Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net [ Anmerkungen zur Transkription: Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden bernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste der vorgenommenen nderungen findet sich am Ende des Textes. Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert. Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde mit _ markiert. ] Und Simson sprach: Mit dem Kinnbacken eines Esels einen Haufen, zwei Haufen -- mit dem Kinnbacken schlug ich tausend Mann. Und als er vollendet zu reden, da warf er den Kinnbacken aus seiner Hand und nannte selbigen Ort: Ramath-Lechi. Die Richter, 15 Max Brod Arnold Beer Das Schicksal eines Juden Roman Axel Juncker Verlag Berlin/Charlottenburg I. Arnold Beer war ein hbscher junger Mann, nicht einmal sehr elegant, aber da er in der Stadt hufig mit den elegantesten Leuten zusammen -- berdies auch oft mit anderen -- angetroffen wurde, nannte man ihn den Eleganten. Aha, da kommt das Gigerl, -- oder Die Parta ist da. Ich erklre den Bummel fr erffnet, hie es am Abend auf dem Korso, wenn in den Reihen der gewohnten Spaziergnger und Nichtstuer Arnold samt seiner Freundschaft erschien; denn schon hatte man hier und dort begonnen, sein unntzes Treiben mit einigem Miwollen zu beobachten. -- Was berdies seine Eleganz anbelangt, so irrten die Leute ganz entschieden. Nher betrachtet, bestand Arnolds so effektvolle Kleidung durchaus nicht aus den tadellosesten Stcken, war vielmehr hufig betupft mit einzelnen groen und mit vielen kleinen Flecken und Tropfen, manchmal auch leicht angerissen und zerfasert, der Strohhut vom Regen mattbraun berflossen und weichgedrckt, die Stiefel ohne den rechten Glanz. Alle diese Fehler erschienen nun freilich niemals beisammen, sondern sie fhrten ein einsames Dasein, jeder fr sich und an einem andern Tag, konnten aber dem aufmerksamen Beobachter auch in dieser gleichsam fluchtartigen Abwechslung nicht entgehen. brigens war Arnold selbst der letzte, der sich den merkwrdigen und komischen Einzelheiten seines Anzugs verschlossen htte; im Gegenteil, er pflegte laut und ungeniert, vor Damen und Herren, auf solche gelegentliche Schnheitsmngel hinzuweisen und sich selbst auszulachen, um desto sicherer alle, die ber ihn erschraken, auslachen zu knnen. Er nannte sich -- denn er hielt fr alles Worte bereit und hatte besonders ber seine so fragwrdige Wesensart schon oft und unter Schmerzen nachgegrbelt -- eine typische Fernwirkung und hob hervor, da er diese gute Sache seiner schlanken Gestalt, seinem vorzglichen blassen Teint und seinen feinen Hnden verdanke, lauter Dingen, fr die er natrlich gar nichts knne, wie er in einem Anflug pessimistischer und unklarer Philosophie hinzuzusetzen pflegte. Dann versank er, noch anschlieend, ber das Thema Kleider machen Leute in ausgedehnte trbe Betrachtungen. Ja, meine Eltern haben das Geld dazu, mein Papa ist eine gute alte Firma. Also gelange ich, wie von selbst, an den ersten Schneider der Stadt, und der macht mir Rcke und Hosen, ohne da ich ihn darum bitten mu, ja bitten darf, aus den teuersten Stoffen und nach den neuesten Schnitten. Kann ich dafr, nun bekommt sogleich mein Anblick einen reizenden Schwung und Schmi, ohne mein Mitarbeiten, und ich biege ein in eine Richtung des Angeschautwerdens und sogar des Michselbstfhlens von innen her, die mir gar nicht so besonders pat. Wie machtlos ist man dagegen. Schlielich wrde mir ja diese Richtung auch passen, warum nicht, htte ich nur Zeit dazu. Aber wie kann ich mich mit solchen Kleinigkeiten abgeben! Es geht einfach nicht. Strker wie Lschpapier bin ich eben nicht. Und daher auch meine schlechte primitive Frisur, meine ungepflegten Ngel, meine Schnalle nur am Schuh links und nicht auch rechts. Er pflegte sich die Haare zu scheiteln, aber aus Unlust, die richtige Teilungsstelle zu suchen, wurde oft, wenn der erste Hieb milang, nur ein Gestrpp hngender Strhnen aus den schnen Wellen. Derselbe uere Schwung nun, den er mit einiger Selbstgehssigkeit an seinen Kleidern bemerkt hatte, wallte durch seine ganze Person und mit so gewaltigem unwiderstehlichem Antrieb, da er nach allen Seiten hin sein Schicksal aufbauschte, aber auch begrenzte. -- Arnold war eine beraus lebhafte Natur. Schon in der Volksschule hatten alle Lehrer darber geklagt, da er kein Sitzfleisch habe, und einige hatten spter, bei aller Anerkennung seiner Intelligenz, durch mindere Noten ihn fr sein berma an Temperament strafen zu mssen geglaubt. Er antwortete auf Fragen, die niemand an ihn gerichtet hatte; er schrie pltzlich laut auf, rannte aus der Bank und aus der Klasse hinaus, weil er drauen einen so komischen groen Schmetterling gesehn hatte, der sich spter als eine langsam aus dem dritten Stock herabflatternde alte Kravatte erweisen mute. -- Einmal rief ihn der Lehrer zum Weiterlesen auf; Bitte, die bung ist hier zu Ende meldete mit hoher Stimme der Kleine, statt in dem gewhnlichen dumpfen Tonfall der Schler fortzuspinnen. Da bekam er seine erste Strafe. Ich soll nicht vorlaut sein, zehnmal abzuschreiben. Seine Lebhaftigkeit und Naseweisheit hatten ihn nmlich schon in der ganzen Schule so berhmt gemacht, da man immer geneigt war, in seinem Benehmen einen kleinen Unfug zu sehn, auch wenn, wie in diesem Fall, gar nichts daran war. Denn die bung war wirklich zu Ende, und obwohl die nchste bung ja in unmittelbarem Zusammenhang mit der eben gelesenen anschlo, wre wohl auch ein anderer Schler geneigt und vielleicht kouragiert genug gewesen, mit dem Herrn Lehrer sich in einen nheren, gleichsam kameradschaftlichen Zusammenhang durch eine solche hfliche Frage nach dessen weiterer Absicht zu setzen statt mechanisch einfach die leere Zeile zu berspringen und sich im Text als armseliger Lernknabe fortzuhaspeln. Einen Pfiffigen gar wie Arnold mute die Situation reizen, und es soll nicht verschwiegen werden, da er sich schon oft genug mit aller Sehnsucht in sie hineingewnscht hatte, als in die einzige, wo er einmal dem hochverehrten Herrn Lehrer ebenbrtig, sozusagen als Mensch, gegenbertreten knnte, da er oft im voraus die Zeilen abzuzhlen pflegte, um herauszubringen, ob diesmal, nach der Sitzordnung, bei der entscheidenden bergangsstelle die Reihe an ihn kommen wrde. Und nun war der Moment da und Arnold hatte mit Anstand und stolzer Gefatheit, vollkommen richtig, seine oft vorbereiteten Worte herausgesungen, hatte sich ausgezeichnet ... mit diesem traurigen Erfolg leider. Er weinte die ganze Stunde lang, denn er war sehr ehrgeizig. Und als die liebe Mama sorgfltig um elf Uhr ihn abholen kam und ihm das Schultschchen abnahm, weinte er wieder, kaum beruhigt, und erzhlte alles. Nun mute er gar noch in das schne verehrte Papiergeschft eintreten, wo er sonst nur die ausgestellten Mnchener Bilderbogen sich anzuschaun pflegte, zufrieden und heiter nach der Schulttigkeit, oder zaghaft die imponierenden Schatzhaufen verschiedenartiger Klaps-, Glocken-, Kuhn-, und Aluminiumfedern, mute eintreten und um einen Bogen liniierten Papiers kaufend bitten. Schon dieser Umstand, da er einen einzelnen gottverlassenen losen Bogen kaufen mute statt wie sonst ein ordentliches Heft zum ehrenvollen Vollschreiben, schien ihm so sehr schlampig, heruntergekommen und Sache eines schlechten Schlers, da er sich schmte, -- und als ihn gar noch der Kommis mit irgend einer gleichgiltigen Frage nach der Zeilenbreite beunruhigte, brach er aufs neue in Trnen aus und erklrte heulend: Es ist fr eine Strafe. Er weinte so bitterlich, da alle im Geschft stockten und auf den Knirps hinsahn. Zwei in Schwarz gekleidete Damen traten nher und, tief zu ihm herabgebeugt, begannen sie, ihm zuzusprechen. Er aber hielt die Hndchen in Fusten vor den Augen, so da er nichts sah und auch gar keine Anstalten machte, zu zahlen und den Laden wieder zu verlassen. Sondern rcksichtslos und ohne Verlegenheit ergab er sich seiner Reue und seinem tiefen Schmerze, bis die Mutter, der das lange Ausbleiben drauen verdchtig wurde, hereinkam und ihr Kind, dem sich inzwischen das allgemeine Mitleid der Angestellten und Kunden, der Kassiererin, des Geschftsinhabers sogar zugewendet hatte, energisch herausholte. Natrlich konnten Strafen und schlechte Klassen dieser Lust des lebendigen Gemts wenig anhaben. In der Schule lernte er allmhlich die kalte Ordnung respektieren, nun warf er sich aber auf Eltern und Verwandte. Der Vater mute ihm schon Ohrfeigen androhn, um sein ewig erregtes Papa, schau... auf den Spaziergngen zum Schweigen zu bringen. Niemand wollte mit ihm ausgehn, denn er war gefrchtet wegen seiner unaufhrlichen bohrenden Fragen, die sich mit keinerlei Ausweichen abstellen lieen. Eine Gouvernante nahm ausdrcklich deshalb ihren Abschied. Und noch in spteren Jahren pflegte ihn Frau Direktor Wahlberg, mit der seine Eltern verkehrten, mit einem seiner Aussprche zu necken: Tante, bitte, erklre mir, ist der Mond ein Fixstern oder ein Planet, das hatte er in groer ffentlicher Prachtgesellschaft ihrer damenhaften Gltte zugemutet. Es kam eine Zeit, in der er von den Menschen, die seinen reienden und dabei so liebevollen Ansturm nicht aushalten mochten, sich abwandte und nichts tat als stille vertrauliche Bcher lesen. Nachmittags auf dem Sopha, wenn er aus der Schule kam; nicht liegend, nicht sitzend, sondern zusammengekauert, den ganzen Krper zwischen Polster und Lehne gedrngt, whrend das Buch frei auf dem Sopha lag -- so ruhte seine Wange ber den beiden verschrnkten Armen, und nur wenn er umblttern mute, langte er unter Verrenkungen eine Hand aus dem Knuel hervor ... sonst rhrte er das Buch nicht an, er hatte es gern in einiger Entfernung von sich, selbststndig wie ein lebendiges Wesen, mit dem man sich unterredete, vom Polster her blickte es ihn an, gab seine schrgen tiefen Blicke atmend zurck. Und er las so ziemlich alles, was sein angebeteter Vater, ein in jngeren Jahren kunstbeflissener Mann, im Bcherkasten hatte. Dieser Kasten war versperrt. Arnold mute jeden Mittag, in der knappen Zeit zwischen der Beendigung der Mahlzeit und dem Mittagsschlfchen des Vaters, sein Anliegen vorbringen, um dieses oder jenes Buch: Papa, gib mir heraus... Dann wurde der rtselhafte Kasten mit den undurchsichtigen Scheiben geffnet, und nur in diesem Augenblick durfte der Sohn die Verlockung all dieser mannigfachen Goldrcken empfinden und, schnell einige Titel berfliegend, bei sich die Bcher feststellen, die er die nchsten Male herausverlangen wollte. Niemals wurde ihm erlaubt, einer seltsamen Pedanterie des Vaters zufolge, alle Bcher der Reihe nach durchzusehen und in Ruhe auszuwhlen. Niemals wurde ihm auch mehr als ein Buch geborgt. Und so rasch ging der Vater dabei vor, militrisch mit Wunsch und Ausfhrung, Hinzeigen und Herausnehmen, da manchmal ein Fingerlein oder die Nase des in all die Pracht versunkenen Knaben Gefahr lief, an der Kante der wieder zuklappenden Tre eingeklemmt zu werden. Allmhlich kam er daher auf Listen; er sagte um Kleist und zeigte dabei auf die oberste Reihe, obwohl er gut wute, da die Kleist-Bnde rechts unten aufmarschiert waren. Aber in der Zwischenzeit, whrend der Vater vergeblich oben kramte, hatte er Zeit, einen berblick ber andere nie gesehene Partien des groen Bchergartens zu erwischen. Oft allerdings ntzte alles nichts, und er sah sich mit einem Buch, das er nur des fremden Titels oder des hbschen Einbandes wegen gewhlt hatte und das ihn bei nherem Durchblttern gar nicht interessierte, enttuscht und leer vor den wieder gesperrten Kasten gestellt, in einen steinigen leeren Nachmittag verschlagen wie ein Schiffbrchiger auf eine de Insel, wo der ersten Freude des Gerettetseins eine umfassendere Angst vor der Zukunft folgen mu. Denn niemals nahm der Papa ein schon herausgegebenes Buch noch an demselben Tag zurck, das war eherne Regel ... Im Verlauf der Zeit nun las Arnold alles, von der Bibel und Goethe an bis zu dicken staubigen Lieferungsromanen wie Die Geheimnisse der Bastille, die noch uneingebunden in den untersten Schublden lagen. Sein Kopf fllte sich mit den Gestalten Schillers und Heines, mit den Kreuzfahrern und Schillschen Offizieren der Weltgeschichte, mit Lokomotiven aller Konstruktionen aus einer vielbndigen Geschichte der Erfindungen und Industrien, mit den Jgergeschichten und rhrenden Affen-Szenen der Gefangenschaft aus Brehms Tierleben. Und nur eines hatte ihm der Vater verboten, in den Shakespearebnden den Othello. Arnold befolgte auch getreu diese Absperrung, ngstlich wich er dem Stck aus, obwohl seine Neugierde aufs hchste erregt war und niemand ihn berwachte, und nur die Vorrede mit der Inhaltsangabe las er einmal doch, indem er sich sagte, da die ja nicht eigentlich zu dem gebannten Stck gehre. Welch ein Geheimnis, diese berbltterten und stets wie mit Leim zusammengehaltenen Seiten hie und da, wie durch Zufall, aufzuschlagen, vom Wind aufblttern zu lassen, unbeachtet ein Wort, einen Satz aus dem Zusammenhang zu packen, eine Abbildung vorbeitrumen zu sehn, niemals aber dem lieben strengen Vater durch wirkliches Lesen der Reihe nach ungehorsam zu werden. Wie peinigte das sein pochendes Herz!... berdies hatte der Vater dieses Verbot nur einmal und nur beilufig fallen lassen, nie mehr wiederholt, vielleicht selbst nicht so wichtig genommen und lngst vergessen. Und als Arnold, zu Jahren gekommen, spter einmal diesen frchterlichen Othello durchnahm, fand er zwar gleich in der ersten Szene eine obszne Phrase, im Ganzen aber nichts, was dieses Stck vor den vielen, die er lesen gedurft hatte, ausgezeichnet htte. Derartige Phrasen hatte er ja als Kind zu hunderten unverstanden eingeschluckt. Und so blieb ihm dieses Verbot seiner Kinderjahre weiterhin ein Geheimnis, ber das er seinen Vater aus Respekt auch nachmals nicht weiter auszuforschen sich getraute. Indessen kam der Hausarzt einmal, anllich einer Masernerkrankung -- man mute dem Kerlchen mit den verklebten Augen unermdlich von frh an bis in die spte Nacht vorlesen -- auf Arnolds berreichen Bcherkonsum. Ihr Junge ist mit achtzehn Jahren ein Idiot, schrie er die tdlich erschrockene Mutter an, und von nun an war es mit der Lektre zu Ende. Furchtsam wachte die Mutter darber, da Arnold keine Zeile mehr auer den Schulaufgaben zur Hand nahm. Auf vielfaches Jammern und als sich die Folgen der Langweile in seiner gesteigerten Wildheit zu zeigen begannen (er stach der Kchin mit ihrer Hutnadel den Daumen durch), wurde ihm endlich jeder dritte Tag als Lesetag eingerumt ... Arnold erinnerte sich berdies spter oft mit Vergngen daran, wie groen Eindruck der Schrei des erzrnten Arztes auf ihn gemacht hatte. Bis zu seinem achtzehnten Jahre erwartete er allen Ernstes mit Grausen tglich das Eintreten der prophezeiten Verbldung, erst nachher fiel es ihm pltzlich als Erlsung ein, da der Arzt vielleicht nur in einer Metapher geredet hatte. Ja, als Kind pflegte er eben Aussprche lterer Leute unauslschlich ernst zu nehmen... Die Lesewut machte zu Beginn des Gymnasiums einer unbndigen Sammelfreude Platz. Arnold besa bald, wie ein Onkel sich ausdrckte, eine Sammlung von Sammlungen, er hob alte Tramwayzettel auf, flehte alle Abreisenden an, ihn in fremden Stdten auf Zahnradbahnen und Elektrischen ja nicht zu vergessen, ferner ordnete er in Schachteln und Kistchen abgesondert: Knpfe, alle Arten von Zndholzschachteln, Zigarrenbinden, Ansichtskarten mit und ohne Marke auf der Bildseite, Bleistifte, Autogramme, Mnzen, Vereinsmarken, Siegelabdrcke, Mineralien, hinter Glas spannte er Schmetterlinge und Kfer auf, in Mappen hatte er bald mehrere Tausende von Bildern, aus alten Zeitschriften ausgeschnitten und sauber auf dnne Pappendeckel aufgeklebt. Er brannte um diese Zeit auf derartige alte Bnde der Gartenlaube, der Guten Stunde, und unzerschnitten schienen ihm diese Hefte ihren wahren Zweck vollstndig verfehlt zu haben, so da ihm bei ihrem Anblick und wenn er sie nicht in seine Sphre ziehen konnte, das Herz zerbrach. -- Wie alles, betrieb er solchen Sport mit dem ganzen Eifer seiner ganzen Natur, und wenig fruchtete da die stereotype Warnung des Vaters: Arnold, du bertreibst alles. Dem Kinde, das zwei oder drei Sachen derselben Art beisammen sah, lag nichts nher als der Gedanke, solcher Dinge noch mehr auf einen Haufen oder in schne Reihen zusammenzukriegen, und namentlich bestrkte ihn in diesem immer neu wiederholten und dadurch schon ganz gelufigen schnellen Gedankengang die Beobachtung, da es ja so leicht war, eine Sammlung irgendwelcher Manier anzufangen, ja, da eigentlich die Sammlungen schon um ihn herumlagen, nur freilich noch unentdeckt, ungeordnet, daher unwirksam. Es bedurfte aber jedenfalls keiner schpferischen Ttigkeit, keines Hervorstampfens. Er mute nur, wenn er beispielshalber auf die Idee gekommen war, Stahlfedern zu sammeln, seine alte Liebe, zuerst einmal seine Pennale ausleeren. Da lagen sie ja schon beisammen, halbverbraucht, aber immer noch Muster ihrer Art, er brauchte nur die besten herauszuklauben. Dann ging es ber die Vorrte des Vaters im Comptoir her, wo die seltenen groen Stcke, wie Kolumbusfedern, oder die komisch verkrmmten Soennecken oder die zierlich-spitzen Stenographiefedern, die fast wie Nadeln aussahen, eiligst zusammengerafft wurden. Und mit dem Taschengeld, das ihm zum Ankauf von Schreibzeug bergeben wurde, ging nur eine kleine Verschiebung vor, er kaufte, statt wie bisher gedankenlos Federn immer derselben Art, mglichst verschiedenartige und exotische, natrlich nicht zum Schreiben, sondern zum Aufheben, whrend zum Schreiben mglichst lange derselbe Invalide herhielt. So rckte die Sammlung feurig vorwrts, es war gar keine Unmglichkeit, tausend Stck zusammenzubekommmen oder die grte Sammlung von Europa berhaupt, es galt nur die richtigen Stege und Zuflsse zu graben, durch rein geistige berlegungen, denn der Rohstoff war ja vorhanden. Nur ihn gescheit in die Grube zu leiten, das war das Problem, ihn nicht unntz an den Seiten abrinnen zu lassen. So hatte er beim Sammeln das Gefhl, nicht nur sich durch ntzliche Ttigkeit auszuzeichnen, sondern auch irgendwie der ganzen Welt zu dienen -- und bersah er dann an einem der ersten Abende, da alle Quellen noch munter der neuen Sammlung zuflossen, seinen sauber geschlichteten Reichtum, so berfiel ihn ein beinahe schwindelndes Glck von Gre, Schnheit und Triumph, und der Wunsch, mit dem er einschlief, die Sammlung mge so weiter und weiter gedeihn, war um nichts weniger innig als das Nachtgebet ... Freilich nahm sein Interesse bald ab, wenn in seiner Nhe keine neuen Hhlen mehr zu sprengen waren, in denen schon groe Haufen der gewnschten Dinge wie vorbereitet dalagen und auf ihn warteten; wenn es galt, nun ein Stck ums andere mhsam heranzulocken. Dann wurde die Sammlung aus den Kasten ins Dunkle gestellt, halb vergessen, eine andere trat mit neuen Hoffnungen ans Licht. So ging es zwei Jahre lang, bis endlich sein Streben an einer Briefmarkensammlung hngen blieb und sich gewitterwolkenhnlich verdichtete, da hier nebst dem Reiz der Ausdehnung und Vollstndigkeit nun auch der des nicht mehr blo kindischen Wertes in Aussicht gestellt wurde. Nun begann er in den Zehnuhrpausen zu tauschen, nicht ohne Streit und Schwindel, nun wute er bald alle Wasserzeichen, Fehldrucke, Zahnungsunterschiede und Farbennancen auswendig, niemand kam ihm darin gleich, ja sein strmisches Interesse fr alles, was mit Marken zusammenhing, ging so weit, da er sogar den Flcheninhalt, die Hauptstadt und die Mnzsorten jedes Landes wie dies in seinem Album angegeben war, schnell und genau erlernte. Mit seinem Senf in der Tasche, den er stets sorgfltig nach der neuesten Ausgabe korrigiert hatte, galt er unter den Kollegen als Autoritt, wurde in schwierigen Fllen befragt und entschied unwidersprochen. Und nur etwas unterschied ihn von einem khlen Fachmann: whrend er die verlockendsten Stcke fremder Sammlungen nachsichtslos, von ngstlichen Blicken ungerhrt, als falsch oder Neudruck verurteilte, konnte er selbst sich von den Flschungen, die ihm gehrten und die er als solche lngst erkannt hatte, in einer seltsamen grundlosen Zrtlichkeit nicht trennen. Er glich da dem glhenden Liebhaber, der seine Leidenschaft nicht bezwingen kann, obwohl er die triftigsten Grnde hat, von dem Unwert des geliebten Gegenstandes berzeugt zu sein. So besa Arnold, beispielsweise, eine alte Schweiz mit der sitzenden Helvetia -- nachgemacht, ganz plump nachgemacht. Ich wei ja, da sie falsch ist pflegte er zu sagen und sah die Marke mit stillverliebten, unendlich traurigen Blicken an, aber ich la sie doch drin, sie schadet ja doch nichts, whrend er einen Kameraden in gleichem Fall unfehlbar mit den Worten: So ein Stck ist eine _Schmach_ fr jedes anstndige Album ausgescholten htte ... Ja es gab sogar Zeiten, allerdings nur zu Anfang der Markenperiode, in denen Arnold selbst flschte, sich selbst betrog, indem er aus einem alten Album einfach die vorgedruckten Markenbilder, sofern sie mit grau oder schwarz bezeichnet waren, ausschnitt und als wirkliche Marken in sein Album einklebte. Davon lie er bald, konnte aber von den einmal gewonnenen Exemplaren auch in der Folge nicht Abschied nehmen, in einer ganz unbestimmten, sinnlosen Hoffnung, wie sie eben den Ekstatiker auszeichnet: diese Scheinmarken knnten eines Tages doch vielleicht, wie durch ein alchymistisches Wunder, in echte und allgemein anerkennenswerte verwandelt werden. Ebensowenig mochte er sich entschlieen, beschmutzte oder ldierte Stcke auszuscheiden. Sie fehlt mir ja gerade zum Satz, dieses Zauberwort hielt ihn fest. O welche Freude war das, welcher Anblick konnte schner sein als der einer Albumseite, deren vorgezeichnete Reihen--, manche sind lnger, manche krzer, mancher seltsame Satz besteht nur aus zwei oder drei Stck -- komplett mit Marken besteckt waren; komplett, das war das Wort, das er mit scheinbarer Flchtigkeit, mit leichter stolzer Handbewegung dem Kollegen zurief, vor dem er eben die Sammlung durchbltterte, Belgien komplett, o wie das klang! Und dabei wurde schon umgeblttert, mit selbstverstndlichem Besitzergleichmut, whrend des andern Augen bewundernd umherschossen; da flatterten wie kleine bunte Regenbogenwimpel die Marken, jede sauber gewaschen, jede von ihrem geknickten Spannleisten lustig getragen. Manchmal blies Arnold unter eine Reihe, um die Wasserzeichen, Netz oder Posthorn, Gummierungsfeinheiten oder die Stampiglie Geprft einer groen Firma zu zeigen -- dann drckte er sanft wieder mit weichen Fingerballen die kostbaren Papierchen nieder. Sie waren leuchtend wie sein Ehrgeiz, vielfltig wie seine Trume, leicht erregbar in ihren Reihen wie sein junges Gemt. Seinen einzigen Schatz machten sie aus, beinahe seine Religion. Markensammler zu sein schien ihm, wenn er sich selbst ernstlich bewertete, seine beste Eigenschaft und jeden Burschen, den er kennen lernte, fragte er sofort: Was ist mit dir? Sammelst du? ... An langen Nachmittagen grbelte er ber Auswahlsendungen nach, verglich die Vorteile und Preise der heimatlichen Markenhndler, studierte Katalog oder Sammlerzeitung, oder er lie leise Glcksschauer ber seinen Kopf kruseln, indem er sich einbildete, er kme durch Zufall, Fund oder glcklichen Tausch, zu den gepriesenen Glanzstcken der Philatelisten, Mecklenburg oder Bergedorf, Mauritius, Kirchenstaat, alte Sachsen. Fr die kleinen verschollenen Staaten, deren Marken in seinem Album smtlich den hochzuverehrenden Vermerk =R= oder =GR= trugen, was Raritt oder Groe Raritt bedeutete, hegte er eine schwrmerische Verehrung, die sich auf ihre lngstverstorbenen Regenten und Tyrannen, auf ihre ganze Historie ausdehnte. Schon vor =S=, das ist: Seltenheiten, erzitterte er in Glcksfieber. Denn seine Sammlung war ja leider, trotz aller Anspannungen und theoretischen Kenntnisse, nur klein ... Allmhlich erweiterte er sie, bertrug sie, nach Art groer Sammler, aus dem festen Album auf lose Pappendeckelbltter, gab dann hochmtig die Ganzsachen und alle auereuropischen Lnder auf. Nur Europa sammeln, das war die Devise eines soliden vornehmen Kenners; diese exotischen Gschnasstckerl sind ja nur schn frs Auge, nichts wert. Mit wachsendem Taschengeld stiegen seine Ankufe und so blieben die Marken, zu Zeiten vergessen, dann wieder einmal hervorgeholt und gestreichelt, immer aber wohlbehtet, seine liebste Spielerei bis in die Mannesjahre hinein. Diese Sammlung fhrte ihn auf dem Wege des Verkehrs und der allgemeinen Schtzungen wieder zu den Kameraden zurck, denen er eine Zeit lang eigensinnig ausgewichen war. Gegen das Obergymnasium hin wurde er wieder kollegialer und bald entwickelte sich als erste Frucht dieses menschlichen Umgangs eine neue Eigenschaft aufs hchste in ihm ... die unbezhmbare Schwatzhaftigkeit. Es war, als msse er fr jahrelanges stilles Vorsichhinspielen auf einmal sich entschdigen. Angepfropft mit Zitaten, mit Bcherereignissen, wie er war, begann er zunchst in den Pausen, auf den Korridoren vor den Kollegen lange Reden zu fhren, in denen keiner ihn unterbrechen konnte, denn er hatte die lauteste mheloseste Stimme, die selbst, wenn er gemtlich sprach, zu zanken und zu drohn schien. Man hrte ihm in einer Mischung von Spott und Bewunderung zu, wenn er einen Professor mit Don Quixote und die andern mit den Pickwickiern spahaft verglich. So gezierte ausgewhlte Scherze klangen allen ungewohnt, ja unbehaglich; da er aber in seinem Eifer die frostige Wirkung, die er hervorbrachte, selbst nicht zu bemerken schien, vielmehr immer in derselben Richtung sich steigerte, sich berbot, berauscht von eigenem Beifall immer freundliche Zurufe der andern um sich zu hren glaubte und so sich noch mehr erhitzte, begann er zu imponieren. Jedenfalls bereicherte er den seit langer Zeit festgewordenen Gesprchsstoff, brachte ein paar neue Redensarten auf. Man ahmte ihn nach, eine Partei bildete sich um ihn. Einige begleiteten ihn tglich nach Hause. Auf offener Strae nun entfaltete sich seine neue Kunst, denn anders als in den den glatten Gngen gab es hier tausend Dinge, an die er seine effektvollen Betrachtungen anknpfen konnte. Von der Tramway kam er auf Elektrizitt zu sprechen, brachte verworrenes Zeug vor, das er sich selbst nach wenigen Andeutungen seiner Erfahrung zurechtgemacht hatte und von dem die andern nur wuten, da sie das noch nicht genommen hatten. Wie erbebte er vor Entzcken, wenn ihn nun einer seiner Anhnger um Erklrung einer Sache bat, wie begann er gleich mit sanftem Anstand, ernsthaft, auch wenn er gar nichts wute, zu erklren. Das ist a sehr einfach waren immer die ersten Worte. Allen Ernstes glaubte er, da es nur eines recht guten innigen Drauflossprechens bedrfte, um alle Dinge der Welt klar zu machen. Und wenn er es dann nur aushielt, recht lange bei dieser einen Sache zu bleiben, recht ausfhrlich und immer verwickelter ber sie zu reden, meinte er, seine Aufgabe aufs beste vollfhrt zu haben. Er glaubte nmlich, auch in den sogenannten wissenschaftlichen Bchern einigemal bemerkt zu haben, da das Erklren nur in einem recht langen, mannigfachen und undurchsichtigen Brei bestehe, den man um die Dinge giee, und diese Regel bewahrte er als ein Schlauer, der nun dahintergekommen war und der sich von dem allgemeinen Vorgeben nicht mehr tuschen lie, wohl im Gedchtnis. Wenn er aber an seine Kindheit zurckdachte und an die Mhe, die seine Erzieher angeblich mit seiner Wibegierde gehabt, so lachte er sie noch nachtrglich aus. Was fr Kunststcke! Nur ein wenig Geistesgewandtheit gehrte dazu und man hatte die ganze Welt in der Hand, wie ein Ausleger die Bibel. -- So moralisierte er auch nicht schlecht, hatte Gedanken ber den Staat, ber Religion, Gott, Theater, Mode, gute und bse Menschen. Darin vornehmlich war er Meister: wenn er ein Sprichwort irgendwo oder einen Satz aufgegabelt hatte, diesen zum Motto langer Errterungen zu nehmen, bestndig in neuer und berraschender Form zu wiederholen, hin- und herzuschrauben, so da ohne viel inneres Wissen ein verwunderliches farbenreiches Getn und Hohlwerk aus groartigen Worten entstand. -- Widersprach ihm jemand, so kam ihm das gerade recht, denn nun konnte er gar erst mit aller Kraft losbrechen, an die fremden Worte wie an Khne sich anklammern und sich von ihnen durch das Wasser obenauf mitschleppen lassen. Ganz naiv munterte er auch manchmal solche, die ihm dazu geeignet schienen, auf: Du, komm, debattier ein bil mit mir. Und das war ein Herumirren in den Straen, ein Begleiten hin und zurck, die Gasse hinunter und nochmals hinauf bis zur Ecke, ehe er nach so einem Schulweg endlich zu Hause anlangte. Gewhnlich war es eine ganze Gruppe von Burschen, jeder seinen Pack Bcher lose unter dem Arm (denn Riemen oder gar Schutzleder waren als unmnnlich und schlerhaft lngst verworfen), Arnold immer in der Mitte, neben ihm die Bevorzugten, die auch schon etwas verstanden, und an den Seiten unbedeutende Flgelmnner, die sich abwechselnd immer wieder bis zum Zentrum der Gruppe durchzuquetschen suchten, immer um die Mittleren mit unbeachteten Fragen und unbegehrten Antworten herumtanzten und immer wieder, wie nach einem Naturgesetz, an die khlen ueren Enden der Reihe gedrngt wurden, wo sie gelangweilt mitstolperten. Vor dem Haus sammelte Arnold nochmals alle um sich, gab gleichsam die Parole aus, irgend eine Schlupointe, aus dem allgemeinen Lachen aber gerieten die Zurckgelassenen, sobald Arnolds Licht verschwunden war, schnell in die gewohnte Balgerei; wo bist du wieder so lange gewesen? empfingen indessen oben den Helden die besorgten Eltern. -- Nicht zufrieden mit diesen Heimschlendereien ging Arnold bald dazu ber, die Freunde zu sich zu laden, am liebsten gleich rottenweise, erzrnte die sparsame Mutter mit seinen ewigen Kaffee- und Kuchenbestellungen und gab ihr, da er nicht immer die Saubersten sich aussuchte, Anla zu hufiger Wiederholung ihrer beliebten Gruformel: Guten Tag. Bitte, putzen Sie sich die Stiefel ordentlich ab, aber ordentlich! Er grndete einen Lesezirkel fr die Intelligenz der Klasse, der sich im Sommer als Fuballklub fortsetzen sollte; denn Stubenhocker wollten sie ja nicht sein. Da er um diese Zeit mit einigen Genossen das Schachbuch von Dufresne studierte, war man auch von einem Schachklub nicht mehr weit entfernt ... Aber auch sonst noch, auf den Gassen, hielt er die Kollegen fest, fhrte sie mit sich oder schlo sich an ihre Besorgungswege an, oft auch setzte er sie in Verlegenheit, indem er aus einer Quergasse wie aus einem Hinterhalt hervorstrzte: Da bin ich. Jetzt aber la ich dich nicht los, ob du willst oder nicht willst. Jetzt bist du mein. Und zrtlich eingehngt berstrmte er den Zuhrer mit seinen neuesten rhetorischen Eingebungen. Da half kein Abschied, keine Eile, kein Zugversumen. Denn es galt ja auch allgemein als interessant, ihm zuzuhren, und nur ungern und lssig wurden hhere Pflichten gegen ihn geltend gemacht. Bis ins Tor der Huser, bis an die Wohnungstr vor die Glocke folgte er den Geduckten, geschmeichelt Gepeinigten, eifrig redend, nach und es hatte gar nicht den Anschein, als sei er der Spender und giee aus seinem Innern etwas in den Krug des andern aus; sondern so war es, als spende der andere, als hinge Arnold mit den Lippen saugend an dem Zuhrer wie an einem Gef mit sem Wein, das man von ihm wegziehn wolle und dem er deshalb in Abhngigkeit, immer saugend, nachfolgen msse. Rufend entfernte er sich um einen Schritt, machte aber pltzlich noch einmal einen zwei Schritte langen Sprung nach vorn, um aus dem Mann an der Trklinke noch das Anhren von sieben oder acht Stzen auszupressen. Es konnte nicht fehlen, da ein Jngling solcher Vorzge bald auch echte Freunde an sich zog, nebst dem Schwarm geringerer Mitlufer. Der erste, der sich nher ihm zugesellte, war Philipp Eisig und dieser Seelenbund blieb fest durch viele Altersstufen hindurch, obwohl er nur dem kleinen Zufall das Entstehen verdankte, da die Eisigsche Familie eines schnen Tages bersiedelt war und nun dem Hause Beer gerade gegenber wohnte. Jetzt war ein stndiger Gefhrte fr die Heimwege gefunden -- und das gengte als Grundstein einer so langen und folgenreichen Freundschaft, wie sich berhaupt Arnolds Beziehungen oft durch ganz geringe Fgungen und gleichsam ohne seinen Willen anknpften, in aller Hast. Arnold strzte sich nun gleich mit wahrer Glut in das neue Gefhl, seine Redestrme bekamen einen Inhalt, zum erstenmal ein heimliches inneres Zittern zu ihrem glatten ueren Schimmer, enthusiastisch schwrmte er vom Bund frs Leben, von Intimitt und Herzensgemeinschaft, er machte sogar kleine witzige Gedichtchen und ein Akrostichon auf den Namen seines Auserwhlten. Alles erzhlte er ihm, was er sich bei allen Gelegenheiten dachte, und sorgsam trug er nach, woran er sich aus der noch nicht gemeinsamen Vergangenheit erinnerte. Offenheit und Mitteilsamkeit waren ihm die selbstverstndlichsten Freundespflichten, ja eine gewisse Khnheit im Aussprechen von Dingen, die man sonst nur mit einer gewissen Scheu nennt, schmeichelte ihm wie ein Opfer, das er dem andern brachte, dem Freunde, der mit seinem groen dicken gelben Gesicht still neben ihm ging, schaukelnd ber dem breiten Bauch. Denn ein Umstand kam dem Verkehr vornehmlich zustatten: Eisig stotterte ein wenig, daher war es dem lebhaften Arnold leicht mglich, ihm geschickt in die Rede zu schnellen, whrend er selbst in seinem Hinstrmen nie unterbrochen werden konnte. Arnold schien ihn frmlich mit seiner Zunge zu regieren, sowie er auch mit den Hnden oft durch einen kleinen starken Ruck dem groen, aber haltlos wankenden Krper des Freundes schnell die richtige Wendung gab, um ihn auf irgend eine flchtige Erscheinung aufmerksam zu machen oder um ihn in die gewnschte Gasse einzubiegen. Und dieses angenehme Gefhl des sofortigen Befolgtwerdens, der Ungehemmtheit, das er brigens nicht durchschaute -- so natrlich und triebhaft entstrmten ihm die Befehle -- verschmolz ihm in eins mit den zrtlichen Aufwallungen der ersten Zuneigung, mit den Geheimnissen, die die beiden einander mitteilten, mit dem erhabenen Beispiel von Orest und Pylades, das ihn seit jeher begeistert hatte. Er fhlte sich zu jeder Heldentat bereit, htte gern stoisch Folterungen ausgehalten, um den andern in nichts zu verraten. Abends gingen sie manchmal, eingeschlossener trotz der ungleichen Statur und mit seltsam gezwungenem Schritthalten, auf den Feldern drauen vor der Stadt spazieren, sie starrten in die Sonne oder vom reinlichen Quai hinab in den groen tiefen Flu, dann sprachen sie wieder etwas, und obwohl es nur ein Witz oder Schultratsch war, kam oft eine ahnungsvolle Verworrenheit in ihre Worte, wie Wind in die Seiten einer olsharfe, und solche Innigkeit verklrte noch ihr geringstes Gesprch, da Arnold nicht selten die Trnen in seinen Augen aufsteigen fhlte. Dann wischte er sie mit dem Rockrmel ab, whrend der Dicke in feinfhligem Verstndnis sich zur Seite wegwandte, um ihn nicht beschmen zu mssen. Erst zur Nachtmahlzeit schieden sie voneinander und am nchsten Morgen, whrend des Ankleidens, brannte Arnold unbndig schon wieder auf die nchste Zusammenkunft, denn es hatten sich ihm noch am Abend vor dem Einschlafen so viele Dinge aufgehuft, die er dem Freund auf dem Schulweg mitzuteilen hatte und die er nun sorgsam ordnete, das minder Wichtige voran, das Schnste zuletzt, um alles in der richtigen Reihenfolge und mit der richtigen Wirkung an den Mann zu bringen ... Indessen war Eisig bei all der aufgedrngten Schweigsamkeit der berlegene in diesem Verkehr, da er Billard spielen konnte, auch schon hie und da Kaffeehuser besuchte und den Frauen nicht mehr ganz ferne stand; was alles er dem Muttershnchen Arnold binnen kurzem beibrachte. Welch neue interessante Bltenwelt! Arnold war bald bis ber die Ohren in sie versunken, bestrebt, den Lehrer womglich zu bertreffen. Denn kein Ding machte ihm eigentliches Vergngen, wenn er nicht andere darin bertreffen konnte. Nur Geld fehlte ihm, Eisig borgte willig die Hlfte seiner Taschenbezge, was Arnold brigens als selbstverstndlich auffate und in Eisigs Lage genau so gemacht htte. Dafr half er dem Geliebten bei Hausbungen nach. Eisig war nmlich einer der Schwchsten und Faulsten in der Klasse, Arnold natrlich Primus, was ihn jedoch nicht hinderte, auch bei den grberen, untergeordneten Naturen, die sonst das Fleiige und Erfolgreiche hassen, sehr beliebt zu sein, an allen ihren Streichen teilzunehmen und bald sogar ihre Fhrung an sich zu reien, whrend er trotzdem bei den Lehrern das Ansehen eines willigen Glanzes behielt. Besonders schlecht stand Eisig beim Professor des Griechischen, Schleiderer mit