Produced by Norbert H. Langkau, poor poet and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net Max Dauthendey Lingam Zwlf asiatische Novellen Albert Langen, Mnchen Copyright 1909 by Albert Langen, Munich Lingam: Seite Dalar rcht sich 11 Der Zauberer Walai 21 Unter den Totentrmen 35 Der Knabe auf dem Kopf des Elefanten 55 Eingeschlossene Tiere 67 Der Kuli Kimgun 83 Der Garten ohne Jahreszeiten 107 Im blauen Licht von Penang 131 Likse und Panulla 149 Der unbeerdigte Vater 165 Im Mandarinenklub 177 Die Auferstehung allen Fleisches 191 Lingam Ich drehe in meiner Hand einen kleinen Kupfernapf mit breitem Rand, der im Licht rtlich blitzt. Der kleine Napf ist winziger als ein Eierbecher und darin ist, halb hineingesteckt, ein schwarzes Marmorei. Das Ei ist unscheinbarer als ein Taubenei. Das schwarze Ei in dem kupfernen Eierbecher, beide stellen zusammen ein Lingam dar, das indische Symbol geschlechtlicher Vereinigung, das heiligste Liebessymbol und Symbol des ewigen Lebens. Wenn ich das Lingam betrachte, sehe ich vor mir deutlich eine der engsten Tempelgassen in Benares, wo ich in einer Lingambude das kleine schwarze Steinei im Kupferbecher kaufte. Die Pflastersteine der dunkeln schmalen Gasse sind glitschig und fettig von den Fen der tausend Pilger, die dort jeden Morgen zum Sonnenaufgang, heute noch wie vor tausend Jahren, in langen Zgen mit Trommeln und Pfeifen vom Tempel des heiligen schwarzen Stieres, vorbei am Tempel der weien heiligen Khe, hinunter zum heiligen Gangesstrom ziehen. Zu beiden Seiten der hhlenartigen Gasse sind ffnungen in den Hauswnden. Da stehen auf hlzernen Tischen zu Hunderten die Lingams in allen Gren zum Verkauf. Die Tische scheinen schwarz von den schwarzen Marmoreiern, die in rtlichen kupfernen oder weien marmornen Npfen stecken. Man sagt, der hchste Gott Rama ging eines Abends zum Ganges und traf dort ein schnes fremdes Weib, das Wasser schpfte. Sein Herz begann sich fr das schne Weib zu erregen, und er nherte sich ihm und liebkoste es. Das Weib, von der Gewalt des obersten Gottes erschttert, legte sich in den Sand und zog den Gott in seinen Scho, und beide vereinten sich in ser Liebesumarmung. Aber die Gemahlin Ramas, von Unruhe getrieben, folgte den Fuspuren ihres Gemahles im Ganges-Sand, und als sie den ungetreuen Mann mit einem fremden Weibe vereinigt fand, hob sie heimlich das Schwert, das Rama neben sich gelegt hatte, und holte zu einem Hiebe aus, der den Gott von dem Weibe trennte, so da das gttliche Glied in dem Schoe des Weibes zurckblieb. Aber das abgehauene Glied Ramas befruchtete noch die Frau, aus deren Scho neue Gtter, ein neues Menschengeschlecht, ein neues Tier- und Pflanzenreich entstanden. Alle die von dem Gott und dem Weib Erzeugten lieben sich jetzt ewig und mssen sich ewig unter dem Symbol des Lingam weiterzeugen. Damit Mann und Frau nicht vergessen sollen, da sie zur herzlichen sinnlichen Vereinigung auf die Welt gekommen sind, wird ihnen in allen Tempeln und in allen Husern, und von klein auf, das Symbol des Lingam in tausend Formen immer wieder vor die Augen gestellt, in Bild und Rede. Denn die Menschen sind vergelich und unwissend, und alles mu ihnen immer wieder gelehrt werden, auch die Liebe, -- das bedenke, o Mensch. Dalar rcht sich Die Frau des Dalar stand an einer Straenpumpe in einer der Eingeborenenstraen von Bombay. Sie drehte den Hahn auf und hielt den Kopf ihres sechsjhrigen Knaben darunter und wusch ihn mit den Hnden. Es ist morgens sieben Uhr, und die Strae wimmelt von Indiern, die wie nackte Rudel Rotwild aneinander vorber eilen. Ziegenherden und Scharen von Truthhnern treiben neben zweirderigen hohen Lastkarren ber das Pflaster. Indier sitzen am Trottoirrand, lassen sich rasieren, ihre Ohren reinigen und ihren Leib massieren. Die Straenfriseure mit dem Toilettenwerkzeug im Grtel, und bis auf Grtel und Turban unbekleidet, hocken neben ihrer Kundschaft am Trottoirrand. Die Frau des Dalar hatte ihrem Knaben das schwarze Haar blank gestrichen, da sein Kopf wie der Lackschuh eines Europers glnzte. Sie ffnete jetzt ihr eigenes Haar und hielt ihren Kopf unter die Straenpumpe; sie lie den Wasserstrahl wie einen Glaskolben aufschlagen, und das Wasser zerplatzte weit im Kreise. Ein Zebukalb, ein wilder Hund und ein paar Truthhner, die sich um die Pumpe tummelten, kamen herbei und schlrften die Wassertropfen auf. Die zwei indischen Arbeiter in Dalars offener Schneiderbude, welche Turbanbnder und Schleier auf englischen Nhmaschinen sumten, lachten ber den spritzenden Wasserstrahl, und Oliman, der eine der Gehilfen, rief der Frau des Dalar den Brahmanenspruch zu: Elida, nimm dein Haupt in Acht, da es nicht zu Wasser wird unter der Quelle. Elida, die Frau des Dalar, antwortet ihm nicht. Sie schickte aber, als sie ihr schwarzes Haar ausrang und sich aufrichtete, mit der Wimper zuckend den Knaben zu dem, der gesprochen hatte. Oliman legte seine Hand eine Sekunde auf das frische schwarze Haar des Knaben, murmelte ein Gebet ber ihn und lie ihn wieder gehen. Dann beugte er sich demtig und scheu ber seine Nhmaschine, lie l aus der Kanne in die Rder tropfen und nhte weiter. Jedesmal, wenn die Frau ihr Haar an der Pumpe vor dem Laden ihres Mannes wusch, geschah es, da sie das Kind zu Oliman schickte und dieser ein Gebet ber den Knaben sprach; das geschah jeden Morgen, seitdem der Knabe laufen konnte. Niemand in der Strae dachte darber nach, warum Oliman den Knaben jeden Morgen segnete. Aber Dalar, der Besitzer der Nhmaschinen, sa jetzt tagelang drben beim Silberschmied an der Ecke und dachte nach. Er lie seine Wasserpfeife oft ausgehen, zndete sie wieder an und dachte weiter. Dalar konnte quer ber das Gewhl der Zebukarren und ber das Gerenne des Bazarvolkes und heimlich ber die Schulter seines Freundes, des Silberschmiedes, hinweg seinen Laden beobachten, seine Nhmaschinen, sein Weib an der Pumpe, den Knaben und Oliman. An diesem Morgen, als die Frau mit dem Kind ins Haus gegangen war, wischte sich Dalar mit der Handflche den Schwei von der Stirne, stand auf, schlpfte mit den Fen in seine Pantoffel und ging finster in Gedanken fort in das Straengewhl. Im Geschftsgetriebe bemerkte niemand bei dem Silberschmied, da Dalar verschwand. Dalar ging, bis er in eine Gasse vor eine Zeltbude kam. Vor dem Zeltvorhang sa die rchende Gttin Kali, die Vielarmige, aus Holz geschnitzt. Drinnen im Zelt sind die rchenden Todesgtter der Indier aufgestellt, die bei Prozessionen an Festtagen durch die Straen getragen werden. Vor dem Zelteingang neben der Gttin steht ein groer Blechkasten als Opferstock. Dalar warf ein Silberstck hinein und wnschte sich einen rchenden Gedanken. Er starrte dabei finster auf die hlzerne schwarze Gestalt der Gttin Kali, die auf einem zitronengelben Tiger sitzt, welchem statt Menschenblut rote lfarbe um das Maul gemalt ist. Die vielen schwarzen Arme der Gttin schwingen vergiftete Dolche, vergiftete Sbel und vergiftete Speere; sie hlt ein ganzes Arsenal blitzender Waffen in die Luft. Alles Straenvolk geht grend an ihr vorber, und aller Indier Augen blitzen fr eine Sekunde beim Gru, wie Raketen in der Nacht. Dalar verbeugte sich dreimal und klatschte in die Hnde, um die Aufmerksamkeit der schwarzen Gttin zu erwecken. -- Da ihn sein Weib Elida mit Oliman betrogen hatte, wute er jetzt, denn er sah es deutlich an dem Kind, welches Oliman tglich hnlicher wurde. Heute hatte er endlich beschlossen, sich an Elida zu rchen. Dalar trat in die staubige Tempelbude, um sich einen Tod fr sein Weib auszusuchen. Lange Reihen hlzerner, rot, gelb und grn gemalter Puppen standen drinnen unter dem grauen Zelttuch auf langen Tischen. Da waren Menschen an Marterpfhle gebunden, mit brennenden Pfeilen gespickt; englische Soldaten, welche vom wtenden Elefantengott zerstampft wurden; die Gttin Kali auf unzhligen Tigergestalten, auf roten und schwarzen Tigern, Feuer und Pest darstellend; der blaue Affengott, der die Menschenaugen irrsinnig macht mit seinen Grimassen und Verrenkungen. Es wurden Menschen von der Rachegttin zu Tode gepeitscht, der Tiger hielt Verzweifelte in seinen Tatzen und ri ihnen die Gedrme aus der Bauchhhle. Der gelbe Tigergott hatte grne Glaskugeln als Augen und echte, heilige, zornige Tigerkrallen. Jede mgliche Folter und jeder schrecklichste Tod hatte sein Bild hier. Um das vergossene Blut zu schildern, war an den plastischen Figurengruppen nicht mit Scharlachfarbe, Purpur und Rtel gespart. Dalar grbelte. Seine Augen liebkosten die rotgemalten Folterqualen, als stnde er vor den Blumenbeeten in den Grten des Paradieses. Aber als er die langen Reihen zweimal auf und ab gegangen war und alle Todesschmerzen am eigenen Leibe nachgefhlt hatte, fand er unter allen grausamen Todesarten keinen Tod grausam genug fr sein Weib. Nicht den roten Tod, das Feuer, das den Menschen zernagen konnte; nicht den schwarzen Tod, die Pest, mit ihren schwarzen Beulen; nicht den blauen Tod, den Wahnsinn, mit seinen verrenkten Grimassen; nicht den gelben Tod, den Tigerhunger, mit den eigenen Drmen im Maul; den Tod, den Dalar fr Elida suchte, fand er nicht unter den dreihundertsechzig Todesarten. Wie von der Gttin gekrnkt, wollte Dalar schon die graue Tempelbude verlassen. Da -- unter dem Zeltausgang, blieb sein Turban an einem rostigen Nagel hngen, das Turbantuch schlitzte auf, und Dalars ganzer Geldvorrat, den er, wie alle rmeren Orientalen, stets in den Turban gewickelt trug, rollte in hundert Silbermnzen ber Schultern, Rcken und Brust an ihm herab, auf die Erde, der vielarmigen Gttin Kali zu Fen. Dalar sah und horchte erstaunt auf die klingenden Mnzen, als hrte er jedes Silberstck sprechen. Erleuchtet von einem pltzlichen Gedanken, beugte er sich dreimal tief und ehrfrchtig vor dem Gtterbild, verlie dann das Zelt und lie sein ganzes Geld hinter sich bei der rchenden Gttin liegen. Die Gttin Kali hat gesprochen! Den grauen Tod, die Armut wnscht dir die Gttin Kali, Elida! Und Dalar nickte ernst und zustimmend, dann verschwand er im Straengewhl. -- Tief in der Nacht, als die grellen Tropensternbilder wie Stachelzune ber den Husern standen, schlich Dalar an seine Haustr und malte mit ein wenig Indigofarbe einen blauen Kreis an den Trpfosten, zum Zeichen, da einer im Haus gestorben sei. Dann ging der Mann weiter durch die Nacht. Sein Weib wrde am nchsten Morgen glauben, er wre an der Trschwelle umgefallen und von der englischen Nachtpatrouille als pestverdchtig in die Baracken fortgetragen worden. Der Offizier der Patrouille htte dann, wie gewhnlich, das blaue Zeichen lakonisch an die Tr gemalt. Dalar wanderte unter den Ketten der schweren Sterne durch die Nacht. Morgen war der Monatsanfang, an dem die beiden Nhmaschinen den unerbittlichen englischen Fabrikanten bezahlt werden muten; morgen war der Monatsanfang, an dem die Hauspacht entrichtet werden mute. Die armseligen feigen Ladengehilfen konnten Elida nichts ntzen. Morgen mute Oliman sich eine andere Stelle suchen, morgen mute Elida mit ihrem Knaben betteln gehen. Dalar schritt unter dem Steingewichte der Sterne durch die Nacht, und ihm war, als htte er alle Arme der Gttin Kali am Leibe, so glcklich fhlte er sich. Er rchte sich tief mit allen gttlichen Armen der Rache. Dalar wanderte in dieser Nacht, reich wie die Finsternis, als Pilger zu dem Berg Abu, um ein Jan zu werden. Die Jans leben dort am Berge nackt und sprechen dem Weibe jede Seele ab. Der Zauberer Walai Walai war Straenzauberer in Bombay. Er sa nachmittags vor dem Taj-Mahalhotel auf dem Pflaster des Quais, mit seinen Krben, seinem neunjhrigen Knaben, einem roten Tuch, einem Stockdegen und einer Handtrommel. Hinter seinem Rcken lag der indische Ozean, die heie, unendliche Wasserwste. ber Walais gelbem Turban stand die indische Sonne wie die offene Feuerluke eines Hochglutofens. Vor ihm das Hotel aus weiem Granit, acht Stock hoch, mit offenen Granitloggien, darin Hunderte von englischen Reisenden aus Europa und aus dem indischen Reich, die Hallen und Galerien fllten. Walai lie die Trommel bullern. Sein Knabe mute sich dann in einen Korb legen. ber ihn schlug Walai das rote Tuch, schlo den Korbdeckel und zhlte laut auf englisch: One -- two -- three! Dann stie der Zauberer den Stockdegen bis ans Heft in den Korb, lachte grinsend und sah mit seinen horngelben Augpfeln und seinem kaffeebraunen Gesicht ber die acht Stockwerke des Hotels hinauf und hinunter. Er blhte die Nasenlcher, rief: Hee!, hob den Korbdeckel, lftete das rote Tuch und zeigte dem ganzen Hotel, da der Korb leer war. Um ein briges zu tun, sprang er selbst mit beiden nackten Fen in den Korb hinein und stampfte darinnen herum und rief: Hee, hee! und schwenkte in der einen Hand den Stockdegen, in der andern das rote Tuch in die Luft. Das rote Tuch hatte die Farbe von blutigem Fleisch und flatterte wie bluttriefend vor dem berhitzten, silbergrauen Tropenhimmel. Die weigekleideten Ladies und die weigekleideten Gentlemen, die nach dem Lunch in den Schaukelsthlen auf den prchtigen Steinaltanen lagen und ihren Kaffee und Whiskysoda dort tranken, bogen sich aus dem Schatten der Steingewlbe ber die hellen Gelnder und zeigten Walai ihre blassen, mden Tropengesichter, die schlaff waren wie ausgeprete Zitronen. Tausende von Malen im Jahr zeigte der Zauberer Walai dasselbe Kunststck, ein dutzendmal am Nachmittag lie er unter umstndlichem Trommelbullern seinen Knaben verschwinden und erscheinen; auf das weie Pflaster am Meerquai klingelten dann die groen Kupferstcke und die kleinen Silbermnzen, die der nackte Knabe auflesen durfte. Walai selbst bckte sich nicht. Niemand sah, da er unter der Brune seines Gesichtes immer wieder fahl wurde, wenn er den Stockdegen auch schon zum hunderttausendsten Male in den Korb stie. Bei jedem neuen Degensto erschien auf seinen spitzen Backenknochen eine leichte Blsse; er liebte seinen Knaben sehr und frchtete, ihn einmal zu verletzen. Denn der schmale, knochenlose Knabenkrper war natrlich nicht aus dem Korbe verschwunden, sondern lag darinnen, schlank wie ein Palmenblatt an die gebauchten Korbwnde gepret, und wute der Degenschneide geschickt auszuweichen, indem er blitzschnell seine Lage vernderte. Oft fuhr dem Knaben der Degen wie ein Pfeil zwischen zwei Finger und durch die gespreizten Zehen, oder durch das gekrauste Haar. Er wich der Degenspitze aus wie einer Schlange, die gestreckt auf ihn losstrzte. Er sah durch die Wnde des lose geflochtenen Korbes das helle Straenpflaster, das groe Hotel und die tanzende Schattengestalt seines Vaters. Und wenn das Geld drauen klingelte, sprang er vergngt und unverletzt aus dem Korb. Heute am Sonntag, wo mehr Europer als sonst im Hotel auf den Altanen waren, hatte der Zauberer bis zum Abend gezaubert. Er hatte seinen Knaben zum erstenmal an der Lippe geritzt, und das rote Tuch zeigte einige dunkle Flecken. Er hatte dann sein Kind in die leere Lehmhtte heimgebracht; er machte fr die Nacht ein kleines Kohlenfeuer an, legte den Knaben auf die Strohmatte und wartete, bis die Atemzge ihm sagten, da das Kind schlief. Dann ging er noch einmal aus, um dem Knaben ein neues Turbantuch zu kaufen und sich selbst fr den heutigen Schreck zu trsten. Im Abendgewhl in den Eingeborenenstraen setzte sich Walai mde auf einen Treppenstein und sah einen Augenblick auf die Millionen Lichter der Stadt, auf die breiten Feuer in den offenen Hfen. Kerzen und Windlichter tanzten in der Nachtluft auf den Holzgalerien, groe Menschenschatten fuhren aus den Tren, schossen spukhaft durch die Lichtkegel weit hinaus ber die Gelnder der Altanen. Oft wurden die Schatten von fnf Fingern grer als ein Haus, groe Nasen fuhren ber weie Hofwnde, als wrden die Menschen mit einem Atemzug zu aufgeblhten Riesen und schrumpften gleich darauf wieder zu Zwergen zusammen. ber den roten und blauen Glserlampen der Huser und ber den braunen offenen Hoffeuern erschienen und verschwanden in der halbkhlen Mrznacht die weien Raketen der Sternschnuppen und zogen lange Phosphorlinien durch das Dunkel. Walai der Zauberer sah die Nacht wie einen Kollegen an, der ihm seine berlegenen Kunststcke zeigen wollte. Und Walai nickte in die Wirklichkeit und Unwirklichkeit der spukenden Lichter und Schatten; er fhlte sich wie ein Fremder und Hotelgast vor der nchtlichen Zauberei. Ganz in seinen Gedanken ging der Zauberer in den nchsten Hof und hielt seine Hnde an das offene Feuer und niemand von denen, die um die Flammen hockten, achtete auf ihn. Whrend Walai sich noch wrmte, hrte er Musik von Gongs, Trommeln und Flten; er bemerkte jetzt erst, da er im Vorhof des Kulitheaters war. Seine abwesenden Augen verschafften ihm berall freien Eintritt. Er ging an den armseligen Trwchtern vorber in den halbzerfallenen Theaterraum. Keiner getraute sich den langen, hagern Indier, der wie eine wandelnde Lanze daherkam, anzureden. Das Theater war voll von Leuten, Kulis, die wie Lumpenbndel hintereinander saen, mit farblosen Turbanen, in Wolken von Tabakrauch. Das Theater erschien wie mit Lumpen und Knochen gefllt. Nackt, abgemagert und grau sa das Kulivolk auf dem Parkett und dem einzigen Rang. Das kleine verrucherte Haus war wie ein franzsisches Theater eingerichtet. Vier Musikanten spielten stehend auf der Bhne oben und warteten auf die Tnzerin, die erscheinen sollte. In der dunkeln Bhnenwelt standen manche Kulissen auf dem Kopf, und man wute nicht, ob sie Zimmer, Garten oder Strae vorstellten. Walai stieg ber kauernde Menschenhaufen hinauf auf den Rang, setzte sich, legte sein Gesicht auf das Balkongelnder und schlief ein, wie viele der andern, die mde vom Lasttragen, von der Strae und von der Hafenarbeit waren. Die vier Musikanten musizierten einfrmig, und Walai wachte erst wieder aus seinem Schlaf auf, als ein Weib einen Schrei ausstie. Er ffnete seine Augen langsam und sah auf der verstaubten Bretterbhne, unter der einzigen elektrischen Bogenlampe, die Kulitnzerin, umgeben von ihren vier Musikanten. Sie mute schon eine lange Stunde getanzt haben. Der Tanz war eben bei der Szene der Entschleierung angekommen. Sie tanzte bereits mit nackten Brsten und trug nur noch den letzten blaugrauen schmutzigen Schleierlappen um die schmalen Schenkel. Nackt bis an das Becken, reckte sie sich im Tanzwirbel, wie ein Zweig im Sturm. Sie sprang mehrmals gleich einem Ball vom Boden auf, und aus ihrer Kehle fuhr dann Schrei um Schrei. Endlich fiel sie am Boden in gekauerter Stellung zusammen und blieb liegen, als htte ihre Seele den Leib fortgeworfen und sich im Tanz vom Herzen losgerissen. Der Zauberer Walai sah tief aus dem Schlaf heraus den letzten Tanztakten der rasenden Bajadere zu; dann zwinkerte er mit beiden Augen wie ein Tiger, der blutunruhig durch die Wimpern blinzelt, und stie den Atem zischend durch die geschlossenen Zhne aus. Neben ihm klatschten ein paar Kulis, andere drehten sich schlafend um. Walai schlief nicht mehr. Er hatte seine Augen schlieen wollen, aber seine Augpfel ffneten ihm immer wieder die Augenlider, als htten sie Hnde, und seine Blicke holten sich das schlanke Mdchen, und sie tanzte durch sein Blut. Der Zauberer sah, wie ein hellhutiger Englnder -- der einzige Fremde, der sich in das Theater verirrt hatte, -- die Hand mit der weien Manschette hob und der bettelnden Tnzerin whrend der Pause groe Silbermnzen in den hingehaltenen Schleier warf. Der Walai spuckte rasch zwischen seinen Knieen auf den Fuboden. Wie das Haupt eines Gekpften lag sein Kopf mit aufgesttztem Kinn auf dem Gelnder, seine weit offenen Augen hielten das Mdchen auf der Bhne fest, als wren seine Blicke Zgel, als htte er die fliegende Gestalt auf den Bhnenbrettern mit einem Lasso eingefangen und an sein Herz gebunden. Stundenlang rhrte sich sein Kopf nicht und seine Augpfel starrten rot aufgerissen wie zwei fleischfressende Urwaldorchideen, deren Kelche in der Nacht pltzlich mit einem Knall aufspringen. Das Mdchen auf der Bhne tanzte ahnungslos und lie seine nackten Brste wie zwei kleine Seidenkissen unter der Bogenlampe glnzen. Von Sekunde zu Sekunde wurde jetzt das seufzende Zischen des Zauberers lauter, und als die Tnzerin sich wieder zu dem Fremden bckte und Geld auffing, glitt Walai an der Wand entlang, als wolle er sich unsichtbar machen, und kam zur Tr. Das Trbrett ffnete er lautlos. Da fiel der Schatten der Tnzerin, gro und lang, zugleich mit Walais Schatten hinaus an die weie Hofwand, und die Schattenhnde des Mdchens fuhren einen Augenblick um Walais Halsschatten. -- Ein paar Minuten spter stand Walai vor seiner Lehmhtte, bei seinem schlafenden Knaben. Der Httenraum war blutrot vom ausgehenden Feuer. Wie von den Augen der rasenden Tnzerin getragen, war Walai mit leichten, groen Stzen durch die Gassen nach Hause gesprungen; er konnte schwren, da er keine Fuspuren hinter sich im Sand gelassen hatte. Wie offene Feuer groen Rauch und groe Schatten in die Nacht schleudern, so fhlte sich der Zauberer von seinem pltzlich leidenschaftlich verliebten Herzen als ein dunkler Riese in die Welt gestellt. Wenn er die Augen schlo, tanzte in ihm die Bajadere. Es war ihm all sein Blut im Leib verdorrt, und der rasende Tanz des Mdchens war das einzige Leben in seinen Adern. Er nahm wie ein Irrsinniger den Degen aus der Zimmerecke. Se! flsterte er, Se! Er schlo die Augen, als tanzte das Mdchen auf dem roten Lehmboden der Htte vor ihm, und mit geschlossenen Zhnen seufzte er noch einmal tief: Der Fremde gibt dir Geld, was gibt