Produced by Jens Sadowski Alfred Dblin Blaubart und Mi Ilsebill Mit Steinzeichnungen von Carl Rabus Berlin 1923 Hans Heinrich Tillgner Verlag Copyright 1923 by Hans Heinrich Tillgner Verlag in Berlin. Inhalt Das verwerfliche Schwein Die Nachtwandlerin Der Ritter Blaubart Die Segelfahrt Das verwerfliche Schwein Das verwerfliche Schwein Hubert Feuchtedengel, -- Neuromanist und die zweiundvierzigtausend Mark seiner Erbschaft verfressend, aussaufend, drauf vier Jahre verheiratet, bis ihn seine Frau verstt, weil er nur wchentlich einmal anschwimmt zum Verschnarchen, Verschnaufen und zu einem Reinigungsbad, dann Mediziner auf Pump und Stipendien sechzehn lange Semester, bis das goldene Staatsexamen reift, achtunddreiig Jahr und nicht wenige Monate alt, -- bringt es so weit, da er Medizinalpraktikant in einem lothringischen Bezirkskrankenhuschen wird. Inzwischen hat sich bei ihm ein exquisiter Fimmel etabliert. Er sieht am grauen Morgen einen Bandwurm klar vor seinen geistigen Augen, mit unzhligen regsamen, windenden Gliedern, eierlegend, eierstreuend, eierregnend; in einem Bad kleiner tropfenartiger Eier bewegt sich das Vieh stolz, zieht hin. Dann erhebt sich der Beobachter vom Bett, steigt gedankenvoll zu einem Romanisten aufs Zimmer; sprechen braucht er nicht; der andere wei schon: der Bandwurm ist da. Als keiner gefunden wird von einem lteren Zechgenossen, verschwindet Hubert nach Greifswald, erscheint nach Jahren wieder in Sddeutschland als selbstdenkender Mediziner. Jetzt wei er: er hat keinen Bandwurm; was man vor Augen sieht am frhen Morgen, ist kein Bandwurm sondern Blutandrang. Und im lothringischen Hospital gelangt er zu der abschlieenden wissenschaftlichen berzeugung, da es sich bei ihm um Sepsis, um Blutvergiftung handelt, beschrnkt auf den Kopf; zweifellos um einen Fimmel, aber auf Sepsis beruhend. Sein Assistenzarzt heit Werner Strick. Das ist ein Gewaltmensch. Feuchtedengel imponiert ihm nicht, aber sie sind Duzbrder. Neben dem rotgesichtigen hochwchsigen Strick, der bei der Visite mit Sporen steigt, die zutrauliche gutmtige beleibte Gestalt seines Medizinalpraktikanten, Krankenjournale vor der kurzen Stlpnase, drber her auf die Betten glotzend, dampfend vor Eifer. Nach zwei Monaten konsultiert im schwarzen Gehrock nachmittags ein halb fnf Uhr vor der Stationsvisite Feuchtedengel seinen Chef wegen Hirnsepsis. Erklrt sofort, zahlen zu wollen, will wie ein gewhnlicher Patient behandelt werden. Strick zieht sich die Stiefel an, wobei ihm sein Patient hilft, nimmt den erregten Besucher unter den Arm, setzt ihn im weigestrichenen Untersuchungszimmer auf einen Eisenstuhl. Zunge heraus! Aufstehen, Fuspitzen zusammen, Augen zu! Augen zu! Romberg negativ. Zieht die schweren braunen Vorhnge zu, steckt hinter Feuchtedengels Rcken die Kchenlampe an, spiegelt seine Augen. Nichts zu finden. Schlaf dich aus, Kerl. Geh nach Hause, Kerl! Nach drei Wochen schwimmt Hubert wieder an im schwarzen bauchumspannenden Gehrock. Sein Chef schmeit ihm zwei Sporenstiefel vor die Beine. Hubert knaut, ist gedrckt, stellt die Stiefel auf, bleibt demtig an der Tr. Die Krcke des Spazierstockes fliegt gegen ihn. Drei Tage ist er Luft fr seinen Herrn. Schneevoller Winter. Silvesternacht. Sie vershnen sich im jubelnden Bahnhofslokal. Frhmorgens fnf ziehen sie aufrecht aus der Wirtschaft die Neubrckenstrae herunter durch die Kapellenstrae. Feuchtedengel kann seine berzeugung nicht zurckhalten. Also die Medizin, sagt er, entwickelt sich, aber schwach; es gibt eine umschriebene lokalisierte Sepsis; man kann sie haben, man kann sie lange Zeit haben. Werner Strick hat seinen Paletot im Bahnhof liegen lassen, geht in einer Flauschjacke, trgt die Reitpeitsche. Er schickt den Schwaben nach der Bahn; als er den Paletot hat, der Dicke ihn wieder demtig angafft, gert er in Stinkwut ber Hubert Feuchtedengel, seinen Medizinalpraktikanten. Haut ihm den steifen Hut ein, spuckt auf das schwarze Brckengelnder, schimpft vor sich. Wie sie weiter marschieren, flucht Strick. Er habe genug von der Sache. Beit auf seine Zigarre: Du Schwein. Du verwerfliches Schwein. Du bist ja ein ganz verwerfliches Schwein. Jetzt aber, jetzt sollst du was sehen. Jetzt kommst du mit. Jetzt hast du deine Sepsis und wirst behandelt. Verstehst du, Kerl? Feuchtedengel ist einverstanden, seine Augen trnen vor Entzcken, er ist vor Rhrung nicht imstande, den Hut auszubeulen. Kerl, flucht Strick weiter, kaut an seinem kalten Stengel, Kerl, Kerl, dich werden wir kriegen. Klirrt mit den Sporen, stubbst am Kino den Plakatstnder um. Im Doktorzimmer, mit der Linken Licht knipsend, schubbst der Assistenzarzt den Barhuptigen gegen die Chaiselongue, streift sich die rmel auf. Der Dicke unsicher: Ziehst du nicht den Mantel aus? Wollen wir die Schwester wecken? Nun legst dich hin und hlst die Goschen, Luder damisches. Strick raucht krampfhaft, schluckt, sucht im Arzneischrank. Kriegst eins reingefuhrwerkt, giftet er seinen Schler an, da du platzst. Kollargol, fr deine kreuzdmliche Sepsis. Wieviel willst du denn? Fnf Gramm, lchelte der glckliche Hubert; beschaut schmunzelnd seine geschwollenen Armvenen. Nimm den Arm runter, ist noch nicht so weit. Fnf Gramm kannst ins Gesicht kriegen von mir. Fnfzehn krieste. Zwanzig, wenn du nicht 's Maul gleich zumachst. Spuck dir rein, du verwerfliches Subjekt. Werner Strick vom Schrank weg, brstet, wscht sich im Paletot in den mchtigen Operationsschsseln. Sein schwarzer Hut schwankt bei der wuchtigen Ttigkeit. Geheimnisvoll von hinten Feuchtedengel, aus himmelnden uglein zu seinem Chef: Fnfundzwanzig Gramm. Ich vertrag es. Ehrenwort. Viel mu man bei mir geben. ber die Maximaldose. Verchtlich schweigt der Chef. Das Sublimat spritzt, ber die Schssel hinweg springt der Hut. Der Schwabe rckt an, will gebckt unten den Hut fassen, kriegt von der Seite einen Tritt in die Weiche. Massig steht mit der groen Zwanziggrammspritze aus Glas der qualmende Mensch vor dem rotbckigen Medizinalpraktikanten, der auf dem Untersuchungsstuhl sitzt, den linken bloen Arm, mit Gummi abgeschnrt, triumphierend hinstreckend. Hubert bebt vor Freude, lt sich nichts merken. Dreht den Kopf von Strick ab gegen die Wand. Das schne Bild, schwabbelt er schmig, in der Klosterkche. _The monastery kitchen_, _cuisine de monastre_. Soviel Mnche und blo ein Kalb. Von oben faucht Werner: Schwein, wieviel willste haben? Fnfundzwanzig, sthnt Hubert, kann es sich nicht versagen, bettelnd den Arm des andern zu berhren. Spiet sich die Kanle in die strotzende Vene, der Stempel der Spritze sinkt, die dicke schwrzlichbraune Flssigkeit vermindert sich. Hubert, eisern den Unterarm auf die Lehne drckend, knurrt, brllt, schreit von innen heraus, grbt seine Stimme aus der Tiefe der Brust, windet Ges, Rumpf, Schultern auf dem Stuhl, zieht das Gesicht lang, reit die Lider hoch, die Stirn voller Querfalten. Der Arm ist ein Tier, das sich in ihn verbissen hat; er will weg davon. Keucht: Mehr, mehr, Werner, gib nicht nach, la nicht nach. Seine Fe treten mit den Spitzen den Boden. Fnfzehn, du hltst das Maul, achtzehn, neunzehn, kommst nicht weg, Junge, zwanzig, noch lange nicht, zweiundzwanzig; jawohl, vierundzwanzig. Da wren wir. Dreht ihm den Rcken; blst, geht an die Wasserleitung. Ein Trampeln hinter ihm beginnt. Hohes, tnendes Luftziehen, Sekunden Stille, dumpfes Krachen, Hinklatschen, Poltern, Bersten, Splittern, Stille. Stille. ber den weien Steinfliesen schwarz und ungefg das quadratisch geschwollene, baumlange Untier, der Dickwanst, buchlings hingestreckt, die Stuhllehne zerquetscht unter der Brust, ein Stuhlbein von unten aufragend zwischen den Knien wie ein schrger Fahnenmast. Der Lump! triumphierend Strick am Wasser, schlgt sich den Schenkel mit der nassen Handflche, fnfundzwanzig Gramm! Hab' ich gesagt! Dreiig! Warum nicht vierzig! -- Hh, verruchtes Subjekt. Hh. Stampft nher: Hh, die Zunge! Streck' die Zunge raus, Kerl! Der bewegt sich nicht. Brllend schttelt Strick mit Lachsalven den Krper: Die Zunge raus. Biste tot, dann biste tot. Zieht sich den Paletot aus. Der Krper bewegt die Finger; die Knie krmmen sich, das Stuhlbein wackelt leicht. Strick zieht sich wieder den Paletot an, schttet die Sublimatschssel aus, schleudert Wassermassen aus zwei vollen Schsseln gegen den Hinterkopf des Krpers quer durch den Raum. Das Stuhlbein bleibt stehen. Der Wasserstrahl braust in den Behlter. Schssel auf Schssel wirft immer zorniger Strick ber den Krper. Wutglhend schmeit er Schssel samt berschwappendem Wasser gegen die schwarze ungerhrte Masse: Da hast du den ganzen Salat. Das halbe Meer! Am besten, man buddelt dich gleich ein. Leitung abgestellt, Licht ausgedreht, Strick trampst treschmetternd auf sein Zimmer. Wie er sich das Nachthemd berziehen will, kommt es die Treppe schwer und langsam gegangen, stellt sich an seine Tr, klopft dumpf. Strick schnarcht im Halbschlaf: Herein, legt sich zurck. ber die Schwelle schlurrt aus dem dunklen Vorraum in das morgenlich graue Zimmer eine schrg nach hinten trmende, kopfsenkende, wassertriefende Gestalt; hinter ihr, sie am Rockkragen sttzend, eine andere. Stehen auf dem Bettvorleger, stumm. Werner, murmelt nach einer Weile die schiefe schwankende Masse. Herein, schnarcht der; reit die Augen auf, weil ihn etwas Kaltes, Nasses anfat. Dann richtet er sich langsam in die Hhe. Wer ist denn das? Werner, murmelt der vordere, ich bin in den Flu gefallen von der Brcke, ich konnte nicht gleich mitkommen. Du hast nicht gehrt, wie ich dich rief. Was bist du, Mensch? Ich bin in den Flu gefallen, wie ich deinen Paletot holte. Ich habe immer gerufen. Dann gib mir meinen Paletot her, du Kerl; wo hast du ihn? Ich hab' ihn nicht. Strick ringt verzweifelt die Hnde: Na siehste! Bist du nicht versoffen, du elendes Geschpf, hat dich das Kollargol nicht umgebracht, was soll ich mit dir machen? berwltigt schreit er: Raus, raus, septisches Vieh. Ich schlafe. Werner, du sollst mir den Arm verbinden. Wer ist denn das hinter dir? Traurig flstert der Schwabe: Das ist der Teufel! Entsetzt hlt sich Strick den Kopf: Was soll ich denn mit dem noch machen! Mitten in der Nacht! Er hat mich rausgeholt aus dem Wasser, wie ich schon fast tot war. Du sollst mir den Arm verbinden. Du bist ja schon tot. Hast du so wenig medizinische Kenntnisse? Hartnckig flstert Hubert -- der Teufel stemmt ihn rckwrts --: Du sollst mir den Arm verbinden; ein Fisch hat mich gebissen. Strick whlt sich hilflos aus dem Bett, zieht sich Strmpfe und Hosen ber, seufzt: Komm. Verbindet ihn unten; kopfschttelnd sieht er die beiden abziehen, droht hinter ihnen. Bevor er zur Visite geht, am nchsten Nachmittag, schlurrt Feuchtedengel mit dem andern auf sein Zimmer, am hellen Tage. Wo kommst du her; du bist doch lngst tot. Ich bin wahrscheinlich tot; der Arm heilt aber nicht. Strick geht um die beiden herum; der Schwabe ist ganz trocken, seine Hosen, sein Mantel verschrumpfelt, erdig. Deine Sachen sind ja schon trocken; wo hltst du dich bei Tag auf, Mensch? Im Freien. Wenn der andere keine Zeit hat, hngt er mich an einen Baum. Davon bin ich so rasch trocken geworden. Das ist sehr praktisch. Aber warum holt er dich denn immer runter? Mein Arm tut mir so weh. Du hast mir zuviel Kollargol eingespritzt, es ist mir eingefallen; nachher hast du mich in den Flu geschmissen. Das gnade dir Gott. Aber ich bin schon wieder trocken. Breitbeinig stellt sich Strick vor den andern, schlgt sich mit der Reitpeitsche gegen die blanken Stiefelschfte: Jetzt rede ich gar nicht mit dir Sumpfhuhn. Jetzt rede ich mit dem andern. Mit dem da. Sagen Sie mal: Warum bringen Sie mir immer den Kerl her, was soll denn die ganze Trocknerei, warum verschwinden Sie nicht mit ihm von der Bildflche? Ich kann nich, Herr. Ich kann nich. Tut mir sehr, sehr leid. Wir haben kein Holz und haben keine Kohlen, mit die Hitze ist es aus bei uns. Ich kann jetzt keinen mehr so anbringen. Sie mssen alle erst getrocknet werden. Was bringen Sie ihn aber immer zu mir, wo Sie doch sehen, was mit ihm los ist? Ja, er will immer, Herr. Herr Doktor heie ich. Aber wenn er will, was ist dann? Er lt mir keine Ruhe, er hlt soviel von Sie, Sie htten seinen Bandwurm wegkuriert. Von morgens bis abends jault er immer nach Sie, von wegen dem Arm, jault und jault. Ja, soll ich denn den Kerl noch behandeln, wenn er stinkt? Das sag ick doch auch, Herr, Herr Doktor. Das predige ich ihm doch den janzen lieben Dag, Herr, Herr Doktor. Zum Himmeldonnerwetter, dann reden Sie doch mal Fraktur mit ihm. Vergraben Sie ihn, schmeien Sie ihn ins Feuer. Glauben Sie denn, ich habe meine Zeit gestohlen. Ich will's ihm noch mal sagen; er ist so tcksch, so strrisch, er lt nicht ab. Ich will; ich will. Das htten Sie schon gestern tun sollen. Was sollen die Leute von mir denken, wenn ich mit so einem ungebgelten Subjekt umgehe; und dann immer zwei auf einmal. Wer wird sich von mir behandeln lassen bei dem Gestank. Sag' ich doch auch, verdirbt Ihnen das Geschft. Ist mir peinlich, Herr. -- Jetzt gehst du also deiner Wege, sonst setzt es was! Verstande wu? Vorwrts, hh! Schttelt den Feuchtedengel am Hals, da dem in seinem pendelnden Schdel die Kiefern klappen. Mein Arm, mein Arm. Hier gibt's nscht mit Arm. Nichts zu machen. Abfahrt. Volldampf. Strick hebt die Peitsche in der Faust hinter ihnen. Auf