Produced by Jens Sadowski Wallenstein Roman von Alfred Dblin Erster Band 1920 S. Fischer/Verlag/Berlin Erste bis dritte Auflage Alle Rechte vorbehalten, besonders das der bersetzung Copyright 1920 S. Fischer Verlag Erstes Buch Maximilian von Bayern Nachdem die Bhmen besiegt waren, war niemand darber so froh wie der Kaiser. Noch niemals hatte er mit rascheren Zhnen hinter den Fasanen gesessen, waren seine fltchenumrahmten uglein so lstern zwischen Kredenz und Teller, Teller Kredenz gewandert. Wre es mglich gewesen neben dem schweren kopfhngerischen Bffel zu seiner Linken, dem grauen Frsten von Carafa, Hieronymus, und dem stolz schluckenden und gurgelnden Botschafter Seiner Heiligkeit im heien Rom, -- rot schimmernd die seidene knopfgeschlossene Soutane, purpurn unter dem Tisch die Beine mit Strmpfen und Schuhen, bei den schneeweien zappelnden der deutschen Majestt -- so htte Ferdinand jeden den Vorhang durchlaufenden Kammerknaben, jeden Auftrger Vorschneider, erhaben mit schwarzem Stab abschreitenden Oberstkmmerer mit ppigem Halloh empfangen, ihm zugezwinkert: Heran! Nher! Nicht gezgert, Herrchen, haha. Hier sitzt er. Kaute, knabberte, bi, ri, mahlte, malmte. Der Oberkchenmeister bewegte sich an den gelbseidenen Tapeten entlang, beugte freudig listig durch das seitliche Gestnge des Baldachins die muskulsen Lippen Ferdinands, die wie Piraten die anfahrenden Orlogs entleerten, die Backentaschen, die sich rechts und links wulsteten, sich ihre Beute zuwarfen, sich schlauchartig entleerten, von der quetschenden Zunge sekundiert. Weich rauschte die Harfe, die deutsche Querpfeife nselte. Sprung an, Sprung ab: es hie hurtig sein, die Becher heranschleppen; wer it, liebt keine Pausen; was schluckt, mu splen. Ferdinands Lippen wollten na sein, sein Schlund na, sie verdienten's reichlich, droschen ihr Korn. Im Reich -- wovon lie sich sprechen -- im Reich ging's gut daher. Die Bhmen geschlagen, Ludmilla und Wenzel, die heiligen, hatten die Hand von ihren tollen Verehrern gezogen: da saen sie auf dem Sand, haha, samt Hu, allen Brderschaften, ihrer Waldhexe Libussa, dem Pfalzgrafen Friedrich. Der Pfalzgraf -- wovon lie sich sprechen -- der Pfalzgraf schleppte seine Knigskleider im Sack, am Strick hinter sich her, im Frhjahrsdreck hinter sich her, schreiend durch die Gassen, ungebter Bnkelsnger auf Mrkten, auf Drfern: Keiner da, der mir was zu fressen gibt? Zehn Kinder und kein Ende, keiner da, der uns den Bauch stopft? Habe die englische Knigstochter zur Frau, in Bhmen war ich Knig; das >war< freut mich armen Hansen wenig. Wer wird sprechen in solchen Zeiten. Man lt ihn trollen, das freche se Zweibein, man wird ihn tchtig lausen, da ihm das Fell blank wird. Aber Malvasier. Aber Alikante. Aber Bhmerwein von Podskal. Aber grne Bisamberger, Traminer aus Tirol; aber Bacharach und Braubach, die feuchten, spitzschuhigen, klingelnden vom Rhein. Auf dem gepreten Schweinskopf pfel: aber Mersheimer darber und Andlauer; Elsa, das herrliche Elsa. Wem hat es der Ingwer angetan, der Ingwer an der Rehkeule, da er ihn verachten will. Die Hhner sind erschlagen; auf Silberschsseln gebahrt; von feinen weien Kerzen beleuchtet. Die Blicke von zwanzig Gewaltherren und Frsten voll Lobs auf sie gerichtet; in Mandelmilch schaukeln sie Rmpfe, Beinchen und Hlse, Rosinen zum Haschen um sie gebreitet, ihre kandierten Schnbelchen fllend. Spitzt die Mnder, salbt die Lippen mit Speichel, im Strome flieenden, aus allen Bronnen geeimerten. Heran Pflzer Most. Die feuerspeiende Bchse, treffliches Symbol fr ein Weingef: da lt sich leicht der Malefizer finden, der hier ersterben will. Und soll es der Erwhlte Rmische Kaiser sein, es mu geschossen sein, in der Minute, im Nu, aus der groen Bchse, die der Obermundschenk sich auf die Schulter ldt; der Kaiser richtet zielt und schiet, jach in den Schlund des tobenden Narren, des hingewlzten lachenden Kobolds in der braunen Schellenkapuze, whrend der Herr sich die weien Spitzenrmel schttelt, in den Stuhl sinkt, nach der Serviette ruft und vor Inbrunst vergeht: Noch einmal! Trompeter schmetterten zu sechs vom Chor herunter, aus dem goldenen Kfig des Balkons, der Heerpauker schlug bum. Zwischen der Musik sa der Kaiser hinter dem Wildschweinsbraten in Pfeffer, einen weien Hut mit der Reiherfeder auf dem leicht glatzigen Kopf, seine Ohren durch das Raspeln seiner Zhne nicht gehindert dem Schmettern zu folgen. Sansini, Zinkenmusikus, bte sein hohes Werk; verborgene Diskantisten und Kastraten pfiffen rollten wirbelten; sie umspielten die wenig sich drehende Ruhe des Basses, den eine weiche Stimme ansprach, beschwor. Zur Linken des melancholischen Spaniers ein schmales wangenloses Ziegengesicht, ber dem stumpfen Lederkoller die krebsrote Atlasschrpe, aus grnen dnnen rmeln langspinnig zielend gegen das Millefioriglas, Karl von Liechtenstein, Oberstburggraf, Statthalter in Prag, sprach von Heidelberg und dem geflohenen Winterknig, da noch frostiges schwankendes Wetter sei und man jetzt nur schwierige Landstraen finde, besonders wenn man es eilig habe. Ein Abt bi seinem Kapaun das Bein ab, addierte, whrend es zerkrachte, das zurckgebliebene Kurpflzische Silbergeschirr, das ihm in Bhmen von frommen Wallonen berreicht war. Und auch der alte Harrach, knuspernd an Krammetsvgeln, huldvoll ber seinem Stuhle schwebend, grazis, kahlkpfig, hielt sich an die Prozesse und Konfiskationen in dem geschlagenen Land, da wren tot der Peter von Schwamberg, Ulrich Wichynski, Albrecht von Smirsitzky, davongelaufen, werden das Wiederkehren vergessen. Hitzig schmetterten die Trompeten. Einen Augenblick sahen alle Herren auf, die in den spanischen Krausen, die in den gestickten niederlndischen Spitzenkragen auf bunten und verbrmten Jacken, die in den ungarisch grn verschnrten Wmsern, in den duftigen franzsischen Westen und Purpurberwrfen, Kardinle, bte, Generale und Frsten, und ihnen schauerte, als wenn es eine Kriegsfanfare wre. Rasch war Musik und Geist eingelenkt. Wollstig fhlten alle erwrmten Nerven das Gespensterheer des geschlagenen blondlockigen prchtigen Friedrich durch den Saal ziehen, reiten durch das Klingen, Tosen der Stimmen, Becher, Teller, von dem herabhngenden Teppich des Chors herunter auf die beiden flammenden Kronleuchter zu, brausend gegen den wallenden Vorhang, den die Marschlle und Trabanten durchschritten: prchtig zerhiebene Pflzerleichen, Rumpf ohne Kopf, Augen ohne Blicke, Karren, Karren voll Leichen, eselgezogen, von Pulverdunst und Gestank eingehllt, in Kisten wie Baumste gestaucht, kippend, wippend, hott, hott durch die Luft. Oh wie schmeckten die gebackenen Muscheln, die Trtchen und Konfitren Seiner Kaiserlichen Majestt. Schand und Schmach, da einer Graf, Frst, Erzherzog, Rmischer Kaiser werden kann und der Magen wchst nicht mit; die Gurgel kann nicht mehr schlucken, als sie fat; der schlaue Abt von Kremsmnster wie der Kaiser, der Frst von Eggenberg, der Liechtensteiner wie der Kaiser, der Oberstsilberkmmerer, der Oratoriendiener, der Truchse, Vorschneider, Tapetenverwahrer, Kchentrsteher wie der Kaiser, Marchese Hyacintho di Malespina, Ugolino di Maneggio, Thomas Bucella, Christoph Teuffel, der Organist Placza wie des Heiligen Rmischen Reiches alles bersteigende gesalbte Kaiserliche Majestt, in einem Takt raspelnd an einer Waffel. Oh wie schmeckte dem Kaiser unter seinem weien Reiherhut der Tokaier aus dem Venezianer Glas. Wie schlug er sich den Schenkel, warf sich tiefer in das Gesthl, vergrub sein im Gelchter entlarvtes Gesicht im Scho. * * * * * Durch die verhngten Bogenfenster summte Abendgelut, als Ferdinand mit glhenden Wangen vor seinem zurckgeschobenen Stuhl stand auf leicht schwankenden Knien; die herabgesunkenen prallen nassen Hnde trocknete ihm rechts und links ein Kmmerer ab. Und mit verschwimmenden Blicken, tief und langsam schnaufend stand er vor der Tafel, den Gsten Trabanten Kammerherrn. Die Sthle rckten, die Servietten fielen auf den Boden, die Edelknaben sprangen mit den silbernen Giekannen und Waschbecken zurck hinter die Sthle. Die Gste hatten sich auf die Fe gestellt, bogen die Nacken gerade, klemmten die Lippen ein. Der Frst von Carafa wich zuerst auf einen Blick des Oberhofmarschalls gegen die Wand, die Musik brach ab. Vor der kleinen Bronzesule des drachenttenden Herkules stemmte der Spanier, das bse hitzedurchwhlte Wisent, sich auf, hob die Schultern. Und als wre die Reihe der Herren am Tisch ein Wurm, dessen Kopf sich zur Wand bog, so rollten sie nacheinander weg vom Tische an die blitzende Brokattapete, und der Wurm schwankte, schlug vorwrts rckwrts. Untersetzt, dickleibig, auf den kurzen Sulen der steif gewordenen Beine trug sich vom obersten Platz unter dem Baldachin her Kaiser Ferdinand der Andere. Von dem Ufer der dampfenden damastgebetteten Gerche, von den gelben roten weien Quellen ri er sich los. Seine blanken Wangen strotzten vor Wohlgefallen, Fu setzte sich vor Fu; er zog den weien Hut vor jedem Herrn, ohne den Kopf nach links zu ihnen zu drehen. Graubrtig folgte auf spitzen Fen der Kammerherr vom Dienst; vor der blauen Samtjacke, der hohlen Brust lie er vom Hals herab den goldenen Schlssel schaukeln, trug Mantel und Gebetbuch hinter der Majestt. Der Leibarzt darauf mit niedergeschlagenen Augen, im schwarzen Tuchrock, Thomas Mingonius, Verwalter kaiserlicher Gebrechen; seine Nase schnffelte; die Lippchen trieb er zum steifen Rssel vor. Zwei Kammertrhter unhrbar. Und wie an einem Efeuspalier Blatthaufen nach Blatthaufen sich unter dem Windsto duckt, verneigten sich die Herren. Carafa hatte lngst seinen Kopf wieder vor der Brust hngen, als die weinrote Exzellenz Eggenberg den Leib einzog, seufzend sich wieder einrenkte. Verneigt hatte sich vor dem Trger der Krone des deutschen Reiches, dem Herrn zu Ungarn Bhmen Dalmatien Krain Slavonien, unbeschrnktem Erzherzog zu sterreich, Herzog zu Burgund Steiermark Krnten Wrttemberg, vor dem Szepterschwinger in Ober- und Niederschlesien, Grafen zu Habsburg, Grafen zu Tirol, Grafen zu Grz, verneigt neben dem vielgeliebten Hans Ulrich von Eggenberg, dem freundlichen spitzbrtigen Kavalier, dem alten Schlemmer, das unruhige Pergamentmnnlein in violetter Robe, trben Auges, Herr Anton Wolfrath, Mnch Abt Bischof Frst Nichts. Verneigt edlen Gesichts, zypressenschn, mit Perlenringen in den Ohren, die Strenge der Blicke aufgelockert vom Weindunst, der Sohn des italienischen Spezereihndlers Verda, residierend auf dem Neuen Markt, Johann Baptist von Werdenberg, Graf und Hofkanzler. Der schwarze dichthaarige Bhme Questenberg, Graf Gerhard, nicht lange noch Registrator, gewaltig unter seinem Schnurrbart blasend, der sich strubte und aufstellte, glotzugig, Brenbeier mit Wulstlippen. Verneigt Zdenka von Lobkowitz. Verneigt im Schmuck des Goldenen Vlie der sehr bleiche Geheimrat Meggau. Ganz unten am Vorhang stand der Oberst der Leibgarde in hohen Reiterstiefeln, schimmerndes Wehrgehenk ber dem hellgelben zobelverbrmten Wams, Neidhard von Marsberg, kolossal von seinen Schultern schauend, schumend in ser Betubung, an seinem spanischen Kragen reiend: Brenhuter! Schelme! Malefizverbrecher! Wute nicht wer, konnte in Wut und Verehrung nur noch die Arme ber die klirrende Brustwlbung verschrnken, auf die Knie sinken hinter dem schon verschwundenen Kaiser. * * * * * Nach dem Empfang des Primas von Ungarn erbat sich der Kaiser Urlaub von seinen Ministern. Er brauchte mit einer erzwungenen Freundlichkeit diesen Ausdruck. Es war den Herren bekannt, da dem Frsten Wien seit Monaten nicht behagte, da er sich mit dem Gedanken trug, gnzlich nach Prag zu verziehen, in den prchtigen dstern Gemchern des Matthias und Rudolf zu hausen; es lie sich schwer fassen, was dahinter steckte. Man schob es auf die unaufhrlich wirkende Trauer um seine tote Frau; sie lag schon seit fnf Jahren in Grtz, in der Kapelle der heiligen Martyrin Katharina; man dachte an Ferdinands Zorn ber den Adel Wiens, der ihn bei dem Protestantensturm auf das Schlo vor einigen Jahren im Stich gelassen hatte. Aber diese Gestalt des Habsburgers, seine Mimik, wie er, noch triefend von den Soen Weinen der Festmhler, sich vom Sitz erhob, gegen Schrems hinausritt, nach dem Wallfahrtsort Hoheneich, fast unbegleitet, nach flchtigen Abschiedsworten, war dem Hof und den Rten auffllig. In Hoheneich stand ein niedriges Kirchlein; innen zwischen zwei Pfeilern in ihre Mauer eingelassen, gleich an der Pforte, eine Eichentr, mitten zerklftet, von Eisenklammern zusammengehalten, altersbraun unscheinbar. Ein frecher Landadliger hatte einmal diese alte Kirchentr verrammelt, als eine Prozession von Schrems heraufkam; im Gebsch sa er mit seinen Spiegesellen, um sich an dem Spektakel zu ergtzen. Die Chorknaben schwangen die Rauchfsser, die Monstranzen klangen, vorn der Fahnentrger senkte das Seidentuch auf der Treppe: die Tr sprang auseinander, die Kinder sangen weiter! Der Edelmann wollte im Schreck sich aus dem Ginster erheben, den beiden andern stiegen Reuetrnen in die Augen. Sie rissen die grnen Strucher vor sich auseinander, ihre Waffen blieben im Gras, sie trabten langsam gegen den Zug hin, bis man Steine gegen sie schleuderte, als sie sich anschlieen wollten. Der Edelmann lief beiseite, stie einen Schrei aus, aber zu seinem Entsetzen fuhr ein greuliches Gebrll aus seiner Kehle. Als er sich umdrehte nach seinen Freunden, liefen da zwei starke Bulldoggen; er selbst wedelte mit dem Schwanz, war ein rippendrrer brauner Fleischerhund, der sich die Brust begeiferte. An einem Galgen unweit des Orts hat man spter die drei Hunde erschlagen und eingescharrt. Der Grasboden federte unter den Tritten der Pferde, sie fielen in ruhige Gangart. Die Erde wurde weich, spitze Halme stellten sich mit rauhen Scheiden auf, scharrten an den Pferdehlsen. Die Hufe planschten in Pftzen, das schwarze Wasser spritzte an den Bug der Tiere, ber die Beine der Herren. Der weie Windhund Ferdinands, ebenmiges hohes Gebude mit langen Behngen, lief spielend. Als sie die Schlagbrcke hinter sich hatten, die wste Uferflche des untern Werd durchritten, kreischte Jonas, auf einem Maulesel klglich nachtrabend, jenseits zwischen den Halmen fast verschwindend, streckte am Huschen des Brckenwrters Arme und Beine nach ihnen aus: Weh, weh! Zwei Herren trabten zu ihm. Seine braune Bergmannsgugel mit dem Hahnenkamm schttelte sich heftig, die hohen Eselsohren klatschten herum. Ich nehme Abschied von Wien. Nehmt Abschied mit mir. Und zottelte ber die schallende Brcke, schwenkte drben vor den wartenden Reitern sein Mntelchen, listig lchelnd, spitz lachend, schlug die Klapper. Die Donau lag vor ihnen, ein feuchtwarmer Wind blies herber. Stubt ab, edle Herren. Nehmt nichts mit von Wien. Versagt es der ehrbaren Stadt nicht, ihr Hab und Gut wieder zu erstatten, die Hscher knnten sonst hinter uns kommen. Sie folgten belustigt, schaukelten Umhang und berwurf gegen den rollenden Flu. Ferdinand sah das braune verwachsene Geschpf scharf an, gab ihm nach einer Weile seinen Achselmantel. Unter Verbeugungen gegen das breite Gewsser, gegen den Stefansdom und die starken Basteien schttelte der Wicht das bestickte Tuch, klopfte es zrtlich mit seiner Klapper, bergab es dem nachdenklichen Herrn. Es sei nunmehr sauber, kehlte er gedmpft und vershnlich, frei vom Staub des hohen Marktes, der Freiung, Bendlergasse, des Grabens und -- des Hohen Rates. Ein Peitschenschlag des Stallmeisters brachte ihn auf sein Grautier. Neben der Buchenallee, die sie ritten, erhoben sich Hgel mit dichtem Unterholz. Vorsichtig gingen die Herren das Gestrpp an, dann schleuderten die Pferde unter den Asthieben die Kpfe, ihre Zungen warfen unruhig das Trensengebi, sie drngten kauend zurck vor dem Finstern, strauchelten, bogen auf den Weg. Auf den hochbeinigen Tieren tanzten die glnzenden Herren von Windsten gefangen und freigegeben zwischen Schwarzdornhecken Ochsenzunen ber die Wiesen. Sie kehrten nicht ein in die Meierei vor Schrems. Ferdinand schien es vor Ungeduld nicht auszuhalten, im Steigbgel schluckte er ein Glas saure Milch. ber Sturzcker, durch lichtes Stangengehlz. Schwarzbeinig gegen die Luft auf einem Hgel der Hundegalgen mit drei Standbalken. Bei seinem Anblick war der Kaiser wie ausgewechselt. Sie gingen neben ihren abwrts schnffelnden raffenden Tieren um das leere Gestell. bermtig bellte der antrottende Tafelrat auf dem Esel. Graf Paar, ernst, blondbrtig, blauer Samthut, blaue Kniebnder, fhrte die Pferde, die mit zuckenden Lippen gebckt zu weiden begannen. Man beschlo sich ins Gras zu legen, zu schmausen. Paar und der Narr liefen nach Hoheneich hinauf. Auf einem kleinen Leiterwagen schleppten sie nach einer halben Stunde den erschrockenen Diakon im Chorhemd auf die stille Wiese nebst zwei verschchterten Scholaren, hoben herab ein Tnnchen Wein, Glser Teller, ganze Schinken, rohe Eier, Lattich. Den Wagenplan rissen die Herren herunter, der Kaiser aber wollte nicht darauf sitzen, er knipste Grasspitzen ab, schnellte seinen Begleitern Blumenkpfe ins Gesicht, zerblies vorsichtig Pusteblumen und war, ehe der Karren mit Butter Salz Brot angetrieben war, sitzend am Galgen eingeschlafen. Sein gelbfahles, faltiges Gesicht im Schlaf so freundlich, da es schien, als unterhielte er sich im Traum mit Kindern. Der Windhund beschnffelte ihn, schob seinen Hut mit der langen Schnauze vom Scho herunter, streckte sich mchtig aus, die Vorderpfoten auf den Jagdgamaschen Ferdinands. Eine straffe ltliche Gestalt in Schwarzbraun mit Silberschnren lehnte an einem Birnbaum, den starken aschfarbenen Kinnbart zupfend, lie den Hut auf die Erde fallen, flsterte: Wir sind auf der Flucht, ihr Herren. Jonas nselte: Auf der Flucht, ihr Herren. Mansfeld setzte sich neben die andern, weiter flsternd: Vielleicht geht's nur nach Wolkersdorf. Vielleicht auch nach Steiermark. Oder geradeswegs zum Bassa von Ofen, oder zum Groherrn in der Trkei, grinste Jonas. Mansfeld langte herber, packte ihn, ohne das Gesicht zu verziehen am Hals, kippte ihn in der Luft um, prete ihn auf den Bauch, zischelnd: Nicht quaken, Frosch. Nicht quaken, Frosch. Der plrrte, kroch losgelassen aus der Runde. Graf Paar zog die Beine an, umschlang die Knie: Der Herr Oberstallmeister beliebten etwas zu meinen. Seufzte Mansfeld, dessen Augen unruhig gingen: Es wird etwas geschehen mssen. Kalt Paar: Vermeine, wir sind keine Hunde, die die Sau zu verbellen haben. Der Kinnbrtige streichelte seine rosa Hutfeder sehr langsam. Da lag lang auf dem Rcken ein junger Baron, warf sich nicht einmal herum in seinem kostbaren Scharlachkleid; mit seinen schrgstehenden Augen, die aus einem bronzefarbenen glatten Gesicht blickten, verfolgte er weie schimmernde Wolkenberge: man mge tun, wie man denke; jedoch denke er nicht wie der Graf Paar. Also wir verbellen das Wild? Der Baron ruckte kleiderscharrend hoch, sa dicht neben Paar, fixierte ihn, zog die Beine in den Scharlachhosen ein, umschlang die Knie: der Herr sei Liebling des Kaisers und liebe den Kaiser, mchte keiner ihm verwehren nach Belieben zu tun. Leise erklrte der Oberstallmeister, er msse des Erzherzogs Leopold Hoheit benachrichtigen, wenn sie etwas Sonderliches befrchten wrden; er knne sich dem nicht entziehen, auch die Exzellenz Eggenberg, den Abt Anton und den Beichtvater msse er rechtzeitig aufklren; es msse um des Heilands willen etwas geschehen. Eine Herde weier Gnse schnarrte und schrie getrieben an ihnen vorbei. Paar stand nach einer Pause auf; meinte finster, es brenne nicht, die Herren seien ngstlich. Im brigen seien in jedem Dorf Pferde da, um Nachrichten zu berbringen, auch Burschen, die reiten knnten. Er sei kein Herr vom Rat, sei nur der Person der Kaiserlichen Majestt Dienst schuldig. Als sich der bronzene Kopf des prchtigen Barons, des Peter Mollert, gegen ihn hob, lachte Paar heftig, berfuhr dann pltzlich malos den staunenden; der Kaiser brauche Hilfe, das she man. Ob man sich als Schmarotzer am Kaiser bewhren wollte, was diese Reden von Benachrichtigungen des Hofes besagen sollten, er werde den Kaiser wecken, ihn aufklren, ihn ihnen entreien. Der Baron wich mit seinen glitzernden Augen dem Grafen aus, bat, mit Mansfeld Blicke tauschend, sich nicht stren zu lassen, jedoch auch nicht den Schlaf des Herrn durch berlautes Schelten zu stren. Er sog an einem Halm. Mansfeld pfiff durch die Zhne. Was bin ich mehr als ein Hundsfott, grollte Paar, wenn ich nicht zum Bassa von Ofen mit ihm rennen wollte, wofern es ihm in den Sinn kommt. Wre sonst nichts als ein Fleck Speichel an seinem Rock. Mollert streckte sich golden und scharlachrot im Grn aus. Klar und kalt beobachtete der rstige Mansfeld den Kaiser, scharf verfolgt von dem glhenden Grafen, der sich seitlich von ihm, die zornzitternde Unterlippe bi. Freundlich lchelte am Galgen lehnend der Herr mit dem gelben kindlichen Gesicht im Schlaf; die Peitsche war ihm aus der Hand gesunken. Mit leichtem Satz sprang der Hund ber seinen Krper auf die andere Seite. * * * * * Im schwarzen Jesuiterkleid, den viereckigen Flachhut in der Linken, fhrte der Pater den zgernden Frsten in die Kirche. Die Tr fiel hinter ihnen zu. Auf dem kleinen Altar vorn brannten zwei hohe weie Kerzen, unsicher leuchtend, ein Kruzifix aus Metall zwischen ihnen. Durch den finstern Gang wurde der Frst gefhrt. Seinen kleinen grnen Hut legte er vor sich auf den Teppich der Stufe, der Pater kniete neben ihm. Ohne den Kopf zu beugen kniete der grauhaarige Frst. Als wenn er aus der Wand etwas auf sich zukommen she, hielt er den Hals steif. Er wartete wie auf einen feindlichen Angriff, vor einer frchterlichen unsichtbaren Front. Sein Mund war gepret, in seinen geballten Hnden sammelte sich der Schwei. Er kniete, aber er sa auf einem gepanzerten Ro im Harnisch, eine schwere Lanze unter dem Arm, rhrte sich nicht. Als der Pater das Zeichen zum Aufbruch gab, konnte sich der erstarrte Mann nicht erheben; er fiel auf die Hnde, verga dann seinen Hut auf der Stufe. Wie ein Blinder war er in die Kirche gegangen, schweiberflutet verstrt bewegte er sich drauen an der blauen lerchendurchjubelten Luft. Der Geistliche gab ihn hflich lchelnd den Herren ab. Tief verneigte sich der Kaiser vor dem Geistlichen. In einer schweren Aufregung sa er am Spieltisch des Schlchens, schwieg wie die andern. * * * * * Man brach frh auf zur Wildschweinjagd. Es ging nach Begelhof. In die neblige Luft ritt man hinein, das Laub stiebte Nsse, der Kuckuck rief fern im Holz, wonnig vergruben die Pferde im fuderhohen Blattwerk ihre glatten Fe. Je mehr die Sonne stieg, um so heftiger wurde der Vogelgesang, schallend riefen sich die Finken und Stare an, mit schwerem Flgelschlag segelten aus dem niedrigen Tannenwald dicke schwarze Krhen in das aufgebrochene Feld, lrmten heiser, siedelten sich an um Wurmlcher. Die krummen Rcken der Reiter wurden grader, die Stumpfheit verblate in den Augen, die Krper, noch eben schwer sackend, fhlten sich in das elastische Wiegen und Schreiten der Pferde ein. Es ging flach nach Begelhof hinein. Von dort vieltniges Klffen. Am Holzhuschen des Rdenmeisters, vor den langen Zwingerhtten, Rendezvous. Morgentrunk im Freien. Fnf Hrner riefen in die Sttel. Da wimmelten um die starken Rdenknechte die Koppeln der franzsischen Hunde, Schweihunde, Saufinder, die schwarze und braunschwarz gezeichnete Meute. Hinter den Ktnerhtten auf den ckern bewegten sich ngstliche Buerlein, versteckten sich. Braunkappige Landleute trabten in Gruppen feldeinwrts, fhrten schwere Gule, Karren zum Zugrobot, suchten die schmalen Saumpfade, hinter einander gereiht, aus den Htten bedroht von halblauten Rufen und raschen Fusten. In der Nhe pfiff es, lrmte pltzlich: die Wildksten waren geffnet worden, drauen rannte der vom Licht geblendete Keiler, die Hunde jaulend und springend, sich berkugelnd, rissen besessen an den Leinen. Die Riemen sausten ber sie. Der Anjagdruf. Da rasten die Hunde, vor den Wind geworfen, leise knurrend mit tiefen Ruten in die Ackerfurchen. Das Feld setzte sich in Bewegung. Und wie sie ritten auf der Fhrte des todesbangen verzweifelten Schwarzkittels, ber die stark duftende aufgerissene Flche der cker, da fingen die Herzen der Herren zu beben an; das Herz Ferdinands bebte in der alten Lust, die Hitze stieg aus dem weien Pferdefell in seine Arme, wogte aus den Schultern zurck in die Hnde, um die Hfte. Unter dem Silbergurt fr das starke Schweischwert schwelte die Luft so wild, da sie das feine panzermaschige Hemd durchdringen, sich dem flatternden weigrnen berrock mitteilen mute. Geschnrt war das Griffholz des Schwertes, lang und fest die Klinge mit den tiefen Rinnen, kurz vorne das zweischneidige blanke blutheischende Messer. Wind war nicht mehr Wind, Wald nicht Wald, Morast nicht Morast. Die Pferde flogen, kaum den Boden tastend, um ihre Hlse wehte Dampf. Zune Huschen Bsche sprangen mit einem Satz gegen sie, hinter sie zurck. Die Pupillen der Kavaliere unter den windschwellenden Federhten, unter den roten Stirnen verengerten sich in der blitzenden Helligkeit, die Lider drckten sich zusammen in wachsender Inbrunst. In Reihen wurden die Herren ber Hrden und Schwarzdornhecken gehoben. Die Tiere rissen, die Hinterhufe abstoend, die gekrmmten Vorderbeine an die aufgerichtete Brust; im Schweben warfen sie Erdballen nach rckwrts, die Hinterhufe schlossen sich aneinander, whrend schon die Vorderbeine wie Fhler nebeneinander vorgestreckt gegen den neuen Boden tasteten, der sie empfing, sie weiter schwang. Gespitzte Ohren nach vorn. Sehnschtiger, lockend der helle Chor der Hunde. Der Boden wurde knietief, der Eber warf sich zwischen durchbrauste Gehfte, durchschwamm Tmpel. Koppeln hinterdrein, Pferde hinterdrein, Jger obenauf. Flechtwerk, Furten, Dickicht. Vier knappe Sekunden stand der schwermtige bse schwarzplumpe Keiler, mit den kurzen morastigen Beinen, die Schnauze an dem halslosen Kopf gesunken, dann brach er in das khle Unterholz. Kopfber die Hunde in das Dickicht, im Schwarm eingesogen, verschwunden. Herren und Pferde abprallend am Gebsch warfen sich im Anschwung links herum, nach rechts vor. Mit rotgederten Augen, keuchend Ferdinand und einige Herren, versunken, verloren auf den stoenden Rcken, wutertrunken, berauscht. Man scho in den Wald, das Pferd wand sich unter den Sporen, das Gelute der Hunde klang nher ferner durch die Schwrze aus dem Brombeergewirr. Sie kmpften gegen das Dickicht, arbeiteten schweigeblendet berstend vor Grimm und Lust gegen ste Gestrpp Tier. Rings war der wste Keiler umfat, die Meute jauchzte im brechenden Unterholz. Da zappelten die Hunde unter dem Schimmel Ferdinands, der die Peitsche besinnungslos hob, die Krcke auf die Nase des sthnenden Tieres schmetterte. Auf den Hinterbeinen stand es auf, drehte sich, zwei Schritt zurck, warf drehend umstrzend seinen Herrn zwischen die flchtenden Hunde, sich selbst gegen einen schaukelnden Fichtenstamm, an den es mit den Fen hieb, grimmig hilflos auf dem Rcken strampelnd wie ein Kfer. Hei quietschte winselte die Rde, der von den fallenden Fen des Reiters eine Flanke aufgerissen war. Paar, aus seiner Besessenheit geweckt durch das Keifen des Tieres, rckwrts blickend, sprang ab, taumelte nach hinten, strmte: Mansfeld, Mollert, die weiter preschten. Wie er die starren Asthaufen bersprang, stellte sich der Schimmel mit wtendem Werfen und Ruck auf die Knie, stand zitternd flankenschlagend aufgeregt neben dem Kaiser, der mit blaurotem Nacken auf dem Nadellager buchlings hingestreckt war. Als Paar ihn umdrehte, richtete er sogleich den Oberkrper auf, sah blicklos, die Arme hinter sich auf den Boden stemmend zwischen den Pferdebeinen hindurch. Wie eine Puppe wurde er von Paar gegen einen Stamm geschoben. Seine Sporen rissen Bahnen in den Boden, dabei flaute sein Gesicht ab, er faltete die Hnde, senkte wie betrbt den nadelbeklebten Kopf, bewegte die Lippen. Jenseits des Dickichts klingelte hrbar die Jagd, das Wild war ins Feld entwischt. Mit chzen schob sich der Kaiser in die Knie. Dann stand da das Pferd, seine Schabracke, Graf Paar hielt seine Schultern, drngte die Jagdflasche an seine Lippen. Trbe wurden die Augen des Kaisers, er lie sich hochheben, blickte jammervoll den Kammerherrn an, der an seinem Gurt nestelte, um das Schwert abzuschneiden. Lange standen sie so, die Lippen zitterten dem Frsten, konvulsivisch zuckten seine Schultern: Was ist geschehen. Was war das? Er stammelte, schluckte Wein aus der Flasche, die ihm Paar in die Linke gepret hatte, sprudelte gedankenlos den Rest auf den Boden. Was denn, Majestt? Paar, ich war bald hin. Es hat mich bald erwischt. Ich mu beten. Ich mu beten. Er murmelte, rieb sich die verschmierten Hnde, wimmerte verwirrt. Es hat eines Zeichens bedurft. Ich habe es nicht erwartet. Er sthnte, sa auf einem Baumstrunk, wischte sich Blut von dem abgeschrften Scheitel, flsterte mit steifen Blicken auf den Grafen, die Hnde ballend: Wir sollen uns nicht frchten. Wir haben die Gewalt in Hnden. Was hat der Graf Paar zu sagen? Nichts, Eure Majestt. Er schmetterte sich die Faust gegen die Brust, streckte in steigender Erregung das sprhende zuckende Gesicht gegen den blassen Mann auf. Nichts, Eure Majestt hauchte er. Stumm donnerte Ferdinand noch einmal gegen seine Brust, den Mund offen, schumte, erhob sich taumlig, schttelte den zurckweichenden Mann an den Schultern. Sieh an. Willst du mich ausforschen. Wer hat dich geschickt? Majestt fielen vom Pferd, ich ritt dicht vorauf im Feld. Hin strzte Ferdinand mit Klagen auf die Knie: Gestorben beinah, ohne Beichte wr' ich gestorben. Das Leben verlassen, befleckt, unbefreit. Paar bi sich auf die Lippen, in Scham und Ehrfurcht zog er den Kaiser hoch, fate ihn unter den Arm, fhrte ihn, whrend er mit der Linken das Horn anhob, blies. Dem Herrn flo von der Stirn ein Blutstreifen ber den Nasenrcken gegen den Mund. Als wre nichts geschehen, folgte der Herr, schrg auf dem Hinterkopf den Hut mit der zerbrochenen Feder, blieb nach einer Weile stehen, horchte ins Gehlz, lchelte seinen Begleiter an, gefesselt von Betubung, die ihm sanft ber das Gehirn und den Hals strich: Blas noch einmal. Schn blst du. Er ging pirschend voran, mit dem Schweinsschwert fuchtelnd, die Augen mondhaft weich, die Zge gleichgltig entspannt. Der gequlte Paar lief um ihn, die beiden Pferde lockte, zog er, plauderte, ffnete traurig Bsche vor dem Herrn. Ein pltzlicher Gedanke zuckte durch ihn: Wenn der Kaiser fliehen wollte, -- er wute nicht, warum er es wollte, aber wenn, -- dann jetzt. Die Jagd konnte nicht rasch zu Ende sein. Jetzt. Es war alles von ihm vorbereitet, die Wagen und Knechte standen bereit am Fhrmannshaus von heut ab. Der Kaiser wollte fliehen, er konnte ihn aus einer dunklen Not erretten, er war in seiner Gewalt, es konnte keiner dazwischen fahren. Jetzt. Um Paar drehte sich der Wald. Nur einen Moment wehrte er sich gegen den Gedanken. Im Augenblick aus dem Dickicht, auf den Pferden. Paar bi die Zhne zusammen, schwang die Peitsche: Hoh! Sturzcker. Der Kaiser hing dumpf an seinem Tier, sah auf die Mhne, ab und zu auf den Horizont, bisweilen warf er antreibend die Zgel. Das Tier lief ebenmig neben Paars. Kein Klingeln der Meute mehr, kein Rufen Lachen der Herren. Meilenweite Grasflche, links blauumdunstete Hgelreihen; wenn der Wind die Luft hoch warf, regten sich dahinter schwarzgrne Baumkronen. Paar lechzte ber den Kopf seines Tieres hinweg, sein ernstes Gesicht zitterte in vielen Bndelchen, seine geschlitzten weigrnen rmel schwollen zu Glocken auf, die linke Hand mit den Zgeln nackt erdig; zerrissen die hohe Spitzenmanschette des rechten Handschuhs. Die Pferde ruckten sprangen; in der ungeheuren Heide zappelten sie wie Schwimmer im Meer, arbeiteten, auf ab, die kleinen hpfenden Tiere. In die anwiegende Luft sthnte Paar, dunkel verzweifelt: Mein Heiland, tu ich recht. Er rief zur Seite: Wir sind schon weit. Es klang nicht, es konnte niemand gehrt haben. Er rief: Wir sind schon so weit. Weg war es, zwanzig fnfzig Schritt hinter ihnen. Hatte es jemand gehrt. Der Schall am Munde weggeschnappt. Das Trappeln der Pferde lie sich nicht hren, das Riemenzeug knarrte nicht; im raschen Takt Gieen Strmen des Bluts in den Ohren, Verdunkeln des Blicks. Der Kaiser hing auf seinem Schimmel. Geheimnisvoll erregt klang es herber: Wir sind schon weit, so weit. Graf Paar. Der Schall am Munde weggeschnappt. Paar, Hans, Hans. Anwiegte der Wind, schwappte um Brust Gesicht, schlo sich im Rcken zusammen. Langsamer, Hans. Reit' langsamer. Hrst, du mich? Der Kaiser. Er sa aufrechter, den Hut knautschte er vor sich am Sattel, die Linie geronnenen Bluts ber der Nase. Paar ri die Zgel an. Wo sind wir, Hans? Eine halbe Stunde noch. Die Pferde liefen rascher. Wohin fhrst du mich? Wo luft der Keiler? Wir sind schon weit. Majestt werden sehen. Paars Stimme jauchzte fast; seine Mienen wechselten zwischen Angst und Zrtlichkeit. Da ist Rauch. Sie verbrennen Kraut auf dem Feld. Es ist verabredet. Da die Fahne. Schroff fiel die Ebene, jh klangen Rufe hinauf. Am Ufer eines weiblinkenden Flulaufes weideten Viehherden, neben einem Fhrmannshaus liefen Menschen, standen Wagen. Hellblau schwelten Rauchwolken in die Steppe herber. Dem Grafen strahlten die Augen, er brllte frenetisch herunter, winkte. Eine Wolkenwand stand schwarz jenseits des Wassers, dicke Tropfen fielen, die Grser sprhten blitzten in der matten Sonne. Gerettet. Es sind die Wagen. Unsere Wagen. Die Leute sind treu. Hier! Hooo--ah hooo--ah! Der Kaiser spannte sich zusammen, sein Pferd schluckte, rckwrts gerissen das Maul aufsperrend, Luft, tanzte auf den Hinterbeinen. Paar, ihn berschieend, kehrte um, atemlos, entzckten Gesichts, atemlos atemlos: Es sind die Wagen. Mgen mich Majestt enthaupten. Rettung. Wir sind gerettet. Heiser rief der Kaiser, die Augen bis zur Weie aufreiend, mit der rechten Hand auf die anrennenden Knechte mit Piken und Partisanen weisend: Wer sind die? Was wollen die? Paar Arme hebend: Bleibt stehen. Bei den Wagen bleiben. Nicht hierher! Es sind ja unsere Leute. Der Kaiser donnerte: Hund, Bestie, hab' ich dir befohlen, mich hierher zu bringen. Schalk du, ich metzle dich nieder auf der Stelle. Wo hast du mich verschleppt? Was soll ich, was willst du mit mir? Paar abgesprungen glutrot schweibergossen hngte sich an den Hals des fremden Rappen: Der Kaiser solle kommen, der Kaiser solle sich nicht frchten, es sei geschehen, er sei gerettet, es knne ihm nun nichts widerfahren; die Freiheit, wohin er befehle, die Leute sind zuverlssig, Gewnder liegen bereit. Und in Ferdinand, whrend er vor Wut berstend das Pferd herumwarf, den Mann beiseite schleuderte, die Sporen einsetzte, schwebte schon, die Flammen zu heulendem Entsetzen anblasend der Gedanke: So steht es um mich, so weit bin ich; entlarvt. Die unendliche Steppe. Der dnne schrge Fadenregen zog hinter ihnen her, berrieselte sie, legte einen grauen Schleier vor sie. Paars Pferd drngte sich an seins, Paar drngte sich verlangend, Hnde hinlangend an ihn, rief etwas dem Mann zu, der den Kopf auf die Brust vor dem Wasser senkte. Die Stze verschluckt, die Stimme schrie, beschwor den andern, suchte ihn vom Pferd zu bewegen. Um des Heilands willen nicht zurck, er mchte vertrauen, o vertrauen. Von drben die Worte: Wo ist die Jagd? Fhrt mich zurck. Ihr seid verloren sonst. Immer weiter in die rieselnde Dmmerung. Die lautlosen Pferde. Hinter dem Kaiser, zu seiner Seite, jagte Paar. In dem Kaiser stieg die Angst, sa an seinem Rcken, auf seinen Schultern: Der Satan ist da. Gehlz zur Rechten, schwellendes federndes Moos. Flitzend zwischen Stangen, gespensterhaft vorbei Htten Zune. Schonungen rauchten vorber. Der Graf erblichen wurde von einer Betubung, einer Stirn umschlieenden Abwesenheit befallen; eine Erstarrung durchdrang seine Brust von Minute zu Minute strker; ein hopsendes Fleischgestell warf das Pferd auf ab, auf ab. Hrner, viele Hrner, grelles Blasen. Menschenrufe. Schwarze Haufen auf dem Feld, bellende Hunde. In ein Gewimmel von Knechten strmten sie ein. Lange spter hetzten die Herren an, die aus den Wldern von der Suche zurckkehrten. Bla stierte der Kaiser regentriefend neben seinem Pferd. Die Herren legten ihm Mntel und Tcher um. Er sei gestrzt im Dickicht, er htte sich mit dem Grafen Paar verirrt. Knechte jagten nach einem Feldscher. Paar schritt erschpft hinterher, gab keine Antwort. * * * * * Im Schlchen sagte Ferdinand zu ihm, er sei ein Verrter. Als Paar nur stumm niederfiel, befahl Ferdinand ihm, sich still zu verhalten, sich ohne weiteres aus seiner Umgebung zu entfernen. Als Paar sich der Tr nherte, schumte der Kaiser, dem Trnen in den Augen standen, vor Zorn: Hans, ich mu dich vor Gericht stellen, ich mu dir den Kopf abschlagen lassen, ich mu dich ins Eisen werfen lassen. Du bist ein Schelm, du bist ein --. Verrucht bist du, ein Schuft bist du, ich kann dich nicht so gehen lassen. Kopf gesenkt stand der vllig leere Paar, der noch die nassen verschmutzten Jagdkleider trug. Ich wei nicht, ob ich dir verzeihen kann. Ich kann nicht. Ich kann nicht. Wie Paar kniete, bckte sich der Kaiser, den schwarzen Seidenrock mit der Linken zusammenraffend, schlug ihm zweimal mit der Faust auf den Kopf, stie ihm gegen die rechte Schulter, spie aus. Der Graf wankte rckwrts, lag halb am Boden. Heiser Ferdinand: Du bleibst noch hier. Er ging vor den abendlich beschienenen Fenstern hin und her. Nach einer Weile sagte er: Geh jetzt. Du bist still. Am Hofe bleibst du, bis ich dich fortschicke. Als der Frst in grter erschreckender Unruhe zur Frhmesse erschien, mit graugrnem geschrumpften Gesicht aus Hoheneich von der Beichte zurckkehrte, wagte niemand sich ihm zu nhern. Dann fiel bei der Mahlzeit das Wort Dighby, es wurde in den Gartenzelten von Tisch zu Tisch geworfen. Der Kaiser fragte, am ganzen Leib fliegend. Man wute nur, da er, der englische Gesandte, einen drolligen hochmtigen Einzug in Wien gehalten habe, da, wie vom Abt Anton verlautete, der englische Knig Vermittlung anbiete zwischen der Rmischen Majestt und dem Pflzer samt seinem noch kmpfenden Anhang. Der Oberstallmeister wartete lange, bis der Kaiser etwas herausbrachte. Uns ist ein guter Tag beschieden, Graf Mansfeld. Lat Euch die schlimme Jagd gestern nicht gereuen. Wir bleiben nicht hier. Nach Wien! Lat uns Herrn Dighby begren. * * * * * Wie den hoffnungslos Verirrten ein ferner Lichtschein von einem Haus, aus einem Stall, von dem Wachtfeuer einer Sldnerhorde, von einem Waldbrand, so zog Ferdinand Dighby an, der englische Gesandte, vom Knig Jakob zum Grafen von Bristol ernannt, von Brssel aus dem Quartier der spanischen Infantin hergereist. Ferdinand hie Reisewagen beschaffen, um bequem zu fahren. Nach Wien geht es, meine lieben Herren, mein lieber Mollert, Graf Mansfeld. Es gibt Frieden im Reich, ihr werdet sehen. Was halten wir uns auf, wenn solche Freude fr alle Welt bereitet wird. Nach Wien! Unter den Herren war auf der Rckfahrt nur ein Gerede: wie man die unerwartet rasche Heimkehr feiern wolle. Erst fieberte der Kaiser; in ihm schwang es strmisch auf und ab, durchschwoll ihn mit gewaltsamer Bewegung vom Hals bis in den Leib, lie ihn lachen, sich freuen, sich vorwenden zurckwenden, Hnde schtteln, nicht zur Ruhe kommen. Der blitzende Mollert lag halb im unverdeckten Wagen, stolz schweigend wie immer. Der Oberstjagdmeister strahlte, da der milungene Tag vergessen war, Paar sa im letzten der sechs Wagen unter frhlichen halbfremden Kavalieren, mit scheuen Blicken, oft seine Hnde betrachtend, die den Zgel geworfen hatten zu der Entfhrung des Kaisers, an allen vorbei sehend, ab und zu ohne es zu merken dumpf sthnend, so da man schon am Tage vorher ihn umging, jetzt von ihm abrckte. Die silbernen Partisanen der Trabanten zuckten ber den Wegen wie schnellende Vgel. Ein wildes Bangen durchwallte von Zeit zu Zeit den Kaiser. Franzsisch, spanisch, deutsch, italienisch plauderte es sich auf den Wagen, Duelle am Ochsengrie, Karussell und Ringelstechen. Hinter den Worten regten sich die zierlich gezhmten Appetite, die kennerischen Geschmcker, grenzenlose Bankettier- und Pokuliersucht. Die Arme fechtschtig, das Zwerchfell lachschtig, ihre Zungen verwaiste Teller, Mnder ungefllte Backofenlcher. Es hie Speichel schlucken, staubige Luft essen, mit blitzend verdrehten Augen von zarten Braten trumen. Und dann sollten die Abende kommen mit Kerzen, Fackeln, Trabanten schwerfig vor den Tren, die Tische frei, Karten und Wrfel ber das blanke Holz, heiwangige Spieler, zhe Bankhalter, franzsische Likre, Wein in Fudern, Trumpfen: Meineidige Hllenhunde! Pestilenzialische Teufel! Herr Bruder, jetzt frit mich der Satan oder ich habe gewonnen. Nach Wien! Kein Verzug! Gesegnet sei Dighby, Graf von Bristol! Die Wagen schtterten auf den Chausseen, die Pferde sprengten mit Hussa hoh; von Dorf zu Dorf wartete Vorspann. Der Staub erhob sich, auf seiner Woge glitten sie vorwrts. Zwei Fanfaren vorn, zwei Fanfaren zur Seite, zwei Fanfaren hinten. Sie sahen und hrten nichts. Und als die Herren in Wien einfuhren, dachte weder der seidige Mollert, noch Nostiz, noch Mansfeld, noch Ferdinand der Andere an Dighby, den Trger einer englischen Botschaft. Der Hohe Markt, die Balkons des Grabens, Gassen nach Gassen, der Petersplatz. Schweres Drhnen vom Stefansturm, das Trkengelut; die Wagen hielten, die Herren knieten auf der Strae, der Kaiser im Wagen. Vor dem sonnenberfluteten Burgplatz, zwischen den Hatschierreihen vorquellend Bettlergelichter Beghinen Minoriten Barfer. Mit bermtiger Wucht warf Mollert aufstehend seinen Geldsack einem Savojardenbuben an die Brust, da der umtaumelte, andere sich balgten. Da wute bald Dighby, da die Rmische Majestt wieder residiere in der Burg. Auch die hohen Staatsmnner wuten es, die Karussells fanden statt, Vorbereitungen zu einer Maskerade, Bauernwirtschaft im Prater. Aber mehr wuten sie nicht, morgen nicht, bermorgen nicht. Bis in die Nacht leuchteten die Bogenfenster der Burg aus den groen und kleinen Ritterstuben mit den frhlichen Herren. Dazwischen ging der Kaiser herum, sann und sann, ohne Rat, wen er sprechen sollte, wen er schicken sollte zu Gurland, seinem Schatzmeister, nach Gold und vielen vielen Geschenken, um Dighby sich willig zu machen. * * * * * Eines Morgens wandte sich Knig Jakob mit wegwerfender Miene von dem eleganten Dialektiker und Lstling ab, seinem Kanzler Buckingham, dessen feine rosa Seidenstrmpfe ihn reizten: er wrde sich in den Garten an die Frhlingsluft tragen lassen; mag denn das Volk recht haben, mag einer nach dem Kontinent fahren, sich die Finger verbrennen an dem Brei, den dieser Narr Friedrich sich eingebrockt hat. Einen Sprung fast einen halben Meter hoch auf dem Teppich des Audienzzimmers machte der sehr junge Lord, als der schlaffe Knig, kaum den Kopf bewegend, fortgefahren war. Dann zhlte er seine Schritte, ein zwei drei vier, er war an der Tre, eine gerade Zahl, die Sache wrde gut verlaufen. Und whrend Jakob zankend die Mistbeete abdecken lie und sich heimlich darber grmte, da seine Tochter Elisabeth in ihrer Liebesraserei sich diesem geleckten deutschen Kurfrsten, diesem Windbeutel, an den Hals geworfen htte, seine schne stolze Tochter, erteilte Buckingham hochmtig drei trotzigen Parlamentsherren Ausknfte orakelhafter Art in seiner Villa, beilufig hinwerfend, da man sich nunmehr des geschlagenen Bhmenknigs annehmen werde, spttisch genieend, wie den betrbten Lohgerbern ihre Agitationsstoffe fortschwammen, benachrichtigte den Lord Dighby. Von London fuhren nach Portsmouth darauf mit dem Lordkanzler, unter dem Schutz derselben fnfzig eisengeharnischten Arkebusiere -- gelbe und rote rmel, wst unter dem hochgeschlagenen Visier blickend, auf trampelnden gemsteten Gulen -- zwei deutsche Herren, die sich nicht abschtteln lieen, Rusdorf und Pavel, kurpflzische Rte. Sprachen fter heftig auf franzsisch den Lordkanzler an, der sie nach Belieben anhrte oder englische Worte hinwarf, die sie nicht verstanden. Dighby verbat sich in Portsmouth den Anhang dieser beiden Herren, worauf Buckingham die Achseln zuckte: es liee sich nichts machen gegen sie, ohne das Parlament zu erregen. Nasermpfend lie sich der junge Graf von Bristol die beiden Pflzer vorstellen; er und Buckingham zwinkerten sich lchelnd zu, als bei der Abfahrt unter Verbeugungen nach vielen Seiten die deutschen Rte das Schiff bestiegen. Vom Ostersonntag bis Dienstag reiste der Brite um Wien herum, Mauern und Basteien studierend, ber Wlle kariolend, wieder in die waldversenkten Nachbardrfer eintauchend, nach Hernals hinein, ber den Laurenzergrund, Altlerchenfeld, Nikolsdorf, den Rustschacher, Schutt, die Taborstrae, wo die Juden hausten, Mariahilf. Whrend alle Kirchen vom Jubelgesang der Menschen erschollen ber die Auferstehung des allerliebsten Herrn Jesu, die Trme vom Glockenschwung bebten, schlug sich Dighby vom dicken Rotenturmtor zum Turm Im Elend, Schotten- und Jrgenturm und Sankt Marx. Und als er das Siechenhaus im Regen des Ostermontags passiert hatte, schickte er zwei Knechte zur Heinersbastei, verlangte fr morgen beim Torschreiber Einla zum Krntnertor. Junge Burschen ritten langbebndert ber die Felder, trieben die Pferde in den Bach. In der Nacht weckte ihn Feuerschein in seiner Herberge; da schwang man drauen brennende Besen, zog grnes Volk singend, Asche streuend ins Freie. Der geschwollene Lord lie die zwanzig Mann pikenbewehrter Stadtgarde, die ihn am Krntnertor erwarteten, bis Mittag stehen. In einer Snfte kam er, warf seine Kalbsaugen nach den zierlichen Mdchen, den auf Stelzen spazierenden Frulein, lie halten, um einer Gruppe Minoriten kopfschttelnd unter die Kapuzen zu schauen. Am Hohen Markt war Gedrnge; ein Umzug wurde erwartet. Mit Flten und Pauken hoch zu Ro lie sich die Bckerinnung erblicken, weistrumpfig Meister und Gesellen, perlgrau die Beinkleider, blaue Jacken, silberne Schnallen an den Schuhen. Vom Salzgrie waren sie aufgebrochen. ber einen bekrnzten blutjungen Gesellen auf schneeweiem Pferde wurden unter Jubelrufen aus Fenstern, Balkons Blumen geschttet; angestemmt an die Brust trug er den riesigen Trkenbecher, drei erschlagene Janitscharen, ziseliert in Silber, dazu drei Bcker und das Heidenschuhaus mit der entdeckten klaffenden Mine, dem Ort ihres Triumphes. In einer verschlossenen Snfte hinter dem Lord fuhr man die beiden giftigen Pflzer. Rusdorf hatte sich in Nrnberg englische Lakaientracht verschafft; nur unter der Bedingung, sie tragen zu drfen, war er mit Pavel nach Wien gedrungen. Sie ngstigten sich hinter ihren Vorhngen, kein Wort lieen sie im Gedrnge verlauten. Als nach zwei Tagen der Abt Anton von Kremsmnster, Kammerprsident, sie in seinem stillen Refektorium empfing, ein ehrerbietiger schlaffwangiger Herr, der beraus verschchtert schien, wehmtig demtig um sich blickte, von Zeit zu Zeit entsetzt vor einer Motte zusammenfuhr und sich entschuldigend, fast weinend, sein Kppchen verlierend hinter ihr her durch das Zimmer rannte, vergeblich nach allen Seiten klatschend, schmerzvoll seinen Gsten die leeren roten Handteller zeigend, als er sie empfing, bat er mit dem Abgesandten des Knigs von England und den Beratern des pflzischen Kurfrsten getrennt verhandeln zu drfen. Die Verbeugung wurde steif beantwortet; die deutschen Herren blieben den Bescheid schuldig, warfen sich ratlose Blicke zu. Dighby, ungeschlacht, wilder blonder Kinnbart, Fuste in den Weichen, die beiden fixierend wie ein bekanntes absonderliches Tierpaar, machte eine demonstrierende Handbewegung: die Herren seien noch nicht so weit, sie wrden wohl morgen antworten. In ihrem Quartier, von Dighby aufgesucht und befragt, weigerten sie sich berhaupt zu antworten, wrden sich erst beraten. Sie kmen selbstndig fr den Bhmerknig und pflzischen Kurfrsten, wrden sich aber gewi nicht trennen lassen in der Diskussion von England. Er fragte den Reitstock wirbelnd, ob sie der Verhandlung ein Bein stellen wollten, ob er also warten solle, bis sie etwa Kuriere zu ihrem Herrn schickten. Die Herren spien einsilbig Wrtchen aus den Mundwinkeln wie Pflicht, unabnderlich, Beschluß«. Wollt mich tribulieren, ihr Herren von Heidelberg. Seid aber hier auf heiem Boden, wisset. Knauten: Unabnderlich. Mu sein. Knnen die Herren ihre Anliegen selbst betreiben. Scheinen zu glauben, ich wre ihretwegen zur Stelle. Bin Gesandter des englischen Knigs und Parlaments, das beleidigt ist. Das ist alles. Gut. Gut. Verstehen. Der Herr verstatte. Verstatte. Ich habe Zeit. Unsere Dienste dem Herrn. Gott zum Gru. Nun, nun, die deutschen Herren. Machen wir Parlament oder Boxkampf? Schob seine blauseidenen rmel hoch, Stock zwischen den starken Zhnen, wies seine dicken Muskeldrhte. Minutenlang stand er da, wiegte die Arme. Sie gingen geduckt auf und ab, Hnde auf dem Rcken. Er zog den zerknitterten Stoff wieder herunter, stampfte mit grobem Lachen hinaus. Der Kaiser war nicht da. Als er da war, empfing er nicht. Die Wut der beiden Pflzer Rte, da Dighby in Wien flanierte, sich um nichts kmmerte, vielleicht fr sich verhandelte. Spt abends trat er in die Gaststube ihres Quartiers, wo sie unter den Kerzen saen, Honigbier tranken. Auf der Schwelle schrie Dighby, dessen Masse im Dunkeln sich unsicher bewegte: Rusdorf. Der Herr? Rusdorf, kusch dich! Der entsetzt. Hui hui. Was ich sag'. Kusch dich. Er ist verrckt, flsterten die Rte. Auf den Tisch, hopp. Was. Hopp auf den Tisch. Mit schtternden Schritten Dighby nher. Pavel hauchte: Er ist verrckt. Tus. Rusdorf im langen braunen Rock vor Dighby ausweichend sprang pltzlich auf den Tisch neben das Bier, hob den Arm: Ich protestiere im Namen meines kniglichen und kurfrstlichen Herrn. Bist ganz still. Der andre. Der sagte gar nichts, achtete verkniffenen Gesichts auf Dighbys Mund. Der andre. Als Dighby zum dritten Male brllend ansetzte: Der -- stieg Pavel zusammenfahrend auf Tisch, Stuhl, setzte sich auf die Kante der Tischplatte gegenber Rusdorf. Zufrieden nickte der Groe: Ist schn. Ist schn. Runter vom Tisch. Nahm sich eine Kerze, ging hinaus, vor sich leuchtend. Allein die beiden. Sie tasteten sich auf Pavels Zimmer, schlossen die Tr, sahen sich an, machten eine Bewegung, als wollten sie sich in die Arme fallen, griffen sich nach den Hnden. Pavel sthnte: Was bleibt uns brig, als uns umzubringen. Rusdorf gebrochen: Herr Bruder. Pavel konnte sich nicht beruhigen: Er kommt fter. Verlat Euch darauf. Es war das erstemal. Er hat es heute erst versucht. Pavel, was sollen wir tun. Es kommt noch schlimmer. Und -- wir mssen unserem Herrn dienen. Unser armer armer Knig. Als Dighby am nchsten Mittag kam, sa Rusdorf, der aus Furcht nicht das Quartier verlie, allein da. Ohne ein Wort zu sagen, hob Dighby den Stock. Dann pfiff er. Flehentlich sagte Rusdorf: Der Herr treibt es zu weit. Wei der Herr nicht, wem wir dienen? Der pfiff. Einem hochgeborenen Herrn, dem Schwiegersohn des Knigs von England. Es bedurfte nur eines Schritts von Dighby, um Rusdorf auf den Tisch zu bringen neben eine Breischale. Der Lord, Hut Stock Degen auf die Diele schmetternd, rckte sich den Stuhl zurecht, langte nach dem Krug, fragte schluckend den Rat: Wie war das mit seinem Herrn. Es gefiel mir. Rusdorf beschwor ihn leise, mit einem gewissen vertraulichen Ton in der Stimme, er mchte doch Vernunft annehmen, ihre gemeinsamen Interessen bedenken, die Verwandtschaft ihres Herrn und alles; sie mten sich persnlich verstehen lernen, da ihre Sachen Hand in Hand gingen. Dighby fragte, wessen das fast ausgetrunkene Weinglas sei; und zum malosen Entsetzen Rusdorfs rief der Lord nach dem Hausdiener, der sogleich eintrat, an der Tr stutzend stehen blieb. Wein wollte der Lord; fr den Herrn oben auf dem Tisch ein neues Glas. Rusdorf hatte nicht vermocht, vom Tisch herunterzusteigen; ein kleiner Blick Dighbys von unten hielt ihn fest. Jetzt sa er, die Augen mit den Hnden verhllend, da, stumm, whrend der Lord schmatzte schluckte, ihm krftig zum Abschied die Schulter schlug. Rusdorf erwhnte gegen Pavel diesen Besuch nicht. Er sah es kommen, wie Dighby mit dem Stock spielte, da er Hiebe von ihm kriegte. Mit schmerzlichem Verstndnis suchte er die Unerzogenheit und Wildheit Dighbys auf sich zu lenken, damit mit Pavel die Geschfte von statten gingen; verteidigte fter den Lord vor Pavel, Jugend hat keine Tugend. Wir waren nicht besser, als wir jung waren. Ich selbst, Pavel, in Altdorf, o jeh! Leckte sich zrtlich die Lippen. Pavel sa allein an der Mittagstafel. Dighby herein: Wo ist der andre? Ich wei nicht. Ich wei, aber ich antworte nicht. Dighby ffnete stumm die Tr zur Nebenkammer: Ru! Ru! Rusdorf! ber die Stiege: Rusdorf. Her. Ran. Im grntuchenen Schlafrock, mit dem roten Schlafkppchen tappte etwas aus einer zweiten Seitenkammer. Aber schneller, wenn ich bitten darf. Rusdorf stand unsicher vor ihm, flsternd: Mein Gott, Lord, Graf, redet nicht mit mir in dem Ton. Der zischte zwischen den Zhnen: Ich schlag mich mit dem herum. Wo steckt Ihr denn, verdammter Schnappsack? O Gott, mein Allmchtiger. Vor Pavel, Lord. Still. Geh mir voraus. Zeigte mit dem Stock auf Pavel, der still dasa, mit seinem Degengriff spielte. Was ist? fragte unglcklich Rusdorf. Er soll auf den Tisch. Vorwrts. Er nahm, die Augenbrauen hochziehend, den Stock zwischen die Zhne, kreuzte den Arm. Rusdorf bettelnd, das Kppchen abziehend: O Lord. Der bewegte sich nicht. Rusdorf streichelte ihm die Hand, machte ein klglich inniges Gesicht, bat ihn sehr leise, in die Nachbarkammer zu kommen; er dachte sich da vor dem Lord zu entwrdigen, wie der es wollte. Dighbys Runzeln blieben steif. Zaghaft nherte sich Rusdorf dem andern am Tisch, flehte vor Pavel: Unser armer Herr. Der bewegte keine Miene, schien Rusdorf nicht zu kennen. Unser armer Herr, bettelte Rusdorf. Geht, flsterte er. Pavels Degen wippte am Boden. Rusdorf sah sich nach Dighby um, der stand still, scharf blickend wie Pavel. Kommt, geht auf den Tisch. Ich setz mich mit Euch, wir haben es gestern gekonnt. Es ist ja gleich vorbei. Er fate ihn um die Schulter. Ihn schauderte vor der Berhrung des blauen Tuches. Der hatte mit der Schulter gezuckt, den Oberkrper vorwrts, rckwrts geworfen. Abgeschttelt, seitlich stolpernd fiel Rusdorf auf die Hnde. So! stand er demtig vor dem Grafen. Der, den Stock im Gebi, zeigte mit den Blicken auf Pavel. Weinend, leise und zornig vor dem Tisch: Ihr drft es nicht so lange hinziehn. Ich vermag es dann selbst nicht. Es geht ber meine Kraft. Wenn ich dies alles erdulde von, von dem beltter. Kaum hrbar: Geht. Ihr mt. Ihr mt. Was hab ich euch denn getan. Rusdorf, geht. Kommt mir nicht mit >geht<. Was mir recht ist, ist Euch billig. Ihr drft nicht Euer Spiel mit mir treiben. Rusdorf, lat meine Hand. Der schumte: Nennt mich nicht beim Namen. Er fate ihn vor der Stuhllehne um die Taille. Pavel, ohne sich zu bewegen, steif wie ein Baumstamm, wurde wenig angehoben. Dann stie er dem sthnenden Mann den Degenkorb gegen die Schlfen. Der lie aufschreiend los. Dighby spuckte im ruhigen Anschreiten den Stock auf den Boden, klopfte Pavel auf die Schulter: War gut so, Herr. Drei Tage blieb Rusdorf darauf unsichtbar. Kam lrmend heraus, in alle Ecken sich umblickend. Was inzwischen geschehen sei. Stnde noch alles auf demselben Fleck wie frher. So mache man Geschichte. Der Herr Bruder hat keinen Grund sich zu ereifern. Und der Graf von Bristol, immer frisch hinter den Hunden und dicken Weibern her; Wirtschaft, saubere Wirtschaft. Frech kreischte er, als Dighby um Mittag erschien. Der lie es sich schmecken, ohne ihn zu beachten, konversierte mit Pavel. Nur beim Abschied konnte sich der Graf nicht enthalten, auf der Schwelle den erregten Rat mit einem kleinen Peitschenhieb abzuwehren. Lustig getuscht! duckte sich der, noch einen, recht, noch einen. Als er noch zur Vesperzeit fluchte rumorte, verlie ihn auch Pavel. Nach schrecklichster berwindung, fast berauscht vor Angst, betrat dicht hinter ihm Rusdorf die Gasse. Seine hitzigen Blicke, sein Lippenbeben, halblautes Selbstgesprch, die englische Tracht fielen auf; die Jungen, die nachliefen, schrie er an; die Mnner Handwerker Studenten suchte er ber Straen Wege auszuforschen, verlie sie lchelnd mitten in der Antwort. Verzweifelnd schritt er an der Spitze eines kleinen Volkshaufens, wute sich nicht Rat, als sich betrunken zu geben, unter wildem Gejohl nach Stunden wieder vor dem Quartier zu erscheinen, heraufgeholt von Dighby, der ihm finster die Kleider abnahm. Nunmehr ging er frisch im eigenen Kleid fter aus, begegnete ihm nichts. Setzte sich weiter in Bewegung. Und eines Tages erfuhr der Lord den unverhofften Besuch eines Geheimschreibers des kaiserlichen Hohen Rats, von dem er zu seinem Erstaunen hrte, da seine Bemhungen im erfreulichen Einklang mit den Absichten Seiner Majestt wren und da der Anberaumung einer Audienz nichts mehr im Wege stnde. An den Haaren zog der Lord den lachenden Rusdorf heraus aus der Kammer: Hinter meinem Rcken agiert! Ohne mich zu fragen, ohne mich zu informieren. Ihr! Ihr! Wer ist die Pfalz. Ich wrg den Herrn. Entzckt klffte Rusdorf dagegen. Wildes Lamentieren Dighbys, der davonrannte. Pavel, der zugegen war, schleppte seine schwermtige Gestalt durch den Raum, voll Ekels ber den Briten und seinen Gefhrten. Der Triumph des andern klang kaum an seine Ohren. Als ihn abends Dighby aufstberte, roh schreiend, ob der Herr auch etwas gegen ihn im Sinne habe, sagte Pavel matt, er wrde den Herren beiden nicht lange mehr zur Last fallen, der Herr mchte nichts von ihm befrchten. Rusdorf, der sich an Pavel drngte, las abends entsetzt die auf dem Tisch ausgebreiteten Papiere, Abschiedsbriefe; ruhig lie ihn der gewhren. Als aber Rusdorf nach seiner Hand greifen wollte, fuhr der andre wie gestochen zurck, leise scharf ausstoend: Scheusal. Viehisches. Schmieriges. Nicht mich angerhrt. Rusdorf weinte: Wir knnen nichts machen ohne Dighby. Verzeiht mir. Rhr der Herr mich nicht an. Ich wei mir keinen Rat. Es mag sein, wie dem Herrn gefllt. Nur mchte ich ihn bitten, mir bald aus dem Gesicht zu gehen. Was will der Herr Bruder tun. Wo will er hin? Der schwieg. Bruder, Herzensbruder, ich mu dir etwas sagen. Du darfst nicht weg. Bruder, du magst deine Briefe abschicken oder nicht. Ich will es nicht hindern. Nein, du wirst nicht weggehen. Ich, ich la dich nicht. Wie aber gedenkt Herr Rusdorf das zu hindern. Das mag der Herr nicht fragen. Ich werde noch heute Dighby und den Herrn verlassen. Ihr werdet das Haustor nicht zumachen. Ihr knnt nicht. Ihr zwingt mich. Ihr mgt denken, ob ich Ehre habe oder nicht. Mich tragt Ihr nicht so zum Gesptt hinaus mit Euch, Herr. Ich mu bei Dighby bleiben. Ihr werdet sehen. Ich fleh' Euch an, es nicht zu versuchen. Rusdorf kniete, wimmerte vor dem andern, der sehr traurig von ihm abrckte. Zwei Stunden spter wurde Pavel, verkleidet ber die halbdunkle Stiege hinabschleichend, am untersten Absatz aus der Finsternis von zwei Degensten getroffen, durchbohrt am Oberarm und beiden Schenkeln, da er mit Wehgeheul hinsank. Rusdorf mit dem blutignassen Stahl entwischte in eine Seitengasse. * * * * * Nikolaus Gurland, aus dem Sumpf der bhmischen Verwaltung vor dem Krieg nach Wien gekrochen, war ein Misanthrop. Die wsten Herren von der Landtafel hatten die kleinbrgerliche Rechenmaschine vergeblich zu kujonieren versucht. Seine trostlosen Berichte Memorials Denkschriften an den verstorbenen Kaiser Mathias hatten schon bses Blut bei diesen Herren gemacht; seine langweiligen Zahlen ber den Rckgang des Bergwerkertrags in Joachimstal Kuttenberg Ratiboric waren nicht zu widerlegen. Da er immer einen verwitterten blauen Tuchanzug trug und sich nicht um Politik scherte, regelmig zur Messe ging, beichtete, konnte man ihm nur zusetzen durch Verweise wegen Vernachlssigung amtlicher Wrde in Tracht Gebaren, ihm demtigende Belehrungen erteilen ber Umgang mit Behrden. Tief getroffen kaufte er sich einen kostbaren Federhut, zog sich blaue Strmpfe an, schwang einen zierlichen Degen, aber die breiten bhmischen Schuhe schleppte er an den Fen, den Mantel trug er wie ein Paket unter dem linken Arm. Der Chef, ungerhrt, ging ihn eines Tages mit einer frechen Bestechung an; da sah Gurland, da er mitmachen oder gehen msse. In Wien wurde er wegen seiner Griesgrmigkeit, des unpersnlichen Mitrauens, der ruhelosen Strenge und Reinlichkeit von Behrde zu Behrde geschoben. Den Don Marradas, einen groartigen liederlichen Herrn am Hofe, seinen Hausnachbarn, bewahrte er durch private Rechnungsfhrung vor schwerer berwucherung; Don Marradas ritt neben der Kutsche des Kaisers und war Kapitn der Hatschiere. So da dem bhmischen Sekretr Nikolaus Gurland das Letzte geschah, er sturzartig, seiner Verwirrung ungeachtet, in das Amt des Schatzmeisters gelangte. Seine brgerlichen Sonderheiten waren nun geheiligt; an den Wnden Straenmauern schlich er wie sonst, hohe Bediente Wrdentrger wichen vor ihm aus. Schiefschultrig feingesichtig, einen mausgrauen Mantel um den niedrigen Leib, stand eines Mittags Kaspar Frey, der Rmischen Majestt alter Geheimsekretr aus erzherzoglichen Zeiten, vor Gurlands erhhtem Schreibpult. Die Tr hatte er fest hinter sich angezogen. Er nahm die Zeit des unruhigen gelbgesichtigen Mannes oben mit hfischen nichtssagenden Redensarten und Pausen in Anspruch. In einem hintern Flgel der Burg lag die Schreibstube; Gurland, schwarze mitrauische Blicke werfend, schnalzte im Chorgesthl heftig an einem Entenkiel. Kaspar Frey suchte ihn freundlich zu stimmen, reizte ihn, nahm auf der rotbezogenen Besucherbank Platz. Schlielich gab er zgernd Auskunft, auch da er im Namen des Kaisers kme. Der unzugngliche Mann oben, dem man vieles geboten hatte, schwieg lange. Was Frey vortrug, berstieg alles Frhere; er sollte zum Mitwisser Mittter eines unglaublichen Unterschleifes gemacht werden; der Kaiser nicht, eine verwegene Person steckte dahinter, denn Frey war sicher nur Zwischentrger. Als sich die Tr hinter dem Abgesandten schlo, nachdem er eine halbe Zusage empfangen hatte, die ihn sicher machen sollte -- in zwei Stunden hoffte Gurland ihn nach einem kurzen berschlag ganz zufrieden zu stellen --, kramte der erschrockene Mann drin fiebrig mit seinen gelben Fingern nach seiner Seidenmtze. Er setzte sie sich auf seinen glatten starken Schdel, zischelnd rief er nach seinen Schuhen, auf dicken Pantoffeln schlendernd. Zum Kaiser; es war sonst sein eigenes Verderben. Ferdinand, aus der Kapelle zurckkehrend, empfing ihn traurig. Er streichelte ihm die Hand: Er kam in meinem Auftrag. Und als der entsetzt noch einmal fragte, sagte Ferdinand leise: Ja, wirst du vermgen zu schweigen. Und wenn du es nicht kannst, sag es nur ruhig. Du wirst mich nicht krnken. Du wirst in allen Ehren bleiben. Gurland fassungslos, Trnen in den Augen, fhlte seine Nasenhhlen sich weiten; ein khles Prickeln schlich um die Oberlippe. Er sagte nur ja, fiel ihm zu Fen. In seiner Schreibstube erwog er, ob er abdanken solle; seine Unruhe steigerte sich zur Verzweiflung. Frey kam. Er lief gegen ihn, konnte nichts sagen; alles, was er begehre, wolle er erfllen; warum er keine Zeile, keinen Ring vom Kaiser mitgebracht htte. Als gegen Abend die Rollknechte in dem Amalienhof der Burg die leinenverpackten Gerte, kleinen Kisten auf ihren Wagen gehoben hatten, sich in Bewegung setzten unter Begleitung starker, als Knechte verkleideter Hatschiere, hatte Gurland sich im Danksagen Verzeihungbitten gegen Frey gesttigt. Der geschwollene Lord schmetterte die Tre seiner Kammer zu; Rusdorf mute ihm tragen helfen; vor dem Bett des melancholischen Pavel stolzierte hndereibend der Lord, zwei Kerzen brannten auf dem Tisch; Faulbett Fensterbank Gesims Parkett bestellt mit kaiserlichen Gaben; auf dem kleinen Stollenschrnkchen, dem buntgemusterten, mit gewundenen hohen Beinen, eine breite schwere gelbblinkende Schale, eine goldene Waschschssel. So viel sind wir wert, den Herren! Herr von Meggau, Herr von Trautmannsdorf machen saure Gesichter, werfen mit groen dicken Worten. Der Kaiser schickt Geschenke! Pavel: Der Kaiser mag nicht eins sein mit seinem Hofe. Der Kaiser ruft mich zu einer Audienz. Rusdorf sondierte, ob er zur Audienz wolle. Freilich, ich werde ihn anhren. Dann um ein Geschenk bitten fr Herrn Rusdorf. He. Bitte der Herr um nichts. Wenn ich rate, gehe der Herr lieber nicht hin. Das wre. Der Herr glaube mir. Ferdinand hielt Euch fr einen kuflichen Schindhund. Den verruchten bestialischen Sinn wird der Herr bald erkennen. Ist kein Friede zwischen Habsburg und unsern evangelischen Husern. Neidet mir der Herr meine Lorbeeren. Will der Herr, begleit er mich, sei er mein Diener. Die Zeiten sind vorbei. Dighby zynisch lachend: Ich werde achten, wann der Herr seinen Degen trgt. Man mu sich ja vor ihm frchten. * * * * * Der Habsburger ritt. Dighby zu Fu wegen seines Hftwehs. Khler Buchenwald bei Wolkersdorf, warmer biger Maiennachmittag. Aufgescheuchte Haselhhner Marder, aus Sumpfwiesen der Lichtungen grelles Gequak der Frsche. Der Kaiser leicht gekleidet, weies Wams geblmt mit Anemonen, bauschige rmel, Schlitze mit goldenen Borten; am einfachen Ledergurt quer ber die Brust das Wehrgehenk; die Beine in den roten, weiten Kniehosen; hinter ihm wehte der schwarze Mantel gelbgefttert. Er plauderte gleichgltige Dinge, schwenkte oft seinen Tummler, so da er leicht heruntergebeugt mit einem Anflug von Verlegenheit und Besorgnis das Gesicht seines gleichmtigen Begleiters studieren konnte. Um seine Familie fragte er den Lord, der einherschritt mit dem Krckstock, tief ber dem Magen den Orden am blauen Atlasband; mit dem platten schmalkrmpigen Hut sich Luft fchelnd an seine roten vollen Backen; oft mute sich der Lord bcken, wenn er mit der groen Goldrosette seiner Halbschuh im Strauchwerk hngen blieb; noch dicker quoll beim Aufrichten in der spanischen Krause sein Hals. Der Kaiser sprach von Italien, setzte Feinheiten beim Saustich auseinander, erkundigte sich nach schottischen Hunden, schwoll ber von Jagdgeschichten. Mitten ber einen Waldpfad schnrten zwei Fchse dicht hintereinander dahin; der strkere, der Rde, voran mit einer Fasanenhenne, die Fhe mit einem zappelnden Junghasen. Dighby zuckte vorsichtig nach, der Kaiser lachte herunter ber seine Gespanntheit; stellte ihm frei, morgen den Bau zu graben, die Welpen auszuheben. Noch einmal dankte Dighby fr die Gastgeschenke. O, der englische Herr mge nur sehen, da es nicht an ihm lge, wenn sich Schwierigkeiten erhben. Er habe mit Freuden von den Ausgleichsbemhungen des Gesandten gehrt, Meggau und Eggenberg htten ihm berichtet, auch in die Denkschriften der Pflzer Legaten htte er geblickt. Ob sich die Majestt von der Triftigkeit der britischen Argumente berzeugt htte. Wei, wei. Meint es gut. Ist Euer Verwandter, der Pflzer Kurfrst. Der Herr wei, da beim Ausgleich mein hoher bayrischer Schwager mitzusprechen hat; fasse der Herr es gut und glimpflich an; an meinem guten Willen soll es nicht fehlen. Was hat ihm sein Souvern Sonderliches ans Herz gelegt? Dem flchtigen Kurfrsten zu seinem erbeigentmlichen Land auf jede Weise zu verhelfen, zu protestieren, da der Krieg in deutsche Lnder getragen werde, da Friedrich den Krieg nicht gefhrt hat gegen des deutschen Kaisers Majestt, sondern gegen einen habsburgischen Kronprtendenten, er selbst erwhlter bhmischer Knig; zu protestieren gegen die Reichsacht --. Wei, wei, die Grnde sind mir bekannt. Sonst nichts Sonderliches? Die Protestierenden werden es im Heiligen Reiche nicht leicht hinnehmen, wenn einem ihrer Glieder ein gewaltsames Leid geschieht. Wie dem sei, will der englische Souvern und sein Parlament nicht ruhig zusehen, wie ihren Glaubensverwandten Gewalt angetan wird. Spreche der Herr nur weiter. Der bhmische Zwischenfall ist erledigt, ist von Ihrer deutschen Majestt siegreich aus der Welt geschafft. Dies scheint uns ein Ende der Angelegenheit. ber Schadloshaltung, persnliche Sicherung sind die englischen Berater bereit, mit Friedrich in Verhandlung einzutreten; wir verhoffen uns einer guten Wirkung auf ihn. Bringe der edle Graf das in Mnchen an, Schwierigkeiten und Annherungen. Haltet nicht zurck. Mein Schwager wird Euren Grnden gerecht werden. Von mir seid gewi: ich grolle dem Hitzkopf, dem pflzer Friedrich, nicht; ich wei, auch der englische Souvern hat seine Pein mit ihm gehabt und sein bhmisches Abenteuer nicht gebilligt. Ich wnschte, der britische Hof htte vorher Einflu auf ihn gehabt. Der britische Souvern wird erfreut sein von der Friedensliebe und der Wohlgesinntheit Eurer Majestt durch mich zu erfahren. Ihr mt nach Mnchen. Der bayrische Herzog ist meine rechte Hand im Krieg gewesen; es ist nur billig, da er es beim Friedenschaffen ist. Sagt ihm auch, da ich Euch nach meinen Krften begabt und empfangen habe. Sagt -- nein. Vielleicht ist es besser, Ihr sagt es nicht. Nein, sagt ihm nichts davon. Er lchelte fremdartig, wehmtig den aufmerksamen Lord an: Mein Herr Schwager in Mnchen ist ein absonderlicher Mann. Ich wei nicht, wie er es aufnehmen wird; er ist oft melancholisch. Tut nach Belieben. Es gibt nichts zu verbergen. ber Mittag an der lndlichen kaiserlichen Tafel im Wolkersdorfer Schlchen verweilend, wurde Dighby bei Tisch vom alten Harrach, seinem vergngten, gewandt englisch parlierenden Nachbarn, erffnet, da der Kaiser dem Herrn fr die Mnchner Tour noch Gesellschaft mitschicken wolle, die ihm zur Seite stnde bei Audienzen, ihn auf dem Laufenden erhalten mge ber Wiener Ansichten, Kenner des bayrischen Herzogs. Den Nachmittag zuvor war dies festgesetzt zwischen dem Herrscher und einigen Mitgliedern der Hofkammer; erregt, fast bettelnd sagte Ferdinand: Wir mssen alles anwenden. Wir drfen uns nicht scheuen, jedes Mittel dranzusetzen, um zum Frieden zu gelangen. Und keiner der sehr klugen edlen Berater wute, warum sich der Kaiser so um den Frieden hrmte. Nur Trautmannsdorf, der verwachsene kleine Mann, der verschwiegene, ahnte etwas, als angefangen wurde von dem Bayern, und der Kaiser davon nicht abkam, nicht abkam. Er dachte an die auffallende Begrung, die Ferdinand zu Mnchen erfahren hatte bei der jubelnden Rckkehr aus der Krnungsstadt Frankfurt, Ferdinand, eben zum Kaiser gewhlt, gesalbt. Die eisige Maske des dunkelbrtigen Wittelsbachers, der neben seinem liebenswrdigen gebckten Vater, dem schneeweien Verschwender und Bankrotteur, vor den Mauern der Stadt an den kaiserlichen Zehnspnner trat, stumm dem lachenden bersprudelnden sterreicher gegenbersa in dem spiegelnden Kristallwagen. ber den Kpfen der drei Regenten brannte abends ein Feuerwerk am Isartor, an der Langen Brcke, ab, Kanonen wurden auf allen Wllen gelst, die Donnerschlge rollten majesttisch in die dunkle schwere Sommerluft hinein. Erst am Tage darauf in der schnen und reichen Kapelle der Frsten, angesichts des silbergetriebenen Altars, vor den wunderbaren Reliquien des Heiligen Ambrosius, des Heiligen Stephan, der Walpurga, Damiana, Agatha, Crispina, gedachte der glckstrunkene Herrscher Bhmens, und da seine Erblande in Aufruhr und Abfall waren. Hllisch verzog sich auf dem Rckgang in die Ritterstube einen Augenblick das marmorfeine Gesicht Maximilians. Stiller wurde zwischen den Seidentapeten, den gewirkten stolzen Bildern aus Bayerns Geschichte der Kaiser; in drckendem Pomp umgingen ihn die Ritter mit blauen und roten Rcken. Eines Tages war ihm abgezwungen im fast schweigenden Hin und Her die Fhrung