E-text prepared by Irma Knoll, Jan-Fabian Humann, and the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team (https://www.pgdp.net) Note: Project Gutenberg also has an HTML version of this file which includes the original illustration. See 24266-h.htm or 24266-h.zip: (https://www.gutenberg.org/dirs/2/4/2/3/24266/24266-h/24266-h.htm) or (https://www.gutenberg.org/dirs/2/4/2/3/24266/24266-h.zip) DAS SCHNSTE VON MAX DAUTHENDEY Ein Verzeichnis der Werke Max Dauthendeys befindet sich am Schlu dieses Buches. [Illustration: Max Dauthendey] Das Schnste von Max Dauthendey Ausgewhlt und eingeleitet von Walter von Molo 1. bis 25. Tausend. [Illustration] Albert Langen, Mnchen Copyright 1919 by Albert Langen, Munich Inhalt Max Dauthendey von Walter von Molo 7 Zur Stunde der Maus 15 Alle handeln, wie die Herzen mssen 36 Ich mcht' wie ein Baum mich am Weg aufpflanzen 36 Das Dunkel griff uns um den Leib 36 Himalajafinsternis 38 Und Nchte werden aus allen Tagen 61 Nachtstrme reiten die Bume krumm 61 Nur ein Lied frbt die Grauseele bunter 62 Mondmusikanten 62 Der Garten ohne Jahreszeiten 63 Die Leiern der Wollust 78 Die Ferne und die Nhe ward ein Ort 79 Nenn dich meine Wiesen 79 Sanft legte dich die Liebe auf mein Bett 80 Im blauen Licht von Penang 81 Stets sind Gesprche im Wald 92 Fledermuse 92 Mchte rollend das Blut aller Verliebten sein 93 Der Wildgnse Flug in Katata nachschauen 94 Die Schwalben schossen vorber 113 Die Uhr zeigt heute keine Zeit 113 Im Spiegelglas 114 Nacht um Nacht 115 Likse und Panulla 116 Verbannt 126 Das Dunkel geht nicht aus den Dingen heraus 126 Eine kleine Maskenwelt 127 Schimre 127 Das Abendrot zu Seta 128 Es rollen Rder tagaus, tagein 146 Drinnen im Strau 146 Der unbeerdigte Vater 147 Der ewige Wanderer, der Wind 153 Unsere Toten 154 Und zimmerte dir und mir ein Bett 154 Der Regen scheint besessen 155 Die Abendglocke vom Mijderatempel hren 156 Komm heim 170 Auf grnem Rasen 170 Himmelfahrtstag 170 Den Abendschnee am Hirayama sehen 171 Der Mond, der ohne Wrme lacht 201 Die Liebe kennt das Wrtlein sterben kaum 201 Worte sterben, wenn die Trne spricht 202 Immer Lust an Lust sich hngt 202 Holzfle 203 Eingeschlossene Tiere 204 Weltspuk 213 Zwei Reiter am Meer 215 Max Dauthendey Einen Dichter von Wert charakterisieren heit, die Stelle im Mosaikbilde der Dichtkunst suchen, die dem Poeten, kraft seiner Leistung, zukommt. Wenn im Bilde der germanischen Dichtkunst Goethes Schaffen das Innerste des einen Auges der erhabenen Dichtkunstgestalt darstellt, deren zweites Auge Shakespeares Werk belebt, wenn Schiller die tiefe, senkrechte Denkerfurche auf die Stirne des germanischen Dichtkunstbildes zeichnete, deren andre Gedankenfalten Hebbel, Strindberg und andere punktierten und einrissen, wenn Hlderlin das zarte, schmerzliche Lcheln im versonnenen Mundwinkel der germanischen Dichtkunst ist, deren Kinnlinie Kleist heit, dann ist Max Dauthendey mit anderen Gefhlspoeten und Liebessngern ein Punkt in der goldnen Mantelschnalle, die die germanische Dichtkunst in der Nhe ihres Herzens trgt. Dieser Platz bleibt Dauthendey auch vorbehalten, wenn die verschiedenen nationalen Dichtkunstbilder bereinander gelegt werden, um das Gesamtbild der menschlichen Dichtkunst aus allen ihren Farben der Mglichkeiten zu bilden: Dauthendey, der sinnenfrohe Bayer, der bohemienartige Nachfahre deutschen, deutsch-russischen und spanischen Brgerblutes, der Hugenotten-Nachkomme und Menschheits-Demokrat, floh immer wieder das rechnende, vernnftelnde Deutschland, das materiell hetzende Europa, um die anderen Erdenvlker, um vor allem die alten Vlker mit ihren Ostkulturen aufzusuchen, um dort an den Ur-Wurzeln der Menschheit, im offenbaren Empfinden und Fhlen der Einheit der Menschheit, glcklich sein zu knnen, dorthin, wo aus der Weltferne und Weltnhe das weise Weltfest fr alle Vlker wirklich und unwirklich zugleich dauernd gefeiert wird, wo man wohl energisch, aber auch bescheiden und hflich ist, wo die Kunst als Heldentat gilt, wo selbst das kleinste Lebewesen nicht bersehen, sondern als Teil der Gttlichkeit verehrt wird, wo der Menschen Ich das geordnete All im Einzelnen ist, wo man in unendlich reichen Farben und Formen heiter sein kann, wo man unendliche Zeit hat fr Wohlgefhle und Wollust, wodurch die Unendlichkeit dauernd sichtbar im Endlichen lebt, wo Lust und alle Lebensflle dem Menschen von selbst zu Fen fallen, als knstlerische, alle Menschen verbindende Allmenschheitsreligion, die das Irdische als Ewigkeitsstck, das auch der Mensch ist, ansieht, ohne Schuld und Strafe in einem Jenseits, das doch auch diesseits ist, zu frchten oder zu erhoffen. Zigeunernd und darunter hart leidend: Ich beneide sie, die nie ein Wandertrieb von ihrer Heimat und von ihrer Lieb' weit fortgerissen, hat Dauthendey, der aktive sthet, das immer wieder zeit seines Lebens in aller Welt gesucht und gefunden, was vom Anfang seines Seins an schon in seiner Heimat und ihm lag, in ihm, als Deutscher, als Mensch und als Poet: die unerfllbare Sehnsucht, ber die engenden Grenzen der Irdischkeit anders hinauszufinden, als durch neue unerfllbare Sehnsucht. Dauthendey dachte mit dem Herzen, er dachte oft gleichsam nur mit einer Herzklappe; er wollte _genieen_. Durchdringendes Hirnwissen und die unerbittliche dauernde Erkenntnis des sinnvollen chaotischen Menschenkampfes, dem Daseinsaxiome zugrunde liegen, waren nicht seine Gabe: mehr als Erde ist oft ein Gedanke schwer. Dauthendeys Gefhl hat um Selbstverstndlichkeiten blutig theoretisiert und Allgemeinwissen als ureigenste Entdeckung aus sich gehoben, er _mute_ immer wieder in die Ferne, fern der Heimat und der geliebten Frau, um immer wieder alles bitter neu, als sei er der erste Mensch, an sich selbst zu erfahren, um dichten zu knnen. Immer wieder zog er aufbegehrend, wie das ewig blind sterbende und sich ewig blind neu gebrende Leben, in edel berschwnglicher Dickkpfigkeit, im unbannbaren Suchen nach dem Wunder, nach der Vollendung, nach dem Stein der Weisen um den Erdball, um im Weltkrieg als Internierter auf Java, aus Sehnsucht zur deutschen Heimat, sein frhes Grab als seine letzte irdische Erkenntnis zu finden. Dauthendeys Werke sind Dokumente des menschlichen Wollens und Irrens, hohe, formvollendete Beispiele der menschlichen Unvollkommenheit, hchst gespannten Kmpfens und Aufwrts-Suchens nach Universalitt und Gottsein, nach Glck; die Art und die Form, in der Dauthendey sein Leid zu berwinden suchte und aus sich herausstellte, schuf diese Dokumente zu Kunstwerken; die Eigenart von Dauthendeys Seele gibt ihnen ihren Platz im Dichtungsbild: Dauthendeys Instrument hatte nicht viele Saiten, doch er musizierte darauf in immer liebenswerten, besiegenden Variationen, bis ihm Gedichte von schlichtester volkstmlicher Innigkeit gelangen, Dichtungen von seltener Farbigkeit, von symbolischer Phantastik, von einer hchst begnadeten Schilderungskraft, einem fast unerschpflichen Reichtum an auerordentlich persnlichen Vergleichen, von einer Wirkungsbildhaftigkeit, die nur ihm gehrte, weil er stets voll des Fhlens des Zusammenhanges aller inbrnstigen Ungeheuerlichkeiten war, weil er stets glubig in jedes Stckchen das All herabzwang, weil sich seine Gestaltungen einem grenzenlosen Schnheitssuchen und einem Tieferfhlenwollen, auf Grund der mystischen Zusammenhnge aller Dinge, entrangen, ohne jede Diktatur einer Schule, hervorquellend aus der zeitlosen Kinderseele eines fast vollendeten reinen Toren, der nur dadurch den ewigen Kummer seiner berall unstillbaren Sehnsucht zur Ruhe zu wiegen vermochte, da er immer wieder sein Dichtergemt, eines der echtesten Dichtergemter Deutschlands, in neuen farbenbrausenden Hymnen ausstrmen lie, zum Lobe und Preise der All-Liebe, in deren _einer_ Dokumentierung, durch die Frau, er schlielich allein, resigniert begeistert, die gehate und doch geliebte Irdischkeit verga; der Augenblick der Hingabe der Geliebten schuf ihm seine zeitlose Ewigkeit, bewies ihm allein die Richtigkeit seiner Sehnsucht. Dauthendey war ein fahrender Liebessnger von strkster Eindrucksfhigkeit, er war ein Schwrmer von berckender, erdferner Naivitt, der in seiner Erotik rhrend, bisweilen fast engherzig keusch wirkt, trotzdem er sich sicherlich oft stolz verrucht und dmonisch vorkam, wie ihn auch der Brger sah, der wie Dauthendey theoretisch polygam, in der Praxis aber ein Mann von anhnglichster Monogamie ist, wie berhaupt dieser feminine Poet, der nur Mann war, ein typisches Konglomerat vom menschlichen unbeschrnkten Wollen und begrenzten Knnen darstellte, das sich _wissend_ nicht einzuordnen vermochte, ein Sinnbild von Freiheit und Enge, von Weltumarmungsgefhlen und national heimatlicher Gebundenheit, ein schlagendes Beispiel des von ihm immer und immer wieder betonten Ineinanderspielens von Ewigkeit und Alltglichkeit, das ihn, den materiefernen Dichter, den erdefremden Menschen vorzeitig in die Erde stie, damit seine wibegierige Seele endgltig den Versuch zu machen befhigt sei, zu erfahren, ob das Dasein ewig und tatschlich ein unsterbliches Fest von nie endenden Freuden und stets neu beglckenden Formen sei, ob des Menschen Leben eine kurzlebige Pfrnde, wie es sich der Masse zeigt, oder ein ewiges Provisorium auf allen Straen ist, in einem berauschenden, sinnlosen, sich unablssig schlingenden Reigen, der, nur in grerer Vielfalt als das Dichtertum Max Dauthendeys, Blumen aus seinen spielerischen Figuren erhellend zu werfen vermag, warnende, strkende, das letzte Suchen nie endbefriedigende Schnheitsgaben, zur Belebung und Erfrischung der trgen Herzen, die, wie auch Dauthendey, das lebhafteste Herz, ihre Hirne nie in so vermessenen Aufwrtsgang setzen, da sie vllig ungedeckt der Ewigkeit, auf der Hhe des erkennenden _Gedankens_, grenzenlos, erhaben ber ihrem persnlichen Los, ins strahlende Antlitz zu sehen vermgen; die Tragdie und menschbefohlene Endlichkeit voll und ruhig gelassen erkennend, darnach handelnd und diese nicht bersingend und bertanzend nach einer notgeborenen Weltbetrachtung. Dauthendey fhlte die unlsbare Tragdie, dann aber sperrte er die Tore vor ihr, auf allen Seiten, er pflanzte farbige, duftige Gewchse zwischen sie und sich, nach einem Anschauungssystem, an dem er nichts mehr ndern wollte und konnte; drum ist sein Platz nur ein _Punkt_ und nicht im Antlitz des germanischen Dichtkunstbildes, aber sein Platz ist dadurch auch gesichert in der goldenen Mantelschnalle nahe dem Herzen, weil alle unsere hienieden liebenwollenden Herzen sein Tun und Bescheiden verwandt empfinden, weil sein gewollter, selbstschtzender exotischer Dichtungsgarten von einer Gepflegtheit und voll eines Schnheitsduftes ist, der uns strkt und Zuversicht geben kann fr die unendlichen vielen anderen steinigen Wstenwege, die vor ihm enden und anheben-- der singenden, glhenden Krone des uersten Sturmwillens und Fahnenpflanzens unserer Besten zu, die _alle_ Wege zum Lichte versuchen. Dauthendeys Werk ist, wie jedes Dichters Werk, der das Verbrennen frchtet und genieen will, ein erhabener Kompromi zwischen Schnheitsfanatismus, Ergrnden-Wollen und Nicht-Ergrnden-Knnen, zwischen genieerischem Lebensfrohsinn, Gte und dem Grauen, das ber und durch die Menschenmehrheit flutet, wenn die letzten Dinge vor ihr aufsteigen. Dauthendeys Werk ist _geschlossene_ Kunst, an der Grenze ihrer Mglichkeiten, gleich wert dem sthetischen Genieer wie auch dem Suchenden, der in ihr _eine_ Lsung restlos erschpft sieht. Dauthendeys Leben und Kunst zerbrach, als er versuchte, auer sich gezwungen, neue Blumenstrue ber den uersten Rand des Staketenzaunes seines Lebenswerkes zu binden, das berall die schmerzvolle Ergebenheit seines im Grunde doch nie ergebenen, stets unbefriedigt sein mssenden Gefhlssuchens atmet, das verzweifelt die Dauthendeysche Schnheit schuf und preis hielt, weil es, trotz allen Mhens, keine andere Mglichkeit fr sich vorhanden sah, andres sich und der Menschheit aus den Rtseln des Kosmos zu reichen, als _eine_, die Dauthendeysche Aufnahme des unsichtbaren Rtsels. Immer wieder verdampfte dem lebensbejahenden Bajuwaren Dauthendey die Erkenntnis unter dem krampfhaft-verzweifelt festhaltenwollenden Gefhlshandwerkszeug, sie gab ihm aber in seine hchstkultivierten Dichtungen den farbigen, allgemein richtigen Abglanz: Hoffnung! Frohnau i.d. Mark _Walter von Molo_ Zur Stunde der Maus In einer Stadt der Provinz hatte ein Sdfrchtenhndler einen Laden eingerichtet, der sich ber einem tiefen Keller befand, zu welchem eine Falltre hinunterfhrte. Aus diesem Keller kamen jede Nacht die Muse in Scharen in die Sdfrchtenhandlung herauf. Sie nagten dort die schnen, in Seidenpapier eingewickelten Kalvillenpfel an, sie fraen Datteln und Feigen, Rosinen und Bananen und schonten auch nicht die jungen Gemse und die Maltakartoffeln. Keine Ware, die sich in der Sdfrchtenhandlung befand, war vor den kleinen zudringlichen Nagetieren zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang sicher. Solange nachts Lrm auf den Straen war und die Wagen fuhren, hielten sich die Muse noch still im Keller. Aber sobald es Mitternacht geschlagen hatte und es still in jener Strae wurde, kamen sie in Scharen, vergngten sich an den sen Vorrten und feierten wahre Freorgien, deren Spuren den Sdfrchtenhndler jeden Morgen beim Betreten des Ladens in Verzweiflung setzten. Den Laden zu rumen und einen anderen zu beziehen, das ging nicht gut an, da hier im Mittelpunkt der Stadt ein gutes Absatzgebiet war und dem Hndler durch einen Umzug wahrscheinlich viele Kunden verloren gegangen wren. Und so versuchte er, sich auf alle Weise gegen die Muse zu schtzen. Er schaffte sich Katzen an, aber er mute sie wieder abschaffen, da es vorgekommen war, da die Tiere in der Nacht den Ladenraum verunreinigt hatten, und der Geruch davon, der am Morgen nicht auszutreiben war, die Kufer entsetzt hatte. Er schaffte sich dann Hunde, Rattenfnger, an. Aber diese strmischen Tiere schlugen in den Nchten ein wildes Gebell auf, wenn sie hinter den Musen herjagten, und sie warfen dabei, wenn sie ber die mit Obst gefllten Krbe sprangen, Frchte und Krbe ber den Haufen, so da der Hndler auch die Hunde wieder abschaffen mute, weil die Nachbarn sich ber das nchtliche Gebell beschwert hatten und der Schaden, den die hetzenden Hunde anstifteten, dem Schaden der Muse gleichkam. Gift gegen die Muse zu legen, war nicht ratsam, da die halbvergifteten Tiere das Gift ber die Ewaren verschleppen konnten und dann groes Unglck durch die Vergiftung von Frchten htte entstehen knnen. So blieb dem armen, von Musen geplagten Sdfrchtenhndler nichts brig, als sich um Mitternacht, zur Stunde der Maus, in den Ladenraum zu begeben und, versehen mit einem Stock, seine Fruchtkrbe selbst zu bewachen und durch Hndeklatschen und Fustampfen die eindringenden Musescharen zu verjagen. Er allein konnte nicht Nacht um Nacht wachen, und so teilte er sich mit seiner Frau in die Nachtwachen. Aber dieses ermdete auf die Dauer die beiden sehr. Da kamen sie auf den Gedanken, eine entfernte Verwandte, die gerade eine Stellung suchte, zu sich ins Haus zu nehmen, damit diese die Musewache jede dritte Nacht bernhme. Der Sdfrchtenhndler hatte es sich aber zur Pflicht gemacht, manchmal nachzusehen, wenn das junge Mdchen die Wache hatte, ob es nicht eingeschlafen wre. Er traf das Mdchen aber niemals schlafend an, denn es vertrieb sich die Zeit mit Lesen von Balladen und Romanzen, fr die es eine Vorliebe hatte. Mit der Zeit waren dem Hndler die Augenblicke, die er zur Stunde der Maus mit dem jungen Mdchen verplauderte, wenn sie im Laden zusammen hinter die Krbe schauten, um die kleinen Ladenruber zu verjagen, oder wenn sie ihm eine ihrer Romanzen vortrug, die sie bald auswendig kannte und die sie bei der Nachtwache laut hersagte, damit sie mit ihrer Stimme die Muse verjagte,-- so zur angenehmen Gewohnheit geworden, da er die Minuten im Laden unbewut immer lnger ausdehnte und sich eines Nachts klar wurde, da er sich in das junge Mdchen verliebt habe. Das kam, als das junge Frulein ihn eines Nachts, da er wieder lange ihren Balladen zugehrt hatte und noch eine Romanze zu hren wnschte, daran erinnerte, es sei Zeit, da er wieder hinauf ins Schlafzimmer zu seiner Frau ginge. Und sie hatte lachend hinzugesetzt, sie wisse, da er recht glcklich verheiratet wre. Dabei hatte sie den Kalvillenapfel, den er als den schnsten fr sie ausgesucht und ihr fr ihren Balladenvortrag zum Geschenk gemacht hatte, vorsichtig wieder in das schtzende Seidenpapier eingewickelt und hatte ihn auf die Apfelpyramide zurckgelegt, von wo ihn der Hndler genommen hatte. Fr mich sind weniger schne pfel auch gut genug. Auch wird sich vielleicht Ihre Frau rgern, wenn ich den besten Apfel, der im Laden ist, aufesse. Als sie dieses gesagt, hatte sie leise geseufzt, und der Mann war aus dem Laden gegangen. Vorher hatte er ihr noch lachend zugerufen: Natrlich bin ich glcklich verheiratet, sogar sehr glcklich. Aber seit dieser Stunde, seit dieser Versicherung seines Glckes, war der Mann von einer Unruhe geplagt, die ihn unglcklich machte. Es war ihm, als habe er im Augenblicke der ffentlichen Feststellung seines Eheglckes den Gipfelpunkt dieses Glckes schon berschritten. Denn er war aberglubisch und glaubte bestimmt daran, da er mit dem Eingestndnis seines Glckes sich ein Unglck ins Haus eingeladen habe. Er war aber zugleich ein ehrlicher und treuer Mann, der seine ihm angetraute Frau niemals betrogen hatte, und dessen Herz heftig erschreckte, als es zur Stunde der Maus seine Augen dabei ertappte, wie sie mit Wohlgefallen an dem Gedichte vortragenden Mdchen im mitternchtigen Laden hngen geblieben waren, so da er die Zeit und den Schlaf vergessen konnte. Das junge Geschpf mit seinen erdbraunen Augen und seinen tabakfarbenen Haaren pate gut zwischen die Pyramiden von Blutorangen und goldgrnen Zitronen und neben die weinduftenden Ananasfrchte. Und oft am Tage, wenn der Sdfrchtenhndler die Kunden bediente und das Mdchen gar nicht im Laden anwesend war, schien ihm, als ob in den leichten flachen Holzschachteln die glattgepreten gedrrten Malagatrauben oder die in Silberstanniol eingewickelten spanischen Mandarinen den gleichen Duft ausstrmten, der ihm vom Nacken jenes Mdchens, von den feinen Haarwurzeln ihrer tabakbraunen Locken entgegengestrmt war und den er deutlich kannte von den Augenblicken, da sie beide zur Stunde der Maus hinter den Scken mit Maltakartoffeln und hinter den Krben voll von afrikanischem Blumenkohl mit Stcken nach den Musen geschlagen hatten. Des Hndlers Unruhe wuchs allmhlich, besonders seiner Frau gegenber, die er wirklich aufrichtig liebte und die er mit seiner Untreue nicht betrben wollte. Er wute sich keinen Rat mehr, wenn er sich auch vornahm, das junge Mdchen zur Zeit, da es Wache hatte, nicht mehr im Laden aufzusuchen. Doch ntzte ihm das nicht viel, denn er traf es am Tage, und er konnte nicht daran denken, es fortzuschicken, weil es fr die Nachtwachen unentbehrlich war; und er htte auch gar keinen Grund gehabt als den seiner Zuneigung, den er aber natrlich kaum sich selbst eingestehen wollte und den er noch weniger jemand anderem offenbaren konnte. Es geschah auch, da, wenn er dem Mdchen jetzt am Tage auf der Treppe oder im Ladenraum oder in seiner Wohnung begegnete, er ein khleres Gesicht aufsetzte, um seine Gefhle mit Gewalt zu verleugnen. Und ihm schien es dann, als ob das junge Mdchen durch sein verndertes Wesen verletzt wurde, und da es ihn leicht verchtlich behandelte. Es war ihm in der Erinnerung unangenehm, da er zu dem Mdchen gesagt hatte, er sei glcklich, sehr glcklich. Er fand es roh und hlich, da er glcklich sein sollte, whrend das junge Geschpf glcklos war und die Lebenstage nur fr die bezahlte Arbeit kommen und gehen sah. Bei einem greren Einkauf einer Warensendung, die er immer in der nchsten Hafenstadt, wo die Frachtschiffe aus dem Sden ankamen, machen mute, wurde ihm der Vorschlag unterbreitet, ein Zweiggeschft in jener groen Seestadt zu grnden, damit er die durch die Verpackung und Reise schon etwas beschdigten, aber noch guten Obstvorrte, denen eine Eisenbahnversendung nicht gut bekommen wrde, an Ort und Stelle absetzen knnte. Der Hndler ging mit Freuden auf dieses Geschftsunternehmen ein. Und da ihn die Fruchtversteigerungen oft nach der Hafenstadt gerufen hatten, so fand auch seine Frau es ganz in der Ordnung, wenn ihr Mann dem neuen Zweiggeschft in der Hafenstadt vorstnde, wogegen sie den Laden in der Provinzstadt weiterfhren wollte. Fr die Festtage des Jahres hatten die Eheleute verabredet, sich zu besuchen. Da aber die Frau zur Weihnachtszeit nicht von dem Laden abkommen konnte, erwartete sie der Mann erst zum Neujahrsabend, zur Silvesterfeier. In der ersten Zeit der Trennung war der Sdfrchtenhndler von seinem neuen Geschft so in Anspruch genommen, da er weder seine Frau noch das junge Mdchen, das nach wie vor in dem Laden in der Provinz die Nachtwache hatte, vermite. Aber als das neue Geschft im Gang war und sich eintnig abwickelte, kehrten seine Erinnerungen doppelt heftig zurck, und die Gerche der Frchte im Laden, die ihre Sigkeit durch die Luft verbreiteten, erweckten wieder, besonders, wenn er abends den Laden geschlossen, seine Rechnungsbcher durchgesehen und zugeklappt hatte und sich der Beschaulichkeit und dem Trumen berlassen durfte, das Bild des Mdchens und den Duft ihres Leibes, wie er ihm begegnet war vormals zur Stunde der Maus. Er merkte, da er sich sogar einzelner Verse jener Balladen und Romanzen erinnerte, die sie immer in der nchtlichen Stille im Kreis der Fruchtkrbe vorgetragen hatte, und die ihn auf ferne Inseln und zu fernen Lndern, unter fremdartige Bume, zu feurigen und fremdartigen Menschen versetzt hatten, deren Sprache voll auffallender Leidenschaftsworte lebhaft leuchtete, wie die Farben der Sdfrchte, die von den nchternen Eisensulen des Ladens, von den kahlen Kalkwnden und vom strengen Kassenpult wie bengalische Feuer abstachen, die man im nchternen Tageslicht abbrennt. Wenn der Mann dann aus dem Laden in sein Zimmer in einem der hher gelegenen Stockwerke des Hauses kam, wo er jetzt ohne Weib hausen mute, gingen die Dfte der sdlichen Lnder, die an seinem Rock hafteten, mit in seine Trume. Und er umarmte in seinem Schlaf nicht sein Weib, sondern er zog das junge Mdchen an sein Herz, whrend ihm ihre Brste wie zwei frische Kalvillenpfel entgegendufteten. Und besonders zur Stunde der Maus lag er oft auf dem Kissen wach, mit den verschrnkten Armen unter seinem Kopf, und stellte sich seinen Laden in der Provinz vor, wo eine der Gaslampen brannte und sie, die er ersehnte, mit hochgezogenen Beinen auf dem Drehstuhl beim Ladentisch sa und ihre Balladen sprach und dazwischen aufsprang und nach einer Ecke schlich, wo berall Mausefallen waren, die aber den Musen so bekannt waren, da keine mehr Lust hatte, sich fangen zu lassen. Dann sah er, wie sie sich bckte und eine Falle, die von selbst zugeklappt war, wieder aufstellte, wobei sie vielleicht den Vers hersagte: Ein Held, dess' Herz wie Feuer war, Ritt durch die Wlder sieben Jahr. Verschwiegen hat er sieben Jahr, Da er ein Fra der Flammen war. Bald mute sich der Hndler auch am Tage mit seinen verliebten Trumen beschftigen. Und der Gedanke, da seine Sehnsucht die Ersehnte vielleicht herziehen knnte, wollte nicht mehr von ihm weichen. Er nahm sich endlich vor, einen Brief zu schreiben und seiner Frau zu sagen, da er eine Hilfe im Laden brauche und da er nicht immer die Ladentre abschlieen knne, wenn er stundenlang zu den Fruchtversteigerungen gehen msse, und er wollte ganz harmlos im Briefe bemerken, da sie ihm jene Verwandte schicken sollte. Er hatte den Brief im Geist vielleicht tausendmal abgefat, nachts und am Tag. Wo er ging und stand, schrieb er diesen Brief in Gedanken. Aber er konnte sich nicht entschlieen, die Feder in die Hand zu nehmen, die Tinte und das Briefpapier. Er wre sich wie ein Verrter vorgekommen, Verrter an der Treue, die er seiner Frau halten wollte, und Verrter an seinem Herzen, das ehrlich bleiben wollte. So schrieb er diesen Brief nur mit den Augen in die Luft. Er schrieb ihn abends stundenlang, wenn er seine Rechnungen abgeschlossen hatte, unter die Summen der Zahlen ins Hauptbuch, in das er brtend starrte. Er schrieb den Brief mit den Augen auf die Kistendeckel der Orangensendungen, wenn er das Kistenbrett in der Hand hielt und in Gedanken anstarrte, statt es in eine Ecke zu stellen. Er schrieb den Brief auf die rtlichen blanken Schalen der Blutorangen. Er schrieb den Brief an die leeren Kalkwnde seines Verkaufsgewlbes, und er las ihn am Tag hundertmal, whrend er Frchte in die weien Tten hineinzhlte, die er den jungen Mdchen und Frauen zureichen mute. Auf allen Frauenhnden, die die Fruchttten aus seiner Hand empfingen, las er jenen Brief, den seine Augen unaufhrlich schrieben. Aber wie man sich scheut, mit bloen Fen durch brennendes Feuer zu gehen oder die bloen Hnde in helles Feuer zu legen, so scheute er sich, seine Hnde und seinen Willen dazu herzugeben, den Brief zu schreiben und abzusenden, den Brief, der die heimlich Ersehnte zu ihm bestellen sollte. Der Gefolterte suchte sich mit der Zeit die brennende Sehnsucht nur dadurch ein wenig zu erleichtern, indem er tat, als ginge er auf die Forderungen seines Blutes scheinbar ein. Er ging, wenn es ihm seine Zeit erlaubte, in die Warenhuser und kaufte Dinge fr sein Zimmer ein, die er sonst nie fr sich gekauft htte, und die er aufstellte wie zum Empfang fr diejenige, die er noch nie empfangen hatte. Er kaufte Kissen fr das Sofa, unntze Vasen, in die er Blumenstrue stellte, die er aber verwelken lie wie die Stunden seiner Trume. Er kaufte romantische Bilder, mit denen er die Wnde schmckte, kaufte Balladen- und Romanzenbcher, die er auf ein Bcherbrett aufreihte. Er kaufte Weinglser, eine Porzellanschale fr Kuchen, eine Kristallschale fr Frchte und eine groe seidene Bettdecke. Er kaufte sich neben seinen gewhnlichen Zigarren, die er tglich rauchte, eine Schachtel bester und teuerster Havannastengel, die er nur dann rauchen wollte, wenn der ersehnte Besuch gekommen sein wrde. Mit diesen und noch mancherlei Einkufen beschwichtigte er das still schwellende Sehnsuchtsfieber, das in ihm umging wie ein unheimlicher Feueratem, der ihn entfachen wollte. Aber den Brief, den er htte schreiben mssen, schrieb er nicht. Oft, wenn ihm ein Besuch angezeigt wurde, fuhr er erschreckt zusammen und dachte, jenes Mdchen knne pltzlich auf seiner Trschwelle stehen, gerufen von den lautlosen Hilfeschreien seines geknebelten Herzens. Zum Silvester kam dann, wie es verabredet war, seine ahnungslose Frau zu ihm zu Besuch. Sie war, seit er den Laden in der Hafenstadt aufgemacht hatte, noch nicht bei ihm gewesen. Und als er sie jetzt vom Bahnhof abholte und in sein Zimmer fhrte, wo von der Decke eine rosa Glasampel hing, die er angezndet hatte, da schlug die gute Frau erstaunt die Hnde zusammen und verga, den Hut und den Mantel abzulegen. Sie drehte sich auf einem Fleck, mitten im Zimmer stehend, um sich selbst und lie die zerbrechlichen feinen Vasen mit Blumen auf sich wirken, die schnen gebundenen aufgereihten Bcher auf dem Bord, den Porzellanteller mit Kuchen, die Kristallschale mit Frchten, die vielen romantischen Bilder an den Wnden. Und als sie zuletzt gar die gleiende Seidendecke auf dem breiten Bett bemerkte, da gingen ihr gerhrt die Augen ber, und sie umarmte ihren Gatten und bedankte sich, da er so zrtlich alles fr ihren Empfang hergerichtet hatte. Der sagte nichts und umarmte seine Frau wieder. Denn whrend er diese Dinge zum Schmuck des Zimmers alle eingekauft und aufgestellt hatte, hatte er auch da nie mit Bewutheit und Offenheit sich eingestanden, da er dies nicht fr seine Frau, sondern fr das junge Mdchen tat. Er hatte wie ein Schlafwandelnder gehandelt, getrieben von einer inneren Lust, sein Zimmer zu schmcken, handelnd zwischen Wachen und Trumen. Und wie er nun seine Frau, die er immer noch treu liebte und vor der er sich keine untreue Handlung vorzuwerfen hatte, umarmte, schien es ihm wirklich einen Augenblick als wahrscheinlich, da er fr sie und sich zur Silvesterfeier und zum Wiedersehen das Zimmer so sorgsam und festlich geschmckt hatte. Am Abend gingen Mann und Frau mit Bekannten in eine Weinstube, und dort tranken sie, bis es zwlf Uhr schlug und das neue Jahr anbrach. Und von Glhwein und Bowle erhitzt, wurde der Sdfrchtenhndler lustig und ausgelassen, wie ihn seine Frau selten gesehen hatte. Als nun das neue Jahr mit vielen Prosit empfangen worden war, sehnte sich die Frau aus dem lrmenden Kreis der Menschen fort und dachte an das schn geschmckte Zimmer, das sie beide erwartete, das ihr Mann mit soviel Zrtlichkeit hergerichtet hatte, und wo sie ihm jetzt mit gleicher Zrtlichkeit zu danken wnschte. Sie zupfte ihren Mann am rmel, aber der schien an gar kein Nachhausegehen denken zu wollen und trank immer wieder seinen Freunden zu und lie sich zutrinken und bestellte neuen Wein. Aber es waren auch noch andere Frauen im Kreise, die auch heimzugehen wnschten, und die Frauen verabredeten sich untereinander und standen auf und setzten ihre Hte auf und zogen ihre Mntel an und traten dann angekleidet vor die im Tabakrauch und Weindunst laut schwatzenden Mnner und baten sie, heimgefhrt zu werden. Die Mnner wollten auch folgsam alle gehen. Nur der Sdfrchtenhndler wollte ans Aufbrechen nicht denken. Der sa auf seinem Stuhl fest und behauptete, er ginge nicht zur Stunde der Maus nach Hause, denn da gingen Gespenster bei ihm um. Was fr Gespenster? fragten ihn alle. Muse und junge Mdchen, entfuhr es dem etwas Angetrunkenen. Die Mnner lachten und warfen sich zwinkernde Blicke zu. Die Frauen aber trieben beharrlich zum Aufbruch an. Die Frau des Sdfrchtenhndlers war bei der Rede ihres Mannes pltzlich bla und zitternd geworden, und auf der Strae zog sie ihren Gatten auf die Seite: Was hast du da geschwatzt von Gespenstern, von Musen und jungen Mdchen, die bei dir umgehen? Nun wei ich es, fr wen du das Zimmer so festlich geschmckt hast! Jedenfalls nicht fr mich. Was? sagte der unschuldige Mann. Was habe ich von jungen Mdchen gesagt? und er hielt seinen Hut in der Hand und lie die eisige Nachtluft seinen erhitzten Kopf abkhlen. Du glaubst wohl gar, da ich junge Mdchen nachts bei mir empfange? Ja, was soll ich denn anderes glauben? wimmerte die weinende Frau und drckte ihren Muff vors Gesicht. Du hast es ja selbst vorhin vor allen Freunden gesagt, da zur Stunde der Maus junge Mdchen bei dir umgehen. Da habe ich im Weinnebel Dummheiten gesprochen, verteidigte sich der Mann. Mein Zimmer hat niemals ein anderer Frauenfu betreten als der deinige, mit Ausnahme des alten Weibes, das dort Ordnung macht und tglich die Stube reinigt. Ist das wahr? sagte die Frau des Sdfrchtenhndlers und sah ihren Mann an und zog ihn am Arm, damit er ihr ins Gesicht sehen sollte. Ich schwre es dir, beteuerte er. Aber er sah sie nicht an, sondern starrte hinauf in den Himmel, wo die Sterne wie Pyramiden aufgehufter goldener Frchte glnzten. Die Frau atmete auf und lachte sich selbst aus, da sie so schnell bles gedacht hatte von dem, den sie immer als rechtschaffen und treu gekannt hatte. Und sie nahm sich jetzt erst recht vor, zrtlich zu ihm zu sein, da er nun doch das Zimmer nur fr sie so schn geschmckt hatte. Zu Hause, als sie den Mantel abgelegt, sah sie, wie ihr Mann, nachdem er nach der Uhr gesehen, nach einem der Balladenbcher griff und es vom Bcherbord herunterlangte. Und statt sich auszukleiden, streckte er seine Beine auf dem Sofa aus und schlug das Buch auf und las fr sich. Die Frau entkleidete sich inzwischen und kmmte ihr Haar am Spiegel aus, schlpfte dann ins Bett unter die seidene Bettdecke und verhielt sich eine Weile muschenstill, um abzuwarten, bis ihr Mann ausgelesen hatte. Nach einer Weile klappte er das Buch zu, und sie sah, wie er sich aus einer bisher ungeffneten Zigarrenschachtel eine groe Zigarre holte und diese anzndete. Und als sie den fein duftenden Rauch roch, dachte sie bei sich: so gute Zigarren raucht er doch sonst nicht. Die hat er auch zu meinem Empfang gekauft. Und sie nahm jede Rauchwolke, die er von sich blies, als eine Huldigung dar. Dabei kam ihr der Gedanke, da sie eigentlich noch gern einen Schluck schwarzen Kaffee getrunken htte. Und da fragte sie ihn: Httest du nicht auch gern ein Tchen Kaffee zu deiner guten Zigarre? Da stand er auf und ging zu einem kleinen Kredenzschrank, holte eine neue vernickelte Kaffeemaschine und zwei winzige Mokkatassen, stellte sie auf den runden Tisch unter die Ampel und go Spiritus in den Brenner, nahm aus einer Bchse gemahlenen Kaffee und schickte sich an, den Kaffee zu bereiten, von dem sie gesprochen. Sie sah vom Bett aus mit Erstaunen seinen Hnden nach, und pltzlich schienen ihr die Hnde des lautlosen Mannes, die da am Tisch handelten, die gespensterhaften Hnde eines Traumwandlers zu sein. Und sie fhlte mit den Augen einer liebenden Frau, wie das Herz dessen, der da umherging, nicht im Zimmer anwesend war. Sie wurde wieder bestrzt und ratlos und fhlte, da Gespenster umgingen hier im Zimmer zur Stunde der Maus, so wie es ihr Mann vorher beim Wein gesagt hatte. Zugleich wute sie auch, da ihr Mann sie niemals belgen konnte. Und sie schaute in die fremde Welt des fremdgeschmckten Zimmers, wo sie den, den sie liebte, nicht mehr erkannte. Nur wie ein Gespenst sa er dort auf dem Sofa. Auch sein Rauchen war unnatrlich und gezwungen. Seine Augen sahen in die Spiritusflamme, die da unter dem Kessel leise sauste, und dabei schienen sie die Flamme doch nicht zu sehen. Seine Ohren schienen auf die summende Kaffeemaschine zu lauschen und schienen doch noch anderes zu hren. Seine eine Hand aber streichelte unausgesetzt und wie abwesend den Deckel des Buches, das vor ihm lag. Und mit eiferschtigem Liebessinn wurde die Frau von jenem Buche angezogen. Und als das Kaffeewasser kochte und ihr Mann an die Maschine trat, um den Kaffee in die Tassen einzuschenken, da stieg sie leise aus dem Bett und zog, scheinbar harmlos, das Buch vom Tisch an sich. Sie bltterte darin und erkannte sofort, da es Balladen waren, die jene junge Verwandte, die sie daheim hatte, immer las und vortrug. Sie wute jetzt mit raschem Gedankengang pltzlich, wer das Gespenst war, wer das junge Mdchen war, das um die Stunde der Maus im Zimmer ihres Mannes umging. Sie fhlte, da seine Gedanken nur bei jener Verwandten weilten, und sie wurde zornig, da sie glaubte, er habe sie in jenen Augenblicken, da er das Mdchen zur Nachtwache im Provinzladen aufgesucht, daheim schon betrogen. Als der Mann mit der gefllten Kaffeetasse zu ihr ans Bett trat, wies sie den Kaffee zurck, wandte das Gesicht gegen die Wand und brach in Schluchzen aus. Und auf seine Fragen strzten ihr Vorwrfe ber die Lippen. Aber er konnte ruhig entgegnen, da kein Wort und nichts zwischen ihm und jenem Mdchen ausgetauscht worden war, was seine Treue htte in Frage stellen knnen. Es mu aber doch etwas zwischen euch gewesen sein, fuhr die Frau hartnckig fort, denn ich erinnere mich jetzt, da du ganz pltzlich deine Aufsicht ber die Nachtwachen im Laden abgebrochen hast. Sage mir, was war das letzte Wort, das ihr dort zusammen spracht? Ich sagte ihr, da ich glcklich, sehr glcklich verheiratet bin, erwiderte der Mann nach einigem Nachdenken. Die Frau sah erstaunt mit trnendem Gesicht zu ihm auf und sagte: Ich glaube dir's. Aber ich wei doch, da sie allein das Gespenst ist, das nach Mitternacht hier umgeht. Kannst du mir wirklich versichern, da du alles das, die Tassen, die Kaffeemaschine und alle Dinge im Zimmer nur fr mich und dich gekauft hast und die andere im Geist niemals neben dir hast sitzen sehen? Da sagte er einfach und langsam: Wenn ich jetzt um diese Stunde an das Mdchen erinnert werde, wird es mir klar, da ich alles, was du hier siehst, eingekauft habe, um sie und nicht dich zu empfangen. In allen andern Stunden wute ich nichts davon. Da weinte die Frau. Und als ihr Mann sich neben sie aufs Bett setzte und die seidene Decke ber sie legte, stie sie die Decke heftig zurck. Und ihm war es, als habe sie mit dieser Bewegung nach dem Mdchen gestoen, das er neben ihr heimlich liebte. Da lste sich sein geknebeltes Herz auf. Und er ging und setzte sich in eine entfernte Zimmerecke und bedeckte sein Gesicht mit den beiden Hnden. Gegen Morgen, als das Gerusch der vorberfahrenden Milchwagen und der ersten Straenbahn die Fensterscheiben leise klirren machte, rief die Frau vom Bett aus ihres Mannes Namen. Aber als er dann zu ihr trat, brach sie wieder in Weinen aus. Es ist dir nichts geschehen und wird dir nichts geschehen, denn ich werde mich nie diesem Mdchen verraten. Meine Gedanken an sie werden mit der Zeit erkalten mssen. Wenn du mich nicht an sie verrtst, werde ich sie vergessen knnen. Und die Frau versprach ihm, wenn sie heimkommen wrde, dem Mdchen, das so unschuldig war wie ihr Mann, nicht gram sein zu wollen und ber alles zu schweigen, was sie von ihm in dieser Nacht erfahren. Er wute, was sie versprochen habe, wrde sie auch halten. Nachdem die Frau wieder abgereist war, nahm der Mann bald ein Bild nach dem andern von den Wnden herab und rckte die Vasen in eine Ecke eines hohen Schrankes, wo er sie nicht sehen konnte, rollte die seidene Decke zusammen und packte sie fort. Auch die Balladenbcher nahm er vom Brett und legte sie in eine Schublade, die er verschlo. Denn seit jener Aussprache in der Silvesternacht war der Geist des Mdchens, der sonst um die Stunde der Maus in seinem Herzen schwl umgegangen war, von ihm ferngeblieben, und die stille Leidenschaft starb in dem Mann allmhlich ab. Der Hndler ging eifrig seinen Geschften nach, vermied es, die Abende allein zu verbringen, suchte Freunde und Bekannte auf und schien allmhlich vollstndig zu genesen von dem Liebesalb, der ihn so lange heimlich bedrckt hatte. Da erhielt er eines Tages ein Telegramm, worin seine Frau ihn bat, schleunigst nach Hause zu kommen, da jener jungen Verwandten ein schweres Unglck zugestoen wre. Der Mann zitterte einen Augenblick, als er das Papier mit der Nachricht in den Hnden hielt. Dann aber machte er sich khl und hart gegen alte auflodernde Gefhle und reiste mit dem nchsten Zug nach Hause. Die Frau empfing ihn mit verweinten Augen und schluchzte an seinem Hals und sagte ihm, da das junge Mdchen durch einen pltzlichen Unfall gettet worden war. Dabei aber stotterte sie: Du wirst glauben, ich bin schuld an ihrem Tod. Aber ich schwre dir, ich bin unschuldig. Der Mann erstaunte und fragte, welches Unglck sich ereignet habe, und hrte dann von der schluchzenden Frau, da das Mdchen durch einen unvorsichtigen Schritt in die geffnete Falltr, die sich im Fuboden des Ladens befand, abends im Dunkeln, als sie eben die Nachtwache antreten wollte, in den tiefen Keller gestrzt war, auf dessen mit Steinplatten gepflastertem Boden man die Unglckliche mit gebrochenem Rckgrat tot aufgefunden hatte. Aber wer hat denn die Tr in den Keller aufstehen lassen? fragte der Sdfrchtenhndler entsetzt. Die Frau verbarg das Gesicht an seiner Brust und schluchzte von neuem: Ich bin es gewesen, ich. Ich bin wohl an ihrem Tode schuld, aber ich habe ihn nicht absichtlich verschuldet. Da durchlief den Mann ein Schauder, und er zog sich aus der Umarmung seiner Frau zurck. Sie aber klammerte sich fest an ihn und rief verzweifelt: Als es mir pltzlich einfiel, da ich die Kellertr offen gelassen hatte, bin ich oben aus dem Zimmer in das Stiegenhaus gestrzt und habe ihr nachgerufen, sie solle nicht in den Laden gehen, da die Falltr zu dem Keller offen wre. Im selben Augenblick aber hrte ich schon einen Schreckensruf und den