Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net Tante Toni und ihre Bande Eine Erzhlung fr Kinder und Kinderfreunde Von A. v. Brochow Zweite und dritte Auflage Freiburg im Breisgau _Herdersche Verlagshandlung_ Berlin, Karlsruhe, Kln, Mnchen, Straburg und Wien Alle Rechte vorbehalten Buchdruckerei der _Herder_schen Verlagshandlung in Freiburg. 1919 Inhaltsverzeichnis. Seite 1. Kapitel. Tante Toni kommt! 1 2. Kapitel. Es wird Krocket gespielt, und Tante Toni macht dabei Charakterstudien 18 3. Kapitel. Was die Kinder werden wollen 38 4. Kapitel. Es wird spazierengegangen; man begegnet der alten Babett; Anna wird Prophetin und Rudi Schwanenritter 51 5. Kapitel. Minnichen wird geimpft 90 6. Kapitel. Tante Toni geht mit ihrer Bande auf den Wetterstein. Otto spielt einen schlimmen Streich 103 7. Kapitel. Bambula, der Puppenfresser. Otto, weit du nun, wie es tut? 135 8. Kapitel. Klein Tonis Wunsch geht in Erfllung! 172 9. Kapitel. Wie Lilly ein Geheimnis erfhrt. Der groe Tag und Ottos Entschlu. Auf Wiedersehen! 187 Erstes Kapitel. Tante Toni kommt! Frau Wulff sa am Fenster und nhte. Ihre vier ltesten Kinder waren noch um den Tisch versammelt und beendeten ihren Nachmittagskaffee. Eilt euch ein wenig, drngte die Mutter, damit ihr bald an die Aufgaben kommt und hernach noch in den Garten gehen knnt. Ich bin fertig, sagte Kurt, und er trat zur Mutter ans Fenster. Hinausblickend gewahrte er den Brieftrger. Mutter, da ist der Brieftrger! rief er eifrig aus. O, darf ich schnell hinunterlaufen? Er hat vielleicht einen Brief von Tante Toni! Ja, geh nur. Aber sei so gut und bringe mir den Brief unerffnet. Du weit, es schickt sich nicht, da Kinder die Briefe ihrer Eltern ffnen. Kurt wurde rot und sprang hastig hinaus. Wenige Augenblicke spter strzte er wieder ins Zimmer und schrie, wie im Triumph einen Brief hochhaltend: Hurra, ein Brief aus Walden; der ist sicher von Tante Toni! Die vier Kinder drngten sich an die Mutter heran. Schnell, Mtterchen, mach' auf und sieh, ob sie kommt! Nur gemach, nur gemach, Kinder! wehrte diese lchelnd, aber sie beeilte sich doch sehr mit dem ffnen des Briefes; sie wartete ja selbst mit Sehnsucht auf den Besuch ihrer Schwester, der schon lange geplant war, aber wegen eines Unwohlseins ihres Vaters schon mehrmals hatte verschoben werden mssen. Schnell durchflog sie den Brief und rief dann freudig aus: Ja, Kinder, die Tante Toni kommt, und zwar schon morgen! Diese Nachricht wurde mit einem solchen Freudengeschrei begrt, da die Mutter sich die Ohren zuhalten mute. Kommt der Gropapa auch mit? fragte Paul, Kurts Zwillingsbruder. Nein; Gropapa geht zu seiner Erholung fr ein paar Wochen zu Onkel Karl und zu Tante Klara aufs Land; deshalb kann Tante Toni diesmal etwas lnger bleiben. Hurra, sie bleibt lange diesmal! schrie Anna, und sie wirbelte springend und hopsend durchs Zimmer, whrend die kleine Toni, das Patenkind der Tante, in die Hnde klatschend ausrief: O, wie froh bin ich, wie froh! Hre, Paul, wendete sich nun die Mutter an diesen, du gehst gleich zu Onkel Robert und teilst ihm Tante Tonis Ankunft mit. Da er jedenfalls keine Zeit haben wird, an die Bahn zu gehen, so bitte ihn, er mge doch morgen nachmittag zum Kaffee kommen oder wenigstens das Frulein mit den beiden Kindern schicken. Und du, Kurt, du springst hinber zu Onkel und Tante Helmer und ladest sie ebenfalls ein und sagst, sie mchten die drei greren Kinder mitbringen. Haltet euch aber nicht auf, denn es mu noch gelernt werden; sonst gibt es morgen Verdru in der Schule! Sei ruhig, Mutter, wir sind gleich wieder da! Und wie der Wind strzten Paul und Kurt hinaus, stolz darauf, die berbringer einer so wichtigen Botschaft zu sein. Tante Tonis Zug traf am nchsten Tage gegen 3 Uhr ein; es war glcklicherweise ein schulfreier Nachmittag, so da die Zwillinge, Anna und Toni ihre Mutter an die Bahn begleiten konnten. Dort trafen sie auch schon Tante Luise Helmer mit ihren zwei ltesten, Mariechen und Philipp. Als der Zug einfuhr, waren die Kinder kaum zurckzuhalten. Jedes wollte die Tante zuerst sehen, sie zuerst begren, und kaum war diese ihrem Wagenabteil entstiegen, da war sie auch schon umringt, umarmt, geschoben, gestoen, da sie sich kaum zu helfen wute und lachend ausrief: Das ist ja der reinste berfall! Gebt acht, die guten Sachen, die ich euch mitgebracht habe, werden ganz zerbrckelt und zu Brei gedrckt sein, bis wir heimkommen! Das wirkte ein wenig, und Tante Toni konnte nun endlich auch ihre beiden Schwestern begren. Und nun im Triumphzug nach Hause! rief Kurt. Aber es war nicht leicht, etwas Ordnung in diesen Triumphzug zu bringen; denn die liebe Tante hatte leider nur zwei Seiten, und es stritten sich sechs Kinder um den Vorzug, neben ihr gehen zu drfen. Mama Wulff machte endlich dem Streit ein Ende, indem sie erklrte: Tante Luise und ich, wir nehmen Tante Toni in unsere Mitte, und ihr geht hbsch brav und ordentlich voraus, erst die drei Buben und dann die drei Mdels! Ich will aber lieber mit den Buben gehen! erklrte Anna Wulff. Wir bedanken uns fr die Ehre! rief Paul abweisend. Wir brauchen dich nicht! Paul, du bist aber doch wirklich ein garstiger, ein ganz abscheulicher Bub! zankte Anna sehr beleidigt, und als nun Paul seine Mtze abzog und eine tiefe Verbeugung machend sagte: Ich danke verbindlichst fr diese Schmeicheleien, da erklrte Anna entschlossen: Und ich geh' doch mit euch Buben! Aber die Mutter rief mahnend: Kinder, ihr werdet doch hier keinen Streit anfangen! Mir scheint, ihr wollt euch der Tante gleich von eurer schlimmsten Seite zeigen. Paul und Anna lieen die Kpfe ein wenig hngen, aber Annas Schelmengesichtchen zeigte bald wieder den gewohnten frhlichen Ausdruck, und sie gesellte sich zu ihrer Cousine Mariechen und zu klein Toni, halblaut vor sich hinsingend: Ach, wenn ich doch kein Mdchen wr'! Das ist doch recht fatal! Dann ginge ich zum Militr Und wrd' ein General! Und nun vollzog sich die Heimkehr ohne weiteren Zwischenfall. Nachdem Tante Toni sich vom Reisestaube gereinigt hatte, galt ihr erster Besuch dem Kinderzimmer, um den bald vierjhrigen Leo zu begren und die Bekanntschaft der Allerkleinsten zu machen. Minnichen war noch keine zwei Jahre alt, und Tante Toni hatte es noch gar nicht gesehen. Es tat erst etwas scheu; als aber die Tante lockte: Komm, du Goldkferchen, komm mal her zu Tante Toni, die hat dir auch etwas mitgebracht! da nherte sich die Kleine, zuerst zwar etwas schchtern, aber bald ganz zutraulich, und es dauerte nicht lange, da hatte sie es sich auf Tante Tonis Scho bequem gemacht, und sie lie sich das eben erhaltene Biskuit munden, aber nicht ohne es der Tante zum Schmecken hinzuhalten und auch dem danebenstehenden Brderchen, obwohl dieses selbst sehr mit Kauen beschftigt war. Dazwischen erklrte der kleine Leo mit wichtiger Miene: Du mut wissen, Tante, da ich Leo heie, und ich lehre das Minnichen jetzt sprechen. >Mama< und >Papa< kann es schon sagen, aber >Leo<, das bringt es noch nicht fertig; es kann nicht >l< sagen und macht immer >neh< und >noh<. Der Name ist vielleicht zu schwer, und ich will's mal mit >Toni< versuchen. Dann sich schmeichelnd an sein Schwesterchen wendend fuhr er fort: Komm, Minnichen, sag' mal schn >Toni<, dann kriegste auch was von mir! Allein Minnichen hatte allem Anscheine nach eben keine Lust zum Lernen; es lachte nur, und den Rest seines Biskuits mit dem einen Hndchen in die Hhe haltend, patschte es mit dem andern aufs Buchelchen. Das soll heien, 's wre sehr gut, erklrte Leo der Tante. In diesem Augenblick strzte Anna zur Tre herein und rief: Tante, du sollst schnell runterkommen; der Onkel Robert ist da mit Otto und Lilly, und eben kommt auch Onkel Albert Helmer mit dem Rudi! Leo und Minnichen sahen die Tante nur ungern scheiden, und es htte wohl Trnen gegeben, wenn diese nicht versprochen htte: Ich komme heute abend nochmal zu euch -- ich komme euch waschen und ins Bettchen legen! Ja, o ja, Tante, tue es, das ist schn! jubelte Leo in die Hnde klatschend. Sn, echote Minnichen, und es patschte fest seine kleinen, dicken Hndchen gegeneinander. Hast du's gehrt, Tante? Es hat eben >sn< gesagt, es kann schon wieder ein neues Wort! rief der kleine Lehrmeister der davoneilenden Tante nach. Nachdem Tante Toni ihren Bruder und ihren Schwager begrt hatte, wendete sie sich an die neun anwesenden Kinder und sagte lachend: Ihr seid aber alle so gro geworden in diesen zwei Jahren -- ich wei gar nicht, ob ich euch noch auseinander kenne! Kommt, stellt euch doch mal dem Alter nach in eine Reihe, damit ich sehe, ob ich noch alle nennen kann! Die Kinder gehorchten lachend. Die immer lustige Anna rief aber: Nimm dich in acht, Tante Toni; wenn du den Namen von einem von uns vergessen hast oder gar eines mit dem andern verwechselst, so ist das eine schreckliche Beleidigung. Nun, ich werde mich schon zusammennehmen. Bei dir hat's jedenfalls keine Gefahr, mein nnchen; dein Spitzbubengesichtchen verwechselt man nicht leicht mit einem andern. Aber nun angefangen! Also hier zuerst Mariechen Helmer; du bist jetzt vierzehn Jahre alt. Von dir hab' ich schon Gutes und Liebes gehrt, wie vernnftig du bist und wie du versuchst, deinem Mtterchen zu helfen. Und Tante Toni drckte einen herzlichen Ku auf die Stirne des errtenden Mariechens. Und nun kommen wir zu den Wulffschen Zwillingen Kurt und Paul. Die haben sich gestreckt. Gib acht, Mariechen, deine Vettern wachsen dir bald ber den Kopf. Ich auch, Tante Toni; ich bin fast so gro wie unsere Mieze! Ja du, bist du denn wirklich der Philipp Helmer? Dich htte ich wirklich beinahe nicht mehr erkannt. Jetzt darf man dich nicht mehr >Dickerchen< nennen, so gro und schlank bist du geworden! Du und die Zwillinge, ihr seid wohl jetzt dreizehn Jahre alt. Und ich, Tante Toni, wie alt bin ich? rief Anna Wulff, ihre fr ihr Alter etwas zu kleine Gestalt nach Krften in die Hhe reckend. Ja du, nnchen, la dich mal betrachten, und Tante Toni drehte nnchen hin und her, besah sie berlegend von allen Seiten; endlich sagte sie: Ei, nnchen, was machst du fr Sachen! Du hast wohl seit einiger Zeit so viel tolle Streiche im Kopf, da du ganz vergessen hast zu wachsen. Du siehst aus, als wrest du nicht viel ber zehn Jahre! Ich bin aber zwlf, sagte Anna, ein bichen schmollend. Ich bin noch nicht elf und bin so gro wie sie! rief Otto Mehring, der neben seinem um ein Jahr jngeren Schwesterchen Lilly stand. Ja, und du darfst in diesem Jahre zur ersten heiligen Kommunion gehen, wenn ich nicht irre. Tante Toni strich ihm leicht die Haare aus der Stirne. Mit ganz besonders liebevollem Blick schaute sie Otto und Lilly, die beiden Kinder ihres Bruders Robert, an, ganz besonders innig drckte sie diese beiden ans Herz -- sie hatten ja keine Mutter mehr, die armen Kinderchen. Als letzte in der Reihe standen noch der achtjhrige Rudi Helmer mit seinem blonden Lockenkopf und den treuherzigen blauen Augen und die siebenjhrige Toni, die neben diesem ihrem krftigen, rotwangigen Vetterchen noch zarter und blasser aussah wie sonst. Du mut rtere Bckchen bekommen, mein Patenkindchen, und du darfst nicht gar so ernsthaft dreinschauen, sagte Tante Toni leise. Aber Tonis Mutter hatte es doch gehrt, und sie erklrte mit einem besorgten Blicke auf ihr kleines Tchterchen: Das Kind leidet noch immer unter den Folgen des Scharlachfiebers. Die andern wissen schon lange nichts mehr davon, nur Toni hat sich nie so recht davon erholt. Nun trennte sich Tante Toni von den Kindern, denn sie mute sich zu den Groen setzen, um ihnen vom Gropapa und von seiner Reise zu Onkel Karl und Tante Klara zu erzhlen. Klein Toni war aber der Tante nachgegangen; erst stellte sie sich ganz still neben ihren Sessel, allmhlich rckte sie ein wenig nher, und zuletzt lehnte sie ihr Kpfchen an deren Schulter, schmiegte sich an sie und streichelte leise ihre Hand. Die gute Tante zog die kleine Nichte auf ihren Scho und meinte lchelnd: Ich glaube, wir werden bald recht gute Freundinnen werden. Da leuchteten klein Tonis Augen auf, und sie fragte eifrig: Wirklich, Tante Toni? Willst du meine Freundin sein, meine _wirkliche_ Freundin? Aber gewi, sehr gerne! Wie der Wind huschte die Kleine vom Schoe der Tante herunter, und ganz rot vor freudiger Aufregung strzte sie auf die andern Kinder zu und rief mit strahlenden Augen: Du, Mieze! du, Anna! ich hab' jetzt auch eine Freundin! -- Ihr braucht jetzt gar nicht mehr so ein Getue zu machen mit euern Freundinnen! Ich hab' eine viel grere und eine viel bessere Freundin wie ihr -- denn Tante Toni ist meine Freundin! Und triumphierend schaute klein Toni ihre Geschwister, Vettern und Cousinen an. Diese aber brachen in ein schallendes Gelchter aus. Das hatte das Kind nicht erwartet. Es war erst starr vor berraschung, dann wurde es rot und rief halb weinend: Was lacht ihr mich denn aus? Ich hab' doch gar nichts Dummes gesagt! Nein, mein Tonichen, suchte Mieze die Kleine zu beruhigen, du hast gar nichts Dummes gesagt -- aber es kam uns halt nur so drollig vor, da du winziges Persnchen dir die Tante Toni zur Freundin ausgesucht hast! Und nun fing Mieze wieder an zu lachen, die andern stimmten im Chore ein; Anna und Otto lachten am lautesten, umtanzten das Kind und schrien: Hoch der neue Freundschaftsbund! Jetzt aber wurde klein Toni zornig, ihre Augen funkelten, sie ballte die kleinen Fuste, sie stampfte mit den Fen, und je mehr die andern lachten, desto wilder gebrdete sich das Kind. Als Mieze es zu beruhigen suchte, stie es sie von sich, bis Kurt sagte: Na, so einen Zornepickel wird Tante Toni aber doch gewi nicht zur Freundin haben wollen! Da kam die Kleine zur Besinnung. Sie wurde auf einmal still, lie das Kpfchen hngen und schlich sich fort. Sie kauerte sich in ein Eckchen, drckte die Fustchen vor die Augen und weinte leise vor sich hin. Mieze wollte ihr nachgehen, aber Anna hielt sie zurck und sagte: La sie nur jetzt ganz in Ruhe; wenn sie so ihren Zorn gehabt hat, dann ist es am besten, man kmmert sich nicht um sie. Kommt nur alle mit mir in den Garten, die Toni wird uns nachher schon von selbst nachkommen. Tante Toni hatte aber von ferne alles beobachtet. Als die andern Kinder das Zimmer verlassen hatten, nherte sie sich der weinenden Kleinen; diese aber drckte die Hndchen nur noch fester vor das Gesicht, und ihr Schluchzen wurde heftiger. Die Tante nahm das Kind auf und setzte sich mit ihm ins Nebenzimmer. Sie lie es erst ruhig weinen, sie drckte es nur liebevoll an sich, strich ihm sacht ber Stirne und Haare, und als das Schluchzen endlich anfing etwas nachzulassen, sagte sie freundlich: Nun mu meine kleine Freundin aber gleich wieder ein liebes, frohes Gesichtchen machen. Da hob Toni ihr verweintes Gesichtchen in die Hhe: O Tante Toni, willst du mich denn noch zur Freundin haben? Ich war doch eben so bs! -- Was muten sie aber auch so ber mich lachen? Und die Trnen fingen von neuem an zu flieen. Du mut dir das nicht so zu Herzen nehmen; sie haben es gar nicht so bse gemeint. Die Mieze war doch auch recht nett mit dir und wollte dich trsten. Ja, und ich hab' sie weggestoen, ich war so zornig! Und Toni lie wieder beschmt das Kpfchen sinken; dann setzte sie aber wie entschuldigend hinzu: Das kommt aber von meiner Krankheit her, da ich so leicht zornig werde, ich kann nichts dafr. Mama hat den andern schon fter gesagt, sie drften mich nicht so reizen. O, es ist ja leicht mglich, da deine Krankheit eine grere Reizbarkeit zurckgelassen hat; aber deshalb mut du doch nicht meinen, du knntest nichts dafr. Man kann immer etwas dafr, wenn man etwas tut, wovon man wei, da es unrecht ist. Und da man nicht zornig sein darf, das weit du doch, nicht wahr? Klein Toni wurde ganz rot, sie senkte das Kpfchen und sagte leise: Ich mchte gern nicht zornig sein -- aber es kommt immer ganz von selbst. Die Tante lchelte: Ja, so geht's gewhnlich. Sieh, die andern meinen's doch auch nicht bse und sie wollen dich gewi nicht krnken. Das Necken kommt bei ihnen auch ganz von selbst. Das Kind sah erst berrascht und dann nachdenklich aus, und als die Tante fragte: Willst du nun versuchen, kleine Neckereien zu ertragen, ohne zornig zu werden? da nickte es mit dem Kpfchen und sagte ernsthaft: Ja, ich will's versuchen. Die Tante erschrak beinahe ein bichen, als sie in diese Kinderaugen blickte, aus denen ein so fester und ernster Entschlu leuchtete: Aber nun mu mein Tonichen wieder ein frohes Gesichtchen machen und lachen. Komm, wir wollen jetzt Mariechen und die andern Kinder aufsuchen gehen! Sie nahm ihr Patenkindchen bei der Hand und fhrte es in den Garten. Dort rief sie die Kinder alle zusammen und sagte: Hrt einmal, was ich mir ausgedacht habe! Des Vormittags, whrend ihr in der Schule seid, werde ich der Mutter hier im Hause und bei den ganz Kleinen helfen; aber des Nachmittags gehre ich euch. Wenn ihr Zeit habt und das Wetter ist schn, dann werden wir auch Spaziergnge zusammen machen. Hurra, Tante Toni! und Tante, du bist einfach famos! so jubelten die Kinder, vor Freude in die Hnde klatschend. Der blondlockige Rudi aber fragte eifrig: Und wirst du uns auch Geschichten erzhlen, Tante Toni? Gewi, Rudi, herzlich gern. Du hrst also gern Geschichten? O, furchtbar gern! Ich auch! und Ich auch! riefen da noch mehrere Stimmen. Ich hre am liebsten Indianergeschichten, erklrte Otto, und Anna stimmte ihm bei; die Zwillinge fanden Seeabenteuer viel interessanter; Rudi und Toni entschieden sich fr Mrchen. brigens, schlug Kurt vor, da morgen Sonntag ist, knnten wir gleich einen Spaziergang verabreden. Natrlich! rief Paul voll Eifer. Wir fhren die Tante ber den Hennenberg nach Horbach, von da auf den Blauberg, und ... Warum nicht gleich auf den Chimborasso oder ins Himalajagebirge? unterbrach Mariechen lachend. Morgen wird Tante Toni noch etwas reisemde sein und sich gerne mit einem kleineren Spaziergang begngen. Ich schlage das Tempelchen vor; der Weg dahin ist schn und nicht zu steil, und von dort hat man einen herrlichen Blick auf unser Stdtchen und in die Berge, und dann ... Und dann kann man da oben auch sehr gut >Ruber und Gendarm< spielen! fiel Rudi ein. O, ich kenne dort ein paar ausgezeichnete Verstecke! Ach, das Tempelchen -- das ist schrecklich langweilig, erklrte Otto Mehring mit wegwerfender Miene. Da ist man schon so oft gewesen! Dahin geh' ich mal nicht mit! Ei, so bleib' du nur daheim, wir knnen's schon ohne dich aushalten! entgegnete Paul ein wenig grob. Aber Tante Toni sah ganz betrbt aus, als sie sagte: O, mir wrde es aber sehr leid tun, wenn du nicht mitgingest, lieber Otto. Nun, Tante, wir wollen sehen; dir zuliebe gehe ich vielleicht mit. Wie gndig! kicherte Anna dem Mariechen ins Ohr. Nun mssen wir nur sehen, was eure lieben Eltern zu diesem Plane sagen werden. Mit diesen Worten kehrte Tante Toni ins Haus zurck. Zweites Kapitel. Es wird Krocket gespielt, und Tante Toni macht dabei Charakterstudien. Am folgenden Tag war die ganze Kinderschar wieder bei Wulffs versammelt. Vater Wulff stand vor dem Barometer und runzelte die Stirne. Es tut mir leid, Kinder, sagte er endlich, aber ihr werdet euern Spaziergang nicht machen knnen. Der Barometer ist sehr gefallen, und dort in der Wetterecke sieht es drohend aus. Wir bekommen Regen und Wind, vielleicht sogar Sturm. Da gab es enttuschte, betrbte und rgerliche Gesichter. Wie langweilig! Was fangen wir jetzt an? Nun, wir knnen wenigstens in den Garten gehen, solange es noch nicht regnet, schlug Tante Toni vor. Weit du was, Tante Toni? Mache mit uns eine Krocketpartie! Ach ja, Tante Toni, die Mieze hat recht, wir wollen Krocket spielen! Nee -- Krocket ist entsetzlich langweilig! Tante Toni lachte: Lieber Otto, das Wort >langweilig< scheint ein Lieblingsausdruck von dir zu sein! Ich stimme fr Krocket. Wer spielt also mit? Ich natrlich, erklrte Otto mit Bestimmtheit. Wie, Otto, du? -- Du findest das Spiel doch so langweilig! Immerhin weniger langweilig als gar nicht zu spielen. Nun gut also. Und wer spielt noch mit? Ich -- ich -- ich! schrien alle Kinder durcheinander. Ja, wir knnen aber nicht alle spielen, wir sind etwas zu zahlreich. Ich will gerne zuschauen. Nein, Tante Toni, das gibt's nicht. Du mut vor allen mitspielen. Wir knnen ja das Los ziehen, um zu sehen, wer mitspielt. Ach nein; da gibt's doch immer rgerliche und Unzufriedene, behauptete Mariechen Helmer. Spiele du mit den Greren, Tante Toni; ich nehme die Kleineren mit auf die Wiese und spiele mit ihnen Ball oder Reifen. Komm, Tonichen; kommt, Rudi, Lilly und Anna, wollt ihr mit mir gehen? Ich schau' lieber den Groen zu, erklrte Rudi. Wir knnen zu sechs spielen, drei gegen drei, erklrte Philipp Helmer. Tante Toni, Paul, Kurt, Otto und ich, das sind fnf; da kann der Rudi also mit uns spielen. Nein, der Rudi spielt viel zu schlecht, den will ich nicht! rief Otto. Dann lieber die Lilly. Ach ja, Tante Toni, la mich mitspielen, ich spiele schon sehr gut! bat Lilly, und nach einigem Hinundher kam endlich die Partie zustande, und zwar so, da Tante Toni mit Kurt und Lilly gegen Paul, Philipp und Otto spielte. Im Anfang ging alles ganz gut; als aber Paul einen ungeschickten Schlag ausfhrte, wurde er verdrielich und rgerlich. Bald darauf passierte seinen beiden Partnern Otto und Philipp dasselbe Migeschick; da geriet er ganz auer sich und machte ihnen die grten Vorwrfe; diese wollten sich das aber nicht gefallen lassen, und Philipp meinte spttisch: Ei, wenn du schimpfen willst, so fang' nur bei dir selber an! Du bist uns mit dem schlechten Beispiel vorangegangen; du hast die erste Dummheit gemacht. Das kann dem besten Spieler einmal passieren. Gewi; aber um so eher kann es mittelmigen Spielern passieren, und zu denen rechnest du Otto und mich ja doch! Aber keine Spur von einer Latern'! Zu den _schlechten_ Spielern rechne ich euch, zu den ganz schlechten! Ihr spielt geradezu miserabel -- wie soll man denn eine Partie gewinnen mit solchen Partnern? Da ist ja nicht daran zu denken -- das ist berhaupt gar kein Spiel mehr! Das finde ich auch, versetzte Tante Toni, die dem Streite bisher schweigend zugehrt hatte. Sag' mal, lieber Paul, weshalb spielen wir denn eigentlich Krocket? Nun, um zu gewinnen; das ist doch selbstverstndlich! Doch nicht so ganz. Der Hauptzweck ist doch der: wir wollen uns unterhalten und uns am Spiel erfreuen, indem jeder danach trachtet, den andern an Geschicklichkeit zu berbieten, aber in aller Freundschaft; und wenn man eine Dummheit oder eine Ungeschicklichkeit begeht, dann lacht man sich gegenseitig ein wenig aus -- wieder in aller Freundschaft. Es kann ja natrlich nur _eine_ Partei gewinnen -- wenn aber dann die Verlierenden sich jedesmal gebrden, wie wenn ihnen ein Unglck widerfhre oder ein Unrecht geschhe -- ja, dann hrt eben aller Spa auf und man kann das kein Spiel mehr nennen. Nun, was meinst du dazu, Paul? Ja, Tante Toni, du hast eigentlich recht. Wenn's einem aber egal ist, ob man gewinnt oder nicht, dann gibt man sich auch keine Mhe, und das Spiel ist gar nicht interessant. So habe ich's aber auch nicht gemeint. Es soll einem gewi nicht egal sein, und jeder mu sich natrlich die grte Mhe geben, um zu gewinnen. Das Gewinnen soll nur nicht der Haupt- und alleinige Zweck des Spieles sein. -- So, ich glaube, ich bin nun an der Reihe, und wirklich, Paul, ich werde mich tchtig anstrengen, um einen Meisterschlag zu vollfhren! Bravo, Tante Toni! Das hast du gut gemacht, du hast Ottos Kugel getroffen -- hinaus mit ihr, so weit du kannst! Ich will sie lieber liegen lassen und bentzen, um durch die Schelle zu kommen; sie liegt doch hinter ihrem Reifen. Als Tante Toni sich umdrehte, sah sie gerade, wie Lilly mit dem Fchen ihre Kugel ein wenig vorschob, so da sie fr den nchsten Schlag in eine gnstigere Lage kam. Sie sagte nichts, sie schaute nur Lilly ernst