der Treppe wimmert der Schwabe; oben donnert es durch die Tr: Raus, sofort raus samt dem Deibel! Der beeilt sich, da sie nur so davonpoltern. Strick vom Mittagessen auf sein Zimmer, will Briefe schreiben. Vierfiges Getrapp auf der Treppe fngt an, an die Tr klopft es, einmal, zweimal. Strick denkt, ich antworte nicht. Sie klopfen weiter, stoen mit den Fen. Einer flstert: Er ist nicht zu Hause. Der andere wimmert: Doch, er schlft. Klopfen Sie noch mal, ich kann nicht mehr. Die Tr wackelt von den Tritten, ein Likrglas fllt vom Vertikow. Einer winselt: Sehen Sie, der trinkt Likr. Vorsichtig wird die Tr geffnet. Strick liegt ber dem Papier, tut als ob er schlft. Der Teufel lt den rechten Arm sinken. Feuchtedengel nach vorn gestrzt, mu auf allen Vieren kriechen, die Brust hngt dicht ber dem Boden, seine Arme baumeln, schleifen nach, die Handrcken wischen den Teppich; der Kopf geht hoch, um etwas zu sehen, schlgt mit der Stirn wieder auf. Der andere tippt den Schlafenden leise ans Ohr. Dem ist die Galle ins Blut gestiegen. Er richtet sich vor den beiden auf, puterrot, gequollenen Gesichts, mit funkelnden Augen: Nu hab' ich's dick. Der Teufel lt den Feuchtedengel auf den Boden plumpsen, stemmt sich die Fuste in die Weichen: Fangen Se ooch noch an mit mir? Sie haben sich mit dem verstunkenen Kerl Ihrer Wege zu scheren. Sie haben -- Ich kann mit dem Kerl nicht fertig werden. Er lt das Jaulen nicht sein und er lt es nicht sein, es ist nicht anzuhren. Dann verbinden Sie ihn eben, und die Sache ist fertig. Strick rast im Zimmer: Er stinkt ja schon, Menschenskind; er fault ja, wie Sie ihn da sehen, in seinen Kleidern. Dafr kann ich nichts. Dafr bin ich nicht da. Dann gehen wir zu einem andern Doktor. Unten whlt der mit dem Kopf: Ich will nicht; ich geh zu keinem anderen Doktor. Strick brllt: Raus, raus mit euch Gesellschaft. Packt den Schwaben, der aufschreit, ihn bettelnd anblickt, unter dem Kinn, zerrt ihn in die Hhe. Der Teufel fllt ihm in den Arm: Sie haben mir den Mann nicht anzurhren. Ich la Ihnen den hier liegen und hol ihn nicht ab, bis Sie ihn verbinden. Und wehe, wenn Sie ihn mir kujonieren. Trottet zur Tr. Was soll ich mit dem Kerl hier? Ich kann nicht den ganzen Tag mit dem verplempern. Will berhaupt nichts mehr von dem wissen. Er ist mir zuviel und ist mir zuviel. Der hat ja einen Fimmel. Sehen Sie, wie Sie mit ihm fertig werden. Greift nach der Trklinke. Strick zieht ihm die Hand von der Klinke. Was soll ich mit dem Kerl hier, Sie. Jetzt ist er doch tot, mehr kann ich doch mit ihm nicht machen. Lieber Herr, ick jeh was essen. Sie sind faul. Faul sind Sie. Ist mir jleich, Herr. Ick jeh was essen. Ich bin nicht Ihr Herr. Ick bin nich Ihr Hans Fipps. Ich bin ein biederer Deibel, der seine Arbeit tut wie jeder andere. Hab auch nur zwee Arme und zwee Beene. Sie haben mir meinen Dienst nicht zu erschweren. Sie wollen mir Vorschriften machen. Lernen Sie erst Benehmen. Da nimmt der andere die Hand von der Klinke: Benehmen? Det la ich mir nich gefallen. Det kann ich mir nich gefallen lassen. Det wr jelacht. Feuchtedengel, hilfste mit? Ich kann nicht. Er soll mich verbinden. Nun komm mal. Den kriegen wir. Packt den schlappen Schwaben am Mantel zwischen den Schulterblttern mit der linken Hand, rafft ihn hoch, zieht ihn vor sich wie ein Schild, fngt an auf Strick loszugehen. Der in tobender Wut schlgt ohne Waffen drauf los, dem keifenden, bettelnden, schluchzenden Feuchtedengel gegen die Stirn, zwischen die auseinanderklaffenden Zahnreihen, am Hals vorbei. Der andere versteckt sich. Der Medizinalpraktikant plrrt: Du willst mein Beschtzer sein? Sei nicht feige, keucht der hinter ihm, wir kriegen ihn schon. Ich will ja nicht. Wir kriegen ihn schon. Schwapp, hat der Medizinalpraktikant einen wuchtigen Sto gegen die Schultern. Und wie sich der Teufel vorbeugt, um zu sehen, was da los ist, wettert ihm selbst ein Schlag gegen die Schlfe, da ihm Nacht vor den Augen wird, der Rumpf zusammenklappt, die Knie einknicken und er im Umsinken nur noch die Kraft hat, Feuchtedengel ber sich zu ziehen. Strick steht lachend ber den beiden. Er ist atemlos, ffnet alle Fenster, giet sich Kognak ein. Als er sich auf das Sofa gesetzt hat, fragt er hhnisch herber: Es wird Frhling im Januar. Na, wie weit sind wir? Neben dem Dicken rappelt es sich hoch, der dicke Krper schwankt, schaukelt. Mhsam steht der Teufel hinter seinem Schild, sthnt: Wir -- wir -- wir sind so weit, meine Herren. Vom Sofa lacht es. Der Teufel prustet: Wir sind so weit, meine Herren. Stramm nhert sich Strick. Der Teufel flstert dem Dicken ins Ohr: Ick boxe jetzt mit dem linken Arm. Und pa mal auf, was ich dann mache. Mit wem? winselt der mitrauisch. Pa mal auf, zischt der andere verlogen. Wieder schmettern die Hiebe auf Feuchtedengel, jetzt springt aber der Teufel mit ihm von Ecke zu Ecke. Es kommt ihm vor, als ob er Kraft in den Beinen habe. Pltzlich fhlt er sich aufgehoben; ber einen Schemel fnf Schritt weit fliegt er auf den anstrmenden Feind. Der, angeprallt an Brust und Hals, zu Boden gewuchtet, taumelt rckwrts auf die Knie, tippt seitlich auf die Hnde. Mit doppeltem Gekrach fallen sie hin. Im Nu hockt der Teufel ber ihm, eins, zwei, drei, schlgt ihm die Faust gegen Schlfe und Augen. Dann wrgt er ihn ab, sitzt aufgeblasen wie ein Frosch ber dem blauen Mann, wichtig beschftigt, freut sich, wirft verliebte Blicke auf ihn, wie er immer weniger mit dem Mund schnappt, mit den Fen zappelt, ganz ruhig ist. Immer wieder probiert er, ob der andere noch blauer werden kann. Streichelt ihm herzlich vergngt die Backen: Nun bist du fertig. Sich selber streichelt er: Ei, ei, das ist schn. Er geht gemchlich blasend im Zimmer herum, sieht sich die Bcher an, setzt sich, nachdem er sich geschnuzt hat, an den Tisch, trinkt Kognak. Die blanken Schaftstiefel Stricks glnzen herber. Zu meinen Lebzeiten war ich Pferdeknecht. Ist lange her. Will auch mal Reitstiefel mit Sporen haben wie ein Herr, und eine Reitpeitsche dazu. Setzt sein Glschen hin, zieht dem Assistenzarzt die Stiefel rechts ab, links ab, steigt selber ein. Die Peitsche mit dem Elfenbeingriff nimmt er vom Spind, stolziert vor dem Spiegel. Ei, Widuwio, wie siehste nu aus. Jetzt gehrt sich fr dich ein Pelz, eine warme Mtze, dann bist du der Herr Baron. Aus dem Spind holt er den Pelz, vom Rechen die geftterte Mtze. Hat den Pelz am Leib, die Mtze auf dem Kopf. Sagt nachdenklich in der frischen Luft am Fenster: Wir gehen etwas aus. Wir haben genug gearbeitet. Es ist Frhling im Januar. Feuchtedengel sieht ihn gravittisch zur Tre stelzen: Was soll aus mir werden? Verchtlich schweigt der Teufel, schliet hinter sich ab. Die beiden liegen allein. Ruft der Dicke nach einer Zeit: Strick. Der dreht den Kopf, glotzt seinen Nachbar an. Strick, was machst du? Klglich stottert der: Nun bin ich auch tot. Weint: Meine Stiefel haben sie mir ausgezogen. Es schlgt fnf. Jammert Strick: Wie lange sollen wir hier noch liegen. Ich wei nicht. Der amsiert sich jetzt in deinen Sachen, spielt den Herrn Baron. Den mut du sehen, wie der sich benimmt. Und uns lt er liegen, als wenn's nichts wre. Wer soll denn jetzt Visite machen: es ist fnf. Da hebt der Doktor den Arm: Schon fnf und noch keine Visite. Einer mu gehen, du oder ich. Ich kann nicht, Werner. Ich kann wirklich nicht. Mir pellt sich schon die ganze Haut ab. Was sollen sich die Patienten von unserem Krankenhaus denken, wenn ich Visite mache. Zeig' mal, sagt Strick. Der dreht sich ihm zu. Pfui, siehst du aus. Da mu ich gehen. O je, bin ich geschunden. Strick hinkt zur Tr: die ist abgeschlossen, die Nebentr steht auf. Auf der Station sehen ihn die Schwestern an. Die eine jammert: Sind Sie schon tot? Ach Gott, erst der Medizinalpraktikant und dann Sie. Eine andere weint: Es ist aber schnell gegangen. Wie blau Sie sind. Jetzt haben wir keinen Doktor mehr. Die Dritte blickt mitleidig auf seine Fe: Sie gehen schon auf Strmpfen. Herzlich spricht ihm die Oberschwester ihr Beileid aus, zugleich fr die verreiste Oberschwester der Nachbarstation. Sie begleiten ihn zum Ausgang, geben ihm zwei Krnze mit, die sie fr einen anderen gekauft haben: winken mit den Taschentchern hinter ihm her. Vor seiner Wohnung macht er Halt: ihm ist sein Zimmer, der Teufel samt Feuchtedengel zuwider. Er will sich zu den Krnzen nur noch einen anstndigen Sarg kaufen. Der Portier leiht ihm einen Schafpelz und Filzpantoffeln. Gehen Sie rasch, Herr Doktor, sagt er, dann reicht's zwei Stunden. Lassen Sie die Krnze hier, ich leg' sie Ihnen oben rauf. Strick hetzt durch die Lden, in der Kapellenstrae wird er matt, luft, um sich zwei silberne Reitpeitschen zu kaufen. Oben im verschneiten Stadtpark sinkt er auf eine Bank, fllt ganz auf die Seite, herunter vom Sitz, freut sich: Jetzt wird man mich ehrlich begraben. Liegt im Schnee, im Finstern. Der Teufel spht unter die Bank mit einer Laterne, sieht ihn liegen, klopft ihm freundlich den Schnee ab: Man soll's nicht bertreiben, lieber Junge. Nun wird dir gleich wohler. Er fhrt ihn am Kragen. Strick, vergrmt ber sein Pech, gert in Zorn, weil der ihn duzt, verbittet sich das, macht sich schwer. Der andere nselt vornehm, da er jetzt den feinen Mantel anhabe und die Mtze und die blanken Reitstiefel, und die beiden neuen Peitschen werde er sich auch behalten. Strick verlangt die Peitschen zurck, flucht, bis der andere ihn am Wege zur Parkstrae ber die Bordschwelle hinwirft, schwrend, er werde noch den dusseligen Feuchtedengel holen, dann werde er ihnen die Suppe versalzen. Als die beiden an seinen Armen wackeln, blkt und schimpft der Teufel, wer nur hier der feine Mann sei und wer der Prolet; wer anderen Leuten das Leben schwer mache; was seien sie beide fr Lumpenbagage: der eine ohne Hut und im ungebgelten Paletot, da man sich schmen msse vor die Damens, der andere in Filzpantoffeln, im Portierpelz mit Mottenfra und dabei noch mit zwei Reitpeitschen. Ohne Pferd und kann nicht mal hopp hopp machen. Er hngt sie zum Austrocknen statt an einen Baum, wie sich's gehrt, an den Latten eines Zaunes auf, mit dem Blick auf altes Eisen, zerbrochene Kochtpfe. Erst am Morgen nimmt er sie herunter. Da ist Strick ganz Gift geworden. Der Teufel prahlt keck, wie er mit ihnen des Wegs zieht: Jetzt sind wir zu dreien. Kommt noch der Gendarm und will mich verhaften, nehm ich ihn mit und wir sind vier. Ich mu mich beeilen. Strick wiehert lachend: Du Hund. Wenn Feuchtedengel nicht gewesen wre, httest du nicht mal mich gekriegt. Was, faucht der andere, Hund sagt der zu mir? Und das wollen Kavaliere sein? Ich hab' genug. Ich auch, hhnt Strick. Mein Arm, winselt Feuchtedengel, aufwachend, wer soll mich verbinden? Ich hab' genug, brllt der Teufel, lt sie fallen, dreht sich um sich selbst, haltet die Schnauzen! Stt, auf der Allee stehend, mit den Fen rckwrts, scharrt wie ein Pferd. Was macht er nur, denken die beiden im Schneehaufen. Er blst sich auf, der Mantel platzt, sein Bauch dringt vor, wird gro wie ein Globus, reicht rund herum vom Hals bis unter die Knie, seine Hose folgt, seine Weste gibt nach. Seine Arme stecken oben wie kleine Stiele in der Kugel. Bckt sich keuchend, langt sich den Doktor, der ihn anspucken will, lt ihn auf dem linken Arm, der linken Schulter nach dem Hals zu rutschen. Zwischen Weste und Hals strzt Strick kopfber abwrts, die Beine ragen zuletzt heraus. Die zappelnden Pantoffeln reit der Teufel ab. Rechts versinkt Feuchtedengel. Der Bauch weitet sich, wirft Falten, steht prall. Der Teufel blst die Backen auf. Die Kugel dampft, glht, versengt die Kleider, dunkelblaue Flammen schlagen heraus, stehen ber ihr wie eine Glocke. Der Teufel holt Luft, zieht sich schnurrend zusammen, schttelt sich. Asche, weie Knchelchen fallen von ihm ab. Freundlich sieht er an seinem Bauch herunter, sagt: Ei, liebes Buchlein. Hebt die Pantoffeln, beide Reitpeitschen auf, geht allein spazieren. Zu einem Frulein, die ihn wegen seiner erschpften Haltung an der Grohafenstrae anspricht, sagt er: Sehr gebummfidelt, hchst schmeichelbar. Ja, es war allerhand. Der eine, der Strick, Herr Strick, Herr Doktor Strick hatte starke Muskeln, aber der andere war noch schlimmer, der mit dem Bandwurm. Der knaute Ihnen und maulte und jaulte den ganzen Tag und wurde nich fertig. Et war mich zu viel. Et war mich zu viel. Und nu, nu sehn Se, liebes Frulein -- Gehen wir ein paar Minuten ins Caf Braune, mein Herr. Gewi doch, meine Dame. Und nu haben se beide nichts. Nu sind sie nich im Himmel und nich in der Hlle. Nu sind sie einfach tot. Die Nachtwandlerin Die Nachtwandlerin Als es zur Abendmesse lutete, ging Herr Valentin Priebe an der riesigen Hedwigskirche vorber und erwog, seine dnne goldene Uhr mit einer eleganten Armbewegung aus der Tasche ziehend, wie er den Rest des Tages verleben solle. Es war Sonnabend, sein Bureau um fnf Uhr geschlossen, und in der warmen Herbstluft mochte es lieblich sein fr einen jungen Mann zu flanieren. Er hob zweimal den braunen Samthut ab, um vorsichtig die feinen Spinnweben abzublasen, die von der Alten Bibliothek durch die Luft herschwammen, zupfte an seinem Taschentuch, dessen Rosa malerisch vor der blauen Sportsjacke stand. Seine sanft gebogenen Beine schritten zierlich einher in weien Tennishosen, hellgelben Schuhen. An der Charlottenstrae prustete ein lahmes Auto