polternden Aufschlag eines Krpers im tiefen Gewlbe. Die Frau setzte sich auf einen Stuhl und schluchzte in ihre beiden Hnde. Und als sie nach einer Weile wieder aufsah, war das Zimmer leer. Sie glaubte, der Mann wre auf den Kirchhof in die Leichenhalle gegangen, um das Mdchen noch einmal zu sehen. Aber er war, ohne Abschied zu nehmen, in sein Geschft in der Hafenstadt zurckgereist und lie seine Frau deutlich fhlen, da er es nicht glauben konnte, sie habe die Falltr ohne Absicht offen stehen lassen. Gleich nach der Beerdigung des Mdchens reiste sie zu ihm und erklrte ihm noch einmal, da sie unschuldig wre. Er aber ging wieder aus dem Zimmer und wollte nicht mit ihr sprechen. Sie kehrte in den Laden in der Provinz zurck, verzweifelt darber, da sie ihren Mann nicht zum Glauben an ihre Unschuld bringen konnte. Von dem ausgestandenen Schrecken und von dem Schweigen ihres fernen Mannes gefoltert, wurde sie immer schwcher und erkrankte zuletzt an einem Gehirnfieber. Eines Tages erhielt der Sdfrchtenhndler einen Eilbrief von einem Arzt, der ihn aufforderte, schleunigst zu kommen, wenn er seine Frau noch am Leben finden wollte, denn ihre Stunden wren gezhlt. Der Mann kam, aber die Fiebernde kannte ihn nicht mehr. Der Arzt sagte, er solle sich an ihr Bett niedersetzen, es wre mglich, da sie kurz vor dem Sterben zum Bewutsein kommen und ihn erkennen wrde. Da sa er nun und hrte die Fiebergesprche, in denen sie immer wieder die Worte wiederholte, da sie unschuldig wre. Aber er konnte es doch nicht glauben. Sie hat aus Eifersucht gettet, sagte er zu sich selbst. Pltzlich richtete sich die Fiebernde im Bett auf und erkannte ihren Mann. Bist du gekommen, mir zu glauben? rief sie erleichtert aus. Da sah er in ihre Augen, und beim Ton ihrer Stimme mute er glauben, da sie unschuldig war am Tod der andern. Und er bat in seinem Herzen das Schicksal um ein Wunder: Die Sterbende soll leben bleiben und gesund werden, wenn sie unschuldig ist, sagte er in seinem Schweigen. Er sah ihr fest ins Auge und beschwor ihr fliehendes Leben mit seinem innersten Wunsch. Ich glaube dir. Du bist unschuldig. Wir haben beide keine Schuld und wollen glcklich und ruhig weiterleben, sagte er laut zu der Kranken, deren Kopf erschpft auf die Seite sank, whrend ihre Augen ihn halbverklrt betrachteten. Ich will schlafen, und wenn ich aufwache, will ich mit dir glcklich sein wie frher, sagte die Frau mit schwacher Stimme. Seine Hnde betteten ihren Kopf sorgsam in die Kissen. Er wachte dann zwlf Stunden an ihrem Bette, und in all der Zeit hielt er ihre Hnde in seinen Hnden. Nach zwlf Stunden schlug die Frau einen Augenblick die Augen auf, und als sie sein Gesicht neben sich sah, lchelte sie. Schlafe dich gesund! sagte ihr Mann. Sie schlo wieder die Augen und schlief noch einmal zwlf Stunden. Und nach der vierundzwanzigsten Stunde sa der Mann immer noch wach an ihrem Bett und hielt ihre Hnde fest wie in der ersten Stunde. Sie schlug die Augen auf, und als sie ihn immer noch neben sich sah, war sie glcklich und gestrkt und fhlte, da sie zum Leben zurckkehrte. Und sie fuhr streichelnd mit der Hand ber die Augen ihres Mannes. Dann sank sein Kopf zu ihr auf die Kissen, und er schlief ein, und sie schliefen beide noch einmal zwlf Stunden. Dann erwachte sie gesund und gestrkt. Und seit dieser Stunde war bei ihnen alles Vergangene vergessen, und ihr Leben wurde von jetzt ab glcklich wie in den ersten Tagen ihrer Ehe. Alle handeln wie die Herzen mssen Meine Ohren horchen in die Nacht, Wie der Regen seinen Tanzschritt macht. Ruhe, eine der uralten Ammen, Singt ihr Lied mit Dunkelheit zusammen, Und der Regen tanzt auf flinken Fen. Alle handeln wie die Herzen mssen, Alle wandeln frisch und unverfroren. Nur die Liebe wird mit Angst geboren, Nur der Sehnsucht ruhen nie die Ohren. Ich mcht' wie ein Baum mich am Weg aufpflanzen Ich mcht' wie ein Baum mich am Weg aufpflanzen, Mit jedem Blatt in der Liederluft tanzen. Ich mchte mir Flgel schaffen wie Finken Und in der Liedluft hinfliegend versinken. Ein Lied verschiebt Berge und Dcher und Wnde; Ich mchte im Mai jetzt ein Nachtsnger sein Und sng' mich im Schlaf zu der Liebsten hinein. Ich mchte, ich mchte, ich mchte ohn' Ende-- Und hab' zum Umfangen nicht mehr als zwei Hnde. Das Dunkel griff uns um den Leib Die Nacht am Fu des Berges stand, Jed' Blatt ward eine dunkle Hand, Der Weg uns unter den Fen schwand. Auf Moos und Wurzeln klang hohl der Tritt, Und hinter uns gingen bei jedem Schritt Waldbume in schweren Scharen mit. Das Dunkel griff uns um den Leib, Und Bume, umschlungen wie Mann und Weib, Sagten mit toten Gesten: Bleib. Die Wege wurden wie tiefe Schlnde, Als ob man an offenen Grbern stnde Und jeder zu einem Sarg hinmnde. Viele Fuste haben geballt, gedroht, Es war alle Liebe vom Tage tot, Eng Blatt bei Blatt wuchs im Finstern die Not. Als ob uns die Schritte verjagten und bannten, Wir uns einander bald nicht mehr erkannten, Stets fliehend vor Nacht durch Nacht wir rannten. -- So laufen wir alle ein ganzes Leben Und knnen im Finstern die Hand uns kaum geben. Nur ein Ku kann uns manchmal das Dunkel heben. Himalajafinsternis Das ist der Fluch und zugleich die Wollust des Reisens, da es dir Orte, die dir vorher in der Unendlichkeit und in der Unerreichbarkeit lagen, endlich und erreichbar macht. Diese Endlichkeit und Erreichbarkeit zieht dir aber geistige Grenzen, die du nie mehr loswerden wirst. Wenn sich deine Seele, ohne da dein Leib reist, an einen Ort hin versetzt, in dem du nie warst, so kann sie an dem Ort bald im Sonnenschein, bald im Regen, bald im Winter, bald im Frhling wandern, geisterleicht in einer Geisterlandschaft. Hast du aber den Ort einmal reisend mit deinem Leib erreicht und wirkliche Tage dort erlebt, so bist du dem Gefngnis der Wirklichkeit verfallen. Sobald du dich in spteren Jahren an den bereisten Ort im Geist zurckversetzt, kommst du nicht ber die Grenzen der ehemaligen wirklichen Tage hinaus. Du siehst jenen Ort immer wieder, in ermdender Wiederkehr, in derselben Tages- oder Jahreszeitstimmung, in der du ihn damals gesehen. Du kannst ihn nicht willkrlich mehr verwandeln. Du bist verdammt, ihn ewig genau so zu sehen, wie er sich dir auf der Reise gezeigt hat. Dies ist der Fluch, der die Seele des Reisenden belastet. Die Flgel der Geistigkeit werden ihm von der Wirklichkeit beschnitten. Der Vielgereiste haftet mehr an der Erde als der Niegereiste. Er erscheint mir sterblicher als die brigen Sterblichen. Es gibt eine einzige Mglichkeit, den Wirklichkeitsbann des Reisens zu durchbrechen und abzuschtteln. Das geschieht, wenn wir unsterbliche Erlebnisse heimbringen; wenn sich das Schicksal des Reisenden mit Menschenschicksalen fremder Orte so verknpft, da der Ort, die Landschaft, das Gesehene ganz an Bedeutung verlieren, ins Nichts sinken, und das am eigenen Schicksal Erfahrene Zeit, Ort und Wirklichkeit berragt. Solche Erlebnisse sind selten, aber eins, zwei solcher Erlebnisse auf groen Reisen bleiben einem im Blut und Geist haften und berfallen einen zeitweise in der Erinnerung, und solche Erlebnisse knnen uns modernen Menschen den Schauer, die Ehrfurcht und die Erhebung ersetzen, die die frheren naiven Menschen in Gotteshusern vor ihren Altren und Gttern empfanden, vor Gttern, die wir Modernen lngst zum alten Eisen gelegt haben. Ehe ich auf meinen Reisen oben im Himalajagebirge gewesen, konnte ich mir diese hchsten Erdzinken immer nur tief in weiem Schnee und unter ewig eisigblauem Himmel vorstellen, hnlich den Erinnerungsbildern, die ich vom Montblanc, von den Dolomiten und den Schweizer Alpen mit mir trug. Jetzt aber, nachdem ich vor Jahren am Himalaja war, sehe ich dort im Geist keine ehernen Gletscher, keinen eisblauen Himmel mehr. Ich sehe dort die Erde grau in grau wandern, denn es war im Februar, als die Nebel aus der indischen Talsohle wie graue Felder heraufstiegen, Nebel in allen Schattierungen, in Schatten und Beleuchtungen wechselnd. Es war, als flgen die Berge; dann wieder versanken sie. In den Sternennchten wirbelten diese Nebel im Mondschein. Der riesige Himalaja schien sich fortzuwlzen. Bald stellten sich die Nebel wie Riesentreppen auf, schlugen sich zum Himmel hinauf und drehten sich um ihre Achsen wie ungeheuere Windmhlenflgel. Es blieb kein Oben, kein Unten, kein Links und kein Rechts mehr bestehen, als wre der Himalaja eine Gedankenwelt geworden, in der sich fluchtartig Bilder und Eindrcke, Wirklichkeit und Unwirklichkeit jagten. Siebentausend Fu hoch oben in Darjeeling, dem weltbekannten Erholungsort der englisch-indischen Beamten, Offiziere und reichen Kaufleute, waren im Februar die meisten Villen geschlossen. Sie liegen mit ihren Glaswnden und Glasveranden wie aus Bergkristall aufgebaut an der Berglehne der hohen Gelnde von Darjeeling. Dazwischen ziehen sich Teegrten mit niedrigem Teegebsch hin, denn der Tropenbrodem, der vom groen indischen Reiche am Fue des Himalaja zu den Hhen von Darjeeling heraufraucht, bringt einen Atem von Fruchtbarkeit ber diese Sdabhnge des Himalaja. Heimgekehrt nach Europa, wre ich jetzt, wenn ich an den Himalaja zurckdenke, ewig dazu verbannt, dort droben in Darjeeling den unendlichen, lautlosen, trufelnden Februarregen zu sehen, der aus den Nebelschwaden niedertroff, und ich mte immer in die nebelwandernden Berge schauen, die mir nie mehr stillstehen wrden, wre mir nicht dort jenes Erlebnis begegnet, das mich zeitlos und weltlos ansieht, nicht gebunden an Tag und Jahreszeiten, sondern nur gebunden an die Allmenschlichkeit, an das Menschenherz, das rund um die Erde, an allen Orten gleich handelnd liebt und leidet, als wre es ein einziges Herz. Eines Nachmittags hatten mich die fnf Tibetaner, die meine Rikscha schoben, nach dem einzigen tibetanischen Tempel gefahren, der an einem Ende des Bergdorfes Darjeeling, nach langen Fahrten, auf verschlungenen Wegen erreicht wird. Der Tempel war einfach wie ein weigekalktes Scheunenhaus und unterschied sich fast in nichts von tibetanischen Bauernhusern. Er lag am senkrechten Abhang, von einigen verwilderten Bumen umstanden, ein wenig einfach, und man htte ihn ebensogut von weitem fr einen kleinen Gasthof halten knnen. Ich mute einen nassen Vorgarten durchschreiten und hrte von weitem einen regelmig klingenden Ton. Es war der Laut der Gebetsmhlen, die nach jeder Umdrehung antnen. Unter dem Vordach des Tempelhauses stand eine mannshohe und mannsdicke gelbe Rhre aufgerichtet. Sie war von oben bis unten eng mit Gebeten beschrieben. Ein Tempelknabe in gelber Kutte drehte mit der Hand den gelben Zylinder, der sich auf einem Gestell rund um eine Achse bewegte. Jede Umdrehung des Zylinders galt soviel als das vollstndige Ablesen der tausend Gebete, die eingedrngt auf ihr geschrieben waren. Drinnen im Tempel war es dunkel wie in einem Stall. Hinter dicken Holzgittern standen die geschnitzten Gtter, deren alte gebrunte Vergoldung kaum noch glnzte. Da war kein friedlicher Gott darunter. Alle Gtter standen oder hockten in wilden verrenkten Stellungen, als wren sie den verzerrten Nebeln drauen nachgebildet. Aus unzhligen lnpfchen, voll kleiner Nachtlichter, flimmerten winzige Flmmchen. Wie die Futtertrge der Gtter, so standen sie da vor den Gittern und nhrten die speckigen Goldgesichter mit ihrem Ru und belebten sie mit dem Gewimmel ihrer knisternden Flmmchen. Nicht an allen Wnden standen Gtterbilder. Es waren da Lcken, und dort am beruten und schmutzigen Wandkalk entdeckte ich Photographien, Ansichtspostkarten und Holzschnitte aus illustrierten englischen Zeitungen. Es waren Bilder von englischen, deutschen, franzsischen, russischen Prinzen und Generlen und Abbildungen von neuerfundenen Maschinen, Bilder, welche von den tibetanischen Priestern heilig gesprochen waren, vielleicht um den Europern zu schmeicheln, vielleicht auch aus aberglubischer Furcht vor unbekannten fremden Seelenkrften. Am Fuboden in einer Ecke bemerkte ich geleerte englische Bierflaschen. Ein paar tibetanische Priester mit glattrasierten kahlen Kpfen, in schmutziggelben Kutten, hockten am Boden und rauchten, lehnten mit dem Rcken an der Wand und stierten zur offenen Tr hinaus, zu der ein wenig Tageslicht in den fensterlosen Raum hereinfiel und glasig auf den Augpfeln der Priester glnzte. Die knisternden Reihen von Nachtlichtern, die blden Augen der Priester und hie und da hinter den Gittern ein Gtterbauch, an dessen abgentztem Gold sich die lflmmchen spiegelten, der sliche Tabakrauch aus den Priesterpfeifen und ein noch slicherer Geruch von erkaltetem Rucherwerk, die grotesken Papierfetzen aus illustrierten europischen Zeitschriften-- dieser Wirrwarr von zeitlosem Spuk--, und drauen im Trviereck die ewig im Nebel fortwandernden Himalajaberge wie Spuklandschaften, die bald in den Himmel stiegen, bald zur Erde fielen, ein Nebelgekrse, das pltzlich bis zur Tr herankroch; die gelben Ungeheuer der Gebetmhlen, die sich einfrmig drehten und in regelmigen Zwischenrumen mit einem dnnen Metallton anschlugen,-- all das sah abenteuerlich aus, einfltig und ungeheuerlich zu gleicher Zeit. Denn es bestand schon seit Tausenden von Jahren und schien unvergnglich wie die Gtter der Dummheit, die neben den Gttern des Verstandes und des Gefhls ewig die Erde beherrschen. Aber wie die Abgrnde drauen vor der Tempeltr, an deren Rndern das Schwindelgefhl sa, das Menschen, Tiere und Steinmassen in die Himalajaschluchten reien konnte, so lag hinter dem Gefhl der dumpfen Dummheit, die in dieser stallartigen Tempelstube hockte, zugleich eine kaltbltige Grausamkeit. Sie blickte beinahe schelmisch aus den stieren Augen der kahlkpfigen tibetanischen Priester und grinste grotesk freundlich aus den lachenden Mulern der Gesichtsmasken der im Halbdunkel hockenden Gtterfiguren. Meine fnf tibetanischen Wagenschieber, die wie Eskimos in sackartigen Kleidern vermummt steckten und von hnenhaften Krften waren, fuhren mich dann im Rikschawagen zurck, an fast senkrechten Bergwegen hinauf. Dabei wieherten sie wie Pferdchen, meckerten wie Geibcke und prusteten wie Walrosse. Zugleich verfolgten meinen Wagen drei tibetanische Riesenweiber, die ihre Schmuckketten aus kleinen blauen Trkisen, Brocken Bergkristall und Stcken ungereinigter Silberbronze, mit rtlichem Carneol verarbeitet, vom Hals und von den Armgelenken rissen und mir zum Verkauf vor mein Gesicht hielten. Immer gestikulierend sprangen die Tibetfrauen neben meinen Wagenrdern hin und her, umgeben von einer bellenden Schar wilder Himalajahunde. Eine der Frauen nahm sich whrend des Springens die Trkisenohrringe ab, eine andere drehte von ihrer Hand einen plumpen Silberring mit rotem Carneolstein, die dritte zog sich bronzene Haarpfeile aus ihrem ungekmmten, verwilderten und vom Regen nassen Haarknoten. Einige Worte Englisch und hundert geschnatterte tibetanische Worte, durchsetzt mit Hundegebell und begleitet vom Gelchter und Geschnauf meiner schwitzenden Wagenschieber, schallten mir unausgesetzt vor den Ohren. Endlich kaufte ich dem einen Weib einen Ring ab, und da der Rikschawagen an den Abhangwegen im Fahren keinen Augenblick halten konnte, wurde der bewegte Handel durch Zuwerfen des Ringes und Zurckwerfen des Geldes abgeschlossen. Zwei der Frauen blieben jetzt zurck. Nur das dritte Weib, das immer noch ihre Haarpfeile verkaufslustig in der Luft schwang, haftete noch an der Seite meines Wagens, vom Geklff der Hunde umgeben. Als die Tibetanerin mich kaufunlustig sah, lockte sie mit den Augen, so da ihr die Wagenschieber tibetanische Scherzworte zuriefen, gegen die sie sich eifrig verteidigte. Da mich die Haarpfeile nicht reizten und des Weibes Augen mich nicht berreden konnten, fuhr sie, immer neben dem Wagen herspringend, mit den Hnden in die Falten ihres sackgroben Mantelkleides und fand in irgendeiner Tasche eine kleine Silberkette, die mir aber ebensowenig gefiel. Zugleich aber, wie sie die Kette in der Luft schttelte, flog, zwischen ihren Fingern durch, ein kleines Bronzeamulett, das an einer Darmsaite angebunden gewesen, und flog zu mir in den Wagen auf meinen Scho. Mit einem Blick sah ich, da das Amulett ein echtes kleines Bronze-Gtzenbild war, nicht grer als ein Fingerglied. Es stellte in viereckigen primitiven Formen zwei winzige Menschen dar, einen nackten Mann, an welchem eine nackte Frau emporkletterte. Ich schlo meine Hand, in die das Amulett gefallen war, griff mit der andern Hand in meine Westentasche, in der ich loses Silbergeld trug, und warf dem Weib ein paar groe Silbermnzen zu. Sie sah mich erstaunt an, fing blitzschnell das Geld auf und blieb zurck. Zufllig bog der Wagen um eine Wegecke. Ich konnte jetzt das Weib, das in dem Haufen der bellenden Hunde stillstand, noch einmal von weitem sehen. Sie schttelte fortwhrend den Kopf, als verstnde sie nicht, wie sie zu dem Gelde gekommen sei. Sie hielt die Haarpfeile im Mund zwischen den Zhnen und wickelte die Geldstcke in ein kleines Stckchen gelben Tuches. Vielleicht war es dasselbe Stckchen Tuch, in welchem vorher die Silberkette und das Amulett eingewickelt gewesen. Ich verga die Begebenheit, denn es ereignete sich jeden Augenblick viel Neues in der mich umgebenden Reisewelt. Ich entsinne mich nur, da, als ich eine halbe Stunde spter im Hotel das Amulett betrachtete, mir nicht mehr dieses eine Weib in Erinnerung kam, sondern die zwei anderen, die zurckgeblieben waren, und deren Wangen mit einer roten Masse eingerieben waren. Ich fragte einen der tibetanischen Fellverkufer, die in der Vorhalle des Hotels bei ihren Pelzwaren kauerten, und die alle Englisch sprachen, mit was sich die Weiber hier die Wangen einrieben, da sie so braunrot wrden. Er sagte, da die Farbe Ochsenblut sei. Aber nur die Witwen bestreichen sich die Wangen mit Ochsenblut und nur diejenigen Witfrauen, die den Mnnern zeigen mchten, da sie wieder heiraten wollen. Whrend ich noch sprach, lutete die erste Dinerglocke im Stiegenhaus des Hotels, die Glocke, welche die reisenden Damen und Herren darauf aufmerksam macht, da es an der Zeit ist, sich fr das Mittagessen, das um 7 Uhr serviert wird, umzukleiden. Denn auch hoch oben im Himalaja erscheinen die englischen Herren abends in Frack und Smoking und die Damen in Schleppkleidern, tief ausgeschnitten und frisiert, als wren sie fr eine Galaoper geschmckt. Ich ging in mein Zimmer, wo eben ein tibetanischer Zimmerbursche das Kaminfeuer angezndet hatte und jetzt nebenan im Baderaum, welcher zum Zimmer gehrte, Wasser in die Badewanne schleppte. Der Baderaum hatte einen besonderen Eingang durch einen Balkon, der an der Rckseite des Hauses entlang lief. Nachdem das Bad hergerichtet war, murmelte der tibetanische Diener sein =all right Sir= und verschwand durch die Hintertr des Badezimmers. Nachdem ich ins Bad gestiegen war und aufrecht im dampfenden Wasser stand und einige Turnbungen ausfhrte, fhlte ich im Rcken einen eiskalten Luftstrom, als ob jemand die Hintertr des Baderaumes zum Balkon geffnet habe. Ich rufe auf Englisch: Tr zu! Und um mich vor dem eisigen Luftstrom zu schtzen, tauche ich im heien Wasser der Badewanne bis zum Hals unter. Ich bemerke zugleich durch den Dampf, der das Zimmer fllte, den Schatten einer Gestalt und frage: Wer ist da? Nur der Strahl des Kaminfeuers fiel von meinem Schlafzimmer in den Baderaum herein, und ich merkte zu meinem Erstaunen, da die kleine Lampe, welche der Diener in eine Fensternische gestellt hatte, die aber vorher kaum leuchtete, jetzt vollstndig ausgegangen war. Als ich auf meine zweimaligen Zurufe keine Antwort bekam, erhob ich mich wieder aus dem dampfenden Wasser. Im selben Augenblick fhlte ich wieder den Eishauch von der Tre her, die wahrscheinlich wieder hinter dem Dampfnebel geffnet worden war. Der menschliche Schatten, den ich vorher gesehen hatte, war aber verschwunden. Mir schien, wenn ich mir die Gestalt vergegenwrtigte, als wre es eine Frau gewesen, die vorher eingetreten und die jetzt wieder verschwunden war. Ich tastete in den Dampfnebel, fragte noch ein paarmal, beendete dann mein Bad schneller, als ich es sonst getan htte, wickelte mich ins Badelaken, machte Licht im Schlafzimmer und leuchtete in den Baderaum, fand aber niemand. Dann kleidete ich mich an, klingelte und fragte den Diener, ob man jemand hereingelassen, whrend ich im Bad war. Dieser schttelte den Kopf und wute von nichts. Ich verga auch diese Begebenheit wieder. Aber nach Mitternacht, als ich mich zu Bett legte, schlo ich vorsichtig alle Tren. Das Amulett hatte ich genau betrachtet, und nach dem Alter der Darmsaite zu schlieen, an die es gebunden und die vom Tragen sehr abgentzt war, konnte ich mir vorstellen, da das Amulett wohl schon mehrere Menschenalter um den Hals verschiedener Personen gehangen und auf der Brust verschiedener Leute geruht haben mute. Bis diese starke Darmsaite sich abntzen und durchwetzen konnte, muten manche Menschenleben dahingegangen sein. Die an der Mnnergestalt emporkletternde kleine Frauengestalt war von geschwrzter Silberbronze. Der Mann schien aus Eisenbronze zu sein. Klobig, simpel, primitiv war die nugroe Figurengruppe zusammengeschweit, wahrscheinlich in irgendeiner Bergschmiede tief im Himalajagebirge. Vielleicht war sie in einer tibetanischen Klosterschmiede gearbeitet, in einem jener ungeheuerlichen Klster, die an unzugnglichen Stellen, an Bergabhngen und Bergseen zerstreut liegen, auf der Strae nach Lassa hin, jener Strae, die zu der geheimnisvollsten Klosterstadt der Welt fhrt. Ich mute wieder an das stattliche Tibetweib denken, wie es da mitten im Haufen bellender Hunde gestanden und gedankenvoll mein Geld in das gelbe Tuch gewickelt hatte. Pltzlich fiel mir ein: nach ihrem verwunderten Gesicht zu schlieen, hatte die Frau, als mir das Amulett zuflog, vielleicht gar nicht gewut, da sie es mir zugeworfen hatte. Sie hatte eine Silberkette in der Hand geschttelt, und wenn ich jetzt darber nachdachte, so schien es mir, als wre ihr unbewut das Amulett aus den Fingern geglitten, denn ihr Gesicht war verblfft und nachdenklich, als sie meine Silbermnzen auffing und einsteckte. Jedenfalls aber hatte ich das Amulett mit meinem Gelde bezahlt, und es war mein. So sagte ich mir und legte mich beruhigt zu Bett. Ich wei nicht, wieviel Stunden ich geschlafen hatte, als ich durch einen Knall und ein Scherbenklingen geweckt wurde. Ich fuhr auf und hrte ein Gerusch wie von flatternden Flgelschlgen. Das Kaminfeuer war vollstndig niedergebrannt, und der kleine Glutbrocken leuchtete nicht mehr an die Zimmerdecke und nicht mehr an die Wnde, von wo aus das klatschende Flgelschlagen herkam. Ich machte Licht und sah ein schwarzes Tier, gro wie eine Eule, von Winkel zu Winkel fliegen. Als ich auf einen Stuhl stieg, sah ich, da es eine groe Vampirfledermaus war. Ich ffnete die Schlafzimmertre, die nach der Treppe ging, weit, und rief ins Treppenhaus hinunter, indessen ich mich in meinen Mantel wickelte. Drunten am Kaminfeuer saen immer einige Diener, die die Nachtwache hatten. Einer von den Mnnern kam nun herauf, ri die Bettdecke von meinem Bett und schlug mit dem Tuch nach dem Tier in die Luft und scheuchte die Riesenfledermaus durchs geffnete Fenster in die Nacht hinaus. Im Fenster selbst fanden wir dann eine Ecke der Scheibe eingestoen. Doch unerklrlich war es mir, wie die weiche und zartknochige Fledermaus es fertig gebracht hatte, die harte Fensterscheibe einzustoen. In dieser Nacht schlief ich nicht mehr. Ich lie das Licht brennen und befahl dem Diener, das Kaminfeuer zu schren. Ich setzte mich dann an den Kamin und las, das heit, ich wollte lesen, um nicht einzuschlafen. Aber mehrmals mute ich aufhorchen. Es war mir, als hrte ich Schritte auf dem Balkon, auf welchen das zerbrochene Fenster fhrte. Ich sah vom Lesen nicht auf. Ich sagte mir, es wird einer der Diener sein, der sich berzeugen will, ob mein Kaminfeuer noch brennt, und der mich nicht zu stren wagt und deshalb auf dem Balkon herumschleicht und hereinsieht. Nach einer Stunde war mir, als verbreite sich ein durchdringender Blumengeruch im Zimmer. Ich schlo die Augen, lehnte meinen Kopf im Ledersessel zurck und berlegte, ob die Nachtnebel, die aus den Himalajateegrten und aus der indischen Tiefebene heraufstiegen, solch einen betubenden Bltengeruch mit sich fhren knnen. Durch das zerbrochene Fenster schien der Geruch mit dem Nebelrauch hereinzuziehen, denn ich sah einen feinen blulichen Dampf, der vom zerbrochenen Fenster her das Zimmer erfllte. Ich wollte aufstehen, ein Handtuch oder einen Reiseschal nehmen und die zerbrochene Scheibenecke zustopfen, um den betubenden Nebel abzuwehren. Aber es blieb bei dem in meinem Gehirn sich immer wiederholenden Wunsch, aufzustehen. Meine Augen fielen zu. Einige Zeit hielt ich das Buch noch in der einen Hand fest. Aber das Buch schien immer grer und schwerer zu werden. Das Buch wuchs und stand vor mir wie die Wand so gro. Und immer, wenn ich mich aufrichten wollte, stand vor mir das aufgerichtete wandgroe Buch. Es war mir, als wohne ich nicht mehr in einem Zimmer. Ich wohnte in einem Buch. Und ich hatte das Gefhl, dieses Riesenbuch knnte zuklappen und mich zwischen seinen Seiten erdrcken. Das Buch roch so s wie die Se aus einem alten Schrank, in welchem getrocknete Blumen und Lavendel lagen. Mit diesem gemischten Gefhl von Se und drckender Bangigkeit verbrachte ich, wie es mir schien, Jahre, ohne da sich etwas in meinem Zustande nderte. Ich wachte durch ein Klopfen auf. Es klopfte irgendwo jemand auf meinen Schdel. Es wurde lange und heftig geklopft. Bald war es mir auch wieder, als klopfe man schon jahrelang. Ich horchte auf. Meine Augen ffneten sich und sahen immer noch Kaminglut. Drauen war es immer noch Nacht. Das Klopfen kam von den verschiedenen Zimmertren im Korridor. Die Hotelgste wurden geweckt. Ich erinnerte mich jetzt, da unsere Reisegesellschaft, die zehn Damen und Herren, die sich hier in Darjeeling im Hotel zusammengefunden, verabredet hatten, um drei Uhr morgens bei Mondschein aufzubrechen, um auf Pawegen zu dem zweitausend Fu hher gelegenen Tigerhill zu reiten, wo man den Sonnenaufgang ber dem Mount Everest und anderen Riesen des Himalaja erwarten wollte. Im Zimmer war noch immer der sliche Dunst. Ich kleidete mich im halbtrunkenen Zustand an. Ein Diener brachte mir dann den Morgentee und sagte, da die Pferde gesattelt seien und unten an der Veranda warten. Als ich ein paar Minuten spter aufs Pferd stieg, freute ich mich ber die klare Bergluft, ber den eisklaren Halbmond, der am Himmel hing, und ber den reinen Neuschnee, der gefallen war, und ich hatte bald ganz und gar den Blumendunst vergessen und die letzten Stunden jenes schweren Schlafes, der mehr einem Albdruck als einem gesunden Schlaf hnlich gewesen. Auf den schmalen Pawegen, auf denen die Pferde hintereinander schreiten muten, schwiegen das Geplauder und Gelchter der Damen und Herren. Es war, als ritten wir nicht auf der Erde, sondern auf Wolken, an Wolkenrndern entlang. Die Mondsichel hatte nicht Kraft genug, die Himalajagrnde auszuleuchten. Meere von Finsternis lagen an den Rndern der Pawege, die nur einige Hufbreiten breit auf den Berggraten entlang zogen. Bume, die so alt waren, da sie kein Blatt mehr trieben und nur wie moosbehangene Skelette ragten, waren durch Nebel und Schnee wie vom Erdboden abgeschnitten und hingen in der Luft wie vom Himmel herab. Einige waren wie hausgroe Skelette ungeheuerlicher Fledermuse. Diese Gespensterbume und der jasminweie Mond auf dem grnlichen Nachtther erinnerten mich wieder an mein Nachterlebnis. Aber die groen geffneten unergrndlichen Himalajaabgrnde, die den Eindruck gaben, als knnte man so tief in die finstere Erde hineinsehen, so tief wie in den Nachthimmel, diese Abgrnde, an denen die Pferde zagend und tastend und lautlos im glitschigen Schnee wie balancierend zwischen Leben und Tod entlang gingen, verschluckten Rckerinnerungen und Gedanken, diese Abgrnde wollten mich einschlfern, strker noch als der Blumengeruch es vorher getan hatte. Der warme, schweidampfende Pferdercken, der mich trug und der mich rttelte, war das einzige Stck Wirklichkeit, das ich noch fhlte, denn der Traumzustand der Gespensterlandschaft wollte sich mit dem Traumzustand meiner noch nicht vllig wachen Gedanken vermischen und mich in die Abgrnde ziehen. Endlich verflchtete sich die Nacht, und wir erreichten in der blaugrauen Dmmerung, die dem Sonnenaufgang vorausgeht, die Hhe des Tigerhills. Tibetanische Diener waren vom Hotel vorausgeschickt worden. Ein groer Holzsto war angezndet worden, aber das Holz war na und rauchte mehr als es brannte. Der Schnee war im Umkreis des Feuers weggeschmolzen. Wir versuchten, unsere vom Reiten erstarrten Fe beim Feuer zu wrmen, umwanderten stampfend den qualmenden Holzsto, vertrieben uns die Zeit mit Teetrinken und warteten auf die ersten Zeichen des Sonnenaufgangs. Auf einmal sagte jemand neben mir: Das ist der Schmetterlingshndler! Der Genannte war ein Deutsch-Englnder aus Darjeeling, der einen tibetanischen Antiquittenladen dort hatte und zugleich einen Handel mit Himalajaschmetterlingen trieb, von denen er die schnsten Exemplare auf Bestellung nach Europa sandte. Wie der Mann auf den Tigerhill gekommen, ob er uns auf einer Nachtreise aus dem Innern des Gebirges begegnet war, oder ob er die Reisegesellschaft von Darjeeling aus begleitet hatte, wute ich nicht. Ich dachte nur im selben Augenblick, wie ich das Wort Schmetterlingshndler hrte, an die seltsame Trommel, die ich in seinem Laden zwei Tage vorher gekauft hatte; eine Trommel, angefertigt aus den Hirnschalen zweier Menschen, aus der Hirnschale eines Mannes und aus der eines Weibes. Jede Schalenhhle war mit einer Membrane berzogen; an der Wlbung aber waren die beiden Gehirnschalen zusammengeschweit, so da sie zwei kleine Trommeln bildeten. Schttelte man diese, so schlug in jeder Schdelhhle eine kleine, hinter der Membrane eingesperrte Elfenbeinkugel an die Schdelwand und an die Membrane und trommelte unausgesetzt. Der Schmetterlingshndler hatte mir erzhlt: Ich habe diese Trommel von einem tibetanischen Priester in einem tibetanischen Tempel gekauft. Es sind die Schdelschalen eines treulosen Mannes und eines treulosen Weibes. Diese Trommel wurde tglich zur Gebetstunde angeschlagen, denn die Treulosen sollen, ewig aneinander gekittet, im Tode keine Ruhe haben. Der Priester, der auf dem Leichenstein beim Tempel die Leichen zu zerschneiden und den Vgeln hinzuwerfen hat, hat das Recht, die Schdelschalen zweier, die die Treue gebrochen haben, nach dem Tode zu solchen Trommeln zu verarbeiten.-- Mit groer Mhe hatte der Schmetterlingshndler die Trommel aus dem Tempel erhalten. Machte es die dnne hohe Gebirgsluft, da meine Ohren jetzt pltzlich aus allen finstern Himalajaabgrnden ein Donnern hrten, als seien die Bergschlnde trommelnde Schdelhhlen von Ungetreuen? Hren Sie die Lawinen, die bei Sonnenaufgang sich von den Gletschern lsen und in die Tiefe donnern? sagte ein Herr neben mir zu einer Dame. Dann war tiefe Stille. Keine Teetasse klapperte, kein Schritt im Schnee knirschte mehr. Die Pferde spitzten die Ohren und schnupperten. Drben im Nebel, ber einem tageweiten Abgrund, erschien der fleischige Arm eines Riesen, die rosige fleischige Brust einer Frau, Nacken, Schultern, Hften in gigantischen Dimensionen. Es waren die Umrisse des Mount Everest und des Kantschindschanga, die wie ein nacktes Riesenpaar hher als der Mond im Himmel lagen. Die Sonne, flsterte eine Dame. Ich sah ber meine Schulter von den Bergen fort und entdeckte eine rote glhende Lawine, die sich auf Nebelfeldern kaum merklich fortrollte und grer und rter wurde,-- die Sonne. Wie eine groe rote Sintflut gab sie den Gletschern Blut und machte den Schnee zu Fleisch. Im selben Augenblick, mitten in diesem feierlichsten Augenblick des Sonnenaufgangs, nahm jemand meine Hand, fhrte meine Finger in eine Westentasche und sagte: Wo ist das Amulett, das du gestern kauftest? Sehen die groen fleischfarbenen Gletscher dort nicht aus wie die Mnner- und die Frauenfigur deines Amuletts, das du der Tibetfrau gestern abkauftest? Das Amulett war nicht in meiner Westentasche. Aber das Geld, das ich dafr bezahlt hatte, die drei groen Silberstcke, befand sich wieder in meiner Westentasche. Der Gedanke an das Amulett hatte meine Hand in die Westentasche geschoben. Wer hat jetzt laut gelacht? Alle Gesichter sahen sich nach mir um. Es wurde mir unheimlich vor mir selbst. Wie ich meinen Pelzrock geffnet hatte, um das Amulett zu suchen, stieg mir aus der Kleiderwrme wieder jener geheimnisvolle Blumengeruch entgegen. Aber jetzt bei der aufgehenden Sonne, in der Schneefrische des Morgens, erkannte ich in dem Geruch ein betubendes tibetanisches Tempelrucherwerk, das, in groen Massen eingeatmet, einschlfert und Visionen verschafft, und dieser Geruch steckte noch von der Nacht her in meinen Kleidern. Auf dem Pferdercken vorhin war mir schon der Geruch stark in die Nase gestiegen. Ich selbst war aber noch zu sehr von der Schlafzimmerluft betubt gewesen, um seinen Ursprung zu erkennen. Jetzt wandte ich mich mit einem energischen Ruck an den Schmetterlingshndler, um ihn zu fragen: Glauben Sie, da es Amulette gibt, die ihren Besitzern so teuer sind, da sie sie fr nichts verkaufen wrden? Glauben Sie, da, wenn ein tibetanisches Weib ein solches Amulett zufllig von sich geschleudert htte, es alle Listen seiner listigen Natur anwenden wrde, um das Amulett wieder zu erhalten? Glauben Sie, da es durch Hintertren in die Huser eindringen wrde und sich nicht scheuen wrde, ein Fenster einzustoen, um das Amulett zu erhalten? Sie werden mir sagen: 'Das zerbrechende Fenster wrde jedermann wecken!' Aber ich sage Ihnen: Man kann zugleich durch das zerbrochene Fenster eine lebende Fledermaus ins Zimmer werfen, die die Aufmerksamkeit auf sich lenkt und nicht den Gedanken aufkommen lt, da ein Mensch mit Absicht das Fenster zerschlagen htte. Betubt man dann noch durch eine Rucherstange den im Zimmer Anwesenden, so ist es ein leichtes, nachher mit dem Arm durch die zerbrochene Fensterscheibe in das Zimmer zu langen, den Fensterknopf von innen aufzudrcken, durchs geffnete Fenster vom Balkon hineinzusteigen, das verlorene Amulett zu suchen, zu finden und, wenn eine Kaufsumme dafr hergegeben war, das Geld wieder hinzulegen und das Amulett mitzunehmen. Alles dieses wollte ich mit energischem Entschlu den Schmetterlingshndler jetzt fragen. Ich ffnete den Mund. Aber die Worte, die ich sprechen wollte, verwandelten sich in Atemrauch, und ich hrte in meinen Ohren, da ich sagte: Wenn Sie wieder einige seltene Exemplare von Himalajaschmetterlingen haben, knnen Sie mir dieselben an meine Adresse nach Europa senden. Dabei nahm ich aus meiner Westentasche dasselbe Silbergeld, womit ich gestern schon das Amulett bezahlt hatte, und bezahlte im voraus den Preis fr drei Schmetterlinge. Ich hatte nichts mehr gesprochen. Die Sonne war bald wieder in Nebeln verschwunden, und wir ritten im Tageslicht, das aber mehr dem Mondlicht glich, an den nebelnden Abgrnden zurck nach Darjeeling. Das Amulett fand ich nicht mehr. Es war nicht auf meinem Tisch zu Hause im Hotelzimmer, nicht in meinen Taschen, nicht in meinen Koffern. Ich erinnerte mich jetzt, da, als ich gestern abend nach dem Diner durch die Billardsle zu den Spielzimmern gegangen war, wo die befrackten Herren und die dekolletierten Damen an den grnen Spieltischen vor den lodernden Kaminen saen, mich einen Augenblick eine Sehnsucht gepackt hatte, fortzukommen aus den europischen Slen, die man hier in Asien sogar noch hoch im Himalaja fr verwhnte Millionre und Milliardre hingestellt hat. Ich war dann auf die breite Hotelterrasse hinausgetreten und hatte dem Hexenspiel der rollenden Bergnebel ber den Schluchten zugesehen und den Sternen, die ber den bewegten Nebeln zu tanzen schienen. Dann fielen ein paar Regentropfen, mit Schneeflocken untermischt, aus fortflchtenden Nebelwellen, die um den Mond kreiselten. Als ich wieder ins Hotel zurckgehen wollte, war mir, als she ich ein groes Tier unter der Terrassenbrstung um die Hausecke laufen. Gestern abend hatte ich gedacht, es sei ein Hund. Jetzt wute ich aber, da es ein Mensch gewesen, der auf allen vieren ging, eine Frau, wahrscheinlich die Frau, deren Amulett ich besa, die whrend der ganzen Nacht um das Hotel geschlichen war, und die sich mit aller List das Amulett aus meinem Zimmer von meinem Tisch geholt hatte. Dies bedachte ich jetzt nach der Rckkunft vom Mondscheinritt im Hotel und sehnte mich, mit jemandem darber zu sprechen. Aber meine europischen Reisegefhrten schienen mir alle zu banal, als da ich Lust gehabt htte, sie in die Mystik dieses Nachterlebnisses einzuweihen. Nachmittags um drei Uhr sollte mein Zug abgehen, der mich zum Abend wieder hinunter in die Kaffeegrten und Zuckerrohrpflanzungen Indiens bringen wrde, und der am nchsten Morgen mit mir in Kalkutta eintreffen sollte. Auf dem Weg zum Bergbahnhof konnte ich mich nicht enthalten, die Rikscha am Laden des Schmetterlingshndlers warten zu lassen. Ich stieg aus. Als ich die Ladentre ffnen will, wird seltsamerweise dieselbe schon von innen aufgemacht, und an mir vorbei luft ein tibetanisches Weib heraus. Ich htte aber die Frau kaum wiedererkannt, da mir alle Tibetanerinnen untereinander so hnlich schienen, sowie auch die Neger und Chinesen fr den Europer immer einander hnlich sehen, htte die Frau nicht mit einer heftig erschrockenen Bewegung in die Brustfalten ihres Mantelrockes gegriffen, als wolle sie dort etwas beschtzen, was ich ihr htte entreien knnen. Mir schien, als ob sie hohlugiger und blasser wre als am Tage vorher. Laut mit sich selbst sprechend und mit den Ellenbogen in die Luft fuchtelnd, als mte sie hundert Hnde abwehren, die sich nach ihr streckten, strzte sie die Bergstrae hinunter fort, begleitet vom Gelchter meiner Rikschaschieber, welche das Gebaren der Frau noch sonderbarer fanden als ich. Im Laden kam ich nicht dazu, dem Schmetterlingshndler vom Amulett zu sprechen, denn ehe ich noch den Mund ffnen konnte, zeigte er mir in einem geschnitzten Kstchen einen aufgespieten sogenannten Handflchenschmetterling. Jene Frau hatte ihm eben den seltenen Schmetterling verkauft. Er wurde in einem Kstchen aus Kampferholz aufbewahrt, denn der Geruch dieses Holzes schtzt die Schmetterlinge gegen zerstrende Witterungseinflsse. Durch Generationen hindurch kann man einen solchen Schmetterling im Kampferholz bei vollem Glanz erhalten. Auch diese Frau hatte den Schmetterling schon lange als ein Erbstck ihrer Familie besessen. Warum sie ihn verkaufen wollte, da er doch unbezahlbar war, konnte der Schmetterlingshndler nicht begreifen, denn ein Handflchenschmetterling wird alle hundert Jahre einmal im Gebirge gefunden. Auf seinen Flgeln sind dunkle Linien, deren Zeichnung den Linien in der Handflche einer Menschenhand gleichen. Diese Frau, sagte der Schmetterlingshndler, mu vielleicht fr irgendeine eingebildete Schuld ein Tempelopfer bringen, da sie mit einem solchen Schmetterling ihren besten Familienschatz verkauft, um Opfergeld zu erlangen. Ich erstand den Schmetterling. Und kaum hatte ich ihn in Hnden, so wurde mir auch, ohne da ich fragte, eine Erklrung ber meinen Amulettverlust zuteil. Der Schmetterlingshndler erzhlte mir, da jene Frau eine sogenannte ewige Witwe sei, eine von jenen, die ihre Wangen nicht mit Ochsenblut bemalen und nicht mehr das Verlangen haben, einen anderen Mann als den Gestorbenen zu lieben. Um aber auch des Toten sicher zu sein, da dieser ihr im nchsten Leben treu wird, wie sie ihm treu sein will, trgt eine solche Frau an einer unzerreibaren Darmsaite ein Amulett an der Brust, welches ein Menschenpaar darstellt. Wenn die Witwe aber dieses Amulett verliert-- denn ein Amulett wird eine Frau nie verkaufen--, hat sie damit die Treue des Toten verloren und wird ihren Geliebten im nchsten Leben nicht wiederfinden. Ein solches Amulett wird niemals verkauft, und sollte es verloren gehen, so setzt eine jede tibetanische Frau ihr Leben daran, um das kostbare Amulett der Treue wieder zu erhalten.