im kommenden Krieg: fr die Gestellung der Heereshilfe mit den Streitkrften der Liga das unumschrnkte Direktorium der katholischen Verteidigung bei Maximilian, absolute Gewalt im Kommando bei Maximilian; nicht Verhandlung noch Frieden ohne ihn. Und als der Kaiser unterschrieben hatte, war es an einem Montag gewesen, dem zweiten im Monat, an dem der Herzog Gerichtstag hielt, zwei Tage vor der Abreise, da der Kaiser mit Maximilian eine lange Stunde in des Herzogs Sommerstube eingeschlossen verweilte. Die Stube lag zur ebenen Erde, gewlbt war sie, Figuren hatte Peter Candro an die Wnde gemalt, blau und wei war der Boden gepflastert; auf dem Sims im Umkreis prchtige Kpfe in Bronze, Marmor. Eine lange Stunde war nur zu hren Stampfen mit dem Fu, klirrendes Hinfallen eines Degens, die flsternde drohende beschwrende Stimme des Habsburgers; die langen Pausen vor den knappen befehlerischen Stzen des Wittelsbachers, die aus der Stummheit kamen, wie Bulldoggen aus ihrer Wachhtte. Zwei stille Wartetage. Jhe Abreise. Der Kaiser erst gebrochen, dann finster. Ich schicke dem Grafen von Bristol so viele gewandte Herren mit, auf da ihm nichts miglcke. Mnchen ist eine Festung -- der edle Herr wird davon wenig vernommen haben -- die im heiligen Rmischen Reiche, vielleicht auf der ganzen Erdflche nicht ihresgleichen hat. Ja, lchle der edle Herr nicht; noch sieben Tage, und er wird mir glauben. So geht der Bote des Knigs Jakob einem ehrenreichen Strau entgegen. Die Basteien des vielbenannten von Groote sollen mich locken. Keine Ehre werdet Ihr ernten, Lord Dighby; ich will Euch lcheln lassen; Ihr ahnt nicht, wie vermessen Ihr seid. Eure Artillerie wird Euch in ein zwei Wochen nicht mehr bednken wie ein Kinderstecken. Eure Artillerie wird Euch aus den Hnden gerungen sein, ehe Ihr erkundet habt, wo der Feind steht. Redet Kaiserliche Majestt von Ihrem durchlauchtigen Schwager in Bayern? Bildlich, Lord, und in Eurem Sinne. Er ist mein Freund, und ich kenne ihn. Segne Euch Gott, Lord, auf Eurem Weg. Seid gewi, was ich Wnsche und Gebete an Euch wenden kann, wandert mit. Seid furchtsam, ich beschwr Euch, zittert vor ihm, als wret Ihr Tag und Nacht von Gespenstern und Teufeln heimgesucht. Zittert; erinnert Euch daran, da ich es Euch gesagt habe. Nehmt alles, was Ihr sehen und erfahren werdet, nicht fr einen Ausdruck des Gemts, sondern fr etwas anderes, was Ihr spt entdecken werdet. Ich beschwr Euch, gedenkt meiner Worte. Frchtet den Herzog, er ist stark; er htte es verdient, statt meiner auf dem kaiserlichen Stuhl zu sitzen. Ich bin glcklich, jetzt auf meinem rechten Platz zu stehen. Ich zittere, aber nur vor Ungeduld. Herzlichkeit ist mir unbekannt, Freude kann ich schwer in meine Sprache bersetzen. Meine Artillerie steht zu Diensten. Der Feind soll sich hten. Ferdinand lachte kindlich, blickte ihn verschleiert an, strich ihm die Hand, klopfte ihm die Wange; er flsterte: Euer Hftweh scheint schon behoben. Schlagt ihn nur nieder; in die Knie, Lord, in die Knie; so ist's recht: aber Euch wird der Kopf abgeschlagen. Geht. Was kann ich noch fr Euch tun? Wollet gut von uns denken. * * * * * Als Dighby zurckkehrte in sein Quartier, noch nicht erholt von seiner Verblffung, trat er zum Schlaftrunk, noch im weien berrock, den hohen, platten Filzhut auf dem Schdel, mit zerdrckter spanischer Krause, schtternd, lachend, armeausstreckend in Pavels Kammer: Der Kaiser hat mir ein Bndnis angetragen. Wit Ihr auch, gegen wen? Rusdorf schlich vom dunklen Eckschemel her, schaute ihm in das volle blutstrotzende Gesicht, auf das das Kerzenlicht fiel. Dighby klatschte in die Hnde: Bei Gott, ihr Herren. Gegen wen in Bayern? Unsere Sache steht ausnehmend gut. Und whrend er mit den flatternden roten Hosenbndern, weibestrumpft um den Tisch ging, aus dem Glas schluckte, das ihm Rusdorf bot, schttete er sein stolzes Lachen aus: Ich verlange Rumung der besetzten Gebiete, Schadenersatz, Shnegelder oder Land. So sprechen die Herren doch. Rusdorf: Zunchst: was hat der Kaiser geboten? Die Herren werden nachgeben mssen. Gewi. Wir mssen zu einem Ende kommen; das ist notwendig. Gebt nach. England braucht Ruhe. Das hat der Kaiser gesagt? Der Herr schien mit einem andern Ton herzukommen. Scher euch das nicht, was fr ein Lied ich pfeife. Die Herren haben nachzugeben. Wir mssen uns gegen Spanien regen. Der Augenblick ist da. Sonst geht's um Hals und Kragen. Das hat der Kaiser gesagt? Wir mssen die Hnde endlich frei haben von euch. Ihr kennt unsre Lage nicht. Wir haben genug an dem deutschen Narrengeznk. Um den Kniefall vor dem Kaiser kommt euer Kurfrst nicht herum. Pavel sa aufrecht im Bett; seine Beine, verwickelt wie sie waren, lie er herunterfallen, die Augen des kranken Mannes glhten: Herr, was untersteht Ihr Euch? Dighby nahm den letzten Schluck, rckte leicht an seinem Hut: Zum Gru. Die Herren werden nicht gefragt werden. Prchtig schlurrte er ber die Schwelle. Rusdorf, seinen Schemel an das Bett ziehend, mit vibrierender Stimme: Ihr seht, Pavel, worauf es hinausgehen soll. Es war vorauszusehen. Man will ber unsre Kpfe, ber den Kopf unsres gndigsten Herrn weg, den Frieden schlieen. Wir werden die Festlichkeit zu bezahlen haben. Es ist nichts als ein Spiel, was man mit uns treibt in England. Die Herren treten sich nicht die Schuhe ab fr uns. Man hat uns den rohesten mitgegeben, damit wir's gut merken. Gewi, verlat Euch darauf. Es ist eine Farce, was sie mit uns treiben, nichts als Theater, Sand in die Augen fr ihr Volk, das uns wohl will. O, wenn wir das Parlament aufklren knnten, wie sie mit uns Schindluder treiben. Pavel mit glhenden Augen aufrecht: Beruhige sich der Herr. Wir werden antworten, ohne da man uns fragt. Sanft und zage suchte Rusdorf nach seiner Hand auf der Decke: Wird der Herr abreisen knnen? Ich denke. Wir sind jetzt ntiger als sonst. Es wre mir doppelt bitter, jetzt den Herrn allein zu lassen. Rusdorf, wir werden noch einmal miteinander fechten mssen. Der hielt sich die Ohren zu, mit verbissener Miene: Erinnert Euch nicht. Wir wollen unserm Herrn dienen. Wir wollen nicht an uns denken. Wie frher, Pavel, wie frher. Pavel starrte vor sich mit unbewegtem Gesicht: Ich will nach Hause, Rusdorf. Ihr sollt. Ihr sollt; fahrt auch nach Hause. Habt Geduld. Steht mir nur jetzt noch bei, Pavel. Wir knnen nicht nachgeben. Diesen Frieden mu ich zerstren. Ich gebe ihm nicht nach, und sollte mich der Satan selber packen. Nach zwei Tagen packten die Herren ihre Sachen; hoffnunggeschwellt brach Lord Dighby nach Mnchen, der Stadt des frommen Maximilian, auf; die beiden Pflzer hinterher. * * * * * Als es ruchbar unter den deutschen Frsten wurde, da ber den Pflzer Friedrich die Acht verhngt war, erschrak der alte Pfalzgraf Philipp Ludwig von Pfalz-Neuburg in seinem sonnigen weltabgelegenen Winkel. Zwischen seinen Schachteln mit Diamanten kramend, ber geschnitzten Kirschkernen grbelnd, die Becher aus Rhinozeroshorn abtastend und versteckend, hrte er zitternd von dem groen Krieg, denn er war aus dem gleichen Hause wie der glanzvolle gechtete Mann, dem der Englnderknig seine Tochter gegeben hatte. An seinen Ebenholzkrcken schlich er in seine Kanzlei ber weite brtende Gnge, murmelnd und hnderingend seinen Kanzler, den Sartorius aus Dillingen, zu befragen. Nichts lag ihm so am Herzen, als da alles im tiefsten Geheimnis bliebe, da der Kanzler schwiege, da man mehrere besondere Chiffernschlssel anlege fr diese Sache, da auch die Shne nicht eingeweiht wrden. Besonders jener Sohn nicht, der mit einer herzoglich bayrischen Prinzessin sich vermhlt hatte, denn dieser war stolz und ehrschtig, ein Habenichts ohne den Vater, immer mit den Augen auf dem Glanz des Mnchner Hofes, das versunkene versponnene Neuburg verachtend. Der Krieg ist ein Totengrber, murmelte der Alte auf der verschlissenen Samtbank wichtig und hitzig zu dem Kanzler, er sargt Leutchen ein, die eben noch mit graden Beinen tanzten, und uns alte Trpfe holt er aus dem Kasten, lftet uns; werden uns die Menschen, das Volk und die Stnde, anstarren, da wir noch leben. Der Philipp Ludwig von Neuburg! Ei, regiert denn der Wolfgang Wilhelm nicht, der wackere, der die Bayrische heimgefhrt hat? Nein, der alte Philipp Ludwig htet noch sein artiges Grtlein, erfreut sich der Mispeln, Amaranthus und Tausendschns wie immer. Sieh an, sieh an. Hat das groe Sterben abgeschlagen, das Kriebeln und das bhmische Schafgift. Er lebt, Kanzler, ohne Zhne, am Stecken hngt er, die Finger krumm, die Knie krumm, der Darm will nicht. Der Kopf schlft uns den halben Tag und die ganze Nacht, kaum da wir uns besinnen zu essen und Gott zu loben. Wir wren schon lngst tot, wenn nicht unser Kamerad wre, der uns ein Glschen Wein brchte von Zeit zu Zeit und die Beine einriebe. Was wird Durchlaucht tun? Warten, Kanzler, wie bisher. Wir haben Zeit, wir sind ja nicht jung. Geduld, Geduld, rennt Ihr zwanzig Meilen und keucht Euch das Herz aus dem Mund, wir kommen noch nach. Die Welt kommt schon zu uns. Ich werde auf Befehl Eurer Durchlaucht zunchst zwei Plne entwerfen ber unsere Ansprche an den Nachla des chters. Der im Wolfspelz drehte ihm schrg mit Wackeln den Kopf zu, den dnnen Mund offen, blinzelte mitrauisch: Es ist nicht ntig zu planen. Was sind das fr Plne. Aus Plnen und planen wird nichts. Hrt auf mich. Man darf nichts berstrzen. Lat das. Seht mir zu, da das Geheimnis gewahrt bleibt. Schreibt nichts auf, um Jesuwillen, schreibt nichts auf. Und wenn Durchlaucht von pltzlichen Ereignissen berrascht werden, von Einmischungen fremder? Der zitterte, winkte mit den Armen ab, unterbrach, sich am Ohrlppchen zupfend: Nicht so, Kanzler. Ihr drft nicht so sprechen. Es wird nichts herkommen, den alten Neuburger berraschen. So weit sind wir nicht. In dieser Weise fangen wir nicht an. Geht mir aus dem Wege mit Euren Sachen. Grbelt nicht weiter nach. Mein Gott, ich htte nicht darber reden sollen. Soll denn mein ganzes Haus umgestrzt werden. Wir mssen warten. Ich werde Euch sagen, wann Ihr nachdenken sollt, wann Ihr mithelfen sollt. Abgehend streichelte er ihm den Handrcken, slich lchelnd, meckernd, jammerte leise. Der Kanzler wackelte lang und knickrig die beiden Stufen zu dem Schreibschrank hinauf, seufzend trat er ein, spielte mit der Papierschere am Tisch. Es war Mitrauen, was der Frst uerte; innerlich fieberte der Alte. Es sollte niemand daran teilnehmen. Ungeheuer war der Geiz des ehemals lustigen Mannes gestiegen, was er nicht in Diamanten und Kuriositten anlegte, versteckte er in Eisenksten und Kisten, die er auch in Grten vergrub. Er klagte ber jeden Gulden, den er fr Ausbesserungen des Schlosses, neue Livreen ausgeben mute. Ganz unfrstlich hatte er vor einigen Jahren seine Gemahlin begraben lassen, nachdem er sich nicht gescheut hatte zu erklren, solche Bestattung sei ihr Wunsch gewesen, der Wunsch der Frstin, die unter seiner Habsucht und Nrgelei allmhlich erstarrt war in dem stillen Neuburg und noch einmal wenig aufgelebt war nach der Vermhlung des ltesten Sohnes, der sich vom Hof fernhielt. Sie wute, da der Pfalzgraf sie wie eine Bettlerin verscharren wrde. Jetzt konnte man ihn bestehlen, wenn man wollte; er verga, was er eben angriff; die wenigen Diener, die ihm anhingen, bewahrten seine Habe, indem sie ihn einschlossen, wo sie ihn trafen. In den nchsten Wochen fand man den Frsten, der Sommer und Winter in einen Wolfspelz sich einmummte, von kleinen Zettelchen umgeben, die er gierig aufraffte, sobald er erwachte, und sammelte, bei sich versteckte, in Taschen, Pantoffeln, den Hosen, hinter irgendeinem Ofen, an dem er unbemerkt vorbeiging. Einmal kamen die Bauern vor die Schlorampe, mit ihren struppigen Haaren, biederen und grimmigen Mienen, plumpen Schuhen, die Hahnenfeder steil auf den kleinen Hten, trugen Klagen vor gegen zwei Amtmnner, einen Rentmeister, machten groe Pausen, hoben immer wieder die Hnde. Es wrde zu viel schlechtes Geld ins Land geschleppt; sie wollten Salz nicht um doppeltes Geld kaufen, sondern da, wo es am billigsten sei; die Juden sollten vertrieben werden; der Rentmeister erhebe Wegzoll berall, aber sie wollten nur da zahlen, wo gute Wege seien; man mchte den Amtleuten das unberechtigte Holzschlagen in den Gemeindewaldungen verbieten. Der Alte mit dem Kanzler auf der Rampe keifte mit den Grtnern, da sie die Bauern vor das Schlo gelassen htten, wo berall frischer weier Sand gestreut sei. Die Bauern sollten sich nicht beifallen lassen, denselben Weg zurckzugehen durch den Park und alles zu verdrecken und betrampeln; sie wrden gefhrt werden um das Schlo herum, dann htte einer hinter dem andern den Kchenweg zu spazieren. Was wollt ihr eigentlich hier? schrie er schnffelnd, an seinem Ohrlppchen arbeitend, wit ihr nicht, wo ihr hingehrt? Warum geht ihr nicht an eure Arbeit? Ihr sollt machen und marschieren, wo ihr hergekommen seid. Wit ihr Trpfe, was ihr seid? Brenhuter, Fuchsschwnzer! Mir die Wege vertrampeln! Fort mit euch! Kriegt Hunde an den Hals. Und whrend sie langsam, strrisch, mit verzerrtem Gesicht, niedergeschlagenen Augen an ihm vorbeizogen, wie man sie fhrte, und sich verneigten, schmhte der kleine Alte mit rotem Kopf auf sie und spuckte; sie sollten nicht ihr Geld verspielen, in den Badehusern sitzen und schwtzen. Dardanisches Spiel, Cinque, Sesse, die Filzlaus! Die verdammten Sptter und Schnurrer, die sie auf die Drfer riefen, Seiltnzer Eisenfresser, fahrende Frulein, und die Abgaben verweigern der Obrigkeit! Zu saufen wie Soldaten und reiche Herren! Als sie davongemurrt waren, spie er auf den Gngen und Stiegen noch aus, lachte schlimm; die Weiber steckten dahinter mit ihrem sndhaften Begehren nach Putz und Quinquireleien; tut man bald gut, das Hexenvolk von den ckern zu verjagen. Der Kanzler, beim Durchschreiten einer Hofgalerie, meinte leise, die Amtleute mten hher bezahlt werden. Bse meinte der Frst: Recht so, recht so. Die Herren sollen wissen, wer regiert! Nichts da von Nachgeben. Lassen wir uns die Welt ber den Kopf wachsen, Sartorius? Brummelnd meinte er etwas von dem bhmischen Schafgift, das ihm nichts angetan habe. Am Gelnder stand er auf seinen Krcken fast eine halbe Stunde, vor sich zischelnd, den Kanzler nicht beachtend, lebhaft gestikulierend. Zog seinen Mantel fest, sah an dem Kanzler auf. In der Kanzlei, mit flsternder Stimme, gab er dem verblfften Mann Befehl, alles stehen und liegen zu lassen; in einer Woche wolle er mit ihm eine Reise antreten. Philipp Ludwig verabschiedete sich nicht von seinen Shnen; es hie, er mache einen Jagdbesuch bei seinem Nachbarn, dem Markgraf von Burgau. Unter dem Kopfschtteln des Haushofmeisters und allen Hofgesindes bestieg er mit fnf Mann Gefolge die Reisewagen, nachdem er noch schniefend dem Vertreter des Kanzlers Acht empfohlen hatte auf die arglistigen Bauern. Soviel Geld und Pretiosen er im Gepckwagen transportieren konnte, nahm er mit; heimlich schlossen sich eine halbe Tagereise hinter der Stadt zwei Rotten Berittene an, die er gedungen hatte als Geleit. So zog er stattlich durch die Grafschaft Scheyern Pfaffenhofen. Dort brach die Achse des Gepckwagens vor dem Krug. Geschrei Lamentieren des Frsten, der tiermig vermummt sich nicht bewegen konnte unter seinen Pelzkappen, gestrickten italienischen Hemden, wattierten Wmsern, Strmpfen aus Lammfell. Seine Furcht, die Sache knnte ruchbar werden, man knnte Verdacht schpfen in Neuburg, die Shne knnten etwas merken, die Berittenen knnten den Gepckwagen plndern. Verngstigt schnaufte er aus seinem Fellhaus heraus mit dem steifen stummen Kanzler, ob man die beiden Rotten nicht fortschicken solle; man htte den Bock zum Grtner gesetzt; aber dann sei man den wartenden Soldaten und Fechtbrdern ausgeliefert. Er gab dem Kanzler ein Galgenmnnchen in die Hand, er selbst umklammerte mit jeder Faust zwei: Greift sie fest, da nichts geschieht. Die Berittenen muten sich, als die Achse gesttzt war, vierzig Schritt hinter dem Wagenzug halten. ber Dachau Nymphenburg nherte man sich nach zwei Tagen Mnchen. Der Pfalzgraf, bergeschftig, hocherregt, wagte sich aus seinem tierischen Kerker heraus, schweibegossen, bisweilen vllig wirr im Wagen nach vielem Schwatzen Disputieren und Aushorchen legte er als seinen neusten Trumpf hin, da man in Mnchen nicht so kurzerhand vorgehen knne, wie wenn es sich um die Privatsache von Hinz und Kunz handle, da man nicht so einfach gerade ausgehe, seine Kammerdiener und Lufer schicke, sich von einem Hofmeister ein Losament anweisen lasse, einen Besuch abstatte, Gegenbesuch erfolge, Geschenke Gegengeschenke Besprechungen Banketts Zechereien des Gefolges, Ausritte Karussells. Dabei bringe man eine Sache von solchem Gewicht leicht ins Lcherliche, bringe sie zum Versanden zwischen lauter Gerede und Hflichkeit. Kurz und gut, er she gnzlich ab von einer persnlichen Rcksprache mit dem Herzog Maximilian, gnzlich und berhaupt. Was dann nun sei, geschehen solle, sann besorgt der Kanzler; so msse man wohl umkehren. Also, fuhr der Pfalzgraf fort, er she gnzlich davon ab. Er fr seine Person. Es sei seine Ansicht, durchaus seine Privatsache. Er hindere niemanden, eine abweichende Ansicht, Meinung zu haben; im Gegenteil, es sei jeder sogleich verpflichtet, sie vorzutragen, zu vertreten. In ihm war kurz vor dem Ziel, vor dem fernen Blinken der Liebfrauenkirche die entsetzlich beschmende Furcht aufgetaucht, der ganzen Situation nicht gewachsen zu sein; die Persnlichkeit des Bayernherzogs drohte; ihm graute davor, sie knne sich an ihm, dem Neuburger ehrwrdigen Pfalzgrafen, vergreifen, irgendwie ihm respektlos begegnen. Er fhlte sich, noch nicht eingetreten in die Stadttore, berwunden von Widerwillen, einem Durcheinander peinlicher Bilder; sah sich schon auf einem Sessel in der feierlichen bayrischen Residenz, schwerhrig wie er war, unfhig den Spitzen und Feinheiten von Maximilians Worten zu begegnen; ein ngstigendes Schauspiel. Er lie sich Kissen in den Rcken schieben, die Vorhnge schlieen, einen langsamen Schritt anschlagen. Diese Trockenheit in Bayern, klagte er. Er werde jedenfalls, wenn es denn sein solle, den Maximilian im Hintergrund beobachten fassen erwischen. Dabei blinzelte er seinen gespannt nachdenkenden Kanzler, die trbe ehrliche Gestalt, an, ob der ihm nicht irgendwie zuvorkme. Der rang die Hnde, hatte einen heien Ton in der Kehle: Was machen wir, Durchlaucht? Mein Heiland, die ganze Fahrt, die lange Fahrt; und Durchlaucht werden erschpft sein. Ja, erschpft. Er hat es gefat, Kanzler. Ich bin erschpft. Mehr als das, vllig unbrauchbar. Mir fehlt nur das Bett. Ich bin ein alter Mann. Er bat auch um das Kissen des Kanzlers: Ihr seid ein verstndiger Mann. Ich htte keinen bessern mitnehmen knnen. Wir werden ein wenig schlummern. Whrend der Kanzler entsetzt Minute nach Minute zhlte, sie sich den nrdlichen Stadttoren nherten, schlummerte der Frst oberflchlich, murmelte befriedigt, man drfe in keinem Fall Dinge berstrzen; jeder sehe, da er mde sei; er mchte das Weitere bernehmen. Als er zwischen den leicht gehobenen Lidern den Blick des Kanzlers erkannte, wiederholte er sanft: bernehmt nur das Weitere. Ich werde Euch Vollmacht erteilen. Aber Durchlaucht. Kanzler, Ihr braucht mich gar nicht viel fragen. Ich habe Vertrauen zu Euch; ich hatte es schon immer, konnte es nur selten offen uern. In den Jahrzehnten, die Ihr um mich seid, habt Ihr die Grundstze meiner Regierung genugsam kennengelernt. Ihr habt Euch lngst -- ich wei ja, seid nicht zu bescheiden -- alle Selbstndigkeit in den Regierungsmanahmen erworben. Der wand sich, verneigte sich, errtete, hob die Finger an die Schlfe. Der Frst lie den Wagen halten, schlief eine halbe Stunde. Er lchelte im Weiterfahren erquickt den andern an: Ich habe, wenn ich Euch gelehrten und wohlerzogenen Mann betrachte, die wirkliche und ehrliche Meinung, da Ihr die Neuburger Regierung ganz in meinem Sinn fhren knntet. Als Nachfolger knnte ich mir niemand lieber wnschen als Euch. Wie schlapp bin ich. Doch ein mdes, morsches Haus. Als der Kanzler gebeten hatte in seinem Schreck, neben dem Wagen spazieren zu drfen -- er gedachte Zeit zur berlegung zu gewinnen, indem er das Tempo des Wagens verlangsamte -- blickte ihn der Alte, drin langhingestreckt, den rechten Arm anhebend, listig an; ob er auch das Galgenmnnchen ordentlich drcke; dies sei die Hauptsache; dann passiere nichts; Maximilian trage wohl keins; da sei man ihm ber. Im brigen wisse er etwas; das Einfachste sei, der Kanzler vertrete ihn beim Herzog. Tretet ihm ruhig entgegen. Lasset Euch von seinen Praktiken nicht imponieren. Ihr fhlt ihm auf den Zahn; wie leicht ist das. bermorgen kehren wir heim oder einen Tag spter, wenn das Wetter gut bleibt. Und Ihr, Durchlaucht? Und ich? Wir sind hier Fremder, ein Gast des Neuburger Pfalzgrafen. Macht Euch darum keine Sorgen. Ich werde Euch Direktiven geben, wenn ich mich restauriert habe. Wieder rang der die Hnde, es ginge nicht, der Frst als sein Begleiter, es ginge wider den Respekt, um Himmels willen, welche Verirrung, welche Verwirrung, welche Herausforderung gttlichen Grolls. Mein Lieber, ghnte gutmtig der Frst, die Augen geschlossen, wage Er es nur. Wir befehlen es Ihm, und so ist Er jeder Verantwortung vor gttlicher und menschlicher Behrde ledig. Aber um Jesu willen, der Respekt, der Respekt vor Eurer pfalzgrflichen Gnaden. Was soll der Herr Herzog in Bayern und ihr erlauchter Hof von mir denken, da ich glaube, im Namen des Neuburger Frsten selbstndig verhandeln zu knnen. Befriedigt nahm das der Pfalzgraf an; es werde nicht peinlich sein, jedenfalls nicht sehr; er werde alles in die Wege bringen, freilich etwas peinlich bleibe es. Gegen Euer Durchlaucht Haus, gegen die Anverwandten, die hohen Vorfahren. Freilich, es ist peinlich, bitter peinlich. Es ist ein Unrecht gegen das Haus. Aber es mu sein. Wir verantworten es. Wir befehlen Euch, uns whrend unsrer Schwche nach Vermgen zu vertreten. Ruhelos trabte drauen der Kanzler; in einem pltzlichen Entschlu kte er die auf dem Wagenschlag ruhende runzlige Hand des Alten, demtig, tief demtig innerlich um Verzeihung bittend fr alles Zuknftige. Die Reiter abgedankt, am Abend am Schwabingtor von der Torwache eingelassen, vom Schreiber vermerkt als Neuburger Kanzler Sartorius nebst unterschiedlichem respektierlichem Anhang bezogen sie Quartier in der berhmten Herberge Der Strauß«. Tapsig schritt der Frst neben seinem verlegenen Kanzler her in unsglichem Behagen. Er lachte krftig, wie er sah, da man dem Heiligen Benno hierzulande in der Frauenkirche tglich mehrere Zentner Kerzen verbrannte. Am Weinmarkt stand das mchtige Landschaftshaus. Der Geheime Rat Jocher nahm im Alten Hof, in einem Gemach der Hofkriegskammer, den Vortrag des Neuburgers entgegen; recht wenig Haltung zeigte der Kanzler vor dem starken groen wrdevollen Mann, der ihn mit berlegener Hflichkeit zur Stiege begleitete. Wir bleiben bis zum Bescheid, erklrte Philipp Ludwig. Eine Mietssnfte fhrte ihn den halben Tag durch die Stadt; der Frst kam nicht aus dem Lachen heraus. Wie sie alles zeigten, nichts versteckten: Bilder Schmuckwerk Tapisserien, Bauten ber Bauten, vierstckige Huser, Prunkfassaden, Kirchen voller Reichtmer. Haltet den Beutel zu, kicherte er abends dem Sartorius in der Schlafkammer zu, was gibt es fr Narren. Unser Neffe Maximilian hat viel Geld, schnes schnes Geld. Seht an: er verdient es nicht. Er wirft es weg. Aus der mrrischen einsilbigen uerung des Herzogs machte Jocher die umstndliche Belehrung an Sartorius, der sie ehrerbietig entgegennahm, da die Kur nach chtung des Pflzers natrlich an den Kaiser zurckfalle, der sie weitergebe; gbe er sie dem erklrten chter nicht wieder, so einem Bruder, einem bestimmten nchsten nheren Anverwandten, und so fort. Sei alles Sache des Kaisers und der Hofkammer; diese gelehrte Institution verdiene jegliches Vertrauen; mge jeder gewi sein, da sein Recht dort und bei Erwhlter Rmischer Majestt ruhe wie in Gottes Scho. Jocher schickte vor dem Abschied, da er bei einem Gegenbesuch einen alten einfltigen Gesellen als des Sartorius Reisebegleiter im Strauß« antraf, einen gewandten bessern Mann, der Mnchen kannte. Dieser setzte sich, grob wie er war, nachmittags ohne weiteres in der Kammer des Frsten fest, warf die kostbaren Kisten die Treppe herunter auf den Vorflur, lachte den vor Zorn stammelnden, der abends angetragen wurde, samt dem vllig rat- und hilflosen Kanzler, schallend vor dem Gesinde aus, ja verhhnte ihn, als er ihm zitternd befahl, die Kammer zu rumen. Hin und her lief auf dem Flur der Pfalzgraf nachts in seiner Wut, wurde nach lebhaftem Wortwechsel von dem Kavalier vor die Tr gesetzt, in der Nachtmtze, Kerze in der Hand, Schlafrock um den Krper. Die Nacht ber sa er betubt auf dem Treppenabsatz, beim ersten Hahnenschrei wurde das Tor von Frauen geffnet, die in die rckwrts gelegenen Stallungen mit Kannen und Eimern schlurrten und vor ihm aufschrien und noch Zeter schrien, als er schon in der ehemaligen Kammer seines Kanzlers sich Knie und Schenkel rieb, heftige leise Selbstgesprche fhrend gegen den Kavalier. Entschieden verbat sich aber der Frst am folgenden Tage von Sartorius jede Beeinflussung des Kavaliers; er wahre seine Rechte selbst, wnsche nicht bevormundet zu werden; damit ordnete er die sofortige Abreise an. Zwei Stunden weit hinter Mnchen geleitete sie der Mnchner mit frhlichem Geplauder und Spen. Es bereitete dem Herrn ein rechtes Gaudium, den alten fremden Gesellen zu maltrtieren. Zu einer frmlichen Pufferei Knufferei hinter dem Rcken des Kanzlers kam es, der verzweifelt vieles davon beobachtete, durch die Winke Philipp Ludwigs bedeutet wurde zu schweigen. Seitwrts bog dann der Wagenzug des Frsten in ein lichtes Gehlz; stundenlang schlief er weich auf Bettpolstern unter dem Wagenplan, nachdem er sich gierig sattgegessen getrunken hatte. Nach dem Erwachen fragte er nach den Geschenken, die Sartorius in Mnchen empfangen htte. Im Gras wurde vor ihm ein Kistchen geffnet; es schlte sich aus eine silberne Aderlaschale, eine hohe Majolikavase, ein Lwe als Lichthalter aus vergoldeter Bronze. Er drehte die Stcke nach allen Seiten, beklopfte sie, da das Heu abfiel. Nachdem er das Einpacken beaufsichtigt hatte, in sein Pelzwerk eingeschlagen, auf seinen Wagenplatz gehoben war, die Berittenen antrabten, gab er Befehl nach Regensburg. Seine Augen blitzten: Meint Ihr, mich htte das erschreckt mit dem Hundsfott? Die Antwort meines Neffen Maximilian hat mich genugsam in jeder Minute belustigt. Was tut der Herzog anders als ausweichen. Totschweigen ist die Taktik dieser Welt, wenn es sich um rechtmige Ansprche handelt. Er kicherte frhlich: Geh nach Hause, hat mein Neffe gesagt; wenn man alt ist, tut man nichts Gescheiteres als sterben. Neuburg ist so schn, hat so schne Grten, Lauben, cker, soviel Vieh, und an Khen fehlt's nicht fr Butter und Sahne und Milch. Die Wlder stecken bis Burgau und Dillingen voll Hirschen und Fasanen; Forellen schwimmen in den Bchen, und die Hechte und Karpfen. Geh nach Hause, sieh dir deine Brillanten an. Er rieb sich die Nase, brummelte aus seinem Sack: Schlau geantwortet, Herr Max in Bayern. Hat der Herr Sartorius etwas Aufflliges gesehen in seiner Stadt Mnchen? Genugsam, Durchlaucht. Reichtmer in vieler Form. Und was hat er davon gedacht? Der Kanzler schwieg, er freute sich, da sein Herr prahlte. Emprung habe ich gedacht. Ich lobe den Krieg. Der Krieg scheint mir doch mehr Gerechtigkeit zu haben als das Wiener Gericht: seht mich. Wre nicht dem unruhigen Pflzer die schwere Prager Schlacht begegnet, so -- ja, so wre ich schlielich doch gestorben, es wre mein fleischliches Los gewesen. Und htte bis zu meinem Tode mich glcklich vermeint, weil ich meine Hand bis an den Knchel in eine Schachtel mit Edelsteinen stecken kann. Statt dessen -- Giftig blickte er hervor, er spie ber den Wagenschlag. Der Kanzler verneigte sich: Es war ein Glck, da Durchlaucht nicht offen in Mnchen erschienen sind. Es htte Skandal Schlgerei gegeben in offenem Gesprch beim Herzog. Er wog die Geschenkkiste in der Hand, fragte mitrauisch, ob Sartorius nicht vielleicht noch eine zweite empfangen htte, vergessen. Philipp Ludwig fuhr nach Wien vllig unangemeldet, die Namen der Geheimen Rte und Kmmerer, ihre persnlichen Verhltnisse waren ihm unbekannt; gedachte wie Blitz und Donner dort einzuschlagen; es bedurfte keiner Vorbereitung zur Entladung. Auf das Schiff, das ihn die Donau hinuntertrug, stellte er offen auf Deck sein Wappenschild. Sehr wenig adlig zog er, vor Wien aussteigend, gegen die Stadt; ingrimmig knurrte er gegen Sartorius: Ich komme von Rechts wegen. Lasse sich der Herr das nicht grmen. Die erste Erkundung, die er einzog, war am Stubentor, wo ein groes Bad war. Dort hinein schickte er einen Kammerdiener zu dem Badmeister, vertraulich auszufragen, wo sich an einer der Hauptstraen oder Mrkte eine nennenswerte Herberge fnde. Der Badmeister, auf den Klang des Namens Pfalzgraf von Pfalz-Neuburg, lie sich nicht verdrieen, den Topf Wasser, mit dem er die heien Steine besprengte, auf die Fliesen zu stellen, halbnackt, den linken Arm voller Badewedel herauszutreten vor seine Tr, dem eingepelzten mrrischen Herrn tiefe Verbeugungen zu machen; das schbige Gefolge stie ihn sogleich ab; er mute sich lange auf ein vornehmes Losament besinnen. Sein muskulser Gehilfe, halbnackt wie er, kam hinzu. Der schwang sich auf einen dicken scheckigen Gaul, den er fr einige empfangene Heller an der Mhne aus dem Stall zog; ungezumt ritt er der Snfte mit den beiden Fremden -- die Kammerdiener zogen durch den Kot und Morast -- voraus, sein Badelaken um die Schulter, h, hah, hho! schreiend, die Glocke schellend, an jeder Straenkreuzung, an die Fenster hinein zum Bad Schrpfen Aderlassen einladend, fter anhaltend, lrmvolle Gesprche mit Passanten fhrend. Die entschuldigenden, bedauernden Bemerkungen des Kanzlers winkte der Frst, als she hre er nichts, ab. Kommen unser Recht zu holen. Lassen wir das. In dem Gewlbe seiner Hauskapelle am Tage St. Urban, watend kncheltief in Rosen vieler Farben, empfing der Abt von Kremsmnster, von Schultern, rmeln des schwarzen Seidentalars die roten duftenden Bltter schttelnd, lchelnd den Pfalzgraf von Pfalz-Neuburg, einen harthrigen hinkenden Mann, der sonderlich unsauber in Tuch und Fell gekleidet war, sich knapp verneigte, die Mtze lftete, sich mit offenbarer Erleichterung aus dem blauen behangenen durchflochtenen berfllten Raum in einen sehr hohen kreisrunden Vorraum von seinem schbig livrierten Kammerdiener fhren lie. Von oben fiel helles Sonnenlicht durch bunte Scheiben auf die Fliesen; gtig schob der Abt dem Fremden einen Futeppich zu; zwei Sessel auf den lichtbespielten Fliesen, Wnde, die sich ber ihre Kpfe einander entgegenhoben, mehrfaches Echo bei jedem lauten Wort. Der Pfalzgraf knaute, er habe bei eben erfolgtem Besuch in Mnchen sich nicht der Untersttzung seines Anverwandten und erlauchten Neffen, des Herzog Maximilians Liebden, zu erfreuen gehabt, zu seinem Bedauern. Dieser habe Gleichgltigkeit gegen ein wichtiges Familieninteresse prtendiert. Sei ja die Acht namens des Reiches ber den Pflzer Kurfrst verhngt, werde von Reiches wegen ber Kur und vielleicht auch Kurlande weiter verfgt werden; melde er fr die ehemals mitbelehnte Linie Pfalz-Neuburg Ansprche an, nach Goldener Bulle, Hausgesetzen, Reichsgesetzen seine Erbschaft und bekenne sich dafr. Der Abt fragte nach schriftlichen Vorgngen, indem er den Blick senkte. Und dann weiter, ob er in Mnchen also gewesen sei, und wenn erlaubt, mit welchem nheren Zweck. Um dem Bayernherzog die Hand zu schtteln fr seine Tapferkeit gegen die bhmischen Rebellen, fr erwiesene Treue gegen des Rmischen Kaisers Majestt. Und ferner. Nichts weiter, er htte sich verpflichtet gefhlt, Dank abzustatten als alter Reichsfrst, auch zu bewirken, da die Sachen in rascheren Flu gerieten, wenn Maximilian sich ebenso tapfer wie in der Verteidigung des Reiches in der Verfechtung der Konsequenzen zeige. Nun? Nun, Maximilian sei Ritter, Kmpfer vom alten Schlag. Diplomatisches liege ihm nicht; es sei nichts weiter von ihm zu erwarten. Antonius flatterte ein rosa Blatt aus dem weiten rmel seines Talars; er rieb es sich lchelnd ber die Lippen, zerdrckte es zwischen den Fingern der Linken; versprach sich der Schriftstcke sorgfltig anzunehmen. Wie es der erlauchten Neuburger Familie ginge, von der er immer so Erfreuliches vernehme durch den Probst von Ellwangen. Der Frst, sich an seine Stcke klammernd, hrte scharf und mitrauisch, gab halbe Antwort, lie sich von dem Kammerdiener, in Furcht, man knne versuchen ihn zu beeinflussen, rasch in seine Snfte fhren. Der Abt betrachtete lange den Sessel des Frsten, schttelte neue Rosenbltter aus seinem Talar, rief einen braunkuttigen dienenden Scholar; man mchte zu Herrn Jesaias Leuker, dem bayrischen Gesandten schicken; er wollte mit ihm sprechen, von dem kuriosen Besuch erzhlen, was sich davon denken liee. * * * * * Mittags im Saal des Noviziatengebudes der Gesellschaft Jesu zu Sankt Anna, vor einer Auffhrung des Heldenmtigen Ritters Michael, der kleine stille Abt im Gewimmel der lichtblauen Talare aus der Lilienburse, der schwarzen Rcke von Sankt Anna, blitzende Hoftrachten, zwischen Rosenkrnzen, knisternden Schrpen Wehrgehenken erwartungsvollem Lcheln. Leuker wute nichts von dem Neuburger Besuch in Mnchen, war dann nicht wenig erschreckt -- sie gingen kopfgebeugt zur alten Kirche herber, der Kaiser betrat den Theatersaal -- als ihm blitzschnell einfiel, da seit fnf Tagen Marcheville, der franzsische Geschftstrger, ein beweglicher verschlagener Gesell, ebenso elegant wie zweideutig, im Besitz ungeheurer Summen und mit vllig undurchsichtigen Zielen, in Wien logiere, ohne erkenntlichen Zweck, wohl aber private Besuche mache, auch in der Herrengasse, wo der kuriose Neuburger logierte. Und ebenso erschreckt war der Abt selber. Unter den alten Buchen vor der Kirche fragte er, ob denn des Herzogs in Bayern Durchlaucht irgend etwas habe verlauten lassen, mittelbar oder unmittelbar, was vielleicht zu Ohren jenes armseligen Pfalzgrfleins gelangt sei, in ihm die unsinnige Vermutung erweckt habe, es sei etwas verfgt betreffend Kurlande und Kurwrde des chters. Der andre fhlte, da ein leiser unruhiger Ton in der Stimme des Wrdentrgers klang; er lachte herzlich, herzlicher, als er gewollt hatte. Oder ob vielleicht das Franzslein selbst etwas Kompetentes wte; es stecke etwas dahinter, da Marcheville auftauche, sich hinter das Pfalzgrflein stecke. Sie standen sich unsicher am Kirchenportal gegenber. Leuker meinte gelassen, er werde bei seinem Frsten anregen, da auf den blden Neuburger, den Anverwandten des Hauses eingewirkt werde. Dieser Mann irre zweifellos halb gedankenlos im Reich umher, lasse sich benutzen, knne dem Ansehen des Hauses nur gefhrlich werden. Antonius seufzte, schttelte ihm die Hand; er sei freilich ein kurioser Mann, der Pfalzgraf von Pfalz-Neuburg, aber Ihr wit selbst, Marcheville ist in dem Falle noch kurioser. Marcheville hat gar keinen Sinn fr deutsche Sonderbarkeiten; er will etwas. Er wei irgend etwas besser als Ihr und ich. Er wird sich einen Spa mit dem Alten machen vor seinem Gefolge, lchelte der Bayer. Und diese leichtfertige Bemerkung aus dem Munde des gewiegten Leuker beunruhigte den Abt aufs hchste, sein Begleiter mute so gut wissen als er, da Marcheville keine Spe machte; dann wute auch Leuker mehr als er. Und da stand er und lchelte aufdringlich. Hastig ging nach einigen hflichen Worten Antonius in den Saal zurck; Gesang scholl ihm entgegen. Ferdinand auf erhhtem Purpursitz blickte ihn freundlich an. Der gelehrte Leuker, der stmmige gesundheitstrahlende kaum ergraute Mann fand erst nach einer halben Stunde sich ber den Gartenweg zurck. Verwirrt nicht ber das Gebaren und die Bemhungen des armseligen halbtoten Neuburgers, aber ber Marcheville, ber seine dunklen Wege hinter dem Rcken des halbtoten Narren; Marcheville sein Freund, beinah sein Freund! Und Bayern hatte den Kaiser doch im Sack! Samt der Kur! Begnstigt von diesem Frankreich! Von seinem Besuch in Mnchen ab war Philipp Ludwig dem Franzosen nicht aus den Augen gekommen. Der wrdevolle Jocher lie zu ihm ein Wort fallen bei einer intimen Information ber des Neuburgers possierliche Gesandtschaft im Strauß«. Als der Pfalzgraf das Stubentor passierte, begleiteten ihn schon zwei Geschpfe Marchevilles; in der Herrengasse nahe dem Gitterbrunnen und dem Haus der Landstnde wohnte der Neuburger; ihm gegenber logierte seit einigen Tagen vllig privat, seinen Schmetterlingssammlungen hingegeben, der franzsische Geschftstrger. Ein nachbarlicher Besuch, rasch gemacht, wurde am nchsten Tage erwidert. Ehe Neuburg daran dachte, eine Audienz zu erbitten oder Fhlung mit dem Kabinett zu nehmen, trat Marcheville ohne Maske als franzsischer Gesandter in seine Gaststube, berbrachte besondere Empfehlungen des Sehr Christlichen Knigs aus der Hand des Staatssekretrs Puisieux. Neuburg mute die Konferenz rasch abbrechen, der Schreck war zu gro, gegen die Welschen hegte er ungemeinen Ha; da der Geschftstrger selbst kam mit einem offensichtlichen Auftrag seines jungen mutigen Souverns, da Frankreich die Pfalzgrafschaft Pfalz-Neuburg diplomatisch anging, warf seine Fassung ber den Haufen. Im Erker, im dicht verhngten, vor einem Fchen Rosinen suchte er sich neben Sartorius, dem serisen, der immer aus dem Schlaf gestrt schien, zu erholen. Als sie beide ohne Haltung auf den Schemeln saen, die Rosinenstengel in Wein hngen lieen, die nassen Beeren rissen schluckten, flsterte entgeistert der Kanzler: Wie soll man sich gegen ihn benehmen. Es ist keine Schreibstube da, keine Dienerschaft, keine Geschenke; es fehlt an allem. Ich kann nicht meinen ganzen Sckel hergeben fr -- schrie der Pfalzgraf, Krner spuckend, die Stengel zertretend; es wchst mir ber den Kopf. Sartorius stimmte bei; es sei entsetzlich. Wollen wir weg? Wollen wir nicht fliehen? in einem Atem fast mit seinem Kanzler der Frst, wir knnen nicht wissen, was sich aus diesen Dingen entwickelt. Das Beispiel des Heidelberger Friedrich ist nah genug, nah genug. Die Prager Schlacht hat gewirkt. Bei mir braucht es keine Prager Schlacht. Ich strecke meine Hnde nicht nach fremdem Gut aus; ich insurgiere nicht. Er knirschte mit den Zhnen: Wenn sie mich strzen wollen, als Gechteten, bei mir geht es leichter. Mir dreht man als altem Hahn den Hals um. Er drfe nicht mehr empfangen werden, bestimmte der Kanzler. Es geht schwer, es geht schwer, chzte der Frst, wir wohnen zu dicht beisammen, er beobachtet mich. Sind die Lden geschlossen? Lat die Roknechte nicht heraus, meine Snfte soll immer im Haus bleiben, die Pferde -- Gebrochen lehnte er sich zurck: Ich wei, wir knnen uns nicht wehren. Und wie er mit geschlossenen Augen auf dem Schemel hing, stieg in dem Kanzler, der die Becher beiseite schob, die Furcht auf, er mchte wieder ermden wie auf der Reise nach Mnchen und ihm alles berlassen. Der Frst winselte: Es mssen Leute geholt werden, gelehrte, man mu sie zusammentrommeln, einen Staatsrat, man mu sich ordnungsmig konstituieren, beraten. Ich kann sonst nicht. Er hatte trockene Lippen, blickte erschpft: Wir mssen ihm das sagen. Ich habe meine Minister nicht da, nicht vollzhlig da, ich kann nicht ohne sie beschlieen; es widerstrebt mir, es ist nicht Tradition in Neuburg. Und Ihr, giftig fuhr er dem Kanzler vor das sich hochstreckende Gesicht, seid nicht mein Minister. Ihr seid mein Geheimschreiber. Nichts weiter. Der verneigte sich: Ich werde es ihm sagen. Philipp Ludwig raufte sich auf dem Gange die weien Schlfenhaare: Wien! Wien! Die Prager Schlacht! Durchlaucht, klopfte nach einer Weile Sartorius an seiner Schlafkammer an, in Neuburg sind die Kirschen und Johannisbeeren reif; die Stachelbeeren auch. Mit den Erdbeeren wird's bald vorbei sein. Es ist noch Zeit. Der Pommernherzog schickt bald seinen Knstler mit den Auslagen. Den nchsten Besuch des weichen edlen Seigneurs trbte das starke Mitrauen, das der Frst an den Tag legte; kaum sprach er; sein Geheimschreiber neben ihm machte bei der Audienz Notizen auf der Schreibtafel. Marcheville wies dem mrrisch ungeduldig zu Boden starrenden Herrn dieselben Grnde vor, die von ihm selbst in den vier Neuburger Denkschriften niedergelegt waren, die Ansprche Neuburgs auf die Kurwrde und pflzisches Land, gesttzt auf die Verwandtschaft mit dem letzten Kurinhaber, auf die Mitbelehnung, die Goldene Bulle, Hausgesetze, gltigen Reichsgesetze. Der Sehr Christliche Knig wolle nicht versumen, erklrte der Geschftstrger, die geffneten Hnde mit tiefer Verneigung nach hinten schwenkend, sich rechtzeitig der Gunst des neuen Kurfrsten zu versichern. Neuburg, obwohl uerlich in Haltung, ruhig mit dem eingeladenen Fremden bei einer kleinen Vormahlzeit, war bis zum Erliegen erschttert. So sicher hatte er seine Sache nicht gehalten. So also lagen die Dinge. O verruchte Welt. Der Herzog in Bayern wei, wie es steht; er schweigt. Der Kaiser wei, wie es steht, schweigt; der Abt Antonius von Kremsmnster. Er, der alte Neuburger, der treu zum Reich gehalten hatte in jedem Augenblick, der kein Unrecht getan hatte sein langes Leben, sollte bei evangelischem Glauben vom jesuitisch beratenen Kaiser noch, bevor er in die Grube fuhr, grob bertlpelt werden. Wrde der Marcheville sich zu ihm begeben, ihm geradezu auflauern, wenn dieser schlaue Franzose sich nicht rechtzeitig in seine Gunst setzen wollte? Eine Stimme gegen Habsburg wollte er gewinnen, verhindern, da der Sohn Ferdinands deutscher Knig wrde: darauf kam es dem an. Von Wien, ja von der Burg her schwieg man; von da hatte sich noch kein Fu in die Herrengasse bewegt. Dabei jagten die Kuriere durch die Straen, Musik schallte aus der Burg; Kmmerer Auslufer in jeder Gasse, aber keiner zu ihm. Marcheville wurde hochmtig durch einen Kammerdiener bedeutet, Besuche bei des Pfalzgrafen von Pfalz-Neuburg Philipp Ludwig Durchlaucht einige Tage zuvor seiner Kanzlei anzumelden. Und als der Gesandte erschien, lie Philipp Ludwig sich verleugnen; ein wrdiger Empfang wurde ihm bereitet in einer groen Kammer der Herberge, wo er sich auf eine gepolsterte Bank setzen mute vor vier gemieteten Herren, zwei albernen Magistern und zwei schbigen Theologiebeflissenen; den federkratzenden Herren erklrte er freundlich, bald wiederzukommen. Er durchschaute die Sache, erklrte dem Kanzler, er werde zur Aushaltung der Kanzlei selbst beitragen, bot auch, entsetzt ber die Formlosigkeit des Auftretens seines Prtendenten, diesem ohne weiteres einige tausend Taler an, die der Pfalzgraf als Ehrengabe annahm, ohne darauf aber im mindesten Haushaltung, Kleidung besser auszustatten. Weitere tausend Taler, dem Kanzler zugesteckt, fhrten zum Ziel; mehrere vierspnnige Wagen standen zur Verfgung, eine kleine Dienerschaft warf sich in Neuburgische Livree. Und wie ein wtendes, noch lichtscheues Tier erschien der Pfalzgraf, in galloniertem Samt und Zobelpelz, auf allen mtern, sprach bei den Mitgliedern des Geheimen Rates, der Hofkammer persnlich vor, hinterlie Denkschriften, die unter franzsischer Obhut ausgearbeitet waren, Denkschriften an alle Kurfrsten katholischer und protestantischer wie kalvinischer Religion, insbesondere, an den von Mainz, als des Reiches Kanzler, und abgegeben bei dem Trhter des Reichhofrats fr dieses oberste Reichsjustiztribunal, die Person des Kaisers selbst vorstellend. Die Mitglieder ihrer Adels- und Doktorbank beging Sartorius. Die es lasen, der Abt von Kremsmnster, dann Doktor Wolfrath als Prsident der Hofkammer, die Herren vom Geheimen Rat Eggenberg Trautmannsdorf Breuner waren verblfft ber den Protest, der doch wohl eine offene Tr einrannte, besonders ber seinen pointierten Schlu: es drfe keinesfalls der Kurhut ohne Achtung der Neuburgischen Ansprche, ohne ihre Prfung vergabt werden; gegen jegliche etwa schon geschehene Entscheidung lege er feierlich Rechtsverwahrung ein; nur ein Deputationstag unter Zuziehung aller Kurfrsten knne hier das Recht finden. Die Denkschrift war teils absurd lcherlich, teils verwirrend; fr den Abt Anton, der sie scharf verbarg vor dem zudringlichen Spion des bayrischen Herzogs, dem Jesaias Leuker, war sie qualvoll. Da geschah, da eine zunchst unbekannte interessierte Partei einen Schritt tat, um sich des lstigen, noch nicht sehr aufflligen Mannes zu entledigen. Sie gedachte ihn verunglcken zu lassen. Von dem Fhrer seiner Robahre irregefhrt -- ungewi, ob mit Absicht oder zufllig -- geriet der Frst, nur von einem welschen Agenten begleitet, in das Gewirr jener rmlichen Gassen, die sich im Sden der Stadt nahe den Toren hinziehen und die Unterschlupfsorte den Bettlern und ihren Familien bieten. Unter diese, vor einem Wunderhof, trat der Bahrenfhrer, nach dem Weg fragend. Zwei Kamasiere -- abgedankte sndhafte Scholare -- hielten das vordere Ro fest, wollten sprechen, da machte einer von ihnen, anscheinend vom Ro gengstigt, einen Satz, stie aus den Umstehenden einen Mann um, der sogleich einen Krampfanfall erlitt, die Backen aufblies, schumte, so gut ein gebter Gauner kann, der ber ein Stck Seife im Mund verfgt. Eine Frau, die bla beiseite gestanden hatte, hielt den Krampfenden bei den Hnden, schrie um ihren Mann, wandte sich an die andern, verlangte eine Entschdigung. Sie schickten die Bahre samt dem Franzosen weg, den alten Frsten fhrten sie auf den Hof, sprachen ihm freundlich zu. Am nchsten Tage durchsuchten Soldaten der Stadtgarde die Gasse ohne Erfolg; ein Bettler, der sich als Sterzenmeister ausgab, fhrte sie. Dem franzsischen Geschftstrger, dem feinen Marcheville, aber stieg das Blut vor Freude zu Kopf, als sein Agent ihm verngstigt den bedauerlichen Verlauf der Spazierfahrt schilderte. Er fuhr stolz bei Kremsmnster vor, bei dem Oberhofstallmeister, beim spanischen Gesandten, sprach voll Schmerz von seinem Hausnachbarn, dem Neuburger Pfalzgrafen, seinem wahrhaft vterlichen Freund, und wie dies mglich sei, was fr ein entsetzlicher Vorfall das sei; er bitte dringend darum, da von allen magebenden Stellen Nachforschungen angestellt wrden; bei Ognate dem Spanier, wagte er, freilich lachend, die Bemerkung hinzuwerfen, man msse geradezu auf den Gedanken kommen, es htte jemand Interesse daran, den alten freundlichen Herrn bei Seite zu schaffen; ob nicht auch bei jenen durchgesickert sei aus den Kanzleien, der Herr betriebe hier Ansprche auf die Pflzer Kur, ber die sonderbare Gerchte verbreitet seien. Dem Abt Antonius wie dem Frsten Eggenberg war die Angelegenheit um so peinlicher, als auch der Spanier sich nicht der entsetzlichen Vermutung entschlagen konnte, hier sei kurzer Proze gemacht, und es beklagte, da das Ganze ziemlich ungeschickt angestellt sei von den bayrischen Herren. Denn er nahm als sicher an, da Herr Doktor Leuker dahinter steckte. Abt Anton und Eggenberg aber frchteten etwas viel Schlimmeres und waren glcklich, als Alles den Herrn Leuker mit dem Vorfall in Verbindung brachte, und nicht, wie sie, die vllig undurchdringliche Kaiserliche Majestt. Durch das wilde Herumposaunen des Franzosen sahen sie sich verhindert, den Vorfall zu vertuschen, wie sie gewillt waren; sie muten vor aller ffentlichkeit energische Manahmen zur Aufdeckung der Sache ergreifen. Mit grter Besorgnis setzten die hohen Herren die Sache mit allen Einzelheiten selbst ins Werk. Eine grndliche Visitierung der Sitze der Gatterklopfer und Fechtbrder in ihren Hauptzechen, im Knigsklosterhaus, in der Kotluke erfolgte. Die beiden Sterzenmeister des Bezirks, in dem der Vorfall sich ereignete, wurden auf das stdtische Rumorhaus geschleppt, ausgepeitscht und ihnen die gelinde Frage gestellt, wo sich der Pfalzgraf befinde; dies geschah sehr im Geheimen; Kremsmnster war in Person zugegen, um sogleich alles vertuschen zu knnen, falls eine Allerhchste Person dahinter stecke. Sie hatten im Narrenkotter hinter dem Hohen Markt bei vlliger Nahrungsentziehung vier und zwanzig Stunden Zeit, weiter ber die Frage nachzudenken. Die Befragung ergab nichts. Aber wie die wilden Wlfe fielen dann die beiden freigelassenen in ihre Quartiere auf der hochgelegenen Laimgrube und an der Windmhle ein, sie plnderten mit einem handfesten Tro die Mirakelkeller, bunten Haushaltungen; aus den verfallenen Husern, den Winkeln der Sackgassen sprangen vor ihnen die abenteuerlichen Schatzgrber im Vagantenkostm, die braunbemalten Christianer, vergaen ihre Kutten Stricke und Muschelhte, die Pilgerstbe warf man hinter ihnen drein, die plumpen ungefgen Schwangeren liefen wie Wiesel, verloren im Sprung ihre Bauchwlste. Eine verngstigte Besprechung der Zechen am Abend, nachdem ihnen unvermutete Ansengung des ganzen Bezirks angedroht war, hatte den Erfolg, da man die Spuren der zwei Scholaren und des Weibes des Krampfkranken ermittelte; sie verrieten, der Frst schwimme mit dem Anfallstuscher und einem alten Weib die Donau herunter, fnde sich aber alle zwei Tage, auch drei Tage in der Nhe des Quartiers; die beiden andern warteten auf eine Geldsumme, von wem wuten sie nicht, auch nicht fr welche Zwecke, ob als Lsegeld oder sonst wofr. Das Boot wurde am folgenden Tage schon von den unruhigen Leuten erwischt, wie es am unteren Wehr an einer wsten Stelle nahe dem Judenquartier anlegen wollte; zwei Insassen, an Land gestiegen, machten Reiaus; auf einer Bootsbank, mit einem Ruder bewaffnet, sa der alte barhuptige Pfalzgraf, mit halbnacktem Oberkrper, mit hohen Soldatenstiefeln, in polnischen Samthosen, drohte jeden niederzuschlagen, der sich ihm nherte, sprang dann zwischen dem Schilf am Hinterteil des Boots ins Wasser, wurde gefat, ans Ufer gelegt. Die beiden Sterzenmeister redeten ihm freundlich und ehrerbietig zu, er glaubte aber, jetzt erschlagen zu werden, hielt stammelnd die gefalteten Hnde vor den Mund, die Augen krampfhaft geschlossen. Nach einer Stunde erst ritten eine Anzahl Herren an, dabei der Kanzler; er sah mit tiefer Bewegung den Zustand seines gndigen Frsten, seine Verstrung, das schwappende abgemagerte Buchlein, die weihaarige fette Brust, ber dem schlaffhutigen faltenreichen Hals das kleine dnne Kpflein. Vergraust lag Philipp Ludwig in seinem Bett; whrend man ihm zusprach, es sei auf ein hohes Lsegeld abgesehen gewesen, blieb er dabei, sie htten ihn umbringen wollen; das alte furchtbare Weib htte fast stndlich gesagt, er wrde geschlachtet werden, er solle seine Seele darauf vorbereiten, sie warteten nur auf den Lohn fr die Tat. Der Kanzler sa von Angst geschttelt neben dem Bett, bebend, wie ihn die hochfrstlichen Shne empfangen wrden, wenn er ohne des Pfalzgrafen Durchlaucht zurckkehren wrde. Nicht eine Woche war um, da fuhr der Neuburger wieder ab; den Kanzler lie er auf Drngen Marchevilles zur Vertretung seiner Rechte zurck. Und whrend der Frst im sonnigen Neuburg herummarschierte, kein Ende fand des Kommandierens Schreiens Verwirrens in Gesprchen mit seinen Shnen Bedienten, durchgreifende Organisationen des Steuer- und Heerwesens verfgte, widerrief, wurde der knickbeinige Kanzler in Wien herumgejagt von Marcheville, spttisch, neckisch wieder fallengelassen, wie es die Situation gerade mit sich brachte. Nach Neuburg lief eines Tages ein Kurier mit dem Bescheid der Hofkammer, da sie Kenntnis genommen habe von seiner Denkschrift, ihn seinerzeit ber den Lauf der Angelegenheit orientieren werde, eine Erklrung, die der wieder abgemattete Philipp Ludwig aufatmend empfing und den Befehl an Sartorius abgehen lie, sofort zurckzukehren; er schrieb ihm eigenhndig ein Brieflein: Nun mag es weitergehen. Kommt nach Hause. Ich habe meine Hand im Spiel und ziehe sie nicht wieder heraus. * * * * * Und in der Tat: noch lange nach seiner Abreise wirkte sein kurzer Besuch in Wien. Seine sonderbaren drohenden, offenbar tief informierten Denkschriften konnten nicht anders erklrt werden als unter bestimmten fatalen Voraussetzungen. Kremsmnsters Kopf war geschwollen, er lie sich fr keinen der fremden Geschftstrger und Gesandten sprechen, Eggenberg hatte die Taktik, alles abzulehnen und sich gnzlich ahnungslos zu zeigen; es liefen Anfragen ber Anfragen ein aus den Kanzleien mehrerer Kurfrsten betreffend die Neuburger Denkschrift. Noch war nach auswrts nicht verlautet der berfall auf diesen geheimnisvollen Kronprtendenten, der Spanier war schamlos genug zu insinuieren: wenn nicht Bayern ein Interesse an dem Verschwinden des Pfalzgrafen htte, so vielleicht die kaiserliche Hofkammer; man wolle die Geheimabmachungen des Wiener Hofes mit dem Herzog Maximilian nicht zu frh preisgeben, man htte sich resolut entschlossen, aber es sei anders verlaufen. In dieses aufgeregte, sich selbst steigernde Ungewi platzte ein Bchlein hinein, das vom Norden verbreitet, frommen beraus angesehenen Damen zur Kenntnis gelangte. Fast zu gleicher Zeit wie in Dresden am protestantischen Hofe des Kurfrsten Johann Georg dieses Bchlein gelesen wurde unter Kopfschtteln Geschrei, bergab es in Wien bei der Garderobe der wrdigen frommen Stifterin Grfin Polyxena von Muschingen ihre Kammerzofe. Dieses schne unbedeutende Kind hatte es von einem eben gewonnenen Liebhaber, einem reichen jungen Herrn nebst einem ansehnlichen Douceur erhalten; der junge Herr, der ihr so angenehm zu Gemte sprach, war kein Kavalier, aber Vorreiter bei Seiner Exzellenz, dem Marquis Marcheville, der sich in der Stadt verlustierte. Der Vorreiter sagte dem lieblichen Hernalser Geschpf, dies sei ein frommes Buch; sie wrde vielleicht ihrer Herrin eine groe Freude bereiten, wenn sie es ihr bergebe; sie mchte sich auch etwas daraus vorlesen lassen, es wrden ihr manche Gnaden dadurch zuteil werden. Zu ihrem Entzcken sah auch das Mdchen, da wirklich die Grfin -- die erst gelacht hatte, als sie ihr schmig das Buch bergab, mit der Bemerkung, es htte auf ihrer Schwelle gelegen, ob es wohl ein Gebetbuch sei oder einen Abla ankndige -- da die Grfin freudig erst allein, dann mit ihrem Hauskaplan das Bchlein durchlas. Sie blieb aber dabei, es htte vor ihrer Kammertr gelegen, als man ihr noch einmal zusetzte, und wurde dann beschtzend gegen die ernsten Worte des Kaplans sanft von der Grfin gestreichelt. Frau Polyxena von Muschingen lag zu dieser Zeit nichts so sehr am Herzen, als von Rom ein Breve zu erlangen zur Grndung eines Klosters fr den Orden der unbeschuhten Karmeliterinnen. Sie stand in einer langwierigen Korrespondenz mit einigen italienischen Oberinnen solcher Klster, deren Frmmigkeit einen berwltigenden Eindruck auf sie gemacht hatte bei einer Reise nach der heiligen Stadt. Die Dame wute jetzt nichts Wichtigeres, als den beiden andern Damen ihres Komitees das unglaubliche glckliche Geschehen zu berichten, das aus dem Bchlein sich ergab, welches ihr auf so merkwrdige Weise zugestellt war. Auch die hohen ihr wohlwollenden Wrdentrger des Hofes wollte sie aufsuchen, lebendig und erregt wie sie war, ihnen danken und glckwnschen fr diesen groen Erfolg und sich mit ihnen aus voller Seele freuen ber diesen Gewinn fr die heilige Kirche. Denn nichts andres lieen diese einfachen, vielleicht indiskret verffentlichten Briefe erkennen: man hatte am Kaiserhof einen groen katholischen Entschlu gefat, folgerichtig wie das Vorgehen gegen die gottlosen und aufrhrerischen Bhmen: man wollte das katholische Deutschland um eine groe Zahl abgefallener verfhrter Seelen bereichern, mit der Frsorge des Landesvaters unlslich und energisch die Sorge um das Seelenheil verbinden. Die kalvinischen Landesteile des Majesttsverbrechers Friedrich von der Pfalz sollten in katholische Hnde kommen, in die allersichersten kurfrstlichen Hnde, die des bayrischen Maximilian. Wer, der selbst Ferdinands edle religise Gesinnung kannte, htte dieses von ihm erwartet, das ihn in die Reihe der gottseligsten Herrscher stellte. In der schwlen Wrme des Nachmittags fuhr die von Muschingen mit ihrer Kutsche bei der Reichsgrfin Auguste von Abensberg-Treue vor, die Kutsche der Dame schlo sich ihr an; alsdann bei der Grfin Kollonits. Die drei alten Damen stiegen am Kienmarkt aus, dort lagen Bretter vor einem Haus; von ihren Kammerfrauen gefhrt, rauschten sie seidig tiefverschleiert in den Flur, der sehr breit, niedrig, aber ganz leer war. Und so auch die Treppen Stiegen Hfe Diele Sle; es war das verlassene Haus des Hans von der Seligstadt, welcher als Magister der sieben freien Knste hier gehaust hatte; sieben Bcher waren auf das Hausschild gemalt. Hier sollte den Karmeliterinnen ein Heim bereitet werden. In der Stube, wo den Damen Sessel bereitgestellt waren, konnten sie ihr berschwellendes Herz nicht bezhmen; der Raum wurde zum Zeugen der hohen Freude der Damen, welche sich gegenseitig zum Weinen rhrten. Man hatte noch das Glck, den galanten alten Grafen Harrach, dessen erkrankte Gemahlin an dem Werke fr die Nonnen teilnahm, zu erwarten. Und wie er kam, wurde er von Freudenausbrchen berschttet und konnte in seiner frischen vergngten Art dankend lange nicht zu der Ursache dieser Freude vordringen. Dann wurde er verlegen, einsilbig, bat um das Bchlein, mute rasch zu seiner Gemahlin, deren Zustand ihn nicht befriedigte. Er suchte abends noch den Frsten Eggenberg auf, der grade ausgefahren war, um ihn zu besuchen; es stellte sich bei der Begegnung auf dem Hohen Graben heraus, da die Grfin Muschingen schon bei ihm gewesen war, um auch ihm Glck zu wnschen. Als noch bei der gemeinsamen Fahrt zum Abt von Kremsmnster sich ergab, da die Dame auch hier gewesen war, dankend und jubelnd, schrieb ihr Harrach einen Zettel, sie mchte Verschwiegenheit ber die besprochene wichtige Sache bewahren, er bte sie darum aus einem bestimmten Grund, steckte aber den Zettel auf das Lcheln der Herren resigniert zu sich. Der Inhalt des Bchleins war nicht miverstndlich. Es enthielt unter dem Namen Spanische Kanzlei eine kleine Anzahl von Briefen aus der Hand des Kaisers, des Bayernherzogs, eines Kapuziners, der als Unterhndler agierte, als Anhang eine summarische Aufstellung der aus dem Briefwechsel hervorgehenden Beschlsse und Tatsachen. Die Briefe waren nach Datierung Stilfeinheiten Intimitten zweifellos echt. Die pflzische Kur war mndlich dem Bayern zugesagt, ber einen Teil der kurpflzischen Lnder war anscheinend in bindender Weise verfgt zugunsten des Herzogs. Weder Kammer noch Kurfrstenkolleg war gefragt. Man mute sich morgen in der Frhe zu einer Besprechung zusammenfinden. * * * * * Es kam nicht zu dieser Besprechung. Als sie zu Hause eintrafen, fanden sie kaiserliche Hatschiere vor, welche Einladungen zu einer morgen stattfindenden Beratung in der Burg berbrachten. Ferdinand wute nichts von dem kursierenden Bchlein; eine Unruhe und pltzlicher Entschlu waren die Veranlassung zur Anberaumung der Sitzung. Jetzt mute Dighby in Mnchen schon alles von Maximilian erfahren haben; wenn nicht heute, so morgen bermorgen wrden die protestantischen Emissre Lrm schlagen in Wien. Der Nachmittag mit Ungeduld verbracht, stundenlanges Beten und Bezwingen der Bitterkeit. Rasches Herabsteigen zu dem tiefgelegenen Sitzungssaal am Morgen. Ein Tisch mit zwei Schreibern in der Mitte, acht Herren standen von niedrigen Wandbnken auf; Eggenberg, wurde vom Schreiber verlesen, war erkrankt, daher nicht anwesend. Dann, whrend sich der Kaiser hutbedeckt auf den einsamen Stuhl an der Querwand unter das Kruzifix setzte, las Kaspar Frey, sein alter Geheimsekretr, schiefschultrig feingesichtig, zwei Briefe Maximilians vor, worin sich der Herzog nachhaltig und uneingeschrnkt bereit erklrte, mit seiner und der Liga Streitkrften dem Kaiser in Bhmen zu Hilfe zu kommen. Ferdinand nahm das Wort, stark auf das Foliantenpack auf dem Tisch blickend, mit gewhnlicher Stimme erklrend, da er als Direktive fr die Verhandlungen und Beschlsse von Hofkammer und Geheimem Rat mitzuteilen htte, da er und sein Haus wnschen mten, das Verhalten und Verdienst Maximilians in jenen gefhrlichen Zeitlufen genugsam zu wrdigen. Er habe sich daher entschlossen, die Gerechtigkeit nicht aufzuhalten. Nach bereits zurckliegender persnlicher Rcksprache mit ihrer Liebden, dem bayrischen Herzog, glaube er den Weg gefunden zu haben zur allgemeinen Satisfaktion. Dem reichskundigen erklrten chter Friedrich von der Pfalz sei die Kurwrde und das Erbtruchsessenamt abzusprechen, die Wrden nach Verdienst seinem Schwager, ihrer Liebden dem Herzog in Bayern zu bertragen. Zum Ausgleich der entstandenen Kriegskosten, des Aufwandes und erfolgten Verlustes, und zur Auslsung des verpfndeten Landes ob der Ems sei es angemessen, ihrer Liebden die Oberpfalz hypothekarisch zu berantworten und einzurumen. Er drfe verhoffen, so nach kaiserlichem Vermgen seinen Verbndeten saturiert zu haben, wegen der bestndigen erzeigten Treue Liebe Affektion und hohen Dienste, die er mit Daransetzung der eigenen Person Land Leute Gut und Blut erwiesen habe. Die Herren hatten sich noch nicht gesetzt, da verlie Ferdinand, der sonst nie einer Beratung fernblieb, den Saal, ohne einen eines Wortes gewrdigt zu haben. Die Herren saen verdutzt. Dann war es ein Entschlu des menschenkundigen alten Abtes Anton, der in Anbetracht der besonderen Umstnde Aufhebung der Sitzung empfahl. In Questenberg war die Raserei so gro, da er am Schreibertisch stehend einen Stuhl verkrampft in der Hand hielt; der Stuhl sa an seinem Handteller fest wie eine Schlange, die sich darein verbissen hatte; mit einem wtenden Ruck schleuderte er den Stuhl auf die Erde: Und wissen die Herren, was dies ist? Das ist Krieg mit England, Dnemark, vielleicht mit Frankreich. Das ist Zerfall mit den Kurfrsten von Sachsen und Brandenburg. Leise vor Grimm zitternd der alte Harrach neben ihm ber die leere Tischplatte gebeugt: Es ist so. Ich habe es gesagt. Der Maximilian geht um. Wir knnen es nicht wehren. * * * * * Im Ring seiner Mauern Wlle und Basteien lag Wien; Huser, Trme, Kirchen gemauert an Huser, Mrkte, Gchen, berschwellend gegen die Donau, jenseits den Werd mit Steinen bedrckend, mit tastenden Fingern nach der Venedigerau, dem Rustschacher, den beiden weiten Galizinwiesen. Handwerkerfllte Straen, Pltze voller Feilscher Kaufbuden Reitern und Snften Tamtamschlger Theriakausrufer. Brllende Bttel hinter geschorenen Missettern, die den schweren Schandstein am Hals schleppten; Badeknechte ins Hrnlein stoend, trkische Becken schlagend. Aus Klstern stieen Schwrme von Nonnen, schwarz und wei, geschuht ungeschuht, traten lispelnd kreuzwindend in die Kirchen, die weihrauchgeschwngerten Gnge, unter die Bilder der wilden Schmerzen, der Inbrunst und Verzckung. Seiltnzer und fahrende gelustige Frulein kreuzten ihren Weg, lockten in die Holzschuppen auf dem Neuen Markt. Soldaten aus den Kriegen des Kaisers, die gegen Bethlen Gabor gefochten hatten, die Bhmen am Weien Berg zerrieben hatten: wste Prunkfedern in den Nacken zwischen den Schultern wallend, oder nach vorn in die Stirn bis auf den Mund, grellbunte Schrpen, hohe Stiefelschfte, weit berfallend mit farbigem Tuch ausgelegt. Kosaken mit breitem schmutzigem Gesicht in langen, blauen Rcken, hohen Lammtzen; ihre kleinen Augen blinkten vor Lust, sie gurrten mit ihren Weibern, die sich Schrzen und Rcke mit Perlen bestickt hatten. Feine Pagen tnzelten in engen Strumpfhosen, mit koketten Bndern besteckt; Brgerfrulein, die die Haare gescheitelt trugen, oder gewellt in den Nacken herab ber die Ohren, die an ihren Hubchen nestelten, Korallenhalsbnder begriffen, grne Mieder, leichte lose Blusen, oder kurzrckig mit hohen ungarischen Stiefeln. Kavaliere la mode, Spiel- Fecht- und Saufkumpane, Filzhte mit aufgeschlagenen Krmpen, wallonische Reiterkragen breit auf den Schultern, wild die Stiegen herunter, auf die Pferde; groe Hunde hinter ihnen her, dienernde Wirte an den Gasttren. Zwischen Brettern ein toter Mensch, von der Leichenbrderschaft getragen, hinaus nach dem Friedhof auf der Wieden. Blinde am Hohen Graben, die Augen ausgestochen wegen Mnzverbrechen, Meineidige ohne Hnde, Zungenlose, Nasenlose, Ohrenlose in Grppchen vor den Kirchen, Npfe und Blechbchsen schwenkend. Studenten mit Degen und Bandelier an der Lampelburse, der Rosenburse, ernst spazierend, auch krawallbedrftig nach Handwerksgesellen ausschauend. Aufgeblasene Gestalten, reitend, die edelsteingeschmckte Hand auf dem Rcken, in englische Tcher gekleidet, von reitender Dienerschaft gefolgt. ber ein versonntes Gchen huschend in violetter Soutane ein Bischof, das Kppchen auf der Tonsur; der Grtel wehte nach aus einem Flur. Stadtgardisten zogen ihre Spiee hinter sich her durch Staub und Kot, stellten sich um Brunnen, wrfelten, suchten sich stille Pltze. Umeinander trieben in Husern Spelunken Kellern lrmende stille kranke Menschen, Haushlter Schaffner Kellermeister Kchenjungen Rauchfangkehrer Goldmacher Gewandschneider Spengler Kalendermacher Brauknechte Messerschmiede Wanderburschen Kaufherren Ratsschreiber Kerzengieer Hkerinnen Witwen, die nach einem Mann schnappten, Dragoner, die nicht dienen wollten, Lumpen, die das Leben in der Sackgasse schn fanden, Bauern, denen der Viehhndler um die Ohren schlug, Pergamentmacher Riemer Hutekufer Messingschlger Kuppler mit Halseisen, eilige dnne Juden, Advokaten Kommissionare, quarende Kinder im Sand, wandernde Buchhndler aus Sachsen, Bhmen mit bemalten Brieflein in Umhngeksten. Um sie herum standen die spitzgiebligen Huser mit Ziegeldchern, mit Schieferdchern, bemalten Fassaden, in Fachwerk, Balkons vorstreckend, die in Stein, Palste mit Bildsulen an der Auffahrt, ornamentierten Fenstern, Huschen mit mchtigen Schildern und lustigen Namen, Schulen, Sankt Tibold Sankt Niklas Sankt Johann Sankt Sebastian Sankt Maria Magdalena Sankt Falern Sankt Michael Sankt Sebastian das Studentenspital, zu unserer lieben Frau. Thronend in aller Mitte der Stefansdom, seine Turmspitze durchbrochen, tausendfach durchlssige Maschen aus Eisen, fast verwehend in die Luft wie eine blasse Flamme am Tag; am Knauf, warnend vor den fernen blutdrstigen Trken, der Halbmond mit dem Stern. Breit fute neben dem Augustinerkloster an der Mauer das riesige Massiv der Burg, viereckig, ellbogenartig die Ecktrme ausstemmend, drei hohe Stock ragend. Darin hauste der Gewaltigste des Heiligen Rmischen Reiches inmitten seines ungeheuren Trosses, beschtzt von der Trabantengarde und den kaiserlichen Hatschieren, hundert Mann samt Fourieren und Trompetern unter Don Balthasar, ihrem Kapitn. Benedicite und Gratias an der Tafel sagten sieben Kaplne. Fr seine Kche sorgten Mundkche Meisterkche Unterkche Bratenkche Suppenkche Kchentrger Holzmacher Adjunkten. Im Keller dienten Hofkeller Kellerschreiber Kellerdiener Fuhrleute Mundjungen, seine Vorratskammern fllten Einkufer Markttrger Hoffleischer. Obertafeldecker fr seinen Tisch, Kammertafeldecker Tischaufwrter Edelknaben Offiziertafeldecker. Hohe adlige Mundschenken hatte er in Zahl, Matthias di Verdina, Michael de Alverngia, Erasmus von Hirschberg, Johann von Grnthal, Chorasinsky. Den goldenen Schlssel des Kammerherrn trugen dreiunddreiig Edle, dabei Graf Wenzel von Wrben, Graf Julius von Salm, Baron Peter Ernst von Mollert, Johann Graf Paar, Wolf von Auersberg. In den Fluren, groen und kleinen Hfen, auf den Stiegen drngten sich die Stallmeister Bereiter Hoftrompeter Fechtmeister Bchsenspanner Sattelknechte Snftenmeister Waffenpolierer Stallbediente im spanischen Stall, im Klepperstall, Leibkutscher Vorreiter Stalljungen. In den Stallungen standen neunzig Tummelrosse, achtzig Reitklepper, sechzig Kutschpferde, zweiundzwanzig Maulesel. Um die Seele des Kaisers mhten sich neben dem Beichtvater der Pater Johann Weingrtner, der Hofkaplan Paul Knorr von Rosenrot. Eine starke Hofkapelle erfreute ihn mit Musik, Johann Valentini war ihr Kapellmeister; es sangen fr ihn berhmte Snger; Peter da Naghera sang. Alt, Diskant Luka Salvatori, Graf Ossesko. Seinen Leib hatte er groen rzten anheimgegeben, Managetta war Doktor der vier Fakultten, dazu Mingonius, Mahlgieer, Johann Junker. Whrend er noch schlief, traten am grauen Morgen mchtige Herren seiner Regierung aus ihren Schlafkammern, nahe der Burg, am Petersplatz, bei Sankt Michael, am Bischofshof. Langsame Reitrosse, knirschende Karossen, Robahren trugen sie aus der wenig klappernden Stadt zusammen gegen die Burg vor ein zurcktretendes Haus, hochgieblig mit Fachwerk, vielfenstrig, mit geschwungener Gesimsverzierung. Um das Haus lief eine Vorhalle, von bunten eckigen Holzsulen getragen. Weit schwang darunter der Torbogen mit frstlichem Wappenschild, ffnete das Dunkel zur Stiege: das Haus Eggenbergs. Dann standen lange die Snften und Karossen vorhangwehend auf dem regenweichen Platz, die Pferde nickten mit ihren Puscheln, schttelten die Klingeln an ihren geflochtenen Mhnen, wetzten die Hufe, whrend der Regen ber sie flo. In der trben Ritterstube lag Eggenberg auf dem Faulbett, das schrg gegen die Mitte des Raumes gedreht war; er lag im dicken Schlafrock darauf, rotwangig, lebendig, mit schalkhaften Augen, hatte eine blaue Seidenmtze bis ber die Ohren gezogen und begrte jeden Herrn mit beiden Hnden. Sie schoben sich um den schlankfigen Eckofen, unter den Holzsims und seine Geweihe und Pokale, an die Fensterbank, beklopften erregt im Gesprch die runden Butzenscheiben. Drhnend fuhr nach einigen ruhigen uerungen Eggenbergs der untersetzte brbeierische Questenberg heraus: Stehen wir hier nach dem unerhrtesten Sieg der Geschichte? Das heit den Siegespreis aus der Hand geben. Das heit: nicht Habsburg hat gesiegt, sondern Wittelsbach. Und nicht Wittelsbach, sondern England, Dnemark, die Protestanten, denen wir billigen Kriegsgrund geben und die wir gegen uns vereinen. Wilde Beschuldigungen warf er gegen Trautmannsdorf, der still, klein, verwachsen, als wenn er nicht dazu gehrte, auf der Fensterbank sa, da dieser Graf und Beauftragte des Hohen Rats und der Kammer dabei war, als jene unseligen Beeinflussungen des Kaisers durch den Bayern stattfanden, ohne da er sich gemigt gefhlt htte, den Hohen Rat wenigstens nachtrglich zu informieren. Begtigend meinte Eggenberg, dies sei wohl nicht mglich gewesen, wegen der sehr geheimen Natur der Besprechungen; htte doch Questenberg selbst, sein lieber Gast, bei vielen Gesprchen mit Herrn Doktor Jesaias Leuker nicht vermocht, etwas Sonderliches aus ihm herauszuziehen. Der verwachsene kleine Mann sah nicht auf; er danke Herrn von Questenberg fr den Hinweis, er htte manches vermutet, wie der ehrwrdige Abt Anton auch; doch beteure er, auf der Krnungsreise oft mit der Rmischen Majestt gesprochen und sie nach Vermgen beeinflut und beraten zu haben; insbesondere sei der Erbschaft des Pflzers gedacht worden und da in Mnchen nicht Endgltiges vorgenommen werden sollte. Ferdinand sei nach der Krnung im Rausch gewesen, sein Glck, seine Gehobenheit htte die ganze Reise bis Mnchen gedauert, mit Entzcken htte er das deutsche Land gesehen, htte mit vielen ehrenwerten Deputationen Abgeordneten Stnden verkehrt; einen wahrhaften Kaiser, Mehrer des Reichs htten sie alle in ihm erblickt. Aus Dankbarkeit htte es ihn zuletzt zu seinem hohen Schwager Maximilian gedrngt. Und dann -- Trautmannsdorf sah die nachdenklichen Herren mit seinen groen samtbraunen Augen an. Sie schwiegen. Der grazise zarte Harrach schttelte sich entsetzt: Wittelsbach steht wieder auf. Als wenn er mit sich sprche, schlo Trautmannsdorf die ruhigen Augen: So bliebe nur zu bedenken, ob man jene auch mir bis jetzt verborgenen