dir Walai? Er schwang pltzlich die rotbeleuchtete Degenklinge wie eine Fahne in der Hand und stie die Stahlspitze seinem Knaben in das Herz. Mit roten Augpfeln lachend, in Ekstase wie ein Tanzender und mit hochgehaltener Degenklinge, deren Spitze schwarz von Blut war, rannte er aus der Htte, sprang wie ein Gespenst an den Husern hin. Die Leute unter den Laternen wichen ihm aus, sie meinten, es sei ein irrsinniger heiliger Mann, der aus einem Tempel fort in die Welt strzte. Mit einem einzigen Satz sprang Walai mitten in den Theaterhof. Da der Weg ber das Feuer der krzere war, sprang er ohne Besinnen ber den Holzsto. In drei Sprngen war er durch die aufgerissene Tr des Zuschauerraumes oben auf der Bhne. Die Musikanten warfen sich zwischen ihn und die Tnzerin. Willst du sie tten? rief der eine und hielt zum Schutz gegen seinen Degen den bronzenen Gong wie einen Schild hoch. Der Zauberer aber lachte, und ber die Kpfe der Musikanten warf er den Degen vor die Fe der Kulitnzerin. Lat mich, schrie er, der Fremde gab ihr sein Geld, ich gebe ihr mein liebstes Blut. Die Tnzerin floh vor dem hingeworfenen blutigen Degen hinter die Kulissen. Viele packten Walai, hielten ihn fest, riefen die englischen Konstabler von der Strae; die kamen in ihren gelben Kaki-Uniformen auf die Bhne, banden den Mann solid und nchtern und schleiften ihn fort. Der hatte einen =roten= Gedanken, sagten die schlfrigen Kulis zueinander, und einer warf Walai den blutigen Degen ber den Hof nach. Dann setzten sich die Leute wieder auf ihre Pltze, die Musikanten spielten, die Kulibajadere tanzte wie immer bis zum Morgenrot und verstand nicht einmal, da sie in dieser Nacht einen Zauberer verzaubert hatte. Sie tanzte, weil es ihr Geschft war und tanzte heute lebhafter, weil der Fremde im Parkett noch reich an Silbermnzen war. Unter den Totentrmen Auf dem Abendkorso von Bombay kreisten die hohen Rder der Staatskarossen. Die Kutscher klingelten mit silbernen Glocken. Schmal wie Gazellen saen oft sechs bis acht Indierinnen in den Wagen auf den Polstern und streckten die schlanken, braunen Hlse. Vorortzge rasselten neben dem Korso am Meere entlang, Automobile und englische Cabs. Die Parsen hatten die reichsten Equipagen, denn sie stellen in Bombay die Finanzwelt dar. In einem ungeheuren schwarzpolierten Wagen, mit vier Fliegenwedlern in grner Livree und rotem Turban hintenauf, mit zwei braunen Kutschern auf dem Bock, kam der steinreiche Parse Rama mit seinem Sohne Elifar zum Korso. Die beiden Herren trugen dunkelblaue Kaftanrcke bis an die Hften, ein weies Schleierhemd hing unter der dunkelblauen Weste hervor bis an die Kniee, die Waden waren nackt, und die Fe steckten in Goldpantoffeln. Auf dem Haupt jedes Parsen thronte die schwarze, polierte Lacktiara, welche den beiden Bankiers das Aussehen von Hohenpriestern gab. Die englisch geschirrten Pferde griffen scharf aus. Die vielen Fugnger sahen die Abendsonne tief am Boden unter den Pferdehufen und unter den Rdern der Equipagen, als lieen die Reichen die Sonne zu ihren Fen zerstampfen. Wie blaugraue Kreisel tanzten die langgezogenen Schatten des Korsos ber die abendlichen kupferroten Rasenpltze der englischen Klubhuser. Weigekleidete Tennisspieler standen wie helle Gipsfiguren unter den papageienfarbigen Palmen. Das Meer lag neben der Wagenkette wie ein riesiger Silbertisch, und die Sonnenkugel war aus dem grnlichen Abendther wie eine geschlte Blutorange auf die weie Meeresplatte hingerollt. Hunderte von Indiern wanderten am Strand. Indische Frauen, sieben und zehn, hielten sich an den Hnden und gingen ber die gebleichten, kalkigen Muschelwiesen am flachen Meeresrand entlang. Die feinen nackten Mdchen- und Frauenkrper sind in smaragdgrne, karmoisinrote und azurblaue Schleier gewickelt. Die Abendluft pret die wasserdnnen Schleier an die Linien jedes nackten Leibes. Die Frauenscharen in ihren glitzernden Schleiern stehen wie aus blauem, rotem und grnem Glas gegossen am Meer. Junge Mnner mit riesigen weien und gelben Turbanpaketen auf dem Kopf wandeln, gleichfalls Hand in Hand, die Wasserlinie entlang. Manche Gruppen spielen Ball, andere liegen neben ihrem blauen Schatten auf dem weien Muschelboden. Groe Schreie verbreiten sich in der Luft, und mchtige schwarze Aasgeier fegen ber die Kpfe des Korsos. Niemand achtet auf sie. Die unheimlichen, frchterlichen Vgel jagen wie schwarze Tcher durch die Luft, die Erde und das Meer anschreiend. Die finstern Vgel strzen fort, ihr Flug ist wie ein Umsichhauen groer schwarzer Sensen. Die Aasgeier kommen und gehen und pflgen die Luft mit ihrer Unruhe ber den Palmenspitzen der Prachtgrten des Malabarhgels. Die Rcken dieses Hgels ziehen sich drauen vor Bombay an der Strandbucht ins Meer. Dort oben sind, versteckt im Blaugrn hinter den Villen und den Grten, die Totentrme der Parsen. Dort werden die Gestorbenen auf die platten Dcher der weien runden Trme den Aasgeiern hingelegt; ein Leichnam wird in einer Stunde von den wilden Vgeln gefressen. Der Parsentote darf weder Luft, Wasser, Feuer noch Erde verunreinigen und bekommt darum kein anderes Begrbnis als das im Magen eines Geiers. Dort oben in den Prunkgrten um die Totentrme stehen jetzt im Abendlicht die Palmenschfte wie rote, verrostete Eisenschrauben in der Luft, und die Schreie der Geier fahren hervor gleich wild ausgestoenen Flchen, wie die Sprache des ewig zankenden Hungers. Die feiernden Menschen am Abendmeer sind mit den hlichen Geierlauten vertraut wie mit ihren eigenen Sorgen. Mnner und Frauen schauen friedlich ungestrt in den wollstigen Sonnenuntergang, zu dem jeden Abend die schwarzen Aasvgel gehren, wie die vielen Schatten der Menschen, der Pferde und Equipagen zum Korsoweg. Am Wegrand stehen einige Equipagen und warten auf die Spaziergnger. Rama lie gleichfalls seine Pferde halten, und sein Sohn Elifar stieg aus. Sobald die Sonnenscheibe die Meerflche anrhrt und die Meerluft sich dreht, Wasserkhle und Landwrme zu kreisen beginnen und die Schleierenden der spazierenden Damen und Mdchen sich im Luftzug kruseln, eilen die wandelnden Gruppen auf ihre Wagen zu; Wagen und Spaziergnger kehren zur Stadt zurck. Der Vater Rama sah seinem Sohne nach, welcher zum Wagenschlag der nchsten leeren Equipage getreten war und auf eine Mdchengruppe wartete, die vom Meere her kam. Ehe noch Elifar und die Mdchen sich begrten, hrte der alte Herr, im tiefen Wagenfond verborgen, eine Stimme aus einem Trupp vorbergehender Menschen neben seinem Wagen sprechen: Nie wird der Sohn des Rama mit Aloi glcklich werden. Sie ist das gelehrteste von allen Parsenmdchen in Bombay und liebt nur Bcher und keine Menschen. Der alte Rama seufzte und spielte mit seiner dicken Uhrkette, die war aus goldenen Skaraben zusammengesetzt, in jedem Kferkopf steckte eine echte schwarze Perle. Durch den offenen Wagenschlag spiegelte sich die Sonne mehr als fnfzigmal in der kostbaren Kette, und mehr als fnfzig kleine blutrote Sonnen rollten durch Ramas Finger. Dann verloschen alle Perlen, und die Kette lag dunkel in Ramas Hand. Er sah in demselben Augenblick, als er die Stimme aus dem Volke gehrt hatte und die Sonne im Meer unterging, wie Aloi seinem Sohn Elifar drben an ihrem Wagen kaum die Fingerspitzen reichte und sich dann mit allen ihren Freundinnen in die Wagenpolster setzte. Der Alte dachte: Aloi ist nicht gekommen den alten Parsen Rama zu begren. Aloi liebt keinen Menschen; ihr Herz ist ernst und farblos wie die schwarzen Perlen, die in die Sonne sehen wie Brillenglser und farblos wie schwarze Brillen sind. Die Stimme im Volk vorhin hatte recht, Aloi liebt nur ihre Bcher; nicht einmal am Abend vor ihrem Hochzeitstag mit Elifar konnte sie herzlich werden. Rama hrte Alois Wagenschlag zufallen, die Kutscher klingelten mit ihren silbernen Signalglocken, die sie statt der Peitsche neben sich am Bock hatten, und Alois offene Equipage, gefllt mit den Kpfen von sieben jungen Parsenmdchen, welche fast alle Sieben Brillen trugen, fuhr an Ramas stillstehendem Wagen vorber. Die Mdchen nickten dem alten vornehmen Parsen Rama zu, aber ihr Gru war nebenschlich und flchtig, als wren alle Sieben kluge Ameisen, die nie Zeit haben vor Flei und Eile. Elifar kam in den Wagen seines Vaters zurck; dieser sah, da sein Sohn die Lippen eitel aufwarf und mit seinen schwarzen hochmtigen Augen selbstgefllig Aloi nachsah. Rama dachte: Mein Sohn Elifar ist nicht klug, und seine Eitelkeit ist seine ganze Weisheit. Er ist ein schn gewachsener Junge, ist reich, liebenswrdig, wohlgenhrt und knnte darum Aloi gefallen. Aber Aloi strotzt von Wissen und Gelehrsamkeit. Sie ist hochmtig wie keine, und ich wundere mich nur, warum sie meinem Sohne das Jawort gab, als wir bei ihrem Vater um sie anhielten. -- Der Alte und Elifar fuhren eine Weile schweigend, und die Fensterreihen der Klubhuser glnzten wie weie Zettel, die in der Dmmerung angeklebt waren, und von denen die beiden Herren ungeschriebene Gedanken ablasen. Das Meer lag jetzt grau und tot unter einem Netz einfrmiger Dmmerungswellen, wie ein weier, gefangener Riesenleib unter einem Drahtgitter. Dein Hochzeitstag hat mit dem Sonnenuntergang jetzt begonnen, sagte der Vater, als der Wagen an der Schranke des Vorortsgeleises auf einen vorbersausenden Zug warten mute. Rama verstand im Eisenlrm nicht, was Elifar ihm antwortete, aber er sah die Gedanken dem Sohne aus dem Gesicht. Elifar dachte nur an seine Eitelkeit. Er war beraus stolz darauf, da er, der reiche, stattliche, junge Mann, gleichsam wie einen unbezahlbaren Schmuck, gleich wie einen hochtrabenden Titel, morgen zu seinem Hochzeitstag vom Schicksal eine Frau bekam, welche die gelehrteste von allen brillentragenden Mdchen war. Aloi hatte ihm nach einiger Bedenkzeit ihr Jawort gegeben, und er war damit zufrieden, da sie sich lieben lassen wollte, aber nicht wieder lieben konnte. Elifar wickelte aus einem kleinen gelben Seidentuch einen Ring. Derselbe stellte zwei goldene Pferdchen dar, welche, nebeneinander langgestreckt, scheinbar um die Wette liefen. Steckte man den Ring an die Hand, so schienen die Pferde rings um den Ringfinger zu laufen. Elifar hatte auf den Ring gedeutet und seinem Vater geantwortet, als der Eisenbahnzug vorberrasselte und die Worte zerstreute. Rama verstand, da sein Sohn diesen Ring Aloi zum Hochzeitstag schenken wollte, und er begriff, da die beiden Pferde die Seelen der beiden Menschen vorstellten. Elifars Eitelkeit rannte wie ein Pferd mit dem Verstand von Aloi um die Wette. Elifars Augen betrachteten wohlgefllig den Ring, und sagten stumm zum Vater: Morgen werden mich viele beneiden um Aloi. Man heiratet nicht, um sich beneiden zu lassen, Elifar; la die Sonne morgen wie heute untergehen, mein Sohn, und gib diese Heirat auf; gib nicht deinen Ring dem Mdchen mit der Brille, ich suche dir eine andere. Elifar steckte seinen Ring in die Westentasche und antwortete dem alten Rama. Aber auch diesmal wurden die Worte von der Luft mit fortgerissen, ohne da sie der Vater hren konnte. Einer der mchtigsten Aasgeier war von den Grten der Totentrme herab mit groem und lautem Gekrchze ber die beiden Herren geflogen und hatte Elifars Worte berschrieen. Nur Elifars Achselzucken sprach stumm zu Rama: Frauen ohne Brillen sind mir langweilig, weil sie so eitel sind wie ich, Vater. Der Wagen hielt vor Ramas Villa zwischen den hohen Mauern der Grten des Malabarhgels. Die beiden Herren wollten aussteigen, im gleichen Augenblick kehrte derselbe groe Aasgeier im Fluge um und stob dicht vor dem alten Herrn ber die Rcken der Pferde. Rama duckte sich unter dem Luftzug des Flgelschlages. Die unruhigen Pferde zerrten den Wagen ein paar Schritte vorwrts, Ramas prachtvolle Uhrkette blieb an der Trklinke des Wagenschlages hngen und zerri. Der alte Parse erschrak ber den Totenvogel und ber seine zerrissene Skarabenkette. Er betrachtete dieses kleine Unglck am Vorabend der Hochzeit als den Vorboten eines greren. Er htte gerne seinen Sohn noch einmal gebeten, die Hochzeit aufzuschieben, aber die eiteln Augen Elifars hinderten ihn am Sprechen, und der Alte sagte nur, als er ins Haus trat: Menschen, die sich nicht im Blut lieben, lernen sich niemals kennen, nicht einmal der Tod kann ihre khlen Gedanken einigen. Am nchsten Abend um dieselbe Stunde saen bei dem weitoffenen Gartentor des Hauses Rama die Hochzeitsgste, die reichsten Parsen von Bombay, alle mit schneeweien Togas bekleidet, und zeigten sich den Vorbergehenden der Strae. Tiefer im Garten gingen die Mtter und die lteren Frauen, gleichfalls in weie wohlgeordnete Togas gehllt. Auf dem dmmerigen blauen Rasen deckten viele Diener eine lange Abendtafel mit weien Seidentchern, die Hochzeit neigte sich ihrem Ende zu. Aloi, umgeben von fnfzig jungen Freundinnen, sa in einer offenen weien Pfeilerhalle des Gartens. Braut und Brautmdchen trugen fast alle Brillen und waren alle in weie silbergestickte Togas gewickelt. Die rosa Orchideen in den schwarz gescheitelten Haaren steckten gedankenvoll wie die Brillen an den jungen Mdchenkpfen. Die jungen Damen saen im groen Kreis auf Sthlen und spielten Pfnderspiele und waren wie Kinder frhlich, trotz aller Belesenheit. Ein Zug von Dienern trat jetzt in den Kreis der Mdchen. Sie stellten einen groen vergoldeten Kuchen in die Mitte auf einen Schemel, und auf silbernen Platten wurden kleine parfmierte Blumenstrue gereicht. Elifar erschien auf der Hallentreppe, mit ihm eine Schar junger Mnner, alle in weie Togas gehllt, wie wandelnde Marmorbilder. Der Brutigam hatte die Braut zu sich hinaus in den Garten bitten lassen, aber sie war nicht gekommen. Nun trat er selbst in den Mdchenkreis und lachte, weil Aloi nicht aufstand und nicht zu ihm kam. Das Brautpaar sollte sich verabschieden und im Brautzug nach Elifars Wohnung ziehen. Aber Aloi lehnte sich in ihrem Stuhl zurck, sah Elifar ber ihre Brille an, schmollte mit ihrem hbschen Kindermund, und ihr Gesicht war bla und leuchtete auf ihrem Hals, wie die Kelche der Kallablumen an den Spiegeln der Gartenteiche: La mich noch eine Stunde junges Mdchen bleiben, rief sie scherzend, ich wei nicht, warum ich mich pltzlich vor dir frchte, Elifar. Ach, Freundinnen seht mich an, ich frchte mich, glaube ich, davor, Kinder zu bekommen. Ich hatte ganz vergessen, da man beim Heiraten nicht blo eine Freundschaft schliet, sondern, da man auch Kinder gebren mu. Ich bin keine Frau, die ungestraft gebren kann, das sagt mir mein Verstand; ich glaube, ihr Herren und Damen, ihr mt mich dann auf die Totentrme tragen. Wenn ich ein Kind bekommen sollte, berlebe ich es nicht. Aloi sagte das laut und ohne Scham, sie meinte jedes Wort ernst, wenn sie auch lachte. Ihre Brillenglser liefen an und standen blulich und gedankenvoll wie groe Mondsteine im Gesicht, als ob ihre Augen jedem und Keinem gehrten, und ihre Blicke verschwanden grau in einer Wolke hinter der Brille. Elifar stand hinter ihrem Stuhl und lchelte; er nahm ihre Hand und steckte ihr den Ring mit den goldenen Pferden an den Finger. Aloi schttelte leicht die Hand, und der Ring fiel in ihren Scho. An meine Hnde pat kein Schmuck und kein Ring. Meinen Fingern, die nur gerne in Bchern blttern, sind Ringe zu schwer. Elifar lchelte, und sein eitles Lcheln meinte: Du wirst dich an den Ring gewhnen, Aloi. So wie du dich an die Liebe gewhnen wirst und an das Gebren von Kindern, so wirst du dich an meinen Ring gewhnen. Aloi schttelte ihren Kopf, und ihr Kopfschtteln sagte stumm: Nein, nein, nein! Laut sagte sie: Elifar Rama, ich werde mich nicht an die Liebe gewhnen, nicht an das Kindergebren, nicht an dein Gold und an deinen goldenen Ring. Wir heiraten uns, weil wir Menschenkinder sind, die nicht wissen, was das Leben von ihnen will. Ich heirate dich, weil ich den Eltern den Willen tue, weil du eitel auf die Heirat bist, und weil du nicht forderst, da ich Liebe heucheln soll. Alle Parsenmdchen klatschten laut Beifall. Elifar nickte, steckte den Ring in seine Tasche und sagte, ohne zu sprechen: Eines Tages wirst du dich an alles gewhnen, Aloi. Ich werde dir den Ring heimlich anstecken, und du wirst es gar nicht merken, da du meinen Ring trgst. Aloi schttelte heftig den Kopf: Niemals, niemals. * * * * * Dreiviertel Jahr nach dieser Stunde starb Aloi bei der Geburt eines toten Kindes. Ihre Leiche wurde in weie Seide gehllt und in den Garten der Totentrme getragen, in diesen farbigsten und schauerlichsten Garten der Welt. Achtzig weie Stufen fhren darinnen den Hgel hinauf. Oben auf den Terrassen empfangen die weigekleideten Parsenpriester den Leichenzug und tragen die Toten ber den Purpursand der Gartenwege. Blaue, goldgelbe und scharlachblhende Blumentische stehen an den Rndern der Wege. Graue Kakteen und Palmenbestnde verdecken halb die kesselartigen, weien Steintrme. Wie zusammengekauerte Mnner in schwarzen Rcken hocken die Aasgeier Schulter an Schulter mit kahlen Hlsen und kahlen Schdeln um den Turmrand. Sie stoen sich mit den eckigen Schulterblttern und rucken mit den hackigen Schnbeln und schleudern sich, aufkreischend, durch die Luft und sehen im Flug aus, als ob von Totenbahren groe, schwarze Tcher davonfliegen. Nachdem man Aloi zu den Geiern auf die Totentrme getragen hatte, stand Elifar abends in seinem leeren Hause in der Gartenhalle. Sein Besitztum lag neben vielen andern Grten am Malabarhgel unterhalb der Totentrme. Die Diener trugen vor ihm auf dem Rasen die von Aloi hinterlassenen Bcher und Schriften auf einen Haufen und warfen sie in ein Reisigfeuer. Elifar trat in den Garten; der Abendhimmel lag ber ihm bleigrau wie eine Panzerplatte. Warum bedrckt mich keine Trauer? sagte der eitle Mann zu sich. Ich fhle nicht mehr Trauer ber Alois Tod als ber die untergegangene Sonne irgendeines Tages. Sie hat sich nicht an meine Liebe gewhnt und hat mir auch kein Kind geboren und ist gestorben, um mir zu zeigen, da sie sich nicht an die Liebe gewhnte. Aber als Tote gehrt sie mir jetzt ganz und trgt jetzt endlich meinen Ring. Ich habe keine Trauer um sie im Herzen, weil sie mir im Tode nher ist als im Leben. -- Der schon dmmerige Park wurde von einem letzten roten Sonnenblick hell, und rote Streifen schossen, wie rote Goldfische, ber die wasserblauen Rasen. Ein paar Riesenschatten vorberfliegender Aasvgel fuhren ber Elifars Kopf und wischten die roten Lichtstreifen aus. Nach einer Weile kam einer der indischen Grtner. Sich demtig vor Elifar verbeugend, reichte er ihm auf einem Brotfruchtblatt einen abgerissenen Menschenfinger, daran ein goldener Ring steckte. Der junge Parse fuhr erschrocken zurck und wurde bla und grau. Der Grtner erzhlte, einer der Aasgeier htte diesen Totenfinger in ein Blumenbeet fallen lassen. Elifar zog den Ring, der zwei goldene Pferdchen vorstellte, von dem toten Fingergliede. Dann lie er den Finger in Seide wickeln und zurck zu den Totentrmen tragen. Den Ring aber steckte er in seine Tasche. Und seine Hand spielte tagelang mit dem Ring in der Tasche, und seine Eitelkeit weinte. Der Knabe auf dem Kopf des Elefanten Der Maharadscha von Jaipur, der heute noch unabhngigste Frst von Indien, hat einst zu Ehren des Besuchs des Prinzen von Wales alle Huser, alle Straen, alle Wnde, Treppen und Trmchen seiner kleinen Hauptstadt Jaipur mit rosa Kalkfarbe anstreichen lassen, alle Gesimse und Gelnder mit purem Indigoblau, so da die Stadt jetzt den ganzen Tag ber und ber in einem ewigen Morgenrot schimmert und die rosarote Stadt genannt ist. Keiner geht durch diese Stadt, der nicht von der unendlichen rosaroten Farbe begeistert gestimmt wird. In alle Straenfluchten hinein begleitet dich vom Morgen bis zum Abend der zuckerse Rosenton. Er bertncht deine Sorgen und deinen Kummer und verzrtelt deine Gedanken. Die helle Stadt scheint aus rosa Zuckergu und rosa Schlagsahne aufgebaut. S und slich wird dir vor dem rosa Huserschaum zumut. In der Strae der Reitbahn steht ein goldener Minaretturm, der einzige gelbe Fleck in den rosa Mauern. Diese Strae ist sehr breit und fhrt nach dem Marktplatz und nach den Elefantenstllen des Frsten. In der Mitte ber einem Straenaltar ragt ein Trompetenbaum mit weien Armen. Zu beiden Seiten der Strae sind in den Erdgeschossen der rosaroten Huser offene Verkaufsgelasse, wie kleine dunkle Hhlen; darinnen hocken die Indier auf den erhhten Dielen und arbeiten. Ein starrsinniger blauer Himmel ist immer ber der rosaroten Stadt, es hat jetzt seit zwei Jahren nicht geregnet. Weie Zebustiere und Zebuklber tummeln sich vor den Lden, Affen purzeln von den Dchern in grauen Scharen ber die rosa Straen. Jeden Morgen um eine bestimmte Stunde kommt der Lieblingselefant des Frsten von seinem Morgenspaziergang durch das rosa Tor in die Stadt zurck in die Rennbahnstrae, torkelt wie eine Kuh gemtlich und watschelt die breite Strae hin nach dem Elefantenstall. Voraus geht ein Wchter mit weiem Turban, der eine Riesenglocke schwingt, damit Vieh und Menschen dem frstlichen Tier ausweichen. Auf dem sich wiegenden breiten Elefantenschdel hockt ein indischer Knabe mit einem Stachelstab in der Hand. Der Elefant bewegt die groen, rot und blau ttowierten Ohrlappen, da sie mit ihren bunten Arabesken wie groe Tapetenfetzen in der Luft wehen. Der Knabe auf dem Kopf ist dreizehn Jahre alt und sehr schmchtig, er sitzt auf dem Schdelknochen des Elefanten wie auf einer wandernden Schaukel. Der nickende Kolokopf schwingt mit dem leichten Knaben mhelos auf und ab, als trge das Tier keinen Menschen, sondern