-- Whrend dieses Nachmittags, als ich im Zug sa und in die finsteren Abgrnde des Himalaja hinunterfuhr, sah ich im Dampf, der aus der Lokomotive kam, und der in den Dschungelwldern und an den Urwaldsten hngen blieb, hunderte Male die Gestalt jener ewigen Witwe, wie sie bald gebckt und geduckt suchte, und wie sie aufgerichtet forttanzte ber die Urwaldwipfel, wie sie die Arme an die Brust drckte und nach dem Amulett fhlte, das ihr die Treue und die Liebe ihres Geliebten im nchsten Leben versprach. Dann, als es dunkel wurde und ich drauen keinen Wald und keinen Dampf mehr sah, betrachtete ich lange bei der trben Wagenlampe den groen Handflchenschmetterling in dem Kampferkstchen, dessen Linien so verschlungen sind wie die Schicksalslinien in den Handflchen der Menschen und dessen Linien in dunkle Nachtrnder auslaufen, in unergrndliche Finsternisse, hnlich den Himalajaabgrnden, die voll Finsternis und Aberglauben drauen dicht bei den Schienengeleisen der Bergbahn drohten. Und Nchte werden aus allen Tagen Und Nchte werden aus allen Tagen, Dann endet keine Strae mehr, Und wie die Gespinste aus grauen Sagen Hngen die Nebel die kreuz und quer. Ich suche die Nhe und suche die Ferne Und habe den Weg nicht weiter gebracht, Als von einer Laterne zur andern Laterne, Von Nebelschacht zu Nebelschacht. Der Nebel geht immer mit deinem Schritte, Nur so lang du dein Blut mit Blut vermischt, Nimmt kurz dich das Licht in seine Mitte, Der Nebel vorm flammenden Blut verzischt. Nachtstrme reiten die Bume krumm Statt der Blumen und Bltter, die sich sonst regen, Steht Reisigholz stumm auf allen Wegen. Am Himmel gehen Nebel und Nsse um, Und Nachtstrme reiten die Bume krumm. Ich stehe hinter Fensterscheiben verloren, Die alten Lieder sind nur Trume hinter sieben Toren, Die Geliebte ging weit in den Nebel fort, Nichts blieb als in den Ohren ihr Liebeswort. Nur ein Lied frbt die Grauseele bunter Ich setze mich hin untern nchstbesten Busch Und sing's Blau mir vom Himmel herunter; Nur ein Lied frbt die Grauseele bunter. Aus dem Grautag, in welchen die Sorge d weint, Wird ein Blautag, sobald nur ein Lied hell erscheint; Die verstockteste Wolke wird munter. Wo ein Liebeslied rot wie die Sonne aufgeht, Jede Wange frohleuchtend voll Herzblut dasteht. So ein Rot geht dann schwer mehr herunter. Mondmusikanten Mit Flte und der Violin' Javanen, zwei, die Landstra' ziehn. Sie feiern so die helle Nacht. Musik am grauen Weg erwacht. Hrst nicht der nackten Fe Schritt,-- Hrst nur Musik. Sie schreitet mit. Musik als Dritter ist Gesell. Sie folgt den beiden wie ein Quell. Musik geht vor den beiden her. Sie wissen bald von sich nichts mehr. Musik zieht ihre Seelen fort, Und zu Musik wird Zeit und Ort. Der Garten ohne Jahreszeiten Vom Morgen bis zum Sptnachmittag fhrt ein kleiner, kletternder Bahnzug in Ceylon von der Stadt Colombo unten am Meer hinauf zu der letzten Ansiedlung Nuwara-Eliya in den hchsten Bergen. Die Zimmetgrten von Colombo wandern hinab in die Tiefe. Die grnen Amphitheater der strauchigen Teepflanzungen und die Reisfelderterrassen versinken wie ausgespannte Fallschirme neben dem ansteigenden Schienengeleis. Tler voll Silberseen blinken wie Riesenperlmuttermuscheln herauf, verlassene alte Tempeltrme stehen wie hochgerichtete Fernrohre an den Seen, zugespitzte Bergkegel, geformt wie Rucherhtchen, umragen als blaue Pyramiden den Horizont, und der Adams Peak wirft seinen berhmten dreieckigen Schatten als riesigen Sonnenuhrzeiger bis Sonnenuntergang ber das Innere Ceylons, genannt das glnzende Eiland. Kurz vor Sonnenuntergang erreicht der Bahnzug in den Bergwellen auf der Hhe von vierzehntausend Fu todstumme Mooswlder, groe moosumwucherte Laubholzwlder. Die Baummassen sind wie graue Versteinerungen regungslos ineinandergewachsen, als ob die Baumklumpen sich im khlen, dnnen Luftzug gegenseitig festhielten, damit auf den schiefen Ebenen in der ungeheuren Hhe nicht jhlings ein Schwindelgefhl ganze Wlderstrecken in die Tiefe reie. Dort oben bei den silbernen Spiralen der Sturzbche, auf dem Rasen vor den Waldrndern wohnen reiche Kaufleute und hohe englische Beamte aus Colombo in ihren Villen. Dort sind englische Giebelhuser mit Vorgrten vor den Erkern. Dort brennen die Laternen abends in den Gartenstraen am Trottoir entlang wie in Europa. Dort oben sind Tennispltze und Fuballrasen, und die Luft ist dnn wie die Gesichtshaut der blassen und blonden englischen Damen. Ein paar Stunden von der Ansiedlung Nuwara-Eliya liegt an einem Bergabhang, wie an den Thronstufen des therhimmels, der Edengarten von Ceylon. Ein Garten wie ein gewirkter, blaurot und gelber indischer Seidenschal, hingehngt an den Bergwald, feierlich, hoch ber den Abgrnden. Blumenbeete mit den Blumen aller Jahreszeiten schieben sich in die Hhe und in die Tiefe vor dem ther des windstillen Himmels. Das Gartenantlitz erinnert an ein mit Indigo und Rtelschnrkeln ttowiertes Singhalesengesicht. Dort wachsen europische Kornblumen, Veilchen, Astern, Kapuzinerkresse, Rosen, Anemonen, Tulpen, Primeln, Schlsselblumen, Lotos und Kakteen unter Kokospalmen und bei Bananenbumen. In diesem Garten der berirdischen Bergwelt waren der Singhalese Bulram und sein Weib Talora aufgewachsen. Beide waren hier oben angesehen als das verliebteste Ehepaar von Ceylon. Talora war mit neun Jahren Teemdchen gewesen. Sie hatte in den englischen Pflanzungen, unterhalb Nuwara-Eliya, mit hundert andern Mdchen im April zur Ernte die Teekeime von den kleinen, runden Teestauden gepflckt. Bulrams Vater hatte sie von dort in den Edengarten geholt, weil sein Sohn, der bald vierzehn Jahre alt war, endlich eine Frau brauchte. Die kleine Talora wurde Bulram gegeben wie ein Ohrring oder ein Haarkamm, den die singhalesischen Mnner tragen, und Bulram hatte sich nie gefragt, ob er je eine andere Frau wollte. Talora war das Geschenk seines Vaters fr ihn, wie sein eigener Leib ihm vom Vater ins Leben mitgegeben war. Wie der therhimmel zum Edengarten gehrte,-- so selbstverstndlich einfach und zufrieden nahm Bulram die kleine Talora als sein Weib hin. Und das Mdchen nahm den jungen Mann als Herrn und Gemahl an, so wie sie ihre Hnde und Fe als fraglos zu sich gehrig fhlte. Die Singhalesen dort oben in den Berghhen sind allwissend, sagen drunten die Singhalesen an der Zimmetkste von Colombo ber die Leute von Nuwara-Eliya. Sie knnen dort oben zaubern, ohne da sie selbst ahnen, da sie Zauberer sind. Und mit Ehrfurcht betrachten die Leute in den Tlern jene Bergseelen, die ihr Leben in der dnnen Luft verbringen. Ob Januar oder Juli, ob April oder Oktober,-- im Edengarten blhen die Mrzveilchen, bei den Septemberastern sitzt die Julirose dunkel am Strauch, darunter das Schneeglckchen sich versteckt. Flieder, Jasmin, Herbstzeitlosen, Lotos und Kornblumen stehen in den Feldern, auf Beeten und an Teichen, bei den Hgelrasen, zwischen den Orangen, Myrten und Weihrauchbumen, unter den Aloeblten und bei Bananenpalmen. Bulram und Talora hatten hier hinter dem Haus des englischen Verwalters ihre kleine, weie, niedere Htte an der Gartenmauer, welche schrg den Berg hinaufsteigt. Die Blicke der beiden waren immer ruhig wie die windstillen Tler, wie der wolkenlose Himmel, und ihre Gedanken nur von den Gesichtern der indischen und europischen Blumenarten angefllt. Der ewig stillstehende Blumengarten, darinnen nie Winter, nie Sommer, nie Frhling und Herbst wechselten und die Bsche ohne Ausruhen ewig berauscht und unvergnglich blhten, darber der ther, todstill, ohne Lufthauch, eine unermeliche Ruhe feierte,-- dieser Garten gab den Menschen einen Frieden in das Herz, der gleich dem l einer tausendjhrig brennenden Tempellampe ist, das eine stille, nie verlschende Flamme nhrt. Nie kam den Menschen in der dnnen therluft dort oben die Kraft zu einer wilden Tat. Sie lebten in der Hhe, in der Luftleere, halb trunken, wie Muse unter der Glasglocke einer Luftpumpe. Sie waren in der verdnnten Luft einem sanft schlfrigen und zarten Zustand von Kraftlosigkeit verfallen, als htte sich ihr Blut verflchtigt, und nur eine ideale, blaue Leere schwang in ihren Adern. Eines Abends sagte der Verwalter des englischen Gartens zu Bulram: Hre! Du mut mich morgen nach Colombo hinunterbegleiten. Ich mu den Pachtkontrakt mit der Regierung erneuern und auerdem zwei Ladungen Apfelreiser und Quittenschlinge, die aus England angekommen sind, im Hafen abholen. Du bist zuverlssig, Bulram, und von allen Gartenaufsehern der vorsichtigste. Soviel ich wei, warst du noch niemals drunten an der Kste, seit du lebst. Es wird dir Spa machen, Menschen und Land da unten zu sehen. Talora wird dich fr drei Tage entbehren mssen. Bulram sagte: Herr, solange Talora und ich verheiratet sind, waren wir noch keinen Tag getrennt. Der Verwalter meinte: Trste deine Frau, Bulram, und sage ihr, da du ihr einen schnen, bunten Colomboschal mitbringst. Halte dich morgen frh bereit. Der Zug geht um neun Uhr von Nuwara-Eliya ab. Um sechs Uhr frh mssen wir mit dem Dogcart hinber zum Bahnhof der Ansiedlung fahren. Am nchsten Morgen kletterte der Zug die Engpsse hinab, durch schallende Tunnel auf den schmalen Schleifenwegen der Bergwnde, hinunter in die silbernen Tler von Ceylon. Bulram hatte einen schnen halbkreisrunden Schildkrotkamm im schwarzen Haar. Der Kamm hielt das Haar aus der Stirn zurck, und der Singhalese sah glatt gekmmt aus wie ein europisches Schulmdchen. Er wute, da man in Colombo drunten das Haar zurckgestrichen trug, und hatte sich im voraus grostdtisch frisiert. Um seine Beine schlug ein breites braunrotes, zitronengelb getpfeltes Tuch und war wie ein Frauenrock um die Hften von einem Ledergrtel zusammengehalten. Bulrams Oberkrper steckte in einer weien kurzen Leinwandjacke, welche von Taloras Hnden frisch gewaschen und frisch gebgelt war. Hinter seinem Ohr trug er zu Ehren des Reisetags einen Bschel dunkelblauer Kornblumen. Sein breiter goldener Ehering glnzte am groen Zeh seines rechten Fues. Er ging barfu und zog seine Pantoffeln nur vor seinem Herrn an. In einem kleinen grnbemalten Blechkoffer verwahrte Bulram nichts als seine Pantoffeln. Aber er hatte frsorglich an viele Einkufe fr Talora gedacht und zum Schutze der Sachen gegen Insekten und Schlangen den Blechkoffer vom Verwalter erhalten. Bulrams Lunge hatte nie andre Luft als Hhenluft geschluckt. Der Zug senkte sich jetzt aus den nebeligen Farrenkrautwldern zu den hitzigen Zimmetgrten Colombos hinunter, mit einer rasenden Schnelligkeit, wie ein Ballonkorb, der aus den Wolken fllt. Die brandige Tropenluft schlug Bulram wie roter Pfeffer um die Nase. Er mute fortgesetzt niesen und sich die Nasenspitze reiben. Er, der immer unter dem therischen Himmel gelebt hatte, fhlte sich von Staub, Pflanzengerchen und Erddnsten gereizt, als ob man seinen Gliedern ungewohnte Kleider anzge. Der Zug fuhr zwischen protzigen Brotfruchtpalmen in die letzten Abgrnde hinein. Als ob die Erde fortgesetzt den Rdern auswiche, so raste die Wagenkette zu Tal. Die Luft strotzte von den Gewrzen der Nelkenbume und der Kampferstmme. Palmenkronen berwlbten den Schienenweg, menschenkopfgroe Frchte hingen in Bndeln; gelbe und braune Mangofrchte, die droben in Nuwara-Eliya nur blhen und niemals reifen, hingen hier wie Gewichtsteine zwischen gestrubten Riesenblttern. Wenn Bulram seinen Kopf zum Fenster hinausstreckte, glaubte er sich an den Fruchthaufen zu stoen. Wie berfllte Fruchtkrbe standen die Muskat- und Kokoswlder zu beiden Seiten des Bahngeleises. Kaffeebraune, sehnige Singhalesen, dickbltig und ppig genhrt, nackt und nur von der Brune ihres Leibes bekleidet, drngten sich auf den Bahnstationen in den Tlern gleich Herden brauner, feister Maikfer, die durcheinanderkrabbeln. Bulram verstand nicht, warum die Erde so viele Menschen hatte, so viele Nasen, Ohren, Muler und Augen, die ihn anstarrten, als wre sein Gesicht eine Honigwabe, dran sich die Wespen hngen. Die Brust des einsamen Bergsinghalesen fhlte sich vor den Menschenmassen wie ein Kleefeld unter den Fen einer Hammelherde. Blicke, Stimmen, Gerche, Schritte trampelten ber die blaue therruhe seines Herzens. Sein Auge sah nichts mehr, und er fhlte sein Ohr von den Massengeruschen durchlchert wie eine Schiescheibe nach dem Scheibenschieen. Bulram versuchte, um sich zu beruhigen, die Gesichter der Menschen, die auf der Tagesfahrt in seinen Wagen aus- und einstiegen, in Blumensorten einzuteilen. Er sagte zu sich: dieser ist eine sanfte Primel, dieser eine grelle Bohnenblte, dieser eine Tomatenblte, dieser eine Narzisse. Aber die Blumenarten seines Gartens ohne Jahreszeiten, die er als einzigen Mastab hier an alles anlegen konnte, reichten nicht aus. Als er abends um fnf Uhr an der Colombostation ankam, war er todmde von den tausend Vergleichen und schwindlig und hielt sich krampfhaft auf dem Kutscherbock des Wagens fest, der mit ihm und seinem Herrn zum Galle Face-Hotel an das Meer fuhr. In diesem riesigen Steinhallenhotel an der Meeresbrandung, darinnen der Meerdonner Tag und Nacht wie ein Ungeheuer brllend durch die Treppensle, Korridore und Zimmer hallt, benahm sich Bulram wie ein Mondschtiger, der im Schlaf auf einer Dachkante aufwacht, sich nicht vor- noch rckwrts zu gehen traut und berall den Absturz frchtet. Die hundert weigekleideten Reisenden im Hotel, die Europer mit ihrer weien Haut, die vielen weien Musselinkleider und die langen weien Schleppen der Damen erschienen Bulram wie irrsinnig gewordene weie fliegende Bltenbume, helle Magnolien oder lichte Jasminbsche, die ohne Wurzeln durch die offenen Tren der Steinwnde aus und ein wandern konnten. Der scheue Bergsinghalese blieb vor Furcht wie ein Schatten an den Wnden kleben. Sein Herr, der englische Verwalter, fand ihn mehrmals im dunkeln Korridor hocken, vor den Menschen am ganzen Leibe zitternd. Bulrams Augen starrten besonders vor der Tr des menschenberfllten Speisesaals entsetzt aus dem Gesicht, wie einem, der zur Nachtstunde in die Dschungel geraten ist, die Raubtierscharen zur Trnke ziehen sieht und beim Anblick der Tigerfamilien ohnmchtig umfllt. Eines Morgens war Bulram pltzlich verschwunden. Niemand, nicht das Telephon, nicht die englische Colombopolizei, nicht Zeitungsannoncen konnten den Verlornen zurckbringen. Acht Tage lie der Verwalter nach Bulram forschen. Dann reiste er nach Nuwara-Eliya heim, glaubend, der Bergsinghalese habe sich heimlich aus dem Staub gemacht und sei vor Menschenfurcht zurck auf die hohen Berge, in seinen Garten ohne Jahreszeiten, zu seiner Frau Talora geflohen. Aber Bulram war nicht zu Hause. Talora stand voll Harmlosigkeit, klar, freundlich und sanft im Garten und lchelte wie eine Allwissende, whrend der Verwalter tief bestrzt war, da Bulram nicht zu finden sei. Talora antwortete, wie die ewig wolkenlose Blue lchelnd: Er wird kommen, Herr. Der Herr soll nicht um Bulram traurig sein. Der Englnder schaute sie sprachlos an. Er hatte geglaubt, die Frau des Singhalesen msse sich zu Boden werfen, weinen und sich die Haare raufen. Statt dessen sagte sie nur ewig lchelnd: Er kann nicht verloren gehen, Herr. Bulram ist in meinem Herzen aufgehoben, Herr. Und Talora ging jetzt durch den Garten, hielt vom Morgen bis zum Abend die Bewsserungsrohre in Ordnung, stellte die Wasserzerstuber auf die Rasenpltze und tat Bulrams Arbeit neben ihrer Hausarbeit, als wre sie Bulram selbst. Niemals zitterte ihre Hand vor Neugier nach dem verlornen Mann, wenn sie dem Verwalter die Briefe des Postboten brachte. Niemals sprang ihr Auge hell auf, wenn die elektrische Gartenglocke klingelte und Fremde kamen, den Garten anzusehen, und es nicht Bulram war. Niemals zitterte ihr Fu, wenn sie abends in das leere Huschen trat, und nie ihr Finger, der morgens die Trklinke ffnete. Sie schien in einer ewigen blauen Ruhe in der therhhe dieses Gartens Tag und Nacht mit ihrem Mann unsichtbar zu verkehren, als gbe es keine Nhe und keine Ferne im Weltall bei dem trunknen Liebesbewutsein ihrer Seele. Ein halbes Jahr verging. Da sagte die Frau des englischen Verwalters zu Talora: Ich reise hinunter, um mir im englischen Basar von Colombo Kleider und Hte zu kaufen. Ich kann dich mitnehmen. Vielleicht kundschaften wir Frauen mit mehr Glck aus, was aus Bulram geworden ist. Die Dame reiste am nchsten Morgen mit Talora zusammen hinab an die Kste. Die Singhalesenfrau war niemals im Tal gewesen. Aber auf sie wirkte die Talluft anders als auf ihren Mann Bulram. Sie, die stets stille, abwesende, traumwandelnde, wurde nicht noch stiller, sondern wurde gesprchig, lebte auf. Sie zeigte auf der Reise ihre Zahnreihen und ihr rotes Zahnfleisch mit breitestem Lachen. Sie schmatzte mit den Lippen, sie schnalzte mit der Zunge, und ihre Augen hingen ihr mit vielen Blicken nach allen Seiten wie die Beeren von dunkeln Trauben in dem Kopf. Ihr Mund schien alle Frchte der fruchtreifen Luft zu schmecken, und ihre Backen wurden vom hitzigen Atem der Talwlder aufgeblht und dick. Sie trug eine weie Bluse mit bauschigen, kurzen rmeln. Je nher der Zug aus der Berghhe hinunter in die Colombohitze des Tropennachmittags kam, desto unruhiger wurde Talora. Ihre nackten Unterarme schoben ungeduldig die lockeren Brste hinter dem Blusenstoff hin und her, als wren das ein paar reife, unbequeme Frchte, die sie ablegen wolle, sobald der Zug hielt. Auch Talora war bald aus dem Hotel verschwunden. Ihre englische Herrin glaubte, sie suche ihren Mann in der Stadt. Man wartete drei Tage, suchte Talora, wie man Bulram gesucht hatte, aber die Singhalesin blieb unauffindbar.-- Ein Jahr verging. Die Meeresbrandung vor dem Galle Face-Hotel donnert unausgesetzt, die Tropensonne rollt im Land ber die Zimmetgrten, und wie eine riesige Spiritusflamme brennt das rotviolette Morgenmeer. Weit drauen im Hafenwasser steht ein groer Dampfer mit hohen weigetnchten Wnden. Er wirft seit Stunden gelben Qualm aus vier Schornsteinen und ist zur Abfahrt bereit. Breite, schaukelnde Jollen und ein kleines, spitziges Motorboot bringen Kofferladungen und Ladungen voll weigekleideter Tropenreisender an die Schiffswand. Jetzt wird die weie Landungsstiege an der Schiffswand hochgezogen, und Ankerketten kreischen markerschtternde Schreie. Der Dampfer liegt noch immer still, umgeben von dem kurzen und ruckweisen Gehpf der Morgenwellen. Viele Kpfe von Reisenden biegen sich ber die weigestrichnen Eisengelnder der Schiffsstockwerke. Drunten reiten nackte, arme, braune Singhalesen auf langen, gelben Holzbalken in der Flut um das Schiff. Statt eines Ruders hat jeder Wasserreiter einen Kistendeckel oder ein Brett in der Hand. Manchmal wirft ein Passagier eine kleine Silbermnze ber Bord. Dann schlpfen alle die nackten, jungen Kerle wie glatte Seehunde von ihren schwimmenden Balken und fahren in das durchsichtige, glserne Meer hinunter, wie auf einer grn angestrichnen Rutschbahn in die Tiefe. Drunten werden ihre Gliedmaen gespenstig wie Froschglieder, scheinen sich aufzulsen und verschwinden. Nach einer Weile erscheinen sie im Flaschengrn der Tiefe wieder, zappelnd und wie braunrote Schatten. Schwarzglnzende, triefende Kpfe tauchen aus dem Wasser, und einer zeigt das silberne Geldstck lachend zwischen seinen Zhnen. Dann schwingt sich jeder auf seinen Baumstamm, und alle reiten wieder um die Schiffswand. Mit viel Geschrei winken sie hinauf und ermuntern die Passagiere des abfahrenden Orientdampfers; und sobald ein Geldstck aufs Wasser klatscht, verschwinden wieder alle Balkenreiter lautlos im Meer. Bis zur Abfahrt des Dampfers vertreiben sich so die Reisenden die Zeit mit Geldwerfen. Bulram ist seit Monaten hier jeden Morgen auf einem Balkenstamm um die auslndischen Dampfer geschwommen. Er holt sich durch gewandtes Tauchen sein Geld aus dem Meer, das eilig verdiente Geld, das er nachts ebenso eilig in den Spielhllen bei braunen Dirnen und Reisbranntwein wieder ausgibt. Seitdem Bulram die Zimmetluft von Colombo riecht, ist in ihm der Gedanke an seine Berge, an Talora und an den Edengarten auf den Bergen tiefer versunken als je ein Geldstck im Meer. Er lebt in Colombo wie eine Fliege, die sich auf dem Zucker eines Fliegenpapiers berauscht und vollsaugt. Wie ein samtner Panther streicht er sich nachts an den nelkenlduftenden kleinen Dirnen in den Freudenhusern, und am Tag springt er nackt und blank in die Meerestiefe nach den blitzenden Mnzen. Er sticht unzhlige Male in den Meeresgrund hinunter, rudert seinen schwimmenden Balken abends mit einem Brett ans Land, rollt sich dann wieder bei einem Nautsch-Girl auf einem Teppich wie ein Igel zusammen und lt das armselige Geschpf, das er sich fr die Nacht gekauft, nicht mehr aus seinen Griffen, bis ihn die Frhluft weckt. Heute ist wieder eine backofenwarme Nacht. Vanille- und Kampferbume pressen ihren Duft aus den Grten ber der Stadt. Am groen granitnen Wellenbrecher entlang der Seeseite mussiert die Brandung und wirft hohe, weie Geiser in die Dunkelheit. Sterne hngen gleich glitzernden Wasserblasen an der Nachtdecke. Die Front des Galle Face-Hotels ist beleuchtet, wie ein groes Transparent. Unter den elektrischen Bogenlampen der Strandpromenade tauchen vom Hotelportal her weie Punkte auf: die weien Hemdbrste vieler Herren im schwarzen Abendanzug, Englnder und andere Europer. Jeder Herr lt sich von einem nackten Kuli in einem kleinen Rikschawagen ziehen. Die Herren sind ohne Hut. Sie machen vom Hotel nur einen kurzen Abendausflug in das Freudenviertel von Colombo. Die Reihen der kleinen Wagen verschwinden schnell am Ende des Strandweges hinter den Tenniswiesen in dunkeln Eingebornengassen. Bulram drckt sich hier in einer der Gassen still an den Wnden hin. Er ist in allen Husern der Gasse wie der Mond bekannt. Die Wagenreihen mit den auslndischen Herren im Abendfrack sind an ihm vorbergerollt und halten jetzt vor ihm in der Strae. Er sieht die Herren, von einem Hauseigentmer auf dem Straenpflaster empfangen, in einer Haustr verschwinden. Alle Lden der Huser sind geschlossen, und man hrt nur gedmpft Kastagnetten, Geigen, Tamburine, einfrmig wie die Musik summender Wasserkessel. Mnner, welche kommen und gehen, verschwinden wie die Katzen, lautlos, in den Haustren und um die Straenecken. Neben Bulram ffnet sich ein Erdgescholaden. Ein Frauenarm langt heraus, und zwei Finger schnalzen. Bulram sieht im Halbdunkel unter dem hellen Sternhimmel zwei groe Reihen blendender Zhne und ein paar nackte Brste, die sich wie zwei kleine Scke ber das Fenstergesims quetschen. Bulram kennt die Frau nicht, aber er fragt in das dunkle Fenster: Bist du frei? Die Frau schnalzt mit der Zunge, und bei diesem Laut beginnen vor Bulram alle Steine der Strae, alle Sternflecken am Nachthimmel zu schaukeln. Der Singhalese will in das Haus eintreten. Aber der Hauseigentmer sagt ihm, er sei um eine Minute zu spt gekommen. Die an der Fensterecke sei eben drinnen von einem englischen Kapitn gerufen worden. Bulram stellte sich wieder unter das Fenster und wartete. Aber das Mdchen mit den lachenden Zhnen und der schnalzenden Zunge ffnete nicht mehr den Fensterladen und rief ihn nicht mehr. Acht Tage hielten Seeoffiziere und Matrosen auslndischer Kriegsschiffe ihre nchtlichen Gelage in dem Haus, und acht Tage lang wurde der armselige Singhalese vom Hauseigentmer abgewiesen; er schlief acht Nchte unter dem Fenster und blieb acht Nchte nchtern. In der neunten Nacht, als die Dampfer den Hafen verlassen hatten, ffnete sich wieder der Fensterladen. Zwei nackte Brste drckten sich ber die Fensterbank, und helle Zhne glitzerten in einem lachenden Mund; dem Singhalesen scho sein hitziges Blut wie Sternschnuppen vor die Augen. Bulram ging in das Haus, drckte das Mdchen an sich und schlo dabei die Augen, wie es alle Orientalen tun, wenn sie ernstlich glcklich sind. Er blieb dann Tag und Nacht bei geschlossenen Fensterlden im Haus bei der Dirne. Am vierten Abend sa der Hauseigentmer mit seinen Freunden wie immer drauen auf den Steinstufen vor der Haustr. Es wetterleuchtete hinter dem Hausdach. Da kam einer seiner Buben heraus und sagte ihm: Herr, das Zimmer des Mdchens, welche hinter dem Eckfenster wohnt, ist wie leer gefegt. Das Mdchen, das sich dort seit ein paar Tagen mit einem Singhalesen eingeschlossen hielt, ist verschwunden. Die Tr steht weit offen, aber niemand hat weder sie noch den Singhalesen fortgehen sehen. Vielleicht ist der Bursch ein Bergsinghalese gewesen und hat sich in einen Nachtblitz verwandelt und hat das Mdchen auf einer glhenden Wolke fort in die Berge geholt! In demselben Augenblick kreischte der Fensterladen an der Straenecke in den Eisenangeln, und der Hauseigentmer rief: Verflucht! Sie sind sicher miteinander durch das Fenster fortgesprungen. Verflucht! Sie ist verschwunden, wie sie gekommen ist! Eines Abends stand sie mit auslndischen Matrosen hier unter meiner Tr und trat ein und war viel begehrt und nannte sich mit dem lockenden Namen 'Talora'. Da auf den Stufen stand sie damals vor mir. Es wetterleuchtete wie heute, als werfe sie Feuer um sich und Feuer ins Haus, so kam sie. Nun sprang sie wie ein Blitz wieder fort.-- -- Nach Monaten klingelte abends die elektrische Glocke der Gartentr des Edengartens, und als man ffnete, standen Bulram und Talora drauen. Beide vergngt, lautlos und sanft wie immer. Der Verwalter fragte, und die Frau des Verwalters fragte, und alle Gartenaufseher fragten, wo die beiden nach zwei Jahren herkmen. Sie aber lchelten nur und deuteten in den wolkenlosen Himmel. Herr, er war im Himmel, lchelte Talora, und Bulram nickte immer wieder stumm Beifall, wenn seine Frau auf ihr Herz deutete und auf alle Fragen nichts andres antwortete als: Herr, er war im Himmel. Dann saen beide wieder in dem Garten, knieten ber den Blumenbeeten, arbeiteten mit der Rasenschere und mit dem Rechen.-- Sie beugen sich noch heute wolkenlos wie der therhimmel von Nuwara-Eliya ber die Blumenreihen, dort oben in dem Garten ohne Jahreszeiten. Die Leiern der Wollust In kleinen Cafs, hinter farbigen Scheiben, ist ein Treiben von Kastagnetten und Tamburinengeklingel Und vom Getingel der Silber- und Glasperlenketten an fetten, ppigen Frauen, Die sich aufgestellt, wie fleischige Pflanzen, die sich im Blauen aufbauen Und sorglos und ohne Gedanken fr die vier Winde tanzen. Von ihren Gesichtern fiel Schleier und Binde, und doch sind sie nur wie lchelnde Blinde Und stehen da zur irdischen Feier frs Blut und sind der Wollust Leier Und tun den Fingern der Mnner gut, die, ohne nach Herzen zu fragen, Versteckt wie die Wilddiebe, lstern und schonungslos jagen. Wie den Hengsten die Nstern zittern, wenn sie die Stuten wittern, So drngen sich unter Flstern, zwischen roten dstern Feuern, zwischen Huserschatten und Mond, Die Mnner, in Massen, hin in den Gassen und zwischen Gemuern. Es ist ein Kichern und Fassen, und gelassen in den Fensterbogen wogen die Busen der Frauen, Und auf den Treppen, an jedem Haus, sitzt, in hellen Kleidern, Schar bei Schar, Sieht unverlegen und klar hinaus und hlt geffnet zur Wollust Busen und Haar. Die Ferne und die Nhe ward ein Ort Und Dich und mich, uns trug die Flamme fort, Die Ferne und die Nhe ward ein Ort. Wir Menschen wachsen mit den Bumen auf Und werden wie die Bume einst zum Scheiterhauf. Es znden sich, wie Scheit an Scheit, so Mann und Weib Und lodern von der Erde fort als einziger Leib; Sind Freudenfeuer in der kurzen Nacht Und haben sich auf Feuerfen aufgemacht Und wissen nichts von ihrer eigenen Pracht. Nenn dich meine Wiesen Mchte deinen Leib Keinen Garten nennen, Wo sich Blum' und Mensch Nur vom Sehen kennen. Mchte deinen Leib Nennen meine Wiesen, Wo Heilwurzeln wrzig Und Labkrutlein sprieen. Winzig kleine Blten, Kaum sichtbar wie Sterne, Hausen dort urwchsig, Wirken stark zur Ferne. Darf mich dort zum Schlummer In den Glcksklee legen, Er vertreibt den Kummer. Nie in einem Garten Knnt' ich in den Beeten Ruhen, in den harten. Nenn dich meine Wiesen, Wo mir Kraft und Freude Herzerquickend sprieen. Sanft legte dich die Liebe auf mein Bett Sanft legte dich die Liebe auf mein Bett In deinem schnsten Kleid aus Scham und Ble, Und drauen kam die Nacht auf atemlosen Schnee, Und auch Gottvater kam in atemloser Gre. Mit vollem Auge hat der Gott geweint, gelacht. Du hast dein Herz und deinen Leib Zur Krone dieser Nacht gemacht. Im blauen Licht von Penang Die malaiische Kurtisane Gabriela Tatoto, die in der Frhlingszeit auf englischen Dampfern in der Malakkastrae und im Chinesischen Meer von Penang bis Hongkong reiste, lebte im Sommer ausruhend in ihrer Villa in Penang. Ihr Haus lag wie ein einziger weier Saal in einem tiefen Rasengarten. Statt der Blumenbeete standen mannshohe bluliche Porzellanvasen in langen Reihen dem Gartengitter entlang, gelb- und rotgefleckte Tigernelken wuchsen in Struen aus den Vasen. Schlanke Wandererpalmen mit pechschwarzen Fcherblttern brsteten sich wie finstere Pfauen rund um die weie Villa. Ein scharlachblhender Elektrinenbaum spreizte sich am Garteneingang. Das rote Gekrse der Blten in der Luft leuchtete blutig wie die Schlachtbank eines Metzgers. Der Garten schien das Seelenleben der Kurtisane in seinen Farben zu spiegeln. Mit der Knstlichkeit der Porzellanvasen, mit der Dsterkeit der Wandererpalmen und mit der rcksichtslosen lsternen Rte der Elektrinenbume erinnerte er an seine Besitzerin. In Penang herrscht ber allen Dingen, ber den Kalkwnden der Huser, ber den breiten Blattflchen der Palmen und ber der Haut der Menschen ein ewig blaues Licht. Immer ist eine Blue dort ber allem, wie ein bestndiger Mondschein mitten im Sonnenschein. Das blaue Licht von Penang ist wie der bluliche Schimmer einer unsichtbaren elektrischen Bogenlampe, ist ber den Springbrunnen der Grten, ber den Pflastersteinen, ber den Wasserspiegeln des Meeres und selbst ber den Panzerplatten der vorberfahrenden Kriegsschiffe gleich wie ein Phosphorleuchten mitten am Tage. Und die Blue macht den Muschelkalk der Huserwnde transparent, als knnten die Menschenschritte hier durch die geisterhaften Wnde gehen, als wre die Stadt nur ein bluliches unwirkliches Schlafbild mitten unter der wachen Tropensonne. Niemand hat das bluliche Licht von Penang jemals erklrt, aber es ist immer da, und die eingeborenen Photographen malen selbst auf die Ansichtskarten, auf Gesichter und Landschaft, diesen Mondschein im Sonnenschein. Auch Gabriela Tatotos weies Landhaus lag im Gartengrn mitten am Tag mit mondblauen Wnden, die wie zu stark geblaute Wsche leuchteten. Der malaiische Photograph Fuluo Holongku in Penang hatte dieses Haus schon dutzendweise auf Ansichtskarten mit zarter Blue bemalt, denn die Kurtisane schenkte gern ihr Hausbild mit Gartenansicht an ihre Freunde. Aber niemals verschenkte sie ihr eigenes Bild. Sie frchtete sich, aberglubisch wie alle Asiaten, vor dem bsen Blick fremder Augen,-- vor bsen Augen, die ihr Schaden bringen wrden, und vor bsen Wnschen, die sich auf ihr Bild richten knnten. Nur einmal hatte sich Gabriela von Holongku photographieren lassen. Aber als er die Bilder ablieferte und sie ihr Gesicht dutzendweise vor sich sah, erschrak sie, geriet in Angst und verbrannte noch am Abend alle Bilder mit eigener Hand. Der Photograph Holongku besa trotzdem ein Bild von der Tatoto, ein Bild, das die Kurtisane nackt zeigte, und das sie selbst noch niemals gesehen hatte. Holongku trug dieses heimliche Bild in das Futter seines Hausrockes eingenht; denn es soll Glck bringen, das nackte Bild einer Kurtisane stets bei sich zu tragen. Der Photograph war auf leichte Weise in den Besitz dieses Bildes gekommen. Gabriela hatte damals Holongku zu sich in die Villa gerufen, um sich photographieren zu lassen. Es war zu Beginn der heien Zeit, die Kurtisane war schlfrig und von ihrer Hongkongreise eben erst zurckgekehrt. Die Tatoto lag in einem langen Strohsessel im schattigsten Zimmer des Hauses. Die grnen Schutzdcher an den langen Fenstern waren herabgeklappt, die Scheiben bis zur Diele geffnet, aber die Kalkdecke im Zimmer strahlte wie immer ihr bluliches intensives Licht aus. Gabrielas chinesischer orangefarbener Seidenmantel war weit geffnet und zeigte den schmalen Leib der Kurtisane wie das Fleisch einer geschlitzten Mangofrucht in rotgelber Schale. ber den nackten Arm der schnen Frau stieg behutsam mit den langsamsten Schritten der Welt ihr Spielzeug, ein kleines Chamleon, das wie ein winziges graues Gespenst im Zimmer umging. Der Photograph wurde in das Haus eingelassen, und da er bestellt war, folgte ihm niemand von der Dienerschaft durch den Vorsaal. Er hob die Strohmatte von der Tr und sah die nackte Kurtisane eingeschlafen. Blitzschnell vereinigten sich in dem Malaien Gedanke und Wunsch, das Bild der nackten Frau zu besitzen, um es bei sich zu tragen. Unhrbar klappte er das Aluminiumgestell seiner kleinen Straenkamera auf und photographierte rasch, von der Trschwelle aus, die Schlafende. Er htte gern vorher von Gabrielas Oberarm das kleine hliche Chamleon verscheucht, das dort auf drei Beinen stillstand und das vierte Bein wie ein Jagdhund abwartend in die Luft streckte. Aber das kleine graue Tier sah unter seinen Augenklappen regungslos in das blaue Licht der Zimmerdecke und rhrte sich nicht auf dem Arm der Schlferin. Der malaiische Photograph kauerte nach einer Weile im Vorzimmer auf der Diele und schien mit orientalischer Ruhe auf das Erwachen der Dame zu warten. Holongkus Herz pochte heftig, als er spter zu Hause in seiner Dunkelkammer das kleine Bild der nackten Kurtisane auf der Platte hervorrief. Am nchsten Morgen nhte er einen Papierabdruck davon in seinen Hausrock und wute jetzt, da er zeitlebens Glck haben werde. Nur durfte er von dem Bilde zu niemandem sprechen. Aber das Glck kam in wahnwitziger Gestalt. Wollstige hitzige Trume bedrngten den armen Mann. Die nackte Tatoto kam nachts, wie in einem gelben Feuermantel, an das Bett des Malaien und legte sich in seinem Schlaf zwischen ihn und seine junge Frau. Und wenn er zugriff und die Kurtisane umarmen wollte, hing ihm das steife grinsende Chamleon am Herzen. Bei Tag ging die nackte Tatoto vor ihm her ber das bluliche Pflaster von Penang. Stundenlang starrte der junge Photograph geistesabwesend in das blaue Licht von Penang und stand wie ein Trumer im Mondschein mitten im Sonnenschein. Nur wenn er seinen Hausrock ablegte, darinnen Gabrielas Bild eingenht war, atmete er leichter. fters geschah es, da Holongku seinen europischen Anzug anzog, seinen europischen Strohhut aufsetzte und zum Hafen ging, wenn ein auslndisches Postschiff signalisiert wurde. Dann verkaufte er auf dem Promenadendeck des angekommenen Dampfers bemalte Photographien und Postkarten von Penang an die Weltreisenden. Fr eine kurze Stunde legte er dann mit seinem Hausrock seine unruhige Leidenschaft zu der Kurtisane ab. Wenn Holongku im Hafen auf einem Dampfer war, sa seine junge sechzehnjhrige Frau vor dem Atelierhaus auf dem Treppenabsatz unter dem Schlingpflanzendach. Die weien Treppensteine leuchteten blulich, und Marmies weie Augpfel schimmerten ebenso blulich. Die junge Frau stellte jeden Nachmittag einen kleinen Tisch auf die schattige Haustreppe und sa dort stundenlang und bemalte Dutzende von Ansichtskarten, bis ihr Mann wiederkehrte. Marmie sa heute wieder an ihrem gewohnten Platz, und hinter ihr funkelten die Atelierscheiben im Gartengrn, wie die Fenster eines Aquariums. Marmie sa getreulich und emsig ber ihre Postkarten gebeugt. Ihr schwarzes glattgescheiteltes Haar spiegelte bluliche Glanzlichter. Dieses lackschwarze Haar wurde oft drben ber der Strae von dem chinesischen Korbflechter Ling-Sung betrumt. Der Chinese hatte seine offene Korbflechterei dem Photographenhaus gegenber. Dort wurden aus weiem Rohr von vielen halbnackten Chinesen groe verschnrkelte Strohsessel und Strohsofas kunstvoll nach englischen Vorlagen gearbeitet. Ling-Sung, der reiche Besitzer dieses Geschftes, sa nachmittags in der Strae in einem groen Schaukelstuhl. Er war stets nur mit einer schwarzen Kalikohose bekleidet. Sein Oberkrper war nackt. Er zeigte seine gelbe glnzende Bauchkugel der Sonne und schlief unter einem getrockneten Palmfcherblatt, das er sich ber die Stirn gelegt hatte. Seine beiden vom Fett angeschwollenen nackten Arme hingen zu beiden Seiten des Schaukelstuhles vom feisten Leib herab. Die schwarze Kalikohose glhte wie schwarzer kochender Asphalt in der Sonne, und die gelbe Leibkugel stand voll glitzernder Schweiperlen und glnzte, wie eine fette geblhte Pastete. Wenn Ling-Sung nicht schlief, schaukelte er, und sein langer Zopf hing hinter der Stuhllehne bis auf das Pflaster und bewegte sich wie ein Perpendikel. Um ihn arbeiteten seine Leute gebckt ber das Strohgeflecht, teils in der offenen Haushalle, teils auf der leeren breiten Strae. Ling-Sung konnte stundenlang in seiner liegenden Stellung schaukeln und zur Photographin hinberstarren. Er trumte sich dann nach China hin, in seine Heimatstadt, und von dort wollte er sich spter eine Chinesin zur Frau holen, schwarzhaarig wie die Photographin drben. Halb schlafend, halb trumend beging er in erhitzten Gedanken, sorglos und unschuldig wie alle Schlafenden, manchen Ehebruch mit der Photographin. Aber wenn er wieder erwachte, dachte er nur nchtern an seine Korbflechterei und kassierte emsig in der Stadt ausstehende Gelder ein. Auch der malaiische Photograph schuldete dem Chinesen einiges Geld, aber Ling-Sung wartete gromtig, teils weil er Holongkus Nachbar war, teils weil ihm die Frau des Photographen angenehme Trume umsonst gab. Marmie, die Photographenfrau, sa jeden Nachmittag vllig ahnungslos auf ihrer Treppe vor dem Tisch und bemalte ihre Ansichtskarten von Penang mit blulicher Farbe. Sie dachte mit keinem Gedanken an den Chinesen und wartete nur auf die Heimkehr ihres Mannes, in den sie treu verliebt war. Tglich ist in Penang eine schwle Gewitterluft wie in einem Brutkasten, und wie mit blauer Elektrizitt geladen glhen alle Erdkrper. Stundenlang ber das Vergrerungsglas einer Lupe gebckt, hatte Marmie sich heute mde gemalt. Sie ging in den Hausgang und holte den Hausrock ihres Mannes, legte ihn auf ihr Knie und wollte einen abgerissenen Knopf annhen. Die Zisternen im Garten rochen dumpf, und die glatten Blattflchen der Fcherpalmen warfen grelle Glanzlichter, wie groe weie Brennspiegel. Marmies Stirn schmerzte, und sie schlo nach dem Einfdeln der Nadel einen Augenblick ihre Augen. Dieser Augenblick aber wurde schnell zu einem Schlafbild von einigen Sekunden, zu einem blitzschnellen Traum, der die Scheinzeit von Jahren annahm. Marmie trumte, der Chinese Ling-Sung verlangte pltzlich sein Geld. Er stand vor ihr und klopfte auf den Tisch und forderte energisch die Zahlung, weil er nach China reisen und sich verheiraten wollte. Marmie bettelte fr ihren Mann um Aufschub, aber Ling-Sung war unerbittlich. Dreihundert Yen fr Korbsthle und Sofas, die Ateliereinrichtung, sollten sofort bezahlt werden. Sonst wrde der Chinese heute abend den Photographen schlachten lassen und ihn rsten, wie die Menschenfresser in Sumatra drben es tun, und mit seinen Verwandten zusammen Holongku als Hochzeitsschmaus verzehren. Marmie sah schnell im Traum die finsterbewaldete Kste von Sumatra ber der Malakkastrae, wo Menschenfresser heute noch Freunde und Verwandte schlachten, wie man sich in Penang erzhlt. Marmie schauderte und verwechselte im Traum China mit Sumatra und glaubte fest, da der Chinese dort hinberreisen wrde und ihren Mann als Hochzeitsschmaus mitschleppen wollte, wenn er nicht bezahlen wrde. Rasch fiel ihr ein Vermchtnis ihres Vaters ein. Dieser, ein Malaie, hatte manchmal erzhlt, da man Menschen tten knne, wenn man ihr Bild oder ihre Photographie mit einer Nadel durchsteche. Der Stich mu die Brust treffen, und dabei soll man das malaiische Wort Lulau laut und deutlich aussprechen. Die Hand darf nicht zittern. Man mu die Nadel auf der Photographie in die Herzgegend der betreffenden Person ansetzen und beim Wort Lulau durch das Bild stechen, aber die Nadel darf nicht abbrechen. Marmie beschlo im Schlaf, den Chinesen Ling-Sung auf diese Weise zu tten. Sie suchte in der Tischschublade nach seiner Photographie, denn der Chinese hatte sich fr seine Braut photographieren lassen. Und Marmie versprach sich mit ihrer raschen Tat fr ihren Mann schnelle Hilfe vor dem chinesischen Menschenfresser. Sie sah noch einmal Ling-Sung starr ins Auge und sagte: Also, du gibst meinem Mann keine lngere Frist mehr, Ling-Sung? Nein, die Hochzeit ist morgen, sagte der Chinese, und sein gelber Wanst glnzte feist in der Sonne, wie die gelben Tonnen, die im Hafen von Penang im Meerwasser schwimmen. Gut, sagte Marmie entschlossen, nahm ihre Nhnadel und stach sie in das Brustbild des Chinesen und rief laut: Lulau! Der Chinese wurde blauwei, wie die Luft von Penang, und fiel steif vor Marmie auf den Erdboden. Tief seufzend und wie mit einer schweren Brde beladen, erwachte Marmie. Sie hrte noch deutlich ihre Lippen Lulau sagen. Ihr Ohr hrte noch das Papier der Photographie unter dem Nadelstich knistern. Der Chinese war umgefallen und ermordet von Marmie. Marmie erwachte jetzt vollstndig und lchelte ber den seltsamen Traum. ber der Strae lag wie immer friedlich atmend der feiste Chinese Ling-Sung im Schaukelstuhl. Er lie seinen Pastetenbauch braten, und um ihn arbeiteten die Korbflechter mit ihren weien Bambusrohren. Marmie suchte nach ihrer Nadel, die sie im Schlaf verloren hatte. Sie fand sie im Hausrock ihres Mannes stecken, als ob ihre Hand im Schlaf genht htte. Marmie erinnerte sich, da ihr Mann gerade heute die Rechnung bei dem Chinesen drben bezahlt hatte; und es konnte keine Rede mehr von einer Schuld sein. Sie nhte, erleichtert aufatmend, den Knopf an den Hausrock, ging dann hinein und hngte den Rock im Hausflur an seinen Platz. Darnach malte sie wieder emsig an ihren Postkarten weiter. Nach einer Weile kam Holongku vom Hafen zurck. Die Ehegatten nickten sich zu. Der Mann trat ins Haus, wechselte seinen Rock und ging dann in das kleine dunkle Laboratorium zu seinen Chemikalien. Die Frau drauen hrte ihn eine halbe Stunde mit Glasplatten und Flaschen hantieren. Dann kam er wieder heraus auf die Treppe. Er stand sehr bleich vor Marmie, strich sich mit den Hnden ber das Gesicht und sagte zu seiner Frau, er fhle belkeit im Leibe. Ihm war, als rche das ganze Haus nach einem ekelhaften Leichengeruch. Marmie stand bestrzt auf und ging mit ihrem Mann durch die Zimmer und durch den Garten. Sie suchten beide, ob nicht irgendwo eine verreckte Eidechse oder ein toter Papagei in Verwesung hingeworfen seien. Sie fanden nichts im Garten und gingen noch einmal durch die Zimmer im Haus. Die Frau roch nirgends etwas, aber Holongku beruhigte sich nicht. Er fand, da der Leichengeruch in seinen Kleidern se, und als sie gerade in der Kche standen, schleuderte er den Hausrock ab und warf ihn auf den kalten Herd. Da mute Marmie lachen und lachte ihren Mann aus, und dieser ging ohne Rock zurck an seine Arbeit. Aber es dauerte nicht lange, da kam Marmie zu Holongku in das Laboratorium und klagte ber einen Brandgeruch im Hause. Beide machten sich wieder auf die Suche, und als sie die Tr zur Kche ffneten, schlug eine groe Flamme vom Herd in die Luft, und der Hausrock flog ihnen, verbrannt zu einem flachen schwarzen Aschenlappen, vom Herd entgegen. Sie stellten fest, da noch etwas Glut im Aschenkasten gewesen war, und da der Hausrock, getrnkt mit chemischen Dnsten, einen Funken geweckt hatte und verglimmt war.