Manahmen des Kaisers als einen Regierungsakt aufzufassen gewillt ist. Hans Ulrich Eggenberg schob sich die Mtze hoch, er traute seinen Ohren nicht. Wir knnen dem Hohen Rat, fuhr der Verwachsene im schwarzen Seidenwams fort, nicht anders helfen, als indem wir auf eine gute Weise jene Manahmen annullieren. Es lt sich anscheinend nicht leugnen, da die Manahme unliebsam, ja gefhrlich ist. Alsdann wollen wir weiter debattieren. Er hatte zu seinem Freund Kremsmnster am Ofen herbergeblickt, der lchelte ihm traurig zu: Und werden den Teufel mit Beelzebub austreiben. Ihr seid ein Rechtslehrer, wie ihn Bologna nicht hat. Aber Logik hat hier nur stumpfe Zhne; sie beit doch das kaiserliche Wort nicht tot. So wird es ntig sein, mit des Herzogs in Bayern Durchlaucht in Verhandlungen zu treten. Er dachte laut weiter. Lchelnd respondierte Abt Anton: Mag Euer Liebden dies im Ernst vorschlagen? Wird Ihm gewi niemand verwehren, diese Verhandlungen zu fhren. So wird es ntig? sein -- Trautmannsdorf bi sich auf die Lippen. Anton ermunterte: Sprecht nur. Es gibt auch Mittel, die man verwendet, wenn man eine Fhrlichkeit fr sehr gro erachtet und ihre Abwendung wirklich und von Herzen wnscht. Mittel selbst gefhrlicher Art. Es gibt, wie den liebwerten Herren und Exzellenzen bekannt ist, nicht nur hier Mnner, denen die Durchfhrung des kaiserlichen Entschlusses verderblich erscheint und erscheinen wird. Die Kurfrsten werden insgesamt als nicht gefragte Partei sich gekrnkt erweisen, sonderlich die Durchlauchten von Sachsen und Brandenburg, welche samt ihrem Anhang in nicht vorzusehender Weise protestieren werden. Ich vermeine, wir werden jedenfalls nicht hindern, auch nicht hindern knnen, wenn sie sich gekrnkt erweisen. Oder wenn sie Widerstand leisten, im Geheimen oder auf dem Deputationstag. Sehr khn, Herr von Strahlendorf mit salbungsvoller Stimme, pfeilerartig lang hinter Eggenbergs Bett ber den Saal schauend, drcke sich der Herr deutlicher aus; er empfiehlt: wir stecken uns hinter das hohe Kollegium. Ich empfehle nicht, fuhr der vor den Butzenscheiben fort, auch rate ich nicht. Wir berlegen. Die Frage lautet: ist die kaiserliche Manahme gefhrlich, also: sollen Mittel dagegen ergriffen werden. Wer ist der Kaiser? Ein Habsburger. Leidet die Macht Habsburgs Einbue durch jene Manahme? Questenberg drhnte: Die Kur an Bayern abgeben, heit unmittelbar an den Sulen des Erzhauses rtteln. Harrach blickte rechts und links: Zum wenigsten droht Gefahr. Vielleicht knnen wir sie noch bannen. Hoheitsvoll schttelte Strahlendorf, der Vizekanzler, den gepuderten Kopf: Man wird mich auf keinem Wege sehen, wo es gegen den frommen Kaiser geht. Die Manahme des Kaisers mag dem gewhnlichen Geschftsgang widersprechen, sie ist aber entsprungen einem echt katholischen Gemt; der Jubel unserer christlichen Stnde wird keine Grenze finden, wenn sie kund wird. Da Bayern die Oberpfalz erhlt, wird unausbleiblich sein; da es den Kurhut an sich nimmt, werden sptere Zeiten zu den groen Beweisen unsrer Frmmigkeit rechnen; denn nun ist fr alle Zukunft gesichert der katholische deutsche Kaiser. Halten die Herren dies fest; sie werden an dem Beschlu nichts mehr zu tadeln finden. Und Kursachsen, schrie Questenberg, und Brandenburg? Und England und Dnemark? Eggenberg unterbrach nachsichtig: Es wird freilich schwer halten, die Kurfrsten nicht zu verstimmen. Und noch schwerer, Krieg zu fhren. Der Abt lchelte, er verwaltete die Finanzen: Schwer. Die Sckel sind nicht grade voll. Wieder regte sich Trautmannsdorf, der angestrengt den hageren hlzernen Reichsvizekanzler studiert hatte: Es ist ausnehmend richtig, was mein Herr von Strahlendorf gefunden hat, da die neue Wendung der Dinge einen Sieg der Frmmigkeit darstellt. In Zukunft, solange wenigstens das Heilige Rmische Reich blht, wird kein protestantischer Kaiser mglich sein. Dies ist ja auch unser aller Herzenswunsch. Aber gewi ist auch das Gegenstck: der Grimm der protestantischen Kurtrger, welche ja nunmehr noch dem Namen nach mitkren, jedoch nur essen drfen, wie's ihnen die Katholischen vorsetzen. Das wird ihnen nicht gefallen, sie werden versuchen, Einflu zu gewinnen; sobald sie sich zusammentun, ist vereitelt, was grade gewollt war: es wird zwei Reiche geben, ein kaiserliches, freilich katholisches, und ein protestantisches. Das Reich ist zerfallen. Besser ist, sie nicht in die verzweifelte Minoritt drngen; katholisch sein -- aber mit ihnen. Strahlendorf warf ihm einen strengen Blick zu: Der Krieg ist gewonnen. Der wahre Glaube hat gesiegt. Es ist folgerichtig, dem Katholizismus das verfallene Land und den verfallenen Kurhut zu berantworten. Das Gegenteil ist Schwche. Laut seufzte der Abt: Ach die Strke. Mge der Herr mein Amt bernehmen. Tadle er uns nicht zu sehr. So konkludiere ich: Frst Eggenberg sah jedem einzelnen der Herren unter die Augen, es ist das Recht des Kaisers, jene Manahme zu treffen oder getroffen zu haben. Es ist das Recht der Kurtrger, sie nicht zu billigen. Voraussichtlich wird Streit mit den Kurtrgern, sicher mit einigen Anhngern des Pflzers entstehen. Wir mssen uns auf Unruhe und Krieg vorbereiten. Mglich ist eine schwierige Rivalitt Wittelsbachs, besonders nach der Aufnahme ins Kolleg. Alle schwiegen bedrckt; ungebeugt nur Strahlendorf. Der Abt hob den Finger: Dies sind Fakta. Lat uns Rat finden, Rat, wie einem mglichen Unheil begegnen. Viel ruhiger war der schwarze Questenberg geworden; er brtete, mit dem Rcken gegen die Wand, vor sich; wollte sprechen, hielt wieder an. Harrach streichelte ihm friedlich die Schulter: Wenn der Blitz in ein Haus eingeschlagen ist, soll man nicht nur nachsinnen, wo man sich am besten htte verstecken knnen, welche Gebete man htte sprechen sollen, welche Heiligen anrufen. Mit tiefer Stimme Questenberg: Ich wei. Wir werden dem Kaiser nicht in den Rcken fallen. Das Geschehene ist schmerzlich, vielen unter uns ist es schmerzlich. Wir dienen alle unserm Kaiser. Mag unser liebwerter Frst Eggenberg der Rmischen Majestt mndlich, mit jeglicher Sanftheit, unsre Ergebenheit und unsre Bedenken, wie er sie vernommen hat, anzeigen. Trautmannsdorf flsterte gespannten Gesichts eindringlich durch den Raum: Vor allem: wir wissen nicht, was den hohen Herrn veranlat hat, wider seinen Willen der Durchlaucht in Bayern nachzugeben. Wir wissen es nicht. Es heit auf der Hut sein vor der Durchlaucht. Es heit, sich ergeben und entschlossen vor den Kaiser stellen. Jeglicher Wiederkehr vorbauen. Nachdem der erschpfte Eggenberg mehrfach Schweigen ber die Beratung anempfohlen hatte, damit es nicht erscheine, als ob Zwiespalt zwischen der Majestt und ihrem untertnigen Rat bestnde, fate man den Beschlu, die bergabe der erledigten Kur an den Bayern nicht zu behindern, zugleich die Majestt um eine gemeinsame Audienz anzugehen. * * * * * Zu Mollert und Mansfeld lchelte der Kaiser auf dem Wege von der Kirche: Es ist mir leichter, liebe Herren, es geht mir besser. Wie nennt man wohl den, der krank ist und versumt, zum Arzt zu schicken? Er ist sicher nicht -- der Dmmste. La nur, Mollert, winkte Ferdinand. Vielleicht ist er nicht dumm, vielleicht ist er nicht klug. Wer eine Snde begangen hat, soll beichten gehen. Nachmittags hrte er, sein Rat Eggenberg sei erkrankt, und als er ihn in seiner Wohnung aufsuchen wollte, hie es, er sei aufs Land gegangen. Der Kaiser schickte ihm seinen Arzt Mingovius zu; Kaspar Frey fuhr mit, um zu fragen, ob von Dighby Depeschen da wren; Eggenberg mge sich im brigen nicht zu frh nach Wien bemhen, sich recht pflegen. Die Antwort kam, es seien Depeschen von Dighby da; er schrieb, er hoffe die Festung bald niedergelegt zu haben; von andrer Seite sei mitgeteilt worden, Dighby htte mit den Trken und Tataren gedroht, falls Maximilian nicht nachgebe. Der tolle Kerl, freute sich Ferdinand und staunte. Drauen blhte der Frhling, herrlich ber alles Denken. Nach langem Hin und Her brachte der feine zierliche Doktor Frey heraus, er htte verlauten hren, die Herren Geheimen Rte htten sich betroffen gefhlt durch die Mitteilungen des Kaisers; eine -- nun -- eine sonderbare Stimmung herrsche unter ihnen. Du machst Spe, Frey? Ferdinand berlief es kalt: Sie verlassen mich? Sie helfen mir nicht? Sie klagen; sie fhlen sich gekrnkt, da man sie nicht gefragt hat. Sie halten den getroffenen Entschlu fr gewagt, fr gefhrlich. Und wie denken sie auf Abhilfe? Es ist nicht ersichtlich. Das sind meine Rte. Was brauche ich Kammer und Rat. Da sie mir wie Doggen in den Nacken fallen. Es ist nicht ausdenkbar. Du wiederholst mir. Und Eggenberg ist nicht krank. Der Frst ist gestern in sein Quartier zurckgekehrt. Bleich, entschieden, leise Ferdinand: Nein, das habe ich nicht um sie verdient. Er stand pltzlich dicht bei Frey: Um Jesu willen, was sagst du mir. Damit taumelte Ferdinand in seine Arme. Schick nach Eggenberg, flsterte er. Er kommt nicht. Eggenberg soll kommen. Er kommt, wenn Majestt befehlen. Aber er wird nicht gut sprechen. Trautmannsdorf? Ebenso. Der Abt Anton. Ebenso. Ich soll sie anbetteln. Sie wissen ja nicht; es liegt nicht an mir. Ich will zu ihnen. Bleiben Majestt. Sie mssen es in die Hand nehmen. Sie wollen etwas gegen Majestt. Gegen mich. Gegen mich. Es ist zum Lachen, zum Schreien. Wer bin denn ich? Es kommt ja nicht auf mich an. Sie wissen, da es auf einen Krieg geht. Starr: Sie wissen? Auch das? Sie halten den Krieg fr unvermeidlich. Nein, nein. Sie lassen mich in Maximilians Gewalt. Sie helfen mir nicht. Ihnen liegt nichts daran, mich und das Haus zu retten. Es gibt nichts Unvermeidliches. Sie haben sich noch nicht von ihren Sthlen bewegt. Dighby ist hingefahren. Er tut etwas. Was tun sie? Sie nennen sich krank und sind es nicht. Sie verschwren sich gegen mich. Der alte Frey schttelte den Kopf: Die Herren tun nicht gut an Eurer Majestt. O, du bist ja der einzige. Bist du der einzige, sag ihnen, steck ihnen zu, sieh zu, wie du's kannst; was soll ich denn machen, mir ist der Mund geschlossen, ich kann nicht zu ihnen, du hast ja recht. Aber: es sei nichts geschehen damit, mit der Rebellion. Nichts. Sie sollten sich Dighby ansehen, er ist ein Fremder, ein Brite, und tut mehr fr mich als sie. Ernst nahm Frey das hin. * * * * * Das Audienzgesuch der fnf Herren lag vor. In den Kaiser aber war der Zorn gedrungen, nicht ber die Herren, sondern ber die Knechtung, die diese Sache ber seine Seele ausbte. Seine Augen Porzellanschlchen mit blablauen Rundungen bemalt, hell, fast weilich. Wenn die kleinen Pupillen sich verengerten, gaben die Augen noch mehr Licht ab. In dunklen Gngen, auf Treppen nachts schwebten sie wie zwei Kelche nebeneinander. Seine glashellen Augen belehrten den alten Frey rasch: der Kaiser heischte die Herren zu sprechen. Was begehrt ihr von mir? schrie er sie ohne Form an. -- Sie wollten als berufene Ratgeber der Krone ihre Stimme erheben. -- Wenn der Kaiser ihren Rat wnsche, werde er ihn einfordern; er vermge zu denken; man mge nicht glauben, er brauche das Gngelband. -- Das Vertrauen des Kaisers zu seinem Geheimkolleg htte sich zu ihrem tiefen Gram getrbt. -- Der Kaiser bete zu Gott und den Heiligen; er sei nicht mehr unbeschtzt; er wrdige die Herren nach Verdienst. -- Das Geheimkolleg fhle schmerzlich, aber doch mit einer gewissen Befriedigung, da die Majestt ihrer nicht mehr bedrfe. -- Er werde sie gehen heien, wenn es ihm beliebe. Sie mchten sich des nicht gewnschten aufsssigen Tones entschlagen. Ob man nicht wisse, wer Kaiser sei, er, Ferdinand der Andere von Habsburg, oder Hans Ulrich von Eggenberg oder der kleine Trautmannsdorf. Zu Boden neigte sich Trautmannsdorf; sie htten den Spott nicht verdient; der bayrische Herzog reibe sich an Habsburg; sie wollten ihm das wehren; sie htten den Spott nicht verdient. Lippenbeiend stand Ferdinand da: Ich werde mit Euch reden, Graf Trautmannsdorf, wenn wir zu zweit allein sind. Jetzt mu Euer Kopf sehr hei sein. Dem glhten die Augen im Kopf; unwillkrlich machte er einen Schritt vorwrts. Blickt zur Tr, brllte der Kaiser, blickt zur Decke, wagt nicht, mich so anzugaffen. Ich rufe die Wache und lasse Euch in Eisen werfen. -- Ich will Euch nicht hren, Euch allesamt nicht. Ihr seid meine Feinde; wie wagt Ihr es, ber Max zu reden. Geht hinaus! Thornradel! Zum zweitenmal! Habt Ihr nicht etwas in der Tasche, ein Schriftstck, das ich unterschreiben soll? Seht Ihr nicht die Kette an meinem Hals, mit der Ihr mich erwrgen wollt. Ich will Euch nicht sehen. Tiefbla, zhnebeiend, gab Trautmannsdorf den andern einen Wink mit den Augen. Vom Schreibtisch zurckkehrend fragte Ferdinand, wer von den Herren zu dieser Audienz geraten habe. Als Frst Eggenberg sich nannte, bedachte sich der Kaiser lange: Ich will den Herrn anhren. Der Herr erwge aber, mit wem er spricht, und erwge jedes Wrtlein. Der sprach. Als er geredet, hatte er keinen Satz gesprochen, der nicht klug und vorsichtig schattiert gewesen wre und dem Kaiser nicht jeden Weg zum Nachgeben geffnet htte. Ferdinand trank seinen Wein; eine Zeitlang drehte er den Herren den Rcken halb, scheinbar ins Glas blickend. Er war tief beschmt. Er war von namenlosem Grimm auf Maximilian erfllt. Die Herren boten ihm ihre Hilfe gegen den Bayern an; sie durchschauten ihn; er war nicht mehr ihr Kaiser; er mute ihre Hilfe annehmen. Er sagte, wer von den Herren noch etwas hinzusetzen wolle, mge sprechen. Er ging auf und ab, um eine grne Marmorsule. Als er sie mit der schlaffen Hand berhrte, sah er in der blanken Flche sein langes, hochgezogenes Spiegelbild. Er erschrak, das Bild taumelte seitlich herunter, er ging weiter. Eggenberg erklrte, Rat und Kammer wrden unverzglich das Ntige zur bertragung der Kur an Bayern bereitstellen. In Verwirrung, zermahlen und zerfasert, konnte Ferdinand nur lcheln. Er reichte jedem die Hand. Sie wuten angesichts seines zerstreuten Gebarens nicht, ob sie entlassen waren. Bis er aufblickte und ihnen zunickte, die Arme ber die Brust verschrnkend. * * * * * Was Ferdinand tags drauf nach langem Sinnieren und Seufzen begann, war ein berstrztes Briefschreiben und Kuriersenden nach der Stadt, deren Name vor seinen Augen brannte. Hatte er einen Brief beendet und verschlossen, so war er fr Stunden ruhig, in denen er sich labte, um die Auseinandersetzung wieder zu beginnen. Es mute leise alles vor sich gehen, weder Obersthofmeister noch Beichtvater noch Geheime Rte durften etwas erfahren, geruschlos rasch ohne Pausen sollte alles hinter ihrem Rcken vollendet werden. Er trug eine kleine Schreibtafel am Grtel, die er nicht einmal seinem Leibkammerdiener abtrat; und whrend der Tafel ereignete es sich bisweilen, da er in tiefer Umwlkung Notizen aufmalte. Seine Stimmung war heiterer als vorher, aber leicht erregt und gespannt. Wieviele Briefe er an Dighby schrieb, allmhlich, von Tag und Nacht zu Tag, wute er nicht. Es war ein Schwall, whrend er glaubte, eben begonnen zu haben. Zuerst war es Dighby, der Graf von Bristol, ein vor kurzem neu eingetroffener britischer Sondergesandter, mit einem rauhen Wesen, blutrotem Gesicht, hlichen aufdringlichen Blicken, einer Ischias, dem er schrieb. Bald setzte er sich mit einem andern auseinander, der fr ihn in Mnchen im Geheimen wirkte, sein eigner vertrauter Sondergesandter, sein intimer, unausgesprochen ihm anheimgegebener Freund, sein Glckswunder. Von Tag zu Tag war diesem mehr zu sagen. Er mute die Briten aufklren und doch nicht aufklren, ein Brief sagte zu viel, einer zu wenig. In Mnchen mute Dighby gehrt haben, was geschehen war; aber es war nicht so geschehen, er hatte mit ihm kein Doppelspiel getrieben, indem er ihn zur Vermittlung ermutigte, und doch war alles schon gebunden und nicht mehr auflsbar und neu zu knpfen. Er mute ihm zu verstehen geben, zwischen den Zeilen, da es ganz anders war, da er sich nicht gebunden hatte, sondern da er einmal gefesselt worden war, in einem verwirrten betubten Augenblick, in dem er nicht rechnen konnte oder wie es sonst gewesen war. Da er damals sonderbar eingeschchtert worden war von Bayern, nachgab, seine junge Kaiserwrde schon verloren glaubte, sich aus Scham nicht hatte offenbaren knnen. Das mute schmeichelnd in halber Abbitte zwischen den Zeilen geseufzt werden. Und gebeten werden um Befreiung -- jedoch nicht zu deutlich, denn man war Rmische Majestt und jener Brite, und ein Unglubiger. Mit Politik mute alles versteckt und maskiert werden; welches lebhafte Interesse mute nicht England haben, den Bayern zum Nachgeben zu zwingen, um des pflzischen Kurfrsten, des englischen Schwiegersohnes und seiner Kinder willen; ja Ferdinand ging so weit, durchscheinen zu lassen, da er appellieren mchte an das Interesse Englands, eine starke protestantische Partei auf dem Festlande zu haben; schmerzlich und grausam weh tat ihm diese Bemerkung. Er hielt diesen Brief, vor dem er sich selbst entsetzte, lange zurck, trug ihn bei sich, mute ihn von sich reien, um ihn seinem alten Frey in die Hand zu drcken. Jeder Brief erklrte neu, khner. Und er erwartete keine Antwort, dachte nie daran, was Dighby meinen wrde, glaubte jahrelang mit ihm umgegangen zu sein. Eggenberg, dessen Haus durch einen Geheimgang mit der Burg verbunden war, staunte, als der Kaiser fter unversehens mit gerteten Wangen freudig und mde bei ihm erschien, gedankenlos plauderte, sich an sein Bett setzte, eine groe Zrtlichkeit gegen ihn und andre an den Tag legte, da er Gnadengeschenke verteilte, ohne sich um Gurlands Bedenken zu kmmern; er beschenkte Gurland selbst noch. Die Briefe aber liefen alle durch die Hnde des feinen gewissenhaften und automatischen Gelehrten Kaspar Frey. Dieser hatte keine Neigung, sich zu lebhaft in die Geschfte seines Herrn zu mischen; sein Respekt war zugleich Bequemlichkeit; ein Schutz vor bermiger Inanspruchnahme. Ihm fehlte die Herzlichkeit; sein scharfes Urteil war im Laufe der Jahrzehnte eingerostet im humanistischen Spintisieren ber Virgil und Sueton. Fr Ferdinand war das Geheimnis des Briefes vollendet mit dem Binden des Fadens, gelegentlich siegelte er. Das brige vertraute er Frey an. So kamen ein zwei ungesiegelte Briefe den blichen Weg in die Hnde des Obersthofmeisters, der bei der Aufflligkeit der Situation, der Hufigkeit von Briefen an diesen englischen Empfnger, Verdacht schpfte, heimlich einen las, ihren Inhalt auf der Stelle dem verblfften Eggenberg mitteilte, bevor er den kaiserlichen Siegel beifgte. Eggenberg wagte angesichts des unglaublichen Vorfalls nur noch den hchst verschwiegenen Abt Anton ins Geheimnis zu ziehen; Behutsamkeit schien ihm das Wichtigste fr den Augenblick. Sie kamen in der stillen Behausung des Abtes umeinandergehend berein, nunmehr planmig jeden Brief zu ffnen aufzufangen und entsprechend seinem Inhalt zu handeln. Der Obersthofmeister hatte schon unabhngig von ihnen die ffnung der letzten Briefe vorgenommen; jetzt erfolgte dies im verschlossenen Dienstzimmer des Meggau in der Burg vor den beiden Geheimen Rten. Es schien einmal, als htte Ferdinand Verdacht geschpft, sein Kurier lief unprotokolliert durch; da lie ihn Meggau auf der Strae hinter Wien niederwerfen von gedungenen Zigeunern; dieser Brief enthielt den erschreckenden Hinweis auf das evangelische Interesse des Knigs Jakob. Es schlug dem Fa den Boden aus. Man konnte nicht ohne Trautmannsdorf weiter. Erstaunlicherweise zeigte der sich gar nicht verwundert, schien etwas hnliches vermutet zu haben. Nach seinem Rat wurden alle Briefe durchgelassen, aber dauernd die Kuriere auf den Straen niedergeworfen und beraubt; dem Kaiser sollte Mitteilung werden von der Unsicherheit der Wege durch malkontente Ungarn und entlassene Sldner. Furchtbar, unerwartet schwer traf dieser Bericht den versunkenen, ja zrtlich ausgeglichenen, verspielten Kaiser. Jh brllte er, man vernachlssige die Sicherheit seiner Korrespondenz. Steif und kalt standen vor ihn gerufen Eggenberg und Trautmannsdorf, entschlossen, nichts zu antworten. Es fehlte nicht viel, da der Kaiser sich zu direkten Drohungen gegen sie herbeilie. Man hat Interesse an meinen Briefen, schrie verzweifelt Ferdinand. Er konnte nicht fassen, da die Worte, die er mit Liebe gemalt hatte, vor nichtswrdige berechnende Gesichter gezogen waren, auf der Strae lagen. Rasend war er; geschndet, tief beleidigt kam er sich vor. Und im Hintergrund verstand er, was man mit ihm vornahm. Was diese hier mit ihm vornahmen. Der jhe Umschwung lie ihn verwirrt fnfmal dasselbe fragen. Rasch gingen die Rte. Eggenberg war drauen im Vorsaal leichenbla, zitterte; er war so erschttert, da er nur immer sagte: Es mu ein Ende nehmen damit, Trautmannsdorf. Abt Anton gab ihm bekmmert recht. Der verwachsene Graf hielt sich still fr sich; etwas Geduld; die Situation wrde sich bald klren. * * * * * In diesen Tagen war es, wo der Kapuzinermnch Valeriano Magno, eine Kreatur Maximilians, seit Wochen unterwegs, am Hofe ankam, um im Auftrag seines Frsten die Ausstellung eines Diploms, betreffend die bertragung der Kur an Max zu erbitten. Schweigend verwies ihn Ferdinand an den Abt Anton zurck, der noch erzhlte, jener Mnch komme, wie verlaute, aus Paris, wo Bayern sonderbare Fhlung mit dem Staatssekretr Puisieux genommen htte. Warum nicht? lachte stoweise der Kaiser. Ja, warum nicht, bekreuzigte sich Anton. Singt mir was vor, schrie der Kaiser den Johann Valentini an; und der Chor mute stundenlang in der Antikamera singen. Die Snger waren erschpft, der Tenor Pichelmayer versagte, der Kaiser wanderte ruhelos an einer Wand vor einem Gobelin, welches die Befruchtung Ios darstellte, hin und her; schwieg die Kapelle, so schrie er bald gegen die Bnke: Ihr sollt singen. Er lie sich Tirolerwein kommen; dann muten die Streicher und Fltisten spielen; er wurde nicht mde zu wandern. Keiner der vertrauten Kammerherrn vermochte an ihn heran; Frey erlebte nichts als unverstndliche Jhzornausbrche. Wie eines Mittags Ferdinand, gedunsener Kopf, sehr starre Augen, durch ein Fenster auf einen kleinen Burghof blickte, sa da einsam neben einem leeren Wagen in der braunen Bergmannsgugel sein Narr Jonas auf dem Steinboden und arbeitete etwas. Rasch schlug Ferdinand das Fenster zu, stieg, dem Diener abwinkend, auf einer Wendeltreppe hinab. Der Hof grasbewachsen, hei, leer. Es lag da vor einem Schuppen ein Sandhaufen. Ohne da der Zwerg ihn beachtete, setzte sich der Kaiser, ohne Hut, in grauer loser Joppe, auf ein geschlossenes Fa am Eingang des Schuppens. Es tat ihm wohl, hier zu sitzen; wie gedrngt war er heruntergegangen; es tat ihm sehr wohl. An einen Balken legte er den Kopf, dachte an nichts, whrend er gerade vor sich blickte. Dann fiel ihm ein, es mchte mglich sein, hier zu schlafen; schob sich tiefer unter den kleinen Schuppen, atmete tief und, wie er die Augen schlo, schlief er schon, fest und streng, wie er begehrte. Nach einer Weile rhrte der Narr mehrmals den Schuh des Kaisers. Der Kaiser zuckte, ffnete die Augen. Der alte Schalk gurgelte heimlich, neugierig zudringend: Hast mir zugeguckt, Ferdel? Der rhrte sich nicht. Gelt, hast mir zugeguckt. Sag's. Was meinst du? Als der nicht antwortete, machte sich der Wicht an sein Geschft. Nach einer Weile schwebte der Schatten Ferdinands von rckwrts ber das Zeichenbrett des Narren; der Kleine hob listig den Finger: Gell, du hast mir zugeguckt. Ich arbeite, ich arbeite. Was ist? Der Narr hatte auf einem Kistenbrett im Sand groe leere Folianten liegen; aus einem Krgchen go er Tinte vorsichtig ber sie, tuschte die Tinte sorgfltig in breiten Pinselstrichen aus in die Ecken, an die Rnder. Ich dichte. Was ist mit der Tinte? Ich schreibe ein groes Werk ber die Sterne, den Himmel, die Hexen und die Teufel. Bald ist's geschehen. Wie sonderbar, da der Kaiser nicht lchelte, starr und streng auf die Bogen sah, das Gesicht nicht verzog; er schlief wohl noch. Wenn die Sonne schn warm und hell scheinen wird diese Woche, ist es fertig. Es kommt nur auf die Sonne an, Ferdel, im Dunkel geht es nicht voran. Was ist. Wenn du mich nicht verraten willst, grner Lwe, will ich's sagen. Und wenn du mir etwas geben willst. Was ist. Er bewegte sich vorwrts. Der Narr greinte: Jeden Bissen schnappen sie mir vor der Nase weg. Wenn du gestern gesehen httest, von den Forellen. Kaum hab ich etwas gesehen davon. Komm mit. Weinend schleppte der Zwerg sich hinter ihn, deckte mit einem Sack alles sorgfltig zu: Nicht schlafen kann ich vor Kummer. Aber doch bin ich ihnen allen ber. Er sah den Mann neben sich strahlend an: Ich zeig's dir. Komm zurck. Ich schreibe ein groes Werk ber die Geister. Die Weisheit mu verbreitet werden unter die Menschen. Aber es dauert alles so lange, hab ich gesehen, ein Buch jahrelang, jahrelang. Viele Weise sterben, grner Lwe, ehe sie ihr Buch fertig haben. Und darum -- Er sah zu, wie sich Ferdinand wieder in den Sand setzte, fragte gespannt: Aber du verrtst mich nicht. Nichts, nichts. Es gibt viele, die mir alles absprechen und mich am liebsten umkommen lassen wrden. Bang hob er den kleinen Tintenkrug unter dem Brett hervor, wies ihn: Sieh selber, was ich fr einer bin. Mein Buch ist, wenn unser Herr Petrus am Himmel will, bald fertig. Ich la es dich zuerst sehen dann. Und der Kleine go ber einen frischen Bogen Papier einen Strom Tinte, fing an zu wischen, entzckt plappernd: Sieh an, wie es geht. Sieh, wie es luft. Ich mache es auf einmal. Da, eine ganze Seite auf einmal, aus dem Flein kommt der Brunnen. Im Nu. Gewischt in die Ecke, eins, zwei. Ich bin nicht so dumm, mir Federchen schnitzeln, in die Tinten stoen, Trpflein herausfischen. Ja, glaub's schon, kann lange fischen, bis das Flein leer ist. Und wenn das Flein nicht eintrocknet, fischen sie drei Jahre daran. Seht bei mir. Das ist der ganze Witz. Flink, hurtig, im Nu. Sieh her, Ferdel, hier unten. Auf dem Sand standen sechs kleine Krge. Seit gestern, flsterte geheimnisvoll der Schalk, deckte sie rasch zu. Ich hol die Krglein aus deiner Kanzlei, sie schimpfen, da sie weg sind; morgen setz ich ihnen mein erstes Bchlein hin, die Krglein daneben: werden sie Augen reien. Ist von Gespenstern, Hexen und allen sieben Gestirnen, hab mir weidlich alle ausgedacht und hurtig drauflosgeschrieben. O, was sie alles drin lesen werden; auch von dir, Ferdel, und meinen Feinden! Finden sich alle drin. Nun mu ich sorgen, lieber Jonas, da du Doktor werdest ohne Studium und Examen. Glcklich, die Hndchen schlagend: O, wann gibst du mir meinen Schmaus? O, du wirst sehen, es wird noch besser. Wenn du mich blo nicht verrtst. Nur zu trinken, Jonas. Feiern wir dich auf der Stelle; zeig mir, wo es in den Keller geht. Komm, ich weis' dir's. Mtterlich deckte er seinen Platz ab. Dicht am Schuppen in die Mauer war eine niedrige kistenverstellte Tr eingelassen, an sie schob er sich heran; eine Stiege senkte sich herab; schwerer khler Geruch schwoll herauf. Wo bist du, Jonas? Sst. Still. Ich bin unten. Vielleicht hrt uns jemand. Komm. Hier. Bist du allein? Nein. Wer ist bei dir? Der Wein, der Jonas und du. Wir alle drei. Der Kaiser tastete sich herunter. Setz dich gleich hier an die Stiege, Jonas, in den Winkel. Und la die Tr auf, damit wir sehen knnen. Ferdel, kannst du am Hahn trinken? Hol mir einen Becher, wo du willst; leise; stehen berall Leute. Lange Stille in dem Dunkel. Groe Umrisse von schwarzen Fssern, Tonnen, Bottichen, Leitern lsten sich; der Keller wuchs in die Tiefe. Jonas! Hier das artige Becherlein. Ich bediene dich. Wir wollen dich feiern, Jonas, morgen schenk ich dir deinen Zuckerzweig. Sie tranken, tranken. Jonas lachte manchmal herausplatzend schallend, bald fing auch der Kaiser an. Jonas schrie: Herr Rektor, Euer Liebden haben keine rote Robe an. Es ehrt mich nicht genugsam. Jonas, sagte nach einer Weile Ferdinand, bring mir meinen Hund. Schon schlich der Zwerg davon. Hier, Ferdel, hier ist das Hndelein. Es war eine Katze. Der Kaiser hatte sie auf den Armen, rang mit ihr. Ich kann sie nicht halten. Jonas, mit einem Griff am Nacken, prete sie ihm an die Brust; sie hielt still. Die blauen groen Augen des Kaisers, die grellen Schlitze des Tiers. Gebt mir Euer Messer, Herr Doktorande. Das Ktzlein mu mir sein Fell fr einen roten Mantel verkaufen. Er vertiefte sich in den ngstlichen lauernden Blick, suchte sie pltzlich am Hals zu packen. Die Katze schlug um sich, der Zwerg zustrzend aber hatte ihr im Nu mit seiner scharfen Klinge den Hals durchgeschnitten. Whrend sie noch hell pfiff, spritzte, zappelte, auf die Steine kollerte, schlitzte er ihr kreischend knirschend das Fell von der Kehle bis zum Schwanz, ri es rechts links von dem heien nassen Rumpf ab, von den zitternden Beinchen. Ferdinand schluckte heftiger den Wein. Das dunstige blutende Fellchen legte er sich auf den Rcken, rieb sich die Finger. Die Glocke schlug oben im Hof. Jonas, lauf hinauf, ehe wir anfangen, dich zu feiern. Rasch. Spute dich. Sag meinem Leibdiener, du httest einen Auftrag von mir zu bestellen. Sag's dem Kammerherrn in meiner Vorkammer. Wenn man mich suchen sollte, -- ich hielte Sitzung ab. Sie sollen's dem Abt Anton bestellen. Hier hast du meinen Ring, und bring ihn gleich wieder. Der Narr schaukelte den Kopf: Ich soll nicht erzhlen, wo du sitzest? Nicht erzhlen, Jonas. Was wird mein armer Buckel dazu sagen? quarte er. Scher dich! Atemlos kam er bald angestrzt: Sie waren hinter mir her. Ich hab sie irregefhrt. Mein Ring. Der Narr hatte ihn an. Schelm, gib den Ring. Ferdinand spie, whrend er den Schalk schttelte: Zu saufen, Kerl. Was du hast. Ich hab Durst, Kerl. Der entwischte, blieb weg, laut schmatzte er in der Nhe. Ferdinand taumelte zu ihm in den Winkel, wo eine Laterne brannte; da stopfte der Kobold Rettich, trocknes Brot. Ferdinand brllte lachend: Verfluchtes Vieh, ri den Korb her; der Schalk hielt sich schreiend am Henkel, sie stopften rissen schluckten und spien zerrten. Das Katzenfell, das rutschte, legte sich Ferdinand immer wieder auf die linke Schulter. Allein lie er hingestreckt seinen Becher vollaufen, schlrfte, whrend ihm der Kopf wackelte und er den Korb vor die Brust zog. Pltzlich machte der Narr einen Ruck, kroch mit seiner Beute zehn Schritt davon, kreischte giftig: Nichts kriegst du mehr! Verrecken kannst du, Dieb abscheulicher. Er sa im Dunkeln versteckt. Gibst mir Rettich, du Hund? Verrecken kannst du. Ferdinand kroch auf allen Vieren mit baumelndem Kopf, rief heiser, drohte bettelte. Der Schalk verzog sich weiter. Listig bat der Kaiser: Ein Stckchen, Herr Doktor, blo ein Stckchen. Nichts, gar nichts. Nicht die Krume kriegst du Strolch. Ich will was haben, brllte der Kaiser, ich kann nicht verrecken hier. Du Dieb, ich werde dir zeigen. Was habe ich dir getan, Jonas. Nichts. Verrecken! Verrecken! Ein Stckchen. Ferdinand sa unter einem laufenden Fa, flennte: Nichts gibt er mir. Seht den Kerl an, den Jonas. Den ganzen Korb hat er voll. Das wird kein Doktor. Verrecken. Da hob Ferdinand, sich auf den Bauch werfend, an der Katzenleiche ausgleitend, mit den Beinen strampelnd, sinnlos aus vollem Halse brllend, die Arme auf, schmetterte sie auf den Boden, salbte sich aufbumend sein Gesicht mit dem Schmutz: So behandelst du mich, so behandelst du mich. Ich verklag dich. Wtend rutschte der Zwerg heran, schlug von hinten mit dem Korb gegen seine Beine. Verklagen, du mich? Du Dieb. Er bringt mich um. Hilfe. Grausame Not. Was habe ich dir getan. Verleumder, mich willst du verklagen. La meinen Fu. Oben stiegen Leute scheltend heran, warfen Licht in den Raum. Der Zwerg geiferte frohlockend: Jetzt sieh zu, wie du auswischst! Haha. Vor denen da! Du Dickwanst. Johlte gegen das Gewlbe bei Ferdinand: Hier bin ich! Walkt den Dieb! Kroch weg, schleuderte seinen leeren Korb zurck, meckerte vergngt, mit dem linken Schuh des Herrn klappernd, dicht zu ihm schlpfend, drehte er einen Hahn auf; der Weinstrom prasselte auf die Steine. Da heulte beim Anblick des leeren Korbs der Kaiser vor den beiden Kferknechten, die ihn drohend anhoben, dann den beschmierten Sabbernden zitternd zurechtsetzten. Alles hat er gefressen. Er ist schlecht. Es ist kein Gelehrter. Er ist ein Siebenfra, ein unbarmherziger. Mich lt er verrecken. Fangt ihn doch. Den unbarmherzigen Schelm. Gottseibeiuns. * * * * * Graf Johann Paar war seit Hoheneich nicht am Hof erschienen. Ferdinand sagte knirschend zu Frey, der sich vor ihm entsetzte: Ich will gndig mit ihm verfahren, mit dem Hans. Will ihm nicht Hatschiere schicken, sondern dich und den Jonas. Ihr beiden sollt ihn holen. Dann schwankte er lange, ob er nicht seinen Leibkammerdiener schicken sollte. Gebunden wurde dann eines Nachts Paar von Hatschieren auf einem Wagen in die Burg gefahren, ohne Hut, ohne Degen, wie sie ihn in seiner Stadtherberge ergriffen hatten. Wahrhaftig, hhnte der Kaiser, der ihn in der Schlafkammer sitzend empfing, der Graf Paar. Dnnlippig stand er da, die gefesselten Hnde auf dem Rcken. Ich war ehrschtig, erklrte der langsam, der Mollert hatte mich gereizt. Ich hab mich von der Eifersucht auf Mollert bewegen lassen. Der Kaiser lachte giftig. Der blieb dabei: er bereue. Ferdinand fragte: Das war es, das war alles? Paar dachte an die Ste, die er erduldet hatte; langsam wiederholte er, er sei eiferschtig auf Mollert gewesen. Der Kammerdiener mute ihm die Fesseln abnehmen; es stnde ihm frei, in seine Heimat zu fahren. Er sah nicht, wie der Leibdiener sich beiseite wandte, die bettelnden zerreienden Blicke des fast unbeherrschten Ferdinand, sah nicht, da Ferdinand schrecklich erblassend im Begriff war, wackelnd auf seinem Sitz sich an seine Brust zu werfen. Er fiel vor Ferdinand auf die Knie; starren rachschtigen Herzens sagte er: er bereue. Der Kaiser bat ihn entsetzt um Entschuldigung, hie ihn gehen. * * * * * Bei der zweiten Besprechung, die Dighby auf den weiten geweihprunkenden Korridoren der Alten Residenz zu Mnchen mit dem Geheimrat Richel fhrte, -- einem Herrn so gro wie er, so breitschultrig wie er, mit glattrasiertem verrgertem burischem Gesicht, mitrauischen Blicken, von unbestimmtem Alter, -- meinte der Herr am Gelnder der Wendeltreppe zu ihm, wenn es dem englischen Edlen beliebe, nach Thalkirchen oder sonst in die Umgebung zu spazieren: es sei sehr schn hier; die Witterung gut, er mchte es nicht versumen; des Herzogs Bescheid trfe ihn rechtzeitig. Dighby amsierte sich vor den Pflzern, da dieser furchtbare Unruhstifter, diese mnnliche Kriegsfurie, der Maximilian, nicht aus dem Beten herauskme; wenn man nach ihm frage, immer heit es: er ist zur Messe, er hlt Andacht, heute Beichte, morgen Beichte, der Herzog belagere frmlich den lieben Gott. Er witzelte in seiner selbstvergnglichen Art: ob der Max vielleicht darum so viel bete, damit kein anderer an Gott herankme. Schwere Luft wehte in Mnchen. Das mnchisch strenge Wesen des Hofes drckte auf die Stadt. Fensterln und Gunkeln war verboten, die ppigen gemeinsamen Badestuben aufgehoben; still trollten des Herzogs Maximilian einzige Freunde, die Brder vieler Orden, Nonnen durch die Straen der Stadt; Weibsen, die zu kurze Rcke trugen, Mnner, die in Spinnstuben lachten, wuten, was ihnen drohte; in Eisen auf Wochen, wen die Lust anwandelte zu schuhplatteln. Lord Dighby zog in krebsrotem Gewand zu Ro ber den groen Markt mit einem Schwanz von zehn gemieteten Knechten, purpurn wie er; er mute es tobend dulden, da beim Aveluten sich keulenbewehrte Bttel auf sie strzten, sie auf die Erde warfen und nicht eher erheben lieen, als das Gelut zu Ende war. Vor den Obersten Hofmeister, den majesttischen hochgeborenen Grafen Johann zu Hohenzollern strmend, fand er keineswegs Ohr; es schien sogar, als ob dieser Graf Mifallen darber empfand, da die Bttel nicht auch ihn selbst niedergeworfen htten. Nun langten die erstaunlichen Briefe des Kaisers Ferdinand bei Dighby an, von vielbemerkten kaiserlichen Kurieren getragen, Briefe, ber die sich nicht schweigen lie. Dighby geriet in immer greres Entzcken; er begann fr sein Verhltnis zum Kaiser Ausdrcke zu finden wie: der knne ihm nicht entwischen. Er unterlie Antworten nur, weil er nicht wute, welche familire Anrede er dem Kaiser geben sollte. Ohne weiteres langte er eben angekommene Briefe, oft unentsiegelt, lssig dem Rusdorf oder dem weniger gewiegten Pavel; es war Langeweile, was ihn dazu veranlate. Prahlende uerungen stie er in der ffentlichkeit aus; er drohte, er gebe dem Herzog noch zwei Wochen Zeit zur Besinnung; dann kmmerte er sich um nichts; wagte es, whrend die Rte sich in der Masse versteckten, an einer Prozession bedeckten Hauptes herausfordernd vorbeizureiten. Die Rte waren verstndnislos fr die Briefe des Kaisers. Schon traf Rusdorf beklommen Anstalt, sich dem sehr gndigen Dighby wieder zu unterwerfen. Da blieben die Briefe aus. Dighby grenwahnsinnig merkte tagelang nichts; argwhnisch, schlielich spttisch forschte Rusdorf. Nach einer Woche wunderte sich der Lord. Vielleicht, da er htte antworten sollen; aber es machte ihm zuviel Mhe; irgend etwas nagte dazu an ihm, lhmte seine Hand; seine Gedanken sprach hhnisch der spitzgesichtige Rusdorf aus: der Kaiser htte ihn zum Besten gehabt. Einen Boten fertigte Hals ber Kopf der Brite ab nach Wien, den Kaiser fragend; er kam zurck mit dem Briefe und einem Vermerk der Hofkanzlei zu Hnden des Abtes Anton: das Schreiben trge irrtmlich die Adresse des Kaisers. Die Wut drhnte durch den Lord, er war betrogen, planmig England, planmig verhhnt. Die Augen der Rte leuchteten. Die Torwache hatte dem Herzog gemeldet, da Kuriere in den erzherzoglichen Farben fast tglich zu dem englischen Gesandten liefen; der Kammerdiener Verduckh erkundete, berichtete Nheres. Da traf Maximilian Anstalten zu antworten. Die Sorte Bauernmdchen bei Thalkirchen behagte Dighby vortrefflich; er griff zu; Liebesszenen arteten in Schlgereien aus: das gefiel ihm. Die beiden bayrischen Ehrenkavaliere waren sehr besorgt, da es zu Zwischenfllen kme, wollten gern schweigen, auch die Pfarrer besnftigten, denn der Englnder verspielte wilde Summen an sie und ihr Gehalt war mager. Schon vier Wochen trieben sie zu dritt ihr Unwesen rings um Thalkirchen; da stand eines Nachts der Graf von Bristol hinter seiner Herberge in einem Kohlfelde, hatte eine Zaunlatte in der Hand, verteidigte sich gegen einen anspringenden messerbewehrten untersetzten Bauernburschen, der weite Hosen und sonst nichts trug. Dighbys seidener Schlafrock war bis ber eine Schulter aufgerissen. Und whrend des Kampfes, der von beiden Seiten stumm mit groer Entschlossenheit gefhrt wurde, erleuchtete sich der Himmel mit einem auffallenden, immer strker und breiter flammenden Rot. Beide sahen unruhig beim Schlagen und Zustoen auf, kamen berein, den Kampf auszusetzen, in der nchsten Nacht sich wieder zu treffen. Der Lord weckte, da sich zudem ein ferner ungewhnlicher Lrm erhob, seine Herren, die erschreckt den Schein sahen; es klang, als ob in einem riesigen Feuer ganz Mnchen zusammenprasselte; dann wie eine Schlacht mit Menschengeschrei Wagengefahre Schieen. Sie liefen auf einen Hgel. Der Feuerschein stand ber Mnchen. Erregt standen sie; ob es nicht bald Morgen wrde; der Weg durch den Wald war im Finstern ungangbar. Mit dem ersten Grauen zogen sie die Pferde aus dem Stall; schwarz traten die Bume aus der Dmmerung hervor, die Dorfstrae wurde kenntlich. Lord Dighby sa zuerst oben; in seiner Ungeduld strzte er sogleich, fluchte, blieb im Steigbgel hngen. Der heranstolpernde Bursche, mit dem er gefochten hatte, half ihm freundlich auf; sie winkten sich zu. Ro hinter Ro trabten sie vorsichtig durch die Waldung. Das Rasseln Klirren Drhnen wurde vernehmbarer. Die Hauptchaussee auf Mnchen war erreicht; da standen zehn Mann mit Musketen quer ber dem Weg: Durchritt auf Mnchen untersagt; wollten sie in die Stadt, mten sie im Bogen herum durch den Wald. Keine Auskunft; stnden seit dem Abend hier. Als sie zu dritt auf die von Sden einfallende Chaussee stieen, war der Weg verstopft und es war die bayrische Armee selbst, mit Fuvolk Artillerie und Reiterei, mit Tro Bagage Munition und allem Volk, das durch Mnchen rckte. Es ging nach Norden. Dighby wurde mitgerissen; war eingekeilt zwischen Wagen. Sie stiegen ab; sie hielten im Getmmel ihre Pferde fest am Zaum, da man sie ihnen mit List und Gewalt nehmen wollte; man lie das Pech der Fackeln auf ihre Hnde tropfen. Sie kamen zwischen zwei Trupps Wallonen. Offen trugen die Herren ihren blanken Degen in der Hand. Dem Lord gelang es, vor dem Austritt aus der Stadt, sich herauszuhauen; die beiden anderen kamen nach Stunden zum Vorschein, ohne Degen und Hut, nachdem ihnen ein geschmeichelter Kornett zu ihren Pferden verholfen hatte. Stundenlang mute Dighby in seiner Herberge sitzen in heftigem Zorn, denn die Straen waren berfllt. Er trieb am Abend seinen Kammerdiener zu Richel: wann er ihm eine Aufwartung machen knnte. Statt Antwort kam am folgenden Vormittag ein unbekannter Herr in Jesuitentracht zu ihm mit einem kurzen Empfehlungs- und Beglaubigungsschreiben des Geheimrats: dies sei der gestrenge, besonders vertraute, vielliebe Herr von der Gesellschaft Jesu, der Pater und gelehrte Doktor Jakob Keller, Rektor des Mnchener Kollegs, in alles wohl eingeweiht und dem britischen Gesandten zu schuldiger Observanz bereit. Er erklrte mit lieblichen Worten, des Herren williger Freund um so mehr zu sein, als er eben zurzeit den Besuch des englischen Jesuitenprovinzials Partius empfangen habe, der beraus angenehme Zeitungen aus diesem wohlregierten Lande gebracht habe. Der Anblick des Paters, der ihm gleich diesen fatalen Knppel zwischen die Beine warf, vermehrte seinen Zorn; er begehrte zu wissen, was der Herr Rektor bei ihm abzulegen htte. Und als sich der friedlich zu Rede und Antwort erbot, toste er los, was dies sei, dieser Heereszug mitten im Frieden, whrend der Friedensverhandlungen; welche deutschen Methoden sich hier kundtten nach den freundlichen, huldreichen Worten des Kaisers. Was den Herrn Rektor, der sich zu setzen verschmhte bei seiner Gnaden dem Lord und Grafen, ehrlich betrbte, sofern nmlich ihm nichts bis zu diesem allerdings wichtigen Augenblick von einem Frieden bewut sei zwischen der bayrischen Durchlaucht und dem proskribierten chter, vielmehr be der Herzog im Namen des Heiligen Reiches, wie verabredet, die Exekution gegen jenen aus, der in der Oberpfalz erschreckend hause; man wrde bald das bedauerlich heimgesuchte Land von seinen Brandschatzern befreit und in den allgemeinen deutschen Frieden einbezogen haben. Auch Dighby blieb an seinem Stuhl stehen, fragte heiser, warum man aber, warum aber der wohledle Herr Bartholomus Richel, seiner Durchlaucht in Bayern Vizekanzler und geheimer Rat, ihm dies verschwiegen habe bei seinem zweimaligen Besuche, wiewohl des Lngeren und Breiteren Kriegs- und Friedensfragen durchgegangen seien. Warum habe man oder Herr Richel angehrt, da er beruhigende Depeschen nach England und dem Haag schickte. O, man werde doch nicht wagen, einem erfahrenen Gesandten von dem Rufe des Lord Dighby Vorschriften zu machen ber seine Depeschen. Wie beraus erfreut Herr Richel, dieser wrdige und fromme Mann, von dem Besuche und der ausgesprochenen Friedensliebe des hohen Gastes gewesen sei, wie sehr er bedauert htte, nicht auch die beiden pflzischen Rte zu empfangen, die sich auf Abgabe ihrer Instruktionen und Denkschriften beschrnkt, knne er bezeugen. Bei lnger dauerndem mndlichen Verkehr der beiden Parteien, daran zweifle er, der Jakob Keller, nicht, wre ihr Verhltnis zum wohledlen Bartholomus Richel noch herzlicher geworden und er hoffe auch jetzt noch, da man keinen Vorwurf auf diesen untadligen Herrn werfe. Dies sei also ein Krieg zur Besetzung der Oberpfalz? Es knne doch nicht bestritten werden. Keineswegs. Keineswegs knne es freilich auch behauptet werden. Es sei die Reichsexekution gegen den chter Mansfeld, der auf oberpflzischem Boden stnde. Dighby warf den Stuhl ab; diesen Boden verteidige sein Herr, sein Landesfrst, ferner der Kurfrst Friedrich; gegen ihn kmpfe der Bayernherzog, man solle es nur zugeben und nur schnde die Verhandlungen brechen. Beliebe der Herr solche Untat nicht von einem frommen Mann wie Richel und gar herzoglicher Durchlaucht zu glauben. Die Verhandlungen sollen um des Erlsers willen nicht abgebrochen werden, der ganze, tief religise Standpunkt der bayrischen Regierung widerstrebe einem kriegerischen Wesen, immer sollten die Verhandlungen weiter gehen, immer weiter. Ja, er, der Keller, sei hier, um die Punktation zu frdern. Verhandeln? England jetzt verhandeln? Er warne den Herrn. Der Pater schaute in seinen Hut. So lge es gewi nicht an Bayern, wenn das Friedenswerk nicht gefrdert werde; das betrbe ihn bitterlich. Gerade in diesem Augenblick wrde man ergiebig verhandeln knnen und zweifellos am besten nach der Vollendung der Exekution. So msse er Vale sagen. An der Tr meinte er lchelnd, bevor er sich bedeckte: so wisse er freilich auch nicht, ob er bei dem Herrn Lord die Geneigtheit des Herzogs vorbringen sollte, ihn in Audienz zu empfangen; eben sei der Herzog zurckgekehrt; sein Erstes sei die Frage nach dem Unterhndler gewesen. * * * * * Wo habt Ihr gesteckt, Ihr Herren; hinter dem Gitter, im Affenkfig? Habt Ihr geschaut, gewinkt, wie sie Trompeten geblasen haben? War ein Spa, nicht wahr? Rusdorf hatte sich bei anhebendem Getse nachts aufgemacht, hatte sich von der zechenden Stadtwache zwei Begleiter erzwungen, war mit ihnen, whrend Pavel die Papiere im Losament bewachte, das jeden Augenblick unter Vorwnden geplndert werden konnte, zur alten Residenz, zum Richel, Jocher oder wen er trfe, gedrungen, um instndig Auskunft zu erbitten. Hatte sich vor die verschlossenen Tore drohend gestellt, war wegen seiner Neigung, franzsische Brocken zu gebrauchen, fr einen Spion von einem vorberziehenden Schwerereitertrupp gehalten worden. Die Stadtwache verlie ihn auf finsterer fackeldurchwehter Strae; man beschimpfte und kujonierte ihn. Trobuben Sergeant Profo, wen er fragte, jauchzten aber dasselbe: Es geht auf die Oberpfalz. Keine neue Frage nderte die Gewiheit: man berfiel mit bermacht sein Land, sein Heimatland. Dann bebte Pavels Schlafkammer unter dem verzweifelten Wutgeschrei des bettgeworfenen kleinen Rats und dem bitteren Gesthn des knieend betenden anderen. An ihre Fenster schlug der freche Lrm der vorberwandernden Regimenter, das Fauchen des verwstenden siegesdurstigen ruberischen Heereswurms, Fackellicht auf Fackellicht blkte gegen ihre Decke; die Nacht rckte vor. Volkes ohne Ende! Ihr armes Land sollte ersuft werden. Als Dighby mit zerrauften Kleidern wild am Morgen in ihre Zimmer fuhr, schwankten sie bernchtig zorngeblht vor ihn; er mute sich erschreckt den Hut abreien, in eine Ecke drngen, sie schienen halb wahnsinnig ihn meucheln zu wollen. Schrieen Verrat ber ihn: der Herr hat uns an den Bayern verkauft, er hat es uns angedroht, er hat es getan; ein Pfaffenhund ist er. Er zog sich knirschend zwischen ihren Degen an die Tr, sie wollten ihm nicht glauben, da er selbst bertlpelt sei; erst standen zwei Hunde vor ihm, jetzt wiesen schnarchende Bestien ihre Zhne. Nicht Dighby war es, sondern Pavel, sich am Stock schleppend, der befahl mit einer knirschenden Ruhe, sogleich aufzubrechen aus Bayern, das treulose verlockende hllische Land zu verlassen und sich zu Mansfeld zu schlagen. Die Wagen wurden ihnen vom herzoglichen Hofe nebst Salvaguardia an alle Truppenteile gestellt, das Bedauern ausgesprochen, die Herren so eilig zu sehen. Hinter Amberg stieen sie nach Tagen auf die schwrmenden Vorhuten Mansfelds. Sie lieen den Grafen von Bristol nicht los, bis er die kostbaren Geschenke des Kaisers Ferdinand mit Einschlu der goldenen Waschschssel verkauft, den Ertrag gezwungenermaen dem Bastard geschenkt hatte. Nach einer furchtbaren Szene zwischen den dreien in der Gegend von Cham hinter dem abgebrochenen Hauptquartier des Feldherrn verlie Dighby die deutschen Herren, verlie ber Brssel blkend rachedrstig den Kontinent. Die beiden wandten sich nach Norden, nach dem Haag, an den Pflzer Erzratgeber, den Doktor Ludwig Camerarius. Rusdorf wollte nicht sumen, nicht rasten; das bayrische Heer, die Wiener Tage brannten in seinem Herzen; er trug die Flamme weiter; Camerarius hie ihn den Dnenknig und den Schweden aufstacheln. Pavel trennte sich bei der Abreise aus dem Haag von ihm; er lehnte weitere Gesandtendienste ab; sehr freundlich und gtig sagte der schwermtige kranke Mann zu dem springenden anderen: Es ist gut, was der Herr vor hat, mein Segen ist bei ihm. Doch wird er sehen, wir haben die Fortuna nicht auf unserer Seite. Wird bald alles wieder anfangen wie in London und Wien; werden betteln; man wird uns nichts ersparen. Ich bin dem nicht gewachsen. Mit vieler Liebe umarmten sie sich vor dem Postwagen; auch Rusdorf zerbi sich schluchzend den Mund. Als Doktor Jesaias Leuker, prchtig in Zobel getan, einen goldenen Gnadenpfennig an der Halskette, blutroten Gesichts die kaiserliche Antikamera betrat, stand gebckt ein schwarzer ungeheurer Mann neben dem Stuhl des Kaisers, der Beichtvater Lamormain, ein Luxemburger. Bemalte Leinewand und bunte Tafeln waren auf dem Teppich vor ihnen hingeschichtet. Ferdinand hielt den Kopf gesenkt, als Leuker vom siegreichen Vormarsch auf die Oberpfalz berichtete. Als er sein mattes aufgedunsenes Gesicht ihm wieder zugewandt hatte, sagte er halb fragend zu Lamormain und dem Bayern zugleich: So mge unser frommer Schwager auf dem Zuge von uns jeder Hilfe und Vorschubs gewrtig sein. Und whrend er den Blick suchend richtete auf das Bildchen in seiner Rechten -- die blaumantlige Maria mit dem geneigten Haupt, einen goldenen Stern auf der rechten Schulter, in einem Schutthaufen am Tiber von Dominikus a Jesu Maria gefunden -- war pltzlich ein Licht in ihm erloschen; er sah sich an der Wand auf einer schwarzen Bank in einer finsteren Kammer sitzen, sich langsam aufrichten, die Hnde an die Schlfen legen, zusammenlegen zum Gebet; und er sprach nach, ohne es zu verstehen, was dem Gebundenen auf der Bank von den Lippen ging: Es ist geschehen. Im Namen des Vaters, des Sohnes, des heiligen Geistes. * * * * * Aus seinem Bau, um den herum er mit Schonung fra, stberte das bayrische Heer den Bastard von Mansfeld. Von da strmte ihm, wegweisend, pestilenzialischer Geruch entgegen. Eine Seuche war in dem Lager bei Beidhaus ausgebrochen, hatte sich mit Werbern Fourieren Streifkorps beutemachenden Tummlern blitzartig durch die Wlder und Berge verbreitet, zuckte unter Bauern und Knechte, gepanzerte Krisser, Musketentrger. Aus den Tmpeln stieg die Brut der Mcken und Stechfliegen. Unter der schilfdurchstochenen Oberflche der Wasser, dicht am Spiegel, hingen die Millionen Larven wie herrenlose Naturtrmmer, gleichmig Luft saugend durch ihre kleinen Atemrhren. Dick schwoll ihr Kopf an, hob sich ber den Spiegel, die Schale zitterte, knisterte, spannte sich, ri ber der Schlfe, seitlich; langsam drngte sich das lange junge Gebilde durch, engangelegt Fhler Glieder Flgel, rastete sich spreizend, auf einem Blatt der Wasserlinse, hing flgelspannend grobeinig an einer Schilfscheide. Surrte in der Dmmerung aus. Die Luft mit Zirpen und feinem hohen Singen durchadernd. Sprsame surrende Mcke mit schwankendem Ringelleib, vor sich zwischen hauchartigen Fhlern gerade aus gestemmt den langen Stechrssel, der wie ein Spie steif auf dem Kpfchen wuchs, vor dem Prellbock des klobigen Brustwrfels. Das trug sich tausendfach, zehntausendfach, millionenfach durch die Abendluft mit glsernen Flgelchen. Setzte sich an den Mund, an die Stirn, auf die Hand, die ein Brot brach, an den Hals, zwischen den geschnittenen Bart des Kornetts und Rittmeisters und die venetianischen Kragen. Ri sich einer, vom Pferde springend, schweibegossen den Wams auf, khle Luft gegen nasse Brust gehen zu lassen, so krallte das kleine Flgelwesen ungesehen an die warme Haut, sog sein Trpfchen Blut, speichelte im Bi ein Trpfchen Gift ein. Dann konnten die Soldaten auf ihre Jagd gehen, die Leute an Torsulen und Brunnen aufhenken, das Vieh forttreiben, gewaltig prassen --, inzwischen liefen die Fieber durch ihre Krper, Abend um Abend, verwandelten ihr Blut in einen tropischen Sumpf. Kornetts mochten brllen, den sauren Wein dieses Jahr in Kannen schlucken, gefahrdrohend auf ihren Gulen vor hundert Mann durch die stillen schornsteindampfenden Drfer segeln, Leder vor der Brust, dichtmachende Papiere um den Hals, breitbackig und hei auf den bersttigten Tieren: es vibrierte in den Knieen, der Koller mute herunter, die Waden waren schwach, vor den Augen flimmerten Regenbogen; das Frieren und Zhneklappern fing an, die Nacht lag man im Heu, im Bett, drohte heiser, als wre nichts, und tags darauf war man schwcher, von Ritt zu Ritt gespenstischer. Und das fiel ber die Obersten, die Pikeniere, wie ber die Huren und ihre Weibel. Die Seuche ttete nicht viele. Wen sie befiel, den machte sie schwach und noch rasender, als er schon war. Wer starb, verweste wo er fiel. Gelb, schwach lachend ging man umeinander in der Hitze. Bis noch das Gercht sich verbreitete, erst im Lager bei Beidhaus, dann in Weiden, im Markte Kohlberg, es htten sich Leute gefunden, die ein neuartiges Wesen von Krankheit zeigten. Pestbarbiere erzhlten verstrt von Bauern, die eine neue Krankheit in ihren Betten htten. Die Luse fielen das Heer an. In den geraubten Wmsen Leintchern Betten Pelzen Schabracken wuchsen sie an den Sldnern hoch, die im Schmutz der Wlder und Straen verkamen, machten feuchte und trockene Krtzen; bei sehr vielen geschah es unversehens, da das tierische Gift sich in ihre Adern senkte. Sie begannen irre und fiebrig zu reden, manche zu rasen, Ausschlge bis zu Erbsengre erhoben sich auf der zerbissenen Haut, Blutflecken sprossen in grausenerregender Weise hervor; schlafschtig, taub gingen sie, wo sie sich hingeflchtet hatten, gemieden, eingesperrt, dazu verhungert zugrunde. Ohnmchtig sprachen die gelehrten Schler des Paracelsus von den merkurialisch-schwefligen Zeichen der Seuche, von den merkurialisch-salzigen, dem Heihunger, den Harnbeschwerden, der Wasseransammlung in den Beinen, Blutspeien, Brustgeschwulst, Melancholie. Eine Verwarnung Maximilians ging an smtliche Stnde der Oberpfalz ging dem drngenden Heere voraus. Stark, gut gewaffnet, wohlstaffiert rckten die Sldner vor; man sah ihnen das Geld an, das der zusammenraffende Herzog an sie gesetzt hatte. Da wich der geschwchte Mansfeld zurck, hinter Amberg, streckte die Pfote aus gegen Maximilian mit einem offenen Grinsen, das der verstand. Es kostete sechshundertfnfzigtausend Dukaten, da der Bastard sich auf die Beine machte; mit dem gleichen Grinsen erbat er sich und wurde ihm gewhrt eine vierzehntgige Wartezeit zur Wahrung seiner Ehre, bis ein Bescheid des verlassenen Pfalzgrafen Friedrich zur Billigung des Akkords eintrfe. Dann huschte er, das hungrige Volk hinter ihm, aus dem ppigen Land heraus, das er nicht hatte abgrasen drfen. Zwanzigtausend Mann hatte er noch, fnfhundert Bagagewagen und einen starken Tro. An der Grenze des Landes war es, wo er Dighby traf, den englischen Gesandten, der, gefolgt von den beiden Rten, ihm vierzigtausend Gulden gab, bittend, da er die Pflzer Partei nicht verlasse. Der Bastard, der verkrppelte Wicht mit der gespaltenen Oberlippe, der Hasenscharte, nahm an, dankte, huschte weiter. ber die Grenze weggetrabt stie er seinen gellenden Kriegsruf aus, brnstiges Gebrll der Sldner hinter ihm, die Reiter atmeten Luft. Maximilian hatte ihn auf die Unterpfalz loslassen wollen, wo die verhaten Spanier saen, denen der Bayer das Land nicht gnnte. Mansfeld pfiff; der Rhein lockte. Durch Ansbach Hall, ber Mannheim, auf Speyer; sndhaft reich das Bistum. Da hamsterte schon der englische Freibeuter Horatius Veer. Rasch hatte der einen Hieb vor die Schnauze. Die Gule in die Stlle, Muskete auf der Schulter, Pike in der Hand, knurrend die Mgen zogen sie auf Menschenjagd. Schossen durch die Fenster, in die Scheunen, unter die Betten. In die Kirchen stiegen sie ein, vor den aufgesprengten Portalen machten sie die Pulverprobe, bten Anfnglinge im Treffen auf Heiligenbilder, die stillhielten, und schreiende Kinder. Priester samt Gemeinde schossen sie ab von den Fenstersimsen; nachher gingen sie in die Ecken, hoben den Rest auf Piken. Sie bestrichen ihre Schuhe mit dem heiligen l und Chrysam, zu Rotten trieben sie die Weiber und Mdchen zusammen auf Marktpltze, in Scheunen, in Waldlichtungen, verderbten sie am hellen Tag mit Unzucht. Wenn sie sich schnaubend von ihren Spen erholt hatten, wischten sie sich die Muler, nahmen ein Bad mit den Weibern, die sie unter das blasenquellende Wasser hielten, bis sie sich ruhig gezappelt hatten. Da wollten sich einige ben im Menschenfleisch essen, muten es aber zum Gelchter der anderen aufgeben, meinten, katholisches Fleisch schmecke sauer. Wollte ein Bauer frei sein, mute den Kot eines anderen fressen, den der eben gelassen hatte; ging es nicht rasch, erstickten ihn kopfber in dem warmen Gesudel. In der Wollust der Grausamkeit gingen sie wie Wahnsinnige herum; nicht viel fehlte, da sie mit den Steinen am Wege zu kmpfen anfingen, die Vorlauben niedermetzelten, die Luft anspien, da sie die Pferde zwischen ihren Schenkeln mit Stichen zu Tode qulten. Junge Weibsbilder, an denen sie ihren Mutwillen verbt hatten, lagen tagelang tot, unbekleidet, halb verbrannt auf offenen Wegen; die Bauern in den Nachbarhusern wurden gehindert, sie zu beerdigen; wer sich daran machte, dem wurde der madenwimmelnde Leichnam in die Stube gelegt. Sie konnten sich nicht lange in den Stiftslanden aufhalten; trafen ausschwrmend bald nur leere brennende Drfer, flammende Kornscheuern. Einige hetzte die Wildheit, da sie toll gegen die heimflutenden Bauern rannten, schtig, selber gemartert zu werden. Der berschumende Mansfeld, seine blutrnstigen Horden schwangen ber den Rhein zurck nach Osten gegen den Neckar. Ein rasender anderer Rebell erwartete sie da; der alte Markgraf von Baden Durlach. Dem hatte es die Lebenslust weggefressen, da er nicht Erbe sein sollte der oberen Markgrafschaft, weil er Protestant war. Mit zwanzigtausend Mann, vierzig Feldstcken, fnfunddreiig kleinen Geschtzen, siebzig Wagenmrsern, achtzehnhundert Wagen stand er am Tage nach Christi Himmelfahrt auf den Hhen zwischen dem Neckar und Ballingerbach; berschttet alle Tler und Berge unter dem blendenden Maienhimmel vom jungen Grn, von weier Apfelblte. Vor Glck wollte er zerbrechen in seiner schwarzen Eisenrstung auf dem gepanzerten Pferd, als drben jenseits des Waldes die Ligisten aufzogen, die Bayern voran; inmitten der Hakenspiee Streitxte Reiterhammer, des klingenden Kompagniefeldspiels schrie der Graubart, sein schweres schottisches Schwert mit beiden Fusten ber sich hebend: Sie mssen unser sein! Was wollen sie gegen uns! Einige Stunden darauf war das Grn jung wie vorher, die Apfelblte schimmerte wonnig, das badische Heer zerschmettert wie loser Kalk am Boden, der alte Markgraf, von Qualen geschttelt, von wenigen Offizieren gefolgt, auf dem rasselnden Pferd durch sanfte Wlder ber trumende Wiesen zwitschernde Grten nach Stuttgart, da sich der Wrttemberger seines Sohnes annhme und die Flche auf die Bayern hre. Die siegesheien Ligisten, Bayern an der Spitze, schoben sich in die Kurpfalz; das Land wehrte sich nicht, sein Herr irrte mit der englischen Knigstochter im Elsa herum. Die Kartaunen und Mauernbrecher der berwinder, zu hunderten versammelt, noch glhend wie ihre Fhrer, heulten Tag und Nacht auf den Bergen vor Heidelberg; als der Sitz des flchtigen Kurfrsten brannte, ging ein Freudenschauer durch das Heer; ber die blanke, dunkle Platte des geschlngelten Flusses warfen sie sich. Geplndert Heidelberg, geplndert Mannheim. Zu dem Heere stieen Vlker aus Bhmen Mhren Spanien. Und wie sie sich gegen den Main wlzten, sprang sie der dritte chter an, Christian, der tolle Bischof von Halberstadt. Der unbndige Mann konnte kaum lesen, kaum schreiben, an seinem Hut trug er den Handschuh der schnen, flchtigen Pfalzgrfin. Alles fr Gott und fr sie stand auf der roten Standarte, die seine Leibgarde trug; darauf gemalt war ein doppelkpfiger Adler, dem rechts und links ein Lwe ppstliche Tiara und Reichskrone mit erhobenen Pranken abzureien suchte. Er kam stracks von Paderborn, wo er in der Kirche die Silberstatue des heiligen Liborius umarmt hatte, dem Heiligen dankend, da er auf ihn gewartet hatte; er mnzte ihn aus zu Trutztalern auf die Pfaffen. Der barbarische Recke und Mansfeld, der Kobold, zogen zusammen. Am Main prallten sie an die anrollende Heereswoge, bei Hchst wurden sie von der Woge verschlungen. Friedrich schickte Boten an den Bastard und den tollen Bischof, sie mchten, sofern sie noch lebten, zu ihm kommen in das Lager von Zabern. Die lebten beide noch. Mit niedergeschlagenen Augen, wie nach einem miglckten Selbstmord, fluchend hageschwollen schleppten sie sich auf den Muster- und Werbeplatz in der sanften hgeligen Landschaft. In das Wirbeln der Trommeln, zwischen die lockenden Wappenschilder, die geldtragenden Schreibertische, in das Bnderschwingen und trotzige Rumoren der jungen Arkebusiere tauchten sie wie lakenschleppende Gespenster ein. Man schob sie vor ein offenes prchtiges Feld, aus dem Musik scholl. Hinter ihnen Wrfel, auf Trommeln geworfen, Rauch Bratenduft Gebrll des Viehs. Die Musik zu Ende, hob Mansfeld den kleinen Seitenvorhang, an dem feine Glckchen hingen. Hinter einem Tisch mit Weinkannen und Bechern, den abgelsten Degen und Gurt vor sich am Boden zwischen den Fen sa barhuptig, das edelgeschnittene Gesicht ihm zugewandt, der blonde Pfalzgraf, perlmutterwei die Haut, halbschlafend, die ausgestreckten langen Beine in losen Stulpen, mit Spitzen verziert, die offene Jacke aus blauem gepretem Samt, silberne brandenburgische Aufschlge an den rmeln; wei quoll das Spitzenhemd an der Brust und an den rmeln hervor. Er schien die beiden bestubten Herren fr Traumbilder zu halten, zwinkerte ffnete schlo die Augen. Dann ri er sie pltzlich auf, das schulterwallende Haar schaukelte ber die Backen; stellte sich, die Hand auf den Tisch stemmend, auf die Beine, erkannte sie, streckte beide Arme nach ihnen, whrend ihm die Knie zitterten. Dann nahm er aus ihren Gesichtern sein Verhngnis hin. Er hielt ihre Finger fest; erst als sie nicht vom Boden aufsahen, ging er ein paar Schritt rckwrts, hob seinen Degen auf, setzte sich, ihn ber den Knien, an den Tisch; liebevoll und leise sagte er: Nun ist wohl Zeit, meine lieben getreuen Herren, da ich mich fr einige Weile aus dem Spiel zurckziehe. Mein Land hin, mein Kurhut hin, meine Kinder Bettler, meine Untertanen Papisten. Mansfeld zischte den langen Braunschweiger an: Gibst du's auf, Christian? Gehst du zu Max? Spotte er meiner nicht. Mansfeld nach einigem Zgern klirrte dicht an den Stuhl des Pfalzgrafen, rauh sagte er: Kann mich nicht entschlieen, dem gottverdammten Habsburg Dienste zu tun, Herr Pfalzgraf, verzeiht mir. Mu mich entschlieen, Euch den Dienst aufzukndigen. Der Pfalzgraf lchelte todernst: Nur eine Weile. Habt Geduld mit mir. Der Dachstuhl brennt bei mir, gedenk es bald zu schaffen. Bis sich der Herr erholt hat, sei er meiner, des Mansfeld, sicher. Habt Geduld, Mansfeld. Christian kniete tobend, die Fuste sich vor der Nase schttelnd: Gehrt Euch jegliches Knchelein meines Leibes, Herr Pfalzgraf. Ist noch nicht aller Tage Abend. Bin selber krank, bis ich nicht in Papistenblut gebadet hab. Sie schtteten sich am Tisch Wein in den Hals. Herr Pfalzgraf, Mut! Geht jeder von uns seiner Wege, ihr Herren, sthnte Friedrich, die feine diamantengeschmckte Hand vor den Augen. Aber whrend der hitzige Bastard auf die Platte donnerte, schluckte der geschlagene Pfalzgraf hinter seinen verschrnkten Hnden Trnen mit Wein gemischt. All verloren, all verloren, schrie er in seiner Trunkenheit. Lie seinen Musterplatz dem Mansfeld. Nach Sedan brach er scheu auf, wo der Herzog von Bouillon wohnte, sein Oheim und Erzieher, der strenge Calvinist. Hielt mit der ppigen Elisabeth kleinen drftigen Hof, jagte, schlug Ball. * * * * * Zu Lamormain, seinem Beichtvater, sagte der Kaiser: Ich werde gedrngt, abzudanken. Erschreckt schlo der Pater den roten Teppichvorhang, der den offenen, nach dem Garten fhrenden Erker gegen die Schlafkammer abgrenzte, in der sich zwei Kammerdiener bewegten. Still sprach der Kaiser, mit den Knien an die Knie des Jesuiten stoend, der dicht an ihn gerckt war: Sie mssen aber noch Geduld haben, die mich drngen. Ich habe Pflichten gegen mein Haus. Mein Sohn hat Anspruch auf meine Untersttzung. Ich mu ihn in den Sattel setzen. Lamormain, in die Handteller blickend, schttelte den geschorenen eckigen Kopf: Majestt fhren eine Regierung, die Gott und die Heiligen sichtbar segnen. Bis in die letzten Tage hinein. Wir mssen gehorsam gegen Gott sein; er hat seinen Willen ausgesprochen, es darf nicht beim Dank verbleiben. Sein Segen bindet. Ich mu den Ferdinand erst in den Sattel setzen, dann mgen die Herren recht haben. Ich vermag dann nicht lnger hierzusitzen; Pater, glaubt es mir. Sagt ihnen, sie mchten sich solange gedulden. Zwischen seine Hnde hatte der Pater die rechte heie Hand des zusammengesunkenen blicklosen Mannes vor sich schlpfen lassen; bedeckt und umschlossen von den starken Fleischmassen, zwischen den Knochengittern lag sie da; der Luxemburger flsterte: Rmische Majestt sind von einer argen Schwermut befallen. Ich werde niemandem etwas berichten. Aber mit meinem Beichtkinde um die Gnade unseres Heilands und seiner Mutter beten. Wie gebt Ihr Euch Euren Gedanken hin. Bis Ferdinand gesichert ist, mgen sie sich gedulden. Ich verspreche auch stille zu halten bis dahin. Man mge mich nicht zum uersten treiben. Ich habe es nicht verdient um sie. Ich will Euch sagen, Pater, was es ist. Ich habe den Stolz dieser Mnner hier an meinem Hofe und anderswo bis zum Hchsten getrieben, so da ich nichts mehr bin. Man macht sich Menschen nicht zu Gehilfen und nicht ergeben, wenn man sie beschenkt, wie ich es getan habe; man reizt sie gegen sich auf. Manche von ihnen, ich wei es, haben fter lose wackelige Kpfe gehabt, so waren ihre Taten, nicht nur ihre Gesinnungen; ich habe manches gesehen; vieles wurde mir hintertragen. Ich habe geschwiegen, ich habe sie gebraucht. So habe ich sie geehrt, wie mich niemals etwas geehrt hat. Ich habe mir jeden echten Dank, jeden Lobspruch und Blicklein erringen mssen, ich habe danach kriechen mssen. Aber das ist Menschenart. Man hat mir abgewunden, was ich nie hergeben konnte, ja lat meine Hand, Pater, man hat es getan. Ich brauch meine Hand, um es vor Euch zu beschwren. Man hat mich hier sitzen lassen in diesem Erkerchen, wo ich keinem schaden kann, und gibt mir zu essen und zu trinken; man nimmt mir gar nichts weg, um keinen Argwohn zu erregen, bei den Leuten drauen, den Stnden, den Edlen, den Brgern und was weiter weg ist. Man hat mich aus Bequemlichkeit bei Reich und Regierung gelassen und mcht' es so weiter treiben. Man wird erbost sein, wenn ich gehe. Ich jammere nicht, mein Migeschick ist es; mir wurde nicht mehr verliehen. Aber diese Mauer, die jetzt ber meine Schultern fllt, die ich -- meine Schande spreche ich aus -- selbst habe aufrichten helfen mit meinen Hnden, das tut zuviel an mir. Sagt, Ehrwrden, den Herren, den Siegern ber Mansfeld und ber mich, sie mchten etwas an sich halten. Ich sage nichts, ich sage es nicht, Majestt. Ehrwrden, Pater, an wen soll ich mich wenden. Ich kann sie nicht selber bitten. Ihr seid mir vom Heiligen Vater gegeben zu meinem Beistand. Ihr seid meine Hilfe. Tut mir ein Liebes an. * * * * * Durch den Wind und die graue Nsse schwankte die schwere massige Gestalt des Mannes unter dem viereckigen Hut. Der Regen peitschte die Pflastersteine vor der orgeldurchtosten Augustinerkapelle glatt, in den Gchen tat sich ein Morast auf, Rinnsale fluteten aus den Stllen und Schweinekoben. Der alte Jesuitenpater hob und senkte sich im Nebel, hinkend mit dem rechten Bein, er tauchte ungebeugt aus den berschttenden Wassermassen auf, drang wie ein Keil durch das erbitterte Geprassel vorwrts. Es war schon Abend, die Pltze und Straen leer; aus den Tanzhusern scholl die erste Lautenmusik, sie zitterte durch die dicke Luft aus unbestimmter Richtung, suchte wie das Znglein eines blinden Ktzchens herum. Das Efeugeranke wurde von den berstehenden Balkons abgerissen, hing aufflatternd, gesunken wie ein verwilderter Bart ber die Straen, in den sich vorbeisausende Snften verfingen, vor dem Pferde sich aufstellten. Das steilgieblige Haus des Grafen Strahlendorf. Die Vorhalle abgeplattet, wie niedergedrckt von dem Wetter. Fackeln, in Eisenringe gestoen, brannten im Flur. Vor der Wendeltreppe hielten zwei Pikeniere der Stadtgarde den ungestm eindringenden triefenden Schwarzhut zurck; er mute finster warten, bis hinter zwei Kerzentrgern der drre hohe Strahlendorf hustend und augenzwinkernd die Stufen herunterkam und, von dem herrischen Priester, angerufen, die Soldaten scheltend zur Seite treten hie. In einer winzigen Treppenkammer ri sich der Pater Mantel und Hut ab, klatschte sie an den Boden; in dem dicken Schafspelz des Grafen und einer polnischen Kappe stieg er hinter einem hochschftigen Pikenier den letzten Treppenabsatz hoch. Sie tauchten auf in einem violetten ganz leeren Vorsaal, der von der Fackel des Soldaten mit ungeheuren Schatten und trbem Licht belebt wurde. Grauweich war der Teppich, der den ganzen lnglichen Saal auslegte -- der Sldner stand hinter dem Pater auf der Schwelle -- und vor den Fen des kaiserlichen Beichtvaters legte sich furchtbar der Schatten schwarz hin an den Boden, kletterte an der getnchten rankenbemalten Gegenwand hoch, wackelte umbrechend von der Decke herunter mit geschwollenem Kopf. Die Decke kam niedrig herab mit ihren schweren Balken; die Fensterwand war vllig mit gerafften Leinentchern verhngt. Ab und zu, wenn das Licht still stand, blinkten goldene Ovale von der Wand, mit sanften Szenen ausgemalt, Rehe, die aus einem Mondgehlz ugten, weidende Pferde. Kein Laut in dem windgerttelten Haus; bisweilen eine schwache entfernte Stimme, Gemurre, das sich steigerte, als ob im andern Stockwerk Sthle geschoben wrden, viele durcheinander sprchen. Pltzlich trat hinter zwei Kerzentrgern Strahlendorf aus einer im Dunkel liegenden Tr. Der Soldat drhnte die Treppe herunter. Verlegen und langsam, unter Verbeugungen uerte der Graf, es seien einige Herren zu einer Besprechung bei ihm; es hielte schwer, sie zu verabschieden; ob die Angelegenheit des ehrwrdigen Gastes sich vielleicht in Krze erledigen lasse. Lamormain fragte ruhig und den Herrn fixierend nach den Namen der Herren; er fgte hinzu, ehe der Herr, der sich den Bart strich, zu einer Antwort gelangt war, es liee sich vielleicht ermglichen, da beide Besprechungen zusammengelegt wrden, dies wre wenigstens ihm das Genehmste, und er drfe wohl annehmen, da im Hause des frommen Grafen Strahlendorf nichts verhandelt wrde, was nicht ein Kind der Gesellschaft Jesu anhren knnte. Er lchelte verbindlich. Strahlendorf schwieg, verbeugte sich, schwieg. Dann sagte er entschlossen, nach der Hand seines Gastes greifend, es sei in der Tat das Bequemste; es sei in der Tat ein glckliches Zusammentreffen; der Pater mchte bei der Unterhaltung nur nicht vergessen, was er etwa ihm Besonderes zu offenbaren htte. Das Zimmer, aus dem das Gerusch klang, lag nur zwei Sle entfernt in demselben Stock. In dem engen gewlbeartigen Eckraum, unter den weien Lichtern von vier Paaren hoher Wandkerzen fuhren die Herren auseinander, die sich mit weitauslangenden Gesten gegenbergestanden hatten, und wichen gegen die Wand. An sich herunterzeigend bat der Jesuit um Verzeihung; er sei auch in dem sonderbaren Kleid der Freund der Herren, Lamormain. Auf einem Tisch am Winkel standen Krge und Weinbecher; Wein war ber den roten steinernen Boden ausgegossen; die Gesichter der Herren erhitzt; zwei Offiziere in Elenkoller hielten sich ihre Degen vor die Brust. Questenberg klobig pausbckig, rittlings auf einem Schemel, trank ruhig weiter nach dem Eintritt des riesigen Mannes im Schafspelz, hielt ber die Lehne vor sich gestreckt seinen Becher. Strahlendorf lchelte, die Herren mchten sich in ihrer Unterhaltung nicht stren lassen, sie wten, wer der Pater Lamormain wre. Vergeblich ersuchte der Pater, indem er sich still in den Winkel setzte, fern von den andern, sie mchten seine Gegenwart nicht beachten. Er fhlte selbst die kriegerische Stimmung, in die er geraten war. Man schwieg hartnckig. Der hagere Vizekanzler fllte einen glsernen Jungfernschuh mit rotem Traminer. Schon stand einer der beiden Obersten auf, rttelte an seinem Schemel, stie einen halblauten Fluch aus. Da rekelte sich der feiste Questenberg, lftete seinen spanischen Kragen, fllte sich die Backen mit Wein und fragte schluckend, mit einem stieren Blick auf den ruhig beobachtenden Pater, wer den ehrwrdigen Gelehrten geschickt htte. Der Oberst einfallend machte sporenrasselnd Front gegen den Gast: Der Herr kommt gerade recht und wird uns wenig verdrieen, von ihm belauscht zu werden. Was wir anbringen, mag gut in seine Ohren gehen. Was knnte wohl den Herrn Julian zu der Annahme verleiten, da mich jemand geschickt htte? Und wer sollte das wohl sein? Questenberg polterte: Geht weg, Oberst. Ehrwrden, es trifft uns berraschend. Trink er, Oberst, und la ers gut sein. Der spitzbrtige Offizier, als wenn er in lustiger Kompagnie wre, intonierte lachend herausfordernd das Spottlied auf den Pflzer Friedrich: Das Heidelberger Fa gar gro, vor Zeit voll Wein, jetzt bodenlos. Lamormain nickte herber: Vortreffliches Lied, vortrefflich gesungen. Der Soldat, dunkelrot im Gesicht, mit schwarzen Blicken, die Stirn runzelnd: Denkt der Ehrwrdige Herr mich zu foppen? Bewahre Gott. Er will mich foppen und wird es bereuen. Questenberg stampfte mit den Fen, brnstig sich schttelnd: Weiter, weiter die Herren! Behaglich seufzte der Priester: Sag auch: weiter, weiter. Aber hilft doch nicht; mu mir alleine weiter singen: >Er sitzt darauf, sehr schwach und krank, vom bhmischen Brgertrank; sein Magen nicht mehr dauen kann.