an. Diese wurde ein bichen rot und tat, als ob sie blo ein Steinchen unter ihrer Kugel entfernt htte. Nachdem nun Kurt gespielt hatte, kam Philipp an die Reihe; er gab seiner Kugel einen krftigen Schlag, so da sie durch ihren Reifen flog und in Lillys Nhe zu liegen kam; als Kurt sich nun anschickte, Lillys Kugel zu treffen, schrie diese ihn an: Du, das gibt's nicht! Philipp, du hast gepfuscht; deine Kugel lag vorhin so, da du gar nicht durch deinen Reifen kommen konntest! Sag' noch einmal, ich htte gepfuscht, du kleine Krte! ereiferte sich Philipp. Du hast gepfuscht -- gepfuscht -- gepfuscht! schrie Lilly. Impertinente kleine Person! Philipp war rot vor rger, und er htte seine kleine Cousine gewi etwas unsanft angefat, wenn Tante Toni nicht dazwischengetreten wre. Lilly, schau mich mal an, und dann sage mir ehrlich: Hast du gesehen, da Philipp gepfuscht hat? Lilly wurde verlegen. Nein, gesehen hab' ich es nicht -- aber vorhin lag seine Kugel anders, und da ...! O, da kann man sich so leicht tuschen! Sieh, mir kommt es vor, als htte _deine_ Kugel vorhin auch anders gelegen. Lilly senkte die Augen vor dem klaren, durchdringenden Blick der Tante; sie wurde so verlegen, da Tante Toni Mitleid mit ihr hatte und Philipp einen Wink gab, den der gutmtige Junge auch verstand, worauf er weiterspielte, als ob nichts geschehen wre, und er behandelte Lillys Kugel so glimpflich, da dieselbe ganz in der Nhe ihres Reifens liegen blieb. Das Spiel nahm nun einen ganz friedlichen Verlauf, es wurde sogar lustig, weil Tante Toni nachdem sie wieder einmal einen Meisterschlag versprochen hatte, glnzend am Ziele vorbeischo, worber sie selbst in lustiges Lachen ausbrach; die Kinder stimmten von Herzen ein, und von diesem Augenblicke an wurde ber jeden ungeschickten Schlag gelacht und nicht mehr gezankt. So ging alles vortrefflich; selbst Lilly war wieder ganz vergngt, sie war sogar sehr stolz, denn sie hatte mit einigen geschickten Schlgen ihre Kugel weit voran gebracht. Sie lag eben wieder sehr schn vor ihrem Reifen, als Paul, der Anfhrer der Gegenpartei, dieselbe traf und mit einem krftigen Schlag ziemlich weit fortschickte. Da warf Lilly einfach ihren Hammer hin; sie sagte: Ich spiel' nicht mehr mit! und setzte sich schmollend in einen Winkel. Tante Toni sah ihr ganz berrascht nach, Paul aber sagte rgerlich: Ja, so macht sie's immer. Wie ihr etwas nicht nach dem Kopf geht, dann luft sie fort und verdirbt einem das ganze Spiel. Soll ich hingehen und sie zu vershnen suchen? schlug der gutmtige Philipp vor. O nein, antwortete Tante Toni, das wre ganz verkehrt; dann wrde sie es bei der nchsten Gelegenheit gleich wieder so machen. Nein, wir lassen sie ganz ruhig in ihrem Schmollwinkelchen sitzen, und Rudi kann fr sie einspringen. Magst du, Rudi? Aber wie gern, Tante Toni! Ach nein, der Rudi spielt gar zu schlecht, knurrte Otto. Aber Otto, das kann dir doch nur angenehm sein, er ist ja dein Gegner! Ach, das ist ja berhaupt gar keine Ehre mehr, gegen solch einen Gegner zu gewinnen! Ich spiel' gar nicht so schlecht, Tante Toni, du wirst es schon sehen, und Rudis eben noch vor Freude strahlende Augen fllten sich mit Trnen. Ich bin berzeugt, da du recht gut spielst, mein lieber Rudi, trstete ihn Tante Toni und sah sich nach Lillys Hammer um; allein inzwischen war Otto zu seiner Schwester gegangen und hatte leise aber eindringlich auf sie eingesprochen, und gerade als Tante Toni sich nach dem Hammer bcken wollte, sprang Lilly herbei, erfate ihn und rief: Ich spiel' selbst weiter! Tante Toni sah unschlssig von einem Kinde zum andern. Ihr Gerechtigkeitsgefhl sagte ihr, da Lilly Strafe verdient habe und eigentlich vom Spiel ausgeschlossen bleiben mte -- sie wute ja auch, da Lilly nur deshalb wieder mitspielen wollte, weil sie und Otto dem kleinen Rudi das Vergngen mignnten. Anderseits konnte sie es aber nicht bers Herz bringen, gegen die beiden mutterlosen Kinder strenge zu sein. Sie neigte sich deshalb zum enttuschten Rudi nieder und erklrte ihm: Lieber Rudi, wir sehen und wissen beide, da Otto und Lilly nicht schn handeln, aber sie haben eben keine liebe Mutter, die ihnen tglich und stndlich zur Seite steht, sie ermahnt und belehrt -- wir wollen daran denken und Geduld mit ihnen haben, nicht? Aber du sollst nicht zu kurz kommen, und ich verspreche dir, die nchste Krocketpartie mache ich mit dir, Mieze und Anna. Bist du zufrieden? Rudi nickte unter Trnen lchelnd, und Tante Toni gab ihm noch einen herzlichen Ku, als Otto ungeduldig rief: Holla, Tante Toni, aufgepat, du bist dran! Whrend Tante Toni spielte, stie Otto den Rudi an und hhnte: H, du spielst doch nicht mit, siehst du's? Rudi war ein guter Junge, jedoch er konnte Spott nicht vertragen. Er wurde sehr rot bei Ottos Worten, aber er dachte noch daran, was Tante Toni ihm eben gesagt hatte, und er hielt an sich. Er streckte seine Hnde in die Hosentaschen und drehte Otto den Rcken. Ja, geh' nur fort, geh' zu den Kleinen ins Kinderzimmer, da gehrst du auch hin. Hier strst du uns ja nur. Rudi stellte sich breitspurig hin und sagte: Ich bleibe hier und schaue zu. Ich sag' dir aber, da du fortgehen sollst! Du hast mir nichts zu sagen. Gewi, denn ich bin lter, grer und strker als du. lter, ja; grer nicht viel, aber strker gar nicht. Was hast du gesagt, du frecher Knirps du? Sag's doch noch einmal, wenn du's wagst! Ich bin strker wie du. Mit dem Mund vielleicht, aber nicht in Wirklichkeit. Soll ich's beweisen? Das wagst du ja nicht, du Feigling! Nun war Rudis Geduld zu Ende. Er strzte sich auf Otto, und die beiden Knaben begannen zu ringen. Otto war allerdings fast drei Jahre lter als Rudi, aber er war verhltnismig klein und zart gebaut, whrend Rudi gro und krftig war. Rudi bekam denn auch bald die Oberhand, und ehe es der erschrocken herbeieilenden Tante Toni gelang, die beiden zu trennen, lag Otto auf der Erde. Sofort begann er ein entsetzliches Wehegeschrei, so da nicht nur Mieze mit den andern Kindern gelaufen kamen, um zu sehen, was geschehen sei, sondern auch die Eltern, die in der Nhe des Hauses in einer Laube gesessen hatten. Frau Helmer rief, die Hnde ringend: Natrlich wieder mein Rudi! Wenn ich Geschrei hre, dann brauch' ich gar nicht zu fragen, denn ich wei schon im voraus, da der Rudi wieder etwas angestellt hat! Frau Wulff und Tante Toni hatten sich inzwischen um Otto bemht, hatten ihn befragt, befhlt und betastet und konnten gar nicht finden, wo er eigentlich verletzt war. So sag' uns doch endlich mal, wo es dir fehlt! rief Tante Toni aus. Ich kann mir doch nicht denken, da du uns ohne Grund so erschreckt hast! Otto antwortete nicht sofort -- dann aber fuhr er sich mit beiden Hnden an den Kopf und jammerte: Mein Kopf, o mein Kopf! Tante Toni und Frau Wulff sahen sich besorgt an; sie fhrten ihn ins Haus, um ihn aufs Sofa zu legen und ihm Umschlge auf den Kopf zu machen. Im Vorbeigehen warf Tante Toni dem Rudi einen vorwurfsvollen Blick zu. Das Kind wandte sich ab -- es hatte eben schon die Vorwrfe seiner Mutter zu hren bekommen --, sein sonst so offenes, liebes Gesicht bekam einen Ausdruck von finsterem Trotz. Ohne ein Wort zu sagen, verlie er den Spielplatz. Mariechen aber hatte ihr Brderchen beobachtet. Sie ging ihm leise nach; sie wute, sein Trotz wrde nicht lange dauern, sondern bald einem groen Schmerz weichen. Schon mehrmals hatte sie Rudi nach einem solchen Auftritt bitterlich weinend in irgendeinem Gebsch des Gartens versteckt gefunden. Diesmal war er ganz hinten in den Garten gegangen; dort war ein stilles, von dunkeln Tannen und dichtem Gestruch umstandenes Pltzchen; da hockte er auf einer Bank, die Arme auf die Lehne gesttzt und den Kopf darin vergraben. Mariechen setzte sich neben ihn. Komm, Rudi, sag' mir's, wie ist's denn wieder gekommen? Zuerst wollte Rudi nicht antworten, endlich stie er hervor: Nun, wie halt immer. Erst hhnt er mich und reizt mich, bis ich nicht mehr anders kann, als ihn anpacken, und sowie er fhlt, da er unterliegen wird, dann fngt er seine Brllerei an, stellt sich, wie wenn ich ihm Gott wei was getan htte -- und ich krieg's nachher von allen! Es klangen Trotz, Schmerz und Bitterkeit aus seiner Stimme. Mariechen schlang ihren Arm um Rudi und sagte begtigend: Komm, Rudi, wir wissen's ja doch, da Otto der schuldige Teil ist, und ... So? Hast du denn nicht gehrt, was Mama eben sagte, und hast du nicht gesehen, wie Tante Toni mich angeschaut hat? Und Tante Toni hatte mir doch gerade gesagt ... Hier ging die Stimme des Knaben in Schluchzen ber. Komm, Rudichen, mein liebes Goldrudichen, weine nicht so. Sag' mir genau, wie alles gekommen ist -- ich erzhle es der Tante Toni, und ich werde schon sorgen, da sie keine falsche Meinung von dir behlt. Es wird ihr aber recht leid tun; denn sie hat Otto und Lilly sehr lieb, weil sie keine Mama mehr haben. Fr uns ist das aber auch schrecklich; sie sind beide unausstehlich, und wir mssen uns alles von ihnen gefallen lassen; niemand straft sie, und wenn man sich ber sie beklagt, dann heit es nur immer: >Habt doch Geduld mit den armen Kindern, denn sie haben keine Mutter mehr.< Ja, Rudi, das ist freilich alles wahr, sagte Mariechen; dann schwieg sie nachdenklich still, whrend ihr Brderchen fortfuhr: Und dazu sind sie auch fast immer bei uns oder hier bei Wulffs -- wir knnen niemals etwas unternehmen, auer sie mssen dabei sein. Ja, Rudi, denke doch aber auch daran, wie traurig es bei ihnen zu Hause ist so ohne Mama und fast ohne Papa; denn du weit ja, wie angestrengt Onkel Robert arbeiten mu und da er sich fast nicht um seine Kinder kmmern kann. O, Frulein Helene sorgt aber doch recht gut fr sie! Das ist aber doch nicht dasselbe. Denke nur daran, wie unsere Mutter jeden Abend mit uns betet, wie sie selbst die Kleinen besorgt und ins Bettchen legt, wie sie noch zu jedem von uns ans Bett kommt, um uns das Kreuzzeichen zu machen und den letzten Gutenachtku zu geben; denke doch daran, wie du immer und zu jeder Stunde zu ihr gehen, sie um alles bitten und fragen kannst. Versuche doch einmal dir vorzustellen, wie schrecklich es wre, wenn wir unsere Mama nicht mehr htten! Nein, nein, Mieze, daran kann und will ich gar nicht denken. Und jetzt -- vielleicht weint sie gerade, weil ich vorhin so zornig war! Bei diesem Gedanken fingen Rudis Trnen wieder an zu flieen. Komm, wir wollen sie schnell aufsuchen! Mariechen sprang auf und zog ihr Brderchen mit sich fort. Sie waren aber kaum ans ihrem versteckten Pltzchen hervorgetreten, da erblickten sie ganz in der Nhe ihre Mutter und Tante Toni. Rudi wollte sich schnell verstecken, aber Mariechen hielt ihn fest und sagte: Geh' du nur gleich zu Mama -- ich nehme inzwischen Tante Toni beiseite und erklre ihr alles. Mariechen erzhlte nun Tante Toni, wie vorhin der Streit zwischen Otto und Rudi entstanden war. Tante Toni hrte aufmerksam zu, dann sagte sie: Es ist mir schon mehrmals aufgefallen, da Otto und Lilly nicht nett mit Rudi sind. Nicht wahr, du hast es auch bemerkt? rief Mariechen eifrig. Was mgen sie nur gegen den guten Rudi haben? Otto neckt und rgert uns ja alle gern, aber doch ganz besonders den Rudi -- er wei, da der Rudi Spttereien nicht vertragen kann; er wei aber auch, da Rudi ihm nichts tun darf. Du kannst mir glauben, Tante Toni, ich habe schon manchmal gemerkt, wie Rudi an sich gehalten und wie er sich beherrscht hat -- aber wenn dann Otto gar nicht aufhrt und nur immer rger kommt, dann bricht er halt los, und man kann's dem kleinen Buben doch nicht so streng anrechnen, wenn er im Zorn einmal ein bichen fest dreinschlgt; dann gibt's aber jedesmal ein Gebrll und ein Getue, wie du es vorhin gehrt hast, und die ganze Familie gert in Aufregung, weil Otto doch keine so feste Gesundheit hat. Vor einiger Zeit hat er sich nach solch einer Balgerei sogar ein paar Tage ins Bett gelegt und hat behauptet, es sei ihm entsetzlich bel; als ich ihm aber ein groes Stck Kuchen brachte, da hat er's mit dem besten Appetit verzehrt, und wie dann Onkel Wulff von einem Ausflug in die Lichtenau sprach, da war Herr Otto pltzlich wieder gesund. Und Lilly hlt zu Otto -- bei sich zu Hause streiten sie auch miteinander, aber gegen uns halten sie stets zusammen. Und wirklich, Tante Toni, wir lassen uns viel von den beiden gefallen, denn sie tun uns ja doch wieder so leid, weil ihre Mutter tot ist. Tante Toni seufzte und ging eine Weile schweigend neben Mariechen her. Endlich sagte sie: Wir wollen unsere Hoffnung auf Ottos erste heilige Kommunion bauen, und wir wollen recht eifrig fr ihn beten, liebes Mariechen. Otto und Lilly waren doch so liebe, herzige Kinder, als sie noch klein waren -- und sie haben auch einen so vorzglichen Vater! O ja, Tante Toni! Sie hngen aber auch beide sehr an ihrem Vater, und wenn Onkel Robert dabei ist, dann sind sie einfach musterhaft. Ach, es ist recht schade, da er immer so viel zu tun hat! In diesem Augenblick kam Anna herbeigesprungen: Tante Toni und Mieze, wo bleibt ihr denn? Schnell kommt Kaffee trinken, sonst kriegt ihr nichts mehr; denn der arme Otto hat von seinem Sturze einen wahren Heihunger davongetragen. Er hat schon verschiedene Rosenbrtchen, zwei Stcke Kuchen und drei Bretzeln verschlungen! Drittes Kapitel. Was die Kinder werden wollen. Als Tante Toni und Mariechen ins Haus kamen, fanden sie wirklich die ganze Gesellschaft um den Kaffeetisch versammelt. Otto machte noch ein etwas leidendes Gesicht, aber die Besorgnisse seiner Tanten verflogen doch gnzlich, als sie sahen, mit welchem Behagen er in seine Bretzel bi. Wenigstens die fnfte! flsterte Anna dem Mariechen zu. Ei, da ist ja auch Leo! rief Tante Toni erfreut aus, als sie den kleinen, dicken Burschen auf einem hohen Kindersthlchen am Tisch sitzen sah. Ja, ich darf heut' mit den Groen Kaffee trinken, damit du auch eine Freude hast, erklrte der Kleine mit berzeugtem Tone, und wichtig fgte er hinzu: Tante, das Minnichen kann schon beinah' >Toni< sagen; es macht schon: >Mieh -- MiehMainbotenDas ist aber mal ein Hauptkerl!< Und Rudis Augen leuchteten vor Freude und Stolz ber seinen tchtigen Bruder. Recht so, Philipp, das hre ich gern; da bekommt der Papa an dir spter eine gute Hilfe in dem groen Betrieb. Und Tante Toni nickte dem Neffen freundlich zu. Dieser war etwas rot geworden, hatte sich aber weiter nicht in seiner Gemtsruhe stren lassen. So, nun mssen aber auch die andern heraus mit der Sprache! rief Tante Toni lustig. Also Mariechen, wie steht es mit dir? Ehe Mariechen noch antworten konnte, rief Anna lachend: O, das ist eine Betschwester -- die ginge ins Kloster, wenn es dort nur einen Spiegel gbe! Halt den Schnabel, vorlautes Ding; du bist ja nicht gefragt! Ich danke dir, teurer Bruder Paul, fr die liebevolle Zurechtweisung! Zankt euch doch nicht wieder, ihr beiden, und lat Mariechen endlich zu Wort kommen. O, ich habe nicht viel zu sagen, meinte Mariechen errtend. Vorlufig lerne ich recht fleiig, damit ich spter mein Examen machen kann. Das weitere wird sich dann schon finden. Bravo, Mieze! Aber Anna konnte das Necken nicht lassen; sie machte ein drollig zerknirschtes Gesicht und rief aus: Mieze, du bist einfach ein Musterkind. Ich fhle mich wirklich so unwrdig, neben dir zu sitzen, da ich meine, der Erdboden mte mich verschlingen. Und damit verschwand sie unter dem Tisch. Alle lachten; auch die geneckte Mieze lachte herzlich mit, dann rief sie munter: Nun hast du so gut fr mich geantwortet; jetzt sprich fr dich selbst; also ich frage dich feierlich: Was willst du werden, Anna Wulff? Nun, ich heirate natrlich, klang es unter dem Tisch herauf. Wieder entstand allgemeines Gelchter. Was gibt's denn da zu lachen? Und Annas Kopf tauchte empor. Zum Heiraten gehren zwei, belehrte Kurt mit weiser Miene. Das wei ich doch, da ich mich nicht selbst heiraten kann. Ich heirate den netten hollndischen Jungen, mit dem wir voriges Jahr im Seebad gespielt haben. O, den dicken Jan! lachte Kurt. Du bist nicht dumm, nne, denn sein Vater ist Millionr. Ob der dich aber will? O, der wird schon wollen! versicherte Anna in berzeugtem Ton. Ich bin noch nicht gefragt worden, meldete sich nun Lilly. Also, Lilly, leg' los! Ich wette, du wirst eine alte Jungfer! Lilly warf ihrem Vetter Paul einen sehr entrsteten Blick zu und entgegnete: Fllt mir nicht ein, eine alte Jungfer zu werden -- da heirat' ich doch noch eher einen von euch! Ums Himmels willen, doch nicht mich? schrie Paul in komischem Entsetzen auf, und er streckte wie abwehrend die Hnde aus. Nein, dich mag ich gar nicht, du bist mir zu grob -- aber vielleicht den Philipp! Philipp machte ein uerst verblfftes Gesicht bei dieser Erklrung. Warum denn gerade mich? fragte er in klglichem Ton. Du bist der gutmtigste von allen, und dich werde ich schon bald unter den Pantoffel kriegen, erklrte Lilly mit einem siegesgewissen Blick auf ihren Vetter, der dasa mit der Miene eines Opferlammes, welches zur Schlachtbank gefhrt werden soll. Die andern schrien vor Lachen. Frau Wulff, welche gerade der Tante Luise Helmer eine neue Tasse Kaffee einschenken wollte, schttete vor lauter Lachen daneben; Mieze hielt sich die Seiten und bog sich; Anna hatte sich verschluckt, und lachend, hustend und pustend verteidigte sie sich gegen ihre Brder, die ihr allzu diensteifrig und krftig ans den Rcken klopften. Genug, Kinder, genug! rief Tante Toni in den Tumult hinein; aber sie mute selbst wieder von neuem lachen, und es dauerte noch eine kleine Weile, ehe sie fortfahren konnte: Wir sind ja noch nicht fertig. Wer ist denn an der Reihe, gefragt zu werden? Der Rudi, der Rudi! hie es, und Otto fgte mit geringschtziger Miene hinzu: Den brauchst du gar nicht zu fragen, Tante Toni; der will Kutscher werden! Ach, Otto, das hab' ich doch nur frher gesagt, als ich noch ganz klein war! verteidigte sich Rudi. Ei, was bist du denn jetzt? Bildest du dir vielleicht ein, du wrest schon gro? Geh', Otto, sei nur still! Als du noch so ein kleiner Bubi warst wie hier das Leomnnchen, da wolltest du auch Kutscher werden. Aber Tante Toni! Gewi; ich war damals ja lngere Zeit bei euch; und wie oft hast du deine hlzernen Pferdchen an meinen Stuhl gespannt und mich so in der Welt herumkutschiert! Aber doch nicht wirklich, Tante Toni? fragte Leomnnchen, der mit sichtlichem Interesse zugehrt hatte. Nein, natrlich nur im Spiel. Und du, mein Leobbchen, du willst gewi auch Kutscher werden? O nein -- ich werde Kaiser, erklrte der Kleine mit Bestimmtheit. O, Kaiser -- nur Kaiser! riefen alle erstaunt und belustigt. Tante Toni belehrte lchelnd: Kaiser kann man aber nur werden, wenn man ein Prinz ist. Ich heirat' einfach eine Prinzessin, dann werd' ich ein Prinz. O Dummerchen! Eine Prinzessin, die will dich doch nicht, spottete Anna. Dann heirat' ich zur Straf' gar nicht! Und Leomnnchen wandte sich gekrnkt ab. Ach, was fr eine entsetzliche Strafe! schrie Anna lachend. Dann streckte sie wie flehend die Hnde nach ihrem Brderchen aus und rief: Gnade, Kaiserliche Majestt! Die arme Prinzessin wird sich zu Tode grmen! Der Kleine sah Anna mit mitrauischer Miene an. Er wute nicht recht, was sie eigentlich meinte, aber er fhlte doch heraus, da sie sich ber ihn lustig machte; deshalb sagte er rgerlich: Geh' weg, bse Anna, du willst mich doch nur wieder rgern! Verstoen! -- ich bin verstoen von Seiner Kaiserlichen Majestt! jammerte Anna in komischer Verzweiflung; dann hielt sie der Mutter ihren Teller hin und flehte mit zitternder Stimme: Ach, Kaiserin-Mutter, erbarmen Sie sich doch meiner und geben Sie mir zum Trost noch ein Stck Kuchen! Die Mutter lchelte nachsichtig: Da hast du dein Stck Kuchen, kleine Komdiantin! Meinen innigsten, meinen untertnigsten Dank! Und dem kleinen Leo den Kuchen hinhaltend, fgte sie hinzu: Auf dein Wohl, o groer, berhmter Kaiser, werde ich diesen Kuchen verspeisen. Dann streckte sie ihrem sie erstaunt anblickenden Brderchen die Zunge heraus und bi in den Kuchen. Aber pfui, Anna, was gibst du dem Kleinen fr ein schlechtes Beispiel! rgte die Mutter. Leomnnchen aber hatte schon Trnen in den Augen, und er rief entrstet: Bse Anna, unartige Anna! worauf diese entgegnete: Ses Leomnnchen, herziges, zuckeriges Leobbchen, groer Kaiser! Ach, so la mich doch mal endlich in Ruh, du garstiges Ding! Und groe Trnen rollten ber Leos runde Bckchen. Ach, ein weinender Kaiser! Und Anna deutete mit dem Finger nach ihm. So, Anna, nun ist's genug; du lt mir jetzt den Kleinen in Ruh! befahl die Mutter in strengem Ton. Sich dann an alle andern wendend fgte sie hinzu: Ich denke, wir sind fertig und gehen nun hinber ins Wohnzimmer, damit die Mdchen hier den Tisch abrumen knnen. Kaum hatte Tante Toni sich im Wohnzimmer niedergelassen, da krabbelte Leomnnchen auch schon auf ihren Scho; die andern Kinder lagerten sich um sie herum und riefen: Bitte, Tante Toni, erzhle uns etwas! Und Tante Toni erzhlte den aufmerksam horchenden Kindern lustige und ernste Geschichten, bis Tante Luise Helmer erklrte: Nun ist's genug; Tante Toni ist sicher mde, und fr uns ist es nun Zeit, nach Hause zu gehen. Kommt, Mariechen, Philipp und Rudi, macht euch zurecht und verabschiedet euch! Spter, als Tante Toni mit den Kindern das Abendgebet verrichtet hatte, wollte sie den kleinen Leo zu Bett bringen. Der blieb aber knien und erklrte: Ich bin noch nicht fertig, ich habe noch etwas zu beten. Dann faltete er wieder seine Hndchen, und zum Kreuzbilde emporblickend betete er inbrnstig: Ach, lieber Gott, ich bitte dich recht sehr, schick' doch den Storch, da er die Anna wieder fortholt; wir knnen sie nicht brauchen, sie ist wirklich zu bs. In Ewigkeit. Amen. Dann stand er mit befriedigter Miene auf. Anna jedoch machte ein recht verdutztes Gesicht; sie wute nicht recht, ob sie lachen oder sich rgern sollte. Sie sagte aber nichts, sondern schlich sich still hinaus. Viertes Kapitel. Es wird spazierengegangen; man begegnet der alten Babett; Anna wird Prophetin und Rudi Schwanenritter. Am nchsten schulfreien Nachmittag waren wieder alle Kinder im Wulffschen Garten versammelt; sie waren zum Spaziergang gerstet und warteten auf Tante Toni. Diese trat eben aus der Haustre, die kleine Toni an der Hand fhrend. Was, soll die auch mit? rief Otto rgerlich. Warum denn nicht auch der Leo und das Minnichen und die zwei Jngsten von Tante Luise? Ich knnte mich ja vor den Kinderwagen spannen! Klein Toni sah mit ngstlich flehenden Augen zur Tante empor. Diese sah etwas rgerlich aus, als sie antwortete: Ich habe Toni versprochen, sie mitzunehmen, und sie geht mit. brigens, mein lieber Otto, ich werde auch in Zukunft zu unsern Spaziergngen einladen, wen ich will, ohne dich erst um Erlaubnis zu fragen. Und sich dann an alle Kinder wendend fragte sie: Wie steht es denn mit den Aufgaben? Seid ihr alle fertig? Ja, ja, wir sind fertig! riefen mehrere Stimmen; nur die greren Knaben und Mariechen hatten noch einiges zu lernen; aber Tante Toni meinte: Nun, da wir um 6 Uhr zurck sein werden, habt ihr diesen Abend noch Zeit zum Studieren. Aber Kurt und Philipp, was schleppt ihr denn da in den schweren Ruckscken? Ei, Tante, unser Vieruhrbrot! Nun, da scheint mir aber Vorrat fr ein ganzes Bataillon zu sein! O Tante, wart's mal ab! Du wirst sehen, da wir nichts davon heimbringen werden. Und dem Philipp kannst du ein bichen auf die Finger sehen, Tante; der hat immer schon eine halbe Stunde nach dem Mittagessen wieder Hunger, und er knnte ... O, sei ruhig, Rudi, lachte Mariechen, ich habe den Rucksack gut und fest zugebunden; er kriegt ihn so leicht nicht auf! Also, nun vorwrts, Kinder! mahnte Tante Toni. Als sie aber bemerkte, da Paul auf die andere Seite der Strae hinberging, fragte sie verwundert: Warum gehst du so abseits, Paul? Warum bleibst du nicht bei uns? Ach, Tante, die Leute schauen uns so an und lachen, weil wir so viele sind! Ei, das tut doch