vorbei; schnffelnd hob sich die aufgestlpte Nase ber dem struppigen blonden Schnurrbart. Herr Priebe wedelte anmutig das Taschentuch gegen den Staub, bog sich besnftigt in den Hften vor. Er huschte ber den Damm. Violette Strmpfe trug er, und es gelang ihm trotz energischen Schleuderns der Beine nicht, sie den Passanten zu Gesicht zu bringen; die Hosen waren zu lang. In der Friedrichstrae musterte er mit verwegenem Blick gleichmig Herren und Damen, bereit, nach Belieben als Schrzenjger oder Mnnerfreund zu gelten. Sperrte die braunen, runden Augen auf, die gutmtige Kaninchenblicke warfen. Sein linkes Auge, mit schwarzen Sprenkeln in der Iris, stand etwas nach auen; auch zuckte Herr Priebe mit dem Kopf hufig nach links, als wollte er ber die Schulter nach hinten sehen. In aufgelsten Scharen trotteten die Menschen beide Seiten der Strae entlang, standen vor den Schaufenstern, sprangen in die Wagen, schlpften zwischen schnurrenden Autos ber den Asphalt. Streifte ihn etwas am Arm in der Mohrenstrae, lockte eine Stimme: Na, Schatz? Geschminktes feines Gesicht, rotblonde Percke, bergroe Augen, Moschuswolke, Veilchenbukett an der Brust. Blutbergossen wandte Herr Priebe den Kopf ab. Er sah angestrengt auf den Damm, fixierte einen Radfahrer derart ngstlich, da der ihn anblkte. Wie er aus seiner Lhmung an der Bordschwelle erwachte, schlenderte er vor das Schuhgeschft von Barthmann und summte. Da kam dicht hinter ihm her ein grazises Pppchen, rotblonde Percke, bergroe Augen, Dessous schlenkernd ber durchbrochenen hellblauen Strmpfen, plauderte mit einem Geck im Zylinder. Sie lachten an ihm vorber. Herrn Priebe stand das Herz still. Er setzte sich in die Elektrische, fuhr in den Tiergarten, zog auf und ab die Hofjgerallee, bis er sich beruhigt hatte, lag matt in einer Droschke. Er wohnte in der Brunnenstrae in einem Quergebude. In der lauen Abendluft lrmten die Kinder. Bevor er in den Hausflur ging, sah er sich um, ob ihm jemand folgte. Sein Vater sa hemdsrmelig in der Wohnung unter der Hngelampe, qualmte einen beizenden Knaster; ein kahlkpfiger Invalide mit einer blauen Brille, krummem Rcken. Die kleine Ella war schon im Bett an der Wand; sie zog Herrn Valentin das rosa Taschentuch aus der Jacke und roch daran; er gab ihr eine Banane vom Tisch. Am Montag zwngte er sich in seinen Omnibus, rollte zum Wedding hinauf. Er ging ber einen ungeheuren Kohlenhof. In kleinen Haufen lagen die schwarzen ruigen Steine, schwelten. Der Hof war mit dickem Staub bedeckt, unter dem Schienenstrnge in dem weien Morgenlicht blitzten. Von schwarzen Bergen rieselte es unaufhrlich herunter; starke Krne knirschten hinein, prasselten ihre Ladung in die kleinen Bunker. Herr Priebe ging in einem glanzigen schwarzen berrock ber den dunstigen Hof; seine grauen Hosen waren abgestoen. Er warf verschlafene Blicke ber die Geleise, kletterte die Wendeltreppe des kleinen Bureauhauses hinauf. Niedrige, weite Kontorrume, Holzladen an den Fenstern. Hinter den Pulten Mnner; an der Wand junge Mdchen in schwarzen Schrzen; sie spielten auf Schreibmaschinen, machten metallischen Lrm. Der Herr kaute an seinem Schnurrbart, pendelte tiefsinnig und zerstreut auf und ab, rauchte eine zerbltterte Zigarre. Zwei Frulein stieen sich an, sagten laut zueinander: Herr Priebe sieht eigentlich recht verlebt aus. Er stutzte, rekelte sich an seinem Pult, sagte unter hrbarem Ghnen zu seinem Nachbarn: Das Grostadtleben bekommt einem auf die Dauer nicht. Ich werde doch noch nach Friedrichshagen ziehen. A zum Frhstck einen sauren Hering. Dann setzte er den horngefaten Zwicker auf, schrie ein engbrstiges Mdchen an, einer anderen warf er den Durchschlag zerrissen vor die Fe. Das Frulein hob die Fetzen auf, maulte, plrrte laut los, die Schrze ins Gesicht geknllt. Entrstet verlngerte der Herr sein Gesicht, bewegte sich verlegen herum. In der Mittagspause beobachtete der Herr dieses Mdchen, das Antonie gerufen wurde, folgte ihr auf die Wendeltreppe, nselte neben ihr leutselig, da die Sache von vorhin nichts auf sich habe. In polnischem, rauhem Dialekt erwiderte sie von Furcht vor Kndigung und weinte nochmals. Er stieg zurck; die jungen Mnner an den Pulten stieen sich lchelnd an. Am nchsten Morgen hatte Herr Priebe eine faltige Stirn, zotete mit den Kollegen, dann ging er summend durch den Raum, beugte sich, wie versehentlich, ber die polnische Maschinistin, die hochfuhr, und flsterte eine kleine Zeit mit ihr vor allen Menschen. Als er sich von ihr abwandte, pfiff er gleichmtig und sa ngellutschend an seinem Pult, um seinem glattgescheitelten, blonden Nachbarn ein trumerisches Ja, ja zuzuwerfen. Wie der ihm zuzwinkerte, zog er schmunzelnd sein gut ausgeflltes Gesicht in Falten, so da es aussah, als wre es mit Bindfden verschnrt von den Ohren her. Antonie Kowalski war ein rundes, ebenmiges Geschpf. Sie trug groe unechte Ringe in beiden Ohren, an den feisten Armen breite metallene Reifen. Sie wohnte im Nebenhause Valentins; eine niedrige Mauer trennte beide Hfe. Hoch im vierten Stock hauste sie mit ihrer Mutter. Die Frau, eine Polin, hatte, whrend ihr Mann im Gefngnis sa, eine Liebschaft mit einem Zigeuner, einem Kesselflicker, unterhalten. Als der Ehemann nach dreieinhalb Jahren aus dem Gefngnis wiederkam und die einjhrige Antonie vorfand, setzte er Mutter und Kind aus der Wohnung. Sie zogen in die Brunnenstrae, in eine Dachkammer. Antonie wuchs als ein jhzorniges, leidenschaftliches und zrtliches Tierchen auf; nur da sie in der Zeit ihres monatlichen Ungemachs stiller und leidend wurde, sich verkroch, auch viel mit der Mutter weinte. Um den Vollmond hatte die Mutter sie empfangen. Die Frau stand damals sptabends mit dem Zigeuner in der Kche, als ihr der branntweinduftende Geselle um den Leib griff. Sie war, Hilfe zu schreien, an das Fenster gelaufen, hatte die Gardine und Flgel weit aufgerissen, so da pltzlich das prallweie Mondlicht hart ber Diele und Tisch fiel. Sie fuhr einen Augenblick geblendet zurck. Der rasende Mann warf sie schon auf den wei bestrahlten Boden, ri ihr keuchend die Rcke ab, und so wurde sie seine Geliebte. Jetzt lachte und schwatzte Antonie viel im Schlaf, wenn der Mond vor ihr Fenster trat. Oft sa sie abends am Fenster, hatte die Augen offen; die Mutter mute sie schtteln und laut anrufen, ehe sie den Blick herdrehte und aufstand. Eines Tages, als es Mittag pfiff, wartete Antonie Herrn Valentin an der Wendeltreppe ab. Sie fragte ihn leise, warum er sie nicht anshe und warum er sie vorige Woche sitzen gelassen htte. Hier sind zwei Billetts fr das Konzert bei Lipps, um halb neun an der Kegelbahn oder drin im Saal. Drckte ihm einen gelben Programmzettel in die Hand, lief ber den Kohlenhof. Herr Priebe zitterte stark. Seine kalten Hnde schwitzten, als er wieder an seinem Pulte sa. Ihm wurde wst und schwindelig. Der Speichel lief ihm unter der Zunge vor, er legte den Kopf auf die Schreibunterlage: Was nun? Setzte seinen steifen Hut verbeult auf, stockerte auf die Strae und ging statt zu Tisch lange Straenzge rasch entlang, die Liebenwalder Strae, Prinz-Eugen-Strae, ber die Pankstrae, zum grnumsumten Bahnhof Wedding, fuhr mit der Ringbahn um halb Berlin und zurck. Vom Kontor machte er sich abends im schbigen Gehrock auf den Weg zur Brauerei, erst als ein hellgekleidetes Mdchen hinter ihm kicherte, fuhr er nach Hause, parfmierte sich im Tennisanzug. Mit Trnen in den Augen verabschiedete er sich nach vielem Drehen von der kleinen Ella, die ihn oft fragte, warum er so sthne, wie ein Br sthne. Musik schmetterte aus allen Grten am Friedrichshain. Antonie war nicht an der dunklen Kegelbahn. Aus dem blitzenden Ballsaal tnte die Stimme des Maitre. Herr Valentin sttzte sich auf den Arm eines lustigen Kollegen, als er die Treppe zum Saal hinaufging. Antonie tanzte gerade am Arm eines flotten Kommis vorbei. Gndig begrte Herr Valentin das Frulein im Vorbergehen. Sie huschte am Schlu des Polkas auf ihn zu, stellte sich, ohne ein Wort zu sagen, neben ihm auf. Da wren wir also, kleine Krabbe, sagte er heiser, fixierte sie bis zu den Fen mit Kennerblicken. Sie trug ein weies Waschkleid mit einem braunen Ledergrtel. Die schwarzen Haare hatte sie ber die Ohren gewellt, hoch aus der Stirn gekmmt. Der groe weie Federhut war vom Tanzen weit in den Nacken gesunken, so da das dunkelrote volle Gesicht grell davorstand. Breite Nase, hervortretende Backenknochen; die schwarzen Augen ernst und feucht. Schweigend standen sie sich gegenber, dann legte sie ihren bloen prallen Arm in seinen und zog ihn mit ehrfrchtigen, zrtlichen Blicken zum Saal hinaus in den lampionbeschienenen Garten. Drauen unter den alten Laubbumen krachten die Schiebuden; die Karussels dudelten. Herr Valentin hob keck den Samthut zurck, zndete eine Zigarette an, fhrte Antonie in das Gewhl zwischen den Tischen. Mit berlauter Stimme schwatzte er, lachte, gestikulierte. Sie prete seinen rechten Arm fest an sich. Einem Frulein, das mit einem Glas Bier vorberging, warf er einen schlpfrigen Gru zu. Antonie kicherte begeistert. An der Kegelbahn brannten keine Laternen. Sie setzte sich mit einem Sprung auf einen sandbestreuten Tisch, er hpfte nach einer Pause neben sie. Schon lehnte ihr weier Federhut an seiner Wange, fate sie ihn zgernd um die Taille. Ein stoweises Rucken ging durch seinen Krper, er wand sich unter ihrem Arm, schauderte: Ach Gott! Der Samthut kollerte hinter ihnen auf den Tisch. Valentin sagte: Frulein, ich habe heute mittag ein Paar Wrstchen gegessen; die mssen verdorben gewesen sein. Sie streichelte mit dem Handteller seine Wange, seufzte verschmt: Sie mssen was dagegen tun, Herr Priebe. Er rutschte nach einer Pause mit einem Grinsen von der Tischplatte, stand leichenbla da. Sie kam nach. In der Nacht warf er sich im Bett, murmelte ins Kissen: Was soll daraus werden? Was ist denn, was ist denn? Der Vater schrie aus der Nebenstube: Immerfort kracht dein Bett. Wer soll dabei schlafen? Priebe lag ruhiger. Ihm fiel ein, da Antonie eine Vase in einer Verkaufsbude schn gefunden hatte. Noch vor acht Uhr morgens stand er vor einem laden in der Chausseestrae, betrat als erster Kufer das Geschft, erstand fr achtundzwanzig Mark ein unfrmiges Porzellanstck eine Vase mit einem Reigen von Amoretten, die dicke Backen machten und einen Kranz hielten. In der khlen Fasanen-Allee traf er sich abends mit der kleinen Polin. Die nahm ihm kreischend das hohe Paket aus der Hand. Ri das Papier ab, sobald sie allein auf einer Bank saen. Mit offenem Mund blieb sie vor der bunten Kostbarkeit sitzen. Vorsichtig stellte sie sie neben sich auf die Bank, kte und bi Herrn Priebe resolut in die Backe. Er streichelte ihr mit einigen krampfhaften Bewegungen das Stirnhaar unter dem weien Federhut zurck und hielt es fr angebracht, ihr unter schlpfrigen Koseworten an die Brust zu greifen. Sie bog krftig seine Hand weg, nahm seinen Kopf, kte sein ganzes Gesicht ab. Dann gingen sie Arm in Arm die schmalen Spazierwege, whrend er sie oft loslie, an einem Baum lehnte und mit einem Gelchter losplatzte, das sie stutzig machte; schlielich sah sie geschmeichelt schief auf die Erde. Die Vase aber warf er unter solchen Grimassen an der Rousseauinsel ins Wasser, zum schluchzenden Entsetzen Antoniens, der er eine schnere versprach. Am Gitter des nebligen Wasserstreifens krchzte er mit bermdetem Gesicht: Vase hin, Vase her, was kommt es auf eine Vase an? Er hatte schon im Kontor gelegentlich den jungen Leuten erzhlt von einer exotischen Mtresse, die er sich halte, und die ihn stark strapaziere; von einem kleinen reizenden Brillantring, den er ihr geschenkt habe, und den sie nun jetzt beim Tanz verloren htte, ohne deswegen auch nur mit der Wimper zu zucken. Er wurde eines Sonnabends von den Kollegen gentigt, mit ihnen auf die feinen Lokale zu gehen. Er meinte zuerst, das sei lcherlich fr sie, denn das Geld ginge dabei nur so hin. Dann fuhr man zunehmend heiter in Berlin herum. Valentin, in gehobener Laune, freudig ber sich erstaunt, lud sie immer zu neuen Lokalen ein, die er aus Plakaten kannte. Sie hockten zu vieren in einer jmmerlichen Rumpeldroschke, tranken erst in Mundts Tanzsalon, fuhren von Caf zur Kneipe. Um drei Uhr morgens grhlten sie im Caf Minerva, um halb vier torkelten sie untergefat in das Caf Greif, Elssserstrae. An einem Ecktisch sagte eine graublasse Dame zu Valentin, er she aus wie der keusche Joseph; er sank ber den Scho einer alten Vettel, die ihr Pilsener Bier wegrckte, und der er gestand, sie wre so zrtlich wie seine letzte Braut. Die drei anderen halsten ihm das Weib auf, packten beide in eine Droschke, tobten hinter dem langsamen Fuhrwerk mit Schirmen und Hten her. Kaum ein Wort sprach Valentin in den nchsten Tagen im Kontor. Sein Gesicht hatte in manchen Minuten etwas wie Versteinerung. Er war erschttert, fand sich nicht damit ab, was ihm in der Nacht geschehen war, wtete gegen die Kollegen, htte sie um Gnade bitten mgen. Abends blieb er zu Hause; vor dem Einschlafen weinte er im Bett viel und klglich. Antonien bersah er; auch als sie ihm verstohlen auf dem Kohlenhof Adieu sagte, weil sie eine Verwandte in Ostpreuen pflegen sollte, meinte er nur: Ja, wenn Sie Urlaub bekommen haben, Frulein, -- dann, dann reisen Sie nur. Er lie sich gehen, brstete sich nicht ab, lief manchmal mittags unter einer Angst spazieren. Wenig