-- Am nchsten Nachmittag, ehe der Photograph zum Hafen ging, kam der Chinese Ling-Sung von drben aus seinem Haus, kam herber ber die Strae und blieb an den weien Stufen des Treppenabsatzes stehen, wo Marmie wie immer ihre Postkarten malte. Die junge Frau sah erstaunt von ihrer Arbeit auf und dachte einen Augenblick: Der Chinese steht da wie gestern nachmittag, als ich von ihm trumte und mit der Nadel sein Bild durchstach. Ling-Sung winkte dem Photographen und flsterte ihm ins Ohr: Die Gabriela Tatoto ist gestern nachmittag in ihrem Landhaus gestorben. Eine Schlange kam aus ihrem Garten und hat sie in die nackte Brust gebissen, als sie auf ihrem Stuhle lag und schlief. Die Schlange wollte Jagd auf das Chamleon machen, das immer auf Gabrielas Arm sa. Aber die Kurtisane erwachte und schlug im Schreck nach der giftigen Schlange, die dann wtend zubi. Die Tatoto ist kurz darnach am Giftbi gestorben. Alle Leute machen heute Jagd auf die Schlangen in ihren Grten. Ich mchte gern Ihr Mungos heute abend leihen, um auch meinen Garten absuchen zu lassen. Der Photograph versprach Ling-Sung das Mungos fr den Abend, und der Chinese ging dankend und grend wieder hinber. Marmie lief in die Kche und holte das kleine Mungos von der Kette, lockte es in den Garten und lie das Tierchen, das der beste Schlangenwchter ist, die Bsche absuchen. Aber ihr Mann griff sich, als er allein war, an die Brust und atmete erleichtert auf, da er das Bild der verfhrerischen Kurtisane nicht mehr im Futter seines neuen Rockes fhlte, das Bild, das Marmie gestern im Schlaf durchstochen hatte, und welches mit dem Rock am Herd verbrannt war. Holongku war von jetzt ab nie mehr abwesend und vergeistert und starrte nicht mehr stundenlang in das blaue Licht von Penang, das wie Mondschein im Sonnenschein ist. Stets sind Gesprche im Wald Stets sind Gesprche im Wald: Bald winkt dir ein Blatt, Das dir etwas zu deuten hat. Bald sitzt ein Kfer an deinem rmel und blinkt. Sein Flgelein blitzt wie ein Liebesgedanke, Der augenblicklich wieder versinkt. Die Mcke singend ums Ohr dir schwebt, Wie Sehnsucht, die vom Blute lebt Und dir von deinen Poren trinkt. Wo der Wald sich lichtet, Steht ungeschlachten Scheitholz geschichtet, Weht Rindengeruch, der von Brnden dichtet. Bleibt in den Kleidern dir lang noch hocken, Als will es dich in ein Feuer locken. Fledermuse Der Sommerabend mit Hell und Dunkel, Mit Wolken wie ein geflecktes Fell Und seinem unklaren Gemunkel Steht wie auf Zehen auf einer Stell. Schnell ber die Kpfe der Bume gehen Zwei Fledermuse in irrem Kreise. Sie flattern, als ob sie Gedanken mhen, Die da vom Tag in den Lften stehen. Sie kpfen das, was ungesehen, Was leise blieb und ungeschehen, Und girren darum als irrender Dieb Und umflirren, was tagsber dunkel blieb. Mchte rollend das Blut aller Verliebten sein Ich mchte mir Freuden wie aus roten Steinbrchen brechen, Mchte Brcken schlagen tief in die Wolken hinein; Mchte mit Bergen sprechen wie Glocken in hohen Trmen, Wie Laubbume ragen und mit den Frhlingen strmen Und wie ein dunkler Strom der Ufer Schattenwelt tragen. Fiel gern als Abenddunkel in alle Gassen hinein, Drinnen Burschen die Mdchen suchen und fassen. Mchte rollend das Blut aller Verliebten sein Und von Liebe und Sehnsucht niemals verlassen. Der Wildgnse Flug in Katata nachschauen In der alten Hauptstadt Kioto, in der ltesten Knstler-, Tempel- und Kaiserstadt Japans, hatten im Mittelalter viele Maler den Auftrag erhalten, die Gemcher eines Bergtempels zu bemalen. In diesen Tempel zog sich die kaiserliche Familie in den Sommertagen zurck und pflegte dort einige Wochen unter der Obhut der reichen Mnche zu wohnen. Die Maler begannen ihr Werk. Einer malte einen Saal, wo Sperlinge in Scharen ber die Wnde flogen und sich in Reisfeldern und Bambushainen auf Halmen und Rohren schaukelten. Ein anderer Maler malte auf Silberpapiergrund einen Saal, wo groe Meereswellen aufrauschten und die vier Wnde umschumten. Wieder ein anderer Maler malte einen Saal voll von Katzenmttern und jungen Katzen, die in Blumenkrben spielten und die Bltenkpfe groer Ponien zerzupften. Der erste Saal wurde der Sperlingssaal genannt, der zweite der Saal der schumenden Wellen, der dritte der Saal der spielenden Katzen. Der Kaiser und die Kaiserin, die an der Ausschmckung viel Anteil nahmen, lieen sich jedesmal, wenn ein Saal beendet war, in Snften und mit groem Pomp zu dem Bergtempel tragen und verbrachten eine Teestunde in dem neuen Saal. Und sie nahmen fters ihre jungen Prinzessinnen mit, drei an der Zahl. Und der Kaiser sagte zur ltesten eines Tages, als sie den Tempel wieder besichtigten: Wnsche dir einen gemalten Saal, mein Kind! Vielleicht haben die Maler die Freundlichkeit und werden von glcklichen Augenblicken begnstigt, dir einen Saal zu malen nach deinem Einfall. Die lteste Prinzessin, die einen kleinen japanischen Seidenpinscher auf ihrem Arm trug, mit dem sie spielte, wnschte sich einen Saal voll Schohndchen, die um sie spielen sollten. Und die Maler malten ihr diesen Saal. Nun wnsche du, mein Kind, was du gemalt haben willst! sagte der Kaiser zur zweitltesten Prinzessin. Diese wnschte sich etwas ganz Unmgliches: einen Saal, wo der Mondschein kme und ginge, und in welchem keine Farben sein sollten. Die Maler brachten auch diesen Saal zustande. Sie teilten einen Saal in zwei Teile. Die eine Hlfte sah nach Osten, die andere nach Westen, und jeder Saalteil hatte einen Altan. Von dem einen Altan sah man den Mond aufgehen, von dem andern Altan den Mond untergehen. Und weil das Auge der Prinzessin und das Auge des Mondes keine der sieben Regenbogenfarben dulden wollten, hatten die Maler Pflanzen und Bume in jeden Saal mit brauner Sepia gemalt. Nun wurde die dritte Prinzessin von dem Kaiser und der Kaiserin gefragt, was sie sich in ihrem Saal von den Malern gemalt wnschte. O, sagte sie, sie wnsche sich nicht viel, nur einen Zug Wildgnse, die durch die Luft flgen, graue und weie Wildgnse, im Zickzackflug, rund um den Saal. Aber jede Gans msse so hinter der anderen fliegen, da sie alle zusammen ein japanisches Schriftzeichen in ihrem Flug bildeten. Dieses Zeichen wrde von einem bestimmten Baum und einer bestimmten Hgellinie und der Fluglinie der Gnse gebildet. Nur in Katata am Biwasee knnten die Maler den Gnseflug, den Baum und den Hgel zusammen treffen. Nur einmal, an einem Frhlingsabend, habe die Prinzessin bei einem Ausflug in Katata die Wildgnse so fliegen sehen, da sich das wunderbare Schriftzeichen zwischen Himmel und Erde aus der Fluglinie der Gnseschar, aus der Silhouette eines Hgels und aus einer Baumlinie bildete. Und das nennst du ganz einfach? sagte der Kaiser. Es war ganz einfach, als ich es sah, antwortete die Prinzessin. Es wird nicht zu malen sein, sagte die Kaiserin. Dann wnsche ich keinen gemalten Saal, sagte die Prinzessin. Und wie hie das Schriftzeichen? fragte der Maler Oizo, als der Kaiser und die Kaiserin ihm den Wunsch der Prinzessin erklrten. Das hat die Prinzessin vergessen, wurde ihm zur Antwort. Die Maler zogen mit Reispapier und Tusche, mit Silberpapier und Goldpapier beladen nach Katata, um den Flug der Wildgnse zu studieren. Aber da es Juli war und keine Wildgnse um diese Zeit vorberziehen, muten sie warten bis Oktober. Und Oizo suchte inzwischen die Hgellinie und die Baumlinie. Aber da es Sommer war und die Bume belaubt, und da die Hgel voll hoher Grser wehten, fand er nirgends die Linie freiliegend. Die Maler und der Maler Oizo studierten inzwischen die Fische, die in Rudeln im klaren Wasser stehen, und Bume am Ufer, welche wie Schriftzeichen ins Wasser tauchen und sich in der Wasserspiegelung krmmen, und Wachteln, die in den Reisfeldern brten, und Wachtelmtter, die mit ihren Jungen unter den Reishalmen picken. Sie brachten diese Bilder nach Kioto in den Bergtempel und dachten: Vielleicht gibt sich die Prinzessin zufrieden mit einem Wachtelsaal oder mit einem Saal voll Uferbume und Fische. Aber die Prinzessin schwieg und gab keinen Beifall, und auch der Kaiser und die Kaiserin schwiegen. Da wurde der groe Maler Oizo traurig und kehrte wieder nach Katata zurck. Dort wohnte er in dem Hause eines Tpfers auf einem Hgel. Der formte aus dem Ton der Katataerde Vasen, einfache weie Vasen, die er mit grner und blauer Glasur berzog, so da sie spiegelten wie das grne und blaue Uferwasser des Biwasees in den Frhlingstagen. Der Tpfer hatte eine Tochter. Die war so jung und lebendig wie ein Aprilwind. Sie sa am Tpferofen, darinnen die Vasen und Tonschalen ihres Vaters gebrannt wurden. Sie hatte die Glut zu schren und die Holzkohlen aufzufllen, und davon war sie stets schwarz im Gesicht und schwarz an den Hnden, da der Maler Oizo sie eigentlich noch niemals gesehen hatte. Oft sa er am Ofen bei ihr, wenn sie die Flammen schrte, und er zeichnete nachher die roten Korallenste des Feuerflackerns. Natrlich wute ganz Katata, da die kaiserlichen Maler auf den Herbst warteten, bis die Wildgnse in den Oktoberabenden fortflgen. Und auch Graswrzelein, wie die Tochter des Tpfers hie, wute, da Oizo jetzt traurig war, weil er den Wunsch der Prinzessin noch nicht befriedigen konnte. Eines Abends, als der Mond aufging und der Altan des Tpfers zwischen dem Mondschein und dem roten Schein, der aus dem Ofen fiel, zweifarbig beleuchtet, rot und blau wurde und Graswrzelein mondblau und feuerrot, zweifarbig beschienen, vor dem Ofen im Hof bei dem Altan sa, seufzte der Maler in seiner Altanecke rgerlich und trotzig darber, da der Prinzessin nicht der Wachtelsaal und nicht der Saal der Fische gefallen hatte und auch der Kaiser und die Kaiserin darber geschwiegen hatten. Da kam die blau und rot beschienene Tochter des Tpfers und sagte: Seufze nicht, Oizo! Ich will dir sagen, was die kaiserliche Prinzessin denkt, und was sie will, und will dir auch das Schriftzeichen des Fluges der Wildgnse zeigen. Und Graswrzelein nahm eine Holzkohle, die neben dem Ofen lag, und zeichnete auf einen weien ungebrannten Tonkrug ein paar Linien. Sieh her, Meister! sagte sie. Was heit das auf japanisch, was ich hier schrieb? Das heit, sagte Oizo und betrachtete flchtig den Krug mit dem Schriftzeichen, _ich liebe dich, wenn ich dir nachsehe. Aber du liebst mich nicht, weil du fortsiehst._ Sieh, Oizo, sagte Graswrzelein, dies denkt die Prinzessin, denn sie ist wahrscheinlich in einen Mann verliebt, der sie nicht ansieht. Und sie will das Schriftzeichen durch den Gnseflug in ihren Saal gemalt haben und will den Mann dann in den Saal fhren und ihn von den Wnden ihren Willen lesen lassen. Denn sieh: das Schriftzeichen besteht aus drei Teilen. Sieh hier die Gabel eines vielfach gewundenen Baumes. Wagrecht durch die Gabel hindurch siehst du die Brustlinie eines ansteigenden Hgels und darber die vielfach zackige Fluglinie einer unendlich langen Reihe von grauen und weien Wildgnsen. Aber zugleich siehst du: die grauen Gnse verschwinden in der Dmmerung und unterbrechen die Linie, wogegen die weien sich als Schriftzeichen vom Abendhimmel abheben. Oizo fragte erstaunt und mit ganzem Herzen zuhrend: Und woher weit du, da die Prinzessin gerade diesen Schriftzug meint: ich liebe dich, wenn ich dir nachsehe, aber du liebst mich nicht, weil du fortsiehst? Das ist ganz einfach, lachte Graswrzelein. Mein Vater machte einmal eine Vase. Ich hatte aber den Ofen schlecht geheizt, so da die Glasuren nicht gleichmig trockneten und sich seltsamerweise dieses Schriftzeichen bildete, indem der weie Grund der Vase in Zickzacklinien durch die blaugrne Glasur schimmerte. Flchtig hingesehen, erschienen die weien Linien wie ein Flug Wildgnse, die in einer Landschaft ber Baum und Hgel hinflogen. Die Vase gefiel einem Mnch, der sie sah und ausnehmend schn fand, da sie zugleich Bild und Schriftzeichen deuten lie. Die Prinzessin hat wahrscheinlich diese Vase in einem Tempel gesehen, und man hat ihr gesagt, da das Bild darauf den Flug der Wildgnse in Katata darstellt. Aber ich denke mir, da das Schriftzeichen ihr mehr wert ist, als der Flug der Wildgnse, lachte Graswrzelein. Oizo schlug sich mit der Hand vor die Stirn und lachte: Also dieser Baum und dieser Hgel sind gar nicht in Katata? Und nur die Wildgnse fliegen hier vorber im Frhling und im Herbst? O ja, sagte Graswrzelein nachdenklich. Der Baum lebt wohl hier irgendwo und der Hgel auch irgendwo, denn nichts ist Zufall auf der Welt. Es war auch kein Zufall, da ich das Feuer damals schlecht schrte, und da die Vase schlecht trocknete. Nichts ist Zufall, sagen die Gtter hier bei uns in Katata. Und whrend Graswrzelein das sagte, ffnete sie die Feuerluke, zerschlug den Krug am Boden, auf den sie das Schriftzeichen gemalt hatte, sammelte die Scherben und warf sie ins Feuer. Was machst du da? sagte Oizo verblfft. Ich habe zuviel geredet, und das rgert mich, sagte Graswrzelein. Deshalb zerbrach ich den Krug. Der Maler verstand sie nicht, reichte ihr ein Geldstck hin und sagte: Nimm dies einstweilen als Dank fr deine Aufklrung. Ich gebe dir spter mehr, wenn mir der Kaiser den Wildgnsesaal bezahlt hat. Und Oizo ging und packte seine Zeichnungen ein, um am nchsten Morgen nach Kioto zu reisen. Aber Graswrzelein warf, als er sich abwandte, das Geldstck in das Feuer des Ofens, geradeso, als wre es eine Tonscherbe. Und als ihr Oizo Lebewohl sagte und ihr nochmals dankte, sagte sie: Warum soll ich dir Lebewohl sagen! Ich wei ja doch, da du wiederkommen mut. Das wre nur ein Zufall, wenn ich wiederkme, sagte Oizo. Die Gtter von Katata kennen keinen Zufall, murmelte Graswrzelein und blies in das Feuer.-- Der Maler ging nach Kioto und malte den Saal nach dem Gedankengang des Schriftzeichens auf silbergrauen Grund: den dmmernden Baum im Abend, die Hgellinie und grau und wei die groe Zackenschleife in der Luft, welche die fliegenden Wildgnse beschreiben. Wie Oizo noch am Malen war, kam einer seiner Kameraden, ein anderer Maler, der auch drauen in Katata gewohnt hatte, und lachte ihn aus, weil er sich immer so geheimnisvoll in den Saal einschlo, den er malte, und die andern nicht wissen lassen wollte, wie der Schriftzug des Gnsefluges hiee. Du machst dich lcherlich, da du dich hier einschliet und nichts von der Welt wissen willst als nur deine Malerei. Komm heute abend mit mir in die Theaterstrae von Kioto. Ich verspreche dir, da ein Besuch in der Theaterstrae deiner Malerei mehr ntzen wird, als du glaubst. Oizo, der die Aufrichtigkeit seines Freundes kannte, gab diesem nach und ging mit ihm schweigend in der Nacht vom Bergtempel hinab ber die Brcke in die Stadt zur Theaterstrae, wo erleuchtete Budenreihen und farbige Lampen waren und groe Leinwandmalereien in der Nachtluft wie Fahnen flatterten und Szenen aus den Theaterstcken schilderten. Verblfft blieb Oizo am Eingang der Strae stehen. Da war ein Papierlaternenverkufer. Der hatte Lampen aus lgetrnktem Pflanzenpapier, und auf jeder Lampe war das Schriftzeichen des geheimnisvollen Gnsefluges gemalt, das er aus Katata mitgebracht hatte, das Schriftzeichen der Wildgnse, des Hgels und des Baumes, von dem er geglaubt hatte, da es nur allein ihm, der Tochter des Tpfers und der Prinzessin bekannt sei. Oizo schwieg und verbi sich sein Erstaunen und dachte an irgendeinen spitzbbischen Verrat. Nun kamen sie weiter, sein Freund und er, zu dem grten Theater in der Mitte der Strae. Da zeigten auch die Theaterbilder auen an der Zeltbude rund um die Zeltwand den Flug der Wildgnse. Zugleich kam ein Straenverkufer zu den beiden Malern und bot ihnen ein Spielzeug an: aus Seidenwatte gearbeitete kleine Wildgnse, die an einer Seidenschnur hingen und, durch die Luft geschleudert, in Schleifenform dahinflatterten. Ein Perlmutterarbeiter zeigte ihm Lackkstchen, darauf der Flug der Wildgnse ber Baum und Hgel ging, und alle diese Dinge prgten das Schriftzeichen aus, das wie eine Liebeserklrung jene Worte sagte: Ich liebe dich, wenn ich dir nachsehe. Aber du liebst mich nicht, weil du fortsiehst. Ganz verstrt, schwieg Oizo immer noch. Seine Stirn verfinsterte sich, und er blieb im Menschengedrnge stehen und wollte seinem Freund entlaufen. Dieser hielt ihn am rmel fest und rief ihm zu: La dir doch erklren, woher ganz Kioto den Flug der Wildgnse und das Bild, das du malen willst, kennt. Du weit, ich wohnte in Katata bei einem Fruchthndler. Dessen Tochter brachte mir eines Tages in einer Porzellanschale einen kleinen Zwerggarten in mein Zimmer. Darin blhte ein ganz winziger Kirschbaum. Der Baum war nicht hher, als mein halber Arm. Hinter dem Baum war ein knstlicher Hgel aus Erde. Diesen kleinen Garten stellte sie am Abend hinter einen weien Papierschirm, auf welchem mit schwarzer Tusche kleine Wildgnse im Schleifenflug gemalt waren. Sie zndete eine Lampe hinter dem Schirm an, so da der Schatten des Zwerggartens, des Baumes und des Hgels, auf den weien Schirm fiel und sich darauf abzeichnete und Garten und Gnse ein einziges Schattenbild zu sein schienen. Aber zugleich konnte man das Ganze auch fr ein Schriftzeichen halten. Ich verstand sofort, da sie mich liebte, und da dieses Bild eine Liebeserklrung sein sollte. Ich kmmerte mich nicht um ihre Erklrung, nachdem ich den gesuchten Wildgnseflug von Katata, der eine Liebeserklrung darstellt, so deutlich gesehen hatte, da ich ihn malen konnte. Ich wollte am nchsten Tag abreisen, ging aber am Abend noch ins Teehaus, wo ich fnf von unseren Malern traf. Dem einen hatte eine Tnzerin den Wildgnseflug von Katata bereits erklrt, dem andern ein Fischermdchen, bei dessen Vater er wohnte, dem dritten und vierten und fnften andere Mdchen von Katata, so da wir alle merkten: das Schriftzeichen des Gnsefluges war ein ffentliches Geheimnis der jungen Mdchen in Katata und wurde immer angewendet, als Zeichnung auf einer Vase, als Wandschirmbild und so weiter, wenn ein Mdchen von Katata einem Manne eine Liebeserklrung machen wollte. Wir hatten das bis damals in Kioto nicht gewut. Aber jetzt kennen das Schriftzeichen des Wildgnsefluges von Katata alle Kinder von Kioto, weil alle Maler das Geheimnis hier verbreitet haben, alle, die in Katata waren. Auch der kaiserliche Hof wei es lngst, und die junge Prinzessin ist bereits von dem ganzen Hof als lcherlich erklrt. Der Kaiser und die Kaiserin sollen sehr rgerlich sein, und du selbst wirst deinen Kopf verlieren, wenn du den Saal fertig gemalt hast und dir einbildest, von der Prinzessin geliebt zu sein. Oizo dachte einen Augenblick nach, dann lachte er und sagte: Da ich die Prinzessin nicht liebe, wird mir der Hof doch nicht bse sein, weil ich den Wildgnseflug mit Lust an meiner Malerei malen wollte, und nicht mit Lust an der Liebeserklrung des Schriftzeichens. Doch, doch, sagte sein Freund. Du mut fliehen, du mut dich verstecken, bis der Tempel eingeweiht ist. Man wird den Saal der Prinzessin verschlossen halten und gar nicht zeigen. Aber du mut fortbleiben, bis man die Liebeserklrung der Prinzessin vergessen hat. Ich rate dir, nimm ein Segelboot und halte dich einen Monat lang auf dem Biwasee versteckt. Auf dem weiten Wasser drauen wird dich niemand suchen, und du kannst den Booten ausweichen. Ich trenne mich nur schwer von meiner Malerei, sagte der Maler Oizo. Aber du hast recht. Ich will fliehen, und ich will mich verstecken, bis der Saal der Prinzessin vergessen ist. Oizo verlie Kioto noch in derselben Nacht, kaufte sich ein Boot, das er mit Nahrungsmitteln versah, und zog dann hinaus auf den See. Aber die Tage waren unfreundlich: es war Vorfrhling. Viele Tage lang lagen die Nebel wie Binden vor Oizos Augen, und er sah nichts und hrte nichts im Nebel als das Knirschen seines Bootes. Eines Tages lie er sein Boot treiben und sagte zu sich: Ich will aussteigen, wo das Boot landet. Wenn ich nicht malen kann, ttet mich die Langweile. Ich will wenigstens wieder einmal malen drfen. Und wo jetzt das Boot landet, wei ich auch, werde ich ein Bild finden, das mir lngst in der Seele vorgeschwebt hat. Das Boot des Malers trieb im Abend an den Strand von Katata. O, unglcklicher Ort, sagte Oizo. Soll ich also wirklich das Bild vom Flug der Wildgnse noch einmal malen? Ich will noch abwarten und sehen, was mit mir geschieht, wenn ich ans Land steige. Die Gtter haben das Boot gelenkt, die Gtter werden auch meine Schritte lenken. Der Maler stieg ans Land und ging ber den leeren Strand, auf dem kein Schilf wuchs, sondern nur die gelben Schilfstoppeln vom Vorjahr standen. Hier sang das Schilf im Vorjahr, als ich fleiig war und Fische malte. Jetzt ist der Strand faul und tot, vom Winter verdammt, so wie man mich zur Faulheit verdammt hat. Pltzlich bckte sich der Maler und hob eine unscheinbare Seemuschel auf, die blau irisierend und rot irisierend mit weier Innenschale und schwarzer Auenschale wie eine Blume hier zwischen den leeren Kieselsteinen am Strand leuchtete. Oizo wendete die Muschel in der Hand hin und her, schttelte den Kopf, hielt die Hand an die Stirn und dachte nach und meinte zu sich: Wo habe ich nur diesen blau irisierenden Schein neben dem rot irisierenden Feuerschein hier in Katata schon einmal gesehen? Ich wei gewi, da es in Katata war, wo ich diese beiden Farben unvergelich nebeneinander sah. Wie er noch dachte und seinem Gedchtnis noch nicht auf den Grund kommen konnte, kam ein japanisches Mdchen hgelabwrts zum Seewasser hin. Sie trug auf dem Kopf einen flachen Korb und schttete den Inhalt des Korbes, der wie Erde aussah, ungefhr zwanzig Schritte von Oizo entfernt in den See. Was machst du da? rief der Maler ihr zu. Das Mdchen sah sich nach ihm um, streckte pltzlich die Arme von sich, stie einen zischenden Schreckenslaut aus, als ob sie einem Geist oder einem Gott ins Gesicht she, hllte ihr Gesicht in ihre rmel, kniete am Seerand nieder und steckte ihren Kopf ins Wasser. Oizo rief: Haben denn die Gtter dir deinen Verstand genommen, weil du dich ertrnken willst, Mdchen? Oizo sprang hin, und als er nher kam, sah er, da das Mdchen sich eifrig das Gesicht wusch, und er erkannte an der einen Gesichtshlfte, die noch voll Ru war, die Tochter des Tpfers, Graswrzelein, die aus dem Brennofen ihres Vaters die Asche in einem Korb an den See getragen hatte. Was machst du da? fragte Oizo noch einmal. Ich htte dich beinah nicht erkannt, Graswrzelein, weil du zur Hlfte schwarz und zur Hlfte wei bist. Graswrzelein prustete das Wasser aus ihrer Nase, wusch sich die andere Gesichtshlfte rein, und whrend sie sich mit dem Innenfutter ihres rmels Gesicht und Hnde trocknete, fuhr sie den Maler rgerlich an: Ich wollte gar nicht, da du mich erkennen solltest. Als ich dich hier so pltzlich am Strand stehen sah, nachdem ich die Ofenasche in den See geworfen hatte, und ich dir nicht ausweichen konnte, wollte ich mir den Ru vom Gesicht waschen, damit ich dir unkenntlich bliebe. Denn du hast mich ja nur ein einziges Mal gewaschen gesehen. Und wirklich, Oizo konnte das weigewaschene Mdchen kaum erkennen. Du sagst, ich htte dich einmal gewaschen gesehen? Ich habe dich immer nur schwarz gekannt. Doch, doch, nickte Graswrzelein. Erinnerst du dich nicht, Meister, da ich dir auf einer Tonvase den Flug der Wildgnse von Katata beschrieb? Erinnerst dich du nicht? Es war im Mondschein. Du sat auf dem Altan und ich am Ofen im Hof. Du warst rot und blau beschienen, sagte Oizo, wie die Muschel hier, die mondblau und feuerrot in meiner Hand irisiert und leuchtet. Das ist das Bild, das ich hier malen will. Ich will dein Gesicht malen, blau vom Mond und rot vom Feuer beleuchtet. Und darum bin ich nach Katata gekommen. Graswrzelein lachte einen Augenblick. Dann aber wurde sie sehr ernst. Nein, sagte sie und schttelte den Kopf. Du darfst nicht mehr in unser Haus kommen. Ich habe das Feuer zu schlecht geschrt, so lange du da warst, und ich habe meinem Vater zu viele Tonvasen verbrannt. Du hast noch einen Grund, den du nicht sagst, meinte Oizo. Die Tonvasen will ich deinem Vater alle bezahlen, whrend ich dich male. Rede und sage deinen Grund, warum ich nicht mehr in dein Haus kommen soll? Graswrzeleins Wangen errteten, und sie hielt rasch ihre Hnde an die Wangen, um die Wangenrte mit den Hnden zu verbergen. Oizo sah staunend, wie schn das Mdchen war, und hrte, wie ihre Stimme wisperte und rhythmisch sang, whrend sie sprach, als ob das Schilf vom Vorjahr wieder um ihn snge. Willst du nicht eine Bootfahrt mit mir machen, Graswrzelein? Es kommt eine lauwarme Luft ber den See, und die Abende sind schon lang und hell. Ich glaube, die Wildgnse mssen bald wiederkommen. Ja, bei den Gttern, das ist wahr, seufzte das kleine Mdchen. Die Wildgnse mchte ich dir auf dem See zeigen, Meister. Und ein Lachen blitzte in ihren Augen, so wie die nassen schwarzen Seekiesel blitzen. Das ist die Luft der Wildgnse heute abend. Du hast sie nie vom See aus kommen sehen, Meister? Nein, ich sah den Wildgnseflug nur vom Land, ber Hgel und Baum. Dann will ich ihn dir vom See aus zeigen, nickte das Mdchen eifrig; und ihr blasses Gesicht und ihre zitternden Hnde redeten schnelle Stze, die sie nicht aussprach. Sie kletterte vor Oizo ins Boot, ergriff die Ruder und ruderte, ohne ein Wort mehr zu sprechen, lenkte das Boot, ohne den Maler zu fragen, wohin er wolle. Oizo fhlte und verstand natrlich an der Rte und Blsse des Mdchens, da sie eine Herzenserregung verbarg. Er blieb lautlos sitzen und horchte auf sein eigenes Herz, das ihm bis an den Hals schlug. Denn das Mdchen wurde in seinen Augen immer schner, und er htte es gern umarmt. Der Biwasee lag wie l so glatt, und auch die Luft war wie l. Als legte man zwei Spiegel aufeinander, so lag der Spiegel des abendlichen Vorfrhlingshimmels auf dem Spiegel des Sees. Graswrzelein legte pltzlich die Ruder ins Boot und sagte: Still! Sie kommen! Und gleich darauf wiederholte sie: Still! Sie kommen! Oizo wunderte sich, warum er denn still sein solle, da er nicht sprach. Er wute nicht, da seine Stimme fortwhrend in den Ohren des Mdchens summte und ihr Blut unausgesetzt mit ihm redete. Ihm selbst geschah jetzt das gleiche. Er fuhr auf und sagte: Still! Sie kommen! Denn auch er hrte das Mdchen in seinem Blut reden,-- sie, die kein Wort sprach. Dann war es, als wenn Ruderkhne hoch in der Luft mit groen Ruderschlgen herbeifhren, und als ob Mhlen sich drehten mit unsichtbaren Rdern. Und Laute, die nicht Musik, nicht Menschenstimmen und nicht Tierstimmen glichen, die aber feierliche Akkorde in die Stille ber den See schufen, klangen irgendwo im unermessenen Abendraum, kreiselten, waren da, wurden im Abendgrau zu weien fliegenden Erscheinungen, bildeten dann eine Kette ber den Kpfen des Mdchens und des Mannes, zogen ein Spiegelbild im Wasser nach, wie eine Reihe weier winkender Tcher. Die weie Geisterkette beschrieb eine weie Schleife am Himmel und eine weie Schleife im Wasserspiegel und verrauschte wie ein musikalischer Windton und hinterlie Atemzge von Befremdung, von Sehnsucht, als wre die Luft mit unerfllten Wnschen noch lange nach dem Vorbeizug der Wildgnse von Katata angefllt. Es war jetzt so dunkel auf dem See, als wre die Dunkelheit wie ein zweites Wasser aus der Tiefe gestiegen und stnde ber den Kpfen der beiden Menschen im Kahn. Es war nur noch ein Rest von der Tageshelle, klein wie ein durchsichtiges Ei, im Westen ber dem Strand. Oizo konnte nicht Graswrzeleins Gesicht sehen. Er tastete nach der Bank im Schiff, suchte ihre Hnde, die er streicheln wollte. Aber sie hatte ihre beiden Hnde in die weiten rmel ihres Kleides gewickelt, als htte man ihr die Hnde abgeschlagen. Gib mir deine Hnde! Ich will sie dir wrmen, wenn du frierst. Oder frchtest du dich vor bsen Seegeistern, da sie dich an der Hand nehmen knnten? Hab' keine Furcht, Graswrzelein! Du bist zu schn. Alle Gtter mssen dich beschtzen. Auch die bsen Gtter werden gute Gtter, wenn du sie ansiehst. Was willst du von mir? sagte das Mdchen. Habe ich dir nicht den Flug der Wildgnse ber den See gezeigt? Hast du nicht ihr Schriftzeichen lesen knnen, ihre Schrift aus Himmel und Wasserlinie? Die Liebeserklrung? fragte Oizo. Die Liebesabsage, flsterte erregt und hastig die Tochter des Tpfers. Und nun verstand Oizo, der Schriftzug hatte sich durch die Spiegelung, die im Seewasser dazu kam, in ein anderes Schriftzeichen verwandelt; und wenn die Mdchen von Katata dieses einem Liebhaber zeigten, so war er abgewiesen. Die Fluglinie der Wildgnse im Wasser und am Himmel, vom See aus gesehen, bedeutete in Sprachzge bersetzt: Ich liebe nicht, da du dich nach mir umwendest. Ich wende mich auch nicht nach dir um. Welch sonderbarer Zufall, da der Wildgnseflug sich doppelt deuten lie, je nachdem die Wasserspiegelungslinie sich einfgte oder nicht. Da Graswrzelein ihn liebte und ihn nur necken wollte, als sie ihm die Absage gab und ihn vielleicht zur Annherung reizen wollte, begriff Oizo sofort, denn die Luft um sie und ihn war wunderbar geschwngert von Verlangen und schweigender Zuneigung. Ohne sich zu besinnen, legte er seinen Arm um das kleine Weib und fand keine Abwehr. Graswrzelein versteckte nur beschmt ihr Gesicht in des Malers Brustgewand. Oizo erzhlte ihr rasch: Du weit nicht, Graswrzelein, da ich wie ein totes Holz drauen auf dem See seit Tagen herumtreiben mute, da ich es endlich nicht aushalten konnte, da mir das Land verboten war, weil ich vor der Liebeserklrung der Prinzessin fliehen mute. Aber jetzt, seit ich die Doppeldeutung des Fluges der Wildgnse wei, kann ich den Saal der Prinzessin fertig malen, wenn ich die Spiegellinie im Wasser hinzufge. Und niemand im Lande wird mehr sagen knnen, da die Prinzessin sich lcherlich gemacht htte, sondern da sie sich unnahbar machen wollte, wie es einer Prinzessin geziemt. Alle sollen dann im Saal das Schriftzeichen lesen: Ich liebe nicht, da du dich nach mir umsiehst. Ich sehe mich auch nicht nach dir um. Dann komme ich wieder und baue in Katata mein Haus. Und du sollst nicht mehr den Ofen deines Vaters schren. Du sollst neben mir sitzen bei meinem eignen Feuer. Und ich will dich malen, immer wieder malen, in dem Kleide des Vorfrhlings, am Strand, im Haus, im Mond, im Wasser, am Feuer. Und alle sollen sagen: das ist das glcklichste Mdchen von Katata. Sie ist auf allen Bildern im Vorfrhling gemalt, zur warmen Abendstunde, in der man den Flug der Wildgnse erwartet und verliebt sagt, auch wenn niemand redet: _Still! Sie kommen!