< In den hallenden Lrm schrie der kleinere schmalgesichtige Offizier, der atemlos gewartet hatte: Nun soll uns der Pater Lamormain verraten, ob er auch wagen wrde, an einem andern Orte so zu singen und zu stolzieren. An welchem denn? Im Konvent? Im Profehaus? Auf der Kanzel? Im Beichtstuhl? Liebwerter Herr Oberst, nein. Geglaubt. An einem andern Ort. Von dem er herkommt. Vor einem andern Gesicht. Lamormain trmte sich ernst hoch: Vor welchem mag der Herr wohl meinen? Ganz recht! Denkt weiter! Eben vor dem. Vor --. Eben vor dem. Nun! Ihr meint vor dem Gesicht unseres Allergndigsten Herrn. Nun, Herr Pater, wann habt Ihr ihm zuletzt das Lied von dem Winterknig gesungen, wie sein Magen nicht mehr dauen kann und Lnder von sich gibt. Wir allesamt kennen das Gesicht des Kaisers, das er damals geschnitten hat. Sie schwiegen im Augenblick. Dies war ein Signal. Finster blickte der massive Priester auf die Fliesen: Ihr redet eine schlimme Sprache, Oberst. Sprecht einmal, grunzte und knurrte in die Stille, die Arme wie zwei Balken ber den Schemel wiegend, der verbissene unbeirrbare Questenberg, wohin hat es gefhrt, da wir ber die aufstndischen Bhmen gesiegt haben. Und wohin hat es gefhrt, da Mansfeld geschlagen ist, der Durlacher dazu. Jetzt hat der Pfalzgraf den Schwanz eingekniffen und ist davon, unter die Fittiche seiner Verwandten, er wagt nicht, den Schnabel zum Nest herauszustecken. Und in Wien, in der Hofburg -- gibt's Trauer! Das reimt Euch zusammen! Wir wagen nicht zu sprechen von Sieg. Den Schnauzbrtigen sah lange still der Pater an: Ihr wutet frher etwas anderes. Es war mir eine leise, gewi freudige berraschung, Euch bei unserem werten Freund Strahlendorf zu finden. Im Geheimen Rat soll einer geklagt haben ber den Krieg; er schtzte den habsburgischen Gewinn aus dem Feldzug sehr gering ein. Viel hher, Eurer Liebden, soll er den Gewinn eines gewissen verwandten erlauchten Hauses bemessen haben. Darum sitz ich hier. Wir haben erkannt, da sich Bayern zuviel vom Siege einsackt. Das ist auch Habsburgs Krieg. Man drngt uns an die Wand. Ihr wit, Pater, was das kaiserliche Haus bezahlen mu. Darum greif ich lustig nach dem Sieg als meinen Sieg. Wie viele Gefangene hat der alte Tilly gemacht, wie viel Kartaunen Singerinnen Feldstcke und Totenorgeln haben sie eingeheimst in dem einen Sommer! Standarten Fahnen! Und wir wagen nicht, den Mund aufzumachen --, als wenn es unsere Kanonen sind, die uns abgenommen wren, als ob wir mit eignen Leibern geblutet htten. Lamormain, sing Er vom Heidelberger Fa vor der rmischen Majestt! Und erzhl' uns, welche Aufnahme er gefunden hat. Der hagere Vizekanzler war neben dem Priester stehengeblieben; er zog ihn neben sich auf einen Schemel. Lamormain. Wohin soll dies fhren? Die Dinge laufen noch gut im Geleise. Wir sind in Sorge. Seht, das ist alles. Ferdinand hat etwas im Sinn, dessen wir nicht gewi sind. Wie hat die himmlische Mutter die katholische und kaiserliche Sache gesegnet. Wir sind besorgt. Graf Strahlendorf vermeint doch nicht, mein Beichtkind mchte unserm Glauben Abbruch tun? Tut es der Kaiser nicht mit Plan, tut ers ohne. Aber Ihr seht hier diese rechtschaffnen und kundigen Mnner in Unruhe. Und mchtet Ihr sagen: ohne Grund? Der Pater sann beiseite gegen seinen rechten Arm im struppigen Schafspelz: Der Kaiser hat dem letzten Unternehmen nicht den geringsten Widerstand entgegengesetzt. Ihr vermchtet ihm nicht die leiseste Erschwerung der Angelegenheiten nachzuweisen. Der jngere Oberst krhte: Wir wollen nicht das Reich gut regiert sehen wider den Willen des erwhlten Kaisers. Der Bayer hat den Krieg gegen die Bhmen glcklich gefhrt, jetzt hat er den Hauptanteil an der Zerschmetterung der Freibeuter. Da seht! Wohl, ihr Herren, trommelte Questenberg mit den Hacken, es bleibt bestehen, da der Kaiser grollt, sich nicht in die Dinge fgt, und da er den Englnder Dighby beschenkt hat, der den Frieden zwischen Habsburg und dem Pflzer vermitteln sollte. Das gefhrdet das Reich. Lamormain: Soll dies hier ein Gericht sein ber des Rmischen Kaisers Majestt? Strahlendorf, der Vizekanzler, schlug die Hnde zusammen. Was seien das fr bittere Worte. Die beiden Obersten lachten zuckten mit den Achseln, drehten den Rcken. Questenberg hielt fest: sie htten hier Lamormain wie ein Zeichen des Himmels, er solle seinen Einflu auf den Kaiser geltend machen. Um? Um auf ihn zu wirken. Und in welchem Sinne? Nicht ihn zu knebeln, sondern ihn zu fhren, wie es die Dinge fordern. Lamormain war ein Bauer, in dem Ardennendorf Dochan bei dem zerstrten La Moire Mannie aufgewachsen, sein rechter Fu hinkte, weil er sich mit der Sense beim Mhen in die Knochen geschlagen hatte; als kleiner jesuitischer Lehrer wre er verkommen, wenn nicht sein Oheim Koch beim Kaiser Rudolf gewesen wre, ihm einen freien Stiftsplatz in Prag verschafft htte. Bestimmt legte er hin: Ich bin der Herren getreuer Diener. Es darf nichts gegen den Kaiser geschehen, nichts gegen ihn geplant werden, nichts an meine Ohren gelangen. Statt ihn zu fesseln, ist meine Aufgabe, ihn in Schutz zu nehmen und ihn als sein Gewissensrat in unverzgliche Kenntnis von jedwedem Anschlag zu setzen. Die Herren, nach einem klanglosen Auflachen des kleinen Obersten, baten um Dispens fr Minuten, whrend derer sie das Gemach verlieen. Dann: Was sich Lamormain versprche, wenn der jngere Bruder des Kaisers, der Erzherzog Leopold, an der Regierung teilnehme. Die Herren seien von einer ungeheuren Offenheit. Es heit den Dingen ins Auge sehen. Es ist notwendig, die andern Mitglieder des Hauses Habsburg von der drohenden Gefahr zu orientieren. Man mu sich sichern vor den Ausbrchen einer unberechenbaren persnlichen Politik, die jetzt nur schweigt. Es heit klar sehen. Mansfeld und Durlach sind das A, England heit das B, Dnemark das C und das ganze furchtbare steinerne Abc solle zerbeien ein schlechtgezimmertes Deutschland, Kurfrsten, die sich entzweien, Rechtglubige Protestierende Kalvinisten. Wir wollen noch einmal sagen, der Katholizismus steht auf dem Spiel, wenn wir nicht eingreifen und vorbeugen. An dem Schicksal des Reichs nimmt ja der geistliche Herr kein Interesse. Pltzlich lachte der stehende Priester in kleinen herausfordernden Sten: Woher aber, edle und gestrenge Herren, seid Ihr meiner so gewi, da Ihr also deutlich vor mir sprecht? Questenberg in seinen hohen Reiterstiefeln machte eine Verbeugung vor ihm, whrend er die Arme ffnete, die Hnde ffnete und eine stumme lchelnde Demutserklrung ablegte. Der hagere Oberst klopfte sich hei gegen die lederbeengte Brust; mit verzerrtem gehssigem Ausdruck bog er den vibrierenden Kopf zurck: Ist uns der geistliche Herr recht gekommen. Htten uns, wie wir hier saen, auch unserem kaiserlichen allergndigsten Herrn nicht versagt. Brauchen nicht den Esel beim Schwanz aufzuzumen, packen, mit jeglichem Verlaub, den Stier bei den Hrnern. Milde zog der Priester seinen Pelz zusammen: Zu gtig, da mich mein Herr fr ein so verwegenes Tier hlt. Aber wenn nun der Stier stt. Questenberg, unter den drohenden Ausrufen und spttischem Achselzucken: Nur zu! Wird uns ein Vergngen sein. Werdet zwei Stunden zu spt kommen. Mich schwitzt, sagte Lamormain, blickte zur Tr, in so dichter edler Bundesgenossenschaft bin ich lange nicht gewesen. Es ist nicht mehr so windig, edler Graf Strahlendorf. Ich denke, Euch den Pelz zurckzugeben und nach einem neuen Mantel zu schicken, mit Eurer Gunst. Er beobachtete lippenbeiend die erhitzten Gesichter: Seht Ihr edlen Herren, jetzt seid Ihr aufmerksam. Jetzt fragt Ihr, auf welche Seite stellt sich der lange Lamormain und wird er uns verraten. Ich werde Euch nicht verraten. Damit drngte er gegen die Tr. Der kleine Oberst rhrte ihn am Arm: Ist das alles, Herr? Verchtlich Lamormain ber die Schulter: Ist das nicht genug? Ist Euch der Kopf auf der Schulter nicht genug? * * * * * Als Lamormain am nchsten Mittag aus der Burg vom Besuch eines schwerkranken kaiserlichen Leibarztes, des witzigen Menschenkenners und Menschenfeindes Gabriel Ferrara, kam, trugen ihm in der Teschnergasse und dann am Hafnersteig verngstigte Novizen seines Ordens, unversehens aus Husern sich nhernd, zu, da der Platz vor dem Kolleghaus, der Universitt, von einem ganzen Fhnlein grober Berittener besetzt sei, die sich ganz ruhig verhielten. Sie htten den Eindruck, als ob auch hier und da in den Straen verstreut sich Bewaffnete befnden; trgen groe Sorge seinetwegen, um so mehr, als vor einer halben Stunde, bald nachdem er zu dem frommen Gabriel Ferrara gegangen sei, eine Anzahl Karossen und Snften vor dem Profehaus hinter der Universitt erschienen wren; die edlen Insassen htten nach ihm, dem ehrwrdigen Pater und Beichtvater der Rmischen Majestt, gefragt, htten im Empfangssaal und den Vorkammern Platz genommen. Sie htten zuerst die Abwesenheit des Paters nicht glauben wollen, htten die Gnge und einige Gemcher durchsucht, freilich auch um Entschuldigung gebeten, weil es sich um dringliche Angelegenheiten handle. Die Zglinge waren auerordentlich erregt, in Furcht auch um sich. Beklommen folgten sie dem ruhigen Mann auf den hufklappernden waffenstarrenden Platz, wo die Reiter auf Anruf ihres degenschwingenden Kornetts eine Gasse machten, die sich hinter dem Jesuiten schlo. Lamormain stand lange vor der lwengeschmckten Freitreppe des Profehauses, bei den Snften und Karossen der Herren, deren bunte Trabanten und Kutscher sich vor ihm entblten, verneigten. Er hielt beide Arme fest ber die schwarzverhngte Brust verschlungen, ffnete sie nicht, kopfgesenkt, als er die Stufen sehr langsam emporstieg, grimmige Blicke nach der Seite gegen die jungen Schler schickend, die ihm folgen wollten, verscheucht sich um die steinernen, maulffnenden Lwen hin und her bewegten. Der untere breite, blankgescheuerte Gang war leer; an jedem Pfeiler der unabsehbaren Fensterwand hing ein hohes Gemlde vom Wirken und Tod eines Mrtyrers. Als der Priester sich gebunden vor der stummen, schmerzlodernden Reihe entlangschob, wurde er von einem knielhmenden Schwindel in eine Nische gedrckt, gerade vor einen Altar und Glasschrein, der Knchelchen der heiligen Rosina enthielt. Mit den Zhnen rieb der Ohnmchtige an der gerieften Silberfassung des Schrnkchens; wie er schluckte, das knirschende Metall bi, fand er sich, halbseitlich ber dem Schrein liegend, die Arme schrg herabbaumelnd, in Gefahr, mit dem Gesicht die obere Glasplatte durchzudrcken. Hinten im Gang stand etwas Groes in einem Trrahmen, eine wilde dreifarbige Soldatenfeder schaukelte dem nach vorn ber die Augen. Den Glasschrein umarmte der Priester mit vieler Zrtlichkeit, kte die Platte, sprach ein lautloses Gebet. Als er den Rest des Weges zu der besetzten Tr ging, bewegte er sich in der trauten wonnigen Gesellschaft der Seligen, die von den Wnden her ihn berdrangen. Das war die Bibliothek; der Offizier zog den Hut, trat zurck. In dem weigetnchten langen Sulenraum des Saals verloren sich die zehn Herren, zu denen ihn, nahe einem kleinen Springbrunnen mit Blattpflanzen, ber die Strohmatte der Offizier fhrte. Unter der geschnrkelten Stuckdecke, zwischen den Stdtebildern, den Kpfen Amouretten, den vollen Bcherschrnken, den Tischen mit Globen Bsten Kruzifixen saen gelassen die Politiker und Soldaten; mit tiefer Verachtung, fremd, sa unter dem Springbrunnen der Jesuit mit den kurzen weien Haaren, der knolligen Nase zwischen ihnen, betrachtete sie wie eine Ziegenherde. Als Lamormain statt einer Klage ruhig eingeladen hatte: Mgen die Herren beginnen, dienerte der alte galante Harrach, nach rechts und links lchelnd; sie htten gestern mit Vergngen seine Geneigtheit vernommen, sich ihren Gedankengngen anzuschlieen, mten aus nicht nher zu errternden Grnden sogleich in nhere Besprechung mit ihm eintreten. Er knnte aus dem Formlosen ihrer Gegenwart erkennen, wie dringlich ihnen die Zustimmung des ehrwrdigen Paters und Beichtvaters der Rmischen Majestt sei. Es seien in aller Krze schwerwiegende Beschlsse zu fassen, bei denen die Herren unbedingt gewi seiner Haltung sein mten. Da konnte Lamormain nicht umhin, lchelnd den Arm zu erheben; eben entstand drauen ein heftiges Rufen und Pferdetrappeln; offenbar drangen Berittene in den Hof des Hauses; es lief auf dem Gang, in den oberen Zimmern; Aufschreie, flsterndes Stimmengewirr vor der Saaltr. Wie glaubt ihr, soll meine Haltung sein unter diesen Umstnden? Wir haben geglaubt, Euch den Entschlu erleichtern zu mssen. Es mu Euch, in dem Falle Ihr nicht beistimmt, eine Genugtuung selbst sein, nur eben diesen Umstnden die Verantwortung aufzuladen. Ihr seid doch ein Mensch, sprach ihm bieder Questenberg zu; sie nickten alle. Wieder lief der Schwindel unter dem fassungslosen Zorn ber Lamormain; wie er sich bezwang, kam es fast klglich aus seinem weien Mund: Was soll geschehen? Sie verlangten von ihm einen vorbehaltlosen Eid ber seine Verschwiegenheit, dann eine ebensolche Versicherung, da er ihnen nichts in den Weg legen wrde, wenn er es vermchte, da er den Kaiser beeinflussen wrde zu einer vernderten Haltung gegen die notwendigen Ereignisse, zu einer Mitregierung des Erzherzogs Leopold. Wenn dies alles nun nicht meine Meinung, meine berzeugung, mein Wunsch ist, -- was, glauben meine Herren, wird der Weltenrichter Jesus beim letzten Gericht, wenn die Posaune ruft, urteilen ber diese Tat: rechts meine Pflicht und links in der Wage die Umstnde? Diese Pferde, Musketen, Spiee gegen mich? Ich glaube, drhnte Questenberg, gegen so viele Soldaten zu erliegen, macht dem tapfersten Krieger keine Unehre. Was vermeinen die Herren? Wir werden nicht Weltenrichter spielen, aber es ist so. Harrach lchelte verbindlich, aufdringlich vertraut in einer Weise gegen ihn, die den Priester tief reizte: So denke ich, da darber der Lehrer der Gesellschaft Jesu sich am besten uern wird, auch gegen unsern Heiland. Wir sind unwrdige schlechte Menschen, werden ihm nicht in sein Handwerk pfuschen. Wir knnen schlielich nichts, als unsre Bosheit erkennen mit Schmerz, mit Reue, und knnen nicht aus unsrer Rolle fallen. Der hagere Oberst, mit dem starren Blick auf den Priester, schlo: Und letztlich sind wir Christen und getrsten uns, da Jesus sein heiliges Blut um unserer Snden willen, die er auf sich nahm, vergossen hat. Lamormain horchte auf das ngstliche Geflster vor dem Saal; seine innere Ruhe wuchs; er fand sich heiter. Und mitten whrend einiger Stze, die er sprach, durchzuckte es ihn: diese Herren glaubten, es ginge hier fr ihn auf Tod und Leben, und stellten ihm nichts entgegen als Soldaten, Pferde. Hundert gewappnete Reiter suchen mit ihren Lanzen den schwebenden Geist der Heiligen Kirche zu durchbohren! Wehen ihn mit jeder Bewegung hher! Er sa ganz still, war traurig wegen der gengstigten Freunde drauen. Mit welchen faden Gesellen sa er in seiner Bibliothek zusammen. Es mute leicht sein, mit ihnen zu herrschen. Er neckte sie, ohne da sie es merkten: er htte keine Kompetenz, msse erst seinen Vorgesetzten, den General des Ordens in Rom, befragen. Sie wurden wtend, huften leicht widerlegbare Gegeneinwnde. Dann berieten sie, im Ernst. Schlielich hatten sie bei sich eine Papierrolle, die sie ihm zum Lesen, Unterschreiben hinschoben; von innerlichem Gelchter war er erschttert: Auch das noch. Sie waren Kinder zum Erbarmen. Als er allein stand, prustete er hinter den abrasselnden Wagen: Wir werden zusammen regieren. Getmmel von Pferden; der Lrm verhallte. Auf dem Gange kten ihm die Scholaren, die entsetzten lteren Brder die Hnde; das Haus von Wehrufen und Protesten erfllt. Lamormain hinkte durch das Gewimmel. Vor den frommen Bildern an der Fensterwand erinnerte er sich seines leidenschaftlichen Entschlusses beim Kommen, nicht nachzugeben, der Heiligen gedenk zu sein. Er machte sich scherzend den Vorwurf, zum Mrtyrer kein Zeug zu haben. Er hatte das Dokument nur flchtig gelesen. Darin stand, sie wren gentigt, den Kaiser gefangenzunehmen, um eine Strung der Politik durch ihn zu verhindern. Man sehe vorlufig davon ab, wenn der Beichtvater es bernehme, den Kaiser zum Nachgeben zu zwingen. Es wird garantiert: die geheiligte Person des Kaisers bleibt unangetastet. Der Kaiser solle sich -- wie sie es nannten -- der politischen Notwendigkeit fgen. * * * * * Am dritten Tage trat Eggenberg in die kaiserliche Antikamera, lud den Kaiser zu einer Sitzung von Hofrat und Geheimen Rat. Ferdinand sagte zu, erschien nicht. Tags darauf berichtete Eggenberg neben Gleichgltigem, es seien im Rat lebhafte Stimmen laut geworden, man msse dem allgemeinen Verlangen Rechnung tragen, das bei den frommen Reichsstnden bestnde, und der Freude ber den siegreichen Fortschritt des rechten Glaubens, die zerschmetternden Niederlagen der Reichsfeinde, ffentlichen geziemenden Ausdruck geben. Auf die Frage Ferdinands, wer diesen Wunsch im Rat vorgetragen htte, antwortete Eggenberg, es liee sich bei der freudigen Erregtheit, die nur durch die Abwesenheit des allergndigsten Herrn getrbt war, nicht sicher sagen, wer zuerst gesprochen htte; das dringende Verlangen sei allgemein gewesen, mit dem Kaiser in einer Feier sich zu vereinigen. Ferdinand ging herum, ri an seiner goldenen Halskette, lachte heiser; er wollte wissen, wer damit angefangen htte. Und dieser klgliche gequlte Blick aus den schwarz umrahmten Augen jammerte den grauen Hofmann, erschreckte ihn so, da seine Stimme zerri. Er hielt dafr, man msse rasch aller Welt, auch der feindlichen, zeigen, welcher Siege man sich bewut sei; der Pflzer und sein freibeuterischer Anhang sei in alle Winde geblasen; mge man den fremdlndischen Beschtzern der Friedensbrecher zeigen, da man halte, was man habe, da man den Mut zu Erfolgen habe, da man auch wagen werde, weiter zu siegen, wenn einer darauf dringen sollte. Mit einem gezwungenen Lcheln fragte Ferdinand vorbeispazierend: Sind Eure Kassen gefllt? Zur Siegesfeier? Nein, zu neuen Kriegen. Zur Zeit stnde alles gut, man knne nicht zu weit denken, es sei jedenfalls gut, so zu scheinen, als herrsche berflu; auch darum sei die Feier ntig, um als Drohung zu wirken; es mten von mehreren dem Kaiser nahestehenden Seiten, jedoch nicht von kaiserlichen Beamten, heftige Reden an der Tafel und ffentlich gefhrt werden; auf die Fremden sei mit vielem Pomp zu wirken. Ich habe nur zu erscheinen und mich zu freuen? Nicht doch, Majestt. Da die Rmische Majestt sich ihrer Siege freut, wei alle Welt. Sie mag nun offen zeigen, wie sie sich freut. Wenn ich ein biblisches Bild nehmen darf, ohne in das Gebiet meines Gnners und Freundes, des ehrwrdigen Paters Lamormain, zu fuschen, so mchte ich an den judischen Knig David erinnern, der singend und lauteschlagend, ja tanzend hinter der Bundeslade einherzog, nachdem er die Feinde geschlagen hatte. Wie hie noch die, die aus dem Fenster sah, als er vorberzog? Die Antikamera des Kaisers war von einem dunklen Licht erfllt, das aus den beiden bunt verblendeten Fenstern ber den Tisch Ferdinands nur wenig in den tiefen Raum vordrang und die riesigen Figuren erhellte, die in den Wandnischen saen, Maria mit ihrem Kinde, den glhenden Heiland, der das Kreuz in den Hnden vor sich trug; zwischen den Pfeilerpaaren der Lngsseite ppige Gemlde neben Gemlden auf der Wandflche, deckenhoch, von goldflgeligen Engelskpfen umgeben; zwei mchtige ebenholzschwarze Engelleiber lagen ber dem Trrahmen, blickten blind nach oben. Eggenberg war nicht die beiden Stufen zu dem Sitz Ferdinands hinaufgestiegen; beklommen stand er auf dem Futeppich, sah den Frsten zu sich heruntertreten: Was soll es mit dem Weib? Ich mchte wissen, wer mir zusehen wird bei dem Feste. Die Heiligen im Himmel werden zusehen, die fr uns gestritten haben. Beide Hnde Ferdinands lagen zitternd auf Eggenbergs Schultern: Oh, ihr! Wie seid ihr rasch avanciert zu Heiligen; ich bin euch wohl noch Anbetung schuldig. Und Ihr, Eggenberg, wenn ich Euch doch noch kenne, von Grtz, wit Ihr, wo Ihr noch nicht so viel wart, ist Euch nicht bange bei Eurer Rolle? Sagt von der Leber; es wird das einzige sein, was mich an Euch erfreut. Hat man Euch dies aufgehalst, und steht Ihr nun hier --, nicht wahr, es ist jmmerlich, und Ihr merkt es? Allergndigster Herr, sagte der alte Mann, seine Unterlippe bebte; er schwieg. Sprecht weiter, Eggenberg. Allergndigster Herr -- Eggenberg raffte sich zusammen. Weiter, mein alter Freund, Brautfhrer meiner Schwester nach Spanien. Leise der Geheimrat, den Kopf hebend: Es war eine schne Zeit, als ich nach Spanien zum Knig Philipp ging. Majestt ist jetzt viel allein; wie gern wollte ich meine alten Glieder len und wieder solchen Gang tun im Dienste Eurer Majestt. Ja, Majestt. Warum ist die Majestt so viel allein, Hans Ullrich? Majestt ziehen sich zurck von uns. Wir werden ein Fest feiern. Es soll ein Siegesfest sein. Wenn es doch auch zugleich eine Friedensfeier sein drfte zwischen dem allergndigsten Herrn und uns allen, die verlassen sind. Ferdinand stand hinter seinem Schreibsessel, den er mit beiden Armen von hinten umfat hielt; matt hauchte er, ausdruckslosen fremden Gesichts: Hrt auf, Herr. Redet nicht so weiter zu mir. Macht mich nicht schwach. Er hob den Sessel auf, stie ihn kurz auf den Boden, knirschte mit den Zhnen: ber Euer Fest, Herr, werdet Ihr morgen beschieden werden. * * * * * Auf dem Gang zur Kapelle blickte sich fnf Tage vergeblich Ferdinand nach seinem Beichtvater um. Da standen in zwei Reihen die Hellebardentrger, breitbeinig, in den erzherzoglichen Pannierfarben Rot und Wei, Blau und Gelb; die Hellebarden getzt, mit langen sthlernen Spieklingen, die emporwuchsen aus dem starken Schaft, der halbmondfrmige Beile und Haken trug; in die Spieklingen eingetragen der kaiserliche Wahlspruch: Legitime certantibus. Trhter Pagen erffneten den feierlichen Kirchgang, Kammerherren mit hohen Namen folgten blickesenkend, hinter seinem Obersthofmeister, dem weien Grafen von Meggau, ging mit lahmen Fen in einem scharlachroten Kleid Ferdinand, Diamanten an dem Hute, Diamanten am langen schmalen Degen. Schwingende Bronzeglocken der Schlokapelle. Sie gingen schweigend von Kammer zu Kammer, durch das lichte, sich immer mehr verengernde Spalier. Aus allen Gngen und Seitengemchern quollen goldtressige duftende Herren; blonde und greise; italienische Gesichter und deutsche breite Schultern, Soldatenmienen, Schreiberblsse, schwarze Jesuiten, fremde Herren in polnischen Mtzen, siebenbrgische Gesandte. Die Zimmer hoben sich mit hohen Decken; weier ppiger Stuck war darber geworfen, in vielen Gemchern lagen die Balken oben grad nebeneinander dunkel von Beize, in neuen gossen sich Bilder ber die Flchen, vielfarbig, jh nach Troja entfhrend, in die Liebesabenteuer Jupiters; dann tauchten Gewlbe, Kreuzgnge auf, und das Scharren der seidenen Jacken, das Schleifen der Sohlen, das Klingeln der goldenen und silbernen Behnge, wurde in Hall und Widerhall von den schweren Mauern begrt, murrend angesprochen. ber breite Marmortreppen senkten sie sich herunter in eine kurze Tannenallee; wei und golden am Ende die Kapelle. Gewaltige Glockenschlge. Missa solemnis. Die erzbeschlagenen Tren. * * * * * Triumphierend schlurrte der Kaiser neben der ihn berschattenden Gestalt Lamormains durch den blhenden Garten seines Schlosses Schnbrunn. Den rotbefrackten Narren Jonas hatte er fortgejagt in die Brunnenstube. Pfaue spazierten auf den kiesbestreuten Wegen. Durch die warme, dicke Luft schwammen Hherschreie; es sangen unsichtbare Vgel auf den sten; mit langen Melodien sprachen sie sich an, die Melodien endeten fast immer mit einem rauhen, tonlosen: Ze kirrh, zekrtt rrr--h, bisweilen brachen sie in der Mitte ab, standen still, wartend; dann kam nach einer immer bestimmten Pause die leicht modulierte Antwort; schlielich gab es ein Schwirren in den Blttern, die Vgel flogen fort; an einer andern Stelle fing es an in der hin und her wandernden Se, die Tne beugend und verschlingend, als wre ein Drahtarbeiter Netzflechter am Werk, der den Eisenfaden rasch hin und her zieht, im Nu Krbchen neben Krbchen hinsetzt. Die Koppeln der franzsischen Hunde schlugen von Zeit zu Zeit in der Nhe an. Die Bume standen in vollem Grn hinter dem mauerumzogenen Schlo; dick geblht und breit hockte das Laubwerk auf den mchtigen verwurzelten Stmmen, wiegte sich oben wie eine geplusterte Henne nach allen Seiten. Unten stand und ging der kurzatmige Habsburger, wich der grellen Sonne aus, gestikulierte mit dem goldknopfigen Rohrstckchen. Sie haben mir die Verantwortung abgenommen. Sie haben, was jetzt kommt, Kriege mit der ganzen Welt, Niederlagen, Verlust des Vermgens, Vertreibung von Krone und Land, selbst und allein zu verantworten. Allergndigster Herr, was htte man tun sollen? Sie htten mich beseitigen mssen. Was anders wre ihre Pflicht gewesen. Sie htten mich beseitigen mssen. Sie haben es nicht getan. Die Schuld haben sie auf sich geladen. Er sprach mit Ha und Inbrunst: Mgen die Dnen, die Franzosen, Englnder, Schweden das Reich, die Erbknigreiche von Grund aus verwsten. Herzhaft, herzhaft. Das Reich auflsen und hinlegen. Mag es auf sie fallen, die geduldet haben, da Maximilian den Pflzer von der Scholle vertrieb, da er jetzt die Kur an sich nimmt. Sie lassen es zu, sie billigen es, sie fallen ihm nicht in die Zgel. Mag das Unglck ihr Begleiter sein! Mgen die Lnder zerfallen, die Grenzen berschwemmt und zerfressen werden, die Stdte leer, gebrandschatzt, die Klster verbrannt, Bauern in Aufruhr -- nichts als die Haut ber den Knochen, Seuchen im Blut. Das soll ihr Lohn sein, da sie Maximilian haben gewhren lassen und mich nicht beseitigt haben. Lamormain besah sein schumendes Beichtkind mit Klte: Hrt Ihr die Vglein? Sprechen sie miteinander? Und wenn das armselige Getier seine Zunge und Kehle gebraucht, warum habt Ihr es, allergndigster Herr, nicht getan? Ihr httet hingehen sollen zu ihm. Ferdinand hrte nicht zu: Sie, haha, sie alle, die Sulen meines Hauses, meine Brder, meine Kinder, meine Generle, meine Rte, sie haben nicht gesehen, wohin es ging, haben mich wsten lassen wie einen Alb in der Nacht. Und als sie es gesehen hatten -- haben sie mich nicht beseitigt! Nicht! Nicht! Den Kurhut lassen sie ihn sich aussetzen! Pat auf, Lamormain, pat auf. Habt Ihr Spa daran! Ihr httet hingehen sollen zu ihm. Zu ihm? Zu wem? Zu Maximilian in Bayern. Was htte ich bei Max sollen? Ihr httet zu ihm hingehen sollen bis in seine Residenz. Und nicht warten. Und wenn sein Barbier morgens bei ihm stnde, httet Ihr zu ihm eindringen mssen. Und was htte ich drin zu tun gehabt? Ich frag' Euch. Ich? Ihr wit es. Nicht den Blick herunter, allergndigster Herr. Bin ich Euer Beichtiger? Seht in meine Augen. Ich htt' es nicht gekonnt. Ihn niederwerfen! Ich htt' es nicht getan. Und dennoch wie Ihr sagtet: >Das Unglck soll ihr Begleiter sein, die Klster verbrannt, ber den Knochen nichts als die Haut.< Pater, ich bin ein Mensch. Was wollt Ihr von mir? Gebt mir Antwort: Warum gingt Ihr nicht zu ihm? Spter, nachdem Euch die Niederlage vor ihm gereut hat? Ihr wollt mir meine Ruhe nehmen. Ich will Euch die Brde abnehmen, allergndigster Herr, da Ihr mein Beichtkind seid. Sprecht. Ist Euch nicht wohl? Ferdinand, ganz in weier Seide, hatte seinen Hut abgerissen, in raschem Tempo ging er dem hinkenden Pater voraus, der schwer schnaufte und sich den Halskragen hinter ihm ffnete. Rechts seitlich traten die Bume auseinander, im Hintergrund eines schattigen Platzes wurde ein niedriges kreuztragendes Bauwerk sichtbar, von Galerien umgeben, das Tor hoch und bildergeschmckt: eine Kapelle der heiligen Magdalene. Ferdinand, blulich weien Gesichts, stob in die Mitte des Platzes, aber der Pater folgte; er sttzte sich auf seinen Krckstock, hielt den fliehenden Mann im Auge, folgte. Kommt Ihr mit, Pater? schrie der Weiseidene nach rckwrts. Vor ihm sprang das Tor auf. Da war Khle und ein weiter stiller Raum. Von traulichen warmen Farben die Luft durchblht, die runden Fenster prangten mit holden Bildern; seitlich und hinter dem Altar spielten Lichtstrahlen um die Bildsulen, die Sockel mit heiligen knienden betenden erbarmenden Frauen, tnten sie blau violett purpurrot. Magdalene, die Berin, ber den grnen Rasen geschmolzen, in ihrer Mitte, die goldene Aureole ber dem Haar. Das Tor knarrte hinter ihnen; Ferdinand stand gehetzt, heftig schnaufend, mit dem Rcken gegen die Tr an einem der Pfeiler, die zu viert an jeder Seite durch den Raum liefen. Der Stock des Priesters stie auf den gestampften Mrtelboden: Ich war nicht so rasch auf den Fen, wie Ihr, allergndigster Herr. Mir ist gewi wohl. Ich konnte die letzten Tage nicht zu Euch kommen, ich wollte, da die Besinnung in Euch erwache. Ich bin Priester, Majestt, mit einem groen Amt gegen Euch vertraut. Ich la Euch nicht aus, was Ihr auch unternehmt. Ihr wit, da Himmel und Erde versperrt sind, und da es keine Rettung und Flucht gibt, es sei denn in die Hlle. Dies alles versteh' ich nicht, lieber Pater Lamormain, mein lieber Freund. Ja, das bin ich. Es ist gut, da Ihr es fhlt. Ich mu mehr Mut haben, als Ihr gegen Euern Schwager Max in Bayern. Ich mu, wie Ihr Euch auch spannt, mich einzig vor Gott verdient machen um Euch. Mein Heiland, wer seid Ihr? Was wollt Ihr? Ich bin der gottesfrchtigen Gesellschaft Jesu Pater; Euer Fhrer an den Thron Gottes. Ihr seid nicht der Satan. Mich schauerts. Weicht mir nicht aus. Wit Ihr, was Ihr seid? Allergndigster Herr: Ihr seid feige, sndhaft, hochmtig, grausam. Der Priester flsterte eindringlich, seine burischen Zge waren unverndert ruhig, er hielt den Blick gegen den Boden; seine Faust ruhte schwer auf dem Stock. Der andere wlbte an der Sule mde und ergeben den Rcken, er lie die Arme abwrts fallen: Ihr seid nicht der Satan. So will ich hingehen zu Maximilian; ich bin der Kaiser, er hat mir nichts abzuzwingen mit Gewalt und Drohung, ich will es ihm sagen, ich will gerecht sein gegen den Pflzer wie es einem Kaiser gebhrt; jetzt soll es geschehen. Ihr werdet nicht hingehen. Der Kaiser drehte den schweitropfenden Kopf gegen den Priester; von den Schlfen lief der Schwei ber die Ohren, rann auf die Schultern, wo die Seide dunkel wurde; die blanke Nase schien gedunsen, die Augen waren schwer beweglich, stumpf, als wenn sie nicht rollen knnten auf ihrer Rundung, der weiche Schlemmermund stand offen; hilflos, ohne Ton kam es hervor: Was soll ich tun? Kommt. Ein paar Schritt, kommt. Lamormain hinkte zurck gegen die Tr. In einer Nische stand ein hlzerner Aufbau, mit schwerem schwarzen Tuch behngt, ein Beichtstuhl. Der Priester ffnete; als der andere vor der Tr zgerte, zog er ihn an der Hand herein; der Vorhang bedeckte sie. Lamormain hauchte: Allergndigster Herr, beichtet. Als aber der Kaiser hinkniete in der vllig verfinsterten Enge, flsterte Lamormain ber ihm: Bleibt knien. Bleibt. Macht Euch fertig. Nun will ich Euch tten. Steht nicht auf. Es mu sein. Ihr habt es selbst gesagt und empfunden: man mu Euch beseitigen. Der Kaiser suchte sich sthnend und klagend zu erheben. Lamormain rhrte ihn nicht an, auf seine Worte sank der andre immer wieder hin: Euer ltester Sohn wird wissen, warum Ihr gestorben seid. Ihr seid reif. Ihr seid ohnmchtig, von Ha geschwollen. Ihr wit es selbst. Ihr wit keinen Ausweg und ich wei keinen. Wollet mit mir beten, damit Ihr nicht verloren seid. Der andre stammelte durcheinander entsetzt: Ja. Ich mu beten. Ich bin bereit. Wer seid Ihr? Lamormain, wer seid Ihr? Hilfe. Es ist Hilfe. Fangt an zu beten. Hilfe. Wie soll ich beten? So ffnet Eure Brust. Macht Euern Hals frei. Er tastete nach dem Kragen des Kaisers. Lat; befleckt Euch nicht an mir. Ich tu es selbst. Er winselte: Es ist das Beste; ich wei es, ich mu Euch dankbar sein. Mein Heiland. Er hatte sich die Jacke aufgerissen. Die Brust halb offen umklammerte er die Knie des Paters: Wer seid Ihr? Lamormain streifte ihn von sich ab, er richtete sich gleichgltig auf: Lat sein, allergndigster Herr. Steht auf. Ja, gewi, steht auf. Verzweifelt drckte der Kaiser seine Hand an den Mund: Was ist, Lamormain? Was habt Ihr mit mir vor? Sollte es sein, da Ihr noch den Wunsch habt, zu leben? Weh mir. * * * * * Durch die nrdlichen Tore Wiens rollten die Wagen mit den Gefangenen, in kleinen Trupps liefen sie gebunden hinter Reitern. Dann Lafetten Kartaunen Feldstcke von vielen hundert Gulen geschleppt. Abordnungen trafen ein von den Regimentern, die sich bei Hchst Wimpfen Lorbeeren erworben hatten. Die Logis der groen Stadt waren gestopft mit Offizieren Sldnern Beamten Gesindel Trobuben Dirnen. Vier Tage dauerte die Siegesfeier, deren drhnende Reden Europa erschreckten. Neben dem regierenden Habsburger sa auf der Schrannenstiege unter dem roten Baldachin sein hitziger Bruder, Leopold, der aus Innsbruck hergereist war und Wien nicht mehr verlie, Leopold, der von einer abenteuerlichen kriegerischen Korona umgeben war und mit seinen gewagten politischen Kombinationen alle Hfe und Gesandten mitrauisch machte. Dem prangenden Vorbeizug der Gefangenen Kanonen Wagen Fahnen und Standarten wohnten auf dem Hohen Markte in ihrer Karosse auch die beiden dnischen Geschftstrger bei, die Herren Heinrich Rantzau auf Schmoll und Julius Adolf von Witersheim, die einen drohenden Ton angeschlagen hatten; sie empfingen auf den mtern freundliche Worte. Was sie auf dem Hohen Markt sahen, war andres Register; sie hatten es eilig, abzureisen. Es war inzwischen bekanntgeworden, da sich wichtige Ereignisse am Kaiserhof vorbereiteten, bei denen sie nicht stren wollten. Bestimmter verlautete, der Rmische Kaiser wollte freien. Bediente der Huser Eggenberg und Trautmannsdorf berichteten von aufflligen Reisevorbereitungen ihrer Herren, von Kurieren, die zwischen Wien und einer oberitalienischen Stadt liefen. In der halbfertigen Kaisergruft des Kapuzinerklosters, fr deren Kapelle die Gemahlin des toten Kaisers Matthias ihr Silbergeschirr und ihre Gemlde hingegeben hatte, in dem langen dsteren Gewlbe hinter dem Neuen Markt diktierte noch whrend der Siegesfeierlichkeiten Ferdinand sein Testament. Der feine Abt von Kremsmnster war fr die Mittagsstunde in die Gruftkapelle bestellt mit seinem Geheimschreiber. Unmittelbar vom Quintanrennen in klirrender schwarzer Turniertracht, die Sturmhaube in der Hand, stieg Ferdinand mit seinem Gespenst, dem Grafen Paar, den er an sich gelockt hatte, ber Balken und Steine zu dem Abt her. Die Baugrube war nicht geschlossen; von oben seitlich fiel ein scharfes Bndel Licht herunter; ber das Tischchen gebeugt, ohne sich zu setzen, diktierte Ferdinand: Wenn es der gttlichen Majestt gefllig sein wird, uns aus diesem irdischen Jammertal durch den zeitlichen Tod abzufordern, so befehlen wir unsre edle Seele im alten katholischen Glauben, in starker Hoffnung auf unsern einigen Seligmacher Jesu und sein heilig unschuldiges Leiden und Sterben. Und wir rufen in ganz inbrnstigen Bitten ihn an, er wolle durch das unaussprechliche Werk seiner gnadenreichen Erlsung uns unsre Snden, unsre bertretungen gndiglich verzeihen; auch durch Frbitte seiner allerheiligsten, glorwrdigsten Mutter, der allerreinsten Jungfrau Maria, des heiligen Evangelisten Johannes, des heiligen Augustin, Antonius von Padua, der heiligen Maria Magdalena, Ccilie, Katharina und des seligen Ignaz, des Stifters der Jesugesellschaft. Er wolle unsre arme Seele mit seinen gttlichen Gnaden in die himmlische Freude aufnehmen. Er traf die Bestimmung, da seine Eingeweide am Sterbeort bestattet wrden, sein Leichnam in der von ihm erbauten Kapelle der heiligen Jungfrau und Martyrin Katharina zu Grtz, das Herz zu den Klarisserinnen. Nicht lange darauf, noch vor Beginn des Winters, erlebte die Hauptstadt die grten Festlichkeiten seit Menschengedenken in ihren Mauern: die Vermhlung des kaiserlichen Witwers mit der jungen wunderschnen Prinzessin Eleonore von Mantua. Entschlossen hatten Rte und Lamormain darauf gedrungen; der Kaiser, erst auer sich, dann in der Furcht, ganz verdrngt zu werden, widerstrebte nicht. Mit vieler Sanftheit und Ehrerbietung, schmerzvoll und demtig bat der alte Eggenberg, seines Frsten Freiwerber zu sein. Auf einer Pilgerfahrt nach Loretto, angesichts der wunderbergenden morschen Htte, die Engel von Bethlehem nach Oberitalien getragen hatten aus dem Trkenlande in die beglckte Christenlandschaft, begegnete Eggenberg zuerst der eleganten und zarten Eleonore, brachte ihrem Vater und ihr die Wnsche des Imperators des Heiligen Rmischen Reiches vor. Der Herzog von Mantua sprach seiner Tochter kaum zu; da sie wute, da er es wollte, verneigte sie sich tief, legte ergeben ihre Hnde in die offene Hand des feinen alten Hflings, der so liebevoll von seinem mchtigen, in der nordischen Barbarei hausenden Herrn redete; ihm verlobte sie sich in Vertretung an; der Bischof von Mantua, der sie getauft hatte, sprach den Segen beim Ringwechsel. An diesem Tage hatte in Wien der Kaiser die Erhebung seines Freiwerbers zum Herzog von Krummau verfgt. In der Hofkirche zu Innsbruck begegneten sie sich, von Priestern einander zugefhrt; sie sahen sich vor dem Altar zum erstenmal. Die Prinzessin blickte weg, erschttert von dem gramzerrissenen, halb hilfeflehenden, halb stumpfen Gesicht, das ber den ungeheuren Prunkmnteln, ber den millionenwerten Halsketten Agraffen Spitzen Bordren und Ringen sich bewegte; das verquollene ltliche graubrtige Wesen, versteckt in der Schale, mitrauisch und leidend. Sie wute nicht, wie sie erschrak und zu der goldenen klingelnden Monstranz blickte, -- den Baum des Lebens darstellend, der sich hoch mit Blattwerk wand, in dessen Laub wunderbar verborgen Maria sa und singenden Engeln zuhrte, -- da auch der andere sie frchtete und sich in leisem Ha zusammenzog. Reich war sie gekleidet, ein hochrotes Kostm trug sie, die Perlenkrone auf dem braunen sprden Haar hatte nicht mehr Farbe als ihr kleines sicher geschnittenes Gesicht mit den dunklen dicken Augenbrauen und dem unentwickelten Mund, der pltzlich trocken wurde. Ihr Oberkleid und Unterkleid trug goldene Ornamente; in den linken Unterrmel war das Wappen von sterreich eingewebt, die Schleife an ihrer Hfte zeigte den Namenszug Ferdinands. Auf aller Pracht sa ihr eigener, alter, weier Spitzenkragen und sprach schmachtend dem kalten Hals und dem bermtigen Kinn zu. Ein langer Zug alter Mnner, Brger, Edle und Geistliche trat am Nachmittag vor die Angetrauten in den vom Erzherzog Leopold verschwenderisch geschmckten Rittersaal des Schlosses; sie brachten achtzigtausend Gulden als Geschenk der Landschaft. Salzburg und das heimatliche Grtz wurde berhrt. Als man sich Wien nherte, war das Gefolge so gro, da die Brgerschaft der Stadt einen Teil ihrer Quartiere rumen und Baracken beziehen mute. Vier Kompagnien schwerer Reiter zogen dem Kaiserpaar entgegen. Noch war das Stubentor zu bewltigen, wo Herr Daniel Moser, der Brgermeister der Stadt, wartete auf einem Schimmel mit den Schlsseln Wiens, hinter ihm der Stadtrichter Paul Wiedemann, sein Beisitzer; mit silbernen Stben auf ihren Pferden die Stadtrte, die Scharen der Stadtschreiber Stadtkmmerer Unterkmmerer Spittelmeister Brckenmeister Mauthener Kirchenmeister Steuermeister Viertelmeister, verstaubt und hochglhend von dem heien Sturm. Unter dem Baldachin, den sechs Stadtrte trugen, bei wogendem Glockenjubel schob man sich, von Scharen windlichttragender Knaben gefhrt, an das Sankt Stefanstor, wo Botschafter und Universitt sprachen; Tedeum im Dom, Segensspruch Verospis, des Nuntius. Und in den Gngen, durch die Sle und Hfe der stolzen Burg bewegte sich bald neben einem verschwiegenen verschlafenen Kaiser eine verwirrte fremdblickende Kaiserin. Auf das prchtigste wirtschaftete Erzherzog Leopold; mit Theater Maskeraden Banketten Karussells vergngte er den Hof; Kaiser und Kaiserin waren dankbar. Eggenberg und Lamormain beglckwnschten ihn zu seinen Erfolgen; frisch, wie er war, lie er sich von ihnen in Reiten, Schmausen, Jagen, in die schwebenden Angelegenheiten einweihen. Der Kaiser wurde nach einigen Wochen von einer unvermuteten Neugier nach seiner Gemahlin, der jungen fremdartigen Frstin, die fromm und reserviert unter ihren Damen ging, ergriffen. Als die Obersthofmeisterin der Kaiserin, Grfin Portia, Leopold davon berichtete, drngte er den Kaiser zu einem Aufenthalt in Schnbrunn. In Schnbrunn schlug die Neugier des Kaisers in heftiges besinnungsloses Entzcken um, das Eleonore mit Verwunderung und Unruhe entgegennahm. Unter Lamormains Mitwirkung wurde ihr ein Beichtvater bestimmt. * * * * * Von dem schwerkranken Papst Gregor dem Fnfzehnten empfing Verospi, der Nuntius, ein nachdenklicher wissenschaftlicher Mann, ein Breve, worin der rmische Kaiser ermahnt wurde, mit der bertragung der siebenten Kurwrde an den Herzog in Bayern nunmehr nicht lnger zu zgern. Er hatte nicht viel Glck bei den Rten, machte sie nervs mit seinen Errterungen, seinem langweiligen wortlosen Herumstehen; Verospi verga bei Gesprchspausen gern, wo er war, erinnerte sich theologischer Probleme; aus seinem Nachsinnen aufgestrt fing er von vorn an. Hyacinth von Casale, ein Kapuziner, erschien nach ihm; er setzte nur durch, da der Abt Anton ihm Empfehlungen nach Madrid mitgab; der Kaiser knnte nicht, sagte Anton, ohne Zustimmung Spaniens handeln. So wanderte der Kapuziner nach Madrid, whrend Ognate, der elastische leidenschaftliche Gesandte Philipps in Wien, erregt auf allen mtern gegen die ppstlichen und bayrischen Absichten kmpfte, schreiend: dahinter stecke die Absicht, das Haus Habsburg zu schwchen, wenn man den listigen, kriegerischen Fhrer der Liga in das Kurfrstenkolleg einfhre. Htte man vergessen, wie sich Maximilian frher gestrubt habe, einem Habsburger Einflu auf die Liga zu geben, ja nur gleichberechtigt ins Direktorium aufzunehmen, aus keinem anderen Grunde, als weil die Liga das Kampfinstrument Maximilians gegen den Kaiser sei. Htte man das vergessen? Der Wittelsbacher sei schlau, verschlagen, khn, und ehrgeizig; da er nicht htte Kaiser sein knnen, suche er der Kaisermacht Abtrag zu tun, risse die deutschen Frsten an sich unter dem Vorwand des gemeinsamen Schutzes gegen uere Feinde, wte nur einen Feind, in Wien. Eins, zwei, drei, so ist es klar. Und jetzt werde er versuchen, die Kurfrsten an sich zu ziehen! Ognate war ein hitziger ehrlicher Anhnger seines Knigs, verstand nichts als Spanien; die Rte lchelten und ehrten ihn. Denn der Abt Anton wie Trautmannsdorf hatten mit ihrem Zgern nur vor, den bayrischen Herzog zu erproben; sie wollten sehen, wie weit er gehen wrde, ihm in jedem Fall nachgeben. Sie wollten ihn die Gre des Geschenks fhlen lassen. Als eines Tages hintereinander der trottelige Verospi und der biedere massive bayrische Rat Leuker beim Abt Anton vorgesprochen hatten --, der kleine Trautmannsdorf sa stumm, als ginge es ihn nichts an, auf breitem teppichgetragenen Sessel neben ihm in der dunklen Bibliothek, blies sich ber den Handrcken --, seufzte Anton tief auf. Trautmannsdorf nahm von nichts Notiz. Der Abt hob sein Kppchen ab, wischte sich die Tonsur, bat: Herr Trautmannsdorf. Der sah auf. Denkt Euch, es ist noch ein Schreiben von der spanischen Majestt eingelaufen. Ja, Ehrwrden. Mein Freund, der Kapuziner Hyacinth von Casale, dieser gelehrte, sehr gelehrte wrdige Mann, hat mir auf fnf Folioseiten seinen Standpunkt in dieser Sache entwickelt. Ich verstehe, Ehrwrden. Ich glaub nicht, Herr Trautmannsdorf. Dann hat erneut ein gewisser Pfalzgraf von Neuburg -- Ihr erinnert Euch der Skandalaffaire -- seinen Kammerdiener mit Grnden, schriftlich niedergelegten, mndlich zu diskutierenden Grnden in mein Haus geschickt. Wie es dann noch mit Herrn Ognate, diesem trefflichen Mann des spanischen Knigs, in dieser Sache enden wird, lt sich nicht absehen; ich habe Vorkehrungen getroffen, da er mich nicht allein spricht und da mich rechtzeitig zwei oder drei Musketiere schtzen knnen gegen ihn. Ich verstehe, Ehrwrden. Ist nicht bequem, die pflzische Angelegenheit zu bearbeiten. Abt Anton seufzte: Wit, Herr, ich gebe nach. Gewi. Ich gebe nach. Einmal mu es geschehen. Wozu das Struben! Da lachte Trautmannsdorf heftig: Tut es, Ehrwrden. Es fiel mir schon vorhin ein. Der Kammerdiener des Pfalzgrafen von Neuburg soll nicht unverrichteter Dinge heimkehren; sagt zu. Von ihm ist nicht die Rede. Er hat Grnde, ich kann sie Euch im Moment nicht entwickeln; es sind jedenfalls so viele, da sie ein besonderes Fach in meinem Schranke fllen. Nun? lachte spitzbbisch der kleine Herr, als er sah, da der Abt behaglicher wurde. Wahrhaft, ein volles groes Fach; Ihr knnt es besehen, bevor Ihr geht; ich zeig es jedem unserer Freunde, die mich besuchen und in diesen Angelegenheiten befat sind. Staunen alle; sind alle erschlagen von der Flle dieser Argumente. So gebt ihm Recht und Ihr habt Ruhe. Lat das Gericht beschlieen. Was seid Ihr fr ein loser Vogel, mein Trautmannsdorf. So habt Ihr die Sache vom Hals. Wo bleiben wir, wenn wir jedem wie ein Salomo Recht geben wollten. Sie disputierten mir den Stuhl unter den Beinen weg, auf dem ich sitze; von Grnden wrde mir die Kappe weggeblasen werden. Recht, Recht ist nur eine Begleiterscheinung. Trautmannsdorf rieb sich vergngt die Hnde: Wenn es so ist, so wrde ich in der Lage von Ehrwrden gar nicht, aber gar nicht nach Grnden fragen und mein Gehirn strapazieren lassen, meine Schrnke vollstopfen lassen. Tut, was Euch beliebt, bleibt auf Eurem Stuhl, nehmt fr die Kur den Bayern, den Pfalzgrafen --, nehmt meinetwegen mich. Nicht doch, quietschte Anton, ich wrde Euch gewi gern nehmen, Ihr verdientet den Kurhut, Trautmannsdorf, Euch wrde ich ihn am liebsten geben. Aber seht, es mu alles ein gewisses Ansehen haben, daher kann ich von Grnden nicht ablassen, so gern ich es wollte. Das Wichtigste bleibt immerhin: das Recht mu erkmpft werden. Wird es das nicht -- So ist es kein Recht. Der Abt lachte heftig, fing wieder an, aus einem Blumenkorb, der auf einer riesigen Truhe stand, Rose nach Rose zu entblttern, an den Blttern zu saugen, sie zu zerkauen und auszuspucken: Nein, keineswegs, durchaus nicht. Wir wollen niemandem Gewalt antun. Es bleibt Recht. Nur: es geht uns nichts an. Sagt selbst Trautmannsdorf, wen geht denn jedes Recht in der Welt an. Und wenn ich denke, wieviel Unrecht in der Welt geschieht. Die Unsumme Bses: ja, es ist so viel Bses von Haus aus in der Welt, da der Heiland erscheinen mute, um alles auf sich zu nehmen. Es ist die grte Tat, wir wissen es, die in der Welt geschehen ist. Was soll da ein kaiserliches Hofgericht, und selbst wenn es auf der Doktoren- und Adligenbank Mnner hat wie Euch? Von mir zu schweigen. Der Abt sa auf seiner Truhe, hielt den Korb auf dem Scho und schaukelte sich wie ein kleines Mdchen. Trautmannsdorf beobachtete ihn von unten, blies sich ber den Handrcken: Im Grunde ist es das Richtigste, man schickt die Leute, die Recht suchen, die glauben, da ihnen ihr Recht nicht geschieht, beten. Freilich. Dazu ist der Heiland erschienen. Sie lachten eine Weile zusammen, whrend der Abt kauend mit dem Finger zu seinem Gast herberdrohte, der aber nicht aufsah. Und was bleibt fr das Hofgericht, Ehrwrden? Zhlt es Euch selbst ab. Demnach nur die, die nicht -- Freilich, freilich, die Bayern. Ich meine die Gottlosen, Ehrwrden. Aber Trautmannsdorf, er war heruntergerutscht und umschlang die Schultern des Kleinen von rckwrts, was fhrt Ihr fr lsterliche Redensarten. Eure Gedanken sind jetzt nicht klar, Ihr entbehrt gnzlich der Logik. Man wird doch nicht Gegenstze machen, wo man gruppieren kann. Maximilian ist fromm, -- aber schwerhrig. Ihr habt die Schwerhrigkeit nicht in Eure Rechnung eingestellt. Steht ein Stier da und hat zwei Hrner, senkt den Kopf und will mich spieen, so hilft mir keine Umrede, keine Ermahnung, Verwarnung Belehrung; der Stier hrt nicht; ich bin nicht heilig genug, wie Franziskus von Assisi, um mich mit dem Tier zu verstndigen. Ich werde also dem Stier recht geben; ich werde ihm aus dem Wege gehen. Und dem Bayernherzog werden wir die Tr zum Kurfrstenkolleg ffnen. Tut es, tut es, bald. Wir mssen, Trautmannsdorf, wir mssen. Ich kann mich mit dem gehrnten Stier nicht unterhalten. Er hrt nicht. * * * * * In feierlichster Weise, in Gegenwart der gesamten Doktoren- und Edlenbank des Hofgerichts, des Reichshofrats, der Hofkammer, erffnete, beauftragt von der kaiserlichen Majestt, im langgestreckten Sitzungssaal der Abt Anton von Kremsmnster dem vorgeladenen Vertreter des bayrischen Herzogs, dem still stehenden Kolo Jesaias Leuker, er der grazise gtige Mann, der whrend er las nach rechts und links die an der Wand sitzenden Herren mit sonderbaren abwesenden Blicken grte, mit der linken Hand an den violetten Grtelfranzen spielend, da sich die Hofkammer allein und an sich nicht kompetent erachte, auch die kaiserliche Person allein und an sich nicht vermge, den geringsten Bescheid, ja auch nur Auskunft in Sachen der dem Pflzer aberkannten Kur zu erteilen. Vielmehr bleibe alles dies in der Schwebe nach den beschworenen Grundstzen des heiligen Rmischen Reiches, und nur die harmonische Zusammenwirkung von kaiserlicher Person mit dem gebietenden ehrsamen Kurkollegium sei befugt und erachte sich bevollmchtigt ernannt und berufen, die Frage des pflzischen Vermchtnisses, schwerwiegender Gewalt, von sich aus zu beantworten und gltig zu lsen. Es sei daher zu beschreiten als einzig vorgesehener und allseitig innezuhaltender Weg und Strae die Einberufung einer Deputation auf einen festzusetzenden Tag, zu welchem Ladung erfolgen werde durch des Reiches Erzkanzler, des Kurfrsten Erzbischofs Durchlaucht von Kln, Ferdinand, an beschlieende hohe Instanzen und an alle sonst, die es angeht. Nach welcher festlichen Bekundung und formellem Akt sich der das Prsidium fhrende Abt nebst Sekretr und Protokollant entfernte, die brigen Herren sich in strmischem Erstaunen untereinander mischten. Vornehmlich der vllig vor den Kopf gestoene Bayer vermochte sich nicht zu beruhigen. Denn diese serise Entladung des hohen Hofkammergerichts erfolgte auf ein Angehen, das gar nicht bestand. Gar nicht war ja offiziell Herr Abt Anton, dieser liebenswrdige Pfiffikus, um Entscheidung oder nur Auskunft in Sachen Kurpfalz gebeten worden; nach allen Seiten hin beteuerte Leuker, bald seinen Gnadenpfennig maltrtierend, bald seinen Degen, der gegen sein krankes Bein schlug, wegschleudernd, da er gnzlich ahnungslos sei, da vielleicht eine unmagebliche, vielleicht mignstige Person ber seinen Kopf weg vorgegangen sei und diese Peinlichkeit heraufbeschworen habe. Peinlichkeit, Peinlichkeit rief er jedem zu, der in seinen Gesprchskreis trat; man mge nicht schlecht und in falscher Richtung argumentieren, ja was ist das, was ist das? und zeigte sich so konsterniert, wie er wirklich war. Er wute auch nicht, wohin mit sich in diesem Augenblick; einen Moment raste er im Raum herum, redete den an, beschwor jenen, es werde doch nichts Eigenmchtiges von Bayern in dieser Sache geplant, es liege alles in der Wage der Gerechtigkeit, des ehrsamen Kurkollegiums und so weiter; im nchsten Moment drngte er nach der Tr, um Hals ber Kopf Kuriere nach Mnchen zu schicken von dieser nicht auszudenkenden Blostellung, oder ber den kleinen Abt herzufallen, ihn ben zu lassen fr diesen Affront; denn was bedeutete das nur! Triumphierend standen zwei Doktoren mit einmal ihm gegenber, im Talar, mit groen Brillen, Herren, deren bezahlte Freundschaft mit dem Kanzler des Pfalzgrafen Philipp von Pfalz-Neuburg bekannt und berchtigt war; sie erklrten ihm, es sei gar kein Grund vorhanden fr ihn, sich beschuldigt zu fhlen, sich reinigen zu mssen; sie seien mehrfach sehr entschieden fr das legitime Recht, beruhend auf Verwandtschaft, gegen Macht, beruhend auf Siegen, in Sache der Kurvergebung eingetreten. Was sei nur geschehen? Maximilian habe mit siegen helfen ber den Pflzer und seinen Anhang, dadurch schaffe er sich keinen Beweistitel fr seine Ansprche auf die Kur --, da nmlich nhergeboren der alte Pfalzneuburger sei. Wrde man nur nach Siegen und hnlichem ueren Geschehen urteilen und entscheiden, barbarischen Bruchen, so wrde die ganze Staatenordnung Europas und besonders des Heiligen Reiches ins Wanken kommen. Sie sprachen ganz, als sei die Sache schon fr sie entschieden. Leuker in heller Wut lchelte, bat um Entschuldigung, man mchte nichts miverstehen, drehte sich ein paarmal wie ein Verbrecher im Kreise, sa in seinem Wagen. Drin brauste die Unterhaltung. Einige faten die Entscheidung angesichts des bekannten Ansturms Bayerns auf den Kaiser als eine entschlossene Absage auf; Harrach, grngelb von einem noch nicht abgeklungenen Gallensteinanfall, an zwei Stcken vorsichtig sich schiebend, lie vor Vergngen seine Augen blitzen. Questenberg zog den weisen, gelinden Frsten Eggenberg Hans Ullrich, du geliebter, an sich pfeifend: Der neue Kurs und Habsburg zur Attacke! Man sang das Loblied Leopolds. Eggenberg lie sich rechts und links Glck wnschen. Seinen dicken Freund Questenberg zog er aber kopfschttelnd auf eine ganz leere Polsterbank; zeigte auf die erregt diskutierenden Gruppen, sah auf seine Fe; er blieb dabei, der Vorfall sei ihm unverstndlich; es sei ein Hieb, der fr den Abt Anton doch zu stark sei. Vllig starr sa Anton eine halbe Stunde spter vor seinem Gast, dem drhnenden drohenden verzweifelten Doktor Jesaias Leuker, der ihn nicht zu Worte kommen lie, fast ttlich auf ihn eindrang. Kremsmnster wurde etwas erleichtert durch das Eintreten Trautmannsdorfs, der ironisch hflich den Bayern nach dessen zerstreuter Verneigung bat, sich nicht stren zu lassen, sich selbst auf dem gewohnten Hocker niederlie und sich ber den Handrcken blies. Als der bayrische, franzsisch gespickte Schwall zu ebben anfing, begann Anton mit Interjektionen vorzugehen, um das Versiegen zu beschleunigen. Und so mit Nein, Nicht doch, mein gestrenger viellieber Herr so bitte ich gelang es ihm, sukzessive Raum fr ganze Stze zu gewinnen, schlielich sich vor dem matten, hilflos keuchenden Bayern zu bewegen, selbst freilich schon mehr erregt, als er vorhatte. Also er staune, gestand er, er knne sich keines anderen Ausdrucks bedienen, er sei vllig seines Begriffsvermgens beraubt. Er trage eine Rede, eine Entscheidung vor, die so aus dem Wesen der Sache stamme, wie berhaupt ein Urteil aus dem Krper eines Gerichts. Und nachdem dies geschehen, spontan ungereizt unhofiert und ungescholten, schmhe man ihn. Ja, sei er Prsident der kaiserlichen Hofkammer oder sei er es nicht? Sei er Richter oder nicht? Lcherlich, brllte Leuker wieder, lsterlich und absurd. Was hat den Herrn veranlat, mich zu chokieren, wo ihm nichts von mir widerfahren ist? Wei Gott, nichts, Herr Geheimrat. Ich bezeug's Euch gern. Ich bin jedoch nicht in bayrischer Dependence -- noch einmal gesagt -- um eines Zeichens zum Redebeginn von Euch zu bedrfen. Sprecht Ihr, Herr Trautmannsdorf, hab' ich mir Unziemliches erlaubt, die Grenzen meiner Kompetenz berschritten. Ihr mgt es hren, Herr Leuker. Trautmannsdorf brauchte lange, bis er seine vollen Backen ausgeblasen hatte, dann lchelte er diskret: Ich wei nicht. Seht! trotzte Leuker. Nmlich ich wei nicht, ob Ehrwrden entsprechend mit der kaiserlichen Majestt oder mit seinem hohen Bruder beraten haben. Erzherzog Leopolds Hoheit hat auf kaiserliches Mandat das geschehene Verfahren gebilligt und befohlen. Trautmannsdorf wandte sich armhebend an Leuker: So ist ja alles Klagen und Anklagen berflssig. Ihr erschiet einen Sperling und meint den Falken. Es ist nicht denkbar, jammerte Leuker, dem es vor dem Bericht an Maximilian graute, nichts ist geschehen, was solchen Schritt gegen Bayern rechtfertigen knnte. Wir haben kaiserliche Majestt und Euch nicht herausgefordert. Ich mu protestieren gegen den Erzherzog. Er wohnt nicht hier, lchelte Trautmannsdorf. Nun schwiegen sie, die beiden Kaiserlichen ruhig abwartend, der Bayer ratlos. Der Abt fing wieder an, vershnlich: brigens, ohne mich in bayrische Politik mischen zu wollen, deren Methoden gewi besonders studiert werden mssen: ich sehe nicht, welchen Anla Ihr habt, mit mir unzufrieden zu sein. Es geht Eurer Sache ja so gut. Euer Wagen fhrt so rasch, wie Ihr nur wnschen knnt. Das besttigte der kleine Rat mit kurzem Nicken. Leuker setzte sich, sah die Herren an; er war vor Angst vllig perplex, htte am liebsten die Herren um irgendeinen Rat gefragt. In zwei drei Monaten hat Euer Herzog den pflzischen Kurhut; die Wittelsbacher in Mnchen haben die in Heidelberg geschlagen. Es kommt nur darauf an, die Kurfrsten zur Zustimmung zu bringen. Ich habe weiter nichts gesagt --, vor allen Ohren, hrt es --; die Sache ist, was den Kaiser anlangt, entschieden, nmlich fr Mnchen. Ich hab' es laut gesagt, damit im Reich niemand daran zweifelt, da wir uns hier gebunden erachten. Und ich hab' es weiter darum gegen jedermann offenbart, damit es nicht heit, wir handeln im Dunkeln. Die andern lesen heraus, da wir gerecht sein wollen; Ihr mt erkennen, da auch fr Euch diese Meinung von Wert ist. ffentlicher Deputationstag, ffentliche vorherige Erklrung. Es kommt uns auf Gerechtigkeit an. Beruhigt und doch beunruhigt hakte Leuker ein, der sich tief atmend im Stuhl zurcklehnte, was das heien sollte, Gerechtigkeit, was er damit gesagt haben wolle; er rieb sein krankes Bein, das ihm pltzlich wieder einfiel: Nicht doch, Gerechtigkeit, lat das Wort. Der Schein der Gerechtigkeit, wollen wir so sagen. Wir kommen ohne den Schein nicht aus. Ihr auch nicht. Die beiden schwiegen undurchdringlich. Mit entschlossenem wrdevollen Brustton entgegnete der Bayer: Uns liegt durchaus an der Gerechtigkeit. Wir scheuen sie nicht. Wir wollen nur nicht gar zu spitzfindiges Eingehen auf juristische Kompliziertheiten; man kommt damit nicht weiter. Die Realitten mssen durchdringen, Anerkennung finden. So und nicht anders verstehe ich Gerechtigkeit, besttigte der Abt. Bevor Leuker ging, befriedigt und doch mitrauisch, ein Duplikat der heutigen Kammermitteilung in der Hand, unklar zweifelnd, sagte er noch einmal halb fragend, es stnde also alles gut. Fr wen? meinte Trautmannsdorf. Ich meine, verbesserte sich der an der Tr, es lag ein Miverstndnis vor. Von wem? schttelte ernst Trautmannsdorf den Kopf. Anton schttelte dem Bayer die Hand: Ihr werdet, besonders lieber Herr, vornehmlich wenn Ihr die Sache nachher in Ruhe berlegt, zugeben, da Euch nichts bles widerfahren ist von mir. Dann saen Anton und Trautmannsdorf sich allein gegenber, und Trautmannsdorf blickte den Abt an. Der hatte auf der Truhe pltzlich einen ernsten Ausdruck, als wenn er eine Maske ablegte, einen verdrossenen harten Blick; winkte ab, bevor der Kleine die Stimme erhob. Ihr gesteht, Trautmannsdorf, nachdem Ihr zu meiner Freude dies mit angehrt habt, da ich nicht zu weit gegangen bin. Lie ich es gehen, wie Leuker und sein Herr es wollten, so wren wir Knechte und Schrzentrger der Bayern. Sie glauben, wir seien dazu verpflichtet. Das ist zu viel, berschreitet das Ma. Was wir geben, mu geachtet werden. Forderungen an die Rmische Majestt dulde ich nicht. Still der Kleine: Ihr sprecht aus meiner Meinung. Schlielich kann ich, und ich wei, kann der Kaiser und der Erzherzog nicht die Verantwortung fr das Folgende bernehmen. Mag sie der Bayer selbst tragen. Wir nehmen sie ihm nicht ab. Niemals. Wir haben keinen Grund dafr, gegen ihn milde zu sein. Denkt an, Herr, ich will es Euch nicht verhehlen, ich habe ihn nach Rcksprache mit Eggenberg anfragen lassen sub rosa, wodurch und wie sich die Rmische Majestt von ihm freikaufen knnte, von ihren Pflzer Verbindlichkeiten. Ich habe den Erzherzog nichts davon wissen lassen. Ich wollte einen runden Betrag. Den hat er genannt. So sprecht doch, Ehrwrden. Das Herz kann es mir zerreien. Ich bin ein Christ, Katholik und dazu bin ich geweihter Priester. Mir steht kein Ha oder Abscheu gegen Menschen zu. Schon gewi nicht gegen einen andern, der Christ, Katholik ist und -- ein Verwandter unseres Herrn. Aber die Wut zerreit mir die Eingeweide, wenn ich es bedenke. Noch nie ist dieser getreue gerade Kaiser so geschmht und infernalisch gehhnt, als durch diese Antwort. Ein unerschwinglicher Betrag. Und Ihr? Dreizehn Millionen Gulden. Hrt, denkt, der Abt fast schreiend, dann erschreckt hinter sich blickend, mit heftiger Flsterstimme und Gesten auf den Grafen eindringend, der im Nachdenken die Augen schlo, dreizehn Millionen Gulden. Man mu es sich vorstellen, man mu sich ihn vorstellen, den Bayern. -- Lat mich einmal sehen; die Fensterlden geschlossen, einer auf dem Flur? Als er bebend auf und abschritt auf dem Lngslufer, ffnete Trautmannsdorf die Augen: Ihr seht es jetzt: der Wittelsbacher verachtet uns. Uns alle, samt unserm allergndigsten Herrn. Dreizehn Millionen: da hat er gelacht und seinen Vater gefragt: Wollen sehen, was das Bettelpack antworten wird. Rmischer Kaiser und Herzog in Bayern. O, wir htten ihm wohl doch beistehen mssen damals, dem Kaiser, als die Exekution gegen die Oberpfalz begann. Wir htten es mssen, Ehrwrden. Der Bayer suchte Macht gegen uns. Es wre nicht so weit gekommen mit dem Kaiser. Jetzt wagt er dies; er wei, warum der Kaiser beiseite steht und warum der Erzherzog Leopold am Hofe lebt. Liebwerter Freund, wir htten es mssen? Es htte auf ihn keinen Eindruck gemacht, er kennt uns beinah besser als wir uns. Es war schon alles gut; wir haben nichts verfehlt. Er wei, wie wir ihn brauchen. So lat es nun sein, ihm den Kurhut zu erschweren. So ntzt es doch nichts. Der Abt hielt, noch im Schreiten, die Hnde vor das Gesicht und weinte fast: Nehmt mir nicht allen Trost. Ich wei ja, ich will nicht denken. Darum mu ich ihm nicht Vorschub leisten. Ich entlarve seine Schliche. Ich will ihm diese Stunde nie vergessen, mit dem Brieflein um dreizehn Millionen. Seht, mir habe ich's in der Brust geschworen, in Treue um unsern allergndigsten Herrn, dem ich nichts von der Botschaft verriet: die dreizehn Millionen soll er uns bezahlen; er soll denken: nie kann ich genugsam Geld aufbieten, um mir Habsburg wieder Freund zu machen und ich kann's nie. Dies will ich ihm nicht ersparen. Ihr habt die Siegesfeier fr gut gehalten. Es soll die letzte gewesen sein, Trautmannsdorf. Dies war's, was Ihr mir so dringlich vorgestern mitteilen wolltet; ich war verreist. Und was habt Ihr erreicht mit Euerm Beschlu von vorhin? Einen Wutanfall Maximilians, ich wei. Weiter nichts. Nur soll er uns nicht fr Narren halten, fr solche Narren, wie ich es beispielsweise bis jetzt war. Wit Ihr, Ehrwrden, begann nach einer Pause, der unbewegliche Graf, einen Schritt konnten wir gleich weiter gehen. Und? Wir knnten versuchen, den Erzherzog Leopold -- In diesem Augenblick dachte ich daran. Wir mssen es an Lamormain bringen. Ich wei freilich noch nicht, wie er von meinem ersten Schritt denkt. Ist er bayrisch gesinnt? Nicht so und nicht kaiserisch. Er ist von der Gesellschaft Jesu und gehorcht dem Papst. Vielleicht also bayrisch. Er wird, wofern Ihr ihm das Brieflein zeigt, seine Stellung ndern. Er ist tatendurstig, das Brieflein wird ihm als Angriff auf seine Macht vorkommen. Der Bayer soll seine Freude haben an dem Kurfrsten, drohte der Abt, schwang sich auf die Truhe. Mich mt ihr beurlauben, und ich kann jetzt nicht Euer Gast sein, Ehrwrden. Ich war nicht in meinem Quartier von der Reise. Und ich mchte dann mit einigen Herren, spter mit Euch, beraten, wann wir zu unserem allergndigsten Herrn hinausfahren, um Audienz zu erbitten. Ich denke wie Ihr: Wir sind es ihm schuldig --, wenn er auch nicht viel Freude daran haben wird. Lebt wohl, liebwerter Freund. Trautmannsdorf flsterte schalkhaft: Ich mchte auch gleich zum Herrn Leuker; ihn trsten, beruhigen. Tut es, lchelte gezwungen der immer wieder zitternde Abt auf der Schwelle, in den Flur nach rechts und links blickend, als wenn er Gespenster erwarte. * * * * * In Sachsen, in Dresden, wie in dem brandenburgischen Berlin hielt man sich die Seiten vor Lachen ber den neuen Wiener Vorschlag, die Pflzer Angelegenheit gnzlich durch ein Dekret des gesamten Kurfrstenkollegs aus der Welt zu schaffen. Johann Georg, dem Kurfrsten, behagte die neue Kunde ebenso kostbar wie seinem Ratsprsidenten, dem Kaspar von Schnberg; er lie fr einige Tage seine Hauptsorge auer acht, die Aufsicht und Reglementierung der Braugesellschaften, das Herumschnffeln nach verborgenen Braumassen. Wie andere Hoheiten, Gesandte in fremden Lndern, so hatte er geschmackskundige Vertrauensleute in greren Flecken seines Landes, vereinzelte auch in den berhmten Hansestdten, die fr ihn hereinspionierten und ihm berichteten, auch die feinsten Tnnchen, das sorgfltigste Gebru versiegelt und plombiert unter Geheimchiffern durch Kuriere zurollen lieen. War das Gebru in der Tat erlesen, das aufgedeckte Geheimnis absonderlich, so konnte es dem gewandten gelehrten Entdecker so bald an nichts fehlen; er hatte sich legitimiert fr den Zutritt zum kurschsischen Hof; der Merseburger Bierknig, wie Johann Georg sich gern nennen lie, mit Stolz, -- wenngleich die Leipziger Studenten ihn damit zu verspotten glaubten --, empfing sie feierlich dankbar und ehrend, wie es sich gebhrte gegen jemand, der dem kurschsischen Leib wohlgetan hatte. Wrdig gemchlich und etwas schwach im Kopfe war Johann Georg; er hatte den Blick fr das Wesentliche im Leben nicht verloren, eine liebevolle Kenntnis der menschlichen Schwchen war ihm eigen. Fr die Details des Daseins, auch des Amtsverkehrs, hatte er sich den Kaspar von Schnberg engagiert, den er noch, damit er nicht gar zu ppig werde, mit dem Schwergewicht einiger seiner edlen Vertrauensleute behngte; mit Gott, im Vertrauen auf die ererbte pfaffenfeindliche Religion konnte er so stattlich den Regierungswagen kutschieren. Kopfschttelnd hatte er den Lauf des Pflzer Friedrichs mit angesehen; der Mann hatte den rechten Glauben, auch die rechte Frau, ein schnes fettes englisches Weib, nach dem sich ein armer Deutscher die Finger lecken konnte. Aber wohin konnte es fhren, sagte Johann Georg in versunkenen Momenten, wenn einer dies Weib in einem Schiff den Rhein und Neckar hinauf nach Heidelberg geleitet, in einem Schiff, das Silberkammern Schlafkammern Ritterstuben Badekammern habe. Und die Kammern liee man sich noch gefallen, und sie seien wrdig eines solchen geborenen Kurfrsten, auch Knigs, und eines so leckeren Frauchens; aber woher das Geld, wofern es nicht er, sondern der Knig von England, Jakob der Griesgram, der Dickkopf hat? Ja was dann; so sei alles Glck und Hoffnung sogleich auf Sand gebaut. Ein deutscher Frst, -- ja, es sei so, und so mute es kommen, und so htte es kommen mssen mit allen Folgen fr ihn, fr den Kaiser Ferdinand, fr das Heilige Rmische Reich, fr den evangelischen Glauben; das Weitere sei auch alles so zu erwarten. Das war die Direktive fr den kurschsischen Aktuar und das Spitzmuschen, wie er den Schnberg huldvoll benannte und auch bei dem neuen Entschlu, die Pflzer Angelegenheit durch kurfrstliches Kollegialdekret zu beenden. Es war Sptherbst; in einem Saale seiner Kunstkammer sa Johann Georg auf einem Rollstuhl, mit blauer Nase, frierend in seinem wattierten Wams, seinem Rock aus Wolfspelz, ber beide Ohren die Pelzkappe, darunter einen dicken Hut; mit Smischlederhandschuhen, ber die er ungeheure Wolfshandschuhe gestlpt hatte; die Beine in Lammfell geschlagen. ber das Wams flo ihm ein breiter gewellter grauer Bart, grn die Mundstoppeln. Den herumspintisierenden Kaspar von Schnberg, dieses arrogante dienernde Gerst, verabschiedete er kurzerhand. Dann betrachtete er wohlwollend seinen asthmatischen Kammerdiener, den Lebzelter, der vor einem Pult mit dem aufgeschlagenen prchtig illuminierten eichstttischen Tulpenbuch stand und im Stehen sich Notizen machte. Denn Lebzelter notierte alles, was er sah, was um ihn geschah, seit zwei Jahrzehnten, aus Ordnung, aus Reinlichkeit, damit man nicht wie ein Tier ohne Gedchtnis herumlaufe. Was hltst du von dem Handel, Lebzelter? Eifrig sprang der herbei, hob abwehrend beide Hnde, ri ehrerbietig die Augen auf, bis unter die lockige graue Percke: Kurfrstliche Gnaden: nicht anrhren! Geheimer Rat Kaspar denkt im Nu, im Hui; Lebzelter --, Eure Gnaden wissen. Woran liegt's, Lebzelter? Was werden wir machen? Nicht anrhren, Eure kurfrstliche Gnaden. Nicht heute, nicht morgen. Das Natrliche braucht seine Zeit. Ich werde notieren. bermorgen, Lebzelter. Und la mir den Kaspar nicht vor. Nach zwei Tagen staffierte der Diener seinen Herrn sorgsam aus, und als er ihn recht vor die Schrnke gehoben hatte; den Bierhumpen zur Seite gestellt, daneben ein Krbchen Salzbretzel, machte er rasch seinen Eintrag, stubte sich ab, verbeugte sich zum Vortrag. Aber Johann Georg bemerkte