Ausdruck kommen kann, so bleibt doch der Eindruck derselbe: Die Frauen haben auch im Umkreis naheliegender Interessen, wie in der Kochkunst, der Wscherei und Schneiderei, keinerlei umwlzende Leistungen zu verzeichnen, obwohl es eine ganze Reihe von Frauen giebt, die allerhand sehr ntzliche Erfindungen machten. Alledem gegenber ist man hufig zu dem Resultat gekommen, das die geniale Begabung der Frau keine produktive, sondern eine reproduktive sei, da es mehr groe Schauspielerinnen als Schauspieler, mehr bedeutende weibliche als mnnliche Virtuosen gbe. Ich glaube, da eine Entscheidung hierber sich kaum treffen lt, und da sie nur in Betreff der Schauspielerinnen zu Gunsten der Frauen ausfallen knnte. Ich bin vielmehr der Ueberzeugung, da die Genialitt der Frau auf einem ganz anderen Gebiet sich zu uern bestimmt ist, auf einem Gebiet, das sich erst jetzt der Menschheit erschliet. Wir haben gesehen, da die von den Frauen bevorzugten Berufe--die der Erzieherin und Schulinspektorin, der Pflegerin und Aerztin, der Armenpflegerin und Fabrikinspektorin, der Handelsangestellten und Bureaubeamtin--der Mtterlichkeit ihres Wesens entsprechen, und wir knnen, trotz einer nicht allzulangen Erfahrung, doch heute schon konstatieren, da sie sich in den von ihnen gewhlten Berufen ganz besonders auszeichnen. Wir wissen ferner, da fast alle Wohlthtigkeitsbestrebungen, auch die grten Stils, fast ausschlielich den Frauen ihr Entstehen und ihre Entwicklung verdanken, da sie sich berall in wachsendem Mae an allem beteiligen, was unter den Begriff Sozialreform fllt, und sowohl als Agitatoren wie als Gelehrte hier ihr Bestes leisten. Whrend sie im allgemeinen am Althergebrachten zu hngen pflegten und die schwierige Position der Avantgarde stets den Mnnern berlieen, wenden sie sich jetzt mit erstaunlichem Verstndnis und seltener Energie den jngsten der Wissenschaften, den Sozialwissenschaften, zu, und kmpfen darum, in ihren Rahmen zu praktischer Thtigkeit zu gelangen. Sie sehen ein ungeheures Feld vor sich, dessen Bearbeitung ihnen entspricht, in der ihre Persnlichkeit zum vollendeten Ausdruck kommen kann, denn es handelt sich hier darum, Mittel und Wege zu finden, um den Elenden und Schwachen zu helfen, um, wie einst die Oekonomie des Hauses, jetzt die Oekonomie der Welt zu begreifen, zu leiten und zu beherrschen, um an Stelle des Schwertes Hammer, Meiel und Pflugschar als Symbol des Vlkerlebens aufzurichten. Und besteht nicht Genialitt im Ausdruck der Persnlichkeit? Darum tritt die Frau gerade jetzt so sehr in den Vordergrund, darum nimmt die Frauenbewegung so groe Dimensionen an: weil die Atmosphre sich bildet, in der sie frei zu atmen vermag, weil Despotismus, Sklaverei und Krieg im Bewutsein der Menschheit mehr und mehr als barbarische Reste einer berwundenen Vergangenheit angesehen werden, weil die Kraft der Muskeln an Wert verliert und die Kraft des Geistes und Herzens langsam an ihre Stelle tritt. Wenn es auch heute, wo die ersten Schritte auf diesem Wege gemacht werden, noch keine weiblichen Genies giebt, die bahnbrechend vorangehen, so steht es fr mich auer allem Zweifel, da sie kommen werden. In diesem Sinne haben die Gegner recht, wenn sie ein Zeitalter des Feminismus voraussehen; sie haben aber unrecht, wenn sie meinen, da es eins der Schwche, der Degeneration sein wird. Denn erst die Ergnzung der mnnlichen Begabung durch die weibliche, erst das Zusammenarbeiten beider Geschlechter, die ja doch mit gleichen Daseinsrechten die Erde bevlkern, kann Wirkungen hervorbringen, die nicht durch ihre Einseitigkeit den einen Teil schdigen. Wren die Fhigkeiten des Geistes und Herzens gleich, so wre der Eintritt der Frauen in das ffentliche Leben fr die Menschheit vollkommen wertlos und wrde nur auf einen noch wilderen Konkurrenzkampf hinauslaufen. Erst die Erkenntnis, da das ganze Wesen des Weibes ein vom Manne verschiedenes ist, da es ein neues belebendes Prinzip im Menschheitsleben bedeuten wird, macht die Frauenbewegung zu dem, was sie trotz mignstiger Feinde und lauer Freunde ist: einer sozialen Revolution. Die brgerliche Frauenfrage, wie sie uns auf Grund der bisherigen Untersuchungen entgegentritt, ist in erster Linie eine wirtschaftliche Frage, die im Kampf um Arbeit am deutlichsten zum Ausdruck kommt. Sie spitzt sich um so mehr zu, je grer der Frauenberschu ist, je geringer die Heiratsaussichten, je schroffer die Gegenstze zwischen Einnahmen und Bedrfnissen sich gestalten. Die Erffnung der Universitten, der hheren Lehranstalten aller Art und der brgerlichen Berufe sind ein notwendiger Schritt zur Lsung der Frauenfrage; unter den bestehenden Verhltnissen jedoch sind sie allein im Hinblick auf die Hebung der Lage der alleinstehenden Frauen von Bedeutung, ziehen aber auch eine Reihe von Uebelstnden, die in dem immer heftiger werdenden Konkurrenzkampf der Geschlechter zum schrfsten Ausdruck kommen, nach sich. Angesichts dieser Folgen der Frauenemanzipation, die auch auf die krperliche Kraft und die geistige Frische der Frauen und ihrer Kinder nachteilig einwirken, und der Thatsache, da von ihrer wirtschaftlichen Befreiung erst dann die Rede sein kann, wenn die verheirateten Frauen, die auch in der Bourgeoisie in immer ausgedehnterem Mae zum Erwerb gezwungen sind, durch Arbeit konomisch selbstndig zu werden vermgen, ist eine tiefgreifende Vernderung der Arbeitsbedingungen, der Wohnungs- und Hauswirtschaftsverhltnisse und der Formen des Familienlebens die unausbleibliche Voraussetzung der Lsung der wirtschaftlichen Seite der Frauenfrage. Ein Urteil ber den Wert des Anteils der Frauen an der brgerlichen Berufsthtigkeit wird auch erst dann zu fllen mglich sein, wenn ihre individuellen Fhigkeiten ungehemmt zur Entwicklung gelangen knnen, und die eigentmliche Genialitt der Frau sich entfalten kann. Damit ist auch ber die heutige brgerliche Frauenbewegung, die sich weder ihrer treibenden Krfte vollkommen bewut wird, noch ihre letzten Konsequenzen klar ins Auge fat und eingesteht, das Urteil gesprochen. Das hchste, was sie vermag, ist, die ersten Schritte auf einem Wege zu fhren, den die Frauen nur in der Gefolgschaft einer allgemeinen, beide Geschlechter umfassenden sozialen Bewegung bis zum Ende werden gehen knnen. 4. Die Entwicklung der proletarischen Frauenarbeit. Wer die Geschichte der proletarischen Frauenarbeit im 19. Jahrhundert zu schreiben unternehmen wollte, mte zugleich die Geschichte der Maschine schreiben. Sie war es, die wie ein Hexenmeister durch ihre eintnig rasselnde Rede und ihren feuersprhenden Atem jene dunklen, endlosen Scharen bleicher Frauen aus ihren stillen Heimsttten herauslockte und in ihre Dienste nahm. Zwar hat es nie eine Zeit gegeben, in der nicht durch die Handarbeit der Frau ein groer Teil der allgemeinen Bedrfnisse befriedigt wurde, aber erst von der Zeit an, wo die Kraft der Maschine anfing, die Muskelkraft des Menschen zu ersetzen, war es mglich, Arbeiter ohne Muskelkraft in Massen anzustellen. Mit Hammer und Zange, mit Hobel und Sge in der eigenen krftigen Faust beherrschte der Mann die Produktion; er beherrscht sie auch dann noch, wenn die Triebkraft der komplizierteren Produktionsmittel auf Menschenkraft beruht, aber er mu dem Weibe neben sich Platz machen, je mehr die mechanischen Triebkrfte sich entwickeln und an Stelle der brutaleren Eigenschaften des menschlichen Krpers Gewandtheit und Geschicklichkeit erfordert werden. Frauen- und Kinderarbeit war daher die notwendige Folge der aufblhenden Groindustrie.[372] Aber wie das rastlose Streben nach technischen Vervollkommnungen keine moralischen Beweggrnde--etwa den Wunsch nach Entlastung des Menschen, nach verringerter Anstrengung und verkrzter Arbeitszeit--hat, sondern von dem Verlangen nach Verbilligung der Produktion beherrscht wird, so fhrt dasselbe Verlangen zur Beschftigung weiblicher Arbeiter. Die Maschine whlt die in der Frau verkrperte billigste Arbeitskraft[373], und ihre Wahl fr eine Arbeit wird durch die Arbeitsarten bestimmt. Die Erfindung einer neuen Maschine oder die Benutzung motorischer Krfte kann ein ungebtes Mdchen den gelernten krftigen Arbeiter ersetzen lassen. Erst die Vernderung des Arbeitsprozesses ermglicht also die Beschftigung der Frauen.[374] Um die Wende des 18. Jahrhunderts vollzog sich jener groe Umschwung auf dem Gebiete der Technik, der von so weittragender Bedeutung fr die Entwicklung der Industrie sein sollte. Die Erfindung der Spinning-Jenny, der Kmmmaschine, der Bobbinetmaschine, des mechanischen Webstuhls, des Strumpfwirkerstuhls u.a.m., fiel in denselben Zeitraum wie die Erfindung der Dampfmaschine, und eine ungeheure Umwlzung im gewerblichen Leben war ihre Folge. In Wahrheit war es die Maschine, die den im Nebel phantastischer Trume schwebenden demokratischen Ideen eine reale Grundlage schaffen half: die gesteigerte Produktion entri zahlreiche Gebrauchsartikel dem Alleinbesitz privilegierter Klassen und fhrte sie breiteren Massen des Volkes zu. An Stelle der einen Spindel, mit der der Mensch frher spann, treten schon im Anfang des Jahrhunderts durch die Maschine zwlf und mehr Spindeln, an Stelle der vier Nadeln, mit denen gestrickt worden war, trat der Strumpfwirkerstuhl mit Hunderten von Nadeln. Die Spinnmaschine war die erste, die ihren Eroberungszug durch die Kulturwelt antrat; Ende des 18. Jahrhunderts wurde sie in England zum erstenmal in Bewegung gesetzt, kurz darauf kam sie nach Massachusetts, wo bis zum Jahr 1809 87 Spinnereien mit 80000 Spinning-Jennys und einem Stamm von 66000 weiblichen Arbeitern ins Leben traten[375]; zu gleicher Zeit entstanden die drei ersten mechanischen Spinnereien in den Rheinlanden; vom Jahre 1806 datiert die Einfhrung der Spinnmaschinen in Deutschland, 1812 wurde eine von ihnen in Mlhausen bereits mit Dampf getrieben[376], und sieben mechanische Spinnereien waren im Oberelsa allein im Gang.[377] Zwei Jahrzehnte spter rief die geniale Erfindung des Selbstspinners neue Umwlzungen hervor. Aus der einen Spindel in der Hand der Frau ist die selbstthtig arbeitende Spinnmaschine entstanden, die heute bis zu 1200 Spindeln treibt. Aber auch smtliche Vorbereitungsarbeiten, die frher in langsamster und z.T. ungesundester Weise ausgefhrt wurden, sind von der Maschine bernommen worden: die Wollkmmer, die unter der schrecklichsten Staubentwicklung, mit den primitivsten Werkzeugen ausgerstet, ihre Arbeit verrichteten, haben sie der bis zur hchsten Vollkommenheit ausgebildeten Kmmmaschine bergeben mssen, und sowohl das Waschen wie das Krempeln der Baumwolle und der Wolle geschieht auf mechanischem Wege. Am lngsten widerstand die Seidenspinnerei der Einfhrung komplizierterer Maschinen. Erst neuerdings ist das langwierige und durch die dauernde Hantierung im Wasser gesundheitsschdliche Schlagen der Kokons mit der Hand durch Einfhrung von Schlagmaschinen ersetzt worden. Gleichen Schritt mit der technischen Vervollkommnung der Spinnerei hielt die Weberei in allen ihren Arbeitszweigen. Whrend gemusterte Gewebe frher nur auf sehr mhsame und kostspielige Weise hergestellt werden konnten, ermglichte die Erfindung Jacquards, die im wesentlichen auf der Anwendung der mit dem Webstuhl in Verbindung gebrachten durchlochten Musterkarten beruht, die Herstellung der Musterung auf mechanischem Wege. Wozu vorher ein hoher Grad von Uebung und Kunstfertigkeit notwendig war, das entstand jetzt mit Hilfe weniger, leicht gelernter Handgriffe. Die Erfindung des selbstthtig arbeitenden Webstuhls, mit dessen Problem sich schon Lionardo da Vinci beschftigt hatte, bedeutete einen neuen Fortschritt. Schon in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten mechanischen Webereien in Amerika, England und Frankreich, durch die auch die Vorbereitungsarbeiten der Hausindustrie mehr und mehr entrissen wurden: statt da eine Spulerin an dem Aufwickeln einer Maschine arbeitete, drehen sich an der Maschine fnfzig und mehr Spulen auf einmal; das Scheren und Aufbumen, eine sehr beschwerliche Arbeit fr die Handwerker frherer Zeit, besorgt eine Spule allein; auch das Schlichten oder Leimen, das durch Eintauchen der Garnstrhne in verschiedenartige Lsungen oder durch Brsten der schon auf dem Webstuhl befindlichen Fden besorgt wurde und nachher noch ein langwieriges Trocknen ntig machte, besorgt eine Maschine in erstaunlicher Geschwindigkeit. Whrend noch ein Jahrzehnt frher jedes gewebte Stck zum Appretieren, Walken, Rauhen, Scheren, Frben, Drucken und Pressen an ebensoviele andere Gewerbe berging, vereinigte die Fabrik bald auch diese Arbeitsweisen in ihren eigenen Rumen. Das Trocknen der appretierten Gewebe geschieht jetzt auf kupfernen, von innen geheizten Zylindern, ist also nicht mehr von der Laune der Sonne abhngig; das Walken des Tuchs, das unter groer Kraftanstrengung durch die Hnde des Arbeiters im warmen Wasser geschah, wird jetzt von den schweren Hmmern der Walkmaschine besorgt; das Rauhen, das vor nicht allzulanger Zeit in der Weise vorgenommen wurde, da der Arbeiter mit den rauhen Fruchtkpfen der Kardendistel das Tuch wiederholt stark andrckend bestrich--eine sehr zeitraubende Thtigkeit--ist jetzt durchweg Maschinenarbeit; das Scheren mit der Handschere, das Bedrucken mit der Handpresse, wodurch groe Gewerbe Beschftigung fanden, ist durch sie ersetzt worden. Wer heute neben der mit fabelhafter Geschwindigkeit rotierenden Walzendruckmaschine, die bis zwanzig Farben auf einmal in Anwendung bringen kann, den Handdrucker sehen knnte, der sein Druckmodel dem Stoff nach und nach aufpret und fr jede neue Farbe immer wieder von vorne anfangen mu, oder wer zuschauen knnte, wie der Samtweber frherer Zeiten die wie in Schluchen aufliegenden Faden des Gewebes mit dem Messer einzeln aufschneiden mute, whrend der mechanische Webstuhl zwei miteinander durch die Florkette verbundene Stoffstreifen schafft, die zu gleicher Zeit mit dem Weben durch Schneidvorrichtungen auseinandergeschnitten werden, so da zwei vollstndig fertige Samtgewebe auf einmal entstehen--der wrde sich von dem riesigen Fortschritt der Technik ein Bild machen knnen, vor dem die phantastischsten Mrchenbilder verblassen mten. Aber noch tiefgreifender vielleicht, als auf das Spinnen und Weben, das ja schon lange die Anwendung gewisser, wenn auch primitiver Maschinen ntig machte, war der Einflu der technischen Fortschritte auf die Spitzenindustrie, die Stickerei und die Wirkerei. Alle drei Arbeitsarten waren Jahrhunderte hindurch ausschlielich Handarbeit gewesen, die Klppel, die Nhnadel und die Stricknadeln die einzigen Werkzeuge. Die Erfindung der Bobbinetmaschine, spter noch vervollkommnet durch Verbindung mit der Jacquardmaschine bedeutete geradezu eine Umwlzung auf dem Gebiete der Spitzenerzeugung. Kaum ein Jahrzehnt nachher waren bereits allein in England 920 solcher Maschinen im Gange und vom einfachen Tllgrund und dem Schleier angefangen bis zum gemusterten Vorhang und der feinsten Besatzspitze lieferten sie in Massen, was einst nur in wenigen Stcken den Reichsten zugnglich war. Noch tiefer griff die erst Mitte des 19. Jahrhunderts erfundene Plattstichstickmaschine in die husliche Arbeit der Frauen ein. Statt da mit der Nhnadel ein Faden vorsichtig neben den anderen gelegt wurde, hat die Stickerin nunmehr nichts weiter zu thun, als das kleine Musterbild mit dem Stift des Pantographen (Storchschnabel) nachzuziehen, der die Maschine, die es nachstickt, in Bewegung setzt. Diese Stickmaschine, bei der zunchst die mechanische Triebkraft nicht in Anwendung gebracht werden konnte, drang rasch in die fernsten Winkel der Hausindustrie, so da die Weistickereiproduktion einen enormen Umfang annahm; sie wirkte in ihrer weiteren Vervollkommnung aber auch noch revolutionierender auf die Spitzenindustrie, als die Bobbinetmaschine. Indem man nmlich ein Karbonisationsverfahren anwandte, durch das der Grundstoff oder Stickboden der Stickerei weggetzt wurde, entstanden auerordentlich feine, sogenannte Luftspitzen, die manche knstlerische Gebilde frherer Zeit in den Schatten stellen. Wie die Plattstichmaschine, so bildete auch die erste Strickmaschine eine Untersttzung der Hausindustrie, da sie mit der Hand getrieben wurde, und statt des einen Paares grober Strmpfe, die eine Handstrickerin in einem Tage fertigstellen konnte, deren 10 bis 12 Paar erzeugte. Mit der Erfindung der mechanischen Strumpfstrickerei ging sie notwendigerweise zum Fabrikbetrieb ber. Heute erzeugt die selbstthtige Standard-Rundstrickmaschine nicht weniger als sechs Dutzend fast vllig fertiger Strmpfe tglich. Auch die der Strickerei so auerordentlich hnliche Wirkerei war zunchst fr den Handbetrieb eingerichtet; ein Handwirkerstuhl macht in der Minute bis 40000 Maschen, eine gebte Handstrickerin hchstens 100. Neben diesen Sthlen, die nur einfache gewirkte Stoffbreiten herstellen, entstand schon Anfang des 19. Jahrhunderts der erste Rundstuhl, aus dem die Stoffe in Schlauchform hervorgehen. Die Entwicklung der gewirkten Leibwsche und des brigen gewirkten Unterzeuges ist auf sie zurckzufhren. Die Thtigkeit des Arbeiters bei all diesen Maschinen, die Spinn- und Webemaschinen eingeschlossen, beschrnkt sich, sobald sie im Gang sind, groenteils auf das Ausrcken des Stuhles, sobald ein Faden gerissen ist und auf das Anknpfen desselben. Neuerdings werden schon vielfach mechanische Ausrckvorrichtungen in Anwendung gebracht, so da die Notwendigkeit dauernden, angestrengten Aufpassens in Wegfall kommt und der Arbeiter nur, sobald die Maschine still steht, den gebrochenen Faden zusammenzuknpfen braucht. Da diese Arbeit, die feine, gelenkige Finger erfordert, zu einer Frauenarbeit wurde, ist selbstverstndlich. Das Weben am Webstuhl mit Hand- oder Fubetrieb war fast immer Arbeit des Mannes. Sobald statt der Muskelkraft die Kraft der Maschine der Bewegungsmotor wurde, mute er Frauen, ja selbst Kindern weichen. Auf allen Gebieten wuchs der umgestaltende Einflu der Maschine. Noch erzhlen unsere Groeltern, wie sie sich ihre Briefumschlge stets mhsam selbst herstellten, wenn sie nicht in den Husern der Aermsten durch Kinder und Frauen mit keinen anderen Werkzeugen als Schere und Pinsel hergestellt wurden. Heute schneiden und gummieren die Maschinen die Kuverts und liefern bis zu 300000 tglich; und in einer anderen Maschine braucht nur auf der einen Seite das Papier eingelegt zu werden, damit sie die fertigen Umschlge--4000 in der Stunde!--auf der anderen wieder herauswirft. Aehnliches geschieht in der Kartonage. An Stelle des Zuschneidens, das krftige Finger erfordert, stanzt die Maschine die Formen aus, sie klebt, sie verbindet die einzelnen Teile und bei der Ausnutzung aller Hilfsmittel der Technik bleibt der Hand wenig zu thun brig. Die ganze Papierfabrikation hat durch ihre groe Vernderung die Frauen in ihren Dienst gerissen. 1808 wurde der Handbetrieb zum erstenmal durch eine Maschine ersetzt, die heute so vervollkommnet ist, da sie das Rohmaterial aufnimmt und selbstthtig zu fertigem Papier verarbeitet. Auch eine andere ungeahnte Entwicklung ist das Verdienst der Maschine: Die Verbreitung der Zndhlzchen. Sie wre unmglich gewesen, wenn nicht die mechanische Herstellung der kleinen Hlzchen, die frher Stck fr Stck mit der Hand geschnitzt wurden, ihr zu Hilfe gekommen wre. Jetzt werden selbst die Schachteln, die die Handarbeit armer Kinder gewesen sind, fabrikmig hergestellt und gefllt--25000 tglich! Es lt sich schwer abmessen, welche von all diesen genialen Erfindungen die Frauenarbeit am meisten beeinflute; wohl aber kann ohne weiteres behauptet werden, da keine eine so nachhaltige, sich immer weiter ausdehnende Wirkung hatte, als die zur selben Zeit wie die Spinn- und Websthle in ihrer einfachsten Gestalt auftauchende Nhmaschine. Sie blieb lange unbeachtet. Erst als der Amerikaner Elias Howe 1844 die erste, wirklich brauchbare Maschine erfunden hatte, verbreitete sie sich mit einer Geschwindigkeit, die insofern nichts Erstaunliches an sich hatte, als ihre verhltnismige Kleinheit, der Betrieb durch Hand oder Fu, ihr in jedem Haus Eingang verschaffte und sie eine Arbeit verrichtete, die mehr als irgend eine andere, von jeher in den Hnden der Frauen gelegen hatte. Sie verzwlffachte berdies die Leistung der Handnherin und gab somit Aussicht auf besseren Verdienst.[378] Auf ihrem Prinzip beruhen eine Menge anderer Maschinen: die Knopfloch- und Knopfannh-, die Kurbel- und Festoniermaschine, die Handschuh-Nhmaschine, und endlich die verschiedenen, in der Schuhwarenindustrie benutzten Nhmaschinen, deren erstes Aufkommen schon das altehrwrdige Schuhmacherhandwerk zu untergraben anfing und den Frauen den Eingang dazu verschaffte. Heute hat die mechanische Herstellung der Schuhwaren einen Grad von Vollkommenheit erreicht, die der der Weberei annhernd gleich kommt. Auch hier sind fast alle Vorbereitungs- und Vollendungsarbeiten von der Maschine bernommen worden: vom Ausstanzen der einzelnen Teile des Schuhs, wodurch das Zuschneiden entbehrlich gemacht wird, dem Walken des Schaftes, das das fr den Kleinschuhmacher sehr beschwerliche Faonbiegen des Oberleders mhelos ausfhrt, bis zum Gltten des fertigen Schuhs, dem Nhen der Knopflcher und Annhen der Knpfe. Die moderne Schuhfabrik, in der die meisten Maschinen durch Kraftmotoren in Bewegung gesetzt werden und die alte vielseitige Thtigkeit des Schusters beinahe zu einer bloen Aufsicht fhrenden zusammenschrumpfte, ist eine der letzten groen Errungenschaften des 19. Jahrhunderts. An seiner Wiege stand, wie einst die Gaben spendenden Feen an der Wiege der Mrchenprinzessin, der graue Knig Dampf und lie ber ihr sein erstes, prophetisches, eintnig-drhnendes Lied erklingen. Er beherrschte sein Leben; unter seinem Regiment wuchsen die subtilsten Maschinen und die gewaltigsten Eisenkolosse hervor, er hllte die Scharen seiner Diener und Dienerinnen in sein eigenes schwarzgraues Gewand--das Kleid der Armut und der Trauer. Einen neuen Zauberer sah das alternde Jahrhundert erstehen, der mit stillem weileuchtendem Licht seine letzten Lebensjahre berstrahlte und der mit seiner jungen Kraft den alten Dampf zu ersticken droht. Wird er seine Unterthanen in die Kleider des Lichts sich hllen helfen?---- Wer seine Blicke auf die ununterbrochene Folge staunenswerter Erfindungen richtet, die das 19. Jahrhundert hervorbrachte, und von der sozialen und politischen Entwicklung nichts wei, der mu erwarten, eine von schwerer Arbeit befreite, durch die enorm gesteigerte Produktion reich gewordene, gesunde und glckliche Menschheit vor sich zu sehen. Aber er findet nichts von alledem. Die Maschinen, von denen hier nur einige der fr unseren Zweck wichtigsten genannt werden konnten, machten die groe Masse des Volks abhngig von ihren Besitzern; sie rissen, soweit sie infolge ihrer groe und Kompliziertheit oder der Einfhrung des motorischen Betriebs das Fabriksystem zur Bedingung hatten, die Menschen aus dem eigenen Haus, der eigenen Werkstatt heraus, beraubten sie ihrer selbstndigen Existenz und zogen auch die Frauen in ihre Dienste, weil sie ungelernte Arbeitskrfte brauchten und die billigsten die willkommensten waren. Darum ist die Zunahme der Frauenarbeit da am rapidesten, wo die Benutzung der Maschine am hchsten entwickelt ist.[379] Das zeigt sich besonders in dem Mutterlande der Groindustrie, in England. Schon 1839 gab Lord Ashley an, da von den 419560 Fabrikarbeitern in Grobritannien 242296 Frauen waren; in den Baumwollfabriken waren 56-1/4%, in den Wollfabriken 69-1/2%, den Seidenfabriken 70-1/2% und den Flachsspinnereien 70-1/2% aller Arbeiter weiblich.[380] Und zwanzig Jahre spter konstatierte der englische Fabrikinspektor Robert Baker, da die mnnlichen Arbeiter seit 1835 um 92%, die weiblichen dagegen um 131% zugenommen hatten. Auf einen greren Zeitraum berechnet, erhht sich die Ziffer zu Gunsten der Frauen noch bedeutend: Von 1841 bis 1891 ist die Zahl der mnnlichen Industriearbeiter um 53%, die der weiblichen um 221% gestiegen.[381] Die absoluten Zahlen veranschaulichen dieses Wachstum noch deutlicher[382] (s. Tabelle). | 1841 | 1851 | 1861 | 1871 | 1881 | 1891 | Mnner|Frauen|Mnner |Frauen|Mnner | Frauen| Mnner| Frauen|Mnner | Frauen| Mnner| Frauen -------------------+-------+------+-------+------+-------+-------+-------+-------+-------+-------+-------+------- Tpferei | 23600| 7400| 34800| 11100| 42500| 13400| 49700| 17700| 52200| 19700| 64300| 23800 Gas, Chemikalien | 5800| 300| 16400| 1700| 24800| 1500| 34900| 4100| 44000| 4000| 66400| 6300 Pelzwerk, Leder, | | | | | | | | | | | | Leim | 31600| 2400| 44500| 6500| 47300| 2300| 49400| 10200| 49400| 13300| 59100| 18200 Holzwaren, Wagen | 147500| 4900| 180200| 8900| 202200| 14100| 214200| 19500| 221600| 18400| 253600| 23300 Papier etc. | 8900| 3200| 13600| 8300| 14600| 10700| 20300| 13400| 24600| 23200| 28600| 34200 Textilwaren, | | | | | | | | | | | | Frberei | 346200|257600| 462400|472100| 439700| 526500| 414500| 555500| 396400| 566200| 430500| 585600 Bekleidung | 343600|177200| 397500|471200| 378600| 550900| 363300| 552700| 344700| 609300| 353800| 681300 Ernhrung, | | | | | | | | | | | | Getrnke, Tabak | 82700| 8000| 120100| 12400| 133400| 15600| 145700| 18500| 152300| 28900| 173100| 50200 Uhren, Instrumente,| | | | | | | | | | | | Spielzeug | 19600| 800| 23500| 1300| 32800| 2900| 35900| 3000| 41700| 3400| 44600| 5500 Buckdruckerei, | | | | | | | | | | | | Buchbinderei etc.| 21100| 1800| 30400| 3800| 41300| 6200| 57600| 8600| 75000| 13100| 102100| 19100 -------------------+-------+------+-------+------+-------+-------+-------+-------+-------+-------+-------+------- Total: |1030600|463600|1324200|997900|1357200|1150100|1385500|1203200|1401900|1299500|1576100|1447500 Selbst in solchen Industrieen, fr die die Frauenarbeit ganz ungeeignet zu sein scheint, wie in den Gelbgieereien, der Minen- und Kohlenproduktion, der Ziegelei und Backsteinmacherei waren fast ausschlielich Frauen beschftigt.[383] Obwohl sich fr andere Lnder genauere auf lngere Zeitrume sich erstreckende Berechnungen nicht machen lassen, so spricht alles dafr, da die Entwicklung berall dieselbe gewesen ist. Seit 1840, wo die Textilindustrie in Deutschland berhaupt erst anfing, Bedeutung zu gewinnen, nahm die Frauenarbeit in erschreckender Weise zu. Die Landmdchen strmten in Scharen in die Fabrikstdte; kleine Orte, wie z.B. Gladbach, riefen in einem Jahr Hunderte von Frauen in ihre Mauern, und in Krefeld war ein Frauenberschu von 50% die Folge.[384] In Nord-Amerika wurden allein in den Spinnereien von Massachusetts 1816 neben 10000 Mnnern 66000 Frauen gezhlt[385], und in den Baumwollfabriken von 25 Staaten der Union waren 1850 schon 62661 weibliche Arbeiter beschftigt, die zehn Jahre spter auf 75169 angewachsen waren, whrend sich zur selben Zeit in den Wirkereien dreimal so viel Frauen als Mnner befanden.[386] Fr die Vereinigten Staaten im allgemeinen zeigt es sich, da 1870 in der Industrie auf 100 arbeitende Mnner gegen 17 Frauen, 1890 dagegen auf 100 Mnner ber 25 Frauen beschftigt waren. Natrlich trat, wie es uns die Entwicklung der Maschine schon ohne weiteres lehrt, in den verschiedenen Industriezweigen eine mehr oder weniger starke Verschiebung der Geschlechter ein, die, besonders in der ersten Zeit, einer Verdrngung der Mnner durch die Frauen gleich kam. So arbeiteten in 412 Fabriken in Lancashire im Jahre 1840 10721 verheiratete Frauen und nur 5314 ihrer Ehemnner waren in denselben Fabriken thtig, whrend 3927 als anderwrts beschftigt, 821 als arbeitslos angegeben wurden und fr 659 nhere Nachrichten fehlten. Es kamen demnach auf jede Fabrik zwei bis drei Mnner, die von der Arbeit ihrer Frauen lebten. Das Bild einer vom arbeitslosen Mann geleiteten Hauswirtschaft, fr deren Unterhalt die Frau allein sorgt, war zu jener Zeit durchaus kein seltenes.[387] Die Maschine brauchte ihre gelenken Finger und das Unternehmertum ihre billige Arbeitskraft. Nach Adam Smith produzierten zehn Mnner zu seiner Zeit durch Teilung der Arbeit etwa 48000 Nhnadeln tglich, Marx berichtet, da die Maschine in elf Stunden 145000 Nhnadeln hervorbringt, und eine Frau vier solcher Maschinen beaufsichtigen kann, was einer Produktion von 600000 Stck tglich gleichkommt.[388] Eine Frau ersetzte also fast 130 Mnner! In Rheims waren im Anfang des 19. Jahrhunderts 10000 husliche Wollkmmer vollauf beschftigt; nach Einfhrung der Kmmmaschine gab es bald keinen einzigen mehr, whrend junge Mdchen an der Maschine standen.[389] In die Ngel- und Schraubenfabrikation Englands drangen schon 1843 weibliche Arbeiter ein: die Maschine machte die mnnliche Kraft entbehrlich.[390] Fnfzig Jahre frher fhrte der Teppichweber das Schiffchen mit der Hand, und produzierte 45 bis 50 englische Ellen, jetzt produziert die von einem Mdchen beaufsichtigte Maschine 360 Ellen wchentlich[391], d.h. sie schafft die Arbeit von sieben Mnnern. Ueberall zeigt sich dasselbe Bild: So war die Gravierung der Banknoten in England bis vor kurzem die schwierige Arbeit von Mnnern, eine neue Maschine ermglicht es, ungelernte Frauen anzustellen, die fr dieselbe Leistung statt 18 sh. nur 12 sh. wchentlich erhalten. In den Konservenbchsenfabriken, wo frher auch nur Mnner fr 15 bis 20 sh. wchentlich thtig waren, arbeiten jetzt gleichfalls Frauen fr den halben Lohn und die Arbeit des Stempelns vergoldeter Buchstaben auf Bchereinbnde haben sie sogar fr ein Drittel des Mnnerlohnes bernommen.[392] Den grten Einflu nach dieser Richtung hatte die Einfhrung der mechanischen Spinnerei und Weberei. An Stelle des Spuljungen, der eine Spule fllte, trat das Spulmdchen, das zwanzig und mehr an der Maschine beaufsichtigte; zahlreiche selbstndige Kleinmeister sahen sich gezwungen, in die Fabrik zu gehen, wo ihre Frauen und Tchter, die die alten schweren Websthle nicht hatten beherrschen knnen, ihre siegreichen Konkurrenten geworden waren.[393] Ueberall dort, wo eine handwerksmige Ausbildung frher unausbleiblich schien, aber neue Erfindungen sie berflssig machten, drangen die Frauen vor. So fhrte die Papiermachmasse sehr bald schon weibliche Arbeitskrfte in die Spielwarenindustrie ein, die, solange das Schnitzen und Bossieren ihren wesentlichen Inhalt gebildet hatte, ein Privilegium der Mnner gewesen war.[394] Und die Handmaler fr Porzellan, die bis 1840 ihr gutes und reichliches Einkommen hatten, sahen sich sofort durch die Frauen beiseite geschoben, als die Mglichkeit, Porzellan zu bedrucken, den Anla bot, ungebte Mdchen fr einen Hungerlohn anzustellen.[395] Die Schuhmacherei ist, wie wir schon gesehen haben, neuerdings derselben Wandlung unterworfen; die Schneiderei fngt an, denselben Weg zu gehen, seitdem in den groen Fabriken zu Leeds selbst der fr ganz unentbehrlich geltende Mann, der Zuschneider, durch die Maschine, die die Stoffe in zahllosen Lagen ausstanzt, ersetzt wurde. Es ist nun zwar notwendig, um von vornherein jedes schiefe Urteil zu vermeiden, sich stets vor Augen zu halten, da dieses scheinbare Verdrngen der Mnner durch die Frauen fast immer nur ein Verschieben ist, und die Zahlen fast berall beweisen, da zwar das Wachstum der Frauenarbeit im Verhltnis bedeutend grer ist als das der Mnner, jene aber von diesen, sobald die absoluten Zahlen in Frage kommen, noch immer bedeutend berflgelt werden; aber es ist auch begreiflich, da die vollstndig neue Erscheinung der weiblichen Konkurrenz im Erwerbsleben, wie sie zuerst im Anfang des 19. Jahrhunderts hervortrat, die Gemter auerordentlich erregte. In Verbindung mit der gefhrlichen Bedrohung des Handwerks durch die Maschine rief sie allerorten strmische Emprungen hervor, die zu Anfang einen revolutionren Charakter annahmen. Jeder einzelne dieser fruchtlosen Kmpfe gegen den eisernen Riesen, der den Boden unterwhlte, auf dem der Arbeiter fest zu stehen glaubte, der die Bande der Familie lockerte, an denen das Glck und der Frieden des Volkes hing, hat etwas von jener antiken Tragik an sich, die den Helden mit der Gewalt eines Naturgesetzes der Vernichtung preis gab. Die erste Wut richtete sich in geheimen Verschwrungen und offenen Revolten gegen ihre blinden Werkzeuge, die Maschinen selbst. Unter dem Jubelgeheul der Massen zerstrten die Bewohner Blackburns Hargreaves Spinning-Jenny; kaum glaubte er in Nottingham eine Zuflucht gefunden zu haben, als die Emprung gegen ihn und sein Werk sich bis zum Volksaufstand steigerte und sein Haus, mit allem was es enthielt, dem Erdboden gleich machte. Er selbst starb im Armenhause, von denen am meisten verfolgt und verachtet, denen er sein Bestes gegeben hatte. Gegen Cartwrights Kmmmaschine richtete sich eine so wtende Agitation der Handkmmer, da ihre Einfhrung erst Jahrzehnte nach ihrer Erfindung mglich wurde. Jacquards Webemaschinen gingen wiederholt in Flammen auf; er selbst sah sich wie einen Verbrecher von Land zu Land vertrieben und Heathcoats Spitzenmaschine fiel jener geheimen Verbindung der Ludditen zum Opfer, die sich gegen alle Maschinen verschworen hatte und ganz England in Schrecken versetzte. Ein Kampf, wenn auch ohne Feuer und Schwert, war es auch, wenn der Handwerker sich krampfhaft gegen die neu eingefhrte Maschine zu behaupten versuchte, indem er die Produkte seiner Arbeit so lange im Preise herabsetzte[396], bis er auf der untersten Stufe der Existenzmglichkeit angekommen war, und sich nun mit Frau und Tochter in den Dienst des Feindes begeben mute. Systematisch war der Feldzug, den die englischen Gewerkvereine um die Mitte des 19. Jahrhunderts gegen die Maschine fhrten. Sie widersetzten sich mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln gegen ihre Einfhrung; sie nahmen lieber die Entbehrungen wochen- und mondelanger Streiks auf sich--wie z.B. die Schuster von Northamptonshire--, als da sie nachgegeben htten.[397] Und mit derselben zhen Energie versuchten sie die Frauenarbeit nicht aufkommen zu lassen. So entspann sich ein heftiger Kampf der Setzer gegen die 1848 zuerst angestellten Frauen, und er wurde um so bitterer, als der Streik der Setzer von Edinburgh infolge der weiblichen Streikbrecher mit einer Niederlage endete.[398] Zu dem Siege, den die Pariser Setzer errungen hatten, indem die Frauen durch gesetzliche Bestimmung von den Setzereien ausgeschlossen wurden, gelangten sie freilich nicht.[399] Dagegen griffen die Gewerkschaften vielfach zur Selbsthilfe. Die Bestimmung, da kein Mitglied neben einer Frau arbeiten drfe, fand sich in zahlreichen Statuten und findet sich zum Teil heute noch darin. Wo weibliche Arbeiter zum erstenmal die Thore der Fabrik durchschritten, begegneten sie allgemeiner Verachtung, wenn nicht gar Beleidigungen grbster Art. Es kam hufig vor, da sie sich durch Hinterpfrtchen in die Arbeitsrume schleichen muten, um berhaupt hinein zu gelangen. Was in England, wo die industrielle Entwicklung eine rapide war, in besonders krasser Weise zu Tage trat, das wiederholte sich, wenn auch in abgeschwchter Form, auf dem Kontinent. Ueberall betrachteten die Mnner ihre weiblichen Arbeitsgenossen mit Ha und Mitrauen und versuchten sich ihrer zu entledigen. Die deutsche Handwerkerbewegung der Revolutionszeit fhrte an verschiedenen Orten des Landes sogar zu kleinen Revolten gegen die Frauen und die Berliner Schneiderinnung ging so weit, beim Gewerbeministerium zu beantragen, da den Frauen, mit Ausnahme der Witwen von Schneidermeistern, das Schneiderhandwerk verboten werden sollte, und die Modemagazine fertige Damenkleider nicht mehr verkaufen drften.[400] Dasselbe Gefhl, das die Innung zu diesem Antrag trieb, beherrschte auch das Frankfurter Handwerkerparlament des Jahres 1848, als es kategorische Gesetze gegen das Fabriksystem, durch das der groe Markt fr die Frauenarbeit vorbereitet wurde, forderte. Man hat hufig versucht, den erbitterten Kampf der Mnner gegen die Frauenarbeit ihnen zum persnlichen Vorwurf zu machen, ein Versuch, der sich nur aus einer vlligen Unkenntnis der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungsgeschichte erklren lt. Thatschlich war und ist zum Teil heute noch dieser Kampf ihre notwendige Begleiterscheinung. Wollte man berhaupt einen Vorwurf erheben,--was allgemeinen Erscheinungen des Wirtschaftslebens gegenber immer thricht ist,--so mte er sich weit eher gegen die Frauen richten. Nicht, weil sie berhaupt arbeiteten, das war eine bittere Notwendigkeit fr sie, sondern weil sie die mnnlichen Konkurrenten statt durch bessere Leistungen, durch geringere Ansprche zu besiegen suchten. Aus der huslichen Vereinzelung, aus der sie frher groenteils auch dann nicht herauszutreten brauchten, wenn sie um Lohn arbeiteten, traten sie unvorbereitet in das Gemeinschaftsleben der Industriearbeiter hinein. Sie dachten nur an die Befriedigung der nchsten persnlichsten Bedrfnisse, die auerordentlich geringe waren; die jahrhundertelange Niederdrckung des weiblichen Geschlechts, die unaufhrliche Predigt von der Demut und Bescheidenheit, die ewige Wiederholung von der Minderwertigkeit der Frauen, an die sie schlielich selber glaubten, rchte sich nun an den Mnnern: die weiblichen Arbeiter waren mit Lhnen zufrieden, die ihnen grade nur ein Stck Brot gewhrleisteten; sie, die zu Sklaven erzogen worden waren, hatten nichts von einer Rebellennatur mehr in sich. Sie wurden zu Streikbrechern, ohne etwas anderes dabei zu empfinden, als Freude ber Arbeitsgelegenheit; sie lieen sich ausbeuten bis aufs uerste und nahmen es hin, wie ein Fatum, wenn sie nur ihren Kindern dafr einen Tag lang den schlimmsten Hunger stillen konnten. Das Gefhl von Solidaritt mit den Genossen ihrer Arbeit mte denen vllig fremd sein, deren hchste Tugend bisher die gewesen war, ihr Haus allein als ihre Welt zu betrachten. So muten sie werden, was sie waren, und leider noch sind,--ein Jahrhundert verwischt nicht die Spuren von Jahrtausenden--: Schmutzkonkurrenten der Mnner. Sie drckten die Lhne und machten es infolgedessen immer mehr Mnnern unmglich, ihre Familien allein zu erhalten; so zog jede neu eintretende Industriearbeiterin Scharen anderer nach sich. Da die Mnner eine Gefahr darin sahen, da sie nicht blinden Auges und kalten Herzens an der Zerstrung der Huslichkeit und der Verwahrlosung der Kinder vorbergehen konnten, war nur natrlich. Nicht allzu lange sollten die Mnner allein unter dem Wachstum des Grobetriebs leiden. Ihr eigenes Schicksal wurde bald auch das der Frauen: die Maschine, die sie in die Fabrik gezogen hatte, trieb sie wieder hinaus. Whrend frher z.B. je 2 Seidenhasplerinnen 1 Mdchen zum Schlagen der Kokons ntig hatten, versorgte die Schlagmaschine 25 und mehr Hasplerinnen, warf also mindestens 6 Mdchen aufs Pflaster. Die Einfhrung verbesserter Maschinen in den Webereien des Oberelsa hatte zur Folge, da die Arbeiterzahl trotz der starken Vermehrung der Fabriken von 23000 im Jahre 1828 auf 19000 im Jahre 1851 gesunken war[401]; in 35 englischen Spinnereien waren 1829 1060 Spinner mehr angestellt als 1841, obwohl die Zahl der Spindeln sich um 99000 vermehrt hatte[402] und in den sechziger Jahren beseitigte eine einzige verbesserte Spinnmaschine die Hlfte aller Arbeiterinnen.[403] Am furchtbarsten waren die Folgen der Einfhrung der Nhmaschine. Eine einzige Fabrik New-Yorks, die 1862 400 Nhmaschinen aufstellte, von denen eine die Arbeit von 6 Handnherinnen ausfhrte, machte ca. 2000 Nherinnen brotlos. Der Segen, den viele sich von der Nhmaschine versprachen, weil sie der Frau ermglichte, im eigenen Heim ihrem Erwerb nachzugehen, verwandelte sich rasch zum Fluch: sie erschlug die schwchsten Handarbeiter; in London lief die Zunahme des Hungertods parallel mit ihrer Ausbreitung.[404] Da die Einfhrung neuer oder die Verbesserung alter Maschinen nun keineswegs eine Steigerung der Lhne zur Folge hatte, sondern die Entlassung von Arbeitern nur dem Kapitalisten zu Gute kam, mute die berflssig gewordene menschliche Arbeitskraft sich nach anderen Arbeitsgebieten umsehen. Sie fand sie dort, wo auch der Handwerker seine letzte, elende Zufluchtssttte fand, in der Hausindustrie. Der Begriff, der sich mit diesem Namen verbindet, ist durchaus kein feststehender. Die deutsche Reichsstatistik, die sich in ihren beiden letzten Berufszhlungen eingehend mit der Hausindustrie beschftigte, versteht darunter die "Arbeit zu Hause fr fremde Rechnung". Die Bezeichnung ist vieldeutig, sie kann z.B. nur die Heimarbeiter, d.h. diejenigen, die im eignen Wohnraum fr die Unternehmer beschftigt sind, umfassen und die Werkstattarbeiter ausschlieen. Das geschieht ausdrcklich durch die neueste belgische Statistik, die als Hausindustrielle nur diejenigen ansieht, "die bei sich zu Hause auf Rechnung von Fabrikanten oder Kaufleuten arbeiten". Das sterreichische Handelsministerium hat gleichfalls den Begriff der Hausindustrie darauf beschrnkt, indem es "Erwerbsarbeiter in eigener Werksttte ohne gewerbliches Hilfspersonal" hchstens mit Angehrigen des eigenen Hausstands, darunter verstanden wissen will. Auch die Gelehrten sind verschiedener Meinung: so wird z.B. auf der einen Seite die Hausindustrie als Grovertrieb von Waren, die im Kleinbetriebe hergestellt werden[405], bezeichnet, whrend nicht die Art des Vertriebes, sondern die des Betriebes sie kennzeichnet, auf der anderen erklrt man sie fr groindustrielle Arbeit in kleinen Werksttten und in der Wohnung[406], wobei wieder die Bezeichnung "klein" ein schwankendes Bild giebt. Die sinngemeste, die Sache klar bezeichnende Erklrung dagegen ist diese: Hausindustrie ist diejenige Betriebsform der kapitalistischen Unternehmung, bei welcher die Arbeiter in ihren eigenen Wohnungen oder Werksttten beschftigt werden.[407] Mit der Hausindustrie frherer Zeiten hat diese fast nur noch den Namen gemein, sie ist ein modernes Erzeugnis der Groindustrie. Einerseits nhrt sie sich vom untergehenden Handwerk,--der einst selbstndige Meister wird zum Verleger,--andererseits von der um jeden Preis sich verkaufenden menschlichen Arbeitskraft, die in den Industriestdten infolge der sich zusammendrngenden proletarischen Bevlkerung massenhaft emporschiet oder vereinzelt in abseits liegenden Gebirgsthlern und Hochplateaus zu finden ist. Besonders das billige Produktionsmittel, die weibliche Arbeitskraft, konnte die Industrie sich nicht entgehen lassen. Mit der Mglichkeit der Arbeitszerlegung, der Ausgabe von Teilarbeiten aus dem Betrieb, verstrkte sich noch die Tendenz, die Hausindustrie gro zu ziehen. Dazu kam, da nicht nur die Ersparnisse in Bezug auf die Lhne sich als bedeutende erwiesen: sowohl die Kosten fr Miete, Instandhaltung der Fabrik, Beleuchtung, Beaufsichtigung kamen in Fortfall und das befrderte selbstverstndlich eine weitere Dezentralisierung des Grobetriebs. Beweis hierfr ist unter anderem die Rckentwicklung des Cigarrengrobetriebs zur Hausindustrie; 1882 betrug in Deutschland die Verschiebung vom Gro- zum Kleinbetrieb 57%, 1895 59%. Die Schwchsten, die die Fabrik als die wenigst Brauchbaren abschob, die Aermsten, die in ihrem versteckten Elend kein Hauch der neuen Zeit berhrte, die Frauen, die Kinder und die Greise wurden die ersten Opfer der Hausindustrie. Und wieder war es die Maschine, durch deren Hilfe sie bis in die einsamsten Berggehfte, die entlegensten Landstdtchen vordrang, sich in die Dachkammern und die Keller der Grostdte einschlich. Alle Maschinen, die zum Antrieb menschliche Kraft gebrauchen konnten und klein genug waren, um berall Platz zu finden, sind in der Hausindustrie vertreten; der Hausindustrielle kauft sie auf Abzahlung, nimmt sie in Pacht, oder bekommt sie vom Fabrikanten, fr den er arbeitet, geliefert. Nhmaschinen aller Art, von der einfachsten bis zur komplizierten Stiefelstepp- und Knopflochmaschine, rasseln in den engen Behausungen der elendesten Sklaven des Kapitalismus; ber die Strickmaschine sitzen sie gebckt, und die Plattstichmaschine, die sich besonders in der Schweiz verbreitet hat, macht aus den blhenden Kindern der Berge dieselben flachbrstigen, blassen Gesellen, wie die Fabrikarbeiter der Grostdte es sind. Und so lange die menschliche motorische Kraft billiger ist als Dampf und Elektrizitt, werden die Unternehmer sie fr sich ausnutzen und die Hausindustrie, dieser Bastard der Groindustrie, den sie mit der Not, ihrem Kebsweib, gezeugt hat, wird wachsen, da sie fast ihren Vater berragt. Ein riesiges Arbeitsfeld erffnete sich den Frauen durch die Konfektionsindustrie. Vor der Erfindung der Nhmaschine gehrte die Herstellung der Wsche und der Kleidung im wesentlichen in das Bereich huslicher Thtigkeit. Hausfrau und Haustchter, eventuell die verfgbaren Dienstmdchen, beschftigten sich damit. In einer spteren Periode erst kam die im Hause der Kundschaft arbeitende Nherin als Hilfskraft hinzu und die bei sich fr die Kunden arbeitende Schneiderin war schon ein Produkt der Neuzeit. Modegeschfte, die mit Hilfe der hausindustriell thtigen Nherinnen fertige Kleider verkauften, kamen erst Mitte des 19. Jahrhunderts auf, als die Nhmaschine die Massenproduktion ermglichte. Sie wuchsen wie Pilze aus der Erde und suchten sich gegenseitig zu unterbieten, was nur durch steigende Ausbeutung der Arbeiterinnen mglich war. "Alle Nherinnen," sagte ein englischer Arzt, "leiden an dreifachem Elend--Ueberarbeit, Luftmangel und Mangel an Nahrung." Whrend der Saison saen in London gegen 30 Mdchen in Rumen zusammen, die kaum fr ein Drittel die ntige Luft gewhrten, sie schliefen zu zweien in einem Bett in engen Sticklchern, wenn sie berhaupt zum Schlafen kamen, denn eine ununterbrochene Arbeitszeit von 18 bis 24, ja 26 Stunden gehrte durchaus nicht zu den Ausnahmen; die physische Unfhigkeit, die Nadel noch lnger zu fhren, war die einzige Grenze ihrer Arbeitsleistung. Gingen sie nicht infolgedessen an Ueberarbeitung zu Grunde,--wie die arme Mary Anne Walkley, von der Marx erzhlt[408],--so drohte ihnen in der toten Zeit der Hunger. Fr 4-1/2 sh. wchentlich arbeiteten in den vierziger Jahren Londoner Kleidernherinnen 16 und mehr Stunden tglich. Und doch waren sie noch in glnzender Lage im Vergleich zu ihren Kolleginnen, die Wsche nhten: Fr ein gewhnliches Hemd bekamen sie--1-1/2 pence, fr elegante Hemden, deren Fertigstellung 18 Stunden Arbeitszeit erforderte, betrug ihr Lohn 6 pence. Wochenlhne von 2-1/2 bis 3 sh. waren bei angestrengter Thtigkeit gang und gbe.[409] Aber Thomas Hoods Lied vom Hemde, das der Not der Arbeiterinnen so ergreifenden Ausdruck gab, galt nicht nur fr die armseligsten Tchter des reichen England; ihre Unglcksgefhrten verteilten sich ber die ganze zivilisierte Welt. Mit Tagelhnen von 20 bis 50 cents sollten nicht weniger als 20000 Arbeiterinnen Bostons ihr Leben bestreiten; dieselbe Zahl von Frauen lebte in New-York in stndigem Kampf mit Hunger und Pauperismus.[410] Die Pariser Nherinnen der fnfziger und sechziger Jahre, die, infolge der hohen Entwicklung der Pariser Konfektion, zu den bestgestellten gehrten, muten sich mit Lhnen von 40 und 60 c. tglich begngen[411], whrend, nach Berechnungen jener Zeit, 60 c. ein Minimum allein an tglicher Nahrung gewhrleisteten.[412] Dabei hatten diese sogenannt freien Arbeiterinnen, die thatschlich ein weit elenderes Leben fhrten, als die schwarzen Sklaven Amerikas, fr deren Befreiung eine ganze Welt sich begeisterte, noch dauernd gegen eine Konkurrenz anzukmpfen, die groenteils von jenen geschaffen wurde, die sich Wohlthter der Armen nennen lieen. So ntigten die Armenhuser Londons, deren Insassen Hemden nhten, die Nherinnen zur Herabsetzung ihrer Preise auf dasselbe niedrige Niveau und die Klster Frankreichs, in denen Mnnerhemden fr 10 bis 25 c., und Babyausstattungen von 20 Stck fr 1,10 fr. hergestellt wurden, die im Jahre 1870 allein 150000 Frauen beschftigten und von denen Jules Simon berichtete, da von 100 Dutzend Hemden, die in Paris in den Handel kamen, allein 85 Dutzend in den Klstern hergestellt wurden[413], warfen sie mitleidlos dem Hunger oder der Prostitution in die Arme.[414] Kein Wunder, da 1866 doppelt so viel Frauen als Mnner der Armenpflege anheim fielen. Dieselbe Konkurrenz drckte auch auf die Spitzenindustrie, die durch Colberts Einflu in Frankreich eine riesige Verbreitung gefunden hatte; 1866 waren 250000 Frauen in ihr beschftigt. Zwanzig Jahre frher sah Blanqui in Dieppe Arbeiterinnen, die bei fnfzehnstndiger Arbeitszeit nicht mehr als 52 c. tglich verdienten und in den Vogesen, wo der Wert der jhrlich produzierten Spitzen auf 3 Millionen Franken berechnet wurde, betrug ihr hchster Verdienst 80 c.[415]! Noch 1860 konstatierte Jules Simon, da fr die Herstellung der points d'Alenon, jener kostbaren Spitzen, bei denen Hunderte von Arbeiterinnen ihr Augenlicht einbten, 75 c., und fr die wunderbarsten Spitzen Belgiens, die Brsseler, gar nur 30 c. tglich an Lohn gezahlt wurde.[416] Die Stickerinnen waren in derselben Lage: Von den ca. 200000, 1866 in Frankreich beschftigten, verdiente die grte Mehrzahl nicht mehr als 20 bis 30 c. Das Bild jener Arbeiterfamilie von Lille,--Mitte der vierziger Jahre,--wo der Mann in guten Zeiten 2 frs., die Frau als Spitzenarbeiterin 10 bis 15 c.(!) tglich verdiente und die vier Kinder betteln gingen, weil sie, trotz angestrengter Arbeit, bei der kmmerlichsten Lebenshaltung und einer Behausung 3 m unter dem Erdboden, allein fr Wohnung und Nahrung 12,75 frs. wchentlich gebrauchten[417],--drfte fr das Proletariat jener Zeit typisch sein. Die Fabrikarbeiterinnen waren in keiner wesentlich besseren Lage. In den dreiiger Jahren betrugen die Frauenlhne in den englischen Leinenwebereien bei einer zwlf- bis sechzehnstndigen Arbeitszeit 4 bis 5 sh. die Woche, von denen fr Material noch 1 bis 2 sh. abgingen; in den Baumwollfabriken sanken die Lhne auf 1 bis 4 sh., junge Mdchen unter sechzehn Jahren verdienten bei zwlfstndiger Arbeitszeit oft nicht mehr als 4 sh. in drei Wochen![418] In der Periode von 1830 bis 1845 berstieg der Verdienst der franzsischen Fabrikarbeiterinnen selten 1,60 frs. pro Tag.[419] Die Seidenweberinnen Lyons erreichten bei vierzehnstndiger Arbeitszeit nur ausnahmsweise einen hheren Jahresverdienst als 300 frs.[420] Zwar stiegen die Lhne sowohl in der Wollmanufaktur Frankreichs wie in der Baumwollmanufaktur des Oberelsa in den dreiiger Jahren von 1840 bis 1870, aber der niedrigste Lohn betrug auch dann noch l bis 1,25 frs. und der hchste, selten erreichte, 3 frs.[421], und die Steigerung hielt weder Schritt mit der Steigerung der Wohnungen, der Lebensmittel und sonstigen Bedrfnisse, noch war sie eine stetig fortschreitende. Alle Krisen, denen die Groindustrie im 19. Jahrhundert so oft unterworfen war, bedeuteten fr die Arbeiterin Hunger und Entbehrung. Die geringfgigste Trbung des geschftlichen Horizontes wurde von den Unternehmern gleich zu Lohnreduktionen ausgenutzt. In den dreiiger Jahren sanken die Lhne der Weber am Niederrhein bei einer Arbeitszeit von 1/2-5 Uhr morgens bis in die sinkende Nacht auf 1-1/2 bis 3 Thaler die Woche[422] in den schlimmen Jahren von 1845 bis 1850 waren in Krefeld allein 12000 Personen vollstndig brotlos[423],--von dem Weberelend in Schlesien gar nicht zu reden! Die groe wirtschaftliche Krisis, die infolge des Krieges zwischen den Nord- und Sdstaaten Amerikas ber Europa hereinbrach, steigerte die Not aufs neue. In Rouen feierten nicht weniger als 40000 Arbeiter, in Belfort sanken die Frauenlhne bis auf 20 c.[424] Kaum weniger empfindlich fr die deutschen Arbeiter waren die Jahre nach dem franzsischen Krieg. Die Einnahmen sanken vielfach um 25 bis 30% und Tausende von Websthlen gerieten vollstndig in Stillstand.[425] Aber die industriellen Umwlzungen und die wirtschaftlichen Krisen waren nicht die einzigen Gefahren, die die Existenz der Arbeiter bedrohten und untergruben. Der Kapitalismus machte keinen Unterschied zwischen dem Arbeiter und der Maschine: er verausgabte fr beide nur genau so viel, als notwendig war, um sie in Bewegung zu erhalten, und wie er jede neue Errungenschaft der Technik freudig ergriff, wenn sie ihm einen hheren Profit zusicherte, so war ihm jedes Mittel recht, durch das er aus der menschlichen Maschine mehr Gewinn herauspressen konnte. Das Trucksystem war eines dieser Mittel. Der Arbeiter wurde statt mit Geld mit Nahrungsmitteln entlohnt, deren Preis der Unternehmer willkrlich stellen konnte. Um die Frauen noch besonders willfhrig zu machen, wurde auf ihre Eitelkeit spekuliert: an Stelle des baren Verdienstes traten Schrzen und Bnder, Tcher und Mtzen. Wie oft kam die arme Arbeiterin am Ende der Woche nach Hause und hatte, trotz angestrengter Arbeit nichts, um den Hunger ihrer Kinder zu stillen. Vergebens wartete sie auf die Heimkehr des Mannes--er sa im Kramladen seines Chefs und lie sich in Branntwein den Lohn auszahlen. Vielleicht brachte er noch einen Laib Brot nach Hause,--um den doppelten Preis als er ihn von seinem Geld htte kaufen knnen! Das unverschleierte Trucksystem, d.h. die Auszahlung des Lohnes durch Waren, war um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts berall zu finden. Nach und nach versteckte es sich hinter den Thren der Kauflden, die der Fabrikherr oder seine Beamten hielten, und in denen einzukaufen der arme Arbeiter gezwungen war, wenn er die Entlassung nicht frchten wollte. So verkaufte der Konfektionr wie der Zwischenmeister den Nherinnen Garn und Seide und zog ihnen durch die Preise, die er dafr anrechnete, ein Bedeutendes von ihrem so wie so schon krglichen Lohne ab. So verkauft noch heute der kleine Krmer des Dorfes, der zugleich der Verleger oder Zwischenhndler der Hausindustriellen ist, das Material fr ihre Arbeit zu Wucherpreisen an sie. Die Folgen dieser Ausbeutung im einzelnen darzustellen, hiee ein Buch schreiben, dessen Bilder in seiner Grauenhaftigkeit die Phantasie eines Hllenbreughel weit hinter sich lieen. Blicken wir in die Wohnungen jener Sklaven der Industrie: In einem Arbeiterviertel Londons, einer ihrer Hochburgen, hausten 1844 in 1400 kleinen Husern 12000 Personen; ganze Familien, ja ganze Generationen besaen nur ein kleines Zimmer, in dem sie lebten und arbeiteten, oft fehlte jede Art von Einrichtung, ein Haufen Lumpen war das Bett aller. Und doch waren sie noch glcklich zu nennen, denn nicht weniger als 50000 Menschen besaen berhaupt kein Obdach; sie drngten sich nachts, soweit es irgend ging, in den Logierhusern zusammen--Mnner, Weiber, Alte, Junge, Kranke und Gesunde, Nchterne und Betrunkene, alle durcheinander, zu fnf und sechs in einem Bett. Nicht anders sah es im Zentrum der Baumwollindustrie, aus dem die Millionre des Landes herauswuchsen, in Manchester aus. Am Irk, einem schwarzen, stinkenden Flu voll Schmutz und Unrat, ragten die Arbeiterkasernen auf; um frchterlich kleine Hfe drngten sie sich, verruchert, verfallen, oft ohne Thren und Fenster, mit winzigen Stbchen, die fr zahlreiche Familien kaum zwei Betten fassen konnten; die meisten enthielten nichts als Strohhaufen.[426] In derselben Verfassung waren die Arbeiterquartiere in Frankreich. Schmale Straen, in denen kaum zwei Menschen nebeneinander gehen konnten, trennten in Lille die Huser voneinander. In der Mitte befand sich ein stinkender Rinnstein, der alle Abwsser aufnahm; aus Sparsamkeitsgrnden waren die Fenster der Zimmer nicht zum Oeffnen eingerichtet und in den berfllten, nur mit Stroh und Lumpen eingerichteten Rumen herrschte ein pestilenzialischer Geruch. Greisenhafte Kinder mit geschwollenen Gliedern, zerfressen von Ungeziefer, starrten mit blden Augen dem Fremden entgegen, der sich in diese Hlle verirrte.[427] Welch ein Glck fr sie, da der Tod sie fast immer von der Verdammnis zum Leben erlste, denn von 21000 Kindern starben 20700 vor dem fnften Jahr![428] Zwanzig Jahre spter hatten sich die Verhltnisse noch um kein Haar gebessert![429] In Rouen waren die Zustnde hnlich: Der Eingangsflur war zugleich offener Kanal fr die Abwsser; Wendeltreppen ohne Licht und ohne Gelnder fhrten in die oberen Stockwerke.[430] Entsetzlich ist das Bild, das Villerm von Mlhausen entwirft, wo infolge des raschen industriellen Aufschwunges auf demselben Raum, den frher 7000 Menschen innehatten, nun 20000 sich zusammendrngten. Jules Simon sah in Reims einen feuchten, dunklen, ber einem Kloset befindlichen Raum, den zwei Arbeiterinnen und ein Ehepaar gemeinsam bewohnten; in Roubaix fand er einen dunklen Hngeboden ber einem kleinen von sechs Personen bewohnten Zimmer, in dem eine Arbeiterin mit einem Sugling, der Tags ber im Bett angebunden wurde, hauste, und einen dunklen Raum unter einer Treppe, 2 zu 1-1/2 m gro, den eine andere schon 2-1/2 Jahre bewohnte. Wie gro das Elend war, bewies eine alte Frau, die, auf ihr feuchtes Kmmerchen zeigend, ausrief: "Ich bin nicht reich, aber ich habe einen Strohsack, Gott sei Dank!"[431] Wo die Industrie den Fu hinsetzte, folgte ihr die Not und der Jammer, wie ihr Schatten. So spotteten die Wohnungsverhltnisse Berlins in den fnfziger Jahren jeder Beschreibung. Charakteristisch fr sie waren besonders die zahlreichen Kellerwohnungen, in denen das Wasser oft 1/2 bis 3 Fu hoch stand. Noch 1875 machten sie 10% aller Wohnungen aus; ein einziger solcher feuchtdunkler Raum war vielfach von einem Ehepaar, Kindern, Schlafburschen und Schlafmdchen zugleich besetzt.[432] Kamen die Arbeiter aus ihren elenden Hhlen,--denn der Ausdruck Wohnung erscheint solchen Behausungen gegenber ganz ungeeignet,--in die Werkstatt oder in die Fabrik, so fanden sie hier hnliche Zustnde wieder. Die ersten Fabriken wurden bis tief in die zweite Hlfte des neunzehnten Jahrhunderts hinein in alten Husern, Klstern und Schlssern eingerichtet. Die Rume wurden ohne Rcksicht auf die Sicherheit der Arbeiter auf das uerste ausgenutzt, soda sich der Einzelne nur mit groer Vorsicht zwischen den schwingenden Rdern hindurchwinden konnte. Weder Sicherheits-, noch Ventilationsvorrichtungen waren vorhanden. In der furchtbaren Hitze der Baumwollspinnereien,--bis zu 37 Celsius,--schlugen die Arbeiterinnen bis in die fnfziger Jahre die Baumwolle behufs Lockerung und Reinigung mit Ruten, und atmeten den dichten Staub 14 bis 16 Stunden lang ein. Die Spinnerinnen standen halbnackt vor den Maschinen, bis zu den Kncheln im Wasser, das zur Feuchterhaltung des Fadens notwendig war.[433] In den Seidenspinnereien saen die Frauen selbst im heiesten Sommer zwischen glhendem Ofen und kochendem Wasser, in das sie immerfort ihre Finger tauchen muten, was schwere Erkrankungen zur Folge hatte.[434] In feuchten, halbdunklen Kellern saen die Spitzenarbeiterinnen, weil die feuchtkalte Luft der Feinheit der Arbeit zu Gute kam. Dabei gab es fr diese Unglcklichen kaum ein Ausruhen; mitten im Schmutz und Staub muten sie hastig ihr Essen hinunterschlingen; den Kindern wurde es von den Aufsehern hufig in den Mund geschoben, damit die Maschine keine Sekunde still zu stehen brauchte und dem Unternehmer kein Atom Profit entging.[435] Wohnten sie auerhalb der Fabrikstdte, so hie es frh um vier schon sich aufmachen, um abends um zehn erst heim zu kehren.[436] Eine Schar bleicher, magerer Frauen, in Schwei gebadet, ohne schtzende Hlle, blofig waten sie im Schmutz,--so schildert ein Augenzeuge die Heimkehrenden,--daneben laufen eine Menge Kinder, nicht minder schmutzig, nicht minder abgezehrt, bedeckt mit Lumpen, triefend vom Oel der Maschine, das in der Fabrik dauernd auf sie niedertrufelte.[437] Kartoffeln und wieder Kartoffeln, im besten Fall etwas Hafermehl oder ein Stckchen Hering sollen die Krperkrfte aufrecht halten, um sie tglich aufs neue im Dienst das Kapitals aufzureiben. Und selbst dafr reicht der karge Lohn kaum aus. Fast alle sind verschuldet, die Zahl der Pfandleiher, zu denen nur zu oft das letzte Bett wanderte, nahm in allen Industriezentren erschreckend rasch zu.[438] Aus der Qual endloser Arbeit, die keinen Sonntag kannte, der die Nacht nicht heilig war, aus den berfllten, schmutzstarrenden Husern, aus den Wolken von Staub und glhendem Dampf, der die Fabriken erfllte, wuchs in riesenhafter Gre jenes hohlugige Gespenst hervor, das von nun an rastlos, erbarmungslos durch die Straen der Armen schritt und die Luft mit seinem Hauch vergiftete: die Schwindsucht. Allein in der Spitzenindustrie Englands kam im Jahre 1852 ein Schwindschtiger auf 45 Arbeiter und zehn Jahr spter schon einer auf acht.[439] Kein Weber konnte darauf rechnen, das Alter von 25 Jahren zu berleben[440] und dann schon sah er aus wie ein Greis; von den Kindern der Weber, die schon im Mutterleibe vergiftet waren, starb die Hlfte vor dem zweiten Jahr. Sie kannten keine Pflege; schon drei bis vier Tage nach der Entbindung trieb die Not ihre Mtter zurck in die Fabrik; die Milch, durch die ihre Kleinen gro und stark htten werden knnen, lief ihnen bei der Arbeit aus den Brsten![441] Die deutsche Reichserhebung von 1874 erklrte mit einem eigenen Cynismus, da die Arbeiterinnen in den Zndholzfabriken zwar an Nekrose litten und den Unterkieferknochen ganz oder teilweise verlren, ihnen das aber gar nichts schadete![442] Sie konstatierte ferner, da die Atmosphre der Fabriken diejenigen lungenkrank machen mu, die "Anlage dazu haben".[443] Und wer hatte diese Anlage nicht?! Die zunehmende krperliche Degenerierung der arbeitenden Bevlkerung sprach deutlicher als alle Erhebungen es vermocht htten. Aber es blieb nicht bei der krperlichen allein. Die Zusammenarbeit der Geschlechter in glhender Hitze, fast unbekleidet, das fast vllige Fehlen gesonderter Wasch- und Ankleiderume, die gemeinsame Arbeit von Mann und Weib in den verschwiegenen, dunklen Gngen der Bergwerke und der frhe Eintritt der Kinder mitten in dieses Leben und Treiben, steigerte den ungeregelten Geschlechtsverkehr und verwstete schon die Unschuld der Kinder. Die Wohnungszustnde untersttzten diese moralische Degeneration. Nicht nur, da die Geschlechter, die Schlafburschen und Schlafmdchen und die Kinder regellos in engen Rumen zusammen wohnen muten, sie wurden von den Unternehmern selbst dazu gedrngt. In Ziegeleien, bei Bergwerken, zur Landarbeit--berall wurden ihnen elende Baracken zum Schlafen angewiesen, wo man sie zusammentrieb wie das Vieh. Weit mehr noch als diese ueren Umstnde, unter denen Mnner und Frauen gleichmig litten, wirkten die Lohnverhltnisse der weiblichen Arbeiter auf ihre Sittlichkeit. Sie wurden durch die Bedrfnisse der verheirateten Frauen, die zum Verdienst des Mannes nur einen Zuschu brauchten, und der bei den Eltern wohnenden Mdchen, die oft nur fr ihre Kleidung zu sorgen hatte, bestimmt; die Alleinstehenden waren durch die bitterste Not gezwungen, sich nach einer andern Ergnzung umzusehen. Die einen,--die Glcklichsten von ihnen,--hatten keine eigene Schlafstelle, sie brachten die Nchte bei ihren Liebhabern zu[444], das Konkubinat verbreitete sich infolgedessen; so kam in Frankreich, wo das Gesetz es noch dadurch frderte, da es das uneheliche Kind der Mutter allein zur Last fallen lie, nach einer Enqute der vierziger Jahre in einer Industrie auf einen verheirateten zwlf im Konkubinat lebende Arbeiter.[445] Den anderen,--und das waren die Unglcklichsten,--lehrten Not und Hunger frhzeitig, ihren Krper verkaufen, wie ihre Arbeitskraft. Jede industrielle Krisis steigerte ihre Zahl. Wie oft siegten sie im Kampf ums Brot gegen die Konkurrentin um die Arbeitsstelle nur dadurch, da sie sich dem Herrn oder dem Werkfhrer preisgaben. Das Fabrikmdchen stand infolgedessen hufig nicht hher im Ansehen, als die Straendirne. Das ist der Weg, den die Industriearbeiterin im 19. Jahrhundert hat gehen mssen. Aus dem Hause vertrieben, um das tgliche Brot gebracht, glaubte sie in der Fabrik ihre Rettung zu finden. Sie opferte sich auf, unermdlich Tag fr Tag; endlich, so hoffte sie, sollte die Arbeit Erlsung bringen, Nahrung, Obdach, Kleidung ihr und ihren Kindern! Sie war ja so bedrfnislos, sie dachte kaum daran, den Reichen, fr die sie schaffte, ihren Reichtum zu neiden. Was hatte sie erreicht? Kaum ein Dach ber dem Haupt, kaum ein Kleid auf dem Leib, kaum das Ntigste, den Hunger zu stillen, und die drohenden Gespenster,--Not und Schande,--rastlos auf ihren Fersen. Warum strmten trotzdem die Frauen in immer wachsender Zahl diesem Elend zu? Waren sie als Landarbeiterinnen, als Dienstboten nicht in weit besserer Lage? Das ist oft behauptet worden, obwohl die Thatsachen dagegen sprechen. Den ersten klaren Einblick in die Verhltnisse der Landarbeiter vermittelte die englische Untersuchungskommission im Jahre 1867.[446] Das Bild, das sie entrollte, war ein schauerliches. Die Mdchen und Frauen wurden allgemein bei der schwersten und schmutzigsten Arbeit, z.B. Heu-, Korn- und Dungladen, verwendet.[447] Ihre Arbeitszeit war grenzenlos und ein Auflehnen dagegen schon deshalb oft ganz unmglich, weil ihr Dienstgeber zugleich der Landlord war, ebenso wie der deutsche Gutsbesitzer sehr hufig zugleich Amtsvorsteher ist. Dabei war auch fr die Wohnung der Landarbeiter in der unzureichendsten Weise gesorgt. Ganze Familien wohnten nicht nur in halb verfallenen, einzimmerigen Htten, es wurden ihrer oft zwei und drei zusammengepfercht. An eine Trennung der Tagelhner beiderlei Geschlechts dachte man kaum; Scheunen und leere Stlle dienten ihnen nur zu oft zum Aufenthalt und waren der Ausgangspunkt sittlicher Verwilderung. "Es ist unmglich," sagt die englische Kommission, "den schdlichen Einflu der Wohnungen nach der physischen sowohl wie der moralischen, sozialen, konomischen und intellektuellen Seite hin zu bertreiben."[448] Die traurigste Erscheinung aber im Leben der englischen Landarbeiter war das Gangsystem, das darin bestand, da Agenten Scharen von Mdchen und jungen Mnnern,--den Mdchen wurde brigens immer der Vorzug gegeben,--mieteten und sie zur Feldarbeit auf eine bestimmte Zeit aufs Land fhrten. Nicht nur, da die in der Entwicklungszeit sich befindenden Mdchen durch die harte Arbeit krperlich schwer geschdigt wurden, frhzeitige geschlechtliche Ausschweifungen ruinierten sie vollends. Dachte doch keiner der Gutsherren daran, ihnen anstndige Unterkunft und Beaufsichtigung zu gewhren. Fr ihn waren sie nichts als billige Arbeitsmaschinen, die ihn im brigen nichts angingen. Natrlich war die Konkurrenz dieser jungen Leute auch verderblich fr die alten eingesessenen Tagelhner. Fr den Gutsherrn war es viel billiger und bequemer, zur Zeit dringender Arbeit ber ein Heer von Arbeitskrften zu verfgen, die er entlassen konnte, wenn er wollte, als die Gutstagelhner durch die stille Zeit mit durchfttern zu mssen. Auch das Gangsystem trieb daher die Tagelhner beiderlei Geschlechts vom Lande fort in die Stadt.[449] In der Sachsengngerei Deutschlands, deren erstes Aufkommen gleichfalls mit der Ausbreitung der Industrie zusammenfllt, haben wir eine hnliche Erscheinung. Auch sie ist zugleich Folge und Ursache der Landflucht der Arbeiter. Welchen Umfang diese annahm und wie sie zunimmt, geht z.B. daraus hervor, da in der Periode 1871 bis 1876 in Frankreich 600000, und 1876 bis 1881 800000 Personen vom Lande in die Industriestdte bersiedelten.[450] In England verringerte sich die Zahl der Landarbeiter von 1861 auf 1881 um 273000. Die Maschine spielte auch hierbei eine wichtige Rolle. So machte die Dreschmaschine nicht nur thatschlich eine Menge Arbeiter berflssig, sie fhrte auch eine andere Arbeitseinteilung herbei; das Dreschen, eine frher wochenlang sich hinziehende Arbeit vieler Hnde, wurde jetzt in krzester Zeit mit wenig menschlicher Hilfskraft erledigt.[451] Fr die Frauen fiel besonders schwer der Umstand ins Gewicht, da das Spinnen und Weben, die allgemeine Winterbeschftigung der Landarbeiterinnen, durch die Konkurrenz der Maschine ihnen entrissen wurde. Die arbeitslosen Zeiten verlngerten sich daher fr sie mehr und mehr, und diese wachsende Unsicherheit der Existenz trieb sie in die Stadt, wo sie sich eher durchschlagen zu knnen glaubten. Hatte doch auch der im Verhltnis hohe Lohn der Industriearbeiterin viel Verlockendes fr sie. Eine franzsische Landmagd verdiente Mitte des vorigen Jahrhunderts z.B. selten mehr als 90 frs. im Jahr und erhielt als Ergnzung vielfach eine ungengende Kost und Wohnung. Eine Tagelhnerin brachte es nicht ber 60 bis 75 c. tglich.[452] Aber noch andere Schwierigkeiten verbitterten das Dasein der Landarbeiterinnen: Sie waren soweit abhngig von ihren Herren, da auch hufig die Eheschlieung ihnen erschwert, wenn nicht gar unmglich gemacht wurde. Etwas von dem neuen Geist, der die Arbeiterwelt durchglhte, trugen erst die Eisenbahnen mit ihrer steigenden Ausdehnung in die fernen Drfer und Gutshfe. Den Druck der Abhngigkeit fingen die Landarbeiter an nach und nach zu spren das Bewutsein ihres Sklaventums, die Sehnsucht nach Freiheit dmmerte in ihnen. Stadt und Freiheit galt ihnen bald als verwandter Begriff. Je strker das Klassenbewutsein sich in ihnen regte, desto entschiedener strebten sie vom Lande fort. Das lndliche Gesinde, meist aus unverheirateten, daher leichter beweglichen jungen Leuten bestehend, verminderte sich am schnellsten. So kamen in Preuen auf 100 Personen der Bevlkerung gewerbliches (landwirtschaftliches) Gesinde: 1819: 8,5 1837: 7,0 1849: 6,9 1852: 6,4 1855: 6,7 1861: 5,7 1871: 3,6. In Bayern sank die Zahl des landwirtschaftlichen Gesindes von 10,8% im Jahre 1840 auf 6,6% im Jahre 1882, in Sachsen von 7,5% im Jahre 1861 auf 3,5% im Jahre 1882, in Hessen von 3,17% im Jahre 1861 auf 1,38% im Jahre 1882.[453] Wenn auch der Mangel an lndlichen Arbeitern durchaus keine neue Erscheinung ist--suchte man ihn doch schon vor fast 300 Jahren durch die Einfhrung des Gesinde-Zwangsdienstes zu bekmpfen--, in seiner heutigen Gestalt aber, wo er der Ausdruck des Klassenbewutseins und nicht nur die sporadische Folge besonders drckender Verhltnisse ist, kann er als der Beginn ernster sozialer Kmpfe angesehen werden. Dasselbe gilt fr die Entwicklung der Dienstbotenfrage. Es ist nicht nur die Thatsache, da die huslichen Arbeiter sich mehr und mehr in industrielle verwandeln, und die Hauswirtschaft zusammenschrumpft, durch die die Abnahme der huslichen Dienstboten ihre natrliche Erklrung findet, denn thatschlich bersteigt die Nachfrage berall das Angebot, es ist vielmehr das erwachende Selbstgefhl, das die Mdchen vom Dienstbotenberuf in immer strkerem Mae zurcktreibt. Kaum giebt es einen Beruf, an dem die Verachtung der Handarbeit im allgemeinen, die das klassische Altertum aufweist, so unvernderlich haften geblieben ist, wie an diesem. Kein anderer erinnert aber auch bis in die neueste Zeit hinein so an die Sklaverei, wie er: Der Arbeiter verkauft hier nicht seine Arbeitskraft, sondern gewissermaen seine ganze Person, er steht Tag und Nacht im Dienst und unter Aufsicht des Herrn. Luther gab seinerzeit nur der allgemein herrschenden Ansicht Ausdruck, wenn er das Gesinde als eine "Plage von Gott", als die "Allerunwrdigsten", als "Unflat" und "Madensack" bezeichnet, und die Zuchthaus- und Prgelstrafe als allein richtige Erziehungsmittel anfhrt.[454] Und der Geist Luthers spukte weiter in allen Kpfen. Die Klagen ber die schlechten Dienstboten sind keine Errungenschaften moderner Damenkaffees, Am Anfang des 19. Jahrhunderts schrieb ein Arzt: "Noch nie war vielleicht eine Klasse von Menschen bermtiger, trotziger und widerspenstiger als der grte Teil unserer jetzigen Dienstboten."[455] Ueber Putzsucht und Unzucht, ber Unredlichkeit und Untreue werden die beweglichsten Klagelieder angestimmt, den Ursachen dieser Fehler wird entweder gar nicht nachgeforscht, oder man sucht sie im Mangel an Erziehung und Religion. Wie diese Auffassung sich durch Jahrhunderte hindurch gleich geblieben ist, geht aus folgenden Aussprchen hervor: "Bei den Gesindeschulen," sagt Krnitz[456], "mu man sein Hauptaugenmerk darauf richten, da man darin frommes und gottesfrchtiges, in der Religion wohl unterrichtetes Gesinde zu erziehen suche"; und 1873 erklrt v.d. Goltz: "Die Ursache der sich durch die Jahrhunderte ziemlich gleich bleibenden Klagen ber die dienende Bevlkerung liegen in der Unvollkommenheit und Sndhaftigkeit der menschlichen Natur begrndet."[457] Amalie Holst sieht 1802 die Hauptursache der Sittenlosigkeit des Gesindes "in dem Mangel einer zweckmigen Erziehung der niederen Volksklassen,"[458] und Mathilde Weber ist keinen Schritt weiter gekommen, wenn sie 1886 schreibt: "Die Dienstbotenfrage ist vielfach ein Produkt der Nichterziehung."[459] Wo solche Ansichten ber die Ursachen der "Dienstbotennot" herrschten, unter der man nicht die Not der Dienstboten, sondern die Not der Herrschaften an guten Dienstboten verstand, konnten auch die Besserungsversuche nur falsche Wege einschlagen. Keine Befreiung, sondern eine strkere Knechtung war ihr wesentlicher Inhalt. Das spiegeln die Anfang des 19. Jahrhunderts entstandenen oder umgewandelten Dienstbotenordnungen ebenso wieder, wie alle privaten Bestrebungen auf diesem Gebiete. Die Wiederherstellung des "patriarchalischen Zustandes", jenes Mrchens, das sich die deutschen Hausfrauen besonders so gern immer wieder als lautere Wahrheit einreden lassen, wird allseitig als das erwnschteste Ziel betrachtet. Da es die rechtlichen, sozialen und konomischen Zustnde sind, die einer Besserung dringend bedrfen, und aus denen sich sowohl die durch sie gezchteten Eigenschaften der Dienstboten wie ihre Abnahme erklren lassen, ist bis zum 20. Jahrhundert nur sehr selten jemandem in den Sinn gekommen. Der Mangel an Dienstboten wurde immer fhlbarer und sie kehrten nicht nur ihrem Beruf den Rcken, sondern sie sprachen sich auch, wenn auch nur sehr schchtern und vereinzelt, ber ihre Lage aus. Im April 1848 fand in Leipzig sogar eine Versammlung weiblicher Dienstboten statt, die Erhhung der Lhne, bessere Kost und lngere Nachtruhe forderte. Wie es thatschlich um alle diese Dinge stand, das schilderte 1867 ein deutscher Autor[460] folgendermaen: "Man giebt ihnen die roheste Kost; sie mssen zu zwei und drei in Rumen schlafen, die nicht einmal den Namen einer Kammer verdienen, ja oft zu zwei in einem Bett. Und was das fr Marterinstrumente, welche Pfhle voll Krankheitsstoff diese sind! Auerdem, da die Dienstboten nicht allein vom frhen Morgen bis zum Sonnenuntergang zur Arbeit angehalten werden, knnen die Dienstherren doch nicht genug kriegen und verlangen darber und immer noch mehr!" Was die Lage der huslichen Dienstboten aber noch verschrfte, waren die sittlichen Gefahren, denen sie ausgesetzt waren. Mehr noch als andere Arbeiterinnen galten sie dem verrohten Teil der Mnnerwelt, besonders der gebildeten, fr vogelfrei. 1866 waren in Paris fast die Hlfte der Frauen in den ffentlichen Entbindungsanstalten Dienstmdchen, und mehr als die Hlfte der unehelichen Kinder hatten Dienstmdchen zu Mttern. Wie tief die armen Mdchen sanken, beweist die Thatsache, da zur selben Zeit unter zehn Prostituierten in Paris sich ein verfhrtes Dienstmdchen befand und sie den dritten Teil der Kindsmrderinnen in Frankreich ausmachten.[461] Die psychologischen, die konomischen und die moralischen Grnde sind nach alledem stark genug, um die Abnahme der Dienstboten begreiflich erscheinen zu lassen. Wie sich ihre Zahl im Verhltnis zur Bevlkerung vernderte, lt sich, abgesehen von den letzten Zhlungen, schwer feststellen, weil die Erhebungen ungenaue waren, das husliche Gesinde auch vielfach mit dem landwirtschaftlichen zusammen gerechnet wurde. Einen annhernden Begriff von der Zu- resp. Abnahme der huslichen Dienstboten giebt folgende Tabelle.[462] Auf 100 Personen der Gesamtbevlkerung kamen Dienstboten in Lnder | 1811/19 | 1847/49 | 1861/66 | 1871 | 1880 | 1882 | 1885 ----------------+---------+---------+---------+------+------+------+------ Preuen | 0,9 | 1,1 | | | | 3,2 | Hamburg | 10,5 | | 12,1 | 7,5 | 6,3 | 5,7 | 4,8 Oldenburg | | | | 3,1 | 2,4 | | 2,5 Sachsen | | | 2,2 | | | 2,7 | Bayern | | 0,9 | | | | 1,7 | Mecklenburg | | | | 3,6 | | 2,2 | Hessen | | | 2,77 | 2,50 | | 1,94 | Sachsen - | | | | | | | Altenburg | | | 2,1 | | | 1,7 | Sachsen - | | | | | | | Weimar | | | 2,4 | | | 1,5 | Schwarzburg- | | | | | | | Sondershausen | | | 2,0 | | | 1,6 | So unzulnglich und wenig beweiskrftig auch diese Zusammenstellung ist, so geht doch aus ihr schon hervor, da auch dieser proletarische Frauenberuf,--der lteste vielleicht, den es berhaupt giebt,--im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts anfing, einer Umwandlung entgegenzugehen, die sich im weiteren Verlaufe der Zeit immer deutlicher ausprgt. Die wirtschaftliche und die soziale Entwicklung drngt eben immer strker dazu, diejenigen Frauenberufe, die frher als die fast einzigen angesehen wurden und die in mehr oder weniger direkter Beziehung zum Hause und zur Hauswirtschaft standen, durch andere zu entwerten und abzulsen. Als ein ganz moderner Beruf, dessen rapide Ausbreitung in die jngste Zeit fllt, ist der der Verkuferinnen anzusehen. Whrend die fachmnnisch vorgebildeten weiblichen Handelsangestellten meist aus brgerlichen Kreisen stammen, strmen dem Beruf der ungelernten Verkuferinnen immer mehr Proletariertchter zu. Diese Bewegung begann schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts, aber es blieb bei vereinzelten Fllen. Erst als Schichten der Arbeiter sich durch Bildung und hhere Lebenshaltung, infolge besserer Arbeitsbedingungen, aus den Massen emporhoben, konnten sie fr ihre Tchter an Stellungen denken, die ein gewisses Ma von feinerer Lebensart erforderten, und, uerlich betrachtet, einige Stufen hher standen, als die der Fabrik- oder Werkstattarbeiterin. Wer nher zusah, bemerkte freilich vor lauter Schatten kaum mehr das Licht: niedriger Lohn und Ausbeutung bis zum uersten gingen meist Hand in Hand und das enorm rasche Anwachsen der Zahl der Verkuferinnen war leider groenteils darauf zurckzufhren, da sie sich Bedingungen unterwarfen, die jeder Mann mit Entrstung von sich wies. Sie thaten es nicht nur aus einer gewissen naiven Unkenntnis dessen, was sie htten beanspruchen knnen, sondern auch im scharfen Konkurrenzkampf gegen die vielen Mdchen aus dem Mittelstand, die, weil sie Anschlu an ihre Eltern oder ein eigenes kleines Einkommen hatten, mit jedem Lohn, der ihnen nur ein Taschengeld war, sich zufrieden gaben. Die Zunahme der proletarischen Frauenarbeit im 19. Jahrhundert beschrnkt sich auf die Industrie und den Handel. Sie ist hier wie dort eine rapide. Fr die Industrie wird sie durch die groartige Entwicklung der Technik untersttzt, ja vielfach berhaupt erst durch sie ermglicht. Das wachsende Miverhltnis zwischen dem Einkommen der Mnner und den Bedrfnissen der Familie trieb die Frauen zur Lohnarbeit; durch ihren massenhaften Eintritt in das Erwerbsleben bten sie jedoch wieder einen Druck auf die Lhne aller aus. Sie befinden sich demnach in einem Zirkel, aus dem ein Entrinnen unmglich scheint. Die Abnahme der proletarischen Frauenarbeit in der Landwirtschaft und im Hausdienst ist teils auf konomische Motive,--niedrige Lhne und lange Arbeitszeit,--teils auf psychologische,--das Freiheits- und Freudebedrfnis erwachender Individualitten,--zurckzufhren, und bei oberflchlicher Betrachtung gewinnt man den Eindruck, als sei dem entstehenden Mangel an Arbeitskrften in beiden Berufsgebieten ebensowenig abzuhelfen, wie dem Ueberangebot in Handel und Industrie. Die Erwerbsarbeit der Frauen war schon vor dem 19. Jahrhundert eine bekannte Erscheinung gewesen, aber sie bewegte sich im groen und ganzen in den Grenzen des Hauses und dessen, was man unter spezifisch weiblicher Arbeit verstand. Ihr massenhaftes Heraustreten aus dem Hause, ihr Zusammenstrmen in den Betrieben der Groindustrie, ihre durch die Maschine bedingte vernderte Organisation, die die Frau von der Stellung eines gewissermaen selbstndigen Handwerkers, der seine Arbeit in all ihren Teilen allein ausfhrte, zur Teilarbeiterin und Bedienerin der Maschine herabsinken lie, rief eine Umwandlung hervor, die einer Neuschpfung gleich kam. Die moderne Proletarierin hat mit der Arbeiterin vergangener Zeiten nicht mehr viel gemein. Und sie hat vieles vor ihr voraus. Denn die Maschine, die sie in Not und Elend strzte, hilft ihr auch, sich daraus zu befreien. Ohne sie wre die Frau stets in ihrer allen Fortschritt hemmenden Vereinzelung geblieben. Durch sie wurde sie dem Heere der Proletarier eingegliedert, der reiche Strom ihrer Liebe und ihres Mitempfindens wurde ber den Kreis der Familie hinausgefhrt; sie lernte leiden mit ihren Arbeitsgenossen, und wird mit derselben Hingebung auch mit und fr sie kmpfen lernen, mit der sie einst nur fr ihr eigen Fleisch und Blut gekmpft hat. 5. Die Statistik der proletarischen Frauenarbeit nach den letzten Zhlungen. Um ein klares Bild des gegenwrtigen Standes der proletarischen Frauenarbeit zu gewinnen, gilt es zunchst, ihre Ausbreitung zahlenmig festzustellen. Diesem Bestreben stellen sich jedoch groe Schwierigkeiten entgegen: die Erhebungen der verschiedenen Lnder sind, was ihre grundlegenden Prinzipien sowohl wie die Art ihrer Ausfhrung betrifft, so abweichend voneinander, da eine Zusammenstellung internationaler Ergebnisse nicht zu unbedingt richtigen Resultaten fhren kann. Selbst wenn wir uns im wesentlichen auf Deutschland, Oesterreich, Frankreich, England und die Vereinigten Staaten beschrnken, haben wir es mit ganz ungleichartigen Zhlungen zu thun. Schon der Begriff der Berufsthtigen berhaupt ist kein feststehender, Deutschland und Oesterreich zhlen, zum Teil in hohem Mae, die mithelfenden Familienangehrigen dazu, whrend England z.B. sie vollstndig ausscheidet. Ferner ist in Frankreich, England und Nordamerika die erste Voraussetzung einer Zhlung der proletarischen Arbeit dadurch nicht erfllt, da die soziale Schichtung, d.h. die Einteilung der Berufsthtigen in Selbstndige, Angestellte, Arbeiter u.s.w., ganz fehlt oder sehr unzureichend ist. Frankreich, das in den allerdings ungengenden Zhlungen von 1881 und 1891 die soziale Schichtung in Unternehmer, Angestellte und Arbeiter vorgenommen hatte, ist in der Zhlung von 1896 davon abgegangen und hat Angestellte und Arbeiter unbegreiflicherweise wieder zusammengeworfen, soda sie, trotz ihrer sonstigen Vorzge, fr unseren Zweck nur mit Einschrnkungen brauchbar ist. England kennt nur die Einteilung in Arbeitgeber, Arbeitnehmer und auf eigene Rechnung Arbeitende, und auch diese erst in der letzten Zhlung von 1891, der von 1881 fehlt fast jede Einteilung, und nur die groe Detaillierung der Arbeitszweige ermglicht eine annhernd richtige Feststellung der proletarischen Arbeit. Dasselbe gilt fr Nordamerika, wo die soziale Schichtung so gut wie vollstndig fehlt und nur die Ausfhrlichkeit in der Darstellung der einzelnen Berufe darber hinwegzuhelfen vermag. In Oesterreich, zum Teil auch in Deutschland, sind die letzte und die vorletzte Zhlung nach so verschiedenen Prinzipien erfolgt, da auch hier ein Vergleich schwer ist. So hat man in Oesterreich neben den Selbstndigen, Angestellten und Arbeitern eine vierte Schicht, die der Tagelhner geschaffen, die bei internationalen Vergleichungen sehr strend wirkt, weil sie sich in dieser Form nirgends wiederfindet. Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, da der Begriff der "Selbstndigen" ein sehr schwankender ist. Die deutsche Statistik versteht darunter sowohl die Besitzer landwirtschaftlicher Zwergbetriebe, als jede Nherin oder Putzmacherin, die auf eigene Rechnung arbeitet. Die Betriebszhlung hilft diesem Uebelstande zum Teil ab, und man kann wenigstens mit ihrer Hilfe die ausgesprochen proletarischen Existenzen aussondern. Unmglich dagegen ist es in England, wo die Schicht der "auf eigene Rechnung Arbeitenden" die groe Schneiderin, ebenso wie die arme Nherin umfassen kann; und in Frankreich wieder hat man die Kleinmeister (petits patrons), die frher besonders berechnet wurden, in der letzten Zhlung ohne weiteres den Arbeitern zugezhlt. Ganz abgesehen von all diesen Bedenken in Bezug auf die einzelnen Lnder, gilt fr alle das gleiche: da nmlich gerade die proletarische Frauenarbeit in ihrem ganzen Umfang schwer zu erfassen ist; teils versteckt sie sich in fast unerreichbare Erden- und Huserwinkel, teils sind die befragten Frauen selbst zu schwerfllig und unaufgeklrt, um genaue Antworten geben zu knnen. Die folgenden Tabellen, die auf Grund eines so unzureichenden Materials zusammengestellt wurden, machen daher nicht den Anspruch, den Stand der proletarischen Frauenarbeit unbedingt richtig wiederzugeben. Eine Betrachtung der proletarischen Arbeit im Verhltnis zur Erwerbsthtigkeit berhaupt giebt den besten Begriff fr ihre Bedeutung. | | | || |Davon ||Auf 100 erwerbs- | Zhl |Erwerbs-|Davon ||Erwerbs-|waren ||thtige Mnner | ungs-|thtige |waren ||thtige |Arbeite-||resp. Frauen Lnder |periode| Mnner |Arbei- ||Frauen |rinnen || kamen | | |ter || | ||Arbei-|Arbeite- | | | || | || ter | rinnen -----------+-------+--------+-------++--------+--------++------+-------- | | | || | || | Deutschland| 1882 |13415415|8020114|| 5541517| 4408116|| 59,78| 79,55 " | 1895 |15531841|9295082|| 6578350| 5293277|| 59,85| 80,47 | | | || | || | Oesterreich| 1880 | 6823891|3670338|| 4688687| 3642864|| 53,79| 77,69 " | 1890 | 7780491|4363074|| 6245073| 5310639|| 56,07| 85,04 | | | || | || | Frankreich | 1881 |10496652|4376604|| 5033604| 3635802|| 41,69| 72,23 " | 1891 |11137065|4990635|| 5191084| 3584518|| 43,91| 69,05 | | | || | || | Verein. | 1880 |14744943|7053702|| 2647157| 2041466|| 47,84| 77,12 Staaten | 1890 |18821090|8735622|| 3914571| 2864818|| 46,41| 73,18 | | | || | || | England u. | | | || | || | Wales | 1891 | 8883254|5368965|| 4016230| 3113256|| 60,44| 77,51 Zunchst geht aus der Zusammenstellung hervor, da die Frauenarbeit berhaupt einen ausgesprochen proletarischen Charakter hat: etwa drei Viertel aller erwerbsthtigen Frauen sind Arbeiterinnen. Wenn das brigbleibende eine Viertel bisher in der Frauenbewegung allein zu Worte kam und sich mit seinen Wnschen in den Vordergrund zu drngen verstand, so ist dies ein Beweis mehr fr die traurige Lage der Arbeiterinnen: sie bildeten jene groe Armee der Stummen, denen die Not den Mund verschlo. Fr ihre Zunahme scheint die vorstehende Tabelle nicht zu sprechen; nur in Deutschland und Oesterreich verschiebt sich der Anteil der Arbeiterinnen am weiblichen Erwerbsleben zu ihren Gunsten; in Frankreich und Nordamerika findet ein Rckgang statt, der sich fr Frankreich sogar in den absoluten Zahlen ausdrckt. Diese frappierende Thatsache, die uns nur in Frankreich begegnet, wird durch die Zhlung von 1896 berichtigt, da hier nur eine relative und zwar sehr geringfgige Abnahme zu konstatieren ist. Da sie jedoch, wie gesagt, Arbeiter und Angestellte zusammenrechnet, mssen beide Kategorien, um einen Vergleich zu ermglichen, auch fr 1891 zusammengezhlt werden. Das Resultat ist folgendes: | | | || |Davon ||Auf 100 erwerbs- | Zahl |Erwerbs-|Davon ||Erwerbs-|waren ||thtige Mnner | ungs-|thtige |waren ||thtige |Arbeite-||resp. Frauen Land |periode| Mnner |Arbei- || Frauen |rinnen || kamen | | |ter und|| |und An- ||Arbei-|Arbeite- | | |Ange- || |gestell-|| ter | rinnen | | |stellte|| |te || -----------+-------+--------+-------++--------+--------++------+-------- | | | || | || | Frankreich | 1891 |11197065|5563898|| 5191084| 3735904|| 49,96| 71,97 " | 1896 |11725978|8290204|| 6152983| 4287006|| 70,61| 69,67 Was Amerika betrifft, so wird die Verschiebung in der Zusammensetzung der Erwerbsthtigen aus brgerlichen und proletarischen Elementen durch die Zunahme der ersteren, infolge des starken geistigen Aufschwungs und der erheblich gesteigerten Anteilnahme der Frauen an brgerlichen Berufen im Laufe des zehnjhrigen Zeitraumes zur Genge erklrt. Aber noch eine andere Thatsache springt aus der vorliegenden Tabelle ins Auge: Die enorme Vermehrung der proletarischen Frauenarbeit in Oesterreich; sie hat um fast zwei Millionen zugenommen und bersteigt die Zahl der mnnlichen Arbeiter um ca. eine Million--ein nirgends wiederkehrendes Verhltnis! So wenig Wert, der verschiedenen angewandten Methoden wegen, auf den Vergleich beider Zhlungsresultate zu legen ist, so wichtig bleibt das Ergebnis der letzten Zhlung, mit dem wir uns noch werden beschftigen mssen. Hier sei nur darauf hingewiesen, da es hauptschlich dem Umstand der starken Erfassung der verheirateten arbeitenden Frauen entspringt und zweifellos Fehler schwerwiegender Art mit untergelaufen sind. Die Frage des Wachstums der proletarischen Arbeit mu aber noch von anderen Seiten beleuchtet werden, und zwar zunchst im Vergleich mit dem Wachstum der Bevlkerung: |Auf 100 mnn- |Auf 100 weib- |Auf 100 |Auf 100 |liche Personen|liche Personen|Arbeiter |Arbeiterinnen Lnder |der ersten |der ersten |der ersten |der ersten |Zhlungs- |Zhlungs- |Zhlungs- |Zhlungs- |periode |periode |periode |periode |kommen in der |kommen in der |kommen in der|kommen in der |zweiten |zweiten | zweiten |zweiten -----------+--------------+--------------+-------------+------------- Deutschland| 115 | 114 | 116 | 120 Oesterreich| 108 | 108 | 119 | 147 Frankreich | 101 | 102 | 114 | 99 Vereinigte | | | | Staaten | 126 | 124 | 124 | 140 Aus vorstehender Berechnung geht hervor, da eine normale Zunahme der Arbeiter, d.h. eine, die der Zunahme der Bevlkerung entspricht, nur soweit die Mnner in Betracht kommen und zwar blo in Deutschland und Nordamerika stattgefunden hat. Die Zunahme der Arbeiterinnen ist berall eine anormale, sie bersteigt, mit Ausnahme von Frankreich, zum Teil, und wie in Oesterreich um ein Bedeutendes, die Zunahme der weiblichen Bevlkerung. In Frankreich ist die Differenz keine sehr groe, ja es zeigt sich auch hier eine weit strkere Zunahme der weiblichen Arbeiterschaft, als der weiblichen Bevlkerung, wenn wir der Berechnung die Zhlungen von 1891 und 1896 zu Grunde legen. |Auf 100 mnn- |Auf 100 weib- |Auf 100 |Auf 100 Ar- |liche Personen|liche Personen|Arbeiter |beiterinnen Land |der Zhlung |der Zhlung |der Zhlung|der Zhlung |von 1891 kamen|von 1891 kamen|von 1891 |von 1891 |1896[463] |1896 |kamen 1896 |kamen 1896 -----------+--------------+--------------+-----------+----------- Frankreich | 100 | 100,35 | 151 | 115 Fr England ist es unmglich, den Fortschritt der proletarischen Frauenarbeit allein festzustellen, weil nur die letzte Zhlung eine soziale Schichtung kennt. Betrachten wir die gesamte erwerbsthtige weibliche Bevlkerung ber zehn Jahr in ihrem Verhltnis zur weiblichen Bevlkerung im allgemeinen, so kann von einer wesentlichen Vermehrung nicht die Rede sein: 1881 waren von je 100 weiblichen Personen ber zehn Jahr 34,05 erwerbsthtig, 1891 dagegen 34,42. Aber auch der Prozentsatz der mnnlichen Erwerbsttigen hat sich nicht verschoben, er betrug in beiden Zhlungsperioden 83%.[464] Das Verhltnis der mnnlichen und weiblichen Arbeiter zu einander und seine Verschiebung im Laufe der Zeit mu gleichfalls einer nheren Betrachtung unterzogen werden. Folgende Tabelle giebt Aufschlu darber: Lnder |Zhlungs-| | |Von |periode |Mnner |Frauen |100 Arbeitern | | | |sind | | | | | | | |Mnner|Frauen ------------------+---------+-------+-------+------+------ Deutschland | 1882 |8020114|4408116| 64,53| 35,47 " | 1895 |9295082|5293277| 63,65| 36,35 Oesterreich | 1880 |3670338|3642864| 50,19| 49,81 " | 1890 |4363074|5310639| 45,10| 54,90 Frankreich[465] | 1881 |4376604|3635802| 54,62| 45,38 " | 1891 |4990635|3584518| 59,36| 40,64 " | 1891 |5563898|3735904| 53,44| 46,54 " | 1896 |8290204|4287006| 65,86| 34,14 England und Wales | 1881 | -- | -- | -- | -- " " " | 1891 |5368965|3113256| 63,30| 36,70 Vereinigte Staaten| 1880 |7053702|2041466| 77,56| 22,44 " " | 1890 |8735622|2864818| 75,30| 24,70 Mit Ausnahme von Frankreich wre der Eindruck eines Zurckdrngens der Mnner durch die Frauen hiernach der vorherrschende, wenn nicht aus der Tabelle auf Seite 248 schon hervorgegangen wre, da thatschlich die Zunahme der mnnlichen Arbeiter mit der Zunahme der Bevlkerung gleichen Schritt hlt, ja sie zum Teil bersteigt. Es handelt sich also wohl um eine andere Zusammensetzung, nicht aber um einen Rckgang der mnnlichen Arbeiter. Interessant ist bei vorliegender Tabelle das Bild, das Frankreich bietet. Auch nach der neuesten Zhlung scheinen die Frauen den Mnnern bedeutend nachzustehen. Ein Blick auf die absoluten Zahlen der mnnlichen Arbeiter bringt die Erklrung dafr: danach sollen die Angestellten und Arbeiter im Laufe von nur fnf Jahren eine Zunahme von fast drei Millionen erfahren haben! Das ist, angesichts der minimalen Zunahme der Bevlkerung, selbst dann eine Unmglichkeit, wenn in Betracht gezogen wird, da die Zhlung von 1896 die Kleinmeister (petits patrons) den Arbeitern zugerechnet hat, und es kann als das Wahrscheinlichste angenommen werden, da die Statistik von 1891 einen groen Teil der Arbeiter nicht erfate. Ist das der Fall, so wrde die Zusammensetzung der Arbeiter nach Geschlechtern eine andere werden. Die starke Zunahme der proletarischen Frauenarbeit wird fast immer mit einer Verdrngung der Mnnerarbeit in Zusammenhang gebracht. Zum Beweise dafr beruft man sich auf die oft beobachtete, im vorigen Abschnitt auch von uns angefhrte Thatsache, da durch die Einfhrung neuer, leichter zu handhabender Maschinen in gewissen Fabrikationszweigen Frauen an Stelle der Mnner treten. Ganz abgesehen davon, da es auch Maschinen giebt,--z.B. die Setzmaschine,--die ihrerseits wieder die Frauenarbeit verdrngen, zeigt es sich an der Hand der Statistik, da im allgemeinen von einem Ersatz der Arbeiter durch Arbeiterinnen kaum die Rede sein kann, es sich vielmehr um Verschiebungen handelt. Die gegenteilige Behauptung ist auch eines jener auf ungengender Kenntnis der Thatsachen beruhenden Schlagworte der Frauenbewegung. Folgende Tabelle diene zum Beweis dafr.[466] Es verblieben nmlich in der Stellung von berufslosen Familienangehrigen: Von je 1000 Personen | Deutschland | Oesterreich in der Altersklasse |-----------------+----------------- |mnnlich|weiblich|mnnlich|weiblich --------------------------+--------+--------+--------+-------- unter 20 Jahr | 742 | 812 | 655 | 691 von 20-30 Jahr | 24 | 531 | 28 | 268 " 30-40 " | 9 | 743 | 11 | 340 " 40-50 " | 7 | 710 | 7 | 304 " 50-60 " | 10 | 632 | 8 | 267 " 60-70 " | 22 | 553 | 18 | 261 " 70 Jahr und darber | 106 | 469 | 54 | 253 Daraus geht hervor, da in den fr die Berufsarbeit entscheidenden Altersklassen kaum 1% Mnner zum Eintritt in den Erwerb brig bleibt. Man kann annehmen, da dieses eine Prozent groenteils aus jenen physisch und moralisch Kranken besteht, die berhaupt von der Berufsarbeit ausgeschlossen sind, da daher fast alle verfgbaren Mnner zur Arbeit herangezogen wurden. Anders steht es mit den Frauen. Ihr Anteil an der Berufsarbeit fllt wesentlich in das 20. bis 30. Lebensjahr, aber auch hier ist noch fast die Hlfte der Frauen erwerbslos und diese Erwerbslosigkeit steigert sich erheblich in den Jahren, wo Mutter- und Hausfrauenpflichten die Frauen in Anspruch nehmen. Erst in spteren Jahren, zu einer Zeit, wo der Rcktritt der Mnner in die Reihen der Berufslosen beginnt, wchst wieder, infolge der groen Zahl von Witwen, der Anteil der Frauen am Erwerbsleben. Jedenfalls bleiben in allen Altersklassen noch viele erwerbsfhige Frauen verfgbar, und aus ihren Reihen nimmt besonders die Industrie die ihr ntigen, aus der Mnnerwelt nicht zu deckenden Arbeitskrfte. Infolgedessen wird auf absehbare Zeit hinaus die proletarische Frauenarbeit im Verhltnis strker zunehmen als die Mnnerarbeit, ohne da diese durch jene gefhrdet wird. Diese Auffassung kann scheinbar durch den Hinweis auf die groe Zahl der Arbeitslosen entkrftet werden. Aber nur scheinbar! Denn die Arbeitslosigkeit entspringt wesentlich dem Saisoncharakter zahlreicher Berufsarten, auch die mangelhafte Organisation des Arbeitsmarkts spielt dabei eine Rolle, und Mnner und Frauen werden gleicherweise von ihr heimgesucht. Die Betrachtung der proletarischen Frauenarbeit verlangt aber auch ein nheres Eingehen auf ihre Beteiligung an den einzelnen Berufsabteilungen. Sie gestaltet sich im Verhltnis zu den Mnnern folgendermaen: Lnder |Zhlungs-|Landwirtschaft |periode | | |Mnner |Frauen |Von 100 Arbeitern | | | |sind | | | |mnnlich|weiblich -------------------------+---------+-------+-------+--------+-------- Deutschland | 1882 |3629959|2251860| 61,71 | 38,29 Deutschland | 1895 |3239646|2388148| 57,57 | 42,43 Oesterreich | 1880 |1646317|2088985| 43,70 | 56,30 Oesterreich | 1890 |1962688|3652445| 34,95 | 65,05 Frankreich (nur Arbeiter)| 1881 |1858131|1542407| 54,67 | 45,33 Frankreich (nur Arbeiter)| 1891 |2120799|1452924| 59,34 | 40,66 Frankreich (Arbeiter u. | 1891 |2166351|1482772| 59,37 | 40,63 Angestellte) | | | | | Frankreich (Arbeiter u. | 1896 |3818509|1487123| 71,97 | 28,03 Angestellte) | | | | | England und Wales | 1881 | 807608| 40346| 95,26 | 4,74 England und Wales | 1891 | 734984| 24150| 96,82 | 3,18 Vereinigte Staaten | 1880 |2208400| 399309| 84,69 | 15,31 Vereinigte Staaten | 1890 |2316399| 363544| 86,43 | 13,57 Lnder |Zhlungs-|Industrie |periode | | |Mnner |Frauen |Von 100 Arbeitern | | | |sind | | | |mnnlich|weiblich -------------------------+---------+-------+-------+--------+-------- Deutschland | 1882 |3551014| 545229| 86,69 | 13,31 Deutschland | 1895 |4963409| 992302| 83,35 | 16,65 Oesterreich | 1880 |1193265| 449746| 72,63 | 27,37 Oesterreich | 1890 |1558914| 585692| 72,69 | 27,31 Frankreich (nur Arbeiter)| 1881 |1869639|1161960| 61,67 | 38,33 Frankreich (nur Arbeiter)| 1891 |2146156|1173061| 64,72 | 35,28 Frankreich (Arbeiter u. | 1891 |2262222|1219217| 64,98 | 35,02 Angestellte) | | | | | Frankreich (Arbeiter u. | 1896 |3048030|1611078| 65,42 | 34,58 Angestellte) | | | | | England und Wales | 1881 | | | | England und Wales | 1891 |3926934|1466130| 72,81 | 27,19 Vereinigte Staaten | 1880 |2878133| 690798| 80,65 | 19,35 Vereinigte Staaten | 1890 |4236760|1206807| 77,83 | 22,17 Lnder |Zhlungs-|Handel und Verkehr |periode | | |Mnner |Frauen |Von 100 Arbeitern | | | |sind | | | |mnnlich|weiblich -------------------------+---------+-------+-------+--------+-------- Deutschland | 1882 | 582885| 144777| 80,11 | 19,89 Deutschland | 1895 | 868042| 365005| 70,40 | 29,60 Oesterreich | 1880 | 131043| 31039| 80,86 | 19,14 Oesterreich | 1890 | 189281| 59246| 76,16 | 23,84 Frankreich (nur Arbeiter)| 1881 | 304605| 119115| 71,89 | 28,11 Frankreich (nur Arbeiter)| 1891 | 497655| 228656| 68,52 | 31,48 Frankreich (Arbeiter u. | 1891 | 909310| 334038| 73,10 | 26,90 Angestellte) | | | | | Frankreich (Arbeiter u. | 1896 |1223919| 527073| 69,90 | 30,10 Angestellte) | | | | | England und Wales | 1881 | | | | England und Wales | 1891 | 638423| 12556| 98,07 | 1,93 Vereinigte Staaten | 1880 | 91502| 4803| 95,90 | 4,10 Vereinigte Staaten | 1890 | 127619| 10027| 92,72 | 7,28 Lnder |Zhlungs-|Persnlicher Dienst und |periode |Lohnarbeit wechselnder Art | |Mnner |Frauen |Von 100 Arbeitern | | | |sind | | | |mnnlich|weiblich -------------------------+---------+-------+-------+--------+-------- Deutschland | 1882 | 213746| 183836| 53,76 | 46,24 Deutschland | 1895 | 198626| 233865| 45,91 | 54,09 Oesterreich | 1880 | 495425| 501500| 49,70 | 50,30 Oesterreich | 1890 | 620301| 588169| 51,23 | 48,77 Frankreich (nur Arbeiter)| 1881 | | | | Frankreich (nur Arbeiter)| 1891 | | | | Frankreich (Arbeiter u. | 1891 | | | | Angestellte) | | | | | Frankreich (Arbeiter u. | 1896 | | | | Angestellte) | | | | | England und Wales | 1881 | 5728| 95826| 5,65 | 94,35 England und Wales | 1891 | 10097| 124253| 7,50 | 92,50 Vereinigte Staaten | 1880 |1715733| 70179| 99,60 | 0,40 Vereinigte Staaten | 1890 |1828265| 53096| 99,72 | 0,28 Lnder |Zhlungs-|Husliche Dienstboten |periode | | |Mnner|Frauen |Von 100 Arbeitern | | | |sind | | | |mnnlich|weiblich -------------------------+---------+------+-------+--------+-------- Deutschland | 1882 | 42510|1282414| 3,20 | 96,80 Deutschland | 1895 | 25359|1313957| 1,89 | 98,11 Oesterreich | 1880 |204288| 571594| 26,53 | 73,67 Oesterreich | 1890 | 31890| 424387| 6,99 | 93,01 Frankreich (nur Arbeiter)| 1881 |344229| 812320| 29,76 | 70,24 Frankreich (nur Arbeiter)| 1891 |226015| 699877| 24,30 | 75,70 Frankreich (Arbeiter u. | 1891 |226015| 699877| 24,30 | 75,70 Angestellte) | | | | | Frankreich (Arbeiter u. | 1896 |199746| 661732| 23,19 | 76,81 Angestellte) | | | | | England und Wales | 1881 | 66262|1230406| 5,11 | 94,89 England und Wales | 1891 | 58527|1386167| 4,06 | 95,94 Vereinigte Staaten | 1880 |159934| 876377| 15,43 | 84,57 Vereinigte Staaten | 1890 |226679|1231344| 15,50 | 84,50 Es zeigt sich dabei, da in der Landwirtschaft die Frauenarbeit, mit Ausnahme von Deutschland und Oesterreich, wesentlich abgenommen hat, eine Abnahme, die sich fr England und Amerika auch in den absoluten Zahlen ausdrckt. In der Industrie ist ihre Zunahme in Deutschland und Amerika eine raschere als die Mnnerarbeit, whrend sie in Oesterreich und Frankreich von dieser berrannt wird, obwohl eine absolute Zunahme stattfand. Ganz bedeutend rascher wchst dagegen die Frauenarbeit im Handel und Verkehr und zwar gilt das fr alle Lnder. Fr die Lohnarbeit wechselnder Art hat berall eine Verschiebung zu Gunsten der Mnner stattgefunden, die sich in Amerika sogar auf die absoluten Zahlen erstreckt. Die weiblichen Dienstboten dagegen haben, mit Ausnahme von Amerika, rascher zugenommen als die mnnlichen, die, wieder mit Ausnahme von Amerika, berall an Zahl bedeutend zurckgingen. Eine absolute Verminderung fand in Oesterreich und Frankreich auch fr die weiblichen Dienstboten statt. Diese Darstellung illustriert aber noch nicht genau genug die Gestaltung der proletarischen Arbeit in den einzelnen Berufsabteilungen. Das prozentuale Verhltnis des Wachstums zeigt am besten die Tabelle. Zunahme resp. Abnahme der Arbeiter und Arbeiterinnen. | Landwirtschaft | Industrie | Handel und Verkehr | | | |-------------------+-------------------+------------------- | Auf 100 Lnder |-------------------+-------------------+------------------- |mnnliche|weibliche|mnnliche|weibliche|mnnliche|weibliche |----------------------------------------------------------- | Arbeiter der ersten Zhlungsperiode kommen in der zweiten ---------------+---------+---------+---------+---------+---------+--------- Deutschland | | | | | | 1882 bis 1890| 89 | 106 | 140 | 182 | 149 | 253 Oesterreich | | | | | | 1880 bis 1890| 119 | 175 | 131 | 130 | 144 | 191 Frankreich | | | | | | 1881 bis 1891| 114 | 94 | 116 | 101 | 163 | 192 Frankreich | | | | | | 1891 bis 1896| 176 | 100 3/10| 135 | 132 | 134 | 158 Vereinigte | | | | | | Staaten | | | | | | 1880 bis 1890| 105 | 92 | 113 | 176 | 139 | 209 |Lohnarbeit | |wechselnder Art | Dienstboten |-------------------+------------------- | Auf 100 Lnder |-------------------+------------------- |mnnliche|weibliche|mnnliche|weibliche |--------------------------------------- | Arbeiter der ersten Zhlungsperiode | kommen in der zweiten ---------------+---------+---------+---------+--------- Deutschland | | | | 1882 bis 1890| 108 | 127 | 60 | 103 Oesterreich | | | | 1880 bis 1890| 125 | 117 | 16 | 72 Frankreich | | | | 1881 bis 1891| -- | -- | 66 | 86 Frankreich | | | | 1891 bis 1896| -- | -- | 87 | 95 Vereinigte | | | | Staaten | | | | 1880 bis 1890| 106 | 76 | 142 | 141 Vergleichen wir diese Tabelle mit dem Wachstum der Bevlkerung, wie die Tabelle es wiedergiebt, so zeigt es sich, da die proletarische Frauenarbeit in Industrie und Handel berall bedeutend rascher zugenommen hat als die Bevlkerung, da die Landarbeiterinnen und die Dienstboten dagegen eine starke Abnahme zeigen, oder zum mindesten weit hinter dem prozentualen Wachstum der Bevlkerung zurckblieben. Die verschiedenartige Zusammensetzung innerhalb der weiblichen Arbeiterschaft whrend der letzten und der vorletzten Zhlungsperiode giebt einen noch drastischeren Beweis dafr: | | Von 100 Arbeiterinnen waren beschftigt in | |------------------------------------------------- | | | |Handel | |Husliche Lnder |Zhlungs-| Land- | | und |Lohnarbeit| Dienst- | periode |wirtschaft|Industrie|Verkehr|wechs. Art| boten -----------+---------+----------+---------+-------+----------+--------- Deutschland| 1882 | 51,08 | 12,37 | 3,29 | 4,17 | 29,09 " | 1895 | 45,16 | 18,70 | 6,90 | 4,42 | 24,82 Oesterreich| 1880 | 57,34 | 12,35 | 0,85 | 13,77 | 15,69 " | 1890 | 68,78 | 11,03 | 1,12 | 11,08 | 7,99 Frankreich | 1891 | 39,69 | 32,64 | 8,94 | -- | 18,73 " | 1896 | 34,69 | 37,58 | 12,29 | -- | 15,44 Vereinigte | 1880 | 19,56 | 32,84 | 0,24 | 3,44 | 42,92 Staaten | 1890 | 12,69 | 42,13 | 0,35 | 1,85 | 42,98 Die Verschiebung geht danach fast durchweg zu Gunsten der Handelsangestellten und der Industriearbeiterinnen vor sich. In Bezug auf diese ist es nicht ohne Interesse, die Zhlungen der Gewerbeaufsichtsbeamten zu Hilfe zu nehmen, obwohl sie immer nur einen beschrnkten Kreis von Arbeitern umfassen. Nach den Berichten der deutschen Inspektoren hat sich die Zunahme der Industriearbeiterinnen folgendermaen gestaltet:[467] | Weibliche Arbeiter | Zhlungs-|------------------------- periode |absolute | Zunahme |Zahl |--------------- | |absolut|Prozent ---------+---------+-------+------- 1895 | 739 755| | 1896 | 781 882| 41,127| 5,7 1897 | 822 462| 40,580| 5,2 1898 | 859 203| 36,741| 4,5 1899 | 884 239| 35,036| 4,1 Wir sehen daraus, da zwar die Zunahme alljhrlich eine sehr starke ist, da sie aber von Jahr zu Jahr an Intensitt abnimmt. Ein Schlu auf eine rasche Zunahme der mnnlichen Arbeiter lt sich daraus nicht ziehen, obwohl ein Vergleich aus Mangel an statistischem Material nicht mglich ist. Die Wahrscheinlichkeit aber spricht dafr, da auch das Tempo des Wachstums der mnnlichen Arbeiter sich verlangsamt hat, weil die industrielle Entwicklung gleichfalls ruhiger vorschreitet. Die entsprechenden Zahlen fr Frankreich,--so vorsichtig sie auch wegen der mangelhaften Berichterstattung aufgenommen werden mssen,--sind besonders merkwrdig. Es zeigt sich nmlich, wie nachstehende Tabelle angiebt, da dem starken Wachstum von 15% zwischen 1894 und 1896 in den nchsten zwei Jahren ein empfindlicher Rckschlag folgte: | Weibliche Arbeiter | Mnnliche Arbeiter |--------------------------+-------------------------- Zhlungs-|absolute Zu- resp. Abnahme|absolute Zu- resp. Abnahme periode |--------------------------+-------------------------- | Zahl |absolut | Prozent| Zahl |absolut | Prozent ---------+--------+--------+--------+--------+--------+-------- 1894 | 732760 | | | 1722183| | 1896 | 844911 | 112,151| 15,9 | 1828403| 106,220| 6,2 1898 | 812591 | -32,320| -3,9 | 1820979| -7,424| 0,4 Es zeigt sich aber auch, da fr die Mnner, wenn auch nicht in genau demselben Ma, doch das gleiche gilt.