nichts! Die Leute sind von frher daran gewhnt. Sieh, der alte Uhrmacher Mller, wie er dort vor seiner Tre steht und mit dem ganzen Gesicht lacht! Wie oft hat er vor Jahren euern Grovater mit seinen zehn Kindern hier vorbeikommen sehen! Ja, es war immer die grte Freude meines lieben Vaters, wenn keines seiner Kinder beim Spaziergang fehlte. Tante Toni, ich mchte, der Gropapa und du, ihr zget wieder hierher; das wre doch schn! Mchtest du es nicht? Ich mchte es wohl ganz gern; denn hier bin ich geboren, hier habe ich meine Kindheit und meine erste Jugend verbracht. Anderseits tte es mir aber auch wieder leid, von Walden wegzugehen; dort ist eure liebe Gromama gestorben; dort wohnen drei meiner Geschwister; dort haben wir ein zweites, liebes Heim gefunden. Gibt es in Walden auch so schne Spaziergnge wie hier, Tante? Es gibt dort wohl auch schne Spaziergnge, aber doch nicht so mannigfaltig wie hier; auch mu man erst ein gut Stck ber staubige Landstraen gehen, ehe man an schne Punkte oder schattige Wege kommt. Hier dagegen stt dies herrliche kleine Tal gleich an die Stadt, es fhrt nicht nur zum Fasanenwald, sondern noch zu verschiedenen andern, wirklich schnen Aussichtspunkten. Bleibt doch einmal stehen, Kinder, und schaut euch von hier aus die Klosterruine dort drben ber dem See an. Die Bume da bilden den Rahmen, im Vordergrund seht ihr die saftig grne Wiese, dahinter die Ruine auf ihrer kleinen Insel, zwischen Baumgruppen hervorlugend -- knnt ihr euch ein schneres Bild denken? Aber ihr seid so an diesen Anblick gewhnt, da ihr achtlos daran vorbeigeht! Doch nicht, Tante Toni, ich habe die Ruine sehr gern, und ich habe sie schon oft von hier aus betrachtet und auch in der Nhe. Natrlich, Tante, das mtest du dir doch denken knnen! Es ist ja eine Klosterruine -- wie knnte Mieze gleichgltig an einer Klosterruine vorbeigehen! Ach, Anna, mut du schon wieder anfangen! Aber Anna lie sich nicht irremachen, sondern sie fuhr eifrig fort: Sie hat schon mal getrumt, das Kloster sei wiederhergestellt worden und sie selbst walte darin als btissin. Da man aber keinen Spiegel mit ins Kloster nehmen darf, hat sie sich eine Zelle ausgesucht, von der aus sie sich im See spiegeln kann. O nne, da mte der See aber erst grndlich gereinigt werden; denn aus diesem schlammigen Wasser ... Kann ihr hchstens das Bild des Wassermannes entgegengrinsen, das meinst du doch, Tante Toni, nicht wahr? Ja, und dann reckt er die hageren langen Arme aus dem Wasser hervor -- er greift nach der schnen Nonne in den wallenden weien Gewndern -- er fat sie beim Schleier und zieht sie hinunter in die Tiefe! Grlich, nne! Wo hast du das wieder her? Und Mariechen schttelte sich schaudernd. Die Nonne mit den wallenden weien Gewndern, die stammt wohl aus irgendeinem Gedicht. Aber was ist denn das fr ein Orden? Nun, verteidigte sich Anna, das ist ein Orden, den Mariechen einmal grnden wird. Sie liebt doch die weien Kleider viel zu sehr, um sich mal in eine schwarze oder braune Kutte zu stecken. Und in ihrem Orden braucht man sich auch nicht die Haare schneiden zu lassen -- es wre doch schade um ihre schnen blonden Locken! Und ihre Nagelfeile und die Brstchen nimmt sie auch mit. Mariechen war ganz rot und verlegen geworden, aber sie mute doch lachen. Auch Tante Toni lachte, und Mariechen um die Schulter fassend rief sie scherzend: Nun wei ich doch, da Miezchen auch einen kleinen Fehler hat und ein bichen eitel ist! Eitel ist sie eigentlich nicht, nahm Philipp seine Schwester in Schutz. Denn wirklich eitle Mdchen, die putzen sich doch hauptschlich, um sich dann auch von den Leuten begaffen zu lassen, und sie freuen sich, wenn man sie schner findet als die andern. Unserer Mieze dagegen ist es schon genug, wenn sie nur nett und ordentlich aussieht, und sie hat es gar nicht gern, wenn man sie so viel anschaut; und wenn ihre Bekannten schnere Kleider haben als sie, da macht sie sich nichts daraus. O, ich auch nicht! rief Anna mit geringschtziger Miene. Ja, nne, dir sieht man's auf den ersten Blick an, da du nicht eitel bist! Schlampig ist sie einfach, die nne! entrstete sich Kurt. Du knntest wenigstens deinen Schuhriemen ordentlich binden und deinen Strumpf heraufziehen -- man schmt sich ja wirklich, mit dir zu gehen! Puh, Kurt, tu' nur nicht so! Bis wir heute abend nach Hause kommen, wirst du wohl auch ein Loch in der Hose oder im Strumpf haben! Das kann schon sein, das ist aber doch etwas ganz anderes! Kommt, Kinder, fangt keinen Streit an! suchte Tante Toni zu beschwichtigen. Ich meine, wir wollen durch den Park und ber die kleine Brcke gehen; oder geht ihr lieber neben dem Parke her ber die groe Brcke? -- Aber wo ist denn der Rudi? Den seh' ich ja gar nicht mehr! Der ist sicher wieder irgendeinem Getier nachgelaufen, meinte Mariechen. Es ist unglaublich, was der alles aufstbert und heimbringt -- neulich kam er mit vier kleinen Frschen heran. Sogar ein Heimchen hat er einmal gefangen. Rudi! -- Rudi! -- Wo steckst du? Keine Antwort. Wir wollen mal alle zu gleicher Zeit rufen, schlug Paul vor, da wird er uns wohl hren. Also aufgepat -- auf drei wird geschrien. Eins, zwei, drei! Und Rudi! schallte es vielstimmig, so da Tante Toni sich erschrocken die Ohren zuhielt. Horcht, ich meine, ich htte ihn antworten hren! Richtig, da kommt er ja gelaufen! Und schmutzig ist er! Aber Rudi, wie siehst du aus! Was hast du denn angefangen? Und Tante Toni sah den kleinen Burschen, der mit zerzausten Locken, verkratztem Gesicht und bel zugerichteter Kleidung herankam, vorwurfsvoll an. Ach, Tante, ich habe so ein schnes Eichhrnchen gesehen, da wollte ich mir's gerne genauer anschauen; deshalb schlich ich ihm leise nach, und als ich ihm auf einen Baum nachkletterte -- ja, da bin ich halt ein bichen heruntergepurzelt. Ein bichen viel sogar, wie mir scheint! Ich hab' mir aber nicht viel weh getan, versicherte er treuherzig. Aber deinem Strumpf hast du recht weh getan und deinem Anzug. Da wird sich die liebe Mutter freuen! Rudi senkte beschmt den Lockenkopf: Ach, es war aber doch ein _so schnes_ Eichhrnchen mit einem so langen, dicken Schwanz! Du wirst von nun an schn in unserer Nhe bleiben, mein lieber Bub. Und sich an alle Kinder wendend fuhr Tante Toni fort: Ich mchte euch berhaupt alle bitten, da ihr immer schn beisammenbleibt, da sich keines absondert. Auch hernach, wenn ihr oben beim Tempelchen spielen drft, da mt ihr doch alle in Rufweite bleiben, so da ihr mich immer hren knnt, wenn ich euch zurckrufe. Wollt ihr mir das versprechen? Gewi, Tante Toni! versicherten die Kinder, und der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Nachdem die kleine Eisenbahnbrcke berschritten war, fhrte Tante Toni ihre Bande den Waldsaum entlang, und sie betrachtete sinnend die liebliche Gegend, die sich zu ihrer Linken ausbreitete. Als der Wald und mit ihm der Weg eine kleine Biegung nach rechts machte, blieb sie stehen und sagte: Seht, Kinder, wenn wir frher mit unserem Vater hier spazierengingen, dann blieb er stets an dieser Stelle stehen, um die schne Aussicht zu genieen. Er kannte jeden Berg da drben, jeden Wald, jedes Dorf. Unser Papa auch! riefen Otto und Lilly gleichzeitig aus, und Otto fuhr fort: Und der Papa hat uns auch schon von den Ausflgen erzhlt, die ihr frher mit dem Gropapa gemacht habt, und er hat uns versprochen, er wrde mit uns groe Spaziergnge durch den Spessart machen, wenn wir einmal grer sind. Tante Toni, warst du auch schon auf all diesen Bergen? fragte nun klein Tonichen. Auf vielen, aber doch lange nicht auf allen. Wir waren zuviele, und da die greren Ausflge teilweise zu Wagen gemacht wurden, konnte Gropapa uns nicht alle auf einmal mitnehmen, und wenn eine besonders groe Tour gemacht werden sollte, dann gingen die Knaben mit und die Mdchen muten zu Hause bleiben. Natrlich, immer die Mdchen, als ob die nicht gerade so gut laufen knnten wie die Buben! schmollte Anna. Ja, Anna, _du_ kannst auch gut laufen, und Tonichen stie einen kleinen Seufzer aus. Anna htte eigentlich ein Bub sein sollen, behauptete Philipp. Ja, und du ein Mdchen, gelt, Philippinchen? neckte Kurt. Philipp errtete und rief heftig abwehrend aus: Gott behte! Nicht um die Welt mcht' ich ein Mdchen sein! Siehst du nun, Philipp! Und du behauptest doch so oft, wir Mdchen htten es besser als die Buben. Das habt ihr auch; wenigstens bequemer. Ei, Philipp, mischte sich Tante Toni ein, findest du zum Beispiel, da deine Mutter es so bequem hat? Sie ist des Morgens die erste auf und des Abends die letzte, die sich zur Ruhe begibt, und unter Tags habe ich _dich_ schon fter auf dem Sofa gesehen als deine Mama. Ja, die Mama, das ist auch etwas ganz anderes! Nun, und Tante Maria Wulff? -- Und noch recht viele knnte ich dir nennen, welche ... Ja, Tante, das sind auch keine Mdchen mehr; ich spreche ja nur von den Mdchen. Nun gut, so sprechen wir von den Mdchen. Nehmen wir zum Beispiel hier unser Mariechen. Inwiefern hat sie es denn besser als du? Sie braucht allerdings kein Latein, kein Griechisch und keine Mathematik zu lernen, trotzdem hat sie reichlich viel Schularbeiten; sie hat ferner ihre Musikstunden, mu tglich Klavier ben; in ihrer freien Zeit mu sie auch oft auf die kleinen Geschwister achtgeben, und ich habe mir sagen lassen, da sie einem ihrer Brder schon manchen Knopf angenht hat, da sie sogar im lateinischen Wrterbuch schon ziemlich Bescheid wei, weil sie eben dem betreffenden Herrn Bruder hufig beim Nachschlagen der Wrter hilft. Philipp sah beschmt und verlegen drein; aber bald hob er den Kopf und bekannte offen und ehrlich: Ja, Tante, du hast recht. Aber unsere Mieze ist auch wirklich eine gute Schwester. Und auch eine gute Cousine! rief Anna, und die andern stimmten bei, nur Lilly klagte: Sie ist nur zu streng, und sie will immer recht haben! Die andern schauten Lilly mibilligend an, und Kurt erklrte in sehr bestimmtem Tone: Sie hat auch immer recht; dir gegenber mal ganz gewi. Lilly wurde ganz rot vor rger, und schon wollte sie eine recht unartige Antwort geben, da legte sich Ottos Hand auf ihren Mund: Schnell, Lilly, weg, da kommt die alte Babett! flsterte er, sie mit sich fortziehend; aber es war schon zu spt, denn eben war ein ganz altes, verhutzeltes Weiblein aus dem Walde gehumpelt und blieb gerade vor Otto und Lilly stehen. Es schaute die beiden Kinder aufmerksam an und nickte dabei mit dem wackeligen Kopf; endlich sagte es mit etwas krchzender Stimme: Ja, ja, ich wei schon, ihr seid die Kinder vom Herrn Robert, und die annern da, die sind vom Frule Luische und vom Marieche. Und ich, Babett, wer bin denn ich? fragte Tante Toni lchelnd. Kennen Sie mich noch? Die Alte richtete ihre kleinen, rot unterlaufenen, aber noch scharfen uglein auf Tante Toni, da hellte sich auf einmal ihr Gesicht auf und sie rief freudig erstaunt: Ach, du lieber Gott, des is ja des Toniche, des gute Frule Toniche von's Mehrings draue aus dem groe Garte! Ach, was hab ich Ihne aber schon so lang nit mehr gesehn, und was sind Se fr e gro, schn Mdche geworde! Sogar ein ziemlich altes Mdchen bin ich inzwischen geworden, lachte Tante Toni. Nun, wie geht's denn, Babett? Na, Toniche -- ich will sage Frule Toniche --, es geht halt so, wie unser Herrgott will. Recht alt bin ich halt schon, und ma werd e biche dppelich, wenn mer so ber achzig Jahr auf seim Buckel mitschleppe mu. Aber e Hex bin ich nit, -- nein, Kinnercher, e bse Hex bin ich nit, und ich mcht niemand etwas zuleid tun. Dabei schaute sie wieder auf Otto und Lilly hin, und dann fuhr sie halblaut, wie zu sich selbst sprechend, fort: Es war aber noch eins dabei, und sie schaute von einem Kind zum andern, bis ihr Blick auf Anna haften blieb, die sich halb hinter Tante Toni versteckt hatte. Tante Toni und die Helmers-Kinder sahen verwundert drein und konnten sich nicht denken, was die Alte eigentlich wollte. Die aber fuhr, zu den Kindern gewendet, fort: Ach, Kinnercher, ich hab' eure Eltern ja gekannt, wie se noch ganz klein warn. Und der Robert, was war des fr e wilder, aber e guter Bub! Einmal, da is er in seiner Wildheit so grad an mich angerannt, wie ich mit eme Bndel Reisig daherkomme bin, so da ich mitsamt meim Reisig in de Chausseegrabe neingeborzelt bin. Erst hat er halt lache msse ber mein unfreiwillige Borzelbaum, dann hat aber doch gleich sei gut Herz die Oberhand kriegt, und er hat mer wieder naufgeholfe, und er hat mer auch all mei Reisig wieder schn zusammelese helfe, und zuletzt, weil er halt gar nix anners bei sich gehabt hat, wollt er mer sogar noch sei Klicker schenke! Hhh! -- Die Alte schttelte sich vor Lachen. Ja, denkt euch, sei Klicker wollt er mer schenke, und weil ich die doch nit habe wollt, da hat er nachher seiner Mutter kei Ruh gelasse, bis se mer en Rock und e warm Halstuch geschenkt hat. Ja, Kinnercher, so e gut Herz hat er gehabt, der Robert -- ja, Gott hab' ihn selig! Aber der Robert lebt ja noch! rief Tante Toni. Ach ja -- richtig! Es is ja sei schn jung Frauche die, wo gestorbe is! Ja, ja, dppelich, e biche dppelich werd mer halt, wenn mer so alt is. Aber bs bin ich nit, und wenn mer mich e alte Hex schimpft, dann tut mer des halt doch gar zu leid. Da trat Anna mit sehr rotem Kopf, aber rasch und entschlossen hinter Tante Toni hervor, und der alten Babett die Hand bietend sagte sie: Verzeih, Babett, es war recht garstig von mir neulich, und ich verspreche dir's, ich werd's nie mehr tun. Ach Gott, du bist halt e Liebes und e Braves! rief Babett gerhrt aus. Ich hab' mir ja schon gleich gedacht, da ihr's nit so bs gemeint habt; aber es tut einem halt doch weh. Sie schaute nun auf Otto und Lilly, die hatten aber die Gesichter abgewendet und blieben stumm. Die alte Babett nickte noch ein paarmal mit dem wackeligen Kopf, endlich sagte sie zu den beiden: Ich will recht fr euer tot Mutterche bete. Dann sich zu den andern wendend: Na also, nix fr ungut, Kinnercher, und gr Ihne Gott, Frule Toniche. Ich bin aber doch so froh, da ich Ihne noch emol gesehn hab'. Gr Gott, du allerbrvstes du! Die letzten Worte waren an Anna gerichtet, und nun humpelte die Alte, auf ihren Stock gesttzt, ihres Weges weiter. Ich htte wirklich nicht gedacht, da die alte Babett noch lebt! rief Tante Toni aus, whrend sie im Weitergehen sich nochmals nach dem alten Weiblein umdrehte. Aber wo mag sie nur herkommen, so weit von der Stadt? Sie kommt gewi wieder vom Wunderkreuz, meinte Mariechen; da pilgert sie hin, so oft es ihre alten Beine erlauben. So ganz allein! Und wenn sie nun einmal nicht mehr heim knnte? Wenn sie zu lang ausbleibt, dann kommt ihr der Christian entgegen. Wie, der Christian, unser frherer Grtner? Ja, Tante Toni, der wohnt ja bei seiner verheirateten Tochter, und die alte Babett hat ein Zimmerchen im selben Hause. Wenn nun die Babett zum Wunderkreuz wallfahrtet, wie sie es nennt, dann geht ihr spter Christian entgegen, und er fhrt sie nach Haus, und du kannst dir gar nicht denken, wie drollig das ist, wenn die beiden zusammen heimhumpeln; denn der Christian kann nicht viel besser gehen als die Babett, wegen seinem Schematismus. Schematismus? Ach, Tante, so nennt er sein Gliederreien; er meint halt Rheumatismus. Aber das Allerkomischste ist doch, wenn sie sich unterwegs recht zanken, mischte sich Kurt ein. Wie, sie zanken sich? Ja, und da der Christian ein bichen taub ist, schreit die Babett ihm ins Ohr, und der Christian spricht auch sehr laut, so da man sie schon von weitem hrt. Aber weshalb streiten sie denn? Ich meine doch, wenn der Christian ihr entgegengeht, um sie nach Hause zu fhren, so ist das ein Zeichen, da sie gut zusammen stehen -- sie sind ja nicht einmal verwandt miteinander. Sie zanken sich ja eigentlich auch nicht im Ernst -- aber die Babett will zum Beispiel immer den inneren Weg gehen, sie behauptet, hier drauen sei es zu windig; der Christian dagegen will drauen gehen, denn ihm ist es im Wald zu dumpf. Neulich sind wir mal mit Papa hinter ihnen hergegangen, da haben sie sich wieder um den Weg gezankt, bis dann endlich der Christian nachgegeben hat, und sie sind in den Wald eingebogen -- er hat aber doch gebrummt: >Ich bin nur froh, da du nicht meine Frau bist, Babett!< Da ist die Babett aber bs geworden und hat geschrien: >Was denkst du denn von mir, du? Wenn ich deine Frau wr', dann wren wir natrlich drauen gegangen.< Da ist aber der Christian ganz verblfft stehengeblieben und hat gefragt: >Du, Babett, was haste gesagt? _Meinen_ Weg wrst du mit mir gegangen, wenn du meine Frau wrst?< Und die Babett hat ganz stolz geantwortet: >Natrlich; meinst du denn, ich wt' nicht, wie es sich zwischen Mann und Frau gehrt? Ich kenn' doch meinen Katechismus!< Der Christian hat sich hinter den Ohren gekratzt und hat sehr nachdenklich ausgesehen; endlich hat er ihr ins Ohr gerufen: >Ja, Babett, du hast schon recht; eigentlich gehrt es sich auch so zwischen Mann und Frau -- aber in Wirklichkeit ist es nicht immer so.< Und dann schrie die Babett ihm wieder ins Ohr: >Schrei doch nicht so, Christian; _ich_ bin doch nicht taub, sondern nur du!< Da wollte der Christian widersprechen, aber die Babett lie ihn gar nicht zu Wort kommen, sondern sie schrie weiter: >Bei dir war's freilich nicht so; grad umgekehrt war's bei dir: du hast erst deiner Frau gehorcht, und jetzt folgst du deiner Tochter.< Jetzt hat aber der Christian angefangen zu lachen, und er hat ausgerufen: >Und noch jemand, ja, da ist noch jemand, dem ich gehorchen mu.< Die Babett hat angefangen zu raten: >Deiner Tochter ihrem Mann?< Da hat der Christian noch rger gelacht: >Nein, der gehorcht selber seiner Frau.< Die Babett hat ganz verwundert gefragt: >Ja, wem denn sonst noch?< Da ist der Christian wieder stehengeblieben und hat gerufen: >Ei, dir, Babett, dir mu ich doch auch gehorchen!< Da haben sie dann beide gelacht und sind ganz vergngt zusammen weitergehinkt. Tante Toni und alle Kinder lachten auch herzlich ber Kurts Erzhlung. Nachdem man nun noch eine halbe Stunde tchtig marschiert war, kam man endlich oben am Tempelchen an. Aber da ist ja gar kein Tempelchen mehr! rief Tante Toni ganz enttuscht. Ja, das fing an zu zerbrckeln, da hat man es einfach abgebrochen. Die Aussicht ist ja auch zugewachsen! Ja, aber komm, ich fhre dich hier ganz in der Nhe auf einen Felsblock, von dem aus hat man einen wirklich schnen Blick. Und Paul fhrte Tante Toni an die bezeichnete Stelle. Als sie zu den andern zurckkamen, sagte Philipp: Ich meine, wir knnten uns jetzt dort ins Gras lagern und etwas essen. Was nicht gar! rief Tante Toni lachend. Zum Essen ist es doch noch zu frh. Ich schlage vor, es wird erst eine Stunde gespielt, dann gefttert und hernach weitergespielt, bis es Zeit ist heimzugehen. Ist es euch so recht? Alle erklrten sich einverstanden, und es wurde beschlossen, zuerst Ruber und Gendarm zu spielen. Aber die kleine Toni kann nicht mitspielen, erklrte Otto, sie kann nicht gut laufen, und sie wrde uns das ganze Spiel verderben. Toni schaute mit einem flehenden Blicke zu ihrer Patin auf, und schon rannen ein paar Trnen ber ihre Bckchen, da fate Lilly sie an der Hand und sagte: Doch, Otto, la sie nur mitspielen; sie ist das gestohlene Kind, welches die Ruber versteckt haben und welches die Gendarmen suchen mssen. Komm, Toni, ich verstecke dich! Und sie sprang mit der schnell getrsteten Toni fort. Die andern folgten ihr, nur Mariechen blieb bei der Tante zurck. Wie, Mariechen, spielst du nicht mit? Ach nein, Tante, das Spiel ist mir ein bichen zu wild, und man verdirbt sich die Kleider dabei. Tante Toni lchelte. Allerdings, Mariechen, es wre schade um dein hbsches Kleid; du hast dich fr die Gelegenheit ein bichen zu fein gemacht. Mariechen errtete und nestelte verlegen an ihrem Arbeitstschchen herum. Auch Tante Toni hatte eine Handarbeit mitgebracht, und die beiden lieen sich eben auf einer aus rohen Baumstmmen gezimmerten Bank nieder, als Philipp noch einmal zurckkam, um ihnen anzuempfehlen: Gebt gut auf die Ruckscke acht! Tante Toni und Mariechen versprachen es beide lachend. Nach einiger Zeit sagte letztere etwas ngstlich: Wenn es nur ohne Streit abgeht! Tante Toni meinte: Wenn so viele Kinder von verschiedenem Alter und von so verschiedenen Charakteren beieinander sind, gibt es gar leicht kleine Znkereien; man darf diese nicht zu schwer nehmen, und man mu vor allem sorgen, da sie nicht ausarten. brigens habe ich mich eben recht ber Lilly gefreut, weil sie sich so nett der kleinen Toni angenommen hat. Mit Tonichen ist Lilly berhaupt fast immer lieb und nett, und wenn sie es zuweilen durch Neckereien zum Zorn gebracht hat, dann tut es ihr hernach immer sehr leid. O, das freut mich! rief Tante Toni aus. Ja, das freut mich sehr. Ich kann dir nicht sagen, wie weh es mir tut, da ich bisher noch gar keinen liebenswrdigen Zug in Lillys Charakter finden konnte. Du hast mir neulich auch gesagt, da Otto und Lilly sehr an ihrem Vater hngen. Ja, Tante; ich habe bei Lilly schon manchmal etwas erreicht mit der Vorstellung: es wrde deinen Vater freuen, oder: es wrde ihm leid tun. Glaubst du zum Beispiel, da Lilly imstande wre, ihrem Vater zuliebe ein wirkliches Opfer zu bringen? Mariechen dachte ein wenig nach, dann sagte sie bestimmt: Ich glaube, ja, Tante! O, das ist gut, das ist viel wert! rief die Tante aus und sah sinnend vor sich hin. Nach einiger Zeit kam klein Toni allein zurck. Willst du nicht mehr mitspielen, mein Kleines? Bist du schon mde? fragte Tante Toni. Die Kleine nickte und erzhlte: Die Gendarmen haben unser Versteck gefunden, und da muten wir schnell fortlaufen; weil ich aber nicht so fest laufen kann, da htten sie die Lilly beinah gefangen, und da hat sie mich schnell losgelassen und gesagt, ich sollte mich jetzt ein bichen zu dir setzen, Tante. Die Tante zog Tonichen zu sich auf die Bank, hllte das Kind in ihr warmes, weiches Umschlagtuch und sagte liebevoll: So, damit du dich nicht erkltest, denn du bist erhitzt vom Laufen; nun ruhe dich aus. Die Kleine lchelte, und ihr Kpfchen an die Schulter der Tante lehnend bat sie: Bitte, bitte, liebe Tante, erzhle mir doch noch einmal die Geschichte von dem guten Kinde, welches allein mit dem armen Jesusknaben gespielt hat, weil die andern Kinder nicht wollten, und wie dann die Engelchen vom Himmel gekommen sind und ihnen Sternblmchen und Sternbllchen zum Spielen gebracht haben. O bitte, Tante, erzhle! Und die gute Tante erzhlte, und weil sie gar so schn erzhlen konnte, hrte nicht nur das kleine Tonichen aufmerksam zu, sondern auch das groe Mariechen -- bis auf einmal alle andern Kinder mit groem Lrm zurckkehrten. Die Gendarmen haben gewonnen! rief Rudi mit strahlenden Augen. Alle Ruber haben wir gefangen! Ich habe mich zuletzt fangen lassen, weil es mir langweilig wurde, sonst httet ihr mich nicht gekriegt. Diese Behauptung Ottos wurde von allen andern mit schallendem Gelchter beantwortet, worber dieser sich natrlich sehr rgerte. Er stampfte mit dem Fu und schrie: Was habt ihr zu lachen? Es ist doch so! Und Lilly bekrftigte: So ist es auch, er hat sich fangen lassen! Der Streit htte wahrscheinlich noch lnger gedauert, wenn Anna nicht eben mit theatralischer Miene ausgerufen htte: Aber Kinder, wie knnt ihr diesen edelmtigen Otto so verkennen! Begreift ihr denn nicht, da er sich geopfert hat und sich fangen lie, blo damit wir endlich mal etwas zu essen bekommen? Es lebe Otto der Unberwindliche, der Gromtige! Er lebe hoch! schrien alle, auf Annas Scherz eingehend; nur Otto selbst machte wieder ein wtendes Gesicht, und er schien groe Lust zu haben, den Streit wieder anzufangen. Aber nun rief Tante Toni: Ich hoffe, Otto, da du einen Scherz verstehen kannst und dich nun zufriedengibst. Und nun, Kinder, lagert euch und ruht aus. Mariechen und ich, wir teilen den Proviant aus. Ihr seid sicher hungrig! Und wie! scholl