nur einen gewichtlosen Strauenfedernschmuck. Des Knaben Vater wurde krzlich im Stalle des Frsten von einem wahnsinnigen Elefantenungeheuer zerstampft, und seine Mutter verlor der Knabe vor zwei Tagen. Sie sa tagaus, tagein in einem Mehlladen an der Rennbahnstrae, ber einen Mahlstein gebckt, den sie mit der Hand drehen mute. Neben ihr schwangen noch sechs Frauen sechs Mahlsteine. Weiglhend zieht heute wie immer die Morgensonne in die rosa Straen, brennt auf dem goldenen Minaretturm und in dem weien Trompetenbaum, dessen groe Bltter senkrecht schlaff herabhngen, wie aufgereihte grne Teller. Der Elefant hebt wie jeden Morgen, wenn er durchs Stadttor tritt, seinen Rssel in die Luft, und die vergoldeten Kugeln seiner beiden Stozhne blitzen. Er stt einen Fanfarenlaut aus, da er sich dem Stall nhert. Yawlor, der Knabe auf dem Elefantenkopf, rhrt sich nicht. Er zieht heute ernst, wie ein Frst, in die Morgenstadt ein. Mit seinem schwarzen Blick sieht er nach dem Laden, in dem sonst die Mutter an dem Mhlstein hockte. Dort sang sie mit den Weibern nselnd den Mehlsang, da der Sohn den Sing-Sang am Morgen schon weithin hrte. In der Nhe des Ladens lie stets der Glockentrger, der vor dem Elefanten schreitet, die Glocke in seiner Hand schweigen, aus Respekt vor dem Sang, denn das Mahllied ist ein uraltes heiliges Lied. Aber heute stand die Hlfte der Mhlen leer, nur drei Frauen sangen halblaut einfrmig auf der erhhten Diele des mehlweien Ladens. Als sie die Elefantenglocke hrten und wuten, da der junge Yawlor auf dem Kopf des Elefanten vorberritt, stellten sie zum Zeichen der Trauer fr seine Mutter das Lied ein. Statt der sechs Mahlsteine sausen nur drei unter den braunen abgearbeiteten Hnden der Weiber; die drei anderen Handmhlen stehen still und verlassen. Wegen anhaltender Drre und Teuerung hatte der Mehlhndler vor kurzem die Hlfte der Weiber entlassen mssen. Yawlors Mutter war darnach in ihrem Lehmhaus an der Landstrae vor Nahrungssorgen und vor Bekmmernis um den toten Mann, den ihr der wahnsinnige Elefant umgebracht hatte, halb verhungert und halb verdurstet eines Morgens tot umgefallen. Am Abend fand ihr heimkehrender Sohn ihren zusammengeschrumpften kleinen Krper wie einen ausgemergelten Hanfstrick an der Trschwelle der Htte liegen. Yawlor schichtete mit einigen Kulis aus dem Elefantenstall einen niedrigen Holzsto, legte die Leiche darauf und verbrannte sie. Seine Hnde hatten die tote Mutter in Asche verwandelt, aber nicht sein Herz. Seine Gedanken hielten die Tote immer noch wie ein lebendes Geschpf umarmt. Wenn er morgens den Elefanten des Frsten vom Stall hin und zurck ritt, setzte er im Geiste seine kleine tote Mutter neben sich auf den groen Elefantenkopf, und sein Herz redete mit ihr. Der groe Elefant schaukelte jetzt mit Yawlor am Mehlladen vorber, wo nur die drei Mhlen knirschten, aber kein Lied ertnte. Drauen am Marktplatz saen die Purpurfrber und Leinwandverkufer unter ihren Zeltstangen vor ihren roten und blumigen Warenstcken. Alle legten heute die Hand an die Stirn und grten den Knaben auf dem Elefantenkopf wie einen Herrn, zum Zeichen des Mitgefhls. Sie gren die Tote, die neben mir auf dem Elefanten sitzt, sagte der Knabe zu sich. Als er an der stillstehenden Mhle des Ladens vorbergeritten war, an der seine Mutter sonst immer gearbeitet hatte, redete er in die Luft: Mutter, ich will dich am Durst und am Hunger, die dich umgebracht haben, rchen. Ich will den Durst und den Hunger in dieser Stadt umbringen. Des Knaben Auge flog die Strae hinauf und hinunter, wild, als wollten seine Lippen einen Schrei ausstoen, wilder als der Schrei des Elefanten. Niemand hrte den Knaben auf der Strae laut mit sich sprechen, denn der Glockenluter, der vorausging, bertnte alle Gerusche. Der Elefant torkelte jetzt behbig ber den Marktplatz. Die Leute sahen nur, da Yawlor fortgesetzt die Lippen bewegte. Ich werde schreien, rief Yawlor zum Geist seiner Mutter, da der Himmel ber dem Marktplatz zittert, Mutter. Und der Frst und alle Leute in der Stadt mssen fragen, wer schreit? >Das ist Yawlor, der den Regen vom Himmel rufen kann,< mu man dann antworten. Hunger und Durst mssen vor Yawlor sterben. Mit beiden Armen werde ich den Himmel wie einen vollen Wasserschlauch an mich pressen, da der Starrsinnige zerplatzt und die Felder von der Stadt Jaipur bis zum Schlo Amber drauen berschwemmt werden von seinen Regenfluten. Der Flu mu wieder im ausgedrrten Kiesbett erscheinen, und sein Spiegel mu wieder auftauchen, der Flu, der jetzt mit versteintem und verdorrtem Gesicht dalag, wie Yawlors tote Mutter auf dem Scheiterhaufen. Unterm lebenden Regen wrde auch die Asche der Mutter wieder zu Fleisch werden und aufstehen. Die Mutter wrde wieder an ihrem Mahlstein niedersitzen und jeden Morgen wie sonst singen, wenn Yawlor auf dem nickenden Kopfe des Elefanten Talim am Mehlladen vorberritt. -- Yawlor sah vom Kopfe des Elefanten herab ber dem Marktplatz deutlich die Stunde seiner Gre kommen. -- Der Frst wrde zu Pferd mit allen Frauen in den Snften und in den Zebuwagen und mit allen ttowierten und purpurgeschmckten Elefanten auf dem Marktplatz in den Palast der vier Winde ziehen; alle Fenster wren dann voll von Frauengesichtern mit plattgescheiteltem Haar. Die Rubinen in allen Ohrmuscheln und die weien Ringe in den Nasenflgeln mten funkeln und glitzern und alle Goldspangen an den Armgelenken klirren, wenn sich die Frauen ber die Gelnder bgen und mit groer Erregung Yawlors Stimme lauschten. Yawlor stnde dann mitten auf dem Marktpflaster zwischen den tausend heiligen grauen Tauben, die dort picken und die nie ein Arm verscheuchen darf, und Yawlor schriee zum Himmel vor den Reihen der Fenster, den Elefantenreihen, den Wagenreihen, und vor den Reihen der ungeduldigen Pferde. Wie voll von Haufen Kfern und Waldameisen wrden alle Dcher und Trmchen voll von Turbanen und Gesichtern sitzen, die auf Yawlor sahen wenn er den Regen aus den Wolken herabschrie, wenn er die Drre vom Himmel ri und der Sonne ins Gesicht schlug. Dann in der atemlosen Stille muten die ersten Tropfen, rund und gequollen und wie Gewichte schwer, auf die Kpfe schlagen, tausend Hnde sich nach den Tropfen ausstrecken und Tausende mit den nassen Hnden jubelnd Beifall klatschen. Alle grauen Tauben auf dem Marktplatz fliegen rauschend dem Regen entgegen, alle Pferdenstern wiehern, die Elefanten trompeten, und der Frst und seine Frauen lassen Yawlor durch die Eunuchen vom Markt herauf in den rosigen Windpalast rufen. -- Der Knabe Yawlor mute sich jetzt unter dem khlen und dunkeln Tor des Elefantenstalles bcken. Das breite Elefantentier trampelte mit dem Knaben auf dem Kopfe in den Elefantenhof. Hhner, schwarze Bcke, Truthhne, Kulis, Affen, Wassertrger und Elefantenwrter trieben sich hier um die offenen Lehmstlle und um die offenen frstlichen Wagenschuppen herum. Der Dunst des gedrrten Elefantenmistes, der auf den Rndern der Hofmauer in Fladen als Dung getrocknet wurde, und Staubwolken fllten die Luft. Die begeisternden rosaroten Straen von Jaipur aber waren hinter Yawlor verschwunden. Zwischen dem Dunst des Viehes, der Taglhner und des Mistes verwandelte sich die straffe Gesichtshaut des Knaben, sein Ausdruck wurde mde, welk und alltglich. Sein Geist, der unter dem feierlichen Beileidsgru der Kaufleute auf dem rosaroten Marktplatz aufgeleuchtet hatte, wurde kleinmtig. Als er vom Kopfe des erhabenen Elefanten zur Erde glitt und im Staub bei den Staubigen stand, hatte er den heldenhaften Blick in die Ferne verloren. Er stellte seinen Stachelstab in die Mauerecke, rieb sich die Gedankenreste wie Staubkrner aus den Augen und war auf seinen abgemagerten Beinen wieder der Sohn eines Kulis und nicht mehr der Herr ber Durst und Hunger, wie auf dem Kopf des Elefanten. Ein schwarzer Widder im Hof, welcher spielen wollte, kam von rckwrts angerannt, hob den Knaben auf seine gedrehten Hrner und kehrte ihn wie eine berflssige Sache zur Seite, da er in der Mauerecke bei einem Haufen drrender Mistfladen hinfiel und liegen blieb. Der ganze Hof voll Kulis lachte lautlos, und alle zeigten dem Gestrzten die gelben Zahnreihen. Und mit dem Hingepurzelten lag auch der Gedanke, den Hunger und Durst zu beschwren, verrunzelt wie ein Mistfladen in der Mauerecke. Eingeschlossene Tiere Esthe, die Tochter des englischen Botanikers Horseshoe, war in Indien, in Kalkutta, geboren und sollte jetzt in ihrem sechzehnten Lebensjahre fr immer mit ihrem Vater nach England zurckkehren. Esthe war an Indien angewachsen, wie eine Koralle am Meeresgrund. Sie versuchte auf alle erdenkliche Weise einen Grund zu finden, um in Indien zurckbleiben zu drfen. Sie verfiel, wie junge, hartnckige Mdchen leicht tun, auf das Resoluteste und das in ihren Augen Einfachste: sie wollte sich von einem jungen Indier entfhren lassen. Zu Haus waren bereits alle Zimmer geleert, alle Kisten zugenagelt, alle Koffer zugeschnallt, und Esthe wohnte mit ihrem Vater whrend der letzten Nchte im Grandhotel von Kalkutta. Es war Sonntag, und am Montag wollten Vater und Tochter den Schnellzug nach Bombay nehmen, um dort den Dampfer der P.- und O.-Linie zu erreichen und sich nach Southampton einzuschiffen. Es ist Sonntagnachmittag. Der Frhjahrssturzregen hat aufgehrt, die Rasenerde des riesigen Maidanplatzes vor dem Hotel hat alle Pftzen und Wasser schnell verschluckt, die Sonne blitzt wie nagelneu am Himmel, und die Damen im Hotel erscheinen mit den ersten Frhlingsstrohhten der Londonsaison auf dem Kopfe. Der Botaniker Horseshoe schrieb auf einer Schreibmaschine im Lesesaal des Hotels seinen letzten botanischen Bericht fr die Kalkutta-Times, und Esthe sagte ber die Schulter ihrem Vater, da sie noch eine Radtour um den Maidan machen wrde. Sie fuhr ein paar Minuten spter auf dem vernickelten, blitzenden Rad um den mehrere Kilometer groen, freien Rasenplatz, den Kopf geduckt und in die Luft gebohrt wie eine hitzige Hummel. Bei einer groen Allee bog sie scharf und energisch um die Ecke und flog unter den Bumen hin, zum zoologischen Garten. Dort war soeben das Sonntagnachmittagskonzert beendet, hohe Equipagen kamen Esthe in langen Reihen entgegen. Das junge Mdchen vermied es, aufzusehen, um nicht Bekannte gren zu mssen. Sie lie ihr offenes Haar wie eine Rasende im Winde wehen und jagte wie ein Spuk an der Wagenkette vorber. Die weigekleidete Regimentsmusik verlie soeben mit ihren blitzenden Messinginstrumenten den Garten, als Esthe am groen Gittertore vom Rade sprang. Der Portier des zoologischen Gartens kannte Esthe; sie war tglich hier in dem mchtigen Park, wo die roten Dcher der Tierhuser unter dem blulichen Grn der Knigspalme und der Kasuarinenbume wie rote Zelte leuchteten. Der indische Portier lchelte tglich ber die hastige kleine Mi, die sich von einem der jungen Grtnerburschen durch die Baumreihen und an den Kfigen vorbei oft lange Nachmittage begleiten lie. Todor, der junge Grtner, ging dann, zwei Schritt entfernt, wie ein brauner Kfer immer schweigsam neben der jungen plaudernden Dame. Jedermann im Garten, alle Tierwrter und Grtner wuten, da der Bursche sich unter den Blicken der kleinen Mi vor Ehrfurcht, Ergebenheit und Schwrmerei wie ein Mimosenkraut zusammenrollte. Todor hier? fragte jeden Tag die kleine Englnderin und schttelte ihr wachsblondes offenes Haar vor dem uniformierten indischen Portier beim Eintritt in das Gittertor. Dabei schwang sie die kurze Reitpeitsche, die sie als Radfahrerin gegen die Hunde in der Hand hielt. Der Portier legte, lchelnd und sich tief verneigend, schweigend die rechte Hand an die Stirn und deutete mit der linken auf ein hochstmmiges Malvenbeet, dahinter der weigekleidete sechzehnjhrige Bursche wie eine Maus mit schwarzem Gesicht kauerte und die feuerfarbenen Bltenzepter der Malvenstcke an Bambusrohr festband. Seine Augen waren wie schwarze Papierasche und scheinbar tief versunken in die Blumenarbeit; aber seit Stunden warteten sie auf die blahutige junge Dame. Eine Stunde vor Sonnenuntergang schlo heute der Portier den Garten, und da das Fahrrad vom Gittertor verschwunden war, blieb er berzeugt, da die kleine Englnderin schon heimgefahren sei. Aber Esthe war hinter den letzten Husern des Gartens, bei dem Aquarium, versteckt geblieben. Ich soll morgen abreisen, Todor, hatte sie gesagt, und du weit, mein sehnlichster Wunsch war immer, einmal eine Nacht hier im Garten unter den wilden Tieren bleiben zu drfen. Ihr Grtner und Wrter seid auch nachts hier. Warum soll ich nicht bleiben knnen? Ich mchte im Finstern an den Kfiggittern entlang gehen und die Tigeraugen sehen, wenn sie grn und gelb auf mich losstrzen; die groen fliegenden Hunde, die tagsber schlafen und kopfber an den Bumen hngen, mchte ich nachts aufwachen sehen und mchte sehen, wie die Schlangen sich nachts am Glas der Aquarien elektrisch reiben. Und vor allem habe ich Appetit nach dem verruchten Gebrll der Heulaffen, die im Mondschein klagen sollen, als ob sie sich gegenseitig erdrosselten, und dann mu ich die Signalpfiffe der groen Trompetennachtigallen kennen lernen. Habe ich die Nacht hier angenehm zugebracht und gehe morgen frh nach Hause ins Hotel, so wird es dann fr meinen Vater auch zu spt, um mit dem Schnellzug abzureisen. Dann versumen wir das Schiff in Bombay; ich habe wieder eine Woche gewonnen, und die Abreise wird verschoben bis zum nchsten Schiff. Todor der Grtnerbursche verstand mit seinen Augen, die wie brauner Honig glnzten, alles, wenn auch sein Ohr nicht jedes englische Wort begriff. Er nickte bestndig; so wie man im Wasser seinem eigenen Spiegelbild zunickt, so nickte er in die klarblauen Augen des kleinen Fruleins. Esthe hatte sich bis zur Schlieung des Gartentores verstecken wollen, und Todor hatte sie in eine Tuberosenlaube gefhrt, die hinter dem Aquarium stand. Dort saen sie unter breitbltterigen Schlingpflanzen wie in einem grnen hohlen Schuppenleib. Esthe lag auf einer Bank, Todor hockte vor ihr auf dem feuchten Tropenboden, der mit grnem Schimmel bedeckt war. Drauen verschwanden mit einem Male die rotsandigen Gartenwege in der pltzlichen Tropendmmerung. Esthe erzhlte von den Pflanzensammlungen ihres Vaters, und Todor bewegte die Lippen in frherer Gewohnheit des Betelkauens. Das Betelkauen hatte sich der Grtnerbursche abgewhnen mssen, da Esthe den roten Saft, den er dabei ausspuckte, nicht leiden konnte. Aus dem pltzlich grauen Abendlicht drang jetzt das langausgestoene Geheul der wilden Tiere gleich Rufen aus gewaltigen Muschelhrnern in die Laube. Wie wre es, sagte Esthe, wenn wir jetzt die Schlssel zu den Husern der Tiger und Schlangen bekmen? Noch abwarten, sagte Todor und ging auf den Zehen zum Ausgang der Laube. Die Luft des Gartens begann wtender nach Tierhaut und Tierschwei zu riechen. Esthe gruselte es angenehm bei dem wilden Geruch. Todor ging um die Laubenecke. Esthe starrte hinaus. Alle Bume verschwanden jetzt, als gingen sie alle aus dem Garten, und Strme von Dften wanderten wie fremde lebendige Wesen durch die Dunkelheit. Auch alle Farben begannen zu wandern. Der Scharlach der Kakteenblten war pechschwarz geworden, die blauen Mandarinenblten leuchteten wei, die Yuccapalmen glitzerten wie Fischgrten und Fischgerippe und die Palmyraschfte wie groe weie Elefantenknochen. Die Dunkelheit gab den Bumen klumpige Beine und den Bschen gedunsene Leiber, da sie Molchen glichen; die Nachtfarbe verwandelte die Welt der Pflanzen in eine Tierwelt. Die Erde vor Esthes Fen dnstete einen bittern Schwei aus, den das Mdchen wie ein Gift auf der Zunge schmeckte. Das vielgestaltige Echo aus den Tierhusern vertausendfachte sich in dem Garten, als ob ganze Haufen eingeschlossener Tierherzen Selbstmord begingen und ihrem fliehenden Leben nachklagten. Esthe stand von der Bank auf und tastete sich durch die Laube. Sie griff nach den weilichen Tuberosen; die fhlten sich wie glatte, schleimige Augpfel an, die sich unter ihren Fingerspitzen bewegten. Sie griff in die Schlingpflanzen, die waren wie das Gekrse und Eingeweide eines frischgeschlachteten Tierleibes, lauwarm und weich. Todor! rief das junge Mdchen. Todor aber schien verschwunden. Esthe bog ihre Reitpeitsche krampfhaft um die Kniee. Es war jetzt ganz finster in der Laube, und wie eine hohle Brandung tobte drauen das Geheul und Gebell aus den Kfigen. Esthe kannte wohl die indischen Nchte voll Zikadengerassel und Affengeschrei; auch die Schreie der Schakale und das Gelchter vieler wilden Nachtvgel hatte sie gehrt, aber diese langen, qualvollen Stoseufzer eingeschlossener Tiere, welche die Luftwellen aufregten, da die Bltter im Dunkel zischelten, diese inbrnstigen Sehnsuchtsschreie, langgezogen und schneidend, als mten sie die Kfiggitter zersgen, dieses Blutgeheul der tierischen Frhlingswollust, dazwischen das Klirren der eisernen Gitterstbe, die geschttelt wie Ketten unter dem Freiheitsdrang wahnsinnig gewordener Bestien rasselten, das hatte Esthe noch nie gehrt. Esthes Herz schauderte und begann sich wie ein selbstndiges Geschpf zu regen; sie fhlte ihr Herz aufrecht, mit groen stoenden Schritten durch ihren jungen Leib wandern. Ihr Herz machte Sprnge wie ein kralliger Panther, und es dehnte und rollte sich auf wie eine sich wlzende Riesenschlange, aber blieb doch immer am gleichen Fleck wie eine festgewachsene Seepflanze, die sich mit verwirrenden Fden aufkruselt, um sich greift und Nahrung sucht. Und alle die Schreie in dem finstern Garten, die aus den Tierkehlen platzten und der Luft weh taten, wurden in Esthe wie ihre tausend eigenen Stimmen. Alles, was im Garten an Wildheit wucherte, an Inbrunst und Leidenschaft, wurde zu Esthes Herz. Ihr Blut ging alle Tierverwandlungen durch, als wollte es fort aus ihrem Leib, vielgestaltig in die Nacht strmen; wie die Raubtiere, die ihre Haare an den Gitterstben reiben und ihre Tatzen durch die Eisen drngen, drngte das Blut des jungen Mdchens nach einer unbekannten Freiheit. Wo ist Todor? rief es in Esthe. Er hat den Blick der groaugapflichen Tiger; er ist wie die geschmeidigen, knochenlosen Schlangen. Heute nachmittag auf dem Gartenweg hing sein Schatten schwer und schwarz an ihm, wie die groen fliegenden Hunde an den Bumen hngen, mit dem Kopf nach unten. Todor schweigt immer, aber seine Augpfel sprechen mehr als Tag und Nacht. Es ist finster drauen vor der Laube, als htte Todor mit seinen Augen den ganzen Garten verschluckt. -- Todor ist jetzt alles, er ist das groe Finster drauen, und er ist das Blut in Esthe geworden, das wie eine Elefantenherde ihr Herz zerstampft. Das junge Mdchen lie die Reitpeitsche fallen. Sie prete die Hnde an ihren nackten Hals und begann mit einem Male wie eine Krhe laut aufzuschreien. Esthe schrie mit hochgehobenen Hnden, sie stand auf den Zehen aufgerichtet und schrie endlos -- da die Heulaffen schwiegen, das Tigergebrll sich verkroch und alle Tiere hinter den Gittern den Atem anhielten. Der ganze finstere Garten horchte ein paar Augenblicke auf den hohen Fistelton des Hilfegeschreis eines jungen Menschenweibes. Endlich tauchten Laternen auf, Lichter spiegelten sich in den Teichen, in den Glashusern, und von neuem warf sich das Tiergebrll an die bronzenen Gitterstbe, den Laternen entgegen, und bertnte Esthes Geschrei. Riesige Schatten von vorwrtstastenden Menschen fuhren aus den Baumspalten. Gartenwege und Blumenkpfe erschienen, und es war, als eilten Haufen von Bumen und fliegende Wesen herbei. Beleuchtet von den Laternen, stand Esthe mit aufgereckten hellen Armen und schrie allen entgegen. Sie rhrte sich nicht vom Platz, sie schrie ihren Schreien nach. Dann pltzlich strzte sie wie ein geblendetes Insekt mitten zwischen die Laternenspiegel. Hilfe vor Todor, Hilfe, Hilfe vor Todor! schrie sie den verblfften Leuten ins Ohr. Sie klammerte sich an vier Wrter zugleich, die sie wie eine Barrikade zum Schutz um sich stellte. Man suchte in der Laube, nirgends war Todor zu sehen. Die Wrter trugen das ohnmchtige Mdchen durch den Garten, darinnen die vom Licht aufgescheuchten Tiere jetzt noch lauter, gleich einem wilden Heergetmmel, tobten. In der Nhe des Straentores glaubte ein Wrter Todors Gesicht hinter einem Busch zu sehen. Als man von neuem suchte, fand man ein Leinwandpckchen voll Silbermnzen neben der Tr des Portierhauses hingelegt. Todor war, als er Esthe entschlossen sah, nicht abzureisen, von des Mdchens khnen Nachtgedanken gleichfalls khn gemacht worden. Er hatte Esthes Fahrrad vorsichtig durch das Parkgitter geschoben, hatte es in der Stadt zu einem indischen Bekannten gefahren und es diesem verkauft, und war gleich mit dem Gelde zurckgekommen um Esthe die Silbermnzen einzuhndigen, damit sie immer in Kalkutta bleiben knne. Denn das junge Mdchen hatte in der Abschiedsstimmung an den letzten Nachmittagen fters wiederholt, wenn sie sich Geld verschaffen knnte, wrde sie in Indien bleiben. Sie wollte gern alle ihre Kleider und sogar ihr geliebtes Fahrrad verkaufen, wenn sie nur wte, an wen. Als Todor mit dem Geld in der Hand zurckkam, bemerkte er von weitem den Laternenzug und den Wrterhaufen, der Esthe in einen Wagen trug. Todor legte das Geld rasch an die Portierloge und verschwand aus dem Garten. Esthe ist am nchsten Morgen mit ihrem Vater nach England gereist, und jedermann im zoologischen Garten wei jetzt, da Todor sich am Huklayflu auf einem Frachtschiff heuern lie, um Esthe in England zu suchen. Der Kuli Kimgun Kimgun war ein armer Burmese, so arm wie der Staub auf der Landstrae. Er