Produced by Jens Sadowski Vom Mars zur Erde Eine Erzhlung fr die reifere Jugend von Dr. Albert Daiber Verfasser von: Die Weltensegler. Drei Jahre auf dem Mars Mit sechs Vollbildern von Fritz Bergen Zweite Auflage Stuttgart Verlag von Levy & Mller Nachdruck verboten. Alle Rechte, insbesondere das bersetzungsrecht, vorbehalten. Druck: Chr. Verlagshaus, Stuttgart. Inhalt Erstes Kapitel. Der Erdensohn auf dem Mars 1 Zweites Kapitel. Die Shne 8 Drittes Kapitel. Eine Sisyphusarbeit 21 Viertes Kapitel. Getuschte Hoffnungen 37 Fnftes Kapitel. Die Doppelkanle auf dem Mars 45 Sechstes Kapitel. Ein tapferer Entschlu 61 Siebentes Kapitel. Vorbereitungen zur Rckkehr 69 Achtes Kapitel. Auf der Fahrt im Weltraum 74 Neuntes Kapitel. Eine Station auf dem Monde 89 Zehntes Kapitel. Die drei Freunde 98 Elftes Kapitel. Wieder auf der Erde 112 Zwlftes Kapitel. Fromme Wnsche 134 Erstes Kapitel. Der Erdensohn auf dem Mars. Phobos und Deimos, die beiden Marsmonde, hingen leuchtenden Kugeln gleich am nchtlichen Firmamente, der eine aufgehend, der andere bereits zum Untergange geneigt. Die sternklare Nacht war von mrchenhafter Pracht und Schnheit. Tiefer Friede lag ber den weiten Marslanden, die ein einsamer Erdensohn gedankenvoll durchwanderte. Wie war er hierher gekommen? Augenblicklich mochten es gegen zweihundert Millionen Kilometer sein, die ihn von seiner Mutter Erde, von seiner deutschen Heimat, von den Freunden in Tbingen, der Sttte seines einstigen akademischen Wirkungskreises im lieben Schwabenlande, trennten. Wie war er hierher gekommen nach dem fernen Bruderplaneten seiner irdischen Mutter? Fast wie ein Mrchen dnkte ihn jetzt in der Erinnerung die vor drei Jahren von sieben Tbinger Gelehrten unternommene khne Forschungsreise durch den therraum, die Qualen des monatelangen Aufenthaltes in der engen, fest geschlossenen Gondel ihres kunstvoll gebauten Luftschiffes, die Gefahren, die die tollkhne Reise im Gefolge gehabt, die Erreichung des Zieles im letzten kritischen Augenblick . . . Der Erdensohn, Fridolin Frommherz, der ehemalige Professor der Theologie und Moralphilosophie an der Universitt Tbingen, strich sich mit der Hand ber die gedankenschwere Stirn. War das alles vielleicht nur ein toller Traum, der ihn neckte? Aber nein, da standen strahlend die beiden Monde, die ihrer Nhe wegen so viel grer erschienen und in Wirklichkeit doch so viel kleiner waren als der Trabant der Erde. Viel hundertmal hatte er schon ihre wunderbare Schnheit staunend betrachtet und sich doch nicht satt daran gesehen. Und dort jener besonders helle, rtlich strahlende Stern -- das war die Erde, die ferne Heimat. Fridolin Frommherz nickte dem Sterne zu. Ich gre dich, Mutter Erde! Ich gre euch, ihr heimgekehrten Freunde! Ob ihr wohl euer Ziel glcklich erreicht habt? Nie werde ich es erfahren. Htte ich mich doch nicht von euch trennen sollen? Siegfried Stiller, du bester der Freunde, du wolltest es nicht, aber ich konnte ja nicht anders! Nein, wirklich, ich konnte es nicht verlassen, dieses Paradies, in das wir den Weg gefunden! Dachte ich zurck an all das Erdenelend, die Lge, den Eigennutz, den rohen Kampf ums Dasein, -- mir graute vor einer Rckkehr in so barbarische Verhltnisse, nachdem ich eine Kultur kennen gelernt, deren Hhe ich frher kaum geahnt hatte. Nein, hier soll meine Heimat sein, hier auf dem Lichtentsprossenen, wie die Marsbewohner ihren Planeten so schn nennen! Im Lichte will ich leben, nicht im Erdendunkel! Fridolin Frommherz hatte whrend seines Selbstgesprches nicht bemerkt, da sich ihm ein Greis in langem Silberhaar genaht. Da legte sich eine Hand auf seine Schulter, und eine Stimme voll tiefen Wohllautes fragte: Nun, mein Freund, schon wieder im Selbstgesprch auf einsamer nchtlicher Wanderung? Qult dich das Heimweh nach der Erde? Nein, nein! beeilte sich der Erdensohn hastig zu versichern. Hier will ich leben, im Lande meiner Wahl! Hier, wrdiger Eran, ist das Paradies! Nun, meinte der Alte mit feinem Lcheln, etwas scheint dir doch im Paradiese zu fehlen. Woher sonst dieses ruhelose Wandern, dieses auffallende Meiden deiner neuen Brder? Wie gern weiltest du frher, als deine Erdenfreunde noch auf unserm Lichtentsprossenen wandelten, in meinem Hause! Jetzt treibt dich etwas hinaus, das dir auch drauen keine Ruhe lt. Willst du mir nicht anvertrauen, was dich qult? Whrend dieses Gesprches waren sie langsam weitergeschritten, die beiden eigenartigen Gestalten, der hochgewachsene Greis im silberweien Haar, mit dem edel geformten Antlitz, und der kaum halb so alte Erdensohn mit den weichen Zgen. Unter seinen Landsleuten hatte er fr gro gegolten, seinem Gastfreunde aber reichte er kaum bis an die Schulter. Beide trugen das lange, weie Faltengewand der Marsiten. Langsamen Schrittes nherten sie sich Lumata, der Stadt, der Eran als ltester vorstand. Fridolin Frommherz schwieg eine Weile. Endlich sagte er beklommen: Du selbst, wrdiger Eran, gabst mir einst zu verstehen, da du mein Hierbleiben nicht billigtest. Aus den Blicken deiner Genossen las ich dasselbe Urteil. >Ein jeder gehrt an den Platz, an dem er etwas zu leisten vermag,< sagt ihr. >Man lebt nicht sich allein, sondern auch der Gesamtheit.< Ihr mnztet diese Worte auf mich und die Erde und fandet es unrecht, da ich meine Freunde allein ziehen lie. Ich aber hatte nur den einen Wunsch, bei euch zu bleiben. Ich mchte ein ntzliches Glied eurer Marsgemeinde werden. Wenn mir nur jemand dazu helfen wollte! Gewi hast du recht: es ist zielbewute, nutzbringende Arbeit, die dir fehlt, erwiderte der Greis. Aber hast du uns denn bisher darum angegangen? Nein, das nicht! Aber du versprachst mir, nach Angola, an den Hauptsitz eures Stammes der Weisen, ber mein Hierbleiben zu berichten. Von dort aus hoffte ich mein knftiges Leben geregelt zu sehen. Monate sind darber verflossen. Noch wei ich nicht einmal, ob der hohe Rat den Fremdling in euern Gefilden dulden wird, und qulend lasten die Ungewiheit und dieses tatenlose Dasein auf meiner Seele. Die Antwort aus Angola ist eingetroffen. Um dir dies mitzuteilen, habe ich dich aufgesucht. Mit einem Ruck blieb Fridolin Frommherz stehen. Lebhaft wandte er sich dem Greise zu, als er fragte: Und wie lautet diese Antwort? Du mchtest nach Angola kommen. Enttuscht sah der Erdensohn vor sich hin. Ist das alles? Braucht man fnf volle Monate Zeit, um eine so kleine Botschaft zu senden? wollte er sagen, aber er besann sich eines Bessern und schwieg. Wenn die ernsten, ehrwrdigen Greise, die dem Stamme der Weisen angehrten und den Rat der Alten, die oberste Behrde des Marsvolkes, bildeten, wenn diese etwas taten, so war es wohl erwogen und tief begrndet. Ihm ziemte kein Mkeln. Zu deutlich aber malte sich die Enttuschung in seinen Zgen. Wir werden schon morgen frh reisen, sagte Eran freundlich. Du begleitest mich? fragte Fridolin Frommherz voll Freude. Ja, mein Freund. Du weit, da ich selbst im Rate der Alten sitze. Nun aber komm und pflege noch ein paar Stunden der Ruhe. Sieh, wir haben bereits Lumata wieder erreicht. In der Tat tauchten die ersten weischimmernden Huser der Stadt vor den nchtlichen Wanderern auf. Sie standen nicht aneinander gereiht, sondern vereinzelt inmitten wohlgepflegter Grten, umgeben von Beeten mit duftenden Blumen und Bumen mit myrten- und lorbeerhnlichen Blttern. Ser Wohlgeruch erfllte die Luft. Die Huser waren meist einstckig und hatten flache Dcher. Gute Nacht, Freund Fridolin! sagte Eran, als sie dessen Behausung erreicht hatten und die breiten Marmorstufen zur sulengetragenen Vorhalle emporstiegen. Ich werde dich morgen beizeiten rufen lassen. Unser Weg ist weit. Gute Nacht, Eran! Hab' Dank! Sie trennten sich beim Eintritt ins Haus, doch lange noch lag der Erdensohn wach auf seinem bequemen Lager. Er wurde das qulende Unbehagen, das ihn in den letzten Wochen und Monaten verfolgt hatte, auch jetzt nicht los. Immer wieder stand ihm die irdische Heimat vor Augen und die Zeit, da er hierher gekommen war. Ihrer sieben waren sie gewesen, lauter gelehrte Professoren der Tbinger Universitt. >Die sieben Schwaben< hatten sie sich oft im Scherze genannt. Ein Schwabe war der Erfinder ihres Luftschiffes gewesen, ein Schwabe hatte das neue, leichte Gas zur Ballonfllung entdeckt, wodurch erst eine Reise auerhalb der Erdatmosphre ermglicht wurde. Schwaben waren als die Ersten mit dem merkwrdigen Luftschiffe aufgestiegen, hatten als die ersten Erdgeborenen den weiten therraum durchfurcht und waren nach unendlicher Mhsal auf dem Mars gelandet. Sieben waren gekommen und hatten zwei Jahre im Marsparadiese gelebt, aber nur sechs hatten, vom Pflichtgefhl getrieben, die Heimreise angetreten, einer hatte den Drckeberger gespielt, und dieser Eine war er, war Fridolin Frommherz. Mit heiem Kopfe wlzte er sich auf seinem Lager umher. Da war er wieder an demselben Punkte der Erinnerungen wie alle Abende! Hatte er denn wirklich unrecht getan? War es denn nicht verstndlich, da er solchen paradiesischen Zustnden, wie er sie auf dem Mars, dem Lichtentsprossenen, gefunden, die Heimat und die Erde geopfert hatte? Warum nagte denn stndig etwas an seinem Herzen? Damals, als der Ballon seine sechs khnen Gefhrten entfhrte, war Eran mit den Bewohnern Lumatas zugegen gewesen. Voll Hochachtung hatten sie den scheidenden Erdenshnen und lieb gewordenen Freunden die Hand zum Abschied gedrckt. Er, Fridolin Frommherz, hatte sich verborgen gehalten, aus Furcht, wider seinen Willen zur Mitreise gentigt zu werden. Erst als die Taue gekappt waren und das Luftschiff bereits wieder in seinem Elemente schwebte, war er herbeigeeilt, um den Freunden ein letztes Lebewohl zuzuwinken. War das recht gewesen? Die Rte der Scham, die ihm bei diesem Gedanken ins Gesicht stieg, war Antwort genug auf seine Gewissensfrage. Wieder versuchte er, der lstigen Gedanken Herr zu werden und zu schlafen, aber es wollte ihm immer noch nicht gelingen. Jetzt sah er Eran vor sich, wie er mit seinen Genossen heimkehrte, sah sich selbst den Heimkehrenden in respektvoller Entfernung folgen, hoffte auf die Einladung, sich ihnen anzuschlieen, und vernahm doch kein Wort weder der Ermunterung noch des Tadels. Wie peinlich war die Lage fr ihn gewesen! Da war auch die Erkenntnis in ihm emporgedmmert, da seine Stellung als einzelner Erdensohn zu den Marsiten eine nderung erfahren msse, da es nicht bleiben knne, wie es frher gewesen war, als noch seine Gefhrten hier oben wandelten. Aber welcher Art wrde die Vernderung sein? Anfangs hatte er sich keine Antwort darauf zu geben vermocht. Bald waren ihm die Marsiten wieder freundlich und herzlich entgegengetreten. Aber in den fnf Monaten, die zwischen damals und heute lagen, war ihm doch allmhlich der Unterschied gegen frher klar geworden: es war nicht mehr dieselbe Achtung, die man ihm bezeigte. Das nagte wie ein Wurm an seiner Seele und vergllte ihm jeden Genu trotz der Freundlichkeit und Gte, womit ihn Eran und die Bewohner Lumatas behandelten. Es litt ihn nie mehr lange im Hause. Planlos rannte er bald dahin, bald dorthin. Seine tglichen Ausflge dehnte er immer weiter aus und ging den Marsiten so viel wie mglich aus dem Wege, obgleich er merkte, wie diese, aufrichtig betrbt ber seine seelische Verstimmung, die Kpfe schttelten. Nach einer Nachricht aus Angola hatte er sich gesehnt, nach einer Regelung seines Daseins, nach Beschftigung. War doch die einzige Arbeit, die er noch verrichtete, die Weiterfhrung der Zeitrechnung nach irdischem Mastabe. Mars brauchte zu seiner Achsenumdrehung vierzig Minuten mehr als die Erde. Sein Tag war also etwas lnger, noch lnger das Jahr, das mit seinen 687 Erdentagen nahezu zwei Erdenjahren gleich kam. Aber er verrichtete diese Arbeit ganz mechanisch nach einem Schema, das seine Freunde einst bentzt hatten, und seine Langweile wurde dadurch in keiner Weise vermindert. Nun war also endlich die Botschaft aus Angola da! Was wohl marsitische Weisheit ber den Erdensohn beschlossen hatte? Noch lange wlzte sich Frommherz auf seinem Lager. Gegen Morgen endlich fand er ein paar Stunden unruhigen Schlummers, von wirren Trumen durchsetzt, die ihn bald auf dem Mars, bald auf der Erde, bald im pfeilschnell durch den ther schieenden Luftschiff zwischen Himmel und Erde die krausesten Dinge erleben lieen. Zweites Kapitel. Die Shne. Bald nach Sonnenaufgang sandte Eran seinem Gaste Botschaft, sich zur Abfahrt bereit zu halten. Nach einem erquickenden Bade fhlte sich Fridolin Frommherz neu belebt. Er frhstckte eilig. Vor dem Hause stand ein bequemer Wagen, der Eran und seinen Gast nach der Hauptstadt bringen sollte. Gewhnlich bentzten die Marsiten ihre Kanle, die breiten Wasserstraen, die den ganzen Planeten durchzogen, als Verkehrswege. Sehr schnelle, durch Elektrizitt getriebene Schiffe verkehrten zwischen den einzelnen Orten. Fridolin Frommherz hatte schon manche kleinere und grere Wasserfahrt unternommen. Auch der Luftschiffverkehr war stark entwickelt. Diesmal hatte Eran einen Motorwagen gewhlt, der ihn mit dem Erdensohne mglichst rasch durch die blhende Landschaft nach ihrem Ziele fhren sollte. Die beiden Tagereisen konnten dadurch um eine verringert werden. Sachte glitt der Wagen dahin. Kaum merkbar war die Erschtterung. Fridolin Frommherz konnte diese Art Motorwagen nicht genug im Vergleich mit denjenigen auf Erden rhmen. Wie leicht sie gingen! Kaum wurde etwas Staub aufgewirbelt, keine Spur blen Geruches. Der Greis lchelte ber seines Gastes Begeisterung. Ihr scheint auf Erden in allen Dingen merkwrdig weit zurck zu sein. Von Benzinmotoren mit ihren vielen belstnden wissen wir nichts. Wir haben uns die elektrische Kraft in jeder Form zu nutze gemacht. Wie viele Schtze lat ihr brach liegen oder vergeudet sie auf die trichtste Weise! Wir sind sparsam geworden, und nichts darf in unserem groen Haushalte verloren gehen. Vergeuder seid ihr, weil eure Natur reicher ist als die unsrige. Aber auch ihre Flle nimmt merklich ab. Wir beobachten das schon seit Jahrhunderten durch unsere Fernrohre. Htten wir solche kolossale Schtze an aufgespeicherter Energie, wie ihr sie in euern Meeren, in Ebbe und Flut besitzt, wahrlich, unsere technischen Leistungen, die du so sehr bewunderst, wren noch weit bedeutender. Da gbe es wohl wenig Dinge, die uns unmglich wren. Mit Entzcken schaute der Erdensohn whrend der Fahrt immer wieder auf die gartenhnliche Landschaft. Da war berall die sorgsamste Bewsserung durch kleine und kleinste Kanle. Da war kein Fu breit Landes unangepflanzt. In ppigem Grn versteckt lagen alle Huser. Glatt und eben waren die Straen und aufs beste unterhalten. Fridolin Frommherz brach oft in laute Bewunderung aus. Ja, sagte Eran, du bewunderst mit Recht. Unsere Mnner und Frauen aus dem Stamme der Sorgenden haben da Herrliches geschaffen. Sag, Eran, gibt es denn bei euch gar keine faulen Leute? fragte der Erdensohn pltzlich den neben ihm sitzenden, gedankenvoll vor sich hinblickenden Greis. Dieser lchelte fein, als er erwiderte: Gewi ist auch bei uns mancher von Natur trge, aber unsere ganzen Einrichtungen, die alle im Wohle der Gesamtheit gipfeln, lassen die niedern Triebe des Einzelnen nicht voll zur Entfaltung kommen. Schon das Kind wchst in dem Bewutsein auf, da es dem groen Ganzen zu dienen hat, da das Wohl des Einzelnen durch das Wohl der Gesamtheit bedingt wird. Wird nicht dadurch die volle Entfaltung der Persnlichkeit verhindert, eine gewisse Gleichfrmigkeit erzielt? Freund Fridolin, du lebtest nach deiner eigenen Zeitrechnung zwei Jahre mit deinen Gefhrten, nahezu ein halbes Jahr allein unter uns. Du kennst uns jetzt zur Genge. Hast du gefunden, da wir Schablonenmenschen geworden sind? Nein, wahrlich nicht, wrdiger Eran! Nehme ich dich zum Beispiel, so finde ich bei dir die volle Individualitt der Persnlichkeit gewahrt. Doch steht bei euch die Masse auf einer Hhe der Gesinnung, die unten auf der Erde erst einige wenige, besonders Vorgeschrittene vertreten. Siehst du, Freund Fridolin, das kommt daher, da bei uns keiner in einen Beruf gepret wird, der nicht zu seinen natrlichen Anlagen pat. Frei fr jedermann ist die Schulung, die elementare wie die hhere, die wissenschaftliche, technische, knstlerische. Der Befhigungsnachweis ist das einzige, dessen es bei uns bedarf. Alle Stmme, somit auch alle Berufsarten werden einander gleich geachtet, ob du ein Ackerbauer oder Dienender aus dem Stamme der Sorgenden, ob du ein Gelehrter aus dem Stamme der Ernsten, ein Dichter, Maler oder Komponist aus dem Stamme der Heitern, ein Musiker oder Schauspieler aus dem Stamme der Frohmtigen, ein Handelsmann aus dem Stamme der Flinken oder ein Industrieller aus dem Stamme der Findigen bist, das alles gilt uns gleich, vorausgesetzt da du deinen selbstgewhlten Beruf richtig ausfllst. Nicht _was_ du bist, sondern _wie_ du es bist, bestimmt deinen Wert. Und wenn sich einer in der Berufswahl geirrt hat? Solches wird doch auch bei euch zuweilen vorkommen. Gewi. Irrtum ist bei keinem Strebenden ausgeschlossen. Aber ein jeder hat das Recht, solchen Irrtum wieder gut zu machen und auf Grund einer abgelegten Prfung in einen andern Stamm berzutreten, denn alle stehen sie in gleichen Ehren. ber ihnen steht nur der Stamm der Weisen, in den die ltesten und Besten, ausgezeichnete Mnner und Frauen aus allen Stmmen, gewhlt werden. Sie sind die Hter des Gesetzes. Welche Hhe der Kultur ist hier auf dem Lichtentsprossenen Gemeingut der Masse, und wie erbrmlich sieht es dagegen noch unten auf der Erde aus! seufzte Fridolin Frommherz. Und doch gibt es auch bei euch Menschen von ganz hervorragender Bildung und edelster Gesinnung, erwiderte Eran. Denke nur an deinen ausgezeichneten Freund Stiller, den Fhrer eurer khnen Forschungsfahrt! Bei Nennung von seines Freundes Namen wurde dem Erdensohne pltzlich wieder recht beklommen zumute. Seine Schuld stand ihm wieder vor Augen, und er erinnerte sich wieder an Zweck und Ziel seiner jetzigen Fahrt durch die blhende Marslandschaft. Wieder beschlich ihn das alte Unbehagen, und er wurde schweigsam. Endlich, nach langer, gedankenvoller Pause fragte er schchtern: Wrdiger Eran, weit du nicht, was man in Angola mit mir vorhat? Nun, erwiderte dieser, man wird dir wohl eine Art Shne auferlegen dafr, da du ohne Einverstndnis mit deinen Freunden hier zurckgeblieben bist. Fridolins Unbehagen wuchs. Also eine Strafe? fragte er beklommen. Wenn du es so nennen willst, erwiderte der Greis mit seinem Lcheln. Als freier Mann konnte ich aber doch tun oder lassen, was ich wollte, meinte Frommherz etwas unsicher. Du bist augenblicklich selbst nicht von dem berzeugt, was du da sagst. Es gibt auch moralische Verpflichtungen, die sich nicht in vorgeschriebene Verordnungen fassen lassen. Zudem tadeln wir nicht dein Hierbleiben an sich, sondern die Art und Weise, wie du es deinen Gefhrten gegenber durchgesetzt hast. Der Erdensohn schwieg betreten und starrte vor sich hin. Nach einer kleinen Pause fuhr Eran fort: Doch beruhige dich, mein Freund! Ich kann dir schon jetzt die Art deiner sogenannten Strafe offenbaren, war ich es doch, der sie bei Anan, unserm ltesten, in Vorschlag brachte. Und da er meinen Vorschlag annehmen wird, kann ich mit ziemlicher Sicherheit erwarten. So sage mir, bitte, worin meine Strafe bestehen soll. In einer wissenschaftlichen Arbeit, antwortete Eran lchelnd. Weiter nichts? Nein, mein Freund, weiter nichts, falls du die Herstellung eines Wrterbuches deiner Sprache nicht als Strafe betrachtest. Nein, gewi nicht! erwiderte der Erdensohn, wieder einmal frhlich lachend und pltzlich von allem Druck befreit. Allerdings verstehe ich von der Herstellung eines Wrterbuches, ehrlich gesagt, nicht allzu viel, aber ich denke, da sich die Arbeit bei gutem Willen schon ausfhren lassen drfte. Aber wozu braucht denn ihr hier oben auf dem Lichtentsprossenen ein Wrterbuch der deutschen Sprache? Um die Bcher eurer ersten Denker und Dichter, die deine Brder uns als Geschenke zurckgelassen haben, im Urtexte lesen zu knnen. Ein famoser Gedanke, frwahr! lobte Frommherz. Nun habe ich doch wieder ein Ziel vor Augen und -- ernste Arbeit. Dafr danke ich dir von Herzen, wrdiger Eran. Es ist ein neuer Beweis deiner Gte. Bei diesen Worten ergriff er die Hand des neben ihm sitzenden Greises und drckte sie herzlich. La gut sein, lieber Fridolin! wehrte Eran ab. Sie fuhren eben in die weite, grne Halle eines herrlichen, sorgsam gepflegten Baumbestandes ein. Wahre Riesen waren es, die da, himmelanstrebend, mit breiten sten und dichtem Gezweig Schatten spendeten. Erquickende Khle umfing die Reisenden. Es ging gegen Mittag, und zwischen den Feldern und Wiesen war es ihnen warm geworden. Die dnne Atmosphre des Lichtentsprossenen gestattete der Sonne, dem ewigen Lichte, wie die Marsiten die Lebensspenderin benannten, trotz der im Vergleich zur Erde greren Entfernung eine uerst intensive Bestrahlung. Zwar schien die Sonne, vom Lichtentsprossenen aus betrachtet, eben dieser greren Entfernung wegen -- sie betrgt im Mittel rund neunundsiebzig Millionen Kilometer mehr als von der Erde aus -- bedeutend kleiner; doch gab es da weder Dunst noch Wolken, die den tief dunkelblauen Himmel verhllten, und der Boden absorbierte infolgedessen eine bedeutend grere Wrmemenge . . . Unter dem grnen Bltterdache der Baumriesen aber fhlte sich Fridolin Frommherz sehr wohl. Wie hoch diese Bume sind, sagte er bewundernd zu seinem Begleiter. So vieles ist gro und wunderbar auf eurem schnen Kinde des Lichts! Wirklich, mir scheint, als htte ich niemals auf Erden solche Baumriesen gesehen, wenigstens nicht beisammen, nicht als Waldbestand. Das mag wohl sein, erwiderte Eran; es scheint mir sogar in den ewigen Naturgesetzen begrndet. Kenne ich auch eure irdische Vegetation nicht aus eigener Anschauung, so habe ich sie mir doch bei aller hnlichkeit mit der unseren stets etwas niedriger vorgestellt als diese. Warum? fragte der Schwabe erstaunt. Sind doch die chemischen Grundstoffe, aus denen sich die organischen Verbindungen aufbauen, bei euch dieselben wie bei uns! Und Luft und Wasser, Licht und Wrme, wirken sie nicht auf dieselbe Weise hier wie dort? Du vergit Eines, lieber Freund, sagte der Marsite. Die Schwere ist der Punkt, in dem zwischen unserm Kinde des Lichts und dem euern der grte Unterschied besteht, und ich meine, je grer ein Weltkrper ist, desto drckender msse auch die Schwere auf seinen Erzeugnissen lasten, desto kleiner mten infolgedessen seine Produkte sein. Stelle dir, mein Freund, einen bewohnbaren Weltkrper von der Gre unseres ewigen Lichtes, unserer Sonne, vor. Denke dir lebende Wesen auf ihm, die seiner Gre entsprechen. Wie mte die Schwere ihres Gestirns auf ihnen lasten! Sie wrden sich unter dem furchtbaren Drucke nicht aufzurichten vermgen; es mten kriechende Wesen bleiben. Und von den Bumen, deren Gre einem solchen Weltkrper entsprechend wre, wrden sich die ste nicht auszubreiten vermgen; sie wrden flach am Stamme niederhngen oder gar infolge der auf ihnen lastenden ungeheuren Schwere von selbst abbrechen, wenn berhaupt ein Wachstum in bedeutendere Hhen mglich wre. Und weil eure Schwere geringer ist als die unsere, fgte der Erdensohn bei, seid ihr auch grere, stattlichere Gestalten als wir. Ich habe daheim unter meinen Landsleuten wie unter meinen Amtsgenossen fr gro gegolten; du, berhaupt die meisten eurer Mnner, ihr berragt mich um Kopfeslnge. -- Doch was ist denn dort? fragte Fridolin Frommherz, sich unterbrechend und auf eine lebhaft bewegte Gruppe zeigend, die in kurzer Entfernung auftauchte. Das, erwiderte Eran, ist eine Schule. Siehst du nicht dort inmitten der Knaben den unterrichtenden Lehrer? Eine Schule? rief der Erdensohn erstaunt. Sehen bei euch die Schulen so aus? Was macht denn der Lehrer hier im Walde? Er lehrt die Schler kennen, was sie sehen, alles, Pflanzen und Tiere, den Boden und die Gesteine, woraus er zusammengesetzt ist, was sich in ihm entwickelt, was auf ihm vorgeht, Natur und Menschenwerk. Das ist viel, sagte Fridolin. Ja, es ist viel, erwiderte Eran. Ich kenne Alan persnlich. Er ist einer unserer tchtigsten Jugenderzieher, doch weit von hier, nahe der Grenze unseres Nordpolargebietes stationiert. Dort ist infolge des ungnstigeren Klimas die Bodenproduktion eine andere, eine sprlichere als hier, wo wir uns etwa auf dem fnfzehnten Breitengrade befinden. Deshalb fhrt Alan seine Zglinge zuweilen in unsere Gegend. Der jetzt ganz langsam dahinrollende Wagen war nun dicht zu der Gruppe herangekommen und hielt. Eran begrte den Lehrer mit der den Marsiten eigenen wohltuenden Herzlichkeit. Ich freue mich, dir hier zu begegnen, sagte er, Alan die Hand reichend. Gedeiht dein Werk? Ich bin so glcklich, vieles reifen zu sehen, sagte der Angeredete, seine schnen, warmen Augen auf den Greis richtend. Doch bleibt noch vieles zu tun. Wohl dir, da du noch mitten im Schaffen stehst! Ja, die Arbeit macht froh! Leb' wohl, Alan! Werde ich dich bald einmal in Lumata sehen? Zur Zeit der Ruhe hoffe ich auch bei dir einkehren zu knnen, wrdiger Eran! Das wird mir Freude sein, junger Freund! Weiter rollte der Wagen. Was fr schne Augen dieser Mann hatte! sagte der Erdensohn bewundernd. Sein Denken und Fhlen spiegelt sich in ihnen, erwiderte der Greis. Er gehrt zu unsern Besten. Seine ganze Persnlichkeit setzt er an sein Werk. Da wird keine Weisheit eingepaukt. Die Kinder lernen sehen und das Gesehene verknpfen. Sie sind es, die den Lehrer ber Unverstandenes fragen, und dieser leitet sie an, die Antwort selbst zu finden. Ich wollte, ich wre auch in dieser Art unterrichtet worden! meinte der Schwabe. Whrend der Fahrt strkten sich die Reisenden durch Speise und Trank. Der bequeme Reisewagen enthielt alles, was sie sich wnschen konnten. Durch eine sinnreiche Klappvorrichtung stand sogar auf einen Druck mit der Hand ein zierliches Tischchen vor ihnen, in dessen Schublade kleine Teller und Bestecke verborgen lagen. Zwei mit Leder ausgeschlagene Kasten in der Vorderwand des Wagens enthielten in verschiedenen, eigentmlich geformten Gefen Speisen und Getrnke genau in der Temperatur, in der sie dem Wagen bergeben worden waren. Man a vorzgliche warme Gerichte; man labte sich an khlen Getrnken genau so wie zu Hause. Sogar Salat gab es, zu dem Eier gegessen wurden. Die Eier waren weich gesotten, obgleich sie wohl eine halbe Stunde lang in kochendem Wasser gelegen hatten. Da auf dem Lichtentsprossenen das Wasser infolge des niedrigeren Luftdruckes schon bei 60 siedet, knnen die Eier nicht hart werden. Daran war der Schwabe nun schon lange gewhnt. Auch eine Waschvorrichtung war an der einen Seite des Wagens angebracht. Es fehlte wirklich gar nichts, was das Reisen angenehm und bequem machen konnte. Nach Verlassen des Waldes sah Fridolin Frommherz zum erstenmal whrend der ganzen Fahrt unbebautes Land vor sich. Eine weite Flche breitete sich da vor seinen Blicken aus: es war eine Landungsstelle fr Luftschiffe. Kleinere und grere Fahrzeuge lagen da an tief in den Boden eingelassenen eisernen Ringen verankert. Sie trugen als Aufschrift ihren Namen, Anfang und Endziel ihrer Fahrt. Da die Witterung infolge der dnnen, wasserarmen Atmosphre auf dem Mars ziemlich gleichmig war, bedurfte es keiner besonderen Hallen zur Bergung der Luftschiffe; nur die ausgedehnten Anlagen zur Gasgewinnung und Fllung der Ballons waren gedeckt. Reges Leben und Treiben herrschte hier, etwa wie auf einem Bahnhofe auf Erden, nur bertragen in marsitische Gemessenheit. Es fiel Fridolin auf, da die Luftschiffe der Marsiten wohl auch nach dem starren System gebaut waren wie der Weltensegler, der einstmals ihn und seine damaligen Gefhrten von der Erde hinweg durch den therraum gefhrt hatte, aber die Ballons waren bedeutend kleiner und schienen doch, nach den umfangreichen Gondeln zu schlieen, eine bei weitem grere Tragkraft zu besitzen. Da gab es nur zwei erklrende Mglichkeiten: entweder bertraf das Metall, aus dem die marsitischen Luftschiffe gefgt waren, an Leichtigkeit alles auf Erden Gekannte, oder das Gas, das zur Fllung des Ballons diente, war noch unendlich viel leichter als dasjenige, das einst ein schwbischer Gelehrter erfunden, und das dann zur Fllung des Weltenseglers gedient hatte. Die langgestreckte, zylindrische Form, vorn und hinten mit ogivalen Spitzen versehen, schien sich auch hier am besten bewhrt zu haben. Da stiegen Leute ein, dort hob sich ein dicht besetztes Fahrzeug kerzengerade, ohne jede Schwankung in die Luft. Hher und immer hher stieg es. Wie weit mute der Horizont der darin Reisenden sein! Wie klein wrden ihnen die Brder da unten, die Huser, die Wiesen, die Bume erscheinen! Der Erdensohn fhlte Lust, mit in die Lfte zu steigen. Vielleicht wrde sich ein anderes Mal Gelegenheit dazu bieten. Du wirst noch manchmal hierher oder an einen andern Luftschiffhafen des Lichtentsprossenen kommen, sagte Eran. Dann will auch ich, fgte Fridolin bei, euer herrliches Land wieder einmal von oben herab schauen. Bald darauf trafen sie in Angola ein. Es war das drittemal, da Fridolin Frommherz seinen Fu in das groartige Heim des Stammes der Weisen setzen sollte. Zweimal war er in Gemeinschaft mit seinen Gefhrten hier gewesen. Das Herz klopfte ihm doch etwas bang und erwartungsvoll, als er die breiten Marmorstufen zu dem groen Festsaale hinaufstieg. Vor einem halben Jahre war dort die Abschiedsfeier fr seine Freunde und auch fr ihn, den Drckeberger, abgehalten worden. Jetzt trat er ein in den ihm wohlbekannten Saal. Ein lautes, bewunderndes Ah! entschlpfte seinen Lippen. An den Wnden erblickte er die wunderbar gut getroffenen, knstlerisch ausgefhrten Bilder seiner Gefhrten und darunter Marmortafeln, die mit goldenen Inschriften voll Lob und Anerkennung die Taten seiner fortgezogenen Brder verkndeten. Da