Namen, dessen Laufbahn auch sonst von vielen Verwnschungen der unruhigen Schler widerhallte, als eines unglcklichen Menschen brigens, der er war. Seine Bosheit war berchtigt. Und sollte man da nicht wild werden, wenn er dem Eisig die griechische Schularbeitstheke slchelnd mit den Worten reichte: Eisig Philipp -- diesmal etwas besser gearbeitet. -- -- Nicht gengend. Eisigs gewhnliche Note bei Schleiderer war nmlich Ganz ungengend ... Da trat Arnold als Vertreter eines Gedankens auf, der schon lange ungesprochen durch die Klasse gebebt hatte: Wir mssen einen Anti-Schleiderer-Verein grnden! Der Name machte allen alles klar, nun wurde die lngst vorbereitete Bewegung grausam organisiert und als alleiniger Zweck des Vereins wurde die Losung ausgegeben: den Schleiderer heraus- oder totzurgern. Whrend aber die schlechten und eingebten Randalierer zu unfeinen Mitteln, wie: Knallerbsen, Stinkbomben -- rieten, war Arnold erfinderisch. Er leitete es ein, da einmal whrend der Griechischstunde hier und dort einer von seinem Platz aus langsam und allmhlich sich erhob, das Buch in der Hand, an verschiedenen Stellen der Klasse, so da es zunchst nicht auffiel. Die ngstlichen standen in geknickter Verrenkung, als sei ihnen nur das Sitzen fr ein Weilchen unbequem geworden und als wollten sie sich in halb aufrechter Stellung ein wenig ausruhn; andere hielten ihre Hefte oder Bcher dem Lichte zu, als htten sie unten nicht Licht genug fr ihre Arbeit; manche kratzten sich, wie geistesabwesend, verlegen in den Haaren. Unbemerkt standen nun andere wieder auf, immer mehr, bis entsetzt der Professor pltzlich die ganze niegesehene Vernderung rtselhaft aufgestellter, gleichsam gespensterhafter Schlerreihen vor sich hatte. -- Oder er gab das Bnkercken an; langsam schoben die in der ersten Bank ihre Sitze vor, die nchsten folgten, mglichst ohne Gerusch, nur ein kleines Knarren oder Seufzen des Holzes manchmal, angestrengt arbeitete die ganze Klasse dem gemeinsamen tckischen Ziel entgegen, keiner pate auf den Homer auf, den der Professor wie ber aller Kpfe und Ohren hinweg in die Luft vortrug, -- und schlielich erschreckte den nichtsahnenden Feind wieder ein so ungewohnter Anblick, als er vom Katheder herabsteigen wollte und keinen Zwischenraum wie sonst zwischen dem Podium und der ersten Bank vorfand, da die Bnke bis an die Erhhung, wie Belagerer, vorgerckt standen. Und alle machten ein mglichst unschuldiges dummes Gesicht dazu, ja sie schienen nicht einmal etwas Auffallendes zu bemerken, so da sein Blick ratlos an ihren kalten teuflischen Gesichtern hin wanderte. -- Oder die Derbsten in den letzten Flegelbnken rauchten gar -- auf Arnolds Anreiz--, verborgen hinter Bchern, bliesen den Rauch in ihre Hte, die sie immer wieder sorgfltig umklappten, bis endlich diese Sammelbchsen voll waren und nun schlugen sie sie um, da ein weies dampfendes Gewlk unbekannten Ursprungs langsam zur Decke emporstieg, eindrucksvoll qualmend wie zum Aktschlu einer Zauberposse ... Jetzt war Arnold Liebling und Stolz der Klasse; und immer noch brav, immer noch: Sittliches Betragen: musterhaft auf dem Zeugnis. Der Verein htte ihn aber doch vielleicht entschiedener in den Unfug gezogen: da ereignete es sich eines Tages, da Professor Schleiderer, der Verhate, wie von selbst auf der Schlotreppe hinstrzte und sich den Schdel brach. War es Wahnsinn? Selbstmord? Niemand erfuhr es, auch in der Folge nicht. Die jungen Sieger aber standen nicht an, dies als Folge ihrer gutgelungenen sinnverwirrenden Qulereien zu erklren und an demselben Tage ein frhliches Zusammentreffen in der Eisigschen Wohnung einzurichten, das ohne Reue als eine Art von kannibalischem Triumphfest geplant war, in das sich aber unvermerkt mit immer bedenklicheren Reden und gar nicht mehr knabenhafter Unfrische ein geheimes Todesgrauen einzuschleichen begann -- viele von den Burschen hatten berhaupt noch nie einen Todesfall in ihrer nheren Umgebung erlebt -- und das schlielich ganz appetitlos, ernsthaft, ja mit dem Entsetzen, das in Erfllung gegangene Flche und Orakel umwittert, und in Angst vor allen unberechenbaren Zufllen des Lebens zu Ende ging -- des Lebens, das auf alle diese Kinder drauen lauernd wartete. Die Mutter sah es nicht gern, wenn ihr Arnold in das Eisigsche Haus hinber ging. Das ganze Treiben dort gefiel ihr nicht. Schon den dicken Philipp mochte sie nicht besonders leiden und ermahnte ihn immer, wenn er sie verlegen anstotterte: Langsam sprechen, nur hbsch langsam, sie hegte nmlich den Wahn, da alle Krankheiten und blen Zustnde, die sie nicht verstand, nur schlechte Gewohnheiten seien ... Arnold aber, der gemach in das Alter kam, in dem man die Freunde ber die Eltern setzt und berhaupt die Ansichten der Eltern mit einigem Trotz und Mitrauen prft, ging nun erst recht zu Eisigs. Dort konnte sich ein gewisser toller bubenhafter Zug seines Charakters zu ppiger Entwicklung durchringen, dort hatte alles einen Strich von ungebundener Ruberromantik, schon die ungeheuerliche Unordnung und Verwstung in den groen hohen, dabei nicht hellen Slen des alten Gebudes: all dies mit der ordentlichen Sparsamkeit zu Hause kontrastierend ... Die Eisigskinder, fnf Shne recht verschiedener Altersstufen, bekamen alles, was sie nur wnschten, in Verschwendung, sie hatten, auer dem besonders auffallenden Billard, in ihrer Wohnung eine =Laterna magica=, ein herrliches Puppentheater mit zahllosen Kulissen, Turngerte, smtliche Bnde von Jules Verne, Gerstcker und Karl May, und berdies durften sie nach Herzenslust alles zerreien, verborgen und verbrauchen, wobei ihre lustigen Eltern noch spitzbbisch mitlachten, whrend bei Beers alles abgezirkelt und wie am Schnrchen gehn mute. Schon da die Eisigsjungen fnf waren und so mannigfache Talente -- einer konnte Karikaturen zeichnen, einer photographierte, einer konnte mit dem Mund das Gerusch einer Sge nachmachen u.s.f.--, mute dem einzigen Sohn Arnold imponieren. Welche Kombinationen gab es da, welche von altersher eingelebten Scherze und Neckereien, welche Wirkungen vereint und gegeneinander, und wieviel Germpel und altes Spielzeug, da jeder von den ersten Jahren an seine eigenen Sachen hatte! Besonders aber fand Arnold an dem ltesten Gefallen, an dem Herrn Gottfried, der allerdings, wie er sich recht wohl eingestand, eigentlich noch nichts fr ihn war, der ihm aber trotzdem hie und da ein Stndchen traulichen Geplauders gewhrte, in unbegreiflicher Herablassung. Arnold bewunderte den Studenten schrankenlos, der, wie er hufig erklrte, die Schauspielerei studierte, eigentlich schon alles irgendwie Ntige gelernt hatte und nur vorlufig, da er ohne Engagement blieb, Gedichte im modernsten Genre schrieb, selbst verfertigte Verse, die sich nicht reimten und in denen hufig Worte wie Glast, Sehnschte, kranke Finger, geistern, Silber, Onyx, Chysopras vorkamen. Gottfried rezitierte sie selbst gelegentlich im Familienkreise und vor Gsten, nicht ohne Anflug eines kleinen Familien-Stotterns ... O hier gab es Anregung, hier waren die neuen Sachen, hierher verlegte Arnold bald das ganze Leben seiner freien Zeit, und da schlielich das Etablissement Eisig als gewaltiges Hutexportunternehmen in ansehnlicher Blte stand, hatten die Eltern Beer nach nheren Erkundigungen gegen diesen Umgang im Grunde nichts mehr einzuwenden. Eisigs besaen auch einen Fuball. Dieses an Krperinhalt so geringfgige Ding bewirkte, da fr Arnold eine neue ra und Leidenschaft anbrach, ein Fuballjahr ... Schon vorher hatte er das Spiel geliebt, das als roh und gesundheitsschdlich von der Schule aus und gleichfalls von den Eltern verboten war. Man wies gern auf Unglcksflle hin, man las den Kindern aus der Zeitung vor, da der oder jener hoffnungsvolle junge Mann durch einen unglcklichen Fall oder gar infolge eines Tritts beim Fuballspiel unheilbaren Schaden genommen hatte. Indes verklrten solche Nachrichten in den Augen Arnolds den gefhrlichen Sport, munterten ihn nur auf, und obwohl man ihm strafweise das kleine Taschengeld entzog, wute er sich doch immer wieder einen Ball zu verschaffen und eilte dann mit Gleichgesinnten in den Stadtpark, um sich fr zwei, drei Stunden am Kicken und Rempeln gtlich zu tun. Im Stadtpark drohte freilich eine neue Gefahr, denn dort war auf allen Wegen das Fuballspiel ebenfalls verboten, und wenn die Buben mit glhenden Wangen gerade im besten Laufen waren, erschien manchmal der Parkwchter mit Tschako und Sbel, ein alter Mann, ergriff wortlos den rollenden Ball, den Puls des Spieles, den Ball, den man mit so viel Schwierigkeiten einem Mderl abgeschwatzt oder irgendwo gestohlen hatte, und steckte ihn, den teuren Ball, in die Tasche, worauf er wortlos hinter den Gebschen wieder verschwand; denn mit den unverbesserlichen Sportfreunden zu zanken oder ihnen die Vorschriften einzuschrfen, hatte er lngst wegen Aussichtslosigkeit aufgegeben ... Man whlte daher, um vor seinen ruberischen berfllen sicher zu sein, gern die Abendstunden, in denen er seine Rundgnge nicht mehr so eifrig einhielt und die auch alles leicht verhllten hinter Nebeln ber den Wiesen und langen Schatten. Dann tauchte die Gesellschaft vorsichtig auf, ganz nach Art verfolgter Gottesdienste im Anfang einer Religion wurden abgelegene Pltzchen ausgesucht, Vorposten ausgestellt, ngstlich wurde das Heiligtum, der Ball, hervorgeholt, doch erst, wenn alles sicher schien. Dieser Ball ... o mit welchen bejammernswerten Surrogaten muten sich die Enthusiasten manchmal begngen. Einmal war es ein leichter roter Gasballon, der zu hoch sprang und der die ganze wohlgebte Futechnik der Mannschaft strte, einmal ein groer, ganz weicher, mit kindischen Bildern, dann ein kleiner billiger weier Gummiball, der jeden Moment ins Buschwerk lief und kaum mehr aufzufinden war, ein anderes Mal hatte der Ball schon Luft verloren, das heit er bekam an einer Seite eine kleine rtselhafte Einsenkung -- und mochte man ihn nun streicheln und drcken, wie man wollte, mochte man mit aller Vorsicht die Vertiefung langsam in weicher Hand aufzurunden suchen, immer zeigte sich die tckische Grube an einer anderen Stelle, immer wieder genau so tief wie vorher, eher noch tiefer. War einmal ein Ball so weit, so war er unrettbar verloren. Man erkannte das an seinem hohlen scheppernden Ton beim Laufen, man konstatierte es mit einem wahren Todesschreck in den Gliedern. Denn nun war das richtige Vergngen vorbei. Trotzdem hrte man natrlich nicht auf zu spielen, wenn auch der Ball nur schlecht sprang und von der graden Bahn abwich. Einige Knstler behaupteten sogar ganz stolz, sie spielten nicht ungern mit so einem zerkickten Balle, denn sie knnten seine Flsche berechnen. Indes vergrerte sich unaufhaltsam mit jedem Sto der Fehler, schlielich hatte sich die Senkung ber die halbe Flche schlapp ausgebreitet. Doch nicht einmal das war ein Hindernis. Man schob nun den Ball zusammen, machte eine hohle Halbkugel aus ihm, einen Klumpen und in diesen berrest stie man eifrig, trug ihn mehr auf der Fuspitze als man ihn warf, verzichtete auf jede Elastizitt, auf den Fernkampf, so da das Spiel endlich in Nahkampf d.h. in eine Prgelei ausartete ... Primitiv wie der Ball war auch das Goal eingerichtet, zwischen zwei Bumen, die man durch eine mit dem Stiefelabsatz gezogene Linie im Sand verband. Fehlten die Bume, so legte man Kleider in zwei Bndeln auf die Erde und bestimmte die Linie zwischen ihnen als Goal, wobei dann allerdings die Streitfrage entstand, ob es als Goal zu betrachten sei, wenn der Ball ber die Kleiderbndel fliege oder sie streife. Man nannte das Stange, denn die Rcke vertraten ja die Goalstangen, und belstigte nun die lteren Spieler, sogar die Sportzeitungen mit diesem Problem. Und nun gar, wenn es immer dunkler wurde, wer konnte noch entscheiden, ob ein Schu richtig getroffen hatte oder nicht! Man spielte einfach in die Nacht hinein, erstickend, keuchend, man bewegte sich, es galt auszugleichen oder den Sieg zu entscheiden, in hchster Spannung und Anstrengung -- und dabei mute man sich zurckhalten, durfte nicht schrein, nicht anfeuern und jauchzen, alles mute lautlos vor sich gehn, sonst htte man sich dem Wchter verraten. Erst bei vlliger Finsternis hrte man auf. Die Feinde und Freunde hinkten nach Hause, hungrig, durstig, zerschunden -- das aber fhlten sie nicht -- nein fr Arnold, wie fr alle, lag ein ser Zusammenhang zwischen ihrer Abgeschlagenheit, dem Schwei, den Schuhtritten, die sie an ihren Waden schmerzten, an den Schienbeinen, lngs derer vielleicht ein gegnerischer Schuhabsatz herabgeglitten war oder sich eingehackt hatte, da innen die Sehnen brummten, zwischen all dem und dem sen Fliederduft des Parkes, dem nchtlichen Blhn und einem leisen, eben entschlafenden Vogelgezwitscher -- o ein Zusammenhang, in dem diese Knaben strker als jemals ihre Jugend und die heldenmtige Kraft des Blutes und eine sich weitende Freude sprten bis an das schwarze Himmelsgewlbe hinauf. Sie marschierten in die Gassen hinein, sie frchteten sich nicht vor den Eltern, nicht vor der morgigen Schularbeit, sie summten ein Lied. -- So weit stand die Sache, als Arnold mit Eisigs nher bekannt wurde. Damit erhielt er pltzlich, nach all den dilettantischen Versuchen, Anteil an einem Fuball, an einem wirklichen englischen Fuball, der seine hohe Verehrungswrdigkeit schon dadurch bekundete, da er wie ein belebtes Wesen eine Seele besa. Nun berstieg die Fuballbegeisterung alle Grenzen. Tglich nach der Schule zogen die fnf Eisigs mit Arnold auf die Wiesen, drei gegen drei teilten sie sich dort und los gings. Nicht genug damit, man bte auch in der kurzen Zeit zwischen Vormittags- und Nachmittagsunterricht, und da war der groe Hof im Eisigschen Haus der geeignetste Platz dazu, dieser Hof mit seinen Kisten, Handkarren, Holzschuppen, alten Bumen, Kellertren, dieser Hof in glhender Mittagssonne. Nichts konnte die Passionierten abhalten, nicht, da der Hof gepflastert war und daher jedes Hinstrzen hart spren lie, auch nicht da der Ball einmal bei einem Hochkick ein Fenster im ersten Stock zerschmetterte, was zu groen Mihelligkeiten zwischen Papa Eisig und seinem Mieter fhrte. Es wurde nur einfach ausgemacht, von nun an keine Hochkicks mehr zu machen. Und unverdrossen kroch man zwischen Fssern durch, wenn der Ball sich zwischen sie verloren hatte, kletterte ihm nach durch die Fenster in die versperrten Keller und Schuppen, breitete sich immer weiter aus, spielte bei Regenwetter im Vorzimmer der Wohnung, zerbrach Lampen und Spiegel, umging immer wieder die elterlichen Verbote. Ja man ging zum Angriff auf ihre Herzen ber, suchte sie fr den Fuballsport zu gewinnen, indem man sie berredete, Sonntags sich einmal ein Wettspiel anzuschaun. Unterwegs wurde ihnen alles auf das Fachlichste erlutert: die Aufstellung, Goal, Hand, Ecke, der Elfjardsto, die Rtsel des Offside. Angesichts des Spieles machte man sie auf hygienische Ntzlichkeiten aufmerksam, zog die Olympischen Spiele der Griechen zum Vergleich heran, deutete auf die moralischen Werte gerade dieses Sports hin, der es dem einzelnen verbiete, egoistisch zu spielen und das Gesamtinteresse seiner Partei auch nur einen Moment aus dem Auge zu lassen ... Um diese Zeit erschien zum erstenmal eine englische Mannschaft in der Stadt. Es war eine Umwlzung! Man hatte ein ganz neues Zusammenspiel zu erlernen, das Zuspielen auf der Erde, Kopfste. Die sechs Helden trainierten unverdrossen, jeder mit dem festen Vorsatz, ein Champion zu werden. Sie kannten alle Wettspielresultate der letzten Jahre, alle Meisterschaften auswendig, sie umgaben die berhmten Spieler mit schwrmerischer Verehrung. Sich selbst photographierten sie im Hof, in verliebten Stellungen, mit dem Ball im Arm, oder in gestellten Gruppen, wie einer dribbelte und den Gegner dabei tuschte oder wie er im letzten Augenblick rettete oder wie er im Goal dem Schu entgegensah, die Hnde auf den Schenkeln, den Kopf gesenkt mit sphendem Blick. Sie schafften sich Treter an und hatten dabei ein an Verbrecherlust grenzendes Gefhl von Grausamkeit und Mut. Ihr Traum war, sich zu einer Mannschaft auszubilden und siegreich den Kontinent zu bereisen ... Arnold hatte sich unbestritten zum Kapitn aufgeworfen. Er trug auch immer den Ball zum Spielplatz, was ein besonderes Ehrenamt war und auerdem dem Trger Gelegenheit gab, schon unterwegs einige Kicke in den Ball zu tun. Dies jedoch wurde ihm von den andern stets mit lautem eiferschtigen Geschrei untersagt. Es war verpnt. Der Ball sollte getragen, aber nicht gekickt werden. Auf das Kicken behielten sich alle das gleiche Recht vor und wachten streng darber, so berirdisch schien ihnen dieses Vergngen, dieser geschickte Ansto an die sthlern klingende Rundung, diese Kraft und Richtung ... Ging Arnold allein durch die Gassen, so phantasierte er sich auch stets einen Ball vor die Fuspitzen, den er kunstvoll lenkte und an den Spaziergngern knapp vorbeitrieb. Das war seine liebste Unterhaltung. Und abends konnte man ihn wild, die Mtze in der Hand, durch leere Gassen rennen sehn. Dann war er in seiner Vorstellung mitten im Wettspiel, drauen auf dem rechten Flgel Forward -- dies war sein Posten, wenn er mit Eisigs spielte--, dann berholte er Feinde, die mit ihm zurckliefen, wich den Mittelstrmern, die ihm entgegenkamen, gewandt aus. Seine ganze Mannschaft sah er im gleichen Tempo mitrennen, ber das grne Feld hin wie einen riesigen Fcher, der sich verlngert, sah aller Augen auf sich gerichtet, denn er hatte den Ball, -- knapp an der weien Outline lief er, whrend das Publikum mit Hipp, hipp ihn anspornte und erregte Kpfe ber die Holzstangen ihm sich nachbogen -- sah sich als Teil eines Ganzen, als Anfhrer, all dies in wenige Sekunden zusammengepret -- endlich spielt er den Ball in die Mitte, der Centre hat ihn und lt ihn mit der Wucht beinah eines senkrechten Falles durch das feindliche Goal in das heftig aufzitternde Netz strzen, ... whrend der tapfere unegoistische Flgel langsamer heranluft, alles berblickend. Und nun wird applaudiert, es rauscht, es schreit. Sieg! Sieg! Eine Zeit lang verkehrte Arnold mit niemandem als den Eisigbuben. Bald aber wuchs sein Bekanntenkreis und wurde schlielich ihm selbst unbersehbar und unheimlich. Whrend er in der Schule voran blieb, ffentlich und im Geheimen, auch in der Kommerskassa zum Obmann anstieg, die Kneipzeitung nicht nur redigierte, sondern auch auf einem selbstgekochten und selbst in die Blechpfanne eingegossenen Hektographen abzog (welche Schmerzen, wenn schlielich mitten in der immer dnneren und durchscheinenderen Masse der Blechgrund durchsah oder wenn die Gelatine in kleinen Kandiszuckertrpfchen an die feuchten Abziehbogen abbrckelte), whrend er sogar eine kleine verbotene Lotterie fr die Maturakneipe unter den Kameraden und deren mglichst weit herangegriffenen Angehrigen veranstaltete, begann er doch auch noch auerdem ein schwungvolles Privatleben zu fhren. Gottfried Eisig, der Schauspieler, brachte ihn in eine Gesellschaft von Konservatoristen, in dunkle Hofzimmer, wo es von Violinskalen und Nsse seufzte; bei einem von ihnen, Waldesau, der durch besondern Ernst ihn ansprach, lernte er mit reienden Fortschritten Klavier. Nebstbei trat er in einen Tennisklub ein und erwhlte auch dort, in der vornehmen Welt, seine Freunde. Dies alles steigerte sich noch, als er nach glcklich mit allgemeiner Auszeichnung abgelegten Prfungen die Hochschule bezog. Eigentlich sollte er in das Geschft seines Vaters eintreten, doch zog er dies durch unschlssiges Studium und Berufsprobieren noch einige Jahre hinaus. Er inskribierte dort und da, klaubte aus allen Gegenstnden die ppigen Mandeln heraus, lie sich von Gefhrten zur rechten und zur linken Seite bald in die gerichtliche Medizin, bald zu Experimentalphysik oder Sanskrit oder den Versmaen des Horaz ziehn. Er gewann zu ganz intimen Brdern: Lb, den sachlich strebenden Bakteriologen, der zunchst im Schul-Mikroskopieren, bald auch mit eigenen Ideen Geschicktes leistete -- ferner den ruhigen kleinen Krause, der mit Jusstudium eine grndliche Erforschung des jdischen Wesens und zionistische Propaganda verband. Arnold selbst trat einem deutschen Studentenverein bei und war dort eine Zeit lang der Vertraute des in politischen Dingen jugendlich-energischen und wohlvertrauten Technikers Grnbaum. Grnbaum nahm Malstunden, natrlich teilte sie Arnold mit ihm ... Das Seltsame nun bei diesen nach allen Seiten umsichgreifenden Beziehungen war, da Arnold mit Sicherheit fr jeden seiner Freunde den richtigen Ton traf, da er niemals dem Waldesau, sondern immer nur dem eleganten Preisruderer Bobenheim unanstndige Witze erzhlte, da er mit Grnbaum ebenso schwrmerisch von Rodin, wie mit Lb von Ehrlich 606 sprach, und wieder da ihm Professor Ehrlich fr Lb den groen Arzt und fr Krause den groen Juden bedeutete ... Natrlich war er lngst klug geworden und hatte die schwadronierende Art seiner Gymnasiasten-Reden lngst aufgegeben; aber die prchtige und beflgelte Sprechweise, der strmende Schwall von Ideen, der auch den Hrer in einen Zustand angenehmer Leichtigkeit versetzte, war geblieben. Hierzu gab nun sein wirklich bermenschlicher Eifer in allen Bestrebungen, der Mut, mit dem er immer seine ganze Person, seinen edelfunkelnden Geist einsetzte, mit dem er immer furchtlos sofort das Herz der Probleme attackierte, all diese Zauberei einer schnellen Auffassung und eines unverwstlichen Gedchtnisses -- gab Untergrund und Quadersteine fr blendende Bauwerke ... Kein Wunder, da ihn alle Freunde fr ein vielseitiges Genie hielten. Als bedeutender oder, wie man unter ltern Leuten sagt, als gescheiter Mensch war er allgemein bekannt. Er war jetzt von ziemlich groer Statur, seine Augen lagen unter hohen Knollen der trotzdem freundlichen Stirne, in tiefen blulichen Hhlungen also, aus denen sie wie schattige Gebirgsseen, klar und doch von unergrndlicher Frbung, hervorsahn. Diese groen verfinsterten Flchen teilten zugleich mit dem Nasenschatten, der ber der glattrasierten Oberlippe spielte, mit den weien ebenmigen Wangen sein Gesicht berblickbar ein, machten es leicht einprgsam. Dazu der flache breitgerandete Strohhut, der niedrige Umlegkragen, dem der Hals frei und knstlerhaft entstieg, der weite gutgeschnittene berzieher -- und die markante Persnlichkeit, der angesehene Mitbrger war beinahe fertig ... Auf solche uerlichkeit, die sich ja mit der Zeit von selbst einstellte, gab jedoch Arnold wenig; sein Flammenstreben richtete sich vielmehr nur darauf, mit jedem einzelnen der Freunde zu wetteifern und alle zu berflgeln. Er stieg einfach in alles hinein, ohne Berechnung, aus purer Lust. Wenn Lb zu wissenschaftlichen Lektrzwecken Englisch und Franzsisch erlernte, so begann er gleich noch Italienisch dazu. Las Krause die Bibel im hebrischen Urtext, so verschaffte sich Arnold schon Auszge aus dem Talmud. Dies jedoch htte die Verehrung, die ihm diese so verschiedenartigen jungen Leute zollten, noch nicht erklrt. Es mu noch gesagt werden, da er alle nicht nur begleitete, sondern auch stie und antrieb und trstete. Trstete, indem er sie stie -- nirgends Schwierigkeiten sehend und mit der ihm angeborenen nebelhaften Energie gleich nach Erfllung aller Wnsche langend. Es war eben seine eigentmlichste Eigenschaft, da er, in Gesellschaft mit einem Freunde, ganz und freudig erfllt von dessen Liebhaberei, unter allen Umstnden weiterdrngte und in hellstem Optimismus sich und den andern fr fhig zu allem hielt. War etwas in den Lehrbchern beiden unverstndlich, so war es falsch, eventuell ein Druckfehler. Stimmte eine Theorie nicht zu eigenen Beobachtungen, so verwarf er jedesmal ohne Gewissensbisse die Theorie, niemals die noch so flchtige Beobachtung ... So kam es, da er berall nichts als Reformbedrftigkeit sah. Die Philosophie sollte von Grund aus umgeformt werden, die Physik war lcherlich, die Welt des ffentlichen Lebens beruhte ebenso auf falschen Prinzipien wie das Rudertraining. Wieviel gab es da zu arbeiten, wie zum Verzweifeln wenig war eigentlich fertig! Und wie schn war diese Verzweiflung!... Arnold hielt sich nie mit Details auf, nur die groen Grundideen warf er ber den Haufen und schrie: Das ist berwunden. Da mte so und so weitergebaut werden! Mit erhobener Hand stand er ber den Freunden, die in ihrem mhsamen ehrlichen Kleingewerbe befangen den groen Zug verlernt hatten und gern den frischen Hauch so freimtiger Weltgedanken hrten, wenn sie auf dem ersten Schritt zu diesem Luftzug hin ber irgend ein ernsthaftes Kramzeug stolperten. Hatten sie aber auch nur einen kleinen vorsichtigen Schritt nach vorn getan, gleich war Arnold da und lobte, nannte das eine tchtige Leistung und lie das Kommende hochleben. Er verstand sich besonders darauf, gut und einschmeichelnd zuzuhren; und dies wieder, weil er das Zuhren nicht affektierte, sondern weil er ernstlich glaubte, von seinen in die Spezialstudien detachierten Freunden die reinste Essenz der Wissenschaft einziehn zu knnen, die fertigen Resultate, zu deren Erarbeitung er selbst keine Zeit hatte. So sa er andchtig, behielt immer die Einteilung ihrer ganzen Arbeit sicher im Kopf, wute, wie weit man neulich gekommen war, konnte durch Ausbessern kleiner Flchtigkeitsfehler oder Dispositionsabweichungen seine Aufmerksamkeit wohltuend dem andern beweisen ... Natrlich war er nicht so unliebenswrdig, mit der Tre ins Haus zu fallen, sondern nahm auch an den Familienverhltnissen der Freunde einen Anteil, an ihren Liebschaften und Verdrielichkeiten. Immer aber wute er, ihre fortschreitenden Fachkenntnisse und die besondere Richtung ihres Denkens als das Wichtigste an ihnen und an ihrem Verkehr mit ihm zu behandeln, wie es ja seiner berzeugung entsprach, auf diese Facharbeit kam er nach jeder Einleitung zu sprechen, und da die Freunde bald merkten, da aus ihrer Umgebung nur er stets und wirklich aus dem Herzen auf dem bestand, was sie selbst als das Edelste an sich, wenn auch manchmal als etwas Unbequemes, ansehn muten, zogen sie ihn bald allen brigen Kameraden vor. Zumindest hatte er eine Sonderstellung. Man plauschte mit ihm, aber es war kein leerer Zeitvertreib, es war eine Anspannung, seinem impulsiven Andrcken immer gengen zu knnen, man mute sein Bestes geben. Abschweifungen in andere Gebiete lehnte er ab, indem er sich pltzlich (und ebenso ehrlich wie vorher interessiert) uninteressiert verhielt. Solche Laienhaftigkeit schien er nur sich selbst vorbehalten zu haben ... Doch arbeitete er auch selbst, vertiefte sich manche Tage lang in irgend eine Frage, die ihm im Gesprch mit einem Freunde gekommen war, schrieb er ein paar Klavierstcke, einen Abri einer neuen Werttheorie, einen Entwurf zur Kritik Spinozas vom Standpunkte der Rasse aus -- lauter kleine Heftchen, vollgeschmiert mit flchtigen, oft klecksartigen Schriftzeichen, Abkrzungen, Symbolen -- und mit groem Vergngen las er dann die noch unfertigen Darlegungen dem betreffenden Freunde vor, fr den er eigentlich die Arbeit unternommen hatte. Das Vorlesen war nmlich das Ziel der ganzen Arbeit; Arnold arbeitete mit Unlust und Ungeduld, unter tausend Ablenkungen, und was ihn whrend dieser Mhsale emporhielt, war nichts anderes als der Gedanke an die herannahende geisterfllte Vorlesestunde. Und war sie da, dann erschtterte die Leidenschaft sein blasses Gesicht, seine zuckenden Hnde mit aufschieenden Blutwellen, dann erst begann seine eigene Arbeit ihm sich zu frben und zu beleben, dann schrie er in melodischen Akzenten, hielt nur still, um neue Ausblicke einzufgen, entschuldigte sich, da dies ja noch nicht die endgiltige Fassung sei, man mge mehr auf die Absicht sehn als auf das, was wirklich dastehe, schlo dann mit leuchtenden Augen in einer ausfhrlichen Skizze, was und wie es nun weiter zu machen sei: also, lieber Krause, das berlasse ich jetzt dir. Da leg dich hinein und schau, da was draus wird. Es ist ja so einfach... -- Wie er aber selbst gern vorlas, so verlangte er auch von den Freunden rckhaltlos die Produkte ihrer Ttigkeit, selbst wenn diese mutlos und schamhaft lieber ihre halbausgereiften Plne verborgen htten. Er brach in ihre Schreibtische ein, er zwang sie durch flehentliches Bitten, ihm doch etwas, was sie gerade im Kopf wlzten, zu erzhlen. Da sie in der letzten Zeit nicht gearbeitet htten, lie er einfach nicht gelten. Ausreden wie: Zweifel an ihrer eignen Tchtigkeit, Unwohlsein, Mdigkeit -- schob er mit burschikosen Flchen weg. Schlielich schmte man sich, mit leeren Hnden vor ihm zu erscheinen. Arnold verlangte einfach, da rings um ihn geleistet wurde; als htte er selbst das dunkle Gefhl, da er fr seine Person mit seiner Zersplitterung nichts Nennenswertes hinterlassen wrde, suchte er seine Spannkraft wenigstens durch das Medium anderer Gehirne hindurch wirken zu lassen. Der starke Wille, der in ihm lebte, in ihm selbst unfruchtbar, wurde auch tatschlich die Sttze und der Sauerteig vieler Arbeiten seiner Freunde. Der verwickelte Ausbau seiner vielfachen Bedrfnisse und natrlichen Triebkrfte stand wie ein Turm da, an den sie sich lehnten ... Waldesau zum Beispiel, der Musiker, der in einem bestndigen Ekel vor sich selbst lebte, gestand oft, da er keine Note schreiben wrde, wenn ihm Arnold nicht immer wieder mit kollegialen Schimpfreden den Teufel aus dem Leib triebe. So aber lieferte er Kompositionen, Lieder und Sonaten, die zwar er selbst erbrmlich, verbrecherisch fand, die aber das enthusiastische Lob nicht nur Arnolds, auch lterer Musikkenner hervorriefen. Arnold ging weiter. Er liebte es -- all dies instinktiv, nicht aus berlegung -- seine Freunde, die einander noch nicht kannten, mit einander zusammenzubringen, falls er sich davon gegenseitige Anregung und Frderung ihrer Arbeiten versprach. Er hatte seine Freude an den neuen Konstellationen, er verfolgte mit einer Art von Zrtlichkeit die weitere innige Verflechtung der Fden, die er selbst neben einander gelegt hatte und die jetzt ohne ihn lustig und oft mit einer in seinem Ansto gar nicht zu ahnenden Bedeutsamkeit sich fortspannen. Zu vielen tiefgreifenden Beziehungen legte er so den Grund, nur selten tat er einen Migriff. Kein Wunder, da ihn Liebe und Begeisterung der ganzen Gruppe, die er so hbsch organisiert hatte, umgab. Selbst der spitzige vielberlegende Grnbaum, der jede krperliche Berhrung mit Menschen scheute, drckte ihm wrmer die Hand. Alle fhlten, wenn auch undeutlich, da die zartgebauten Wurzeln ihres Daseins aus den strmenden bervollen Bchen dieses Verschwenders immer neue Bewsserung zogen und da dabei gar kein Schwindel oder eine Willkrlichkeit Arnolds mitspielte; da vielmehr dies alles nach Naturgesetzen so geschehn mute -- und gerade dieses Unbedingte, Automatische, Gesetzmige war die Ursache, aus der man ihm vertraute, ihm doppelt verpflichtet war ... An seinem Geburtstage empfing er nun auch glhende Briefe sonst ruhiger Genossen, Danksagungen in klugen, nicht alltglichen Worten, selbst Geschenke, und wiewohl er selbst sich der Reprsentation so auergewhnlicher Beliebtheit nicht ohne Wrde und Rhrung unterzog, sagte er sich doch auch manchmal, da es eigentlich komisch sei, wie selbstverstndlich er diese Opfergaben, den Tribut gleichsam, einkassierte. Er selbst schenkte keinem seiner Freunde etwas zum Geburtstage; das fiel ihm auf, die andern schienen es selbstverstndlich zu finden. Es beunruhigte ihn ... berhaupt wurde ihm, wenn er einmal allein mit sich zu Rate ging, nicht wohl nach all dem metallischen Getse rings um ihn. Kam er zur Ruhe, so fand er, da er eigentlich nichts zu Ende fhrte und nichts ganz von vorne begann. Eine beklemmende Traurigkeit legte sich auf seine Lunge. Was interessierte ihn eigentlich? Was wollte er auf der Welt? Was hatte er geleistet? Da er der Gschaftlhuber nicht war, als den ihn Mignstige gern ausgeschrieen htten, fhlte er sehr wohl. Seiner Redlichkeit und einer gewissen Tchtigkeit im Kern blieb er sich ja stets bewut. Aber mindestens ebensoweit wie vom Gschaftlhuber war der Abstand zu der modernen Goethenatur, fr die ihn manche Anhnger aus ehrlicher berzeugung hielten. War er allein, so fhlte er sehr wohl, da er nicht Goethe war, nicht die in sich ruhende und daher so wirksame Vollkommenheit. Was war er also eigentlich?... Nun, eben der Arnold Beer, ein einmaliges Individuum, so und so eingerichtet, mit den und den Fehlern und Vorzgen, die man noch nher studieren, entwickeln mute. Also mit Vorzgen auch -- heraus damit!... Er dachte nach ... Ihm fiel nichts ein ... Mit warmem Kopf rutschte er vom Diwan zum Schreibtischsessel, vom Schreibtischsessel zum Diwan, und vergebens suchte er, whrend sein Blick ber die Dcher hin in den fernen Himmel, in die rotglnzenden Wolkenkelche einschlpfte, beim Anblick dieser leuchtenden Gebilde auch nur einen jener befeuernden und frischen Einflle selbst zu empfinden, wie er sie am Nachmittag seinen Freunden zu Tausenden um die Kpfe geschlagen hatte ... Ja, wenn er neben ihnen ging, neben Lb zum Beispiel ins Kolleg, oder neben Eisig in der Weinstube sa, dann konnte er sich die Wonnen der gedankenreichen Einsamkeit wohl vorstellen. Einsamkeit -- wie eine Fata Morgana schwebte sie vor ihm, eine Stadt mit flachen quadratischen Dchern, alle menschenleer, doch alle wohnlich eingerichtet mit kleinen rauschenden Springbrunnen, seidenen grnen Kissen am Gelnder, sen Speisen und Limonaden in elfenbeinernen Kstchen. Und Arnold stieg von Dach zu Dach, auf kleinen Leitern, ruhte hier und dort aus, sah ber die Treppen hinunter in Wohnungen, in denen Stimmen klangen, freute sich -- o Einsamkeit -- ber die Straen und Bazare unten, lebendiges Wimmeln, die groe Aussicht in den Abendhimmel ... So vertieft war er in dieses Bild, da er die Reden des Gefhrten nicht mehr hrte, und verriet sich eine von ihnen durch die erhobene Stimme als Frage, so mute er geschwind die letzten Worte, die der andere gesprochen hatte, aus seinem unbewuten Gedchtnis, in dem sie eben beinahe verschwanden, zurckholen, um irgend etwas Kleines erwidern zu knnen. O wie wnschte er da den Strer seiner Einsamkeit hinweg, wie htten, ohne den, diese Bume oder dieser Wohlgeschmack eines franzsischen Weins zu seinem treuen, auf sich allein gefllten Herzen gesprochen! War er aber wirklich einsam, so wurde ihm sofort bang und verlassen zu Mute. Die Gestalten dieser fhllosen unberwindlichen Natur, die Blumen und Grser, erschreckten ihn durch ihre rohe Gesundheit, die er nicht trsten und nicht anfeuern konnte, in der es keine Bravourstckchen gab; einsames Trinken gar erschien ihm langweilig und tierisch ... Also lief er schnell wieder unter die Menschen, mit denen man reden konnte, begann dies und jenes in seiner intensiven, aber kurzatmigen Art und brachte sich auch wirklich, wenn er die Zahl der von ihm bepflgten Gebiete berblickte, seine Jugend, seine Plne, nach allen Richtungen ausstrahlend, seine halbausgefhrten Werke, seine Talente, seine Hoffnungen und die Hoffnungen, die seine Freunde auf ihn setzten, in einen schnen Rausch von Selbstzufriedenheit. -- Klagte er einmal, in einer kleinen Erinnerung an seine einsamen Prfungsstunden, den Freunden, da seine Seele so zerrissen sei, so lachte man ihn immer aber mit der allergrten Entschiedenheit aus: Du unglcklich? Und was soll ich dann sagen? Du machst das und das. Und ganz vergit Du an das und das. Solche Erfolge! So eine Arbeitskraft, das ist ja etwas ganz Abnormales! Und du wirst dich noch beklagen! Das wre aber eine Frechheit... Man ahmte die Art seiner gutgemeinten Scheltreden nach. Er aber wandte sich, mit einer kleinen Trne im Auge, ab: Ich knnte ja etwas leisten, wenn ich nur Zeit htte. Da er keine Zeit hatte, war eigentlich fr Fernerstehende das hervorstechendste Merkmal seines Lebens. Und meist befand ja auch er selbst sich, dank seiner fortreienden Strudeleien, in der Lage dieser Fernerstehenden. Dann fiel ihm auf, da er sich zu viel aufgebrdet hatte; an einem Tage ein Rudermatch, vier Vorlesungsstunden, Besuch bei zwei Freunden, bei einer Familie Tee, Klavierben, und dazu die vielen angefangenen Bcher mit winkenden Lesezeichen auf dem Schreibtischregale, das ging entschieden ber Menschenkraft. Und da ja die meisten dieser Verpflichtungen in langvergangene Zeit zurckreichten, zu denen er sprunghaft immer wieder zurckkehrte, ohne sie je durch Beendigung loszuwerden, wurde er sich immer nur bewut, da er Verpflichtungen zurckwies, nur selten neue aufnahm. Also erschien er sich als armer Verfolgter, Begehrter, Bedrngter, verga bald den eigenen Leichtsinn, mit dem er sich nach einander auf so verschiedene Dinge gestrzt hatte, und begann einen geheimen Groll gegen seine Freunde insgesamt zu nhren, die ihn in Anspruch nahmen und ausntzten, ja ausntzten und zu keiner eigenen Arbeit kommen lieen. Was half es, da er stets einen Zettel bei sich trug, mit den wichtigsten Pflichten fr die nchsten Tage, da er ein Tagebuch begann, in das er die Dinge schrieb, um sie keinem Freund erzhlen zu mssen und um also auf diesem Wege einen Verkehr mit sich selbst anzubahnen, was halfen alle Anstrengungen, Ordnung in sein so hinausgestreutes Leben zu bringen ... Und grimmig ging er die Schwchen seiner Freunde durch, die sie an ihn fesselten, die Blutarmut Waldesaus, die diesen melancholisch machte und auf lindernden Zuspruch angewiesen, die Armut Krauses, die ihm den Verkehr mit Arnold als mit dem gesellschaftlich Hheren unentbehrlich erscheinen lie, die Dummheit Bobenheims, der, durch den intelligenten Umgang geschmeichelt, zu einiger Selbstachtung gekommen war, whrend er sich vordem nur als einen trostlosen Wstling gekannt hatte. Und er verfluchte sein gutes Herz, das ihn aus Mitleid an diese fehlerhaften Menschen klemmte. Zugleich war er erbost ber seine grbelnde Scharfsichtigkeit, seine Lieblosigkeit gegen so gut verhllte Schwchen der Freunde. In einem allgemeinen Katzenjammer fand er dieses Leben erbrmlich, nicht lnger zu ertragen. War dies gemeines Menschenlos, oder nur vielleicht typisches Schicksal eines jungen Juden? So weit hatten ihn Krauses Ideen schon beeinflut, da er dies in Erwgung zog. Schlielich aber blieb er, ohne Zusammenhang mit Gott, oder mit irgend einem Volk, in der zusammenschlagenden Dunkelheit allein, von allen Teilnehmenden verlassen, verzweifelnd und unsympathisch ... Da traf er den nchsten auf der Gasse. Sofort heiterte sich sein Antlitz auf, sein Herz zugleich, er fand schnell wieder die freundlichen Worte, die Fragen voll Interesse und Ermunterung, und dabei war dies durchaus keine Heuchelei, sondern die bloe Gegenwart des Freundes eben bewirkte in ihm jene schnellere Zirkulation von Ideen, die ihn sprudelnd auf Flammenpfeilen in die Hhe scho und ihm den Zusammenhang mit einer glcklichen Menschheit und ihrem wohlwollenden Wirken zurckgab ... Am wrmsten aber wurde es ihm, wenn er mit Lambert und Genossen (dies war wieder eine andere Partei besonders eleganter internationaler Nichtstuer, die aus unbekannten Mitteln glnzend in den Tag lebten) auf dem Corso erscheinen konnte, auf dem Bummel, den diese Herren nie versumten, mit ihren siegesgewissen Mienen, ihrem arroganten Htelpfen. Auch bei ihnen war Arnold beliebt, durch seine schussige Munterkeit und Originalitt, und obwohl er weder der fescheste noch der witzigste unter ihnen war, rumte man ihm gern eine beherrschende Stellung ein. Wenn es nur anging, machte er sich tglich eine Abendstunde dafr frei, und dies nannte er seine Erholung, mitten in einer dunklen Schar befreundeter Kpfe sich geschtzt und gemtlich zu fhlen, wie in einer Herde auf- und abzurollen die Gasse entlang, gestoen werden, stehen bleiben und ungerhrt in die Vorbeigehenden starren wie in die beleuchteten Auslagen, durch lustiges Flstern und Blicken fest mit der Genossenschaft verbunden, beinahe bewutlos.