[468] Die proletarische Frauenarbeit wird nun aber keineswegs allein durch die soziale Schicht der Arbeiterinnen erschpft. Es giebt zweifellos auch unter den Selbstndigen eine groe Zahl proletarischer Existenzen, die sich allerdings nur an der Hand einer eingehenden Betriebs- und Gewerbezhlung annhernd feststellen lassen und diese liegt nur fr Deutschland vor.[469] Wir mssen daher hierbei auf internationale Vergleichungen ganz verzichten. Wir knnen aber auch in Deutschland die Proletarier unter den Selbstndigen nicht vllig erfassen, weil die Einteilung der Betriebe nach ihren Grenklassen uns daran verhindert: Sie werden nmlich nur in Alleinbetriebe und Betriebe von 2 bis 5, 6 bis 20, 21 und mehr Personen eingeteilt. Fr unsere Zwecke mssen wir daher bei den Alleinbetrieben stehen bleiben, whrend Betriebe mit 2 Personen zweifellos noch einen proletarischen Charakter tragen. Um von der Verteilung, der Zu- resp. Abnahme der Frauen in den Alleinbetrieben ein klares Bild zu bekommen, mu die Zahl der Frauen in den Gehilfenbetrieben ihnen gegenbergestellt werden, wie es in folgender Tabelle geschieht: Gewerbearten | Frauen | Ihre Zu-|Frauen in|Ihre Zu- |in Allein|resp. Ab-|Gehilfen-|resp. Ab- |betrieben| nahme |betrieben| nahme | 1895 |seit 1882| 1895 |seit 1882 ----------------------+---------+---------+---------+---------- Grtnerei, Tierzucht | | | | und Fischerei | 708 | 285 | 17998 | 10505 Industrie, Bergbau, | | | | Baugewerbe | 443333 | -87753 | 1114986 | 479030 Handel, Verkehr, Gast-| | | | und Schankwirtschaft| 145165 | 42500 | 617115 | 385591 Wir sehen daraus, da die weiblichen Leiter von Alleinbetrieben nur in der Industrie erheblich abgenommen haben, ein Umstand, der, wie wir aus der Zunahme der Arbeiter in den Gehilfenbetrieben sehen, nur auf die Verschiebung zu Gunsten des Mittel- und Grobetriebs zurckzufhren ist. Eine Betrachtung der Gewerbearten, in denen das weibliche Geschlecht besonders stark vertreten ist, erlutert das Gesagte noch deutlicher: Gewerbearten |Frauen in|Zu- resp.||Frauen in|Zu- resp. |Allein- |Abnahme ||Gehilfen-|Abnahme |betrieben| ||betrieben| -----------------------+---------+---------++---------+--------- Strickerei und Wirkerei| 15472 | -2324 || 28164 | 14950 Hkelei und Stickerei | 6178 | -336 || 6049 | 3413 Spitzen-Verfert., | | || | Weizeugstickerei | 7802 | -8737 || 11532 | 7017 Nherei | 185716 | -58183 || 28078 | 3848 Schneiderei | 89250 | 35227 || 84350 | 46746 Kleider- und | | || | Wschekonfektion | 585 | -3886 || 35409 | 15946 Putzmacherei, | | || | knstl. Blumen | 12429 | -1150 || 28874 | 11213 Handschuh, Kravatten, | | || | Hosentrger | 3995 | -4109 || 7760 | 1754 Wscherei, Pltterei | 66029 | -17662 || 27687 | 14057 Die Abnahme in den Alleinbetrieben wird fast berall durch die Zunahme in den Gehilfenbetrieben mehr als wett gemacht. Trotz dieser Konstellation, die im Interesse des Fortschritts wie in dem der Frauen selbst liegt, ist die Zahl der alleinstehenden Selbstndigen immer noch eine auerordentlich hohe, wie aus folgender Tabelle hervorgeht: |Von 100 |Von 100 Gewerbearten |selbstndigen|selbstndigen |Frauen sind |Mnnern sind --------------------------------+-------------+------------- Inhaber von Alleinbetrieben | 84,4 | 50,0 " " Gehilfenbetrieben | 15,6 | 50,0 " mit bis zu 5 Personen | 13,9 | 40,5 " " 6-20 Personen | 1,5 | 6,9 " " 21 und mehr Personen| 0,2 | 2,6 Aus diesen Ziffern ist die gedrckte Lage der erwerbthtigen Frauen mit aller Deutlichkeit zu ersehen: Fast alle selbstndigen Frauen arbeiten allein, d.h. sie sind fast ausnahmslos Proletarierinnen. Das zeigt sich noch deutlicher, wenn wir ins Auge fassen, da, whrend die mnnlichen Alleinmeister sich auf viele Gewerbe verteilen und hufig die Stellung kleiner Handwerker einnehmen, bei den Frauen davon kaum die Rede ist. Ueber ein Fnftel von ihnen finden wir in der Hausindustrie, zwei Fnftel in der Bekleidung und Reinigung, 18,8% im Handel, 11,3% in der Textilindustrie, 4,8% in der Gast- und Schankwirtschaft, 3,4 % in sonstigen Gewerben. Diese noch dazu auf so wenige Gewerbe sich konzentrierende Vereinzelung der Frauen ist ein schweres Hindernis auf dem Wege zu besseren Arbeitsbedingungen. In der Landwirtschaft ist das uere Bild ein hnliches. Rechnen wir die Selbstndigen, soweit sie ein Areal von unter 2 bis 5 ha bewirtschaften, zu den Proletariern, so sind von den selbstndigen Landwirtinnen nicht weniger als drei Viertel Arbeiterinnen in unserm Sinne. Nachstehende Tabelle giebt die genaueren Zahlen: Areal |Selbstndige in der Landwirtschaft |Von je |------------------------------------|100 Selb- | Absolut | in Prozenten |stndigen | | |sind | Mnner | Frauen | Mnner | Frauen |weiblich ---------------+--------+--------+--------+---------+--------- unter 2 ha | 248209 | 177088 | 15,96 | 52,24 | 33,71 2 bis 5 " | 604562 | 74565 | 27,70 | 22,00 | 10,98 5 " 10 " | 501482 | 40059 | 22,98 | 11,82 | 7,40 10 " 50 " | 636275 | 41167 | 29,15 | 12,14 | 6,08 50 " 100 " | 62920 | 4182 | 2,88 | 1,23 | 6,23 100 und mehr ha| 28921 | 1918 | 1,33 | 0,57 | 6,21 Ueber die Zu- resp. Abnahme lt sich leider nichts Genaueres, nach Geschlechtern gesondert, feststellen. Im allgemeinen aber kann, obwohl ein schwacher Rckgang der betreffenden Betriebe stattfand,--von 76,63% auf 76,51%,--angenommen werden, da wenigstens die Zahl der selbstndigen Inhaberinnen von Zwergbetrieben zugenommen hat; man kann darunter nmlich meist solche Frauen verstehen, die an den Grenzen der Industriestdte sogenannte "Lauben" besitzen, und hier im kleinsten Ma Gemse, Blumen und Obst ziehen. Im Gegensatz zur Industrie, wre diese Vermehrung von Alleinbetrieben freudig zu begren, weil sie der Gesundheit der Frauen und Kinder zu Gute kommt. Auch im Handel, wo die von Frauen geleiteten Alleinbetriebe um 41% zugenommen, die von Mnnern geleiteten dagegen um 5% abgenommen haben, sind die Folgen keine schdlichen, die Ursachen aber sind dieselben, wie die fr die steigende Erwerbsthtigkeit der Frauen berhaupt: Not, und die durch die Ertrgnisse des mnnlichen Erwerbs nicht zu deckenden gesteigerten Bedrfnisse. Wie sehr die Thatsache, da das Haupt der Familie sie nicht allein ernhren kann, ins Gewicht fllt, beweist ein Blick auf eine andere Seite der Frauenarbeit: die Zahl der mithelfenden Familienangehrigen. Sie fr alle Berufsabteilungen festgestellt zu haben, ist bisher allein das Verdienst der deutschen Berufsstatistik von 1895. Das Ergebnis ist, da, whrend fast smtliche mnnliche Arbeiter,--99,2%,--Berufsarbeiter sind, von den weiblichen mehr als ein Fnftel zu den helfenden Familiengliedern gehren. Das genauere Verhltnis ist, auch unter Bezugnahme auf die Gre der Betriebe, dieses: || Von 100 berufsmigen ||Von 100 mithelfenden || Arbeitern sind weiblich ||Familienangehrigen || in Betrieben ||sind weiblich in Betrieben Berufsarten ||--------------------------||--------------------------- ||bis 5 |6 bis 20|ber 20 ||bis 5 |6 bis 20|ber 20 ||Personen|Personen|Personen||Personen |Personen|Personen --------------++--------+--------+--------++---------+--------+-------- Landwirtschaft|| 14,3 | 25,6 | 19,9 || 76,5 | 85,6 | 85,7 Industrie || 9,8 | 15,2 | 19,9 || 84,4 | 77,9 | 44,2 Handel und || | | || | | Verkehr || 44,0 | 34,0 | 20,2 || 92,9 | 85,9 | 79,7 --------------++--------+--------+--------++---------+--------+-------- im ganzen || 18,9 | 19,5 | 20,0 || 90,2 | 82,0 | 56,0 Die Lehre, die sich aus dieser Tabelle ziehen lt, ist auerordentlich wichtig fr die Erkenntnis der proletarischen Frauenarbeit und dessen, was ihr Not thut, will man sie aus ihrer untergeordneten Stellung emporheben: in den kleinen Betrieben finden sich die wenigsten berufsmigen Arbeiterinnen,--besonders hervorstechend ist das Verhltnis in der Industrie,--und fast alle mithelfenden Familienangehrigen sind hier Frauen. Demnach bedeutet die Entwicklung des Grobetriebs eine Frderung der berufsmigen proletarischen Frauenarbeit, der jetzt noch, und zwar wesentlich in den Kleinbetrieben, eine groe Zahl mithelfender weiblicher Familienmitglieder gegenber steht. Gegenber in jedem Sinn: denn diese in und durch die Familie ausgebeuteten Krfte sind die natrlichen Feinde der aufstrebenden weiblichen Arbeiterschaft, sie helfen den Kleinbetrieb erhalten, und hindern die Verbesserung der Arbeitsbedingungen ebenso wie die Erhhung der weiblichen Arbeitsleistung, weil sie, statt ganz auf sich angewiesen zu sein, an der Familie einen Rckhalt haben. Als allgemeine Ergebnisse unserer bisherigen Berechnungen lt sich feststellen, da die proletarische Frauenarbeit im allgemeinen in rascherem Tempo zugenommen hat, als die Mnnerarbeit und viel schneller gewachsen ist, als die weibliche Bevlkerung. Nur in Zeiten wirtschaftlichen Niedergangs kann von einem Verdrngen der mnnlichen Arbeiter die Rede sein. Unter normalen Verhltnissen zeigt sich dagegen, da durch die Entwicklung der proletarischen Arbeitsgelegenheiten, besonders in der Industrie, die mnnlichen Arbeitskrfte groenteils erschpft wurden und die Heranziehung weiblicher unausbleiblich ist. Sie erfolgt in um so strkerem Mae, als Frauen zur Verfgung stehen. Bis jetzt allerdings bedeutet dieses Nachrcken der weiblichen Reservearmee zugleich ein Einrcken in untergeordnete Stellungen und Betriebsarten. Eine wirtschaftliche Entwicklung in nur annhernd hnlichem Tempo wie die jetzige vorausgesetzt, ist aber nicht nur auf ein weiteres numerisches Wachstum der Frauenarbeit, sondern auch auf ihr Emporsteigen zu hherem wirtschaftlichen Wert zu rechnen. Das Wachstum an sich ist als nichts Unnatrliches anzusehen oder zu beklagen, es liegt vielmehr durchaus auf dem Wege normaler Evolution. Die schweren Schden, die sie mit sich bringt, sind nicht die Folgen der Frauenarbeit berhaupt, sondern vielmehr die Folgen der Arbeitsorganisation und der Arbeitsbedingungen. Aber nicht nur die Frage des Wachstums der Frauenarbeit und ihrer Position innerhalb der allgemeinen proletarischen Arbeit bedurfte eingehender Errterung, auch ihre Verteilung auf die Berufsarten ist von ganz besonderem Interesse, und zwar wesentlich im Hinblick auf die Industrie. Folgende Zusammenstellung derjenigen Berufsarten, in denen die meisten Frauen beschftigt sind, giebt Aufschlu darber: Die wichtigsten Frauenberufe in der Industrie.[470] | Deutschland | Oesterreich | England u. | Vereingte | Frankreich | Belgien | | | Wales | Staaten | | +-------------+-------------+--------------+--------------+--------------+------------- | |Von | |Von | |Von | |Von | |Von | |Von | |100 | |100 | |100 | |100 | |100 | |100 | |Ar- | |Ar- | |Ar- | |Ar- | |Ar- | |Ar- | |beit- | |beit- | |beit- | |beit- | |beit- | |beit- | |ern | |ern | |ern | |ern | |ern | |ern Gewerbearten | |bei- | |bei- | |bei- | |bei- | |bei- | |bei- | |derlei| |derlei| |derlei| |derlei| |derlei| |derlei |Zahl |Ge- |Zahl |Ge- |Zahl |Ge- |Zahl |Ge- |Zahl |Ge- |Zahl |Ge- |der |schle-|der |schle-|der |schle-|der |schle-|der |schle-|der |schle- |Ar- |chts |Ar- |chts |Ar- |chts |Ar- |chts |Ar- |chts |Ar- |chts |beite-|sind |beite-|sind |beite- |sind |beite- |sind |beite- |sind |beite-|sind |rinnen|weibl.|rinnen|weibl.|rinnen |weibl.|rinnen |weibl.|rinnen |weibl.|rinnen|weibl. -----------------+------+------+------+------+-------+------+-------+------+-------+------+------+------ Kleider- und | | | | | | | | | | | | Wschekonfektion| 27453| 83,38| 59923| 93,58| 38812| 95,83| 304303| 98,08|\ |\ |\ |\ Schneiderinnen | 61480| 31,66|\43678|\35,72| 82667| 48,89| 63809| 34,42|} |} |} |} Nherinnen | 97979|100,00|/ |/ |\ |\ | 146043| 97,33|} |} |}44324|}66,06 Putzmacherinnen | 16517| 98,33| 7388| 89,04|}257408|}98,80| 60087| 99,35|} |} |} |} Korsettnherinnen| 5663| 88,80| -- | -- |/ |/ | 5800| 88,78|} |} |/ |/ Handschuh-, | | | | | | | | |} |} | | Kravatten- und | | | | | | | | |}976161|}88,50| | Hosentrger- | | | | | | | | |} |} | | fabrikation | 6428| 54,45| 7863| 63,26| 9007| 78,50| 8675| 57,28|} |} | 3043| 52,20 Hutfabrikation | | | | | | | | |} |} | | und Krschnerei | 7659| 31,24| 5070| 30,28| 16392| 45,74| 6694| 23,71|} |} | 1052| 23,88 Blumen- und | | | | | | | | |} |} | | Federn- | | | | | | | | |} |} | | fabrikation | 8227| 87,32| -- | -- | 6174| 88,76| 2543| 83,48|/ |/ | -- | -- Schuhfabrikation | 11537| 7,03| 8774| 6,54| 43671| 22,93| 33677| 15,77| -- | -- | 3154| 11,76 Stroh-, Bast- und| | | | | | | | | | | | Holzflechterei, | | | | | | | | | | | | Strohhte | 7297| 32,50| -- | -- | 11227| 54,58| 2423| 66,09| -- | -- | -- | -- Spitzen- | | | | | | | | | | | | fabrikation, | | | | | | | | | | | | Stickerei und | | | | | | | | | | | | Hkelei | 12376| 70,34| 18030| 75,35| 6945| 87,57| 4435| 84,38|\ |\ |\ |\ Strickerei und | | | | | | | | |} |} |} |} Wirkerei | 25325| 54,59| 8639| 62,35| 29111| 63,29| 20810| 70,40|} |} |} |} Posamenten- | | | | | | | | |} |} |} |} fabrikation | 9974| 52,07| 5001| 67,72| 19634| 62,47| -- | -- |} |} |}95944|}62,80 Spinnerei, | | | | | | | | |}483393|}52,18|} |} Hechelei, | | | | | | | | |} |} |} |} Haspelei |103350| 59,76| 31586| 55,46|\540832|\59,82|\202848|\49,72|} |} |} |} Weberei |175918| 48,47|116034| 43,01|/ |/ |/ |/ |} |} |/ |/ Frberei und | | | | | | | | |} |} | | Bleicherei | 22551| 29,96| 4494| 23,60| 5167| 11,75| 3246| 15,52|/ |/ | 1285| 21,88 Gummi-, | | | | | | | | | | | | Guttapercha-, | | | | | | | | | | | | und Kautschuk- | | | | | | | | | | | | fabrikation | 3532| 29,31| 308| 35,16| 4112| 40,22| 6456| 39,95|\ |\ | 306| 53,11 Buchbinderei | | | | | | | | |} 23370|}35,76| | und Kartonage | 15010| 32,22| 3242| 33,70| 30234| 71,15| 24603| 59,11|} |} | -- | -- Papierfabrikation| 22352| 33,70| 6362| 40,12| 13101| 39,79| 2961| 13,57|/ |/ | 3043| 35,60 Setzer, Drucker, | | | | | | | | | | | | Lithographen und| | | | | | | | | | | | Schriftgieer | 13071| 13,93| 1966| 15,72| 4737| 5,46| 12054| 10,32| 14720| 19,58| 745| 7,30 Bcker und | | | | | | | | | | | | Konditoren | 23740| 14,10| 6617| 9,40| 26358| 28,56| 7961| 23,57|\ |\ | 228 | 2,15 Herstellung | | | | | | | | |} |} | | vegetabilischer | | | | | | | | |} 43795|}13.98| | Nahrungsmittel | 13142| 28,60| 7916| 27,54| 5228| 5,36|\ |\ |} |} | -- | -- Animalische | | | | | | |} 2130|}10,12|} |} | | Nahrungsmittel | 18140| 15,20| 6192| 12,36| 26022| 29,54|/ |/ |/ |/ | -- | -- Tabakfabrikation | 65286| 53,75| 16985| 89,01| 12574| 60,41| 27997| 25,08| -- | -- | 7710| 33,83 Ziegelei, | | | | | | | | | | | | Thonrhren- | | | | | | | | | | | | fabrikation | 12925| 7,45| 7785| 68,10| 2601| 6,27| 144| 0,24| -- | -- |\ |\ Steingut-, | | | | | | | | | | |} 1176|}19,90 Porzellan- | | | | | | | | | | |} |} fabrikation | 11204| 27,22| 4552| 31,47| 21679| 39,28| -- | -- | -- | -- |/ |/ Glasblserei | 5095| 12,12| 11882| 32,57| 2086| 8,80| 1710| 0,50| -- | -- | 3174| 11,20 Verarbeitung | | | | | | | | | | | | edler Metalle | 9737| 30,55| 1222| 14,81| 3156| 16,54| 3349| 16,53| 7209| 31,95| -- | -- Zinnwaren- | | | | | | | | | | | | fabrikation | 7027| 13,48| 106| 20,78| 6466| 15,10| 899| 1,62| -- | -- | -- | -- Ngelfabrikation | 1685| 12,78| 1152| 16,36| 4690| 50,52| 477| 10,41| -- | -- | -- | -- Nh- und | | | | | | | | | | | | Stecknadeln, | | | | | | | | | | | | Stahlfedern | 2912| 26,98| -- | -- | 5220| 68,19| -- | -- | -- | -- | -- | -- Besen- und | | | | | | | | | | | | Brstenmacher |\ |\ | 758| 25,68| 5945| 80,56| 1166| 11,53| -- | -- | -- | -- Schirmmacher und |} 5608|}30,07| | | | | | | | | | Stockarbeiter |/ |/ | 4907| 15,49| 4086| 53,13| 1938| 56,95| -- | -- | -- | -- Mbelfabrikation | | | | | | | | | | | | und Tischlerei | 1760| 0,67| 5946| 7,73| 10921| 15,18| 1748| 6,81| -- | -- | 1040| 8,73 Andere Industrie-| | | | | | | | | | | | arbeiter | 6459| 23,23| 60164| 48,64| 40843| 5,64| 15908| 20,74| -- | -- | 8769| 86,59 Sie zeigt deutlich, da die Konzentration der Frauenarbeit auf bestimmte Berufe eine um so strkere ist, je fortgeschrittner die industrielle Entwicklung des betreffenden Landes sich darstellt. Nehmen wir z.B. die Spitzenfabrikation, Stickerei und Hkelei: Deutschland zhlt 70 %, England dagegen 88 % Arbeiterinnen; oder die Buchbinderei und Kartonage, in der in Deutschland 32 %, in Oesterreich 33 %, in England 71 % Arbeiterinnen beschftigt werden. Besonders charakteristisch ist auch die Mbeltischlerei: Deutschland zhlt darin wenig ber 1/2 %, England 15, Amerika 7 % Frauen. Umgekehrt zeigt es sich, da in anderen Berufen die Frauenarbeit in den industriell vorgeschrittenen Lndern sehr geringen Anteil an ihnen hat. Als Beispiel diene die Glasblserei: Oesterreich zhlt 32 %, Deutschland 12, England 8 und Amerika 1/2 % Arbeiterinnen, oder die Setzerei und Druckerei, in der Oesterreich 16, Deutschland 14, England nur 5 % weibliche Arbeiter beschftigt. So viele Umstnde auch sonst noch bei der Zusammensetzung der Arbeiter nach Geschlechtern mitsprechen, so scheint doch festzustehen, da die allgemeine Tendenz eine Differenzierung nach Berufen bevorzugt, und das wachsende Eindringen der Frauen in bestimmte Berufe mit einem Rckgang der weiblichen Arbeiterschaft in anderen Berufen Hand in Hand geht, da sich also nach und nach bestimmte fast ausschlielich von Frauen und andere fast ausschlielich von Mnnern besetzte Berufe herausbilden werden. Als Frauenberufe in oben genanntem Sinn sind schon jetzt die der Konfektion, der Nherei, der Putzmacherei, der Blumen-, Federn- und Spitzenfabrikation anzusehen; die Buchbinderei und Kartonage, die Papier-, die Guttapercha- und die Kautschukfabrikation versprechen Frauenberufe zu werden. Die Grnde dieser sich immer strker ausprgenden Differenzierung der Geschlechter in der Berufsthtigkeit liegen teils in ihrer verschiedenen geistigen und krperlichen Veranlagung, teils in dem Umstand, da bestimmte wohlfeile Industrieerzeugnisse die Anstellung ungelernter, d.h. mglichst billiger Arbeitskrfte notwendig machen. Was die Veranlagung betrifft, die an dieser Stelle ausschlielich in Betracht gezogen werden soll, weil der zweite Punkt die Arbeitsbedingungen berhrt, die nicht hierher gehren, so ist die Geschicklichkeit und Gelenkigkeit der Finger ein wesentliches Moment, das die Frau fr alle Thtigkeiten prdestiniert, die in das Bereich der feinen Handarbeit fallen. Die Konfektion, die Stickerei, die Spitzenfabrikation u.a.m. gehren daher ebensowohl hierher, wie die Spinnerei und Weberei, solange sie keine groen Krperkrfte erfordern; auch zur Kartonage sind Frauen infolgedessen besonders befhigt. Aber auch negative Eigenschaften gereichen ihnen zum Vorteil, so z.B. der Mangel an Muskelkraft, auf Grund dessen sie berall dort die mnnlichen Arbeiter verdrngen, wo die Maschine die menschliche Kraft ersetzt. Negativ sind im wesentlichen auch die geistigen Eigenschaften, die die Frauen in bestimmte Arbeitszweige hineintreiben. So werden sie durch ihren Mangel an geistiger Schulung und technischer Vorbildung fr alle diejenigen Arbeiten gewhlt, die ungelernte Arbeiter im allgemeinen gebrauchen knnen und die fast stets zu beobachtende Schwierigkeit, sich zu konzentrieren, d.h. alle Gedanken auf eine Arbeit zu richten, ist die Ursache, da rein mechanische Thtigkeiten ihnen mit Vorliebe berlassen werden. Diese negativen sowohl krperlichen als geistigen Fhigkeiten aber sind ohne Ausnahme das traurige Resultat der gnzlichen Vernachlssigung, unter der das weibliche Geschlecht leidet, und das die Armen stets besonders hart getroffen hat. Aber auch die Geschicklichkeit und Gelenkigkeit der Finger sind die Folge der Erziehung und Gewohnheit. Die Hnde des Mannes hrteten sich, sie wurden breit und stark infolge der Arbeiten, die er von Urzeiten an verrichtete, die des Weibes wurden zarter, schmaler und gewandter, weil alle feineren Arbeiten meistens ihr berlassen blieben. Von grtem Einflu hierauf war alle Art der Nadelarbeit. Sie war und ist es aber auch, die den weiblichen Geist ungnstig beeinflute, indem sie die Zerfahrenheit und Gedankenlosigkeit untersttzt hat; nichts ermglicht mehr ein Umherschweifen der Gedanken, als alles, was unter der Bezeichnung "weibliche Handarbeit" verstanden wird. Die Einfhrung des maschinenmigen Betriebs, der, selbst in seiner einfachsten Form, der Nhmaschine, ein gewisses Ma von Aufmerksamkeit erfordert, ist daher auch von diesem Standpunkt aus betrachtet, ein Vorteil fr die Frauen. Wrde mit seiner weiteren Entwicklung eine geistige und krperliche Ausbildung, die der der Mnner entspricht, Hand in Hand gehen, so wre zu erwarten, da nach Jahrhunderten der Wirksamkeit all dieser Einflsse die genannten positiven und negativen Eigenschaften des weiblichen Geschlechts eine wesentliche Umwandlung erfahren knnten. Das scheint unserer vorhin ausgesprochenen Ansicht von einer immer schrferen Differenzierung der Geschlechter in Bezug auf ihre Berufsarbeiten zu widersprechen, whrend es sie thatschlich nur besttigt. Denn erst die Beseitigung anerzogener Eigenschaften wird den natrlichen zur Entwicklung verhelfen und zwar drfte sich dabei folgendes herausstellen: in Bezug auf ihre Krperkrfte werden die Geschlechter sich einander nhern, weil einerseits die bisher fast ungenutzten des Weibes ausgebildet werden, andererseits die starke Muskelkraft erfordernden Arbeitsweisen durch die Maschine ihre Existenzberechtigung mehr und mehr verlieren, der Mann daher durch Mangel an Uebung notwendig an Kraft verlieren wird. Die geistigen Kapazitten der Geschlechter dagegen werden sich in durchaus verschiedener Richtung entwickeln und die Differenzierung in den Berufen wird infolgedessen nicht wie heute auf ihre krperlichen, sondern vielmehr auf ihre geistigen Eigenschaften zurckzufhren sein. Kehren wir nach dieser Abschweifung in das Gebiet der Hypothesen zu den Thatsachen zurck. Da ist es nun notwendig ein wichtiges, weit ausgedehntes Gebiet der Frauenarbeit zu beleuchten, das groenteils noch arg im Dunkel liegt: die Hausindustrie. Deutschland und Belgien gebhrt bis jetzt das Verdienst, eine Statistik der Hausindustrie unternommen zu haben. Natrlich ist sie eine unvollkommene geblieben, weil gerade die in ihr beschftigten Personen auerordentlich schwer zu erfassen sind. Wenn daher auch mit Recht angenommen werden kann, da die gewonnenen Zahlen viel zu niedrige sind, so ist der Vergleich zwischen den Resultaten der beiden letzten Zhlungen in Deutschland insofern zuverlssig, als ihre Methoden die gleichen waren. Es zeigt sich danach, da die Hausindustriellen im allgemeinen abgenommen haben, und zwar sind sie, nach den Angaben der Arbeiter, bei der Gewerbezhlung von 476080 im Jahre 1882 auf 460085 im Jahre 1895, nach den Angaben der Unternehmer von 544980 auf 490711 zurckgegangen; die Betriebe dagegen, die Arbeiter in der Hausindustrie beschftigen, sind von 19209 auf 22307 angewachsen. Eine Betrachtung der einzelnen Gewerbearten fhrt jedoch zu dem Resultat, da die Abnahme sich nicht auf alle gleichmig verteilt, da vielmehr bedeutende Abnahmen auf der einen Seite von starken Zunahmen auf der anderen begleitet werden.[471] Eine Zusammenstellung dieser Gewerbearten, je nach der Verschiedenheit ihrer Entwicklung, fhrt zu folgenden Resultaten: Gewerbearten mit Verminderungstendenz. | Seit 1882 haben abgenommen |------------------------------ Gewerbearten | Betriebe um | Personenzahl | | um --------------------------------+--------------+--------------- | | Zeugschmiede, Scherenschleifer, | | Feilenhauer | 2006 | 4044 Seiden- und Shoddyspinnerei | 2037 | 2922 Baumwollspinnerei | 4067 | 3645 Seidenweberei | 20000 | 34381 Leinenweberei | 10660 | 14667 Baumwollenweberei | 18859 | 19089 Weberei von gemischten Waren | 5811 | 4895 Strickerei und Wirkerei | 7026 | 12768 Hkelei und Stickerei | 1251 | 549 Posamentenfabrikation | 73 | 2098 Strohhutfabrikation und | | Strohflechterei | 4185 | 2836 Nherinnen | 12391 | 11502 Handschuhmacherei, | | Kravattenfabrikation | 4087 | 3653 |--------------+--------------- | 92483 | 117049 Gewerbearten mit Vermehrungstendenz. | Seit 1882 haben zugenommen |------------------------------ Gewerbearten | Betriebe um | Personenzahl | | um --------------------------------+--------------+--------------- Grobschmiede | 1394 | 2638 Schlosser | 1126 | 2903 Stellmacher | 986 | 1519 Musikinstrumente | 1383 | 1955 Wollenweberei | 645 | 4072 Gummi- und Haarflechterei | 1712 | 889 Spitzenverfertigung und | | Weizeugstickerei | 2091 | 5560 Sattlerei, Spielwaren aus Leder | 1041 | 1673 Verfertigung grober Holzwaren | 530 | 634 Tischlerei und | | Parkettfabrikation | 3934 | 9338 Korbmacherei | 3903 | 6007 Dreh- und Schnitzwaren | 1805 | 3526 Tabakfabrikation | 3400 | 6949 Schneiderei | 17268 | 30106 Konfektion | 382 | 885 Putzmacherei | 376 | 96 Schuhmacherei | 7099 | 7765 Wscherei | 1353 | 2388 |--------------+--------------- | 50228 | 88883 Die Betrachtung dieser Tabellen zeigt, da diejenige Art der Hausindustrie, die als eine Fortsetzung der alten handwerksmigen Organisation angesehen werden kann, im allgemeinen im Absterben begriffen ist. Wenn z.B. auch, was im ersten Augenblick berraschend wirkt, die Zahl der Nherinnen abnimmt, so ist das wohl im wesentlichen darauf zurckzufhren, da sie sich in Werkstatthausindustrielle umgewandelt haben. Das beweist folgende Zusammenstellung: Es wurden Nherinnen gezhlt in Betrieben mit |zwei |drei bis |sechs bis |zwei bis |Personen|fnf Pers.|zehn Pers.|zehn Pers. -----+--------+----------+----------+---------- 1882 | 6551 | 2321 | 793 | 9656 1895 | 11514 | 9247 | 2456 | 23247 Diese Tendenz zur Zusammenfassung der frher vereinzelt arbeitenden Nherinnen in Werksttten ist im wesentlichen auf die Wohnungsverhltnisse zurckzufhren. Die Ausgaben fr Miete werden geringer, wenn der Arbeitsraum erspart und eine bloe Schlafstelle dafr eingetauscht wird. Was die Vermehrung der hausindustriellen Betriebe und der darin beschftigten Personen betrifft, so hngt sie fast ohne Ausnahme mit der Entwicklung einer durchaus modernen Form der Hausindustrie zusammen, die zugleich die allein lebensfhige ist: die Werkstattarbeit mit dem Zwischenmeister, an der Spitze, der zwischen dem Verleger und dem Arbeiter die Vermittlung bernimmt. In der Konfektionsindustrie hat sich diese Organisation am vollendetsten herausgebildet, eine Industrie, in der, wie [die] Tabelle [oben, Die wichtigsten Frauenberufe in der Industrie] zeigt, das weibliche Geschlecht besonders stark vertreten ist. Das Geschlechtsverhltnis in der deutschen Hausindustrie ist von besonderem Interesse. Im allgemeinen widerlegt es zunchst die bliche Meinung von einem Ueberwiegen der Frauen. Das Verhltnis ist dieses:[472] 1895 | 1882 | 1895 -------------------+---------------------------------- mnnliche|weibliche|Von je 100 Hausindustriellen sind -------------------+---------------------------------- Hausindustrielle | Mnner Frauen | Mnner Frauen -------------------+-----------------+---------------- 256131 | 201853 | 56,3 43,7 | 55,9 44,1 Die Tendenz zum Wachstum der Frauenarbeit ist keine zufllige oder vorbergehende, sie hngt vielmehr eng mit der ganzen modernen Entwicklung der Hausindustrie zusammen, die mit darauf zurckzufhren ist, da der Unternehmer durch Dezentralisation der Arbeiter Ersparnisse machen will. Er sucht die billigsten Arbeitskrfte und stt dabei zuerst auf die Frauen. Sehen wir nun, in welchen Arbeitszweigen die Zunahme der Frauenarbeit am strksten war: | 1882 | 1895 |------------------ | Von je 100 Gewerbearten | Hausindustriellen | sind weiblich -------------------------------------+------------------ Tpferei | 7,9 | 29,9 Glasblserei vor der Lampe | 27,7 | 44,9 Gold- und Silberschlgerei | 50,0 | 53,3 Gold- und Silberdrahtzieherei | 80,3 | 86,9 Verfertigung von Spielwaren aus | | Metall, feinen Blei- und Zinnwaren | 38,6 | 60,1 Erzeugung von Metalllegierungen | 13,3 | 35,8 Blechwarenfabrikation | 5,1 | 27,6 Fabrikation von Weberei- und | | Spinnereimaschinen | 30,5 | 37,2 Verfertigung von Bleistiften | 65,8 | 83,5 Leinenweberei | 35,0 | 43,4 Baumwollweberei | 25,9 | 43,3 Weberei von gemischten Waren | 18,7 | 33,4 Gummi- und Haarflechterei | | und -Weberei | 60,6 | 81,5 Strickerei und Wirkerei | 29,0 | 50,3 Leinenbleicherei und -Frberei | 19,4 | 50,9 Frberei und Bleicherei | 19,7 | 21,2 Verfertigung von Papiermachwaren | 42,0 | 50,0 Buchbinderei und Kartonage | 36,3 | 40,8 Sattlerei, Spielwaren aus Leder | 32,7 | 44,7 Verfertigung von Dreh- und | | Schnitzwaren | 6,7 | 13,2 Tabakfabrikation | 30,3 | 45,2 Putzmacherei | 93,8 | 99,8 Hutmacherei und Filzwaren | 34,8 | 36,3 Verfertigung von Korsetts | 67,1 | 94,8 Aus dieser Tabelle geht deutlich hervor, da eine Verschiebung zu Gunsten der hausindustriellen Frauenarbeit in sehr vielen Fllen dort stattfindet, wo es sich um alte, absterbende Formen der Hausindustrie handelt. Sie nimmt die verlassene, dem Untergang geweihte Mnnerarbeit auf, und ist in ihrem verzweifelten Existenzkampf ein Hemmschuh der Entwicklung. Den schlagendsten Beweis dafr liefert die Textilindustrie. Hier, wo die Maschine mehr und mehr in Funktion tritt, zeigt sich ein Rckgang der Hausindustrie von 285102 auf 195780 Personen; allein von den 43000 Hauswebern im Jahre 1882 sind 34000 im Jahre 1895 weniger gezhlt worden. Trotz dieses Rckgangs zeigt die Frauenarbeit im Verhltnis zur Mnnerarbeit wesentliche Fortschritte. Sie verlngert den Todeskampf der Textilhausindustrie. Der Umstand, da dem Unternehmertum eine Armee von Frauen zu Gebote steht, die sich herbeilt, gegen Hungerlhne zu Hause zu arbeiten, verhindert die Entwicklung der Hausindustrie zur Groindustrie, wie sie andernfalls heute schon mglich wre. Das sehen wir unter anderem bei der Tabakfabrikation und der Buchbinderei und Kartonage. Der Maschinenbetrieb knnte an Stelle des Handbetriebs treten und der Hausindustrie wenigstens in ihrer schlimmsten Form den Todessto versetzen. Das gilt auch in beschrnkterem Mae von der Nhmaschinenarbeit in jeder Form: die Einfhrung motorisch betriebener Nhmaschinen scheitert wesentlich an der Billigkeit weiblicher Arbeitskraft. Die Maschine in ihrer hchsten Vollendung, der mechanisch funktionierenden, ist fast der einzige Gegner, der die Hausindustrie zu besiegen im stnde ist. Auerhalb ihres Eroberungsgebiets giebt es keine fhlbare Aufsaugung durch die Fabrik.[473] Unter den brigen hier in Betracht kommenden Lndern hat zweifellos Oesterreich eine besonders hohe Zahl von Hausindustriellen zu verzeichnen. Es fehlt aber an einer zusammenfassenden Statistik. Neuerdings sind Spezialberichte der Gewerbeinspektoren erschienen, die aber noch nicht vollendet vorliegen. Der erste Band[474] behandelt nur Bhmen und giebt in Bezug auf die Statistik sehr unzureichende Aufschlsse. Im Vorwort betont das Handelsministerium selbst die unbersteiglichen Hindernisse, die einer genauen zahlenmigen Darstellung entgegenstehen: Mitrauen der Unternehmer sowohl wie der Arbeiter, die als den Zweck der Nachfragen eine schrfere Besteuerung vermuten, Unklarheit des Begriffs der Hausindustrie u.a.m., lauter Grnde, die auch die deutsche Statistik als ungengend kennzeichnen lieen. Nur ein Aufsichtsbezirk, der Budweiser, hat eine Statistik aufzunehmen sich entschlossen. Danach waren Heimarbeiter beschftigt: Heimarbeiter im Budweiser Bezirk mnnlich|weiblich|mithelfende |im ganzen | |Familienangehrige| --------+--------+------------------+--------- 5231 | 6107 | 4317 | 15655 Die Zahl der Frauen berwiegt danach die der Mnner um fast tausend und ist insofern noch zu niedrig gegriffen, als unter den "mithelfenden Familienangehrigen" sich neben den Kindern zweifellos mehr Frauen als Mnner befinden. Besonders stark sind die Frauen in Oesterreich in der Spitzenindustrie, der Glasperlenerzeugung, der Strohflechterei und der noch vielfach ganz im alten Stil betriebenen Spinnerei und Weberei beschftigt. An Zahlen fehlt es, wie gesagt. Selbst die hypothetische Berechnung der Brnner Handelskammer, die auf einer Kombination der Angaben der Genossenschafts- und der Unfallversicherungsstatistik beruht, und 760522 hausindustrielle Arbeiter, d.h. 34 % aller Arbeiter, feststellt[475], kann nur ungenau sein und bleibt jedenfalls hinter der Wirklichkeit zurck. Frankreichs Hausindustrie ist auch eine weitverbreitete, und ihre zahlenmige Erfassung eine ganz unzuverlssige. Fr die Frauen kommt im wesentlichen die Seiden- und die Spitzenindustrie, die Nherei, Schneiderei, die Handschuhnherei und die Verfertigung der sogenannten Articles de Paris in Betracht. Im Departement Rhne wurden noch gegen 20000 Handwebsthle fr Seidenwaren gezhlt, die eine noch grere Zahl von Arbeitern fr die erste Bearbeitung der rohen Seide zur Voraussetzung haben und diese sind meist Frauen. Die Spitzenindustrie beschftigt vielleicht heute noch eine viertel Million Arbeiterinnen. In der Schneiderei beschftigt allein Paris 72 % Frauen, in der Handschuhnherei 57 %, in der Herstellung von Articles de Paris 80 %, fast lauter Hausindustrielle. England hat infolge seiner industriellen Entwicklung mit der alten Form der Hausindustrie schon grndlich aufgerumt. Dagegen hat die moderne sich rasch entwickelt. Sie umfat hauptschlich die Konfektionsindustrie und die Schuhmacherei. Eine statistische Darstellung fehlt so gut wie vollstndig. Fr Amerika gilt dasselbe. Auch hier ist die Konfektionsindustrie das wichtigste Glied der Hausindustrie, die ihre Ausbreitung wesentlich der Einwanderung verdankt und sich von dem elendesten und schwchsten Menschenmaterial nhrt, das Europa abstt. Ueber ihre Zunahme giebt folgende, auf Illinois bezgliche Tabelle Aufklrung:[476] Zhlungs-| | | | periode |Werksttten|Mnner|Frauen|Kinder|Im ganzen ---------+-----------+------+------+------+--------- 1893 | 704 | 2611 | 3617 | 595 | 6823 1894 | 1413 | 4469 | 5912 | 721 | 11101 1895 | 1715 | 5817 | 7780 | 1307 | 14904 1896 | 2378 | 6383 | 7181 | 1188 | 14752 Mit Ausnahme des letzten Jahres zeigt die Frauenarbeit eine raschere Zunahme als die Mnnerarbeit, der gegenber sie auch absolut im Uebergewicht ist. Die Abnahme des letzten Jahres erklrt sich teils aus der strengeren Handhabung der Gesetze, teils daraus, da es sich bei den vorliegenden Zahlen nur um Werkstttenarbeiter handelt, die vereinzelten Heimarbeiter dagegen nicht eingerechnet wurden. Je mehr nun die Gesetzgebung in die Werksttten eingreift, wobei es sich fast immer um den Schutz der Frauen und Kinder handelt, um so mehr werden diese sich in die Heimarbeit zurckziehen mssen. Die belgische Berufszhlung von 1896[477]--die erste, die sich hier mit der Frage beschftigte--teilt alle Arbeiter in zwei groe Kategorien ein: 1.) Die in Fabriken, Werksttten u.s.w. arbeiten; 2.) die bei sich zu Hause auf Rechnung von Fabrikanten oder Kaufleuten erwerbsthtig sind. Das heit mit anderen Worten, da nur die eigentlichen Heimarbeiter als Hausindustrielle angesehen werden. Die allgemeinen Ergebnisse der nach diesen Grundstzen erfolgten Erhebung waren folgende: | Es waren beschftigt | Von 100 |-----------------------| Arbeitern | Mnner | Frauen | waren weiblich ------------------+-----------+-----------+--------------- In Fabriken, Werk-| | | sttten u.s.w. | 588248 | 115981 | 16,47 Zu Hause | 41689 | 77058 | 64,89 ------------------+-----------+-----------+--------------- Im ganzen | 629937 | 193039 | 23,43 Die Teilnahme der Frauen an der Heimarbeit ist danach viel bedeutender als die der Mnner und betrchtlich grer als der Anteil der Arbeiterinnen an der Fabrikarbeit im Verhltnis zu dem der Mnner. Die wichtigsten Berufszweige der belgischen Heimarbeiterinnen sind: Spitzenarbeiterinnen 49158 Kleiderkonfektion 7166 Handschuhfabrikation 3477 Strohflechterei fr Hte 2611 Wollenweberei und Spinnerei 2458 Leinenweberei und Spinnerei 2383 Strickerei 2376 Schuhmacherei 1437 Die groe Zahl der Spitzenarbeiterinnen fllt hier besonders ins Auge. Sie ist um so bemerkenswerter, als ihr allergrter Teil, nmlich ber 47000, auf dem Lande leben. Die Vervollkommnung der Maschinenspitze ist aber jetzt schon eine gefhrliche Konkurrenz, sie kann nach und nach zum Mittel werden, das Land zu Gunsten der Industriestdte zu entvlkern. Die einschneidende Bedeutung der Hausindustrie in Bezug auf die erwerbsthtigen Frauen scheint nach alledem erwiesen zu sein. Sie wrde weit schneller ihren verdienten Untergang entgegen gehen, wenn nicht gerade die Frauen sie zh am Leben erhielten, worin sie von den Unternehmern--allein die Zunahme der hausindustriellen Betriebe in Deutschland spricht dafr--untersttzt werden. Die Grnde dafr sind teils in dem Mangel an Bewegungsfreiheit zu suchen, unter dem die an Haus und Kinder gefesselte Frau zu leiden hat und die den aufklrenden Ideen den Zugang zu ihr verschlieen, teils in dem Bestreben des profitgierigen Unternehmertums, Ersparnisse an Material, Arbeitsrumen, Heizung, Beleuchtung etc. zu machen und die Arbeiterschutzgesetze zu umgehen. Beweis dafr ist unter anderem, da in dem industriell fortgeschrittensten Land, England, die Hausindustrie den geringsten und in einem der zurckgebliebenen Lnder z.B. in Oesterreich, allem Anschein nach den grten Umfang aufweist. Daraus geht aber auch klar hervor, da die fortschreitende Entwicklung die Hausindustrie in ihrer gegenwrtigen Form nach und nach vernichten wird. Noch ein anderer Kreis von weiblichen Arbeitern verdient eine besondere Betrachtung: diejenigen nmlich, die in persnlichen oder huslichen Diensten stehen, und zu denen, auer den Dienstboten, die Aufwartefrauen, Kche etc., die Wscherinnen und die Kellnerinnen gehren. Ihre Zahl ist folgende: ------------------------------------------------------------------------------- | | | England | Berufsarten | Deutsch- | Oester- | und | Vereinigte | land | reich | Wales | Staaten -----------------------------------+----------+---------+---------+------------ Husliche Dienstboten | 1313957 | 424387 | 1386167 | 1302728 Aufwartefrauen, Kche u.s.w. | 182769 | 75533 | 124253 | 3444 Wscherinnen | 129513 | -- | 185246 | 216631 Kellnerinnen und Hotelbedienstete | 302743 | 76083 | 87984 | -- Wir haben schon gesehen, da die Zahl der Dienstboten fast berall im Rckgang begriffen ist. Vergleichen wir die Zahl der weiblichen Dienstboten im Verhltnis zur Bevlkerung, so ist das Resultat dieses: | | Auf 100 Personen Lnder |Zhlungs- | der Bevlkerung |periode | kamen weibliche | | Dienstboten -------------------+----------+------------------ Deutschland | 1882 | 2,84 " | 1895 | 2,54 Oesterreich | 1880 | 2,58 " | 1890 | 1,78 England und Wales | 1881 | 2,69 " " " | 1891 | 2,28 Vereinigte Staaten | 1880 | 1,75 " " | 1890 | 1,97 Frankreich | 1881 | 2,17 " | 1891 | 1,84 " | 1896 | 1,73 Die Zusammenstellung zeigt mit Ausnahme von Amerika berall eine Abnahme der Zahl der Dienstboten, und die Zunahme in Amerika fllt auch nicht schwer ins Gewicht, weil der Prozentsatz von 1880 ein ungemein niedriger war und der wachsende Reichtum eines Teils der Bevlkerung eine Steigerung im Gefolge haben mute. Das Bild drfte sich wesentlich verschieben, sobald die Ergebnisse der Zhlung von 1900 vorliegen, denn das Verhltnis der Zahl der Dienstboten zur Bevlkerung hngt nicht nur von deren pekuniren Lage, von der Lust oder Unlust der Mdchen zum Dienen ab, sondern sehr wesentlich auch von dem Umstand, welche Arbeitsgebiete die Hauswirtschaft umfat. Je mehr sie, wie es z.B. in England und Frankreich besonders deutlich sichtbar ist, zusammenschrumpfen, desto mehr werden die Dienstboten abnehmen. Dagegen werden sich die fr gelegentliche Dienstleistungen bentigten auer dem Hause wohnenden Hilfskrfte vermehren. Sie standen in folgendem Verhltnis zur Bevlkerung: | |Auf 100 Personen | |der Bevlkerung | |kamen auerhus- Lnder |Zhlungsperiode|liche Dienstboten ------------------+---------------+----------------- Deutschland | 1882 | 0,26 " | 1895 | 0,35 Oesterreich | 1880 | -- " | 1890 | 0,32 England und Wales | 1881 | 0,47 " " " | 1891 | 0,55 Diese Tabelle giebt nun aber keineswegs genau den richtigen Stand der Dinge an, nicht nur, weil der Begriff der diesem Beruf Zugehrigen ein sehr unbestimmter ist,--deshalb muten die Zahlen fr Frankreich und die Vereinigten Staaten ganz fortgelassen werden,--sondern weil sicher viele hierher Gehrige unter "Lohnarbeit wechselnder Art", "Tagelhner" etc. einbezogen worden sind. Eine starke Vermehrung hat auch die Zahl der Kellnerinnen und Hotelbediensteten erfahren, die sich aber nur fr Deutschland feststellen lt, wo sie 33 % betrgt. Es kann aber auch im allgemeinen eine erhebliche Zunahme des Hotel- und Restaurant-Personals angenommen werden, sie ging Hand in Hand mit der Abnahme der Dienstboten und beweist auch ihrerseits, da der Privathaushalt zu Gunsten des ffentlichen im Rckgang begriffen ist: Das Leben auer dem Hause ist fr einen groen Teil der Bevlkerung immer mehr in Aufnahme gekommen. Eine auerordentlich wichtige Seite der Arbeiterinnenfrage, deren Statistik freilich bisher im allgemeinen sehr unzureichend blieb, ist die Alters- und Familienstandsgliederung der Proletarierinnen. Sie gewhrt einen tiefen Einblick in das soziale Leben und ihre statistische Darstellung ist die notwendige Grundlage vieler Reformen und Reformplne nach dieser Richtung. Nun entspricht es sowohl hygienischen Grundstzen, als den Prinzipien geistig-sittlicher Volkserziehung, da die Erwerbsthtigkeit in ihrer heutigen aufreibenden Form nicht vor dem achtzehnten resp. dem zwanzigsten Lebensjahre einsetzen sollte. Betrachten wir daraufhin folgende Tabellen: Von je 1000 Arbeiterinnen stehen im Alter von --------------------------------------------- unter 20 Jahren 346 20-30 " 314 30-40 " 124 Deutschland 40-50 " 92 50-60 " 73 60-70 " 39 70 Jahren und darber 12 --------------------------------------------- unter 20 Jahren 200 21-30 " 220 31-40 " 182 Oesterreich 41-50 " 173 51-60 " 135 61-70 " 71 ber 70 " 19 --------------------------------------------- unter 18 Jahren 141 18-24 " 209 25-34 " 218 Frankreich 35-44 " 152 45-54 " 125 55-64 " 90 65 Jahren und darber 65 Besonders die auf Deutschland sich beziehenden Zahlen fallen hierbei auf: 35 % aller Arbeiterinnen sind unter zwanzig Jahre alt! In Oesterreich sind es noch 20, in Frankreich 14 %. In Oesterreich fllt die strkste Beteiligung der Frauen an der proletarischen Arbeit in das einundzwanzigste bis dreiigste, in Frankreich in das fnfundzwanzigste bis vierunddreiigste Lebensjahr; wir haben also nach dieser Richtung hier die gesndesten Verhltnisse vor uns. Andererseits aber sehen wir, da vom vierzigsten Jahre ab in Deutschland die Frauenarbeit bedeutend abnimmt, whrend sie in Oesterreich noch im sechzigsten Jahre und in Frankreich im vierundfnfzigsten einen hohen Prozentsatz ausmacht, und whrend in Deutschland die ber siebzigjhrigen Greisinnen 12 % der Arbeiterinnen ausmachen, weist Oesterreich 19 % und Frankreich fr die ber fnfundsechzigjhrigen gar 65 % auf. Im allgemeinen verteilt sich die proletarische Frauenarbeit in Frankreich im Gegensatz zu Deutschland weit regelmiger ber das ganze Leben, hat daher, die starke Beteiligung der Greisinnen abgerechnet, einen normaleren Charakter angenommen. Noch deutlicher tritt uns die Altersgliederung der Arbeiterinnen entgegen, wenn wir sie im Verhltnis zur weiblichen Bevlkerung betrachten: Von je 1000 weiblichen Personen im Alter sind von Arbeiterinnen ------------------------------------------ 14-20 Jahren 397 20-30 " 273 30-40 " 136 Deutschland 40-50 " 127 50-60 " 127 60-70 " 105 70 Jahren und darber 57 ------------------------------------------ 11-20 Jahren 570 21-30 " 685 31-40 " 577 Oesterreich 41-50 " 561 51-60 " 507 61-70 " 393 ber 70 " 218 ------------------------------------------ unter 24 Jahren 517 25-34 " 324 Frankreich 35-44 " 256 45-54 " 237 55-64 " 245 65 Jahren und darber 161 In Deutschland stehen danach nicht weniger als 40 % aller vierzehn- bis zwanzigjhrigen Mdchen im Kampf ums Brot. Eine erschreckende Zahl! In Frankreich, wo der Vergleich nicht genauer durchgefhrt werden konnte, weil zwar die Bevlkerung nach fnfjhrigen Altersperioden gegliedert wurde, man fr die Berufsthtigen der jngeren Altersklassen aber eine andere Einteilung, nmlich die unter achtzehn Jahr und achtzehn bis vierundzwanzig Jahr bevorzugte, ist die Beteiligung smtlicher Altersklassen an der proletarischen Arbeit eine auerordentlich hohe. Die gesteigerte Erwerbsthtigkeit fllt besonders fr die Altersklasse zwischen dem fnfundfnfzigsten und vierundsechzigsten Lebensjahre auf. Von noch grerer Bedeutung fr die Beurteilung der proletarischen Frauenarbeit ist die Frage des Familienstandes der Arbeiterinnen. Leider ist das vorliegende statistische Material insofern ganz ungengend, als die Darstellung des Familienstandes im Zusammenhang mit dem Beruf und der sozialen Schichtung zum Teil vollstndig fehlt. Ein Vergleich zwischen den Zhlungen der verschiedenen Erhebungsperioden ist nur fr Deutschland mglich, und zwar auch hier mit der Einschrnkung, da im Jahre 1882 die Verwitweten, resp. Geschiedenen mit den Ledigen zusammengerechnet, whrend sie 1895 getrennt gezhlt wurden. Auf Grund der letzten Zhlungen stellt sich die Gliederung nach dem Familienstand folgendermaen dar: | | Von je 1000 Arbeiterinnen waren Lnder | Zhlungsperiode |--------------------------------- | | ledig | verheiratet | verwitwet ------------+-----------------+--------+-------------+---------- Deutschland | 1895 | 702 | 215 | 83 Oesterreich | 1890 | 424 | 446 | 130 Frankreich | 1896 | 649 | 206 | 145 Vereinigte | | | | Staaten | 1890 | 791 | 113 | 96 Bei dieser Zusammenstellung fllt Oesterreich wieder besonders ins Auge, wo mehr verheiratete als ledige Frauen Arbeiterinnen sein sollen. Dieses Verhltnis kann nicht allein dadurch erklrt werden, da bei der Zhlung die Erfassung der dem Manne helfenden Ehefrauen eine besonders starke war, im Gegensatz z.B. zu den Vereinigten Staaten, wo sie gar keine Bercksichtigung fanden, eine genauere Betrachtung der sterreichischen Statistik fhrt vielmehr zu dem merkwrdigen Resultat, da in der Landwirtschaft 2106618 verheiratete Arbeiterinnen neben nur 667382 verheirateten Arbeitern aufgefhrt werden! Um festzustellen, ob diese enorme Zahl verheirateter Arbeiterinnen im Bereich der Mglichkeit liegt, mte man in Erfahrung bringen knnen, wo sich die Ehemnner dieser Frauen befinden. Mglich, da die Gattinnen der Besitzer landwirtschaftlicher Zwergbetriebe, die also unter der Rubrik der Selbstndigen zu finden wren, sich als Arbeiterinnen bezeichneten, immerhin knnte das fr die volle Zahl der 1400000 Frauen nicht zutreffen, da nur 1500000 selbstndige verheiratete Landwirte ihnen gegenber stehen, deren Frauen unmglich fast alle Arbeiterinnen sein knnen. Es bleibt also nur noch brig anzunehmen, da Frauen von Industriearbeitern, die etwa neben der Hauswirtschaft ein kleines Gartenland bebauen, als Arbeiterinnen eingetragen wurden. Diesen gnstigsten Fall, und nicht, wie es nahe lge, positive Fehler in der Erhebung selbst angenommen, scheint es klar zu sein, da diese zwei Millionen verheirateter Landarbeiterinnen zu einem groen Teil nicht als Arbeiterinnen im eigentlichen Sinn angesehen werden knnen. Auffallend bei der vorliegenden Tabelle ist ferner der hohe Prozentsatz Verwitweter resp. Geschiedener in Oesterreich und Frankreich. Die Armut des Volks zwingt in Oesterreich eine besonders groe Zahl von Witwen zur Erwerbsarbeit, whrend in Frankreich die zahlreichen geschiedenen und eheverlassenen Frauen von wesentlichem Einflu auf die prozentuale Gestaltung des Familienstandes sind. Betrachten wir nunmehr sein jetziges Verhltnis zu dem der vorletzten Zhlungsperiode, so ergiebt sich fr Deutschland folgendes: | | Von 1000 Arbeiterinnen waren | Zhlungsperiode |------------------------------- | | ledig resp. ver- | verheiratet | | witwet | ------------+-----------------+------------------+------------ Deutschland | 1882 | 827 | 173 " | 1895 | 785 | 215 In absoluten Zahlen ausgedrckt ist das Verhltnis dieses: | | Von 1000 Arbeiterinnen waren[A] | Zhlungsperiode |------------------------------- | | ledig resp. ver- | verheiratet | | witwet | ------------+-----------------+------------------+------------ Deutschland | 1882 | 2433682 | 507784 " | 1895 | 2938283 | 807172 ------------------------------+------------------+------------ Zunahme: | 504601 | 299388 [Transskriptionsanmerkung A: Die offensichtlich falsche Legende "Von 1000 Arbeiterinnen waren..." findet sich so im Original.] Fr Amerika ist ein allgemeiner Vergleich nicht mglich. Dagegen liegt eine Spezialerhebung vor, die nicht ohne Wert fr die vorliegende Frage ist.[478] Ihre Resultate sind aus einer Enqute gewonnen worden, die 1067 verschiedene industrielle Betriebe in dreiig verschiedenen Staaten mit 42990 mnnlichen und 51539 weiblichen Arbeitern in der frheren Beobachtungsperiode (1885 bis 86), und 68380 mnnlichen und 79987 weiblichen Arbeitern in der letzten (1895 bis 96) umfate. Wir haben es also in beiden Fllen mit ca. 3 % aller Arbeiterinnen der Vereinigten Staaten zu thun, wonach die Bedeutung der Ergebnisse sich annhernd bewerten lt. Sie waren folgende: Von 51539 Frauen waren 1885-86 Ledig ||Verheiratet||Verwitwet ||Geschieden ||Unbekannt -----------++-----------++-----------++-----------++------------ Ab- |Proz.||Ab- |Proz.||Ab- |Proz.||Ab- |Proz.||Ab. | Proz. solut| ||solut| ||solut| ||solut| ||solut| -----+-----++-----+-----++-----+-----++-----+-----++-----+------ 32801|63,6 || 1357| 2,6 || 498 | 1,0 || 4 | -- ||16879| 32,8 Von 79987 Frauen waren 1895-96 Ledig ||Verheiratet||Verwitwet ||Geschieden ||Unbekannt -----------++-----------++-----------++-----------++------------ Ab- |Proz.||Ab- |Proz.||Ab- |Proz.||Ab- |Proz.||Ab. | Proz. solut| ||solut| ||solut| ||solut| ||solut| -----+-----++-----+-----++-----+-----++-----+-----++-----+------ 70921|88,7 || 6775| 8,5 ||2011 | 2,5 || 36 | -- || 244| 0,3 Der Wert der vorliegenden Tabelle wird dadurch noch mehr eingeschrnkt, da in der frheren Zhlungsperiode von fast einem Drittel aller Arbeiterinnen der Familienstand unbekannt blieb. So sehr daher auch der Augenschein dafr spricht, da die Verheirateten und die Verwitweten zugenommen haben, so ist dies Resultat doch mit Vorsicht aufzunehmen, da die hohe Zahl der Arbeiterinnen unbekannten Familienstandes im Jahr 1885 bis 1886 einen genauen Vergleich von vornherein ausschliet. Fr England sind wir auf noch unsicherere Zahlen angewiesen. Eine Zhlung des Familienstandes in Verbindung mit der Berufsthtigkeit und der sozialen Schichtung wurde weder 1881 noch 1891 im Zusammenhang mit dem Zensus vorgenommen. Trotzdem ist der Versuch gemacht worden, auf Grund seiner Ergebnisse den Familienstand der Arbeiterinnen festzustellen.[479] Zwei Angaben der Erhebungen bildeten die Anhaltspunkte fr die Untersuchung: Die Zahl aller ledigen und die Zahl aller berufsthtigen Frauen. In den Orten, wo die Zahl der Ledigen, wohl bemerkt, aller Ledigen, die Zahl der Berufsthtigen bertraf, gab die Differenz zwischen beiden Zahlen die Minimalzahl der verheirateten berufsthtigen Frauen an. Wenn auch dabei betont wird, da es sich um Minimalzahlen handelt, so sind selbst diese von vornherein problematisch, weil doch ohne weiteres einzusehen ist, da nirgends alle Ledigen berufsthtig sind. Aber selbst abgesehen davon, sind die Resultate der Untersuchung, die eine Abnahme der verheirateten Arbeiterinnen konstatieren, hchst fraglicher Natur. Nur neunzehn Stdte sind von 61 mit ber 50000 Einwohnern in Betracht gezogen worden, und die einzelnen Berechnungen weisen in ihrer Methode betrchtliche Fehler auf.[480] Wir knnen uns daher nicht auf sie sttzen und mssen die Frage des Familienstandes der englischen Arbeiterinnen offen lassen. Wie gestaltet sich nun der Familienstand je nach den Berufsabteilungen? Folgende Tabelle beantwortet die Frage: | | Von 1000 Arbeiterinnen waren in der | |-------------------------------------------------- Lnder |Zhlungs-| | | |periode |Landwirtschaft | Industrie | Handel | |-------------------------------------------------- | | |ver-|ver- | |ver-|ver- | |ver-|ver- | |ledig|wit-|hei- |ledig|wit-|hei- |ledig|wit-|hei- | | |wet |ratet| |wet |ratet| |wet |ratet -----------+---------+-----+----+-----+-----+----+-----+-----+----+----- Deutschland| 1895 | 671 | 91 | 238 | 751 | 81 | 168 | 763 | 36| 201 Oesterreich| 1890 | 419 | 63 | 518 | 663 | 96 | 241 | 511 | 201| 288 Frankreich | 1896 | 714 | 88 | 199 | 629 | 74 | 297 | 340 | 232| 428 Das Bild, das sie uns vorfhrt, ist kein einheitliches. Den strksten Prozentsatz verheirateter Frauen weist Deutschland und Oesterreich in der Landwirtschaft, Frankreich dagegen in der Industrie auf. Strker als die Ledigen sind die Verheirateten in der Landwirtschaft Oesterreichs und im Handel Frankreichs vertreten, wo in beiden Fllen auch die Verwitweten einen ungewhnlich hohen Prozentsatz aufweisen. Die meisten Verwitweten zhlt Deutschland dagegen in der Landwirtschaft. Die meisten Ledigen zeigt der Handel in Deutschland, die Industrie in Oesterreich und die Landwirtschaft in Frankreich. Was die Zusammensetzung der Arbeiterinnen je nach ihrem Familienstand, ihrem Beruf im Verhltnis zu frheren Zhlungen betrifft, so kann hierbei nur Deutschland in Betracht kommen, weil die anderen Staaten keine so eingehende Berechnungen besitzen. Die folgende Tabelle kennzeichnet die Lage in Deutschland: | 1882 | 1895 | |--------------------------+--------------------------| | | nicht | | nicht | |verheiratet | verheiratet |verheiratet | verheiratet | --------------+------------+-------------+------------+-------------| Landwirtschaft|414189|18,39|1877671|81,61|567542|23,76|1820606|76,24| Industrie | 69215|12,69| 476014|87,31|166338|16,76| 825964|83,24| Handel | 24380|16,89| 119997|83,11|73212 |20,08| 291713|79,92| Die Zunahme der verheirateten Arbeiterinnen in Landwirtschaft und Industrie ist eine raschere gewesen als die der ledigen. Fr die Landwirtschaft kann angenommen werden, da eine strkere Erfassung der mithelfenden Ehefrauen zu dem Resultat beigetragen hat. Die Zunahme der Verheirateten in der Industrie dagegen lt sich nicht nur, wie es stets und fast ausschlielich geschieht, daraus erklren, da zur Befriedigung der Bedrfnisse der Familie der Verdienst des Mannes allein nicht mehr ausreicht, sondern auch aus der Zunahme der Arbeiterinnen berhaupt. Es ist klar, da, je mehr die Zahl der Arbeiterinnen wchst, die Mnner desto mehr darauf angewiesen sind, bereits erwerbsthtige Frauen zu heiraten. Sie thun es um so lieber, als die Erwerbsarbeit der Frau eine beachtenswerte Mitgift ist; immer weniger hufig tritt daher die Arbeiterin mit der Heirat aus ihrem auerhuslichen Beruf in das Haus und das Familienleben zurck. Das alte Ideal des Familienlebens, dessen typisches Bild Schiller in seiner Glocke gezeichnet hat, verblat mehr und mehr, nur denjenigen schwebt es noch vor, die in der Erwerbsarbeit der Ehefrauen etwas unbedingt Widernatrliches sehen. Im Volksbewutsein ist sie das nicht mehr. Und mit Recht. So wenig wie die Frauenarbeit berhaupt eine beklagenswerte Erscheinung innerhalb der sozialen Entwicklung ist, so wenig ist es die Arbeit der Ehefrauen. Verderblich wirkt auch sie nur durch die Bedingungen, unter denen sie vor sich geht. Gerade in Bezug hierauf ist es notwendig, festzustellen, in welchen Berufsarten der Industrie die meisten verheirateten Frauen thtig sind. Nach den letzten Zhlungen fr Deutschland, Oesterreich und Nordamerika,--die Ergebnisse fr Frankreich liegen im einzelnen noch nicht vor,--zeigt sich folgendes: Deutschland | von 100 | Arbeiterinnen Berufsarten | des betreffenden | Berufs sind | verheiratet ----------------------------+----------------- Fleischerei | 40,92 Ziegelei | 30,01 Bckerei | 29,45 Weberei | 25,30 Tuchmacherei | 24,94 Zubereitung v. Spinnstoffen | 24,88 Tabakfabrikation | 24,72 Lohnarbeit wechselnd. Art | 19,55 Bleicherei, Appretur | 18,59 Oesterreich | von 100 | Arbeiterinnen Berufsarten | des betreffenden | Berufs sind | verheiratet ---------------------------------+------------------ Verarbeitung von Eisen und Stahl | 34,50 Verfertigung von Maschinen | 33,98 Textilindustrie | 28,49 Industrie der Nahrungsmittel | 24,77 Vereinigte Staaten | von 100 | Arbeiterinnen Berufsarten | des betreffenden | Berufs sind | verheiratet ----------------------+------------------ Wscherei | 31,60 Husliche Dienste | 26,78 Putzmacherei | 17,66 Tabakfabrikation | 16,53 Bcker und Konditoren | 12,95 Baumwollenweber | 12,59 Kleiderkonfektion | 12,23 Schuhmacher | 11,36 Daraus geht hervor, da die verheirateten Arbeiterinnen besonders in der Textilindustrie beschftigt sind. Nachstehende Tabelle bringt einen noch strkeren Beweis dafr:[481] |Land |Zhlungs-|Von 100 Industriezweige | | jahr |Arbeiterinnen | | |waren | | |verheiratet | | | --------------------+-------------------------+---------+------------- |Massachusetts | 1885 | 14,9 |Lancashire and Cheshire | 1894 | 22,2 |Burnley | | 30,3 |Blackburn | | 29,4 Baumwollindustrie |Stockport | | 26,3 |Oldham | | 23,2 |Bolton | | 12,6 |Wigan | | 5,7 --------------------+-------------------------+---------+------------- |Massachusetts | 1885 | 14,6 |England | 1894 | 24,5 Streichgarnindustrie|Gloucestershire und | | | Somersetshire | 1894 | 37,4 |Schsische Bezirke | | | Krimmitschau und Werdau| 1892 | 31,3 Am wertvollsten fr die Beurteilung der Arbeit verheirateter Frauen je nach den Berufsarten sind die Ergebnisse der Untersuchungen der deutschen Gewerbeinspektoren fr das Jahr 1899.[482] Danach verteilen sich die Ehefrauen einschlielich der Verwitweten und Geschiedenen in folgender Weise auf die verschiedenen Industriezweige: |Verheiratete |Von 100 |Arbeiterinnen|verheirateten Industriezweige | |Arbeiterinnen | |in dem betr. | |Industriezweig | |beschftigt. --------------------------------+-------------+-------------- Bergbau-, Htten-, Salinenwesen,| | Torfgrberei | 1333 | 0,58 Industrie der Steine und Erden | 19475 | 8,49 Metallverarbeitung | 10739 | 4,68 Industrie der Maschinen, | | Instrumente und Apparate | 4493 | 1,99 Chemische Industrie | 4380 | 1,91 Industrie der forst- | | wirtschaftlichen Nebenprodukte| 1162 | 0.51 Textilindustrie | 111194 | 48,49 Papierindustrie | 11049 | 4,82 Lederindustrie | 2063 | 0,86 Industrie der Holz- | | und Schnitzstoffe | 5635 | 2,46 Industrie der Nahrungs- und | | Genumittel | 39080 | 17,04 Bekleidungs- und | | Reinigungsgewerbe | 13156 | 5,74 Baugewerbe | 141 | 0,06 Polygraphische Gewerbe | 4770 | 2,08 Sonstige Industriezweige | 664 | 0,29 --------------------------------+-------------+-------------- Im ganzen: | 229334 | 100,00 Fast die Hlfte aller verheirateten Arbeiterinnen Deutschlands sind danach in der Textilindustrie beschftigt. Ganz besonders interessant dabei ist, da die Berufszhlung von 1895 allein 38506 verheiratete und verheiratet gewesene Frauen in der Textilhausindustrie zhlte, die hchste Zahl der hausindustriellen Ehefrauen berhaupt; ihnen zunchst steht, wie nach den Ergebnissen der Gewerbeinspektorenberichte, die Berufsgruppe der Bekleidung und Reinigung mit 24366 Ehefrauen in der Hausindustrie. Da in der gesamten Hausindustrie 71005 verheiratete Frauen gezhlt wurden,--48 % aller weiblichen Hausindustriellen,--so sind 89 % von ihnen allein in der hausindustriellen Textilindustrie und in der Bekleidung und Reinigung thtig. Wir sehen daraus wieder, da die Frauen, speziell die verheirateten, an das Haus gebundenen Frauen, den Fortschritt der Industrie zu hheren Arbeitsprozessen merklich aufhalten. Wir sehen aber auch im allgemeinen, da die verheirateten Arbeiterinnen sich noch intensiver, als die Arbeiterinnen berhaupt, in wenige Berufsgruppen zusammendrngen. Wenn es auch nicht mglich war, fr eine Reihe von Lndern das Wachstum der Arbeit verheirateter Frauen festzustellen, so lt sich aus den fast berall gleichen Vorbedingungen,--gesteigerte Bedrfnisse und Zunahme der Frauenarbeit berhaupt,--der Schlu ziehen, da jedenfalls von einem Rckgang nicht die Rede sein kann und die Zunahme voraussichtlich sogar eine raschere sein drfte, als die der ledigen Arbeiterinnen. Aber auch das Wachstum der Arbeit der Witwen, Geschiedenen und Eheverlassenen ist der Erwgung zu unterziehen. Ist es auf grere Not allein zurckzufhren? Meiner Ansicht nach nicht. Die Arbeiter heiraten hufiger als frher,--im Jahre 1882 waren in Deutschland 40, im Jahre 1895 41 % verheiratet;--da nun nichts die Krfte der Mnner frher erschpft als die proletarische Arbeit, und sie, bei der kolossalen Entwicklung, vor allem der Industrie immer mehr Mnner--also auch krnkliche und schwache--in Anspruch nimmt, so mu die Zahl der verwitweten Proletarierinnen rasch zunehmen. Noch ein anderer Umstand kommt hinzu: die Zunahme der Scheidungen, sei es mit sei es ohne Hilfe der Gerichte. Die Erwerbsarbeit des weiblichen Geschlechts hat diese Entwicklung zweifellos untersttzt. Weder ist die Frau in dem Mae wie frher einfach infolge der tglichen Notdurft ihrer selbst und ihrer Kinder an den Mann als den Ernhrer gefesselt, noch fhlt er selbst ihr gegenber ein so starkes Verantwortlichkeitsgefhl wie einst. Auch das mag guten Seelen als eine sehr bedenkliche Folge der Zunahme der weiblichen Erwerbsarbeit erscheinen, whrend es, von einem hheren Standpunkt aus betrachtet, der Erneuerung der Ehe die Wege bahnt. Je selbstndiger das Weib dem Manne gegenbersteht, desto freier wird sie dem Zuge ihres Herzens folgen knnen. Die ganze Entwicklung der Frauenarbeit, wie sie uns aus den trockenen Zahlen entgegengetreten ist, mu jedem, der nicht blind ist oder sein will, das Eine klar vor Augen fhren: keine andere Erscheinung in der Neuzeit wirkt so revolutionierend wie sie. Ohne sie wrde die Neugestaltung des wirtschaftlichen und sozialen Lebens, wie die Arbeiterklasse sie anstrebt, eine Illusion bleiben. Denn sie legt die Axt an die Wurzeln der alten Gesellschaft. Sie verwandelt das Weib, dieses konservativste Element im Vlkerleben, zu einem strebenden und denkenden Menschen; sie allein ist seine groe Emanzipatorin, die sie aus der Sklaverei zur Freiheit emporfhrt. 6. Die Lage der Arbeiterinnen in der Gegenwart. Die Groindustrie. Die Arbeit, die Befreierin des Weibes! Welcher Mensch, der heute die Arbeit der Proletarierin betrachtet, sieht nicht vielmehr in ihr eine Sklavenkette, schwerer, einschneidender als die irgend eines Galeerenstrflings? Es sind die Arbeitsbedingungen, die sie dazu gestalten. Die Grundlage der Existenz des Arbeiters ist der Preis, fr den er seine Arbeitskraft verkauft, der Lohn. Um zu erkennen, wie sich die Bestreitung der notwendigen Lebensbedrfnisse zu den Einnahmen verhlt, mte man sich auf eingehende, nach Staaten, nach Stadt- und Landbezirken, nach allen Zweigen der verschiedenen Industrien, und sogar nach Jahreszeiten differenzierte Untersuchungen sttzen knnen. Das ist leider unmglich. Nicht nur, da die vorhandene Lohnstatistik statt genauer Einzelangaben, meist Durchschnittszahlen oder approximative Bestimmungen enthlt, sie ist auch bisher so wenig gepflegt worden, da ihre Ergebnisse, vom streng wissenschaftlichen, Standpunkt aus, kaum als der Ausgangspunkt unumstlicher Erkenntnisse gelten knnen. Noch schlimmer steht es um die Feststellung der Ausgaben fr die notwendigen Lebensbedrfnisse. Was an Angaben darber zu finden ist, erscheint um so unzuverlssiger, als der Begriff des Notwendigen keineswegs feststeht. Und doch mte die Statistik der Lebensbedrfnisse die selbstverstndliche Ergnzung der Lohnstatistik sein, da die bloe Angabe der Hhe der Lhne uns ber die Lage des Arbeiters nicht im mindesten aufklrt. Er kann z.B. in einem Dorfe Sd-Frankreichs von demselben Lohn auskmmlich leben, bei dem er etwa in Paris Not leiden mte. Aber nicht nur die Verschiedenheit der Lebensmittel- und Wohnungspreise kommen in Betracht, sondern auch das verschiedene Lebensniveau der Arbeiter. Und dabei kme es nicht nur auf Vergleiche etwa zwischen dem mit voller Zufriedenheit tagaus tagein Polenta essenden Italiener und dem Maschinenbauer Englands an, der an eine reichliche Fleischkost gewhnt ist, sondern auf viel feinere und eingehendere zwischen den Arbeiterschichten desselben Landes: was der eine nicht im mindesten vermit, das ist dem anderen schon eine schwer empfundene Entbehrung. Fr unseren Zweck wird die Sachlage nun noch schwieriger. Denn zur Beurteilung der Arbeiterinnenlhne wre es neben den genannten Gesichtspunkten notwendig, sie mit den Mnnerlhnen zu vergleichen, und zwar nicht im allgemeinen, sondern im einzelnen, indem die beiderseitige Arbeitsleistung mit in Anschlag gebracht wird. Es giebt zwar Versuche der Art, sie sind aber unzulnglich. Nehmen wir z.B. an, da unter der Rubrik Papierkartons Mnner- und Frauenlhne verglichen werden, so ist das Resultat nichts als eine wenig wertvolle Durchschnittszahl; es knnte nur dann Wert haben, wenn sowohl die Art der Kartons, wie die der daran geleisteten Arbeit przisiert wrde. Auch genauere Bezeichnungen, wie etwa Herrenwestenstepperei, reichten noch nicht aus, da es zur Beurteilung der Lohnhhe von mnnlichen und weiblichen Arbeitern darauf ankme, welche Sorten Westen gesteppt werden. Aber noch ein anderes kommt hinzu: Die Lage der Arbeiterinnen kann nur dann ganz richtig beurteilt werden, wenn sich feststellen lt, ob ihr Lohn wirklich die Grundlage ihrer Existenz bildet, oder nur die Ergnzung eines anderen Einkommens ist, etwa durch die Arbeit des Mannes, des Vaters etc. Auch das ist nur in gewissem Umfang mglich. Alle diese Einschrnkungen vorausgeschickt, knnen wir uns daher nur auf Untersuchungen sttzen, die den Wert von Stichproben haben, ohne ber das ganze Gebiet volle Klarheit zu verschaffen. Was bei der Betrachtung der Frauenlhne zunchst in die Augen fllt, ist ihre Niedrigkeit und die Seltenheit, mit der sie sich steigern. Die deutsche Untersuchung von 1876 konstatierte Wocheneinnahmen von Fabrikarbeiterinnen von 1,80 Mk. an; solche von 3 bis 6 Mk. kamen sehr hufig vor, whrend solche von 12 bis hchstens 19 Mk. schon als eine groe Seltenheit bezeichnet wurden.[483] Um dieselbe Zeit wurde fr die Textilindustrie am Niederrhein festgestellt, da besonders tchtige Arbeiterinnen wohl 6 bis 13 Mk. verdienen knnten, die weniger tchtigen aber bei 5 bis hchstens 10 Mk. dauernd stehen blieben.[484] Aber auch in jngster Zeit gehren Lhne der Art keineswegs zu den Ausnahmen. So erreichten in Stuttgart die Hlfte aller Arbeiterinnen nur einen Wochenverdienst bis zu 9 Mk.[485], und in der Berliner Papierwarenindustrie traf fr 56 % dasselbe zu.[486] In Wien haben sich bei Gelegenheit der Frauenarbeits-Enqute hnliche Verhltnisse herausgestellt. In der Papier- und in der Textilindustrie wurden die niedrigsten Wochenlhne mit 1 fl. 50 kr. angegeben, whrend 4 bis 5 fl. fr die gesamte Industrie als der erreichbare Durchschnittslohn angesehen wurde.[487] In Fabriken Bhmens fanden sich sogar Frauenlhne von 1 fl. wchentlich, und ber die Hlfte der Arbeiterinnen verdienten 2 fl. 25 kr. bis 3 fl. 25 kr.[488] Fr Frankreich wurden Jahreseinnahmen der Fabrikarbeiterinnen von 100, 140 und--am hufigsten--250 frs. festgestellt.[489] Italien weist in der Seiden- und Baumwollindustrie Wochenlhne von 4,80 frs., in der Trikotwarenfabrikation solche von 3,60 frs. auf.[490] In England, wo im allgemeinen die Lage der Arbeiterinnen eine bessere zu sein scheint, ist das Niveau, bis zu dem sie herabsinkt, immer noch ein sehr tiefes. So verdienten z.B. in den Schneiderfabriken Dudleys und in den Cigarettenfabriken Liverpools 44 % der Arbeiterinnen unter 6 sh. wchentlich; von den Fabrikarbeiterinnen der groen Industriestadt Bristol verdienten 30 % unter 8 sh., 33 % 8 bis 12 sh., nur 7 % 15 bis 18 sh. und nur 3 % ber 18 sh. die Woche.[491] In Nordamerika, wo der Durchschnittsfrauenlohn in 22 groen Stdten 5,24 $ betrgt, sind Jahreseinnahmen von 75 bis 150 $ trotzdem gar nichts Seltenes.[492] Dabei mu, wie berhaupt bei allen Enqueten ber Frauenarbeit, besonders denen mittelst Fragebogen, in Betracht gezogen werden, da nur die intelligentesten, die eigentlichen Elitearbeiterinnen,--im vorliegenden Fall nur 7 % aller Befragten,--antworten und richtig antworten. Die groe Masse wird nicht erfat. Aber wie gesagt, selbst wenn wir eine unendliche Zahl von Lohntabellen besen, sie wrden nichts als eindruckslose Zahlen fr uns bleiben, wenn wir ihnen nicht die entsprechenden der Mnnerlhne gegenberstellen knnten. Es fehlt nun zwar nicht an Material dafr, es erweist sich nur bei nherer Betrachtung zum groen Teil als unzureichend. So findet sich z.B., da in den oberelsssischen Spinnereien in den achtziger Jahren die mnnlichen Arbeiter 1,80 Mk. bis 4 Mk. tglich verdienten, die weiblichen 1,70 Mk. bis 2 Mk., und dieser Unterschied beginnt sogar schon bei den arbeitenden Kindern; die mnnlichen Geschlechts verdienten 40 Pf. bis 1,20 Mk., die weiblichen nur 30 Pf. bis 1 Mk. am Tage. Fr die Webereien galt das gleiche: whrend die Tageseinnahmen der Mnner 3,30 Mk. zu betragen pflegten, erreichten die Frauen im besten Fall einen Lohn von 2,40 Mk.[493] In den Mannheimer Fabriken wurde festgestellt, da 56 % der Mnner 15 bis 25 Mk. in der Woche verdienten, 71 % der Frauen dagegen nur 8 bis 10 Mk.; 1-1/2 % der Mnner konnten sogar auf einen Verdienst von ber 35 Mk. rechnen, whrend nur 0,08 % Frauen die hchste Einnahme von 30 bis 35 Mk. erreichten.[494] Nach einer Zusammenstellung fr Grobritannien, die sich auf 110 Fabriken mit 17430 Arbeitern bezieht, und fr Massachusetts, die 210 Fabriken mit 35902 Arbeitern umfat und im ganzen 24 verschiedene Industrien in sich schliet, gestalten sich die Lohnverhltnisse fr beide Geschlechter folgendermaen:[495] |Grossbritannien|Massachusetts |---------------+-------------- | Mnner| Frauen|Mnner| Frauen --------------------------------------+-------+-------+------+------- | $ | $ | $ | $ Durchschnittlicher hchster Wochenlohn| 11,36 | 4,10 | 25,41| 8,57 " niedrigster " | 4,72 | 2,27 | 7,09| 4,62 " Wochenlohn | 8,26 | 3,37 | 11,85| 6,09 Hier, wo allgemeine Durchschnittszahlen gewonnen wurden, ist, wie wir sehen, der Unterschied zwischen Mnner- und Frauenlhnen ein auerordentlich betrchtlicher. In all diesen Fllen fragt es sich nun aber, welche Art von Arbeit die Frauen verrichten, und da die Frage unbeantwortet bleibt, so lassen sich aus dieser Verschiedenartigkeit der Lhne keine positiven Ergebnisse ableiten. In ein helleres Licht gerckt wird die Frage durch folgende Angaben: In der Berliner Kontobuchindustrie stanzen Mnner und Frauen Titel auf der Vergolderpresse. Der Arbeiter bekommt 1 Mk. pro 1000 Stck, die Arbeiterin 70 Pf. Die Arbeiter, die Linien ziehen, haben einen Wochenlohn von 27 Mk., die Frauen, die die gleiche Arbeit verrichten, 12 bis 15 Mk.[496] Die mnnlichen Ketten- und Karabinermacher in der Bijouterieindustrie Badens erreichen einen Maximalwochenverdienst von 26,74 Mk., die weiblichen einen von 17,98 Mk., die mnnlichen Drahtzieher, Presser und Aushauer in derselben Industrie verdienen im besten Fall 26,18 Mk., die weiblichen dagegen nur 18,28 Mk.[497] Die Marmorpoliererinnen an den Niagara-Marmorbrchen in Nord-Amerika verdienen 4,80 $ bis 8 $ die Woche, ihre mnnlichen Kollegen 9 bis 18 $ fr dieselbe Arbeit.[498] Aber auch dieses speziellere Eingehen auf die Arbeitsverrichtungen der Mnner und Frauen lt insofern noch keine allgemeineren Schlsse zu, als, mit Ausnahme der Arbeiter an der Vergolderpresse, nicht feststeht, welche Arbeitsleistung den Lhnen zu Grunde liegt. Liniiert die Arbeiterin in der Kontobuchindustrie z.B. langsamer, als der Arbeiter, macht die Bijouteriearbeiterin weniger Ketten oder Karabiner als der Arbeiter in derselben Zeit, so ist ihr geringerer Lohn durchaus erklrlich. Es mu daher Zeit- und Stcklohn auseinander gehalten werden, um ein Resultat der Vergleiche zu ermglichen. Die umfangreiche franzsische Lohnstatistik liefert die beste Grundlage fr diese Untersuchung.[499] Folgende Tabelle giebt zunchst eine Uebersicht ber die Lohnverhltnisse in solchen Industrien, an denen zwar die Frauenarbeit stark beteiligt ist, die sie aber nicht beherrscht: | | Mnner | Frauen | Zeit |-----------------------+----------------------- | oder-|Niedr.|Hchst| Durch- |Niedr.|Hchst| Durch- Gewerbeart |Stck |Tage- |Tage- |schnitts-|Tage- |Tage- |schnitts- | lohn-|lohn |lohn | Tagel. |lohn |lohn | Tagel. ----------------------+------+------+------+---------+------+------+--------- | |frs. |frs. | frs. |frs. |frs. | frs. Papierfabrikation: | | | | | | | Maschinenpapier- | | | | | | | herstellung | Zeit |1,75 |2,50 | ---- |1,25 |1,50 | ---- Appreteur |Stck |1,50 |2,50 | 2,35 |0,75 |2,00 | 1,45 Kouvertfalzung | Zeit |1,50 |4,25 | 2,55 |2,00 |2,75 | 2,35 Lumpensortierer | " |1,50 |6,00 | 5,00 |2,00 |2,75 | 2,35 Zuschneider von | | | | | | | Cigarettenpapier | " |3,50 |5,00 | 4,45 |1,75 |2,25 | 2,00 Kartonage: | | | | | | | Lackierer | " |0,50 |6,50 | 5,00 |0,50 |3,00 | 2,00 Druckerei: | | | | | | | Typographen | " |4,50 |5,00 | ---- |1,50 |2,00 | ---- Lithographen | " |3,00 |4,50 | ---- |1,75 |2,25 | ---- Setzer | " |1,75 |3,50 | 3,30 |1,00 |2,00 | 2,00 Gummischuhfabrikation:| | | | | | | Zuschneider | " |2,00 |5,50 | 3,85 |2,00 |6,00 | 3,75 Montiere | " |2,00 |4,50 | 2,85 |1,50 |4,00 | 2,35 Sohlenarbeiter |Stck |4,25 |5,75 | 4,90 |2,50 |3,50 | 2,90 Lacklederfabrikation: | | | | | | | Polierer | Zeit |3,75 |4,25 | 4,10 |2,00 |2,25 | 2,10 Stiefelfabrikation: | | | | | | | Montierer |Stck |4,00 |6,00 | 4,75 |1,25 |2,25 | 1,50 Handschuhfabrikation: | | | | | | | Dresseur | " |4,00 |5,00 | 4,25 |2,50 |4,00 | 3,25 Wir sehen zunchst daraus, da sich in der niedrigsten Lohnstufe vielfach nicht nur gleiche Lhne fr Mnner und Frauen, sondern sogar zuweilen hhere Frauenlhne vorfinden, in der hchsten dagegen differieren sie zum grten Teil wieder bedeutend. Und die Ursache? Die Statistik des vorigen Abschnitts hat ber die Altersgliederung der Arbeiter beiderlei Geschlechts Aufschlu gegeben und es hat sich dabei herausgestellt, da die strkste Beteiligung des weiblichen Geschlechts an der proletarischen Arbeit in die jngsten Jahrgnge fllt, mit anderen Worten: zu einer Zeit, wo der mnnliche Arbeiter in seinem Fach die hchste Vollkommenheit und damit einen hohen Lohn erreicht, hat die Mehrzahl der Frauen der Arbeit bereits den Rcken gekehrt. Die Frauen bleiben in ihrer Masse auf dem Standpunkt ungelernter Arbeiter stehen und knnen daher auch die hchste Lohnstufe nicht erreichen. Einen weiteren Beweis hierfr bilden die wenigen Zahlen unserer Tabelle, in denen der hchste Lohnsatz der Mnner von den Frauen fast erreicht, ja sogar bertroffen wird: Die Zuschneider und Montierer in der Gummischuh- und die Dresseure in der Handschuhfabrikation. Alle drei Arbeitsfcher haben gebte, also ltere Arbeiter zur Voraussetzung; wo solche weiblichen Geschlechts vorhanden sind, ist die Bezahlung der Leistung entsprechend, ohne Bercksichtigung des Geschlechts. Noch schrfer beleuchtet wird die Frage, wenn wir der Betrachtung die Lhne in solchen Berufen zu Grunde legen, die sich uns wesentlich als Frauenberufe dargestellt haben, und in denen die grte Mehrzahl der verheirateten, also der lteren Frauen, beschftigt ist. Folgende Zusammenstellung aus derselben Statistik ist besonders charakteristisch: | | Mnner | Frauen |Zeit- |------------------------+------------------------ |oder |Niedr.|Hchst.|Durch- |Niedr.|Hchst.|Durch- Gewerbearten |Stck-|Tage- |Tage- |schnittl.|Tage- |Tage- |schnittl. |lohn |lohn |lohn |Tagel. |lohn |lohn |Tagel. -------------------+------+------+-------+---------+------+-------+--------- | | frs. | frs. | frs. | frs. | frs. | frs. Leinenspinnerei: | | | | | | | Spinner | Zeit | 2,00 | 2,50 | 2,25 | 2,00 | 2,25 | 2,15 Hanfweberei: | | | | | | | Weber |Stck | 2,00 | 2,75 | 2,50 | 1,50 | 2,50 | 1,90 Weber | " | 2,25 | 2,75 | 2,50 | 1,25 | 1,75 | 1,50 Tuchfabrikation: | | | | | | | Weber | " | 1,50 | 6,00 | 2,60 | 1,00 | 2,75 | 1,85 Weber | " | 2,25 | 3,00 | -- | 4,00 | 5,00 | -- Kardierer | Zeit | 2,50 | 5,00 | 3,25 | 2,25 | 1,75 | 2,40 Kardierer | " | 1,50 | 6,00 | 3,75 | 2,25 | 2,50 | 2,35 Leinenweberei: | | | | | | | Weber |Stck | 2,00 | 3,50 | 2,75 | 2,00 | 3,50 | 2,55 Netzstrickerei: | | | | | | | Netzstricker | " | 2,75 | 4,00 | 2,75 | 1,75 | 2,00 | 1,75 Baumwollspinnerei: | | | | | | | Kmmer | Zeit | 2,00 | 2,25 | 2,10 | 2,00 | 2,25 | 2,10 Knpfer | " | 2,00 | 3,50 | 2,45 | 2,00 | 3,50 | 2,15 Spuler | " | 1,25 | 2,50 | 1,60 | 1,75 | 2,50 | 1,80 Haspler |Stck | 3,00 | 4,00 | 3,50 | 2,75 | 4,00 | 3,50 Spinner | " | 4,00 | 5,00 | -- | 1,50 | 2,75 | -- Spinner | " | 4,50 | 5,25 | 4,80 | 4,00 | 4,25 | 4,10 Packer | " | 1,50 | 1,75 | 1,75 | 1,50 | 2,75 | 2,00 Baumwollweberei: | | | | | | | Weber |Stck | 3,00 | 4,00 | -- | 2,50 | 3,75 | -- Weber | " | 3,00 | 3,50 | -- | 2,00 | 2,75 | -- Weber | " | 3,00 | 3,75 | 3,25 | 2,75 | 3,75 | 2,60 Weber | " | 2,25 | 4,25 | 2,55 | 1,50 | 3,50 | 2,25 Weber | " | 1,50 | 3,25 | 2,20 | 1,50 | 3,25 | 2,20 Weber | " | 2,00 | 2,75 | 2,05 | 2,00 | 2,75 | 2,00 Weber | " | 2,00 | 2,25 | 2,05 | 2,00 | 2,50 | 2,20 Wollkmmerei: | | | | | | | Kmmer | Zeit | 1,75 | 3,00 | 2,70 | 1,50 | 3,00 | 2,25 Wollweberei: | | | | | | | Weber |Stck | 3,00 | 4,00 | -- | 2,50 | -- | 4,00 Weber | " | 3,50 | 5,00 | 4,00 | 2,75 | 3,75 | 3,05 Weber | " | 4,00 | 6,00 | 4,50 | 3,75 | 5,50 | 4,50 Tuchfabrikation: | | | | | | | Weber | " | 2,25 | 3,00 | -- | 4,00 | 5,00 | -- Weber | " | 1,50 | 6,00 | 2,60 | 1,00 | 2,75 | 1,85 Kardierer | Zeit | 2,50 | 5,00 | 3,25 | 2,25 | 2,75 | 2,40 Kardierer | " | 1,50 | 6,00 | 3,75 | 2,25 | 2,50 | 2,35 Frber | " | 2,25 | 3,50 | 2,40 | 1,50 | 2,25 | 1,60 Seidenweberei: | | | | | | | Weber |Stck | -- | -- | 2,20 | -- | -- | 2,20 Weber | " | -- | -- | 3,00 | -- | -- | 3,00 Weber | " | 1,75 | 4,50 | 2,50 | 1,75 | 4,50 | 2,50 Weber | " | 1,50 | 4,00 | -- | 2,75 | 3,00 | Weber | " | 1,50 | 3,50 | 1,75 | 1,50 | 2,50 | 1,65 Sammetweberei: | | | | | | | Weber | Zeit | 2,50 | 3,50 | 3,10 | 2,50 | 3,50 | 3,00 Bandweber |Stck | 3,50 | 4,50 | 3,65 | 3,50 | 4,50 | 3,40 Mechanische | | | | | | | Stickerei: | | | | | | | Sticker | Zeit | 0,75 | 1,25 | 0,95 | 0,75 | 1,25 | 0,95 Sticker |Stck | 2,75 | 6,00 | -- | 1,50 | 1,75 | -- Hier zeigt sich, wenige Ausnahmen abgerechnet, eine fast durchgehende Gleichheit der Mnner- und Frauenlhne, aber es zeigt sich zu gleicher Zeit, da die Frauenlhne nicht etwa auf der Hhe der Mnnerlhne stehen, sondern da vielmehr die Mnnerlhne eher die Tendenz haben, zum Durchschnittslohn der Frauen herabzusinken. Eine amerikanische Statistik wiederholt dasselbe Bild:[500] | Durchschnitt- | Vorkommender | licher | | Wochenlohn | Wochenlohn Gewerbeart |-----------------+----------------- |Hchster|Niedrig-|Hchster|Niedrig- | |ster | |ster ----------------------------+--------+--------+--------+-------- Mnnliche Maschinenstricker | 7,50 | 6,00 | 12,00 | 4,39 Weibliche " " | 7,00 | 5,20 | 13,87 | 3,15 Mnnliche Baumwollenweber | 5,91 | 5,11 | 10,20 | 2,20 Weibliche " " | 5,76 | 4,83 | 10,00 | 1,80 Mnnliche Flanellweber | 8,55 | 7,39 | 12,00 | 3,45 Weibliche " " | 7,00 | 5,60 | 9,99 | 3,41 Eine Zusammenstellung der Lhne besonders geschickter englischer Baumwollweber beiderlei Geschlechts besttigt unsere Auffassung gleichfalls:[501] Mnner |Frauen |Mnner |Frauen -------+-------+-------+------ sh. | sh. | sh. | sh. 21,7 | 21,4 | 19,5 | 19,4 22,2 | 20,11 | 19,7 | 19,0 21,11 | 20,9 | 19,2 | 18,11 21,0 | 20,8 | 19,8 | 18,4 21,5 | 20,4 | 22,2 | 17,11 Ziehen wir zum Vergleich nur einige Lhne in ausschlielichen Mnnerberufen heran: Die Panzerplattenarbeiter im englischen Schiffsbau nehmen wchentlich 28 bis 61 sh. ein, der Wochenlohn der Maschinenarbeiter bewegt sich zwischen 20 und 39 sh., die Typographen verdienen zwischen 29 und 40 sh., whrend die Lhne der Baumwollweber zwischen 18 und 30 sh., die der Wollenweber zwischen 10 und 24 sh. schwanken.[502] Es ist nach alledem keinem Zweifel unterworfen, da Industrien mit hohen Lhnen Monopole der Mnner sind[503], aber nur deshalb, weil es sich dabei um Arbeitsarten handelt, fr die die Mnner ihrer ganzen krperlichen und geistigen Disposition nach hauptschlich befhigt und in der sie lange thtig sind. Diejenigen Industrien dagegen, die besonders zahlreiche Arbeiterinnen beschftigen, denen die Frauen schon gewissermaen durch die Tradition angehren, weisen niedrige Lohnstze auf, und wo Mnner und Frauen in ihnen zusammen arbeiten, verdienen sie zusammen nur wenig mehr, wie Mnner in den Industrien verdienen, wo sie allein arbeiten.[504] Die Grnde fr die niedrige Entlohnung der Frauenarbeit und ihre allgemeine lohndrckende Tendenz sind damit aber noch nicht gegeben. Man ist im allgemeinen gewohnt, hier ohne viel Ueberlegung mit dem Schlagwort von dem Konkurrenzkampf zwischen den mnnlichen und weiblichen Arbeitern zu operieren, weil man von den brgerlichen Berufssphren her gewohnt ist, Mnner und Frauen als Lehrer, Journalisten, Schriftsteller, Maler, Musiker, Aerzte, Handelsangestellte in genau denselben Arbeitsgebieten thtig zu sehen, und annimmt, da dasselbe auf die proletarische Arbeit zutrifft. Thatschlich sind die Verhltnisse hier ganz andere und in gewi 9/10 industrieller Arbeiten findet eine scharfe Differenzierung zwischen den Geschlechtern statt. Selbst in den Industrien, wo Mnner und Frauen scheinbar mit vllig gleicher Arbeit beschftigt werden, giebt es Unterschiede in der Art der Ausfhrung.[505] So bekamen z.B. in einer Glasgower Druckerei die weiblichen Setzer fr 1000 Typen um 2 p. weniger als die mnnlichen, weil sie nicht die vollstndige Arbeit bewltigen knnen, sie bedrfen zum Umbrechen, Korrigieren u.s.w. die Hilfe der Mnner und knnen bei schwereren Druckarbeiten nicht beschftigt werden.[506] In der Londoner Cigarrenindustrie machen Frauen die geringere Sorte Cigarren, in der Velvetfabrikation schneiden Frauen nur ein Stck Stoff, whrend Mnner zwei auf einmal schneiden knnen. In der englischen Tpferei fllen Frauen, infolge ihrer geringeren Uebung, lediglich die Umrisse der Zeichnungen mit Farbe aus, whrend Mnner die schwierigere Arbeit machen.[507] In der Cigarettenfabrikation liefern Frauen wchentlich nur 9000, Mnner aber 13000 Stck.[508] In den Seidenwebereien Derbys erreichen die Mnner einen hheren Lohn, weil sie zwei, die Frauen nur einen Webstuhl bedienen.[509] Vielfach sind die Mnner auch an schwereren Websthlen beschftigt.[510] In italienischen Webereien, wo sie an gleichen Sthlen arbeiten, leisten die Frauen bedeutend weniger, und in der Handweberei zeigt sich wieder ihr Mangel an Uebung darin, da sie gentigt sind, auf das Muster zu sehen, whrend die Mnner mehr nach dem Gedchtnis arbeiten.[511] In der franzsischen Papier- und Lederfabrikation, fr die wir in der Tabelle [oben] betrchtliche Lohnunterschiede konstatierten, findet eine fast durchgehende Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern statt. Die Arbeit an den Vergolderpressen der Berliner Kontobuchfabrikation ist insofern auch eine verschiedene fr Mnner und Frauen, als diese die kleineren und jene die groen Sachen pressen.[512] In der Pforzheimer Bijouterieindustrie fallen im Kettenmachen den Mdchen die leichteren Ketten, im Polieren und Aushauen die leichteren Arbeiten zu.[513] Die Niedrigkeit der Lhne weiblicher Arbeiter ist daher zu einem wesentlichen Teil auf ihre Inferioritt in der Handfertigkeit und in der Produktionskraft, die sich manchmal in Bezug auf die Quantitt, manchmal in Bezug auf die Qualitt uert, zurckzufhren. Wenn wir aber einen anderen Standpunkt einnehmen, und nicht die Lhne fr die auerordentlich seltene identische Arbeit, sondern die fr gleichwertige Arbeit miteinander vergleichen, so zeigt sich auch hier, da der Verdienst der Frauen im allgemeinen geringer ist, als der der Mnner. Ich brauche nur an all die Flle zu erinnern, wo, infolge technischer Vervollkommnungen, Frauen an Stelle der Mnner treten, z.B. in der englischen Tpferei, wo sie um den halben Preis dieselbe Arbeit machen, als frher die Arbeiter, oder an die Lhne in den speziellen Frauenberufen, etwa der Blumenmacherei, wo die Arbeitsleistung auf der Hhe jeder mnnlichen in speziellen Mnnerberufen steht. Diese traurige Thatsache hat leider so viele Ursachen, da man fast daran verzweifeln knnte, sie jemals aus der Welt zu schaffen. Die wichtigste liegt in dem dilettantischen Charakter der weiblichen Arbeit berhaupt. Das Mdchen erfat sie nicht als einen Lebensberuf, wie der junge Mann, sondern sieht in ihr--so wenig es auch zutreffen mag--eine Durchgangsstation zur Ehe, dem eigentlichen "Beruf". Sie hat nicht unter allen Umstnden die Verpflichtung, sich selbstndig zu machen, sie findet vielfach in der Familie noch einen Rckhalt. Daher liegt ihr gar nicht so viel daran, einen gewissen Grad der Vervollkommnung zu erreichen. Nichts liefert einen strkeren Beweis hierfr, als der Umstand, da die Textilarbeiterinnen von Lancashire eine Lohnhhe erreicht haben, wie keine andere Gruppe ihrer Geschlechtsgenossinnen. Hier hat sich eben durch eine fast schon ein Jahrhundert lange Erziehung ein Geschlecht von Arbeiterinnen herausgebildet, das es mit seinem Beruf ebenso ernst nimmt, wie der Mann und fhig ist, neben ihm zu arbeiten, dabei ein ausgeprgtes Klassenbewutsein besitzt. Freilich haben sie ihre Erhebung zu diesem Standpunkt auch noch einem anderen Umstnde zu verdanken: sie haben nicht mehr gegen jenen Feind anzukmpfen, der die Masse der Arbeiterinnen am Emporkommen in ihrer Berufsarbeit verhindert. Damit ist nicht der Mann gemeint,--er ist im Bereiche der proletarischen Arbeit weit weniger noch als Feind der Frauen anzusehen, als in dem der brgerlichen,--sondern vielmehr der Amateurarbeiter des eigenen Geschlechts, und die verheiratete Frau, die nur einen Zuschu zum Verdienst des Mannes erwerben will. Amateurarbeiter sind alle diejenigen, die nur ein Taschengeld verdienen wollen, alle diejenigen ferner, die in den Zwischenrumen huslicher Beschftigungen Arbeit um jeden Preis bernehmen und so die Arbeiterinnen im allgemeinen in dem Hexenzirkel, wo niedrige Lhne zu schlechter Arbeit und schlechte Arbeit zu niedrigen Lhnen fhren, krampfhaft festhalten. In die Kategorie der Amateurarbeiter hat man vielfach auch gemeint, die verheirateten Arbeiterinnen einreihen zu mssen.[514] Die Vergngungssucht, die Luxusbedrfnisse der Arbeiterinnen sind gewachsen, die huslichen Tugenden haben abgenommen, deshalb drngen sich die Ehefrauen zur Fabrik, statt ihren huslichen Pflichten nachzugehen,--so jammert man. An Material, um diese Behauptung zu beweisen, fehlte es bisher ebenso, wie an solchem, um sie zu entkrften. Erst auf Grund einer Resolution des Deutschen Reichstags vom 22. Januar 1898 wurden die Gewerbeaufsichtsbeamten mit einer Untersuchung dieser Frage beauftragt, und es stellte sich bereinstimmend heraus[515], da der weitaus grte Teil der verheirateten Arbeiterinnen durch die Not zum Erwerb gezwungen ist. Selbstverstndlich ist es bei den Witwen, den geschiedenen oder eheverlassenen Frauen, die etwa 1/5 aller Frauen ausmachen, aber auch von den Frauen, deren sogenannter Ernhrer mit ihnen lebt, ist diese Thatsache sogar vielfach zahlenmig konstatiert worden; so hat sich die Notlage als Veranlassung der Fabrikarbeit verheirateter Frauen in Bremen fr 71 % in Mainz fr 73 % in Niederbayern fr 74 %, in Plauen fr 75 % in Lothringen fr 83 % in Aachen fr 88 % in Schleswig fr 97 % aller Frauen erwiesen. Wo Erhebungen darber angestellt wurden,--unbegreiflicherweise hat man versumt, den Beamten dahingehende allgemeine Direktiven zu geben,--zeigte es sich, da die Ehemnner dieser Frauen fast ausschlielich ungelernte Tagelhner oder solche Arbeiter waren, die in Frauenberufen, z.B. in der Textilindustrie, thtig sind, also ganz unzulngliche Einnahmen haben. Von 78 Gewerbeaufsichtsbezirken haben leider nur zwanzig brauchbare Angaben ber den Verdienst der Ehemnner gemacht, die in folgender Tabelle von mir zusammengestellt wurden: |Anteil der| Wochenlohn | Anteil | Wochenlohn |Ehemnner | der |der Frauen| der Bezirk | in | Ehemnner | in | Frauen |Prozenten | |Prozenten | --------------+----------+-------------------+----------+---------------- Danzig | -- | 10-20 Mk. | -- | 5-10 Mk. | | | | Elbing | 3 | unter 5 " | 47 | 7 " | 25 | " 10 " | 53 | 10,76 " | 71 | " 15 " | -- | -- | | | | Berlin- | | durchschnittlich:| | Charlottenburg| -- | 19,50 Mk. | -- | -- | | von 12-30 Mk. | | | | | | Oppeln | -- | 6,72-11 Mk. | -- | 3,60-7,51 Mk. | | | | Magdeburg | -- | -- | 25 | unter 7 Mk. | | | 50 | 7-8 " | | | 17 | ber 9 " | | | | Erfurt | 75 | 9-17 Mk. | 50 | 3-7 " | 25 | 17-20 " | 33 | 8-10 " | | | 17 | 11-20 " | | | | Schleswig | -- |unter 20 " | -- | 7,5-12 " | | | | Hannover | -- | -- | 2 | unter 6 " | | | 24 | 6-9 " | | | 48 | 9-12 " | | | 26 | ber 12 " | | | | Aachen | -- | -- | 20 | 4-8 " | | | 47 | 8-12 " | | | 25 | 12-16 " | | | 8 | ber 16 " | | | | Oberbayern | 13 | nichts oder nicht | 4 | 6 " | | ermittelt | | | 6 | 9-12 Mk. | 38 | 6-9 Mk. | 11 | 12-15 " | 44 | 9-12 " | 51 | 15-20 " | 11 | 12-15 " | 19 | 20 Mr. u. darber | 3 | ber 15 Mk. | | | | Oberpfalz u. | | | | Regensb. | -- | 6-22 Mk. | -- | 6,60-9,50 Mk. | | | | | | Im Durchschnitt: | | Im Durchschnitt: Mittelfranken | -- | 18,50 Mk. | -- | 8,50 | | | | | | | | Im Durchschnitt: Wrttemberg I | -- | -- | -- | 10,74 Mk. | | | | | | | | Im Durchschnitt: " II| -- | -- | -- | 10,00 Mk. | | | | Darmstadt | -- | -- | 59 | 2-6 Mk. | | | 35 | 6-10 " | | | 6 | 10-18 " | | | | Gieen | 0,4 | nichts | -- | Im Durchschnitt: | 10 | 4-10 Mk. | | 7,80 Mk. | 76 | 12-16 Mk. | | | 10 | 18-24 " | | | | | | Bremen | 19 | 9-13 " | 26 | 5-9 Mk. | 24 | 13-15 " | 26 | 9-10 " | 15 | 16-17 " | 41 | 10-12 " | 34 | 18-20 | 4 | 12-14 " | 8 | 21-30 " | 3 | 14-16 " | | | | Unterelsa | -- | 10,80-16,80 Mk. | -- | 6-12 " | | | | | | Im Durchschnitt: | | Oberelsa | -- | 15 Mk. | -- | -- | | | | Lothringen | 40 | 9-12 " | 13 | 3-6 Mk. | 50 | 16-20 " | 71 | 7-12 " | 10 | 22 Mk. u. darber | 26 | 13-24 " Nur in einem Bezirk,--in Gieen,--und auch hier nur fr eine Industrie, hat man eine Zusammenstellung der thatschlichen Familieneinnahmen gemacht; danach erreichten 53 der geschicktesten Cigarrenarbeiterinnen mit ihren Mnnern einen durchschnittlichen Wochenverdienst von 23,65 Mk., 23 weniger geschickte dagegen eine Einnahme von nur 16,52 Mk. durchschnittlich.[516] Es handelt sich auch hier um einen Beruf mit sehr starker Frauenbeteiligung. Sehr hufig konstatieren aber auch die Aufsichtsbeamten, da es sich bei den Ehemnnern der Fabrikarbeiterinnen um Arbeitsscheue, Trunkenbolde und Liederliche handelte, die ihren Verdienst zum allergrten Teil fr sich selbst verbrauchten, oder sich gar noch von der Frau ernhren lieen. Dabei darf eins nicht vergessen werden, das geeignet ist, die moralische Entrstung ber das Verhalten der Gatten ein klein wenig einzudmmen: Sie haben sich vor der Ehe an eine verhltnismig hohe Lebenshaltung gewhnt, da sie den Lohn allein fr sich verbrauchen konnten, und es gehrt ein Grad von Charakterstrke dazu, nach der Heirat die Lebensbedrfnisse mehr und mehr herabzuschrauben, zu dem nur ernst angelegte Naturen fhig sein knnen. Aber auch dort, wo eine direkte Notlage nicht vorliegt, ist es doch auch Not, die die Frauen in die Fabriken treibt: in fast allen jungen Proletarierehen mssen die Schulden fr die Haushaltungseinrichtung nach und nach getilgt werden; ist das vorbei, so mchten gerade die Ordentlichsten einen Notgroschen zurcklegen knnen, was vom Verdienst des Mannes allein nicht mglich ist; die Mtter--und zwar gerade die besten--mchten fr ihre Kinder etwas erbrigen, ja auch der Wunsch nach Dingen, die ber das tgliche Brot und die Schlafstelle hinausliegen, gehrt meiner Ansicht nach in dieses Gebiet. Oder ist es etwa nicht Not, wenn die Proletarierfamilie tagaus tagein, Sommer und Winter nichts sieht, als ihr dumpfes Arbeiterviertel und ihre staubige Arbeitsstelle; ist der Wunsch nach frischer Luft und freier Natur angesichts der blassen Kinder wirklich so vermessen? Ist es nicht Not, wenn man zwar satt zu essen, und ein Dach ber dem Kopfe hat, aber alles entbehrt, was das Dasein schmckt und erhebt, und eigentlich erst lebenswert macht? Die Zunahme der verheirateten Arbeiterinnen spricht viel mehr fr den Fortschritt ihrer geistigen und seelischen Entwicklung, als fr deren Niedergang. Ihre Wirkung aber ist, wenn wir zunchst die auf die Lhne in Betracht ziehen, keine erfreuliche. In Industrien mit starker Beschftigung verheirateter Frauen sind nicht nur die Mnnerlhne besonders niedrig, auch die Lhne der alleinstehenden Frauen sind nichts weniger als ausreichend, weil die Verheirateten den Ertrag ihrer Arbeit nicht als die alleinige Grundlage ihrer Existenz ansehen, sondern nur als eine notwendige Ergnzung des mnnlichen Einkommens, Die Steigerung des mnnlichen Lohnes aber wird wieder dadurch gehemmt, da er nicht mehr die einzige Lebensbedingung der ganzen Familie bildet. Die Arbeit verheirateter Frauen ist daher sowohl die Folge als die Ursache des unzureichenden Einkommens der Mnner und sie ist einer der Steine, die den alleinstehenden Frauen auf dem Wege zu besseren Zustnden im Wege liegen. Ihre rasche Entwicklung, an deren Anfang wir erst stehen, wird diese lohndrckende Tendenz dauernd verschrfen und zwar um so mehr, je mehr die verheirateten Frauen durch Gesetz und Gewohnheit eine Ausnahmestellung, nicht nur ihren mnnlichen, sondern auch ihren alleinstehenden weiblichen Arbeitsgenossen gegenber einnehmen. Eine Beurteilung der Lohnverhltnisse kann aber nur dann zu richtigen Resultaten fhren, wenn einerseits die Kaufkraft des Geldes, andererseits die Bedrfnisse der Lohnarbeiter in Betracht gezogen werden. Fr beides fehlt es an ausreichendem Material und auch das vorhandene ist ungengend. Im allgemeinen wird fr die hier in Betracht kommenden europischen Staaten angenommen werden knnen, da im Laufe des 19. Jahrhunderts die Wohnungsmieten sich verdoppelt resp. verdreifacht, die Lebensmittelpreise sich verdoppelt haben.[517] Die Lhne der Arbeiterinnen in der Groindustrie sind in derselben Zeit teils um ein Drittel, teils um die Hlfte gestiegen[518], die Bedrfnisse dagegen, deren Wachstum sich natrlich zahlenmig nicht feststellen lt, haben im Verhltnis weit rascher zugenommen, obwohl gerade das weibliche Geschlecht die langsamsten Fortschritte gemacht hat. Wenn schon bei dieser ganz uerlichen Betrachtung ein Defizit unvermeidlich ist, so ist es in Wahrheit noch viel bedeutender, weil zur Zeit des hier angenommenen Ausgangspunktes,--dem Anfang des 19. Jahrhunderts,--das Miverhltnis zwischen Einnahmen und Ausgaben bei den weiblichen Arbeitern noch unverhltnismig stark war. Selbst den gnstigsten Fall angenommen, da sowohl die Lebensbedrfnisse als die Lhne um die Hlfte gestiegen sind, bleibt dieses ursprngliche Miverhltnis nicht nur unverndert bestehen, es steigert sich auch noch infolge der erhhten Bedrfnisse, und infolge der schwer ins Gewicht fallenden Thatsache, da die industrielle Entwicklung den verschiedenen Arbeitszweigen mehr und mehr den Charakter der Saisongewerbe aufdrckt. Die Maschine ermglicht eine kolossale Produktivitt in einem kurzen Zeitraum und wirft eine groe Zahl von Arbeiterinnen nach Monaten fieberhafter Thtigkeit fr Wochen mitleidslos aufs Pflaster, whrend andere sich starke Lohnreduktionen gefallen lassen mssen. Die Arbeiterin, die sich schon in der lebhaften Zeit nur mhsam durchschlagen kann, steht in der stillen der bittersten Not gegenber. Einige Beispiele mgen das Gesagte illustrieren. Vorausgeschickt sei, da im allgemeinen die Ernhrung weiblicher Arbeiter 4/5 dessen ausmacht, was mnnliche dafr gebrauchen; gehen wir von dem Bekstigungsbudget der deutschen Heeresverwaltung aus, die eine Mark pro Tag und Mann rechnet, so wren ca. achtzig Pfennige fr arbeitende Frauen anzunehmen, wobei jedoch nicht vergessen werden darf, da die Heeresverwaltung bei Einkauf und Wirtschaft im groen fr die ausgesetzte Summe eine weit bessere und reichlichere Bekstigung zu bieten vermag, als die Arbeiterin sie sich fr ihr Geld schaffen kann. Fr eine Schlafstelle wird monatlich sechs bis neun Mark Miete gefordert, ein mbliertes Zimmer,--das sehnlichst ertrumte Ideal all der armen Heimatlosen!--ist kaum unter fnfzehn bis zwanzig Mark zu haben. Das Mindeste also, was eine alleinstehende Arbeiterin wchentlich fr Kost und Wohnung ausgeben mu, ist 7,48 Mk.; hat sie ein eigenes Zimmer, so mu sie allein zehn Mark fr Logis und Ernhrung ansetzen. Nun stellt sich der durchschnittliche Wochenverdienst der gewhnlichsten Arbeiterinnen in zwanzig deutschen Grostdten auf 8,70 Mk.[519] Es blieben ihnen also, wenn sie sich halbwegs ausreichend ernhren wollen und nicht in der eigenen Familie wohnen knnen, ca. 78 Pf. wchentlich fr alle brigen Lebensbedrfnisse--Kleidung, Wsche etc. Inbegriffen--brig! Dabei ist die Voraussetzung noch die, da die Wocheneinnahme sich das ganze Jahr ber gleich bleiben mte, whrend thatschlich im gnstigsten Fall nicht auf 52, sondern nur auf 48 Wochen regelmigen Verdienst gerechnet werden kann. Es giebt aber auch eine ganze Anzahl Arbeiterinnen, die unter acht Mark, ja die nur drei bis sechs Mark in der Woche verdienen. Wenn auch bei den niedrigsten Lohnstzen angenommen werden kann, da es sich meist um jugendliche Arbeiterinnen, die vielfach bei den Eltern wohnen, handelt, so bleiben, wie die Ergebnisse vieler Untersuchungen beweisen, noch viele brig, die bei solch einem Hungerlohn auf sich allein angewiesen sind, und es giebt noch zahlreiche Unglckliche, die eine alte Mutter, oder ein armes vaterloses Kind mit zu erhalten haben. Aber selbst bei einem Wochenlohn von neun bis zwlf Mark, dem blichsten fr deutsche Arbeiterinnen, und einer Jahreseinnahme von 430 bis 570 Mk.,--die schon als eine sehr hohe angesehen werden mu,--wobei in dem einen Fall vierzig, in dem anderen 170 Mk. fr alle brigen Ausgaben brig bleiben,--lebt die Arbeiterin in unaufhrlichem Kampf mit Not und Verschuldung. Dieselben Zustnde wiederholen sich berall, wo die Industrie, der groe Eroberer, eingedrungen ist und aus den Unterworfenen Sklaven gemacht hat. In Wien kann eine Arbeiterin mit 4 fl. 80 kr., wenn sie sich keine Erholung, kein Vergngen gnnt, niemals krank wird und niemanden zu untersttzen hat, gerade auskommen. 60 % arbeitender Frauen Wiens verdienen aber nur 4 fl. 50 kr., und es kommen Lhne von 1 fl. 80 kr. bis 3 fl. noch immer hufig genug vor[520], whrend die arbeitslose Zeit fr sie gleichfalls von vornherein in Rechnung gezogen werden mu. Das mindeste, was eine Pariser Arbeiterin zum Leben braucht, ist eine Jahreseinnahme von 850 bis 1200 frs.