ber zwei Wochen dauerte dieser Zustand. Dann cremte Valentin seine gelben Schuhe ein, nahm sich zu einigen verzweifelten Flanierzgen, um nicht zu ersticken, einen jungen Kassierer mit; hatte eine gelle, herrische, aufgeregte Stimme; seine Augen blutunterlaufen, wie bei einem Sufer. Erwachte eines Morgens mit Halsschmerzen. Der Klo, das Drcken lie nicht nach. Eine frhliche Bewegung entstand in ihm unter dieser drolligen Ablenkung, die ihn veranlate, alle Augenblicke gluck, gluck zu machen, dabei den Kopf nach vorn wie eine Gans zu rucken. Der Doktor, zu dem er ging, schickte ihn zu seinem Erstaunen zu einem anderen. Und der, ein beleibter Sanittsrat mit fleischigen Fingern, lchelte auf Valentins Frage, was er denn habe, schnffelte, whrend er in seinem Notizbuch kritzelte: Mssen sich mal bei dem schnen Frulein erkundigen, das Sie vor ein paar Wochen besucht haben, hh; die wird's wissen. Er hrte schon nichts mehr. Er sprang mit inwendigem Gelchter die Treppe herunter. Also das war es? Er prustete auf der Knigsstrae vor Vergngen. In einer ihn pltzlich berkommenden Heiterkeit kaufte er sich ein Witzblatt an der Ecke Spandauerstrae; ob etwas von seiner Sache drinstnde. Nun war alles wieder gut. So hatte sich die Sache doch gelohnt. Zu Hause zog er sich um und promenierte an der strengen Winterluft. In seiner Pelzmtze und dem vermotteten Krimmerkragen machte er einen entschieden russischen Eindruck. Er lupfte mit feiner Verachtung das linke Bein, wenn er an einer Dame vorberging. In dieser Gesellschaft wren wir also zu Hause. Die Krankheit pat zur Pelzgarnitur. Vom Scheitel bis zur Sohle. Er hatte keine gewhnlichen Halsschmerzen; es war das Leiden der Rous, der Herrschaften von Welt. Es ist nicht schrecklich; man kann damit spazieren gehen, Schokolade trinken. Er lchelte in tief befriedigter Rache um sich. Zu einem Reisenden, den er traf, sagte er: Wir haben unsere Bewegungsfreiheit wieder. Antonie kam zurck. Valentin begrte sie geringschtzig an der Schreibmaschine. Sie sah recht gewhnlich aus, schon die Beschftigung degradierte. Auf der Strae schmiegte sie sich mittags an ihn; sie latschten durch die lange Turmstrae im Schnee. Auf die Frage, warum er so sei, antwortete er, es ereigneten sich in einer Stadt wie Berlin mancherlei Dinge; Erlebnisse knne man sie nennen; er nhme sie belanglos. Sie bat ihn, zu sprechen. Als er sich selbstzufrieden eine Zigarette angezndet hatte und noch lange mit dem Streichholz spielte, gab er brockenweise von sich, da es mit der Offenheit solche Sache sei; man wte schlecht, wie man sich da zu verhalten habe, besonders Frauen gegenber, man hrt ja manches; es sei jedenfalls nicht so einfach. Sie hatte trnenschwimmende Augen, machte ein verschlossenes fremdes Gesicht. Ihm ging die Zigarette aus; er stammelte beunruhigt, er werde sich die Sache berlegen. Dabei klopfte er den Schnee vom Rock ab, den sie beim Anlauf gegen einen Baum abgestreift hatte. Abends im Humboldthain hatte er vor ihrem verfrorenen Gesicht ein so demtig anbetendes Gefhl und war so furchtsam, da er wie ein getretener Hund an ihre Hand kroch und alles herausplatzte, blind, wie ein Todgeweihter. Am Schlu seiner Rede fiel er vor Erregung von der Bank. Antonie, von seiner Erregung mitgerissen, zerrte an seiner Schulter, bettelte, er mchte doch aufstehen, trat auf ihre Muffe, die hingefallen war. Sie weinte und trstete ihn plappernd, als sie nach der Stadt zugingen; jeden Augenblick fate sie ihn bei den Paletotknpfen, umarmte ihn mit Kraft, da er seufzte. Sie hatte, als sie sich bald trennten, beide mit blauen Nasen und mit Schnee auf den Schultern, ein fast glcklich verwirrtes Wesen, wollte mit Valentin in ihre Wohnung gehen. Er warf unruhige Blicke, schnaubte, rannte, getrieben durch die hellen und engen Straen, an Kinos vorbei mit Mordplakaten, an dem Geigengesang der Cafs, auf Knien, die weicher und weicher wurden und ihm wie Wachs wegschmolzen. Antonie und Valentin sprachen dann fr lange Zeit nur noch zweimal zusammen. Das eine Mal am Tage nach der Begegnung im Humboldthain; da trafen sie sich vor der Fabrik zu einem gemeinsamen Nachhauseweg. Sie hatte einen schwarzen Tuchmantel an, dazu eine leichte Boa; auf dem Kopf eine samtene Kappe. In ihren runden Bewegungen glitt sie an ihn heran; ffnete wenig den breiten Mund mit den aufgeworfenen Lippen, ging vertraulich dicht neben Valentin im Schnee. Sie sprachen vom Geschft, vom Wetter und blieben vor den Schaufenstern stehen. Den Rest des Weges fuhren sie in der Elektrischen. Nur beim Abschiede konnte er einmal ihren unverstndlichen Blick fassen, den sie auf die Seite drehte. Nach anderthalb Wochen fragte er sie auf der Wendeltreppe, wie es ihr ginge. Sie antwortete, whrend sie sich an einem Ohrring zupfte: Gut; vielleicht knnten sie sich morgen unterhalten. Am nchsten Tag kam sie nicht ins Kontor. Wochenlang blieb sie fort. Er schrieb an sie, bettelte um eine Antwort. Ihre Mutter hielt sie zu Hause. Sie war still geworden. Sie litt an Schlaflosigkeit. Noch als sie ins Bureau ging die letzten Tage, meinte sie zur Mutter, sie hre feines Glckchenklingen, auch tiefe summende Saitentne, die in Harmonien abwechselten. Es war gar nicht lstig, sie hrte es recht gern. Sie wollte nicht auf die Strae gehen, blieb lieber im Zimmer; keinen Menschen als die Mutter mochte sie sehen. Und als einmal Valentin sie besuchte, durfte er sich ihr gegenbersetzen; nur da er sie berhrte, duldete sie nicht. Hinter ihm ffnete sie das Fenster. Ein pltzlicher Trieb kam ber sie, sich nicht zu bewegen. Sie ging wenige Schritte im Zimmer liebevoll um sich herum. Die Mutter fragte einmal, ob sie sich nicht langweile. Sie setzte ihr den breiten Federhut auf, kleidete sie vllig und warm an. Sie lchelte zur Mutter: Geh du mit aus. Die fate sie bei den Ellbogen: Hast du eine Liebschaft, Toni? Kriegst schon einen anderen. Sie gingen die Treppe hinunter und wieder hinauf. Ich freue mich allein viel mehr mit meinen schnen Sachen. Und wirklich sa sie oben in den Stuhl gesunken der Mutter gegenber, plauderte schn und strahlend; sie strich ber ihr Kleid. Das Weie ihres Auges war sichtbar. Sie war viel beschftigt, ohne zu wissen, womit. Oft wanderte sie im Zimmer herum mit glcklichem Gesicht, auf lautlosen Pantoffeln. Sie gnnte sich feierlich keine Beschftigung. Spielte gedankenlos, gedankenvoll mit bunten Zeuglappen. Band sich nach und nach eine Puppe zusammen, eine sehr farbige Flickpuppe, ein kleines Mdchen, gro wie eine Hand, zeigte sie der Mutter, schmiegte sich an sie, bettete sie ein. Unter dem Spiel und dem Plaudern wurde sie offener. Antonie half der Mutter trumerisch im Haushalt, begleitete sie bei Besorgungen. Valentin wnschte zu ihr; er sa ihr gebrochen gegenber. Sie beobachtete ihn leer. Eine Freundin riet Antonie, ihn doch wegzuschicken. Und eines Sptnachmittags stand Antonie am Fenster ihrer Dachwohnung, sah auf das Nachbargebude. Je lnger sie hinsah, um so wilder fuhren ihre Arme zusammen. Krampfhaft wand sie sich; sie beschattete ihre hellen Augen: Ich will ihn wieder lieben knnen. Ich kann es nicht ohne ihn ertragen. Ich will dich wieder lieben knnen. Am Abend hatte er einen Zettel von ihr. Sie waren allein. Das grlich geffnete Gesicht stand vor seinem. Sie hielt ihn, fordernd: K mich, k mich! Nein, ich darf nicht, ich darf nicht. Der Arzt geht mich nichts an, Valentin. Der Arzt kann mich nicht tot und nicht lebendig machen. Die bibbernden zwei umarmten sich. Sie bi sich in seine Lippen fest. Und dann bi er nach ihrer, Valentin torkelte. Eine Schlange umwand sie in einer steinernen Spirale, rollte sie hin, lie sie liegen. Als die Mutter am nchsten Morgen den braunen Schal sich ber den Kopf schlug, um waschen zu gehen, kam Antonie verschlafen aus dem Bett gekrochen, zog die Frau am Arm zu sich her und lie sich von ihr streicheln: Mir fehlt gar nichts mehr, Mutter; ich gehe ins Geschft. Hast du dich mit Valentin vertragen? Nach einer langen Pause, whrend es schien, als ob sie wieder einschliefe, sagte Antonie: Ich denke schon. Im Geschft war sie trge, sinnierte herum, blieb schlielich weg. Sie mischte sich unter die kleinen Fabrikmdchen, die abends in der Brunnenstrae und Chausseestrae tanzen gingen, sagte nie Valentin davon. Sie stand neugierig und mit verschmter Miene um elf Uhr abends an dunklen Huserecken mit zweifelhaften Damen, die ihr mit Witzeleien zuredeten. Antonie horchte sie aus, betrachtete sie, lie sich in Cafs von Mnnern begleiten und lief dann weg. Stiller und stiller kam sie von solchen Spaziergngen nach Hause; ihre Schlaflosigkeit fing wieder an. Damals begannen die ersten Erscheinungen eines sonderbaren Nachtwandelns bei ihr. Ihre kleine Puppe in der Hand, schlich sie im Hemd bei vlliger Finsternis durch Stube und Kche, an der schnarchenden Mutter vorbei ber den Korridor und wieder zurck. Keine Diele krachte, vorsichtig setzte sie die nackten Fe, keinen Stuhl stie sie an. Sie flsterte zu der Puppe, die sie an ihren Mund hochschwenkte: Nimmst du mich mit? Du bist gut. Mit dir geh ich. Hupf auf meinen Arm und sei recht lieb zu mir. Mit dir geh ich aus. Ja, kannst dich ruhig auf die Hemdkrause setzen. Du bist so schn, so schn zu mir. Mit wem kann man so schn sein wie mit mir? Einmal erwachte die Mutter darunter, da Antonie seufzend am Fenster rttelte, das nicht gleich aufsprang. Sie brachte die Trumerin wortlos zu Bett, die nach einigem Stammeln unruhig einschlief. Zu Valentin war Antonie in dieser Zeit gleichmig freundlich. Er kam heimlich oft zu ihr; als er sie einmal fragte, wann sie heiraten wollten, sagte sie, wozu das sei, wessen es noch zwischen ihnen bedrfe. Und immer ungeduldiger wartete sie, wenn er wegging, da es ganz finster wrde. Willenlos umarmte sie ihn und war gut zu ihm; wenn er fort war, sthnte sie jammervoll, bestrich ihren kleinen runden Spiegel mit Seife, so da sie sich nicht sah, steckte die Gardinen vor dem Fenster zusammen. Die Mutter tappte im Dunkeln durch die Kche herein: Bist du da, Toni? Willst du die Toni sehen, Mutter? Und whrend die Frau mit der Petroleumlampe herkam, hielt sie ihr den kleinen Zeuglappen, die Puppe, trnenbergossen hin: Das ist die Toni. Das ist meine kleine, se Toni. Nicht, Mutter, das soll unsere kleine se Toni sein? Sie lachte und schmeichelte dem Lumpen; die alte Frau lachte mit. Und eines spten Abends brannte das elektrische Licht vor einem neuerffneten Tingeltangel in der Hussitenstrae. Es war strenger Frost; in ihrem schwarzen Tuchmantel, die Kappe auf dem Haar, lief die kleine Polin in eine Husernische und sah mit zwei heftig kichernden und kreischenden Mdchen zu den grell plakatierten Schaufenstern herber. Da drehte sich drben die Tr; untergefat zogen drei bunte Damen mit zwei Herren ber den schmutzigen Damm, in einer Reihe. Der eine Herr tnzelte grazis; er hatte ein gedunsenes glhrotes Gesicht und verlor oft zum allgemeinen Vergngen einen Gummischuh; ein rosa Taschentuch stand malerisch vor seinem zerknulten Ulster. Es war Priebe. Antonie ging taumlig ein paar Schritte auf die Gruppe zu, drckte sich, die Muffe vor der Stirn, in einen dunklen Hauseingang. Der amsierte Herr griff mit feuchter Hand ber ihr Ohr, zerrte eine Haarstrhne; im Vorbergehen stotterte er: Alle Kinder sollen mitkommen. Ihr braucht euch vor mir nicht zu frchten. Drei Uhr mitten in der Nacht grhlten sie im Hofe von Valentin zweistimmig Lieder; dann gedmpft zu Ehren seiner Braut, wie Herr Priebe sagte, den Schlager: Nimm mich mit, nimm mich mit, in dein Kmmerlein. Und whrend sie, Mnnchen und Weibchen, im Kreise flteten, kam in dem grellen Mondschein oben aus der Dachluke ein Kopf mit schwarzem losen Haar hervor, bloer Hals, rot durchwirkter Hemdrand, schob sich im weien Unterrock ein Krper durch das Fenster auf die Dachrinne. Tappte mit unregelmigem Schritt die Regenrinne entlang; bloe Fe; an ihrer Hand, vor ihrem Rock zappelte etwas Schwarzes, Kleines. Herr Priebe imitierte eben mit Damenstimme: Ach, wenn das der Petrus wte. Da scharrte es vom Dach. Der Kassierer Lorenz, ein pickliges Biergesicht, blickte zuerst auf. Ein weier Haufen, ausgestreckte Beine ohne Strmpfe, kam dicht vor der Front des Hinterhauses herunter, polterte gegen ein Blumenbrett auf einen Mlleimerdeckel, klatschte saftvoll dick und breit auf. ber die niedrige Feuermauer spritzte es klebrig, wei; auf der Mauer blieb etwas Dunkles, Lappiges liegen. Es ist einer aus dem Fenster gefallen. Die fnf bewegungslos. Herr Lorenz wischte sich die Lippen ab. Wo war das? gellte ein Frulein; die rannte heulend ber den Hof zum Tor, die beiden anderen nach. Ich kann so was nicht sehen, murmelte Herr Priebe, mir wird ganz schlecht; ich leg' mich schlafen. Im Hause klapperte es, wurden Fenster hell. Valentin bewegte die Lippen, was nun wirklich gewesen wre, zitterte die Treppe hinauf in seine Wohnung, hllte sich bis ber die Ohren ein: Ich will von dem ganzen Hause nichts wissen; ach, mir ist schlecht. Umziehen, umziehen. Morgens im Finsteren klopfte Antoniens Mutter bei Priebe an, schrie und schluchzte am ungeheizten Ofen, der Fensterriegel sei nicht zu gewesen in der Nacht, sie htte es vergessen am Abend. Sie hielt auch einen alten Zettel von Antonie in der Faust; auf dem stand, Valentin solle ihre Puppe nicht bekommen, wenn sie wieder krank wrde. Da ist nun der