regte sich wieder im Herzen des Zurckgebliebenen jenes qulende Gefhl von Gewissensbissen. Wieder packte ihn wie so oft schon ein Schmerz der Sehnsucht, des Heimwehs, als er, um die Bilder genauer zu betrachten, nher an sie herantrat. Ordentlich vorwurfsvoll schienen ihn die Freunde aus ihren Augen anzublicken. Es war, als ob den Bildern Leben eingehaucht worden wre, denn wo sich auch Fridolin Frommherz im Saale hinwandte, um die Gemlde aus der Ferne auf sich wirken zu lassen, berallhin folgten ihm die Blicke der im Bilde Verewigten. Nachgerade empfand er dies als unheimlich, um so mehr als er sich vergeblich nach Eran umsah. Dieser schien nicht mit ihm eingetreten zu sein. Die feierliche Stille des Saales verstrkte noch das Gefhl des Unbehagens. Daher war Fridolin froh, als sich endlich eine der Tren ffnete und Anan hereintrat, gefolgt von Eran und einigen andern alten Marsiten. Ich gre dich in unserm Angola, dich, den ich allerdings hier nicht mehr zu sehen erwartet hatte, begrte Anan mit wohlwollender Freundlichkeit den Erdensohn, ihm die Hand zum Willkomm reichend. Verzeih mir, edler Anan, da ich mich nicht entschlieen konnte, zur Erde zurckzukehren, sondern hier auf dem Lichtentsprossenen zurckblieb, sprach Fridolin. Ich habe dir nichts vorzuwerfen, mithin auch nichts zu verzeihen, entgegnete der ehrwrdige Greis. Wir haben weder dich noch deine Brder zum Fortgehen gedrngt. Es stand euch frei, zu gehen oder zu bleiben. Als wir hier vernahmen, da du deine Gefhrten nicht begleitet habest, da wurde einfach der Auftrag, dein Bild zu malen und die Ehrentafel fr dich auszufhren, zurckgezogen. Und bevor wir dich in Angola wiedersehen wollten, beschlossen wir, erst die Anfertigung der Bilder und Tafeln der uns so teuren, fr immer nun fernen Erdenshne abzuwarten und sie hier in diesem Saale aufzustellen. Erst nachdem wir dieser Ehrenpflicht gengt hatten, riefen wir dich. Etwas bedrckt hatte Frommherz der Auseinandersetzung Anans gelauscht. Es lag eine feine Ironie in den Worten wie in der Handlungsweise des Marsiten. Da man ihn zuerst in den Saal gewiesen, in dem nur sein Bild fehlte, empfand er doch als eine moralische Verurteilung seiner Drckebergerei. Darauf hinaus lief im Grunde auch Anans Rede. Du machst ein betrbtes Gesicht. Was fehlt dir, mein Freund? fragte Anan nach kurzem Stillschweigen. Ich bin mir bewut, einen Fehler begangen zu haben, antwortete Frommherz. Den hast du deinen Brdern gegenber begangen durch die Art, wie du dich benahmst. Doch verlieren wir hierber keine weiteren Worte mehr. Fr uns ist die Sache abgetan. Der ehrwrdige Eran sprach mir von einer Shne meiner Schuld, bemerkte Frommherz. Nun ja, entgegnete der edle Anan. Du weit darum. Wir wollten dir hier in Angola eine deiner wrdige Beschftigung zuweisen, durch die du uns ntzlich sein kannst, natrlich nur wenn du willst. Gewi, gern, wirklich von Herzen gern, beeilte sich Frommherz zu antworten. Selbst wenn ihr mir keine Aufgabe zugewiesen httet, wrde ich euch um irgend eine ntzliche Arbeit gebeten haben. So bleibt es also bei der Ausarbeitung eines Wrterbuches deiner Muttersprache, entschied Anan. Zieh mit Bentan, unserm wackern Bruder hier, in sein nahes Heim. Dort kannst du dich in aller Ruhe an die Erledigung deiner Aufgabe machen. Und von Zeit zu Zeit wird es uns freuen, dich in diesem Hause bei uns wiederzusehen. Dann wollen wir in anregender Unterhaltung die Erinnerung an deine ausgezeichneten Gefhrten pflegen. Ein herzlicher Hndedruck, und Anan, der lteste der Alten, zog sich zurck. Das ist besser abgelaufen, als ich zu hoffen wagte. Ich habe mir in der letzten Zeit ganz unntzerweise eine frchterliche Angst gemacht, murmelte Frommherz vor sich hin. Bist du zufrieden mit dem Ausgange deiner Angelegenheit, Fridolin? forschte Eran mit eigentmlichem Lcheln. Gewi, sehr, gestand Frommherz. Nun wohl, so komm! Hier steht Bentan, dein Gastgeber. Sein Heim wird fr lange Zeit wohl auch das deine sein. Drittes Kapitel. Eine Sisyphusarbeit. Schon seit lngerer Zeit weilte Fridolin Frommherz im vornehmen Heim Bentans, des wrdigen Alten, dessen ganzes Wesen und Gebaren seinen Gast viel an Eran erinnerte, den er aber an Zahl der Jahre bertraf. Das Haus lag am lieblichen Ufer des tiefblauen Sees von Angola und gewhrte von der Terrasse und den Fenstern der Vorderseite aus einen entzckenden Blick ber die Wasserflche hinweg nach den fernen, sanften Hhenzgen, die den See einschlossen. Ein sorgfltig angelegter, tadellos unterhaltener Garten umgab das Haus von der Landseite. Alte, immergrne, lorbeerartige Baumriesen wechselten gruppenweise ab mit den verschiedensten Arten hochstmmiger, prachtvoller Palmen. Dazwischen schoben sich Strucher und Bsche, berladen mit farbenprchtigen, duftenden Blten. Die schnste Blume dieses paradiesischen Sitzes aber war Benta, Bentans holde Enkelin. Dies erkannte auch Frommherz an, der Benta oft mit einer jener Lichtelfen verglich, die nach der Sage seiner Heimat von menschlicher Gestalt, glnzend schn sind, Tanz und Musik lieben und dem Menschen gegenber freundliche Gesinnungen hegen. Und einen solchen Ort hatte man ihm, dem Erdensohne, als Arbeitssttte zur Strafe angewiesen! Frommherz lachte laut auf bei diesem Gedanken. Eine herrlichere Belohnung fr sein Zurckbleiben htte ihm gar nicht gewhrt werden knnen, wenn, ja wenn nur nicht das verwnschte Wrterbuch gewesen wre. Vom ersten Augenblicke an war Benta dem Gaste des Hauses freundlich entgegengetreten. Aber in dem Wesen und ganzen Benehmen der grazisen, jungen Marsitin lag so viel Wrde und Erhabenheit, bei aller Bescheidenheit doch wieder so viel stolzes Selbstbewutsein, da Fridolin Frommherz zu einer Achtung gezwungen wurde, die mehr den Charakter der Ehrfurcht trug. Oft an den wunderbar schnen Abenden, wenn Phobos und Deimos, die Monde des Mars, am Himmel ihre stillen, glnzenden Bahnen zogen, sa Frommherz nach getaner Arbeit auf der Terrasse des Hauses, der liebenswrdigen Einladung Bentans folgend. In herzlicher, freundschaftlicher Weise unterhielten sich dann jeweils die beiden Mnner. Der alte Marsite mit seinem reichen, abgeklrten Wissen streute bei diesen Unterhaltungen dann oft goldene Krner der Weisheit aus, die bei Frommherz auf fruchtbaren Boden fielen und nach und nach seine bisherige, der Erweiterung noch sehr bedrftige Lebensauffassung umzuformen begannen. Hin und wieder erschien an solchen Abenden auch Benta und beteiligte sich an den Gesprchen der Mnner. Besonders lebhaft wurde die Unterhaltung, wenn Frommherz, durch allerlei Fragen veranlat, von der Erde im allgemeinen, von seiner engeren Heimat aber im besonderen ausfhrlicher erzhlte, namentlich von dem Leben und Treiben ihrer kernigen Bewohner. Die genureichsten Abende aber waren fr Frommherz die, an denen Benta stimmungsvolle Lieder in knstlerisch vollendetem Vortrage zur Harfe sang. Diese Augenblicke erschienen dem Erdensohne als der Inbegriff des wirklich gttlich Schnen. Sie lieen ihn seine langweilige Arbeit vllig vergessen und erweckten in ihm eine Summe wunderbar seliger Empfindungen, wie er sie bis dahin noch niemals gekannt hatte. Aber wenn er dann nach einem solchen Abend voll mrchenhafter Schnheit und reinster Glcksempfindung am nchsten Morgen wieder am Schreibtische seines hohen, luftigen Arbeitszimmers sa, um mit schweren Seufzern an der endlos scheinenden Lsung seiner Aufgabe weiter zu arbeiten, da verflog vor dem Realen, Nchternen im Nu aller ideale Schwung der Gedanken, die Seligkeit jeglicher Empfindung. Ja, ja, ein Wrterbuch zu schaffen, das hat mir gerade noch gefehlt, brummte Frommherz eines Tages grimmig vor sich hin, als ein weiteres Jahr seit seinem Aufenthalte in Angola dahingeeilt war. Es ist einfach, um aus der Haut zu fahren. Das ist keine Arbeit fr einen Moralphilosophen. Diese Idee ist, um toll, verrckt zu werden. Hol der . . . Doch Frommherz verschluckte das Weitere in edler Selbstbeherrschung und wandte sich seinen Manuskriptbogen und den Hunderten von losen Zetteln zu, die, in verschiedenen Sten verteilt, alphabetisch geordnet vor ihm auf dem Tische lagen. Heute packte ihn ob seiner Arbeit eine gelinde Verzweiflung. Bald da, bald dort griff er einen Zettel heraus, verarbeitete seinen Inhalt, strich das Geschriebene durch oder warf den unbrauchbar gewordenen mit einem Seufzer der Erleichterung in den umfangreichen Papierkorb zu seiner Seite. Ein Kstchen auf dem Schreibtische barg unbeschriebene Zettel, und jeden neuen, seine Gedankenreihe kreuzenden Einfall notierte Frommherz sorgfltig und fgte den Vermerk den vielen Hunderten von lteren Blttern bei. Das war des Fridolin Frommherz tglich sich erneuernde Aufgabe. Frwahr eine schwere Sache! Um die Wrterbucharbeiten seiner gelehrten Freunde an der Tbinger Universitt hatte er sich frher niemals bekmmert. Htte er einst eine Ahnung gehabt, da ihm hier oben auf dem Mars eine hnliche Arbeit zugemutet werden wrde, dann htte er sich sicherlich mit dem Studium seiner Muttersprache etwas eingehender befat. So aber, ohne jede tiefere Vorbereitung, ohne jedes Hilfsmittel ein deutsch-marsitisches Wrterbuch herzustellen, alles hierzu erst aus sich selbst heraus zu schaffen, diese schier endlose und heillos schwierige Arbeit begann ihm manchmal das sonst so paradiesisch schne Dasein auf dem Mars zu versalzen. Und welch elenden Eindruck machte wiederum auf die Marsiten das schneckenartige Vorwrtsschreiten einer Arbeit, fr die sie sich auerordentlich interessierten! Schon verschiedene Male hatte der Erdensohn ber den Stand seiner Arbeit seinen Freunden in Angola Vortrge gehalten, die ber die Unregelmigkeit der deutschen Sprache die Kpfe schttelten. Sie schien den Marsiten noch in einem Entwicklungsstadium zu stecken, das die ihrige schon seit Tausenden von Jahren berwunden hatte. Wie rasch und leicht hatten die sieben Schwaben die Sprache ihrer Freunde auf dem Mars in ihrer edlen Einfachheit erlernt! Nur einer unter ihnen, Herr Hmmerle, der Philologe, hatte etwas daran auszusetzen gefunden. Er hatte das Kraftvolle, das in der Unregelmigkeit der deutschen Konjugation und Deklination liegt, dem Ebenmigen, Abgeschliffenen, Weichen der Marssprache entgegengesetzt und den Preis der Schnheit seiner deutschen Muttersprache zuerkannt. An dies alles erinnerte sich jetzt wieder Fridolin Frommherz. Er sprang vom Stuhle auf und ma erregt das Zimmer. Wre ich nicht von der hohen Denkweise der Marsiten felsenfest berzeugt, wte ich nicht auf das bestimmteste, da ihnen jegliche Qulerei fernliegt, ich mte wahrlich annehmen, da ihnen ein bser Geist diese Art meiner Beschftigung angab, rief er zornig. Doch was ntzt meine Aufregung? Nichts! Ja, wre doch nur diese deutsche Muttersprache so glatt, so regelmig, so einfach nach wenigen Regeln zu konstruieren wie das wohllautende, vokalreiche Idiom der Marsiten! Um wie viel leichter wre dann meine Arbeit! Seufzend strich sich der Gelehrte mit der Linken ber die Denkerstirn. Dann setzte er sich wieder an den Schreibtisch und schrieb emsig weiter. Da trat Eran in das Zimmer. Welch groe berraschung und Freude, dich endlich wieder einmal in Angola zu sehen! rief der Schwabe, als er den Eintretenden erkannt hatte. Nun, Freund Fridolin, wie geht es dir? Wie weit ist das groe Werk gediehen? fragte Eran, dem Erdensohne herzlich die Hand zum Grue schttelnd. Wie soll es mir gehen, wrdiger Eran? Einerseits gut, anderseits schlecht! Ich verstehe dich nicht! gestand Eran. Nun, ich fhle mich gesund, aber die Arbeit liegt mir sehr auf dem Magen. So, so! lchelte Eran. Ja, dem Himmel sei es geklagt. Die Sache wird schwieriger, je weiter ich vorwrtsschreite. Aber ich schulde dir noch die Antwort auf deine zweite Frage. Ich arbeite am G meines Werkes. Wie? Erst am siebenten Buchstaben von den fnfundzwanzig des Erdenalphabetes? Kaum mglich! Und doch ist es leider so, wie ich dir sage, antwortete Frommherz betreten. Merkwrdig! erwiderte Eran, den Kopf schttelnd. Du bist doch schon seit zwei Jahren deiner Zeitrechnung ununterbrochen an der Arbeit. Wann willst du sie denn beenden? Das wei ich selbst nicht, murmelte der Gelehrte, es wird je lnger, je schlimmer. Da sieh her! Mit diesen Worten zog er eine groe Schublade seines Schreibtisches auf. Sie war bis oben mit eng beschriebenen Bogen von stattlicher Gre gefllt. Fast tausend Manuskriptseiten und noch nicht einmal ein Drittel des Werkes vollendet! Nein, ehrwrdiger Eran, ein so umfangreiches Buch hat Fridolin Frommherz auf Erden niemals geschrieben! Und da, sieh alle die Zettel und mhsam gesammelten Notizen -- ihr habt mir wahrlich Schweres aufgebrdet und lat mich die Daseinsfreuden auf dem Lichtentsprossenen sauer genug verdienen. Ein Lcheln huschte ber Erans milde Zge. So mchtest du wohl lieber wieder zur Erde und dein Wrterbuch unvollendet uns zurcklassen? Nein, nein, das doch nicht, erwiderte Frommherz hastig, und eine Blutwelle stieg ihm ins Gesicht, als er bei diesen Worten unwillkrlich an Benta dachte. Warum aber klagst du dann? Eine Arbeit, deren Erfllung keine Unmglichkeit, sondern nur eine einfache Frage der Zeit ist, berechtigt nach meiner Auffassung zu keiner Klage. Und du, mein Freund, hast ja Zeit in Hlle und Flle. Niemand drngt dich. Aber dein Erstaunen, deine uerungen von vorhin ber den langsamen Gang . . . Galten nicht dir, Fridolin, sondern lediglich deiner komplizierten Muttersprache, unterbrach Eran den Erdensohn. Beruhige dich also, mein Freund! Gerade das Bewutsein, uns ein dauerndes Monumentalwerk durch deine geistige Ttigkeit zu schaffen, sollte dich alle Schwierigkeiten, die dir dabei entgegentreten, und deren Bedeutung ich gewi nicht unterschtzen will, nur um so kraftvoller berwinden lassen. Du sprichst die richtigen Worte zu richtiger Zeit aus, edler Eran! Ich gestehe dir, da ich gerade heute meines Werkes wegen recht entmutigt war. Nun kommst du wie gerufen und belebst mir die gesunkene Hoffnung in wunderbarer Weise von neuem wieder. Dafr nimm meinen besten Dank! Es bedarf dessen nicht, Freund Fridolin. Im Gegenteil! Ich bin beglckt, da du dich wieder selbst gefunden hast, und da dadurch das frhere, so feste Vertrauen in dein Knnen wieder bei dir eingezogen ist. Eran erhob sich. Ich werde jetzt fter als bisher von Lumata nach Angola kommen. Wir haben eine Reihe wichtiger Beratungen vor uns. So werde ich dich in Zukunft in krzeren Zwischenrumen wiedersehen als in der letzten Zeit. Damit verabschiedete sich Eran in liebenswrdiger Weise. Der Erdensohn vermochte aber nach dem Weggange des ehrwrdigen Alten nicht gleich wieder seine Arbeit aufzunehmen. Gedanken aller Art bewegten ihn. Der Appell Erans an sein Ehrgefhl hatte in ihm merkwrdige Gefhle geweckt. Wie klein kam er sich diesem Marsiten gegenber vor! Ja, Eran hatte recht: Man kann, was man wirklich ernstlich will. Und sollte er umsonst, ohne nennenswerte Gegenleistung nur die Annehmlichkeiten des Lebens unter diesen ausgezeichneten Menschen hier oben genieen drfen? Gerade deshalb waren ja die andern vom Mars wieder fortgezogen, weil sie der Gastfreundschaft der Shne des Mars keine ebenbrtige, wirklich nutzbringende Leistung entgegenzusetzen hatten. Nein, er mute und wollte eine Tat vollbringen, die einigermaen wenigstens einen Gegenwert bot fr das, was er von den Marsiten empfing. Die Art der Arbeit, nicht diese selbst, die er bisher als eine Last empfunden, sie erschien ihm jetzt als ein glckliches Mittel zur Abtragung seiner Dankesschuld. Jetzt erst kam ihm auch mit einem Male die segensreiche Bedeutung seiner Aufgabe zu vollstem Bewutsein. Das war keine Shne, um die es sich hier handelte, nein, das war der Weg zur zielbewuten Umformung seines eigenen, bisher so schwankenden Ichs, das ausdauerndem und ernstem Streben wenig geneigt war. Mit wie groem Mimute war er heute morgen an sein Werk gegangen! Er schmte sich in diesem Augenblicke ordentlich deswegen. Nun war eine Arbeitsfreude, eine Emsigkeit in ihm lebendig geworden, die, endlich zu vollster Strke erweckt, nie mehr einschlafen oder versiegen wrde, das fhlte er. Und mit lautem Danke an den Zauberer Eran, der das Wunder fertig gebracht hatte, nahm Frommherz seine Arbeit wieder auf. Die gehobene Stimmung, in der sich Bentans Gast befand, fiel dem Alten auf, als er am Abend des wichtigen Tages mit Fridolin Frommherz zu Tische sa. Hat dir Eran heute so freundliche Nachrichten gebracht, da du entgegen deiner bisherigen Art so frhlich deine Arbeit beendet hast? forschte Bentan. Das nicht, entgegnete der Schwabe heiter, aber er hat mir gewisse Worte gesagt, die mich gewaltig bewegten und mir ein anderes Urteil ber meine Beschftigung schufen, als ich es bis jetzt gehabt hatte. Und das macht mich frei und frhlich zugleich. Ja, ein gutes Wort im rechten Augenblicke hat oftmals schon groe, unerwartete Wirkung gebt, bemerkte Bentan. Es freut mich daher auch besonders, dies aus deinem Munde hren zu drfen. Eran sagte mir auch, da er knftighin fter nach Angola kommen wrde, um an wichtigen Beratungen teilzunehmen. Es laufen sehr ungnstige Berichte aus unsern polaren Regionen ein. Sie bilden den Gegenstand unserer Besprechungen, erwiderte Bentan. Worin bestehen diese Berichte? Das kann ich dir mit wenigen Worten nicht sagen. Es handelt sich um die Wasserfrage auf unserm Lichtentsprossenen. Im brigen mssen wir auch noch die weiteren Forschungsresultate der zu erneuter Prfung abgesandten wissenschaftlichen Expeditionen aus dem Stamme der Ernsten abwarten. Sorge dich einstweilen nicht unntig, lieber Fridolin, fuhr der Greis fort, als er bemerkte, da seine Mitteilungen den Freund zu erschrecken schienen. Du wirst von mir, wenn wirklich eine Zeit der Not fr uns bevorstehen sollte, im rechten Augenblicke benachrichtigt werden. Aber Frommherz' gute Stimmung hatte doch einen leichten Sto durch Bentans Bemerkung erhalten. Dem scharfen Auge des Alten war dies nicht entgangen. Benta, mein Kind, komm mit hinaus auf die Terrasse und bringe deine Harfe mit! bat der Greis seine Enkelin. Freund Fridolin bedarf der Erheiterung. Gesang und Harfenspiel, diese Art der Erheiterung lasse ich mir immer gefallen, warf Frommherz muntern Tones ein, und der Abend schlo voll Harmonie und freudiger Glcksempfindung. In arbeitsfrohem Leben verstrichen die folgenden Monate. Sie frderten das Vorwrtsschreiten des Werkes. Frommherz fhlte sich hoch befriedigt, als er sah, wie seine Aufgabe in dem Mae leichter fr ihn wurde, als er sie energischer anpackte. Die heitere Zufriedenheit, die den Gelehrten beherrschte, vermochten auch die Mitteilungen Bentans nicht wesentlich zu erschttern, die der Greis hin und wieder ber die Verhandlungen des Stammes der Weisen machte. Sie behandelten die auffallende Erscheinung des Rckganges des Eises an beiden Polen des Mars, eine Erscheinung, die, wie Bentan lchelnd meinte, in grober Weise gegen alle Tatsachen des bisherigen Abkhlungsprozesses des Lichtentsprossenen verstoe. Ich habe mich schon oft verwundert gefragt, warf Fridolin Frommherz ein, warum ihr hier oben auf dem Lichtentsprossenen weniger Polareis habt als wir auf der Erde. Da ihr um so viel weiter von der Sonne entfernt seid, mte doch eigentlich eure arktische Zone viel weiter reichen. Erklrt sich das nicht ganz einfach, erwiderte der Greis, durch unsere geringere Wassermenge, unsere trockenere Atmosphre, unsern doppelt so langen Sommer? Wir haben viel weniger Regen, viel geringeren Schneefall als ihr da unten auf der Erde. Wir werden uns trotz alledem nicht mehr verjngen. Die beiden Gromchte beim Bau unseres Lichtentsprossenen, die Kieselsure und die Kohlensure, liegen in ewigem Kampfe miteinander unter wechselnden Siegen und Niederlagen. Also genau so wie auch auf unserm Planeten, warf Frommherz ein. Ja, wenn es einst der Kohlensure gelingt, ber die Kieselsure vollstndig zu triumphieren, fuhr Bentan fort, so hat die Stunde geschlagen, in der bei uns alles organische Leben erlschen mu. Dann zieht der kalte, starre Tod ein wie auf unsern Monden. Jede Woge, die an die Felsen brandet, jede Welle, die ber das Kieselgestein des Flubettes eilt, jeder Regentropfen, der zu Boden fllt -- sie alle stehen mit der Kohlensure in innigstem, ewigem Bunde, langsam, aber sicher zersetzen sie auch das hrteste Kieselgestein. Die Kohlensure verbindet sich mit den basischen Bestandteilen, und die verdrngte Kieselsure lagert sich mit dem Rest von Basen am Grunde der Gewsser. So sind einst jene mchtigen Ton- und Sandsteinlager entstanden, deren Bildungsvorgnge wir heute noch im Kleinen verfolgen knnen. Und die Kohlensure fllt, an Kalk oder Magnesia gebunden, gleichfalls zu Boden. Die mchtigen Kreidelager der Kalksteinformationen, die groe Teile der Rinde unseres Lichtentsprossenen ausmachen, bestehen zur Hlfte ihres Gewichtes aus Kohlensure, die aus der Atmosphre stammt und dem Kreislaufe des Lebens entzogen wurde. Im Innern dieses Weltkrpers, dort in der Tiefe, ist das Gebiet der Kieselsure, dort ist sie die strkere Sure, dort verdrngt sie die Kohlensure aus ihren Verbindungen. Diese auf der Flucht begriffene Kohlensure kannst du an unsern Mofetten, an vielerlei Spalten und Rissen des Lichtentsprossenen beobachten, aus denen Kohlensure ausstrmt. Und da Mars langsam erkaltet und seine Rinde sich verdickt, so mu diejenige Kraft, die der Kieselsure die Oberhand im Kampfe verschafft, die Eigenwrme des Lichtentsprossenen, fortwhrend abnehmen. Damit ist der endliche Sieg der Kohlensure nur eine Frage der Zeit. Bentan schwieg. Diesem gewaltigen, unsere Existenz einst vernichtenden Kampfe, stehen wir wissend, aber machtlos gegenber, begann Bentan wieder nach langer Pause. Anders aber verhlt es sich mit dem Mangel an richtigen Wintern, den wir seit Jahren schon feststellen knnen, ferner mit der Abnahme der Niederschlge aus der Atmosphre. Diese Erscheinungen stellen uns vor Aufgaben, die gelst werden mssen, soll die Gesamtheit nicht schwer darunter leiden. Kann sich dies aber nicht rasch, vielleicht schon von heute auf morgen wieder ndern? fragte der Erdensohn. Auf unserm Planeten haben wir auch fters Perioden bermiger Trockenheit, denen dann wieder solche der Nsse folgen. Eure Erde besitzt eine andere, dichtere Atmosphre und grere Wassermengen in Form gewaltiger Ozeane als unser Lichtentsprossener. Andere Gesetze beherrschen somit dort die atmosphrischen Niederschlge als hier. Klagen oder jammern werden wir unserer ungnstigen Lage wegen nicht. Wir ziehen aus den Erfahrungen frherer Zeiten den Schlu, da nach einer gewissen Periode des Mangels an dem lebenspendenden Na wieder ein Abschnitt des Ausgleiches eintritt, allerdings mit der Neigung zu immer krzerer Dauer. Und macht euch diese Aussicht keine schweren Sorgen? Nein! Ganz abgesehen davon, da sie unntz wren, so wissen wir auch alle, da fr unsern Lichtentsprossenen einst die Stunde seines Unterganges schlagen wird und mu. Licht und Wrme, die uns das ewige Licht, die Sonne, spendet, nehmen ebenfalls einmal ihr Ende. Nichts whrt dauernd, und was uns ewig, unvergnglich scheint, was wir damit bezeichnen, umfat fr unser Begriffsvermgen allerdings kaum vorstellbare, ungeheure Zeitmae, die aber an der Weltuhr nur Sekunden, hchstens Minuten anzeigen. Unerbittlich und unaufhaltsam rollt das Rad der Zeit. Die rasche Vergnglichkeit alles Irdischen mahnt uns eindringlich, unser Leben wrdig aufzufassen, inhaltsreich zu gestalten und es nicht mit zweckloser Furcht vor dem Unbekannten, Unerforschbaren auszufllen oder gar zu verbittern. Das sind tiefe Gedanken, die du da uerst, warf der Gelehrte voll Achtung ein, als Bentan einen Augenblick schwieg. Wohl denen, die ihnen nachleben! Alles ist dem Wechsel unterworfen. Welten und Vlker verschwinden, andere tauchen dafr wieder auf, fuhr der Greis fort, ohne seines Gastes Bemerkung weiter zu beachten. Im ewigen Kreislaufe bewegt sich die Materie, das allein Unsterbliche der gesamten Krperwelt. Und wenn einst unser Lichtentsprossener nicht mehr sein wird, so ist im Buche der Ewigkeit und der Unendlichkeit nur ein einziges Blatt gewendet worden. Die ewige Harmonie und Schnheit des Weltalls hat dadurch nicht gelitten, da wir verschwanden. Ein anderer Stern, eine andere Himmelsleuchte ist dann an unsere Stelle getreten. Eine solche Anschauung, wie du sie mir soeben geoffenbart hast, edler Bentan, frchtet auch den Tod nicht, bemerkte Frommherz, als der Greis geendet hatte. Gewi nicht, mein lieber Freund Fridolin. Die Grundempfindung unseres Daseins ist nicht die Angst, sondern die Freude an allen Wundern der Schpfung, und diese Freude lt uns alle in unserm Organismus vorhandenen Krfte zweckmig ausntzen. Sie erlaubt uns dadurch das groe Leben der Gesamtheit voll und ganz mitzuleben. Sie ist es ferner, die uns zu der klaren Erkenntnis fhrt, da der Tod das natrliche Produkt des Lebens ist, da dessen Endlichkeit keine Verzweiflung, sondern nur Vershnung bedeutet. Unser Einzelleben ist nur eine unwichtige Episode im allein wichtigen Gesamtleben, von dem wir selbst nur ein kleinster Bruchteil sind. Das Bewutsein, unsern Platz in der Natur nach bestem Wissen und Knnen ausgefllt zu haben, schafft das Gefhl der Ruhe und eine gewisse Heiterkeit der Stimmung, mit der wir unser eigenes kleines Lebensbuch abschlieen. Unsere Nachkommen treten dann an unsere Stelle. Sie allein sind es, die uns die Fortdauer unseres individuellen Daseins zeigen. Welch herrliche Worte hast du da gesprochen! rief der Erdensohn in aufrichtiger Vewunderung. Wie ganz anders ist noch in den breitesten Schichten der sogenannten Kulturvlker unseres Planeten die Auffassung von Leben und Tod gegenber euern Anschauungen! Angst und Furcht sind es, die bei der Mehrzahl der Erdenkinder keine wahre, echte Lebensfreude aufkommen lassen. Weil ihr euch eben leider noch nicht durchgerungen habt zur vollen, wahren Nchstenliebe. Diese allein ist die klare Quelle, aus der jener echte Frohmut sprudelt, der dem Leben den hellen, warmen Sonnenschein verleiht und dem Tode jeglichen Schrecken raubt. Welche Flle von Weisheit strmte nicht von Bentan aus! Und so war es mehr oder weniger mit jedem andern Marsiten aus dem Stamme der Weisen, mit dem der Schwabe in nhere Berhrung trat. Wahrlich, dieser Stamm verdiente seinen stolzen Namen; er machte ihm alle Ehre ohne die kleinste Phrase und Anmaung, lediglich durch die edle Gesinnung und hohe Bildung seiner Vertreter. Hatte den schwbischen Gelehrten einst das von aller materiellen Sorge scheinbar freie, ideal schne Dasein zum Bleiben auf dem Mars veranlat, so pries er jetzt, mehr und mehr zur Selbsterkenntnis gelangt, das Glck eines Verkehrs mit den Besten des Volkes in Angola. Dieser Umgang war fr ihn eine mchtige Frderung in sittlicher wie geistiger Richtung. Nun fing er auch an, vieles zu verstehen und zu begreifen, was sein unvergelicher Freund Stiller fters vorgetragen hatte, wenn er mit ihm zusammen an schnen Sommerabenden den Neckar entlang bei Tbingen spazieren gegangen war. Wie manchmal hatte er da heftig dem Freunde widersprochen, war dessen Anschauungen auf das schroffste gegenbergetreten, ohne fr seine kecken Behauptungen und Entgegnungen auch nur entfernt eine befriedigende Beweisfhrung antreten zu knnen. Wie schnell fertig war er damals im Aburteilen ber Dinge gewesen, die er nur hchst oberflchlich kannte! Sie werden spter vielleicht noch einmal anders denken, wenn Sie erst das Entwicklungsideal der Menschheit durch die reine, durchsichtige Atmosphre der naturwissenschaftlichen Weltanschauung zu betrachten vermgen, hatte ihm Herr Stiller einmal nach einer heien Auseinandersetzung geantwortet. Damals hatte er seines Freundes Behauptung lediglich als Ausdruck der Hoffart aufgefat, heute aber, nach Jahren, fand er, da Hoffart, Anmaung und Selbstberschtzung nur auf seiner Seite, nicht aber auf der des treuen, hochgebildeten Freundes gewesen waren. Wie oft mute er gerade bei seinen Unterhaltungen mit den Weisen an den fernen Stiller denken, diesen vortrefflichen Menschen und Mann der Wissenschaft! Und mit solchen Gedanken begann wieder eine leise Sehnsucht nach ihm und den andern Gefhrten auf der Marsreise, nach der alten, lieben Heimat sein Herz zu bewegen. Aber sah er dann die holde Benta, hrte er deren herrlichen Gesang, lauschte er den wundervollen Akkorden, die ihre zarten Finger der Harfe zu entlocken verstanden, so verschwanden rasch all die schwachen Regungen des Heimwehs, einer Spezialkrankheit des echten Sohnes schwbischer Erde. Dafr umgaukelten liebliche Trume Frommherz' Sinne, die sich mehr und mehr zu festen Absichten verdichteten, je lnger er im Hause Bentans, des gtigen Alten, lebte. Viertes Kapitel. Getuschte Hoffnungen. In das Stilleben des Bentanschen Heimes brachte der Besuch eines jungen Marsiten vom Stamme der Ernsten eine kleine Abwechslung, die besonders von Benta angenehm empfunden zu werden schien, wenigstens glaubte dies Frommherz, nicht ohne eine leise Regung von Unbehagen, zu bemerken. Orman, mit dem alten Bentan schon lange nher befreundet, war mit einer wissenschaftlichen Expedition, der er als Mitglied angehrte, nach langer Abwesenheit wieder nach Angola zwecks persnlicher Berichterstattung zurckgekehrt. Fr die Zeit seiner Anwesenheit am Zentralsitze der Weisen wohnte er, einer Einladung Bentans folgend, bei diesem. Der jugendlich schne Marsite, der reinste Apoll, wie ihn der Schwabe im geheimen und nicht ohne einen gewissen Anflug von Neid bezeichnete, war dem alten Gaste des Hauses sofort mit der so gewinnenden, weil aufrichtigen Herzlichkeit entgegengetreten, die den Marsiten in ihrem Verkehre berhaupt eigen war. Das Gebaren und Auftreten Ormans war offen und klar. Er war ein Mann ohne Furcht und Tadel. Reiches Wissen, gepaart mit jener echten Bescheidenheit, die nur das Produkt