-- Und gar wenn er sich niedersetzte und Briefe an seine Freunde aller Heerlager schrieb, in die Ferien hinaus zu Dutzenden! Denn das liebte er, diese Bulletins waren wieder eine Sache, in der er sein ganzes Orkantemperament austoben lassen konnte. So wie es Leute gibt, denen alle Sorgen einfallen, wenn sie einen Brief schreiben und deren Briefe daher ein wesentlich zu trauriges Abbild ihrer Situation geben: so wurde im Gegenteil vor Arnolds Blick, wenn er ihn auf das weie geradebegrenzte Papier richtete, alles rosig und in gute Linien geklrt. Ihm war Briefeschreiben eine gesteigerte Form menschlicher Unterhaltung und alle seine Vorzge flossen ihm willig in die Feder, ein Goldglanz ohne irdische Schwere, wenn er seine strammen, beinahe militrischen Loblieder auf das, was ihn gerade erregte, loslie. Gern beschrieb er Kunstgensse oder gefiel sich in rckhaltslosen Offenheiten oder schwelgte in gigantischen Vorstzen, zu deren Ausfhrung es Jahre ernsthafter Arbeit bedurft htte, in seinem feurigsten Stil, tat sie damit gleichsam fr sich ab, obwohl er sich whrend des Schreibens gar nicht bewut war, da er sie nie werde in Taten verwandeln knnen, da gerade dieser Brief als Energieableiter zwischen Plan und Ausfhrung trat. Nein, die Wahrheit selbst, hinreiende Tatkraft und ansteckend gute Laune sprachen aus solchen Episteln, die unmittelbar, ohne zu berlegen, mit allen Quersprngen und den schlechtesten Witzen, die ihm gerade einfielen, hingerissen waren; und so verfehlten sie natrlich nicht, seine Freunde zu rhren und zu neuem Schaffen anzustacheln, whrend Arnold mit ausgeschpftem trockenem Herzen zurckblieb. berdies schwankten diese Ergsse in ihrer Lnge von der dreiigseitigen Dissertation, deren Erscheinen schon im Kuvert beim Adressaten Erstaunen und ehrfrchtige Schauer hervorrief, bis zum kurzen Zettel voll mit Gedankenstrichen, Rufzeichen, humoristischen Symbolen, verschiedenen Buchstabengren und Schriftarten, kurz allen Mitteln einer aufs Hchste gesteigerten Anschaulichkeit, wie sie aus seinem Hitzkopf explodierte. Die Schrift hatte pomphafte Schnrkel, groe Buche, starke Schatten und weit auseinandergezogene Haarstriche, so da manchmal ein etwas lngeres Wort eine ganze Zeile einnahm. -- Hier eine der unbedeutenderen Noten an Waldesau: Lieber Kerl, Ich bin durch ununterbrochenes =BACH=-Spielen in den letzten Wochen endlich dahintergekommen, da ich -- ein Schps bin, wenn ich nicht -- endlich einmal -- und zwar soforrrrrrt -- die _ganze_ Musiktheorie grndlich durchnehme!! Mein Buchhndler bietet mir ein groes Werk zum Selbstunterricht, solche Hefte, weit Du -- mit hbschen Fragen und Antworten -- Ermahnungen an den faulen Schler u.s.f. -- bil kindisch, aber es gefllt mir vor-Leipzig -- 60 Hefte, 50 Mark (!!!!) -- Soll ich es kaufen. Bitte, schreibe soforrrrrt, genau und viel, empfiehl anderes! Ich mu =ALLES= haben, das ganze Gebiet -- also Elementarlehre, Generalba, Formen -- Du weit ja -- ich hab es satt, so ungebildet weiterzutrotteln -- Also, auf, sattle den Hippogryphen, schicke mir Plne -- auch Instrumentation natrlich -- Wenn schon, denn schon -- Ich habe jetzt riesige Lust. Also schreib nur schnell, damit das Feuer net auskhlt, Du kennst doch -- Deinen Dichliebenden u.s.f. -- Momentan fhle ich mich so stark, da ich Berge bewegen knnte. Und Du auf Deinem Jeschkenberg? (Ein gebirgiger Brief!) -- Ich arbeite tglich 9 Stunden, kann Abends nie einschlafen vor _Ideen_. Habe etwas merkwrdiges angefangen, eine neue Art von Kontrapunkt. =Sei neugierig!= Es steht dafr -- Schrecklich glcklich bin ich dabei. Und Du? Und Du? Und Du? -- Wieder mal die Flinte ins Korn geworfen? =Porco maledetto!= Wenn jetzt nicht bald mal eine fette =Notensendung= (Manuskript!!) von Dir kommt, so treffe ich Dich wie der Blitz -- der immer die Nabelbeschauer trifft -- wo? Im Popo -- weil sie so gebckt sitzen. Aber Spa bei Seite: Was treibst Du -- Ich bin sehr besorgt. -- Servus! Ein Bildchen, die rauchende Jagdflinte, vervollstndigte diesen auf einer halbzerrissenen Kuvert-Innenseite in schrgen Zeilen hingedonnerten Aufruf. Darunter eine Wolke, aus der zwei zackige Blitze schlagen; alles mit der Feder gekritzelt, beim Abtrocknen etwas verwischt... Gottfried Eisig, der inzwischen (man mute doch etwas machen) in die Redaktion eines heimatlichen Blattes eingetreten war, munterte nach solch einem Brief Arnold auf, doch einmal etwas Selbststndiges zu schreiben. Arnold brachte ein paar Reisebriefe. Sie wurden gedruckt, ohne aber besonderes Aufsehn zu erregen, auer in Arnolds nchster Umgebung; brigens waren sie auch, da ihnen der persnliche Anla fehlte, ziemlich matt, ja schablonenhaft ausgefallen. II. Eines Tages erklrte der Vater, das Shnchen habe nun genug gebummelt -- und am nchsten Morgen schon ging Arnold in dem groen Geschft auf und ab, die Schachteln an den Wnden mit neugierigen Blicken musternd. Der Abschied von der Universitt wurde ihm nicht schwer. Da aus den allenthalben verzettelten Kollegien nichts Gescheites werden knne, war ihm lngst klar geworden. Nun hoffte er, durch eine vollstndige Umwandlung seines Lebens, wie sie der Eintritt ins Geschft bedeutete, sich zu konzentrieren; Dinge, die er nur aus Treue gegen das einmal Begonnene mit Unlust weiterbetrieb, abzuschtteln; ein Mann zu werden. Vielleicht im Geschft. Doch tuschte er sich da nicht in der Voraussicht, da der Vater in seinem pedantischen Geschftseifer keinen wichtigen Teil des Betriebs selbst aus der Hand lassen wrde. Zunchst versuchte Arnold allerdings Einflu zu gewinnen, das Geschft umzudrehn, da er natrlich sofort, noch ehe er den naturgemen Lauf der Sache kannte, schon Umwlzungsideen im Kopf hatte. Aber da war er an den Unrechten gekommen; mit nicht mizuverstehender Verwunderung wehrte der Alte ab. Und so gewhnte sich Arnold bald daran, Vormittags im Kontor Bcher seines Geschmacks zu lesen und an Nachmittagen sich berhaupt nicht mehr im Geschft blicken zu lassen. Auf dem einfrmigen Boden des Geschfts- und Familienlebens wucherten seine Launen nun noch ppiger und bunter als vordem. Doch stand er bei seinen Eltern nicht minder hoch als bei seinen Freunden im Wert. Schon seit seiner Jugend, da er als Wunderkind frhzeitig aufsagen, lesen und schreiben gelernt, hatte sich ein groer Stolz auf ihn in ihren Herzen eingebrgert. Dann war er der Einzige geblieben, und immer lebhaft, bei den Mahlzeiten gesprchig, heiter und ausgelassen, was den Eltern Freude machen mute. Auch zrtlich wurde er zu angemessenen Zeiten. Sie lobten ihn berall deshalb, in den nahen Familien wurde sein Beispiel als eines hochbegabten Musterknaben im Munde gefhrt. Einen Zirkel lterer Damen, der sich an regelmigen Nachmittagen bei Frau Beer einfand, entzckte er durch sein Klavierspiel. Die Freunde seines Vaters unterhielt er, bei ihren Kartenabenden manchmal, mit den letzten Kuplets, die in seinem Jugendkreise eben aufkamen. Er war der Liebling, die Hoffnung aller. Und Arnold fragte sich vergebens, wodurch er so viel Enthusiasmus erregt haben konnte. Ja es ntzte auch gar nichts, wenn er einmal sich vornahm unliebenswrdig zu sein. Ein Besuch kam aus Berlin, eine Geheimratswitwe, schwarzgekleidet, berlaut und temperamentvoll, vor der er in einem fort seine Arme, Beine und Wangen in Sicherheit bringen mute. Zur Strafe sprach er kein Wort mit ihr, erwiderte ihre mtterlich-verliebten Blicke mit mglichst gleichgiltigen. Es half nichts, einige Tage nachher schickte sie ihm, in einem Brief an Frau Beer, spezielle Gre, zerschmelzende: Dem lieben lieben liebenswrdigen Sohn, den ich so schnell liebgewonnen habe. Aber warum denn? -- Ich hab sie gar nicht liebgewonnen. Ich war doch auch gar nicht lieb zu ihr fragte er die Mama. Du hast sie an ihren Sohn erinnert war die Antwort. Er seufzte, sein guter Ruf war strker als er ... Nur einmal, erinnerte er sich, in frhester Jugend war diese Weihrauchwolke um ihn zerrissen worden -- durch die Gromutter, die sonst in Wintertal lebte und nach einer von Spektakeln erfllten kurzen Besuchszeit dahin wieder abreisen mute. Sie hatte an allem etwas auszusetzen gefunden, auch ihm einmal einen Sto vor die Brust gegeben, weil er ihr nicht schnell genug auswich, das wute er noch genau ... Doch da sie als unvertrglich bekannt war, man sprach von ihr als von einer Furie, dem bsen Geist der Familie, trstete er sich schnell ber diesen Mierfolg und die alte Glorie war bald wieder hergestellt. -- Besondere Triumphe feierte er im Musikzimmer der Kurorte. Oder beim Kurkonzert, wo er in Potpourris die neuen, aber auch die altmodischen Opern wie Zampa, Wassertrger vom weiten erkannte, zum allgemeinen bewundernden Erstaunen, das ihn dann immer mit Abscheu erfllte. Von solchen Philistern gelobt werden, pfui! Beschmt gestand er sich selbst, da das nur daher komme, weil er seinen Mund nicht halten knne, immer gleich sagte, was er wute. Er berlegte eben nicht, vor wem er sprach; jedes Publikum war ihm recht. Dann fiel ihm ein, da ja wiederum solche Leute in keine andere als eine hchst bewundernde Stellung ihm gegenber gehrten. Wenngleich er selbst sich fr nichts Besonderes halte, diese drften schon von ihrem Standpunkt aus ruhig es tun, ja sie mten es, und kniefllig dazu. So mischte sich bei ihm Stolz und Ekelgefhl, Schmeichelei und berdru, und diese Mischung beschwingte ihn zwar nicht, doch drckte sie ihn auch nicht nieder, sie wurde seine gewhnliche Atmosphre ... Von allen Anfechtungen unbesiegt blieb er der charmante junge Mann, der gute Gesellschafter, die Seele des Heims, und selbst der Bruder der Mama, Poldi Goldberg, der als armer Verwandter mit der ganzen Familie zerfallen war, machte ihm gegenber eine Ausnahme, dankte ihm freundlich auf seinen Gru ... So htte nicht viel gefehlt, da er ganz in der Sphre huslichen Wohlgefallens eingeschlossen geblieben wre, in der er so viel Beifall erntete; aber seine Eltern waren zu schwach, um ihn andauernd zu fesseln. Die Mutter eine sanfte Hausfrau, die alles in peinlichster Ordnung hielt, ohne da man je ein lautes Wort aus ihrem Munde gehrt htte; der Vater mit all seiner nicht unbetrchtlichen Energie im Geschft, sein einziges Glck sich zu vergrern, da heit: den Laden jedes Jahr umzubauen, Wnde durchzubrechen, Keller des Nachbarhauses mit seinem Hof zu verbinden oder wegen der Portale mit der Stadt zu prozessieren. Beide waren ordentliche gute gewissenhafte Leute, aber ohne jede Spur von Romantik, beide alt; und so wurde eben Arnold zunchst ins Eisigsche Haus, dann in die Kolonnen seiner Freunde getrieben, wo es so viel Resonanz fr sein lautes Geschrei gab. Sein Kreis hatte sich indessen in den wenigen Jahren nach dem Austritt aus der Hochschule einigermaen gendert; Arnold wute selbst nicht recht, wie es gekommen war. Da er nicht mehr in die Vorlesungen ging, hatte er die regelmigen Treffpunkte mit einigen verloren. Andere blieben aus, weil er die studentischen Vereine nicht mehr besuchte. Mit Krause, der immer fanatischer das Jdische herauskehrte und gegen die Assimilanten loszog, hatte er sich nach einem Wortwechsel ganz zerschlagen. Dafr war Philipp Eisig nach mehrjhrigem Aufenthalt in Amerika wieder aufgetaucht, gnzlich verndert in seinem uern, einem eingeborenen Ur-Chicagoer nicht nur in der Kleidung, sondern zum Erstaunen auch in den Gesichtszgen gleich, als htte das fremde Land ihn von Grund aus umgeboren. Die alte Jugendliebe blhte unverwandelt wieder auf und mit ihr auch das alte Pumpverhltnis. Whrend nmlich Eisig fr die vterliche Firma groe Reisen unternahm und jedesmal mit einem dicken Haufen von Banknoten, die er sich angeblich erspart hatte, in die Stadt zurckkam, wurde Arnold fr seine krgliche Bettigung mit einem schmalen Taschengeldchen abgefunden und hatte immer unbefriedigte Bedrfnisse. Eisig stotterte nun auch nur unbedeutend, das hatte er in einer Anstalt drben sich abgewhnt, und behauptete berhaupt in allem die Oberhand, mit seiner tiefen mrrischen, aber sehr entschiedenen Stimme, seinem wankenden Korpus, dem sich der breite Kopf nur ungern nachschob, so da er manchmal in der Luft zurckzubleiben schien, unsicher schwebend. Er hatte jetzt breite Schultern, ein reines Gesicht mit flachem braunem Haar in Wellen, das in der Mitte gescheitelt war, fast wagrechte Augenbrauen, helle mutige Augen, den Mund regelmig, die Stirn kindlich. Und dieses neue Gesicht trug er mit derselben Selbstverstndlichkeit wie die neue berseeische Tracht, den niedrigen, wie ein weier Ring ganz zusammenschlieenden Kragen, die schn hellgelben Stiefel, die nach vorn in Keulen statt in Spitzen ausliefen. Unter seinem sehr langen Rock -- er fiel bis fast ans Knie, ein unscheinbarer Stoff, doch von vollendetem Schnitt -- konnte man keine Weste vermuten, eher den Leibgurt eines Trappers oder Patronenreihen. Und ebenso bequem wallten die Hosen herab, oben breit, am Fugelenk schmal, wallten wie Fahnen im Wind und man hatte das Gefhl, darunter msse gleich das Fleisch nackt und gesund sich regen. So zog er mit Arnold durch die Nachtlokale der Stadt, von denen keines ihm wst genug war, und statt diesen alltglichen Dingen zuzuschauen, gab er lieber selbst einen Tanz zum Besten, einen lustigen Niggertanz, der ihm lauten Beifall eintrug. Da trappelte er mit kleinen Schritten, fast auf demselben Fleck, whrend die Arme aufwrts schwebten, sein Kopf sich langsam senkte, wie um den immer schnelleren Schritten immer genauer zuzusehn; dann warf sich der Kopf wieder empor, whrend die Fe abwechselnd im Cakewalk mit Spitze oder Absatz aufklopften; dann waren in die Hnde pltzlich fremdartige Matrosenbewegungen gefahren, sie hoben ruckweise ein Tau oder sie schleuderten es unsichtbar in den Saal; zum Schlu glitten die Beine aus, ganz steif fiel der Krper hin, lag schon ganz schief dem Boden nah, hupfte aber unvermutet wieder gerade in die Hhe ... Der Clown verwandelt sich in einen Gentleman, der, die Hnde in den Taschen, ohne Lcheln, ja mit trben Augen an seinen Tisch sich zurckbegab, den Applaus berhaupt nicht hrend. Er beklagte sich darber, da es hier kein starkes Bier gebe. Er probierte die schwersten dunklen Sorten. Nichts. Er hatte sich eben, Gott verdamme es, an Ale gewhnt ... Arnold war entzckt von solchen Kraftausbrchen. Nun lie er sich von Philipp in die Gesellschaft anderer Geschftsleute und junger Brsengren fhren, die Nachmittags in matten Glaszellen, hinten in einem groen Kaffeehause, an kleinen grnen Tischchen Karten spielten. Bald beteiligte sich Arnold, verbrachte mit dem grten Eifer Stunden um Stunden mit Mischen, Abheben und Aufschlagen, mit den lustigen Zwischenreden dabei, die berlaut klangen, weil sie kurz waren, fhlte sich gemtlich und doch kampflustig in den Hemdrmeln, schlo sich von keiner noch so gewagten Kombination aus. Er verliebte sich ganz in die schlechte aufregende Kaffeeluft; gab es keinen Tarock, so las er nchtelang Zeitungen. Alle Kellner kannten ihn schon und schtteten gleich Ste von Tagesblttern neben ihn auf das Plschsopha, wenn er sich niedersetzte. Eisig starrte neben ihm in die Luft oder malte Zahlen auf den Tisch, wie es berhaupt seine Art war, sich lange Weilen schweigsamen Berechnungen hinzugeben, ber die er nie etwas Nheres verlautete, die aber den Eindruck von Verwicklung und oft auch rgerlichkeit machten, nach seinen dicken Falten auf der Stirn zu schlieen. Oft kam auch Lambert und die Bummelclique ins Kaffeehaus, Arnold wunderte sich, wie bekannt Eisig mit allen war ... Diese Art von Geselligkeit nahm ihn nun fast vollstndig in Anspruch; dazu noch Bobenheims Ruderklub, dann Shne von Geschftsfreunden, die sich ihm nach und nach angeschlossen hatten, jeder mit irgend einer Passion, sei es Okkultismus oder Weiber oder Jagden, und die Arnold natrlich in der gewohnten Weise regierte. In Brsekreisen lernte er damals auch den jungen Walder Nornepygge kennen, einen Chemiker, der sich erfolgreich mit Erfindungen und Brsenspekulation befate. Die gemeinsamen Freunde, die das Zusammentreffen der beiden arrangiert hatten, waren berzeugt, da die beiden so hnlichen Charaktere, beide so ttig und so vielseitig, einander schnell verstehn wrden. Doch unerwarteterweise stieen sie einander gegenseitig ab, Nornepygge uerte spter, da er Arnold roh gefunden habe, und Arnold nannte den andern im vertrauten Kreise einen eingebildeten melancholischen Narren. berdies, so setzte er fort, habe er keine Zeit und Lust zu neuen Bekanntschaften. Und wirklich war er immer noch auerordentlich beschftigt, in Anspruch genommen, und davon war noch lange keine Rede, da er endlich einmal Zeit zu seinen eigenen Arbeiten gefunden htte. Schon die paar Stunden im Geschft, nicht viele, aber regelmig einzuhalten, nicht nach Belieben zu schwnzen wie die Universitt, fielen ihm lstig, behinderten ihn aller Ende. Im Geschft machte er brigens bald gar nichts mehr, auch fr sich nichts, schon der bloe Gedanke, da er dort Gelegenheit habe, allein zu sein und seine innere Tchtigkeit und wirkliche Arbeitskraft also zu erproben, reizte und verdro ihn, -- da dies gewissermaen ein Prfstein sein knnte. Er erfand also allerlei Ausreden, wie den Lrm und die unziemliche rtlichkeit, und nur in Briefen raffte er sich dazu auf, nebst schmetternden und daher eigentlich glanzvollen Klagen ber den jetzigen Zustand baldige nderungen in Aussicht zu stellen. Und im Anschlu an diese leeren Vormittagsstunden flo der ganze Tag wie von selbst schnell und lustig dahin, ohne da Arnold jemals das ausgefhrt htte, was ihm im Sinne lag. Ja, strker wie Lschpapier bin ich eben nicht seufzte er manchmal, in humoristischer und doch selbstanklgerischer Weise ... Im ganzen war sein Umgang jetzt um einiges weniger geistig als vorher, doch er selbst war genau derselbe geblieben, immer ttig und befeuernd, auch mit groer Behaglichkeit, wenn er unter Menschen war; immer auf dem Sprung, sich in ein neues Abenteuer zu werfen, immer unterwegs, im Wagen oder zu Fu, wie er sich denn auch eine eigene, besonders schnelle Gangart angewhnte, mit weit gespreizten Beinen, um den vielfachen Rendezvous halbwegs zu gengen -- und da hatte die Mutter gut sagen: Kleine Schritte machen, Arnold, kleine Schritte. Sie fand nmlich, da seine schne aufrechte Statur unter diesem Galoppieren litt ... Welches Vergngen fand er nun, beispielsweise, daran, eine regnerische Abendstunde bei seinem Schneider zu verbringen, in der hbschen und wohlgeheizten Probierstube, die eng wurde durch allseits anrckende Stellagen, behangen mit Rcken und Hosen. Lssig an den Pult gelehnt sah er dem alten Herrn zu, der mit gebter Hand die scharfe Kante seiner Talgkreide, dieser angenehm-klebrigen gelblichen Flche, ber die Stoffe wandern lie und dann eine Schere -- sie war so schwer, da sie bei jedem Schnitt herabzusinken schien -- die schnell geschwungenen Linien entlang in das Dunkel der hingebreiteten Stofflagen fhrte. Arnold bewunderte ihn, wie jede ausgezeichnete Tchtigkeit, aufs innigste. Und dann kamen so viele Bekannte hin, um sich Ma nehmen zu lassen oder zu probieren wie er, man plauderte, der Schneider erzhlte die neuesten Anekdoten, empfing neue von den Kunden dafr, es war ein heiteres erbauliches Stelldichein, in dem man doch immer durch den Anblick des Chefs, der bei aller Artigkeit und allen Scherzen eifrig sein ruhiges Geschft weiter besorgte, vor dem Gedanken vlligen Faulenzens, wie etwa im Kaffeehaus, bewahrt blieb. Man ging auf und ab, setzte sich auf die roten Holzsophas, die mit ihren dnnen Stbchen (wie Mbel beim Photographen) einen zerbrechlichen Eindruck machten, stellte sich in Gruppen oder wandte sich in einer zierlichen Langweile ab, um ein Modegruppenbild an der Wand zum hundertstenmal zu studieren, ber die Ideen und mglichen Beziehungen dieser Leute zu einander nachzudenken, die doch nur jeder wegen eines andern Kleidungsschnittes auf dasselbe Blatt gemalt waren, also im Grunde ebenso zufllig und ohne innern Trieb beisammen wie die wirklichen Menschen in diesem Raum; pltzlich aber lachte man auf ber einen Witz, der hinter dem Rcken einem andern erzhlt wurde, schwang sich wieder zu ihnen herum, fhlte wieder einen wrmenden menschlichen Zusammenhang in der beinahe starren Brust. O diese leisen Stimmen, das feine Kommen und Gehn ber Teppiche hin, die gebeugten Kpfe, von denen der schne Hut sich entfernt, diese Blicke, still und verbindlich, mit denen ein geeigneter Platz fr den Schirm im Schirmstnder gesucht wird, o diese Wunder einer zivilisierten Gegenwart, einer vornehmen reichen Stadt, diese laue Luftstrmung unserer gefhlvollen Hflichkeiten! Und dazu klatschte der Regen an die Scheiben, es war nicht ratsam fortzugehn, man sah hinaus auf die belebte Gasse mit eilenden Menschen, deren Schirme im Wechsel der Beleuchtung sich unaufhrlich zu drehn schienen und wie schwarzes Glas funkelten, und in die gelberleuchteten Auslagen gegenber, die mit all ihrer Pracht im Kot zu zerflieen drohten... Arnold liebte jetzt solche Orte, an denen man viele Leute sah und Anregung hatte. Er besuchte alle Blle, die Rennbahnen, die Tennisturniere. Ohne irgendwo als Mittelpunkt aufzufallen, eignete er sich schnell die entsprechenden Umgangsformen und Gewohnheiten an, entwickelte dann in ihrem Rahmen einen solchen Enthusiasmus, eine solche lustige Unbekmmertheit, da stets ein Kreis bedrftiger und weniger erfinderischer Kpfe ihm Gefolgschaft leistete. Der harmlose Leichtsinn, mit dem er alles mitmachte, hatte von auen gesehn etwas Sympathisches, und graue wrdevolle Herren klopften ihm manchmal auf die Schulter als einer Zierde und Hoffnung der Stadt, erfreut ber sein frisches Gesicht, das gesunde Aussehn, die flotte Konversation, sie machten trumerische Augen, als dchten sie an ihre Jugend, als htten sie eine Erinnerung ihm mitzuteilen, gerade ihm: da sie frher mal es auch so getrieben, ach lange lange vorbei--, als unterdrckten sie eben das alles, um ihn nicht aufzuhalten und weil das ja keinen Zweck habe. Das alles lag manchmal in solch einem anerkennenden Auf-die-Schulter-Klopfen, mit dem sie ihn zugleich wegschoben, wieder in das Fest hinein ... Arnold kannte bald alle wichtigeren Personen der Stadt, mehr oder weniger flchtig. Einigen Spavgeln gegenber, die ihm besonders gefielen und die ihn nicht minder schtzten, hatte er die Gewohnheit angenommen, sich gegenseitig in scheinbarer Rhrung um den Hals zu fallen, so oft sie einander trafen. Dabei begleitete ihn immer noch der Ruf besonderer Bildung, besonderer Begabung; und wenn er hie und da ein kleines Klatsch- und Unterhaltungsfeuilleton im lokalen Blatt verffentlichte, gleich hie es: Sie sind aber fleiig! Wo nehmen Sie nur all die Zeit her? und neidisch fast: Na, ich gratuliere. Er erschrak immer bei so billigem Lob, fand aber zugleich etwas Angenehmes dabei, wie Betubung, wie Halbschlaf. Selbst dachte er immer unlieber ber sich nach. Ich bin halt eine Fernwirkung stellte er bei sich fest von fern schaut's nach was aus, was ich treibe. Aber wenn man's nher anschaut... Nun nherte er sich bald dem Dreiigerjahr und eigentlich hatte er noch immer keine irgendwie begrndete Lebensstellung, frettete sich so im Nebenberuf als Anhngsel seines Vaters durch, dessen Geschft er ja spter einmal erben wrde -- ja, aber eben so sicher auch ruinieren. Seine einzige Hoffnung, sein Rckzug gleichsam auf sich selbst, war in dieser Zeit -- nichts anderes als seine Markensammlung, die er auf Lamberts Rat und mit dessen Vermittlung durch betrchtliche Ankufe vermehrte. Die gedachte er gelegentlich vorteilhaft loszuschlagen, nach Senff besa sie jetzt schon einen Wert von fnfzehntausend Mark, und mit dem auf diese Art selbstverdienten kleinen Kapital wollte er sodann etwas Selbstndiges und Ehrenvolles beginnen, in irgend einem fremden Land, eine Buchdruckerei in Amerika vielleicht, endlich einmal Ruhe und wirkliche Unternehmungsfreude haben. Liebevoll pflegte er also diese Sammlung, mit groem Ernst schrieb er alljhrlich in kleinen Bleistiftziffern den erfreulich steigenden Wert unter jede Marke; wobei er sich natrlich nicht verhehlte, da der wirkliche Verkaufswert kaum mehr als die Hlfte des angegebenen Katalogwerts ausmachte. Aber auch er hatte ja die Marken nicht teurer als zum halben Wert gekauft, noch dazu bei niedrigeren Preisen, gegen diese Art von Kapitalsanlage war also nichts einzuwenden. Und mochte auch der Vater diese ganze Sammlerei als dumme Verschwendung, als hinausgeworfenes Geld beschimpfen, Arnold konnte mit gutem Recht einwenden: Und wo wre das Geld, wenn ich es nicht fr Marken ausgegeben htte? Ich htte es fr andere Dinge ausgegeben und jetzt htte ich gar nichts davon. Und was hast du jetzt davon! Groartig! Du meinst doch nicht, da dir irgendwer fr die Papierl etwas gibt? Arnold bestand darauf, da Marken ein Wert wie jeder andere sei. Aber die Zinsen? jammerte der Vater, in die Enge getrieben. Arnold lachte ihn aus: Vierzig Knpfe jhrlich! und wute berhaupt fr jeden Grund Gegengrnde in Masse, da war er ja in seinem Element.-- Einmal vertrat ihm Eisig den Weg, dessen Gewohnheit es war, von der Seite pltzlich heranzukommen und mit der ganzen Masse seines Leibes sich dem Angeredeten in den Weg zu stellen: Du, was sagst du zu Blriot? Es war die Zeit, in der die Aviatik ihre ersten Erfolge zum Staunen der ganzen Welt errang. Die Brder Wright hatten sich mit ihren Apparaten in betrchtliche Hhen erhoben, Zeppelin war mit seiner ersten Reise glcklich gewesen, Blriot hatte den rmelkanal berflogen ... Eisig, der eben von einer Tour aus Frankreich kam, wute Wunderdinge zu erzhlen. Er hatte zum ersten Mal Aeroplane gesehn, ja es war so weit gekommen, da er einmal in Reims, als man in die Restauration von der Gasse hereinrief, drauen fliege eben ein Luftschiff ber die Stadt hin, gar nicht vom Tisch aufgestanden war, so sehr war er an diesen Anblick schon gewohnt. Er hatte auch bereits ein Projekt: man msse Blriot einmal in der Heimatstadt fliegen lassen, wenn nicht ihn, so doch wenigstens einen Schler. Das koste nicht viel und man knne damit ein gutes Geschft machen. Arnold wre nicht er selbst gewesen, wenn ihn die Neuheit dieser Idee nicht sofort gepackt htte. Er geriet in Entzckung, beschwor den Freund um nhere Einzelheiten. Wie sehe so ein Aeroplan aus? Wie ein Vogel? Sei er gro, so gro wie die Gasse, grer, nein kleiner? Eisig antwortete, mit seiner tiefen Stimme, der die Langsamkeit der Aussprache stets einen Beiklang von Verdrossenheit gab, und damit kontrastierte merkwrdig genug die Zielbewutheit, die List, die aus den Worten selbst sprach. Auch war sein Hals kurz und dick, beinahe null, so da das dicke Kinn an die Brust stie, und wollte er einmal lauter reden, ein Wort besonders betonen, so hob er nicht den Kopf, sondern senkte, um den Mund besser zu ffnen, mit fauler Miene das Kinn noch mehr, so da es sich in Falten und mehreren Lagen ber einander ber die Kravatte hin ausbreitete. Fr Arnold hatte dieses Stockende, Langsame, ihm so Entgegensetzte von jeher einen besondern Reiz gehabt ... Heute bezauberte es ihn so, da er einen Vereinsabend des Brgerklubs auslie, obwohl er dort neulich als jngstes Mitglied in den Ausschu gewhlt worden war. Er nachtmahlte mit Eisig im Schweizer Keller und schon zwischen Vorspeise und Braten war der Plan fertig: ein Konsortium zu bilden, zwecks Veranstaltung des ersten hiesigen Schaufluges. Am nchsten Nachmittag konstituierte man sich. Eisig hatte noch einige Herren mitgebracht, von denen Arnold nur Lambert nher kannte. Es wurden sofort Listen angelegt, um die reichsten Mitbrger zu einem Garantiefond heranzuziehn. Man mute nun von einem zum andern fahren, ihm die Wichtigkeit, kulturelle und andere, des Unternehmens vorhalten, den sichern Gewinn, mute die Regierung einladen, das Militr. Arnold berlegte gerade fr sich, da er sich da wieder in eine hbsch zeitraubende Geschichte verwickelt habe; da schlug Eisig vor, ihn zum Obmann zu whlen. Es geschah mit freudiger Akklamation. Unser Held hatte, wiewohl er sich darber nicht klar war, im Grunde nichts anderes erwartet; pflegte er sich selbst doch manchmal in ironischer Laune den geborenen Vereinsobmann zu nennen. Wie vielen Ballkomitees, wie vielen Versammlungen hatte er schon prsidiert!... Nun rannte er in die Sache gleich mit dem frischesten, und doch gleichsam auch schon gebten Anlauf hinein. Zunchst die Presse. Man beherrschte sie durch Gottfried Eisig und da machte Arnold doch noch einmal eine Anleihe bei seiner ehemaligen jugendlich-gegenstandslosen Beredsamkeit, indem er gnzlich ohne Fachkenntnis, nur aus ein paar andern Zeitungsartikeln und dem Rest der Gymnasialbildung einen neuen Artikel zusammenkochte, und was fr einen strahlenden, ber die Eroberung der Luft. Er begann mit Ikarus, selbstverstndlich, widmete sich in aller Krze den Brdern Montgolfier, wobei die drei in die Gondel mitgenommenen Tiere zu leichthumoristischer Wirkung gelangten, entfaltete sich behaglich ber das Los der unglcklichen Erfinder von ehemals, ber das Unmgliche und unmglich Scheinende (Quadratur des Zirkels, Stein der Weisen, Rntgenstrahlen, drahtlose Telegraphie), gewann allgemach Donnerkrfte, besang in sparsamer Daten-Melodie, aber mit einer Begleitung rauschender vollgriffiger Begeisterungs-Akkorde die letzten Fortschritte der Menschheit, wobei einige Impressionen Eisigs zu geschickter Wirkung kamen, schttete nun, oben angelangt, fast ohne Atem, wie aus einem Fllhorn auf die staunenden Heimatsgenossen die Verheiung nieder, da man derartiges vielleicht bald auch in allernchster Nhe zu sehen bekommen werde, gipfelte aber klugerweise nicht in diesem Effekt, sondern in einer kurzen farblosen Bemerkung ber die Flugwoche in Brescia. -- An anderer Stelle des Blattes wurden sachlich die Namen der Arrangeure und ihr Programm bekannt gegeben. Anfragen und Nachrichten an die Adresse: Arnold Beer u.s.f. In den nun hereinbrechenden Konferenzen bewies sich Arnold als fest und schlagfertig, geduldig und khn, ja mit der Gre der Veranstaltung schienen sich seine Krfte zu vervielfachen. Man hatte mit den Fliegern in Frankreich zu korrespondieren, die von allem Anfang die unverschmtesten Preise verlangten, wie beleidigt und zugleich stolz gemacht als echte Franzosen durch die Zumutung, da sie ins Ausland sollten. Dagegen drngten sich Deputationen der Vororte heran, von denen jeder den schnen Vorrang und Profit des ersten heimatlichen Fluges einheimsen und jeder daher den geeignetsten Platz zur Verfgung stellen wollte. Indessen whlte das Komitee, um dieser Eifersucht auszuweichen und auch aus technischen Grnden angeblich, eine weite Wiesenflche in der Nhe von Waldbrunn, dem kleinen Kurort nahe der Stadt. Jede Etappe der fortschreitenden Verhandlungen verffentlichte Arnold in handfertigen Artikelchen; es wurde bald zum Stadtgesprch, da die Eisenbahndirektion in entgegenkommendster Weise eine eigene neue Station errichten wollte, whrend sonst die Zge nur in der nahegelegenen Stadt Bischofstein hielten, da sogar ein Nebengeleise zum Flugplatz gelegt wurde, da die Postverwaltung ebenso liebenswrdig die Aktivierung eines eigenen Post- und Telegraphenamtes mit der Stampiglie Waldbrunn-Aerodrom fr die Dauer der Aufstiege zugesagt hatte. Die stdtischen Omnibuslinien nahmen Sonderfahrten in Aussicht, die Hotels erwarteten groen Zuzug vom Lande und sicherten sich Privatzimmer, die Polizei entwarf Plne fr diese neue schwierige Aufgabe, auch die Militrbehrde wurde unruhig. An den Straenecken, in den Wagen der Straenbahnen machten sich die ersten Plakate bemerkbar, Witze begannen zu kursieren. Und all dies im Zuge erhalten, bewegen, treiben und wieder beruhigen, war Arnolds Aufgabe. Eisig und die andern besorgten das Geschftliche, die Verrechnungen, den Kampf mit den Lieferanten, das Engagement des Aviatikers, den Kern der Sache gleichsam, alles hingegen, was das uere betraf, Reprsentation und ehrenvolle Fassade gegen die Mitbrger, oblag Arnold, und es zeigte sich bald, da das Komitee allen Grund gehabt hatte, ihm diesen Verkehr mit der Welt zu bertragen, denn an vielen Stellen, wo er vorfuhr und Anhnger warb, sagte man ihm: Wir tun's nur Ihretwegen. Sonst scheint uns ja die ganze Sache nicht sehr reell. Man fragte ihn nach der Soliditt dieses und jenes Mitglieds, einer wollte sogar wissen, da der Grund, den das Aerodrom beanspruchte, vorher von Lambert gekauft und durch einen Vormann dem eigenen Konsortium gegen gehrigen Preisaufschlag weiterverkauft worden sei. Entrstet wies Arnold derartige Anwrfe zurck, was fr Verleumdungen, und in seinem Innern war er eigentlich nur darber verwundert, da diese jungen Leute, die mir ihrem Schliff die vornehmsten Gesellschaften in Erstaunen zu setzen pflegten, doch irgendwie aus rtselhaften Grnden nicht fr voll angesehen wurden, wie sich jetzt herausstellte, whrend er, Arnold, ein redliches Ansehn geno. Doch dachte er darber nicht weiter nach, nahm solches nur fr die blichen Schwierigkeiten, die sich groen unvorhergesehenen Unternehmungen seit jeher in den Weg stellen mten, und nicht etwa in seinem Vertrauen machte es ihn wankend, sondern wie ein leises Prickeln der Gefahr drngte es ihn nur noch ungeduldiger vorwrts, trieb ihn noch mehr, alle Krfte aufzubieten, das Zerbrckelnde zu sttzen mit den Armen eines Atlas, und zu leisten, was nur zu leisten war, in eigener Person. Er kam nun oft von frh bis Abend nicht aus dem Automobil. Das Telephon hrte nicht auf zu klingeln. Mittag war er einmal bei Tisch so zerstreut, da