schon nach dem ersten tiefen Schluck, es mte erst festgestellt werden, ob sie auch bereinstimmten in der Hauptsache. Die Hauptsache sei, -- Lebzelter erhielt das Wort, -- den beiden protestierenden Kurfrsten samt allen Stnden, die sie im Kolleg vertreten, solle das Fell ber die Ohren gezogen werden, von kaiserlichen Hnden. Gerhrt reichte ihm Johann Georg die Hand: Lebzelter, feuchte dich an. Alsdann kehre man, meinte geschmeichelt der Kammerdiener, mit kurfrstlich schsischem Konsens zum Ausgangspunkt zurck: man lache. Denn die Albernheit der deputierten kaiserlichen Rte in dieser Affre sei zu gro; she doch jeder Sachse, Brandenburger, jedes Kind: das Kurfrstenkolleg solle gutheien, bezahlen, was der Kaiser esse. Es sei den Herrchen, hochzuehrenden, strengen, wohledlen allzusamt, allgemach zu schwer geworden in Wien, die Verantwortung und die Kosten selbst zu bernehmen; so mag es der Kurfrst mit dem guten, breiten Buckel. Ich will dir aber sagen, bemerkte, den Wolfshandschuh abstreifend, nachdrcklich der Herr, alles lieb und honorig, was Rmische Majestt unternimmt und mit kaiserlicher Potenz sich unterfngt. Nur lach du mir nicht zu viel. Es tut nicht gut und hlt nicht gut, es verstt gegen den Respekt. Was soll ich denn, der doch einmal dein Kurfrst, dein gndiger Herr ist, sagen, wenn Ihr lacht, wo das Reich erschttert wird? Lebzelter hob gravittisch, berlegen wieder beide Hnde: Wird nicht! Und geschieht nicht! Darum mit jedem Verlaub, kurfrstliche Gnaden, eben lacht man: weil man sich drben tuscht. Was ist das fr ein Gelchter? Ein Spottgelchter, ein vergngtes, sehr ernstes, ablehnendes Gelchter. So la ich mir's gefallen. Wir lehnen ab. Wir lehnen ab, kurfrstliche Gnaden. Geschieht das Gleiche wie mit dem Pfalzgrafen Friedrich und seinem Schiff. Warum, mein Sohn? In diesem Fall hatte der Englnder das Geld, und darum konnte der Pflzer nicht lange Schiff fahren. Jetzt will der Bayer und die Majestt fahren, und -- Gut. Ich habe aber auch kein Geld. Gut, Lebzelter. Von den Menschen soll jeder Freude und Lasten allein tragen, denn so hat ihn unser Herre Gott geschaffen. Der Kaiser ist ein wrdiger, seriser Mann und gar erst der bayrische Maximilian. Bin ihnen beiden redlich zugetan und treu wohlgesinnt. Sie verstoen aber gegen Gottes Gesetz; sie mssen mit ihren eigenen Beinen laufen. Ich werde, wenn Eure Gnaden befehlen, dem Kaspar Schnberg dies als Eure strenge unabweichbare Gesinnung offenbaren. Dem Kaspar befehle ich --. Ich befehl' ihm nichts. Er soll sein Spitzmulchen da nicht hineinstecken. Er hat mir auch zuviel gelacht ber die Affre, er sieht Respekt und Ernst nicht. Was befehlen kurfrstliche Gnaden? Unwirsch arbeitete der Frst an seinem Wolfspelz. Wir wollen uns nicht mit Politik bernehmen, Lebzelter. Ihr schnakt zu keck in die Welt. Mir wird hei. Sauf er und lauf, was meine kranke Mutter macht. * * * * * Was die Brandenburger, der Landgraf Ludwig von Hessen-Darmstadt dachten, gelangte bald an den kaiserlichen Hof: man erkenne die kaiserliche Gerechtigkeit an, man werde ordentliches Gericht ber den Pfalzgrafen Friedrich verlangen, die Grnde seiner chtung zur Diskussion stellen. Das war die Parade. Die Unterschriften zu der Einladung zum Regensburger Frstentag wurden vom Kaiser vollzogen; er selbst lie sich von den Rten, auch von seinem vielgeliebten Eggenberg, nicht sprechen. Auf die wiederholte Audienzbitte gingen ihnen durch den kaiserlichen Obersthofmeister gndige Dankesworte der Majestt zu, der sie an seinen Bruder Leopold wandte. Wie der Kaiser Rudolf mit seinen Astrologen Malern Alchymisten sich von der Welt absonderte, so sein Nachkomme mit einer jungen frommen Gemahlin. Lebte mit ihr in Laxenberg Wolkersdorf im tiefsten Frieden: Diplomaten und Rte saen oft an seiner Tafel, sahen, wie wohl und krftig ihr Herr war, wie er schmauste. Hexenfolterungen Maskeraden Ballspiele Wallfahrten Jagden Messebesuch fllten die Zeit ganz mit Wohlgefhl aus. Die Ausstattung aller Jagdschlsser mute erneut werden. Um die Kaiserin sammelte sich ein immer grerer Hofstaat. Der Kaiser machte ihr ohne aufzuhren Geschenke von riesigem Wert in Geld und Schmuck, die zu beschaffen er, ohne zu fragen, seinem Schatzmeister auferlegte. Nach den Unterschriften fr die Regensburger Tagung lie er die Rte seiner besonderen Huld versichern; die Kaiserin wrde ihn nach Regensburg begleiten. Und dann kein Wort ber die dringend zu fassenden Entschlsse, nur Gerchte von ungeheuren pompsen Vorkehrungen, Prachtgewndern der Kaiserin, der Bedienung, Beschaffung von Pferden, Ausbau der kaiserlichen Donauflottille, Herrichtung kaiserlicher Gemcher in Regensburg, Zitierung von Malern Bildhauern aus Mnchen Florenz, den Niederlanden, zur Ausstattung der Departements. Erzherzog Leopold, der Projektenmacher, ging in dem Rausch seiner Allmacht umher; plante zu heiraten, um sich in Wien zu konsolidieren; war in leidige Geldgeschichten vertieft, von denen er sich jetzt rapid erholte; dirigierte rechts, dirigierte links; die Ehrfurcht der berhmten Staatsmnner, der Eggenberg Meggau Kremsmnster blendete ihn. Als man ihm den Reichshofratsentschlu betreffs Kollegialtag vorlegte, krhte er Beifall; Ordnung msse sein, bravo, dazu schlau gehandelt, hinterlistig, echt diplomatisch, dchte gewi niemand daran, da der Kollegialtag gegen den Bayern sein knnte. Lange vor dem festgesetzten Termin brach man von Wien auf. In den schnen braunen Herbst fuhr man hinein. In dem ersten Schiffe Ferdinand und die Mantuanerin, einsam. Sie dachte nur, wie sie dem Gemahl, der ihr von Gott zugefhrt war, dienstbar sein knne; war ngstlich, ihr Beichtvater fhrte sie behut; sie hatte eine feine verschwiegene verschlagene Art; fter hatte einer Lust, ihr Politisches zu suggerieren; er erkannte leicht an ihrer Art zuzuhren, den verlegenen Blick zur Erde, den Mund sehr streng, da sie nichts damit anzufangen wute und sich nicht stren lassen wollte auf ihren Wegen. Ferdinand schien es ausnehmenden Spa zu machen, solchen Unterhaltungen beizuwohnen; es war manchmal, als ob er den und jenen aus seiner Umgebung ermunterte zu einer politischen Attacke auf seine Gemahlin. Er trumte whrenddessen und mischte sich nicht ein. Bevor die Flottille in Regensburg landete, machte der Frst Eggenberg und Graf Trautmannsdorf einen letzten Versuch, den Kaiser zu sprechen. Und zu ihrem groen Erstaunen nahm er sie auf seiner Kammer an. Schalt sie freundlich, in weiem Anzug herumgehend, sich setzend, da sie durch Geschfte seine Lustreise verderben wollten; ob sie es vor seiner Gemahlin verantworten knnten. Die Herren durften sich zu ihm in dem ebenholzbekleideten, sehr weiten, sehr niedrigen Gemach setzen, in das die Sonne blitzte, Ruderschlge hineinklangen. Eggenberg, nachdem er seine Freude ber das Wohlbefinden des Herrschers ausgesprochen hatte, wies auf die Unklarheit der kommenden Situation und da noch ein endgiltiger Entscheid fehle ber die Taktik, die Wien auf der Tagung befolgen wolle. Ruhig, ohne die Beine zu wechseln, meinte Ferdinand, vornbergebeugt an seiner Sessellehne vorbeiblickend, es sei doch alles klar und gegeben. Oder seien neue Ereignisse eingetreten, die ihm nicht zu Ohren gekommen wren. Eggenberg, mit dem stummen Trautmannsdorf Blicke wechselnd, vermochte nicht von dem Affront zu reden, den Maximilian dem Hause erwiesen hatte; er lispelte undeutlich, man msse wissen, wie weit man Wittelsbach, respektive dem Herzog in Bayern folgen wolle. Der Kaiser wandte sich rasch an Trautmannsdorf: Was meint mein Herr? Trautmannsdorf, verblfft ber die scharfen Blicke Ferdinands, versicherte, seine Worte zhlend, es sei so. Nun, rkelte sich der Kaiser, ihm sei da nicht ersichtlich, wo Schwierigkeiten entstehen sollten; Maximilian erhlt die Kur. Die beiden Herren schwiegen. Ja, mein, hob Ferdinand pltzlich sich gerade setzend, die Hnde, wo liegen denn fr die Herren Schwierigkeiten. Und seit wann machen sich die Herren Bedenken? Was ist diese Fahrt. Wir belehnen unsern Schwager Maximilian. Es sei beschlossen, bemerkte Trautmannsdorf vorsichtig, seitens des Rates und so verkndet, da die Entscheidung der Pflzer Frage in die Hnde der Kurfrsten gelegt werde; so stehe man auf dem Boden der Grundgesetze des Reiches. Wieder hob der Kaiser die Hnde: Ja, dazu eben fahren wir. Das Kolleg mu hinzugezogen werden. Wir werden die Kurfrsten zu unserer Meinung bewegen; sie werden sich unsern Grnden nicht verschlieen. Die Belehnung erfolgt nach den Reichsgesetzen. Man dachte, artikulierte Trautmannsdorf weiter, seitens der kaiserlichen Gewalt ganz von einer Teilnahme oder Beeinfluung abzusehen; man dachte, ganz, auch ganz den Kurfrsten die Schwere der Entscheidung aufzubrden. Ohne die Kaiserliche Majestt? Die Herren bejahten. Da stand Ferdinand auf, ging einige Male in dem rollenden leicht schwankenden Gemach hin und her. Rauhe Stimme: Wo ist Erzherzog Leopold? Ach, in Wien. Nach einigem Herumwandern stand der Kaiser vor ihnen: Bleibt sitzen. Ist etwas eingetreten inzwischen? Trautmannsdorf verneinte mit fingiertem Erstaunen; im Gegenteil htte Herzog Max sich bereit erklrt, um dem kaiserlich erzherzoglichen Hause Weiterungen zu ersparen, auf alle Rechte und Ansprche um dreizehn Millionen zu verzichten; er sei keineswegs auf die Kur versessen. Rot blhte es ber das volle brtige Gesicht des Kaisers; als schmte er sich, drehte er sich ab. Er senkte, wie wenn er einen Schlag erwartete, den Kopf, den Rcken gegen sie. Was habt Ihr geantwortet? Nichts Sonderliches, meinte sehr gelassen der verwachsene Graf, als eben dieses, das Recht nicht zu verzgern. Der Geheime Rat ist bereinstimmend der Auffassung gewesen, da dem Kurfrstenkolleg eine entscheidende uerung in der Sache zustehe. So also habt Ihr geantwortet. Die Kaiserliche Majestt werde dem gefllten Urteil nichts in den Weg legen. Und er? Des Herzog Maximilians Durchlaucht hat geschwiegen. Ferdinand setzte sich, nachdem er sich zusammengerafft hatte, schlug eine flache Hand auf die Lehne, blickte sie fest an: Gesteht, ich bin es nicht gewesen, der das geraten hat. Ich war es nicht, der diese Wendung herbeigefhrt hat. Eggenberg bejahte warm, hielt den Atem an. Es bleibt dabei, Herren. Wir wollen Ruhe haben. Wir wollen nichts mehr aufrhren. Ja, widersprecht nicht. Das ist beschlossen. Dies und nichts anderes. Er verharrte auch dabei auf Trautmannsdorfs Vorhalt. Die Herren mgen mich erschlagen, aber nicht versuchen, mich einen Finger breit in meiner Meinung zu verrcken. Mein Schwager selbst bringt mich davon nicht ab; ich bin kein Hndler. Ich habe mein kaiserliches Wort hingegeben; die Kur knnte ihm nur entgehen, wenn ich vom Thron weggenommen wrde. Dies mu ihm geantwortet werden. Sie schwiegen auf seine leidenschaftliche Art. Als die Herren sich auf sein Kopfnicken erhoben, drckte er dem Frsten Eggenberg heftig die Hand: Ich mte Euch hassen, Eggenberg, da Ihr mir eben dies angetan habt. Trautmannsdorf, Ihr habt mir einen Schmerz bereitet. Ich sag es Euch beiden. Dann danke ich Euch, da Ihr bei mir waret. Er hielt inne, blickte sie abwechselnd mit glhenden Augen an: Wie wre alles gewesen, wret Ihr immer mit mir gegangen. Ahnt Ihr das. Ahnt Ihr das. Was ist inzwischen geschehen. Jetzt seid Ihr da. Mein Schwager erhlt die Kur, wiederholte er fest den beiden auf der Schwelle. Die Ruder schlugen, Kastanien prasselten am Ufer von den Bumen, barsten. * * * * * Was erwartet wurde, trat ein. Nach der Ankunft des Kaisers sammelten sich nach und, nach Kurfrsten und Frsten in Regensburg; als aber der Kaiser zum Anfang des neuen Jahres den Konvent im Rathaussaal erffnete, um die Proposition dem Reichserzkanzler, dem Kurfrsten Erzbischof Johann Schweikard von Mainz, dem wrdigsten ernstesten ltesten der Herren zu bergeben, fehlten Kursachsen und Kurbrandenburg. Gesandte von ihnen waren da. Ihre Ttigkeit: zu hren berichten keine Instruktion haben protestieren hinhalten. Die Anwesenden lieen sich nicht dpieren, Ratsgang auf Ratsgang fand statt ohne die evangelischen Herren. Tollkpfe Jesuiten und Kapuziner wollten rasch ohne sie zum Entscheid kommen. Pommern, das erwartet wurde, kam nicht, Braunschweig entschuldigte sich; nur viel umworben sah man den ehrgeizigen, sich anschmeichelnden Landgraf Ludwig von Hessen-Darmstadt in den Frstenquartieren herumreiten als einzigen Protestanten. Whrend die kaiserlichen Rte nervs wurden im Warten und Hoffen auf Kursachsen und Brandenburg, whrend sich der ehrlich ber den Zwiespalt betrbte Mainzer abmhte in Vermittlungsversuchen, sa in seinem gediegenen Quartier an der Grube der junge berstolze Wolfgang Wilhelm von Pfalz-Neuburg. Sein Vater, erkrankt, war ganz faselig geworden; notgedrungen wurde der Sohn ins Vertrauen gezogen; er ging wild wie ein Stier auf die Sache los, staunend und grollend, in welchen Geheimnissen er blind lebte, zornig entschlossen, es mit aller Welt zu verderben, um die sonnenklaren Ansprche Neuburgs durchzusetzen. Sein Vater berflutete ihn von Neuburg mit Ratschlgen und Vermahnungen; es konnte geschehen, der Sohn frchtete, da der Alte selbst anfuhr. Jenes stolze Gebaren der Neuburgischen Doktoren gegen Leuker in Wien war nur ein Abglanz der Haltung Wolfgang Wilhelms; hochfahrend gebieterisch trat er in Regensburg gegen kaiserliche Rte Kurfrsten und Frsten auf; man sah ihn mit den prchtigsten Gulen und Kutschen in dem schneebeladenen Tummelgarten bei den Barfern; seinen Aufwand trug er in drohender Weise zur Schau. Die Gemahlin, eine Schwester des bayrischen Max, hatte er wider ihren Willen nach Regensburg geschleppt, sie frchtete ihren Bruder; Wolfgang Wilhelm setzte ihr mit schmhenden uerungen zu, da sie geboren sei zum Aschenputtel, zur Winkelsteherin; htte nicht an ihren Bruder zu denken, sondern an ihn und an ihren Bruder mit Bitternis, denn er wolle ihm das Recht streitig machen, ihm, ihr, ihren unmndigen Kindern. Da sa die unschne krnkliche Frau in italienische Kostbarkeiten gehllt in dem heien Empfangssaal an der Grube. Vor die Angesichter aller Kurfrsten wurde sie geschleppt, bald sollte sie zur Audienz erscheinen bei den kaiserlichen Majestten, bald sollte Maximilian aus Mnchen in Regensburg landen. Der kaum dreiigjhrige Pfalzgraf, braunlockig, in franzsische Schillerseide gekleidet, hatte schmutziggraue Farben an den Backen bekommen, seitdem ihn der Kurfrstenteufel ritt; sein Blick, ehemals flchtig, jetzt steif und abwesend; die Haltung ohne Zusammenhang, bald versunken, bald kalt abweisend und herrscherisch. Der Alte hatte noch von der Universitt Lwen ein ausfhrliches Gutachten anfertigen lassen zur Begrndung seiner Rechtsansprche; das Gutachten verbreitete der Sohn in Abschriften; vergngt las der spanische wie franzsische Botschafter, Mainzer Klner Trierer Rte, schsische Abgeordnete, die Vertreter Maximilians von Bayern, wie gut fundiert die Neuburger Ansprche waren. Die goldene Bulle war zitiert, Titula sieben, Paragraph fnf, worin stand, da beim Erlschen einer Kurlinie ber die Neubelehnung der Kaiser unter Hinzuziehung der Kurfrsten zu entscheiden habe. Die nahe Verwandtschaft, ehemalige Mitbelehnung, war angerufen und da keiner aus der Linie Neuburg die geringste Schuld an dem bhmischen Kriege habe. Erschreckend wirkte es auf alle, die dem Schauspiel beiwohnten, da pltzlich ein regelrechter Buckelhans auf der Bildflche erschien, im Quartier des Mainzer Kanzlers anrckte, sich offenbarend als Friedrich von Zweibrcken-Birkenfeld und, da er stumm war, durch seine dmonisch erregte Frau und einen imperatorischen Kammerdiener bekundend: er und kein anderer sei nchst berechtigt bei einer Neubelehnung. Man hatte Mhe, mit diesem Prtendenten fertig zu werden, vor allem, da er ersichtlich von Geist schwach, vielleicht vllig blde war und auch die Mglichkeit bestand, da er gar nichts wute von den Dingen, die man mit ihm machte. Aber der gute vielgequlte Schweikard sah schlielich keine Rettung vor den drei Birkenfeldern: die verwandtschaftlich begrndeten Ansprche muten protokolliert werden, ihren Weg laufen. Es gab eine Szene von groer Peinlichkeit, als Schweikard es dann nicht verhindern konnte, da bei einem Schauessen im Karthuser Kloster vor der Stadt der pompse stocksteife Neuburger mit der Birkenfelder pfalzgrflichen Trias zusammentraf. Aus dem Konventsaal, in dem Truchsesse und Pagen speisten, kamen die drei geirrt in das feierliche Refektorium, in dem feine Geigenmusik erscholl, Kaiser und Frsten hinter einer langen Tafel saen, darauf ein zinkerner Berg Parna Wasser und Wein verspritzte, ein Pegasus aus Zucker die Flgel schwang. Neben Wolfgang Wilhelm setzte man den tauben blden Buckelhans ab; rechts und links blieben Sessel frei. Man lchelte drben, flsterte sich ins Ohr; dies waren die beiden Prtendenten. Aber manche wandten sich betreten und ergriffen ihrem Mahl zu; Schweikard, weihaarig, Gesicht einer fetten, alten Frau, mit mchtigem Kehlbraten, zittrigen Lippen, sah schmerzlich vorwurfsvoll zum Obersthofmeister herber. Verschwunden war die nchsten Tage der Neuburger; man erzhlte von Duellen, die zwei seiner Kavaliere mit Franzosen hatten, die in einem Atem Neuburg und Birkenfeld besprachen. Der Leidensweg Wolfgang Wilhelms wre so lang wie der Frstentag geworden, htte Graf Ognate, der spanische Gesandte nicht die beiden Prtendenten zusammengefhrt, einen Vertrag zwischen ihnen veranlat und den stark geduckten Wolfgang Wilhelm als seinen Kandidaten ausgerufen. Die drei Birkenfelder waren bereit, sich mit Geld abfinden zu lassen, blieben aber bswillig in Regensburg, lauerten; sie saen dem Neuburger auf den Fersen, zhneknirschend mute er sich umwenden, lieb Kind mit ihnen spielen; die vulgre Dienstmagd, Birkenfelds Weib, wagte sich hausfraulich neben die bedrckte Schwester Maximilians. * * * * * Die Verhandlungen klrten die Situation vollstndig; dem Schwanken und Widerstreben der Kurfrsten stand die unerschtterliche kaiserliche Forderung der Belehnung Bayerns gegenber. Wie ein Wurm wand sich das Kolleg unter der tglich strker drckenden kaiserlichen Faust. Tobschtig raste Ognate; sein wildestes Argument: man mchte doch den Franzosen, Monsieur de Baugy ansehen, wie er sich freue ber Bayerns Aussichten -- ob dahinter Gutes stecken knne. Und Baugy erklrte in der Tat hflich und spitz, dem frommen Knig von Frankreich widerfahre bei Ausfhrung des heiligen Werkes der Belehnung eine persnliche Freude; dies knne dem Heiligen Reich doch nur angenehm sein, vielleicht nicht dem Spanier. Die schsischen Vertreter stieen tglich und und unter zunehmendem Tumult Drohungen aus, die bertragung der Kur sei kein Mittel zum Frieden im Reich; der Kaiser htte nicht ohne ordentlichen Proze Acht zu verhngen. Die Brandenburger standen ihnen bei. Das ganze Kolleg zuletzt, von Kurmainz gefhrt, erhob sich, schlo sich den Sachsen an: es wrden sich bsartige Kriege an diese Tat anreihen, der Kaiser knne nicht dies verantworten. Der Erzbischof Kanzler beschwor persnlich den Kaiser; schwere Stunden durchlebten die Rte, die aufs innigste hofften, Ferdinand werde Gebrauch von der Stimmung des Kollegs machen. Aber Ferdinand blieb unbeweglich; bei vollkommener Liebenswrdigkeit antwortete er, die Sache sei zwischen ihm und Maximilian lngst geregelt, die Kur vergeben. Es bedurfte der hingebungsvollen Diplomatie der Rte, die voll Bitterkeit erkannten, da dem Kaiser keine Wahl geblieben war, und der Konzilianz des Mainzers, um die andern katholischen Stimmen zu besnftigen. Sie erkannten alle den ungeheuren Fortschritt der katholischen Sache. Die katholischen Herren gingen nur widerwillig an die Entscheidung heran und stimmten zu; sie sahen in dem Vorgang einen bedrohlichen kaiserlichen bergriff, der sich auch einmal gegen sie richten knne. Dazu war das bse sehr trichte Wort aus der Kanzlei der Wiener gekommen: Da die Aberkennung und Neubertragung der Kur der kaiserlichen Wahlkapitulation widerspreche, sei sonnenklar; aber keine menschlichen Gesetze seien so ewig und bestndig, da sie alle Flle der Notwendigkeit ausschlssen. Als Maximilian selbst, bla erregt in Regensburg eintreffend, sich bei Ferdinand nach den Aussichten erkundigte, bekam er den kalten fast befremdeten Bescheid, die Sache sei doch abgemacht. Ohne da auer den anwesenden Kurfrsten irgendwer formell benachrichtigt wre, erfolgte dann eines Tages, vor einem Auditorium von nur Jesuiten Mnchen Beamten, die Belehnung des Bayern in der Ritterstube des Rathauses zu Regensburg. Knieend empfing der Bayer den Kurhut aus der Hand des Kaisers. Zwei Stunden darauf versah er zum erstenmal das Amt als Truchse an der Tafel des Kaisers, trug die erste Schssel auf, wurde zum Mahl geladen. Ein Eilbote lief zugleich nach Rom, um in Maximilians Auftrag dem Papst die freudige Kunde zu bringen; die Kanonen donnerten auf der Engelsburg; zum Tedeum zog der Papst Gregor in die Peterskirche. Die Regensburger hatten dem kaiserlichen Paar ein besonderes Prachtschiff gebaut. Das Kolleg lste sich auf. Der Franzose hatte gekmpft, um den Bayern in seinem Spiel zu haben, wenn es gegen Spanien ging oder gegen den Kaiser. Der Spanier hatte gekmpft, um sich England freundlich zu erhalten, den Verwandten des gechteten Mannes. Den Bayern hatte Rache, Grensucht und Stolz getrieben. Der Kampf war zu Ende. Es pries am Schlu der groen Prozession vom Wolfgangsdom zum heiligen Emeran der Kapuzinerpater Hyacinth das geschehene Werk, predigend, man drfe nicht Furcht vor den drohenden Allianzen und Personen haben; wenn nur der katholische Glaube gefestigt und gefrdert werde. Kochenden Herzens ging aus dieser Predigt hinaus der graublasse Pfalzgraf Wolfgang Wilhelm von Neuburg; er reiste sogleich dem spanischen Gesandten nach, allein; seine erschpfte Frau hatte als erste dem Bruder Glck gewnscht, begleitete ihn nach Mnchen. Die Birkenfelder Trias war lngst mit spanischem Gelde abgeschwommen. Herr Meggau, Frst Eggenberg, Abt Anton, Herr Trautmannsdorf, die Recken von Regensburg begleiteten den Herrn heim, eine ehrerbietige stark verbitterte ratlose fast verzweifelte Runde, am heftigsten sich selbst grollend. Der Kaiser war frhlich mit seiner Gemahlin, empfing freudig noch auf dem Schiff zwischen Passau und Linz seinen Bruder Leopold, den er beim Abschied in Wien dem Hohen Rat mit dem Bemerken empfahl, man mchte sich auch in Zukunft bis auf weiteres an den Erzherzog halten. Er selbst nehme Aufenthalt in Laxenburg und Wolkersdorf. * * * * * In Mnchen, in der Residenz, sa der Melancholiker Maximilian, ugte nach allen Seiten. Sa ber seiner Beute. Er konnte sie nicht wie ein wildes Tier in eine Ecke schleppen, sie allein schlingen. Aber whrend er sich mit rasselnder Brust an ihrem Besitz sttigte, funkelten seine Augen. Er knurrte fauchte sprhte. Das Blut troff in zwei Rinnsalen aus seinen Mundwinkeln, bildete Lachen auf dem Boden, indessen seine Hinterbeine schon zum Sprung eingezogen waren, die Vorderpranken locker; der Atem rauschend. Er warnte den Kaiser, er mge auf der Hut sein. Er schrie nach Wien. Eggenberg Questenberg Trautmannsdorf flsterten hhnisch: er mag sich verteidigen. Bayern liegt wie ein Wall vor sterreich; wenn Feinde kommen, gehen sie auf die Pfalz; mag Bayern sich strecken. Max drohte: ich habe dem Kaiser die Krone auf dem Kopf erhalten. Der Kaiser, kaum da er's hrte. Er lchelte mit seinen Rten: Max hat meine Hand gefhlt. Maximilians Gebete waren ein Zischen nach Beruhigung. Aber seine Haltung wurde starrer als sonst. Er wartete gespannt, da sich die Wut der Feinde auf ihn werfen wrde. Er dachte schon daran, wie er sich aus dem Spiel stehlen knnte. Heimlich ging bei ihm ein und aus Charnac, der franzsische Geschftstrger. Maximilian htschelte ihn, stie ihn von sich, htschelte ihn. Zweites Buch Bhmen Am Altstdter Brckentor von Prag ragten auf den Zinnen, aus den schwarzen viereckigen Fensterluken quer nach vorn in die blasende Luft elf Stangen und Spiee. Mit eisernen Klammern waren sie am Gemuer befestigt. Auf den Stangen und Spieen saen mit kurzen Hlsen verdorrte Menschenkpfe, denen die Rmpfe abgeschlagen waren; sie lagen unten verscharrt in der Erde. Als sie noch lebten, hieen sie Wenzel Budovak, Kaplir, Prokop Dovorecky, Friedrich von Bila, Otto von Los, Bohuslav von Michalovik, Valentin Kochan, Tobias Steffek, Kober, Jessenius, Heimschild. Sie waren vorzeitig, wenngleich alte Mnner in hohen Stellungen, durch Gewalt umgekommen, weil sie Bhmen gegen den Habsburger ein Wahlknigreich nannten und sich den blonden Pflzer aus Heidelberg verschrieben. An drei Stangen waren Armstmpfe mit Hnden angenagelt zum Zeichen des geschworenen Meineids. Unter einem weibrtigen Kopf, dessen Mund angelweit klaffte, baumelte am Holz ein brauner geschrumpfter Fleischlappen, eine Zunge: dies war vor einigen Jahren der Rektor der Prager Universitt, Jessenius. Viele wilde Reden hatte der blauugige Mann in den Wochen des Entschlusses, der Erhebung gesprochen; an seinen Lippen hatten die jungen Adligen gehangen, die sich nach der Unglcksschlacht verzweifelt im kniglichen Tiergarten zusammenscharten und nach schumender Gegenwehr niedergemetzelt wurden. Sein Mund erduldete das Wehen des Windes, mit seinem Schlund, seiner Kehle trompetete der Wind, Zeisige und Spatzen hockten zwischen den Kiefern. Die Krper zerschlagen, die Gter zerrissen, verschleudert, die Erde unter das Schwert gestellt. Whrend sie ber Vltava, der breiten nebligen Moldau, trockneten, flohen ihre ehemaligen Freunde als Rebellen ins Ausland, die Berka Luksan Pisetzky Fruewein Wichynik. Ihre Gter belastet mit den Gnstlingen des Siegers. Und vor das vergrauste Bhmen trat der bestellte Anklger, wies auf die Huser, in die sich die Beamten des Konfiskationshofes begaben. Fnf eine halbe Million Taler heimste der kaiserliche Statthalter aus Nachlssen ein. Aus dem Volke stieg das Wort: Gnade? Was fr eine? Eine bhmische? Kopf ab. Eine mhrische? Ewiger Kerker. Eine sterreichische? Raub aller Gter. Braunaus Regiment harnischschttelnd, Pike und Handbeil lsend, rasselte in Bhmen ein. Braunaus Zahlmeister hie Wolfsstirn, er traf seine Anordnungen fr die Einquartierung. Er arbeitete in Trautenau Leitmeritz Caslau. Mit kleinen Trupps rckte er vor ein Haus, seine Sldner verlangten zu essen, zu trinken, Fourage fr Pferde Unterkunft Geschenke. Gesttigt und voll fing Wolfsstirn seinen Spa an. Den Streithammer, den er am rechten Arm trug beim Schmaus, lie er am Faustriemen in die Hand gleiten, griff nach dem gedrehten Eisenstiel, schrie, den Falkenschnabel in das Tischholz knallend: Nun wir geschmaust pokuliert gerlpst gespuckt gesudelt haben, ist es Zeit, die Rechnung zu bezahlen. Also bezahlt, Herr Wirt. Und seine Dragoner schmetterten wiehernd aufstehend ihre Handbeile vor sich in die Tischplatten, zwischen ihre Beine in die Schemel und Bnke, ber sich in die Balken der Decke: Zeigt her Kreide und Schreibtafel, Herr, damit ich wei, wie hoch ich mich zu bedanken habe, mcht nicht als Lump und Fuchsschwnzer verschrieen sein. Er meinte den Beichtzettel. Holte der Wirt das Papier, so schaute der Zahlmeister drohend seinen Mann an, tat falsch hflich, keifte bse nach den Pferden. Wo er einen hussitisch Gesinnten, ein bhmisch Brderlein, Utraquisten, Calvinisten traf, fiel er ihm um den Hals, das Valetetrinken nahm kein Ende: Herzbruder, wir lassen dich nicht, schndt uns Gottes Element. Wir halten zu dir, sollst nicht verderben. Fnf zehn seiner Leute quartierten sich ein, waren nicht zu vertreiben. Der tolle krummbeinige Zahlmeister sprach im Durchritt alle Tage vor: Haltet gut Wacht, da ihm nichts passiert. Er verdient es. Tot schind' ich Euch, so ihm etwas widerfhrt. Ausschttete er sein Lachen, wenn sich einer beschwerte, demtig um Erleichterung bat: Sieh mir einer den Aberweisen an! Ja, wei der Hundsfott nicht, was ihm bevorsteht, wenn wir ihn lassen? Was ihm droht? Da der Satan ihn ankrallt, ihn mit Leib und Leben, Haut und Haaren verschluckt. Weit du, wer der Teufel ist? Das ist der Bse selber. Recht, da stimmen wir Christen mit euch berein. Brauch keine Wache deshalb. Schtz mich schon selbst. Hast du es vor, bereitest ihm vielleicht das Bett? Setzst lieber ihm deine Schinken und Hhner vor als meinen frommen Soldaten? Willst gar eine Mantelfahrt mit ihm machen? Ich steh' fr dich ein vor Gott und der kniglichen Statthalterei, mu mit meiner Seligkeit fr dich brgen. Eher la ich dir Daumschrauben anlegen, ehe ich ein einziges meiner frommen Kinder wegschicke. Wir verhungern bald, Herr! Wolfsstirn, der gedrungene kleine o-beinige, blaurot die Eisenkappe aus der Hand werfend, schwer in seinem Panzer atmend, zu seinen Leuten: Habt Ihr zu essen? Sie schwiegen, schmunzelten. Er drohend, gefhrlich: Da Ihr nehmt, was Ihr findet, da Ihr Euch sttigt und Kraft gewinnt, da Ihr nicht die letzte Ziege und Kuh schont. Weh Euch, wenn ich Euch schlapp finde. Er hatte gerstete Heerwagen mit zahlreichen Fuhrknechten Reiterjungen. Mit einer feinen Wage fuhr er, zwei Trommler und Trompeter voraus, durch die Stadt. Wo Einquartierung lag, wog er die Sldner mit dem sonderbaren verbogenen Instrument; wenn einer abgenommen hatte oder ihm dnn erschien, kassierte er die Taler von dem Hausherrn ein, lie ihm fnfzig Hiebe versetzen von seinem Bttel, dem Sldner selbst halb so viel. Den Beichtzettel, der ihm eines Tages vorgezeigt wurde, salutierte er: Lieber, juchhei, bist nun ein gottgeflliger rechter Christ. Mein Werk ist am Ziel und Ende bei dir. Wo du dein Heidentum hinter dir hast, wirst du mich verstehen und mir danken. Nur satt fressen konnten sich meine armen Kinder bei dir, nicht besser wie die Sue im Stall waren sie eingesperrt bei dir. Pfui ber die Schwelle der Unzucht. Und nun prsentierst du den Beichtzettel. Er betete mit dem Herrn und seiner Familie auch mit den Sldnern gemeinsam, fiel hin im Harnisch, war befriedigt. In den Rentmtern Kstereien Stuben der Amtleute Vgte Kellerschultheie Rte Brgermeister lagen Kornetts Spielleute Korporale mit wallenden Hten, sphten zum Fenster hinaus. Regimentsschulthei Gerichtsweibel thronten im Rathaussaal; wo einer kam sich zu beklagen, nahm der boshafte Schreiber ein Protokoll auf unter spitzfindigem Gefrage; dann hie es danken, zahlen fr die Klage, verlautete weiter nichts. Die Gassen der Neuglubigen versperrten sie mit ihren Trowagen, quer lagen die schwerrdrigen Gestelle auf den Pflastersteinen oder im Sumpf, konnte keiner herber von rechts nach links; wer die Gasse entlang wollte, stand vor hlzernen Barrikaden. Ganze Huserreihen waren von den steinbeladenen Ungetmen gesperrt. Mnner und Frauen saen in den dunklen Hhlen der Keller und Erdgeschosse, oben go und blies es hinein, das Stroh war von den Schindeldchern mit Haken fr die Pferde gezogen. Nur bei Nacht trauten sie sich zum Fenster hinaus, zwischen die Rder, heimlich unter die Wagenbalken, um sich zu verkstigen. Die neuglubigen Kirchen waren vernagelt; und damit jedem die Lust an ihnen verginge, schleppten die Fuhrleute morgens mit dem Gemllwagen den Unrat aus den Senkgruben bei den Husern fort, stlpten ihn vor die Kirchtren. Die Bauern, die Holz vom Amt bekommen wollten, brauchten keine Feldsteine zum Straenpflastern mehr hereinzuschleppen; sie hatten genug an denen, die sie vor den Ketzerhusern ausreien durften. Wo ein Kehrichthaufen in der Gosse dampfte, wachte in der Nhe ein bestellter Spitzel, ein Dragoner hinter einem Torbogen, da er nicht beseitigt wurde ohne besondere Erlaubnis. Dann zogen die Soldatenweiber mit Kind Kegel Raub und Plunder ber die gerumigen Dielen, grell juchzend ber die Parketts der Innungsstuben; in den Kammern der gelehrten Mnner krhten die auf dem Feld, in Stllen geborenen Bastarde, ritten auf den bemalten Folianten. Man durfte sie nicht verjagen; die viehischen Gottesleugner durften sich freuen, da sich ehrbare Leute bei ihnen bequemten. Drhnend kletterten die Dragoner durch die verschmutzten Zimmer, ber die Stiegen zu den kellergepferchten Besitzern, Teppiche unter dem Arm fr ihre Wolfshunde, spektakelten nach Heu Stroh fr ihre Pferde. Was nicht zu beschaffen war, muten die Besitzer kaufen auf den Nachbardrfern; manche kamen nicht wieder von der Wanderschaft. Andre, wenn der Weinkeller geleert, die gedrechselten Holzsthle zerbrochen, die schnen ererbten Schrnke zerkratzt, Salzfsser Leuchter und Lichtscheren zerstoen waren, faten sich ein Herz. Inmitten des wsten, auf Faulbett Bankpolster Bank und Boden geworfenen grhlenden Gesindels pflanzten sie das heimlich gekaufte Marienbildchen auf, auf einen Tisch, einen Wandbort, ein Schrnkchen, fielen, den Jammer bezwingend, davor hin. Von seinem Spuk war bald darauf das Haus befreit, die toten Hunde und Hhne auf die Strae gekehrt, der Boden wieder glatt. Nur die Marienbildchen Rosenkranzbehnge waren in alle Rume eingezogen. Wie Knechte schlichen die Besitzer mit fremden Mienen um sie herum, Haus und Hof hatten sie wieder, waren dennoch daraus vertrieben. Bttel Profosse Pikeniere und Geistliche wanderten von Gasse zu Gasse, Dorf zu Dorf. Sie gingen in die Schlafkammern, zogen die Decken von den Betten, denn viele Ketzer legten sich in diesen Wochen zu Bett, um den Fragen zu entgehen, die jedem entgegendrhnten, der den Kommissionen die Tre ffnete: Wer ist im Haus? Und Ihr, seid Ihr katholisch geboren, geworden, versprecht Ihr es zu werden oder nicht? ber die Betten der Greise, Kranken im Caslauer Spittel beugte sich lederknarrend der Bttel. Ich bin krank, wimmerte einer. Ob Ihr lutherisch, calvinisch, utraquistisch, katholisch seid? Ich bin krank. Mir fehlt der Atem, die Beine sind mir vollgelaufen mit dem Wasser, ich ersticke. Geht weg. Der Jesuit neben dem Bttel, grauhaarig kalt, geistlicher Koadjutor, den viereckigen Hut zwischen den Hnden, die Achsel zuckend: Die Antwort ist schamloser, als Euch gut tte. Es ist ihm gleich, ob katholisch oder ketzerisch. Er pocht auf seine sogenannte Krankheit. Dieser Mensch ist schlimm. Geht weg, schrie der graublasse Schdel, der da lag. Bald, sagten die Soldaten, warfen sich die Piken in den linken Arm, zogen dem Menschen Hosen und Wams ber, stieen ihn ber den Hof vor das Tor. Da keuchte, rchelte er an der Schweineschwemme. Einer sa aufrecht auf seinem Lager; der Spittelmeister, dickbuchig schlsselklappernd, benannte sein Leiden -- merkurialische Zeichen wie krampfhaftes Lachen, Zungenbrand, Pusteln in den Augen --, er lallte sonderbar bei der Annherung der bewaffneten Gruppe: Habe von Euch gehrt, Ihr Herren. Hab' Euch erwartet. Was wollt Ihr mich fragen, Pater. Nach deinem Bekenntnis, armer Freund und was du von Gott, der Jungfrau und den Heiligen denkst. Von Gott, der Jungfrau und den Heiligen. Das ist viel auf einmal fr mich. Aber Ihr habt recht, mir liegt nichts so am Herzen als das Bekenntnis. Gott ist Gott. Die Jungfrau hat unsern wahrhaften Erlser geboren. Und ein Heiliger bin ich. Er lachte heftig, erschreckend rauh und dann wieder ganz tonlos, versuchte zu kreischen, vor seine Augenhhlen traten wsserige, rtlich gefrbte Tropfen. Die Mnner bekreuzigten sich. Was sprichst du armer Mensch? Und woran zweifelst du rmerer Mensch? schrie der zornig wieder, zitterte mit dem Kopf, bin ich nicht ein Heiliger? Hast du nicht vor, mich zu martern meines Glaubens wegen? Du bist also kein Katholik? Er schrillte, streckte fuchtelnd die Arme aus, man wich um ihn: Ein Heiliger! Ihr seid Bren und Fchse. Betet mich an! Sie hoben ihn auf an den zerrenden Hnden und Fen: Fat mich nicht an, ich verfluche Euch bei allen Hllenteufeln. Seht, ob er nicht Zaubermittel unter der Achsel eingenht hat. Ihr mt ihn rasieren. Wann warst du zur Teufelssynagoge? Folterer. Betet an. Man wird eine Probe mit ihm vornehmen mssen. Schlurrend stampfend murmelnd in die Stube der Kindsbetterinnen. Ein fieberheies junges Weib rief jubelnd an der Wand zu ihnen herber: Zu mir! Fragt mich zuerst! Ich wei schon, was ihr wollt! Ein winziges, kupferrotes Suglingskpfchen sah unter ihrem rechten Arm hervor. So antworte. Glubig weite feuchte Augen blickten den kopfsenkenden Jesuiten an, innig sagte sie, nach seiner hngenden Hand mit ihren schwitzenden greifend: Ich war nicht katholisch, aber ich will es werden, gleich, bald, kommt recht bald zu mir. Und dann, dann werde ich gesund, nicht wahr, Ihr knnt das machen. Und dann kann ich mein Kindchen behalten, nicht wahr? Wir schicken noch heute zu dir. Ich werde gesund werden? Bete, bereue deine Snden. Und bleibe ich leben? Seht doch mein Kindchen. Bereue deine Snden. Der Gnadenschatz der Kirche ist gro. Sie, eine Sekunde still, warf sich schreiend zurck, hob den schlafenden Sugling vor ihr verzerrtes Gesicht, so da die kleinen Hndchen ber ihrem schluchzenden Mund hingen, das Bett zitterte unter den Erschtterungen. Als die Kommission an die Tre ging, rief sie aus ihrem Kissen: Herr, Ihr verget mich nicht. Ihr schickt zu mir. In Trautenau bauten die Soldaten hinter dem Tanzhaus einen rohen Stall, da hinein sperrten sie eine groe Menge starker Doggen und Vorstehhunde, die sie in Bayern aufkauften. In der Stadt verbreitete sich blitzschnell das Gercht, als das grliche Geklff von Tag zu Tag wuchs, die Dragoner htten vor, bevor die Kommission kme, Angehrige von Rebellen in den Stall zu jagen. Mit Freuden hrten die Soldaten das, auch die anstrmenden Scholastiker und Dominikaner widersprachen nicht. Eines Vormittags, als die Kommission umgegangen war, trieb man eine Anzahl utraquistischer Brger auf den sogenannten Entenmarkt unweit der katholischen Emeranskirche. Die Kirchentren standen weit offen. Als das Orgelspiel begann, der erste Knabengesang hrbar wurde, hie man einen Trupp von sechs Brgern, die Hte abgerissen, auf der Strae nach der Kirche laufen. Sie waren noch nicht zehn Schritt vorwrtsgekommen, als aus einer Seitengasse, die in den Markt mndete, pltzlich ein greller Pfiff tnte, kurz darauf Hundegebell Menschenrufe. Im Nu sprangen hinter den fortrasenden sechs Mnnern, toll sie anfallend, die schumenden gehetzten Doggen her; die Mnner schleuderten sie von Schulter und Nacken ab; die gestrzten Tiere holten sie ein, saen an ihnen, schlangen sich vorn herum, hingen sich an die Beine, warfen die Mnner um. Die schlagend schreiend rafften sich hoch, krochen, wurden umgeworfen, rannten weiter, zerfetzte Kleider, blutende Arme, zerkratzte Lippen. Torkelten an die nahe Kirchentreppe, der Schwall der Hunde ber sie, dann war eine Treppenstufe erreicht. Stcke und Riemen der Soldatenreihe fuhren unter die sich verknulenden Tiere. Dahinter zogen sich die Mnner fugetreten faustgeworfen vierbeinig die Stufen hinauf. Am Weihbecken im weien Chorhemd standen Priester, sie zu empfangen. Vor die hndefaltenden Weirckigen krochen keuchten die unkenntlichen Entgeisterten; sie spien Blut Schleim, ihre Lungen rasselten, die Augen wei und rollend. Sie wollten sich blind und bewutlos an den Priestern vorbei in die dunklen Winkel drcken. Die Geistlichen sprachen sie an, fhrten sie, vor denen die Menge zischelnd schaudernd zurckwich, vor an eine Bank. Sie lieen alles mit sich tun. In die leisen Worte, die stille Andacht sgten gleichmig und ohne Scheu die rasselnden Atemzge. Schnauben, pltzliches Winseln: Schlagt mich tot, schlagt mich tot!, immer wieder unterdrckt von Hnden, die sich vor die Mnder legten. Wie die Menge sich von den Knien erhob, klatschte einer von den Zerfleischten lang auf den Steinboden, die Arme vorstoend, den Kopf anhebend, tierisch grhlend: Schlagt mich tot! Und whrend die umringenden Scholaren sein Geschrei vergeblich zu ersticken versuchten, tobte drauen die zweite Jagd gegen die Kirchentreppe an, das Geklff Getrappel Geheule, das Winseln Sthnen Brllen hallte gegen die Gewlbe, das triumphierend heie Bellen der Hunde, ihr gelles Quietschen scholl grlich herein. Unter den Betern sanken ohnmchtige. Auf der Anjagdstrae muten die Doggen mit Hnden und Stcken von Gefallenen abgerissen werden. In den Stuben der Neuglubigen unermeliches Gejammere. Der Tag war bald vorbei, nach der Nacht mute der neue Morgen kommen mit der Kommission. Dann klopfte es mit knappen Schlgen an, das Gebell hatte die Nacht nicht nachgelassen. Wenn man sich mit zagen zweifelnden Blicken ansah, das Weib an dem Mann hing, die Kinder in die Winkel krochen, war alles entschieden; zwischen Dragonern konnte man zur Messe gehen, taub, nur mit den Fen auf diesem Boden konnte knien, whrend andere drauen zerfleischt wurden und halb tot auf die Fliesen hinklatschten. Die frommen zufriedenen Menschen drin bebten unter den Mienen dieser Knienden, hielten sich ihre Blicke vom Gesicht ab. Noch nie waren die bunten blumenbehangenen Heiligenbilder des Altars von solchen brennenden Augen angesehen worden; mitleidig beteten sie fr die Unglcklichen Verblendeten, riefen die nieversagende Frbitte Marias, der paradiesischen Wundertterin, an. In Kuttenberg sprang mit den bhmischen Brdern Don Martin da Huerta samt seinen Krassieren; in Leitmeritz Don Balthasar der reiche edle Herr, begleitet von den hochgelehrten und geschickten Kapuzinermnchen Valerian, zubenannt der Lange, und Franziskus; mit Kniggrtz wurden die Kroaten fertig. Und als dann noch Haufen Verzweifelter sich zusammenrotteten, da doch alles verloren war, und rechts und links unter bestialischer Wildheit Feuer in Huser und Scheunen warfen, auch in die eignen, ihre abtrnnigen Brder anfielen, konnten die um sie besorgten Jesuitenvter, schmerzvoll den Kopf schttelnd, sich nur zurckziehen; hier war nicht mehr ihr Gebiet. Den Soldaten wurde freies Feld gegeben. Das Land hatte kein Korn auf den ckern, da es kaum bestellt wurde; dafr setzten die Soldaten auf die Felder die blaugrnen Gesichter der Erwrgten, die purpurnen Stmpfe der Niedergemetzelten, deren Beine in die Luft ragten, Verweste. Den Ha stampften sie ein, wo sie ihn trafen, machten die Erde fett, aus der er gequollen war. An den Galgen dampften in der Hitze die Leiber der Gehngten. Der stinkende Wind warnte vor Rebellion zwischen Elbe und Moldau. Aus ihren geplnderten Drfern flohen die Begnadigten, denen Nasen Ohren abgeschnitten waren, die Zunge fehlte, die Eidfinger fehlten. Die Gedanken liefen ihnen kreisfrmig um den Kopf, sie irrten nicht lange in den Wldern zwischen den Kadavern ihrer verzweifelten in die Seligkeit eingegangenen Brder. Starr sa ber dem Land wie ein fremdlndischer Gtze, dem man Menschenopfer bringt, um ihn ruhig zu halten, ein alter Mann, Gundakar von Liechtenstein, der Gouverneur und Oberstburggraf, Herr von Troppau und Jgerndorf. Er war schon durch die Kabinette des irrsinnigen Kaisers Rudolf gegangen, hatte den Kaiser Matthias sich abkmpfen sehen. Schwerkrank war er, seine Nchte gestrt durch Herzbrune. Er sa vor der Theinkirche unter dem Baldachin an dem Tage, an welchem das rotbehangene Schafott auf dem Altstdter Ring fr die Rebellen aufgeschlagen war. Im Karree sperrten zwei Schwadronen Kavallerie, ein Fhnlein Fuvolk den Platz; aus einem Fenster stiegen nach und nach die grauhaarigen herrischen leidenschaftlichen Mnner neben dem Priester vor den Henker. Sie hatten nicht viele Schritte gemacht, dann wurden ihre spritzenden Leiber wie Klberrmpfe angefat gehoben geschwungen, in die leeren Holzkisten gekracht. Dem Stadtbttel fielen ihre Kleider zu. Nahe beim Veitsdom vor der tiefeingeschnittenen Schlucht des Hirschgrabens stand auf dem Hradschin die Burg. Der Laurenzerberg schob seine dichtbelaubten Gnge zur breitflieenden Moldau herunter. In den spanischen Saal der Burg lie sich der Gouverneur vor den ppstlichen Nuntius, den Kardinal Caraffa, tragen, der auf ihn wartete. Der Neapolitaner verlangte im Namen seines Herrn, des Statthalters Christi auf Erden, des Mannes in Rom, die Menschen des Landes Bhmen fr seine Kirche. Und zwar ohne Verzug in Anbetracht der bedrohten Seelen. Liechtenstein lie ihn erst zerren, dann dachte er an sein Ende, kte, auf ihn zuwankend, seine Hnde. Sie kamen berein. In einem ungeheuren Krampf zog sich das Land zusammen, schleuderte mit einer einzigen hebenden schttelnden Bewegung die ganze Masse der Unbotmigen von sich. Nachdem ihnen Todesstrafe und Gterverlust angedroht war, wofern sie Unziemliches von Gott, der Jungfrau, den Heiligen, sowie dem glorreichen Hause Habsburg sprchen, sammelten sie sich. Handwerk und Handel waren ihnen verboten, wenn sie nicht ihren Glauben abschworen. Da traten im ausgehenden Sommer die ltesten Prediger Ratspersonen der Familien zusammen, denen die Wahl gestellt war, den Boden zu verlassen oder in den habsburgischen Himmel zu fahren. Auf den obstbaumbestandenen truppenwimmelnden Straen nach Norden und Westen knarrten die Wagen; die bhmischen Brder zogen aus, nach Sachsen. Sitzend auf schweren Gulen, unter breitkrmpigen hohen Filzhten, Degen an der Seite, verstockte versteinte Mnner und Brger; auf diesen langbrtigen Gesichtern stand: politisches Recht und der Knig. Neben ihnen die ruhigen freien Bekenner, die sich wiegten in ihrer Hoffnung; ihr Hu in Konstanz verbrannt auf dem Konzil; wer wollte an sie heran? Was wre aus der Welt und der menschlichen Seele geworden, ohne das Heil, das Hu in Bhmen erneut hat? Jesuiten und ihr Kaiser Ferdinand haben Kelch und Schwert, das Georg Podiebrad vor Jahrhunderten auf der Theiner Kirche aufstellte, herabgerissen; tote Glaubenshelden gruben sie aus, verbrannten sie, schtteten ihre Asche in den Mund: die krperliche Strke kann sich in alle Ewigkeit nur an der Materie vergreifen, nur an der Materie. Lange braune und blaue Rcke trugen sie alle, groe schwarze Schlapphte; die Westen mit roten Aufschlgen. Viele Jngere schritten festlich in kurzen Jacken mit gereihten Messingknpfen und gelben Hosen, an genagelten Stcken. Hinter den Martyriumsfrohen die Verschchterten, angstvoll Bestrzten, die das Leben retten wollten. An den Dorfausgngen, vor den Stadttoren schoben sich die Armen; zu ihnen war keine Kommission gestiegen; wie ihre Wohltter fortgingen, zogen sie mit; mit Schnappscken, einrdrigen Karren, Maultiergespannen stieen sie zu den breiten Zgen der Rollwagen Reisekutschen. Jetzt waren sie hier, im beginnenden Elend, die strksten; Bitterkeit, augenverschleiernde, regte sich bei ihrem Anblick in den Wohlhabenden, denen es hei aufquoll; Scham bei den Armen. Die Bauern wuten schon, als sie einander stumm in den gefllten Wagen ansahen, wegblickten von den Mitwandernden, was ihnen bevorstand: im Elend ein fremdes Gefhl zu lernen, den sinnlosen Ha aufeinander! Den Gram wrde man sich vorwerfen, um zu vergessen; man wrde sich bestrafen fr die Erinnerung an die verlassenen Huser und Felder. Die Strohdcher, roten Ziegeldcher, die Scheunen Stlle Salbeigrtchen Lavendel Reseda Minze. Die schnen Giebel mit Sulchen, gezhnten Luken, krajky, dunkle Schindelvordcher mit Denktafeln, Terrassen vor den Husern; hinter Bildern Meerzwiebeln. Trnenvergieend umdrngten an manchen Flecken fast um Verzeihung bittend Altglubige, Priester im Ornat, ihren Zug. Blicklos zogen sie im Straenstaub, den sie nicht gehen brauchten, ganz umhllt von ihren Gedanken; das Buch, die Bibel in der Hand. Das Buch, das entsetzliche Buch, das grausige Buch! Wie oft hatten die altglubigen Priester sie im Geist mit Trauer und Erbarmen, die rmsten, wandern sehen mit dem Buch; welches unsgliche Unglck hatte das Buch angerichtet. Es zogen aus viele Tausende, aus allen Stnden, dazu Weiber und Kinder. Das wandernde Volk nahm seine Fruchtbarkeit mit. Die Frauen volle, junge, vergrmte, Mtterchen, braungesichtige, stolze, verdorrte; Frauen auf Karren, neben Eseln, in Kutschen. Lange Rcke, Kopftcher, bunte Schrzen, Mieder; die gestickte Holubinka auf dem Haar, Frauen aus Pilsen mit weien Flgelhauben. Die aus dem Chodenlande mit roten Leibchen. Sie reisten im ausgehenden Sommer; auf den groen Straen trafen sie sich; die Apfelbume schttelten runde rote Frchte ber sie. In vorwrtsliegenden Drfern achteten die Amtsleute auf die Kirchtrme, denn es kam vor, da ein bser Geselle die Glocken bei ihrem Annahen lutete, um das Volk durch den Anblick des traurigen Zuges aufzureizen. Kompagnien wurden vom Regiment Holstein gestellt, die drngten die Auswanderer auf Seitenstraen, trieben sie um grere Orte herum; auf schwierigen Knppelwegen, ber Brachfelder hin. So muten sie sich aus ihrer Heimat winden. An Wegkreuzungen, unter Mariensulen tauchten Mnner auf, zerlumpt, wie Bettler aussehend, mit gefhrlichen Knppeln; sie waren geschickt vom alten Grafen Thurn, dem geflohenen Rebellenfhrer, der in Sachsen Brandenburg und Holland agitierte. Verhhnten die Wandernden, um sie aufzustacheln: Wo zieht Ihr hin? Wie seht Ihr aus! Hat Euch der Kaiser Euer Land abgekauft? Hat Euch viel gezahlt, da Ihr es eilig habt damit, da man Euch nichts raubt. Wieviel ist es, wieviel ist es? Zigeuner, Zigeuner, lachten sie schallend hinter ihnen her. Und dann ballte es sich vielen vor Schmerz und Verzweiflung in der Brust; die Schultern wurden ihnen schwach, die Knie lose. Das war die Strae! Nach Wegstunden schlngelten sich wieder, auf Maultieren kauzend, die Lumpen heran, boten: Gelobt sei Jesus Christ. Die hrten stumm ber den papistischen Gru weg. Seid ihr Heiden? Hat man euch die Zunge schon ausgeschnitten? Ah, die Frommen, es sind die Frommen. Von Trautenau, von Kniggrtz, von Brunau. Die Aberfrommen; denen die Herren Jesuiter nicht fromm genug waren. Da ist ja Simeon von der Nadlergilde. Hast du die Lade aufgeschlossen, Simeon, die Pokale eingesackt? Simeon, seid nicht stolz, ich bin Wanderbursch, Herr Meister, biet Euch ehrbaren Gru und Mundsprach. Die wrdige Jungfrau Faustina, schau an, schau an, im Wagen, bei ihrem Herrn Vater; will selbst auf die Freite gehen in Sachsen, vergesse sie mich nicht. Ein Schuhknecht gefllig, eine Totennadel gefllig, Junker Schn, da Ihr fest und gefroren seid, wenn Euch einer anfllt, maen beim Chausseen walzen? Allesamt ehrsame strenge Herren, Mhmchen, Bschen, Gott zum Gru. Die ganze Chaussee entlang die liebliche Kompagnie. Willkommen zwischen unseren Pfhlen. Das Dach habt Ihr vorsorglich mitgebracht. Peitschen schlugen von den Wagen nach ihnen; Steine sausten gegen sie. Sie wichen aus: Landstrae, Landstrae! Brderlein! Schwesterlein! Brutlein! Wollt Ihr mit, Hnde beschauen, Gldrian verkaufen und Enzian? Mhmchen Walpurga, Mhmchen Walpurga, du zartes, zierliches, komm herunter von deiner Frau Mutter. Bist kein Sugling mehr, lpf dich zu mir. Hab' einen groen Wulst von einem Italiener gestohlen, bndel ihn dir um den Leib, unter den Rock; verdienst mit mir Heller und bhmische Groschen. Was schenkst mir fr meine Lehr? Wie sie neckend und geifernd herumsprangen, die Kappen hoben, die Beine wetzten, fuhren ihnen Flche nach aus den Mndern der ruhig schreitenden Mnner, der Sacktrger mit den schweitriefenden Backen, der Greise hinter den Hundekarren. Der Gottseibeiuns ber dich Schelm! Meister, das ist herrlich gesagt. Euch kann es nicht fehlen. Ihr tragt Euer Glck im Mundwerk herum. Verflucht suischer Schalk. Da rekelte sich einer eitel im Feld, affektiert die schmutzigen unbewickelten Fe spitzend: So bin ich verflucht, und Ihr nehmt meinen Dank an. Schaut mich: ich bin durch Euren Spruch nicht besser geworden, Meister. Es hat noch nichts genutzt; bin noch nicht schner, nicht dicker, nicht artiger geworden. Wit Ihr nichts anderes? Stinkiger Lotterbub, tckischer Hund, gottvergessener Dieb. Kopfschttelnd folgten sie in Entfernung, behaglich schwrmend, den finster Explodierenden: Noch immer nichts, noch immer nichts. Die Steine sprhten, sie meckerten von weitem: Wir werden Euch fttern mssen, wenn Ihrs nicht besser lernt. Was wollt Ihr mit Hunden? Haben sie Euch gebissen in Caslau, in Kniggrtz? Bei Leitmeritz weitete sich das Elbetal, dichtblttrige schwertrchtige Obstbume; grnende, braune, blulich schillernde Reben auf den Hngen, Drfer, Drfer. Dahinter die langausgezogenen Bergreihen, umdnstete Kegel. Steiler wurde der Weg. Rechts und links der Radobil und Lobosch; Fichtenwlder. Die Nelken wuchsen wild; Maria hat sie auf dem Weg nach Golgatha geweint. Wo war nun Mtterchen Prag. Kleine Brunnen flossen vorbei; das nselnde Mnnlein, das daneben sitzt im grnen Rock, ohne Daumen an der linken Hand, es nht seine Stiefeln, hat rtliches Haar; es fhrt einen Topf fr die Seelen der Ertrunkenen. Hher und hher, liebe Berge, liebe Fichten, liebe Quellen. Wie trmte sich das Gebirge auf, um sie nicht herauszulassen. Keiner sprang um sie, hier pfiffen nur Vgel. Khler Nadelwald, Drfer, die noch friedlich lagen vor den Kommissionen, Herrensitze, grne Matten, Gehfte. Und wie man noch eben die Fe ber den satten Boden hatte schleifen lassen, als sauge man ihn ein, Schluchten und Wlle seufzend heruntergeblickt hatte, dehnte sich eine verwandelte platte Ebene vor ihnen aus, in die die Wagen, die Tiere Mnner Kinder Frauen Wagen hineinfuhren, wie in ein Nichts sinkend, in dem sie selbst verschwanden, vom Himmel zur Erde und nach beiden Seiten gereckt. Die Stimmen verklangen, die Farben verliefen; Flchen, Flchen, menschenfremd, unnahbar fr Lebendiges. Blaugrne Bsche der Sumpfkiefer umgingen sie ahnungsvollen Herzens, nach Heidepflanzen faten sie, die die Finger stachen; der Moorboden wippte, sie tnzelten, schwankten. Blickten rckwrts, fingen an zu erschrecken, sahen die schwarzen Wlder nicht mehr. Unheimlich die Luft. Aus dem Boden vor ihnen krochen arme Leute hie und da; Hammer Piken und Eimer schleppten sie; grauer Staub, Erze; sonderbare Hhlen, mchtige Haldengnge, ungeheure Pingen. Tiefer sank der Boden ab, die Wagen rollten leichter, von Welle auf Welle sank der Boden, Moorheiden, finster verschwiegene Wlder. Langsam sanken sie alle, den Atem verhaltend, in ein fremdes Gebiet hin, hinber. Man rollte die weiten kahlen Hochflchen, trauriger, aufgelster. Voran tummelnd auf Pferdchen hliche kroatische Reiter, trabten hinterdrein. Die wilden schiefen Pelzkappen auf dem Haar, das in schwarzen Locken hoch wirbelte; mit den Fen kneteten sie den Leib ihrer braunen Tiere; auf und ab arbeiteten in den grellweien Leinhosen hohen Stiefeln ihre Beine. Sie jagten mit Peitschen und Piken den Zug ab, kreisten ihn ein wie Schferhunde. Hatten die Necker ihr Spiel zu treiben aufgehrt, kreischten die fremdlndischen Befehlrufe der unverstndlichen Soldaten. Fluch; man duckte sich. Und doch verlor sich die Angst vor ihnen, je mehr man sich der Grenze nherte und abwrts stieg. Man sah mit Angst und Unruhe, wie dies geschah: wie sie sich von der Spitze zurckzogen. Bald werden sie verschwunden sein, nach Bhmen hinein, zurck in die liebe Heimat, sie werden die grnen Matten wiedersehen, und wir stehen drauen. Unwillkrlich verlangsamte sich das Tempo des Vorrckens; die Kroaten hetzten; da und dort brach man heimlich Wagenachsen entzwei, versperrte ganze Straen. Der Weg ging schon in Straen abwrts und man htte rasen knnen, statt dessen trmte sich der ganze Tro unbeweglich auf. Mit heimlicher Sigkeit blickte einer den andern an, wehmtig streichelte man sich, sammelte Steine vom Weg, kte die drftigen Zwergkiefern; den Rabenschreien lauschte man, als wre es Mndergesang. Welche drangen bittend in die Reiter, da sie sie hier verweilen lieen, dachten nicht, von wo sich ernhren. Manche blieben liegen. Wtender jagten die Kroaten, legten selbst Hand an; diese Gegend war ihnen zuwider. Und die wandernden Bhmen, als wenn ihnen ein Unglck bevorstnde, schoben sich bereinander, wurden gesprengt voneinander, kamen elend vorwrts, bremsend, bremsend vorwrts. Bis am Morgen ein schreckliches fernes sinnenbetubendes Glockenluten hinter einem Bergzug, der noch schmal vor ihnen lag, mit einigen Windsten herschwang, unter dem die Berittenen gelle Freudenschreie ausstieen und sich schmetternd anlachten. Sachsen! Die ersten weien armseligen schsischen Dcher! Die Begleitrotten zogen sich auf allen Seiten von der Karawane zurck; dann brausten sie unter Geheul, in den Stteln hngend, von hinten, seitlich gegen die Wagenkolonnen. Spiee Beile Riemen in den Hnden. Hieben, lustig krchzend, die Augen rollend, rechts und links, schlugen sich Wege, zerwhlten den Zug, warfen Wagen hgelabwrts. Pferde gingen hoch. Sachsen! Weiberheulen von seitwrts, rckwrts nach vorwrts, rollte sich verzehnfachend nach rckwrts. Man trieb schrie wirbelte um sich selbst, lie liegen, was sich nicht bewegen wollte. Die schrecklichen Glocken luteten den ganzen Tag. Die Kroaten tobten bergaufwrts. Hinber hinunter. Und als man die Grenze berschritten hatte, die schsische Landstrae vor den Fen lag, endloses Lrmen. Flehen, Hndeschlagen an der Spitze des Zuges. Sie wurden wie von Meereswellen nach vorne gesplt, schwammen drngten schoben sich rckwrts. Die benachbarten schsischen Drfer und Stdte hatten Ratsmannen mit Brotkarren, Prdikanten an die Grenze geschickt, die Glaubensbrder, die Mrtyrer zu empfangen, sie zu bewillkommnen und zu trsten. Diese fanden mit Fackeln herumwandernd die Nacht und den ganzen nchsten Tag das wandernde Volk unbeweglich auf der Landstrae liegen, auf den ckern; kein Erwachsener nahm die Speise an, die man ihm bot. An der Erde lagen sie, wie hergeworfene Schiffbrchige; alle waren von den Karren und Wagen gestiegen. Von Zeit zu Zeit erhob sich grliches Geschrei; einer schrie, hundert schrien, alle schrien. Dann fielen sie wieder hin, blickten sich zerkratzend nach drben herber, wo die Kroaten die Grenze sperrten. Die zappelnden Pelzmtzen, die weien Hosen: da! Aus fnftausend Herzen wurde Gottes Name Tag und Nacht angerufen gewlzt gekaut gebissen geschlungen. In Trnen und Staub mischten sie sich mit der Landstrae, besudelt zertrmmert standen sie auf, rieben sich leer widerspenstig aneinander. Wer nach drben ber den Kirchturm sah, dem gerann das Blut vor dem Unfabaren. Man mute weiter. Das Vieh blkte, die Kinder schrien, es wollte regnen, die Sachsen trieben sanft. Mit Ha unterdrckte man rechts und links das Aufweinen. Man geleitete sie ins Plauensche, in den Erzgebirgischen Kreis; sie wehrten sich, weiter zu wandern; an die Zschopau, die Zwickauer Mulde, um Neustdtel, Merdau, Sayda, unfern Chemnitz. In der Stadt Wolkenstein stand die Hlfte aller Huser leer. Zu finster, tief geschlagen, stumpf waren die Flchtlinge, um sich darber zu verwundern; sie hrten lange nicht das scheue Flstern der Einwohner: man hatte sie untergebracht in verlassenen ausgestorbenen Pesthusern. Noch ging die Pest mit Beulen und Geschwren im Erzgebirge um; sie regten sich kaum bei der Nachricht. Als man sich an sie wandte, Mdchen dem Rat zu schicken zur bung des Pestbannes, blieben sie stumm; die mitleidigen Brger zogen auch ihre Huser in den Bann ein. Mitternachts sammelten sich erwhlte Knechte, reine Jungfrauen, dazu eine Witfrau am Ende Wolkensteins; die Weiber traten beiseite, entkleideten sich; die Jungfrauen spannten sich an einen Pflug, rissen eine Furche im Finstern um den Ort; die Witfrau fhrte, ein Knecht ging nach, der andre htete die Kleider. Aber die erwnschte Pest nherte sich den Einwanderern nicht. Es brauchte Wochen, ehe sie ihre verregneten Wagen abluden, noch nach einem halben Jahr sah man Karren vor Husern und Htten stehen, als wenn gestern einer angelangt wre. Dies geschah aus Trgheit, aus Widerwillen und Groll; man lie es so in einer Art liebevoller Schonung, die man sich angedeihen lie, und in Angst, sich zu berhren. Man tat sein notwendiges Gewerk mit Fluch und Drohung. Die Bibeln lagen in keiner Kammer mehr auf dem Tisch, der Truhe, auf Ehrenschrnkchen; wie unabsichtlich war das Buch verschoben berlagert worden von Decken, war wie in Gedanken heimlich beiseite geschafft, in Kisten ganz tief vergraben. Keiner durfte von ihm sprechen, kaum, da man die alten Tages- und Tischgebete sprach. Man hatte ein Geheimnis, verbarg etwas wie ein Verbrechen. Wer von der Heimat sprach, den alten Putz anlegte, die bestickten Hauben, roten Westen mit Messingknpfen, konnte gewrtig sein von einem rasselnden Schwall Zornes berschttet zu werden; auf wen diese glhenden bangen Augen gerichtet waren, der war beschmt. In Trotz und leiser Wut lebte man hin zwischen Ackerbau Hausjammer im fremden Voigtlande. Die Sachsen fanden kein Ende sich zu wundern ber die Gottlosigkeit der vielgerhmten Bhmen, die in die Kirche nicht gingen, werkten werkten. Oft warf einer der Bhmen seine Axt beiseite, sah seine Balken an, spie darauf, sthnte mutlos. Es war nichts Bleibendes: wer mochte Orte schmcken, an denen man nichts zu suchen hatte! Wolkenstein, Wolkenstein! Prag! Darum weinten sie und konnten sich nicht entschlieen, Mrtel fr neue Huser zu rhren, den Boden, der ihnen gestellt war, zu brechen. Halbes Werk leisteten sie, und wenn die schsischen Amtmnner und Rentmeister vorbeiritten, leise schalten, hatten sie daran ihre Freude wie an nichts. Mit Grimm erzhlten sie abends in den Stuben einander: der Sachse auf dem Pferd htte sie gescholten, htten Lust, ihn totzuschlagen, wenn er wieder vorbeikme. Und von Zeit zu Zeit erfolgten in ihren Husern Explosionen; das entschlossene nicht zu hemmende Hinsthnen der alten Mnner, das Aufweinen und Heulen der Weiber und vergrmten Kinder, die nicht beachtet wurden. Das klagte rttelte winselte durch die Straen; von Haus zu Haus, von Erker zu Erker pflanzte es sich fort; und wer drauen im Dunkeln seine Wohnung suchte, konnte im voraus wissen, was ihn erwartete. Man kte sich, rief sich mit Namen an, zeigte sich die Kinder, sprach, jubelte von Bhmen, Caslau, Teschen, Kniggrtz, erinnerte einander an die Reise ber das Gebirge, lachte trnenflieend ber die Kroaten, rief sich ins Gedchtnis zurck gramlos die grausamen Bekehrungsszenen mit Liebe Verzckung Verklrung, sprach von Braunaus Dragonern, dem tollen Wolfsstirn, -- die Kinder lauschten. Es war fr halbe Stunden, wo die Tren geschlossen, die Lden angelegt waren, die Unschlttkerze brannte, als se man eingehllt in Bhmen drauen; man brauchte nur die Tr aufzumachen hrte das bse vermite katholische Abendgelut! Wie verraten hielt man sich spter in Raserei, zerschmetterte die Sthle, streckte steif die Arme aus, wollte dies nicht dulden, immer immer dulden. Die Kinder schrien, versteckten sich. Nach diesen dumpfen Orgien war die Verdrossenheit gesunken, aus der Apathie schlugen von neuem die dunklen Flammen des Jhzorns, der wilden Gehssigkeit und Schadenfreude. Brutalitt war an der Tagesordnung bei den vertriebenen Bhmen; gefrchtet waren sie auf dem Lande und in einzelnen Stdten, wo nicht scharfe Polizei herrschte. Sie hatten miteinander keine Verbindung, liebten sich gar nicht, und nur dies verhtete groes Unglck. Ein Dorn im Auge war vielen die schsische Kirche, und gegen das freche Inwegsetzen beim sonntglichen Kirchgang konnten die schsischen Brgermeister nicht genug eifern. Es konnte nicht ausbleiben, da bei gelegentlichen Handgreiflichkeiten zwischen Sachsen und Zuwanderern offene Feindseligkeit zutage trat, die schsischen Ansssigen sich Klage fhrend an ihre Gerichte wandten ber die Behandlung, die sie innerhalb ihrer eignen angeborenen Wohnsttten von undankbaren Fremden erfuhren. Das waren von Brgermeistern Amtleuten vertretene Klagen ganzer Gemeinden, die Gerichte und befragte Behrden in allergrte Verlegenheit setzten. Dahin war es gekommen, da sie wie bsartige Bettler den Stadt- und Landgemeinden auf dem Hals saen, nichts taten, was sie erhielten, bespttelten. Katholische Singspiele, papistische Martyrien fhrten sie zu fnf, zu zehn an den Mrkten auf, scheinbar sich zum Spa, aber doch nur um den Ansssigen rgernis zu geben; hhnisch gaben sie Widerrede auf die Verwarnung; knnten tun, was sie wollten, und selbst wenn sie Lust htten eine Prozession nach Art der Papisten zu begehen, wrden sie sich dies von keinem nehmen lassen. Und von da gab es nur einen Schritt, sich zusammenzutun und das Werk in den Weg zu leiten. Gegen das gefhrliche rachschtige Gebaren traten, von den Dresdener Behrden angegangen, bhmische Edle, auch der alte Graf Thurn, Flchtige wie sie selbst, auf. Smil von Hodojevsky, in Dresden am Verschwrerzentrum gesessen, strmte wie ein Sperber auf die Zuwanderer los, als der von Rhnberg, ein sehr klarer vorsichtiger Mann, ihm die schsischen Besorgnisse entwickelt hatte. Dem Smil folgten der khne Sohn des Berka, der sich aus der Gefangenschaft nach der Prager Schlacht befreit hatte, und Adam Luksans lterer melancholischer Sohn Daniel. Diese drei mit ihrem Anhang gedachten ihre Landsleute zu zhmen und sich Einflu bei ihnen zu erwerben. Sie ritten, redeten, donnerten, lobten, entwickelten Plne. Sie berfuhren die Einwanderer mit ihren Worten, Blicken und Gesten wie eine pelzige Raupe eine Steinplatte: kaum da sie sie berhrt und mehr auf ihr hinterlt als etwas graue Feuchtigkeit, derer sich die Platte schmt. Der Smil, im feinen franzsischen Gewand mit Degen, wie der prchtige Pflzer sich zu tragen pflegte, redete lockend vom Sterne, dem Prager Tiergarten, wo die bhmische Jugend sich verblutet hatte fr die gerechte Sache, Wahlknigreich, freie Religionsbung. Die Worte schlugen den Bhmen um die Ohren und trafen sie nicht. Der Berka wandte sich direkt an die ltesten, die Angesehenen, die Patrizier; er ging zu Fu, sprang unter sie, feurig wie er war; prahlend beschrieb er ihnen die Schnheiten ihres Landes, dessen sollten sie eingedenk sein; von ihrem Land sei die Welle der Befreiung ber die Welt gegangen; sollten nicht verzagen, die Welle kme zu ihnen zurck. Daniel Luksan, reich wie er war, ritt auf einem Maultier in klglichem blauem Tuch, die Federkappe auf dem Kopf. Stellte sich mit trbem Gesicht unter die Leute des Abends, hrte ihnen zu, fing an. Sprach von den Kpfen auf dem Altstdter Brckenturm, beschrieb das Leben und den Tod der Mnner, traurig, mit innerem Anteil, dabei stumpf und sichtlich verzweifelt. Erzhlte, was er gehrt hatte gestern und vorgestern aus der Heimat, lie nichts aus; das Weinen bekmmerte ihn nicht, das sich um ihn erhob. Sprach nicht, um aufzuhetzen; lie sich nur gehen vor ihnen; sein schweres Temperament hatte ein Fressen gefunden am Unglck seines Vaterlandes. Betrbt sah er wie die Weiber wegschlichen, wie man ihm auswich. Bald erlebte er es, da man ihm zuschrie beim Reden: Genug! Die Weiber, die noch herumstanden, schluchzten, die Mnner hoben mit wtenden Mienen gegen ihn die Arme, gingen gegen ihn vor: ob er plane mit ihnen ein Spiel zu treiben, ob sie nicht elend genug seien. Man brauchte dem Daniel Luksa nicht lange zu drohen; er hrte, man wollte ihn nicht, ging. Und hinter den drei her das hitzige Gerede: das waren die Herren, fr die wir gebrannt wurden; es ist ihnen noch nicht genug, wir sollen noch einmal ins Feuer! Herren, die Bhmen ins Unglck gestrzt htten; sie htten sich den fremden Pflzer verschrieben, um besser ihr wstes Selbstregiment zu fhren; wollten einen Knig, um ihre krummen Sachen gerade zu machen. Wie es unter ihnen grte, wurden sie vom alten Grafen Thurn berfallen und so ergriffen und geschttelt, da sie wie ungezogene geschlagene und heulende Kinder an den Wnden standen und nicht wuten, was ihnen geschehen war. Denn dem alten Thurn bedeuteten sie nichts; ihm war nichts gewisser, als da Bhmen in sehr naher Zeit sich glanzvoll wieder erheben werde ber Habsburg; er schlang den Faden, dies war seine Arbeit und sein Beruf. Als er hrte, was im Erzgebirgischen Kreise, im Voigtlande sich ereignete, erfate ihn eine Wut ber die Aufsssigen Undankbaren Gedankenlosen, die nicht zwei drei Jahre warten konnten; Tausende im Lande hatten sich verblutet, und diese im Asyl rebellierten. Er kannte viele von ihnen persnlich; auf seinen Reisen als Direktoriumsmitglied war er die Drfer abgefahren, um die Kreisaufgebote zu berwachen. Jetzt sa er in seinem kleinen niedrigen Wagen, die Pferde lenkte er selbst, der grauhaarige kleine schmale Mann mit den mongolisch vorspringenden Backenknochen, den trben schwarzen Augen und der hellen schrillen Stimme. Die silberne Peitsche hielt er in der Faust; so schrie er die Leute zusammen, und jedesmal wieder, wenn sich die Leute zgernd beieinanderstellten, befiel ihn die Wut ber sie, er schmhte sie in dem wohlbekannten heimischen Idiom, berhufte sie mit jedem gemeinen Schimpfwort. Wer schlaff und unehrerbietig in seiner Nhe stand, den schlug er vom Bock aus mit seiner Peitsche und war imstande ihm nachzuspringen. Ohne ein Wort ihrer Widerrede abzuwarten, fuhr er weiter, drohend und noch nach rckwrts schimpfend. In einigen Drfern, von deren Gottlosigkeit er gehrt hatte, hpfte er vom Wagen, warf einem Beliebigen in der Nhe, alten oder jungen, die Zgel zu, eilte in ein offenes Haus, verlangte, den Tisch mit der Peitsche klopfend, die Bibel zu sehen. Und wo man zgerte, sich drehte, maulte, ri er selbst Laden Schrnke Truhen auf, holte das Buch heraus, schlug es, wer ihm in die Nhe kam, an den Kopf, und das Buch in die Mitte des Tisches legend schwur er mit greller, weit gehrter Stimme, die Bibel bleibe hier drauen liegen; er werde, so gewi er der Graf Thurn sei, den eigenhndig niederschlagen, der es wagen sollte, das Buch zu verstecken. Eines Sonntags traf er, nur mit einem halbtauben Kammerdiener reisend, einen Trupp Bhmen auf der Dorfstrae lungern und wrfeln; sein Pferd bumte sich, hitzig hatte er die Leine gezogen. Kochend, eine Bestie von Angesicht, stand er vor den tief erschrockenen Burschen, die er mit wuterstickter Stimme anfauchte, denen er mit der Faust unter der Nase fuchtelte. Jagte sie in die Kirche; er bedauere, keine Hunde wie Wolfsstirn zu haben, um sie zu hetzen. In dem Kirchlein war kein Pfarrer; er sperrte sie ein; nach zehn Stunden holte er sie; sie hatten kein Wrtchen darber verloren. Die bhmischen Zustnde in Sachsen gewannen ein besseres Ansehen. Grere Rstigkeit machte sich unter den Flchtlingen bemerkbar. Sie begannen sich wieder anzuschauen, zu gren, nach dem Ergehen zu fragen. Sie schmten sich ihrer frheren Schlaffheit, hatten unbegrenzte Liebe zum Grafen Thurn. Auf ihn setzten sie Hoffnungen. Man arbeitete, um zu zeigen, wer man sei. Die Heimat mute befreit werden. Jach sprossen die frommen Triebe wieder auf. Glaubenseifer und Glaubensstolz, finster gefrbt, erhob sich, grollte drohend in den Straen, in den Kirchen; man war das Volk des Johann Hu. Die Bibel war verwandelt; jetzt keine Luterung, keine Seelenreinigung mehr. In den Kisten, Truhen war das Buch wie unter einer eisernen Presse steinhart geworden, feierte seine Auferstehung als Rstzeug Waffe Schwert. Soldaten wurden sie. Der schsische Kurfrst, der Brandenburger Georg Wilhelm hrten es gern. ber ihre Heimat, ber das Erzgebirge, spannten sie sich wie eine furchtbare Wolkenbank, die sich von Jahr zu Jahr schwrzer frbte. * * * * * In Bhmen hie es Gelder beschaffen, die Truppen aus dem bhmischen Feldzug abzudanken, das Besatzungsheer zu erhalten, die ungarischen Grenzstdte gegen die Trken zu armieren verproviantieren, verdienten Generalen hohen Beamten Gnadengeschenke zu machen. Der Ertrag aus den konfiszierten Rebellengtern reichte nicht, der aus der Schuldenkommission war zu gering. Eine Prager Mark galt neunzehn Gulden. Im Braus hatte der schne Pfalzgraf gelebt, auf Bllen Jagden Schlittenfahrten hatte sich seine ppige Gemahlin getummelt und mit dem Volke gemein gemacht. Nach dem verjubelten Winter steigerten die pflzischen und bhmischen Rte den Wert der Mark. Der Sieger gab ihm nicht nach; als der Kaiser kam, prete er den Bhmen das Gebi zwischen die Zhne, da eine Mark siebenundzwanzig Gulden betrug. Der Gouverneur Liechtenstein lie das gute Geld aus dem