es fast einstimmig zurck. In unglaublich kurzer Zeit war der ganze Vorrat aufgezehrt, und Philipp, der eben das letzte Butterbrot empfangen hatte, rief aus: Siehst du, Tante Toni, da wir nicht zuviel mitgenommen hatten? Nein, wirklich! lachte diese. Ihr habt euch aber auch tchtig Bewegung gemacht, und hier drauen schmeckt es noch ganz besonders gut. So, nun knnen wir weiterspielen! erklrte Anna aufspringend. Ach nein, jetzt wollen wir lieber etwas anderes spielen! Aber was denn? Der eine schlug dies vor, der andere das, ohne Erfolg, bis Tante Toni vorschlug: Was meint ihr zu einem Pfnderspiel? Ja, ja, ein Pfnderspiel, und Tante Toni spielt mit! riefen die Kinder. Bald war das Spiel, unter Tante Tonis Leitung, im Gang. Da gab es wieder viel zu lachen, besonders wenn der Mitspieler, der ein Pfand geben sollte, verlegen in seinen Taschen herumkramte und gar nichts Passendes finden konnte, sondern manchmal recht drollige Sachen zum Vorschein brachte. Mariechen zum Beispiel fand in ihrer Tasche nichts als ein Taschentuch, einen Rosenkranz und einen kleinen Spiegel; diesen letzteren reichte sie errtend als Pfand hin, wobei sich Anna laut und anhaltend rusperte, bis Mariechen etwas rgerlich ausrief: Gib dich zufrieden, Anna, alle haben's gesehen und bemerkt! Als Kurt an die Reihe kam, fuhr er in alle seine Taschen, suchte und suchte voll Hast -- aber ohne Erfolg, bis er schlielich doch einen kleinen Gegenstand hervorbrachte, und zwar ein Schnurrbartbrstchen. Nun, du sorgst zeitig vor! lachte Tante Toni; auch die andern lachten, nur Philipp fragte mit dem ernsthaftesten Gesicht der Welt: Kurt, wann hast du dich denn zum letztenmal rasieren lassen? Als dann an ihn selbst die Reihe kam, ein Pfand zu geben, da fand er nichts als Brotkrumen, Obstkerne und einige sonderbar geformte Eisenstckchen. Aha, hhnte Kurt, das sind wohl die Bestandteile deiner neuesten Erfindung! Lilly frderte ein Puppenhschen zutage, welches sie aus Versehen anstatt eines Taschentuches eingesteckt hatte, und Anna berreichte mit einigem Widerstreben einen Kreisel, bei dessen Anblick Paul ausrief: Der gehrt ja berhaupt mir! Ach, du spielst ja doch nie damit, du hast ihn einfach verloren und ich hab' ihn gefunden; jetzt kannst du ihn mir auch lassen. So, so, verloren hab' ich ihn? Ich mcht' nur wissen, wo; wahrscheinlich in meiner Schublade oder in einer meiner Taschen, da gehst du ja doch immer suchen, wenn du etwas finden mchtest. Ja, Frulein nne, deine Manier, dir allerhand zusammenzufinden, die kenn' ich schon. Nchstens komme ich einmal bei dir wiederfinden. O je, Kurt, da wirst du nicht viel kriegen! Du weit doch, da die nne immer gleich wieder alles herschenkt, was sie hat. Ach, geh' doch, Rudi! wehrte Anna ab. Ja, es ist aber so! Neulich hast du mir doch meinen Ball abgebettelt -- und am andern Tag spielten die ungezogenen Franks-Kinder damit auf der Strae. Ach, die sind gar nicht so arg ungezogen, rief Anna eifrig; sie sind nur so schrecklich arm, und haben gar nichts zum Spielen, und sie sahen so sehnschtig nach dem Ball, als ich vorbeikam, da hab' ich ihn ihnen halt gegeben. Na ja, es ist mir ja auch recht, sagte Rudi; whrenddessen flsterte klein Toni ihrer Schwester Anna ins Ohr: Du, wenn wir heimkommen, da geb' ich dir eins von meinen Bilderbchern fr die Franks-Kinder, und -- ja was denn noch ...! Ein Pppchen? Ach nein, nne, die Franks sind so wild und so schmutzig, sie wrden zu grob mit dem armen Pppchen umgehen, das tte mir zu leid. Dummes, das Pppchen fhlt's ja nicht! Ach ja, ich kann's aber doch nicht sehen. Und weit du, wie ich neulich abends in meinem Bettchen geweint hab' und wie du mich gefragt hast, warum ich weine, wie ich dir's dann aber nicht sagen wollte, da hab' ich nur geweint, weil mir auf einmal eingefallen ist, da ich mein Gretelchen im Nhzimmer liegengelassen habe, und weil ich nun gedacht habe, das arme Pppchen liegt nun ganz allein und verlassen im dunkeln Nhzimmer, es hat kalt und ist traurig, weil ich es nicht ins Bettchen gelegt und ihm nicht >Gute Nacht< gesagt hab'. Inzwischen hatten die andern weitergespielt, und Toni sah ganz verdutzt aus, als Otto sie anrief: Holla, Toni, du hast nicht aufgepat, schnell ein Pfand her! -- Nicht minder gro war das Vergngen der Kinder beim Auslsen der Pfnder; besonders Anna zeichnete sich wieder aus durch ihre tollen Einflle, als sie, um ihren Kreisel wieder zu erhalten, einen Blick in die Zukunft tun mute. Man verband ihr die Augen, und so oft Tante Toni fragte, was sie diesem und jenem prophezeie, und dabei einen der Mitspielenden bezeichnete, mute sie irgend etwas sagen, natrlich ohne selbst zu wissen, wem es galt. Ich glaube, du hast gespitzt, klagte Mariechen, als sie prophezeit bekam, da sie mal Generaloberin aller bestehenden und nichtbestehenden Orden und Klster werden sollte. Als Anna dann aber den Philipp zu einer Urgromutter machte und Lilly zum Erzbischof ernannte, da glaubte man ihr, da sie nicht hinter dem Tuch hervorgeschaut hatte. Otto rgerte sich wieder sehr, als ihm verkndet wurde, er msse einmal als Orgeldreher die Welt durchwandern; als aber Tante Toni das Amt eines Kasperltheaterdirektors und Paul das Los einer emanzipierten alten Jungfer in Aussicht gestellt wurde, da stimmte er doch in die Heiterkeit der brigen ein. Zuletzt deutete die Tante auf klein Toni, und als Anna verkndete: Das wird einmal eine entsetzlich bse Schwiegermutter, da machte die Kleine ein ganz trbseliges Gesichtchen und sagte: Aber nein, das mchte ich nicht werden. Whrend alle lachten, ri Anna sich das Tuch vom Gesicht und rief aus: So, du bist also auch nicht zufrieden mit meinen Prophezeiungen? Was htte ich dir denn sagen sollen? Ich mchte gern ein Engelchen werden, sagte klein Toni errtend. Oh -- oh, hrt doch! Die Toni will ein Engelchen werden -- wie bescheiden! Nein, so etwas! riefen die Kinder lachend. Otto schrie dazwischen: Doch wohl ein Engelchen mit einem B davor! Und nun tnte es von allen Seiten und in allen Tonarten: Engelchen, Bengelchen! Engelchen, Bengelchen -- Zornebengelchen! Aber klein Toni wurde nicht zornig, -- nein, sie wurde wohl abwechselnd rot und bla, und sie zitterte vor Anstrengung, den aufsteigenden Zorn zu bemeistern. Sich fest an die Tante schmiegend flsterte sie: Ich will nicht zornig werden, -- nein, ich will nicht! Recht so, mein Herzchen, meine tapfere, kleine Freundin! ermutigte die Tante. Mariechen hatte sich inzwischen bemht, die bermtige Bande zum Schweigen zu bringen, und das Spiel nahm nun seinen Fortgang, bis Tante Toni das Zeichen zum Aufbruch gab. Aber es sind noch zwei Pfnder auszulsen! rief Otto aus, allein die Tante bestimmte, dieselben mten einfach zurckgegeben werden, und sie fgte hinzu: So, Kinder, nun geht es in wohlgeordnetem Zug heimwrts, und es wird dabei gesungen und im Schritt marschiert, damit wir rascher vom Fleck kommen; denn es ist schon etwas spt geworden. Also, Anna und Rudi, ihr fhrt den Zug an, die Zwillinge nehmen den Philipp in ihre Mitte, dann folgen Mariechen und Toni, und Otto und Lilly bilden mit mir die Nachhut. Dann stimmte die Tante an: Wer will unter die Soldaten, der mu haben ein Gewehr, und der Zug setzte sich in Bewegung. Aber Tante Toni blieb mit Otto und Lilly ein wenig zurck, und als die andern auer Hrweite waren, sagte sie: Nun, meine lieben Kinder, erklrt mir doch einmal, was habt ihr denn mit der alten Babett gehabt? Die beiden Kinder schwiegen und lieen die Kpfe hngen. Die Tante fuhr fort: Ich htte ja Babett selbst fragen knnen, aber ich wollte es lieber von euch hren. Endlich entschlo sich Otto zu reden, und er sagte wegwerfend: Ach, Tante, es ist ja gar nichts so Besonderes, und es ist eigentlich gar nicht der Rede wert. Die Babett ist halt so alt und so hlich, und sie wird oft >die alte Hex< genannt, und wir, die Anna, die Lilly und ich, sind einmal dazugekommen, wie ein paar Kinder auf der Strae ihr nachgerufen haben: >Alte Hex, bse, alte Hex!< Nun, und da haben wir halt ein bichen mitgeschrien -- das ist alles. O Otto, wie du das sagst! Nun, das ist doch nicht so schlimm und nicht der Mhe wert, so viel Aufhebens davon zu machen! Es tut mir leid, Otto, da du die Sache so leicht nimmst, besonders da du doch vorhin gesehen hast, wie nahe es der guten Alten gegangen ist. Von eurer frhesten Kindheit an habt ihr gelernt, da man das Alter ehren soll. Ist nun aber, wie hier bei Babett, das Alter von Gebrechen und Armut begleitet, so ist es doppelt ehrwrdig. Warum habt ihr nicht wenigstens vorhin der Alten ein gutes Wort gesagt wie Anna? Ihr habt doch gesehen, welche Freude ihr das gemacht hat. Aber, Tante, das ist doch unmglich! Die Anna hat ja gar kein Ehrgefhl, da sie so eine alte Bettlerin um Verzeihung bittet; wir knnen uns doch nicht so erniedrigen! Du scheinst mir von Ehrgefhl und Erniedrigung einen sonderbaren Begriff zu haben, mein Junge. Damals, als ihr mit den Gassenkindern die Alte verhhntet, da habt ihr euch erniedrigt, da habt ihr kein Ehrgefhl gehabt. Anna dagegen hat vorhin Mut und Hochherzigkeit gezeigt, und ich versichere euch, sie ist seitdem in meiner Achtung sehr gestiegen. Ich hielt sie bisher nur fr einen lustigen kleinen Taugenichts, jetzt wei ich aber, da sie Charakter hat, da sie ein offenes, mutiges und gutes Kind ist. Otto und Lilly sahen sehr erstaunt und etwas beschmt drein. Endlich fragte Lilly leise: Tante Toni, hast du uns jetzt nicht mehr lieb? Gewi hab' ich euch noch lieb! rief die Tante warm, und sie zog die beiden Kinder nher zu sich heran. Gerade weil ich euch so lieb habe, tut es mir weh, wenn ihr nicht seid, wie ihr sein solltet; gerade weil ich euch so lieb habe, mchte ich, da ihr gute, brave, eures Vaters wrdige Kinder werdet! Ihr habt ja beide euern Vater sehr lieb, nicht wahr? O, und wie lieb! Die Kinder riefen es aus mit leuchtenden Augen. Und wenn er bei euch ist, dann nehmt ihr euch zusammen, dann knnt ihr musterhaft brav sein. Glaubt ihr nicht, da es ihn sehr krnken wrde, wenn er jemals erfhre, da ihr ganz anders seid, sobald er nicht dabei ist? Da er es bisher noch nicht erfahren hat, das verdankt ihr nur der Gte und Nachsicht eurer Tanten, der Gromut eurer Vettern und Cousinen; aber immer kann es ihm nicht verborgen bleiben. Glaubt mir das nur, Kinder, frher oder spter wird er einmal klar sehen, und es wird ihm furchtbar hart sein, wenn er erfahren mu, da ihr nicht die offenen, wahren, gutherzigen und edelmtigen Kinder seid, fr die er euch hlt. Davor mchte ich ihn und euch bewahren. brigens, lieber Otto, du wirst ja nun bald zur ersten heiligen Kommunion gehen; ich hoffe, du nimmst es recht ernst mit deiner Vorbereitung, und wenn du willst, dann darfst du, so oft du Zeit hast, zu mir kommen. Ich mchte dir so gerne helfen, dich auf diesen groen Tag vorzubereiten. O Tante, das wre mir freilich recht, sehr recht! Nun gut! Und jetzt wollen wir uns ein bichen eilen, um die andern einzuholen. Tonichen scheint mde zu sein, sie lt sich arg von Mariechen ziehen. Die andern waren bald eingeholt. Die ermdete kleine Toni wurde erst von der Tante und Mariechen, dann von Kurt und Philipp Hockehockesthlchen getragen, bis sie ein bichen ausgeruht war, und so kam man bald wieder in die Nhe der Klosterruine. Wir wollen den See entlang gehen, rief Rudi, es sind eine Menge kleine Entchen drin und auch zwei junge Schwnchen. Und er lief voraus. Gib acht, Rudi, rief ihm Mariechen nach, der groe Schwan ist vielleicht drauen; er ist immer sehr wild, wenn junge Schwnchen dasind, und er ist berhaupt in der letzten Zeit sehr bs, weil einige Buben ihn necken und mit Steinen werfen. Ich werd' mich doch nicht vor einem Schwan frchten! sagte Rudi gekrnkt, und er lief weiter, gerade auf den See zu. Tante Toni wollte ihn eben besorgt zurckrufen, da kam er auch schon mit groem Zetergeschrei gelaufen, der Schwan, wild mit den Flgeln schlagend, hinter ihm drein. Es war ein groer, starker Schwan, und er sah so bsartig aus, da alle Kinder heftig erschraken. Auch Tante Toni erschrak, aber sie fate ihren Sonnenschirm, und beherzt auf das erboste Tier zugehend, hielt sie ihm denselben entgegen und machte ihn pltzlich mit einem Ruck auf. Der Schwan stutzte, machte kehrt und beeilte sich, wieder in sein Element, ins Wasser, zu kommen. Die Kinder hatten rasch die ausgestandene Angst vergessen, und sie brachen nun in ein herzliches Gelchter ber diesen raschen und drolligen Rckzug des Schwans aus. Es sah zu komisch aus, Tante, wie du den Schirm dem Schwan grad ins Gesicht aufgemacht hast; so etwas war ihm noch nie passiert, das konnte man ihm ansehen! Und Anna lachte, da ihr die Trnen ber die Backen liefen. Und Mut hast du, Tante Toni, das mu ich sagen, gestand Paul bewundernd. Und schlau hast du's gemacht. Mir wre das mit dem Schirm nicht eingefallen, pflichtete Kurt bei. Nur Rudi sagte nichts, er schlich etwas beschmt hinter den andern her; aber am Abend nach der Heimkehr, da kte er der Tante zrtlich die Hand. Und als Anna ihm nachrief: Gute Nacht, Schwanenritter! da wurde er sehr rot, aber er sagte nichts. Fnftes Kapitel. Minnichen wird geimpft. Tante Toni sa oben im Kinderzimmer. Klein Minnichen kletterte auf ihren Knien herum und trieb allerhand Schabernack; es zog sie an den Haaren, zupfte sie am Ohrlppchen, und wenn Tante Toni Au! oder O weh! rief, dann streichelte es ihr die Wangen und machte: Ei, ei, Ta Dedi. Leo, der daneben mit groem Ernst ein Bilderbuch betrachtete, erhob mibilligend den Kopf und sagte: Das Minnichen ist wirklich ein bichen eigensinnig, es will durchaus nicht >Tante Toni< sagen; es knnt's doch ganz gut, wenn es nur wollte; denn es hat schon viel schwerere Wrter fertiggebracht. Komm, Minnichen, sei mal recht brav, sage schn: >Tan--te To--ni<; ich schenk' dir auch was! Senk was! machte Minnichen, und es hielt dem Brderchen habgierig das Hndchen entgegen. Ja, du wrst mir gescheit! Erst mut du >Tan--te To--ni< sagen. Truwelpeter! schrie die Kleine, und sie lachte herausfordernd und klatschte in ihre kleinen, dicken Patschhndchen. Leo sah sein Schwesterchen voll Bewunderung an; dann sagte er: Du, Tante, ich glaub' gar, es will mich uzen; es ist wirklich ein schlaues Ding, das Minnichen. Man sah und hrte dem kleinen Burschen an, wie stolz er auf sein Schwesterchen war, das er ein wenig als sein besonderes Eigentum betrachtete. Er fhlte sich als dessen Lehrer und Beschtzer, er lie sich viel von ihm gefallen und behandelte es mit einer gewissen gromtigen Nachsicht, die ihm allerliebst stand und die ihn fr seine viereinhalb Jahre merkwrdig vernnftig erscheinen lie. Nachdem die Tante Minnichens Klugheit nach Gebhr bewundert hatte, wandte sie sich an klein Toni, die mit ihrer Puppe im Arm auf einem niederen Sthlchen danebensa. Tonichen sa so still da und schaute so ernst und nachdenklich vor sich hin, da die Tante besorgt fragte: Was hast du denn, meine kleine Freundin, woran denkst du? Ach, Tante, erwiderte das Kind nach einigem Zgern, ich denke daran, da du Otto gestern zu dir gerufen hast, um ihn auf die erste heilige Kommunion vorzubereiten. Ich wre so gern auch dabeigewesen. O, deine Zeit wird auch kommen, Tonichen; habe nur noch ein bichen Geduld! Toni versank wieder in Nachdenken; endlich hob sie das Kpfchen und fragte: Tante, mu man dem Heiligen Vater nicht folgen, wenn er etwas sagt? Aber selbstverstndlich, Kind! Er hat aber doch gesagt, die Kinder sollten schon mit sieben Jahren zur ersten heiligen Kommunion gehen; warum lt man sie denn nicht? Ja, Kindchen, der Heilige Vater hat unsern deutschen Bischfen erlaubt, das Alter fr die Erstkommunikanten auf zehn Jahre festzusetzen. Und in den andern Lndern, da drfen die Kinder schon mit sieben Jahren gehen? Wenigstens in vielen; ja ich glaube in den meisten. Warum denn nur gerade wir deutschen Kinder nicht? -- Aber sag' mal, Tante Toni, wenn ich jetzt sehr krank wrde, so krank, da ich sterben mte, drfte der Priester mir dann die heilige Kommunion bringen? O, das glaube ich -- ganz bestimmt! Willst du mir dann versprechen, Tante Toni, da ich den lieben Heiland bekomme, wenn ich sehr krank werde? Aber, Toni, mein Herzchen, wie kommst du denn auf diesen Gedanken? Du fhlst dich doch nicht unwohl? Versprich, bitte, Tante, versprich! flehte das Kind so eindringlich, da die Tante nicht anders konnte als antworten: Ich versprech' dir's, Kind; von Herzen gern will ich in einem solchen Fall alles tun, was ich kann, um deinen Wunsch zu erfllen! Leo hatte diesem Gesprch mit Interesse zugehrt. Sag' mal, Tante, mischte er sich nun ein, wenn die Toni stirbt, ist sie dann doch noch unsere Schwester? Aber gewi! Und wenn wir alle einmal tot und im Himmel sind, bist du dann doch noch unsere Tante, und sagen wir dann auch noch zu unsern Eltern >Papa< und >MamaHeiliger Papa< und >Heilige Mamaunschdlich machen<, das heit doch, sie wollen ihn tot machen -- der Otto hat es in seiner >Tigerjagd< gelesen; da steht es: wie der Tiger tot war, da freuten sich die Menschen, weil er nun endlich unschdlich gemacht war. Und Lilly brach von neuem in bittere Trnen aus. Tante Maria aber streichelte ihr die Wangen, und sie wie ein kleines Kind in den Armen wiegend, sagte sie in beruhigendem Ton: Da sei du nur ganz ruhig, Lillchen, -- das habt ihr beide nicht richtig verstanden; deinem lieben Vater kann und wird nichts geschehen. Alle guten und edeln Menschen haben Gegner -- das ist nun einmal so auf der Welt --, und so gibt es auch bse Menschen, die deinen Vater verleumden; aber la nur die Gerichtsverhandlung kommen, die brauchst du gar nicht zu frchten; da werden alle Leute erfahren, was fr ein guter Mensch dein Vater ist, und seine Verleumder werden bestraft werden. Lilly hatte aufmerksam zugehrt. Ja? glaubst du, Tante Maria? Und dem Papa wird nichts geschehen? Und das Kind atmete erleichtert auf. Dann sprang es hinaus in den Garten, um dort Anna und die Zwillinge aufzusuchen. Sechstes Kapitel. Tante Toni geht mit ihrer Bande auf den Wetterstein. Otto spielt einen schlimmen Streich. Es war wieder Sonntag und das herrlichste Wetter. Heute mssen wir aber einen schnen, groen Spaziergang machen, sagte Tante Toni auf dem Heimweg von der Kirche; ich mchte so gerne mal wieder zum Wetterstein gehen -- ist euch das nicht zu weit? O nein, Tante, gewi nicht! Und der Weg dahin ist so schn und man mu tchtig klettern! Alle Kinder waren gleich Feuer und Flamme fr den Spaziergang, und es wurde beratschlagt, um wieviel Uhr man aufbrechen und was man alles mitnehmen msse. Aber fr Tonichen wird es doch zu weit sein -- diesmal wirst du wohl zu Hause bleiben mssen. Klein Toni lie betrbt das Kpfchen hngen, aber ihr Gesichtchen hellte sich gleich wieder auf, als ihre Mutter sagte: Tonichen bleibt heute bei mir, und wir werden uns schon gut zusammen unterhalten; nicht wahr, mein Kind? Wirklich, Mama, darf ich den ganzen Nachmittag bei dir bleiben, und willst du mit mir spielen? Und ihre uglein glnzten vor Freude. Gewi, mein Herzchen, ich spiele mit dir, erzhle oder lese dir vor -- was du am liebsten hast. Und wir geben dabei zusammen auf die zwei Kleinen acht; denn Gretchen ist heute nicht da, sie darf ihre Mutter besuchen. Der Rudi knnte eigentlich heute auch zu Hause bleiben, damit wir Groen doch mal unter uns sind! Und Otto, welcher dies gesagt hatte, reckte sich in die Hhe, um mglichst viel grer zu erscheinen wie Rudi. Die andern machten alle rgerliche Gesichter. Man meint wirklich, du httest hier etwas zu befehlen, sagte Kurt. Wenn der Rudi nicht mitgeht, dann bleib' ich auch daheim. Und: Ich auch! Ich auch! riefen Paul und Philipp, Mariechen und Anna. Dann gehen wir beide mit Tante Toni allein! Und triumphierend drngten sich Otto und Lilly an die Tante. Diese wehrte jedoch ab und sagte in ernstem Ton: So lt Tante Toni doch nicht ber sich verfgen. Rudi geht jedenfalls mit -- er kann gewi so gut marschieren wie Lilly und Anna, und ich sehe gar nicht ein, weshalb er zurckbleiben sollte. Wer sonst noch von euch mitgehen will, ist herzlich willkommen, aber ich zwinge niemand. Es steht dir also frei, Otto, mitzugehen oder zu Hause zu bleiben -- wenn du dich aber zum Mitgehen entschlieest, so bitte ich mir aus, da du dich gut benimmst und keinen Streit anfngst. Otto zuckte rgerlich die Achseln und gab keine Antwort -- aber gleich nach Tisch, zur festgesetzten Stunde, fand er sich sehr pnktlich mit Lilly ein, und er tat, als ob sich das ganz von selbst verstnde und als ob am Morgen gar nichts vorgefallen wre. Nur als Tante Toni ihn wie fragend ansah, da schaute er verlegen weg und machte sich an seinem Rucksack zu schaffen. Unterwegs sprach er mehrmals leise mit Lilly, und einmal hrte Mariechen, wie er sagte: Aber da du schweigst, Lilly, da du mich nicht verrtst! Wenn du etwas sagst, dann sollst du sehen! Worauf Lilly vorwurfsvoll antwortete: Ich hab' dich doch noch nie verraten! Auch auf diesem Wege fand Tante Toni hufig Gelegenheit, den Kindern allerhand kleine Ereignisse aus ihrer Kinderzeit zu erzhlen. Als sie an einem kleinen Kapellchen, das am Fue einer Anhhe stand, vorbeikamen, blieb sie stehen und rief aus: O Kinder, hier wollen wir ein Marienlied singen -- das haben wir auch frher stets getan, wenn wir hier vorbeikamen. Sie stimmte an: Salve Regina, Reinste aus allen. Die hellen Kinderstimmen fielen ein, und das klang so froh und so feierlich durch die Sonntagsstille. Auf der Landstrae drben blieb ein Wanderer stehen, er nahm den Hut ab und horchte, und als der Gesang fertig war, da ging er sinnend, mit gesenktem Kopfe weiter. Im Kapellchen drinnen aber sa ein altes Mtterchen, das freute sich so, da ihm die hellen Trnen ber die runzeligen Backen liefen, und zum Schlu fiel es ein und sang mit zitterigem Stimmchen mit: Hilf uns, Maria! Maria, hilf! Nun fhrte der Weg in den Wald, und er begann sehr zu steigen. Soll ich dich ein bichen schieben, Tante Toni? bot Rudi sich an. Das kann ich sehr gut, gelt, Mieze? Ich hab' die Mieze schon fter einen Berg hinaufgeschoben, wenn sie md' war. Tante Toni lachte: Ich danke dir, lieber Rudi; ich bin aber wirklich noch gar nicht mde, und ich kann noch recht gut klettern. Du sollst dich auch nicht so anstrengen. O Tante Toni, das tut mir nichts -- ich bin stark, sehr stark! Prahlhans! Das ist nicht geprahlt, Otto, und du weit's recht gut, da ich stark bin! Doch lange nicht so stark wie der Otto, mischte sich nun Lilly ein, und sie warf Rudi einen herausfordernden Blick zu. Oho, Lilly! Ja, und deinen groen Mut haben wir ja auch neulich bewundern knnen, Herr Schwanenritter! Rudi war bei dieser Bemerkung Ottos hochrot im Gesicht geworden, und er schrie: Dich htt' ich sehen wollen, wenn dich der Schwan angefallen htte; du wrst berhaupt in Ohnmacht gefallen vor Angst, du Waschlappen du! Das ist nicht wahr, und du bist ein ganz ungezogener, frecher Bub! Die beiden Knaben wren gewi wieder aneinander geraten, wre nicht Tante Toni rasch dazwischengetreten. Kurt sagte nun eindringlich: Ich will auch mal was sagen: An jenem Tage haben wir uns alle eigentlich blamiert, und Tante Toni war die einzige, die Mut und Besonnenheit gezeigt hat. Hoch lebe Tante Toni, unser General! schrie Anna, ihren Hut schwenkend, und in diesen Ruf stimmten die andern gerne ein; nur Otto machte ein verbissenes Gesicht, und er flsterte Lilly zu: Und ich werd's ihm doch noch eintrnken! Im Weiterschreiten erklrte Tante Toni: Die Krperstrke, liebe Kinder, ist ja eine sehr gute und schne Sache, aber sie ist kein Verdienst; denn sie ist einem verliehen, man kann sie sich nicht selbst verschaffen, man kann hchstens die vorhandene entwickeln. Es gibt aber eine andere Strke, die steht weit hher als die Krperstrke, und die kann jeder erlangen, wenn er nur ernstlich will; das ist die Charakterstrke, die Seelenstrke. Ob der Rudi den Otto im