wahren Selbsterkennens ist, machte Orman besonders sympathisch. Und diese Sympathie wre auch bei Fridolin Frommherz vollkommen gewesen, wenn seine Gefhle fr Benta, die strahlend schne Marsitin, etwas weniger selbstschtig gewesen wren. So aber empfand der Erdensohn Ormans Anwesenheit als eine gewisse Gefahr fr sich selbst. Verglich er sich nur allein schon uerlich mit Orman, so fiel die Prfung leider sehr zu seinem Nachteil aus, ganz abgesehen von der geradezu imponierenden Bildung des Marsiten. Das Schwabenalter hatte Fridolin Frommherz seit kurzem glcklich erreicht. Wollte er also ein eigenes Heim grnden, so durfte er damit nicht lange mehr zgern. Dieser Gedanke hatte erst mit dem Erscheinen Ormans eine bestimmtere und deutlichere Form angenommen, und aus diesem Gedanken heraus wuchs noch ein zweiter: durch die Heirat mit einer Marsitin sich gewissermaen das legitime Brgerrecht auf dem Lichtentsprossenen zu sichern. Nun mute ihm dieser Orman in die Quere kommen, gegen den sich schlechterdings auch gar nichts einwenden lie! So scharf und mitrauisch der Gelehrte auch Benta und Orman beobachtete, er konnte nicht das geringste entdecken, was seiner Eifersucht irgend welchen Schimmer von Berechtigung htte verleihen knnen. Harmlos und frhlich verkehrten die jungen Leute miteinander. Nur wollte es Frommherz vorkommen, als ob Bentas Freundlichkeit gegen Orman doch noch um einen Ton wrmer, herzlicher gehalten sei als gegen ihn: ein qualvoller Zustand fr ihn, der zum ersten Male in seinem Leben von Amors schlimmem Pfeile getroffen worden war. Diese heimliche Liebe -- denn da es eine solche sei, wurde Frommherz schlielich klar -- machte ihn halb krank und raubte ihm die Lust zu jeglicher ernsten Arbeit. Hin und wieder besann sich Frommherz, was er unter diesen Umstnden tun oder unternehmen solle. Aber kaum war eine Idee gefat, als eine andere neue die alte erste wieder umstie. Nur so viel stand fr den Gelehrten fest: solange Orman im Hause Bentans weilte, konnte und durfte er nicht mit dem ehrwrdigen Greise ber seine Liebe reden. Sollte er sich eine Abweisung holen, womit er ja mglicherweise auch zu rechnen hatte, nun wohl, so wollte er sie erst nach Ormans Abreise einstecken. Er wollte sich wenigstens vor Orman nicht lcherlich machen. Endlich mute der junge Marsite wieder fort. Der Ernst der Zeit und seine Pflichten riefen ihn wieder an die Arbeit. Frommherz atmete ordentlich erleichtert auf. Nach und nach fand er auch seine alte Ruhe und Heiterkeit wieder und mit ihr den frheren Arbeitseifer. Ein unbestimmtes Gefhl hielt Frommherz ab, mit Benta selbst zuerst eine offene Aussprache zu suchen. Und auch mit Bentan, dem Alten, wollte sich keine passende Gelegenheit finden lassen, die dem Erdensohne erlaubt htte, mit Mut und Zuversicht seinen Wnschen lauten Ausdruck zu verleihen. Gerade die Mitteilungen Ormans ber die zunehmenden ungnstigen Wasserverhltnisse auf dem Mars hatten Bentans ganze Aufmerksamkeit in Anspruch genommen und ihn auch den etwas vernderten Gemtszustand seines Gastes whrend Ormans Anwesenheit bersehen lassen. Auch war jetzt Bentan selbst viel beschftigt. Dazu kamen noch die vielen Versammlungen der Stammesltesten, Besuche anderer Brder Bentans, kurz in Angolas sonst so stillen Straen und Pltzen herrschte seit einiger Zeit ein regeres Leben als je. So verschob Frommherz sein Anliegen von einer Woche zur andern und suchte durch strenge Arbeit seine Leidenschaft zu betuben. Die gute Weiterentwicklung seines gewaltigen Werkes wirkte auf seine Stimmung so gnstig ein, da er endlich auch den Mut fand, in eigener Sache handelnd vorzugehen. Eines Abends, nachdem schon Monate seit Ormans Fortgang verflossen waren, entschlo sich Frommherz, mit Bentan ber die Frage der Ehe im allgemeinen und ber eine Heirat mit Benta im besonderen zu reden. Benta hatte sich auf ihr Zimmer zurckgezogen. Die beiden Mnner saen allein auf der Terrasse des Hauses und genossen den herrlichen Abend mit seinem klaren, milden Mondlicht. Schweigend starrte Frommherz hinaus in die Pracht der Nacht, die ihn immer von neuem wieder durch das reizvolle Spiel ihrer beiden Monde bezauberte, trotzdem er sich nun schon lnger als fnf Jahre auf dem Mars befand. Wunderbar, mrchenhaft schn ist doch bei euch hier oben die Nacht! rief der Gelehrte, das lange Schweigen unterbrechend. Ich wei und kenne nichts anderes, entgegnete Bentan lchelnd. Aber ich! antwortete der Schwabe. Unsere Mondnchte auf der Erde bieten nicht diese eigenartige Schnheit. Dafr besitzt ihr ja auch nur einen Trabanten, eine Leuchte. Unser Verdienst ist es nicht, da wir deren zwei haben. Sie passen aber in wrdiger Weise zu euerm Leben voll Licht, ja sie ergnzen es in harmonischer Form. Am Tage das strahlende Licht der Sonne, in der Nacht der milde, vershnende, zur Ruhe frmlich einladende Silberglanz der Monde, alles hell, licht wie ihr selbst! Nun, dieses Leben, das du so rhmst, hat auch seine Schatten und seine Unvollkommenheiten. Und wohl uns, da es so eingerichtet ist, erwiderte Bentan. Ein gewisser Kampf ums Dasein ist nun einmal untrennbar mit der Existenz eines jeden Lebewesens verknpft. Er ist die Ursache aller Entwicklung und Vervollkommnung. Darber sind wir froh und dankbar zugleich. Dieser Kampf ums Dasein wird bald unseres Volkes ganze Kraft in Anspruch nehmen. Des Wassers wegen? fragte Herr Frommherz. Ja, wie du weit. Ich sehe aber deshalb noch keine drohende Gefahr. Weil du eben unsere Verhltnisse noch zu wenig kennst, Freund Fridolin. Fr Angola ist die Wasserfrage, dank unterirdischen Zuflssen zum See, noch nicht so empfindlich geworden wie an andern Orten unseres Lichtentsprossenen. Trotzdem aber ist eine Abnahme des Seespiegels deutlich wahrnehmbar. Was wollt ihr aber in dieser Sache unternehmen? Eine nderung unseres gesamten Kanalsystems, antwortete Bentan so ruhig, als ob es sich um die einfachste Angelegenheit handelte. Das ist ja eine Riesenarbeit! rief der Erdensohn in ehrlichem Erstaunen. Sie mu ausgefhrt werden. Vor dem imperativen Mu tritt alles zurck. Wir alle ohne Unterschied des Stammes werden im Dienste der Allgemeinheit die groe Aufgabe zu lsen suchen. Auch ich will mich freudig daran beteiligen, soweit ich es vermag, fhle ich mich doch eins mit euch, bemerkte Frommherz. Du sollst uns dabei willkommen sein, erwiderte Bentan herzlich. Der Gedanke, ganz in euch aufzugehen, mir gewissermaen das Brgerrecht hier zu erwerben, bewegt mich schon lange, hub Frommherz nach lngerer Pause zu sprechen an. Ich mchte nicht mehr als Gast, sondern als Marsite angesehen werden. Wirst du denn anders als ein solcher behandelt? Diese Frage Bentans brachte Frommherz ein wenig aus der Fassung. Hm, hm, ich kann mich sicherlich nicht beklagen, nein, im Gegenteil. Nur mchte ich, -- ja, wie soll ich mich gleich ausdrcken? Ich mchte in allem als euresgleichen gelten. Du bist uns kein Fremder, Freund Fridolin. Wir betrachten dich daher auch schon lange als Mitglied der groen Marsgemeinde. Ich hoffe, da dich diese Worte befriedigen, entgegnete Bentan freundlich. Sie ehren mich, aber sie erfllen nicht meine besonderen Wnsche. Und worin bestehen diese? Erklre dich deutlicher. Fr immer auf dem Lichtentsprossenen zu weilen. Niemand von uns weist dich fort. Im brigen war dies ja auch gewi schon damals deine Absicht, fr immer bei uns zu bleiben, als du deine Brder ohne dich von hier fortziehen lieest, entgegnete Bentan mit eigenartiger Betonung. Das alles ist nicht das, was ich will. Ein Heim mein eigen nennen, in Generationen fortleben . . . Nun verstehe ich dich endlich, lieber Freund Fridolin, begann Bentan ruhig, als der Erdensohn, pltzlich unsicher geworden, in seiner Rede stockte. Du mchtest heiraten. Ist es nicht so? Getroffen! gestand der Gelehrte, ordentlich froh, von Bentan so rasch begriffen worden zu sein. Zu jung dazu bist du nicht mehr, warf Bentan lchelnd ein. Nicht wahr? Das finde ich ebenfalls. Ich mchte aber bezweifeln, ob sich dein Wunsch verwirklichen lt. Du bist ein Sohn der Erde und gehrst auch in der Liebe zu ihr. Was Lichtentsprossen ist, soll sich wieder mit Lichtentsprossenem verbinden, nicht mit Fremdem. Von einem Durchbrechen dieser Auffassung verspreche ich mir persnlich nichts Gutes. Doch ferne sei es von mir, dir jede Hoffnung nehmen zu wollen. Prfe dich nochmals, und dann handle. Du weit, da bei uns keine materiellen Erwgungen bei der Eheschlieung mitsprechen. Bei uns hat die Frau eine vornehme und hohe Stellung in der Kultur gerade deshalb, weil sie sich bescheidet, die Ergnzung des Mannes zu sein. Frei whlt sie denjenigen Mann, dessen Persnlichkeit mit der ihren wirklich und wahrhaftig wahlverwandt ist. Mit dem, was er ist, mit seiner ganzen Stellung wirbt bei uns der Mann um das Weib. Dadurch ist bei uns die Eheeinrichtung zu einer hehren Wahrheit geworden, die sich sehr scharf von den ehelichen Zustnden der Erde unterscheidet, ber die, wie ich mich noch genau erinnere, als deine Gefhrten noch bei uns weilten, ihr uns hier in Angola Vortrag gehalten habt. Warum soll aber dieser Unterschied eine Erfllung meines Wunsches unmglich machen? Auch auf der Erde gibt es, glaube es mir, edler Bentan, manche glckliche Ehen, die nach denselben oder doch hnlichen Grundstzen geschlossen worden sind wie hier oben. Das mag sein. Es sind und bleiben aber seltene Ausnahmen. In dieser Richtung sind mir eure vllig miteinander bereinstimmenden und vernichtend lautenden Urteile allein magebend. Deine Brder waren viel zu ernste und wahre Mnner, als da ihre Aussagen dem geringsten Zweifel unterzogen werden drften. Im brigen habe ich dir nur gesagt, was ich von deiner Absicht halte. Ich mchte dich nur gern vor Enttuschungen bewahren. Es steht dir vllig frei, nach Gutdnken zu handeln. Eine lange Pause trat ein. Frommherz war durch die Wendung, die das Gesprch genommen, sehr niedergedrckt. Er hatte auf eine Ermunterung, nicht auf eine Ablehnung gerechnet; denn darauf liefen Bentans Worte doch hinaus. Aber er wollte trotzdem nicht ohne weiteres auf seine Neigung zu Benta verzichten und die Angelegenheit noch in dieser Stunde zu einer definitiven Klrung bringen. Ich bekenne dir offen, ehrwrdiger Bentan, da ich mich schon sehr an den Gedanken gewhnt hatte, mit dir und deiner Familie durch das Band der Verwandtschaft in innigste Beziehungen gebracht zu werden, kurz, Benta als Gattin erringen zu drfen, fr die ich eine warme und ehrliche Neigung empfinde. Mein lieber Freund Fridolin, ich freue mich, da du dich frei und rckhaltslos mir gegenber uerst. Ebenso will ich dir antworten. Benta will, solange ich noch lebe, berhaupt nicht heiraten. Sie will durch die Pflichten der Ehe nicht von der Pflege ihres Grovaters abgelenkt werden. Diesen Entschlu hat sie freiwillig, ohne irgendwelche Beeinflussung schon gefat gehabt, bevor du in unser Haus kamst. Wie gern wrde ich warten, warf der Gelehrte ein. Es wrde dir nichts ntzen, denn Benta wird spter Orman als Gatten whlen. Also hat mich meine Ahnung nicht betrogen, seufzte Frommherz. Sieh, mein Freund, es ist wirklich besser, du beherzigst meinen Rat und verzichtest auf eine Verbindung mit einer Tochter unseres Volkes. Vielleicht kommt einst noch die Stunde, wo du froh darber sein wirst, ber deine Person und deine Zukunft frei verfgen zu knnen. Dieser Verzicht auf meine schnsten Trume ist wirklich schmerzhaft, erwiderte Frommherz wehmtigen Tones. Das tut mir aufrichtig leid. Aber durch die Kraft der Selbstbeherrschung wirst du ber das Gefhl des Schmerzes rasch hinwegkommen. Du bist mir sympathisch. In unserem Zusammenleben bewies ich dir dies. Und diese Sympathie wird dir auch ferner von mir gewahrt werden. Um eines bitte ich dich noch, ehrwrdiger Bentan, rede nicht mit Benta ber das, was ich dir vorgebracht. Das htte ich auch ohne deine Bitte nicht getan. Ich mchte nicht den harmlos schnen Verkehr zwischen dir und meiner Enkelin stren, sondern mich auch fernerhin an ihm erfreuen. Ich danke dir, erwiderte der Erdensohn, ergriffen von der schlichten Gre des Alten. Einer Regung des Herzens folgend, streckte er ihm die Rechte entgegen, die Bentan innig drckte. Damit war Fridolin Frommherz' Liebestraum zu Ende. Es bedurfte aber seiner ganzen Kraft der Selbstberwindung, um die Wunde, die seinem Herzen geschlagen worden war, nach und nach zum Vernarben zu bringen. Und der Segen der Arbeit half ihm ber seinen Kummer weg. Fnftes Kapitel. Die Doppelkanle auf dem Mars. Unterdessen war vom Stamme der Weisen die Wasserfrage sehr energisch behandelt worden. Das, was Bentan darber vor kurzer Zeit seinem Gaste erzhlt hatte, sollte nun sofort ohne Verzug in Angriff genommen werden. Zum ersten Male in seinem Leben sah der schwbische Gelehrte mit staunender Vewunderung die groartige Wirkung des Solidarittsgefhles eines ganzen, groen, Millionen umfassenden Volkes. Diese Wirkung flte ihm geradezu Ehrfurcht ein. Sie offenbarte ihm, zu welcher Hhe der Leistung die Humanitt und ihr Produkt, die Nchstenliebe, diese edelste der menschlichen Tugenden, ausgedehnt werden konnten, wenn sie in Fleisch und Blut eines sittlich und krperlich gleich gesunden Volkes bergegangen sind wie hier auf dem Mars. Keine unntze Klage, kein lauter Ton des Jammerns bewegte die gewaltigen Massen, die nun alle in den Dienst des Groen und Ganzen, in den Kampf fr das Wohl der Gesamtheit traten. Alle Lasten, alle Einschrnkungen, die jedem einzelnen durch die Ausfhrung der Riesenwerke auferlegt wurden, trug dieser im stolzen Bewutsein, da er fr alle einzutreten habe, alle zusammen aber auch ihn wieder schtzen wrden. Das ewige und felsenfeste Prinzip, der fundamentale und unverwstliche Bestandteil der echten, natrlichen Moral, im Wohle, im Gedeihen des Nchsten nur sein eigenes zu suchen und zu finden, zu wissen, da die blhende Menschheit allein das Paradies, eine verkmmerte aber nichts anderes als die Hlle vorstelle, diese Grundstze waren die organischen Triebkrfte der Marsiten. Und sie bewhrten sich glnzend in diesen Zeiten der Gefahr. Die sieben Stmme der Marsiten waren wie auf einen Zauberspruch hin in einen einzigen groen, den der Sorgenden, umgewandelt. Whrend die lteren, krperlich weniger leistungsfhigen Mnner die leichteren Arbeiten der Landwirtschaft, die Erziehung der Jugend und die Pflege der Gebrechlichen und Kranken bernahmen, trat die gesamte Masse der krftigen Marsiten an die Ausfhrung eines zweiten Kanalsystems auf dem Lichtentsprossenen. Dank der Entwicklung und dem unvergleichlich hohen Stande der technischen Wissenschaften bei den Marsiten konnte die ungeheure Arbeit mit Hilfe von Maschinen aller Art verhltnismig rasch gefrdert werden. Lngs den bisherigen Hauptkanlen wurden kleinere, schmlere angelegt und sorgfltig ausgemauert, um jedem nennenswerten Wasserverluste zu begegnen. In der Nhe der alten Riesensammelbecken wurden neue, kleinere geschaffen. Um Verlusten durch Verdunstung an der Wasseroberflche vorzubeugen, wurden die Sammelseen kuppelartig mit Asbestplatten berwlbt, titanenhafte Riesenbauten, wie sie der Erdensohn hier zum ersten Male sah. In den polaren Regionen, gegen den Nord- und Sdpol zu, wurden Reihen enormer Stauwerke mit Schleusen angelegt, die die Wasserabgabe nach den neuen Kanlen und Sammelbecken genau zu regulieren hatten. Der Wasserbedarf wurde fr die Zwecke des Ackers und Gartenbaues wie fr den allgemeinen Verbrauch und Verkehr auf eine bestimmte Menge festgelegt, die ausreichen mute. Auch Fridolin Frommherz hatte Angola verlassen, um an dem Bau der neuen Kanle ttigen Anteil zu nehmen. Hoch oben im Norden, dort wo der Berg des Schweigens, die hchste Erhebung der nrdlichen Marshemisphre, seinen schneebedeckten Gipfel erhob, sollten ganz neue Abflurinnen und Sammelbecken gebaut werden. Kein Tropfen des geschmolzenen Schneewassers sollte womglich mehr verloren gehen. Der Schwabe kannte den Ort. Drei seiner ehemaligen Gefhrten hatten vor Jahren kurz vor ihrer Rckkehr zur Erde den einsamen Berg bestiegen. Bis zum Fue war er damals mitgekommen. Jetzt fhrte ihn das Luftschiff mit einer Anzahl jngerer Marsiten, unter ihnen Zaran, ein Neffe des alten Eran, in jene dnnbevlkerte, khle nrdliche Gegend. Von dem Luftschiffhafen in Angolas Nhe stiegen sie auf, frh, sehr frh am Morgen. Noch schien der Traum der Nacht ber den Wipfeln der nahen Waldriesen zu schweben. Tiefdunkelblau war der klare Himmel, als der Luftschiffhafen unter den Reisenden zu versinken schien. Bald erschienen ihnen die Zurckgebliebenen wie kleine Kinder. Dort drben lag Angola mit seinen weien Palsten. Wie Spielzeug, auf einen grnen Teppich gestellt, sahen die Huser aus. Hher stieg das Luftschiff, und weiter wurde der Horizont. Die groe Gleichmigkeit in der Bebauung, der fast regelmige Wechsel von Feldern, Waldstrecken und kleineren Orten inmitten herrlichen Gartenlandes, eine gewisse Gleichfrmigkeit des meist flachen, nur von niederen Hgelreihen durchzogenen Gelndes fiel Fridolin Frommherz von der weitschauenden Hhe herab ganz besonders auf. Sie steuerten direkt nordwrts. Angola, das auf dem fnfzehnten Grade nrdlicher Breite lag, war lngst verschwunden. Aus der subtropischen Zone, die auf dem Mars schon mit dem dreizehnten Breitengrade beginnt, waren die Reisenden in die gemigte Zone eingetreten. Fridolins Blick schweifte bald rckwrts, bald vorwrts in der Fahrtrichtung. Unter ihm schimmerten die Kanle, die unzhligen Wasserstraen der Marsiten, wie in flssiges Silber getaucht. Motorboote schossen darauf nach allen Richtungen, doch meistens nordwrts. Das Luftschiff berholte sie alle, immer in gerader Richtung, kein Hindernis kennend, nicht Felder und Wlder, nicht Berg und Tal -- das idealste aller Verkehrsmittel. Schon jenseits des fnfunddreiigsten Breitegrades war die gemigte Zone berflogen. Es begann die sprlich bevlkerte khle Region. Das war die Gegend, die die Wasserstraen speiste, an deren Vorhandensein die Existenz der ganzen Marsbevlkerung gebunden war. Hier schauten des Erdensohnes Augen von oben herab ein Bild, das ihn fast heimatlich berhrte: dunkle Wlder, mehr Nadelholz als Laubbume, wechselten mit saftigen grnen Wiesen und schimmernden Seen. Gebirgszge schoben sich dazwischen, deren hchste Gipfel mit Schnee bedeckt waren. Felder sah man immer weniger, je weiter man nach Norden kam. Grere Orte fehlten in dieser Gegend fast ganz. Nur weit auseinanderliegende, sehr kleine Kolonien von emsig arbeitenden Marsiten erblickten die Reisenden. Und noch immer flogen sie nordwrts ohne Aufenthalt. Jetzt hatten die Felder fast ganz aufgehrt; doch sah man noch immer zahlreiche Viehherden auf krftigen Bergweiden. Am spten Nachmittage grenzte sich ein besonders hoher Berg scharf vom Horizonte ab. Er stand isoliert. Mit einer dichten Schneekappe war seine stolze Pyramide verhllt. Sieh dort, sagte Zaran zu Fridolin, den Berg des Schweigens, unser Ziel! Wenige Huser standen am Fue des Bergriesen. Das Luftschiff hielt darauf zu und ging sicher und ohne jede Schwankung dicht neben den Behausungen auf einer Art Bergwiese vor Anker. Ein ernster, wortkarger Mann mit leicht ergrautem Haupt- und Barthaar trat den Reisenden entgegen. Nach kurzem Grue sagte er: Fr Unterkunft ist so gut wie mglich gesorgt, und wies auf einen langgestreckten Httenbau wenige Schritte von der Landungsstelle des Luftschiffes. Die Ankmmlinge dankten und zogen sich in ihr reinliches, luftiges Massenquartier zurck, wo sie alles zu ihrer Bequemlichkeit Erforderliche sowie Lebensmittel aller Art in ausreichendem Mae vorfanden. Von den brigen Bewohnern dieser kleinen Kolonie hatten sie niemand gesehen. Wie wenig neugierig doch die Leute hierzulande waren! Der Erdensohn schlief in der reinen Bergluft vorzglich. Bei Tagesgrauen sollte die Arbeit beginnen. Frh am andern Morgen stand Fridolin Frommherz am Fue des Berges und betrachtete ihn genau. Steil fielen seine Hnge zur Talsohle ab. Die Bergwiesen hrten bald auf. Schwrzlicher Sand, das Produkt verwitterter Lava, trat dem Auge allenthalben entgegen. Es war gewi nicht leicht, diesen Riesen zu erklimmen. Und wie viel schwerer mute es noch sein, die zur Arbeit notwendigen Werkzeuge und Maschinen bis zu solch schwindelnder Hhe hinaufzuschaffen! Komm, Freund, rief da Zaran dem Sinnenden zu, das Luftschiff ist bereit! Das Luftschiff? wiederholte Fridolin erstaunt. Nun ja, es soll uns und die brigen Arbeiter zur Hhe befrdern. Also kein mhsames, ermdendes Erklimmen des Bergriesen, wie Fridolin gedacht! Hinaufgetragen zu werden, war freilich bequemer und ging rascher von statten. Sie stiegen ein, ihre Reisegefhrten vom gestrigen Tage mit ihnen und ebenso der wortkarge Marsite, der sie am Abend zuvor empfangen und begrt hatte. Rasch wich die Talsohle unter ihnen zurck, ein wunderbar leuchtend grnes Bild im Lichte der aufgehenden Sonne. Kerzengerade stiegen sie in die Hhe. Mit vollendeter Sicherheit arbeitete das Hhensteuer. Lautlose Stille lagerte auf dem Berge des Schweigens, der seinen Namen mit vollem Rechte zu tragen schien. Weder Mensch noch Tier war zu sehen; nicht einmal das Rauschen eines auf dieser Seite zu Tale pltschernden Baches vernahm das lauschende Ohr. Auch die Reisenden waren schweigsam. War es der Eindruck, den die schweigende Natur auf ihre Gemter machte, oder war es der Ernst der bevorstehenden Arbeit, der sie bereits in seinem Banne hielt? Schon nach zweistndigem Steigen hatte das Luftschiff die Hhe des Berges erklommen, noch eine Schwenkung nach Osten -- nun lie es sich leicht und sicher in einer Mulde unterhalb des Gipfels nieder. Die Reisenden stiegen aus. Da lag neben ihnen im Krater des frheren Vulkans ein smaragdgrner, mit Blumen umsumter See. Warm fhlte sich hier der Boden an, und keine Spur von Schnee war zu finden. Somit schien die vulkanische Ttigkeit des Berges noch nicht ganz erloschen zu sein. Aber kaum hundert Schritte weiter, da schlugen wieder Eis und Schnee den Boden in ihre Fesseln. Hier oben hatte die Arbeit der Marsiten bereits begonnen. Da waren Menschen und Maschinen in voller Ttigkeit. Es galt, dem Abflu des Sees eine neue, schmlere, ausgemauerte Rinne zu schaffen, in der kein Tropfen des so kostbar gewordenen Wassers mehr versickern konnte. Dann sollte der kleine Kratersee selbst mit Asbestplatten berwlbt werden, um das Verdunsten seines warmen Wassers mglichst zu verhindern. Der wortkarge Marsite, der die neue Arbeitskolonne hierhergebracht, aber whrend der ganzen Fahrt keine Silbe gesprochen, nur in tiefem Nachdenken vor sich hin geschaut hatte, wies jetzt jedem seinen Arbeitsplatz an. Fridolin fhrte er zu einer neuen Maschine, die von ihm allein bedient werden sollte. Es war eine Art Trockenbagger, womit der Boden in der bereits abgesteckten Linie fr die neue Wasserrinne ausgehoben werden sollte. Der Erdensohn, der als ehemaliger Theologe von Maschinentechnik so gut wie gar nichts verstand und an krperliche Arbeit nicht gewhnt war, sah etwas zaghaft auf die vor ihm stehende groe eiserne Maschine. Mit kurzen, klaren Worten erklrte ihm der Marsite deren Handhabung. Die Aushebungsvorrichtung war automatisch und regulierte sich bei richtiger Einstellung von selbst. Mit scharfer Kante versehene Eimer schleiften dicht auf dem Boden und brachten, ebenfalls automatisch, das losgelste Material hoch und lieen es auf die Ablagerungsflchen gleiten. Trotz ihrer dauerhaften Konstruktion war die Maschine auerordentlich leicht beweglich, was teils einer sinnreichen Vorrichtung, teils der geringeren Schwere infolge des verminderten Luftdrucks zuzuschreiben war. So war es fr den Erdensohn nicht allzu schwer, den merkwrdigen Bagger allein zu bedienen. Fridolin arbeitete und wunderte sich dabei, wie leicht ihm alles wurde. Solche Muskelkraft hatte er auf Erden nie besessen. Es war doch etwas Schnes um die verminderte Schwere. Freilich trat in der ganz auerordentlich dnnen Luft auf solcher Bergeshhe lebhafteres Atmen, eine hhere Spannung der Blutgefe ein; aber er gewhnte sich rascher, als er selbst gedacht, an diese Erscheinungen. Nur eins blieb ihm immer gleich sonderbar und wollte ihm nicht recht gefallen: das war die bedeutend abgeschwchte Stimme. So dnn war hier oben die Luft, da sie den Schall nur noch schwach verbreitete. Sogar die Arbeit all der wackern Mnner nahm dem Berge des Schweigens seinen Charakter nicht. Und nun reihten sich die langen Tage rastloser Arbeit vom Sonnenaufgang bis zu ihrem Untergange. Nicht nur dem See wurde eine neue Abflurinne gegraben, den ganzen Berg von der Schneegrenze bis zu seinem Fue durchfurchten bald solche auszementierte Rinnen, die zu tieferen Rinnsalen zusammenflossen und sich zeitweilig in berwlbten Becken sammelten. Der schweigsame Marsite berwachte alle diese Arbeiten; berall kontrollierte er, ordnete er an, und ein jeder fgte sich seinen Befehlen. Wer ist der seltsame Mann? hatte der Erdensohn schon am ersten Tage gefragt, und als es Feierabend wurde, hatte ihm Zaran seine Geschichte erzhlt: Du weit, Freund Fridolin, da die polaren Regionen unseres Lichtentsprossenen, im Norden wie im Sden, fast ausschlielich von unsern Gesetzesbertretern bewohnt werden. Wer sich gegen seinen Bruder, gegen das allgemeine Wohl verfehlt, mu seinen Fehltritt durch Arbeit fr die Allgemeinheit wieder shnen. Whrend dieser Zeit wird sein Name aus den Listen unserer Stmme gestrichen. Namenlos zieht er dorthin, wo unsere Wasserstraen ihren Ursprung nehmen. Da unsere ganze Existenz von der Erhaltung des Wassers abhngt, ist das Instandhalten unserer Wasserlufe die wichtigste Arbeit fr das Gemeinwohl. Dieser Arbeit haben sich somit unsere Brder ohne Namen zu unterziehen. Es ist dies die einzige Strafe, die wir kennen. Nach einer dem Mae seiner bertretung entsprechenden Zeit guter Fhrung steht es dem hierher Verwiesenen frei, wieder zu seiner Familie zurckzukehren. Viele aber ziehen es vor, hier zu bleiben und ihr ganzes Leben fortan in den Dienst ihrer Brder zu stellen. Das tat auch der, nach dem du mich vorhin fragtest. Mutan hie er und gehrte dem Stamme der Findigen an. Ich kenne ihn von Lumata her, wo er unser Nachbar war. Doch war er in seiner Jugend dem Ernste des Lebens abgeneigt und allzuviel auf sich selbst bedacht. Seine Pflichten gegen die Gesamtheit erfllte er so mangelhaft, da er in die Region der Vergessenen verwiesen wurde. Hier ist ein anderer aus ihm geworden. Der Ernst des Lebens hat ihn gepackt und ihn so sehr von seiner hohen Aufgabe, der Arbeit fr seine Brder, durchdrungen, da er es ablehnte, wieder nach Lumata heimzukehren. Er blieb im Lande der Vergessenen, an dem Orte, wo die Arbeit einen ganzen Mann aus ihm gemacht. Er hat uns seither mit den groartigsten Erfindungen auf technischem Gebiete berrascht. Wo es eine besonders schwierige Aufgabe zu lsen gibt, versucht sich Mutan daran. Seinem scharfen Verstande, seiner auerordentlichen Geschicklichkeit scheint nichts zu schwer. Die Maschine zum Beispiel, an der du vorhin arbeitetest, hat er ebenfalls erfunden. Und du wirst noch viel Groes von ihm schauen. Fridolin Frommherz hatte schweigend zugehrt. Zarans Erzhlung hatte einen eigentmlichen Eindruck auf ihn gemacht. Dieser Mutan, dessen ernstes, kluges Antlitz ihn merkwrdig fesselte, hatte nichts anderes getan, als zu viel an sich gedacht. Und er, Fridolin? Hatte nicht auch er zu viel an sich gedacht, als er seine Gefhrten verlassen hatte und auf dem Lichtentsprossenen zurckgeblieben war? Wenn man ihn mit solchem Mae messen wollte, dann mte er auf die Erde zurckkehren und dort den Rest seiner Tage dem Dienste der Menschheit weihen, die er eigenmchtig verlassen hatte. Rasch schttelte Fridolin Frommherz jedoch diesen Gedanken ab. Nein, der Lichtentsprossene war jetzt seine Heimat, die Marsiten die Brder seiner Wahl; zu ihnen gehrte er, und ihnen diente er auch jetzt in den schweren Tagen ihres Existenzkampfes. Aber sooft er Mutan begegnete, kehrte der Gedanke an seine Verpflichtungen gegen die Erde zurck. Wunderschn war es fr Fridolin, in den klaren Nchten das Polarlicht mit seinen zuckenden Strahlen und wechselnden Farben zu beobachten. Noch lieber aber sah er von seiner weitschauenden Hhe nach der Erde aus. Als hellster der Sterne hing sie am nchtlichen Firmamente, stets von ihrem treuen Trabanten gefolgt, der als winziges Sternlein bald rechts, bald links von ihr erschien, da in ihren Strahlen verschwindend, nach einiger Zeit dort wieder auftauchend, in stndigem Wechsel. Freilich, wenn die Erde in Marsnhe war, dann war sie nur als schmale Sichel sichtbar; aber gerade die Beobachtung ihrer Phasen war fr den Erdensohn besonders interessant. Schon mit bloem Auge war ein deutliches Zu- und Abnehmen zu sehen, mit den auerordentlich scharfen Instrumenten der Marsiten aber waren nicht nur die Beleuchtungsverhltnisse, waren auch Erdteile und Meere, ja selbst die greren Lnder zu erkennen. Wie oft grte der Schwabe vom Berge des Schweigens aus mit dem Auge die deutsche Heimat! Eine eigentmliche Erscheinung fiel ihm beim Beobachten der Erde durch das Teleskop des fteren auf: er sah deutlich, da die Strahlen der Sonne auch noch nach solchen Punkten der Erdoberflche hindrangen, fr die sie eigentlich schon untergegangen sein mute. Er befragte Zaran darber. Das kommt von der Dichte eurer Atmosphre her, meinte dieser. Je dichter die Luftschicht ist, desto mehr bricht sie die einfallenden Lichtstrahlen. Diese Lichtbrechung ist bei der Beobachtung entfernter Weltkrper geradezu ein Beweis fr das Vorhandensein einer Atmosphre. La uns das Teleskop einmal nach einem unserer Monde richten. Sieh, dort geht uns Phobos heute schon zum zweitenmal auf! Siehst du etwas von einer Lichtstrahlenbrechung? Nein, erwiderte Fridolin, da fllt die Erscheinung ganz weg. Weil die kleinen Monde in der Regel ihre Atmosphre nicht