[521], unter einer tglichen Einnahme von 2,25 frs. liegt das tiefste Elend und erst von 4 frs. an beginnt ein gesichertes Leben fr die Alleinstehende[522], dabei gehren Tagelhne von 1,50 bis 2 frs. durchaus nicht zu den Ausnahmen, und auf unfreiwillige Ferien mu sich jede Arbeiterin gefat machen. Durch vier Auskunftsmittel,--eins frchterlicher als das andere,--sucht die Arbeiterin dem Gespenst der Not zu begegnen: Ueberarbeit, Unterernhrung, schlechte Wohnung und Prostitution. Die Ueberarbeit wird dadurch mglich, da sie aus der Fabrik oder Werkstatt noch Arbeit mit nach Hause nimmt, wo sie bis in die Nacht hinein schafft, um das elende Leben zu erhalten, das sich ohne Ruhepause in einem Kreislauf bewegt, zu dem im Grunde nur das elendeste Arbeitstier verurteilt ist: Arbeiten, Essen, Schlafen, und von den letzten beiden gerade nur so viel, als ntig ist, um jeden Tag von neuem ins Joch zu gehen. Wie die Unterernhrung aussieht, dafr giebt es Beispiele genug. Eine Arbeiterin, die nur 8 Mk. die Woche verdient, kann hchstens 40 bis 50 Pf. fr ihre tgliche Bekstigung ausgeben,[523] Sie lebt von Cichorienbrhe, genannt Kaffee, Brot, Kartoffeln, ein wenig kraftloser Suppe, Wurst oder Hering[524]; Fleisch und Gemse, das, wenn berhaupt, in minimalen Quantitten genossen wird, ist meist von so schlechter Qualitt, da von einem gengenden Nhrwert gar nicht die Rede sein kann. Gerade an der Nahrung sparen sich die Arbeiterinnen in der hohen Saison alles ab, um ihre Schulden aus der toten bezahlen zu knnen. So genieen die meisten Wiener Arbeiterinnen nichts als dreimal des Tages Kaffee und Brot und abends ein Stck Wurst; sie verderben sich den Magen, wenn sie einmal krftigere Nahrung zu sich nehmen![525] Und um fr die an sich schon mangelhafte Ernhrung noch vollends den Appetit zu verderben, ja sie gradezu widerlich und gefhrlich zu machen, kommt der Ort, wo sie zumeist eingenommen wird, noch hinzu: mitten im staubigen Fabriksaal, oder, falls er, wie es oft geschieht, mittags geschlossen wird, auf Hfen und Treppen ist der "Esaal" der meisten Fabrikarbeiterinnen. Selten nur wird ihnen ein eigener Raum zum Essen angewiesen, noch seltener findet sich die Einrichtung von Fabrikkantinen in Verbindung mit ihm. Ins Wirtshaus zu gehen, dazu reichen selten die Mittel, und der Weg nach Hause ist meist viel zu weit. Die Mglichkeit, sich vor dem Essen zu waschen, die staubigen, von Oel, Leim und tausend anderen Dingen beschmutzten Kleider mit reinen zu vertauschen, ist auch nur selten in ausreichendem Mae gegeben, und so schlucken die armen Geschpfe mit dem schlechten Essen Millionen Miasmen und Krankheitskeime in sich hinein. Ein einziger Blick in das gemtliche Ezimmer des Fabrikherrn mit den schmackhaften Gerichten und reinen Tellern auf dem frisch gedeckten Tisch und in den schmutzigen Winkel, wo diejenigen, auf deren Arbeit seine Behaglichkeit beruht, aus einer alten Blechkanne oder einem irdenen Topf ihre Suppe oder ihr mit schlechter Butter und einer Wurst, bei deren nherer Untersuchung wir schaudern wrden, belegtes Brot verzehren, mte allein gengen, um das Verbrecherische der herrschenden Wirtschaftsordnung einzusehen. Folgen wir der Arbeiterin auch in ihr "Heim". Sie ist nur zu oft gezwungen, eine Schlafstelle zu nehmen, wo sie nicht einmal auf ein eigenes Bett Anspruch hat. Von 95365 Schlafleuten, die 1890 in Berlin gezhlt wurden, waren 39 % in Wohnungen mit nur einem Raum untergebracht[526], d.h. sie schliefen mit der ganzen Familie im selben Zimmer. In einer groen Zahl von ihnen,--1885 wurden 607 der Art in Berlin gezhlt,--hausten neben der Familie Schlafburschen und Schlafmdchen, bis zu acht an der Zahl![527] In Leipzig fand sich solch ein Raum mit folgenden Bewohnern: einen trunkschtigen Mann, einer schwindschtigen Frau, drei Kindern und zwei Schlafmdchen.[528] Am gnstigsten ist es noch fr sie, wenn in einem Bett zwei Schlafmdchen zusammen schlafen, sehr hufig aber mssen sie ihr Lager mit den Kindern ihrer Wirtsleute, ohne Unterschied des Geschlechts, teilen; in Belgien hat eine Untersuchung der Arbeiter-Wohnungsverhltnisse sogar ergeben, da jugendliche Arbeiter beiderlei Geschlechts auf ein gemeinsames Bett angewiesen waren![529] Nicht nur, da die Arbeiter nur zu oft weniger Luftraum im Zimmer haben, als die Gefangenen, sie haben nach des Tages Last und Arbeit nicht einen Platz auf Erden, wo sie allein sein, wo sie sich ausruhen und erholen knnen! Ja, das arme Schlafmdchen hat auer den Nachtstunden nicht einmal einen Anspruch auf ihren Bettanteil; tags ber ist der Raum, in dem sie mietete, Werkstatt, Kche, Kinderstube, in dem fr sie kein Platz ist. So wird sie gezwungen, sich herumzutreiben, so kommt es auch, da das Elend des Schlafstellenwesens sich zum Grauenhaften steigern kann: die Mdchen bringen schlielich von ihren zuerst erzwungenen, spter freiwilligen abendlichen Vergngungen ihre Liebhaber mit nach Hause, und verkehren hier, durch den Zwang, die intimsten Dinge tglich vor aller Augen zu verrichten, lngst aller Scham entblt, ungestrt durch die Mitbewohner und die kleinen Kinder, mit ihnen.[530] Die enorme Zunahme der unehelichen Kinder,--es giebt Fabrikdistrikte, z.B. Schleswig und Chemnitz, wo sie an Zahl die ehelichen bertreffen[531],--ist die Folge davon. Ist der Vater ein Arbeitsgenosse der Mutter, so pflegt im allgemeinen die schlieliche Heirat selbstverstndlich zu sein, denn selten nur kommt es vor, da ein Arbeiter die Vaterschaft nicht anerkennt und die Geliebte verlt, er wrde sich dadurch der Verachtung seiner Kollegen aussetzen.[532] Wie oft aber fllt die Arbeiterin ihrem Vorgesetzten zum Opfer: Sie findet keine Arbeit, wenn sie nicht mit ihrer Arbeitskraft ihre Ehre verkauft, sie mu sich den Lsten der Werkfhrer, hufig auch der des Chefs selber fgen, wenn sie sich nicht dem aussetzen will, bei der nchsten Geschftsstockung ihre Stelle zu verlieren.[533] Und ihr ganzes freudloses Dasein, das ihr, wenn sie ehrlich bleiben will, in gleichfrmiger der Farblosigkeit verfliet, prdestiniert sie noch dazu. Sie hat doch auch ein Recht auf Freude, und sie sehnt sich danach; nicht blo der physische Hunger zwingt sie, sich von einem Liebhaber untersttzen zu lassen[534], oder sich gelegentlich zu prostituieren, der psychische thut es mit gleicher Gewalt. Liegt nicht gerade darin eine furchtbare Grausamkeit, da das bichen Lebensfreude,--oft besteht es in weiter nichts, als in ein paar bunten Fhnchen und reichlichen Mahlzeiten,--von den Proletariermdchen so hufig nur durch Schande erkauft werden kann?! Ein Fabrikmdchen! Nasermpfend hrt man es oft sagen. Fr die Leute, die mit reinen Kleidern am Familientisch sitzen und abends in ihr eigenes warmes Bett kriechen, verbindet sich mit dem Wort der Gedanke an krperlichen und sittlichen Schmutz. Sie wissen nicht, welch eine Summe von Qual und Entbehrung und Hoffnungslosigkeit es ausdrckt, wie viel heldenmtige Entsagung, von der nur manche stillen, frh gealterten Gesichter Zeugnis ablegen, hinter ihm steckt, welch namenloses Unglck ihm anhaftet, und sie sehen nicht, oder wollen nicht sehen, welch eine Anklage gegen sie und ihresgleichen aus diesen Worten emporwchst. Der niedrige Lohn ist aber nicht die einzige Arbeitsbedingung, die verheerend auf das Leben der Arbeiterin einwirkt. Neben ihn, als der Hauptgrundlage der Existenz, dem bestimmenden Faktor fr die physische und geistige Entwicklungsmglichkeit, tritt die Zeit, die aufgebracht werden mu, um ihn zu verdienen, als zweitwichtiges Moment hinzu. Die Frauen in der Groindustrie genieen fast berall den Vorzug, da die Stunden, die sie dem Erwerb widmen, gesetzlich geregelt sind. Fr sie besteht, in der Theorie wenigstens, der zehn- oder elfstndige Maximalarbeitstag und teilweises Verbot der Nachtarbeit, in der Praxis aber wird er nicht nur durch die sehr weitgehende Erlaubnis seiner Ausdehnung durch Ueberstunden, sondern auch durch die infolge der mangelhaften Kontrolle leicht mgliche Uebertretung der gesetzlichen Vorschriften vielfach berschritten. Nach den deutschen Gewerbeaufsichtsberichten fr 1899 wurden fr rund 184000 Arbeiterinnen nicht weniger als 3 Millionen Ueberstunden bewilligt.[535] Die vielen Uebertretungen der gesetzlichen Arbeitszeit, die den Beamten berhaupt gar nicht zur Kenntnis kommen, wrden diese Zahl gewi mehr als verdoppeln. Was aber die gesetzlichen Vorschriften vollends fast illusorisch macht, das ist die Gewohnheit der Unternehmer, den Arbeiterinnen noch Arbeit mit nach Hause zu geben, und die Bereitwilligkeit der Arbeiterinnen, dadurch ihren Lohn ein wenig zu erhhen. Auf diese Weise verlngert sich die Arbeitszeit ins ungemessene. In Verbindung mit der schlechten Ernhrung untergraben diese Verhltnisse die Gesundheit der Frauen schon im ersten Lenz ihres Lebens. Gerade in der Entwicklungszeit, wo der Krper des Weibes sich zu seiner schnsten Bestimmung, der Mutterschaft, vorbereitet, wo er durch geeignete Abwechselung von Ruhe und Bewegung, durch frische Luft und gesunde Nahrung gesthlt werden mte, wird er dazu verdammt, mindestens zehn Stunden lang in Staub und Hitze hintereinander zu stehen, oder zu sitzen, Maschine zu treten oder sonst eine gleichfrmige, nur bestimmte Muskeln ausbildende Bewegung auszufhren. Die Bleichsucht, mit ihrem Gefolge von Reizung zur Lungenschwindsucht, Unterleibskrankheiten und geistiger Depression, Verkrmmung des Rckgrats und der Beine u. dergl. mehr, halten daher ihren unaufhaltsamen Siegeszug unter den Proletariermdchen.[536] In solchen Betrieben, wo sehr vollkommene technische Einrichtungen eine groe Produktion auch ohne Ausnutzung der Arbeitszeit bis an die Grenze des gesetzlich Zulssigen ermglichen, tritt die Tendenz der freiwilligen Verkrzung der Arbeitszeit hervor.[537] Das gilt auch fr einen Teil der Textilindustrie und kommt insofern auch den Frauen zu Gute. Fr Frankreich und England lt sich die gleiche Entwicklung verfolgen, aber ihr Tempo ist ein sehr langsames. Die menschliche Arbeitskraft, und besonders die weibliche, ist hufig, selbst bei geringerer Leistungsfhigkeit, noch viel billiger, als ihre teilweise Ersetzung durch Maschinen. Die gesetzwidrige Verlngerung der Arbeitszeit drfte daher immer noch viel hufiger vorkommen, als ihre Verkrzung, und zwar vor allem in den Betrieben, wo die Frauen mit ihrer stumpfen Resignation, ihrem Mangel an energischen Solidarittsgefhl sich zusammendrngen. Aber selbst die Einhaltung des Zehn- resp. Elfstundentags vorausgesetzt, ist der weibliche Arbeiter, verglichen mit dem mnnlichen, immer noch im Nachteil, weil die Mehrzahl der Frauen mit der Berufsarbeit nicht die Arbeit berhaupt, die auszufhren ihnen obliegt, erledigt haben. Nicht nur, da es Arbeiterinnen giebt, die, um einen Teil der Miete zu sparen, ihrer Wirtin im Haushalt, bei den Kindern, oder, wie es hufig vorkommt, in irgend einem Zweige der Heimarbeit helfen,--eine "Hilfe", die oft nicht ganz freiwillig ist,--fr fast alle die, welche bei den Eltern wohnen, ist die Hausarbeit neben der Erwerbsarbeit etwas Selbstverstndliches. So wird der zehn- oder elfstndige Arbeitstag zum dreizehn-, vierzehn- und mehrstndigen und der Sonntag wird noch dazu oft der Reinigung und Instandhaltung der Kleidung gewidmet. Denn darauf hlt auch die rmste Arbeiterin; in dem bunten Band, womit sie ihre Taille grtet, in den Blumen, die sie auf ihren Hut steckt, in dem mglichst modernen Kleid, womit sie auf den Tanzboden geht, konzentriert sich hufig all ihre Lebensfreude, der sie sogar leichten Herzens auch das bichen krftige Nahrung opfert, die sie sich sonst vielleicht gnnen knnte. Engherzige Puritaner schlagen wohl ber die "Putzsucht" der Arbeiterin die Hnde ber dem Kopf zusammen; das Recht auf Jugend, das man den Mdchen der wohlhabenden Bevlkerung voller Wohlwollen und sogar voll freudiger Genugthuung zuerkennt, soll fr sie durchaus keine Geltung haben. Und dabei bedenkt man nicht einmal, da der Proletarierin fr andere Gensse, fr deren Verstndnis man die brgerliche Jugend von frh an erzieht, die Aufnahmefhigkeit fehlt. Was dem Arbeiter Bier und Branntwein, das ist der Arbeiterin Putz und Tand: oft die einzig erreichbare Lebensfreude. Niedriger Lohn und lange Arbeitszeit sorgen schon dafr, da sie nicht ppig ins Kraut schiet, und die traurigen sanitren Verhltnisse in Werkstatt und Fabrik nehmen ihr vollends frhzeitig das Sonnenlicht, in dem sie allein gedeihen kann. Auch darin ist der Arbeiter in gnstigerer Lage, als die Arbeiterin: Bei dem weiblichen Geschlecht hat sich bisher berall eine strkere Empfnglichkeit fr die Schdlichkeiten gewisser Gewerbe herausgestellt, sowohl der Staub, als vor allem die Giftstoffe, die sie einatmet, wirken strker auf sie, als auf den Mann[538], auch Betriebsunfllen ist sie in hherem Mae ausgesetzt. Die Grnde dafr sind vielfach rein uerlicher Natur: In den langen Kleidern und den leider immer noch blichen vielen Unterrcken, in den unbedeckten langen Haaren knnen sich unendlich mehr jener schdlichen Fremdkrperchen festsetzen, als bei den Mnnern. Ein Wechseln der Kleidung verbietet sich schon dadurch oft von selbst, da die Arbeiterin nur einen Arbeitsanzug hat, hufig aber wird es unterlassen, weil es an einem geeigneten Umkleideraum fehlt. Oft trennt ihn nur ein leichter Vorhang von dem der Mnner, oder dem Arbeitssaal, oft ist er in diesem selbst, wo die Arbeiterin ihre Sachen, die sie schonen mu, gar nicht hinhngen mag. Aus hnlichen Grnden unterdrckt sie nur zu oft zum Schaden ihrer Gesundheit natrliche Funktionen ihres Krpers, weil das Kloset teils unverschliebar in nchster Nhe des von den Mnnern benutzten liegt, teils, weil es in einem unbeschreiblichen Zustand sich befindet. Alle Industriezweige fast, in denen Frauen beschftigt sind, bringen besondere Gefahren fr Leben und Gesundheit mit sich. Werfen wir zunchst einen Blick auf die Textilindustrie und treten wir in eine Spinnerei: Mit heiem Wasserdampf ist die Luft gesttigt, auf dem Steinboden steht das Wasser, ein ekelhafter Geruch erhebt sich aus dem Spinnwasser, das die Abflle und leimigen Substanzen des Gespinstes aufnimmt. Mit Hnden und Vorderarmen arbeitet die Spinnerin in der unreinen, klebrigen Flssigkeit; eiternde Geschwre an Hnden und Armen, schwere Augenentzndungen stellen sich infolgedessen hufig ein. Mit bloen Fen steht sie auf dauernd nassem Boden, ungengend bekleidet vertauscht sie dann den Aufenthalt im glhenden Arbeitsraum womglich mit der Winterklte drauen,--rheumatische Krankheiten, Unterleibsentzndungen sind die Folge.[539] Dauernder Druck auf besonders empfindliche Teile fhren zu frhzeitigen Erkrankungen der Geschlechtsorgane.[540] In kleineren Betrieben wird zur Entfettung roher Wolle fauliger Urin verwendet. Ein pestilenzialischer Geruch erfllt daher die Luft, Ekzeme, Furunkeln zeigen sich an den Hnden der Arbeiterinnen. Wo man zu demselben Zweck Schwefelkohlenstoff gebraucht, treten Vergiftungserscheinungen auf, die bis zur vlligen geistigen Umnachtung fhren knnen.[541] In den Wollkmmereien herrschen tropische Glut und ekelerregende Ausdnstungen; die Gasrume der Seidenfabriken wetteifern mit ihnen, was die Hitze betrifft, und vergiften die Arbeiterinnen durch das Ausstrmen des Gases.[542] Die Fabrikation von Kunstwolle und von grauer Watte erweist sich als ein Herd furchtbarer Krankheiten: Die Verlesung der Lumpen, aus denen die Kunstwolle gemacht wird, wirbelt Millionen Bakterien auf, Infektionskrankheiten schlimmster Art, chronische Bronchialkatarrhe berfallen heimtckisch die Arbeiterinnen, die sogenannte Hadernkrankheit, die mit starkem Fieber beginnt und im Starrkrampf endet, ttet sie in wenigen Tagen. Das Sortieren der Abflle zur Herstellung grauer Watte ist noch ekelhafter: findet sich doch sogar gebrauchte Verbandwatte darunter![543] Mit wunden, eiternden Fingern stehen die Andreherinnen in den Webereien am Webstuhl, bis die Kraft sie verlt[544]; zerstrend wirkt das Blei, das in gefrbter Baumwolle sich meist befindet, auf die Weberinnen, und strker noch auf die Arbeiterinnen in der Spitzenfabrikation. Wohl giebt es gefahrlose Mittel, um den feinsten Erzeugnissen der Textilindustrie Glanz und Appretur zu verleihen, aber sie sind teuer und so wird Bleiwei dazu verwandt, ohne Rcksicht auf Leben und Gesundheit; den Unternehmer ficht es nicht an, ob seinen "Hnden" die Arbeit entsinkt, er findet Ersatz genug! In Webereien, in der Fabrikation von Kartons und buntem Papier und knstlichen Blumen, bei der Polierarbeit in der Fabrikation eiserner Bettstellen strmt das Gift in die Atmungsorgane, in die Poren der Frau und wird mit ihren Kleidern in ihr Heim getragen; ja es kommt vor, da sie es mit dem Essen zu sich nimmt, weil kein anderer Raum als der Arbeitssaal ihnen dafr zur Verfgung steht.[545] Koliken, Magenerkrankungen, Kopfleiden sind die Folge. In den Bleiweifabriken erreichen diese Leiden den hchsten Grad: epileptische Krmpfe, Erblindungen, teilweiser Verlust der Sprache sind Zeichen des letzten Stadiums der Bleivergiftung, die zum Wahnsinn oder zum Tode fhren kann.[546] Der Schwefelkohlenstoff in der Kautschukfabrikation fhrt zu hnlichen Erscheinungen, nur mit der Variation, da Lhmungen der Geschlechtsorgane schlielich hinzutreten knnen.[547] Eine groe Zahl von Frauen beschftigt, wie wir gesehen haben, die Tabakindustrie. Ihre Arbeiter sind die am schlechtesten bezahlten und die schwchsten von allen. Schon nach den ersten sechs Monaten der Beschftigung erkranken von 100 72 an Nikotinvergiftung. Besonders bei den jngeren Arbeiterinnen stellen sich als Folge Nerven- und Magenleiden und Erkrankungen der Geschlechtsorgane ein.[548] Wie dies Gift den Krper von innen zerstrt, zerstrt das Phosphor in der Zndholzfabrikation ihn von auen: zu einer grauenhaften Maske wird das Antlitz der Frau durch die Kiefernekrose, die zuerst die Zhne und dann den Kiefer zerfrit.[549] Wir sind noch nicht am Ende: Die Zieglerkrankheit, die Anmie, ergreift mnnliche wie weibliche Ziegelarbeiter, besonders, wenn ihr Schlafraum sich auf der Oberflche von Ringfenanlagen befindet, aus denen unaufhrlich giftige Dmpfe entweichen. Die Lunge der Porzellanarbeiter, besonders der Frauen, die den Arbeitsraum auskehren, fllt sich durch Einatmung des scharfen Kieselstaubes mit frmlichen Steinen, schwrzliche Steine bilden den Auswurf.[550] Kein Leiden aber erreicht das der Quecksilberarbeiterin: sehr bald schon wird ihr Gesicht aschfahl, die Augen trb, der Gang schwankend, wie der eines Rckenmarkleidenden. Bei dem Anblick eines Fremden berfllt sie konvulsivisches Zittern; das krgliche Mahl vermag sie kaum zum Munde zu fhren, die Sprache versagt oft ihre Dienste, in erschreckender Weise nehmen die Geistesfhigkeiten ab, bis zum letzten Stadium, dem Bldsinn. Jeder geht ihr aus dem Wege, denn der Speichelflu macht ihren Anblick widerlich und vor dem Hauch ihres Mundes prallt man zurck.[551] Aber nicht nur die Gifte vernichten Gesundheit und Krperkraft. Dem "schwachen" Geschlecht werden Lasten auf die Schultern gelegt, die es zu Boden werfen. In Steinbrchen, Porzellanfabriken, Ziegeleien, selbst bei Bauten schleppen oder schieben sie schwerbeladene Trge und Schubkarren; in Zuckerfabriken tragen sie tglich whrend zehn Stunden bis zu 800 je 16 Kilogramm schwere Kisten zu den Schlagmaschinen.[552] In den Spinnereien und Webereien stehen sie oft whrend elf und zwlf Stunden; geschwollene Fe, Krampfadern, Nieren- und Unterleibsleiden zeugen davon. Und nun jener eigentlichste Frauenberuf: die Maschinennherei! In gebckter Stellung sitzen die Armen an ihrer rasselnden Tyrannin, unausgesetzt bewegen sich die Beine auf und nieder. Junge und Alte, Kranke und Gesunde--alle glauben sich fhig zu dieser mrderlichen Arbeit, die schlielich auch die strkste Konstitution untergrbt. Ein Lyoner Fabrikant sagte einmal: "Ich beschftige nur Mdchen von sechzehn bis achtzehn Jahren an der Nhmaschine, sind sie erst zwanzig, so sind sie reif fr's Hospiz."[553] Und er hat nicht bertrieben. Die Bleichsucht in all ihren Stadien, Unterleibsleiden, Lagevernderungen der Gebrmutter, die eine Mutterschaft fast unmglich machen, neurasthenische Erkrankungen aller Art, suchen die Frauen heim als bse Gste.[554] Wohl hat die Technik, wie berall so auch hier, ein Mittel zur Hilfe geschaffen: statt durch die Fe der Nherinnen kann die Maschine durch Dampf oder Elektrizitt in Bewegung gesetzt werden, aber die Einrichtung ist den Unternehmern nicht lohnend, denn mit derselben Schnelligkeit fast treibt die durch die Not vorwrts gepeitschte Menschenkraft die Rder, als die motorische Kraft es thun wrde, und der Profit ist der einzige ausschlaggebende Faktor. Furchtbarer als Dantes Hlle ist diese Welt der Arbeit, bevlkert mit bleichen Gestalten, die sich auf wunden Fen nur schwer fortbewegen, deren Hnde, aus denen Behaglichkeit, Wrme, Schnheit, Nahrung, Kleidung fr die glcklicheren Menschen hervorgehen, bluten und schwren, deren Rcken gekrmmt, deren Glieder zerfressen sind von Giften, aus deren irren Blicken oft der Wahnsinn starrt. Und doch fehlt zur Vollendung des Bildes noch eins: dichte Wolken von Staub umhllen die Gestalten,--Staub aus scharfem Metall, aus Pflanzenfasern und Tierhaaren, mit Gift und Krankheitskeimen durchsetzt. Er verdichtet sich vor unseren Augen zu dem riesigen, hohlwangigen Gespenst, das in den Proletariervierteln sein Wesen treibt: der Lungenschwindsucht. Wer kann sagen, in welchem Industriezweig es am meisten zu Hause ist: bei den Textilarbeitern, bei den Tabakarbeitern, bei den Tpfern?! Es herrscht berall, wo die Jagd nach Gewinn rcksichtslos ber Menschenleichen dahinbraust! Kann es noch schwereres Leiden geben, als das, was an uns vorberzog? O ja; und es findet sich dort, wo es die Frau nicht mehr allein, sondern durch sie auch ihre Kinder trifft. Das Mdchen trumt noch von der Zukunft; es glaubt, die Ehe wird sie aus dem Arbeitsjoch erlsen, darum bringt es seinem Beruf bei weitem nicht das Interesse entgegen, das der Mann ihm entgegenbringt, fr den er zum ausschlielichen Lebensberuf werden soll; die Frau aber hat keine Hoffnung mehr auf Befreiung. Und ihre Not verschrft sich ins unertrgliche durch den Anblick der Not ihrer Kinder. Wie hufig hrt man angesichts des Elends sagen: Die Leute sinds nicht anders gewhnt, sie spren es nicht. So richtig es nun auch sein mag, da die im Elend Geborenen nicht die Empfindung dafr haben, wie die, welche erst hineingestoen wurden, so falsch ist es, da irgend eine Mutter in der Welt, und wre es die allerrmste, sich jemals an das Leid ihrer Kinder gewhnen wird. Kinderleid ist das grte auf Erden, weil es die Unschuldigen und die Wehrlosen trifft. Nach allgemeiner Annahme kann in Deutschland eine aus Mann, Frau und zwei Kindern bestehende Arbeiterfamilie mit 1500 Mk. im Jahre die notwendigsten Bedrfnisse decken.[555] Eine auskmmliche Lebenshaltung, bei der aber von einer Befriedigung hherer Bedrfnisse,--Kunst, Theater, Natur,--auch nur in ganz geringem Umfang die Rede sein kann, ist erst mit einer jhrlichen Einnahme von 2000 Mk. mglich.[556] Es mte demnach fr den ersten Fall eine tgliche Einnahme,--ohne Unterbrechung!--von fnf Mark, im zweiten eine von fast sieben Mark gesichert sein. Das davon nur in Ausnahmefllen die Rede sein kann, lehrt ein Blick auf unsere Lohntabellen. Aeuerst selten nur erreicht der Mann allein solch einen Verdienst, aber selbst die Mitarbeit der Frau, die sich, nach diesem Mastab gemessen, als unbedingt notwendig erweist, kann ihn nicht gewhrleisten. Einnahmen von 800 bis 1000 Mk. gelten in Proletarierkreisen schon als gute. Sie sind vollstndig unzureichend und auch die von 1000 bis 1500 Mk. sind es, sobald mehr als zwei Kinder zu erhalten sind. Es klingt geradezu wie Wahnsinn, und doch ist es Thatsache: je mehr Kinder die Familie besitzt, je mehr also die Mutter zu Hause ntig ist, desto notwendiger mu sie in die Fabrik. Und doch kann sie sich und ihren Kindern dadurch noch kein einigermaen behagliches Leben erkaufen. Der Grund- und Boden- und der Huserwucher verschlingt zum groen Teil, was sie erwirbt, und lt ihr dafr eine elende Behausung, die den Namen Wohnung nicht verdient. Schon im Jahre 1880 wurde in deutschen Grostdten eine erschreckende Zahl bervlkerter Wohnungen konstatiert[557]; die Untersuchungen des Vereins fr Sozialpolitik deckten entsetzliche Zustnde auf, die vielleicht nur noch von denen in Wien bertroffen wurden.[558] Hier wurde z.B. ein Zimmer mit Kche von einer Witwe mit sechs Kindern und zwei Schlafleuten bewohnt, die sich alle in drei Betten, einem Kinderbett und einem Sofa teilten; in einer Kammer mit einem einzigen Fenster nach dem Flur hauste ein Ehepaar mit vier Kindern, in einer anderen von 13 qm Bodenflche, fand sich eine siebenkpfige Familie! Parterrewohnungen in Hinterhusern, die mit dem engen Hofe auf gleicher Hhe liegen, im Sommer heie, im Winter eisigkalte Dachkammern, Wohnungen mit nur einem heizbaren Raum, oder ganz ohne Kche, sogenannte Kochstuben, als einzigen Raum[559],--das sind die Wohnungen, in denen das Familienleben der Arbeiter sich abspielen und gedeihen soll! Und doch sind auch diese vielfach noch unerschwingbar fr ihren schwindschtigen Beutel. In Nrnberg kostet der qm Wohnraum in den kleinsten Wohnungen 7,70 Mk., in den grten 4,36 Mk., in Basel im mittleren Stockwerk 3,04, im Dachgescho 4,15 Mk.[560] In den Fabrikstdten Nordbhmens kostet ein cbm Luftraum jhrlich nur um eine Kleinigkeit weniger, als in den Palsten der Wiener Ringstrae.[561] Nach einer Zusammenstellung des Gewerbeaufsichtsbeamten fr Sachsen-Koburg-Gotha schwankte die Summe, die der Arbeiter zur Bestreitung seiner Wohnungsmiete zu verausgaben hat, zwischen 20 und 38 % seines Arbeitslohnes; er mte bis zu 57 Tagen arbeiten, um allein den Mietspreis zu verdienen, whrend fr die begterten Schichten der Bevlkerung die Ausgabe fr Wohnungsmiete im allgemeinen mit zehn bis hchstens zwanzig Prozent des Einkommens angesetzt wird.[562] Die Armen haben also fr ihre elende Wohnung relativ mehr zu bezahlen, als die Reichen, und sind daher gezwungen, sie mit Fremden, Aftermietern und Schlafleuten zu teilen, ihre Kinder nicht nur ohne Luft und Licht aufwachsen zu lassen, sondern sie auch noch der moralischen Vergiftung auszusetzen. Und wie sieht der Haushalt aus, wenn die Hausfrau in die Fabrik gehen mu. Am frhen Morgen, hufig ehe die Kinder erwachen, mu sie zur Arbeitsstelle eilen. Die ein- bis einundeinhalbstndige Mittagspause, die ihr in Deutschland gesetzlich gewhrleistet wird, reicht nicht immer aus, um heimzukehren, und niemals um, wie die Gewerbeordnung prahlend sagt, den Haushalt zu besorgen. Bestenfalls wird das abends vorher zusammengekochte Essen aufgewrmt, oder das vom Morgen an langsam auf dem Grudeofen brodelnde auf den Tisch gestellt, in beiden Fllen ist aus den an sich schon minderwertigen Speisen der Nhrwert entflohen. Am hufigsten begngt sich die ganze Familie bis zur Heimkehr der Mutter am Abend mit Butterbrot und Kaffee, dann erst bereitet die bermdete Frau die Hauptmahlzeit, dann erst, nach zehn-, elf-, auch dreizehnstndiger Arbeit, beginnt ihre husliche Thtigkeit. Sie nht und flickt und wscht und scheuert, wenn sie gewissenhaft ist, so da ihr kaum fnf Stunden zum Schlafen brig bleiben. Vorzeitiges Altern, geistige und krperliche Erschpfung sind die Folgen. Oder sie kmmert sich um nichts mehr, wenn die Arbeit sie schon stumpfsinnig und gleichgltig gemacht hat: dann verwahrlost die Wirtschaft und die Kinder. Zwischen diesen beiden Wegen allein hat sie zu whlen! Wie oft sie den ersten whlt, dafr spricht die Bewunderung, mit der die gewi wenig enthusiastischen deutschen Fabrikinspektoren von der Willensstrke, dem Opfermut und der unermdlichen Arbeitskraft der verheirateten Arbeiterinnen reden.[563] Aber selbst mit der Hingabe ihrer Krfte knnen sie dem Haushalt nicht die Leiterin, den Kindern nicht die Mutter ersetzen. Eine grndliche Statistik der Kinderzahl der Arbeiterinnen giebt es leider nicht. Die deutschen Erhebungen der Gewerbeaufsichtsbeamten fr das Jahr 1899 sind nach dieser Richtung vllig ungengend. Nur in siebzehn Bezirken von 78 wurden Untersuchungen darber angestellt, und auch hier handelt es sich lediglich um Stichproben. Sie werfen aber immerhin gengendes Licht in dieses dunkle Bereich des Proletarierlebens; die folgende Tabelle bietet eine Zusammenstellung aller Ergebnisse: |Anzahl |Von diesen| Von den Kindern waren Bezirk |der be-| Frauen |--------------------------------- |fragten| hatten |noch nicht| schul- | schul- |Frauen | Kinder | schul- |pflichtig |entlassen | | |pflichtig | | | | | | | | | | | | |absolut|% |absolut|% |absolut| % |absolut| % ---------------+-------+-------+--+-------+--+-------+---+-------+-- Oppeln | -- | 1057 |--| 765 |35| 886 | 41| 509 |24 Magdeburg | 2680 | 1858 |70| 1283 |31| 1878 | 45| 996 |24 Minden | 1120 | 701 |63| 703 |46| 804 | 54| -- |-- | | | |`------v-------------| | Aachen | 2412 | 1576 |65| 2859 |82| | | 643 |18 Sigmaringen | 56 | 29 |52| 37 |55| 21 | 31| 9 |14 Anhalt | -- | 805 |--| 511 |28| 742 | 41| 577 |31 Bremen | 541 | 411 |76| 428 |41| 628 | 59| -- |-- Wrttemberg III| 175 | 147 |84| 154 |47| 77 | 23| 97 |30 | | | |`---------------v--------------- Darmstadt | 848 | 522 |62| | | 1513 | | | Offenbach | 843 | 568 |67| -- |--| -- | --| -- |-- Gieen | 510 | 420 |82| 318 |32| 352 | 35| 328 |33 Oberbayern | 641 | 347 |54| 1231 |54| 844 | 37| 188 | 9 | | | |`----------------v-------------- Niederbayern | 329 | 232 |74| | | 690 | | | | | | |`----------------v-------------- Pfalz | 1978 | 1348 |70| | | 3208 | | | Oberpfalz | 213 | 165 |77| 143 |37| 154 | 39| 93 |24 | | | |`----------------v-------------- Unterpfalz | 388 | 272 |70| | | 578 | | | | | | |`----------------v-------------- Zittau | 4494 | 2523 |56| | | 4484 | | | Aus der umstehenden Tabelle geht hervor, da 65 % aller Frauen Kinder haben; auf 100 Frauen kommen im ganzen 231 Kinder, darunter 90 Kinder unter 6 Jahren, 108 Kinder unter 14 Jahren, im allgemeinen 201 Kinder, die noch nicht der Schule entwachsen sind. Legen wir denselben Mastab an smtliche verheiratete Arbeiterinnen an, wie die deutsche Berufszhlung von 1895 sie zhlte, so haben 149067 Frauen, d.h. 65 % aller verheirateten Arbeiterinnen, 334345 Kinder, von denen 299625 noch zu Hause sind. Diese Zahl ist aber noch viel zu niedrig gegriffen, weil die ledigen Mtter und deren Kinder nicht mit eingerechnet sind. Es drfte wohl kaum bertrieben sein, wenn wir sagen, da etwa eine halbe Million Kinder unter 14 Jahren in Deutschland Arbeiterinnen zu Mttern haben, also so gut wie mutterlos aufwachsen. Diese Mutterlosigkeit beginnt schon in der allerersten Lebenszeit der Suglinge: Kaum vier Wochen nach der Geburt mu die Mutter wieder zur Arbeit zurck, ja wo die Not gro ist, versucht sie noch viel frher etwas zu verdienen, indem sie, solange die Thore der Fabrik ihr noch verschlossen sind, durch Waschen, Nhen oder Reinemachen das Ntigste zum Leben zu schaffen versucht. Die Nahrung, die eine gtige Natur dem mtterlichen Weibe fr das hilflose kleine Wesen mit auf den Weg gab, versiegt fast ungenutzt; noch hufiger wohl hat die Ueberanstrengung und schlechte Ernhrung whrend der Entwicklungsjahre des Mdchens und whrend der Schwangerschaft sie gar nicht in Erscheinung treten lassen. Statt dessen wurde im Mutterleibe schon das Kind vergiftet; man hat im Fruchtwasser, wie im Ftus all diejenigen Gifte gefunden, die durch die Lunge und durch die Poren in den Krper der Arbeiterin eindringen: Blei, Quecksilber, Phosphor, Jod, Anilin und Nikotin; hufig schdigen sie sogar die Frucht mehr als die Mutter[564], und fr die Erblichkeit der Tuberkulose, jener eigentlichen Proletarierkrankheit, spricht deutlicher als das Urteil medizinischer Autoritten ein Blick auf die Kinder in den Proletariervierteln. Eine erschreckend hohe Sterblichkeit, besonders der Suglinge, ist die Folge der ursprnglichen Infizierung und der Entziehung der Muttermilch. Nur sieben von tausend mit Muttermilch genhrten Kindern pflegen im ersten Lebensjahr zu sterben, von 1000 mit Tiermilch und Milchsurrogaten genhrten dagegen 125, und zu ihnen gehren die meisten Arbeiterkinder. Nur 8 % der Kinder der hheren Stnde sterben im ersten Lebensjahr, fr die Kinder des Proletariats steigt die Sterbeziffer bis auf 30 %[565] Im reichsten Wiener Stadtviertel kommt ein Todesfall im ersten Lebensjahr auf 870 Bewohner, im Arbeiterviertel dagegen schon auf 71. Im wohlhabenden Viertel der Berliner Friedrichstadt starben von 1000 Suglingen 148, im armen des Wedding 346.[566] In den Fabrikbezirken am Niederrhein starb die Hlfte der Arbeiterkinder im ersten Lebensjahr[567]; die verheirateten Fabrikarbeiterinnen von Massachusetts verloren 23 % ihrer Kinder im gleichen Alter.[568] Wie sehr die Suglingssterblichkeit mit der Zunahme der Frauenarbeit im Zusammenhang steht, geht aus seinem Wachstum in den Industriezentren hervor. In Berlin ist sie whrend eines vierjhrigen Zeitraumes fast um das Doppelte[569], in Plauen von 33 % im Jahre 1800 auf 43 % im Jahre 1899 gestiegen.[570] Die Beschftigungsarten der Mtter sind dabei von grtem Einflu In Bezirken der englischen Textilindustrie starben von 100 22, in denen der deutschen 38 Suglinge im ersten Lebensjahr.[571] Von 100 Kindern der Berliner Papierwarenindustrie starben nicht weniger als 48 im Suglingsalter.[572] Der hchste Prozentsatz der Suglingssterblichkeit findet sich aber unter den Kindern der Quecksilber- und Tabakarbeiterinnen: 65 von 100 lebend Geborenen sind dem Tode verfallen[573], noch viel mehr erblicken gar nicht das Licht der Welt. Es ist eine alte Erfahrung, da Frauen, welche Kinder haben wollen und sich schwanger fhlen, die Tabakfabrik verlassen, whrend schwangere Mdchen darin Arbeit suchen, weil nur selten Kinder von Tabakarbeiterinnen lebend zur Welt kommen. Und wenn sie leben, sind sie meist gezeichnet vom ersten Augenblick an, oder sie trinken sich den Tod aus den Brsten der Mtter, deren Milch von Nikotin durchsetzt ist.[574] Dabei beschftigt die Tabakindustrie nchst der Textilindustrie die meisten Frauen! Furchtbar sind die Opfer des Quecksilbers; selten kommen Kinder lebendig zur Welt. So war ein Frther Spiegelbeleger dreimal mit Arbeitsgenossinnen verheiratet, von allen hatte er Kinder, kein einziges lebte und auch die Mtter starben smtlich an der Auszehrung.[575] In einem anderen Fall hatte eine Arbeiterin bei zehn Schwangerschaften acht Fehlgeburten, eine Totgeburt und nur ein lebendes Kind, das nach fnf Monaten starb. Aehnlich vernichtend wirkt z.B. das Gas, wie in Plttereien, Glasblsereien u.s.w., auf das keimende Leben. Wo es nicht geschieht, wchst ein skrophulses, rachitisches, schwachsinniges Kind heran.[576] So werden dem Moloch des Kapitalismus Hekatomben unschuldiger Kinder geopfert! Wachsen sie gesund auf, so werden die Gefahren, die sie bedrohen, nicht geringer. Die Strae ist ihr Spielplatz, ihre Erziehungsanstalt; da sie, besonders in den Grostdten, keinen gnstigen Einflu bt, da der physische und moralische Schmutz, den sie vielfach ausstrmt, an den Kindern hngen bleiben kann, bedarf keines Beweises. Die arme Mutter ist diesen Gefahren gegenber nicht blind. Sie mchte ihre Kinder davor behten und kommt oft auf die seltsamsten Auskunftsmittel: sie schliet die Kinder bis zu ihrer Rckkehr im Zimmer ein, sie bindet sie im Bettchen fest, sie wird grausam aus lauter ngstlicher, vorsorglicher Liebe. Und dann kommt es zu jenen schrecklichen Unglcksfllen, von denen die Zeitungen so hufig berichten, und denen gegenber der behbige Brger nicht genug ber die "Roheit" der proletarischen Mtter zetern kann. Die armen Kleinen kommen dem Ofen zu nahe und verbrennen, sie greifen in das Waschfa, verlieren das Gleichgewicht und ertrinken, sie klettern zum Fenster, um doch wenigstens durch das Hinausschauen die Langeweile zu vertreiben--Spielzeug, das sie beschftigen knnte, haben sie ja nicht--und strzen kopfber auf den Hof, sie verwickeln sich im Bettchen und die Mutter findet, heimkehrend, ihr Jngstes erstickt unter dem Kissen. Neben all diesen ueren und inneren Gefahren, die die Kinder der Proletarierin umdrohen, wenn die Mutter fern ist, giebt es aber noch andere, denen sie unterworfen sind, wenn die Mutter heimkehrt. Sie hat auch dann keine Zeit fr ihre Kinder. Einen erzieherischen Einflu auf sie kann sie nur in oberflchlichster Weise ausben. Sie hat keine Ruhe, um ihre Wesen zu beobachten, sie ist geistig infolge all der unausgesetzten Arbeit zu stumpf geworden, um den kindlichen Geist durch den ihren zu befruchten. Verlassen die Kinder ihr Haus, so hat sie ihnen meist nichts, was ihr inneres Leben erfllen und begeistern knnte, mit auf den Weg zu geben. Sie war schon eine gute Mutter, wenn sie sie rein und ordentlich hielt, ihnen ausreichend zu essen gab und sie nicht betteln schickte. Aber eine Freundin der heranwachsenden Kinder hat sie nur in seltenen Fllen zu werden vermocht. Und doch beruht gerade auf dem geistigen und sittlichen Einflu der Mutter ein gut Teil der Entwicklung der jungen Generation. Den Samen, den sie in Herz und Geist der Kinder streut, kann kein Lebenssturm vllig verwehen, aus ihm wchst hufig der starke Baum empor, der dem erwachsenen Menschen den einzigen Schutz gewhrt. So wird die Ueberlastung der Mutter zum Fluch fr die Kinder und fr die Gesellschaft, deren Glieder sie sind, deren gute und schlechte Entwicklung mit von ihnen abhngt. Aber auch der Mann hat unter der Erwerbsarbeit seines Weibes zu leiden: sie hat auch fr ihn keine Zeit. Die kurzen Stunden, die sie daheim verbringt, mu sie der Haushaltung und den Kindern widmen. Ist die Arbeit gethan, so sinkt sie mde aufs Bett, unfhig, an anderen Dingen teil zu nehmen als an den tglichen, sie umdrngenden Sorgen. So wird sie oft dem Manne fremd und fremder, sie versteht seine Interessen nicht und sie bekmpft sie, sobald sie auch nur ein paar Groschen kosten. Gelangweilt, verrgert, von der unordentlichen Wirtschaft und dem schlechten Essen angewidert, sucht so mancher seine Zuflucht mehr und mehr in der Kneipe und im Alkoholgenu. Fr die Frau persnlich bedeutet die Ueberlastung mit Arbeit den krperlichen und geistigen Ruin. Nicht nur, da sie unnatrlich frh altert--seht doch die Arbeiterinnen an, wie oft sind sie mit vierzig Jahren schon alte Frauen!--sie verliert auch jede Widerstandskraft gegen Krankheit und drohende Gebrechen. Sie kann sich keine Ruhe gnnen, auch wenn sie der Ruhe bedrftig ist, darum stellen sich Leiden aller Art bei ihr ein, die entweder ihr ganzes Leben vergiften, sie arbeitsunfhig machen oder einem frhen Tode entgegenfhren. So hart wie ihren Krper trifft die Ueberlastung ihren Geist. Ihm, dem schon die Volksschule nur die allernotdrftigste Nahrung zufhrte, vermag sie noch weniger zu bieten; wohl lechzt auch sie nach der Quelle des Wissens, wohl steigert sich ihr Durst, je mehr sie, gezwungen durch die Arbeitsbedingungen, unter denen sie leidet, Interesse gewinnt an den Fragen des ffentlichen Lebens, sie hat aber keine Zeit dazu, sich satt zu trinken. Je mehr die Frau in die Groindustrie eindringt, desto mehr werden sich all die Konflikte und all die Leiden zuspitzen und vergrern, die wir geschildert haben. Je mehr aber auch die Industrie sich auf Frauenarbeit sttzen wird, desto mehr werden zwei Momente hervortreten, die beide auf dem Wege der Emanzipation des Weibes liegen: die lohndrckende und die arbeitszeitverkrzende Tendenz ihrer Arbeit. Unter Lohndrckung verstehe ich hier die Hemmung einer Lohnsteigerung, die sich voraussichtlich entwickeln wrde, wenn der Mann der alleinige Ernhrer der Familie bliebe. Je weniger er das ist und zu sein braucht, desto nher rckt das weibliche Geschlecht jenem Grundprinzip seiner Befreiung, der konomischen Selbstndigkeit. Da tiefgehende Umwandlungen sowohl des Familien- und huslichen, als des ffentlichen Lebens damit in Verbindung stehen werden, beweist nur nochmals, welche revolutionierende Macht der Frauenerwerbsarbeit innewohnt. Sie zeigt sich auch auf dem Gebiete der Arbeitsregelung und des Arbeiterschutzes. Der Arbeiterschutz war in erster Linie ein Frauen- und Kinderschutz, die Regelung der Arbeitszeit bezieht sich noch heute fast nur auf die Frauen. Dabei zeigt sich aber, da sie notwendig auch die Regelung der mnnlichen Arbeitszeit nach sich ziehen mu. In allen Industrien, wo Mnner und Frauen beschftigt werden, regelt sich schon jetzt die mnnliche Arbeitszeit nach der der Frauen, weil anderenfalls Betriebsstrungen eintreten wrden. Eine weitere Herabsetzung der Arbeitszeit Wird zunchst fr die Frauen, auf Grund der Erkenntnis der geradezu vlkermordenden Folgen der Ueberanstrengung, eintreten mssen und wieder auf die Mnner zurckwirken. Die Mehreinstellung von Arbeitern wird sich dann als notwendig erweisen, da es aber an mnnlichen Arbeitskrften mangelt, wird Platz geschaffen fr die in immer strkerem Mae arbeitsuchenden Frauen. Und ganz allmhlich wird die befreiende Macht der Arbeit auch an ihnen zur Geltung kommen. Die ersten Zeichen davon treten heute schon hervor: es entwickelt sich gerade aus der Arbeiterschaft heraus ein Geschlecht thatkrftiger, geistig und materiell selbstndiger Frauen, die beginnen, ber den engen Kreis ihrer Interessen hinauszuwachsen, die jene Konflikte spren, die bisher fast nur zu stumpfer Resignation gefhrt haben, und an ihrer Lsung mitzuarbeiten versuchen. Denn die Erkenntnis der eigenen Lage ist das erste Mittel, sich aus ihr zu befreien. Hausindustrie und Heimarbeit Wer die Lage der Proletarierin in ihrer Gesamtheit berblickt, der sieht nichts als eine gleichmige graue Oede: Arbeit und Not,--Not und Arbeit. Die Unterschiede, die zu Tage treten, sind nichts als Variationen desselben Themas. Was fr die Arbeiterin in der Groindustrie gilt, das gilt ebenso fr die in der Hausindustrie, im Handel oder im persnlichen Dienst Beschftigte. Es kann daher fr uns nur noch darauf ankommen, neue mit ihrem Beruf in Verbindung stehende Seiten ihrer Lage, oder noch unerreichte Tiefen ihres Elends aufzudecken, ohne das Allgemeingltige nochmals zu wiederholen. Die Hausindustrie ist allzu reich an Zgen, die uns zwar in der Groindustrie schon begegneten, dort aber gewissermaen nur die ersten Sorgenfalten des Antlitzes waren, whrend sie hier jenen tiefen Furchen gleichen, die ein Leben voll Qual den Gesichtern armer, alter Leute unauslschlich eingeprgt hat. Alles ist hier ins Ungeheuerliche vergrbert und vergrert: die Niedrigkeit der Lhne, die schlechten Wohnungen und Arbeitssttten und ihre physischen und moralischen Folgeerscheinungen. Das gilt fr beide Organisationsformen der Hausindustrie--die Heimarbeit und die Werkstattarbeit--und in hchstem Mae fr diejenige Werkstattarbeit, die unter der Bezeichnung "Sweating System" sich einer traurigen Berhmtheit erfreut. Einzelbilder aus denjenigen Zweigen der Hausindustrie, in denen die weibliche Arbeit eine bedeutende Rolle spielt, werden das Gesagte am besten erhrten. Betrachten wir zunchst die Textilindustrie, deren hausindustrieller Betrieb auf dem Aussterbeetat steht und einen verzweifelten Kampf um seine Existenz zu kmpfen hat, der um so hrter ist, als die Schwchsten ihn auszufechten haben. Viele Menschen, die vor Gerhart Hauptmanns Webern von Mitleid und Grauen zerflieen, gehen eine Stunde spter mit dem beruhigten Gefhl nach Hause, da alles, was sie hrten und sahen, einer lngstverflossenen Zeit angehrt. Thatschlich aber sahen sie ein Spiegelbild des Elends von heute. Die bhmischen Weber z.B. wohnen in ihrer bergroen Mehrzahl in Htten, in deren oft einzigem Raum neben dem Webstuhl der Herd und die Lagersttten der Familie sich befinden. Hier wird geschlafen, gekocht, gewaschen und gearbeitet; zwischen den verwahrlosten Kindern treiben sich im Winter auch noch Hhner und Ziegen herum. Eine dicke, feuchtwarme Luft schlgt dem Eintretenden daraus entgegen, zu ihrer Erhaltung bleiben auch im Sommer die Fenster geschlossen. Der ble Geruch beim Schlichten, wobei zersetzungsfhige und giftige Stoffe zur Verwendung kommen, vermischt sich mit dem Dunst der Petroleumlampen, dem Kohlenoxydgas der schlechten Oefen, dem Staub des Webens. Dabei ist an grndliche Reinigung kaum je zu denken,--denn die ganze Familie ist zu fieberhafter Arbeit gezwungen,--Kchenabfall, schmutzige Wsche und dergl. mehr verpesten den Raum bis aufs uerste. Oft steht der Webstuhl Tag und Nacht nicht still, da Mann und Frau sich daran ablsen; eine vierzehn-, sechzehn- und achtzehnstndige Arbeitszeit gehrt nicht zu den Seltenheiten.[577] Vom sechsjhrigen Kinde an bis zum Greise ringt ein jedes in unablssigem Mhen um sein Stck Brot.[578] Zeiten der Arbeitslosigkeit bedeuten Hunger; berfallen Schneeverwehungen die im Gebirge wohnenden Weber, die dadurch oft auf Monate vom Arbeitgeber abgeschnitten sind so nimmt der Hungertod in erschreckender Weise zu.[579] Zu dieser Ueberanstrengung auf der einen und der Schwierigkeit des Betriebs auf der anderen Seite stehen die Lhne in schreiendem Miverhltnis. Das Weben feiner Leinengewebe, z.B. der Damast-Tischgedecke, die sich vorlufig von der Maschine nicht in derselben Gte herstellen lassen, bringt noch am meisten ein, und doch verdient ein Arbeiter bei grter Ausnutzung seiner Krfte selten mehr als 7 fl. die Woche[580] ein Shawlweber kann es bis auf 10 fl. bringen, wenn er von frh vier Uhr bis abends zehn Uhr zu arbeiten im stande ist.[581] Der hufigste Jahresverdienst bhmischer Weberfamilien schwankt zwischen 120 und 150 Gulden, wovon oft sieben bis acht Personen erhalten werden mssen![582] Eine achtgliedrige Familie, die sich in der besonders gnstigen Lage befand, ber eine Jahreseinnahme von 350 fl. zu verfgen, gab tglich fr Nahrung pro Person ganze zehn Kreuzer aus; fr alle brigen Ausgaben blieben 70 fl. brig. Eine Witwe mit nicht weniger als zehn Kindern konnte nicht mehr als 200 fl. im Jahr trotz allem Flei aufbringen[583], d.h. diese elf Personen muten mit fnfundfnfzig Kreuzern tglich ihre smtlichen Bedrfnisse befriedigen! Ein Arbeiter, der mit Frau und Kindern sogenannte Putzel-Leinwand herstellte, verdiente 1,48 fl. die Woche; ein anderer, der leichte Baumwollwaren unter Mithilfe seiner Familie webte, kam bei zwlfstndiger Arbeitszeit aller auf 1,20 fl.[584] Unter den alleinarbeitenden Frauen sind die Seidenwinderinnen die bestgestellten, denn sie erreichen den hohen Lohn von--2 fl. wchentlich.[585] Die Spulerinnen der Baumwollunterketten fr Plschgewebe dagegen,--meist lebensmde Greisinnen mit zitternden Hnden und gekrmmten Rcken,--kommen bei groem Flei auf 1,10 fl. die Woche[586], und die Weberinnen der Rohfutterstoffe, die noch vor fnfzehn Jahren fr 22 Meter 80 kr. bekamen, kommen heute bei 45 Meter auf 75 kr., wobei hufig vier volle Arbeitstage darauf gehen.[587] Wie es bei solchen Lhnen mit der Ernhrung der Bevlkerung aussieht,--allein im Kniggrtzer Bezirk wurden 30000-40000 Heimweber gezhlt[588],--bedarf keiner nheren Beschreibung. Es ist dabei oft noch ein besonderes Glck, wenn der Weber berhaupt seinen Lohn zu sehen bekommt. Viele Faktoren, die die Vermittlung zwischen dem Verleger, dem eigentlichen Unternehmer, und dem Heimarbeiter in Hnden haben, beschftigen nur solche Weber, die von vornherein auf den Geldlohn verzichten und sich durch Waren aus ihren Kramlden entschdigen lassen. Manche arme Mutter, deren Kinder nach Brot schreien, kommt infolgedessen mit irgend einem wertlosen Stck Stoff, einem Tuch od. dergl. nach Hause. Ist der Faktor Gastwirt, so verfhrt er den Weber, Branntwein statt Lohn zu nehmen[589], was den vollstndigen Ruin der unglcklichen Familien herbeifhrt. Aber das ist noch nicht alles: wird der Lohn gezahlt, so sucht ihn der Faktor durch willkrliche Schadenersatz- oder Strafgelder oft bis zur Hlfte hinabzudrcken[590] und der in seiner Vereinzelung wehrlose Arbeiter, der das Gespenst der Arbeitslosigkeit vor Augen sieht, fgt sich stumm darein. Ja, er entschliet sich sogar, den Faktor mit Produkten seiner armseligen Landwirtschaft zu bestechen, um der Arbeit sicher zu sein.[591] Gegenber solchen Zustnden kann man sich nicht einmal damit trsten, da sie sich etwa auf den einen Landstrich beschrnken, denn sie herrschen berall, wo die motorisch getriebene Maschine im Grobetrieb noch nicht hat Einzug halten knnen. In Belgien z.B., wo die mechanische Spinnerei und Weberei die Hausindustrie fast ganz aufgesogen hat[592], mute sie ihr doch bisher noch die Weberei der Leinendamaste, wie der feinen Battiste berlassen.[593] Seltsam genug: die Luxusartikel der Reichsten werden in den elendesten Hhlen des Jammers von den Hnden der rmsten hergestellt! Die Battistweber und Weberinnen arbeiten meist in feuchtdunklen Kellern, um die feinen Fden am Brechen zu verhindern.[594] Sie erblinden infolgedessen hufig und ihre Glieder krmmen sich unter rheumatischen und gichtischen Schmerzen. Wie in Bhmen haust die ganze Familie des Webers in seinem Arbeitszimmer, wie dort ist der Lohn ein klglicher. Die geschickteste Weberin feiner Leinwand verdient im gnstigsten Fall bei ausgedehntester Arbeitszeit 1,80 fr. tglich, whrend Wochenlhne von 3 fr. gar nicht selten sind.[595] Ein trauriges Bild, das sich den geschilderten wrdig anreiht, bietet die Seiden-Hausindustrie Frankreichs. Schon die Zucht der Seidenraupen in den Privathusern, die hauptschlich in den Hnden der Frauen liegt, ist im hchsten Grade widerlich: jeder Winkel der Wohnung wird dafr ausgenutzt, Massen von welken Blttern, toten Raupen und ihren Exkrementen bedecken den Boden und verbreiten ekelhafte Gerche; mitten darin wohnt, schlft und kocht die ganze Familie.[596] In den Heimen der Hasplerinnen sieht es wenig anders aus; hier ist die Ausdnstung des heien, klebrigen Wassers, in das sie bei der Arbeit unaufhrlich die Hnde tauchen mssen, atembeklemmend. Die Lyoner Seidenweber, von denen die Hlfte weiblichen Geschlechts sind, haben es nicht besser. Dabei belaufen sich ihre Jahreseinnahmen, je nach der Lnge ihrer Arbeitszeit und Schwierigkeit ihrer Arbeit, auf 382 bis 882 fr.[597] Eine der besten Lyoner Hausweberinnen, die ein siebenjhriges Kind zu versorgen hatte und 907,70 fr. im Jahr einnahm, stellte folgendes Budget auf:[598] Wohnung 130,00 fr. Nahrung 653,35 fr. Heizung 34,80 fr. Kleidung 63,80 fr. ----------------------------------- Im ganzen: 918,45 fr. Trotzdem sie fr Nahrung tglich nur 1,80 fr. rechnete, und die Kleidung fr das Kind durch ihren Bruder beschafft wurde, mu das Defizit ein bedeutend hheres sein, als sie angab, weil sie weder fr Krankheit, noch fr Erholung und Nebenausgaben etwas ansetzte. Wohlthtigkeit oder Prostitution sind die einzigen Mittel, um es wett zu machen; die Arbeiterin, die sich aufreibt von frh bis spt, hat dafr nicht einmal die Genugthuung, durch eigne Kraft sich und ihr Kind erhalten zu knnen,--sie mu betteln gehen oder sich verkaufen! Fast an jedem Stck unserer Kleidung und unseres Hausrats kleben der Schwei und die Thrnen unglcklicher Frauen. Fr elegante Brustbestze von Hemden, die den gepflegten Krper reicher Damen umhllen und fr die sie selbst drei bis fnf Gulden zahlen mssen, empfngt die Stickerin des Erzgebirges nur sechzehn bis achtzehn Kreuzer, fr kunstvoll gestickte Bettdecken, die ihr weiches Lager umhllen, und bei einer tglichen Arbeitszeit von zwlf bis fnfzehn Stunden fnf Wochen zur Fertigstellung erfordern, empfngt die Arbeiterin ganze--fnf Gulden![599] Die gestickten Rckchen und Hubchen, die die zarten Glieder glcklicher Kinder wrmen, bringen den bhmischen Strickerinnen zwanzig Kreuzer den Tag.[600] Ob wohl die Heldinnen grostdtischer Feste, deren von Fttern und Perlen glitzerndes Kleid sie wie eine Schlangenhaut umgiebt, jener vogesischen Stickerinnen gedenken, die in zwlf- und vierzehnstndiger Arbeitszeit mit Hilfe ihrer eignen, oder zur Arbeit angenommenen Kinder diese verfhrerischen Gewnder herstellen, und bestenfalls eine Mark pro Tag daran verdienen?![601] Auch die goldgestickten Uniformen der Mnner knnen vom Elend derer, die sie schufen, erzhlen. Eine fleiige franzsische Goldstickerin mit einem dreijhrigen Kind hatte eine Jahreseinnahme von 529,50 fr. und eine Ausgabe fr die notwendigsten Bedrfnisse von 707,90 fr. Das Defizit erschreckte sie aber nicht mehr: "Ich habe glcklicherweise jemanden, der das deckt."[602] Eine ihrer Kolleginnen in Paris verdiente wchentlich bei elfstndiger Arbeitszeit 11,50 fr., womit sie kaum ihre Ernhrung beschaffen konnte; "sie hat einen Liebhaber, Gott sei Dank," sagte ihre Nachbarin auf eine mitleidige Frage.[603] Dabei bietet diese ganze Industrie gar keine Aussicht auf eine Aufbesserung der Lhne, denn die Maschine dringt unaufhaltsam vor. In Plauen z.B., wo eine Handstickerin im Jahre 1871 noch 34 Mk. wchentlich verdiente, stand sie sich zehn Jahre spter bereits auf 17 bis hchstens 23 Mk.[604] Auch der Spitzenhausindustrie ist die Maschine ein grimmiger Feind. Nach Hunderttausenden schtzte Leroy-Beaulieu noch vor dreiig Jahren die franzsischen Spitzenarbeiterinnen.[605] Ihre Zahl ist heute sehr zusammengeschrumpft. Eine blhende Industrie war einst die bhmische Spitzenklppelei, heute vermag sie die wenigen Getreuen nicht zu ernhren. Sechzehn bis achtzehn Stunden mu die Klpplerin ber dem Kissen gebckt arbeiten, wenn sie einen Jahresverdienst von 30--sage und schreibe dreiig!--bis hchstens 100 Gulden erreichen will. Fnfjhrige Kinder mssen schon acht Stunden tglich neben der Mutter sitzen und klppeln, um drei bis zwlf Kreuzer zu verdienen. Ein elendes Geschlecht wchst unter solchen Umstnden heran, tuberkuls und skrophuls, physisch und geistig herabgekommen.[606] Im klassischen Lande der Spitzenproduktion, in Belgien, sieht es nicht anders aus. Vom sechsten Jahre an sitzen die Arbeiterinnen zwlf Stunden tglich in feuchter Kellerluft mit der Aussicht 150 bis 200 fr. im Jahre zu verdienen.[607] Bei einer jhrlichen Spitzenproduktion im Wert von ca. 50 Millionen Mark, stehen sich die Arbeiterinnen durchschnittlich auf 52 bis 53 c. tglich.[608] Jahreseinnahmen von 154 bis 341 fr. wurden bei vier Lyoner Spitzennherinnen ermittelt, und zwar erreichten sie diesen Satz nur dann, wenn bei tglicher zwlfstndiger Arbeitszeit im Laufe des Jahres keine Arbeitsunterbrechung stattfindet. Dasselbe gilt fr die Schleierarbeiterinnen, die dabei noch schlimmer daran sind, weil sie keine differenzierte Arbeit haben, wie die Spitzennherinnen; alle Tage, zwlf Stunden lang, das ganze Jahr hindurch, setzen sie Chenilletupfen auf das feine Gewebe.[609] Zehrende Krankheiten sind das Gefolge der Spitzenarbeit. Noch schrfer als in der Fabrik wirkt das Blei, das zur Appretur angewendet wird, auf die Arbeiterinnen; fast alle weisen Zeichen der Vergiftung auf, neben rasch abnehmender Sehkraft.[610] Auch hier ist die Lage vllig hoffnungslos; die Maschine und die massenhafte Konkurrenz der Frauen untereinander sind die Ursachen. Ein Trost ist es vielleicht, sich sagen zu knnen, da die Textilhausindustrie auf dem Aussterbeetat steht und die Zustnde, die sie zeitigt, mit ihr verschwinden werden. Dies Sterben ist aber leider nicht nur ein auerordentlich langsames, dieselben Verhltnisse finden sich vielmehr auch bei anderen Hausindustrien, die gleichfalls nicht leben und nicht sterben knnen. Sehen wir z.B. jene englischen Heimarbeiter an, die Zndholzschachteln machen: im engen Zimmer arbeitet eine Mutter mit ihren Kindern bis zu den kleinsten herab; der ganze, auch im Sommer geheizte Raum ist erfllt mit trocknenden Schachteln, Geruch von schlechtem Leim erfllt die Luft, und 7 sh. wchentlich ist die hchste zu erzielende Einnahme.[611] Oder betrachten wir jene in den Drfern und Flecken Bhmens verstreuten Glasarbeiter-Familien, deren Frauen die schwersten und gesundheitsschdlichsten Arbeiten obliegen; stundenweit, bei jedem Wetter, auf unwegsamen Bergpfaden mssen sie die schweren Lastkrbe schleppen, um Waren abzuliefern und Material zu holen[612], oder sie sind mit der Glasmalerei beschftigt und infolge der bleihaltigen Farben Vergiftungserkrankungen ausgesetzt.[613] Bla und hohlugig wie sie, sind die Glasperlenarbeiterinnen Thringens. Um den Perlen jenen beliebten perlmutterartigen Glanz zu geben, blasen die Mdchen eine belriechende, oft giftige Substanzen enthaltende Gallerte von Fischschuppen und Gelatine hinein. Sie werden zwar magen- und augenkrank, aber sie erreichen auch den fabelhaften Lohn von 50 bis 75 Pf. tglich![614] Noch elender daran sind die belgischen Strohflechterinnen, die tglich 47 bis 57 c. verdienen, und dabei vollstndig in den Hnden des Faktors sind, der sie am liebsten mit Waren entlohnt.[615] Selbst angenommen, diese Arten der Hausindustrie gingen, ohne Ansto von auen, ihrem natrlichen Verfall entgegen, so wre damit die Hausindustrie an sich nicht aus der Welt geschafft. Denn wie sie einerseits durch die Groindustrie erdrckt wird,--ein Proze, der in der Textilhausindustrie am deutlichsten zum Ausdruck kommt,--so werden ihr andrerseits durch sie neue Gebiete erffnet, auf denen eine fast grenzenlose Ausbreitungsmglichkeit gegeben ist. Diese Dezentralisation des Grobetriebs tritt in der Tabakindustrie besonders scharf hervor; hier ist die Heimarbeit berall in starkem Zunehmen begriffen[616], obwohl deren Schden zum Teil ganz ungeheuerliche sind. Die Kinderarbeit spielt hier eine solche Rolle, da, wo eigene Kinder fehlen, fremde, sogenannte Kaufkinder angenommen werden.[617] Es kommen Rume von kaum zwei Meter Hhe vor, in denen Frauen mit fnf bis acht Kindern den ganzen Tag Cigarren machen; in Kchen und Schlafkammern wird der zum Entrippen angefeuchtete Rohtabak getrocknet, so da der Tabakdunst nicht mehr zu vertreiben ist und dauernd eingeatmet wird.[618] Welche Folgen die Nikotinvergiftung nach sich zieht, haben wir schon erfahren. Dabei verdient eine ganze, aus Mann, Frau und Kindern bestehende hart arbeitende Familie 12 bis 20 Mk. die Woche, whrend eine alleinstehende Frau mit einem Kind auf 6 bis hchstens 10 Mk. rechnen kann.[619] Welche Gefahren die hausindustrielle Herstellung von Cigarren auch fr die Konsumenten mit sich bringt, dafr nur ein Beispiel: In New-York fand ein Sanittsinspektor eine Familie, die in derselben engen Kammer Cigarren herstellte, in der zwei Kinder an Diphtheritis schwer krank danieder lagen.[620] Eine dezentralisierende Tendenz hat auch die Spielwarenindustrie, die von alters her eines der traurigsten Kapitel der Hausindustrie bildet und weiter bilden wird, weil der Grobetrieb sich besonders fr billiges Spielzeug als weniger gewinnbringend erweist, als die Heimarbeit. In ihrer deutschen Hauptzentrale, in Sonneberg, fand Sax die furchtbarsten Lohn- und Wohnungsverhltnisse. Typisch war eine Behausung, die aus Kche und Kammer bestand. Die Kche, zugleich Wohn- und Arbeitsraum, wurde dauernd geheizt, damit die ringsum aufgeschichteten Sachen, Puppenkpfe und dergleichen, schneller trocknen; die kaum ventilierbare Kammer war durch zwei bis drei Betten ganz ausgefllt, in denen oft zwei- bis dreimal so viel Menschen schliefen. Die Bekstigung bestand neben Kartoffeln aus Wurstsuppe, d.h. dem Wasser, in dem der Fleischer Wrste gekocht hat, und Schnippeln, den Sehnen, die aus dem Rindfleisch als unbrauchbar entfernt werden.[621] Diese Ernhrung soll dem Krper Krfte genug verleihen, um in der Hochsaison eine tgliche Arbeitszeit von achtzehn bis zwanzig Stunden auszuhalten.[622] Dabei waren die Lhne so elend,--eine Sonneberger Bossiererfamilie verdiente bei angestrengter Arbeit eines jeden ihrer Glieder 12 bis 15 Mk. die Woche, mute sich aber mit diesem Verdienst auch noch ber eine vier- bis sechsmonatliche Arbeitslosigkeit hinweghelfen[623],--da die Drechsler sich ihr Holz stehlen muten, um nur existieren zu knnen.[624] Man sage nicht, da diese Zustnde zwanzig Jahre hinter uns liegen und berwunden sind; denn heute ist das Elend in der Thringer Spielwarenindustrie noch viel grer.[625] Eine Drckerfamilie, die aus Papiermach Spielzeug herstellt, arbeitete zu neun Personen in einem einzigen stickigen, heien Raum voll Staub und voll trocknender Waren; ein Sugling in der Wiege lag dabei. Ein Arbeitstisch, eine Bank, ein Stuhl, eine einzige Schssel, die zum Waschen und Essen gleichzeitig benutzt wurde, bildeten die ganze Einrichtung; dem gegenber hatte der Pfarrer des Orts die Stirn, zu behaupten, da alle Leute gut und angenehm wohnen[626]! Die Lhne sind von Jahr zu Jahr zurckgegangen. Heute verdient z.B. eine Arbeiterin an einem Dutzend Puppenkleidchen von 25 bis 30 cm Lnge, mit Aermeln, Schleifen, Spitzen und Knpfen nicht mehr als 12 bis 20 Pf.[627] Die beliebten Puppentuflinge liefert der Sonneberger Hausindustrielle fr 95 Pf. das Dutzend, wobei er pro Stck--1 Pf. verdient! Eine Bossiererfamilie von vier erwachsenen Personen kommt bei tglicher,--den Sonntag mitgerechnet,--vierzehn-bis fnfzehnstndiger Arbeitszeit auf 9,50 Mk. pro Woche, das bedeutet eine Einnahme von 34 Pf. tglich fr die Person.[628] da unter solchen Verhltnissen die Mnner sich bemhen, andere Arbeit zu finden, ist begreiflich. Die Schwchsten, die Frauen, die Greise und die Kinder nehmen sie auf. 81 % der Schulkinder werden im Bezirk der Meininger Spielwarenindustrie zur Arbeit herangezogen; sie arbeiten nach den Schulstunden oft bis zehn und zwlf Uhr nachts, drngt die Arbeit, so wird es auch zwei und drei Uhr, ehe sie zur Ruhe kommen. Infolgedessen wurde im Winter 1895 konstatiert, da im Herzogtum Meiningen 2809 arbeitenden Kindern 3037 arbeitslose Erwachsene gegenberstanden.[629] Auch in anderen Zweigen der Spielwarenindustrie mssen die Mtter nicht nur all ihre Krfte daran geben, um einen nennenswerten Verdienst zu erreichen, sie sind auch noch gezwungen, das Liebste, was sie haben, ihr eigenes Fleisch und Blut, dem unersttlichen Moloch in den Rachen zu werfen. So liegt die Bemalung der Zinnsoldaten hauptschlich in ihren Hnden. Sie sitzen beide bla und still vor den Farbentpfen, nur die Hnde fieberhaft bewegend; das arme Kind mit dem alten, mden Zug um Mund und Augen wendet teilnahmlos die bunten Figrchen in den Hnden, es wei gar nicht, was Spielen heit. Hunderte von Nrnberger Zinnmalerinnen fristen so ihr Leben; bei vierzehn- bis siebzehnstndiger Arbeitszeit erreichen sie einen wchentlichen Reinverdienst von hchstens 4,35 Mk.[630] Die Rume, in denen all dies Spielzeug hergestellt wird, das aus Metall, wie das aus Holz und Papiermach, sind mit ihrem Staub, ihrer Hitze, ihrer verpesteten Luft, wahre Herde der Lungenschwindsucht, deren Keime mit den Waren in die Familien der ahnungslosen Kufer getragen werden. Eine unbewute Rache der Elenden an den Reichen, wenn sie ihnen mit dem bunten Spielzeug den unheimlichsten Wrgeengel der Menschheit ins Haus schicken! Wir kommen nunmehr zu jenem groen Arbeitsgebiet, auf dem sich die Frauen in Scharen zusammendrngen, und das die Nherei in allen ihren Zweigen umfat. Die Art der Arbeit ist hier eine sehr differenzierte. Wir haben die Werkstattarbeiterin in den Schwitzhhlen, die Heimarbeiterin, die fr die Konfektions- und Putzgeschfte arbeitet, die Schneiderin und die Putzmacherin, die nur von der Privatkundschaft leben, die Nherin und Ausbesserin, die bei den Kunden selbst nht. Dabei handelt es sich neben der Herstellung der Wsche und Kleidung um die der Hte, der Handschuhe, der Kravatten. Wie wichtig dies Gebiet fr die Frauenarbeit ist, geht schon daraus hervor, da allein in Deutschland zwei Drittel aller hausindustriell thtigen Frauen der Bekleidungsindustrie angehren. Die Nadel ist eines der urltesten Attribute in der Hand der Frau; sie ist ihr geblieben als eines jener wenigen Werkzeuge, die sich ihrer Form und Idee nach im Laufe der Jahrhunderte kaum verndert haben, und in der Bekleidungsindustrie mehr als in irgend einer anderen, hat sich besttigt, was wir schon in Bezug auf andere Berufsarten ausfhrten, da die Frauenarbeit die technische Entwicklung hemmt. In allen Industrien hat das Maschinenwesen gerade in der letzten Hlfte des 19. Jahrhunderts einen enormen Fortschritt gemacht, nur in der Nherei ist man seit fnfzig Jahren bei denselben primitiven Instrumenten stehen geblieben, und die Hausindustrie herrscht nicht nur noch unumschrnkt, sie hat sogar die beste Aussicht, den Fabrikbetrieb auf geraume Zeit hinaus aus dem Felde zu schlagen. Fr die Beleuchtung der Lage der Nadelarbeiterinnen fehlt es zwar nicht an Material, es hat aber durchweg nur den Wert, den etwa Momentphotographien aus einem Feldzug fr die Beurteilung des ganzen Krieges haben: Wo der Kampf am heiesten ist, wo die Wunden am schwersten sind, dahin dringt der Photograph nicht. Meist haben pltzlich an die Oberflche tretende Mistnde das Elend der Konfektion der Oeffentlichkeit vor Augen gefhrt; Erhebungen, wie die beiden deutschen im Jahre 1886, veranlat durch den Kampf der Arbeiter gegen den geplanten Nhgarnzoll, und im Jahre 1896, infolge des Konfektionsarbeiterstreiks, wurden dadurch hervorgerufen. Daneben gewhren eine ganze Reihe von Einzeluntersuchungen, die der Privatinitiative zu verdanken sind, Einblick in die Verhltnisse. An umfassenden, sorgfltig vorbereiteten, besonders die Hhe der Wochenlhne und Jahreseinnahmen bercksichtigenden Enqueten fehlt es jedoch vollstndig. Mit der Angabe der Wochenlhne allein wre nicht viel gewonnen, da der Saisoncharakter in keiner Industrie ein so ausgeprgter ist, als in der der Bekleidung. Meist dauert die Hochsaison nur fnf Monate, die brigen sieben bedeuten teils eine stille, teils eine vollstndig tote Zeit fr die Arbeiterin. Selbst Wochenlhne von 15 bis 20 Mk., die auerordentlich selten vorkommen, knnen demnach oft nur eine kmmerliche Existenz gewhrleisten. In folgender Tabelle habe ich versucht, einige der festgestellten Wochenlhne in Verbindung mit den Jahreseinnahmen der Konfektionsarbeiterinnen zusammenzustellen: | Wochen- | Jahres- Art der Arbeit | lohn | ein- | | kommen | | | Mk. | Mk. -----------------------+---------+-------- Kleider- und Mntel- | | konfektion[631]: Berlin| 8-9 | 160-180 " " | 4-5 | 80-100 Wschekonfektion: | | Rheinprovinz | 5,95 | 314,64 Wschekonfektion: | | Erfurt | 6-7 | 250 Knabenkonfektion: | | Stettin | 3-4,80| 250 Knabenkonfektion[632]: | | Berlin | 3-10 | 280-300 Wschekonfektion[633]: | | Erfurt | 2,25 bis| | 4,75 | 167,25 " | 3,45 bis| | 7,20 | 253,95 " | 4,60 bis| | 9,60 | 338,60 Herrenkonfektion: | | Berlin | 12,46 | 490 " | 9,70 | 380 " | 6,30 | 250 " | 6,99 | 280 Wschekonfektion: | | Berlin | 9,48 | 470 Knabenkonfektion: | | Stettin | 7,50 | 300 Damenkonfektion: | | Berlin | -- | 375 Damenkonfektion: | | Breslau | -- | 250 Damenkonfektion: | | Erfurt | -- | 220 Wschekonfektion: | | Berlin | 5,88 | -- Damenkonfektion: | | Berlin | 7 | 280 Unterrock- | | konfektion[634]: | | Berlin | 7-8 | Blusenkonfektion: | | Berlin | 3,50 bis| 200-311 | 4,50 | -- " | 7-7,50| -- " | 9 | -- Kleiderkonfektion[635]:| | Breslau | 4,50 bis| | 7,50 | 250-300 " | 2-3 | 100-150 Konfektion[636]: | | Lbbecke | -- | 250 " | -- | 376 Damenkonfektion[637]: | | Berlin | 7,42 | 386 " | -- | 322 " | 5,95 | 309 " | -- | 393 | | Betrachten wir diese Tabelle, die in den meisten Fllen Jahreseinnahmen unter 300 Mk. konstatiert, und bedenken wir, da eine regelmige wchentliche Einnahme von 9 Mk. und eine jhrliche von 468 Mk. gerade nur das notdrftigste Leben einer alleinstehenden Arbeiterin zu sichern vermag, eine grostdtische Arbeiterin sogar unter 600 Mk. nicht auskommen kann, so brauchen wir ihr nichts hinzuzufgen, um ihre Sprache beredter zu machen. Dabei erreicht die Arbeiterin diese Hungerlhne nur mit Aufbietung ihrer ganzen Kraft. In der Saison sind Arbeitszeiten von vierzehn bis achtzehn Stunden keine Seltenheit. So arbeiten die Stepperinnen in den Berliner Zwischenmeisterwerksttten oft bis elf Uhr nachts und lnger;[638] Nrnberger Nherinnen, die acht bis neun Mark verdienen, mssen dafr fnfzehn bis sechzehn Stunden hinter der Maschine sitzen.[639] In den Werksttten betrgt die Arbeitszeit selten weniger als zwlf bis dreizehn Stunden, sehr hufig,--das konnte die Kommission fr Arbeiterstatistik wiederholt konstatieren,--wird, besonders vor den Liefertagen, die Nacht durch gearbeitet. Ins Endlose wird sie noch dadurch ausgedehnt, da die Arbeiterinnen Arbeit mit nach Hause nehmen und hier noch drei bis fnf Stunden ihr letztes bichen Kraft daran wenden, um ein paar Groschen mehr herauszuschlagen. Es kam vor, da Erfurter Arbeiterinnen auf diese Weise bis zu 125 Arbeitsstunden wchentlich berechnen konnten.[640] Die Vorteile der Werkstattarbeit sinken infolgedessen fast in nichts zusammen, um so mehr, als auch die Werkstatt in den meisten Fllen nichts weiter ist, als eine enge, schlecht beleuchtete und schlecht ventilierte Proletarierwohnung. In demselben Raum, der vom Dunst der Bgeleisen erfllt ist, in dem Glieder der Familie des Zwischenmeisters nchtigen, der womglich auch noch zum Kochen und Waschen benutzt wird, sitzen die Nherinnen dicht gedrngt vor dem oft einzigen Fenster. Werksttten in feuchten Kellern, oder in glhendheien Dachstuben kommen vor, dabei ist hufig die Ueberfllung so gro, da statt 28 cbm nur 5 bis 12 cbm Luftraum auf die Person kommen.[641] Und doch steht die Werkstattarbeiterin sich immer noch besser, als die Heimarbeiterin. Das grte Elend ist dort zu Hause, wo, versteckt in den eigenen vier Wnden, die arme Witwe, die verlassene Ehefrau, die Gattin des Arbeitslosen oder Arbeitsscheuen fr sich und ihre Kinder den harten Kampf ums Dasein kmpfen. Rcksichtslos und schutzlos sind sie der unbeschrnktesten Ausbeutung preisgegeben. Da sie zum groen Teil nicht freiwillig die Heimarbeit gewhlt haben, sondern sich dazu gezwungen sehen, weil Familiensorgen sie ans Haus fesseln, geht schon daraus hervor, da die meisten Heimarbeiterinnen nicht zu den in Wort und Bild so oft verherrlichten "flotten Nhmamsellen" gehren, sondern sorgenvolle Frauen sind, von deren Arbeit die Existenz der Ihren abhngt.[642] Fast durchweg liegt die Herstellung der gewhnlicheren Konfektion in ihren Hnden,[643] infolgedessen erreichen sie bei hchster Arbeitszeit nur den niedrigsten Lohn. Aber auch da, wo sie dieselbe Arbeit leisten, wie die Werkstattarbeiterin, ist ihr Verdienst geringer.[644] Eine verwitwete Nherin in Berlin mute, um 10 Mk. Wochenlohn zu erreichen, von frh vier und fnf Uhr bis nachts elf Uhr arbeiten; trotz dieser bermenschlichen Anstrengung konnte sie ihre Familie nicht allein erhalten, sie mute noch zur Armenuntersttzung ihre Zuflucht nehmen![645] Eine Leipziger Heimarbeiterin, die im ersten Morgengrauen ihre Hauswirtschaft besorgte, arbeitete dann bis 1/2 11 Uhr nachts; weil sie sich die Zeit dafr nicht nehmen konnte, mute ihr ltester elfjhriger Bub das Mittagessen bereiten und die Geschwister beaufsichtigen.[646] Berliner Blusennherinnen wiesen Wochenlhne von 3,50 Mk. bis 4,50 Mk. auf![647] In Essen verdiente eine Mutter mit ihrer Tochter bei sechzehn- bis achtzehnstndiger Arbeitszeit 9,75 Mk. fr das Nhen leinener Arbeiterhosen; pro Stck erhielten sie--12 Pf., obwohl das Futter zuzuschneiden, Taschen, vier Knopflcher, zehn Knpfe neben den Maschinennhten zu nhen waren und das Garn dazu geliefert werden mute.[648] Knopflochverrieglerinnen kommen auf 3 bis 3,60 Mk. wchentlichen Verdienst, Knopflochnherinnen in der stillen Zeit auf 2 bis 4 Mk., in der Hochsaison auf 5 Mk.; eine Wschenherin, Mutter von vier kleinen Kindern, konnte bei angestrengtester Arbeit nicht mehr als 9 Mk. wchentlich verdienen.[649] Wie sich bei solchen Einnahmen die Lebenshaltung gestaltet, dafr nur einige Beispiele. Eine alleinstehende Berliner Heimarbeiterin, die 7 Mk. wchentlich verdiente, hatte folgendes Wochenbudget: Mit einer anderen geteilte Kochstube 1,50 Mk. Feuerung 0,30 " Spiritus zum Kochen 0,20 " Petroleum 0,30 " Wsche 0,15 " Mehl, Gemse, Gegrupe 0,70 " Kartoffeln 0,15 " Brot 1,00 " Milch 0,35 " Salz, Schweden etc 0,10 " Kaffee 0,40 " Butter 0,50 " Schmalz 0,38 " Kassenbeitrag 0,22 " ---------- Im ganzen: 6,25 Mk. Ihre tgliche Ausgabe fr die Nahrung betrug demnach nicht ganz 50 Pf., fr Kleidung, Beschuhung, sonstige Ausgaben blieben wchentlich nur 75 Pf. brig.[650] Eine andere, die eine Schlafstelle inne hatte und Mittag fr 30 Pf. tglich auswrts a, brauchte, da sie sich ein wenig besser nhrte, 7,45 Mk. die Woche. Die Wochenausgaben einer Breslauer Nherin, die durchschnittlich 6 Mk. verdiente, stellten sich folgendermaen: Wohnung 1,00 Mk. Mittagessen 1,75 " Frhstck, Vesper, Abendbrot 2,25 " Heizung, Beleuchtung, Wsche 1,35 " Kassenbeitrag 0,15 " ------------ Im ganzen: 6,50 Mk. Hier zeigt sich schon, obwohl Kleidung und Nebenausgaben aller Art nicht in Rechnung gestellt wurden, und die tgliche Ausgabe fr die Ernhrung nur 57 Pf. betrgt, ein wchentliches Defizit von 50 Pf.[651] Sobald noch Kinder zu ernhren sind, wird die Lage natrlich zu einer ganz verzweifelten. Eine Witwe mit einem elfjhrigen Sohn, die 366 Mk. im Jahr, also ca. 7 Mk. wchentlich verdiente, und die Ausgabe fr Miete durch Aftervermietung deckte, hatte folgende Wochenausgaben: Feuerung 0,90 Mk. Petroleum 0,55 " Brot 1,30 " Ein Pfund Fett 0,60 " Zehn Pfund Kartoffeln 0,30 " Gemse und Gegrupe 0,70 " Knochen zum Auskochen 0,15 " Sonntags 1/2 Pfund Fleisch 0,30 " Salz, Schweden, Wichse etc 0,10 " Wsche 0,15 " Kaffee 0,60 " Milch 0,35 " ------------- Im ganzen: 6,00 Mk. Fr die Kleidung und alle Extraausgaben, z.B. fr Krankheit, Fahrten, Schulmittel etc. etc. blieb demnach 1 Mk. wchentlich brig, die Nahrung stellte sich tglich auf 30 Pf. pro Person![652] Kann man sich wohl von einer Lebenshaltung eine Vorstellung machen, die auf einer Wocheneinnahme von fnf oder gar nur drei Mark beruht?! Lt sich das Elend ausdenken, das herrschen mu, wenn mehr als ein Kind davon erhalten werden soll?! Man knnte versucht sein, anzunehmen, da solche Verhltnisse vielleicht einzig dastehen und sich in anderen Lndern nicht wiederholen. Leider zeigt sich aber auch hier, da gewisse soziale Zustnde im unmittelbaren Gefolge wirtschaftlicher Erscheinungen auftreten, und daher berall die gleichen sind, wo die wirtschaftliche Entwicklung denselben Stand erreicht hat. Die Wiener Nherin, die von sechs Uhr frh bis in die spte Nacht Trikottaillen nht, um 3,50 fl. zu verdienen; die beiden Schwestern, die zusammen 10, hchstens 20 fl. im Monat erwerben, und oft nicht mehr wie 20 kr. fr ihr Mittagessen auszugeben vermgen;[653] die bhmische Handschuhnherin, die bei vierzehnstndiger Arbeitszeit nur 208 fl. im Jahr einnimmt, fr Nahrung, Heizung und Wohnung fr sich und ihr Kind aber allein 252 fl. braucht[654],--sie alle geben ihren deutschen Leidensgenossinnen nichts nach. Von besonderem Interesse aber ist es, da selbst im gelobten Lande der Nherei und Schneiderei, das die Modedamen der ganzen Welt mit seinen Erzeugnissen versorgt, in Frankreich, die Lage derjenigen, aus deren Hnden all die Wunderwerke hervorgehen, keine gnstigere ist. Die Tageseinnahme erscheint vielfach hoch, sie ist aber, auf das Jahr verteilt, oft noch niedriger, als die deutscher Arbeiterinnen, weil der Saisonbetrieb ein noch intensiverer ist. Nur die ersten Arbeiterinnen, also etwa diejenigen, die als Vorarbeiterinnen in den Werksttten der groen Konfektionshuser beschftigt werden, knnen auf eine annhernd regelmige Arbeit whrend des ganzen Jahres rechnen, die mittelguten haben 200 bis hchstens 230, die gewhnlichen,--und die meisten!--haben 60 bis 160 Tage zu thun.[655] In der toten Zeit findet sich bestenfalls eine Arbeit, die tglich eine bis zwei Stunden Beschftigung gewhrt, in der hohen Saison dagegen kommen Arbeits-"Tage" bis zu 28 Stunden vor![656] Bei vierzehn- bis fnfzehnstndiger Arbeitszeit kann die Durchschnittskonfektionsnherin in Paris eine Jahreseinnahme von 250 bis 350 fr. erreichen, wobei sie 75 c. bis 1,25 fr. tglich verdient.[657] Bei einer Einnahme von 900 fr. aber fngt erst die Mglichkeit an, selbstndig davon leben zu knnen, und nur ein Drittel aller ihrer Arbeiterinnen verdienen, nach den Aussagen der Chefs der ersten Pariser Konfektionsfirmen, mehr als das.[658] Eine der ersten Pariser Schneiderinnen, die fr ein groes Haus Modelle arbeitet, also hchst selten arbeitslos ist, verdiente jhrlich 875 fr. Sie hatte folgendes Ausgabenbudget[659]: Nahrung 550 fr. Miete 200 " Wsche 20 " Zwei Paar Schuhe 20 " Zwei Kleider (selbst genht) 40 " Zwei Hte (selbst garniert) 10 " Schirm, Handschuhe 10 " Kleine Ausgaben 25 " Im ganzen: 875 fr. Aus diesem Budget geht deutlich genug hervor, da selbst fr eine Kraft ersten Ranges nur dann die Existenz gesichert erscheint, wenn nicht nur die Ansprche geringe sind, die Gesundheit gefestigt ist und auf Vergngungen fast ganz verzichtet wird, sondern vor allem dann, wenn es sich nur um die Erhaltung der eignen Person handelt. Bei einer anderen, auch noch zu den besseren Arbeiterinnen zu zhlenden Nherin, die 3 fr. tglich und 465 fr. im Jahr einnahm, stellten sich die Ausgaben folgendermaen[660]: Nahrung 511 fr. Miete 120 " Kleidung 55 " Wsche 48 " Stiefel 30 " Licht und Heizung 25 " Kleine Ausgaben 40 " Im ganzen: 829 fr. Wir stoen hier auf ein Defizit von 364 fr., das selbst durch uerste Einschrnkung nicht zu decken wre. Da es unmglich ist, beweist das Budget einer Vorarbeiterin in einem der ersten Pariser Geschfte. Sie gab monatlich 81 fr. aus, indem sie selbst hinzufgte, da sie sich dabei alles versagen msse, was das trbe, einfrmige Leben erheitern knne. Trotz einer achtmonatlichen, mit 4 fr. tglich entlohnten Arbeit, hatte sie am Schlu des Jahres gegen 200 fr. Schulden.[661] Wie sich aber das Leben all derer gestaltet, die unter 400 fr. einnehmen und davon auszukommen versuchen, dafr nur ein Beispiel: Eine Pariser Konfektionsnherin hatte ein Jahreseinkommen von 375 fr. im Jahr. Sie gab aus fr:[662] Miete 100,00 fr. Nahrung 237,25 " Licht 4,00 " Ein Kleid 5,00 " Ein Fichu 2,00 " Zwei Paar Strmpfe 1,30 " Zwei Paar Schuhe 8,00 " Zwei Hemden 2,50 " Eine Hose 1,25 " Zwei Taschentcher 0,80 " Zwei Servietten 0,80 " Im ganzen: 362,90 fr. Ihre tgliche Nahrung bestritt sie fr 55 c., d.h. fr 5 c. Milch, fr 20 c. Brot, fr 10 c. Kartoffeln, fr 10 c. Kse und fr 10 c. Wurst! Selbst die Heizung mute sie sich versagen, von Vergngungen war keine Rede, ein einziges Fhnchen fr 5 fr. mute das ganze Jahr aushalten! Und das war ein Mdchen von zwanzig Jahren mit all der Sehnsucht nach Glck und Freude, die so strmisch nach Erfllung verlangt; ein Mdchen von zwanzig Jahren mitten in der von Lebenslust fiebernden Luft von Paris! Und doch giebt es noch tiefere Stufen des Elends. Die Heimarbeiterinnen von Lyon sind auf ihnen angelangt: hier finden sich Jahreseinnahmen von 170, 200, 250 fr., whrend das Leben sich mit weniger als 350 fr. unmglich bestreiten lt.[663] Auch in England, wo die rapide Entwicklung des Fabriksystems die alten Hausindustrien schon fast ganz zu Boden rannte, herrscht im Bekleidungsgewerbe die Hausindustrie noch so gut wie unumschrnkt. Die furchtbaren Enthllungen des Elends in den kleinen Werksttten des Londoner Ostens waren es, die berhaupt zuerst die Blicke der Welt auf die Zustnde in der Konfektionsindustrie lenkten. Der Begriff des Sweating-Systems stammt von dort. In den Werksttten der Zwischenmeister, wo in dunklem, engen Raum die armen Opfer der Armut dicht gedrngt zusammensitzen, wo die Arbeit oft Tag und Nacht nicht ruht, wo die Kindheit begraben wird, und Greisinnen noch mit zitternden Hnden fr ein Stck Brot die Nadel fhren, wo der Fluch Jehovahs: "Im Schweie deines Angesichts sollst du dein Brot essen" erst in Erfllung gegangen zu sein scheint, bt es seine Herrschaft aus. In Glasgow, in Manchester, in Leeds hat es sich ausgebreitet. Niedrige Lhne und lange Arbeitszeit sind auch hier seine Begleiterscheinungen, Nherinnenlhne von 6 p. an sind an der Tagesordnung[664]; die Glasgower Heimarbeiterinnen in der Wschekonfektion, die hufig von sechs Uhr frh bis zehn Uhr abends in ihrem verwahrlosten Zuhause, neben schmutzigen oder kranken Kindern an den feinen Batisthemden sticheln, die irgend eine Herzogin ahnungslos ber den gepflegten Krper ziehen wird, verdienen 4 bis 6 sh., zuweilen sogar nur 2 sh. die Woche[665]; in den Londoner Schneiderwerksttten erreicht eine gelernte Schneiderin bei vierzehn- bis siebzehnstndiger Arbeitszeit im besten Fall 4 sh. tglich, hufig mu sie sich mit derselben Summe als Wochenlohn zufrieden geben[666], whrend die Heimarbeiterin berhaupt kaum mehr zu verdienen vermag[667], sie nht z.B. Unterrcke fr 7 p. das Stck, wobei sie den Faden noch zugeben mu.[668] Selbst in die neue Welt brachten die unglcklichsten Flchtlinge der alten das Sweating-System mit. Blhende Industrien, die ihren Arbeitern ein gutes Auskommen sicherten, brachen unter der Schmutzkonkurrenz der kleinen Werksttten und der armen Heimarbeiter zusammen.[669] Ein einziger Stadtteil Chicagos wies nicht weniger als 162 Konfektionswerksttten auf, ber die Hlfte aller Arbeiter darin waren verschuldet, denn nur selten konnten die Einnahmen mit den notwendigsten Ausgaben das Gleichgewicht halten.[670] Als typisches Beispiel fr die Wirkung der Hausindustrie kann folgendes gelten: ein Schneider, der seit seinem vierzehnten Jahre ein fleiiges und nchternes Leben fhrte, und trotzdem nie mehr als 200 bis 300 $ jhrlich einnahm, hatte nach zwanzig Jahren vier an der Schwindsucht sterbende Kinder und wurde selbst, im Alter von 34 Jahren! als altersschwach und arbeitsunfhig befunden.[671] Da die Lhne der weiblichen Arbeiter noch viel niedriger sind--solche von 25 c. tglich kommen sehr oft vor--, ihre Widerstandsfhigkeit eine geringere ist und ihre Krfte sich oft in wenigen Jahren verbrauchen,[672] so kann man sich ungefhr eine Vorstellung von der Lage machen, in der sie sich befinden. Als notwendige Folge der niedrigen Lhne ist die berarbeit, die Unterernhrung und die Wohnungsnot berall die gleiche. Es giebt naive Gemter, die in der Heimarbeit des Weibes ein Mittel zur Aufrechterhaltung des durch die Fabrikarbeit bedrohten Familienlebens sehen. Sie stellen sich die Heimarbeiterin etwa unter dem Bilde der handarbeitenden Frau aus brgerlichen Kreisen vor, die nur mige Stunden auszufllen sucht, sonst aber ihren Kindern, ihrer Wirtschaft stets zur Verfgung steht. Sie wollen nicht einsehen, da Heimarbeit zu fieberhafter Thtigkeit verdammt, da sie den Menschen der Maschine gegenberstellt, und er in rasender Hast mit ihr den Wettkampf aufnehmen mu, bis er zusammenbricht. Selbst neben dem sterbenden Kinde mu die New-Yorker Arbeiterin ihr Tagespensum erledigen; oft hat sie keine Zeit, ihre Toten zu begraben! Die Lebenden aber, die noch nicht mit arbeiten knnen, schickt sie auf die Strae, oder bestenfalls zu Pflegefrauen, um in der Arbeit nicht gestrt zu werden.[673] Ihre Berliner Leidensgefhrtin greift zu dem Mittel, ihre Kleinen in Kisten zu pferchen, oder an Sthle anzubinden, weil sie keine Zeit hat, aufzuspringen, um den Fallenden aufzuhelfen oder die Umherlaufenden zu beaufsichtigen.[674] Die Hausindustrie erhlt die Frau nicht der Familie, denn sie mu Mann, Kinder und Wirtschaft ebenso vernachlssigen, als ginge sie in die Fabrik.[675] Die Hausindustrie zerstrt vielmehr den letzten Rest des Familienlebens, den die Fabrik noch erhlt, weil sie ihrer Sklavin berhaupt keine Ruhe lt, weil sie den armseligen Wohnraum des Proletariers auch noch zur Werkstatt verwandelt. Die ganze Familie und die ganze Arbeit der Berliner Heimarbeiterin drngt sich in einem Raum, der womglich auch noch zum Kochen benutzt wird, zusammen; die kleine Stube daneben mu an Schlafleute vermietet werden und wird oft noch von den Kindern geteilt.[676] Wie sie keinen Raum besitzen, in dem sie bei Tage fr sich sein knnen, so haben sie nachts kaum ein Bett fr sich allein; zwei Drittel aller Berliner Heimarbeiterinnen mssen ihr Bett mit anderen teilen.[677] Bilder grauenhaften Elends rollen sich auf, wenn wir diese Wohnungen nher betrachten: Im fnften Stock eines Berliner Hauses befindet sich ein einfenstriges Zimmer und eine winzige, fensterlose Kche; darin haust eine gelhmte Greisin, ihre Tochter, die Nherin ist, und deren vier Kinder. In einem Keller derselben Stadt wohnt in einer Kche von 8 qm Bodenflche eine Witwe mit vier Kindern, die Stube daneben hat sie an Schlafburschen vermietet; in beiden Rumen schimmeln die Mbel, so feucht ist es. Dicht unter dem Dach, in zwei kleinen Rumen haust ein Ehepaar mit vier Kindern und einem Schlafmdchen; den Mann zerfrit auf dem Lager voll Lumpen der Kehlkopfkrebs. In einem Keller, dessen Dielen verfault sind, und dessen Fenster tief unter der Erde liegen, arbeiten zwei Schwestern fr die, die droben in Luft und Sonne lachend vorbergehen. In einem anderen Keller hnlicher Art liegt der Mann in den letzten Stadien der Lungenschwindsucht, die Frau nht neben seinem Bett, die Kinder atmen seine Krankheit ein.[678] In New-York fand man eine siebenkpfige Familie in einer Wohnung von drei Rumen, von denen nur einer hell war, zusammen mit nicht weniger als fnfzehn Schlafleuten,--alle waren auf nur drei Betten angewiesen.[679] In einer anderen Wohnung, in die ein Fabrikinspektor nachts eindrang, lagen zehn bis zwlf Menschen, Mnner, Frauen und Kinder, manche halb nackt, auf dem bloen Fuboden.[680] Es mag immerhin noch Menschen geben, die beim Anblick solchen Elends nichts anderes empfinden, als wenn sie vom Samtfauteuil des ersten Ranges aus die Not der "Weber" oder das Leiden "Hanneles" betrachten: sie gehen nach Hause und denken nicht mehr daran. Nachhaltiger aber drfte ihr Schrecken sein, wenn sie erfhren, da jene Armut ihnen selbst an das liebe Leben greift: in einem Zimmer Berlins nhte eine arme Mutter Blusen, halbfertig lagen sie auf dem Bett, in dem drei diphtheritiskranke Kinder mit dem Tode rangen; in einer Werkstatt, die eben noch an derselben Krankheit Leidende beherbergt hatte, arbeiteten gleich darauf sieben Arbeiterinnen.[681] Masern, Keuchhusten, Scharlach,--kurz alle Kinderkrankheiten nisten sich in der armseligen Stube der Nherin ein, und werden von ihren Hemden und Blusen und Rcken in die Huser der Kufer getragen. Die Schwindsucht haftet an den beliebten billigen Jacken und Mnteln der groen Warenhuser; das furchtbare Gift der Syphilis dringt auf diese Weise in die physisch und moralisch reinsten Familien.[682] Niemand kann ermessen, wie oft es geschieht, keiner aber sollte sich die Gre der Gefahr verhehlen. Treibt doch die Armut ihre Opfer der Schande in die Arme. Wir haben gesehen, da die Hausindustrie Lhne aufweist, durch die kaum das nackte Leben erhalten werden kann. Ihre Arbeiterinnen aber sind jung, es graut sie mit vollem Recht vor einem Dasein, das aller Freude entbehrt; sie sind Mtter, sie knnen ihre Kinder nicht darben lassen; sie sehen das Alter vor sich, sie wollen nicht im Armenhaus enden. Selbst durch den Verkauf ihrer ganzen Arbeitskraft knnen sie nicht leben, der Verkauf ihres Leibes, ihrer Ehre mu die Ergnzung sein. Die Arbeit selbst mssen sie hufig damit bezahlen. Am gnstigsten noch gestaltet sich ihre Lage, wenn sie ein festes Verhltnis haben, wie jene arme Mutter, die erklrte, sie habe sich dazu entschlieen mssen, sonst wre sie zu Grunde gegangen.[683] Ein Liebhaber aus den eigenen Kreisen wird vielleicht einmal ein Ehemann. In den weitaus meisten Fllen jedoch fallen die hausindustriellen Arbeiterinnen der gelegentlichen Prostitution anheim.[684] Hunger und Lebenslust sind strker als alle Moral, und die Moralpredigt oder gar die moralische Entrstung wird angesichts dieses Elends zu einer ekelhaften Farce. Die ganze Stufenleiter der Not haben wir durchlaufen bis zu ihrer letzten Konsequenz. Wo ist ein Lichtblick, der eine Besserung der Zustnde verheit? Kann die Hausindustrie ihren Arbeitern, wie der Fabrikbetrieb nach und nach eine hhere Lebenshaltung ermglichen? Um diese Fragen zu beantworten, ist es notwendig, sich die Ursachen des herrschenden Elends klar zu machen. Dort, wo Arbeitskraft billig zu haben ist, hat die Hausindustrie sich festgesetzt: in den Grostdten, wo eine groe Arbeiterbevlkerung sich vorfindet.[685] Hier strmen in wachsender Zahl die Proletarier zusammen, ihre Frauen und Tchter schaffen ein bermiges Angebot von Arbeitskraft, das durch die starke Einwanderung von Landmdchen und durch die wachsende Konkurrenz der Frauen und Mdchen aus den Kreisen des Brgertums stndig gesteigert wird. Diese Arbeitskrfte knnen aber nur von Industrien ausgenutzt werden, die an ihre Ausbildung keine Ansprche machen und deren technische Entwicklung noch in den Anfngen stecken geblieben ist; das sind die Hausindustrien aller Art, in erster Linie diejenigen, die an alte hauswirtschaftliche Frauenarbeit anknpfen, wie die Nherei und Schneiderei. Sie sind auch besonders geeignet, alle diejenigen Frauen heranzuziehen, die zur Ergnzung des mnnlichen Einkommens einen Nebenerwerb suchen, der sie im Hause beschftigt. All diese zusammentreffenden Umstnde nun: die Konzentrierung proletarischer Elemente in den Grostdten, das starke Angebot weiblicher Arbeitskrfte, die zum Teil durch ihre Leistungen nicht ihren ganzen Lebensunterhalt zu bestreiten brauchen, die Tendenz der Industrie, mglichst billig zu produzieren, sind die Ursachen der grostdtischen Hausindustrie, mit ihrem Gefolge an physischem und sittlichem Elend. Fr England und Amerika gilt dasselbe, nur da dort die billigen Arbeitskrfte durch die armen Einwanderer gestellt werden. Aber nicht nur in den Grostdten findet die Hausindustrie die Voraussetzungen fr ihre Existenz. Sie findet sie in gleichem Mae in den Gebirgen, wo infolge der schlechten Transportverhltnisse der Fabrikbetrieb nicht Fu fassen kann,[686] und in den Landorten des Flachlands, wo der kleine Bauer nicht mehr im stande ist, von der Landwirtschaft allein seine Familie zu ernhren. Da die Hausindustrie einerseits mit Frauen, andererseits mit Mnnern und Frauen zu thun hat, die von der modernen Arbeiterbewegung nicht erreicht werden, weil sie abgeschnitten sind vom Verkehr mit der Welt, so hat sie neben einem billigen auch ein auerordentlich fgsames Material in der Hand. Trotz alledem hat sie mit der Konkurrenz des Fabrikbetriebs zu kmpfen. Ihre Kampfmittel sind neben den niedrigen Lhnen, der langen Arbeitszeit und dem Trucksystem die Ausbeutung der Lehrlinge. Die hausindustriellen Werksttten beschftigen sie wochenlang unentgeltlich oder womglich gegen Lehrgeld, sparen dadurch bezahlte Arbeitskrfte und entlassen sie, sobald die "Ausbildung" vollendet ist und eine Anstellung erwartet wird.[687] Es kommt nun darauf an, festzustellen, ob die Existenzbedingungen der Hausindustrie fernerhin vorhanden sein werden, und ob ihre Arbeitsbedingungen Aussicht haben, sich zum Vorteil der Arbeiter zu verndern. Es giebt Industrien, z.B., um gleich die fr unseren Zweck wichtigste zu nennen, die Textilindustrie, die durch groe technische Vervollkommnungen der Hausindustrie auf ihrem Gebiet den Todessto versetzen. Sie kann die Konkurrenz nicht mehr aushalten, sie wird gewissermaen ausgehungert. In England hat sich dieser Proze bereits vollzogen, in anderen Lndern wird er denselben Verlauf nehmen. Andere dagegen--und hier kommt im wesentlichen die Bekleidungsindustrie in Betracht--bedrfen in der Hauptsache der menschlichen Hand; selbst ihre Maschinen, die Nhmaschine, die Knopflochmaschine, ja sogar die neue Zuschneidemaschine, haben den Fabrikbetrieb nicht zur notwendigen Voraussetzung. Und sie werden durch uere Umstnde auf absehbare Zeit hinaus nicht dazu gezwungen werden, weil die Bevlkerungsverhltnisse sich in der selben und nicht in der entgegengesetzten Richtung weiterentwickeln. Die proletarische Bevlkerung wchst ebenso aus sich heraus, wie durch Zuwanderung und durch ein allmhliches Hinabsinken des Kleinbrgertums. Dazu kommt, da die Hhe der mnnlichen Arbeitslhne immer mehr durch den Frauenerwerb, der als Ergnzung hinzugedacht wird, beeinflut wird, und ihrerseits das Arbeitsangebot weiblicher Hnde steigern hilft. Auch die Erwerbsarbeit der Frauen des Brgerstandes hat eine steigende Tendenz, weil die Einnahmen der Mnner weder den erhhten Bedrfnissen, noch der allgemeinen Preissteigerung entsprechen. Allein das riesige Indiehheschnellen der Mieten macht den Nebenerwerb der Frauen zur Notwendigkeit[688], der andererseits auch vielfach, infolge des Zusammenschrumpfens der Hauswirtschaft, der Langenweile entspringen mag. Es kommt aber noch eins hinzu, um die Weiterentwicklung der Hausindustrie in ihrer modernen Form zu sichern: die Tendenz zur Dezentralisation des Grobetriebs. Die Ausdehnung und schrfere Handhabung der Arbeiterschutzgesetzgebung lt den Unternehmer nach einem Ausweg suchen, um ihr aus dem Wege zu gehen, er findet ihn in der Hausindustrie. Die Tabakindustrie bietet dafr ein besonders drastisches Beispiel. Die Bedingungen zur Erhaltung und zur Ausbreitung der Hausindustrie, und zwar grade dort, wo Frauenarbeit eine bedeutende Rolle spielt, sind demnach gegeben. Dabei ist aber auch die Frage nach der Mglichkeit der Hebung der hausindustriellen Arbeitsbedingungen zum Teil mit beantwortet. Es ist ein Zirkel, aus dem ein Ausweg zunchst unmglich erscheint: die schlechten Arbeitsbedingungen sind zugleich Ursache und Folge der Hausindustrie. Ihr Sieg ber den Fabrikbetrieb beruht eben auf der Ausnutzung und Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft bis an die Grenze des Mglichen. Ein Rckgang der Lhne, im Gegensatz zu ihrer Zunahme im Fabrikbetrieb, zeigt sich berall.[689] Die Ursachen liegen auf den verschiedensten Gebieten. Wie wir wissen, ist es die Notlage der Familie, die die verheiratete Frau zur Erwerbsarbeit zwingt. In den weitaus meisten Fllen whlt sie, in der Ansicht befangen, dadurch ihren Kindern mehr ntzen zu knnen, die Heimarbeit. Der grte Teil der Heimarbeiterinnnen sind berall Frauen mit Kindern.[690] Von der Not getrieben, nehmen sie Arbeit um jeden Preis. Ihre Helfershelfer im Lohndruck und der Aufrechterhaltung der schlimmsten Form der Hausindustrie, der Heimarbeit, sind die Frauen und Tchter der Bourgeoisie, jene "verschmten" Armen, die ihre Erwerbsarbeit als nicht standesgem mglichst geheim zu halten suchen[691], und die an primitive Lebensverhltnisse gewhnte, daher billig arbeitende Landbevlkerung. Die Nherinnen im Vogtland z.B., die viel fr Berlin arbeiten, verdienen 25 % weniger als die Berliner Arbeiterinnen.[692] Und diese gefhrliche Konkurrenz wird teils durch den Staat, der Webe- und Korbflechtschulen u. dergl. m. errichtet, teils durch kurzsichtige Privatwohlthtigkeit, die im Gebirge und auf dem Lande den sogenannten "Gewerbeflei" einfhrt, untersttzt[693], auch noch knstlich grogezogen. Die Frauen, die Landbewohner und schlielich auch die Vlker mit niedriger Lebenshaltung,--der Einflu der fabelhaft billigen Erzeugnisse der japanischen und chinesischen Heimarbeit beginnt bereits fhlbar zu werden,--bilden das riesige Reservoir, aus dem die Hausindustrie stets neue Nahrung schpft, und die sie gegeneinander ausspielt. Sie ist wie ein ungeheuerer Sumpf, der nie austrocknet, weil er aus trben unterirdischen Quellen immer wieder gespeist wird, und der mit seinen Miasmen die ganze Luft verpestet. Nichts Gesundes und Lebenskrftiges kann er jemals hervorbringen, er kann sich nicht aus sich selbst heraus in einen klaren See verwandeln. Um seine Wirkungen zu beseitigen, giebt es nur ein Mittel: er selbst mu verschwinden. Der Handel. Die Ausbreitung der Frauenarbeit im Handel ist in nennenswertem Umfang erst viel spter in Erscheinung getreten, als in anderen Arbeitsgebieten. Zwar petitionierten bereits 1848 die Berliner Kommis an das preuische Staatsministerium um Einschrnkung der weiblichen Konkurrenz[694], aber erst seit den letzten zwanzig Jahren droht ihnen durch sie eine ernste Gefahr. Einerseits sind es die Tchter des mittleren und kleinen Brgerstandes, die mehr und mehr vor die Notwendigkeit, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, gestellt werden und im kaufmnnischen Beruf ein standesgemes Unterkommen zu finden glauben, andererseits sieht die aufstrebende Arbeiterklasse in ihm eine hhere Stufe der sozialen Stufenleiter und versucht in steigendem Mae ihre Tchter hinauf zu heben. Die Entwicklung des Handels, seine Konzentrierung in Bazaren und Warenhusern kommt diesen Bestrebungen entgegen. Immer geringer werden hier die Anforderungen an kaufmnnische Bildung und genaue Warenkenntnis, da jede Verkuferin nur eine bestimmte Abteilung zugewiesen bekommt und auf den einzelnen Gegenstnden die Preise meist deutlich vermerkt zu werden pflegen. Infolgedessen ist es erklrlich, da in zahlreichen Geschftszweigen, besonders in den Geschften fr Bekleidung und solchen fr frische Nahrungsmittel mehr Frauen als Mnner zu finden sind; sie rekrutieren sich meist aus proletarischen Kreisen, haben oft nur die Volksschule besucht und knnen, wie z.B. in Berlin, nur selten grammatikalisch und orthographisch richtig schreiben.[695] Aber nicht nur ihrer Herkunft, sondern vor allem den Bedingungen ihrer Arbeit nach, mssen die Verkuferinnen zu den Kreisen der proletarischen Frauenarbeit gerechnet werden. Die Untersuchungen aller Lnder, die sich mit ihrer Lage beschftigen, stimmen darin berein, da der Lohn zur Leistung in grtem Miverhltnis steht, und alle charakteristischen Zeichen der proletarischen Arbeit,--Ueberarbeit und Arbeitslosigkeit,--auch auf sie zutreffen. Was zunchst die Lohnfrage betrifft, so ist ein einigermaen ausreichendes Material zu ihrer Beleuchtung nicht vorhanden. Selbst die deutsche Kommission fr Arbeiterstatistik hat es bei Gelegenheit ihrer Untersuchungen der Lage der Handelsgehilfen unbegreiflicherweise frmlich ngstlich vermieden, sich ber den Stand der Arbeitsentschdigung Aufklrung zu verschaffen. Auch die englische Arbeitskommission bringt nur sprliche Ziffern. Wir mssen uns daher im wesentlichen auf die Resultate privater Enqueten sttzen. Das Durchschnittseinkommen Berliner Verkuferinnen wird vom kaufmnnischen Hilfsverein fr weibliche Angestellte auf 58 Mk. monatlich geschtzt. Da die Zeit der Arbeitslosigkeit durchschnittlich 1-3/4 Monate betragen soll, so wrde ein Jahreseinkommen von 594 Mk., eine tgliche Einnahme von 1,60 Mk. zu verzeichnen sein.[696] Schon mit dieser Summe ist es fr die grostdtische Verkuferin nicht mglich auszukommen. Es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn eine Jahreseinnahme von 900 bis 1000 Mk. erst als diejenige angesehen werden kann, die der Berliner Verkuferin eine sorgenfreie Existenz zu sichern vermag. Nun gehren aber die Mitglieder des Hilfsvereins fr weibliche Angestellte zweifellos zur Elite der Ladengehilfinnen; ihr Lohn kann daher fr die groe Masse nicht magebend sein. Thatschlich kommen selbst in Berlin Monatslhne von 30 bis 40, ja sogar von 20 bis 30 Mk. vor; in der Provinz, besonders in den kleinen Stdten, sind solche Stze keine Seltenheit; das Durchschnittsgehalt der Verkuferinnen in Kln betrug 40, in Frankfurt 39, in Kassel 30, in Knigsberg gar nur 27 Mk.[697], ein Lohn, der vielfach hinter dem der Fabrikarbeiterinnen zurcksteht. Selbst Leipzig weist Monatslhne von 20 bis 30, ja sogar solche unter 20 Mk. auf.[698] Verkuferinnen, die eben die Lehrzeit hinter sich haben, mssen sich sogar oft genug mit 10 Mk. im Monat einrichten.[699] Mnnlichen Verkufern wagt man solchen Gehalt nur hchst selten anzubieten, wo es geschieht, handelt es sich um einen Anfangsgehalt, der schnell gesteigert wird; ihr Durchschnittseinkommen wird auf 100 Mk. angegeben, betrgt also fast das Doppelte des Einkommens ihrer weiblichen Kollegen. Je nach der Zahl der Dienstjahre kann nun zwar auch die Verkuferin auf Steigerung des Gehalts rechnen; 70 und 80 Mk. bezeichnen aber in den meisten Fllen ein nur schwer erreichbares Maximum, Monatseinnahmen von 100 bis 120 Mk. kommen nur ausnahmsweise vor. Da die Zeit der Arbeitslosigkeit sich hufig bis auf drei Monate ausdehnt, so schrumpft die im ganzen Jahr der Verkuferin zu Gebote stehende Summe so sehr zusammen, da ein Auskommen schwer mglich ist. Die Angaben Berliner Handelsgehilfinnen besttigen das. Danach betrug die durchschnittliche Ausgabe fr Kost und Wohnung 51 Mk., 30 Mk. wurde als das geringste bezeichnet, womit das Leben sich notdrftig bestreiten liee.[700] Stellen wir diesen Ausgaben die Durchschnittseinnahme von 58 Mk. gegenber, so ist ohne weiteres klar, da mit einem Rest von 7 Mk. die Ausgaben fr Wsche, Kleidung, Tramwayfahrten etc.--vom Vergngen ganz abgesehen--nicht gedeckt werden knnen. Besonders die Ansprche an die Toilette, die das Budget der Handelsangestellten so sehr belasten, knnen damit nicht bezahlt werden und doch riskiert die Verkuferin ihre Stellung, wenn sie sie nicht erfllt. Wie hoch sie sind, beweist eine amerikanische Zusammenstellung der Ausgaben fr Wohnung und Kleidung je nach den Berufen der Arbeiterinnen. Whrend die Fabrikmdchen oft kaum den vierten Teil dessen fr ihre Kleidung verwenden, was sie fr ihre Wohnung ausgeben, bersteigt die Summe, mit der die Verkuferinnen ihre Toilette bestreiten, fast immer die Ausgaben fr die Wohnung, sehr oft sogar ist sie hher, als diejenige, die sie fr ihren ganzen Lebensunterhalt anlegen.[701] Denken wir nun aber an Monatseinnahmen, die den Durchschnitt von 58 Mk. nicht erreichen, die vielleicht nur 20 oder 30 Mk. betragen, so ist, selbst bei einer Aufwendung von nur 30 Mk. fr Kost und Wohnung, wobei nur eine Schlafstelle in Betracht kommen kann und die Unterernhrung chronisch wird, ein bedeutendes Defizit unvermeidlich. Die Existenz ist nur dann gesichert, wenn die dermaen niedrig Entlohnten bei ihrer Familie wohnen. In welchem Umfang dies thatschlich geschieht, lt sich nicht feststellen. Eine Privatenquete, die 825 Berliner Handelsangestellte umfate, ergab, da 585, also 71 %, von ihnen bei Familienangehrigen wohnen; 240 sind darauf angewiesen, sich ihr Unterkommen selbst zu beschaffen, und zwar haben 36,75 % dieser selbstndigen Mdchen eine Monatseinnahme von unter 30 bis zu 60 Mk.