_ Da wickelte Graswrzelein ihre Hnde aus den rmeln und umschlang Oizo. Die Schwalben schossen vorber tief dir zu Fen Die Schwalben schossen vorber tief dir zu Fen, Als sei ihr Flug ihr Zeichen tief dich zu gren. Oft dnkten die Vgel am Himmel mich mehr klug Wie mancher, den ich nach Wegen der Erde frug. Schwalben, die frh bis spt in Freiheit schwammen, Die halten sich in Liebe eng zusammen. Sie bauen ihr Nest warm wie der Mensch sein Dach. Sie fliegen von frh bis spt begeistert wach Und eilen stets hurtig dem Weg ihres Herzen nach. Die Uhr zeigt heute keine Zeit Ich bin so glcklich von deinen Kssen, Da alle Dinge es spren mssen. Mein Herz in wogender Brust mir liegt, Wie sich ein Kahn im Schilfe wiegt. Und fllt auch Regen heut ohne Ende, Es regnet Blumen in meine Hnde. Die Stund', die so durchs Zimmer geht, Auf keiner Uhr als Ziffer steht; Die Uhr zeigt heute keine Zeit, Sie deutet hinaus in die Ewigkeit. Im Spiegelglas Sie hlt den Spiegel, Da ihr Gesicht zum Glas hinfllt. Und ihre gehobene Hand Stellt Kmme ins Haar. Das Haar bebt gewellt. Wenn sie den Arm zum Kopf hochhebt, Lebt ihres Kleides Samt In Falt' und Wogen Um die Gestalt. Als lauscht sie auf Gras, Das im Spiegelglas wchst, Scheint sie vom Spiegel Weit fortgezogen. Bis sie langsam vergit Und nicht mehr wei, Woher sie kam und wer sie ist. Dann sinkt die Hand mit dem Spiegel lahm. Sie sieht sich stumm Errtend um, Wie eine, die geheim gelogen. Nacht um Nacht Der Mond zieht hinterm Schiff einher, Er wird des Abends Herr im Meer, Begleitet Nacht um Nacht die Fahrt. Ich hab' ihm forschend nachgestarrt, Ich fragte ihn: Wohin so spt? -- Auch er wei nicht, wohin es geht. Likse und Panulla Likse, eine chinesische Wasserverkuferin, und Panulla, eine singhalesische Straendame, saen im Haftlokal der Polizeistation auf der Gelben Strae in Singapore. Es ist morgens sechs Uhr. Beide Frauen sind in der Nacht betrunken von der Strae aufgelesen und in das vergitterte Haftzimmer gesteckt worden. Der einfenstrige Raum liegt im ersten Stock eines einstckigen indigoblauen Hauses. Das Gitterfenster reicht bis zur Diele. Likse und Panulla sind von den Sthlen, auf denen sie geschlafen, aufgestanden. Sie hocken am Boden bei dem Gitterfenster, schauen auf die lebhafte Morgenstrae hinunter und warten auf ihre Haftentlassung. Likses Kopf ist wie ein gelber, groer, ausgehhlter Krbis, in den man ein Licht gestellt hat. Ihre Augpfel leuchten noch prall von bernchtiger Trunkenheit. Panulla hat noch rot und weie Schminke und Puderreste im Gesicht. Ihre Wangen sehen aus wie zwei knstlich gefrbte Stcke Zucker. Beide Gesichter, das gelbe und das rosaweie, kleben an dem Gitter und verfolgen interessiert den Straenlrm unten in der Gelben Strae von Singapore. Nackte Malaien, halbnackte, grobblau gekleidete Chinesen, Bananenhndler, Wassertrger, Fischverkufer, Garkchenkarren und Rikschawagen rennen durcheinander, schieben und poltern ber die Pflastersteine. Rder und Menschenstimmen berlrmen sich mit ruckhaften Stzen. Die beiden Weiber am Gitterfenster begren Bekannte unten, Gesichter nicken herauf, Hnde winken. Vom drhnenden Straenleben zittern die Eisenstbe des Gitters, daran sich die Finger der beiden Frauen festhalten. Likse, die Chinesin, hat weite, schwarze, glnzende Kalikohosen an und eine blaue schrggeknpfte Leinenjacke. Ihr lehmgelbes Gesicht grinst immer freundlichst. Ihre eingedrckte Nase schnuppert zwischen den Eisenstben sehnlichst nach der Strae hinunter. Panulla in einem alten japanischen Krepp-Kimono von rosagrauer Farbe, rote Ahornbltter darauf eingefrbt, hockt am Boden. Ihr schmaler Hals dreht sich wie ein Reiherhals hin und her. Sie verfolgt alle Vorbergehenden mit beweglichem Kopf, als mchte sie gleich einer Strchin die Leute wie Frsche aus einem Sumpf zu sich heraufangeln. Die chinesische Likse ist grobknochig. Ihre derben Brste und ihr Ges sind dick wie Wassermelonen. Panulla aber ist wie ein Heupferdchen schmal und wetzt ihre Kniee hpfend am Gitter, wenn sie bekannte Matrosen auf der Strae begrt. Allmhlich sammelt sich ein Bekanntenkreis von chinesischen Barbieren, malaiischen Wagenziehern und chinesischen Kuliweibern unter dem Fenster an. Unter viel Geschrei unterhalten sie sich mit den gefangenen Weibern. Einer wirft ein paar Bananen hinauf, ein Fischhndler ein paar dnne Fische. Die breitmulige Likse verschlingt die lebenden rohen Fische. Panulla lutscht an den Bananen. Aus einer chinesischen Bar, ber der Strae, kommt ein junger Mensch gerannt. Er hat einen langen Bambusstab in der Hand; darauf ist ein Stck Schwamm gebunden. Den feuchten Schwamm reicht er den gefangenen Frauen hinauf. Likse schnuppert und riecht sofort, da der Schwamm in Branntwein getaucht ist. Panulla errt den Branntwein aus Likses Augen, und beide Weiber pressen gierig ihre offenen Muler durch die Gitterstbe, um den Branntweinschwamm zwischen die Lippen zu bekommen. Kaum hat Likse den Schwamm mit der Nase berhrt, versucht Panulla die Chinesin zur Seite zu zerren. Die aber bleibt unerschtterlich auf ihren zwei stmmigen Beinen stehen, schnappt nach dem Schwamm und saugt. Der Bekanntenkreis unten brllt ein heulendes Gelchter, denn Panulla ist wie ein Affe auf Likses Schulter gesprungen und wrgt Likse von rckwrts am Hals, damit die Chinesin keinen Schluck Branntwein in den Magen hinunterschlucken kann. Likses gelbes Krbisgesicht wird braun wie ein irdener Krug. Sie wrgt und schlingt und will Panulla abschtteln. Die dnne Malaiin hngt wie eine Zange am Hals der dicken Chinesin. Likse fllt auf die Kniee, prustet den Branntwein aus den Nasenlchern, und immer noch reitet Panulla auf der breiten Chinesin wie ein Jaguar, der sich in einen Elefantenrcken eingebissen hat. Die gelben Zuschauergesichter auf der Strae tanzen wie Reihen gelber Lampions im Winde, und viele Kpfe stoen im Gelchter zusammen. Panulla hat endlich, ber den Rcken der Chinesin hinweg, den Schwamm durch das Gitter mit den Zhnen erschnappt, ihn mit dem Mund von der Bambusstange gerissen, den Branntwein mit den Lippen ausgesogen und den Schwamm dann blitzschnell zurck auf die Strae gespuckt. Aber jetzt erhebt sich furchtbar die knochige Chinesin von der Erde, schnaubend wie ein Flupferd, das ans Land steigt. Ehe sich Panulla, die am Gitter hngt, die Schreckensgesichter der Zuschauer unten auf der Strae erklren kann, hat die mchtige Likse die Malaiin von rckwrts am Haar zur Erde gerissen. Das Haar geht auf, und die chinesische Wassertrgerin schleift die Straendirne wie an einem schwarzen Strick in den Hintergrund des schmalen Haftlokales. Die Zuschauer stehen noch ein paar Augenblicke unten und warten. Ihre gestreckten Hlse reichen nicht bis zum ersten Stock, um in die Zimmertiefe zu schauen, und da weder Panulla noch Likse wieder am Gitter erscheinen, gehen alle lachend auseinander; das Straenleben eilt eintnig lrmend wie vorher unterm Fenster vorber. Auf den Steinplatten hinten an der Zimmerwand liegt Panulla in der einen Ecke wie eine fortgeworfene Puppe mit ausgerenkten Armen und komisch verbogenen Beinen, als ob ihr ein Wirbelwind alle Glieder in den Gelenkkugeln verdreht htte. Ihr rosa Kimono liegt zerschlitzt in vielen Fhnchen unter ihr. Als hat sie Lust zu lachen, verzerrt Panulla die Mundwinkel und zeigt die Zunge wie einen blauen Lappen. Ihr Haarstrang ist fest, gleich einer Henkerschnur, um ihren Hals geknotet. Die Malaiin rhrt sich nicht mehr. In der anderen Ecke der Zimmertiefe ist Likse rckwrts ber einen Stuhl gestrzt. Ihre Beine stehen gespreizt in die Luft nach der Zimmerdecke. Ihre gelben Waden schauen aus den schwarzen zurckgefallenen Kalikohosen. Das gelbe Gesicht der Chinesin steht verkehrt auf dem Fuboden und scheint wie eine leuchtende Lampe durch das dunkelblau getnchte Zimmer. Die blaue Jacke ist von der linken Brust gerissen. Der kleine Glaskopf einer Stecknadel blitzt neben der Brustwarze. Kaum ein einziger kleiner Blutstropfen sammelt sich langsam um den Stecknadelkopf und erstarrt zu einem winzigen roten Kreis. Likse hat Panulla mit der Malaiin eigenem Haar erwrgt, und Panulla hat der Chinesin im Kampf eine Stecknadel so tief in die Brust gestochen, da die Nadel das Herz traf und bis zum Nadelkopf im Fleisch stecken blieb. Likse und Panulla sind tot. Die Malaiin bekommt allmhlich durch die Totenstarre einen schiefen Ausdruck, als ob sie spottet. Das Wagenrtteln der Strae erschttert den Fuboden, und Likses ausgestreckte Beine schaukeln in der Luft, als ob sich die Chinesin im Kopfstehen be. Die erwrgte Malaiin hat eines ihrer verdrehten himmelnden Augen auf die Beine der Chinesin in die Luft gerichtet. Das andere Auge sieht nach der entgegengesetzten Seite zum Fenster. Schau, Likse! Jetzt kommt ein Monsungewitter! grinste Panullas Augapfel und verdunkelte sich brunlichrot unterm Gewitterhimmel, whrend ihr anderer Augapfel, beschienen von der Indigowand des Zimmers, blau leuchtete. Likses Beine wippten beim einsetzenden Sturmwind, der das Haus schttelte. Es war, als fluchte ihr offener Mund: Verdammt, ich habe meine Kinderwsche noch auf dem Hausdach zum Trocknen! Der Regen wird alles fortschwemmen. Ich mu heimrennen. Und Likses Beine wackelten noch lebhafter. Panulla aber hhnte mit ihrem schiefen Blick stille schweigend: Du wirst lange zappeln knnen! Von selber stehst du nimmer auf, Likse. Du bist ja mausetot, von mir, der Panulla, umgebracht, ehe du es ahntest, du viereckiges Chinesentier! Der winzige glserne Nadelkopf pat dir brigens gut in deine Brustwarze. Die Chinesin grinste mit ihrem umgestrzten Gesicht, und aus ihren Nasenlchern trieb der aufsteigende Alkohol, den sie ausgeprustet hatte, kleine lebende Blasen. Panulla funkelte argwhnisch mit ihrem blauen Augapfel: Ich glaube gar, du willst wieder atmen, Likse! Der erste Blitz bestrich Likses Gesicht noch gelber, so da ihr breiter offener Mund bis an die Ohren glnzend zu lachen schien. Auf Panullas Stirn bildeten sich kleine glitzernde Schweiperlen, als ob die Gedanken, die von ihr noch im Haftlokal umgingen, sich auf ihre Stirnhaut niederschlugen und sich dort kristallisierten; und diese glitzernden Gedanken wiederholten nochmals das Gesprch von heute nacht, das Likse und Panulla hier im Haftzimmer vor Sonnenaufgang hatten. Der Mensch mu tten knnen, hatte die Malaiin belehrend behauptet. Wer nicht tten kann, beleidigt den Tod und lebt nur halb. Siehst du, Likse, die eine Hlfte des Mondes ist einmal schwarz und jeden Monat einmal wei. So mu der Mensch sein, Likse. So wie du auf einer Stange zwei Eimer auf den Schultern ber die Strae trgst und sich die beiden Eimer an der Stange das Gleichgewicht halten mssen, so balancieren Leben und Tod an der Weltstange. Jeder Teil der Welt will seinen Teil von dir. Man mu leben knnen, man mu aber auch tten knnen. Leben und Tten wollen gelernt sein. Hr' zu! Einmal lag ich mit einem reichen Mann in meinem Zimmer zu Bett. Um Mitternacht erwachte ich und sah im Dunkeln ein grnes Licht durch das Trbrett kommen. Ich glaubte, ich schliefe noch, und rieb mir die Augen. Im Licht, das lautlos eintrat, sah ich die Schattengestalt einer Frau, die glitt unhrbar, immer von dem grnen Licht umgeben, zu meinem Waschtisch. Sie nahm meinen Kamm und kmmte damit ihr feuriges Haar. Ich hrte deutlich die Funken knistern und sah den weien glhenden Kopf des Gespenstes im Spiegel ber dem Waschtisch. Ich erkannte die Frau an ihrem Spiegelbild wieder. Sie war eine Freundin von mir und hatte vor mir in dem Zimmer gewohnt und dort ihre verliebten Besuche empfangen. Sie war ganz natrlich gestorben und kam jetzt aus dem jenseitigen Leben, um ihr Zimmer aufzusuchen, darin sie einmal einen jungen Mann ermordet hatte, den sie dann, wie man sagt, im Hauskeller verscharrt hat. Ich verstand ihre Erscheinung erst spter und wei jetzt, sie machte ihren kstlichsten Morderinnerungen wollstige Besuche. Halbaufgerichtet im Bett schaute ich auf ihr Gesicht im Spiegel, whrend sie sich noch immer mit meinem Kamm kmmte. Alle Gegenstnde im Zimmer waren von ihrer Gestalt beschienen. Ich geno eine nie gekannte Aufregung, und beim Anblick der glhenden Mrderin und bei dem wallenden Licht, das sie ausstrahlte, wurde mein Blut wie betrunken. Ich grub meine Fingerngel mit Angst und Genu in den Hals des schlafenden Mannes an meiner Seite und zerdrckte seinen Kehlkopf wie eine Nu zwischen meinen Fingern. Der Mann schlug ein paarmal um sich. Das grne feurige Licht des Gespenstes kreiselte und verschwand durch das Trbrett. Es war wieder dunkel im Zimmer, und der Mensch neben mir lag still. Ich zog meine Hnde von ihm zurck. Der Mann rhrte sich nicht mehr. Ich zndete zehn Streichhlzer nacheinander an. Beim ersten Streichholz sah ich, da seine Kinnlade ihm herunterhing; beim zweiten sah ich seine Augen, die ihm wie gekochte weie Fischaugen aus dem Kopf quollen. Zehnmal sah ich immer ein neues Stck von dem Toten. Die ersten fnf Male schauderte ich, aber die letzten fnf Male geno ich den Toten neben mir wie eine Mahlzeit von fnf leckeren Gerichten. Ich wunderte mich, da das Tten so unterhaltend war, und ich schlief kostbar befriedigt neben der Leiche ein, befriedigter, als wenn der Mann gelebt htte. Am Morgen wollte ich mit meinem vertrauten Hausdiener, der damals mein leidenschaftlich Geliebter war, den erwrgten Mann im Keller begraben. Emilio grub, und ich stand daneben und schaute zu. Kaum einen Fu tief stie Emilios Schaufel auf ein Gerippe. Wir warfen die Knochen heraus, gruben tiefer. Wieder lag ein Gerippe darunter, und noch tiefer noch ein Gerippe. Ich bin sicher: htten wir weiter gegraben, die ganze Erde wre mit Schichten von Menschengerippen ausgefllt gewesen, denn alle Jahre, alle Jahrhunderte hatten vor uns in dem Hause, wie wahrscheinlich in allen Husern der Stadt, gemordet und Gemordete begraben. Frher war ich bei jedem Gewitter ngstlich. Jetzt frchte ich keinen Blitz mehr. Ich fhlte bei den elektrischen Schlgen ein Kitzeln in meinen Fingern, wie damals, als ich den zappelnden Kehlkopf zerdrckte. Und wenn die Blitze drauen morden, bin ich aufgeregter, als wenn mich ein wilder Stier umarmen wrde. Gespenster sehe ich, wo ich gehe und stehe. Alle, die jemals gemordet haben, sind eine groe, wollstige, unsterbliche Familie und verkehren Tag und Nacht bei geschlossenen Tren und bei vergitterten Fenstern miteinander. Ich bin jetzt nie mehr allein. Ich sehe die Mrder aller Zeiten vor Augen, wenn ich die Augen schliee. Ich sehe vor und zurck,-- alles Blut, das geflossen ist, und alles Blut, das flieen wird. Ob ich wache oder schlafe, es ist alles eins. Ich bin bei allen Morden dabei, die geschehen, und mein Blut lebt belustigt seitdem, wie eine brnstige Affenherde in meinem Leib. Der toten Panulla triefte, bei dem stummen Selbstgesprch ihrer alten Gedanken, wie vor lauter Genu, ein langer Speichelfaden aus dem Mund. Likse steht immer noch auf dem Kopf. Der Donner drauen reibt sich an den Hauswnden, und Likses Beine werden nicht mde, hoch ber der Stuhllehne zu wippen, als antwortete sie auf Panullas Belehrung: Hei, H! Ich habe jetzt auch das Tten gelernt. Und, ich Likse, stelle mich auf den Kopf vor Vergngen darber. Das Tten ist eine viel lustigere Sache als das Wasserverkaufen. Und auerdem hast du doch nicht allen Branntwein bekommen, siehst du, Panulla. Ich habe noch ein paar Tropfen in der Nase. Likses Nasenlcher trieben noch ein paar letzte groe Blasen, welche zersprangen. Dann wurde das mimische Gesprch der Toten abgebrochen. Die Tr ffnete sich, und die erstaunten Polizisten fanden die beiden Leichen der Weiber, die eine wie eine verrenkte Marionette in die Ecke geworfen, die andere wie eine kopfstehende Akrobatin vom Stuhl gefallen. Niemand getraute sich whrend des Gewitters in das Zimmer zu treten und die Toten zu holen. Die Polizisten blieben starr unter der Tr stehen, wie Zuschauer vor einer Bhne. Nur die Monsunblitze, welche drauen in der Stadt wie Mordbrenner rasten, rannten rotfeurig durch das Fenster herein und um die beiden Leichen herum. Verbannt Grotropfiger Regen, der auf die Erde schlgt, Unter dir stehen im Donner die Bume rauschend bewegt. Blitz und Donner und Regen, wie lebt ihr glcklich und frei! Erhrt und erfllt doch eines Gefangenen Sehnsuchtsschrei! Das Dunkel geht nicht aus den Dingen heraus Ein frher Abend schleicht im Haus herum, Er lscht die Farbe deiner Wangen aus Und hngt dir seine Blsse um. Maibume stehen im Regen gebckt, Die Berge dampfend voll Wolken wehen, Deine Brust ist dumpf wie der Abend bedrckt. Das Dunkel geht nicht aus den Dingen heraus, Dein Gesicht allein leuchtet wei hinaus Und sieht starr wie die Maske des Kummers aus. Eine kleine Maskenwelt Im bescheidenen Gras lebt eine kleine Maskenwelt mit Behagen, Marienkfer, die auf den Flgeldecken Malereien wie bunte Gesichter tragen, Kleine Kfer, die sich auf die hchsten Grser wagen, Und sich mit vielen Beinen redlich vorwrts plagen; Kleine Halbkugeln, die nach ihrer andern Hlfte fragen. Alle rennen und mssen sich ihre Liebe erjagen Und tragen ihre winzigen Romane, ohne laut zu klagen. Schimre Schimre ritt im Sturm heut an das Haus; Sie kam auf einem wilden Rasselwurm, Der prete einer ganzen Landschaft Die fromme Sommerseele aus. Als sie durch die geschlonen Tren und die Wnde ritt, Hob sie das Haus auf ihre Hnde und nahm es mit. Schimre trug es mit Gebraus in ferne Breiten, Und auch in fremde ferne Zeiten trug sie mein Haus. Wie eine Fhre schwamm es durch Jahrhunderte, Und lachend sah ich drin mit meinem Lieb heraus, Doch war nichts auf der Welt, nichts, was uns wunderte. Das Abendrot zu Seta Ein japanischer Winter am Biwasee ist nicht so kalt und nicht so schneereich wie die meisten deutschen Winter, aber doch liegt oft fuhoch eine weie Schneerinde am Seerand, auf den Hausdchern und in den Gabeln der Bume. See und Himmel sind dann vom Winterdunst eingewickelt. Der See liegt wie ein dunkles Zelt im Nebelrauch, und wie weie Insektenschwrme kommen die Schneeflocken an. Ihr kreiselnder Tanz im Wind ist im Wintertag das einzige Leben am See, dessen Spiegel blind ist, auf dem sich kein Segel zeigt, dessen Schilffelder abgemht sind, und der einer Wste aus grauem Basalt hnelt. Die Japaner tragen in der weien Jahreszeit drei bis vier wattierte graue und brunliche Seidenkleider bereinander. Sie kennen keine fen. Nur eine kleine Kohlenglut in einem Messingbecken wrmt die hingehaltenen Fingerspitzen. Aber die Japaner haben viel Eigenwrme in sich. Sie sind gewhnt an den Verkehr mit offener Luft in luftreichen, leichten Bambusholzhuschen, hinter dnnen Papierwnden und Papierscheiben, gekleidet in den drei anderen Jahreszeiten in luftige Seiden und Kreppstoffe und eingehllt in das bequeme Schlafrockkostm, das den Gliedern Spielraum zu Eigenbewegung lt. So sind sie ein gesundes, warmbltiges Volk geblieben. Die Seele der Japaner ist ebenso warmbltig wie ihre reinlichen, gutgelfteten und leeren Papierzimmer. Keine Mbelstcke sind in ihren Zimmern, der saubere Strohmattenboden des Gemaches mu alle Mbel ersetzen. Er stellt Tisch, Stuhl, Sofa und Sessel dar, ist handdick, aus dnnstem, feinstem Rohrmattengeflecht, ist nachgiebig, leicht elastisch, und du darfst ihn nur mit Strmpfen, nie mit Schuhen betreten. In diesen leeren Gemchern, deren Wnde leicht getnte Bambusstrohfarbe, mehlweies Papier oder gelbliche Naturhlzer zeigen, hebt sich das Menschenantlitz ab wie ein Portrt auf ungestrtem Hintergrund; und die Gesten der Menschen, in diesen leeren Gemchern, werden in den kleinsten Bewegungen wichtig und bleiben deiner Erinnerung eingeprgt, wie Schriftzge auf weiem Papier. Als farbiger natrlicher Zimmerschmuck stehen in den offenen Schiebetren die Ausblicke auf die maigrnen, sommergelben, herbstbraunen und winterblauen Landschaftsbilder, der Flug vorberziehender Vgel, wandernde Wolken und Menschen. Unwillkrlich befrworten die leeren, farblosen Gemcher die Liebe zur farbigen Auenwelt. Die Welt, die immer im Trrahmen erscheint, wenn eine Schiebetr sich ffnet, wirkt im leeren Zimmer doppelt lebhaft als Landschaft oder als Mensch, der zu Besuch kommt; jeder Mensch wird zum lebenden Bild, wenn er sich zu dir auf die Leere der Diele zwischen die leeren Wnde setzt. Man kann sich leicht denken, da sich dann alle Landschaftsreize steigern und den Hausbewohnern so wichtig werden wie einer europischen Hausfrau die Mbelstcke. In den leeren Gemchern von Seta am Biwasee ist das Abendrot vor den Tren zu Seta eine Berhmtheit geworden, und das Abendrot von Seta gesehen haben, ist wie Bienenhonig dem rmsten und verspricht dir noch nach langen Jahren einen sanften Tod.-- In Seta lebte die Frau eines verarmten Adligen. Ihr Mann war im Krieg gegen die Europer gefallen, ebenso ihre zwei Shne. Diese Frau reiste fters im Sommer oder im Frhling zur Kirschbltenzeit nach Kioto oder nach dem Wallfahrtsort Nara oder nach den heiligen Tempeln von Nikko, um dort im Gebet, in den Tempeln, an heiligen Orten ihrem Mann und ihren zwei Shnen nher zu sein. In Kioto, im Tempel der fnftausend Kriegsgenien, stehen in den zehn langen Reihen je fnfhundert aufrechte goldene Gtter. Jeder Gott hat zwanzig bis dreiig Arme, schwingt Speere und Schwerter; und man sagt: sollte Kioto einmal von Feinden angegriffen werden und in hchster Not sein, dann ziehen die fnftausend Gtter aus der langen hlzernen Tempelhalle aus und werden die alte Kaiserstadt verteidigen. In diesen Tempel ging die verwitwete Frau am liebsten, denn dort traf sie im Gebet ihren Mann. Wenn sie vor den fnftausend Gtterbildern niederkniete, sprach er in ihr Ohr wie ein Lebender. Die feuerrote dstere und fensterlose Lackhalle, darinnen die fnftausend goldenen Gtter nur von den riesigen offenen Tren beleuchtet wurden, gab der Witwe ein aufregend wohliges Gefhl. Wenn sie ber die hunderttausend goldenen Speere und Schwertspitzen schaute, glaubte sie ein Kriegsgetmmel vor sich zu sehen. Von den zehn Reihen der Gtter steht immer eine Reihe hher hinter der andern, so da man sich vor einem Berg von Lanzen, Schwertspitzen, goldenen Armen und goldenen Heiligenscheinen befindet, als strmten dir goldene Gtterscharen bergab entgegen. Als die Frau eines Tages wieder im Gebetstaumel die Halle verlie, sah sie drauen auf dem Bretterweg, der an der hundert Fu langen Halle entlangfhrt, einen Mann stehen, der sich, wie das die Japaner fters tun, hier im Bogenschieen bte. Der Mann glich auffallend ihrem toten Gatten. Am einen Ende des Bretterwegs stand der Schtze mit dem altmodischen, mannsgroen Bogen, am andern Ende des Bretterwegs war die weie Scheibe angebracht, und an der ganzen Tempellnge entlang surrte der Pfeil des Schieenden. Trotzdem jetzt allgemein das Gewehr in Japan eingefhrt ist, ben sich einige Japaner noch zum Vergngen im Bogenschieen, und besonders ist der Bretterweg am Tempel der fnftausend Kriegsgenien ein beliebter bungsplatz in Kioto. Die Frau zitterte vor Erregung, als sie den Schtzen sah, der das getreue Abbild ihres gestorbenen Mannes war. Ihr Auge hatte einen unwiderstehlichen, leidenschaftlichen Ausdruck, und ihr ganzer kleiner Krper wurde wie ein Stck Magneteisen und zog den Mann nach sich, den sie anschaute. Sie blickte den Schtzen an, trat rckwrts wieder in die Tempelhalle zurck und ging an der untersten Reihe der Genien entlang, genau wissend, da der Schtze Bogen und Pfeile wegstellen und ihr nachfolgen mte. Sie kam in das dunkle Ende der Halle, wo Holztreppen hnlich Leitern, verstaubt, uralt und dster, zu einer dunkeln Holzgalerie fhren, die sich hoch unter dem Dach des Tempels ber den fnftausend Genien hinzieht. Der Mann, der ihr gefolgt war, kam leise die dunkle Stiege herauf. Sie kauerte auf der obersten Stufe nieder und wollte ihn an sich vorbergehen lassen. Deine Augen knnen surren wie Pfeile, sagte der Mann und blieb neben ihr stehen. Du siehst meinem verstorbenen Mann hnlich, sagte die Frau. Deswegen habe ich dich angesehen. Der Mann atmete schwer. Er senkte den Nacken und flsterte rasch: Wenn dich dein Mann so gern umarmt hat, wie ich dich jetzt hier umarmen mchte... Er sprach den Satz nicht fertig, fate die Frau flink, wie ein Affe eine ffin, und die harte Tempeldiele wurde ihr Liebeslager. Danach sagte die Frau leise: Was haben wir getan? Wir sind im Tempel der fnftausend Genien! Wollust schndet keinen Tempel, antwortete der Mann. Fnftausendmal will ich dich hier umarmen. Fnftausendmal wollen wir uns hier treffen. Die Frau schauderte vor Glck. In die geheimnisvolle Tempelluft und Tempeldunkelheit schienen auer den fnftausend Kriegsgttern fnftausend Liebesgtter eingedrungen zu sein. Und sie sagte zu dem Mann: Wir wollen nicht wissen, wie wir heien, wir wollen nicht wissen, wo wir wohnen. Wir wollen nicht verabreden, wann wir uns treffen. Wir wollen es den fnftausend Genien berlassen, da sie unsere Wege zusammenfhren. Und immer, wenn wir uns zusammenfinden, wollen wir nichts besprechen und nichts fragen und uns nur umarmen, wie wir uns hier umarmt haben. Ich will nicht wissen, ob du ein wirklicher Mensch bist, oder nur eine Erscheinung, hnlich meinem Mann. Ich will dich genieen wie die Abendrte, die jetzt ber die Trschwelle dort eintritt, und die wirklich und unwirklich ist zugleich. Die beiden hielten ihre Verabredung. Die Frau nderte nicht ihre Reisen und ihre Wallfahrten nach den andern Wallfahrtsorten. Und nachdem sie monatelang in Kioto tglich zu den verschiedensten Stunden den Tempel der fnftausend Genien besucht und tglich den Schtzen dort getroffen, umarmt und geliebt hatte, reiste sie nach dem Wallfahrtsort Nara, ohne ihrem Geliebten bei ihrer Abreise ein Wort zu sagen. In Nara war es Hochsommer. Die Wiese vor dem groen Zedernwald, darauf die feuerrote sechseckige Pagode steht, war umwimmelt von weien, blauen und gelben Schmetterlingen. Im Wald bei den rotbraunen senkrechten Zedernstmmen stehen, dichtgedrngt wie Grabdenkmler in einem Kirchhof, Steinlaternen in Gruppen und Gassen und begleiten alle Waldwege, dichtgedrngt wie versteinerte Vlker. Schwarzbronzene Hirsche, von Knstlern als Statuen gegossen, ruhen auf Steinsockeln. Aber auch Hunderte von lebenden Rehen und Hirschen gehen in groen Rudeln zahm auf allen Wegen, zahmer als Hhner in einem Hhnerhof. Als jene Frau mit dem Bahnzug nach Nara kam, stand ein groes Gewitter ber dem Wald. Aber sie frchtete sich nicht, nahm am Bahnhof einen Rikschawagen, fuhr bis zum Eingang des Waldes und schickte den Wagen zurck. Hier in Nara betete die Frau meist zu ihrem ltesten Sohn und kniete viele Stunden in der Halle des groen Daibutsu, welches eines der riesenhaftesten Buddhabilder Japans ist. In einem roten mchtigen Holzbalkenhaus sitzt der haushohe Buddha, alt und schwerfllig geschnitzt, brunlich vergoldet auf einer ungeheuern Lotosblume. Sein runder Kopf reicht bis unter das Dach des Tempels. Drei haushohe Flgeltren stehen offen. Aber das Licht von den Wiesen drauen kann den mchtigen Kopf, der bis in die Dmmerung des Dachstuhles reicht, kaum erhellen. Die Frau war in den Tempel getreten, kniete auf den Strohmatten nieder und vertiefte sich in ein stilles Gesprch mit ihrem verstorbenen ltesten Sohn. Da rollte der ferne Donner und war wie die nherkommende Stimme eines Gottes ber ihr. Die schwle Gewitterluft machte die groe, dunkle Tempelholzhalle noch dumpfer, und der Geruch des Rucherwerkes und der Geruch der alten sonnengewrmten Holzbalken wurden der knieenden Frau wie eine Last, als ob sich der schwere mchtige Buddha ber sie bge. Und sie mute an den Mann denken, der sie Tag fr Tag in Kioto im Tempel der fnftausend Genien umarmt hatte. Der Regen prasselte jetzt drauen auf das Tempeldach und auf die ungeheure Holzgalerie vor dem Tempel. Ein Blitz flog herein, und der groe goldene Buddha erschien fr den tausendsten Teil einer Sekunde hell bis unter das Dach. Ist es wahr, Gott, dachte die Frau, da die Wollust den Tempel nicht schndet, so la den Mann aus Kioto eintreten und mich in Nara hier bei dir wiederfinden. ber die Holzgalerien drauen kamen jetzt Hunderte von Schritten, Schritte ber die Wiesenwege, Menschenstimmen aus den Wldern, Mnner, Frauen und Kinder, lachend und kreischend, die, vor dem Gewitter flchtend, in die Halle des groen Daibutsubildes eindrangen. Die knieende Frau wollte wieder zu ihrem Sohn beten. Aber der Lrm des Regens, der vielen humpelnden Fe von Wallfahrern und der Menschenstimmen zerstreute sie, so da sie unter die Gruppen der Leute an eine der offenen Tren trat und dem Sturzregen zusah, der die Landschaft in einen weien Nebel hllte. Blitz um Blitz blendete sie, da sie sich von der Tre weg gegen die Gesichter der Menschen wenden mute, von denen einzelne Gruppen, wei im finstern Tempel, bei jedem Blitz aufleuchteten. Neben einer kleinen Frau und umgeben von einer Schar von Kindern, entdeckte sie pltzlich einen Mann, der ihrem Sohn, zu dem sie eben gebetet hatte, hnlich sah. So mte ihr Sohn jetzt aussehen, so seine Frau und seine Kinder, wenn er jetzt lebte und glcklich wre. Bei dem zweiten Blitz aber erschrak sie. Es war nicht mehr das Gesicht ihres Sohnes. Es war jener Mann aus Kioto mit seiner Familie, die hier vor dem Gewitter in den Tempel geflchtet waren. Bei dem dritten und vierten Blitz erkannte sie ihn deutlich und sah weg. Sie schlug rasch ihren kleinen Fcher auf, versteckte ihr Gesicht dahinter, drngte sich aus dem Tempel hinaus und eilte mitten in den prasselnden Regen den Hgelweg hinunter in die graue, dampfende Sommerlandschaft. Weit weg stellte sie sich unter einen Zedernbaum, versteckt hinter einer Steinlaterne. Ihr Haar war vom Regen aufgelst, ihr Fcher aufgeweicht. Sie hatte ihre Schmucknadeln aus dem Haar verloren, ihr seidenes Festkleid klebte an ihr wie eine Fischhaut. Sie weinte und weinte. Sie hatte doch nicht wissen wollen, ob der geliebte Mann verheiratet wre, ob er eine Familie htte. Sie hatte diesen Geliebten zu einem Gott, zu einer Erscheinung machen wollen, zu einer wollstig gruseligen Tempelvision. Sie htte sich gern blind geweint, um das Bild aus ihren Augen auszulschen und den Schtzen aus dem Tempel der fnftausend Genien nicht als Gatten und Familienvater sehen zu mssen. Der Platzregen lie nach, und die Spitze der roten sechseckigen Pagode, ber den noch regendampfenden Wiesen, schien im Abendrot Feuer zu fangen. Das Abendrot ging durch die Wiesendmpfe, frbte die Zedernstmme rot, die Scharen der grauen, moosigen Steinlaternen braun wie Kupfer. Das Abendrot beruhigte die Frau und gab ihr wieder den Glauben an inbrnstige Ungeheuerlichkeiten. Sie lchelte und fhlte sich rot durchtrnkt von dem abenteuerlichen Licht und sagte ganz einfach: Die Blitze haben gelogen. Der Mann im Daibutsutempel eben war nicht der Mann aus dem Tempel der fnftausend Genien, den ich wie die Abendrte mit Inbrunst liebe. Er kann nicht zugleich hier und in Kioto sein, wo ich ihn gestern verlie, ohne ihm etwas von meiner Reise nach Nara zu sagen. Aber sie getraute sich doch nicht, noch einmal zum Daibutsutempel zurckzugehen; und sich zu berzeugen, fehlte ihr der Mut. Die Frau warf ihren zerknitterten Fcher fort, strich ihre Frisur glatt, schob ihren Grtel zurecht und machte sich gesittet auf den Heimweg zum Bahnhof von Nara. Sie reiste durch Kioto, ohne den Tempel der fnftausend Genien aufzusuchen, und ging nach Seta in ihr Haus zurck, tagsber gepeinigt von dem Gedanken, da der Mann, den sie in Kioto liebte, Frau und Kinder htte. Sie wurde nur am Abend erlst von dem phantastischen Abendrot, das sich ber Seta in den wunderbarsten Blutlinienwellen hinzieht, so da alles Unwahrscheinliche wahrscheinlich wird, so da die Bume blutrot wie Korallenwlder werden und die Hgel wie die Brste und Krperlinien hingelagerter Mnner und Frauen, als sei die Erde hier am Abend zu Menschenfleisch und Menschenblut geworden und kenne nichts als umarmende Wollust und Liebe. Die untergehende Sonne am Himmel ist dann in ihrer Rte nur wie eine kleine Kerze in einem roten Gemach, in dem sich zwei umarmt halten, wo das Licht keinen Sinn hat und keinen Wert, weil die zwei, von Leidenschaft entbrannt, sich mit geschlossenen Augen ohne Licht sehen. Im Abendrot wurde der Biwasee rotgoldig glitzernd und wie von fnftausend goldenen Lanzenspitzen und goldenen Heiligenscheinen bewegt. Die Diele und die Wnde im Hause jener Frau wurden dsterrot, als wren sie die uralten, dsterroten Balken des Genientempels in Kioto, als wre in dem Hause der Frau irgendwo die geheimnisvolle, rote Balkentreppe, wo sie in der roten Tempeldunkelheit, auf der obersten Stufe, hinter dem hohen Gelnder, Tag fr Tag den Mann treffen knnte, der sie wie das Feuer der Abendrte schnell umarmte und nach der Umarmung wie die Abendrte in das Unbekannte wieder versnke. In den kltesten Wintertagen konnten die Bewohner von Seta jene Frau zur Sptnachmittagstunde an dem geffneten Fenster sehen, das auf das flchtige Winterabendrot hinaussah,-- die Frau, die einen kleinen Fcher schwang, als wre es ihr hei im Abendrot, trotzdem der Schnee auf dem Gelnder des Altans lag und auf den Dchern der Holzhuser von Seta. Auch wenn die Abendsonne im Winternebel keine Kraft zum Rten des Himmels hatte und nur wie ein kleiner Tropfen roter Kirschsaft das weie Laken des Himmels betupfte, sa die Frau zwischen den zurckgeschobenen Papierwnden ihres Teezimmers und fchelte sich, als mte sie das Abendrot mit jedem Fcherschlag anschren. Der Frhling kam, und die Frau frchtete sich immer noch vor einer Begegnung mit dem geliebten Mann und vor einer Enttuschung. Sie beschlo eine groe Reise zu den Tempeln von Nikko zu machen, im Norden Japans, um dort zu ihrem zweiten Sohn zu beten. Die kurzweilige Bahnfahrt dorthin zerstreute sie, und sie lachte sich unterwegs wegen aller ihrer Zweifel aus und war schon, ehe sie nach Nikko kam, ganz im klaren, da der Mann in Nara niemals der Mann von Kioto sein knnte, da sie sich einfach in der hnlichkeit getuscht htte. Und sie nahm sich vor, sobald sie von ihrer Wallfahrt nach Nikko wieder zurckkme, wollte sie den Tempel der fnftausend Genien wieder aufsuchen, und versuchen, den Schtzen zu treffen, der ihr versprochen hatte, sie fnftausendmal zu umarmen. Das Rasseln der Eisenbahnrder, das Vorberfliegen groer Plakatfiguren: gemalter Mnner und Frauen, die an den Bahngeleisen amerikanische Fahrrder, deutsches Bier, englische Grammophone anpriesen, das eilige Leben in den eisernen Bahnhofhallen, alle die vorberhastenden Eindrcke gaben der entmutigten Frau neuen Wirklichkeitsmut, und sie begann sich innerlich zu verspotten und bedauerte den langen Winter, der damit vergangen war, da sie sich nur vom Abendrot in Seta, aber nicht von ihrem Geliebten hatte umarmen lassen. Die schieferblaue Bergwelt von Nikko mit einer Silbersonne ber den silbernen Kiesbchen, mit blausteinigen Schluchten, deren Rnder von schwarzen zerzausten Kryptomerien umstanden sind, tauchte auf. Das liebliche Japan war verschwunden, und ein heroisches Japan lag hier, mit nasser Felsenschlucht, mit senkrechten weien Wasserfllen unter einer Sonne, die einem weien Metallspiegel glich. Wie kupferrote Wimpel hing das rotblttrige Frhlingslaub der Ahornbume ber den Gebirgswegen. Hie und da blhten auch ein paar rosige wilde Kirschbume und an der Sonnenseite der Abhnge ganze Wlder von rosigen Kamelienbumen. Das Bergwasser der Nikkoschlucht aber glitzerte, als wre es die eherne Kette eines Rosenkranzes, daran Tausende von Gebeten gebetet werden. Die Frau suchte die Tempel auf, die auf grnen, dunkeln Waldterrassen mit blaubronzenen Dchern und rotem Geblk wie verwunschene Waldschlsser unter brtigen, tausendjhrigen Kryptomerienbumen liegen. Viele Tempelwnde sind mit kopfgroen Chrysanthemumblumen aus erhabener Perlmutterarbeit geschmckt und leuchten in sieben Regenbogenfarben. Auf andern Wnden sind aus goldenem Lack in Relief erhabne goldene Lwen und goldene Tiger in springenden Stellungen gearbeitet. Auf andern aus rotem Lack rote Fasanen, aus grnem und blauem Perlmutter Pfauen, aus Elfenbein weie Kaninchen und weie Rehe und ganze Elfenbeinwnde voll von weien und blulichen Ponien, umgeben von Schmetterlingscharen aus Perlmutter. Diese kostbaren Tempelwnde unter grnen Waldbumen, unter blau und weiem Wolkenhimmel und umwandert von gelbem Sonnenschein, scheinen mit ihrem irisierenden Perlmutter eine lebende Welt von immer blhenden hochzeitlichen Blumen und eine unvergngliche Welt von sich tummelnden wilden und zahmen Tieren zu sein. Die Frau kam auf die erste Terrasse, wo die drei berhmten Affen auf einem Tempeltor dargestellt sind, geschnitzt und bemalt. Der erste Affe hlt sich die Augen zu, der zweite Affe die Ohren, der dritte Affe hlt sich den Mund zu. Und ihre Bedeutung ist: Du sollst nichts Bses sehen, du sollst nichts Bses hren, du sollst nichts Bses reden. Wie leicht ist das getan fr den, der geliebt wird, und wie schwer fr den, der an der Liebe zweifeln mu, dachte die Frau und ging an den drei Affen vorber. Und sie kam zu dem schnsten aller Tempeltore. Dessen weie Sulen sind mit erhabenen Schnitzereien, mit Bumen, Schilf, Kranichen, Drachen und Wolken geschmckt. An den Friesen der Sulen entlang wandern Scharen von winzigen kleinen Gttern. Dieses Tor ist so vollkommen gearbeitet, da es, als es fertig war, den Neid der Gtter erweckt htte, wenn man nicht an einer der Sulen absichtlich einen ungeschickten Fehler angebracht htte, um die neidischen Gtter zu vershnen. So vollkommen wie diese Tor wre die Liebe zweier Menschen auf Erden, und die Gtter wrden die Menschen beneiden mssen, wenn sich nicht glcklich Liebende immer einen knstlichen Liebeszweifel erfnden, dachte die Frau und ging durch das kostbare Tor in den Tempelhof der zweiten Terrasse. Hier ist zur rechten Hand ber einer Tempeltr von einem Maler eine lebensgroe weie Katze gemalt. Die scheint zu schlafen und schlft schon Jahrhunderte. Aber wer sie lange ansieht und sich einen Herzenswunsch dabei denkt, dem kann es, wenn sein Wunsch in Erfllung gehen darf, begegnen, da die schlafende Katze ihre Augen ffnet und ihn anblinzelt. O, ihr Gtter, wnschte die Frau, die Katze ber dem Tor betrachtend, lat eure Tempelkatze die Augen ffnen und mich ansehen, wenn mein Geliebter in Kioto und jener Mann, den ich in Nara sah, zwei verschiedene Mnner sind. Die Frau starrte die schlafende Katze an, aber die gemalte Katze hielt die Augen geschlossen und blinzelte nicht. Ist es mglich, da ich recht gehabt haben sollte? Die beiden Mnner sind einer und derselbe gewesen! Und mein Geliebter hat eine Familie und macht eine andere Frau auer mir glcklich? O, weie Katze, schlage doch die Augen auf und sage damit nein! O, ich will dich ansehen, bis ich blind werde! Die Katze hielt die Augen geschlossen, und die Frau verzweifelte, und ihr Herz schmerzte, als wrde es ihr ausgerenkt. Gut, o Gtter, wenn ihr diesen Wunsch nicht erfllt, sprach sie pltzlich entschlossen, dann lat mich dem Mann noch einmal begegnen, um mich zu berzeugen; und zweifle ich dann nicht mehr, da es derselbe ist, dann lat mich blind werden mein Leben lang. Schlafende Katze, ffne jetzt deine Augen und sage ja! Die Frau zitterte und hielt sich mit den Fingerspitzen an einer roten Lackwand des Tempelhofes. Die groen Kryptomerienbume ber den Tempeldchern bewegten sich schaukelnd fr ein paar Sekunden und warfen Licht- und Schattennetze ber die Tempeldcher, ber die Lackwnde und ber die gemalte weie Katze. Und im Licht- und Schattenspiel schien sich die weie Katze zu bewegen, sie blinzelte und zeigte fr eine hundertstel Sekunde ihre senkrechten Pupillen. Sie hat mich angesehen, seufzte die Frau, und klapperte humpelnd auf ihren Holzschuhen, demtig mit gesenktem Kopf, als wre sie um viele Jahre gealtert, durch die schmale Vorkammer in den Seitentempel. Da drinnen war ein langes Gemach, und hinter langen Glaswnden lagen in seidenen Futteralen die Schwerter verstorbener japanischer Helden und Knige, ihre Rstungen und ihre Helme aus Lack, Kork und Holz geschnitzt und mit Bronze beschlagen. Auch groe Bogen und Kcher mit Pfeilen standen da. Die Frau blieb unwillkrlich vor einem groen schwarzen Bogen stehen und legte ihre warme Stirn an die khle Glasscheibe des Glasschrankes. Es war ganz menschenleer hier, nur vorher hie und da waren ihr Pilger begegnet auf den Treppen und den Terrassen der Tempel,-- Mnner und Frauen aus allen Teilen Japans, welche Nikko besuchten. Wie sie jetzt an der Glasscheibe lehnt, sieht sie in dem spiegelnden Glas durch dieselbe Tre, durch die sie in die lange Kammer eingetreten ist, einen Mann kommen, der eine weihaarige, gebeugte alte Frau begleitet. Die kleine Alte sttzt sich auf einen Stock und auf den Arm des Mannes und sagt zu ihm: Mein Sohn. Die Frau wendete ihren Kopf betroffen von der Glasscheibe und warf nur einen Blick ber ihre Schulter. Dann sah sie rasch wieder in den Glasschrank zurck, als wollte sie ihr Gesicht im Glas verbergen. Sie hielt den Atem an und lie den Mann und die alte Frau an ihrem Rcken vorbergehen. Die Gtter hatten ihr ihren Wunsch erfllt! Sie hatte ihren Geliebten noch einmal gesehen, und sie wute nun auch, da er eine Mutter hatte wie andere Menschen, und da er ein Menschensohn war, da er nicht blo Vater und Gatte war, so wie sie ihn in Nara gesehen hatte, da er auch Kindespflichten kannte, seine alte Mutter an seinem Arm sttzte, und da er ihr nun nie mehr der Gott der Abendrte sein knnte, der Gott des Unbekannten, des Abenteuerlichen, der Gott der Inbrunst ohne Pflichten und ohne Schranken. Und nun wollte sie blind werden und nicht mehr in der Gegenwart und Wirklichkeit leben, sondern im Dunkeln sitzen, wie ein Herz in der Brust, ohne Licht, nur vom dunkeln Blut umgeben. Gealtert und bekmmert kehrte die Frau von ihrer Wallfahrt nach Seta an den Biwasee zurck, ohne den Tempel der fnftausend Genien in Kioto zu besuchen, wie sie sich vorgenommen hatte. Ein brennender, feuriger Sonnensommer verwandelte den Biwasee tglich in eine weiglhende Masse. Zwischen dem flammigen Spiegel des Sees und dem flammigen Spiegel des Sonnenhimmels sa die Frau auf dem Altan ihres Hauses oder in einem schaukelnden Boot und lie sich die tausend funkelnden Sonnenscheiben, die sich in den Wellen brachen, wie tausend Brennglser in ihre Augen stechen. Wenn sie vor Schmerzen die Augen schlo, sa sie in einer feuerrot durchflammten Dunkelheit, als wre sie mitten im Abendrot von Seta, als wre sie die rote untergehende Sonne selbst. Sie wurde blind, wie sie gewollt hatte. Aber auch erblindet sahen sie die Leute von Seta Sommer und Winter, Abend fr Abend, mit dem Fcher auf dem Altan sitzen, zu der Stunde, wo das Abendrot in Seta die irdischen Landschaften zu roten Gtterlandschaften verwandeln kann und die irdischen gesetzmigen Menschengesichter in berauschte unirdische Gttergesichter. An einem Winternachmittag, als der Nebel des Sees so dick lag, da die Sonne schon am Mittag im Winterrauch wie eine papierne Scheibe bla verschwand und ein Hauch von Abendrte erschien, sa die Blinde wieder mit begeistertem Ausdruck auf dem Altan und beschrieb der Dienerin, die ihr den Tee brachte, da sie rote Wolken she, rot wie das Tempelgeblk eines Kiototempels, und da fnftausend goldene Genien mit hunderttausend goldenen Armen ber die roten Wolken geschritten kmen, und da ein Bogenschtze an der Spitze der Fnftausend ginge. Er winke ihr auf der obersten Stufe einer roten Treppe. So schn wie heute sah ich das Abendrot von Seta noch nie, sagte die Blinde und lehnte den Kopf an das Altangelnder, von dem der kalte Schnee abbrckelte. Ihre kleine Teetasse klirrte. Sie setzte sie mit zitternden Fingern auf den Boden. Sie fchelte sich noch mit dem Fcher, indes ihr Gesicht die Helle des Schnees annahm. Dann starb sie lchelnd. Es rollen Rder tagaus, tagein Es rollen Rder tagaus, tagein, Und die Fenster singen ins Zimmer herein. Die Scheiben sehen vertieft hinaus, Als sphen sie nach den Rdern aus. Sie grbeln ber der Rder Sinn, Und es singen die Fenster ganz sacht vor sich hin. Wie Verliebte, die nicht mehr bei sich sind, So summen die Scheiben hinaus in den Wind. Und drauen rollen tagaus, tagein Die Rder ber das Pflastergestein. Und jede Scheibe bewegt mitklingt, Als ob im Rhythmus ihr Glasherz schwingt. Drinnen im Strau Der Abendhimmel leuchtet wie ein Blumenstrau, Wie rosige Wicken und rosa Klee sehen die Wolken aus. Den Strau umschlieen die grnen Bume und Wiesen, Und leicht schwebt ber der goldenen Helle Des Mondes Sichel wie eine silberne Libelle. Die Menschen aber gehen versunken tief drinnen im Strau, Wie die Kfer trunken und finden nicht mehr heraus. Der unbeerdigte Vater Die Jadestrae von Kanton, die so genannt ist nach den Juwelenlden voll von kostbarem Jadestein, ist die prachtstrotzendste Strae der Stadt. Trittst du in diese Strae, die wie alle durch ein Holzgitter von der Sargstrae, Metzgerstrae, Mbelstrae getrennt ist, glaubst du zuerst, du seist in eine bersinnliche Welt geraten. Die Jadelden sind ber und ber vergoldet und von knstlichem vergoldeten Holzgitterwerk umrankt. Keine Glasscheiben trennen die Ladenrume von der Strae. Waldste, vergoldete, und vergoldetes Blattgewirr, verschlungen in phantastischer Figurenwelt, hngen wie goldene Gardinen die Lden halb zu. Die Strae ist wie alle Kantonstraen kaum fr drei Menschen breit. Bei Regenwetter feucht und halbdunkel wie ein langer Kanal; dann grinsen die goldnen Ladenreihen wie spukhafte, goldene Scheiterhaufen, und smaragdgrn, indigoblau und purpurrot leuchten die senkrechten Ladenschilder wie unzhlige Kulissen in der Strae. Drinnen laufen, lautlos gleich weien Musen, die Chinesen in weien, lila und hellblauen Harlekinkleidern, und ihre Kpfe erscheinen und verschwinden wie gelbe Vollmonde hinter den goldenen Ranken und bunten Kulissenschildern.