festzuhalten vermgen, euer Erdtrabant so wenig wie Phobos und Deimos. Dort drben steht Venus. Versuch es einmal bei jenem fernen Kinde des Lichts! Die Erscheinung ist wieder da, rief Fridolin erfreut, und zwar in noch hherem Mae als bei der Erde. Die Venus-Atmosphre scheint etwas dichter als die irdische zu sein. So brachten auch die Abende dem Erdensohne gar vieles Schne, Neue und Interessante. Nach wenigen Wochen schon war der ganze Berg des Schweigens kanalisiert. Die Arbeitsmaschinen hatten geradezu Wunderbares geleistet; die Kraft der Mnner war sehr geschont worden. Nach und nach war die Arbeitskolonie mit smtlichen Maschinen zu Tale vorgerckt. Aber da fanden die Ankmmlinge nicht mehr die einsame Region vor, die sie verlassen. Zu Tausenden und Abertausenden schafften hier die Marsiten, die sonst die nrdliche gemigte oder die tropische Zone bewohnten. berall, soweit das Auge schaute, waren bereits die neuen Kanle ausgehhlt, die breiten Hauptadern wie die viel hundertfachen Verzweigungen angelegt. Maschinen waren da aufgestellt, die der Erdensohn nie zuvor gesehen, und deren Zweck ihm doch jedesmal bei genauem Anschauen fast von selbst offenbar wurde, so genial einfach und praktisch war alles, was auf dem Lichtentsprossenen erdacht und konstruiert wurde. Rasch schritt das Auszementieren des neuen Kanalnetzes vorwrts. Die Arbeit drngte, stand doch der lange polare Winter vor der Tr. Vor seinem Eintritt sollte die Kanalisierung bis zur gemigten Zone vorgeschritten sein. Dort wrde man noch lange arbeiten knnen, wenn die arktischen Zonen schon in Eisesfesseln lagen. Und hinderte der strenge Marswinter die Arbeit auch dort, dann kanalisierte man den Tropengrtel, der kein Eis kannte. Aber noch aus einem andern Grunde drngte die Arbeit: das Wasser war wie alles andere auf dem Lichtentsprossenen spezifisch leichter als auf der Erde. Es kochte schon bei sechzig Grad, war folglich auch rascherem Verdunsten ausgesetzt, und dem mute so schnell wie mglich entgegengearbeitet werden. Natrlich war das Wasser infolge seines geringeren spezifischen Gewichtes auch minder tragfhig; aber das konnte hier nicht in Betracht kommen, standen doch die Schiffe, die in raschem Laufe auf seinem Rcken dahintrieben und die Arbeitenden mit allem Notwendigen versorgten, ebenfalls unter dem Einflu der geringeren Schwere. Charakteristisch fr das Wasser auf dem Lichtentsprossenen waren auch die gewaltigen Wellen, die sich nicht nur auf dem groen Ozeane, der einen Teil der Sdhalbkugel deckt, -- das einzige ausgedehnte Wasserbecken auf dem Mars, -- sondern auch auf den kleineren Seen der Nordhalbkugel beim geringsten Anla bildeten. Die im Vergleich zur Erde bei weitem leichteren Wassermolekle unterlagen geringerer Anziehung der Masse ihres Weltkrpers und stiegen deshalb oft durch den einfachen Vorgang der Wellenbildung ohne besonders heftigen Wind oder gar Sturm zu ganz auerordentlicher Hhe empor. Diesen Vorgang beobachtete Fridolin Frommherz ganz besonders gern. Als dann der Winter die polaren Zonen auf dem Mars in Eisesfesseln schlug, waren die hauptschlichsten Arbeiten in diesen Gegenden vollendet, die Arbeiter bereits in die gemigte Zone bergegangen. Nie htte es sich frher der Erdensohn trumen lassen, da man solche Riesenbauten in so kurzer Zeit durchfhren knnte. An einem einzigen Kanale auf Erden wurden oft zehn, fnfzehn und noch mehr Jahre gebaut; hier waren Hunderte von Kanlen in der kurzen Zeit eines polaren Marssommers -- doppelt so lang wie ein irdischer Sommer in arktischem Gebiete -- hergestellt worden; aber nicht nur Hunderttausende, sondern Millionen hatten da mitgearbeitet. Die Solidaritt der Marsiten hatte ein Wunder vollbracht. Ganz eingestellt wurden die Arbeiten der Marsiten in den polaren Gegenden auch im Winter keineswegs. Die Hauptsache war vollendet; doch galt es, da und dort noch die letzte Hand anzulegen. Auf vorzglich gebauten, uerst leichten Segelschlitten glitten die Mnner ber die Eisflchen bald dahin, bald dorthin. Die Schlitten waren gefttert und mit einem Zeltdache zum Schutze gegen scharfe Winde versehen. brigens war die Klte, obgleich sie bedeutende Grade erreichte und bis sechzig Grad unter den Nullpunkt sank, leicht zu ertragen, weil die Luft vollkommen trocken, frei von Wasserdampf war. Auf ihren eisernen Kufen glitten die Schlitten dahin wie auf Schlittschuheisen. Das Segelwerk, das aus einer Brigantine und einem Klversegel bestand, gestattete die Bentzung jeder Windrichtung, und wenn es so eingestellt war, da der Schlitten mit vollem Rckenwinde fahren konnte, war die Geschwindigkeit des leichten Fahrzeuges staunenerregend. Es flog frmlich dahin und schien kaum mehr den Boden zu berhren. Der Schwabe aber zog in diesen Wintertagen mit der Mehrzahl der Marsiten erst in die gemigte, dann in die quatoriale Region, das groe Werk fortfhrend, das in den Polgebieten begonnen worden war. Und als die ungeheure Arbeit nach Jahr und Tag glcklich beendet und die alten sozialen Verhltnisse wiederhergestellt worden waren, da zeigte sich die segensreiche Wirkung der Arbeit aller fr alle: die vielen und groen Landstrecken, die aus Mangel an Wasser seit lngerer Zeit schon brach lagen, sie wurden nun wieder produktiv und lieferten Nahrung. Grten, die schon verdet waren, erwachten zu neuem grnendem und blhendem Leben. berall auf dem Lichtentsprossenen waren alle damit beschftigt, die letzten Spuren der Wassersnot zu verwischen, der Landschaft wieder ihr altes, glanzvolles Gewand zurckzugeben. Auch der Schwabe hatte an dem Werke des Gemeinwohles redlich mitgearbeitet, hatte mitgegraben, mitgemauert und mitgehmmert. Die Arbeit kam ihm anfnglich schwer und sonderbar vor, mit der Zeit aber gewhnte er sich an seine neue Art der Beschftigung. Und diese, verbunden mit dem lebhaften Verkehr mit Marsiten aller Klassen, hatte nach und nach in Frommherz eine groe innere Umwandlung hervorgebracht. Hohe Gedanken bewegten ihn. Das einzigartige Beispiel der Solidaritt, das dem Erdensohne hier oben geboten worden, die zarte Sympathie jedes einzelnen Marsiten fr seinen Mitbruder, eine Sympathie, die sich berhaupt auf alle fhlenden Wesen erstreckte, hatte ihn zu tiefem Nachdenken angeregt. Er erkannte, da auf dem Lichtentsprossenen die hchste Stufe der moralischen Kultur tatschlich erreicht war. Er begriff jetzt, da in dem Mae, in dem die Gefhle der Liebe und Sympathie und die Kraft der Selbstbeherrschung durch die Gewohnheit verstrkt werden und das Vermgen des Nachdenkens klarer wird, auch der Mensch in den Stand gesetzt wird, die Gerechtigkeit der Urteile seiner Mitmenschen zu wrdigen. Erst dadurch vermag dann ein Mensch, unabhngig von den Gefhlen der Freude oder des Schmerzes, die er einen Augenblick hindurch empfindet, seinem Benehmen eine gewisse bestimmte Richtung zu geben. So war jeder Marsite, dank der sorgfltig geleiteten Entwicklung seiner Geisteskrfte und der natrlichen Moral, gewissermaen der wirkliche und wahre Richter seines eigenen Betragens. Was den schwbischen Gelehrten frher bei den Marsiten rein uerlich schon so sympathisch berhrt und mit geheimnisvoller Macht angezogen hatte, er hatte nun in den Jahren der gemeinsamen Arbeit mit ihnen den Schlssel zu diesem wahren, wissenden, freien und edlen Bruderbunde gefunden. Die gesunde Harmonie zwischen Selbstliebe und Nchstenliebe, das war die Ursache der wunderbaren Moral und des Blhens des Brudervolkes auf dem Mars. Und Frommherz dankte dem Geschick, das ihn zu diesem Volke gebracht, wo er so unendlich viel zu lernen vermocht und sich selbst zu echter Menschenwrde hinauf entwickelt hatte. Langsam zog in ihm ein Sehnen ein, der Apostel wahren Menschentums auf der Erde zu werden. Dort besa er einen Freund, der hnliches einst gewollt. Damals hatte er ihn nicht verstanden. Jetzt wnschte er dem Beispiele Siegfried Stillers, des ausgezeichneten Freundes und Mannes, zu folgen. Aber zunchst trat ein Ereignis ein, das das Volk des Mars, das soeben an Krper und Geist frisch verjngt aus dem gewaltigen Kampfe um seine vornehmste Existenzbedingung siegreich hervorgegangen war, in aufrichtige Trauer versetzte. Anan, der lteste der Alten, der Vorsteher des Stammes der Weisen, hatte den Tribut dem Alter entrichtet und war sanft entschlafen. Ein inhaltsreiches Leben voll Licht und Segen war damit zu natrlichem Abschlusse gelangt. Vertreter aller Stmme eilten nach Angola, um Anan die letzten Ehren zu erweisen und Zeugen der Beisetzung seiner Asche in Angolas Ehrenhalle zu sein, dem Pantheon der Marsiten. Dem Boden keine Leichen! Rasch verlodernde Glut umfange auf dem Lichtentsprossenen die erkalteten Schlfen! Diese Art der Bestattung war auf dem Mars blich. Sie galt als die allein wrdige und wurde auch als bester Trost fr die Hinterlassenen betrachtet. Am dritten Tage nach dem Tode Anans, als die untergehende Sonne mit ihren letzten Gluten purpurfarbene Tinten an den Himmel malte, wurde der offene Sarg mit dem Entschlafenen zur Feuersttte getragen. Dem flammenden Abendrote gleich, sollte auch Anan leuchtend eingehen in den Scho der Ewigkeit. Ergreifende Musik wechselte auf dem Wege mit dem Gesange von Trauerliedern. Als die Nacht hereingebrochen und Anans Asche in eine Urne von schwarzem Marmor gesammelt worden war, wurde diese unter Fackelbeleuchtung nach der Ehrenhalle gebracht, um hier beigesetzt zu werden. Den Geschiedenen zur Ehre, den Lebenden zum Vorbild, das waren die Worte, die in goldenen Lettern ber der sulengetragenen Vorhalle prangten, die zu der herrlichen Sttte ewigen Friedens der hervorragendsten Marsiten fhrte. Eine kleine Nische nahm die Urne auf, und auf einer Marmortafel eingemeielt befand sich ein kurzer Auszug aus Anans Leben und Wirken. Das Bruderlied der Marsiten, von allen gesungen, schlo die Feier. Sechstes Kapitel. Ein tapferer Entschlu. An die Stelle Anans trat Bentan. Das Leben in Angola bewegte sich wieder in den alten, vornehm ruhigen Bahnen der Gleichmigkeit. Der Gelehrte hatte sein Werk vollendet. In der ersten feierlichen Versammlung des Stammes der Weisen unter Bentans Vorsitz bergab der Erdensohn sein fertiges Wrterbuch der deutsch-marsitischen Sprache, eine Arbeit von ber elf Jahren nach Erdenma. Der Dank der Weisen wurde ihm fr seine anerkennenswerte Leistung ausgesprochen. Frommherz war lange mit sich zu Rate gegangen, ob er diesen Augenblick des Abschlusses und der bergabe seines Werkes nicht dazu bentzen solle, dem ihn mehr und mehr beherrschenden Wunsche nach Rckkehr zur Erde passenden Ausdruck zu verleihen. Nach lngerem Schwanken entschlo er sich dazu. Mit Bentan selbst hatte er noch nicht darber gesprochen. Er fand es fr besser, zuerst vor den versammelten Vertretern des Stammes der Weisen sein Anliegen vorzubringen und nachher mit Bentan das Nhere zu beraten. Am Schlusse der Sitzung bat Frommherz um das Wort. In lngerer Rede schilderte er, wie sich bei ihm nach und nach der Wunsch entwickelt habe, dahin wieder zurckzukehren, von wo er einst hergekommen war. Nachdem nun seine Aufgabe hier auf dem Lichtentsprossenen erfllt sei, auf dem er so unendlich viel gelernt, habe er sich eine andere schwere Aufgabe gestellt: in seinem engeren wie weiteren Vaterlande unten auf der Erde eine aller bertreibung ferne und daher auch allein vernnftige Nchstenliebe in der Weise zu lehren, wie sie hier oben ausgebt werde, Jnger fr seine Lehre zu werben und den Versuch zu machen, diesen praktischen und segensreichen Altruismus der Marsiten in der ffentlichen Meinung seiner alten Heimat mehr und mehr einzubrgern. Der fragwrdigen Kultur der Gegenwart mit ihrer Lge und rohen Selbstsucht wolle er im Vereine mit andern energisch entgegentreten und gegen sie kmpfen, damit den spter geborenen Geschlechtern endlich ein Leben der Wahrheit, der Nchstenliebe und des Frohmutes beschieden sein mge. Die Menschlichkeit werde dann eine wirklich vollendete Tatsache, nicht mehr blo ein Begriff und nur in Gedanken vorhanden sein. Erst langsam, Schritt fr Schritt erklomm ich unter eurem Einflusse den Weg zur sonnenbeschienenen Hhe abgeklrter Lebensauffassung, fuhr Frommherz fort. Nun erst verstehe ich voll und ganz auch die Handlungsweise meiner Freunde, als sie von hier fortzogen, whrend ich damals whnte, da sie eine bereilte Tat, eine unentschuldbare Torheit begangen htten. Eine spte Erkenntnis, nicht wahr? Wrde ich nicht eure Gesinnungen, eure hohe Denkweise genau kennen, so wrde ich die Frage einer Rckkehr niemals zur Sprache gebracht haben. So aber wei ich, da ihr meine Handlungsweise von heute begreift. Ich bin gewi, da ihr meine Bitte in ernste Erwgung ziehen und sie auch gern erfllen werdet, falls ihr nicht Unmglichkeiten der verschiedensten Arten entgegenstehen, die ich nicht zu beurteilen vermag. Mit diesen Worten schlo Fridolin Frommherz seine Rede, die von der Versammlung mit groer Aufmerksamkeit angehrt worden war. Zieh dich fr einige Augenblicke zurck, lieber Freund Fridolin. Wir wollen sofort ber dein Anliegen beraten und werden dich nachher rufen lassen, um dir unsere Entscheidung mitzuteilen, bat Bentan freundlich. Der Erdensohn gehorchte. Seine Stimmung war eine gehobene, fast stolze, als er den Saal verlie, um im Garten vor dem Palaste umherzugehen, bis er zur Entgegennahme der Antwort auf seine Rede wieder gerufen werden sollte. Wie ganz anders empfand er doch heute als vor mehr denn elf Jahren am gleichen Orte! Bedrckt, wirr, unsicher, zerfallen mit sich selbst und seinen Freunden, im Kampfe widersprechendster Gefhle war er damals aus dem Saale fortgegangen, und heute beherrschte ihn eine tiefe Genugtuung darber, da er sich endlich selbst wiedergefunden und den Vorschlag des Fortgehens vom Mars von sich aus, freiwillig gemacht hatte. Er konnte in der Zukunft den Marsiten nichts mehr von wirklicher Bedeutung bieten als Gegenwert fr die an ihm gebte groartige Gastfreundschaft. Dies sah er klar ein. Die Tat seiner Freunde erschien ihm heute in ihrer vollen sittlichen Gre. Ob sie wohl damals die Erde, die Heimat wieder erreicht hatten, die Tapfern? Ob er sie wiedersehen wrde? In dem Mae, als er sich selbst mit dem Gedanken der Rckkehr vertraut gemacht hatte, beschftigte er sich auch mehr mit den fernen Freunden. Die Gefahren und Entbehrungen der Reise durch den Weltenraum schlug Frommherz nicht mehr so hoch an. Die Erinnerung an die Leiden der Herfahrt war bei ihm im Laufe der vielen Jahre ziemlich verblat. Auch vertraute er der technischen berlegenheit der Marsiten, die sie so oft schon bewiesen, da er an einem richtigen Gelingen der Reise nicht im geringsten zweifelte. Trotz seiner fnfzig Jahre, die der Gelehrte nun zhlte, sprang er noch elastischen Schrittes die breite Treppe hinauf, die zum Saale fhrte, als er gerufen wurde. Feierliche Stille herrschte in dem groen Raume. Die wohlwollenden Blicke der Alten lieen den Schwaben einen gnstigen Ausgang seiner Sache hoffen. Mein lieber Freund und Bruder, begann Bentan zu sprechen. Dein Entschlu, zur Erde zurckzukehren, um dort in der uns geschilderten Weise ttig zu sein, ehrt dich und findet auch unsere vollste Billigung. Er hat uns mehr erfreut als berrascht, denn wir alle, Anan schon vor Jahren, sahen voraus, da du dauernd bei uns doch nicht bleiben wrdest. Dein Entschlu hat uns deshalb besonders gefreut, weil er uns beweist, da du gleich deinen Gefhrten, die bei uns geweilt, derselbe wackere Mann und Schwabe bist, fr den wir dich immer hielten. Wir werden uns mit dem Stamme der Findigen und der Ernsten in Verbindung setzen, damit deinem Wunsche so bald wie mglich entsprochen werden kann. Du sollst zu jenem fernen Kinde des Lichtes gebracht werden in hnlicher Weise, wie du einst von dort zu uns kamst. Und nun kann ich dir im Namen meiner Brder hier erffnen, da wir beschlossen haben, dein Bild und die Gedenktafel nach deiner Abreise an der Stelle dieses Saales anbringen zu lassen, die hiefr schon so lange vorher bestimmt war. Ein feines Lcheln huschte bei diesen Worten ber Bentans geistvolles Gesicht. Die sieben Schwaben, die einzigen Erdenshne, die je auf dem Lichtentsprossenen gewesen und auf ihm gelebt, sie sind dann im Bilde und in der Erinnerung fr immer bei uns harmonisch vereint. Von Herzen wnschen wir dir schon jetzt, da du die trauten Sttten deiner Kindheit und Jugend nach so langer Abwesenheit glcklich wiedersehen mgest. Glaube mir, lieber Freund Fridolin, niemand reit sich ungestraft aus dem Boden, aus dem er entsprossen, und in dem allein die festen Wurzeln seiner Existenz liegen. Die Wahrheit dieses Satzes hast du ja auch an dir selbst erfahren drfen. Triffst du deine sechs Freunde und Brder unten auf der Erde gesund wieder an, was wir hoffen wollen, so berbringe ihnen unsere innigsten Gre. Sage ihnen, da wir ihr Andenken in hohen Ehren halten, und da wir es einem heiligen Vermchtnisse gleich ungeschmlert unsern Nachkommen berliefern werden. Zieh hin in Frieden, mein Freund! Bewahre auch du uns nach deiner Abreise dieselbe treue Gesinnung, die wir dir stets bewahren werden. Nach Bentan erhob sich Eran, der die Last seiner Jahre noch mit erstaunlicher Kraft trug und von seiner Geistesfrische noch nicht das geringste eingebt hatte. In der Nhe von Lumata sind die khnen Erdenshne einst mit ihrem Luftschiffe angekommen, sprach er. Von dort aus haben sie auch, bis auf Freund Fridolin, die Heimreise angetreten, nachdem sie lange Zeit meine lieben Gste gewesen. Und so mchte ich nun die Bitte aussprechen, da die Rckkehr des letzten Schwaben ebenfalls von jener historischen Sttte in Lumata aus erfolgen mge. Bis zu seiner Abreise lade ich Freund Fridolin ein, bei mir wieder sein altes Heim beziehen zu wollen. Deiner Einladung, ehrwrdiger Eran, leiste ich gern Folge, antwortete der Gelehrte. Gut, so soll auch der Bitte unseres Bruders Eran entsprochen werden und die Abfahrt so bald wie mglich von Lumata aus stattfinden, entschied Bentan. Am Abend des denkwrdigen Tages sa Fridolin Frommherz zum letzten Male mit Bentan auf der Terrasse von dessen Hause. Morgen wollte er Angola verlassen, um mit Eran zusammen nach Lumata zu ziehen. Habe ich dich nicht heute mit dem Entschlusse meiner Rckkehr zur Erde berrascht? fragte er seinen Gastgeber. Durchaus nicht! entgegnete Bentan ruhig. Ich erwartete die uerung dieses Wunsches und finde, da du fr ihn sehr geschickt den richtigen Augenblick gewhlt hast. Ja, der Gedanke, den Lichtentsprossenen zu verlassen, hat unendlich lange Zeit bei mir zum Reifen gebraucht, erwiderte Frommherz. Das wirklich Gute bedarf immer einer angemessenen Zeit zur Entwicklung. Gewi! Ob ich nicht aber schon frher htte fortziehen sollen? Ich glaube nicht. Ich habe den Eindruck, da du zur richtigen Zeit den richtigen Weg gefunden hast. Deine Arbeit hier ist vollendet. Du warst uns auch nebenbei in den Jahren der Gefahr und Not ein schtzenswerter, fleiiger Beistand. Und jetzt, wo du dich uns gegenber durch deine Gegenleistungen von jeder moralischen Verpflichtung gewissermaen befreit hast, konntest du deiner Bitte auch den berechtigtsten Ausdruck verleihen. Es freut mich aufrichtig, da du so denkst, ehrwrdiger Bentan. Nun, mein lieber Freund Fridolin, bist du jetzt nicht selbst froh darber, da ich dir einst abriet, eine Ehe hier einzugehen? Sieh, damals schon ahnte ich das, was heute gekommen ist. Ich wies auf die Stunde hin, die mglicherweise erscheinen knnte, in der du gern frei ber deine Person verfgen mchtest. Heute hat diese Stunde geschlagen. Du warst der sie Ahnende, der Weitsichtige, dafr danke ich dir. Aber trotzdem, als Gatte Bentas wrde ich wohl niemals den Gedanken einer Rckkehr gefat haben. Nicht du ihn, er aber dich. Doch gleichviel, es ist gut so, glaube es mir, lieber Fridolin, erwiderte Bentan lchelnd. Benta, mein Kind, komm zu uns, bat der Alte seine Enkelin, die soeben auf der Terrasse erschien, um nach dem Grovater zu sehen. Bringe deine Harfe und erfreue uns mit deinem Spiele. Es ist, wie du ja weit, Freund Fridolins letzter Abend, den er hier bei uns verbringt. Verschnere ihn noch durch Musik und Gesang. Benta, herangereift zur voll entfalteten Schnheit des Weibes, entsprach sofort der Bitte des Grovaters. Welch wunderbare Tne die Marsitin diesen Abend ihrem Instrumente zu entlocken verstand! Noch nie zuvor whnte Frommherz Benta so meisterhaft spielen gehrt zu haben. Und der Gesang! Welch eine Summe von Gefhlen der Freude und Sehnsucht, stillen Schmerzes und unbestimmbaren Wehs lste er nicht im Empfinden des Sohnes der schwbischen Erde aus! Als Benta geendet hatte, stand der Gelehrte auf und reichte ihr tief ergriffen mit Worten herzlichen Dankes die Hand. Lebe wohl, Benta! Nie werde ich deiner vergessen. Fr immer wird mit der Erinnerung an meinen langen Aufenthalt hier oben auch dein strahlendes Bild verknpft sein. Mge dir die Zukunft alles Gute in dem reichen Mae bringen, wie du es verdienst. Das wnsche ich dir zum Abschiede. Auch ich werde dir stets ein freundliches Erinnern bewahren, antwortete Benta herzlich. Wenn ich spter Gattin und Mutter geworden bin, so werde ich meinen Kindern von dem wackern Freunde unseres Hauses, dem fernen Erdensohne, erzhlen, der sich bei uns so heimisch gefhlt, und dessen Andenken wir alle dauernd in Ehren halten. Nimm dieses Andenken von mir mit dir! Reise glcklich! Nochmals ein inniger Hndedruck, und Benta war eilenden Schrittes im Hause verschwunden. Frommherz hielt in seiner Hand ein kleines Etui. Als er es ffnete, fand er in ihm ein meisterhaft ausgefhrtes, edel eingerahmtes Miniaturbild Bentas. Welch groe Freude macht mir dieses Bild, rief Frommherz beglckt. Ich werde das kostbare Andenken zu schtzen wissen. Daran zweifeln wir nicht, bemerkte Bentan. Erlaube mir, da der Grovater sich auch zur Enkelin gesellt. Mit diesen Worten bergab er seinem Gaste ein gleiches Etui mit seinem Bilde. Ihr beschenkt mich, der so wie so fr immer euer Schuldner bleiben mu. Sprich nicht davon! Nun la auch mich dir Lebewohl sagen, denn morgen frh, bevor ich aufstehe, bist du schon fort von hier. Mgest du glcklich die Erde und deine Heimat wieder erreichen! Unsere aufrichtigsten Wnsche fr dein Wohlergehen begleiten dich. Bentan umarmte den Erdensohn, kte ihn auf die Stirn und zog sich dann still in sein Gemach zurck. Siebentes Kapitel. Vorbereitungen zur Rckkehr. Eine geraume Zeit schon befand sich Fridolin Frommherz wieder in seinem alten Heim in Lumata. Die Kunde von seiner bevorstehenden Abreise nach der Erde war ihm von Angola aus nach Lumata vorausgeeilt, und als er mit dem wrdigen Eran dahin zurckkehrte, war sein Empfang berall recht herzlich. Aus dieser Aufnahme an dem alten Orte seines ersten Aufenthaltes fhlte der Gelehrte deutlich heraus, wie die Marsiten seinen Entschlu beurteilten. Unverhohlen wurde ihm jetzt eine Achtung gezeigt, die ihm einst, nach der Trennung von seinen Gefhrten, in diesem Umfange nicht bewiesen worden war. Mit Energie wurde an der Herstellung des Luftschiffes gearbeitet, das in jeder Hinsicht befhigt sein mute, nicht nur den Weltenraum zu durchschneiden, sondern auch die Marsiten, die des Erdensohnes Begleitung bilden sollten, wieder auf den Lichtentsprossenen zurckzubringen. Die groartige Entwicklung der technischen Wissenschaften auf dem Mars ermglichte die verhltnismig rasche Konstruktion eines den hchsten Anforderungen gengenden Luftschiffes. Trotzdem aber verstrichen mit der Erfllung dieser wichtigen Aufgabe noch mehrere Monate. Inzwischen wurden in Fridolins Herz wieder mehr und mehr die alten Erinnerungen wach. Waren es doch nun schon vierzehn Jahre, seit er von Cannstatts Wasen unter groem Hallo der Bevlkerung, unter dem Hurra von Hunderttausenden aus nah und fern Herbeigeeilter abgefahren war. Das fnfzehnte Jahr nach Erdenma war angebrochen, und noch immer weilte er in Lumata. Jetzt brauchte es nur noch weniger Wochen Geduld, und die ernste Stunde des Abschiedes fr immer vom Mars und seinem edlen Volke sollte schlagen. Fr diese Riesenreise wurde alles in tadelloser, umsichtiger Weise vorbereitet. Tglich wanderte der Erdensohn hinaus auf die ihm wohlbekannte Wiese, auf der einst der Weltensegler, das Luftschiff, das ihn und seine Gefhrten hierhergebracht hatte, niedergegangen war, und auf der nun auch sein Luftschiff gebaut wurde, und verfolgte den Fortschritt der Arbeit. Wenn Fridolin Frommherz auch die technischen Schwierigkeiten bei der Herstellung eines Weltfahrzeugs von Cannstatt her nicht gnzlich unbekannt waren, so vermochten doch die verwickelten Berechnungen, die dem kunstvollen Bau zu Grunde lagen, sein Interesse nicht dauernd zu fesseln. Er hatte allen Respekt vor der Technik und der mathematischen Wissenschaft, aber kein richtiges Verstndnis fr sie. Ja, wenn Siegfried Stiller, sein Freund, der berhmte Astronom, noch hier gewesen wre! Der hatte einst den Weltensegler bauen lassen nach seinen eigenen Berechnungen, hatte sich alle bislang auf Erden errungenen technischen Fortschritte und Erfahrungen zunutze gemacht und hatte ein Werk geschaffen, das die Bewunderung aller Kulturnationen der Erde gewesen. Wie wrde Freund Stiller gestaunt haben, htte er das Luftschiff der Marsiten sehen und seinen raschen Bau verfolgen knnen! Wie Freund Stiller so bauten auch die Marsiten nach dem starren System. Aber hier auf dem Lichtentsprossenen war alles viel einfacher, selbstverstndlicher, fgte sich viel mheloser ineinander als beim Weltensegler und war vor allem viel leichter als bei diesem. Denn wie alles andere, so stand auch die Technik hier auf einer auf Erden nicht gekannten erstaunlichen Hhe. Da wurden Metallegierungen hergestellt, die in Bezug auf Leichtigkeit und Widerstandsfhigkeit alles auf Erden Gekannte weit in den Schatten stellten. Mit einer nahezu undurchdringlichen Stoffhlle aus seidenartigem Gewebe wurde der Ballon wie mit einer schtzenden Auenhaut umgeben. Zwischen dieser und dem eigentlichen Ballon befand sich ein isolierender Luftraum, der gleichsam eine Vermittlung zwischen den eisigen Temperaturen des therraumes und den gemilderten Temperaturen des Balloninnern herstellen und einer Abnahme des Ballonvolumens infolge zu starker Abkhlung entgegenwirken sollte. Und wie bequem war die Gondel eingerichtet! Da war nichts vergessen, was eine wochenlange Reise durch den eisigkalten, lichtlosen therraum ertrglich gestalten konnte. In der Gondel befanden sich aber auch die exaktesten Meapparate, alles zu Hhen- und Positionsbestimmungen innerhalb der Atmosphre des Mars oder der Erde Erforderliche, auch die Vorrichtungen zur Handhabung der Hhen- und Seitensteuer, groe Mengen fester, komprimierter Luft nebst einem auerordentlich handlichen Zerstubungsapparat, aufgespeicherte Elektrizitt teils zur Fortbewegung, teils zur Beleuchtung und Wrmeerzeugung; wurde doch die Temperatur im therraum auf hundertundzwanzig bis hundertundfnfzig Grad unter Null geschtzt! Die an den Wnden angebrachten Lagersttten lieen sich in die Hhe klappen, wodurch tagsber bedeutend an Raum gewonnen wurde. Auf die praktischeste Weise waren Nahrungsmittel und andere Vorrte ebenfalls an den Wnden untergebracht. Fridolin Frommherz hatte das Gefhl, als knne seinen Freunden vom Mars eine Weltenfahrt berhaupt nicht milingen, und freute sich ber die sichtbaren Fortschritte, die der Bau des eigentmlichen, seiner Vollendung mehr und mehr entgegengehenden Luftschiffes machte. Ihm zu Ehren sollte es den Namen Fridolin Frommherz tragen. Als die groe Arbeit endlich vollendet und der Tag der Abreise bestimmt worden war, erboten sich fnf Marsiten aus dem Stamme der Ernsten und der Findigen als freiwillige Begleiter des Erdensohnes. Es waren Sirian, der Erbauer des Luftschiffes, der nun auch sein Lenker sein wollte, Zaran, Parsan, Alan und Uschan. Zaran war ein Neffe des alten Eran. Der khne Flug sollte am fnfunddreiigsten Tage der Zeit der Ruhe angetreten werden. Fridolin Frommherz zhlte nach Erdenrechnung den siebenten Februar. Am Abend vorher gab Eran dem Scheidenden zu Ehren ein Gastmahl, zu dem von allen Seiten die Eingeladenen herbeistrmten. Auf blumengeschmckter Tafel wurde dem Erdensohne noch einmal alles dargebracht, was der Lichtentsprossene Herrliches an Frchten, Fischen und hnlichen Dingen zu bieten vermochte. Die ersten Knstler aus dem Stamme der Frohmtigen verschnten mit Musik und Gesang und erhebenden Vortrgen den Abend. Dann erhob sich Eran, der ehrwrdige Greis. In lngerer Rede warf er einen Rckblick auf den einstigen Besuch der sieben Schwaben, von denen der eine nun so viele Jahre lnger unter den Marsiten geweilt und die bei ihnen bestehenden allgemeinen wie besonderen Lebensbedingungen am grndlichsten kennen zu lernen Gelegenheit gehabt habe. Da Freund Fridolin gleich seinen Brdern sich unten auf der Erde dem groen Werke der Menschenverbrderung widmen wolle, das sei der Grund seiner Rckkehr, den er, Eran, in seinem ganzen sittlichen Umfange zu schtzen wisse. Mchte dem Tapfern ein schner Erfolg beschieden werden! In Lumata aber solle nun das schon lngst geplante Denkmal ausgefhrt werden, das bestimmt sei, fr immer die Erinnerung an den Besuch der Erdgeborenen an dieser Stelle festzuhalten. Als der ehrwrdige Greis im Silberhaar geendet hatte, dankte Fridolin Frommherz mit wenigen, aber tiefempfundenen Worten fr all das Gute und Schne, das ihm auf dem Lichtentsprossenen zuteil geworden, und das er nie vergessen werde. Die Sehnsucht nach dem Mars-Paradiese und die Erinnerung an die schnste Zeit seines Lebens werde ihn nie verlassen, ebensowenig aber werde er jemals vergessen, welcher Hhe der Kultur die Menschheit fhig sei, und was er auf dem Lichtentsprossenen gelernt, werde er auf Erden zu verwirklichen suchen. Dann habe er nicht umsonst gelebt. Musik und Gesang schlossen die schne Feier. Dann kam fr Fridolin