Lande schleppen. Der Sohn eines serbischen Fleischhauers, Paul Michna, war Sekretr in der bhmischen Hofkanzlei geworden. Dieser warf sich mit einer Rotte Helfershelfer nach der Prager Schlacht auf das Pferd. Sie ritten in das Land hinaus; allmhlich vergrerte sich der Zug, Wagen schlossen sich an. Sie drangen auf die Gter und Herrschaften der Rebellen, brachen die Tore der Schlsser und Sommerhuser mit amtlichem Gebaren, Siegeln, Drohungen auf, beschlagnahmten, was sich an beweglicher Habe fand. Whrend panikartig das Grauen von der verlorenen Schlacht, dem drohenden Hochgericht die Drfer belief, die Stdte lhmte, alles sich zusammenzog, tauchte Michna mit seiner Bande erschreckend, unverstndlich, bald hier, bald da auf. Die zurckgelassenen Frauen, die betubte Dienerschaft lieferte ihnen aus, was sie verlangten. Leiterwagen mit Stroh fuhren, von Ochsen gezogen, in einiger Entfernung hinter den Berittenen; toll hinein stlpten, stauchten sie, was sie erhaschten, bereinander, ohne Schutz Prunkksten Rollenschrnkchen, silberne Spiegel, Perlenketten lbilder flmischer florentiner Meister, Pelzwerk Geschirr Kristall Seidengewnder. Sie fuhren so rasch, weil das Gercht sich bald verbreitete. So da man, wie den Fuchs an seiner grauen Losung, ihren Weg erkennen konnte an abgerollten Kruzifixen, Splittern der Deckelpokale, Nautilusbecher, den zerdrckten und weggeworfenen am Wegrand liegenden Kredenzstcken Silberplatten Konfektschalen. Wer hinter ihnen suchte, konnte reich werden; aber niemand bedachte Silber und Tafelgert; alles verrammelte sich. Rasch war in Spelunken und Gewlben der Juden verschwunden, was eben unerhrt strohgelagert ber die Chausseen gewackelt war. Die Topase Brillanten Rubine in Ringen und Halsschnren legte ein alter Jude liebkosend sich ber die braune faltige Haut, lie sie sanft in seine eingemauerte Eisenkiste sinken ber wattierte Wmser. Whrend die bhmische Grfin schluchzend mit ihren Dienerinnen die aufgebrochenen Holzwnde der Schrnke anstarrte, krochen die grnen Roben, von kundigen Fingern gezogen, ber die fetten Formen eines orientalischen Leibes; die gerafften grtelgehaltenen Gewnder rauschten wie bei den Bllen der Knigin Elisabeth hintennach, ber den Synagogenweg. Wieder lachten Weiber in diesen Gewndern herzlich und voller Inbrunst, vor andern gewaltigen Mnnern. Die Greise vorn auf den Bnken in den Tempeln sahen sich um, sangen im Talare von der Zerstrung Jerusalems, von Jehovas Rache, weinten ber die Vergnglichkeit. Drauen fuhr man auf Karren Rebellen, frisch eingefangen, trotzige Ketzer zur Folter, Arkebusiere stolzierten vor den Husern, Menschenfleisch wurde billig, verdarb auf Wiesen. Indessen waren die gestohlenen Juwelen gut aufgehoben. Deutsche Flamen Italiener beleckten sie, rieben sie an der Haut; wo sie erschienen, verkleinerten sich die Augen der Menschen, Lippen spitzten sich; wie Schlssel waren die Juwelen zur Rachsucht Feindseligkeit Eifersucht der Menschen. Im geheimen ganz geheimen hetzten sie, bten ihre Macht, heies Blut zum Verspritzen bringen, selber nur funkelnde tote entschlafene Steine, die blind in ihrer polierten Hrte ruhten. Als Michna, ein fettleibiger Mann, dessen Kopf auf einem zu kurzen muskulsen Halse sa, eine kleine Zeit hatte verstreichen lassen, wagte er es, einen Brief an das Bankhaus des Hans de Witte in Prag zu richten, dann selbst angemeldet vor de Wittes Haus anzureiten. Es war ein resoluter furchterregender Mann, der das Kontor des reichen Hollnders betrat, welcher die Geschfte der hchsten Gesellschaft besorgte. Michna wies sich gut aus bei de Witte. Der kannte die Wege, auf denen sein plattnasiger Besucher mit den starken Kiefern, Wulstlippen, gederten trben Augen reich geworden war; er hatte Vertrauen zu diesem energischen Kanzlisten. Sie gingen einen Pakt ein. De Witte schlug vor, das Geld so anzulegen, da man die bhmische Mnze pachte. Dies sei ein Vorschlag, der ihm von zwei Herren seiner Klientel gemacht wre, dem angesehenen Judenrichter Bassewi, der dem Rmischen Kaiser schon eine gewisse Summe vorgestreckt hatte, dann einem Soldaten, der freilich hier zulande einen anrchigen Namen htte, dem derzeitigen Obersten von Prag, dem Eusebius Albrecht von Wallenstein. Der Kaiser brauche Geld, um die Operationstruppen abzudanken und sonst; es sei ein vielversprechendes Geschft. An einem andern Tage erklrte de Witte dem widerstrebenden Serben, der sich durchaus nicht bereit fand, in das lockend geffnete Gastzimmer des Bankiers einzutreten, mit ihm einen Becher zu leeren, es wrde ntig werden, noch weitere Teilhaber bei der geplanten Aktion hinzuzuziehen. Denn nach seinen vertraulichen Informationen bersteige die Pachtsumme durchaus den Betrag, den die bisher interessierten Herren, nmlich sein Gast, dann der Judenrichter, der spekulierende Oberst, er selbst herschieen knnten ohne sich zu ruinieren. Das Geschft sei zwischen ihm und den genannten Beiden fast abgemacht; sie seien von Michnas Interesse informiert und er sei eingeladen, sich zu beteiligen. Der hatte aber bel Lust zuzuschlagen, denn zwar war gegen den reichen und redlichen Judenprimas Bassewi nichts einzuwenden, aber der andre Geladene flte ihm Widerwillen ein. Er erklrte de Witte nach langem Herumrcken auf seinem Schemel, whrend er eine Hornschale der Silberwage tanzen lie ber seinem Handteller, da ihm die Partnerschaft des Obersten einfach unbehaglich sei, und da dies das ganze Unternehmen gefhrde. Wallenstein htte schon damals, als die Teuerung in Prag begann, unmenschlich viel Wein in Mhren aufgekauft, um ihn mit unerhrtem Aufschlag an Wucherer weiterzugeben; ebenso sei es bekannt, wie er es mit Kornlieferungen getrieben habe; dann das ominse, monatelang verschlossene Tuchlager Wallensteins in Olmtz, whrend nirgends Tuche zu kaufen waren. Alle diese Sachen gefielen ihm nicht; der bhmische Edle werde ihnen das Fell ber die Ohren ziehen. berhaupt, wenn es verlaute, der verrufene Oberst beteilige sich an dem Unternehmen: was die Beamten vom kaiserlichen Schatzamt, die Wind davon htten, dazu sagen wrden. Der hochstirnige alte de Witte, hinter seinem Tisch mit den Folianten in einen Armsessel gestreckt, mit langem geteilten Weibart, mden langsamen Augen, gro und breitschultrig wie sein serbischer Gast, hrte alles Geflsterte mit Freude. Er empfand herzlich das Lob seines alten Freundes; er konnte nun bei Wallenstein einen hheren Teilhaberbetrag herauspressen, indem er auf die Schwierigkeit seiner Beteiligung hinwies. Er fragte teilnahmsvoll, ob jener schon von Wallenstein benachteiligt worden sei. Auch die Angst seines Besuchers erfreute den stillen Hollnder, sie vergrerte seine Neigung, mit ihm ein Geschft zu machen. Michna unterbreitete ihm, man mge bedenken, wie Wallenstein sich gegen seine eigenen Verwandten verhalten htte, gegen die Smirsitzky; ein Vormund, beim Leben Jesu, der sich schnde einen Besitztitel auf die Habe seines kranken Mndels erschleicht! Was drohe ihnen dann? Da meinte de Witte lachend, man solle sich nicht in Familienangelegenheiten mischen; man kenne nicht die persnlichen Beziehungen und so weiter. Michna wollte mehr eifern. De Witte schnitt ihm strker lachend das Wort ab; sie sollten sich nicht zum Richter aufwerfen. Beschmt lenkte der Fleischhauerssohn ein. Der Handel kam zustande, indem Bassewi fr den Oberst gutsagte; Michna wolle auf keinen Fall ohne Sicherung einen Vertrag mit Wallenstein schlieen. Um sechs Millionen jhrlicher Pachtsumme fiel ihnen die Prager kaiserliche Mnze zu. Sie konnten prgen soviel sie wollten. Die Technik war den Juden und sonstigen Kippern und Wippern abgelernt: Beschneiden des Geldes, Untermischen unedlen Metalls bis zum Verschwinden des edlen. Die vier Mnner, von Michna gefhrt, warfen sich auf den Handel mit der niedertretenden Wucht einer Stierherde. Die Mnzrume wurden von zwei ganzen kriegsstarken Fhnlein gesichert. Fnf Nachbarhuser, ein halber Straenblock wurde zugekauft, bei der Krze der Zeit und der Gefahr drohender Zwischenflle war keine Minute zu verlieren. Whrend Bassewi und de Witte nur ihr Geld hineinwarfen, raste die Angelegenheit vorwrts durch das Betreiben dieser beiden: Michna und Wallenstein. Der Serbe, seiner Sinne kaum mchtig, dauernd geneigt auf Menschen loszustrzen, in grlicher Furcht, sein Geld zu verlieren, betrogen zu werden. Er umschlich die Gebude; seine Frau, ein scheues schnes Weib, mute die Straen durchwandern, wenn er schlief. Der bhmische Edle befehlerisch, in schneidender Ruhe und Unbeirrtheit. Zu dem Serben, den er einmal erschpft, schmierig vor der Hauptpforte der Mnze traf, beugte sich der hagere, prchtig sechsspnnig daherfahrende Bhme heraus: Der Herr sieht nicht aus, als ginge es ihm gut. Denke er zu leben. Sonst will ich ihn beerben. Das stachelte den Serben, da er sich mit Qual schonte. Barren und Mnzen huften sich in den stallartig langen niedrigen Stuben; in Steinkammern standen die Mnzknechte vor den Muffelfen, heizten glhten. Wchentlich vermehrte sich die Zahl der eisernen Schmelztiegel, ber denen die Mnner hinter vergitterten Fenstern standen, mit Graphitstangen, langen dicken Stben, die Schmelzmassen rhrten. Hier hatte keiner Zugang aus dem ganzen Gebude als die Knechte und Meister; hier wurde ihnen in geschlossenen Zink- und Kupferksten gereicht, was sie in den Tiegeln zu schmelzen und zu verrhren hatten. Stechende Dmpfe durchzogen die Huser; in Scharen, wie Regimenter, standen die hlzernen Beizfsser nebeneinander, darin schwamm die kochende Sure; die Mnzen, geglht, geschnitten, waren unkenntlich geworden, hatten Masken fr die Augen der Menge. Die Knechte arbeiteten in den Rumen; wie in einer Folterkammer rhrten sie die Arme; man sah nicht den, dem die Folter bereitet wurde. Das Silber begann sprlicher zu flieen. Ein rasender Zusammensto erfolgte zwischen dem bhmischen Oberst und Michna in de Wittes Schreibstube. Erst: Entweder bemht sich der Herr Michna nicht oder er hlt Silber zurck. Dann: Der Herr treibt es, wie er will. Er sehe zu, Silber zu beschaffen von den Juden. Er hat ihnen die Wnste vollgestopft mit gestohlenem Gut. Als Michna, breitbeinig, mit den Wangen und Lippen zitternd, vor den hageren ihn berragenden, spitzbrtigen Oberst trat, hob der die Faust: er werde sich mit ihm nicht duellieren, er werde ihm mit einem Faustschlag das Maul stopfen. Dann verlie der von Wallenstein den zitternden Mann. Tags darauf wurde dem hilflosen Serben durch de Witte bedeutet, da der Oberst die Schuld an der Verzgerung der Arbeit auf ihn allein schiebe; der von Wallenstein sei berzeugt, da Michna noch viel mehr Gewinn aus dem Raub gezogen habe, als er zugebe; er solle zusehen, wie er Silber heranschaffe. Da wurde dem Michna klar, da Wallenstein vorhatte ihn auszuplndern. Er stellte eine Frage an de Witte; die Antwort besttigte seine Befrchtungen: der Oberst wollte von seinen Verbindungen Gebrauch machen, ihn wegen Raubes festnehmen und einkerkern, sein Geld beschlagnahmen. Der Serbe sank heulend zu Hause zusammen, welk von der Anstrengung der vergangenen Wochen. Er zerrte sich nach einigen Tagen zu dem Oberst, der ihn in eine Vorkammer eintreten lie, in der sechs Arkebusiere ihn fesselten und, ohne da er widerstrebte, in den Stock fhrten. Dies hatte sogar de Witte nicht erwartet. Der Oberst erklrte, er htte nur gewartet, um den Serben unschdlich zu machen. De Witte: Wir knnen ja auch so von ihm alles erlangen. Das hielt Wallenstein fr zweifelhaft, fragte lachend, ob de Witte gar den Michna bemitleide, der keinen Strick zum Hngen wert sei. Gegen den Serben wurde ordnungsmig vorgegangen, seine Frau warf man aus dem Haus. In diesem Augenblick setzten sowohl der Hollnder wie der Judenprimas ihre ganze Energie ein, um einen weiteren Fortgang der Sache zu verhindern, von der sie nicht wuten, ob der Oberst sie blo seines Vorteils wegen oder aus Rachsucht betrieb; sie waren beide nach ruhiger berlegung der Meinung, da der Bhme nur seinen Vorteil im Auge hatte. Denn er hatte auch sonst, trotz seiner grlichen Leidenschaftlichkeit, nie einen ernsthaften Handel gestrt. Bassewi bot im Namen der Prager Judenschaft, die sich von einer allgemeinen Haussuchung bedroht sah, dem Oberst einen ungeheuren Rohsilberbetrag fr die Zwecke der Mnze an, wenn die Sache niedergeschlagen wrde. Von Wallenstein fand das, seinem alten Helfer Bassewi die Hand streichelnd, erstaunlich von der Judenschaft, denn wie denke sich die Judenschaft schadlos zu halten? Er schien nicht geneigt, den Serben loszulassen. Als ihm erklrt war, da von Michnas Teil ein Betrag abgezogen wrde, wurde die Haftentlassung Michnas von dem herzlich amsierten Oberst in Aussicht gestellt. Sie erfolgte nach einigen Wochen. Michnas Teilhaberschaft am Mnzkonsortium verblieb. Der klgliche Serbe schlich sich, von de Witte gefhrt, in das Haus des Obersten, um zu danken. Der war verwundert, da der Serbe schon entlassen war, freute sich mit ihm ber den guten Ausgang der Angelegenheit. Was hab' ich? jammerte der Serbe, als er neben de Witte zwischen den frstlich gekleideten Trabanten des verschwenderischen Obersten auf die Gassen ging, die von hungernden Menschen belagert waren, ich mu wie ein Bauer arbeiten, um den Juden ihr Geld wiederzugeben. Wit Ihr, Herr, mit einem Mann wie dem Obersten soll man es nie verderben. Ihr werdet sehen, es wird Euch gut gehen, wenn Ihr zu ihm haltet. Es gibt noch groe Mglichkeit in Bhmen. Wenn die Leute auch etwas hungern. Das Silber wurde knapper. Der Preis stieg. Michna, gengstigt ber den Ausgang der Sache, schlug selbst vor, neue Mitglieder zu suchen. Sie wurden allmhlich vierzehn; ihre Namen waren nur wenigen aus dem Kaisertum bekannt. Der alte Frst Liechtenstein trat ein, -- der Oberst arrangierte es, -- um im Interesse des Kaisers seine Hand im Spiel zu haben; dann ergriff ihn die Leidenschaft; er konnte nicht mehr heraus. Der schmerbuchige hartstirnige Mnzmeister, der uralte Wresowicz, der auch Kammerprsident war, wurde hineingezogen; die Umtriebe konnten ihm nicht verborgen bleiben. Er, der sein Amt verrotten lie, drngte sich gierig vor, die Gesellschaft war gesichert, er segelte bald auf dem Schifflein Fortunas. Der Schwindel ergriff das Konsortium; man rollte einem Abgrund zu. Gemietete und freiwillige Aufkufer von Silber flitzten durch das Land, drangen in die Bauernhuser; mancher von ihnen lie sein Leben fr zehn Dukaten. Eine Anzahl Glcksritter, das Attentat auf das Volk ahnend, organisierte auf eigene Faust Banden, die sich Soldatentracht anlegten; unter dieser Maske zogen sie auf Raub aus. Kaiserliche Trompeter verkndigten auf den Pltzen, alles Silber msse abgeliefert werden an die Mnze; darauf verschwand es unter dem schwlen Gercht der Dinge, die umgingen, jh aus dem Verkehr. Schon wurden fr einen Reichstaler vier neue Gulden geboten. Das Mitrauen im Volk wuchs rasend; verstrt fragte einer den andern aus. Man fragte berall, wo die Kammer sei, wo Wresowicz sei; Vertreter der Znfte der Kaufmannschaft liefen auf die mter, bestrmten die ihnen bekannten Landesoffiziere. Bekamen Lachen und mitleidiges Achselzucken zur Antwort, es verliere ja keiner bei dem Sturz des Geldes, bleibe alles so. Fr immer? Fr immer! Und einige glaubten es, die meisten lie die Furcht nicht los, sie sahen ihr Hab und Gut ohne ffnung der Tr aus den Stuben gestohlen. Die schrecklichen Gerchte nahmen kein Ende, da hinter den Silberaufkufern eine Wuchergesellschaft stecke, der sich der Kaiser in seiner Geldnot mit Haut und Haaren verschrieben htte; da die Jesuitenpater dahinter sen, Rache an den bhmischen Brdern zu ben. Da man in einem Sack sa der tglich fester zugeschnrt wurde, erfuhren alle an jedem Morgen: der Hunger stellte sich ein. Die Stadtarmen lungerten aufsssisch auf den verbotenen Mrkten herum, ihre Sterzenmeister erklrten, keine Gewalt ber sie zu haben; es strben zu viele, die Mnner und Frauen seien ihrer Sinne nicht mehr mchtig. Die Rudel dieser verlumpten und vertierten Menschen bildeten an den Toren und Hauptstraen eine Gefahr; Bauern wagten sich mit ihren Fahrzeugen nicht hinein; was sie brachten, war im Nu verschlungen von dem sich grausam balgenden Gesindel. Sie wollten auch fr das lange Geld nichts hergeben. Sldner, die man gegen die Bettler aufbieten wollte, verbndeten sich mit ihnen, plnderten, was sich blicken lie. In die Huser rief man hinein, was der Gulden koste. War man noch erschreckt von den sechsundvierzig Gulden der Mark, so kletterte der Wert auf fnfundfnfzig, auf dreiundsechzig, auf siebenundsiebzig. Eine Mark galt siebenundsiebzig Gulden. Die Mnze in der Prager Altstadt gelegen, weitlufiges plattes unansehnliches Gebude aus Holz mit Eisentren. Posten des Regiments Wallenstein in den Hfen, patroullierend zu zwei, Pulverflasche Lunte Gabel an der Seite, schwere Musketen auf den Schultern durch die Nachbargassen. Fuhren Bauernwagen mit Holzscheiten an, ffnete sich das niedrige breite Haupttor, blitzten am Eingang zur Rechten und Linken bronzene starke Vierpfnder auf gezogenen Lafetten; darber lungerten Schneller und Zeugdiener, brannten unter sich Kohlen im Becken. Mit Pa versehen schlurrte an dem Lumpenpack vorbei der ungeheure Michna Tag um Tag ber den Hof; sein Pferd hielt ein Musketier. Der Serbe, ohne den Hut zu ziehen, wanderte ber Treppen und Galerien, von Kammer in Saal, in Diele, durch die glhen vergasten Schmelzrume, lustigen klingenden Stempelstuben, an den Prgestcken vorbei, in die streng bewachte Vorratskammer, das Wiegezimmer. Leckte sich die Lippen, strich die schwarzen Barthaare zurck, die ihm in den Mund kamen. In schwerer Spannung sprach er keinen der zahllosen polternden Knechte an, Meister und Untermeister wich aus, grimmig seine schwarzbraunen Augen unter dem scharfkantigen Vorbau der Stirn. Der grte Spekulant des Landes, der tolle Vabanquespieler Wallenstein, lang hohlbrstig, mit schwarzem Knebelbart, eine kostbare Diamantkette am Hut, stand halbe Stunden lang vor Prgestcken; wie man auf ihn aufmerksam wurde, wurde er unruhig, schlo die Augen, verschwand. Das Landvolk, das neue Geld ablehnend, verkaufte nach auen. Da schlo man die Grenzen. Sie trieben nichts auf die Mrkte. Ein kaiserliches Patent wurde auf den Pltzen ausgerufen: der Geldwert wrde spter nicht herabgesetzt werden; man brauche keine Furcht zu haben. Sie hhnten: Der Kaiser, der Kaiser, er ist mit im Betrug; die Aristokraten kochen ihm ihren Brei, dem Kaiser, dem blinden Hund. In der Mnze hmmerte es. Heimlich fuhr der steife Liechtenstein nachts vor; Wallenstein begleitete ihn; legten eine halbe Kompagnie Musketiere in die Kellerrume und unter das Dach; den Rest der Kompagnie verteilten sie auf die Nachbargassen, deren Huser sie mieteten. Das Jahr um, die Vertragszeit abgelaufen, beschlo das Konsortium den Vertrag zu kndigen; man konnte nicht hoffen noch Silber hereinzubringen. Wie auf de Wittes Einladung die drei Herren, die sich kannten, sich in seinem verschwiegenen Bankgewlbe nacheinander einfanden zu einer Rcksprache -- um eine einfache Laterne, die reichen Mnner auf Schemeln und Truhen, sehr leise -- waren sie, bereit, sich aus jeder ffentlichkeit fr einige Zeit zurckzuziehen, von groer Dankbarkeit gegeneinander erfllt. Es soll einer versuchen, nach uns in Bhmen zu mnzen, prahlte de Witte. Sie gingen nicht auseinander, ohne da Wallenstein sie festhielt und fragte, ob sie vorhtten so sich davonzubegeben, ohne sich des kaiserlichen Dankes zu versichern. Bitten wir, er sah den Herren fest unter die Augen, den Kaiser um eine Ergtzlichkeit. Es hat uns allen Arbeit und Sorge gemacht, wir haben der Majestt ber Schwierigkeiten geholfen; soll keiner sagen, der Kaiser lasse sich ungelohnt dienen. Der kleine Judenprimas im schwarzen Tuchmantel, der mit Wallenstein im Vertrauen schien, fgte vorsichtig hinzu, es htte sich in der letzten Woche noch zufllig einiges Metall gefunden. Man knnte vielleicht dieses Metall noch ausmnzen ohne neue Pacht. Michna, der plattnasige Riese, zagte. Kalt schlo der Oberst: Es wre erstaunlich, wenn die Rmische Majestt unsere Lage nicht begriffe. In der Tat erlangten sie Verlngerung des Mnzvertrages um sechs Wochen als Dank des Kaisers. Dann versuchte der Kaiser, allein gelassen, weiter zu mnzen. Die Mnze stand still aus Mangel an Material. Die Herren hatten sich aus dem Spiel zurckgezogen. Als ganze Zge von Sldnern, die abgelohnt wurden, sich weigerten, das lange Geld anzunehmen und auf der Prager Brcke und in der Altstadt meuterten, weiteten sich die Herzen des Volkes. Die vor Hunger sterben wollten, nahmen ihre Wut zusammen. Man jubelte, wo die Randalierenden sich auf den Straen sehen lieen, sie, die gefrchteten gehaten. Man freute sich, da sie die Backstuben und Schlachthuser erbrachen. Der lange erwartete Sturm auf die Mnze erfolgte von Bettlern in ganzen Regimentern, Gesellen Sldnern Meistern Kaufleuten, als htten sie ein Signal bekommen. Die Kanoniere an den Geschtzen, rechtzeitig benachrichtigt von den Mnzmeistern, liefen davon; kein Schu fiel. Und als man in die Vorratskammern und an die Prgestcke kam: kein Stck Silber in Ksten und Krben. Sie zerschlugen brllend die Schrnke mit den Formen. Die Nachfolgenden, wtend, warfen sich auf die Ersten, sie htten gestohlen, sollten hergeben, teilen. Sie faten sich an die Hlse. Die Masse warf sich in die Nachbarstraen, wogte rachschtig vor das Landschaftshaus, vor den Palast des Gouverneurs. Da war im weiten Umkreis Kavallerie aufgestellt, untermischt mit Musketentrgern. Einige Ladungen streckten soviel hin, wie der Hunger an mehreren Tagen. Zwei Stunden lang schossen die Soldaten ber die leeren Straen. Der Reichshofrat zgerte nicht, den Beschlu zu fassen, dem der Gouverneur von Bhmen zustimmte, den Wallenstein lngst angeraten hatte: den Staatsbankrott zu erklren. Durch Dekret wurde, auf Pltzen und Straen verkndet, der Gulden auf den sechsten Teil seines Wertes herabgesetzt, nur drei Monate durfte die lange Mnze laufen, dann war sie verfallen. Und nun sahen die Bhmen ihre Armut, wuten, da sie besiegt waren. Das Elend klafterte auf sie nieder, die gesttigten Herren lieen sie los. Saen mit leeren Hnden; neue riesige Kirchen standen zum Beten offen. Der Ha wurde in die Massen gehetzt; Schuldner und Glubiger verstanden sich nicht, der Geldwert verwirrt, auf den Schlichtungsmtern standen sie nebeneinander, spien sich an. Dies war noch ein Nebengewinn fr die Anstifter. Die Gtzenbildsule, Liechtenstein, empfing Michna, murmelte ihm zu: Das Volk wird sich jetzt leicht regieren lassen. Es ist zwar arm, aber dafr ist es kraftlos. Wir knnen noch mehr Truppen entlassen. * * * * * Der grere Teil des Infanterieregiments Rudolf Kolloredo, einige Kompagnien des Dragonerregiments Neuhaus wurden abgedankt. Aus den Summen, die an Wallenstein geflossen waren, ersteigerte er neue Gter; streckte die Hand nach dem freiwerdenden Besitz im Nordosten aus; Friedland und Reichenberg Welisch Schuwigara Gitschin kamen an ihn aus dem Nachla des Redern. Das Geld, das an ihn flo, hielt er nicht zurck. Als sein Besitz so gro geworden war, als er dem Kaiser neunzigtausend Gulden fr die Abdankung des Regiments Holstein vorgestreckt hatte, dazu noch unaufgefordert die Kavallerie bezahlte, war der Wiener Hof ihm eine Standeserhhung schuldig. Man zeichnete ihn vor den brigen bhmischen Edlen, die an der Unterwerfung Bhmens gearbeitet hatten, mit dem Frstentitel aus. Der Serbe wurde belohnt durch Aufnehmen in die bhmische Kammer. Liechtensteins Ansicht, da das Volk anfange, weich zu werden, schlo sich der kaiserliche Hofrat an, indem er befahl, nunmehr neue besondere Steuern auszuschreiben. Die Rte in Wien waren bler Stimmung ber die Unordnung in Bhmen; die Schwierigkeiten waren nicht zu beheben. Auf Gurland, dem Schatzmeister, und dem Abt Anton lag das Entsetzen; die Schuldenlast verminderte sich nicht; dazu hing neuer Krieg in der Luft. Abt Anton wandte sich durch den Gouverneur an die reichen Herren des Landes; die schwiegen, taten, als ob sie ratlos wren. Sie wuten auch, da neuer Druck gefhrlich war, da sie nicht allein in Bhmen hausten; ringsum wohnten Bauern, in deren Schrnken sich auffllig viel Morgensterne Schlaghmmer Sensen sammelten. Man fing Boten ab von Bethlen Gabor, dem protestantischen Frsten von Siebenbrgen, geschickt an die bhmischen Brder; sie sollten nicht verzagen, nicht verzagen. Eine Getreidekontribution wurde ausgeschrieben. Michna, der Kammerrat, hob noch einmal die Sense zum Schnitt. Er hatte keine Furcht. Er fragte in Wien an, was man von ihm verlange, wenn er den Wert der ganzen Getreidekontribution erwerbe. Michna, nach Abtragung seiner Schuld an die Judenschaft wieder im Besitz ungeheurer Summen, ein blinder Eber, so strzte er vorwrts, um die Distanz zu den brigen auszugleichen. Bassewi Liechtenstein berechneten schon den Ertrag seines Nachlasses, denn er wrde von den Bauern erschlagen oder von der Hofkammer entlarvt werden. Aber er war verzaubert, sein Herz verkrampft. In sein kleines rmliches Haus in der Neustadt war eine geringe Wohlhabenheit gestiegen; er hielt sich einen Reiterjungen fr sein Pferd, eine alte Kutsche fr seinen schweren Leib. Seinen Eltern schickte er unbedeutende Summen, duldete nicht, da sie ihn besuchten. Mit Vergngen ging er in die Palste seiner Geschftsfreunde; das schien ihm alles kindisch und verchtlich. Eine schmerzartige Wut befiel ihn nur in dem Schlosse Wallensteins; von hier nahm er einen Stachel mit; dieser Oberst baute aus einem berflu heraus, so frech, so aufreizend, da er vor seiner schnen heimwehkranken Frau schmhte: dieser Oberst sei eine Schande fr das Land, es sei schon recht, wenn ihn die Bauern beseitigten; es sei ein Hohn auf alles, was unter Menschen billig sei. Der Anblick des Schlosses Wallensteins, der Grimm ber die erlittene Gewalt, war es, der Michna kopfber auf die Getreidekontribution strzte. Sie fiel ihm zu um den Preis der Brotlieferung an smtliche in Bhmen stehenden Truppen. Michna rannte vorwrts. In dem Staub hinter seinen rasenden Fen lie er seine Konsorten zurck. Er hatte sich nicht ber die Gre der Kontribution und ber seinen Gewinn auszuweisen; hatte nur das Brot zu einem niedrigen bestimmten Satz zu liefern. Michna gab sich nicht willenlos in die Hnde der Bauern; er besa Erfahrungen aus dem Silberhandel. So wie er im Beginn seiner Laufbahn ber die Schlsser gezogen war, stellte er sich an die Spitze von Sldnertrupps; kalt und hart beaufsichtigte er cker und Saaten, lie Widerwillige Sumige in Eisen legen, von ihren Gtern reien, bewirtschaftete selbst. Er stie sie morgens im Dmmer aus den Betten, schlo ihre Vorratskammern auf, prfte die Gte des Saatkorns. Nie kam ein Trpfchen Glck in ihn; gepeinigt vergrmt und gehetzt warf er sich, wo er sich fand, in einer Htte neben Soldaten an den Boden; neidisch dachte er seiner stillen Frau in der Stadt. Ihn trieb nur die Lust, Menschen zu unterwerfen, in groem Besitz zu sein, die betrgerischen Bauern ben zu lassen. In diesem Jahre wurden zwei Millionen Gulden aus Bhmen erpret. Unruhig bewegte sich das Volk. Fester spannte sich die Hand um die Kehle Bhmens. Damals machten einige Leute den Versuch, sich der Krone entgegenzustellen. Es kamen eine kleine Zahl Landesoffiziere Oberbeamte Landrechtbeisitzer, vom jammernden Volk berlaufen, im Landschaftshaus zu Prag zusammen; im Sitzungssaal warf sich einer von ihnen in die Brust, schwor, sie seien Vertreter der bhmischen Stnde; man schriebe Steuern aus, verkndige, ohne sie zu fragen; rechtlich ungltig sei solch Vorgehen. Andere lieen sich hinreien; die Herren saen in ihren mtern, sie hielten etwas von sich und ihren mtern, waren beleidigt. Manche erklrten scheu, man msse sich des Volks erbarmen, das Land werde gnzlich ausgesogen. Nach zwei Zusammenknften war man einer Meinung: wenn neue Steuern ausgeschrieben und verkndet wrden, seien zuerst sie zu befragen; sie seien nicht gewillt, sich ihr Recht aus Hnden winden zu lassen. Sie verfaten ein Schreiben heimlich vor Liechtenstein und den militrischen Behrden, dahingehend, die neuerliche Publikation einer Weinsteuer und Ochsensteuer sei eine unerhrte Steuerung, sie verstoe gegen stndische Privilegien, sie legen Protest dagegen ein. Die Herren faten die Sache von der formalen Seite; planten einen Kompetenzstreit auszufechten. Sie unterschrieben im Namen der bhmischen Stnde. Der Abend, an dem der Frst Liechtenstein die Deputation der fremdblickenden Herren empfing, war der frhlichste, der ihm in Bhmen beschieden war. Er sagte am Tage darauf zu dem Stadtobersten von Prag: Die Herren sind nicht so im Unrecht. Man mu sich in ihre Gedanken hinein versetzen. Ich kann nicht umhin, das zu bemerken. Wie die Szene verlaufen wre. Ich habe ihnen sogleich gesagt, die Sache schiene mir so dringlich und so ernst, da ich nicht werde umhin knnen, sie ohne weiteres der Hofkammer weiter zu reichen. Und sie stimmten mir zu. Sie stimmten zu? Sie baten dringend darum und unter energischen Hinweisen. Ich mute den Sprecher beruhigen, da dies auch wirklich geschehen sollte. Whrend der Gouverneur und der Oberst auf Schemeln nebeneinander an dem roten Kachelofen saen, trat der schne braunlockige Slavata ein, ein noch jugendlicher Mann mit khner spitzer Nase, bhmischer Kammerrat und weitlufiger Verwandter des von Wallenstein, setzte sich unter dem Fenster auf eine Truhe. Er fragte, seine Handschuhe ber das Knie spannend, mit sanfter Stimme, wie die Durchlaucht die Deputation der bhmischen Landesoffiziere gestern empfangen habe: Wie beliebten Durchlaucht die Herren zu bescheiden? Nicht, zunchst gar nicht. Dann las ich laut den Schlu des Schriftstcks durch, das brigens gut verfat war, -- ich glaube Euren Stil erkannt zu haben, Herr Slavata. Der bog sitzend den Kopf zurck, verneigte sich mit vieldeutigem Lcheln: Man wandte sich an mich; ich redigierte ungern. Liechtenstein winkte ihm vom Schemel herber: Ich danke Euch fr die Klarheit der Gesichtspunkte, die Schrfe des Ausdrucks. Besonders die Unterschrift ist von einer Exaktheit, die nichts zu wnschen brig lt. Euer Durchlaucht haben mir empfohlen, in meiner Umgebung fr Klarheit zu sorgen. Und am Schlu des Schriftstcks, den ich laut vorlas, stand die Jahreszahl. Nun? drngte Wallenstein hndeklatschend. Die Jahreszahl war eine glnzende Pointe von Euch, Herr Slavata. Sie zuckten nicht mit der Wimper. Ich trieb es so weit, Herr Oberst, am Ende dreimal die Jahreszahl zu lesen. Sie standen nur ernst, im Wohlgefhl ihrer Sache da. Ich kann mir gut vorstellen die Herren, kehlte der vergngte Oberst, sie hatten uns alle in der Tasche, saen schon hier und beehrten unsern allergndigsten Herrn mit Berichten ber unsre schmhliche Wirtschaft. Der Gouverneur: Ihr seid ihnen nicht wohlgesinnt, Herr Oberst. Ihr httet mich doch einladen sollen zu dem Empfang. Sinnend betrachtete ihn das wchserne Ziegengesicht: Vielleicht habt Ihr recht. Ihr httet schweigen mssen, und sie wren noch glorioser abgezogen. Wallenstein stampfte vor Spa mit den Fen: Ich htte sie gern gesehen. Sprachen sie nicht von Braunaus Regiment? Nein, lachte der lange frierende Greis, dem oft die Augen zufielen, erst das nchste Mal werden sie's tun. Sie tun's, kreischte Wallenstein. Slavata legte stolz den Hinterkopf an den Fensterrahmen, freute sich des Spektakels. Als von Wien die Antwort eingetroffen war und die Herren wieder vor Liechtenstein traten, stand Wallenstein neben ihm am Ofen gebckt auf dnnen gelben Beinen, stumpfe Lederweste auf roter Schrpe, die Jacke schwarz und golden hervordringend, spanische Wlste um die Schenkel, blickte sie aus kleinen klaren Augen fest an. Der Frst Liechtenstein berragte ihn noch; er sah wie maskiert aus unter seinem breitkrmpigen Hut mit hellroter nackenwallender Feder; ein schmaler weier Kragen hing um den knchernen Hals; die Brust war staffiert mit einem dicken Lederkoller, unter dem das grne Unterkleid hervorkroch; ein breites goldenes Wehrgehenk belastete ihn. Wallenstein hatte dem Gouverneur gesagt, er wolle den Brdern und Vettern sich nicht entziehen, ihren Ha gern auf sich lenken. Gemeinsam wurde ihnen das kaiserliche Intimat verkndet. Wer es gewagt htte und noch wagen knne, im Namen der Stnde an den Kaiser zu schreiben. Wer sei Beamter und getraue sich einen solchen unehrerbietigen trotzigen Ton gegen die Rmische Erwhlte Majestt anzuschlagen. Wer sei sich seines Amtes so wenig bewut, um dem Kaiser und seinem Rat unbefragt zu widersprechen. Und wenn sie Bhmen seien, so mgen sie hingehen auf den Weien Berg und fragen, was dort geschehen sei, und weiter hinunter in den Tiergarten und nachsehen, wer dort liege. Wofern es doch sicher und erwiesen wre, da so wenig sie wten, wer sie seien, sie wten, wann sie lebten. So wolle es ihnen denn Kaiserliche Majestt nicht vorenthalten, da die Prager Schlacht geschlagen sei und sei entschieden zum Vorteil Habsburgs. Das Land aber ist unter das Schwert gefallen, erobert durch das Schwert, das nur Leichen und Gehorsam kennt. Dies mgen sie sich vergegenwrtigen in allem, was sie sagten schrieben tten und beschlssen. Mchten dessen auch bald gedenken und nicht noch mehr verspielen. Frst Albrecht von Wallenstein, der Stadtoberst, stie leise mit dem Degen auf und rusperte sich. Man blickte auf ihn; er sah ohne Bewegung seinen Vettern in die verwirrten Gesichter. Das Dokument mit dem Zeichen Ferdinands gab mit langem Arm stumm Liechtenstein dem Sprecher der Herren zur Einsicht. Er machte eine weite Abschiedsbewegung mit ffnung der Hnde. Die Herren, lippenkneifend, die Augen verschleiernd, verbeugten sich tief. Unter denen, die sich am tiefsten verneigten, war auch der schnlockige Slavata. * * * * * In der Synagoge sa Bassewi mit fnf alten Mnnern der Gemeinde zusammen. Er hatte ihnen lange zugehrt; er riet so viele Gelder aufzubringen fr den Kaiser, wie sie ohne Schaden vermchten; mit Bhmen sei es zu Ende; sie mten, mten. Die anderen wackelten sorgenvoll die kppchenbedeckten Kpfe; einer sagte gegen seine Fe: Prag hat reiche Leute und schne Giebel. Aber eines Tages wird es uns gehen wie der Verwandtschaft in Frankfurt, wenn wir zu stolz sind. Man wird uns auf dem Friedhof zusammenjagen, unsere jungen Leute werden sich an den Tren fr uns und unsere Weiber totschlagen lassen, ein Trompeter wird blasen und uns ber die Brcke zur Stadt hinausfhren. Ablehnend hob ein anderer die Schultern: Und wie lange sind die drauen geblieben? Wie lange hat der grausame Lebkuchler, der Fettmilch, Giftmilch sollt er heien, triumphiert gegen den Kaiser Matthies? Waren's zwei Jahre, waren's drei Jahre. Dann ist wieder der Trompeter dagewesen, hat vor der Stadt geblasen, durch alle drei Tore sind die Verwandten wieder in die lieben Huser gezogen. Bassewi lchelte fein: Die Kalvinischen, Reformierten und wie sie sich nennen, sind heraus aus dem schnen Land; ist Platz im Land geworden. Man kann sich gut ausdehnen; ich denk, wir werden nicht immer in der Stadt in einem schmutzigen Winkel in der Finsternis sitzen wollen. Sie haben um ihres Jesu willen die Christen herausgejagt mit groen Hunden und mit den Dragonern des bsen Wolfsstirn; warum sollen sie nicht um desselben Jesu willen uns hereinlassen? Einer der Mnner machte ein mitleidig spttisches Gesicht: Mglich wr's. Mglich ist's, lehrte Bassewi, sicher ist's, sie tun's. Der von Fettmilch erzhlt hatte summte, mit dem Kopf unzufrieden wackelnd: Und lassen sie uns herein, so lassen sie uns herein. So geh' ich doch nicht herein. La sie in ihrem Land sitzen und sich wohlfhlen. Es ist uns nicht beschieden, uns hier anzusiedeln. Werd' ich mich versndigen an Gottes Wort und mein Glck im Lande Bhmen suchen. Was steht geschrieben vom Lande Bhmen? Wo steht etwas geschrieben vom Lande Bhmen? Nirgends. Werd' ich ein alter Narr sein, aus meinem Haus gehen, mich in Bhmen ansetzen. Sein Nachbar: Und wie lange denkst du und deine Kinder hier in der Finsternis zu sitzen? Solange wie Gott will. Was werd' ich fragen? Ist doch alles klar fr uns Juden. Wird es heien, wir sollen wieder das Bndel schnren, nach Jerusalem wandern, gelobt, gelobt sei unser Herr --, so werd ich's tun. Wird es nicht so heien, werd' ich sitzen bleiben und werd' wissen, ich mu doch warten. Und deine Kinder, Moses? Was ist mit meinen Kindern? Sie sollen tun wie ich. Sie werden Geduld haben. Der Herr vergit uns nicht. Sie werden nicht dicke Christen werden und sich mit Gesindel vermischen. Bassewi blickte lange vor sich hin: Der Herr segne deine Geduld, Moses. Ich meine, wir werden nicht vergessen, an den Herrn zu denken, wenn wir im Licht sitzen mit unseren lieben Kindern und Enkeln und mit unseren Weibern und allen Verwandten. Wir werden frhlich sein und doch an Gott denken. Wer wird frhlich sein, zwanzig Jahr, dreiig Jahr, und an Jerusalem denken. Bassewi, du bist ein kluger Mann, unser klgster und tchtigster, bist auch unser Richter und Vorstand. Aber glaube mir: gehen sie hinaus in die Stadt oder aufs Land unter die Christen, so sitzen sie im Licht, aber sie werden kriechen vor dem Christ, um ebenso im Licht zu sitzen wie er, und sie werden sich schmen, beschnitten zu sein. Mchten lieber mit Wasser begossen sein und Juda, ach, das werden sie verkaufen fr ein kleines Dorf in Bhmen. Sie seufzten zusammen. Was meint Ihr, sang Bassewi, wenn wir wollen, knnen wir vom Kaiser einen Brief bekommen, da wir Handel und Handwerk treiben auf dem Land, auf den Drfern, an den Mrkten. Laut weinte pltzlich der am uersten auf der Bank sitzende alte Mann auf: Wenn ich das noch sehen kann fr meine Kinder! Bassewi, was sollen unsere Kinder Euch Liebes tun. Als die Judenschaft Prags eine riesige Summe Geldes dem Kaiser vorgestreckt hatte und ihr durch besonderen Gnadenerla gestattet wurde, sich in Bhmen anzusiedeln auf Mrkten Stdten Drfern Flecken, wo sie wollte, um Handel und Gewerbe zu treiben, erzitterte der bhmische Volkskrper, eine weiglutende Stange bohrte sich in sein Fleisch. Dies war der grte Schimpf. Nun sollten sie die Bsewichter und Verbrecher unter sich dulden, deren Nhrmutter das bse Schwein war, die mit dem Wucherspie liefen, die das Kreuz schndeten, denen die Falschheit auf der Stirn stand. Ausgesogen das Land; nun sollten sie sich nicht einmal ruhig in ihrer Bettelarmut hintrollen drfen. Der Giftmord sollte ber den reinen Boden des Mrtyrers Johannes Hu spreizbeinig spazieren, der Brunnentod. Die Sieger hatten dies getan. Wessen sollten sich unschuldige Suglinge und Kinder versehen von dem bergegorenen Ha dieser Spinnen, dieser uranfnglichen Malefizer. O wie sie sich wanden. * * * * * Die Welle der Kaiserlichen und Ligisten whlte sich in ihr Bett. Ersuft unter ihrem Bauch das Wahlknigreich Bhmen, die Pfalz; der Bund der Frsten zerdrckt, sein Haupt, der glanzvolle Friedrich, ber die franzsische Grenze geschleudert. Steinern die katholische Macht vom Main bis zur Adria. Truppen hatte der Kaiser in Bhmen, Mhren, Elsa; Heere hielten am Rhein, Neckar, in der Oberpfalz. Vierzehn Regimenter zu Fu, sechs zu Pferd standen fr die Liga, gefrchtete Regimenter: Herbersdorf, Graf zu Frstenberg, das grfliche Zollersche, Altringische, Pechmannsche, Schnberg, Lindlo, de Maestro, Erwide, Einnaten, Desfours, Kratz, Pappenheim; Infanterie Anholt, Herliberg, Schmit, Mortaigne, Truchse, Heimbhausen. Wie sich der bermchtige Sieger bedrohlich reckte, erstickend ber sein Opfer fiel, ging der englische Knig Jakob mit sich zu Rat. Mit Dighby, dem verbrhten bsen Lord, fuhr der Prinz von Wales, Karl, heimlich nach Spanien. Prinz Karl sollte um Donna Maria, die Infantin werben; so wollte der spintisierende Graukopf vom spanischen Habsburg auf das sterreichische Habsburg drcken, da es den Pfalzgrafen wiederherstellte. Alles sollte ausgeglichen werden durch eine Heirat. Und dann spann er das schlfrige Mrchen, gab es den beiden ber das Meer mit: der lteste Sohn des Pflzers solle am Kaiserhof erzogen werden, die Tochter des Kaisers solle ihn heiraten, dann solle er den Kurhut erhalten, sptestens nach dem Tode Maximilians und wieder im schnen Heidelberg am Neckar residieren. Dem Knig war katholisch wie lutherisch, jeder sollte etwas abgeben, es war alles so leicht. Das Volk in England raste, als es von dem bald miglckten Ehevorschlag des Knigs Jakob hrte; mit Steinen wurde Dighby und der Prinz empfangen, als sie in Southampton landeten. Tief verblfft sagte der Knig: Ich habe meine helle Freude an dem Volk. Wie hat es das gemacht! Steine auf meinen Gesandten, auf meinen Sohn! Es htte nicht viel gefehlt, so htten sie mir den Kopf abgeschlagen. Es steckt doch viel in den Briten. Er knurrte vergrimmt: Sie nehmen ein schlimmes Ende; dumm sind sie, sie sind dumm. Mit dem Protestantismus allein kommt man nicht durch die Welt. Er war schwer enttuscht; hinter allen Widerwrtigkeiten steckte der ekle elegante Springer Buckingham; Prinz Karl sollte ihn scharf beobachten und bei Gelegenheit beseitigen lassen. Stolz rollten die Reden im Parlament: Der Katholizismus hat gewettet in zwei Jahren alles wiederzugewinnen, was er in hundert verloren hat. Rettet Bhmen! Rettet das Land des Hu! Man schickt eine Britin, die Tochter des Knigs, nach Deutschland und lt es zu, da sie ihres kalvinischen Glaubens wegen von Hof und Herd gejagt wird. Die Gtzendiener kommen in Rudeln; sie wollen von Spanien bers Meer. Man will sie noch locken. Schlagt die Ratten tot. Der Knig verrt uns. Er kann seine Tochter schnden lassen, er darf einer Britin nicht den Rechtsschutz verweigern. Das neue Indien! Die spanischen Bekehrungen! Inquisition! Rettet Bhmen! Die deutschen Protestanten sind feige. Wir mssen ihnen zu Hilfe kommen. Der Knig verrt uns. Die Stuarts sind Papisten. Buckingham verrt uns. Es war in den letzten Wochen Knig Jakobs, wo der Prinz Karl stundenlang an seinem Bett sa, aufmerksam zuhrend; die einzige Stimme, die ihm riet, die bald auch nicht mehr sprechen wrde. Knig Jakob sagte: Mit Brechen geht's nicht gegen Habsburg, mit Biegen geht's. La dir sagen: wir knnen vorerst nichts weiter als klug sein. Der Tod drckte gewaltsam seinen Kopf in das Kissen. Zuerst schickte Knig Karl Freiwerber nach Frankreich, dem wildesten Feind des habsburgischen Spaniens, um Henriette Marie zu holen. Auf Schlo Hamptoncourt hielten sie Hochzeit. Bald waren die Schiffe gerstet, die Spaniens Seemacht brechen sollten. Lachend legte Buckingham der junge Knig, hochgezogene starke Augenbrauen, schultertiefes lockiges braunes Haar, kurzer Spitzbart, grauer Hut mit weier Feder, die Hand auf den Mund, als er sprechen wollte: Wir denken nach, dann sprechen wir, dann sprecht Ihr. Buckingham, der schn parfmierte Mann, mit Schleifen behangen, die Brust mit Liebesbriefen gepolstert, der blasierte Volksverchter, erblich tief, dann begriff er, uerte: Die Protestanten mssen zusammenhalten. Bhmen mu gerettet werden. Karls Blick flammte; er mge sich nicht gehen lassen; Spanien sei zu bekmpfen, wte er das nicht? Mte man nicht auch gegen Spanien kmpfen, wenn es protestantisch wre? Wir mssen es, und wenn es unser Leben kostet. Vorsichtig fhlte Buckingham vor: Das Volk will Krieg wegen Bhmen. Das Parlament nennt uns Papisten, weil wir Deutschland im Stich lassen. Die Antwort kam, wie er gewnscht hatte; dem Volk stopft man das Maul, das Parlament findet Platz im Kerker. Die Schiffe stachen in See gegen Spanien. Das Parlament bewilligte die Mittel. Als aber die Notschreie aus Bhmen, aus der Oberpfalz kamen, wurden unter dem Drngen des Volkes Subsidien fr den Festlandskrieg bestimmt. An den rastlosen unbndigen Teufel, den Bastard von Mansfeld gingen sie; er zappelte in Holland, warb Truppen. Er sollte Bhmen retten. Im Westen lagerte Frankreich. Sein Knig Louis der Allerchristlichste, sein Land altglubig. Sie kauten an ihren Neuglubigen, die Hugenotten hieen, rebellisch und stark in Larochelle Stimes Sedan saen. Ein Mann kam auf, Richelieu, Kardinal. Er wurde in den Conseil berufen; den, der ihn hineinberufen hatte, schickte er in die Bastille. Den Vernichtungskampf gegen die rebellischen Hugenotten leitete er ein; inzwischen gab er dem neuglubigen England Gelder, um Spanien zu schwchen. Er gab dem Krppel Mansfeld Geld gegen den Kaiser. Die Schreie der Bhmen, der Vertriebenen, der ngstlichen protestantischen Stnde vernahm er mit Vergngen. Es gab nichts, woraus er nicht Gewinn ziehen konnte; fast htte Richelieu dem Kaiser Geld angeboten, um den Stachel noch tiefer zum Bohren zu bringen. Er hatte wandernde Gesandten, die die Finger in die Wunden Deutschlands und sie zum Eitern bringen muten. Und wie sich der bermchtige katholische Sieger bedrohlich reckte, erstickend ber seine Opfer herfiel, fuhr der Schrecken in die neuglubigen Lnder zwischen Weser und Elbe vor ihrem nahenden Schicksal. Magdeburg und Halberstadt waren leckere Braten, zwei Erzstifte, dreizehn Bistmer und Abteien; der niederschsische Kreis war auf seiner Hut. Und als sie sich einen Kreisobersten whlen muten, fiel ihr Auge auf den, dessen Heeresmacht manche ihrer Stdte genugsam versprt hatten. Der starke Dne sagte nicht nein; die deutschen Hndel behagten ihm. In seinem Reichsrat saen Christian Frieen zu Borreburg als Kanzler, der verwegene Magnus Uhlfeld zu Sielsva als Reichsadmiral, Jakob Uhlfeld zu Uhlfeldsholm, Breida, Rankamen, Stephan Brahn zu Kundstrap; sie gewhrten ihm vier Tonnen Gold zu Rstungen; schrieben nach England und Holland, an Mansfeld. Ihre Werbungen begannen entschlossen auf deutschem Boden. Der lange Halberstdter, Anbeter der pflzischen Elisabeth, rieb seine eingeschlafenen Beine, trabte hinter seinem Freund Mansfeld her. * * * * * Maximilian warnte den Kaiser. Er ri und zottelte mit den Zhnen an seiner Beute. Die Oberpfalz knirschte unter seinen Reformatoren, den Glaubenskommissionen. Seine Kundschafter schwrmten bis nach Ostfriesland. Wien blieb beim Lachen; das Lachen des Kaisers hatte etwas Bses. Nur einige Rte zitterten bei dem Gedanken an Krieg. Wie zahllose mter lagen in den Bezirken ob der Ems, unter der Ems, in der Grafschaft Tirol, im vordersterreichischen Breisgau, im Herzogtum Krnten, Krain, in Schlesien, Bhmen, Mhren: Salzamt in Wien, Dreiig in Preburg, Mauth in Linz, Schlsselamt in Krems, Rentamt in Steyer, Vizedomamt in Linz, Handgrafenamt in Wien. Von allen waren Vorschsse erhoben, von den niedersterreichischen Stnden Darlehen, von den bhmischen Magnaten, von den Juden, Niederlassungsgelder von den Kaufleuten. Hohe Subsidien vom Papst. Aber ein Sieb! Regimenter, Regimenter, Regimenter! Sie waren nicht zu entbehren, und wenn sie zu entbehren waren, waren sie nicht zu entlassen aus Mangel an Sold. Erzherzogliche Deputate, prachtheischendes verschwenderisches kaiserliches Hoflager. Abt Anton und Gurland in maloser Erbitterung ber Bhmen, konfiszierte Gter auf fnf Millionen veranschlagt, nur eine Million darauf aufgenommen, ganze vierhunderttausend Gulden vom Gouverneur Liechtenstein abgeliefert. Unter dem Druck der Kriegsgerchte, nach Wochen stummen Herumrechnens, hilflosen Keuchens vor Folianten, wtenden Beiseitewerfens von Mahnbriefen der Obersten, verzweifelten Vertrstens von Glubigern rechts und links in der festdurchjubelten Burg steckte Gurland seine zittrigen Beinchen in die starken Reiterstiefel eines deutschen Kavaliers; die Sporen schienen nicht aus Silber, sondern Blei; breit und schwerfllig stieg er, pumpte seine Beine durch die dunklen Bogengnge. Grmlich lugte er, von Stockwerk zu Stockwerk schwankend, auf den Boden. Umgestrzte Gamaschen hob er mit jedem Schritt hoch. Auf seinem rauchenden Kopf sa ein niedriger Hut mit ungeheurer hinten herabsinkender Krempe und Federstruen. Ein sehr breites verbrmtes Wehrgehenk hatte er angetan, sein weier Halskragen war schmal wie ein Band und stand nach rckwrts in die Hhe unter die Hutkrempe. Und wie er in die Stube des Oberhofmeisters hineinpolterte, hatte der nur einen Moment Zeit sich ber die abenteuerliche Gestalt des Eindringlings zu wundern, dann strzten schon die giftigen hitzigen Worte ihn an, trieben ihn aus seinem Sessel. Herr Graf von Meggau, schrie der stirnrunzelnde Kavalier ihn an, wofr habt Ihr das goldene Vlie? Wofr seid Ihr zehn Sachen auf einmal, Statthalter von Niedersterreich, Kmmerer, Geheimer Rat und sonst was. Soll ich das mit ansehen, was hier geschieht und den Mund halten wie eine Nonne? Es behagt mir nicht, ich sag's Euch mit einem Wort; Schelmereien stehen mir nicht. Was habt Ihr, Herr Gurland? Leere Sckel, leere Sckel, Herr Geheimrat. Und ist alles kein Geheimnis mehr, Herr Geheimrat, und werde es nicht bei mir behalten. Die Stlle voll, die Herren Jesuiter Stiftungen ber Stiftungen, die niederlndischen Maler malen ein freches Bild nach dem andern, die Jagden, die Stechereien, Bankette: ich sehe die Schelmereien nicht an. Nicht lnger. Dafr die bhmische Mnze ruiniert, da ein paar Stunden noch lustiger und herzhafter einhergehen in Wien. Ihr wit es. Es sind Schelmereien. Der totblasse kleine Meggau hielt sich rckwrts am Sessel fest: Wer will von Schelmereien reden? Der Kaiser wei es nicht. Der Kaiser wei es nicht. Ihr spielt mit mir nicht so. Sonst mu ich, wie ich hier bin, zum Leibdiener laufen, um eine Audienz bitten und reinen Wein einschenken. Er schrie zornstammelnd, strampelnd, da seine Federstrue schlugen: Wo soll das hinaus? Sprecht. Seht mich nicht so an. Ich . . . Der beladene Mann hielt sich an einem Stollenschrnkchen fest; er war schwindlig in seiner Wut. Meggau schob ihm einen Sessel hin. Mit einem Sporen stie der tobende Kavalier gegen die Fe des Sessels: Ich brauche Eure Sessel nicht. Die Miwirtschaft, die verruchte! Scheltet nicht mit mir. Scheltet mit dem Kaiser. Ihr seid allesamt nicht wert, da ihr seinen Namen in den Mund nehmt. Er knnte zehnmal mehr verbrauchen, als er tut, wenn sein Geld nicht in fremde Taschen flsse. Die tausend Diebe Hehler und Abenteurer, das ist eine christliche Welt. Die Pest soll sie alle befallen. Herr Gurland, warum kommt Ihr zu mir? Ihr werdet mit mir gehen, jetzt, nach Prag, das Land beschauen. Wir mssen Geld auftreiben. Versteinert stand der Geheimrat: Ja, das mssen wir. Ja, das mssen wir, hhnte Gurland in praller Wut; ratet lieber wo, wo, wo. Zieht Euch an. Erbittet Urlaub. Der Rat bat: Ich komm schon. Sie fuhren durch die herbstlichen Chausseen, nur sechs Mann Wiener Stadtgarde beritten war ihre Bedeckung. Sie sahen massenhaft Felder, die brachlagen, weil die Ackerer verjagt waren; Gurlands Augen schossen rechts und links. Bevor sie in Prag, einfuhren, flsterte Meggau: Lat Euch nichts merken, die Bhmen brauchen nichts merken. Schallend lachte der andere: Der Herr wei nicht, da ich selbst Bhme bin. Man zog sich vor ihnen wie Schnecken in Gehuse zurck. Meggau wurde erbarmungslos von dem andern vor die verwstete Mnze geschleppt; als ein Rittmeister sie auf den Friedhof zu den Niedergeschossenen und sonst Fsilierten fhren wollte, lehnte der pelzvermummte Rat mde, Gurland bissig ab. Gibt es Zauberer hier? fragte Meggau eines Abends den Gouverneur, bei dem sie zu Gast waren. Vielleicht, lchelte der vieldeutig. Ich mchte, trumte Meggau vor sich, einen Zauberer oder eine Wnschelrute finden, um Geld zu heben in Bhmen. Sie waren fassungslos ber die Schamlosigkeit dessen, was sich ihren Augen bot. Gurland selber wollte Hals ber Kopf abreisen, Meggau, pedantisch, melancholisch, an langsames Minieren gewohnt, hielt zurck. Sie prschten hinter Michna, den Friedlnder, Liechtenstein, Wresowicz. Meggau drohte: Das Geld werden wir langsam wieder aus ihnen herausziehen. Warum langsam? Rasch ist es gesunder fr die Herren; und zwar seht so. Dabei machte Gurland schmerzdurchtobt die Bewegung des Aufhngens. Als die beiden Wiener Herren lrmschlagend in Prag auftraten, wurde auch Liechtenstein kalt und drohend; als sie verlauten lieen, sie wrden eine Untersuchung ber die Prager Affren beantragen, behandelte man sie als Luft. Schweres Ringen am Kaiserhof. Es war klar, da das Geschick Habsburgs bald wieder in den Hnden des Bayern lag, wieder und wieder des Bayern, dem man den Kurfrstenhut hatte geben mssen, und der eines Tages mehr begehren wrde. Man schrie, wehrte sich, drang in den Kaiser. Die unbeugsame Ruhe Ferdinands, der wie ein unverbrennbares Tier seinen schleimigen bunten Leib durch die schwelenden Kohlen zog. Seine grausige Sanftmut; sie wuten, er wollte Rache nehmen an Maximilian, den er den Feinden als ersten opfern wollte, selbst um den Preis, da Habsburg verloren ging. Nachdem er sich einige Zeit umgeblickt hatte, trat ein erschreckendes Wesen, der Frst von Friedland, aus seinem Bau. Er hatte sich aus Abneigung ber die Ohnmacht und Haltlosigkeit seiner bhmischen Sippengenossen, dieser phrasenreichen Haufen, gegen sie gestellt. Gewaltttigkeiten machten ihn frh berchtigt. Dann wurde er katholisch, nahm ein krankes reiches Weib zur Frau, die ihm wegstarb und freie Hand gegen seine Umgebung lie. Die mhrischen Stnde waren so tricht, ihm im Kampf gegen den Kaiser seine Regimenter zu belassen; er verriet sie, suchte seine Truppen zum Kaiser berzufhren: wollte sich des mhrischen Landtags in Olmtz bemchtigen, desselben, der ihm die Regimenter gegeben hatte. Nur mit dem Rest eines Fhnleins, acht Munitionswagen, Regimentsfahnen und sechsundneunzigtausend Mark der Kasse schlug er sich, selber verraten, nach Wien durch, sa eitel am Tisch des Kaisers; der lie ihn angewidert heimlich abschieben, warf das Geld den Stnden nach. Abscheu und Gelchter, wo sich der von Wallenstein sehen lie. Vor der Prager Schlacht war die Hoffnung der jungen Bhmen ein kniglich stolzer reichbegnadeter Mann gewesen, ein Hans Georg von Wartenberg, der nicht dreiig Jahr alt war. Als Kriegskommissar bereiste er beim Anrcken der Katholischen zwei Landkreise, nachdem er sich aus dem schwelgerischen Treiben der englischen Elisabeth auf dem Prager Schlosse gelst hatte. Wie die Schlacht verloren war, pltzlich, ehe er noch seine Ausgehobenen dem Heer zugefhrt hatte, umringten ihn im Standquartier die befreundeten Mnner und Frauen aus der Nachbarschaft zusammenstrmend; aller Gedanke war nur an ihren Abgott. Sie flehten ihn an, zugleich wie Mtter und wie Kinder, zu fliehen. Wenn alles verloren ginge, er solle bleiben; gefangen war, woran sie sich halten konnten; er mchte leben, fliehen. Leidend fgte er sich, empfand als Krnkung, da man gerade ihn fortschickte, konnte nicht verstehen, wie gerade diese Frauenstimmen so in ihn drangen, war halb verzweifelt, da sie letzten Endes auch Verrterinnen an der groen Sache seien. Er war gewohnt nachzugeben. Ritt nach Sachsen. Kaum einen Monat hielt es ihn, da verschwand er aus Dresden; heimlich gelangte er ber die Grenze, als er schon von den Landleuten entdeckt war. Aus den Nachbarstdten berholten ihn Sendboten, erzhlten vergraust von den Prager Vorgngen; er fluchte, schlug um sich, als sie baten, er mchte umkehren. Aber Liechtenstein in Prag war khler als die Sldner und die Gerichte; ein Fhnlein Musketiere nahm den todesgemuten brllenden Wartenberg mit seinem Anhang schon zwischen Saaz und Radonitz fest, fhrte ihn samt den zwanzig toll sich gebrdenden jungen Edelleuten, die ihn verteidigen wollten, ruhig und ohne Aufsehen aus dem Land heraus. Und dann sahen die Bhmen zu ihrem Vernichtungsschmerz, da man ihm, der bisher verschont war, den Proze machte als flchtigem Rebell, obgleich er unter die erlassene Amnestie fiel. Er war Besitzer von Rohrzak, Neuschlo, Bhmisch-Leipa; hinter allem steckte Wallenstein; Wallenstein brauchte die Gter zur Abrundung eines eben erstandenen Areals. Mit Ingrimm verfolgte das Land die Angelegenheit. Die Gter wurden ihm abgesprochen. Der geschlagene verbannte Mann lebte, monatelang von Stadt zu Stadt irrend, von den Zuwendungen seiner Sippe. Die pfalzgrfliche Prinzessin Sabine hing sich an ihn; als sie heirateten, schwur sie weinend, ihm zu seinem Recht zu verhelfen. Die Frsprache des schsischen Kurfrsten, reich begrndete Eingaben an die rmische Majestt fruchteten nichts. Die Hofkammer lie es bewenden bei dem Urteil Liechtensteins; das anfngliche Gnadengehalt, das man der lieblichen Sabine gewhrt hatte, wurde ihr entzogen wegen der unerschwinglichen Kriegsauslagen. Zum Schlu bedeutete man ihm, die Gter seien nicht sein Eigentum; er verwalte sie nur als Sequester von seinem Oheim. Sie whlten sich arm beschmt hilflos in eine kleine Reichsstadt ein. Als wenn ihn der Schwung der Ereignisse verjngte, heiratete der Friedlnder nach den Mnzunruhen eine Tochter des Grafen Harrach, des kaiserlichen Lieblings, der neben ihm Gter gesammelt hatte und dem die Herrschaft Bruck an der Leitha, die Grafschaft Ungarisch-Altenburg zugefallen war, begann ein glnzendes Treiben zu Prag, er, Oberst und Gubernator im Knigreich Bhmen. Unfabar wie ein Aal war er geworden. Der Umfang seiner Geschfte, an denen sich die halbe Prager Judenschaft, groe auswrtige Bankhuser beteiligten, bertraf alles Bekannte. Man sah ihn hager, im roten Purpurmantel, darunter der einfache braune Lederkoller, tglich durch die Straen der Altstadt reiten, von seinen Offizieren gefolgt. Mit ihnen pokulierte er, seine Gicht nicht achtend, in ihren Husern, bramarbasierte, spekulierte. Die frechen Beutezge, die Kriegsdrohungen des Mansfeld, der im Haag sa, waren das tgliche Gesprchsthema. Die Kriegsoffiziere drngten fort, wollten nicht versauern. Tglich schrien sie: Der Mansfeld, der Mansfeld! Sie hingen an ihrem Oberst, der sie mit reichem Geld berschttete: Sind wir nicht ppig genug? Mssen wir zurckstehen? Der Mansfeld rstet wieder! Lrmten tglich mehr, wollten ins Reich hinaus; bestrmten den Friedlnder, der mit seinen listigen lautlosen Augen sa und nichts vernehmen lie. Ganz unvermutet erschien in Mnchen in der Residenz eine sonderbare kostbar gekleidete Deputation, von livrierter Dienerschaft gefolgt, geschickt wie sie sagte von einem mhrischen Edelmann, der sich anheischig machte, dem Kurfrsten in den kommenden Kriegsnten beizustehen mit einer groen Zahl Regimenter, wenn ihm, bei Treuschwur gegen den Kurfrsten, gewisse Selbstndigkeit ber seine Regimenter belassen wrde. Warum, kam als Antwort zurck, stellt sich der anonyme Herr nicht auf seine eigenen Beine? Will er ein Knigreich grnden, kann er's besser ohne uns. Das machte kein bses Blut in Prag. Ein kluger weltkundiger Herr, der Bayer, schwadronierte der Frst: hat er doch recht! Fing es auf andere Weise an; brachte die ihm unterstellten und von ihm ausgehaltenen Regimenter auf Kriegsstrke und hher, dann holte er seine Kriegsoffiziere zusammen, lieh ihnen Geld, hie sie sich um Patente bewerben, die Regimenter hielt er wieder aus. Bald waren mit ihm versippt und verbrdert die meisten Obersten in Bhmen und Mhren. Whrenddessen war noch nicht verlautet, was er vorhatte; und unvermindert, ja heftiger trat das Drngen der Offiziere hervor, auf den Feind, der sich zusammenballte, loszuschlagen, fortzuhuschen aus dem verruchten kahlgefressenen Bhmerland. Raufbolde, italienische spanische Kavaliere, dreiste Spieler, Waghlse Trinker Duellanten um ihn, der stundenlang den Wrfelbecher nicht aus der Hand gab, Rapiere vor Wut zerbrach, wenn er verlor, aus dem eisigen Berechnen, Belauern nicht herauskam. So gro war sein Anhang zwischen Elbe und Moldau, da er jedem, der ihm widerstrebte, htte den Garaus machen knnen, und weithin ruchbar, nicht verschwiegen wie das Mnzkonsortium, war, wer in seinem Gefolge stand. Demonstrierend lud er seine Herren zu sich ein, und es fehlte keiner von den Machthabern des Landes. Die kaiserlichen Verwalter kamen hinzu mit der Pflicht, an diesem Tisch zu reprsentieren, um nicht ganz zu verschwinden. Er fing an in aufsehenerregender Weise mit seinem Geld umzugehen. In seiner Stadt Gitschin setzte er ein Gymnasium hin, dazu in Krze ein Alumnat, ein Armenhaus, Hospitler, ein Kolleg fr vierzig Jesuitenvter. Lie verbreiten, da er vorhabe aus Gitschin eine bischfliche Residenz mit Kathedralkirche zu machen. Vom Wiener Hof hatte er erlangt, da sein Frstentum Friedland einen besonderen Appellationsgerichtshof erhielt; nahm in dem Land eine Reform von Verwaltung und Rechtspflege vor. Prunkend baute ihm Meister Andreas Spezza ein Haus am Fu der Prager Knigsburg auf dem Hradschin, wozu er sieben Huser des Klosters Sankt Thomas und zwanzig Lagerhuser niederri. Man erzhlte, da er sich als Sonnengott oder rmischen Imperator malen lie. Wie Wallenstein unbeschftigt im Lande seine Hnde rhrte, trge wartend, umspielt von seinen Offizieren, belauert von den reichen Mnnern und Machthabern des Landes, nherte sich ihm die schwermtige weiche Figur Wilhelms von Slawata, seines Vetters. Dieser Mann, von Verachtung ber sein Land geschttelt, hatte Wallenstein zum Henker Bhmens erkoren, und wollte ihn bewegen, in zwei drei Jahren niederzustrecken, was gegen den Kaiser noch Widerspenstiges in Bhmen lebte. Dieser Mann aus edlem altbhmischen Geschlecht war zum kaiserlichen Beamten geworden, ohne einen Finger danach bewegt zu haben. Von der Universitt und der Kavaliertour durch Oberitalien zurckkehrend wurde er Landschaftsoffizier, Vertrauensmann der Martinitz und anderer, die den Abfallbewegungen des Landes die Spitze boten. Slawata hielt zu ihnen, weil er den Tumult verabscheute. Neben ihnen ging er mit langen Schritten, schweigsam, ein schwermtiges dunkelgetontes Gesicht, starke braune Brauen, unter denen weite blaue Augen lagen, deren kalter Ausdruck gut stimmte zu dem breiten Mund mit den eingekniffenen Ecken. Immer standen senkrecht ber der Nasenwurzel zwei tiefe Falten; die Stirn zog sich zu ihnen zusammen, sie verfinsterten das Gesicht und lieen nicht den Blick zu auf die schne Schwingung der Kieferlinie und das Grbchen am Kinn. Er trug auf dem schultersinkenden dunkelblonden Haar ein schwarzes niedriges Samtbarett. Den fleischigen Hals trug er blo; er bog leicht den Kopf wie lauschend nach vorn und nach links, whrend er das linke Auge halb zufallen lie, das sich in der Spalte zitternd hin und her bewegte. Seine rechte beringte Hand, viel weier als das Gesicht, hielt sich an dem Besatz des violetten schweren Mantels fest, dessen breiter kostbarer Hermelin seine weichen, teilnahmslos abfallenden Schultern berzog. Er war mit Wallenstein eins gewesen in den Angriffen auf das rebellische bhmische Volk; aber der Frst schenkte dem Volk nicht die geringste Aufmerksamkeit, auch der Verachtung nicht. Slavata, sein Vetter im dritten Grad, verlangte havolles Einschreiten, Knebelung. Er liebte keine Frau und kein Kind, hate nur Bhmen, weil ihn Rebellion anwiderte und die Rebellion ihn, als er sich gegen sie stellte, mit ihren schmutzigen Hnden angefat hatte. Der Anblick der elf vermoderten Kpfe auf dem Brckenturm gab ihm nur geringe Genugtuung. Mit Freuden hatte er das Mnzkonsortium am Werk gesehen, tief beglckte ihn der Zusammenbruch des Knigreichs. Es mute noch mehr geschehen, noch mehr. Um zu erfahren, was der Frst triebe, besoldete er friedlndische Kammerdiener; die belanglosen Sachen, die sie ihm berbrachten, regten ihn tief auf. Er suchte den Frsten in der Meierei Bubna bei Prag auf, konnte sein Herz nicht zurckhalten. Der Edle fiel den andern, der schlfrig schien, an, wie ein Ringer einen gelten Menschen, an dem er zu Boden strzt. Ein kurzes Gesprch bebte zwischen ihnen. Wallenstein, mit ihm zwischen den Ulmen spazierend, mit dem Stock in dem hohen Herbstlaub whlend, dankte apathisch; er mae sich nicht an, die kaiserliche Politik zu forcieren. Aber sie htten gemeinsam dafr gekmpft und es hiee nur, den Kampf vollenden. O, blickte ihn spttisch mitleidig der Frst an, was haben Euch die rmsten Bhmen getan. Er lachte krftig. Schneidet Euch ein Stck Speck aus dem Schwein, dann lat es laufen! Mit Schmerz gab der Graf nach einiger berwindung zurck, der Frst wte, da Bhmen ihre Heimat sei, und da man sie reinigen msse von dem Gesindel, das sie besudele. Ich bin nicht besorgt, vielleicht wendet sich der Herr an den Kaiser selber. Wir treiben nur unser kleines Geschft, so tagaus, tagein. Krftig klopfte ihm Wallenstein auf den Arm, lud ihn ein, seine Gitschiner Lndereien zu besichtigen. Der Herr Vetter trgt ja viel nach, scherzte er unterwegs, in dieser Weise wird er nichts vor sich bringen. Die furchtbare organisierte Macht des Mannes in Regimentern Stdten Lndereien. Slavata mute sie sehen, das Schwert eines hirnlosen Riesen. Bitter und falsch verabschiedete er sich in Gitschin vom Frsten, der aus dem Befehlen Lrmen Hetzen nicht herauskam: er wolle zurck nach Prag, er she, da er nichts vor sich gebracht habe. Sei er mein Freund! schrie der Friedlnder hinter ihm her, der in schwelender Emprung noch in Gitschin den brillantenbesetzten Trkensbel Wallensteins ber eine Brcke ins Wasser warf, sich aus dem Wagen beugend, die Hnde am Wams abreibend. Slavata war es, der bei einem gelegentlichen Fest versuchend dem Frsten, als wenn es nichts wre, als wenn es ihm gelegentlich so einfiele, den Gedanken hinwarf: der Kaiser brauche Hilfe auerhalb Bhmens; wer reich genug sei, fnde einen guten Augenblick; wie es wre: Parteignger des Kaisers zu werden? Wie der Halberstdter, der Bastard Mansfeld? Es knnte ein ruhmreiches glnzendes Unternehmen werden. Es war ein ungeheurer Gedanke, der ein paar Minuten ungesprochen zwischen ihnen schwebte; sie standen sich zwischen vielen Gsten vor Friedlands Fasanerie gegenber. Das heisere Lachen des Frsten darauf war unecht. Wie sich Slavata einen Augenblick umsah, merkte auch der Frst, da sich der Vetter vor ihm frchtete, da der Vetter frchtete von ihm niedergestoen zu werden, und da er tatschlich diese Absicht eben gehabt hatte. Niederstoen, weil dieser Slavata etwas gegen ihn plante. Eben erst sah er es. Das flimmerte wei und rot durch ihn, und dann hatte sich der schne Slavata, kopfsenkend mit bsem Blick, sehr rasch unter die brigen gedrngt. Es roch hinter ihm nach Parfm. Der Augenblick war verpat. Erstaunt berlegte Wallenstein, wie man diesen Mann rechtzeitig beseitigte, der sinnlos etwas gegen ihn vor hatte. Der andere, seine Furcht bezwingend, war durch den Garten, das Haus gelaufen; es war erwiesen: der Frst wollte zum Kaiser; das Tier wollte weiter raffen scharren schlucken gewinnen; es war ein Tier. In heftiger Traurigkeit sank er auf das Polster seiner Snfte. Er hatte dem Frsten sein Geheimnis entrissen; wie ein Hund mit dem Knochen lief er davon. In unfabarer Weise reizte es ihn, whlte ihn mit Schlamm auf. Im selben Augenblick wie Friedland wute er von seinem Ha. * * * * * Zurckgeworfen nach Wien konnte Gurland, der sich schwer erholte, der bedrckte einsilbige Meggau nur auf Liechtenstein und Michna, die nicht hoch gewertet wurden, und auf den Friedlnder hinweisen. Bei seinem Namen hob selbst Eggenberg, der zu dem bhmischen Unwesen geschwiegen hatte, abwehrend die Hnde: Sie haben ihn den Unmenschen zu Altorf auf der Universitt geheien. Welcher Praktiken sich der Oberst bedient, wissen die Herren. Eggenberg lie sich zu der Frage hinreien, ob die bhmische Fulnis ber alle Erblande verbreitet werden solle. Man werde einmal aufdecken mssen, wie die Herren vorgegangen seien und was sie an dem Kaiser gesndigt htten, wenn sie auch titelgesegnet seien. Und Meggau stimmte traurig bei, es sei schmhlich, ja scheulich, diese Herren anzugehen. Ungeduldig drngte der Abt, der beim Kopfschtteln blieb: Gebt Rat, gebt Rat. Verbissen stand der sanfte Frst Eggenberg auf; so wolle er lieber bei der Stadt Venedig betteln als bei dem von Wallenstein. Wer wandert nach Venedig? lchelte der Abt mit unbeirrtem Ernst. Juda wird Germanien heien und nicht anders, wanderte der Frst im Saal. Abt Anton zuckte die Achseln. Meggau sagte mitfhlend: Er ist Euer Verwandter, Frst Eggenberg, vielleicht haltet Ihr ihn im Zaume. Er ist ein Bsewicht, in Bhmen hartgesotten, ich sage es den Herren und sie werden einmal daran gedenken; und wir legen uns alle in seine harten Hnde. Er ist Katholik, aber nur er wei, zu welchem Ende er zu dem wahren Glauben bergetreten ist. Er hat den Satan in sich, Ehrwrden; ich meine es beinahe nicht figrlich. Darum ist er wtend vor Tapferkeit, darum wirft er sein Geld hinaus, weil es doch wieder zu ihm zurckluft. Darum ist er ohne Erbarmen, eine Furcht fr alle, die ihn kennen. Ihr seid sein Verwandter. Ach Ehrwrden, zu seiner Gromutter ist auch der Gottseibeiuns zahm und liebenswrdig. Ich bin nicht stolz auf ihn. Ich hr' es, Frst Eggenberg. Wie will aber Eure frstliche Gnaden das erzherzogliche Haus erhalten, die Armee sttzen und vergrern. Wir verhoffen doch, Eures Satans Herr werden zu knnen. Der Frst lachte bitter: Ihr! Als Wallenstein sondiert wurde, geschah das, was in der Tat nur Eggenberg vermutet hatte: er gab eine geradezu abenteuerliche Summe an, die er in Krze dem Kaiser vorstrecken wrde. Es zeigte sich, da ihm das Geld nichts bedeutete, und da er dem Kaiser mit aller Habe ergeben war. Der Oberst lie sich nicht beirren durch das zaghafte Verhalten seiner ehemaligen Konsorten. Es erwies sich bei dieser Gelegenheit fr die Herren seines Verkehrs zum erstenmal schneidend, da er offenbar fr ihre Existenz kein Gefhl hatte und ihre Ermahnungen gar nicht in Betracht zog. Ihnen grauste davor, da er sich so exponierte; sie frchteten alle wieder fr sich selbst. Michna warf sich hndisch an ihn heran. Ihm imponierte die unverstndliche Art, mit der Wallenstein den von Wartenberg behandelt hatte, diese Hrte, die sich htte vermeiden lassen; Wartenberg war Volksgenosse des Frsten, hatte nichts rechtlich verschuldet, man htte mit ihm ber die Grundstcke verhandeln knnen. Der Oberst war reich genug, statt dessen zog er nur die Folgerungen aus der Situation. Michna, der neugierig den Gang dieses Prozesses verfolgte, fand den Oberst verblfft ber die Frage, warum er den von Wartenberg nicht schone oder glimpflich behandele. Ja, warum? Warum sollte er das? Sei er denn ein Kind oder ein Dummkopf? Was mchte wohl einer von ihm denken: er sei im Vorteil und liee ihn aus den Hnden? Sein Volksgenosse, gewissermaen sein Verwandter? Michna sollte sich nicht lcherlich machen, sie seien von Adam und Eva her allesamt verwandt. Und Michna fiel in das schallende Lachen des Soldaten ein, freute sich ber dessen festes Auge und das folgende Gesptt ber das Prinzechen Sabine. Verngstigt lief Michna zu seinem Todfeind, dem Judenprimas Bassewi; aber sonderbarerweise wute auch der nichts von den Einzelheiten. Bassewi war offenbar ebenso beunruhigt ber Wallensteins Vorhaben wie sein Gast; sie suchten sich gegenseitig auszuhorchen, trauten sich zum erstenmal. Michna schttete dem Juden sein Herz aus: ob der Oberst etwas gegen ihn plane. In dem alten Juden, der an Wallenstein hing, regte sich eine Spur Mitrauen, das er auch gegen seinen besten Klienten nicht los wurde, weil er ein Christ war. Wie plante Wallenstein jene ungeheuerliche Summe flssig zu machen, von der er zu den Wiener Vertretern gesprochen hatte. Wen hatte er im Hintergrund. Neue Rebellenopfer gab es nicht mehr. Vielleicht die Judenschaft, deren Geldverhltnisse er gut kannte, vielleicht pltzlich Front gegen seine ehemaligen Konsorten, Liechtenstein oder diesen Michna. Man konnte nicht wissen, wessen man sich von ihm zu versehen hatte. Michna spionierte; er stellte fest, da Wallensteins Agenten drauen im Reich herumreisten, zu erkunden suchten, wie gro die feindlichen Heere seien, wo die Musterpltze, wieviel Sold man bot. Es konnte alles