[702], sie gehren also zu denjenigen, die nach unserer Berechnung entweder nur unter grten Entbehrungen, oder unter fortwhrender Anhufung von Schulden ihr Leben fristen knnen. Da es sich jedoch auch bei diesen Handelsgehilfinnen um besonders Bevorzugte handelt,--nur die besser gestellten, intelligenteren unter ihnen entschlieen sich, einem Verein beizutreten, und Vereinsmitglieder waren smtliche Expertinnen,--so ergiebt sich, da fr die Allgemeinheit sowohl der Prozentsatz der niedrig Entlohnten, als der der Alleinstehenden ein wesentlich hherer sein mu. Aber selbst wenn wir die sehr gnstige Berliner Berechnung zu Grunde legen, um die Lage aller Handelsgehilfinnen danach zu beurteilen, zeigt es sich, da von 365005 nicht weniger als 105851 allein stehen, und von diesen wieder beinahe 17000 von dem Ertrag ihrer Arbeit nicht leben knnen. In England sind die Lohnverhltnisse keineswegs besser, obwohl man zuweilen versucht ist, es anzunehmen, weil die Handelsangestellten neben dem Gehalt freie Station haben. Aber selbst den unwahrscheinlichen Fall angenommen, da diese so vortrefflich ist, da ein Zuschu zur Ernhrung aus dem eigenen Beutel sich nicht als ntig erweist, reicht ein Jahreseinkommen von 10 bis 12 [703] in den Grostdten Englands bei weitem nicht aus, um die notwendigen Ausgaben, die den Verkuferinnen erwachsen, zu bestreiten. Dabei herrscht in England das Unwesen der Strafgelder in ausgedehntestem Mae. In manchen Geschften giebt es bis zu hundert verschiedene Versumnisse, die durch Lohnabzge gebt werden mssen.[704] Fr Frankreich knnen wir uns auf offizielle Untersuchungen nicht berufen, um die Lage der Handelsangestellten danach zu schildern; dafr liegt in Zolas "Au Bonheur des Dames" ein weit wertvolleres Dokument vor. Es zeigt uns den kleinen Laden mit seinen schlecht genhrten und schlecht bezahlten Arbeitern, es fhrt uns in das fieberhafte Getriebe des groen Warenhauses, das Nerven- und Muskelkrfte untergrbt; es ffnet uns die Thr zu den winzigen, unheizbaren, allen Komforts entbehrenden Dachkammern, wo die Mdchen abends halb ohnmchtig auf ihr Lager sinken und zu den Eslen, wo die menschlichen Arbeitsmaschinen mit weit weniger Sorgfalt gespeist werden, als die eisernen Maschinen in den Fabriken. Es nimmt uns mit seiner groartigen Wirklichkeitsschilderung jede Illusion ber die Lage der Ladenmdchen. Aber weit mehr noch als fr das Riesenhandelshaus, das durch seinen gewaltigen Umsatz im stande ist, seinen Angestellten eine gesicherte Stellung zu geben, trotz aller Ausbeutung und Vernachlssigung, gilt es fr die kleinen, mhsam um ihr Bestehen kmpfenden Geschfte, wenn sich der uere Glanz des kaufmnnischen Berufs bei nherem Zuschauen in sein Gegenteil verwandelt. Je kleiner der Laden und die Stadt, desto trauriger steht es um die Angestellten, desto klarer ist es vor allem, da die Wohnung und Bekstigung im Hause des Prinzipals zwar eine Wohlthat ist, aber nicht fr die Angestellten, sondern fr ihn. Er macht dadurch nicht nur Ersparnisse, sondern er hat auch ein Mittel in der Hand, ber seine Angestellten wie ber husliche Dienstboten frei verfgen zu knnen.[705] Die Bekstigung im Hause des Chefs, die in Deutschland besonders auch dort hufig blich ist[706], wo die Verkuferinnen fr ihre Wohnung selbst zu sorgen haben, bietet den willkommenen Vorwand, die Mittagspause entweder sehr einzuschrnken oder berhaupt dem Zufall und der momentanen Geschftsruhe zu berlassen. In England wurden Mittagspausen von zehn bis hchstens zwanzig Minuten festgestellt, die noch dazu jeden Augenblick durch den Eintritt von Kunden unterbrochen werden konnten[707]; in Deutschland ist es nicht viel besser; dabei ist diese Pause oft die einzige; Frhstcks- und Vesperpausen werden, vor allem in den kleinen Geschften, sehr selten gewhrt.[708] Abendbrot giebt es in England hufig gar nicht, so da die Mdchen gentigt sind, es sich selbst zu beschaffen[709]; die Bekstigung ist dort wie in Deutschland meist, was Quantitt und Qualitt betrifft, gleich minderwertig[710], und mu im Geschftsraum selbst oder in engen, dumpfigen Nebenrumen hastig verschlungen werden. Nur die groen Geschfte, die groen Warenhuser und Bazare machen hie und da eine rhmliche Ausnahme; wo sie berhaupt ihren Angestellten Bekstigung bieten, ist sie ausreichend, besondere Speisesle sind dafr angelegt und die Zeit zu ihrer Einnahme ist so weit gesteckt, da sie auch ein Ausruhen in sich schlieen kann. In den kleinen Stdten und in den kleinen Geschften, wo die weiblichen Angestellten auch husliche Arbeiten verrichten mssen, ist ihre Lage durchweg eine traurige; auch in Bezug auf die Wohnung unterscheiden sie sich nicht von den Dienstmdchen: es werden ihnen unheizbare Dachstuben oder schlecht gelftete, halbdunkle Rume neben dem Laden zur Unterkunft angewiesen[711]; in England und Amerika gilt dasselbe sogar in den groen Stdten und Geschften. Londoner Verkuferinnen mssen sich oft zu zweien in ein Bett teilen, und die Rume, in denen sie hausen, entbehren jeder Bequemlichkeit.[712] In den Riesengeschften New-Yorks wohnen die Mdchen so eng, da man Gefangenen solch einen Mangel an Luftraum nicht bieten wrde.[713] Damit sind die Nachteile der freien Station jedoch noch nicht erschpft; die Prinzipale bestimmen auch, unter dem Vorwand der Aufrechterhaltung der Moral und des patriarchalischen Familienverhltnisses, ber die freie Zeit der Angestellten. Sie sind nicht nur im Hause selbst der strengsten Aufsicht unterworfen, sie drfen auch nur an bestimmten Abenden der Woche ausgehen und mssen vor Thorschlu heimkehren, da sie sonst keinen Einla mehr finden.[714] In England sind sie andererseits vielfach verpflichtet, am Sonntag frh das Zimmer zu verlassen und erst spt abends heimzukehren.[715] Der Prinzipal spart auf diese Weise an sechzig Tagen des Jahres die Bekstigung; die arme Verkuferin aber, die oft am liebsten den Tag verschlafen, oder die ihn, als die einzige freie Zeit, zur Herstellung ihrer Garderobe benutzen mchte, mu entweder an solch erzwungenen Festtagen ihre schmale Brse leeren, oder Bekanntschaft suchen, die sie versorgt. Die Beraubung der schwer verdienten Ruhe ist hierbei wohl das hrteste, denn die Arbeitszeit der Handelsgehilfin war bis vor kurzem eine ganz unbeschrnkte. Die Ladenzeit betrug im Deutschen Reich im Maximum bis zu achtzehn Stunden, im Durchschnitt vierzehn Stunden tglich[716]; nicht weniger als 43 % der Betriebe mit weiblichem Personal hatten eine Ladenzeit von dreizehn bis sechzehn Stunden.[717] Die lngste fand sich in der Lebensmittel-und Bekleidungsbranche; in Breslauer Kolonialwarenhandlungen kam es vor, da der Laden um fnf Uhr frh geffnet und um zehn oder elf Uhr nachts geschlossen wurde.[718] In der Hochsaison verlngerte sie sich berall, dabei war von einer Vergtung der berstunden selten die Rede,[719] und wenn der Laden geschlossen war, ging die aufreibende Arbeit hinter verschlossenen Jalousien bis in die sinkende Nacht weiter. In England waren die Verhltnisse genau dieselben.[720] Und doch wren diese Zustnde noch ertrglich zu nennen, wenn sie nicht durch die schlimmsten Qualen verschrft worden wren: nicht nur, da die armen Mdchen von morgens bis abends mit freundlichem Diensteifer die Kunden,--und unter ihnen die unangenehmsten,--zu bedienen haben, da sie die Leitern hinauf und hinab klettern, Ste von Waren hin und her schleppen mssen, sie drfen sich, auch wenn niemand im Laden ist, auch wenn ihre Kniee zittern und ihre Fe schmerzen, nicht setzen[721]! Stehen--stehen--zwlf, vierzehn und mehr Stunden stehen--und dabei lcheln, immer lcheln! Eine Folter, die wrdig wre, spanische Inquisitoren zu Erfindern zu haben! Erst in jngster Zeit hat man allenthalben den Versuch gemacht, diesen belstand aus der Welt zu schaffen; bei der Zaghaftigkeit aber, mit der vorgegangen wurde, ist wohl anzunehmen, da er, in etwas gemilderter Form vielleicht, noch immer besteht. In Betreff der Arbeitszeit gilt dasselbe; ist doch sogar nicht einmal die Sonntagsruhe den abgehetzten Mdchen berall gesichert; auch am Sonntag mssen sie stundenweise im Laden stehen, damit nur ja dem Herrn Prinzipal kein Pfennig Profit entgeht. Am schlimmsten von allen sind die Lehrlinge, wahre Prgelknaben und Mdchen fr alles, daran. Kaum der Schule entwachsene Kinder werden mit Vorliebe aufgenommen; sie kosten wenig und lassen sich widerstandslos ausnutzen. Welchen riesigen Umfang ihre Beschftigung annimmt, geht daraus hervor, da sie in einem Viertel aller deutschen Geschfte die Gehilfen an Zahl berragen, in einem Fnftel sich noch einmal so viel Lehrlinge als Gehilfen befinden, und es sogar vorkommt, da Geschfte vielfach alle Gehilfen durch Lehrlinge ersetzen.[722] Sie sind Laufmdchen, Hausmdchen, Verkuferin--alles in einer Person. In einem Alter, wo der weibliche Krper der Schonung bedarf, mssen sie dieselben, ja oft noch lngere Arbeitszeiten aushalten, als die Erwachsenen.[723] Nur die Strksten berstehen es, die anderen werden in der Blte geknickt, noch ehe ihnen die Frhlingssonne recht aufging. Trotzdem fehlt es nie an neuem Nachwuchs; in Scharen, wie die Motten, fliegen die Mdchen zu dem blendenden Licht hinter den Spiegelscheiben, von dem sie Mrchenwunder erwarten. Und der Handel braucht Jugend! Die Kunden sehen nicht gern alte Gesichter; ein hbsches junges Mdchen ist eine strkere Anziehungskraft, als die beste Ware. Sehen wir uns um in den Geschften, besonders in denen der Grostadt: fast lauter junge Dinger mit hochfrisiertem Lockenkopf und glnzenden Augen treten uns entgegen. Die Statistik besttigt das: von den Berliner Verkuferinnen sind 71 % 15 bis 21 Jahre alt[724]! Wo bleiben die Alternden, diejenigen, die nicht heiraten, die nicht das ungewhnliche Glck haben, sich selbstndig machen zu knnen? Die edelsten Pferde haben das traurige Schicksal, da sie aus dem Rennstall-Palais, wo sie in ihrer Jugend genhrt, gepflegt und gehtet wurden, sorgfltiger als mancher Mensch, zuerst in den engen Stall des Droschkenkutschers und dann zu den armseligen Ackergulen des Bauern geraten--je lter sie werden, desto hrter wird ihr Los. Den arbeitenden Frauen, und unter ihnen ganz besonders den Verkuferinnen, geht es nicht anders. Werden sie alt und hlich, so treten Junge an ihren Platz, und sie mssen sich mit immer schlechteren Stellungen begngen. Der in Deutschland bisher bliche Modus, wonach keine oder nur ganz kurze Kndigungsfristen ausgemacht wurden,--d.h. der Prinzipal konnte die Angestellte oft von einem Tag zum andern entlassen, die Angestellte aber mute die Kndigung vier Wochen vorher einreichen,[725]--hatte zur Folge, da die alternden Gehilfinnen sich einer dauernden Wanderschaft ausgesetzt sahen und nie wissen konnten, ob nicht der nchste Tag sie arbeitslos macht. Mit 40 Jahren freilich sind sie so wie so schon verbraucht. Infolge des vielen Stehens, der langen Arbeitszeit und der schlechten Ernhrung tritt schon frh allgemeine Entkrftung und Muskelschwche ein. Die jungen Mdchen werden fast durchweg von der Bleichsucht heimgesucht,--ein Blick in die Gesichter der Verkuferinnen beweist das zur Genge,--Unterleibsleiden treten hinzu. Dabei schwellen die Fugelenke an, an den Beinen zeigen sich Krampfadern, Magenkrankheiten zerstren den Rest der Nervenkraft. Infolgedessen wird die Mutterschaft fr die meisten ehemaligen Verkuferinnen zu einer schweren Krankheit.[726] Die groe krperliche Abspannung, die oft so weit geht, da die jungen Mdchen sich abends mit den Kleidern aufs Bett werfen, weil sie nicht mehr die Kraft haben, sich auszuziehen,[727] fhrt schlielich auch zu geistiger Erschlaffung. Selten nur reichen die Interessen ber die alltglichen, persnlichen hinaus; ein energischer Kampf um bessere Arbeitsbedingungen liegt ganz auerhalb der Vorstellungsmglichkeit. Neben die krperlichen und geistigen Folgen der proletarischen Frauenarbeit im Handel treten aber noch die traurigen moralischen hinzu. Die groe Masse der Angestellten kann von ihrem Arbeitseinkommen nicht leben; nicht nur, da sie sehr hufig das einfachste Leben kaum fristen knnen, ihre Ansprche sind auch von Haus aus hhere und werden durch ihre ganze Umgebung, besonders in den Bazaren und Konfektionsgeschften, noch gesteigert. Und Gewohnheit und Ansprche gilt es in Rechnung zu ziehen, wenn man Notlagen und die Gre der damit verbundenen Gefahren richtig beurteilen will. Eine Fabrikarbeiterin in irgend einer kleinen schsischen Fabrikstadt kann sich durch dasselbe Einkommen gesichert und befriedigt fhlen, das eine Verkuferin in einem Berliner Geschft der Schande in die Arme treibt. Weit strkere Einflsse, als auf die arme Arbeiterin, wirken bei ihr noch mit: diese heiratet leicht, nach der Ansicht khler Rechenmeister, leichtsinnig; ihr Erwhlter sieht in ihrer Arbeitskraft ihre wertvollste Mitgift, fr jene aber ist die Heirat ein selten erreichter Traum, denn ihre mnnlichen Arbeitsgenossen suchen vor allem eine klingende Mitgift, um sich dadurch selbstndig machen zu knnen, und schliet fr die Frauen ihr Beruf die Ehe aus. Wenn die Not sie nicht zu Falle bringt, so ist es der Durst ihres Herzens und ihrer Sinne, der sie in jene Liebesverhltnisse verstrickt, die so oft ein tragisches Ende finden. Dabei naht ihr auch die Verfhrung mehr als anderen durch den Verkehr mit der Kundschaft. Es ist nicht bertrieben, sondern entspricht den tglich zu beobachtenden Thatsachen, da die Lebemnner der Grostdte in den Bazaren und Warenhusern ein beliebtes Feld fr ihre Jagd nach Menschenware erblicken. Aber auch fr die Chefs selbst sind ihre Angestellten nicht selten Freiwild. Ein armes Mdchen mu entweder ein hohes Ma an sittlicher Kraft, Selbstverleugnung und Entsagungsfhigkeit, oder einen traurigen Mangel an Jugendlust und Liebessehnsucht besitzen, um rein und unangefochten aus diesem Leben hervorzugehen. Wie Zolas Denise sieht sie sich umgeben nicht nur von leichtsinnigen, sondern auch von moralisch verdorbenen Kolleginnen. Und damit berhren wir einen der traurigsten Punkte der Frauenarbeit im Handel, der es so vielen unmglich macht, sich durch eigene Kraft ehrlich durchzuschlagen: unter dem Deckmantel der Verkuferin und mehr noch der Probiermamsell verbirgt sich hufig die Prostitution in grober und feiner Art. Die femme soutenue ist es besonders, die hierbei in Betracht kommt, und da sie hbsch ist und jung und elegant, auf die Hhe des Lohnes wenig Wert legt, so macht der Unternehmer ein gutes Geschft durch ihre Anstellung. Schulter an Schulter mit ihr machen die wohlerzogenen Tchter des mittleren Brgerstandes, die Wohnung und Kost bei ihren Eltern haben und mit einer Einnahme, die nur ein Taschengeld reprsentiert, zufrieden sind, den alleinstehenden, mhsam sich emporringenden Arbeiterinnen die empfindlichste Konkurrenz. Sie erhalten die Lhne auf einem niedrigen Niveau, ja sie drcken sie durch ihr massenhaftes Eintreten in den Handel vielfach noch herunter. Infolgedessen zeigt sich in hherem Mae noch als in der Fabrikarbeit, da die Entwicklung der Lhne mehr und mehr die Tendenz hat, sich nach den Frauenlhnen zu gestalten, so da der Unterhalt der Familie auf dem Erwerb von Mann und Frau beruht. Da die verheiratete Frau aber unter den Angestellten eine beinahe unmgliche Erscheinung ist,--die Heirat bedeutet fast stets den Austritt aus dem Geschft,--so sind die Folgen dieser Entwicklung zunchst fr Mann und Weib gleich traurige. Die Lage der Handelsgehilfinnen wrde eine verzweifelte sein, wenn sich nicht in der den Wste ihres Daseins Quellen knftigen blhenden Lebens nachweisen lieen. Eine der strksten und wichtigsten ist auch hier die Entwicklung zum Grobetrieb. Je grer der Betrieb desto hher ist der Lohn, desto krzer die Arbeitszeit und geregelter die Ruhepausen, desto mehr nimmt aber auch die im Hause des Prinzipals lebende Zahl der Angestellten ab. Damit schwindet das patriarchalische Verhltnis mehr und mehr, der Angestellte nimmt nach und nach dieselbe Stellung ein, wie der Fabrikarbeiter, dessen persnliches, husliches Leben und Treiben den Unternehmer nicht kmmert. Hierdurch und durch die allerdings erst in den ersten Anfngen steckende Regelung der Arbeitszeit, wird es schlielich auch der verheirateten Frau leichter mglich sein, ihrem Mdchenberuf treu zu bleiben. Das alles wrde aber nur wenig ntzen, wenn nicht noch ein anderes Moment hinzukme: die Tchter des Brgerstandes werden durch den Druck der Verhltnisse,--nicht zum mindesten hervorgerufen durch die, das kleine Geschft ttenden Warenhuser,--gezwungen werden, den Lohn nicht mehr als Mittel zur Befriedigung von Luxusbedrfnissen, sondern als Mittel zum Lebensunterhalt anzusehen. In der Not selbst liegen die Keime fr ihre Beseitigung. Neben der Entwicklung zum Grobetrieb, die aber,--das sei all denen gesagt, die bequem genug sind, sich durch Zukunftshoffnungen ber die Gegenwart trsten zu lassen,--eine auerordentlich langsame ist, luft eine andere her, die eine entgegengesetzte Tendenz zu haben scheint und gerade im Hinblick auf die Frauen sehr wichtig ist: die Zunahme der von Frauen geleiteten Alleinbetriebe. Nach der Zhlung von 1895 gab es deren 145165, was gegenber der Zhlung von 1882 einer Zunahme von 41 % gleichkam, whrend die von Mnnern geleiteten Alleinbetriebe um 5 % abgenommen haben.[728] Trotz der Selbstndigkeit der Hndlerinnen ist ihre Existenz eine proletarische, ihr Kampf ums Dasein ebenso so hart, als der der Arbeiterin. Ueber die Hlfte,--56 %,--sind Witwen, 27 % verheiratete Frauen, aber nur 17 % ledige. Die Witwen richten das Geschft, wenn es nicht vom Manne ererbt ist, mit einem oft winzigen Kapital ein, um sich und ihre Kinder zu erhalten; die verheirateten Frauen, hufig ehemalige Dienstmdchen, wenden ihren Sparpfennig daran, um durch ihren eigenen Erwerb den des Mannes zu ergnzen; alternde Mdchen, oft frhere Verkuferinnen in hnlichen Geschften, versuchen gleichfalls damit ihr Brot zu verdienen. Eine wichtige Rolle spielt bei dieser Art Frauenarbeit der Handel mit landwirtschaftlichen Produkten und gerade er ist geeignet, sich auch fernerhin in Zwergbetrieben zu konzentrieren: die Waren bilden den tglichen Bedarf jeder Hauswirtschaft, sie mssen also mglichst in der Nhe zu haben sein und knnen daher auch nicht in Warenhusern aufgestapelt werden; allein das Wachstum der Stdte fhrt ihre Vermehrung herbei, die scharfe Konkurrenz jedoch macht sie zu wahren Eintagsfliegen und zwingt die Besitzerinnen, die bisher mhsam ihre Selbstndigkeit aufrecht erhielten, zur Lohnarbeit. Trotzdem ist ihre Zunahme, solange die Privatkchen bestehen werden, wahrscheinlich und sicher ist, da sich gerade dieses Handelszweiges mehr und mehr die Frauen bemchtigen werden. Welches Los hrter ist, das der Angestellten im glnzenden Kaufhaus, die in seinem Dienst hinwelkt, die ihre Jugend entweder vertrauern oder wegwerfen mu, oder das der Hndlerin im dsteren Keller oder stickigen Laden, die oft auch noch die Nchte opfert, um ihre armselige Huslichkeit in Ordnung zu halten, und sich um ein paar Pfennige plagt von frh bis spt--das wage ich nicht zu entscheiden. Die Landwirtschaft. Whrend die Industriearbeiterin und die Handelsangestellte Erscheinungen sind, die in den Augen der meisten feste Gestalt gewonnen haben, die das Interesse der Nationalkonomen, der Politiker und der Gesetzgeber erregen, ist die Landarbeiterin bisher ein ziemlich vager Begriff geblieben. Man ereifert sich hchstens ber ihre Landflucht und wundert sich, da sie ihr gesundes, gesichertes Leben so leichten Herzens preisgiebt. Wie dies Leben sich in Wirklichkeit abspielt, das machen sich nur Wenige klar und diese wenigen mssen sich teils auf ihre eigenen beschrnkten Beobachtungen, teils auf Privat-Untersuchungen sttzen, die auch immer nur unzulnglich bleiben knnen. Aber noch durch einen anderen Umstand wird die Kenntnis der Lage der Landarbeiterinnen erschwert. Sie bilden keine durch gleiche Arbeitsbedingungen gekennzeichnete Masse, sie gliedern sich vielmehr in zwei Kategorien von Arbeitern: die kontraktlich gebundenen und die freien, und in eine ganze Anzahl von Unterabteilungen beider. Zu den ersteren gehren zunchst die in festem Jahreslohn stehenden Mgde, die Wohnung und Nahrung von der Herrschaft empfangen und deren Arbeit eine teils husliche, teils landwirtschaftliche ist. Zu ihnen gehren ferner im ostelbischen Deutschland die Instleute, die vom Gutsherrn Wohnung und ein Stck Land, auerdem einen gewissen Anteil am Ertrage des Gutes erhalten, dafr aber nicht nur ihre eigene und die Arbeitskraft ihrer Frau in seinen Dienst stellen, sondern auch eine Anzahl, gewhnlich zwei, andere Arbeiter fr den Gutsherrn halten mssen; es sind das die Scharwerker, meist Angehrige des Instmanns, seine Tchter und Shne, auch seine Mutter oder sein Enkelkind, sehr oft aber auch fremde Mgde und Knechte, die der Instmann zu dem Zweck dingt.[729] Im Westen Deutschlands nehmen die Heuerleute eine hnliche Stellung ein, nur da ihnen Wohnung und Land nicht geliefert wird, sondern da sie es gegen geringes Entgelt pachten mssen, dafr aber verpflichtet sind, fr eine bestimmte Reihe von Tagen um die Hlfte des ortsblichen Lohns fr den Besitzer Arbeit zu leisten.[730] Eine breite Schicht der Landarbeiter sind in Ostelbien auch noch die Deputanten, die neben dem Lohn rohe Lebensmittel geliefert bekommen. Im brigen Deutschland wiederholt sich hufig den Tagelhnern gegenber eine gleiche Art der Entlohnung. Neben diesen Arbeiterkategorien finden sich noch die Tagelhner mit selbstndigem Landbesitz, von dessen Ertrag sie jedoch nicht leben knnen, so da sie gezwungen sind Lohnarbeit zu suchen. Sie gehren ebenso zweifellos zu den Proletariern, wie ihre Frauen, obwohl diesen zumeist die Bearbeitung und Bestellung der eigenen kleinen Landwirtschaft obliegt. Auch der Bauer und die Buerin, die keine Lohnarbeiter beschftigen, sondern sich von frh bis spt allein abrackern, um sich vom Ertrage ihrer Mhen zu ernhren, sind, trotzdem sie auf eigenem Grund und Boden stehen, nichts anderes als Proletarier.[731] Die eigenartigste Klasse unter dem lndlichen Proletariat ist die der Wanderarbeiter. Unter dem Namen Sachsengnger begegnen wir ihnen in Deutschland; in England war es das Gangsystem, das ihre Beschftigung befrderte; in Frankreich sind es zum groen Teil belgische Arbeiter, die sich saisonweise verdingen; auch in Amerika zeigt sich je nach den Erfordernissen der landwirtschaftlichen Betriebe eine innere Wanderung der Arbeiter. Whrend das landwirtschaftliche Gesinde und die Instleute die lteste Art der Landarbeiter, gewissermaen die Nachkommen der Hrigen und Leibeignen, darstellen, reprsentieren die Wanderarbeiter die modernisierte Landwirtschaft. Sie nimmt durch das Eindringen der Maschinen, besonders der Dreschmaschinen, die in kurzer Zeit eine Arbeit verrichten, durch die sonst wochenlang viele Arbeiter Beschftigung fanden, mehr und mehr den Charakter des Saisongewerbes an. Die intensivere Kultur der landwirtschaftlichen Betriebe,--dabei sei nur an die Molkereien und an die Zuckerrbenpflanzungen erinnert,--zu der die zu geschftlichen Unternehmern sich umwandelnden Landwirte notwendig gedrngt werden, untersttzt gleichfalls die allmhliche Umwandlung des lndlichen Proletariats.[732] In England, das zwar im allgemeinen noch alle Arten landwirtschaftlicher Arbeiter beschftigt: mit eigenem Land, mit Allotment, mit Haus- und Gartenberlassung oder mit bestimmtem Deputat, hat sich diese Umwandlung besonders im Osten, wo nur mit wchentlich oder tglich engagierten freien Tagelhnern gearbeitet wird, schon vollzogen.[733] Bezeichnend dafr ist, da der Begriff des Landarbeiters im modernen Sinn erst im 19. Jahrhundert entstand, denn der Bedarf an Landarbeitern wurde frher durch die zum Dienst verpflichteten Bauern, in Preuen auch durch die zum Zwangsgesindedienst gentigten Bauernkinder[734], in auereuropischen Lndern, besonders in Amerika, durch die Sklaven gedeckt. Aus dem Gesagten geht hervor, da es sehr schwierig ist, die Einnahmen der Landarbeiter festzustellen, die sich aus Geld und Naturallohn, aus freier oder pachtweiser Ueberlassung von Wohnung und Land, aus Anteilen am allgemeinen Gutsertrag zusammensetzen. Was zunchst das lndliche Gesinde betrifft, so variiert allein in Deutschland sein Jahreslohn ungemein. Er ist am niedrigsten, wo die Frauenarbeit am strksten ist; je weiter nach Osten, desto tiefer sinkt er. In Ostpreuen kamen Mgdelhne von 50 Mk. vor; Kuhmgde pflegen 75 bis 80 Mk. jhrlich zu verdienen, sogenannte Leutekchinnen 90 Mk. Im Westen und Sden, z.B. in Oldenburg, Hannover, Hessen und Wrttemberg, variieren die Frauenlhne zwischen 50 und 150, 75 und 150, 60 und 100, 50 und 150 Mk.[735] Die hchsten Lohnstze finden sich in Schleswig-Holstein und im Jeverlande, wo der Mangel an Mgden schon zu einer groen Kalamitt geworden ist. Hier betrgt der niedrigste Lohn 90 Mk., die Gromgde kommen zu einem Verdienst von 200 bis 230 Mk., Lhne von 250 Mk. werden auch zuweilen gezahlt.[736] Neben diesem Geldlohn wird Verpflegung und Wohnung selten berechnet; fr Wrttemberg werden die Ausgaben fr eine Magd einschlielich des Versicherungsgeldes und der Geschenke mit 120 bis 230 Mk. angegeben, so da ihre Gesamteinnahme 295 bis hchstens 400 Mk. jhrlich betrgt.[737] So begegnet uns hier wieder die beinahe typische Jahreseinnahme aller schlecht gestellten Proletarierinnen. Die franzsischen Landmgde stehen sich, was den Lohn betrifft, der 150 bis 200 fr. zu betragen pflegt, noch schlechter, ihre Bekstigung dagegen wird im allgemeinen hher veranschlagt werden drfen.[738] Bedeutend schwieriger ist es, die Jahreseinnahme der ostelbischen Instleute und ihrer Scharwerker, und der westdeutschen Heuerlinge festzustellen, da sie von der Beschaffenheit dessen, was ihnen geliefert wird, von ihrer eigenen Geschicklichkeit, etwa im Aufziehen und Verkaufen von Vieh und Geflgel, und von dem jeweiligen Anteil an dem Ertrag des Gutes abhngig ist. Der Geldlohn der Frauen betrgt gewhnlich im Sommer 30 bis 50, im Winter 20 bis 35 Pf. tglich. Dieser Lohn wird jedoch niemals der Frau direkt, sondern stets dem Instmann, als dem Familienoberhaupt, mit dem der Arbeitsvertrag zugleich fr seine Frau und seine Scharwerker abgeschlossen wurde[739], ausgezahlt. Fr seine Frau, noch mehr aber fr die Scharwerksmdchen, die er natrlich bei der eigenen Armut nur auf das notdrftigste unterhlt, bedeutet das eine groe Benachteiligung. Ihr sauer verdienter Lohn fliet nur zu oft in die Tasche des Schankwirts. Kein Wunder daher, wenn nur sehr niedrig stehende, physisch oder moralisch herabgekommene Mdchen sich zum Scharwerksdienst verstehen wollen. Weit besser ist die Lage der westdeutschen Heuerlingsfrauen, obwohl auch sie von den Mnnern vollstndig abhngig sind. Sie sind jedoch nur zu einem geringeren Ma von Arbeit verpflichtet und ihre Pachtung wirft ihnen mehr ab, als der drftige Boden des ostelbischen Instmanns. Die bevorzugteste Schicht der kontraktlich gebundenen Landarbeiter sind aber diejenigen, die nicht wie die Instleute zum groen Teil abhngig sind von den schwankenden Ertrgnissen des herrschaftlichen Gutes, noch wie die Heuerlinge von denen der eigenen Pachtung, sondern die neben dem Lohn ein festes Deputat erhalten. Da aber auch dieses ein Familieneinkommen darstellt, so ist damit auch die Frau zur Arbeit verpflichtet. In allen drei Fllen, bei den Instleuten, einschlielich der Scharwerker, den Heuerlingen und den Deputanten, wiederholt sich demnach dasselbe eigentmliche Bild einer vlligen Abhngigkeit auch der arbeitenden Frau von ihrem Ehemann. Die Stellung einer selbstndigen Lohnarbeiterin ist fr sie nur ein toter Begriff, sie ist nichts als der dritte Arm des Mannes, von einem bestimmten ihr zufallenden Lohn kann nicht gesprochen werden. Eine Stufe hherer Entwicklung in Bezug auf die Selbstndigkeit des weiblichen Landarbeiters bedeutet daher die freie Tagelhnerarbeit. Auch sie wird teils nur durch Geld, teils durch Geld und Bekstigung entlohnt, und zwar ist der Lohn nicht nur niedriger als der des Mannes,--obwohl die Arbeitsteilung nicht immer dazu berechtigt,--sehr hufig wird den Frauen auch eine geringere Menge an Nahrung gewhrt, wodurch die Ersparnis des Gutsbesitzers durch weibliche Arbeit noch erhht wird. Ueber die Lohnverhltnisse in Deutschland giebt folgende Tabelle einige Aufklrung:[740] Land | ohne Kost | mit Kost | Pf. | Pf. -----------------------------+-----------+--------- Posen | 30- 50 | -- Regierungsbezirk Magdeburg | 60-130 | 40- 90 Regierungsbezirk Merseburg | 60-125 | 40- 90 Regierungsbezirk Erfurt | 70-130 | 50-120 Provinz Hannover | 70-150 | 40- 80 Regierungsbezirk Kassel | 60-150 | 30-100 Provinz Hessen-Nassau | 80-150 | 50-100 Groherzogtum Hessen | 80-175 | 30-100 Provinz Schleswig-Holstein | 50-150 | 20-120 Herzogtum Anhalt | 70-150 | 40- 75 Thringische Staaten | 60-150 | 40-100 Knigreich Sachsen | 60-150 | 40- 80 Bayern | 60-120 | 30-100 Hohenzollern | 70-220 | 30-160 Die hchsten Lhne werden im Sommer, hauptschlich zur Erntezeit gezahlt, die niedrigsten im Winter. Eine ununterbrochene Arbeit zu allen Jahreszeiten hat keine Tagelhnerin. Rechnen wir, da sie etwa 250 Tage voll beschftigt ist, davon whrend 125 Tagen den hchsten tglichen Durchschnittslohn (ohne Kost) mit 1,43 Mk., also im ganzen 178,75 Mk., whrend weiterer 125 Tage den tglichen Mindest-Durchschnittslohn mit 63 Pf., also im ganzen 78,75 Mk. erhlt, so erreicht sie einen Jahresverdienst von 257,50 Mk. Berechnen wir ihre Einnahmen mit Bekstigung nach demselben Schema, so betrgt ihre Jahreseinnahme nur 172,50 Mk. Da diese Summen noch viel zu hoch gegriffen sind, geht z.B. aus der Berechnung der Einnahme einer Tagelhnerfamilie in Holstein hervor, wo Mann und Frau zusammen bei fleiigster Arbeit nur 450 bis 600 Mk., jhrlich verdienen.[741] Uebersteigt die Zahl der Familienglieder vier Personen, sind womglich alte Eltern oder krnkliche Angehrige mit zu versorgen, so ist eine Existenz auf Grund solcher Einnahmen eine uerst kmmerliche. Hat der Tagelhner eigenen Landbesitz, zieht er Schweine oder Geflgel, so kann seine Einnahme sich auf 700 bis 800 Mk. steigern[742], dann ist aber auch die Arbeitskraft der Frau eine bis an die Grenze des Mglichen ausgenutzte, da ihr fast ganz allein die Bewirtschaftung des eigenen Landes und die Zucht der Tiere zufllt.[743] In der schlimmsten Lage aber befindet sich die Alleinstehende, um so schlimmer, wenn sie Kinder hat. Selbst auf dem Lande lt sich das Leben mit einem Einkommen von 150 bis 250 Mk. nicht fristen. Die Kinderarbeit mit all ihren Schrecken, das Htekinderwesen mit seinen traurigen Folgen an physischer und sittlicher Verwahrlosung sind die nchsten selbstverstndlichen Resultate solcher Lohnverhltnisse. In Frankreich sind sie kaum besser. Der Durchschnittsverdienst der Frauen betrgt im Winter ohne Kost 1,42 fr., mit Kost 79 c.; im Sommer 1,87 fr. resp. 1,14 fr.[744]; in einzelnen Landstrichen, z.B. in der Bretagne, sinken die Lhne bis auf 50 c. resp. 1 fr. tglich, whrend sie andererseits freilich zuweilen, z.B. in der Normandie, bis auf 2 und 3 fr. steigen[745]; im allgemeinen bersteigt die Jahreseinnahme der franzsischen Tagelhnerin hchst selten 229 fr., whrend 300 fr. das mindeste ist, womit ein Existenzminimum ihr gesichert wird.[746] Ihre deutsche Arbeitsgenossin im fernen Osten, wo in kurzer Sommerszeit mhsam der Erde ihre Frchte abgerungen werden, hat also keinen Grund, die Schwester in dem sonnigen, reichen Frankreich zu beneiden. In einer etwas besseren Lage befindet sich die englische Landarbeiterin. Sie nimmt, wie wir gesehen haben, an Zahl rapide ab, infolgedessen steigen ihre Lhne und ermglichen ihr ein ertrgliches Leben.[747] Mehr und mehr aber beschrnkt sie sich auf die ausschlieliche Bewirtschaftung des eigenen kleinen Eigentums, whrend ihr Mann als Tagelhner in Arbeit geht. Mit ihr auf gleicher Stufe steht die Frau und die Tochter des kleinen selbstndigen Landwirts, nur da ihre Einkommen lediglich vom Ertrage ihrer Besitzung abhngen. Sie sind fast immer wahre Arbeitssklaven, sehr hufig tchtiger als die Mnner, die nur zu oft dem Alkoholteufel zum Opfer fallen. Trotzdem sind diese armen Proletarierinnen von ihnen abhngiger, als irgend eine Lohnarbeiterin von ihrem Arbeitgeber. Ihre Arbeit wird als eine ebenso selbstverstndliche angesehen, wie die der Instmannsfrau, und ihr klingender Ertrag fliet allein in die Tasche des Familienoberhauptes. Dies Verhltnis vollkommener Abhngigkeit drckt sich in der Picardie noch heute dadurch aus, da die Frau ihren Mann nicht anders nennt als _mon matre_, und der Mann sein Weib in der Vende nicht anders als _ma crature_.[748] Eine ganz andere Stellung nimmt die Wanderarbeiterin ein. Nichts fesselt sie an die Scholle, weder ein Anteil am Ertrag des Herrengutes, noch der eigene Besitz, noch der Jahreslohn der Dienstmagd. Wie die Fabrikarbeiterin ist sie nichts als Arbeitsmaschine, jede Spur eines persnlichen Verhltnisses zwischen Herr und Knecht hat aufgehrt. Die Ausbreitung landwirtschaftlicher Maschinen, die Ablsung lndlicher Winterarbeiten durch die Fabriken, wodurch es mehr und mehr an Beschftigung fr die sehaften Arbeiter fehlt, die Ausdehnung schlielich des Eisenbahnnetzes, die den Verkehr erleichtert, hat die Wanderungen lndlicher Arbeiter berall begnstigt. Oft, wie z.B. in Frankreich, handelt es sich um nicht organisierte innere Wanderungen, oft werden aber auch Auslnder, wie in Frankreich Belgier, in Oesterreich Italiener, in Deutschland Italiener, Oesterreicher und russische Polen eingefhrt. In grerem Umfange organisierte Wanderungen finden sich aber nur in Deutschland und England. Agenten, wahre Sklavenhalter, treiben hier wie dort die Menschenherde zusammen und fhren sie truppweise ihrer Bestimmung zu. Sie stehen als Aufseher mit der moralischen, oft aber auch mit einer sehr materiellen Peitsche bei der Arbeit hinter ihnen, denn hufig richtet sich ihr Lohn nach der Arbeitsleistung der Arbeiter. Wanderungen englischer Landarbeiter waren noch ganz besonders berchtigt deshalb, weil fast ausschlielich Kinder dazu angeworben, und, infolge ihrer vlligen Wehrlosigkeit dem Gangmeister gegenber, auf das uerste ausgenutzt und in ihren Einnahmen benachteiligt wurden. In dieser schlimmsten Form ist das System heute berwunden, ohne da die Wanderungen deshalb aufgehrt haben. In Deutschland haben sie unter dem Namen der Sachsengngerei den grten Umfang angenommen. Ihre Entstehung und ihren Namen hat sie der Rbenzuckerkultur in Sachsen zu verdanken, die whrend bestimmter Zeiten die Anstellung zahlreicher Arbeitskrfte notwendig machte. Nach und nach fanden die Wanderarbeiter auch zu jeder Art anderer Landarbeit Verwendung. Sie rekrutieren sich aus den stlichen Provinzen Preuens und bestehen groenteils aus jungen Mdchen. Fr das Jahr 1890 wurden 75000 Personen gezhlt, die sich von Brandenburg, Pommern, Westpreuen, Posen und Schlesien aus auf die Wanderschaft begaben.[749] Auf schsischen Gtern kommen auf 150 Mnner 337 Mdchen.[750] Der normale Lohn fr sie betrgt 1 Mk., whrend die Mnner durchschnittlich 50 Pf. mehr zu verdienen pflegen.[751] Es kommen aber auch Lhne von 1,50 bis 3 Mk. vor.[752] Auerdem wird Wohnung, zum Teil auch Bekstigung,--natrlich bei niedrigeren Lohnstzen,--gewhrt. Charakteristisch ist, da der Unterschied zwischen der Bewertung der Mnner- und der Frauenarbeit sich bis auf die Reisevergtung ausdehnt, die fr Frauen ein Drittel weniger betrgt als fr Mnner.[753] Der Gesamtverdienst einer Sachsengngerin ist bei einer Beschftigungszeit von 34 Wochen im Minimum auf 369 Mk., im Maximum auf 424 Mk. geschtzt worden.[754] Das wrde jedoch einem Tagesverdienst von 1,80 bis 2 Mk. entsprechen, der,--besonders wo in Akkord gearbeitet wird,--nur von den tchtigsten, mit der Arbeit vertrauten Mdchen erreicht wird. Saisonverdienste von 200 bis 250 Mk. sind durchaus keine Seltenheit. Trotzdem sind infolge uerster Sparsamkeit und wahrhaft trostloser Unterernhrung fast alle Mdchen im stande, Ersparnisse zu machen, die die Hhe von 120 bis 180 Mk. erreichen. Mglich ist das nur, wenn die Wochenausgaben fr die Kost 3,50 bis 4,50 Mk. nicht bersteigen.[755] Nun wird aber auch, obwohl die Sachsengngerinnen eine starke Abneigung dagegen empfinden, neben dem Lohn vielfach die Bekstigung geliefert. Die Lohnabzge jedoch stehen zur Qualitt und Quantitt der dafr gegebenen Nahrung in keinem Verhltnis; auf einem Gute im Kreise Halle z.B. betrug die Ausgabe des Besitzers fr die Ernhrung der Sachsengnger pro Person und Woche 1,20 Mk., auf einem anderen gar nur 75 Pf., d.h. in dem einen Fall tglich 17, in dem anderen 11 Pf.[756],--Summen, die gewi das Ideal der Volksernhrung reprsentieren!--Nach beendigter Saison pflegen die Sachsengnger in ihre Heimat zurckzukehren, wo sie zumeist von ihren Ersparnissen oder, wenn diese nicht zureichen, von den Ertrgnissen hausindustrieller Thtigkeit zu leben pflegen. Mdchen, die nur 200 Mk. verdient haben, also bei grter Sparsamkeit kaum 70 bis 80 Mk. zurcklegen konnten, wren natrlich nicht im stande, whrend 18 Wochen davon zu existieren, wenn sie nicht bei ihren Angehrigen, die sie in der Regel dafr entschdigen mssen, ein Unterkommen fnden. Bringen sie, wie es hufig geschieht, von einer ihrer Wanderfahrten eine lebendige Erinnerung mit nach Hause, so reicht auch die Einnahme einer gutgestellten Sachsengngerin nicht aus, um sich und das Kind zu erhalten. Sie mu auch whrend der Winterwochen, die sie so dringend ntig hat, um sich nach der bermigen Anstrengung des Sommers zu erholen, Arbeit suchen, die, wenn sie berhaupt zu finden ist, nur krglichen Lohn abwirft. Nach alledem drften es kaum die Lhne sein, die den immer wieder behaupteten Vorteil der Landarbeit vor der Industriearbeit ausmachen knnen. Ihr niedriger Stand wird von den Lobrednern der landwirtschaftlichen Thtigkeit auch vielfach nicht geleugnet, wohl aber damit erklrt und entschuldigt, da die Arbeits- und Lebensbedingungen unvergleichlich bessere seien, als in anderen Berufssphren, und der Nachteil des geringeren Einkommens dadurch zehnfach aufgewogen wrde. Diese Auffassung rief auch jenes Mrchen von den drallen Landmgden und den blhenden Landkindern hervor, das von der Zeit her, als die Dorfgeschichten grassierten, den Menschen noch besonders fest im Kopfe sitzt. Fr diejenigen, die nicht die Wirklichkeit zu sehen verstehen, hat die moderne Malerei, die gerade nach dieser Richtung besonders wahrhaftig ist, angefangen, ihren Mrchenglauben zu erschttern. Versuchen wir es an der Hand der Thatsachen. Die schwerwiegendste ist die der ungeregelten Arbeitszeit. Bei allen landwirtschaftlichen Arbeiterkategorien dauert sie in der Zeit der Bestellung und besonders whrend der Ernte vom ersten Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang. Fr das festangestellte Gesinde giebt es dabei kaum Saisonunterschiede; denn alle Arbeiten, die ihm obliegen, im Viehstall, im Hhnerhof und im Haus, erleiden keine Unterbrechung. Die Sachsengnger reprsentieren auch nach dieser Richtung einen leisen Fortschritt, indem ihre Arbeit auf die Zeit von frh fnf bis abends sieben Uhr, mit Unterbrechungen von im ganzen zwei Stunden, festgesetzt zu sein pflegt.[757] Das schliet aber natrlich Ueberstundenarbeit nicht aus, die noch dazu, wo es sich nicht um Akkordlohn handelt, keinerlei Vergtung erfhrt. Eine zwlf- bis vierzehnstndige Arbeit in frischer Luft mag nun manchen als etwas ganz Ertrgliches erscheinen, der nicht wei, worin sie besteht, oder sich bei dem Gedanken daran nur ein jodelndes "Diandl" vorstellt. Betrachten wir die Thtigkeit der Landarbeiterin mit nchternen Augen, so wird sie schnell jeder Poesie entkleidet sein. Eine anstrengende ist schon die Arbeit der Mgde im Kuhstall, und nicht aus bloem Uebermut gehen jetzt schon viele ihr aus dem Wege. Ganz abgesehen von der schlechten Luft und dem Schmutz, denen sie dauernd ausgesetzt sind,--die meisten Stlle sprechen den geringsten Anforderungen der Hygiene Hohn,--ist das Melken anstrengend und gesundheitsschdlich. Geschwre an den Hnden sind keine Seltenheit und eine Arbeitsunterbrechung in diesem Fall, die sowohl im Interesse der Arbeiterin als der Milchkonsumenten liegen wrde, wird nur selten fr notwendig erachtet. Niemand wird sich des Schauderns erwehren knnen, der in die dunklen, stickigen Stlle tritt und sieht, wie sich die Kuh vom schmutzigen Lager erhebt, die Magd ihren Schemel neben sie stellt und nun den vom Mist beschmierten Euter zu bearbeiten anfngt, whrend der Schweif des Viehs ihr um das Gesicht fhrt! Auch das Ausmisten der Stlle, das nicht immer den Knechten berlassen bleibt, verlangt groe Krperkraft, ebenso wie das Schleppen des Futters und der gefllten Milch- oder Wassereimer. Die Schweinezucht, die stets den Mgden obliegt, ist eine noch weit widerwrtigere Arbeit; ich habe Mdchen gesehen, die auf allen Vieren in die engen Stlle hineinkriechen muten, um sie zu reinigen, und triefend vom ekelhaftesten Schmutz wieder daraus hervorkamen. Nicht minder schwer, trotz ihrer Reinlichkeit, ist die Verarbeitung der Milch zu Butter und Kse. Wie bei den vorhergehenden mu auch in diesem Fall von den wenigen Musterwirtschaften abgesehen werden, wo neben hellen und luftigen Stllen die Milchwirtschaft im groen mit Hilfe von Maschinen und motorischen oder Pferdekrften betrieben zu werden pflegt. Im Dorf, im Bauernhof, auf dem kleinen Gut ist es immer noch die Magd, die stundenlang am Butterfa steht und den schweren Schwengel auf- und niederbewegt, die all die vielen Gefe tglich scheuert und putzt, die keine Sonntags- und keine Feiertagsruhe kennen darf. Keine Arbeit darf ihr zu schwer und zu schlecht sein, von frh bis spt ist sie auf den Beinen. Und doch ist ihre Thtigkeit noch jeder anderen vorzuziehen, weil sie eine vielseitige ist und eine gewisse Bewegungsfreiheit zult. Stellen wir ihr z.B. das Setzen, Behacken und Ernten der Kartoffeln oder gar der Zuckerrben gegenber: im glhenden Sonnenbrand oder im kalten Herbstwind steht die Arbeiterin zwlf und mehr Stunden mit gekrmmtem Rcken ber die Arbeit gebeugt; oft sinkt sie, wie bei der Zuckerrbenkultur, bis ber die Knchel in den Schlamm; oder sie kniet und hockt etwa wie beim Unkrautjten, auf durchfeuchteter Erde. Zur Erntezeit fllt ihr das schwere Garbenbinden regelmig zu, sie mu aber auch vielfach mhen wie der Mann und den Wagen aufladen wie er, ohne da ihr Lohn deshalb dem seinen gleichkommt. In der Ebene ist immerhin ihre Arbeit noch leichter, als in den Gebirgslndern. Von den abgelegensten Bergwiesen, die weder Wagen noch Pferd erreicht, schleppen Frauen jeden Alters Zentnerlasten an Heu zu Thale, so da ihr Rcken sich krmmt unter der Last. Schwere Milcheimer tragen sie bergauf und -ab. Fr die ganz Armen und Alten gilt es noch als eine besondere Vergnstigung, wenn sie Kiepen mit trockenem Holz aus den Wldern meilenweit nach Hause tragen knnen. Je weiter nach Osten und Sden, desto hrter ist die Arbeit; die russische Landarbeiterin mu es sich selbst gefallen lassen, den Pflug durch die Erde zu ziehen. Und wenn die Sonne ber Italien wahre Fieberhitze ausstrmt, arbeitet die Tagelhnerin Schulter an Schulter mit dem Mann in den Maisfeldern oft bis zu den Knieen im Schlamme steckend. Und ebenso, ja oft noch mehr, wie die Magd und die Tagelhnerin, deren Ausdauer doch vielleicht einmal eine Grenze findet, arbeitet die Frau des armen Bauern oder die selbstndige Besitzerin eines kleinen Landguts. Die franzsische Buerin z.B., die tagsber ihren Gemsegarten allein bearbeitete, fhrt oft schon frh um drei Uhr in die Stadt, um ihre selbstgezogenen Waren feil zu bieten. Ist die Landarbeiterin,--die selbstndige sowohl wie die abhngige,--verheiratet, hat sie Kinder, so ist ihr Los ein doppelt hartes, denn die Arbeit beginnt fr sie aufs neue, wenn sie abends todmde nach Hause kommt. Ist sie Tagelhnerin mit eigenem kleinen Besitz, dessen Ertrag zur Erhaltung der Ihren unumgnglich ntig ist, so ist ihre Arbeit gar eine dreifache: auf dem Gute des Herrn, auf dem eigenen Gute und in der Hauswirtschaft. Fr sie giebt es keinerlei Schutzzeit; hochschwangere Frauen stecken Kartoffeln oder jten Unkraut, arme Wchnerinnen binden Garben oder fhren den Rechen. Die frh gealterten welken Frauen mit krummem Rcken und zerfurchtem Gesicht, die uns auf dem Lande auf Schritt und Tritt begegnen, sprechen deutlicher als irgend eine Schilderung fr die "naturgemen", "gesunden" Bedingungen ihrer Arbeit. Freilich bereiten die meisten schon in frher Jugend diese rasche Zerstrung vor. Die Wanderarbeiterinnen sind zum groen Teil ganz junge Mdchen; auf schsischen Gtern waren nicht weniger als 48 % unter zwanzig Jahren alt.[758] In einer Zeit also, wo sie der Schonung bedrften, werden sie den Einflssen einer Arbeit ausgesetzt, die sie zu stndigem gebckten Stehen zwingt! Dabei vergehen die roten Wangen, eckig und knochig werden die runden Mdchenglieder, Unterleibserkrankungen aller Art legen den Grund kommender endloser Leiden. Wer sich noch jenes Idealbild des frischen Landkindes bewahrt hat, der gehe einmal zur Frhlingszeit auf einen der Bahnhfe Berlins, wo man die Sachsengnger wie das liebe Vieh in enge Wagen verpackt,--er wird auf alle Zeiten von seinem Wahn befreit werden! Aber auch auf die Ernhrungs- und Wohnungsverhltnisse treffen die vorgefaten Meinungen nicht zu. Der Landarbeiter schwelgt nicht, wie man sich's gerne vorstellen mchte, in Milch und Butter, in Schweinefleisch und Hhnerbraten, in saftigem Obst und frischen Gemsen. Er produziert nicht fr den eignen Verbrauch, sondern fr den Verkauf. Schon aus der Summe, die die Sachsengnger fr ihre Bekstigung anlegen, lt sich auf die Art derselben schlieen; thatschlich besteht sie in schwarzem Kaffee mit Schmalzbrot, in Kartoffeln mit Hering oder Speck. Nur die besser Gewhnten gnnen sich Reis oder Erbsen oder Mehlkle.[759] Die Gte der Nahrungsmittel wird dadurch nicht gehoben, da sie hufig vom Aufseher gehalten und bei ihm eingekauft werden mssen![760] Die kontraktlich gebundenen Tagelhner leben kaum besser; die kleinen Besitzer sparen, so viel sie knnen, am Essen. Dabei entzieht die Ausdehnung der groen Molkereien den Landleuten in steigendem Ma ihr wichtigstes und gesndestes Nahrungsmittel.[761] Der Anblick bleicher, aufgedunsener Landkinder, die mit Mehlsuppe gefllte Flasche im Mund, whrend Wagen um Wagen voll Milchkannen der Stadt entgegengefhrt werden, gengt allein, um diese Zustnde zu illustrieren. Am besten noch ist die Magd versorgt. Oft freilich bekommt auch sie nur den Abfall vom Herrentisch, meist aber geht es ihr wie den Sklaven: sie wird gut gefttert, weil ihre Arbeitskraft unentbehrlich ist. Am schlimmsten daran ist die Scharwerkerin des deutschen Ostens, die Hofgngerin des Westens: was der arme Instmann und seine Familie brig lt, das ist gewhnlich ihr Teil. Die Zunahme des Alkoholismus unter den Landarbeiterinnen ist daher weniger die Folge strflicher Genusucht, als grimmigen Hungers. Und nun die Wohnungen! Es ist noch nicht allzu lange her, da die deutschen Wanderarbeiter allgemein ohne Unterschied des Geschlechtes in leeren Stllen und Scheunen untergebracht wurden.[762] Noch heute ist es vielfach Usus.[763] Wo besondere Baracken zur Unterbringung der Sachsengnger erbaut werden, fehlt es darin oft am Notwendigsten; Musterhuser, in denen von der eigens dazu angestellten Verwalterin auch die Herstellung der Mahlzeiten besorgt wird, giebt es nur auf einzelnen groen Gtern Sachsens. Die hufige Unlust der Arbeiter darin zu wohnen, ihre Abneigung gegen die gemeinsame Bekstigung wird oft zum Vorwand genommen, dergleichen Einrichtungen fr berflssig zu erklren, whrend doch im Gegenteil gerade solche Erfahrungen, die fr den trostlosen Tiefstand physischer und moralischer Kultur Zeugnis ablegen, alles frdern sollten, was eine Arbeiterbevlkerung, die nach hunderttausenden zhlt, nach und nach aus ihrem Sumpf herausheben knnte. Aber freilich ist es von jeher das Bequemste gewesen, den Stumpfsinn des Sklaven fr bewute Befriedigung zu halten! Die Wohnungen der ostelbischen Instleute sind kaum weniger gefhrlich fr die physische und moralische Gesundheit ihrer Bewohner. In einem Haus pflegen zwei Familien untergebracht zu werden; jede von ihnen hat eine meist ungedielte Stube, die zugleich als Kochraum dient, und eine Kammer. Diese beiden Rume werden auer von der meist kinderreichen Familie auch noch von Scharwerkern bewohnt, gleichgltig ob es junge Burschen, Mdchen mit Kindern, Krppel, krnkliche, verdorbene, eben der Schule entwachsene Stadtkinder sind.[764] Hufig sind drei und vier Personen auf ein Bett angewiesen; Kinder schlafen mit Erwachsenen zusammen und sind von frh an Zeugen nicht nur des ehelichen Umgangs ihrer Eltern, sondern auch der Liebschaften aller brigen Mitbewohner.[765] "In einer Stube und in einem Bett spielen sich oft alle Akte des menschlichen Lebens ab;"[766] hufig genug teilen Hhner, Gnse und Ziegen, besonders im Winter, denselben Raum mit den Menschen. Wer solch eine Hhle betritt, prallt zurck vor dem unbeschreiblichen Gestank, der ihr entstrmt, vor dem Bild des Elends und der Verwahrlosung, das sich ihm darbietet. Und die Entschuldigung lautet vielfach auch hier, da es die Leute nicht anders haben wollen, da neue Wohnungen mit gedielten Fuboden von ihnen verschmht werden. Neben dem tiefen Stand der Gesittung, auf der diese Armen durch solche Wohnungsverhltnisse gewaltsam zurckgehalten werden, ist es die Not, die sie an sie fesselt: ihre Hhner und Gnse und Ziegen bilden einen wichtigen Teil ihrer Einnahme, sie haben keine Mglichkeit sie in strenger Winterklte zu erhalten, auer wenn sie ihnen ihr Zimmer ffnen; sind da Dielen statt festgestampften Lehmbodens, so sind sie gezwungen, ihre Tiere anderswo unterzubringen. Oder sollten nur deshalb gegen 6000 Instwohnungen in Ostpreuen leer stehen[767], weil ihre Schnheit die Bewohner vertrieben hat?! Es macht brigens nur einen geringen Unterschied aus, um welche Gegenden Deutschlands es sich handelt; die westflischen Heuer wohnen nicht besser, als die ostpreuischen Instleute[768], die Tagelhner wohnen sogar vielfach noch schlechter. In Sdwestdeutschland wurden z.B. lndliche Haushaltungen mit nur einem Wohnraum gezhlt[769]: mit 4 bis 5 Personen bewohnt 8297 mit 6 bis 10 Personen bewohnt 4757 mit 11 und mehr Personen bewohnt 53 Strohdach und Lehmboden, hohes Grundwasser, schlechte Oefen, kein Abort oder einer in nchster Nhe des Brunnens, Fenster, die hufig aus Sparsamkeit fest eingesetzt wurden,--das ist die typische Behausung norddeutscher Landarbeiter.[770] Es giebt ihrer freilich noch schlimmere: in Schlesien fand sich ein Haus aus Lehmfachwerk mit einer einzigen niedrigen dunklen ungedielten Stube und einigen fensterlosen Kammern von 8 qm Grundflche, es war von neun Familien bewohnt.[771] Und im Kreise Inowrazlaw giebt es Erdhhlen, 1 m in, 1 m ber der Erde, deren Grundflche 12 qm betrgt und deren Wnde und Decken aus mit Sand und Rasen beworfenen Rundhlzern bestehen. Die Reicheren unter den Bewohnern haben zwei Fenster 1/2 qm gro, die anderen haben statt dessen nur Lcher in den Wnden. In diesen Rumen wohnen Tagelhnerfamilien mit Schweinen, Ziegen und Hhnern zusammen. Vor den Thren liegt der Misthaufen, ein Brunnen fehlt ebenso wie ein Abort.[772] Man glaube nun aber nicht, da Deutschland allein solche Vorzge aufzuweisen hat. Im reichen Frankreich haben manche Landarbeiterhuser als einzige Oeffnung die Thr, die bloe Erde zum Fuboden und, um den Raum auszunutzen, die Betten zu drei und vier bereinandergestellt.[773] Die Bretagne weist vielfach Fachwerkhuser mit nassem Boden und feuchten Wnden auf, die nur einen einzigen Raum enthalten[774], und sowohl die Landarbeiter, wie die kleinen Besitzer wohnen hufig mit dem Vieh zusammen.[775] Auf groen Gtern und in reichen Bauernwirtschaften pflegen im allgemeinen die Mgde etwas besser zu wohnen. Oft freilich liegt ihre Kammer unter dem Dach, wird von mehreren bewohnt, die zu zweien je ein Bett teilen mssen und ist nicht verschliebar. In rmeren Wirtschaften ist die Unterkunft des Gesindes eine ganz menschenunwrdige: in unzureichender Weise oder auch gar nicht voneinander getrennt schlafen Mgde und Knechte in oder dicht neben den Stllen. Um in ihre Kammer zu gelangen, mssen die Mgde hufig den Schlafraum der Knechte passieren und umgekehrt. In den Berggehften Tirols wird ihre Lagerstatt meist auf dem Ofen oder in einem dunklen Winkel der Wohnstube aufgeschlagen, in den Sommerfrischen, wo jeder Raum zu Geld gemacht wird, verweist man sie auch wohl einfach auf die Heuboden. Die Folgen dieser elenden Wohnungsverhltnisse liegen auf der Hand. Schon die Kinder sind an den Anblick des geschlechtlichen Verkehrs gewhnt, die bei den Knechten schlafenden Htekinder werden frh in die dunkelsten Tiefen der Ausschweifungen eingeweiht.[776] Die Geschichte von der "Unschuld vom Lande" ist ebenso ein Mrchen, wie die von den gesunden Lebens- und Arbeitsverhltnissen der Landarbeiter. Nicht nur, da der voreheliche Geschlechtsverkehr vielfach eine eingewurzelte Sitte ist,--vielleicht ein Erbteil aus der Zeit, wo es galt, den Herrn um das jus primae noctis zu betrgen,--und die Heirat erst erfolgt, nachdem die "Prfung der Braut" zu ihren Gunsten ausschlug, es sich nmlich erwies, da sie zur Mutterschaft fhig ist[777], auch die wsteste Sittenlosigkeit wird auf dem Lande grogezogen. Die meisten Mdchen, die Scharwerkerinnen, die Sachsengngerinnen, die Mgde kommen zuerst durch Vergewaltigungen zu Fall.[778] In den Augen der Knechte ist das nichts als ein Spa. Sind sie Soldaten gewesen, so bringen sie aus der Stadt noch niedrigere sittliche Begriffe mit, als sie vorher schon hatten.[779] Besonders diejenigen zeichnen sich dadurch aus, die als Burschen bei jungen Offizieren im Dienste waren.[780] Die widerlich gemeinen Soldatenlieder wrden allein schon ausreichen, das Gesagte zu beweisen. Und doch wre die lndliche Sittenlosigkeit noch nicht so verdammenswert, wenn sie sich zwischen Knechten und Mgden allein abspielte, weil die Heirat die gewhnliche Folge zu sein pflegt; da sie oft erst nach Jahren stattfindet, ist weniger die Folge der Korruption, als die der ueren Verhltnisse. Die Grndung des Hausstandes hngt von den zurckgelegten Ersparnissen ab, und wie gering diese selbst beim besten Willen nur sein knnen, haben wir aus den Lhnen gesehen. Handelt es sich um festangestellte Tagelhner, besonders Instleute, oder das lndliche Gesinde im allgemeinen, so giebt die Erlaubnis des Guts- oder Hofbesitzers den Ausschlag. Sie wird versagt, sobald eine Familienwohnung nicht frei ist, oder die Furcht besteht, da die weibliche Arbeitskraft durch die Heirat geschwcht wird. Weit bedenklicher, weil von den traurigsten Folgen fr die Mdchen begleitet, ist es, wenn sie die armen Opfer der Gelste ihrer Herren werden. In der Enquete der evangelischen Pastoren ber die Sittlichkeit auf dem Lande werden die Gutshfe "Hauptherde lndlicher Unzucht" genannt[781], und das sittliche Verhalten der Gutsbesitzer, ihrer Shne und Gste, besonders aber das der Inspektoren wird durch drastische Beispiele grell beleuchtet.[782] Sie schonen kein Mdchen, heit es vielfach; sie sehen in ihnen eine wohlfeile Beute, die aus Angst und Abhngigkeit sich leicht ihrem Willen fgen. So kommt es, da selten ein Landmdchen als Jungfrau in die Ehe tritt, so kommt es aber auch, da die Korruption der Landbevlkerung kaum eine geringere ist, als die der stdtischen. Ein Vergleich der Landarbeiterin mit der Industriearbeiterin zeigt, da die Lage beider eine gleich schlechte, ja da die der Landarbeiterin vielfach eine noch elendere ist, als die ihrer stdtischen Leidensgenossin, denn sie geniet keinerlei gesetzlichen Schutz, sie hat in Deutschland wenigstens nicht die Mglichkeit sich durch Organisation selbst zu verteidigen und sie ist von allem abgeschlossen, was die Stadt an Kultur, an Abwechselung und Freude bietet. In grauem Einerlei liegt, wenn sie sich ihr ununterbrochenes lndliches Dasein vorstellt, ihre Zukunft vor ihr. Zu verwundern ist's daher nicht, wenn sie alledem freudig den Rcken kehrt, erstaunlich ist vielmehr nur, da es berhaupt noch Mdchen giebt, die auf dem Lande bleiben. Wenn man behauptet, die Vergngungssucht triebe sie in die Stdte, so ist zweifellos viel Wahres daran, es ist aber eine berechtigte Vergngungssucht, denn ein unklares Bedrfnis nach der Kultur der modernen Welt liegt ihr zu Grunde. Mehr aber als dies ist es der Wunsch, dem drckenden Elend und der qulenden Unfreiheit zu entfliehen. Alle diese Gefhle aber, die zur Landflucht den Ansto geben, und die stumpfe Resignation der Landarbeiter durchbrechen, tragen die Keime der Emanzipation des lndlichen Proletariats in sich. Auch die ostelbische lndliche Arbeitsverfassung, die jene in der Tradition der Unfreiheit gebundene Arbeiterbevlkerung zur Voraussetzung hat, wird durch sie erschttert; selbst die Instleute opfern mehr und mehr ihre immerhin gesicherte Lage der persnlichen Ungebundenheit.[783] Dasselbe erwachende Selbstbewutsein lt eine rapide zunehmende Zahl lndlicher Arbeiter der Arbeit auerhalb ihrer eigentlichen Heimat den Vorzug geben. Das Bedrfnis der von der einheimischen Arbeiterschaft verlassenen Gutsbesitzer kommt ihnen dabei entgegen. Die Wanderarbeiter werden von ihnen in immer entschiedenerer Weise bevorzugt, weil sie fr fleiiger, sparsamer und bescheidener gelten[784], weil so gut wie kein Aufwand fr Unterbringung und Ernhrung notwendig ist, und jede verwaltungs- und armenrechtliche Verantwortung fortfllt.[785] Erst die Zukunft wird zeigen, da die Gutsbesitzer selbst die "Mobilmachung zum Klassenkampf"[786] innerhalb des lndlichen Proletariats dadurch gefrdert haben, ebenso wie jeder Fabrikant, dessen Betrieb sich zum Grobetrieb ausweitet, dem Klassenkampf der Industriearbeiter unfreiwillig Vorschub leistet. Je mehr die Saisonarbeit in der Landwirtschaft an Boden gewinnt, desto leichter wird es auch mglich sein, ihre Arbeiter gesetzlich zu schtzen. Die Landflucht und die Wanderarbeit sind daher nicht, wie die Agrarier es mit Vorliebe behaupten, als ein auszurottendes Uebel, sondern als ein Fortschritt anzusehen, der die Landarbeiter aus ihrer elenden Lage befreien helfen wird. Aber auch die wachsende Einfhrung der Maschinen, die Ursache und Folge der Saisonarbeit zugleich sind, werden trotz ihrer momentan grade fr die Arbeiter sehr empfindlichen Folgen,--die Dampfdreschmaschine schmlert z.B. ihren Verdienst um ein Bedeutendes[787],--die Lage der lndlichen Arbeiter schlielich wesentlich umwandeln und verbessern. Fr die Frauenarbeit kommen dabei vorzugsweise die in der Milchwirtschaft anzuwendenden Maschinen in Betracht, so z.B. die Melkmaschine, die den Mgden eine der unangenehmsten Arbeiten abzunehmen bestimmt ist. Aber alle diese von innen herauswachsenden Verbesserungen haben Aussicht auf eine durchgreifende Wirkung nur dann, wenn die Erkenntnis sich mehr und mehr Bahn bricht, da die Landarbeiter, speziell die weiblichen, sich in einer Lage befinden, die geeignet ist, die krperliche und sittliche Gesundheit des Volks bedenklich zu gefhrden, und da es Mrchen, und nichts als Mrchen sind, die man geflissentlich ber sie verbreitete, und mit denen man es verstanden hat Vernunft und Gewissen zu betuben. Der husliche und der persnliche Dienst. Die Gruppe von Arbeiterinnen, die wir unter der vorstehenden Bezeichnung zusammenfassen, besteht aus folgenden Kategorien: den huslichen Dienstboten, einschlielich der auer dem Hause der Arbeitgeber wohnenden, den Wscherinnen und Pltterinnen, den Kellnerinnen und den sonstigen Gastwirtsgehilfinnen. Im Begriff der Bedienung liegt ihr gemeinsames Merkmal. Als Arbeiterinnen im gewhnlichen Sinn des Wortes sind sie bisher nicht angesehen worden, weil man darunter im allgemeinen nur diejenigen verstand, die durch ihre Arbeit Verkaufsartikel produzieren. Diesen fast ganz allein hat sich die Aufmerksamkeit der Sozialpolitiker wie der Gesetzgeber zugewandt. Daher ist auch das Material, auf Grund dessen sich die Lage dieser Arbeiterinnen schildern liee, ein sehr unzureichendes. Den Wschereien und ihren Arbeiterinnen wandte man zuerst die Aufmerksamkeit zu, weil sie zu Grobetrieben sich entwickelten und aus dem Kreise des Hauses und der Familie heraustraten. Zgernd und vorsichtig tastend wandte man den Blick auf die wachsende Zahl der Gastwirtsgehilfinnen, und an den huslichen Dienstboten ging man so gut wie achtlos vorber. Nicht nur, da man nicht wagte, den Schleier zu heben, der ber ihrer sozialen Lage liegt, in den Staaten, wo sie unter Sondergesetzen, den Dienstbotenordnungen, stehen, die der Feudalzeit wrdig wren, dachte man selbst in den Jahren lebhafter sozialer Gesetzesthtigkeit nicht im entferntesten daran, diese Millionen Menschen aus dem drckenden Joch zu befreien. Auch das Brgerliche Gesetzbuch fr das deutsche Reich, welches das Recht des 20. Jahrhunderts enthalten soll, hat sie fast unverndert bestehen lassen. Der Kultus der Familie hat die huslichen Dienstboten mit einer chinesischen Mauer umgeben, deren Uebersteigung noch heute fr strafbar gilt. Erst als der Gesellschaft das Elend der Hausindustrie wiederholt und so dicht vor Augen gefhrt wurde, da selbst die Kurzsichtigsten es sehen muten, wagte man es schchtern und vorsichtig, eine kleine Bresche in die Mauer zu schlagen. Handelte es sich doch auch hier nur um das Eindringen in die Familien armer Leute. Wollte man den huslichen Dienst einer Untersuchung unterziehen, oder gar gesetzlich zu regeln versuchen, so hiee das die Mauer umreien und der Oeffentlichkeit in die eigenen Familienverhltnisse Zutritt gewhren. Selbst freisinnige Geister, die den Zustnden der Arbeiterklasse fest ins Auge zu blicken wagen, und mit radikalen Hilfsmitteln bei der Hand sind, werden reaktionr, sobald die Dienstbotenfrage berhrt wird. "_My house is my castle_" heit es dann und in diese Zwingburg, in der Millionen Menschen ihre Arbeitskraft opfern, dringt kein Strahl sozialpolitischer Erkenntnis. Obwohl die Lage der huslichen Dienstboten uns weit genauer bekannt sein sollte, als die irgend einer anderen Arbeiterinnenschicht, weil wir sie tglich vor Augen sehen, hat die einschlfernde Macht der Gewohnheit bis jetzt die aufklrende Gewalt persnlicher Erfahrung zu unterdrcken gewut. Wo wir auch in der Vergangenheit Aeuerungen ber die Dienstboten begegnen, sind es rein subjektive, vom egoistischen Standpunkt der Arbeitgeber ausgehende, und die Dienstbotenfrage erscheint dem weitaus grten Teil derer, die sie in den Mund nehmen, nur als die Frage, wie dem Mangel an Dienstboten und den Fehlern der Dienstboten abzuhelfen ist. Da sie ein Teil der Arbeiterfrage ist und wie sie behandelt werden mu, da der groe Strom der Entwicklung, der in der Arbeiterbewegung zu so gewaltigem Ausdruck kommt, vor den Mauern des brgerlichen Haushalts nicht Halt macht, sondern ihn in seinen Grundpfeilern erschttert,--und der husliche Dienst ist solch ein Grundpfeiler,--diese Erkenntnis fngt erst jetzt an zu dmmern, wo die Dienstboten selbst anfangen, zum Bewutsein ihrer Lage zu kommen. Nun entdeckt man gleichsam in der uns tglich umgebenden eine neue unbekannte Welt und fngt an, zu begreifen, da ein Leben noch kein menschenwrdiges ist, auch wenn Hunger und Obdachlosigkeit ihm ferner bleiben, als dem Leben anderer Arbeiterinnen. Die groe Verschiedenheit in der Lage der Dienstboten, nicht nur was die einzelnen Lnder, sondern auch was die Stellungsgrade betrifft, macht es besonders schwierig, ein klares Bild von ihr zu gewinnen. So variieren z.B. in Deutschland die Lhne zwischen 8 und 100 Mk. monatlich, der Durchschnittssatz drfte 15 bis 25 Mk. betragen. Charakteristischerweise sind es die Kindermdchen, die den niedrigsten, die Kchinnen, die den hchsten Lohn erhalten. Ob darin eine Bewertung der Wichtigkeit der Kinderstube und der Kche liegen soll?! Was thatschlich damit ausgedrckt wird, ist die Anforderung, die man an Kchin und Kindermdchen stellt: whrend die eine eine gewisse Vorbildung, in ihrem Beruf einen bestimmten Grad von Erfahrung haben mu, wird von dem gewhnlichen Kindermdchen nichts von beidem verlangt; kaum der Schule entwachsen, hlt man es fr fhig, Kinder zu warten und zu erziehen. Die nchste Lohnstufe nimmt zumeist das sogenannte "Mdchen fr Alles" ein, das Kinder-, Stubenmdchen und Kchin zugleich ist; ihre Einnahme bewegt sich zwischen 15 und 20 Mk. im Monat. Das einfache Hausmdchen, das die Zimmer zu reinigen, das Kchenmdchen, das abzuwaschen und der Kchin zu helfen hat, haben zumeist denselben Lohn. Die Kinderfruleins oder Kindergrtnerinnen, die eine Zwitterstellung zwischen Dienstmdchen und Erzieherin einnehmen, pflegen auch nur selten hher entlohnt zu werden. Einen hheren Lohn erreicht das feine Stubenmdchen, das gewhnlich die Pltterei und Nherei verstehen mu, und die Jungfer, der die persnliche Bedienung der Frau des Hauses allein obliegt. Ist sie zugleich eine perfekte Schneiderin, so steigt ihr Lohn bis auf 50 und 75 Mk. im Monat. Die Kchin hat, je nach den Anforderungen, die an sie gestellt werden, ein monatliches Einkommen von 20 bis 50 Mk.; in der Mehrzahl deutscher, brgerlicher Haushaltungen drfte sie zwischen 18 und 24 Mk. erhalten. Am besten gestellt ist die Wirtschafterin in groen Husern oder auf Landgtern, die an Stelle der Hausfrau die Leitung von Kche und Vorratsraum in Hnden hat und die Amme, die an Stelle der Mutter den Sugling ernhrt. Eine Untersuchung, die nur Berlin betrifft, wo die hchsten Lhne in Deutschland gezahlt werden, und die nur 449 Dienstmdchen umfat, kommt zu folgenden Resultaten.[788] Es erhalten danach: 21 Mdchen oder 4,7 Proz. einen Jahreslohn von 100-150 Mk. 152 " " 33,9 " " " " 150-200 " 179 " " 39,9 " " " " 200-250 " 56 " " 12,5 " " " " 250-300 " 41 " " 9,0 " " " " 300 u. mehr " Die Mdchen fr Alles werden durchweg am schlechtesten bezahlt, 58,8 % von ihnen haben weniger als 200 Mk. jhrliches Einkommen. Die Kchinnen erreichen die hchsten Lohnstze, die auerdem bei ihnen niemals unter 150 und selten unter 200 Mk. herabsinken. In England, fr das eine offizielle Untersuchung ber Dienstbotenlhne vorliegt[789], sind die Verhltnisse ganz hnliche, obwohl die Lhne eine grere Hhe erreichen, als in Deutschland. Der Durchschnittslohn englischer Dienstmdchen betrgt 15,10 , in Schottland steigt er auf 17,12 , in London auf 18,2 , whrend er in dem armen Irland auf 12 bis 14 fllt. Den niedrigsten Lohn erhalten auch hier die kaum der Schule entwachsenen Kindermdchen, die sich mit einem Jahreseinkommen von 5 bis 6 begngen mssen.[790] Die Stufenleiter ist im brigen folgende:[791] Mdchen fr Alles erhalten einen Jahreslohn von 6-17 Kchenmdchen " " " " 5-21 " Einfache Hausmdchen " " " " 7-24 " Stubenmdchen " " " " 14-24 " Kchinnen " " " " 11-28 " Kinderwrterinnen " " " " 6-30 " Kammerjungfern " " " " 19-30 " Wirtschafterinnen " " " " 34-52 " Um aber aus obigen Angaben zu keinem falschen Resultat zu kommen, ist es notwendig, auch die Durchschnittslhne festzustellen, die aus der Untersuchung der Lohnverhltnisse von 5338 weiblichen Dienstboten gewonnen wurden. Sie betrugen fr Mdchen fr Alles 16 Kinderwrterinnen 16 " Hausmdchen 16 " Stubenmdchen 20 " Kchinnen 20 " Kammerjungfern 24 " Wirtschafterinnen 34 " Das Kindermdchen rangiert also auch hier, was den Lohn betrifft, hinter der Kchin. Noch drastischer tritt dieses Verhltnis in Frankreich, der Hochburg kulinarischer Gensse hervor, wo die Lhne der Kchinnen zwischen 50, 100 bis 120 frs. und darber schwanken, whrend Kindermdchen im besten Fall 50 bis 60 frs., meistens aber nur 30 bis 40 zu bekommen pflegen. Ungewhnlich hoch sind hier die Lhne der Ammen, die hufig bis zu 150 frs. monatlich einnehmen sollen. Hohe Lhne, im Vergleich zu Deutschland, werden auch in den Vereinigten Staaten gezahlt. Nach einer Enquete betrgt der durchschnittliche Lohn der Dienstmdchen 3,23 $ die Woche. 48 % der Dienenden bekamen mehr, 52 % ebensoviel oder weniger, so da sich daraus ein Jahreseinkommen von durchschnittlich 167,96 $ ergiebt. Auch hier sind es die Mdchen fr alles, die am wenigsten bekommen,--durchschnittlich 2,88 $ wchentlich,--und die Kchinnen, die sich mit durchschnittlich 3,64 $ am besten stehen.[792] Nach alledem scheint festzustehen, da nicht die Quantitt, sondern die Qualitt der geleisteten Arbeit am hchsten bezahlt wird, und zwar ist die Ursache davon nicht die, da die Nachfrage nach der qualitativen Leistungsfhigkeit absolut eine besonders starke ist,--knnte man es zahlenmig nachweisen, so wrden zweifellos die Mdchen fr Alles als die am meisten begehrten erscheinen,--sondern weil sie im Verhltnis zum Angebot gelernter Arbeiterinnen berall hoch erscheint, und von den zahlungsfhigsten Kreisen ausgeht. Aus denselben Grnden sind die Lhne der mnnlichen Dienstboten unverhltnismig hher als die der weiblichen. Unter 360 Mk. im Jahr drfte kaum ein deutscher Diener, unter 38 kein englischer zu haben sein. Ein deutscher Privatkoch verlangt stets 50 bis 100 Mk. im Monat, ein englischer hat durchschnittlich eine Jahreseinnahme von 128 . Als Ergnzung des Lohns kann das Trinkgeld und das hufig im Geldwert bestimmt ausgemachte Weihnachts- oder Neujahrsgeschenk angesehen werden. In Familien, die einen ausgedehnten Verkehr haben und viele Gesellschaften geben, erreicht die Einnahme aus den Trinkgeldern eine oft respektable Hhe. So ist mir bekannt, da ein Stubenmdchen in der Familie eines hheren Offiziers, das den geladenen Gsten beim Aus- und Ankleiden behilflich war, im Laufe des Karnevals gegen 200 Mk. einzunehmen pflegte. Dem Trinkgeld haftet aber hier noch nicht in dem Mae das Odium des Entehrenden an, weil es thatschlich nur als Belohnung fr auergewhnliche Dienste auftritt und die Hhe des Lohns durch die Aussicht darauf nicht beeinflut wird. Anders steht es, soweit die Stubenmdchen der Hotels und Pensionen in Betracht kommen. Sie werden in den weitaus meisten Fllen mit einem sehr geringen Lohn angestellt und sind auf die Trinkgelder der Fremden angewiesen. Fr ihre harte Arbeit mssen sie auch noch in der beschmenden Haltung der Bittenden vor die Fremden hintreten, mssen ihnen, wie die Strauchritter am Wege, in den Korridoren auflauern, wenn sie abreisen und statt ihres guten Rechts, des Lohns ihrer Arbeit, ein widerwillig gegebenes Almosen entgegennehmen, an das noch dazu hufig genug beleidigende Anforderungen geknpft werden. In den vorhergehenden Abschnitten ist versucht worden, die Hhe des Lohns mit den notwendigen Ausgaben zu vergleichen. Dasselbe Prinzip lt sich in Bezug auf die Dienstboten nur schwer anwenden, ja es scheint fast als mte ihr Einkommen unbedingt als ein hohes anzusehen sein, weil sie nicht selbst fr Kost und Wohnung aufzukommen haben. Dabei wird stets auer acht gelassen, da allein an die Kleidung des Dienstmdchens ganz andere Ansprche gestellt werden, als etwa an die Fabrikarbeiterin, und da gerade bei der huslichen Arbeit sehr viel verbraucht wird. Nur in reichen Husern Englands und Frankreichs, sehr selten in Deutschland,--wo man sich auf das weie Hubchen als Abzeichen der Dienstbarkeit beschrnkt,--wird die Kleidung, die dann immer eine Art Uniform ist, den Dienstmdchen ebenso geliefert, wie den Dienern. Meist mssen sie sie selber schaffen, was ihr schmales Beutelchen noch schmaler werden lt. In sehr vielen Fllen aber haben sie von ihrem Lohn alte Eltern und Geschwister zu untersttzen. Wie oft sind mir Mdchen begegnet, die ber die Hlfte ihres Geldes nach Hause schickten. Noch hufiger freilich haben sie eigene uneheliche Kinder zu ernhren, wofr sie monatlich 12 bis 15 Mk. der Pflegerin geben mssen--meist den grten Teil ihres Verdienstes! Diese Unglcklichen sind die Bedauernswertesten von allen; sie lassen sich wehrlos ausbeuten und peinigen, sie halten berall aus, denn mit der Stellenlosigkeit wre die Existenz ihres Kindes aufs Spiel gesetzt! Sie knnen keine Ersparnisse machen, um ihr Alter zu sichern,--dienen, dienen ist ihr Los, solange der mde Rcken es aushlt, solange man sie nicht hinauswirft, wie ein verbrauchtes Hausgert. Aber auch auf dem Lohn derjenigen, die fr niemanden zu sorgen haben, lastet eine Steuer, die schwer genug drcken kann: die Dienstvermittlungsgebhren. Die Dienstvermittlung ruht fast ausschlielich in den Hnden privater Vermittler. Nach einer amtlichen Erhebung in Preuen gab es hier allein 5216 Stellenvermittler, von denen 3931 weiblich und fast 1/8 vorbestraft waren, was auf den Charakter derjenigen, in deren Hnden das Los der Dienstmdchen liegt, ein scharfes Licht wirft. Ihre mglichste Ausbeutung liegt natrlich im Interesse der Vermittler und so mssen die Dienstmdchen fr jede Stelle entweder eine bestimmte Summe, in Deutschland 50 Pf. bis 3 Mk., oder einen Prozentsatz vom Jahresgehalt, oft bis zu 10 %, bezahlen. Da im Durchschnitt die grostdtischen Dienstmdchen zweimal im Jahr den Dienst zu wechseln pflegen, so kommen dabei Summen zusammen, die eines besseren Zweckes wrdig wren. In Wien allein wurden im Jahr 1892 192831 fl. von den Vermittlungsbureaus eingenommen.[793] Bei dieser Steuer, die die armen Mdchen zu tragen haben, bleibt es aber nicht allein. Sehr hufig nehmen die Vermittlerinnen sie whrend der Zeit der Stellenlosigkeit in Kost und Wohnung; sie ben dadurch, da sie ihre Mieterinnen bei der Auswahl der Stellung bevorzugen, einen empfindlichen Druck auf sie aus und haben es berdies in der Hand, die Mdchen mglichst lange bei sich festzuhalten. Die unerfahrenen Mdchen, die vom Lande in die Stadt kommen, sind stets ihre leichte Beute, und da sie es verstehen, sie durch Versprechungen, durch Schmeicheleien und wohl auch durch husliche Feste,--wobei die Mdchen natrlich die Zeche bezahlen mssen,--an sich zu fesseln, so ist das Netz dieser Spinnen immer voll armer kleiner Fliegen. Ein Blick in das Wartezimmer einer grostdtischen Vermieterin enthllt fr den, der sehen will, oft mit einem Schlage das ganze Elend des Dienstbotenlebens. Da stehen dicht gedrngt die Mdchen, vor ihnen die feilschenden "Gndigen" mit prfenden Blicken und Fragen, die eines Untersuchungsrichters wrdig wren,--ein Sklavenmarkt mit all seinen Schrecken! Jedes deutsche und sterreichische Mdchen hat berdies noch ihr Dienstbuch, wie der Schuljunge sein Zeugnis, vorzuweisen, das ihren ganzen Lebenslauf wiedergiebt und Urteile enthlt, die alles vermuten und erraten lassen. Wagt es das Dienstmdchen seinerseits nach den Arbeitsbedingungen zu fragen, die seiner warten, so gilt es fr frech und unverschmt, obwohl es doch mindestens dasselbe Interesse daran hat, zu wissen, was ihm bevorsteht, als diejenige, die es in ein Kreuzverhr nimmt. Und was wartet seiner? Zur Entlohnung der huslichen Dienstboten gehrt, auer dem Lohn, Wohnung und Kost. Das Wohnen im Hause der Herrschaft ist allgemein blich; die vollstndige Abhngigkeit, die stete Arbeitsbereitschaft, in der sich der Dienstbote auch in Zeiten der Ruhe befindet, kommt dadurch zu deutlichem Ausdruck. Durch die Art der Wohnungen erfhrt sie Abstufungen verschiedenster Art. Die amerikanischen und englischen Dienstboten haben nicht nur ihr eigenes Zimmer, sondern zumeist auch, wo mehrere Dienstboten gehalten werden, einen gemeinsamen Wohnraum, wo sie ihre Mahlzeiten einnehmen und wohl auch ihre Freunde empfangen knnen.[794] Da es sich dabei nur um die Dienstboten wohlhabender Familien handeln kann, liegt auf der Hand. In Frankreich und ebenso in Sddeutschland und Oesterreich befinden sich die Zimmer der Dienstboten in den Mietshusern immer im obersten Stockwerk. Sehr hufig sind sie nicht zu heizen, so da die Klte im Winter sehr empfindlich ist, aber noch empfindlicher vielleicht ist die Sommerhitze unter dem glhenden Dach. In solchem Raum, der oft kaum das Ntigste zu fassen vermag, hausen meist zwei, oft auch drei Dienstmdchen zusammen. Thr an Thr fhrt vom engen Gang aus in die Zimmer des Hauspersonals; alt und jung, Mdchen und Mnner, Verdorbene und Unverdorbene wohnen hier oben nebeneinander. Und doch sind diese Unterkunftsrume noch als gute zu bezeichnen im Vergleich mit denen, die der grten Mehrzahl der weiblichen Dienstboten in den norddeutschen Stdten geboten werden. Die Hngebden sind hierfr besonders charakteristisch. Man versteht darunter Rume, die auf halber Hhe ber dem Badezimmer, dem Kloset, dem Flur oder einem Kchenwinkel angebracht zu werden pflegen und nur mittelst einer Leiter oder einer steilen Hhnerstiege zu erreichen sind. Meist sind sie so niedrig, da ein normal gewachsener Mensch nicht aufrecht darin stehen kann, und so klein, da neben dem Bett kaum Platz genug bleibt, um sich anzuziehen. Ein Fenster,--klein ist es natrlich stets,--wird auch oft zu den Luxusgegenstnden gerechnet, die nach der Kche oder dem Flur hinausmndende Thr ist dann das einzige Ventilationsmittel des engen, dunklen Loches. Oft fhrt der Kamin der Kche direkt daran entlang, so da eine unertrgliche Hitze sich der schlechten Luft zugesellt, und Ungeziefer aller Art eine frmliche Brutsttte hier findet. Noch hufiger liegt Badezimmer und Kloset unter dem Hngeboden, den infolgedessen eine wahre Typhusatmosphre erfllt. Einen solchen Wohnraum fr Dienstmdchen habe ich in einem der vornehmsten Huser Berlins gesehen, der ein Bett, einen Stuhl und einen kleinen Waschtisch enthielt, dabei selbst fr kleine Menschen zu niedrig war; die Hausfrau, die mir ihre Wohnung zeigte, erklrte stolz, da er gerumig genug sei, um zwei Mdchen zu beherbergen! Natrlich besa sie einen Salon, der nur fr Gesellschaftszwecke geffnet wurde und ein Fremdenzimmer, das monatelang leer stand. Aber die letzte Stufe des Wohnungselendes ist damit doch noch nicht erreicht: in einer eleganten Pension des Berliner Westens fand ich ein Dienstmdchen, das whrend der Wintermonate in einem Winkel des dunklen Hausflurs, den jeder Bewohner zu passieren hatte, hinter einem Vorhang ihr Nachtlager aufschlug. Stillichs Untersuchungen der Berliner Dienstbotenverhltnisse kommen zu denselben Resultaten: Fensterlose, feuchte Kammern, Speise- oder Dachkammern, Kellerrume, Abteilungen des Badezimmers, in dem sich zugleich das Kloset befindet, oder des Korridors werden von seinen Expertinnen als ihre Schlafrume angegeben, und zwar sind es nicht weniger als 48 % aller, die in dieser Weise untergebracht wurden. Wenn 24 bis 50 cbm Luftraum pro Person als notwendig erscheinen, so entsprechen von 256 Schlafstellen Berliner Dienstmdchen nur 93 diesen Anforderungen; etwa die Hlfte sind in Bezug auf die sanitren Bedingungen ihrer Wohnung ungnstiger daran als die Gefangenen in preuischen Zuchthusern.[795] In einigen Stdten, unter anderem in Berlin, hat man das erwachende Gewissen durch Bauordnungen und Polizeiverordnungen zu beschwichtigen gesucht. Die Benutzung der nur mittelst einer Leiter zu erreichenden Hngebden als Schlafraum wurde verboten; der Bau von Hngebden, auer von solchen mit fester Treppe, festgesetzter Hhe und bestimmtem Luftraum untersagt. Natrlich steht all dergleichen fast nur auf dem Papier, denn die Wohnungsverhltnisse der Dienstboten sind nicht etwa nur der Ausflu ausgesuchter Bosheit der Herrschaft, sondern die Folge der allgemeinen konomischen Verhltnisse. Mit den gesteigerten Lebensansprchen haben die Einnahmen des weitaus grten Teils der Aristokratie und der Bourgeoisie nicht gleichen Schritt gehalten, ja sie reichen zur Aufrechterhaltung der alten Lebensgewohnheiten kaum mehr aus. Infolgedessen wird berall dort gespart, wo das Auge des Fremden nicht hindringen kann, und die grostdtischen Wohnungen sind der Ausdruck dieser Entwicklung: das Ezimmer, der Salon sind gerumig und glnzen in falscher Pracht; die Schlafzimmer sind schon eng und dunkel, der Raum fr das Dienstmdchen ist eine Art Hhle. Wer wei, in welchem Mae von der Aufrechterhaltung des ueren Scheins das Ansehen, der Kredit, ja die Existenz der Familien abhngt, wer dabei die furchtbare Macht der Gewohnheit kennt, die ganz zu berwinden nur Auserwhlten gelingt, der wird sich auch sagen mssen, da die Wohnungsmisre der Dienstboten nicht durch Polizeiverordnungen oder Sittenpredigten beseitigt werden kann. Das geht schon aus der Art hervor, wie die neuen Bauordnungen gewirkt haben. An Stelle der Hngebden tritt nmlich nunmehr in den mittleren Wohnungen eine schmale Kammer, die oft nur ein schwer zu ffnendes kleines Fenster, das zugleich die Speisekammer erhellt, aufweist und ebenso wie die Hngebden, nicht Raum genug bietet, um sich zu bewegen und die notwendigen Einrichtungsgegenstnde unterzubringen. In den seltensten Fllen, in Privathusern, bei reichen oder kinderlosen Leuten, hat das Dienstmdchen ein Zimmer, in das es sich abends, nach der Arbeit, gern zurckzieht, wo es aufatmen, sich selbstndig und unbeaufsichtigt fhlen kann. Wohnrume fr Dienstboten, wo ihre Freunde sie besuchen knnen, gehren auf dem Kontinent zu den grten Seltenheiten, die nur in sehr reichen Husern zu finden sind. Die Kche ist fast immer ihr Wohn-, E- und Empfangszimmer. Wie der Lohn, so ist die Bekstigung der Dienstboten die verschiedenartigste, sowohl was ihre Qualitt, als was die Art der Darreichung betrifft. Bei den oberen Zehntausend aller Lnder, die ber eine Schar dienstbarer Geister verfgen, ist es blich, da fr sie extra gekocht wird und die Mahlzeiten zu bestimmten Tageszeiten an gedeckten Tischen eingenommen werden. Zwar sind die Reste des "herrschaftlichen" Tisches vom Tage vorher zumeist fr die Herstellung der Speisen verwendet worden, sie pflegen aber ausreichend und nicht gerade schlecht zu sein; um so ertrglicher ist die Ernhrung, als sie mit einer bestimmten Ruhepause verbunden und im gemeinsamen Wohnzimmer eingenommen wird. Fassen wir aber an Stelle dieser wenigen Begnstigten die Masse der Mdchen ins Auge, die im Dienste des kleinen und des mig begterten Brger- und Beamtentums steht, so ist das Bild gleich ein vllig verndertes. Auch dort, wo die Nahrung ausreicht, um den Hunger zu stillen, ist sie minderwertig, denn sie besteht, wenigstens was die Hauptmahlzeit betrifft, aus den kalten und unappetitlichen Ueberresten des Mittagstisches der Arbeitgeber. Ohne eine bestimmte Essenspause mu sie in der Kche, zwischen dem ungeputzten Kochgeschirr, an einem Winkel des Tisches, der notdrftig frei gemacht wird, hastig verzehrt werden. Sehr hufig ist sie aber auch durchaus nicht ausreichend, was ihre Quantitt betrifft: das Mdchen darf sich nicht nach Gefallen satt essen, jeder Bissen wird ihr vielmehr von der Herrin zugeteilt. In Frankreich findet man zu dem Zweck in kleineren Haushaltungen besonders geformte tiefe Teller, hnlich den Npfen, in denen man den Haushunden das Fressen vorzusetzen pflegt: die ganze Mahlzeit wird darin zusammengeworfen. Man hlt es vielfach fr selbstverstndlich, da das schwer arbeitende junge Dienstmdchen durch das geringste Ma an Kost, durch die schlechtesten Bissen befriedigt sein mu: eine Tasse dnnen Kaffees mit einer dnn gestrichenen Semmel, ein Teller voll kalter Mittagsreste, ein Butterbrot mit schlechter Wurst und gewrmtem Kaffee--darin besteht nur zu oft die tgliche Nahrung. Trotzdem wird das Los des Dienstmdchens gegenber dem der Fabrikarbeiterin als ein glnzendes gepriesen und unterscheidet sich doch was Wohnung und Kost betrifft hufig kaum von ihm. Vielfach ist es Sitte, einen Teil der Kost durch einen bestimmten Geldbetrag abzulsen; in Deutschland, England und Frankreich ist besonders das Bier- resp. Weingeld blich, das in Deutschland kaum ber 6 Mk. monatlich steigt, in Frankreich dagegen 15 bis 25 frs. erreicht. In groen englischen Haushaltungen wird manchmal fr die ganze Bekstigung der Dienerschaft eine Summe ausgesetzt, die fr Mdchen etwa 1 bis 1-1/2 sh. tglich zu betragen pflegt. Fr das Abendessen werden in Deutschland 25 bis 50 Pf. gezahlt. Alle diese Einrichtungen liegen zweifellos auf dem Wege einer Verselbstndigung der Dienstboten, sie entspringen aber zunchst der Bequemlichkeit der Herrschaften, die sich dadurch einer lstigen Kontrolle enthoben fhlen und der gefrchteten Unredlichkeit einen Riegel vorzuschieben glauben. Thatschlich wird ihr dadurch Vorschub geleistet, denn was das Dienstmdchen an barem Gelde neben ihrem meist geringen Lohn bekommt, das legt sie am liebsten zurck, oder giebt es fr etwas anderes aus, als die Nahrung; sie wird also entweder zur Unterernhrung veranlat, indem sie von ihrem ersten Frhstck oder ihrem Mittagbrot noch etwas zum Abend sich aufspart, oder sie it trotzdem aus der Speisekammer der Herrschaft. Es heit auch die Modernisierung des Dienstbotenwesens bei einem verkehrten Ende anfangen, wenn man dem Mdchen, das unsere Wohnung und unser Leben teilt, unsere Mahlzeiten herrichtet, verwehren will, von unserem Brote zu essen. Die patriarchalische Ordnung, die man auf der einen Seite, soweit es den Herrschenden nmlich zum Vorteil gereicht, durchaus aufrecht erhalten will, lt sich auf der anderen nicht willkrlich durchbrechen. Nur das Gewhren von Geld als Ersatz fr alkoholische Getrnke scheint mir entschuldbar, weil diese zu den notwendigen Nahrungsmitteln nicht gehren und man dadurch,--eine Wirkung, die in England zum Beispiel schon beobachtet wurde,--ihrem Genu entgegenwirkt. Whrend Lhne, Wohnung und Kost die verschiedensten Abstufungen aufweisen, bleibt die Arbeitszeit, wenn wir, wie es allein richtig ist, darunter auch die Zeit der Arbeitsbereitschaft verstehen, sich im allgemeinen ziemlich gleich. Es war das Charakteristikum des Sklaventums, da der Herr die Person des Sklaven, seine ganze Arbeitskraft, seine ganze Zeit erkaufte, und das ist heute das Charakteristikum des Dienstbotenwesens. Der Arbeiter verkauft einen, wenn auch den allergrten Teil seiner Arbeitskraft, der Dienstbote verkauft seine Person; er hat Tag und Nacht dem Rufe seines Herrn zu folgen, jeder Widerstand dagegen gilt als Unbotmigkeit. "Mit welchem Entsetzen," sagt Anton Menger, "sehen die Sozialpolitiker der Gegenwart auf die ungemessenen Fronden frherer Jahrhunderte zurck, ohne zu bedenken, da sie zu ihren Dienstboten in einem ganz hnlichen Rechtsverhltnisse stehen. Denn wenn man das Wesen des Dienstvertrags darin erblickt, da der Arbeiter dem Dienstherren seine Arbeitskraft fr eine bestimmte Zeit oder einen bestimmten Zweck zur Verfgung stellt, so haben unsere Dienstboten in Wirklichkeit einen Normalarbeitstag von 24 Stunden."[796] Je nach dem Dienst in begterten oder minder begterten Familien ndert sich nur die Intensitt der Arbeit; die Arbeitszeit, die sich durch den Wechsel zwischen der Zeit der Abhngigkeit vom Willen anderer und der der freien Verfgung ber die eigene Person kennzeichnen lt, bleibt stets dieselbe, d.h. eine ununterbrochene. Der hchste Grad der Arbeitsintensitt findet sich bei den am niedrigsten Entlohnten: den Kindermdchen und den Mdchen fr Alles. Die Mutter erfreut sich der ungestrten Nachtruhe, das Kindermdchen aber opfert ihrem Sprling die ihre, sie ist den ganzen Tag mit dem Kinde oder fr das Kind beschftigt, denn whrend es schlft, wird die Kinderwsche gewaschen, gebgelt, geflickt; whrend es wacht, wird es genhrt, angekleidet, unterhalten, spazieren gefahren oder getragen. Zwar wird der gesundheitliche Nachteil starker Arbeitsberlastung dadurch vielfach aufgewogen, da das Kindermdchen sich stundenlang mit ihrem Schtzling in frischer Luft aufhalten mu, aber der Zwang, die Kinder tragen zu mssen,--aus falsch verstandenen Gesundheitsrcksichten auf sie ist er besonders in Frankreich weit verbreitet,--verwandelt den Vorteil wieder in einen empfindlichen Nachteil. Besonders junge Mdchen sind dadurch allen Gefahren der Rckgratsverkrmmungen und Unterleibsleiden ausgesetzt. Knnen die Kinder laufen, so ist die krperliche Anstrengung zwar geringer, die der Nerven aber um so grer. Ununterbrochen Kinder zu hten, gehrt thatschlich, so leicht es den Fernstehenden erscheint, die sogar geneigt sind, das Leben eines Kindermdchens fr ein wahres Faulenzerleben zu erklren, zu den aufreibendsten Aufgaben. Die Mtter aber, die ihre lieben Kleinen im besten Fall ein paar Stunden um sich haben, knnen trotzdem nicht genug ber die Roheit und Schlechtigkeit der Kindermdchen klagen, die um so eher die Geduld verlieren, als sie meist selbst jung, ungebildet und undiszipliniert sind. Kaum geringer, dabei der Gesundheit nachteiliger ist die Arbeitsintensitt der Mdchen fr Alles. Wo die Hausfrau nicht mithilft, sind die Anforderungen, die an sie gestellt werden, oft unerfllbare: Kochen und einkaufen, waschen und pltten, Kleider putzen und Zimmer reinigen, nhen und flicken, die Familie bedienen, den Gsten aufwarten,--das alles und noch mehr ist ihre Aufgabe. Von frh bis in die Nacht ist ihre Zeit ausgefllt; oft mu sie bis ein, zwei Uhr und lnger thtig sein, weil Gesellschaft im Hause ist und kann des Morgens nicht ausschlafen, weil fr die schulpflichtigen Kinder oder den Hausherrn das Frhstck zur gewhnlichen Zeit bereit stehen mu. Spt in der Nacht hat sie wohl auch die gndige Frau oder das gndige Frulein vom Ball oder vom Theater heimzuholen. Niemandem fllt es ein, welchen Gefahren ein junges Mdchen bei weiten nchtlichen Wegen sich dabei aussetzt, denjenigen am wenigsten, die sich abholen lassen um dieser Gefahren willen. Wehe aber dem armen Ding, wenn es Mdigkeit oder Mimut fhlen lt; auch die gleichmige gute Laune gehrt zu den ausbedungenen Pflichten eines Dienstmdchens. Die Arbeitszeit der Kchin ist vielfach weniger ausgefllt als die des Mdchens fr Alles; auf sie drfte im allgemeinen zutreffen, was die deutsche Untersuchung der Lage der Gasthauskchinnen ergeben hat, die whrend vierzehn bis sechzehn Stunden durchschnittlich zu thun haben.[797] Was ihre Situation jedoch besonders verschlechtert, sind die gesundheitlichen Nachteile ihres Berufes: das viele Stehen verursacht Krampfadern und geschwollene Fe, das Einatmen der Speisenausdnstungen bewirkt Magenstrungen, die oft chronisch werden, das bestndige Hantieren am glhenden Herd zerrttet die Nerven. Die Klagen ber launenhafte cholerische Kchinnen, denen es doch "so gut" geht, sind nur allzu bekannt! Bequem soll vor allem der Dienst der Kammerjungfer sein, und doch ist ihre Nachtruhe oft mehr beeintrchtigt als die des Kindermdchens. In der Zeit der geselligen Hochflut, die fr viele Damen der groen Welt, deren Leben sich zwischen der Grostadt und den Modebdern abspielt, nur durch kurze Ruhepausen unterbrochen wird, hat sie fast nie eine ausreichende und ungestrte Nachtruhe. Was es aber fr ein junges Mdchen heit, ihre oft viel ltere Herrin Tag fr Tag in glnzender Toilette von einem Fest zum andern eilen zu sehen, whrend es, das junge, hbsche, lebenslustige Mdchen, zu gleicher Zeit allein in seiner Kammer sitzen und bei trbem Lampenlicht allnchtlich auf die Heimkehr der "Gndigen" warten mu,--das macht sich selten jemand klar. Wer wird denn auch die Gefhle eines Dienstmdchens mit demselben Mae messen, wie die eigenen! Unter der schwersten Arbeitslast aber leiden die Stubenmdchen in den Hotels, in Pensionen. Um einen mglichst hohen Gewinn zu erzielen, wird so wenig als mglich Personal angestellt. Es kommt vor, da ein Mdchen die Bedienung von 30 bis 40 Gsten, die Instandhaltung von 20 bis 25 Zimmern zu bernehmen hat.[798] Die Nachtruhe whrt oft kaum fnf bis sechs Stunden, weil der Dienst vor dem Abgang des ersten angetreten, und nach der Ankunft des letzten Zuges erst verlassen werden darf. Eine Arbeitszeit von achtzehn bis zwanzig Stunden drfte kaum zu den Ausnahmen gehren.[799] Stillichs Untersuchung der Berliner Dienstbotenverhltnisse besttigt nur alle unsere Angaben. Von 547 Mdchen arbeitet die Hlfte,--51,5%,--lnger als 16 Stunden tglich. Die andere Hlfte arbeitet 12 bis 16 Stunden und nur 2% weniger als 12 Stunden. Und zwar sind es die am schlechtesten Entlohnten, die Mdchen fr Alles, die am lngsten arbeiten mssen; fr 59% dauert der Arbeitstag ber 16 Stunden.[800] Unter den fortgeschrittenen Verhltnissen der Vereinigten Staaten scheint auch die Arbeitszeit der Dienstboten eine geringere zu sein, obwohl die zweifelhafte Art ihrer Berechnung,--ob nmlich die Zeit der Arbeitsbereitschaft als Grundlage diente, oder etwaige Pausen abgerechnet wurden,--ein falsches Bild hervorrufen kann. 38% der nordamerikanischen Dienstmdchen sollen 10 Stunden, 37% mehr als 10 und 25% weniger als 10 Stunden thtig sein.[801] Die freie Zeit der Dienstmdchen beschrnkt sich in Deutschland, Oesterreich und Frankreich zumeist auf einen halben Sonntag alle zwei Wochen. Fr Berlin hat sich herausgestellt, da 69% der Dienstmdchen innerhalb eines halben Monats nur fnf bis sechs Stunden fr sich haben.[802] Denn der vierzehntgige Ausgang schrumpft noch auerordentlich zusammen, weil das Mdchen erst nach beendeter Arbeit fortgehen darf und vielfach vor zehn Uhr abends zurck sein mu. Nur selten und ungern wird ihm in der Woche eine Zeit gewhrt, in der es seine eigenen Besorgungen machen oder etwa daheim seine Kleidung in Ordnung bringen kann. Es sind wieder nur die reichen Huser, wo die Arbeit eines Dienstboten leicht von einem anderen bernommen werden kann, ohne da es die Bequemlichkeit der Herrschaft strt. In den begterten Familien Englands ist es allgemein Sitte, da jeder halbe Sonntag, ein Abend in der Woche und ein voller Tag im Monat den Dienstboten freigegeben wird, hufig bekommen sie sogar vierzehn Tage Sommerurlaub, oder es wird einem jeden gestattet, an einem Abend in der Woche den Besuch von Freunden zu empfangen. Aber auch im englischen Mittelstand hat sich die Sitte des einen freien Tags im Monat und des freien Abends in der Woche nach und nach eingebrgert.[803] Auf dem Kontinent wird solch eine Forderung seitens der Dienstmdchen als eine unerhrte Frechheit, als ein "neues Zeichen des Rckgangs alter Zucht und Ordnung" angesehen. Da das Dienstmdchen Zeit fr sich braucht, wenn auch nur um seine Sachen in Ordnung zu halten, da es ein Bedrfnis nach Unterhaltung, oder am Ende gar nach geistiger Fortbildung haben knnte, das kommt den guten Hausfrauen nicht in den Sinn und am wenigsten denen, die selbst im Winter fast tglich in Gesellschaften gehen, oder Theater, Konzerte und Vorlesungen besuchen. Es fllt ihnen aber auch nicht ein, den Lohn ihrer Dienstmdchen zu erhhen, wenn sie sehen, da die berlange Arbeitszeit sie ntigt, ihre Kleidung von Lohnarbeiterinnen ndern und herstellen zu lassen. Die Folgen der niedrigen Lhne, der schlechten Wohnung und ungengenden Kost, der steten Arbeitsbereitschaft und des Mangels an freier Zeit sind in ihrer Mehrzahl identisch mit den Fehlern, die die Hausfrauen an ihren Dienstmdchen nicht scharf genug rgen knnen. So wurde von jeher darber geklagt, da die Dienstmdchen die Herrschaften dadurch bervorteilen, da sie die Waren billiger einkaufen, als anrechnen, da sie den sogenannten Marktgroschen in die eigene Tasche stecken. Diese alte Gewohnheit, die Einnahmen ein wenig zu erhhen, wird heute von den Dienstboten und den Verkufern als ein selbstverstndliches Recht angesehen. In Frankreich bekommt das Dienstmdchen fr jeden Einkauf vom Hndler einen Sou (fnf Centimes) fr den bezahlten Franc. In Deutschland werden ihr meist bestimmte Prozente zugesichert. Es liegt also in seinem Interesse, die Herrschaft zu mglichst vielen Ausgaben zu veranlassen, oder selbst recht teuer einzukaufen. Der niedrige Lohn ist demnach, wenn nicht die Veranlassung zu direkten Unredlichkeiten, so doch ein Mittel, den Gegensatz der Interessen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern zu besonders schroffem Ausdruck zu bringen. Der Mangel eines eigenen Zimmers, durch den jedes persnliche Leben unmglich gemacht wird, fhrt andererseits dazu, da die Dienstmdchen sich nicht heimisch fhlen im fremden Haus, wie man die Stirn hat, es angesichts der Hngebden von ihnen zu verlangen. Die Unmglichkeit, mit seinesgleichen zu verkehren, ohne unter der stndigen Kontrolle auch der wohlmeinendsten Hausfrau zu stehen, treibt die Mdchen auf die Strae, in den Grnkramkeller, in die Portierloge[804], und ihre Herrinnen jammern dann ber ihre "Schwatzhaftigkeit, Pflichtvergessenheit, Faulheit und Liederlichkeit". Das gilt besonders fr jene Mdchen fr Alles, die keine Gefhrtin im Haushalt haben. Den Typus eines solchen Mdchens, dessen Sehnsucht nach dem Verkehr mit ihresgleichen durch die Einsamkeit und Abgeschlossenheit zu einem unwiderstehlichen Verlangen wurde und sie immer tiefer dem Verderben in die Arme treibt, haben die Brder Goncourt mit vollendeter Meisterschaft in Germinie Lacerteux geschildert. Sie verstanden auch darzustellen, wie die Kluft zwischen Herr und Diener sich selbst durch Wohlwollen auf der einen und Anhnglichkeit auf der anderen Seite nicht berbrcken lt.[805] Selbst der Versuch, den gutmtige, aber unverstndige Frauen zuweilen machen, indem sie das Mdchen zur Familie heranziehen, es womglich am gemeinsamen Mittagstisch teilnehmen, mit ihnen am selben Platz nhen und flicken lassen, bietet keinen Ersatz fr den Verkehr mit Klassengenossen. Der Abgrund ist zu tief, der unsere geistige Welt von der jener aus der Volksschule und der Dorfkate in unser Haus verschlagenen Kinder materieller und geistiger Armut trennt. Zieht nun aber solch ein Mdchen den Kchenwinkel dem Platz am Herrschaftstische vor, so spricht man wohl von Undankbarkeit und sieht darin den Beweis dafr, da die Dienstboten sich gar nicht aus der Einde ihres Daseins emporheben lassen wollen. Die schlimmsten Folgen jedoch zeitigt der Zwang zu steter Arbeitsbereitschaft, die Ueberbrdung und der Mangel an freier Zeit; ihnen entspringen all jene viel bejammerten Untugenden: Widerwilligkeit, Unlust zur Arbeit, Langsamkeit, Ungehorsam, schlechte Laune, denn nichts wirkt deprimierender als das graue Einerlei unaufhrlicher Werkeltage und die Unmglichkeit, sich selbst zu gehren. Aber noch ein Resultat rufen diese Zustnde zusammen hervor, das fr den Charakter der Herren wie der Diener gleich schdlich ist: Verlogenheit und Heimlichthuerei. Schon die antike Welt bezeichnete beides als Sklaveneigenschaften und stellte ihnen den Freimut und die Wahrhaftigkeit des freien Mannes gegenber. Nun, der Sklave sowohl wie der Dienstbote verfgen ber kein anderes Mittel, sich Freiheit zu verschaffen, als indem sie den Gebieter hintergehen und belgen, das Dienstmdchen, das im Grnkramkeller mit ihren Freundinnen zusammentrifft, mu fr ihr langes Ausbleiben nach einer anderen Ausrede suchen; heimlich verlt sie abends das Haus, will sie sich amsieren, heimlich empfngt sie ihre Besuche; ihre, durch die ueren Verhltnisse grogezogenen Untugenden sind wieder die Ursache jenes tiefgewurzelten Mitrauens ihrer Arbeitgeber gegen sie. Sie wittern auch dort, wo nichts davon vorhanden ist, Unredlichkeit und Lge. Sie beleidigen dadurch unaufhrlich das Ehrgefhl der Bediensteten. So entsteht jene heimliche, bittere Feindschaft zwischen Herren und Dienern, die abzuleugnen dumm und feige ist, und der Octave Mirbeaus Kammerjungfer Clestine[806] treffenden Ausdruck giebt, wenn sie sagt: "Man behauptet, die Sklaverei sei abgeschafft. Welch ein Hohn! Und die Dienstboten, was sind sie denn, wenn nicht Sklaven? Sklaven in der That, mit allem was die Sklaverei an niedriger Gesinnung, an Korruption, an rebellischen, von Ha erzeugten Gefhlen in sich schliet.... Man erwartet von uns alle Tugenden, alle Resignation, alle Opfer, allen Heroismus und nur die Laster, die der Eitelkeit unserer Herren schmeicheln: all das im Eintausch gegen Verachtung und Lohn. Und leben wir dabei nicht in dauerndem Kampf, in dauernder Angst zwischen einem vorbergehenden Schein von Wohlleben und dem Elend der Stellungslosigkeit; werden wir nicht dauernd von krnkendem Mitrauen verfolgt, das die Thren, die Schrnke, die Schlsser vor uns verschliet und das ohne Aufhren ber unsere Hnde, in unsere Taschen, unsere Koffer die Schmach sprender Blicke gleiten lt.... Und dann die Qual jener schrecklichen Ungleichheit, die trotz aller Familiaritten, alles Lchelns, aller Geschenke zwischen uns und unsere Gebieterinnen unbersteigbare Felsen, eine ganze Welt von unterdrcktem Ha und qulendem Neid auftrmt." Nirgends steht sich Reich und Arm so nah gegenber, als in der Huslichkeit. Es gehrt der ganze Stumpfsinn niedergedrckter, von der frischen Luft der neuen Zeit knstlich abgeschlossener Volksschichten dazu, um es erklrlich zu machen, da die Dienstboten angesichts dieser krassen Gegenstze bisher noch nicht revoltierten. Sie stammen ihrer groen Mehrzahl nach aus sozial und konomisch tief stehenden Schichten der Bevlkerung, aus Gegenden, die von der Kultur am wenigsten berhrt wurden. Der Stadt gehen sie mit der grten Erwartung entgegen, in ihr atmen sie, im Vergleich zu den Verhltnissen, denen sie auf dem Lande meist entronnen sind, Freiheitsluft und fgen sich daher ohne Murren in harte Lebenslagen. 1895 gab es in Berlin neben 9010 geborenen Berlinerinnen, 49849 ortsfremde Dienstmdchen[807], und in einem Jahr, 1898, zogen allein 42418 aus den Provinzen zu.[808] Von ihren Arbeitskolleginnen in Wien kommen 87 % von auerhalb.[809] In Amerika sind die meisten Dienstmdchen arme Auslnderinnen, deren Ansprche weit geringere sind, als die der Eingeborenen. In Frankreich und England bevorzugt man neuerdings mehr und mehr das deutsche Mdchen,--eine Bevorzugung, der wir uns, wenn wir die Ursachen erkannt haben, nur zu schmen haben, denn berall im Ausland tritt der deutsche Dienstbote als Lohndrcker auf. Dazu kommt ferner, da die sozialen Schichten, aus denen die Dienstmdchen hervorgehen, tiefstehende sind. Von den Berliner Dienstmdchen z.B. stammen ab von[810] Handwerkern 27 Proz. Arbeitern 24 " Kleinen Landwirten 17 " Kleinen Beamten 12 " Anderen Gewerbetreibenden 7 " Ungenau 13 " Die groe Zahl derjenigen, die ihre Herkunft nicht genau angeben oder angeben konnten, findet darin ihre Erklrung, da es gerade unter den Dienstmdchen sehr viele Waisen oder uneheliche Kinder giebt, die von frh an im Dienst fremder Leute herumgestoen werden.[811] Die meisten von ihnen beginnen ihre Laufbahn sehr frh. Von den sterreichischen Dienstmdchen waren nach der letzten Zhlung 28 % 11 bis 20 Jahre alt[812]; in Deutschland wurden 1895 allein 32653 Dienstmdchen gefunden, die das 14. Lebensjahr noch nicht erreicht hatten, 14 bis 18 Jahr waren 348712, 18 bis 20 Jahr 204225.[813] Ohne Gelegenheit gehabt zu haben, die Auenwelt vorher kennen zu lernen, werden sie von frh an vor der Berhrung mit ihr sorgfltig abgeschlossen. Nicht nur, da sie ihre besten Jahre der hrtesten Fron opfern und durch sie verbraucht werden, sie haben es auch, infolge ihrer Abgeschlossenheit und Vereinzelung, am schwersten, sich mit ihren Arbeitsgenossen zusammenzuschlieen.