Frommherz die letzte Mondnacht auf dem Mars mit all ihrem Zauber zweier Leuchten. Noch einmal wanderte er ganz allein hinaus vor die Stadt, atmete noch einmal in tiefen Zgen die wunderbar weiche und doch wrzige Luft, schaute trunkenen Auges den fast durchsichtig klaren Himmel und die vielen, unzhligen Welten, die da oben in eigenem oder erborgtem Glanze strahlten, und gelobte sich noch einmal, den Glauben festzuhalten an den endlichen Sieg des Guten. So, wie es auf dem Lichtentsprossenen war, mute es einmal auf Erden werden. Kein Mierfolg wrde knftig diese Zuversicht zu erschttern vermgen. In gehobener Stimmung kehrte der Erdensohn in Erans gastliches Heim zurck, um noch ein paar Stunden der Ruhe zu pflegen. Wie einstmals, als Fridolins sechs Gefhrten schieden, so zog auch diesmal Eran mit der gesamten Bevlkerung Lumatas am andern Tage in aller Frhe mit dem Abreisenden hinaus auf die historisch gewordene Wiese. Ein Hndeschtteln, laute Zurufe glcklicher Reise von allen Seiten, eine letzte Umarmung Erans, dann bestieg Fridolin Frommherz als letzter die Gondel. Die Taue wurden gekappt; das Luftschiff setzte sich in pfeilschnelle Bewegung und trug den khnen Schwaben hinweg aus dem Paradiese des Mars der heimatlichen Erde zu. Achtes Kapitel. Auf der Fahrt im Weltraum. Einen langen Abschiedsblick voll Liebe und Dankbarkeit warf Fridolin Frommherz aus seiner luftigen Hhe hinab auf den Lichtentsprossenen, auf dem er so viel Gutes genossen, wo sein ganzes inneres Wesen umgeformt worden war. Den inhaltreichsten Abschnitt seines Lebens hatte er da verlebt. Nie wrde er den strahlenden Bruderplaneten seiner irdischen Mutter wieder betreten. Wie in flssiges Gold getaucht flimmerten und funkelten da unten die langen Wasserlinien der Kanle, die er mit hatte bauen helfen. Es war, als wiche die Landschaft da unten zu des Erdensohnes Fen immer mehr zurck, als wre sie es, die sich fortbewegte, als stnde das Luftschiff still, so sicher und ohne Schwankung trug es seine Insassen in die Hhe. Schon waren die Freunde da unten kaum noch als winzige Punkte sichtbar; Bume und Bauten erschienen wie kurze Striche. Und bald schwanden auch sie; es blieb nur das sonnige Glitzern und Flimmern, das auf der vergoldeten Landschaft lag, bis auch dieses erlosch und beim Verlassen der Marsatmosphre die Nacht des therraumes die khnen Luftschiffer umfing. Knstliches Licht, knstliche Erwrmung, knstliche Luftverteilung waren in Ttigkeit getreten. Man begann, es sich in der Gondel bequem zu machen, die fnf Marsiten natrlich nur, soweit es ihnen der strenge Dienst gestattete. Fridolin Frommherz, der einzige Passagier, aber richtete sich nach Geschmack und Gutdnken ein. Seinem Wunsche gem sollte auch er zuweilen zur Bedienung der Instrumente Verwendung finden; doch war er naturwissenschaftlich und technisch zu wenig geschult, um regelmigen Dienst an verantwortungsreichen Posten tun zu knnen. So blieb ihm freie Zeit in Flle. Die Schrecknisse einer Weltenreise hatte der Erdensohn schon einmal durchgekostet. In den vierzehn Jahren, die darber verflossen waren, war die Erinnerung daran stark verblat. Jetzt lebte sie allmhlich krftiger wieder auf. Besonders lebhaft standen ihm zwei Dinge vor Augen: die Langeweile, die ihn und seine Gefhrten von damals geradezu krank gemacht hatte, als die Reise nach monatelanger Dauer noch immer kein Ende nahm, als der Aufenthalt in der engen Gondel unertrglich geworden, und die Sparsamkeit, die ihnen damals in Bezug auf den Wasserverbrauch auferlegt gewesen war. Die Langeweile wrde sich diesmal bei Fridolin Frommherz weniger fhlbar machen, war er doch ein anderer, ein geistig Hherstehender geworden, der diese letzten Wochen des Verkehrs mit Marsiten wohl auszunutzen wissen wrde; auch wrde bei der auerordentlich entwickelten Technik und bei der Geschicklichkeit der Marsiten die festgesetzte Reisedauer von drei Monaten kaum berschritten werden. Wie aber stand es mit dem Wasserverbrauch? Fridolin sah sich um. Das neben seinem Bett befindliche und wie dieses aufklappbare Waschbecken schien ihm grer als einst beim Weltensegler zu sein. Durfte er daraus auf grere Mengen mitgenommenen Wassers schlieen? Wo das wohl untergebracht sein mochte? Zaran, der Neffe des alten Eran, begegnete seinem suchenden Blick. Fehlt dir etwas, Fridolin? fragte er freundlich. Gern erfllen wir deine Wnsche, wenn das im engen Gondelinnern mglich ist. Hab' Dank, Zaran! erwiderte der Erdensohn. Mir fehlt nichts. Ihr habt ja so vortrefflich fr alles gesorgt. Ich fragte mich blo, wo ihr die fr die lange Reise notwendige Wassermenge untergebracht habt. Der eiserne Behlter dort und die wenigen wasserfhrenden Rhren drften doch wohl nicht gengen. Komm mit! sagte der Marsite lachend und fhrte den Erdensohn zu einem sehr kompliziert aussehenden Apparate, den er durch einen leichten Druck mit der Hand in Ttigkeit setzte. Ein frischer Windhauch strich da pltzlich ber Fridolins Stirn. Er atmete mit Wonne die rasch sich erneuernde Luft. Nach wenigen Augenblicken sah er, wie an einem Teile des Apparates sich kleine Wassertropfen sammelten und in einen eigens zu diesem Zwecke vorhandenen Behlter flossen. Woher kommt das Wasser? fragte er erstaunt. Aus der verbrauchten Luft, antwortete der Marsite, und als Fridolin Frommherz ihn nicht zu verstehen schien, fuhr er fort: Siehst du, lieber Freund, das ist unser System der Sparsamkeit, das wir berall zu ben gewohnt sind. Es darf in unserm Haushalte nichts verloren gehen. Dieser Apparat hier ist so konstruiert, da ich aus ihm nicht nur die Luft erneuern, sondern auch in ihm die verbrauchte Luft sammeln kann. Die letztere spaltet sich wieder in ihre Elemente, die alsbald von neuem verwertet werden knnen. Was aber an Wasserdampf in ihr vorhanden ist, das zwingen wir zum Niederschlag, zur Sammlung in diesem Behlter. Wie sinnreich! Wie auerordentlich praktisch! rief Fridolin froh erstaunt. Aber wird uns das so gewonnene Wasser auch gengen? Nein, lieber Freund, sicherlich nicht! Ich wollte dir blo zeigen, wie man sparen kann. Wir fhren auer einer ziemlich betrchtlichen Menge natrlichen Wassers auch alles zur knstlichen Wasserbereitung Notwendige mit uns. Sei also ohne Sorge! An Wasser werden wir auf der langen Reise keinen Mangel leiden. Da winkte Sirian, der am Steuer stand, den Erdensohn zu sich heran. Willst du einen Blick auf unsere groe nchtliche Leuchte werfen? fragte er. Die kleine hast du bereits im Gesprch mit Zaran verpat. Rasch trat Fridolin an das vordere Fenster. Nein, sagte Sirian, sieh hier hinaus! Dabei schob er eine am Boden der Gondel befindliche Klappe zurck. Darunter befand sich ein kleines, festverschlossenes Fenster aus glimmerartiger Substanz. Durch dieses bot sich Fridolin Frommherz ein wundervoller Anblick. Das Luftschiff schwebte gerade mitten ber Deimos, dem groen Marsmonde. Gewaltige gelbbraune Bergriesen starrten zwischen weiten, den Sandflchen empor. Alles kahl, leer, ausgebrannt, aber bestrahlt von solch grellem Sonnenlichte, da Fridolin Frommherz geblendet die Augen schlo und sich vom Fenster abwandte. Als er die Augen wieder ffnete, sah er Sirian in flinker Ttigkeit mit einem Apparate, der einem Fernrohre glich und doch wieder eine Menge Teile zeigte, die ein Fernrohr sonst nicht zu besitzen pflegt. Was macht Sirian da? fragte er leise, um den Arbeitenden nicht zu stren, den ebenfalls herbeigekommenen Uschan. Photographische Aufnahmen der Mondlandschaft, erwiderte dieser ebenso leise. Wir verbinden mit deiner Heimbefrderung nach der Erde noch eine Reihe wissenschaftlicher Aufgaben. Ist doch Sirian einer unserer bedeutendsten Astronomen. Du wirst noch mehr als einmal zu staunen Gelegenheit haben. Werdet ihr auch den Mond der Erde besichtigen? fragte Fridolin. Diesen erst recht. Nach unsern eigenen nchtlichen Leuchten, die wir brigens aus unsern sehr scharfen Fernrohren schon genau kennen, gelangen wir eher wieder einmal, nach der Erde und deren Monde nicht wieder. So werdet ihr euch wenigstens eine Zeitlang auf Erden aufhalten, euch ausruhen, erholen und dabei ihre Einrichtungen studieren? Nein, lieber Freund, erwiderte Uschan. Wir haben die strikte Weisung sofortiger Rckkehr. Uns gengt die Schau von oben aus der Luft herab. Da sehen wir zur Genge, was die Erde als Weltkrper ist und zu bedeuten hat. Ihre Einrichtungen kennen wir durch dich und deine Brder. Unsere Kultur ist die ltere, vorgeschrittenere; wir knnen von euch nichts lernen. Das Ziel der Menschenentwicklung aber liegt vorwrts, nicht rckwrts. Fridolin Frommherz schwieg. Was htte er auch darauf erwidern knnen? Uschan hatte nur allzusehr recht. Die irdischen Einrichtungen muten Menschen von so hoher Kultur, wie es die Marsiten waren, barbarisch erscheinen. Sage einmal, Freund Fridolin, wandte sich Sirian, der seine augenblickliche Arbeit vollendet hatte, an den Erdensohn, wie kamt ihr da unten auf der Erde auf den Gedanken, unserm Lichtentsprossenen den Namen Mars zu geben? Fridolin Frommherz berlegte eine Weile. Sein rtliches Licht mag wohl die Ursache zu seiner Benennung gewesen sein, sagte er dann. Es lebte auf Erden einmal ein starkes, kriegerisches Volk. Dem galt Tchtigkeit im Kampfe, Mut und Ausdauer und Tapferkeit in solchem Mae als hchste Tugend, da es sich eigens einen Gott des Krieges formte. Mars benannte es ihn. Phobos und Deimos waren seine Shne. Was aber haben wir und unsere Monde mit einem phantastischen Gotte des Krieges zu schaffen? Wir kennen keinen Krieg, nur friedliche Schlichtung aller Streitfragen. Einmal freilich hat es auch bei uns Zeiten gegeben, da Bruderblut flo. Mit Grauen und Abscheu gedenken wir ihrer heute. Seit Jahrtausenden schon sind sie berwunden. Htte man unten auf der Erde von euch und eurer hohen Kultur gewut, sagte Fridolin, man htte euerm Planeten sicherlich einen wrdigeren Namen gegeben. So aber mahnte sein rtlicher Glanz die Menschen an die blutige Fackel des Krieges, und der Name des Kriegsgottes ward zu dem euren. * * * * * Mehrere Wochen schon waren Fridolin Frommherz und die fnf khnen Marsiten unterwegs. Strungen waren nicht eingetreten. Fast tglich waren kleine Meteoriten, von der Gre des Luftschiffes angezogen, auf dieses gestrzt, ohne ihm Schaden zuzufgen. Einmal war es auch einer wahren himmlischen Kanonade von lauter kleinen Wurfgeschossen ausgesetzt gewesen, und Fridolin Frommherz fing es schon an etwas unheimlich zumute zu werden -- eine breite Narbe auf seiner Stirn legte Zeugnis ab von einer frheren Begegnung mit einem Meteoritenschwarm -- aber auch der ging diesmal vorber, ohne Schaden zu stiften. Die wissenschaftlichen Apparate waren in bestndiger Ttigkeit und erforderten so groe Aufmerksamkeit von seiten der fnf Marsiten, da der Erdensohn meist auf sich allein und die eigene Gesellschaft angewiesen war. Trotzdem zeigte sich das Gespenst der Langweile nur sehr selten. Denn was gab es nicht alles in diesem Gondelinnern zu sehen, zu lernen, in das Tagebuch einzutragen! Einen breiten Ring von Meteoren hatte das Luftschiff vorhin durchschnitten. Viele hundert Millionen Kilometer sollte seine Lnge, Hunderttausende von Kilometern die Tiefe und die Breite betragen -- wer vermochte sich das vorzustellen? Fridolin Frommherz schttelte den Kopf. Mit solchen Zahlen bin ich nicht zu rechnen gewhnt, sagte er; es ist mir unmglich, eine klare Vorstellung damit zu verbinden. Da rief ihn Sirian an das Teleskop. Sieh hier, wonach ich suchte! Nach unsern Erfahrungen der Knig eines jeden Meteoritenringes. Ein lautes, bewunderndes Ah! entschlpfte Fridolins Lippen. Ein Komet! Ein glnzender Knig inmitten seiner dunkeln Dienerschar. Es war ein Komet mit wunderbar leuchtendem Kopfe, von schimmernder Nebelhlle umgeben und einem sich ber Hunderttausende von Kilometern erstreckenden glnzenden Schweife. Und durch diesen Schweif hindurch schimmerte ein Stern, eine Sonne, die noch millionenmal weiter entfernt war als der schne Fremdling inmitten des Meteoritenschwarmes. Und so wunderbar hell leuchtete der Stern, als ob keine verschleiernde Hlle zwischen ihm und dem menschlichen Auge lge. Wie leicht und durchsichtig und luftig die gasfrmige Substanz eines solchen Kometenschweifes sein mute! Zuweilen zeigte Sirian dem Erdensohne Sterne, die aus weiter, nachtschwarzer Ferne auftauchten, wenn das Luftschiff auf seiner Fahrt die Lichtstrahlenbahn eines solchen Gestirnes kreuzte. Dann trat Sirians wundervolles Teleskop wieder in Ttigkeit, und was er da Fridolin Frommherz vor Augen fhrte und erklrte, machte diesen fast schwindeln. Es erffnete sich ihm ein Blick in die wahre Weltgeschichte, in den Werdegang der Himmelskrper, wenn er die zahllosen Sonnen im unbegrenzten Raume, im schrankenlosen All ihre verschlungenen Bahnen ziehen sah, wenn er leuchtende, ber ungeheure Rume des Himmels verteilte Nebelflecke durch das Spektroskop als sehr verdnnte, glhende Gasmassen erkannte, wenn er an andern Stellen die Nebelflecke sich bereits zu Sternen verdichten sah -- Nebelflecke, die vielleicht in so unberechenbaren Fernen lagen, da das von ihnen ausgehende Licht wohl Hunderte von Jahren unterwegs gewesen war, ehe es Fridolins Auge traf. Da sollten sich seine Augen und seine Gedanken, die Augen und die Gedanken eines kleinen Menschenkindes, an ein fortwhrendes Kreisen von wirbelnden, leuchtenden Welten gewhnen, die sich ruhelos im Universum jagten, eine jede mit eigener Bewegung, eine jede auf ihrer eigenen Bahn und doch alle gehorchend denselben unabnderlichen Gesetzen. Myriaden von lodernden Sternen, werdenden und gewordenen Sonnen -- welche Phantasie wre khn genug, solches zu erfassen? Freund Fridolin, sagte Sirian eines Tages, nachdem er Uschan das Steuer bergeben und sich's an einem der auf- und abklappbaren Tische der Gondel bequem gemacht, wir werden in wenigen Stunden auerordentlich Interessantes schauen. Ungeahnt ist die Flle des Neuen und Interessanten auf solch auergewhnlicher Reise! antwortete der Erdensohn frhlich. Doch sag mir, Sirian, ist's ein neuer Komet, dem wir begegnen werden? Oder wieder eine jener wunderbar glnzenden Sonnen, deren Entfernungen ihr mit Zahlen berechnet, die mich schwindeln machen? Diesmal ist's keines von beiden, versetzte der Marsite. Wir kommen sehr nahe an einem der kleinsten Kinder des Lichts vorbei. Nahe an einem Planeten kommen wir vorbei? rief Fridolin Frommherz erstaunt. Wie ist das mglich? Nie habe ich gehrt, da zwischen Mars und Erde die Bahn eines Planeten lge! Es handelt sich um eines jener uerst kleinen Kinder des Lichts, die ihr, wie ich aus deinen Karten und Bchern sah, Planetoden nennt. Aber die liegen doch jenseits der Bahn des Lichtentsprossenen, zwischen Mars und Jupiter, beharrte der Schwabe. Im allgemeinen hast du ganz recht, erwiderte Sirian, deshalb sind diese Planetoden, um mich deines Namens zu bedienen, auch von uns viel besser gekannt als von euch. Ihr zhlt ihrer etwa fnfhundertundfnfzig, aber ich sage dir, da ihre Zahl mit tausend noch viel zu niedrig angegeben ist. Ein riesiger Weltkrper mu da einmal geborsten sein, wo nun seine Trmmer in stark exzentrischen Bahnen das ewige Licht umkreisen. Da ist nun eines jener Trmmerstcke, -- Eros nennt ihr den Planetoden auf euren Himmelskarten, -- dessen Bahn hlt sich nher an der Sonne als die aller andern Planetoden, und so bedeutend reicht sie zwischen Marsbahn und Sonne hinein, da sie im Mittel innerhalb der Bahn des Lichtentsprossenen liegt. Eros kann der Erde fast um ein Drittel, rund um vierzehn Millionen Kilometer nher kommen als unser Lichtentsprossener, und Eros ist's, den wir jetzt treffen werden. Das ist ja eine herrliche Aussicht! rief der Erdensohn froh. Aber sag mir, Sirian, birgt diese Begegnung keine Gefahr fr uns? Von Gefahren sind wir auf einer solchen Reise jede Minute umgeben. Ich halte es fr mglich, da wir uns Eros nhern knnen, ohne selbst Schaden zu nehmen, ist er doch nicht grer als einer unserer kleinen Marsmonde. Wir werden gerade auf ihn zuhalten, unter Umstnden sogar in seine Atmosphre eindringen. Eine Atmosphre hat der kleine Planet auch? fragte Fridolin erstaunt. Also hat er doch etwas vor euren Monden voraus! Ja, sagte Sirian, durch das Spektroskop haben wir festgestellt, da nicht nur dieses kleine Kind des Lichts, sondern auch seine etwas grern Geschwister Ceres, Pallas, Juno und Vesta eine Atmosphre, hnlich der unsrigen, besitzen. Mehr zu erkennen, war uns bei der Winzigkeit des Eros nicht mglich. Jetzt aber werden wir sehen, ob er Wasser und Festland, Berge und Tler und lebende Wesen birgt, die uns hnlich sind. Aller Erwartungen waren aufs hchste gespannt, als das Luftschiff wirklich wenige Stunden spter Eros ganz nahe kam. Aber der kleine Planet verhllte den Beobachtern sein Antlitz. Dunst, Nebel und Wolken machten seine Oberflche fr den Weltraum unsichtbar. Durch die Trbung seiner Atmosphre wurde das Sonnenlicht so sehr nach auen zurckgeworfen, da es wie ein undurchdringlicher blendender Lichtschein ber ihm lag. Seht ihr den Dunst und die Wolken? rief Sirian, der die Steuerung wieder bernommen hatte. Eros hat nicht nur Luft, sondern auch Wasser, die Grundbedingung jedes organischen Lebens. Lat uns nun in seine Atmosphre eindringen, um zu sehen, ob er auch festes Land besitzt! Mit Aufbietung aller seiner technischen Hilfsmittel suchte Sirian nun sein Luftschiff so langsam wie mglich zu Fall zu bringen. Das war infolge der Anziehung des kleinen Weltkrpers, dessen Masse doch der des Luftschiffs viel hundertmal berlegen war, eine uerst schwierige Sache. Obgleich das Steuer der Hand Sirians beim leisesten Druck gehorchte, erreichte die durch die Reibung mit der Erosatmosphre beim Eintritt in dieselbe erzeugte Hitze einen sehr hohen Grad. Glcklicherweise waren auch die oberen Luftschichten um Eros lebhaft bewegt und brachten den Reisenden, die die Gondelluken ffneten, etwelche Khlung. Eine Bergspitze! rief Zaran pltzlich. Und wirklich, ber einen dichten Wolkenschleier empor ragte der Gipfel eines Berges, mit sanftem Grn berzogen. Eine Vegetation besa der kleine Eros also auch. Und nun teilten sich die Wolken. Da lag Land unter den Reisenden, Wald und Feld und Wiesenland und dann das offene Meer. Aber so klein war der ganze Weltkrper, da die Insassen des Luftschiffes von ihrem hohen Standpunkte aus Nord- und Sdpol zugleich schauen konnten. Beide waren auffallend stark abgeplattet. Staunend sagte sich der Schwabe, da die Oberflche dieser ganzen Halbkugel des Eros kaum mehr als die Oberflche eines kleinen deutschen Frstentums betrage. Und solch ein winziges Weltganzes fhrte hier ein kosmisch unabhngiges Dasein! Whrend sich Fridolin noch darber wunderte, wurde es fast pltzlich Nacht. Wie schade, bedauerte der Erdensohn, schon Nacht, und wir haben erst so wenig gesehen! Wir werden nach Osten fahren, sagte da Sirian, der Sonne entgegen. Eros dreht sich -- nach Erdenzeit -- in fnf Stunden und vierzehn Minuten um seine Achse. Die Dauer seiner Nacht kann also nicht mehr als zwei Stunden und sieben Minuten betragen. Diese wenigen Nachtstunden krzen wir fr uns noch um die Hlfte ab, indem wir der Sonne entgegenfahren. Sie fuhren nach Osten. Und ber der stlichen Halbkugel, ber einer ganz neuen Gegend, ging bald darauf die Sonne wieder auf. Wohl angebautes Hgelland lag jetzt unter ihnen. Es bildete eine quatoriale Wasserscheide. Nordwrts und sdwrts zogen schmale Flulufe bis in die winzigen polaren Meere. Ungefhr ein Viertel des kleinen Weltkrpers war mit Wasser bedeckt, drei Vierteile bestanden aus Festland. Hhere Berge waren auf der stlichen Halbkugel nicht vorhanden. Sirian brachte das Luftschiff noch mehr zum Sinken. Wir wollen Umschau halten nach lebenden Wesen, die uns hnlich sind, sagte er. Deuten doch die bebauten Felder zur Genge darauf hin, da Eros bewohnt ist. Alle Insassen des Luftschiffes schauten gespannt durch die Gondelluken abwrts. Und wirklich, da unten rotteten sie sich zusammen, die Bewohner dieses winzigen Weltkrpers. Wie abwehrend erhoben die einen die Arme, andere ballten die Fuste und schttelten sie gegen das Luftschiff. Verwnschungen, in einer eigentmlich rauhen Sprache ausgestoen, trafen das Ohr der Reisenden. Trotzdem sank das Luftschiff weiter. Deutlich konnte man jetzt die teils ngstlichen, teils zornigen Gesichter der in grobe, aber bunte Gewebe gehllten Leute erkennen, Mnner, Frauen und Kinder. Es waren groe, stattliche Gestalten, ebenmig gewachsen, mit reichem Haar, das den Mnnern bis auf die Schultern hing, whrend die Frauen das ihrige im Nacken zu einem Knoten geschlungen trugen. Wo sind denn ihre Wohnungen? fragte Fridolin. Vergeblich schaue ich nach Husern aus. Siehst du nicht dort, in die Hgelreihen eingebrochen, jene rechteckigen ffnungen? rief Uschan. Offenbar sind das die Eingnge zu einer Art von Hhlenstadt, wohl zum Schutze gegen den auerordentlich langen, strengen Eroswinter errichtet. Also blo Hhlenbewohner, sagte Fridolin im Tone des Bedauerns. Lieber Freund, bedenke, da die Bahn dieses kleinen Planeten in der Zeit seiner Sonnenferne noch jenseits der Bahn unseres Lichtentsprossenen liegt, da Eros den eisigen Weltraum zwischen Mars und Jupiter durcheilt, wo ihn die Sonnenstrahlen so schrg treffen, da kaum ein fahles, graues Licht, ohne wrmende Kraft, seine kurzen Tage erhellt. Du kennst die eisigen Temperaturen des Weltraumes. Ihnen ist Eros auf seiner stark exzentrischen Bahn, nach Erdenma gemessen, nahezu ein Jahr lang ausgesetzt. Wunderst du dich noch, da seine Bewohner lieber im Innern ihres Bodens Schutz und etwas Wrme suchen, statt Huser zu bauen? Fridolin wunderte sich nicht mehr. Sirian brachte jetzt das Luftschiff wieder zum Steigen. Wir haben gesehen, was wir sehen wollten, sagte er, und wollen diese armen Wesen nicht lnger ngstigen. Sie scheinen zwar intelligent, aber im Vergleiche mit uns noch auf einer ziemlich niedrigen Stufe der Entwicklung zu stehen. Auch sie werden einst, in hunderttausend Jahren vielleicht, zur Hhe der gepriesenen Kultur des Lichtentsprossenen emporsteigen, rief Fridolin Frommherz begeistert. Nein, lieber Freund, sagte Sirian, du irrst dich; unsere Hhe werden die Erositen nicht erklimmen. Wie? fragte der Erdensohn erstaunt, ist es mglich, da du Wesen, die schon eine gewisse Kulturstufe erreicht haben, die Fhigkeit der Weiterentwicklung absprichst? Das tue ich nicht, erwiderte Sirian; ich denke nur, da es unsern Erositen an Zeit fehlen wird, so hoch zu steigen. Ihr kleiner Planet wird seine Atmosphre nicht festzuhalten vermgen. Vielleicht schon in tausend Jahren ist alles Leben auf ihm erloschen, verschwunden seine Luft, verdunstet sein Wasser; kalt und starr und tot wie unsere Monde zieht dann Eros seine Bahn um das ewige Licht. Da warf der Erdensohn einen wehmtigen, bedauernden Blick auf die kleine Welt hinab, die infolge ihrer Winzigkeit zu einem vorzeitigen Absterben verurteilt war, und es war doch so schn, zu wachsen und sich zu entwickeln! Dann verlie das marsitische Luftschiff die Atmosphre des Eros und schwebte wieder drauen im kalten, lichtlosen therraume der Erde zu. Eines Nachts -- schon befanden sich die Reisenden in der Anziehungssphre der Erde, und Fridolin Frommherz geno noch den tiefen, ungestrten Schlaf in der absoluten Stille des Weltraumes -- da wurden die Insassen der Gondel pltzlich vom wachenden Uschan geweckt. Ein glhender Krper nhert sich unserm Luftschiff, sagte er. Zwar ist er noch fern, aber grell sticht sein Glanz vom undurchdringlichen Dunkel des Raumes ab. Er scheint unsere Bahn zu kreuzen. Wir mssen zu wenden suchen. Noch ehe Uschan ausgesprochen, war Sirian an der vorderen Luke. Ein Meteorit von ungeheuren Dimensionen! rief er, mit aller Macht das Steuer rckwrts drehend. Wir mssen so rasch wie mglich aus seiner gefhrlichen Nhe, sonst sind wir verloren! Da sich aber das Luftschiff schon im Bereiche der irdischen Anziehung befand und der Erde mit einer Geschwindigkeit von fnfunddreiigtausend Kilometer in der Stunde entgegenstrebte, gehorchte es der steuernden Hand nicht mehr unbedingt. Statt zu wenden oder seitwrts auszuweichen, verlangsamte sich nur seine Bewegung unter dem ausgebten Drucke, aber die Richtung blieb dieselbe. Es war das erstemal seit der Abfahrt vom Lichtentsprossenen, da den khnen Durchschiffern des therraumes Gefahr in nchster Nhe drohte. Was tun? Immer nher raste die gewaltige, glhende Kugel mit nicht zu bestimmender Geschwindigkeit, wohl Tausende von Kilometern in einer einzigen Minute. Das Herz schlug in diesem Augenblicke nicht nur dem Erdensohne rascher. In wenigen Minuten mute der Zusammensto erfolgen. Noch einmal drehte Sirian das Steuer mit aller Kraft. Es wird nichts mehr ntzen, murmelte er dabei, selbst wenn jetzt das Wenden gelingt; wenn wir wirklich noch ausweichen knnen, werden wir von der vielleicht tausendmal greren Masse des Meteoriten angezogen werden -- sein gluthauchender Schlund wird uns nur ein paar Augenblicke spter verschlingen. Da geschah etwas so Wunderbares, wie es keiner der Insassen des marsitischen Luftschiffes in solcher Schnheit und Groartigkeit je erlebt hatte: der Meteorit platzte, zerbarst in Tausende von sich jagenden Teilen. In allen Farben sprhten sie auf, strzten auf einander, platzten von neuem in immer neuem Farbenspiel; grne, gelbe, rote, blaue Flammen durchzuckten den nachtschwarzen therraum, zngelten empor in lodernder Glut und erloschen. Und als es wieder Nacht um sie geworden, da wuten die khnen Reisenden, da sie gerettet waren, gerettet im Augenblicke hchster Gefahr, als selbst marsitische Technik und Gewandtheit gegenber den Allgewalten der Natur zu versagen drohten. Und immer weiter flog das Luftschiff, unbeirrt von allem, was ihm begegnete, mit wunderbarer Sicherheit von Sirians Fhrerhand direkt auf die Erde zu gesteuert. Der Besuch auf dem Monde, das erste Verlassen der Gondel seit nahezu drei Monaten, stand als nchstes Ereignis bevor. Neuntes Kapitel. Eine Station auf dem Monde. Wir haben Glck, sagte Sirian zufrieden lchelnd, als sich die khnen Reisenden dem toten Sohne der Mutter Erde nherten, denn der Mondtag neigt sich seinem Ende zu. Warum wnschtest du am Abend auf dem Monde zu landen? fragte Fridolin Frommherz. Weil ich seinen Tag wie seine Nacht kennen lernen mchte. Wre das nicht auch mglich gewesen, wenn wir morgens oder mittags angekommen wren? Lieber Fridolin, bedenke die Lnge eines Mondtages! Vierzehn Erdentage bilden einen einzigen Tag auf dem Monde, vierzehn weitere Tage eine einzige Mondnacht! Fridolin Frommherz war an eines der Fenster getreten. Eine solche berwltigende Lichtflle strmte ihm entgegen, da er geblendet die Augen schlo. Uschan reichte ihm ein schwarzes Glas, und nun war es den Augen des Erdensohnes mglich, hinabzuschauen auf die in grellstem Sonnenlichte strahlende Mondlandschaft, ber der das Luftschiff schwebte. Da stiegen hohe, schroffe Felsenmassen zu unheimlicher Hhe empor, lange, tiefschwarze Schatten werfend, die im Gegensatz zu dem blendenden Lichte doppelt schwarz erschienen. Frchterliche Abgrnde ghnten ihm aus Riesenkratern entgegen, aus deren Tiefe sich wiederum ein spitzer, kegelfrmiger Berg erhob. Da trmten sich Gipfel an Gipfel, da klafften Spalten und weiteten sich Tler, bergossen vom grellsten, durch keine Atmosphre gemilderten Sonnenglanz und mit schwarzen Schatten, die an Dunkelheit und Schrfe ihresgleichen nicht hatten. Vergeblich aber suchte das Auge nach einem Tropfen Wasser, nach einer Spur von Grn. Langsam brachte Sirian das Luftschiff zum Sinken. Mit groer Sicherheit landete es auf einer weiten, sandigen Flche. Zaran brachte sechs eigentmliche, vollstndig durchsichtige und doch uerst feste, glockenartige Kopfbedeckungen herbei. Fridolin Frommherz stlpte die seine, dem stummen Beispiele der Marsiten folgend, ber den ganzen Kopf bis zum Halse, wo sie fest geschlossen wurde. Wozu das? wollte er fragen, aber niemand hatte jetzt Zeit, ihm Auskunft zu geben. Jetzt ffnete Sirian die Gondeltr und betrat als Erster den Boden, auf dem noch kein Wesen geatmet hatte. Rasch folgten die brigen. Alle beteiligten sich an der Arbeit des Festlegens ihres Luftschiffes. Doch schien es Fridolin Frommherz, als msse die Arbeit ganz besonders schwierig sein. Immer wieder prfte Sirian die Anker und Ketten und festigte bald da bald dort. Auf dem Lichtentsprossenen war es anders gewesen. Weder Landung noch Festlegen hatte da bei Luftschiffahrten besondere Schwierigkeiten verursacht. Keiner der Marsiten sprach ein Wort; auch hrte Fridolin keine Kette klirren, keinen Hammerschlag, noch irgend ein Gerusch der Werkzeuge, die doch in voller Ttigkeit waren. Eine geisterhafte Stille herrschte, eine Stille, die unheimlich war und bedrckte. Der Erdensohn sah sich um. Da wlbte sich ber ihm ein dunkler Himmel, schwarz wie Tinte, wolkenlos, darin brannte eine Sonne, die er selbst durch sein geschwrztes Glas kaum zu betrachten vermochte, und neben der Sonne standen Tausende von glnzenden Sternen, die trotz Sonnenglanz am schwarzen Himmel funkelten. Und ein groer, dunkler, von hellem Lichtrande umgebener Krper hing am Himmel. Das mute die Erde sein. Dreizehnmal so gro mu sie, vom Monde aus gesehen, sich ausnehmen wie der Vollmond, von der Erde aus betrachtet! Wie seltsam das alles ist, der Himmel so schwarz und die Sterne am Tage sichtbar! sagte Fridolin Frommherz zu den Marsiten, die endlich ihre Arbeit vollendet zu haben schienen. Merkwrdig gedmpft klang ihm die eigene Stimme entgegen. Von den Marsiten erhielt er keine Antwort. Da war Totenstille rings umher. Da vernahm man keinen Ton. Da bewegte sich kein Lufthauch, da pltscherte kein Bach, da schwirrte kein Vogel, da summte kein Kfer; lautlos waren die Tritte der Menschen, die hier gingen. Die Sonne brannte, und nichts