Wettkampfe besiegt oder der Otto den Rudi, ob der Paul den Philipp unterkriegt oder umgekehrt der Philipp den Paul, das scheint euch von groer Wichtigkeit; mir dagegen beweist es nur, da der eine krftigere Muskeln hat als der andere, ich achte keinen dafr hher oder geringer. Aber den, der sich selbst besiegt, den, der seinen Zorn, seine Migunst, seine Selbstsucht und seine andern bsen Neigungen meistern kann, den achte ich wirklich hoch, der ist in Wahrheit gro und stark, und wenn er nach auen auch nur ein armer Krppel wre. Die Kinder hatten aufmerksam zugehrt, und alle gingen eine Zeitlang schweigend und nachdenklich weiter, bis endlich Anna ausrief: So, nun wollen wir aber wieder lustig sein! Drfen wir, Tante Toni? Ihr sollt sogar! O weh, Tante, was man soll, das kann man lange nicht so gut als das, was man nur darf! Ein groes Wort sprichst du gelassen aus, deklamierte Kurt, dann fgte er hinzu: Also los, nne, mach' mal einen von deinen berhmten Witzen, damit es was zu lachen gibt! Anna legte die Stirne in Falten und versank in Nachdenken, so da Rudi meinte: Du siehst aus, als mtest du eine sehr schwere Rechenaufgabe lsen. Anna gestand in klglichem Tone: Es fllt mir wirklich gar nichts ein, so sehr ich mir auch den Kopf zerbreche. Das ist doch zu dumm: in der Schule, in der Kirche, wenn Besuch da ist, dann fllt mir immer allerhand ein, worber ich lachen mu; aber wenn ich's gerad' mchte, dann wei ich nichts und dann erinnere ich mich nicht einmal der drolligen Sachen, die mir frher eingefallen sind. Es ist auch schwer, so auf Kommando witzig zu sein, trstete Tante Toni. brigens scheint es mir geraten, jetzt eure ganze Aufmerksamkeit auf den Weg zu lenken; er wird sehr steil, und in diesem Gerll knnte man sehr leicht fallen. Rudi, Lilly, Otto, gebt recht acht, Kinder! O Tante, mich brauchst du doch nicht zu den kleinen Kindern zu rechnen! erwiderte Otto beleidigt. Gib du nur auf den kleinen Rudi acht, ich werde schon fr Lilly sorgen. Komm, Lilly, gib mir die Hand. Und die Hand seines Schwesterchens fassend, zog er dieses eilig mit den Berg hinauf. Nicht so rasch, Otto, ich rutsch' immer aus, klagte Lilly; zieh mich doch nicht so fest! Schweig doch still! flsterte Otto ihr zu. Du kannst ja ordentlich klettern! Ich mchte der Tante Toni doch zeigen, da ich kein kleines Kind mehr bin, und wir wollen zuerst oben sein. Lilly schwieg nun auch gehorsam still und gab sich alle Mhe, mit ihrem Bruder Schritt zu halten, und die beiden waren den andern schon ein gutes Stck voraus. Tante Toni rief ihnen ngstlich zu: Nicht so rasch, Otto und Lilly, ihr seid zu waghalsig! Aber Otto lachte nur statt aller Antwort, und die Hand seines Schwesterchens, welches eben beinah' gefallen wre, fester fassend, sagte er leise und aufmunternd: Jetzt noch einen tchtigen Anlauf, und wir sind oben. Er nahm aber den Anlauf so stark und ri Lilly so heftig mit sich, da beide, oben angekommen, zur Erde strzten. Otto sprang schnell wieder auf und half auch Lilly in die Hhe. Er hatte nur arg zerschundene Hnde und Knie, aber Lilly war mit dem Gesicht auf den steinigen Boden gefallen, sie hatte eine groe Beule an der Stirne, und sie blutete stark aus der Nase. Die Trnen liefen ihr bers Gesicht; aber als Otto in sie drang: So wein doch nicht, Lilly, sonst krieg' ich's ja! da verbi sie ihren Schmerz, und sie versicherte der besorgten Tante Toni, sie htte sich gar nicht arg wehgetan. Aber das Nasenbluten dauerte fort, und da kein Wasser zur Hand war, mute Lilly sich unter einen Baum platt auf den Rcken legen und Tante Toni drckte ihr zusammengelegtes Taschentuch sanft auf die Beule, die immer heftiger anschwoll. Mariechen bemhte sich unterdessen, Ottos zerschundenes Knie, so gut es ohne Wasser ging, zu reinigen und zu verbinden. Rudi, der dabeistand und zusah, konnte sich nicht enthalten, zu sagen: Na, ein Glck, da du diesmal die Schuld nicht auf mich wlzen kannst, sonst htten wir ein schnes Konzert zu hren bekommen. Schweig! herrschte Otto ihn an, und Rudi schwieg auch, aber nicht um Otto zu gehorchen, sondern weil Mariechen ihm einen bittenden Blick zugeworfen hatte. In Otto aber kochte und grte es. Er fhlte ganz genau, da er im Unrecht war; er hatte dem Befehl der Tante, die zur Vorsicht mahnte, gerade entgegengehandelt, er hatte sich selbst und mehr noch seinem Schwesterchen empfindlich wehgetan, und aus dem geplanten Triumph war eine Niederlage geworden. Statt sich nun ber sich selbst und ber seine Unvorsichtigkeit zu rgern, rgerte er sich ber die andern, ganz besonders aber ber Rudi und Tante Toni, und diese letztere hatte ihm doch nicht einmal den wohlverdienten Verweis gegeben. Erst nachdem Lilly eine halbe Stunde stillgelegen und sich ausgeruht hatte, erlaubte Tante Toni ihr, wieder aufzustehen, und nun konnte der Weg zum Wetterstein endlich fortgesetzt werden. Paul, Kurt und Philipp sahen Otto gerade nicht mit zrtlichen Blicken an, whrend sie ber diese unwillkommene Verzgerung knurrten. Dieser Otto mu einem doch immer jedes Vergngen verderben, brummte Kurt, und Anna pflichtete ihm bei, halb rgerlich, halb lachend: Ich glaube, der ist berhaupt nur auf der Welt, damit wir uns in der Geduld ben! Ich erklre euch aber feierlich, da _meine_ Geduld nun zu Ende ist, und wenn er uns jetzt noch etwas einbrockt, dann -- ja dann spring' ich ihm auf den Rcken und schttle ihn und rttle ihn; seht, so ...! Und Anna packte den ahnungslosen Philipp und schttelte und ri ihn herum, so da er klglich schrie: Bist du denn toll geworden, nne? Die Flasche mit Himbeersaft in meinem Rucksack geht ja kaput! Was, Himbeersaft hast du da drin? Warum hast du das nicht eher gesagt? Da mu ich halt nun meinen gerechten Zorn bezwingen, wenigstens bis ich geholfen habe, deinen Himbeersaft auszutrinken. Aber da sind wir ja schon! Ich gre dich, edler, altehrwrdiger Wetterstein nebst Gemahlin, Kindern und Enkeln! Und Anna verneigte sich ehrfurchtsvoll und tief vor dem groen, grauen und verwitterten Felsblock, der den Gipfel des Berges krnt. Rundherum waren aber noch mehrere Steinblcke, groe und kleine, und Anna begann sofort diese zu zhlen. Warum zhlst du denn die Steine? fragte Mariechen. Ei, ich will doch sehen, ob die Familie des edlen Herrn von Wetterstein sich vermehrt hat, seitdem wir das letztemal hier waren! Philipp, der schon seinen Rucksack abgeschnallt hatte, sagte ungeduldig: Komm, Anna, la doch den Unsinn! Schau mal her, Tante Toni, da ist ein Stein, der ist gerade wie gemacht, um uns als Tisch zu dienen. Aber was fllt dir ein, Philipp! rief Anna mit gutgespielter Entrstung. Dieser Stein ist ja gerade dem Herrn von Wetterstein seine Schwiegertochter; er wird es dir furchtbar belnehmen, wenn du diese als Tisch bentzen willst. Tante Toni, du stimmst mir doch sicher bei? Allein Tante Toni hrte nicht; sie stand mit Mariechen und Paul am Rand des Gipfels, und alle drei sahen ins wunderliebliche Maintal hinunter. Es war ein ungewhnlich klarer Tag, und wie aus einem Baukasten aufgebaut sah man das Stdtchen in der Ferne am Mainufer liegen. Ich seh' das schne Schlo mit seinen vier Trmen, rief Mariechen; auch den Turm der Stiftskirche seh' ich! Wenn nicht diese dummen Bume gerade im Weg wren, knnte ich unser Haus und den Garten sehen; aber diese ekligen Bume gerade hier vor unserer Nase, wo man sich auch hinstellt, immer sind sie einem im Weg! Tante Toni lachte: Geh', Paul, du wirst dich doch wohl nicht ernstlich rgern darber, da du euer Haus nicht sehen kannst! Der Blick hier ist so wunderschn; wir wollen ihn freudig genieen und uns nicht durch Kleinigkeiten stren lassen. Aber hrt mal den Philipp, er scheint ungeduldig zu werden, er ist sicher mal wieder hungrig, der arme Junge! Philipp hatte inzwischen schon die Ruckscke ausgepackt und trotz Annas Einsprache auf dem zum Tisch auserlesenen Stein einen Imbi hergerichtet. Alle lagerten sich ins Moos, und die ganze Gesellschaft, auch Tante Toni, machten sich eifrig ber die Butterbrote her. Philipps Himbeersaft fand ebenfalls groen Beifall, er wurde ausgezeichnet gefunden, woraufhin Anna mit groem Ernst behauptete, er sei nur deshalb so gut, weil sie ihn vorhin ordentlich durcheinandergeschttelt htte. Als nach dem Essen Philipp sich lang ins Moos streckte und die Mtze ber die Augen ziehen wollte, um ein bichen zu schlafen, da rief Tante Toni halb lachend, halb rgerlich: Aber Philipp, wie kannst du ans Schlafen denken! Geniee doch mit offenen Augen und mit offenem Herzen diesen schnen Tag! Schau um dich, sieh zum blauen Himmel hinauf, horch auf das Suseln des Windes und lausch dem Gesang der Vgel! Alle blieben eine Zeitlang still, bis endlich Anna halblaut sagte: Ich wei nicht, Tante, wie das ist; wir sind doch gar nicht so weit von der Stadt entfernt, und doch, wenn wir hier so stille sind, dann kommt es mir vor, als seien wir in einer ganz andern Gegend, weit, weit fort von daheim, und ich kann mir's kaum vorstellen, da wir diesen Abend wieder zu Hause sein werden. Tante Toni nickte lchelnd: Das Gefhl kenne ich auch, nnchen. Das gehrt zum Spessart; er hat so etwas Einsames, so etwas Urwaldliches und Weltfremdes an sich, und das bleibt ihm auch, obwohl man schon angefangen hat, ihn mit Sommerfrischlern zu bevlkern. Auf dem Rohrbrunn zum Beispiel, dort sind in den Ferien ja schon eine Menge Fremde, und doch, wenn man am Jagdschlchen vorbei den Weg nach Silvan hinaufgeht, da ist man auf einmal wie in die grte Einsamkeit versetzt. Auf einer Seite dichter Wald, auf der andern blickt man in ein stilles Tal, darber hinaus Berge und Wlder, nichts als Berge und Wlder, kein Haus, keine Htte, nirgends eine Spur von der Nhe eines bewohnten Ortes; man knnte meinen, man wre weit, weit fort von jeglichem Verkehr, in einer richtigen Einde. Ja, ich kenne die Stelle, nickte Paul. berhaupt, Tante Toni, ber unsern Spessart geht doch nichts! Da hast du recht! Wie, Tante, das sagst du? Und du bist doch in der Schweiz und in Italien gewesen! Selbst in der Schweiz, in Italien, im herrlichen Neapel, auf dem Monte Pellegrino in Palermo habe ich, trotz aller Bewunderung und Begeisterung, ein leises Sehnen nach dem Spessart nicht unterdrcken knnen, und als ich dann nach der Heimkehr zum erstenmal wieder in den Spessart wanderte, da hab' ich erst so recht eigentlich empfunden, wie schn unsere Heimat ist! Bravo, Tante! Du bist halt doch eine echte Spessarterin geblieben, und du und der Gropapa, ihr mt unbedingt wieder herberziehen! Ja, vielleicht wenn mal Onkel Ernst aus Amerika zurckkommt und die Leitung der Geschfte bernimmt, so da Gropapa sich zurckziehen kann. Wann wird er denn endlich zurckkommen, der Onkel Ernst? Ich wei es nicht. Aber horch! Was ist das? Wer singt denn da? Aus dem nahen Wald klang, bald aus der Nhe, frisch und krftig, bald aus der Ferne, gedmpft, wie ein richtiges Echo, der Wechselgesang: Im Wald, im Wald, Im frischen, grnen Wald -- wo's Echo hallt. Es waren Mariechen und Anna, die sich leise fortgeschlichen hatten, um der lieben Tante diese kleine berraschung zu bereiten. Das habt ihr brav gemacht, Kinder! rief Tante Toni am Schlu sichtlich erfreut. Ihr wit ja, wie gern ich unsere schnen deutschen Lieder im lieben deutschen Wald oder auf den deutschen Bergen hre! Kennt ihr das Lied: >Wer hat dich, du schner Wald, aufgebaut?< O gewi, das kennen wir alle! Und diesmal stimmten auch die Knaben mit ein. Paul, der eine schne Stimme und gutes Gehr hatte, sang die zweite Stimme. Tante Toni sa ganz still und freute sich, wie der helle Kindergesang so frisch in die freie Natur hinausschallte. Sogar die Vglein schwiegen und hrten euch zu, behauptete sie, als das Lied zu Ende war. Nun mut du aber auch singen, Tante, baten die Kinder, und es erklang noch gar manch lustiges und manch schwermtiges Volksliedchen, bis auf einmal ein anderer, ein feierlicher Ton sich unter den Gesang mischte -- von der Dorfkirche drunten im Tal das Abendluten. Da verstummte der Gesang und alle lauschten still, bis der letzte Glockenton verhallt war. Pltzlich sprang Tante Toni auf und rief: Aber, Kinder, wir vergessen ja ganz die Zeit! Schnell, schnell zum Aufbruch geblasen, damit wir noch vor Dunkelwerden heimkommen! O wie schade, es war so wunderschn hier! bedauerten die Kinder, sich zum Aufbruch richtend. Aber wo ist denn Otto? fragte auf einmal Tante Toni, sich nach allen Seiten umsehend. Niemand wute es, niemand hatte ihn fortgehen sehen. Aber Mariechen behauptete, er knne noch nicht lange fort sein, denn vor wenigen Minuten htte sie ihn noch im Gras herumkriechen sehen. Otto, Otto! riefen nun Tante und Kinder in alle Windrichtungen, aber es erfolgte keine Antwort. Das ist recht fatal, denn wir haben uns schon sowieso etwas versptet! Tante Toni schien ein wenig unzufrieden, und nach einigem Nachdenken entschlo sie sich, da alles Rufen vergeblich blieb, die Zwillinge und Philipp nach verschiedenen Richtungen als Kundschafter auszuschicken. Aber entfernt euch nicht zuweit und ruft von Zeit zu Zeit, empfahl sie besorgt. Ja, und wer ihn findet oder ihn zuerst rufen hrt, der stt ein Indianergeheul aus, damit wir's gleich wissen, schlug Anna vor; aber sie hatte wenig Erfolg mit ihrem Scherz. Nicht nur die Tante, auch die Kinder hatte ein unheimliches Gefhl beschlichen; es war doch auch zu sonderbar, da Otto so spurlos verschwunden war. Tante Toni war ganz bla geworden, und sie sah so niedergeschlagen aus, da Mariechen sie zu beruhigen suchte, indem sie sagte: Sorge dich doch nicht so, Tante; es kann ihm ja doch hier nichts zugestoen sein. Er knnte beim Umherstreifen gefallen sein; es gibt mehrere recht steile und gefhrliche Stellen hier am Berg. Dann htten wir ihn doch schreien hren. Beim Singen konnte uns das leicht entgehen. Inzwischen hrte man von Zeit zu Zeit den Zuruf der drei suchenden Knaben. Er klang schwcher und schwcher, dann nherte er sich wieder, aber von Otto keine Antwort. Die Sonne war schon ganz tief gesunken; im Westen rtete sich der ganze Himmel, aber niemand hatte einen Blick fr den herrlichen Sonnenuntergang -- alle standen da und warteten und lauschten. Endlich kam Paul zurck, dann Philipp und zuletzt Kurt; niemand sagte ein Wort, die Kinder sahen sich ratlos an, dann richteten sie ihre Blicke erwartungsvoll auf Tante Toni, als ob sie doch helfen knnte und mte. Aber Tante Toni zitterte, wie wenn sie frre; sie mute sich an einen Baum lehnen, um nicht umzufallen; sie fhlte ja die ganze schwere Verantwortung auf sich ruhen. Wie konnte sie denn heimkehren ohne Otto, ohne den Sohn ihres Bruders! Wortlos rang sie die Hnde. Auf einmal raffte sie sich auf. Kinder, kommt, wir wollen beten! sagte sie, und inmitten der Kinderschar niederkniend, flehte sie aus tiefstem Herzen: Unter deinen Schutz und Schirm ..., und die Kinder stimmten mit ein. Ernst und feierlich hallte das Gebet in die stille Abenddmmerung hinein. Die Vglein waren schon lange zur Ruhe gegangen, und von der Stadt schimmerten einzelne Lichter herber. Pltzlich zuckte Tante Toni zusammen; es hatte sie jemand an der Schulter berhrt: es war Mariechen, und diese machte die Tante mit einer leisen Gebrde auf Lilly aufmerksam. Diese schien in der Tat die allgemeine Angst um ihren Bruder gar nicht zu teilen; sie kniete etwas abseits an einen Stein gelehnt, und sie schaute aufmerksam auf einen bestimmten Punkt -- eben lchelte sie sogar ein wenig. Tante Toni folgte der Richtung ihres Blickes, und -- fast htte sie laut aufgeschrien. -- Dort ber dem groen Felsblock bewegte sich etwas; es zeichnete sich scharf gegen den klaren Abendhimmel ab -- jetzt verschwand es wieder. -- Aber nun verstand Tante Toni alles. Sie erinnerte sich, da sich oben in diesem Stein eine ziemlich tiefe Mulde befand. Otto war unbemerkt hinter den Stein geschlichen, hinaufgeklettert -- gut klettern, das konnte er ja -- und hatte sich in die Mulde versteckt. Diese war allerdings oft mit Regenwasser gefllt, aber es hatte ja nun lngere Zeit nicht geregnet. Tante Toni atmete auf, wie von einer drckenden Last befreit. Und doch fiel es ihr wieder recht schwer aufs Herz, als sie nun daran dachte, da Otto also all ihre und der Kinder Angst und Sorge mitangesehen und sich trotzdem nicht gezeigt hatte; auch Lilly hatte um Ottos Versteck gewut und hatte nichts getan, um sie aus der Angst zu befreien. Nach all dem, was sie eben ausgestanden, war das Herz der armen Tante schon ganz erschttert, und nun kam dazu einerseits das Gefhl der groen Erleichterung, anderseits der Schmerz ber Ottos und Lillys Herzlosigkeit. Das alles strmte auf sie ein, sie konnte nicht mehr widerstehen und brach pltzlich in Trnen aus. Die Kinder sahen sie erschreckt an. Mariechen mit ihrem guten, teilnehmenden Herzen hatte die Gefhle der Tante teilweise erraten und verstanden; sie machte den andern ein Zeichen, so da diese sich ganz still verhielten und der Tante ein wenig Zeit lieen, um sich wieder zu fassen. Die Sonne war nun lngst versunken, und sogar auf dem Gipfel des Berges hier fing es schon an dmmerig zu werden. Jetzt richtete Tante Toni sich auf, und sie sagte, ohne nach dem Felsblock zu blicken: Nun kommt, Kinder, wir haben keinen Augenblick mehr zu verlieren -- wir mssen heim. Die Kinder schauten erstaunt auf Tante Toni -- sie sah so eigen aus und ihre Stimme klang gar nicht wie sonst, aber sie folgten schweigend; nur Lilly blieb stehen und fragte halb ngstlich, halb trotzig: Und Otto? Tante Toni sah Lilly sehr ernst an, als sie antwortete: Wir warten nicht eine Minute lnger auf Otto. Bald wird es ganz dunkel sein, und da, wo Otto sich befindet, kann ihm ja nichts passieren -- hchstens eine Erkltung kann er sich von dort mitbringen. Und du, Lilly, du gehst vor mir her, und ich verbiete dir, dich auch nur im geringsten zu entfernen. Nun schnell vorwrts! Tante Toni wute ganz genau, da dies das beste Mittel sei, um Otto mglichst rasch aus seinem Versteck zu treiben. Kaum hatte sie mit den Kindern den Platz verlassen, da tauchte Otto auch schon aus seinem Loche auf und begann vom Felsblock herunterzuklettern; das war aber nicht so leicht -- wahrscheinlich gerade weil er so eilig war, stellte er sich viel ungeschickter an wie sonst, und er konnte lange keine Sttze fr seinen Fu finden. Es berkam ihn, als er sich nun in der zunehmenden Dunkelheit so ganz allein sah, ein recht unheimliches Gefhl. Er htte gerne gerufen; aber nein, dafr war er doch zu stolz. Er atmete ordentlich auf, als er endlich unten war, und nun hatte er die andern bald eingeholt. Die schienen ihn aber gar nicht zu bemerken, sie gingen rasch und schweigend weiter. Otto fhlte sich sehr unbehaglich, und um diesem ungemtlichen Zustand ein Ende zu machen, rief er mit erzwungenem Lachen: Nun, war ich nicht gut versteckt? Ratet einmal, wo ich die ganze Zeit war! Aber die Kinder antworteten gar nicht, sie sahen ihn nur vorwurfsvoll an. Tante Toni sagte in sanftem, aber sehr ernstem Ton: Ich wei, wo du warst, Otto; du hast nicht schn gehandelt. Geh' jetzt neben Lilly und gib ihr die Hand, und entferne dich um keinen Schritt mehr von mir. Hier im Wald war es schon ganz dunkel, und man hatte Mhe, auf den Weg zu achten. Von Paul und Kurt gefhrt, kam die kleine Truppe aber doch rasch vom Fleck, und man gelangte glcklich auf die Landstrae. O wie schn! rief Rudi aus, und er blieb einen Augenblick stehen; alle wendeten sich um, und sie sahen nun, wie die glnzende Mondscheibe langsam hinter einem Berge hervorstieg, und dann war auf einmal die ganze Gegend in ein wunderbares, silbernes Licht getaucht. Nun haben wir eine gute Leuchte auf den Weg, meinte der praktische Philipp, whrend Mariechen ausrief: Das ist feenhaft schn! Jetzt sprudelte auch Annas gute Laune wieder hervor, und sie rief: Miezchen, gerate nur nicht in Verzckung, sonst steckst du mich an, und dann bringt ihr mich nicht mehr von der Stelle --, dann bleibe ich einfach bis Mitternacht hier stehen, um die Elfen im Mondschein tanzen zu sehen, wie Tante Toni es uns neulich erzhlt hat. Ei, um das zu sehen, mu man doch ein Sonntagskind sein! Aber, Tante Toni, das bin ich doch -- ich meine, das mtest du mir doch ansehen! Und Anna stellte sich breitspurig vor Tante Toni hin und reckte sich in die Hhe, so sehr sie nur konnte. Alle lachten, auch Tante Toni; aber pltzlich wieder ernst werdend, legte sie die Hand auf Annas Kpfchen, und ihr die braunen, wirren Haare aus der Stirne streichend sagte sie leise: Ich glaube dir's, Kind; ja, du mut wirklich ein Sonntagskind sein. Mge der liebe Gott dir deinen frohen Mut erhalten dein ganzes Leben lang! -- Aber nun mssen wir weiter; eure Eltern werden gewi schon besorgt sein ber unser langes Ausbleiben. Sollen wir vorauslaufen, um sie zu beruhigen? schlugen die Zwillinge vor, aber Tante Toni wollte nichts davon wissen. Nein, nein, wir bleiben schn beisammen, wehrte sie ab. Aber tchtig ausschreiten, das wollen wir! Es herrschte nun aber doch wieder eine andere Stimmung als vorhin, und es flog sogar manches Scherzwort, manche kleine Neckerei von einem zum andern. Auch Otto flsterte seiner Schwester zu: Na, es ist wirklich Zeit, da die alle wieder andere Gesichter machen; das war doch zu dumm! Und leise in sich hineinkichernd fgte er hinzu: Nein, war das drollig, da oben in dem Stein zu sitzen und zu sehen, wie die andern alle suchten und sich den Hals heiser schrien -- ich mute mich wirklich zusammennehmen, um nicht laut aufzulachen! Aber Lilly stimmte nicht in Ottos Gelchter ein; sie schttelte den Kopf und sagte nachdenklich: Nein, Otto, es war nicht recht; das war schon kein Scherz mehr, und wie du gesehen hast, da Tante Toni wirklich in Angst um dich war, da httest du herunterkommen sollen. Es hat mir ganz wehgetan, wie sie auf einmal so geweint hat, und ich htte dir nicht folgen drfen.... Halt, Lilly, das ist fest unter uns ausgemacht: keins verrt das andere, und es wre Verrat gewesen, wenn du mein Versteck entdeckt httest. Ich mchte nur wissen, ob Tante Toni wirklich wei, wo ich gesteckt habe. Das glaube ich ganz gewi. Woher aber? Auer uns kennt doch niemand das Loch in dem Stein -- es war ja frher schon Papas Geheimnis, wie er noch klein war. Ja, du weit aber auch, da Tante Toni immer Papas Lieblingsschwester war, und da hat er sie wahrscheinlich in das Geheimnis eingeweiht. Dann htte sie sich aber doch nicht so zu ngstigen brauchen. Ja, sie hat vielleicht nicht mehr daran gedacht, oder sie hat auch gar nicht gewut, da man sich in dem Loch verstecken kann, weil es ja frher immer voll Regenwasser war; Papa war selbst ganz erstaunt, als er voriges Jahr bemerkte, da das Wasser jetzt ablaufen kann. Ja, das ist wahr. Aber schau mal! -- Ich glaube gar, da kommt Papa mit Onkel Helmer! O weh, das ist dumm! Es waren wirklich Herr Mehring und Herr Helmer, die, ernstlich beunruhigt durch das lange Ausbleiben der Tante und ihrer Bande, diesen entgegengegangen waren. Na, da seid ihr ja alle heil und gesund! riefen sie ihnen entgegen. Die beiden Mtter sind schon ganz besorgt, und wir konnten uns gar nicht denken, weshalb ihr nicht heimkamet! Erst als sie ganz nahe herangekommen waren, bemerkten sie die verlegenen Gesichter der Kinder, und Onkel Robert fragte, seine Schwester forschend anblickend: Toni, du bist so bla! Ist etwas vorgefallen? Nach einigem Zgern antwortete Tante Toni: Ich glaube, es ist am besten, wenn Otto dir selbst den Grund unserer Versptung mitteilt. Erstaunt und fragend blickte Herr Mehring von seiner Schwester auf seinen Sohn, aber Otto fate seines Vaters Hand, und ihn mit sich fortziehend sagte er: Komm nur, Papa, ich erzhle dir alles; du wirst sehen, es ist gar nicht schlimm. Und er erzhlte nun, wie er von den andern unbemerkt auf den groen grauen Stein geklettert sei und sich in das Loch versteckt habe und wie er schon sehr lange darin gesessen habe, bevor Tante Toni sein Verschwinden bemerkt htte, und wie dann nach ihm gesucht und gerufen worden sei, und das sei so unterhaltend gewesen, da er gar nicht geahnt htte, wie spt es inzwischen geworden sei. Der Vater hatte schweigend zugehrt. Am Schlu sah er seinen Sohn ernst und forschend an, und er sagte: Otto, die Sache gefllt mir nicht recht. Ich bin eben wirklich erschrocken ber das blasse, angegriffene Aussehen deiner Tante; sie mu sich also ernstlich um dich beunruhigt haben, und du hast sie gewi viel zu lange hingehalten, ehe du aus deinem Versteck hervorkamst. Antworte mir ehrlich: >Hast du bemerkt, da Tante Toni sich wirklich ngstigte?