wohnte in einem der kleinen sandigen Drfer am Irawaddystrom zwischen Mandalay und Prome. Seine Arbeit war, auf die hohen Dorfpalmen zu klettern, die wie Mastbume am Strand aufragen, und oben in die Blattsprossen der Palmen ein paar Kerbschnitte zu ritzen und kleine Blechgefe darunter zu hngen, da der Palmsaft in die Tpfe sickerte. Dort oben auf der langen schaukelnden Palme sa er wie ein nackter Menschenaffe und sah von unten gegen den blendenden Himmel aus, als wre er aus schwarzem Papier ausgeschnitten und knnte von einem vorberziehenden Flureiher fortgeweht werden. Von seinen Palmen sah er schon von weitem die englischen Verdeckdampfer, die zweistckigen, die wie Riesenschildkrten den Flu hinauf und hinab schwammen. Wenn ein Dampfer kam, glitt Kimgun von seinem Palmenschaft herunter, bis der Landungssteg ausgelegt wurde und er mit den andern Kulis Scke voll Reis, Krbe voll Paransse und Pakete von Sandelholz verladen half. Mit einem Dutzend armer Kuliteufel rannte er Ufer auf und Ufer ab, gelenkig wie eine zappelnde Marionette. Nach ein paar Stunden, wenn das Ufer wieder leer lag, der Flu einfrmig und warm vorbeisplte, die braunen Dorfkinder badeten und nichts zu verdienen war, kletterte Kimgun wieder auf seine Dorfpalmen und wechselte vorsichtig die Blechgefe, die vollen und die leeren. Wie eine Lehmmasse lag der breite Irawaddystrom unter der Sonnenkugel. Ein paar schneeweie Pagodenspitzen glnzten wie Zelte aus den Waldhgeln. Grn, lehmgelb und sonnenwei war rings die Welt unter Kimguns Augen, in der sich Sommer und Winter nicht unterschieden, und die sich nur vernderte, wenn der schwarze Dampferrauch mit ungeheuren, dunkeln Wolken die Landschaft verwehte. Einmal kam die Kunde in das entlegene Fludorf, da in der Hauptstadt Rangoon die heilige Glocke der Shwe Dagon-Pagode in das Meer gestrzt sei. Man hatte die berhmte, die grte Glocke der Welt von der Plattform der Pagode herab nach England schleppen wollen. Bei der Verladung auf das Schiff brachen die Gerste, und die Glocke versank in das Wasser. Dort lag sie jetzt auf dem Grund und trotzte aller Bemhungen, sie zu heben. Die Englnder gaben endlich die erfolglosen Bergungsversuche auf. Jetzt hatten sich die burmesischen Fluschiffer zusammengetan und wollten die Glocke auf alle Flle retten. Die Englnder versprachen ihnen, da die Glocke im Lande bleiben drfe, wenn sie dieselbe vom Meeresgrund heraufholen knnten. Als Kimgun von der Ehrenarbeit der Fluschiffer hrte, machte er sich auf, um bei dieser heiligen Arbeit mitzuhelfen. Viele Tage marschierte Kimgun, bernachtete in den Waldklstern, und wenn er am Abend kein Kloster fand, kletterte er auf eine Palme, wo er die ganze Nacht still und regungslos in der Krone hing, so da die Aras und Kakadus ihn fr ein totes braunes Palmblatt hielten und ber ihn fortkletterten und neben ihm schliefen. Je nher er nach Rangoon kam, desto fremder wurde sich Kimgun, weil die Wlder und Bergformen und die Flubreite sich ungeheuer vergrert hatten, und auch die Tropensonne war hier heftiger und hitziger, und er sah graublaue und rostbraune und honiggelbe Palmenhaufen, die er noch nicht kannte. Eines Tages wurde das Strombett, daran er entlang wanderte, so breit, da er glaubte, es gbe nur noch Wasser auf der Welt und bald keinen Wald mehr. Aber das alleraufregendste, was er drauen vor Rangoon sah, ehe er zur Hauptstadt kam, war die mchtige, goldene Shwe Dagon-Pagode, die auf einem Hgel unterm Himmel lag, mit einem goldenen Stiel in der Luft, als wre die Sonne wie eine goldene Riesenbirne auf die Erde gefallen. Viele goldene Gassen, goldene Glocken und viele goldene geschweifte Dcher und goldene gedrehte Trme und knstliche goldene gedrehte Bume waren auf dem Hgel im Kreis um die groe Pagode beieinander. Als Kimgun in all dem Golde stand, glaubte er, er sei bereits gestorben und zum Nirwana in Buddhas goldenen Schlaf eingegangen. -- Kimgun blieb drei Tage und drei Nchte auf dem Hgel in den goldenen Gassen, bei den goldenen Lauben und konnte sich von den goldenen Altren voll unzhliger Wachslichter nicht trennen, so wenig wie von seinem Schatten. Er a mit den Tempelhunden das, was die Mnche von ihren Mahlzeiten fortwarfen, und legte seine letzten Kupfermnzen in die Opferstcke vor den goldenen Gtterbildern. Kimgun dachte, er brauche nie mehr Geld beim Anblick von soviel Gold, und seine Armut und seine Person schienen vor all dem Gold wie verschwunden. All das Gold gehrt mir Armem, so gut wie dem Reichsten, wenn ich es betrachte, sagte er sich. Mehr als sich an soviel Gold weiden kann auch der goldreichste Mann in Birma nicht; und Kimgun verga drei Tage lang bei dem hinreienden Goldglanz den Zweck seiner Wanderung. Er ging zwischen den goldenen Gassen wie betrunken und schlief, a und trank bei allen hundert goldenen Gttern, und seine Ohren lauschten wollstig den klingelnden Juwelen und Goldblechblttern, die wie knstliche Schlingpflanzen an den Pagodendchern und an den goldenen Speeren der Giebel hngen und im Luftzug bestndig musizieren. Das reiche Rucherwerk aus den tausend goldenen Altargehusen erschien Kimgun wie der se Atem des goldenen Metalles. Wie ein Goldhaufen, den die Pagode tglich anzieht, sah Kimgun in den drei Tagen die Sonne zum Pagodenhgel kommen, als ob sie Tag um Tag Gold haufenweise auf die Dcher dort herbeischleppte und tglich neues Gold des Himmels dort ablde. Und nun begriff der arme Kuli erst, warum die Sonne geschaffen war. Sie mute wie ein Kuli der Pagode dienen. Sowie Kimgun Reisscke und Sandelholzhaufen auf die Dampfer am Irawaddystrom auflud, so mute die Sonne die Pagode mit Gold befrachten, und die Sonne war viel rmer an Gold als die groe goldene Pagode. Kimgun wnschte von Herzen, da er nur ein Truthahn, eine Ziege oder ein wilder Tempelhund sein drfte, die sich zu Dutzenden in den goldenen Gassen herumtrieben, ihr sattes Leben hatten zwischen den heiligen Buddhabildern, unter den erzenen Glockenreihen und vor den Glasschrnken voll goldener Holzschnitzwerke, und selbst ihre Notdurft an goldenen Sulenschften verrichten durften. Kimgun wagte nicht die in senfgelbe Mntel gekleideten heiligen, kahlkpfigen Mnche anzureden, auch nicht die kleinen birmanischen Fruleins in weiseidenen Jacken und schmalen rotbraunen Rcken, die als Verkuferinnen hinter Blumentischen standen. Nicht einmal mit den leprakranken Bettlern, die auf den Treppenabstzen der roten Sulenstiege saen, und die wei von Aussatz waren, als wren sie mit Mehl bestreut, nicht mit den Niedrigsten hier in dem goldenen Heiligtum wagte Kimgun sich zu vergleichen. Seufzend ging Kimgun am dritten Tage von der Tempelanhhe die rote Stiege hinab und unten durch die Gartenwege nach der Stadt Rangoon, wo berall die rosarote Akazie zierlich blhte. Er fand sich durch die breiten Geschftsstraen der englischen Bazarhuser kaum vorwrts, bis er im Hafen zufllig einen Mann aus seinem Orte traf, der ihm die Fluschiffer zeigte, die bereits vor zwei Tagen die groe Glocke aus dem Wasser an das Land gebracht hatten. Kimgun war stolz, da die Glocke von den Burmesen und nicht von den fremden Englndern gerettet worden war, und er verga in seiner Freude, da er nicht mitgeholfen hatte. Sein Wunsch, mitzuhelfen, war aber so gro gewesen, da er sich jetzt einbildete, er habe sich bei der Bergung der Glocke am meisten angestrengt. Er kam zur Uferstelle, wo die Riesenglocke wie ein schwarzes, eisernes Haus stand. Man hatte ein Gerst aufgeschlagen, darauf viele Kulis herumkletterten, welche das Metall vom Wasserschlamm suberten. Der Kuli Kimgun nahm sofort sein armseliges Turbantuch vom Kopf und begann aus Leibeskrften mit den andern Arbeitern die bronzene Glocke zu putzen. Er kletterte auf das Bambusgerst hinauf und balanzierte droben, als wre er auf einer seiner hchsten Dorfpalmen. Er sa auf der uersten Gerstspitze, wohin sich keiner getraute, und sprang an dem obersten Rand der Glocke herum, wie eine Gazelle an einem Abgrund. Er verarbeitete seinen ganzen Turbanfetzen zu Lumpen und schmte sich nicht und nahm das Grteltuch ab und putzte auch das in Fetzen, und als er nichts mehr hatte, suberte er nackt mit der bloen Hand weiter. Um ihn flogen der Fluschlamm und der Muschelkalk, so atemlos putzte er. Und da er von der tagelangen Wanderung endlich mde wurde, legte er sich oben in eine eingegrabene Windung der Glocke, schmiegte sich glcklich an das platte Metall, und niemand konnte von unten den einschlafenden Kimgun sehen. Am Abend hatte man das Gerst abgenommen und Kimgun lag auf der turmhohen Glocke, ohne da es jemand wute, und schlief weiter. Am nchsten Morgen kamen die birmanischen Abgeordneten, die Groen und Reichen des Landes. Man hatte Hhlungen unter die Glocke gegraben und Walzen darunter geschoben und bewegte mit tausend Arbeitern das Glockenungeheuer langsam vorwrts. Die Beamten folgten im Zuge, und viel Musik und viel festlich gekleidetes Volksgewimmel begleitete die gerettete Glocke. Als der Zug das erste Haus der Stadt erreichen sollte, erwachte Kimgun und begriff erst gar nichts. Er glaubte, er hnge an einer Palme, die sich im Winde bewegte. Aber dann hrte er die Menschenmenge unten mit Trommeln, Pauken und Zimbeln rumoren, fhlte das von der Sonne erhitzte heie drhnende Glockenmetall und verstand, da er auf der wandernden Glocke war. Er schmte sich und blieb wie ein Kaninchen geduckt oben liegen. Als man jetzt an das erste Haus der Stadt kam, wute Kimgun, da die Leute auf den Dchern ihn bemerken wrden. Er setzte sich aufrecht und tat, als gehre das zur Festordnung, da er oben auf der Glocke sa. Er nahm die Stellung eines sitzenden Gottes ein, faltete die Hnde und betete. Von der Strae konnte ihn immer noch niemand sehen, auch wenn er aufrecht sa; so hoch war die Glocke. Die Leute auf den Dchern glaubten, da Kimgun der Hauptmann der Fluschiffer sei, und da man ihm besonders die Rettung der Glocke zu verdanken htte. Viele Leute zogen ihre kostbaren Ringe von den Fingern, und wie Regentropfen aus den Dachrinnen, so fielen Smaragden und Trkisen, besonders aber birmanische Rubinen auf Kimgun herab. Der Rubinenknig, der reichste Mann von Birma, stand auf dem Dach des auslndischen Hotels. Er war aus dem Norden von seinen Rubinenfeldern zur Glockenfeier gekommen, und als er Kimgun oben auf der Glocke in betender Stellung sah, warf er sein prchtigstes und weitestes Rubinhalsband hinunter, da es dem nackten Kuli um die Schultern fiel und er geschmckter war als der reichste Mann in Birma. Kimgun rhrte sich nicht, er hrte nur den klingelnden Edelsteinregen und wute nicht, da das alles ihm galt. Er glaubte, es gehre zur Ehre der geretteten Glocke. Als die Glocke auf den Walzen schwankend und bebend ganz dicht um die Ecke eines Hauses bog, sprang von einem Balkon ein feines birmanisches Mdchen zu Kimgun auf die Glocke. Sie war kaum sechzehn Jahre alt. Sie kniete sich demtig nieder, klatschte in die Hnde und begann gleichfalls neben dem Kuli zu beten. Kimgun sah nicht auf; er dachte, da er unsichtbar bleibe wenn er sich nicht rhre. Er war vom Taumel des Rucherwerks, von den Trommeln und Flten und dem betenden Sang der Volksmenge wieder abwesend gemacht, als ob er eingeschlafen wre. Unten am Pagodenberg hielt die Glocke zwischen den Stadtgrten im Abend. Die Korkbume und Kokospalmen bogen sich ber die Glockenwlbung, und immer noch kniete der Kuli Kimgun regungslos neben dem feinen Frulein, das sich in den vermeintlichen Retter der Glocke verliebt hatte. -- Die Glocke stand jetzt still. Eine Ehrenwache blieb zur Nacht am Platz, und die Volksmenge lagerte sich neben den Rasenwegen um groe Feuerhaufen, musizierte, kochte und tanzte und erwartete den nchsten Tag, wo die Glocke hinauf auf die Anhhe zur Shwe Dagon-Pagode gebracht werden sollte. Der Essensgeruch, der Fettdunst gebratener Poularden und der Duft von gebackenen Bananen stiegen bis zur hohen Glockenwlbung und weckten den armen hungrigen Kimgun aus seinem Gebetstaumel auf. Er betrachtete das kleine Mdchen neben sich. Sie war zart, in eine rosaseidene Jacke und in einen grnseidenen Festrock gekleidet, mit silbernen Filigranblumen im schwarzen, hochfrisierten, parfmierten Haar und mit Rubinen und Goldringen in den feinen Ohrmuscheln. Kimgun, hungrig geworden, blhte die Nasenflgel bei dem Essensdampf auf, griff in den nchsten Palmenzweig und schwang sich wie ein Affe in die Krone. Von dort reichte er, ohne ein Wort zu reden, dem Mdchen den Arm herunter, zog sie zu sich herauf und sprang mit ihr wie von einer schwankenden Brcke hinber in die weien ste eines Gummibaumes und lie sich, mit dem Mdchen auf der Schulter, an den Luftwurzeln und an Stricken von Schlingpflanzen in das Gartendickicht hinab. Breitlappige Bananenstauden versteckten die beiden. Kimgun bemerkte jetzt erst in den Lichtstreifen der Nachtfeuer, die durch die Blattspalten fielen, da er splitternackt war. Das junge Mdchen erriet an seinen Augen, was er dachte, und reichte ihm den papierdnnen, teerosengelben Seidenschal von ihren Schultern. Der arme Kuli bekleidete seine Hften mit dem Schal, und dann traten beide Hand in Hand unbemerkt hinaus aus den Blttern unter die Leute. Kimgun ging zu einem der fliegenden Hndler, die mit Fackeln und Garkchenwagen am Wege standen. Er kaufte ein paar gerstete Bananen und warf dafr die lange Rubinenkette hin, die ihm um den Hals schlenkerte. Das feine junge Mdchen an seiner Seite, das den Wert der Kette kannte, zuckte erstaunt zusammen, dachte aber, ein heiliger Mann tut was er will, und bewunderte Kimgun nur noch mehr. Der Hndler glaubte in der Dunkelheit, die Rubinen seien rotes Glas, lie Kimgun einige Bananen nehmen und hngte sich die Kette grinsend um. Kimgun kannte weder Rubinen noch andere Edelsteine; er hatte in seinem Heimatdorf sein Leben lang nur den wertlosen Sand des Irawaddystromes gesehen. Der arme Kuli und das feine Mdchen setzten sich auf den Rasen und aen schweigend ihre Bananen. Kimgun dachte, da es unter dem heiligen Hgel der Shwe Dagon-Pagode so und nicht anders sein msse, und war gar nicht erstaunt ber das feine Geschpf, das ihm zugesprungen war. -- Kaum ein Jahr ist nach dieser Nacht vergangen. Das junge Mdchen hatte damals dem armen Kimgun ihren Schmuck zum Verkauf gegeben, und beide wohnten seitdem verheiratet in einem Stranddorf, in einer eigenen selbstgeflochtenen Mattenhtte, drauen vor Rangoon, wo die Lotsen und Fluschiffer leben. Die junge Frau war nie mehr zurck in die Stadt zu ihren Eltern gegangen, und Kimgun hatte nie mehr seit seinem Hochzeitstag eine Arbeit getan. Beide lebten immer noch von dem Ertrag, den die Edelsteine des Mdchens eingebracht hatten, von billigen Reisportionen und billigen Seemuscheln. Kimgun lag im Strandsand auf gedrrtem Tang unter den Strandpalmen, auf die er nie mehr kletterte, und er sah zu, wie seine Frau schwanger wurde und die Hausarbeit besorgte. Jeden zweiten Tag ging er hinauf in die goldenen Gassen zu der Shwe Dagon-Pagode, und alle Mnche der Pagode kannten ihn, als wren sie seine Brder. Seine Frau ging niemals mit in das Heiligtum, sie frchtete, dort einem ihrer Familienangehrigen zu begegnen. Als sie kurz vor der Geburt stand, verlie Kimgun kaum noch seinen Schlummerplatz in dem Schatten der Strandpalmen. Er stand nur noch auf und begrte morgens den Zug der Bettelmnche, der bei Sonnenaufgang durch jedes Dorf kam und stillschweigend um den Tagesreis bettelte. Jeder Mnch, in seinen gelben Mantel gewickelt, trug einen mchtigen Bronzetopf vor sich her, und aus jeder Haustr kam die Hausfrau und schttete ein wenig von ihrem Reisvorrat in einen der Tpfe. Kimgun sah zu, wie seine Frau aus der Htte trat und ihren Reis gab. Fr Kimguns Frau war das einzige Stck Welt, das sie tglich in ihrer Schwangerschaft zu sehen bekam, die Reihe gelbgekleideter Mnche mit ihren groen Bronzetpfen unter dem Arm. Eines Tages regnete es, und die Mnche hatten ihre Manteltcher ber den Kopf gezogen, und die Tpfe wurden in den Augen des schwangeren Weibes wie zu abgeschlagenen Riesenkpfen. Einen Augenblick glaubte sie, eine Reihe gekpfter Menschen vor sich zu sehen, von denen jeder seinen Riesenkopf unter dem Arme trug. Als der Frau die Stunde der Geburt kam, gebar sie ein winziges senfgelbes Wesen, an dessen dnnem Hals ein ungeheurer Wasserkopf hing. Die Glieder des kleinen Leibes zappelten wie ein paar Wrzelein an dem Kopf, wie an einer dicken Blumenzwiebel die Wurzelfasern. Das junge Weib starb an den Qualen der schmerzhaften Geburt des Riesenkopfes, der ihr den Leib zerri. Kimgun aber trug nach dem Tode seiner Frau das Kind, das er zrtlich liebte, hinauf in die Pagodengassen und zeigte es seinen Freunden, den Mnchen. Diese sprachen das Kind heilig und erklrten es als ein Gotteswunder und verlangten, da es bei ihnen in der Pagode bleibe. Sie legten eine gewebte, kleine Purpurmatte mitten auf das Pflaster in einer der breiten goldenen Pagodengassen, betteten die Migeburt zur tglichen Schau darauf, und einige Mnche saen immer betend und spielend um das Kind herum. Sie nhrten es mit der Milch der Tempelziegen, die zu dem Teppich herbeispringen und dem Kind ihre Euter reichen muten. Kimgun war jetzt der glcklichste Mensch in Birma, seit sein Kind Tag und Nacht zwischen Gold, Weihrauch und Kerzen und unter den frommen Mnchen und vor den frommen Pilgern liegen durfte, bestaunt, bewundert und beliebugelt von allen Birmesen und Birmesinnen, die herauf aus dem Stadtgewhl von Rangoon morgens, mittags und mitternachts in die goldenen Gassen kamen und lautlos mit Opferblumen in der Hand, in Seide gekleidet und auf stillen Sandalen vor den goldenen Altren und goldenen Kapellen wandelten und sich vor Kimguns Kind verneigten. Das Kind verdiente fr Kimgun und die Mnche manches Stck Geld. Mit stieren und gequollenen Augen, die wie Glaskugeln in seinem Riesenkopf rollten, lag die kleine Migeburt da und starrte in die Goldbauten des Tempels. Der Goldschein machte seine Augpfel gelb wie Bernstein, die gelbe Haut des Kindes schimmerte und blendete das Gold zurck, und sein Gesicht grinste Tag und Nacht in die Goldpracht wie ein Goldklo. Kimgun freute sich, da das Kind nie etwas anders vom Leben kennen lernen sollte, als die ungeheuren Goldmassen der Shwe Dagon-Pagode. In dieser Goldwelt, welcher die Sonne tglich dienen mute, lag jetzt sein Kind wie der Mittelpunkt alles Goldes, und die Sonne kam jeden Tag zur Pagode, um als Kuli fr sein Kind Gold herzuschleppen. Und Kimgun wurde ber alle Maen hochmtig. Der elende, armselige Kimgun erschien jetzt gekleidet vom Verdienst seines Kindes in frischer weier Seidenjacke, ein Purpurtuch um die Beine geschlagen, einen regenbogenfarbigen Seidenschal als Turban um den Haarwirbel gewunden, das Haar hochgeknotet wie ein Weib, geschmckt mit Schildkrotkamm und Haarpfeil, wie es sich nur der Rubinenknig und die Reichsten zu tragen erlaubten. Er schritt im Tempel umher, stolzer als einer der weien Tempelpfauen, und jeder seiner hochmtigen Blicke sagte: Seht, meinem Sohn mu die Sonne dienen! Ihr tglicher Gang gilt blo ihm und mir, und alles Gold von Birma liegt um uns wie ein goldenes Bett. Meines Sohnes Augen werden tglich vom Gold genhrt, mein Sohn schlft im Gold und lebt klug, hell und allmchtig wie das Gold. Die Mnche mochten bald Kimgun wegen seines Hochmutes nicht mehr leiden, aber da die Migeburt eine reiche Einnahmequelle fr die Pagode war, lieen sie Kimgun seine Einfalt und schwiegen. Eines Morgens stieg Kimgun, eitel geputzt und gepflegt wie immer, die untersten der dreihundertfnfundsechzig roten Stufen zum Hgelberg der Pagode empor, und wie immer lchelten ihm die hbschen birmanischen Verkuferinnen auf den Treppenabstzen zu. Ihre Gesichter schimmerten sanft wie geschlte Bananen hinter den Tischen voll Blumen, Marionetten und Rucherwerk. Pltzlich verbreitete sich oben am Treppenende vom Hgel herab ein ungestmes Geschrei, lauter und lauter, als ob man da droben Tiere und Menschen schlachtete. Mnche, Ziegen, Pilger, Pfauen, Verkuferinnen, Hhner und Hunde flchteten im Durcheinander die rote Treppe herab und Kimgun entgegen. Der Mnche glattrasierte Schdel leuchteten aus dem Gewhl todbleich wie Elfenbeinkugeln und schienen in dem dmmerigen roten Treppenhaus die Stufen herabzurollen. Ein Tiger! Ein Tiger! riefen viele Stimmen zugleich, und Hunderte von Hnden gestikulierten. Ein mchtiger gelber Tiger war aus dem Palmendickicht auf das Dach der ungeheuren Pagode gesprungen, und alles, was in den goldenen Pagodengassen lebte, stob zum Treppenausgang wie bestrzte Ameisen aus einem verheerten Ameisenbau. Die Hunde heulten, die Pfauen kreischten, die Hhner und Truthhne gackerten und kollerten. Die Mnche und Verkuferinnen fuhren wie wilde Schatten durcheinander, die leprakranken Bettler stolperten ber ihre Krcken, stieen die Warentische um und fielen in Knueln sthnend und jammernd hinter die dicken roten Holzsulen des Treppenhauses. Kimguns einziger Gedanke war sein Kind. Er arbeitete sich wie ein Schwimmender gegen den Strom vorwrts; er fiel zwischen zwei Tempelziegen; das Beinkleid und die Seidenjacke wurden ihm vom Leib geschlitzt. Er richtete sich wieder auf, fiel wieder und verlor Kopftuch und Haarkamm. Ohne einen Kleiderfetzen kroch er auf allen Vieren die letzten hundert Stufen nackt hinauf, strich sich die Haare aus dem Gesicht und stand nackt oben am Treppenende. Die roten Flgel der Holzbohlentre zu den goldenen Pagodengassen war zugeschlagen