Lumpen. Kommen Sie doch blo mal rauf zu uns, Herr Priebe. Valentin ri die kleine Ella bei der Schulter herum; sie solle ausspucken hinter der Frau; den Vater fuhr er an, wie er die Tr vor sowas aufmachen knne. Das Kind bockte: Gerade machen wir die Tr auf. Nachdem man in der folgenden Woche Valentin nahegelegt hatte im Bureau, wegen seines malosen Brllens mit dem Personal und wegen des unmotivierten Herumskandalierens in Urlaub zu gehen, zog er, ohne sich von Vater und Schwester zu verabschieden, nach der Woltersdorfer Schleuse und nahm ein mbliertes Zimmer. Der Wirtin erzhlte er, man habe ihn beneidet in Berlin und ihn fr einige Zeit kaltstellen wollen, natrlich Weibergeschichten, die unvermeidlichen Weibergeschichten; drei Wochen wrde er bleiben. Er sprudelte in anklagender Rede von Gemeinheiten, Ruchlosigkeiten, die man gegen ihn begangen habe. In einer Sofaecke im dunklen Zimmer brummelte er, holte die Puppe zur Spielerei aus seinem Koffer. Der Wirtin erklrte er, man msse sich mangels anderer Gesellschaft irgendwie unterhalten. Hei schluchzend berfiel er den scheckigen Lumpen, pfiff: Wir haben uns mit solchen Sachen aufzuhalten, Toni, wir knnten ganz anderes im Kopfe haben. Trostlos und verzweifelt weinte er drin so laut, da die Wirtin ein Kreuz vor der Tr schlug. Als die Frau beim Richten ihrer Resedenstcke sagte: Sie werden die Sachen schon berwinden, meinte er mit schiefem Grinsen: Wir haben Krfte, liebe Frau. Was glauben Sie von uns? Wir werden das den Leuten heimzahlen mit Zins und Zinseszins. Lassen Sie uns mal wieder zu Haus sein. Und er sang so schn: Wenn das der Petrus wte, da die Wirtin mit dem Kopf nickte: Gott, haben Sie eine Stimme, Herr Priebe. Er dampfte schon nach zwei Wochen, Ende April, ab: Der Landaufenthalt ist nichts fr Berliner, wenigstens nicht fr mich. Er packte zu Hause seine Sachen in den Schrank, kaufte sich einen grnen Schlips, einen Lavallier, der offen vor der Weste wehen konnte. Fr elf Uhr abends verabredete er sich mit seinem Freund Lorenz, dem Kassierer. Er pomadisierte sich, als man drin schlief, zog neue graue Gamaschen ber die Schuhe, schraubte die Hngelampe hoch, um sich vor dem Spiegel an seinen Bewegungen zu erfreuen. Da sah er aus dem schweren Holzkoffer einen Puppenarm ragen. Er kehrte dem Koffer den Rcken, rmpfte die Nase, sprang nach kurzem Herumstehen auf den Koffer zu, stopfte den Arm zurck. Wie er die Bartbinde abnahm und schrg nach hinten sah, ragte der Arm wieder hervor. Valentin ri den Deckel hoch, schmi die Puppe in die Mitte des Wschebndels, schniefte gehssig: Den Dreck werd' ich dir. Dich rausholen. Die Zeiten sind vorber. Den Dreck. Rin in die Kommode. Der Deckel schmetterte herunter. Im Spiegel sah er bewegungslos, wie der Deckel zitterte, sich langsam hob, die Puppe durch die Spalte auf ein Handtuch am Boden raschelte. Mit plumpen Schritten, die Arme in Boxerstellung, bewegte sich Valentin in Hemdsrmeln auf das Handtuch: Zeitversumnis! Gemeiner Ulk! Wie ein Stehaufmnnchen wippte die Puppe auf der Diele, fiel wieder hin. Valentin gegen sie her. Sie schnellte, zappelte, kam vorwrts. Als er wuchtig ber sie strzte, stand sie am Spind, schlpfte in den weien Mondschein, glitt leicht gegen die Tr. Knarrte die Schwelle; mit einmal war die Puppe nicht mehr im Zimmer. Den Hut stlpte Valentin wutgeschwollen auf den glattgekmmten Schdel, schlug auf die Trklinke. Da schwang sich am Treppenabsatz das feine Geschpf grade ber das finstere Gelnder. Er stand im kalten Luftzug im Trrahmen, die Jacke unter dem linken Arm, der Riemen einer Gamasche hing. Er winselte, die Schultern senkend: Heiliger Gott, was soll das? Soll ich Vatern wecken? schlich schon die Stufen herunter, dem schleifenden Gerusch nach. Wie er durch den langen Hausflur stolperte, flsterte er: Du, du, halt, bleib doch stehen. Ich -- ich hab' nichts getan. Ich nehme dich mit zu Lorenz. Nach, nach. Hagelwetter in der Brunnenstrae. An der Gaslaterne schlpfte sie im Bogen herum. Groe Schritte machte er schon, sie immer grere. Sie wuchs, war wie ein Junge, wie ein Mann. Stralsunderstrae. Er schwenkte seine Jacke in der Linken, schluckte Hagelkrner. Sie bog in die Hussitenstrae ein, hielt an der Ecke an, war breit wie ein Pferd. Er lief auf sie auf, sa, wie sie sich duckte, schwankend auf ihren Schultern fest. Sie rannte mit ihm fort. Er bi in ihren Kopf. An der Sebastiankirche hrte er die ersten grunzenden Laute von unten, schttelte an ihrem Hals, wimmerte: Ich will ja ehrlich sein. Hhnend kam es herauf: Willst du das, willst du das? Du kannst mich nach Hause lassen. Was hab' ich schon ausgehalten. Noch nicht genug. Sie rasten vorbei an einem Schutzmann; der schnaubte sich die Nase. Was hat der Mensch fr einen Gang am Leibe! Hoppa, hoppa, Reiter. Valentin wollte den Schutzmann anrufen, es ging zu rasch. Er heulte in den Wind. Ich verlier' meinen Hut. Brauchst keinen Hut. Meine Jacke, meinen Kragen. Kannst nackt kommen. Greinend schlug Valentin die Hnde vor die roten Augen: Ich will nichts mehr wissen von diesen Sachen. Werd' ich doch mal den kleinen Lorenz fragen, was er dazu meint. Die Gleise der Maschinenfabrik tauchten auf, ganz in Finsternis gelagert. Valentin brllte, warf sich: Keiner hilft, keiner hilft. Die Puppe hielt ihn fest wie Kautschuk. Und whrend er kratzte, mit Armen und Beinen in den weichen Massen whlte und sich wand auf seinem Sitz, kam der schwarze Humboldthain heran, menschenleer, mit Eisengelndern, starren Bumen. Hi, hi, hi! wrgte er. Drhnend lachte die Puppe: Nimmst mich mit zu Lorenz? Der leere Vorplatz. Der tintige Teich dehnte sich. Sie lockerte seine Beine; schnellte zusammen. Mit einem Ruck sauste er kopfber in das Wasser. Sie strzte sich glucksend nach. Er schluckte hochsteigend. Ich sterbe schon, la mich los. Wie ein Schlagbaum lang war ihr Arm, mit dem sie sich unter das Wasser drckte: Es fngt erst an! Verlogener Hund! Das Wasser spritzte nach allen Seiten; sprudelte, gurgelte minutenlang. Verfaulen sollte ich dich lassen. Schrg ber den Teich prasselte der Hagel in der Finsternis. Der Ritter Blaubart Der Ritter Blaubart Hinter der dnnen Birkenreihe, welche die Stadt von Norden her umsumte, zog eine wellige Ebene dem Meer zu, wenig mit niedrigen Kiefern und Strauchwerk besetzt. Kein Weg fhrte aus dem Durchbruch der Stadt gerade hindurch zum Strand, der kaum zwei Stunden entfernt war; eine Kleinbahn umfuhr die Einde in weitem Bogen. In vielen Senkungen der Ebene stand der Sumpf, schwarz und steif wie Leim; Ratten und Krten hausten hier; fter stie ein Hher durch die Luft, schlug ein Weichtier an. Wo sich die Hgelreihe am strksten erhob, ragten quadratische und unfrmige Steinblcke scharf auf, Reste verwitterter Klippen. Die See hatte sich frher ber das Land gestreckt; jetzt lag die Ebene verstrt da; Meer und Erde wandten sich von ihr ab. Diese Flche war vor Jahren auf eine sonderbare Weise in den Besitz eines Barons Paolo di Selvi gekommen. Er war von einer Weltreise durch den Sund in die See gesteuert, um in der Stadt den Vater seines ersten Bootsmanns zu besuchen, der unter dem quator dem Schwarzwasserfieber erlegen war. Er stieg ans Land, sprhend von Laune, trumerisch, eroberungssicher. Breitschultrig ging er mit den leicht gebogenen Beinen des Reiters ber die Anlegebretter. Der Wind pfiff scharf an dem Morgen, warf ihm die schiefsitzende Mtze mit einem glatten Schlag ins Wasser, so da er barhuptig und lachend unter seinen Leuten stand, die das bse Omen entsetzte. Seine Augen waren schrg gestellt, standen dicht an der Nase, die klein und stumpf war und mit ihrer Wurzel tief einsetzte. Die klaren, hellgrauen Augen stimmten schlecht zu dem Mund von mdchenhafter Weiche, zu der Sanftheit seiner Stirne. Er ritt auf einem schwarzen Hengst hinter einem Maultiergespann den weiten Umweg nach der Stadt. Zwei Truhen schleppte man zu dem alten Mann, den er suchte, eine mit Andenken und allem Nachla des Toten, die andere mit japanischer Seide und sibirischem Pelzwerk. Kaum zwei Stunden blieb er in der Stadt. Dann trabte er pfeifend und lachend, seine Mtze schwenkend, allein zurck, unkundig der Gegend, den kurzen Weg durch die Ebene. Es ist nichts bekannt ber die Vorgnge in der Ebene an diesem Mittag. Der Baron mu schon beim Eintritt in die Einde vom Pferd abgesessen sein und sich zu Fu durch den Sand und Morast gemacht haben. Beim nchsten Morgengrauen fand man den Vermiten besinnungslos auf der weien Klippe liegen, lang auf dem Rcken ausgestreckt, ber und ber mit Lehm bedeckt, als sei er gestrzt und htte sich um sich gerollt auf einer Flucht, das Gesicht geschwollen wie verbrannt, unter Blschen glhend. Auch der rmel ber seiner rechten Hand und die rechte Schulter war versengt. Man lagerte den Ohnmchtigen auf eine Bahre, trug ihn schrg herber zur Chaussee, wo man ihn auf einem Heuwagen in die Stadt fuhr. Die wunden Flchen heilten. Der Baron sprach nicht; er schien nicht sicher zu wissen, was ihm geschehen war. Nur sahen die Krankenschwestern, da seine Augen gegen Abend einen entsetzten Ausdruck annahmen, da er den rechten Arm, die rechte Schulter wie zur Abwehr in die Hhe hob, sich duckte, versteckte, hinsank und trostlos wimmerte. Als er genesen war, schenkte er die Jacht seinem ersten Steuermann, entlie die Leute und zog in die Stadt. Zuerst bewohnte er ein Haus im Sden, ganz im Freien. Er pflog mit keinem Menschen Verkehr, viele Singvgel umgaben ihn. Nach einigen Monaten zog er an die Stadtmauer in eine ganz alte Wohnung, die einen Blick auf die dunstige Heide gewhrte. Auf der Stadtmauer spazierte nun und sa der unzugngliche vllig vernderte Mann oder ritt auf der Chaussee langsam zum Meer. Bis er nach Jahresfrist einmal frhmorgens durch die Straen der Stadt ging, auf dem Marktplatz nach dem Baumeister fragte und diesen dann beauftragte mit kurzen Worten, ihm in der Heide auf der hchsten Anhhe um die Klippe herum ein Wohnhaus zu bauen. Der Baumeister brauche sich nicht beeilen, sagte er, indem er die Arme verschrnkte. Es solle ein Schlo werden, heimlich, weitlufig, mit vielem festlichem Schmuck, denn er wolle in sechs Monaten seine Gemahlin heimfhren. So zogen die Wegebauer in die entsetzliche Heide, stampften von der Chaussee her einen sicheren Weg nach der Klippe. Maurer fuhren lrmend an, planten den Hgel ab, gruben Pfeiler ein. Sie umbauten den Felsen, der sich bis zum ersten Stock des Hauses erhob und frei in die Zimmer ragte. Ein weitgedehntes Gebude aus grauem Kalkstein richteten sie auf, mit bunten Fenstern, zierlichen Trmen. Mitten in der Einde erhob sich das Schlo, zum Gelchter der Bauleute, zum Kopfschtteln der Stdter. Knapp einen Monat, nachdem Zimmer und Wnde mit Kostbarkeiten gefllt waren, fhrte der Baron eine fremde junge Frau in sein Schlo. Sie erschien einmal im Theater der Stadt, die Portugiesin, ein braunes, kindliches Wesen, das nicht vom Arm des Mannes wich. Der lachte wie frher, bezauberte alle. Sie tanzten an dem Abend im Brgersaal. Der Baron spitzte seinen Mund und pfiff im Tanz. Er strich den braunen Vollbart, zeigte spottend die Brandnarben seiner rechten Hand. Das zweite Mal, da man von der Portugiesin hrte, war eine Woche spter, als ein reitender Bote nachts vom Schlo her jagte, dem Arzt die Tr einschlug, ihn nach der Heide schleppte an die Leiche der jungen Frau. Sie lag mit blaurotem Gesicht im Nachtkleid auf dem dunklen Korridor vor ihrem Zimmer. Neben ihr lag zerbrochen Leuchter und Kerze, mit denen sie gegangen war. Der Baron folgte der Untersuchung des Arztes mit starren Augen. Keine Miene verzog er, keine Frage beantwortete er. Aus den Worten einer schluchzenden Zofe hrte der Arzt von einem Herzleiden der fremden Frau. Er knpfte seinen Pelz zu; sie war wohl einer Lungenembolie erlegen. Nach drei Wochen erschien der Baron wieder in der Stadt. Man lud ihn zu Gesellschaften. Oft und fter ritt er in die Stadt, er fuhr zur Jagd, beteiligte sich an Rennen, sa abends beim Wein, erzhlte versunken von seinen Fahrten und Abenteuern. Lange Zeit sah man ihn schwrmend, trumerisch mit den Soldaten und Seeleuten der Stadt. Er fuhr eines Mrztages mit einigen von ihnen wieder in See. Es kam nach einem halben Jahr ein Brief von ihm an bei dem Verwalter seines Schlosses, da die Wohngemcher grn auszuschlagen und grne Lufer zu legen seien. Im Damenzimmer sollten Orchideen gesetzt werden. Er kehrte zurck. Wieder fhrte er eine junge, fremde Frau auf sein Schlo. Diese hat kein Stdter gesehen. Eines Morgens lag sie im schwarzen Reitkleid, den Schleier vor dem stolzen, weien Gesicht, eine Gerte in der Hand, tot auf dem Hofe des Schlosses. Im Volk, bei den Schiffern und Vorstadtarbeitern, munkelte man, wenn der finstere Baron im schwarzen Ledermantel vorberritt. Die Kinder schrien vor ihm auf, schossen mit dem Katapult auf seinen Hengst. Die Tochter eines Ratsherrn, ein schmchtiges, hellblondes Mdchen, sah ihm vom Fenster nach. Ihr traten Trnen in die taubengrauen Augen, wenn die Mnner grimmig von dem schwarzen Ritter sprachen. Sie weinte in ihrem Zimmer um ihn, war eines Tages auf seinem Schlo und wurde seine Frau. Alle angstvollen Beschwrungen der Verwandten konnten dies nicht verhindern. Scharen von tobenden Menschen aber wlzten sich ber den dunklen Weg nach dem Schlo, noch ehe ein Monat verstrichen war, als man die Leiche des sen Geschpfes