er die Suppe mit der Gabel zu essen versuchte. ngstlich sahn ihm die Eltern zu. Ich warne dich, sagte der Vater, aber du machst ja doch nur immer, was du willst. -- Er rgert sich, weil ich jetzt berhaupt nicht mehr ins Geschft komme, registrierte der Sohn und war im Grunde seines Herzens froh, da er nun auch die Vormittage mit geistsprhender geselliger Ttigkeit anfllen konnte. Er schlief jetzt nur wenige Stunden, so da er morgens vor dem Spiegel manchmal erstaunte, gleich nach dem Aufstehn, wie unversehrt noch seine Nachtfrisur auf dem Kopfe stand, noch gescheitelt und noch wie zusammengepret vom Rauch der Weinlokale. Aber unter der Stirn ging es wirr und polternd, die Ideen wie Steinlawinen. Er berredete Bobenheim und seine Sportsfreunde dem Komitee beizutreten und durch das Ansehn dieser wirklich patrizischen Familien, nicht solcher Windbeutel, befestigte sich nun die allgemeine Neigung, mit ihr die Sicherheit des Unternehmens. Die Beitrge liefen jetzt betrchtlicher ein. Der Landesausschu gab eine Subvention. Man trug sich mit Unerhrtem, nach dem ersten Flug sollte ein ganzer Zyklus veranstaltet werden, ein Wettbewerb der verschiedenen Systeme, ein Rundflug ber viele Stdte hin, man wollte die Maschinen kaufen und eine Schule grnden, das Aerodrom sollte jedenfalls fr stndige Veranstaltungen stehen bleiben. Kurz, Arnold glaubte endlich den Beruf gefunden zu haben, fr den er pate. Wer wei, vielleicht lernte er selbst fliegen, vielleicht gelang ihm eine epochemachende Verbesserung, und, von dort aus gesehn, wrde dann sein ganzes Leben bisher einen Sinn bekommen, alle seine mannigfachen Kenntnisse und Beziehungen wrden ihn dann wie nach einem Plan zu diesem groen Ziel hingeleitet haben. Er hatte jetzt nichts im Kopf wie diese ungeheure Zusammenfassung seines Seins in einer nahen strmisch-blitzenden Zukunft, und nur wie ein dunkler Wind wlzte sich noch der Schwall anderer Lebensverknpfungen hinter ihm her, die Vergangenheit mit ihren Ansprchen, die er mglichst schnell und nebenher abtat. Drauen in Waldbrunn erhoben sich schon die gelben rohen Holzplanken des Aerodroms, und fr Arnold, der auch die ganze Korrespondenz besorgte, war aus ein paar Brettern mitten im Bauplatz ein kleines Zimmer errichtet worden, sein Bureau. Er arbeitete zwar das Wichtigste in der Stadt, im Palasthotel, in dem das Komitee ber einige Zimmer verfgte, doch fuhr er gegen Abend tglich auf den Rennplatz hinaus, um sich vom Fortgang der Arbeiten selbst zu berzeugen, oft brachte er auch Journalisten, Offiziere, Sportsleute, Gnner mit. Und da fand er, da ihm manchmal da drauen, im khlen Abend, aus der wehenden duftenden Waldluft, die besten Gedanken kamen -- sofort schreiben, Brief aufgeben, das war ihm Bedrfnis, und da man ja im Kleinen das Geld nicht sparte, das ganze Komitee vielmehr die herrlichsten Dinge je nach Geschmack der einzelnen, in Erwartung des sichern Glcks, herunterschluckte, hatte er eiligst dieses Wigwam, wie er es nannte, sich bauen lassen. Nirgends noch hatte er sich so wohl gefhlt wie zwischen diesen schnell zusammengenagelten, groben, harzig-riechenden Brettern, die man nicht anrhren durfte, ohne einen Span in die Finger zu kriegen, und die nicht einmal bis ganz auf den Boden reichten, so da man untendurch den Wiesenboden sah, die Schuhe der Vorbeigehenden. Herein klangen unaufhrlich Hammerschlge und Kommandorufe, ein rhythmisches Pfeifen, schwache Stimmen verwirrt. Man fhlte frmlich das Werk, wie es rstig wuchs, wie es mit wonnevollem Gebraus aus dem Tal gegen die Waldanhhen hin emporstieg, und Arnold, der sich als das Herz dieses Lebens fhlte, seinen Willen im entferntesten Maurerjungen noch, schrieb auf elegantem blulichen Briefpapier, das eine Art Wappen des Konsortiums in Reliefpressung trug, seine befehlshaberischen oder einschmeichelnden Manifeste. O hier war er zu Hause, hier hatte sein Leben, das fhlte er wohl, zum erstenmal einen Hhepunkt erreicht. O Gott, hier sich einklammern, dachte er, um diesen Mittelpunkt Zellen ansetzen, sonst komme ich nie zum Eigentlichen. Aber was ist es denn, das Eigentliche im Menschenleben, das, weshalb man lebt? Gibt es das berhaupt? Ist es nicht vielmehr eine Phantasie von mir? Vielleicht habe ich dieses Eigentliche schon einmal in der Hand gehabt und habe es nicht gewut. Vielleicht geht es allen Menschen so wie mir. O nein, vielleicht erlebe ich eben jetzt das Eigentliche oder marschiere geradeaus darauf los ... Seine Angst verschwand, er atmete tief und khl, er schaute einen Augenblick durch das kleine Fensterchen in die Sonne, die dem Untergang entgegenzitterte. Die ist doch das grte Etablissement hier in der Nhe sagte er leise vor sich hin, wie einen kleinen verliebten Witz, ein Kompliment, als stnde er auf du und du mit dem roten Gestirn, als streichle er diese Flche, von der jetzt wie von einer ungeheuren Pfanne aus die letzte Hitze emporschlug. Und er errtete bei diesem Gedanken, als fhle er sich heute, in der Blte seiner Energie, einer solchen Freundin nicht unwrdig. Man konnte jetzt den Glanz dieser Sonne mit dem Blick schon aushalten, man sah ihre Kreiseinfassung deutlich als dnne zitternde Linie, und die gelbe glnzende Flche schien gleichsam tiefer in den Himmel hineingedrckt, wie eine Mnze mit scharfem Rand... Abends nach getaner Arbeit berfiel ihn ein ruhiger tiefer Glcksrausch. Er kreuzte die Arme und trat aus seiner Brettertre ins Freie, fhlte den schwachen Waldwind an seinen Schlfen, in die Haare hinein, und obwohl er gar nicht wute, wohin mit all der Kraft, machte er keine Bewegung, sie abzuleiten, lie gleichsam den Deckel ber seine inwendige Zufriedenheit strzen und sie sorgsam gar kochen in ihrem eigenen Dunst ... Manchmal rief er auch die Kinder zu sich, die von der Strae her dem bewegten Arbeitstreiben zusahn, und begann mit ihnen zu spielen. Es waren Dorfkinder und Kinder von Waldbrunner Kurgsten, alle freuten sich ber das, was da gebaut wurde, waren gespannt auf das Kommende, verstanden am Ende mehr davon als ihre erwachsenen blasierten Eltern. Arnold liebte Kinder; unter ihnen erwachte seine noch kaum verschwundene Lust am Fuballspielen aufs neue, sein Vergngen an jedem tollen Herumschrein und Vorwrtsstrmen, sein oft sinnloses Kommandieren und Kommandiertwerden. Von Zeit zu Zeit, wenn er zufllig in eine Kindergesellschaft geriet, fhlte er sich auch immer schnell als einer der ihren, fand unter ihnen Trost gegenber dieser langsam klebrigen Welt, ohne jedoch ein Prinzip daraus zu machen, sondern von einem zum andern Mal verga er diesen Eindruck und war immer aufs neue berrascht ... Einmal arrangierte er jetzt, in Waldbrunn, ein Wettrennen lngs des Waldsaums. Der blonde Gerhart, ein groer Junge von etwa fnf Jahren, fiel ber jede Baumwurzel hin, endlich aber so derb, da er zu schrein anfing... Eine Dame eilte heran und Arnold begann sich bei ihr zu entschuldigen. Im Gegenteil, sie haben ganz recht, Wichse verdient er, tchtige. Jetzt erst, erstaunt ber diese in devotem Ton hervorgebrachte und, wie ihm gleich auffiel, ziemlich unsinnige Rede, blickte Arnold die Dame an, whrend er bisher nur an dem kleinen qukenden Kerlchen herumgearbeitet hatte, um ihm einen Schmutzfleck von der Nase zu wischen ... Es war eine groe auffallende Blondine, die er schon mehrmals gesehn haben mochte, und nun wute er auch, wo: sie hatte ihm einigemal, wenn er hier auf Baupltzen und Gersten herumregierte, mit einer Andacht zugesehn, die ihm zugleich schmeichelhaft und widerlich vorgekommen war, ohne da er sich brigens viel um sie bekmmert htte. Aber verzeihn Sie, gndige Frau... Ich bin nur die Gouvernante entgegnete sie in einem Ton, als knne sie sich nicht schnell genug demtigen. Im Gegenteil, ich habe Ihnen zu danken, Herr Beer... Sie kennen mich... Sie lchelte und nickte: Par Renomme! Ich war einige Jahre bei Grnbaum, bei der jngeren Schwester des Herrn Technikers Grnbaum. Da hat man so oft von Ihnen geredet und immer nur das beste... Etwas, was nicht oft geschah: Arnold wurde verlegen, errtete sogar ein wenig. Er konnte sich im Augenblick absolut nicht vorstellen, welches Gute denn die Schwester Grnbaums mit ihrer Gouvernante von ihm gesprochen haben drfte ... Als msse er so unverdientes Lob abwehren, stotterte er: Dafr treffen Sie mich jetzt in einer Situation... O nein, ich bewundere Sie ja -- wie Sie sich auch noch mit Kindern abgeben knnen, ein so beschftigter Mann... Ja, ich treibe viel unntzes Zeug, seufzte er. Unntz? O wer drfte das sagen. Im Gegenteil ... Sie stockte, und Arnold fand es grausam s, sie bei diesem Wort, das sie jetzt schon zweimal in der kurzen Weile gebraucht hatte, ein wenig zappeln zu lassen. Endlich fuhr sie fort: Was Sie leisten, davon erzhlt ja die ganze Stadt. Was man erzhlt, das ist nicht immer wahr. Sie sind zu bescheiden, Herr Beer, ich habe es ja auch selbst gesehn ... nur in den letzten Tagen zum Beispiel... Das war ein hbscher Oberleutnant neulich ... was? Wollen Sie mich auslachen? Sie machte ein beinah beleidigtes Gesicht, mit gerunzelter Stirn, doch etwas strte die Wirkung des Gekrnkt-Aussehens: die Wichtigkeit und der durch nichts geforderte, allzu liebevolle Ernst, mit dem sie das Folgende erklrte: Sie meinen, da ich auf buntes Tuch fliege? O nein, das imponiert mir gar nicht... So, so... Arnold schttelte den Kopf. Obwohl ihn diese Beobachtung wenig interessierte, fand er bei sich, da das Frulein allerdings so aussehe, wie er sich im allgemeinen Frauen oder Geliebte von Offizieren vorstellte. Sie war gro, blondhaarig, eine Fernwirkung. Ihr starker, doch nicht mehr als anmutig geschwellter Busen zog die Blicke auf sich. Im Gesicht aber lag eine eigentmliche Disharmonie. Arnold durchforschte es, kam jedoch zu keiner Erklrung dieses Eindrucks ... Dabei hatte er sich langsam neben dem Mdchen, das den Knaben an der Hand fhrte, in Bewegung gesetzt. Er redete etwas vom Militr, ganz unklare Dinge, denen ein aufmerksames Lauschen seitens der Dame begegnete. Er wute kaum, was er sprach. Vielmehr war er einzig damit beschftigt, unter dem Vorwande, da er die Mtze des Knaben studierte -- der Knabe ging zwischen ihm und dem Frulein -- zu bemerken, wie bei jedem Schritte des Knaben ber dem roten Bummerl der Mtze die schne weibliche Hftenrundung im blauen Rock auftauchte und wie eine Welle wieder versank, er sah das mit jenem Anflug willenloser Schlfrigkeit, die den Beginn sinnlicher Erregungen zu begleiten pflegt. Dabei hrte ein Widerstand, eine Art von Ekel, nicht auf, sich in seinem Innern fhlbar zu machen. Pltzlich hatte der Widerstand gesiegt, Arnold wachte auf, und begann nun die Scheinbeschftigung mit dem Knaben in eine wirkliche umzuwandeln. Er brach mitten im Satz ab, neigte sich wieder, und whrend sie durch den Wald weiter dem Kurrtchen zuschritten, kitzelte er das Kind links am Ohr, indes er sich rechts von ihm hielt. Gerhart sah zum Frulein auf. Nun zupfte ihn Arnold geschwind am rechten Ohr und schaute sofort in die Luft. Der Knabe aber verstand schon den Witz und drehte sich mit wtendem Gelchter gegen Arnold, um ihn ins Knie zu boxen. Wirst du nicht unartig sein! ermahnte die Bonne und wollte ihm in die Hand fallen. Inzwischen hatte aber auch Arnold eine Abwehrbewegung gemacht und so trafen sich vor seinem Bein pltzlich die drei Hnde. Die des Kindes lste sich gleich wieder los, um mit aller Gewalt auf Arnolds zweites ungeschtztes Knie loszuschlagen; aber die Finger des Fruleins und Arnolds blieben fest beisammen, verschlangen sich einen Augenblick lang ineinander, whrend auch ihre Blicke offen ineinander tauchten. Beide waren still; eine herrliche Gelegenheit fr den kleinen Rangen, mit beiden Fusten auf Arnolds Knie sich der Rache hinzugeben. Und er trommelte, bis Arnold mit gleichgltigem, gar nicht mehr kinderfreundlichem Schub ihn abschttelte... Sie hie Feistnig und stammte aus Deutschbhmen, aus dem Erzgebirge. Ihre Eltern waren sehr arm, er solle nur ja nichts anderes dahinter vermuten, ein armer Bauer, eine arme Spitzenklpplerin; und deshalb mute sie dienen. brigens hatte sie die Lehrerinnenbildungsanstalt absolviert, ja gelernt hatte sie etwas, Gott sei Dank. Einer ihrer Lehrer habe sie heiraten wollen, aber das hatte sie ausgeschlagen, weil er ein Witwer war. Ein Wittmann hat zwei Herzen. Nein, das mochte sie nicht. An Heiratsantrgen war kein Mangel. Mochte Gott wissen, was die Leute an ihr fanden ... Arnold machte ihr ein Kompliment ... Sie erzhlte schon etwas von einem Berg und einem Bach bei ihrem Heimatsdorfe. Wenn sich ein Mdchen in einer Mrznacht in diesem Bach wasche, dann werde sie schn. Und das habe ich ein paar Jahre hinter einander gemacht, so dumm war ich. Ja, wenn man jung ist. Ja die Heimat... Diese sanfte Poesie fand Arnold unausstehlich, diese schwrmerischen Augen. Zudem bemerkte er mit Mivergngen, da das Gesprch immer wieder stockte, da es ihn solche Mhe kostete, als msse er jeden Augenblick es von neuem anknpfen. Er hatte das Gefhl, als mache er mit jeder seiner Fragen eine wichtige und schwierige Erfindung, die indes von seiner Partnerin nur ganz oberflchlich ausgeschpft wurde; und im nchsten Moment stand er schon wieder vor der Notwendigkeit, etwas Neues zu erfinden. Also los, er gab sich einen Anlauf und fragte sie nach ihrem Vornamen. Sie wollte ihn nicht sagen. Er bestand darauf. Nun aber blieb sie seltsamerweise eigensinnig, gerade den Vornamen wollte sie nicht sagen. Warum denn nicht? Sie mssen nicht so neugierig sein. Er bat sie: Nein, das ist aber nicht nett von Ihnen und dachte dabei: Endlich ein Gesprchsstoff gefunden! Sie lachte: Mu ich denn immer nett sein? Aber jetzt haben Sie mir schon so hbsch erzhlt. Wer zu viel wei, wird bald alt. Endlich gab sie es ihm frei, zu raten. Er riet: Anna, Toni. Das i wr richtig. Er strengte sich an und jetzt erst zum erstenmal empfand er eine Art geistiger Erregung ihr gegenber. Pltzlich wandte sie sich dem Kleinen zu, der auch beschftigt sein wollte und unaufhrlich an ihrem Kleid ri. Du, fang mich! ... Sie lief voraus. Ihre Gestalt war mchtig und dabei schlank in der Taille. Einfach, aber gerade infolge der Gltte wie durchsichtig zeichnete der Rock, in der Bewegung jetzt, ein reizendes Spiel langer Beine, das sich im Ungegliederten fast geheimnisvoll verlor und erst an den sich drehenden Hften eine Fortsetzung fand. Der volle Busen lehnte sich wie ein kleiner Polster neben den Baumstamm, an den sie sich schmiegte, um sich umzudrehn und aus dem Versteck hervorzugucken, und zugleich wirbelte es unten am Rocksaum wei wie Wellenschaum aus dem Innern hervor, um leichte spitze Fchen. Dazu strmte der gewaltige Geruch der Tannen im Abendwind, als verstreue ihn das Mdchen mit ihren lebhaft hin und hergeworfenen Armen, mit ihren Wendungen, denn bald lief sie davon, bald stand sie und rief das Kind, machte einen Tanzschritt zur Seite. Arnold konnte es nicht lassen, er beteiligte sich am Spiel. Zunchst stellte er dem Knaben die Wahl, ihn oder das Frulein zu fangen, und jauchzend trieb sich Gerhart hinter beiden her, ohne sich zu entschlieen. Er war noch zu jung fr vernnftiges Spiel, er wollte nur strampeln und schrein. Dann schrie Arnold -- mehr um sich mit ihr als mit dem Knirps zu verstndigen--: nun wrden sie also beide das Frulein fangen, und jagte schon hinter ihr drein. Und dabei hatte er eigentlich nur die Absicht, das Gesprch fortzusetzen, ihren Widerstand wegen des Namens zu brechen. Aber schnell blieb Gerhart zurck, das Frulein floh immer entschiedener, Arnold bekam immer mehr Lust sie einzuholen, sie bog, da er schon ganz nahe bei ihr war, mit einem geschickten weiblichen Ruck zur Seite, ins Gehlz, er verfitzte sich zwischen den sten, ihr nach, die ihm ins Gesicht schlugen, -- da ffnete sich eine freiere Stelle und sie konnte ihm nicht mehr entrinnen. Von hinten her umklammerte er sie, drckte sich an sie: Also wie heien Sie, schnell, wie heien Sie? Sie suchte sich loszumachen, ermattete und seufzte: Lina, wie besiegt ... damit fiel ihr Rcken an seine Brust zurck, ihr Kpfchen hob sich, das bisher wild geduckte, whrend der seine ber ihre Schulter herberkam. Das hatte kaum eine Sekunde gedauert. Schon sprte er den fremdartigen Geruch ihrer Haare, ihres Atems, und in demselben Augenblick erschien es ihm widerstrebend bis zur Unmglichkeit, einem unbekannten Menschen pltzlich, unvermittelt so nahe an die Haut zu geraten. Eine bittere Wolke schien ihm aus ihren dunkelroten, halbgeffneten Lippen emporzuquellen, die er jetzt knapp vor den seinen hatte, und allem Widerstreben zum Trotz zog ihn dieser warme unangenehme ungesunde Dampf in sich hinein, wie man manchmal Freude daran findet, die Fingerngel ber die eignen Finger schneidend und immer tiefer zu ziehn, vom Schmerz nicht ablassen kann ... Er hatte sie auf den Mund gekt. Sie stie ihn zurck, nun energisch und mit einer ganz erstaunlichen Unfreundlichkeit, eilte wieder auf den Weg zurck ... Arnold glaubte, sie beleidigt zu haben, folgte ihr langsam. Sie tat ihm leid. Eben hatte er noch in einer leichten Stimmung von Verfhrungsknsten und von Gedanken wie: Na, man mu dem Mdel den Gefallen tun herrschaftlich geschwelgt, jetzt sagte er sich: Ich bin ein Barbar, was mag sie sich von mir denken ... Sie fhrte nun den kleinen Gerhart an der Hand und sprach kein Wort, die Augen niedergeschlagen. Er neckte wieder den Knaben, ziemlich geistesabwesend, nur weil es ihm peinlich war, ganz stumm zu sein. Allmhlich redete auch sie: Nun also, wirst du dem Herrn die Hand geben, wirst du hbsch artig sein? Ein Stein fiel Arnold von Herzen, da er ihre unvernderte, etwas zu blendendweiche Stimme wieder hrte; er erhob den Kopf: Er ist artiger als Sie, Frulein Lina ... Lina wiederholte er leiser und fuhr fort er hat keine Launen, benimmt sich artig, nicht war, du? und bckte sich zu dem Gesicht des Kleinen herab. O Sie sollten ihn nur sonst kennen, was, Geri? Er kann schon sein Stckl bestehn ... So kam das Gesprch wieder in Gang, ganz ruhig, als ob nichts geschehen wre. Es war so dunkel geworden, da man einander nicht mehr die Gemtszustnde vom Gesicht ablesen konnte, das gab einen guten bergang zur Unbefangenheit, in die sich brigens das Frulein, so schnell ging es, auch ohne Dunkelheit bald hinbergedreht htte. Nun klang ihr Lachen wieder wie vorhin, etwas bertrieben und knstlich, bei jeder Wortwendung Arnolds, die nur ein wenig von der geraden Ausdrucksweise abwich. Es war ein gewissermaen tiefernstes, beinahe tragisches Lachen und verwandt jenem speichelleckerischen, das Schulkinder bei den kleinen Witzen des Lehrers hervorstoen. In seiner Pedanterie blieb es niemals aus, kroch einem wie ein Hund nach. Arnold, der sich durch Linas Zurckweichen nach dem Ku angezogen gefhlt hatte, wurde wieder verdrielich ... Endlich mndete die Waldchaussee auf die Landstrae mit ihren Obstbumen, bald war man bei den ersten Huschen von Waldbrunn angelangt, wo sich Arnold mit einem Handku vom Frulein, von Gerhart mit einem Backenzwickerl verabschiedete. Am nchsten Tag dachte er nur mit Unlust an diesen Vorfall. Was fr eine neue Strung!... Arnold war von wenig sinnlicher Anlage, sein rasches Leben schien tieferen Eindrcken der Frauenschnheit gleichsam zu entgleiten, so wie etwa ein reiender Bergbach von der Sonne nicht bis auf den Grund durchwrmt werden kann. Es sind ja meist die schwerbltigen Naturen, nicht, wie man meinen sollte, die lebhaften, die an den Frauen untrstlich kleben bleiben ... Er hatte zwar die ganze nicht eben umfangreiche Skala grostdtischer Verderbtheit mitgemacht, mit den Freunden eben, war eine Zeit lang von einer Dirne mit mehr als bezahlter Liebe geliebt worden, hatte Stubenmdchen und Weinstubenkellnerinnen Sonntags ins Hotel gefhrt, oder hatte in der Garderobe eines Klubhauses ein Familienmdchen eilig abgekt, aber all dies ohne rechten inneren Anteil, nur schnell und stundenweise und mit dem stets wachen Bewutsein, da daran nicht viel sei. Das Vergngen berhaupt war seine Sache nicht, er strebte nach Anstrengungen, Leistungen, Wirkungsmglichkeiten. -- Diesmal aber schien er an ein anstndiges Mdchen geraten, die die Sache ernst nahm, und das machte ihn unruhig. Ein langes Verhltnis konnte etwa daraus entstehn, mit Zrtlichkeiten, Verpflichtungen, gebundenen Rendezvous, kurz all den Dingen, zu denen er keine Zeit und Lust hatte. Sie gefiel ihm auch nicht besonders. Er sagte sich, indem er ernst wie ein Kaufmann Aktiva und Passiva gegen einander hielt: No ja, ein fesches G'stell, aber das Gesicht mutet mich nicht an, eine typische Fernwirkung ... Den Fehler ihres Gesichtes hatte er allerdings noch nicht herausgefunden, konnte sich berhaupt nichts mehr an ihr genau vorstellen, nur noch die feine dnne Empfindung seiner Fingerspitzen an ihrer leise aufrauschenden Seidenbluse, als er sie umfat hatte, und diese Erinnerung regte ihn freilich doch ein wenig auf. Ueberdies war sie ja so dumm, so simpel. Arnold hielt die Weiber berhaupt fr unfeine inferiore Geschpfe; lcherlich, mit ihnen sich abzugeben. Und mehrmals kam er erleichtert auf den Gedanken zurck, da ja nichts Groes zwischen ihnen vorgefallen war, Gott sei Dank. Er stellte sich erschauernd sein Gefhl heute vor, wenn ... Nein, das auf keinen Fall! Und doch wute er, da es dazu gekommen wre; gut, da der kleine Junge dabei war, o, er segnete ihn nachtrglich. Und die ganze Sache wurde ihm mehr und mehr unheimlich, da er fand, da sie ihn doch von seinen wichtigeren wrdigeren Geschften mehrfach in Trumereien abzog. Am Nachmittag blieb er in seinem Wigwam, schrieb und kmmerte sich um nichts anderes ... Da stand sie in der Tr, den Jungen an der Hand: Ich mute mir doch mal ansehn, wie Sie wohnen. Er fand kein Mittel unhflich zu sein, auch nicht die Neigung dazu. Mit einem gewissen Stolz (wie ehemals vor den Kurkapellen) setzte er sich zwanglos vor ihr in Szene, zeigte ihr den beladenen Tisch, den riesigen Einlauf, das ganze einfache Gehuse, das so recht seine eigene Schpfung war, die einzige bisher. Hier mchte ich ganz gerne wohnen knpfte er bedeutungsvoll an ihren Scherz an, mit einem tiefsinnigen Blick gleichsam in die eigene Seele hier ist der einzige Ort auf Gottes weiter Welt, wo ich mich zu Hause fhle... Sie frchtete zu stren, er hatte so viel zu tun, nicht wahr. Diese Zurckhaltung rhrte ihn, er erklrte, da es nicht so arg sei, und las den halbfertigen Brief vor, der auf dem Tisch lag, um ihr zu zeigen, frmlich herablassend, da das alles doch gar kein so besonderes Kunststck sei. Das wrde ich auch zusammenbringen, lachte sie. Er ermunterte zu einer Probe. Gerhart, spiel da drauen, sie fhrte das Kind vor die Tr, wo noch groe Sandlcher um die eingerammten Pflcke offen lagen, da hast du Mehl und Zucker. Und schnell kehrte sie zurck, entwarf ein paar Briefe, nach kurzen Andeutungen, die Arnold machte. Ihre Intelligenz berraschte ihn. Da htte ich ja einen perfekten Sekretr, das wnsche ich mir schon lange, nur hab ich's bisher nicht so weit gebracht. Ich komme jeden Nachmittag, wenn Sie wollen, stimmte sie erfreut zu und eifrig schrieb sie weiter, sorgfltige Buchstaben, wobei sie ihre ohnedies groen hellgrauen Augen noch mehr herauswlzte. Arnold ging zuerst auf und ab, blieb aber dann stehen und betrachte sie von der Seite, irgend etwas fesselte seine Aufmerksamkeit, ohne da er sich darber Rechenschaft ablegte, erst nach geraumer Weile bemerkte er, da es wieder diese im Verhltnis zur dnnen Taille reizend sich vorbiegende weiche Linie ihrer Brust war. Er bemerkte es rgerlich, trat aber, noch halb im Taumel, hinter ihren Sessel und prfte mit schwerem Ernst, ja mit Bekmmernis, die Wlbung ihres Rocks um die Hften, dann die Falten der Bluse, denen man es anmerkte, da darunter der Leib eng geschnrt war, betrachtete voll Interesse die scharfe, wenn auch nur wenig gehobene Kante, die der obere Rand des Mieders deutlich in den Blusenrcken prete, glitt zum Grtel mit seinem Blick und tiefer hinab, wo ihn das in jedem der zart eingewebten Rockstreifen ausgedrckte Anschwellen und dann das im finstersten Schatten ganz undeutliche Abschwellen zur Verzweiflung brachte. Endlich raffte er sich auf; ein Coupletrefrain, oder war es nur ein Spottvers, ging ihm im Kopf herum, immer lauter: Er regt soch auf, hat nichts davon. O pfui, wie ordinr war das, wie ordinr erschien er sich, ordinr, ordinr, und welch ein erbrmlicher Kontrast zu diesem Mdchen, die in ihrem Eifer und Schlerschreiben im Grunde einen so netten Anblick bieten mute. -- ...regt soch auf, hat nichts davon. Wie ordinr! Die Schamrte stieg ihm ins Gesicht. Und so sind also die Mnner. O wenn sie wte ... Wahrscheinlich hatte sie gar keine Ahnung davon, welche ihr gewi ganz entlegene Wirkung die Profilansicht ihres Krpers, ihr Rcken auf diesen -- gebildeten jungen Mann ausbte. Sie arbeitete da, zeigte voll harmloser Beglcktheit, was fr ein kluges Mdchen sie war ... Oder wute sie es? Verstellte sie sich so gut? In diesem Gedanken legte ihr Arnold teuflische Krallenhnde zu, Hrner unter der blonden, welligen Frisur. Er entfernte sich von ihr, bis in die entfernteste Ecke der Htte, von wo aus er sie anrief: Nun, sind Sie bald fertig? -- Jetzt erst bemerkte er, wie lange er nichts gesprochen hatte. Was war denn vorgegangen? Wieder stieg der Coupletrefrain in seinem Kopfe auf, so da er sich schttelte. -- Sie nahm es fr rger und beeilte sich noch mehr: Ja, ja, gleich, dabei legte sie eine Wange auf den linken Arm, schob das Papier weit nach rechts und jagte mit schrger Feder darber hin. Als sie fertig war, bewegte sie den kleinen Finger der rechten Hand hin und her: ...tut weh. ...regt soch auf, dachte er unwillkrlich in demselben Moment, durch den Rhythmus ihres kurzen Stzchens aufgestachelt, wie ein hhnisches Echo. Bin's halt nicht gewhnt, setzte sie fort. Ihm fiel der zweite Teil des Couplets ein, unaufhaltsam. Wird das so weitergehn?, dachte er wtend. Zugleich sprte er eine kindliche Wichtigtuerei aus ihren Worten heraus, die ihm gefiel, aber nichtsdestoweniger seine berlegenheit zurckgab. Rufen Sie Gerhart, befahl er und htete sich, ein Bitte dazuzusetzen. Er sah sie streng an, mit einer energischen Miene, die eigentlich ihm selbst galt. Sie ging an ihm vorbei, durch die Tre hinaus. An seinem gespannten unttigen Stehnbleiben in diesem Moment merkte er, da er, wieder verlockt, sie blde anstarrte ... Erst unterwegs dankte er ihr fr die Mhe. Jetzt sind Sie so lange gesessen, da mssen Sie Bewegung machen. Das war natrlich der bergang zu derselben Fang- und Kuszene wie gestern, nur erleichtert dadurch, da Lina sofort von der Chaussee bereitwillig zwischen die Baumstmme einbog. Sie wurde ihm von nun an unentbehrlich. Sie schrieb seine Memoranden ins Reine, die er in flchtiger Stenographie skizzierte, sie bersetzte Franzsisches, sie machte ihm die Korrespondenz so weit fertig, da er nur noch lesen und unterschreiben mute. So einen Diener, einen Ausfhrer konnte er gerade brauchen, dem er nur die Keime seiner zahllosen Ideen hinwarf, und schon wurden sie sorgsam aufgelesen, gereinigt, aufgezogen. Alles ging richtig, der kleine Gerhart spielte indessen drauen vor der Baracke, sie konnte sich mit einem Blick durch die Tre oder unten durch die Bretterluken durch schnell davon berzeugen ... Doch mit all ihrer Dienstfertigkeit war sie Arnold nicht angenehm. Gerade dieses Nutzbringende an ihr, diese Sklavennatur stie ihn ab, weil er fhlte, da er dadurch an sie gefesselt war. Die Verehrung, mit der sie ihn umgab, fand er unsinnig, ganz anders als die Anbetung der Freunde, die er doch zu verdienen geglaubt hatte. Wie sie ihm von fern himmelnd mit den Blicken folgte, wenn er die Gerste inspizierte oder Besichtigenden flink zur Hand war: das lhmte ihn fast. Ihre Kugelaugen waren wohl auch das entscheidend Hliche im Gesicht, diese wssrigen, ausdruckslosen Glasbuche, doch nicht minder mifiel ihm, da ihre Nase und die Kinnwlbung rot waren, die Backen derb und, aus der Nhe gesehn, nicht ganz glatt. Dafr entschdigte das reiche blonde Haar und die auffallend volle, doch biegsame Figur; jedoch, weiter betrachtet, war es gerade diese unlsliche Verbindung eines weichen, anmutigen Leibes mit einem so durchaus ungrazisen Gesicht, eines dmonisch Anziehenden mit einem eiskalt Abstoenden, was Arnold unheimlich und widerwrtig wie eine tzende belriechende Flssigkeit vorkam. Und mit diesem heillosen Eindruck wieder verbunden ihre offenbare Sanftmut, die Ergebenheit: o es war eine Disharmonie in allem. Und hatte er denn Zeit, das zu ordnen und zu entschuldigen, wie ein Verliebter etwa?... O, diese Liebe machte ihn ganz und gar nicht glcklich, nein, nur unruhig und niedergeschlagen. Er fhlte sich schwach gegen dieses Mdchen, er beneidete sie manchmal, denn sie war gewi beseligt in ihrer aufrichtigen Neigung zu ihm. Sie sprachen berdies nie ber Liebessachen, es fiel ihm nicht einmal ein, sie zu duzen. Als sie ihm gestand, sie sei einmal schon getuscht worden, der Brutigam habe sie nach schmhlichem Tun im Stiche gelassen, erschrak er heftig. Zwar nicht wegen einer etwaigen Heirat, dieser Gedanke lag wohl beiden gleich fern; aber da sie schon einem angehrt hatte, mute ihre Eroberung beschleunigen, und er selbst war, das wute er, im gegebenen Moment zu unbesonnen, um aus eigenem Willen einzuhalten. So sah er die Gefahr vor sich und keine Mglichkeit, ihr auszuweichen ... Zudem peinigte ihn der Gedanke, da dieses Verhltnis wenig standesgem sei, da er es zu wichtig nehme, und nur wenn ein Freund ihn neidisch fragte: Du, wer war denn gestern diese Fesche? beruhigte er sich ein wenig. Von auen her, durch die Wirkung auf andere mute er sich ihre Schnheit und Begehrenswrdigkeit deutlich zu machen suchen. Auf ihn selbst blieb diese Wirkung erstaunlich oft aus. Dann mute er sich ins Gedchtnis rufen, wie er sich gestern oder vorgestern in ihrer Nhe in Erregung wohlgefhlt hatte; sonst htte er sie berhaupt nicht ertragen. Oder er hrte gern zu, wenn sie erzhlte, wie ihr einer nachgegangen war, sie vergebens angesprochen hatte. Er forderte sie selbst zu solchen Berichten auf, die ihm ihren Wert ins Bewutsein brachten. Daher hielt sie ihn fr eiferschtig, freute sich darber, wenn sie auch viel zu demtig war, um diese seine Schwche irgendwie auszuntzen. Sie verschwieg ihm also lieber solche Begebenheiten; er, der beinahe das Gegenteil von eiferschtig war, mute sie mit List hervorlocken. So war ein versteckter Krieg entbrannt, ohne da sie es wuten ... Es war nicht zu vermeiden, da seine Leidenschaft, die auf bloe Sinnlichkeit ohne die leiseste Spur eines seelischen Anteils gestellt war, in ihrer Strke heftige Schwankungen zeigte, je nach dem Wetter oder seinem Ausgeschlafensein. Sank sein Feuer, so war es ihm schmerzlich, denn dann kannte er sich in diesem Verhltnis berhaupt nicht mehr aus, wute nicht, was er wollte und was das Ganze bedeutete. Deshalb geriet er auch jedesmal in Unruhe, wenn Lina hie und da schlecht aussah oder wenn ihr ein Kleid nicht pate. Es verdro ihn, wenn ihre Gestalt in gewissen Stellungen nicht vorteilhaft wirkte, er konnte dann den Gedanken nicht abweisen: Am Ende ist gar nichts an ihr -- er fhlte sich wie betrogen. Manche Tage erschien sie ihm zur Verzweiflung unscheinbar, eine Pustel entstellte den Mundwinkel. Sorgsam kontrollierte er ihr Abmagern oder Zunehmen, bat sie, nun in dieser Fasson innezuhalten, scheinbar scherzhaft, mit verhlltem innerstem Ernst. Er fragte sie, ob sie gut schlafe, wie viel sie gegessen habe -- alles nur zu dem einen Zwecke: um auf dem Umwege ber ihre Schnheit seine Behaglichkeit zu erlangen. Er hatte auch einen gewissen zrtlichen unmerklichen Griff, um sie gleich beim Kommen an der Taille anzurhren und rasch festzustellen, ob die diesmalige gute Wirkung mit oder ohne Zuhilfenahme eines Korsetts zustande gebracht sei. Dabei geriet er halb unbewut in inbrnstige Gedankengnge wie diese: Da sie heute so wenig fesch aussieht, so hat sie doch hoffentlich wenigstens kein Mieder an -- oder: Mein Glck wre vollstndig, wenn der heutige se Effekt ohne Mieder hervorgebracht wre. So kam es, da er niemals an dem, was sie war, an ihrer natrlichen und begrenzten Organisation ein endgiltiges Wohlgefallen fand. Sondern oft, wenn er sie in Mue beobachten konnte (sie schrieb, er diktierte) stellte er sich vor, wie ihre Nase oder die Hnde etwas besser zu machen wren, er probierte in Gedanken, ob ihre Brust noch etwas voller reizend wre oder schon unschicklich und bertrieben, ob man ihr nicht mit Brillantohrgehngen oder mit einer Brille (o diese Augen!) beispringen knnte. Er kleidete sie in Trachten verschiedener Zeit, er operierte sie. Wie schwer war es doch, sich in die Liebe hineinzureden. Da er den naturgemen Zusammenhang ihrer Eigenschaften nicht kannte, auch sich keine Zeit dazu nahm, ber ihn nachzudenken, hatte er Angst, es knnte eines Tages ihre ganze Schnheit pltzlich verschwunden sein. So war er stets angespannt, stets auf dem Posten, nervs und erregt. Sie jedoch, natrlich ohne jedes Verstndnis fr seine Qualen, strte ihn obendrein durch Reden wie: An mir ist ja nichts oder Ich wei, da ich nicht schn bin. Das war immer wie ein Futritt in seinen kunstvollen Ameisenbau, dann kribbelten schnell seine Ideen und Reden heran, um den Schaden wieder gut zu machen. Er stellte ihr vor, da er solche Selbsterniedrigung hasse, da sie ja damit ihn selbst angreife und blamiere, denn was sei er, wenn er mit einer, an der nicht viel sei, so viel verkehre. Sie versprach zerknirscht es nie mehr wieder zu tun, verga das aber schnell, da sie es im Grunde nicht begriff, lobte ihn: Was bin ich gegen Sie?, sehr erstaunt, da ihn das rgerte. Dann weinte sie. Er mute sie trsten, doch wiederum fand er bald den Unterschied gegenber seiner frheren Trostwirkung auf Freunde: Damals hatte es sich um Taten und Ermutigungen zur Arbeit gehandelt, hier umfate der Trost die ganze Person und war eben deshalb ein leeres Gerede ... Alles in allem empfand er ein Gemisch von Mitleid, Dankbarkeit, Neugierde, Unmut, Eitelkeit, auch ein wenig Hingezogenheit und starken Kitzel, all dies wechselnd und heftig, wie es sich fr sein unstetes Gemt eben schickte. Inzwischen war auch das Flugunternehmen an einen kritischen Punkt gelangt. Aus nichtswrdigen Quellen huften sich die Angriffe, anonyme Briefe flogen, die Sicherheitsbehrden schritten ein. Ein radikales Blatt sprach offen von Schwindel und Bankrott. Farman, Blriot sagten ab und so hatte sich der Ausschu an den jungen hoffnungsvollen Aviatiker Ponterret gewendet, einen Belgier, der einen Apparat eigener Konstruktion vorfhren sollte. Er war einverstanden und bald sah man in den Auslagen Photographien eines hbschen Herrn, frisiert und schlank, der aus dem Hohlsitz seines Monoplans die Mtze schwenkte oder khn wie Latham Zigaretten rauchte oder aus kriegerischer Schutzbrille in die Luft starrte, die Hand am Lenkhebel. Die Zeitungen brachten seine Biographie, er hatte sich ffentlich noch wenig hervorgetan, umso mehr privat, auch zitierte man einen Ausspruch Paulhams, da dieser junge Mann der Einzige sei, der ihm jemals gefhrlich werden knnte. Auf den Plakaten fhrte er daher das ehrende Attribut Der Rivale Paulhams, und bald war sein Name so sehr in aller Munde, da man ganz verga, ihn vor einer Woche noch gar nicht gekannt zu haben, da man beim Aussprechen schon jenen illustren unbeschreiblichen Beiklang herausschmeckte, den die Namen der groen Helden und Meister haben: Ponterret!... Der Apparat kam, per Sonderzug, wurde ausgestellt, photographiert, erklrt, von Mittelschlern klassenweise offiziell besichtigt, unter sachverstndiger Fhrung des Physikprofessors. Endlich traf der Champion selbst ein, von der Stadtvertretung begrt, brigens sehr bescheiden und sympathisch, nur auf seine Arbeit bedacht. Man beschrieb ihn in den Zeitungen, wie er eigenhndig, selbst geschickter als seine Monteure, die niedrigsten Dienste an seiner Maschine zu leisten sich nicht scheute, keinen Bestandteil fr unwichtig hielt, jede Schraube tausendmal ausprobierte. Schon am nchsten Tag versuchte er einen Flug, der Motor ging nicht, das Benzin war schuld daran. Bei der nchsten Probe geriet die wertvolle Dogge des Fliegers in die Schraube, die gerade angelassen wurde, die Schraube brach, die Dogge blieb auf der Stelle tot. Ohne mit der Wimper zu zucken, lie Ponterret sofort eine neue Schraube anmontieren, doch setzte der Motor bald darauf aus, die Probe mute abgebrochen werden. Die Journalisten konnten nichts tun als immer wieder den Piloten beschreiben, der nach solchem Migeschick mit kaltbltigem Lcheln vor dem Hangar