und umlagert von Dutzenden von Mnchen, die sich gegen die Trflgel stemmten. Auf seine Bitten, ihn einzulassen, lachte man ihn fast aus. Er weinte, bettelte und schrie um sein Kind. Endlich ffnete man einen Spalt und lie ihn in den Tempelhof hineinsehen. Der gromchtige Tiger, mit seinem dickbackigen Gesicht, duckte sich eben auf dem Pagodendach und kam in die Gasse herabgesprungen. Lautlos wie ein groer Ballen Baumwolle fiel er auf das Pflaster. Mit einem einzigen Zuschnappen seines Rachens hatte er das Kind Kimguns auf dem Purpurteppich am Halse gepackt, warf sich herum, sprang wie ein Akrobat, der einen Ball trgt, mit dem Wasserkopf im Maul auf das Pagodendach zurck. Hinter dem goldenen Wald der Speere auf den Dchern verschwand die gelbe Bestie wie eine goldene Figur, die mit dem Pagodengold wieder verschmilzt. Die augenschmerzenden Spiegelscheine der Goldmassen warfen sich, wie immer, gleich lebendigen Scheinwerfern kreuz und quer durch die Luft. Darunter standen die Pagodenhfe jetzt leer und verlassen. Kimgun brllte, prete sich durch den Trspalt, rannte in die ausgestorbenen Gassen, seine Glieder flogen wie flatternde Bnder an seinem Leib. Er kletterte an den goldenen Gehusen und Gesimsen in den Dcherwald hinauf und verschwand. Nach Stunden hatten die Mnche vier Englnder aus der Stadt geholt, diese kamen mit ihren Gewehren und suchten den Tiger. Sie fanden ihn auf dem goldenen Birnendach der grten Pagode in der Sonne ausgestreckt und in satter Verdauung ghnend. Die Englnder schossen den Tiger herunter. Die Mnche und alle, die in den Pagoden lebten, kehrten erleichtert in die goldenen Gassen zurck. Als die Leute vor dem toten, goldgelben, vollgefressenen Tigerleib standen, sagten sie von Kimgun: Des Goldes Rachen hat Vater und Sohn verschlungen. Der Garten ohne Jahreszeiten Vom Morgen bis zum Sptnachmittag fhrt ein kleiner, kletternder Bahnzug in Ceylon von der Stadt Colombo unten am Meer hinauf zu der letzten Ansiedlung Nuwara-Eliya in den hchsten Bergen. Die Zimmetgrten von Colombo wandern hinab in die Tiefe. Die grnen Amphitheater der strauchigen Teeanpflanzungen und die Reisfelderterrassen versinken wie ausgespannte Fallschirme neben dem ansteigenden Schienengeleis. Tler voll Silberseen blinken wie Riesenperlmuttermuscheln herauf, verlassene alte Tempeltrme stehen wie hochgerichtete Fernrohre an den Seen, zugespitzte Bergkegel, geformt wie Rucherhtchen, umragen als blaue Pyramiden den Horizont, und der Adams Peak wirft seinen berhmten dreieckigen Schatten als riesigen Sonnenuhrzeiger bis Sonnenuntergang ber das Innere Ceylons, genannt das glnzende Eiland. Kurz vor Sonnenuntergang erreicht der Bahnzug in den Bergwellen auf der Hhe von vierzehntausend Fu totstumme Mooswlder, groe moosumwucherte Laubholzwlder. Die Baummassen sind wie graue Versteinerungen regungslos ineinander gewachsen, als ob die Baumklumpen sich im khlen, dnnen Luftzug gegenseitig festhielten, damit auf den schiefen Ebenen in der ungeheuren Hhe nicht jhlings ein Schwindelgefhl ganze Wlderstrecken in die Tiefe reie. Dort oben bei den silbernen Spiralen der Sturzbche, auf dem Rasen vor den Waldrndern wohnen reiche Kaufleute und hohe englische Beamte aus Colombo in ihren Villen. Dort sind englische Giebelhuser mit Vorgrten vor den Erkern. Dort brennen die Laternen abends in den Gartenstraen am Trottoir entlang wie in Europa. Dort oben sind Tennispltze und Fuballrasen, und die Luft ist dnn wie die Gesichtshaut der blassen und blonden englischen Damen. Ein paar Stunden von der Ansiedlung Nuwara-Eliya liegt an einem Bergabhang, wie an den Thronstufen des therhimmels, der Edengarten von Ceylon. Ein Garten wie ein gewirkter, blaurot und gelber indischer Seidenschal, hingehngt an den Bergwald, feierlich, hoch ber den Abgrnden. Blumenbeete mit den Blumen aller Jahreszeiten schieben sich in die Hhe und in die Tiefe vor dem ther des windstillen Himmels. Das Gartenantlitz erinnert an ein mit Indigo und Rtelschnrkeln ttowiertes Singhalesengesicht. Dort wachsen europische Kornblumen, Veilchen, Astern, Kapuzinerkresse, Rosen, Anemonen, Tulpen, Primeln, Schlsselblumen, Lotos und Kakteen unter Kokospalmen und bei Bananenbumen. In diesem Garten der berirdischen Bergwelt waren der Singhalese Bulram und sein Weib Talora aufgewachsen. Beide waren hier oben angesehen als das verliebteste Ehepaar von Ceylon. Talora war mit neun Jahren Teemdchen gewesen. Sie hatte in den englischen Pflanzungen, unterhalb Nuwara-Eliya, mit hundert andern Mdchen im April zur Ernte die Teekeime von den kleinen, runden Teestauden gepflckt. Bulrams Vater hatte sie von dort in den Edengarten geholt, weil sein Sohn, der bald vierzehn Jahre alt war, endlich eine Frau brauchte. Die kleine Talora wurde Bulram gegeben wie ein Ohrring oder ein Haarkamm, den die singhalesischen Mnner tragen, und Bulram hatte sich nie gefragt, ob er je eine andere Frau wollte. Talora war das Geschenk seines Vaters fr ihn, wie sein eigener Leib ihm vom Vater ins Leben mitgegeben war. Wie der therhimmel zum Edengarten gehrte, -- so selbstverstndlich einfach und zufrieden nahm Bulram die kleine Talora als sein Weib hin. Und das Mdchen nahm den jungen Mann als Herrn und Gemahl an, so wie sie ihre Hnde und Fe als fraglos zu sich gehrig fhlte. Die Singhalesen dort oben in den Berghhen sind allwissend, sagen drunten die Singhalesen an der Zimmetkste von Colombo ber die Leute von Nuwara-Eliya. Sie knnen dort oben zaubern, ohne da sie selbst ahnen, da sie Zauberer sind. Und mit Ehrfurcht betrachten die Leute in den Tlern jene Bergseelen, die ihr Leben in der dnnen Luft verbringen. Ob Januar oder Juli, ob April oder Oktober, -- im Edengarten blhen die Mrzveilchen, bei den Septemberastern sitzt die Julirose dunkel am Strauch, darunter das Schneeglckchen sich versteckt. Flieder, Jasmin, Herbstzeitlosen, Lotos und Kornblumen stehen in den Feldern, auf Beeten und an Teichen, bei den Hgelrasen, zwischen den Orangen, Myrten und Weihrauchbumen, unter den Aloeblten und bei Bananenpalmen. Bulram und Talora hatten hier hinter dem Haus des englischen Verwalters ihre kleine, weie, niedere Htte an der Gartenmauer, welche schrg den Berg hinaufsteigt. Die Blicke der beiden waren immer ruhig wie die windstillen Tler, wie der wolkenlose Himmel und ihre Gedanken nur von den Gesichtern der indischen und europischen Blumenarten angefllt. Der ewig stillstehende Blumengarten, darinnen nie Winter, nie Sommer, nie Frhling und Herbst wechselten und die Bsche ohne Ausruhen ewig berauscht und unvergnglich blhten, darber der ther, todstill ohne Lufthauch, eine unermeliche Ruhe feierte, -- dieser Garten gab den Menschen einen Frieden in das Herz, der gleich dem l einer tausendjhrig brennenden Tempellampe ist, das eine stille, nie verlschende Flamme nhrt. Nie kam den Menschen in der dnnen therluft dort oben die Kraft zu einer wilden Tat. Sie lebten in der Hhe, in der Luftleere, halb trunken, wie Muse unter der Glasglocke einer Luftpumpe. Sie waren in der verdnnten Luft einem sanft schlfrigen und zartem Zustand von Kraftlosigkeit verfallen, als htte sich ihr Blut verflchtigt, und nur eine ideale, blaue Leere schwang in ihren Adern. Eines Abends sagte der Verwalter des englischen Gartens zu Bulram: Hre! Du mut mich morgen nach Colombo hinunterbegleiten. Ich mu den Pachtkontrakt mit der Regierung erneuern und auerdem zwei Ladungen Apfelreiser und Quittenschlinge, die aus England angekommen sind, im Hafen abholen. Du bist zuverlssig, Bulram, und von allen Gartenaufsehern der vorsichtigste. So viel ich wei, warst du noch niemals drunten an der Kste, seit du lebst. Es wird dir Spa machen, Menschen und Land da unten zu sehen. Talora wird dich fr drei Tage entbehren mssen. Bulram sagte: Herr, so lange Talora und ich verheiratet sind, waren wir noch keinen Tag getrennt. Der Verwalter meinte: Trste deine Frau, Bulram, und sage ihr, da du ihr einen schnen, bunten Colomboschal mitbringst. Halte dich morgen frh bereit. Der Zug geht um neun Uhr von Nuwara-Eliya ab. Um sechs Uhr frh mssen wir mit dem Dogcart hinber zum Bahnhof der Ansiedlung fahren. Am nchsten Morgen kletterte der Zug die Engpsse hinab durch schallende Tunnel auf den schmalen Schleifenwegen der Bergwnde hinunter in die silbernen Tler von Ceylon. Bulram hatte einen schnen halbkreisrunden Schildkrotkamm im schwarzen Haar. Der Kamm hielt das Haar aus der Stirn zurck, und der Singhalese sah glatt gekmmt aus wie ein europisches Schulmdchen. Er wute, da man in Colombo drunten das Haar zurckgestrichen trug, und hatte sich im voraus grostdtisch frisiert. Um seine Beine schlug ein breites braunrotes, zitronengelb getpfeltes Tuch und war wie ein Frauenrock um die Hften von einem Ledergrtel zusammengehalten. Bulrams Oberkrper steckte in einer weien kurzen Leinwandjacke, welche von Taloras Hnden frisch gewaschen und frisch gebgelt war. Hinter seinem Ohr trug er zu Ehren des Reisetages einen Bschel dunkelblauer Kornblumen. Sein breiter goldner Ehering glnzte am groen Zeh seines rechten Fues. Er ging barfu und zog seine Pantoffeln nur vor seinem Herrn an. In einem kleinen grnbemalten Blechkoffer verwahrte Bulram nichts als seine Pantoffeln. Aber er hatte frsorglich an viele Einkufe fr Talora gedacht und zum Schutze der Sachen gegen Insekten und Schlangen den Blechkoffer vom Verwalter erhalten. Bulrams Lunge hatte nie andre Luft als Hhenluft geschluckt. Der Zug senkte sich jetzt aus den nebeligen Farrenkrautwldern zu den hitzigen Zimmetgrten Colombos hinunter, mit einer rasenden Schnelligkeit, wie ein Ballonkorb, der aus den Wolken fllt. Die brandige Tropenluft schlug Bulram wie roter Pfeffer um die Nase. Er mute fortgesetzt niesen und sich die Nasenspitze reiben. Er, der immer unter dem therischen Himmel gelebt hatte, fhlte sich von Staub, Pflanzengerchen und Erddnsten gereizt, als ob man seinen Gliedern ungewohnte Kleider anzge. Der Zug fuhr zwischen protzigen Brotfruchtpalmen in die letzten Abgrnde hinein. Als ob die Erde fortgesetzt den Rdern auswiche, so raste die Wagenkette zu Tal. Die Luft strotzte von den Gewrzen der Nelkenbume und der Kampferstmme. Palmenkronen berwlbten den Schienenweg, menschenkopfgroe Frchte hingen in Bndeln; gelbe und braune Mangofrchte, die droben in Nuwara-Eliya nur blhen und niemals reifen, hingen hier wie Gewichtsteine zwischen gestrubten Riesenblttern. Wenn Bulram seinen Kopf zum Fenster hinausstreckte, glaubte er sich an den Fruchthaufen zu stoen. Wie berfllte Fruchtkrbe standen die Muskat- und Kokoswlder zu beiden Seiten des Bahngeleises. Kaffeebraune, sehnige Singhalesen, dickbltig und ppig genhrt, nackt und nur von der Brune ihres Leibes bekleidet, drngten sich auf den Bahnstationen in den Tlern gleich Herden brauner, feister Maikfer, die durcheinanderkrabbeln. Bulram verstand nicht, warum die Erde so viele Menschen hatte, so viele Nasen, Ohren, Muler und Augen, die ihn anstarrten, als wre sein Gesicht eine Honigwabe, dran sich die Wespen hngen. Die Brust des einsamen Bergsinghalesen fhlte sich vor den Menschenmassen wie ein Kleefeld unter den Fen einer Hammelherde. Blicke, Stimmen, Gerche, Schritte trampelten ber die blaue therruhe seines Herzens. Sein Auge sah nichts mehr, und er fhlte sein Ohr von den Massengeruschen durchlchert wie eine Schiescheibe nach dem Scheibenschieen. Bulram versuchte, um sich zu beruhigen, die Gesichter der Menschen, die auf der Tagesfahrt in seinen Wagen aus- und einstiegen, in Blumensorten einzuteilen. Er sagte zu sich: dieser ist eine sanfte Primel, dieser eine grelle Bohnenblte, dieser eine Tomatenblte, dieser eine Narzisse. Aber die Blumenarten seines Gartens ohne Jahreszeiten, die er als einzigen Mastab hier an alles anlegen konnte, reichten nicht aus. Als er abends um fnf Uhr an der Colombostation ankam, war er todmde von den tausend Vergleichen und schwindlig und hielt sich krampfhaft auf dem Kutscherbock des Wagens fest, der mit ihm und seinem Herrn zum Galle Face-Hotel an das Meer fuhr. In diesem riesigen Steinhallenhotel an der Meeresbrandung, darinnen der Meerdonner Tag und Nacht wie ein Ungeheuer brllend durch die Treppensle, Korridore und Zimmer hallt, benahm sich Bulram wie ein Mondschtiger, der im Schlaf auf einer Dachkante aufwacht, sich nicht vor- noch rckwrts zu gehen traut und berall den Absturz frchtet. Die hundert weigekleideten Reisenden im Hotel, die Europer mit ihrer weien Haut, die vielen weien Musselinkleider und die langen, weien Schleppen der Damen, erschienen Bulram wie irrsinnig gewordene weie fliegende Bltenbume, helle Magnolien oder lichte Jasminbsche, die ohne Wurzeln durch die offenen Tren der Steinwnde aus und ein wandern konnten. Der scheue Bergsinghalese blieb vor Furcht wie ein Schatten an den Wnden kleben. Sein Herr, der englische Verwalter, fand ihn mehrmals im dunkeln Korridor hocken, vor den Menschen am ganzen Leibe zitternd. Bulrams Augen starrten besonders vor der Tr des menschenberfllten Speisesaals entsetzt aus dem Gesicht, wie einem, der zur Nachtstunde in die Dschungel geraten ist, die Raubtierscharen zur Trnke ziehen sieht und beim Anblick der Tigerfamilien ohnmchtig umfllt. Eines Morgens war Bulram pltzlich verschwunden. Niemand, nicht das Telephon, nicht die englische Colombopolizei, nicht Zeitungsannoncen konnten den Verlornen zurckbringen. Acht Tage lie der Verwalter nach Bulram forschen. Dann reiste er nach Nuwara-Eliya heim, glaubend, der Bergsinghalese habe sich heimlich aus dem Staub gemacht und sei vor Menschenfurcht zurck auf die hohen Berge, in seinen Garten ohne Jahreszeiten, zu seiner Frau Talora geflohen. Aber Bulram war nicht zu Hause. Talora stand voll Harmlosigkeit, klar, freundlich und sanft im Garten und lchelte wie eine Allwissende, whrend der Verwalter tief bestrzt war, da Bulram nicht zu finden sei. Talora antwortete, wie die ewig wolkenlose Blue lchelnd: Er wird kommen, Herr. Der Herr soll nicht um Bulram traurig sein. Der Englnder schaute sie sprachlos an. Er hatte geglaubt, die Frau des Singhalesen msse sich zu Boden werfen, weinen und sich die Haare raufen. Statt dessen sagte sie nur ewig lchelnd: Er kann nicht verloren gehen, Herr. Bulram ist in meinem Herzen aufgehoben, Herr. Und Talora ging jetzt durch den Garten, hielt vom Morgen bis zum Abend die Bewsserungsrohre in Ordnung, stellte die Wasserzerstuber auf die Rasenpltze und tat Bulrams Arbeit neben ihrer Hausarbeit, als wre sie Bulram selbst. Niemals zitterte ihre Hand vor Neugier nach dem verlornen Mann, wenn sie dem Verwalter die Briefe des Postboten brachte. Niemals sprang ihr Auge hell auf, wenn die elektrische Gartenglocke klingelte und Fremde kamen, den Garten anzusehen; und es nicht Bulram war. Niemals zitterte ihr Fu, wenn sie abends in das leere Huschen trat, und nie ihr Finger, der morgens die Trklinke ffnete. Sie schien in einer ewigen blauen Ruhe in der therhhe dieses Gartens Tag und Nacht mit ihrem Mann unsichtbar zu verkehren, als gbe es keine Nhe und keine Ferne im Weltall bei dem trunknen Liebesbewutsein ihrer Seele. Ein halbes Jahr verging. Da sagte die Frau des englischen Verwalters zu Talora: Ich reise hinunter, um mir im englischen Bazar von Colombo Kleider und Hte zu kaufen. Ich kann dich mitnehmen. Vielleicht kundschaften wir Frauen mit mehr Glck aus, was aus Bulram geworden ist. Die Dame reiste am nchsten Morgen mit Talora zusammen hinab an die Kste. Die Singhalesenfrau war niemals im Tal gewesen. Aber auf sie wirkte die Talluft anders als auf ihren Mann Bulram. Sie, die stets stille, abwesende, traumwandelnde, wurde nicht noch stiller, sondern wurde gesprchig, lebte auf. Sie zeigte auf der Reise ihre Zahnreihen und ihr rotes Zahnfleisch mit breitestem Lachen. Sie schmatzte mit den Lippen, sie schnalzte mit der Zunge, und ihre Augen hingen ihr mit vielen Blicken nach allen Seiten wie die Beeren von dunkeln Trauben in dem Kopf. Ihr Mund schien alle Frchte der fruchtreifen Luft zu schmecken, und ihre Backen wurden vom hitzigen Atem der Talwlder aufgeblht und dick. Sie trug eine weie Bluse mit bauschigen, kurzen rmeln. Je nher der Zug aus der Berghhe hinunter in die Colombohitze des Tropennachmittags kam, desto unruhiger wurde Talora. Ihre nackten Unterarme schoben ungeduldig die lockeren Brste hinter dem Blusenstoff hin und her, als wren das ein paar reife, unbequeme Frchte, die sie ablegen wolle, sobald der Zug hielt. Auch Talora war bald aus dem Hotel verschwunden. Ihre englische Herrin glaubte, sie suche ihren Mann in der Stadt. Man wartete drei Tage, suchte Talora, wie man Bulram gesucht hatte, aber die Singhalesin blieb unauffindbar. -- Ein Jahr verging. Die Meeresbrandung vor dem Galle Face-Hotel donnert unausgesetzt, die Tropensonne rollt im Land ber die Zimmetgrten, und wie eine riesige Spiritusflamme brennt das rotviolette Morgenmeer. Weit drauen im Hafenwasser steht ein groer Dampfer mit hohen weigetnchten Wnden. Er wirft seit Stunden gelben Qualm aus vier Schornsteinen und ist zur Abfahrt bereit. Breite, schaukelnde Jollen und ein kleines, spitziges Motorboot bringen Kofferladungen und Ladungen voll weigekleideter Tropenreisender an die Schiffswand. Jetzt wird die weie Landungsstiege an der Schiffswand hochgezogen, und Ankerketten kreischen markerschtternde Schreie. Der Dampfer liegt noch immer still, umgeben von dem kurzen und ruckweisen Gehpf der Morgenwellen. Viele Kpfe von Reisenden biegen sich ber die weigestrichnen Eisengelnder der Schiffsstockwerke. Drunten reiten nackte, arme, braune Singhalesen auf langen, gelben Holzbalken in der Flut um das Schiff. Statt eines Ruders hat jeder Wasserreiter einen Kistendeckel oder ein Brett in der Hand. Manchmal wirft ein Passagier eine kleine Silbermnze ber Bord. Dann schlpfen alle die nackten, jungen Kerle wie glatte Seehunde von ihren schwimmenden Balken und fahren in das durchsichtige, glserne Meer hinunter, wie auf einer grn angestrichnen Rutschbahn in die Tiefe. Drunten werden ihre Gliedmaen gespenstig wie Froschglieder, scheinen sich aufzulsen und verschwinden. Nach einer Weile erscheinen sie im Flaschengrn der Tiefe wieder, zappelnd und wie braunrote Schatten. Schwarzglnzende, triefende Kpfe tauchen aus dem Wasser, und einer zeigt das silberne Geldstck lachend zwischen seinen Zhnen. Dann schwingt sich jeder auf seinen Baumstamm, und alle reiten wieder um die Schiffswandung. Mit viel Geschrei winken sie hinauf und ermuntern die Passagiere des abfahrenden Orientdampfers; und sobald ein Geldstck aufs Wasser klatscht, verschwinden wieder alle Balkenreiter lautlos im Meer. Bis zur Abfahrt des Dampfers vertreiben sich so die Reisenden die Zeit mit Geldwerfen. Bulram ist seit Monaten hier jeden Morgen auf einem Balkenstamm um die auslndischen Dampfer geschwommen. Er holt sich durch gewandtes Tauchen sein Geld aus dem Meer, das eilig verdiente Geld, das er nachts ebenso eilig in den Spielhllen bei braunen Dirnen und Reisbranntwein wieder ausgibt. Seitdem Bulram die Zimmetluft von Colombo riecht, ist in ihm der Gedanke an seine Berge, an Talora und an den Edengarten auf den Bergen tiefer versunken als je ein Geldstck im Meer. Er lebt in Colombo wie eine Fliege, die sich auf dem Zucker eines Fliegenpapiers berauscht und vollsaugt. Wie ein samtner Panther streicht er sich nachts an den nelkenlduftenden kleinen Dirnen in den Freudenhusern, und am Tag springt er nackt und blank in die Meerestiefe nach den blitzenden Mnzen. Er sticht unzhlige Male in den Meeresgrund hinunter, rudert seinen schwimmenden Balken abends mit einem Brett ans Land, rollt sich dann wieder bei einem Nautsch-Girl auf einem Teppich wie ein Igel zusammen und lt das armselige Geschpf, das er sich fr die Nacht gekauft, nicht mehr aus seinen Griffen, bis ihn die Frhluft weckt. Heute ist wieder eine backofenwarme Nacht. Vanille- und Kampferbume pressen ihren Duft aus den Grten ber die Stadt. Am groen granitnen Wellenbrecher entlang der Seeseite mussiert die Brandung und wirft hohe, weie Geiser in die Dunkelheit. Sterne hngen gleich glitzernden Wasserblasen an der Nachtdecke. Die Front des Galle Face-Hotels ist beleuchtet, wie ein groes Transparent. Unter den elektrischen Bogenlampen der Strandpromenade tauchen vom Hotelportal her weie Punkte auf: die weien Hemdbrste vieler Herren im schwarzen Abendanzug, Englnder und andre Europer. Jeder Herr lt sich von einem nackten Kuli in einem kleinen Rikschawagen ziehen. Die Herren sind ohne Hut. Sie machen vom Hotel nur einen kurzen Abendausflug in das Freudenviertel von Colombo. Die Reihen der kleinen Wagen verschwinden schnell am Ende des Strandweges hinter den Tenniswiesen in dunkeln Eingebornengassen. Bulram drckt sich hier in einer der Gassen still an den Wnden hin. Er ist in allen Husern der Gasse wie der Mond bekannt. Die Wagenreihen mit den auslndischen Herren im Abendfrack sind an ihm vorbergerollt und halten jetzt vor ihm in der Strae. Er sieht die Herren, von einem Hauseigentmer auf dem Straenpflaster empfangen, in einer Haustr verschwinden. Alle Lden der Huser sind geschlossen, und man hrt nur gedmpft Kastanietten, Geigen, Tamburine, einfrmig wie die Musik summender Wasserkessel. Mnner, welche kommen und gehen, verschwinden wie die Katzen, lautlos, in den Haustren und um die Straenecken. Neben Bulram ffnet sich ein Erdgescholaden. Ein Frauenarm langt heraus, und zwei Finger schnalzen. Bulram sieht im Halbdunkel unter dem hellen Sternhimmel zwei groe Reihen blendender Zhne und ein