milderte ihre Glut; trotz Sonnenglut aber war der Boden eisig kalt, seine Temperatur unter Null Grad. Wie kommt es, da der Boden bei dieser Hitze so kalt ist? fragte der Erdensohn. Wieder erhielt er keine Antwort. Die Marsiten, die jetzt mit Messungen und photographischen Aufnahmen beschftigt waren, schienen seine Worte gar nicht gehrt zu haben. Keiner der sonst so freundlichen Mnner wandte sich nach ihm um. Da fing es Fridolin an, unheimlich zu werden. Rasch trat er auf den ihm zunchst stehenden Zaran zu und fate ihn am rmel. Der Marsite wandte das Gesicht dem Erdensohne zu und neigte sich so weit zu ihm, bis seine glockenartige Kopfbedeckung die Fridolins berhrte. Dann fragte er freundlich: Was fehlt dir, lieber Freund? Kann ich dir helfen? Ich fragte vorhin, warum trotz Sonnenglut der Boden hier so furchtbar kalt ist; aber keiner von euch antwortete mir. Weil wir deine Frage nicht hren konnten, sagte Zaran lchelnd. Ihr konntet nicht? Nein, lieber Fridolin! Du vergit, da der Mond keine Atmosphre hat, und wo keine Luft ist, kann auch keine Schallvermittlung stattfinden. Selbstverstndlich! sagte Fridolin Frommherz; das kam mir augenblicklich gar nicht zum Bewutsein, weil wir doch atmen. O ja, lchelte Zaran, durch die in unsern Glocken mitgenommene, sich langsam verflchtigende, fr etwa sechs Stunden ausreichende Luft. Wenn ich meine Glocke mit der deinigen in Berhrung bringe, trgt mir die darin eingeschlossene Luft die von deiner Stimme erzeugten Schallwellen zu. Ist aber nur der kleinste Zwischenraum vorhanden, so dringt kein Laut ber die Wandung deiner Glocke hinaus. Der Hinweis auf das Fehlen der Luft beantwortet zugleich auch deine Frage von vorhin. Weil keine Lust da ist, die die Sonnenhitze zurckhlt, ist hier der Boden ewig kalt. Was du auch Seltsames auf dem Monde siehst, es findet alles seine Erklrung in dem Mangel an Luft. Der Erdensohn wute genug. Weil keine Luft da war, schien ihm auch der Himmel schwarz statt blau, weil keine Luft da war, waren die Sterne neben der Sonne am Tage sichtbar, weil keine Luft da war, glhte die Sonne so hei, waren die Schatten so schwarz, war kein Wlkchen am Himmel, kein Tropfen Wasser in Schluchten und Tlern, entsetzliche de, starrer Tod berall. Sirian winkte und gab den Gefhrten durch Zeichen zu verstehen, da man den nchsten Berg ersteigen wolle. Fridolin Frommherz wunderte sich darber. Es war ein Riesenkegel, nach oberflchlicher Schtzung wohl nahezu dreitausend Meter hoch. Und den wollte Sirian erklimmen ohne Vorbereitungen, ohne Mitnahme von Proviant, bei Sonnenuntergang und mit einem Luftvorrat, der hchstens noch fr fnf Stunden reichte? Man setzte sich in Bewegung. Wie leicht sie alle gingen! Keine Spur von anstrengendem Klettern, beschleunigter Herzttigkeit, mhsamem Atmen. Haushohe Felsen wurden in khnem Sprunge genommen. So frei, so leicht fhlte sich der Erdensohn ohne Atmosphrendruck; das eigene Gewicht war so verringert, da er die mchtigsten Felsen ohne Mhe erklomm. Riesenblcke hob er mit den Armen hoch wie kleine Holzstcke, und als er seinen schweren goldenen Chronometer aus der Tasche zog, war die Uhr leicht wie ein Stckchen Papier. Jetzt war ihm auch klar, warum hier auf dem Monde die Verankerung des Luftschiffes so viele Schwierigkeiten hatte: es war auf dem atmosphrenlosen Monde zu leicht. Als sie die Hhe erreichten, standen sie am Rande eines schauerlich tiefen Kraters mit weitem, ringfrmigem Walle. Aber auch der Vulkan war tot. Da gab es keine Feuersule, keinen Aschenregen, keine flssige Lava, keine dampfenden Spalten, nichts, was auf ein glhendes Innere unter der harten Auenkruste htte schlieen lassen. Ausgestorben jede Spur von Leben! Hinter den jenseitigen Bergen versank langsam die Sonne. Ein Klteschauer durchzuckte die Gefhrten; ihre Glieder zitterten. Der kleine Teil von Wrme, den der Mond whrend seines langen Tages aufgenommen, strahlte hinaus in den eisigen Weltraum. Auf dem Boden, dessen Temperatur vorher schon unter dem Gefrierpunkt gewesen, vermochten jetzt die Fe kaum mehr zu stehen. Sirian gab das Zeichen zu raschester Rckkehr. Fast pltzlich, ohne jede Dmmerungserscheinung, ohne Farbenzauber beim Sonnenuntergang, war die Nacht hereingebrochen. Aber dunkel war sie nicht. Mit blendendem Glanze leuchteten die Sterne, und die Erde, die eine wahre nchtliche Sonne zu sein schien, strahlte jetzt in zurckgeworfenem Sonnenlichte so wunderbar herrlich, da jeder Fels, jede Spalte, jeder Stein der Mondlandschaft mit hellem Glanze bergossen schien. Glcklich, aber fast starr vor Klte erreichte die schweigende kleine Gesellschaft ihr Luftschiff. Nicht nur Fridolin Frommherz, auch die Marsiten atmeten auf, als die Anker gelichtet waren und die Entfernung zwischen ihnen und dem toten Monde immer grer wurde. Es mochten etwa 30 Stunden seit der Abfahrt vom Monde verstrichen sein -- ungefhr zehn Uhr abends nach Erdenzeit -- als das Luftschiff der Marsiten so langsam und vorsichtig wie nur mglich in die Erdatmosphre eintrat. Langsam? Trotz aller Hemmungsvorrichtungen legte das Fahrzeug noch fnfundzwanzig Kilometer in der Sekunde zurck! Erst durch die Reibung beim Eintritt in die Atmosphre verlangsamte sich sein Lauf bedeutend; aber die gehemmte Bewegung setzte sich in Wrme um. Glcklicherweise lieen die Isoliervorrichtungen nichts zu wnschen brig, und die erzeugte bermige Hitze strmte rasch durch die geffneten Luken hinaus in die khlen, dnnen oberen Luftschichten. Jetzt gehorchte das Fahrzeug der Steuerung wieder vollstndig. Absichtlich brachte es Sirian nur sehr langsam zum Sinken. In einer Hhe, wo die Luftdichtigkeit ungefhr der geringen Dichte der Marsatmosphre entspricht, wollte er kreuzen, um am Morgen zu erkennen, ber welchem Erdteile er sich befand, und dann Freund Fridolin in seiner Heimat Schwaben, womglich am Orte seines einstigen Aufstieges, zu landen. Die Dunkelheit der Nacht machte augenblicklich ein Orientieren auf der Erdoberflche unmglich. Der grauende Morgen erst wrde ein Umsehen gestatten. Die Luft war unnatrlich ruhig und fr die Hhe, in der sich das Luftschiff befand, merkwrdig schwl. Da wurde ganz unvermittelt das Fahrzeug von wilden Schwankungen erfat, erst hin und her und dann mit einem heftigen Rucke tiefer herabgerissen. Es war, als stiee es ringsum an schwere Gegenstnde an. Was ist das? fragte Fridolin Frommherz erschrocken. Wir sind in widerstrebende Winde geraten. Hrt, wie jetzt das unheimliche Brausen des Sturmes durch die dunkle Nacht klingt! Noch sind wir in schwarzer Finsternis, aber gleich wird ein Gewitter losbrechen, wie wir Marsiten es noch nie erlebt haben. Kaum hatte Sirian ausgesprochen, als die Insassen des Luftschiffes pltzlich, von greller Helligkeit geblendet, die Augen schlossen. Und jetzt zuckte ein rascher, schneidender Blitzstrahl durch die Dunkelheit, und ein frchterlicher Donnerschlag folgte, noch ehe das Licht des Blitzes ganz erloschen war. Blitz auf Blitz zerri nun die Wolken, die sich in schweren Regen auflsten, so da die elektrischen Funken vom Wasser knisterten. Mitten in einem groartigen Gewitter befand sich das marsitische Luftschiff, fort und fort in grelles elektrisches Licht getaucht, und wenn Sirian das Steuer berhrte, ging ein phosphoreszierendes Leuchten ber seine Hnde. Mit staunender Bewunderung, ohne eine Spur von Furcht oder Bangen, folgten die Marsiten dem ihnen unbekannten Schauspiel eines irdischen Gewitters. Aber rasch steuerte Sirian wieder in die Hhe, in die obersten Luftschichten. Hoch ber dem Gewitter sich haltend, wollte er warten, bis der Sturm sich ausgetobt htte. Doch whrend des Emporsteigens zogen die Blitze feurige Flammenlinien rund um das Luftschiff. Es stieg wie in einem Feuermeere. Pltzlich aber war es ber die Wetterwolken emporgekommen. Unter ihm lagen die wildstrmenden Luftschichten; unter ihm zuckten die Blitze hinber und herber; oben aber wlbte sich ein ruhiger Sternenhimmel in mildem Glanze, und friedliche Mondstrahlen stiegen hinab auf die sturmbewegten Wolken. Es war ein Schauspiel, wie es schner kaum gedacht werden konnte, und die Marsiten freuten sich ber das Erlebnis. Sieh, mein Freund, sagte Sirian zu dem Erdensohne, du hast in den vierzehn Jahren, die du nach deiner Rechnung bei uns weiltest, kein einziges wirkliches Gewitter gesehen. Kleinere elektrische Entladungen kommen wohl auch in unserer dnnen, wasserdampfarmen Atmosphre vor; doch was sind sie im Vergleich mit der Groartigkeit eurer Gewitter! Und diese herrlichen Wolkenbildungen! Welche Flle reichen, lebenspendenden Wassers bergen sie! Nimm dagegen unsere klare, dnne, durchsichtige Atmosphre! Ihr bichen Wasserdampf schlgt sich in den Sommermorgen als Tau nieder auf die durstige Vegetation. Der Winter bringt uns wohl leichten Regen- und Schneefall -- aber hast du bei uns je wirkliche Wolken gesehen? Fallen Regen und Schnee nicht vielmehr als feiner Niederschlag, wie aus einem zarten Nebel herab? Htten wir eure Wolken, wahrlich, wir htten unser Kanalnetz nicht zu ndern brauchen. Fridolin Frommherz nickte. Ich liebte euren wunderbar klaren Himmel, die Durchsichtigkeit eurer Luft, den ungetrbten Glanz eurer Gestirne, -- aber du hast recht, die Erde mit ihren Wolken ist von Natur doch wohl reicher als der Lichtentsprossene. Auch wir waren einmal so reich an Wasser, wie ihr es jetzt noch seid, und es wird einmal die Zeit kommen, da ihr so wasserarm sein werdet, wie wir es jetzt, sind. Dann ist bei uns schon alles Leben erloschen; dann ist nicht nur der letzte Rest unseres Wassers, dann ist auch unsere Luft verschwunden, und der starre Tod hlt unsern Lichtentsprossenen umfangen. Und abermals schwinden die Jahrmillionen, -- dann seid auch ihr nicht mehr; andere Gestirne und andere Wesen sind an unserer wie an eurer Stelle. -- Doch nun lat uns wieder zur Ruhe gehen; seht, das Gewitter hat ausgetobt! Lautlos und ruhig schwebt das Luftschiff jetzt wieder in der gereinigten Atmosphre. Es war inzwischen schon Mitternacht vorber. Nach wenigen Stunden, beim ersten Morgengrauen, sollte des Erdensohnes engere Heimat gesucht werden. Zehntes Kapitel. Die drei Freunde. Jedes Jahr am 7. Dezember versammelten sich sechs Gelehrte im Hause ihres Freundes Stiller auf Stuttgarts waldumrauschter, grner Bopserhhe. Es waren die Teilnehmer an jener ersten khnen Weltfahrt durch den therraum, die den Bruderplaneten Mars zum Ziele gehabt hatte. Bei ihrer Zusammenkunft feierten sie den Jahrestag des Aufstieges nach jener fernen, wunderbaren Welt und tauschten alte, liebe Erinnerungen aus an das eigenartige, idealschne Leben, das die Gelehrten zwei volle Jahre lang auf dem Mars hatten fhren drfen. Eine Nachahmung hatte die gefahrvolle Reise nicht mehr gefunden. Die Gelehrten hatten berichtet, da von den Marsiten weitere Besuche auf ihrem Planeten nicht mehr angenommen, sondern mit aller Entschiedenheit abgewiesen werden wrden, damit die Hhe einer Jahrtausende alten Kultur nicht durch schlechtes Beispiel Schaden leide. Diese Behauptung der Zurckgekehrten wurde zwar allgemein verlacht und dahin ausgelegt, da aus sehr durchsichtigen Grnden die klugen Herren Professoren aus Tbingen sich fr immer den Rekord der Weltenreisen sichern wollten. Aber auch ein merkwrdiges Migeschick, das die Zurckgekommenen verfolgte, trug dazu bei, andern khnen Luftschiffern die Lust zu nehmen, das gewagte Experiment, ber den Erdenkreis hinauszuschweifen, nachzumachen. Nein, die hochentwickelte, moderne Luftschiffahrt hatte wahrlich Praktischeres zu tun, als fragwrdige Planetenfahrten auszufhren, deren Gelingen nur das Spiel des blinden, launischen Zufalles war. Andere, wichtigere und aktuellere Fragen, als nach fernen Sternen zu blinzeln, bewegten die hastenden, unruhigen Menschen. Und so wurde kaum noch der heldenmtigen Reise gedacht. Das Rad der Zeit rollte weiter, es lie die Erinnerung an die wichtige Grotat bei der Menge mehr und mehr verblassen. Nur als ein Jahr nach der Rckkehr der sechs Schwaben vom Mars ein Obelisk auf dem Cannstatter Wasen errichtet und feierlich enthllt worden war, da gingen die Wogen der Begeisterung noch einmal hoch, da waren die gelehrten Weltensegler wieder einmal Gegenstand allgemeiner Huldigung. Wie still war es aber seitdem wieder geworden, still auch im kleinen Kreise der Freunde, die seit der Rckkehr in die Heimat durch das trauliche, brderliche Du inniger als je miteinander verbunden waren! Es schien, als ob sie nachgerade die Erde, die sich so stolz Welt nennt, immer weniger verstnden oder die Welt sie nicht mehr, trotz der unverdrossenen Mhe, die sie sich gaben, Marssches Licht in das Durcheinander irdischer Auffassung zu tragen. In dem kleinen Freundeskreise war es in den elf Jahren, die jetzt seit ihrer Rckkehr vom Mars verflossen waren, allgemach lichter geworden. Rasch nacheinander waren drei der Teilnehmer an jener ewig denkwrdigen Reise gestorben, und nur drei waren noch brig geblieben: Siegfried Stiller, der Astronom und Fhrer der Expedition, Bombastus Brummhuber, der Philosoph, und Parazelsus Piller, der Arzt. In altgewohnter Weise saen heute, am Jahrestag ihrer Abreise, die drei Freunde im groen, wohldurchwrmten Balkonzimmer des Stillerschen Hauses beieinander. Von da aus geno man einen herrlichen Blick ber Stuttgart weg bis nach Cannstatt hin. Ein leichter Frost war eingezogen. Da und dort waren die dunkelgrnen Tannen mit silbernem Reif behangen. Um so behaglicher lie es sich in dem vornehm ausgestatteten Gemache sitzen. Eine tiefe Stille herrschte, denn jeder der Herren war gerade mit seinen eigenen Gedanken beschftigt. Was wohl Fridolin Frommherz macht? entfuhr es unwillkrlich den Lippen Pillers, des Arztes, der im bequemen Lehnstuhle sa und sinnend den Himmel betrachtete. Daran dachte auch ich in demselben Augenblicke, entgegnete Stiller lchelnd. Nun, wie soll es dem Ausreier dort oben gehen? Natrlich nur gut, warf Brummhuber ein. Das knnen wir nur vermuten, mit Bestimmtheit aber nicht sagen, lieber Brummhuber, erwiderte Stiller sanft. Was vermuten! Was nicht mit Bestimmtheit sagen! schrie Piller, dessen Stimmung seit Jahren schon mehr und mehr gereizt geworden war. Ich sage euch, der Knabe Fridolin hat es besser als wir. Wie kann es einem Menschen im Paradiese der Marsiten, bei diesem geistig und krperlich gleich hervorragend gesunden Volke anders gehen als gut, als ausgezeichnet? Mich interessiert auch deshalb nicht, wie er sich befindet, nur was der Drckeberger treiben mag dort oben auf dem Lichtentsprossenen. Er schreibt mglicherweise noch an dem deutsch-marsitischen Wrterbuche, lachte Brummhuber. Weit du noch, Stiller, wie Eran, der wrdige Patriarch, von dieser Art der Bestrafung des Ausreiers sprach, als du ihn der Nachsicht der Marsiten besonders empfahlst? Der Angeredete nickte lchelnd. Wohl bekomm's ihm! Die Arbeit htte ich auf keinen Fall ausgefhrt, erwiderte Piller finstern Tones. Mhevoll ist sie, gewi, besttigte Stiller. Fridolin wird aber ohne Zweifel seine Aufgabe gelst haben, wenn auch erst nach berwindung einer langen Reihe von Schwierigkeiten verschiedenster Art. Recht hat er gehabt, da er oben geblieben ist, knurrte Piller. Nein, lieber Freund, dreimal nein! Doch streiten wir nicht ber diesen Punkt! Darber einigen wir uns zu meinem aufrichtigen Bedauern nie, wie mir scheint. Piller neidet Frommherz eben den guten Marstropfen, spottete Brummhuber. Hat etwas Wahres, was du sagst, Brummhuberchen. Im brigen, Stiller, bringe eine Flasche des heimischen Nektars von Neckars Halden, Zuckerle genannt. Ich habe eine sehr empfindliche Anwandlung von Schwche. Piller, wir kennen dich und deine vielen Schwcheanflle, antwortete Brummhuber, whrend Stiller aus dem Zimmer trat und den Befehl erteilte, den gewnschten Wein herbeizubringen. Als der Gelehrte in das Gemach zurcktrat, fielen gerade die letzten Strahlen der untergehenden Sonne durch dessen hohe und breite Fenster. Eine Flle goldenen Lichtes umspielte die hohe Gestalt des Gelehrten und seinen feingeschnittenen Kopf. Eran, nur etwas verjngt, rief Piller, als er seinen Freund in dieser Beleuchtung erblickte. Wahr gesprochen! Stiller hat eine merkwrdige hnlichkeit mit Eran, besttigte Brummhuber. Eine hnlichkeit, wenn auch nur uerlich, mit diesem vortrefflichen Weisen der Marsiten knnte mich nur ehren, entgegnete Stiller ernst: Du hast sie, und zwar in geradezu staunenerregendem Mae, seitdem du lter geworden bist. Haar und Bart sind ja jetzt auch bei dir wei geworden. Und fllt das Licht auf dein Gesicht wie soeben, so ist diese hnlichkeit tatschlich frappierend. Es fehlt dir nur noch die Kleidung, und du knntest sofort an Stelle Erans in den Stamm der Weisen in Angola eintreten. Brummhuber hat recht. Du bist Erans getreues Ebenbild, fgte Piller bei. Diesem ehrwrdigen Alten zu gleichen, ihm hnlich zu werden an Adel der Gesinnung und der Empfindung, und das Ideal meines Strebens hienieden wre der Erfllung nahe, sprach Stiller leise, wie wehmtig vor sich hin. Na, kommen schon wieder trbe Gedanken? polterte Piller. Nein, entgegnete Stiller ruhig, dafr aber hier der gewnschte Wein, als soeben die Tre aufging und der Bediente eintrat, auf einem silbernen Prsentierbrett den Wein mit Glsern tragend. Nachdem die Glser mit dem duftenden, rtlich schimmernden Weine gefllt waren, ergriff Stiller sein Glas und sprach: Weihen wir den ersten Schluck der Erinnerung an den heute zum vierzehnten Male wiedergekehrten Tag des Antrittes unserer Weltenreise. Die Glser klangen zusammen. Piller hatte den Inhalt des seinen mit einem Schlucke geleert, fllte es sich von neuem wieder, rusperte sich und rief: Der zweite Schluck, er gelte dem Andenken unseres Lebens auf jenem Planeten voll Licht und Freude. Wieder leerte sich Pillers Glas. Und ich bringe heute, erlaubt es mir, liebe Freunde, zum ersten Male mein Glas dem Andenken an Fridolin Frommherz, sprach Brummhuber. Soll gelten, als drittes Glas. Frommherz' Snde sei hiermit in Gnaden verziehen, erwiderte Piller, indem er in andchtigem Zuge sein Glas austrank. Warum uns denn heute immer und immer wieder der Fridolin einfallen mu? schimpfte Piller nach einer Weile und begann sich heftig zu schneuzen, um sein gestrtes seelisches Empfinden wieder herzustellen. Mir will heute die Erinnerung an ihn auch nicht aus dem Kopfe, versicherte Brummhuber. Wre er nicht so unendlich weit von uns entfernt, jede Mglichkeit einer Rckkehr ausgeschlossen, so wrde ich glauben, da er nach dem bekannten Sprichwort urpltzlich erscheinen mte. Und warum sollte dies ein Ding der Unmglichkeit sein? fragte Stiller. Sind wir hinauf und wieder heruntergekommen, ebensogut oder womglich noch besser oder leichter drften die Marsiten mit Freund Fridolin den Weg zur Erde finden, wenn sie ernstlich wollten. Ja, wenn sie wollten! Die werden es aber bleiben lassen, unserer Erde einen Besuch abzustatten nach den schwarzen Bildern, die wir oben von ihr entworfen haben, knurrte Piller. Ja, wir malten recht dster damals in Angola, warf Brummhuber ein. Aber durchaus wahr. Und rckhaltsloseste Wahrheit und Offenheit waren wir den edlen Marsiten schuldig, bemerkte Stiller. O Angola! seufzte Piller, sich wieder krftig schneuzend. Doch was ntzt die Sehnsucht nach diesem Eden? Vorbei, vorbei fr immer! Sei aufrichtig dankbar fr die herrliche Erinnerung daran, die dir geblieben ist, verwies ihn Stiller. La mich lieber Lethe trinken und schieb mir die Flasche zu, Freund Siegfried, bat Piller. Lchelnd gehorchte Stiller. Immer derselbe! tadelte Brummhuber. So treibst du es an jedem siebenten Dezember, seit wir wieder hier unten weilen. Mensch und Freund, wie prosaisch bist du wieder einmal! Wie wenig verstehst du mich! Nur wer die Sehnsucht kennt, wei was ich leide, kann auch ich mit dem Dichter sagen. Wir wollen dir deshalb auch mildernde Umstnde zubilligen, Piller, und eine neue Flasche bestellen, wenn wir auch dein sogenanntes Leiden nur cum grano salis gelten lassen, entgegnete Stiller mit freundlichem Lcheln und die Klingel ziehend. Stiller, altes Haus, du verstehst mich immer wieder am besten, lobte Piller. Als ob zu diesem Verstndnis viel gehren wrde! Gut gebrummt, Brummhuberchen! Doch hier kommt neue Labung. Mit Wrme fllt der edle Wein mein ganzes Ich. Das wissen wir schon lange, Piller. Es bedarf wahrlich keiner besonderen Betonung mehr. Brummhuber, heute bist du einmal deines Namens wieder vollkommen wrdig. Hoffe es auch sonst immer zu sein. Kann es nicht ohne reservatio mentalis besttigen. Bleib mir damit vom Leibe, Piller, sonst werde ich wirklich brummig. Friede, meine lieben Freunde, Friede! mahnte Stiller. Ich bin stets friedvoll gestimmt, und nichts liegt mir ferner, als diese hehre Stunde des Zusammenseins durch Streit zu entweihen. Schon die Blume dieses heimischen Nektars wirkt dmpfend auf jegliche Empfindung und stimmt vershnungsvoll, entgegnete Piller. Du bist und bleibst der Alte, erwiderte Stiller und klopfte ihm auf die Schulter. Warum soll ich mich ndern? Bin ich dir doch bislang gut genug gewesen! Und wirst es auch stets bleiben, lieber Freund, versicherte ihm Stiller. Auch mir, fgte Brummhuber frhlich bei. Der Dezemberabend fing an in den gemtlichen Raum seine leichten Schatten zu werfen. Soll ich Licht machen? fragte Stiller seine Gste. Nein, noch nicht! bat Brummhuber. Es lt sich in der Dmmerstunde so hbsch trumen. Und auch plaudern, warf Piller ein. Ich bewundere immer von neuem wieder dein schnes Heim, das du dir hier geschaffen hast, Stiller. Es ist wie du selbst. Wie meinst du das? Nun, gediegen, vornehm, ruhig und voll stillen Zaubers. Ja, bei Freund Stiller lt es sich leben. Da fhlt man sich beinahe so wohl geborgen wie auf dem Mars, bemerkte Brummhuber. Fr uns das Angola Schwabens, fgte Piller bei. Ihr bertreibt, beste Freunde, erwiderte Stiller heiter. Und doch freuen mich diese Vergleiche gerade von euch. Was wart ihr fr nchterne, poesielose Menschen, bevor ihr nach dem Mars kamt, und welch groe Umformung eures ganzen Innern brachte der Aufenthalt dort oben mit sich! Man macht nicht umsonst, ungestraft eine solche Exkursion, antwortete Piller trocken. Nun, dieses Resultat will ich mir gern gefallen lassen, entgegnete Stiller. Und doch, es ist wahr: ungestraft waren wir nicht so lange auf dem Lichtentsprossenen. Erinnerst du dich noch jenes letzten, herrlichen Abends in dem Palaste der Weisen in Angola? Ja, noch sehr gut, erwiderte Stiller leise. Wohl! Fremdlinge werden wir da sein, wo wir geboren wurden, wo wir frher gelebt, gerungen, fr unsere heiligste berzeugung gestritten haben. Diese mir unvergelich gebliebenen Worte sprachst du damals. O Stiller, wie sehr hast du recht gehabt! Es klang wie ein schlecht unterdrckter Schrei des Schmerzes, diese Entgegnung Pillers. Mein lieber Freund, steht es so mit dir? Stiller war, berrascht durch diese an Piller ganz ungewhnliche Gefhlsuerung, aufgestanden und auf ihn zugetreten, ihm die Rechte auf die Schulter legend. Mein treuer Gefhrte, sprach er sanft, du leidest ja auch an Heimweh nach dem Mars wie wir. Zum ersten Male offenbarst du es uns. Und dennoch! Wir mssen es zurckdrngen um des Groen willen, das wir hier unten verfolgen. In dieses Granitgebirge menschlicher Vorurteile und Blindheit, Schwche und Feigheit einen Tunnel der Aufklrung zu bohren, ist nahezu ein Ding der Unmglichkeit, sintemalen eine Maschine, die das fertig brchte, niemals erfunden werden drfte, antwortete Piller gereizt. Denn die Dummheit whret ewiglich, fgte Brummhuber hinzu. Warum auf einmal so kleinmtig, meine Freunde? fragte Stiller. Dir, Brummhuber, will ich zugeben, da die Dummheit niemals vllig ausgerottet werden kann, weil sie nichts anderes bedeutet als geistige Minderwertigkeit. Minderwertige Menschen aber wird es immer geben. Sehr wahr! warf Piller ein. Nun wohl! Diese Menschen vor verhngnisvoller Ttigkeit zu bewahren, sie von verantwortungsvollen Posten auszuschlieen, ist kein Ding der Unmglichkeit. Schon jetzt wird diese Scheidung, eine Art gesunder Auslese, bis zu einem gewissen Grade da und dort auch durchgefhrt. Je mehr die naturwissenschaftliche Bildung Gemeingut aller wird, um so weniger wird sich der Dumme breitmachen knnen. Keine Frage. Wir sind aber leider noch sehr weit von deinem Ideale entfernt. Gewi, lieber Piller. Um aber auf deine Worte von vorhin zurckzukommen, so bentigen wir gar nicht dieses Tunnels, den du sinnbildlich anfhrtest. So schnell geht es mit dem Vorwrtsschreiten der Menschen nicht, wie der Bohrer den Granit zu durchlchern vermag. Ist auch gut so. Das Beste bentigt der lngsten Reisezeit. Und verwittert nicht schlielich auch der hrteste Granit nur allein durch uere Einflsse? Seht, meine lieben Freunde, so ist es auch mit unserm Wirken. Wir mssen froh sein, wenn wir da und dort aus dem die Menschheit so frchterlich tyrannisierenden System alter, unnatrlicher Einrichtungen, aus dem scheinbar so unzerstrbar fest verankerten Bau der unser Dasein beherrschenden Lgen einzelne Steine herausbrckeln, dem Prozesse der weiteren Verwitterung die Wege ffnen. Unsere kleine Gemeinde von heute wird sich morgen mehren. Was ist ein Jahrhundert Kulturarbeit? Ein Tropfen im Ozean des Lebens! Diese Tatsache mu uns bescheiden machen, darf uns aber nicht entmutigen. Einst mu eine Zeit kommen, -- dies ist meine feste berzeugung! -- die in hnlicher Weise das Menschheitsideal verwirklicht, wie wir es oben auf dem Mars kennen gelernt haben. Sie vorbereiten zu helfen, jeder an seinem Platze und zu seiner Zeit, ist die Aufgabe dessen, der auf den Ehrentitel eines wirklichen Menschen Anspruch erhebt. Stiller schwieg. Seine kleine Rede hatte ihre Wirkung auf die beiden Freunde nicht verfehlt. In Gedanken versunken, saen sie da. Inzwischen war auch in dem Zimmer die Dmmerung der Nacht gewichen. Glnzt dort drben am sdlichen Himmel nicht Mars? fragte Brummhuber, der zufllig aus seinem tiefen Sinnen erwacht war und einen Blick durchs Fenster geworfen hatte. Wahrhaftig, er scheint es wirklich zu sein, rief Piller, der dem Beispiele Brummhubers gefolgt war. Ihr habt recht, liebe Freunde, es ist Mars, der nun wieder in die Nhe der Erdbahn gelangt ist. Ich lade euch ein, mit mir hinber in mein Observatorium zu kommen und den Planeten durch das Teleskop nher zu betrachten. Mit dem grten Vergngen, erwiderten die Freunde wie aus einem Munde. So lat uns gehen! Ich habe euch Interessantes zu zeigen, das ich schon seit einiger Zeit am Lichtentsprossenen beobachtete. Bald nachher befanden sich die Herren in dem Stillerschen Arbeitsraume. Das groe Teleskop wurde eingestellt, und die Betrachtung des fernen Weltkrpers begann. Fllt dir nichts am Mars auf, Piller? fragte Stiller seinen Freund, nachdem dieser lange den Planeten durch das Fernrohr angesehen. Tuschen mich meine Augen nicht, so sehe ich neben den uns ja persnlich bekannten Kanlen feine, dunkle Linien. Sehr richtig. Und vielleicht sonst noch etwas? Halt, ja, noch groe, weie, flchenartige Punkte, zu denen strahlenfrmig die dunkeln Linien hinfhren. Was dies wohl alles zu bedeuten hat? Das existierte doch noch nicht, als wir oben waren. Nein. Ich will es dir nachher zu erklren suchen. Mein Kompliment aber fr dein scharfes Auge und dein gutes Unterscheidungsvermgen. Piller wurde jetzt von Brummhuber am Instrumente abgelst. Wirklich es ist so, wie Piller sagte. Mir kommt es auch noch vor, als ob die Eismassen der polaren Zonen gegen frher ganz bedeutend zurckgegangen wren, uerte Brummhuber nach sorgfltiger Prfung. Auch du siehst vollkommen richtig, Brummhuber. Wir wollen jetzt ins warme Haus zurckkehren und nachher diese neuen, eigenartigen Erscheinungen auf dem Mars besprechen. In dem Speisezimmer nahmen die drei Freunde zunchst ein bescheidenes Abendessen ein. Dann zogen sie sich wieder in das Balkonzimmer zu gemtlicher Plauderei zurck. So, Freund Stiller, erklre uns nun das, was uns am Mars aufgefallen ist, bat Piller, sich bequem in seinem Lehnstuhle ausstreckend. Auch ich bin auerordentlich gespannt darauf, bemerkte Brummhuber. Das, was ihr heute abend gesehen habt, entdeckte ich schon vor lngerer Zeit. Ja, ich darf ohne bertreibung sagen, da ich die euch ausgefallenen Vernderungen gewissermaen in ihrem Entwicklungsgange verfolgt habe. Was du nicht sagst! Aber warum sprachst du uns niemals davon? warf Piller berrascht ein. Weil ich das Ende erst abwarten, mir vor allem aber zuerst selbst eine mglichst einwandfreie Erklrung dieser Vernderungen geben wollte. Und hast du sie gefunden? fragte Brummhuber. Ich glaube, ja! Wie interessant! Stiller, du bist und bleibst ein Kapitalmensch. Danke fr deine gute Meinung, Freund Piller. Die Reduktion, der Schlu vom Allgemeinen auf das Besondere war aber im vorliegenden Falle keine allzu groe Schwierigkeit, zumal wir ja unsern schnsten Lebensabschnitt dort oben verlebt und die eigenartigen Verhltnisse des Planeten aus eigener Anschauung kennen gelernt haben. Immer derselbe bescheidene Mann, brummte Piller. Doch, bitte, fahre fort. Jene feinen Linien, die ihr lngs den alten Kanlen gesehen habt, sind neue Wasserstraen, die flchenartigen Punkte erklre ich mir als berdeckte Sammelbecken oder Stauwerke riesigster Konstruktion, alles ausgefhrt, um einer drohenden Wassersnot zu begegnen. Da eine solche auf dem Mars tatschlich vorhanden sein mu, beweist mir die starke Abnahme der Eismassen an den beiden Polen. Eure Beobachtungen glaube ich somit mit wenigen Worten ziemlich richtig gedeutet zu haben. Alle Wetter, du magst recht haben, erwiderte Piller. Ich empfinde aufrichtiges Mitgefhl mit den Marsiten, die so schwer um die Grundbedingung ihrer Existenz kmpfen mssen. Aber eine Frage! ndert sich die Lage nicht auch wieder einmal zum Guten da oben? Diese Frage glaube ich bejahen zu drfen nach dem, was ich auf dem Mars selbst gehrt habe, antwortete Stiller. Eine wahre Beruhigung! Aber mit Bewunderung mu uns erfllen, was wir geschaut haben. Das neue Kanalsystem konnte gewi nur durch die Arbeit aller ausgefhrt worden sein, uerte sich Brummhuber. Ohne Zweifel. Dafr sind es eben die Marsiten. Nur ein solches Volk von dieser hohen Kultur kann Bauten dieser gewaltigen Art fr das allgemeine Wohl ausfhren. So ist es, wie du sagst, Stiller, besttigte Piller. Unser Fridolin wird da wohl auch mitgearbeitet haben, lachte Brummhuber. Seine Paradiesesidylle hat dadurch einen bsen Sto erhalten. Wer wei? entgegnete Stiller. In der strengen Arbeit liegt der Segen. Sie allein berechtigt uns, als Gegenwert eine gewisse Summe an Freuden und Annehmlichkeiten vom Leben zu erwarten. Dies gilt auch fr unsern Frommherz. Gerade dieser Riesenkampf ums Dasein dort oben, den ich in den stillen Stunden der Nacht von hier aus mit meinem Fernrohre verfolgen konnte, machte auf mich, nachdem ich ber seine Ursache endlich klar geworden war, einen auerordentlich tiefen Eindruck. Ein Volk, dessen Solidarittsgefhl eine derartige Probe auf seine Echtheit auszuhalten vermag, mu aus aller Not und Gefahr stets siegreich hervorgehen. Welch ein Vorbild fr uns! Ob wir es wohl jemals erreichen werden? Piller mute sich nach diesen Worten seines Freundes wieder krftig schneuzen. Pygmen sind und bleiben wir dagegen, knurrte er. Hltst du dich vielleicht fr einen? fragte Brummhuber spottend. Nimm dich in acht, Brummhuber! Fordere meinen Zorn nicht heraus! Die Frage hatte eine gewisse Berechtigung, bemerkte Stiller. Das Vorwrtsschreiten menschlichen Geistes kannst du nicht bestreiten. Nimm es dir selbst ab, Freund Piller. Jeder Fortschritt in der tieferen Erkenntnis der Wahrheit bedeutet zugleich den Fortschritt in der hheren Ausbildung unserer menschlichen Vernunft. Nur durch Vernunft und Wahrheit knnen wir des Menschen schlimmste Feinde, die Unwissenheit und den Aberglauben, bekmpfen. Nur dadurch steigen wir hher auf der Leiter der sittlichen Vervollkommnung. Stiller, alter Freund, ich lasse dir ja gerne das letzte Wort, so la mir fr heute wenigstens den letzten Trunk! Sollst ihn haben, du ewig Durstiger. Aber dann zu Bett. Der morgige Tag ruft uns wieder nach Tbingen, und es ist schon sehr spt geworden. Gut, da wir bei dir zu Hause sind, lachte Piller frhlich, als der Wein vor ihm stand. So lt sich ein Schlummerschpplein noch gemtlich schlrfen. Prosit! Elftes Kapitel. Wieder auf der Erde. Ein Frhling mit all seiner Pracht hllte in ein Meer von Blten die Bume und Strucher auf den Wiesen und in den Grten des gesegneten Neckartales. Mai war es geworden. Ein schner, warmer Morgen folgte einer Nacht voll Milde und Wohlgeruch. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Die Rtung des stlichen Himmels verkndete aber ihr baldiges Nahen. Die Distelfinken begannen bereits ihre ungestmen Triller zu schmettern; die Amseln sangen da und dort auf der Spitze eines Baumes sitzend ihr melodisches Morgenlied; die Sperlinge trieben sich in gewohnter Weise lrmend und mit einander zankend in Scharen herum, als ein ungewohnt heftiges Rauschen in der Luft die Vogelwelt auf Cannstatts Wasen in ihrem lauten Tun und Treiben pltzlich innehalten und erschreckt die Flucht ergreifen lie. Mit groer Geschwindigkeit senkte sich von oben herab ein eigenartig gebautes Luftschiff, wie es in dieser Form und Gre hier noch niemals vorher gesehen worden war. Ohne auch nur die geringsten Schwankungen zu zeigen oder sich zu berstrzen, erfolgte der fallartige Abstieg des Flugschiffes mitten auf dem groen Platz des Cannstatter Wasens. Es mute meisterhaft gesteuert werden; denn mit einem Ruck hielt das gewaltige Fahrzeug, auf dem Boden angekommen, still, ohne irgendwelche Befestigung durch Taue oder Anker. Die Gondel lag direkt auf dem Boden. Von verschiedenen Seiten, so vom nahen Untertrkheim und von Cannstatt aus, war die verblffend sichere Landung des eigentmlichen Luftschiffes bemerkt worden. Man sah auch ferner, da der Gondel ein Mann in sonderbarer Kleidung entstieg. Kaum hatte der Angekommene die Gondel verlassen, als das Fahrzeug sich wieder hob und mit einer staunenerregenden Schnelligkeit im Luftmeere verschwand. Dies alles war das Werk von wenigen Augenblicken. Der Mann, der hier gelandet worden, war stehen geblieben und schaute dem sich entfernenden Flugschiffe nach, solange es noch gesehen werden konnte. Dann erst wandte er sich um und betrachtete, langsam vorwrtsschreitend, die Gegend. Sie schien ihm bekannt zu sein, denn er lenkte seine Schritte gegen Cannstatt zu. Da fiel sein Blick auf einen mchtigen Obelisken, der sich auf der linken Seite seines Weges erhob und von einem hohen Eisengitter umgeben war. Professor Fridolin Frommherz, denn das war der der Gondel entstiegene Fremdling, schritt, neugierig geworden durch das imposante Denkmal, auf den Gedenkstein zu. berrascht und freudig berhrt blieb er vor dem Obelisken stehen. Auf der ihm zugewandten Seite des Monumentes las er die eingemeielten und vergoldeten Worte: ZU EWIGEM RUHM UND ANDENKEN AN DIE UNVERGLEICHLICH KHNE IN IHREM ERFOLGE EINZIG DASTEHENDE FAHRT SCHWBISCHER SHNE DURCH DEN WELTENRAUM. DAS DANKBARE VATERLAND. Auf der zweiten Seite war zu lesen: VON DIESEM PLATZE HIER FUHREN DIE WELTENSEGLER NACH DEM FERNEN PLANETEN MARS AB 7. XII. 19 . . . IHRE NAMEN LAUTEN: S. STILLER, P. PILLER, D. DUBELMEIER, H. HAEMMERLE, B. BRUMMHUBER, T. THUDIUM, FR. FROMMHERZ. Die dritte Seite trug die Mitteilung: NACH NAHEZU DREIJHRIGER ABWESENHEIT UND ZWEIJHRIGEM AUFENTHALT AUF DEM MARS KEHRTEN SECHS DER KHNEN WELTENSEGLER GLCKLICH WIEDER IN DIE HEIMAT ZURCK. OKTOBER A. D. 19 . . . Und hier auf der vierten Seite, da wahrhaftig, da war ja von ihm selbst die Rede. Frommherz las: ZUR ERDE NICHT MEHR ZURCKGEKEHRT, FR IMMER AUF DEM MARS GEBLIEBEN DER SIEBENTE TEILNEHMER DER WELTENFAHRT FRIDOLIN FROMMHERZ. Der erste Gru der Heimat und wahrlich kein bler, sprach Herr Frommherz vor sich hin, als er den Obelisken sattsam von allen Seiten betrachtet hatte. Wie froh bin ich, gleich bei meinem Betreten des heimatlichen Bodens vernehmen zu drfen, da meine Gefhrten glcklich wieder heimgekehrt sind. Ich fasse dies als ein gutes Vorzeichen auf. Ohne da Frommherz es bemerkte, hatte sich inzwischen eine Anzahl Neugieriger um ihn versammelt, die den Mann mit den langen, wirren Haaren und dem groen ungepflegten Bart und seine auffallende und sonderbare Kleidung voll Staunen betrachteten. Woher der wohl gekommen sein mochte? Keiner wagte dem sichtbar Verwahrlosten nher zu treten und ihn direkt zu fragen. Ein unbestimmtes Gefhl respektvoller Scheu hielt die Leute zurck. In ruhiger Wrde und edler Haltung, die auf die sich mehrenden Neugierigen ihren Eindruck nicht verfehlte, wandte sich Frommherz von dem Denkmal weg und schritt weiter Cannstatt zu, hinter ihm der Menschenhaufen, der in dem Mae anschwoll, als die Stadt nher kam. Schutzmann Dietrich begann eben gegen den Wasen zu die erste Morgenrunde zu machen. Nach neuer Abwechslung in seinem Berufe lstern und in jedem ihm nicht nher bekannten menschlichen Individuum wenigstens einen halben Gauner witternd, strzte er sich, mit nur schwer unterdrcktem Freudenschrei, auf den ahnungslos daherschreitenden Frommherz. Halt, Mann! gebot er, den Fremdling von oben bis unten mit finstern Blicken musternd, eine Prfung, die sehr zu Ungunsten des Wandersmannes auszufallen schien, trotz oder gerade wegen der auffallend schnen Gepcktasche, die der Fremde bei sich trug, und die zu seinem saloppen uern durchaus nicht passen wollte. Des Schutzmanns Gesicht verdsterte sich in drohendster Weise. Woher des Wegs? fragte er kurz und grob. Von da oben! Mit diesen Worten wies Frommherz gen Himmel. Der Handbewegung des Gelehrten folgte unwillkrlich der Blick des Schutzmannes. Machen Sie keinen Unsinn! Ich verbitte mir das! schrie er. Also nochmals, woher kommen Sie? Von jenseits des Erdenkreises, antwortete Frommherz lchelnd. Diese Antwort ging ber Schutzmann Dietrichs schwaches Begriffsvermgen. Der Mann hier ist mit einem Luftschiffe gekommen. Ich sah es von weitem, mischte sich jetzt einer der neugierigen und freiwilligen Begleiter des Gelehrten in das Verhr. So, so, ist das also ein solcher Reisender? erwiderte der Schutzmann etwas gedehnt. Ja, jetzt fahren sie fters ber die Grenzen weg in unser Land hinein und stellen allerlei Unfug an. Wieder traf Frommherz ein finsterer Blick unverhohlenen Mitrauens. Wer sind Sie? inquirierte der Schutzmann weiter. Ein engerer Landsmann, ein Schwabe wie Sie! Das glaub' ich nicht. Sie sehen gar nicht so aus. Wo sind Ihre Ausweispapiere? Ich fhre keine bei mir. Das gengt! Also schriftenlos und herumvagabundierend. Sie kommen mit mir zur Polizei, entschied der Vertreter der heiligen Hermandad. Die Sache wird sich bald klren, erwiderte Frommherz und folgte seinem grimmigen Fhrer. Die Geschichte fing an, ihm Spa zu machen, war sie doch so recht heimatlich. Herr Polizeikommissarius Gustav Grobschmiedle, zu dessen Abteilung Schutzmann Dietrich gehrte, war nicht wenig berrascht, als die Tr seines Amtszimmers aufging und ber dessen Schwelle ein hchst merkwrdig gekleideter Mann trat, hinter ihm der Polizist mit schlauem Lcheln. Ein richtiger Vagabund im Fastnachtsanzug, brummte Herr Grobschmiedle vor sich hin, als er den sonderbaren Fremden von der Seite mit stolzer, verchtlicher Amtsmiene gestreift hatte. Rapportiere gehorsamst, Herr Kommissr, da ich diesen Mann hier, weil schriftenlos und in unpassendem Aufzug sich am frhesten Morgen auf dem Wasen herumtreibend, als verdchtig aufgegriffen habe. Whrend der Schutzmann seinen Bericht herausschmetterte, legte Frommherz in aller Seelenruhe, sein elegantes Bndel auf die Bank an der Wand. Der Kommissr und der Schutzmann hatten sein Tun scharf beobachtet. Ihre Blicke begegneten sich. Diese kostbare Tasche mu der Kerl irgendwo gestohlen haben, drckte die Augensprache der beiden deutlich aus. Der Eingelieferte wandte sich nun nach dem Beamten um. In seinen klaren, blauen Augen lag ein so hoher, zur Achtung zwingender Ausdruck, da der Kommissr unwillkrlich etwas hflicher, als es sonst seine Gepflogenheit war, das Verhr begann. Ihr Name? Fridolin Frommherz. Geboren? 26. September 19 . . Wo? In Cannstatt. Beruf? Frher Professor an der Landesuniversitt in Tbingen. Ich mu Sie darauf aufmerksam machen, nur streng der Wahrheit entsprechende Angaben zu machen. Fr mich ganz selbstverstndlich! Letzter Aufenthaltsort? Lumata. Lu--Lu--Lu--ma--mata? Lumta! Das a scharf gesprochen, korrigierte Frommherz. Kenn' ich nicht. Wo liegt denn der Flecken? Auf dem Mars. Mars? Was ist denn das fr ein Land? Das ist ein Planet, hnlich unserer Erde, nur einige Millionen Kilometer von ihr entfernt. Herr, Sie wollen mich scheint's nur zum besten haben? brauste Herr Grobschmiedle auf. Durchaus nicht, mein Lieber. Ich bin nicht Ihr Lieber. Verstehen sie mich? brllte der Kommissar. Gewi! Ich habe ja noch glcklicherweise ein gutes Gehr. Der Mann soll mit einem Luftschiffe gekommen sein, warf Schutzmann Dietrich ein. Sie hab' ich nicht danach gefragt, schnaubte Herr Grobschmiedle seinen Untergebenen an. Es ist so, wie der Mann sagt, besttigte Frommherz. Und Sie haben nur zu antworten, wenn ich Sie frage, schrie der Kommissr zornig. Sie stehen hier vor einem Vertreter der Staatsgewalt und haben sich dementsprechend zu benehmen. ber das Gesicht Frommherz' huschte ein spttisches Lcheln. Warum lachen Sie? Nur ber die Art meines ersten Empfanges in der teuren Heimat nach mehr als vierzehnjhriger Abwesenheit. Sie haben keine Ausweispapiere bei sich? fuhr der Beamte fort, ohne die Bemerkung Frommherz' zu beachten. Nein, ich sagte dies bereits dem Schutzmann. Das ist sehr verdchtig. Zu ihrem anstigen Aufzug pat berdies die Tasche nicht, die Sie da mitbrachten. Und . . . hm . . . und Ihre brigen Angaben glaube ich Ihnen einfach nicht. Das verble ich Ihnen nicht im geringsten, zumal dieser Glaube Ihre Privatsache ist, erwiderte der Gelehrte. So geben Sie also zu, unwahre Angaben gemacht zu haben? Aber der Kommissr hatte kaum diese verletzenden Worte gesprochen, als sich Frommherz in voller Gre stolz aufrichtete. Mein Herr! redete er den Kommissr an. Sie mgen meine Angaben in Zweifel ziehen, das ist, wie ich sagte, Ihre persnliche Angelegenheit. Ihre Pflicht aber ist es, diese Angaben zunchst ruhig und sachlich auf ihre Richtigkeit zu prfen. Das mu ich auf das entschiedenste verlangen. Es ist ein Akt selbstverstndlicher Billigkeit. Bis jetzt bereitete mir die Art, wie ich hier nach meiner Rckkehr von einem fernen Weltkrper empfangen und behandelt wurde, einen gewissen Spa. Es ist hchste Zeit, ihm nun ein Ende zu machen. Haben Sie die Gte, sofort nach Tbingen an Herrn Professor Stiller zu depeschieren. Dieser Herr wird nicht nur umgehend die Angaben ber meine Person als vllig richtig besttigen, sondern auch jede gewnschte Brgschaft Ihnen gegenber leisten, damit ich aus dieser geradezu unwrdigen Behandlung tunlichst schnell befreit werden kann. Staunend hatte der Kommissr dieser Rede gelauscht. So wie dieser Mann da hatte noch niemals vorher ein Eingelieferter mit ihm zu sprechen gewagt. Sein sonst so stark ausgeprgter Beamtendnkel hatte zum ersten Male eine krftige Erschtterung erfahren. Verlegen kratzte sich Grobschmiedle hinter dem Ohre. Wenn der Kerl nun doch kein Spitzbube wre? Der Kommissr erinnerte sich pltzlich, da ihm schon mancher gewandte und wohlgekleidete Gauner aus den Fingern geschlpft war, und da er sich umgekehrt schon an manchem Unschuldigen vergangen hatte, nur weil er verschchtert war und uerlich einen weniger gnstigen Eindruck gemacht hatte. Verschiedene Klagen waren hin und wieder gegen seinen bereifer laut geworden und hatten ihm derbe Nasenstber und Warnungen von seiten seiner Vorgesetzten eingetragen. Der augenblickliche Fall war verzwickt und mahnte zur Vorsicht. So viel stand fest. Aber das Mitrauen war nun einmal in ihm rege. Fortlassen konnte und durfte er doch nicht ohne weiteres einen Menschen, der nicht einmal das geringste glaubwrdige Ausweispapier mit sich fhrte. Ich bin zu meinem Vorgehen Ihnen gegenber kraft des Gesetzes berechtigt, erklrte er endlich nach lngerer berlegung. Das mag sein. Dieses Gesetz hindert Sie aber gewi nicht, meinem Wunsche zu entsprechen und sogleich Erkundigungen ber mich einzuziehen, entgegnete Frommherz bestimmten Tones. Hm, hm, nein, das allerdings nicht. Wer zahlt aber die Depesche? Natrlich ich! Frommherz schlo seine Tasche auf, entnahm ihr eine alte seidene Brse, in der er noch einige Dutzend deutscher Goldstcke aufbewahrt hatte. So setzen Sie selbst die Depesche auf, antwortete Grobschmiedle auffallend milder gestimmt, als er die gut gefllte Brse des Fremden erblickte, und schob ihm ein Telegrammformular mit Feder und Tinte zu. Frommherz warf mit krftigen Zgen folgende Depesche auf das Papier: Professor Dr. Stiller, Universitt Tbingen. Heute frh vom Mars hier gelandet, wurde ich von Cannstatts Polizei in Verwahr genommen, weil keinen befriedigenden Ausweis ber meine Person in Marsitenkostm besitzend. Befreie mich sofort aus der komisch-kritischen Lage, in die ich geraten. Herzlichen Freundes- und Brudergru Fridolin Frommherz. Besorgen Sie die Depesche, Dietrich, befahl der Kommissr. Ich habe noch eine kleine Bitte! Was soll's sein? brummte der Beamte. Wrden Sie mir nicht eine Tasse Tee oder Kaffee nebst einigen Brtchen gestatten? Warum nicht, entgegnete der Kommissr, der inzwischen die Depesche gelesen und durch ihren Inhalt sich mehr und mehr aus der Rolle des Anklgers und Beschuldigers in die des unbewut Schuldigen fallen fhlte. Das Telegramm war aufgegeben. Frommherz hatte mit Behagen sein erstes frugales Frhstck auf Erden wieder im Amtszimmer des Polizeigewaltigen verzehrt und machte nun in seinem Tagebuche die letzten Notizen. So waren gegen zwei Stunden ruhig verflossen, als in sausender Geschwindigkeit ein Autoelektrik in Cannstatts Mauern einfuhr und vor dem Polizeikommissariat hielt. Dem Wagen entstiegen drei Herren. Die Tre des Amtszimmers wurde hastig aufgerissen, und herein strzte als erster Piller. Ha, er ist's, er ist's tatschlich! Ich kenn' ihn an der Narbe auf seiner Stirn. Her an meine Brust, Fridolin, Freund und Bruder! schrie Piller voll freudiger Aufregung und umarmte den von seinem Sitze Aufgestandenen. Auch Stiller und Brummhuber begrten den so unerwartet wiedergekehrten Freund auf das innigste. In Piller aber kochte es wie in einem Vulkane ber den seinem Freunde angetanen Schimpf. So, also da herein in dieses belriechende Wachtlokal haben sie dich geschleppt, nachdem du kaum den Boden des teuren Schwabenlandes betreten? wetterte er. O heilige Einfalt, dreimal gebenedeite Dummheit! Der Herr hatte keine Ausweispapiere, suchte sich der Kommissr zu entschuldigen. Auch der ganze Aufzug war uns verdchtig, kurz . . . aber Piller lie Herrn Grobschmiedle nicht ausreden. Mensch, ihre pyramidale Dummheit hat Sie heute zu einem weltberhmten Mann gemacht und Ihnen die Unsterblichkeit gesichert. Hier steht der Gelehrte, der nach vierzehnjhrigem Aufenthalte auf dem Planeten Mars wieder zur Erde zurckkehrte, und den zuerst zu empfangen und zu begren Sie die hohe Ehre hatten. Und wie wrdig haben Sie sich dieser Ehre gezeigt! brllte Piller heraus und wand sich frmlich vor Lachen. So etwas an Tollheit kann wahrlich nur bei uns vorkommen! Ein Schwabenstreich, wie er im Buche steht! La gut sein, bat Frommherz den Aufgeregten. Der Mann tat ja nur seine Pflicht. Jetzt ist ja alles wieder gut. Das einzig Richtige ist, wir lachen ber die Sache. Fridolin hat recht. Freuen wir uns, da er wieder bei uns ist, und verzeihen wir den Migriff des Beamten, riet Stiller. Der Kommissr, der schon die Dienstentlassung vor Augen sah, atmete erleichtert auf, als er diese Worte hrte. Und als Frommherz auf ihn zutrat und ihm mit freundlichem Zuspruche die Hand zum Abschiede reichte, da schimmerte es feucht aus den Augen des Gefhlsregungen sonst wenig zugnglichen Polizeibeamten. Nun heraus aus der Bude und nach dem Kursaal! drngte Piller. Ich habe das dringende Bedrfnis nach einem Bade, erklrte Frommherz. Sollst es haben! Whrenddessen bestellen wir ein ordentliches Essen und besorgen dir hier einen modern irdischen Anzug; denn im Marsitenkostm, an dem die Spuren deiner Reise kleben, kannst du nicht unbelstigt unter Erdenmenschen wandeln, bemerkte Piller. Habe es bereits erfahren, entgegnete Frommherz lchelnd. Dann stiegen die Herren in das Auto, und hinaus ging es an Cannstatts schnsten Ort. Mit Blitzesschnelle hatte sich inzwischen von der Vorstadt Cannstatt aus in ganz Stuttgart das Gercht verbreitet, der siebente und letzte der Gelehrten, der einst auf dem Mars zurckgeblieben, sei heute in aller Frhe von dort wieder zurckgekehrt und auf dem Wasen aus einem Fahrzeuge gestiegen, wie es in dieser Form und Gre bisher hier noch nicht erblickt worden sei. Nach der Landung habe sich das Luftschiff schleunigst wieder entfernt. Anfnglich wollte man die Nachricht nicht glauben. Aber als es hie, der Zurckgekehrte sei von der Polizei einige Stunden hindurch zurckgehalten worden, wurden von vielen Seiten Anfragen an das Kommissariat gerichtet, das das Gercht als vollkommen wahr besttigte. Auch das Erscheinen der drei berhmten Weltensegler und allgemein gekannten Tbinger Professoren auf dem Polizeiamte in Cannstatt hatte begreifliches Aufsehen erregt, das um so grer wurde, als kurz darauf mit den drei gelehrten Herren zusammen eine vierte Persnlichkeit im Kostm eines alten Griechen mit wirrem Kopf- und Barthaar das Kommissariat verlie und gegen den Kursaal zu abfuhr. Nun war es vollkommen klar, da diese vierte Persnlichkeit niemand anders als Professor Frommherz sein knne. Als die vier Freunde sich soeben am einladend gedeckten Tische im Kursaal niedergelassen und ihrer Freude ber die endliche Wiedervereinigung von neuem Ausdruck verliehen hatten, erschien der Oberbrgermeister von Stuttgart Dr. Graus mit dem Brgerausschu-Obmann Dr. Herlanger, um Professor Frommherz wenigstens von sich aus, wie er betonte, zu begren und zugleich sein Bedauern ber den bereifer der Polizei auszusprechen. Htten wir auch nur die leiseste Ahnung von Ihrer Rckkehr gehabt, wir wrden Sie in gleich ehrender offizieller Weise bei uns willkommen geheien haben wie seiner Zeit Ihre Freunde, sprach der Stadtgewaltige. Daran zweifle ich nicht, entgegnete Frommherz, aber es entspricht mehr meinem innern Empfinden, einfach und still, ohne ffentliche Feier und Begrung zur Heimat zurckgekommen zu sein. Im brigen wre es mir schlechterdings auch nicht mglich gewesen, Ihnen vorher meine Ankunft anzuzeigen. Er htte eben auerhalb Deutschlands landen mssen wie wir, dann wre es gegangen, schmunzelte Piller vergngt. Nehmen Sie an unserm Tische Platz, Herr Oberbrgermeister, und feiern Sie mit uns zusammen des Freundes unverhoffte Rckkehr. Doch der Oberbrgermeister lehnte dankend ab und empfahl sich. Herr Ober, rief Piller, bitte, kommen Sie einmal hierher. Der Oberkellner gehorchte. Lassen Sie niemand, wer es auch sei, in unser Zimmer herein. Wir wollen ungestrt fr uns sein. Ich verstehe, erwiderte der Befrackte dienstbeflissen. Gut gemacht! lobte Brummhuber. Wir knnten sonst kein Wort mehr ruhig miteinander sprechen. Und nachher fahren wir zu mir in mein Heim auf den Bopser. Das soll nun auch einstweilen das deine sein, Fridolin. Von Tbingen lassen wir uns fr die nchsten Tage Dispens erteilen, schlug Stiller vor. Die Freunde waren damit einverstanden. Den ersten Gru der Heimat brachte mir gewissermaen der Obelisk, erzhlte Frommherz. In seiner Nhe landete unser Luftschiff, und so erfuhr ich durch seine Inschrift, da ihr alle einst glcklich und wohlbehalten wieder zurckgekommen seid, was mich auerordentlich gefreut hat. Was machen Hmmerle, Thudium und Dubelmeier? Sind leider inzwischen gestorben, antwortete Brummhuber. Wie sehr bedaure ich diese traurige Kunde! Wir werden dir gelegentlich das Nhere darber erzhlen. In dieser Stunde des Wiedersehens wollen wir alles Traurige von uns fernhalten, bemerkte Stiller. Stiller hat recht! Sage mir aber zunchst, Fridolin, bist du absichtlich oder unabsichtlich auf dem Wasen niedergegangen? fragte Piller. Mit vollster Absicht, schon des groen Platzes wegen, auf dem das gewaltige, fr ununterbrochene Hin- und Rckfahrt eingerichtete Fahrzeug mit aller Sicherheit landen konnte. Das ist ein Grund, der gelten kann. Wieviel Marsiten begleiteten dich? Fnf in jeder Hinsicht ausgezeichnete Mnner, darunter auch Zaran, Erans Neffe. Einige Stunden oder Tage htten sich deine Begleiter ohne Schaden auf der Erde und in unserm Schwabenlande aufhalten knnen. Da sie uns keiner weiteren Beachtung wrdigten und sofort wieder dahin den Kurs lenkten, woher sie gekommen waren, das htte kein Sterblicher unseres Planeten fertig gebracht. Welch ein Mangel an Neugierde, vor allem aber, welch groe Nichtachtung liegt auch in diesem hastigen, einer Flucht gleichkommenden Verschwinden! urteilte Piller. Sie wollten mit der Erde nichts zu tun haben, nicht einmal berhrt, gestreift werden durch den Hauch ihres Lebens, entschuldigte Frommherz seine Begleiter. Kein Kompliment fr uns, lachte Brummhuber. Sicherlich nicht. Aber sie handelten korrekt, folgerichtig, antwortete Frommherz. Und taten ungefhr dasselbe, was du vorhin selbst getan hast, Piller, fgte Stiller hinzu. Ich? Wieso? fragte Piller erstaunt. Ja, du. Du verbatst dir ja auch, nachdem der Oberbrgermeister von Stuttgart hier gewesen, jeden weitern Besuch und Verkehr von auen her und wolltest dadurch unsere geschlossene Gesellschaft vor aller Profanierung schtzen. Just so machten es aber auch die Marsiten, erwiderte Stiller. Die Herren lachten. Stiller ist immer noch derselbe, erklrte Piller seinem Freunde Frommherz. Seiner Dialektik bin ich nicht gewachsen. Wie lange warst du unterwegs? forschte Brummhuber. Genau nach Erdenma gemessen drei Monate. Nur? Lange genug, trotzalledem. Gewi! Und die furchtbaren Gefahren und Entbehrungen, die wir bei unserem Fluge durch den Weltenraum einst durchgemacht, werde ich niemals vergessen, und wrde ich so alt wie Methusalem, gestand Brummhuber offen. Wie ging es denn dir unterwegs? Eine etwas versptete Frage, nicht? fragte Stiller herzlichen Tones. Verhltnismig ertrglich. Doch gab es auch allerlei Gefahren zu bestehen, und ich glaube, da meine Marsiten bei aller Khnheit, Unerschrockenheit und Geschicklichkeit, die sie bewiesen, froh sein werden, wenn sie glcklich wieder auf ihrem wunderschnen Planeten angelangt sein werden. Ja, es ist ein irdisches Paradies, dieses Land des Mars. Wie oft hat uns danach schon das Heimweh, die Sehnsucht gepackt! seufzte Piller. Es war aber doch besser, meine Freunde, da ihr nicht oben geblieben seid. Mein lieber Fridolin, damals, als wir fortzogen, warst du vllig anderer Meinung, entgegnete Brummhuber. Gewi. Ich habe sie aber seitdem gendert, nicht infolge uerer, vernderter Lebensbedingungen auf dem Mars, nein, von Innen nach langen, schweren Kmpfen, langsam aus mir selbst heraus. Ich fand, da Freund Stiller recht hatte, da er eine sittliche Tat vollbrachte, als er mit euch zur Erde wieder zurckkehrte und ein Leben voll Mhe und Enttuschung dem ruhiger und angenehmer Beschaulichkeit vorzog. Und als ich mich endlich zu dieser Erkenntnis durchgerungen hatte, da reifte in mir der Entschlu, dem gegebenen Beispiele zu folgen. So kam ich wieder und bekenne ohne Zgern, da ich dadurch den Fehler, den ich einst durch meine Abtrennung von euch beging, wieder gut zu machen suchte. Ich wei nicht, ob du recht getan hast, bemerkte Piller. Oft war ich der Meinung, als ob du den besten Teil gewhlt, wir aber tricht gehandelt htten, deinem Beispiele nicht gefolgt und oben geblieben zu sein. Wir muten fortgehen. Wie oft sagte ich das schon! rief Stiller. Da Freund Fridolin sich im Laufe der Jahre meine Anschauung auf dem Mars zu eigen gemacht und sich ebenfalls zur Rckkehr entschlossen hat, ist der schnste Beweis fr die Richtigkeit unserer Handlungsweise. Dagegen lt sich nun so wie so nichts mehr einwenden, warf Brummhuber ein. Jetzt sind wir wieder unten auf der Erde und werden wohl auch fr immer hier unten bleiben mssen. Wir passen auch nicht zu den Marsiten. Das wuten unsere Gastgeber ebenfalls ganz genau. Ihr Wesen, in vielem mit dem unsern verwandt, ist, wenn ich mich so ausdrcken darf, therischer, feiner geprgt. Dadurch war schon eine Scheidewand zwischen ihnen und uns gezogen. Und was konnten wir ihnen, den so Hochstehenden, bieten? Doch nur sehr wenig, lange nicht gengend, um ihre groartig gebte Gastfreundschaft auch nur einigermaen befriedigend wieder auszugleichen, sprach Frommherz. Das stimmt, besttigte Piller. Was von der Erde stammt, ist eben anders geartet als das dem Mars Entsprossene, fuhr Frommherz fort. Die feinen, aber doch merkbar trennenden Unterschiede lernte ich in den langen Jahren meines Aufenthaltes nach und nach kennen. So wage ich denn zu sagen, da wir uns oben als alleinstehende Mnner, ohne Familie, ohne die Mglichkeit in dem Marsvolke selbst aufzugehen, am Ende innerlich als Fremde gefhlt haben wrden, trotz der Schnheit des Daseins, der Herzlichkeit und Liebenswrdigkeit unserer Freunde. Was Fridolin soeben ausgesprochen, vertrat ich in hnlicher Weise einst in Angola. Ganz besonders danke ich unserm Freunde fr sein offenes Bekenntnis. Die Gefhle reinen Glckes bei der Erinnerung an jene unvergelich schne Zeit auf dem Mars bleiben bestehen, solange wir noch atmen drfen, aber das tief Schmerzliche, das nun einmal jeder groen Entsagung anhaftet, es ist durch Fridolins Worte, durch seine freiwillige Rckkehr zu uns wesentlich gemildert worden, bemerkte Stiller. Piller schneuzte sich wieder krftig. Finden wir uns damit ab, soweit es mglich ist, entgegnete er nach kurzer Pause. Unser irdisches Leben scheint sich nun einmal nicht harmonisch gestalten lassen zu wollen. Die wirklich schnste Melodie des Lebens, die meinen Enthusiasmus erweckt, die mich, den realen Praktiker der Wissenschaft, in holde Trume zu wiegen vermocht, ich hrte sie niemals hier unten, sondern wohl zum ersten und auch letzten Male oben auf dem Lichtentsprossenen. Erstaunt blickte Fridolin Frommherz auf Piller. Eine solche Sprache hatte er frher, in alter Zeit, von dem allem Idealen so wenig geneigten Manne niemals gehrt. Ja, ja, unser Freund Piller hat sich seit seinem Aufenthalte auf dem Mars in dieser Richtung etwas gebessert, erklrte Stiller, der den erstaunten Blick Fridolins bemerkt und richtig verstanden hatte. Es ging uns allen mehr oder weniger gleich, ergnzte Brummhuber. Eine tiefe Stille trat ein. Da schlugen zuerst leise, dann immer krftiger anschwellende Akkorde einer ausgezeichneten Musik auen vor dem Kursaale an ihr Ohr. Sie formten sich zu einer imposanten Melodie, der die vier Gelehrten, angenehm berrascht, lauschten. Es war die Hymne, die Kapellmeister Klingler vor elf Jahren bei Anla des Einzuges der sechs zurckgekehrten Schwabenshne in Stuttgart komponiert hatte, und die er nun Frommherz zu Ehren mit seiner Kapelle da drauen vortrug. Dahinter steckt der Oberbrgermeister! Jetzt begreife ich, warum er unsere Einladung zum Bleiben ablehnte und so hastig verschwand, rief Piller. Eine liebenswrdige Aufmerksamkeit, frwahr, die ich dankbar anerkenne, lobte Frommherz. Einige weitere, ausgesucht schne Musikvortrge folgten der Hymne an Schwabens khnste Shne. Dann zog die Kapelle wieder ab. Fr uns ist es nun auch Zeit, an den Aufbruch zu denken, mahnte Stiller. Als die Herren aus dem Gebude traten, wurden sie durch eine zweite Aufmerksamkeit des Oberbrgermeisters