auf- und abspazierte, winzige Zigaretten rauchte, dann aber gleich wieder im blauen Arbeitermantel, unter dem die gelben Lackstiefelspitzen hervorschauten, unverdrossen ans Werk ging, die Verbindungsdrhte wechselte oder das Traggestell ausbalanzierte. Ponterret plagte sich unermdlich, er setzte sein Leben bei den fortgesetzten Proben mehrmals aufs Spiel, er war zugleich liebenswrdig und energisch, mutig und auf das Schlimmste gefat, er bot eine Vereinigung smtlicher Heroentugenden; trotzdem erzielte er nicht den mindesten Erfolg, der Apparat funktionierte einfach nicht. Kurz und gut, Ponterret bot das unserer Zeit schon etwas entfremdete, aber fr die damalige Kinderstammelperiode der Flugtechnik typische Bild des hingebungsvollen, tchtigen, durchaus ehrenwerten Aviatikers, dem trotz aller Anstrengungen und Aufopferungen ein leiser Hauch von Komik anhaftet, weil ihm so gar nichts gelingt, dem vielleicht nur ein kleiner Handgriff fehlt oder am Ende gar nur unglckliche Zuflle im Weg stehn. Man wnscht ihm ja das Beste, man wnscht aber zugleich, peinlich berhrt, der beweinenswerte Held wre hbsch zu Hause geblieben, da man ja nicht die Mglichkeit hat, seine Handgriffe oder Zuflle irgendwie gnstig zu beeinflussen. Er stellt, man mag ihn entschuldigen wie man will, das konzentrierteste Symbol menschlicher Unsicherheit und Machtlosigkeit dar; und das kann man ihm nie verzeihn ... Drei Tage vor dem angesetzten Schauflug brach Ponterret einen Flgel seines Aeroplans, nun mute man Ersatz aus Paris herantelegraphieren, den Flugtag um vierzehn Tage verschieben. Das Publikum wurde allmhlig ungeduldig. Zwei Holzhndler lieen es aber bei akademischer Ungeduld nicht bewenden, sondern fhrten Exekution gegen das Konsortium, das sie auf den Flugtag vertrstet hatte, und lieen den Apparat mit Beschlag belegen. Die Pfndung mute natrlich aufgehoben werden, denn der Apparat war Privateigentum des Fliegers. Die Sache aber machte Aufsehn, und nur wer finanziell nicht beteiligt war, lachte. Jetzt erst begann Arnold stutzig zu werden. Er strmte zu Philipp Eisig um Aufklrung. Was fr Aufklrungen erklrte heiter der Dicke. Es wird natrlich ein Reinfall. -- Was, du meinst, Ponterret wird nicht aufsteigen. -- Aufsteigen mu er, das steht im Kontrakt, das heit: starten. Aber fliegen? Du hast es ja gesehn. -- Du glaubst, nein? -- Was willst du von mir. _Ich_ kann nicht an seiner Stelle fliegen. -- Aber wir sind doch verantwortlich, vor der ffentlichkeit. Man wird das Entree zurckgeben mssen, dann liegen wir drin. -- Keine Idee. Man wird natrlich das Entree nicht zurckgeben. -- Man wird es. Das verlangt der Anstand. -- Du bist ein Narr. -- So, dann trete ich aus. Einem betrgerischen Unternehmen stehe ich nicht vor, das ist nicht meine Art. -- Nun aber wurde Eisig ganz ernst und khl, whrend man das Bisherige immerhin noch als Ausdruck seiner spttisch-mrrischen Sitten htte erklren knnen: Das wirst du nicht. -- Ich werde es. -- So, dann bitte ich doch, du Gerechtigkeitsprotz, zunchst auch einmal deine Verbindlichkeiten gegen mich zu erfllen. Ich denke, er bltterte in einem Notizbuch, das er merkwrdig schnell zur Hand hatte, es sind jetzt bald tausend Gulden. -- Nur achthundert erwiderte Arnold betroffen, halb mechanisch. -- Ohne Zinsen! -- Du weit, da ich momentan kein Geld... -- Ach was, momentan, immer momentan... -- Du hast mich doch heute zum erstenmal gemahnt. -- Nun, und was folgt daraus? Ich brauche momentan Geld, das ist die Sache, verstehst du. Alles andere ist mir ganz wurscht. Sonst erfhrt nmlich mein Alter, da ich dort drben Wechsel fr ihn einkassiert und fr mich behalten habe. Lange genug schieb ich's von einer Seite auf die andre, einmal mu das Loch zugeklebt werden. Und da wird man aufs Entree verzichten, schner Gedanke!... -- Arnold erschauerte; je lnger und begrndeter Eisig sprach, desto klarer wurde ihm, da es sich da um sehr schmutzige Geschfte handelte. Jetzt erst sah er, in was er sich eingelassen hatte. Ja, htte er's nicht gewut, jetzt htte er es an Philipps Gesicht erkannt, an diesen wulstigen Lippen, den breit wie gelbe Wandteller hinausgezogenen Wangen und den allzu dichten Haaren darber, durch den Scheitel zu zwei gleichmigen dicken Polstern aufgeschichtet. Was Jahre dichtesten Umgangs nicht entschleiert hatten, entdeckte er jetzt: den verbrecherischen Zug in diesem Kropfgesicht, und verstand in einem Blitz den grndlichen Unterschied zwischen seinem eigenen Abenteuerwesen und dem des Freundes. Wtend machte er sich davon... An diesem Nachmittag erschien ihm Lina angenehmer als sonst. Ihre Gte und Unterwrfigkeit tat ihm wohl, schon die weiche klagende Stimme verscheuchte ein wenig seine Sorgen. Das war doch ein befreundeter Mensch, auf den man sich verlassen konnte. O, ein Glck, da er die hatte, so ein braves anstndiges Mdchen! Er drckte ihr warm die Hand, doch eilig, denn heute hatte er ihr besonders viel zu diktieren und anzuregen, ihre Feder flog nur so. Es fiel ihm zugleich ein, da er Unrecht tat, ihre Liebe so auszubeuten, sein moralischer Sinn war gleichsam durch die Unterredung mit Philipp geschrft. Sie tat ihm leid. Doch heftiger erfllte ihn wie ein Nebel die Angst um die eigene nchste Zukunft, tausend Rettungsplne, das Notwendigste fr den Moment. Es war, als entfache das drohende Fiasko nun noch die letzten Reserven seiner Willenskraft und Anspannung, seine uersten Gedanken. Heute bewunderte er sich selbst, und als er gegen Abend den Haufen der fertiggestellten Briefe berschaute, darunter ein paar wirklich gelungene, -- um vorzubeugen, Rckzug zu sichern -- atmete er zufrieden auf ... Ein Schrei Linas erschreckte ihn. Der kleine Gerhart war nicht da, verschwunden. Sie suchte vor der Htte, berblickte von den Stufen des Amphitheaters aus die Rennbahn, vergebens. Verzweifelnd gab sie sich, nur sich selbst alle Schuld an dem grlichen Unfall, sie hatte heute weniger aufgepat als sonst, das Kind mochte sich verirrt haben, ins Wasser gefallen sein, Gott im Himmel, was war da zu tun! -- Arnold forschte indessen die Arbeiter in der Nhe aus. Ja, man hatte den Kleinen auf dem Wege zum Weidengestrpp gesehn, das auf der andern Seite der Flugwiese in menschenleerer de sich erstreckte, gegen den Flu zu. Schon eilte Lina in dieser Richtung, Arnold ihr nach. Sie kreuzten durch die niedrige Wildnis, bckten sich unter verflochtenen sten durch, rissen sich wund, schwitzten. Der Boden wurde schwarz und fett; setzte man den Fu auf ihn, so quoll kotiges Wasser hervor. Die Weiden standen dicht wie ein Kornfeld beisammen, Lina bog sie auseinander, hielt sie fest, um dem Nachfolgenden Raum zu geben, lie sie aber doch noch einen Augenblick zu frh los, so da sie ihm gerade recht ins Gesicht peitschten. Gereizt bat er sie umzukehren. Sie waren ber glitschrige Steine an das Schilfufer des Flusses gelangt. Man sah fast gar nichts mehr, denn der Tag war regnerisch gewesen und jetzt gegen Abend erfllte warmer aufsteigender Dunst die Luft. Nun wateten sie durch Binsen und Rhricht zurck, gerieten wieder in die Bume ... pltzlich erblickten sie, beide zugleich, durch eine dichte Brombeerhecke von ihnen getrennt, das Kind, das arglos ruhig auf einem steinigen Pltzchen einen Sandturm aufbaute. Ein Anblick, so voll Kontrast zu der angstzerrissenen Stimmung der beiden, da sie trotz rgers und Kopfschttelns und Hastens wie auf einen Schlag stehn blieben und, wie man es einer Vision gegenber tun mag, unter langsamem Hndeaufheben beide die Lippen zu einem notwendigen, gar nicht lustigen Lcheln dehnten ... Den Sand hatte das Kind offenbar in seinem kleinen Blechkbel vom Flugplatz hierhergetragen, beschwerlich, in mehrmaligen Gngen, und es gefiel ihm so gut, in dieser neuen Umgebung zu schippen, wo es eigentlich von rechtswegen gar keinen Sand gab, als ein kleiner Herrgott also, da es Augen und Ohren an sein Spiel verloren hatte ... Lina, aus dem Bann erwachend, unterdrckte einen Jubelschrei, ihre Augen glnzten dankbar gegen Arnold, als schulde sie ihm den glcklichen Ausgang dieses Zwischenfalls. Einen Moment lang fand er sie wirklich schn, in diesem feuchten dunklen grnen Laubwerk, mit ihren glnzenden roten Wangen, der klopfenden Brust. Lau brodelte es aus dem Moos, den alten Stmmen, wie ein Bad, das alle Glieder in Wohlbehagen lst. Dicke Fliegen setzten sich ihm auf die Stirn, die Augenlider, und wenn er sie verscheuchte, fielen sie wie besinnungslos wieder auf ihn zurck, berhrten ihn heftig zitternd, kleinen schweren Hndchen gleich. Es schien ihm, als trgen sie ihm Linas Krperduft nher, als balle er sich um diese schwarzen Krperchen, ja als seien die Fliegen nichts als kompakte Pillen dieses betubenden Geruches, o dieses gar nicht mehr fremden, nein wohlvertrauten Geruches einer Frau, die er schon oft gekt, gekt, aber nur gekt hatte, ... die jetzt so dicht bei ihm war, wie in einem Zimmer bei ihm. Und das spielende gerettete Kind so nah, so nichts ahnend, so unwissend, blind gegen das, was jetzt sofort neben ihm geschehn wird: diese eigentmliche Vorstellung, die ihn wie mit der allerdurchtriebensten Freude erfllte, entschied. Vielleicht wirkten auch die vielen berstandenen Aufregungen dieses Tages mit. Pltzlich fhlte er sich sicher, nicht wie sonst im Kurwldchen von Menschen bedrngt. Eine seltsam qualvolle Lust ergriff ihn, wie ein letzter Auslufer der raschen Gehbewegungen vorhin, die nicht unvermittelt abbrechen wollten, er strauchelte vorwrts, ber eine Wurzel, er fate mit beiden Hnden geradeaus langend, die beiden Brste des Mdchens, diese vorstehenden nachgiebig-festen Brste, die ihn immer so gelockt hatten, fate sie mit einem Griff, dem man htte anmerken knnen, da er ihn in eben dieser Art und mit dem glhendsten Feuer in Gedanken oft schon ausgefhrt hatte, er drckte sie wie Ballons, wie um sie auszupressen, wie um sich an ihnen festzuhalten, ber einem Abgrund schwebend gleichsam, und nun, keuchend, hei, auer sich, mit hpfenden Augen, die Haare gestrubt, singend, matt, verzckt, drngte er Lina an den nchsten Baum, dessen trockene Rinde in kleinen Stckchen herabsplitterte. Einen Augenblick spter war sie sein. Seine Empfindung sofort nachher war ohne jeden bergang: eine malose Wut gegen sich selbst. Also doch, also doch war es geschehn, trotz allen Inachtnehmens, also doch, also doch ... Er war still, whrend Lina sich abwandte und nach einer Weile, da nichts mehr geschah, das Kind holte. Das Geschrei des kleinen Lausbuben, der seine Bauten nicht verlassen wollte, zergellte ihm die Ohren. Er begleitete sie nach Hause, niedergeschlagen, doch so weit gefat, da er noch einiges sprach, was sanft klang, weil seine Wut sich inzwischen in eine unsgliche Traurigkeit verwandelt hatte. Lina flte ihm mit jeder ihrer Bewegungen Furcht ein, sie war ihm unheimlich, bald weil sie nach seiner Meinung eine Wendung ins Zrtliche machte, bald weil er sich von ihr verachtet glaubte. Und dieses Kind, dieses Teufelskind war schuld an allem, diesen Gerhart htte er kaltsinnig erwrgen mgen. Los werden die zwei, das war sein einziger Wunsch, den er durch Rcksichtnahme und galante, dankbare Anwandlungen verflschte, der aber zum Schlu den Abschied doch bedeutend abkrzte. Arnold hatte das Gefhl, als msse er auf die Erde stampfen und mit gerecktem Arm die beiden weit von sich wegschicken. Er zwang sich noch zu einigen Phrasen; als aber Lina immer noch nicht ging, drehte er sich auf dem Absatz herum und geriet rasch in immer schnelleren Schritt ... ber die dunkle Ebene jagte er seiner Baracke zu. Dort strzte er nieder, konnte nicht mehr weiter. O ein Wigwam, fragte er sich hhnisch, nein ein Brettersarg ist das! Er trat ein. Ohnmacht und Reue erfllten seine Seele, doch zugleich erschienen wie von einem tieferen Grunde herauf unzusammenhngende Bilder, halb vergessene, ungerufen zogen sie vorbei und lenkten den armen wirren Geist in ihre Trumerei ... Da sah er sich, sah sich als kleinen Knaben, an der Hand der teuren Mama im Schulsaal zum erstenmal, bei der Aufnahme in die Schule. Und whrend ihn der Lehrer fr die erste Klasse einschrieb, hatte das Knirpschen schon den Mund offen: warum hier zwei Tafeln bereinander seien, nicht eine, wie er es in Puppenschulen bisher gesehn. Freundlich belehrte ihn der Herr Lehrer: Ja, wenn die eine vollgeschrieben ist, dann ziehn wir eben die obere leere hinunter, nichtwahr. Siehst du, so macht man das, so... und hatte es ihm gezeigt, whrend er sich zugleich lobend zur Mutter wandte: Ein aufgeweckter Junge. O Gott, warum hatte ihn denn damals jeder lieb gehabt und jeder gestreichelt, sich ber ihn gefreut, und so unschuldig, spielend alles -- und jetzt war es doch nur derselbe Trieb, der ihn in Schuld und Schande verstrickt hatte, genau ebendieselbe Glut, die damals allen so wohl getan hatte, er konnte gar nicht mehr dafr als damals fr seinen kindlichen Reiz ... Zum erstenmal berblickte er sein ganzes Leben und fand es erschreckend wie ein Gewitter in der Nacht, fand es sinnlos, trostlos und sich selbst immer unter demselben Stachel ungerecht leidend, preisgegeben, verschmachtend, ein Spielzeug bermchtigen himmlischen Zorns. O wer kannte seine Qualen! Wer stand ihm bei! Wer hatte Mitleid mit der Unbesonnenheit des verblendeten Kindes, mit dem Unseligen Mitleid!... Htte er nur ein Herz gehabt, einen Freund, Eltern, die ihn verstnden! O auf die Berge htte er steigen mgen und wie Giebche seine Arme ausstrecken nach einem guten menschlichen Herzen ... Doch nein, da hatte man ihn immer weiter rennen lassen, zurck bersah er es bis hinab zu seiner dunklen Fuballeidenschaft, zu den ersten Tollheiten, immer weiter hatte man ihn rennen lassen, den Hitzigen, und so war er bis hierher gerannt, niemand hatte ihn gewarnt, bis hierher auf diesen Fleck und auf diese Stunde, wie blind, whrend von allen Seiten die Wnde des Engpasses immer nher und drohender zusammenrckten, aber blind immer weitergerannt, bis hierher, wo es kein Zurck mehr gab ... Trnen entstrmten ihm bei diesem Gedanken, er weinte, ein tiefes Erbarmen mit sich selbst hatte ihn erfat, mit seiner reinen verlorenen Jugend, ja mit der ganzen Welt ... Nur eine Weile. Dann kehrte der Zorn zurck. Er erinnerte sich -- o war das nicht Warnung genug gewesen? -- da er schon mitten in dem kurzen Genu vorhin den Widerwillen gesprt hatte, den dieses verdammte Weib ihm einflte, einen Ekel und eine Notwendigkeit zugleich, wie wenn man etwa frh in den noch ungesplten Mund ein Glas Wasser aus Durst hinunterschlucken mu. Er spie aus ... Da lagen ja noch die Briefe, ein ganzes Paket. Er verfluchte seine Energie, sie war zu nichts nutze. Und mit einem gewaltigen Druck ri er mitten an dem Sto, es ging nicht, da teilte er ihn in zwei Lagen, hierin wenigstens konsequent, und zerfetzte jede in kleine Stcke. Mochte alles werden, wie es wollte, er gab's auf... Eine Idee kam ihm. Die Markensammlung verkaufen, und nach Amerika!... Da waren doch fnfzehntausend Mark nach Senff, ein Kapital, ein Anfang!... Er fuhr in die Stadt, und obwohl schon bald zehn Uhr war, beschlo er, Lambert zu besuchen. Der hatte kommissionsweise die Einkufe vermittelt, sicher wute er einen Kufer, vielleicht war er sogar selbst geneigt ... Er klingelte. Jetzt erst bemerkte er, wie unschicklich es war, mitten in der Nacht mit dieser Verkaufsangelegenheit einzudringen; er fate schnell den Plan, seine Absicht zu maskieren. Ich habe da ein Angebot, rief er, es mu sofort entschieden werden, telegraphisch. Soll ich zwanzig Stze Jubilumsmarken bestellen? Das macht so etwa fnfhundert Kronen. Lambert, geschmeichelt durch dieses Zutraun zu seiner Fachkenntnis, rckte sich zurecht. In seinem taubengrauen Schlafrock mit dunkleren Schnren, im Lederfauteuil, jetzt Zigaretten anbietend und der Sitte gem sofort sich erhebend, um einen Likr aus dem Kstchen zu holen, war er ein Musterbild reifer, gesetzter Jugend, ein Beispiel fr jene merkwrdige Leichtigkeit und Unbedingtheit, mit der gewisse Naturen (es sind nicht immer die wertvollsten) den bergang von unverantwortlichem Knabentum zur wrdigen reprsentativen Mannheit vollziehn. Arnold, so tief unterlegen gerade in diesem wirren Moment er dem Gefestigten war, fhlte doch eine gewisse lcherliche Schwche an ihm heraus, in der er sich instinktiv sofort festnistete: Ich komme zu Ihnen als einem Kenner, Sie wissen ja... Nun, ich glaube, holte Lambert aus, das ist ein gutes Geschft. Die Verwaltung gibt nur eine sehr beschrnkte Anzahl aus. Schlielich ist doch Bayern kein Costa Rica oder sonst ein exotischer Staat, der an Jubilen Geld verdienen will. ... Wie langweilig waren fr Arnold diese selbstverstndlichen Gedankengnge, mit denen Lambert sich ein Ansehen gab. Seine aufgeregte Hast kmpfte mit der Klugheit, den Schwtzer ausreden zu lassen, endlich fiel er doch ein: Ich wei. Gut, aber das hat man bei der vorigen Emission auch gesagt. Und da kamen Nachtrge. Von Raritten ist nicht viel zu spren ... Schlechte Spekulation. Ich hab's berhaupt satt. Wissen Sie nicht, wie ich die ganze Sammlung loswerden knnte? ... Lambert blieb noch eine Weile im alten Geleise, sei es, da er Arnolds Wendung fr eine bloe Gesprchslaune hielt, sei es, da er auf eine so fernliegende Abschweifung berhaupt nicht aufgepat hatte. Er redete also weiter von steigenden Werten, Neudrucken, Facsimilien, bis ihn ein nochmaliges Andrngen Arnolds aufhielt. Nun erst ging er mit gleichgiltiger Miene (auch Arnold blieb uerlich ruhig) auf das neue Thema ein: Ja, das ist eine schwere Sache. Man mte die Sammlung ausschreiben, in Fachzeitungen, das dauert lang und dann werden Ihnen die besten Stcke herausgeklaubt und der Schund bleibt. Oder Sie tragen das Ganze zum Hndler, der gibt Ihnen gar einen Pappenstiel. Es bleibt also nur irgend ein groer Privatsammler. ... Ja, ein Privatsammler, wiederholte Arnold gierig. Wissen Sie also einen? ... Lambert berlegte ... Fr zehntausend, begann Arnold, und da Lambert berrascht lchelnd aufblickte, fuhr er fort: Fr zweitausend Kronen gebe ich alles. Denken Sie, Altsachsen vollstndig. ... Lambert machte ein spitzfindiges Gesicht, wie am Schlusse seiner berlegung angelangt, als habe er es jetzt herausgebracht: Ja, wer legt aber so leicht zweitausend Kronen auf den Tisch? Das ist ein schnes Geld. Das tut einem weh. ... Wie kommt das aber? fragte Arnold betrbt und kindlich ... Lambert erging sich in Vergleichen. Sammelwert sei etwas anderes als Wert im Allgemeinen. Und wenn man einen neuen Pelz kaufe oder ein Schmuckstck, ein Mbelstck, wieviel bekomme man beim Weiterverkauf, auch fr die besten, wie neuen Stcke ... Das Gesprch verlor sich ins Allgemeine, Arnold lobte Lamberts Einrichtung, eine echte Junggesellenwohnung, dabei sah er im Innern ein, da hier nichts zu holen war. Erschpft und bleich blieb er noch ein Weilchen sitzen, fand nicht die Kraft, aufzustehn und wegzugehn, seine Gewandtheit hatte eben auch ihre Grenzen. Endlich empfahl er sich. Lambert meinte im Weggehen: Also wegen der Jubilumsmarken knnen Sie ganz unbesorgt sein. Dabei riskieren Sie nichts. Eventuell beteilige ich mich. ... Arnold htte am liebsten laut aufgelacht. Und unser Meeting morgen, fgte er noch hinzu, probierend, das wird ein schner Humbug, was? Er zwinkerte dabei. Auch Lambert lchelte verschmitzt und kniff ein Auge halb zu, mit kleinen Fltchen: No, das glaub ich. Sie schttelten einander die Hnde, wie in vergngtem Einverstndnis ... Und gegen dieses niedertrchtige Leben, sagte sich Arnold, indem er Stufe um Stufe hinunterschritt -- Lambert leuchtete, ber die Gelnderbrstung gebeugt, klingelte dem Hausmeister, im finstern Gang unten erschien etwas Undeutliches, Warmhauchendes, Mann oder Weib, fhrte Arnold ans groe Eisentor, stellte die Laterne auf den Steinboden, steckte den Schlssel ein und gab endlich mit leichter Hand der massiven Pforte einen ganz kleinen Sto -- und gegen dieses niedertrchtige durchdachte kolossale Leben habe ich mit Spielereien ankmpfen wollen, mit Papierschnitzeln. Da seh' ich erst, wie ahnungslos ich war ... ein Kind, in allem... Von neuem traten ihm Trnen in die Augen. Auf seinem Schreibtisch zu Hause lag ein Brief. Gottfried Eisig, der vor einigen Tagen einen Journalistenposten in Berlin angenommen hatte, schrieb ihm begeistert (Arnold erkannte den eigenen Stil darin) von seinem jetzigen Leben, von der Weltstadt. Ob er nicht hinkommen wolle? Ein dritter Feuilletonredakteur werde eben gesucht. -- rgerlich warf Arnold den Brief weg. Ja, neue Wirren, neue Verlockungen, das wre so das Rechte! Man kannte ihn ja, man hielt ihn schon fr fhig zu jeder Dummheit. Da trat sein Vater herein: Weit du es schon? Die Gromutter liegt im Sterben ... Pst! Die Mama darf es nicht wissen. Ich hab sie nur ein bichen vorbereitet. Da lies die Karte von Lichtnegger. Arnold las, ohne Bewegung, gedankenlos. Den letzten Satz hab ich ihr gar nicht gezeigt. Trotzdem fhrt sie morgen Nachmittag nach Wintertal. Ich kann nicht mit, jetzt in der Hochsaison. Wenn sie sich nur nicht zu sehr aufregt... So viel Lrm wegen einer alten Frau, dachte Arnold. Pltzlich fiel ihm ein: Wenn du willst, begleite ich die Mama... Du wolltest?... Aber morgen ist ja euer Schauflug. Ja richtig, der Schauflug! Arnold machte, als ob er sich erst jetzt darauf besnne. Dann zog er mit dem letzten Rest seiner Energie den Mund mnnlich zusammen: Das kommt nicht in Betracht. Ich fahre mit der Mama nach Wintertal. Der Vater sprach noch eine Weile, bereitete nun auch ihn gleichsam auf das Unvermeidliche vor: Die Gromutter sei ja schon vierundneunzig Jahre alt, was fr ein Leben ... man knne sich denken ... man msse froh sein ... einmal wre sie jetzt so wie so eingeschlafen, aus Altersschwche ... nun diese Lungenentzndung, das wrde sie wohl nicht berstehn. -- Und in allem Sanftmut schien er dieses baldige Ende frmlich von der Natur zu fordern, als Besttigung seiner regelmigen Ansichten ... Sie wird sich freun, wenn sie dich noch einmal sehn kann schlo er du bist ja ihr besonderer Liebling. Arnold wich zurck: Ich -- ihr Liebling? Ist das ein Witz? Natrlich. Wie sie vor fnfzehn Jahren hier war, hat sie sich mit niemandem vertragen, nur mit dir. Sie ist ja, unter uns gesagt, eine wahre Furie ... Immer noch erzhlt sie von dir, was fr ein braver Junge du warst. Um Arnold sauste es. Er mute die Fuste ballen, um diesem Sturmwind standzuhalten. Die auch, murmelte er und seine gleinerische Stellung in der Welt, all der lgenhafte gute Ruf, der so ungerechtfertigt sein hirnloses Zappeln umgab, fiel ihm wie hhnischer Vorwurf auf die Seele. Der Vater trat besorgt nher. Was sagst du? Nichts, Papa. Gute Nacht also. Ich bin todmde. Morgen weiter. III. Erst im Eisenbahnkoupee wurde Arnold ruhiger. Nur ein dunkler Mimut blieb ihm zurck, unten auf dem Grund, den auch die Ste des Zuges nicht aufrttelten und nach dessen einzelnen Bestandteilen zu forschen er sich wohl htete. Die Mutter hatte eine Unzahl von Paketchen mitgebracht, die er ttig ins Netz schlichten half: Obst und Buttersemmeln als Reisekost, fr die treue Frau Lichtnegger Wrste und einen groen Schinken, fr die Gromutter Magenlikr, den sie immer verlangte, Brustbonbons und andere Kleinigkeiten ... Erst als sie alles in Ordnung wute, heiterte sich ihr Gesicht auf, und indem sie sich bequem zurechtsetzte, gab sie Arnold Anweisungen, wie er sich verhalten msse. Laut reden, natrlich -- und sich nichts draus machen, wenn er manches nicht verstehe, die Mutter spreche eben noch wie die alten Leute -- er solle nur recht lustig sein, ihr Witze erzhlen, auch sagen, da er schon Geld erspart habe, das sei die Hauptsache -- und warum er so eine schlechte Krawatte anhabe, er solle in Wintertal gleich eine bessere kaufen, darauf gebe die Mutter sehr viel, letzthin habe sie zum Beispiel ihr Reisekleid nicht elegant genug gefunden. Auf solche Sachen gibt sie noch acht? meinte Arnold zerstreut. Jetzt etwa begann der Flug in Waldbrunn. O sie gibt auf alles acht. Du wrdest staunen. berhaupt, gescheit ist sie... Es klang so wie: Ja wenn alles an ihr so gut wre... Ist sie wirklich so bs? fragte Arnold gleich, etwas bereilt, da er eben nicht ganz bei der Sache war, trotz innerer Anstrengung. Der Mutter aber schien diese Wendung nicht unangenehm zu sein; sie begann gleich von ihrer Jugend zu erzhlen, als gingen ihr alle diese Dinge schon recht eifrig im Kopf herum. Durch die Reise in ihre Heimatstadt war die Vergangenheit nher an sie herangerckt. Was fr Qualen!... Sie hatten eine Glasperlenerzeugung gehabt, die Mutter am Platz, der Vater immer auf der Reise, denn zu Hause war ja die Hlle. Oft muten die Kinder Nchte und Tage lang Knpfe auf kleine Kartons befestigen, bis ihnen die Augen zufielen. Wenn nicht so und so viel Gros fertig waren, muten sie auf Erbsen knien und weiterarbeiten. Wir haben mehr Schlge gekriegt als zu essen. Und dabei war solcher Flei gar nicht ntig, denn das Geschft ging ja damals noch sehr gut, sie kauften sogar spter ein eigenes Haus. Aber die Kinder muten weiter arbeiten, nur aus Geiz, da ihnen die Finger wund wurden, auf einem Schammerl stehn und groe Kisten packen und wehe, wenn etwas zerbrach! Dann auf den Markt fahren, nach Pilsen. Und immer Lrm, Schimpf, Prgel, da schon die Nachbarn sich dessen annahmen. Einmal wurde die lteste Schwester, die Marie, im Hemd hinausgejagt, mitten im Winter, weil sie geantwortet hatte. Und niemand da, um die Kinder zu schtzen. Nur der Vater sandte manchmal aus der Ferne zehn Kreuzer, ein Papierzehnerl an jedes Kind, das war alles. Marie lief denn auch bald fort in die Fremde, sie wollte Kindergrtnerin werden, war gebildet, an einem gewissen Ort hatte sie heimlich zu Hause Bcher gelesen -- anderswo, das wre ihr schlecht bekommen! Aber unbehtet, unerfahren, wie sie war, geriet sie an einen Kellner, einen Schwadroneur -- nie hatte sie mit einem Mann reden drfen, immer zu Hause eingesperrt, kein Tanz, kein Vergngen, jetzt war sie natrlich von dem ersten besten entzckt -- der hatte sie geheiratet, in Not und Elend, und so war sie untergegangen, gestorben -- so schne Zhne, schne Haare, alles weg -- und wie oft hatten die Geschwister, auch der Bruder, der Poldi, die Alte auf den Knien gebeten, mit aufgehobenen Hnden, ihr doch mit etwas beizustehn. Die hatte ja immer Geld. Nein, nur ihre Flche waren der verbotenen Ehe gefolgt, als Mitgift. Und ebenso der Ehe des Poldi. Indessen hatte auch der Vater das Heim verlassen, eine andere Frau in Serbien irgendwo genommen, Prozesse waren gefolgt, wegen Bigamie, und lauter solche schreckliche Sachen, dann hatte man vom Vater nichts mehr gehrt; verschollen. Die Htte aber in Wintertal hatten irgendwelche Feinde angezndet, so sagte wenigstens die Gromutter, kurz sie war abgebrannt. Das ganze Vermgen ging zu Grunde, nur noch Herr Beer als Brutigam, der das gnzlich hilflose Mdchen nahm, rettete etwas. Denn auch sie -- Mama, als letzte -- war einmal auf dem Pilsner Markt der Gromutter entwichen: Und wenn du jetzt machst, was du willst, wenn du dich auf den Kopf stellst, ich gehe nicht mehr mit nach Hause ... Sie hatte zuerst bei Marie gewohnt und mittags, statt zu essen, hatten die zwei armen Mdchen halt ein bil geweint. Mit Nharbeiten auf der Maschine sich das Brot verdienen, das ging nicht so leicht. Glcklich waren sie, wenn sie tglich fnf Kreuzer auf eine Wurst hatten. Und drei Jahre lang kmmerte sich niemand um sie, nicht Vater, nicht Mutter, Waisen waren sie in der groen Stadt bei lebendigen Eltern, niemand fragte, ob sie einen Bissen in den Mund zu nehmen htten, ob sie noch anstndig seien. Jetzt freilich, wenn man der Gromutter zuhre, habe sie sich den Kopf fr sie ausgesorgt. Meine se Marie, was hast du sterben mssen. Sie knne solche Reden gar nicht anhren ... Bestrzt blickte Arnold in den dunklen Abgrund, aus dem er selbst emporgetaucht war, zu rtselhaftem Geschick. Er kannte ja diese Familiengeschichte, aber nur unvollstndig, nur aus dritter Hand. Nie noch hatte er die Mutter so erzhlen gehrt, jetzt war er ergriffen, und whrend der Zug an reizenden Wldchen, heiteren Villen vorbeilief, tappte er wie im Finstern nach ihrer Hand. Auch die Mutter meinte: Nun, das ist ja alles jetzt vorbei und ich trag ihr's nicht nach. Kann sie denn dafr? Schlielich ist sie ja doch nur die Mutter. -- Wenn man nur mit ihr auskommen knnt. Neulich, vor zwei Monaten, wie ich dort war, bin ich doch auch im Bsen fortgefahren... Warum denn? Arnold bewunderte immer mehr die unendliche Gte seiner Mama, die er ja kannte, die sich ihm aber noch nie in so ausfhrlicher Entwicklung gezeigt hatte. Gegen die alte Frau dagegen, seine Gromutter, versprte er immer entschiedenere Abneigung, ja Ha. Sie rgert sich halt vielleicht, da wir sie nicht zu uns nehmen. Aber geht das denn? Knnte das ein Mensch aushalten?... Und dann spricht so vieles dagegen. Der Doktor meint, da nur die Landluft da drauen sie so lang gesund erhlt; sie wrde nicht einmal mehr die lange Fahrt vertragen. Sie schlo in einiger Verlegenheit. Arnold verstand sie wohl, und um auf ein anderes Thema zu kommen, aber nicht auffllig, erkundigte er sich, wovon denn die Frau da drauen lebe. Man schickte ihr Geld, doch erst seit heuer, bis dahin hatte sie eigensinnig keins angenommen und sich selbstndig ernhrt, Gott wei, womit. Sie mache Geschfte unter den Leuten, verborge Geld, kaufe und verkaufe allerlei. Und das treibe sie auch jetzt noch, unverdrossen, nur halte sie es nicht mehr so aus. Wahrscheinlich beschwindelten sie ja auch die Leute, sie knne ja weder lesen, noch schreiben, noch rechnen, fr sich selbst stelle sie an der Stubentr mit Kreide irgendwelche seltsame Zeichen zusammen. -- berdies habe sie Geld in der Sparkasse, fnf Bchel zu zweihundert Gulden, aber das rhre sie um keinen Preis der Welt an, das sei ihr grter Stolz, da sie einmal jedem ihrer Enkerlen zweihundert Gulden hinterlassen wrde, was nach ihren Begriffen eine enorme Summe sei. Besonders dir, Arnold, du bist ja ihr Liebling. Arnold war, wie gestern Abend, nicht angenehm berhrt. Er beichtete der Mutter seine Erinnerung, den Streit mit der Gromutter vor Jahren. Aber das ist eine Kleinigkeit. Solche Sachen macht sie hundert im Tag. Das hat sie lngst vergessen. -- Jedenfalls bist du jetzt ihr Gott. Und dein Papa, das ist der Obergott. Warum? Ich wei nicht. O ja, er war ja die gute Partie. Marie und Poldi haben arm geheiratet ... Nicht hren kann sie noch jetzt von ihren Familien. Und wie sie schimpft. Die arme Mama schauerte zusammen. Doch angeregt durch die schne Landschaft drauen, den Tiergarten und das Schlo von Sichrov, erinnerte sie sich an heitere Dinge ihrer Jugend, an die sprlichen Lichtblicke -- einmal hatte sie an einer Dilettantenbhne mitgewirkt. Der Herr Registrator auf Reisen, das war der Titel des Stckes. O, sie knne noch die Rolle auswendig, das wrde sie wohl nie vergessen. Was fr Mhen waren das aber gewesen, um die Gromutter zur Zustimmung zu berreden. Das ganze Dorf mute bitten kommen. Der Lehrer selbst. Auf Lehrer habe die Gromutter berhaupt sehr viel gegeben, und da einmal einer, der selige Herr Schmidt, die kleine Schlerin gerhmt, das vergesse sie niemals zu erzhlen. Nun, er werde ja diese Anekdote morgen selbst hren. -- Diese Wendung brachte sie auf die nahe Zukunft zurck. Sie uerte Besorgnisse. Wie werden wir sie antreffen. Und Arnold, der besser unterrichtet war, dachte im Stillen, ohne besondere Regung, nur um die Mutter besorgt, man werde diesmal wohl gerade zum Begrbnis zurechtkommen. Gleich nach der Ankunft, noch Abends, als man kaum das Gepck im Hotel untergebracht hatte, gingen sie zu Lichtneggers. Die Mutter eilte so, voll ngstlichkeit, und Arnold, der sie nur als friedliches und ziemlich ausdrucksloses Gestirn durch geglttete Zimmer wandeln gesehn hatte, wunderte sich, wie erregt sie hier und dort auftauchenden Lauten des schlesischen Dialekts nachlauschte: Ai der Bohne -- hrst du -- das heit: an der Bahn -- ja, so spricht man bei uns, ich kann's aber nicht mehr, ich versteh's nur. Sie sprach von der Heimat, den rtlichkeiten, an denen sie vorbeigingen. Alles kannte sie genau, auch die letzten Vernderungen, da sie mindestens alle Vierteljahre einmal hierher zu Besuch kam. Sie erklrte Arnold, wer diese Lichtnegger eigentlich seien, eine Maurerfamilie hier, Jugendfreunde, Christen, nur aus Geflligkeit htten sie den schweren Dienst bernommen, tglich bei der Gromutter nachzusehn und von Zeit zu Zeit Nachricht von ihr zu geben. Und sie danke es ihnen schlecht, es sei ein Malheur halt. So habe sie neulich in der Stadt herumerzhlt, Frau Lichtnegger komme nur deshalb zu ihr, weil Herr Beer ihr das kleine Seifengeschft eingerichtet habe. Eine vollstndige Lge, solche Dinge setze sich die alte Frau ganz aus sich selbst zusammen. Und diese Launen ... Nun, er solle nur bei Lichtneggers recht freundlich sein, man knne ihnen gar nicht genug danken ... Und Arnold fand ganz erstaunt, mit was fr Dingen, die er noch gar nicht kannte, er im Grunde zusammenhing. Nun gar mit einer Maurersfamilie. Davor hatte er doch einen kleinen aristokratischen Abscheu und fragte: warum Mama nicht lieber gleich zur Gromutter nachschauen gehe. -- Nein, ich mu mich zuerst erkundigen. Sie ist vielleicht im Spital. Und das ist sehr weit von ihrer Wohnung und auf dem Berg, hoch oben. Ja, hier geht das nicht wie in unserer Stadt, alles hbsch gradaus, in Wintertal geht's bergauf, bergab. Und als htte sie damit etwas sehr Lobendes gesagt, in groem Stolz zeigte sie die Reihen winziger Lichter, die sich in der schwarzen Ferne hoch oben zeigten, wie mit einer Nadelspitze in den Nachthimmel gestochen. Sie standen in einer Richtung, in der man Sterne, nicht Huser vermutet htte, auf hohen Bergen rings um den Kessel. Und auch die Strae, die Mutter und Sohn jetzt durchschritten, war steil, an vielen Ecken fhrten Stiegen zum Trottoir empor, um die Steigung auszugleichen, der kalte Gebirgswind ergo sich wie durch eine Rhre lngs der Huserwnde herab. Frau Beer lief immer erregter, und obwohl Arnold ihre Liebe zu dieser alten bsen Frau unbegreiflich fand, sagte er sich, da er seiner Mutter zuliebe einen vergeblichen Weg bergauf nicht gescheut htte. Diese Halbheit, diese Migung in der Besorgtheit verstand er nicht. Er konnte sich nicht berwinden und, vor dem Haus der Familie Lichtnegger angelangt, bat er die Mutter, warten zu drfen. Seine goldenen Manschettenknpfe raschelten, und irgend ein hoher adeliger Offizier, mit dem er noch gestern angelegentlich sich unterhalten hatte, trat ihm vor die Augen ... Die Mutter kam bald wieder: Mir scheint, diesmal ist es arg. Sie hustet und hat Schmerzen, hat auch schon heute zweimal nach mir gefragt, warum ich noch immer nicht komme und man soll nur noch einmal schreiben. ... Arnold dachte: Also sie lebt noch, wirklich unverwstlich ... Aber denk dir nur. Gestern noch hat sie der Frau Lichtnegger, die sich so um sie bemht und sie pflegt, einen Skandal gemacht. Die hat geweint, die rmste, wie sie mir's erzhlt hat. Frau Lichtnegger, hat die Mutter gesagt, Sie haben da eine schne Schrze, genau so eine ist mir vor ein paar Tagen gestohlen worden ... Was soll man da sagen?... Und dabei wrde sie doch elend zugrunde gehn, wenn sie die Frau nicht htte, kein Mensch wte was davon. -- Hast du ihnen den Schinken und das andere gegeben? -- Sie wollten nichts nehmen, erst nach langen Reden. Es sind so anstndige gute Menschen. -- Arnold bekam aufs Neue Wut gegen die Alte: Gehn wir jetzt noch hin? Er wollte ihr mal seine Meinung sagen. -- Nein, sie schlft jetzt. Und das ist recht, da soll man sie nicht stren. Frau Lichtnegger ist eben dortgewesen... Im eisigen Hotelbett erst berfielen ihn die eigenen Sorgen. Unruhig trumend sah er den miglckenden Flug, die ganze Stadt hinausgelockt nach Waldbrunn, die Regierung, die Spitzen der Vornehmheit, und alle murrend in einem einzigen tiefen Donnerlaut; dann eine Photographie: sich selbst, das Aerodrom verlassend, in groen Schritten mit gehobenen Schuhsohlen, und sein Gesicht mit emporgehobener Handflche vor dem Photographen schtzend, wie er dies bei Bildern von Prozeberhmtheiten gesehn hatte--, in diesem Schreck wurde er ein wenig wach, haderte mit sich wegen aller Dinge, aber noch ganz besonders wegen seines phantastischen Rckhalts an Lambert und der Sammlung -- jetzt war der Flug lngst entschieden -- ein ganz klarer Gedanke: morgen frh gleich die Zeitung lesen, nicht vergessen -- er schlummerte wieder ein wenig, da trat Lina ins Zimmer, sie hatte ein Kind geboren, nein, Zwillinge mit ebensolchen Glotzaugen, wie sie sie hatte, groe gesunde rote Kerle von Kindern, so gro wie Gerhart, dieser dumme