paar nackte Brste, die sich wie zwei kleine Scke ber das Fenstergesims quetschen. Bulram kennt die Frau nicht, aber er fragt in das dunkle Fenster: Bist du frei? Die Frau schnalzt mit der Zunge, und bei diesem Laut beginnen vor Bulram alle Steine der Strae, alle Sternflecken am Nachthimmel zu schaukeln. Der Singhalese will in das Haus eintreten. Aber der Hauseigentmer sagt ihm, er sei um eine Minute zu spt gekommen. Die an der Fensterecke sei eben drinnen von einem englischen Kapitn gerufen worden. Bulram stellte sich wieder unter das Fenster und wartete. Aber das Mdchen mit den lachenden Zhnen und der schnalzenden Zunge ffnete nicht mehr den Fensterladen und rief ihn nicht mehr. Acht Tage hielten Seeoffiziere und Matrosen auslndischer Kriegsschiffe ihre nchtlichen Gelage in dem Haus, und acht Tage lang wurde der armselige Singhalese vom Hauseigentmer abgewiesen; er schlief acht Nchte unter dem Fenster und blieb acht Nchte nchtern. In der neunten Nacht, als die Dampfer den Hafen verlassen hatten, ffnete sich wieder der Fensterladen. Zwei nackte Brste drckten sich ber die Fensterbank, und helle Zhne glitzerten in einem lachenden Mund; dem Singhalesen scho sein hitziges Blut wie Sternschnuppen vor die Augen. Bulram ging in das Haus, drckte das Mdchen an sich und schlo dabei die Augen, wie es alle Orientalen tun, wenn sie ernstlich glcklich sind. Er blieb dann Tag und Nacht bei geschlossenen Fensterlden im Haus bei der Dirne. Am vierten Abend sa der Hauseigentmer mit seinen Freunden wie immer drauen auf den Steinstufen vor der Haustr. Es wetterleuchtete hinter dem Hausdach. Da kam einer seiner Buben heraus und sagte ihm: Herr, das Zimmer des Mdchens, welche hinter dem Eckfenster wohnt, ist wie leer gefegt. Das Mdchen, das sich dort seit ein paar Tagen mit einem Singhalesen eingeschlossen hielt, ist verschwunden. Die Tr steht weit offen, aber niemand hat weder sie noch den Singhalesen fortgehen sehen. Vielleicht ist der Bursch ein Bergsinghalese gewesen und hat sich in einen Nachtblitz verwandelt und hat das Mdchen auf einer glhenden Wolke fort in die Berge geholt! In demselben Augenblick kreischte der Fensterladen an der Straenecke in den Eisenangeln, und der Hauseigentmer rief: Verflucht! Sie sind sicher miteinander durch das Fenster fortgesprungen. Verflucht! Sie ist verschwunden, wie sie gekommen ist! Eines Abends stand sie mit auslndischen Matrosen hier unter meiner Tr und trat ein und war viel begehrt und nannte sich mit dem lockenden Namen Talora. Da auf den Stufen stand sie damals vor mir. Es wetterleuchtete wie heute, als werfe sie Feuer um sich und Feuer ins Haus, so kam sie. Nun sprang sie wie ein Blitz wieder fort. -- -- Nach Monaten klingelte abends die elektrische Glocke der Gartentr des Edengartens, und als man ffnete, standen Bulram und Talora drauen. Beide vergngt, lautlos und sanft wie immer. Der Verwalter fragte, und die Frau des Verwalters fragte, und alle Gartenaufseher fragten, wo die beiden nach zwei Jahren herkmen. Sie aber lchelten nur und deuteten in den wolkenlosen Himmel. Herr, er war im Himmel, lchelte Talora, und Bulram nickte immer wieder stumm Beifall, wenn seine Frau auf ihr Herz deutete und auf alle Fragen nichts andres antwortete als: Herr, er war im Himmel. Dann saen beide wieder in dem Garten, knieten ber den Blumenbeeten, arbeiteten mit der Rasenschere und mit dem Rechen. -- Sie beugen sich noch heute wolkenlos wie der therhimmel von Nuwara-Eliya ber die Blumenreihen, dort oben in dem Garten ohne Jahreszeiten. Im blauen Licht von Penang Die malaiische Kurtisane Gabriela Tatoto, die in der Frhlingszeit auf englischen Dampfern in der Malakkastrae und im chinesischen Meer von Penang bis Hongkong reiste, lebte im Sommer ausruhend in ihrer Villa in Penang. Ihr Haus lag wie ein einziger weier Saal in einem tiefen Rasengarten. Statt der Blumenbeete standen mannshohe bluliche Porzellanvasen in langen Reihen dem Gartengitter entlang, gelb- und rotgefleckte Tigernelken wuchsen in Struen aus den Vasen. Schlanke Wandererpalmen mit pechschwarzen Fcherblttern brsteten sich wie finstere Pfauen rund um die weie Villa. Ein scharlachblhender Elektrinenbaum spreizte sich am Garteneingang. Das rote Gekrse der Blten in der Luft leuchtete blutig wie die Schlachtbank eines Metzgers. Der Garten schien das Seelenleben der Kurtisane in seinen Farben zu spiegeln. Mit der Knstlichkeit der Porzellanvasen, mit der Dsterkeit der Wandererpalmen und mit der rcksichtslosen lsternen Rte der Elektrinenbume erinnerte er an seine Besitzerin. In Penang herrscht ber allen Dingen, ber den Kalkwnden der Huser, ber den breiten Blattflchen der Palmen und ber der Haut der Menschen ein ewig blaues Licht. Immer ist eine Blue dort ber allem wie ein bestndiger Mondschein mitten im Sonnenschein. Das blaue Licht von Penang ist wie der bluliche Schimmer einer unsichtbaren elektrischen Bogenlampe, ist ber den Springbrunnen der Grten, ber den Pflastersteinen, ber den Wasserspiegeln des Meeres und selbst ber den Panzerplatten der vorberfahrenden Kriegsschiffe gleich wie ein Phosphorleuchten mitten am Tage. Und die Blue macht den Muschelkalk der Huserwnde transparent, als knnten die Menschenschritte hier durch die geisterhaften Wnde gehen, als wre die Stadt nur ein bluliches unwirkliches Schlafbild mitten unter der wachen Tropensonne. Niemand hat das bluliche Licht von Penang jemals erklrt, aber es ist immer da, und die eingeborenen Photographen malen selbst auf die Ansichtskarten, auf Gesichter und Landschaft, diesen Mondschein im Sonnenschein. Auch Gabriela Tatotos weies Landhaus lag im Gartengrn mitten am Tag mit mondblauen Wnden, die wie zu stark geblaute Wsche leuchteten. Der malaiische Photograph Fuluo Holongku in Penang hatte dieses Haus schon dutzendweise auf Ansichtskarten mit zarter Blue bemalt, denn die Kurtisane schenkte gern ihr Hausbild mit Gartenansicht an ihre Freunde. Aber niemals verschenkte sie ihr eigenes Bild. Sie frchtete sich, aberglubisch wie alle Asiaten, vor dem bsen Blick fremder Augen -- vor bsen Augen, -- die ihr Schaden bringen wrden, und vor bsen Wnschen, die sich auf ihr Bild richten knnten. Nur einmal hatte sich Gabriela von Holongku photographieren lassen. Aber als er die Bilder ablieferte und sie ihr Gesicht dutzendweise vor sich sah, erschrak sie, geriet in Angst und verbrannte noch am Abend alle Bilder mit eigener Hand. Der Photograph Holongku besa trotzdem ein Bild von der Tatoto, ein Bild, das die Kurtisane nackt zeigte, und das sie selbst noch niemals gesehen hatte. Holongku trug dieses heimliche Bild in das Futter seines Hausrockes eingenht; denn es soll Glck bringen, das nackte Bild einer Kurtisane stets bei sich zu tragen. Der Photograph war auf leichte Weise in den Besitz dieses Bildes gekommen. Gabriela hatte damals Holongku zu sich in die Villa gerufen, um sich photographieren zu lassen. Es war zu Beginn der heien Zeit, die Kurtisane war schlfrig und von ihrer Hongkongreise eben erst zurckgekehrt. Die Tatoto lag in einem langen Strohsessel im schattigsten Zimmer des Hauses. Die grnen Schutzdcher an den langen Fenstern waren herabgeklappt, die Scheiben bis zur Diele geffnet, aber die Kalkdecke im Zimmer strahlte wie immer ihr bluliches intensives Licht aus. Gabrielas chinesischer orangefarbener Seidenmantel war weit geffnet und zeigte den schmalen Leib der Kurtisane wie das Fleisch einer geschlitzten Mangofrucht in rotgelber Schale. ber den nackten Arm der schnen Frau stieg behutsam mit den langsamsten Schritten der Welt ihr Spielzeug, ein kleines Chamleon, das wie ein winziges graues Gespenst im Zimmer umging. Der Photograph wurde in das Haus eingelassen, und da er bestellt war, folgte ihm niemand von der Dienerschaft durch den Vorsaal. Er hob die Strohmatte von der Tr und sah die nackte Kurtisane eingeschlafen. Blitzschnell vereinigten sich in dem Malaien Gedanke und Wunsch, das Bild der nackten Frau zu besitzen, um es bei sich zu tragen. Unhrbar klappte er das Aluminiumgestell seiner kleinen Straenkamera auf und photographierte rasch, von der Trschwelle aus, die Schlafende. Er htte gern vorher von Gabrielas Oberarm das kleine hliche Chamleon verscheucht, das dort auf drei Beinen stillstand und das vierte Bein wie ein Jagdhund abwartend in die Luft streckte. Aber das kleine graue Tier sah unter seinen Augenklappen regungslos in das blaue Licht der Zimmerdecke und rhrte sich nicht auf dem Arm der Schlferin. Der malaiische Photograph kauerte nach einer Weile im Vorzimmer auf der Diele und schien mit orientalischer Ruhe auf das Erwachen der Dame zu warten. -- Holongkus Herz pochte heftig, als er spter zu Hause in seiner Dunkelkammer das kleine Bild der nackten Kurtisane auf der Platte hervorrief. Am nchsten Morgen nhte er einen Papierabdruck davon in seinen Hausrock und wute jetzt, da er zeitlebens Glck haben werde. Nur durfte er von dem Bilde zu niemanden sprechen. Aber das Glck kam in wahnwitziger Gestalt. Wollstige hitzige Trume bedrngten den armen Mann. Die nackte Tatoto kam nachts, wie in einem gelben Feuermantel, an das Bett des Malaien und legte sich in seinem Schlaf zwischen ihn und seine junge Frau. Und wenn er zugriff und die Kurtisane umarmen wollte, hing ihm das steife grinsende Chamleon am Herzen. Bei Tag ging die nackte Tatoto vor ihm her ber das bluliche Pflaster von Penang. Stundenlang starrte der junge Photograph geistesabwesend in das blaue Licht von Penang und stand, wie ein Trumer im Mondschein, mitten im Sonnenschein. Nur wenn er seinen Hausrock ablegte, darinnen Gabrielas Bild eingenht war, atmete er leichter. fters geschah es, da Holongku seinen europischen Anzug anzog, seinen europischen Strohhut aufsetzte und zum Hafen ging, wenn ein auslndisches Postschiff signalisiert wurde. Dann verkaufte er auf dem Promenadendeck des angekommenen Dampfers bemalte Photographien und Postkarten von Penang an die Weltreisenden. Fr eine kurze Stunde legte er dann mit seinem Hausrock seine unruhige Leidenschaft zu der Kurtisane ab. Wenn Holongku im Hafen auf einem Dampfer war, sa seine junge sechzehnjhrige Frau vor dem Atelierhaus auf dem Treppenabsatz unter dem Schlingpflanzendach. Die weien Treppensteine leuchteten blulich, und Marmies weie Augpfel schimmerten ebenso blulich. Die junge Frau stellte jeden Nachmittag einen kleinen Tisch auf die schattige Haustreppe und sa dort stundenlang und bemalte Dutzende von Ansichtskarten, bis ihr Mann wiederkehrte. Marmie sa heute wieder an ihrem gewohnten Platz, und hinter ihr funkelten die Atelierscheiben im Gartengrn, wie die Fenster eines Aquariums. Marmie sa getreulich und emsig ber ihre Postkarten gebeugt. Ihr schwarzes glattgescheiteltes Haar spiegelte bluliche Glanzlichter. Dieses lackschwarze Haar wurde oft drben ber der Strae von dem chinesischen Korbflechter Ling-Sung betrumt. Der Chinese hatte seine offene Korbflechterei dem Photographenhaus gegenber. Dort wurden aus weiem Rohr von vielen halbnackten Chinesen groe verschnrkelte Strohsessel und Strohsophas kunstvoll nach englischen Vorlagen gearbeitet. Ling-Sung, der reiche Besitzer dieses Geschftes, sa nachmittags in der Strae in einem groen Schaukelstuhl. Er war stets nur mit einer schwarzen Kalikohose bekleidet. Sein Oberkrper war nackt. Er zeigte seine gelbe glnzende Bauchkugel der Sonne und schlief unter einem getrockneten Palmfcherblatt, das er sich ber die Stirn gelegt hatte. Seine beiden vom Fett angeschwollenen nackten Arme hingen zu beiden Seiten des Schaukelstuhles vom feisten Leib herab. Die schwarze Kalikohose glhte wie schwarzer kochender Asphalt in der Sonne, und die gelbe Leibkugel stand voll glitzernder Schweiperlen und glnzte, wie eine fette geblhte Pastete. Wenn Ling-Sung nicht schlief, schaukelte er, und sein langer Zopf hing hinter der Stuhllehne bis auf das Pflaster und bewegte sich wie ein Perpendikel. Um ihn arbeiteten seine Leute gebckt ber das Strohgeflecht, teils in der offenen Haushalle, teils auf der leeren breiten Strae. Ling-Sung konnte stundenlang in seiner liegenden Stellung schaukeln und zur Photographin hinberstarren. Er trumte sich dann nach China hin, in seine Heimatstadt, und von dort wollte er sich spter eine Chinesin zur Frau holen, schwarzhaarig wie die Photographin drben. Halb schlafend, halb trumend beging er in erhitzten Gedanken, sorglos und unschuldig wie alle Schlafenden, manchen Ehebruch mit der Photographin. Aber wenn er wieder erwachte, dachte er nur nchtern an seine Korbflechterei und kassierte emsig in der Stadt ausstehende Gelder ein. Auch der malaiische Photograph schuldete dem Chinesen einiges Geld, aber Ling-Sung wartete gromtig, teils weil er Holongkus Nachbar war, teils weil ihm die Frau des Photographen angenehme Trume umsonst gab. Marmie, die Photographenfrau, sa jeden Nachmittag vllig ahnungslos auf ihrer Treppe vor dem Tisch und bemalte ihre Ansichtskarten von Penang mit blulicher Farbe. Sie dachte mit keinem Gedanken an den Chinesen und wartete nur auf die Heimkehr ihres Mannes, in den sie treu verliebt war. Tglich ist in Penang eine schwle Gewitterluft wie in einem Brutkasten, und wie mit blauer Elektrizitt geladen glhen alle Erdkrper. Stundenlang ber das Vergrerungsglas einer Lupe gebckt, hatte Marmie sich heute mde gemalt. Sie ging in den Hausgang und holte den Hausrock ihres Mannes, legte ihn auf ihr Knie und wollte einen abgerissenen Knopf annhen. Die Zisternen im Garten rochen dumpf, und die glatten Blattflchen der Fcherpalmen warfen grelle Glanzlichter, wie groe weie Brennspiegel. Marmies Stirn schmerzte, und sie schlo nach dem Einfdeln der Nadel einen Augenblick ihre Augen. Dieser Augenblick aber wurde schnell zu einem Schlafbild von einigen Sekunden, zu einem blitzschnellen Traum, der die Scheinzeit von Jahren annahm. Marmie trumte, der Chinese Ling-Sung verlangte pltzlich sein Geld. Er stand vor ihr und klopfte auf den Tisch und forderte energisch die Zahlung, weil er nach China reisen und sich verheiraten wollte. Marmie bettelte fr ihren Mann um Aufschub, aber Ling-Sung war unerbittlich. Dreihundert Yen fr Korbsthle und Sofas, die Ateliereinrichtung, sollten sofort bezahlt werden. Sonst wrde der Chinese heute abend den Photographen schlachten lassen und ihn rsten, wie die Menschenfresser in Sumatra drben es tun, und mit seinen Verwandten zusammen Holongku als Hochzeitsschmaus verzehren. Marmie sah schnell im Traum die finsterbewaldete Kste von Sumatra ber der Malakkastrae, wo Menschenfresser heute noch Freunde und Verwandte schlachten, wie man sich in Penang erzhlt. Marmie schauderte und verwechselte im Traum China mit Sumatra und glaubte fest, da der Chinese dort hinberreisen wrde und ihren Mann als Hochzeitsschmaus mitschleppen wollte, wenn er nicht bezahlen wrde. Rasch fiel ihr ein Vermchtnis ihres Vaters ein. Dieser, ein Malaie, hatte manchmal erzhlt, da man Menschen tten knne, wenn man ihr Bild oder ihre Photographie mit einer Nadel durchsteche. Der Stich mu die Brust treffen, und dabei soll man das malaiische Wort Lulau laut und deutlich aussprechen. Die Hand darf nicht zittern. Man mu die Nadel auf der Photographie in die Herzgegend der betreffenden Person ansetzen und beim Wort Lulau durch das Bild stechen, aber die Nadel darf nicht abbrechen. Marmie beschlo im Schlaf den Chinesen Ling-Sung auf diese Weise zu tten. Sie suchte in der Tischschublade nach seiner Photographie, denn der Chinese hatte sich fr seine Braut photographieren lassen. Und Marmie versprach sich mit ihrer raschen Tat fr ihren Mann schnelle Hilfe vor dem chinesischen Menschenfresser. Sie sah noch einmal Ling-Sung starr ins Auge und sagte: Also, du gibst meinem Mann keine lngere Frist mehr, Ling-Sung? Nein, die Hochzeit ist morgen, sagte der Chinese, und sein gelber Wanst glnzte feist in der Sonne wie die gelben Tonnen, die im Hafen von Penang im Meerwasser schwimmen. Gut, sagte Marmie entschlossen, nahm ihre Nhnadel und stach sie in das Brustbild des Chinesen und rief laut: Lulau! Der Chinese wurde blauwei, wie die Luft von Penang, und fiel steif vor Marmie auf den Erdboden. Tief seufzend und wie mit einer schweren Brde beladen erwachte Marmie. Sie hrte noch deutlich ihre Lippen Lulau sagen. Ihr Ohr hrte noch das Papier der Photographie unter dem Nadelstich knistern. Der Chinese war umgefallen und ermordet von Marmie. Marmie erwachte jetzt vollstndig und lchelte ber den seltsamen Traum. ber der Strae lag wie immer friedlich atmend der feiste Chinese Ling-Sung im Schaukelstuhl. Er lie seinen Pastetenbauch braten, und um ihn arbeiteten die Korbflechter mit ihren weien Bambusrohren. Marmie suchte nach ihrer Nadel, die sie im Schlaf verloren hatte. Sie fand sie im Hausrock ihres Mannes stecken, als ob ihre Hand im Schlaf genht htte. Marmie erinnerte sich, da ihr Mann gerade heute die Rechnung bei dem Chinesen drben bezahlt hatte; und es konnte keine Rede mehr von einer Schuld sein. Sie nhte, erleichtert aufatmend, den Knopf an den Hausrock, ging dann hinein und hngte den Rock im Hausflur an seinen Platz. Darnach malte sie wieder emsig an ihren Postkarten weiter. Nach einer Weile kam Holongku vom Hafen zurck. Die Ehegatten nickten sich zu. Der Mann trat ins Haus, wechselte seinen Rock und ging dann in das kleine dunkle Laboratorium zu seinen Chemikalien. Die Frau drauen hrte ihn eine halbe Stunde mit Glasplatten und Flaschen hantieren. Dann kam er wieder heraus auf die Treppe. Er stand sehr bleich vor Marmie, strich sich mit den Hnden ber das Gesicht und sagte zu seiner Frau, er fhle belkeit im Leibe. Ihm war, als rche das ganze Haus nach einem ekelhaften Leichengeruch. Marmie stand bestrzt auf und ging mit ihrem Mann durch die Zimmer und durch den Garten. Sie suchten beide, ob nicht irgendwo eine verreckte Eidechse oder ein toter Papagei in Verwesung hingeworfen seien. Sie fanden nichts im Garten und gingen noch einmal durch die Zimmer im Haus. Die Frau roch nirgends etwas, aber Holongku beruhigte sich nicht. Er fand, da der Leichengeruch in seinen Kleidern se, und als sie gerade in der Kche standen, schleuderte er den Hausrock ab und warf ihn auf den kalten Herd. Da mute Marmie lachen und lachte ihren Mann aus, und dieser ging ohne Rock zurck an seine Arbeit. Aber es dauerte nicht lange, da kam Marmie zu Holongku in das Laboratorium und klagte ber einen Brandgeruch im Hause. Beide machten sich wieder auf die Suche, und als sie die Tr zur Kche ffneten, schlug eine groe Flamme vom Herd in die Luft, und der Hausrock flog ihnen, verbrannt zu einem flachen schwarzen Aschenlappen, vom Herd entgegen. Sie stellten fest, da noch etwas Glut im Aschenkasten gewesen war, und da der Hausrock, getrnkt mit chemischen Dnsten, einen Funken geweckt hatte und verglimmt war. -- Am nchsten Nachmittag, ehe der Photograph zum Hafen ging, kam der Chinese Ling-Sung von drben aus seinem Haus, kam herber ber die Strae und blieb an den weien Stufen des Treppenabsatzes stehen, wo Marmie wie immer ihre Postkarten malte. Die junge Frau sah erstaunt von ihrer Arbeit auf und dachte einen Augenblick: Der Chinese steht da wie gestern nachmittag, als ich von ihm trumte und mit der Nadel sein Bild durchstach. Ling-Sung winkte dem Photographen und flsterte ihm ins Ohr: Die Gabriela Tatoto ist gestern nachmittag in ihrem Landhaus gestorben. Eine Schlange kam aus ihrem Garten und hat sie in die nackte Brust gebissen, als sie auf ihrem Stuhle lag und schlief. Die Schlange wollte Jagd auf das Chamleon machen, das immer auf Gabrielas Arm sa. Aber die Kurtisane erwachte und schlug im Schreck nach der giftigen Schlange, die dann wtend zubi. Die Tatoto ist kurz darnach am Giftbi gestorben. Alle Leute machen heute Jagd auf die Schlangen in ihren Grten. Ich mchte gern Ihr Mungos heute abend leihen, um auch meinen Garten absuchen zu lassen. Der Photograph versprach Ling-Sung das Mungos fr den Abend, und der Chinese ging dankend und grend wieder hinber. Marmie lief in die Kche und holte das kleine Mungos von der Kette, lockte es in den Garten und lie das Tierchen, das der beste Schlangenwchter ist, die Bsche absuchen. Aber ihr Mann griff sich, als er allein war, an die Brust und atmete erleichtert auf, da er das Bild der verfhrerischen Kurtisane nicht mehr im Futter seines neuen Rockes fhlte, das Bild, das Marmie gestern im Schlaf durchstochen hatte, und welches mit dem Rock am Herd verbrannt war. Holongku war von jetzt ab nie mehr abwesend und vergeistert und starrte nicht mehr stundenlang in das blaue Licht von Penang, das wie Mondschein im Sonnenschein ist. Likse und Panulla Likse, eine chinesische Wasserverkuferin und Panulla, eine singhalesische Straendame, saen im Haftlokal der Polizeistation auf der Gelben Strae in Singapore. Es ist morgens sechs Uhr. Beide Frauen sind in der Nacht betrunken von der Strae aufgelesen und in das vergitterte Haftzimmer gesteckt worden. Der einfenstrige Raum liegt im ersten Stock eines einstckigen indigoblauen Hauses. Das Gitterfenster reicht bis zur Diele. Likse und Panulla sind von den Sthlen, auf denen sie geschlafen, aufgestanden. Sie hocken am Boden bei dem Gitterfenster, schauen auf die lebhafte Morgenstrae hinunter und warten auf ihre Haftentlassung. Likses Kopf ist wie ein gelber, groer, ausgehhlter Krbis, in den man ein Licht gestellt hat. Ihre Augpfel leuchten noch prall von bernchtiger Trunkenheit. Panulla hat noch rot und weie Schminke und Puderreste im Gesicht. Ihre Wangen sehen aus wie