von Stuttgart berrascht. Die weigekleidete Tochter des stdtischen Oberhauptes in Gesellschaft einiger anderer ebenfalls festlich geputzter Mdchen bergab mit einer kurzen Ansprache Frommherz einen frischen Lorbeerkranz, dessen seidene Schleifen die Farben der Residenz und des Landes trugen. Frommherz nahm den Lorbeerkranz mit Worten herzlichen Dankes entgegen und schttelte jedem der blhenden, ihn mit scheuer Ehrfurcht betrachtenden Menschenkinder warm die Hand. Stiller war unterdessen ins Haus zurckgeeilt und hatte ein kurzes Zwiegesprch mit dem Wirte gehalten. Nun kam er wieder zurck und lud die Mdchen im Namen des Gefeierten zu einer Erfrischung ein, die von ihnen mit Jubel angenommen wurde. In unserm groen Auto haben die Kinder auch noch Platz. Wir bringen sie hinauf nach Stuttgart, schlug Stiller vor. Gern willigten die andern Freunde ein. Mit welch stolzer Befriedigung fuhren nachher die Mdchen, die nun jede Scheu verloren hatten, mit ihren berhmten Begleitern durch Cannstatt, ber die Karlsbrcke und durch die im Gewande des Frhlings prangenden Anlagen nach Stuttgart! Die Freude ber die ihnen erwiesene Auszeichnung leuchtete aus den strahlenden Augen der Kinder, als sie auf dem Schloplatze aus dem Auto stiegen und sich von den Gelehrten verabschiedeten. Unter den brausenden Hochrufen einer rasch sich ansammelnden Menschenmenge fuhren die Freunde Stillers Heim zu. Einfach, aber wrdig war der Empfang. Er hat mir gefallen und mich vollkommen befriedigt, erklrte Frommherz. Wahrhaftig, mir machte er einen besseren Eindruck als der unsere damals, als wir auf dem Hasenberge ankamen, meinte Brummhuber. Weil er sich unvorbereitet, so ganz aus sich selbst heraus vollzog, bemerkte Stiller. Die Herren hatten es sich im Hause ihres Freundes bequem gemacht und saen in anregendem Gesprche in dem bekannten groen Balkonzimmer. Wenn groe Ereignisse mein seelisches Empfinden berhren, so fhle ich stets einen merkwrdigen Durst und . . . Doch Stiller lie seinen Freund Piller nicht ausreden. Ich verstehe dich auch ohne diese Einleitung, lachte er frhlich. Piller ist nmlich immer noch derselbe Durstige wie frher, erklrte er Frommherz. Du sollst deinen Trunk haben, lieber Piller. Wir alle wollen ein Glas auf das Wohl des teuren, uns wiedergeschenkten Freundes leeren. Der Wein wurde gebracht. Die Glser hatten ausgeklungen. Der Abend senkte langsam seine Schatten auf das Husermeer im Tale, whrend die Bopserhhe sich noch in den Strahlen der untergehenden Sonne golden badete. Da begannen unten in der Stadt die Glocken anzuschlagen. Wir haben doch meines Wissens morgen keinen Festtag, der am Abend vorher eingelutet werden sollte? fragte Brummhuber. Nicht da ich wte, erwiderte Piller. Es gilt ohne Zweifel unserm Freunde Fridolin, bemerkte Stiller. Die alte Heimat will ihrem wiedergekehrten Sohne durch den ehernen Mund der Glocken lauten Willkomm bieten. Du magst recht haben, erklrte Brummhuber. Eine volle halbe Stunde whrte das harmonische Gelute, dann verstummte es . . . Und die Sonne, die Spenderin alles Lichtes und Lebens, war inzwischen im Westen verglht. Leise bewegten sich im leichten Abendwinde die blhenden Bume an der Talseite und sandten ihren Duft herauf zu den Gelehrten, die da an den offenen Fenstern des Gemaches saen und die Lieblichkeit des Landschaftsbildes still genossen. Was kommt denn da die Weinsteige herauf? fragte Brummhuber erstaunt und machte seine Freunde auf eine Masse von Lampions aufmerksam, die sich einer feurigen Schlange gleich gegen die Bopserhhe zu bewegten. Fridolin, das gilt dir, lachte Piller. Ich bin wirklich begierig, was dir und uns noch diesen Abend bevorsteht, uerte sich Stiller. Unser Oberbrgermeister scheint die kurze Zeit heute fieberhaft ausgentzt zu haben, um deine Rckkehr wrdig zu ehren. Das kommt mir auch so vor, antwortete Frommherz. Ich wrde aber am liebsten auf jede weitere Ehrung verzichten. hnlich uerte ich mich dem Oberbrgermeister gegenber ja schon am Kursaale. Ergib dich in dein unvermeidliches Schicksal, Freund Fridolin! Ohne Sang und Klang darf dieser denkwrdige Tag nicht in der unwiederbringlich verlorenen Vergangenheit verschwinden, sprach Piller. Nher dem Hause kam der Zug. Es war die Liedertafel von Stuttgart, die da durch den Garten zog und sich vor dem Hause aufstellte. Eine feierliche Stille trat ein. Dann intonierte der groe Mnnerchor das prachtvolle Lied: Des Vaterlandes Gru. Frommherz, tief bewegt durch den vollendet schnen Vortrag, war mit seinen Freunden zu den Sngern getreten und dankte ihnen mit innigen Worten. Stiller lud die Snger zu einem khlen Trunke ein. Piller sorgte, untersttzt durch die Dienerschaft des Hauses, fr das Getrnk, und bald entwickelte sich in dem Garten ein feucht-frhliches Sngerleben. Noch ein Lied zum Abschied, dann ein Hoch auf den Zurckgekehrten, und der Mnnerchor bewegte sich in der gleichen Weise, wie er gekommen, abwrts, der Stadt wieder zu. Am mitternchtigen Himmel aber stand in strahlender Schnheit Mars, das freiwillig aufgegebene Paradies der Shne Schwabens. Zwlftes Kapitel. Fromme Wnsche. Whrend die fhrenden Zeitungen am Tage nach Frommherz' Rckkehr den Gelehrten in achtungsvoll gehaltenen Leitartikeln begrten und feierten, saen die Freunde in Stillers gemtlichem Balkonzimmer und lauschten dem Berichte des Weltenseglers. Aber ohne Miton in der Begrung durch die Presse sollte es leider nicht abgehen. Das seit kurzer Zeit bestehende Organ Der Volksmund, das seine Unbedeutendheit durch maloses Schimpfen auf alles, was ihm nicht in den Kram pate, zu decken suchte, brachte einen Artikel, der nicht nur gegen Frommherz allein, sondern auch gegen die brigen khnen Marsbesucher gerichtet war. Warum, so fragte das Organ, ist dieser Mann zurckgekommen? Entweder hat man ihn fortgewiesen, wo er war, oder er ist selbst gegangen -- was wir annehmen wollen -- weil eben auf jenem Planeten die Lebensbedingungen doch nicht die sind, von denen seine Freunde einst vor Jahren so viel Aufhebens machten. Schon damals war es zu verwundern gewesen, da die Herren ein Eldorado verlassen haben, in dem ihren eigenen Aussagen nach Milch und Honig flieen und alles vollkommen sein sollte. Ihre Behauptungen konnte man natrlich nicht widerlegen, und so mute man sie eben achselzuckend und zweifelnd fr einstweilen annehmen. Nun aber, da Fridolin Frommherz wieder auf die Erde niedergestiegen, hat er seinen grosprecherischen Freunden unwillkrlich eine hchst derbe Lektion erteilt und sie durch seine Rckkehr gewissermaen Lgen gestraft. Kein vernnftiger Mensch kann allen Ernstes mehr glauben, da Mars das sogenannte Paradies sein soll. Eva und Adam sind, biblisch gesprochen, auch nicht freiwillig aus dem Paradiese fortgegangen, noch weniger aber ziehen Mnner, die, wie die Weltreisenden, von Jugend auf nur an Wohlleben gewhnt sind, von einem Orte weg, der angeblich das wirkliche Schlaraffenland vorstellt. Da steckt anderes dahinter, das man natrlich nicht zu gestehen wagt, um sich billige Lorbeeren um den kecken Kopf zu legen, schlo der Artikel. Das Blatt war mit der Morgenpost Stiller zugesandt worden. Er wrde es gar nicht weiter beachtet haben, da aber der Artikel selbst mit dicken roten Strichen umgeben war, so erregte dies Stillers Interesse. Er berflog den Inhalt kurz und wandte sich dann dem zurckgekehrten Freunde zu. Fridolin, bitte, eine kleine Unterbrechung in deiner Erzhlung. Das Machwerk, das ich hier in der Hand habe, verdient allerdings keine besondere Beachtung, das wre gewissermaen eine Ehrung, aber es zeigt doch, auf welchem Tiefstand der Gesinnung sich noch manche Menschen bewegen, die sich anmaen, legitime Vertreter der ffentlichen Meinung zu sein. Stiller las den Artikel vor. Er regte nur Piller auf. Giftkrten, die man zertreten sollte, schimpfte er. Leichtfertige Menschen dieser Art sind mehr zu bedauern als zu verdammen, antwortete Stiller. Ach was bedauern, knurrte Piller. Ausreien mu man das Unkraut. Damit bin ich nur insofern einverstanden, als es sich um wirklichen Auswurf des Menschengeschlechtes handelt. In vorliegendem Falle aber ist es tatschlich der Mangel an Einsicht, an wirklicher Bildung, dieser fundamentalen Grundlage der vernnftigen Selbstkritik, der uns hier gegenbertritt, und das ist es, was ich bedaure. Ich stimme dir bei, sprach Frommherz. Ein Mensch, der sich seiner Wrde als solcher bewut ist, wird niemals niedrig denken und handeln. Die Menschen auf die Hhe des wahren Menschentums zu heben, an dieser Arbeit krftig mitzuwirken, war ja einer der treibenden Grnde meiner Rckkehr. Eine Sisyphusarbeit, rief Piller. Ausdauer und fester Wille werden sie bewltigen und ihr schlielich zum Erfolge helfen. Nicht uns wird sie gelingen, nein, dazu bedarf es der Zeit von Jahrhunderten, aber als Arbeiter im Dienste des Wahren, Guten und Schnen mssen wir schon jetzt unser Bestes zur Verwirklichung des Menschheitsideales beizutragen suchen. Doch nun fahr in deinem Berichte fort, Fridolin, bat Stiller. Frommherz schilderte seinen Freunden, wie die ihrer Abreise folgenden Jahre auf dem Mars mit der Bearbeitung des Wrterbuches vorbergegangen seien, wie er im Hause Bentans in Angola gelebt und auch dort einen zarten Liebestraum getrumt habe. Er verschwieg nicht den Schmerz, den die Entsagung, der Verzicht auf die Erfllung seiner sehnschtigen Wnsche ihm zuerst verursacht habe, in der Arbeit aber habe er den besten Trost und Wiederaufrichtung gefunden und spter Bentans ablehnende Haltung seinem Herzenswunsche gegenber als vllig berechtigt und nur seinem eigenen Wohle dienend anerkennen mssen. Dann berichtete er ausfhrlich von dem Riesenwerke, das die Marsiten ausgefhrt. Mit auerordentlicher Teilnahme hrten die drei Freunde von dieser gewaltigen Tat des Solidarittsgefhles der Marsiten. Groartig, wirklich groartig! rief Piller, erregt vom Stuhle aufspringend und mit hastigen Schritten das Zimmer messend. Und denke dir, Fridolin, Stiller hat das von hier aus mit dem Fernrohre verfolgt! Noch vor wenigen Monaten, am 7. Dezember letzten Jahres, sprachen wir in diesem selben Zimmer davon, und unser Freund zeigte uns nachher das vernderte Kanalsystem auf dem Mars durch das Teleskop. Bentigst du nicht wieder eines Schppleins? foppte Brummhuber. Warum nicht? Doch ich werde dir brummigem Huber mit dem vortrefflichen Namen einmal beweisen, da auch ich verzichten kann. Fridolin, fahre fort! Frommherz erzhlte von der umformenden Wirkung, die die gemeinsame Arbeit mit den Marsiten, ihr Nherkennenlernen in den Jahren der Not in seinem Denk- und Empfindungsvermgen nach und nach hervorgebracht, und wie dadurch von ihm endlich auch die frhere Handlungsweise des Freundes Stiller begriffen worden sei. Mit dem Begreifen sei dann der Entschlu in ihm gereift, dem gegebenen Beispiele zu folgen und in gleichem Sinne wie Stiller auf der Erde zu wirken. Nach Anans Tode sei Bentan an dessen Stelle getreten, und in der ersten Versammlung des Stammes der Weisen unter Bentans Vorsitz habe er sein Anliegen vorgebracht, das von den Marsiten auf das gnstigste aufgenommen worden sei. Es war in demselben Saale des Palastes in Angola, in dem wir sieben einst zum letzten Male zusammen waren, fuhr Frommherz fort. Dort befinden sich eure Bilder mit den nhere Angaben tragenden Marmortafeln. In hohem, ehrendem Andenken lebt ihr dort oben weiter. Und von allen Seiten, besonders aber von dem ehrwrdigen Eran, wurden mir fr euch die innigsten Gre und die besten Wnsche fr euer Wohlergehen mitgegeben. Und nun hat der Tod drei von uns weggerafft, die ich nicht mehr sehen durfte. Meine Reise war lang, aber sehr ertrglich. Einige Male kam unser Fahrzeug in die gefhrliche Nhe einer Kometenbahn; fast wren wir mit einem Meteoriten von gewaltigen Dimensionen zusammengestoen, und beim Eintritt in die Erdatmosphre drohten die Blitze des schrecklichsten Gewitters, das ich je erlebt, unser Luftschiff zu entznden; sonst aber verlief der Flug durch den ungeheuren Weltenraum gnstig. Ein Blick auf Eros und ein Besuch auf dem Monde bot eine Flle des Interessanten, von dem ich euch einmal eingehend berichten werde. In Sibirien, beim Baikalsee, trafen wir auf die Erde. Von dort nahm das Luftschiff den Kurs nach Westen. Vorgestern abend kamen wir ber Stuttgart an, das ich sofort trotz der bedeutenden Hhe, in der unser Luftschiff schwebte, an seiner eigenartigen Lage wiedererkannte. In aller Frhe wurde ich gestern, meinem Wunsche entsprechend, auf dem Wasen abgesetzt. Eine lange Pause trat ein, als Frommherz seine inhaltreiche Erzhlung beendigt hatte. Stiller berichtete nun ber seine und seiner Gefhrten Rckkehr zur Erde vor elf Jahren, den Empfang an den verschiedenen Orten der Welt und schlielich den Einzug in Stuttgart. Dann erzhlte er von dem Tode der drei Freunde. Hmmerle sei drei Jahre nach der Rckkehr gestorben, nachdem er lange gemtskrank gewesen. Dann sei Thudium ganz pltzlich, unvermittelt eingegangen in das Schattenreich. Ihm sei Dubelmeier gefolgt, der an Arterienverkalkung gelitten, obgleich Piller dies nicht gelten lasse, sondern behaupte, Dubelmeier sei lediglich aus Mangel an Durst vorzeitig in die Grube gefahren. Seit Jahren schon htten sie in Tbingen einen Bund gegrndet, der in Wort und Schrift fr das wahre Menschentum und die natrliche Moral eintrete und den Kampf gegen alles Unwahre energisch und mit sichtbarem Erfolge aufgenommen habe. Hier in seinem Heim sei die Sttte, wo sich die ehemaligen Gefhrten der Planetenfahrt zeitweise immer zusammenfnden, um alten Erinnerungen an den Aufenthalt auf dem prchtigen Mars in ungestrter Weise zu leben. Jetzt sei er, Fridolin, das vierte hochwillkommene Mitglied in diesem engsten Bruderbunde, der, einem Mutterkristalle vergleichbar, aus dem Strome des ihn umflieenden Lebens noch manchen andern edlen Kristall zur Angliederung anziehen werde. Whrend Frommherz' und Stillers Berichten waren die Stunden in raschem Fluge herumgegangen. Nach dem Mittagessen wollten die Freunde einen kleinen Spaziergang durch den Bopserwald machen, als der Diener die Ankunft von zwei Herren meldete, die Stiller in einer dringenden Angelegenheit zu sprechen wnschten. Die abgegebenen Karten lauteten auf Julius Schnabel und Adolf Blieder. So, so, die sind es, die Pfuscher am Weltensegler von ehemals, bemerkte Piller spttisch, als er einen raschen Blick auf die Karten geworfen hatte. Ich kann sie nicht gut ablehnen, entgegnete Stiller. Da ich aber vor euch kein Geheimnis zu wahren habe, so mgen sie mir in eurer Gegenwart sagen, was sie von mir wollen. Wird was Gescheites sein, brummte Piller. Doch immerhin, la sie eintreten. Die beiden Herren, die im Laufe der Jahre, dank ihrem Wohlleben, krperlich sehr gewichtige Mnner geworden waren, betraten das Zimmer und begrten Stiller freundlich. Die Herren Piller und Brummhuber kennt ihr. Dies hier ist Herr Frommherz, der gestern vom Mars zurckkam und auf dem Wasen landete, stellte Stiller vor. Seinetwegen kommen wir ja zu dir, trompetete Schnabel, sich vor Frommherz verneigend, so gut es eben seine Krperflle zulie. Nun, so setzt euch zunchst und dann bringt euer Begehr vor, bat Stiller. Die Herren folgten der Einladung. Du weit, da wir vor Jahren schon in den Vorstand der Kommission fr das Denkmal gewhlt wurden, das dir und deinen berhmten Herren Begleitern auf deiner Marsreise zu Ehren gesetzt wurde. Nicht meinen Begleitern, sondern meinen Gefhrten und Freunden und nicht auf meiner, sondern auf unserer gemeinsamen Marsreise, mein lieber Blieder, korrigierte Stiller. Nun ja, also . . . . hm, was wollte ich gleich sagen? Das kann ich doch nicht wissen, antwortete Stiller lchelnd. Von dem Denkmal, kam Schnabel dem Verlegenen zu Hilfe. Ja, von dem Denkmal. Nun, das macht uns der Rckkehr des Herrn Frommherz wegen rechte Sorgen. Wieso? fragte Stiller erstaunt. Es entsteht die Frage einer nderung, und letztere ist eine kostspielige Sache. Eine nderung? Ja, nahm jetzt Schnabel das Wort, diese vllig unerwartete Rckkehr des Herrn Frommherz stellt uns vor eine schwierige Entscheidung. Deshalb kommt ihr zu mir, nicht wahr? Ja! Wo liegt denn diese Schwierigkeit? forschte Piller. In der Inschrift der vierten Seite, gestand Herr Blieder. Ah, jetzt verstehe ich. Natrlich ein hchst schwieriger Fall, erwiderte Piller nicht ohne Hohn. Gewi, antwortete Herr Schnabel, Pillers Hohn nicht bemerkend. Es handelt sich mglicherweise um eine Abtragung des ganzen Denkmals, denn die einmal eingehauenen Worte lassen sich von dem Obelisken nicht so einfach, wie Sie vielleicht glauben mgen, wegmeieln, ohne dem Ganzen ein verndertes und unschnes Aussehen zu geben. Was wissen denn Sie, was ich deshalb glaube? entgegnete Piller grob. An uns, als die Vorsitzenden des Denkmalkomitees, fuhr Herr Schnabel fort, ist seit gestern die Aufgabe herangetreten, umgehend einen Vorschlag dem Stadtrat einzureichen zwecks nderung, und da befrchten wir recht lebhafte und unangenehme Debatten. Ja, aber lieber Schnabel, was berhrt denn mich das? meinte Stiller lchelnd. Vielleicht weit du uns einen praktischen Rat oder Ausweg aus der Sache. Eine verzweifelt dumme Geschichte, spottete Piller. Nicht wahr? klagte Herr Blieder in aufrichtiger Verlegenheit. Das will ich meinen, besttigte Piller ernsten Tones. Frommherz und Brummhuber muten ber die komisch traurigen Gesichter der beiden Besucher unwillkrlich lcheln. Stiller selbst schien in Gedanken verloren. So lat doch auf der fraglichen Seite des Obelisken, auf der es sich um Frommherz handelt, die weitern Worte einmeieln: Nach 14 jhriger Abwesenheit am 5. Mai . . . wieder vom Mars zurckgekehrt. Sollte das nicht gehen? Das Ei des Columbus, rief Herr Schnabel voll Freude. Du hast es getroffen! Wie einfach und klar lag eigentlich die Lsung, so da es mir jetzt schon ganz unbegreiflich erscheint, nicht von selbst darauf gekommen zu sein. Ja, das Allereinfachste ist mitunter das, was uns am meisten Kopfzerbrechen verursacht, erwiderte Herr Stiller, seine ehemaligen Schulgenossen mit berlegenem Lcheln betrachtend. Wir haben dies ebenfalls bei der Konstruktion des >Weltenseglers< vor fnfzehn Jahren erlebt, nicht wahr? Gewi, gewi, beeilte sich Herr Blieder zu besttigen. Dafr haben aber auch die Herren Ruhm und Ehre geerntet, dank Columbus Stiller, rief Piller. Herr Schnabel und Herr Blieder sahen bei diesen Worten etwas verdutzt auf Piller. Es wurde ihnen vor dem Gelehrten mit seinen scharfen Augen und dem spttischen Lcheln um die Mundwinkel unbehaglich zumute, und so beeilten sie sich mit Worten des Dankes fr den erteilten Rat zu gehen. Die gehren zu jener Klasse von Parasiten, die auf Kosten anderer leben, uerte sich Brummhuber, als die beiden das Zimmer verlassen hatten. Du hast recht, besttigte Piller. Mir sind Leute, die sich immer mit den Federn anderer zu schmcken suchen, im Grunde der Seele zuwider. Harmlose Strohkpfe, suchte sie Stiller zu entschuldigen. Nur bedingt harmlos, lieber Stiller, entgegnete Piller. Die Dummheit paart sich oft genug mit der Heimtcke, und von letzterer sind Schnabel und Blieder nicht gnzlich frei. Verlassen wir das Thema! bat Stiller. Es lohnt sich wirklich nicht, darber weiter zu sprechen; denn die beiden sind tatschlich zu unbedeutend fr uns. Als die Gelehrten ihren geplanten Spaziergang ausfhren wollten und soeben aus dem Hause traten, fuhr ein elegantes Autoelektrik vor. Ihm entstieg der Graf von Neckartal. Gut, da ich Sie noch treffe, meine verehrten Herren, rief er heiter. Ich sauste hier herauf, um unsern berhmten, der Heimat wiedergeschenkten Professor Frommherz zu begren. Lassen Sie mich Ihnen die Hand zum Willkomm drcken. Dem goldenen Lorbeerkranz entgehen Sie nicht, erklrte der Graf, Frommherz umarmend und mit ihm und den brigen Herren ins Haus eintretend. Wer htte geglaubt, da Sie den herrlichen Mars gegen die in Extremen sich bewegende Erde je wieder eintauschen wrden! fuhr Herr von Neckartal fort, als sich die Herren gesetzt hatten. Wie eine Bombe schlug gestern die Nachricht ein. Ich sage Ihnen, die erstaunten und verblfften Gesichter htten Sie sehen sollen, als es hie, unser letzter Marsreisender sei wieder auf schwbischem Boden erschienen. Einfach zum Heulen vor Vergngen! Frommherz, ich will gewi kein Unkraut sen, aber mancher wnschte Sie im ersten Augenblicke wieder dahin zurck, woher Sie kamen. Kenn' ich doch meine lieben Deutschen und kann's mir also in etwas vorstellen, warf Piller lachend ein. Unser Freund kam eben gegen alle Regeln der Gesellschaft unangemeldet zurck, ohne vorherige Erlaubnis. Da Sie gerade auf dem Wasen landen muten, wrde man schlielich noch hingenommen haben, aber das blitzschnelle Verschwinden Ihres Luftschiffes von hier wurde zuerst als eine grobe Beleidigung der Hauptstadt empfunden. Einige Tage wenigstens htte es sich mit seinen Insassen unsern guten Stuttgartern schon zeigen drfen. Gerade auf die Bekanntschaft mit den Marsiten war man allgemein gespannt, und die Enttuschung, diese merkwrdigen Menschen nicht gesehen zu haben, war gro. Gekrnkte Neugier und Eitelkeit, nichts anderes, bemerkte Stiller. Ich habe doch meinen Landsleuten schon fters erklrt, da die Bewohner des Mars gewichtige Grnde htten, den Verkehr mit uns abzulehnen. Nun, der erste Unmut darber ist rasch verflogen gewesen. Viel dazu trug bei, als das Abenteuer unseres lieben Frommherz mit der Polizei bekannt wurde. So etwas kann vorkommen, entschuldigte Frommherz. Immerhin ein gelungener, unsterblich lcherlicher Streich. Aber jetzt komme ich mit einer Bitte zu Ihnen, mein lieber Frommherz, fuhr der Graf fort. Halten Sie sich nicht fern von uns, sondern schenken Sie uns die Ehre Ihres baldigen Besuches. Wir sind auerordentlich begierig auf das, was Sie uns sagen wollen, und mchten von Ihnen schon heute abend, falls Sie nicht zu mde sind, einige Mitteilungen entgegennehmen. Ich wurde gestern in unserm Vereine von allen Seiten bestrmt, Sie darum zu bitten. Ich werde Ihrem Wunsche in bescheidenem Umfange zu entsprechen suchen, antwortete Frommherz. Wann soll ich erscheinen? Um acht Uhr in der Liederhalle. Gut! Ihr kommt doch mit mir, meine Freunde? Selbstverstndlich, knurrte Piller, ehrlich zornig ber die seinem Freunde gemachte wenig rcksichtsvolle Zumutung. Also bis heute abend, meine Herren. Auf Wiedersehen und besten Dank fr Ihr Entsprechen! Damit verabschiedete sich der Graf von Neckartal. Kaum zurck, wirst du zu einem Vortrage gepret, mit dem es wahrlich keine Eile gehabt htte, polterte Piller, als der Graf gegangen war. Er wird kurz genug ausfallen, la mich nur machen, erwiderte Frommherz lchelnd. Ihr habt ja durch eure Publikationen ber den Mars und seine Bewohner, wie ihr mir gesagt, gengende und erschpfende Schilderungen gegeben. Somit bleibt mir glcklicherweise nur wenig mehr zu erklren brig. Es ist gut, da du meine Gre hast, Fridolin. So kann ich dir mit entsprechender Kleidung fr heute abend aushelfen. Auch mein Diener Hans, ein ehemaliger Haarknstler, wird dir deine Marsitenmhne nach augenblicklicher Erdenmode um- und zustutzen, sprach Stiller. Und nun lat uns noch ein wenig den schnen Tag genieen und durch Wald und Flur streifen! Pnktlich um acht Uhr betraten die berhmten Gelehrten die festlich bekrnzte und erleuchtete Liederhalle. Graf von Neckartal fhrte Herrn Frommherz in den groen Saal, der bis auf den letzten Platz von Stuttgarts bestem Publikum besetzt war. Minutenlanges Hndeklatschen und Bravorufen empfing Frommherz, als er mit seinem Fhrer langsam und wrdevoll dem Podium zuschritt, auf dessen Hintergrund seine drei Freunde Platz genommen. Eine kurze, offizielle Begrungsrede des Vorsitzenden schlo mit einer scharfen Verurteilung des heutigen, im Volksmund erschienenen Artikels. Nun erhielt Frommherz das Wort. Verehrte Anwesende! hub er mit seiner klangvollen Stimme zu sprechen an. Nehmen Sie zuerst meinen verbindlichen Dank fr den Willkomm, den Sie mir geboten. Da mein Fortgehen vom Mars, auf dem ich whrend vierzehn Jahren gelebt, Ihnen eine groe berraschung bereitet hat, ist nach dem, was Sie von jenem Planeten durch meine Freunde gehrt haben, nur zu leicht begreiflich. Es werden Sie daher die Grnde besonders interessieren, die mich zur Rckkehr in die alte schwbische Heimat veranlaten. Ich mu dabei etwas weiter ausholen. Wie Sie wissen, war ich einst Professor religiser Ethik an der Universitt in Tbingen, als ich diese Professur aufgab, um mit meinen Gefhrten und treuen Freunden die gewagte Reise nach dem fernen Kinde des Lichtes zu unternehmen. Meine Beschftigung mit der Pflege des Geistes in ethisch-religiser Richtung hatte mir meinen Glauben an den Wert unserer Kultur wie auch an die der fhrenden Nationen der Mutter Erde in starkes Wanken gebracht. Was sah ich in dieser Richtung berall hier unten? Eine Ablsung des Menschen von seiner natrlichen Basis. Als Folge davon ein knstliches Dasein mit Tausenden von Bedrfnissen, mit tausendfachen Abhngigkeitsverhltnissen und einer dadurch bedingten untergehenden individuellen Selbstndigkeit. Eine Weichlichkeit der Seele, ein betrbendes Siechtum der Kraft und des Selbstvertrauens bei zunehmendem Raffinement des Lebens. Immer weniger wurde das Leben hier eigenes Leben und bei allem Prunke uerer Erfolge wurde es mehr und mehr ein unglckliches, haltloses Dasein. Ob dies heute gegen frher um vieles besser geworden ist? Ich wage zu zweifeln. Ein schrankenloser Egoismus beherrschte alle und alles. Dem heftigsten Kampfe um die materiellen Gter, um Macht und Erwerb und um die Sicherheit fr die Zukunft folgten ebenso heftige, rasch wirkende Gensse, die Krper und Geist der Menschen gleich verderblich schdigten. Das Ich war der Gtze, dem auch die ideellen Gter geopfert wurden. Das war die Signatur unserer so sehr gepriesenen Kultur, und ich frchte, da sie es wahrscheinlich auch noch heute ist. Und nun kamen wir nach dem Mars. Was wir dort sahen und erlebten, wissen Sie ja zur Genge aus den Schilderungen meiner Freunde. Die hohe Kultur des Marsvolkes aber bannte mich in ihren wunderbar schnen Zauberkreis. Ich war unsagbar glcklich darber, das Ideal des Daseins da oben in vollendeter Form vorgefunden zu haben. Die Erde reizte mich nicht mehr zur Rckkehr, und so lie ich meine Freunde fortziehen und blieb allein, gegen ihren Willen, zurck. Welch ein Gegensatz besteht zwischen dem Leben dort und hier! Das Prinzip des naturgemen Lebens, das ich hier unten vertrat, dort oben traf ich es verwirklicht. Und das Resultat ist daher keine kranke, sondern eine gesunde, frohe und frische Kultur, getragen von jener wahren, echten Menschlichkeit, die nur im Wohle des Nchsten das eigene Glck erblickt. Auf dem Mars ist jeder einzelne von Jugend auf gewhnt, sich geistig und krperlich zu beschftigen. Er findet daher keine Zeit, allzuviel an sich selbst zu denken, sein eigenes Ich in den Vordergrund zu stellen, einem Subjektivismus zu frnen, der hier unten eine so groe und verderbliche Rolle spielt. Die Pflege des Idealen, die Gattungsliebe, nur von dem Wunsche beseelt, der Gesamtheit zu dienen, lediglich beeinflut von der Rcksicht auf das Wohl aller, schafft bei den Marsiten als natrliche Folge jenes wunderbare Gleichgewicht des Innern, das ihrer materiellen Ttigkeit, dem auch auf dem Mars bestehenden Kampfe ums Dasein jegliches Schdigende, Verletzende und Giftige vorwegnimmt. Ein gereiftes, hochstehendes Volk, gleich krftig und gesund an Krper wie an Geist, ein Volk, bei dem die Solidaritt die Haupttriebkraft seines ganzen Handelns bildet. Welch groartiger Leistungen diese Solidaritt fhig ist, habe ich oben auf dem Planeten selbst erfahren drfen. Sie war es, die mich aufrttelte, die mir meinen den Freunden gegenber begangenen Fehler des eigenmchtigen, egoistischen Zurckbleibens zu klarem Bewutsein brachte und in mir den Wunsch reifen lie, in ehrlicher Weise meinen Fehler gut zu machen. So entschlo ich mich zur Rckkehr zur Erde, um, mit meinen Freunden wieder vereint, gemeinsam an dem schwierigen Werke der Menschenerhebung weiter zu arbeiten. Eine dankbare Aufgabe ist dies nicht, das wei ich wohl, aber ich frage danach nicht. Ich will praktisch hier unten verwerten, was in mir oben lebendig geworden ist. Meine heutige Religion ist die des Erbarmens, der Nchstenliebe. Langsam ist der Gang der menschlichen Entwicklung. Dornenvoll ist deren Bahn, aber trotzdem unhemmbar in ihrem Vorwrtsschreiten. Der Menschheit das strahlende Banner der Wahrheit, der Vernunft und der natrlichen Moral auf diesem Wege voranzutragen, betrachte ich als die Pflicht eines jeden, dem das Wohl seiner Brder, die Frderung wahren Menschentums am Herzen liegt. So bin ich also zurckgekommen und habe Ihnen offen den Beweggrund mitgeteilt, der mich in den Dienst einer Pflicht ruft, der ich fortan den Rest meines Lebens weihen will. Ich habe gesprochen. Mit leichter Neigung des Kopfes gegen die Zuhrer verlie Frommherz das Podium. Die wenigen, aber bedeutungsvollen Worte des Redners hatten auf die Versammelten auerordentlich tief eingewirkt. Sie offenbarten die sittliche Gre des Mannes, vor der sich jeder der Anwesenden unwillkrlich achtungsvoll verneigte. Wenn auch mancher der Erschienenen einen Reisevortrag voll Abenteuer und aufregender Erlebnisse zu hren erwartet hatte, so fhlte er sich fr den Ausfall durch das, was Frommherz gesprochen, nicht nur reichlich entschdigt, sondern auch geistig merkwrdig bewegt. Es waren diesen Abend Samenkrner ausgestreut worden, die da und dort auf wirklich fruchtbaren Boden fielen. Anmerkungen zur Transkription Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende zum Anfang des Buches verschoben. Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. End of the Project Gutenberg EBook of Vom Mars zur Erde, by Albert Daiber License: Share Alike