[814] Aus all diesen Grnden sind sie so rckstndig und fangen erst langsam an, das Unertrgliche ihrer Lage zu empfinden. Nicht auf den ueren Arbeitsbedingungen und deren Folgen allein beruht es; sondern oft noch mehr auf der Behandlung, die sie sich gefallen lassen mssen. Man verlangt von ihnen die ununterbrochene Ausbung der schwersten Tugenden, und bietet ihnen im besten Fall khle Gleichgltigkeit. Sie sollen trauern mit unserer Trauer, sich freuen mit unserer Freude, sie sollen Rcksicht nehmen auf unsere Nerven, uns pflegen, wenn wir krank sind,--da auch ihr Leben Schmerz und Freude kennt, da auch sie Nerven haben und krank sein knnen, das fllt den guten Hausfrauen selten ein, und wenn sie es bemerken, so schelten sie ber Launenhaftigkeit, Mangel an Selbstbeherrschung und Faulheit. Sie beklagen sich bitter ber die Dummheit und Ungeschicklichkeit ihrer Mdchen, ohne auch nur einen Augenblick daran zu denken, da solch ein armes Geschpf oft vorher nichts kennen gelernt hat, als die drftigsten Verhltnisse und nun pltzlich den brgerlichen Haushalt und die brgerlichen Gewohnheiten mit all ihren Finessen verstehen soll. Wie viele Hausfrauen zeigen ihren Mdchen niemals ein freundliches Gesicht; keine Bitte, kein Dank kommt ber ihre Lippen, Scheltworte statt dessen um jede Kleinigkeit; selbst an rohen Thtlichkeiten fehlt es nicht, wie zahlreiche Gerichtsverhandlungen der letzten Jahre beweisen. Das Beispiel der Mutter wirkt anfeuernd auf die Kinder: ihr Benehmen gegenber den Dienstboten spottet oft jeder Beschreibung. Was bei den Kleinen Unart ist, wird bei den Heranwachsenden Frechheit, bei den groen Gemeinheit. Wie oft wird das Dienstmdchen das Opfer der Begierden der frh verdorbenen Shne der Bourgeoisie! Mir ist eine Frau begegnet, die das Verhltnis ihres Sohnes mit ihrem Stubenmdchen mit der Begrndung duldete: dabei bleibt er wenigstens gesund! Aber auch die Hausherren selbst sind von der Ehrlosigkeit, in vielen Fllen die Verfhrer ihrer Angestellten zu sein, sicher ebensowenig freizusprechen, wie die Fabrikanten und Geschftsleiter. Wie tief in Bezug hierauf die Begriffe von Ehre und Sittlichkeit gesunken sind, das lehrt ein Blick in die humoristische Presse. Sie beschftigt sich in wahrem Wohlbehagen mit den Liebeleien, die der Hausherr hinter dem Rcken der Gattin mit den Dienstmdchen anspinnt. Zeitschriften, wie die Mnchener Fliegenden Bltter, die jedes Schulkind in die Hand nimmt, sind darin kaum minder frivol, wie die strker auftragenden franzsischen Journale. Die grten sittlichen Gefahren drohen den Stubenmdchen in den Hotels und Pensionen der Badeorte. Die Schamlosigkeit mancher Reisender, die zu den persnlichen Diensten, die fr ein Trinkgeld geleistet werden mssen, die Befriedigung ihrer Lste oft wie etwas Selbstverstndliches zhlt, bersteigt hufig alle Grenzen, sie geht bis zur brutalen Vergewaltigung.[815] Nun wre es freilich bertrieben, die groe Zahl unverheirateter Mtter unter den Dienstmdchen,--in Berlin haben 33 % aller unehelichen Kinder Dienstmdchen zu Mttern,--allein auf die Verfhrung ihrer Herren und deren Shne zurckzufhren. Die Ursache davon liegt aber zweifellos nicht in der ursprnglichen Liederlichkeit der Mdchen, ber die alle Hausfrauen einig zu sein pflegen, sondern in den Verhltnissen, die sie umgeben. Es wird ihnen nicht gestattet, offen mit ihresgleichen zu verkehren, sie haben nicht einmal einen anstndigen Raum dafr, sie haben zu harmlosen Jugendfreuden keine freie Zeit; so empfangen sie denn heimlich bei Nacht und Nebel ihre Besuche und verstecken sie hastig in der engen Kammer, die oft nichts enthlt, als das Bett; sie gehen heimlich, wenn die Argusaugen der Herrschaft nicht mehr zu frchten sind, auf nchtliche Vergngungen. Haben sie nicht etwa dasselbe Recht auf Jugendlust, dasselbe Verlangen danach, wie die Tchter ihrer Gndigen? Die brgerliche Gesellschaft treibt sie zum Fall; es gehrt groe sittliche Festigkeit dazu, unberhrt zu bleiben, die von den Mdchen nicht erwartet werden kann, die, wie wir aus der Darstellung der Lage der Landarbeiterinnen gesehen haben, zumeist einem Milieu entstammen, das an sich schon korrumpiert genug ist. Die meisten Dienstmdchen kehren aus den Stdten mit einem Kinde aufs Land zurck.[816] Sehr viele fallen schlielich der Prostitution in die Arme. So konstatierte eine Berliner Statistik des Jahres 1874, da von 100 Prostituierten 36 ehemalige Dienstmdchen waren[817], eine amerikanische Berechnung zhlt sogar 47 auf 100.[818] Aber noch andere indirekte Einflsse kommen hinzu, um die weiblichen Dienstboten zu verderben: das Beispiel ihrer Herrschaft. Man sagt mit Recht, da vor seinem Bedienten der Grte klein wird; das heit mit anderen Worten: kein Stand kennt so genau die Kehrseite der Medaille, keiner wird so vertraut mit den hlichen, gemeinen, niedrigen Eigenschaften der Menschen, blickt so tief in ihr oft durch und durch wurmstichiges Leben, als der der Dienstboten. Und er sollte unberhrt davon bleiben?! Eitelkeit und Putzsucht, Hochmut und Verschwendungssucht, Frivolitt und Liederlichkeit, daneben oft die ganze Verlogenheit ueren Glanzes, der den inneren Zusammenbruch decken soll, umgeben ihn, wie die Luft, die er atmet. Man mte ein gereifter, moralisch gefestigter Mensch sein, um aus dieser Atmosphre rein hervorzugehen, nicht aber ein junges Mdchen, das aus dem Dunkel kommt und geblendet wird von all dem gleienden Schein. "Der Dienstbote ist kein normales Wesen mehr", sagt Clestine[819], "... er gehrt nicht mehr zum Volk, aus dem er hervorgeht, und nicht zur Bourgeoisie, in deren Mitte er lebt und zu der er hinneigt.... Den gerechten Sinn und die naive Kraft des Volkes hat er verloren; die Neigungen und Laster der Bourgeoisie hat er sich angeeignet, ohne die Mglichkeit zu haben, sie zu befriedigen.... Die Seele beschmutzt, so geht er durch diese anstndige brgerliche Welt und durch nichts als durch die Thatsache, da er den tdlichen Dunst, der aus diesem Sumpf emporsteigt, eingeatmet hat, verliert er die Sicherheit seines Geistes bis zur vlligen Aufgabe seiner Persnlichkeit." Wie sehr rgen die braven Brgerfrauen die Putzsucht ihrer Dienstmdchen, ihr Bestreben, es den Herrinnen gleich zu thun; als ob sie selbst nicht hufig genug durch ihren Luxus und ihre Sucht, die reiche Nachbarin womglich in der Kleiderpracht noch zu bertreffen, den Ruin der Familie herbeifhren helfen. Wie kommen sie dazu, von ihrem armen Dienstmdchen mehr Bescheidenheit und Zufriedenheit, kurz einen besseren Charakter zu verlangen, als von sich selbst? Wenn mich etwas in Erstaunen setzt, so sind es nicht die Fehler, sondern die vielen Tugenden unserer Dienstmdchen: sie hrmen sich mehr an unserem Krankenbett, als wir an dem ihren; sie nehmen hufig innigeren Anteil an unserem Leid, als wir an dem, was sie bedrckt; sie verfolgen, aus unserem Hause geschieden, oft mit grerem Interesse unser Schicksal, als wir das ihre; sie pflegen unsere Kinder vielfach mit grter, gradezu mtterlicher Sorgfalt.[820] Statt da ihre Klatschsucht Emprung hervorruft, sollten die Herrschaften sich vielmehr ber ihre Verschwiegenheit verwundern. Ich kannte einen jungen, begabten Diener, den ich veranlate, seine Erinnerungen niederzuschreiben; er hatte schon viele Seiten gefllt, da zerri er sein Manuskript, aus Angst, nach seiner Verffentlichung keine Stellung mehr zu bekommen. Selbst die Anonymitt, glaubte er, knne ihn nicht schtzen. Wenn der Mund dieser Stummen sich erst einmal furchtlos ffnen kann, so wird die Welt sich vor dem entsetzen, was sie dann wird hren mssen. Ein Mensch mit niedriger kriechender Gesinnung wird verchtlich eine Bedientennatur genannt, Mangel an Stolz, an Charakterstrke gegenber Hherstehenden wird als Bedientenhaftigkeit bezeichnet,--die beginnende Revolte der Einzelnen, wie der organisierten Dienstboten, ist das erfreuliche Zeichen dafr, da das beschmende Bewutsein des eigenen physischen und seelischen Sklaventums in den Dienstboten erwacht und sie an den entehrenden Ketten zu rtteln beginnen. Werfen wir noch einen Blick in das tiefste Dunkel des Dienstbotenelends, das die brgerliche Gesellschaft auch mit dem buntesten Tand und Flitter nicht zu verdecken vermag: das Ammenwesen. Rousseaus glhende Ansprachen an die Mtter sind lngst verhallt, beinahe zu einer litterarischen Merkwrdigkeit geworden; die Degeneration der brgerlichen Gesellschaft hat seitdem rapide Fortschritte gemacht, die Brste ihrer Mtter sind immer hufiger leer, teils, weil die Snden der Vorfahren sich an ihnen rchen, teils weil ungesunde Erziehung und Lebensweise sie ihrer Naturkraft beraubt hat. Nach wie vor ist aber auch Vergngungssucht und Eitelkeit strker als das Bewutsein der Mutterpflichten, und statt dem Kinde zu geben, was die gtige Natur fr es geschaffen hat, wird ein Ersatz dafr gesucht. Mit Gold erkauft sich alles in dieser besten der Welten, auch die Muttermilch, und so ist die Ernhrung fremder Kinder mit der dem eigenen entzogenen Milch zu einer Lohnarbeit geworden! Dieselbe Gesellschaft, die verchtlich auf ein gefallenes Mdchen herabsieht, die die Heiligkeit der Familie von allen Kanzeln predigt, zchtet knstlich, weil sie ihrer bedarf, die Unsittlichkeit, vernichtet das einfachste Ehrgefhl, zerstrt die Familien, denen sie die Mtter entreit, opfert das Leben tausender vielleicht physisch und geistig gesunderer Kinder, ihren so oft durch und durch degenerierten Sprlingen. Der ganze Spreewald Preuens lebt von dem Verdienste der Ammen; hufig gehen die Mdchen viele Jahre lang ihrem "Berufe" nach, bis sie genug verdient haben, um zur begehrten Partie zu werden oder bis ihre Gebrfhigkeit versagt. Der Bauer der Bretagne whlt seine Frau je nach der Fhigkeit, die sie hat, durch Ammendienste ihn und seine Familie zu erhalten. Er selbst zwingt sie, ihr Heim zu verlassen, seinem eigenen Kinde entzieht er die Muttermilch, um ihren Ertrag womglich zu versaufen und zu verprassen.[821] Die krftige Nahrung, die oft kostbare Kleidung, die gute Behandlung, die den Ammen gewhrt wird,--nicht aus Mitleid und Dankbarkeit natrlich, sondern nur aus Rcksicht auf den Sugling,--bietet keinen Ersatz fr das unendliche Elend, die um sich fressende Korruption, die man verbreiten hilft. Schon beginnt die Strafe dem Verbrechen zu folgen: es giebt ganze Landstriche, wo gesunde Ammen nicht mehr aufzutreiben sind; die Mutter vermochte noch zu nhren, die Tochter, die mit allerhand schlechten Surrogaten aufgepppelt wurde, wird ein schwaches, elendes Ding. Noch schlimmer kann ihr Los sich gestalten, wenn ihre Mutter sie genhrt hat, nachdem sie frher ahnungslos ein syphilitisches Brgerkind an ihren gesunden Brsten gro zog; ihre eigene Nachkommenschaft vergiftet sie nun mit dem Gift, das das fremde Kind ihr einimpfte. Vielleicht bertrgt die lebendige Nhrmaschine es auch weiter auf andere fremde Kinder, deren eigene Mtter whrenddessen stolz die nicht entstellten gesunden Brste beim strahlenden Licht der elektrischen Lampen und rauschenden Klang der Geigen den Blicken ihrer Verehrer preisgeben. Dienstbotenelend! Wer vermag es noch mit dem egoistischen Blick der jammernden Hausfrau anzusehen? Dienstbotennot! Wer wagt es noch ber sie unter dem Begriff der Not an Dienstboten zu klagen? Es ist ein Zeichen gesunden Gefhls und krftigen Aufstrebens breiter Volksschichten, da diese Not stndig zunimmt. Nach einem Bericht der stdtischen Waisenverwaltung in Berlin, die es sich besonders angelegen sein lt, ihre Zglinge fr den Hausdienst vorzubereiten und in ihm festzuhalten, waren von 51 Waisen, die im Jahre 1890 Stellungen annahmen, nach 6 Jahren nur noch 23 im Dienst, die meisten waren Arbeiterinnen geworden, sie hatten die persnliche Freiheit, auch wenn sie oft durch Hunger und Not erkauft werden mu, dem modernen Sklaventum, auch wenn es oft die Allren des Herrentums annimmt, vorgezogen. Fr viele zweifelhafte Menschenfreunde ist es, sobald sie von dem Elend der Fabrikarbeiterin hren, zum Schlagwort geworden, womit sie aller Not zu begegnen, alles Ungemach abzuwenden glauben: werdet Dienstmdchen! Selbst die Trostlosigkeit des Arbeiterhaushalts und die schlechte Ernhrung der Arbeiterfamilie wird darauf zurckgefhrt, da die Frauen nicht vor der Ehe Dienstmdchen waren, und es giebt Leute genug, die nicht nur sich selbst, sondern auch den Arbeiterinnen zu ntzen glauben, wenn sie fr die jungen Mdchen eine Art Dienstzwang einfhren mchten. Die Working Women's Guild von Philadelphia veranstaltete unter 600 Arbeiterinnen aller Art eine Umfrage, um ihre Meinung kennen zu lernen, warum sie nicht vorziehen, Dienstbote zu werden. Sie gaben dafr bereinstimmend folgende Grnde an: 1) Mangel an Freiheit und unaufhrliche Beaufsichtigung. 2) Verletzung der Selbstachtung durch das Unterthnigkeitsverhltnis. 3) Endlose Arbeitszeit. 4) Krnkende Behandlung besonders von seiten der Herren und Shne des Hauses. 5) Kein eigenes Zimmer. 6) Verlust der Achtung anderer Arbeiterinnen. 7) Keine Mglichkeit, Freunde zu empfangen, auer in der Kche unter Aufsicht der Herrschaft.[822] Diesseits des Oceans sind die Grnde dieselben wie jenseits. Es fragt sich nur, ob die brgerliche Familie mit ihrer gegenwrtig bestehenden Privathaushaltung im stnde ist, sie aus der Welt zu rumen. Eine verneinende Antwort scheint mir aus unserer Darstellung der Lage der Dienstmdchen ohne weiteres hervorzugehen, denn sie entspringt nicht dem schlechten Charakter und bsen Willen der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer, sondern der konomischen und sozialen Seite des persnlichen Dienstverhltnisses und seiner jahrtausendlangen Tradition. Wir haben gesehen, da in den Husern der oberen Zehntausend, wo infolge eines zahlreichen Personals eine bestimmte Arbeitsteilung neben hohem Lohn, gutem Unterkommen und anstndiger Kost gewhrt zu werden pflegt und nebenbei auch, bei der persnlichen Distanz zwischen Herrn und Diener, die Reibungsmglichkeiten seltener sind und das sogenannte patriarchalische Verhltnis ganz ausgelscht ist, die Lage der huslichen Bediensteten sich am gnstigsten gestaltet. Je kleiner der Haushalt und je beschrnkter die Mittel, desto unertrglicher wird sie. Da nun aber die groe Masse des Brgertums, teils infolge direkter Vermgensverluste, teils infolge des zunehmenden Miverhltnisses zwischen Einnahmen und Ansprchen, sich pekunir keinesfalls in aufsteigender Linie bewegt, so ist fr eine Hebung der Lage der Dienstboten von dieser Seite nichts zu erwarten. Immer mehr wird das Mdchen fr Alles zur begehrtesten Persnlichkeit werden; weder ihr Unterkommen, noch ihr Lohn, noch ihre Arbeitszeit knnen eine wesentliche Verbesserung erfahren. Oder sollte es wirklich Leute geben, die sich in dem Glauben wiegen, die brgerliche Welt, wie sie heute geworden ist, wre insgesamt im stande, die eigenen Bedrfnisse den Dienstboten zu Liebe erheblich einzuschrnken, sich etwa mit einem Zimmer weniger zu begngen, um es dafr dem Dienstmdchen einzurumen, Vergngungen und Luxus aller Art, vielleicht sogar liebe Gewohnheiten aufzugeben, um besseren Lohn zahlen und reichlichere Kost gewhren zu knnen? Selbst wohlwollende Hausfrauen, die der Dienstbotenbewegung volles Verstndnis entgegenbringen, sind, von vereinzelten Ausnahmen abgesehen, auer stnde, ihren Forderungen Rechnung zu tragen. Aber auch die sittlichen Mistnde und die Divergenz der Interessen knnen sich mit der zunehmenden Aufklrung der Dienstboten und dem Widerstand der Herrschaften dagegen nur verschrfen. Denn mit der Abnahme der Dienstboten wird es sich immer deutlicher zeigen, da damit die Aufrechterhaltung der Privathaushaltung in ihrer jetzigen Form in Frage steht, und der vielfach wtende Fanatismus, mit dem die groe Mehrzahl der Hausfrauen, von der brgerlichen Presse lebhaft untersttzt, gegen die Dienstbotenbewegung Stellung nimmt, ist auf das freilich gegenwrtig meist noch unklare Gefhl davon zurckzufhren. Langsam und im stillen, von den Beteiligten selbst fast unbemerkt, hat sich die Umwandlung des Haushalts, die durch den Mangel an Dienstboten nur rascher vorwrts getrieben werden wird, schon seit geraumer Zeit angebahnt. Nicht nur, da die Produktion fr den Haushalt schon lngst nicht mehr durch ihn geschieht, auch die speziellen Verrichtungen der huslichen Dienerschaft werden mehr und mehr von auer dem Hause wohnenden Arbeitskrften bernommen. Schon an der zunehmenden Zahl der Aufwartefrauen lt sich das ermessen. Meist pflegen es Arbeiterfrauen und Witwen zu sein, die gezwungen sind, ihre Familie zu erhalten oder erhalten zu helfen. Gleicher Kategorie sind die Kochfrauen, Waschfrauen und die Flickerinnen, die ins Haus kommen. Einen Schritt weiter noch ging die Entwicklung, indem sie auch diese Arbeiten auer das Haus verlegte. In den Grostdten wird es besonders mehr und mehr blich, die Wsche in Wschereien reinigen und pltten zu lassen. In Deutschland giebt es nach der letzten Betriebszhlung 73766 Wschereien. Von diesen sind nur 7084 Gehilfenbetriebe, und zwar entfallen auf 5800 davon kaum je drei Gehilfen. Alleinbetriebe aber werden 66662 gezhlt.[823] Die sanitren Verhltnisse sind berall hchst bedenkliche: In den Grobetrieben, meist Dampfwschereien, herrscht eine feuchte Hitze, die bis zu 35 R. erreicht und in der die meist jungen Arbeiterinnen elf und mehr Stunden aushalten mssen, die Atmosphre wird aber zu einer noch bedeutend gefhrlicheren in den Plttereien, wo die Gasdnste der Pltteisen die Luft verpesten. Trotz aller dahingehenden Bestimmungen ist die Ventilation dabei eine hchst mangelhafte, weil die Rcksicht auf die Wsche, die durch den eindringenden Staub beschmutzt werden knnte, der Rcksicht auf die Arbeiterinnen vorangeht.[824] Aber immerhin sind diese groen Wschereien im Vergleich zu den kleinen fast ideale Arbeitssttten, denn alle Schrecken der Heimarbeit konzentrieren sich in diesen. Die arme Waschfrau, die vielleicht allein oder mit Hilfe der Tochter oder eines Mdchens die Arbeit bernimmt, pflegt zunchst die abgeholte schmutzige Wsche in dem einzigen Wohn- und Schlafraum der Familie zu sortieren, nachzuzhlen und mit Zeichen zu versehen. Alle Krankheitskeime, die ihr anhaften, werden auf diese Weise aufgewirbelt, und setzen sich in dem engen Raum fest, wo kleine Kinder in nchster Nhe schlafen, oder zwischen der schmutzigen Wsche spielend auf der Erde herumkriechen. Oft kocht auf demselben Herd, auf dem das Essen fr die Familie bereitet wird, in groen Kesseln die Wsche; der daraus aufsteigende Dunst erfllt das ganze Zimmer. Hufig genug wird selbst ein Teil der Wsche im Wohnraum zum Trocknen aufgehngt, womglich ber den Betten der Kinder und der Kranken. Die Pltterei steigert noch die Gefahren fr die Arbeiterinnen wie fr die brigen Bewohner des Raumes. Sommer und Winter ist der Plttplatz dicht neben dem glhenden Ofen, um mglichst schnell die Eisen aus dem Feuer ziehen zu knnen. Und in dieser Umgebung, inmitten direkter und indirekter Lebensgefahren existiert nicht nur die ganze Familie, es arbeiten alte Frauen und kaum den Kinderschuhen entwachsene Mdchen bis zur Entkrftung darin. Zum Schlu wird die sauber zusammengelegte Wsche zum Nachzhlen abermals im Zimmer ausgebreitet. Oft genug kommt es vor, da bei den engen Rumlichkeiten fertige Wschestcke auf den Betten masern- und scharlachkranker Kinder liegen. So werden die Krankheiten, die durch die Wsche reicher Leute in die Behausung der Armen gelangen, wieder aus ihnen heraus in die Huser der Reichen getragen.[825] Das Idyll der "alten Waschfrau" lst sich eben, in der Nhe betrachtet, ebenso in trbe Elendsbilder auf, wie das Idyll der "lustigen Nhmamsell". Wrden nicht die Hausfrauen mit einer Zhigkeit, die nur der Unkenntnis der Thatsachen entspringen kann, an den kleinen Wschereien festhalten, weil die Dampfwschereien angeblich die Wsche mehr verderben, sie wren schneller, als es jetzt schon geschieht, dem verdienten Untergang geweiht. Mehr noch als die Vergebung huslicher Arbeiten an Auenstehende hat die rapide Ausbreitung der Pensionen und Wirtshuser die bisherige Form des Familienlebens, das sich wesentlich um den eigenen Herd gruppierte, zu erschttern vermocht. In einem Zeitraum von dreizehn Jahren haben allein in Deutschland die Gastwirtschaften um 94594, d.h. um 116 %, und die Zahl der darin beschftigten Personen um 295713, d.h. um 132 % zugenommen. Nun ist zwar das Wirtshausleben der Mnner eine alte Erscheinung, aber das der Frauen und ganzer Familien ist eine Errungenschaft der Neuzeit, die durch das Pensionsleben Amerikas und Englands in wachsendem Mae zur Auflsung des privaten Haushalts fhrt. Das Wirtshaus wurde von jeher als ein Ersatz der eigenen Huslichkeit betrachtet, seine Angestellten, waren sie nun in Kche und Keller oder bei der Bedienung der Gste beschftigt, galten fr husliche Dienstboten, und wie an diesen, so ging daher lange Zeit die soziale Untersuchung und Gesetzgebung auch an jenen vorbei. Erst als eine Reihe von Mistnden schroff zu Tage trat und man anfing, besonders im Kellnerinnenwesen eine sittliche Gefahr fr die mnnliche Tugend zu erblicken, entschlo man sich, die Zustnde einmal in der Nhe zu betrachten. Durch die Knigliche Arbeitskommission geschah es in England, durch die Kommission fr Arbeiterstatistik in Deutschland, eine Anzahl von Privatuntersuchungen trat ergnzend hinzu. Nur ein sehr kleiner Kreis der in Betracht kommenden Personen wurde von den Enqueten erfat,--in Deutschland z.B. von 37121 Kellnerinnen nur der neunte Teil, 4093,--und, wie es gewhnlich zu geschehen pflegt, blieb die sozial am niedrigsten stehende Kategorie von ihnen ganz unberhrt. Kellnerinnen aus Cafs, Caf-Restaurants, Gastwirtschaften und Bierkellern wurden befragt, die Angestellten der sogenannten, in Norddeutschland sich, trauriger Berhmtheit erfreuenden Animierkneipen blieben ausgeschlossen. Trotz alledem war das Ergebnis ein sehr miliches; man war ausgezogen, bereit, den Bannstrahl ber Scharen von Snderinnen zu schleudern, und fand schwer um ihre Existenz ringende, jeder Art der Ausbeutung schutzlos preisgegebene Arbeiterinnen. Betrachten wir zunchst die Anforderungen, die an sie gestellt, und sodann die Entschdigungen, die ihnen dafr geboten werden. Als ein junges, schmchtiges Ding von vierzehn bis sechzehn Jahren tritt die angehende Kellnerin, wenn sie nicht etwa schon zu Hause die ntigen Fertigkeiten sich aneignen konnte, in den Dienst. Sie wird Wassermdchen, d.h. sie hat den Gsten nur das Wasser zu bringen und steht gewissermaen im Dienste der Kellnerinnen, denen sie die unangenehmsten Arbeiten, z.B. das Reinigen, Ordnen und dergl. mehr abzunehmen hat. Ihre Arbeitzeit ist infolgedessen eine ungewhnlich lange, da sie meist vor den Kellnerinnen ihre Arbeit beginnen mu und sie oft erst nachher verlassen kann. Es kommen sechzehn-bis achtzehnstndige Arbeitszeiten vor[826], ja zur Karnevalszeit werden oft noch schulpflichtige Mdchen ganze Nchte durch aushilfsweise beschftigt.[827] Den ganzen Tag haben sie nicht nur auf den Beinen zu sein, sie befinden sich in einer fast stndigen Hast, als Sndenbock von jedermann. Zeigt sich die junge Novize anstellig, ist sie hbsch und verfgt sie ber eine chike Toilette, so hat sie Aussicht, bald eine Staffel empor zu rcken. Die Dienstvermittlung wird in ihrem Fall durch private Bureaus besorgt, die ihr Ausbeutungssystem noch schrfer handhaben, als die fr husliche Dienstboten. Gebhren von 10 bis 30 Mark sind an der Tagesordnung[828]; vielfach wird von vornherein ein Einschreibegeld verlangt, das auch dann zurckbehalten wird, wenn die Stellungsuchende es vergebens bezahlt hat. Ist eine Stellung gefunden, so wird sie in den weitaus meisten Fllen ohne schriftliche Vertragsschlieung angetreten und von einer Kndigungsfrist ist, unter Umgehung der gesetzlichen Vorschriften, schon deshalb meist keine Rede, weil die Kellnerin es sich gefallen lassen mu "auf Probe" angestellt zu werden[829]; vielleicht ist sie ungeschickt oder gar unfreundlich, vielleicht gefllt sie den Gsten nicht, dann fliegt sie hinaus von einem Tage zum anderen. Sehr oft ist es auch der Dienstvermittler, der sie durch Versprechungen fortlockt, oder den Wirt gegen sie aufhetzt, um recht viel an ihr zu verdienen.[830] Der Tagesdienst beginnt, je kleiner die Wirtschaften sind, desto frher. In den kleinsten ist die Kellnerin zugleich Dienstmdchen und ehe sie Gste bedient, hat sie den Haushalt zu besorgen. Die Reinigung der Gastzimmer, der Glser und Tassen liegt ihr vielfach ob; wenn nicht, so hat sie das fr diese Arbeiten angestellte Personal zum groen Teil aus eigener Tasche zu bezahlen. Ihre eigentliche Berufsarbeit beginnt mit dem Eintritt des ersten Gastes. Von nun an ist sie immer auf den Fen; immer lchelnd, immer zuvorkommend, der grbsten wie der gemeinsten Behandlung gegenber, hat sie die Getrnke und Gerichte heranzuschleppen. In den Hotels englischer Seebder wurde fast durchweg konstatiert, da die Kellnerinnen von sieben Uhr frh bis zwei Uhr nachts thtig sind; in den Restaurant-Waggons wurde eine wchentliche Arbeitszeit von achtundneunzig Stunden festgestellt, die kein einziger Ruhetag unterbricht.[831] Von den etwa 4000 befragten deutschen Kellnerinnen haben eine regelmige tgliche Arbeitszeit von 12 und weniger Stunden 5,0 Proz. 12 bis 14 Stunden 19,3 Proz. 14 bis 16 Stunden 51,8 Proz. 16 bis 18 Stunden 23,4 Proz. mehr als 18 Stunden 0,5 Proz.[832] Die berwiegende Mehrzahl hat demnach eine Arbeitszeit von vierzehn bis sechzehn Stunden. Je nach der Saison und dem Zudrang der Gste steigert sich diese Arbeitszeit willkrlich. Whrend des Karnevals in Mnchen kommt es vor, da Kellnerinnen mit nur zwei- bis dreistndiger Pause whrend vierundzwanzig bis sechsunddreiig Stunden hintereinander Dienst thaten.[833] Von regelmigen Pausen ist berhaupt nur selten die Rede; sie richten sich lediglich nach der zu leistenden Arbeit. Ist die Wirtsstube leer, so kann das mde Mdchen vielleicht auf kurze Zeit des Ausruhens rechnen, kaum betritt es ein Gast, so heit es geschftig aufspringen und seine Wnsche befriedigen. In zahlreichen Wirtshusern wird den Kellnerinnen sogar, auch wenn sie unbeschftigt sind, das Sitzen verboten, weil das einen schlechten Eindruck auf die Eintretenden machen knnte. Nur beim Essen knnen sich auf kurze Zeit die matten Glieder ausruhen. Noch schlimmer als um die Pausen ist's um die freie Zeit bestellt. Von Sonntagsruhe ist keine Rede, der Sonntag und der Feiertag bringt vielmehr die meiste Arbeit, dann gilt es, fr die glcklichen Arbeitfreien zu laufen und zu springen. In Mnchen wird vielfach alle vierzehn Tage ein freier Nachmittag in der Woche gewhrt[834], aber auch nur unter der Bedingung, da ein Ersatz von der Kellnerin selbst beschafft und entlohnt wird. Nur in 19,9 % der von der Kommission fr Arbeiterstatistik untersuchten Betriebe hatten die Angestellten regelmig einen ganzen Ruhetag und zwar in 6,5 % zwlfmal, in 7,4 % dreizehn- bis vierundzwanzigmal, in 6 % noch fter im Jahr. In der Hlfte der Betriebe wurden Ausgehzeiten zugestanden, die sich aber immer nur auf Stunden ausdehnen.[835] In den allermeisten Wirtshusern giebt es demnach im ganzen Jahr keinen einzigen freien Tag und in der Hlfte giebt es nicht einmal freie Stunden! Es sind vor allem die Besitzer der mittleren und kleineren Wirtschaften, die ihren menschlichen Arbeitsmaschinen keinen Augenblick des Ausruhens zugestehen[836], und sich dann, hnlich wie die Hausfrauen den Dienstboten gegenber, darauf berufen, da ihre Angestellten einen leichten Dienst htten. Als ob selbst der leichteste Dienst die freie Zeit, in der der Mensch einmal ganz sich selbst gehren kann, zu ersetzen im stnde wre! Diese lange, ununterbrochene Arbeitszeit wird nun aber auch in der grten Anzahl der Flle in Rumen zugebracht, die allen hygienischen Ansprchen spotten: der Tabaksqualm in der Stube vermischt sich darin mit den Speisengerchen und den Ausdnstungen der Menschen. Wo gelftet wird, entsteht eine Zugluft, die die erhitzten Kellnerinnen empfindlich trifft. Trockene, schlechte Luft, Uebermdung und Erhitzung rufen aber auch ein stndiges Durstgefhl hervor, das in Bier, Wein und Kaffee befriedigt wird und den einer gesunden Arbeit folgenden Hunger mehr und mehr in zweite Linie schiebt. Es ist jedoch nicht nur der freie Wille, der zum Trinken zwingt. In den Kneipen mit Damenbedienung, die besonders in Norddeutschland florieren, gehrt es zum Beruf der Kellnerin, den Gast zum Trinken zu animieren, indem sie mit ihm trinkt und so eine mglichst hohe Zeche erzielt. Zum Entgegenkommen gegenber dem Gast, auch wenn es nicht im Bescheidthun beim Trinken besteht, ist sie berhaupt immer gezwungen; mehr als von ihrer Arbeitstchtigkeit hngt hiervon ihre gesicherte Stellung ab. Um die Gste mglichst zufrieden zu stellen, sieht sie sich hufig genug gentigt, die beliebtesten Zeitungen und Zeitschriften, die im Lokal nur in je einem Exemplar aufliegen, selbst zu halten, was eine bedeutende Summe monatlich ausmachen kann; auch Zahnstocher, Zndhlzchen und dergl. hat sie vielfach aus eigener Tasche zu bezahlen.[837] Bis auf ihre uere Erscheinung erstrecken sich schlielich noch die Dienstvorschriften: in groen Lokalen ist eine bestimmte Toilette, selbst eine bestimmte Frisur, durch die die Mdchen veranlat werden, sich tglich vom Friseur die Haare machen lassen zu mssen, Vorschrift.[838] In den Animierkneipen werden die Kostme hufig geliefert; Mdchen aber, die etwas auf sich halten und nicht anziehen mgen, was so und so viele mehr oder weniger fragwrdige Vorgngerinnen schon getragen haben, mssen sie selbst beschaffen. Die Verletzung einer dieser verschiedenartigen Pflichten, Mdigkeit, Unfreundlichkeit gegen einen gar zu frechen Gesellen, der vielleicht ein gut zahlender Stammgast ist, kostet der Kellnerin ihre Stellung. Ja, es bedarf gar keines solchen Vorwandes; sie braucht nur durch ihr Aeueres Mifallen zu erregen, so mu sie schleunigst einer anderen Platz machen. "Wenn eine Kellnerin vierzehn Tage oder drei Wochen da ist, dann heit es bei den Gsten: die wollen wir nicht mehr sehen, wir wollen ein anderes Gesicht", wird aus Dresden berichtet[839]; nur um den Gsten durch den Wechsel einen Gefallen zu thun, kndigen die Wirte den Kellnerinnen, lautet das Urteil an einer anderen Stelle.[840] So kommt es, da ber die Hlfte der von der deutschen Kommission befragten Kellnerinnen nur drei Monate und weniger, und nur ein Sechstel aller ber ein Jahr in ihrer Stellung waren.[841] Je lter die Kellnerin wird, desto trauriger ist ihr Los. Sie, die vielleicht einst die Hauptanziehungskraft eines grostdtischen Lokals war, mu schlielich zufrieden sein, in der Kneipe einer Kleinstadt ein armseliges Dasein zu fhren. Die Gste wollen nur von jungen, hbschen Mdchen bedient werden.[842] Nach der deutschen Berufsstatistik von 1895 giebt es daher unter 37121 Kellnerinnen nur 7422, d.h. 20 %, die ber 30 Jahre alt sind. Schlielich stellt selbst das geringste Wirtshaus die alt gewordene nicht mehr an; wozu auch? Sie bringt nichts ein, sie kann sich nicht einmal selbst erhalten, weil die Trinkgelder immer schmaler werden. Im besten Fall fristet sie noch als Wscherin, Geschirrputzerin oder Reinemachefrau ihren elenden Lebensrest; nur selten vermag sie sich empor zu arbeiten, nur allzu oft endet sie auf der Strae, als die verachtetste aller Frauen.[843] Und doch strmen dem Kellnerinnenberuf jhrlich Tausende zu; immer wieder sind Junge da, um die Alternden zu ersetzen. Sind die Arbeitsbedingungen vielleicht sonst so glnzend, um diesen Zudrang zu rechtfertigen? Die Kommission fr Arbeiterstatistik stellte fest, da von den befragten Kellnerinnen 79 % ein Bargehalt empfingen, das durch Wohnung und Kost im Hause des Wirts ergnzt wird. 21 % bekommen demnach gar nichts. Und von denen, die einen bestimmten Lohn erhielten, war die eine Hlfte auf ein Einkommen von 10 bis 30 Mk., die andere auf 10 Mk. und weniger angewiesen. Je nach den Landesteilen bieten die Lohnverhltnisse ein anderes Bild: in Norddeutschland haben nur die Hlfte der Kellnerinnen einen Bargehalt; in den Grostdten, wo die Animierkneipen eine groe Rolle spielen, kommt es fast niemals vor, da sie berhaupt eins beziehen,--in Berlin z.B. nur 0,5 %, in Hannover nur 8 % der Kellnerinnen,--in Mittel- und Sddeutschland steigt dagegen der Prozentsatz der entlohnten Kellnerinnen auf 88 resp. 91 %[844] Aber auch hier machen die Grostdte eine Ausnahme. In Mnchen, wo allein gegen 3000 Kellnerinnen gezhlt wurden, ist der Lohn gleichfalls fast ganz abgekommen.[845] Aber dabei allein bleibt es nicht. Wie es in groen Restaurants fast durchweg Sitte ist, da der Oberkellner dafr, da er bedienen kann, dem Wirt eine bestimmte Summe bezahlt, so kommt es auch immer hufiger vor, da von den weiblichen Angestellten dasselbe verlangt wird. Bei der Pariser Weltausstellung im Jahre 1878 wurde dies System von dem bekannten Unternehmer Duval, der nur Kellnerinnen beschftigt, zum erstenmal eingefhrt, und hat sich seitdem berall hin verbreitet.[846] In Oesterreich, vor allem in den groen Bdern, wie in Karlsbad, Marienbad etc., soll es besonders blich sein, jedenfalls ist dort der feste Lohn so gut wie vollstndig abgekommen. Sein Ersatz ist das Trinkgeld. In der Anerkennung auergewhnlicher Dienstleistungen ist sein Ursprung zu suchen[847], als solche hatte es nichts Demtigendes an sich. Es bildete jedoch den Ansporn fr die profitgierigen Wirte, die Verpflichtung der Lohnzahlung an die Bedienenden mehr und mehr von sich auf den Gast abzuwlzen. Aus einem freiwilligen Geschenk fr besondere Flle ist es demnach zu einer Steuer geworden, die das Publikum zu tragen hat. Trotzdem ist es aber ein Geschenk geblieben, das der Kellner halb bittend, halb fordernd verlangen, fr dessen Erreichung besonders die Kellnerin sich nur zu oft demtigen und ihre Wrde preisgeben mu. Es ist gewissermaen der uerste, krankhafte Auswuchs des Lohnsystems: jede Arbeiterin riskiert ihre Stellung und ihr Brot, wenn sie dem, der sie bezahlt, durch irgend etwas mifllt, die Kellnerin setzt ebenso ihre Existenz aufs Spiel, nur da sie sich die Entlohnung ihrer Arbeit groschenweise zusammenbetteln mu. Im allgemeinen hat der Arbeitgeber nur ein Recht auf die Arbeitskraft seiner Angestellten, der trinkgeldzahlende Gast erkauft sich zum mindesten die Aufmerksamkeit und Freundlichkeit der Kellnerin, nicht nur ihre in dem Zutragen der Speisen bestehende Arbeit, und verlangt fr jeden Groschen einen Dank. Zu dem Herabwrdigenden einer Art Almosenempfangs tritt aber noch seine vollstndige Unsicherheit hinzu. Eine Regelung der Ausgaben auf Grund der Einnahmen ist fr die Kellnerin ganz ausgeschlossen. Sie wird, und wre sie ein noch so gewissenhafter Charakter, frmlich zur unordentlichen und leichtsinnigen Wirtschaftsfhrung dressiert, denn sie wei von einem Tage zum anderen nicht, was sie einnehmen wird. Auerordentlich schwer lt sich die Hhe der Trinkgelder bestimmen; die Wirte werden stets geneigt sein, sie zu hoch, die Kellnerinnen sie zu niedrig anzugeben. In besuchten Lokalen und in der hohen Saison mag es vorkommen, da die abendliche Abrechnung einen Ueberschu von 6 bis 7 Mk. ergiebt; aber Einnahmen von 60 Pf. und weniger drften in nicht so bevorzugten Pltzen weit hufiger sein. Von 1108 Berliner Kellnerinnen hatten nur 21, also nur 2 %, ein ausreichendes Einkommen.[848] Sei es nun aber hoch oder niedrig, es bedeutet noch immer keinen reinen Gewinn. Die Wassermdchen, die kein Trinkgeld bekommen, und die Putzerinnen werden meist von den Kellnerinnen bezahlt, eine Ausgabe, die bis 360 Mk. jhrlich steigen kann; die Strafgelder bilden einen weiteren groen Posten in ihren Ausgabebudgets, kommt es doch vor, da jeder Kellnerin fr zerbrochenes Geschirr tglich ein fr allemal 20 Pf. angerechnet werden, auch wenn sie nichts zerbrach. Das ganze Strafgeldersystem ist dabei stets vom Wirt willkrlich zusammengestellt, ohne da die Neueintretenden auch nur Kenntnis davon bekommen. Selbst fr die Lieferung der Kostme werden den Kellnerinnen hufig 30 Pf. bis 1 Mk. vom Wirt abgezogen.[849] Ihr Verdienst mu demnach schon ein ganz guter sein, ehe sie fr sich einen Pfennig erwerben. Neben dem Trinkgeld besteht ihr Einkommen besonders in norddeutschen Kneipen aus bestimmten Prozenten der verkauften Getrnke,--ein System, das die armen Mdchen dazu zwingt, durch mglichste Zuvorkommenheit den Gast zum Bleiben zu verlocken. Auf der guten Laune und dem Wohlwollen des Gastes allein beruht die Existenz der Kellnerin. Sie ist vollstndig von ihm abhngig. Wer begreifen will, was das bedeutet, der beobachte nur einmal das Benehmen der Mnner in einem Wirtshaus mit weiblicher Bedienung. Besonders der Deutsche, der sonst so gern mit seiner ritterlichen Verehrung der Frauen prahlt, zeigt sich hier von der rohesten Seite: weil die Kellnerin auf sein Trinkgeld angewiesen ist, gilt sie ihm nicht mehr als jede kufliche Dirne. Da die schmutzigsten Gesprche ungeniert vor ihr gefhrt werden, ist das geringste der Uebel; man belstigt sie aber mit zweideutigen Redensarten, und von da bis zu Handgreiflichkeiten ist dann nur ein Schritt. Jeder ekelhafte Geselle glaubt ein Recht mindestens auf die Duldung seiner Zrtlichkeiten zu haben; der Widerstand der Gequlten aber bedeutet einen Ausfall der Einnahme, oder die Entlassung. Eine Beschwerde des Gastes beim Wirt ber die "Unfreundlichkeit" der Kellnerin gengt, um die "dumme Gans" hinauszuwerfen. Und zwar gilt dies ebenso fr die anstndigen Wirte, wie fr die der Animierkneipen. Hier allerdings hat die Kellnerin in ihrer "Zuvorkommenheit" noch weiter zu gehen. Wenn auch in den meisten Stdten Polizeiverordnungen bestehen, die der Kellnerin verbieten, dem Gast Gesellschaft zu leisten, so steht, bei dem Mangel an Aufsicht, dergleichen fast immer nur auf dem Papier, und es giebt beinahe berall in dieser Art Wirtschaften sogenannte Weinzimmer nach hinten heraus, in die das Auge des Gesetzes nur selten dringt, und wo die Kellnerin auf ihrem absteigenden Lebenslauf die Staffel zur Prostitution betritt. Man behauptet nun vielfach, da kein vllig unbescholtenes Mdchen sich als Kellnerin in eine Kneipe dieser Art verlieren wird. Thatschlich wurde konstatiert, da die meisten Berliner Kellnerinnen in irgend einer Weise gescheiterte Existenzen sind[850], aber, ganz abgesehen davon, da diese stets mehr Unglcklichen als Schuldigen,--verfhrte Dienstmdchen, verlassene Frauen und dergleichen,--fast immer noch emporsteigen knnten, statt hier unterzugehen, kann im allgemeinen davon nicht die Rede sein. Denn eine Herde gewissenloser Agenten ist stets auf dem Prschgang nach flchtigem Wild, und ahnungslose Stellungsuchende werden von ihnen solchen Kneipen nur zu oft zugefhrt. Knnen sie die Vermittlungsgebhr nicht gleich bezahlen, so hlt allein die Notwendigkeit, diese Schuld nach und nach abzutragen, sie bei dem Wirte fest, und dieser ist in sehr vielen Fllen der erste, dem sie zum Opfer fallen. Wie es Fabrikanten giebt, so giebt es Wirte, die in ihren Angestellten die Sklavinnen ihrer Lste sehen und dann noch dem Gast gegenber Kupplerdienste leisten.[851] Sehr oft sieht sich die Kellnerin gentigt, auch fr Kost und Wohnung selbst aufzukommen, obwohl der Wirt, vor allem in Sddeutschland, ihr beides zusichert.[852] Er sorgt aber meist dafr, das die oft einzige Entschdigung fr ihre Dienste eine ganz unzureichende ist. In unheizbaren, schlecht zu lftenden Dachkammern, hufig zu zweien in einem Bett, werden die Kellnerinnen untergebracht. Es kommt vor, da eine Lftung berhaupt unmglich ist, oder da die Bettwsche nicht einmal beim Einzug neuen Personals gewechselt wird.[853] Oft haust das ganze Kchenpersonal mit den Kellnerinnen im gleichen engen Raum.[854] Da ist es nicht zu verwundern, da sie, wenn es irgend geht, eine eigene Schlafstelle suchen. Wie schwer das ist, kann derjenige beurteilen, der wei, welch eine Mhe es berhaupt einzelnen Frauen kostet, ein Unterkommen zu finden, und nun gar einer Kellnerin, der von vornherein das Odium der Liederlichkeit anhaftet. Sie mu fr ihre Wohnung doppelt und dreifach zahlen, und riskiert dabei immer, Kupplerinnen oder hnlichem Gelichter in die Hnde zu fallen. Nicht besser als die Wohnung ist zumeist die Kost beim Wirt: sie besteht oft in nichts anderem als in aufgewrmten Resten, die drei bis acht Tage alt sind, oder gar von den Gsten auf den Tellern brig gelassen, an Zwirnsfden aufgereiht und aufs neue gekocht wurden! Der Ekel zwingt die Kellnerin nur zu hufig, sich selbst das Essen zu besorgen.[855] Dabei hat sie nicht einmal bestimmte Essenszeiten; sie mu es hinunterschlingen, wenn gerade wenig zu thun ist, oft mu sie sich bis spt abends mit Kaffee, Bier oder sonstigen Getrnken aufrecht erhalten. Das ist die Existenz der Kellnerin: Ueberarbeit, entlohnt durch schlechte Wohnung und Kost, im brigen fast allein begrndet auf dem groschenweise zu erbettelnden Wohlwollen der Gste. Und die Folgen?--Das deutsche Reichsgesundheitsamt hat auf Grund seiner eingehenden Untersuchungen festgestellt, da die Erkrankungsgefahr und die Krankheitsdauer der Kellnerinnen grer sind, als fr den Durchschnitt smtlicher anderen bei den Krankenkassen versicherten Personen; die bermig lange Arbeitszeit ist die Ursache. Es hat ferner gefunden, da die Lungenschwindsucht besonders stark unter ihnen wtet und sie in frhem Lebensalter dahinrafft[856]; der dauernde Aufenthalt in schlechter Luft verbunden mit der allgemeinen Entkrftung ist ihr Nhrboden. Den verschiedensten Erkrankungen sind sie auerdem noch ausgesetzt: Krampfaderentzndungen, geschwollenen Fen, Bleichsucht, Unterleibs- und Nierenleiden[857]; das andauernde Stehen und Laufen, die unzureichende Ernhrung, als Ergnzung der starke Genu von alkoholischen Getrnken rufen sie hervor. Das ist aber noch nicht alles: nach dem Bericht der Ortskrankenkasse der Berliner Gastwirte machen die Kellnerinnen weitaus die Hlfte aller Geschlechtskranken aus; in badischen Krankenhusern setzt sich der grte Teil der syphilitisch kranken Mdchen aus Kellnerinnen zusammen[858]; die Mnchener Kassenrzte der Ortskrankenkasse IV, deren Mitglieder hauptschlich dem Beherbergungs- und Erquickungsgewerbe angehren, vertreten die Ansicht, da 80 % der Erkrankungen der Mdchen auf Geschlechtskrankheiten zurckzufhren[859], und die Hamburger Kassenrzte gehen so weit, zu behaupten, da von 100 Kellnerinnen 99 geschlechtlich krank sind.[860] Diese physischen Folgen sind ein treues Spiegelbild der sittlichen Korruption, der die Kellnerinnen rettungslos berliefert werden. Das ist die einfache Konstatierung einer Thatsache, aber keineswegs die Verurteilung des Kellnerinnenstandes selbst. Er hat zweifellos viele ehrenhafte Mitglieder, um so ehrenhafter, als sie ihre Ehre im Kampfe gegen tgliche Versuchungen gewahrt haben. Auch besteht zwischen den Kellnerinnen der sddeutschen Kaffee- und Bierhuser und denen der norddeutschen Kneipen ein erheblicher Unterschied in Bezug auf ihre Sittlichkeit. Es ist aber vielfach nur ein Gradunterschied. Jede Kellnerin, sei es wo es auch sei, ist infolge ihrer konomischen Abhngigkeit vom Gast, ihrer sittlichen Beeinflussung durch ihn, seiner Verfhrungskunst und ihrer eigenen natrlichen Jugendlust und Liebessehnsucht dem ausgesetzt, was man mit dem hlichen Ausdruck "fallen" zu bezeichnen pflegt. Und so wenig es mir in den Sinn kommt, Liebesverhltnisse, die zwei junge warmbltige Menschenkinder ohne die standesamtliche Bescheinigung miteinander eingehen, sittlich zu verurteilen, so steht doch das Eine fest, da in den weitaus meisten Fllen die Mdchen, nach kurzem Rausch, ihre armen Opfer sind. Und die Verzweiflung, die Notwendigkeit, vielleicht ein Kind zu erhalten, die Entwhnung von dem grauen Einerlei der Arbeit,--das alles treibt nur zu leicht die Verlassene von Stufe zu Stufe hinab. Es ist nicht mehr ihre Arbeitskraft, es ist ihr Krper, den sie nun zu Markte trgt. Einen langen, den Weg haben wir durchschritten. Bald sengte die Sonne, bald troff der Regen, bald brauste der Sturm--kein Dach, kein Baum bot Schutz. Und immer dasselbe Bild: Millionen grauer Gestalten, alte und junge, die durch den Staub und Schmutz dieser Lebensstrae die Last ihrer Arbeit schleppen. Lacht ihnen einmal die Sonne, so ist es die Fiebersonne der pontinischen Smpfe, die sie ins Verderben zieht mit ihrem Ku. Nicht ein notwendiges Lebensbedrfnis, kein Genu, kein Luxus, an dem nicht der Schwei dieser Scharen klebte. Aus ihrem Flei wchst die Mue der Glcklichen, aus ihrem Hunger ihr Sattsein, aus ihrem Leid ihre Freude. Die Alten hielten die krperliche Arbeit fr eine Schmach; wir glauben darber erhaben zu sein und messen ihr denselben sittlichen Wert bei, als der geistigen. Die proletarische Frauenarbeit steht aber thatschlich, was Bewertung und Ansehen betrifft, nicht hher als Sklavenarbeit; die Bezeichnung "Arbeiterin" gilt nicht fr einen Ehrentitel. Ein Fabrikmdel--eine Nhmamsell--eine Kellnerin,--welch eine Flut von cynischer Verachtung drckt sich in diesen Worten aus! Die schmutzigste und schwerste und niedrigste Arbeit--das ist Frauenarbeit. Die schlechteste Wohnung, die geringste Kost, der niedrigste Lohn--das ist der Preis dafr. Und die Schande, das ist seine Ergnzung. Aber damit nicht genug: hinter den Frauen, die wir auf ihrem Wege verfolgten, drngt sich ein Heer kleiner, blutleerer Gestalten: ihre Kinder. Aus mden, alten Augen blicken schon die kleinsten in das Leben, das ihnen Kraft und Freude, das ihnen ihr Bestes, die Mutter, nahm. Und sie rchen sich an ihm: Krankheit und sittliche Entartung ist ihre Gegengabe fr Hunger und Schmerz. In dieser besten aller Welten ist Armut ein Verbrechen, das mit lebenslnglicher Zwangsarbeit gestraft wird; und Kinder und Kindeskinder tragen noch das Kainszeichen der Vorfahren. Wohl sind Knute und Hetzpeitsche verschwunden, mit denen die Sklaven zur Arbeit getrieben wurden; aber aus dem Gold, das der Arme dem Schoe der Erde entri, hat die brgerliche Gesellschaft eine Waffe geschmiedet, die frchterlicher ist als alle Folterwerkzeuge. Damit beherrscht und knechtet sie die Besitzlosen und zwingt sie, mit krummem Rcken und schwieligen Hnden immer weiter und weiter fr den Herrscher nach Gold zu graben. Vor der Gier danach zerstoben all die Tugenden, die ihre Prediger, ihre Dichter und Denker preisen: Gromut, Barmherzigkeit, Nchstenliebe, und die Ehrfurcht vor allem vor denen, unter deren Herzen das Herz der kommenden Menschheit schlgt. Mit dem Fu auf dem Nacken der Frau ragt der Kolo der kapitalistischen Wirtschaftsordnung in das 20. Jahrhundert hinein. Whrend die brgerliche Frau die Arbeit als die groe Befreierin sucht, ist sie fr die Proletarierin zu einem Mittel der Knechtung geworden; und whrend das Recht auf Arbeit eines der vornehmsten Menschenrechte ist, ist die Verdammung zur Arbeit eine Quelle der Demoralisation. Ueber eine Gesellschaftsordnung aber, die darauf beruht, die sich auf der Entwrdigung der Arbeit und der Versklavung der Arbeitenden aufbaut, ist das Todesurteil gesprochen. 7. Die Arbeiterinnenbewegung. Als den Ausgangspunkt der brgerlichen Frauenbewegung haben wir den Kampf um Arbeit kennen gelernt. Er war zugleich ein Kampf gegen den Mann, weil es galt, in seine Berufssphren einzudringen. Die proletarische Frauenbewegung setzte dagegen erst ein, als dieser Kampf durch den massenhaften Eintritt der Arbeiterinnen in die Industrie mit ihrem Siege geendet hatte. Die Arbeiterin hatte den Platz in Werkstatt und Fabrik erobert, als die brgerliche Frau noch schwer um den Platz im Hrsaal und auf dem Katheder ringen mute. Die brgerliche Gegnerschaft gegen den Mann fand ihren Gegensatz in der proletarischen Genossenschaft mit dem Mann. Infolgedessen ist die Arbeiterinnenbewegung ein integrierender Bestandteil der Arbeiterbewegung, deren nchstes Ziel ist: die Lage des Proletariats zu verbessern, und sie bedient sich zu diesem Zweck drei verschiedener Mittel: der politischen Partei, als desjenigen Mittels, durch das politisch Gleichgesinnte auf Gesetzgebung und Staat Einflu zu gewinnen suchen, der Gewerkschaften, als der dauernden Verbindungen von Lohnarbeitern zum Zweck der Aufrechterhaltung oder Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen, der Genossenschaften, als der Vereinigungen wirtschaftlich schwacher Personen zu gemeinsamer wirtschaftlicher Thtigkeit. Bedingung ist in allen drei Fllen die Organisation. Sie mu daher gesetzlich gewhrleistet und gesichert sein, wenn an ein erfolgreiches Vorgehen der Arbeiter gedacht werden kann. Die gewerkschaftliche Organisation ist nach dem Buchstaben des Gesetzes den weiblichen wie den mnnlichen Arbeitern nirgends untersagt. In der Praxis aber wird sie den Frauen, und zwar vor allem der Mehrzahl der deutschen Frauen, sehr erschwert, weil ihnen, nach einer Anzahl deutscher Vereinsgesetze, der Eintritt in politische Vereine verboten ist, und die Grenzlinien zwischen wirtschaftlichen und politischen Fragen auerordentlich schwankende sind. Fr die gesamte weibliche Arbeiterschaft kommt aber noch ein tiefgreifenderer Umstand in Betracht, der sich ihrer Organisierung hindernd in den Weg stellt. Whrend nmlich die Vereinigung von Mnnern und Frauen innerhalb der einzelnen Berufe die selbstverstndliche Konsequenz ihrer gemeinsamen Arbeit sein sollte, scheitert sie vielfach an dem alten Vorurteil der Mnner, die sich der Aufnahme weiblicher Mitglieder widersetzen. Diese feindliche Haltung der Mnner verschaffte der fr die weiblichen Lohnarbeiter vllig falschen, irrefhrenden Auffassung der brgerlichen Frauenbewegung von der Notwendigkeit des organisierten Kampfes der Frauen als Frauen um ihre Rechte Eingang bei ihnen, und so grndeten sie zunchst gewerkschaftliche Frauenvereine mit ausschlielich weiblichen Mitgliedern. In England, der Hochburg des Trade-Unionismus, entstanden schon Anfang der siebziger Jahre eine Anzahl Frauengewerkschaften, die aber ein schnelles Ende nahmen. Erst dem groen Organisationstalent einer ehemaligen Setzerin, Mi Emma Smith, spter Mrs. Paterson, gelang es, System in die ganze Bewegung zu bringen, indem sie 1874 die Women's Protective and Provident League ins Leben rief und als das Ziel der Vereinigung die Organisierung der Arbeiterinnen bezeichnete und zwar in Mnnergewerkschaften, soweit sie Zulassung fnden, in Frauengewerkschaften, soweit es sich nur um weibliche Berufe handelt, oder die Mnner die Frauen ausschlieen.[861] Unter dem Einflu brgerlicher Elemente wurde jedoch im Anfang der Bewegung auf die Grndung von Frauengewerkschaften der grte Nachdruck gelegt: die Londoner Buchbinderinnen, Tapeziererinnen, Wscherinnen und Schneiderinnen wurden organisiert[862], aber die kleinen Vereine konnten eine andere als eine erzieherische Bedeutung nicht erringen. Nur zwei von ihnen bestehen noch[863], ohne an Wichtigkeit gewonnen zu haben. Im selben Jahr versuchten Pariser Nherinnen ein Syndikat zu grnden, das nur 100 Mitglieder erreichte und sich nach wenigen Jahren auflste.[864] In Deutschland, wo der brgerliche Einflu hemmend gewirkt hatte, fing man erst viel spter an, Arbeiterinnenvereine mit einem annhernd gewerkschaftlichen Charakter ins Leben zu rufen, die aber rasch wieder eingingen, ohne Spuren ihres Daseins zu hinterlassen. Erst ein uerer Anla trennte mit einem scharfen Schnitt die Arbeiterinnenbewegung von der brgerlichen Frauenbewegung und machte sie lebensfhig. 1882 kam Grfin Guillaume-Schack nach Berlin, um fr die Ideen der englischen Fderation zur Bekmpfung der Prostitution Propaganda zu machen. Der Kulturbund, den sie grndete, rief aber nicht, wie sie gehofft hatte, eine der englischen hnliche groe Bewegung zu Gunsten der Abschaffung der staatlichen Regulierung und Beaufsichtigung der Prostitution hervor, es entstanden nur drei Vereine rein philanthropischer Natur, die die Erziehung verwahrloster Mdchen, die Grndung von Heimsttten und hnliches zum Ziele hatten. Ihre Leiterinnen wandten sich auch an die Arbeiterinnen, die anerkennen sollten, wie ntig ihre sittliche Hebung sei. Aber die Zeiten der Abhngigkeit waren vorbei: sie wiesen die Hand der Wohlthter zurck und erklrten, da wer der Arbeiterklasse helfen wolle, zuerst dafr sorgen msse, ihre materielle Lage zu verbessern. Unter dem anfeuernden Ruf einer Veteranin der Arbeit: "Proletarierfrauen, vereinigt euch!" schlssen sich sofort 500 Frauen und Mdchen zu einem selbstndigen Arbeiterinnenverein zusammen[865], der an Bedeutung alle bisherigen schwachen Versuche nach dieser Richtung bei weitem bertraf. "Verein zur Vertretung der Interessen der Arbeiterinnen" nannte sich diese erste wichtige Organisation. Die Regelung von Lohnstreitigkeiten, Errichtung von Arbeitsnachweisen nahm sie in ihre Statuten auf; ein Rest brgerlicher Auffassungsweise zeigte sich aber nicht nur in der Vereinigung ausschlielich weiblicher Arbeiter, sondern auch in ihrer ablehnenden Stellung gegenber dem Arbeiterinnenschutz. Sie war im wesentlichen dem Einflu der Grfin Guillaume-Schack zuzuschreiben, die sich, zurckgestoen von der jmmerlichen Haltung der brgerlichen Frauenbewegung, auf die Seite der Arbeiterinnen stellte, aber selbst noch im Ideenkreis der englischen Feministen befangen war. Nach allen Richtungen entwickelte sich die lebhafteste Bewegung. Der von der Regierung projektierte Nhgarnzoll, der die armen Nherinnen, die das Garn selbst zu liefern hatten, stark belastet haben wrde, gab den Ansto zum ersten erfolgreichen Eingreifen der Arbeiterinnen. Der junge Verein und zwei neue, ausschlielich von Arbeiterinnen gegrndete und geleitete, der Nordverein der Berliner Arbeiterinnen und der Fachverein der Mntelnherinnen, gaben den Ton an; Frau Guillaume-Schack untersttzte sie durch die von ihr gegrndete Zeitschrift "Die Staatsbrgerin", in der die traurige Lage der Arbeiterinnen rcksichtslos aufgedeckt wurde. Untersuchungen ihrer Lohn- und Lebensverhltnisse durch diese Vereine frderten dann noch ein Material zu Tage, das selbst die Verschlafensten aus ihrem Traum aufrtteln mute. Im Anschlu daran kam es zu einer Reichstagsdebatte und endlich zur amtlichen Untersuchung der Lohnverhltnisse der Arbeiterinnen in der Wschefabrikation und der Konfektionsbranche, die nur besttigen und ergnzen konnte, was jene erste private Erhebung bekundet hatte. Die Verschrfung der Truckgesetze war die weitere Folge und zugleich das erste Resultat der deutschen Arbeiterinnenbewegung, die sich inzwischen durch ihr Eintreten fr den gesetzlichen Arbeiterinnenschutz auch von dem letzten Rest brgerlicher Tradition frei gemacht hatte.[866] Aber in dem Augenblick, wo diese innere Erneuerung zu neuem krftigen Leben fhren sollte, wurde die "Staatsbrgerin" polizeilich verboten, smtliche Vereine, auch die auerhalb Berlins, aufgelst und ihre Leiterinnen unter Anklage gestellt. Eine "Gefahr fr Deutschland" sahen die Behrden in dem ersten Aufstreben der weiblichen Arbeiterschaft. Aber eine aus den Bedrfnissen der Massen entspringende Bewegung mute selbst der zhesten Verfolgung Hohn sprechen. Aus dem Widerstand gegen die Verfolgungen des Sozialistengesetzes, das versucht hatte, auch die gewerkschaftliche Bewegung zu vernichten, ging das Solidarittsgefhl der Arbeiter und Arbeiterinnen nur neu gestrkt hervor. Der Sieg des Sozialismus nach Jahren schrfster Unterdrckung, die Energie, mit der die Frauen ihr Trotz geboten hatten, ihre selbstbewuten Organisierungsversuche und die wachsende Erkenntnis, da es einer gefrchteten Schmutzkonkurrenz nur neue Nahrung zufhren hie, wenn man sie von den mnnlichen Berufsvereinen ausschlo, fhrten in der Haltung der Mnner nach und nach einen Umschwung herbei. 1890 wurde in Deutschland die Zentralkommission der Gewerkschaften Deutschlands gegrndet, die schon durch die Aufnahme einer Frau in den Vorstand ihren Standpunkt kennzeichnete. Sie veranlate sofort bei smtlichen Vorstnden der Vereine, da, soweit Frauen von der Mitgliedschaft ausgeschlossen waren, Antrge auf Statutennderung gestellt wurden, die in den meisten Fllen zur Annahme gelangten. Unter ihrer Leitung entwickelte sich eine rege Agitation unter den Arbeiterinnen zu Gunsten der Gewerkschaften. Frauen, mit einem Opfermut und einer Ausdauer, wie sie nur im Proletariat zu finden sind, reisen unermdlich im Auftrage der Generalkommission von Ort zu Ort, allen Polizeichikanen trotzend, denen sie in ausdehntestem Mae ausgesetzt sind; in engen, dumpfigen Lokalen sprechen sie oft Abend fr Abend, um ihren Zuhrerinnen klar zu machen, da sie ihre Lage nur dann verbessern knnen, wenn sie sich mit den Genossen ihrer Arbeit zusammenschlieen und der Profitgier und der Ausbeutungssucht des Unternehmers die Macht vereinter Krfte gegenberstellen. Der Erfolg dieser Bemhungen, die durch massenhafte Verbreitung von Flugblttern und Broschren noch untersttzt wird, ist bisher noch kein groer. Aus folgender Zusammenstellung geht das langsame Wachstum der weiblichen Organisation hervor. Die deutschen, der Generalkommission angeschlossenen Gewerkschaften zhlten weibliche Mitglieder: 1892: 4355 1893: 5384 1894: 5251 1895: 6697 1896: 15295 1897: 14644 1898: 13009 1899: 19280 1900: 22844 In einem Zeitraum von acht Jahren ist ihre Zahl zwar um das Fnffache gestiegen, aber von den Industriearbeiterinnen, die hier allein in Betracht kommen, weil die landwirtschaftlichen Arbeiterinnen und die Dienstboten kein Koalitionsrecht besitzen, sind immerhin erst 2,30 % organisiert und von den achtundfnfzig zentralisierten Gewerkschaften weisen nach der letzten Zhlung nur einundzwanzig weibliche Mitglieder auf. Sie verteilen sich auf die einzelnen Berufszweige wie folgt:[867] | Zahl der | Von 100 | weiblichen | Arbeiterinnen Organisation | Mitglieder | des | 1900 | betreffenden | | Berufs sind | | organisiert ---------------------------+------------+-------------- Buchbinder | 3046 | 22,50 Buchdruckereihilfsarbeiter | 698 | 12,15 Fabrikarbeiter | 2889 | 4,97 Glasarbeiter | 33 | 1,02 Handlungsgehilfen | 80 |\ 0,10 Lagerhalter | 9 |/ Handschuhmacher | 105 | 6,65 Holzarbeiter | 726 | 6,62 Hutmacher | 121 | 2,81 Konditoren | 15 | 0,76 Masseure | 46 | -- Metallarbeiter | 2693 | 11,37 Porzellanarbeiter | 357 | 4,40 Sattler | 31 | 2,04 Schneider | 758 | 1,19 Schuhmacher | 1916 | 20,31 Tabakarbeiter | 3922 |\ 6,58 Cigarrensortierer | 80 |/ Tapezierer | 37 | 10,57 Textilarbeiter | 5254 | 1,16 Vergolder | 28 | 4,45 ----------------------------------------+-------------- 22844 | 2,76 Auerhalb dieser durch die Generalkommission zusammengehaltenen Verbnde, stehen eine ganze Anzahl sogenannter Lokalorganisationen, die aber zumeist keine Frauen aufnehmen knnen, weil sie einen ausgesprochen politischen Charakter haben, und einzelne gewerkschaftliche Frauenvereine, die nur ein kmmerliches Dasein fristen. Etwas bedeutungsvoller ist die Teilnahme der Frauen an den 1868 gegrndeten Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereinen, die statutenmig sozialdemokratische Arbeiter ausschlieen, und, von brgerlich-liberaler Seite ins Leben gerufen, zum Teil auch geleitet, bis zum Jahre 1895 der Organisation der Frauen ablehnend gegenber standen. Auf dem Verbandstage jenes Jahres jedoch wurde eine Resolution zu Gunsten der Frauen angenommen, und nach dem Bericht fr das Jahr 1901 sind infolgedessen 3392 den Organisationen gewonnen worden; 1165 von ihnen sind Textilarbeiterinnen. Als dritte Variation der Gewerkschaftsbewegung ist die christliche anzusehen, die sich wieder in eine evangelische und eine katholische teilt. Die evangelische entwickelte sich seit 1882, zhlt aber keine weiblichen Mitglieder. Die bestehenden Frauenvereine sind ausschlielich religiser Art und haben keinerlei gewerkschaftlichen Charakter. Die katholische Richtung hat ihren Ursprung in dem Gewerkverein christlicher Bergleute, der im Jahre 1894 gegrndet wurde. Mit den Hirsch-Dunckerschen Vereinen teilt sie die entschieden feindliche Stellung gegenber der Sozialdemokratie, betont aber nebenbei noch die religis-christliche Gesinnung. Von Anfang an hatte sie ein gewisses sympathisches Verstndnis fr die weiblichen Berufsglieder, aber auf kirchlichen Anschauungen fuend, die jede Gleichberechtigung zwischen Mann und Weib ablehnen, trat sie nicht fr eine gemeinsame Organisation beider Geschlechter, sondern fr gesonderte Arbeiterinnenvereine ein, die den Vereinen der mnnlichen Berufsgenossen anzugliedern sind und als "Schutzverbnde der Arbeiterinnen" unter ihrer Leitung und Oberaufsicht stehen, damit im Falle von Arbeitseinstellungen trotz der Sonderung ein gemeinsames Vorgehen gesichert ist.[868] Wir finden hier jenes Festhalten an der Tradition in seltsamer Verknpfung mit Konzessionen an die moderne wirtschaftliche Entwicklung wieder, wie sie alle Bestrebungen der deutschen Centrumspartei,--und um eines ihrer Schokinder handelt es sich dabei,--aufweisen. An einer genaueren Statistik der organisierten Frauen fehlt es leider, da in manchen Verbnden die mnnlichen und weiblichen Mitglieder zusammengezhlt wurden. Nur zwei Textilarbeiterinnen-Verbnde,--der eine in Aachen, der andere in Eupen,--mit zusammen 430 Mitgliedern, werden besonders genannt.[869] Alles in allem drften in Deutschland, von den Grndungen der brgerlichen Frauenbewegung abgesehen, nicht mehr als 30000 Frauen gewerkschaftlich organisiert sein. In Oesterreich ist die Organisation der Arbeiterinnen noch auerordentlich gering. Im Jahre 1892 wurden 4263, 1896 5761, 1899 9206 organisierte Frauen gezhlt. Die verhltnismig starke Zunahme in den letzten drei Jahren ist auf die gesteigerte agitatorische Thtigkeit der Arbeiterinnen selbst zurckzufhren. Sie grndeten in Wien ein Frauenreichskomitee, an das sich in den Provinzstdten Sektionen angliedern, und deren Hauptzweck die Organisierung der Arbeiterinnen ist. Sie leiten eine systematische Agitation ber ganz Oesterreich und werden zweifellos bald noch grere Erfolge aufweisen knnen. Immerhin erfhrt auch die letzte Zhlung der Organisierten insofern eine Einschrnkung, als von den 9206 angegebenen Vereinsmitgliedern nur 5556 wirklichen Berufsvereinen angehren. Sie verteilen sich folgendermaen[870]: Organisation | Weibliche | Mitglieder -------------------------------+------------ Baugewerbe | 104 Bekleidungsindustrie | 433 Bergbau | 187 Chemische Industrie | 94 Eisen- und Metallindustrie | 105 Galanterie | 52 Glas- und keramische Industrie | 949 Graphische Gewerbe | 1147 Holzindustrie | 36 Handel | 58 Nahrungs- und Genumittel | 310 Lederindustrie | 76 Textilindustrie | 1950 Verschiedene Gewerbe | 55 Aehnlich wie in Deutschland entschlo sich in England erst 1889 der Gewerkvereinskongre zu Dundee dazu, die Notwendigkeit der Organisation der Arbeiterinnen grundstzlich anzuerkennen und seine Untersttzung zuzusagen. Trotzdem entschlossen sich bisher von 1282 Gewerkvereinen nur 111 dazu, weibliche Mitglieder zuzulassen, ein eklatanter Beweis, wie festgewurzelt die Vorurteile gerade die englische Arbeiterschaft beherrschen, deren gewerkschaftliche Bewegung die lteste und die grte ist. Auer diesen 111 gemischten Gewerkvereinen giebt es noch 28 Vereine nur mit weiblichen Mitgliedern.[871] Die Gesamtzahl der Organisierten betrug in den Jahren 1896: 117888 1897: 120254 1898: 116048 1899: 120448. Die englischen Arbeiterinnen sind demnach in strkerem Mae an der gewerkschaftlichen Bewegung beteiligt, als die deutschen. Der Wert dieser hheren Zahlen verliert aber an Bedeutung, wenn wir nicht nur das Alter der gewerkschaftlichen Bewegung in Betracht ziehen,--schon 1824 waren viele Weberinnen von Lancashire Mitglieder des Gewerkvereins und zu Owen's Grand National strmten 1833--34 die Frauen[872],--sondern uns auch erinnern, da der Organisation der Frauen von seiten des Staats und der Behrden keinerlei Schwierigkeiten gemacht werden; selbst die Landarbeiter und die Dienstboten, die in Deutschland vom Koalitionsrecht so gut wie ausgeschlossen sind, knnen sich zu Gewerkvereinen zusammenthun. Im Verhltnis zu smtlichen Arbeiterinnen ist die Zahl der Organisierten demnach sehr gering, sie betrgt nur 0,39%, im Verhltnis allein zu den Industriearbeiterinnen betrgt sie dagegen 8,22%. Was die Beteiligung der Arbeiterinnen je nach den Berufen an der Organisation betrifft, so stellt sie sich folgendermaen dar: | Anzahl der |Anzahl der|Von 100 |Gewerkvereine|Mitglieder|Arbeiterinnen | | |sind organi- | | |siert -----------------------------+-------------+----------+------------- Textilindustrie: | 88 | 109 076 | 19,70 Schuh- und Stiefelproduktion:| 2 | 618 | 1,42 Bekleidungsindustrie: | 11 | 1 128 | 0,26 Hut- und Mtzenindustrie: | 2 | 2 330 | 14,21 Druckerei, Papierfabrikation | | | u. hnl.: | 7 | 763 | 1,51 Tabakindustrie: | 4 | 2 403 | 19,11 Andere Industrien: | 25 | 4 130 | 1,33 -----------------------------+-------------+----------+------------- | 139 | 120 448 | 8,22 Wir sehen aus vorstehender Tabelle, da gegenber der starken Organisation der Textilarbeiterinnen,--sie machen fast 91 % aller Organisierten aus,--smtliche andere fast verschwinden. Auerordentlich gering ist die Zahl der Organisierten in der Bekleidungsindustrie. Hier finden wir auch unter 9 Gewerkvereinen fnf mit nur weiblichen Mitgliedern, deren kleinster 18 und deren grter 120 Mitglieder hat. Von den Landarbeiterinnen, von denen 1898 noch 14 Frauen zwei landwirtschaftlichen Vereinen angehrten und den Dienstboten, die 1897 noch einen Verein mit 122 Mitgliedern besaen, ist heute keine einzige mehr organisiert. In Frankreich ist die Organisierung der Arbeiterinnen sehr spt ernsthaft in Angriff genommen worden; ihre mnnlichen Berufsgenossen berlieen sie gedankenlos sich selbst oder der Obhut kirchlicher Vereinigungen. Auch eine, berdies sehr mangelhafte Statistik der Arbeiterinnen in den Syndikaten giebt es erst fr das Jahr 1900.[873] Dabei stellte es sich heraus, da 42984 Frauen Syndikaten als Mitglieder angehren. Da aber darunter auch die Mitglieder der Arbeitgeber-Verbnde und diejenigen, die Vereinen von Unternehmern und Arbeitern angehren, verstanden werden, so ist es fr unsere Zwecke notwendig, sie auszuscheiden. Denn als Gewerkschaften sind nur Arbeiterorganisationen anzuerkennen. Dies vorausgesetzt, bleiben 30975 weibliche Gewerkschaftsmitglieder in 254 Gewerkschaften brig; von diesen sind 17 nur Frauengewerkschaften. Nach der Zahl der in den verschiedenen Berufen Organisierten ist ihre Zusammensetzung folgende[874]: Berufsarten | Zahl der | Mitglieder ---------------------+----------- Tabakindustrie | 10194 Textilindustrie | 6802 Handelsgewerbe | 4376 Eisenbahnangestellte | 1611 Bekleidung | 1597 Grtnerei, Obstzucht | 1000 Lederbearbeitung | 746 ---------------------+----------- | 26326 Der Rest besteht aus den Mitgliedern der verschiedenartigsten, z.T. winzigen Gewerkschaften, deren hufig auerordentlich geringer Umfang ein Charakteristikum des franzsischen, jeder Zentralisierung entbehrenden Gewerkschaftswesens ist. Die Frauengewerkschaften sind folgende: Berufsarten | Zahl der | Zahl der | Gewerk- | Mitglieder | schaften | ---------------------+----------+------------ Tabakarbeiterinnen | 4 | 1760 Federnschmckerinnen | 1 | 300 Dienstboten | 2 | 220 Typographen | 1 | 210 Wscherinnen | 1 | 100 Stenographen | 2 | 94 Kravattennherinnen | 1 | 89 Schneiderinnen | 3 | 62 Blumenmacherinnen | 1 | 53 Stickerinnen | 1 | 36 Korsettnherinnen | 1 | 30 ---------------------+----------+------------ | 18 | 2954 Auch hier handelt es sich, wie wir sehen, um ganz unbedeutende Vereine, die nur mhsam ihr Leben fristen, meist mit Untersttzung der Damen der brgerlichen Frauenbewegung, denen einige auch ihre Grndung verdanken. Da die franzsischen Arbeiterinnen sich ungehindert zu Vereinen mit den Mnnern und allein verbinden knnen, so ist das Ergebnis in jeder Beziehung ein klgliches: von 3-1/2 Millionen kaum 31000 organisiert! Ueber die Beteiligung der Frauen an den Gewerkschaften der Vereinigten Staaten ist wenig in Erfahrung zu bringen. Der erste groe Arbeiterverband auf gewerkschaftlicher Grundlage, die Knights of Labour, der 1870 ins Leben trat, nahm nach zehnjhrigem Bestehen weibliche Mitglieder auf, und stellte sie den mnnlichen nicht nur vllig gleich, er erffnete auch durch Aussendung weiblicher Agitatoren eine wirkungsvolle Propaganda unter den Arbeiterinnen.[875] Schon nach wenigen Jahren zhlte allein der Zweigverein von Massachusetts 6000 weibliche Mitglieder.[876] Dem Einflsse der Knights of Labour ist es wohl auch zuzuschreiben, da die Gewerkschaften sich den Frauen gegenber niemals ablehnend verhielten. So wurden sie von Anfang an in den groen Unionen der Typographen und der Cigarrenarbeiter zugelassen und nur sehr selten kommt es daher vor, da sie selbstndige Frauenvereine grnden.[877] Wo es geschieht, ist es meist nur das Resultat brgerlichen Einflusses. Vielfach haben die in den einzelnen Gewerben organisierten Frauen stdtische Ausschsse gegrndet, in denen jedes Gewerbe durch Delegierte vertreten ist und die speziellen Fraueninteressen beraten werden. Auch ein allgemeiner amerikanischer Arbeitsverband der Frauen besteht, der den Zweck verfolgt, die Interessen der Arbeiterinnen und der Kinder zu vertreten und Klagen ber Arbeitsverhltnisse zu untersuchen. Trotz der gnstigen Lage aber, in der die amerikanischen Arbeiterinnen in Bezug auf die Mglichkeit gewerkschaftlichen Zusammenschlusses sich befinden, sind sie nur in sehr geringem Mae organisiert.[878] Die bestndige Einwanderung niedrig stehender Volkselemente, die die Sprache des Landes nicht kennen, die schlechtesten Arbeitsbedingungen ruhig acceptieren, und aus denen sich ein groer Teil der weiblichen Arbeiterschaft rekrutiert, sind die wesentliche Ursache hiervon. Das Mittel der Selbsthilfe durch die gewerkschaftliche Organisation scheint nach alledem bei den Frauen fast ganz versagt zu haben. Weil dem berall so ist, mssen die Grnde dafr auch berall die gleichen sein. Wir haben sie zunchst in dem Widerstand der Mnner und in der Jugend der gewerkschaftlichen Bewegung gefunden. Ein Beweis dafr ist der verhltnismig hohe Prozentsatz der englischen organisierten Textilarbeiterinnen: hier war der mnnliche Widerstand schon Anfang des 19. Jahrhunderts gebrochen; fast hundert Jahre ist demnach auch die Bewegung hier alt. Aber diese Grnde knnen unmglich die einzigen sein, schon weil das spte Erwachen gewerkschaftlicher Interessen auf selten der Frauen selbst der Begrndung bedarf. Ein Blick auf die gewerkschaftliche Bewegung der Mnner dient schon zur Erklrung: teils ist sie eine moderne Fortsetzung der alten Gesellenverbnde und hnlicher Vereinigungen, an denen Frauen fast niemals teilnahmen, teils ist sie den Bedrfnissen der in der Groindustrie zusammengedrngten Arbeiter entsprungen. So stark nun auch das Vordringen der Frauen in der Groindustrie sein mag, sie stehen bei weitem hinter den Mnnern zurck, und nehmen eine beherrschende Stellung nur in wenigen Industrien ein. Wo sie es thun, wie in der Textilindustrie, in der franzsischen Tabakindustrie, die infolge des Staatsmonopols die Hausindustrie auf diesem Gebiet fast ganz verdrngt hat, sind sie, wie wir gesehen haben, gewerkschaftlich am zahlreichsten organisiert. Und am schlechtesten ist es da um die Organisation bestellt, wo die Hausindustrie vorherrscht, z.B. in allen Bekleidungsgewerben und wo die Arbeiterin vereinzelt arbeitet, wie im huslichen Dienst, und zum Teil in der Landwirtschaft. Nicht nur, da die Arbeiterin hier abgeschnitten ist von dem Einflu sozialer Bewegungen, da sie als Heimarbeiterin oder als Dienstmdchen schwer zu dem Bewutsein solidarischer Verbindung mit ihren Arbeitsgenossen gelangt, sie lebt auch--und das ist ein Moment, das nie gengend hervorgehoben wird--in fast vlliger Abgeschlossenheit von dem mnnlichen Arbeiter, dem Hauptvermittler politischer und gewerkschaftlicher Aufklrung. Je mehr nun die Tendenz dahin geht, in der Industriearbeit eine Geschlechtstrennung vorzunehmen, desto schwerer wird dieser Umstand ins Gewicht fallen, denn infolge der Stellung der Frau im wirtschaftlichen und sozialen Leben ist sie bei weitem nicht so organisationsfhig als der Mann. Die Arbeit ist fr ihn der einzige Beruf; die Frau ist zwar gezwungen, mit ihm um die Wette atemlos dem Erwerbe nachzujagen, aber sie hat nebenbei noch so viele Wege zu machen, da sie nicht nur hinter ihm zurckbleibt und frh erlahmt, sondern auch nicht die mindeste Zeit hat, ber ihre Lage und die Bedingungen ihrer Arbeit irgendwie nachzudenken. Sie ist nicht nur Arbeiterin geworden, sie blieb Hausfrau. Sie ist aber auch Mutter. Whrend der Mann sich in Versammlungen aufklrt, sich mit seinen Kameraden verstndigt, Bcher und Zeitungen liest, hat sie zu kochen, zu nhen, zu flicken, Kinder zu pflegen, zu erziehen und zu beaufsichtigen; und um der Kinder willen wird sie sogar hufig zu einer heftigen Gegnerin der Gewerkschaft, die Beitrge von ihr fordert, die sie so notwendig fr die Befriedigung ihrer Bedrfnisse braucht, die sie sogar zur Arbeitseinstellung ntigen kann. Und ebenso wie sie die alte Hausfrauenthtigkeit in ihr modernes Erwerbsleben mit hinbernahm, so hat sie auch alte Trume und Traditionen nicht abzuschtteln vermocht. Fast jedes junge Mdchen erwartet die Ehe wie etwas, das ihr ganzes Leben ausfllen und in Anspruch nehmen wird. Die junge Arbeiterin bildet darin keine Ausnahme: ihre Arbeit ist fr sie kein Lebensberuf, sondern nur die Durchgangsstation zu dem eigentlichen Beruf, der Ehe. Infolgedessen hat sie kein Interesse an der Gewerkschaft und giebt das Geld, das in den Beitrgen angelegt werden mte, lieber fr ein wenig Putz und Tand aus, um ihre Person vor dem Erlser, den Mann, mglichst verfhrerisch zu gestalten. Damit sind die Schwierigkeiten, die der Organisierung der Frauen entgegenstehen, aber noch nicht erschpft. Wir haben gesehen, da die Frauen infolge ihrer schlechten Ausbildung und ihrer krperlichen Veranlagung sehr hufig nach Qualitt oder Quantitt geringwertigere Arbeit leisten. Die Gewerkschaft verlangt aber von ihren Mitgliedern Einhaltung der Gewerkschaftsbedingungen, z.B. des Lohntarifs, der jedoch wieder seinerseits eine gewisse Hhe der Leistungsfhigkeit voraussetzt. So entschlo sich der Verein Londoner Setzer, Frauen zu gleichen Bedingungen aufzunehmen wie Mnner, infolgedessen hat er nur ein einziges weibliches Mitglied, weil die anderen nicht im stande sind, diese Bedingungen zu erfllen. Ebenso erklrten die franzsischen Typographen, Frauen aufnehmen zu wollen, wenn sie den Lohntarif acceptierten,--es fand sich keine einzige, die das vermochte, teils weil ihre Leistungen nicht dem entsprechen, teils weil die Unternehmer in der Frauenarbeit nur die billige Arbeit suchen. Wenn daher manche Gewerkvereine sich den Frauen verschlieen, wie der der englischen Brstenmacher, der Perlmutterknopfarbeiter oder der Kettenaufbumer und Zwirner, so geschieht es in der Annahme, da der Eintritt der Frauen ein Herunterdrcken der Gewerkschaftsbedingungen notwendig nach sich ziehen msse.[879] Wie berechtigt das ist, sehen wir daran, da die Lohnstze der Industrien mit starker Frauenbeteiligung sich nach den Frauenlhnen und nicht nach den Mnnerlhnen zu regeln pflegen. Mit welchen Mitteln sind diese Schwierigkeiten zu besiegen, ist berhaupt Aussicht vorhanden, da unter den herrschenden wirtschaftlichen Verhltnissen eine nennenswerte Organisation der Arbeiterinnen sich wird ermglichen lassen? Das sind die Fragen, die uns zunchst aufstoen. Die Geschichte der Gewerkschaftsbewegung hilft sie beantworten. Die Entwicklung zur Groindustrie war die Grundlage, auf der die Organisationen der Mnner entstehen und erstarken konnten. Die Frauen stehen aber heute im Erwerbsleben etwa auf dem Standpunkt, den die Mnner vor hundert Jahren einnahmen. Die Frauenarbeit zu einer wesentlich groindustriellen zu gestalten, die Heimarbeit in jeder Form zu unterdrcken, ist daher eine der wichtigsten Voraussetzungen zur Organisierung der Arbeiterinnen. Was aber ferner die mnnlichen Arbeiter antreibt, sich zur Erkmpfung besserer Arbeitsbedingungen zusammen zu scharen, ist der Umstand, da ihr Beruf die einzige Grundlage ihrer Existenz bildet, deren schlechtere oder bessere Gestaltung allein von ihm abhngt. Will man die Frau organisationsfhig machen, so gilt es, ihre Selbstndigkeit im Erwerbsleben sowohl in rechtlicher wie in sozialer Hinsicht zu frdern. Unterdrckung der Heimarbeit ist auch hier das Losungswort, denn sie untersttzt die Unselbstndigkeit, indem sie den Frauen ermglicht, als Haustchter und Hausfrauen einem Nebenerwerb nachzugehen. Die geringere Leistungsfhigkeit der Frau ist ein weiteres ernstes Hindernis ihrer Organisierung. Da gilt es denn nicht nur ihre Arbeitskraft durch ausreichende Vorbildung zu einer mglichst vollkommenen zu gestalten, sondern Mittel und Wege zu finden, um die auch dann noch zurckbleibende Differenz zwischen der ihrigen und der des Mannes mglichst auszugleichen. Englische Arbeiterinnen haben dieser Schwierigkeit gegenber hufig die Ansicht vertreten, da fr Frauen besondere Lohntarife aufgestellt werden sollten, ein Ausweg, der auf die Irrwege der Nur-Frauengewerkschaften fhren wrde. Annehmbarer schon erscheint die Vereinbarung der Strumpfwirkergewerkschaft, wonach die Frauen die leichten Maschinen, die Mnner die schweren zu bedienen htten, und jede Konkurrenz dadurch im Keime erstickt wrde. Es liegt aber zugleich eine Ungerechtigkeit in diesem Beschlu, da die Arbeit an den leichten Sthlen geringer entlohnt wird und auch solche Frauen zu ihr gezwungen sind, die ber ausreichende Krfte zur Bedienung der schweren verfgen. Am richtigsten verfuhren die Weber von Lancashire, die eine feste, fr Mnner und Frauen gleichmig gltige Stcklohnpreisliste aufstellten. Infolgedessen trat allerdings nach und nach von selbst eine Sonderung der Geschlechter ein, indem die Frauen an den schmalen, die Mnner an den breiten Sthlen arbeiteten. Die Bewerber um die Arbeit scheiden sich aber nicht nach dem Geschlecht, sondern nach der Strke und der Geschicklichkeit; eine starke Frau kann daher ebenso einen breiten, wie ein schwacher Mann einen schmalen Stuhl zu bedienen haben.[880] Die Aufstellung fester Lohntarife in allen Gewerkschaften wird daher die schdigende Wirkung weiblicher Mitgliedschaft erst aufheben und den Eintritt der Frauen ermglichen knnen. Die gewerkschaftliche Entwicklung hat ferner gezeigt, da die gut bezahlten Arbeiter sich am raschesten und entschiedensten organisieren, whrend die sozial tiefstehenden, geistig rckstndigen diejenigen sind, die durch vlligen Mangel an Solidarittsgefhl vereinzelt bleiben und jeder fr sich versuchen, dem Hherstehenden Schmutzkonkurrenz zu machen. Auf dem Standpunkt der sozial tiefstehenden, schlecht entlohnten Arbeiter stehen aber die Frauen. Ihre demtig-stumpfsinnige Bedrfnislosigkeit, die sie nicht weiter sehen lt, als ber den engen Horizont ihrer eigenen vier Wnde und der Befriedigung des rein physischen Hungers, mit allen Mitteln zu bekmpfen, gehrt zu den weiteren wichtigen Aufgaben der gewerkschaftlichen Bewegung. Um sie aber aufzuklren, mu zunchst die Mglichkeit gegeben sein, da diese Aufklrung sie berhaupt erreicht, d.h. sie mssen Zeit haben, um Versammlungen zu besuchen, Zeitungen und Bcher zu lesen. Die Entlastung der erwerbsthtigen Frau von der huslichen Arbeit, die Verkrzung ihrer Arbeitszeit im Beruf, erweist sich daher als unbedingte Notwendigkeit, wenn eine Einbeziehung der weiblichen Arbeiter in die Gewerkschaften erreicht werden soll. Vor allem aber mu auch die Mglichkeit dazu durch ein gesichertes Koalitionsrecht ihnen gegeben sein. Der zweite Weg der Selbsthilfe, den die Lohnarbeiter nchst dem der Gewerkschaft beschreiten knnen, ist der der Genossenschaft. In dem einen Fall ist die Erhhung des Einkommens eines der wichtigsten Ziele, in dem anderen die billigere Beschaffung der Lebens- und Wirtschaftsbedrfnisse. Unter den vielen Arten der Genossenschaften kommen fr die Arbeiter die Konsum- und Baugenossenschaften in erster Linie in Betracht. Es waren ja auch Arbeiter,--arme englische Weber,--die die Bahnbrecher der groen englischen Genossenschaftsbewegung gewesen sind. Eine irgendwie hervortretende, oder gar fhrende Rolle haben die Frauen nicht darin gespielt, obwohl sie als Konsumenten, als Hausfrauen, wesentlich daran interessiert sein sollten. Erst 1883 wurde in England ein Verein weiblicher Genossenschafter gegrndet, dessen Zweige mit den Konsumvereinen in Verbindung stehen, und der lediglich den Zweck hat, die Frauen fr die Genossenschaften zu interessieren. Es ist ihm gelungen, 284 Zweigvereine ins Leben zu rufen, die 13000 Mitglieder haben. Auch in Frankreich, wo die Bewegung erfreuliche Fortschritte macht, sind einige kleine Vereine hnlicher Art entstanden; in Deutschland existiert nicht nur nichts dergleichen, auch die Teilnahme der Frauen an den Genossenschaften selbst ist eine uerst matte. Lassalles Ansicht, da die Konsumvereine eine Lohnherabsetzung zur Folge haben wrden, spukt, obwohl sie lngst durch die Praxis widerlegt wurde, wohl noch in den Kpfen, vor allem aber zeigt sich auch hier, was wir bei der Gewerkschaftsbewegung gesehen haben, da sozial tiefstehende, schlecht entlohnte Arbeiter fr sie nicht zu haben sind, und da deshalb die Frauen im groen und ganzen ihr fern bleiben und ihr verstndnislos und mitrauisch gegenberstehen. Nur wo sie durch hheren Lohn und krzere Arbeitszeit eine gewisse soziale Hhe erreicht haben, werden sie im stande sein, auch diesen Weg der Selbsthilfe zu beschreiten. Wir sehen also, da zwei der wichtigsten Ziele der Organisierung zugleich ihre Mittel sind. Als Mittel aber fallen sie fr die Frauen weit entscheidender ins Gewicht als fr die Mnner, weil die weibliche Arbeit noch im Anfangsstadium ihrer Entwicklung steht und durch tief eingreifende, mit dem mtterlichen und dem huslichen Beruf der Frau zusammenhngende Hindernisse gehemmt wird. Infolgedessen kann eine bloe gewerkschaftliche Agitation und Aufklrung bei den Frauen nicht annhernd den Erfolg haben, wie bei den Mnnern, es mssen ihr vielmehr gesetzliche Reformen vorausgehen und zu Hilfe kommen. Die Weberinnen von Lancashire waren vor dem Schutzgesetz ebenso ausgebeutet und organisationsunfhig, wie heute die Mehrzahl der Arbeiterinnen. Erst nachdem ihnen durch das Gesetz untersagt wurde, auf schlechte Arbeitsbedingungen einzugehen, begannen sie, den Gewerkschaften und Genossenschaften beizutreten.[881] Die Erkenntnis der Notwendigkeit gesetzlicher Reformen zwang die politisch rechtlosen Frauen dazu, sich nach einer Vertretung ihrer Interessen umzusehen, die sie dort fanden, wo ihre mnnlichen Arbeitsgenossen sie gefunden hatten: im Sozialismus und seinem praktisch-politischen Ausdruck, der Sozialdemokratie. Solange der Arbeiter mit all seinen Ideen und Instinkten der brgerlichen Begriffswelt angehrt hatte und berzeugt gewesen war, da alle Erscheinungen des wirtschaftlichen und sozialen Lebens von auen willkrlich gemacht werden, konnte er des Glaubens sein, da die Frauenarbeit sich einfach wieder aus der Welt schaffen liee; dem modernen wissenschaftlichen Sozialismus, wie Marx und Engels ihn begrndeten, blieb es vorbehalten, die konomischen Ursachen und Zusammenhnge alles Geschehens aufzudecken, und festzustellen, da auch die Frauenarbeit ein notwendiges Ergebnis der herrschenden kapitalistischen Produktionsweise ist, man sich daher mit ihr als mit einer gegebenen Thatsache abzufinden hat und es sich nur darum handelt, "die Stellung der Weiber als bloer Produktionsinstrumente aufzuheben"[882], d.h. sie ebenso wie den Arbeiter nicht von der Arbeit, sondern von der Lohnsklaverei zu befreien. Vom Standpunkt des Sozialismus aus haben die Frauen den Kampf um ihre Interessen nicht mehr als Geschlechtsgenossinnen zu fhren, sondern als Genossinnen der unterdrckten und beherrschten Arbeiterklasse, mit der sie sich solidarisch fhlen mssen, weil sie unter den gleichen Arbeits- und Existenzbedingungen leiden und im Kampf um die Befreiung aufeinander angewiesen sind. An alle Arbeiter, ohne Unterschied des Geschlechts, ergeht der Ruf, mit dem das kommunistische Manifest schliet: Proletarier aller Lnder, vereinigt euch! Es war der erste klare Ausdruck der modernen sozialen Entwicklung, die zwischen den Interessen der brgerlichen Gesellschaft und dem des Proletariats eine ungeheuere Kluft gegraben hat, es war aber auch die erste ffentliche Mndigkeitserklrung der Frau, die durch Arbeit und Not mndig geworden war. In den Programmen der sozialdemokratischen Parteien aller Lnder nimmt die Emanzipation der Frau daher einen breiten Raum ein, und in den Parteiorganisationen ist ihnen, soweit die Gesetze es zulassen, volle Gleichberechtigung eingerumt worden. Sie haben Sitz und Stimme in den Kongressen, sie sind Mitglieder der Vorstnde, sie teilen sich mit den Mnnern auch in die politische Agitation und haben infolgedessen einen weitgehenden Einflu auf die Haltung der Partei gewonnen. Der deutschen Arbeiterinnenbewegung gebhrt der Ruhm, sich zuerst und mit aller Entschiedenheit der Sozialdemokratie angeschlossen zu haben. Da es in so unzweideutiger Weise geschah, war nicht zum wenigsten den polizeilichen Verfolgungen und Vereinsauflsungen zu verdanken, die, wie wir gesehen haben, die ersten, zunchst rein wirtschaftlichen Bestrebungen der Arbeiterinnen gewaltsam zu unterdrcken suchten. Die Frauen sahen sich gradezu gezwungen, da sie keine Vereine mehr hatten und selbst ffentliche Frauenversammlungen verboten wurden, an der allgemeinen Arbeiterbewegung teil zu nehmen. Sie fanden hier ihre natrlichen Bundesgenossen. Schon 1869, auf dem Arbeiterkongre in Eisenach, kam es zu einer lngeren Errterung der Frauenarbeit, und die damals noch allgemein herrschende Feindschaft der Mnner gegen die weiblichen Konkurrenten uerte sich in einem Antrag, der die Abschaffung der Frauenarbeit zum Programmpunkt der Partei machen wollte. Er wurde jedoch mit der Begrndung abgelehnt, da das Ziel, das er im Auge habe, nicht erreicht werden knne, und jede Unterdrckung der Frauenarbeit die auf den Erwerb angewiesenen Frauen nur scharenweise der Prostitution in die Arme treiben wrde. Die gefhrliche Konkurrenz der Frauen aber liee sich beseitigen: durch ihre Organisation mit den Mnnern, durch die Erweckung des Klassenbewutseins in ihnen und die Erhebung des Weibes zur gleichstehenden Genossin. Diesen Grundstzen ist die Partei treu geblieben; ihre Befestigung aber und ihr Ausbau ist wesentlich der Teilnahme der Frauen an ihrer Thtigkeit und ihrer Entwicklung zu verdanken. Die ersten Arbeiterinnenvereine, die noch in vlliger Unkenntnis der Handhabung der Gesetze ihnen gegenber sich ziemlich eng an die Partei anschlossen, entstanden Anfang der siebziger Jahre. Ihre Mitglieder waren zugleich die ersten Frauen Deutschlands, die sich 1874 an der Wahlbewegung durch unermdliche, opferfreudige Agitation beteiligten. Die Behrden beantworteten ihr Vorgehen mit der Auflsung smtlicher Vereine, die sozialdemokratische Partei, die ihre wachsende Strke auch ihnen zu verdanken hatte, mit dem ersten ausfhrlichen Antrag zur Abnderung der Gewerbeordnung, den sie 1877 im Reichstag einbrachte, und der zur Hebung der Lage der Arbeiterinnen Beschrnkung der Arbeitszeit, Schutz der Wchnerinnen und Schwangeren, Verbot der Nachtarbeit, der Arbeit unter Tage, auf Hochbauten und an im Gange befindlichen Maschinen forderte.[883] Die sozialdemokratischen Frauen erweiterten diese Vorschlge, indem sie die zuerst von ihnen allein aufrecht erhaltene Forderung der Anstellung weiblicher Fabrikinspektoren erhoben. Die Reichstagsfraktion ihrer Partei machte sie zu der ihren und verlangte demgem 1884 die Hinzuziehung weiblicher Beamten zur Gewerbeaufsicht. Das Wahlrecht zu den Gewerbegerichten war ein ferneres Ziel der Arbeiterinnenbewegung. Als im Jahre 1890 die Regierung einen Gesetzentwurf zur Abnderung der Gewerbeordnung dem Reichstag vorlegte, stellte die sozialdemokratische Partei ihm einen anderen gegenber, der fr die Frauen das Wahlrecht zu den von ihr geplanten Arbeitskammern in Aussicht nahm. Nach der Ablehnung ihres Entwurfs beantragte sie noch in derselben Session, da den Arbeiterinnen das aktive und das passive Wahlrecht zu den Gewerbegerichten zuerkannt werde. Eines der bedeutsamsten Ereignisse aber, das geeignet war, den sozialistischen Charakter der deutschen Arbeiterinnenbewegung zu befestigen, war das Erscheinen von August Bebels Buch "Die Frau und der Sozialismus". An der Hand der Entwicklungsgeschichte und der Statistik wurde hier zum erstenmal der notwendige Zusammenhang der Frauenfrage mit der sozialen Frage dargestellt und bewiesen, da erst die wirtschaftliche Befreiung der Frau ihre Emanzipation vollenden knne. Die Wirkung dieses Buchs ging bald ber Deutschlands Grenzen weit hinaus und hat nicht nur die Frauenfrage in ein neues Licht gerckt, sondern allmhlich die Ansichten ber ihre Lsung von Grund aus umwandeln helfen. Die durch alle diese Einflsse immer mehr erstarkende Arbeiterinnenbewegung bedurfte nun auch einer Organisation, da sie an dem politischen Vereinsleben der Mnner infolge der gesetzlichen Beschrnkungen nicht teilnehmen konnte. So wurden 1891 allerorten sogenannte Agitationskommissionen gegrndet, deren Aufgabe es war, die Agitation unter dem weiblichen Proletariat zu einer einheitlichen und planmigen zu gestalten. In der "Arbeiterin" erstand im selben Jahre der Bewegung ein Organ, das zuerst von Frau Emma Ihrer geleitet wurde und spter unter dem Titel "Die Gleichheit" in die Hnde von Frau Klara Zetkin berging. Der steigende Einflu der Frauen drckte sich in den Beschlssen des Erfurter Parteitags aus. In dem Programm, das er aufstellte, und das bis jetzt die Richtschnur der Partei geblieben ist, wurde die Frauenfrage eingehend behandelt. Neben die alten Forderungen fr den Arbeiterinnenschutz traten die neuen der Abschaffung aller Gesetze, welche die Frau in ffentlich-und privatrechtlicher Beziehung gegenber dem Manne benachteiligen und die freie Meinungsuerung und das Recht der Vereinigung und Versammlung einschrnken oder unterdrcken, der rechtlichen Gleichstellung der landwirtschaftlichen Arbeiter und der Dienstboten mit den gewerblichen Arbeitern, der Abschaffung der Gesindeordnungen. Gleichsam ein Echo dieser Beschlsse war es, wenn im selben Jahre seitens der Behrden eine wahre Razzia unter den neu entstandenen Arbeiterinnenvereinen abgehalten wurde; in Frankfurt und in Halle wurden sie zuerst aufgelst. Das war jedoch nur ein Vorspiel zu dem, was noch kommen sollte. Die Arbeiterinnenbewegung, die ganz dazu angethan war, revolutionierende Ideen bis in den Scho der Familie zu tragen, war den Behrden ein Dorn im Auge. Sie sahen, wie die Frauen mehr und mehr allen politischen Tagesfragen gegenber Stellung nahmen, wie sie 1893 bei Gelegenheit der Neuwahlen, die unter dem Zeichen der Militrvorlage standen, eine fast fieberhafte Thtigkeit entfalteten. Jeder Arbeiterinnenverein erschien ihnen verdchtig, am verdchtigsten aber die Agitationskommissionen. Im Jahre 1895 wurden sie und smtliche Vereine aufgelst, ihre Leiterinnen unter Anklage gestellt und bestraft. Die Antwort auf diese neue Verfolgung war eine ber ganz Deutschland sich erstreckende Agitation fr die Reform des Vereins- und Versammlungsrechts, das fr die Frauen, soweit sie sozialistischer Gesinnung verdchtig sind, nichts als ein groes Unrecht ist. Die politischen Vertreter der Partei waren auch jetzt die Vertreter der Arbeiterinnen, indem sie im Reichstag die volle Koalitionsfreiheit fr die Frauen forderten. Um die Arbeiterinnenbewegung nicht vllig dem Zufall zu berlassen, kam man nach der Vernichtung der Agitationskommissionen zu dem Ausweg, weibliche Vertrauenspersonen zu whlen, die nunmehr die Leitung und das systematische Vorgehen bei der Agitation in Hnden haben. Es stehen ihnen eine Anzahl weiblicher Agitatoren, zumeist aus den Kreisen der Arbeiterinnen selbst zur Verfgung, die mit groer Ausdauer fast stndig auf Reisen sind, um bis in die fernsten und kleinsten Winkel des Reichs die Ideen des Sozialismus zu tragen. Der im Kampf ums Dasein abgehrtete Krper, der von einer oft wahrhaft apostolischen Begeisterung fr ihre Sache erfllte Geist hebt sie ber alle Chikanen und Verfolgungen der Behrden, ber alle Gehssigkeit und alle Verachtung der brgerlichen Gesellschaft hinweg. Weniger als frher haben ihre Reden allgemeine politische Tagesfragen zum Inhalt. In der richtigen Erkenntnis, da es gilt, alle Krfte auf bestimmte Punkte zu konzentrieren, wenn etwas erreicht werden soll, haben die Parteitage zu Hannover 1899 und der zu Mainz 1900 der Frauenagitation den Weg vorgeschrieben. Die Arbeiterinnenbewegung hat sich dabei als nchste Aufgabe den Arbeiterinnenschutz zum Inhalt gegeben. Die in Hannover aufgestellten Forderungen sind im Hinblick hierauf die folgenden[884]: 1) Absolutes Verbot der Nachtarbeit fr Frauen. 2) Verbot der Verwendung von Frauen bei allen Beschftigungsarten, welche dem weiblichen Organismus besonders schdlich sind. 3) Einfhrung des gesetzlichen Achtstundentages fr die Arbeiterinnen. 4) Freigabe des Sonnabendnachmittags fr die Arbeiterinnen. 5) Ausdehnung der Schutzbestimmungen fr Schwangere und Wchnerinnen auf mindestens einen Monat vor und zwei Monate nach der Entbindung; Beseitigung der Ausnahmebewilligungen von diesen Bestimmungen auf Grund eines rztlichen Zeugnisses. 6) Ausdehnung der gesetzlichen Schutzbestimmungen auf die Hausindustrie. 7) Anstellung weiblicher Fabrikinspektoren. 8) Sicherung vlliger Koalitionsfreiheit fr die Arbeiterinnen. 9) Aktives und passives Wahlrecht der Arbeiterinnen zu den Gewerbegerichten. In der Frauenkonferenz, die im Anschlu an den Mainzer Parteitag stattfand, wurde diesen Beschlssen noch der hinzugefgt, neben der mndlichen, auch eine schriftliche Agitation fr den Arbeiterinnenschutz durch Flugbltter und Broschren zu entfalten. In derselben Versammlung wurde das System der Vertrauenspersonen, an deren Spitze eine Zentralvertrauensperson mit dem Sitz in Berlin steht, durch Bestimmungen ber die Art ihrer Thtigkeit noch einheitlicher ausgebaut und der wichtige Beschlu gefat, da berall dort, wo die Vereinsgesetze dem nicht entgegenstehen, die weiblichen Vertrauenspersonen von den Organen der allgemeinen Bewegung zu allen Arbeiten und Sitzungen hinzuzuziehen sind.[885] Fragen wir nach den Erfolgen der politischen Seite der deutschen Arbeiterinnenbewegung, so lt sich eine zahlenmige Antwort, wie bei der Errterung ihrer gewerkschaftlichen Seite nicht geben. Sie kann weder die ihren Ideen gewonnenen Frauen zhlen, wie die brgerliche Frauenbewegung die Mitglieder ihrer Vereine, noch wie die mnnlichen Genossen durch die bei der Reichstagwahl abgegebenen Stimmen. Der einzig richtige Mastab, an dem sie gemessen werden knnen, ist die Gesetzgebung und die ffentliche Meinung. Dabei sei zunchst an folgende Thatsachen erinnert: das erste energische Auftreten der Arbeiterinnenbewegung war der Kampf gegen den Nhgarnzoll; die Regierungsvorlage wurde abgelehnt, und infolge der durch die Arbeiterinnen und ihre Presse aufgedeckten traurigen Zustnde in der Konfektion, jene amtliche Enquete veranstaltet, die zur Verschrfung der Truckgesetze fhrte. Wenige Jahre spter leiteten Berliner Sozialdemokratinnen die erste Kellnerinnenbewegung. Das allgemeine Entsetzen ber das was sie zu Tage frderte, fhrte zu der sich durch Jahre hinziehenden Untersuchung der Lage der Gastwirtsgehilfen durch die Kommission fr Arbeiterstatistik, und zu den jetzt zur Beratung stehenden Vorschlgen fr eine Schutzgesetzgebung. Der groe Konfektionsarbeiterstreik 1896, der die brgerliche Gesellschaft zwang, in Tiefen des Elends einen Blick zu thun, ber die sie bisher achtlos fortgeschritten war, ntigte abermals zu eingehenden Untersuchungen und zu dem ersten Versuch gesetzlicher Regelung der Hausindustrie. Aber mehr noch: da die Arbeiterinnenbewegung Deutschlands durchaus identisch ist mit der Arbeiterbewegung und ihr Einflu auf die Haltung der sozialdemokratischen Partei unverkennbar ist, so sind die Fortschritte gesetzlichen Arbeiterschutzes, so gering sie auch sein mgen, mit ein Erfolg ihrer agitatorischen Thtigkeit. Die Antrge, die die Fraktion 1877 nach dieser Richtung stellte und die mit berwltigender Majoritt abgelehnt wurden, erschienen 13 Jahre spter zum groen Teil in der Regierungsvorlage wieder, die zur Annahme gelangte. Wenn Frst Bismarck gesagt hat, da wir ohne die Sozialdemokratie auch das bichen Sozialreform nicht htten, was wir besitzen, so knnen wir hinzufgen, da wir einen Teil von ihr ohne die Mitarbeit der Frauen auch nicht haben wrden. Diese Erfolge aber schrumpfen bedenklich zusammen, wenn wir sie der Lage der Arbeiterinnen gegenberstellen: sie erscheinen nicht viel anders wie ein schwaches Kerzenlicht in der Dachkammer eines ungeheuren dunklen Schlosses. Und vergegenwrtigen wir uns weiter, welch eine Macht die Millionen proletarischer Arbeiterinnen ausben knnten, wie sie im stande wren, in die Nacht ihrer Existenz das helle Licht des Tages zu tragen, wenn sie alle einig unter einem Banner zusammen stnden,--so erkennen wir, da wir berhaupt erst am Anfang der Bewegung stehen, und es drngt sich uns die Frage auf, welche Mittel sie zu ergreifen hat, um vorwrts zu kommen. Es sind sowohl solche negativer, als positiver Art. Betrachten wir zunchst die negativen. Es bedeutet in jeder Beziehung eine Selbstaufgabe, wenn die Arbeiterinnenbewegung den Charakter der Frauenbewegung im brgerlichen Sinne annimmt. Soweit sie eine selbstndige Existenz neben der Arbeiterbewegung besitzt, ist es keine, aus der Entwicklung der Frauenarbeit sich ergebende Notwendigkeit, wie in der brgerlichen Welt, sondern nur ein Notbehelf, zu dem sie vielfach durch die rechtliche Stellung, besonders der deutschen Frau, gezwungen wird. Wo ein direkter Zwang nicht vorliegt, ist jede Nur-Frauenorganisation in der Arbeiterinnenbewegung vom Uebel. Dahin gehren z.B. die vielen in Deutschland und Oesterreich entstandenen Arbeiterinnen-Bildungsvereine, dahin gehren die selbstndigen sozialistischen Frauenkongresse, wie sie in Belgien schon zweimal abgehalten wurden, dahin gehren vor allem die Frauengewerkschaften, wie sie neuerdings besonders von den radikalen franzsischen Frauenrechtlerinnen angestrebt werden. Eine sich ihrer Grundlagen und ihrer Ziele klar bewute Arbeiterinnenbewegung hat diese Art der Organisierung nur da zu gestatten, wo es sich bei Gewerkschaften um ausschlieliche Frauenberufe, oder bei Bildungsvereinen um solche Orte handelt, wo berhaupt gar kein anderer, den Arbeiterinnen zugnglicher Verein besteht. Grundstzlich aber sollte sie sich ihnen gegenber stets ablehnend verhalten, denn sie knnen am letzten Ende nur verwirrend wirken und jenen einseitigen Frauenstandpunkt gro ziehen, der das Solidarittsgefhl zwischen Arbeiter und Arbeiterin, die wichtigste Voraussetzung fr einen erfolgreichen Kampf des Proletariats, nicht aufkommen lt. Die selbstverstndliche Konsequenz dieses Standpunktes ist natrlich auch die Ablehnung jeder gemeinsamen Arbeit mit der brgerlichen Frauenbewegung. Darunter verstehe ich den Eintritt in oder den Zusammenschlu mit brgerlichen Frauenvereinen einerseits, oder die Zulassung brgerlicher Frauenrechtler in Arbeiterinnenvereine andererseits. Wie reaktionr beides wirkt, dafr liefert England und Frankreich Beispiele genug: die zahlreichen, von Damen der brgerlichen Gesellschaft geleiteten Arbeiterinnenklubs, Ferienkolonien und dergl. sind zweifellos eine der Ursachen fr die politische Rckstndigkeit der englischen Arbeiterinnen, ebenso wie die Einmischung der franzsischen Frauenrechtler in die Arbeiterinnenbewegung fast einer Zerstrung gleichkommt. Vllig abzulehnen ist daher auch die Thtigkeit brgerlicher Frauen in Gewerkschaften, die man vielfach selbst in Arbeiterkreisen fr unbedenklich hlt. Sie wird fast immer in Bevormundung ausarten. Die deutsche Arbeiterinnenbewegung hat die Gemeinschaft mit der brgerlichen Frauenbewegung stets am schroffsten abgelehnt. Aber weder deren Feindseligkeit gegenber den sozialdemokratischen Arbeiterinnen, wie sie sich bei Gelegenheit der Grndung des Bundes deutscher Frauenvereine dokumentierte, noch ihre Gleichgltigkeit, die am drastischsten in dem Auflsungsjahr 1895 hervortrat, wo es niemandem einfiel die behauptete Solidaritt mit den "rmeren Schwestern" in der Form energischer Proteste einmal durch die That zu beweisen, bot die Veranlassung dazu, sondern vielmehr die klare Erkenntnis der vlligen Differenz der beiden Bewegungen zu Grunde liegenden Weltanschauungen, die Verschiedenheit ihrer Ausgangspunkte, sowohl wie ihrer Ziele.