zwei knstlich gefrbte Stcke Zucker. Beide Gesichter, das gelbe und das rosaweie, kleben an dem Gitter und verfolgen interessiert den Straenlrm unten in der Gelben Strae von Singapore. Nackte Malaien, halbnackte, grobblau gekleidete Chinesen, Bananenhndler, Wassertrger, Fischverkufer, Garkchenkarren und Rikschawagen rennen durcheinander, schieben und poltern ber die Pflastersteine. Rder und Menschenstimmen berlrmen sich mit ruckhaften Stzen. Die beiden Weiber am Gitterfenster begren Bekannte unten, Gesichter nicken herauf, Hnde winken. Vom drhnenden Straenleben zittern die Eisenstbe des Gitters, daran sich die Finger der beiden Frauen festhalten. Likse, die Chinesin, hat weite, schwarze, glnzende Kalikohosen an und eine blaue schrggeknpfte Leinenjacke. Ihr lehmgelbes Gesicht grinst immer freundlichst. Ihre eingedrckte Nase schnuppert zwischen den Eisenstben sehnlichst nach der Strae hinunter. Panulla in einem alten japanischen Krepp-Kimono von rosagrauer Farbe, rote Ahornbltter darauf eingefrbt, hockt am Boden. Ihr schmaler Hals dreht sich wie ein Reiherhals hin und her. Sie verfolgt alle Vorbergehenden mit beweglichem Kopf, als mchte sie gleich einer Strchin die Leute wie Frsche aus einem Sumpf zu sich heraufangeln. Die chinesische Likse ist grobknochig. Ihre derben Brste und ihr Ges sind dick wie Wassermelonen. Panulla aber ist wie ein Heupferdchen schmal und wetzt ihre Kniee hpfend am Gitter, wenn sie bekannte Matrosen auf der Strae begrt. Allmhlich sammelt sich ein Bekanntenkreis von chinesischen Barbieren, malaiischen Wagenziehern und chinesischen Kuliweibern unter dem Fenster an. Unter viel Geschrei unterhalten sie sich mit den gefangenen Weibern. Einer wirft ein paar Bananen hinauf, ein Fischhndler ein paar dnne Fische. Die breitmulige Likse verschlingt die lebenden rohen Fische. Panulla lutscht an den Bananen. Aus einer chinesischen Bar, ber der Strae, kommt ein junger Mensch gerannt. Er hat einen langen Bambusstab in der Hand; darauf ist ein Stck Schwamm gebunden. Den feuchten Schwamm reicht er den gefangenen Frauen hinauf. Likse schnuppert und riecht sofort, da der Schwamm in Branntwein getaucht ist. Panulla errt den Branntwein aus Likses Augen, und beide Weiber pressen gierig ihre offenen Muler durch die Gitterstbe, um den Branntweinschwamm zwischen die Lippen zu bekommen. Kaum hat Likse den Schwamm mit der Nase berhrt, versucht Panulla die Chinesin zur Seite zu zerren. Die aber bleibt unerschtterlich auf ihren zwei stmmigen Beinen stehen, schnappt nach dem Schwamm und saugt. Der Bekanntenkreis unten brllt ein heulendes Gelchter, denn Panulla ist wie ein Affe auf Likses Schulter gesprungen und wrgt Likse von rckwrts am Hals, damit die Chinesin keinen Schluck Branntwein in den Magen hinunterschlucken kann. Likses gelbes Krbisgesicht wird braun wie ein irdener Krug. Sie wrgt und schlingt und will Panulla abschtteln. Die dnne Malaiin hngt wie eine Zange am Hals der dicken Chinesin. Likse fllt auf die Kniee, prustet den Branntwein aus den Nasenlchern, und immer noch reitet Panulla auf der breiten Chinesin wie ein Jaguar, der sich in einen Elefantenrcken eingebissen hat. Die gelben Zuschauergesichter auf der Strae tanzen wie Reihen gelber Lampions im Winde, und viele Kpfe stoen im Gelchter zusammen. Panulla hat endlich, ber den Rcken der Chinesin hinweg, den Schwamm durch das Gitter mit den Zhnen erschnappt, ihn mit dem Mund von der Bambusstange gerissen, den Branntwein mit den Lippen ausgesogen und den Schwamm dann blitzschnell zurck auf die Strae gespuckt. Aber jetzt erhebt sich furchtbar die knochige Chinesin von der Erde, schnaubend wie ein Flupferd, das ans Land steigt. Ehe sich Panulla, die am Gitter hngt, die Schreckensgesichter der Zuschauer unten auf der Strae erklren kann, hat die mchtige Likse die Malaiin von rckwrts am Haar zur Erde gerissen. Das Haar geht auf, und die chinesische Wassertrgerin schleift die Straendirne wie an einem schwarzen Strick in den Hintergrund des schmalen Haftlokales. Die Zuschauer stehen noch ein paar Augenblicke unten und warten. Ihre gestreckten Hlse reichen nicht bis zum ersten Stock, um in die Zimmertiefe zu schauen, und da weder Panulla noch Likse wieder am Gitter erscheinen, gehen alle lachend auseinander; das Straenleben eilt eintnig lrmend wie vorher unterm Fenster vorber. Auf den Steinplatten hinten an der Zimmerwand liegt Panulla in der einen Ecke wie eine fortgeworfene Puppe mit ausgerenkten Armen und komisch verbogenen Beinen, als ob ihr ein Wirbelwind alle Glieder in den Gelenkkugeln verdreht htte. Ihr rosa Kimono liegt zerschlitzt in vielen Fhnchen unter ihr. Als hat sie Lust zu lachen, verzerrt Panulla die Mundwinkel und zeigt die Zunge wie einen blauen Lappen. Ihr Haarstrang ist fest, gleich einer Henkerschnur, um ihren Hals geknotet. Die Malaiin rhrt sich nicht mehr. In der anderen Ecke der Zimmertiefe ist Likse rckwrts ber einen Stuhl gestrzt. Ihre Beine stehen gespreizt in die Luft nach der Zimmerdecke. Ihre gelben Waden schauen aus den schwarzen zurckgefallenen Kalikohosen. Das gelbe Gesicht der Chinesin steht verkehrt auf dem Fuboden und scheint wie eine leuchtende Lampe durch das dunkelblau getnchte Zimmer. Die blaue Jacke ist von der linken Brust gerissen. Der kleine Glaskopf einer Stecknadel blitzt neben der Brustwarze. Kaum ein einziger kleiner Blutstropfen sammelt sich langsam um den Stecknadelknopf und erstarrt zu einem winzigen roten Kreis. Likse hat Panulla mit der Malaiin eigenem Haar erwrgt, und Panulla hat der Chinesin im Kampf eine Stecknadel so tief in die Brust gestochen, da die Nadel das Herz traf und bis zum Nadelkopf im Fleisch stecken blieb. Likse und Panulla sind tot. Die Malaiin bekommt allmhlich durch die Totenstarre einen schiefen Ausdruck, als ob sie spottet. Das Wagenrtteln der Strae erschttert den Fuboden, und Likses ausgestreckte Beine schaukeln in der Luft, als ob sich die Chinesin im Kopfstehen be. Die erwrgte Malaiin hat eines ihrer verdrehten himmelnden Augen auf die Beine der Chinesin in die Luft gerichtet. Das andere Auge sieht nach der entgegengesetzten Seite zum Fenster. Schau, Likse! Jetzt kommt ein Monsungewitter! grinste Panullas Augapfel und verdunkelte sich brunlichrot unterm Gewitterhimmel, whrend ihr anderer Augapfel, beschienen von der Indigowand des Zimmers, blau leuchtete. Likses Beine wippten beim einsetzenden Sturmwind, der das Haus schttelte. Es war, als fluchte ihr offener Mund: Verdammt, ich habe meine Kinderwsche noch auf dem Hausdach zum Trocknen! Der Regen wird alles fortschwemmen. Ich mu heimrennen. Und Likses Beine wackelten noch lebhafter. Panulla aber hhnte mit ihrem schiefen Blick stillschweigend: Du wirst lange zappeln knnen! Von selber stehst du nimmer auf, Likse. Du bist ja mausetot, von mir, der Panulla, umgebracht, ehe du es ahntest, du viereckiges Chinesentier! Der winzige glserne Nadelkopf pat dir brigens gut in deine Brustwarze. Die Chinesin grinste mit ihrem umgestrzten Gesicht, und aus ihren Nasenlchern trieb der aufsteigende Alkohol, den sie ausgeprustet hatte, kleine lebende Blasen. Panulla funkelte argwhnisch mit ihrem blauen Augapfel: Ich glaube gar, du willst wieder atmen, Likse! Der erste Blitz bestrich Likses Gesicht noch gelber, so da ihr breiter offener Mund bis an die Ohren glnzend zu lachen schien. Auf Panullas Stirn bildeten sich kleine glitzernde Schweiperlen, als ob die Gedanken, die von ihr noch im Haftlokal umgingen, sich auf ihre Stirnhaut niederschlugen und sich dort kristallisierten; und diese glitzernden Gedanken wiederholten nochmals das Gesprch von heute nacht, das Likse und Panulla hier im Haftzimmer vor Sonnenaufgang hatten. Der Mensch mu tten knnen, hatte die Malaiin belehrend behauptet. Wer nicht tten kann, beleidigt den Tod und lebt nur halb. Siehst du, Likse, die eine Hlfte des Mondes ist einmal schwarz und jeden Monat einmal wei. So mu der Mensch sein, Likse. So wie du auf einer Stange zwei Eimer auf den Schultern ber die Strae trgst und sich die beiden Eimer an der Stange das Gleichgewicht halten mssen, so balancieren Leben und Tod an der Weltstange. Jeder Teil der Welt will seinen Teil von dir. Man mu leben knnen, man mu aber auch tten knnen. Leben und Tten wollen gelernt sein. Hr zu! Einmal lag ich mit einem reichen Mann in meinem Zimmer zu Bett. Um Mitternacht erwachte ich und sah im Dunkeln ein grnes Licht durch das Trbrett kommen. Ich glaubte, ich schliefe noch, und rieb mir die Augen. Im Licht, das lautlos eintrat, sah ich die Schattengestalt einer Frau, die glitt unhrbar, immer von dem grnen Licht umgeben, zu meinem Waschtisch. Sie nahm meinen Kamm und kmmte damit ihr feuriges Haar. Ich hrte deutlich die Funken knistern und sah den weien glhenden Kopf des Gespenstes im Spiegel ber dem Waschtisch. Ich erkannte die Frau an ihrem Spiegelbild wieder. Sie war eine Freundin von mir und hatte vor mir in dem Zimmer gewohnt und dort ihre verliebten Besuche empfangen. Sie war ganz natrlich gestorben und kam jetzt aus dem jenseitigen Leben, um ihr Zimmer aufzusuchen, darin sie einmal einen jungen Mann ermordet hatte, den sie dann, wie man sagt, im Hauskeller verscharrt hat. Ich verstand ihre Erscheinung erst spter und wei jetzt, sie machte ihren kstlichsten Morderinnerungen wollstige Besuche. Halbaufgerichtet im Bett schaute ich auf ihr Gesicht im Spiegel, whrend sie sich noch immer mit meinem Kamm kmmte. Alle Gegenstnde im Zimmer waren von ihrer Gestalt beschienen. Ich geno eine nie gekannte Aufregung, und beim Anblick der glhenden Mrderin und bei dem wallenden Licht, das sie ausstrahlte, wurde mein Blut wie betrunken. Ich grub meine Fingerngel mit Angst und Genu in den Hals des schlafenden Mannes an meiner Seite und zerdrckte seinen Kehlkopf wie eine Nu zwischen meinen Fingern. Der Mann schlug ein paar Mal um sich. Das grne feurige Licht des Gespenstes kreiselte und verschwand durch das Trbrett. Es war wieder dunkel im Zimmer, und der Mensch neben mir lag still. Ich zog meine Hnde von ihm zurck. Der Mann rhrte sich nicht mehr. Ich zndete zehn Streichhlzer nacheinander an. Beim ersten Streichholz sah ich, da seine Kinnlade ihm herunterhing; beim zweiten sah ich seine Augen, die ihm wie gekochte weie Fischaugen aus dem Kopf quollen. Zehnmal sah ich immer ein neues Stck von dem Toten. Die ersten fnf Male schauderte ich, aber die letzten fnf Male geno ich den Toten neben mir wie eine Mahlzeit von fnf leckeren Gerichten. Ich wunderte mich, da das Tten so unterhaltend war, und ich schlief kostbar befriedigt neben der Leiche ein, befriedigter, als wenn der Mann gelebt htte. Am Morgen wollte ich mit meinem vertrauten Hausdiener, der damals mein leidenschaftlich Geliebter war, den erwrgten Mann im Keller begraben. Emilio grub, und ich stand daneben und schaute zu. Kaum einen Fu tief stie Emilios Schaufel auf ein Gerippe. Wir warfen die Knochen heraus, gruben tiefer. Wieder lag ein Gerippe darunter, und noch tiefer noch ein Gerippe. Ich bin sicher: htten wir weiter gegraben, die ganze Erde wre mit Schichten von Menschengerippen ausgefllt gewesen, denn alle Jahre, alle Jahrhunderte hatten vor uns in dem Hause, wie wahrscheinlich in allen Husern der Stadt, gemordet und Gemordete begraben. Frher war ich bei jedem Gewitter ngstlich. Jetzt frchte ich keinen Blitz mehr. Ich fhlte bei den elektrischen Schlgen ein Kitzeln in meinen Fingern, wie damals, als ich den zappelnden Kehlkopf zerdrckte. Und wenn die Blitze drauen morden, bin ich aufgeregter, als wenn mich ein wilder Stier umarmen wrde. Gespenster sehe ich, wo ich gehe und stehe. Alle, die jemals gemordet haben, sind eine groe, wollstige, unsterbliche Familie und verkehren Tag und Nacht bei geschlossenen Tren und bei vergitterten Fenstern miteinander. Ich bin jetzt nie mehr allein. Ich sehe die Mrder aller Zeiten vor Augen, wenn ich die Augen schliee. Ich sehe vor und zurck, -- alles Blut, das geflossen ist, und alles Blut, das flieen wird. Ob ich wache oder schlafe, es ist alles eins. Ich bin bei allen Morden dabei, die geschehen, und mein Blut lebt belustigt seitdem, wie eine brnstige Affenherde in meinem Leib. Der toten Panulla triefte, bei dem stummen Selbstgesprch ihrer alten Gedanken, wie vor lauter Genu, ein langer Speichelfaden aus dem Mund. Likse steht immer noch auf dem Kopf. Der Donner drauen reibt sich an den Hauswnden, und Likses Beine werden nicht mde, hoch ber der Stuhllehne zu wippen, als antworte sie auf Panullas Belehrung: Hei, H! Ich habe jetzt auch das Tten gelernt. Und, ich Likse, stelle mich auf den Kopf vor Vergngen darber. Das Tten ist eine viel lustigere Sache als das Wasserverkaufen. Und auerdem hast du doch nicht allen Branntwein bekommen, siehst du, Panulla. Ich habe noch ein paar Tropfen in der Nase. Likses Nasenlcher trieben noch ein paar letzte groe Blasen, welche zersprangen. Dann wurde das mimische Gesprch der Toten abgebrochen. Die Tr ffnete sich, und die erstaunten Polizisten fanden die beiden Leichen der Weiber, die eine wie eine verrenkte Marionette in die Ecke geworfen, die andere wie eine kopfstehende Akrobatin vom Stuhl gefallen. Niemand getraute sich whrend des Gewitters in das Zimmer zu treten und die Toten zu holen. Die Polizisten blieben starr unter der Tr stehen, wie Zuschauer vor einer Bhne. Nur die Monsunblitze, welche drauen in der Stadt wie Mordbrenner rasten, rannten rotfeurig durch das Fenster herein und um die beiden Leichen herum. Der unbeerdigte Vater Die Jadestrae von Kanton, die so genannt ist nach den Juwelenlden voll von kostbarem Jadestein, ist die prachtstrotzendste Strae der Stadt. Trittst du in diese Strae, die wie alle durch ein Holzgitter von der Sargstrae, Metzgerstrae, Mbelstrae getrennt ist, glaubst du zuerst, du seist in eine bersinnliche Welt geraten. Die Jadelden sind ber und ber vergoldet und von knstlichem vergoldeten Holzgitterwerk umrankt. Keine Glasscheiben trennen die Ladenrume von der Strae. Waldste, vergoldete, und vergoldetes Blattgewirr, verschlungen in phantastischer Figurenwelt, hngen wie goldene Gardinen die Lden halb zu. Die Strae ist wie alle Kantonstraen kaum fr drei Menschen breit. Bei Regenwetter feucht und halbdunkel wie ein langer Kanal; dann grinsen die goldnen Ladenreihen wie spukhafte, goldene Scheiterhaufen, und smaragdgrn, indigoblau und purpurrot leuchten die senkrechten Ladenschilder wie unzhlige Kulissen in der Strae. Drinnen laufen, lautlos gleich weien Musen, die Chinesen in weien, lila und hellblauen Harlekinkleidern, und ihre Kpfe erscheinen und verschwinden wie gelbe Vollmonde hinter den goldenen Ranken und bunten Kulissenschildern. -- In dieser Gasse hatte Hei-Hee seinen Laden, hier hatte er sein ganzes Leben lang gelebt und war kaum je aus den Holzgittern der Strae hinausgekommen; erst jetzt, wo er starb, verlie er seit Jahren zum ersten- und letztenmal den Jadeladen. Sein Leichnam wurde zu den Grabkammern gebracht; das sind kleine Huser in einem besonderen Stadtviertel an den Mauern von Kanton, wo die Toten auf die Beerdigung warten mssen. Als Hei-Hees fnf Shne die drei Srge des Vaters bestellt hatten, den silbernen, den elfenbeinernen und den Sandelholzsarg, die genau ineinander paten, und darinnen man den reichen Jadehndler in der Grabkammer aufgestellt hatte, und ein Bonze den Tag prophezeien sollte, welcher der gnstigste fr die Beerdigung war, da fanden die Shne inzwischen, da ihr Vater nicht der reiche Mann gewesen, fr den ihn die Leute bei Lebzeiten gehalten hatten. Nur Schuldscheine und kein Geld fand sich im Laden, und alle Jadekunstschtze des toten Hndlers reichten knapp, um die Schulden zu decken, aber nicht um die drei kostbaren Srge zu bezahlen. Die fnf Shne berlegten eine ganze Nacht und wachten im Sarghause bei der einbalsamierten Leiche des Vaters. Die Sarghndler kamen am dritten Tage und sagten: Wir geben euch unbegrenzten Kredit auf die drei Srge, nur darf euer Vater nicht mit den unbezahlten Srgen begraben werden und mu in der Grabkammer bleiben, bis ihr die Sargkosten bezahlt habt. Das war nichts auergewhnliches in Kanton, und es ereignete sich fters, da die einbalsamierten Toten jahrelang liegen muten, bis die Angehrigen die teuern Sargkosten bezahlen konnten. Hei-Hees Shne fanden darum die Rede der Sarghndler recht und billig und murrten nicht dagegen. Die fnf Shne berieten von neuem und der lteste sagte: Ich werde nach Japan reisen und will dort versuchen, alten chinesischen Jadestein billig aufzukaufen und ihn dann in China, wo es jetzt immer weniger Jade gibt, teuer zu verkaufen und will mir bald ein Vermgen machen, um den Vater zu beerdigen. Der zweite der Brder sagte: Du wirst mit Jade nicht viel verdienen; ich werde nach Hongkong reisen und einen groen Opiumhandel anfangen. Mit meinem so erworbenen Vermgen werde ich die Srge eher bezahlen knnen, als du. Der dritte sagte: Jade und Opium stehen schlecht heute; ich werde nach Shanghai reisen und dort an der auslndischen Brse Geldmakler werden. Dort lehren uns die Fremden, deren Kriegsschiffe den Shanghaihafen fllen, da man ohne Waren schneller ein Vermgen an der Brse machen kann als mit einem Lager von Jade und Opium. Ich werde mit schnellerworbenem Geld den Vater frher beerdigen lassen knnen, als ihr. Der vierte der Brder weinte und seufzte: Ich werde hier am Sarge wachen, bis ihr drei wiederkommt, und werde jeden Morgen in die Opfertassen frischen Tee auffllen und Wachskerzen kaufen und Sandelrucherwerk. Und der fnfte Bruder soll inzwischen den Laden hten und mit den Jaderesten handeln, die wir noch besitzen, um wenigstens das Geld fr die tglichen Ahnenopfer zu verdienen. So verabredeten es alle fnf und kehrten aus der Grabkammer zurck, um den letzten Nachmittag im Jadeladen zusammen zu verbringen. Keiner der fnf hatte an die einzige Schwester gedacht, an das junge Mdchen, das ohne Vater und Mutter allein hinter dem Laden in den Wohnzimmern zurckgeblieben war. Sie sa dort unbeachtet im hintersten Zimmer, in der kreisrunden Tr, hinter dem Topfpflanzengarten und weinte in ihren seidenen rmel. Die Mdchen drfen weinen und wnschen, die Mnner mssen handeln, hatten die Brder einmal verchtlich zu ihr gesagt. Geweint hatte sie schon viel; aber was sollte sie sich wnschen? Sie schaute in das leere Haus, darinnen nur die dunkeln Perlmuttermbel glitzerten. Verzweifelt nahm sie ihren grnen Jadepfeil aus dem schwarzen Haar und wollte ihn sich ins Herz stechen. Aber der glatte Pfeil sprang ihr aus den Hnden, fiel hinaus auf das Porzellanpflaster des Gartens und zerbrach. Ich wnsche also nicht zu sterben, sagte sie zu sich, ich wnsche also weiter zu leben, sonst wre der Pfeil nicht in meinen Hnden zerbrochen. Der Pfeil ist vor meinem Lebenswunsch ausgewichen. Und das Mdchen war froh, da sie doch noch einen Wunsch zu leben hatte, denn eigentlich starb sie nicht gern. Aber was soll ich mit dem Lebenswunsch anfangen, dachte sie; den Vater kann ich nicht begraben lassen, wie die Brder knnen, also ist mein Leben unntz. Wenn ich doch den Vater begraben lassen knnte, weil die Brder jetzt kein Geld haben! Wie die junge Chinesin noch grbelte, was sie tun sollte, begann der Fuboden zu zittern, die bunten Glasscheibenwnde, welche die Wohnzimmer voneinander trennten, begannen laut zu klirren, und im kleinen Gartenhof ertnte ein hohler Metallklang. Das junge Mdchen blinzelte erstaunt. In der Mitte des Hofes stand ein Silberbecken, darin sonst auf einer Metallspitze eine kleine Silberkugel balancierte; die Kugel war mit weithin tnendem Laut in das Becken gefallen. Das bedeutete Erdbeben, und bei dem Metallton muten alle Hausbewohner flchten. Das Mdchen hrte Geschrei an allen Enden, es sah die Leute und die Dienerinnen kreischend durch das Haus fortstrzen. Die Wnde schienen pltzlich zu wandern, die Zimmerdecke hob und senkte sich, die Blumentpfe im Garten drehten sich alle im Kreis, die gelben und blauen Porzellanpflastersteine tanzten auf den Wegen. Das junge Mdchen sprang auf, aber wagte sich nicht vor und nicht zurck. Sie stand unter der Tr und klatschte in die Hnde, um sich die Furcht zu vertreiben. Dann wurde die Luft grau voll Staub, da sie nichts mehr sah. Die Ratten aus dem Haus liefen an ihr hoch, und eine blieb auf ihrem Kopf fest sitzen. Da rannte das Mdchen mit der Ratte auf dem Kopfe gerade aus, durch die zerbrochenen Glaswnde der Wohnzimmer; sie mute ber gestrzte Sthle und groe rollende Blumenvasen klettern. Sie lief blind durch die dicken Staubwolken, darinnen Hunderte von unsichtbaren Gegenstnden krachten und strzten. Sie wagte nicht mit den kleinen Hnden nach der groen Ratte auf ihrem Kopf zu greifen. Aus dem Jadeladen waren ihre fnf Brder in alle Winde fortgelaufen. Der rote Ahnenaltar am Eingang war eingestrzt, das junge Mdchen sprang ber die Trmmer und wre lngst liegen geblieben, htte sie nicht noch immer die Ratte auf ihrem Kopfe gefhlt. Sie strzte durch die staubgefllten Straen, wie von der Ratte an den Haaren durch die Luft gezogen. Sie wute nicht, da sie durch brennende Huser, ber Tote und Verwundete hinweglief, bis es totenstill um sie wurde und sie sich auf einmal in dem Stadtviertel der Grberhuser, in der Grabkammer ihres Vaters sah. Dort sprang die Ratte mit einem Quietschlaut von dem Kopf des jungen Mdchens und grub sich vor ihr in die vom Erdbeben aufgewhlte Erde. Das Mdchen kauerte am Boden und bemerkte gar nicht, da der Leichnam ihres Vaters samt den drei Srgen verschwunden war. Als der