-- In dieser Gasse hatte Hei-Hee seinen Laden, hier hatte er sein ganzes Leben lang gelebt und war kaum je aus den Holzgittern der Strae hinausgekommen; erst jetzt, wo er starb, verlie er seit Jahren zum ersten- und letztenmal den Jadeladen. Sein Leichnam wurde zu den Grabkammern gebracht; das sind kleine Huser in einem besonderen Stadtviertel an den Mauern von Kanton, wo die Toten auf die Beerdigung warten mssen. Als Hei-Hees fnf Shne die drei Srge des Vaters bestellt hatten, den silbernen, den elfenbeinernen und den Sandelholzsarg, die genau ineinander paten, und darinnen man den reichen Jadehndler in der Grabkammer aufgestellt hatte, und ein Bonze den Tag prophezeien sollte, welcher der gnstigste fr die Beerdigung war, da fanden die Shne inzwischen, da ihr Vater nicht der reiche Mann gewesen, fr den ihn die Leute bei Lebzeiten gehalten hatten. Nur Schuldscheine und kein Geld fand sich im Laden, und alle Jadekunstschtze des toten Hndlers reichten knapp, um die Schulden zu decken, aber nicht um die drei kostbaren Srge zu bezahlen. Die fnf Shne berlegten eine ganze Nacht und wachten im Sarghause bei der einbalsamierten Leiche des Vaters. Die Sarghndler kamen am dritten Tage und sagten: Wir geben euch unbegrenzten Kredit auf die drei Srge, nur darf euer Vater nicht mit den unbezahlten Srgen begraben werden und mu in der Grabkammer bleiben, bis ihr die Sargkosten bezahlt habt. Das war nichts Auergewhnliches in Kanton, und es ereignete sich fters, da die einbalsamierten Toten jahrelang liegen muten, bis die Angehrigen die teuern Sargkosten bezahlen konnten. Hei-Hees Shne fanden darum die Rede der Sarghndler recht und billig und murrten nicht dagegen. Die fnf Shne berieten von neuem, und der lteste sagte: Ich werde nach Japan reisen und will dort versuchen, alten chinesischen Jadestein billig aufzukaufen und ihn dann in China, wo es jetzt immer weniger Jade gibt, teuer zu verkaufen und will mir bald ein Vermgen machen, um den Vater zu beerdigen. Der zweite der Brder sagte: Du wirst mit Jade nicht viel verdienen; ich werde nach Hongkong reisen und einen groen Opiumhandel anfangen. Mit meinem so erworbenen Vermgen werde ich die Srge eher bezahlen knnen als du. Der dritte sagte: Jade und Opium stehen schlecht heute; ich werde nach Shanghai reisen und dort an der auslndischen Brse Geldmakler werden. Dort lehren uns die Fremden, deren Kriegsschiffe den Shanghaihafen fllen, da man ohne Waren schneller ein Vermgen an der Brse machen kann als mit einem Lager von Jade und Opium. Ich werde mit schnellerworbenem Geld den Vater frher beerdigen lassen knnen als ihr. Der vierte der Brder weinte und seufzte: Ich werde hier am Sarge wachen, bis ihr drei wiederkommt, und werde jeden Morgen in die Opfertassen frischen Tee auffllen und Wachskerzen kaufen und Sandelrucherwerk. Und der fnfte Bruder soll inzwischen den Laden hten und mit den Jaderesten handeln, die wir noch besitzen, um wenigstens das Geld fr die tglichen Ahnenopfer zu verdienen. So verabredeten es alle fnf und kehrten aus der Grabkammer zurck, um den letzten Nachmittag im Jadeladen zusammen zu verbringen. Keiner der fnf hatte an die einzige Schwester gedacht, an das junge Mdchen, das ohne Vater und Mutter allein hinter dem Laden in den Wohnzimmern zurckgeblieben war. Sie sa dort unbeachtet im hintersten Zimmer, in der kreisrunden Tr, hinter dem Topfpflanzengarten und weinte in ihren seidenen rmel. Die Mdchen drfen weinen und wnschen, die Mnner mssen handeln, hatten die Brder einmal verchtlich zu ihr gesagt. Geweint hatte sie schon viel; aber was sollte sie sich wnschen? Sie schaute in das leere Haus, darinnen nur die dunkeln Perlmuttermbel glitzerten. Verzweifelt nahm sie ihren grnen Jadepfeil aus dem schwarzen Haar und wollte ihn sich ins Herz stechen. Aber der glatte Pfeil sprang ihr aus den Hnden, fiel hinaus auf das Porzellanpflaster des Gartens und zerbrach. Ich wnsche also nicht zu sterben, sagte sie zu sich, ich wnsche also weiter zu leben, sonst wre der Pfeil nicht in meinen Hnden zerbrochen. Der Pfeil ist vor meinem Lebenswunsch ausgewichen. Und das Mdchen war froh, da sie doch noch einen Wunsch zu leben hatte, denn eigentlich starb sie nicht gern. Aber was soll ich mit dem Lebenswunsch anfangen, dachte sie; den Vater kann ich nicht begraben lassen, wie die Brder knnen, also ist mein Leben unntz. Wenn ich doch den Vater begraben lassen knnte, weil die Brder jetzt kein Geld haben! Wie die junge Chinesin noch grbelte, was sie tun sollte, begann der Fuboden zu zittern, die bunten Glasscheibenwnde, welche die Wohnzimmer voneinander trennten, begannen laut zu klirren, und im kleinen Gartenhof ertnte ein hohler Metallklang. Das junge Mdchen blinzelte erstaunt. In der Mitte des Hofes stand ein Silberbecken, darin sonst auf einer Metallspitze eine kleine Silberkugel balancierte; die Kugel war mit weithin tnendem Laut in das Becken gefallen. Das bedeutete Erdbeben, und bei dem Metallton muten alle Hausbewohner flchten. Das Mdchen hrte Geschrei an allen Enden, es sah die Leute und die Dienerinnen kreischend durch das Haus fortstrzen. Die Wnde schienen pltzlich zu wandern, die Zimmerdecke hob und senkte sich, die Blumentpfe im Garten drehten sich alle im Kreis, die gelben und blauen Porzellanpflastersteine tanzten auf den Wegen. Das junge Mdchen sprang auf, aber wagte sich nicht vor und nicht zurck. Sie stand unter der Tr und klatschte in die Hnde, um sich die Furcht zu vertreiben. Dann wurde die Luft grau voll Staub, da sie nichts mehr sah. Die Ratten aus dem Haus liefen an ihr hoch, und eine blieb auf ihrem Kopf fest sitzen. Da rannte das Mdchen mit der Ratte auf dem Kopfe gerade aus, durch die zerbrochenen Glaswnde der Wohnzimmer; sie mute ber gestrzte Sthle und groe rollende Blumenvasen klettern. Sie lief blind durch die dicken Staubwolken, darinnen Hunderte von unsichtbaren Gegenstnden krachten und strzten. Sie wagte nicht mit den kleinen Hnden nach der groen Ratte auf ihrem Kopf zu greifen. Aus dem Jadeladen waren ihre fnf Brder in alle Winde fortgelaufen. Der rote Ahnenaltar am Eingang war eingestrzt, das junge Mdchen sprang ber die Trmmer und wre lngst liegen geblieben, htte sie nicht noch immer die Ratte auf ihrem Kopfe gefhlt. Sie strzte durch die staubgefllten Straen, wie von der Ratte an den Haaren durch die Luft gezogen. Sie wute nicht, da sie durch brennende Huser, ber Tote und Verwundete hinweglief, bis es totenstill um sie wurde und sie sich auf einmal in dem Stadtviertel der Grberhuser, in der Grabkammer ihres Vaters sah. Dort sprang die Ratte mit einem Quietschlaut von dem Kopf des jungen Mdchens und grub sich vor ihr in die vom Erdbeben aufgewhlte Erde. Das Mdchen kauerte am Boden und bemerkte gar nicht, da der Leichnam ihres Vaters samt den drei Srgen verschwunden war. Als der Staub sich gelegt hatte, erschienen nach Stunden ihre fnf Brder, einer nach dem andern, um nach dem toten Vater zu sehen. Aber wie erstaunten sie, als der Tote nicht zu finden war und als sie am aufgebrochenen Fuboden entdeckten, da die Erde ihren Vater samt seinen drei Srgen in die Tiefe gerissen und begraben hatte. Das junge Mdchen sah auf und sagte: Ihr sollt nicht staunen, ich habe als unntzes Mdchen gewnscht, den Vater zu begraben. Verzeiht mir, da mein Wunsch fr mich gehandelt hat; ich wei, da ich als Mdchen kein Recht zu handeln hatte. Da freuten sich die fnf Brder und antworteten ihr: Die Sarghndler drfen keinen Toten mehr ausgraben, der einmal unter der Erde ist. Wenn du den Vater mit deinem stillen Wunsch begraben konntest, Schwester, dann bist du als schwaches Mdchen strker mit deinem Weinen und Wnschen gewesen als wir Mnner mit allem Handeln. Der ewige Wanderer, der Wind Der ewige Wanderer, der Wind, Kam hochgeschossen mit groen Schritten, Hat die Bume unbeirrt umhalst, Die verwirrt geworden sind; Sie haben verdrossen Mit Holzarmen nach ihm gestoen. Der Wind hat mit tollen Griffen Ihre glatten Bltter aneinander geschliffen. Sie aber wollen beim Juliheu in Ruhe brten Und lautlos ihr Stck Erde behten, Wollen ihre Bltter stillen, Wie Ammen den Kindlein zu Willen. Da fhrt der Wind ohne Fried' herein, Hochfahrig an Gestalt, Macht keinen Unterschied zwischen jung und alt, Treibt die Baumherden vor sich her Und duckt ihre Hlse zur Erden, Und gibt den Festgewachsenen fliehende Gebrden. Durchfaucht das Einerlei Und rhrt in den grnen Blttern mit Gejohl und Geschrei. Kennt keinen Besitz, und wenn er anrennt, keine Grenzen. Stt die Stille von ihrem Sitz Und ist ein Drache mit tausend Schwnzen. Ich lausche gern seinem Gange, Der ist gewunden wie eine Schlange Und gleicht dem Klange der Wlder und ihrer Khle, die er durchjagt, Als ob er die Sehnsucht und die Gefhle Von Tausendjhrigem sagt. Unsere Toten Nebel filtert um die Felderrunden, um die brachen, Und von Nebeln wird das Fenster grau umwunden. Die sonst nur in unsern Trumen nachts am Bett erwachen, Unsere Toten, die des Hauses Ausweg leis gefunden, Kommen herbsttags mit den Nebeln in die Tren, in die Stunden. Unsere Toten, die nur lcheln, nicht mehr lachen, Wollen jetzt im Grauen abgebrochene Gesprche weiterfhren, Wollen mit den Nebeln Wangen und dein Kinn anrhren. Ihre Arme sind Gedanken, und du kannst die Toten nher spren, Nher jetzt als damals, wo sie noch vom gleichen Glase mit dir tranken. Alle Toten knnen, ohne Ende, liebend die Geschlechter fhren, Und sie gehen aus und ein, wie die Nebel durch geschlossene Tren. Und zimmerte dir und mir ein Bett Ich schlug vom Weltenbaum ein Brett Und zimmerte dir und mir ein Bett. Die Betten wuchsen glhend zusammen, Und drinnen wiegen sich lauter Flammen. Nicht Eisen, nicht Zeit kann die Betten je trennen, Sie werden hell durch die Ewigkeit brennen. Der Regen scheint besessen Ich hr' den Regen dreschen Und bers Pflaster fegen. Der Regen scheint besessen Und will die Welt auffressen. Ich mu mich nher legen Ins Bett zu meiner Frauen. Wird sich ihr uglein regen, Kann ich ins Blaue schauen. Die Abendglocke vom Mijderatempel hren Der lteste Baum Japans steht am Biwasee, nicht weit von der Stadt Ozu, nicht weit von den Tempelterrassen des Mijderatempels, der auf grnem Hgel ber einem Kryptomerienwalde liegt. Als dieser viel tausend Jahre alte Baum nicht hher als ein Grashalm war, leuchtete der harfenfrmige Biwasee dicht bei dem Baumschling ebenso wie heute noch unverndert bei der alten, zerklfteten Baumruine. Dieser lteste Baum Japans sttzt sich jetzt wie ein gealterter Gott, der Hunderte von Armen vom Himmel ber die Erde ausbreitet, auf Hunderte von Stangen, die gleich Hunderten von Krcken und Stelzen sein morsches Dasein tragen. Damals, als der Baum jung wie ein Halm war, war aber der Mijderatempel noch nicht gebaut, und niemand hrte noch den wunderbaren Klang der Mijderaglocke, die abends beruhigend wie eine singende Frau ihre Stimme von den Tempelterrassen an dem alten Uferbaum vorber zur Harfe des Biwasees schickt. Dieser Baum wurde in ferner Vorzeit aus China nach Japan herbergebracht, als winziges Wrzelein zuerst; und in Japan erfuhr man erst sehr spt seine chinesische Geschichte. Als der Baum so gro wie ein Menschenkind wurde, hatte er noch nicht mal einen Japaner gesehen. Und als die ersten japanischen Menschen zu ihm kamen, war er schon in den krftigsten Mannesjahren und fast so hoch wie die Kryptomerienbume des nahen Bergwaldes. So ein Baum, der nie von der Stelle rckt, und dessen Umgebung gleichfalls nie fortreist, und der nur die Bewegungen der Jahreszeiten kennt, hat ein vorzgliches Gedchtnis. Dieses drckt sich aber nicht darin aus, da sich sein Mark Gedanken macht ber das, was gewesen ist oder was kommen wird, sondern das Gedchtnis eines Baumes liegt immer offen an seiner Auenseite. Die Furchen und Rinden haben sich jeden Tag mit Linien, Eingrabungen, Knorpeln, Schrfungen die kleinsten Erlebnisse wie mit einer stenographischen Schrift in Zeichenschrift notiert. Wie der Baum sich dehnte, wenn ihm in der Welt wohl war, und sich verborkte und sich verpanzerte, wenn ihn die Welt bedrohte, vergrbelte sich seine Rinde und faltete sich zu einer Zeichenschrift. Die Schriftgelehrten der Bume sind die Ameisen, die Libellen, die Bienen, die Vgel. Die Borkenkfer und Borkenwrmer sind untergeordnetere Schriftsetzer, die an der Schicksalssprache des Baumes, an der Rindenschrift mitarbeiten. Diese Sprache der Bume entdeckte eines Tages, als die Japaner noch vorzeitliche Bastkleider, Blttergewnder und verwildertes Kopfhaar trugen, nicht in Japan, sondern in China, ein weiser Einsiedler. Der hie Ata-Mono. Die Geschichte Ata-Monos liegt weit zurck; sie fllt vor die Entdeckung des alten Baumes am Biwasee. Als Ata-Mono die ersten Schriftzeichen in einem chinesischen Weidenbaum entdeckte, las er auch in der Baumrinde das Mittel, seinen Leib unsterblich zu erhalten. In dem Bast jenes Weidenbaumes in China stand geschrieben, da jeder Mensch, ob gro oder niedrig, ob klug oder beschrnkt, ob schwach oder stark, alt oder jung, sich die Unsterblichkeit des Lebensfadens und auch des Leibes erhalten knne, wenn er einmal im Leben beim Laut einer bestimmten Harfe einschlafe. Diese Harfe, sagte der chinesische Weidenbaum, sei nicht in China, aber nicht weit ber dem Meer in einem kleinen Inselland, das damals in China noch keinen Namen hatte und nur von einigen das Land des ewigen Feuers genannt wurde, weil der Feuerkrater Fushiyama dort immer rauchte. Ata-Mono suchte den Weg dorthin und las von Baum zu Baum die Rindensprache, bis er ans Meer kam; aber niemand konnte ihn hinberfhren, denn nur Schiffe, die durch Zufall nach dem Inselland verschlagen wurden, alle hundert Jahre einmal, hatten Kunde von dem Feuerland gebracht, in dem Ata-Monos Harfe liegen sollte. Ata-Mono sa jetzt jahraus, jahrein am Meer und schmachtete nach der Unsterblichkeit, kehrte seinem Vaterlande den Rcken und sah mit seinem Angesicht Tag fr Tag nach Osten, wo hinter den Wellenbergen das kleine Land des ewigen Feuers war, darin die fremde Harfe liegen sollte. Eines Tages kam ein Oststurm. Ata-Mono zog sich etwas weiter vom Strand zurck. Da sah er in der Ferne ber dem aufgerttelten Meer ein vielarmiges Wesen. Das kam mit senkrechtem Leib und dunkeln Krallen wie ein mchtiger, belaubter Baum ber das Meer geschossen. Ata-Mono hielt die Erscheinung zuerst fr ein Gespenst, dann fr einen Drachen, und dann erkannte er, da der vielarmige, riesige, aufgerichtete Krper wirklich ein Baum war, ein grner, frischer Kryptomerienbaum mit feuerrotem Stamm; denn die Rinden der Kryptomerienbume leuchten rot, wenn sie na werden. Dieser Baum troff von Seewasser, scho an den kiesigen Strand; und als wandere er leibhaftig auf seinen Wurzeln, eilte er, vom Wind getrieben, eine Viertelstunde tiefer in das Land hinein, bis er andere Bume fand, in deren Nhe er windgeschtzt stehen blieb und sich mit seinen Wurzeln, wie mit riesigen Adlerkrallen, feststellte. Ata-Mono kannte keine Furcht; und als der wunderbare Baum wie eine rote Fackel ber das Wellengewhl des Meeres aufrecht daherkam und seine finsteren Zweige wie schwarzen Rauch in die Luft streckte, da wich der sehnschtige Trumer nicht zurck, denn er war ja der erste Vertraute, den die Bume sich unter den Menschen auserwhlt und dem sie ihre Rindenschrift in einer guten Stunde zu erkennen gegeben hatten; und er kannte keine Furcht vor den Bumen, auch nicht vor diesem seltsamen bers Meer gewanderten Baumriesen. Ata-Mono legte sich in dieser Nacht unter den neuangekommenen Baum, nachdem er Wurzeln und Rinde von Tang, Seeschlamm und Seemuscheln gereinigt hatte; und er schlief ein mit dem Bewutsein, da dieser Baum zu ihm allein nach China und sonst zu keinem andern gesendet war. Und er freute sich, am nchsten Morgen aus der Rinde dieses Baumes Schicksale und Gedanken und Wnsche dieser Kryptomerie zu lesen und vielleicht zu erfahren, wie er nach dem kleinen Land des ewigen Feuers zu jener Harfe gelangen knne. Der Morgen kam, und Ata-Mono studierte bis zur untergehenden Sonne, ohne zu essen, ohne zu trinken, ohne aufzuschauen, die Gruben, Windungen und Furchen in der Rinde seines Baumkameraden. Aber es war ihm unmglich, die Zeichen der Rinde zu entziffern, er verstand nichts von der Sprache dieses Baumes. Die Zeichensprache aller chinesischen Bume konnte er lesen, an diesem Baum aber blieb sie fr ihn unleserlich. Und Ata-Mono weinte, als die Sonne untergegangen war und er unter dem unbegreiflichen Baum sa, unwissend und einsam. Wenn ich dich nicht lesen kann, so sprich! schrie er den Baum ungeduldig an, als die Sonne zum letzten Male aufleuchtete und den Stamm rot bestrich. Herrlicher, herrlicher Baum! schrie Ata-Mono voll Entzcken, weil der Baum von der Wurzel bis zur Krone wie eine feurige Kohle leuchtete. Der Baum schwieg. Die Sonne ging unter. Ata-Mono schrie: Ich schwre, da ich nichts mehr essen und nichts mehr trinken werde, bis du mich deine Rindenschrift lesen lt, oder bis du mir jemanden sendest, der mich deine Schrift lehrt. Und Ata-Mono lief zum Strand und stopfte sich den Mund mit Kieseln voll, weil er nicht mehr essen, nicht mehr reden, nicht mehr schreien und nicht mehr atmen wollte. Halb erstickt lag er am Strande und hate den neuen Baum und hate China und hate seine Sehnsucht nach der Unsterblichkeit. Ich will die Harfe vergessen, dachte er und lag in den letzten Atemzgen. Dann wurde ihm wohler. Wie beruhigend ist es doch, wenn man einen wilden Wunsch aufgibt! Man steigt herab, wie von einem wilden Pferd, und hat wieder festen Boden unter den Fen. Nach dieser beruhigenden Betrachtung richtete er sich gedankenlos auf, nahm die Steine gedankenlos aus dem Munde und schpfte frischen Atem. Dann sprang er auf seine beiden Beine, streckte die Arme aus und lachte wieder zum ersten Male seit vielen Jahren. Und seine Stirn, die immer gegrbelt hatte, wurde blank und jung wie die aufgehende Mondscheibe. Ach, Mond, lebst du noch? Ich habe dich lange nicht gesehen. Und Ata-Mono bewunderte die kleinste Muschel im Mondschein, die Grbchen im Sand und die Wlklein, die mit dem Mond zogen, denn er hatte seit Jahren nur Bume und Baumrinden gesehen und alles andere vergessen. Und nun lie er auch sein Gehr wieder zu sich kommen. Er, der nur mit den Augen an den Baumrinden gelebt hatte, horchte, wie das Dnengras raschelte, wie die Dnenmuse miteinander wisperten, wie die Fchse hinter den Baumwurzeln bellten, wie die Eulen sich zuriefen, und wie die Fische im Mondschein pltscherten. Und nachdem er sein Gehr befriedigt hatte, sagten seine Zunge und sein Gaumen zu ihm, seine Zhne und sein Magen und sein gekhltes Blut: Weit du, es gibt ganz andere Dinge zu essen als Baumsaft und Baumrinde, wovon du dich jahrelang genhrt hast. Hrst du nicht? In der Ferne gackern Truthhner im Schlaf. Und Schweine grunzen im Schlaf, weil ihnen der Mond auf die Rssel scheint. Und Bauernhfe sind in der Nhe, wo du Eier, Schweinespeck, gebackene Fische und Reis essen kannst. Und sehnst du dich nicht nach Wrme am ganzen Leib? Und hast du nicht dort, wo den andern Menschen ein verliebtes Herz sitzt, einen bitterkalten Fleck in der Brust? Ata-Mono seufzte tief auf, weil alles ihm wahr schien, was seine Sinne zu ihm sagten. Er stand auf und erinnerte sich, da die Menschen Kleider trugen. Und er flocht sich noch in der Nacht ein langes Hemd aus gedrrtem Tang, und er war eitel genug und flocht sich Ketten aus Muscheln daran und Ketten aus Muscheln ins Haar, weil er den Dirnen, denen er begegnen sollte, zu gefallen wnschte. Ata-Mono ging dann, als es kaum Tag war, unter den letzten Sternen fort vom Meere, wieder mit dem Gesicht in das chinesische Land hinein. Bei dem ersten Bauernhaus standen drei Weiber an einem Brunnen. Die sagten freundlich: Guten Morgen, Ata-Mono. Und Ata-Mono dankte und war verwundert, da man seinen Namen kannte, und er bat um etwas ses Wasser. Und whrend er noch wartete, bis der Eimer aus dem Brunnen stiege, ging eines der drei Weiber grend fort. Der erste Becher sen Wassers, den er seit Jahren trank, schien ihm so nahrhaft und so wohltuend, da er glaubte, es wrde ihn nie mehr drsten. Und er sagte zu den Frauen: Ich werde euch spter danken, wenn ich einmal reich werde. Die Frauen verneigten sich vor Ata-Mono wie vor einem adligen Herrn und sagten: Du bist der Reichste im Lande! Und ihr Gru und ihre Ehrerbietung machten, da er sein Herz sich wieder erwrmen fhlte, als schiene ihm die Sonne in den offenen Mund. Ata-Mono ging, gesttigt durch den Wassertrunk, von dem Bauernhof fort, tiefer in das Land, bewunderte die Reisfelder und die Maulbeerbume und kam zu einer Ortschaft. Die bestand nur aus zehn Husern. Aber nahezu dreiig Frauen standen am Eingang des Ortes. Und alle dreiig verneigten sich vor Ata-Mono. Er erkannte unter den Frauen jene, welche die dritte gewesen an dem Brunnen, an dem er vorher getrunken hatte, und die fortgegangen war und hier seine Ankunft angesagt hatte. Er staunte darber, da das geschehen war, und er wute nicht, warum die Leute so viel Wesens aus ihm, dem Unbekannten, machten. Eine Frau wurde rot und trat vor und sagte: Unsere Mnner sind bei der Feldarbeit und wissen nicht, da du kommst. Nur wir haben es eben erst durch eine Frau erfahren, da du nach China zurckkehrst. Er konnte vor Staunen nicht antworten und kaum danken,-- so tief verfiel er in Betrachtungen und erriet nicht, warum alle die Frauen Zeit und Lust htten, sich um ihn zu kmmern. Ata-Mono hatte noch nicht den Ort mit den zehn Husern verlassen, da kamen ihm auf der Landstrae ber den nchsten Hgel und ber den zweiten Hgel und ber den dritten und vierten Hgel schon neue Frauen und Mdchen entgegen. Immer empfing er dieselben Gre, und immer wieder mute er hren, da die Mnner bei der Arbeit seien. Ata-Mono ging ber den fnften Hgel. Dort standen schon Reihen von Frauen zu beiden Seiten des Weges. Die hatten sich gelagert und standen auf und verneigten sich. Ihre Reihen waren dicht gedrngt. Aber kurz vor Sonnenuntergang, am sechsten Hgel, dahinter die Hauptstadt der Provinz lag, standen die Frauen nicht nur am Wege, sondern saen auch in den Zweigen der Bume, und ihre Gesichter waren glnzend wie Lampen am Abend. Die oben in den Bumen klatschten Beifall, und die, die unten standen, verneigten sich und murmelten Beifall. Hundert Schritte vor dem Tor und den vier Trmen der Provinzhauptstadt, wo das Frauengedrnge am Wege am dichtesten war, hrte Ata-Mono pltzlich einen allgemeinen Schrei des Entsetzens. Ein surrender Laut traf sein Ohr, und ein langer, schwirrender Pfeil sauste vor ihm in den Boden und stand senkrecht und zitternd fest vor seinem Fu. Er staunte, aber er lie sich nicht in seinem Weg stren und tat drei Schritte weiter. Da strzten schnell drei Speere vor ihn nieder. Der eine zerschellte an einem Baum, der zweite durchbohrte ein Weib am Wegrand, der dritte fuhr durch Ata-Monos Haar und ri die Muschelkette aus seinem Haar mit sich. Gleich darauf sah Ata-Mono, da die Frauen auf den vier Trmen des Stadttores in Aufruhr gerieten und von jedem Turm einen Mann herunterstrzten. Was bedeutet das? fragte Ata-Mono die zwei Frauen, die ihm zunchst standen. O, Herr, ein paar eiferschtige Mnner wollen Euch tten, sagte die eine der beiden Frauen eifrig; die andere lachte. Warum sehe ich nur Frauen und keinen Mann, der mich begrt? fragte er weiter. O, Herr, der Regent hat befohlen: am Tage, wo Ihr vom Meere wieder nach China zurckkehren wrdet, drfe kein Mann sein Haus verlassen und kein Mann die Strae betreten, da die Eifersucht der Mnner grenzenlos ist, und weil dich alle Mnner hier hassen. Ata-Mono sagte verwundert: Ich habe seit Jahren keine Mnner gesprochen. Warum hassen sie mich, und warum sind sie eiferschtig auf mich? Herr, Ihr wit nicht, da der Regent tief betrbt war, weil Ihr, der Ihr der Erste seid, der die Sprache der Bume verstand,-- weil Ihr China den Rcken kehren wolltet. Ata-Mono staunte: Ich habe es niemand erzhlt. Woher wei der Regent, da ich die Schrift der Baumrinden lesen kann? Herr, man sah Euch ja tglich in Eurem Heimatort an allen Wegen, in allen Wldern, wie Ihr laut die Sprache der Bume entziffert habt. Die Menschen standen in Scharen um Euch und lernten von Euch das Lesen der Rinden. Und jetzt lesen alle unsere Mnner und verstehen die Sprache der Bume wie Ihr. Sind sie deswegen eiferschtig, eure Mnner, weil ich der Erste war, der die Sprache der Bume verstand? O nein, Herr, sie sind eiferschtig, weil der Regent am Tag, da Ihr China den Rcken wendetet und ans Meer gingt, geschworen hat, da Ihr an dem Tag, an dem Ihr umkehren wrdet und unter sein Volk zurckkehren,-- da Ihr dann die Wahl haben wrdet unter allen Frauen, ob verheiratet oder unverheiratet, ob hoch oder niedrig; ja, die Regentin selbst drft Ihr als Frau Euch erwhlen. Aber Ihr mt Euch entscheiden, ehe die Sonne dieses Tages untergeht. Habt Ihr dann nicht gewhlt, wird man Euch morgen tten. Der Regent will, da Ihr, tot oder lebendig, jetzt im Lande bleibt, und da Ihr nicht den Ruhm des Landes gefhrdet, da Ihr nicht auswandert oder eine Frau aus einem andern Volke whlt als aus dem unsern. Die Mnner, die vorhin von den Trmen gestrzt wurden, waren die Mnner von den vier schnen Tchtern des Regenten; diese vier Mnner wollten Euch tten, ehe Ihr die Stadt betreten httet, weil sie bei Eurer Brautschau fr ihre Frauen frchteten. Ata-Mono sagte: Alle hunderttausend Frauen des Landes sind mir willkommen. Sowenig, wie ich jetzt mehr den Willen zur Unsterblichkeit habe, sowenig Willen habe ich zur Liebeswahl. Ich werde also morgen sterben. Warum bin ich nicht schon vorhin gestorben, als der Pfeil zielte und die Speere eine Frau tteten, statt mich zu tten? Komm! sagte das Weib, das ihm geantwortet hatte. Lege deinen Arm um mich und verkndige mich als deine Frau. Dann wirst du nicht sterben mssen. Und ich will dir helfen, dir die Unsterblichkeit zu sichern, die du am Meer vergeblich erwartet hast. Ata-Mono fragte rasch: Kennst du die Rindensprache der roten Kryptomerienbume? Natrlich, sagte die Frau ebenso rasch. Ich habe zwar nie einen solchen Baum gesehen, ich kenne aber seine Rindenschrift wie die Linien meiner Hand. Ata-Mono fragte noch rascher: Weit du, wo die Harfe liegt, die ich suche? Natrlich, antwortete ebenso rasch die Frau. Alle Bume erzhlen es, da die Harfe im kleinen, ewigen Feuerland liegt. Weib, weit du den Weg dorthin? Natrlich. Ich werde ihn dir schon zeigen. Wenn du mich zu deiner Frau gemacht hast, werde ich ihn in Erfahrung bringen. Alles wird mir gelingen, wenn du mich liebst. Wirst du mir treu bleiben, wenn ich dich heirate, und willst du die Unsterblichkeit mit mir teilen? Treu bleiben? fragte das Weib und schmollte. Das ist das Natrlichste von der Welt. Das verspreche ich dir gar nicht. Aber die Unsterblichkeit werde ich natrlich mit dir teilen.-- -- Ata-Mono betrat die Stadt nicht. Siebenundneunzig Schritte vor der Stadt, heit es in den chinesischen und japanischen Chroniken, legte er seinen Arm um ein Weib. Aber nicht um das Weib, das er ausgefragt hatte, und welches immer so gelufig _natrlich_ geantwortet hatte, sondern um eines, das daneben gestanden _und zu allem gelacht hatte, melodisch und freundlich wie eine singende Glocke_. Diese Frau hatte Ata-Mono nichts versprochen, und die Lnder ehren heute noch ihr Andenken und ihr singendes Lachen. Als der groe chinesische Weise und Wissende und sein lieblich lachendes Weib nach glcklichster Ehe hochbetagt starben, begrub man beide am Meeresstrande unter dem rtselhaften Baum, dessen Rinde Ata-Mono niemals entziffert hat.-- Hunderte Jahre nachher, als die Chinesen Japan entdeckten und _den harfenfrmigen Biwasee, als die groe Harfe, im Lande des ewigen Feuers liegen fanden_, brachte man dorthin ein Reis jenes unerklrlichen Baumes, zu einer Zeit, wo die Japaner noch in Bltterkleidern und mit ungekmmten Haaren das kleine Feuereiland bewohnten und die Chinesen dort die ersten Apostel hherer Bildung und Gesittung wurden. Und wieder einige Jahrhunderte spter, als die ersten chinesischen Buddhisten-Mnche die Religion des Pflanzen-, des Tierreiches und des Menschenreiches den Japanern gaben und ihnen die Verbrderung aller Weltallwesen lehrten und Mnche den Mijderatempel mit seinen Terrassen am Biwasee bauten, da erinnerte man sich wieder des rtselhaften Baumes, der nun durch die Jahrhunderte stark und mchtig geworden war. Und jeder, der zu dem Baum am Biwasee kam, sprach von Ata-Monos Geschichte, bis eines Tages ein japanischer Mnch geboren wurde. Dieser war der Erste, der die Rinde des alten, rtselhaften Baumes am Biwasee entziffern lernte, die bis dahin unleserlich geblieben war. Und er las zu seinem Erstaunen von der Baumrinde den Satz: _O wisse, Mensch, und hre mich, der ich alt werde wie die Erdrinde! Mir und allen, welche so alt werden auf der Erde, steht die Liebe hher als die Unsterblichkeit._ Und diesen Spruch las der japanische Mnch milliarden- und milliardenmal in die Kronenste, in den Stamm und in die Wurzelrinden gegraben; bis zur tiefsten Wurzel drunten in der Erde sprach der Baum keinen anderen Satz. Nun erinnerte man sich auch, da Ata-Mono, seitdem er glcklich mit dem lachenden Weibe lebte, nie mehr von der Unsterblichkeit gesprochen, da er sein Weib niemals nach dem Wege zur Unsterblichkeit gefragt hatte. Und aus der Vergangenheit stieg das Lachen jenes Weibes, wie aus einem Grab, als Mnche eine Glocke gegossen hatten, die noch heute abends im Mijderatempel gelutet wird, und deren Stimme wie die sanftgewordene Stimme von Jahrtausenden klingt, und die den singenden Ton eines glcklichen Weibes hat. Der alte Baum ist heute nur noch ein Stummel, von Stelzen und Krcken gesttzt. Zu dem Platze, wo er am See steht, fhrt ein hlzernes Tempeltor. Seine Zweige sind mit Tausenden von weien Gebetszetteln behangen. Tausende von Pilgern aus Japan und China besuchen ihn, den Unsterblichen, der verkndet: Die Liebe ist grer als die Unsterblichkeit, und nennen ihn den Glcklichen, weil er Abend um Abend die kostbare Frauenstimme der Abendglocke des Mijderatempels belauschen darf, die jenem weiblichen Lachen gleicht, bei welchem einst Ata-Mono den Wunsch nach Unsterblichkeit verga. Komm heim Komm heim, komm heim, ich kann's nicht erwarten, Schon schliet der Abend die Blumen im Garten, Schon wird der Boden zu Fen mir rot, Die letzte Flamme der Sonne verloht. Die Bume erschrecken, der Wind geht nach Haus, Meine Gedanken strecken sich nach dir aus. Auf grnem Rasen Frhsonne geht im Blauen, wie eine goldne Fee, Will ber die Schultern der Bume schauen. Die Schmetterlinge jagen sich ber Baum und Klee, Und Wolken lassen sich tragen Hin ber die blauen Gassen, Wie Damen in seidenen Wagen. Du und ich auf grnem Rasen, Wie am Grund von einem See, Sitzen verwunschen und weltverlassen, Und wenn wir uns einsam umfassen, Wissen wir aller Freude und Weh. Himmelfahrtstag Niemals ich je in einen andern Himmel mag Als den, in dem ich immer selig lag, In deinem Arm, wo alle Erde still Zu deinen Fen lehnt und nichts mehr will. Dein Haar mit seiner wogenden Gebrde, Dein Aug' mit seiner Lichterschar Und deine Brust, an der ich wunschlos werde, Sie aller Himmel allerhchste Lust mir sind. Lieb' ist die Himmelfahrt fr jedes Erdenkind. Den Abendschnee am Hirayama sehen An groen Masten ragen ein Dutzend weie elektrische Bogenlampen in die Nacht. Sie beleuchten einen Landungskai im Hafen von Marseille. Wie ein langer weier Kreideblock liegt dort ein weier eiserner Orientdampfer mit Hunderten von runden, gelbleuchtenden Kabinenfenstern. Rot, gelb und wei beschienene Gesichter und viele beleuchtete Hnde und Arme hantieren in der Nacht auf der Plankenbrcke und um die klirrenden Ketten der Verladungskhne, wo Haufen von Koffern, Reisekrben und Reisekisten verstaut werden. Durch die langen, schneeweien Korridore drinnen im Dampfer eilen schneewei gekleidete Indier mit schwarzen Gesichtern und schwarzen Hnden, aus prchtigen Kchen, in denen ppiges Kupfer leuchtet, in die prchtigen Speisesle, die von rotem Mahagoniholz und blanken Messingsulen, von Prunk und Gediegenheit strotzen, darinnen alles seltsam stille steht, indessen die bittere, bewegliche Seeluft durch die glhlampenhellen Rume und durch die Korridortren wie ein unruhiges Fluidum streicht. Diese Seeluft, die in dem Schiffspalast, auch wenn er am Kai still steht, immer noch allen Rumen quecksilberhafte Ungeduld gibt, wie der Saft einer Pflanze, die man vom Wald ins Zimmer geholt hat. Ein ruhiges Schiff ist kein stillstehender Gegenstand, denn die Wanderluft, die auch im Hafen noch um seine Rume streicht, lt es nicht schlafend und nicht tot erscheinen. Die Offiziere, Matrosen und Bedienungsmannschaften behalten auf dem ruhigen Schiff immer noch das bittere Fieber der Seeluft in der Brust, und allen erscheint Ruhe als ein Unglck und Wandern als das alleinige Glck. Das Schiff legt nachts in Marseille an und soll morgen um neun Uhr frh seine Weiterfahrt nach Asien und Japan antreten. Die meisten Passagiere haben fr ein paar Nachtstunden das Schiff, das schon aus London kommt, zu einem kurzen Aufenthalt in Marseille verlassen, um wieder einmal Abendbrot an Land zu essen, denn das Schiff ist schon seit mehreren Tagen unterwegs und hat seit London keinen Hafen angelaufen. Jetzt neigt sich die Nacht ihrem Ende zu. Die elektrischen Lampen brennen noch, aber der Himmel wird schon blau, und Scharen von lachenden und etwas kindisch heiteren Passagieren kehren aus den Nachttheatern und Nachtcafs der Stadt zurck. Junge Leute haben rote und blaue Kinderluftballons an ihre Hte gebunden. Damen haben sich Arme voll Blumen gekauft, Winterveilchen von der Riviera; und alle Gesichter sehen belustigt aus, als kehrten diese Menschen von einem Volksfest heim. Alle haben sie nur fr ein paar Stunden mit ihren Fen die Erde besucht, die schne, ruhige, stillstehende Erde mit ihrem irdischen Staubgeruch, und die hat die Passagiere im Herzen so berschwenglich und warm gestimmt. Jetzt mssen alle wieder auf die schwankenden Schiffsbretter, zurck auf das buckelige Meer, in die staublose, unirdische Seeluft, in der ihnen die Sonne noch treu bleibt, wo aber die Erde meilentief in das Wasser sinkt. Ein blauer, lauer Januarmorgen brach an. Die Lampen am Kai und im Schiffsinnern verloschen. Dafr zndete die Morgensonne tausend Lampen in den tausend Wellenspiegeln an, und die Messinggelnder des schneeweien Schiffes, seine roten Schornsteine und zinnoberroten Ventilatoren leuchteten wie die knstliche Kulissenwelt eines Theaters, aufgebaut unter dem indigoblauen Mittelmeerhimmel. Am Kai standen Verkufer vor Bergen von hlzernen Segeltuchsthlen, die sie an die Passagiere fr die weite Seereise nach Asien verkauften. An der Abfahrtshalle vor der Telegraphenoffice drngten sich die Reisenden, schrieben auf umgestlpten Koffern, Tonnen und Kisten Telegramme,-- die letzten Abschiedsgre aus dem letzten europischen Hafen nach den Heimatsorten. An den langen Gelndern des Promenadendecks stand Kopf bei Kopf, Ellenbogen bei Ellenbogen. Viele kleine Kodaks knipsten und fingen das Hafenbild. Auf der nassen Kaimauer vor der Reihe der Packtrger und Verlader hatte ein Athlet einen braunen Teppichfetzen ausgebreitet. An dem einen Ende des Teppichs tanzte in gelbem Trikot und rosa Tllrckchen seine zehnjhrige Tochter und klapperte mit Kastagnetten, armselig und ungeschickt. Auf der andern Ecke des Teppichs stand der Sohn des Athleten in blauem Trikot und spielte auf einer dnnen Violine. Auf der dritten Ecke lagen Gewichtsteine und Kugeln, und auf der vierten Ecke des Teppichs stand der Athlet selbst in schmutzig weiem Trikot und stemmte die Gewichtkugeln, Kanonenrohre und eisernen Wagenrder. Die Schiffssirene hat bereits mehrmals ihre gellenden Abfahrtssignale gegeben. Der Athlet, die kleine Tnzerin und der kleine Geiger rauften sich mit den Packtrgern um die Kupfersousstcke, die wie ein brauner Hagel vom Schiff auf den Kai regneten. Scharen englischer Clerks, die nach Indien reisen wollten und rote, whiskytrunkene Gesichter aus dem Nachtleben von Marseille mitgebracht hatten, brllten im Chor hundert =Cheers for old England=. Dann bewegte sich wie eine Drehbhne das mchtige Schiff vom Ufer weg. Die sich balgenden Leute am Ufer, die Landungshallen verkleinerten sich, als schrumpften sie in irgendeine Tasche hinein. Erdbilder, Felsenufer, weie Kalksteingebirge, graue Dcherreihen drehten sich wie Bilder, gemalt auf einen Riesenkreisel, vorber. Das Schiff schien still zu stehen, aber die Erde wurde zu einer ungeheueren Kugel, die sich unter dem Schiff drehte. Allmhlich liefen die Bilder immer kleiner, ferner und farbloser wie Nebelwische vorber, und nun nahm der gewaltige Rausch der Seeluft das Schiff in sich auf, und das Ungeheuer, der endlose Himmel, machte die lauten Passagiere still, lste nicht nur die Erde unter den Fen, sondern nahm auch den Gedanken jede Festigkeit und Sicherheit, machte das Blut argwhnisch, die Fe schwankend, die Gehirne ohnmchtig. Hunderte von Drehsthlen wurden an die Gelnder gebunden, da sie nicht von dem Seegang hin und her rutschten. Unter riesigen Reisekappen, in ungeheuere Reisemntel und in vielfarbige und karierte Schals gewickelt, lagen die Passagiere, ausgestreckt in endlosen Reihen, auf dem weien Promenadendeck. Die weigetnchten Eisenwnde, die sachlichen Eisengelnder, die alle gerade und senkrechte Linien zeigten, flten Sicherheit, aber auch Nchternheit ein, als wre das Schiff ein riesiger, physikalischer Apparat in einem Laboratorium, als wren die Menschen Prparate, die da knstlich aufbewahrt wrden, bis zur Landung an einem andern Kontinent. Unter den Schiffspassagieren, die da in Reih und Glied in Liegesthlen auf den langen Decks lagen, als wren die Deckpromenaden Lazarette, fielen zwei Japaner auf, die von zwei deutschen Damen, einer jungen rotblonden und einer alten weihaarigen, begleitet waren. Es waren die beiden Schauspieler Kutsuma und Okuro, die mit der Sada-Yakko-Truppe eine Europa-Tournee unternommen hatten und jetzt, getrennt von der Truppe, nach Japan zurckkehrten. Okuro hatte sich eben erst mit einer deutschen Dame verheiratet, und diese, welche immer mit ihrer Gromutter zusammengelebt hatte, wollte sich auch nicht in der Ehe von ihr trennen. Darum begleitete die achtzigjhrige weihaarige Alte das junge Ehepaar nach Japan. Die beiden Japaner waren europisch gekleidet; nur ihre gelben Gesichter und ihre kleinen Figuren fielen unter den langen, rosahutigen Englndern auf. Ilse, Okuros junge und schne Frau, hatte Goldglanzhaare, goldrot, wie der rote Metallglanz der Goldfische. Sie trug ein smaragdgrnes Reisekleid und war unter allen den braunen, grauen und schwarzkarierten Englnderinnen und Englndern leuchtend wie ein Sonnenprisma. Ihre gute Laune gab ihrem Wesen die Flle eines freigebigen Sommers. Die Gromutter neben ihr mit dem weien Haar, das wie ein alter Silberschmuck den Kopf umgab, lachte ebenso wie ihre Enkelin immer mit blauen Augen, und ihr Gesicht war wie ein sonniger Wintertag, frisch und lautlos. Nie sind zwei Menschen frhlicher und sorgloser in die Zukunft gereist als diese beiden Damen. Okuro hatte sich ein Vermgen durch seine