[886] Diese Differenz fand in einer auf dem Parteitag zu Gotha angenommenen Resolution ihren prgnanten Ausdruck, in der es unter anderem heit[887]: "Als Kmpferin im Klassenkampf bedarf die Proletarierin ebenso der rechtlichen und politischen Gleichstellung mit dem Manne, als die Klein- und Mittelbrgerin und die Frau der brgerlichen Intelligenz. Als selbstndige Arbeiterin bedarf sie ebenso der freien Verfgung ber ihr Einkommen (Lohn) und ihre Person als die Frau der groen Bourgeoisie. Aber trotz aller Berhrungspunkte in rechtlichen und politischen Reformforderungen hat die Proletarierin in den entscheidenden konomischen Interessen nichts Gemeinsames mit den Frauen der anderen Klassen. Die Emanzipation der proletarischen Frau kann deshalb nicht das Werk sein der Frauen aller Klassen, sondern ist allein das Werk des gesamten Proletariats ohne Unterschied des Geschlechts." Kommen wir nun, im Anschlu hieran, zu den positiven Mitteln, deren sich die Arbeiterinnenbewegung bedienen mu, so ist eines der wichtigsten, die Ausbreitung ihrer propagandistischen Thtigkeit ber alle Kreise weiblicher Lohnarbeiter. Solange eine Bewegung sich in der Entwicklung befindet, ist es eine ihrer Lebensbedingungen, sich zunchst in sich zu konsolidieren, sich ber die eigenen Zwecke und Ziele klar zu werden, jede Berhrung mit einem fremden Element unbedingt auszuschlieen. Die sozialdemokratische Partei ist nicht anders verfahren und der Erfolg beweist, da ein Zuviel nach dieser Richtung immer besser ist als ein Zuwenig. Es ist wie mit dem Menschen: Elternhaus und Schule entlassen ihn erst dann, wenn sein Charakter und seine Bildung soweit gefestigt erscheint, da man glaubt, ihn ruhig allein in die Welt hinaus gehen lassen zu knnen, ohne frchten zu mssen, da sie ihn zu Grunde richtet. Auch die Arbeiterinnenbewegung hat die Kinderschuhe ausgetreten, sie kann ihr Wesen nicht mehr verndern, wohl aber vermag sie es anderen aufzuprgen; sie steht fest auf eigenen Fen, sie bedarf keiner Hilfe Auenstehender, um vorwrts zu kommen. Aus diesem Gefhl ihrer Kraft heraus sollte sie nun aber auch ihren Einflu berall, wo die Wege dazu offen stehen, zur Geltung zu bringen suchen. Auch in der brgerlichen Frauenbewegung; nicht weil die Arbeiterinnen etwa ihrer Hilfe bedrften, sondern weil sie einen Grad der Entwicklung erreicht hat, von dem aus sie ihnen schaden kann. Sie hat Macht genug, groe Massen von Proletarierinnen in ihr Lager zu ziehen, sie hat Bedeutung genug, sich im ffentlichen Leben Einflu zu verschaffen. Es ist eine Unterlassungssnde, die sich schon gercht hat, und ein Mangel an Selbstvertrauen, wenn die Arbeiterinnenbewegung irgend eine Gelegenheit vorbergehen lt, wo sie dem Sozialismus einen Fu breit Erde gewinnen kann, wenn sie fr sie nicht Propaganda macht fr die Vereinigung auch derjenigen Proletarierinnen, die noch, wie die geistigen Lohnarbeiterinnen fast alle, im Banne brgerlicher Anschauungsweise stehen, wenn sie die Macht, die sie besitzt, nicht ausbt. Diese Beeinflussung der Glieder der brgerlichen Frauenbewegung steht durchaus nicht im Widerspruch mit der Ablehnung der Arbeit mit ihr, denn es handelt sich dabei nicht um ein Unterordnen und Einreihen. Ein Beispiel illustriere das Gesagte: Der groe liberale Frauenverband Englands, der schroffste Gegner jedes gesetzlichen Arbeiterinnenschutzes, macht seit kurzem eine merkwrdige Wandlung zu Gunsten des Arbeiterinnenschutzes durch. Und die Ursache? Die Agitation einer einzigen berzeugten Sozialdemokratin, Mrs. Amie Hicks, die in den Versammlungen des Verbandes Jahre hindurch ihre Ideen verteidigte. Kein Frauenkongre, keine die Interessen der Arbeiterinnen berhrende Versammlung sollte vorbergehen, ohne da der sozialistische Standpunkt propagiert worden wre. Die deutsche Sozialdemokratie und mit ihr derjenige Teil von ihr, der die Frauen umfat, ist wie ein junger Riese, der sich seiner Krfte nicht recht bewut ist und die mchtigen Glieder noch nicht vollkommen zu beherrschen wei. Er sollte unter die Menschen treten, aber nicht um sich dem Gewimmel kleiner Leute unter ihm zu beugen, wohl aber um alle diejenigen, die marsch- und kampffhig sind, in seine Gefolgschaft zu zwingen. Aber der Bethtigungskreis der Arbeiterinnenbewegung mte sich auch noch in anderer Richtung entwickeln: in der genossenschaftlichen nmlich. Sie mte bei den Frauen das Interesse fr die Konsumgenossenschaften zu erwecken suchen, denn jede Verbesserung ihrer Lage bedeutet einen Schritt nher zur gewerkschaftlichen Organisation und zur politischen Aufklrung. Und ebenso wie billigere und bessere Nahrungsmittel bedeuten auch billigere und bessere Wohnungen, wie die Baugenossenschaften sie bieten, eine wesentliche Hebung ihrer Lage. Von nicht zu unterschtzender Bedeutung ist dabei der erzieherische Einflu der Genossenschaften: sie frdern die Solidaritt und das Klassenbewutsein, weil sie sich selbstbewut dem kapitalistischen Unternehmertum gegenberstellen. Sie lehren den Mitgliedern nicht nur Geschftskenntnisse, sie machen sie auch fhig zur Leitung geschftlicher Unternehmungen,--eine Erziehung, die sich in der Zukunft als auerordentlich wichtig erweisen drfte. Neben die sehr vernachlssigte Propaganda fr die bestehenden, sollte jedoch auch noch die fr eine neue Art Genossenschaft treten, deren Vorteile gerade den Frauen zu Gute kommen. Bei der Betrachtung der Lage der verheirateten Arbeiterinnen, wie bei der Errterung der Organisationsschwierigkeiten im Hinblick auf die Frauen haben wir gesehen, da die doppelte Arbeitslast,--die Hausarbeit neben der Erwerbsarbeit,--sie besonders schdigt und ihren Fortschritt hemmt. Es mten daher Mittel und Wege gefunden werden, um sie von der Hauswirtschaft mglichst zu befreien. In der genossenschaftlichen Hauswirtschaft, wie ich sie bereits als eines der Mittel schilderte, um die Erwerbsarbeit der brgerlichen Frauen zu ermglichen, glaube ich es auch fr die Proletarierinnen gefunden zu haben.[888] Die Grundidee, die Frauen zu entlasten, die Kosten fr die Hauswirtschaft durch den Ersatz der verschwenderischen Kleinbetriebe durch Grobetriebe zu verringern, die Lebenshaltung durch bessere, weil verstndiger zubereitete Nahrung zu erhhen, ist bereits in weite Kreise gedrungen und hat verschiedene Projekte hervorgerufen. In Amerika wird sie zum Teil in der von mir vertretenen Weise der Verwirklichung entgegengefhrt[889], zum Teil versucht man, die Frauen dadurch zu entlasten, da mglichst alle Speisen auer dem Hause vorbereitet und geliefert werden.[890] In England wieder ist der Versuch gemacht worden, genossenschaftliche Verteilungskchen zu grnden, die die fertigen Mahlzeiten ins Haus liefern, und in Frankreich entstehen Arbeitergenossenschaften, die Restaurants ins Leben rufen, aus denen das Essen auch nach Hause geholt werden kann. Jedenfalls liegt es im notwendigen Gang der Entwicklung, wenn an die Stelle des innerlich schon berwundenen Einzelhaushalts der genossenschaftliche Haushalt tritt, und es gehrt um so mehr zur Aufgabe der sozialistischen Arbeiterinnenbewegung, morsche Gemuer vollends umzustoen, wenn Frauen in Gefahr kommen, darin zu Grunde zu gehen.[891] Die weitaus wichtigste Funktion aber der Arbeiterinnenbewegung, ohne die alle anderen bedeutungslos werden, ist aber die, eine immer festere Verbindung mit der sozialdemokratischen Partei zu suchen, die Proletarierinnen politisch aufzuklren und ihr zuzufhren. Die Resolution des Gothaer Parteitags sagte ganz richtig: "Durch ihre Erwerbsarbeit wird die proletarische Frau dem Manne ihrer Klasse wirtschaftlich gleichgestellt. Aber diese Gleichstellung bedeutet, da sie, wie der Proletarier, nur hrter als er, vom Kapitalisten ausgebeutet wird. Der Emanzipationskampf der Proletarierinnen ist deshalb nicht ein Kampf gegen die Mnner der eigenen Klasse, sondern ein Kampf im Verein mit den Mnnern ihrer Klasse gegen die Kapitalistenklasse. Das nchste Ziel dieses Kampfes ist die Errichtung von Schranken gegen die kapitalistische Ausbeutung. Sein Endziel ist die politische Herrschaft des Proletariats zum Zwecke der Beseitigung der Klassenherrschaft und der Herbeifhrung der sozialistischen Gesellschaft." Aber es sind nicht nur die Frauen, denen diese Wahrheit noch nicht in Fleisch und Blut bergegangen ist, auch die Mnner stehen ihr zum Teil gleichgltig gegenber. Mag die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts in der gewerkschaftlichen wie in der politischen Bewegung noch so allgemein und offiziell anerkannt sein, mgen die Parteiprogramme aller Lnder sich noch so feierlich zu ihr bekennen, in sehr vielen Sozialdemokraten steckt in Bezug auf die Frauenfrage noch der alte reaktionre Philister. In einer Variation des Napoleonischen Ausspruchs heit es bei ihnen: _Tout pour la femme, mais rien avec elle_,--wir wollen der Frau alle Rechte erkmpfen, aber wir wollen nicht, da sie mit uns kmpft. Die Zunahme der weiblichen Arbeiter hat diesen Standpunkt in den Gewerkschaften zwar stark erschttert, denn die Organisierung der Frauen wird mehr und mehr zu einer Lebensbedingung fr sie: die unorganisierten Arbeiterinnen vermgen den Kampf um bessere Arbeitsbedingungen zu einem aussichtslosen zu machen. In der politischen Bewegung aber liegt kein unmittelbarer Zwang vor, in der Frau die gleichberechtigte Genossin anzuerkennen, weil ihre Stimme in der Wagschale der Parteien kein Gewicht besitzt. Je mehr aber die Bewegung zu Gunsten der Brgerrechte der Frau an Boden gewinnt,--und sie hat in Amerika, in Australien und in England bereits groe Siege zu verzeichnen--desto dringender wird die Aufgabe, das weibliche Geschlecht politisch aufzuklren und zu erziehen, denn es knnen einmal die Stimmen der Frauen sein, die auf Jahrzehnte hinaus alle Errungenschaften eines jahrhundertlangen Kampfes vernichten und den Fortschritt hemmen, wie das Eis im Winter die Wellen des Stromes. Aber noch ein anderes kommt hinzu: das Weib ist die Mutter derer, in deren Hnden die knftigen Geschicke der Menschheit ruhen. Sie formt zuerst die Seelen der Kinder, und was sie ihnen aufprgte, ist fast unzerstrbar. Gewinnt der Sozialismus die Frauen, so gewinnt er die Kinder und mit ihnen die Zukunft. Die Arbeiterinnenbewegung zu frdern, sie immer enger an sich zu schlieen, die Gleichberechtigung, die auf dem Papiere steht, berall in die That zu bersetzen, ist daher nichts, was von den Sozialisten gefordert wird, wie man etwa einst von den Rittern den Frauendienst forderte, es gehrt vielmehr zu den Verpflichtungen der modernen Ritter der Arbeit im Interesse ihrer selbst und ihrer Sache. Am weitesten wird die Arbeiterinnenbewegung gekommen sein, wenn Gesetz und Vorurteil ihr vollkommenes Aufgehen in der Arbeiterbewegung gestatten. 8. Die brgerliche Frauenbewegung in ihrer Stellung zur Arbeiterinnenfrage. Whrend die Arbeiterinnenbewegung stets von einem klaren einheitlichen Klassengefhl getragen und bestimmt war, ist das Verhalten der brgerlichen Frauenbewegung gegenber der Arbeiterinnenfrage ein unklares und zwiespltiges. In der Vergangenheit berwiegt das philanthropische Moment jedes andere, und der kindliche Glaube beherrscht die Frauen, da Wohlthtigkeit, Armenpflege und allseitiger guter Wille die Mittel sind, das soziale Elend aus der Welt zu schaffen. Dieser durch Religion und Sitte in den Frauen gro gezogene Gefhlsstandpunkt und seine Bethtigung haben, so schn sie vielfach erscheinen mgen, die traurigsten Folgen gehabt: sie haben sowohl auf seiten der Wohlthter, wie auf der ihrer Schtzlinge die Empfindung fr Gerechtigkeit abgestumpft, indem sie die Wohlthat an ihre Stelle setzten, und diese beiden Begriffe so sehr verwirrt, da Wohlthtigkeitsbestrebungen und Frauenbewegung noch heute vielfach fr identisch gehalten werden. Sie haben das Verstndnis dafr unterdrckt, da jeder arbeitende Mensch ein Recht auf eine gesicherte Existenz hat und es zu der schreienden Ungerechtigkeit noch die Krnkung fgen heit, wenn man ihn, in welcher Form immer, mit Almosen abspeisen will. Sie haben die Entwicklung zu tieferer Erkenntnis der sozialen Probleme vielfach aufgehalten und nur die eine fruchtbringende Folge gezeitigt, da den Frauen der Bourgeoisie Not und Elend nicht immer abstrakte Begriffe blieben. In hervorragender Weise beteiligten sich insbesondere englische Frauen an der Armenpflege. Und ihrer unermdlichen Agitation ist ihre Reorganisation und die groe Rolle, die die Frauen in ihr spielen, zu verdanken; aber sie schufen zugleich eine Schule fr soziale Arbeit. Den meisten Bestrebungen, die mit diesem Namen bezeichnet werden knnen, klebt allerdings bis heute die Erinnerung an ihre Herkunft an: es sind immer noch Wohlthaten, die von selten der Begterten den Armen freiwillig gespendet werden. Hierher gehren z.B. die Speisehuser und Kinderhorte und die zahlreichen, von Frauen der Bourgeoisie gegrndeten und geleiteten Arbeiterinnen-Klubs. Sie bieten den Alleinstehenden ein Heim, Unterhaltung und Belehrung und sind zweifellos von grtem Nutzen fr sie, aber ebenso zweifellos ist es, da sie ein gewisses Abhngigkeits- und Unterthnigkeitsgefhl befestigen oder groziehen, das das Klassenbewutsein der Arbeiterin unterdrckt und ihren Befreiungskampf aufhlt. In viel hherem Mae gilt das noch fr die vielen in allen Kulturlndern bestehenden, meist von kirchlichen Kreisen gegrndeten und erhaltenen Mdchen- und Arbeiterinnenheime, die fr wenig Geld Wohnung und Nahrung bieten, die geistige und physische Freiheit der Bewohner aber in jeder Weise beschrnken. Nur wenige unabhngige Heime, so z.B. eins in Berlin, das mehr den englischen Klubs nachgeahmt ist und die Selbstndigkeit der Arbeiterin mglichst zu wahren sucht, bilden eine Ausnahme von dieser Regel. Die Settlements, jene Niederlassungen brgerlicher Mnner und Frauen inmitten der Arbeiterviertel, wie sie Amerika und England in betrchtlicher Zahl aufweist, stehen schon eine Stufe hher, weil diejenigen, die ihr Geld, ihre Zeit und ihre Kraft den Proletariern zur Verfgung stellen, auch mit ihnen leben, wodurch die Stellung des Wohlthters gegenber dem Beschenkten vielfach ganz verwischt wird. Was hier geboten wird, erniedrigt den Empfnger nicht: es ist Teilnahme, Rat, Bildung. Die zahlreichen Vereine zum Schutz junger Mdchen, die Stellenvermittlungen und Rechtsbeistnde gehren hierher. Auch jener erste deutsche Arbeiterinnenverein, den Luise Otto-Peters in Berlin 1869 grndete[892], lediglich zu dem Zweck, die Arbeiterinnen durch unterhaltende und belehrende Vortrge auf eine hhere geistige Stufe zu heben, und die versuchte Einfhrung des unentgeltlichen Rechtsschutzes fr Arbeiterinnen durch den Allgemeinen deutschen Frauenverein in den achtziger Jahren[893] knnen in das Gebiet sozialer Hilfsthtigkeit,--wie man die Erweiterung oder Wohlthtigkeit mit Recht benennt,--gerechnet werden.[894] In dieselbe Kategorie gehrt die Universitts-Ausdehnungs-Bewegung, die in England ihren Ausgang nahm und sich in Amerika, Frankreich, Oesterreich, Deutschland, Dnemark, Finland mit mehr oder weniger Erfolg ausbreitete, gehren die dnischen Volkshochschulen, die der vernachlssigten Landbevlkerung Bildung zutragen, gehrt die aufopfernde Thtigkeit der russischen Lehrerinnen, die die Fackel der Aufklrung in das Dunkel geistigen und physischen Elends tragen. Aber auch hier lauert die Schlange unter den Rosen: wie die Almosen materieller Natur niemals die Armut selbst berwinden konnten, sondern nur einzelne ihrer Symptome, so sind auch die geistigen Almosen--eben nur Almosen! Das Gebotene ist Stckwerk und mu Stckwerk bleiben; es vermittelt einzelne Kenntnisse, aber die Vorbildung fehlt, um sie untereinander in Harmonie zu bringen, zu verarbeiten und befriedigende Resultate zu erzielen. Vor allem aber erreicht es immer nur die besser Gestellten, denn es vermag den Aermsten und Ausgebeutetsten,--dazu gehren, wie wir wissen, die Masse der Arbeiterinnen,--nicht die Zeit und die physischen und geistigen Voraussetzungen zu schaffen, die zum Empfang solcher Gaben ntig sind. Der Bankerotterklrung,--d.h. dem Eingestndnis der Unfhigkeit, die Masse der Proletarier in nennenswerter Weise aus materieller und geistiger Not zu befreien,--der materiellen Wohlthtigkeit wird daher die der ideellen folgen mssen. Mit all diesen Bestrebungen, die im einzelnen und in all ihren zahlreichen Variationen darzustellen, nicht Aufgabe dieser Untersuchung sein kann, weil sie nichts mit der Frauenfrage zu thun haben und nur insofern fr uns von Interesse sind, als sie die Stellung der brgerlichen Frauen gegenber der Arbeiterinnenfrage kennzeichnen, ist aber auch die selbstndige aktive Teilnahme dieser Frauen an dem Los ihrer "rmeren Schwestern",--wie sie mit so viel sentimentalem Pathos zu sagen pflegen,--fast erschpft. Sobald das Gebiet der Wohlthtigkeit im weiteren Sinn verlassen und das des Rechts betreten wurde, lehnten sich die Frauen der Bourgeoisie teils an eine der politischen Parteien und deren Anschauungsweisen an, teils bertrugen sie, rein mechanisch, in naiver Unkenntnis der thatschlichen Verhltnisse, die Theorien der brgerlichen Frauenbewegung auf die Arbeiterinnenfrage. So stand die englische Frauenbewegung unter dem tiefgreifenden Einflu jenes Liberalismus, von dem wir auf dem Kontinent nur immer eine schwache Kopie gesehen haben, dessen die ffentliche Meinung beherrschende Stellung aber um so strker auf die Frauen wirkte, als ihre Interessen schon seit langem im wesentlichen politische waren. Sein Einflu bestimmte auch ihre Stellung gegenber der Arbeiterinnenfrage. Die Prinzipien der individuellen Freiheit verbunden mit dem frauenrechtlerischen Losungswort von der Gleichheit der Geschlechter beherrschten sie nach dieser Richtung vollkommen: infolgedessen kmpften sie mit einer Heftigkeit, die jetzt erst nachzulassen beginnt, gegen jede gesetzliche Beschrnkung der Frauenarbeit. Was fr die brgerlichen Frauen vollste Berechtigung hatte, die den Arbeitsplatz neben dem Mann sich erst erringen muten, das sollte auch fr die Proletarierinnen gelten, die lngst schon Seite an Seite mit den mnnlichen Arbeitsgenossen sich krperlich und geistig zu Grunde richteten. Die liberalen Frauen gingen dabei von der Ansicht aus, da jede gesetzliche Verkrzung der Arbeitszeit, die nur auf das weibliche Geschlecht allein Anwendung findet, jeder Ausschlu der Frauen aus bestimmten Arbeitszweigen die Arbeitsmglichkeit fr sie beschrnkt und sie den Mnnern gegenber benachteiligt. In naivem Unverstndnis fr die thatschlichen Verhltnisse, befangen durch abstrakte Theorien, zogen sie im Namen der persnlichen Freiheit die Ausbeutung der Arbeiterin dem gesetzlichen Schutze vor. Ihre Ansichten gewannen um so grere Bedeutung, seit sie offiziell durch die Women's Liberal Federation vertreten wurden, die mit der liberalen Partei Hand in Hand arbeitet, und ber 100000 Mitglieder zhlt. Im Jahre 1893 erhob die Generalversammlung des Verbandes den Widerstand gegen den gesetzlichen Arbeiterinnenschutz und die Forderung eines vllig gleichen Schutzes fr Mnner und Frauen zum Beschlu,--ein Beweis, wie die Idee der rein mechanischen Gleichstellung der Geschlechter die Kpfe verwirrt hatte. Als die Regierung dann 1895 dem Parlament Abnderungen des Fabrikgesetzes und Zustze dazu vorlegte, die eine Erweiterung des Arbeiterinnenschutzes zum Ziele hatten, entfaltete der Verband eine fieberhafte Agitation dagegen, die selbst davor nicht zurckscheute, die Ausdehnung der Schutzzeit fr Schwangere und Wchnerinnen zu bekmpfen, und nicht nur gegen den gesetzlichen Schutz der Arbeiterinnen im besonderen, sondern gegen den Arbeiterschutz im allgemeinen Stellung nahm.[895] Die Gegner der Arbeiterschutzgesetzgebung fanden in diesem Vorgehen einen starken Rckhalt, und es gelang den vereinten Krften der Frauen, die fr Freiheit und Gleichheit einzutreten meinten, und der Mnner, die rein egoistische Unternehmerinteressen vertraten, eine Anzahl wichtiger Bestimmungen zwar nicht zu Fall zu bringen, wohl aber bedeutend abzuschwchen. Indessen ist nach und nach ein leiser Umschwung in den Ansichten des Verbandes eingetreten, der dadurch zum Ausdruck kam, da er in seiner Generalversammlung im Jahre 1899 zwar abermals gegen jeden besonderen Arbeiterinnenschutz sich aussprach, aber nur mit einer schwachen Majoritt von 33 Stimmen. Seitdem verficht die Zeitschrift English Women's Review mit verdoppeltem Eifer den alten frauenrechtlerischen Standpunkt und sucht ihn wesentlich dadurch zu sttzen, da sie alle diejenigen Flle ihren Lesern vorfhrt, aus denen hervorgeht, da der gesetzliche Arbeiterinnenschutz auf die Erwerbsverhltnisse nachteilig gewirkt hat. Da solche Flle in Zeiten des Uebergangs zahlreich sind, da es Arbeiterinnen infolge der Beschrnkung der Arbeitszeit, des Verbots der Nachtarbeit oder gar des Ausschlusses aus bestimmten gesundheitsschdlichen Berufen schwer fllt, neue Stellungen sich zu verschaffen, ist zweifellos. Und es ist eine aus der ganzen Erziehung, vor allem aber aus der intensiven Beschftigung mit der Wohlthtigkeit erklrliche Eigenschaft der Frauen, ber der Hrte des Einzelfalls den Vorteil fr das Ganze vollstndig zu bersehen. Sie sind gewohnt, den Kindern, den Kranken, den Arbeitsunfhigen, kurz den Schwachen helfend und schtzend zur Seite zu stehen und sie schrecken, ganz vom Gefhlsstandpunkt beherrscht, vor dem grausamen aber leider unvermeidlichen Weg zurck, um der Gesamtheit willen das Schicksal Einzelner zu gefhrden. So verwirft ein sehr groer Teil frei denkender Englnderinnen unter dem tnenden Kampfruf "Free Labour Defense" den Arbeiterinnenschutz, weil die arme Witwe nicht mehr ins Endlose arbeiten kann, und es ihren Kindern daher an Brot mangelt, weil das Fabrikmdchen aus der Bleifabrik keine Arbeit mehr findet und der Schande in die Arme fllt. Um so erstaunlicher war es, da der liberale Frauenverband sich prinzipiell fr einen gesetzlichen Schutz der Heimarbeit erklrte. Begreiflich wird das nur, wenn man sich klar macht, da es sich dabei nicht um den Ausdruck erweiterter Erkenntnis, sondern im wesentlichen um einen Akt der Selbstverteidigung und des persnlichen Interesses handelt. Nicht der Schutz der Arbeiterin vor Ausbeutung steht im Vordergrunde, sondern der Schutz der Konsumenten vor gesundheitlichen Gefahren. Wir haben gesehen, wie gro diese thatschlich sind, und sowohl in England wie in Amerika wird der Kampf gegen die Hausindustrie, von brgerlichen Kreisen ausgehend, von diesem Gesichtspunkt aus gefhrt. Die Ideen des Rechts auf Arbeit, der Gleichstellung der Geschlechter in Bezug auf die Erwerbsmglichkeiten sind es auch, die die Haltung der deutschen brgerlichen Frauenbewegung gegenber der Arbeiterinnenfrage beeinflussen. Im Jahre 1867 richtete der Allgemeine deutsche Frauenverein an den Kongre der volkswirtschaftlichen Vereine, der in Hamburg tagte, eine Eingabe, in der verlangt wurde, da darauf hingewirkt werden mge, "die weibliche Arbeitskraft von der Verkmmerung, in der sie sich gegenwrtig befindet, zu retten und zu einem nutzenbringenden Faktor im Staatshaushalt heranzuziehen", und an den Arbeitertag in Gera, der im selben Jahre zusammentrat, wurde gleichfalls eine Zuschrift gesandt, die eine Untersttzung der Frauenarbeit forderte.[896] Der Gedanke des gesetzlichen Arbeiterinnenschutzes mute in jener Zeit den Frauen um so ferner liegen, als thatschlich berall der Eintritt der Arbeiterinnen in die Industrie durch die Arbeiter mit allen Mitteln bekmpft wurde. Was damals aber begreiflich war, erscheint nach Jahrzehnten, whrend deren alle Schranken vor der vordringenden weiblichen Arbeiterschaft fielen, nur als ein Ausflu blinder Prinzipienreiterei und mangelhafter Kenntnis der einschlgigen Verhltnisse. So allein ist es zu erklren, da die franzsische Frauenbewegung durch den zweiten internationalen Kongre im Jahre 1900,--der seiner ganzen Zusammensetzung nach weit mehr ein nationaler war,--mit groem Nachdruck gegen jeden besonderen Arbeiterinnenschutz Stellung nahm. Immerhin bedeutet die Art wie es geschah einen Fortschritt. In den letzten dreiig Jahren des 19. Jahrhunderts war jene groe Bewegung siegreich durch die Welt gezogen, an deren Spitze Marx, Engels und Lassalle standen. Der Sozialismus, wtend bekmpft von der brgerlichen Gesellschaft, drang trotzdem, wie die Luft, die wir atmen, durch geschlossene und verbarrikadierte Thren und Fenster hinein. In vielen seiner Zge war er geradezu prdestiniert, die Frauen zu gewinnen; wie einst das Christentum zahllose Jngerinnen an sich zog, weil es an das Gefhl appellierte, weil es den "Mhseligen und Beladenen" zu helfen versprach, so ist es die Gefhlsseite des Sozialismus, die heute so stark auf die Frauen wirkt, oft ohne da sie es wissen und meist ohne da sie es eingestehen wollen. Wo es sich um brgerliche Frauen handelt, hrt ihr Verstndnis und ihre Zustimmung meist da auf, wo der Sozialismus als Wissenschaft der Wurzel des gesellschaftlichen Uebels kritisch zu Leibe geht, sie haben weder den Mut noch die logische Konsequenz, den Weg bis zu Ende zu verfolgen. Aber ihre Gefhlswelt ist durch ihn befangen; krzere Arbeitszeit, hherer Lohn, Schutz den Frauen und Kindern--das sind Ideen, die ihnen, denen die Armut in jeder Gestalt so leicht zu Herzen geht, sympathisch sein mssen. Auch die Form der Beschlsse des franzsischen Kongresses von 1900 ist auf den wachsenden Einflu des franzsischen Sozialismus zurckzufhren. Sie lehnen zwar den gesetzlichen Schutz fr weibliche Arbeiter ab,--eine Reminiszenz an die Frauenrechtelei,--aber sie verlangen ihn in ausgedehntem Mae fr beide Geschlechter, indem sie die grundlegende Forderung der organisierten Arbeiterschaft,--den Achtstundentag,--an die Spitze stellen.[897] Am interessantesten und nachhaltigsten jedoch dokumentiert sich der Einflu der Arbeiterbewegung auf die Haltung der deutschen brgerlichen Frauenbewegung gegenber der Arbeiterinnenfrage. da es ihr mglich war, mit bestimmten ihrer Ideen in ihr Fu zu fassen, ist die natrliche Folge der vlligen Vernachlssigung der Frauenfrage durch die brgerlichen Parteien Deutschlands. Indem der englische Liberalismus die Forderungen der Frauen nicht nur ernst nahm, sondern auch vielfach acceptierte, und er ebenso wie die konservative Partei den Drang der Frauen zu politischer Thtigkeit geschickt fr sich ausnutzte, sie gewissermaen vor ihren Wagen spannten, zeigten sie eine kluge Voraussicht, die den Deutschen ganz abging: die Frauen hatten einen Rckhalt, eine Sttze an ihnen, whrend die deutschen Frauen bis vor kurzem von allen brgerlichen Parteien gleichmig gechtet waren. Das Eindringen sozialer Ideen in die deutsche brgerliche Frauenbewegung vollzog sich natrlich auerordentlich langsam und setzte uerlich bemerkbar erst dann ein, als der Bannfluch, der mit dem Sozialistengesetz den Sozialismus und seine Vertreter in den Augen der brgerlichen Welt getroffen hatte, von ihm genommen war. Noch 1872 erklrte Frulein Auguste Schmidt, die eigentliche Fhrerin des Allgemeinen deutschen Frauenvereins, der damals fast allein die Frauenbewegung reprsentierte, die Bildung fr den eigentlichen Kern- und Schwerpunkt der Frauenfrage.[898] Wenige Jahre spter, angesichts des Sozialistengesetzes, hielt sie sich fr verpflichtet, die deutsche Frauenbewegung gegen jeden Verdacht revolutionrer Bestrebungen ffentlich zu verwahren.[899] Erst 1881, zum ersten Male wieder seit der Grndung des lngst eingegangenen Arbeiterinnenvereins im Jahre 1869 durch Luise Otto, beschftigte sich die Generalversammlung des Vereins, infolge eines Referats von Frulein Marianne Menzzer, mit der traurigen Lage der Arbeiterinnen. Ihre Forderung: "Gleicher Lohn fr gleiche Arbeit", die in England und Frankreich lngst aufgestellt worden war und durchaus frauenrechtlerischen Ursprungs ist, fand lebhaften Widerhall.[900] Als dann zwei Jahre spter dieselbe Frage zur Beratung stand, zeigte sich die ganze Einsichtslosigkeit der Versammlung darin, da sie in erster Linie vorschlug, die Lage der Arbeiterinnen durch die moralische Beeinflussung der Fabrikanten und dadurch zu untersttzen, da die Frauen sich verpflichten sollten, nur in solchen Geschften zu kaufen, deren Arbeiterinnen guten Lohn erhalten. Ein Fortschritt jedoch trat damals schon hervor: einige wenige Frauen, unter Leitung von Frau Guillaume-Schack, befrworteten statt dessen die Grndung von Arbeiterinnen- und Gewerkvereinen,[901] Frau Guillaume-Schack war die erste ausgesprochene Sozialistin in der brgerlichen Frauenbewegung. Als sie mit ihren Ansichten nicht durchdringen konnte und der brgerlichen Frauenbewegung den Rcken wandte, schien es, als ob damit das Interesse an der Arbeiterinnenfrage wieder versiegt sei. Im Stillen aber wirkte es fort, besonders in den zahlreichen, neu entstehenden Vereinen, unter denen der Verein "Frauenwohl" in Berlin sich nach und nach unter Leitung von Frau Minna Cauer und unter dem Einflu von Frau Jeanette Schwerin zu dem radikalsten entwickelte. Von ihr ging die Agitation fr Anstellung weiblicher Gewerbeinspektoren aus, sie versuchte mit aller Energie die Frauenbewegung aus der Bahn der Wohlthtigkeit in die sozialer Hilfsarbeit hineinzulenken. Dieser ganzen Strmung entstand im Jahre 1894 ein Organ in der durch mich und Frau Minna Cauer gegrndeten "Frauenbewegung". Wie sehr es aber noch Eclaireur-Dienste waren, die hier geleistet wurden, wie tief die Angst vor dem Sozialismus der brgerlichen Frauenbewegung noch in allen Gliedern lag, so da selbst die ruhige Vernunft dadurch unterdrckt wurde, das beweist die in demselben Jahr erfolgte Grndung des Bundes deutscher Frauenvereine.[902] Seine Entstehung verdankte er der Anregung einiger Frauen, die gelegentlich des internationalen Frauenkongresses in Chicago 1893 den amerikanischen nationalen Frauenbund kennen gelernt hatten. Sein Zweck war von vornherein kein propagandistischer, sondern ein vereinigender, der die Frauenvereine aller Richtungen zusammenfassen und "den Einflu aller Frauen solchen allgemeinen Arbeitsgebieten" zuwenden wollte, "zu denen alle von Herzen ihre Zustimmung geben knnen".[903] Von, diesem Bndnis nun, das gar keiner bestimmten Richtung zu dienen vorgab, wurden, nach dem Ausspruch der Vorsitzenden der Grndungsversammlung, Frulein Auguste Schmidt, "die sozialistischen Arbeiterinnenvereine selbstverstndlich" ausgeschlossen, und in diesem Sinne stimmte die berwiegende Majoritt der Anwesenden. Unter den 34 Delegierten, die an der Sitzung teilnahmen, fanden sich nur fnf, die auf meine Initiative hin gegen diese engherzige, die ganze Grndung von vornherein brandmarkende Auffassung ffentlichen Protest erhoben. Als Rechtfertigung, nicht etwa als Entschuldigung seines Vorgehens erklrte der Bund wiederholt und noch zuletzt in einer seiner offiziellen Schriften[904], da die betreffenden Vereine zum Beitritt nicht htten aufgefordert werden knnen, weil das Gesetz das in Verbindung treten politischer Vereine, und als solche seien die Arbeiterinnenvereine anzusehen, unmglich mache. Das Gesetz aber verbietet noch heute in den meisten Staaten Deutschlands die Grndung politischer Vereine durch Frauen und die Teilnahme der Frauen an solchen. Es gab demnach in diesem Sinn berhaupt keine "sozialistischen" Arbeiterinnenvereine und die ganze Beweisfhrung des Bundes soll nur noch heute die Angst, sich ffentlich zu kompromittieren, verschleiern. Thatschlich haben inzwischen soziale Reformbestrebungen in keiner anderen Organisation der brgerlichen Frauenbewegung mehr an Einflu gewonnen, als im deutschen Bunde. Schchtern setzten sie ein mit der Forderung an die Kommunen, Kinderhorte einzurichten und an die Regierungen, weibliche Gewerbeinspektoren anzustellen, und innerhalb sechs Jahren haben sie sich soweit entwickelt, da der Bund von sich sagen kann: "In der Frage des Arbeiterinnenschutzes vertritt der Bund denselben Standpunkt wie die organisierten deutschen Arbeiterinnen"[905], d.h. wie die Sozialdemokratie. In rascher Folge, mit jenem jugendlichen Ungestm aller derer, die eine Wahrheit pltzlich erkannt haben, petitionierte er bei den Volksvertretungen und Regierungen um die Ausdehnung des Wahlrechts und der Whlbarkeit zu den Gewerbegerichten auf weibliche Arbeitgeber und Arbeiter, um den Achtuhrladenschlu, zweistndige Mittags-, je eine viertelstndige Frhstcks- und Vesperpause, den achtstndigen Arbeitstag und den Fortbildungszwang fr jugendliche Angestellte im Handelsgewerbe, um die Ausdehnung der Arbeiterinnenschutzbestimmungen auf die Hausindustrie, um die Einfhrung obligatorischer Fortbildungsschulen fr Mdchen, um die Schaffung eines einheitlichen Reichsvereins- und Versammlungsrechts und Gewhrung gleicher Rechte fr die Frauen wie fr die Mnner. Zugleich regte die 1899 gegrndete Kommission fr Arbeiterinnenschutz an, Enquten der Lage der Heimarbeiterinnen zu unternehmen. Dementsprechend hat in Leipzig der Allgemeine deutsche Frauenverein Untersuchungen der Frauenarbeit im Krschnergewerbe, und in Dresden der Rechtsschutzverein solche der Heim- und Fabrikarbeit der Strohhutnherinnen veranstaltet. Die Bedeutung aller dieser Manahmen lt sich nicht nur am Vergleich mit der nach anderen Richtungen so vorgeschrittenen franzsischen und englischen Frauenbewegung ermessen, sondern vor allem daran, da sie von 137 Vereinen ausgehen, deren 71000 Mitglieder sich im wesentlichen aus dem rckstndigen, antisozialistischen deutschen Brgertum zusammensetzen. Wahrlich, ein deutliches Zeichen fr die Macht sozialer Ideen! Auch abseits vom Bunde, in kirchlichen Kreisen, fanden sie Eingang. So im evangelisch-sozialen Kongre durch den Einflu zweier mit der Lage der Arbeiterinnen vertrauter Frauen, Frau Elisabeth Gnauck-Khne und Frulein Gertrud Dyhrenfurth, und sie beginnen selbst in dem orthodoxen evangelischen Frauenbund durchzudringen. Selbstverstndlich lehnt die brgerliche Frauenbewegung nach wie vor jede Gemeinschaft mit dem Sozialismus ab, und dokumentiert das vielfach durch Unterlassungssnden, durch Worte und Thaten. Als die proletarischen Frauenorganisationen im Jahre 1895 unter dem Zeichen des drohenden Umsturzgesetzes in der schlimmsten Weise verfolgt und geschdigt wurden und die Gelegenheit geboten gewesen wre, die Solidaritt mit den Arbeiterinnen zu beweisen, hllte die offizielle Vertretung der brgerlichen Frauenbewegung sich in Schweigen. Eine Protesterklrung an den Reichstag gegen die Umsturzvorlage, die ich verffentlicht hatte, fand nur verhltnismig wenig Unterschriften. Und bei Gelegenheit der groen Agitation gegen das brgerliche Gesetzbuch seitens des Bundes deutscher Frauenvereine, die eine Flut von Reden, Artikeln, Broschren und Petitionen mit sich fhrte, blieben die fr die Proletarierin so wichtigen Fragen des Rechts auf dem Gebiete des Arbeitsvertrags, der Gesindeordnungen, der Stellung der lndlichen Arbeiter von alledem vllig unberhrt. Wie vorsichtig und zurckhaltend die Mehrheit der Frauenrechtlerinnen Deutschlands der Arbeiterinnenbewegung gegenbersteht, dafr noch folgendes Beispiel: Unter der Leitung des Vereins "Frauenwohl" entstand innerhalb des Bundes ein Verband fortschrittlicher Frauenvereine, der weniger in seinen Bestrebungen,--sie decken sich fast ganz mit denen des Bundes,--als in ihrer energischen Betonung und radikalen Frbung von ihm abweicht. Er stellte den Antrag, der Bund mge eine Verstndigung zwischen der sozialistischen und brgerlichen Frauenbewegung fr wnschenswert erklren, wurde aber damit zurckgewiesen und es trat eine uerst matte Erklrung an seine Stelle, wonach "die Mglichkeit einer Verstndigung von Fall zu Fall in Betracht" gezogen werden sollte. Am deutlichsten aber trat der brgerliche Klassencharakter der Frauenbewegung hervor, als im Jahre 1899 die huslichen Dienstboten anfingen, sich auf ihre Menschenrechte zu besinnen, und sich gegen die unwrdige Lage, in der sie sich befinden, aufzulehnen. Bis ins innerste Herz wurde die ganze brgerliche Gesellschaft dadurch getroffen; solange die Arbeiterinnenbewegung sich auerhalb der eignen vier Wnde abspielte, konnte sie noch auf Sympathien rechnen, besonders bei den Frauen, die keine Unternehmer waren, also nichts von ihren Forderungen glaubten frchten zu mssen. Die Dienstbotenfrage aber machte sich in ihrem eigensten Reich, im Hause selbst, empfindlich geltend, sie verlangte direkte Opfer von ihnen und damit verwandelte sich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, ihr Wohlwollen in Abneigung, ja vielfach in Ha, der alle diejenigen in Acht und Bann erklrte, die mit der Dienstbotenbewegung sympathisirten. Schon die Haltung des Berliner Internationalen Frauenkongresses war charakteristisch; fr lange Berichte ber Wohlthtigkeitsorganisationen war Zeit in Flle vorhanden, als aber Dr. Schnapper-Arndt die Dienstbotenfrage errtern wollte, konnte er nicht zu Ende sprechen, und niemand ging in der Diskussion darauf ein. Noch schlimmer war das Auftreten des Berliner Hausfrauenvereins unter Leitung von Frau Lina Morgenstern: um das "Verlieren" der in Deutschland blichen, mit Zeugnissen versehenen Dienstbcher wirkungslos zu machen, verlangte er die direkte Einreichung dieser Zeugnisse an die Polizei, damit die Herrschaften hier stets Einsicht von ihnen nehmen knnten. Die Dienstbotenbewegung selbst schien den Frauen zunchst die Zunge gelhmt zu haben. Erst allmhlich entschlo man sich, sie vorsichtig und zurckhaltend zu errtern; persnlichen Anteil daran nahmen aber nur wenige Frauen aus der christlich-sozialen und der radikalen Frauenbewegung. Der Bund deutscher Frauenvereine konnte sich zu nichts weiter entschlieen als zu einer Petition um Einfhrung der Unfallversicherung fr das husliche Gesinde, und eine Anzahl Vereine erklrten mit groem Pathos, die Miachtung, unter der die Dienstboten zu leiden haben, dadurch zu beseitigen, da sie von nun an nicht mehr Dienstboten, sondern "Hausgehilfen" zu nennen seien! Ob ihnen das fr den Hngeboden und sechzehn Stunden Arbeitszeit als ein ausreichendes Aequivalent erscheint?! Etwas energischer uerte sich eine der Frauenrechtlerinnen, Frau Eliza Ichenhuser, indem sie noch den Ersatz des Dienstbuches durch ein fakultatives Arbeitszeugnis und die gesetzliche Festlegung eines Wochenminimums an Freiheit forderte.[906] Der Verband fortschrittlicher Frauenvereine aber zeigte, wie eng thatschlich die Grenzen fr seine sogenannt radikalen Anschauungen gezogen sind, indem er sich in seiner Generalversammlung im Oktober 1901 nicht einmal zu dieser Forderung entschlieen konnte, sondern sich nur darauf beschrnkte, die Abschaffung der Gesindeordnungen, die Ausdehnung der Unfall- und Krankenversicherung auf die Dienstboten, und die Zustndigkeit der Gewerbegerichte fr Rechtsstreitigkeiten, die aus dem Dienstverhltnis sich ergeben, zu verlangen. Das Haus und seine Ordnung ist thatschlich vor allem fr die deutsche Frau ein Noli me tangere. Nichts zwang sie bisher von der primitiven Art ihrer Haushaltung und Wirtschaftsfhrung abzugehen, und wie es eine alte Erfahrung ist, da das Gute nur ausnahmsweise um des Guten willen geschieht und soziale Reformen niemals allein um ihrer selbst willen eingefhrt werden, ein uerer Zwang sie vielmehr zur Notwendigkeit machen mu, so wird eine Aenderung dieser Verhltnisse, die die traurige Lage der Dienstboten bedingen, erst dann erfolgen, wenn der Mangel an huslichen Lohnarbeitern dazu zwingt. Beweis dafr ist die Haltung der brgerlichen Frauen gegenber der Dienstbotenfrage im Ausland, wo es mehr und mehr an Krften fehlt, die sich dem Hausdienst zur Verfgung stellen. Nicht nur, da die Arbeits- und Lebensbedingungen berall bessere sind als in Deutschland, da Einrichtungen aller Art den Dienst erleichtern, da weder Dienstbcher, noch Ausnahmerechte, wie unsere und die sterreichischen Gesindeordnungen, irgendwo noch existieren, auch das Dienstverhltnis selbst verschwindet mehr und mehr. Der Pariser Frauenkongre von 1900 lehnte zwar die Beschrnkung der Arbeitszeit ab, er verlangte aber eine Festsetzung der Ruhepausen, was sich in der Praxis als ziemlich dasselbe herausstellen drfte. Auf dem Londoner Frauenkongre ein Jahr vorher wurde von einer Rednerin unter lebhaftem Beifall die Ansicht vertreten, fr alle huslichen Dienste, auer dem Hause wohnende Arbeitskrfte heranzuziehen, wie es jetzt schon vielfach geschieht, wenn Kochfrauen, Aufwrterinnen, Lohndiener beschftigt werden.[907] In Amerika hat sich zu diesem Zweck ein besonderer Frauenverein gebildet, der fr den huslichen Dienst die Arbeitsvermittlung in Hnden hat, und bei dem die Hausfrauen fr jede Art Arbeit stunden- und tageweise Mdchen engagieren knnen. Eine andere Art, dem Mangel an Dienstboten zu begegnen und die Hausfrau zu entlasten,--wir sehen auch hier, wie bei der Stellungnahme der brgerlichen Frauenbewegung zur Hausindustrie, da es in erster Linie das persnliche Interesse ist, das zu Reformen zwingt,--wurde auf der Konferenz der englischen Gesellschaft fr Frauenarbeit im Jahre 1899 vorgeschlagen: "Ein spekulativer Baumeister," so sagte die Rednerin, "sollte hier der Pionier sein, indem er Mietshuser mit je einer Zentralkche und einer Zentralwaschkche baut.... Man hat berechnet, da man halb so viel fr Nahrung ausgeben wrde, wenn die Verschwendung an Materialien und Arbeitskrften, die unzweckmige Kochart wegfielen.... Warum also hundert Herdfeuer anstecken, wenn eines gengt, warum hundert Kchengerte abwaschen, wenn nur eines ntig gewesen wre.... Was finden wir denn heute in den berhmten, poetisch verherrlichten englischen Husern: schlechtes Essen, Fettgeruch, Wschedunst und abgearbeitete Frauen."[908] Genau denselben Standpunkt vertritt eine Amerikanerin, wenn sie sagt[909]: "Whrend jetzt zwanzig Frauen in zwanzig Haushalten den ganzen Tag arbeiten und ihre verschiedenen Pflichten doch ungengend erfllen, knnte dieselbe Arbeit besser und in krzerer Zeit durch wenige Spezialisten ausgefhrt werden." Die Notwendigkeit der Organisation der Proletarierinnen als Mittel zu ihrer Befreiung hat die brgerliche Frauenbewegung am sptesten erkannt. Selbstverstndlich: Denn das bedeutet einen entschiedenen Bruch mit der alten Anschauungsweise, die darauf beruht, da die Armen Wohlthtigkeit und Recht aus den Hnden der Herrschenden entgegen zu nehmen haben. Sich durch Macht zum Recht zu verhelfen, ist in den Augen der meisten heute noch gleichbedeutend mit Revolution. Mehr noch gilt hier, was bei den Fragen der Gesetzgebung gilt, da die Initiative niemals von den Frauenrechtlerinnen ausging. Sie traten erst dann als Organisatorinnen und Agitatorinnen der Gewerkschaften auf den Plan, als die Proletarier selbst die schwerste Arbeit, die Erringung der gesetzlichen Anerkennung hinter sich hatten, und eine Gefahr fr Staat und Gesellschaft nicht mehr in ihnen erblickt wurde. In der ersten Zeit der Beteiligung der brgerlichen Frauen an der Gewerkschaftsbewegung, die in das achte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts fllt, war ihr Einflu ein direkt nachteiliger. Sie trugen, wie in die Kmpfe um den Arbeiterschutz, frauenrechtlerische Ideen hinein und statt da die Solidaritt der Arbeiterin mit dem Arbeiter sofort zu energischem Ausdruck kam, wurde die ursprnglich frauenrechtlerische Mnnerfeindschaft dadurch propagiert, da man Gewerkschaften mit ausschlielich weiblichen Mitgliedern ins Leben rief. Wir sahen bereits, wie die englische Women's Trades Union Provident League gleich im Anfang ihres Bestehens unter die Leitung von Damen der hohen Aristokratie geriet, und es daher geraume Zeit dauerte und erst die Folge vieler bitterer Erfahrungen und harter Enttuschungen war, ehe die Propaganda fr Nur-Frauen-Gewerkschaften der fr gemischte Gewerkschaften Platz machte. Der gefestigten Erkenntnis der Arbeiter Englands und der Macht ihrer Organisationen ist es zu verdanken, da heute auch manche Frauen der Bourgeoisie, Lady Dilke an der Spitze, einsehen, da nicht das Geschlecht, sondern die Klasse das Bindemittel der Solidaritt sein mu. In Frankreich tritt gerade in dieser Richtung der frauenrechtlerische Standpunkt noch schroff hervor, weil die Vertreterinnen der brgerlichen Frauenbewegung erst in allerjngster Zeit begonnen haben, sich mit der Organisation der Arbeiterinnen zu beschftigen und ihnen nicht, wie in Deutschland, eine krftige einheitliche Arbeiterinnenbewegung gegenbersteht. Sie haben in Paris in rascher Folge die verschiedensten Frauengewerkschaften geschaffen, fr die diejenige der weiblichen Typographen,--von der "Fronde" und ihrer Direktorin ausgehend,--besonders charakteristisch ist: sie steht in schroffem Gegensatz zu den mnnlichen Kollegen, und kmpft, entgegen dem Gesetz und den Grundstzen der gesamten Arbeiterschaft, gegen das Verbot der Nachtarbeit fr Frauen, wenigstens in ihrem Gewerbe. Ein anderes Prinzip, ebenso schdigend fr die Interessen der Arbeiterinnen, kommt in den Organisationen zum Ausdruck, die kirchliche Kreise schufen und erhalten. Sie umfassen, wie das Syndikat l'Aiguille in Paris, Unternehmer und Angestellte, wodurch die Mglichkeit des Kampfes um bessere Arbeitsbedingungen von vornherein ausgeschlossen ist, oder sie sind, wie die Socit de Secours mutuel, die Gesellschaften La Couturire, La Mutualit maternelle, l'Avenir fast ausschlielich Wohlthtigkeitsvereine, die unter strengem kirchlichen Regimente stehen. Die Verwischung des eigentlichen Charakters der Gewerkschaften als sozialer Kampforganisationen durch den Einflu brgerlicher Elemente tritt aber nirgends so deutlich zu Tage als in Deutschland. Sehr spt erst, von einzelnen fruchtlosen Bemhungen abgesehen, ist die brgerliche Frauenbewegung der gewerkschaftlichen Frage nher getreten und zwar zuerst in einem Berufskreis, der ihr persnlich am nchsten stand: in dem der Handelsangestellten. In vollstndiger Verkennung der Tendenzen der Gewerkschaftsbewegung, die positive Resultate nur durch Zusammenschlu der Arbeiter allein erreichen und die Schmutzkonkurrenz der Frauen nur durch ihre Vereinigung mit den mnnlichen Arbeitsgenossen beseitigen kann, grndete der Verein "Frauenwohl" zuerst in Berlin den Hilfsverein fr weibliche Angestellte, der nicht ausschlielich die Frauen organisiert, sondern Arbeiter und Arbeitgeber umfat. In verschiedenen Grostdten Deutschlands wurden hnliche Vereine geschaffen und die Handelsangestellten strmten ihnen um so eher zu, als ihnen nicht nur Vorteile aller Art,--deren Wert fr sie wir gewi nicht verkennen wollen,--geboten werden, sondern der ursprngliche Standesdnkel der Tchter der kleinen Bourgeoisie hier genhrt wird. Die Zahlen der auf diese Weise organisierten Frauen sind folgende: Berlin 13000 Frankfurt a. M. 800 Breslau 950 Knigsberg i. Pr. 600 Kassel 210 Kln 400 Stuttgart 345 Leipzig 700 Magdeburg 160 Bromberg 120 Danzig 240 Mnchen 210 Thorn 60 Stettin 150 Mainz 115 Mannheim 210 Posen 150 Hamburg 600 Dresden 120 --------------- Im ganzen 19140 Die Bedeutung dieser Organisationen ist daher keineswegs zu unterschtzen, wenn auch angenommen werden kann, da von den Organisierten etwa 20 bis 25 % den Unternehmerkreisen angehren. Aber alles, was sie, infolge ihrer numerischen Strke, ihren Mitgliedern bieten, kaufmnnische Ausbildung, Fortbildungskurse, Bibliothek, Vortrge, Theater, Ferienaufenthalte, Stellenvermittlung, Krankenversicherung u.s.w., wird durch den groen Schaden aufgewogen, den sie ihnen zufgen, indem sie das Abhngigkeitsgefhl von den Arbeitgebern und dem brgerlichen Element in ihrer Mitte in den an sich schon rckstndigen Mitgliedern befestigen, das Aufkommen des Solidarittsgefhls mit den Lohnarbeitern aller Berufe unterdrcken, und die Krfte, die einer so starken Organisation innewohnen, brach liegen lassen. Noch deutlicher tritt der einseitige, die Arbeiterinnenfrage vllig verkennende Standpunkt der brgerlichen Frauenbewegung in dem ersten Versuch einer Dienstbotenorganisation hervor, wie ihn Mathilde Weber 1894 durch die Grndung des Vereins der Hausbeamtinnen unternahm.[910] Auch sie dachte dabei allein an die Tchter der eigenen Klasse: die Gesellschafterinnen, Sttzen der Hausfrau, Wirtschafterinnen, Kindergrtnerinnen, kurz an alle diejenigen, deren Stellung sich von dem einfachen Dienstmdchen meist nur durch den Titel "Frulein" unterscheidet. Die Verwaltung dieses Vereins liegt ausschlielich in den Hnden der Herrschaften und die Mitglieder haben so wenig zu sagen, da die Generalversammlung sich auch dann fr beschlufhig erklrt, wenn nur der Vorstand anwesend ist! Demgegenber bedeutete der fnf Jahre spter gegrndete Verein Berliner Dienstherrschaften und Dienstangestellter immerhin einen leisen Fortschritt, indem er zwar, wie die Vereine der Handelsangestellten auf dem unmglichen Harmoniestandpunkt zwischen Unternehmer und Arbeiter steht, aber diesem doch dieselben Rechte einrumt als jenem. Die Gefahr der Verwischung und Unterdrckung des Solidarittsgefhls, des allein zum Selbstbewutsein erziehenden Klassenbewutseins ist aber berall gleich gro. So auch in den Versuchen der Vertreterinnen der christlichen Frauenbewegung, die Heimarbeiterinnen zu organisieren; wie z.B. in Berlin, wo der 1899 gegrndete Verein etwa 200 Mitglieder zhlt. Sie laufen im wesentlichen auf Wohlthtigkeit hinaus und nhren in den Proletarierinnen jenen verderblichen Sklavensinn, der von Rechten nichts wei, sondern alles, was ihm geboten wird, demtig und dankbar aus der Hand des Herrn entgegennimmt. Die alleinige Ausnahme von der Regel, das erste Zeichen einer reiferen Erkenntnis bildet der von Mnchener Frauenrechtlerinnen gegrndete Kellnerinnenverein: er ist, auch was seine Leitung betrifft, ein reiner Arbeiterinnenverein, der von vornherein keinerlei Harmonie zwischen Unternehmern und Angestellten heuchelte und in seinen Forderungen nicht zurckhaltend war. Der einzige Punkt, der an die Grnder gemahnt, ist die Thatsache, da der Verein ausschlielich auf weibliche Mitglieder zugeschnitten ist, dessen Bedeutung aber dadurch wesentlich abgeschwcht wird, da in Mnchen mnnliche Kellner zu den Ausnahmen gehren. Von den 2 bis 3000 Mnchener Kellnerinnen sind 230 Vereinsmitglieder. Die Zurckgebliebenheit der brgerlichen Frauenbewegung in Bezug auf die gewerkschaftliche Organisation ist auf Grund ihres Ursprungs vollkommen verstndlich; die wirtschaftliche Not, die sich in dem Ausschlu der weiblichen Arbeitskraft aus allen brgerlichen Arbeitsgebieten ausdrckte, rief sie hervor, ein Kampf gegen den Mann, ein mehr oder weniger gewaltsames Vordringen in seine Berufssphren war die Folge. Die brgerliche Frauenwelt bildete gewissermaen eine gegen den Unterdrcker solidarisch verbundene Klasse der Unterdrckten, und sie lebte des Glaubens, da ihre Interessen die Interessen des gesamten weiblichen Geschlechtes sind. Diese Anschauungsweise ist dort am meisten eingewurzelt, wo den Forderungen der Frauen der zheste Widerstand entgegengesetzt wird, wo man ihre Bewegung geringschtzt, wo sie noch nicht den mindesten politischen Einflu haben. Dahin gehrt vor allem Deutschland. Hier fhlen sie sich als eine Partei fr sich, und es ist nur die idealistische Verbrmung einer traurigen Thatsache, wenn sie nicht mde werden, zu erklren: wir stehen "ber" den Parteien; ihr naives Selbstgefhl und ihr vlliger Mangel an Einsicht in die sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungsgesetze tritt noch hinzu, um es mglich zu machen, da sie in dem Kampf zwischen Kapital und Arbeit nur das knstliche Produkt politischer Parteiungen sehen und auch hier Frieden zu stiften glauben, wenn sie die "rmeren Schwestern" in ihre Arme ziehen. Sie verstehen nicht, oder wollen nicht verstehen, da ihre Wege sich vllig voneinander scheiden. Wohl ist auch der Ursprung der Arbeiterinnenbewegung die wirtschaftliche Not, aber sie uert sich nicht im Ausschlu der weiblichen Arbeitskraft aus den Arbeitsgebieten durch den Mann, sondern in der bermigen Ausbeutung der Arbeitskrfte beider durch den Kapitalismus. Ihr Klasseninteresse verbindet sie daher nicht mit ihren Geschlechtsgenossinnen, sondern mit ihren Arbeits- und Leidensgenossen. Wo die brgerliche Frauenbewegung dieses Interesse nicht aufkommen lt, wie durch zahlreiche ihrer Wohlthtigkeitsinstitutionen, wo sie an seine Stelle die Interessengemeinschaft mit den Vertretern des Kapitalismus zu setzen sucht, wo sie das Gefhl der Solidaritt der weiblichen mit den mnnlichen Arbeitern bewut oder unbewut erschttert und unterdrckt, wie fast durchweg in ihren Organisationsversuchen, wo sie sich endlich der Hebung der Arbeiterklasse direkt widersetzt, wie durch die Ablehnung der Arbeiterschutzgesetzgebung, da ist sie eine gefhrliche Feindin der Arbeiterinnen, ein Hindernis auf dem Wege zur Lsung der Arbeiterinnenfrage. Die einzig richtige Haltung, die sie ihr gegenber einnehmen, den einzigen Nutzen, den sie stiften kann, ist die Verbreitung und Vertiefung der Erkenntnis der Notlage des weiblichen Proletariats und die Propagierung der Arbeiterschutzgesetze im Sinne der Arbeiter selbst. Nicht zu einer unmglichen Harmonie zwischen den Klassen, wohl aber zu einer schlielichen Aufhebung der Klassengegenstze wrde sie, freilich unbeabsichtigt, dadurch die Wege ebnen helfen. 9. Die sozialpolitische Gesetzgebung und ihre Aufgaben. Der Arbeiterinnenschutz. Die Gesetzgebung zu Gunsten der arbeitenden Klasse war das Resultat eines zhen Kampfes der Unterdrckten gegen die Unterdrcker und entsprang viel weniger ethischer Einsicht oder humanitren Bestrebungen, als dem Selbsterhaltungstrieb der herrschenden Klasse. Diese charakteristischen Zge tragen bereits die ersten Anfnge der englischen Arbeiterschutzgesetzgebung des vorigen Jahrhunderts. Die verheerenden Seuchen, die sich in den Fabrikzentren Englands entwickelten und die kindlichen Arbeiter in Scharen dahinrafften, ntigten zu dem ersten Schutzgesetz des Jahres 1802. Die nationale Gefahr eines frhzeitigen Verbrauches des Menschenmaterials wurde aber schlielich auch von allen anderen Staaten anerkannt. Selbst zu den schwchlichen Versuchen eines gesetzlichen Kinderschutzes entschlo man sich indessen erst, als die grauenhaftesten Zustnde mit nicht zu bersehender Deutlichkeit an das Licht des Tages traten und die ffentliche Meinung in starke Erregung versetzt worden war. Im Namen der Freiheit verteidigten die Fabrikanten die schrankenlose Unterdrckung und Ausbeutung der Arbeiter. Sie beriefen sich dabei auf das Recht der freien Selbstbestimmung, das durch den Eingriff des Staates in das Verhltnis zwischen Unternehmern und Arbeitern verletzt wrde und wurden darin durch die manchesterliche Nationalkonomie untersttzt. Aber wie einerseits die moderne Produktionsweise ihnen zu Macht und Reichtum verhalf, so entwickelte sich andererseits mit ihr jener wichtige Faktor, der der Ausbreitung ihrer Machtsphre einen Damm entgegenzusetzen vermochte: die moderne Arbeiterbewegung. Wie sie Schritt fr Schritt vordrang, immer wieder zurckgestoen von denen, die in ihr mit Recht den einzigen Feind frchteten, der ihre Herrschaft erschttern knnte, wie sie schlielich, am Ende des 19. Jahrhunderts, den herrschenden Klassen in fest gefgter Phalanx gegenbersteht,--das ist ein Werdegang, der auch in der Gesetzgebung seine Spuren hinterlassen hat. Zuerst waren es allein die Frauen, deren gesetzlichen Schutz man durchsetzte. Natrlich genug; denn einmal fiel in Bezug auf sie, die immer Bevormundeten, das Recht der freien Selbstbestimmung nicht so schwer in die Wagschale, und dann hing es von ihnen ab, den Mttern des Volkes, ob auf kommende Generationen arbeitsfhiger Menschen zu rechnen sei. Aber selbst diese, vom Standpunkt der Fabrikanten aus einleuchtenden Grnde blieben lange Zeit hindurch vllig unbeachtet. Es waren der Arbeitsuchenden zu viele, als da man aus egoistischen Motiven den Schutz der Einzelnen fr ntig gehalten htte: mochten die Frauen mit 25 Jahren arbeitsunfhig sein, mochten die Kinder in Scharen zu Grunde gehen, es gab noch tausendfltigen Ersatz fr sie. Eines langen und erbitterten Kampfes bedurfte es, ehe man sich zu den ersten Versuchen einer Arbeiterschutzgesetzgebung entschlo. Von England, der Heimat des Fabrikwesens, ging sie aus. Die Zehnstundenbewegung, an deren Spitze brgerliche Philanthropen standen, die Chartistenbewegung, in der die ganze Wut der Geknechteten gegen ihre Unterdrcker zum Ausdruck kam,--waren die beiden groen Feldzge, die mit den ersten sprlichen Siegen der Arbeiter endeten; 1847 wurde der Zehnstundentag fr die Textilarbeiterinnen Englands Gesetz. Ihm zur Anerkennung zu verhelfen, war wieder ein Kampf fr sich, den die Arbeiter mit Untersttzung der ersten aufopferungsvollen Fabrikinspektoren zu fhren hatten. Durch die Einfhrung schichtweiser Beschftigung suchten die Fabrikanten zunchst das Gesetz zu umgehen, bis eine neue Verordnung einen Riegel vorschob. Ganz allmhlich wurden auch andere Industrien der Fabrikgesetzgebung unterstellt. "Ihre wundervolle Entwicklung von 1853-1860 Hand in Hand mit der physischen und moralischen Wiedergeburt der Fabrikarbeiter, schlug das bldeste Auge, die Fabrikanten selbst, denen die gesetzliche Schranke und Regel des Arbeitstages durch halbhundertjhrigen Brgerkrieg Schritt fr Schritt abgetrotzt war, wiesen prahlend auf den Kontrast in den noch 'freien' Exploitationsgebieten hin," sagt Marx.[911] Mit der Erkenntnis aber, da der Arbeiterschutz ihnen selbst zum Vorteil gereichte, war der Widerstand der Fabrikanten dagegen gebrochen. Englands Vorgehen, das ebenso in seiner rapiden industriellen, wie in seiner politischen Entwicklung die Erklrung findet, war fr den Kontinent, wo sich der Uebergang zum Fabriksystem relativ langsam vollzog und alle vorwrts treibenden Krfte sich auf den Kampf gegen die politische Reaktion konzentrieren muten, kein anfeuerndes Beispiel. Selbst jener erste Maximalarbeitstag, mit dem die junge franzsische Republik die erregten Volksmassen abzuspeisen gedachte und der die Arbeitszeit aller Arbeiter auf 12 Stunden festsetzte, hatte keinerlei praktische Konsequenz, weil es an Mitteln fehlte, um die Durchfhrung des Gesetzes zu gewhrleisten. Erst 1874, nach endlosen heftigen Streitigkeiten, gelangte der erste schchterne Versuch eines besonderen Arbeiterinnenschutzes in der Nationalversammlung zur Annahme. Er beschrnkte sich auf das Verbot der Nachtarbeit Minderjhriger und das Verbot der Arbeit unter Tage fr Frauen jeden Alters. Aber selbst diese klglichen Bestimmungen stieen auf den heftigsten Widerstand der Industriellen, die alles thaten, um sie zu umgehen, oder ihre Abschaffung durchzusetzen,--ein Zustand des Kampfes und des vielfach fruchtlosen Widerstandes derer, die das Gesetz schtzen wollte, der achtzehn Jahre andauerte. Noch langsamer entwickelte sich der Arbeiterinnenschutz in Oesterreich, denn vor 1885 war berhaupt kaum eine Spur von ihm vorhanden: sowohl die Nachtarbeit, als die Arbeit unter Tage wurde den Frauen nicht verwehrt. Dann aber nahm er einen Aufschwung, durch den er Frankreich berflgelte: der Elfstundentag, der vierwchentliche Wchnerinnenschutz wurde eingefhrt, die Arbeit unter Tage und bei Nacht verboten. Deutschlands Anfnge auf dem Gebiete des Arbeiterinnenschutzes fallen ziemlich genau mit dem Erstarken der sozialdemokratischen Partei zusammen, deren mit immer grerem Nachdruck vorgebrachte Forderungen das treibende Element in der Bewegung waren. Aber es trat noch Eins hinzu, dessen Wichtigkeit nicht unterschtzt werden darf, und dessen Trger die politische Vertretung des deutschen Katholizismus, das Centrum, war. Von vollkommen entgegengesetzten Standpunkten ausgehend, grundverschiedenen Zielen zusteuernd, kamen beide Parteien in ihren praktischen Forderungen gelegentlich zu hnlichen Resultaten. Aber whrend die Sozialdemokratie im gesetzlichen Schutz der Arbeiter und Arbeiterinnen nur ein Mittel sah, sie krperlich und geistig fr den Klassenkampf zu strken und fhig zu machen, glaubte das Centrum durch ihn die Entwicklung zurckzuschrauben. Es propagierte an erster Stelle die Sonntagsruhe, nicht aus hygienischen, sondern aus religisen Grnden, es forderte einen Arbeiterinnenschutz, der den vlligen Ausschlu der Frauen von der Fabrikarbeit zum Ziel hatte, um die Familie in ihrer alten Form zu erhalten und den Einflu der Arbeitsgenossen auf die Frau zu verhindern, sie aber, und damit die Ihren, statt dessen wieder unter den Einflu der Kirche zu zwingen. Von diesem Gesichtspunkt aus warf sich das Centrum hier im Verein mit manchen Konservativen sogar vielfach zum Beschtzer der Hausindustrie und der Heimarbeit auf. Wie dem aber auch sei, Thatsache ist, da die Entwicklung des Arbeiterinnenschutzes in Deutschland mit unter dem Einflu des Centrums vor sich ging. Anfang der siebziger Jahre unternahm die Regierung, einem Antrag des Reichstags folgend, eine Enquete ber die Lage der kindlichen und weiblichen Arbeiter, deren Ergebnisse die Novelle zur Gewerbeordnung hervorrief, die sie 1878 dem Reichstag vorlegte. Sie enthielt in Bezug auf den Arbeiterinnenschutz einige Bestimmungen,--so das Verbot der Beschftigung von Wchnerinnen in Fabriken vier Wochen nach der Niederkunft und das der Frauenarbeit unter Tage,--und erteilte dem Bundesrat die Ermchtigung, die Beschftigung von Frauen und jugendlichen Arbeitern aus Grnden der Gesundheit und Sittlichkeit in bestimmten Betrieben zu verbieten, aber die Wirkung selbst dieser schwchlichen Verbesserungen der Schutzvorschriften wurde dadurch im Keime erstickt, da sie nicht mit der obligatorischen Einfhrung der Fabrikaufsicht Hand in Hand gingen. Mit denselben Grnden, durch die die englischen Fabrikanten vor vierzig Jahren ihren Widerstand gegen die Schutzgesetzgebung gesttzt hatten, kmpfte in Deutschland die Regierung, an ihrer Spitze Bismarck, gegen die Gewerbeaufsicht[912], und noch zehn Jahre spter verweigerte der Bundesrat einem Gesetzentwurf mit durchgreifenden Schutzvorschriften, den der Reichstag angenommen hatte, seine Zustimmung, weil er ein Bedrfnis dafr nicht anzuerkennen vermochte. Die Industrie, so meinte er, bedarf der Frauenarbeit in unbeschrnktem Mae, und die Arbeiterfamilien, so fgte er hinzu, um sich nicht die Ble einseitiger Interessen zu geben, bedrfen ihrer nicht minder. Schlielich aber sah sich die Regierung gezwungen, den Wnschen des Reichstags nachzugeben; vor allem glaubte sie, durch soziale Reformen die wachsende Macht der Sozialdemokratie zu erschttern. Das theatralische Schaustck einer internationalen Arbeiterschutzkonferenz wurde insceniert, und war im stande auch ernsten Leuten Sand in die Augen zu streuen. Thatschlich war ihre Bedeutung lediglich eine symptomatische, indem sie bewies, da das Bestreben der Arbeiter nach Besserung ihrer Lage nach jahrzehntelangem Kampf endlich zu teilweisem Siege zu fhren schien, und eine informierende, indem sich zeigte, wie weit der Gedanke eines erweiterten Arbeiterinnenschutzes,--denn neben der Frage der Sonntagsruhe und der Kinderarbeit beschftigte man sich lediglich mit der Fabrikarbeit der Frauen,--in den einzelnen Staaten bereits Fu gefat hatte. Das Ergebnis, soweit die Frauenarbeit berhrt wurde, war geringfgig genug. Deutschland, Oesterreich, England und die Schweiz einigten sich ber folgende Punkte: allgemeine Sonntagsruhe fr alle Industriearbeiter, Verbot der Nachtarbeit fr jugendliche Arbeiter und fr Frauen, Zehnstundentag fr Jugendliche, Elfstundentag fr Frauen, vierwchentliche Arbeitsunterbrechung fr Wchnerinnen, Verbot der Frauenarbeit unter Tage. Belgien, das heute noch in Bezug auf den Arbeiterinnenschutz zu den zurckgebliebensten Lndern gehrt, und Frankreich, das ihm nur wenig voraus ist, machten bei den meisten Punkten Vorbehalte oder sie erklrten sich direkt dagegen. Ohne zu positiven Resultaten gelangt zu sein, ging die Konferenz auseinander und es blieb jedem einzelnen Staat wieder berlassen, den Arbeiterschutz nach seinem Gutdnken auszubauen. Das letzte Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts, an dessen Wiege das arbeitende Volk in all seinem grenzenlosen Jammer gestanden hatte, dessen Mannesalter durch seine stumme Qual und Ausbrche wtender Verzweiflung verdstert wurde, bot den Millionen ausgebeuteter Proletarier nur ein paar Brosamen von seiner ppigen Tafel. Sie kamen, nchst den Kindern, wesentlich den Frauen zu gute. Eine Vorstellung des geltenden Rechts in Bezug auf die Arbeiterinnenschutzgesetzgebung giebt die Tabelle [unten]. Ihr Inhalt bezieht sich lediglich auf die industriellen Arbeiterinnen und er schliet sowohl die nheren Bestimmungen ber Hausindustrie und Heimarbeit als alle diejenigen Gesetze aus, die sich mit den Handelsangestellten, den Landarbeiterinnen, den Kellnerinnen und Dienstboten beschftigen. Betrachten wir zunchst die Frage der Arbeitszeit. Der Normalarbeitstag war von jeher ein Palladium der Arbeiterbewegung gewesen. In England und mehr noch in Australien hatten sich die Gewerkschaften die allmhliche Herabsetzung der Arbeitszeit erkmpft und vielfach ihr Ziel, den Achtstundentag, durch kollektive Vertragschlieung erreicht. Sie hatten, belehrt durch ihre Lebenslage, die nur durch Verkrzung der Arbeitszeit eine menschenwrdige werden konnte, den Standpunkt des einseitigen Individualismus, der jeden Zwang auf die Persnlichkeit, jede Einschrnkung des freien Willens ablehnt, lngst aufgegeben und erstrebten berall auch die gesetzliche Festlegung der Arbeitszeit. Um so heftiger strubten sich die Unternehmer dagegen, indem sie ihre Sorge um die Verringerung ihres Profits in die sentimentale Phrase zu verkleiden suchten, da es niemanden verwehrt sein drfe, fr seine Familie, fr seine Kinder so lange zu arbeiten als er wolle. Aber ihre Berufung auf die Freiheit des Individuums im allgemeinen und die Freiheit des Arbeitsvertrags im besonderen,--eine der wichtigsten Grundstze des Liberalismus,--kam in Bezug auf die weiblichen Arbeiter in Kollision mit einem anderen Grundsatz, den die ganze brgerliche Gesellschaft zu dem ihren gemacht hatte, auf dem ihre Existenz zum Teil beruht: der Erhaltung der Familie und des Familienlebens in seiner alten Form, als deren Trgerin die Frau erscheint. Und so war es der indirekte Einflu der weiblichen Industriearbeit, der den starren Widerstand der Bourgeoisie besiegen half, und sie den ersten Schritt auf dem Wege zum Normalarbeitstag gehen lie. In allen fnf Staaten unserer Tabelle ist die Arbeitszeit der Frauen geregelt; auch Ruland, Australien und Nordamerika sind in hnlicher Weise vorgegangen, whrend Belgien, Holland, die skandinavischen Lnder und Italien die gesetzliche Beschrnkung des Arbeitstages nur fr Kinder und junge Leute eingefhrt haben. Was aber die Bestimmungen der einzelnen Lnder wesentlich voneinander unterscheidet ist vor allem der Umstand, da sie sich nur noch zum Teil allein auf die weiblichen Arbeiter beziehen: Frankreich--mit einer gewissen Modifikation--, Oesterreich, die Schweiz, einige Staaten Nordamerikas und Kolonien Australiens beschrnken die Arbeitszeit erwachsener Fabrikarbeiter in demselben Ma wie die erwachsener Fabrikarbeiterinnen. Die natrliche Erwgung, da die Betriebe, in denen Arbeiter beiderlei Geschlechts nebeneinander arbeiten, eine auerordentliche Strung erleiden, wenn der eine Teil zehn oder elf, der andere zwlf oder dreizehn Stunden beschftigt ist, hat dazu den Anla gegeben. Die Notwendigkeit der Beschrnkung der Arbeitszeit der Frauen fhrte daher die viel und hei umstrittene Frage des Maximalarbeitstages der Mnner ihrer Lsung entgegen. Das zeigt sich noch deutlicher in den Staaten, wo eine gesetzliche Regelung der Mnnerarbeit noch nicht durchgesetzt worden ist. So wurden die deutschen Gewerbeaufsichtsbeamten wiederholt mit der Aufgabe betraut, der Arbeitszeit und ihrer Ausdehnung ihre besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Whrend sie im Jahr 1885, vor der Regelung der Frauenarbeit, noch eine zwlf-, dreizehn- und mehrstndige Arbeitszeit der Mnner feststellten, schwankte sie im Jahr 1897, also nach der Regelung, zwischen neun und elf Stunden.[913] In England, wo die Macht der Gewerkschaften diese Entwicklung noch beschleunigen hilft, zeigt sich dasselbe Bild.[914] Angesichts dessen und der uns bekannten Thatsache der rapiden Zunahme der Frauenarbeit beantwortet sich die Frage nach dem Nutzen oder Schaden ihrer gesetzlichen Beschrnkung von selbst, und es zeugt nur von groem Mangel an Einsicht, wenn man ber die Entscheidung im Zweifel sein kann. Die Beschrnkung der Arbeitszeit weiblicher Arbeiter ist nicht nur fr sie selbst von grter Bedeutung, sie ist es auch im Interesse ihrer mnnlichen Arbeitsgenossen. Sie kann aber auch, und das ist ein Moment, das gerade von der Arbeiterinnenbewegung vielfach bersehen wird, wenn sie sich zu weit von der effektiven Arbeitszeit der Mnner entfernt, zum Nachteil der Frauen ausschlagen, besonders in Zeiten wirtschaftlicher Krisen, in denen dann die Frauen durch Mnner ersetzt werden wrden. Fr deutsche Verhltnisse z.B. wre eine Reduktion der Arbeitszeit der Frauen auf zehn und neun Stunden gegenwrtig schon ohne Schaden fr sie durchfhrbar, weil auch die Mnner in ihrer Arbeitszeit dieser Stundenzahl immer nher kommen. Den Achtstundentag aber fr die Frauen allein heute schon erkmpfen zu wollen, hiee ihnen nicht nutzen. Viel wichtiger wre es gegenwrtig auch fr die Frauen mit grtem Nachdruck fr den gesetzlichen Maximalarbeitstag der Mnner einzutreten, wie ihn Frankreich durch den in wenigen Jahren zur Geltung gelangenden Zehnstundentag zum Gesetz erhoben hat. Selbstverstndlich bleibt der Achtstundentag das weitere Ziel, aber, wohl gemerkt, fr Mnner und Frauen. Er ist die Voraussetzung fr die Befreiung der Arbeiterklasse aus physischer und geistiger Knechtschaft, er ermglicht erst ihre lebendige Teilnahme an den Errungenschaften der modernen Kultur. Fr die Frau aber, vor allem fr die Mutter und Hausfrau, wrde er von noch grerem Werte sein, und daraus erklrt es sich, da die Arbeiterinnen ihn jetzt schon allein fr ihr Geschlecht erringen wollen. Wir kommen damit zur Kritik der Lnge des Arbeitstags, wie er gesetzlich fr die Frauen festgelegt wurde. Ist die Reduzierung der Arbeit auf zehn oder elf Stunden wirklich ausreichend, um die Krperkrfte der Frau nicht zu berbrden, ihre Gesundheit nicht zu gefhrden und sie ihrer Familie zu erhalten? Die Lage der Fabrikarbeiterinnen, wie wir sie kennen lernten, erbrigt eine Antwort. So gro der Fortschritt ist gegenber der unbegrenzten Arbeitszeit, so gering ist er gegenber den notwendigsten Bedrfnissen; fr das junge Mdchen, die werdende Mutter, vor allem aber fr die Mutter kleiner Kinder sind zehn oder elf Stunden Arbeit eine Qual, die fast immer zu den traurigsten Resultaten fhrt. Die Erkenntnis, da besonders die verheiratete Frau zur Fhrung ihres Haushalts mehr freier Zeit bedarf, hat zur Festsetzung der Mittagspause gefhrt, die 1 bis 1-1/2 Stunden zu dauern pflegt. Es wirkt wie Ironie, wenn man sich vergegenwrtigt, da in dieser Zeit nicht nur die Hauptmahlzeit des Tages im Kreise der Familie eingenommen werden soll, sondern vorher auch zubereitet werden mu, und die Arbeiterin meist fr den Weg hin und her von der Fabrik den grten Teil der verfgbaren Zeit in Anrechnung zu bringen hat. Die deutsche Gesetzgebung hat berdies nicht einmal die anderthalb Stunden festgelegt, sondern nur eine, und bestimmt, da die weitere halbe Stunde der Arbeiterin "auf ihren Antrag" freigegeben werden soll. Welche Arbeiterin aber, die so wie so stets um die Erhaltung ihrer Arbeitsgelegenheit zittert, entschliet sich zu solcher Bitte? Thatschlich konstatierten die Gewerbeaufsichtsbeamten wiederholt, da Arbeiterinnen, die den Wunsch danach aussprachen, mit Entlassung bedroht wurden. Es ist daher nur natrlich, wenn der Wunsch nicht allzu hufig laut wird. Die halbe Stunde ist auch oft nicht der Mhe wert. Es fragt sich nun, ob demgegenber eine Verlngerung der Mittagspause wnschenswert ist. Dabei darf nicht vergessen werden, da eine ausreichende Erweiterung,--auf drei Stunden etwa,--undurchfhrbar ist, weil die Betriebsstrung zu gro und die Differenz mit der Arbeit der Mnner eine zu tiefgehende wre. Viel vorteilhafter fr die Frau und die Arbeiterfamilie wre es, wenn sie, neben einer etwa einstndigen Pause, die Arbeit am Abend frher verlassen knnte, womglich gemeinsam mit dem Mann. An Stelle der mittglichen Hetze wrde eine ununterbrochene Zeit treten, durch die auch fr den Arbeiter eine Spur huslicher Gemtlichkeit zuweilen erobert werden knnte. Man pflegt diese Tageseinteilung als die Einfhrung der englischen Tischzeit zu bezeichnen, weil sie in England vielfach durchgefhrt worden ist. In Verbindung aber mit dem zehn- oder elfstndigen Arbeitstag wird das Ideal, die Sicherung des Familienlebens, die Mglichkeit der Kindererziehung, dadurch noch nicht im mindesten erreicht. Wohlwollende, aber kurzsichtige Leute in Verbindung mit reaktionren Politikern, wie das Centrum sie aufweist, sind daher auf den Gedanken gekommen, da die Fabrikarbeit verheirateter Frauen berhaupt verboten werden msse, die Gesetzgebung jedenfalls den Weg dahin heute schon zu betreten habe.[915] Auch in Arbeiterkreisen fehlt es nicht an Stimmen, die fr diese Maregel eintreten; die Kongresse der christlichen Arbeiter von Rheinland und Westfalen forderten schon seit 1873 die Unterdrckung der eheweiblichen Fabrikarbeit[916]; eine groe Gruppe lediger Fabrikarbeiterinnen Englands kmpft mit aller Energie gegen die verheirateten Arbeitsgenossinnen.[917] Auf verschiedene Motive ist diese Stellungnahme zurckzufhren: auf den uneigenntzigen Wunsch, die Mutter den Kindern zurckzugeben und auf das eigenntzige Verlangen, eine lstige, meist lohndrckende Konkurrenz los zu werden. Abzuleugnen, da die Fabrikarbeit der verheirateten Frau ihr und ihren Kindern durch ihre groe Ausdehnung empfindlich schadet, wre, angesichts der Thatsachen, eine Vermessenheit. Es fragt sich nur, ob die zwangsweise Ausschlieung davon ihr nutzen wrde. Fr Deutschland ist es durch die Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten erwiesen, da die bergroe Mehrheit der Frauen durch die Not zur Fabrik getrieben wird. Einer der Befrworter des Ausschlusses definiert den Begriff Not, indem er erklrt, nur dort drfe von ihr gesprochen werden, wo der Verdienst der Frau "unbedingt" erforderlich ist, damit die Familie "nur" leben knne.[918] Um solche Not handelt es sich zumeist; wir sehen aber Not auch dort, wo zwar der momentane Hunger gestillt wird, aber die Angst um die Zukunft nie weicht und alle Freuden des Lebens entbehrt werden mssen. Auch in diesem Fall hat die Frau das Recht und die Pflicht, zu arbeiten. Schlieen sich ihr die Thore der Fabrik, so wird die Hausindustrie und die Heimarbeit mit all ihren Schrecken sie aufnehmen, und man wird die Zersetzung rckstndiger Betriebsformen dadurch noch lnger aufhalten. Der vorhin zitierte Gegner der eheweiblichen Fabrikarbeit sieht darin allerdings einen glcklichen Ausweg fr wirklich notleidende Ehefrauen; sie knnen, so sagt er "in der Landwirtschaft oder in der Hausindustrie oder auch im Handel Beschftigung suchen, oder Aufwartungen bernehmen, als Kochfrau oder Pflegerinnen gehen etc."[919] Alle diese Beschftigungen also, die sich fast smtlich des Vorzugs erfreuen, gar keiner gesetzlichen Kontrolle und Einschrnkung unterworfen zu sein, sollen die Frau ihren Familienpflichten weniger entziehen als die gesetzlich geregelte Fabrikarbeit! Zur Durchfhrung des Ausschlusses empfiehlt er, ihn zur Zeit einer wirtschaftlichen Depression vorzunehmen, in der Arbeiterentlassungen so wie so an der Tagesordnung sind[920]; d.h. er will der Frau die relativ vorteilhafteste Arbeitsgelegenheit gerade dann entziehen, wenn ihr Erwerb am notwendigsten ist, und er ist naiv genug, von den Unternehmern zu erwarten, da sie gerade dann sich ihrer billigsten Arbeitskrfte gutwillig berauben werden. Aber nicht nur, da der Erwerbszwang die verheirateten Frauen in die sozial tiefststehenden Arbeitsgebiete drngen wrde, er wrde, da ihre Arbeitskraft ihre Mitgift bedeutet und unerllich ist zur Erhaltung der Familie, an Stelle der Eheschlieung in erweitertem Umfang das Konkubinat treten lassen. So weit wir nun auch davon entfernt sind, an dem freien Liebesbund zweier Menschen sittlichen Ansto zu nehmen, so gewi ist es doch, da das Konkubinat unter den heutigen Verhltnissen die Frau und ihre Kinder der Willkr des Mannes erbarmungslos aussetzt und beide dem tiefsten Elend schutzlos preisgeben kann. Es kommen aber noch andere Grnde hinzu, die vom Standpunkt der Arbeiterin aus zur unbedingten Verwerfung des Ausschlusses der verheirateten Frauen aus der Fabrik fhren mssen: Die Fabrikarbeit ist die einzige Form der Arbeit, durch die die Frauen in engere Verbindung mit ihren Klassengenossen gebracht werden, davon aber hngt ihre Aufklrung, ihre Organisationsfhigkeit ab, und ihre strkere oder geringere Organisationsfhigkeit wieder beeinflut die raschere oder langsamere Entwicklung der sozialpolitischen Gesetzgebung. Doch auch vom Standpunkt der Unternehmer aus ist der Ausschlu der verheirateten Frau zu verwerfen. Die deutschen Gewerbeinspektorenberichte fr 1899 haben das interessante Resultat ergeben, da nach der Aussage der Mehrzahl der Fabrikanten teils nicht genug ledige Arbeiterinnen zur Verfgung stehen[921], vor allem aber die verheirateten schwer oder gar nicht zu ersetzen sind.[922] Die Grnde dafr sind naheliegend: es handelt sich bei ihnen meist um ltere, erfahrene Arbeiterinnen, die berdies, weil sie ihren Beruf nicht mehr, wie die meisten ledigen, nur als einen Uebergang zur Ehe betrachten, besonders eifrig und strebsam sind. Also auch das Interesse der Unternehmer spricht gegen ihren Ausschlu. Wer die furchtbaren Schden der Fabrikarbeit verheirateter Frauen ausmerzen will, mu zu anderen Mitteln greifen. Er mu sie in strkerem Mae als bisher der Fabrikarbeit zufhren und der Hausindustrie und der Heimarbeit entreien. Die Einrichtung von Schulkantinen und Kinderhorten durch die Kommunen und die allmhliche Herabsetzung der Arbeitszeit mu damit Hand in Hand gehen. Schon die gegenwrtig gesetzlich festgelegte Arbeitszeit fr Frauen wrde eine weitreichende Bedeutung haben, wenn sie thatschlich ein Maximalarbeitstag wre. Unsere Tabelle zeigt aber, da nicht nur Ueberstunden in ausgedehntem Ma bewilligt werden knnen, sondern da sogar allgemeine Dispensationen fr bestimmte Fabrikationszweige im Bereiche der Mglichkeit liegen. Besonders die Saison- und Campagneindustrien spielen dabei eine groe Rolle, d.h. alle diejenigen Arbeitszweige, die der Mode im hohen Ma unterworfen sind, oder die von Jahreszeiten und Festtagen abhngen. Dazu gehrt vor allem die Herstellung der weiblichen Kleidung, der Spielwaren, der Konserven und in Paris der sogenannten Articles de Paris, die durch das Neujahrsfest beeinflut werden. Die Ausnahmebewilligungen und Dispensationen sind hier so gro, da die gesetzlich vorgeschriebene Arbeitszeit fast zur Ausnahme wird, und zwar um so mehr, weil die Unternehmer sie auch ohne besondere Erlaubnis mglichst oft zu umgehen suchen. Uebertretungen dieser Art kommen, wie die Fabrikinspektoren aller Lnder bereinstimmend berichten, am hufigsten vor. Wo ein ausgeprgtes Solidarittsgefhl fehlt, wo die Organisation nicht hinter der Arbeiterin steht, ist sie nicht nur willenlos gegenber den Wnschen des Unternehmers, sie bietet womglich selbst die Hand zu ihrer Erfllung. So wird der zehn- oder elfstndige Arbeitstag in der Praxis vielfach zu einem zwlf- und dreizehnstndigen. Aehnlich liegen die Verhltnisse in Bezug auf die Nachtarbeit: sie ist im Prinzip verboten, aber eine ganze Reihe von Ausnahmen ffnen der Uebertretung der Vorschriften Thr und Thor. Nur England und die Schweiz erfreuen sich eines absoluten Verbots. In Deutschland wird unter bestimmten Bedingungen eine Verlngerung der Arbeit bis zehn Uhr nachts, ein Beginn zwischen 4-1/2 und 5 Uhr frh gestattet, aber auch die Nachtarbeit, die in 24 Stunden 10 Stunden dauern darf mit der Einschrnkung, da Tag- und Nachtschichten wchentlich wechseln mssen, kann durch den Bundesrat erlaubt werden. Fr Molkereien und Konservenfabriken, fr Steinkohlen-, Zink- und Bleierzbergwerke, fr Ziegeleien und schlielich auch fr Konfektionswerksttten wurden Erlaubnisse der Art bereits erteilt. Oesterreich geht in der Gewhrung von Ausnahmen noch weiter, indem es die Nachtarbeit auch in der Bettfedernreinigung, der Spitzen-, Papier-, Fe- und Zuckerfabrikation, sowie in zahlreichen Zweigen der Textilindustrie gestattet. Das franzsische Gesetz wird in gleicher Weise durchlchert, nur da es den Vorteil bietet, an Stelle der zulssigen zehnstndigen Nachtarbeit Deutschlands und der elfstndigen Oesterreichs die siebenstndige festgesetzt zu haben.[923] Dasselbe System wiederholt sich in Deutschland, Oesterreich und Frankreich bei der Sonntagsarbeit, wenn die darauf bezgliche Verordnung auch, hauptschlich aus religisen Grnden, straffer gehandhabt wird, und Frankreich die Bestimmung getroffen hat, da fr die notwendig gewordene Sonntagsarbeit stets ein Ersatzruhetag in der Woche gewhrt werden mu. Die Festsetzung der Arbeitszeit und der Ruhepausen wird nach alledem durch dieselbe Gesetzgebung, die sie in Angriff nahm, wenn nicht annulliert, so doch in so mannigfaltiger Weise durchbrochen, da der Segen, den sie verbreiten sollte, sehr fragwrdig erscheint. Und doch ist diese Zwiespltigkeit des Arbeiterschutzes nur die notwendige Folge des Standpunkts, den die Regierungen der Arbeiterfrage gegenber einnehmen und der sich dadurch kennzeichnet, da die Interessen der Arbeiter zwar vertreten werden sollen, aber nur soweit, als sie mit den Interessen der Unternehmer nicht kollidieren. Ein ernsthafter Arbeiterschutz ist aber nur dann durchfhrbar, wenn man bei seiner Gestaltung in erster Linie die Arbeiterinteressen vor Augen hat. Der Fortschritt des Arbeiterschutzes hngt darum hauptschlich von dem Einflu und der Macht der Arbeiterklasse selbst ab. Und da auf der Verkrzung der Arbeitszeit und der Zusicherung ausreichender Ruhe das Wohl der Arbeiter in erster Linie beruht, ist der grte Nachdruck gerade hierauf zu legen. Wie das Beispiel Englands und der Schweiz beweist, ist jetzt schon ohne wesentlichen Nachteil fr die Industrie die Durchfhrung der Nacht- und Sonntagsruhe mglich, und zwar, bestimmte Ausnahmen abgerechnet, auch fr Mnner. Was die Ueberstunden betrifft, so zeigt die englische Textilindustrie, da ihre vllige Aufhebung auch mglich ist, denn sie hat sich trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, so groartig entwickelt. Die Unternehmer, die auf die Hhe ihres Profits nicht verzichten wollten, sahen sich eben gentigt, die fehlenden Menschenkrfte durch schneller produzierende Maschinen zu ersetzen,--ein Proze, der stets bei der Verkrzung der Arbeitszeit eintreten mu, so da der Arbeiterschutz sich als eines der wirksamsten Mittel zur Beschleunigung der allgemeinen industriellen Entwicklung erweist. Auch fr Saison- und Campagneindustrien knnten die Ueberzeitbewilligungen erheblich eingeschrnkt und der Ausfall durch Mehreinstellung von Arbeitskrften wett gemacht werden. Eine knstliche Einschrnkung der in wilder Hetzjagd einander folgenden Modethorheiten wre auch fr die Konsumenten nicht vom Uebel. Zunchst freilich drfte die Forderung einer Verminderung der Ueberzeitbewilligungen womglich blos auf solche Flle, wo Unglcksflle oder Naturereignisse sie unbedingt notwendig machen, ein frommer Wunsch bleiben, weil er nur auf dem Boden internationaler Vereinbarungen auf Erfllung rechnen kann. Selbst die vielfach ans Mrchenhafte grenzende Entwicklung des Maschinenwesens, die geradezu prdestiniert erscheint, die Arbeitszeit immer mehr zu verkrzen, hat unter der gegenwrtig herrschenden schrankenlosen Konkurrenz nur dazu dienen mssen, den Profit zu erhhen. Erfindungen, die nur dem Arbeiter nutzen, dem Unternehmer aber keinerlei Vorteil bringen, ja ihm womglich nur Kosten verursachen, werden ohne ueren Zwang nirgends eingefhrt. Der Staat und die Kommunen, die zwar solche Einrichtungen gesetzlich einfhren knnen, die direkt Leben und Gesundheit der Arbeiter schtzen, aber nicht die Befugnis haben, die Unternehmer zur Anschaffung arbeitsparender Maschinen zu zwingen, mten es als ihre Pflicht betrachten, in ihren eigenen Betrieben darin mit dem guten Beispiel voran zu gehen, und es mte zu den Aufgaben der Arbeiterorganisationen gehren, berall fr ihre Einfhrung einzutreten. Verbnde sich diese Agitation mit einer jedesmaligen Revidierung der Lohntarife, so da durch neue Maschinen nicht die Einnahmen der Arbeiter verringert wrden, so wre sie eines der wirksamsten Hilfsmittel zur Erreichung des Normalarbeitstags. Erwgungen hnlicher Art drngen sich auf, wenn wir die Betriebe betrachten, aus denen die Frauen in Rcksicht auf ihre Gesundheit entweder ganz oder teilweise ausgeschlossen worden sind. Mit Ausnahme derjenigen Beschftigungsarten, die, wie die Arbeit unter Tage, der Transport von Rohmaterial in Ziegeleien u.s.w., ihrer krperlichen Konstitution nicht entsprechen, sind es entweder solche, die Vergiftungsgefahren mit sich fhren, wie die Herstellung elektrischer Akkumulatoren aus Blei oder Bleiverbindungen, die Fabrikation von Arsenik, Nitrobenzin, Bleiwei u.s.w., oder solche, die die Arbeiterinnen besonders hohen Temperaturen aussetzen, wie die Arbeit in Rohzuckerfabriken, Cichorienfabriken, Drahtziehereien u.s.w. Frankreich ist in diesen Verboten besonders weit gegangen und hat die Frauen fast aus der ganzen chemischen Industrie entfernt. Nun haben wir aber bei der Betrachtung der Lage der Fabrikarbeiterinnen gesehen, da Vergiftungen durch Blei und Bleiwei z.B. in der ganzen Textilindustrie vorkommen, der Ausschlu von der Fabrikation und Bearbeitung des Bleis und seiner Verbindungen sie also durchaus nicht davor bewahrt; wir haben ferner gefunden, da die schwersten krperlichen Leiden die Folgen aller Arten von Arbeiten sein knnen. Mssen wir demnach fordern, da alle diese Arbeitsgebiete den Frauen verschlossen werden sollen? Gewi nicht! Die einzige vernnftige Folgerung wird vielmehr die sein, die Fabrikationsweisen zu reformieren und, wenn es durchfhrbar ist, die Herstellung gewisser Stoffe ganz zu verbieten. An Mitteln und Wegen dazu fehlt es nicht, wohl aber an der ntigen Initiative, sie zu ergreifen und diejenigen, die sich weigern sollten, gesetzlich dazu zu zwingen. Ein glcklicher Anfang dazu ist krzlich in Frankreich gemacht worden, wo die Benutzung von Bleiwei bei Anstreicherarbeiten durch einen Erla des Handelsministers verboten wurde, und Zinkwei,--das allerdings teuerer ist,--an seine Stelle treten soll. In den Textilfabriken, besonders der Spitzenfabrikation, bei der Bleicherei und Appretur, der Papierfabrikation, der Porzellanfabrikation u.s.w. wird berall Bleiwei verwandt, obwohl es ebenso leicht verhindert werden knnte und auch dann verhindert werden mte, wenn die betreffenden Waren dadurch auch an Glanz und Weie verlren. Gewi mu die Frauenarbeit fr bestimmte, die Krfte der Frau bersteigende Arbeiten verboten werden, dies Verbot aber systematisch immer weiter auszudehnen ist ein gefhrliches Beginnen und zwar gefhrlich sowohl im Interesse der Frauen als in dem der Mnner. Wenn die Frauen nmlich prinzipiell aus allen gesundheitsgefhrlichen Betrieben ausgeschlossen werden sollten, so ist die Grenze fr dieses Vorgehen kaum noch zu bestimmen. Andererseits beruhigt man gewissermaen durch den Ausschlu der Frauen sein Gewissen und berlt nunmehr die Mnner ruhig den gefhrlichen Einflssen der Gifte, der hohen Temperaturen u.s.w., als ob sie vllig unempfnglich dafr wren! Der richtige Weg wre vielmehr der, durch Herabsetzung der Arbeitszeit, durch genaue Vorschriften in Betreff der Kleidung, durch Schutzeinrichtungen aller Art, durch Ventilation, Staubabsaugung, grndliche Reinigung, zwangsweise Einfhrung aller derjenigen Maschinen, die die Gefahr verringern, schlielich auch durch Verbot der Herstellung entbehrlicher Giftstoffe vorzugehen.[924] Auch hier htten krftige Gewerkschaften ein fruchtbares Feld der Thtigkeit vor sich, indem sie die Arbeit in gefhrlichen, nicht gengend geschtzten Betrieben und die Herstellung entbehrlicher Gifte verweigern sollten. Die geringere Widerstandskraft der Arbeiterin gegen gewerbliche Schdlichkeiten ist kein ursprngliches Charakteristikum ihres Geschlechts, sie ist vielmehr die Folge seiner ganzen knstlich gesteigerten Entartung durch verkehrte Erziehung, unhygienische Kleidung, schlechte Ernhrung,--viel schlechter als die der Mnner,--doppelte Arbeitslast, sobald es sich um Verheiratete handelt, vor allem aber durch Hungerlhne. An die Wurzeln des Uebels ist daher auch hier die Axt anzulegen. Es giebt Hygieniker, die so weit gehen, den Schutz der Arbeiterin auch whrend der Menstruation fr notwendig zu erklren. Sehen wir einmal von der Undurchfhrbarkeit solcher Maregel ab, so haben wir schon einmal betont, da diese Funktion der weiblichen Geschlechtsorgane durchaus nichts Krankhaftes ist und die Leistungsfhigkeit nicht hindert. Wenn sie zur Krankheit wird, so sind die Grundlagen dazu in der Jugend, vor allem in der Entwicklungszeit gelegt worden. Die Gesetzgebung hat daher, will sie zur Krftigung der Arbeiterin beitragen, die Pflicht, die Arbeitszeit jugendlicher Arbeiterinnen auf das uerste zu beschrnken, wenn nicht die Erwerbsarbeit der Mdchen unter sechzehn Jahren berhaupt zu verbieten. Das knnte fr die jugendlichen Arbeiter in gleicher Weise geschehen, weil sich erwiesenermaen ein Knabe zwischen vierzehn und sechzehn Jahren, wenigstens unter unseren Breitengraden, in der Zeit lebhaftesten Wachstums befindet, und ebenso der Schonung bedarf, wie das Mdchen. Eine gesunde Arbeiterin, die nicht schon in der frhsten Jugend all ihre Kraft dem Erwerb hat opfern mssen, wird dann, wenn sie in das Berufsleben eintritt, von der Menstruation nicht mehr spren, als ein Mann vom Schnupfen. Ganz anders liegt die Frage, sobald es sich um Schwangere und Wchnerinnen handelt. Einen gesetzlichen Schutz der Schwangeren kennt nur die Schweiz. Neuerdings sucht ihn Dnemark, wo er sich sogar auf vier Wochen ausdehnen soll, einzufhren.[925] Ueber seine Berechtigung drfte nirgends ein Zweifel bestehen, es fragt sich nur, ob mit einem bloen Arbeitsverbot fr eine kurze Zeit vor der Entbindung genug geschehen ist. Hirt verlangt, da die Thtigkeit der Frauen whrend der zweiten Hlfte der Schwangerschaft in bestimmten Gewerben ganz verboten werden soll; dazu gehrt die Nherei, die Frberei und Stoffdruckerei, die Fabrikation vom gefrbtem Papier, knstlichen Blumen, Spitzen und Phosphorstreichhlzern. Hierbei zeigt sich aber dasselbe, wie bei der Errterung des Ausschlusses aller Frauen aus gesundheitsgefhrlichen Betrieben: warum bei diesen Industrien stehen bleiben, wo doch eine ganze Anzahl anderer,--ich erinnere nur an die Tabakindustrie,--fr die Schwangere und den Ftus ebenso bedenklich sind? Da es sich aber in diesem Fall um die kommende Generation handelt, so gengt zu ihrem Schutz die Erfllung der Forderungen, die wir bei jener Gelegenheit aufstellten, nicht, und es wre zweifellos das Beste nicht nur fr die zweite Hlfte der Schwangerschaft,--bekanntlich bringt die erste schwere Gefahren mit sich,--sondern fr die ganze Zeit der Schwangerschaft berhaupt, die Fabrikarbeit zu verbieten. Dadurch aber wrde den Frauen unter den gegenwrtigen Verhltnissen viel mehr geschadet als genutzt werden, denn sie wrden sich scharenweise der Hausindustrie und der Heimarbeit zuwenden mssen. Ein Arbeitsverbot von vier Wochen vor der Entbindung ist daher das uerste, was im Augenblick von der Gesetzgebung verlangt werden kann. Die Wchnerin erfreut sich jetzt schon fast berall eines Schutzes, Frankreich macht beinahe allein eine unrhmliche Ausnahme hiervon, aber die Schutzzeit ist nur in der Schweiz auf sechs Wochen, d.h. auf diejenige Zeit festgesetzt, in der bei normalem Verlauf des Wochenbettes die Rckbildung der Organe stattgefunden hat. Deutschland, das gleichfalls sechs Wochen der Ruhe bestimmt, hat auch hier durch die Gestattung von Ausnahmen die Regel so gut wie umgestoen. Aber selbst eine sechswchentliche Schutzzeit ist nur fr vollstndig gesunde Frauen und nur fr diese allein ausreichend, das Kind, dem die Mutterbrust und die mtterliche Pflege nach dieser Frist schon entzogen wird, hat eine nicht viel grere Aussicht das erste Jahr zu berleben, oder, wenn es geschieht, sich zu einem krftigen Menschen zu entwickeln, als wenn die Mutter es bereits nach vier Wochen verlassen htte. Angesichts dieser Thatsache liegt die Notwendigkeit der Forderung einer lngeren Schutzzeit auf der Hand. Wie weit aber soll sie sich ausdehnen? Die deutsche sozialdemokratische Reichstagsfraktion fordert acht Wochen, erfahrene Mediziner neun Monate. Der ideale und erstrebenswerteste Zustand ist es freilich, wenn die Mutter ebenso wie neun Monate vor so neun Monate nach der Geburt von der Erwerbsarbeit befreit ist und den Sugling so lange nhren kann, als es sich mglich und notwendig erweist. Aber wir haben leider mit sehr realen Verhltnissen zu rechnen. Schon heute sehen sich viele Mtter, denen die Thore der Fabrik noch geschlossen sind, bald nach der Geburt gezwungen, als Heimarbeiterin, Aufwrterin u. dergl. dem Verdienst nachzugehen. Ein auf Monate ausgedehnter Schutz wrde berall zu diesem Resultat fhren und jeder Art nicht oder schwer kontrollierbarer Arbeit zu enormem Aufschwung verhelfen, whrend es unser ganzes Bestreben sein soll, gerade diese aus dem Wege zu schaffen. Wir werden uns daher auch hier fr die Gegenwart bescheiden mssen, und den achtwchentlichen Schutz als die uerste Forderung aufstellen. Im Interesse der Kinder aber mu sie mit der Forderung an die Kommunen Hand in Hand gehen, in allen Industrie-Zentren, wo verheiratete Frauen in bestimmtem Umfang beschftigt werden, Kinderkrippen in ausreichender Anzahl zu errichten, und Anordnungen zu treffen, denen zufolge den Mttern die Zeit gewhrt wird, dort ihre Kinder zu nhren. Aber auch hier, wie fr das ganze Gebiet des Arbeiterschutzes, ist die grundlegende Bedingung jeden Fortschritts die allmhliche Herabsetzung der Arbeitszeit bis zum Normalarbeitstag von acht Stunden. Alle anderen Forderungen stehen dieser einen gegenber in zweiter Linie. Gerade fr die Frau als Mutter ist die Beschrnkung der Arbeitszeit von der allergrten Wichtigkeit; auf ihr beruht die Mglichkeit ihrer physischen und geistigen Kraft und Entwicklungsfhigkeit, und damit die ganze Zukunft ihrer Kinder. Betrachten wir nunmehr das Gebiet der Arbeit, ber das die Schutzbestimmungen sich ausdehnen, so zeigt unsere Uebersicht auf den ersten Blick, da es ein sehr beschrnktes ist. Sie finden in allen Lndern nur auf die Fabrikarbeiter eine gleichmige, allgemeine Anwendung, die Arbeiter in der Landwirtschaft und die Dienstboten sind ganz davon ausgeschlossen, die Handelsgehilfen, die Kellner und die Heimarbeiter fast ganz, nur die Werkstattarbeiter der Hausindustrie genieen scheinbar relativ am meisten die Segnungen des Arbeiterschutzes. Der Grund fr die Zaghaftigkeit der europischen Gesetzgeber, die sich besonders in ihrer Haltung gegenber der Heimarbeit uert, ist einerseits die Rcksicht auf die Geschlossenheit der Einzelfamilie, und andererseits die Angst, eine der Sttzen unserer industriellen Entwicklung zu untergraben. Die gesetzgeberischen Maregeln, die die _Hausindustrie_ berhren, lassen sich in drei Kategorien einteilen: eine, von den Grundstzen des Arbeiterschutzes ausgehende, die gegenber den Hausindustriellen in hnlicher Weise verfhrt, wie gegenber den Fabrikarbeitern, die Schwachen also gegen die allzu rcksichtslose Ausbeutung der Starken zu schtzen und den wirtschaftlichen Egoismus einzudmmen sucht; eine zweite, die den Interessen der Konsumenten ihre Entstehung verdankt und sich auf sanitre Vorschriften beschrnkt, und eine dritte endlich, deren Ziel es ist, die Heimarbeit zu unterdrcken. Von diesen drei Gesichtspunkten aus werden wir die einschlgige Gesetzgebung und ihre Wirkungen zu betrachten haben. Die Ausdehnung des Arbeiterschutzes auf die Hausindustrie ist die landlufigste, oft ziemlich gedankenlos nachgesprochene Forderung, durch deren Erfllung man ihren schdlichen Auswchsen wirksam zu begegnen glaubt. Sie ist denn auch teilweise verwirklicht worden, indem sie aber in den europischen Staaten und auch in einem Teil der auereuropischen vor der Heimarbeit und der Familienwerkstatt Halt machte. In England, Frankreich und Oesterreich sind die Werksttten in Bezug auf den Arbeiterschutz den Fabriken gleichgestellt; England wagt sogar die scharf gezogene Grenze der Familienwerkstatt zu berschreiten, sofern Kinder und junge Leute in ihr beschftigt werden; Frankreich unterwirft auch Werksttten religiser Kongregationen und solche, die von Wohlthtigkeitsanstalten abhngen, dem Gesetz, whrend Oesterreich sie nicht mit einschliet. Die Schweiz dehnt den Arbeiterschutz auf alle Werksttten aus, die mehr als 6 Personen beschftigen, und auf alle ohne Unterschied, in denen ein gefhrliches Gewerbe betrieben wird. Neu-Seeland und Viktoria endlich haben auch auf die Familienwerksttten, in dem einen Fall, soweit 2, in dem anderen, soweit 4 Personen darin beschftigt sind, den Arbeiterschutz ausgedehnt. Vergegenwrtigen wir uns dem gegenber einmal die uere Situation der Hausindustrie: sie breitet sich ber die groen Stdte, wie ber die kleinen, ber das flache Land und das einsame Drfchen, wie ber die unzugnglichsten Thler und Hochplateaus der Gebirge aus. Sie haust im Kellerwinkel und in der Dachkammer, sie versteckt sich hinter dem Glanz besserer Tage im Salon der Damen der brgerlichen Welt. Sie hat in den Grostdten keinen festen Sitz, denn keinerlei schwer bewegliche Maschinen, wie im Fabrikbetrieb, fesseln sie an die Scholle, ihre Werksttten sind ebenso schnell aufgeschlagen, wie abgebrochen. Hat der gesetzliche Arbeiterschutz dem gegenber irgend eine Aussicht zur Wirksamkeit? Selbst ein Heer von Beamten knnte ihm nicht dazu verhelfen. Es ist wohl mit diese Erwgung, die in den Lndern, wo die Hausindustrie einen besonders breiten Raum einnimmt, die Familienwerksttte auerhalb des Gesetzes stellen hie. Dadurch beschrnkt sich der der Aufsicht unterstehende Kreis natrlich bedeutend, die Elendesten und Unglcklichsten, zu denen die Frauen und Kinder das grte Kontingent stellen, werden damit schutzlos der Ausbeutung preisgegeben, ohne da den Werkstattarbeitern wesentlich geholfen wre. Denn die Schwierigkeit der ausreichenden Beaufsichtigung wird noch durch die Stumpfheit der zu Schtzenden gesteigert. Die Existenz der Hausindustrie beruht im wesentlichen auf der Thatsache, da die menschliche Arbeitskraft billiger arbeitet als die maschinelle; die notwendige Ergnzung aber der niedrigen Lhne ist die lange Arbeitszeit. Die Menschen, vor allem die Frauen, die diesen Bedingungen bisher immer unterworfen waren, sind nicht einsichtsvoll genug, um die Durchfhrung der Gesetze zu untersttzen. Sie werden im Gegenteil, von einzelnen Kreisen aufgeklrter grostdtischer Arbeiter abgesehen, in der Beschrnkung ihrer Arbeitszeit eine unwillkommene Verminderung ihrer an sich schon krglichen Einnahmen sehen und die Bestimmungen des Gesetzes zu umgehen suchen. Dabei ist ihre Organisationsfhigkeit nicht nur infolge ihrer niedrigen Lebenshaltung und ihrer Arbeitsberlastung, sondern auch infolge ihrer Vereinzelung eine sehr geringe, so da auch hier nur in seltenen Fllen an die Stelle des einzelnen Schwachen die durch ihre Vereinigung starke Gesamtheit treten kann. Diese Thatsachen sind den Gesetzgebern nicht fremd geblieben. Sie haben daher verschiedene Versuche gemacht, zunchst einmal den Kreis der Hausindustriellen, auf die das Gesetz Anwendung finden soll, festzustellen. Soweit es sich um Werksttten handelt, haben die australischen Staaten Viktoria und Neu-Seeland fr sie die alljhrlich zu wiederholende Registrierung vorgeschrieben und verfgt, da eine Werkstatt erst dann als solche benutzt werden darf, wenn der Gewerbeinspektor, dem ihre Anmeldung einzureichen ist, die Erlaubnis dazu erteilt hat. Durch diese Maregel sollen einerseits die Werksttten zur Kenntnis der Behrden kommen, andererseits die sanittspolizeiliche Kontrolle von Anfang an ermglicht werden. Was aber in einem kleinen Staate mglich ist, wird in einem groen mit ausgedehnter Hausindustrie fast undurchfhrbar. Denn im Grunde mte wieder eine Kontrolle notwendig sein, um festzustellen, ob die vorschriftsmige Anmeldung zur Kontrolle auch durchgngig erfolgt. Die englische Arbeitskommission hat im Hinblick hierauf seinerzeit vorgeschlagen, den Hauseigentmer, eventuell auch den Verleger fr die rechtzeitige Anmeldung haftbar zu machen.[926] Aber selbst wenn die Kontrolle dadurch gesichert wrde, bliebe ein groer Nachteil bestehen: nicht immer knnte der Gewerbeinspektor zur Inspizierung sofort zur Stelle sein, die dadurch notwendig werdende Arbeitspause bedeutete aber stets einen empfindlichen Ausfall am Verdienst. Um neben den Hausindustriellen auch die Heimarbeiter zu erfassen, haben eine Anzahl nordamerikanischer und australischer Staaten den Verlegern die Pflicht auferlegt, genaue Listen ihrer Arbeiter zu fhren, die auf Verlangen dem Gewerbeinspektor vorzulegen sind, und England ist noch einen Schritt weiter gegangen, indem es, allerdings nur fr eine beschrnkte, Zahl von Gewerben, verlangte, da die Werkstattinhaber und Liefermeister jhrlich zweimal die Namen und Adressen ihrer Arbeiter dem Gewerbeinspektor einzureichen haben.[927] Diese Bestimmung ist gewi eine sehr beachtenswerte, die Nachahmung verdient; einen wirklichen Wert aber hat sie nur dann, wenn die Beamten auch im stnde sind, smtliche Arbeiter ausreichend zu kontrollieren. Das aber ist, nach Lage der Sache, vllig aussichtslos. Ein besserer Weg, um die Durchfhrung der Schutzgesetze zu gewhrleisten, scheint demnach der zu sein, die Verantwortlichkeit dafr auf eine Reihe von Personen auszudehnen und so eine Art freiwillige Inspektion zu schaffen, die die staatliche untersttzt. Die englische Gesetzgebung hat fr bestimmte Gewerbe demgem entschieden und den Unternehmer fr haftbar erklrt, wenn seine Arbeiter unter gesundheitsgefhrlichen Bedingungen beschftigt werden. Diese Bestimmung kann aber nur insoweit von Nutzen sein, als es sich etwa um die Beschaffenheit der Werksttten in sanitrer Hinsicht handelt. Das Wichtigste aber, die Sicherstellung der Arbeitszeit, der Pausen, des Wchnerinnenschutzes etc. etc. kann dadurch nicht gewhrleistet werden, weil auch der Unternehmer keine stndige Kontrolle ausben kann und sich kaum dazu gezwungen sieht, denn er wei viel zu genau, wie selten die Uebertretung der Vorschriften konstatiert werden wrde. Was Thun von einem rheinischen Industriellen erzhlt, der, als er wegen der Uebertretung des Kinderschutzgesetzes zu einer Geldstrafe verurteilt wurde, ausrief: "Das schinde ich in acht Tagen wieder aus den Kindern heraus"[928], wrde sich hier mit einigen Variationen wiederholen; die Verantwortlichkeit mte daher nicht nur von dem Unternehmer getragen werden. Beatrice Webb schlgt vor, da auch der Hausherr und Vermieter der Werkstatt haftbar gemacht werden mte.