Staub sich gelegt hatte, erschienen nach Stunden ihre fnf Brder, einer nach dem andern, um nach dem toten Vater zu sehen. Aber wie erstaunten sie, als der Tode nicht zu finden war, und als sie am aufgebrochenen Fuboden entdeckten, da die Erde ihren Vater samt seinen drei Srgen in die Tiefe gerissen und begraben hatte. Das junge Mdchen sah auf und sagte: Ihr sollt nicht staunen, ich habe als unntzes Mdchen gewnscht, den Vater zu begraben. Verzeiht mir, da mein Wunsch fr mich gehandelt hat; ich wei, da ich als Mdchen kein Recht zu handeln hatte. Da freuten sich die fnf Brder und antworteten ihr: Die Sarghndler drfen keinen Toten mehr ausgraben, der einmal unter der Erde ist. Wenn du den Vater mit deinem stillen Wunsch begraben konntest, Schwester, dann bist du als schwaches Mdchen strker mit deinem Weinen und Wnschen gewesen als wir Mnner mit allem Handeln. Im Mandarinenklub Lei-Futsche, einer der jngsten und angesehensten der Mandarinen von Shanghai, war am gleichen Tage wie der junge chinesische Kaiser geboren; in derselben Stunde, in derselben Minute, und sein Horoskop, das ihm die Sternkundigen aufstellten, stimmte eigentmlicherweise genau mit dem kaiserlichen Horoskop berein. Das wute aber auer Lei-Futsche und seinem Freund Te-Po, dem Astrologen, niemand, und der Mandarin htete sich wohl, mit jemand anders als mit Te-Po darber zu reden. Die Kaiserin-Witwe, die damals statt des fr immer als unmndig erklrten Kaisers regierte, htte Lei-Futsche seines Horoskopes halber sofort gehat und gefrchtet, so wie sie den jungen Kaiser hate. Eines Nachmittags lud der Mandarin den Astrologen in den Mandarinenklub von Shanghai ein, zu einer ganz auergewhnlichen Stunde. Te-Po erstaunte darber. Er betrachtete auf seinen Sternkarten die Stellungen der Sternhuser und stutzte; er ersah, da seinem Freund heute der Tod drohte. Der Skorpion trat in das Haus des Planeten Jupiter, und dieser Planet war von lauter totbringenden Sternen umstellt und keine Rettung von irgendeinem gnstigen Sternbild zu hoffen. Als Te-Po noch ber die Sternstellung grbelte, hrte er die Messingmusik und die Trommler vor seiner Tr, und er zog sein enzianblaues Seidenkleid ber das lilaseidene Unterkleid und stieg in die gelbe Snfte, die ihm der Mandarin geschickt hatte. Acht Snftentrger, Soldaten, Trommler, Ausrufer rannten mit ihm in langem Zug durch die winkeligen Shanghaistraen. Sie kamen zuletzt durch die Budenreihe der Bilderstrae, wo die Straenmaler hinter den weien Reisbildern saen; Bilder fllten, wie weie lange Fahnen, von der Decke bis zur Erde, jede der Buden. Und Te-Po dachte bei sich: Das Leben auf dieser Welt ist wie eine Bilderbude. Jeder hngt in sein Herz eine Reihe Erinnerungsbilder auf, wie die Straenmaler tun, und die Bilder baumeln vor den Augen wie die Reispapierbltter im Wind, bis wir die Augen fr immer schlieen. Nicht einmal ein paar Bilder kann man in den Tod mitnehmen, auch die Bilder bleiben zurck, wenn der Maler stirbt. Vor dem schmalen Gasseneingang an der Mauer des Mandarinenklubs in einem der engsten Shanghaiwinkel hielt die Snfte. Im Mandarinenklub geben sich die Aristokraten der Stadt ihre gegenseitigen Einladungen. Der Klub besteht aus einem Gartenhof voll knstlicher Felsen; offene und geschlossene Lusthuser aus rotem lackierten Holz stehen auf den kleinen knstlichen Gebirgen, zwischen Pflanzen und knstlichen Teichspiegeln. Die geschweiften, grauen Ziegeldcher der Huser fllen in der sorgsam ausstudierten Wirrnis des engen Gartenraumes wie Riesenkhne den Himmel. Te-Po, geleitet von den sich bckenden Dienern, trat durch die unscheinbare Straentre ein. Zur linken Hand befindet sich die offene Halle des Hausaltars; vergoldete Holzwnde umschlieen von drei Seiten ein mchtiges goldenes Buddhabild. Die vierte Seite ist nach dem Hofraum offen. Ein langer Tisch voll Opferspeisen, wie ein Bahnhofbfett, steht dort immer zur Schau, umgeben von einer Reihe brennender Kerzen. Te-Po bemerkte, da der Opfertisch heute besonders reich mit gebratenen Ferkeln, gebrunten und dampfenden Gnsen und Hhnern angefllt war. Der Fettgeruch vom Altar schlug ihm warm wie der Dunst einer Garkche entgegen. Te-Po verstand, da wahrscheinlich sein Freund, der Mandarin, diese ppigen Opferspeisen in der unbewuten Vorahnung des Todes gestiftet hatte. Der Gartenraum glitzerte maigrn im blauen Nachmittag. Nicht hher als mannshoch ber den Teichen stehen die roten Balustraden der hlzernen Lusthuser. Durch das Gewirr der knstlich ausgesgten und ausgehhlten Felsen fhren winzige Steinstufen hinauf. Der ganze Hof aus Steingebirgen hat kaum einige fnfzig Schritte im Umfang. Aber die Lusthuser auf den Anhhen verstellen mit ihren Giebeln die hohe Umrahmungsmauer des Hofes so geschickt, da man sich in einem meilenweiten Felsenchaos glaubt. Manchmal schiebt sich eine Mauer mit gipsernem und rotbemaltem Drachenkopf herein in die Wirrnis, und die Teiche liegen wie schwarze Abgrnde eng gezwngt vor den kulissenartigen Gebirgen; im pechschwarzen Wasser glnzen die goldenen Dachrinnen, die roten Balustraden, grne Maibltter und hohe Schilfstnde. Der Mandarin Lei-Futsche empfing seinen Freund im Pavillon gegenber der Halle des Hausaltars. Obgleich beide langjhrige Freunde waren, verbeugten sie sich eine lange Weile nach chinesischer Sitte, als ob sie sich eben erst kennen gelernt htten. Sie lchelten fortwhrend, ohne da der eine dem andern seine Sorgen verriet, und sagten einander schne Stze, Anfnge von Gedichten und wohlwollende Sprche. Ist die blaue Luft nicht die Wohltat des Himmels an die Erde! wisperte der Mandarin und zog die vielen -Laute der chinesischen Sprache singend hinaus. Sein Freund Te-Po antwortete ihm ebenso: Und ist die Luft nicht das Reich der Singvgel, der Drachen und Gedanken! Mgen die Singvgel heute alle Drachen aus der Luft verbannen und mit deinen Gedanken um die Wette singen! Der Mandarin komplimentierte unter zierlichen Verbeugungen seinen Freund zu der schwarzpolierten Opiumbank, die wie ein niedriges, viereckiges Podium im Hintergrund des Pavillons stand. Auf zwei dnnen, kupferroten Seidenkissen nahmen die beiden Herren Platz und zogen ihre Beine hoch. Der Mandarin klatschte in die Hnde. Ein Diener, in langem himmelblauem Hemd, das bis an die Diele reichte, trat ein, stellte neben jeden Herrn zwei zugedeckte Teetassen und dazu zwei Schalen gebackener Mandelkerne. Die Herren hoben zum Gru die Teetasse hoch, und jeder schob mit dem Porzellandeckel vorsichtig das heuartige Teekraut, das in der Tasse schwamm, zur Seite, und jeder schlrfte ein wenig von dem heien, grnen Teesaft. Ein zweiter Diener hatte inzwischen eine kleine silberne Spirituslampe zwischen die Herren gestellt und berreichte zwei lange Opiumpfeifen aus Elfenbein. Jeder der Herren zndete eine winzige Opiumkugel, welche auf dem Pfeifenkopf lag, an der Flamme an, und jeder sog sein Opium mit ein paar langsamen Zgen auf; es war nur eine Erfrischungspfeife, keine Schlafpfeife, welche die beiden Herren rauchten. Sie gaben ihre Pfeifen dem Diener zurck, und unten aus dem Garten tauchten die Kpfe von zwei zehnjhrigen Mdchen auf und das Gesicht einer blassen Frau. Die Frau war in dunkelblaue, fast schwarze Seide gekleidet, die Mdchen in hellblaue Seide, hnlich den Dienern. Die Diener fhrten wichtig und behutsam die kleinen Damen die Felsenstufen herauf. Die drei weiblichen Geschpfe hatten knstlich verkrppelte Huffe und trippelten mit den Fen kurz wie Ziegen aufstoend herein. Ihre grnseidenen Schuhe hatten einen weien Absatz in der Mitte unter dem Fu, so da jedes Weiblein wie auf kleinen weien Stelzen balancierte. Die drei Damen hatten sich etwas versptet und frchteten sich jedenfalls vor der Ungnade des Mandarins. Der aber rief ihnen freundliche Stze zu: Hat deine Zunge heute die schnsten Flgel mitgebracht? fragte er die dunkelblau gekleidete Frau. Diese verbeugte sich fortwhrend zitternd und lchelnd, ihr Haar war fest gebrstet und gescheitelt, glatt wie schwarzer Lack. Es war Mi-Lee, die Historiensngerin, welche bei Gastmhlern im Mandarinenklub alte Sagen und Heldenlieder vortrug. Ihr Gesicht wurde immer blsser, je mehr sie sich verbeugte, und war in dem dmmerigen Pavillon wie ein Silbergert, das auch noch im Schatten leuchtet. Dann lie sich die blasse Mi-Lee auf einen Schemel nieder, und die beiden Mdchen saen zu ihren Fen bei Saiteninstrumenten, die ihnen die Diener brachten. Mi-Lee hstelte und begann mit ihrem kleinen, weien Taschentuch den Mdchen zu winken. Die schlugen die Saiten an, als ob viele Glser klirrten, und unter ihren Fingern sprang ein Gegirr von Tnen in die Luft, als ob ein Haufen wilder Insekten surrte und schwirrte. Die brummende und rasselnde Musik fllte den Pavillon, und die Tne tanzten wie ein pfeifender Kreisel. Das hohle Dach des Lusthauses gab wie eine Muschel das Gesumm hundertfach zurck. Eingesponnen von Musik, Opium und Teeduft, saen die beiden Herren auf ihrer gemeinsamen Bank. Jeder von ihnen knabberte gerstete Mandelkerne zwischen den Vorderzhnen, und jeder sah belustigt aus, und keiner zeigte seine trauernden Gedanken dem andern. Mi-Lee wurde blasser von Sekunde zu Sekunde und erschien dem Astrologen zuletzt wie eins der weien Reispapierbilder aus der Budenstrae. Die Historiensngerin neigte den Kopf, drckte die Augen zu, sttzte das Kinn in die Hand, die das Taschentuch hielt, und begann mit nselnder Stimme wie eine Singorgel zu erzhlen: Der Vogel Blaufeder kam in den kaiserlichen Garten, flog auf das Porzellanhaus des Kaisers, das hinter dem Schildkrtenteich liegt. -- Wer mu heute sterben? fragte der junge Kaiser seinen Eunuchen, der Vogel Blaufeder schreit ber den Teich, das ist ein Zeichen, da von der Kaiserfamilie heute ein Mitglied stirbt! -- Wer mu heute sterben? fragte der Eunuch und gab die Frage an die Ohrmuschel des Trhters weiter. Der Trhter, der den jungen, gefangenen Kaiser eingeschlossen hlt, fragte: Wer mu heute sterben? und er betrachtete den kaiserlichen Grtner, der zwischen den roten Fuchsien im Garten unter den Fenstern sa. Wer mu heute sterben? fragte der Grtner mit den Augen seine Frau, die bei der Lieblingsfrau der drei Gemahlinnen des Kaisers Dienerin war. Die Grtnersfrau zitterte und lie ihr Teetlein fallen, da es zu Porzellanstaub zerbrach. Das Tlein hatte ihr ihre junge kaiserliche Herrin geschenkt. Die Grtnersfrau schaute erschrocken zu ihrem Mann, und ihre Augpfel verschwanden, und vielugige Trnen schauten ihren Mann an. Ihre Trnen glitzerten wie die Splitter von der Porzellantasse der Kaiserin, und der Grtner ri sich an der Gartenschere, mit der er die Fuchsie beschnitt, und trocknete das Blut seines Fingers an seinem schwarzen Zopf ab, der sich ber seine Schulter auf dem Achatsand des Gartens ringelte. Der Trhter sah durch das Fenster verstndnisvoll den Grtner an, der sich geschnitten hatte. Der Trhter bi die Zhne aufeinander, da es knirschte und der Eunuch des Kaisers sich nach ihm umsah. Der Eunuch wurde noch gelber als die Seide des Kaisers und erzitterte am ganzen Leib, da er ber den Trhter und Grtner und ber die Grtnersfrau fort die kleine Tasse der Kaiserin in Splittern sah. Der Kaiser aber stand auf, trat an das Fenster, warf sein Taschentuch hinaus in den Gartenwind, damit das Tuch den Vogel Blaufeder verjage. Der Vogel flog nicht fort, sondern blieb und schrie bis zum Nachmittag, bis zur Stunde, da die alte Kaiserinwitwe mit ihrem Hofstaat in den Garten des jungen Kaisers trat und vor den Augen des Kaisers die erste der drei jungen Kaiserinnen, die der Kaiser am liebsten hatte, in dem Wasser des Schildkrtenteichs vom Eunuchen, dem Trhter und Grtner ertrnken lie. Mi-Lee, die Historiensngerin, war alt geworden, als sie das Lied der grausamen Kaiserin vor dem Mandarinen und seinem Freund zu Ende gesungen hatte. Gesttzt auf die Diener, blasser, als sie gekommen, verlie sie das Lusthaus im Mandarinenklub. Lei-Futsche hatte ihr dieses Gedicht selbst aufgeschrieben und vor ein paar Tagen zugesandt. Sie wute, da der Tod darauf stand, wenn sie eine Legende aus dem Kaiserhaus ffentlich sang. Aber Mi-Lee kannte den Mandarinen, und ihm zuliebe, auf die Gefahr des Sterbens hin, sang sie das Lied. Einer mu heute sterben, wute sie, als sie fortging, entweder diejenige, die gesungen hat oder einer von denen, die zugehrt haben. Die Kulis brachten ihren Herrn, den Mandarinen, eine Stunde spter in der Snfte nach Haus; aber als sie die Snfte im Hofe seiner Wohnung niedersetzten, sa er tot darin und stieg nicht mehr aus. In derselben Nacht noch wurde der Sterndeuter von den Ausrufern, Trommlern und von Holzklappern geweckt, welche mit groem Lrm den Tod des jungen Kaisers noch vor Mitternacht in den Straen von Shanghai ausriefen. Te-Po denkt noch heute darber nach, ob sein Freund, der Mandarin Lei-Futsche, zum Gefolge der Kaiserseele gehrte, weil er mit dem Kaiser zu gleicher Zeit geboren wurde und mit dem Kaiser zugleich gestorben ist. Die Auferstehung allen Fleisches Ozuma, der reiche Schildkrothndler von Nagasaki, hatte drauen vor der Stadt auf dem Hgel ein Haus mit einem Kirschgarten. Er zhlte hundertfnf Jahre, sein Haar war wei wie Milch, seine Hnde drr wie Schachtelhalme, aber sein Krper war ungebeugt. Er stand aufrecht in seinem Landhaus, dessen Papierwnde weit aufgezogen waren, und er lie die Leute von der Bergstrae aus durch sein Haus hindurch in seinen blhenden Kirschgarten schauen. Dort standen die Bume wie mit rosa Daunen behangen, und darunter blhten scharlachne Rotdornhecken, die waren alt und verwachsen wie Korallenzweige. Zwei Fu hoch ber der Strae stand Ozuma in seinem schlafrockartigen, perlhuhngrauen Kaftan auf den strohgelben Bambusmatten seines Zimmers. Er hat zur Rechten die Bergstrae, zur Linken seinen rosa Bltengarten, darinnen jeder Bltenbaum voll Bienen wie ein Kochtopf brummte. So war es alle Tage im hellblauen Frhling, aber heute war ein grauer Frhlingsregentag. Es regnet Fruchtbarkeit in den Garten und Gedanken auf die Strae, sagte Ozuma, der alte und einsame, zu sich. Alle seine Familienmitglieder waren tot. Enkel hatte er keine. Das schmerzhafteste fr einen Japaner ist sonst die Einsamkeit. Aber sie war es nicht fr Ozuma. Er redete mit allen Dingen, wie der Regen auf alle Dinge sein Echo gibt, und fand sich niemals einsam. Seinem Hause gegenber war das Teehaus der Bergstrae das einzige Haus am Wege. Dort fuhren die Rikschawagen, von Kulis gezogen, aus der Stadt und brachten viele Europer herbei. Ozumas Kirschgarten war bis Europa und Amerika berhmt und stand mit einem Stern versehen in den Reisehandbchern der Fremden. Wenn ein auslndisches Schiff am Vormittag im Hafen von Nagasaki, unten am Berg, im Frhlingstag vor Anker ging, dann rollte ein paar Stunden spter ein Dutzend der winzigen Wagen hinauf in den Bambuswald und fuhr bei Ozumas Haus vorbei zum Teehaus, und die Fremden kamen herber und blickten von der Strae durch das Haus bewundernd in Ozumas Kirschenblte. Ozumas offenes Haus war dann wie die kleine Bhne eines Wandertheaters von Zuschauern belagert, und der Alte stand, wie der einzige Schauspieler auf der Bhne, mit seiner kurzen Bronzepfeife, die er ab und zu am Aschentopf vor sich ausklopfte. Er hatte so viele eingewurzelte Falten in seinem Gesicht, da man glaubte, er lache immer. Wenn Ozuma noch so traurig und gedankenvoll war, glaubte jeder, da er in sich hinein kichere. Und doch war er inwendig so ernst wie ein Dutzend Grber. Aber seine Falten lachten unabhngig von seinem ernsten Innern, wie eine Maske, die ihm lngst nicht mehr gehrte, und die er wie ein Schauspieler vor sein wirkliches Gesicht gebunden hatte. Ozuma hatte noch, als er neunzig Jahre alt war, englisch gelernt, zu der Zeit, als das Fremde Mode wurde in Japan. Er sprach damals fters mit dem Reisevolke vor seinem Hause, und einmal hatte er eine Aussprache mit einem amerikanischen Geistlichen. Der erzhlte ihm von der Auferstehung allen Fleisches. Seitdem verging kein Frhjahr, wo der alte Ozuma, glubiger als jeder Christ, auf die Auferstehung allen Fleisches wartete. Auf die Auferstehung aller, die ihm gestorben waren, auf die Auferstehung seiner eigenen Jugend und Leibeskraft und auf die Auferstehung seiner feurigsten Liebeserinnerungen. Es war heute einer der letzten Frhlingstage, und Ozuma hatte sein Haus wie immer weit offen. Der alte Teewirt und dessen Frau drben bemerkten, als sie an diesem Morgen ihre papiernen Hauswnde aufschoben, da der alte Mann pltzlich ber Nacht schwarze Haare bekommen hatte, schwarze Augenbrauen und rote, sehr rote Wangen und rote, sehr rote Lippen. Der Wirt und die Wirtin kicherten, wie Muse, die ber ein Stck Speck hpfen, und sie stieen sich gegenseitig mit den Ellenbogen an. Aber sie sagten nichts zueinander, sie wechselten nur einen Blick. Die Wirtsfrau brstete die roten Wolldecken, worauf die Fremden am Nachmittag sitzen sollten, der Wirt kauerte sich hinter seine Rechenmaschine, schob die bunten Holzperlen hin und her und lachte in sich hinein. Als es Nachmittag wurde, hatten der Wirt und die Wirtin schon ganz vergessen, da Ozuma sich knstlich jung gefrbt hatte; sie fanden seine Farbe schon natrlich und waren selbst wie um sechzig Jahre verjngt bei Ozumas Anblick. Der Wirt holte ganz in Gedanken seine Okarina hervor und pfiff ein Lied, das er seit sechzig Jahren nicht mehr gepfiffen hatte. Die Wirtin steckte sich eine rote Nelke aus ihrem Nelkentopf ins Haar und lachte jeden Augenblick zu Ozuma hinber, wie vor sechzig Jahren. Damals war sie Tnzerin in Nagasaki gewesen und hatte manche Nacht vor dem reichen Ozuma in den Teehusern des Freudenviertels von Nagasaki getanzt. Ozuma aber sa drben vor seinem bronzenen Aschentopf, in seinem offenen Haus auf der gelben Strohmatte, und lachte wie immer mit tausend Falten, trotzdem er wie immer traurig war. Hinter ihm strahlte der Kirschbltengarten im grauen Regentag wie in rosa bengalischer Beleuchtung. Der Luftzug des Abends trieb ein Bltengestber in das Haus, so da es auf einmal nicht mehr leer schien. Die Fremden, die den ganzen Nachmittag die Bergstrae heraufgefahren waren, kehrten jetzt um, und als die letzte Rikscha den Berg hinunterrasselte, sa der alte junggeschminkte Ozuma immer noch hinter seinem Aschentopf und rhrte sich nicht. Er ist eingeschlafen, sagte das Auge des Wirtes drben im Teehause zum Auge der Wirtin, und sie blinzelten einander zu und verstanden sich. Wir wollen warten bis er aufwacht, antwortete die Wirtin ihrem Mann, indem sie sich auf eine der rotwollenen Decken niederkauerte und sich ihre kleine Pfeife anzndete. Der Wirt tat, wie seine Frau wollte, und hockte sich neben sie, und beide rauchten schweigend und hteten sich, die Asche am Aschengef laut auszuklopfen, um den Nachbar Ozuma nicht zu wecken. Und nun geschah etwas, was niemand wei, niemand gesehen hat als nur ich, der ich euch das erzhle. Der junggeschminkte Ozuma stand pltzlich auf und kam ber die Strae herber in das Teehaus; seine Augen knisterten vor Vergngen, als er zu der Wirtin sagte: Mondscheinchen, du sollst tanzen wie frher. Die alte Wirtin lispelte etwas, das war leiser als das Grasrascheln. Sie stand verschmt auf, von ihrem Blut verjngt beschienen wie ein Kirschgarten, und sie hob den Saum ihres Kleides ein wenig ber die Fuspitze hinauf und begann zu tanzen, aber der Wirt, ihr Mann, stand gelb im Gesicht wie ein Bschel brennendes Bambusstroh da und trat zornig dazwischen und sagte: Das ist mein Weib und nicht deines, Ozuma. Mein Weib tanzt nicht mehr fr dich, auch wenn du ihr alle Schildkrtenschalen aus dem Nagasakiwasser in Gold gefat zu Fen legst. Scher dich fort, Ozuma, ich teile mein Weib nicht mit deinem Geldsack. Ozuma aber klatschte in die Hnde, dreimal, da kamen sechs Kulis hinter der Hausecke vor und warfen dem Wirt Holzasche in die Augen, banden ihn und legten ihn mit dem Gesicht auf den Boden, damit er nicht zushe, wie seine Frau vor Ozuma tanzte. Ozuma sog begierig die Luft ein von dem Haar, von der Haut und von dem Seidenkleid der Frau. Aber er beherrschte sich und bat um nichts weiter als um die Nelke, die die Frau im Haar trug. Die Frau aber verweigerte ihm die Blume und sah Ozuma nicht mehr an. Da stand Ozuma auf und legte einen Beutel mit Gold, einen Schmuckkasten aus Schildkrot und eine weie Korallenkette auf die Strohmatte neben den gebundenen Wirt. Ozuma selbst band dann den Mann los und sagte klagend zu ihm: Erschlage mich, Nachbar, ich liebe deine Frau, aber sie liebt mich nicht. -- Der Wirt rieb sich die Asche aus den Augen und sagte: Sie liebt dich nicht, Ozuma, darum sollst du leben, hundert Jahre und mehr leben und dich nach ihr totsehnen. Nimm nur dein Gold, deine Geschenke, ich erschlage dich nicht, nicht um alles Gold in der Welt. * * * * * Druck von Hesse & Becker in Leipzig Papier von Bohnenberger & Cie., Papierfabrik Niefern bei Pforzheim [Anmerkungen zur Transkription: Das Zeichen = markiert =gesperrt=. Der Originaltext wurde beibehalten. Folgende nderungen wurden vorgenommen: Seite 63: Das falsch gesetzte Anfhrungszeichen vor Hunger und Durst wurde entfernt, ein schlieendes Anfhrungszeichen hinter dem Wort vorberritt wurde hinter das Wort Regenfluten verschoben. Seite 179: sowie wurde zu so wie verndert (so wie sie den jungen Kaiser hasste). Seite 188: Das falsch gesetzte Anfhrungszeichen hinter ertrnken ließ« wurde gestrichen. End of the Project Gutenberg EBook of Lingam, by Max Dauthendey License: Share Alike