Bursch, auch ihm ziemlich hnlich, wenn man's recht nahm -- von neuem ri es Arnold empor, und die einsamen kahlen Wnde anstarrend, die sich schon im Morgengrauen erhellten, berlegte er hastig, wozu er eigentlich nach Wintertal gekommen sei, wieder so ein unsinniger Streich, denn hier sich verbergen, bis zu Hause alle die Geschichten vergessen seien, das ginge doch nicht -- aber vielleicht ins Gebirge fliehn -- er begann von Lawinen zu trumen, die sich in Ste blauen Briefpapiers verwandelten, auf seine Baracke losstrmend; nun war das Httchen berschttet, ein paar Schnrkel einer Mdchenhandschrift stiegen aus dem Papier, tanzten wie Rauch ber den Trmmern, sie wollten sich zu Worten ordnen, ein Wind aber trieb sie immer wieder auseinander, sie waren Schilfrohr, nein, ein Fuball fuhr zwischen sie, ein roter, die Sonnenkugel ... Am Morgen erwachte Arnold ganz gedemtigt und sanft; fast ohne zu reden, folgte er der Mutter durch die sonnigen khlen Straen. Sie bog hinter einem zweistckigen Huschen ein, das, in einer Nebenstrae gelegen, noch ganz das Aussehn eines Grostadthauses hatte, mit Fensterkrnungen, Quadern, Balkonen, nur etwas verkleinert. Dahinter lief ein grasiger Fupfad steil bergab, zwischen freien und bewachsenen Erdhgeln, wie man sie auf Baupltzen sieht. Eine Ziege, an einen Baumstamm gebunden, weidete da. Links fhrte ein Nebenweg zu einem verzunten Garten, der auf einem Hgel lag, neben ihm die stattliche Htte. Eine unansehnlichere trat quer gegen den Fupfad vor, so da sie ihn mit einer Spitze berhrte. Zu dieser bog die Mutter ein ... Hier also? fragte er beklommen. Er zitterte ein wenig, in so etwas drfisch Armem, Zusammengeducktem lebte also etwas wie sein eigen Fleisch und Blut. Warte ein bichen sagte die Mutter ich will sie doch vorbereiten. Whrend sie vorausging, betrachtete Arnold, fast mitfhlend, den dunklen niedrigen Holzbau, die Wnde aus Balken und Latten, in denen nur die kleinen Fensterchen, wei eingerahmt und mit Blumen, eine Farbe hatten, darber dann das groe, mit schwarzer alter Pappe bezogene Dach, ruig und wie zerfallen; wie eine faltige Haube, hher als das ganze brige Gebude, drckte es mit unverhltnismiger Kraft herab und armselig sah eben deshalb solch ein Bauwerk aus, dessen Hauptkraft in dem unwohnlichen, sich verjngenden Dache liegt. Und die kurze Treppe, die zu einer Art Plattform vor der Tre herauffhrte, o diese Plattform aus groen rohen Steinen, mit einem ureinfachen Gelnder -- wie wenig bequem, wie lndlich das alles!... Die Mutter stand nun wieder in der engen Tre, in ihrer Stadtjacke und im Hut seltsam abstechend. Sie winkte. Arnold betrat die Treppe, durchschritt ein von dunklem Gert verstelltes modriges Vorhaus, durch das eine mchtige Holzleiter, zum Boden vielleicht, emporfhrte; etwas Helles und Dunkles, Undeutliches, verwirrte seine Augen, jetzt eine wie mit einem Sofapolster verlegte Tr, an der ein Anklopfen unhrbar geblieben wre und die die Mutter vor ihm ffnete, whrend sie ihm nochmals zuflsterte: Sei nur hbsch lustig... Er trat ein, sich bckend. Im Bett der Tr gegenber, unterschied er ein winziges gelbes, von Falten unendlich tief zerdrcktes Gesicht, das der Zimmerdecke zugekehrt auf dem Kissen lag, wie im Schlaf oder Tode. Aber eine leise deutliche Stimme sagte, whrend er zgernd sich nherte: Arnoldele, mei Gold, gesnd sollst de sein bis ber hndert Jahr. Soll dir Gott geben, was du werst brauchen, mei Gold... Er beugte sich, um eine kleine Hand zu kssen, die warm war. Da sah er nebenan seine Mutter das Taschentuch ziehn und schnell an die Augen pressen. Und auch die Augen der Gromutter vernderten sich, diese beinahe hundert Jahre alten Augen, sie weinte nicht, aber die Augen wurden trbe wie graue Regentropfen, loschen ganz aus -- und dieser Anblick rhrte ihn so, da er seine Kehle, den Hals noch tiefer unten sich zusammenziehn fhlte ... Wie ein Gebet murmelte die Gromutter leise fort, aber durchaus nicht erregt: Gro bist de geworden, unberufen, e Gewure von e Menschen, Gott soll... Er verstand einige Worte nicht und sagte nun selbst: K die Hand, Gromutter, no du siehst ja gut aus, es fehlt dir also nichts, nichtwahr... Sie flsterte weiter, wie in sich hinein, mehrmals wiederholte sie mit einem ganz schwach singenden, einschmeichelnden Ton: Was tu ich dir nur fr e Kowed an, Arnoldele?... Die Mutter soufflierte ihm die bersetzung: Kowed -- Ehre--, und whrend er sich an sie wandte: Ich wei ja, steckte sie ihm die Dte mit Brustzelteln in die Hand. Ich bin froh, da ich bei dir bin sagte Arnold laut und seine reine Aussprache erschien ihm gegenber dem stets modulierten, undeutlichen Herzensmurmeln der Greisin hart und geziert: Schau, was ich dir mitgebracht hab. Ich hab gehrt, da du das gern hast... Er wollte sagen: magst, doch erschien es ihm pltzlich notwendig, die einfachsten Worte zu gebrauchen. Ich hob immer gewt, da du e braves Kind bist... Auf mehrere deutliche Worte folgten immer ein paar unverstndliche. Dann, an die Mama gewendet, erhob sie ein wenig den Kopf: Ich sog dir, Regie, von dem Kind wirst de ka Herzlad haben und immer Freiden sollst de erleben. Er hat Herz und Gemt. Arnold reichte ihr die Dte. Nimm dir, du wirst doch jetzt etwas essen, von deinem Enkerl sagte die Mutter, die Gelegenheit bentzend, und zu Arnold leise: Sie hat zwei Tage lang nichts zu sich genommen. Ich hab ka Appetit. No eine Kleinigkeit schmeichelte er wenn ich dich schn drum bitt. Sie kam mit ihrer Hand der seinen, die das Bonbon reichte, schwach entgegen und steckte es in den Mund. Resigniert schlo sie die Augen, wie eben ein Wohlerfahrener, der dem minder Erfahrenen zum Spa einmal nachgibt. Darauf fiel ihre Hand langsam wieder auf die Decke zurck: E Mensch soll nix essen, wo er ka Appetit hat ... fr e kranken Menschen is das nix... Sie seufzte auf. Nur hermgehn wenn ich knnt... Es wird schon wieder werden trstete die Mutter. Nur Geduld. Eine gute Patientin, was? Noch ein bichen Fieber? Sie tastete ihr auf die Stirn. Nicht so arg. Das verfluchte Fieber, ja ja... Die Kranke keuchte wieder und hustete ein wenig, wobei es den Anschein hatte, als bertreibe sie, aus Zorn, nicht vllig gesund zu sein oder als spiele sie die Wehleidige, wie ein Kind, um sich interessant zu machen. Dieses regelmige Keuchen erweckte jedenfalls keine Besorgnis. Wie ich voriges Jahr operiert bin worden, hab ich gar ka Fieber gehabt, und jetzt diese Geseres. Alle Krnk auf krumm Gitel... Das ist die Medizin, nichtwahr. Die Mutter kramte am Fensterbrett wo ist aber das Lfferl? Ich hab ka Lfferl -- ich trink mir e bissel aus dem Flschel. Aber da kannst du doch nie wissen, wie viel. Mei Deige! Bis ich halt genug hab. Die Mutter kramte weiter: Und das Thermometer, zerbrochen! Mit dem Stckele Glas wird er mich gesnd machen, soll er so leben. Die Gromutter, die immer erregter gesprochen hatte, faltete bei diesen Worten die Stirne mit einer Energie, die Arnolds Herz wie ein Glockenton ganz erfllte. Wie magisch angezogen legte nun auch er die Hand auf ihre Stirn, drngte die Hand der Mutter zart weg ... Da war Wrme wie unter einer dnnen Schichte, und dieselben wohlgerundeten Knollen ber den Augen, die er auch an sich wute ... Ein Gefhl unbeschreiblichen Behagens erfllte ihn, vielleicht verstrkt durch das stete Pochen der Adern an seiner Hand, durch die Fieberwrme oder die Ahnung, da er hier etwas wie rztliche Hilfe leiste, ganz entfernt etwas Liebendes, Sachverstndiges. Hitze, ein bichen Hitze nickte er wie im Traum. Die Gromutter schlo die Augen wieder. Was hat der Doktor gesagt?... Die Mutter hatte sich indessen im Zimmer weiter umgeschaut: Was fr eine Wirtschaft, Gott im Himmel ... Mutter, ein bil Kaffee, nicht? und nherte sich mit einer Tasse, die sie vom Ofen nahm, schmeichlerisch: Koffi, nicht? Die Gromutter nahm eben das nur ein wenig verkleinerte, jetzt glnzende Bonbon aus dem Mund, und legte es aufs Federbett. Ein Schleimfaden zog sich daran. Geh lo mich, wenn ich dir schon emol gesagt hab und ihre Augen bekamen pltzlich zwei glnzende scharfe Punkte wie Dolchspitzen. Dann wandte sie sich an Arnold, der noch immer, die Hand an ihrer Stirn, dastand: N, setz dich henidder, mei Kind, was tu ich dir nur fr e Kowed an. Er zog den groben Stuhl aus weiem Holz ans Bett. Brauchst dich nicht zu kmmern, Mutter, wir haben uns schon alles selbst mitgebracht. Die Mutter entfaltete aus Papieren kleine Wrstchen. Ich mu nur Feuer machen. Hab nur keine Angst, wir sorgen schon fr uns. Arnold wiederholte, halb zur Mutter gekehrt: Wann kommt der Doktor, da er darauf noch keine Antwort hatte. -- Um zwei Uhr, hat Frau Lichtnegger versprochen. -- Und nun beugte er sich, beruhigt, zrtlich, zu der alten Frau nieder, scherzhaft: Nun also, was gibt es denn? Schne Geschichten! Krank sein, das wrde dir so passen, nichtwahr... Ich kann nimmer gehn jammerte sie schwach. Ich hab mr ja gewnscht, ich knnt zwa Tge vor mei Tod hausieren gehn. Aber jetzt dos daliggen ... Ich kmm scho gar nicht mehr vom Fleck. Wenn ich m zehn weggeh, bin ich umme zwlf dort, wo ich hab hingewellt... No es wird schon wieder besser werden. Natrlich es kann nicht immer so sein wie neulich. Da hast du uns geschrieben, die Mama soll nur schnell kommen. Und wie sie gekommen ist, war das Zimmer zugesperrt und du bist erst Mittag gesund von irgend einem weiten Weg nach Haus spaziert... Sei haben geschrieben sagte die Alte still. Ich hab ihnen nix gesagt. Die Mutter, die beim Ofen kniete, machte ihm ein Zeichen. Er erinnerte sich, da sie ihn schon unterwegs auf diese Eigenheit aufmerksam gemacht hatte, und schwieg... Sei haben geschrieben wiederholte die Gromutter Aber jetzt geh i nimmer aus ... Jetzt bin ich echtfrbig. Echtfrbig? Er hatte vielleicht falsch gehrt. Ein ganz schwaches Lcheln suchte die Falten zu durchbrechen: No ja, weil's nicht ausgeht... Er lachte auf und lachte dann noch einmal, um ihr eine Freude zu machen. Wie dieser Funke von Geist ihm entgegenleuchtete, er begriff es kaum. Aber sie sah schon wieder ruhig vor sich hin. Nur ihre Wangen rteten sich, war es Fieber oder schon Erholung? Jedenfalls keine Spur eines erregten Wiedersehns, nein, erregt war sie nicht, whrend er sich immer noch nicht fassen konnte, und diese ihre Ruhe, vereint mit ihrer Frische, machte den Eindruck verhaltener Kraft und einer Weisheit, die schon jenseits der menschlichen Zeit stand. Ich sog immer, sei sollen nicht schreiben. Haben sei enk leicht wieder geschrieben, diesmal, die Ludern. Was sie nur wollen... Nein, wir sind von selbst gekommen, Gromutter. Oder bist du vielleicht nicht froh, da wir da sind, no schau... Sie antwortete nicht, vielleicht weil die Antwort selbstverstndlich war. Doch hatte er manchmal die Empfindung, da sie ihn nicht verstehe oder er sie nicht. Auch ihre Mdigkeit schien da mitzuspielen, die Krankheit, wie eine Wand fhlte er das manchen Moment lang. Hatte er doch, beispielsweise, einen Vorwurf gefrchtet, da er noch nie zu ihr zu Besuch gekommen war. Doch in diesen Bahnen bewegte sich ihr Denken eben nicht. Er staunte; aber das Bewutsein einer Verstndigung war ihm so s, wenn es ihm wieder kam, da er alles andere bersah, so wie man etwa bei kleinen Kindern nur ihre Zeichen von Vernunft bemerkt und daher alle fr gescheit hlt. Schau an meinte sie pltzlich und ihm schwoll das Herz dei Mutter, wie se den Hut nicht auszieht bei mir ... no er pat ihr auch gut, was nur wahr is. Wenn ich Dir nur gefall erwiderte die Mutter, und Arnold fand ihren berlegenen Ton nicht ganz berechtigt. Sie nahm brigens den Hut ab. Schne Frisur. Ganz schwach kamen die Bemerkungen und doch mit der intelligentesten Deutlichkeit, die aus diesem verfallenen Gesicht erstaunlich tnte wie eine Prophezeiung. Gott sei Dank, ich gefall Dir heut... Auch etwas Eigensinniges lag in diesem Ton, wie wenn ein halbwchsiges Mderl gegen ihre Eltern die Erfahrene machen wollte. Aber dick biste geworden, eppes dick, Regieleben. Pa nur auf, gleich wird ihr etwas nicht recht sein, wandte sich die Mutter an Arnold, doch mit lauter Stimme. Die Dicke taugt nischt. Das ist ungesund ... Ich war ach emol so dick, haben do die Kinderl e Freid gehabt, da ich dick bin. So die rme haben sie mr gedrckt. Aber es war nix gut ... Und e drre Nachbarin haben wir gehabt, die hat gesogt damals: Mei Mo tut mich auslachen, weil ich so drr bin. Ich will Dich mit e Zndholz anznden, sogt er. Da knnten Sie mir eppes abgeben, Frau Goldberger, hat sie gesogt, Na ja, wenns geht, so nehmen Se sich nur e Stckele, hab ich gesogt. Do wr uns beiden recht... Die Gromutter wurde zusehends munter. Sie plauderte mit sichtlicher Lust. Arnold, der immer nur einige Worte verstand, labte sich an ihrem Feuer, den ausdrucksvollen Biegungen der Stimme, die jetzt, ohne strker geworden zu sein, ohne sich gendert zu haben, wie ihm schien, etwas Metallisches, Helles wie bei guten Schauspielern hatte und etwas so Jugendliches, wenn sie Freundliches schildern wollte. Diese Stimme mochte aus dem Halse kommen, obenhin, nicht aus den Tiefen der Brust, und dennoch klang sie stark, mannigfaltig, mhelos, sie war s. Es brennt schon rief die Mutter vom Ofen her. Das ist halt Dein Kukswile, was, Mutter. Sie wollte der Gromutter einen Gefallen machen, indem sie ihren Ausdruck gebrauchte. Die Gromutter merkte es aber gar nicht, sondern meinte nur ganz ernst: Ja das is mei Kukswile, e guts wile. -- Da brauchst Du Dich wenigstens mit keinem Dienstmdchen abzurgern. Willst Du Dich nicht auch hersetzen, Mama? Lo se gehn sagte die Gromutter, mit einem vertraulichen klugen Zwinkern zu ihm sei is doch glcklich mit ihrem Gegeh und Geschwindel und Geputz. Das hat se von der Tante Lise noch. Die hat auch allemal geputzt und geramt. Wenn man is zu der gekommen, hat alles geblinkt und gefinkelt und der Fuboden war genau eso rein wie das Tischtchele. Meschugge, metorf. Hat ihr emol der alte Schlojme gesagt, aus Petschau der, kannst Dich erinnern, Regie, -- sei soll emol die Zimmerdeck ach abwaschen, aber da is ihr das Wasser ber den Kopf geschtt... Arnold verlor den Faden von hier an, doch glcklich, als sehe er sein eigenes Anekdoten- und Unterhaltungswesen leibhaftig vor sich, blickte er ihr ins Gesicht, aus dem das Kinn scharf hervortrat. Dieses Kinn war mit vielen groen Poren besetzt, wie durchlchert, als htten die Falten auf dem Kinn die Gestalt von Lchern angenommen, diese Falten, die auf der Stirn in gleichmigen Krmmungen hinzogen und ber die Wangen hin nach allen Richtungen wie ein Netz lagen, das sich um die Mundwinkel herum undurchdringlich zusammenschnrte. Hier drngten die Linien so dicht an einander, da die schwcheren von den tieferen durchschnitten oder als Hgel an die Oberflche gedrngt wurden, und diese tieferen schienen gar keine Hgel mehr, sondern Einschnitte ins Fleisch, unbeweglich. Die Nase dagegen hob sich ziemlich glatt und schn gebogen aus dem Wirrwarr. Mit unendlicher Wehmut betrachtete Arnold diesen beredten Mund, der keine Zhne mehr hatte; seine Lippen bildeten dafr zackige Erhhungen und Ausbuchtungen, die sich an einander schlossen und wieder auseinander zogen, je nachdem der Mund sich schlo oder ffnete. Die Augen blitzten. Das Schnste jedoch war das schneeweie Haar, reich und ohne jede Beimischung von Gelb an der Stirn beginnend, brigens vom Liegen jetzt ein wenig zerrauft ... Arnold begann es leise zu streicheln; eine Ruhe, noch nie empfunden, eine gnzliche Sorglosigkeit beschlich ihn dabei, wie am Ende aller Dinge, er hrte nicht mehr genau zu und doch war ihm, als verstehe er alles, sein Ohr fllte sich mit verworrenen Tnen, mit Erzhlungen ohne Ende, deren Zusammenhang ihm fragwrdig war, deren Ausgang in nichts verlief, ohne Pointe, die aber so lebhaft klangen und auch offenbar der Erzhlerin die Erinnerung an so lebhafte Dinge nahebrachten, da ein jugendliches warmes Licht durch das ganze Zimmer aufzustrahlen schien. Pltzlich unterbrach ein strkerer Husten und die Gromutter drehte sich der Wand zu... Was ist? rief die Mutter und kam herbei. Die Gromutter klagte, mit heftigen Zuckungen des Gesichts, ber Schmerzen. Der Husten reize ihr altes Leiden wieder. Arnold, der wute, da sie einen neulich operierten Bruch habe -- auch schmutzige Bandagen, unter dem Kopfpolster zusammengerollt, erinnerten ihn daran -- wandte sich ab, seinen Sitz der Mutter berlassend. Whrend die beiden Frauen mit einander flsterten, ging er durch das Zimmer. Es war so schmal und klein, da das Bett beinahe ein Viertel des Raumes wegnahm. Gleich an die Tre stie ein Kchenofen, dessen Platte, mit einem Gewirr von Schsseln und Tpfchen, dennoch nie bentzt zu werden schien, denn auch alte Papiere, Kleider wlzten sich ber sie und dicht daneben hing an einer Schnur ein Bndel neuer Schrzen, das Warenlager vielleicht. ber ihn weg ging berdies zu dem wirklich bentzten, kleinen, so beliebten Eisenfchen, das auch jetzt brannte, ein schwarzes Rohr, das in zwei herabhngenden wackligen Drahtschlingen wie etwas Schlafendes schwebte. Und schlafend lagen auch, in angemessener Entfernung dem Ofen gegenber, mehrere Koffer und Kisten auf der Erde, alle in Eisenreifen mit Schlssern, aber alt und verfallen. Seltsam genug machte sich neben ihnen die Pracht eines ganz neuen Kanapees, das zwischen sich und dem Bett nur einen ganz schmalen Durchgang lie, so breit war es mit seinem roten Leder, den gepolsterten Armlehnen, den zum Schmuck tief eingenhten Knpfen. Es pate gar nicht herein und, als werde dies auch gefhlt, stand es mit der Rcklehne nicht ganz an der Wand, sondern fremdartig suchte es nach Sttzpunkten ... Arnold erinnerte sich denn auch, da die Mutter es erst neulich angeschafft hatte, damit die Gromutter zu Mittag darauf ausruhn knne, zum groen rger der Sparsamen brigens, die alle Geldausgaben verabscheute ... Nur noch ein Mbelstck auer dem Kanapee gab es in dem kahlen und doch berfllten Zimmer: ein mageres Glaskstchen, wieder mit Geschirr gefllt; obenauf lagen viele Brillen (Arnold nahm sich vor zu fragen, warum so viele, verga es aber) und Gebetbcher (Also konnte sie doch lesen. Oder nur hebrisch?). Die Kleider dagegen hingen nicht in Ksten, sondern frei an der Wand, nur von einem schmutzigen weien Tuch, das oben mit zwei Ngeln befestigt war, verhllt. Das war das Armseligste, diese nackten graugestrichenen Wnde, mit zwei winzigen quadratischen Fensterchen nur, deren Bretter wieder allerlei Porzellanzeug fllte -- und die niedrige Decke, nicht glatt, sondern mit offenem Geblk, mit Spinnweben und Gott wei was noch -- und alle Gegenstnde hier nicht etwa Mann fr Mann und sauber hingestellt, sondern durcheinandergeworfen, wie in Schwcheanfllen, mit einander verbunden durch hingestreute Haufen von Germpel, durch Fliegen mit ihrem unertrglichen Gesumm und Niedersitzen und wieder Kreisen, durch zerbrochenes Holz, Fetzen, Abflle, noch hinter dem Bett lugte ein ganzer Sack mit abgetragener Wsche hervor. Und dieses Bett, ganz eng, schwachfig, die Federbettdecke grau statt wei, mit groen eingesetzten Flecken von andern Leinwandsorten, betropft mit rtlichen Spuren ... Wenn Arnold an seine Wohnung zu Hause dachte, mit ihren aufgeputzten hbschen groen Stuben, Palastrumlichkeiten frmlich, erschrak er. Und wie mochte es im Winter hier aussehn, im Schnee. Oder die langen einsamen Nchte einer Kranken ... Und kein Mittel, dem abzuhelfen, denn die alte Frau duldete aus Mitrauen (alle Leute bestahlen sie, in dieser Einrichtung!) keine Bedienung, holte sich lieber selbst das Wasser und wusch sogar noch den Fuboden allein auf ... In sein Graun mischte sich Bewunderung fr diesen heien eigensinnigen Kopf, und Liebe, Mitleid. Wie fremd und wie vertraut dies alles. Was mochte sie machen, whrend er die elektrische Lampe an seinem schnen Schreibtisch spielen lie oder wenn er im Ruderboot sa, mit Millionrsshnen, in demselben Moment, was tat da die Gromutter? Gab es gar keine Fden? War es seine Schuld? Irgend jemandes Schuld?... O er hing doch mit dieser Bettlerin zusammen und war stolzer darauf als auf seinen Umgang mit allen Brgern der Stadt. Wie kam das alles? So wahr und so sagenhaft. Er htte weinen mgen, in seinem Herzen zitterte und klang eine ganze Harfe von Zrtlichkeiten und Kosenamen. Namentlich aber dem Prunkkanapee nherte er sich mit jenem tief schweigsamen Blick, der manchmal in einem einzigen Gegenstand das Symbol ganzer Schicksale erkennt. Setz dich nur hernidder seufzte die Gromutter vom Bett her auf dei Kanapee. Das ist doch enkerer Kanapee, das gehrt enk und ich will's nicht. Setz dich nur auf dei Kanapee. Wenn ich nicht mehr bin, so nehmts enk nur wieder, den Dingerich do. Er setzte sich wieder auf den Kchensessel, whrend die Mutter an ihre Arbeit zurcklief: Aber was redest du denn? Davon redet man nicht. Was fllt dir ein. Sie murmelte etwas. Ich sitz lieber so bei dir, recht nahe, Gromutter. Das ist mir lieber. Obwohl er alles, was er sagte, herzlich fhlte, ja herzlicher, als er es aussprach, kam ihm doch vor, als rede er nur, um ihr das Stichwort zu geben. Sie wandte ihm denn auch das Gesicht zu, in dem wieder der Zug von Schmerz, eigentlich mehr von Ungeduld, sich zeigte: Ich mcht scho gern unten sei, unter der Erd. Oben war ich halt scho geng, es freut mich nimmer, ich hob geng gehabt, glaub mir. E Sof mcht ich machen. Pltzlich aber erhob sie sich aus dem Klageton und ein wenig strker, fr die Mutter berechnet, begann sie zu schelten: Awere, mit den Wrstlach wrech scho lang fertig. Das is e Kocherei. Ich bin ja auch schon fertig antwortete die Mama, sichtlich stolz darauf, da sie ihren Humor nicht verlor deine Kocherei natrlich, da hast du's leicht. Immer Koffi und Koffi noch und wieder. Wie ein Dolmetsch wandte sie sich an Arnold: Die Mutter trinkt nichts als Kaffee, das ist ihr Liebstes... und leiser Gut, da sie uns heut keinen kochen kann. Mich ekelt's, aus dem Zeug da zu trinken. Arnold, der die Reden seiner Mutter berflssig fand und diesen Ton eigentlich weniger verstand als den der Gromutter -- offenbar lagen da Verhltnisse zu Grunde, die er nicht kannte, noch aus alten Zeiten her -- sagte ihr leise scherzend ins Ohr, wie ein Verbndeter: Daraus machen wir uns nichts, was? Die Alte drehte ihr Hndchen, das auf dem Federbett lag, um, mit der Handflche nach oben und dann wieder zurck -- eine stumme Verachtung oder Hoffnungslosigkeit. Was macht denn Deine Maus, Mutter, tanzt sie Dir immer noch zwischen den Kochtpfen spottete die Mama weiter, offenbar um zu belustigen. Da ist ja die Falle... Sie zog aus einem der fr Arnold unergrndlichen Haufen ein Gitterwerk: Leer... Das Musile lchelte die Gromutter, fast gutmtig. Was macht denn mei Musile. Do hab ich 'r Speck 'reigetue und sie frit en weg und luft heraus. Is sie nicht drin?... Hast e Chutzpe gehabt. Auf Dich wird sie warten, wenn Du ihr so altes Zeug hinstellst. Aber ich hab Dir doch unlngst eine ganz neue gekauft, wo ist sie denn? Sie stie Arnold leise an, aber doch so, da die Gromutter es hren mute: Sie wird sie verkauft haben... Der Maurer hat mir geraten schwenkte diese mit natrlicher berlegenheit ab ich soll ihr Glas vor das Loch streuen. Also hab ich Glas gesammelt und ihr gestrien, do stechen se sich herch. Sie chzte. Wenn ich nur wieder gesnd wr und aufstehn knnt. Das is ka Naches, so zu liegen. Nur gesnd sein, wenn mir Gott gibt.-- Es klopfte. Herein trat Frau Lichtnegger, eine groe hellblonde Frau im Kopftuch, mit ihrem Buben, der schnell beim Eintritt den Finger in den Mund steckte. Sie wollte sich, wie tglich, nach dem Befinden der Frau Goldberg erkundigen; vorsichtig und bescheiden kam sie nher, stie aber pltzlich einen Freudenschrei aus: Nein, das ist ja unmglich. Wenn Sie sie gestern gesehn htten, Frau Beer. Das ist ja gar kein Vergleich. No geh's nicht besser, Frau Goldbergen ... Sie hat halt Freude, da Sie da sind ... Und das ist der Herr Sohn, nichtwahr. Arnold verbeugte sich befangen. Die Gromutter sprach zu ihr wie zu etwas Fremdem, nicht ganz auf gleicher Stufe Stehendem: Nehmen Sie doch Platz, liebe Frau... und redete berhaupt so still und sanft mit ihr, da man sich ein Zanken von diesem Ton aus gar nicht recht vorstellen konnte wie geht's denn? Und zum Buben: No, mei kleins Schekitzele. Auf die wiederholte Frage der Frau Lichtnegger, wie sie sich heute fhle, antwortete sie mit einem traurigen, sehr absichtlich scheinenden Kopfschtteln. Kein Vergleich mit gestern flsterte die Maurersfrau der Mutter zu. Die Mutter brachte eben die warmen Wrstchen vom Herd, lud auch die Gste ein. Man a von einem ausgebreiteten Papier weg ... Nun, Mutter, was wirst du essen? Ich hab ka Appetit. Ein bichen Himbeersaft mit Kuchen. Ich hab ka Appetit. Aber du mut doch etwas essen, -- eine Grieskasch? Vielleicht eine Omelette mischte sich Frau Lichtnegger ein und die zwei Frauen bedrngten mit wohlgemeintem Eifer die Greisin, so da Arnold sie bemitleidete, doch zugleich, da sie fest blieb, anstaunte. Sie hatte nun einmal keinen Hunger, als Fieberkranke. Er sagte es laut. Die Mutter war bs: Hat man dich gefragt? Eppes hat mir heint getrumt sagte die Gromutter, an so unvermittelte bergnge mute man sich hier gewhnen Sie knnen auch zuhren, Frau Lichtneggern, von dei seligen Lehrer Schmidt, nebbich, da er mir hat erzhlt, wie damals, von dir, Regie... Das ist es machte ihn die Mutter lachend aufmerksam. Er hat gerechnet auf der groen Tafel und gesagt, keiner soll jetzt reden von die Schler. Da is die kleine Goldberg aufgestanden: Derf ich nicht aber doch etwas sagen? -- Aber was willst du denn sagen, Kind? -- Ich mcht Ihnen was ins Ohr sagen, Herr Lehrer -- Aber jetzt sagt man nichts -- Derf ich aber nicht doch e kleins bil was sagen?... und sagt ihm, die Regie, da irgendwo e Fehler is, auf der Tafel. Also hast du ihm einen Fehler ausgebessert, dem Herrn Lehrer Schmidt, und warst doch die jngste in der Klasse. Er hat sich aber dann auch gewundert: Mir hat se selbst e Fehler gezeigt, so e Tam von e Kind -- derf ich aber nicht doch e kleins bil was sagen, so hat er dir nachgemacht ... Und hat es dem hochwrdigen Herrn selber erzhlt, wie sie do zusammsitzen auf die Bierbnk, und der hochwrdige Herr hats dann mir erzhlt. Die Mutter hatte nicht zugehrt und erkundigte sich, whrend Arnold der Gromutter die Hand drckte, bei Frau Lichtnegger, was denn der Doktor gestern gesagt habe ... Er war eine halbe Stunde geblieben, so gut habe er sich mit dem Mutterl unterhalten. Was sie denn fr Schtze in all den Kisten hat, habe er gefragt ... Ja, das mut du dir anschaun sagte die Mutter zu Arnold, wie in einem Museum, indem sie unter dem Kopfpolster einen Schlsselbund hervorzog. Acht Schlssel und nur drei ganze Schlsser im ganzen Zimmer sie zeigte auf die Kisten und was ist drin: ein bichen stinkige Kohle -- und das glaubst du, Mutter, da dir irgendjemand wegtragen wird -- und dabei kannst du die Kisten nur so aufheben, da dir der Deckel in der Hand bleibt, so alt sind sie -- aber wenn sie nur hbsch zugesperrt sind... Arnold, nun wirklich neugierig, glaubte die Gelegenheit gekommen, in einem Einzelfall zu sehn, wie es mit diesem Wahn stehe, und fragte ganz harmlos die Gromutter: Wozu hast du denn die hbschen Schlssel? Sie hatte, es schien ihre Gewohnheit, nicht gehrt oder beachtet, was ber sie gesprochen wurde, und zhlte nun langsam, aber przis auf: Der is fr die Almer, der fr das Fach in enkerem Kanapee... bis alle acht richtig herum waren. Nun also warf er den Kopf gegen die Mutter auf Was redest du also? Nichtwahr, Gromama... Indessen fuhr Frau Lichtnegger fort, zu erzhlen, wie beschftigt dieser Arzt sei, Herr Heiger, er mache nirgends hier Besuche, nur der alten Frau Goldberg zu Liebe... Er kommt ja bald ... Wir mssen, ich mu aufrumen, das ist ein Skandal fuhr die Mutter verzweifelt in die Hhe, sie hatte jetzt schon zu lange geplauscht die Betten berziehn... Leise erwiderte die Gromutter, obwohl man sie diesmal nicht direkt angeredet hatte: Mei Deige is der Doktor. Er wird zu Haus auch nicht alles so akrat haben. -- Trotzdem stimmte sie, ganz wonniglich sanft, zu, als die Frauen ihr nahelegten, sich zu kmmen. Nur allein wollte sie es machen. Sie setzte sich im Bett auf, man rckte ihr als Sttze die Kissen an den Rcken. Vom nahen Fensterbrett nahm sie den gelben, fast zahnlosen Kamm und fuhr sich heftig, ihre Hand zitterte nicht, ins Haar. Es war noch voll und ziemlich lang und ordnete sich schnell. Dann teilte sie es in zwei Teile und flocht aus jedem einen Zopf, dessen letzte, ganz enge Maschen sie offen lie, so da sie sich wie kleine Fingerchen emporkrmmten. Arnold wute nicht, was ihn bewegte, beim Anblick dieser zarten Flechten, deren uerste Enden nun doch einen gelblichen Schimmer zeigten ... Mhevoll legte nun die Gromutter ihre schwarze dicke Winterjacke ab, die sie bisher angehabt hatte, alle drei muten sie halten, an dem gebrechlichen krummen Rcken, unter den weichen Schultern, und endlich die vielfach Seufzende wieder hinlegen. Indessen erging sich Frau Lichtnegger in Beschreibungen von Gromutters Krankheitszustnden, als sei sie gar nicht anwesend. Wenn nur der Schttel nicht wiederkommt. Damit meinte sie den Schttelfrost. Gestern hat sie wieder so einen Schttel gehabt und die immerwhrende, selbstverstndliche Wiederholung dieses Wortes dnkte Arnold sehr einfltig, keines der komischen Worte, die er heute von der Gromutter gehrt, zum erstenmal in seinem Leben, hatte diesen kindischen unernsten Eindruck auf ihn gemacht. -- Frau Lichtnegger fuhr fort: No Mutterle, habe der Doktor gesagt, ich seh, Sie sind eine saubere Frau, -- als ihm die Gromutter erzhlt hatte, zur Entschuldigung, sie habe sich heute nicht waschen knnen ... Und wieviel er zu tun habe, noch einmal. Bis zehn Uhr nachts, von frh sieben. So beliebt ist er. Wenn er nicht bald von hier wegzieht, so vergeht er. -- Pltzlich legte sie den Finger an den Mund und hielt ein. Die Gromutter atmete langsam, sie war eingeschlafen. Leise schlo sie: Das tut sie gern, wenn man vor ihr spricht. Das tut ihr wohl. -- Und die beiden Frauen berieten, eine Suppe mute fr die Kranke gekocht werden, eine krftige Fleischsuppe. Arnold, der erst jetzt den Sessel am Bett verlie, trat auf Fuspitzen zu ihnen. Ob sie nicht lieber zum Doktor sehn wollten, da er recht bald komme. Er werde schon kommen, war die Antwort, und der Husten sei ja nur heilsam, weil er den Schleim entferne, und nun dieser gute Schlaf, -- es sei nicht mehr so gefhrlich. Frau Beer beschlo, ein gutes Stck Rindfleisch kaufen zu gehn. Frau Lichtnegger wollte ihr einen billigen guten Laden zeigen. Sie winkte dem Jungen, der lautlos in der Ecke gesessen war. Arnold reichte ihm ein paar Zuckerl. Der Bursch nahm sie verlegen und wollte ihm, ohne Worte, seine bunte Holzflte dafr schenken, die er fest in der Hand hielt. Arnold schob ihn lchelnd hinaus. Nun allein mit der Schlafenden schlich er wieder zum Sessel zurck, wagte aber nicht, sich zu setzen ... Sie war schn. Das Alter hatte nichts Entstellendes, Unregelmiges in ihre verschrumpfenden Zge bringen knnen. Man sah frmlich noch durch die Runzeln hindurch, wie durch viele matte Glasschichten, unten das schne junge lebensfrische Mdchen -- und Arnold dachte daran, was ihm die Mutter manchmal erzhlt hatte: da die Gromutter viele Verehrer gehabt, aber aus Trotz, vielmehr Gleichgiltigkeit alle abgewiesen habe, von Jugend an nur auf Gelderwerb bedacht, endlich hatte sie den reichsten genommen, der aber um zehn Jahre jnger war als sie, den Grovater, und mit ihm so unglcklich gelebt ... Was lag an all dem, dachte er. Nach so viel Kampf, nach so viel Leidenschaften, jetzt lag sie ruhig und schlief nicht anders, als sie in ihrer Jugend vor all den wilden Erlebnissen geschlafen haben mochte, und wie er sie ansah, die Unberhrte, berfiel ihn auf einmal der Gedanke, wie leicht eigentlich das Leben sei und wie es so von selbst und allen Anfechtungen zum Trotz bis ans Ende fortschreite, ganz einerlei, was man treibe. Nichts ist da, als da die Zeit vergeht, mehr kann ja berhaupt nicht geschehn!... Und von hier aus gesehn, schien ihm nun auch pltzlich die so verwirrte und trostlose Situation, in der er sich augenblicklich befand, gar nicht mehr so wichtig und so trostlos -- er nannte sich feig, weil er den kleinen Unannehmlichkeiten durch diese Reise, diese Flucht besser gesagt, ausgewichen war, das war es -- beim Anblick dieser arbeitsamen wilden Greisin bekam er aufs Neue Lust, sich ins Leben zu strzen, aus dem er mit vorschneller Erfahrung schon hatte entweichen wollen; bekam Lust, wieder zu toben und zu schaffen, wie es in seiner Art lag. Ein ses verlockendes Gefhl von Unverantwortlichkeit befiel ihn, als wrde er aus einem Hohlweg blitzschnell vor eine riesige Aussicht fruchtbarer Ebenen entrafft und als lenke sich ihm doch alles zum Schlu ehrbar ein, moralisch beinahe, in allem Ausschweifen sinnvoll begrenzt wie diese Dorfstube. Denn wohl fhlte er sich der Schlummernden verwandt, das verstand er nun, dieselben Strme pochten auch in seinem Blut. Mochten sie losbrechen und ihre verderblichen Ziele suchen, was lag daran -- nach allen Verwstungen wrde man seinem ergrauten Haar doch nichts anderes nachsagen als: er ist ein Original, und nicht einmal mehr recht bs auf ihn sein -- so wie bei der Gromutter -- und die Ruhe in seinem Innern dann, o wie auf dem Gesicht dieser schlafenden lieben Frau, wie ohne Gedchtnis ... Nun erfllte ihn Stolz sogar, da er auf seine lebensvolle Manier die Zeit verbrachte. Er mute nur nach dem Vergleich mit der Gromutter zu solchen halbtoten Puppen zurckkehren wie diese Frau Lichtnegger eine war, wie sein Bobenheim zu Hause. ... Ehrlich waren sie, aber das ist ja keine Kunst, ehrlich zu sein ... Diese dagegen, dieser Starrkopf, war eine bedeutende Person, die Bedeutendste der Familie nannte er sie, nach seiner intensiven Art fast schon verliebt in das neue Erlebnis, -- etwas Groes fhlte er aus ihr strahlen, etwas bis zum letzten Tropfen Selbststndiges und Unbewutes dabei. -- Sie mochte eine Heldin sein, eine Deborah, aus jener alten Zeit noch, in der es so viele Helden gab, in der jeder Mensch den Kopf so hoch trug, da man aus ein bichen Heldentum gar nicht so viel machte wie jetzt und da das Andenken der Starken unter tausend andern, ebenso Starken vergessen ward. -- Nein, die langen einsamen Nchte konnten diesem furchtlosen Geist nichts anhaben, der Tod hatte keinen Schrecken fr sie, so erfllt von ihrem eigentmlichen Leben war sie, von ihrer leuchtenden Gescheitheit, die alle ihre Fehler von Grund aus verklrte, o noch viel mehr als ein paar Schwchen gutgemacht htte. Und Arnold sagte sich, in einer leichten Freude: Ja, ja, dem Klugen wird vieles vergeben, Klugheit ist ja das Licht der Welt -- und wie in einem glnzenden Strom von Selbstentschuldigungen und neuem Selbstbewutsein lste sich seine Schmach auf ... Pltzlich fand er sich selbst wieder ganz passabel, all dem Bsen in ihm zum Trotz, fand sich beschwingt und leuchtend. Aus dieser Wendung heraus betrachtete er noch einmal das Gesicht der Schlafenden, wie um sich jeden ihrer Zge zu merken. Die Lippen waren in den Mund tief hineingesogen, so da an Stelle der Mundffnung in einer dunklen Vertiefung die senkrecht verlaufenden Runzeln unter der Nase und die ber dem Kinn aneinanderstieen und sie paten auch zu einander, schienen einander fortzusetzen, die kleinen Rinnen. Der Hals, jetzt entblt, da die Gromutter nur eine lose Nachtjacke anhatte, war nichts als eine Reihe welker fallender Hautlappen, deren Anblick den jungen Mann tief erschtterte. Und das Erschrecklichste: die Augen waren nicht ganz geschlossen, sondern starrten halboffen, wie etwas Schleimigtrbes, geradeaus ... Arnold bekam Angst; die Nase erschien ihm spitz, vom tiefeingepreten Mund aus aufragend, ... vielleicht war die Gromutter tot. Er beugte sich ber ihr Gesicht, sie atmete. Zugleich sprte er den dumpfen Geruch, den er im ganzen Zimmer bemerkt hatte, gepret, schmutzig, lebensvoll -- und wie ein Verbrechen erschien ihm nun in momentanem Zusammenhang die Rede seines Vaters: Sie wird einmal einschlafen ... Und was wrde er jetzt sagen, der Vater von seinem Komptoirtisch her: Du bertreibst alles ... Nun natrlich, er bertrieb, Gott sei Dank ... Er pries die Gromutter schon wie eine Heilige. Seit er hier eingetreten war, hatte sich sein Schmerz beruhigt, -- vielleicht auch deshalb, weil es hier so viel Neues zu sehn, zu bemerken gab, gemtvoll zu umfassen -- oder nein, nicht deshalb, das berquellende war ja vielmehr diese Wurzelliebe, dieses Gefhl -- Seine Vorstellungen begannen sich zu verwirren, so viel hatte er zu berlegen. Es