< Otto sagte leise und zgernd: Ja -- Papa. Und du bist trotzdem noch in deinem Versteck geblieben? Otto senkte den Kopf und schwieg. Noch lange? fragte der Vater. O, nicht so sehr, suchte Otto sich zu entschuldigen; aber Herr Mehring seufzte tief auf, und er sagte nach einigem Nachdenken: Das geht mir sehr nahe, Kind. Verstehst du auch, warum? Otto schttelte den Kopf. Weil es wie Herzlosigkeit aussieht. O Papa! Ja, Kind; du weit, da ich einen kleinen Streich, eine Neckerei nicht so ernst nehme, sogar Unarten kann man Kindern verzeihen -- mein Gott, keiner von uns ist ja wohlerzogen vom Himmel heruntergefallen! Aber hier ist mehr wie Leichtsinn dahinter. Da du deine gute Tante sich erst lange ngstigen lieest, ehe du aus deinem Versteck kamst, das lt mich beinahe an deinem guten Herzen zweifeln. Jedenfalls hoffe ich, da du die Tante diesen Abend noch herzlich um Verzeihung bitten und ihr versprechen wirst, sie knftighin nicht mehr zu betrben. Wirst du das tun? Otto nickte wieder, und dann ging er schweigend neben seinem Vater her, mit einer groen, groen Angst im Herzen. Wie, wenn sein Vater nun noch eines der andern Kinder fragte? Aber nein, warum sollte er denn? Das hatte er ja sonst auch nicht getan, und von selbst wrden ihn die andern nicht verklagen, das wute er. Nach der Heimkehr, beim Abschiednehmen, drngte er sich, dem Winke seines Vaters folgend, an die Tante heran und sagte leise, mit halb abgewandtem Gesicht: Tante, bitte, verzeih' mir, ich will dich nicht mehr betrben. Die Tante sah ihn eine kleine Weile forschend an, dann sagte sie betrbt: Es kommt dir nicht recht von Herzen, Otto; aber ich verzeihe dir trotzdem -- du hast eben selbst noch nie eine wirkliche und groe Angst ausgestanden, und du ahnst nicht, wie das tut. Gute Nacht, lieber Otto. An diesem Abend konnte Otto lange nicht einschlafen; unruhig warf er sich in seinem Bett hin und her, und er dachte: Ach, htt' ich doch noch eine Mama, die sich an mein Bett setzte -- der knnt' ich's wohl sagen! Als er aber die Schritte seines Vaters auf der Treppe hrte, drehte er sich schnell zur Wand, und als Herr Mehring mit einer Kerze ins Zimmer trat und sich ber seinen Sohn neigte, da lag dieser mit geschlossenen Augen und atmete tief und regelmig, wie wenn er schliefe. Siebtes Kapitel. Bambula, der Puppenfresser. Otto, weit du nun, wie es tut? Am andern Tag hatte Tante Toni heftige Kopfschmerzen. Als diese gegen Mittag etwas besser wurden, ging sie zu klein Toni hinauf, die mit einer Erkltung und etwas Fieber zu Bett lag. Sie setzte sich zu ihr hin und fragte: Nun, wie ist es dir denn gestern gegangen, meine liebe kleine Freundin? Warst du recht vergngt mit Mama und mit den Kleinen? O ja, nickte Tonichen; Tante Luise ist auch gekommen mit dem kleinen Bubi; der ist gestern drei Jahre alt geworden, und da hat er ein ganz schwarzes Pppchen bekommen, ein Mohrenkind, und das hat er mitgebracht, und denke dir, Tante -- ach, das war zu drollig ...! Und nun fing Toni an, so zu lachen, da sie gar nicht mehr weitererzhlen konnte. Erzhl' doch erst und lach' nachher, damit ich wenigstens mitlachen kann, meinte Tante Toni. Also hr, Tante! Der Bubi ist mit seinem Bambula -- so heit sein schwarzes Pppchen -- gekommen und hat ihn uns gezeigt, und Minnichen hat sich ein bichen gefrchtet, aber nur anfangs, hernach nicht mehr, und dann hat Bubi sogar seinen Neger zum Pppchen von Minnichen ins Bett gelegt, und wie Minnichen gerad' ein bichen am Fenster war, da hat der Bubi auf einmal geschrien: >Minnichen, tomm deswind sehn, dei Pppchen is weck -- der Bambula hat's aufdefressen!< Und 's weie Pppchen war wirklich fort. Wie aber jetzt Minnichen angefangen hat zu weinen, da hat der Bubi gesagt: >Nit weinen, Minnichen! 's Pppchen is widder da, Bambula hat's widder rausdebrockelt.< Und richtig, Tante, das Pppchen lag auf einmal wieder im Bettchen, und da htt'st du mal sehen sollen, wie Minnichen ihr Pppchen genommen und geherzt und gekt hat und wie sie dem Bambula bse Augen und strenge Gesichter gemacht hat -- aber nur von fern, denn das arme Minnichen hat sich jetzt selbst wieder ein bichen vor dem bsen Mohren gefrchtet. Jetzt wurde Tonis Erzhlung durch einen Hustenanfall unterbrochen. O, wie du hustest, mein Herzchen! Ich htte dich nicht so erzhlen lassen sollen -- du sollst wohl gar nicht viel sprechen? Ach, Tante, das ist nicht so schlimm; ich hab' ja schon so oft Husten gehabt! Du mut dir wirklich hernach von Minnichen selbst erzhlen lassen, wie Bambula ihr Pppchen gefressen hat; da mut du wirklich ganz schrecklich lachen, Tante. Geh' nur mal hinber ins Kinderzimmer -- aber dann kommst du wieder zu mir, gelt, Tantchen? Gewi, Kleines, ich komme gleich wieder. Als die Tante ins Kinderzimmer trat, sa Minnichen mit tiefbetrbter Miene neben ihrem Puppenbettchen, whrend Leo, die Stirne in ernste Falten gelegt, dabeistand; er hatte eine groe Brille -- ohne Glser -- auf seinem Nschen sitzen und hielt eine leere Milchflasche unter dem Arm. Er rusperte sich, genau wie der gute alte Hausarzt es zu tun pflegte, und dann sagte er mit der tiefsten Stimme, die er hervorbringen konnte: Wir werden das kranke Kind impfen mssen; es gibt kein anderes Mittel, um's wieder gesund zu machen -- aber erst mu es Medizin nehmen. Dann schttelte er die Milchflasche krftig, und ein Puppenlffelchen unterhaltend, zhlte er langsam und bedchtig: Eins -- zwei -- drei -- mehr wie drei Tropfen darf man nicht geben, sonst stirbt das Kind; denn die Medizin ist Gift. Erst nachdem er das Lffelchen dem kranken Puppenkind hingehalten hatte, drehte er sich nach Tante Toni um, und ihr die Hand reichend, sagte er sehr ernsthaft: Ach, guten Tag, Frulein! Wie geht es Ihnen? Soll ich Ihren Puls fhlen? Tante Toni ging natrlich auf das Spiel der Kleinen ein und sagte: Ach, guten Tag, Herr Doktor! Ich danke Ihnen, mir geht es ganz gut; aber das Kind dort scheint recht krank zu sein. Wohl auf den Schrecken von gestern? Ja, ja, es steht schlimm, recht schlimm! Dabei machte Leo die grten Anstrengungen, seine Stirne noch mehr zu runzeln, wobei jedoch seine groe Brille ins Rutschen kam. Tante Toni hatte groe Mhe, das Lachen zu verbeien. Leo aber lie sich nicht irremachen; er stellte seine Milch- oder vielmehr seine Medizinflasche auf die Erde und rckte seine Brille wieder zurecht. Jetzt kam auch Minnichen, und die Tante zum Puppenbettchen ziehend sagte es: Arm Poppelsen, wehweh hat. Nun fiel aber Leo aus der Rolle, denn der kleine Lehrmeister bekam wieder die Oberhand, und er sagte eifrig: Minnichen, erzhl' mal der Tante, wer hat dein Pppchen krank gemacht? Bser Bambula, sagte die Kleine, ein Schntchen machend. Hrst du, Tante, wie gut sie schon >Bambula< sagen kann? Sie hat es doch gestern zum erstenmal gehrt, und es ist auch gar kein leichtes Wort. Nun, an ihren gestrigen Schrecken denkend, geriet Minnichen auch in Eifer, und sie erzhlte: Bs Bambula Poppelsen von Minnisen aufdefet -- so ... Und die Kleine sperrte ihr Mndchen auf, so weit sie nur konnte, und auf Tante Toni sich strzend, machte sie Happ, happ! als wollte sie diese verschlingen. Dann erzhlte sie weiter, ihre Worte mit sehr ausdrucksvollen Gebrden begleitend: Und Minnisen hat weint, so: >Hiehiehie!< Dann hat Bambula bockelt, so: >Brh -- brhx<, und da war Poppelsen widder da. Aber Minnisen hat sehr sankt Bambula, so ... Und Minnichen ri die ugelchen weit auf, machte ein bitterbses Gesicht und drohte mit dem Fingerchen. Huh, machte Tante Toni zurckfahrend, da war der Bambula aber sicher sehr bang, wie er dein strenges Gesicht gesehen hat? Ja, antwortete Leo fr sein Schwesterchen, wir haben ihm gesagt, er drfe nicht mehr zu uns auf Besuch kommen sonst wrde er einfach nausgeschmissen! Nausmissen, bekrftigte Minnichen mit energischem Kopfnicken. Den Nachmittag dieses Tages brachte Tante Toni am Bettchen ihres Patenkindes zu. Tante, ich mu dir etwas sagen, flsterte klein Toni ernsthaft, ein wenig zgernd. Was denn, mein Liebling? Ich bin wieder mal sehr zornig und sehr bse gewesen. O Tonichen, wirklich? Das tut mir aber leid. Dir gewi auch? Ich wei nicht recht, Tante. Es tut mir schon leid, da ich so zornig war, weil das den lieben Gott beleidigt; aber ich bin noch immer bs, sehr bs auf Otto! Ach, ist es das? Anna hat dir wohl erzhlt? Ja, Tante. Und wie du geweint und dich gesorgt hast, und da der Otto nicht einmal gezankt worden ist. Und da hab' ich gewnscht, der liebe Gott mchte ihn selbst recht tchtig strafen. O nein, Tonichen, nein, das sollst du nicht! Wir wollen lieber beten fr ihn, damit er sein Unrecht einsieht, dann wird es ihm sicher selbst sehr leid tun. O Tonichen, das war ein hlicher Wunsch; einen solchen darf meine kleine Freundin nie mehr haben! Aber Tante, er war doch so bs gegen dich, der Otto, und du bist so lieb und gut! Nein, ich mag ihn gar nicht mehr, den bsen, garstigen Buben! Du krnkst mich, Tonichen, wenn du so sprichst! O Tante, ich will dich nicht krnken, und es ist ja, weil ich dich so sehr lieb hab' ... Und schluchzend schlang klein Tonichen ihre rmchen um den Hals der Tante. Ich wei es ja, mein Liebling, ich wei es ja, suchte die Tante das weinende Kind zu beruhigen. Und weil du die Tante Toni so lieb hast und ihr eine ganz besondere Freude machen willst, wirst du diesen Abend beim Abendgebet ein Vaterunser fr unsern lieben, armen Otto beten. Willst du? Tonichen nickte unter Trnen lchelnd. Und nun liege recht still und ruhig, sonst mut du wieder so stark husten. Ich erzhle dir auch. Was mchtest du gerne hren? O bitte, Tante, erzhle mir noch einmal die Geschichte von dem kleinen Johannes, den niemand lieb hatte und der in der Weihnachtsnacht gestorben ist, gerade nachdem er den lieben Heiland empfangen hatte. Und Tante Toni erzhlte, whrend klein Toni begierig lauschte. O wie schn! seufzte sie am Schlu der Erzhlung. Ich mchte auch sterben wie der kleine Johannes, gleich nach meiner ersten heiligen Kommunion. Spter kam auch Tonis Mutter und setzte sich an ihr Bettchen; da strahlte ihr Gesichtchen vor Freude, und sie sagte: Jetzt bin ich so froh, so froh, weil ihr alle beide bei mir seid; bleibt nur recht lange hier! Ja, recht lange, wiederholte die Mutter leise, und sie blickte voll Liebe und Besorgnis in das blasse Gesicht ihres Tchterchens, und so oft dieses hustete, ging es wie ein Stich durchs Herz der Mutter; klein Toni merkte das, und sie gab sich von nun an alle Mhe, ihren Husten zurckzuhalten. Es war schon ziemlich spt am Nachmittag, als auf einmal Paul hereinkam und rief: Tante Toni, komm doch schnell einmal herunter! Der Otto ist da und fragt nach dir, und er sieht ganz verstrt aus, aber er will mir nicht sagen, was er hat. Sofort eilte Tante Toni hinunter, und als sie ins Zimmer trat, da strzte Otto wie verzweifelt auf sie zu und schrie: Tante, Tante, hilf mir, ich bitte dich, hilf mir! Ich wei nicht mehr, was ich anfangen soll! Um Gottes willen, Otto, was ist denn geschehen? Ist deinem Vater etwas zugestoen? So sprich doch! Nun brach Otto in krampfhaftes Schluchzen aus, dazwischen stammelte und stie er einige Stze und Wrter hervor, wovon die Tante aber nur verstand, sein Vater msse ins Gefngnis, und er, Otto, sei schuld daran. Das kann ja gar nicht sein! rief die Tante aus. Komm, nun setz' dich her zu mir und versuche ruhiger zu werden, dann erzhlst du mir ganz genau, was vorgefallen ist. Aber es dauerte noch einige Zeit, ehe Otto ordentlich sprechen konnte, und er schluchzte noch hufig auf, whrend er erzhlte: Ich sa vorhin an meinem Studierpult in Vaters Zimmer, und Papa stand vor seinem Schreibtisch, wo er Papiere durchsah; er hatte sie aus dem eisernen Schrank genommen, der in der Ecke steht und wo er alle wichtigen Papiere und das Geld drin aufhebt; du kennst ihn ja, Tante. Ja, gewi -- es waren also jedenfalls sehr wichtige Papiere, die er vor sich hatte. Otto nickte und fuhr fort: Auf einmal kam Lina herein und sagte, Papa mge doch schnell einmal hinunterkommen, der Herr Dorr sei da und der habe es sehr eilig. Papa wollte die Papiere erst wieder in den Geldschrank legen, der war aber schon zugeschlossen, und so legte er nur einen Beschwerstein darauf und sagte zu mir, er kme sofort zurck, er htte nur einen Augenblick mit Herrn Dorr zu sprechen, und ich solle inzwischen auf die Papiere achten, denn sie seien sehr, sehr wichtig, ich solle mich aber nicht unterstehen, sie anzurhren. Dann ging Papa hinaus, und er lie die Tre offenstehen. Nun fing Otto wieder an zu weinen. Und jetzt hast du die Papiere doch angerhrt, Otto? Zuerst nicht, Tante! Ich wollte ja dem Papa gehorchen; wie er aber dann so lange ausblieb, da mute ich immer wieder nach den Papieren hinsehen, und ich htte doch so gerne gewut, was es fr Papiere wren, und -- da nahm ich den Stein ab. O htt' ich es nicht getan! -- Im selben Augenblick hrte ich im Garten drauen einen lauten Schrei, ich lief schnell ans Fenster, um zu sehen, was es gbe, und ich mu wohl in der Eile vergessen haben, den Stein wieder auf die Papiere zu legen. Ich ri das Fenster auf, um hinauszusehen, aber im selben Augenblicke entstand Zugluft, und alle Papiere flogen im Zimmer herum und mehrere sogar zum Fenster hinaus. Ich strzte sofort hinunter, um sie wieder zusammenzusuchen. Die alte Babett, die gerade unten war, hatte schon einige aufgehoben, und sie half mir suchen, bis wir keins mehr fanden. Als ich wieder hinaufkam, da war Papa inzwischen zurckgekommen, und er hatte die Papiere, die im Zimmer herumgeflogen waren, schon aufgelesen. Ach, Tante, ich mchte, er htte mich recht gezankt, ja ich mchte, er htte mich sogar geschlagen, ich hab's verdient; aber er hat gar nichts gesagt, er hat mich nur einmal angeschaut -- o Tante, ich kann dir nicht sagen, _wie_! Dann hat er gleich die Papiere nachgesehen, und es hat eins gefehlt! Tante, denke dir, gerade das allerwichtigste -- das, welches er morgen beim Gerichte unbedingt braucht! Und dann haben wir im Hause und im Garten alles, alles durchsucht, aber wir haben nichts gefunden. Ach, Tante, und dann hat sich der Papa an seinen Schreibtisch gesetzt und ist, mit den Hnden vor dem Gesicht, lange sitzen geblieben, ohne sich zu rhren, bis ich's nicht mehr aushalten konnte und ihn gebeten habe, er mge mir doch verzeihen! Da hat er mich wieder angesehen, noch weher wie vorhin, und hat gesagt: >Ich hab' dir schon verziehen, aber an diesem Papier hing mehr als mein Leben -- an ihm hing meine Ehre.< Und nun sitzt er immer noch am selben Platz, ganz still und, Tante, du kannst dir nicht denken, wie er aussieht, ganz anders wie sonst, viel lter! O komm doch mit zu ihm! Ich hab' ihm gesagt, ich ginge dich holen, da hat er genickt. Komm, Tante, hilf uns! Ja, Otto, schnell zurck zu deinem Vater! Die Tante nahm sich kaum die Zeit, ihren Hut aufzusetzen, und als sie wenige Minuten spter in das Zimmer ihres Bruders kam, fand sie diesen genau so, wie Otto gesagt hatte. Er nickte seiner Schwester zu, und als diese, ihn fest umschlingend, sagte: Mut, Robert, ich werde nochmal suchen, ich _mu_ es finden, da schttelte er den Kopf und sagte: Such' nur, aber es wird umsonst sein, ich habe berall nachgesehen. Sie begann sofort zu suchen, jedes Eckchen genau zu durchforschen, aber umsonst, das Papier blieb verschwunden. Otto brach aufs neue in Trnen aus. O, was hab' ich getan, was hab' ich getan! jammerte er und wollte sich auf die Erde niederwerfen, aber Tante Toni fate ihn bei der Hand und zog ihn aus dem Zimmer, denn sie sah, da ihrem Bruder etwas Ruhe und Stille nottat. An der Treppe stieen sie auf Lilly, die ganz bla und verstrt aussah; sie sah ihren Bruder scheu und ngstlich an, und sich an die Tante hindrngend fragte sie leise: Hat Otto etwas sehr Schlimmes getan? Die Tante antwortete eilig: Er war sehr ungehorsam, aber du siehst ja, wie leid es ihm tut, und deshalb wird auch gewi alles gut werden. Sei du nur ruhig und bete zu deinem und deines Bruders Schutzengel. Dann folgte sie Otto, der schon in sein Schlafzimmer gegangen war. Otto hatte sich auf sein Bett geworfen und er schluchzte herzbrechend. Pltzlich richtete er sich auf und rief aus: Tante, weit du noch, gestern, wie du gesagt hast, ich wte noch nicht, wie es tut? Jetzt wei ich's, o ja, jetzt wei ich's! O Tante, es ist zu schrecklich, diese Angst! O wr' ich doch lieber gestorben! Ich kann's ja nicht mehr aushalten! Und wie verzweifelt wlzte er sich auf dem Boden. Tante Toni kniete neben ihm nieder, und sie versuchte ihn aufzurichten, whrend sie mit sanftem Vorwurf sagte: Otto, so darfst du nicht reden; du fgst noch neues Unrecht zum andern. Komm, la uns zusammen beten; das ist das einzige, was uns helfen und erleichtern kann. Beten? Ach nein; beten, das kann ich nicht! Der liebe Gott will doch gewi nichts mehr von mir wissen, ich bin viel zu bs! Jetzt wei ich, wie bs ich immer war, wie ich den armen Rudi nicht leiden konnte und wie ich ihn so viel gergert und zornig gemacht habe, und er ist auch sehr oft wegen mir gezankt und gestraft worden. Und auch gegen die andern, sogar gegen Lilly war ich oft recht garstig, und gestern gegen dich, Tante Toni; ich war ja so bs auf dich, weil der Rudi mitgehen durfte und weil du ihn gegen mich in Schutz nahmst, und ich wollte mich rchen, deshalb hab' ich dir so Angst gemacht; aber ich wute nicht, nein, Tante, ich wute wirklich nicht, wie das ist! O Tante Toni, und jetzt bist du doch wieder so gut zu mir! Ja, Otto -- ach, ich mchte dir so gerne aus deiner Not helfen! Aber hier kann jetzt nur noch der liebe Gott helfen -- komm, la uns beten. Er ist ja so gern bereit, dir zu verzeihen! Nein, Tante Toni, der liebe Gott kann mir noch nicht verzeihen; er wei, wie falsch ich war und wie ich dem Papa immer alles verkehrt erzhlt habe und auch wieder gestern. O, gestern hab' ich ihm auch noch lang nicht alles gesagt, wie es war -- und jetzt! Ich mcht' es ihm ja sagen, aber dann wird er noch trauriger sein, und doch -- ich kann doch nicht recht beten, solang ich's ihm nicht gesagt habe! O Tante, sag' mir doch, was ich tun soll! Tante Toni berlegte ein Weilchen, dann sagte sie: Ich htte deinem Vater gern jeden weiteren Schmerz erspart, und doch glaube ich, da du recht hast und deiner Regung folgen sollst. Es ist immer besser, den Weg der Wahrheit zu gehen, und dein offenes Gestndnis ist deinem Vater ja ein Beweis, da du dich ernstlich bessern willst, und wird sein bester Trost in allem Leide sein. Soll ich denn jetzt gleich hinuntergehen? Gewi! Die Ausfhrung eines solchen Entschlusses soll man niemals verschieben. Dann komm, Tante, geh' mit mir. Nein, Kind, das mut du mit deinem Vater allein ausmachen. Ich warte hier auf dich und bete unterdessen. Mit klopfendem Herzen ging Otto wieder hinunter zu seinem Vater. Er fand diesen noch immer in derselben Stellung an seinem Schreibtisch und so tief in Nachdenken versunken, da er seines Sohnes Eintritt gar nicht bemerkte. Vater! sagte dieser leise bittend. Herr Mehring blickte auf. Er machte erst eine ungeduldige Bewegung, aber den flehenden Ausdruck in Ottos Antlitz bemerkend, fragte er ernst, aber gtig: Hast du mir noch etwas zu sagen, mein lieber Sohn? Und nun fing Otto an zu bekennen. Erst langsam und zgernd, dann aber ging es immer leichter, und er machte ein offenes und freimtiges Bekenntnis der gestrigen Begebnisse sowie berhaupt all seiner Schuld, so wie er sie in dieser schweren Stunde erkannt hatte. Der Vater hrte stillschweigend zu -- manchmal kam es Otto vor, als ob er leise seufze, aber als er dann stockte und nicht mehr recht weiterkonnte, da blickte der Vater ihn ermunternd an und sagte: Sprich nur weiter; habe Mut und sage alles. Und Otto sagte alles, und zum Schlu kniete er nieder, und den Kopf auf des Vaters Knie legend fgte er hinzu: Vater, lieber Vater, du sollst sehen, ich werde nun anders werden -- ich verspreche es dir und dem lieben Gott. O knnt' ich doch nur -- knnt' ich alles wieder gutmachen! O mein lieber, guter Vater! Der Vater legte die Hand auf des Sohnes Haupt. Ich danke dir, Kind, fr dein offenes Bekenntnis. Es ist ja gewi sehr schmerzlich fr mich, zu erfahren, wie sehr ich mich in dir getuscht habe -- aber dein Mut und deine Offenheit brgen mir fr deine jetzigen guten Gesinnungen und auch fr die Zukunft. Glaube mir, mein Sohn, ich will gern diese Prfung tragen, ich will sie sogar segnen, wenn sie dazu dienen soll, aus dir einen guten, offenen und pflichttreuen Menschen zu machen. Und nun geh' zur Ruhe, mein liebes Kind -- lege dich schlafen. O Papa, wie knnt' ich denn schlafen! Warum solltest du denn nicht schlafen knnen, jetzt mit deinem erleichterten Gewissen -- und besonders wenn du es aus Gehorsam versuchst? Gute Nacht, mein lieber Sohn -- Gott segne dich! Und der Vater kte den Sohn auf die Stirne. Dann ging Otto hinauf, und nun konnte er mit Tante Toni beten, so recht von Herzen und mit Vertrauen. Nach dem Gebete sagte Tante Toni: Nun leg' dich zu Bett, mein lieber Bub, und schlafe; du kannst nun ruhig alles dem lieben Gott berlassen. O Tante, gehst du fort, gehst du wieder hinber zu Wulffs? Nein, nein, ich bleibe hier; ich will hinbertelefonieren, damit man drben nicht auf mich wartet. Ich komme hernach noch einmal nach dir sehen. Als Tante Toni das Zimmer verlassen hatte, legte Otto sich gehorsam zu Bett, und er schlo die Augen. Aber der Schlaf wollte nicht kommen. Immer und immer wieder mute er an das Papier denken, an das schreckliche Papier. Ach, wt' ich doch nur, was das fr ein Papier ist, von dem so viel abhngen kann! Wie hatte der Vater gesagt? Mehr als mein Leben -- meine Ehre! Und nun kam es wieder, das Schreckgespenst -- das Gefngnis! -- Sein lieber, edler Vater unschuldig im Gefngnis, durch seine, des eigenen Sohnes Schuld! -- Nein, das war gar nicht auszudenken -- das konnte er nicht ertragen. Ach, htt' ich doch gefolgt, sthnte er, htt' ich doch den Stein und die Papiere nicht angerhrt -- so wre das alles nicht passiert! Und Otto weinte in sein Kissen hinein, und dann betete er wieder: Ach, lieber Gott, hilf doch! Ich bitte dich, hilf -- ich will ja auch ein ganz anderer Bub werden, ich versprech' es dir -- o hilf uns doch, lieber, allmchtiger Gott! Nach diesem Gebet fhlte er sich ein wenig ruhiger, aber schlafen konnte er doch nicht, er mute wieder an seinen lieben Vater denken -- ob er nun wohl noch immer unten an seinem Schreibtisch sa, so still, so niedergebeugt? O was hatte er ihm doch angetan, diesem seinem guten Vater! Wenn er doch wenigstens etwas fr ihn tun knnte, wenn er doch wte, ob der Vater noch immer so hoffnungslos ist! -- Tante Toni, wo bleibst du so lang? Es ist Otto, als msse er ersticken unter der Last, die ihm auf dem Herzen liegt -- er kann's nicht mehr ertragen -- er richtet sich auf in seinem Bett -- ist er denn ganz allein? Kommt niemand ihm helfen, ihn trsten? O Tante, Tante Toni, komm' doch! Hatte er es laut gerufen? Er wute es selbst nicht -- aber Tante Toni kam, und er streckte ihr wie um Hilfe flehend die Arme entgegen, er hing sich an ihren Hals und rief schluchzend: O mein Vater, mein lieber, armer Vater, was wird ihm geschehen? Ach, Tante, sag' mir doch, was kann man ihm denn antun? Wird