Tournee verdient. Ilse wute nicht, was sie mehr an ihrem Mann schtzen sollte: die ausgesuchte Frsorge, mit der er sie umgab, die groe Anspruchslosigkeit, mit der er auftrat, oder die groe Leichtigkeit, mit der er alle Schwierigkeiten lchelnd aufnahm. Nur eines machte ihr Unruhe: sie verstand allmhlich, da ein Asiate nicht ist: wie fnf und fnf ist zehn, sondern da bei ihm fnf und fnf einmal Tausend und einmal Null sein kann. Sie ahnte, da sie noch nicht den hundertsten Teil von dem Gehirn ihres Mannes kannte, und manchmal merkte sie, da seine kleinen asiatischen Augen, die eben noch rosinens und lchelnd ausgesehen hatten, pltzlich schwarz und bitter wie Gallapfelsaft werden, oder sogar tdlich, vernichtend wirken konnten wie schwarze, funkelnde Tollkirschen. Aber gerade, da sie seiner nicht sicher war, da sie seine Weltallruhe und sein gttliches Aufgehen im Verstehen des Kleinsten bewundern und dann wieder pltzlich erschrecken mute vor tierischen Kehllauten, die er ausstoen konnte, und die bestialische Leidenschaftlichkeiten vermuten lieen,-- dieses machte Ilses Seele sanft wie ein Kaninchen, das man mit einer Klapperschlange zusammengesperrt hat. Und sie war ihm in die Ehe gefolgt, weil sie sich nach einer Welt von Abenteuern sehnte, nach exotischen Geheimnissen. Als der rauchende und erhitzte Dampfer zwischen dem blauen ther des Mittelmeerhimmels und dem gasblauen Wasser des Mittelmeeres sich jetzt von Europa trennte, um Afrika und Asien zu erreichen, erschien Ilse das weie, blendende Schiffsgerst in der Blue ringsum wie der weie Silberkrper eines Riesenfisches, der viele Meilen in die Blue untergetaucht wre und unter den Meeren mit ihr fortschwmme. Nur das gelbe Stck Sonne oben war wie ein Stck Land, das in die Blue herabschiene. Und sie hoffte, so verzaubernd wie das Meer, so von Grund aus sollte sich jetzt ihr Leben in der Zukunft verndern, da alle Begriffe sich umstlpten. Aber als in der zweiten Nacht die elektrischen Kailampen von Messina, das damals noch nicht untergegangen war, in langer Reihe vorberzogen, nahm Ilse ihrem Mann Okuro, der neben ihr im Deckstuhl sa und in der Dunkelheit nur am roten Punkt seiner Zigarette ihr erkenntlich war, die Zigarette aus dem Mund, warf sie ber Bord und sagte, schmollend in ihrer Flitterwochenstimmung: Geliebter, wie kannst du rauchen und dich mit deiner Zigarette lautlos unterhalten? Ich bin eiferschtig auf deine Zigarette und deine Ruhe bei ihr. Ich bin noch keine so alte, ruhige Frau wie meine Gromutter, welche einschlft, wenn du stundenlang schweigend rauchst. Ich mchte lieber, da du mich erwrgst, ins Meer wirfst, oder irgend etwas Bses mit mir tust, aber ich mag nicht, da du so ruhig und gleichgltig neben mir rauchst. Wir kennen uns noch nicht auswendig. Nur ist das, als wrest du mir untreu, wenn du die Zigarette mehr liebst als mich. Darauf antwortete der junge asiatische Ehemann: Wenn ich Diener brauche, die dich und mich bedienen, so bin ich deshalb nicht ein schwacher Mann, der sich nicht selbst bedienen knnte. Wenn ich eine Zigarette brauche, die mir Ruhe gibt, so habe ich deshalb dich nicht aus meinem Herzen verstoen, denn dich brauche ich natrlich erst recht zu meiner Ruhe. Die Zigarette allein wrde mich nicht gengend mit Ruhe bedienen. Ilse fuhr schnell und heftig auf: Wenn du vielleicht statt der Zigarette eines Tages eine andere Frau brauchtest, die dich mit Ruhe bedienen mte, dann drfte ich auch nicht unruhig werden, Okuro? Dieser lchelte und sagte noch ruhiger: In Japan liebt ein Mann seine Frau immer, so lange er sie nicht fortschickt. Und Frauen fragen bei uns nicht nach den Wegen, die ein Mann gehen mu, und die ihn zum Manne machen. Ilse wurde noch heftiger: Du darfst also viele Frauen lieben, wenn es dich zum Manne macht? Und ich soll keinen Schmerz empfinden, wenn du deine Nchte mit anderen Frauen teilst und deine Umarmungen, deinen Leib und dein Herz anderen Frauen gibst, wo ich doch dachte, da der Tag der Hochzeit dich mir ganz und gar geschenkt htte? Nicht _ich_ bin _dein_, sondern _du_ bist _mein_ geworden, antwortete ruhig der Japaner. _Ich_ bin _ich_ geblieben und bin nur durch dich mehr geworden. Aber du bist seit dem Tag unserer Hochzeit nach unseren asiatischen Begriffen verschwunden und bist nicht mehr. Ich bin also schon, lachte Ilse, an dem Tag unserer Hochzeit ins Nirwana eingegangen und gehre jetzt zu den Toten? Ja, Ilse, grtes Glck ist Nirwana. Und die Frau, die sich nicht um das wirkliche Leben zu kmmern braucht, um Geldverdienen und Staatsgeschfte, kann deshalb schon am Tag ihrer Hochzeit ins Nirwana eingehen, der Mann erst am Tage seines Todes. Aber ich will gar nicht im Nirwana sein, wenn du nicht darin bist, rief die junge Frau eigensinnig. Und so lange du im gewhnlichen Leben bist, will ich auch eine gewhnliche Lebende sein. Okuro sagte ruhig: Die Gtter haben euch Frauen keine Knochen gegeben, um im gewhnlichen Leben so fest zu stehen wie der Mann. Dieses war das erste von hundert hnlichen Gesprchen, welche Ilse und Okuro, in ihren Decksthlen liegend oder um die Schiffsschornsteine promenierend, morgens, mittags und abends fhrten. Seit Europa verschwunden war und das nach Asien schweifende Meer vor ihnen lag, bauten sich die Gedankenwelten der beiden Neuvermhlten in der Leere des Meeres wie die Ufer von zwei einander gegenberliegenden Lndern voreinander auf. Nie hatten die beiden in den lebendigen Alltagstunden des zerstckelten Tageslebens von Berlin, wo sie sich hatten kennen lernen, Mue gefunden, mehr voneinander zu sehen als nur leichte Beleuchtungen, unterhaltende Augenblicksbilder ihres Herzens. Jetzt aber, unter der unendlichen Weite, auf der Reise ber die halbe Erdkugel, die vor ihnen lag, unter der Riesenruhe des krperlosen Himmels und des unbegrenzten Wassers und in der Ruhe der unendlichen Einfrmigkeit des kasernenhaften Schiffslebens, wuchsen die Betrachtungen der beiden wie meilenlange Seeschlangen, die unterirdisch dem Schiff folgten und hie und da in groen Wellenlinien an die Oberflche kmen. Bei dem ersten Gesprch von dieser Art, das bei Nacht in der Meeresenge von Messina gefhrt wurde, sahen sich die beiden nicht. Ihre Decksthle standen im Schatten von groen Rettungsbooten, und es war zu der spten Stunde, da die Deckbeleuchtung der gelben Glhbirnen halb gelscht ist. Es fehlte diesem Gesprch das Echo der Gesichtsmienen und Bewegungen, und da es als erstes Gesprch nicht zu Ende gefhrt wurde, und da sie danach nur immer ihre Stimmen im Ohr und nicht ihre Gesichter gesehen hatten, so blieb dieses Gesprch wie ein ewig dunkler verborgener Keim, der auf dem beweglichen Schiff und auf der Bodenlosigkeit der Meerestiefe keine Wurzel fassen und nicht ausgerissen werden konnte, sondern mit ihnen schwamm und anwuchs wie ein millionenfingriges Seegewchs. Als Ilse und Okuro die erste Landstation, die lange, weie Molenmauer von Port Said, unter dem grnlichblauen Afrikahimmel sahen, da hingen die Gesprche ber die verschiedene Denk- und Empfindungsweise der beiden wie der Schaum des Fahrwassers hinter ihrem Schiff. Ihre Gedankenwelt schrumpfte aber sofort ein und verflchtigte sich zu einer angenehmen Gedankenlosigkeit, als die beiden mit Kutsuma und der Gromutter fr ein paar Stunden in den langen Basarstraen von Port Said unter gyptern, Arabern, Abessiniern in den Straenkaffees saen und den Millionrstchtern der Amerikaner zusahen, die, mit den ppigsten Pelzen bekleidet, hier in dem nchtlich khlen gypten landeten und den kleinen Port Saider Bahnhof belagerten, um den Schnellzug nach Kairo und in das Wstenland nach Heluan zu besteigen. Sowie sich Ilse von schwarzhutigen Afrikanegern in langen weien und blauen Leinwandhemdkleidern umgeben sah, von schwarzen Schultern und Gesichtern, die wie eine Schar lebendiggewordener riesiger Kaffeebohnen hier am Kai durcheinanderliefen, fhlte sie sich magdhaft, fraulich und sehnte sich schutzsuchend neben ihrer Gromutter nach ihrem Mann. Wenn sie sich dann umsah und hinter ihr Okuro und Kutsuma gingen, fhlte sie keine Sicherheit, keine Ruhe, denn die zierlichen gelbhutigen Japaner waren hier in Afrika noch weniger zu Hause als in Europa; und Okuros gelbe Gesichtsfarbe erschien ihr lcherlich und leichenhaft neben der schnen Pulverfarbe der Afrikaner. Hier am Land waren es jetzt nicht nur die Gedanken der Europerin, die gegen die Gedanken der Asiaten Wortgefechte fhrten. Es war noch schlimmer: es war der Krper selbst, der dem Herzen abtrnnig zu werden schien. Als sie am Abend zum Schiff zurckkehren muten, ging die junge Frau frher als sonst zu Bett. Sie schlo ihre Augen hartnckig und stellte sich schlafend, als Okuro ihr Haar streichelte und ihr ein paar zrtliche Worte zuflsterte. Ilse htete sich wohl, der Gromutter am nchsten Tag von ihren wankenden Gedanken und Gefhlen zu erzhlen. Auf dem Weg ber das Mittelmeer nach Afrika hatte sie geglaubt, es sei der schwankende Schiffsboden, der sie selbstqulerisch und heimatlos stimme, und auf dem sie sich behaupten msse. Aber der Spaziergang in Port Said hatte sie noch mehr erschreckt, und sie konnte sich nicht der berlegung erwehren, ob sie von jetzt an schweigen und asiatisch dulden oder sich auflehnen und europisch behaupten mte. Trotzdem lachte sie uerlich. Ihr rotgoldenes Haar strahlte schon allein ein reiches sommerliches Lcheln; Ilse war im Grunde viel zu genuschtig, als da sie unter Gedanken lange htte leiden mgen, und es schien, als liee sie ihr rotes Haar immer gern wie zu einem tglichen Lebensfest leuchten. Die Deckbevlkerung hatte sich vermehrt und verndert. Reiche indische Kaufleute in europischer Kleidung, aber mit sehr viel Ringen und goldenen Uhrketten geschmckt, standen wie die Schatten der weien Leute auf den langen Schiffspromenaden herum, hatten die Augen von guten Waldtieren oder von eiteln Tropenvgeln. Die schmalen Messingstiegen, die vom Promenadendeck der ersten Klasse in das tiefere Zwischendeck hinunterfhrten, waren drunten belagert wie von einer Maskerade. Mekkapilger mit smaragdgrnen Turbanen, buddhistische Mnche in senfgelben Mnteln, trkische Hausierer in dunkelblauen und violetten Kaftanen, nackte Fakire, in dicke Stricke und Muschelketten gekleidet, indische Handwerker in weien Schleierhosen, roten Sammetwesten und goldgestickten Kappen und die braune indische Schiffsbemannung des englischen Dampfers in blauen Hosen und roten Schrpengrteln mit tigerartig geschmeidigen nackten Oberkrpern, und die alle barfu wie die Tiere auf dem Feld durcheinanderliefen, vervollstndigten das Papageienbild des Zwischendecks. Das Schiff wanderte und wanderte, beladen und belastet mit den hundert verschiedenen Ideenwelten von hundert verschiedenen Rassen. Es hatte die lange Sandwstengasse des Suezkanals passiert, wo der Sand auf Meilen wie gelber Goldstaub lag, und wo weie Salzlakenmoore gleich weien Eisflchen glnzen. Auf die de und den Stillstand dieses Landes folgte die hllische Glutbrunst des Roten Meeres, wo das Meer nicht rot vor Korallen ist, sondern rot wird von der Hitze, mit der es deine Augen brennt, wo die Sonne wie ein Feuereimer das Tageslicht gleich rotem, flssigem Metall ausgiet, wo violette Steingebirge in Nubien dastehen und gegenber in Arabien solche, die silbernen Aschenhaufen gleichen, wo der Berg Sinai als Silhouette am Himmel vor Hitze zittert. Die Arbeit der indischen Matrosen auf dem Schiff besteht jetzt den ganzen Tag darin, die Segeldcher ber den langen Schiffspromenaden ber den in Reihen hingestreckten und vor Hitze aufgelsten Passagieren zuzuziehen und je nach dem Stand der Sonne anders zu stellen. Mit Strohhten und weien Sommerkleidern liegen Herren und Damen wie am Rand einer Strandpromenade, vor Hitze aufgedunsen, als wre das Blut von der Hitze in den Menschenkrpern zu Rotwein geworden, als wren die Reisenden vom Alkohol betubt und blau gedunsen,-- so liegen die Scharen der Reisenden wie in einer betrunkenen Schlafwelt auf der dreitgigen Fahrt durch das Rote Meer. In den Schiffsslen bewegen sich an der Decke lange weie Leinwandfcher, die gleich den Soffiten eines Bhnenhimmels quer durch die Rume gezogen sind und sich wie ein weier Wellengang ber die Kpfe der Speisenden bewegen, aber keine Khlung geben und nur die brhwarme Meeresluft von einem Gesicht zum andern schicken. Das groe geheizte Schiff wandert und wandert. Die Fernrohre entdecken tglich wieder Afrika auf der einen Seite, Arabien auf der andern. Das glhende Schiff schleppt am Tage die Sonne wie einen Riesenballast mit. Am Abend scheint der Himmel zur Wste ausgetrocknet zu sein und wird goldgelb wie Wstensand. Dann stehen ber Afrika lange schilfgrne Wolken, gleich spukhaften Erscheinungen unwirklicher grner Felder. Jetzt nach Sonnenuntergang werden die Segeldcher gerafft. Die Reisenden, die vor Hitze nicht hatten sprechen knnen, und jeder Mund, der geglaubt hatte, es wrden ihm Flammen aus der Lunge fahren, beginnen den Abend zu bewundern, der aber immer noch heier bleibt als ein europischer Julitag. In diesen Hitzetagen, die alle Hirngespinste wegbrannten, war Ilse nicht Europerin, nicht werdende Asiatin, sie war wie der Klumpen Sonne selbst, der oben ber dem Schiffsmast hing und mit dem Schiff weiter zog. Sie brauchte keine Nachsicht zu ben, sie brauchte keine Behauptungen, um sich sicher zu stellen. Es war, als impfe die Sonne mit ihrer Glut Liebe ein. Und jeder Menschenkrper war heies Metall geworden und begriff kaum mehr die Unterschiede von Tag und Nacht, von Jugend und Alter, von Zeit und Vergnglichkeit, von Gegenwart und Zukunft. Die Hitze, die alles verschmolz, brachte in den Tagen des Roten Meeres Ilse und Okuro so eng und sinnlich zusammen wie nie vorher, wie nicht einmal die erste Hochzeitsnacht. Wenn sie auch den Tag in der Reihe der Hunderte von Decksthlen Seite an Seite, wie in einem Lazarett aufgebahrt liegend, zubrachten, so war es, als schliefen sie in der Hitze einen gemeinsamen Schlaf. Die Hitze legte ihren Arm sicher um beide. Ohne da sie ihre Arme ausstreckten und sich berhrten, ohne da ihre Lippen sich fanden, lagen sie mit dem Gefhl groer Innigkeit und Friedlichkeit unter der langen Reihe von Reisenden wie allein in ihrem eigenen Schlafzimmer und eng vereinigt. Niemals fiel es Ilse und Okuro ein, nach Sonnenuntergang, wenn sie vom Tagesschlaf erwachten, sich andere Dinge als Herzlichkeiten zu sagen. Ilse lehnte in ihrem langen weien Abendkleid am Schiffsgelnder, Okuro neben ihr im schwarzen Abendanzug. Er sagte ihr, ihr Hals sei schmal wie der afrikanische junge Mond. Und sie sagte, da sie seine Hnde so liebe, die nie einen Ring trgen, die Knchel htten, fein und stark wie die krftigen Federposen elastischer Vogelflgel. Und sie sahen beide den in weien elektrischen Kreisen leuchtenden Meertierchen zu, die gleich metallischen Kinderkreiseln auf den Wellen entlang tanzten. Dann erschien das Spiegelbild des Mondes unten im Wasser; das bergauf und bergab wogende Schiff, das Champagnerzischen der Kielwellen und das Geknister des elektrischen Wassers voll tagheller Schaumwolken stellte den beiden, je lnger sie sich ber das Gelnder lehnten, die Welt auf den Kopf. Und sie fanden sich beide erst wieder in dem krausen Weltallgetriebe und in dem spiegelfechtenden Meeresnachtleben auf ihren zwei Fen zurecht, wenn sie, versteckt hinter einem Rettungsboot oder hinter einer Kabinentr, die Arme umeinander legten und, Wange an Wange, ihr Blut aneinander pochen lieen. Dann rckte am vierten Tag am Ende des Roten Meeres ein mchtiger, dunkelbrauner, ausgedrrter Berg heran, zu seinen Fen lange, rote Kasernendcher: die Festung Aden. Dieser Berg war wie der Pfosten der Tr in den Indischen Ozean; und im grngelben Abendhimmel blieb das Meer zurck, und die Boote mit nackten schmalen Somalinegern, die das Dampfschiff drauen vor Aden wie eine Affenherde umwimmelt hatten, blieben zurck, und zurck blieben die Lnder, wo der Halbmond regierte, und die graue arabische Felsenkste, auf der weie Minaretts am Nachmittag gleich weien Fahnenstangen gestanden hatten, und dahinter man sich das Land voll Harems und Frauen trumte. Alles das ging im Westen in dem friedlich lgelben Himmel unter, und auf der straffgespannten Meeresflche im Osten lag vor Ilse und Okuro das noch unsichtbare, aber sich stndlich nhernde Indische Reich, an dem sie jetzt vorbeiziehen sollten. Mit der Weite des Indischen Ozeans kam auch wieder die Weite der Gedanken ber Ilse und Okuro. Die Hitze, die mit ihren Flammen im Roten Meer alle Menschenkrper zu ihren Medien gemacht hatte, verlor an Kraft, und die Menschen wurden wieder selbstndig und dachten wieder ihren eigenen Gedanken nach. Eines Abends sa Ilses Gromutter allein am Ende des Promenadendecks. Groe Sternbilder der fremden Sdzone stiegen aus der Meerestiefe auf und wanderten ber die Masten des Schiffes fort. In der Nhe der Dame sa nur Kutsuma und las. Das Schiff war wie eine groe indische Trommel, daran die Meereswellen ihre Mrsche trommelten, und sein Gang war immer ein Wechsel von Begeisterung, wenn es sich in die Sterne hob, von Enttuschung, wenn es wieder in die Leere sank. Wie viele Gedanken mgen an den Sternen hngen, dachte die alte Dame. Wie viele Tausende von Seereisenden haben nachts mit offenen Augen hier unter den Sternen auf wandernden Schiffen gesessen. Jeder Stern ist wie eine eingepuppte Seidenraupe, von der man Gedanken wie Seidenfden abspinnt. Sehen Sie, Herr Kutsuma, sagte die alte Dame, Sie sagen immer, mein Haar sei so wei wie der Abendschnee auf dem Hirayama am Biwasee in Ihrer Heimat Japan. Und so wahr mein Haar nie mehr dunkel wird, so wahr glaube ich, da Ilse fr ihr Herz keinen besseren Mann finden konnte als Okuro. Aber damit ist nicht gesagt, da Okuro in Japan nicht eine bessere Frau als Ilse finden und ohne Ilse sehr glcklich werden knnte. Kutsuma hatte eine Landkarte auf seinem Scho, sah auf und sagte: Ich bewundere immer, wie groartig die Europer die Welt einteilen knnen, die Lnder in flache Figuren, die Erdkugel in Breitengrade und Lngengrade; in alles Irdische bringen die Europer Zahlen und Ordnung. Aber sie erfinden kein System fr ihre Gefhle, wollen kein System anerkennen fr das kleine, kurze Menschenleben, das doch aus nichts anderem besteht als aus Jugend, Reife und Alter, das also Grenzen hat und nicht als etwas Unbegrenztes, Unordentliches angesehen werden kann. Aber, mein Herr, unterbrach die weihaarige Dame ungeduldig Kutsuma, Gefhle lassen sich doch nicht in Systeme bringen. Gefhle sind doch das Unbegrenzte am Leben! Liebesgefhl kann Unordnung und Ordnung zugleich geben: Liebesgefhl ist eine Hasardnummer, man setzt auf =Rouge= oder =Noir=. Aber es gibt kein sicheres System, in dem man beim Liebesgefhl in Ordnung mit sich selbst kommen knnte. Wer liebt, wnscht glcklich zu machen, aber das Leben mu erst beweisen, ob er einen Gewinn oder eine Niete gezogen hat. Wo Liebe ist, ist ewiges Glck, sagte der Asiate. Wo ein Wechsel eintreten kann, war die Liebe nicht vollstndig. Ihr Europer wnscht, da der Mann sein Leben lang die Frau bediene und sie hher halte als sich selbst. Wir Asiaten verlangen von der Frau, da sie den Mann bediene und sich ihm unterordne. Und wir finden: dieses bringt Ordnung in die Liebe zwischen Mann und Frau. Sehr weise gesprochen, sagte die alte Dame. Aber lassen Sie jetzt auch den Abendschnee auf dem Hirayama zu Ihnen sprechen; das heit: vertrauen Sie den Gedanken, die unter meinen weien Haaren entstanden. Das Kostbare an der Liebe ist, da sie ein ewiges Abenteuer bleibt, und da weder die Sicherheit der madonnenhaften Unterordnung einer asiatischen Frau, noch die olympische Selbstherrlichkeit einer europischen Liebe in ein System bringen kann. Die Liebe wird immer etwas verschwenderisch sein, immer ein Zuviel in das Blut der Menschen bringen, das Zuviel, das die Endlichkeit des seligen Augenblickes in eine Unendlichkeit des Genusses verwandeln kann. Wo das Zuviel zwischen zwei Menschen fehlt, die sich vorstellen, da sie sich liebten, wird die Liebe immer nur ein erbrmlicher chemischer Proze bleiben, der Kinder hervorbringt und sich ruhig in ein System fassen lt. Der Asiate schwieg lange und lie die Sternbilder wandern. Dann sagte er und faltete seine Landkarte zusammen: Die Gtter in Europa haben euch Europer nicht umsonst Mikroskope fr eure Augen konstruieren lassen. Ihr knnt auch eure Liebesaufregung unter ein Mikroskop legen. Wie die Eisblumen an euern Fenstern, so seht ihr die Linien eurer Liebesleidenschaft. Und ihr Europer knnt ber Dinge sprechen, die uns Asiaten ewig unsichtbar bleiben. Die alte Dame antwortete: Ihr Asiaten knnt das auch, wenn ihr wollt. Nur seid ihr liebenswrdige und bescheidene Kinder eurer Gtter, und wir sind vorwitzig. Wir mssen unsere Freuden belauschen und unsere Schmerzen. So wie unsere Anatomen den Blutkreislauf fanden, so suchen wir nach dem Kreislauf unserer Schmerzen und Freuden. Kutsuma spricht eifriger: Wir haben nur immer von den Indiern den Kreislauf der Seele zu beobachten gelernt. Aber die Liebesleidenschaft haben wir nicht als Lebenswert untersucht und haben die Liebe nicht auf die Hhe gestellt wie ihr in Europa. Aber seit ich bei euch war, begreife ich, da die Zukunftswelt die Liebesleidenschaft als Weltmittelpunkt erkennen wird. Nicht die Weltruhe, nicht das Nirwana, wie wir in Asien immer glaubten, und nicht den Weltschmerz und das Weltmitleid, wie euer vergehendes Christentum immer glaubte; die Liebesleidenschaft ist fr jeden, der sein Leben ernst nimmt, sein Gott, der ihm Leben und Tod gibt. So sagte auch gestern Okuro zu mir, als wir bei Aden das Rote Meer verlieen, er sagte mir, er wrde nie mehr mit Ilse ber die Meinung streiten, die sie als Europerin von der Ehe hat. Sie macht ihn mit jeder Meinung glcklich. Sein Blut ist so zufrieden von ihrem Blut, da er nicht mehr nach Lebensgebruchen und Lebenssitten fragt, da er ihr zuliebe ein Europer werden will auch in seiner Heimat. Seine Liebe ist jetzt so gro, da er meinungslos geworden ist. Kutsuma wartete auf einen Freudenausbruch der Dame. Und als der junge Mann keinen Laut als Antwort erhielt, empfand er mit einemmal das Schweigen zwischen sich und der alten Dame wie einen Abgrund, als wre sie ber einen Ozean vor ihm und seinen Worten zurckgewichen. Lchelnd suchte Kutsuma eine Verbindung herzustellen und sagte: Warum schweigt der Abendschnee am Hirayama? Er, der mir vorhin so schne weite Gedanken gab? Da seufzte die alte Dame: O, wie unglcklich sind die gtigen Liebenden! Gte in der Liebe bringt Unglck. Liebe ist nie gtig, Liebe fordert, mihandelt, vergewaltigt. Von zwei Liebenden mu einer der Strkere werden. Der Mann mu die Frau unterjochen, er kann ihr ja den Wahn ihrer Selbstherrlichkeit lassen, wenn sie es noch ntig hat. Aber er darf nicht gtig meinungslos werden. Sagen Sie das zu Okuro! Das sei die Ansicht dieser weien Haare. Und immer, wenn er meine weien Haare sieht, die ihr Japaner mit dem Abendschnee von Hirayama vergleichet, soll er stark werden, soll nicht vor Ilse meinungslos werden. So wie der Schnee am Hirayama nie zu schmelzen ist, so soll sein Wille von keinem Frauenwillen zu schmelzen sein. Nur dann macht er Ilse glcklich. Kutsuma betrachtete andchtig den weien Kopf der alten Dame, so andchtig, wie nur ein Japaner im Abend am Biwasee den Schnee von Hirayama betrachten kann.-- Ceylon mit seinen wolkenblauen, glnzenden Bergen, die voll Amethysten und Mondsteinen liegen, wurde von dem wandernden Schiff fr einen Tag berhrt. Dann zog die magnetische Ferne das Schiff weiter nach Osten. Und Ilse trumte sich Palmenwlder aufs Meer, denn sie wute: rings waren Ksten mit heiligen indischen Wldern und heiligen indischen Tempeln. Und ringsum an den Ksten lebten Vlker, die so gut waren, da sie den Schlaf eines Tieres heilig hielten,-- den Schlaf des geringsten Straenhundes, dem es einfiel, mitten in den verkehrsreichsten Stdten sich in die Sonne zu legen und zu trumen. Kein Futritt verjagt den Trumenden, denn jeder Traum, auch der Traum eines Hundes, ist ein Paradies, das sich fr Augenblicke auf die Erde senkt. Darum wird auch der Schlaf der Tiere mit Ehrfurcht behandelt. Keine Peitschen knallen, nur Silberglocken am Kutschbock treiben die Pferde an. ber alles das dachte sie oft mit Scheu nach. Wie seltsam, meinten die beiden Japaner und die beiden Europerinnen, da Europa und Asien nebeneinander auf derselben Erde liegen, sie, die weniger zusammengehren als Erde und Mond. Europa gibt seinem Leben das Sprichwort: Zeit ist Geld. Und Asien beachtet weder die Zeit noch das Geld. Es ist erstaunlich, da die einfache Schiffsschraube, die nichts tut, als sich drehen, uns aus der Welt der Begriffe von Zeit und Geld in die Welt der entgegengesetzten Begriffe befrdern kann, ohne da wir dabei daran zugrunde gehen oder erst sterben mssen. Am seltsamsten, sagte die alte Dame, ist es fr mich, die ich schneewei aus Europa komme. Ich glaubte mich schon am Ende meines Lebens; und ohne da ich eine neue Inkarnation eingehen mu, verjngen und erwrmen sich hier in Asien meine Gedanken. Wenn ich morgens in den Spiegel sehe, wundere ich mich, da ich immer noch den Schnee auf meinem Kopf trage.-- Das Schiff hatte Hinterindien, Penang und Singapore passiert und drang in das Chinesische Meer. In Singapore aber war Ilse aus ihren indischen Trumen gerissen worden. Dort, wo die Chinesen wie der Sand am Meere sind, wo die gelbe Rasse die braune Rasse verdrngt, wo Ilse noch gelbere Menschen als die gelben Japaner sah, whrend ihr das Reisen schon wie das Wandern des Blutes in ihrem Krper zur Gewohnheit geworden war,-- berfiel sie ein Schrecken und eine Angst vor der Zukunft. Die schlitzugigen Menschen entsetzten sie. Die geschlitzten Augen, die hervorstehenden Backenknochen schienen ihr die Gesichter zu verkrppeln. Am Abend, als sie mit ihrer Gromutter aus Singapore an Bord des Schiffes zurckkam und der Himmel voll gelber Abendwolken gleich tausend gelben Chinesengesichtern war, ging sie nicht in ihre Kabine zu ihrem Mann. Sie eilte in die Kabine ihrer Gromutter, drckte ihr Gesicht in die Hnde der alten Dame und schluchzte. Kind, Kind, ich wei es, sagte die alte Dame. Ich habe dasselbe gedacht wie du heute. Aber la die Zeit verstreichen. Die Zeit bringt Gewohnheit, und Gewohnheit kann dich wieder glcklich machen. Wenn die Erde hier auch fremder ist als ein fremder Planet, wir stehen doch noch mit den Fen auf derselben Erde, und wir werden auch mit der gelben Rasse gut Freund werden. Ich nicht, sagte Ilse. Sieh mein rotes Haar an, sieh meine weie Haut an. Ich habe nicht daran gedacht, da ich unter eine ganze Welt von gelben Menschen komme. Okuro war mir lieber, als er, allein, eine Kuriositt in Europa war. Aber jetzt ging er heute vor mir unter in der Flut der gelben Gesichter, als wre er im Chinesischen Meer ertrunken. Ich will heute nacht nicht in seiner Kabine schlafen. Ich werde bei dir bleiben, Gromutter, und im nchsten Hafen fliehen wir und kehren um nach Europa. Es ist mir, als ginge ich bis zum Hals im gelben Lehm und erstickte, wenn ich unter den gelben Menschen bleiben mu. Kehre nicht um, Kind! Die Gewohnheit wird dich glcklich machen, wiederholte die alte Dame. Groer Gott, welch des Glck dann! Gewohnheit ist das Glck der Dienstboten, nicht das der Herrschaft, hast du immer weise gesagt, Gromutter. Und jetzt gibst du deine Weisheit auf, nur um mich zu trsten! Neulich sagtest du noch, da das Liebesglck ein Zuviel im Blut haben msse, einen berschwang. Dieses Zuviel wird unter diesen gelben Menschen nie mehr zu mir zurckkommen. Die beiden Frauen umarmten sich leidvoll und saen miteinander auf dem Rand des Kabinenbettes in dem kleinen weilackierten Raum, und saen eine Stunde still, ohne sich zu rhren, und waren beide weit fort aus dem Schiff. Beide gingen durch die Straen von Europa, beide verstummt vor Sehnsucht nach der Heimat und beide von neuem aufschluchzend, als sie sich ansahen und sich vom Schiff weitergeschleppt fhlten. Sie wunderten sich im stillen, da das im Wasserdruck knisternde Schiff vom Heimweh zweier Menschen nicht zum Sinken gebracht wrde. Die Nacht kam, und Ilse blieb in der Kabine ihrer Gromutter und lie sich durch die alte Dame bei Okuro entschuldigen. Was dann in dieser Nacht geschah, wei kaum ein einziger, der sich im Schiff befand, mit Genauigkeit zu erzhlen. Die alte Dame fhlte sich pltzlich durch einen Sto mitten im Schlaf aus dem Bett geschleudert. Sie schrie nach Ilse. Alle Leute im Schiff schienen mit ihr zu schreien. Alle Lampen waren erloschen. Das Schiff schien mitten im Meer still zu liegen. Statt der taktmig arbeitenden Maschinenschraube herrschte Todesstille. Und als die alte Dame sich von einem Koffer aufrichtete, auf den sie gefallen war, faten sie zwei Mnnerhnde, zogen sie wie eine Maschine durch die Dunkelheit, wo kniehohes Wasser ihr entgegenscho, schumendes und gurgelndes Wasser, schreiendes und sich windendes Wasser, das mit Menschenleibern angefllt zu sein schien. Statt der Schiffstreppen fhlte sie Menschenkrper unter ihren nackten Fen. Die Mnnerhnde und das sich trmende Wasser hoben sie wie mit Hebeln ber tausend Hindernisse, bis sie auf ein Schiffsdeck hinfiel, auf einen anderen Dampfer, der wie ein dunkler Berg in der mondhellen Nacht neben dem taumelnden und untergehenden Schiffsdeck stand, von dem sie kam. Sie erkannte jetzt Okuros Gesicht im Getmmel der sich Rettenden, Okuro, der ihre Hnde hielt und sie fortschleifte und sie auf den roten Teppich eines erleuchteten Schiffssaales niederlegte. Dann schrien beide zugleich: Ilse!, und Okuro verschwand. Die alte Dame sah sich unter halb bekleideten Frauen und Mnnern, die wie in einem Tollhaus weinten, lachten, gleich Menschen, die zu Hunden und Affen geworden wren, sich stieen, bereinandersprangen, in dem Schiffssaal unter die langen Speisetische krochen, sich hinter Sthle verbarrikadierten, sich die Augen zuhielten, fortgesetzt Hilfe! riefen, trotzdem sie gerettet waren, und fortgesetzt die Namen von Angehrigen schrien, trotzdem sie diese gerettet im Arm hielten. Ilse, Ilse! rief die alte Dame immer wieder, als knnte sie mit dem gerufenen Namen einen Menschen erschaffen. Das vom Meerwasser durchtrnkte Nachtkleid hing ihr wie eine schleppende schwere Haut um den zitternden Krper. Aber sie rutschte noch mit den letzten Krften von den Knueln der Menschen fort, die mit den Armen um sich schlugen, fort von diesen Skelettmenschen, welchen die Sekunden des Todesschreckens den jungen Leib in den Leib von Greisen verwandelt hatten. Ein paar wahnsinnig gewordene Mnner wurden neben ihr von Matrosen gefesselt. Ein paar andere strengten sich an, einen der Glhlichtkronenleuchter von der Decke zu reien, und zerschlugen mit den Fusten die glsernen Birnen und schrien: Wir wollen kein Licht! Wir wollen nichts sehen. Ein Mann bi sich in den Arm einer Frau fest. Die Augen quollen ihm aus dem Kopf, und die Frau lachte und schrie: Mein Lieber! Mein Lieber! Das Blut rann ihr vom Arm auf die Diele, und die Augen quollen ihr vor Verzckung aus den Hhlen. Die alte Dame kroch zu einer Kabinentr, die weit offen stand. Da sprang ein wahnsinnig gewordener Malaie mit zwei Messern in den Hnden ber sie weg, hinein in den Saal, stach nach den Weibern, die unter den Tischen schrien, stach nach den Mnnern, die unter dem Kronleuchter hingen, und kniete sich dann auf den Rcken des Mannes, der sich in den Arm der Frau hineingebissen hatte. Die Frau lachte noch verzckter als der wahnsinnige gelbe Malaie, der den weien Rcken ihres Mannes mit den blutigen Messern bearbeitete. Neue Matrosen strzten herein und rissen die Leute auseinander. Und unter der Tre sah die alte gerettete Dame die Flgel einer riesigen silbernen Windmhle; es waren die elektrischen Scheinwerfer des Dampfers, die mit ihren steilen weien Strahlen die Nachtluft zertrennten. Am Schiffsgelnder neben ihr erkannte sie im weiblauen Licht des Scheinwerfers zwei Mnner, wie aus Schnee geformt, die miteinander rangen. Die Dame schrie mit ihren letzten Krften: Okuro! Kutsuma! Ilse! Ilse! Dann sah sie, wie der eine Mann den anderen mit dem Kopf an das Messinggelnder schlug und dann den niedergeschlagenen zrtlich aufhob und auf den Ruf: Ilse, Ilse, sich nach der alten Dame umsah, den Ohnmchtigen aus dem weien Lichtschein forttrug, hin zu der alten Dame. Als der Schleppende und der Geschleppte im gelben Lichtschein des Schiffssaales erschienen, fielen beide Mnner wie tot an der Trschwelle nieder. Es waren Okuro und Kutsuma. Ilse, keuchte die alte Frau noch einmal und fiel neben den beiden Japanern ohnmchtig hin.-- Die Geretteten hrten am nchsten Tag, da im Mondnebel ein Zusammensto zwischen ihrem und dem Schiff, auf welchem sie sich jetzt befanden, stattgefunden und ihren Dampfer zum Sinken gebracht hatte. Unter den Ertrunkenen, die ringsum aus der glatten See gefischt wurden, wurde auch Ilses Leiche an Bord gebracht. Kutsuma aber hielt Okuro in der Kabine zurck und belog ihn und sagte ihm, Ilse wre mit ihrer Gromutter gerettet. Denn er frchtete, da sein Freund sich nochmals ins Wasser strzen wrde, wie er es beim Untergang des Schiffes versucht hatte, als er Ilse nicht fand. Aber Okuro war bei der Lge seines Freundes unglubig, schttelte den Kopf und sagte: Ich wei, da Ilse ertrunken ist. Ihre Seele war fr mich schon nach Europa zurckgekehrt, und sie war fr mich schon tot, ehe das Schiffsunglck eintrat. Ilse lebt nicht mehr, sonst wrde sie vor mir stehen. Sonst wre sie in der letzten Nacht in meiner Kabine geblieben. Ilse kehrt nicht wieder. Nach den wahnwitzigen Kmpfen und Aufregungen der Unglcksnacht blieb Okuro von nun an bis zur Landung in Japan teilnahmlos. Er betrachtete nur stundenlang seine Hnde, welche Ilse immer geliebt hatte.-- Er, die weihaarige Gromutter und sein Freund Kutsuma saen wie Wandbilder schweigend nebeneinander auf den Decksthlen des nach Japan wandernden Schiffes, und Ilses Name wurde nicht mehr ausgesprochen. Aber Kutsuma war immer bereit aufzuspringen, um die alte Dame und Okuro vom Schiffsgelnder zurckzuhalten, denn das Wasser unten schien magnetische Kraft zu haben fr alle die Schiffbrchigen, welche Angehrige in der Unglcksnacht verloren hatten. Einige sprangen auf der Fahrt pltzlich ins Wasser, Mnner, welche ihre Kinder suchten, Frauen, die zu ihren Mnnern wollten. Dann erschienen eines Morgens die stillen, zwerghaften Inseln Japans im Frhnebel, die Silhouetten der vielfach gekrmmten uralten Bume, die zierlichen Hgel mit den winzigen Terrassen winziger Reisfelder. Die beiden Japaner erwachten aus der Totenstille, und nur die weihaarige Dame blieb stumm, und ihre Augen sagten mde: Seit Ilse tot ist, ist die Erde fr mich ein Sargdeckel geworden. Ich mchte mich auch in den Sarg legen. Als die Schiffsbrcke in Nagasaki herabgelassen wurde und unten Motorboote voll von Angehrigen der japanischen Reisenden beim Schiff anlegten, sahen die Leute, welche Okuro und seine junge Frau erwarteten, zu ihrem Erstaunen den berhmten Schauspieler die Schiffstreppe herabsteigen, mit seinem Arm eine alte, weihaarige Dame sttzend. Ist Okuro deswegen nach Deutschland gereist, um sich eine alte Dame, die wei ist wie der Abendschnee am Hirayama, zur Frau zu holen? fragten sich seine Freunde verwundert. Aber niemand lachte.-- Unter Okuros Freunden war ein japanischer Schriftsteller, welcher den Eindruck nicht vergessen konnte, welchen die weie, alte deutsche Dame auf ihn gemacht hatte, die als vermeintliche Frau des Okuro am Arm des jungen Japaners ans japanische Land gestiegen war. Dieser Schriftsteller schrieb ein Drama; und nachdem Monate vergangen waren und die alte Gromutter von deutschen Freunden nach Europa zurckgebracht worden war, las er sein Drama Kutsuma und Okuro vor. Kutsuma, welcher in Japan Frauenrollen spielte, war sehr begeistert von der Rolle der Ilse, und Okuro sollte die Rolle der weihaarigen Gromutter spielen. Der Schriftsteller hatte das Stck den Abendschnee auf dem Hirayama genannt. Der Abend der Vorstellung kam, und Okuro trug eine Percke aus weier Seidenwatte. Nie hatten die Zuschauer eines japanischen Theaters ein lebhafteres und atemloseres Spiel gesehen. Nur einige murmelten und wunderten sich, da der junge Ehemann das Drama spielen wollte, das sich erst vor Monaten ereignet hatte. Und viele nannten ihn herzlos und gefhllos, weil er den Tod seiner jungen Frau nicht ernster nahm als ein Drama. Der letzte Akt kam und die Szene, wo die gerettete Gromutter aus der Kabinentr kriecht und whrend des Schiffsunglcks nach Ilse schreit. Sie tastet sich vorwrts. Aber statt dessen richtet sich der die Gromutter spielende Okuro auf und springt an die Theaterrampe vor, streckt die Arme ins Publikum, und statt in Wehklagen ber die Ertrunkene auszubrechen, ruft er: Seht mich aus dem Schrecken neugeboren und weise und khl geworden, wie der Abendschnee am Hirayama! Klatscht in die Hnde, klatscht Beifall dem Grten, dem Gott des Unglcks, der die Herzen erlst, der mnnlicher ist als das Glck, der einen Willen hat, wenn das Glck keinen mehr hat. Gedankenvoller, als der Schnee am Hirayama ber dem Biwasee im Abend scheint, ist der Blick des Unglcks, wenn er sich auf uns richtet, feierlicher und gigantischer ist die Weisheit des Unglcks und ragt ber alles Wissen. Ich beweine sie, die Ertrunkene, nicht, und ihr sollt auch mich nicht beweinen, der ich die Gunst des grten Gottes geno, die Gunst des Unglcks, das heiliger ist als der Augenblick des Glckes. Klatscht Beifall, rief Okuro noch einmal; und dann kam Kutsuma, der, als Ilse verkleidet, jetzt ertrunken sein sollte und nicht mehr zu erscheinen hatte, und fing den wahnsinnig gewordenen Freund in seinen Armen auf. Die Zuschauer sahen noch, wie Kutsuma dem Okuro die weie Percke vom Kopfe ri, um ihm Luft zu machen und sein Gehirn zu khlen. Da-- mit einem einzigen Ausruf des Schreckens erhob sich das ganze Theaterpublikum; denn Okuros Haar war unter dem Spiel vor Schmerz so wei geworden wie die Watte der weien Percke. Einer im Theater wies es dem andern und wurde ehrfrchtig vor der Seele des Liebenden, die hier grer als die Kunst des Schauspielers gespielt hatte. Alle im Theater weinten; und keiner, der je zum Biwasee kommt und den Abendschnee am Hirayama bewundert, vergit der Geschichte des Liebenden zu gedenken, den das Unglck wei wie Schnee machte. Der Mond, der ohne Wrme lacht Drben ber dem Flu in der Nacht Schwimmen die Berge im mondigen Nebel. Im Flu, im dunkeln, da funkeln sacht Die hellen Wellen in grellen Kreisen. Im Himmel steht, groes Feuer entfacht-- Der Mond, der ohne Wrme lacht, Wie einer, den Liebe lngst umgebracht. Nun lebt er noch als Geist bedacht. Die Liebe kennt das Wrtlein sterben kaum Nachtwinde umschauern die Fenster Und dicken Mauern des Hauses. Waldgipfel kauern drunten im Dstern. Im Loch der Nacht lauern Wie eines Raubtiers Nstern-- Todesgedanken. Es ist, als ob die uralten Wnde wanken. Ein Kuzchen lockt mit Geschrei Den Schauder der Sterbestunde herbei. Sein Hilferuf gellt wie von einem, der sich die Stirn zerschellt. Waldbltter rasseln und Regen fllt, Und still ist auf einmal wieder die Welt, Als ob jemand die Atemzge dir zhlt. Zu meiner Seite aus tiefen Kissen Spricht die Liebste im Traum. Ihr Traumwort hat allen Spuk mir zerrissen-- Die Liebe kennt das Wrtlein sterben kaum. Worte sterben, wenn die Trne spricht Eine Trne, wenn geqult aus dem Auge kroch, Wenn sie fllt, schlgt ein Loch in die Welt. Wenn die Trne sich bewegt, trgt sie Last; Berge rollen bei der schweren Trne Hast. Trnen leben sich zum bittersten Genu; Worte heben Trnen oft ans Licht. Trnen eine Gnade dir nur geben: Worte sterben, wenn die Trne spricht. Immer Lust an Lust sich hngt Alle Dinge knnen sehen. Sag nicht, da sie blind dastehen. Sag nicht, da sie dunkel gehen. Huser, Bume, Wege, Wind, Sthle, Tische, Bett und Spind, alle Dinge sehend sind. Alle Dinge knnen denken. Nicht nur Stirnen Geist dir schenken, Alle Dinge Geister lenken. Kleiner Mcken grauer Zug, Spinnwebfaden leis im Flug; jeder Grashalm denkt genug. Und es lieben alle Dinge. Wie die Vgel mit Gesinge Liebt sich alle Welt im Ringe. Eines hin zum andern drngt, Jedes seine Lust sich fngt. Immer Lust an Lust sich hngt. Holzfle Es sind Holzfle den Flu herabgekommen, Die sind ber die Spiegelbilder der Ufer geschwommen. Es sind tote Wlder, die den Flu hinabgleiten, Schiffshlzer, die bald in die Salzmeere reiten, Tote Leiber, um die einst grne Kleider gehangen, ber deren Falten die Sonne streichelnd gegangen. In ihren Brsten sangen die Vogelscharen, Und ihre Brste voll singender Seufzer waren. Stumm schwimmen sie weiter, die hlzernen Leichen, Bald werden sie die bitteren Meere erreichen, Wo sie wie Geister durch Unendlichkeit jagen Und die Sehnsucht rund um die Erde tragen. Eingeschlossene Tiere Esthe, die Tochter des englischen Botanikers Horseshoe, war in Indien, in Kalkutta, geboren und sollte jetzt in ihrem sechzehnten Lebensjahre fr immer mit ihrem Vater nach England zurckkehren. Esthe war an Indien angewachsen, wie eine Koralle am Meeresgrund. Sie versuchte auf alle erdenkliche Weise einen Grund zu finden, um in Indien zurckbleiben zu drfen. Sie verfiel, wie junge, hartnckige Mdchen leicht tun, auf das Resoluteste und das in ihren Augen Einfachste: sie wollte sich von einem jungen Indier entfhren lassen. Zu Haus waren bereits alle Zimmer geleert, alle Kisten zugenagelt, alle Koffer zugeschnallt, und Esthe wohnte mit ihrem Vater whrend der letzten Nchte im Grandhotel von Kalkutta. Es war Sonntag, und am Montag wollten Vater und Tochter den Schnellzug nach Bombay nehmen, um dort den Dampfer der P.