war ihm, als sitze er an diesem Bett bei der Schlafenden, seit er berhaupt begonnen habe zu denken, seit frhester Kindheit, als habe er nie etwas anderes erlebt als immer nur dies eine, als gebe es kein Vorher und kein Nachher mehr fr ihn... Die Mutter trat ein, wieder mit Paketen beladen, die Gute. Fleisch trug sie, Wein, eine Sardinenbchse, -- das wnschte die Gromutter immer -- sie trat ans Bett, musterte es mit einem nachdenklichen Blick: Flhe mag es da geben, nicht wenig... Dann war sie wieder durch ein Bndel mit Strmpfen beleidigt, das vom Sofa fiel, als sie sich setzte. Wo nur die neuen Hemden hin sind, die ich ihr gekauft hab. -- Ich mu ihr wieder ein paar alte Hadern verbrennen, sonst trgt sie sie ewig. Ihre Blusen mut du mal sehn. Geflickt, wie ein Regenbogen... Unter solchen Reden begann sie, auf dem kleinen Ofen eine Suppe zu kochen. Arnold wagte es: Mir scheint, Mama, du behandelst sie nicht ganz richtig. So alte Leute haben ihren eigenen Kopf. Sie mchte sich halt lieber mit dir ruhig aussprechen, wenn du schon herkommst, als da du ihr die Ordnung strst... Aber wer soll's denn machen! Sie wrde ja im Schmutz ersticken erwiderte die Mutter mit viel Berechtigung. Da erwachte die Gromutter: Ich hab e Naches, da se fort is. Wer denn? Die Orlte, die dumme, die Reschainte... Die Mutter nahm alle ihre Geduld zusammen: Aber so darfst du doch nicht reden. Was fllt dir ein. -- Frau Lichtnegger ist so gut zu dir. Der Schlag soll sie treffen zrnte die Greisin, jetzt lauter als bisher whrend des ganzen Tages. Was kommt se her und redt und redt! Lauter Stu. E Patsch von e Chochem is m'r lieber wie e Kisch von e Chamer. Das Gebitz nemmt se einem heraus mit ihrem Gebember und Geschmus. Sie griff sich jammernd an den Kopf: Mei Seide-Mach. Mir scheint, es geht dir schon wieder gut. Du wirst schon wieder lustig. Die Mutter fhlte ihr den Puls. Das Fieber hat nachgelassen. No, geht's nicht besser? Die Gromutter schttelte den Kopf, obwohl man es ihrem strahlenden Blick ansah, wie sie sich im Schlaf erquickt hatte, -- sie war gegen ihren Willen gleichsam krank geworden, sie dankte jetzt auch niemandem fr ihr Besserbefinden. Nur trotzig meinte sie: Wenn nser Herrgott mich nix gesnd sei lot und nix verdienen lot, so soll er mich ach nix leben lassen. No das mut du ihm schon selbst sagen lachte die Mutter per Telephon vielleicht. Vielleicht hast du eine bessere Verbindung mit ihm als ich. Er folgt halt meist genau so wie du folgst. Arnold befrchtete Zank. Die Gromutter aber hatte ihre Schlaflosigkeit berwunden und meinte liebenswrdig mit einem ironischen Lcheln, fr das man sie htte kssen mgen: Gt, nchsten Schabbes wer ich's ihm sagen. Da hab ich dir was feines gemacht. Das Sppchen, das die Mutter im Topf heranbrachte, duftete. Willst du nicht einmal versuchen... Eine gndige Antwort mit zimperlicher Stimme: No jo, e bil... Offenbar hatte sie einen tchtigen Hunger, denn sie schnupperte schon in den Dampf, wie ein freudig erregtes Baby. Bil Salz hinein. Nein -- ka Salz -- Salz reizt doch. Und sie hustete affektiert. Aber es wird keinen Geschmack haben. Statt der Antwort nahm die Gromutter das Tpfchen und fhrte mit sicherer Hand, ohne zu zittern, den Lffel an den Mund, nachdem die Mama nochmals geblasen und gekostet hatte. Was is dos fr e Supp? fragte sie, nach dem ersten Schluck einhaltend. O je, wieder was nicht recht. Aber Mama wandte Arnold ein du verstehst das schlecht. Die Gromutter fragt doch nur, was das fr eine Suppe ist, den Namen mchte sie gern wissen, sonst nichts. Du wirst mir die Gromutter zu erkennen geben ... Nichtwahr, es schmeckt dir nicht? Aber ja... sagte die Gromutter einfach und lffelte weiter Was fr Flasch is das denn? Wo hast es denn gekauft? No Rindfleisch, vom Krbelwirt. Das ganze Stck sie brachte es vom Ofen kostet zehn Kreuzer ... Die Mutter ist nmlich noch aus dem billigen Land, mut du wissen wandte sie sich an Arnold. Wirklich nich teier lchelte die Alte, sichtlich erfreut Ja man mu sparen mit dem Geld ... Wat de, Geld wenn wr nur Geld -- aber Geld is alles... Arnold erinnerte sich pltzlich, da die Gromutter a und die Mama ihr freudig zusah, da er ja Witze erzhlen sollte, unterhalten, -- bisher hatte er eigentlich nur wie bezaubert herumgeschaut und zugehrt, ganz gegen seine Gewohnheit. Jetzt setzte er sich in Bewegung und begann von seinen fabelhaften Ersparnissen zu berichten, was die Gromutter sehr zu freuen schien. Nur durch sachgeme Fragen, ob das Geld auch in der Bank liege u.s.f., unterbrach sie ihn ... Das Gesprch wurde nun immer lebhafter, whrend die Gromutter immer wieder nach einer Pause den Suppentopf vornahm; ja Arnold, der diesen Besuch bisher als ganz auerhalb seiner Welt und stdtischer Konversationsmanieren liegend angesehn hatte, fhlte sich jetzt fast wie in Gesellschaft, ohne Besonderheit, jedenfalls auf einem Niveau, das mit dem Kchensessel und den Dorffensterchen nicht das Mindeste zu tun hatte. Die Gromutter erzhlte von ihrem Beruf und wie man sie berall gern sah. Frau Goldbergen rief man ihr zu wenn sie vorbei ging was kmmen Sie nit a bil zu uns rein. Wir brauchen Scherzen, Ticher. Bleibens ock doue. Es kummt Ra'n. Eine Bemerkung Arnolds aber, da sie also recht viel verdiene, schien ihr zu mifallen. Ja, viel Meloche, wenig Broche antwortete sie. Nach einer Weile fuhr sie fort: Hst e Geschmack von e Supp gehabt! Sie schmeckt dir nicht gut? rief Arnold besorgt. Sie antwortete nicht, ihr Gesicht wurde finster. Nun hielt er den Moment fr gekommen, sein Gedchtnis nach Witzen zu durchsuchen. Was ist das? Es ist wei und hat keinen Kopf, und trotzdem schaut es gab er auf. Die Gromutter dachte nach, ernstlich. Ich werde es dir also... Ich mchte sagen unterbrach sie e Kopf von e Gans. Er lachte: Aber nein, es soll ja eben keinen Kopf haben. Ein Unterhosenbandl ist es. Sie nickte ihm freundlich zu, schien aber den Sinn nicht zu verstehn: Ja in der Stadt, do habts ihr so verschiedene Wrtlach. -- E komische Supp, was das is. Habts ihr immer solchene Suppen? Es ist eben kein Salz drin. Du wolltest keins erklrte die Mama. Arnold vermittelte: Du siehst, es geht uns trotzdem gut. Wir sehn ganz beruhigend aus. Sie sah ihn nher an und jetzt erst fiel ihm ein, da er nach halbschlafloser Nacht nicht eben sehr blhend sein mochte. E bil schmal sagte auch sofort die Alte Schlafst du denn geng? Schlaf is e Wohlttigkeit fr e schwachen Menschen. Regieleben als bemerkte sie es jetzt zum erstenmal eppes dick biste geworden. Dicker mute nix werden, das ist nicht gesnd. So kannste bleiben. Die Mutter meint, ich bin noch ein Kind, ich werde ewig jung bleiben sagte Mama, mit niedergeschlagenem Blick; und Arnold sah sich pltzlich mit einer Deutlichkeit in den Gedanken irdischen Vergnglichseins versetzt, hier in dieser Stellung von drei Generationen, wie er es nie vorher auch nur als Andeutung gefhlt hatte, ohne da ihm brigens dabei irgend ein neuer, in Worte falicher Einfall kam. Indessen aber, whrend er wie in ein Bassin von Schwermut untertauchte, hatte die Gromutter zu erzhlen begonnen: Marie nebbich hat ach immer eso gelesen in der Nacht bei der Lampen, ich hab lngst gemant se schlft. Is Poldi emol nach Haus gekommen, e bil schcker war er vielleicht und sogt ihr: No was weinst du denn da. Was lieste denn? -- Von Genofeva, sogt sie... Die Mutter flsterte: Genofeva. Schne Lektre haben wir gehabt, was? -- Aber Arnold, der aus einer Zeit stammte, in der man solche Kinderbcher und Mrchen berhaupt wieder fr wertvoll hielt, fand ihre Bemerkung unverstndig. Dagegen berraschte ihn dieser fremde Name im Munde der Gromutter, was lebte alles noch in diesem Gehirn! Sogt sie -- von der Hirschkuh, wie sie ihr Milch zgetragen hat. -- No warm hat sie ihr denn Milch zgetragen, sagt Poldi. Und die Gromutter machte es nach, wie der Bruder die weinerliche Stimme der Schwester spttisch nachmachte. Aber mir scheints, wenn du nicht bald schlafen gehst und aufhrst zu wanen und die Lampe auslschst, so hau ich dir das Buch aufn Schdel nauf. Die Stimme brach ab, in einem kleinen Gelchter. Und was hat sie gesagt? fragte Arnold, obwohl er fhlte, da nichts mehr zu erzhlen sei, nur um diesen angenehmen Flu der Erzhlung weiter zu hren. Nu, was soll se gesagt habn setzte die Gromutter wie improvisierend fort Was liegt daran? Wenn du schlafst, steh i halt wieder auf und les weiter von der Hirschkuh... Jetzt hatte sie die Suppe zu Ende gegessen und rief pltzlich, ganz laut: Pfui Teixel! wie einen herzhaft erleichternden Fluch, indem sie den leeren Topf mit einem Ruck aufs Fensterbrett stellte. Aber was ist denn? die Mutter eilte herbei. Als das Gesprch auf die verstorbene Schwester Marie gekommen war, hatte sie sich abgewendet. Zornig fuhr die Gromutter auf: E schne Supp haste mir gekocht! Aus Ferdeflasch? Was? Also hat doch die Mama Recht behalten, dachte Arnold. Aber mit den Schlsseln hatte sie Unrecht gehabt. -- Und er beeilte sich: Was fllt dir ein, die Mama wird dir doch nicht Pferdefleisch kaufen, wie kannst du nur so etwas denken! Indem er es aussprach, schien es ihm immer unerhrter. E guter Omensager biste fuhr ihn die Gromutter an, dann schwieg sie eine Weile. Was kafste ach beim Krbel. Der hat doch lauter verschimmelte Sachen. Wenn ich ihn aber emol anzeig bei der Polizei, den Ganef, dann 's Kri iber den Goi. La sie nur scherzte die Mutter, etwas bitter. Sie wird sich schon wieder beruhigen. Also Adieu, Frau Goldberg, wir gehn jetzt essen, Sie knnen sich inzwischen ein bichen allein so weiter unterhalten, wenn Sie Lust haben. Aber Arnold war indessen mit der Hand des alten Frauchens, die er ergriffen hatte, schon wieder so gut geworden, da er den Wunsch nach einem bessern Abschied nicht unterdrcken konnte: Schn hast du es da, Gromutter, gleich mcht ich bei dir dableiben, fr immer, nur noch Blumen sollten in den Fenstern stehn, wie bei den Nachbarn vorn... Sie lchelte ihn an, als sei gar nichts vorgefallen, als gingen in ihrem Innern eben die zrtlichsten Dinge vor: Ich bin ka Blumenverehrerin. Aber die Kinderl, wie se noch klein waren, die habn immer Blumen gehabt und gegossen, da die Stub voll war. Mit ihre neie Hte haben se das Wasser getragen von der Pump. Da haben sie wohl Schlge bekommen. Er reichte ihr noch einmal die Hand. Sie drckte sie und machte dabei ein gutmtiges, aber erzieherisches Gesicht: Das mu sei. Die Mutter war schon hinausgegangen. Also Adieu, wir kommen bald wieder. Et nicht beim Krbel rief ihnen die Gromutter noch nach dort is gro Jackeres. Als er auf die Gasse trat, mute er ein wenig die Augen schlieen, so fremd erschien ihm alles, was ihn umgab: Wie konnte der Zugang zu etwas so innig Bekanntem so unbekannt sein! Gab es denn wirklich noch eine Welt auer dieser grauen alten Stube? Die Strae mifiel ihm. Das Bild der alten Frau im Bett, zu Riesengren aufwachsend, stellte sich wie ein Schatten berallhin, vor jedes Haus. Um wie viel wichtiger war sie, ja nichts auf der Welt erschien ihm jetzt in gleicher Weise wichtig. Er htte fr sie sterben mgen, so begeistert war er ... Die Mutter redete neben ihm her: Nicht zuhren kann ich, wenn sie von der seligen Marie spricht und Nebbich dazu sagt, oder von unsern Hten. Ich glaube, wir haben berhaupt nie Hte gehabt. Immer spricht sie so, als ob sie uns alles in berflu gegeben htte. Gute Schlge, ja. Du darfst dir das nicht so vorstellen wie zu Hause, Arnold. Aber das hab ich ihr damals gesagt, bei Maries trauriger Hochzeit, wie sie uns alle mit so frchterlichen Worten verflucht hat: -- da sich alle dir abwenden und da du allein und einsam sterben wirst, das wird dein Fluch sein ... Und so wird es und mu es ja kommen, Gott im Himmel. Das sind Sorgen, einmal wird sie auslschen... Arnold fand solche Reden bertrieben, sagte sich aber, da die Mama Recht haben mochte. Er kannte ja so wenig von diesen ber lange Zeiten und Rume verteilten Ereignissen, er hatte wohl deshalb einen andern Eindruck. Ohne diese Erinnerungen der Mama htte er die Gromutter vielleicht berhaupt nur fr eine fidele gute, etwas wetterwendische alte Frau gehalten, eine spassige Grobianin, -- und nun, unter Mitwirken der Mama, entstand etwas ganz Verschwommenes, Widersprechendes und doch, so weit es ihn betraf, ganz Greifbares. Das war das Verlockende daran. Siehst du, der Doktor ist nicht gekommen -- warum habt ihr denn gerade den genommen, der am meisten zu tun hat? Die Mutter erklrte, die Gromutter habe vorgegeben, zu keinem andern habe sie Vertraun. Indessen erriet wohl Frau Lichtnegger ganz richtig, woher dieses Vertrauen rhre: Heiger war der billigste Doktor im Ort, der Armenarzt ... berhaupt habe sie schne Dinge erzhlt ... neulich einmal seien einige reiche Leute des Ortes, die die alte Frau Goldberg immer mhsam mit ihrem Pack die Straen hatten hinaufsthnen sehn, auf die Idee gekommen, fr sie eine Kollekte zu machen, zu Purim, eine Idee, die von der Gromutter mit wahrhaftiger Begeisterung begrt worden sei. Und erst die Drohung der Frau Lichtnegger, sie werde es der Frau Beer und dem Herrn Schwiegersohn schreiben, habe sie aus ihrer verstellten Bedrftigkeitsrolle aufgeschreckt. Daher auch der tiefe Ha ... berhaupt liebte es die Gromutter, sich als ganz arm und almosenwrdig hinzustellen, die Besuche ihrer Tochter kamen ihr daher auch zuzeiten ungelegen, wenn sie nicht so krank war wie jetzt, und deshalb verbreite sie, diese elegante Dame sei eine Liqueurfabrikantin und bringe ihr die Flaschen aus der Hauptstadt mit, eine ganz besondere Spezialitt; denn von dem Magenliqueur trank sie natrlich keinen Schluck, sondern verkaufte ihn zu den hchsten Preisen ihres Kopfes, die indessen fr die neue junge Welt ringsum noch so mige waren, da sie berraschend viele Kufer fand. Lauter solche Sachen, ber die man lachen mte, wenn sie nicht so traurig wren. An Markttagen bewache sie das Geschft einer gewissen Frau Heller, nur um einen Glden nebenher zu verdienen, und wenn sie dort sei, komme nichts weg, habe Frau Lichtnegger gesagt, da pat sie gut auf ... aber im Laden, in dieser grimmigen Klte habe sie sich neulich eben diese Halsentzndung, den Husten zugezogen. Viel braucht es ja nicht, ich bitt dich, bei so einem Alter. Und von hier aus kehrte die Mutter zu ihren Sorgen zurck, ob man nicht die Stube bald weien lassen msse, und wie das anstellen... Indessen waren Mutter und Sohn in das Restaurant eingetreten und Arnold htte sich gern diese Dinge, die ihn bis ins innerste Mark interessierten, weitererzhlen lassen, wre ihm nicht sogar in dieser provinzialen gebirgsstdtischen Gaststube die Erinnerung an seine Schandtat von der Wand entgegengesprungen, -- auch hier das groe Plakat des Rivalen Paulhans in den primitivsten ergreifendsten Farben. So kam es, da er mit der Speisekarte zugleich die Zeitung bestellte, an die er bis zum Augenblick nicht gedacht hatte. Nun schien es ihm pltzlich, als msse der Flug in Waldbrunn doch gut ausgefallen sein, gleichsam zur Belohnung, weil er nicht mehr darauf gerechnet und sich immer nur so selbstverstndlich auf das Schlimmste gefat gemacht hatte. Und dann: niemand hatte ihn angerempelt, auch nur verdchtig angeschaut, hier sa er doch, der Obmann des schnen Konsortiums, nein, es konnte nichts geschehn sein. Dies war vielleicht der erste Erfolg seines neuen, von der Gromutter beschtzten Lebens ... Herr Krbel selbst brachte das Blatt, freundlich lchelnd. Gleich oben das Telegramm: Ponterrets Flug miglckt. Der Aviatiker landet nach einem Flug (Sprung) von 13 Sekunden. Pbelausschreitungen an der Kassa. -- Das eingeklammerte Wort Sprung verdro Arnold ganz besonders, wie eine persnliche Unbill, konnte man denn nicht ein bichen menschenfreundlicher sein! Ja ja, dazu hatte man die guten Freunde in der Redaktion! -- Er legte das Blatt weg, nur unten fiel ihm noch ein fettgedruckter Ausspruch des Aviatikers selbst auf: Er schtze sich glcklich, da er durch einen geschickten Griff am Lenkrad ein groes Unglck vermieden habe. Die Tribnen seien in Gefahr gewesen ... Mama, ich fahre heute abend nach Hause. Er war pltzlich mutig geworden, sah der Gefahr ins Auge wie einer hbschen Aufgabe. Natrlich, was sollst du hier machen! Ich hab mir's gleich gedacht, da du's nicht lange aushalten wirst. Er a schnell auf: Jetzt geh ich aber zunchst zum Doktor, ihn treiben. Sag der Gromama, da ich bald wiederkomme. -- Du willst noch einmal hingehn? Interessiert dich das denn? Ich knnte dirs nicht verdenken, wenn nicht. Und eine Luft ist dort. -- Mit Unlust sah sich Arnold unerwarteterweise vor die Notwendigkeit gestellt, seiner Mutter all das, was er seit dem heutigen Morgen durchempfunden hatte, zu erklren -- und recht schnell. Nein, es ging nicht. Also rief er nur, etwas grell: Von Interesse ist da gar keine Rede mehr. Ich habe mich in die Gromutter verliebt, frmlich verliebt. Kannst es ihr sagen. Sie ist ja so brav... Die Mutter seufzte tief auf, wie vom Mittelpunkt ihres Gedchtnisses her: Ja, vor dir nimmt sie sich noch ein bichen zusammen. IV. Er war enteilt. Auf der Gasse erst, in frischer Luft, durch die hindurch man nahe Wlder zu spren glaubte, fiel ihm ein, da er heute den ganzen Tag bisher in der Familie verlebt hatte, noch keinen Augenblick allein. Das war ihm seit Jahren nicht mehr geschehn, noch gestern htte er es fr unmglich gehalten. Vielleicht hing auch seine eigentmliche Verwirrung damit zusammen, die ihn frmlich hinderte, klar geradeaus zu sehn und sich ber das, was er sah, Gedanken zu machen. Die Huserfronten liefen nur so wie lange Gartenmauern, ohne Abwechslung, an ihm vorbei und er bemerkte es nicht, ob er ber breite Pltze schritt oder durch einen Park, an einem goldglnzenden Kaiser-Josef-Denkmal vorbei. Nur, da hier und da, mitten zwischen eleganten Husern, auch noch solche Schindelhtten standen, wie die der Gromutter, fiel ihm auf, dann da die meisten Firmatafeln kleine schwarze Glasplatten mit eingeritzten Buchstaben waren, was einen zierlichen sauberen Eindruck machte. Doch beschftigte ihn dies nicht weiter. Nur die eine Frage hatte er im Sinn und wiederholte sie oft an Vorbergehende: Wie komm ich hier zu Doktor Heiger? Mechanisch folgte er ausgestreckten Fingern, eindringlich undeutlichen Worten, ging bergauf bergab, die zweite Gasse hinter der Ecke wieder geradeaus. Endlich fand er das Haus, immer mit summendem Gerusch im Kopf, stieg Steinstufen hinauf, die ihn daran erinnerten, da er noch in sterreich war, wenn auch nahe der Grenze (in Deutschland gibt es nur Holztreppen, dachte er), an einem Kontor vorbei, vor dem Kisten beinahe den Weg versperrten (aha, der Export). Dann trat er in ein menschengeflltes Wartezimmer ein. Im Arm einer Frau schrie ein schwarz verbundenes Kind leise auf. Manche von den Leuten standen in stumpfsinnigem Brten direkt vor der Tr ins Ordinationszimmer, wie bereit, sofort mit hchster Aufregung hineinzuspringen. Andere seufzten auf dem Kanapee, in bequemen Fauteuils saen sie in unbequemen Haltungen, gelbe Zettelchen in der Hand, vielleicht von einer Krankenkasse. Arnold erkundigte sich, er lief ungeduldig wieder hinaus, jemand sagte ihm: Ja, bei Doktor Heiger da mu man sich in Geduld fassen. Ist er drin? fragte Arnold. Ich wei nicht. -- Was fr idiotische fischbltige Leute, sie kamen ihm wie seiner unwrdig vor, er hatte das Gefhl, als errege er hier allgemeines Aufsehn, als schlage er mit Armen und Beinen um sich, obwohl er uerlich ruhig blieb. -- Wie ein Labsal, eine Zuflucht erschien ihm nun die Erinnerung an die Gromutter. Was war es denn eigentlich, was ihn an ihr so entzckte, diesen Brgern hier so Entgegengesetztes? Ihr Charakter doch nicht? Es fiel ihm ein, da ihm manche ihrer Eigenschaften an einem andern Menschen frmlich widerlich gewesen wren. Man konnte es auch nicht als Tchtigkeit oder als Ehrwrdigkeit bezeichnen, als die Weisheit des Alters, nicht so und nicht so. Vielleicht ein Zug von Freiheit, von unbewuter und derber Hoheit? Eine Figur aus dem Alten Testament? Nein auch das wollte nicht ganz stimmen. Und was htte sie gesagt, wenn er hnliches zu ihr selbst geuert htte? Was fr Augen htte sie gemacht? Wofr hielt sie eigentlich sich selbst? Dachte sie je darber nach? Glaubte sie an Gott?... O da war etwas, wofr es in keiner Menschensprache noch ein Wort gab! Er verstand es nicht--, nur dunkel fhlte er, da sie unterhalb der Zuckungen seines forschenden Verstandes, tief irgendwo in Regionen dunkler Instinkte, Vererbungen, Verwandtschaften ihn wie mit gebietender Stahlhand ergriff und seine Eingeweide in eine neue Ordnung zurechtzerrte. Unklare Plne stiegen in ihm auf, mit denen seinem ganzen Leben bisher und von hier an ein neuer Sinn zu geben wre, Funken ins Pulverfa, ja selbst genaue Entschlsse fr die nchste Zukunft, an die er aber sofort wieder verga im Bewutsein, da sie ihm auch so unverloren nahe blieben. Im ganzen befand er sich in einem Zustand uerster Verwirrung und Ordnung zugleich, hnlich einem guten Schler vor dem Examen, in dessen Kopf alles gegenwrtig ist und doch nichts fabar, und dieses nicht Fabare, nicht Sichtbare wieder nicht in starrer Ruhe, sondern in unaufhrlicher Bewegung wie unter einer dnnen Hlle kreisend und in solcher Menge, da nichts vortreten kann auer auf einen uern Anla hin, aber dann wird schon das Richtige in Hlle und Flle aus dem Chaos herausmarschieren, und diese Zuversicht gibt dem dumpfen satten Kopf schon jetzt eine Art von schpferischer Einheit, wenn er auch vorderhand noch zerstreut andern Dingen nachtaumelt, die er gerade vor sich sieht ... In dieser Verfassung starrte unser Mann durch das Fenster in einen benachbarten Garten und nur ganz oberflchlich, ohne da es seine Seele in der eigentlichen Arbeit strte, kamen ihm Gedanken wie der etwa, da diese Aussicht nicht sehr schn sei -- oder da das Bild dort an der Zimmerwand Apollo und die Musen oder den Athenenzug vorstellen mge, kurz etwas Klassisches und da es wohl ein Gymnasialkollege dem Doktor gemalt und geschenkt habe, vielleicht als Pfand fr ein Darlehn gegeben; denn kaufe ein Landarzt Bilder? Was fr Dinge brigens! Was ging ihn dieses Bild an, die Griechen, die andere Welt, die fremde Kultur ... Pltzlich dauerte es ihm zu lange. Er strzte wieder aus dem Zimmer, in die Kche, gab der Kchin ein Billett fr den Doktor und lief weg.... Ein Festzug hielt ihn auf. Was, da gab es ja auch dekorierte Huser, Musik. Das Schtzenfest, ach so! Was fr ein naiver Unsinn! Deutlich fhlte er, da dieses helle, blonde, einfache Treiben nicht seine und seiner Gromutter Welt war. Fr Bobenheim htte das gepat. Auch Fahnen hatten sie im Zug, bunte, wirklich komisch ... Er suchte durchzukommen. Mit Gewalt drngte er sich in die Menschenmassen wie in etwas Feindliches und war erstaunt, als man ihm hflich Platz machte. Dann fiel ihm ein, da er sich eine neue Krawatte hatte kaufen wollen, der Gromutter zu Ehren. Er kaufte eine, die violett und blau changierte. Wie wenig hatte er die Frau berhaupt geehrt, nicht einmal etwas mitgebracht aus eigenem Antrieb. Er kaufte beschmt Pfirsiche, Kirschen, Schoten ... das alles nur, whrend im Innern seine Seele nach ganz andern grundlegenderen Dingen suchte ... Je mehr er sich aber der Wohnung der Greisin nherte, desto mehr klrten sich seine bis zur Qual verfitzten Ideen, sie senkten sich gleichsam aus den Wolken zur Erde herab, kristallisierten sich und verwandelten sich eben in den steilen Fupfad und Gromutters Htte in demselben Augenblick, in dem er an dem eleganten Zweistock vorbei diesen Fupfad und die Htte erblickte. Er stieg die Treppe hinauf und sah dabei flchtig zur Seite in die Vorderwohnung, wie anstndig und rein konnte es also in so einer Htte aussehn, bei einer Arbeiterfamilie. Dann aber durch den finstern Gang, wo berall leere rtlich durchscheinende Lagerbierflaschen standen, klopfte ihm das Herz, alles war so anheimelnd und doch unbekannt, so von Zrtlichkeitswolken erfllt. Er stie an ein groes umgestrztes Holzschaff, endlich fand er die Tre. Ein berraschender Anblick bot sich ihm. Drei alte Frauen saen und standen am Bett der Gromutter und plauderten mit ihr in einem solchen Schwall von Jargon und schlesischem Dialekt, da nichts zu verstehn war. Sie sah jetzt viel besser aus, das Gesicht war grer, die Wangen in einem natrlichen Rosa, die Falten milder. Nu, kommste doch, jech hab scho gemant, d kommst nix mehr. Er mute sich entschuldigen: da er beim Doktor gewesen war und Obst gekauft hatte. Die Gromutter nahm seine Hand und schaute ihn liebevoll an: Ganz schn wr's doch, wenn du ach noch daz e Madele httst, Regie. Dabei wandte sie sich, etwas furchtsam, an Arnolds Mutter, die auf dem Kanapee sa. -- Ich dank dir war die unfreundliche Antwort. Jetzt erst bemerkte Arnold, da die Mutter rote Augen hatte. Er setzte sich neben sie und erfuhr alles. Natrlich, sie hatten die kurze Zeit, die sie unter vier Augen allein waren, zu einem ausgiebigen Zank bentzt. Zuerst war die Gromutter ohne sichtbaren Anla, aus sich selbst heraus, in Aufregung geraten, hatte geweint und sie tausendmal um Verzeihung gebeten, sie solle ihr nur, ehe sie sterbe, alles verzeihn, was sie ihr angetan habe. Darber natrlich war die gute Mama in Rhrung und unendliche Trnen geraten. Nach einer Weile, bei einer geringfgigen Sache, die Mama wollte ihr eine Schssel mit Sand ausreiben, habe die Gromutter wie verrckt geschrien: Ich wa, du willst, ich soll sterben, und just tu ich dir nicht den Gefallen. Darauf seien die Freundinnen gekommen ... Es sei wirklich nicht mehr auszuhalten ... Aber Gott sei Dank, die Sardinenbchse habe sie ber Mittag fast leer gegessen, sie esse eben am liebsten nur, wenn sie allein sei ... Arnold trstete sie, er fhlte eine tiefe Liebe zu dieser netten friedlichen Dame, seinem Mamachen, die in ihrem weichen Herzen alles so ganz anders auffate als er selbst, doch zugleich empfand er freilich auch ber diesen neuen Vorfall eine schwer erklrliche Freude an der Gromutter, wie an einem seltsamen Naturschauspiel, einem Nordlicht vielleicht. -- Und da sie in diesem Alter noch Freundinnen anzog, jngere rstigere Weiber, die von ihr beherrscht, kaum neugierig nach ihm zu blicken wagten, da ihre enge Stube menschengefllt war: ri ihn zur Bewunderung hin. Also war sie doch nicht so verlassen. Und nun mahnte sie sogar die drei zum Aufbruch: Es is Wochenmarkt heunt und stellte sich damit selbst mitten in ihre Unternehmungen, in das regelmige ttige Leben. Gar nichts von einer Ausgedingerin hatte sie, das war schnell zu sehn, gar nichts von der humpelnden lstigen Halbtoten, die sich hinter dem Ofen wrmt. Die Mutter wollte die drei mit stdtischer Hflichkeit hinausbegleiten, knpfte ein Gesprch an, aber vom Bett her flsterte es: Lo se geihn. Gib ihnen ka Tschwe, -- auch im leisen Reden wurden die betonten Worte gesungen, manchmal mit zwei oder drei verschiedenen Noten gleichsam. Also der Doktor kommt gegen fnf Uhr sagte Arnold, als sie allein waren. Aber kaum hatte sich die Tre geschlossen, so begann die Gromutter in den erbittertsten Tnen von diesen Frauen zu sprechen, von der einen besonders, die sie soeben noch mit mei goldene Frau Keller angeredet hatte. Verschwarzt soll se gehn rief sie, auf Arnolds Erkundigungen. Flchtig erinnerte er sich an seine unwillkrliche Doppelzngigkeit gegen seine Freunde, der Vergleich mochte wohl nicht zutreffen?... Die Mutter aber war ber dieses Benehmen entrstet: Schmst du dich nicht. Aber der alte trockene harte Krper schmte sich nicht, er erklrte im Gegenteil, aufstehn zu wollen, es sei ihm schon ganz gut und das Faulenzen habe keinen Zweck. Als man dies abgewendet hatte, erneuerten sich die Klagen des Vormittags: Mei Zores, mei Kopf ... Was fr Sorgen wandte sich die Mama ziemlich derb an die Gromutter du hast ausgesorgt. Was du brauchst, schicken wir dir. Wenn du mehr willst, mut du uns nur zwei Worte schreiben. Du hast nichts zu tun als zu essen, zu trinken und spazieren zu gehn. Ein Projekt kam zur Sprache, das die Gromutter schon einmal vorbergehend gebilligt hatte, nmlich: sie solle ganz zur Frau Fischmann, zu einer der drei Freundinnen bersiedeln, dort zur Miete wohnen. Die Klafte schrie sie, da die Kissen sich bewegten die rotzedige Klafte! Nicht herauszubringen, woher dieser Groll sich schrieb. Kurz, sie lehnte es ab, sie geniere sich (dieses Fremdwort brachte sie vor) unter fremden Leuten, einmal wolle sie spt schlafen gehn und einmal bald und einmal nach Bequemlichkeit den Topf bentzen und einmal etwas verdienen, mit einem Wort sie wolle selbstndig bleiben. Und sie fgte hinzu, wie erdichtend, um ihren Worten mehr Nachdruck zu geben: Die Fischmann, die is doch gechitzt. Die is doch plem-plem und fuhr mit der Hand, mit gekrmmten vier Fingern nahe an der eigenen Stirn auf und ab. Um sie auf andere Gedanken zu bringen, erzhlte ihr Arnold, da er bald nach Berlin fahren werde. Wirklich war einmal die Rede davon gewesen, da er in ein Konfektionshaus in Berlin als Volontr fr ein Jahr eintreten sollte, die steinerne Treppe bei Doktor Heiger hatte ihn wieder daran erinnert. Zugleich aber fiel ihm jetzt im Reden ein, da er ja in Berlin zugleich diesen von Eisig angebotenen Journalistenposten annehmen knne und, obwohl er das nicht aussprach, verlie ihn der Gedanke nicht mehr. Gib nur schn acht und sei gesund. Da is ach z der Hausfrau neilich e Mdel zugezogen aus Wien und nebbich nach e paar Tg is se gestorben. Arnold verstand wieder den Zusammenhang nicht, erst spter, als von etwas anderem die Rede war, fiel ihm ein, da Luftvernderung das Bindeglied gewesen sein mochte. Denn nun ging es in einem Zuge weiter. Die Gromutter, gesprchig und bei allen Krften, schien nur Anlsse zu neuen Erzhlungen zu suchen und all dies machte nicht etwa den Eindruck, als ob sie Arnold als Gast unterhalten wollte, sondern die reine Freude, sich mitzuteilen, sprach aus der klangvollen und ruhigen Stimme, die mhelos ihrem ungetrbten Geiste, ihrer Lebenskraft zu entstrmen schien und dadurch den Hrer unmittelbar einnahm. Arnold verglich sich freudig mit ihr. Seh ich der Gromutter nicht hnlich? fragte er die Mutter. Ja, es sei auffallend. Aber wie willste mir hnlich sei lachte die Gromutter. Ich bin doch bald iber hndert Jahr und du nur e Ableger noch. Wie alt bist du eigentlich? mischte sich die Mutter ein die Gromutter macht sich immer lter als sie ist, auch so eine Laune. Aber die Gromutter wute gar nicht, wie alt sie sei, es war ihr auch gleichgiltig. Ich mcht scho gern weg. I war lang geng do. Ich bin so nur allen zur Last und mir ach. Seltsam, da solche Reden den Eindruck ihrer Lebensfreude nicht abschwchten, eher verstrkten. Ob sie noch einmal jung sein wolle, fragte Arnold. Ohne direkt zu antworten, begann sie von einem Onkel Jermige zu erzhlen der hat mich emol im Theater aufgefhrt, der gute Jermige, alles hat er verschenkt aus Rachmonis, an die Arme, und selbst is er im Dalles gestorben, nebbich Jermige. Selig, habn se geschrien, damals in dem Stck, selig, wenn man noch jung is. Warm denn, hat man gefragt. No da tragen se einen auf den Armen. Willste eppes noch auf den Armen getragen werden, so haben se ihn ausgespott', wie halt Theater is. Du interessierst dich also auch fr das Theater fragte Arnold, innerlich erbebend; was fr eine verschollene Operette mochte da eben in dieser Stube zum letztenmal zu einem kleinen Leben erwacht sein! Die Gromutter! Na und ob sie sich dafr interessiert lobte die Mutter. Das hab ich per Jerusche und sie kam auf ihre Eltern zu sprechen, auf ganze Familienverzweigungen mit ihren Leidenschaften, von denen lngst keine Spur mehr auf der Erde lebte, und sie zogen vorbei, diese seltsamen Namen wie Moische, Srole, Peierl, Haschele, und ein Zusammenhang mit fremden Ortschaften ergab sich, von dem Arnold nie etwas geahnt hatte und der ihn mchtig aufwhlte, ja in Lichtenstadt hatten ihre Groeltern, die Groeltern der Gromutter, gewohnt und dort in dem Packerl mte noch ein Stck Tuch aus Lichtenstadt sein. Ihre Einbildungen flsterte die Mutter ihm zu. Auf einmal war diese uralte, eben dem Tode entrissene Person selbst ein Kind und erzhlte, wie sie einmal auf dem gefrorenen Dorfteiche geklitscht hatte und dafr Schlge bekommen. Wie das Haus ihres Vaters abgebrannt war, der schon damals zehn Kinder hatte, neun Shne darunter, und trotzdem sei die Mutter hundertunddrei Jahre alt geworden, und wie die Bauern der Umgebung damals fr ihn zusammengeschossen hatten, um ihm frs erste zu helfen, aber ein Jahr darauf war schon wieder ein Kind da, in all dem Schmerz. Die Lait habn damals gemeint, das mu so sein. Und mit einer Art von Aufklrung erzhlte sie die damaligen Sitten, wie man am Samstag kein Geld bei sich getragen habe, weil das als eine Art von Arbeit gedeutet wurde, eine Newere, ja die ganz Frommen trugen ihr Taschentuch um die Hand gewickelt, um es nicht aus der Tasche ziehn zu mssen. Aber gewuchert haben sie dabei tadelte die Mutter, ernst und modern. Nicht einmal eine Beere habe man abreien drfen, fuhr die Gromutter fort, und da sei einmal jemand (Arnold verstand diese Geschichte nicht ganz, viele Ausdrcke kannte er nicht, erst spter stellte er es sich so zusammen, da dieser jemand die Mutter der Gromutter gewesen sein msse) in den Tempel gegangen, durch den Wald, damals habe man noch so weit her zum Tempel gehn mssen, und da habe sie der Versuchung nicht widerstehn knnen, eine Rotbeere zu pflcken, trotz der Ermahnung des Rabbiners. Und darauf sei sie, die Gromutter, mit einem hlichen Muttermal in Gestalt einer roten Beere zur Welt gekommen. Und einmal habe sie sich eine Schere genommen, weil man sie auslachte, sei ins Nebenzimmer gegangen und habe sich die Beere abgeschnitten. Davon hast du mir aber noch nie erzhlt wurde die Mutter mitrauisch. Arnold zeigte auf einen roten Fleck an ihrer Hand: Ist es das?, aus Respekt wies er nicht mit dem Zeigefinger, sondern schlug alle Finger bis auf den kleinen ein und streckte diesen vor. Nein, das hob ich mich verbrennt, neilich. Sie wurde nicht irre, und kam nun in der Reihenfolge der Generationen auf ihre eigenen Kinder. Marie, mei guts Schof rief sie pltzlich und Trnen standen ihr im Aug Nebbich hat sie vor mir heruntergemut. Was htt ich nicht getan fr das Kind! Auch von ihrem Zank mit Poldi wute sie nichts. Er war zwar ein ungehachelter Kerl, ein Parchkppele, aber was lag daran, einen Jux wute er zu machen und lustig war er, das war doch die Hauptsache. Sie schrieb ihm den Einfall zu, da er beim Alcheten, dem Sndengebet, bei dem man sich als Ber zeilenweise auf die Brust klopfte, zu seinem Nebenmann, der besonders heftig klopfte, gesagt habe: Sie, mit Gewalt werden Sie da nix ausrichten. -- Sie lachte hell wie Glckchen, whrend sie das erzhlte. -- Ja, einmal habe er ihr geraten, mit ihrer Stubentr aufs Gericht zu gehn, weil das ihr Haupt- und Kassabuch sei. -- berhaupt, wenn er nur Zeit htte, er wrde schon kommen, er wrde sie besuchen, sicher. -- Die Mutter senkte traurig den Kopf. -- Poldile, wie haben se den gern gehabt. Zu jeder Huxt und Kirmes und Gvatterschaft haben se 'n geloden. Wie gefreckt is er mir immer nach Haus gekommen, wie so ein Babinski. Einmal aber hab ich gedacht, ich mu ihn holen und hab mer 'n Lffel genommen, den groen zum Auswinden fr die Wsch und hab gedacht, ich zerschlug ihn an ihm. Frau Goldbergen, habn se mir dort gesagt, bleiben's ock do und trinkens Wein mit uns. No so hab ich den Lffel unter die Bank gelegt und mitgetanzt. ... Was, du bist geblieben Arnold ri die Augen auf ... Nur e paar Stcklach entschuldigte sich die Gromutter Jo, das war nicht so wie die heutige Welt. -- So du glaubst auch, da es frher besser war fragte Arnold, zart, wie man etwa einen Professor, mit dem man spazieren geht, also auer der Stunde, ohne Recht auf Unterricht zu fragen wagt, ohne eigentliche Hoffnung belehrt zu werden; nur um ihm Gelegenheit zu geben, ihn zu erfreun, riskiert man es, ihn zu belstigen. -- No, es waren halt zugetanere Lait. -- Als er aber weiter drang, mit Wie und Wieso, schnitt sie ab: Was, ich hab mir nix den Kopf damit eingenommen. -- Aber oben auf dem Boden habe sie einmal einen Korb voll durchgetanzter Schuhe gefunden, alle von Poldi und Regieleben ... Die Mutter zuckte die Achseln ... Ein Schuster habe sie darauf aufmerksam gemacht, da Poldi sich jede Woche frische Schuhe anmessen lasse. berhaupt habe er lauter solche Tipplach und Sterzlach gemacht. Auch Ware ber die Grenze geschwrzt, und das ausgezeichnet! -- Arnold meinte, auch heutzutage sei man lustig, es werde ja eben in Wintertal ein Schtzenfest gefeiert: Nun, mchtest du nicht auch mit dabei sein, Gromama? -- Es wird