[929] In New-York ist diese Forderung teilweise zum Gesetz erhoben worden, und der Hausherr mu fr bestimmte Gewerbe dafr einstehen, da die Waren erst dann hergestellt werden, wenn die Anmeldung der Werksttte bei der Aufsichtsbehrde erfolgte. Ueber diese Bestimmung hinaus scheint mir die Haftbarmachung praktischerweise auch nicht gehen zu knnen, weil andernfalls eine fr den Werkstattinhaber und seine Familie unertrgliche Chikanierung seitens des Hausherrn daraus entstehen wrde. Hat der Hausherr oder sein Vertreter,--und man mache sich einmal klar, welche Art Menschen das hufig sind, und wie sie von Anfang an dem armen Arbeiter mitrauisch gegenberstehen,--die Berechtigung, seine Mieter zu kontrollieren, so kann er das Dasein derjenigen, die ihm aus irgend einem Grunde miliebig sind, zu einem qualvollen gestalten, von Uebergriffen aller Art zu geschweigen, die die Folge sein mten. Diese Art Kontrolle knnte auerdem immer nur im Weichbild der Stdte mglich sein, weil z.B. die Hausindustriellen auf dem Lande und im Gebirge nicht nur hufig Besitzer ihrer armseligen Werkstatt sind, sondern auch weitab vom Verleger wohnen. Noch ein Mittel bleibt zu erwhnen, das fr einen begrenzten Kreis von Arbeitern die gesetzlich vorgeschriebene Arbeitszeit sichern helfen soll. Es besteht in dem Verbot, den Fabrik- oder Werkstattarbeitern nach Ablauf der Arbeitszeit noch Arbeit mit nach Hause zu geben. England ist in dieser Weise vorgegangen, hat aber ausdrcklich bestimmt, da nur dann die Mitnahme von Arbeit nach Hause gestattet werden darf, wenn die Arbeiterin in der Werkstatt nicht die volle Arbeitszeit beschftigt wurde. Den Uebergriffen ist infolgedessen Thr und Thor geffnet, weil unmglich festgestellt werden kann, ob man ihr fr den ihr gesetzlich zur Verfgung stehenden Rest der Arbeitszeit zu viel Arbeit mit nach Hause gab, oder nicht. Man glaubte, durch die Fassung des Gesetzes auf die Frauen Rcksicht nehmen zu mssen, die, weil sie Kinder zu hten und ein Hauswesen zu leiten haben, nur stundenweise in der Werkstatt arbeiten knnen; ihnen wollte man nicht die Mglichkeit rauben, durch husliche Arbeit den geringen Verdienst etwas zu erhhen, und opferte dieser Rcksicht die viel wichtigere auf Hunderte anderer Frauen, denen dann vom Zwischenmeister so viel Arbeit aufgebrdet werden kann, da sie zwar zu Hause bis in die Nacht hinein arbeiten mssen, aber weder Zeit finden, fr ihre Kinder, noch fr ihr Hauswesen zu sorgen. Soll, wenigstens auf diesem immerhin nur kleinen Gebiet, die weibliche Arbeiterin vor Ausbeutung geschtzt werden, so mu das Verbot, Arbeit mit nach Hause zu nehmen, ein unbedingtes sein. Unsere ganze Betrachtung der Ausdehnung des Arbeiterschutzes auf die Hausindustrie luft darauf hinaus, da alle Bemhungen, sie in vollem Umfang durchzusetzen, fruchtlose bleiben. Der wesentliche Grund dafr ist der, da die Wasser der Hausindustrie in zahllose kleine, versteckte Rinnsale auseinanderflieen, die sich notwendigerweise der Aufsicht entziehen. In dem schmerzlichen Gefhl der Resignation angesichts dieser Erkenntnis haben sich manche Gesetzgeber darauf beschrnkt, die Wirkungen der Hausindustrie durch allgemeine sanitre Vorschriften abzuschwchen. Sie gingen dabei ursprnglich nicht vom Interesse der Arbeiter, sondern von dem der Konsumenten aus, die sie vor dem Einflu der unter gesundheitswidrigen Bedingungen hergestellten Waren zu schtzen suchten. In den Staaten der nordamerikanischen Union ist dieses System am weitesten ausgebildet worden. Epidemien, deren Herd die Schwitzhhlen der Hausindustrie waren, gaben den Ansto dazu. Man verfgte, um die gefhrliche Ueberfllung der kleineren Arbeitsstuben zu vermeiden, da in den Zimmern der Mietshuser, die zugleich zum Essen und Schlafen benutzt werden, fremde Arbeitskrfte zur Herstellung verkuflicher Waren nicht beschftigt werden drfen. Es war dies zugleich ein erster, vielverheiender Schritt zur zwangsweisen Einrichtung abgesonderter Werksttten, es war aber auch zugleich eine indirekte Untersttzung der Familienwerksttten, in denen die Ausbeutung ihre Orgien feiern konnte. Die Industrie wird immer der billigsten Arbeit nachgehen, und so hat das Gesetz eine Ausbreitung der Heimarbeit eher frdern als hindern helfen.[930] Um aber auch die Familienwerkstatt und ihre Gesundheitsverhltnisse unter Aufsicht halten zu knnen, wurde ihre Anmeldepflicht bei der Sanittspolizei und ihre Lizenzierung durch sie eingefhrt. Fr die Befolgung dieser Vorschrift machte man in New-York den Hausherrn, in Massachusetts den Verleger haftbar. Auf diese Weise werden die Arbeitsrume, zum Teil nur soweit sie der Konfektionsindustrie dienen, wie in Massachusetts, zum Teil soweit berhaupt Waren darin erzeugt oder hergestellt werden, der Kontrolle der Sanittsinspektion unterstellt. Einzelvorschriften, wie das Verbot, Waren in Wohnungen herzustellen, wo ansteckende Krankheiten herrschen, das auch England erlassen hat, sind die natrliche Folge hiervon. Man ist aber zum Schutze des Publikums noch weiter gegangen, In New-York, Massachusetts und Neu-Seeland bestimmt das Gesetz, da Waren, von denen in Erfahrung gebracht wird, da sie Werksttten oder Familienbetrieben entstammen, die einer Lizenz ermangeln, oder da sie sonst unter ungesunden Bedingungen entstanden, vom Sanitts- oder Gewerbeinspektor mit einer Marke versehen werden mssen, die die Bezeichnung Tenement made enthlt, also sowohl Hndler wie Konsumenten vor dem Kauf abschreckt. Waren, die in Rumen verfertigt wurden, in denen ansteckende Krankheiten herrschen, mssen nach der Markierung desinfiziert werden und zwar erstrecken sich all diese Vorschriften auch auf von auswrts eingefhrte Verkaufsgegenstnde. Diese ganze, in der Idee gut gemeinte Einrichtung trgt aber den Stempel vlliger Unzulnglichkeit schon an der Stirn, ja sie fhrt zu bedenklichen Konsequenzen. Denn wer vermchte dafr einzustehen, da jedes Kinderjckchen, das im Zimmer des Typhuskranken entstand, jede Cigarre, die neben dem Bett des Schwindschtigen gearbeitet wurde, jedes Hemd, das eine arme Mutter am Bett ihres diphtheritiskranken Kindes nhte, kontrolliert und markiert werden kann?! Und wer will dem Ballen Tuch, oder den Jacken und Blusen, die in Massen von einer Stadt, von einem Land zum anderen versandt werden, ansehen, ob sie Krankheitskeime enthalten oder nicht? Die Angst vor der Markierung und Entwertung der Waren zwingt die Heimarbeiter aber auch zu einem frmlichen System der Verheimlichung und Vertuschung. Noch spter als bisher werden sie sich entschlieen, den Arzt zu holen oder ansteckende Krankheiten zur Anzeige zu bringen. Und selbst wenn die verhngnisvolle Marke an den Waren hngt, wird sie auf der groen Reise, die sie antritt, trotz aller auf ihre Beschdigung oder Entfernung verhngten Strafen, daran bleiben? Es ist ein utopischer Gedanke, da ein gesumtes Taschentuch oder ein Strumpf von ihrem Entstehungsort bis zu ihrer letzten Bestimmung kontrolliert werden knnen! Haftet aber die Marke trotz alledem, so wird die traurige Scheidung zwischen Reich und Arm noch in erweitertem Mae als bisher sich vollziehen: es werden Kreise von Hndlern sich bilden, die die entwerteten Waren aufkaufen und sie an diejenigen absetzen, die das Tenement made gern in den Kauf nehmen, wenn sie dafr weniger zu bezahlen brauchen. Also selbst die Durchfhrbarkeit der Markierungsvorschriften vorausgesetzt, wrden sie nur dem Schtze der begterten Kufer dienen. Wenn wir uns nunmehr die Schwierigkeiten, mit denen die Hausindustrie-Gesetzgebung zu kmpfen hat, und an denen sie nach jeder Richtung hin scheitern mu, vergegenwrtigen, so zeigt es sich, da sie sich alle unter dem einen Wort Heimarbeit zusammenfassen lassen,--Heimarbeit im weitesten Sinn, die sowohl die Arbeit der einzelnen Frau in ihrem Stbchen, als die Familienwerkstatt und die kleine Werkstatt der Zwischenmeister in den von ihnen bewohnten Rumen in sich begreift. Das ist der ungeheuere Abgrund, den die Arbeiterschutzgesetzgebung nicht zu berbrcken vermochte, in den sie vielmehr Jahr um Jahr Tausende von Menschen hinabstt, vor allem die schwchsten, die Kinder und die Frauen. Um den Arbeiterschutzvorschriften zu entgehen, die Kosten der Fabrikanlagen zu ersparen und das Risiko der stillen Zeiten und der Krisen auf die Arbeiter abzuwlzen, hat das Unternehmertum die Hausindustrie grogezogen. Wird sie von der Gesetzgebung gleichfalls erfat, so wirft sich die Profitgier auf die Ausbeutung der Heimarbeit. Selbst eine so geringfgige Vorschrift wie die deutsche Konfektionsverordnung, hat vielfach schon eine Zunahme der Heimarbeiter zur Folge gehabt[931], und die Einfhrung des achtstndigen Normalarbeitstages fr Fabriken und Werksttten in Australien hat die Heimarbeit dort erst ins Leben gerufen.[932] Vor ihr aber steht, unter dem Banne geheiligter Traditionen der europische Gesetzgeber still, der die Schwelle des Hauses nicht zu berschreiten wagt, auch wenn sie lngst nicht mehr zu den heimlichen Freuden innigen Familienlebens, sondern nur in die dstere Werkstatt der Familienausbeutung fhrt. Vielleicht hlt ihn auch eine unbestimmte Furcht zurck, die Grenzen seiner Macht, der fr grenzenlos gehaltenen, zu erkennen. Der Amerikaner und der Australier, den sentimentale Rcksichten nicht mehr in dem Mae beherrschen, hat sich den Eintritt erzwungen, aber all seine Pillen und Trnke, die er gegen die groe Krankheit da drinnen verordnete, sind wirkungslos geblieben. Begreiflich genug, denn es giebt keine Hilfe; es ist eine Krankheit, die rettungslos zum Tode fhrt. Viele verschlieen sich der Richtigkeit dieser Diagnose, andere erkennen sie an, aber nach dem Beispiel der Aerzte am menschlichen Totenbett suchen sie das entfliehende Leben mit allen Mitteln der Kunst aufzuhalten, und nur sehr wenige sehen darin die rgste Grausamkeit und wollen den Todeskampf zwar erleichtern, den Auflsungsproze aber beschleunigen. Es kann nach allem bisher Gesagten keinem Zweifel unterliegen, auf wessen Seite wir uns zu stellen haben. Zuerst waren es englische Arbeiter, die in der Erkenntnis der Aussichtslosigkeit jeder gewerkschaftlichen Bemhung um bessere Arbeitsbedingungen, solange die Schmutzkonkurrenz der organisationsunfhigen Heimarbeiter besteht, die Beseitigung der Heimarbeit anzustreben suchten. Sowohl die Schuhmacher wie die Schneider fhrten einen heftigen Kampf gegen die Unternehmer, um sie zu zwingen, alle Arbeiter nur in eigenen Werksttten zu beschftigen. Die Schuhmacher erreichten vielfach ihr Ziel durch Arbeitseinstellungen, die Schneider blieben fast ganz erfolglos, auch ihr Appell an die Konsumenten, nur in solchen Geschften zu kaufen, die in Betriebswerksttten arbeiten lassen, fand nicht das Gehr, das notwendig gewesen wre, wenn es htte Eindruck machen sollen.[933] Ein Teil der englischen Sozialdemokratie, die auf dem Zricher Arbeiterschutzkongre vertreten war, sprach sich im Sinne der Arbeiter aus und befrwortete eine Resolution, die die Abschaffung der Heimarbeit als Ziel der notwendigen, gesetzgeberischen Maregeln hinstellte. Aber selbst vor diesem Forum fand sie keine Annahme. Mit der Forderung, Betriebswerksttten einzurichten, traten auch die deutschen Arbeiter 1895 vor die Konfektionre, und legten, um den Streit auszufechten, im Winter 1896 die Arbeit nieder. Nur das vllig ungengende Gesetz, das die Werkstattarbeiter der Konfektion der Arbeiterschutzgesetzgebung unterstellte, war die Folge ihres Kampfes. Gegen die Heimarbeit, von der er ausging, geschah nichts.[934] Der schroffe Widerstand der Unternehmer gegen die Einrichtung von Betriebswerksttten, die noch dazu, wo der Wunsch danach bisher auftauchte, von keinem Parlament befrwortet wurden, ist von ihrem Standpunkt aus vollkommen erklrlich: die Errichtung oder Miete von Rumen fr die Werksttten, die Anschaffung von Maschinen, die Anstellung von Werkfhrern, und nicht zum mindesten die schlielich folgenden Unbequemlichkeiten und Kosten des Arbeiterschutzes und der Arbeiterversicherung, denen sie bei der Beschftigung von Hausindustriellen fast ganz entgehen, wrde eine Kapitalanlage erfordern und den Profit zunchst so beschneiden, da auch fr die Zukunft an ein Nachgeben der Unternehmer um so weniger zu denken ist, als die in Betracht kommenden Arbeiter unter den gegenwrtigen Verhltnissen zu einer geschlossenen starken Organisation, die ihren Wnschen den ntigen Nachdruck verleihen kann, niemals gelangen werden. Infolgedessen sind einzelne Gruppen von Arbeitern vielfach zur Selbsthilfe geschritten. In Genf und Lausanne, in Bern und in Zrich waren es die Schneider, die sich mit Untersttzung ihrer Gewerkschaft eigene Werksttten einrichteten, in Wien thaten die Meerschaumschnitzer das gleiche.[935] Die ganze Bewegung beschrnkte sich aber auf kleine Kreise, weil einerseits keinerlei Zwang vorlag, ihr beizutreten, und andererseits das ntige Kapital fehlte, um durch Anschaffung neuer Maschinen und Anwendung motorischer Krfte schnellere und bessere Arbeit zu liefern, und auf diese Weise der primitiven Heimarbeit den Boden abzugraben. Die Genfer Stadtverwaltung, an die die Schneider sich um Untersttzung wandten, erkannte zwar die Berechtigung ihrer Bestrebungen an, glaubte aber, in Rcksicht auf den Stadtsckel, keinen Przedenzfall schaffen zu drfen. Ein anderes Mittel, die Heimarbeit mglichst einzuschrnken, forderte ein Gesetzentwurf, den der Minister Peacock 1895 dem Parlament von Viktoria vorlegte, der sich aber auch nur auf die Konfektionsindustrie bezog. Er enthielt die Bestimmung, da Heimarbeiter nur gegen Erlaubnisscheine beschftigt werden drften, und zwar sollten nur diejenigen, die ihren Lebensunterhalt verdienen mssen und dabei aus irgend einem Grund an ihr Haus gefesselt sind, darauf Anspruch erheben knnen; diese Einschrnkung aber htte, wenn das Gesetz in Wirksamkeit getreten wre, seine Wohlthat wieder annulliert. Praktischer und durchgreifender erscheint daher der Vorschlag eines deutschen Sozialpolitikers, der gleichfalls in der schlielichen Unterdrckung der Heimarbeit die einzige Lsung der brennenden Frage sieht, und zwar den gegenwrtig beschftigten Heimarbeitern ihre Arbeit im eigenen Haus gegen Ausstellung von Erlaubnisscheinen noch gestatten, neu eintretende aber davon ausschlieen will, so da die Heimarbeit dadurch auf den Aussterbeetat gesetzt wird.[936] Die hier gekennzeichneten Forderungen und Wnsche sind, jede fr sich, berechtigt, aber sie sind entweder in der angegebenen Form unerfllbar, oder sie wrden sich, wenn sie verwirklicht wren, der groen Aufgabe gegenber als viel zu schwach erweisen. Die Beseitigung der Heimarbeit kann, soll sie nicht zu einer grausamen Hrte werden, nur das Resultat einer systematischen Gesetzgebung sein, die sich organisch und doch nach einem festen, das Ziel nie aus dem Auge verlierenden Plan entwickelt. Als erster Schritt zu diesem Ziel wre die Verbindung von Wohnung und Werkstatt allen denjenigen zu verbieten, die fremde Arbeiter bei sich beschftigen, und die Mitgabe von Arbeit nach Hause ausnahmslos zu untersagen; die Gewerbeinspektoren, deren Zahl um ein betrchtliches erhht werden mte, htten die Durchfhrung der Vorschrift zu beaufsichtigen, whrend die Verantwortung dafr auch vom Verleger zu tragen wre. Um aber zu gleicher Zeit die Zwischenmeister, hufig selbst nur wenig besser gestellte Proletarier, nicht zu ruinieren, mten alle Gemeinden, in deren Bereich sich hausindustrielle Betriebe befinden, verpflichtet werden unter Heranziehung der Unternehmer zu den Kosten, besondere, allen Anforderungen der Hygiene entsprechende Rume, womglich eigens fr den Zweck erbaute fabrikhnliche Gebude mit Motorbetrieb, den Hausindustriellen gegen eine Miete, die die frher dafr aufgewendeten Mittel nicht bersteigen drfte, zur Verfgung zu stellen. Auf alle diese Werksttten wren sodann smtliche Vorschriften der Arbeiterschutzgesetzgebung auszudehnen, und Staat und Kommunalverwaltungen htten die Verpflichtung einzugehen, ihre Auftrge nur von solchen Werksttten ausfhren zu lassen.[937] Bliebe man aber hierbei stehen, so wrden die Familienwerksttten selbstverstndlich, den Erfahrungen in anderen Lndern entsprechend, enorm zunehmen. Dem mte die Gesetzgebung vorgreifen, indem sie nunmehr das Verbot der Verbindung von Werkstatt und Wohnung auch auf die Familienwerkstatt ausdehnte. Nur solchen Personen, die in Rcksicht auf zu beaufsichtigende Kinder, oder zur Pflege alter Angehriger oder durch eigene Gebrechlichkeit gezwungen sind, daheim zu bleiben, wren zunchst Erlaubnisscheine fr die Ausbung ihres Berufes im Hause zu erteilen. Nach dem Inkrafttreten dieser Bestimmungen htte die kommunale Armenverwaltung ihre Aufmerksamkeit den noch vorhandenen Heimarbeitern zuzuwenden und nach Magabe des Bedrfnisses, Kinderkrippen und Kinderhorte, Heimsttten und Siechenhuser zu schaffen oder zu erweitern, oder durch direkte Untersttzung da einzugreifen, wo es not thut, so da nach Ablauf einer gewissen Uebergangszeit smtliche Heimarbeiter in die Werksttten bergefhrt werden knnten, und die Kinder, die Alten und Leidenden versorgt sind. Die selbstverstndliche Voraussetzung fr den Eingriff der Armenpflege wre natrlich, da alle, die Armen entehrenden Bestimmungen, wie z.B. die Entziehung des Wahlrechts, in Fortfall kmen. Die Pflege der Kranken, Alten und Gebrechlichen ist eine Pflicht der Gesellschaft, auf deren Erfllung sie Anspruch haben, und die Armut gewissermaen zu bestrafen, ist ein trauriges Zeichen fr die vllige Verwirrung klarer Begriffe. Nachdem alle diese Voraussetzungen erfllt sind, knnte gegen die Heimarbeit, die noch immer ihr Leben fristen wird, mit grerem Nachdruck vorgegangen werden. Die Nherei in all ihren verschiedenen Zweigen kme zunchst in Betracht, weil sie sich am leichtesten berall zu verbergen vermag. Hier mte eine neue Maregel einsetzen: das Verbot des Antriebs der Maschinen durch menschliche Kraft berall dort, wo nicht fr den Hausgebrauch gearbeitet wird. Ganz abgesehen davon, da nach Ansicht aller Aerzte und Pflegerinnen die Einfhrung des Dampfbetriebs in der Nherei mehr als manches andere zur Hebung der Gesundheit beitragen wrde[938], wre diese Vorschrift leicht durchfhrbar, weil das Klappern der Maschine die Aufsicht erleichtert, um so mehr, wenn in diesem Fall der Hausherr haftbar gemacht und jede industrielle Arbeit in Miets- und Wohnhusern, sowohl fr die Arbeiter als fr die Hausbesitzer empfindliche Strafen nach sich ziehen wrde.[939] Alle diese Bestimmungen scheinen, auch unter Voraussetzung ihrer allmhlichen Entwicklung, immer nur in den Stdten, wo die Arbeiter sich zusammendrngen und die Aufsicht leichter mglich ist, durchfhrbar. Sind sie aber hier in Wirksamkeit, so wird die Entwicklungstendenz der modernen Industrie, billige Gegenden und billige Arbeitskrfte aufzusuchen, nur noch drastischer hervortreten, und die Ausbeutung, der in der Stadt Grenzen gesteckt werden, wird sich gierig auf das Land, in die einsamen Thler, auf die fernen Hhen werfen. Um hier denselben Schutzgesetzen wie in der Stadt Geltung zu verschaffen, mu die Verkehrspolitik in ihren Dienst gestellt werden.[940] Jede Eisenbahn, jede gute Chaussee erleichtert die Verbindung, und es ist eine bekannte Thatsache, ber die Naturfreunde nicht genug klagen knnen, da der Fabrikschornstein berall emporragt, wo die Eisenbahn hindringt. Die Vereinigung der lndlichen Hausindustriellen in Werksttten wird sich mit dieser Untersttzung allmhlich auch durchsetzen lassen. Zur Schaffung der Werksttten knnten die Arbeitgeber um so straffer herangezogen werden, als sie durch die niedrigeren Lhne, gegenber den Arbeitgebern der stdtischen Hausindustrie, so wie so im Vorteil sind. Aber damit sind alle Hindernisse noch nicht beseitigt. In New-York und Massachusetts, wo die Konfektionsindustrie einer strengen Regelung unterliegt, haben die Konfektionre sich ihr dadurch zu entziehen gewut, da sie ihre Waren aus anderen Staaten beziehen, die solche Gesetze noch nicht kennen, und in die die Schwitzmeister von New York und Massachusetts massenhaft bersiedelten. Dasselbe wrde sich in Europa wiederholen, wenn die Gesetzgebung zur Bekmpfung der Hausindustrie sich auf ein oder zwei Lnder beschrnken wrde. Die Notwendigkeit des internationalen Arbeiterschutzes tritt nirgends strker hervor als hier, und es wre an der Zeit, da wenigstens zunchst einmal die internationalen Gesellschaften fr Arbeiterschutz sich eingehend mit dieser Frage beschftigen mchten, statt da sie ihre Universalitt durch eine oberflchliche Vielseitigkeit beweisen zu mssen glauben. Vor allem aber sollte die Arbeiterschaft aller Lnder, ihr ein thatkrftiges Interesse zuwenden, und in den Parlamenten einmtig ihr gegenber Stellung nehmen, denn von der Unterdrckung der Hausindustrie hngt ihre eigene Entwicklung ab. Erst die Vereinigung der mnnlichen und weiblichen Arbeiter in den Werksttten wird ihre Aufklrung frdern und ihre gewerkschaftliche Organisation ermglichen. Solange sie wie die Raubritter im Hinterhalt liegen, werden sie den organisierten Arbeitern ihre schwer errungene Beute immer wieder streitig machen. Lohnerhhungen insbesondere, vor allem feste Lohntarife, jene wichtige Aufgabe der Arbeiterverbnde, von deren Erreichung die Sicherheit der Existenz vielfach abhngt, werden, solange die Hausindustrie besteht, nur selten zu erkmpfen und noch seltener festzuhalten sein. Aber selbst unter den Arbeitern giebt es noch Leute genug, die zwar die Schden der Hausindustrie anerkennen, trotzdem aber vor durchgreifenden Manahmen zurckscheuen, weil sie die Familie und die Freiheit des Einzelnen dadurch anzutasten glauben. Es ist auch zweifellos, da es bei dem von mir vorgeschlagenen Weg, den die Gesetzgebung verfolgen soll, bei aller Vorsicht, ohne Hrten nicht abgehen wird. Wo aber in der Welt wre der Fortschritt leicht erkauft worden? Gegenber allen Arbeiterschutzgesetzen hat es Menschen gegeben, die sich in ihrer Freiheit beschrnkt, in ihrem Verdienst geschmlert sahen. Die allmhliche Aufsaugung des Handwerks durch die Fabrik hat gewi schwere Wunden geschlagen und schlgt sie noch heute, fr die Hausindustrie wird genau dasselbe gelten. Der Sozialreformer aber und der Gesetzgeber drfen nach den Gefhlen Einzelner nicht ihre Handlungen einrichten, sie haben vielmehr die Aufgabe, den Entwicklungstendenzen nachzuspren und diejenigen zu frdern, durch die die Menschheit im allgemeinen zu hheren Daseinsformen gehoben werden wird. Die Hausindustrie hlt sie auf der Stufe physischer und geistiger Verelendung fest, sie hindert den Fortschritt zu besseren sozialen Verhltnissen, darum mu auch hier das sentimentale Mitleid von der ruhigen Erkenntnis und der weit ausschauenden Menschenliebe berwunden werden. Ein Stiefkind der Arbeiterschutzgesetzgebung waren lange Zeit hindurch auch die _Handelsgehilfen_. Und sie selbst, die den Unterschied zwischen sich und den Fabrikarbeitern stets scharf betonten, wnschten auch auf diesem Gebiet keine Gleichstellung mit ihnen. Erst als der 1842 gegrndete englische Verein zur Erkmpfung des frhen Ladenschlusses, nach fast fnfzigjhrigen vergeblichen Bemhungen einsah, da auf dem Wege der Selbsthilfe nichts zu erreichen war, trat er fr gesetzliche Maregeln ein. Um dieselbe Zeit erhoben auch die kaufmnnischen Vereine Deutschlands bestimmte Forderungen an die Gesetzgebung. Die Entstehung der Grobetriebe auf dem Gebiete des Handels hatte dieser Entwicklung vorgearbeitet, denn sie verwandelte langsam die Masse der jungen Kaufleute, die ihre Lehr- und Arbeitszeit stets nur als Vorbereitung zur eignen Selbstndigkeit ansahen, in Lohnarbeiter, die zeitlebens in abhngiger Stellung vom Unternehmer bleiben und daher eines gesetzlichen Schutzes bedrfen. Der erste Schritt hierzu war die gesetzliche Fixierung einer wchentlichen Maximalarbeitszeit von 74 Stunden fr Ladengehilfen unter 18 Jahren in England, der aber ber ein Jahrzehnt hindurch nur zur Ausfllung des Gesetzbuches diente, da keine Kontrolle ber seine Ausfhrung vorhanden war. Der Londoner Grafschaftsrat entschlo sich erst vor wenigen Jahren zur Anstellung von Handelsinspektoren, die schon nach kurzer Frist eine groe Zahl von Gesetzesbertretungen konstatieren konnten. Die einzige Bestimmung, die diesem vielverheienden Anfang gesetzlicher Reformarbeit folgte, war die Vorschrift, in allen Lden, wo weibliche Verkufer thtig sind, Sitze fr sie aufzustellen,--eine Vorschrift, betreff deren eine Anzahl nordamerikanischer Staaten mit gutem Beispiel vorangegangen war und die auch von Deutschland und Frankreich neuerdings erlassen wurde. Die schweren Schden aber, mit der die Arbeit im Handel die Angestellten bedroht, sind damit noch kaum berhrt, und doch schien es, als ob die wichtigste Reform, die Verkrzung der Arbeitszeit, nicht durchzusetzen wre. Zuerst gelang es, die Sonntagsruhe zu erkmpfen; aber sie blieb problematisch und besteht im Grunde nur in einer Beschrnkung der Sonntagsarbeit, denn nicht nur, da alle Handelsgehilfen in Deutschland eine fnf-, in Oesterreich sogar eine sechsstndige Sonntagsarbeit haben, fr eine Reihe von Betrieben wird auch diese Bestimmung noch zuungunsten der Angestellten aufgehoben. da nach dieser Erfahrung die Verkrzung der tglichen Arbeitszeit noch auf grere Schwierigkeiten stoen wrde, war vorauszusehen. Als die deutsche Kommission fr Arbeiterstatistik auf Grund der Ergebnisse ihrer Erhebungen dementsprechende Forderungen stellte, erhob sich ein Sturm der Entrstung in der Handelswelt. Eine ganze Anzahl von Arbeitgeberverbnden und Handelskammern hielt die vorgeschlagene Festsetzung des Achtuhrladenschlusses nicht nur fr den Anfang ihres Ruins, sondern auch fr verderblich fr die Angestellten, die dadurch zur mibruchlichen Verwendung der freien Zeit, zu Leichtsinn und Unsittlichkeit verfhrt werden wrden. Der "Eingriff des Staates in die Erwerbsfreiheit" wurde ebenso wie einst die gesetzliche Regelung der Fabrikarbeit schroff zurckgewiesen und fr eine Krnkung der Berufsehre angesehen.[941] Trotzdem gelangte schlielich der Neunuhrladenschlu zur Annahme. Im weiteren Verlauf der Reformen auf diesem Gebiet wurde die Gewhrung einer ununterbrochenen Ruhezeit von 10-11 Stunden und die Festsetzung einer Mittagspause von 1-1/2 Stunden, sobald die Mahlzeit auer dem Hause eingenommen wird, obligatorisch gemacht. Aber wie bei der Arbeiterschutzgesetzgebung berhaupt, so wurden diese Bestimmungen durch die Zulassung einer Reihe von Ausnahmen wieder durchbrochen, denn nicht nur, da sie auf Arbeiten, die zur Verhtung des Verderbens von Waren sofort vorgenommen werden mssen, auf die Aufnahme der Inventur, sowie bei Neueinrichtungen und Umzgen keine Anwendung finden, die Arbeitszeit kann vierzig Tage im Jahr bis 10 Uhr abends verlngert, die an sich schon sprliche Sonntagsruhe kann besonders vor Festzeiten vollends fast ganz aufgehoben werden. Unberhrt von irgend welchen durchgreifenden Regulierungen blieben die Schlafrume der Angestellten, die, wie wir gesehen haben, sobald sie im Hause des Chefs sich befinden, viel zu wnschen brig lassen. Selbst ber die Einrichtung der Geschftsrume bestehen nur ganz allgemeine Bestimmungen, die allerdings durch Verordnung des Bundesrats genauer przisiert werden knnen. Bisher ist das nur in Bezug auf die Sitzgelegenheit der Verkuferinnen geschehen. Alle diese Reformen haben blos den Wert erster Versuche, um so mehr, als keine besondere Kontrolle ihnen Nachdruck verleiht, ihre Durchfhrung vielmehr nur unter Aufsicht der Ortspolizeibehrden gestellt ist. Auch auf anderen Gebieten ist die Gesetzgebung uerst vorsichtig vorgegangen. Das gilt im besonderen in Bezug auf die Lehrlingszchterei. Wie die Erhebungen der Kommission fr Arbeiterstatistik ergaben, besteht sie in ausgedehntem Ma im deutschen Handel. Je kleiner die Geschfte, desto mehr suchen sie sich mit den billigsten Arbeitskrften zu behelfen, es zeigte sich sogar, da von 8235 Betrieben 671 mehr Lehrlinge als Gehilfen und 659 berhaupt nur Lehrlinge beschftigen; die Konkurrenz, die dadurch den Gehilfen gemacht wird, die Ausbeutung jugendlicher Arbeitskrfte, die daraus klar genug hervorgeht, htten eines energischen Eingriffs bedurft. Statt dessen begngte man sich mit der allgemeinen Bestimmung, da der Lehrherr nur soviel Lehrlinge halten darf, als im Verhltnis zum Umfang und der Art seines Betriebes steht und ihre Ausbildung dadurch nicht gefhrdet wird. Allerdings wurde auch hier fr den Bundesrat eine Thr offen gelassen, der befugt ist, durch besondere Vorschriften einzugreifen,--das bekannte deutsche Mittel, womit man glaubt, dem Reformbedrfnis Genge zu thun. Nicht anders verhlt es sich in Bezug auf einen anderen Uebergriff der Geschftsleiter, der geeignet ist, den Handelsgehilfen in seinem ganzen Fortkommen zu behindern: der sogenannten Konkurrenzklausel. Sie besteht darin, da sich der Gehilfe dem Chef gegenber verpflichtet, falls er seine Stellung verlt, im Verlauf einer gewissen Zeit entweder in der Nhe kein eigenes hnliches Geschft zu grnden, oder eine geraume Zeit hindurch, die zuweilen bis zu vielen Jahren sich ausdehnte, in kein hnliches Geschft als Gehilfe einzutreten. Es giebt nicht viele Anforderungen von Arbeitgebern an Arbeiter, die so den Klassencharakter an der Stirn tragen, wie diese, und von ihm verlangen, da er selbst ber sein persnliches Abhngigkeitsverhltnis hinaus, auf die Interessen und den Profit des Chefs Rcksicht nimmt. Und die Gesetzgeber haben es nicht gewagt, dieser ungerechtfertigten Bevormundung der Arbeiter ein Ende zu bereiten. Nur zu einer allgemein gehaltenen Bestimmung haben sie sich entschlieen knnen: da solche Vereinbarungen zwischen Unternehmern und Angestellten nur dann verbindlich sind, wenn sie nicht die Grenzen berschreiten, durch welche "eine unbillige" Erschwerung ihres Fortkommens ausgeschlossen wird. Nur mit Minderjhrigen sind sie berhaupt verboten. Damit ist der Arbeiterschutz im Handel erschpft: er lt eine zwlf-, dreizehn-, ja selbst eine vierzehnstndige Arbeitszeit zu, die bestenfalls durch eine Pause von 1-1/2 Stunden unterbrochen wird, er gestattet die Ausbeutung jugendlicher Arbeitskrfte und erlaubt, da der Gehilfe in seinem berechtigten Streben nach sozialem Fortkommen gehindert wird! Und doch reprsentiert die deutsche Gesetzgebung den Fortschritt auf dem europischen Kontinent. In Oesterreich hat sich der Schutz der Handelsangestellten zwar in hnlicher Weise entwickelt wie in Deutschland, aber er ist noch weniger sicher gestellt und besonders die Sonntagsruhe ist auf jede Weise durchbrochen. Frankreich kennt sie nicht einmal. Wo sie besteht, ist sie ebenso wie der Ladenschlu die Folge langjhriger Kmpfe der Organisationen der Handelsangestellten, die sich um so krftiger entwickeln konnten, als das Uebergewicht der groen Warenhuser gegenber den kleinen schon frh in Erscheinung trat. Die fortgeschrittenste Gesetzgebung reprsentiert Australien und Neu-Seeland. Die Ladenschlustunde ist teilweise schon auf sechs Uhr und nur an einem oder zwei Wochentagen auf sptere Abendstunden festgesetzt. Auer der vollen Sonntagsruhe wird den Angestellten ein halber freier Wochentag gewhrleistet. Fr jugendliche und weibliche Gehilfen besteht vielfach der acht- oder neunstndige Arbeitstag. Wie es heit, haben diese weitgehenden Vorschriften keinerlei Nachteile mit sich gefhrt. Die englischen Handelsangestellten jagen daher nicht, wie die Gegner gern behaupten, einer Utopie nach, wenn sie dasselbe verlangen.[942] Die Ausdehnung des Arbeiterschutzes auf den Handel darf durch die Rcksicht auf das Publikum, die man immer zu haben vorgiebt, wenn man eine Verkrzung der Arbeitszeit fr undurchfhrbar erklrt, nicht hintangehalten werden. Vor allem aber mten besondere Organe, sowohl eine Handels- als eine Wohnungsinspektion, zur Sicherung ihrer Durchfhrung Sorge tragen. Eine Ergnzung mte sie durch Bestimmungen finden, die je nach der Gre und der Art des Betriebs die Minimalzahl der Anzustellenden festsetzen. Was helfen die schnsten Sitzgelegenheiten, wenn, wie es besonders in den groen Warenhusern der Fall ist, die Angestellten auf eine Weise in Anspruch genommen werden, die jede Mglichkeit zum Ausruhen ausschliet. Wie auf anderen Gebieten, so gilt es ferner auch hier, der wirtschaftlichen Entwicklung, die zum Grobetrieb drngt, und mehr und mehr einen Arbeiterstand im Handel schaffen hilft, die Bahn frei zu machen. Denn die Durchfhrung des Arbeiterschutzes und sein Ausbau wird im Handel ebenso wie in der Industrie durch das mehr oder weniger ausgesprochene Uebergewicht der groen ber die kleinen Betriebe bedingt und kann nur durch die eng damit zusammenhngende Organisationsfhigkeit der Arbeiter und ihre Untersttzung gewhrleistet werden. Fr alle bisher berhrten Arbeitsgebiete ist der Arbeiterschutz unter bestimmten Voraussetzungen bis zu einer gewissen Grenze durchfhrbar, und man hat berall wenigstens den Anfang dazu gemacht. Vollstndig unberhrt von ihm blieb die _Landwirtschaft_. Die Ursache davon beruht nicht nur auf der Meinung, da der Landarbeiter eines Schutzes nicht bedrfe,--sie ist durch offizielle und private Untersuchungen schon gar zu oft erschttert worden,--sondern mehr noch darauf, da die landwirtschaftliche Arbeit sich nicht unter dasselbe Schema bringen lt wie die industrielle und kommerzielle, und die Bedingungen ihrer Regelung daher andere sind. Eine Uebertragung des Arbeiterschutzes, wie wir ihn kennen, auf ihre Arbeiter ist nur in Bezug auf wenige Bestimmungen mglich. Aber auch die Durchfhrung jedes besonderen Landarbeiterschutzes hngt so eng mit den Problemen der agrarischen Fragen zusammen, da es eines Werkes fr sich bedrfen wrde, um ihn theoretisch zu errtern und praktisch festzusetzen. Nur allgemeine Gesichtspunkte knnen im Rahmen dieser Arbeit beleuchtet werden. Wir haben bisher gesehen, da der Grad der Durchfhrbarkeit des Arbeiterschutzes wesentlich davon abhngt, in welchem Mae die zu schtzenden Personen von der isolierten zur kollektiven Arbeit vorgeschritten und wie weit sie infolgedessen im stande sind, fr die Wahrung ihrer Rechte selbst einzustehen. Eine kollektive Arbeit aber tritt in der Landwirtschaft nur dann auf, wenn bestimmte Saisonarbeiten,--z.B. die Frhjahrsbestellung, die Ernte, der Zuckerrbenbau,--die Heranziehung einer greren Menge von Arbeitern ntig machen. Zur Frderung der Saisonarbeit hat die Dreschmaschine schon viel beigetragen; die Einfhrung anderer Maschinen, womglich mit Hilfe elektrischer Motoren, mte weiter revolutionierend wirken. Um dem Arbeiterschutz eine Grundlage zu schaffen, wre es demnach notwendig, diese Entwicklung auf jede Weise zu frdern. Eines der wichtigsten Mittel dazu ist die Untersttzung der landwirtschaftlichen Genossenschaften, die allein im stande sind, die Nachteile des Kleinbetriebs durch gemeinschaftliche Anschaffung der Mittel zum Grobetrieb zu frdern. Zweifellos wird dadurch auch die Erscheinung der landwirtschaftlichen Saisonarbeiter, d.h. die der besitzlosen Tagelhner, gefrdert werden. Sie wird in der Gegenwart als eine die Interessen der einheimischen Arbeiter schdigende betrachtet. Und mit Recht, und zwar deshalb, weil die betreffenden Arbeiter sozial tiefstehenden Volkskreisen entstammen. Darum hat die Sozialpolitik zunchst einmal hier einzugreifen. Das kann auf dreierlei Weise geschehen: durch scharfe Vorschriften in Bezug auf die Wohnungsverhltnisse der Arbeiter und die Schaffung einer lndlichen Wohnungsinspektion, durch gesetzliche, jeder Saisonarbeit besonders angepate Beschrnkung des Arbeitstags, und durch direkte Frderung der Organisation der Wanderarbeiter. Die Einsetzung einer landwirtschaftlichen Betriebsinspektion wre im Anschlu hieran notwendig, aber, bei dem groen Umfang des ihr unterstehenden Gebiets, wre zunchst an einschneidende direkte Folgen ihrer Thtigkeit ebensowenig zu denken, wie an die direkte Wirkung der Schutzgesetze selbst, wenn nicht ein sehr energischer Wille der staatlichen Verwaltung ihre Durchfhrung sicherte. Ihre Bedeutung wre fr den Anfang wesentlich eine erzieherische. Die Arbeiter, die nach Beendigung ihrer Arbeit in ihre Heimat zurckkehren, kmen mit anderen Begriffen und Bedrfnissen heim, als sie gegangen sind, und wrden auf die Zurckgebliebenen ihrerseits wieder einwirken, so da eine allmhliche Hebung ganzer Volksschichten ermglicht wrde. Sie mte aber auch noch von anderer Seite in Angriff genommen werden; und zwar durch das Verbot der lndlichen Kinderarbeit und der Wanderarbeit fr junge Leute unter achtzehn Jahren. Wenn in Rcksicht auf die Gefhrdung der Sittlichkeit durch die Wanderarbeit zuweilen gefordert wird, da dies Verbot auf alle minderjhrigen Mdchen ausgedehnt werden soll[943], so scheint mir das zu weit zu gehen. Von diesem Standpunkt aus mte man sie berhaupt alle zu Hause einsperren, denn es giebt, wie wir zur Genge gesehen haben, kein Arbeitsgebiet, auf dem ihre Sittlichkeit nicht gefhrdet wird. Hielte man sie aber nur von der Wanderarbeit zurck, so wren sie gezwungen, sich einen anderen Erwerb zu suchen. Das achtzehnte Jahr scheint mir dagegen fr beide Geschlechter eine angemessene Grenze darzustellen. Die notwendige Ergnzung des Arbeitsverbots mte die Erweiterung des Schulzwangs und die Einrichtung lndlicher Fortbildungsschulen sein, deren Besuch obligatorisch wre. Aber die Wanderarbeiter rekrutieren sich nicht nur aus der einheimischen Bevlkerung. Nach Deutschland kommen sie aus Ruland, nach Frankreich aus Belgien, selbst die Importierung chinesischer Arbeiter ist vielfach schon als eine Mglichkeit zur Steuerung der lndlichen Arbeiternot hingestellt worden. So traurig es auch ist, weil es eine wirkliche Besserung der Zustnde auf lange Zeit hinausschiebt, so gilt doch auch hier, was fr die Hausindustrie gilt, da eine internationale Regelung erst der Ausgangspunkt weiterer Reformen sein kann. Immerhin aber werden die nationalen Reformen auch auf die auslndische Arbeiterschaft ihren erzieherischen Einflu nicht verfehlen. Auf viel grere Schwierigkeiten stt der Schutz der ortseingesessenen landwirtschaftlichen Arbeiter infolge ihrer Vereinzelung und des Mangels an Aufklrung, der besonders in ihrer Weltabgeschlossenheit seine Ursache hat. Trotzdem mte auch hier die grundlegende Bestimmung jedes Arbeiterschutzes, die Beschrnkung der Arbeitszeit, der keine technischen Schwierigkeiten gegenberstehen, zur Durchfhrung gelangen, und durch eine ausreichende staatliche Aufsicht untersttzt werden. Alle Verordnungen ferner, die das Koalitionsrecht der Landarbeiter einschrnken oder ganz illusorisch machen, mten aufgehoben werden, auch wenn zunchst noch nicht erwartet werden knnte, da sie sich als fortgeschritten genug erwiesen, um von dem ihnen gewhrten Recht den fr sie vorteilhaftesten Gebrauch zu machen. Die Verbesserung der Wohnungsverhltnisse durch eine Wohnungsinspektion, das Verbot, die ffentliche Stellung eines Amtmanns oder Landlords mit der privaten des Arbeitgebers in einer Person zu vereinigen, wren geeignet, manche Unzutrglichkeiten aus dem Wege zu rumen. Denn jedes Mittel zur Hebung der sozialen Lage und zur Unterdrckung persnlicher Abhngigkeit, wre zugleich ein Mittel zur Durchfhrung des Arbeiterschutzes; daher ist auch jeder Rest feudaler Arbeitsverhltnisse, wie das Insten- und Deputantentum zu bekmpfen.[944] Fr die Frauen aber gilt es mit allem Nachdruck auf die Durchfhrung einer Arbeiterschutzvorschrift hinzuwirken, die gerade im Hinblick auf die Landarbeit von grter Bedeutung ist: das Arbeitsverbot fr Schwangere und Wchnerinnen. Wie es mglich ist, zu behaupten, da die Lohnarbeit der verheirateten Frau und der Mdchen auf dem Lande "wenig Anla zu einer besonderen Schutzgesetzgebung" giebt[945], wird jedem unbegreiflich erscheinen, der nur einmal gesehen hat, wie eine werdende Mutter auf dem Kartoffelfeld hackt, oder eine erst krzlich Entbundene beim Heuaufladen beschftigt ist. Das frhe Altern der Landarbeiterinnen, ihre Krnklichkeit und die Schwchlichkeit ihrer Kinder sind nicht zum mindesten darauf zurckzufhren. Soweit es daher im Bereiche der Mglichkeit liegt, sollte kein Mittel unversucht gelassen werden, um den Schutz der Schwangeren vier Wochen vor und der Wchnerin acht Wochen nach der Entbindung fr die lndliche Lohnarbeiterin durchzusetzen. Eventuell wre die Verantwortung dafr auf smtliche Vorgesetzte der Arbeiterin,--Inspektoren u.s.w.,--auszudehnen, und die Hebammen zur Anzeige der Gesetzesbertretungen zu verpflichten. All diesen Einzelforderungen gegenber darf jedoch nicht vergessen werden, da die Voraussetzung fr ihre Durchfhrung die Mitarbeit der zu Schtzenden selber ist. Nicht nur, da sie im Besitze eines gesicherten Koalitionsrechts sich befinden mssen, sie mssen auch lernen, es zu gebrauchen. Die Berhrung mit dem organisierten, aufgeklrten Industriearbeiter ist dazu eines der besten Mittel; deshalb mu sowohl die Freizgigkeit des Landarbeiters eine unbeschrnkte sein, als auch dafr gesorgt werden mu, da im Hinblick auf sein Interesse, wie auf das des Heimarbeiters, der Verkehr durch Ausbreitung des Eisenbahnnetzes und Verbilligung der Fahrpreise einerseits den Weg in die Stdte ihm erleichtert, andererseits aber die Anlage von Fabriken auf dem Lande dadurch ermglicht wird. Es liegt nun aber nahe, anzunehmen, da die Folge mancher dieser Manahmen nur eine Verstrkung der Landflucht sein wrde. In gewissem Umfang, der durch einen gut funktionierenden ffentlichen Arbeitsnachweis allmhlich geregelt werden knnte, halte ich das gleichfalls fr wahrscheinlich. Selbst hohe Lhne und bessere Arbeitsbedingungen werden die Landarbeiter im allgemeinen nicht auf dem Lande zu fesseln vermgen, weil die Stadt mit ihrem Glanz und ihrer Abwechselung und weil die relative Freiheit der industriellen Arbeiter einen schwer zu besiegenden Reiz auf alle ausbt, die nicht in ihr zu leben gewohnt sind. Auch die Ueberfhrung stdtischer Kultur auf das Land, z.B. durch Wanderbibliotheken, wie in England, durch lndliche Hochschulkurse u.A.m., wie in Dnemark, wrde nicht viel dagegen ausrichten, weil die Aufnahmefhigkeit gerade hierfr bei dem Landarbeiter nur selten vorhanden ist. Es lt sich aber aus der Psychologie des modernen Industriearbeiters, dessen Bedrfnis nach lndlicher Ruhe und frischer Luft ein unverkennbares ist, folgern, da, wenn die Arbeitsbedingungen und der Arbeiterschutz auf dem Lande sich einmal denen in der Industrie angenhert haben, die Mglichkeit fr ein Zurckfluten des stdtischen Proletariats auf das Land gegeben ist. Industrielle Krisen werden es befrdern helfen. Zwei Wanderbewegungen sind schon jetzt fr die Landwirtschaft zu konstatieren, die auf dem Wege gesunden Fortschritts vor sich gehen: die Landflucht einheimischer Arbeiter und die Einwanderung fremder Saisonarbeiter, durch die beide Kategorien hheren sozialen Kulturstufen zugefhrt werden; die dritte wird sich hinzugesellen, sobald die Bedingungen der Landarbeit es mglich machen, und kann dann fr die Industriebevlkerung eine physische Regeneration anbahnen. Auch hier gilt es, die Entwicklung nicht durch die Gesetzgebung meistern zu wollen, sondern sie bewut in ihren Dienst zu stellen. Ein unbekanntes Land fr den Arbeiterschutz fast aller Staaten war bisher das groe Gebiet des _persnlichen und huslichen Dienstes_. Die ersten Reformbestrebungen nach dieser Richtung gingen von Schweizer Kantonen aus. Basel machte 1887 den Anfang, das Bedienungspersonal in Gastwirtschaften vor Ueberanstrengung zu sichern, indem es bestimmte, da Mdchen unter 18 Jahren, mit Ausnahme der Tchter des Wirts, nicht zur Bedienung der Gste zu verwenden sind, und allen Kellnerinnen eine Mindestruhezeit von 7 Stunden tglich zu gewhren ist. Diesem Beispiel folgte Glarus, St. Gallen und Zrich, die die Ruhezeit auf 8 Stunden und, als Ersatz der Sonntagsruhe, einen wchentlichen freien Nachmittag von 6 Stunden festsetzten. Da es aber an der ntigen Kontrolle fr die Durchfhrung selbst dieser geringen Reformen fehlte,--lassen sie doch smtlich eine Arbeitszeit von 16-17 Stunden zu!--und von seiten der Kellnerinnen auf keine Untersttzung zu rechnen ist, so blieben sie fast ganz wirkungslos.[946] Trotz dieser Erfahrung hat das Vorgehen der Schweiz Deutschland zur Nachahmung angeregt, und der Gesetzentwurf, der die Lage der Gastwirtsgehilfen regeln soll, geht nur in wenigen Punkten ber sein Vorbild hinaus. An Stelle der Festsetzung der Arbeitszeit, einer selbstverstndlichen Forderung, sobald man anerkennt, da das menschliche Leben noch einen hheren Inhalt haben soll als Lohnarbeit und Schlaf, tritt die Festsetzung eines Mindestmaes von Ruhe, das in Deutschland in Kleinstdten 8 und in Grostdten, wo der Hin- und Herweg von der Arbeitssttte in Anschlag gebracht worden ist, 9 Stunden betragen soll; ein wchentlicher Freinachmittag von 6 Stunden, ein vollstndiger Ruhetag von 24 Stunden alle drei Wochen kommen ergnzend hinzu. Das heit mit anderen Worten, da die Kellnerin tglich 15 bis 16 Stunden auf den Beinen sein mu und wchentlich 99-106 Stunden Arbeitszeit hat! Im Laufe der tglichen Arbeit, die mindestens ebenso anstrengend und noch um vier bis fnf Stunden lnger ist, als die in der Fabrik, wird der Kellnerin nicht einmal eine Mittagspause sichergestellt, statt dessen kann ihre Ruhezeit an nicht weniger als sechzig Tagen im Jahr noch verkrzt werden. Auerdem steht es nach wie vor im Belieben des Wirts, ob er oder die Kellnerin die an ihren Freinachmittagen anzustellende Aushilfe zu entlohnen hat. Angesichts der bestehenden Verhltnisse und der vlligen Schutzlosigkeit, die bisher herrschte, wrden diese Bestimmungen immerhin einen kleinen Fortschritt bedeuten, wenn auf ihre strikte Anwendung gerechnet werden knnte. Aber davon wird ebensowenig wie in der Schweiz die Rede sein, weil an entsprechende Vorschriften ber die Schaffung einer ausreichenden Gasthofsaufsicht gar nicht gedacht worden ist. Trotzdem struben sich die Wirte jetzt schon aufs uerste gegen den Entwurf, der, so behaupten sie, sobald er Gesetzeskraft erlangt, ihre Existenz zu gefhrden im stande ist.[947] Sie scheint demnach nur durch eine mehr als 16stndige Arbeitszeit der Angestellten gesichert zu sein! Entsprche dies den Thatsachen, so wre man versucht, auszurufen, wie der preuische Minister v. Heydt, als er zum erstenmal von der Ausbeutung der Kinder erfuhr: "So mag doch das ganze Gewerbe zu Grunde gehen!" Noch eine Bestimmung, die auf den ersten Blick den Eindruck einer wirklichen Schutzvorschrift macht, enthlt der Entwurf; sie besagt, da Mdchen unter 18 Jahren nicht zur Bedienung der Gste verwendet werden drfen. Angesichts der langen Arbeitszeit und der hohen Anforderungen, die gerade dieser Beruf an die Krperkrfte stellt, erscheint dieser Paragraph des Gesetzes mehr als gerechtfertigt. Wenn er sich nur nicht allein auf die Bedienung beschrnken mchte! Darin zeigt sich deutlich, da es sich hier nicht um Arbeiterschutz, sondern um den Schutz der Sittlichkeit im Sinne der deutschen Sittlichkeitsvereine handelt. Diese sind in ihrer Petition an den Reichstag so weit gegangen, das Verbot bis auf das 21. Lebensjahr ausdehnen zu wollen, und sind kurzsichtig genug, von dieser Maregel zu erwarten, da sie der "Unkeuschheit im Kellnerinnengewerbe Einhalt bieten und der Prostitution nahezu den Todessto versetzen" wird![948] Whrend also der Entwurf das 18. Lebensjahr als Grenze fr den Eintritt in den Kellnerinnenberuf festsetzt, lt er gleichzeitig die 15-16stndige Ausbeutung der Mdchen unter 18 Jahren, also auch der im Entwicklungsalter stehenden 14- und 16jhrigen, in der Gasthofskche ohne Bedenken zu. Da der Entwurf nicht auf die Zustimmung der Beteiligten wrde rechnen knnen, war von vornherein anzunehmen. Freilich waren es nur Wenige, die ihre Wnsche laut werden lieen. Die Meisten, die unter ihrer traurigen Lage seufzen, sind noch gar nicht so weit, darber nachzudenken, wie man sie bessern knnte. Eine Berliner Kellnerinnenversammlung stellte dem Entwurf diese Forderungen gegenber: 1) Bestimmungen ber Zahlung eines auskmmlichen Lohnes. 2) Festsetzung bestimmter Arbeitspausen, insbesondere einer ununterbrochenen zehnstndigen Ruhezeit nach jedem Arbeitstag. 3) Ausdehnung der Gewerbeinspektion auf das Gastwirtsgewerbe, einschlielich der Beaufsichtigung der Wohn- und Schlafrume der Angestellten; und der Mnchener Kellnerinnenverein verlangte: 1) Eine ununterbrochene Mindestruhezeit von zehn Stunden tglich. 2) Einen wchentlichen vierundzwanzigstndigen Ruhetag. 3) Freigabe von wenigstens zwei Stunden an jedem zweiten Sonntag, um den Besuch des Gottesdienstes zu ermglichen. 4) Festsetzung der Altersgrenze fr die Zulassung junger Mdchen zur Bedienung von Gsten auf sechzehn Jahre. 5) Festlegung einer zweijhrigen Lehrzeit, whrend welcher die Lehrmdchen in der Zeit zwischen zehn Uhr abends bis sechs Uhr morgens nicht beschftigt werden drfen. 6) Ueberschreitung der tglichen Arbeitszeit nur an dreiig Tagen des Jahres. Aber all diese Manahmen wren angesichts der herrschenden Zustnde im Kellnerinnengewerbe ganz unzureichend und legen nur von der Zaghaftigkeit der Betreffenden Zeugnis ab. Jeder wirksame Arbeiterschutz mu einerseits von der Verkrzung der Arbeitszeit ausgehen, andererseits fr seine Durchfhrung auf die Untersttzung der Beteiligten rechnen knnen. Sowohl der fnfzehn- bis sechzehnstndige Arbeitstag des Entwurfs als der vierzehnstndige, den die Kellnerinnen fordern, kann unmglich die Bedeutung haben, die er als Ausgangspunkt aller anderen Reformen haben mu; der Fortbestand des Trinkgeldwesens aber, der die Kellnerinnen zu einer mglichsten Ausdehnung des Arbeitstages zwingt, hindert sie daran, geschlossen fr seine Herabsetzung einzutreten, und sie zu sichern, falls sie gesetzlich eingefhrt wird. Will man die Lage der Kellnerinnen verbessern und sie zunchst zum Standpunkt der Lohnarbeiterin in der Industrie erheben, der fr sie zweifellos einen Fortschritt bedeuten wrde, so mu der Hebel zu gleicher Zeit an beiden Punkten, der Arbeitszeit und dem Trinkgelderwesen, angesetzt werden. Das knnte zunchst in der Weise geschehen, da neben der ununterbrochenen zehnstndigen Nachtruhe, eine zusammenhngende zweistndige Tagespause festgelegt wrde, so da eine effektive Arbeitszeit von zwlf Stunden die Folge wre. Jeder Gasthofsbetrieb hat im Laufe des Tages eine ruhige Zeit,--das haben die Wirte selbst erklrt, als sie gegen den deutschen Entwurf Stellung nahmen,--in der es mglich gemacht werden kann, den grten Teil der Angestellten, auch der mnnlichen, zu entbehren. Jedenfalls mu es zu ermglichen sein, da schon eine zwlfstndige Arbeitszeit das uerste Ma bezeichnete. Schwieriger erscheint die Trinkgelderfrage. Mit der bloen Bestimmung, da die Wirte ausreichenden Lohn zu zahlen haben, ist ihr nicht beizukommen und bis zur Schaffung starker Organisationen der Gastwirtsgehilfen, die Lohntarife durchsetzen knnten, ist noch ein weiter Weg. Noch weniger ist auf das Publikum zu rechnen, von dem man manchmal erwartete, es wrde sich im Kampf gegen das Trinkgeld solidarisch fhlen. Dagegen bte ein Mittel bessere Aussicht auf Erfolg: die Bestimmung nmlich, da die Bezahlung der Zeche nur an der Kasse zu erfolgen hat. Das Trinkgeld an die bedienende Kellnerin wird dadurch zwar nicht vllig ausgeschlossen werden, aber doch fast ganz, da der Gast sich meist in dem Augenblick dazu aufgefordert fhlt, wo er der Bedienung die Zeche bezahlt, und sie erwartungsvoll vor ihm steht. Ein anderes Mittel, das wohl noch mehr dem Gang der Entwicklung entspricht, aber zunchst nur in greren Lokalen Anwendung finden knnte, wre die durchgngige Bezahlung der Zeche, die im Verhltnis zu der Gesamtausgabe einen bestimmten Prozentsatz fr die Bedienung in Anrechnung bringen mte, an den Zahlkellner, der zum selbstndigen Unternehmer wrde,--was er heute schon vielfach ist,--und den bedienenden Kellnern einen festen Lohn zu zahlen htte. Ist das erreicht, so hat die Kellnerin kein Interesse mehr an der Lnge der Arbeitszeit, sie wird statt dessen die gesetzlich vorgeschriebene gern innehalten. Sie wird auch allmhlich, wenn Geist und Krper unter der Erschpfung durch endlose Arbeitszeit nicht mehr zu leiden haben, organisationsfhig werden. Ein vierundzwanzigstndiger Ruhetag im Laufe von je sieben Tagen, die Sicherung guter Unterkunftsrume durch die Aufsicht der Wohnungsinspektion, das Verbot, junge Leute unter sechzehn Jahren berhaupt und unter achtzehn lnger als acht Stunden tglich zu beschftigen, die Verfgung endlich, da smtliche Schutzvorschriften auch auf die Familie des Wirts auszudehnen sind,--der Entwurf schliet sie ausdrcklich aus, ohne sich auch nur ber den Grad der Familienzugehrigkeit nher auszulassen, --und die Einsetzung einer besonderen Inspektion fr das Gastwirtsgewerbe,--denn man kann es den wenigen schon stark berlasteten deutschen Gewerbeaufsichtsbeamten doch nicht zumuten, noch etwa 173000 Betriebe mehr zu beaufsichtigen,--das alles sind Bestimmungen, die die Grenzen des Notwendigen noch nicht einmal erreichen, und die Ergnzung der Beschrnkung der Arbeitszeit fr Erwachsene und des Trinkgelderwesens bilden mten. Soweit die Sittlichkeit von den Arbeitsbedingungen abhngt, wird sie durch ein Gesetz dieses Inhalts auch nur gefrdert werden. Sie darber hinaus "schtzen" zu wollen, ist berhaupt nicht Aufgabe der Gesetzgebung. Sie hat allein die Grundlage zu sichern, auf der eine menschenwrdige Existenz sich aufbauen kann, und die ueren Bedingungen zu regeln, die die Unabhngigkeit jedes Einzelnen zu gewhrleisten vermgen. Wenn die bisherige Darstellung den Beweis erbracht hat, da der gesetzliche Schutz der Arbeiter auf allen Arbeitsgebieten durchfhrbar ist, so scheint sie jetzt an den Punkt angelangt zu sein, wo die angewandte Methode nicht mehr zum Ziele fhren kann: am _huslichen Dienst_. Die Dienstboten stehen auerhalb der Gewerbeordnung; nur von Neu-Sdwales heit es, da der achtstndige Arbeitstag auch fr sie Geltung haben soll; alle brigen Staaten haben entweder keinerlei besondere Vorschriften, die die husliche Lohnarbeit regeln, oder sie besitzen sie in der Form von Gesindeordnungen, wie Deutschland und Oesterreich. Aber auch hierbei handelt es sich nicht um einheitliche Rechtsvorschriften, sondern um zahlreiche, oft nach Provinzen voneinander abweichende Einzelbestimmungen--Deutschland allein zhlt ihrer gegen 60--, die dadurch schon den Stempel einer berwundenen Epoche, der die Freizgigkeit noch unbekannt war, an der Stirne tragen; denn die Kenntnis dieser Gesetze, die selbst einem Juristen schwer fllt, kann von dem von Ort zu Ort und von Land zu Land wandernden Dienstboten unmglich verlangt werden. Was sie aber in noch viel drastischerer Weise als Reste der Vergangenheit kennzeichnet, ist ihr Inhalt, der zu jeder modernen Auffassung des Arbeitsvertrags und des Dienstverhltnisses in scharfem Gegensatz steht. Einige Beispiele mgen das Gesagte erhrten: Nach der deutschen Gewerbeordnung ist es bei Strafe verboten, Zeugnisse in die Arbeitsbcher der gewerblichen Arbeiter einzutragen; die meisten Gesindeordnungen aber machen die Ausstellung von Zeugnissen ber das persnliche Verhalten des Dienstboten den Arbeitgebern zur Pflicht. Auf Grund derselben Gewerbeordnung ist die Aufrechnung von irgend welchen Forderungen des Arbeitgebers gegen die Lohnforderungen des Arbeiters unzulssig, die Herrschaft dagegen kann bei etwaigem ihr zugefgten Schaden nicht nur an den Lohn des Dienstboten sich halten, sie kann sogar, falls dieser nicht ausreicht, eine Vergtung durch unentgeltliche Dienstleistung von ihm fordern,--eine neue Form fr die mittelalterliche Schuldknechtschaft! Auf Grund des Brgerlichen Gesetzbuches und des Handelsgesetzbuchs fr das Deutsche Reich kann das Dienstverhltnis von jedem Teil ohne Einhaltung der Kndigungsfrist gekndigt werden, wenn ein wichtiger Grund vorliegt; dem Dienstboten steht dasselbe Recht nach den deutschen Gesindeordnungen nur dann zu, "wenn er mihandelt wird mit Gefahr fr Leib und Leben", wenn die Herrschaft ihn "mit ausschweifender und ungewhnlicher Hrte behandelt", ihn "zu gesetzwidrigen und unmoralischen Handlungen verleitet", oder ihm "das Kostgeld nicht giebt, oder die Kost verweigert". Die Herrschaft dagegen kann ihn vor die Thre setzen: wenn er sie "beleidigt", "Zwistigkeiten im Hause hervorruft", "beharrlich ungehorsam und widerspenstig ist", "sich Veruntreuungen zu schulden kommen lt", "ohne Vorwissen und Erlaubnis nachts aus dem Hause bleibt", "seines Vergngens wegen ausluft, ber die erlaubte Zeit hinaus fortbleibt, mutwillig den Dienst vernachlssigt", ja selbst "wenn ihm die Geschicklichkeit mangelt, die er bei der Vermietung zu besitzen vorgab", d.h. dem Arbeitgeber kann es nie an einem Grund fehlen, wenn er den Dienstboten ohne Entschdigung los werden will, whrend der Dienstbote erst krperliche oder moralische Mihandlungen nachweisen mu, um ohne Einhaltung der Kndigungsfrist den Dienst aufgeben zu knnen. Der gewerbliche Arbeiter kann gegenber unertrglichen Arbeitsbedingungen die Arbeit auch ohne Kndigung verlassen, ohne da er sich dadurch ehrenrhrige Strafen zuzieht; der Kontraktbruch beim Gesinde aber wird strafrechtlich verfolgt, und jedes Dienstmdchen, das davonluft, kann von uniformierten Polizeibeamten, wie ein Verbrecher, wieder in die alte Stellung zurcktransportiert werden. Um jeden Weg zur Selbsthilfe endgltig abzuschneiden, steht das Gesinde,--und unter dieser Bezeichnung ist in Deutschland und Oesterreich nicht nur das husliche, sondern auch das landwirtschaftliche zu verstehen,--auch in Bezug auf das verfassungsmig jedem Staatsbrger gewhrleistete freie Vereins- und Versammlungsrecht unter Sondergesetzen. Das heute noch gltige Gesetz vom Jahr 1854 bestimmt, da das Gesinde mit Gefngnisstrafe bis zu einem Jahr bestraft werden kann, wenn es zum Zweck der Erlangung besserer Arbeitsbedingungen die Arbeit einstellt, sich mit anderen dazu verabredet, oder sie dazu auffordert. Aber nicht allein in direkter Weise stehen die Gesindeordnungen in Widerspruch zu der allgemeinen modernen Regelung des Verhltnisses zwischen Unternehmern und Angestellten. Eine ganze Reihe von Geboten und Verboten schnren noch auerdem jede Bewegungsfreiheit des Dienstboten ein, ohne da ihm als Aequivalent irgend ein nennenswerter Schutz zu teil wrde. So werden z.B. "Ungehorsam", "pflichtwidrige Reden", "unfleiiges Verhalten", "ungebhrliches Benehmen" in verschiedenen deutschen Gesindeordnungen unter Strafe gestellt. Ja selbst die Prgelstrafe kann von den Herrschaften den Dienstboten gegenber noch in Anwendung gebracht werden, denn die Gesindeordnungen von Braunschweig, Pommern, Sachsen, Reu und Meiningen erkennen den Dienstgebern das Zchtigungsrecht ausdrcklich zu, und in Preuen knnen sie sich straflos der "Beleidigung und leichten Krperverletzung" schuldig machen. Man hoffte, da das Brgerliche Gesetzbuch diesen Bestimmungen, die das Gesinde wehrlos den Arbeitgebern in die Hnde liefern, ein Ende machen wrde. Und es erklrte thatschlich, da ein Zchtigungsrecht der Herrschaft nicht zustehe; nur da diese Erklrung fr die Praxis dadurch jede Bedeutung verlor, da Art. 95 des Einfhrungsgesetzes zum Brgerlichen Gesetzbuch alle Gesindeordnungen ausdrcklich bestehen lt, und,--um darber ja keinen Zweifel aufkommen zu lassen,--eine preuische Ministerialverordnung folgendes bestimmte[949]: "Was die in dem letzten Absatz des Artikels 95 enthaltene Bestimmung anbelangt, wonach dem Dienstberechtigten gegenber dem Gesinde ein Zchtigungsrecht nicht zusteht, so werden dadurch die in Preuen bestehenden landesgesetzlichen Vorschriften nicht berhrt, da keine der letzteren ein solches Recht statuiert, auch der 77 der Gesindeordnung nicht, indem derselbe nur geringe Thtlichkeiten der Herrschaft unbestraft lt, welche durch ungebhrliches, zum Zorn reizendes Betragen des Gesindes veranlat werden." Die Erlaubnis zu geringen Thtlichkeiten ist also, nach der Logik preuischer Minister, kein Zchtigungsrecht und das Gesinde kann nach wie vor mit Ohrfeigen traktiert werden! Wie sehr diese Ausnahmestellung des Gesindes mit der ganzen Richtung der sozialpolitischen Gesetzgebung in Widerspruch steht, konnte auch den Kurzsichtigsten nicht verborgen bleiben. Aber wenn man sich schon scheute, die Familienwerkstatt und den Familiengasthofsbetrieb unter gesetzliche Regeln und gesetzliche Aufsicht zu bringen, um wie viel mehr mute man sich davor scheuen, den Familienhaushalt ihnen zu unterwerfen. Jeder Reformversuch nach dieser Richtung trug den Charakter des Artikels 95 in sich: er wurde sofort wieder in sein Gegenteil verwandelt. So beantragte die freisinnige Partei im deutschen Reichstag zwar 1893 die Gleichstellung des Gesindes mit dem gewerblichen Arbeiter, 1895 aber stimmte sie in der Kommissionsberatung des betreffenden Absatzes im Brgerlichen Gesetzbuch gegen die Aufhebung der Gesindeordnungen. Das Centrum dagegen versuchte bei Gelegenheit derselben Beratung die Unterstellung des Gesindes unter die Gewerbeordnung durchzusetzen; ein Jahr spter im Plenum aber erklrte es sich dagegen. 1897 nahm dann der Reichstag eine Resolution an, die von der freisinnigen Partei ausging, und die Regierung aufforderte, die Rechtsverhltnisse des Gesindes reichsgesetzlich zu regeln; heute, nach fast fnf Jahren, ist es aber immer noch bei dem bloen Wunsch geblieben, obwohl inzwischen die Dienstboten angefangen haben, fr ihre Rechte einzutreten. Ihr konsequenter Vorkmpfer ist bisher allein die sozialdemokratische Partei gewesen, die nicht nur durch ihr Programm, das die rechtliche Gleichstellung der Dienstboten mit den gewerblichen Arbeitern fordert, sondern durch eine Reihe dahin zielender Antrge im Plenum des Reichstages diese notwendige Reform durchzusetzen versuchte, vor allem fr die Abschaffung der Gesindeordnungen und des jede Organisation verhindernden Gesetzes von 1854 eintrat. Natrlich ohne jeden Erfolg. Vorwrts getrieben durch die Dienstbotenbewegung, die von den Vereinigten Staaten ausging und ber die skandinavischen Lnder den Weg nach Deutschland nahm, fhlten sich auch, wie wir gesehen haben, einzelne Gruppen der brgerlichen Frauenbewegung zu Reformvorschlgen gentigt, die in der Abschaffung der Gesindeordnungen gipfeln, aber in Bezug auf die Ausdehnung des Arbeiterschutzes auf die Dienstboten sich entweder vorsichtig ausschweigen, oder sehr bescheidene Forderungen stellen. Auch Stillich geht in der Bearbeitung seiner Enquete ber die Lage der weiblichen Dienstboten in Berlin kaum weiter, ja er bleibt insofern noch hinter ihnen zurck, als die Freigabe des Sonntagnachmittags nach ihm nicht gesetzlich festgelegt werden, sondern das Dienstmdchen nur zur Arbeit whrend dieser Zeit nicht "verpflichtet" sein soll. Einen wesentlich anderen Standpunkt gegenber der Dienstbotenfrage nehmen einige amerikanische und englische Frauenrechtlerinnen ein,--denn von einer allgemeinen feststehenden Stellung der Frauenbewegung zu diesem Problem ist auch hier keine Rede. Sie fordern die Ausbreitung kooperativer Gesellschaften, die allmhlich die im Hause wohnenden Dienstboten durch auer dem Hause wohnende organisierte und fr jedes Fach ausgebildete Hausarbeiterinnen ersetzen sollen und glauben, da die Ausdehnung des Arbeiterinnenschutzes auf sie erst unter diesen Voraussetzungen ermglicht werden kann. Alle diese Versuche liegen auf dem Wege der durchgreifenden Reform, aber sie haben jeder fr sich nur den Wert vorbereitender Arbeit. Erst ihre Zusammenfassung und organische Ausbildung kann zu einer Regelung des Verhltnisses der huslichen Arbeiter fhren. Vor allem haben wir uns auch hier zunchst den Gang der Entwicklung klar zu machen, ohne bei der nchternen Ueberlegung dem Einflu subjektiver Gefhle zu viel Spielraum zu gewhren. Gerade hier ist diese Gefahr gro, denn so trivial es auch klingen mag, so wahr ist es doch, da der Gedanke an die Familie, an die stillen Freuden der Huslichkeit bei den Angehrigen der brgerlichen Welt eng mit dem Gedanken an die eigene Kchin in der eigenen Kche zusammenhngt, und man mit der Preisgabe des einen das andere zu erschttern glaubt. Der objektive Beobachter aber wird sich der Erkenntnis nicht verschlieen knnen, da Alles--die wachsende Abneigung gegen den Gesindedienst in proletarischen, die Zunahme der Frauenerwerbsarbeit in brgerlichen Kreisen, die sich rapide ausbreitende Industrialisierung und Zentralisierung ehemals privater, huslicher Thtigkeiten,--eine fundamentale Umwandlung des huslichen Lebens vorbereitet. Dieser Entwicklung knnte auch dann nicht mit dauerndem Erfolg in die Zgel gefallen werden, wenn sie, wie viele behaupten wollen, eine nur schdliche Tendenz in sich trge. Sie mu aber um so mehr gefrdert werden, als sie thatschlich glcklicheren Zustnden die Wege bahnt. Der Kreis der brgerlichen Familie umschlo frher den groen Hausstand mit all seinen Mgden und Knechten; von einem intimen Zusammenleben zwischen Mann und Weib konnte dabei selten die Rede sein, und die husliche Atmosphre war der Ausflu so vieler verschiedener Individualitten, da ihr Einflu auf die Kinder nicht als der der Eltern allein gelten konnte. Je mehr der Haushalt zusammenschrumpfte, desto mehr stieg die Mglichkeit huslicher Intimitt, desto inniger konnten seine wenigen Glieder sich zusammenschlieen, und endlich wird die Entwicklung auf der hheren Kulturstufe da anlangen, von wo sie auf der tieferen ausging: der kleinen in sich geschlossenen Familiendreieinigkeit,--Mann, Weib und Kinder. Der Ausschlu jeden fremden Elements aus dem persnlichen Leben des Menschen liegt aber in der Richtung der Steigerung und Vertiefung des persnlichen Glcks. Durch ihn wird die Frau wieder zur Genossin des Mannes, zur Mutter der Kinder, die sie auch mit der Milch ihres Geistes wird nhren knnen. Fr die Dienstboten aber ist die Auflsung des persnlichen Dienstverhltnisses der einzige Weg zu ihrer Befreiung. Wir haben uns daher auch in den Dienst dieser Entwicklung zu stellen. Von diesem Standpunkt aus bekommt die Frage der Ausdehnung des Arbeiterschutzes auf das Gesinde gleich ein anderes Gesicht, und der Einwand, da infolgedessen immer weniger Menschen im stande sein wrden, sich Dienstboten zu halten, verwandelt sich in eine Befrwortung der Maregel. Die einzelnen Forderungen an die Gesetzgebung, die natrlich mit der Abschaffung der Gesindeordnungen einsetzen mte, lassen sich kurz zusammenfassen: der elf- bis zwlfstndige Arbeitstag fr ber Achtzehnjhrige knnte den Anfang bilden, seine Ergnzung wre die 1-1/2stndige Mittagspause, der freie Sonntagnachmittag und, als Entschdigung fr die halbe Sonntagsarbeit, ein freier halber Wochentag; Ueberstunden und Extraarbeiten, die in bestimmtem Umfang erlaubt sein mssen, wren selbstverstndlich besonders zu vergten. Die Arbeitszeit selbst knnte zwischen 7 Uhr frh und 9 Uhr abends zu verteilen sein. Strenge Vorschriften in Bezug auf die Wohnungsverhltnisse der Dienstboten mten durch eine energische Wohnungsinspektion und die Haftbarmachung jedes Hauswirts noch verschrft werden. Nun ist es zwar keinem Zweifel unterworfen, da diese Bestimmungen unmittelbare allgemeine Folgen sofort nicht haben wrden, selbst wenn man in jedes Haus einen Inspektor setzte. Ihre erzieherische Wirkung aber wre um so bedeutsamer: die Dienstmdchen wrden infolge der freien Zeit, ber die sie zu verfgen htten, der Aufklrung leichter zugnglich sein, organisationsfhiger werden und lernen, ihre Rechte selber zu schtzen; die Hausfrauen andererseits wrden schnell genug einsehen, da sich der Kleinbetrieb unter solchen Umstnden nicht mehr lohnt. Alle neuen Errungenschaften der Chemie und der Technik, die heute infolge des bornierten Konservatismus der meisten Hausfrauen fast unbenutzt bleiben, wrden ihrer arbeitsparenden Eigenschaften wegen in Anwendung gebracht werden. Da das aber fr den Einzelhaushalt ebenso verschwenderisch wre, als wenn man einen elektrischen Motor zum Antrieb eines einzigen Webstuhls anschaffte, so wrde naturgem allmhlich der genossenschaftliche Haushalt oder die zentralisierte Wirtschaftsfhrung die Funktionen der einzelnen Haushalte aufsaugen. Die Dienstboten aber wrden sich in freie Arbeiter verwandeln, die ebenso wie diese in die Fabrik, in die Zentralkchen gingen. Alle diejenigen Institute, wie etwa die Berliner Zentralreinigungsgesellschaften, die stundenweise ihre Angestellten zu bestimmten huslichen Verrichtungen, wie Wohnungsreinigen, Putzen etc., aussenden, wie die Fensterputz- und Teppichklopfanstalten der groen Stdte, wie die Household economic Associations Amerikas werden sich infolgedessen immer weiter verbreiten, die Zentralisierung der Heizung, der Beleuchtung wird sich ausbilden, kurz, alles das, was jetzt oft nur ein kmmerliches Dasein fristet, weil die Sonne der Gunst des Publikums ihm fehlt, wird sich durch den Antrieb praktischer Bedrfnisse rasch entwickeln. Je mehr es aber geschieht, desto energischer kann und mu die Arbeiterinnenschutzgesetzgebung auf die Dienstmdchen Anwendung finden. Auf einer anderen Basis, als auf der der Loslsung des Gesindes aus dem persnlichen Dienstverhltnis, auf eine Reform des Gesindewesens zu rechnen, ist eine Utopie. Je eher wir uns von ihr losmachen, je rascher wir versuchen, uns den neuen, unabweisbar sich entwickelnden Verhltnissen anzupassen, desto schmerzloser wird sich der allmhliche Proze der Umwandlung vollziehen, wie er sich schon frher, fr viele fast unbemerkt, vollzogen hat. Die konomische Ungleichheit zwischen Arbeiter und Unternehmer fhrt mit Notwendigkeit zu den staatlichen Maregeln des Arbeiterschutzes. Der rechtlich freie Arbeitsvertrag wrde niemals ein faktisch freier sein, weil er die schwchere soziale und wirtschaftliche Stellung des Arbeiters nicht aufhebt. Der Eingriff des Staates in den freien Arbeitsvertrag hat sich daher als eine Notwendigkeit erwiesen. Jeder Fortschritt des Arbeiterschutzes bedeutet fr den Unternehmer eine Einschrnkung seines Verfgungsrechts ber die von ihm gekaufte Arbeitskraft und fr den Arbeiter grere persnliche Freiheit und Sicherheit. Das Recht darauf und das Bedrfnis danach ist fr beide Geschlechter dasselbe. Wenn die Gesetzgebung den Frauen in Bezug auf die Arbeitszeit einen ausgedehnteren Schutz zu teil werden lt, als den Mnnern, so hat das keine prinzipielle Bedeutung, ist vielmehr nur der notwendige erste Schritt zu allgemeiner, gleichmiger Regelung. Nur soweit die Frau die Verantwortung fr die Existenz und die Gesundheit eines anderen Menschen, ihres Kindes trgt, hat sie Anspruch auf besonderen Schutz, der sich, seiner inneren Bedeutung nach, weniger als Arbeiterinnen-, denn als Kinderschutz charakterisiert. Aber in dem Schutz von Leben und Gesundheit, in der Schaffung von Arbeitsbedingungen, die nicht nur die physische Existenz des Arbeiters zu einer ertrglichen gestalten, sondern auch die Grundlage zu geistiger Fortentwicklung legen helfen, beruht nicht, wie im allgemeinen angenommen wird, die einzige Aufgabe der Arbeiterschutzgesetzgebung. Sie hat sich nicht mit dem ueren Schutz zu begngen, vielmehr die ernste und folgenschwere Pflicht, allen denjenigen Betriebsformen zum Siege zu verhelfen, unter deren Herrschaft der Arbeiter sozial hhere Stufen erreichen kann: sie mu die Hausindustrie und den huslichen Dienst einer tiefgehenden Umwandlung entgegenfhren, sie mu den Grobetrieb in Gewerbe und Handel frdern. Die Voraussetzung aber fr die Wirksamkeit und den Fortschritt des Arbeiterschutzes ist die Mitarbeit der Zunchstbeteiligten an seiner Durchfhrung und seinem Ausbau. Alle ffentlichen Einrichtungen und alle Gesetze, die sie dazu fhig zu machen vermgen, sind als notwendige Ergnzungen der Arbeiterschutzgesetzgebung zu betrachten. Sie bilden gewissermaen die Vollendung der Erziehung, die nicht darin allein besteht, die Kinder vor Schaden zu bewahren, sondern ihnen die Waffen in die Hand zu geben, mit denen sie sich selber schtzen knnen. In diesem Sinne werden die Frauen noch immer als kleine Kinder behandelt. Wir haben gesehen, da die niedrige Entlohnung der Frauenarbeit meist auf ihre geringere qualitative oder quantitative Leistungsfhigkeit zurckzufhren ist. Es lge demnach sowohl im Interesse der Frauen, als in dem der Mnner, denen sie Schmutzkonkurrenz machen, ihre Leistungen zu erhhen, d.h. ihnen eine der mnnlichen gleichwertige Ausbildung zu teil werden zu lassen. Der Besuch der _Fortbildungsschulen_, zu dem nach der deutschen Gewerbeordnung die Kommunalbehrden lediglich die mnnlichen Arbeiter verpflichten knnen, und der von Reichswegen nur fr mnnliche und weibliche Handelsgehilfen vorgeschrieben ist, mte demnach fr alle, der Volksschule entwachsenen Mdchen obligatorisch werden, und sich bis zum sechzehnten Jahr erstrecken. Die Voraussetzung wre, da smtliche Fortbildungs- und Fachschulen, die gegenwrtig hufig wohlthtigen Vereinen ihre Existenz verdanken und eine grndliche Ausbildung nicht zu geben vermgen, von den Gemeinden oder dem Staat eingerichtet und geleitet wrden, wie es in Oesterreich z.B. vielfach geschehen ist, vor allem aber, da sie, wo es sich nicht um spezifisch weibliche oder mnnliche Arbeiten handelt, die gemeinsame Erziehung der Geschlechter grundstzlich durchzufhren htten. Erst dadurch wrden die Krfte der mnnlichen und weiblichen Schler sich aneinander messen knnen und die notwendige Differenzierung sich ebenso verbreiten, wie der Wettbewerb auf gleichen Arbeitsgebieten. Wie die Forderung des Fortbildungsschulzwangs fr Mdchen sich aus dem wachsenden Erwerbszwang von selbst ergiebt, so ist es nur die selbstverstndliche Konsequenz der Zunahme der Lohnarbeit verheirateter Frauen, wenn nicht nur jedes gesetzliche Hindernis, das ihnen im Wege steht, beseitigt, sondern ihre _freie Verfgung ber ihren Arbeitsertrag_ gesichert werden mu. Bisher ist das keineswegs der Fall; in Frankreich, Oesterreich und den Niederlanden bedarf die Frau zur Eingehung eines Arbeitsvertrags der Zustimmung des Mannes; ein Vertrag, der ohne sein Vorwissen beschlossen wurde, kann durch seinen Einspruch ohne Einhaltung der Kndigungsfrist gelst werden, in Deutschland bedarf der Ehemann dazu die Ermchtigung des Vormundschaftsgerichts. Und selbst der durch eigene Arbeit erworbene Lohn ist nicht das gesicherte persnliche Eigentum der Frau: lebt sie in Deutschland mit dem Mann in Gtergemeinschaft und der Lohn ist nicht durch Ehevertrag ausdrcklich ausgesondert worden, so kann der Mann ihn in Besitz nehmen und darber verfgen; in Frankreich und in den Niederlanden kann er sogar an ihrer Stelle den Lohn fr sich einfordern. Da dadurch unter Umstnden ganze Familien ruiniert werden trotz des aufopfernden Fleies der Mutter, bedarf kaum noch des Hinweises; jeder Trunkenbold und Arbeitsscheue hat das Recht, den mhsam erworbenen Lohn der Frau, durch den sie ihre Kinder ernhren wollte, zu verprassen. Englands Gesetzgebung allein hat diesen Verhltnissen bisher Rechnung getragen, indem es der Frau die selbstndige Schlieung von Arbeitsvertrgen ermglichte und ihren Erwerb fr sie sicher stellte. Der Schutz der verheirateten Arbeiterin ist ohne diese zivilrechtliche Ergnzung jedenfalls ein unvollstndiger. Angesichts der Entwicklung der Frauenarbeit mu sie nicht nur ber ihre Arbeitskraft frei verfgen knnen, sondern sich auch im uneingeschrnkten Genu ihres Erwerbs befinden. Die wirtschaftliche Unabhngigkeit, die dadurch geschaffen wird, ist eine der Grundlagen fr die soziale und politische Emanzipation der Frau. Einer der ersten Schritte zur politischen Gleichstellung, der sich gleichfalls aus der Thatsache der Frauenerwerbsarbeit ergiebt, ist das _Wahlrecht zu den Gewerbegerichten_, denen die Aufgabe zufllt, Streitigkeiten zwischen den selbstndigen Gewerbetreibenden und ihren Angestellten zu untersuchen und zum Austrag zu bringen. Die Mitglieder dieser Gerichte, die Frankreich als Conseils des prud'hommes, Italien als Collegio dei probi viri kennt, werden in gleicher Zahl und mit gleichen Rechten von den Unternehmern und den Arbeitern aus ihrer Mitte gewhlt; da es nun aber weibliche Unternehmer und weibliche Arbeiter ebenso wie mnnliche giebt, und Streitigkeiten zwischen Arbeiterinnen und Unternehmern ebenso hufig vorkommen, wie zwischen Arbeitern und ihren Arbeitgebern, so liegt kein stichhaltiger Grund vor, warum den Frauen nicht auch dieselben Rechte zustehen, wie den Mnnern. Oesterreich hat dies wenigstens insofern anerkannt, als es die Frauen zum aktiven Wahlrecht zulie, Italien gewhrte ihnen auch das passive; in Frankreich stimmte die Kammer bereits vor zehn Jahren zu Gunsten der Frauen, der Senat aber hat dem Beschlu seine Zustimmung versagt, indem er erklrte, die Interessen der Frauen seien auf das Familienleben zu beschrnken! In Deutschland ist die Mehrheit des Reichstags noch derselben Ansicht; selbst die unbestreitbare Thatsache der 5-1/2 Millionen arbeitender Frauen vermag ihn noch immer nicht davon zu berzeugen, da dem Familienleben durch den Wahlzettel die geringste Gefahr droht. Derselbe Geist, aus dem der Widerstand gegen das Wahlrecht der Frauen zu den Gewerbegerichten entsprang, beherrscht auch die Gesetzgebung in Bezug auf das _Koalitionsrecht_. Das preuische Vereinsgesetz und mit ihm eine ganze Anzahl von den brigen 26 verschiedenen deutschen Vereinsgesetzen, verbietet "Frauen, Schlern und Lehrlingen" ausdrcklich die Teilnahme an politischen Vereinen oder die Bildung solcher Vereine. Das sterreichische Gesetz steht auf demselben Standpunkt. Vereinen jedoch, die "ideale" oder "wirtschaftliche" Ziele verfolgen, knnen auch weibliche Mitglieder angehren. Durch diese Bestimmungen kennzeichnet sich das Alter der ganzen Vereinsgesetzgebung, die durch die wirtschaftliche Entwicklung einerseits und den Fortschritt der sozialpolitischen Gesetzgebung andererseits lngst berholt wurde. Seitdem die Frau in Reih und Glied neben dem Arbeiter dem Erwerb nachgeht, und der Schutz der Arbeiter Gegenstand der Gesetzgebung wurde, ist es ebenso widersinnig, der Frau die politische Stellungnahme zu verbieten, wie es widersinnig ist, zwischen den Begriffen der wirtschaftlichen und politischen Interessen eine rechtliche Grenzlinie festzuhalten. Fr die daraus folgende Verwirrung der Begriffe liefert die Rechtsprechung zahlreiche Illustrationen; Arbeiterinnenvereinen und Gewerkschaften gegenber erklrte sie wiederholt Fragen fr politisch, und begrndete damit Auflsungen und Maregelungen, die, sobald sie von brgerlichen Vereinen behandelt wurden, unbeanstandet als wirtschaftliche passierten. Das preuische Kammergericht sprach sich in einem Urteil sogar folgendermaen aus[950]: "Zu den politischen Gegenstnden im Sinne des Vereinsgesetzes gehren solche, welche Sozialpolitik, insbesondere auch die Regelung der Arbeitszeit betreffen." Jede gewerkschaftliche Organisation, vor allem aber die, an der sich Frauen beteiligen, ist demnach auf Gnade und Ungnade der Willkr der Behrden berliefert. Die Durchfhrung des Arbeiterschutzes aber und sein weiterer Ausbau hngt, wie wir gesehen haben, wesentlich von den Arbeitern und ihrer thatkrftigen Untersttzung selbst ab, und die traurige Lage, in der vor allem die weibliche Arbeiterschaft schmachtet, wird nicht zum wenigsten dadurch in ihrer schrecklichen Gleichmigkeit erhalten, da den Frauen die Hand gebunden und der Mund verschlossen ist. Der Charakter der Klassengesetzgebung, die zwar so weit geht, die Arbeiterin zu beschtzen, nicht aber so weit, sie fhig zu machen, da sie sich selbst beschtzen kann, kommt nirgends so deutlich zum Ausdruck als im Vereinsrecht Deutschlands und Oesterreichs. Kein Kulturstaat der Welt kennt Aehnliches. Von einer ernsten Sozialreform kann nicht eher die Rede sein, als bis dieser Stein, der ihre Strae versperrt, aus dem Weg geschafft wurde. Zu diesem Zweck aber wrde die bloe Gleichstellung der Frau mit dem Mann auf dem Boden des bestehenden Rechts nicht gengen, es mte vielmehr ein den modernen Verhltnissen, der Entwicklung und den Ansprchen der Arbeiterklasse angepates, einheitliches, neues Recht an dessen Stelle treten, das fr die volle Koalitionsfreiheit die Gewhr bte, und von dessen unbeschrnkten Genu keine Arbeiterkategorie auszuschlieen wre.-- So stellt sich der Arbeiterschutz im weitesten Sinne nicht lediglich als eine Sammlung von Schutzvorschriften dar, sondern als ein System verschiedener gesetzlichen Manahmen, die organisch ineinander greifen, und gegenseitig bedingt werden. Sozialreform, in diesem Sinne aufgefat, ist nicht ein in sich abgeschlossener Teil der Gesetzgebung, sondern die Quintessenz der Gesetzgebung berhaupt. Uebersicht der Arbeiterinnenschutzgesetzgebung. Deutschland Betriebe, auf die sich die Gesetzgebung bezieht: Fabriken, Werksttten mit Motorbetrieb, Werksttten der Kleider- und Wschekonfektion, ausgenommen diejenigen, in denen nur Familienmitglieder arbeiten, Bergwerke, Salinen, Aufbereitungsanstalten, Brche und Gruben, Zimmerpltze, Bauhfe, Werften, Httenwerke, Ziegeleien. Arbeitszeit: a) Der jungen Leute. 10 Stunden, 1 Stunde Mittagspause, je 1/2 Stunde Pause vor- and nachmittags. Arbeitszeit: b) Der Frauen. 11 Stunden. An Vorabenden der Sonn- und Festtage 10 Stunden, 1 Stunde Mittagspause; fr die, welche ein Hauswesen zu besorgen haben und einen Antrag stellen 1-1/2 Stunde. Ueberstunden: a) Der jungen Leute. Nur durch besondere Verordnung des Bundesrats gestattet. Ueberstunden: b) Der Frauen. Auf 2 Wochen nicht ber 13 Stunden tglich, im Jahr nicht mehr als 40 Tage gestattet. Lnger als 2 Wochen durch Erlaubnis der hheren Verwaltungsbehrde, aber auch dann drfen 40 Tage im Jahr nicht berschritten werden. Auerdem kann der Bundesrat fr ganze Fabrikationszweige Dispensation erteilen: fr Fabriken mit ununterbrochenem Feuer, fr Betriebe, die auf bestimmte Jahreszeiten beschrnkt sind, fr Saisonindustrien. Nachtarbeit: Von 8-1/2 Uhr abends bis 5-1/2 Uhr morgens verboten. Durch die hhere Verwaltungsbehrde und den Reichskanzler Ausnahmen gestattet, unter denselben Voraussetzungen wie bei den Ueberstunden. Sonntagsarbeit: Verboten. Durch die hhere Verwaltungsbehrde und den Bundesrat sind Ausnahmen gestattet: Bei Bedrfnisgewerben, Saisongewerben und aus technischen Grnden, sowie bei besonderen Notlagen oder Unglcksfllen. Arbeitsbeschrnkung: Die Arbeit unter Tage ist verboten. Der Bundesrat ist ermchtigt durch besondere Verordnungen die Arbeit in gesundheitsgefhrlichen Betrieben gleichfalls zu verbieten oder einzuschrnken. Schutzzeit der Schwangeren: Keine. Schutzzeit der Wchnerinnen: 6 Wochen, doch kann die Zeit auf Grand rztlichen Attestes um 14 Tage verkrzt werden. Oesterreich Betriebe, auf die sich die Gesetzgebung bezieht: Fabriken, handwerksmige Betriebe, Werksttten, auer denjenigen, in denen nur Familienmitglieder arbeiten. Arbeitszeit: a) Der jungen Leute. -- Arbeitszeit: b) Der Frauen. 11 Stunden, 1-1/2 Stunde Pause in Fabrikbetrieben. Ueberstunden: a) Der jungen Leute. -- Ueberstunden: b) Der Frauen. Wie in Deutschland durch besondere Erlaubnis gestattet. Im ganzen nicht mehr als whrend 15 Wochen im Jahr. Dispensationen fr ganze Fabrikationszweige wie in Deutschland zulssig. Nachtarbeit: Nur fr Fabrikbetriebe soweit Frauen ber 16 Jahre alt von 8-1/2 Uhr abends bis 5 Uhr morgens verboten. Ausnahmen wie in Deutschland zugelassen, fr Jugendliche auch im Gewerbebetriebe. Sonntagsarbeit: Verboten, Ausnahmen hnlich wie in Deutschland gestattet. Arbeitsbeschrnkung: Die Arbeit unter Tage ist verboten. Durch besondere Verordnungen knnen Arbeiten in gesundheitsgefhrlichen Betrieben gleichfalls verboten werden. Schutzzeit der Schwangeren: Keine. Schutzzeit der Wchnerinnen: 4 Wochen. Bei Arbeiten ber Tage im Bergbau 6 Wochen. Frankreich Betriebe, auf die sich die Gesetzgebung bezieht: Fabriken, Bergwerke, Steinbrche, Baupltze, Werksttten, auer denjenigen, in denen nur Familienmitglieder arbeiten, und alle damit in Zusammenhang stehenden industriellen Betriebe, ffentliche, private, religise. Arbeitszeit: a) Der jungen Leute. -- Arbeitszeit: b) Der Frauen. 11 Stunden, 1 Stunde Pause. Vom Jahre 1902 ab 10-1/2 Stunden. Vom Jahre 1904 ab 10 Stunden fr Fabriken, in denen Mnner und Frauen zusammen arbeiten. Ueberstunden: a) Der jungen Leute. Verboten. Ueberstunden: b) Der Frauen. In einzelnen Industriezweigen drfen Frauen bis 11 Uhr abends beschftigt werden, doch nicht fter als whrend 60 Tagen im Jahr, bei besonderen Anlssen auch sonst noch Ausnahmen zugelassen. Dispensationen fr ganze Fabrikationszweige wie in Deutschland zulssig. Nachtarbeit: Von 9 Uhr abends bis 5 Uhr morgens verboten. Ausnahmen hnlich wie in Deutschland zugelassen. Sonntagsarbeit: Verboten. Ausnahmen fr besondere Industrien zeitweise gestattet, doch mu als. Ersatz im Laufe von 7 Tagen ein anderer vollstndiger Ruhetag gewhrt werden. Arbeitsbeschrnkung: Wie in Deutschland und Oesterreich. Schutzzeit der Schwangeren: Keine. Schutzzeit der Wchnerinnen: Keine. Schweiz Betriebe, auf die sich die Gesetzgebung bezieht: Fabriken, Werksttten mit Motorbetrieb, die mehr als 5 Personen, alle industriellen Betriebe, die mehr als 10 Personen, und alle gefhrlichen Betriebe, die weniger als 6 Personen beschftigen, mit Ausnahme der Werksttten, in denen nur Familienmitglieder arbeiten und in denen ungefhrliche Gewerbe betrieben werden. Arbeitszeit: a) Der jungen Leute. -- Arbeitszeit: b) Der Frauen. 11 Stunden. An Vorabenden der Sonn- und Festtagen 10 Stunden, 1 Stunde Pause. Fr Frauen, die ein Hauswesen zu besorgen haben, 1-1/2 Stunde. Ueberstunden: a) Der jungen Leute. -- Ueberstunden: b) Der Frauen. Fr nicht mehr als 14 Tage im Jahr durch besondere Erlaubnis der Behrden gestattet. Dispensationen fr ganze Fabrikationszweige wie in Deutschland zulssig. Nachtarbeit: Von 8 Uhr abends bis 5 resp. 6 Uhr morgens verboten. Sonntagsarbeit: Verboten. Arbeitsbeschrnkung: Wie in Deutschland und Oesterreich. Schutzzeit der Schwangeren: 14 Tage vor der Niederkunft ist die Arbeit verboten. Schutzzeit der Wchnerinnen: 6 Wochen. [Transskriptionsanmerkung: Im vorliegenden Original fehlt ein Teil. (Daten fr mindestens ein weiteres Land.)] Die Arbeiterinnenversicherung. Neben die Erweiterung des Arbeiterschutzes trat, als letzte groe Errungenschaft der Arbeiterklasse, die Arbeiterversicherung. Der Gedanke, da der arme Arbeiter sich vor den Wechselfllen seines Lebens auf irgend eine Weise schtzen msse, war durchaus kein neuer: die englischen Gewerkschaften und die Friendly Societies entwickelten sich schon frh auch nach dieser Richtung zu groartigen Organisationen, die ihren Mitgliedern vor allem Krankenuntersttzung und Begrbnisgelder gewhrten. Die Gesellen- und Knappschaftskassen in Deutschland sorgten in hnlicher Weise fr die ihr Zugehrigen, ebenso die modernen freien Hilfskassen, deren Anfnge bis in das Revolutionsjahr zurckreichen. Die franzsischen Societs de Secours mutuels dehnten ihre Verpflichtungen vielfach noch weiter aus, indem sie ihren Mitgliedern in allen Notfllen des Lebens zu helfen suchten; die Syndikate, die verschiedenen Rentenkassen wirkten in derselben Richtung. Aber dieses ganze freiwillige Versicherungswesen krankte an demselben groen Uebel: es umfate immer nur einen uerst beschrnkten Kreis von Arbeitern und berlie gerade die Hilfsbedrftigsten der bittersten Not. Zu ihnen gehrten aber die Frauen. Nicht nur, da sie schwer sich entschlieen konnten, von ihrem geringen Einkommen regelmige Beitrge zu den verschiedenen Vereinen und Kassen abzuziehen, sie sind auch, wie wir schon gesehen haben, uerst schwer zu organisieren. Die Unverheirateten sehen die Frsorge fr Alter und Gebrechlichkeit als berflssig an, weil sie meinen, da die Ehe ihnen beides sichern wird, die Verheirateten darben sich jeden Pfennig lieber fr ihre Kinder ab. In England allein traten schon Mitte des 19. Jahrhunderts Frauen in grerem Umfang den Friendly Societies bei oder grndeten fr sich allein selbstndige freie Hilfskassen; in Deutschland entstand die erste Kasse der Art auf Anregung der Grfin Guillaume-Schack erst im Jahre 1884 in Offenbach a.M.; Frankreich kannte nur einen sehr kleinen Verein derselben Art, whrend seine Untersttzungs- und Versicherungsvereine entweder nur wenige weibliche Mitglieder hatten oder sie sogar statutenmig ausschlossen. Nur in Bezug auf Witwenuntersttzung geschah hie und da etwas Nennenswertes fr die Frauen. Der Gedanke der staatlichen Zwangsversicherung fr alle Arbeiter, wie er sich zuerst in Deutschland Bahn brach, war daher, vom Standpunkt der weiblichen Arbeiter aus betrachtet, ein auerordentlich fruchtbarer. Daran ndert die fr die Geschichte der Arbeiterversicherung bezeichnende Thatsache nichts, da ihre Urheber, wie es die kaiserliche Botschaft vom 17. November 1881 erklrte, die Schaffung der Arbeiterversicherung lediglich als eine Ergnzung zur "Repression sozialdemokratischer Ausschreitungen", d.h. des Sozialistengesetzes, betrachteten. Nacheinander wurden die Krankenversicherung, die Unfallversicherung und schlielich die Alters- und Invalidittsversicherung eingefhrt. Oesterreich, Frankreich und die Schweiz folgten langsam dem Beispiel Deutschlands, ohne indessen bisher die Versicherungsgesetzgebung so weit auszudehnen. Eine Darstellung des geltenden Rechts in Bezug auf die Arbeiterinnen-Versicherungsgesetzgebung bringt nebenstehende Tabelle. Wie die Tabelle zeigt, ist die obligatorische Arbeiterversicherung in Deutschland, dem Mutterland der Idee, am ausgiebigsten zur Durchfhrung gekommen. Aber wie es bei der Neuheit des ganzen Gedankens, dem Fehlen jeglichen Vorbilds und der Mangelhaftigkeit der statistischen Unterlagen nicht anders mglich war, leidet die Gesetzgebung auch hier an Mngeln sowohl in Bezug auf die Leistungen, als in Bezug auf das Bereich ihrer Ausdehnung. Zuerst wurde die _Krankenversicherung_ geordnet und fr Arbeiter und Angestellte in Gewerbe und Handel zu einer obligatorischen gemacht. So segensreich sie sich aber auch im Vergleich zu jener Zeit erwies, wo sie selbst als private und freiwillige Versicherung nur fr kleine Gruppen von Arbeitern existierte, so stellte sie sich doch bald als unzulnglich heraus. Eine ihrer schwchsten Seiten ist die Frage der Gelduntersttzung. Wenn eine kranke Arbeiterin wchentlich zwischen 4 und 5 Mark bekommt, so ist dadurch der Lohnausfall fr die Familie natrlich nicht gedeckt, noch weniger aber ist sie in den Stand gesetzt, sich gehrig zu pflegen und gut zu ernhren. Dazu kommt, da die schlecht bezahlten, beranstrengten Kassenrzte sie nur schablonenhaft behandeln knnen, und diesen dabei in jeder Hinsicht die Hnde gebunden sind, weil die Kassenvorstnde Verordnungen von Milch, Bdern, Wein etc. der hohen Kosten wegen meist nur sehr ungern sehen. Meines Erachtens mte das Krankengeld bis zur Hhe des vollen Lohnes erhoben werden knnen, vor allem aber mte die Krankenhauspflege in erweitertem Mae als bisher in Anwendung gebracht werden. Diese Forderung stt zunchst auf den Widerstand der Arbeiterinnen selbst und man pflegt sich nicht genug darber zu empren, da sie sich so energisch gegen die Aufnahme im Krankenhaus struben. Wer aber einmal die Sle und Krankenzimmer der Aermsten gesehen hat, wer sich erzhlen lie, wie Frauen und Mdchen zu Studienzwecken einer ganzen Reihe von Studenten sich darbieten mssen, wer sieht, mit welchem Entsetzen manche Arbeiterin an das Zusammensein mit vielen Kranken in einem Zimmer, deren Sthnen und Jammern ihre Nchte zu qualvollen macht, zurckdenkt, der wird ihre Abneigung gegen das Spital durchaus berechtigt finden. An der Reorganisation der Krankenhuser und der Krankenpflege mu daher der Hebel angesetzt werden, sollen sie wirklich der arbeitenden Bevlkerung zum Heil gereichen. Die Krankenkassen haben aber auch nchst der Sorge fr die Erkrankten die Pflicht, der Erkrankung vorzubeugen. Um die Mglichkeit hierzu zu gewinnen, mten sie zunchst die Lebensbedingungen ihrer Mitglieder kennen lernen und im Auge behalten, was einerseits durch enge Fhlung mit den Gewerkschaften untersttzt werden knnte, andererseits dadurch am leichtesten geschhe, da ihnen das Recht zustnde, Sanitts- oder Wohnungsinspektoren mnnlichen und weiblichen Geschlechts zu erwhlen. Die Berliner Ortskrankenkasse der Kaufleute, die ihre Krankenkontrolleure dazu verwendet, hat damit gute Erfahrungen gemacht. Wie viel hygienisches Wissen, an dem es leider berall mangelt, knnte durch diese Organe der Krankenkassen verbreitet werden. Oft gengt ja ein verstndiger Wink, um arme Arbeiterfrauen ber Kinderpflege und Ernhrung, ber Lftung, Alkoholgenu etc. aufzuklren. In den weitaus meisten Fllen allerdings, wo Not und Elend die einzigen Ursachen von Krankheit und Siechtum sind, werden gute Ratschlge und Arzneien nichts helfen knnen, aber wenigstens sollte versucht werden, die Kinder von diesen Einflssen einigermaen frei zu machen: die Einrichtung von Ferienaufenthalten, die Grndung von Kinderasylen wre eine weitere Aufgabe der Krankenkassen, deren Thtigkeitskreis sich mit Erfolg nach allen Richtungen erweitern liee. Eine vernnftige Regierung sollte ihnen dabei in jeder Weise Vorschub leisten. Einen nicht zu unterschtzenden Einflu auf die Verwaltung der Krankenkassen knnten in Deutschland die Arbeiterinnen gewinnen, wenn sie eines der wenigen Rechte, das sie besitzen, das aktive und passive Wahlrecht fr die Krankenkassen-Verwaltungen in ausgiebigerer Weise noch als bisher benutzen wollten. Es wre das zugleich eine Erziehung zum besseren Verstndnis ffentlicher Angelegenheiten. Diese Teilnahme der Frauen ist um so wichtiger und notwendiger, als die Krankenkassen auch die Trgerinnen der Wchnerinnenuntersttzungen sind. Der ganze Wchnerinnenschutz wre eine Phrase oder eine Grausamkeit, wenn man der Frau die Arbeit verbieten, sie aber zu gleicher Zeit mit ihrem Kinde dem Hunger preisgeben wollte. Die deutsche Krankenversicherung und mit ihr alle Versicherungen hnlicher Art im Auslande, haben die Bestimmung getroffen, da Wchnerinnen bis auf die Dauer von sechs Wochen durch die Ortskrankenkassen, denen sie seit mindestens sechs Monaten angehren, eine Gelduntersttzung erhalten mssen, die mindestens die Hlfte, oder auch bis zu drei Viertel des durchschnittlichen Tagelohnes betragen soll. Die ganze Halbheit der Maregel ist auf den ersten Blick einleuchtend. Schon unter normalen Verhltnissen reicht der volle Lohn der Arbeiterin nicht aus, um die notwendigsten Bedrfnisse zu decken, wie viel weniger kann die Hlfte oder drei Viertel davon sich als gengend erweisen, wenn nicht nur die Wchnerin, sondern auch das Kind davon gepflegt werden soll. Ist schon eine grere Familie vorhanden, fr die gesorgt werden mu, so wird der Wchnerinnenschutz und die Wchnerinnenversicherung vllig illusorisch, weil die geringe Untersttzung nicht dazu ausreicht, fr die Fhrung des Haushaltes einen Ersatz zu schaffen, und die arme Mutter gezwungen ist, so schnell als mglich das Bett zu verlassen, um selbst nach dem Rechten zu sehen. Das ist um so hufiger der Fall, als die Kassen nicht befugt sind, die Aufnahme der Schwangeren in eine Entbindungsanstalt oder der Wchnerinnen in Reconvalescentenheimen zu veranlassen, denn im Sinne des Gesetzes gelten die Entbindung und ihre Folgen nicht als Krankheit, und freier Arzt und freie Verpflegung wird nur den Kranken zugesichert. Die vllige Unzulnglichkeit der Wchnerinnenversicherung ist im wesentlichen auf ihre Verquickung mit der Krankenversicherung zurckzufhren, mit der sie, wie das Gesetz selbst anerkennt, im Grunde nichts zu thun hat. Die Krankenversicherung, die den Versicherten auf lngstens 13 Wochen freien Arzt und Apotheke oder entsprechende Behandlung im Krankenhaus gewhrt, die ferner berechtigt ist, die Krankenuntersttzung bis auf ein Jahr zu verlngern, oder die Kranken in Reconvalescentenheimen unterzubringen, ging bei der Festsetzung der Hhe der Gelduntersttzung von der Rcksicht auf eine mgliche starke Zunahme der Simulanten aus und sah sich deshalb verhindert, ber den blichen Lohn hinauszugehen, oder ihn auch nur zu erreichen. Diese Besorgnis fllt bei der Frage der Wchnerinnenuntersttzung fort. Trotzdem sie nun aber eine, wie wir gesehen haben, vllig ungengende ist, belastet sie die Ortskrankenkassen sehr erheblich. Nach den Jahresberichten der Berliner Allgemeinen Ortskrankenkasse waren im Jahre 1900 die Einnahmen pro Kopf der mnnlichen Mitglieder um 6,09 Mk. hher als die Ausgaben, whrend die Ausgaben pro Kopf der weiblichen Mitglieder die Einnahmen um 3,12 Mk. berstiegen. Die Ursache hiervon liegt nun zwar wesentlich in der allgemeinen traurigen Lage der weiblichen Arbeiter, zum groen Teil aber auch in der Vernachlssigung und mangelhaften Pflege der Schwangeren und Wchnerinnen, die zahllose Unterleibserkrankungen im Gefolge haben. Was also die Kassen auf der einen Seite ersparen, das setzen sie auf der anderen wieder zu. Der Schutz der Frau als Mutter stellt an die Versicherungsgesetzgebung so weitreichende Anforderungen, da sie im Rahmen der Krankenversicherung unmglich erfllt werden knnen. Sie mten einer besonderen _Mutterschaftsversicherung_ bertragen werden. Die Mutterschaft ist eine gesellschaftliche Funktion, daher mte der Staat sie ganz besonders unter seinen Schutz stellen und allen bedrftigen Mttern des Volks die beste Pflege in weitestem Mae zusichern. Dazu gehrt eine Gelduntersttzung whrend vier Wochen vor und acht Wochen nach der Entbindung in der vollen Hhe des durchschnittlichen Lohnes, freier Arzt, freie Apotheke, freie Wochenpflege einschlielich der Pflege des Suglings und der Sorge fr den Haushalt, die Errichtung von Asylen fr Schwangere und Wchnerinnen und von Entbindungsanstalten, eventuell auch die Errichtung von Krippen, wie wir sie im Interesse der Kinder schon gefordert haben. Die Mittel hierzu mten, neben den Beitrgen der Versicherten, aus einer allgemein zu erhebenden Steuer hervorgehen, zu der vielleicht die Unverheirateten und kinderlosen Ehepaare besonders herangezogen werden knnten. Das entbehrt nicht eines komischen Beigeschmacks, weil es an die Hagestolzensteuer erinnert, die vielfach gewissermaen als Strafe fr das Ledigbleiben vorgeschlagen wurde, hat aber doch einen ernsten Hintergrund, da die Alleinstehenden und Kinderlosen unter den heutigen Verhltnissen thatschlich ein weit sorgenloseres Leben fhren, als die Verheirateten und Kinderreichen.[951] Jedenfalls sollte die Frage der Aufbringung der Mittel bei einer Sache von so weittragender Bedeutung keine Rolle spielen. Ein Blick auf die Proletarierinnen und ihre Kinder mte gengen, um die Notwendigkeit einer durchgreifenden Maregel jedem vor Augen zu fhren, da sie noch nirgends in der hier befrworteten Ausdehnung zur Durchfhrung kam, beruht einmal auf der Neuheit des ganzen Versicherungswesens, und dann auf der Einsichtslosigkeit und Rechtlosigkeit der Frauen, die kein Mittel haben, ihre persnlichen Interessen wirkungsvoll zur Geltung zu bringen. Auf die Krankenversicherung folgte die Einfhrung der _Unfallversicherung_, die in Deutschland, Oesterreich, der Schweiz, Norwegen und Finland obligatorisch ist. Sie wird nur von den Unternehmern aufgebracht, und hat daher den groen Vorteil gehabt, zur Sicherheit der Betriebe sehr viel beizutragen und so die Unflle mglichst zu verhten. Da aber der Begriff der Betriebsunflle durchaus kein feststehender ist und auch ihre "vorstzliche" Herbeifhrung, die die Entschdigung ausschliet, sich nicht immer mit unbedingter Sicherheit feststellen lt, die Renten berdies ganz unzureichende sind, so werden ihre Vorteile dadurch erheblich eingeschrnkt. Das gilt in noch hherem Mae fr die _Invaliditts- und Altersversicherung_. Deutschland gebhrt der Ruhm den wahrhaft groen Gedanken, den Arbeiter, der im Dienst der Allgemeinheit seine Arbeitskraft verlor oder ein Alter erreichte, das ihm Ruhe gebietet, nicht der Armenpflege anheimfallen zu lassen, sondern ihm das Recht auf eine gesicherte Existenz zuzuerkennen. Nur traurig, da die praktische Ausfhrung des Gedankens so weit hinter dem Ideal zurckblieb. Zunchst hat nur derjenige auf Invalidenrente Anspruch, der nicht mehr ein Drittel seiner normalen Erwerbsfhigkeit besitzt. Eine Arbeiterin also, die in gesunden Zeiten etwa 700 Mk. jhrlich zu verdienen vermochte, nunmehr aber nicht mehr als 350 Mk. verdienen kann,--denken wir z.B. an Konfektionsarbeiterinnen, die durch jahrelanges Maschinennhen ihre Arbeitskraft soweit einben,--hat, auch wenn sie dem grten Elend gegenbersteht, keinerlei Anspruch auf eine Rente. Sie mu nach wie vor, sei es durch Betteln oder durch die Schande der Prostituierung, einen Nebenerwerb sich zu verschaffen suchen, wenn sie nicht verhungern will. Ist aber ihre Erwerbsfhigkeit so weit vermindert, da sie zum Empfang der Invalidenrente berechtigt ist, so ist sie dadurch weder von Sorge und Not, noch von der Notwendigkeit, um Armenuntersttzung nachzusuchen, befreit. Die Invalidenrenten betragen nmlich: Nach | In Lohnklasse | Beitragswochen |---------------------------------| | I | II | III | IV | V | ----------------+------+------+------+------+-----| | Mk. | Mk. | Mk. | Mk. | Mk. | 200 | 116 | 132 | 146 | 160 | 174 | 300 | 119 | 138 | 154 | 170 | 186 | 500 | 125 | 150 | 170 | 190 | 210 | 1000 | 140 | 180 | 210 | 240 | 270 | 1500 | 155 | 210 | 250 | 290 | 330 | 2000 | 170 | 240 | 290 | 340 | 390 | 2500 | 185 | 270 | 330 | 390 | 450 | Bei der Niedrigkeit der Arbeiterinnenlhne wird die dritte Lohnklasse (550-850 Mk. durchschnittliche Jahreseinnahme) im allgemeinen die hchste sein, fr die Einzahlungen durch die Frauen geleistet werden knnen. Und nach fnfzig arbeitsreichen Jahren wird eine Rente von 330 Mk. erreicht! Wie aber, wenn die Invaliditt frher und fr Angehrige einer niedrigeren Lohnklasse eintritt?! Soll ein armes, vom Kampf ums Dasein vorzeitig zerriebenes Geschpf mit 116, 150, 220 Mk. leben knnen?! Man hat bei der Festsetzung der Invalidenrente vielfach gefrchtet, die Arbeiter wrden den Empfang dieses Goldregens gar nicht abwarten wollen und sich auf alle Weise die erforderliche Invaliditt knstlich zuziehen. Bei der Aussicht auf diese Stze wird das selbst der rmsten Nherin nicht einfallen. Man glaubte ferner darauf Rcksicht nehmen zu mssen, da durch die Gewhrung der Renten nicht etwa die Verpflichtung der Familienangehrigen, sich gegenseitig zu untersttzen, aufgehoben wrde, und hat nicht daran gedacht, da die Mglichkeit dazu in der Arbeiterbevlkerung eine seltene ist. Trauriger noch steht es um die Altersrenten. Siebzig Jahre mu die Arbeiterin alt werden, ehe sie auf eine Rente von 110-230 Mk. rechnen kann! Hat sie das Glck, bei ihren Kindern wohnen zu knnen, so bedeutet die Summe immerhin eine erfreuliche Erleichterung fr die meist trostlose Abhngigkeit der Alten von den Jungen, steht sie allein, so gengt sie auch nicht, um davon in irgend einem Altfrauen-Stift unterzukommen. Mit Darben und Arbeiten fing ihr Leben an, mit Darben und Betteln hrt es auf. Ein fr die Frauen besonders wichtiger Versicherungszweig, dessen erste schchterne Anstze im deutschen Versicherungswesen zu finden sind, ist die _Witwen- und Waisenversorgung_. Whrend auf Grund der Krankenversicherung den Hinterbliebenen nur ein Sterbegeld zusteht und die Invalidenversicherung zur Rckerstattung der Hlfte der fr den verstorbenen Versicherten gezahlten Markenbeitrge an die Witwe oder die Waisen verpflichtet ist,--eine Summe, die im besten Fall 200-300 Mk. betrgt,--gewhrt die Unfallversicherung ihnen eine Rente bis zu 60% des Arbeitsverdienstes des Verstorbenen, ein Satz, der um so mehr als billig anerkannt werden mu, als er durch die etwaige Erwerbsfhigkeit der Witwe nicht geschmlert werden kann. Aber der Kreis derjenigen, die in den Genu der Rente gelangen, ist ein uerst geringer. Die groe Masse der Arbeiterwitwen und -Waisen geht leer aus, und hat, nach dem Tode des Haupternhrers, unter den schwierigsten Umstnden fr sich selbst zu sorgen. Zu dem notwendigsten Ausbau der Arbeiterversicherung wrde daher eine allgemeine Witwen-und Waisenversicherung gehren, die durch allgemeine Steuern gedeckt werden mte. Es scheint mir wenigstens eine selbstverstndliche Forderung zu sein, da die gesamte Gesellschaft berall dort einzutreten hat, wo die Interessen der Kinder, auf denen die Zukunft des Staates beruht, auf dem Spiele stehen.