eines Abends an dem Tor des Schlosses nahe dem Weg zur Chaussee fand. Die Polizei umringte das Schlo, nahm den Baron in Haft. Das Gericht verfgte die Ausgrabung der beiden ersten Frauen, die genaue chemische Untersuchung der drei Leichen auf Giftstoffe. Die Analyse war ohne Ergebnis. Der Baron wurde auf freien Fu gesetzt. Das Volk streckte die Hnde nach ihm aus, wollte ihn zerreien, als er zusammengesunken, den Revolver in der rechten Hand; langsam nach der Heide hinausritt. Von nun an mied er die Stadt vllig. Hauste allein in der Heide. Nur sein Reichtum hielt die Dienerschaft im Schlo zurck. Da landete eines Tages eine kleine Jacht vor der Stadt. Ein silbernes Horn blies ber die Heide; Mi Ilsebill kutschierte ein Schimmelgespann durch die glatte Chaussee nach der Stadt. In dem Gasthof am Markt logierte sie sich ein. Fragte den Wirt nach dem Baron Paolo und seinem verrufenen Schlo. Fragte zum zweiten, ob jetzt noch eine Frau bei ihm wre. Fragte zum dritten, wo sie ihn sehen knne. Bei den Rennen, morgen in Stirming. Frhmorgens rstete man das Gespann. Der Groom stieg auf den Bock. Auf dem Polster schaukelte Mi Ilsebill. Die schnurgraden Alleen herunter sausten die Automobile. Lenkten in weitem Bogen vor das Portal der Rennbahn. Der Himmel stahlblau. Es wehte sommerliche Luft. Die Menschen drngten auf die Rennbahn, fllten die Tribne um den weiten, grnen Rasen. Lrm der Stimmen und Gefhrte brauste, ein Riesenvogel ber die leere Flche. Die Mi fuhr zuletzt, kurz vor dem Start, am Sattelplatz vor. Zwei sanfte Schimmel zogen den offenen blauausgeschlagenen Wagen durch den knirschenden Sand. Sie stieg aus, im blauen wallenden Samtkleide, eine weie Feder wehte in den bloen Nacken. Glitt durch die hlzerne Sperre auf ihren Platz. Sie hatte eine gelbweie Haut, ebenmige Zge. Ihre tiefschwarzen Augen schlpften zgernd ber die Menschen und Gegenstnde, wie ein schleimiger Schneckenleib, lie eine Spur. Sie sa lchelnd da. Kaute Schokolade. Baron Paolo lehnte an der Stange. Er sah mit Vergngen die weien Pferde antraben, hielt seinen weichen Filzhut zum Schutz ber die sphenden Augen. Als die weie Strauenfeder steil in dem Winde sich aufstellte, ging er die vier Stufen der Treppe hinunter, schob sich seitlich durch die Menge, trat vor Mi Ilsebill. Er hob die hohlen Hnde wie ein Araber auf. Beugte seinen Nacken vor ihr. Sie erschrak und lachte. Calvello hie der Favorit. Das braune schlankbeinige Tier jagte lssig hinter dem Rudel. Schon waren zwei Runden um, die Entscheidungsstrecke kam. Mi Ilsebill lie das Silberpapier fallen, sttzte das feste Kinn auf die Hand, jauchzte ber die gebundene Ruhe des Pferdes. Sie waren dicht am Ziel: da legte sich der blauweie Jockey dicht an das Ohr des Pferdes, flsterte: Calvello, ho, Calvello. Das Tier senkte den Kopf, flog in vier Sprngen hin, siegte. Sie strahlte. Der Lrm der Menge rauschte ber sie. Kaum das Hrdenspringen vorber war, stand sie auf, lud den schweigenden Mann zu einer Spazierfahrt mit ihr ein. Whrend sie durch die Wlder im Sden der Stadt fuhren, sagte er, da er der Baron Paolo di Selvi sei, da er durch sein Geschick hierher verschlagen sei und drben in der Heide wohne. Sie erzhlte, sie wre Mi Ilsebill; er htte auf seinem Heideschlo drei Frauen verloren, und sie trauere ber sein Geschick. Worauf er einen trben Blick auf sie warf, den grauen Kopf senkte; der Groom aber ri die Schimmel herum; sie fuhren die Chaussee zurck, auf den geraden Weg zur Heide. An der Wendung der Schloallee verengerte sich der Weg. Paolo nahm dem Kutscher die Leine ab. Die Pferde strubten sich. Er stieg aus und ri sie vor. Unter Peitschenhieben zogen sie an, sie schnaubten und wollten durchgehen, aber er hielt die Leine straff. Prunkend stand in der Wstenei das graue Schlo; ber dem Dach des Damenflgels ragte die Spitze einer weien Klippe. Paolo sa aufrecht im weien Hut. Eingefallen waren seine braunen Wangen und seine Schlfen, seine schrg gestellten grauen Augen blickten leer, nur sein Mund rund und weich und sehnschtig wie immer. In der Dmmerung kamen sie vor sein Haus. Am Portal gab er ihr zum Abschied die Hand. Mi Ilsebill stieg aber aus und bat sich bei ihm zu Gaste auf ein paar Tage. Sie wollte ihn pflegen und mit schner Musik erheitern. Sie bezog die Zimmer des Damenflgels. Sie ritten morgens und mittags aus. Ilsebill sang und spielte vor ihm in den Gemchern. Sie trug bunte und nixengrne Gewnder. In ihren Augen war ein weies Schimmern, wenn sie auf den Teppichen tanzte. Ihr schwarzes Haar hatte sie in Zpfen gebunden, die sie mit den blitzenden Zhnen festhielt. Paolo lag stumpf auf den Polstern, rauchte und hllte sich in Dampf, spter warf er sich auf den Teppich, sah ihr neugierig aus seinen hellen Augen zu, hrte sie summen zu der Guitarre, in die ihre Dienerin griff. Seine Stimme wurde heller, sein Gang rascher. Und als sie einmal auf dem Balkon standen, brach sie in ein ungefges Weinen aus. Sie wollte wissen, was mit ihm sei, sie wollte ihm helfen. Er aber nahm ihre beiden gelbweien heien Hnde, legte sie auf seine Stirn, indem er die Worte eines fremden Gebets flsterte. Sie hing an seinem Hals, whrend er entsetzt bebte und lauter sprach und schrie, was sie nicht verstand. Schon war er wieder still und sanft, geleitete Mi Ilsebill in ihr Zimmer. Und am Abend schlich sie sich, indessen der Baron im Herrenflgel schlief, allein trotzig und finster an die Tr des verschlossenen Zimmers, in das die Klippe hineinragte. Sie rttelte an dem Holz, stemmte sich seufzend mit der Schulter an; das Schlo hielt fest. Da nahm sie das goldene Kreuz vom Halse ab, flehte die Mutter Gottes um Hilfe an, fand am Fue der Tr einen Riegel bloliegen, schob ihn, den Finger einschlagend, in die Hhe, mit schwerer Mhe, so da ihr Arm schmerzte. Lautlos sprang die Tr auf. Mi Ilsebill, die zarte, in ein schwarzes Tuch geschlagen, hob die Kerze. Es war ein schmales, freundliches Gemach, mit zrtlichem Frauentand die Tischchen und Wnde bedeckt. Der rohe, zackige Felsen bildete die breite Hinterwand; er schattete sonderbar in dem unsicheren Lichte. In seiner Nische ber dem Boden stand das grnbezogene Nachtlager, zu dem zwei Stufen fhrten. Mi Ilsebill tnzelte freudig ber den dicken Teppich, warf ihr Tuch ab, sog den schwachen Blumengeruch ein, zndete zwei Ampeln an und war in dem heimlichsten Zimmer. Grne japanische Seide hing von der Decke herab. Bilder und Tapeten lchelten ruhevoll und sanft. Die sonderbare Klippe schimmerte wie ein spielerischer, phantastischer Einfall. Sie legte leise die Tr an, sprang auf das Lager, lag trumend stundenlang, schlpfte frhmorgens wieder durch die Korridore auf ihr Zimmer, nachdem sie das Licht gelscht, sorgfltig die schweren Riegel herabgeschoben hatte. War nichts geschehen, ist mir nichts geschehen, seufzte sie glcklich vor sich hin. Glitt nun Nacht fr Nacht hinber in das Felsenzimmer, dort zu schlafen. Des Tages aber fand Mi Ilsebill kein Ende des Plauderns, Singens und Lockens vor dem versunkenen Manne. Aus ihren tiefschwarzen, schlpfenden Augen schlug fter ein greller Blick zu ihm. Und als sie einmal unter den fnf raschelnden Schleiern vor ihm getanzt hatte und er lachend ber ihre tollen Sprnge ihre Handgelenke hielt, warf sie ihre Schnheit vor ihm hin und bettelte an seinem Hals: Ich bin Ihr Eigen, Paolo. Sind Sie das, Mi Ilsebill? Sind Sie das? Und sein Blick war nicht grell und hei, sondern derart schwermutsvoll, fragend und ohne Trost, da sie von ihm abwich, die Schleier um sich warf und aus dem Zimmer schlich. Er umgab sie aber mit so viel stiller Ehrfurcht, da er die blawangige Ilsebill ganz in staunendes Glck versenkte. Auf ihren Streifzgen durch die Wlder trug der schwarze Ritter sie oft auf den Armen und betete, manchmal in die starken Knie sinkend, in fremder, harter Sprache. Sie hob nie die Lippen zu seinem Munde, nur selten nahm er ihre gelbweien Hnde und prete sie an seine Stirn. Welche Kleider trug Ilsebill mit feinen Kncheln? Wieviel Zpfe hingen aus ihrem blauschwarzen Haar? Grne Kleider, wie die Seide in dem Felsenzimmer trug Mi Ilsebill. Grne Bltter lagen auf ihrem Haare und waren eingeflochten in drei dichten Zpfen. Mi Ilsebill und Paolo spielten und jagten zusammen, sie saen oft am Meere, sie trumten zu zweit. Paolos Augen sprhten. Eines Mittags sagte sie ihm, da sie ihn um etwas bitten mchte. Und als Paolo freundlich fragte, bi sie sich auf die Unterlippe und meinte, da sie ihm etwas sagen msse. Ob es nicht zweckmig wre, wenn sie einen Arzt kommen lieen aus der Stadt; sie glaube, sie sei etwas krank. Paolos Lippen wurden schneewei, er atmete schwer mit geschlossenen Augen: was ihr denn fehle. Sie hre immer, fast immer ein leises Scharren. Es sei ein Gerusch, ganz weit entfernt, ein gleichmiges Streifen, Rieseln und Scharren. Als liefe ein Tier ber Sand und bliebe immer wieder schnaufend stehen. Es sei so fein, da es wie ein Pfeifen klinge. Er stand am Fenster und blies gegen die Scheibe. Fuhr mit rauher Stimme heraus, es sei kein Arzt not bei solcher Krankheit; sie msse sich zerstreuen; sie msse jagen, reisen; am besten, sie ginge fort von hier. Da lachte Mi Ilsebill aus vollem Halse und sagte, ihre beiden Pferde seien nur schwer den Weg hierher gelaufen, und jetzt: wo fnde sie Pferde, die sie zurcktragen wrden ohne ihn. Der untersetzte Mann hatte sich umgedreht, seine Stirn lag in Falten, sein mageres Gesicht glhte, er klagte heiser: sie solle gehen, sie solle gehen, sie solle gehen, er wolle sie doch nicht. Er wolle kein Weib und keinen Menschen und nichts. Er hasse sie alle, die hhnischen, sinnlosen Wesen. Sie solle gehen, oh sie solle gehen. Ein Messer wolle er ihr gleich geben, damit solle sie sich ihre Krankheit aus dem Herzen schlen. Wie Mi Ilsebill mit schaukelnden Hften auf ihn zuging, kam er auf sie gewankt, taumelnd wie ein Kind, sah sie an derart schwermutsvoll und ohne Trost, da sie sein Haar streichelte und in fesselloses Schluchzen ausbrach, als er an ihrer Brust zitterte. Sie stellte keine Frage an ihn; sie nahm heimlich einen Dolch von der Wand, versteckte ihn unter ihrem Kleid. Mi Ilsebill ging nun in ihrem dnnen Kleid oft allein aus. Sie streifte bis an die Stadtmauer, brachte Paolo seltene Muscheln, blaue Steine mit, auch streng duftende Narzissen, die er liebte. Und auf einem Wege sprach sie in der Vorstadt einen alten Bauern, der erzhlte, der Baron habe sich mit Leib und Seele einem bsen Untier verkauft. Er schttelte den Kopf, als sie sagte, sie wohne in dem Schlo. Ob sie denn nicht wisse. Das mit dem Schlo, mit der Einde, mit dem Felsen, dem Sumpf. Was denn damit sei. Habe sie nicht auch schon das Scharren und Kratzen gehrt. Kratzen? Kratzen nicht. Aber was sei damit. Ja, da liegt ein Untier, ein Drache. Das liegt da auf dem alten Meeresgrund. Das alte Meer hat es nicht mit fortgeschwennnt. Ein Unglck ist es, eine Gefahr fr die Menschen, die heute leben. Es braucht Menschen. Nein, lieber Bauer. Nein, Mi Ilsebill. Warum sagt Ihr nein? Habt Ihr die Portugiesin gekannt und dann die andere und dann die von unserem Ratsherrn. Das waren drei Menschen. Drei, von denen wir wissen. Es sind viel mehr. Und jetzt wird es mich holen. Wer wei, Mi Ilsebill. Wen der Drache anfllt, der mu ein gerade gewachsener Mensch sein. Ich kenne Euch nicht. Lat Euch nicht in Versuchung fhren. Die Heide ist ein Unglck. Man mu stark im Glauben sein. Und frei von den bsen Gelsten. Ein schweres Ding. Den Ritter hat der Drache fast zerrissen, die Frauen hat er gettet. Lieber Bauer, was sucht der Ritter Paolo in der Heide? Er findet nicht aus noch ein. Die Heide ist ein Unglck. Er sollte wegziehen. Er kann nicht gesund werden. Und Hilfe gibt es nicht. Sie hrte es mit Glck, denn sie wute es schon lange. Sie spielte auf ihrem Zimmer mit Eidechsen, die sie fing. Als Paolo sie einmal unter Lcheln klagen hrte, sie suche im Grunde nur nach dem Tier, das so laut scharre und murre und raschele, meinte er, nach einem langen, schttelnden Gelchter, er wolle einen Dichter einladen, den er kenne in der Stadt. Der solle sie mit Mrchen und seltsamen Geschichten unterhalten. Es sei ein seelenkundiger Mann. Am nchsten Mittag spazierte ber den breiten Hauptweg der Dichter auf das Schlo. Sie saen zu dritt bei Tisch. Dann lud Paolo ihn ein, den Arzt zu spielen bei Mi Ilsebill und ihre Schwermut zu beheben. Denn es scheine ihm eine Art Schwermut zu sein, was in ihr scharre und raschele und sie zu verschlingen drohe. Der Dichter sprach mit ihr auf ihrem Balkonzimmer. Es war ein schlanker junger Mann mit langen Armen und mit freien Bewegungen. Er fuhr ber sie mit herrscherischen Blicken. Sie lachten zusammen, ber ihre Bilder gebckt. Er bat sie, sie mchte tanzen, als schon die Lust dazu in der Wilden erwacht war. Sie tanzten zusammen unter Ilsebills letztem Schleier, und die Entfesselte sprang mit ihm auf den Balkon und lachte mit einmal ber das Schlo und den Sumpf und die scharrenden Tiere. Sie krmmte sich ber das Eisengitter, schrie ihr Gelchter ber die dmmrige Heide hin. Wahnsinnig, ja wahnsinnig wre sie selbst. Wahnsinnig und eine Leiche sei sie, hier geworden. Eine Leiche bei lebendigem Leibe. Mgen alle vorsintflutlichen Drachen ausbrechen und Paolos Glck morden. Sie kenne nur ein Tier, das ausbrechen wolle, und das sei sie selber. Sie streckte ihre runden Arme ber sich, rief