nur bramarbasierendes Geschwtz des Obersten gewesen sein, den es im brigen nach Kriegsehren gelstete. Zum zweitenmal fuhr Graf Meggau, der Obersthofmeister, nach Prag, das Terrain zu sondieren. Wallenstein tat, als erinnerte er sich seines Vorschlags gar nicht, schien zurckziehen zu wollen, kam unversehens damit heraus: welche Sicherheit ihm vom Kaiser geboten wrde. Meggau war berrascht; das war sonst nicht die Art des Frsten. Im brigen zeigte es sich, da Wallenstein kein Interesse etwa an der Verpfndung eines Landstcks hatte; er erklrte, die Regierung und planmige Bewirtschaftung seines Areals genge ihm vllig. So war die Situation vllig unklar. Meggau, im dunklen Gefhl, hier noch nicht zu Ende zu sein, reiste nicht ab. Der Frst erklrte, prfend den wchsernen eleganten Grafen betrachtend, eines Morgens, er werde fr den Kaiser fnf sechs Regimenter anwerben, sie installieren und ein Jahr aushalten. Bassewi, Michna fuhren zu dem Frsten, boten sich ihm an; der Kaiser sei wieder in Not. Friedland schien bellaunig; dann erklrte er hflich undurchdringlich, er werde dem Kaiser als Soldat dienen; wenn es sein sollte, wrde er drei Regimenter aufstellen und unterhalten. Bassewi schttelte den Kopf; wie man sich in Menschen tuschen knne; Michna kam aus der Flauheit nicht heraus. Es waren kaum zwei Tage vorbei, da Meggau strahlend bei de Witte eintrat, der mit Michna und Bassewi ber eine Transaktion zugunsten des Kaisers verhandelte und ihnen, stehend, die Arme verschrnkend, die abenteuerliche Mitteilung machte: Wallenstein habe ihm formell, erst schriftlich, darauf mndlich den Vorschlag gemacht, er werde dem Kaiser eine ganze Armee aufstellen. Eine ganze Armee. Der plumpe Michna fate sich zuerst; wenn Wallenstein dies gesagt htte, ob es nicht Abend gewesen sei bei einem Gelage, oder ob er nicht vorher seinen Wutanfall gehabt hatte. Dann sei alles denkbar. Meggau, rosig angeglhte Backen, bat um Wein, wiederholte, da Wallenstein sich in Ruhe mit ihm auseinandergesetzt hatte, so wie sie jetzt; da er zahlreiche Plne und Berechnungen vor sich gehabt hatte, da er ihn durch seinen Kanzler Elz habe zu sich einladen lassen; nheres wolle der Frst erst spter von sich geben. Die drei Herren in der Gaststube sahen sich an, suchten in ihren Augen: Woher hat er das Geld? In diesem Augenblick hatten sie alle drei Furcht und waren bereit, sich gegen Wallenstein zusammenzuschlieen. Bassewi sagte vorsichtig: Eine Armee ist keine Kleinigkeit; mit einer Armee kann man viel Unglck anrichten. Wer Soldaten hat, hat die Macht. De Witte, mit den Fingern spielend, beruhigte sich: Wallenstein ist treu gegen seine Geschftsfreunde. Er ist der zuverlssigste, klgste Herr, der mit mir gearbeitet hat. Ist er, lachte herausfordernd Michna; aber er war auch einmal gegen Smirsitzky, sein Mndel, untreu. Das alte Lied, schttelte de Witte den Kopf. Michna bekam grelle Blicke, schrie: Herr Graf Meggau, Ihr vertraut dem Obersten Wallenstein so blind. Hat er Euch verraten, woher er das Geld nehmen will, um den Kaiser zu bezahlen, um ein Heer auf den Fu zu stellen. Rechnet Euch aus: was kostet eine Kompagnie, Anrittgeld, Laufgeld, Equipierung, Proviant, ein Regiment, Berittene, fnftausend Mann mit Bagage, Artillerie, Brckenzeug, zehntausend Mann, zwanzigtausend. Dann Werber, Werberlhne, Beamte, Zahlmeister, woher nimmt er das Geld? Ich hab' ihn nicht gefragt, schluckte der Graf augenschlieend an seinem Sektbecher, dies alles ist eben seine Sache. Die Rmische Majestt wird auch nicht danach fragen. Uns liegt daran, da er sein Wort hlt. Bassewi: Hat er sein Wort gegeben? Es schien mir so. Er sagte, es wrde an ihm nicht liegen, wenn aus dem Plan nichts wrde. Bassewi hob den Finger zu den beiden andern: Er hat's versprochen. Wtend kippte der Serbe seinen Schemel: Das ist es. Er verspricht, und niemand fragt, wie er's halten wird. Er kann es nicht halten, ich sag' es, er kann es nicht halten. Es ist ber die Mglichkeit. Herr Michna, flsterte bedenklich Bassewi, er hat es versprochen. Der Friedlnder redet nicht in den Wind. Wenn er es gesagt hat, hat er es gesagt. Michna brllte: Und er verspricht es und wir mssen es halten. Die Majestt fragt nicht, woher er es hat. Warum spricht er nicht mit uns? Ich war tglich bei ihm. Keine Silbe hat er erwhnt. Ist das geschftliche Treue, Bassewi? Ich will wissen, von wo er bezahlen wird. Wei man von solchen Herren, wenn sie im Vorteil sind, hielt ergeben Bassewi hin, was sie mit einem vorhaben. Kann man doch nichts weiter tun, als sich gut mit ihnen stellen. Nicht aus meiner Tasche, schumte der Serbe. Ihr hrt es, Graf Meggau: bleibt es dabei, was der Friedlnder versprochen hat, stellt er eine Armee auf, so ist am gleichen Tage mein ganzer Besitz, fahrend und liegend, Eigentum des Kaisers, der Hofkammer, mit der ich verhandeln werde, was ich fr Ergtzlichkeit erwarte. Hrt Ihr. Gewi, lchelte Meggau, wir wuten immer, da Ihr dem Hause Habsburg zugetan seid. Michna flammte: Er soll nicht sagen, er habe fr den Kaiser gearbeitet und wir fr uns. Ihr habt es gehrt, Graf Meggau. Es bleibt, wie ich gesagt habe, und diese Herren sind Zeugen, da ich nichts besitze von dem Augenblick an. Ich hab' es gehrt und wir sprechen spter davon. Es ist geschehen, ich nehme nichts zurck. Erschpft plumpste der Serbe auf einen Schemel, sah wirr und drohend die Herren an, mit Genugtuung schlug er sich auf die Brust, sthnte: So. De Witte klopfte ihm auf die Schulter: Habt keine Furcht; er nimmt Euch nichts, der Friedlnder. Der Serbe atmete ruhiger: Nun kann er kommen. Den Juden berhrte de Witte am Kinn: Was werdet Ihr tun, Bassewi? Wallenstein ist ein kluger Mann, habt Ihr selbst gesagt. Er wird nicht den Krug zerschlagen, aus dem er oft getrunken hat. Er wird wissen, man hat noch fter Durst. De Witte sann nach: Ich mchte Euch bitten, Graf Meggau, bevor Ihr etwas Bindendes eingeht mit dem Friedlnder, wollet Euch mit uns verstndigen. Vielleicht knnen wir Euch nicht weniger leisten; bitter wird es uns angehen; aber wir mchten nicht zurckstehen, wenn das kaiserliche Haus bedroht ist. * * * * * Die beiden Unterhndler, Meggau und Harrach, erschienen in Wallensteins Palast; in seinem prchtigen Palmengarten spazierend, hatten sie mit dem Mann eine kurze Unterredung. Wallenstein fragte, ob der Frst, dem zur Aufstellung des Heeres Gelder mangelten, der Kaiser und Rmische Majestt sei. So wolle er den Grafen Harrach, seinen Oheim, fragen weiterhin, ob der drohende Krieg im Namen des Kaisers gefhrt werden solle, vom Kaiser als Kaiser oder wie sonst. So mchte ich, schwang Wallenstein sein spanisches Rohr, wissen, woher der Kaiser die Mittel fr diesen Krieg nimmt. Nach der Aufstellung der Armee. In welcher Weise gedenkt er die Eintreibung des Kriegsbedarfs zu regeln? Meggau erklrte unruhig, der Herr irre sich; er kenne vielleicht die Stnde des deutschen Reiches nicht. Sie werden keine Steuern zahlen zur Erhaltung des Heeres. Graf Meggau miversteht mich. Ich sprach nicht von den Stnden. Die Armee wird vorerst von mir aufgestellt und alsdann von den Reichslanden ernhrt, da sie eine kaiserliche Armee ist. Die Lnder, wir schweigen von der Rechtslage, werden nicht zahlen. Wallenstein trat erstaunt zur Seite: Ja, woher wei das der Herr? Wei der Herr es anders? Ich bin Soldat. Ein Dorf, ein Markt, ein Bauernhof zahlt sofort, wenn ein Fhnlein erscheint; eine Stadt, ein Kreis, ein ganzes Land zahlt, wenn das Heer ausreichend gro ist. Fragt die Obersten Kolloredo, Braunau. Fragt Bhmen. Fragt die Oberpfalz, die Rheinpfalz. Wre Euer Liebden ein anderer, wrde ich glauben, Ihr habt nicht gut einige Tatsachen im Kopf. Bhmen war ein besiegtes Land, die Pfalz ist erobert. Der Kaiser fhrt nicht Krieg mit dem deutschen Reich. Was meint der Herr damit? Da Euer Liebden nicht glauben mssen, das deutsche Reich sei Bhmen und der Kaiser htte Befugnis mit Reichslanden, friedlichen, ebenso umzuspringen wie mit diesem. Die Wut in Wallenstein. Sein gelbes Gesicht vibrierte. Er warf den Degen auf eine Kredenz, die mit Bechern und Kannen im Grnen stand: Wollen die Herren etwas von mir, oder ich von Ihnen? Wagt der Graf Meggau mich zu kujonieren? Graf Harrach beruhigte den schwer erschreckten anderen, der ratlos stehenblieb. Trinkt, Herren. Wallenstein drngte ihnen Weinbecher auf. Mit starren Blicken auf Meggau hielt Wallenstein das silberne Gef, schluckte langsam, prete die Flssigkeit, als ginge sie nicht durch den versperrten Schlund. Wollt Ihr nicht auch trinken? Graf Meggau. Ich danke Euch, ich bin nicht durstig. Harrach flsterte dem andern zu: Nehmt Euch in acht. Sie saen auf einer Bank. Statt zu sprechen, erhob sich Wallenstein, packte seinen Degen, bat um kurzen Urlaub, ging ab, den Degen frei in der Hand schwingend. Harrach atmete tief: Dies ist das Beste. Es htte kein gutes Ende genommen. Er will sich beruhigen. * * * * * Tagelang hrten sie von Wallenstein nichts. Wallenstein hatte seinen tollen Zustand, den sie den Schiefer nannten; die Gicht war ihm in den Kopf gestiegen, seine Augen geschwollen, tiefrot, das Gesicht tiefbla. Er sa, lag brtend herum; auf Pantoffeln mute man gehen. Brllte, sobald sich ihm einer nherte in Sporen oder mit Hunden; in furchtbarer Gereiztheit schleuderte er Becher, Glser, fiel Unbedachte mit Peitsche und Degen an. Zwanzig Jger lagen bei solchem Zustand im Keller seines Palastes, in den anliegenden Straen; erschlugen auf seinen Befehl jeden Hund, der in der Nhe bellte, wrgten krhende Hhne; ringsum die Straen voll Stroh. Sein Arzt war bei ihm zu Aderla Dampfbdern. Zum Erstaunen des freundlichen gebrechlichen Harrachs war Wallenstein, als er sich wieder blicken lie, noch zornig: Machen die Herren mir nicht den Vorwurf, da ich dem Kaiser schlecht dienen wolle. Ich habe es bewiesen gegen Venedig; fragt meine Feinde, die verrterischen Bhmen. Er redete mit krnklichem Gesicht, weiten Augen ber den blanken Tisch in dem tnenden Hauptsaal seines Palastes; die Bilder von Csar, Alexander dem Groen, Hannibal waren berlebensgro an den Wnden auf Holzplatten aufgestellt; an einer Querwand sah man in sanften Farben die Geschichte Josephs in gypten. Der greise Harrach, seine zitternde Hand berhrend, sprach seine Freude aus, ihn gesund zu sehen; sie wollten noch einmal hren, welche Gedanken er, der alte Praktiker, ber die Armee zu entwickeln habe. Nach einigem Schweigen, in dem er sich offenbar bezwang, stie Wallenstein, der den langen zuckenden Arm auf dem Tisch liegen lie, heiser hervor: Das Wichtigste ist zweierlei: der Kaiser braucht ein Heer, die Stnde wollen es ihm nicht aufstellen. Dann: das Reich ist bedroht, dem Kaiser liegt der Schutz ob. Der Kaiser hat die Aufgabe und das Recht, die Reichsverteidigung in die Wege zu leiten; er stellt das Heer auf. Graf Meggau bat innezuhalten; er blickte lange und intensiv den Obersten an: Dies also ist die Rechtslage. Dann: Sie ist Eure berzeugung, Herr Oberst? Ja. Der Kaiser stellt fr das Reich das Heer auf. Danach, brachte Wallenstein widerstandslos und als ob er jeden Widerstand breche aus sich heraus, fhrt der Kaiser niemals gegen das Reich Krieg, wenn er in Deutschland das Heer hinstellt, wo er will, und verpflegen heit. Nun zog der Frst seinen Arm zurck und schien nicht mehr zuhren zu wollen. Das ist ein Weiteres. Habt Geduld mit mir, Herr Oberst. Zunchst sah ich, was ich schon wute, da Ihr gut kaiserlich gesinnt seid. Ihr erbietet Euch, sofern die Rmische Majestt zustimmt, in ihrem Namen Truppen aufzustellen. Hiergegen knnte von niemandem Widerspruch erhoben werden; jeder Frst stellt Truppen auf. Da das Reich diese Truppen zu erhalten hat, ist problematisch: dies werden die Stnde bestreiten. Ihr meint, sie tten Unrecht daran. Sie tten besser daran, es nicht zu bestreiten und sich vom Kaiser ber ihre Pflichten gegen ihn belehren zu lassen. Graf Meggau, wir haben vor allem die Macht, den kaiserlichen Standpunkt zu vertreten. Sie aber nicht ihren. Harrach lchelte ihn an: Wir wollen es nicht gleich auf einen Krieg mit den Stnden ankommen lassen. Wallenstein lachte mit: Eben. Dies wird ihnen schwer werden. Wir machen es ihnen leicht: wir sind gleich erdrckend da. Widerstand ist aussichtslos, Paktieren, Jasagen die einzige Mglichkeit. Graf Meggau hatte sein Gesicht in strkster Spannung zusammengerissen: Also Ihr setzt ein Heer hin, ein groes, erdrckendes; das Reich unterhlt es. Der Kaiser ist auer dem Spiel. Wallenstein einfach: Hat der Herr Furcht, da wir den Kaiser beseitigen? Das Heer ist des Kaisers; darum nur wird es vom Reich unterhalten werden. Und der Feldherr? Wird vom Kaiser nach Willkr ernannt. Und Ihr? Ich setze dem Kaiser das Heer hin und werde ihm wie bisher dienen. Wie gedenkt sich Euer Liebden schadlos zu halten? Ich strecke dem Kaiser nicht zum erstenmal einen Betrag vor. Der Kaiser wird rasch in der Lage sein, wenn er ein groes Heer in Deutschland hat, mir meine Auslagen zu ersetzen. Die Spannung blieb unverndert in Meggaus blutlosem scharfem Gesicht: Sprecht deutlich zu mir, damit ich klar in Wien melden kann: Was fordert Ihr, welche Erkenntlichkeit vom Kaiser als Gegenleistung? Behaglich, wie die Katze im Spiel mit der Maus, knurrte, sich ber die Tischplatte bckend, von Wallenstein und lachte: Ich werde keine Gnade fordern. Sofern die Rte auf mich hren, ist mir um mein Geld nicht bange. Ich will in das Heer eintreten. Es soll mir vergnnt sein, wie frher fr den Kaiser zu kmpfen. Meggau rusperte sich unbefriedigt, ohne den Frsten anzublicken. Was Wallenstein plante, kam klar heraus in dem, was er seinem vterlichen Verwandten, dem Harrach, offenbarte. Gemildert berichtete der dem Grafen Meggau davon, der die Augen aufri. Nach diesem Bericht gebrauchte von Wallenstein Wendungen wie: Adlige, Brger und Bauern vergessen, da sie ihr Eigentum nur verwalten; da sie nur vorbergehende Lehnstrger des Reiches seien. Man kann ihnen ihr Lehen wegnehmen, wenn Reichsbedrfnis vorliegt. Einen Grund dagegen zu rebellieren haben sie nicht; besonders nicht die Adligen, Frsten und Herren, die ihren Besitz seit Jahrhunderten festhalten; diese sind lngst reif, ihre Habe wieder abzugeben. Von Wallenstein erklrte, im allgemeinen und besonders in schwierigen und Kriegszeiten knne man das Nutznieen beenden; das Reich, der Kaiser werde dann gedrngt, das Lehen zurckzuziehen. Das gilt von Pferden, Stroh, Heu, jedwedem Material zur Verpflegung, dazu Unterkunft, Holz zum Heizen, auch Gold und Silber. Graf Meggau war halb glcklich, halb entsetzt; er hielt sich die Ohren mit den Hnden zu, schrie lachend: Nein, nein. Er verlangte nach seiner Art wieder nachdenken zu drfen, erklrte dann, das sei Bhmen, reinstes echtestes Bhmen, was er gehrt htte. Die tolle Gesellschaft, das Konsortium, Ihr verzeiht mir, weil es Euer Verwandter ist. Aber der Boden ist unverkennbar. Nicht Hab, nicht Gut, nmlich wenn es den andern gilt. O, ich wei schon, wie man diese Methode bezeichnen wird. Ihr Name ist so alt wie das Strafrecht. Der alte Graf Harrach, verliebt in Wallenstein und vllig in seinem Bann, widersprach nicht; auch ihm gingen die Argumente des Obersten schwer ein. Kleinlaut meinte er, er hielte sich fr sehr alt und wolle sich nicht dreinmischen; ohne Zweifel sprchen alle Worte Friedlands von seiner Dienstwilligkeit fr den Kaiser. Und was sagte Euer Verwandter weiter? Harrach meinte bekmmert, wenn man dies fr Raubritter- und Strauchdieblogik anshe, so lohne ja gar nicht, darber zu reden. Er meinte also, dem Kaiser stehe im Grunde absolutes Konfiskationsrecht zu? Jedenfalls in schwierigen und Kriegsfllen. Er sagte brigens auch nach einiger berlegung, und dabei hat er nicht mit der Wimper gezuckt, da der Kaiser nicht nur Anspruch auf die Sachen, sondern auch auf die Menschen htte. Mein Gott und Heiland, rang Meggau die Hnde. Nicht, als ob der Kaiser seine Untertanen wie Leibeigene besitzen und nach Belieben verwenden wolle, sondern: wie der Kaiser von Reichswegen Geld, Sachen, Proviant als Steuern anfordere, so die Menschen, die er brauche. Dem alten Harrach war selbst nicht wohl, als er dies erzhlte: Ich habe ihn gewarnt, solche Reden fallen zu lassen; man mchte die Rmische Majestt sonst gefhrlicher Dinge gegen die deutsche und christliche Freiheit beschuldigen. Aber ich wute ja, worauf es ihm letztlich ankam, auf die Sldner. Er ist ernstlich der Meinung, Graf Meggau, ganz ernstlich, da im Grunde der Kaiser nicht ntig habe, ein Heer anzuwerben und zu bezahlen. Der Kaiser sei unverdient in einer so schwierigen Lage wie jetzt. Er knne im ganzen Reiche eine Wehr ausheben, wenn er es fr ntig hielte, und die Leute mten alles liegen- und stehenlassen und tun, was er befehle. Wit Ihr, Meggau verschrnkte erregt die Arme, redet lieber nicht mehr davon. Diese Phantastereien sind mehr als tricht; sie kompromittieren ihren Urheber. Von Wallenstein tte besser an sich zu halten, wenn er wnscht, da der Kaiser mit ihm in Verbindung tritt. Was soll man von unserem allergndigsten Herrn denken, wenn er so gegen die Freiheit eines Menschen verfhrt; sich erkhnen, eine derartige Vergewaltigung friedlicher Wesen unserem frommen Herrscher zuzumuten. Der bhmische Herr sagte: aller Besitz ginge seinen Weg, heute hierhin, morgen dahin, man msse nur ohne Zag zugreifen. Das ist Standpunkt des Kriegers. Ich bin kein Krieger. Wir sind keine Krieger. Meggau war ernstlich verstimmt, pltzlich fiel ihm die Geste des Frsten Eggenberg ein, als von Wallenstein gesprochen wurde; jetzt verstand er sie. Als sie sich am nchsten Mittag an die Tafel in ihrem Quartier setzten, sagte Meggau, die Waschkanne reichend vorwurfsvoll leise zu dem betrbten Harrach, was ihm vor einer Stunde Michna eingeflstert hatte: Wit, lieber Freund, ich habe es ganz heraus, woher der von Wallenstein so toll kaiserlich gesinnt ist. Er streckt uns das Geld fr das Heer vor, das Heer aber soll ihm aus dem Reiche sein Geld wiederbringen mit Zins und Zinseszins. Darum ist das Reich mit einmal vogelfrei. Lat. Ich habe es erfat. Sie konnten Wallenstein nicht entgehen. Der einzige Trumpf, der in ihren Hnden war, die Magnaten und Wucherer Bhmens, ging ihnen in dem Augenblick verloren, wo die Bhmen erkannten, da Wallenstein in der Tat sein ganzes Vermgen aufs Spiel setzen wollte. Keiner wagte sich da noch neben ihn. Im Augenblick schwenkten die Verngstigten, die schon begonnen hatten, ihre bewegliche Habe zu verstecken, zu ihm ber; im Augenblick flossen alle Quellen fr ihn. Es stand etwas bevor. Sie wurden aus Wien herber herunter zu ihm gezwungen. Nach Wien wurde eine uerung Wallensteins berichtet: die Herren mchten sich beeilen; der Dne warte nicht auf sie. * * * * * Im Erdgescho des Antiquariums in der Mnchener Neuen Feste stand der gewaltige Doktor Jesaias Leuker, blauroten Gesichts, den federnbesetzten Topfhut an die linke Hfte pressend, im blauen bauschigen Wams, dessen Knpfe unter dem Hals krachten, breitbeinig auf spitzen hochhackigen Stiefeln vor dem leeren Armsessel, hinter dem Maximilian an der Fensterwand lehnte. Vierunddreiig Fenster ffneten sich nach dem weiten Hof; die alten Brustbilder darber in l waren unkenntlich nachgedunkelt. Maximilian sagte mit einem fatalen Lcheln: Sie mgen sich in Wien in Hoffnungen wiegen. Sie tun es. Noch. Sie lassen alles gehen. Treffen keine Manahmen. Sie denken, gebt es nur zu, der kommende Krieg ist nur gegen mich gerichtet. Sie denken hnlich. Sie wiegen sich in falschen Hoffnungen. Wit Ihr Nheres? Leuker wechselte die Beine; die gelben Stiefelschfte um die Waden ffneten sich zu einem Kelch mit drei bunten Innenblttern, sanken tiefer: Man hlt zurck; Erzherzog Leopold ist der einzige, der sich gehen lt; er sagte offen, man htte genug gefochten und gekriegt; Habsburg sei friedfertig, der Kaiser wnsche das Reich zu beruhigen. Sie gnnen mir diesen Krieg, sagt nur gerade heraus. Welche Partei am Hofe hlt zu mir. Dann fragte er: Kennt Ihr den spanischen Botschafter gut? Was ist seine Gesinnung? Ist er befreundet mit einem Minister, ist er fromm? Er trat neben dem Sessel hart an Leuker heran, leise bemerkend: Ich mchte wissen, ob Spanien jede Herrschaft ber Ferdinand den Andern verloren hat. Ob es die Dinge gehen lassen will, wie sie gehen. Sagt dem Ognate, da ich ihn warne; Spanien kann die Subsidien an den Kaiser sparen. Mir sind die Hnde gebunden. Leuker hob den rechten Arm mit der kleinen Spitzenmanschette vor die gewlbte Brust: Ognate ist ein unberechenbarer Mensch; er will Eurer Kurfrstlichen Gnaden nicht wohl seit seiner miglckten Intrige in Regensburg. Sagt, ich htte gesagt, die Sache jeder katholischen Partei steht auf dem Spiel, wenn man den Kaiser nicht aufrttelt. Sagt, ich htte gesprochen von: aufrtteln. Oder gedacht; oder scheine gedacht zu haben, da er seine Pflicht versume als hispanischer Geschftstrger. Die Pflicht gegen seinen wohlmeinenden Herrscher. Es tte mir leid, so denken zu mssen von einem gottergebenen Christen. Er schmht am Hofe, beim Kirchgang, beim Quintanrennen nur auf den Franzosen. Das Heilige Reich schlft; die Protestierenden nehmen einen starken Anlauf, der Pflzer und sein Anhang wchst. Ich frchte -- Leuker bog kraftvoll den geschorenen Kopf in den Nacken, zog unten an dem pludrigen Besatz seines Wamses. Maximilian stand am Fenster, den Rcken gegen ihn: Der Herr hat nichts zu frchten. Der Herr hat dem Ognate mitzuteilen, wie ich ihn instruiert habe. Der Marquis Ognate, der Spanier, mute den Bayern mehrmals fragen, was Maximilian ihm aufgetragen hatte. Er erzhlte dann einigen vertrauten Herrn, auch dem franzsischen Geschftstrger, dem neuen Kurtrger sei die Angst ins Gehirn gestiegen, dicht unter den Kurhut; nunmehr sei eingetreten, was er seit Regensburg prophezeit htte: der Bayer mte um spanische Hilfe bitten. Emprt stellte er den Doktor Leuker zur Rede: wie er etwas gegen die Rmische Majestt zu unternehmen anrte, gegen den nahen Verwandten des spanischen Knigs, seines eigenen Herrn. Spter war er uerst geschmeichelt; er freue sich, das Vertrauen des klugen Kurfrsten Maximilian zu genieen; sie vertreten die gemeinsame christliche Sache; er wrde nicht sumen mit dringenden Hinweisen seinen allergndigsten Knig und die Infantin in Brssel zu benachrichtigen; sie wrden den Ernst der Lage verstehen, sich mit dem Bayern zusammenfinden, er knne seines Eifers gewi sein. Und stolz lie der Marquis bald fallen, die niederschsischen und dnischen Herren mchten nur ihr Haupt erheben; auch Spanien wrde wissen, wessen Partei es unentwegt halte; Bemerkungen, die Unruhe am Hofe erregten. Frst Eggenberg vermochte keine befriedigende Aufklrung von dem Spanier zu erlangen. Da erbat Ognate eines Tages eine Audienz beim Kaiser; schwermtig vermittelte Eggenberg den Verkehr, und es trat ein, was man schon erraten hatte: Ognate berbrachte dem Kaiser Gre vom spanischen Knig, Hinweise auf die drohende Weltlage, die einen Zusammenschlu aller katholischen Frsten erfordere, schlielich eine Einladung zur Beschickung einer Konferenz, die zu Brssel stattfinden sollte, zur Bereitstellung eines Defensionswerkes gegen die neuglubigen Mchte. Maximilian, der neue Kurfrst, wrde daran teilnehmen, mit Spanien und der Infantin. Einen Stich in der Brust empfand der tief gebrunte, sommerlich gekleidete Kaiser; atemlos wartete er, bis sich der Spanier entfernte, lchelte dann gespannt den zu Boden blickenden Eggenberg an: Seht Eggenberg! Seht! Versteht Ihr das? So hat er dies Glck auch! Spanien mischt sich in den Krieg ein. Spanien, mein Vetter Philipp will mit Max und was noch mehr ist, vielleicht bald gegen mich. Habsburg ist nicht gegen Habsburg, Majestt. Warum nicht? Wenn etwas dahinter steckt, das die Feindschaft belohnt? Wir sind arm und wehrlos, Eggenberg, fragt den treuen Abt Anton, Gurland, seht das Gesicht meines lieben Grafen Meggau an, die Sckel leer. Und Spanien hat anderthalb Millionen Skudis aus Indien; es wird sich mit Bayern an uns schadlos halten, das wei der Bayer. Eggenberg stand welk dem Kaiser gegenber auf dem groen leeren Teppich im Empfangssaal: Es ist kein schner Schachzug Bayerns. Bayern droht Zwietracht zwischen das erzherzogliche Haus und Knig Philipp zu sen, wenn wir ihm nicht zu Hilfe kommen. Es ist kein schner Zug. Was habe ich ihm getan, Eggenberg? Nichts. Warum mu er so wild sein gegen mich, mir zusetzen, vielleicht meinem Vetter Philipp heimtckisch Stcke deutschen Landes verheien. Er hat Spanien aufgeregt; ein schrecklicher Dmon lebt in ihm. Ohne sich zu rhren sagte matt Eggenberg: Bayern will uns in den Krieg fr sich zwingen. Wir knnten es darauf ankommen lassen; Spanien kann von uns nicht lassen. Wie erschreckt Ihr seid, alter Freund! Dies ist noch nicht die strkste seiner Knste. Ferdinand lachte gutmtig. Er hat uns in der Zwickmhle; er gewinnt, wie wir's auch anstellen. Er zwingt Euch, den Mund aufzureien, whrend Ihr bei Tische sitzt, und Euch einen Zahn herauszuziehen. Ich frchte ihn nicht, ich kenne ihn ja. Er ist so ungebrdig von Haus aus; Ihr sitzt vergnglich auf Eurer Bank und er kommt, bittet nicht etwa um eine Krume Brot, sondern um Eure Schuh, Euren Wams Hut Kette Degen, alles auf einmal. Es ist seine Art. Ihr dankt ihm dafr, da er den Kopf nicht mitnahm. Die Konferenz bei der Infantin werden Eure Majestt beschicken mssen, ich sehe es schon. Soweit hat Bayern auf diesen Schlag gewonnen. Wieder lachte Ferdinand gutmtig und schttelte sich: Und das Weitere wird ihm ebenso zufallen. Das gemeinsame Defensionswerk wird ihm gelingen; wir werden neben ihm fechten und uns dazu Stcke aus unserem Fleisch schneiden. Und damit sind wir noch nicht am Ende. Verht' es Gott, verht' es Gott. Langsam stand der Kaiser auf: Helft mir parieren, Eggenberg; beten kann ich selber. Rat, Eggenberg, Entschlu, Kraft, Kraft. Ah Dighby: wie ich zu ihm sagte: in die Knie, in die Knie, so ist's recht. Er legte beide Arme auf Eggenbergs zarte Schultern, sanft sprechend: Denkt, Eggenberg, Ihr sollt die Kraft sein, die mir helfen soll. Vergebt mir, sagte er nach einer Weile auf den traurigen Blick, ich grolle Euch gewilich nicht. * * * * * Sie schickten aus Wien fort eine finstere zorndrohende Gesandtschaft nach Brssel; aber sie stieen auf die grauhaarige spanische Infantin, die nicht einmal der Hllenhund unsicher gemacht htte. Sie war stark in ihrem Glauben und unerbittlich in ihren Ansprchen, dabei biegsam wie der Wind und gefgig, sich in die feinsten Spalten einzuschleichen. Der Bayer und der sterreicher begegneten sich auf den Gngen ihres Palastes; dem sterreicher war der Zorn auf der Stirn eingetragen, der Bayer wich ihm aus. Die Infantin trug einen mchtigen weien Krausenkragen um den dnnen Hals, die braune engrmelige Jacke zeigte ihren mageren sehnigen Arm, sie ging mit kleinen Schritten ber den Teppich der Geheimratsstube, der rote weite Rock bewegte sich um sie nicht. Sie setzte sich hochstirnig auf ein niedriges Podium; auf dem grauweien Haar hatte sie einfachen schwarzen Filzhut mit Reiherfedern. Sie trug dem Gesandten des Kaisers vor, wie arm wehrlos und machtlos das Heilige Rmische Reich sei, wie verschuldet der Hof sei bei diesen mtern, diesen Staats- und Privatpersonen, wieviel Regimenter noch abzudanken seien und nicht abgedankt werden knnten, so da der Gesandte nicht fate, woher ihr diese einzelne Kenntnis kam. Sie stellte Spaniens Macht und dauernde Einkunft daneben; schlo lchelnd stolz: sie wolle fr den kommenden Krieg gegen die voraussichtliche Koalition der Katholischen sechstausend Mann, achtzehn Reiterfhnlein, sechs Geschtze stellen. Der verwirrte prunkvoll ausstaffierte Mann verneigte sich nur, hervorstoend, da er davon Bericht nach Hause machen werde. Die Infantin wiederholte ihre Worte, noch freudiger; und stand, nachdem sie ihm mit den Augen zugewinkt hatte, rasch auf; man ri die Tr vor ihr auf. An den nchsten Tagen umgingen den sterreicher hochmtig die niederlndischen und spanischen Diplomaten; es war keine Rede von den schwebenden Geschften, wie auf Verabredung; man beobachtete ihn freundlich; der Gesandte mute sich vorsehen, nicht irgend jemand unversehens in seiner Gereiztheit zu berfallen. Er schickte seinen Kammerdiener aus, ein Hoffrulein der Infantin einzufangen, um von ihr Heimlichkeiten zu erfahren; er vermochte lange nicht den genauen Anspruch der Infantin zu ermitteln. Es schien ihm, als ob der Bayer sich ber ihn lustig mache; der ging Arm in Arm mit dem Spanier; er stand allein. Eines Morgens wurde ihm durch einen Rat der Infantin die Frage gestellt, was das deutsche Habsburg den Spaniern bte, im Falle es sich am gemeinsamen Defensionswerk gegen die drohende Koalition beteilige. Ohnmchtig sah Graf Schwarzenberg wieder, wie man die Sache umkehrte, da man um diese Hilfe ja nicht gebeten htte, da man sich nicht angegriffen fhlte. Sofort fgte der Rat hinzu, die Infantin verlange ein Reichsverbot gegen die Hollnder, mit Deutschland Handel zu treiben, Sperrung von Weser und Ems fr sie; weiter einen Hafen am Belt. Soweit die Infantin von sich aus, fr das spanische Niederland; er vermchte hinzuzusetzen, da Spanien alsdann dem Kaiser zur Seite treten werde mit dem niederburgundischen Kreis, da es die chtung Hollands begehre, ferner noch etwas Besonderes. Dieses Besondere wollte der im brigen sehr bestimmte Rat nicht uern; er sagte, der fragliche Punkt sei nicht von Wichtigkeit im Augenblick; es ergab sich dann, da Spanien strikte dem Bayern das Recht bestritt der Achtsvollstreckung gegen den Pflzer; die Besetzung der Pfalz stnde Spanien zu und msse Spanien eingerumt werden. Glckstrunken hrte der sterreicher dies; am nchsten Morgen wurde ihm durch die Infantin bei einer zuflligen Begegnung vor der Messe derselbe Bescheid; liebenswrdig streng, dabei eigentmlich kokett gro die schwarzen Augen aufschlagend, erklrte sie, sie htte es mit ihren Rten weidlich erwogen; sie werde dem Kaiser helfen wie der Knig Philipp; sie knne aber von ihrem Begehren nicht abstehen. Wie auf Sturmwolken rasten die Kuriere von Brssel an den Rhein, jagten von Mainz nach Regensburg, wo sie sich einschifften, um dem Hofe diese freudige Mitteilung zu bringen, da Spanien vom Kurfrsten Maximilian Mannheim und Heidelberg begehre. Es werde unmglich sein, da sich die beiden verbndeten. Eggenberg reckte sich, wie sich der Kaiser selbst reckte. Es war der alte Wunsch Spaniens, eine Verbindung von Sden her zu den Niederlanden zu haben. Eggenberg lachte befreit: Wir werden die Pfalz dem Spanier versprechen. Der kaiserliche Gesandte in Brssel wurde nicht mde, die Wichtigkeit der spanischen und niederlndischen Hilfe fr den Kaiser zu betonen, er erwhnte die auerordentliche Bereitwilligkeit seines Herrn in eine Allianz mit Spanien und Bayern zu treten, damit den Unglubigen der Fu auf den Nacken gesetzt werde; auch werde eine Einigung ber allen und jeglichen Punkt sicherlich zustande kommen; soweit er. Bezglich der Kurpfalz verhehlte er nicht, da sich die spanischen Wnsche nicht sehr von den deutschen unterschieden, es sei da leider eine Auseinandersetzung Spaniens mit dem derzeitigen Okkupanten des Landes, dem Kurfrsten Maximilian, vonnten. Bayer und Spanier hatten von dem Tage an weniger Anziehungskraft freinander; sie gingen mehr Arm in Arm, aber bald fest Degen gegen Degen. Drhnend, ehrfurchtheischend der sterreicher vor der Infantin in der Ratsstube. Er berbrachte die besonderen freundschaftlichen Gre der verwandten Majestt; sie hege die Hoffnung auf glckliche Befestigung des Bndnisses. Die Infantin antwortete stark und kalt; ihre Damen, die um ihren Sessel standen, bewunderten sie, wie sicher sie dem sterreicher seine Anmaung und Triumph wiedergab. Maximilian zog sich aus dem verlorenen Spiel zurck; sein Gesandter bellte, der Kurfrst msse ber den Vorschlag mit seinen ligistischen Freunden beraten, dann bi er nach dem Spanier: Maximilian wolle jeden Punkt erfllen, aber Spanien msse sich mit Waffenhilfe fr den ganzen kommenden Feldzug, fr alle seine Mglichkeiten bis zum gemeinsamen Frieden festlegen. Eine Forderung, mit der er brllende Wutausbrche bei dem fremden Gesandten auslste. Die alte Abneigung Bayerns und Spaniens lag offen zutage. Der Zwischenfall war erledigt. Eine herzliche Sonderbotschaft wurde von Wien nach Madrid getragen. Maximilian war allein. In den Kammern der Burg gingen die Geheimen Rte gespannt umeinander. Der Schlag war abgewendet; wessen sollte man sich vergegenwrtigen. Der Bayer rstete gewaltig mit seinen ligistischen Freunden und Anhngern. Es konnte das Furchtbare eintreten, da er den Dnen allein besiegte. * * * * * Zwanzig Karossen trabten auf den bhmischen Landstraen, die den reichen von Wallenstein nach Wien fhrten. Dieser Bhme war mit nichts in den Krieg gezogen; in fnf Jahren waren ihm an vierundsechzig Dominien im Norden des Knigreichs zugefallen, die an der Grenze im Norden bis Melinik, von Leipa-Neuschlo bis Wildschtz im Osten reichten. Als Wahlspruch hatte er gewhlt: dem Neid zum Trotz. Er besa das Land des Rebellen Christoph von Redern Friedland-Reichenberg; ihm gehrte Kumburg-Aulititz, Welisch, Sagan, Weiwasser, Hhnerwasser, Smil, Trotzky, Hauska. Er hatte Bhmen abgerahmt; aus dem feinen giftigen Mund seines Vetters Slavata stammte das Wort: die Schlacht am Weien Berge hat Wallenstein gewonnen. Der Zug seiner Karossen wlzte sich gegen Wien. Man erwartete ihn mit Beklemmung; die Folgerungen aus der Situation muten gezogen werden. Man forschte seine Begleiter unterwegs aus, was er sagte, wie er sich uerte, wie seine Stimmung sei; schickte ihm zwei rzte entgegen, die fr seinen Zustand brgen sollten. Whrend Meggau und andere noch zgerten, waren Eggenberg, Trautmannsdorf, auch Questenberg nach der spanisch-bayrischen Attaque entschlossen, es ginge wie es wolle, sich des tollen Bhmen zu bedienen, ihn auszuschtteln, bis kein Dukaten an ihm hinge; nur auf das Geld kme es an; man lasse ihn projektieren, stre ihn beileibe nicht; die hohen Kurfrsten und Stnde wrden schon fr die Einrichtung zur rechten Zeit sorgen. Die beiden rzte hatten Geheimauftrag, in keinem Fall den Bhmen nach Wien hereinzulassen vor oder whrend eines Schieferanfalls. Aber nichts wurde gemeldet als die prchtige Verfassung, in der sich der Reisende befand; man erwog fr ihn Festlichkeiten Schauspiel Judenverbrennungen, unerhrte Ehrungen fr einen Privatmann. Trautmannsdorf scherzte, er wolle sich zu einem Tanz um dieses goldene Kalb erbieten. In dem Pomp, mit dem er sich zu umgeben liebte, zog er in die Stadt ein; die Wiener steckten verwundert die Fuste in die Scke, als die versilberten Partisanen der Vorreiter anrckten, Zaumzeug und Schabracken, wie ihr Kaiser sie fhrte, Lakaien, Pagen in feinsten franzsischen Stoffen, eine halbe kriegsstarke Kompagnie voraus, eine halbe hinterher als Bedeckung. Unter den Scharen der Herumstehenden lief das Wort, da komme einer von den neuen Alchymisten, die machen Gold aus bhmischem Blut. Als er an dem einstckigen verfallenen Spukhaus von Schabdenrssel vorbeifuhr, steckte der Oberst den mageren kurzgeschorenen Kopf ohne Hut zum Fenster heraus, lachte erschreckend stark, wie man sagte, hier knne einer den Buckel verlieren; drauen hhnte man ber den Hanswurst, der in seiner Kutsche ungeniert fast eine viertel Stunde lang vergngt rumorte und meckerte. Verwegene Gesellen der Rauchfangkehrer saen auf Bnken vor ihrem Bierhaus; brachten ihm ein Konzert, als sie ihn lachen hrten, indem sie mit ihren Besenstielen gegen die hlzerne Hauswand ein knallendes Lied schlugen. Nahe dem leeren weiten Stephansplatz, am Bischofsplatz neben dem Heiligturmstuhl, stand das Haus des Kaufherrn Hans Federl. Da bezog der als berreich und verschroben verschriene Bhme sein Quartier. In diesem Hause hatte noch ein anderer Mann seinen Wohnsitz seit einigen Wochen, der Prager Judenprimas Bassewi. Juden wohnten nicht mehr in der Stadt, sie waren durch kaiserliches erneutes Dekret vor die Mauern verwiesen an den unteren Werd; der Prager mit dem gelben Barett hatte einen kaiserlichen Schutzbrief, man mute ihn dulden. Das Gesindel, das mit Wallensteins Kavalkade anschwrmte, schrie und tobte, als der abenteuerlich schne und kostbare Tro vor Bassewis Hause sich staute, die Kutsche Wallensteins sich ffnete und ihn auf die Stiege entlie, die Begleitung in die Nachbarschaft abritt. Haufen ber Haufen sammelten sich vor dem Federlhof an; wieder sprangen die Rauchfangkehrer, die beruten Gesellen, stellten ihre Leitern vor das Haus, zu sechs, zu zehn, zu zwanzig, standen da schwarz und grimassierend, meckerten, nselten, kreischten Judenspottlieder, machten sich drauf und dran, auf das Dach zu klettern. Es war eine Beleidigung ohnegleichen, die Wallenstein der Stadt erwies, er, von dem es hie, da er vom kaiserlichen Hof geladen war. Und kurz nachdem die liederliche Stadtgarde, die mit dem Gesindel paktierte, das bermtigste Volk vertrieben hatte, erschien mit einer goldenen Kette um den Hals hoch zu Ro unter dem Heiligturmstuhl ein starkleibiger Stadtrat. Mit entschlossener Groartigkeit stieg er an der freigemachten: Treppe ab, lie sich in die Empfangsstube fhren; eingeladen vom Bassewi selbst, in die Ritterstube zu treten, blieb er starr unter dem Deckenleuchter stehen; er bekenne, sagte er mit durchdringenden Blicken gegen den lchelnden kleinen Graukopf, da er nicht vorhabe mit Bassewi was auch immer zu besprechen, vielmehr habe er mit dem eben eingetroffenen Prager Oberst, der in kaiserlicher Gunst stehe, zu verhandeln. Jedoch sei dieser, verneigte sich bedauernd der Hofjude, hinten von Berechnungen, nicht astrologischen, sondern einfach geschftlichen okkupiert; es sei bei dem bekannten Humor des Gastes nicht ganz beliebig ihn zu stren; selbst wenn ein ganz illustrer Besuch vorlge. Darauf fand es der Rat fr gut, zu wiederholen, da er angemeldet zu werden wnsche. Ehe aber Bassewi die Tr geffnet hatte hinter einem teppichartigen Vorhang, kam mit langen Schritten, den Blick gegen den Boden, Wallenstein heraus. Es war seine Art breitspurig zu gehen, wenn er nachdachte, die Sthle beiseite zu rcken, dabei die Lippen aufeinander zu pressen, manchmal rsselartig zu wlben, um die Mbel herumzuwandern. Er machte lebhafte Grimassen, stie heftige Worte aus, zischte, lachte, blieb stehen, rttelte an einem Schrank, schlug wiehernd auf die Tischplatte, lie sich die Fransen des Vorhangs ber den Kopf hngen; fter setzte er sich mitten whrend des Wanderns, wo er sich gerade aufhielt. Er kam mit strmischen Bewegungen aus der Tr heraus, spielte mit den Blicken um die beiden Mnner, bemerkte sie offenbar nicht. Bassewi, nach einem Augenwink gegen den Wiener, wich ihm aus, und als er merkte, da Wallensteins Weg wieder gegen ihn fhrte, ri er zwei Tischchen und einen kleinen Schemel zur Seite gegen die Wand, verhielt sich vllig lautlos. Der Rat seinen Degengurt umziehend, rusperte sich bei ffnung der Tr. Als der Oberst um ihn herumging, rusperte er sich unter Scharren der Schuhe; er war entrstet ber die vllig ungewhnliche Tracht des Fremden, der mit nackten, stark behaarten Armen schlenkerte, um die Brust nur eine niedrige Samtweste, unter den Achseln hervorlugend ein enges Panzerhemd. Dann tnte durch das schmale von Scharren Fustapfen Zischeln erfllte Gemach die geprete gekrnkte Stimme des fetten Rates: Edler Herr, edler und gestrenger Herr. Unser viellieber Freund. Der blieb nach einer kleinen Weile vor ihm dicht stehen, den Kopf ber ihn hngend; knurrende knirschende Laute stie er tierisch ber ihm aus, den Mann aufs allerhchste erschreckend, drngte ihn an die leere Wand, zerrte ihn an dem Degengurt, der einri, einmal rechts und links, lie ab; vier groe Schritte, hinter Wallenstein wehte der Vorhang, die Tr schmetterte ins Schlo. Als Bassewi dem krummstehenden Mann helfen wollte, holte der aus, schlug ihm gegen den Hals. Bassewi sagte nichts, nicht einmal, da sein Haus unter dem Schutz des Kaisers stnde. Der Rat fluchte sich zurechtmachend, spie gegen den Hebrer. Zwei andere Stadtrte, die kurz vor dem Nachtessen kamen, benahmen sich hflich; Bassewis Einladung zum Mahl lehnten sie ab, erhielten aber den beruhigenden Bescheid, da der Gast seit einer knappen halben Stunde das Haus verlassen habe. Denn drauen standen und rotteten sich die Menschen zusammen, man kannte das sich steigernde Gejohl aus dem vergangenen Jahre, die Eisenhaube der Rumorwache, die Piken der Stadtgarde. Dieses Krakeels wegen lie sich Wallenstein, der allen Ernstes vorhatte, hier zu bernachten und das von der Stadt angebotene Quartier abzusagen, herbertragen, nachdem seine Soldaten in Krze die Strae von Volk gesubert, mit Hieben zurckgedrngt, die verwahrlosten Mnnlein der Stadtgarde ber den Haufen geworfen hatten unter kurzem grlichen Gebrll. Die Erbitterung dieser Stadtwache, die mit dem Pbel fraternisierte, war so gro, da der Herr Daniel Moser, der Brgermeister, den Hauptmann der bhmischen Eskorte aufsuchte, von ihm beruhigende Versprechungen erhielt. Und was den Zorn der auf ihre Piken und Federn stolzen Rotte von Sufern Hehlern Kupplern Gelegenheitshandwerkern am meisten besnftigte, war die Gromut des Fremden. Als er von der Notlage einiger kleiner Brderschaften in der Stadt hrte, von ihren verfallenen Baulichkeiten, wies er ihnen hohe Betrge an. Es hie, er habe zweihunderttausend Reichstaler mitgebracht. Die Stadt wurde in den nchsten Tagen von Geld berschttet. Die Rte, hohen Wrdentrger, Offiziere, Geistlichen saen zusammen, sprachen von dem kuriosen Bhmen, der sich mit dem Volk gemein machte und den groen Herrn spielte. Seine Schriftstcke liefen durch die Kanzleien; den Weg hatte er ihnen erleichtert durch Besuche bei den magebenden Instanzen. Es geschah etwas, was ohne Beispiel am Wiener Hofe war. Eines Morgens lag der Schnee auf den Straen und Pltzen hoch, auf den Basteien Brcken Erkern Giebeln Trmchen. Vom Federlhof her rollten Schlitten auf Schlitten auf den Stephansplatz herber, mchtige unfrmige drachenkpfige fischschwnzige Gehuse, mit Wimpeln und Glckchen geschmckt. Vor jedem ritten zehn Trabanten; die Gefhrte zerstreuten sich in der Stadt. Hielten beim Frsten Eggenberg, bei Trautmannsdorf, Questenberg, Meggau, beim Abt Anton, beim alten Grafen Harrach, den Beichtvtern Weingrtner, Knorr von Rosenrot, Lamormain, dem Grafen Strahlendorff. Kaum eine viertel Stunde dauerte der Besuch der Abgesandten des Bhmen bei den hochvermgenden Herren; sie berbrachten jedem eine Kostbarkeit, dazu ein Handbrieflein ihres Herrn. Als die aber die Fden der Brieflein lsten, wurden sie vom Feuer berfahren; der Friedlnder schrieb ihnen nach einem Grue und einer Erinnerung, sein Bankhalter de Witte in Prag sei angewiesen, ihnen die und die Summe, einen ungeheuren Betrag zu berweisen. Mit einer Unverfrorenheit, fr die es keinen Namen gab, bot ihnen Wallenstein riesige Gelder an, fragte sie nicht, sagte nicht, wozu warum. Die Schlitten fuhren klingelnd, hellbestaunt in den frhlichen weien Straen herum; die Edlen saen in ihren Kammern, hielten die Papiere in den Hnden, zitterten. Drauen wlzte sich greifbar, fr die Augen kenntlich, grell maskiert der bhmische Schrecken durch die Straen. Die unten staunten ihn an, aber er hatte Beine, ging in die Stuben ein, war da, widerwrtig, krallte sich an sie fest. Zuletzt fuhr ein Schlitten beim spanischen Botschafter Ognate vor. Er empfing den bhmischen Abgesandten in seinem kleinen Fechtsaal: den dnnen schmalen Degen zwischen die Zhne sperrend nahm er das Brieflein an, nachdem er mit einer hochmtigen Handbewegung die berreichung einer goldgefaten Schale aus dem Horn des Rhinozeros, ein breites unfrmiges Gert, verhindert hatte. Die Lippen fletschte er, wie ein Tiger grell wild blickte er den Bhmen und den Trabanten an aus gelblichem erblatem Gesicht, machte, ohne sprechen zu knnen, schttelnde schleudernde Handbewegungen gegen sie, nach dem Brieflein zu, gegen seine Brust, sein Herz, bersprudelte sie dann, den Degen abziehend, mit losgelassener spanischer Heftigkeit. Darauf pltzlich: sie sollten sich einige Minuten gedulden. Er bergab dem Trabanten dann zu dem Brieflein des Wallenstein einen eigenen, mit geschriebenen Drohungen und Verwarnungen. Ohne sie weiter zu beachten begann er von neuem sein Fechten und Springen, wies nur, als sie die Tr vor sich ffneten, wild auf die Hornschale, die am Boden stand; er hieb flach ber sie weg. Einigen der brigen Herren half der greise Harrach rasch ber die peinvolle Situation. Er lud sie zu sich hin, sprach vom Reichtum seines Verwandten, erwhnte, welche kostbaren Gaben an den Kaiser und die Kaiserin gegangen seien, sagte, wie er ihn bedacht hatte. Man lachte, lachte zaghaft, es war die erschreckende Hhe der Dotationen, die sie erschttert hatte. Ein Barbar dieser Bhme, gewi, gewi. Aber sie waren nicht befreit. * * * * * In dieser Nacht erwachte der Kammerdiener des Kaisers Ferdinand. Er hrte den Kaiser in seiner Schlafkammer kichern, lachen, schallend lachen. Dann hrte er seinen Namen rufen. Er ging eilig durch das Halbdunkel des weiten Vorsaals, in dem zwei dnne Kerzen brannten, zndete an der Wand, wie er sich einem ungeheuren figurenbelebten Rahmen nherte, der die ganze Breite des Saals einnahm, eine dritte Kerze an. Bis zur Decke reichte der Rahmen heran hinter der schweren Kristallkrone; ein dicker Vorhang fiel von der Hhe des Rahmens herunter, fllte mit dichten Falten seine Mitte aus. Dahinter die Schlafkammer Ferdinands. Eine kleine Glastr zur Linken ffnete, das Licht anhebend, der Diener. Eine bemalte bekrnzte Mariensule, blinkend, wieder in den dicken Schatten huschend. Auf dem hohen Polster Ferdinand, aufrecht sitzend, schluckend, Lachtrnen in den zugekniffenen geblendeten Augen, die weie Nachtkappe gegen die rechte Backe vor den Mund gepret; er bat sich verschluckend um ein Sacktuch. Er zischelte, indem er sich zurcklegte: Knnte nicht der -- ja wie heit er doch? -- ja knnte nicht der Trautmannsdorf oder der Eggenberg oder einer der Herren gerufen werden? Oder, bleib noch. Schick lieber zu Barone Khevenhller; geh hin, ich liee sie bitten, sie mchte ihre Herrin wecken, ich wollte ihr etwas sagen. Hinterher aus der Kammer: Nimm die Kerze mit, sag' ihr, ich liee die Kaiserin bitten, es sei nichts, ich sei nicht krank. Bis an die Tr des Vorsaals geleitete sie ein Frulein, dann fhrte sie unter die Kronleuchter an die kleine Glastr der Kammerdiener. Auf dem Hofe war unter den Bewegungen in den Gemchern die Wache angetreten, man rumorte ber den Pltzen, es liefen Schritte ber Holzbrettern. Als sie eintrat, war Ferdinands Schlafkammer verdunkelt; er schrie erschrocken: Wer ist da? hatte getrumt. Sie zog einen Schemel von der Wand, setzte sich, die Kerze flammte rot hinter ihr unter der Mariensule. Er war vllig munter und aufgerumt, achtete nicht, da der Diener sich gebckt an der Wand zu schaffen machte; sie hatte ngstlich unterwegs den Mann gebeten, in der Kammer zu verbleiben; schwer konnte sie sich an den deutschen Mann gewhnen, seine Frmmigkeit war ihr Glck. Lore, mir fiel etwas ein. Wie war der Hirsch, den du geschossen hast vorige Woche in Gattersburg; wieviel Enden hatte der noch? Sie hatte beide Arme ber ihre Knie gelegt, sa leicht gebckt da; ein braunes Seidentuch durchscheinend ber ihrem Haar, unter dem Kamm geknotet, verwirrte Locken ber der Nasenwurzel; traurig senkte sie den Blick auf ihre gefalteten Hnde, weil er sich nicht entschuldigte und weil sie sich nicht darber wunderte. Es war bei Begelhof, Ferdinand. Bei Begelhof freilich. Wieviel Enden hatte das Tier? Zwanzig, nicht wahr? Ich wei nicht genau. Zwanzig, freilich. Ich zeigte dir doch noch. Ich prgte noch dem Mansfeld ein, nicht zu vergessen an Kursachsen zu schreiben, wieviel Enden es waren, von dir erlegt. Ein kapitales Tier. Denk mal nach. Hast du dich nicht gefreut? Und was hast du denn gesagt, Lore? Listig schaute er, auf dem rechten Arm halbseitlings aufgerichtet. Denk' mal nach, Lorchen. Es war etwas Schnes, Feines, was ich dir versprochen habe fr den Schu. Die junge Kaiserin immer strker befremdet, tief traurig: Ach. Mein Mantuaer Betpult. Er legte sich zurck, zeigte herausplatzend mit dem Finger: Das war es, dein altes Betpult, nur nicht aus Holz. Aus Gold und Alabaster. Das Bild unter einem Muschelbaldachin. Und ich versprach dir noch die doppelte Summe, da du es bekommst. Sie bewegte leise sprechend die Hnde vor das Gesicht: Wenn ich das Pult nicht bekommen sollte: verzeih mir. Es war nur ein Scherz. Ich will es gar nicht. Ferdinand ausgestreckt, eifrig mit den Armen auf die grne Decke schlagend: Sollst es haben, sollst es haben; aber durchaus nicht. Aber einer wollte es dir nicht geben. Und das ist ihm nicht geglckt. Lore, ich habe hier so gelacht fr dich, ich bin nicht herausgekommen aus dem Lachen. Weit du, er richtete sich rasch hoch, geheimnisvoll, mein Schwager Maximilian ist ein kluger Mann; seine Regierung ist streng und seine Politik, o, das ist das klgste, was es gibt. Ich bewundere ihn, ich will es nicht leugnen. Aber er hat nicht immer Glck. Sie sind ihm jetzt scharf auf den Fersen. Mir freilich auch. Aber er, er ruft mich! Er ruft mich! Nun, ich will dir sagen, Lore, seit die Welt erschaffen ist, wurde solch Witz nicht gemacht. Ich dachte schon eben daran, Eggenberg und die anderen zu wecken. Die Herren sollen auch ihre Freude haben, aber ihnen setzen die Altersgebrechen zu, ich will sie schlafen lassen. Er sprang im Schlafanzug heraus, griff nach seinem Nachtmantel, warf ihn sich ber: Wollen wir ihm die Armada schicken, die er begehrt. Wenn er sie will, wollen wir sie ihm schicken? Sag' du, sag' du, Lore! Sie bewegte sich nicht, knpfte sich nur den Schleier unter dem Kinn auf; er fragte sie nun auch nach Politik. Sag'. Sag' ja. Wenn er ruft, wollen wir sie ihm nicht versagen. Wollen ihm ein gndiger Kaiser sein. Ein gndiger Kaiser. O, o. Er schaukelte auf der Bettkante sitzend unter Gelchter den Rumpf. Sie wich ihm mit ihren Blicken aus. Er fuhr fort: Ich werde es mir mit Gewalt abstreiten lassen. Ich werde ein saures grnes Gesicht machen. Hoho. Homer, der schlft. Sie war entsetzt; der Kaiser war so erregt und glhend. Sie bat ihn sich wieder zu legen; hilfesuchend sah sie sich nach dem Diener um, er war fort, ein Weinen war sie. Er umarmte sie, indem er mit den Armen zu der gebeugt sitzenden herberlangte: Du bist meine herzliebe Lore. Du bist ein Weib, wie es in ganz Europa nicht besser ist. Nicht bei meinem jungen Vetter Philipp, nicht in Mantua. * * * * * Bei Eleonore die Grfin Kollonitsch, ihre Freundin. Der einfache stille erwrmte Raum. Auf dem braunen glatten Holzboden der wrflige weie Kachelofen in einer Ecke, auf plumpen kantigen Fen. Zwischen Ofen und Wand ein kleiner gepolsterter Sitz; da eingeschlossen sa in blauem Samt die mdchenhafte Kaiserin, hrte sanftblickend die schwarze junge Grfin an, die unruhig auf der hochleistigen Polsterbank eng an der getnchten Wand lehnte. Still endete die Grfin: Ich teile seine Liebe mit den Hunden, zwei Falken, Majolikavasen. Du weit das lange, Angelika. Grollst du ihm? Er liebt ja auch Maria, die Mutter Gottes. Angelika! Beneide ich Maria? Ich wei nicht; ich mu soviel weinen. Meine arme. Ruhiger sa die Grfin: Wir leben, allergndigste Herrin, wit Ihr, in einer Zeit, die wohl die glckseligste von allen ist; die Kirchen sind prchtig, die Menschen in Masse bekehrt, die ehrwrdigen Vter von der Gesellschaft Jesu sind so eifrig und ihre Mhe ist belohnt, wie sie es verdienen. Nur, sie sah mit Trnen zu den rosettengeschmckten Deckbalken auf, wir Frauen sind nicht gut daran. Wir haben das Nachsehen. Manchmal denke ich, -- ich schme mich, es zu sagen, -- wir sind bestohlen und betrogen. Doch, doch, o, ich wei, ich bin bse. Angelika, wie kannst du so sprechen. Warum dem Glauben alles und den Frauen nichts? Man heiratet uns, der Priester weiht uns zusammen zu einem Paar; und was bin ich dann? Dein Gatte ist nicht gut zu dir. Wir wollen mit ihm sprechen. Ich liebe ihn, allergndigste Kaiserin, ich bete fr ihn. Ich bete fr meine Kinder. Du gnnst ihm nicht die Pferde, die Hunde, die Bilder, Angele, nicht einmal den himmlischen Gott und die Heiligen. Ich bin bse, ich bin bse, ich wei. Sie blitzte die feine Dame auf dem Ofensitz an, wild den Kopf zuckend: Ich mchte meinen Gatten irre machen. Er soll alles vergessen. Das Hirn soll ihm wirbeln. Wie ein Bumchen mchte ich ihn entwurzeln und in meiner Hand haben und ihn schtteln. So, so. Du bist zornig auf ihn. Die Grfin bedeckte ihr Gesicht vor der zarten Kaiserin, die wie ein Kind die Fe schaukeln lie: Ich gehe um wie ein krankes Tier und lasse meine Zunge heraushngen. Ich lebe und will zu ihm. Die Kaiserin bckte sich trbe herber zu ihr: Wie seid Ihr sonderbar. * * * * * Als die Rmische Majestt hatte verlauten lassen, sie wolle den bhmischen Herrn, den Albrecht Eusebius, Regierer des Hauses Wallenstein empfangen, war die Scham der geheimen Berater auerordentlich. Sie konnten sagen, da sie trotz seiner Geschenke ihn nicht begnstigt hatten. Wie sollten sie ihm und der eleganten dezenten Mantuanerin diesen Braten vorsetzen, diesen Edlen von Bassewis Gnaden. Wenn Bassewi ein Jude war, so Wallenstein Judenfrst. Man hielt es nicht fr ausgeschlossen nach seinem Verhalten in der Stadt, da er den Juden zum Empfang mitbrachte. Es hie, der Kaiser wollte in seiner Milde seinen Schwager im Kampf gegen Dnen und Niedersachsen nicht allein lassen; die Wut am Hofe auf Maximilian, als das Unvermeidliche sich nherte. Sie muten folgen, sich in Wallensteins schmutzige Hnde geben. Als der bucklige Graf hrte, da der Prager Wucherer in die Burg einziehen wrde, sagte er ganz still beiseite zu seinem Freund, dem Abt Anton, nunmehr knne auch er nicht mehr das Beben in sich unterdrcken; nun msse er sich fragen, ob das Habsburger Haus sich unter solchen Umstnden werde halten knnen, ob der jetzige Kaiser nicht zwar kaiserlich und konsequent sei, aber den Ruin des Hauses herbeifhre. Die sechzehnspnnigen rotjuchtenbezogenen Karossen fuhren an der Burg vor, den Purpurmantel legte der hastige von Wallenstein im Vorzimmer ab; als er bartstreichend wartete, stand nur der nasermpfende Obersthofmeister bei ihm; keiner der hohen Rte hatte sich ihm in diesen Tagen genhert. Und als er wieder im Vorzimmer stand, hielt sich Ferdinand, die silbernen Schnallenschuhe bereinander gelegt, allein in dem Saal auf einem Schemel sitzend, sich seitwrts auf die Armlehnen sttzend, die Hand vor die Augen. Er erinnerte sich, ihm war nicht gut: dieses Gesicht, diesen Kopf hatte er schon gesehen. Er war diesen eigentmlich lautlos hellen kleinen Augen schon fter begegnet, aber jh fiel ihm jetzt etwas ein, zog durch seine Brust, strich ber seinen Magen, ber seine Zunge, etwas Brennendes, Schweres. Ein Traumgesicht, wie kam das nur hierher. Er ritt und ritt. Er flog fast durch die schwarze Luft. Er hatte das Gefhl, da das edle Tier unter ihm gleichmig trabe, aber so weich war der Boden und doch nicht lehmig, da kein Schall an seine Ohren heraufkam. Ein moosiger Waldboden. Hier hat ein alter Wald gestanden. Nur ab und zu tauchten Stmme auf, fuhren um ihn herum, wichen aus. Der Wind blies sanft. Und er erinnerte sich, da Eleonore auf dem Schiff auf der Donau langsam fuhr, auf dem Schiff, das keine Furchen machte; der Weg, der Flu lief mit ihr mit. Und der Gedanke, da dies doch einmal ein Ende nehmen msse. Er knne doch nicht ewig reiten. Sein Zerren am Zgel, seine Sporen, Aufreien hatten keine Macht. Es schien, als ob er seine Beine nicht bewegte, als ob er sie nur bewegen wollte, und mit keiner Anstrengung einen Muskel spannen konnte. Es hie, o Jesus, o Jungfrau, sich beruhigen. Es hie, o Jesus, o Jungfrau, nicht verzagen. Wie lie sich nur ein Gebet sagen; wie sind die Worte vom Wind verweht. Bume, Stangen, Dnste, Rinnsale. Und immer das Heben und Senken, Gleiten, Rudern. Das Spritzen des Moors. Es wird heller; es ist die Helligkeit, die der Mund junger Ktzlein hat, bleiches Rosa. Er bemerkte, da er ein Gieen, Rinnen berhrt hatte bis eben. Und dann lag es am Himmel, ber der Erde, etwas Schwarzes, Breites, langsam Bewegliches. Das Pferd lief noch weiter. Er konnte den Rumpf nicht wenden, den Kopf nicht abdrehen, um dem Atem zu entgehen, der von oben gegen ihn anwehte. Eleonore fhrt auf dem Prunkschiff drben von ihm ab mit dem Flu, mit dem Weg nach Wien hin, hinten nach Wien hin, in das Rosa hin. Menschliche behaarte Brust, die sich ber ihn schob, Haare, die wie Wolken, Spinnweben ber ihn flockten, menschliche Arme, denen er entgegenritt. Aber ein Wulst, fleischige glatte schlpfrige Sulen und kalt wie die Haut eines Salamanders. Federnde Bewegungen machte es, mit Ruck, her und hin kam es dichter ber ihn. Und unter immer neue Arme glitt er, er schnappte nach Luft, keuchte auf. Ein Tausendfu, unter dessen Bauch er ritt. Tiefer mute er sich krmmen auf dem wogenden rastlosen Pferdercken. Ein weiches Wallen des Bauches benahm ihm den Atem, es waren geblhte luftgefllte schwappende Scke; sein Bewutsein schwand auf Sekunden. Seine Kehle suchte ein: h, h auszusprechen, seine Ohren rangen nach Klang. Und der Schwanz des Unwesens schlug von oben herunter, herum von unten wie eine Peitsche, erst unter die Fusohlen, da es mit elektrischem Zucken ans Herz drang und stach, dann mit feinen Stacheln gegen die Nasenlcher, tief tief ins Gehirn herauf ttend. Dann fuhr es gegen den Nabel von vorne her, wirbelte wie ein Drehbohrer, in den Magen, den Leib, den Rcken. Und jetzt drhnte es auf einmal, ein volles Orgelwerk, sinnlos ungeheuer von der Tiefe in die Hhe tosend, bei einem gellen pfeifenden Ton verharrend, knirschend an- und aussetzend, wie ein Hund, den man an einen Pflock mit den Pfoten angebunden hat, der sich krampft, streckt, krampft, streckt, beit, beit. -- Er war mit heiserem Gekreisch aufgewacht. Er nahm die Hand langsam von den Augen, besah sich seinen Handteller, als wenn etwas von dem Traum daran klebe, rieb ihn am Knie. * * * * * Ferdinand befahl, die Verhandlungen mit dem Bhmen zu einem gnstigen Abschlu zu fhren. Nur nebenbei sagte er, dies sei ja der tapfere, der ihm bei Gradiska gegen Venedig herausgeholfen habe. Und dabei sah er forschend seinen geheimen Rat Eggenberg an, der an sich hielt. Man hatte dem Kaiser nichts gesagt von den Plnen des Bhmen ber die Erhaltung der Armee, es war ausgeschlossen, da er ein solches Projekt in Erwgung zog; nun riet Eggenberg, und mit ihm der fromme Herr von Strahlendorff in ihrem Widerwillen und Verzweiflung, dem Herrscher reinen Wein einzuschenken. Drei gedankenschwere Herren legten ihr Veto ein, sie drckten die beiden nieder, Anton, Trautmannsdorf, Harrach: Stellt Habsburg keine Armee auf, ist es voraussichtlich verloren, samt der ohnmchtigen Liga. Gewinnt die Liga, die Liga allein, ist der Kaiser in einigen Jahren erdrckt von dem Bayern. Ruhe, sagte Abt Anton sanft, als der alte Eggenberg schwieg, die Hnde ringend vor das krampfende Gesicht legte. Ich bin ruhig, sthnte der. Von Wallenstein arrangierte in Wien mit Bassewi und dem herbeizitierten de Witte umfangreiche Geldgeschfte; nach Prag zurckgekehrt, gewhrte er dem Kaiser ein Darlehen von neunhunderttausend rheinischen Gulden zu sechs Prozent. Und whrend noch der greise Frst Liechtenstein ihm Glck wnschte im Friedlnderhaus zu Prag, zu dem guten Fortgang seines Wiener Vorhabens, kehrte zum dritten Male Graf Meggau bei ihm ein, diesmal begleitet von einem hohen schmerbuchigen Edlen, der unter buschigen Augenbrauen herblickte, ein listiges Kinnbrtlein strich, feuerrote Backen und Nase, der weindurstige Graf Kollalto, des kaiserlichen Hofkriegsrats Prsident. Der schlo formell ab. Nach einer Anweisung Ferdinands wurde der Durchlaucht dem Frsten von Wallenstein ein Dekret ausgestellt, wodurch er zum Kapo ber alles Volk, das man aus dem Reich und den Niederlanden schicken werde, ernannt wurde. Mit einer verzweifelten Tollheit waren die Karten hingeworfen; niemand am Hofe hatte den Schritt verhindern knnen; keiner hatte ihn gehen wollen, bewut schlo man die Augen und tat ihn. Es war ein sonderbares Geschehnis, da nach der Bestellung des Friedlnders, ohne da einer wute warum, ein Sturm von Erregtheit, von wilder Freude und Entschlossenheit den Wiener Hof befiel. Wie ein Ruck ging es durch Rte Offiziere. Die Werbetrommel schlug noch nicht in den Landen fr den Kaiser. Etwas Erschreckendes Aufreizendes lag vor ihnen. Die Ernennung des halb unbekannten Mannes war der erste Schritt. Das Leben bot ein neues Entzcken, ein noch herzlicheres als vor der Prager Schlacht. Damals lief man neben dem Bayern, jetzt sollte der Kaiser, der Kaiser, Alt Habsburg prangen, mit Zehntausenden. Sachte warfen selbst von den Rten manche ihre Betrbnis ab; die Augen gingen ihnen ber. Der Kaiser selbst, nach Nikolsburg auf das Gut des Kardinals Dietrichstein reisend, begehrte noch einmal nach dem Frsten. Bei aller Ergebenheit stahlhart trat der leidenschaftliche Wallenstein auf; er sagte nichts neues; der Kaiser hatte auf einmal den Eindruck absoluten Entschlusses und der Macht, jeden Entschlu durchzufhren. In Ferdinand wogte es nicht mehr. Er freute sich. Er entschied sich fr Wallenstein. Nach Prag ging Wallenstein als Herzog von Friedland; er solle, sagte sein Diplom, der Ehren und Wrden, wie andere Herzge in dem Heiligen Rmischen Reich, Erbknigreich und Landen, teilhaftig sein. Seine Instruktion folgte; sie setzte die Zahl der anzuwerbenden Truppen auf vierundzwanzigtausend an; lobte den Herzog wegen seiner zahlreichen, von Jugend auf erzeigten ersprielichen Kriegsdienste, seine Kriegswissenschaft und Erfahrung, wies auf das besondere groe Vertrauen hin, das die Rmische Majestt in seiner Liebden Person zu stellen verursacht war. Unsere Waffen, erklrte der Kaiser, sollen allein zur Wiederbringung des allgemeinen hochnotwendigen Friedens, zur Erhaltung Unserer kaiserlichen Hoheit, Schutz und Verteidigung des Heiligen Reiches, der Kurfrsten Frsten und Stnde, Land und Leute gefhrt und geleitet werden. Sie htten auf Freunde und Verbndete, vornehmlich den bayrischen Kurfrsten Bedacht zu nehmen; mit seinen Truppen mge sich der Herzog ins Einvernehmen setzen, unabbrechlich kaiserlichen Vorrangs und Respekts; von Wallenstein mge sich mit der Durchlaucht aus Bayern vereinigen, soweit sich tun liee, doch in allem der Rmischen Majestt Autoritt und Nutzen in acht nehmen. Der Kaiser konnte viele Tage zur Freude des Kardinals sich nicht entschlieen, von Nikolsburg abzureisen; ein heftiges Erstaunen hatte ihn bei der zweiten Begegnung mit dem Bhmen befallen und verlie ihn nicht. Bisweilen dachte er nicht mehr an Maximilian, dem er die geballte Faust hinstrecken wollte; er hatte urpltzlich den Eindruck, den Faden seines Handelns zu verlieren; fhlte mit einer unklaren Freude, da er dem Bhmen in einer Weise und mit rtselhaftem Drang vertraue, wie bisher keinem Menschen, wie vielleicht eine Frau ihrem Mann vertraute. Es war dieser Gewinn, fr den er mit dem Herzogstitel wider den Rat seiner Begleiter dankte. Ferdinand mute den Augenblick zeichnen, in dem solch geheimnisvolles Licht in ihn fiel. * * * * * Maximilian erhielt ein Schreiben aus der kaiserlichen Kanzlei. Es redete von der stets noch emporschwebenden starken Kriegsbereitschaft, die gelenkt werde gegen den Kaiser und des Heiligen Rmischen Reichs anverwandte Stnde und Glieder, von der Neigung, sonderlich die beiden lblichen Huser Habsburg und Wittelsbach anzufallen. Aus Unseres kaiserlichen Amtes Sorge, zumal auf Euer Liebden geschehener Erinnerungen, sind wir, ungeachtet unsere Erbknigreiche und Lnder auf den uersten Grad abgemattet, ausgeschpft und verderbt sind, Vorhabens und entschlossen, noch neue Kriegsvorbereitungen vor und an die Hand zu nehmen, unter dem Kommando Unseres Hochgeborenen des Oheims, des Reichs Frsten und lieben getreuen Albrecht Wenzel Eusebius, Regierers des Hauses Wallenstein und Frsten zu Friedland, unseres Kriegsrates, Kmmerers und Obersten: fnfzehntausend Mann zu Fu und sechstausend zu Ro, sowohl Unsere Erbknigreiche wider den Trken und Bethlen zu sichern und mit und neben Euer Liebden und der getreuen, gehorsamen Kurfrsten, Frsten und Stnde zum Widerstand zu konkurrieren, wenn Dnemark Feindliches vorhat. Maximilian wog die siegelbeschwerte Aktenrolle in der Hand. Sein Vater, der Herzog Wilhelm, klein, gebckt, sa ihm gegenber am Innentisch in dem engen berheizten Stblein der alten Residenz. Ruhig, ruhig, mein Sohn, flsterte das lebhafte, arglistige Mnnlein; es steckte in einem groben schwarzen Wollrock; mit seinen langen hngenden rmeln wirtschaftete es auf der Tischplatte, das Umschlagkrgelein hatte es frostig an die Ohren heraufgeschlagen. Maximilian war feist und kurz; gegen die Schemellehne gedrckt lie er den brtigen Kopf vor die Brust sinken, ber die silbernen spanischen Verschnrungen; straff hielt sich der feine Rumpf in dem prchtigen breitschigen Rock, den Degen, bodenlagernd, halbabgegrtet; er sagte leise: Ich kann es nicht zurckhalten. Er widert mich an. Ich hasse ihn. Niemand auf der ganzen Erde ist so mein Feind als dieser Ferdinand. Ich habe ihm meinen Sieg am Weien Berge mignnt. Ich htte ihn lieber verderben sollen. Er ist nicht anderes wert. Jetzt, seht, ist er so weit: jetzt hat sich das edle Haus Habsburg den fatalen Lumpen verschrieben, den Wallenstein. Den setzt er neben mich. Das ist mein Lohn fr die Prager Schlacht. Mein Sohn, du wirst Rat wissen. Maximilian richtete seine kalten Augen auf den gegenber: Er mag mit sich umgehen wie er will. Vielleicht pat der bhmische Herr zu ihm. Ich werde mich wehren und meinem Schwager dies nicht nachsehen; dies bleibt gewi. Aber da ich ihn nie bewltige, ihn nie auslsche, verndere, zu einem menschlichen Verhalten erziehe, da er sich immer wieder regt, das widert mich an. Klag nicht, mein Kind, du willst mich unruhig machen. Ich kann mit ihm nicht in Frieden leben, und wenn er mir den Bruderku anbte, mte ich mit ihm Krieg fhren. Ich will ihn nicht, ich will ihn nicht, ich kann ihn nicht dulden. Wie es mich qult, da mein Land zum Reich gehrt, wo in Wien er auf dem Thron sitzt und das Reichszepter in der Hand hlt, der Ferdinand von Habsburg heit. Ein Schlemmer, ein Nichtstuer. Zur Not, da er fromm ist. Ich wrde gut zu ihm stehen, wenn ich in Frankreich oder Dnemark geboren wre; dann mte ich gegen ihn offen kmpfen. Der kahle Mann lchelte freundlich: So klagst du mich an, da ich kein Wasa bin oder kein Welscher. Ich bitte dich um Verzeihung. Der Kurfrst sah sehr alt aus, als er das Kinn in die Hand sttzte: Scherzt nicht, Vater. Was soll das hier. Es ist keine Freude fr mich. Seht das hier. Albrecht Wallenstein, Frst von Friedland. Und nicht nur das: Albrecht Wallenstein, Kommando der kaiserlichen Truppen. Dies Ende nimmt durch ihn Habsburg. Kein Regiment haben die Habsburger jemals fhren knnen ber ihre Lnder, ihr Haus haben sie bereichert, den Wamst sich gefllt, wste Spielereien haben sie getrieben wie Rudolf. Das war ihr Glck: ihre Wohnung, ihre Freunde, Musik, Turnier, die Weiber. Bhmen geht unter, in Saus und Braus; was liegt Habsburg daran. Du kannst nichts tun, als den Kaiser weidlich placken, sei auf der Acht wie ein Jude: spring bei und nimm ihm weg was er nicht htet. Und wenn er betrunken ist und daliegt, wirst du auch wissen, was du zu tun hast. Mit seiner weichen Weiberstimme Maximilian: Arm wie eine Kirchenmaus waren sie; nach Prag haben sie Beamte hineingeschickt, zum Einkauf beim Schlchter Bcker -- sie konnten das Brot, die Semmeln, den Braten nicht fr den Tisch zahlen. Vor acht Jahren. Die Edelknaben waren da; in Lumpen gingen sie, schrieben an ihre Eltern um Geld fr Kleider. Aber das wirft diese Verschwender nicht um. Maximilian rutschte mit der Schlfe seitlich von der sttzenden Handflche ab, lie den Kopf in die Armbeuge gleiten, stierte gegen das Holz vor ihm, die Aktenrolle fiel ihm zwischen den Knien auf den Boden. Nach einer langen Pause, whrend der vermummte Herzog sich vergngt am Ofen rieb, kam aus dem Munde des fast schlafenden Mannes am Tisch: Geschenke, Abzahlungen, Botenlohn. Noch ein Dutzend, noch ein Dutzend. Und so hat sich der hochedle Schwager bei mir freigekauft. Er regiert im deutschen Reich und wei es kaum. Er hat neu gefreit, Eleonore von Mantua, ein junges Ktzchen, das ist seine Lust. Sie und der Friedlnder, das gehrt zusammen. Pfui, pfui. Melancholisch bist du wieder, Max, du wirst zur Ader lassen mssen. Er kam von Frankfurt an wie ein Betrunkener; er hat mich gekt, sein rundes, glhes Gesicht; er roch nach Wein; mich hat geschaudert. Er hat mir den Kurhut versprechen mssen; als Pfand hat er mir fast seinen halben Besitz abtreten mssen. Ich hab ihn hart bei den Ohren genommen und tribuliert, also da ihm htte der Verstand wachsen mssen. Und wahrhaftig: er bekommt es fertig, mich zu beschimpfen. Er richtete sich auf; wie er sein langwallendes Haar am Nacken hochhob, kamen seine groen verborgenen Ohren zum Vorschein. Ich werde ihn wieder schtteln. So gespannt man in Wien auf die Antwort Maximilians wartete, es kam kein Bescheid. Sie dachten, er frchtet sich durch jede Redewendung blozustellen; dann: er grollt, er hat den Schlag gefhlt. Sie dachten nicht an das, was sie schon beinahe wieder vergessen hatten: an den Ursprung, die Herkunft dieser neuen Strke. Mit Zorn verbot der Kurfrst seinem Vater, jemandem davon zu erzhlen, wie er von Wallenstein dchte. So tief schmte er sich des aufgetauchten, in kaiserlichen Glanz gehllten Abenteurers, da er sich mit Qual gegen Richel und den von Hohenzollern, seinen Obersthofmeister, anerkennende Worte ber ihn abrang, damit niemand auf den Einfall kme, ihn eines verchtlichen Umgangs zu zeihen. So wie auch nie ein Wort der Abneigung gegen den Kaiser nach auen gelangte ber seinen Vater hinaus. Und der Vater wute wohl, da sein Sohn nur unter dem Stolz litt, sein Leben lang von nichts beherrscht wurde, als da ein Haus im deutschen Reich sich anmaen konnte, ber dem Wittelsbacher zu stehen. Von Kind an, von jenem Kirchgang an, wo Ferdinand in Ingolstadt den jungen Bayern aus der ersten Bank fortgewiesen hatte, und seit da ohne Ruhe weiter. * * * * * Zwischen Wallensteins Bevollmchtigten de Witte und den Bankhusern Walter von Hartoge zu Hamburg, dann Georg Ammann und Julius Csar Pestoluz in Augsburg kamen die Geschfte zum Abschlu, in denen die ungeheuren Summen flssig gemacht waren fr das Darlehen an den Kaiser; unmittelbar daran schlossen sich die Verhandlungen um die Betrge fr die Aufstellung der Armada. Wallenstein wollte von sich aus wie bisher Regimenter aufstellen, alsdann brauchte er Summen als Vorschsse fr Obersten, die nicht flssig waren, dann richtete er auf seinen Gtern, seinen Stdten riesige Werksttten ein fr Tuche Stiefel ferner Saliterhtten Pulvermhlen Waffenschmiede. Michna konnte sich nicht bezhmen, als das ungeheure Leben anging, und sich beiseite stellen. Er sah einen beispiellosen Schlag Wallensteins voraus; dies bertraf alles, was jemals projektiert war. Es war Wallenstein nicht darum zu tun, vom Kaiser die ausgelegten Summen wieder zurckzuerhalten; der Schlaue wute, da der Kaiser und das ganze Heilige Reich ihm von nun an mit Haut und Haaren verkauft war. Wenn Michna in seinem Huschen fr sich in diesen Tagen das Projekt Wallensteins berdachte, fand er sich nicht zurecht vor Entzcken ber seine Groartigkeit. Nichts riskierte Wallenstein, und der