[952] Krankheit und Unfall, Erwerbsunfhigkeit und Alter sind aber nicht die einzigen finsteren Mchte, die das durch niedrige Lhne und schlechte Arbeitsbedingungen schon genug gefhrdete Leben der Arbeiterin bedrohen. Denn selbst auf die Zeiten gewinnbringender Thtigkeit fllt verdsternd der Schatten jener anderen Macht, in deren Bann sie immer wieder gert, der _Arbeitslosigkeit_. Die Gewalt, die sie besitzt, der Schrecken, den sie verbreitet, ist zuerst von den Gewerkschaften anerkannt worden; durch Untersttzung der arbeitslosen Mitglieder, durch Arbeitsnachweis fr sie suchten sie ihr zu begegnen. Besonders in Frankreich ist es der Verband der Gewerkschaften,--die Confdration gnrale du Travail,--und der Verband der Arbeitsbrsen,--die Fderation des Bourses du Travail,--die sich um die Organisation der Stellenvermittlung verdient gemacht haben. Der Gedanke aber, da die Arbeitsvermittlung eine ffentliche Angelegenheit von hchster Wichtigkeit ist und daher vom Staat und von den Kommunen geregelt werden msse, hat sich erst seit kurzem Geltung verschafft. Zuerst waren es schweizerische Gemeinden, die durch Grndung kommunaler Arbeitsnachweise mit dem guten Beispiel vorangingen, dann folgten deutsche, vor allem sddeutsche Stdte, die sich schlielich zu einem "Verband deutscher Arbeitsnachweise" untereinander verbunden haben, um eine noch regere Arbeitsvermittlung zu ermglichen.[953] Mit Untersttzung der Arbeitsbrsen hat der franzsische Handelsminister die Einrichtung eines Zentralarbeitsnachweises unternommen, der die Bestimmung hat, alle Brsen miteinander in Verbindung zu bringen, also ungefhr dasselbe Ziel verfolgt, wie der deutsche Verband. Fr die brennende Frage der Arbeitslosigkeit ist diese ganze Entwicklung von grter Bedeutung und diejenigen, die sie am nchsten angeht, mten sie besonders lebhaft untersttzen. Erst eine vollkommen einheitliche Organisation des Arbeitsnachweises kann zu ersprielichen Resultaten fhren, kann zu einem klaren Bild des Arbeitsmarktes gelangen und Angebot und Nachfrage, soweit es mglich ist, miteinander in Einklang bringen. Die notwendige Voraussetzung dafr aber ist die vllige Unterdrckung der privaten Stellenvermittlung. Sie ist, besonders fr die Arbeiterin, eine Quelle der Ausbeutung, und birgt Bakterienherde sittlicher Fulnis. Von ihrer Vernichtung sollte man sich nicht durch sentimentale Rcksichten auf die Inhaber der privaten Bureaus abhalten lassen, die, soweit sie sich tchtig genug erwiesen haben, im Bureaudienst der ffentlichen Vermittlung vielfache Verwendung finden knnen. Vor allem die arbeitsuchenden Frauen werden, bei der Beschrnktheit ihres Gesichtskreises und ihrer Scheu vor jeder Berhrung mit Organen der ffentlichen Verwaltung, immer wieder den Winkelagenten und Vermittlern aller Art in die Hnde fallen, und niemals zum Genu kommunaler oder staatlicher Stellennachweise gelangen, solange eine private Vermittlung daneben besteht. Da diese Forderung keine utopische ist, beweist nicht nur die uns etwas weit abliegende und daher schwer kontrollierbare staatliche Stellenvermittlung Ohios, Neu-Seelands und der australischen Staaten, sondern vor allem das im November 1900 von der franzsischen Kammer angenommene Gesetz, das die allmhliche Beseitigung der privaten Stellenvermittlung zum Ziele hat und an deren Stelle ein Netz von unentgeltlichen Arbeitsnachweisen ber das ganze Land verbreiten will. Ob der Senat es besttigen wird, bleibt freilich noch abzuwarten. Seine Durchfhrung wrde jedenfalls fr die ganze Frage des Arbeitsnachweises einen groen Fortschritt bedeuten. Aber selbst der vollendetste Arbeitsnachweis knnte die Arbeitslosigkeit nur mildern, aber nicht beseitigen, da er auf das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage ganz ohne Einflu bleiben wird. Je mehr der Saisoncharakter der Industrien sich entwickelt, desto hufiger werden die Arbeiter wochen- und monatelang aufs Pflaster geworfen werden; jede wirtschaftliche Krise vor allem beraubt Hunderte und Tausende der Grundlagen ihrer Existenz. Die Kommunen suchten dem neuerdings in erweitertem Mae durch Notstandsarbeiten zu begegnen, wobei aber vor allem die Mnner Bercksichtigung finden. Wo man den Frauen helfen wollte, geschah es meist in verkehrer Weise durch Einfhrung von Heimarbeit aller Art. In Lille z.B. wurden sie mit der Anfertigung von Kinderkleidern beschftigt, die in kleineren Geschften ihre Abnehmer fanden. Als ausreichend erwiesen sich die Notstandsarbeiten nirgends. Die Versicherung gegen unverschuldete Arbeitslosigkeit mu daher die Ergnzung des geregelten Arbeitsnachweises sein. Alle Versuche auf diesem Gebiet sind bisher entweder in den ersten Anfngen stecken geblieben, wie die fakultativen Winterversicherungen der Stdte Bern und Kln, oder vllig fehl geschlagen, wie die obligatorische allgemeine Versicherung von St. Gallen. Diese Mierfolge auf einem so schwierigen Gebiet drften Sozialpolitiker und Gesetzgeber aber nicht davon abschrecken, auf andere Mittel und Wege zu sinnen, um die Arbeitslosen nicht dem Elend preiszugeben, oder der Armenpflege und der Privatwohlthtigkeit zu berlassen. Die ideelle Bedeutung der Arbeiterversicherung beruht nicht zum mindesten darauf, da der Begriff des Almosens durch sie immer mehr eliminiert wird, und an seiner Stelle der Gedanke an Boden gewinnt, da jeder Mensch auf die Sicherstellung seiner Existenz ein Anrecht hat. Um ihn zum herrschenden zu machen, bedarf es aber nicht nur der Versicherung gegen jede drohende Not und Gefahr, sondern vor allem der Ausdehnung der Zwangsversicherung auf das ganze Volk, zunchst wenigstens auf alle Lohnarbeiter, wie es durch die deutsche Invalidittsversicherung bereits geschehen ist. Diese Ausdehnung wrde neben den direkten Vorteilen, indirekte von groer Tragweite mit sich fhren. So wre sie eines der Mittel, die Heimarbeit einzuschrnken, da der Unternehmer, der die Heimarbeiter versichern mu, weniger Ersparnisse als bisher durch ihre Beschftigung machen und der Zwang zur Unfallversicherung ihn geneigter machen drfte, eigene Werksttten einzurichten. Die statutarische oder gar die freiwillige Versicherung haben ihre Wirkungslosigkeit berall erwiesen. Hat doch z.B. die Berliner Hausindustrie, deren traurige Zustnde durch eine Reihe von Untersuchungen und nicht zuletzt durch den groen Konfektionsarbeiterstreik jedermann bekannt waren, fast ein Jahrzehnt warten mssen, ehe auch nur die Krankenversicherung auf sie ausgedehnt wurde. Und die Dienstboten, fr die zwar die Herrschaften auf die Dauer von 6 Wochen zur Verpflegung und rztlichen Behandlung,--sofern nicht "grobe Fahrlssigkeit" die Krankheitsursache ist,--verpflichtet sind, spren von den Segnungen der Versicherung noch fast gar nichts. Uebersicht der Arbeiterinnenversicherung. Deutschland Krankenversicherung: Umfang: Zwangsversicherung: fr Arbeiter und Angestellte in Gewerbe und Handel. Statutarisch: fr Landwirtschaft und Hausindustrie. Freiwillig: fr Dienstboten. Krankenversicherung: Leistungen: Freie rztliche Behandlung und Arznei lngstens fr 13 Wochen oder Krankengeld: 50-75% des zu Grunde zu legenden Lohns. Wochenbettuntersttzung: bis auf die Dauer von 6 Wochen. Sterbegeld: das Zwanzig- bis Vierzigfache des Tagelohns (letzteres beides nur durch Orts-, Betriebs-, Bau-, oder Innungskassen). Rekonvalescentenfrsorge bis auf die Dauer eines Jahrs. Unfallversicherung: Umfang: Zwangsversicherung fr: Arbeiter und Betriebsbeamte in Gewerbe und Landwirtschaft. Statutarisch: fr Betriebsbeamte mit Jahresgehalt ber 2000 Mk., Kleinunternehmer in Baugewerbe und Landwirtschaft. Freiwillig fr Unternehmer und nicht versicherungspflichtiges Personal. Unfallversicherung: Leistungen: Freie Kur und Unfallrente bis 66-2/3% des Jahreslohns, oder freie Anstaltspflege nebst Angehrigenrente von der 13. Woche an bis 60% des Jahreslohns. Sterbegeld in der Hhe des zwanzigfachen Tagelohns, Hinterbliebenenrente bis 60% des Jahreslohns. Schadenersatz bei Verletzungen. Invaliden- und Altersversicherung: Umfang: Zwangsversicherung fr alle Lohnarbeiter und Angestellte. Durch Beschlu des Bundesrats Ausdehnung auf Kleinunternehmer und Hausindustrielle. Invaliden- und Altersversicherung: Leistungen: Freie Kur nebst Angehrigenuntersttzung zur Verhtung der Invaliditt. Beitragserstattung bei Tod oder Heirat. Nach vollendetem 70. Lebensjahr eine Altersrente nach Lohnklassen abgestuft von 110 bis 230 Mk. jhrlich. Nach eingetretener Invaliditt eine nach der Zahl der Beitragswochen und der Lohnklassen abgestufte Rente, deren unterste Grenze 116,40 Mk. betrgt, deren oberste bis 450 Mk., nach 50 Jahren Beitragszahlung in der obersten Lohnklasse, betragen kann. Oesterreich Krankenversicherung: Umfang: Zwangsversicherung fr Arbeiter und Betriebsbeamte im Gewerbe. Freiwillig: fr Landwirtschaft und Hausindustrie. Krankenversicherung: Leistungen: Wie in Deutschland aber: Untersttzungsdauer bis zu 20 Wochen. Krankengeld 60% des ortsblichen Lohns. Unfallversicherung: Umfang: Zwangsversicherung fr Arbeiter und Betriebsbeamte in der Industrie, im Baugewerbe, in maschinellen Betrieben der Landwirtschaft. Freiwillig fr Unternehmer und nicht versicherungspflichtiges Personal. Unfallversicherung: Leistungen: Unfallrente bis 60% des Lohns von der 5. Woche ab. Hinterbliebenenrente bis 50% des Jahreslohns. Sterbegeld. Schadenersatz wie in Deutschland. Invaliden- und Altersversicherung: Umfang: Zwangsversicherung nur fr Bergarbeiterinnen, Witwen- und Waisenversicherung im Bergbau. Zwangsversicherung in Vorbereitung. Invaliden- und Altersversicherung: Leistungen: -- Frankreich Krankenversicherung: Umfang: Freiwillig fr Arbeiter aller Berufszweige. Krankenversicherung: Leistungen: Nur Kranken- und Sterbegeld, nicht Arzt und Anstaltspflege. Unfallversicherung: Umfang: Freiwillig fr Arbeiter und Betriebsbeamte im Gewerbe. Unfallversicherung: Leistungen: Unfallrente vom 5. Tage ab bis 50% des Lohns. Invalidenrente bis 66-2/3% des Jahreslohns. Rente bis 60% des Lohns fr Hinterbliebene. Begrbniskosten. Invaliden- und Altersversicherung: Umfang: Freiwillig fr alle Staatsbrger, Zwangsversicherung in Vorbereitung. Invaliden- und Altersversicherung: Leistungen: Altersrente fr mindeste Fnfzigjhrige; Invalidenrente fr Erwerbsunfhige, Beitragserstattung im Todesfall. Grobritannien Krankenversicherung: Umfang: Freiwillig fr Arbeiter aller Berufszweige. Krankenversicherung: Leistungen: Freiwillig. Unfallversicherung: Umfang: Freiwillig fr Arbeiter und Betriebsbeamte im Gewerbe. Haftpflichtgesetz. Unfallversicherung: Leistungen: Unfallrente bis 50% des Lohns von der 3. Woche ab, oder Kapitalabfindung, Auszahlung eines Kapitals bis zum dreifachen, Jahreslohn an die Hinterbliebenen. Invaliden- und Altersversicherung: Umfang: Freiwillig fr alle Staatsbrger. Invaliden- und Altersversicherung: Leistungen: Leibrenten von durchschnittlich 350 Mk. Die Grenzen der Gesetzgebung. Der unbefriedigende Charakter der sozialpolitischen Gesetzgebung aller Lnder ist das notwendige Ergebnis der Bedingungen, aus denen sie hervorwchst. Sie ist der Ausdruck eines in ihren ersten Anfngen fast unbewut, gegenwrtig aber mit vollem Bewutsein gefhrten Interessenkampfes zwischen der Arbeiterklasse und der Klasse der Unternehmer. Der Ursprung dieses Kampfes liegt in der kapitalistischen Produktionsweise selbst, die jene beiden Klassen,--die Besitzer der Produktionsmittel auf der einen und das besitzlose Proletariat auf der anderen Seite,--zur Voraussetzung hat. Aus den verschiedenen Phasen des Kampfes, aus den Schwankungen der Machtverhltnisse der Kmpfenden, erklren sich die unorganische Entwicklung des Arbeiterschutzes, und seine tastenden Versuche nach allen Richtungen hin. Das bergewicht aber, das die Unternehmer besitzen, kommt in der uerst mangelhaften Durchfhrung der geltenden Gesetzgebung zu drastischem Ausdruck. Mit der Ausbreitung kapitalistischer Organisationsformen, die unaufhaltsam vor sich geht und im Interesse des allgemeinen Fortschrittes gelegen ist, wchst die Masse des Proletariats, d.h. der von den Unternehmern abhngigen Lohnarbeiter, bringt beide Geschlechter mehr und mehr in eine bereinstimmende Klassenlage und verstrkt infolgedessen ihre Macht und ihren Einflu. Die Weiterentwicklung der sozialpolitischen Gesetzgebung wird dadurch bedingt. Sie kann daher in grerem Ma als bisher der rcksichtslosen Geltendmachung kapitalistischer Interessen Grenzen stecken, das Abhngigkeitsverhltnis der Arbeiter von den Unternehmern mildern, aber darber hinaus wird ihre Wirksamkeit sich selbst dann nicht erstrecken knnen, wenn sie ihre Aufgaben in weitestem Mae zu erfllen im stande wre. Nehmen wir an, die Arbeitszeit wre so niedrig als mglich festgesetzt, ein Minimallohn gesichert, die Koalitionsfreiheit gewhrleistet, durch staatliche Versicherung die traurigen Folgen von Unfall, Krankheit, Alter und Arbeitslosigkeit beseitigt, so bliebe als ungelster Rest der Ausgangspunkt der Arbeiterfrage bestehen: das Lohnsystem und seine Folge, die Abhngigkeit des Lohnarbeiters, und die charakteristische Erscheinung der kapitalistischen Produktionsweise, die wirtschaftlichen Krisen, auf denen die Unsicherheit der proletarischen Existenz beruht. Wenn somit auch die optimistische Anschauung des mglichen Wirkungskreises der sozialpolitischen Gesetzgebung ihre Bedingtheit anerkennen mu, und ich selbst auer stnde war, in meinen Forderungen ber bestimmte Grenzen hinauszugehen, weil sie an den gegebenen Machtverhltnissen eine Schranke fnden, so werden sie sich in Wirklichkeit noch viel enger gestalten; denn die Gesetzgebung scheitert nicht zuletzt an dem Problem der Frauenarbeit. Wir wissen, da die Lohnarbeit der Frau, mag sie auch zu, allen Zeiten in gewissem Umfang bestanden haben, in ihrer gegenwrtigen Form ein Produkt der groindustriellen Entwicklung ist. Ihre Tendenz geht mit unverrckbarer Sicherheit dahin, das weibliche Geschlecht mehr und mehr dem Bannkreis des Hauses zu entziehen, und den Erwerbszwang in steigendem Mae auf alle Frauen, auch auf die verheirateten, auszudehnen. Als die traurigen Resultate dieses Zustandes haben wir die Degeneration der Frauen, wie sie sich in der Abnahme ihrer mtterlichen Krfte, der Fhigkeit, gesunde Kinder zur Welt zu bringen und sie zu nhren, in dem frhen Altern ausdrckt, die Degeneration der Kinder, die in ihrer hheren und frheren Sterblichkeit, ihrer Schwche und Krnklichkeit zu Tage tritt, kennen gelernt. Und als unausbleibliches Korrelat der Lohnarbeit der Frauen ist uns die Prostitution entgegengetreten. So wenig sie an sich eine neue Erscheinung ist, in dieser Form und Ausdehnung, als Mittel des Erwerbes eines supplementren Lohnes fr ganze Schichten der Arbeiterinnenklasse ist sie, wie die moderne Frauenarbeit selbst, das Ergebnis der kapitalistischen Produktionsweise. Das beweist, mehr als irgend etwas anderes, die Thatsache, da wirtschaftliche Krisen und wirtschaftlicher Aufschwung in innigem Zusammenhang mit der Zunahme und der Abnahme der gelegentlichen Prostitution stehen. Sie wird aber auch durch ein psychologisches Moment genhrt, das keine andere Zeit hervorbringen konnte, wie die unsere: die Kontrastwirkung des Reichtums und der Freiheit der Unternehmerklasse auf die in Armut und Abhngigkeit lebenden Frauen der Arbeiterklasse. Der Reichtum frherer Zeiten zog sich vornehm in Palste und Patrizierhuser zurck, der moderne Reichtum strahlt blendend aus dem Glanz der Kaufhuser, der Pracht der Hotels, er wird in den Luxuszgen und Dampfschiffen, die Weltstadt mit Weltstadt verbinden, in den Modebdern und durch die Presse mit allen Mitteln der Vervielfltigungskunst den Massen vor Augen gefhrt. Und wo die Not nicht ausreicht, um zur Prostitution zu zwingen, da gaukelt die Gewalt dieser Verfhrungsknste den armen Mdchen Glck und Freiheit vor. Machtlos steht die sozialpolitische Gesetzgebung vor diesen Problemen. Sie vermag die Wirkungen der Lohnarbeit auf Frauen und Kinder abzuschwchen, wie sie durch Herabsetzung der Arbeitszeit, Sicherung von Minimallhnen, Auflsung der Heimarbeit, Versicherung gegen Arbeitslosigkeit den ueren Motiven zur Prostituierung etwas von ihrer Gewalt zu nehmen im stande ist, aber sie kann dem Kinde die Mutter nicht wiedergeben und kann nicht verhindern, da die Frau, um die Not zu lindern, ihren Krper verkauft, wie ihre Arbeitskraft. Erst die Erkenntnis des Problems der Frauenfrage beleuchtet mit voller Klarheit das Wesen der sozialen Frage, deren Teil sie ist. Je weiter die kapitalistische Entwicklung fortschreitet, desto schwieriger wird die Lsung ihres Sphinxrtsels. Desto entschiedener aber wird auch die Frauenarbeit nicht nur zu seiner Lsung hindrngen, sondern sie auch vorbereiten helfen. Sie hat ihre Entstehung der Revolutionierung der Produktionsweise zu verdanken, sie trgt alle Elemente in sich, diese Wirtschaftsweise nun ihrerseits zu revolutionieren, indem sie an einem ihrer Grundpfeiler den Hebel ansetzt: der Familie, und Mann und Weib und Kind gegen sie mobil macht, wie es bisher noch bei keinem der historischen Klassen- und Machtkmpfe geschehen ist. Das konservativste Element in der Menschheit, das weibliche, wird zur Triebkraft des radikalsten Fortschritts. Ohne die Frauenarbeit kann die kapitalistische Wirtschaftsordnung nicht bestehen und wird immer weniger ohne sie bestehen knnen. Die Frauenarbeit aber untergrbt die alte Form der Familie, erschttert die Begriffe der Sittlichkeit, auf denen sich der Moralkodex der brgerlichen Gesellschaft aufbaut, und gefhrdet die Existenz des Menschengeschlechts, deren Bedingung gesunde Mtter sind. Will die Menschheit schlielich nicht sich selbst aufgeben, so wird sie die kapitalistische Wirtschaftsordnung aufgeben mssen. Die sozialpolitische Gesetzgebung bahnt mit den Weg zu diesem Ziel. Und das ist ihre grte, wenn auch unbeabsichtigte Aufgabe. Sie macht die Mnner und Frauen der Lohnarbeiterklasse fhig, sich ihres solidarischen Zusammenhanges bewut zu werden. Sie setzt Rechte an Stelle der Almosen und zerstrt den unterwrfigen Sklavencharakter, der die Arbeiter der vorkapitalistischen Zeit noch kennzeichnete. Sie schweit die Massen noch fester zusammen und lehrt sie den Gegner kennen, der seine Interessen gegen die ihren ausspielt. So wirkt, bewut und unbewut, alles zusammen, um an Stelle der alten Welt, die die Menschheit in zwei feindliche Lager spaltete, eine neue aufzubauen, in der die Lohnsklaverei der konomischen Unabhngigkeit Platz machen, in der die Arbeit der Frau sie nicht schdigen und schnden, sondern zur freien Genossin des Mannes erheben wird, in der sie ihre hchste Bestimmung erfllen kann, wie nie zuvor, und ein starkes, frohes Geschlecht dafr zeugen wird, da ihm die Mutter niemals fehlte. Anmerkungen: [1] Vgl. Bachofen, Das Mutterrecht. Stuttgart, S. 10. [2] Vgl. K. Bcher, Die Entstehung der Volkswirtschaft. Tbingen 1898, S. 13. [3] Vgl. Julius Lippert, Kulturgeschichte der Menschheit. Stuttgart 1887, II. Bd. S. 23 ff. [4] Vgl. Havelock Ellis, Mann und Weib. Leipzig 1894, S. 2 ff. [5] Vgl. Bcher, a.a.O., S., 14 u. 37. [6] Vgl. Julius Lippert, a.a.O., Bd. I S. 251 ff. und Bd. II S. 28. [7] Vgl. Friedrich Engels, Der Ursprung der Familie. 7. Auflage. Stuttgart 1896, S. 52 f. [8] Vgl. Paul Gide, Etude sur la condition prive de la femme. Paris 1885, S. 37. [9] Mischna, Ketuboth, 61a bis 68a. Citiert bei Paul Gide, a.a.O. [10] Gesetzbuch des Manu. Aus der englischen bersetzung des Sir W. Jone ins Deutsche bertragen von Th. Chr. Httner. Weimar 1797, S. 74 fg. [11] I. Buch Mose, 16. Kapitel. [12] Gesetzbuch des Manu, a.a.O., S. 325. [13] 5. Buch Mose, 25. Kapitel 5-10. [14] Gesetzbuch des Manu, a.a.O., S. 315. [15] Gesetzbuch des Manu, a.a.O., S. 185 und 318. [16] Vgl. E. Legouv, Histoire morale des femmes. Paris, S. 13 f. [17] Gesetzbuch des Manu, a.a.O., S. 319 u. 355. [18] Vgl. Huc, L'empire chinois. Paris 1857, citiert bei Gide. [19] Vgl. Paul Gide, a.a.O., S. 32 ff. [20] Vgl. Platos Gastmahl in der bersetzung von Schleiermacher. Berlin 1824, S. 416. [21] Vgl. Xenophon, Oeconomicus, II. [22] Vgl. Thukydides, Peloponnesischer Krieg. bersetzt von Kmpf. S. 167. [23] Vgl. ber die Stellung der griechischen Frauen den Artikel On femal society in Greece im 22. Band der Saturday Review und Rainneville, La femme dans l'antiquit. Paris 1865. [24] Vgl. F.W.B. von Ramdohr, Venus Urania. Leipzig 1798. [25] Vgl. W.E.H. Lecky, Sittengeschichte Europas. bersetzt von Dr. H. Jolowicz. 2. Aufl. Leipzig 1879, S. 242 fg. [26] Platos Staat, bersetzt von Schleiermacher. Berlin 1828, S. 274 u. 281. [27] Plato, a.a.O., S. 281. [28] Plato, a.a.O., S. 283. [29] Plato, a.a.O., S. 282. [30] Vgl. Aristoteles' Politik, bersetzt von Garve. Breslau 1799, S. 38. [31] Aristoteles, a.a.O., S. 4. [32] Aristoteles, a.a.O., S. 635. [33] Aristoteles, a.a.O., S. 200. [34] Vgl. Platos Timaeus, bersetzt von B.E.Chr. Schneider. Breslau 1874, S. 105 fg. [35] Vgl. Gide, a.a.O., S. 114 fg. [36] Vgl. Gajus, Institutionen, bersetzt von Backhaus. Bonn 1857, S. 12 f. und 71 ff. [37] Vgl. Valerius Maximus, Sammlung merkwrdiger Reden und Thaten, bersetzt von Dr. F. Hoffmann. Stuttgart 1829, Buch 8, Kap. III, S. 494. [38] Vgl. Valerius Maximus, a.a.O., S. 495. [39] Vgl. Th. Mommsen, Rmische Geschichte. 8. Aufl. Berlin 1889, Bd. III S. 510 fg. [40] Vgl. Th. Mommsen, a.a.O., Bd. I S. 833-834. [41] Vgl. Bcher, a.a.O., S. 68 ff. [42] Vgl. Cicero, Pflichtenlehre, bersetzt von Friedr. Richter. Leipzig, I, 41. [43] Vgl. Sueton, Biographien, bersetzt von Sarrazin. Stuttgart 1883, und Tacitus, Annalen, bersetzt von Roth. Berlin 1888. [44] Vgl. Titus Livius, Rmische Geschichte, bersetzt von Hausinger. Braunschweig 1821, XXXIV. Buch, S. 203-215. [45] Vgl. Titus Livius, a.a.O., Bd. XLI S. 224 ff. [46] Vgl. Mommsen, a.a.O., Bd. I S. 874. [47] Vgl. Friedlnder, Darstellungen aus der Sittengeschichte Roms. 7. Aufl. Leipzig 1901, I S. 254 ff., sowie Tacitus, Annalen und Martials Epigramme. [48] Vgl. Horaz, Satiren, bersetzt von H. Dntzer. [49] Vgl. Mommsen, a.a.O., Bd. II S. 404. [50] Vgl. Mommsen, a.a.O., Bd. III, und Gide, a.a.O., S. 140 ff. [51] Vgl. Valerius Maximus, Sammlung merkwrdiger Reden und Thaten, Buch VIII, Kap. 3, 3, S. 495. [52] Vgl. M. Ostrogorski, Die Frau im ffentlichen Recht, bersetzt von Franziska Steinitz. Leipzig 1897, S. 140. [53] Ostrogorski, a.a.O., S. 141 [54] Vgl. Louis Frank, La femme-avocat. Paris 1898, S. 12. [55] Vgl. Paul Gide, a.a.O., S. 173 ff. [56] Vgl. M. Tullius Cicero, Sechs Bcher vom Staat, bersetzt von J. Christ. F. Bhr. Berlin, Langenscheidtsche Buchhandlung. IV. Buch, S. 198 fg. [57] Vgl. Cornelius Nepos. Wortgetreue Uebersetzung von C.G. Roe. Aschersleben 1880. Vorrede. [58] Vgl. Plutarchs Werke. 24. Bd.: Moralische Schriften, bersetzt von J. Christ. F. Bhr. Stuttgart 1830, S. 744-802. [59] Vgl. Tacitus, Germania, bersetzt von M. Oberbreyer. Leipzig, S. 28. [60] Vgl. G.L. von Maurer, Geschichte der Fronhfe. Erlangen 1862, Bd. I S. 115, 135, 241 ff. Bd. II S. 387 ff. Bd. III S. 325. [61] Galater 3, V. 28. [62] I. Korinther 14, V. 34. [63] Galater 3, V. 26-28.--Vgl. auch Rmer 10, V. 12.--I. Korinther 12, V. 13. [64] I. Korinther 7, V. 1-8. [65] I. Korinther 7, V. 28. [66] I. Johannis 8, V. 6-11. [67] Matthi 19, V. 6. [68] Kolosser 3, V. 19.--Epheser 5, V. 25-31. [69] Apostelgeschichte 2, V. 17, 18. [70] Epheser 5, V. 22.--Kolosser 3, V. 18.--I. Korinther 11, V. 3.--I. Petri 3, V. 1 ff. [71] I. Timotheus 2, V. 12.--Titus 2, V. 4-5. [72] I. Timotheus 2, V. 12.--I. Korinther 14, V. 34-35. [73] I. Timotheus 2, V. 15. [74] I. Korinther 7, V. 6 u. V. 25. [75] I. Korinther 7, V. 1. [76] I. Timotheus 2, V. 14. [77] Tertullians smtliche Schriften. Uebersetzt von Kellner. Kln 1882, I. Bd. "Ueber den Putz der Weiber". S. 185. [78] Kanonisches Recht. Causa XXXIII, citiert bei Louis Frank, Essai sur la condition politique de la femme. Paris 1892. S. 42-43. [79] Vgl. Paul Gide, a.a.O., S. 350 und Karl Weinhold, Die deutschen Frauen in dem Mittelalter. 3. Aufl. Wien 1897, S. 183. [80] Vgl. hierfr das fr die Auffassung der Frauenfrage durch die katholische Kirche hchst interessante Buch des Redemptoristenpaters A. Rler: Die Frauenfrage. Wien 1893. [81] Vgl. Schmelzeis, Leben und Wirken der heiligen Hildegard. Freiburg 1879. [82] Vgl. Binder, Die heilige Brigitta von Schweden. Mnchen 1891. [83] Vgl. Martin Luther, Grndliche und erbauliche Auslegung des ersten Buches Mosis. Cit. nach Strampff, Martin Luther ber die Ehe. S. 176. [84] Vgl. Martin Luther, Smtliche Werke. Bd. 16. Sermon vom ehelichen Leben. S. 526. Frankfurt a.M. 2. Aufl. [85] Vgl. Martin Luther, Tischreden. Herausgegeben von Frstemann u. Bindseil. IV. Abt. S. 121 f. [86] Vgl. hierfr die charakteristische Schrift des Stuttgarter Theologen F. Bettex, Mann und Weib. Bielefeld und Leipzig 1892. [87] Vgl. Jakob Grimm, Deutsche Rechtsaltertmer. 3. Aufl. Gttingen 1881. S. 461. [88] Vgl. Weinhold, a.a.O., S. 23. [89] Vgl. Jakob Grimm, a.a.O., S. 411 ff. [90] Vgl. Rlin, Abhandlung von besonderen weiblichen Rechten. Mannheim 1775. S. 16 [91] A.a.O. S. 21. [92] Citiert bei Edouard Laboulaye: Recherches sur la condition civile et politique des femmes. Paris 1842. S. 320. [93] Vgl. G.L. von Maurer, Geschichte der Fronhfe. Erlangen 1862. Bd. III, S. 169 f. Bd. IV. S. 498. [94] Vgl. Edouard Laboulaye, a.a.O., S. 327. [95] Vgl. Hartmanns von der Aue "Iwein". 6186-6206. [96] Vgl. Maurer, a.a.O., Bd. I, S. 115, 135, 241, 394 f., Bd. II, S. 387 f., Bd. III S. 325. [97] Vgl. Dr. P. Norrenberg, Frauenarbeit und Arbeiterinnenerziehung in deutscher Vorzeit. Schriften der Grres-Gesellschaft. Kln 1880. S. 40. [98] In Hartmanns von der Aue "Iwein" schildert der Dichter die hungernden, blassen Weberinnen in der Werkstatt mit ergreifender Beredsamkeit. [99] Vgl. Jakob Grimm, Rechtsaltertmer. S. 350 f. [100] Vgl. Maurer, a.a.O., Bd. I, S. 204 f. [101] Vgl. De la Curne de St. Palaye, Mmoires sur l'ancienne Chevallerie. Paris 1759. Bd. 3 S. 13 ff., Bd. 4 S. 20 ff. [102] Vgl. Maurer, a.a.O., Bd. I, S. 135, 205. [103] Vgl. Oeuvres du Seigneur de Brantome. Nouvelle dition. Paris 1787. T. IV, p. 93 ff. [104] Vgl. Maurer, Geschichte der Stdteverfassung. Erlangen 1870. Bd. III S. 103 ff. [105] Otto Henne am Rhyn, Die Gebrechen und Snden der Sittenpolizei. Leipzig 1897. S. 56. [106] Vgl. G. Schmoller, Die Tucher- und Weberzunft in Straburg. Straburg 1879. S. 521. [107] Vgl. Stahl, Das deutsche Handwerk. Gieen 1874. S. 58. [108] Vgl. Stahl, a.a.O., S. 52. [109] Vgl. Stahl, a.a.O., S. 81. [110] Vgl. Schoenlank, Soziale Kmpfe vor dreihundert Jahren. Leipzig 1894. S. 50. [111] Vgl. Stahl, a.a.O., S. 44. [112] Vgl. Bcher, Die Frauenfrage im Mittelalter. Tbingen 1882, S. 12 ff. [113] Vgl. Bcher, a.a.O., S. 14-15. [114] Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 67. [115] Vgl. Stahl, a.a.O., S. 274. [116] Vgl. Stahl, a.a.O., S. 277. [117] Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 50. [118] Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 58. [119] Vgl. Bcher, a.a.O., S. 4 ff. [120] Vgl. Norrenberg, a.a.O., S. 40. [121] Vgl. Stahl, a.a.O., S. 78. [122] Vgl. Norrenberg, a.a.O., S. 50 ff. [123] Vgl. L. Frank, La femme-avocat. Brssel. Paris 1897 S. 61 ff. [124] Vgl. Ennen, Geschichte der Stadt Kln. Bd. II, S. 623. [125] Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 93 ff. [126] Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 64 ff. [127] Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 144. [128] Vgl. Weinhold, a.a.O., S. 177 ff. und Stahl, a.a.O., S. 91. [129] Vgl. W. Stieda, Die deutsche Hausindustrie, Bericht des Vereins fr Sozialpolitik. Leipzig 1889. S. 120 ff. [130] Vgl. W. Sombart, Die Hausindustrie in Deutschland. In Brauns Archiv fr soziale Gesetzgebung und Statistik 1891. Bd. IV, S. 113. [131] Vgl. P. Leroy-Beaulieu, Le travail des femmes au XIX. sicle. Paris 1873. p. 21 ff. [132] Vgl. Engels, Die Lage der arbeitenden Klassen in England. 2. Aufl. Stuttgart 1892, S. 6 f. [133] Vgl. Pierstorff, Frauenarbeit und Frauenfrage. 3. Bd. des Handwrterbuchs der Staatswissenschaften. Jena 1892. S. 643. [134] Vgl. Levasseur, Histoire des classes ouvrires en France depuis 1789. I. Bd. Paris 1867. S. 7. [135] Vgl. Norrenberg, a.a.O., S. 93. [136] Vgl. Weinhold, a.a.O., S. 115. [137] Vgl. Jakob Burckhardt, Die Kultur der Renaissance in Italien. 6. Aufl. Leipzig 1898. I. Bd. S. 237 ff. [138] Burckhardt, a.a.O. II. Bd. S. 122 ff. [139] Z.B. Boccaccio, Ferenzuela, Bandello. Vgl. Burckhardt, a.a.O. II. Bd. S. 111 ff. [140] Vgl. Gregorovius, Lucrezia Borgia. 3. Aufl. Stuttgart 1876, das interessante Einzelheiten ber die Bildung der Frauen enthlt. [141] Vgl. Burckhardt, a.a.O., II. Bd. S. 185 fg. [142] Vgl. M. Thomas, Essay sur le caractre, les moeurs et l'esprit des femmes. Paris 1772. S. 82. [143] Vgl. L. Frank, La femme-avocat, a.a.O., S. 61 fg. [144] Vgl. A. von Reumont, Vittoria Colonna. Freiburg i. Br. 1881. [145] Wir nennen nur Hillarion da Coste, einen Mnch, der in zwei Quartbnden, jeden zu 800 Seiten, 170 Frauen des 15. und 16. Jahrhunderts schilderte, sowie den Venezianer Ruscelli, der durch seine Ueberschwenglichkeit selbst seinen Zeitgenossen lcherlich erschien. [146] Genannt seien die Schriften von Modesta di Pozzo di Torci (1595) ber die Vorzge des weiblichen vor dem mnnlichen Geschlecht, und von Lucretia Marinelli, hundert Jahre spter, ber die Vortrefflichkeit der Frauen und die Fehler der Mnner. [147] Vgl. Thomas, a.a.O., S. 83. [148] Vgl. Robineau, Christine de Pisan, sa vie, ses oeuvres. St. Omer 1882. [149] Vgl. Mi Freer, Life of Marguerite, Queen of Navarra. London 1855 und Oeuvres du Seigneur de Brantome, a.a.O., II. page 451. [150] Vgl. Saint-Poncy, Histoire de Marguerite de Valois, Paris 1887 und Brantome, a.a.O., p. 376. [151] Die Schrift erschien zuerst in lateinischer Sprache unter dem Titel: De nobilitate et praecellentia foeminini sexus und im Jahre 1721 in deutscher Uebersetzung: Des Cornelii Agrippae anmuthiges und curieuses Tracttgen von dem Vorzug des weiblichen vor dem mnnlichen Geschlecht. [152] Vgl. Georg Steinhausen, Das gelehrte Frauenzimmer. In "Nord und Sd", 19. Jahrg. Bd. 75, S. 46 ff. [153] Desselben Verfassers: Die deutschen Frauen im siebzehnten Jahrhundert. In seinen Kulturstudien. Berlin 1893. S. 66. [154] Zu erwhnen ist die Astronomin Maria Cunitz, deren astronomische Tafeln: Urania propitia sich eines gewissen Rufs erfreuten, und die Philosophin Katharina Erxleben in Halle. [155] Aus den zahlreichen Schriften sind zu nennen: Gerhard Meuschens Curieuse Schaubhne gelehrter Dames, Joh. Frauenlobs Lobwrdige Gesellschaft gelehrter Weiber, Paullinis Hoch- und Wohlgelehrtes teutsches Frauenzimmer, Casp. Ebertis Cabinet des gelehrten Frauenzimmers. Vgl. auch Steinhausen a.a.O.: "Das gelehrte Frauenzimmer". [156] Vgl. Daniel Defoe, Essay on projects. London 1697. [157] Vgl. Gustav Cohn, Die deutsche Frauenbewegung. Berlin 1896. S. 78. [158] Vgl. Charlotte Stopes, British Freewomen. London 1894. S. 124 ff. [159] Ihre Streitschrift erschien anonym unter dem Titel: A serious proposal to the Ladies for the advancement of their true and greatest interest. By a Lover of her sex. London 1694. Im Jahre 1700 folgte die bedeutendere Schrift: Reflections upon mariage. [160] Vgl. Stopes, a.a.O. und meine Abhandlung in Brauns Archiv fr soziale Gesetzgebung und Statistik Bd. X, Heft 3, S. 417 ff. [161] Vgl. Stopes, a.a.O., S. 193 ff. [162] Vgl. Memoir and correspondence of Caroline Herschel. London 1875. [163] Vgl. E. et J. de Goncourt, Les matresses de Louis XV. Paris 1860. Bd. I, S. 52. [164] Vgl. Mmoires du marchal duc de Richelieu. Paris 1793. [165] Vgl, Mmoires de madame de Genlis. Paris 1825. Bd. I und Thtre l'usage des jeunes personnes par madame de Genlis. Paris 1789. Bd. 2. La Colombe. [166] Vgl. E. et J. de Goncourt, La Femme du dix-huitime sicle. Paris 1862. p. 322. [167] Vgl. Montesquieu, Lettres persanes. Amsterdam 1731. p. 83 ff. [168] Vgl. Barthlemy, Mmoires secrets de madame de Tencin. Grenoble 1790. [169] Vgl. Montesquieu, Esprit des lois. Livre XVI, chap. 2. [170] Vgl. J.J. Rousseau, mile. Francfort s.M. 1855. Livre V, P. 28. [171] Vgl. Rousseau, a.a.O., p. 29. [172] Vgl. Rousseau, a.a.O., p. 58 ff. [173] Vgl. Rousseau, a.a.O., p. 240. [174] Vgl. Rousseau, a.a.O., p. 22 ff. [175] Vgl. J.J. Rousseau, Du Contrat social, ou principes du droit politique. Paris 1762. Livre I. Chapitre 1, 3, 4 und 9. [176] Vgl. Tocqueville, L'ancien rgime et la rvolution. Paris 1856. S. 9 ff. [177] Vgl. Mmoires de Madame Roland, publis par C.A. Dauban. Paris 1864. S. 16 und 66. [178] Vgl. A. Guillois, La marquise de Condorcet. Paris 1897. [179] Vgl. Michelet, Les femmes de la rvolution. Paris 1898. S. 5 ff. [180] Vgl. Stal, Considrations sur la rvolution franaise. Paris 1818. Bd. I, S. 380 ff. [181] Vgl. J.A. de Sgur, Les femmes, leurs conditions et leurs influences dans l'ordre social. Paris 1803. Bd. III, S. 18 ff. [182] Vgl. E.C. Stanton, S.B. Anthony, M.J. Gage, History of Woman suffrage. New-York 1881. Bd. I, S. 31 ff. [183] Vgl. A. Guillois, a.a.O., S. 90 ff. [184] Vgl, Ch.L. Chassin, Le gnie de la rvolution. Paris 1863. Bd. I, S. 298 ff. [185] Vgl. M. de Talleyrand-Prigord, Rapport sur l'instruction publique. Paris 1791. S. 117 ff. u. 210 ff. [186] Vgl. Lavisse et Rambaud, Histoire gnrale. T. VIII. La rvolution franaise. Paris 1896. S. 532 ff. [187] Vgl. Lavisse et Rambaud, a.a.O., S. 623 ff. [188] Vgl. Louis Blanc, Histoire de la rvolution franaise. Paris 1847. Bd. I, S. 498. [189] Vgl. K. Kautsky, Die Klassengegenstze von 1789. Stuttgart 1889. S. 60. [190] Vgl. Louis Blanc, a.a.O., S. 489. [191] Vgl. E. u. J. de Goncourt, Histoire de la socit franaise pendant la revolution. Paris 1864. S. 55 ff. [192] A.a.O., S. 227. [193] Vgl. Lavisse et Rambaud, a.a.O., S. 623 ff. [194] Vgl. Chassin, a.a.O., S. 297 ff. [195] Vgl. Chassin, a.a.O., S. 476. [196] Vgl. A. Lefaure, Le socialisme pendant la rvolution. S. 122. Zitiert bei Ostrogorski, Die Frau im ffentlichen Recht. Uebersetzt von Franziska Steinitz. Leipzig 1897. S. 31. [197] Vgl. Blanc, a.a.O., Bd. III, S. 170-255. [198] Vgl. Michelet, a.a.O., S. 56. [199] Vgl. Sgur, a.a.O., S. 19 f. [200] Vgl. J. Turquan, La citoyenne Tallien. Paris 1898. S. 27. [201] Vgl. Liepold Lacour, Trois femmes de la rvolution. Paris 1900. p. 11 ff. [202] Ihren grten Triumph nach dieser Richtung feierte sie durch die im Thtre Italien veranstaltete Gedchtnisfeier nach Mirabeaus Tod, wo l'Ombre de Mirabeau aux Champs-Elyses von ihr zur Auffhrung kam. [203] Vgl. E. Lairtullier, Les femmes clbres de la rvolution. Paris 1840. Bd. II, S. 137 ff. [204] Vgl. Chassin, a.a.O., S. 476 ff. [205] Vgl. fr ihre Geschichte: Lairtullier, a.a.O., Bd. II, S. 49 ff.--Michelet, a.a.O., S. 111 ff.--Blanc, a.a.O., Bd. VII, S. 450 f.--L. Lacour, a.a.O., p. 3 ff. [206] Vgl. Lopold Lacour, a.a.O., p. 337 ff. [207] Vgl. E. Lairtullier, a.a.O., Bd. II, S. 174 ff. [208] Vgl. Gazette Nationale vom 31. Oktober 1792, citiert bei L. Frank, Essay sur la condition politique de la femme. Paris 1892. S. 317 ff. [209] Vgl. Lairtullier, a.a.O., S. 879 ff. [210] Vgl, Frank, a.a.O., S. 322 ff. [211] Vgl. Oeuvres de Condorcet, publies par A. Condorcet-O'Connor et M.F. Arago. Paris 1847. Bd. IX, S. 15 ff. [212] Vgl. Oeuvres de Condorcet, a.a.O., Bd. X, S. 119-130. [213] Vgl. C. Meiners, Geschichte des weiblichen Geschlechts. Hannover 1788. Bd. I, S. 1. [214] Vgl, W. Alexander, History of women. London 1789. Bd. II, S. 35. [215] Das Werk erschien zuerst 1792 in London, und wurde von Salzmann ins Deutsche bersetzt. Im Jahre 1896 veranstaltete Mrs. Henry Fawcett eine englische Neu-Ausgabe, der 1898 eine deutsche Uebersetzung von P. Berthold folgte. [216] Vgl. Kegan Paul, Einleitung zu der Neu-Ausgabe der "Letters to Imlay", London 1879, und Helene Richter, Mary Wollstonecraft, Wien 1897. [217] Vgl. (Th. G. von Hippel), Ueber die brgerliche Verbesserung der Weiber. Berlin 1792. Anonym erschienen. [218] Vgl. (Th. G. von Hippel), Ueber die Ehe. Berlin 1774. Anonym erschienen; 1872 von Brauning (Leipzig) neu herausgegeben. [219] Vgl. Fnelon, ducation des filles. Nouvelle dition, Paris 1884. [220] Vgl. E. von Sallwrck, Fnelon und die Litteratur der weiblichen Bildung in Frankreich. Langensalza 1886. [221] Vgl. Adalbert von Hanstein, Die Frauen in der Geschichte des deutschen Geisteslebens. Erstes Buch. Leipzig 1899. S. 70 f. [222] Einen Beweis dafr, wenn auch einen unbeabsichtigten, liefert Adalbert von Hanstein a.a.O. Schade um den Flei, mit dem er alle die Damen der verdienten Vergessenheit entrissen hat. [223] Vgl. J.B. Basedow, Methodenbuch fr Vter und Mtter, Familien und Vlker. Altona 1770. S. 324 ff. [224] Vgl. Karoline Rudolphi, Gemlde weiblicher Erziehung. Heidelberg 1815. Vorrede, S. XLVI. [225] Vgl. Madame de Genlis, Adle et Thodore, ou lettre sur l'ducation. Paris 1782. I. p. 30 ff. [226] Vgl. E. von Sallwrck, a.a.O., S. 307. [227] Vgl. Stephan Waetzholdt, Das hhere Mdchenschulwesen des Auslandes. Im Handbuch des hheren Mdchenschulwesens. Herausg. von Dr. Wychgram. Leipzig 1897. S. 66 ff. [228] Vgl. Abb de St. Pierre, Projet pour multiplier les collges de filles. Paris 1730. [229] Vgl. Comtesse de Rmusat, Essai sur l'ducation des femmes. Paris 1825. p. 23 ff. [230] Vgl. Mrs. H. Hanson Robinson, Le mouvement fministe aux tats-Unis in der Revue politique et parlementaire. 5. Jahrg. Nr. 50. Paris 1898. p. 160. [231] Vgl. Natorp, Grundri zur Organisation allgemeiner Stadtschulen. Duisburg-Essen 1804. [232] Vgl. Adalbert von Hanstein, a.a.O., 1900. 2. Buch. S. 300 ff. [233] Vgl. Otto Berdrow, Rahel Varnhagen. Stuttgart 1900. S. 110 ff. u. S. 180 ff. [234] Vgl. Helene Lange, Entwicklung und Stand des hheren Mdchenschulwesens in Deutschland. Berlin 1893. S. 7 ff. [235] Vgl. R. Gneist, Ueber die Universittsbildung der Frauen nach den neueren Erfahrungen in den nordamerikanischen Freistaaten. Berlin 1873. [236] Vgl. Annie Nathan Meyer, Woman's work in Amerika. New York 1891. p. 147 f. [237] Dr. Emily Blackwell, Address at Chickering Hall. New York, March 1888. [238] Vgl. Carrie Chapmann Cart, Women's Century Calendar. New York 1900. p. 38. [239] Vgl. Annie Nathan Meyer, a.a.O., p. 286. [240] Vgl. Virginia Penny, Think and Act; Men and Women; Work and Wages. Boston 1869-70. [241] Vgl. Georgina Hill, Women in English life. London 1896. Vol. II. p. 139 [242] Vgl. K.H. Schaible, Die hhere Frauenbildung in Grobritannien, Karlsruhe 1894. S. 97 f. [243] Vgl. Theodore Stanton, The Woman Question in Europe, London 1884, p. 92 ff. und Englischwomens Journal, Decembre 1859. [244] Vgl. Georgina Hill, a.a.O., p. 144. [245] Die Mittel zu ihrem Studium entstammten einem Stipendium uralischer Kosaken, die schwer unter dem Mangel tchtiger Aerzte litten. [246] Bei ihrer Promotion sprach Professor Rose die Hoffnung aus, da nunmehr die Sklaverei des weiblichen Geschlechts ein Ende nehmen werde! Vgl. seine im V. Jahrg. des Arbeiterfreund, Berlin 1867, S. 441 f., verffentlichte Rede. [247] Vgl. Theodore Stanton, a.a.O., p. 167. [248] Vgl. Countess of Aberdeen, The International Congress of Women of 1899. London 1900. Vol. II. Women in Education. p. 122 ff. [249] Vgl. Theodore Stanton, a.a.O., p. 240 f. [250] Seine Vorlesungen erschienen ein Jahr spter unter dem Titel: Histoire morale des femmes, und sind eines der wertvollsten Dokumente der Frauenfrage. [251] Vgl. Jeanne Chauvin, tude historique sur les professions accessibles aux femmes. Paris 1892. p. 202 f. [252] Vgl. J.V. Daubi, La femme pauvre au XIX. sicle. Paris 1866. S. 135 ff. [253] A.a.O. [254] Vgl. P. Leroy-Beaulieu, Le Travail des femmes au XIX. sicle. Paris 1874. p. 327. [255] Vgl. E.M. Mesnard, Les femmes mdecins. Bordeaux 1889. p. 11. [256] Vgl. Helene Lange, a.a.O., S. 14. [257] Vgl. L. von Marenholtz-Blow, Erinnerungen an Friedrich Frbel. Berlin 1876. S. 132. [258] Vgl. V. Heft der vom knigl. statistischen Bureau herausgegebenen preuischen Statistik. Berlin 1864. [259] Vgl. Adolph Lette, Denkschrift ber die Erwerbsquellen fr das weibliche Geschlecht. Im "Arbeiterfreund", Jahrg. 1865, S. 354 f. [260] Vgl. Adolph Lette, a.a.O., S. 349 ff. [261] Vgl. Luise Otto Peters, Das erste Vierteljahrhundert des Allgemeinen deutschen Frauenvereins. Leipzig 1890. S. 2 ff. [262] Vgl. Luise Otto, Das Recht der Frauen auf Erwerb. Hamburg 1866. S. 80. [263] A.a.O., Vorwort, S.V. [264] Fanny Lewald-Stahr, Fr und wider die deutschen Frauen. Berlin 1896. S. 10 ff. [265] Vgl. Carrie Chapman Catt, Woman's Century Calendar. New York 1900. p. 43 u. 50. [266] Vgl. Report of the International Council of Women, 25 March to 1st. April 1888. Washington 1888. p. 56-57. [267] Vgl. Hugo Mnsterberg, Das Frauenstudium in Amerika, in Kirchhoff, Die akademische Frau. Berlin 1897. S. 343. [268] Vgl. Hugo Mnsterberg, a.a.O., S. 345. [269] Vgl. Grace H. Dodge, What Women can learn. New York 1898. p. 20. [270] Vgl. unter anderem: Women in Professions. London Congress, a.a.O., p. 154 ff. [271] Vgl. Theodore Stanton, a.a.O., p. 32 ff. [272] Vgl. Emily Davies, The higher Education of Women, London 1866, und Helene Lange, Frauenbildung. Berlin 1889. S. 7 ff. [273] Vgl. Emily Janes, The Englishwoman's Year Book. London 1900. p. 1 ff. u. 105 ff. [274] Vgl. Mary Wolstenholme, Le mouvement fministe en Australie. Revue politique et parlamentaire. 5. anne. Nr. 45. p. 520 ff. [275] Vgl. Women in Professions. London Congress, a.a.O., p. 142 ff. [276] Vgl. Thirty-eighth Report of the Postmaster general on the Post Office, p. 2, 42 f. [277] Vgl. Jeanne Chauvin, a.a.O., p. 224 f. [278] Vgl. Louis Frank, La femme dans les emplois publics. Bruxelles 1893. p. 49 ff. [279] Vgl. Harriet Fontanges, Les femmes docteurs en Mdecine. Paris 1901. [280] Vgl. Dr. Otto Neusttter, Das Frauenstudium im Ausland. Mnchen 1899. Seite 9 f. [281] Vgl. Women in Professions. London Congress, a.a.O., Bd. III, p. 58. [282] Vgl. J. Ingelbrecht, Le Fminisme et la Femme Tmoin. Revue politique et parlementaire. Paris 1900. Nr. 68 u. Nr. 69. p. 367 ff. u. 601 ff. [283] Vgl. L. Frank, La Femme avocat. Paris 1898. p. 70 ff. [284] Vgl. Emilia Mariani, Le Mouvement fministe en Italie. Revue politique et parlementaire. Paris 1897. Nr. 39, p. 481 ff. [285] Vgl. Louis Frank, La Femme avocat, a.a.O., p. 85 ff. [286] Vgl. Der Internationale Kongre fr Frauenwerke und Frauenbestrebungen in Berlin. Berlin 1897. S. 59. [287] Vgl. Dr. Otto Neusttter, a.a.O., S. 26 f. [288] Vgl. Dr. Otto Neusttter, a.a.O., S. 6 f. [289] Vgl. Dr. H. Grothe, Die Frau und die Arbeit. Im Arbeiterfreund, 5. Jahrg. 1867. S. 337 ff. [290] Vgl. Fanny Lewald-Stahr, a.a.O., S. 21. [291] Vgl. Jenny Hirsch, Geschichte der 25jhrigen Wirksamkeit des Lettevereins. Berlin 1891. S. 59. [292] Vgl. Heinrich von Sybel, Ueber die Emanzipation der Frauen. Bonn 1870. [293] Vgl. Hedwig Dohms, Der Frauen Natur und Recht. Zweite Auflage. Berlin. Verlag von F. Stahn (ohne Jahr). [294] Vgl. Luise Bchner, Die Frauen und ihr Beruf. Fnfte Auflage. Berlin 1884. [295] Vgl. Stenographische Berichte ber die Verhandlungen des Reichstags. 86. Sitzung VII. Legislaturperiode. I. Session 1890/91. [296] Vgl. Stenographische Berichte ber die Verhandlungen des Reichstags. VIII. Legislaturperiode. II. Session 1892/93. 50. Sitzung und IX. Legislaturperiode. II. Session 1893/94. 86. Sitzung. [297] Vgl. Stenographische Berichte ber die Verhandlungen des Reichstags des Norddeutschen Bundes. Session 1867. S. 665. [298] Vgl. Stenographische Berichte ber die Verhandlungen des Reichstags. III. Session. I. Bd. 1872. S. 760. [299] Vgl. Luise Otto, Das erste Vierteljahrhundert des Allgemeinen deutschen Frauenvereins. Leipzig 1890. S. 45. [300] Vgl. Dr. O. Sommer, Die Entwicklung des hheren Mdchenschulwesens in Deutschland. Im Handbuch des hheren Mdchenschulwesens. Herausgegeben von Dr. J. Wychgram. Leipzig 1897. S. 44 ff. [301] Vgl. z.B. die Broschre von Professor Albert, Die Frauen und das Studium der Medizin, Wien 1895, in der er unter anderem sagt, da von 1486 Studentinnen in England nur elf Aerztinnen wurden, whrend thatschlich 260 Studentinnen bis 1895 das medizinische Staatsexamen bestanden. [302] Vgl. Dr. Friedrich Zimmer, Der evangelische Diakonieverein. 4. Auflage. Herborn 1897. [303] Vgl. Elisabeth Storp, Die soziale Stellung der Krankenpflegerinnen. Dresden 1901. [304] Vgl. Adine Gemberg, Die evangelische Diakonie. Ein Beitrag zur Lsung der Frauenfrage. Berlin 1894. [305] Vgl. Eliza Ichenhuser, Erwerbsmglichkeiten fr Frauen. 2. Aufl. Berlin 1898. [306] Vgl. H. Herkner, Das Frauenstudium der Nationalkonomie. Berlin 1899. Sonderabdruck aus dem Archiv fr soziale Gesetzgebung und Statistik. [307] Vgl. Georg von Mayr, Statistik und Gesellschaftslehre. 2. Bd. Freiburg i.B. 1897. S. 70 f. [308] Vgl. Karl Bcher, Ueber die Verteilung der beiden Geschlechter auf der Erde, in G. von Mayrs Allgemeinem statistischen Archiv, 2. Jahrg. Tbingen 1892. S. 369 ff. [309] Vgl. J. Bertillon, De la dpopulation de la France et des remdes y apporter. Im Journal de la Socit de Statistique. 1895. p. 416 ff. [310] Vgl. J. Goldstein, Bevlkerungsprobleme und Berufsgliederung in Frankreich. Berlin 1900. S. 138 ff. [311] Vgl. Arthur Geiler, Beitrge zur Frage des Geschlechtsverhltnisses der Geborenen, in der Zeitschrift des Knigl. schsischen statistischen Bureaus, 35. Jahrg. Dresden 1889. [312] Vgl. Georg von Mayr, a.a.O., S. 71. [313] Vgl. Geffeken (v. Bergmann), Auswanderung und Auswanderungspolitik, in G.v. Schnbergs Handbuch der politischen Oekonomie, 4. Aufl., 2. Bd., zweiter Halbband. Tbingen 1898. S. 498. [314] Vgl Georg von Mayr, a.a.O., S. 82. Aus der an dieser Stelle angefhrten Tabelle berechnet. [315] Vgl. Georg von Mayr, a.a.O., S. 399 f. [316] Diese, wie alle anderen Berechnungen, fr die keine Quellen angegeben werden, sind aus den offiziellen Volkszhlungen der betreffenden Lnder gewonnen worden. Es wurden dabei von mir benutzt: Fr die Vereinigten Staaten: X'th Census 1880, Washington 1883-1889, Vol. I-III; XI'th Census 1890, Washington 1890 bis 1895, Vol. I-III und Compendium Vol. I; XI'th Annual Report of the Commissioner of Labor 1895-96, Washington 1897.--Fr England: Census of England and Wales 1881, London 1883, Vol. I-III; Census of England and Wales 1891, London 1893, Vol. III und IV und General Report.--Fr Frankreich: Rsultats statistiques du Dnombrement de 1881, Paris 1883; Rsultats statistiques du Dnombrement de 1891, Paris 1894.--Fr Oesterreich: Oesterreichische Statistik nach den Ergebnissen der Volkszhlung vom 31. Dezember 1880, Wien 1882-1884, Bd. I bis V; Oesterreichische Berufsstatistik vom 31. Dezember 1890, Wien 1893-1895, XXII. und XXIII. Bd.--Fr Deutschland: Statistik des Deutschen Reichs, Neue Folge Bd. II; Berufsstatistik nach der Berufszhlung vom 5. Juni 1882, Berlin 1884; Berufs- und Gewerbezhlung vom 14. Juni 1895, Berlin 1897, Bd. 102, 103 und 111. [317] Vgl. A.V. Fircks, Die Berufs- und Erwerbsthtigkeit der eheschlieenden Personen. Zeitschrift des kgl. preuischen statistischen Bureaus. Berlin 1889. [318] Vgl. z.B. A. von Oettingen, Moralstatistik. 2. Aufl. Erlangen 1874. S. 40 ff. [319] Vgl. hierfr unter anderem: G. von Mayr, a.a.O., S. 68 ff.--K. Bcher, Die Bevlkerung des Kantons Basel-Stadt. Basel 1890. S. 19.--Derselbe, Ueber die Verteilung der beiden Geschlechter auf der Erde, a.a.O., S. 388 f. [320] Vgl. G. von Mayr, a.a.O., S. 230. [321] Vgl. G. von Mayr, a.a.O., S. 384. [322] Wie es z.B. Gustav Cohn in seinem Buch: Die deutsche Frauenbewegung, Berlin 1896, S. 54-55 thut. [323] Die von A. von Fircks bearbeitete, Seite 100 erwhnte preuische Statistik der Eheschlieungen nach dem Beruf htte darber Aufschlu geben knnen, wenn man die berufslosen Haustchter, die fast die Hlfte der heiratenden Frauen ausmachen, nach dem Beruf ihrer Eltern klassifiziert htte, statt sie in eine Rubrik zu bringen und berdies mit den Rentnerinnen zusammenzuwerfen. Vgl. auch G. von Mayr, a.a.O., S. 411 f. [324] Vgl. Rubin und Westergaard, Die Statistik der Ehen. Jena 1890. Tabelle V, S. 28-29. Die obige Berechnung ist aus genannter Tabelle dadurch gewonnen worden, da ich Gruppe I--Mnner in liberalen Berufen, grere Kaufleute, Fabrikanten, Bankiers--mit Gruppe III--Lehrer, Musiker, Kontoristen, Handelskommis, Angestellte in ffentlichen Kontoren--zusammenberechnete und den Gruppen II, IV, V--Kleinhndler, Schankwirte, Schiffer, Maschinenmeister; Auslufer, Kellner, Dienstboten; Arbeiter, Taglhner, Matrosen--gegenberstellte. [325] Vgl. Max Haushofer, Die Ehefrage im Deutschen Reich. Berlin 1895. [326] Vgl. G. von Mayr, a.a.O., S. 386. [327] Vgl. Fircks Taschenkalender fr das Heer. Berlin 1900. S. 379. [328] A.a.O, S. 96 und 128. [329] Vgl. J. Silbermann, Zur Entlohnung der Frauenarbeit. Schmollers Jahrbuch fr Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft. Neue Folge. Bd, XXIII, Heft IV, S. 1401. [330] Die deutsche Statistik wirft unter der Bezeichnung "Direktions-und rztliches Personal" alle Arten Aerzte mit den Hebammen zusammen, whrend sie als "Wartepersonal" alle Arten Pflegerinnen und Wrterinnen bezeichnet. Die anderen Lnder dagegen rechnen die Aerzte besonders, zhlen dagegen Pflegerinnen und Hebammen zusammen. Wir sind daher gezwungen, um einen Vergleich zu ermglichen, alle drei Berufe fr alle Lnder unter die brgerliche Frauenarbeit mitzuzhlen. [331] Ihre Zahl ist unter die Buchhalter gerechnet. [332] Da in Oesterreich die Frauen zur Advokatur nicht zugelassen sind, mu diese Zahl auf einem Irrtum bei der Zhlung beruhen. [333] Hierunter werden nur Hebammen verstanden. Die Pflegerinnen drften sich unter den ca. 64000 Nonnen befinden. [334] Die franzsische Statistik von 1891 zhlt nur Handelsangestellte im allgemeinen und Arbeiterinnen im Handel. Die groe Zahl erklrt sich daher daraus, da die Verkuferinnen mit einbegriffen sind. [335] Unter dieser Rubrik versteht die englische Statistik Bibelleser, Missionare und Prediger. [336] Diese Rubrik kann fr Amerika nicht ausgefllt werden, weil die Statistik die selbstndigen Landwirte mit Aufsehern und Verwaltern zusammenwirft. [337] Auch fr diesen Beruf fehlt es in Amerika an spezieller Feststellung. [338] Vgl. Eleventh Annual Report of the Commissionar of Labor. Washington 1897. p. 22 f. [339] Vgl. Comte d'Haussonville, Salaires et Misres des Femmes. Paris 1900. p. 132 ff. [340] Vgl. Dokumente der Frauen, a.a.O., Bd. 3, Nr. 8, S. 271 u. Nr. 9, S. 292 f. [341] Vgl. Grace H. Dodge, What Women can earn. New York 1898. p. 15. [342] Vgl. Women in Professions. London Congress, a.a.O., p. 221 ff. [343] Vgl. Miss Amy Bulley and Miss Margaret Witley, Women's Work. London 1894. p. 10 ff. [344] Vgl. Sydney and Beatrice Webb, Problems of modern industry. Lond. 1898. p. 65. [345] Vgl a.a.O., p. 42 ff. [346] Vgl. Women in Professions. London Congress, a.a.O., p. 20. [347] Vgl. Auguste Sprengel, Die uere Lage der Lehrerinnen in Deutschland. In Wychgrams Handbuch, a.a.O., S. 423 ff. [348] Vgl. den Artikel "Lehrerin" im Illustrierten Konversationslexikon der Frau. Berlin 1900. 2. Bd. S. 55. [349] Vgl. C. v. Franken, Katechismus der weiblichen Erwerbs- und Berufsarten. Leipzig 1898. S. 24 f. [350] Vgl. J. Silbermann, a.a.O., S. 408. [351] Vgl. Julius Meyer, Die Ausbildung und Stellung der Handlungsgehilfinnen in Berlin. Berlin, Heines Verlag. S. 18. [352] Vgl. Dokumente der Frauen. Herausgegeben von Marie Lang. Wien. II. Bd. Nr. 22. Febr. 1900. S. 625 ff. [353] A.a.O., Bd. II. Nr. 18. Dezember 1899. S. 475 ff. [354] A.a.O., Bd. II. Nr. 17. November 1899. S. 443 ff. [355] A.a.O., Bd. I. Nr. 2. April 1899. S. 32 ff. [356] A.a.O., Bd. I. Nr. 1. Mrz 1899. S. 10 ff. [357] A.a.O., Bd. I. Nr. 5. Mai 1899. S. 116 ff. [358] Vgl. Dr. Kthe Schumacher, Das Budget der erwerbenden Frau. In Dokumente der Frauen, a.a.O., Bd. III. Nr. 3. Mai 1900. S. 101 ff. [359] Vgl. hierfr: Dokumente der Frauen, a.a.O., Bd. III. Nr. 7. Juli 1900. S. 236 ff.--Konversationslexikon der Frau, a.a.O., Artikel: Schauspielerin. 2. Bd. S. 393.--Women in Professions. London Congress, a.a.O., Vol. III. p. 188 ff. [360] Vgl. Miss Amy Bulley, a.a.O., p. 4 ff. [361] Vgl. Havelock Ellis, Mann und Weib. Autorisierte deutsche Ausgabe von Dr. Hans Kurella. Leipzig 1895. S. 98 ff. [362] Vgl. H. Plo, Das Weib in der Natur- und Vlkerkunde. 5. Aufl. Leipzig 1897. Bd. I. S. 335 ff. [363] Vgl. z.B. in Arthur Kirchhoffs "Die akademische Frau", a.a.O., S. 112 und 120, wo die Professoren Kehrer und Olshausen von der "allmonatlich eintretenden Beschrnkung der krperlichen und geistigen Leistungsfhigkeit" als von etwas Selbstverstndlichem sprechen. [364] A.a.O., S. 4, 33 u. 91. [365] Vgl. Lady Jeune, Ladies at Work. London 1893, p. 129 ff. [366] Vgl. Louis Frank, Dr. Keiffer, Louis Maingie, L'Assurance maternelle, Bruxelles-Paris 1897. [367] Havelock Ellis, a.a.O., p. 175 f. [368] A.a.O., S. 186. [369] A.a.O., S. 187 ff. [370] Vgl. H.Th. Buckle, The Influence of Women on the Progress of Knowledge. Miscellaneous Works. London 1872. Vol. I., p. 7 ff. [371] Vgl. Arthur Kirchhoff, a.a.O., S. 123-124. [372] Vgl. Karl Marx, Das Kapital. Erster Band. Vierte Auflage. Hamburg 1890. S. 346 ff. [373] Vgl. J.A. Hobson, The Evolution of modern Capitalisme. London 1894. p. 319. [374] Vgl. Sydney and Beatrice Webb, Problems of modern Industry. London 1898. p. 97 ff. [375] Vgl. Helen Campbell, Women Wage-earners. Boston 1893. p. 69 ff. [376] Vgl. Leroy-Beaulieu, Le Travail des Femmes au XIX. Sicle. Paris 1874. p. 29. [377] Vgl. H. Herkner, Die oberelsssische Baumwollindustrie und ihre Arbeiter. Straburg 1887. S. 116 f. [378] Vgl. H. Grandke, Die Entstehung der Berliner Wsche-Industrie im 19. Jahrhundert. Schmollers Jahrbuch fr Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft. Bd. XX. Heft 2. 1896. S. 250. [379] Vgl. Hobson, a.a.O., p. 296. [380] Vgl. Friedrich Engels, Die Lage der arbeitenden Klassen in England. 2. Aufl. Stuttgart 1892. S. 154: 237 [381] Vgl. Hobson, a.a.O., p. 292. [382] A.a.O., p. 291. [383] Vgl. Karl Marx, a.a.O., S. 428 f. [384] Vgl. A. Thun, Die Industrie am Niederrhein. Leipzig 1879. S. 105 ff. [385] Vgl. Helen Campbell, a.a.O., p. 69 ff. [386] Vgl. A.N. Meyer, a.a.O., p. 284 f. [387] Vgl. Friedrich Engels, a.a.O., S. 146 ff. [388] Vgl. K. Marx, a.a.O., S. 425. [389] Vgl. Leroy-Beaulieu, a.a.O., p. 33. [390] A.a.O., p. 41. [391] Vgl. Hobson, a.a.O., p. 224. [392] Vgl. Sydney and Beatrice Webb, a.a.O., p. 62. [393] Vgl. A. Thun, a.a.O., S. 28 f. [394] Vgl. E. Sax, Die Hausindustrie in Thringen. Erster Teil. Jena 1882. S. 15. [395] A.a.O., zweiter Teil. Jena 1884. S. 53. [396] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Theorie und Praxis der englischen Gewerkvereine. Deutsch von C. Hugo. I. Bd. Stuttgart 1898. S. 373. [397] A.a.O., I. Bd., S. 354 ff. [398] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, a.a.O., 2. Bd., S. 43 ff. [399] Vgl. J.V. Daubi, La Femme pauvre du XIX. Sicle. Paris 1866. p. 51. [400] Vgl. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik. LXV. Untersuchungen ber die Lage des Handwerks. IV. Bd. 2. Teil. 1895. S. 120. [401] Vgl. H. Herkner, a.a.O., S. 126. [402] Vgl. Friedrich Engels, a.a.O., S. 139. [403] Vgl. Karl Marx, a.a.O., S. 399 ff. [404] Vgl. Karl Marx, a.a.O., S. 437. [405] Vgl. Verhandlungen der im Sept. 1899 in Breslau abgehaltenen Generalversammlung des Vereins fr Sozialpolitik, Leipzig 1900, S. 93, und die hnliche Ansicht Stiedas in Litteratur, heutige Zustnde und Entstehung der deutschen Hausindustrie, Leipzig 1889, S. 22. [406] Vgl. Verhandlungen des Vereins fr Sozialpolitik, a.a.O., S. 16. [407] Vgl. Werner Sombart, Hausindustrie im Handwrterbuch der Staatswissenschaften. 2. Aufl. Jena 1900. 4. Bd. S. 1141. [408] Vgl. Karl Marx, a.a.O., Bd. 1, S. 215 ff. [409] Vgl. Friedrich Engels, a.a.O., S. 212 ff. [410] Vgl. A.N. Meyer, a.a.O., S. 287 f. [411] Vgl. Leroy Beaulieu, a.a.O., S. 91 ff., und Jules Simon, L'Ouvrire, 2ime dition. Paris 1861. p. 248 f. [412] Vgl. Jules Simon, a.a.O., S. 286 ff. [413] Vgl. J.V. Daubie, a.a.O., p. 46. [414] Vgl. Leroy Beaulieu, a.a.O., p. 377 ff. [415] A.a.O., p. 42 ff. [416] Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 210 ff. [417] Vgl. A.J. Blanqui, Des Classes ouvrires en France pendant l'Anne 1848. Paris 1849. Vol. I. p. 91 f. [418] Vgl. Clara Collet, Report on Changes in the Employment of Women and Girls. London 1898. p. 7 ff. [419] Vgl. Levasseur, Histoire des Classes ouvrires en France. Paris 1867. Vol. II. p. 150. [420] Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 41 ff. und J.V. Daubi, a.a.O., p. 54. [421] Vgl. Leroy-Beaulieu, a.a.O., p. 65 ff. und H. Herkner, a.a.O., S. 129 f. [422] Vgl. A. Thun, a.a.O., S. 31. [423] A.a.O., S. 126. [424] Vgl. H. Herkner, a.a.O., S. 258 ff. [425] Vgl. A. Thun, a.a.O., S. 126 f. [426] Vgl, Friedrich Engels, a.a.O., S. 27 ff. [427] Vgl. Villerm, Tableau de l'Etat physique et moral des Ouvriers dans les Manufactures de Coton, de Laine et de Soie. Paris 1840. Vol. I. p. 86 ff. [428] Vgl. Blanqui, a.a.O., vol. I, p. 101 f. [429] Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 156 ff. [430] Vgl. Blanqui, a.a.O., vol. I, p. 71 ff. [431] Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 162 ff. [432] Vgl. E. Hirschberg, Die soziale Lage der arbeitenden Klassen in Berlin. Berlin 1897. S. 25 ff. [433] Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 113 f.--A. Thun, a.a.O., S. 176 ff.--H. Herkner, a.a.O., S. 118 ff. [434] Vgl. Villerm, a.a.O., p. 164 f.--Daubi, a.a.O., p. 56 f. [435] Vgl. Karl Marx, a.a.O., S. 208 f. [436] Vgl. H. Herkner, a.a.O., S. 120. [437] Vgl. Villerme, a.a.O., p. 170 ff. [438] Vgl. von Schultze-Gvernitz, Der Grobetrieb. Leipzig 1892. S. 40. [439] Vgl. Karl Marx, a.a.O., p. 431 ff. [440] Vgl. Villerme, a.a.O., p. 176 ff. [441] Vgl. Fr. Engels, a.a.O., S. 146 f. [442] Vgl. Die Ergebnisse der ber die Frauen- und Kinderarbeit in den Fabriken auf Beschlu des Bundesrats angestellten Erhebungen. Zusammengestellt im Reichskanzleramt. Berlin 1876. S. 24 f. [443] A.a.O., S. 24. [444] Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 146 ff. [445] Vgl. Daubi, a.a.O., p. 63. [446] Vgl. Report of the Commission on the Employment of Children, young Persons and Women in Agriculture. London 1868. [447] A.a.O., XIII. [448] A.a.O., XI. [449] Vgl. Thorold Rogers, Die Geschichte der englischen Arbeit. Deutsch von Max Pannwitz. Stuttgart 1896. S. 402 f. [450] Vgl. J. Barberet, Le Travail en France. T. VI. Paris 1889. p. 291. [451] Vgl. Karl Kautsky, Die Agrarfrage. Stuttgart 1899. S. 216. [452] Vgl. Barberet, a.a.O., VI., p. 316 ff. [453] Vgl. W. Kahler, Gesindewesen und Gesinderecht. Jena 1896. S. 8 ff. [454] Vgl. Dr. Martin Luthers smtliche Werke. Erlanger Ausgabe. Bd. 20, S. 375; Bd. 2, S. 16, 18; Bd. 34, S. 154; Bd. 33, S. 389; Bd. 36, S. 298 ff. Zitiert bei O. Stillich, Die Lage der weiblichen Dienstboten in Berlin. 1901. [455] Vgl. H. Brennecke, Ueber die Verschlimmerung des Gesindes und dessen Verbesserung. Berlin 1810. S. 1 f. Zitiert bei Stillich, a.a.O. [456] Vgl. Krnitz, S. 655 ff. Zitiert bei Stillich, a.a.O. [457] Vgl. Freiherr v.d. Goltz, Die soziale Bedeutung des Gesindewesens. Danzig 1873. S. 22. [458] Vgl. Amalie Holst, Die Bestimmung des Weibes zu hherer Geistesbildung. 1802. [459] Vgl. Mathilde Weber, Die Pflichten der Familie. Berlin 1886. S. 22. [460] Vgl. A. Daul, Die Frauenarbeit. Altona 1867. S. 322 f. [461]Vgl. J.V. Daubi, a.a.O., p. 89 ff. [462] Vgl. W. Khler, a.a.O., S. 34 ff. [463] Die mnnliche Bevlkerung hat um 9703 Personen abgenommen, die weibliche um 135 626 zugenommen. [464] Vgl. Miss Collet, Report on the Statistics of Employment of Women and Girls. London 1894. p. 71 f. [465] Fr die beiden ersten Vergleichungen sind von mir nur die Arbeiter gerechnet worden, fr die beiden letzten Arbeiter und Angestellte. [466] Vgl. H. Rauchberg, Die Berufs- und Gewerbezhlung im Deutschen Reich vom 14. Juni 1895. In Brauns Archiv fr soziale Gesetzgebung und Statistik. XV. Bd., S. 336 f., und Derselbe, Die Bevlkerung Oesterreichs. Wien 1895. S. 15. [467] Vgl. Amtliche Mitteilungen aus den Jahresberichten der Gewerbeaufsichtsbeamten fr 1895, 1896, 1897, 1898. Berlin 1896, 1897, 1898, 1899, und Jahresberichte der Gewerbeaufsichtsbeamten fr das Jahr 1899. 4. Bd. Berlin 1900. [468] Vgl. Rapports sur L'Application des Lois rglementant le Travail. 1894, 1896, 1898. Paris 1895, 1897, 1900. [469] Vgl. Gewerbe und Handel im Deutschen Reich. Statistik des Deutschen Reichs. Neue Folge. Bd. 119. Berlin 1899 und Die Landwirtschaft im Deutschen Reich. Statistik des Deutschen Reichs. Neue Folge. Bd. 112. Berlin 1898. [470] Vgl. fr meine Zusammenstellung: Fr Deutschland: Berufsstatistik fr das Reich im ganzen. Erster Teil. Statistik des Deutschen Reiches. Neue Folge. Bd. 102. Berlin 1897. S. 13 ff.--Fr Oesterreich: Oesterreichische Berufsstatistik vom 31. Dezember 1890. Wien 1895. XXXIII. Bd. S. 38 ff.--Fr England und Wales: Census of England and Wales 1891. London 1893. Vol III. S. 7 ff.--Fr de Vereinigten Staaten: XIth Census 1890. Population. Washington 1895. Part II. S. 304, ff.--Fr Frankreich: Die vorlufige Zusammenstellung der Berufsgruppen, wie sie nach der Berufszhlung von 1896 im Bulletin de L'Office du Travail, Juin 1900, S. 578 f., erschienen ist; die spezialisierte Darstellung der Berufsarten, wie sie eigentlich fr die vorliegende Tabelle notwendig gewesen wre, liegt bis jetzt nur fr Paris und das Seine-Departement vor.--Fr Belgien: Recensement gnral des Industries et des Metiers (31 Octobre 1896), Analyse de Volumes I et II. Bruxelles 1900. S. 30 ff. Die Darstellung der Berufsarten im einzelnen fehlt auch hier. [471] Vgl. hierfr wie fr das Folgende die Ausfhrungen Werner Sombarts ber Hausindustrie im Handwrterbuch der Staatswissenschaften. Bd. IV, 2. Aufl. S. 1138 ff. [472] Vgl. Heinrich Rauchberg, Die Hausindustrie des Deutschen Reichs nach der Berufs- und Gewerbezhlung. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik. LXXXVII. Vierter Band. S. 108. [473] Vgl. Alfred Weber, Die Hausindustrie und ihre Regelung. Verhandlungen des Vereins fr Sozialpolitik. Leipzig 1900. S. 25. [474] Vgl. Bericht der k.k. Gewerbeinspektion ber die Heimarbeit in Oesterreich. 1. Bd. Wien 1900. [475] Vgl. Werner Sombart, a.a.O., S. 1148. [476] Vgl. Werner Sombart, a.a.O., S. 1157. [477] Vgl. Recensement gnral des Industries et des Mtiers. 31 Octobre 1896. Analyse des Vols. I et II. Bruxelles 1900. p. 11 ff. [478] Vgl. Eleventh Annual Report of the Commissionar of Labor. 1895 to 1896. Work and Wages of Men, Women and Children. Washington 1897. [479] Vgl. Mi Collet, Report on the Statistics of Employment of Women and Girls. London 1894. [480] Vgl. die Kritik des Reports von Dr. Ludwig Sinzheimer in Brauns Archiv fr soziale Gesetzgebung und Statistik. 8. Bd. 1895. S. 682 ff. [481] Vgl. R. Martin, Die Ausschlieung der verheirateten Frauen aus der Fabrik. Tbingen 1897. S. 41. Der Verfasser sttzt sich unter anderem auf Mi Collets Untersuchungen, nach denen, wie schon erwhnt wurde, die Anzahl der verheirateten Arbeiterinnen viel zu niedrig angegeben wurde. [482] Vgl. Die Beschftigung verheirateter Frauen in Fabriken. Nach den Jahresberichten der Gewerbeaufsichtsbeamten fr das Jahr 1899 bearbeitet vom Reichsamt des Innern. Berlin 1901. S. 256 ff. [483] Ergebnisse der ber die Frauen- und Kinderarbeit in den Fabriken auf Beschlu des Bundesrats angestellten Erhebungen. Berlin 1877. S. 76 ff. [484] A. Thun, Die Industrie am Niederrhein. Leipzig 1879. S. 218. [485] Th. Leipart, Die Lage der Arbeiter in Stuttgart. Stuttgart 1900. [486] Elis. Gnauck-Khne, Die Lage der Arbeiterinnen in der Berliner Papierwarenindustrie. Berlin 1896. S. 32. [487] Vgl. Die Arbeits- und Lohnverhltnisse der Wiener Lohnarbeiterinnen. Ergebnisse und stenographisches Protokoll der Enqute ber Frauenarbeit. Wien 1897. [488] Vgl. J. Singer, Untersuchungen ber die sozialen Zustnde in den Fabrikbezirken des nordstlichen Bhmens. Leipzig 1885. S. 117. [489] Vgl. Office du Travail. Salaires et Dure du Travail dans L'Industrie franaise, t. IV. Paris 1892-99. p. 210 ff. [490] Vgl. L. Belloc, Le Travail des Femmes en Italie. Milan 1894. p. 12 ff. [491] Vgl. Royal Commission of Labor. Employment of Women. London 1893. p. 35 ff., 68 ff. [492] Vgl. 4th Annual Report of the Commission of Labor. Working Women in large Cities. Washington 1888. p. 68 f., 520 ff. [493] Vgl. H. Herkner, Die oberelsssische Baumwollindustrie und ihre Arbeiter. Straburg i.E. 1887. S. 308. [494] Vgl. F. Wrishoffer, Die soziale Lage der Fabrikarbeiter in Mannheim. Karlsruhe 1891. S. 142 ff. [495] Vgl. Sydney and Beatrice Webb, Problems of modern Industry. London 1898. p. 48. [496] Vgl. Elis. Gnauck-Khne, a.a.O., S. 54. [497] Vgl. Jahresberichte der Gewerbeaufsichtsbeamten fr das Jahr 1899, Berlin 1900. III. Bd. S. 342 ff. [498] Vgl. A.N. Meyer, Woman's Work in America, a.a.O., p. 306. [499] Vgl. Office du Travail. Salaires et Dure du Travail dans L'Industrie franaise. Paris 1892-99. t. II. p. 190 ff., 292 ff. [500] Vgl. Eleventh Annual Report of the Commissionar of Labor. Work and Wages of Men, Women and Children. Washington 1894. p. 514 ff. [501] Vgl. S. and B. Webb, Problems etc., a.a.O., p. 52. [502] Vgl. Board of Trade, Sixth annual Abstract of Labors Statistics of the United Kingdoms. London 1900. p. 122 ff. [503] Vgl. Hobson, Evolution of modern Capitalisme, a.a.O., p 298. [504] Vgl. Sydney and Beatrice Webb, Problems etc., a.a.O., p. 59, und Die Beschftigung verheirateter Frauen in Fabriken, a.a.O., S. 26. [505] Vgl. S. and B. Webb, Problems, a.a.O., p. 94, und E. Tregear, Die Fabrikgesetzgebung in Neu-Seeland. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik. LXXXVII. 4. Bd. S. 251. [506] Vgl. Royal Commission of Labor. Employment of Women. London 1894. p. 290 f. [507] A.a.O., p. 281. [508] A.a.O., p. 285. [509] A.a.O., p. 135. [510] A.a.O., p. 100. [511] Vgl. L. Belloc, a.a.O., p. 28. [512] Vgl. Elisabeth Gnauck-Khne, a.a.O., S. 55. [513] Vgl. Groherzoglich Badische Fabrikinspektion, Die soziale Lage der Pforzheimer Bijouteriearbeiter. Karlsruhe 1901. S. 63 u. 116. [514] Vgl. z.B. die Schrift von Ludwig Pohle, Frauenfabrikarbeit und Frauenfrage, Leipzig 1900, deren Verfasser die Not als wichtigste Ursache der Arbeit verheirateter Frauen einfach leugnet. Er war klug genug, dies vor dem Erscheinen der deutschen Gewerbeaufsichtsberichte fr 1899 zu thun, sonst htte er seine ganze Arbeit im Papierkorb verschwinden lassen mssen. [515] Vgl. Jahresberichte der Gewerbeaufsichtsbeamten fr das Jahr 1899. Berlin 1900. 4 Bnde. [516] Vgl. Jahresberichte der Gewerbeaufsichtsbeamten, a.a.O., Bd. III, S. 906 f. [517] Vgl. Office du Travail. Salaires et Dure du Travail etc., a.a.O., t. IV., p. 26 ff., 285 f., und Handwrterbuch der Staatswissenschaften. Jena 1900, 2. Aufl. 6. Bd. S. 734. [518] Vgl. Office du Travail, a.a.O., t. IV, p. 26 u. 277, und Clara Collet, Changes etc., a.a.O., p. 54. [519] Vgl. E. Hirschberg, Die soziale Lage der arbeitenden Klassen in Berlin. Berlin 1897. S. 229 f. [520] Vgl. Die Arbeits- und Lebensverhltnisse der Wiener Lohnarbeiterinnen. Wien 1897, passim. [521] Vgl. Comte d'Haussonville, Salaires et Misres de Femmes. Paris 1900. p. 29. [522] Vgl. Ch. Benoist, Les Ouvrires de l'Aiguille Paris, Paris 1895. p. 106. [523] Vgl. Wrishoffer, Die soziale Lage der Fabrikarbeiter in Mannheim. Karlsruhe 1891. S. 230. [524] Vgl. a.a.O., S. 228 f.; Gnauck-Khne, a.a.O., S. 60. Die soziale Lage der Pforzheimer Bijouteriearbeiter, a.a.O., S. 155. [525] Vgl. Die Arbeits- und Lebensverhltnisse der Wiener Arbeiterinnen, passim. [526] Vgl. Hirschberg, a.a.O., S. 33 f. [527] Vgl. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik. XXXI. Bd. 2. S. 206. [528] A.a.O., S. 342 ff. [529] Vgl. Sozialpolitisches Centralblatt 1892. Nr. 18. S. 196. [530] Vgl. Wrishoffer, a.a.O., S. 208 f., und Drucksachen der Kommission fr Arbeitsstatistik. Verhltnisse in der Wschekonfektion. Verhandlungen Nr. 11, S. 13. [531] Vgl. Die Beschftigung verheirateter Frauen in Fabriken, a.a.O., S. 113. [532] A.a.O., S. 114. [533] Vgl. Herkner, a.a.O., S. 305; Feig, a.a.O., S. 90; Gnauck-Khne, a.a.O., S. 64; Die Beschftigung verheirateter Frauen in Fabriken, a.a.O., S. 119. [534] Vgl. Wrishoffer, a.a.O., S. 227 ff. [535] Vgl. Amtliche Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten fr das Jahr 1899, passim. [536] Vgl. Dr. Agnes Bluhm, Hygienische Frsorge fr Arbeiterinnen und deren Kinder. Weyls Handbuch der Hygiene. 8. Bd. I. Teil. S. 85 f. [537] Vgl. Die Beschftigung verheirateter Frauen in Fabriken, a.a.O. S. 64 ff. [538] Vgl. Agnes Bluhm, a.a.O., S. 87. [539] Vgl. Netolitzky, Hygiene der Textilindustrie. Weyls Handbuch der Hygiene. 8. Bd. 2. Tl. S. 1012 ff. [540] Vgl. Schuler und Burkhardt, Untersuchungen ber die Gesundheitsverhltnisse in der Schweiz. Archiv fr Hygiene. 1894. 2. Bd. [541] Vgl. Netolitzky, a.a.O., S. 1039 f. [542] Royal Commission of Labour. Employment of Women, a.a.O., p. 100 f. [543] Vgl. Netolitzky, a.a.O., S. 1023 ff. [544] Vgl. Singer, a.a.O., S. 81. [545] Vgl. Royal Commission of Labour, a.a.O., p. 53. [546] A.a.O., p. 151 ff. [547] Vgl. Heinzerling, Anorganische Betriebe. Weyls Handbuch der Hygiene. 8. Bd. 2. Tl. S. 655 f. [548] Vgl. Dr. Deborah Bernson, Ncessite d'une Loi protectrice pour la Femme ouvrire. Lille 1899. p. 41 f. [549] Vgl. Helbig, Phosphor und Zndwaren. Weyls Handbuch, a.a.O. S. 768 ff. [550] Vgl. Sonne, Hygiene der keramischen Industrie, a.a.O., S. 924 ff. [551] Vgl. Bruno Schnlank, Die Frther Quecksilber-Spiegelbelegen und ihre Arbeiter. Neue Zeit. 1887. S. 256 ff. [552] Vgl. F. Pelloutier, La Vie ouvrire en France. Paris 1901. p. 105. [553] Vgl. Barberet, Le Travail en France. 1889. t. 5. p. 316. [554] Vgl. P. Stramann, Die Einwirkung der Nhmaschinenarbeit auf die weiblichen Genitalorgane. Therapeutische Monatsschrift. Juni 1898. S. 343 ff.--Netolitzky, a.a.O., S. 1109 f. Die Beschftigung verheirateter Frauen in Fabriken, a.a.O., S. 99 ff. [555] Vgl. Herkner, a.a.O., S. 312 f.--Die Beschftigung verheirateter Frauen in Fabriken, a.a.O., S. 38 ff.--Die soziale Lage der Pforzheimer Bijouteriearbeiter, a.a.O., S. 123 ff. [556] Vgl. F. Wurm, Die Lebenshaltung deutscher Arbeiter. Dresden 1892. S. 107 f. [557] Vgl. M. Neefe, Die Hauptergebnisse der Wohnungsstatistik deutscher Grostdte. Leipzig 1886. [558] Vgl. E. von Philippowich, Wiener Wohnungsverhltnisse. Brauns Archiv fr soziale Gesetzgebung und Statistik. Bd. 7. 1894. S 215 ff. [559] Vgl. Amtliche Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten, a.a.O., Bd. I, S. 99, Bd II., S. 373, Bd. IV, S. 282 ff. [560] Vgl. E. Wurm, a.a.O, S. 57. [561] Vgl. J. Singer, a.a.O, S. 72. [562] Vgl. Amtliche Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten, a.a.O., Bd. IV. S. 283 ff. [563] Vgl. Die Beschftigung verheirateter Frauen in Fabriken, a.a.O, S. 36 f. u. 122 f. [564] Vgl. Porak, Du Passage des Substances trangres l'Organisme travers le placenta. Archives de Mdecine exprimentale et d'Anatomie pathologique 1894. p. 203 ff. [565] Vgl. Dr. Agnes Bluhm, Hygienische Frsorge fr Arbeiterinnen und deren Kinder. Weyls Handbuch der Hygiene. 8. Bd. I. Teil. S. 92. [566] Vgl. Hirschberg, a.a.O, S. 51 f. [567] Vgl. A. Thun, a.a.O, S. 67. [568] Vgl. Helen Campbell, Woman Wageearner, a.a.O, p. 91. [569] Vgl. Hirschberg, a.a.O, S. 82. [570] Vgl. Amtliche Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten, a.a.O, Bd. II. S. 857. [571] Vgl. R. Martin, Die Ausschlieung der verheirateten Frauen aus der Fabrik. Tbingen 1897. S. 69 f. [572] Vgl. El. Gnauck-Khne, a.a.O, S. 34. [573] Vgl. Hirt, Die gewerbliche Thtigkeit der Frauen vom hygienischen Standpunkt aus. Breslau 1873. S. 16 ff. [574] Vgl. Dr. Deborah Bernson, a.a.O, p. 41. [575] Vgl. Bruno Schnlank, Die Frther Quecksilberspiegelbelegen und ihre Arbeiter. Neue Zeit. 1887. S. 259. [576] Vgl. Hirt, Die Gasinhalationskrankheiten und die gewerbliche Vergiftung. Pettenkofers Handbuch der Hygiene. 2. Band. 2. Abschnitt. S. 91 ff. [577] Vgl. Bericht der k.k. Gewerbe-Inspektion ber die Heimarbeit in Oesterreich. Herausgegeben vom k.k. Handelsministerium. Wien 1900. I. Bd. S. 271 ff. [578] A.a.O., S. 264. [579] A.a.O., S. 233. [580] A.a.O., S. 273. [581] A.a.O., S. 257. [582] A.a.O., S. 277 ff. [583] A.a.O., S. 277. [584] A.a.O., S. 244 und 250 f. [585] A.a.O., S. 253. [586] A.a.O., S. 236 und 257. [587] A.a.O., S. 259. [588] A.a.O., S. 235. [589] A.a.O., S. 241. [590] A.a.O., S. 239. [591] A.a.O., S. 241. [592] Vgl. Office du Travail. Les Industries Domicile en Belgique. Bruxelles 1900. Vol. II. p. 28 f. [593] A.a.O., p. 72 ff. [594] A.a.O., p. 94. [595] A.a.O., p. 145. [596] Vgl. Netolitzky, a.a.O, S. 1058 f. [597] Vgl. L. Bonnevay, Les Ouvrieres lyonnaises Domicile. Lyon 1896, p. 15 f. [598] A.a.O., p. 75. [599] Vgl. Berichte der k.k. Fabrikinspektion, a.a.O, S. 385 ff. [600] A.a.O., S. 340. [601] Vgl. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik. LXXXVI. 2. Bd.--Elisabeth v. Richthofen, Die Perlenstickerei im Kreise Saarburg. S. 343 ff. [602] Vgl. Bonnevay, a.a.O, p. 76. [603] Vgl. Ch. Benoist, a.a.O, p. 93. [604] Vgl. L. Bein, Die Industrie des schsischen Vogtlands. Leipzig 1884. 2. Tl. S. 419 ff. [605] Vgl. Leroy-Beaulieu, a.a.O, p. 80 f. [606] Vgl. Berichte der k.k. Fabrikinspektion, a.a.O, S. 363 ff. [607] Vgl. G. Degreef, L'Ouvrire dentellire en Belgique. Bruxelles 1886. p. 86 f. [608] A.a.O., p. 51 f. [609] Vgl. Bonnevay, a.a.O, p. 15 ff. [610] Vgl. Barberet, a.a.O, Vol. 5, p. 375; Leroy-Beaulieu, a.a.O, p. 220.--Degreef, a.a.O, p. 88 f. [611] Vgl. Lady Dilke, The industrial Position of Women. London. p. 6 f. [612] Vgl. Berichte der k.k. Fabrikinspektion, a.a.O, S. 51 ff. [613] A.a.O., S. 42 f. [614] Vgl. E. Sax, Die Hausindustrie in Thringen. I. Teil. Jena 1882. S. 112 f. [615] Vgl. Les Industries Domicile en Belgique, a.a.O., Vol. II, p. 59 ff. [616] Vgl. Amtliche Berichte der Gewerbeinspektoren fr das Jahr 1899. Bd. III. S. 414. [617] Vgl. E. Jaff, Hausindustrie und Fabrikbetrieb in der deutschen Cigarrenfabrikation. Schriften d. Ver. f. Sozialpolitik. LXXXVI. 3. Bd. S. 314 u. 322. [618] A.a.O., S. 312 f. [619] A.a.O., S. 322 f. [620] Helen Campbell, a.a.O., p. 225. [621] Vgl. E. Sax, a.a.O., 1. Teil, S. 36 ff. [622] A.a.O., S. 43. [623] A.a.O., S. 51. [624] A.a.O., 2. Teil, Jena 1884, S. 57. [625] Vgl. O. Stillich, Die Spielwarenindustrie des Meininger Oberlands. Jena 1899. S. 14. [626] A.a.O., S. 55 ff. [627] A.a.O., S. 66. [628] A.a.O., S. 10 f. [629] A.a.O., S. 19 f. [630] Vgl. W. Uhlfelder, Die Zinnmalerinnen in Nrnberg und Frth. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik. LXXXIV. I. Bd. S. 155 ff. [631] Vgl. Ergebnisse der Ermittelungen ber die Lohnverhltnisse in der Wschefabrikation und der Konfektionsbranche sowie ber den Verkauf oder die Lieferung von Arbeitsmaterial (Nhfaden u.s.w.) seitens der Arbeitgeber an die Arbeiterinnen. Stenographischer Bericht ber die Verhandlungen des Reichstags. VII. Legislaturperiode, I. Session, 1887. Bd. III. [632] Vgl. J. Timm, Soziale Bilder aus der Berl. Konfektion. Sozialpolitisches Centralblatt. IV. Jahrg. [633] Vgl. Verhandlungen der Kommission fr Arbeiterstatistik. Nr. 10-13. Berlin 1896. [634] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, Die hausindustriellen Arbeiterinnen in der Berliner Blusen-, Unterrock-, Schrzen- und Trikotfabrikation. Leipzig 1898. [635] Vgl. Gustav Lange, Die Hausindustrie Schlesiens. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik. XXXIX. 1. Bd. [636] Vgl. E. Jaff, Westdeutsche Konfektion. Schriften d. Vereins f. Sozialpolitik. LXXXVI. 3. Bd. [637] Vgl. Hans Grandke, Berliner Kleiderkonfektion. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik. LXXXV. 2. Bd. [638] Vgl. Hans Grandke, a.a.O, S. 189. [639] Vgl. Verhandlungen der Kommission fr Arbeiterstatistik, a.a.O, Nr. 10, S. 205. [640] Vgl. Verhandlungen, a.a.O, S. 196. [641] Vgl. Verhandlungen, a.a.O, Nr. 10 bis 12, und Grandke, a.a.O, S. 194 ff. [642] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 20 ff. [643] Hans Grandke, a.a.O, S. 383. [644] A.a.O., S. 247 f. [645] A.a.O., S. 251. [646] Vgl. Oda Olberg, Das Elend in der Hausindustrie der Konfektion. Leipzig 1896. S. 51. [647] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 47 f. [648] Vgl. E. Jaff, a.a.O, S. 163 ff. [649] Vgl. J. Feig, Hausgewerbe und Fabrikbetrieb in der Berliner Wscheindustrie. Leipzig 1896. S. 60 ff. [650] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 59. [651] Vgl. Gustav Lange, Die Hausindustrie Schlesiens. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik. XXXIX. 1. Bd. S. 123 f. [652] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 88 f. [653] Vgl. Die Arbeits- und Lebensverhltnisse der Wiener Arbeiterinnen, a.a.O, S. 163, 604. [654] Vgl. Berichte der k.k. Gewerbe-Inspektion, a.a.O., S. 435. [655] Vgl. Office du Travail. La petite Industrie, t. II. Le Vtement Paris. Paris 1896. p. 495 ff. [656] A.a.O., p. 503 ff. [657] Vgl. Charles Benoist, a.a.O., p. 80 ff. [658] A.a.O., p. 70 ff. [659] Vgl. Office du Travail. La petite Industrie, a.a.O., t. II, p. 526 ff. [660] Vgl. Benoist, a.a.O., p. 107 f. [661] Vgl. Comte d'Haussonville, a.a.O., p. 81 ff. [662] Vgl. Benoist, a.a.O., p. 114 f. [663] Vgl. Bonnevay, a.a.O., p. 70 ff. [664] Vgl. Second Report from the select Committee of the House of Lords on the Sweating System. London 1888. p. 585 f. [665] Vgl. M.H. Irwin, Home Work amongst Women. Glasgow 1896. Vol. I. p. 1 ff. [666] Vgl. Charles Booth, Life and Labour of the People. London 1893. Vol. IV. p. 50 ff. [667] A.a.O., p. 271. [668] A.a.O., p. 55 f. [669] Vgl. Florence Kelley, Das Sweating-System in den Vereinigten Staaten. In Brauns Archiv, 12. Bd. Berlin 1898. S. 212 f. [670] Vgl. Hull-House. By Residents of Hull-House. New-York 1895. p. 33 ff. u. 82 ff. [671] A.a.O., p. 37. [672] Vgl. Helen Campbell, a.a.O., p. 129 ff. [673] Vgl. Anna S. Daniel, a.a.O., p. 625. [674] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O., S. 68. [675] Vgl. J. Feig, a.a.O., S. 70 f. [676] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O., S. 45. [677] Vgl. Hans Grandke, a.a.O., S. 321 f. [678] Vgl. Hans Grandke, a.a.O., S. 314 ff. [679] Vgl. Anna S. Daniel, a.a.O., p. 629. [680] Vgl. Florence Kelley, Gesetzliche Einschrnkung der Heimarbeit in Nordamerika. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik. LXXXVII. Leipzig 1899. 4. Bd. S. 213. [681] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 29 und 45. [682] Vgl. Oda Olberg, a.a.O, S. 79 ff. [683] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 63 f. [684] Vgl. Hans Grandke, a.a.O., S. 270 f.--Kuno Frankenstein, a.a.O., S. 13 f.--Ergebnisse der Ermittlungen ber die Lohnverhltnisse in der Konfektion, a.a.O., S. 701 ff.--Comte d'Haussonville, a.a.O., p. 20 ff. [685] Vgl. Alfred Weber, Die Entwicklungsgrundlagen der grostdtischen Frauenhausindustrie. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik. LXXXV. 2. Bd. S. XXXIX ff. [686] Vgl. Alfred Weber, Die volkswirtschaftliche Aufgabe der Hausindustrie. Schmollers Jahrbuch. N.F. 25. Jahrg. 2. Heft. Leipzig 1901. S. 23. [687] Vgl. E. Jaff, Westdeutsche Konfektion, a.a.O., S. 116 ff.--J. Timm, a.a.O., S. 294.--Working Women in large Cities, a.a.O., p. 26. [688] Vgl. Office du Travail. La petite Industrie, t. II. p. 666.--Alfr. Weber, Die Entwicklungsgrundlagen etc., a.a.O., S. XXXVI. [689] Vgl. z.B. M.H. Irwin, a.a.O., p. 8 f.--Feig, a.a.O., S. 51 ff.--G. Dyhrenfurth, a.a.O., S. 67.--E. Jaff, a.a.O., S. 151. [690] Vgl. M.H. Irwin, a.a.O., p. I--XVII.--Home Industries of Women in London, p. 12 ff.--Charles Booth, a.a.O., Vol. I, p. 61.--Hans Grandke, a.a.O., S. 267.--Gustav Lange, a.a.O., S. 136 f. [691] Vgl. Royal Commission of Labour. Employment of Women, a.a.O., p. 269.--Charles Booth, a.a.O., p. 295.--Working Women in large Cities, a.a.O., p. 15 f.--Ergebnisse der Ermittelungen ber die Lohnverhltnisse der Arbeiterinnen in der Konfektion, a.a.O., S. 703 ff.--Verhandlungen der Kommission fr Arbeiterstatistik, a.a.O., Nr. II, S. 18.--E. Jaff, a.a.O., S. 118 ff.--E. Neubert, Hausindustrie in den Regierungsbezirken Erfurt und Merseburg. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik. XXXIX. I. Bd. S. 118 ff.--Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O., S. 69.--Alfred Weber, Das Sweating-System in der Konfektion, in Brauns Archiv, Bd. 10, 1897, S. 518. [692] Vgl. Feig, a.a.O., S. 112. [693] Vgl. G. Schnapper-Arndt, Fnf Dorfgemeinden auf dem Hohen Taunus. Leipzig 1889. S. 72 ff.--Alfred Weber, Die Hausindustrie und ihre gesetzliche Regelung, Verhandlungen des Vereins fr Sozialpolitik. Leipzig 1900. S. 13. [694] Vgl. P. Adler, Die Lage der Handlungsgehilfen gem den Erhebungen der Kommission fr Arbeiterstatistik. Stuttgart 1900. S. 54. [695] Vgl. J. Silbermann, Zur Entlohnung der Frauenarbeit. Schmollers Jahrbuch. N.F. Bd. XXIII. S. 1416. [696] Vgl. Silbermann, a.a.O., S. 1418. [697] A.a.O., S. 1441. [698] Vgl. Laura Krause, Die Lage der Handelsgehilfinnen in Leipzig. Soziale Praxis. 28. September 1899. S. 1373 ff. [699] Vgl. Julius Meyer, Die Ausbildung und Stellung der Handlungsgehilfin in Berlin. Berlin 1893. S. II. [700] A.a.O., S. 18. [701] Vgl. Working Women in large Cities, a.a.O., p. 532 ff. [702] Vgl. Julius Meyer, a.a.O., S. 18. [703] Vgl. Royal Commission of Labour. Employment of Women. p. 6 ff., 234 ff. [704] A.a.O., p. 85 ff., 234 ff. [705] Vgl. Paul Adler, a.a.O., S. 35 [706] Vgl. Erhebungen ber Arbeitszeit, Kndigungsfristen und Lehrlingsverhltnisse im Handelsgewerbe. September-Oktober 1892. Berlin 1893. Tabelle X. [707] Vgl. Royal Commission of Labour. The Employment of Women, a.a.O., p. 3 ff., 85 ff. [708] Vgl. Erhebungen, a.a.O., Tabelle V bis VIII. [709] Vgl. Royal Commission of Labour, a.a.O., p. 85. [710] Vgl. a.a.O.--Vernehmungen von Auskunftspersonen ber Arbeitszeit, Kndigungsfristen und Lehrlingsverhltnisse im Handelsgewerbe. 9. bis 10. Nov. 1894. S. 47 u. 112 ff. [711] Vgl. Vernehmungen, a.a.O., S. 47, 112 ff. [712] Thomas Sutherst, Death and Disease behind the Counter. London 1884. p. 38 f. [713] Vgl. Working Women in large Cities, a.a.O., p. 17, 20 f. [714] Vgl. Vernehmungen, a.a.O., S. 47, 112 ff. [715] Vgl. Thomas Sutherst, a.a.O., p. 20 ff. und Royal Commission of Labour, a.a.O., p. 3 ff. [716] Vgl. Erhebungen, Teil I, a.a.O., Tabelle III. [717] A.a.O., S. 79. [718] Vgl. Vernehmungen, a.a.O., S. 104. [719] Vgl. Adler, a.a.O., S. 62 f. [720] Vgl. Royal Commission of Labour, a.a.O., p. 3 ff., 287 f.--Sutherst, a.a.O., p. 20 ff. [721] Vgl. Royal Commission of Labour, a.a.O., p. 6 ff., 243 f.--Julius Meyer, a.a.O., S. 22. [722] Vgl. Paul Adler, a.a.O., S. 28 ff. [723] A.a.O., S. 141. [724] Vgl. J. Silbermann, a.a.O., S. 1420. [725] Vgl. P. Adler, a.a.O., S. 32 ff.--Vernehmungen, a.a.O., S. 94. [726] Vgl. Royal Commission of Labour, a.a.O., p. 6 ff., 286 f., 318.--Sutherst, a.a.O., p. 128.--J. Silbermann, Die Lage der deutschen Handelsgehilfen, in Brauns Archiv. Bd. IX. 1896. S. 363. [727] Vgl. Sutherst, a.a.O., S. 138. [728] Vgl. Statistik des Deutschen Reichs. Neue Folge. Bd. 119. Gewerbe und Handel im Deutschen Reich. Berlin 1899. S. 42. [729] Vgl. M. Weber, Die Lage der Landarbeiter im ostelbischen Deutschland. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik. LV. 3. Bd. S. 18 ff. [730] Vgl. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik. Die Verhltnisse der Landarbeiter in Deutschland. Leipzig 1892. 1. Bd. S. 3. [731] Vgl. K. Kautsky, Die Agrarfrage. Stuttgart 1899. S. 166. [732] Vgl. M. Weber, Entwicklungstendenzen in der Lage der ostelbischen Landarbeiter, in Brauns Archiv. 7. Bd. 1894. S. 2 ff.--G. Herkner, Die Arbeiterfrage. 2. Aufl. Berlin 1897. S. 210. [733] Vgl. T.G. Spyers, The Labour Question. London 1894. p. 214 f. [734] Vgl. Von der Goltz, Die lndliche Arbeiterklasse und der preuische Staat. Jena 1893. S. 5 ff. [735] Vgl. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik, LIII, 1. Bd., S. 40 f. 110 ff., 177 ff. und 261 f. [736] A.a.O., Bd. 1, S. 15 f., Bd. 2, S. 420 ff. [737] A.a.O., Bd. 1, S. 261 f. [738] Vgl. H. Baudrillard, Les Populations agricoles en France. Paris 1885. t. I. p. 337 ff. [739] Vgl. K. Frankenstein, Die Arbeiterfrage in der deutschen Landwirtschaft. Berlin 1893. S. 21. [740] Vgl. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik, LIII, 2. Bd., S. 367 ff. K. Kaerger, Die Sachsengngerei. Berlin 1890. S. 165. [741] Vgl. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik, LIII, 2. Bd. S. 440. [742] A.a.O., S. 94 f. [743] Vgl. Goltz, Die Lage der lndlichen Arbeiter im Deutschen Reich. Berlin 1875. S. 448. [744] Vgl. Barberet, a.a.O., t. VI, p. 322. [745] Vgl. Baudrillard, a.a.O., t. I, p. 608 f. und 337 f. [746] A.a.O., t. III, p. 443. [747] Vgl. Royal Commission on Labour. The agricultural Labourers. London 1894. Vol. V, Part 1, p. 160 f. [748] Vgl. Baudrillard, a.a.O., t. II, p. 385 und 184. [749] Vgl. K. Kaerger, a.a.O., S. 257. [750] A.a.O., S. 43. [751] Vgl. Herkner, a.a.O., S. 212 f. [752] Vgl. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik, LIII, Bd. I, S. 134. [753] A.a.O., S. 98. [754] Vgl. Kaerger, a.a.O., S. 59. [755] A.a.O., S. 58 f. [756] A.a.O., S. 54. [757] Vgl. Kaerger, a.a.O., S. 41. [758] Vgl. Kaerger, a.a.O., S. 43. [759] Vgl. Kaerger, a.a.O., S. 55. [760] Vgl. Herkner, a.a.O., S. 212 f. [761] Vgl. Kautsky, a.a.O., S. 269. [762] Vgl. Weber, a.a.O., S. 240 und Herkner, a.a.O., S. 212 f. [763] Vgl. Wagner, Die geschlechtlich-sittlichen Verhltnissen der evangelischen Landbewohner im Deutschen Reich. Leipzig 1895. Bd. I. S. 46 [764] Vgl. M. Weber, Die Verhltnisse der Landarbeiter im ostelbischen Deutschland. Leipzig 1892. S. 143. [765] Vgl. Wagner, a.a.O., S. 220. [766] A.a.O., S. 28. [767] Vgl. Weber, a.a.O., S. 192. [768] Vgl. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik, a.a.O., 1. Bd. S. 121. [769] Vgl. Herkner, a.a.O., S. 251. [770] Vgl. Ascher, Die lndlichen Arbeiterwohnungen in Preuen. Berlin 1897. [771] Vgl. Weber, a.a.O., S. 553. [772] Vgl. Ascher, a.a.O., S. 37 f. [773] Vgl. Baudrillard, a.a.O., t. II, p. 205. [774] A.a.O., p. 608 ff. [775] A.a.O., t. III, p. 200. [776] Vgl. Wagner, a.a.O., I, S. 44. [777] A.a.O., I, S. 81. [778] A.a.O., I, S. 45 u. 73. [779] A.a.O., II, S. 309. [780] A.a.O., I, S. 46. [781] Vgl. Wagner, a.a.O., I, S. 198. [782] A.a.O., I, S. 32. [783] Vgl. Herkner, a.a.O., S. 209. [784] Vgl. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik, LIII, 2. Bd., S. 484 ff. [785] Vgl. M. Weber, Entwicklungstendenzen etc., a.a.O., S. 23. [786] Vgl. M. Weber, a.a.O., S. 24. [787] Vgl. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik, LIII, S. 265, 280, 322, 323, 411, 427. [788] Vgl. O. Stillich, Die Lage der Dienstmdchen in Berlin. Berlin 1901. [789] Vgl. Board of Trade, Labour Department. Report by Mi Collet on the Money Wages of indoor Domestic Servants. London 1899. [790] Booth, a.a.O., Vol. VIII, p. 217. [791] Mi Collet, a.a.O., p. 14 ff. [792] Vgl. Lucy Maynard Salmon, Household Service. Second Edition. New-York 1901. p. 96. [793] Vgl. Dokumente der Frauen, a.a.O., Bd. II, Nr. 21, S. 588. [794] Vgl. Booth, a.a.O., Vol. VIII, p. 219. [795] Vgl. O. Stillich, a.a.O. [796] Vgl. Anton Menger, Das brgerliche Recht und die besitzlosen Volksklassen. In Brauns Archiv fr soziale Gesetzgebung u. Statistik. Bd. II. 1889. S. 463. [797] Vgl. Drucksachen der Kommission fr Arbeiterstatistik. Erhebungen Nr. 9. Erhebung ber die Arbeits- und Gehaltsverhltnisse der Kellner und Kellnerinnen. 2. Teil. Berlin 1895. S. 77. [798] Vgl. Dokumente der Frauen, Bd. II, Nr. 23, S. 663. [799] Vgl. Stillich, a.a.O. [800] A. a. O. [801] Vgl. Lucy Salmon, a.a.O., p. 143 ff. [802] Vgl. Stillich, a.a.O. [803] Vgl. Miss Collet, a.a.O., p. 29 f. [804] Vgl. hierfr die lebendigen Schilderungen in Clara Viebigs Roman: Das tgliche Brot. Berlin 1901. 2 Bde. [805] Vgl. Edmond et Jules de Goncourt, Germinie Lacerteux. Nouvelle dition. Paris 1896. [806] Vgl. Octave Mirbeau, Le Journal d'une Femme de chambre. Paris 1901. p. 347 f. [807] Vgl. Statistisches Jahrbuch der Stadt Berlin. 1899. S. 596. [808] Vgl. Statistisches Jahrbuch der Stadt Berlin. 1900. S. 158. [809] Vgl. Dokumente der Frauen, Bd. II, Nr. 21, S. 585. [810] Vgl. Stillich, a.a.O. [811] Vgl. Stillich, a.a.O. [812] Vgl. Dokumente der Frauen, a.a.O., S. 586. [813] Vgl. Statistik des Deutschen Reichs. Neue Folge. Bd. III. S. 141 [814] Vgl. Helen Campbell, Prisoners of Poverty. Boston 1900. p. 221 ff. [815] Vgl. Wagner, a.a.O., 2. Bd., S. 309. [816] Vgl. Wagner, a.a.O., 2. Bd., S. 309. [817] Vgl. Working Women in large Cities, a.a.O., p. 75. [818] Vgl. Berliner Statistisches Jahrbuch fr Volkswirtschaft. Berlin 1874. [819] Vgl. Octave Mirbeau, a.a.O., p. 212 f. [820] Vgl. G. Schnapper-Arndt, Die Dienstbotenfrage, Internationaler Kongre fr Frauenwerke und Frauenbestrebungen in Berlin, 19.-26. September 1896. Berlin 1897. S. 405. [821] Vgl. Brieux' ergreifendes Drama: Les Remplaantes, Paris 1901, das mit rcksichtsloser Wahrhaftigkeit diese Zustnde schildert. [822] Vgl. Helen Campbell, a.a.O., p. 240 ff. [823] Vgl. Gewerbe und Handel im Deutschen Reich. Statistik des Deutschen Reichs. N. F. Band 119. Berlin 1899. S. 26* und 30. [824] Vgl. Royal Commission of Labour. Employment of Women, a.a.O., p. 17 und 21 ff. [825] Vgl. Anna S. Daniel, a.a.O., p. 631 f. [826] Vgl. Drucksachen der Kommission fr Arbeiterstatistik. Erhebungen Nr. 6. Erhebung ber die Arbeits- und Gehaltsverhltnisse der Kellner und Kellnerinnen. Berlin 1894. S. 132 f.--Royal Commission on Labour. Employment of Women. p. 288. [827] Vgl. Referat des Mnchener Schulrats Dr. Kerschensteiner in der Sitzung der kniglichen Lokalschulkommission am 22. 3. 1900. [828] Vgl. Dr. Arthur Cohen, Die Lohn- und Arbeitsverhltnisse der Mnchener Kellnerinnen. Brauns Archiv fr soziale Gesetzgebung und Statistik. V. Bd. 1892. S. 129. [829] A.a.O., S. 117. [830] Vgl. Karl Schneidt, Das Kellnerinnenelend in Berlin. Berlin 1893. S. 28. [831] Vgl. Royal Commission of Labour. Employment of Women, a.a.O., p. 197 ff. [832] Vgl. Drucksachen der Kommission fr Arbeiterstatistik. Verhandlungen. Nr. 17. Anlage II. S. 54. [833] Vgl. F. Trefz, Das Wirtsgewerbe in Mnchen. Stuttgart 1899. S. 210. [834] Vgl. Cohen, a.a.O., S. 110. [835] Vgl. Drucksachen der Kommission fr Arbeiterstatistik. Erhebungen Nr. 6, a.a.O., S. 101 ff. [836] Vgl. Trefz, a.a.O., S. 208. [837] Vgl. Cohen, a.a.O., S. 112. [838] Vgl. Trefz, a.a.O., S. 216. [839] Vgl. Drucksachen der Kommission fr Arbeiterstatistik. Verhandlungen Nr. 16. Protokolle ber die Verhandlungen und die Vernehmung von Auskunftspersonen ber die Verhltnisse der in Gast- und Schankwirtschaften beschftigten Personen. Berlin 1899. S. 89. [840] Vgl. Drucksachen der Kommission fr Arbeiterstatistik. Verhandlungen Nr. 17, Anlage II, S. 66. [841] Vgl. Drucksachen der Kommission fr Arbeiterstatistik. Erhebungen Nr. 6, S. 136. [842] Vgl. Drucksachen der Kommission fr Arbeiterstatistik. Verhandlungen Nr. 16, S. 72. [843] Vgl. Trefz, a.a.O., S. 197. [844] Vgl. Drucksachen der Kommission fr Arbeiterstatistik. Verhandlungen Nr. 6, Tabelle VIIIb, S. 68-69. [845] Vgl. Trefz, a.a.O., S. 203. [846] Vgl. Trefz, a.a.O., S. 204. [847] Vgl. Jhering, Das Trinkgeld, 3. Aufl., Braunschweig 1889, S. 24 ff., und Cohen, a.a.O., S. 121. [848] Vgl. Karl Schneidt, a.a.O., S. 17. [849] Vgl. Karl Schneidt, a.a.O., S. 38. [850] Vgl. Karl Schneidt, a.a.O., S. 11 ff. [851] Vgl. Karl Schneidt, a.a.O., S. 52 f. [852] Vgl. Drucksachen der Kommission fr Arbeiterstatistik. Erhebungen Nr. 6, S. 125, und Verhandlungen Nr. 16, a.a.O., S. 81. [853] Vgl. Cohen, a.a.O., S. 114 f. [854] Vgl. Trefz, a.a.O., S. 218. [855] Vgl. Cohen, a.a.O., S. 113. [856] Vgl. Drucksachen der Kommission fr Arbeiterstatistik. Verhandlungen Nr. 17, Anlage II, S. 59. [857] Vgl. Royal Commission of Labour. Employment of Women, a.a.O., p. 199 f. und Cohen, Der Entwurf von Bestimmungen ber die Beschftigung von Gastwirtsgehilfen. Brauns Archiv fr soziale Gesetzgebung und Statistik. 17. Bd. 1901. [858] Vgl. H.F. Schmidt, Kellners Wohl und Weh. Basel 1899. S. 119. [859] Vgl. Trefz, a.a.O., S. 220 ff. [860] Vgl. Drucksachen der Kommission fr Arbeiterstatistik. Verhandlungen Nr. 16, a.a.O., S. 52. [861] Vgl. Lady Dilke, Trades Unions for Women. London. Women's Trade-Union-League. Ohne Datum. [862] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Geschichte des britischen Trade-Unionismus. Deutsch von R. Bernstein. Stuttgart 1895. S. 283 f. [863] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, Die gewerkschaftliche Bewegung unter den englischen Arbeiterinnen, in Brauns Archiv. Bd. VII. 1894. S. 166 ff. [864] Vgl. Office du Travail.--La petite Industrie, a.a.O., t. II, p. 669. [865] Vgl. Emma Ihrer, Die Organisationen der Arbeiterinnen Deutschlands. Berlin 1893. S. 4 f. [866] Vgl. Adeline Berger, Die zwanzigjhrige Arbeiterinnenbewegung Berlins und ihr Ergebnis. Berlin 1889. [867] Vgl. Korrespondenzblatt der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands. Nr. 34. II. Jahrg. 268, 26. August 1901. S. 542. [868] Vgl. Arbeiter-Bibliothek. 1. u. 2. Heft. Christliche Gewerkvereine. Ihre Aufgabe und Thtigkeit. M.-Gladbach 1900. S. 40 ff. [869] A.a.O., S. 54. [870] Vgl. Arbeiterinnenzeitung. Wien, 7. Juni 1900. [871] Vgl. Report by the chief Correspondent of the Board of Trade on Trade-Unions in 1899. London 1900. p. XVIII, XXII f., p. 128 ff. [872] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Die Geschichte des britischen Trade-Unionismus. Deutsch von R. Bernstein. Stuttgart 1895. S. 124. [873] Vgl. Annuaire des Syndicats professionnels, industriels, commerciaux et agricoles. Paris 1900. [874] Ein Vergleich der Organisierten mit smtlichen Arbeiterinnen der einzelnen Berufe lt sich nicht ziehen, weil die Einteilungen nicht bereinstimmen. [875] Vgl. A.N. Meyer, a.a.O., p. 298 f. [876] Vgl. Report of the international Congress of Women. Washington 1888. p. 144. [877] Vgl. A.N. Meyer, a.a.O., p. 300 f. [878] Vgl. Alzina Parsons Stevens, Die Gewerkvereine der Vereinigten Staaten, in Brauns Archiv. XII. Bd. Berlin 1898. S. 715. [879] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Theorie und Praxis der englischen Gewerkvereine. Deutsch von C. Hugo. Stuttgart 1898. 2. Bd. S. 43 ff. [880] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, a.a.O., 2. Bd., S. 46 f. [881] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Problems of modern Industry, p. 90 f. [882] Vgl. Das kommunistische Manifest, 5. deutsche Ausgabe, Berlin, 1891, S. 22. [883] Vgl. Verhandlungen des deutschen Reichstages. Dritte Legislatur-Periode. I. Session. 1877. 22. und 24. Sitzung. [884] Vgl. meinen Artikel: Die Frau in der Sozialdemokratie im Illustrierten Konversationslexikon der Frau. 2. Bd. S. 475 ff. [885] Vgl. Protokoll ber die Verhandlungen des Parteitags der sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Abgehalten zu Mainz vom 17. bis 21. September 1900. Berlin 1900. S. 247 ff. [886] Vgl. Klara Zetkin, Die Arbeiterinnen- und Frauenfrage der Gegenwart, Berlin 1894, und meine Broschre: Frauenfrage und Sozialdemokratie, Berlin 1896. [887] Vgl. Protokoll ber die Verhandlungen des Parteitags der sozialdemokratischen Partei Deutschlands, abgehalten zu Gotha 1896. Berlin 1896. S. 174. [888] Vgl. meine Broschre: Frauenarbeit und Hauswirtschaft. Berlin 1900. [889] Vgl. Charlotte Perkins Stetson, Women and Economics. London 1899. p. 242 ff. [890] Vgl. Lucy Maynard Salmon, Domestic Service. Second Edition. New-York 1901. p. 212 ff. [891] Vgl. August Bebel, Die Frau und der Sozialismus. 25. Aufl. Stuttgart 1895. S. 422 ff. [892] Vgl. Luise Otto-Peters, Das erste Vierteljahrhundert des Allgemeinen deutschen Frauenvereins, S. 18. [893] A.a.O., S. 62. [894] Fr alle Bestrebungen der Art vergl. fr Deutschland: Lina Morgenstern, Frauenarbeit in Deutschland. 2. Bd. Berlin 1893.--Fr England: Emily Janes, The English Woman's Yearbook. London 1901.--Fr Frankreich: Camille Pert, Le Livre de la Femme, Paris, 1901. Comte d'Haussonville, a.a.O., S. 46, 61, 64 ff.--Fr Amerika: Working Women in large Cities, a.a.O., p. 32 ff., 44 ff. [895] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Problems of modern Industry, p. 83. [896] Vgl. Luise Otto-Peters, a.a.O., S. 16. [897] Vgl. die stenographischen Kongreberichte in der Zeitung: "La Fronde" vom 6. und 7. September 1900. [898] Vgl. Luise Otto-Peters, a.a.O., S. 22. [899] A.a.O., S. 51. [900] A.a.O., S. 55. [901] A.a.O., S. 61 f. [902] Fr die Geschichte des Bundes vergl. Centralblatt des Bundes deutscher Frauenvereine, begrndet von Jeanette Schwerin. Herausgeben von Marie Stritt. 3 Jahrgnge und Marie Stritt und Ika Freudenberg, Der Bund deutscher Frauenvereine. Frankenberg 1900. [903] Vgl. Anna Simson, Der Bund deutscher Frauenvereine; was er will und was er nicht will. Breslau 1895. S. 9. [904] Vgl. Marie Stritt und Ika Freudenberg, a.a.O., S. 9. [905] Vgl. Marie Stritt und Ika Freudenberg, a.a.O., S. 13. [906] Vgl. Eliza Ichenhuser, Die Dienstbotenfrage und ihre Reform., Berlin 1900. [907] Vgl. London Congress. Women in Industrial Life, a.a.O., p. 86 ff. [908] Vgl. Mrs. Aldrich, The Management of a modern House, in: Women Workers, London 1900. p. 177. [909] Vgl. Charlotte Perkins Stetson, a.a.O., p. 245. [910] Vgl. Mathilde Weber, Unsere Hausbeamtinnen. Berlin 1895. [911] Vgl. Karl Marx, Das Kapital, 4. Aufl., Bd. I, S. 259. [912] Vgl. H. Herkner, Die Arbeiterfrage. 2. Aufl. Berlin 1897. S. 149 f. [913] Vgl. Amtliche Mitteilungen aus den Jahresberichten der Gewerbeaufsichtsbeamten. Berlin 1886 und 1898. passim. [914] Vgl. Annual Reports of the Board of Trade on Changes in Wages and Hours of Labour, London 1894 bis 1900, und die zusammenfassende Uebersicht im Seventh annual Abstract of Labour Statistics. London 1901. p. 116 ff. [915] Vgl. die Verhandlungen des Zricher Arbeiterschutzkongresses 1897.--Rudolf Martin, Die Ausschlieung der verheirateten Frauen aus der Fabrik. Tbingen 1897.--Ludwig Pohle, Frauenfabrikarbeit und Frauenfrage. Leipzig 1900. S. 10 ff.--Massachusetts Bureau of Labour Statistics 1875. p. 183 f. [916] Vgl. A. Thun, a.a.O., S. 202 ff. [917] Vgl. Royal Commission of Labour, Employment of Women, London 1894. p. 102. [918] Vgl. L. Pohle, a.a.O., S. 43. [919] A.a.O., S. 47. [920] A.a.O., S. 27. [921] Vgl. Die Beschftigung verheirateter Frauen in Fabriken, a.a.O., S. 63. [922] Vgl. Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten fr das Jahr 1899. Bd. I. S. 41, 165, 310, 354; Bd. II, S. 154 f.; Bd. IV, S. 165, 238, 413, 659. [923] Vgl. Maurice Ansiaux, Travail de Nuit des Ouvrires de l'Industrie dans les Pays trangers. Bruxelles 1898. [924] Vgl. J. Henrotte, La Rglementation internationale du Travail. Congrs international de Lgislation du Travail Bruxelles 1897. Bruxelles 1898. p. 129 ff. [925] Vgl. Soziale Rundschau, Wien. Mrz 1900. S. 426. [926] Vgl. Fifth and final Report of the Commission an Labour, Part I. London 1894. pag. 108. [927] Vgl. Eugen Schwiedland, Ziele und Wege der Heimarbeitsgesetzgebung. Wien 1899. S. 47 f. [928] Vgl. A. Thun, a.a.O., S. 21. [929] Vgl. Beatrice Webb, Sweating: its Cause and Remedy. Fabian Tract Nr. 50. London 1894 und Dieselbe, Comment en finir avec le Sweating System? In der Revue d'Economie politique. Paris 1893. S. 963 f. [930] Vgl. Florence Kelley, Die gesetzliche Einschrnkung der Heimarbeit. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik. LXXXVII. 4. Bd. Leipzig 1899. S. 224. [931] Vgl. E. Jaff, a.a.O., S. 113. [932] Vgl. G. Ruhland, Der achtstndige Arbeitstag und die Arbeiterschutzgesetzgebung Australiens, in Schffles Zeitschrift fr die gesamte Staatswissenschaft. Tbingen 1891. 2. Heft. S. 350 ff. [933] Vgl. Eugen Schwiedland, a.a.O., S. 90. [934] Vgl. Johannes Timm, Das Sweating-System in der deutschen Konfektionsindustrie. Flensburg 1895, S. 22 ff., und Derselbe, Die Konfektionsindustrie und ihre Arbeiter. Flensburg 1897, S. 61 ff., sowie Hans Grandke, a.a.O., S. 336 ff. [935] Vgl. Eugen Schwiedland, a.a.O., S. 186 ff. [936] Vgl. Alfred Weber, Das Sweating-System in der Konfektion, in Brauns Archiv fr soziale Gesetzgebung und Statistik. 10. Bd, Berlin 1897. S. 514; Derselbe, Verhandlungen des Vereins fr Sozialpolitik im September 1899 in Breslau. Leipzig 1900. S. 35. [937] Vgl. Schutz den Heimarbeitern! Eine Denkschrift dem Bundesrat und Reichstage berreicht vom Verband der Schneider und Schneiderinnen. Stuttgart 1901. S. 130. [938] Vgl. Florence Kelley, The Sweating-System in Hull-House, a.a.O., p. 36. [939] Vgl. Florence Kelley, Gesetzliche Einschrnkungen etc., a.a.O., S. 225. [940] Vgl. Alfred Weber, Verhandlungen etc., a.a.O., S. 32 f. [941] Vgl. J. Silbermann, Die Lage der deutschen Handelsgehilfen und ihre gesetzliche Reform, in Brauns Archiv fr soziale Gesetzgebung und Statistik. 9. Bd. Berlin 1896. S. 367 f. [942] Vgl. Sutherst, a.a.O., p. 65 f. [943] Vgl. Karl Kautsky, Die Agrarfrage. Stuttgart 1899. S. 371. [944] Vgl. H. Herkner, a.a.O., S. 222. [945] Vgl. Karl Kautsky, a.a.O., S. 366 f. [946] Vgl. A. Cohen, Der Entwurf von Bestimmungen ber die Beschftigung der Gastwirtsgehilfen, in Brauns Archiv, 17. Bd. [947] Vgl. A. Cohen, a.a.O. [948] Vgl. Henning, Denkschrift ber das Kellnerinnenwesen. Kommissionsvortrag. Wallmann. Leipzig (ohne Jahr). S. 19. [949] Vgl. Ministerialblatt fr die gesamte innere Verwaltung, 1898. S. 201. [950] Vgl. C. Legien, Das Koalitionsrecht der deutschen Arbeiter in Theorie und Praxis. Hamburg 1899. S. 35. [951] Louis Frank, Dr. Keiffer, Louis Maingie, L'Assurance maternelle. Bruxelles-Paris 1897. [952] Vgl. Ernst Lange, Die positive Weiterentwicklung der deutschen Arbeiterversicherungsgesetzgebung, in Brauns Archiv, 5. Bd. Berlin 1892. S. 383 ff. und H. von Frankenberg, Die Versorgung der Arbeiterwitwen und -Waisen in Deutschland. In demselben Archiv, 10. Bd. Berlin 1897. S. 466 ff. [953] Vgl. Georg Schanz, Dritter Beitrag zur Frage der Arbeitslosen-Versicherung und der Bekmpfung der Arbeitslosigkeit. Berlin 1901. End of the Project Gutenberg EBook of Die Frauenfrage, by Lily Braun License: Share Alike