- und O.-Linie zu erreichen und sich nach Southampton einzuschiffen. Es ist Sonntagnachmittag. Der Frhjahrssturzregen hat aufgehrt, die Rasenerde des riesigen Maidanplatzes vor dem Hotel hat alle Pftzen und Wasser schnell verschluckt, die Sonne blitzt wie nagelneu am Himmel, und die Damen im Hotel erscheinen mit den ersten Frhlingsstrohhten der Londonsaison auf dem Kopfe. Der Botaniker Horseshoe schrieb auf einer Schreibmaschine im Lesesaal des Hotels seinen letzten botanischen Bericht fr die Kalkutta-Times, und Esthe sagte ber die Schulter ihrem Vater, da sie noch eine Radtour um den Maidan machen wrde. Sie fuhr ein paar Minuten spter auf dem vernickelten, blitzenden Rad um den mehrere Kilometer groen, freien Rasenplatz, den Kopf geduckt und in die Luft gebohrt wie eine hitzige Hummel. Bei einer groen Allee bog sie scharf und energisch um die Ecke und flog unter den Bumen hin, zum zoologischen Garten. Dort war soeben das Sonntagnachmittagskonzert beendet, hohe Equipagen kamen Esthe in langen Reihen entgegen. Das junge Mdchen vermied es aufzusehen, um nicht Bekannte gren zu mssen. Sie lie ihr offenes Haar wie eine Rasende im Winde wehen und jagte wie ein Spuk an der Wagenkette vorber. Die weigekleidete Regimentsmusik verlie soeben mit ihren blitzenden Messinginstrumenten den Garten, als Esthe am groen Gittertore vom Rade sprang. Der Portier des zoologischen Gartens kannte Esthe; sie war tglich hier in dem mchtigen Park, wo die roten Dcher der Tierhuser unter dem blulichen Grn der Knigspalme und der Kasuarinenbume wie rote Zelte leuchteten. Der indische Portier lchelte tglich ber die hastige kleine Mi, die sich von einem der jungen Grtnerburschen durch die Baumreihen und an den Kfigen vorbei oft lange Nachmittage begleiten lie. Todor, der junge Grtner, ging dann, zwei Schritt entfernt, wie ein brauner Kfer immer schweigsam neben der jungen plaudernden Dame. Jedermann im Garten, alle Tierwrter und Grtner wuten, da der Bursche sich unter den Blicken der kleinen Mi vor Ehrfurcht, Ergebenheit und Schwrmerei wie ein Mimosenkraut zusammenrollte. Todor hier? fragte jeden Tag die kleine Englnderin und schttelte ihr wachsblondes offenes Haar vor dem uniformierten indischen Portier beim Eintritt in das Gittertor. Dabei schwang sie die kurze Reitpeitsche, die sie als Radfahrerin gegen die Hunde in der Hand hielt. Der Portier legte, lchelnd und sich tief verneigend, schweigend die rechte Hand an die Stirn und deutete mit der linken auf ein hochstmmiges Malvenbeet, dahinter der weigekleidete sechzehnjhrige Bursche wie eine Maus mit schwarzem Gesicht kauerte und die feuerfarbenen Bltenzepter der Malvenstcke an Bambusrohr festband. Seine Augen waren wie schwarze Papierasche und scheinbar tief versunken in die Blumenarbeit; aber seit Stunden warteten sie auf die blahutige junge Dame. Eine Stunde vor Sonnenuntergang schlo heute der Portier den Garten, und da das Fahrrad vom Gittertor verschwunden war, blieb er berzeugt, da die kleine Englnderin schon heimgefahren sei. Aber Esthe war hinter den letzten Husern des Gartens, bei dem Aquarium, versteckt geblieben. Ich soll morgen abreisen, Todor, hatte sie gesagt, und du weit, mein sehnlichster Wunsch war immer, einmal eine Nacht hier im Garten unter den wilden Tieren bleiben zu drfen. Ihr Grtner und Wrter seid auch nachts hier. Warum soll ich nicht bleiben knnen? Ich mchte im Finstern an den Kfiggittern entlang gehen und die Tigeraugen sehen, wenn sie grn und gelb auf mich losstrzen; die groen fliegenden Hunde, die tagsber schlafen und kopfber an den Bumen hngen, mchte ich nachts aufwachen sehen und mchte sehen, wie die Schlangen sich nachts am Glas der Aquarien elektrisch reiben. Und vor allem habe ich Appetit nach dem verruchten Gebrll der Heulaffen, die im Mondschein klagen sollen, als ob sie sich gegenseitig erdrosselten, und dann mu ich die Signalpfiffe der groen Trompetennachtigallen kennen lernen. Habe ich die Nacht hier angenehm zugebracht und gehe morgen frh nach Hause ins Hotel, so wird es dann fr meinen Vater auch zu spt, um mit dem Schnellzug abzureisen. Dann versumen wir das Schiff in Bombay; ich habe wieder eine Woche gewonnen, und die Abreise wird verschoben bis zum nchsten Schiff. Todor der Grtnerbursche verstand mit seinen Augen, die wie brauner Honig glnzten, alles, wenn auch sein Ohr nicht jedes englische Wort begriff. Er nickte bestndig; so wie man im Wasser seinem eigenen Spiegelbild zunickt, so nickte er in die klarblauen Augen des kleinen Fruleins. Esthe hatte sich bis zur Schlieung des Gartentores verstecken wollen, und Todor hatte sie in eine Tuberosenlaube gefhrt, die hinter dem Aquarium stand. Dort saen sie unter breitbltterigen Schlingpflanzen wie in einem grnen hohlen Schuppenleib. Esthe lag auf einer Bank, Todor hockte vor ihr auf dem feuchten Tropenboden, der mit grnem Schimmel bedeckt war. Drauen verschwanden mit einem Male die rotsandigen Gartenwege in der pltzlichen Tropendmmerung. Esthe erzhlte von den Pflanzensammlungen ihres Vaters, und Todor bewegte die Lippe in frherer Gewohnheit des Betelkauens. Das Betelkauen hatte sich der Grtnerbursche abgewhnen mssen, da Esthe den roten Saft, den er dabei ausspuckte, nicht leiden konnte. Aus dem pltzlich grauen Abendlicht drang jetzt das langausgestoene Geheul der wilden Tiere gleich Rufen aus gewaltigen Muschelhrnern in die Laube. Wie wre es, sagte Esthe, wenn wir jetzt die Schlssel zu den Husern der Tiger und Schlangen bekmen? Noch abwarten, sagte Todor und ging auf den Zehen zum Ausgang der Laube. Die Luft des Gartens begann wtender nach Tierhaut und Tierschwei zu riechen. Esthe gruselte es angenehm bei dem wilden Geruch. Todor ging um die Laubenecke. Esthe starrte hinaus. Alle Bume verschwanden jetzt, als gingen sie alle aus dem Garten, und Strme von Dften wanderten wie fremde lebendige Wesen durch die Dunkelheit. Auch alle Farben begannen zu wandern. Der Scharlach der Kakteenblten war pechschwarz geworden, die blauen Mandarinenblten leuchteten wei, die Yukkapalmen glitzerten wie Fischgrten und Fischgerippe und die Palmyraschfte wie groe weie Elefantenknochen. Die Dunkelheit gab den Bumen klumpige Beine und den Bschen gedunsene Leiber, da sie Molchen glichen; die Nachtfarbe verwandelte die Welt der Pflanzen in eine Tierwelt. Die Erde vor Esthes Fen dnstete einen bittern Schwei aus, den das Mdchen wie ein Gift auf der Zunge schmeckte. Das vielgestaltige Echo aus den Tierhusern vertausendfachte sich in dem Garten, als ob ganze Haufen eingeschlossener Tierherzen Selbstmord begingen und ihrem fliehenden Leben nachklagten. Esthe stand von der Bank auf und tastete sich durch die Laube. Sie griff nach den weilichen Tuberosen; die fhlten sich wie glatte, schleimige Augpfel an, die sich unter ihren Fingerspitzen bewegten. Sie griff in die Schlingpflanzen, die waren wie das Gekrse und Eingeweide eines frischgeschlachteten Tierleibes, lauwarm und weich. Todor! rief das junge Mdchen. Todor aber schien verschwunden. Esthe bog ihre Reitpeitsche krampfhaft um die Knie. Es war jetzt ganz finster in der Laube, und wie eine hohle Brandung tobte drauen das Geheul und Gebell aus den Kfigen. Esthe kannte wohl die indischen Nchte voll Zikadengerassel und Affengeschrei; auch die Schreie der Schakale und das Gelchter vieler wilden Nachtvgel hatte sie gehrt, aber diese langen, qualvollen Stoseufzer eingeschlossener Tiere, welche die Luftwellen aufregten, da die Bltter im Dunkel zischelten, diese inbrnstigen Sehnsuchtsschreie, langgezogen und schneidend, als mten sie die Kfiggitter zersgen, dieses Blutgeheul der tierischen Frhlingswollust, dazwischen das Klirren der eisernen Gitterstbe, die geschttelt wie Ketten unter dem Freiheitsdrang wahnsinnig gewordener Bestien rasselten, das hatte Esthe noch nie gehrt. Esthes Herz schauderte und begann sich wie ein selbstndiges Geschpf zu regen; sie fhlte ihr Herz aufrecht, mit groen stoenden Schritten durch ihren jungen Leib wandern. Ihr Herz machte Sprnge wie ein kralliger Panther, und es dehnte und rollte sich auf wie eine sich wlzende Riesenschlange, aber blieb doch immer am gleichen Fleck wie eine festgewachsene Seepflanze, die sich mit verwirrenden Fden aufkruselt, um sich greift und Nahrung sucht. Und alle die Schreie in dem finstern Garten, die aus den Tierkehlen platzten und der Luft wehtaten, wurden in Esthe wie ihre tausend eigenen Stimmen. Alles, was im Garten an Wildheit wucherte, an Inbrunst und Leidenschaft, wurde zu Esthes Herz. Ihr Blut ging alle Tierverwandlungen durch, als wollte es fort aus ihrem Leib, vielgestaltig in die Nacht strmen; wie die Raubtiere, die ihre Haare an den Gitterstben reiben und ihre Tatzen durch die Eisen drngen, drngte das Blut des jungen Mdchens nach einer unbekannten Freiheit. Wo ist Todor? rief es in Esthe. Er hat den Blick der groaugapflichen Tiger; er ist wie die geschmeidigen, knochenlosen Schlangen. Heute nachmittag auf dem Gartenweg hing sein Schatten schwer und schwarz an ihm, wie die groen fliegenden Hunde an den Bumen hngen, mit dem Kopf nach unten. Todor schweigt immer, aber seine Augpfel sprechen mehr als Tag und Nacht. Es ist finster drauen vor der Laube, als htte Todor mit seinen Augen den ganzen Garten verschluckt.-- Todor ist jetzt alles, er ist das groe Finster drauen, und er ist das Blut in Esthe geworden, das wie eine Elefantenherde ihr Herz zerstampft. Das junge Mdchen lie die Reitpeitsche fallen. Sie prete die Hnde an ihren nackten Hals und begann mit einem Male wie eine Krhe laut aufzuschreien. Esthe schrie mit hochgehobenen Hnden, sie stand auf den Zehen aufgerichtet und schrie endlos-- da die Heulaffen schwiegen, das Tigergebrll sich verkroch und alle Tiere hinter den Gittern den Atem anhielten. Der ganze finstere Garten horchte ein paar Augenblicke auf den hohen Fistelton des Hilfegeschreis eines jungen Menschenweibes. Endlich tauchten Laternen auf, Lichter spiegelten sich in den Teichen, in den Glashusern, und von neuem warf sich das Tiergebrll an die bronzenen Gitterstbe, den Laternen entgegen, und bertnte Esthes Geschrei. Riesige Schatten von vorwrtstastenden Menschen fuhren aus den Baumspalten. Gartenwege und Blumentpfe erschienen, und es war, als eilten Haufen von Bumen und fliegende Wesen herbei. Beleuchtet von den Laternen, stand Esthe mit aufgereckten hellen Armen und schrie allen entgegen. Sie rhrte sich nicht vom Platz, sie schrie ihren Schreien nach. Dann pltzlich strzte sie wie ein geblendetes Insekt mitten zwischen die Laternenspiegel. Hilfe vor Todor, Hilfe, Hilfe vor Todor! schrie sie den verblfften Leuten ins Ohr. Sie klammerte sich an vier Wrter zugleich, die sie wie eine Barrikade zum Schutz um sich stellte. Man suchte in der Laube, nirgends war Todor zu sehen. Die Wrter trugen das ohnmchtige Mdchen durch den Garten, darinnen die vom Licht aufgescheuchten Tiere jetzt noch lauter, gleich einem wilden Heergetmmel, tobten. In der Nhe des Straentores glaubte ein Wrter Todors Gesicht hinter einem Busch zu sehen. Als man von neuem suchte, fand man ein Leinwandpckchen voll Silbermnzen neben der Tr des Portierhauses hingelegt. Todor war, als er Esthe entschlossen sah, nicht abzureisen, von des Mdchens khnen Nachtgedanken gleichfalls khn gemacht worden. Er hatte Esthes Fahrrad vorsichtig durch das Parkgitter geschoben, hatte es in der Stadt zu einem indischen Bekannten gefahren und es diesem verkauft, und war gleich mit dem Gelde zurckgekommen, um Esthe die Silbermnzen einzuhndigen, damit sie immer in Kalkutta bleiben knne. Denn das junge Mdchen hatte in der Abschiedsstimmung an den letzten Nachmittagen fters wiederholt, wenn sie sich Geld verschaffen knnte, wrde sie in Indien bleiben. Sie wollte gern alle ihre Kleider und sogar ihr geliebtes Fahrrad verkaufen, wenn sie nur wte, an wen. Als Todor mit dem Geld in der Hand zurckkam, bemerkte er von weitem den Laternenzug und den Wrterhaufen, der Esthe in einen Wagen trug. Todor legte das Geld rasch an die Portierloge und verschwand aus dem Garten. Esthe ist am nchsten Morgen mit ihrem Vater nach England gereist, und jedermann im zoologischen Garten wei jetzt, da Todor sich am Huklayflu auf einem Frachtschiff heuern lie, um Esthe in England zu suchen. Weltspuk Wir erstiegen, im Abenddunkel, Steinwege nach Westen, Sahen den Himmel wie einen Spiegelsaal liegen, Und die Sterne erschienen im grnlichen Quecksilbergefunkel, Wie ein Gewimmel metallischer Fliegen. Eine schwarze Wolke, wie Tinte ausgegossen, Stand vor dem Glanz, wie ein Fisch mit dstern Flossen; Und der Milchstrae glitzernder Drachenschwanz Schleifte nach sich eine verwilderte Lichtermasse, Da unser Verstand fortschweifte und sich die Worte verwischten Und klangen, wie ein dnner Hammer auf hohlem Fasse. Wir gingen ber die Hgel unter den Lndern der Abendwolke, Gleichwie in kmmerlichen Gewndern und gleich blinden Verirrten, Verbrdert mit dem Erdreich und dem Fledermausvolke, Deren Flgel uns zur Seite schwirrten. Der Steinweg kletterte in die dunkle Feldseite, In das Maul des Himmels, das weit aufgerissen, Als lgen Titanen dort ohne Gewissen Mit den alten Manen der Gtter im Streite. Ein mchtiger Stern, hell geschleudert von unsichtbaren Gestalten, Fiel voll Hitze grell und mute dunkel erkalten. Wir standen in seinem Lichtblitze auf der Erde Kruste Und versanken, wie der Stern, ins Unbewute. Wir bestaunten das Leben wie eine groe Kinderpuppe, Und erwarteten einen Schrei der Sternengruppe, Aus deren Mitte sich einer zu Tode fiel. Doch lautlos und einerlei Trieb die Nacht ihr verwegen Spiel, Verbrannte Welten, wie eines armen Menschen Hirn und Haus, Und rannte alte Sterne um und teilte neue Sterne aus. Zwei Reiter am Meer Einige Gste erhoben sich und verabschiedeten sich von der in Trauer gekleideten Hausfrau und vom Hausherrn, der die Abschiednehmenden durch die Diele zum Vorzimmer begleitete. Ein Herr und ich waren allein die Letzten in dem groen Bibliothekzimmer, wo wir nach dem Abendessen, zu dem wir geladen gewesen, alle um einen runden Mahagonitisch beim Licht einer grnverschleierten elektrischen Hngelampe plaudernd gesessen hatten. Ich hatte mich an diesem Abend nicht viel am Gesprch beteiligen knnen. Die weitgeffneten Tren in die erleuchteten Nebenrume, in das Musikzimmer, in den Speisesaal und in das Teezimmer, in denen berall sanftes Licht und eine unendliche Ruhe sich ausbreiteten, hatten meine Gedanken immer weiter von mir fortgezogen, und es war mir, als stnde mein Stuhl nicht im Bibliothekzimmer eines vornehmen Landhauses drauen im Waldhuserviertel am Rande einer Weltstadt, sondern am Rande eines Weltteils stand ich und sah auf ein Weltmeer, auf einen grauen Ozean, dessen Wasserlinie in der Ferne zu Himmelswolken wurde, zu Nebelbrodem; und nur in weiten Abstnden warf manches Mal eine langgezogene Strandwelle eine weie Sprhschaumwolke in die Luft. Nur diese eine groe Wellenzuckung zeigte Leben auf jenem Wasserweltteil. Sonst waren Himmel und Wasserflche atemlos ausgebreitet und verschwanden weit drauen im Nichts der Unendlichkeit. Vor mir aber, ganz nahe am Wasserrand im Dnensande, lebte das rassige Gliederspiel zweier vorberschreitender Reitpferde, die von zwei Menschen geritten wurden, die ich aber nicht nher beachtete, weil vorerst nur die beiden Pferde und das einheitliche ungeheuerliche Weltalleben von Meer und Himmel meine Aufmerksamkeit anzogen. Der Glanz von den Flanken der spiegelglatten Tiere und hie und da der Glanz im Meer, der von den weithin streichenden Linienwellen angeregt auf- und abzuckte, machten Pferde und Reiter wie zu Spiegelgebilden, zu Schattentnzern vor dem weiten Luft- und Wasserraum. Es war ein hoheitsvolles Schreiten in den Beinen und Fesseln der spielend und tnzelnd auftretenden Pferdegestalten. Es war wie ein Musizieren in der Luft, ein gaukelndes Tnespiel in der adligen Beweglichkeit der Tiere, als mten das Meer und der Himmel zu einem riesigen Instrument werden, auf dem Melodien geboren wurden beim rhythmischen Vorwrtsschreiten beider Reitpferde. Es kam mir nicht zum Bewutsein, da der lautlose Dnensand alle Gerusche verschlucken knnte. Auch der Sand, schien mir, wurde zu rieselnden Tnen unter der Berhrung der zierlichen und rassigen Glieder der Pferde. Das Weltall um die Reitenden tnte bald gedmpft jauchzend auf, bald klang es schneidend weh zu mir her wie die Gerusche der langen schneidenden Linien der flachen Strandwellen. Dieses Bild, das ich so lebendig sah, das Bild der zwei Reiter am Meer, hing im nchsten Zimmer, im Musiksaal, in goldenem Rahmen ber dem Flgel. Ich konnte es vom Bibliothekzimmer aus nicht mehr sehen, aber das Bild kam immer wieder zu mir. Der Hausherr hatte mich, als wir nach dem Abendessen aus dem Speisesaal kamen, auf das Bild, das ihm das Lieblingsgemlde seines Hauses war, aufmerksam gemacht. Und ich hatte mich einen Augenblick auf eine Sessellehne gesttzt und hatte meinen Krper am Sessel verlassen und war mit meinem Geist durch den Rahmen des Bildes aus dem Haus, aus dem Land weit fort gegangen und an den Meerrand getreten. Als wir dann spter im Bibliothekzimmer um den runden Tisch saen, war es, wie ich es eben beschrieb. Das Bild kam immer wieder zu mir. Es hob die Wnde der Zimmer fort. Die Ruhe der beleuchteten Nebensle wurde zur Ruhe des Weltmeeres, das gedmpfte Licht in den Rumen zur Ruhe des Himmelslichtes ber den Urwassern. So wute ich, als ich mechanisch aufgestanden war und der Hausherr mit einigen Gsten das Zimmer verlie, bald nicht mehr, was Wirklichkeit und was Unwirklichkeit war. Es stand eine weite gedmpfte Festlichkeit um mich, von der ich mich halb nicht trennen konnte, und halb wieder getrennt fhlte, da diese Festlichkeit nicht mir gehrte. Denn es war die Festlichkeit der Schmerz und Freude ausgleichenden Todesstunde, die aus den Zimmern dieses Hauses noch nicht gewichen war, die den Alltagsrumen eine hhere Verklrung hatte geben knnen, als es sonst hier laute Feste vermocht hatten. Ich war in demselben Hause vor Jahren zu einem groen Abendfest gewesen, aber die erlesen geschmckten Frauen und geistesgewandten Mnner hatten bei Tanzschritten, Witz und Frhlichkeit, bei Wein und Musik keine hnliche Gre der Festlichkeit schaffen knnen, keine hnliche Erhhung des Hauses, wie es jetzt ein einziger Mensch getan, ein junger Mensch, der einzige Sohn, der durch seinen Todesschritt das Haus an den Rand der Unendlichkeit gestellt hatte. Wie diesem war es nur dem Knstler gelungen, das Haus fortzuheben, ihm, der jenes Gemlde geschaffen, das nicht blo ber dem Flgel im Nebenzimmer hing, sondern das die Kraft hatte, Haus und Beschauer an das Erdende zu entrcken, dorthin, wo das Reich der fliehenden Wasser, das menschenleere Reich der Ozeane beginnt, darauf der Mensch nur zeitweiliger Gast sein, aber nicht Fu fassen kann, wo ihn Tiefe und Weite verschlngen, wenn er die Grenze von der Wirklichkeit zum Nichts berschreiten wrde. Ich stand noch unschlssig, berlegend, ob ich den Gsten, die gegangen waren, folgen sollte, oder ob ich noch bei der Todesfestlichkeit, die in diesen Rumen lag und mich anzog, verweilen durfte. Der Gestorbene war ein junger Musiker gewesen. Drben am Flgel hatten Mutter und Sohn oft Stunden verbracht, wenn sie sang, was der junge Mann erdacht; wenn er ihr vorspielte, was die Stimme seiner Jnglingsgefhle, seines Jnglingsernstes und seiner Jnglingseinsamkeit auftnen lassen mute. Damals waren beider Herzen, das der Mutter und das des Sohnes, wie die zwei Reiter am Meer gewesen, deren Pferde im gleichen Takt schritten, und die melodisch vor der Unendlichkeit des Himmels und des Meeres, vor der Zukunft und vor der Vergangenheit hinzogen. Nun war die Einheit zerrissen. Die zarte und zierliche, tief getroffene Mutter stand noch fassungslos vor dem unfabaren Schmerz. Die Melodie der Einheit war abgebrochen. Das Leben gab keinen Klang mehr als den des Schluchzens. Schluchzen noch nachts in den Trumen, Schluchzen morgens beim Erwachen, Schluchzen am Tage beim Schreiten durch die lautlosen Rume des Hauses und durch den noch lautloseren Raum des eigenen Herzens. In den letzten Sommertagen war der junge Mann noch Leben und Lebenslust gewesen. Dann war er erkrankt. Seine Lunge fieberte. Die Sprache, seine Stimme, starb zuerst. Dann entglitt der Blick, die Augen erlschten, und der warme Krper, den die Mutter umschlang, entfremdete sich selbst dem Mutterherzen und verschwand in der Klte des Todes. Nun waren Monate vergangen. Niemals mehr hatte die Mutter den Flgel im Musikzimmer ffnen knnen. Sie hatte den Sohn immer noch begraben mssen, den Gestorbenen immer wieder begraben. Sie hatte noch nicht die Kraft gehabt, den Sohn verklrt vor sich auferstehen zu lassen. Aber alles Abschiednehmen mu von einem Wiederkommen abgelst werden. Auf die Trennung, die das Sterben bringt, folgt die Wiederkehr, die Stunde der Auferstehung. Das Leben lt sich nicht bis ins Unendliche begraben, auch das tote Leben nicht. Auch im Tod ist ein Wellenschlag. Das Land hat seine Berge und Hgel, das Meer seine Wellen und Wogen, der Himmel seine Wolken und seine Gltte. Und auch das vergangene Leben hat sein Gehen und Wiederkehren. An diesem Abend war mir unbewut klar geworden: der Tote war zu seiner Mutter und zu seinem Vater verklrt wiedergekehrt. Er war wieder auferstanden in den Rumen des Hauses. Der junge Mann stand neben uns und wollte uns von seiner bersinnlichkeit einen Ausdruck geben. Seine Todeswelle, raumloser als die rumlichen Wellen, die wir Lebenden fhlen, wollte sich vor uns verkrpern. Dieser feierliche Schauder berhrte mich noch, als die trauernde Frau des Hauses zu mir sagte und auf den Gast deutete, der auer mir noch im Zimmer geblieben war: Sie gehen doch noch nicht? Ich dachte, wir wollten heute abend noch ein wenig Musik hren. Sie wissen, es ist seit Monaten kein Ton in diesem Hause gespielt worden. Der junge Mann, den sie zum Spielen aufforderte, war ein sehr feiner, knstlerisch ernster und gewandter Klavierspieler. Er spielte uns dann gute Werke groer Komponisten vor, verabschiedete sich aber bald. Mich jedoch hielt eine Spannung fest, eine Erwartung, eine Sehnsucht nach der Verkrperung der berirdischen Festlichkeit des Todes, die mich in diesen Rumen nicht verlie. Die beiden Klavierlampen brannten noch am offenstehenden Flgel. Unweit von mir auf einem kleinen Damenschreibtisch stand die Photographie des jungen Verstorbenen. Drauen vor den weiverschleierten Fenstern des Hauses lehnte das Schweigen des dunkeln Gartens, des dunkeln Waldes. Ich wute, die Nachtlandschaft drauen war schneelos und winterlich dster. Es war Februar, und das Grab des Toten lag fern irgendwo in einem der mchtigen Grostadtfriedhfe. Und jenes Grab unterschied sich in nichts von der Wintererde und in nichts von den andern Millionen Grabhgeln, die berall auf der Welt jahraus, jahrein hervorwachsen, die im Sommer begrnt sind wie die Wlder und Wiesen und im Winter verlassen scheinen wie die Wlder und Wiesen. Der Geist der Toten aber lebt Sommer und Winter in einer verklrten Jahreszeit, die wir auf Erden nicht kennen, die sich aber auf uns herabsenkt, wenn sich ein Toter uns mitteilen will. Beim Gemisch der eisigen Wellen des Toten und der Wrmewellen unseres Herzens entsteht jene schauerse Stimmung, in der wir frstelnd fhlen, der Tote ist auferstanden und kehrt verklrt bei uns ein. Ich wagte unter dem Bann dieser Stimmung die Frage an die trauernde Mutter, ob sie nicht ein Lied ihres verstorbenen Sohnes singen oder ein Musikstck von ihm spielen mchte. Sie lchelte schmerzlich und ging zum Flgel. Aber als wenn sie sich selbst vom gleichen Wunsch zum Klavier hingezogen gefhlt htte, schien sie mir dabei freudiger im Gang, von einer verhaltenen Freude umgeben. Allein im Hause, htte sie es vielleicht nicht gewagt, jetzt schon vor dem Vater des Verstorbenen Lieder und Tne aufleben zu lassen. Als die Trauernde sich zwischen die zwei hellen verschleierten Lampen an den schwarzglnzenden Flgel setzte und ihre schwarz eingehllten schmalen Schultern sich von den schneeweien Tllvorhngen abhoben, die senkrecht vor den Fenstern hinter ihr herabhingen, da war es mir noch nicht gewi, ob Leben aus dem Flgel erwachen wrde. Ich mute immer noch denken, da diese in tiefe Trauer gehllte Mutter den Sohn immer noch begrub. Der Flgel vor ihr wurde mir wie zum glnzend schwarzen Sarg, an dem sie sich, wie mir schien, niederlassen mute, um zu schluchzen, um zu weinen und zu begraben. Ich wute nicht, ob die Trauernde schon reif war, den Toten auferstehen zu lassen, in jener Verklrung, in der ich als Fremder ihn bereits in den Rumen eingetreten fhlte. Es wrde mich nicht verwundert haben, wenn die noch schwer Erschtterte nach den ersten Tnen das Spiel abgebrochen und ihr Gesicht in die Hnde vergraben htte. Aber sie war reif zum Empfang des Zurckkehrenden. Mit einem wunderbaren Mut, als berschritte sie selbst freudig die Schwelle vom Leben zum Tod, entlockte sie dem Flgel die alten Wohllaute, die nur ihr vertrauten einsamen Jnglingsgefhle des Sohnes, die mnnlich junge Lust und die mnnlich jungen Zweifel, die einst in ihm gerungen hatten. Und als sie eines der letzten seiner Lieder sang, geschah vor meinen Augen das Wunderbare: die reife schne Frau sang sich an den jugendlichen Weisen ihres Sohnes zur eigenen frhesten Jugend zurck. Und ihr Frauengesicht wurde mdchenhaft, aller Enttuschungen bar. Mdchenhaft glubig und vertrauend wurden die Augen beim Aus- und Einatmen der Musik. Die Vergrmte verklrte sich unter der Verklrung des Toten. Und ich sah Mutter und Sohn auf zwei groen, berweltlich groen, jugendlichen Rossen, von denen jedes die Verkrperung eines Schicksals zu sein schien, am Meer der Unendlichkeit hinreiten. So sehe ich beide dort heute noch und in Ewigkeit als zwei Reiter am ungeheuren Meer am Rand der Welt. Und wenn ich in neuen Stunden und in anderen Rumen dieser Frau wiederbegegnen werde, sie wird fr mich immer die vom Todesschmerz mdchenhaft verklrte Mutter sein, die, auf der Linie zwischen Leben und Tod, lebender in der Entrckung auflebt als im Irdischen. Von den in diesem Auswahlband abgedruckten Novellen sind Der Garten ohne Jahreszeiten, Im blauen Licht von Penang, Likse und Panulla, Der unbeerdigte Vater und Eingeschlossene Tiere der Novellensammlung _Lingam_ entnommen, Der Wildgnse Flug in Katata nachschauen, Das Abendrot zu Seta, Die Abendglocke vom Mijderatempel hren, und Den Abendschnee am Hirayama sehen dem Buche _Die acht Gesichter am Biwasee_, Zur Stunde der Maus, Himalayafinsternis und Zwei Reiter am Meer den _Geschichten aus den vier Winden_. Die Leiern der Wollust sind ein Stck aus der groen Dichtung _Die geflgelte Erde_, die brigen Gedichte des Auswahlbandes entstammen den Gedichtbnden _Lusamgrtlein_, _Der weie Schlaf_, _In sich versunkene Lieder im Laub_, _Weltspuk_, _Des groen Krieges Not_. * * * * * Von _Max Dauthendey_ sind ferner bei Albert Langen erschienen: _Romane:_ Gedankengut aus meinen Wanderjahren Der Geist meines Vaters Raubmenschen _Novellen:_ Geschichten aus den vier Winden Die acht Gesichter am Biwasee Lingam _Gedichtbcher:_ Die geflgelte Erde Lusamgrtlein In sich versunkene Lieder im Laub Weltspuk Der weie Schlaf Die ewige Hochzeit-- Der brennende Kalender Des groen Krieges Not Bnkelsang vom Balzer auf der Balz Ausgewhlte Lieder aus sieben Bchern _Dramen:_ Die Spielereien einer Kaiserin Der Drache Grauli Die Heidin Geilane _Werke von Max Dauthendey_ _Romane_ Gedankengut aus meinen Wanderjahren Zwei Bnde _Dritte Auflage_ Geheftet 10Mark, gebunden 16Mark _Rheinisch-Westflische Zeitung, Essen a.R.:_ Dieses Gedankengut aus meinen Wanderjahren ist etwas ganz ungewhnliches, etwas, das seit langem in so kstlicher Reife nicht mehr hervorgetreten war, die Beichte nmlich eines bedeutenden Menschen, der den rechten Augenblick zu ergreifen wute, um die Jahre seines Anstiegs ruhevoll zu berblicken und in dankbarer Gesinnung Rechenschaft abzulegen von den Krften, die ihn bildeten, und von den Ereignissen, die diesen ergebnisreichen Weg kennzeichnen. Der Geist meines Vaters Aufzeichnungen aus einem begrabenen Jahrhundert _Dritte Auflage_ Geheftet 5Mark 50Pf., gebunden 8Mark 50Pf. _Der Tag, Berlin:_ Ein kleines Wunder ist passiert: ein deutscher Knstler, bisher nur wenigen vertraut, hat ein Buch geschrieben, jedermann zur Freude und doch ohne Konzession an jedermanns Geschmack. ... Ein Einsamer, der pltzlich ein Erfolgsbuch schreibt, ohne zu kapitulieren-- in Wahrheit, ist's kein Mirakel? Ein Dichter erzhlt. Erzhlt nichts anderes als die Geschichte seines Vaters und seiner eigenen Jugend... Aber es liest sich wie ein Roman! Raubmenschen _Roman_ _Fnfte Auflage_ Geheftet 6Mark 50Pf., gebunden 9Mark 50Pf. _Hamburgischer Correspondent:_ Dieses Poem ist erfllt vom Duft der Urwlder und von tausendtnigen Liedern.... Dauthendeys Strke ist sein unerschpfliches lyrisches Weltgefhl. Sein lyrisches Malerauge-- um mich prziser auszudrcken. Er stellt es jeden Tag schier vor neue Aufgaben. Zuflligkeiten-- reale und imaginre Wanderbilder-- werden von ihm zu grandiosen Symbolen verdichtet. Seine Sprache ist getrnkt mit heien Sonnenstrahlen. Sie ist bunt und prchtig wie das Fell eines Jaguars. Sie ist wie ein tropischer Wald, wie diese ganze wilde =tierra caliente=. _Novellen_ Lingam _Asiatische Novellen_ _Siebente Auflage_ Geheftet 3Mark, gebunden 5Mark 50Pf. _Frankfurter Zeitung:_ Seit den Asiatischen Novellen des Grafen Gobineau ist mir kein Buch begegnet, das den eigentmlich narkotischen Zauber jener exotischen Welt so echt ausstrmen liee wie die Sammlung _Lingam_ von Max Dauthendey. Die acht Gesichter am Biwasee _Japanische Liebesgeschichten_ _Elfte Auflage_ Geheftet 4Mark 50Pf., gebunden 7Mark 50Pf. _Neue Freie Presse, Wien:_... Der feinen, seltenen Kunst Dauthendeys gelingt es, uns ganz in dieses fremde Geistesleben einzufhren. Und es ist ein so einfaches Leben in den stillen Landschaften, die doch alle Leidenschaften der Erde bergen, so einfach und so kompliziert wie die Wirklichkeit. Gedichte in Prosa sind es, wie fremdartige Volkslieder klingen sie, wie ein Gru aus der fernen Welt der Sehnschtigen. Geschichten aus den vier Winden _Fnfte Auflage_ Geheftet 5Mark, gebunden 8Mark _Leipziger Tageblatt:_... Der erzhlende Mensch, der eine so wohltnende Stimme und-- ich finde kein anderes Wort-- eine so riesig anstndige Gesinnung hat, steht fr mich sichtbar zwischen allen diesen Geschichten, so da in der Rckerinnerung fast alle gleich starke sympathische Kraft behalten. Gerade ein paar leichte Skizzen, Erlebnisse eines Nachtspazierganges, eines Besuches, einer Abendgesellschaft, geben immer den ganzen Menschen und damit die ganze Welt. Und auch die grotesken Geschichten sind bei aller Lustigkeit voller Gte, voll eines Lachens, das nicht nur ein Eckchen des Daseins bescheint, sondern immer das Ganze... Zwischen alledem stehen ein paar Liebesnovellen im Sinne des Boccaccio, hchst persnlich vorgetragen, aber in streng geschlossener Arabeske,-- hchst wrdige Stcke eines noch ungeschriebenen nordischen Dekamerone. _Gedichtbcher_ Ausgewhlte Lieder aus sieben Bchern Mit dem Portrt des Dichters _Fnfte Auflage_ Geheftet 1Mark, gebunden 2Mark _Neue Wrzburger Zeitung:_ Das kleine Bchlein ist ein Geschenk, so berreich an Wundern und Schnheiten, wie mir lange keines begegnet ist. Dauthendey ist ein Meister der Sprache, ein Fhrer auf neuen Wegen; er besitzt eine lohende Phantasie und eine Bildkraft von titanenhafter Strke und hchster Eigenart. Die geflgelte Erde _Ein Lied der Liebe und der Wunder um sieben Meere_ Geheftet 10Mark, gebunden 15Mark _Die Gegenwart, Berlin:_ Ich halte das Buch fr ein bleibendes Denkmal unsrer gegenwrtigen Kultur. _Fremdenblatt, Wien:_ Die geflgelte Erde ist ein Weltengesang von hinreiendem Schwung und eine der grandiosesten Huldigungen, die je ein Dichter der Geliebten dargebracht hat. Lusamgrtlein _Frhlingslieder aus Franken_ Geheftet 2Mark 50Pf., gebunden 4Mark 50Pf. _Die Zeit, Wien:_ Er ist einer der grten Minnesnger, die in deutscher Sprache geflstert, geseufzt, geschwrmt, gesungen, gejubelt haben. Aber ein Troubadour von Anno dazumal ist er nicht. Keine Spur von Kniehosengeziertheit, von falscher Se ist an ihm, kein Geklimper unzeitlicher Instrumente girrt in seinen Versen. Ein brausend junges Temperament durchflutet sie, und wie das Ohr an der Melodie; so hat das Auge an den Farbenbuketts sich gefreut. Alle Blumen tragen ihre realen Namen, alle Dinge sind wirklichkeitsgem bestimmt. Die Liebe allein verklrt ihm die Welt, erfllt ihm die Welt, lehrt ihn, sie lieb zu haben. In sich versunkene Lieder im Laub _Zweite Auflage_ Geheftet 2Mark 50Pf., gebunden 4Mark 50Pf. _sterreichische Rundschau:_ Max Dauthendeys Kunst prangt nun in sommerlicher Reife. Liebe ist sein Wesen und sein Schaffen... Die Mannigfaltigkeit seiner Gleichnisse hat kaum irgendwo ihresgleichen: so angefllt mit Wunderworten ist sein Buch. Mchten die keuschen Gesnge hinausschallen, mchten sie in die Ohren der Menschen eingehen und den Seelen sagen, da die Quellen deutscher Dichtung heute noch so ppig springen und lieblich rauschen wie jemals... Weltspuk _Lieder der Vergnglichkeit_ _Zweite Auflage_ Geheftet 2Mark, gebunden 4Mark 50Pf. _Nationalzeitung, Berlin:_ Mit diesem Werk krnt sich Dauthendeys Schaffen. Fast kein Gedicht, das man nicht zweimal lesen mte. Jedes voller Schnheit, bestrickend mit der Se des Klangs, ergreifend mit der Glut des Gefhls, mit unerschpflichem Reichtum an Bildern, kstlichen, immer wieder neuen Vergleichen. Der weie Schlaf _Lieder der langen Nchte_ Geheftet 2Mark, gebunden 4Mark _Pester Lloyd:_ In der Liedersammlung Der weie Schlaf schillert es von schneebedeckten Fluren, Gest, Sonnenbleiche, Nebelbrauen, alles Ton in Ton, indes der Wind auf allen Orgelpfeifen blst. Ein immenses Leben ahnt Dauthendey in dieser Winterstille, und seine Lust stimmt sich herab auf das groe Warten der Natur. Das Kommende ist voller Hoffnung und Verheiung. Ein japanischer Holzschnitt oder Whistlers zarte Sinfonien in zwei Farben sind da zu einem durchsichtigen Wortgewebe geworden. Die ewige Hochzeit Der brennende Kalender _Zweite Auflage_ Geheftet 2Mark, gebunden 4Mark _Literarisches Echo:_ Die ewige Hochzeit ist das Hohelied Dauthendeys, von einer in unserer ganzen Literatur einzigen Glut der Verliebtheit. Den ganzen Leib der Geliebten, ihre Hand, ihr Herz, ihren Mund bedeckt er mit Liedern wie mit Kssen. Bnkelsang vom Balzer auf der Balz Geheftet 3Mark, gebunden 5Mark _Literarisches Echo:_ Dieser Humor der hchsten Weisheit, der mit einem frhlichen Trotz alle Schwerkraft und alle dunklen Erkenntnisse berwindet, macht den Bnkelsang vom Balzer auf der Balz zu einem klassischen Werk. Man hat den Bnkelsang zu Unrecht mit Wilhelm Busch verglichen; er ist viel wrmer, farbiger und dichterischer. Auch dies Werk dreht sich um die Liebe, und allen an der Liebe Leidenden wte ich kein trstlicheres Buch als dieses Balzers Gesang. Des groen Krieges Not _Zweite Auflage_ Geheftet 2Mark, gebunden 4Mark _Tgliche Rundschau, Berlin:_ Man mu diese lyrischen Bleistiftnotizen lesen wie das Tagebuch eines teuren Menschen, wie das Bekenntnis eines Herzens, das uns nahesteht und uns nun durch das Schicksal noch brderlicher verbunden ist. Ein paar Stcke aber, wie Vom groen Krieg ein Schatten, Daheim, wo die Schneeflocken fliegen, Es regnet Trnen, sind unverwelkliche Blumen im Kranze, den die Dichter um Deutschlands Heldenmler gewunden. _Dramen_ Die Spielereien einer Kaiserin Drama in vier Akten, einem Vorspiel und einem Epilog _Zweite Auflage_ Geheftet 3Mark, gebunden 5Mark 50Pf. _Leipziger Neueste Nachrichten:_ Die Konzeption dieser Szenen, in denen sich vor uns das Leben der Kaiserin KatharinaI. von Ruland abrollt, ist bedeutend, im einzelnen oft groartig. In jedem der sechs Bhnenbilder offenbart der Lyriker Dauthendey viel dramatische Kraft und szenische Phantasie. Die Charaktere sind prachtvoll gesehen, wie auch das ganze kulturhistorische Milieu. Der Drache Grauli _Drama_ Geheftet 2Mark, gebunden 4Mark _Berner Bund:_ Dauthendeys neues Opus fhrt uns in eine andere, beinahe mrchenhafte Welt, weit hinaus aufs Meer, in die de Behausung von Leuchtturmwchtern oder auf das Deck eines Segelschiffes. Und mit groer Stimmungskunst wei der Dichter das Leben auf meerumrauschter Klippe zu schildern, die Menschen zu zeichnen, die nie eine blhende Blume zu Gesicht bekommen, denen nur das Meer zu eigen ist, die groe ruhige Flche oder die donnernden Wogen, und die darber nrrisch oder gespensterglubig werden. Die Heidin Geilane _Tragdie_ Geheftet 2Mark, gebunden 4Mark _Tagesbote, Brnn:_ Jedes neue Werk Dauthendeys steigert unsere Verwunderung und Bewunderung angesichts der Fruchtbarkeit, Vielseitigkeit und Stil- wie Sprachmeisterschaft des Dichters. Im Drama von der _Heidin Geilane_, das am 8.Juli 689 in Wrzburg vor der Htte des Christenapostels St.Kilian spielt, hat sich Dauthendey auf das Gebiet des Legendenhaften, Primitiven, Halbbarbarischen, Kindlich-Naiven begeben, und er stellt auch da seinen Mann... _Langens Auswahlbnde_ Ausgewhlt und eingeleitet von _Walter von Molo_ Mit den Portrts der Dichter Jeder Band vornehm gebunden 5Mark Es erschienen bisher: Die schnsten Geschichten der Lagerlf Geschichten von Ludwig Thoma Erzhlungen von Knut Hamsun Die schnsten Abenteurergeschichten von Sealsfield Die schnsten Kosakengeschichten von Gogol Die schnsten historischen Erzhlungen von Strindberg Das Schnste von Max Dauthendey Das Schnste von Storm Die Sammlung wird fortgesetzt _Albert Langen, Verlag, Mnchen_ Druck von Hesse & Becker in Leipzig Einband von E.A. Enders in Leipzig * * * * * Anmerkungen zur Transkription: Im Original gesperrt gesetzter Text ist mit _ gekennzeichnet. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist mit = gekennzeichnet. License: Share Alike