das Meer an. Sie wolle wieder fort. Sie wolle reisen und wandern und wolle immer lieben und immer kssen. Und eh die Dunkelheit einbrach, ging der Dichter. Trllernd ri sie ein grnes Blatt aus ihrem Haar und steckte es zwischen seine Lippen. Kaum war es finster im Schlo geworden, da warf sich Mi Ilsebill ihr schwarzes Tuch um, nahm noch mit glhenden Wangen eine Kerze in die Hand und belud ihren linken Arm mit zwei Scheiten Holz. Sie wollte zum Schlu die Felsenkammer in Brand stecken und dann in Nacht und Nebel verschwinden. Auf dem Meere wartete schon die Jacht, die der Dichter zur Flucht besorgt hatte. Den dunklen Gang keuchte sie hin. Aus dem Dunklen, ihr entgegen, kamen Schritte. Die Scheite lie sie ber die Knie leise zu Boden gleiten. Es war Paolo. Der sie nicht fragte, ihre Kerze sachte an den Boden stellte, sie zrtlich, ohne zu sprechen, streichelte ber Haar und Hnde. Die schwarzen Augen Mi Ilsebills schlpften nicht fort von seinen, die in ihr suchten, voll Teilnahme blickten und einen erschreckenden Trost spendeten, schlpften nicht ab von der ruhigen Aufgeschlossenheit seines heiteren Gesichts. Seine schrggestellten Augen strahlten ber sie gar eine Dankbarkeit, sein Mund nherte sich zum ersten Male ihren Lippen und kte sie. Er sagte, sich von ihr lsend, er ginge noch heute in die Stadt. Sie kauerte auf dem Gang, die Kerze war erloschen, sie war verwandelt, eine unbezwingliche Angst schttelte ihre Schultern. Sie hielt das Kreuz in beiden Hnden hoch. Sie richtete sich auf. Die Scheite lie sie liegen. Sie mute ber den Gang. Sie mute nach der Tr. Sie mute in die Kammer. Hart war ihr Gesicht, dann verzerrte es sich hilflos. Hinter dem Kreuz schleppte sich Mi Ilsebill, weinend und kasteiend. Den Riegel schob sie hoch. In der Kammer ging sie hnderingend auf und ab, schlug sich die Brust, schlummerte auf dem weichen Teppich ein. Im Traume hrte sie ein Scharren und Krachen, lautes Rufen einer Mnnerstimme: Ilsebill, rette dich; rette dich, Ilsebill, Ilsebill! Richtete sich auf. Kam aus dem Felsen eine blasende Flamme, ein brennender Mund her. Der Felsen sprang auseinander, aus der Hhle strmte das Wasser, wlzte sich ein grauenhaftes Meeresungeheuer, eine Meduse mit zahllosen ringelnden Fngen; aus dem Leib schlug eine zitternde, blaurote Flamme wie der Atem. Mi Ilsebill strzte nach der Tr; die fand sie nicht; da schrie sie gell und wahnsinnig: Paolo, Paolo. Das Untier zischte nach ihr; eine lhmende Se durchflo sie; sie schlug in Todesangst gegen die Wand. Ein blanker Spie hing da, sie ri ihn herunter, schleuderte ihn blind in die Flamme hinein. Halbumfallend fand sie die Tr, lief, schreiend, mit den versengten Hnden um sich schlagend, ber die stummen Gnge. Blieb vor ihrer Zimmertr liegen. Bis an den grauen Morgen lag die stolze Mi Ilsebill. Als sie sich aufrichtete, lste sie mit starrer Ruhe ihre Schuhe und Strmpfe ab, band sich die Zpfe auf, ging barhuptig, in bloem, dnnem Rckchen aus dem Hause, durch den Torweg nach der Stadt zu ber die Heide, bis da, wo die Birken stehen. Sie wandte sich nicht einmal um. Hinter ihr tobte es. Vom Meere her kam ein Donnern und Bersten. Eine Springflut, eine meilenweite graue Wand durchbrach die Dmme und Deiche, setzte rollend und schumend ber die verwunschene Ebene, bedeckte wieder, was ihr schon einmal gehrt hatte, dazu das graue Schlo. Das furchtbare Wasser warf seine Wellen bis dicht an den Berg heran vor der Stadt, auf dem die Birken standen. Ilsebill wanderte auf den Berg. Und wie sie zwischen den Bumen ging, stieg der Nebel in den Wald. Aus einem Baume, an dem sie betete und ihr Kreuz aufhing, trat ein feiner, feiner Rauch, der ser als Flieder duftete. Er legte sich um die wandernde Ilsebill, so da sie eingehllt war in die Falten eines weiten, duftenden Mantels. Sie sah keinen Schritt vor sich und keinen Schritt hinter sich. Und als sie merkte, da der Mantel der Mutter Gottes sie einhllte, fing sie an zu weinen wie ein zages Mdchen. Rascher und rascher lief sie, aber sie strzte bei jedem Schritt: Ich mchte doch leben. Ach, liebe Mutter Gottes, la mich doch die Blumen noch sehen, la mich doch die Vglein sehen. Ach, liebe Mutter Gottes, sei gut zu mir. Ich sehe, du bist gut zu mir, wie ich zu dir bin. Ihre Lippen blaten. Sie wurde dnner und dnner. Seufzend lste sie sich auf. Verschwand in dem feinen Nebel, der ber die Birken zog. Schon hob sich die Sonne ber dem Wasser, da trabte langsam ein schwarzer Hengst mit einem Reiter durch den Mauerdurchbruch von der Stadt her. Der Reiter ritt ber den Berg, und wie er auf der Hhe stand, schumte meilenweit vor ihm das graue tobende Wasser und kein Weg und kein Schlo. Er stieg ab, band das Pferd an einen Stamm, ging zwischen den Birken. Ein winziges goldenes Kreuz hing an einem Baum; um den ging ein ser Geruch herum. Er zog den weichen Hut, kniete nieder und legte die Stirn an die Rinde: Groe Angst hast du uns beschert, holde Mutter Gottes; groe Liebe hast du uns beschert, du holde Mutter Gottes. Die Stdter sahen noch einmal den schwarzen Reiter an diesem Tage des Dammbruches durch die Stadt jagen. Dann hrte man nach vielen Jahren wieder von ihm, als die Kmpfe in Mittelamerika tobten. Als Fhrer einer Freischar gegen die heidnischen Indianer fiel er damals mit seiner ganzen Mannschaft bei einem heimtckischen Angriff. Die Segelfahrt Die Segelfahrt Die Digue von Ostende lag in dem blitzenden Mittagslicht. Die geschmckten Menschen auf der breiten Meerespromenade lachten und gingen aneinander vorber. Unter dem Widerschein des unermelichen Wassers funkelten die Fenster der Strandhuser zrtlich auf. Das unablssige Brausen des Meeres rollte von den Steindmmen zurck, schwoll wieder an, schwoll immer wieder ab. Der schwere Brasilianer ging mit offenem Munde unter den geschmckten Menschen. Er ging dicht am Meeresgitter der Promenade. Er hielt den Kopf gesenkt wie berrieselt vom Badewasser; seine vollen Lippen waren feucht. Die schwarzen, weidurchzogenen Haarstrhnen fielen ber seine Ohren. Er bog den Kopf mit dem Kalabreser nach rechts und links, um dem Anprall des scharfen Windes zu begegnen. Er streifte ab und zu mit einem freudigen Blick das graugrne Wasser. Sein gelbbraunes schwammiges Gesicht zuckte, die Augen, die in grauen Hhlen lagen, schimmerten; er sprte den feinen Luftwirbeln nach, die um seinen bloen Hals fuhren, das graue Schlfenhaar anhoben und gegen seine Wange mit feinen Stiletten anschwirrten. Er fror leise; blickte an seinem weien Vorhemd entlang, ber das weier Sonnenschein flo, und einen Augenblick beunruhigte ihn der Gedanke, da sein Blick vielleicht Schatten werfe. Er seufzte, drngte sich tiefer in die Menschen. Das Schttern des Eisenbahnzuges schwang noch in ihm nach, der ihn gestern von Paris an die See getragen hatte. Fluchtartig hatte er Paris verlassen, fluchtartig war er auf seiner Jacht aus der Heimat ber den Ozean gefahren, aus einem hoffnungslosen Glck; pltzlich seiner achtundvierzig Jahre gedenk. In Paris hatte er vier Monate lang die Schwelgereien der Kunst, der glatten Sle, die bestialischen Tnze ertragen: dann warf ihn eine schwere Lungenentzndung hin; er lag aufgegeben wochenlang im Hospital. Als er am Sonntag das Haus verlie mit schwachen Knien, schlug er den Kragen seines Loden-Capes hoch, bestieg eine Droschke, fuhr auf die Bahn. Einen Tag schlich er gebeugt durch das tote Brgge. Dann raffte er sich auf, jagte in der Julihitze nach Ostende. Er hob den Blick vom dnnen Sande, der unter seinen Fen wegzog. Sie glitt zum zweiten Male an ihm vorber; rostfarbenes Haar unter breitrandigem, weiem Hut. Ein grauer Blick aus einem klugen, nicht jungen Gesicht wich vor ihm zurck. Sie war vielleicht Mitte dreiig. Er hrte noch hinter sich eine hohe gesangvolle Stimme. Bei dem Klang dieser Stimme wandte sich Copetta um. In dem Augenblick hrte der Wind auf mit Messern zu werfen. Sie sprach mit einer alten Dame, die sie sttzte. Der Brasilianer schob den Hut in den Nacken; eben als er ber ihre schmalen Schultern blickte, schwarzer berwurf auf dunkelblauer Seide, verlor er sie. Der weie Hut wippte ber der Menschenmenge, verschwand um eine Ecke. Copetta schlenderte in ein Caf, lffelte eine Schokolade. Das Meer rollte unablssig gegen die Steindmme; leises Scharren der Sandkrnchen; der Wind warf mit dnnen Stiletten. Nachmittags um die Zeit des Kurkonzertes ging der schwarze Brasilianer in einem langen grauen Gehrock ber die Digue. Leicht und frech wehte die Musik. Als er mit seinem dicken gelben Stock vor dem Kurhaus Schritt um Schritt den Boden stampfte, wich ein grauer Blick wieder vor ihm zurck. Die alte Dame sprach auf sie ein. Ihr Gesicht war schmal, die Backenknochen traten scharf hervor; die kleinen Augen unter den dnnen roten Brauen blickten bestimmt und nchtern, ber der Nasenwurzel hatte sie Sommersprossen, von den Augenwinkeln zogen sich Fltchen. Ihr Gang schwebte. Der Brasilianer strich sich ber die Augen, blieb unwillig stehen, schlenderte weiter. Gegen Abend sa er auf der Veranda seines Hotels. Als er die Weinkarte in die Hand nahm, fiel ihm ein, da er heute dreimal eine Frau gesehen hatte, rostfarbenes Haar unter einem wippenden Hut; dreimal eine Frau, schwarzer berwurf auf dunkelblauer Seide; ein grauer Blick. Still schob er seinen Hut zurck, mit Seufzen, Lcheln und Vorsichhinstarren zog er seine Brieftasche heraus, trug seine breite Visitenkarte in die Villa, in der er sie hatte verschwinden sehen, gab sie einem Mdchen ab. Als er wieder die Meerluft an seinem Hals fhlte, fragte er sich, wozu das eigentlich gewesen war. Drhnend schlug er seine Zimmertr hinter sich zu, warf sich im finstern Zimmer auf einen Schreibsessel, zerri die Bilder seiner Kinder, nahm eine Nagelschere, zog seinen edelsteinbesetzten Trauring ab, hing ihn ber die Schere, hielt den Ring ber die brennende Kerze. Die Steine verkohlten; die Schere wurde hei; er lie sie fallen. Whlte mit beiden Armen in zwei groen Eimern mit Meersand, die er sich auf sein Zimmer hatte bringen lassen, stand chzend auf, bestreute den Boden und Teppich blind mit Sand, fluchte leise auf die Hunde, die Hausdiener, die zu wenig Sand gebracht hatten. Schlief auf seinem Sessel ein. Wie er am Mittag eben auf der Veranda, in einem Stuhle liegend, tief die scharfe Luft einatmete und schwindlig die Augen schlo, stand vor ihm das Bild der gehenden Frau, sehr schmales, verwelktes Gesicht, ein klarer, bestimmter Blick, der sich fest auf ihn richtete. Sie hatte ihn bitten lassen, nicht Mittags sie zu besuchen. Er warf die dnne Decke von seinen Fen, stlpte den Hut ber das zerwhlte Haar, schritt schwerfllig, die Arme auf der Brust verschrnkt, die Stufen herunter, ber die leere sonnige Promenade, auf ihre Villa zu, ein einstckiges Haus mit schmalen, geschlossenen Fenstern. Er schob sich durch einen dunklen Korridor, klopfte leise an die Tr, an der ihr Name auf einer Visitenkarte stand. Nichts verlautete. Er ri die Tr auf. Sie lag halb im Bett; hatte, um herauszuspringen, die blaue Decke nach der Wand zu geworfen. Zwei volle frauenhafte Beine berhrten mit feinen Zehen eben den Boden, ein sehr schmchtiger, strenger Krper richtete sich auf in einfachem bandlosem Hemd, ein ernstes, schmales Gesicht unter dem aufgelsten Haar. Erschttert blieb der schwarze Brasilianer an der Tr stehen. Sie lchelte, deckte sich zu, bat ihn, in einer Viertelstunde wiederzukommen. Totenbla, ohne ein Wort zu sprechen, hob er seinen Stock vom Boden auf. Das alte Mdchen gab ihm die Hand; er sah in kleine nchterne Augen. Am Abend kam ein Bote aus seinem Hotel zu ihr; er lud sie zu einer Segelfahrt fr den nchsten Morgen ein; nicht einmal seinen Namen hatte er auf der Karte unterschrieben. Sie drehte den mchtigen Briefbogen in der Hand hin und her; halb unwillkrlich nahm sie einen Bleistift, schrieb auf dasselbe Blatt, er mchte kommen, er mchte recht frh kommen; sie machte unter ihren Namensbuchstaben L noch einen wunderlichen Schnrkel, den sie fast eine Minute malte. Bei grauendem Morgen lief sie ihm vor der Tr in dnner Bastseide entgegen; sie sprangen eilig die schmale Steintreppe zu dem murmelnden Strand herunter; sie warf mit Muscheln nach ihm zurck und fand als sie sich nach ihm umwandte, da es in seinen Mienen leidenschaftlich zuckte. Ganz weies Leinen trug er; er ging mit bloem Kopf; die linke Hand trug er im Gelenk verbunden; er sagte, er htte sich gestern Abend beim Fall ber Glas an der Ader geschnitten. Mit einem Ruck stie er ein kleines Ruderboot in das Wasser, hob die Aufschreiende auf den Sitz, sprang nach, ruderte gemchlich auf ein Segelboot zu, das vor der Holzbrcke am Herrenbad schaukelte. Sie sprangen in den Segler; Copetta zog schon den Anker; ihre bloen Arme hielten sich an der Steuerbank fest, leise klangen die hlzernen Mastringe an, nach einem Zug blhte sich das Grosegel; das Boot ging in See. Sie fuhren durch die Strandgischt in das graugrne Meer hinein. ber die scharfe Horizontlinie kam ein weier Schein, der sich von Augenblick zu Augenblick verstrkte und hher rckte. An dem starken Morgenwinde flogen sie gleichmig hin. Nun hockte der Brasilianer neben dem Grobaum auf den Planken, legte die Takelung fest. Wild lachend richtete er sich auf, schwang breitbeinig ein dnnes Tau wie ein Lasso um seinen Kopf und warf es gegen sie; sie schttelte sich umschnrt, lste