ohne mir ach gehn. -- Aber es ist zu Ehren unseres Kaisers. Liebst du nicht unsern Kaisern? Ich habe ihn sehr gern? -- Ziemlich gleichgiltig wandte sie sich ab: Warm nicht. Er soll immer gut zu die Jehudim gewesen sein. Vergebens suchte ihr die Mama klarzumachen, da das jetzt nicht mehr so sei, mit dieser Scheidung von Juden und Christen. La mich gehn. Wenn's emol zu etwas kommt, so geht's doch nur wieder ber die Jehudim her. Es hat immer noch fr uns e miesen Ausbruch genommen. -- Sie wurde ganz traurig. Um sie zu erheitern, erzhlte ihr Arnold, da er in einem Komitee sei (verstand sie das Wort? Ja, sie nickte), mit vielen Christen beisammen und da man sich da sehr gut vertrage. Man habe ein lustiges Festessen gefeiert, alle mit einander. Ja, das knnen se, fressen und saufen, die Chaserim. Er verzweifelte, doch machte er noch einen Versuch, indem er ihr von einer Freikarte erzhlte, die er als Mitglied des Komitees habe, fr alle Bahnen. Also auch hierher sei er umsonst gefahren. Er zeigte die Legitimation. (Tatschlich hatte die Eisenbahndirektion den Ausschuleuten Ermigungen fr die Strecke nach Waldbrunn gewhrt.) Nu, das is schn er hatte das Richtige getroffen da erspart man eppes. Da nimmste de ach die Mama mit, nicht wahr. Er lachte: Nein, das geht nicht. Und die Gromutter erzhlte, wie ihr einmal fnf Kreuzer an der Bahnkassa gefehlt htten und der Beamte dort sie nicht habe mitfahren lassen wollen. So e Schlemasl, was ich hab. Ein Lrm sei das geworden, in dem Gedrnge, sie habe sich aber nicht wegdrngen lassen, bis ein Herr hinter ihr gesagt habe: So ein Skandal wegen fnf Kreuzern -- die alte Frau -- und ihr das Geld geschenkt habe. -- Die Mama zuckte nervs zusammen, Arnold amsierte sich, dabei fhlte er aber, da er etwas vergessen habe, bei einer schon vergangenen Wendung des Gesprchs, so schnell ging es jetzt. Whrend die Gromutter weiterplauderte und immer so vergngt, als entschdige sie sich jetzt fr langes Alleinsein, fiel es ihm ein: Aber hier hast du dich ja nicht zu beklagen. Hier in der Gegend scheinen ja lauter so freundliche offene Leute zu sein, und alle so schn. No ja meinte sie selten sieht man so e Larvengesicht. Aber jetzt sind ach Bhmacken hier, so ein Haderlumpgesindel, Zorbechol. Was, die verkafen for e Kraizer, was frher hat e Glden gekost. Sie entfesselte laute Anklagen gegen die Konkurrenz. Arnold erinnerte sich indessen wieder an etwas, was er vorher hatte fragen wollen: Du hast schon mehrere Kaiser, erlebt, was? Zuerst verstand sie ihn nicht. Mehrere Regierungen von sterreich. Das wute sie nicht. Aber einmal hatte sie eine Krnung gesehn: Do war ich in Prag, und da hat sich was angetan mit Wagen und Neugierigkeiten. Der Krieg von Sechsundsechzig fiel ihr ein, dann die Trken und Russen. Meinthalben sollen se sich die Kppe herunterschlagen, als sei dies alles gestern oder heute geschehn. Sie wute alles, sie verstand alles und man konnte daher nicht sagen, ihr Blick sei beschrnkt. Wie kam es trotzdem, da alles, wie es in ihren Kreis trat, das Merkmal ihrer eigentmlichen Anschauungsart trug. Arnold htte es gern an dem Naheliegendsten erforscht. Er machte sie also auf seine neue Krawatte aufmerksam. Sehr schn war das Urteil, nach einer strengen Pause jedoch folgte: aber so verwndlich. Ja, da mut du dich in Acht nehmen lachte ihn die Mutter aus. -- Tut nichts, wir haben uns doch gern rief er und strich ihr ber das Haar, das jetzt zu einer runden festen Frisur aus den Zpfen geschlichtet war Ich hab eine schne Gromutter. Jetzt verlangte sie aber schon dringend, aus dem Bett zu steigen. Dabei rief sie die Mama zu sich und sagte ihr etwas ins Ohr, was diese sehr zu freuen und umzustimmen schien, denn sie half ihr sofort auf. Auch Arnold untersttzte und es war eine ziemlich schwere Sache, die Beine der Greisin von der hohen Bettkante allmhlich vorsichtig auf den Boden zu stellen ... Arnold sah sie nun zum erstenmal ganz vor sich. Sie stand da, in ihrer zerknitterten Nachtjacke und im roten Unterrock, viel kleiner noch als er sich sie aus der liegenden Stellung heraus vorgestellt hatte, mit ganz gewlbtem Rcken, den Hals verfallen, mit einer tiefen Rinne zwischen den schlaffen Muskeln. Langsam atmete sie und ging, indem sie sich zu beiden Seiten am Bett und am Sessel sttzte, nur so fortschob. Man brachte ihr Pantoffeln. Ihre Beine waren dnn, doch an manchen Stellen geschwollen, die Adern hervortretend wie hartes rotblaues Holzgeflecht. Und wenn sie ihren rmel aufstreifte, sah man die Haut bis zum Ellbogen in zahllosen regelmigen Furchen, einem schwachgewellten braunen Meere hnlich, dnn, beinahe durchgewetzt und so lose, ber dem mageren Fleisch, da sich diese Faltenwellen zusammenzogen und wieder abflachten, wenn sie den Arm rieb. Sie keuchte und bckte sich immer tiefer. De F, de woll'n halt nimmer. Die Mutter hielt sie fest, hllte sie in die schwarze Jacke ein und fhrte sie hinaus. Da hatte Arnold, gerade wie ihr Rcken in der Tre verschwand, einen Moment lang, nur einen Moment, ein flchtiges unklares unnatrliches Gefhl wie von Sinnlichkeit, diesem widerstandsfhigen Krper gegenber, dieser historischen Schnheit in all dem Ruin, wunderliches Zeug fiel ihm ein und er lachte keck auf, um es zu verscheuchen. Nach einer Weile kehrten die beiden zurck. Die Gromutter setzte sich auf das Kanapee, dort sitze sie immer am liebsten. Aber du willst es doch nicht haben, das Kanapee widersprach Arnold. Sie hielt es nicht fr ntig, ihn aufzuklren, obwohl ihre Miene sehr verstndig, gar nicht zerstreut, blieb. Von hier aus konnte sie durch die beiden Guckfensterchen hinaussehn, das eine fhrte gegen ein mehrstckiges Hofgebude, auf der andern Seite war gleichfalls das Licht beinahe ganz durch einen Gartenzaun abgeschnitten, hinter dem man eine grne Pumpe, ein Grtchen und einen jener nicht sehr reinlichen engen Wege sah, wie sie seitlich zwischen Hausmauer und Zaun zu fhren pflegen ... ber jedes Fenster wute die Gromutter Auskunft. Dort wohnte ein Koch, ein geschickter Mensch, und dort die Witwe hatte drei Tchter, von denen die lteste an einen Juden verheiratet war und so glcklich, da die zwei ledigen Schwestern auch nur Juden heiraten wollten. Die Schusterin dort dagegen hatte sie im Verdacht, da sie ihr ein Pulver gestreut habe, aus Asis, wovon sie eben den jetzigen Husten habe. Es war eben eine Freundin von Frau Keller. Oine mit Moine. Ihr Schwager habe neulich das Hotel gekauft, in dem jener Koch angestellt war, und so billig ... Der Besitzer war damals betrunken gewesen und habe es ja auch nachtrglich zurcknehmen wollen, aber da war es schon mit Zeugen festgemacht. Ja so ist's in der Welt. Der eine kommt daz, der andere davon ... Arnold flocht ein, was er ihr schon vormittags erzhlt hatte, da auch einer seiner Freunde jngst ein groes Geschft gekauft habe. So? Das hatte sie schon wieder vergessen. Aber mit erstaunlichem Gedchtnis kam sie wieder auf frhere Dinge zurck. Einmal, bei irgend einem Besuch, habe ihr Poldis Frau nur Nickelsupp vorgesetzt (womit sie Kaninchensuppe meinte), whrend die Familie selbst Torte zum Mittagmahl hatte. Nickelsupp, so was!... Lauter Erfindungen, kopfschttelte die Mama ... Ein Fleischhacker habe die kleine Regie heiraten wollen, als sie erst siebzehn Jahre alt war. Die Eltern des Herrn Beer wollten ihr einmal sechshundert Gulden geben, wenn sie die Partie zurckgehn lasse. Aber da sei sie, die Gromutter selbst, aus Wintertal herangefahren und habe ihnen den Kopf zurechtgesetzt: die Hauptsache sei, da ein Mdel koscher kochen knne, das Fleisch tchtig einsalzen und da sei ihre Regie die Richtige ... Eine Idee hast du gehabt, da ich berhaupt verlobt bin! Ja viel gekmmert hast du dich um uns sagte die Mutter, mit zrtlicher Bitterkeit, indem sie ein Glas mit Himbeersaft vom Kstchen nahm Willst du nicht ein bichen? Sonst trocknet dir noch die Kehle, von dem vielen Erzhlen. -- Hast e Geruschber! Stell das Tippele hin. -- No ein bichen. -- Aber Mama, du mut doch deiner Mama folgen. Wirst du gleich das Tipfel hinstellen befahl Arnold mit komischem Ernst. Ohne zu klopfen war der Doktor eingetreten, ein stattlicher Mann mit blondem rundgeschnittenem Vollbart, er lchelte: No, Mutterle, wieder ganz beinand. -- Arnold machte sich ihm bekannt, die Mama kannte ihn schon von frheren Krankheitsfllen her: Nicht sagen lt sich die Mutter, sie folgt halt nicht. -- No, wir werden sehn erwiderte der Doktor, fhlte den Puls: fieberfrei. -- Die Mutter will die Medizin nicht nehmen klatschte ihm die Mama. -- Medizin mssen Sie nehmen, Frau Goldberg, das geht nicht. Er sprach laut und eindringlich zu ihr, wie man gewhnlich zu ganz alten Leuten spricht, er drohte beinahe das geht nicht, doch, wie es schien, ohne auf besondere Wirkung zu rechnen. Sie nickte, ngstlich und folgsam. Indessen hatte man ihm einen Sessel gebracht, mit einer Geberde, als sei dies ein Vorzugssessel, obwohl nur zwei ganz gleiche da waren. Er lie sich nieder, indem er auf seine breiten Schenkel klatschte: No, hammer uns wieder aufgerappelt, was? und legte seinen Kopf an ihren Rcken. Nach vorn gebeugt sa die alte Frau auf dem Kanapee, die Augen ins Ungewisse, geduldig wie ein Lammerl, whrend der Doktor, immer den Kopf an ihrem Rcken, mit dumpferer Stimme redete: Was wollen Sie haben, gndige Frau Beer, man mu sie lassen, sie wei schon selbst was ihr am besten taugt ... Tut es Ihnen hier weh fuhr er in vernderter Stimmlage fort, whrend er den Rcken der Gromutter mit einem Finger beklopfte, dessen Spitze er aus der Krmmung hervorschnellen lie Nein? und hier? Ein bichen. Und hier?... Wie viel Kinder haben Sie gehabt. Vier war die Antwort mit schwacher befangener Stimme. Die Mutter war erschrocken, machte Zeichen gegen Arnold hin, nein, was sich diese Gromutter schon alles einbildete, sie waren doch nur drei gewesen. Ans is tot zur Welt gekommen sagte die alte Frau, ihre Gedanken erratend. Davon hab ich aber bisher kein Wort gewut flsterte Mama, doch schien sie diesmal eher zum Glauben geneigt. Der Doktor pochte weiter. Nun als schiebe er die Patientin beiseite, richtete er sich auf: Ein Vergngen, das Mutterl zu sehn. In meiner Praxis sind mir noch nicht viele solcher Flle vorgekommen, was glauben Sie. Keine Spur von Altersschwche. Gehr, Gedchtnis, Augen, alles intakt. Sie knnen von Glck reden. Was spricht er, dachte Arnold, er tut, als wre die Gromama gar nicht vorhanden, und trotz all seiner Gemtlichkeit und Freundlichkeit schien ihm der Doktor dumm und unfein, eben mit dieser alten Frau verglichen. Und nun gar, als er abschweifte und von seiner Praxis zu reden anfing, sich breit machte mit Sechs-Uhr-frh-Aufstehn und Arbeiten-bis-zehn-Uhr, und dann noch die Gutachten fr Gerichte, Versicherungsanstalten, das Geschmiere, was glauben Sie ... Arnold fragte ihn, wie lange es mit der Krankheit noch dauern knne. Husten Sie noch? wandte sich der Arzt an die Gromutter, der die Mama indessen wieder ins Bett geholfen hatte. Ja, e bissele. Ich werde Ihnen ein anderes Mittel aufschreiben sagte der Doktor und zog auf einen Ruck die Fllfeder und sein Ledertschchen mit dem Rezeptblock hervor, legte es aufs Knie und schrieb. E Mittel mecht ich habn, unter die Erd zu kommen sagte die Gromutter, wie aus einer andern Welt her, und schaute ihn dabei mit einer gewissen berlegenen Schalkhaftigkeit an. Aber Mutterle, ber der Erde ist's doch viel schner ... Nicht? wandte er sich breitspurig an Arnold und die Mama ber der Erde ist's doch viel schner, was glauben Sie. Er zeigte lachend seine groen weien Zhne und meinte noch, sachlich: So lange sie hustet, ist's gut. Der Schleim mu heraus ... Ja, gestern wie ich hier war, da hab ich nicht gemeint, da sie sich so schnell wieder herausmachen wird. Aber das ist es halt, dieses Fieber tritt manchmal auf, es ist noch nicht gengend beobachtet worden, in den medizinischen Fachschriften finden Sie nichts darber, nur ein Praktiker kann Ihnen das sagen, dieses Fieber also tritt bei lteren Leuten mit einer enormen Heftigkeit auf, achtunddreiig, vierzig Grad, man meint, jetzt mu die schnste Influenza kommen, mindestens ein Typhus. Und dann ist's auf einmal nichts. Reines Fieber und vorbei, aus. In Arnold erwachte fr einen Moment die Erinnerung an zahlreiche ermunternde Gesprche mit seinem Freund Lb: Nun, werden Sie das nicht genauer beobachten? Werden Sie nicht darber schreiben? -- Der Arzt sah ihn frmlich mitleidig an: Ich und schreiben! Wo hab ich denn Zeit und er kam auf seinen seltsamen Studiengang zurck, beinahe wre er Dozent geworden, nun, man wisse nicht, ob es so nicht besser sei. Die Arbeit sei sein grtes Vergngen, da fhle sich der Mann. Von frh bis Abend zu tun.... Die Mama war beunruhigt: warum er bei so einem groen Einkommen nicht heiratete ... Er lachte krftig: wozu er das ntig habe, ihm fehle ja nichts, er sei zufrieden ... Dos da mischte sich jetzt die Gromutter ein, die nur scheinbar teilnahmslos dagelegen war Dos da is e Kppile, mei Arnoldele, der is ach tchtig, der hat Chochme, er schreibt ach in Zeitungen. Das hatte ihr die Mutter erzhlt und jetzt brachte sie es instinktiv gegen die Protzereien des Doktors vor. So, das interessiert mich aber sehr wandte sich der Doktor an ihn und redete lngere Zeit darber, da er sich nicht oder doch erinnere, seinen Namen einmal gelesen zu haben, und: Was fr ein Genre kultivieren Sie? Er werde von nun an achtgeben. Bei der Erwhnung von Arnolds Reisebriefen kam er auf seine Reisen zu sprechen, jedes Jahr zwei Monate lang -- was glauben Sie, einmal im Jahr mu man tchtig ausspannen. Er gab sich in diesem Zusammenhang auch noch als Nimrod zu erkennen. So blieb er beinahe eine Stunde und Arnold sagte sich, da er freilich auf diese Art mit seinen Patienten bis Abend nicht fertig sein knne. Doch sofort korrigierte er sich innerlich: es ist dies ja seine einzige Visite, das betrachtet er wohl nur als Erholung, ich habe ja den Andrang in seiner Wohnung gesehn -- nur nicht ungerecht sein -- so ein netter Mensch. Die Gromutter schien er allerdings ber seinen Erzhlungen etwas vergessen zu haben, nur als sie hustend seufzte, rief er ihr zu: Was wollen Sie! Sie sind die Gesndeste hier im Zimmer. Sie werden uns noch alle berleben. Im Weggehn stie er an die Kohlenkisten und, als msse er alles wiederholen, was Frau Lichtnegger ber ihn berichtet hatte, lie er zum Abschied den Witz fallen: Nun, was fr Schtze haben S' denn da eingesperrt, Mutterle. Das ist ja wie im Mrchen. Sie atmete auf, als er drauen war: Hast e Kol gehabt. Alles nur was wahr is. Dann wurde sie stiller, da gegen Abend ein leichter Fieberrckfall sich wieder einstellte ... Arnold mute ans Weggehn denken, es war spt geworden, und in einer angstvollen Unruhe fragte er sich, ob er noch einmal im Leben dieses liebe Gesicht, den eingesenkten Mund, den er kte, wiedersehn wrde, ob das nicht ein Abschied fr immer sei ... Er konnte nichts herausbekommen, was ihren Anschauungsformen entsprochen htte. Und doch, wie gern htte er etwa vorgebracht, da dieses Wintertal, bisher ein ihm gnzlich gleichgiltiger Flecken, von nun an eine ungeheure Bedeutung fr ihn habe -- da er es stets in seinem Rcken wie eine Festung spren werde -- oder was fr eine seltsame Reise hierher das eigentlich gewesen sei, da er von der Stadt aber nicht den geringsten Eindruck gewonnen habe, nicht einmal wisse, wo der Marktplatz sei, da diesmal sich alles nur zu ihrem Bilde verdichtet habe und alle Straen nur Linien waren, die durch farblose Luft zu diesem Bilde hinfhrten ... Er stammelte und, whrend er rot wurde, fhlte er, da seine Wangen schon von frher her hei waren, da er wohl seit dem Morgen mit dieser Rte gezeichnet herumging. Und pltzlich brach ihm ein Strom von Trnen wie aus dem Innern des Kopfes hervor, in die Augen, whrend er sich zu ihr niederbeugte: Gromutter, liebe, liebe... -- Die Gromutter indessen schien sich ber den Abschied weniger aufzuregen, als er gefrchtet hatte. Nur ihre Hnde zitterten, die sie ein Weilchen auf seinem Kopf hielt, um ihn zu segnen.... Die Mutter blieb wohl noch zwei Tage lang hier, sie trug ihm auf, einiges dem Papa und den Dienstmdchen auszurichten ... In der Stube war es nun ganz dunkel. Die Mutter hatte eine neue Petroleumlampe gekauft und schickte sich an, sie anzuznden, whrend Arnold langsam hinausschritt. In der Tre blickte er sich um, fing aber keinen letzten Blick der Gromutter mehr auf, da sie gerade der Mama angelegentlich, mit gespanntem Gesicht in die Hand schaute. Der Docht flammte auf und beleuchtete ihre Stirn, auf der die zwei Halbkugeln ber den Augenbrauen je einen blitzenden Punkt bekamen, wie selbstleuchtende kleine Sonnen.-- Beinahe verfehlte er den Zug. Welchen Zug denn? -- Natrlich nicht den in seine Heimat, sondern ber Dresden nach Berlin. -- Sowie er die Htte verlassen, hatte ihn nmlich dasselbe Gewirr wie zu Mittag befallen. Auf dem Bahnhof aber war mit einem Mal sein Plan fertig, wurde ihm wie auf einem Teller von unsichtbarer Hand vor das Gesicht geschoben: sofort an Gottfried Eisig telegraphieren, da er den Journalistenposten in Berlin annehme, den Eltern dasselbe, und sofort nach Berlin abreisen, obwohl es dort nur hlzerne Treppen, keine steinernen gab. -- Pltzlich sah er sich aus den kleinen Verwicklungen seiner Heimatstadt herausgehoben, vor ein neues Leben gestellt, als htte ihm die Gromutter erst gezeigt, wie gro die Welt sei und wie verschiedenartig die Mglichkeit zu wirken fr den Energischen. Und zwischen den glatten hellerleuchteten Wnden des Eisenbahnkoupees, den Blick auf das schwarze Viereck des Fensters geheftet, auf die Nacht da drauen, berkam ihn eine schier bermenschliche Freude ... Was lag ihm am Komitee, was an Lina! Es wrde schon nicht das rgste geschehn, es wrde sich schon irgendwie aussitzen. Was war denn eigentlich dabei. Ihre Worte klangen ihm im Ohr: An Heiratsantrgen habe ich keinen Mangel. Und dann, sie hatte sich ihm an den Hals geworfen, mochte sie dafr ben. Ebenso dieses Komitee, genau so ... Er sprte in sich den bisher nie geahnten Willen, hart und rcksichtslos vorzugehn, ber die Kpfe dieser unbedeutenden Menschen, die sich an ihn hngten, mit Gleichgiltigkeit hinweg. Und lustig noch dazu, ohne viele Umstnde. Diese Lina -- den ganzen Tag hatte er an sie nicht gedacht -- jetzt erinnerte sie ihn mit ihrem Gerhart an der Hand an die klgliche Frau Lichtnegger mit ihrem einfltigen Jungen, nur da sie noch auerdem diesen Exophthalmus hatte, den ekligen, diese kupplerischen Rollaugen, die ihm sogar krankhaft schienen, da er sich nun auf den medizinischen Namen besonnen hatte. Es war ihm fast, als htte sie ihn beleidigt, als wre es sein Recht, sich gegen sie zu wehren. Weg damit! Es war nicht die Hauptsache ... Vielmehr dies: tchtig sein, endlich etwas leisten, mit sich selbst zufrieden sein, so lange man lebt, und wenn man schon die unglckliche Gabe der Vielseitigkeit und Gewandtheit in sich hat, diese ppigkeit in den einzig hierfr mglichen Beruf leiten: den Journalismus. Er hatte die bescheidene Idee, da dies allerdings nicht das Letzte, Tiefste, fr die Menschheit Wichtigste sei -- und doch, nun da er erkannt hatte, da darin seine eigentliche Begabung lag und da sein Leben eigentlich von Jugend an darauf hingezielt hatte, nun fhlte er eine Liebe zu dieser ffentlichkeit und allseitigen Bewegung in sich, ein Feuer, das selbst einen geringeren Gegenstand geadelt htte. Es war ja so schn: reden, schreiben, hei sein, immer im Galopp, aus der weien kreidigen Asphaltwste einer ungeheuren Stadt Lorbeerhaine und grne duftende Zedern aufreien, alles mit sich ziehn, Bhnen grnden, Vereine, neue Stile, Warenhuser, Reichtmer -- o, es mute glcken! Denn nun liebte er auch sich selbst -- zum erstenmal in seinem Leben -- sich selbst und alles, was aus ihm herausdrang. Er war allein mit sich und doch nicht unzufrieden wie sonst immer, er fand sich selbst sympathisch, so wie er sich als Resultat der Wanderungen und Untaten seiner Vter erkannt hatte, ihrer Jahrtausende alten Verblendungen, ihres Blutes, ihrer Tugend und ihres berschwangs. In seinem unmigen Temperament fate er heute zum erstenmal das Erbe jenes biblischen Zornes, mit dem ein Volk von Raubtieren aus der Wste sich ber den Jordan schttet und die Stdte unbekannter Stmme mit der Schrfe des Schwertes austilgt, jenes Zornes, den Simson in lachenden, vor Lachen beinahe sinnlosen Heldentaten ausbt. Arnold fhlte Boden unter seinen Fen, das war es, zum erstenmal ... und wie sich ihm eine ganze Nation, eine Reihe von klotzstirnigen gewaltttigen aufdringlichen Ahnen erschlo, zu deren Fen unglckliche Opfer, hlich schreiend, verbluteten: so sprte er doch zugleich auch in sich all ihre in die Luft verhauchten Zrtlichkeiten, ihre feinnervige Sehnsucht, ihr Klagen wie das Rauschen eines Waldes, ihr freundliches und gescheites Aufpassen mit Lichtpunkten in den Augen, ihre khnen unerschrockenen Wrfe, ihr natrliches Fhrertum und Erzhlertum, ihren selbstverstndlichen Lebenswandel, den man fast fromm nennen konnte, und ihre Ergebung in das groe Schicksal aller Menschlichkeit, nicht zu ergrnden und deshalb nicht zu beklagen. So sa er und bald beschftigte ihn, da die Erregung nachlie und endlich der feste Entschlu wie ein starrer Goldklumpen zurckblieb, nur der Gedanke, ob er auf dem Anhalter Bahnhof in Berlin rechts oder links aussteigen werde. Das heit: er wute, nach der Fahrtrichtung, da der Zug von Sdosten in den Bahnhof einfahren msse und da also zur rechten Hand auszusteigen sei, denn auch die Lokalitt dieses Bahnhofs war ihm von frheren Berliner Aufenthalten her wohlbekannt. Beim Einsteigen in Wintertal mochte er aber irgendwie die Richtungen verwirrt haben, kurz, nun hatte er immer das Gefhl, da der Bahnhof links kommen werde. Er rckte von einer Bank auf die andere, versuchte gleichsam seinen Kopf umzudrehen, umzustlpen, vergebens, die richtige Orientierung wollte sich nicht mehr einstellen. Endlich ergab er sich in seinen Wahn, lchelnd, da die Lsung bei der Einfahrt sich sowieso von selbst einstellen mute, und nahm die seltsame, ja geheimnisvolle Unordnung dieser Nachtfahrt fr den letzten Ausklang seiner jugendlichen Ziellosigkeit, die jetzt fr immer abgetan war. Nachwort Dem geneigten Leser wird es nicht entgehn, da der Dichter in diesem Buche mit verstrkter Entschlossenheit in einer Richtung fortschreitet, die er in seinem letzten Roman Jdinnen begonnen hat. Da also Vorwrfe und Einwnde, die gegen die Jdinnen erhoben wurden, das neue Buch wiederum treffen drften, und zwar verdoppelt -- denn man wird mit Recht dem Dichter vorhalten, da er auch wohlwollende Ausstellungen sich nicht zu Nutze hat machen wollen, man wird ihn engherzig und verstockt nennen--: so wird es wohl nicht mig scheinen, wenn ich auf einige dieser Vorwrfe an dieser Stelle eingehe, nicht um sie zu entkrften -- denn kann ehrlich aus dem Herzen Geschleudertes jemals entkrftet werden--, sondern nur, um zu zeigen, wie ich diese Vorwrfe in meinem Innern geordnet, gruppiert, teilweise mit meinem Willen in bereinstimmung gebracht und teilweise der allgemeinen Harmonie der Welt zum Ausgleichen berlassen habe. Nun an die Sache! Da sei zunchst fr das vorige Buch, wie fr dieses und fr alle meine zuknftigen das Miverstndnis, als seien in den hier handelnden Personen irgendwelche lebende Menschen meiner Umgebung portrtiert worden, weit zurckgewiesen. Wohl haben Beobachtungen des Wirklichen und Gedanken, die mir das Leben selbst eingab, in meine aufbauende Arbeit bewut und unbewut eingespielt; doch hat jedes, auch das geringste tatschliche Detail durch seine Einfgung in ein ganz andern Gesetzen und hheren Zielen folgendes Ganzes so grndlich seine Wesenheit gendert, da ein Rckschlu von dem Kunstwerk auf den verarbeiteten Rohstoff zu den willkrlichsten Irrungen fhren mu -- wie denn berhaupt der Satz, da alle in einem Kunstwerk irgendwie vermutete handgreifliche Wirklichkeit sich letzten Endes als eine Wirklichkeit hheren Ranges, mithin fr den gemeinen Kopf als ein bloer Schein darstellen mu, hier durchaus und im strengsten Sinne statthat. Ein ebenso entschiedenes Nein kann ich der zweiten Gruppe der Unzufriedenen nicht entgegensetzen: denen, die die Figuren meines Romans Jdinnen oder doch ihre Mehrzahl als unsympathisch bezeichnet haben. Zwar liegt auch diesem Urteil eine allzu enge Anschmiegung von Lebens-Mastben an das Kunstwerk zu Grunde und das Beiwort unsympathisch gehrt eher in die Schule des tglichen Verkehrs als in den Mund eines Kunstrichters: doch will ich mich auf diesen frostigen Standpunkt nicht zurckziehn, lieber gestehn, da ich selbst mit den erfundenen Gestalten der Jdinnen, mit Irene, Olga, Hugo und den andern, nicht nur durch literarische Gefhle, auch durch menschliche Parteinahme und Liebe mich verbunden fhle. Durch Liebe: damit habe ich ausgesprochen, was ich auf den Vorwurf des Unsympathischen zu erwidern habe. Ich gebe zu, da meine Gestalten, als Menschen betrachtet, bse Zge und Charakterfehler aufweisen; aber eben ihr Fehlerhaftes und damit das Fehlerhafte eines ganzen Menschentypus, zum Beispiel aller Jdinnen wie Irene, als etwas durch ungnstige Lebensumstnde Bedingtes, als Krankhaftes, Unverschuldetes, Notwendiges, durch besondere Zuflle sogar Heilbares anzusehn, das wollte ich lehren. Fr mich ist Irene weit eher bemitleidenswert als unsympathisch. Der flchtige Betrachter nur wird bei einem Verdammungsurteil ber unglckliche Wesen stehn bleiben, deren Aufschreie, deren tchtigen Kern und bis an das Himmelsgewlbe reichende Wichtigkeiten meine eindringendere Darstellung aufdecken wollte, die freilich ohne eindringenderes Lesen, ja Studium des Buches wirkungslos bleibt. Von hier ist nur ein kleiner Schritt zu machen, um dem Tadel, diesen Bchern fehle die Handlung, entgegenzutreten. In ihnen ist freilich keine Kaiserkrone zu vergeben, auch Mord und Raub kommt nicht vor. Es werden Vorgnge geschildert, die einem Nichtbeteiligten oft als geringfgig erscheinen mgen. Aber eben nur dem Nichtbeteiligten. Da aber die Geschehnisse die ganze Seele der handelnden Personen, ihr Edelstes und ihr Niedrigstes, aufwhlen, da nur von auen gesehn alltgliche und langsam fortschreitende Tatsachen, aus dem Herzen der Betroffenen gesehn aber schnelle Umstrze, berraschungen, Verwicklungen, Mord und Raub vor sich gehn: das haben fhlende Leser wohl nicht unbemerkt gelassen und das weiter auseinanderzusetzen, wrde mir wenig anstehn. Noch zwei Gegenstimmen. Mein Buch sei zu ausgeprgt jdisch, sagt die eine und die andere, es sei nicht jdisch genug. Nun knnte ich mit einer nicht einmal sophistischen Wendung diese beiden Stze gegen einander ausspielen und gegenseitig fr widerlegt erklren. Doch wrde mich eine solche ausweichende Art der Mglichkeit, mich mit meinen Lesern rechtschaffen zu verstndigen, berauben und ohne die ehrliche Hoffnung auf eine solche Verstndigung htte ich ja diese ganze Ausfhrung ungeschrieben lassen knnen. Ich will also lieber annehmen, da hinter diesen beiden schnellen Einwnden ein dritter, wenn auch nur dunkel gedacht, verborgen liegt und da er etwa darauf abzielt: meine Bcher htten keine entschiedene Tendenz, kein Ethos, sie uerten trotz ihrer Titel keine eigentliche Meinung ber das Wesen und die Zukunft des Judentums. -- Wie nun aber, wenn gerade in diesem Nichtuern ein Stck meiner Meinung ber das Judentum, ja meines ganzen weltanschaulichen Wollens lge! Ich habe es nirgends unternommen, den Typus des Juden oder der Jdin zu schildern, weil ich einen solchen Typus genau gesprochen nicht anerkenne. Vielmehr scheint mir die Mannigfaltigkeit und das Umfassen vieler Gegenstze dem Judentum sehr wesentlich zu sein, und ich habe dementsprechend meine Aufgabe darin gesehn, zunchst fr kleinere Gruppen von Juden einen Typ zu bilden. Als solcher Typ einer immerhin ziemlich umfassenden Menschheitsgruppe wollen Irene, Olga u.s.f. angesehn werden, und auch das vorliegende Buch stellt das Schicksal _eines_ Juden, _vieler_ Juden vielleicht, aber nicht einmal andeutungsweise _aller_ dar. Es sollen vielmehr in einem Zyklus weiterer Romane ganz andere, zum Teil entgegengesetzte, ergnzende Typen so lange auftreten, bis ein Aufsteigen von dieser Typenreihe zu einem hheren Typus vielleicht mglich erscheint, vielleicht als undenkbar fr immer abgelehnt wird. In diesem erhofften Zeitpunkt wird sich das Bild des Gesamtjudentums allerdings, wie ich schon jetzt voraussehe, wesentlich komplizierter, krftereicher, flieender, vor allem auch harmonischer darbieten als es seinen jetzigen wohl allzu einseitigen, wenn auch in manchem Hinblick vortrefflichen Theoretikern wie Birnbaum, Sombart, Buber, Zollschan u.a. erscheinen kann. Albert Ullrich Buchdruckerei Berlin SW68/Hollmannstr. 22 [ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile steht. werden, da er sich schon oft genug mit aller Sehn ucht in sie werden, da er sich schon oft genug mit aller Sehnsucht in sie ordentliches Heft zum ehrenvollen Vollschreiben, schien ihm o sehr ordentliches Heft zum ehrenvollen Vollschreiben, schien ihm so sehr er seinen Vater aus Respekt auch nachmals nicht weiter auszu orschen er seinen Vater aus Respekt auch nachmals nicht weiter auszuforschen Sphre ziehen konnte, da Herz zerbrach. -- Wie alles, betrieb er Sphre ziehen konnte, das Herz zerbrach. -- Wie alles, betrieb er mit dir? Sammelst du? .. An langen Nachmittagen grbelte er ber mit dir? Sammelst du? ... An langen Nachmittagen grbelte er ber eberlegene in diesem Verkehr, da er Billard spielen konnte, auch schon berlegene in diesem Verkehr, da er Billard spielen konnte, auch schon gespensterheaftr Schlerreihen vor sich hatte. -- Oder er gab das gespensterhafter Schlerreihen vor sich hatte. -- Oder er gab das Karrikaturen zeichnen, einer photographierte, einer konnte mit dem Karikaturen zeichnen, einer photographierte, einer konnte mit dem im modernsten Genre schrieb, selbst verfertigte, Verse, die sich nicht im modernsten Genre schrieb, selbst verfertigte Verse, die sich nicht ruberischen eberfllen sicher zu sein, gern die Abendstunden, in denen ruberischen berfllen sicher zu sein, gern die Abendstunden, in denen es schreit. Sieg! Sieg es schreit. Sieg! Sieg! attakierte, all diese Zauberei einer schnellen Auffassung und eines attackierte, all diese Zauberei einer schnellen Auffassung und eines elfenbeinenen Kstchen. Und Arnold stieg von Dach zu Dach, auf kleinen elfenbeinernen Kstchen. Und Arnold stieg von Dach zu Dach, auf kleinen hinausgestreutes Leben zu bringen .. Und grimmig ging er die hinausgestreutes Leben zu bringen ... Und grimmig ging er die versumten, mit ihren siegesgewissen Mienen, ihrem arrogaten versumten, mit ihren siegesgewissen Mienen, ihrem arroganten Arnold mit ausgeschpften trockenem Herzen zurckblieb. berdies Arnold mit ausgeschpftem trockenem Herzen zurckblieb. berdies mit ihr, erwiederte ihre mtterlich-verliebten Blicke mit mglichst mit ihr, erwiderte ihre mtterlich-verliebten Blicke mit mglichst Opern wie Zampa Wassertrger vom weiten erkannte, zum allgemeinen Opern wie Zampa, Wassertrger vom weiten erkannte, zum allgemeinen bewundernden Erstaunen, das ihn dann immer mitAbscheu erfllte. Von bewundernden Erstaunen, das ihn dann immer mit Abscheu erfllte. Von unerwarterweise stieen sie einander gegenseitig ab, Nornepygge unerwarteterweise stieen sie einander gegenseitig ab, Nornepygge Statur unter diesem Galloppieren litt ... Welches Vergngen fand er nun, Statur unter diesem Galoppieren litt ... Welches Vergngen fand er nun, gehabt .. Heute bezauberte es ihn so, da er einen Vereinsabend des gehabt ... Heute bezauberte es ihn so, da er einen Vereinsabend des endgegenkommendster Weise eine eigene neue Station errichten wollte, entgegenkommendster Weise eine eigene neue Station errichten wollte, weshalb man lebt? Gibt es das berhaupt? Ist es nicht vielmehr eine eine weshalb man lebt? Gibt es das berhaupt? Ist es nicht vielmehr eine Arnold fand es grausam s, sie bei diesem Wort, da sie jetzt schon Arnold fand es grausam s, sie bei diesem Wort, das sie jetzt schon ihrem lebhaft hin und hergeworfenen Armen, mit ihren Wendungen, denn ihren lebhaft hin und hergeworfenen Armen, mit ihren Wendungen, denn Ich mute mir doch mal ansehn, wie sie wohnen. Er fand kein Mittel Ich mute mir doch mal ansehn, wie Sie wohnen. Er fand kein Mittel abspazierte, winzige Zigarretten rauchte, dann aber gleich wieder im abspazierte, winzige Zigaretten rauchte, dann aber gleich wieder im nachgibig-festen Brste, die ihn immer so gelockt hatten, fate sie nachgiebig-festen Brste, die ihn immer so gelockt hatten, fate sie meinte im Weggeben: Also wegen der Jubilumsmarken knnen Sie ganz meinte im Weggehen: Also wegen der Jubilumsmarken knnen Sie ganz Auf seinen Schreibtisch zu Hause lag ein Brief. Gottfried Eisig, der Auf seinem Schreibtisch zu Hause lag ein Brief. Gottfried Eisig, der Schimpf Prgel, da schon die Nachbarn sich dessen annahmen. Einmal Schimpf, Prgel, da schon die Nachbarn sich dessen annahmen. Einmal Man schickte ihr Geld, doch erst sei heuer, bis dahin hatte sie Man schickte ihr Geld, doch erst seit heuer, bis dahin hatte sie mit Kreide irgendwelche selsame Zeichen zusammen. -- berdies habe sie mit Kreide irgendwelche seltsame Zeichen zusammen. -- berdies habe sie Glotzaugen wie sie sie hatte, groe gesunde rote Kerle von Kindern, Glotzaugen, wie sie sie hatte, groe gesunde rote Kerle von Kindern, Ich kann nimmer gehn jammerte sie schwach Ich hab mr ja gewnscht, Ich kann nimmer gehn jammerte sie schwach. Ich hab mr ja gewnscht, Sei haben geschrieben sagte die Alte still Ich hab ihnen nix Sei haben geschrieben sagte die Alte still. Ich hab ihnen nix Armseligte, diese nackten graugestrichenen Wnde, mit zwei winzigen Armseligste, diese nackten graugestrichenen Wnde, mit zwei winzigen Zrtlichkeiten und Kosennamen. Namentlich aber dem Prunkkanapee nherte Zrtlichkeiten und Kosenamen. Namentlich aber dem Prunkkanapee nherte einzigen Gegenstand das Symbol ganzer Sckicksale erkennt. einzigen Gegenstand das Symbol ganzer Schicksale erkennt. Gste ein. Man a von einem ausgebrriteten Papier weg ... Nun, Mutter, Gste ein. Man a von einem ausgebreiteten Papier weg ... Nun, Mutter, Schssel? Schlssel? Gefhl von Unverantwortlichkeit befiehl ihn, als wrde er aus einem Gefhl von Unverantwortlichkeit befiel ihn, als wrde er aus einem im einem glnzenden Strom von Selbstentschuldigungen und neuem in einem glnzenden Strom von Selbstentschuldigungen und neuem vielleicht war die Gromutter tot. Er beugte sich ber Gesicht, sie vielleicht war die Gromutter tot. Er beugte sich ber ihr Gesicht, sie eeschien ihm nun in momentanem Zusammenhang die Rede seines Vaters: Sie erschien ihm nun in momentanem Zusammenhang die Rede seines Vaters: Sie Das Gesprch wurde nun immer lehhafter, whrend die Gromutter immer Das Gesprch wurde nun immer lebhafter, whrend die Gromutter immer Ich werde es dir also... Ich mchte sagen unterbrach sie e Kopf Ich werde es dir also... Ich mchte sagen unterbrach sie e Kopf noch Blumen sollten in den Fenster stehn, wie bei den Nachbarn noch Blumen sollten in den Fenstern stehn, wie bei den Nachbarn Magenliqeur trank sie natrlich keinen Schluck, sondern verkaufte ihn Magenliqueur trank sie natrlich keinen Schluck, sondern verkaufte ihn Farben. So kam es, da er mit er der Speisekarte zugleich die Zeitung Farben. So kam es, da er mit der Speisekarte zugleich die Zeitung fettgedruckte Ausspruch des Aviatikers selbst auf: Er schtze sich fettgedruckter Ausspruch des Aviatikers selbst auf: Er schtze sich Htte anssehn, bei einer Arbeiterfamilie. Dann aber durch den finstern Htte aussehn, bei einer Arbeiterfamilie. Dann aber durch den finstern standen am Bett der Gromutter und plauderte mit ihr in einem solchen standen am Bett der Gromutter und plauderten mit ihr in einem solchen ein Jahr eintreten sollte, die steinere Treppe bei Doktor Heiger ein Jahr eintreten sollte, die steinerne Treppe bei Doktor Heiger So e Schlemasl, was ich hab. Ein Lrm sei das geworden, in dem So e Schlemasl, was ich hab. Ein Lrm sei das geworden, in dem Holzgeflecht. Und wenn sie ihren rmel- aufstreifte, sah man die Haut Holzgeflecht. Und wenn sie ihren rmel aufstreifte, sah man die Haut erwiderte der Doktor, fhlte den Puls. fieberfrei. -- Die Mutter erwiderte der Doktor, fhlte den Puls: fieberfrei. -- Die Mutter ihn be eidigt, als wre es sein Recht, sich gegen sie zu wehren. Weg ihn beleidigt, als wre es sein Recht, sich gegen sie zu wehren. Weg ] End of the Project Gutenberg EBook of Arnold Beer, by Max Brod License: Share Alike