er nun wirklich ins -- ins Gefngnis kommen! Da war es heraus, das schreckliche Wort! Es schauderte Otto, whrend er es aussprach. Nein, nein, beschwichtigte ihn Tante Toni, davon ist keine Rede. Wie! Kann er denn doch noch seine Unschuld beweisen? Otto jubelte beinah' auf, aber Tante Toni schttelte traurig den Kopf. Du bist noch zu jung, Otto, sagte sie; ich kann dir die Sache nicht genau erklren. Es gibt unehrenhafte Handlungen, fr die man nicht ins Gefngnis kommt, aber der sie begangen hat, steht deshalb doch entehrt, gebrandmarkt vor der ganzen Menschheit da. Deinem Vater wirft man vor, das Vertrauen anderer mibraucht und zu seinem eigenen Vorteil ausgebeutet zu haben -- und obwohl es keinen redlicheren, selbstloseren Menschen geben kann wie ihn, so haben sich doch Leute gefunden, die solchen Anschuldigungen Glauben schenken. Gerade in der letzten Zeit sind seine Gegner besonders khn aufgetreten, weil derjenige, der fr deinen Vater htte zeugen knnen, gestorben ist. Sie wuten nicht, da er ein Schriftstck hinterlassen hat, welches nicht nur alle Verdchtigungen zunichte macht, sondern auch ein helles Licht auf die lautere Gesinnung und edle Handlungsweise deines Vaters wirft. Dieses Schriftstck nun ist es, welches dein Vater, als er vor einigen Tagen so pltzlich verreiste, als wichtigstes Beweisstck herbeigeholt hat und das nun verschwunden ist. Dieses Schriftstck, morgen in der ffentlichen Gerichtsverhandlung vorgelesen, htte ihn vor allen Menschen gerechtfertigt, htte seinen Verleumdern eine groe Niederlage bereitet -- und nun ist es verschwunden, und es ist nicht zu ersetzen. Aber trotzdem wollen wir hoffen, da die Verhandlung morgen zu deines Vaters Gunsten ausfllt. Die guten Menschen wenigstens werden an ihn glauben. Und nun, liebes Kind, lege dich hin und schlafe. Wir knnen nichts mehr tun, als die Sache dem lieben Gott berlassen. Tante Toni blieb noch an Ottos Bett sitzen, bis er eingeschlafen war. Erst als sie sich berzeugt hatte, da er wirklich schlief, stand sie leise auf und ging hinunter. Auf der Treppe aber blieb sie lauschend stehen; war es ihr doch, als htte sie leises Weinen gehrt. Richtig, es kam aus Lillys Zimmer! Rasch kehrte die Tante zurck, und sie fand wirklich die arme kleine Lilly bitterlich schluchzend in ihrem Bettchen. Aber was hast du denn, Lillchen? Was fehlt dir? Die Kleine konnte kaum antworten vor Schluchzen: Der Papa ist nicht -- an mein Bett gekommen -- um mir >Gute Nacht< zu sagen -- und es hat niemand mit mir gebetet -- und ich hab' gehrt, wie der Otto hier neben geweint hat -- und ich war ganz allein -- und ich bin so traurig -- und ... Und Lilly brach von neuem in bitterliches Weinen aus. Tante Toni nahm das Kind auf den Scho, trstete es, wiegte es in den Armen wie ein ganz Kleines, und als Lilly etwas ruhiger geworden war, fragte sie: Wollen wir nun das Abendgebet zusammen beten? Lilly nickte, und sich an die Tante anschmiegend, faltete sie die Hndchen. Nach dem Gebet lie sie sich auch gehorsam wieder ins Bettchen legen, aber als Tante Toni sich neben sie setzte mit dem Versprechen, bei ihr zu bleiben, bis sie schliefe, da schttelte Lilly traurig das Kpfchen: Wenn der Papa nicht erst zu mir kommt, dann kann ich doch nicht schlafen. Da ging Tante Toni hinunter, und sie sagte: Lilly kann nicht schlafen, weil Papa ihr nicht >Gute Nacht< gesagt hat. Klein Lilly hat ihren Vater so lieb. Da hob der gebeugte Mann das Haupt, und es ging wie ein heller Schein ber sein Gesicht -- aber gleich zuckte es darin wieder wie tiefes Weh, und er sagte: Arme kleine Lilly, arme Kinderchen -- es ist ja fr sie, da ich meinen Namen rein und unbefleckt erhalten mchte. Dann ging er hinauf und nahm Tante Tonis Platz an Lillys Bettchen ein. Obwohl er sein Tchterchen anlchelte, sah dieses doch, da er Kummer hatte. Es kte des Vaters Hand und streichelte sie zrtlich. Sei nicht traurig, Papa -- ich hab' dich ja so lieb, _so lieb_! -- Ich will auch ein recht braves Kind werden -- ich hab' es der Tante Toni schon versprochen. Die Tante Toni hab' ich auch sehr lieb.... Das sollst du auch, mein Kindchen; und nun mut du schlafen. Gute Nacht, mein Tchterchen! Gute Nacht, lieber Papa -- lieber -- guter -- Papa! Und leise, leise fielen Lillys mdgeweinte uglein zu; sie schluchzte noch einmal auf, wie Kinder oft nach heftigem Weinen tun, und dann schlief sie sanft und fest ein. Bald darauf war alles im Hause still, nur Herr Mehring und seine Schwester waren noch auf, sie saen beisammen im Arbeitszimmer. Herr Mehring sa am Schreibtisch und schrieb Notizen auf; Tante Toni sa etwas abseits, sie hielt die Hnde auf den Knien gefaltet, und sie lauschte dem Wind, der an den Fensterlden rttelte. Als Herr Mehring von seiner Arbeit aufschaute, begegnete er dem sorgenvollen, fragenden Blick seiner Schwester. Er sagte mit einem schmerzlichen Seufzer: Wenn ich wenigstens noch etwas Zeit vor mir htte -- dann knnte ich vielleicht noch einige Zeugnisse herbeischaffen -- aber bis morgen ist es unmglich. O Toni, ich sehe der Verhandlung mit schweren Besorgnissen entgegen. Ich war meiner Sache so sicher -- und nun ... Der schwergeprfte Mann lie den Kopf auf die Brust sinken. Tante Tonis Augen fllten sich mit Trnen, als sie ihren sonst so tatkrftigen, mutigen Bruder jetzt so niedergebeugt sah. Verzage doch nicht, Robert, sagte sie, der liebe Gott lt dich nicht im Stich. Herr Mehring lchelte wehmtig. Aber der liebe Gott wird wohl kaum ein Wunder fr mich tun. Und warum nicht, du Kleinglubiger? rief Tante Toni eifrig aus. Was ist denn ein Wunder fr ihn, den Allmchtigen! Aber Gott kann auch helfen ohne Wunder. Er ist ja allweise, und wir sind arme, kurzsichtige Menschenkinder, wir sorgen und qulen uns ab, statt ganz auf ihn zu vertrauen! Du hast recht, Toni, liebe Schwester, Gott kann alles zum Guten wenden, und ist es sein Wille, da ich morgen vor den Menschen gedemtigt und in den Staub gezogen werde, so geschehe sein heiliger Wille; er wird mir's tragen helfen. Dann herrschte wieder Stille und Schweigen im Zimmer. Drauen aber war der Wind zum Sturm geworden. Der wtete im Garten, schttelte und beugte die Bume und peitschte den Regen gegen die Fenster, da es prasselte. Welch ein Wetter! sagte Tante Toni halblaut, als eben ein besonders heftiger Windsto einherfuhr, als ob er alles mit sich fortreien wollte. Pltzlich fuhr sie zusammen, und auch Herr Mehring sprang von seinem Stuhl auf. Laut und schrill tnte es durchs Haus -- die Trglocke. Was mag das sein? Wer mag so spt noch kommen? Die Mdchen schlafen schon, ich werde selbst nachsehen, sagte Herr Mehring; aber Tante Toni ging mit ihrem Bruder hinunter. Wer ist da? fragte dieser, ehe er die Haustre ffnete. Ich bin's, Herr, ich, der Christian, tnte es von drauen. Wie, Christian, Sie kommen noch so spt und bei diesem Wetter? rief Herr Mehring, die Tr ffnend. Was gibt es denn? Huh, ja, das is e Wetter! sagte Christian eintretend und sich die Fe abputzend, whrend ihm das Wasser von Hut und Mantel niederrann. Und ich mu recht um Entschuldigung bitten, da ich Ihne noch so spt str, Herr Mehring, aber sehn Se, die alt Babett hat mer ja kei Ruh gelassen, sie hat sich's halt in ihrn eigensinnige Kopp neingesetzt gehabt, Sie mte das Papier da, wo se in ihrm Korb gefunde hat, wie se diesen Abend heimkomme is, noch heut zurckkriege, und wenn emal die Babett sich was in ihrn alte Kopp gesetzt hat ... Aber um Gottes wille, Herr Mehring, was is Ihne dann? Was hab' ich denn jetzt angestellt! Herr Mehring hatte nmlich dem Alten, whrend dieser sprach, das Papier aus der Hand genommen, und kaum hatte er einen Blick hineingeworfen, da hatte er einen Schrei ausgestoen und war zurckgetaumelt. Was ist dir, Robert, was ist? rief Tante Toni erschrocken aus. Herr Mehring legte den Arm um sie, und den Kopf an ihre Schulter lehnend, sagte er mit von Trnen erstickter Stimme: O Toni, der liebe Gott hat geholfen, ohne ein Wunder zu brauchen -- es ist das Schriftstck! Gott sei Dank, Gott sei Dank! rief Tante Toni lachend und weinend zugleich. Siehst du, ich wut' es ja, da der liebe Gott uns nicht im Stich lassen wrde! Die alt Babett hat am End doch recht gehabt, dachte der Christian, und er kratzte sich hinter dem Ohr, was er gewhnlich tat, wenn er verlegen oder nachdenklich war. Aber man lie ihm nicht viel Zeit zum Nachdenken; Herr Mehring und seine Schwester ntigten ihn ins Zimmer, und whrend Tante Toni ihm ein Glas Wein einschenkte, sagte Herr Mehring: Aber nun, Christian, sagen Sie mir doch, wie Sie, oder vielmehr wie Babett zu diesem Papier kommt! Ja sehn Se, Herr, des war halt so: Die Babett is ja diesen Nachmittag hier gewese, um den Lappekorb abzuhole, wie se's halt immer zweimal im Monat tut. Wie se nun mit ihrm Korb fortgehn wollt, da is se da im Garte, grad vorm Haus ausgerutscht und wr beinah hingefalle, und sie hat in ihrm Schrecke laut geschriee -- da is obe e Fenster aufgerisse worde und es sind allerhand Papiere rausgefloge, und gleich drauf is der Herr Otto gelaufe komme, um die Papiere wieder aufzulese, und wie em die Babett dabei geholfe hat, da hat er gesagt, sie sollt nur recht achtgebe, denn es wrn gar wichtige Papiere. Aber die Babett hat gar nit gemerkt, da eins von dene Papiere in ihrn Korb gefalle is, und des hat se erst gefunde, wie se vorm Schlafegehn ihrn Korb ausgeleert hat, und da hat se mich gerufe; ich hab aber schon mit eim Aug geschlafe, und wie ich halt nit gleich raus gewollt hab, da hat se angefange und hat auf mei Tr gekloppt mit ihre zwei Fust, und die sin noch recht krftig fr so e alte Frau, denn sie hat Ihne en Spekeltakel aufgefhrt, wie wann se die ganz Stadt htt aufwecke wolle. Und wie ich ihr dann zugeredt hab und gesagt, des tt sich doch nit schicke, da ich jetzt wege so eme lumpige Papier die Leut noch aus em Schlaf stre sollt, da hat se immer wieder gesagt, des wr e wichtig Papier, der Herr Otto wr ganz bla gewese, wie er runtergelaufe wr, und des Papier mt diesen Abend noch zu Ihne gebracht werde, und wenn ich nit gehn wollt, dann tt sie halt selber gehn. No so bin ich halt komme, und wenn Se erlaube, Herr Mehring, so trink ich jetzt auf Ihr Wohl und aufs Wohl vom Frule Toniche. Er leerte sein Glas, stellte es auf den Tisch und fuhr sich mit dem rmel ber den Mund. Er machte groe Augen, als Herr Mehring ihm so herzlich dankte und ihm erklrte, welch groen Dienst er ihm durch berbringung des Schriftstckes geleistet hatte. Na, da freu' ich mich aber! rief er beim Abschiednehmen, und morge, da werd' ich auch dabei sein, um die Gesichter von dene miserable Lgner zu sehn. Na, aber so was! Wenn ich noch dran denk, was Sie fr e lieber, wilder Bub warn, frher, wie ich noch Grtner bei Ihne Ihre Eltern war, Herr Robert, und wie Sie mal von der Frau Mama eine bergezoge kriegt habe, weil Se mer in mei frischgepflanzte Beete gesprunge sin! Und im Fortgehen murmelte er vor sich hin: Ja, ja, wenn mer halt noch emal jung sein knnt! Als Otto am andern Morgen aufwachte, fiel sein erster Blick auf Tante Toni, die schon an seinem Bette sa. Er war erst ganz erstaunt und rieb sich die Augen, aber gleich legte es sich wieder wie eine Zentnerlast auf sein Herz. Wie hatte er nur so gut schlafen knnen nach dem, was gestern passiert war? O Tante! rief er aus, Tante, es ist ja heute -- _heute_ ...! Aber die Tante lchelte und sagte mit bewegter Stimme: Otto, knie dich gleich nieder und danke dem lieben Gott aus ganzem Herzen. Das Papier, Tante, das Papier -- ist gefunden? Die Tante nickte. Erst beten, Otto, dann erzhl' ich dir. Ein warmes, aufrichtiges Dankgebet stieg aus des Knaben Herzen zum Himmel hinauf, dann aber lauschte Otto gespannt dem Bericht der Tante. Die gute Babett! rief er am Schlu der Erzhlung aus. Heute noch gehen wir zu ihr, gelt, Tante! Ich will sie jetzt gerne um Verzeihung bitten wegen neulich -- du weit ja, Tante --, und die Lilly nehmen wir auch mit. O Tante, es schaudert mich, wenn ich daran denke, wie leicht Babett das Papier htte verlieren oder als wertlos zerreien knnen; oder wenn sie es gar nicht bemerkt htte, dann wre es mit all ihren andern Lappen zusammen in den Sack des Lumpensammlers gekommen! Das htte allerdings sehr leicht geschehen knnen; aber der liebe Gott hat unser Gebet erhrt, und er hat es nicht zugelassen. Ach, Tante, wenn ich doch nur heute nicht in die Schule gehen mte! Ich werde doch nicht achtgeben knnen, ich mu ja doch immer an Papa denken. Nicht wahr, jetzt _mu_ es doch gut fr ihn ausgehen? Gewi, Kind, du kannst ganz ruhig sein, und du mut dir alle Mhe geben, heute in der Schule ganz besonders aufmerksam zu sein. Du mut sofort beginnen, die guten Vorstze, die du gestern gefat hast, auszufhren; nur nicht gleich anfangen zu verschieben, denn dann wird nichts daraus. Das war ein denkwrdiger Tag; Otto verga ihn nie mehr in seinem Leben. Als er von der Schule heimkam, fand er Haus und Garten voller Menschen. Sein Vater stand oben auf dem Balkon, umgeben von seinen Schwgern und einigen Freunden, und er richtete von dort aus einige warme Dankesworte an alle, die gekommen waren, um ihn zu beglckwnschen und ihm ihre Teilnahme zu bezeigen. Unser Mehring soll leben -- hoch, hoch, hoch! so riefen alle Anwesenden, und am lautesten schrie der alte Christian. Der kam sich berhaupt gar wichtig vor; Herr Mehring hatte ihm vor allen Zuschauern die Hand geschttelt, und er sah sich nun bald von Neugierigen umringt, die ihn ber den Verlauf der Gerichtsverhandlung ausfragten; denn Christian hatte derselben von Anfang bis zum Schlu beigewohnt, und er lie sich auch nicht lange bitten, es machte ihm selbst ja ein groes Vergngen zu erzhlen, wie alles so prchtig gegangen, wie die Verleumder in die Enge getrieben worden seien und was sie fr verdutzte und wtende Gesichter gemacht, als das Schriftstck verlesen wurde, von dessen Vorhandensein sie gar keine Ahnung gehabt hatten und welches auf Herrn Mehrings Charakter und Handlungsweise ein so helles Licht warf. Ottos Herz hpfte ordentlich vor Freude. Er war so stolz auf seinen lieben, herrlichen Vater, und als ein alter Mann ihm auf die Schulter klopfte und ausrief: Bub, Mnner wie dein Vater sind ein Segen frs Volk und frs Vaterland; sieh zu, da du ihm nacheiferst! da streckte Otto diesem die Hand hin und sagte: Das will ich -- hier meine Hand drauf! Am Abend, als alle Gste fort waren, rief Herr Mehring seinen Sohn zu sich. Er sah ihn eine Zeitlang ernst und forschend an; endlich sagte er: Otto, ich mchte, da du mir das Versprechen, welches du mir gestern in der Not und in der Angst gegeben hast, heute frei von diesen Gefhlen und wohlbedacht erneuerst. Ist es dir wirklich Ernst mit deinem Vorsatz? Otto sah seinem Vater freimtig in die Augen: Ja, Vater, es ist mir Ernst, und ich will tun, was mir mglich ist, um dir Freude zu machen. Gott segne dich, mein Sohn, und er helfe dir; denn es ist nicht so leicht, wie du dir's jetzt denkst. Die Erinnerung an die eben berstandene schwere Prfung wird sich mit der Zeit abschwchen, du wirst schwache Stunden haben und vielleicht manchmal in die alten Fehler zurckfallen. La dich dadurch nur ja nicht entmutigen, sondern bleibe beharrlich; es wird, es mu gehen mit Gottes Hilfe. Otto bemhte sich redlich, sein Versprechen zu halten. Er nahm es nun auch sehr ernst mit der Vorbereitung auf die erste heilige Kommunion, und Lilly konnte sich gar nicht genug wundern ber diese Umwandlung ihres Bruders. Du bist ja auf einmal ganz anders geworden wie frher, sagte sie, ihn mit groen, verwunderten Augen ansehend. Du bist gar nicht mehr grob, du neckst und rgerst mich nicht mehr, und du hast dem Rudi sogar deinen Drachen geschenkt. Nach einigem Nachdenken fgte sie hinzu: Mu ich auch so brav werden nchstes Jahr, wenn ich zur ersten heiligen Kommunion gehe? Natrlich, Lilly, noch viel brver, und deshalb ttest du gut daran, wenn du jetzt gleich anfingest etwas brver zu werden. Du solltest dir zum Beispiel vornehmen, nie mehr zu lgen. O, ich lge ja gar nicht! So? Ist das vielleicht nicht lgen, wenn man eine Wasserflasche zerbricht und hernach behauptet, man htte sie gar nicht angerhrt, und wenn man ber ein Gitter klettert und sich dabei das Kleid zerreit und man sagt, die andern Kinder htten beim Spielen so gezerrt, da das Kleid kaput gegangen sei? O Lilly, es ist so abscheulich, wenn man lgt! O du, als ob du nie gelogen httest! Und Lilly machte ein finsteres, trotziges Gesicht. Otto wurde ganz rot und wollte zornig auffahren, aber er bezwang sich, und er sagte einfach: Ja, ich wei es, Lilly, ich hab' frher auch gelogen; aber jetzt schm' ich mich darber, und ich werde es nie, nie mehr tun. Komm, Lilly, willst du lieb sein und mir eine Freude machen? Dann versprich mir, da du von nun an nie mehr lgst. O du, versprechen! -- Das mu ich mir erst noch berlegen. Ich bin ja auch noch kleiner und jnger wie du! Damit sprang Lilly davon. Sie fand es ja wohl sehr angenehm und bequem, einen so braven Bruder zu haben, der stets bereit war nachzugeben, der ihr bei den Aufgaben half; aber sich von ihm schulmeistern oder ermahnen zu lassen, das gefiel ihr nicht. Otto schttelte enttuscht den Kopf. Sie versteht es noch nicht, trstete er sich; sie hat eben noch nicht so etwas Schreckliches durchgemacht wie ich! Achtes Kapitel. Klein Tonis Wunsch geht in Erfllung! Drauen war das schnste Wetter. Die Sonne schien, Vogelstimmen riefen und lockten, und doch mochte Tante Toni nicht mit ihrer kleinen Bande in den lieben, alten Spessart hinaufwandern -- sie sa an klein Tonis Bettchen. Immer schmaler und blasser wurde das liebe Kindergesichtchen, und die blauen Augen blickten immer sehnschtiger und erwartungsvoller. Tante, was hast du gestern abend dem Otto erzhlt? fragte die Kleine jeden Morgen, wenn Tante Toni zu ihr kam, und sie konnte nicht mde werden zuzuhren, wenn diese ihr vom lieben Heiland erzhlte, der die Menschen so lieb hat, da er die Gestalt des Brotes annimmt, um immer in ihrer Mitte zu sein und sich aufs innigste mit ihnen vereinigen zu knnen. Am liebsten hrte sie aber die Geschichte vom gttlichen Kinderfreund, der es nicht dulden wollte, da die Apostel die Kinder fortschickten, und der ausrief: Lasset die Kindlein zu mir kommen! Ach, Tante, wr' ich doch eines von den kleinen Judenkindern gewesen -- vielleicht htte der liebe Heiland mich auch auf seine Knie genommen und htte mich gesegnet! Und klein Tonis Augen erglnzten, als sie sich so lebhaft vorstellte, wie schn, wie herrlich es sein mte, auf des Heilands Scho zu sitzen und das Kpfchen an seine Brust zu lehnen. Mit groer Geduld ertrug klein Toni es, so lange still im Bettchen liegen zu mssen. Der Husten und das Fieber qulten sie sehr, aber sie klagte nicht, sie seufzte nur manchmal, wenn das Rufen und Lachen ihrer Geschwister vom Garten zu ihr heraufklang. Einmal aber hatte sie doch wieder einen ihrer frheren Zornanflle -- das war, als Lilly sie besuchen kam und sagte: Du hast's gut, du kannst hier bequem in deinem Bett liegen und tun, was du willst, whrend wir andern in die Schule mssen. Tonichen hatte darauf erklrt: Es ist viel schner und lustiger, gesund zu sein und in die Schule zu gehen, als krank zu sein. Da hatte aber Lilly ein spttisches Gesicht gemacht und lachend geantwortet: Geh doch, Toni, _mir_ machst du so leicht nichts vor! Wenn du so gern in die Schule gingest, wrst du sicher schon lngst gesund -- du stellst dich ein bichen an. Toni hatte erst ganz verwundert dreingeschaut -- sie konnte es ja gar nicht begreifen, da man so etwas von ihr denken konnte --, dann war sie sehr bse geworden, und sie hatte geschrien: Nein, ich stelle mich nicht an -- ich lg' doch nicht! Und dann mute sie sehr stark husten, und sie weinte dabei, so da Lilly, die ja doch im Grunde die kleine Toni lieb hatte, ganz bestrzt sagte: Komm, Tonichen, sei nicht mehr bs auf mich -- ich glaub' dir's ja, da du dich nicht anstellst, und ich sag's auch nie mehr. Die beiden Kinder hatten sich daraufhin wieder vershnt, aber am Abend dieses Tages hustete klein Toni viel mehr und das Fieber war gestiegen -- sie konnte keine Ruhe finden und weinte bittere Reuetrnen, weil sie sich wieder von ihrem Zorn hatte hinreien lassen. Als Tante Toni ihr Gute Nacht sagen kam, klagte sie: Ich kann gar nicht mehr so gut an den lieben Heiland denken -- ich meine immer, er wre nun unzufrieden mit mir und er wrde mich jetzt nicht auf seinem Scho haben wollen, wenn ich eins von den kleinen Judenkindern wre. O Tonichen, was denkst du denn vom lieben Heiland? Du hast ihn ja wohl gekrnkt durch deinen Zorn -- aber das hat er dir schon wieder verziehen; es hat dir ja gleich nachher so leid getan. Und jetzt bist du wieder sein kleiner Liebling. Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, wie lieb dich der liebe Heiland hat. Er hat dich ja schon gekannt und dich geliebt damals, wie er fr dich am Kreuz gestorben ist, und er hat eine ganz besondere Freude an dir, weil du ihm zuliebe so geduldig bist und dir so viel Mhe gibst, ein liebes, braves Kind zu sein. Solchen Worten hrte klein Toni gerne zu, und sie lag nun wieder still und getrstet in ihrem Bettchen. Sie klagte auch nicht, als sich am andern Tag ein qulendes Stechen in der Brust und in der Seite einstellte. Ihr armes Kpfchen war so weh und schwer, da sie es kaum mehr vom Kissen erheben konnte. Es ist eine Lungenentzndung hinzugetreten, sagte der Hausarzt, und er brachte noch einen zweiten Doktor mit -- aber der hie alles gut, was der gute alte Hausarzt gesagt und angeordnet hatte; helfen konnte er auch nicht, und er sagte zu den tiefbetrbten Eltern: Es ist ein sehr ernster Fall; aber solange noch Leben da ist, ist auch noch Hoffnung. Klein Toni aber schaute ihre Tante und Patin bittend an: Was wnschest du, Liebling? fragte diese, sich ber ihr Bettchen neigend. Mit leiser, schwacher Stimme flsterte das Kind: Tante, denkst du noch an dein Versprechen? Die Tante nickte. Geh zum Herrn Pfarrer -- bitte, Tante -- ich mchte beichten -- und er soll mir den lieben Heiland bringen. Tante Toni zgerte einen Augenblick, aber klein Tonis Augen baten so flehend, sie konnte nicht widerstehen -- sie begab sich sofort ins Pfarrhaus. Sie sprach lange mit dem Herrn Pfarrer, und dieser versprach ihr, die kleine Kranke gegen Abend zu besuchen. Es war wohl die Freude, die verursachte, da Tonichen sich am Abend viel leichter und besser fhlte. Ihre Augen leuchteten auf, als der Herr Pfarrer an ihr Bettchen trat. So, so, sagte dieser freundlich, das ist also die Kleine, die kommunizieren mchte. Wie alt bist du denn, mein Kind? Ich bin sieben Jahre, Herr Pfarrer; ich habe also das Alter der Vernunft. Der Pfarrer lchelte: So, meinst du? Nun sag' mir doch einmal, warum du schon so frh zur heiligen Kommunion gehen mchtest! Toni faltete ihre Hndchen ber der Brust und sagte in innigem Ton: Weil ich mich so sehr danach sehne, den lieben Heiland zu empfangen. Ich habe mir ja sogar gewnscht, recht bald zu sterben, damit ich nicht noch drei Jahre auf ihn zu warten brauche. Du weit und glaubst also, da man in der heiligen Kommunion den lieben Heiland selbst empfngt? Aber natrlich! sagte klein Toni, ganz erstaunt, da der Herr Pfarrer berhaupt so etwas fragen konnte. Kannst du denn den lieben Heiland sehen? Ich kann nur die heilige Hostie sehen, aber ich wei, da es doch der wirkliche liebe Heiland ist, so wie er jetzt im Himmel wohnt und wie er frher auf die Welt gekommen ist, um uns zu erlsen. Der Pfarrer stellte noch einige Fragen an Toni, welche dieselben alle richtig und verstndig beantwortete. Dann hrte er ihre Beichte an, und als er fortging, da hatte er Trnen in den Augen. Morgen frh bringt er mir den lieben Heiland, flsterte Toni selig lchelnd vor sich hin, und sie lag die ganze Zeit wie in stiller, glckseliger Erwartung. Von ihrem Bettchen aus sah sie zu, wie Mutter und Tante Toni einen kleinen Altar im Zimmer zurechtmachten. Etwas spter, als Vater und Mutter an ihrem Bett saen, sagte sie: Nicht wahr, der liebe Gott hat mir ja nun alles verziehen, und ihr verzeiht mir auch, Papa und Mama und Tante Toni und alle Geschwister, da ich oft so ungehorsam und so zornig war? -- Es tut mir ja so leid, und ich hab' euch alle so lieb! Die Eltern konnten ihre Trnen kaum zurckhalten. Dann wurde es Nacht, und klein Toni schlief so sanft und so ruhig, wie sie lange nicht mehr geschlafen hatte. Sie hustete nicht und fhlte auch keine Schmerzen mehr. Von Zeit zu Zeit ffnete sie die Augen und fragte, ob es nun bald hell wrde. Ich freue mich so, flsterte sie, und als es endlich hell geworden war, begannen die Mutter und Tante Toni die kleine Kranke fr die heilige Handlung herzurichten. Vorsichtig und behutsam zogen sie ihr ein feines, gesticktes Nachtkleidchen an; auch ein kleines Myrtenkrnzchen bekam klein Toni, wie ein wirkliches Kommunionkind. Die Mutter gab ihr einen schnen weien Rosenkranz, und dann betete sie mit ihrem Tchterchen, bis unten im Hause ein Glckchen ertnte. Nun zndete Tante Toni die Kerzen an und ffnete weit die Tre. Der Herr Pfarrer trat herein, gefolgt vom Vater, von den Geschwistern und den Dienstboten, und alle knieten nieder, als der Priester segnend die heilige Hostie erhob. Klein Tonis Augen strahlten in einem ganz eigenen Glanze, als der Priester ihr das hochwrdigste Gut reichte, und ihre Wangen rteten sich; dann lag sie still, ganz still mit gefalteten Hndchen, ihr Gesichtchen war wieder ganz bla geworden, und ihre Augen waren geschlossen, so da der kleine Leo, der hinten neben Gretchen kniete, diese leise fragte: Ist die Toni jetzt schon ein Engel? Statt aller Antwort brach Gretchen in leises Weinen aus. Der Priester segnete nochmals die kleine Kranke und entfernte sich, whrend der Vater und die brigen Anwesenden ihm das Geleite gaben. Nur die Mutter und Tante Toni blieben zurck, und als Frau Wulff sich etwas spter ber ihr Tchterchen neigte und leise fragte: Wie fhlst du dich, mein Kind? da antwortete klein Toni lchelnd: Wohl, o so wohl! und als sie dabei einen Augenblick die Augen ffnete, da hatten diese einen Ausdruck, als ob sie schon ber alles Irdische hinaus in eine andere Welt blickten. Aber sie schlossen sich gleich wieder, und Toni fiel in einen sanften Schlummer; jedoch selbst im Schlaf hielt sie die Hndchen auf die Brust gepret, als wollte sie den lieben Heiland da drin festhalten, damit er ja nicht von ihr ginge. -- Als die Zwillinge und Anna um zwlf Uhr aus der Schule kamen, da fanden sie alle Fensterlden geschlossen, die Haustre war nur angelehnt, so da sie gar nicht zu schellen brauchten. Auf der Treppe stand Leo, der schien auf sie gewartet zu haben. Hast du die Tre aufgemacht? fragte Kurt in strengem Ton. Du weit doch, da dir das verboten ist, und ... Aber Leo legte den Finger auf den Mund und sagte leise: Pst! Jetzt ist unsere Toni wirklich ein Engelchen geworden. Wie, ist sie tot? riefen die drei Kinder bestrzt aus. Ja, ganz tot gestorben, besttigte Leo und nickte mit dem Kopf. Aber sie ist noch nicht im Himmel, denn sie liegt noch da drin und schlft ganz fest. Eben kam Gretchen mit rotgeweinten Augen aus dem Zimmer, und sie nahm Leo mit sich, whrend Paul, Kurt und Anna leise, auf den Fuspitzen auftretend, Tante Toni folgten, die gerade an der Tre erschien und ihnen winkte. Wie schn, o wie schn ist unser Tonichen! flsterte Anna, auf ihr Schwesterchen blickend, welches wirklich wie ein schlafendes Engelchen dalag -- so wei, so still, so friedlich. Und leise weinend beugte sich eines nach dem andern ber das tote Schwesterlein, um ihm noch einmal das kalte Hndchen zu kssen. Vater und Mutter knieten da, von Schmerz gebeugt, aber als die andern Kinder sich wie trstend oder Trost suchend an sie schmiegten, da erhob die Mutter das Haupt, und sie sagte: Lasset uns dem lieben Gott danken, da er unserer lieben kleinen Toni einen so schnen, sanften Tod verliehen hat. Sie lt euch alle noch herzlich gren, jedes hat sie noch beim Namen genannt, und zuletzt ist sie mit dem heiligsten Namen Jesus auf den Lippen sanft eingeschlafen. Hier brach der Mutter die Stimme, und eine Zeitlang hrte man im Zimmer nichts mehr als unterdrcktes Schluchzen und leises Beten. Im Laufe des Nachmittags kamen auch Helmers mit ihren Kindern und Onkel Robert mit den seinen, um die kleine Toni noch einmal zu sehen. Die Kinder weinten zwar sehr, aber sie blieben doch ruhig und dachten daran, wie glcklich Tonichen nun wohl schon im Himmel wre. Nur Lilly stand eine Zeitlang wie erstarrt und schaute mit groen Augen auf die kleine, regungslose Gestalt. Auf einmal trat sie dicht an das Bett, und sich ber die Tote beugend bat sie: Tonichen, du hast mir ja nicht >Adieu< gesagt -- mach nochmal deine ugelchen auf, bitte, schau mich nochmal an und sag' mir, da du mir nicht mehr bs bist wegen neulich -- du weit schon, Tonichen! Hrst du mich nicht? -- Tonichen! Aber Tonichen antwortete nicht. Lilly war ganz fassungslos -- jetzt erst fing sie an zu ahnen, was es eigentlich heit: _tot sein_ -- sie hatte es sich bisher noch nicht recht vorstellen knnen. Beim Tode ihrer Mutter war sie noch zu klein gewesen. Aber nun empfand sie etwas wie Entsetzen, und sie schrie pltzlich auf: Toni -- Toni, sei doch nicht tot! Du sollst nicht tot sein -- ich hab' dich ja lieb, Tonichen, viel lieber als du weit, und ich will dich nie mehr rgern! Komm, Toni -- komm', wach' auf! Und Lilly umschlang Toni und kte sie; aber sie fuhr zurck -- wie kalt war Tonis Wange, todeskalt! -- Es durchschauerte Lilly, und mit einem Schrei fiel sie in ihres Vaters Arme. Der trug sie hinaus, und unter seinem und Tante Tonis beruhigendem Zuspruch schwand allmhlich der entsetzte Ausdruck aus ihrem Gesichtchen. Begierig lauschte sie den Worten der Tante, die ihr erzhlte, wie klein Toni sie gren lasse: Kurz vor ihrem Tode hat sie noch von dir gesprochen, Lilly, und sie hat gesagt, sie wolle dein Mtterlein im Himmel von dir und von Otto gren. Was da drinnen so kalt und starr liegt, das ist ja gar nicht mehr unsere Toni, es ist nur ihre Hlle -- ihre liebe kleine Seele ist schon oben im Himmel beim lieben Gott unaussprechlich glcklich und selig. Aber nie, nie mehr kommt sie mit mir spielen, nie mehr kann ich mit ihr sprechen! klagte Lilly. Aber doch, Lilly; du willst doch gewi auch einmal in den Himmel kommen! Ja schon, Tante Toni, aber ich bin so bs, ich hab' schon so oft gelogen, und ich wollt' neulich dem Otto auch gar nicht versprechen, nie mehr zu lgen -- und am End' komm' ich gar nicht in den Himmel! O, da sei du nur ganz ruhig! Das liebe Tonichen wird schon fr dich beten und bitten, da du bald ein ganz braves und gutes Kind wirst. Du mut nur auch ernstlich wollen, und du wirst sehen, da es gar nicht so schwer ist. Denk' nur an Otto, wie der sich schon gendert hat! Ja, ich mchte ja auch gern brav werden. Ach, wenn du doch immer bei mir bliebest, Tante Toni, dann knnt' ich's vielleicht. Aber nun ist Toni fort, und wenn du dann auch wieder fortgehst ... Und bitterlich schluchzend schmiegte Lilly sich in Tante Tonis Arm. Ich geh' ja noch nicht fort, ich bleibe ja noch bis nach Ottos erster heiligen Kommunion, trstete die Tante, und wenn du jetzt schn brav bist und nicht mehr weinst, dann komm' ich diesen Abend noch zu dir hinber, und ich wasche dich und lege dich ins Bett, wie ich's frher getan habe, als du noch klein warst -- willst du? Ja, Tante, ja! Und Lilly trocknete ihre Trnen. Aber bitte, la mich noch einmal hinein, la mich Tonichen noch einmal sehen! Lieber nicht, meinte der Vater besorgt, es regt dich nur wieder auf. Sei folgsam und komm' nun heim. Lilly sah ihren Vater so innig flehend an, da er schwankend wurde und wohl nachgegeben htte; aber Tante Toni sagte: Wenn man einen guten Vorsatz gefat hat, dann mu man auch gleich mit der Ausfhrung beginnen, und wer ein braves Kind werden will, mu vor allem aufs erste Wort gehorchen. Jetzt lie Lilly sich ohne Widerrede von ihrem Vater heimfhren. Am folgenden Tag durfte sie aber noch einmal zurckkommen; Tante Toni holte sie selbst ab und fhrte sie in den Saal unten, der in eine Kapelle umgewandelt war. Dort lag die kleine Tote aufgebahrt zwischen grnen Pflanzen und brennenden Kerzen -- ein Kreuz lag auf ihrer Brust, und ihr Rosenkranz war um die gefalteten Hndchen geschlungen. Der ganze Anblick war so schn, so friedlich und doch so feierlich, da Lilly gar nicht mehr weinte. Sie kniete still da und betete: Liebes Tonichen, hilf mir doch mein Versprechen halten, und gre mir tausendmal meine liebe Mama im Himmel! Neuntes Kapitel. Wie Lilly ein Geheimnis erfhrt. Der groe Tag und Ottos Entschlu. Auf Wiedersehen! Am nchsten Tage, whrend Herr Mehring und Otto Tonichens Begrbnis beiwohnten, sa Lilly bei der Haushlterin, Frulein Helene, im Zimmer. Trotzdem diese sehr eifrig mit Ausbessern von Strmpfen und Wsche beschftigt war, fiel es ihr bald auf, da Lilly heute ungewhnlich still war. Kind, du bist ja heute so brav, da man dich gar nicht wieder kennt, sagte sie, ganz verwundert von ihrer Arbeit aufblickend; du bist auch so bla, du wirst doch nicht am Ende krank sein? O, ich mchte ganz gern wieder mal krank sein, meinte Lilly nachdenklich. Was, du mchtest gerne krank sein? Aber ich danke dafr! Das darf man ja berhaupt gar nicht wnschen. O, das ist aber doch so schn! Dann kommt Papa sich manchmal an mein Bett setzen, und diesmal kme sicher Tante Toni mich pflegen, und sie bliebe vielleicht sogar den ganzen Tag bei mir. Ja, das gefiele dir wohl.... Aber das Kranksein ist drum doch nicht angenehm; es tut gewhnlich recht weh. Ach, das will ich schon aushalten, wenn ich nur jemand bei mir habe, der mich recht lieb hat! Wieder blickte Frulein Helene ganz erstaunt auf Lilly; sonst hatte das Kind doch gar nicht so nach dem Liebhaben gefragt. Laut aber sagte sie: Ich htte sicher nichts dagegen, wenn deine Tante dich pflegen kme, falls du wieder mal krank wrdest; denn ich wei noch recht gut, wie ich das letztemal hab' laufen und springen mssen; zehn Arme und zehn Beine htte ich brauchen knnen, um dich zu bedienen, und trotzdem war's nie recht. Lilly hatte schuldbewut das Kpfchen gesenkt. Kleinlaut erwiderte sie: Ja, ich kann mich noch erinnern; ich glaub', ich war recht bs, und du hast oft gesagt, du knntest's nicht mehr aushalten und du wolltest fort. Und ich glaub', ich wre auch fort, wenn deine Tante, Frau Wulff, mir nicht gute Worte gegeben und zugeredet htte, ich solle den Herrn Mehring doch nicht so im Stich lassen, der knne sich doch nicht auch noch um den Haushalt kmmern. Aber was schwtz' ich denn da? Davon verstehst du ja doch nichts! Doch, doch, ich versteh' es recht gut. Ich wei auch, da du eine vorzgliche Haushlterin bist, aber von Kindererziehung verstehst du keine blaue Bohne. I du meine Gte! Da schau mal einer die Frulein Weisheit an! Wo hast du denn das wieder mal her? Ach, das hab' ich halt schon sagen hren von den Tanten, auch von Lina ... Natrlich -- die blaue Bohne, die stammt sicher von der Lina. Die wird wahrscheinlich etwas von Kindererziehung verstehen, die! Vom Haushalt, von Reinlichkeit und Ordnung versteht sie jedenfalls nichts, und wenn ich nicht immer hinter ihr drein wre, dann she es hier bald aus wie in einem Stall! Frulein Helene war sehr in Eifer geraten, und sie htte wohl noch eine Weile fortgeredet, wenn nicht eben drauen ein arges Gepolter entstanden wre, so da Lilly ganz erschrocken zusammenfuhr. Frulein Helene war aufgesprungen, aber sie schien zu ahnen, was der Lrm bedeutete; denn Arbeit, Fingerhut und Schere in den Korb werfend rief sie aus: Da haben wir's ja gleich! Eine rechte Meisterleistung von der Lina, die so viel von Kindererziehung versteht! Sie sollte sich lieber um ihre Arbeit kmmern und nicht Eimer und Brsten die Treppe hinunterwerfen. Eine nette Bescherung das -- und gerade gestern haben wir einen frischen Lufer auf die Treppe gelegt ... Lilly sah der Haushlterin, die sehr erzrnt und aufgeregt das Zimmer verlassen hatte, etwas ngstlich nach; aber dann lchelte sie wieder: nein, sie wute ja, Frulein Helene wrde der Lina doch nichts tun, sie wrde sie auch nicht fortschicken; obwohl sie viel mit den Mdchen zankte, mochten diese sie doch gut leiden, denn im Grunde war sie recht gutmtig, die Frulein Helene, und Lilly war ganz erstaunt zu bemerken, da sie selbst sie auch gern hatte. Und sie hatte sich doch so oft eingebildet, sie knne sie gar nicht ausstehen! Wie war das doch nur?... Lilly versuchte nachzudenken, aber ihr Kpfchen war so eigentmlich schwer, in ihren Schlfen klopfte es so. Auch kam es ihr auf einmal so hei vor im Zimmer und sie htte gerne das Fenster aufgemacht; aber sie hatte das Gefhl, als ob sie hinfallen wrde, wenn sie nun aufstnde. Sie breitete die Arme auf den Tisch und legte das Kpfchen darauf. ber was wollte sie denn eben nachdenken? Sie wute es schon gar nicht mehr, aber sie wunderte sich ber das Sausen und Brausen in ihren Ohren und ber das Hmmern im Kopf. Sie wollte ein bichen schlafen, vielleicht wrde es ihr dann wieder besser. Nach einiger Zeit war es ihr auf einmal, als ginge die Tre auf und sie hrte, wie jemand ausrief: Lieber Gott, das Kind ist krank! Aber es klang ihr wie aus weiter Ferne. Sie fhlte sich emporgehoben und getragen, aber es war ihr alles wie ein Traum. Dann lag sie in ihrem Bettchen, sie wute gar nicht, wie sie hineingekommen war, und sie wollte fragen: Mu ich jetzt sterben wie die kleine Toni? aber sie konnte gar kein Wort herausbringen. Sie konnte kaum die Lippen bewegen, und die waren so hei und trocken; aber dann gab ihr jemand etwas zu trinken und eine khle, weiche Hand legte sich auf ihr schmerzendes Kpfchen. O wie wohl das tat! Klein Lilly schlief ein; aber sie hatte allerhand wirre Trume, bengstigende, dann auch wieder schne und freundliche. Einmal war es ihr, als stnde eine abscheuliche Hexe in der Ecke des Zimmers, und die lachte spttisch und winkte ihr mit ihrem langen, knchernen Finger; sie wollte schreien, aber ihre Kehle war wie zugeschnrt, sie konnte keinen Laut hervorbringen; die Hexe kam aber immer nher und nher, und in wilder Angst wendete Lilly den Kopf ab; da stand auf einmal Anna an der andern Seite des Bettes, die lachte und sagte: Sei doch nicht so dumm! Es ist ja die Babett; die ist doch gar keine Hexe, und die tut dir nichts! -- und als sie nun, noch recht ngstlich, wieder hinberschaute, da stand dort wirklich die Babett, die sah ganz freundlich aus und sagte: Ich tu niemand was zu leid, und ich hab' auch schn fr dein Mutterle gebetet; es lt dich schn gren. Ein andermal, als Lilly sthnend aus einem wsten Traum aufwachte und ganz verstrt um sich blickte, da neigte sich Tante Toni ber ihr Bettchen: Sei ruhig, mein Liebling, ich bin ja bei dir, und ich verla dich nicht; schlafe nur. Klein Lilly lchelte beim Ton dieser leisen, lieben Stimme, sie suchte mit ihrem Hndchen auf der Bettdecke umher, bis sie es warm und fest von den Fingern der Tante umschlossen fhlte, und nun schlo sie wieder beruhigt die Augen; sie war ja geborgen, sie wute, da die gute Tante an ihrem Bettchen wachte, und diesmal hatte sie einen wunderschnen Traum: sie sah Tonichen, ganz wei gekleidet, mit goldenen Flgeln vom Himmel herabschweben; als sie verlangend die Arme ausstreckte, da winkte Tonichen ihr freundlich zu und sagte mit einem leisen, feinen Stimmchen: Sei nur recht brav, und vor allem lge nicht mehr, es ist gar nicht so schwer. Dann wurde Tonichen immer heller und durchsichtiger, bis sie ganz verschwand wie ein Nebel, der zergeht -- und endlich schlief Lilly sanft, ruhig und traumlos, lange, lange. Einmal wurde sie auf einen Augenblick wach; sie hrte Stimmen im Zimmer, und als sie die Augen aufschlug, da stand ihr Vater mit einem Brief vor Tante Toni. Lilly wollte sich aufrichten und rufen, allein sie war zu schwach und zu mde, ihre Augen fielen gleich wieder zu; aber sie hrte doch, wie ihr Vater eben zur Tante sagte: Nun kommt Ernst also doch endlich zurck, und Papa kann sich zurckziehen und sich die wohlverdiente Ruhe gnnen. Tante Tonis Stimme antwortete: Ja, und ich glaube, du kannst dich nach einem Huschen fr uns umsehen; denn ich denke, Papa wird doch wieder hierher in seine alte Heimat zurckkehren wollen. Lilly kam es vor, als sprche ihr Vater in etwas rgerlichem, erregtem Tone, als er jetzt sagte: Was nicht gar, ein Huschen! Wo denkst du denn hin? Mein Haus hier ist gro genug fr uns alle, und es soll das Haus meines alten Vaters sein. Und, nun klang die Stimme weich und bittend, du weit ja, Toni, wie ntig wir dich haben, meine Kinder und ich; versprich mir, da du mit dem Vater zu mir ziehst. Gern, Robert, gern -- aber la das noch ein Geheimnis sein, bis alles fest und entschieden ist. Es gibt dann eine schne berraschung fr die Kinder. Lilly lchelte ein wenig, ein ganz klein wenig. O, was fr ein schnes Geheimnis sie nun wute! Da mute man freilich brav sein, um so etwas zu verdienen! Und der Gropapa, der ... aber weiter kam Lilly nicht mit ihren Gedanken, denn sie war wieder eingeschlafen, und als sie das nchstemal aufwachte, da waren ihre uglein wieder hell und fielen ihr nicht gleich wieder zu vor Mdigkeit, und ihr Stimmchen versagte nicht, als sie ausrief: Papa, Tante Toni! Da stand auch schon Tante Toni neben ihr: Gott sei Dank! Nun wird unser Kindchen bald wieder gesund sein! Wie wird der Papa sich freuen, wenn er heimkommt! Aber auch Otto freute sich, als er, von der Schule zurckgekehrt, zu seinem Schwesterchen gehen durfte; er bot ihm gleich alle seine Spielsachen an, sogar seine Soldaten und seine Festung. Ach, was war das fr eine schne Zeit, die dann kam, bis Lilly wieder ganz gesund war! Tante Toni war fast immer bei ihr, und gegen Abend setzte sich Papa an ihr Bettchen, plauderte mit ihr und erzhlte; unter Tags kamen oft die Tanten, die Vettern und die Cousinen, und immer brachte man ihr etwas mit. Wie gut sie doch alle waren und wie man sie verwhnte! Am besten war aber der Rudi; der brachte ihr sogar seinen Star, an dem er doch so sehr hing und der schon allerhand Worte sagen konnte. Gib ihm mal ein kleines Stckchen Zucker, riet Rudi, als er den Vogel brachte. Und als Lilly ein Stck Zucker zwischen die Stbe des Kfigs schob, da pickte der Star danach, und nachdem er verkostet hatte, schrie er: Danke, Lilly, danke schn! War das eine Freude! Es war aber doch auch gar zu nett von Rudi, da er dem Star gerade _das_ beigebracht hatte. Der gute Rudi doch! Und den hatte sie frher gar nicht leiden mgen! Lilly begriff das einfach nicht mehr. Eile dich, gesund zu werden, Lilly, sagte Otto, du mut doch dabei sein, wenn ich zur ersten heiligen Kommunion gehe. Und Lilly eilte sich so gut, da sie wirklich an diesem schnen Tage im neuen weien Kleidchen mit in die Kirche fahren durfte. Ach, wie war das so schn, so schn! Lillys Herzchen erzitterte, als Otto sich dem Tisch des Herrn nahte, und voll Seligkeit dachte sie: Nchstes Jahr komme ich dran! Und nun mute sie wieder an die liebe kleine Toni denken. ngstlich und mitleidig schaute sie Tante Maria, Tonichens Mutter, an. Ja, die hatte freilich die Augen voll Trnen -- und doch sah sie nicht unglcklich aus. Sie wute ja, da Toni glcklich, o so glcklich im Himmel war! Und der kleine Leo, der hier neben Lilly kniete, der wute es auch; denn der betete jeden Tag nach seinem Abendgebet: Liebe heilige Toni, bitte fr uns! Und Lilly fand, da er ganz recht hatte, so zu beten. Am Abend dieses glcklichen Tages suchte Otto Tante Toni auf. Er lehnte den Kopf an ihre Schulter und sagte: Hast du recht sehr fr mein Anliegen gebetet, Tante, wie du es mir versprochen hattest? Nach besten Krften hab' ich fr dich gebetet, mein lieber Otto. Ernst und doch lchelnd schaute der Knabe zur Tante auf. Ach, Tante, und wenn nun der liebe Gott dein Gebet erhrt, dann werde ich doch nicht Papas Nachfolger, dann werde ich doch kein Redakteur! Tante Toni lchelte: Dann wirst du wohl noch etwas viel Besseres und Schneres! Otto sah sie berrascht an: Ja, Tante, errtst du denn alles? O, glaubst du, da es gelingt, da ich das erstreben darf und kann? Mit Gottes Hilfe gewi, mein Otto! Aber es ist schwer, und wer diesen hohen Beruf erwhlt, der mu sich auf ein Opferleben gefat machen. Ein Opferleben ..., wiederholte Otto leise und nachdenklich. Er war noch zu jung, er fate und verstand das noch nicht ganz, und es berkam ihn fast etwas wie Furcht, aber nur einen Augenblick lang; gleich hob er wieder mutig den Kopf, und er sagte freudig wie Tante Toni: Mit Gottes Hilfe! Zwei Tage nachher schlug fr Tante Toni die Abschiedsstunde. Da gab es viele und heie Trnen, aber Onkel Robert lchelte geheimnisvoll, whrend er trstete: Weint nicht, Kinder, weint nicht! Ich versprech' euch ein baldiges Wiedersehen. Alle schauten ihn erstaunt und fragend an, allein Onkel Robert lchelte nur und legte den Finger auf den Mund. Aber Lilly lchelte auch, und sie flsterte dem Rudi etwas ins Ohr; der schrie auf und machte drei Purzelbume hintereinander; Lilly lief ihm nach und bat: Pst, Rudi, verrat' doch nichts; es ist doch ein Geheimnis und es soll eine berraschung geben! Ich sag' nichts, verla dich drauf, versicherte Rudi; aber ich freu' mich halt so schrecklich! Und er machte schnell noch ein paar Luftsprnge, aber der letzte fiel etwas unglcklich aus und er landete mit seinem Stiefelabsatz gerade auf Ottos Fuspitze. Au weh! schrie der. Rudi, was ist denn in dich gefahren? Du bist gerade nicht von Buttermilch! Und er hpfte auf einem Bein herum, den verletzten Fu in die Hhe streckend. Mariechen wechselte einen verstndnisvollen Blick mit Tante Toni. Beide hatten denselben Gedanken: Wenn dies vor sechs Wochen geschehen wre! Das gab eine wahre Prozession zum Bahnhof. Als Tante Toni eingestiegen war, stellte sie sich ans Fenster, und jedes wollte ihr noch einmal Adieu sagen: Auf Wiedersehen, auf baldiges Wiedersehen, liebe, gute, goldige Tante Toni! riefen die Kinder, und Auf Wiedersehen! antwortete die Tante, und wenn ich wiederkomme, dann nehmen wir auch unsere Spaziergnge wieder auf, die wir diesmal unterbrechen muten. Ja gewi, Tante! Wir werden inzwischen schne, neue Wege auskundschaften! rief Paul, und Kurt eiferte: O, ich hab' mir schon einige ausgedacht; wir mssen doch auch in die Rickersbacher Schlucht und auf den ... Aber der Zug setzte sich in Bewegung, und die Rufe Adieu! und Lebt wohl! Auf Wiedersehen! bertnten Kurts Stimme. Man sah noch eine Zeitlang Tante Tonis Taschentuch wehen, dann machte der Zug eine Biegung; bald darauf war er verschwunden. Ich bin nur froh, da Onkel Robert uns gesagt hat, Tante Toni kme bald wieder, sagte Philipp auf dem Heimweg; sonst wre es doch gar zu traurig. Mariechen entgegnete mit einem Seufzer: Ich finde es trotzdem noch traurig genug. Ich kann berhaupt das Fortgehen nicht leiden; die Leute sollten immer nur ankommen! O, das kommt drauf an! rief Anna in entschiedenem Tone. Den Herrn Schulinspektor und den Prfungskommissar zum Beispiel sehe ich viel lieber fortgehen wie ankommen! Alle lachten, und Onkel Robert sagte, Anna freundlich auf die Schulter klopfend: Na, Kinder, seid nur froh, da ihr die nne habt, die bewahrt euch wenigstens vor Trbsinn! Lilly war still zu Tante Maria Wulff geschlichen. Sie dachte: Als Tante Toni ankam, da war Tonichen noch mit uns, und jetzt ist es nicht mehr da, es ist im Himmel. Sie stahl ihr Hndchen in die Hand der Tante und blickte mit feuchten Augen zu ihr auf. Tante Maria verstand den Gedanken des Kindes. Mein gutes Kind! sagte sie leise und gerhrt, fest die kleine Kinderhand umschlieend. End of Project Gutenberg's Tante Toni und ihre Bande, by A(lberta) von Brochow License: Share Alike