sich mit einem Ruck, schleuderte das Seil geballt mit einem mdchenhaften Kichern gegen seine Brust. Rasch hatte sie das Ruder angebunden an sich, sich ber Bord gebckt, berschttete ihr kaltes Gesicht mit Meerwasser, warf, einen Fu auf der Ruderbank, bis ber die rmel triefend, zwei volle Hnde gegen ihn. Er fing das Salzwasser schlrfend mit offenem Munde auf, schluckte. In dem big aufblasenden Wind lieen sie das Boot laufen, das anfing wie ein unruhiges Tier zu zittern. Sie jagten sich ber die Planken. Johlend sprang die Schmchtige auf die Ruderbank und schlug mit den Fusten gegen die Takelung. Sie ri sich ihre dnne Jacke ab, pfiff und drehte sich um sich selbst. Ihr Mund mit den dnnen Lippen ffnete sich oft zu einem kurzen, kindlichen Lachen. Der breitschultrige Brasilianer sa zusammengesunken auf dem Bordrand; erschttert hrte er ihr Lachen, mit bebenden Lippen, hochgezogener Stirn hielt er ihren Kopf, als sie sich ber seine Knie legte und ihn neugierig betrachtete. Seine steinharten Hnde stemmten ihre aufstrebenden Schultern ab; er wiegte den Kopf verneinend hin und her. Die Wellen krochen ber Bord, sie schlpften wie kleine Hunde sacht an ihnen herunter auf die Planken. Der Wind nahm an Strke zu. Das Boot legte sich stark ber, das Kleid des Grosegels fing an zu flattern, sie schossen in den Wind. Die schwarzen, fast glasigen Augen des Brasilianers sahen ber ihr triefendes Haar weg, das alte Mdchen suchte mit zurckgebogenem Kopf nach seinem Munde, seinem Hals, sie tastete sich an seiner Brust hin. Sein schwammiges, zerfaltetes Gesicht war gelst, als ginge immer ein feierliches, glckerflltes Wort um ihn herum. Das Boot schwankte steuerlos, Welle auf Welle rollten an. Copetta sa auf dem Bootsrand. Als eine hohe Wand gegen das Boot ging, hob er weit die Arme auf, legte sich wie auf ein Kissen mit dem Rcken gegen die Welle. Das Polster glitt zurck. Sie hrte, wie er etwas murmelte; sie sah noch den berauschten, verschlossenen Blick, mit dem er verschwand. Ein Sto des Bootes warf sie gegen den Mast. Sie fhlte keinen Schmerz in ihrem blutigen Arm. Sie schrie nach der Stelle hin gellend Hilfe, lange Rufe stie sie aus. Man fand sie bald in dem treibenden Boot liegen. An Land erwartete man sie. Man wute alles; Copetta hatte ein Telegramm an die Behrde geschickt. Sie blieb noch eine Woche bei der alten Dame in der einstckigen Villa. Dann sagte man ihr, da sie sich mehrmals mittags im Speisezimmer auf die Dielen geworfen habe vor den andern und mit den Hnden in die Luft tastete. Da das Hausmdchen von auen beobachtet htte, wie sie am hellen Morgen mitten in ihrem Zimmer stillstand und sich um sich drehte. Am Nachmittag des Tages, an dem man ihr dies sagte, packte sie mit dem Hausdiener ihre Koffer, legte ein schwarzes Kleid an, verlie ihre Mutter, fuhr nach Paris. Sie nahm ein kleines Zimmer und ging auf die Strae. Sie trug ihr rotes Haar aufgetrmt; Wangen und Lippen geschminkt. Sie kam tagelang nicht nach Hause. Sie versagte sich niemandem. Es war ihr eine Lust, sich jedem Rolljungen, Viehtreiber in die Arme zu werfen. Sie machte sich mit gleichgltigem Lachen und Kopfschtteln zur Beute jeglicher Krankheit, die auf sie sprang, und trug sie mit Kssen, mit Ghnen und Inbrunst weiter. Sie schlich nach einigen Monaten in schwarzen Seidenkleidern in die strahlenden Ballsle. Ihr Gesicht war voller geworden; die kleinen Augen glnzten unter dem Atropin. Die jungen Mnner nannten sie die Hyne. Sie trug in die Ballsle eine sonderbare Bewegungsweise. Der Tanz war ersichtlich aus einer eigentmlichen Ungeschicklichkeit der Tnzerin entstanden, die sich schon bei ihren ersten Schritten auf dem Parkett zeigte. Sie stie jede berhrende Hand zurck, wiegte sich in den Hften vor ihrem Partner nach rechts und links, nur langsam wie ein Schiffer von einem Bein taumelnd auf das andere. Dann umging sie mit plumpen Fen ihren Partner und jetzt wiegten sie sich gemeinsam, Hfte an Hfte gefat, aber er sprang vor ihren aufgehobenen Armen zurck, sie suchte ihn, sank ber ihn hin und schlielich walzte sie nicht, sondern lie sich von ihrem Partner halb tragen, wobei ihre Fe kaum ber den Boden schleiften und sie die Augen schlo. Sie lie ein Jahr ber sich ergehen. Als eines Abends der Postbote zu einem riesigen Blumenstrau einen Brief brachte, drehte sie lange den mchtigen Bogen in ihren gepflegten Hnden hin und her. Sie warf die Blumen in den Papierkorb, schlug den zitronengelben Kimono ber die Brust zusammen, setzte sich an den Schreibtisch und spielte mit dem stark parfmierten Bogen. Der Bote stand noch an der Tr, seine Uniformmtze setzte er schon auf, als sie sich erhob und ihn bat, eine Depesche zu besorgen. Sie schien wie erleuchtet; sie nahm ein befehlerisches Wesen an. Sie telegraphierte nach Ostende: Herrn Copetta, Ostende, Hotel Estrada. Erwarten Sie mich morgen mittag. Bitte Drahtantwort. Eine Stunde stand sie zitternd auf der Treppe, ob die Antwort bald kme. Sie packte den Handkoffer. Nach drei Stunden schickte sie um einen Wagen; zog einen dnnen Anzug aus gelber Bastseide an, fuhr auf die Bahn. Der Zug rannte lange Stunden der Nacht, rannte ber Brssel, Gent, Brgge, schlielich Ostende frhmorgens. Sie rasselte durch die engen bekannten Straen der Stadt. Mit einmal leuchtete zwischen den Husern das Meer auf, das graugrne Meer. Sie stand aufgerichtet in der rasselnden Droschke, als der bige Wind sie mit einem Hagel von Stiletten berschttete. Sie schrie aufgerichtet im Wagen vor Heimweh und Seligkeit, hob ihren Sonnenschirm auf und winkte dem graugrnen Meere zu. Sie betrat ihr altes Zimmer wieder, hrte halb, da ihre Mutter schon seit langen Monaten in diesem Hause gestorben sei. Ihr Gesicht war still; aber als die Pensions-Dame sie entsetzt fragte, warum sie hier sitze und so lache, antwortete sie: Doch vor Glck, liebe Frau, wovor denn als vor Glck. Was erzhlen Sie? Und dann nahm sie, die sich sanft wie eine schne junge Frau bewegte, ihren weien Sonnenschirm und ging an das Meer. Die Digue lag in dem blinzelnden Mittagslicht. Unter dem Widerschein des unermelichen Wassers funkelten die Fenster der Strandhuser zrtlich auf. Unablssig brllte das Meer, warf sich gegen die Steindmme und legte sich platt hin. Sie drngte sich gewandt durch die geschmckte Menge, schlpfte in das Vestibl des Hotels. Der Portier gab ihr das Telegramm; er erzhlte, der Herr sei vor einem Jahr etwa verunglckt auf einer Segelpartie. Sie fate sich an die Brust: Auf diesem Meer? Und dann drckte sie ihm ein Geldstck in die Hand, warf ein paar Zeilen auf ein Blatt Papier mit ihrer Adresse, flsterte ihm ins Ohr, er mchte doch dies Blatt an sich nehmen; wenn der verunglckte Herr heute Abend kme, mchte er es ihm sofort geben. Sie ging an dem Verblfften lchelnd vorbei auf die Promenade, nahm einen jungen Herrn, der ihr folgte, an, hrte, mit ihm nachmittags an der Kapelle eine Schokolade trinkend, mit strahlendem Gesicht die freche leichte Musik des Kurkonzerts. Der Abend kam herauf. Der Vollmond hing schlohwei ber dem ungeheuren Wasser. Sie stand an ihrem Fenster und wartete. Es wurde Nacht; sie hatte schon ungeduldig auf das rostrote Haar den wippenden weien Hut gesetzt. Sie lief auf den Zehen durch den dunklen Korridor, sah die lange Strandpromenade herunter, die im blendendweien Mondlicht lag. Dann lief sie die lange Promenade hin und her, hielt ihren Hut fest, den der Sturm abhob, spielte mit ihrem Schatten, der schwarz vor ihr herfiel, tanzte ihm pfeifend auf offenem Weg etwas vor, machte ihm lange Nasen. Sie lugte nach dem Hotel, ob sein Fenster noch nicht hell wurde. Um zwlf Uhr schlief sie auf ihrem Bett sitzend ein; gegen vier fuhr sie entsetzt zusammen; es war schon ganz hell. Er ist voraus. Sie huschte die Tr hinaus, warf drauen johlend die Arme in die Luft, rief ihren Namen, tutete dazu. Im Nu war sie die schmale Steintreppe herunter. Sie suchte die Abfahrtstelle, lief zu den Badehusern. Da lagen kleine und groe Ruderboote. Keine frischen Mnnerschritte im Sand! Sie zog die Schuhe und Strmpfe aus, warf ihren Hut an den Strand, schrzte ihren Rock, zog keuchend an dem Bootsseil. Jetzt sprang sie ein, zog die Ruder. Nur wenig wurde sie von der Brandung zurckgeworfen, dann fuhr sie sicher aus. Scharf blies der Wind ber das offene Wasser; dicke Regentropfen fielen; weit und breit kein Segel, kein Boot. ber die hohen gebogenen Wellenwnde kroch ihr Boot, strzte metertief, kroch unverdrossen weiter, Sie suchte nach allen Seiten; die Angst berkam sie. Sie schrie auf den Knien kriechend, von jeder Wellenhhe seinen Namen kreischend ber das brodelnde Wasser, aber jetzt schlpften nicht zahme Hndchen ber den Bord; wie der Steinschlag fielen die Wellen auf die Brust der Atemlosen, die sich die Augen wischte. Eben legte sie, schon erlahmend, die Ruder hin, brach in ein wtendes Schluchzen aus, schlug sich verzweifelt mit den Fusten gegen die Brust, als eine dunkle Gestalt sich neben dem Boot aus dem Wasser aufrichtete. Auf dem Kamm einer Welle schwang sich die dunkle Gestalt ins Boot. Der Brasilianer sa stumm auf dem Bootsrand und lie die Beine auf die Ruderbank hngen. Er war unfrmig geschwollen; seinen weien Anzug trug er prall auf dem Krper. Die weigrauen Haare waren dick inkrustiert mit Salz; schwarzgrner Tang hing in Bscheln ber sein triefendes gelbbraunes Gesicht, dessen Mund bebte. Dnner, weier Sand und Muscheln rieselten von seinen breiten Schultern, flo aus seinen rmeln. Er blies laut die Luft von sich, dann atmete er stiller. Langsam hob er den rechten Arm und wehrte die Frau ab, die sich jubilierend von dem Boden erhob. Seine tiefen schwarzen Augen sahen sie fragend an, ihr volles frauenhaftes Gesicht, ihre Lippen, die reif waren, ihre kleinen lebendigen Augen unter den roten Brauen, die jetzt beseelt und schtig strahlten. Dann blickte er an ihr vorbei. Sie strzten unter peitschendem Regen zwischen Wellenbergen hinunter; sie hrte ihr eigenes entsetztes Rufen nicht unter dem Singen und Flten des Sturmes. Er senkte seinen Arm, legte sich wie auf ein Kissen mit dem Rcken gegen die Welle. Das Polster glitt zurck. Sie sah, wie er langsam den Kopf ihr zuwandte, sah den berauschten, aufgeschlossenen Blick auf sich gerichtet, sprang ihm nach. Und nun umschlangen sie die wulstig dicken Arme; jetzt lachte sie gurgelnd und drckte ihren Kopf an seinen gedunsenen. Und wie sie zusammen die nassen Wellen berhrten, wurde sein Gesicht jung; ihr Gesicht wurde jung und jugendlich. Ihre Mnder lieen nicht voneinander; ihre Augen sahen sich unter verhngten Lidern an. Eine Wassermasse, stark wie Eisen, schickte das unermeliche graugrne Meer heran. Die trug sie mit der Handbewegung eines Riesen an die jagenden Wolken herauf. Die purpurne Finsternis schlug ber sie. Sie wirbelten hinunter in das tobende Meer. Dieses Werk erschien im Sommer 1923 als zehnter Band der Reihe Das Prisma im Verlag Hans Heinrich Tillgner, Berlin. Druck des Textes F. E. Haag, Melle, der Steinzeichnungen A. Ruckenbrod, Berlin. Hundert numerierte Exemplare wurden auf Btten gedruckt, mit der Hand in Leder gebunden und vom Autor signiert. Die ganzseitigen Steinzeichnungen dieser Ausgabe wurden vom Knstler signiert. Dieses Exemplar trgt die Nummer 60. Alfred Dblin Anmerkungen zur Transkription Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere nderungen sind hier aufgefhrt (vorher/nachher): [S. 31]: ... Spinnweben abzublasen, die von der alten Bibliothek durch die Luft ... ... Spinnweben abzublasen, die von der Alten Bibliothek durch die Luft ... [S. 32]: ... Radfahrer derart ngstlich, da er ihn anblkte. ... ... Radfahrer derart ngstlich, da der ihn anblkte. ... [S. 32]: ... kahlkpfiger Invalide mit einer blauen Brille, krummen Rcken. Die ... ... kahlkpfiger Invalide mit einer blauen Brille, krummem Rcken. Die ... [S. 32]: ... Am Montag zwngte er sich in feinen Omnibus, rollte zum Wedding ... ... Am Montag zwngte er sich in seinen Omnibus, rollte zum Wedding ... [S. 39]: ... schnen Frulein erkundigen, das sie vor ein paar Wochen besucht haben, ... ... schnen Frulein erkundigen, das Sie vor ein paar Wochen besucht haben, ... [S. 40]: ... man wte schlecht, wie man sich da zu verhalten habe, besondern Frauen ... ... man wte schlecht, wie man sich da zu verhalten habe, besonders Frauen ... [S. 48]: ... Lumpen. Kommen sie doch blo mal rauf zu uns, Herr Priebe. Valentin ... ... Lumpen. Kommen Sie doch blo mal rauf zu uns, Herr Priebe. Valentin ... [S. 57]: ... solle ein Schlo werden, heimlich, weitlufig, mit vielem festlichen ... ... solle ein Schlo werden, heimlich, weitlufig, mit vielem festlichem ... [S. 76]: ... breitrandigen, weiem Hut. Ein grauer Blick aus einem klugen, nicht ... ... breitrandigem, weiem Hut. Ein grauer Blick aus einem klugen, nicht ... [S. 78]: ... richtete sich auf in einfachem bandlosen Hemd, ein ernstes, schmales ... ... richtete sich auf in einfachem bandlosem Hemd, ein ernstes, schmales ... [S. 81]: ... mit offenem Munde auf, schluckte. In dem big aufblasendem Wind ... ... mit offenem Munde auf, schluckte. In dem big aufblasenden Wind ... [S. 87]: ... entsetzten Rufen nicht unter dem Singen und Flten des Sturmes. ... ... entsetztes Rufen nicht unter dem Singen und Flten des Sturmes. ... End of Project Gutenberg's Blaubart und Mi Ilsebill, by Alfred Dblin License: Share Alike