unerhrte nicht auszudenkende Gewinn. Und in solche Hitze versetzte Michna das Nachgrbeln ber die geschftliche Situation, da er sich aufmachte und Wallenstein in seinem Palast aufsuchte. Seid kein Schlafzipfel, nickte Wallenstein aufgerumt, indem er ihm auf die Schulter klopfte, der Herr versteht vortrefflich Geschfte zu betreiben; jetzt soll er fr den Kaiser Geschfte betreiben; er wird auf besseren Boden gestellt, als sonst auf der ganzen Erde zu finden ist; zeige er nun, was er kann. Die Sache hatte ein ganz anderes Gesicht als alles, was er kannte; hier ging es ins Leere hinaus, hier war das Ungewi von Sieg und Niederlage in Rechnung einzustellen, stand da, alle wuten es, Wallenstein wute es, und doch steckten sie ihre Vermgen hinein. Und dies, die fiebernde Erregtheit, das schwankende Ungewi, die Grenzenlosigkeit des Ausblicks, durchzuckte mit einem Blitz Michna, da er die Hnde krampfte. Es ging in ein freieres stolzeres frecheres Leben hinein. Er tadelte sich, als er zugesagt hatte, wie er mit grauen Haaren Manieren annehmen konnte, die einem Grafen Frsten Grnspecht gut anstanden. Kam er zu Wallenstein, verschwand jedes Bedenken. Hier herrschte Bestimmtheit wie im Lauf der Sonne. Wie zwischen den blitzenden Stangen eines Rderwerks ging man. Hier war pltzlich keine Rede mehr vom Gewinn und dies bengstigte ihn nur, wenn er dem Palast den Rcken kehrte; er merkte, da ihn die wenigen Wochen des Hin und Her zwischen seinem Huschen und dem Friedlnderpalast gebrochen hatten; seine Frau sah, da er froher war und verliebter gegen sie; er hatte den Drang aus sich, aus ihr und seinem Leben etwas zu machen. Pltzlich nach vielen Jahren hielt er es fr gut, seine Eltern aus Nisch kommen zu lassen; sie sollten ihn sehen; er schmte sich pltzlich ihrer nicht, fuhr mit ihnen als mchtiger Mann und bhmischer Kammerrat aus und hatte Freude, wie sie sich freuten ber das starke Treiben in der Alt- und Neustadt. Zum Kommissar fr Getreidebeschaffung war er bestellt worden. Wie sehr er sich verndert hatte, merkte er an dem Tage, an dem er den Titel eines Freiherrn von Waizenhofen empfing; er htte sonst widerspenstig hinter der Titelverleihung etwas vermutet, sich ihr in Zorn widersetzt. Jetzt stiftete er zehntausend Gulden den Armen Prags. Lange bevor die Stadt etwas ahnte, zog in das Judenviertel das Gerede von Wallenstein, der dem Kaiser ein Heer aufstellen wollte. Als Bassewi, von Wien kommend von dem Abschlu der Verhandlungen, von der Rangerhhung des Friedlnders in der Synagoge erzhlte, brach ein Jubel aus, dessen Schall Sicherheitsmannschaften der Besatzungstruppen alarmierte, welche herbeiritten, nichts als ein toll gewordenes Hebrervolk vorfanden, dem sie aufsssigen Lrm verboten. Die abseits standen, die Arme ber der Brust skeptisch verschrnkten, auf den Gassen und in der Synagoge, blieben in der Minderzahl. Im Ghetto dunkel, festlos hausten sie. Das Brandmal trugen sie an sich in den gelben Zeichen; gelbe Barette, gelbe Hauben, gelbe Ringe am rmel. Man spie auf sie, wo sie sich drauen sehen lieen. Die Henker des Erlsers, die frechen Mrder, die sich am hellen Tag aus ihren Hhlen wagten und denen es nicht graute, sich von der Sonne Gott des Vaters beleuchten zu lassen. Die der siegreiche Kaiser ber die Mrkte und Flecken jagte, um das Volk zu krnken und seine Wunden zum Schwren zu bringen. Vor ihnen erschien, in ihren verschmutzten Husern Hhlen Gewlben alles Verbrechervolk. Die Schiffbrchigen schlichen sich ein, verschleuderten den Rest ihrer Habe. Die Hebrer kannten alle Blicke, kein Beichtiger hrte so gut, so scharf wie sie. Wo die Not sich drauen regte, sprten sie es, an den Dienern der Vornehmen, der Grafen Frsten, die in Nacht und Nebel mit Edelsteinen Gold Gewndern seltenen Mbelstcken bei ihnen anklopften, bettelnd, drckend. Im Schmutz begraben lagen sie abseits von den Husern in Unratgruben, schlrften den Reichtum der halben Welt ein und wenn sie davon abgaben, nur um mehr einzuziehen. Lagerten stumpf auf der Habe, wuten nicht wie sie nutzen. Gold gab es, um Lust damit zu kaufen; sie wuten nichts mehr von dieser warmen beseligenden Lust, wie der Maulwurf nichts von der Sonne. Gold gab ihnen nur die bse Freude, die Menschen drauen aufzuziehen und sich an dem schmerzvollen zappelnden Narrenvolk zu weiden. Herren, Richter mit Hohn und Gelchter auf ihre Bndiger, deren schwache Stunden sie belauschten seit Jahrhunderten. Wrde man sie sich berlassen haben nur ein einziges Jahrhundert, wrde keine Spur selbstndigen Lebens um sie existiert haben, die Welt htte alle Glut an sie abgegeben. So mute man alle paar Jahrzehnte mit Messern Feuer Kntteln Spieen auf sie eindringen; mute sie ausrauben totschlagen, brachte die Welt wieder ins Gleichgewicht. Das groe Knigsvolk, seit Jahrtausenden von seinem Stuhl geworfen, hatte in einem Bann nichts gelernt; auf dem Gesicht liegend, die Knie gebrochen, den Mund voll Sand; es duldete das Dasein; sinnlos, abgrndig tot, was geschah: Jerusalem der letzte Schein des Lebens. Nichts getrumt seit hundert und aberhundert Generationen als dies: Jerusalem, bei der Einsegnung des Knaben, der Brautpaare, der Leiche. In den abseits gestoenen, menschenungewohnten Tieren waren wste Begierden gewachsen, Ha Hohn und Verachtung in wilder tropischer Breite ausgewuchert, Lust am Verderben. Schakal Hund Schwein war, was in ihnen wuchs. Gelb die Farbe auf ihren Kleidern, hei-gelb das Leben, das aus ihrer Schwrze schwlte. Zogen Besessene auf Menschenmord aus, lockten wie Spinnen Sanftes, Ses an sich vom Christenvolk, um es schmerzgeweidet zu vernichten; da lachten die Irren nicht vor Freude. Vor ihren stummen Opfern in den Gewlben brachen sie in Weinen aus; das war das einzige, was ihnen vergnnt war. Diese opferten Blut, rauchendes Leben; man mute sie binden, in Kellern angeschmiedet halten. Auf den Straen, in den Kirchen, an den Huserwnden der Stdte, neben denen sie wohnten, huften sich die Abbilder der Heiligen, die sen Marienbilder, die fromm verzckten Theresien Magdalenen; in Prozessionen unter Singsang, mit Fahnen wallten die Gtter und Gotthnlichen zwischen den Huserreihen, ber Wiesen, verehrt, bejubelt. In den Htten Nestern an den Stdten, den Ghettos hrten es die Hebrer, den Finger anhebend, die starren Gesichter zu einem grausamen Lcheln verziehend: das sangen die, denen sie dienten, da zogen Gtter vor ihnen, den ganz Entgtterten. Da gingen die Scharen derer, von denen sie Qual erlitten, und aus denen ein Drang sie immer wieder wies, Menschen zu antwortender Qual herauszureien. Sie torkelten hoch, wandten sich um, trauer- und kotstarrend. Gewaltige des Reichs nherten sich ihnen. Drauen Luft, die rein wehte, drauen Glanz und Wechsel; die weite Erde. Der von Wallenstein, ihr Wallenstein, in den Kaiserhof eindringend, Heerfhrer des Kaisers. Schamloses Jubeljauchzen im Prager Ghetto. Frohlocken der Rachsucht. Unglubigkeit Trnenvergieen und wieder gelles Frohlocken. Es sollte dem neuen Herzog an nichts fehlen. Sie wanderten durch die gereinigten fackelerleuchteten Gassen zur Synagoge. Die Truhen mit den Prachtstcken, den hingegebenen Beutestcken ihrer Feinde hatten sie entleert. Die Weiber in dunkelroten Kleidern und Seide, mit Gold- und Silberborten, darber rote Jckchen, brokatverbrmt; blitzender Schmuck der vollen Arme, der Stirn, Korallen, Steine; die Mnner gegrtet, auf hohen Schuhen, in veilchenfarbigen, dunkelblauen Gewndern, Pelzbarette auf den Kpfen. Und drinnen zwischen den brennenden siebenarmigen silbernen Armleuchtern stieg ein rotwangiger Greis unter einem Silberkppchen die zehn Stufen zur Bundeslade hinauf; an seinem Obergewand von Hyazinthfarbe hingen goldene Glckchen und Granatpfel. Fnf Grtel hatte er sich umgetan, aus Gold Purpur Scharlach Hyazinth Bysus; auf seinen Schultern schildfrmiger Schmuck aus Gold mit Steinen. Er sang, hob die Hnde. Sie sangen kopfwiegend, sich verneigend, trunken mit. Bhmen empfing mit dumpfem staunenden Murren die Nachricht von dem Ereignis; der unersttliche verabscheute Mann stand in dem blendenden Licht des Kaiserhofes. Man wute, er hatte schon die Bauplne zu einer Prager Zitadelle in seinem Palast; sein Name war unter den Mnzkonsorten genannt, sein Regiment hatte am Weien Berge die Unglcksschlacht mit entscheiden helfen; nun segnete den Todbringer die deutsche siegreiche Majestt. Der Bhme! Der Erzverrter! Die hoffrtige Bestie, die an Wien die Ehre verloren hatte. Wie Judas hatte er sich einnisten wollen in das Herz seines Volkes, hatte er in der Stunde der Erhebung mit teuflischer Tcke starke Truppen an sich gezogen, tuschend, um sie gegen das eigene Land zu werfen. Da kam Judas, einer von den Zwlfen, und mit ihm eine groe Schar mit Schwertern und Kntteln; und der Verrter hatte ein Zeichen mit ihnen verabredet und ihnen gesagt: der ist's, den ich ksse, den greift und fhrt ihn ohne Zgern ab. Es sollte nicht so weit kommen; die Truppen verlieen ihn. Mit Schimpf und Schande stand er in Wien, armselig, trug einen gestohlenen Sckel in der Hand, die Regimentskasse. Der Kaiser selbst schickte den Beutel zurck. Der Mann aber war nicht verdorben, war wie Hederich gewuchert, hatte Schandtat auf Schandtat gehuft, erkannte nichts an als Gewalt. In kleinen Klubs saen die Edlen und ihr Anhang zusammen; die Verwandten, Neffen, Shne, Frauen derer, die von Ligisten niedergemetzelt waren oder hatten fliehen mssen. Katholisch geworden mit dem heiesten Grimm, bis in den Kern ihres Lebens vom Sieger getroffen. In hohe mter hatten sie sich geschoben; niemand wute, da zu ihnen gehrten Wratislaw von Mitrowitz, der Hauptmann der Prager Kleinseite, die Appellationsrte Wenzel von Flieenbach, Kobach, ja ein Sohn des ffentlichen Anklgers Pribik Jenissek von Oujezd. In ihrer Mitte heranwachsende Jnglinge, blhend schne Weiber, Alte, die schon daran gewesen waren, ihr Dasein abzuschlieen. Sie sangen in ihren Zusammenknften ihre Lieder; vom Peter Chelicky sprachen sie, vom Netz des Glaubens, und da der Staat ein bel fr den Christen sei -- aber dachten nur an den Staat der Habsburger. Sie redeten den Satz nach: Gott hat nicht widerrufen das Wort: du sollst nicht tten, damit erhoben sie sich stolz und drohend ber die grausamen Verfolgungen, die ihre Angehrigen erlitten, trsteten sich. In dieser ausgestoenen Aristokratie blhte, angstvoll behtet, das Wunderkraut der sanften menschenbewltigenden Lehren, die im Volk umgegangen waren einstmals, von ihm selbst kaum beachtet. Wie flsterten sie, sich an den Hnden fassend, da es den guten Christen nicht anstehe, teil an der Macht zu haben --, fhlten sich ruhiger, halfen sich ber Schlimmes hinweg. Durch die Gedanken ihrer Kinder lieen sie rasseln die Mrchen vom fellbewachsenen Bhmenherzog Krok und seiner geliebten Tochter Libussa; wie in ein Kinderland fanden sie -- alternd, heimatlos -- in die uralten Fabeln; der starke Premyzl stand auf, Wenzel tat seine Wunder. Ehrerbietig taten sie gegen die neuen Machthaber, geduldig waren sie, unbezwungen, stolz. Sie waren die Adligen, in diesem Land konnte niemand sonst von Adel sprechen. ber die Niedrigen suchten sie ihre Lockungen auszubreiten, die blieben stumpf und gefhrlich. Lieen sich nicht Bhmen nennen, wollten nur Bauern sein, stalpten auf ihre Felder, in die Stlle, wandten sich grimmig von allem, was ihnen mit Bekenntnis und Vaterland kam; in vielen Drfern brachen nach dem Auszug der Sachsengnger Treibjagden aus wider die aufdringlichen Hufreunde, Totschlge an heimlichen Friedensstrern und ihren verkappten Sendboten. Die Edlen versammelten sich in geheimen Husern, mit brachten sie Listen alles jngst gegen sie geschehenen Unrechts, aller Schikanen, Bedrckungen. Dann war pltzlich eine Lithurgie da: ein furchtbarer Klagegesang, ein chronikartiges Verzeichnis alles Leids in Bhmen seit den Tagen Rudolfs und Matthias. Keine Versammlung begann, ohne da wie ein Gebet dieses Verzeichnis verlesen wurde, die Morde Vernichtungen Verbrennungen, der Zug der Verbannten ber das Erzgebirge. Und die, deren Angehrigen es geschehen war, da saen sie, standen an den Wnden -- nannten sich drauen kaiserlich, hatten ihrem Hu abgeschworen. Die Gesichter tief gertet, jene erblichen, verzerrt, streng gerissen. Wilde Worte wurden ausgestoen, Trnen standen in den Augen, Sthnen Schreien zog sich in die Unterhaltung hinein. Es wrde einmal sterben die spanische Geiel, der Jesuit Ximenes; Marias Sule wrde von der Theinkirche gestrzt werden; in den Boden gestampft Caraffa, der ppstliche Nuntius, der Seelenmrder. Es gab welche, die diesen Teil der Zusammenknfte mieden, zu spt kamen, das Verlesen fr eine Albernheit dekorativen Charakters nahmen; die Welt ging voran, sie wollten mit. Aber sie beirrten nicht die rache- und haatmende Gesellschaft. Langsam hatte sich ihnen Slawata genhert. Er, dem edelsten Hause entstammend, dem Kaiser anhngend, den Konventikeln nachschleichend wie ein Tier seiner Beute. Sie hatten sich seiner nicht erwehren knnen, ratlos, wessen sich versehen von ihm. Ihn hatte Wallenstein irre gemacht. Er ging einsam, seit er selbstndig geworden war, neben den groen Akteuren, war ihr Stolz, ihre Standarte. Einsam wandte er sich. Es trieb ihn, er wute nicht wie, zu seinen Vettern und Sippengenossen, in die geheimen Zirkeln. Auf ihre Wege trieb es den Stillen Blauugigen Umwlkten; wie er sich dunkel den groen Akteuren beigesellt hatte, wandte er sich den Bhmen zu. Spttisch und traurig stand er unter ihnen, die mit ihren Gesngen und Reden verlegen schwiegen, wenn er, den vollen Kopf halblinks auf die Schulter senkend, sehr langsam sie begrte mit Zwinkern der Augen und tonloser ffnung des ppigen Mundes. Es war nur eine Erkundung, was er bei ihnen vornahm; wer seid Ihr? war seine ungesprochene Frage. Und sie merkten, da er mit ihnen Fhlung nehmen wollte, wuten nicht, ob sie sich offenbaren oder verleugnen sollten. Schon waren sie willens, mit Banalitten die Zusammenknfte auszufllen, bei denen er anwesend war. Da nherte er sich ihnen mehr; fragte sie eines Abends, als sie sich unter Selbstpersiflage von Dingen der holden Kaiserin Eleonore unterhielten, warum sie zusammenkmen und was sie gemeinsam betrieben. Sie sagten, sie seien Freunde der kaiserlichen Regierung und wnschten die Bhmen dem Kaiser nher zu fhren. Slawata blickte lange in seinen Scho, seine ringblitzende Hand vor die Augen hebend: Ihr wnscht, da ich Euch allein lasse? Darauf ratloses Gerede der Herren und Damen; er verneigte sich trbe nach einiger Zeit, ging. Sie beschlossen khn, es darauf ankommen zu lassen; und als Slawata nach lngerer Weile lautlos in eine Versammlung der Herrschaften trat, von jungen Mnnern geleitet, nahm keiner Notiz von ihm; man tat sich Zwang an, wagte. Die Liste der Klage wurde verlesen, das Aufschluchzen und Sthnen begann, die Namen der Toten und Verschollenen klangen tonlos; der Vorleser bedurfte keines Winkes seines Nachbars, eines uralten Mannes, um auf den Namen Slawatas, des Bsewichts und Verderbers zu achten; der jugendliche Vorleser sah den Namen in seiner Liste kommen, las ihn, samt der Anklage, Drohung, Hoffnung. Als betrfe es nicht ihn, stand Slawata in der nur bankbestellten kerzenhellen Stube nahe der Tr. Auch sie sprachen an sich haltend mit ihm, als wre er nicht der Slawata, dem sie fluchten. Sie wollten ihn locken, sich zu offenbaren; er schwieg, war hflich gegen sie, kehrte wieder. Nichts geschah einem von ihnen. Sie fhlten, da sich eine Wandlung mit ihm vollzog, fanden keine Handhabe, ihn zu sich zu ziehen. In offener Gesellschaft der Herren der Kammer lie Slawata sogar unbekmmert das Wort fallen, da er den und den Herrn in einem bhmischen Konventikel kennengelernt und gesprochen habe, so da man raten konnte, ob er sich den bedenklichen Verbindungen seiner Sippengenossen zugewandt habe -- er, der Slawata, den sie zum Fenster hinausgestrzt hatten -- oder ob sich die Sippengenossen dem Kaiser nherten. Aber ein Blick auf ihn schien zu zeigen, da er sich nicht gendert hatte, er nicht. Vom Judenviertel schlug Geschrei herber, durch Prag liefen die unerhrten Zahlen; der Friedlnder wolle hunderttausend Mann auf den Fu bringen, er werbe Kosaken an, der Tilly werde ihm unterstellt. In den Kammern der Adligen ging man nicht auseinander. Wir haben die Nachricht von erster Stelle. Der rmische Kaiser sucht sein Heil in Bhmen. Er fngt ihn, Wallenstein fngt ihn, kreischte eine breithftige Dame; sie raste so, da alle mitgerissen wurden. Wenn der Teufel seine Wege geht, flsterte einer, geht er sie heimlich. Nein, lachte einer, er geht sie ja offen, am lichten Tage. Sieht man es nicht. Der Friedlnder bernimmt die kaiserliche Armee. Man macht dem Verrter, dem Mrder die Tr auf, bittet ihn ins Haus, man drckt ihm den Dolch in die Hand. Man bittet ihn darum, er mchte eintreten. Ksse mich, Judas, damit keine Lcke im Text entsteht! O, wie man ihn bittet! Sie erzhlen, Wochen um Wochen laufen schon die Kuriere von Wien mit kaiserlichen Brieflein. Aber der Friedlnder will nicht. Und alles lachte schallend: Ei, er will nicht, er will es sich noch berlegen; er hat noch Zahnschmerzen. Sein Rachen ist weit. Ein paar hundert Quadratmeilen Land hat er bald heruntergeschluckt, er ist verstopft, der Hof gibt ihm Wein zu schlucken. Er ist katholisch. Katholisch wie der Teufel. Sinnt Tag und Nacht, wie er den geistlichen Herrn ihr Hab und Gut entreien kann. Geflucht hat er neulich, die Glser unter Tosen auf den Estrich geworfen und geschworen, wre er Protestant, wrde er dem Leckerle, dem Kardinal Dietrichstein kein Haar auf dem Fell lassen. Lang lebe unser Landsmann Wallenstein, der Herr, der Frst. Weiter! Gottes Allmacht. In Dresden arbeitete der alte Graf Mathias Thurn. Als Wallensteins Ernennung vor der Tr stand, hofierte der Dresdener Hof den Grafen pltzlich auffllig; er begriff, was das hie. Sich Wallensteins bemchtigen! Verrter sei der Friedlnder, sagte achselzuckend Thurn dem zhen Kaspar Schnberg. Um so besser, meinte der, Verrter seien auch Verrter nach der andern Seite. Thurn, der Feuerkopf, mit den schsischen Emigrantenorganisationen nachsinnend, gab die Losung aus nach Prag: In keinem Fall Aufsssigkeit zeigen, geheim fr nahe Erhebung rsten, sich jeder absprechenden uerung ber den Friedlnder enthalten. Eine besondere Botschaft betraf den Vetter Wallensteins, den Maximilian, der, wie man wute, Spionage fr den Frsten trieb: man solle ihn einladen zu den Versammlungen, in den Unterhaltungen lobend den Frsten erwhnen, und da man sich ausgeshnt habe mit ihm, seine alten Taten nicht nachtrage. Das Elend der Emigration lie die Hoffnung auf Wallenstein in Sachsen auflodern, die Botschaften, erst belchelt, whlten hier wie ein Sturm. Eingestanden oder nicht schillerte in allen Gemtern ein sonderbar tiefes Vergngen, da das Heilige Rmische Reich von einem Bhmen gerettet werden msse. Alle Trmpfe hatte man im Spiel; die Sinne zusammen; es galt klug und khn zu werfen. Und wie auch immer, er, der Friedlnder, er wrde dem Habsburger das Messer auf die Brust setzen; wrde sie rchen an Ferdinand. Die ppigen schwarzugigen Frauen, deren Mnner gefallen und verjagt waren, sprangen an den gelten Wnden herum: er werde sich rchen an Bhmen, indem er es verschlinge, er hat einen groen Rachen, zweitausend Meilen haben noch Platz. Verschlingen. Und das fiel wie Feuer in alle. Wallenstein wrde sie an sich reien, vielleicht um sie zu unterwerfen, ber ihnen zu stehen; wrde seinen Ha an ihnen khlen, indem er ber sie herrschte. Er solle es nur. Das bermtige bermige Glck. Slawata wanderte zwischen ihnen. Die Lichter der Kammer brannten auf erhitzten Gesichtern, verzckten Augen. Er hatte sie jubeln hren, als sie ihn auf dem Prager Rathaus anfaten, als ihr eitler Herr aus Heidelberg herzog. Jetzt jubelten sie Wallenstein zu. Die Kanaille, Adlige, seine Sippengenossen. In dem Tuscheln Schwatzen wurde man seiner ansichtig, aufmerksam verneigten sich von allen Seiten hertretend vor ihm die rachegeschwollenen Vettern, den Kaiser lobend ob seines Scharfblicks und wie der Friedlnder das Reich in seiner Herrlichkeit werde herstellen. Er stand an der glatten Wand. Was habt Ihr mich zum besten, liebe Vettern. Rechtzeitig gewann er es ber sich, gegen die Verblfften zu lcheln, indem er ihnen zwinkernd die Hnde und Wangen streichelte. Zu diesem aufgeregten Abend war in Prag die alte Magdalene aus dem Geschlecht der Trzka von Lipa erschienen, ein robustes tatkrftiges Weib, die ber Millionen verfgte, mit dem Friedlnder verwandt, der sich von ihr fernhielt. Am Stock kam sie auf Slawata zu, burgunderrotes Gesicht vor weiem losem Haar, das auf einen glatten viereckigen Kragen fiel, die linke Gesichtshlfte schlaff, das Augenlid hngend und zuckend, freudig ihm zuschreiend: Hier ist jetzt nicht Euer Platz, Graf Slawata. Prag ist meinem Neffen Wallenstein zu klein, und Ihr? Ich freue mich, Euch zu sehen. Er half ihr neben sich auf eine Bank; lchelte starr: Also nach Wien. Nach Wien. Gewi und sicher. Gedenkt Ihr hier zu versauern? Prag hat aufgehrt fr die nchsten Jahre Hauptstadt von Bhmen zu sein. Nach Wien. Sie lachte in ihrer gesunden wanderschtternden Art, sah ihn durchdringend an: Der Kaiser braucht Euch. Ihr seid doch geschickt, Ihr werdet wissen, was Ihr zu tun habt. Sie redete noch manches; er hielt still. Als er in seiner Snfte sa, war er erschttert von Schmerz, machte sich mhsam kalt. Er hatte nicht vor, seine Politik nach Wallenstein einzurichten; er war es im Begriff gewesen. Er suchte sich auf ein kaltes sachliches Ziel zu besinnen; vermochte es nicht. Mit einem Fluch machte er sich frei: Nach Wien. Er gab sich keine Rechenschaft: warum. In einer Wutwelle war er vor den Entscheid getragen. Drittes Buch Der Krieg Noch einige Wochen blieb der Friedlnder in Prag, dann brach er nach Eger auf, wo, er sein Hauptquartier aufschlug. Im Reiche, in den Erblanden standen kaiserliche Truppen, deren Haupt er war, geschwcht, in alle Windrichtungen zerstreut; in Wien die Stadtguardia, acht Infanterie-, sieben Kavallerieregimenter. Sechs marschierten unter Spinelli zu der Infantin Isabella nach den Niederlanden. In Ungarn Musketiere, in Bhmen das Regiment Breuner, in Mhren die Truppen des Max Liechtenstein, Wallensteins, des Grafen Schlick, des Freiherrn von Tiefenbach; ganz entfernt in Freiburg im Breisgau Hannibal von Schaumburg; dazu die Reiterregimenter Marradas, Wittenhorst, Konti, Kaspar von Neuhaus. Fnf Regimenter zog der Herzog an sich, vierzehn neue stellte er auf; das Regiment dreitausend Mann. In Prag vergab er die Bestellungsbriefe an die neuen Obersten; sie hatten zu bernehmen und vorzustrecken Antritts- und Laufgeld, einen Monatssold und Ausrstung ihrer Sldner; vielen scho er selbst den Betrag vor, ihr Glubiger der Kaiser. Wallenstein entfernte sich nicht weit von Prag, um mit de Witte, Michna und Bassewi in Zusammenhang zu bleiben. Die neuen Kpfe tauchten in Eger neben ihm auf, die Obersten Merode, Scharffenberg, die Gonzaga, Desfours, Isolani, der Thomas Karboni, die bald so gefrchteten Namen. Nach dem Elsa herunter liefen die Ordonnanzen, die Schaumburg und Wittenhorst mobil zu machen und ihren Anmarsch in das Reich zu befehlen. Wallenstein war zugeteilt als sein Oberstmeister-, Zahl- und Quartierungskommissar Johann Aldringen, ein feiner gewandter Hofmann, dessen geheime Aufgabe war, wohl aufzumerken in Wallensteins Quartier und Lager und von allem den Rten in Wien gute Kenntnis zu geben. Er sah bald selbst, da ihm nichts weiter blieb als dies: die Korrespondenz nach Wien und der Titel; denn der Herzog wies an; er hatte bald kein Verlangen mehr mitzusprechen. Man schlug Sammelpltze auf in den kaiserlichen Erblanden, im Reich, im frnkischen schwbischen Kreis. Abgeordnete der frnkischen Ritterschaft erschienen vor dem Herzog in Eger, Direktoren Hauptleute und Rte aller sechs Orte in Franken, zu klagen ber den Schaden durch vagierende disziplinlose Truppenkrper; sie wurden hflich empfangen, versichert, da der Oberst Graf Schlick eine Erinnerung erhalten werde. Im brigen bemerkte der Herzog mit groer Bestimmtheit beim Abschied, sie mchten mit Proviant und sonstigem Unterhalt nicht zurckhalten, damit die Vlker nicht herumstreiften und nicht zu lange an einem Fleck liegen blieben; mrrisch und erstaunt wandten sich die Herren, dabei ein Hektor von Streitberg und ein Redwitz zu Wildenrod, zum Gehen. Aus Hessen, von Frankfurt Nrnberg fuhren rechtskundige stolze Mnner nach Eger an, lieen sich nicht abspeisen mit des Herzogs Sekretr, auch nicht mit dem neugierigen und sehr interessierten Aldringen, stellten sich ehrerbietig, fest vor der Durchlaucht selber auf, berichteten von den vorgenommenen Werbungen, errichteten Musterpltzen und den Unterhaltsansprchen der Vlker, zitierten die Goldene Bulle, Reichstagsabschiede. Der Frst nahm sie freundlich an, schrieb lachend ein Brieflein an Trautmannsdorf nach Wien, der Geheimrat Recke solle bald, bald, bald kommen; cito, presto, die Leute aus dem Reich berzgen ihn mit hochgelehrten Sprchen, er wisse nicht, wo er drin stecke. Er schickte Unterhndler nach Ulm Halberstadt Nrdlingen Nrnberg; die Stdte muten sich freikaufen von Quartierlasten; Nrnberg zahlte hunderttausend Gulden; Eger gab siebentausend her; emprt hatte die Stadt die doppelte Summe abgelehnt. Die bhmischen Landesoffiziere wurden trotz Sperrens durch sanften Druck vermocht, hunderttausend Schock Groschen an die Kriegskasse abzufhren. Herr Aldringen hatte in der ersten Woche seines Aufenthaltes im Eger Hauptquartier zaghaft auf die kaiserliche Resolution betreffend Schatzungen hingewiesen, in der es hie, es sollten leidentliche Kontributionen in den eroberten rtern und Landschaften zur Erhaltung der Soldateska zugelassen werden, mit dem Ma, da solche Kontribution der Soldateska von ihrem Lohn abgezogen werde, damit der Kaiser leichter an den Kriegskosten trage. Wo aber seien Ulm Nrnberg Nrdlingen eroberte rter, die freien Reichsstdte, noch dazu mit reichen kaiserlichen Schutzbriefen versehen? Der Herzog hie ihn, freundlich ihm auf die Schulter klopfend, sich nicht zum Anwalt der Stdte machen; sie setzten ihm schon genug zu; er sollte nur fein berichten und hren, was man sage. Da wurde Aldringen aus Wien durch den Abt Anton die schwer verklausulierte Auskunft, er mge sich um Jesu willen mit dem Herzog ins Einvernehmen setzen, sie vermchten von Wien aus die Verhltnisse nicht zu berschauen, man drfe gewi nicht Splitterrichter in so gefhrlichen Zeitluften sein, wobei immerhin sein Rechtsstandpunkt offensichtlich unantastbar sei und er ihn dem Herzog gegenber vertreten mge, jedoch nicht zu heftig. Proviant, Artillerie, die Brckenequipage fehlte. Die hatte der Kaiser versprochen. Es war an einem gewissen Punkt der Unterhandlungen in Nikolsburg eine pathetische Gebrde der Rte gewesen, dies zu bernehmen; da waren kaiserliche Stckgieereien Zeughuser Kornlager. Die Gieereien arbeiteten zu langsam, das Material der Zeughuser war bedeutungslos, unbrauchbar, die Kornlager knapp, fr zehn Regimenter reichend. Eger drngte, klagte strmisch an, sie lieen es im Stich, sollten die Truppen verhungern, sollten sie mit Stecken kmpfen. Man mute demtig erklren, Eger mge sich gedulden, mge sich behelfen; man konnte nicht hinzusetzen, da die Hofkammer bisweilen nicht zehn Gulden in der Kasse hatte zur Bezahlung des Kuriers. Whrend der Herzog in immer grerem Umfange sein Geld an die Sache setzte, geschah es zur Verwunderung des Wiener Hofes, da er immer mehr eine ehrerbietige Haltung gegen den Kaiser und seine Beamten annahm, sich, wie es schien, mit Gewalt bezwang und in die Rolle eines kaiserlichen Funktionrs einfgte. Er schien es dem Hof leicht machen zu wollen, sich mit ihm abzufinden, denn, wie Trautmannsdorf bei Berichten aus Eger einmal sagte: lange wachsen lassen kann man solch Ungetm an Land Leuten und Geld nicht; entweder es pariert bald und kriecht unter, oder es mu erschlagen werden. Die sechs niederlndischen Regimenter wurden zurckbeordert; in Sachsen warb fr den Herzog ein Mansfeld als Generalleutnant zwei Regimenter. Dann stand das Heer komplett; fast ohne Artillerie, ohne gesicherte Proviantzufuhr. Unter den peitschenden Worten Wallensteins ging der Rest der Werbung, Musterung, des Drills Hals ber Kopf; die Parole war: Nehmt was ihr kriegt! Wie Verzweifelte arbeiteten die Offiziere. Gefhrliches beutelsternes Volk lief ihnen zu, sie hatten fr die Kriegsstrke dem Herzog zu stehen. Von oben kam der Befehl: Wenn man keinen Falken hat, mu man mit Raben beizen. Bevor er in Eger die Hauptmusterung seiner Truppen vornahm, entschlo man sich in Wien zu dem letzten Schritt: ernannte ihn zum General dieses kaiserlichen nach dem Reich abgeordneten Hilfsheeres. Man mute ihm zum Opfer bringen die alten verdienten Generale, den Spanier Hieronymus, das Kriegsorakel aus Madrid, den Rudolf von Tiefenbach und andere; man besnftigte sie durch Titel, sprach ihnen zu: es ginge alles vorber, auch der von Wallenstein. Die Truppen, wie sie standen und lagen, mit und ohne Artillerie, mit ungeklrter Fouragezufuhr, der zehnte Kavallerist ein Pferd, erhielten dann eines Tages, wie aus dem Himmel fallend, den Befehl zum Abmarsch. Sie schwirrten, noch halbnackt, ein buntes halbverbrecherisches Gesindel, gegen die Grenze auf Bayreuth Bamberg zu. Einen Brief hatte Wallenstein erhalten vom Bundesobersten der Liga, Maximilian aus Bayern, worin der ihn bat um Abordnung des Marradasschen und halben Lauenburgschen Regiments an Tilly, seinen Generalleutnant. Als der Herzog zugesagt hatte, stellte der Bayer dem niederschsischen Kreis ein Ultimatum, die Rstungen einzustellen und sich vom Dnenknig loszusagen. Den Kaiser und seinen Hofkriegsrat fragte Maximilian nicht; nach einer knappen Woche, Wallenstein berschritt eben die bhmische Grenze, erteilte die Durchlaucht in Mnchen ihren Feldkommandierenden den Befehl, im Namen Gottes und seiner heiligen Mutter in Niedersachsen einzumarschieren. Worauf der Tilly ber die Weser setzte bei Hxter, wie ein Wetter das Braunschweiger Land berraschend, ber zwlf Meilen Wegs alles verwstend. Von Ferdinand war eben ein Handbrieflein an die stolze Mnchener Durchlaucht gekommen, er hielte mit seinen Beratern einen Beschlu ber Niedersachsen zur Zeit nicht fr ratsam, ja gefhrlich. Das Prveniere war gespielt, der Wiener Hof erklrte mit verhaltenem Atem, es bei dem Geschehenen bewenden zu lassen. In Maximilian brach aber einen Augenblick die Spannung aus, als die Wallensteinschen Scharen in ungeheuren regellosen Zgen nach berschreiten der Reichsgrenze an der Oberpfalz vorberstreiften, massenhaft Leichen von rubernden Sldnern an den Bumen zurcklassend. In heftigen, kaum mehr diplomatischen Wendungen verwahrte er sich gegen das Treiben dieser Horden, die man besser gegen Ungarn auf Bethlen Gabor gewandt htte; er werde Truppen bei Weiden aufstellen, die Polizei spielen sollten. Unverhllt darauf Habsburg, er solle nicht schelten; er solle sich seiner sonderbaren Unterhandlungen mit Frankreich erinnern. Das tte er, knirschte Wittelsbach; der Kaiser mge es nicht dahin kommen lassen, da er die franzsischen Anerbietungen annhme. Auf dem Marsche nach der Weser verstrkte sich Wallenstein weiter; die niederlndischen Regimenter stieen zu ihm. Er setzte sich in Schweinfurt, in Wacha an der Werra. Ihn erwartete, mit lauten Rufen begehrte nach ihm der flinke alte Brabanter, der Freiherr von Marbi und Tilly, Johann Tserklas. Der, Schler des Alexander Farnese, Belagerer von Antwerpen, bei der spanischen Hilfe gegen die aufsssischen Guisen gestanden, mute mit Jubel, zum Grimm seines bayrischen Herrn, aus schwerer Bedrngnis auf die toll anrasselnde bhmisch kaiserliche Kavalkade fliegen. Im deckensenkenden Quartier des Brgermeisters von Hennendorf, bei Lauenstein gelegen, stiefelte Tilly, gebrechlich, in spanischer Kapitnstracht, am kleinen Htlein hohe schwankende rote Strauenfedern, an den langen hageren Bhmen heran, der heftig lachte und sich mit ihm freute, da es noch nicht zu spt sei, dem Feinde die Zhne zu zeigen. Der Brabanter, steif, gespenstig, mit einer weien Schrpe, zwei Pistolen und einen Dolch im Gurt, kurze weie Haare; an den Haarspitzen schwankten ihm wie hren die tausende erschlagenen Menschen. Sein bleiches spitzes Gesicht, buschige Brauen, starrer borstiger Schnurrbart, berrieselt von den verstmmelten Regimentern eines Menschenalters; sie hielten sich rutschend an den Knpfen seines grnen Wamses, an seinem Gurt. Seine knotigen Finger bezeichneten ein jeder die Vernichtung von Stdten; mit jedem Gelenk war ein Dutzend ausgerotteter Drfer bezeichnet. ber seine Schultern schoben sich her, zappelten die Krper der gemetzelten Trken, der Franzosen, der Pflzer, und doch sollte er damit erscheinen vor Gericht einmal, samt ihren Pferden und Hunden, die ber ihm hingen kreuz und quer, einer vor dem andern, ber dem andern, eine ungeheure Last, so da sein Kopf samt dem Htlein darunter verschwand. Die aufgerissenen roten und borkigen Hlse, Buche mit weien regsamen Farben, gedert, triefend ber die geschlitzten zurckdrngenden Arme und die einknickenden Beine. Darmschlingen am langen Gekrse, in die er sich verwickelte, wampend und schwabbelnd ber die sich stemmenden lederverwahrten Knie, eine riesenlange, weiche, wurmartig rieselnde Schleppe, an der er ruckte, ri, keuchte, wenn er ging. Ein Mammut belastete er den Boden; aber eisig hielt er sich, hrte nicht das Gebrll der Menschen, das markerschtternde der Schweine, Schrillen Pfeifen der Pferde, die sich alle an ihn hielten, ihr Leben aus ihm saugen wollten, aus den feinsten Rhrchen seiner Haare; herumlangende Pferdehlse, nsternzitternd, scheckig, schwarz; zerknallte Hunde, die nach seinem Mund, seiner Nase schnupperten, gierig seinen Atem schlrften. Er mute lngst ausgeleert sein, sie sogen an einem drren Holz, er klapperte drin und sie brachten ihn nicht zum Sinken. Hinter ihm vierzehn Regimenter zu Fu und sechs zu Pferd. Der Friedlnder ihm gegenber, ein gelber Drache aus dem bhmischen blasenwerfenden Morast aufgestiegen, bis an die Hften mit schwarzem Schlamm bedeckt, sich zurckbiegend auf den kleinen knolligen Hinterpfoten, den Schweif geringelt auf den Boden gepret, mit dem prallen breiten Rumpf in der Luft sich wiegend, die langen Kinnladen aufgesperrt und wonnig schlangenwtig den heien Atem stoweise entlassend, mit Schnauben und Grunzen, das zum Erzittern brachte. Hinter ihm vierundzwanzigtausend Mnner. Der Tilly sollte unter dem Schein, den Mansfelder zu stellen, ins Herz des Reichs vorstoen, sich der beiden schsischen Kreise bemchtigen, zwei Erzstifte, dreizehn Bistmer und Abteien. Des Bhmen Befehl lautete, durch sanfte Mittel und Traktationen die Gemter gewinnen, den protestantischen Frsten den Vorwand der Religion benehmen, welchen die Feinde des Kaisers zur Bedeckung ihrer rebellischen Anschlge meisterlich gebrauchen. Als sie zusammenstanden bei Hennendorf, wich der Dne von ihnen ab. Das Jahr war vorgerckt. Links dehnte sich das Ligaheer in die Quartiere von der Weser bis nach Goslar in die Berge; Wallenstein wollte sie ihnen nicht strittig machen, hatte Platz in das flache Land hinein nach rechts, zwei Erzstifter, dreizehn Bistmer und Abteien. Ehe der Brabanter Kriegsmann Zeit hatte zum Disput und die Stifter zum Protest, zog der Bhme vorn den Riegel weg von seiner Avantgarde, das Volk schwemmte schwabbte nach rechts, nach Norden, in das flache Land. In Halberstadt whlte sich der Friedlnder ein; dort schlug er sein Quartier auf; alle Stdte und Drfer besetzte er weit herum; an die Saale herber langte er nach Halle. Tilly, die kleine Dogge, grollte, aber der andere wies, da er ihm im Herbst geholfen habe, versprach noch mehr. Nach Wien trompetete der Bhme, er se mit allem Volk in warmen Quartieren, man staffiere sich weidlich aus; der Kaiser mge wissen, wie schn dies Land sei, wie wohl diese Stifter dem zweiten Sohn des Herrn anstehen wrden. Zurck hallte Graf Strahlendorff: Magdeburg sei nicht weit von Halberstadt; mge der General hren, wie schwer die Rmische Majestt daran trage, dort die Gebeine des Heiligen Norbert in schlechter Verwahrung zu wissen. Die kaiserlichen Rte schoben den Grafen Kollalto, der mit ihm in Prag verhandelt hatte, zu ihm ins Lager, den ehemaligen Hofkriegsratsprsidenten. Kollalto war ein untersetzter gewaltttiger starrer Mann, nicht jnger als der Bhme, dem Kaiser von Gradiska her befreundet, ein starker Trinker. Er sollte Polizei und Disziplin unter den kaiserlichen Truppen aufrecht erhalten; man hatte neben den Bhmen mit Plan den schwer zu behandelnden Friauler gesetzt, mit unscharf begrenzten Funktionen, einen ehrgeizigen eiferschtigen unbefriedigten Mann. Die Wiener verkannten den Bhmen; dieser blickte mit blinkernden Augen rechts und links, ihm kam es auf einen Gegner mehr nicht an. Er nahm die Entlastung an, der Friauler hielt das Spiel fr gewonnen als Nebenregent. Da wandte sich eine Herzogin von Braunschweig, eine verschchterte freundliche Person, an den Herzog nach Halberstadt mit der Bitte, ihr durch das besetzte Gebiet die Durchfuhr einiger Wagen mit Kleidungsstcken zu gestatten. Der Herzog gab galant die Salvaguarda, bedauernd, durch die Kriegsgeschfte ihr Schwierigkeiten zu schaffen. Die Dame mibrauchte ihren Geleitschein, belud einige Wagen fr ihren Keller mit Tonnen Wein. Ein Oberstleutnant mit Patrouille des Zuges ansichtig hielt den Passierschein fr geflscht, lie die Dame in strmendem Regen aus ihrer Karosse auf ein Pferd setzen, sie ritten in sein Standquartier; fnf Stck Wein wurden von den Wagen gerollt, mitgeschleppt; die Wagen blieben unter Bedeckung liegen, die Fuhrleute davongejagt. Bevor die Herzogin nach zwei Tagen sich an den General wandte, wute er schon davon, erklrte ihr seinen Unwillen, lie den Vorfall untersuchen. Der Oberstleutnant, verhaftet, erhielt Befehl, die geraubten Stcke herauszugeben; es war ein Oberstleutnant vom Regiment Kollaltos, des jetzigen Feldmarschalls. Kollalto, sonderbar verbissen und erglhend, verlangte Auslieferung des Oberstleutnants an ihn, den Regimentsinhaber. Der General lehnte den Einspruch ab. In Wien freute man sich schon lebhaft ber den Vorfall. Da gab Kollalto nach, bevor eine kaiserliche Instanz mit der Sache befat wurde. Auffallend rasch nach anfnglichem Grimm gab er nach; im Hauptquartier erzhlte man sich ein Wort des Generals, der Graf Kollalto solle nicht so um die paar Fa Wein jammern; deutlicher wisperten andere, der Oberstleutnant habe fr seinen Oberst das Stck unternommen. Und ohne da sich uerlich das Verhltnis der beiden obersten Personen des Heeres nderte, verschwand noch whrend der Winterquartiere der strenge rotwangige Kollalto aus Halberstadt; unvermutet gelangte an den Herzog die Nachricht, der Feldmarschall, sein Herr Bruder, sei aus seiner Stellung ausgeschieden, man habe ihn wieder als Prsidenten des Kriegsrats angenommen. Man hatte sich in Wien durch Kollalto verstrkt. Die Losung in der Burg: ihn niederhalten. Die Unterhaltungen Eggenbergs Questenbergs und sogar des verwachsenen feinen Trautmannsdorf waren auf diesen Ton gestimmt: niederhalten. Pltzlich erschien im unschlssigen Wien, mitten im strengsten Winter, eine ungewohnte Person, der Graf Wilhelm Slawata, der bhmische Oberstlandkmmerer, nahm an einigen hfischen Unterhaltungen Treibjagden Konzerten teil. Er, Vetter des Friedlnders, von erwiesener Kaisertreue, streute Gift um sich, da selbst die Rte erschraken. Er zog die Affre ihres gemeinsamen Verwandten Smirsitzky hervor, dessen Vormund der jetzige Herzog gewesen sei, und dessen Habe er sich nach dem Verrat und dem Ausschlu aus der alten bhmischen Adelsgesellschaft angeeignet habe; der Kaiser sei ber den Vorgang falsch informiert worden. Er rhrte an den Vorfllen, die mit der Existenz eines geheimen Mnzkonsortiums zusammenhingen, brachte Tatsachen von so haarstrubender Korruption vor, da er sich fast der Lcherlichkeit aussetzte; man konnte nach seiner Darstellung schlielich den Kaiser selbst der Teilnahme an jenem peinlichen Verbrechen zeihen. Man mute ber den erstaunlich vernderten, pltzlich so sensationslsternen stillen Grafen zur Tagesordnung bergehen. Er sah sich am Hof freudig aufgenommen, interessiert festgehalten, dann isoliert; seine Worte blieben liegen. Lautlos zog er sich pltzlich, wie er erschienen war, in seinen Prager Dienst zurck. In Wien summte man hinter ihm; man rechnete auf ihn; hastig bergab man ihm ein Geheimreferat ber bhmische Angelegenheiten. Und man konnte hoffen, baldig dieses neuen Herzogs und Generals ber eine unkaiserliche Armada entledigt zu werden. Denn sein Erscheinen auf dem Kriegsschauplatz, die Drohung mit der kaiserlichen Gewalt, hatte die Niedersachsen bewogen, sich zu Verhandlungen zu bequemen, die in Braunschweig stattfanden. Man schickte die verlssigsten Unterhndler hin, gab die schrfsten Instruktionen, nachzugeben bis an die Grenze des Mglichen. Aber whrend der langen Debatten ergab sich zur Greifbarkeit, da die Kreisdeputierten nichts als Verschleppung vorhatten, um ihren Bundesgenossen Zeit zur Verstrkung zu geben. Und zu ihrem Groll erkannten auch die Unterhndler, da Wallenstein die Atmosphre grndlich verdorben hatte mit drohendem Auftreten, skeptischer Ablehnung selbst an den Gesprchen teilzunehmen. Er warb rastlos weiter. Spione ber Spione warf Wien ber ihn, suchten sich an ihn zu hngen. Der Kaiser hatte dem Heer die Sanktion gegeben; jetzt schwamm es drauen in der Welt, im Reich herum, von Woche zu Woche unfabarer. Sie hatten dies Ro gezumt, den Reiter in den Sattel gesetzt; Ro und Reiter jagten; wer wollte sie wieder in den Stall bringen. Sie muten hren, was man ihnen auf Hintertreppen zutrug. Von dem Herrn kamen manchmal Meldungen, und wenn sie nicht kamen, so kamen sie nicht. Da schien es ihnen besser von Zeit zu Zeit zu tasten, da er sie nicht verge. Denn unzweifelhaft bewies er sich ergeben der Rmischen Majestt; er hatte die strengsten Beweise dafr geliefert, sich der Schmach, der Volksverachtung ausgesetzt. Und langsam kam in den schwerflligen Krper des Geheimen Rats und der Kammer ein Vibrieren, ein Mitschwingen, ein Mitklingen. Wie wenn einer an der Wand lauscht und unwillkrlich aus seinem Mund die Tne kommen, die auch drben gesungen werden. Der matte Winterknig, Friedrich der Wittelsbacher, lungerte in Sedan bei seinem Oheim, dann raffte er sich auf nach dem Haag. Er ging nicht gern; den Schlag des vergangenen Jahres, verlorene Schlachten, gnadenlose berwltigung durch den Kaiser, hatte er nicht verwunden; bis ins Mark fhlte er sich geschwcht; leise Bitterkeit und Widerwillen war in den frhlichen Mann eingezogen. Vom Haag her rief man ihn; seine ppige leichtsinnige Elisabeth lachte ihn aus, als er zgernd nachsann. Die Fremden, Mansfeld, der Halberstdter Analphabet hatten fr ihn gerstet, der starke Dnenknig schrieb ihm huldigende trostreiche Briefe. Auf, auf! Im Haag, im Asyl der Generalstaaten, winterliches Leben. Hin und her zwischen Vlissingen und Southhampton und London schossen die Eilboote. Das Jahr war schlimm fr England gewesen, man war nicht aufgekommen gegen die spanische Seemacht, zerbrochen waren die Schiffe mit schweren Verlusten in ihre Heimathfen eingelaufen. Des selbstherrlichen Knigs Karl hatte sich die Sorge bemchtigt; er mute siegreich sein, die aufrhrerische Gesinnung des Parlaments kannte er. Sein Kanzler, der geleckte Wstling Buckingham, schwrmte um die feinen brnstigen Damen des franzsischen Hofes seiner Knigin. Von hier kam dem Knig die Einflsterung, sich Richelieu anzuschlieen in der Bewltigung der Hugenotten, um Frankreich stark zu machen gegen das verhate nebenbuhlerische Spanien. Und das Abenteuerliche geschah, zur zitternden Freude Buckinghams, dem seine Hndinnen Glck wnschten, da das strenge papsthassende Britenland Gelder und Schiffe herbersandte nach der Bretagne zur Ausrottung des freien Bekenntnisses. Und der Knig Karl bog die Knie vor dem kichernden vollbusigen Weibchen, der Henriette, die an ihren braunen Stirnlckchen schnappte und bekmmert ihr rosarotes Seidenkleid vor dem Mann zurckhielt, und lachte schallend, whrend sie einknickte und sich an seiner Halskrause hielt, wie das Parlament schumen wrde, welche schlauen untastbaren Wege er ginge dank dieses Meisters der Teufel Buckingham, und wie es dennoch geschehen wrde, dennoch. Und zugleich zur Ehre Frankreichs! Sie kicherte und fhlte ihr Strumpfband platzen. Die Pflzer Rte schickten nach London: Geld, Geld. Sie fragten ihren Kurfrsten nicht, schrieben aus eigner Machtvollkommenheit in Gram um ihre Heimat, der Schwager des Knigs von England sei in Not, seine Schwester ruiniert, sein Neffe zum Gesptt; das alte, bald fnf Jahre alte Lied. Widerwilliger von Monat zu Monat flossen die Gelder nach dem Haag, davon der Bastard Mansfeld und der tolle Halberstdter rsteten. Die beiden, von den Summen erquickt wie Blumen vom Tau, ritten ihrem Kurfrsten auf der Landstrae zum Haag entgegen; sein Herz schlug krftiger, als er die starken Pferde und die gepanzerten unbndigen Mnner antraben sah. Erzhlten ihm vom Knig Christian und den prchtigen Niedersachsen, wie gern der Kaiser auch Magdeburg schlucken wolle und von dem neuesten Ankerseil des lblichen Hauses Habsburg, dem gewissen Wallenstein. Und sie freuten sich zu dritt ber den gewissen. Der schlaffe Friedrich fhlte sich wieder erwachen, hineingerissen in das alte Leben zwischen den davontosenden schweren Krissern. Es gab fr die zweitausend Reiter des Grafen Mansfeld keine Entfernung. Dem kleinen kraftberladenen Gesellen behagte nicht eine herkmmliche Schlacht, bei der er mit seiner Bande eine Zahl stellte; ihn gelstete von Jahr zu Jahr strker nach Wien. Nach Wien! Mit dem eisernen Halberstdter machte er sich auf Hamburg, als das Frhjahr kam; es sollte die Elbe entlang auf Bhmen gehen, whrend der Fuchs aus dem Bau war und sich die Pfoten in Halberstadt wrmte. Das Frhjahr war noch nicht zu den Kirschbumen gekommen, da schlichen die Mansfelder durch das Tal der Elbe. Die Hufe ihrer Pferde hatten sie mit Stroh umwickelt, in kleinen Trupps jagten sie, viele mit kaiserlichen roten Feldbinden; bei Tag schliefen sie meist, bei Mondaufgang wirbelte ihre gedmpfte Trommel. So zahm wie jetzt waren Mansfelder Reiter noch nie zu Landbewohnern; einige Kompagnien kamen als verkappte Mnche und hatten ihre Pferde in Wldern abseits stehen, schrien von beltaten, die ihnen geschehen seien und erhielten Quartiere; andere ahmten riesige Warenzge und Pferdetransporte nach. Sie gaben sich als Dnen, Mrker aus. Haufen wanderten als beklagenswerte Flchtlinge aus dem Holsteinischen, wuten Schmachtaten der Dnen und des Bastard Mansfeld zu erzhlen. Das ungeheure sonderbare Treiben zog sich in das Magdeburgische hin; bei Dessau hatten die Wallensteiner die Elbbrcke verwehrt, mit groer Macht lagen sie hinter Schanzen da, warteten auf den Dnenknig. Urpltzlich eines sonnigen Apriltages warfen sich unkenntliche Streifkorps gegen den Brckenkopf, schwammen auf Khnen elbaufwrts. Als wre es ein Spuk, tauchten aus den Wldern und Dickichten berittene Mnche und Bauern auf; man wute nicht, wer es war, aber sie griffen an. Griffen an, da die Wallensteiner zusammenschmolzen, Schrecken ber sie fiel. Die Nacht kam; in der Flanke erschienen die abenteuerlichen Feinde rechts, links, die Front der Schanzen hatten sie eingedrckt. Der Friedlnder, im Augenblick bewut einem Mansfeldschen Durchbruch gegenberzustehen, rasselte ritt flog die Nacht, den Morgen durch. Er gab stckweise Kraft von sich; die erste strkte den Widerstand und war blitzschnell da; die zweite whlte sich Laufgrben bei den Schanzen, lief gedeckt vor; die dritte fate die siegeshei vordringenden Reiter in der ungeschtzten Flanke, jagte sie zur Seite, lie sie in die Laufgrben vorrennen. Die Hauptkraft des Bhmen wallte ber die Umzingelten Verjagten her, schmetterte sie mit einem langhintreffenden Schlage zu Boden. Die letzten waren die schlachtenden Arkebusiere Gonzagas und Koronius, Lauenburgs beilwerfende Krisser, Kroaten Isolanis mit der Spitzhacke, dem Schlaghammer und trkischen Jagetan. Mittags wute Wallensteins ganzes Heer, da diese einmal sbelschwingenden Mnche, diese einmal schieenden Kaufleute, einmal schwimmenden Fuhrmnner Flchtlinge Bauern die Mansfelder waren, die in Rauch aufgegangen waren. Der Mansfelder entwich in die Mark. Es fiel noch einmal Schnee. In einer Nacht trug man den kurzen asthmatischen Mann von einem zweirdrigen Bauernkarren herunter in ein mondbeschienenes Gehft, dessen Bewohner ihm und den zehn Begleitern ihre Stuben einrumten, vor dem Hause sich ansammelten, wo der herzkranke Graf mit dem Tode rang. Man wollte ihm zum Aderschlagen einen Barbier holen oder einen Arzt aus Tangermnde. Er, in Stahlkappe und Brustharnisch, mit vorquellenden blauen Augen, keuchendem Atem winkte ab, am Tisch hinter einer Kerze stehend, sich festhaltend. Die ganze Nacht setzte er sich nicht. Wenn man ihm einen Sessel zuschob, stie er ihn rckwrts mit dem Fu zurck. Kleine Schlucke Weiweins lie er sich in den Mund eingieen. Blickte immer steif auf das kleine viereckige Fenster, wo das Mondlicht wei hereinquoll. Als drauen die Hhne krhten, sank sein Rcken zusammen, er seufzte zum erstenmal, legte sich quer auf das Bett des Bauern. Nach einem gekeuchten Fluch trank er, die Arme zitternd, einen halben Krug Wein aus, blickte in seinem Stahlpanzer schauernd den herumstehenden Offizieren unter die Augen: was sie nun dchten. Er rchelte, ohne ihre Antwort abzuwarten: Einmal ist keinmal. Wir fangen dasselbe Ding, dasselbige Ding noch einmal an. Sie hoben ihn nach einer Stunde wieder auf den Karren; der Pfaffenkaiser solle nicht glauben, er sei zahm und lieb wie der Pflzer Herr; er werde dem Friedlnder bald am Kragen sitzen, dem Pfuscher, der sich die halbe Welt kaufe und vermeine, damit sei es geschehen. Lauschende Reiter voran, Laternen ausgelscht. Zu ihm stieen die Reste des geschlagenen Heeres; von den Dnen kamen viele herber, schottische Fhnlein, die seit Hamburg auf seinen Spuren zu spt die Dessauer Brcke erreichten. Ohne Lrm schlossen sie sich in der Mark zusammen; Bauern und Adlige gaben ihnen Geld und Proviant, Pferde Zaumzeug und Wagen, als sie hrten, die Katholischen htten gesiegt. Bitter lrmte das Volk, da der Markgraf von Brandenburg sich nicht kmmere um die Dinge, den Mansfelder, der das Land verteidige, verkommen lasse. Aus Stdten und Drfern strmten sie dem tapferen ingrimmigen Kleinen zu, dessen zweites Wort war: Kaiser? Was! Pfaff und Jesuit! Erschauernd vernahm das Volk die Gerchte von der ungeheuren Heeresmacht, die der kaiserliche Feldherr langsam herantrieb gegen die Mark, um sich des gechteten Mansfelds zu bemchtigen. Der Friedlnder flsterte es fingerhebend in den Gassen, der grausige Mann des Kaisers, der Jesuiten, der riesenreiche Mann, bhmische Verrter, der sein eigenes Volk geopfert habe, dem alle zuliefen, weil er alle bezahlen knnte, das Glck der vagierenden Ruber und Soldaten, der katholische Teufel, schlimmer als der Tilly. Der Bastard lie trommeln in der Mark, man lief ihm zu. Westlich der Mark fhlten die kaiserlichen Horden vor, um ihm den Weg nach der Elbe abzuschneiden; tglich verstrkte sich der Friedlnder, seiner Sache so gewi, da er ruhig anhielt. Die Schlesier hatten alle Angst abgelegt vor dem Mansfeld seit der Dessauer Brcke. Es war erwiesen, da mit dem Generalissimus des Kaisers keine Spe zu machen waren. Hatten die Sldner, die sie aus ihren knappen Mitteln angeworben hatten, schon entlassen. Da schlug es ein, der Mansfelder lebe, htte seine bsen Plne nicht aufgegeben, auf sie htte er es abgesehen, urpltzlich wurde im Lande Generalaufgebot befohlen, verkndeten kaiserliche Schreiben, schonend, warnend, sich berstrzend: Der chter Mansfeld ist mit seinem ruberischen Anhang in das Frstentum Krossen eingebrochen und soll vorhaben, ganz in Schlesien einzufallen. Von Havelberg hatte sich das schtternde brusthallende Gelchter aufgemacht; zwanzigtausend Mann stark. Durch Frankfurt marschierte es, es war blhender Sommer geworden. Der Jubel der Studenten. Gedrhn, der Markgraf solle sich erheben und mit gegen die Papisten ziehen. An der Flanke des lagernden Drachens, des Wallenstein keck vorbei, ber Krossen her, auf Liegnitz zu, auf Breslau zu. Wstend, brennend, raubend voran durch die kaiserlichen Erblande. Sich auf den Fuspitzen, auf den Hufen der Pferde in den Satteln erhebend, trompetend, wiehernd, hohnlachend nach allen Seiten: Der Kaiser! Der Papistenkaiser! Klingendes Regimentsspiel, gefllter Tro, frische Pferde, Hafer, Heu, Schmuck und Ketten aus den Husern. Nach drben zu, auf Mhren zu. Vierzigtausend Ungarn, Trken, Tataren warteten. * * * * * Tosendes Gelchter in Mnchen. Der krummbeinige Zigeuner, der struppige gezeichnete Mansfeld, wie ein Affe sprang dem Friedland ber den Kopf weg, nahm sich ein Herz, entwischte, der Herzog lie ihn durch, in die Erblande, zu einer Verbindung mit den Ungarn, Trken, Tataren. Das Gelchter in Mnchen scholl nach Wien herber. Dies angetan der kaiserlichen Armada von einem Habenichts, einem Hhnerdieb, Pferdejungen des Knigs von England. In der kaiserlichen Antikamera spotteten die Italiener: man gebe dem Friedlnder noch fnfzigtausend Mann und er wird sich gegen zweitausend -- verteidigen. Tapfer wird er es tun, die Zhne verbeien, man wage es gegen ihn, den tapferen Schwaben, Nachfolger des mazedonischen Alexanders. She man nur: ein Wucherer, ein Gteraufkufer, ein leidlicher Oberst als Heerfhrer; ein Narr, den die Gromannssucht gepackt hat. Die Rte waren nur schwach bereit, ihn zu verteidigen. Als aber die schmerzlichsten Klagen aus Schlesien einliefen, Mansfeld weiter sprang, ergriff alle Angst und Wut. An den Kopf eines Verbohrten waren sie nicht gebunden. Er sa bei Halberstadt und erprete Geld. Es war eingetreten, was man befrchtet hatte. Man hatte noch Kollalto; Karaffa war noch da. Ruin, Ruin! Gelchter fr Europa. Der wild gewordene Spekulant als Feldherr. Mit Lrm traten sie am Hofe auf. Wallenstein, auf einem Bauerngut bei Halberstadt, auf die Wiener Nachrichten in tobschtiger Erregung, fuhr in die Stadt zurck; der Mund ging ihm ber von Schmhungen gegen die Rte, die er treulos und Schelmen nannte. Mit dem feinen Aldringen verfuhr er auf das wildeste; dieser war zum erstenmal Zeuge eines solchen Zustandes; er hielt den Herzog fr wahnsinnig, frchtete, von ihm ermordet zu werden. Der Herzog warf ihm vor, da er seine Sachen bei Hof nicht vertrete, ihn anschwrze. Das Heer sei verloren, alles sei verloren, er selbst verloren durch die Narrheit, Bosheit der Wiener Rte. Es sei alles verloren, denn er werde gentigt sein -- dabei geriet der Herzog in solche Erregung, da er auf Minuten die Sprache verlor -- das Heer jenem Strauchdieb nachzuschicken und damit htte der Bayer erreicht, was er wollte -- nach Ungarn die Kaiserlichen! Nach Ungarn, wo man zugrunde gehen msse. Ich geh nach Ungarn, schrie er besinnungslos Aldringen an, die Herren setzen es durch; die treulosen an ihrem Kaiser. Aber sie sind nicht meine Herren, sie sollen es fhlen; sie sollen mich suchen spter, wenn sie mich brauchen und werden mich suchen wie eine fromme Seele im Hllenfeuer. In der Tat, trotz des lauten Jammerns des ligistischen Fhrers, der allein gelassen wurde gegen Dnen und Niedersachsen, brach wie ein toller Stier der Friedlnder auf. So grlich war sein Schelten und Toben auf den Wiener Hof, der ihn zu der Fahrt hinter dem Mansfelder zwang, da Aldringen Briefe an den erschrockenen gnzlich kopfscheuen Prsidenten Kremsmnster schrieb: Der Friedlnder sei unterwegs aus Niedersachsen mit seiner ganzen wilden Armada; er schwrme auf Schlesien zu; begtigt ihn, lat den Kaiser freundlich schreiben; es kann geschehen, da er in seinem blinden Wahnsinn auf Wien losstrzt und Euch zertritt. In dem Stdtchen Ellrich bei Nordhausen erlebte der alte Graf Tilly eine letzte Begegnung mit dem Herzog vor dem Abmarsch, die in ihm die Hoffnung auslschte, jemals mit dem Bhmen kameradschaftlich auszukommen. Wider alle Wahrheit und Wahrscheinlichkeit erklrte der Bhme, ohne ihn zu Wort kommen zu lassen, auf den Tisch hin, der Dne, die Niedersachsen, Mansfeld, dazu auch schwedische Vlker, seien eins darin, konzentrisch auf Schlesien vorzugehen, die kaiserlichen Erblnder zu berfallen, nachdem sie dem Siebenbrgen, Trken und Tataren die Hnde gereicht htten. Er knne nicht sumen, auch nicht das Quantchen eines viertel Tages und msse mit ganzer Macht auf. Er, der Jngere, berhrte in einer Roheit, die den Grafen zittern lie, jeden Einwand, der von eben anlangenden Kundschaftern vorgebracht und von dem sesselversunkenen kopfsenkenden Ligisten bekrftigt wurde. Es war wie das Amen in der Kirche, da er, der kaiserliche General, keinen Trobuben an der Elbe stehenlassen knne, es wrde davon nicht abgegangen werden und wenn das ligistische Heer mit dem letzten Mann zugrunde ginge. Mit einer Bosheit und Grausamkeit ohnegleichen schmetterte der lange herumwandernde Bhme das dem Tilly vor die Fe. Drauen wieherten die Pferde der Kaiserlichen. Auf einem Nachtritt waren sie hergekommen. Als Abschlu, nach Verstreichen von fnf lautlosen Minuten, gab der Herzog ohne Vorbereitung mit heiserer, unnatrlicher Stimme von sich, er werde fnfundachtzig Fahnen zu Ro und Fu zurcklassen, mehr nicht. Mit einem verzehrenden Blick uerte er das, whrend er schon die eiserne Trklinke in der Hand hatte. Und Tilly konnte drin berlegen, was dies Ganze sollte: fnfundachtzig Fahnen, mehr, viel mehr, als er gefordert hatte. Wie von einem Unwetter wurde die friedlndische Front abgebaut. Von der ruhmreichen Dessauer Brcke ri sich Oberst Pechmann los, hinber auf das rechte Elbufer, fnftausend Mann mit ihm, Krassiere und Arkebusiere des Marradas, Gonzaga, Scharffenberg, Areyzago d'Avandago, Koronini, Dragoner des Hebron. Mit wenig Tagen Abstand Infanterie und Artillerie, dann Wallenstein mit seiner Hauptmacht. Sie hatten ihn von Wien ngstlich gebeten, nicht nach Schlesien einzudringen oder nur wenig, damit dem armen kaiserlichen Lande nicht noch mehr geschehe; schlage er doch den Mansfeld vorher. Geschieht, brllte der Rasende im Abmarsch zurck; wie die Herren es aufs Papier setzen, wird der Feind auf mich warten und sich schlagen lassen. Und ich bin hin und her spaziert mit der Karosse von Halberstadt nach Breslau, nach Wien, nach Halberstadt. Jetzt gibt's nur ruinierte Lnder oder verlorene Lnder. Macht kein Unterschied der Krieg zwischen des Kaisers oder eines anderen Land. Sehr bla sagte Trautmannsdorf im Rat: Ich wei nicht, ob wir Siege oder Niederlagen von ihm hren werden. Er ist klug, geschickt; vielleicht wird er siegen. Aber es scheint mir, als ob uns noch anderes von ihm zu Ohren kommen wird. Und spter: Es ist mir nicht klar, gegen wen der Herzog Krieg fhrt. Die heien Augusttage ber dem drngenden Heer. Von den reichen Futterstellen weg in fragwrdige Lnder. Hinter Wallenstein die Regimenter Kollalto Tiefenbach Merode, Schlick Sachsen-Lauenburg Wallenstein Nassau, zu Pferd Strozzi Wittenhorst Grzenich Zriny Neu-Sachsen Orehorzi Isolani Krassiere Lamottas. Schsische Ebene, kleine Trmchen, verbrannte cker, Kottbus, Forst, Sorau, Sagan. Kontributionen waren nicht zu erheben, Wallenstein war nicht flssig, rechts und links brachen Rotten und Kompagnien aus, um sich bezahlt zu machen. Die Bume fllten sich wieder mit Leichen, die Strafen stiegen vom Strengen ins Grausame. Um den General waren der Feldmarschall Marradas und der Feldzeugmeister Graf Schlick; sie bebten vor dem Herzog; mit wsten Flchen und auf die Gehngten weisend, frohlockte er: Wer hat dem Kaiser diesen Krieg eingebrockt? Sie sollen hinsehen, in was fr einem Labyrinth wir stecken. Der Feind hatte immer fnfzig Meilen Vorsprung. Wie Wallenstein Sagan erreichte, erstieg der Feind im Sden schon den Weg zum Jablunkapa. Sie wateten durch die sandigen Heerstraen. Der Herzog rief um Geld nach Wien; man schwieg. Ohne den Kaiser und Rte zu fragen, setzte er Proviantrotten fest, sie schwrmten mit festen Plnen von Ort zu Ort; Arkebusiere und Pikeniere waren ihnen beigegeben; wer zu steuern weigerte, verlor seine Habe und oft sein Leben. Hinter Bunzlau drang Pest in das Heer ein; Wallonen des Merode, verlassen, halb sterbend, plnderten die Stadt. Jauer Striegau Schweidnitz Neie. Man rauschte an Stdten und festen Pltzen vorbei, die der weit voran tobende Feind genommen und mit Truppen besetzt hatte; mit Peitschenhieben drang der Anblick der verschlossenen Tore auf sie ein; Gift go er in ihr schon halb gerinnendes Blut. Drohende Patente warf Wallenstein vor sich durch Schlesien, hie die Mansfelder meineidig, treulos, und da ihnen keiner Quartier gebe und jeder ohne Schonung des Lebens niedergemacht werde. Man rauschte durch Schlesien; zur Seite, hinter sich lie man die genommenen Stdte mit den ausfalls- und plnderungsschtigen Besatzungen; das Land schrie gengstigt, man durfte nichts hren, man hatte keine Zeit. Mute in die blinde heie Luft hinein, in das ungarische Elend. Die Pest warf neue Kompagnien hin, die Ernte des Jahres verbrannt; hinter ihnen, wie sie hin schmolzen und verdarben, jubelten die Feinde. In Wien lachte, halb gebannt, alles was mignstig war, des Verblendeten, der rannte wie ein tollwtiger Hund. In Prag in der Burg nahm Slawata die Aufforderung des Herzogs Proviant Proviant Proviant zu liefern, langsam vom Tisch, zerknllte sie, lie sie zu Boden gleiten. Der Bastard sah den Friedlnder in langen Sprngen hinter sich; bis an den Jablunkapa wollte er ihn locken, dann querfeldein, ein Gelchter ausstoend, mit dem Schwanz des kaiserlichen Heeres durch Mhren, Bhmen fackeln nach Wien oder nach dem Elsa. Der Friedlnder gab kein Wort nach Wien; aber wie jagten die Kuriere herauf zu ihm, bei den unschlssigen verdchtigen Bewegungen der Mansfelder Bestie. Die Stadtgarde lief mit Wallenstein; und Wien in unmittelbarer Gefahr. Die Boten wagten sich nicht vor den Herzog; der Marradas und Aldringen warnte sie, nahm ihnen ihre Briefe ab; man konnte riskieren, da der Herzog aus bloem Groll die Hauptstadt dem uersten aussetzte. Er erfuhr nichts von den Briefen; wie ein Magier an seinem Feuer hing er an Mansfeld, dem irrlichterlierenden Springteufel. Eine heie gefhrliche Ruhe hatte sich ber den Friedlnder gelegt; er schwamm hingenommen, die Erde versunken, im Fahrwasser des Bastards. Schon war der nach Westen umgebogen, hatte vom Jablunka herunter sich auf die Strae nach Leipnik gesetzt, da zuckte der Friedlnder in einer gewaltigen Bewegung zur Seite, stellte sich versperrend vor Olmtz. Kavallerie ber Kavallerie warf er ber die Straen; der Mansfelder bumte zurck, scho nach Sden, um ber die Marchbrcke nach Bhmen einzustoen. Der Herzog legte sich selbst an die Spitze seiner Vortruppen, Eisen und Magnet prallte zusammen. Noch einmal ri sich, Hunderte von Mann verlierend, der Bastard los, heulend, Gott und die Seligkeit verfluchend; ein Donnerwetter von Hufschlgen prasselte ber die Strae. Verloren der Weg nach Bhmen. Hinein, hinunter in die heie Hlle, nach Ungarn. Von den Wagen brachen die Rder, Pferde schlug man nieder, schlang Fleisch. Breit lagerte der Kaiserliche vor dem Waagstrom, einige Wiener Briefe lie man zu ihm durch, die vor Bethlen Gabor und den Trken warnten. Stumm blieb der Herzog; abwesend gab er von sich: Mir graust vor ihnen allen nicht. Knapp achttausend Mann hatte er nach Ungarn eingeschleppt; ein ganzes Drittel des Heeres war, ohne einen Kampf bestanden zu haben, in die Erde gesunken. Da standen sie auf den grauen dunstberlagerten Puten nach der atemlosen Jagd, regten sich kaum. Fhlten beide eine furchtbare Schwche in den Gliedern. Der Mansfelder begann zuerst sich davonzuschleppen, nach rckwrts schielend. Der Waagstrom lag braun und tief zwischen ihnen; Wallenstein stumpf, wand sich mit lahmem Kreuz herber. Die Lagersttten des andern rauchten vor ihm. Sie schlichen hintereinander; in der Hitze versiegte der Schwei, wie er nur ausgebrochen war, in der Haut; sie schluckten Wasser und trockneten ein. Einer roch den andern. Sie warfen sich von Ort zu Ort, drckten ihre Leiber fest an den Boden, umklammerten Gehfte Drfer Flecken, und wie sie abzogen, lieen sie Schlamm Kot Blut zurck, Schutt, glimmende Asche, gelbe Leichen mit verbogenen Gliedern, offenen Mulern. Von Einzellufern kam die Nachricht -- Mansfeld und den Bhmen erreichte sie zu gleicher Zeit -- da ber die Heide her der Siebenbrger Frst mit zwlftausend frischen Reitern von Dabreczin schwebe; in Ofen klingle die Janitscharenmusik des Trken, die Trken rennen zu Hauf, die Widersacher, sie kommen, sie kommen bald. Stumpf wiesen die Mansfelder das ab; sie hrten kaum hin, lieen sich nicht stren, sie waren im Geschft des Sterbens, der Boden war schn. Bis ber die stille stille Steppe mitten am hellen Tage kleine zweirdrige Wgelchen auftauchten, unter die Mansfelder rollend Wasser Wein. Man fragte nicht, wer sie seien, zerbrach die Tonnen, verschttete das Wasser, sank hin. Neue Wagen, Brot Vieh Wasser Wein frische Pferde Heu am hellen Tage ber die platte mrderische Steppe. Die Sldner wuten nichts von Krieg, umfingen zrtlich das Wasserchen, weies Wasserchen, ses Wasserchen, streckten sich hin, aen, lachten. Liebes Brot, liebes Wasser, lieber Wein. Richteten sich auf und fingen zu heulen an, kten sich, die Eisenhauben abgeworfen, umarmten sich, blkten wie Vieh mit verzerrten, klglichen Mienen, schlugen den Sand mit den Fusten, pochten mit Riemen an ihre Brste. Das Heulen verbreitete sich unter allen Soldaten, es artete in fiebriges Wten aus; monoton schwoll und hallte das Jammern. Wie die Fhrer unter sie stiegen, weigerten sie sich zu marschieren. Sie hielten sich jauchzend und einander ermunternd an den Wein, das Fleisch, das Wasser. Auf alles Bitten und Befehlen schttelten sie den Kopf, schlrften, duselten, schliefen, weinten, kannten sich nicht. Braune Sumpfrasen, in die sie singend, lethargisch, triebartig liefen; versanken. Blaugeschecktes mannshohes Goldbartgras; die hrchen glnzten metallisch, Federgrser, Schmetterlingsblume. Der schwarze Ibis lief vorber. Als der Flugsand sein Lager fast verschttete, nahm Wallenstein mit seinem Obersten eine Zhlung vor; dann hie er die Menge der Profosse und Henker verzehnfachen und sie vier Tage lang unter den Erschpften Widerspenstigen Aufsssigen Kranken aufrumen. Bei der Musterung, die er selbst abnahm, in einer Kutsche wegen seiner Leberschwellung fahrend, erklrte er zum Fenster heraus den Offizieren, sie seien nicht zum Spa von ihm und dem Kaiser angenommen worden, keineswegs, es knne um das Leben gehen. Er wrde Vertrauensoffiziere ernennen, denen er das Recht gebe, in den jetzt beginnenden Schlachten jeden, Offizier und Mann, niederzumachen ohne Gericht, der nicht mit voll erlaubter Grausamkeit sich gtlich tue an den Meineidigen. Dies mge von Profossen und Henkern bekanntgegeben werden. Einen Tag vor der Begegnung mit dem Feinde strmte das Blut im Heere der Kaiserlichen, dem Blutbad fielen vierhundertfnfzig Mann zum Opfer; sie wurden fast ohne Grund von Beauftragten in ihren Zelten oder auf Lagerstraen zur Abschreckung niedergemacht. Gepeitscht, gnzlich besinnungslos, raste von Neuhusel das kaiserliche Heer los. Sie lagerten nicht zur Mittagsrast, setzten sich nur vier Stunden ber Nacht, rannten -- Wallenstein unter ihnen -- da Tro und Bagage zurckblieben und ihnen nur Rettung in der Besiegung des Feindes gegeben war. Die Trken streckten die Hlse ber die Mauern von Neograd; in starren, unbezwinglichen, grausigen Wellen kamen unten Massen her, ohne Artillerie, ohne Gefhrt. Die Trken wichen ab von der Stadt. Die Menschenwellen schlugen ber der Stadt zusammen. Sechs Tage setzte sich Wallenstein. Wieder begann das Suchen nach dem Feind, man irrte tiefer in die Torfsmpfe, kaute rohe Rben und Bltter, scharfe Pflanzenhalme. Die ungarische Ruhr brach unter den Reitern aus, das Heer erduldete ohne Laut alles. Fast vernichtet, des uersten gewrtig, schleppten sich da Bethlen und Mansfeldsche Heere an sie heran. Sie waren aneinander, hatten sich gefunden, gingen nicht auseinander. Lagen sich Wochen auf Sandhgeln gegenber; Regengsse, Sturm, Hagel; Fieber schttelten die Sldner. Meilenweit de. Aufglitzernde Teiche, Weidenbsche, Rhricht, weie Dnen. Da lagen sie, die sich lange gesucht hatten. Knirschend und schreiend in riesigen Wasserstiefeln, mit Sturmhaube in Eiltrupps tasteten die Wallensteiner herber, wo sich die Leiber der Mansfelder wanden, fanden nicht hin. Der Himmel schlug mit Keulen auf sie ein, achtete nicht auf erstarrende Herzen. Faulten in ihren Panzern, wuten auf dem Felde nicht, was sie sollten. Auf Wagen hausten sie Tag und Nacht; Wasserratten schwammen durch die lehmigen Tmpel Lachen, zogen sich an Zeltplanen hoch, fraen Holz Leder Leichen an, strzten wimmelnd in die Lagersttten. Wie der Regen nachlie, gab die Steppe die letzten Menschen von Mansfelds Heer frei; weg liefen sie, verschchtert vergraust, zu Menschen, in die Stdte nach Norden, nach Westen, in die Drfer Gehfte, verkrochen sich in Huser, hingen sich an Kinder, an Tiere, versuchten zu denken mit gerunzelten Stirnen. Den Bastard fand man eines Morgens brllend und schumend am Boden seines Wagens liegen; keiner ging zu ihm herein, man wute, was das war. Zwlf Mann seiner Leibgarde waren bei ihm; die letzten zwei Kompagnien hatte er fr tausend Dukaten an Bethlen verkauft. Sie glaubten, er wrde im Anfall verrecken. Mittags stiegen zwei zu ihm auf den berdachten Trowagen; er sa im Panzer auf den Decken, der kleine geschwollene glotzugige Mann, wog Geld in der Rechten und Linken, schrie mit versagender Stimme: Weiter! Weiter! Warf ihnen eine Hand voll Dukaten zu; die letzten Pferde wurden vorgespannt, man machte sich auf die Flucht. Ich mu nach Venedig, ich mu nach England. Vorwrts. Wir sollen den Betrger schlagen, den gelben Bhmen. Der falsche Soldat, Kipper und Wipper. Weiber! Weiber! Man brachte ihm aus Drfern, aus den Wldern, vom Ziehbrunnen Frauen, denen man auflauerte, Mdchen. rmelhemden aus feiner weier Leinewand, zartblau, karmoisinrot, am Hals gefltelt, manche mit Korallenkettchen, tiefgeschnittene Leibchen; sie liefen mit nackten Fen, schaukelten kirschrote kurze Rcke; wie Klber vor dem Abstechen schrien sie, als man sie auf die Pferde hob. Mansfeld schlug eine Lache an, als man sie ihm in den Wagen setzte und sie weinten, bettelten: Weg mit den geputzten Affen! Die bldsinnigen Gesichter. Sucht Euch Kornetts, junge Hndinnen. berhufte sie mit Schmhungen; nicht einmal Spa machte es ihm, als seine Begleiter den Mdchen die Gewnder auszogen auf offenem Feld und hinter die Nackten Piken schleuderten. Sie schleppten ihm ganze Karren voller Weiber an, schwarzhaarige graustrhnige, mit Lusen bedeckt, in morastigen belduftenden Lumpen. Er befiel mit Inbrunst das welke schmierige Gesindel, die tollen Vetteln vergewaltigte er, das Krhenvolk raschelte verzckt mit den Flgeln und struppigem Gefieder. Vom Kssen und Saugen an ihnen wurde seine Hasenscharte entzndet, schwoll unter der kleinen Stlpnase wulstig an; die Narben, die sein auseinandergezogenes Gesicht kreuz und quer durchzogen, lagen reihenweise in Tlern, ber die die blaugedunsene Haut hochquoll. Das gruliche Gelichter htschelte er, nannte sie Mtterchen, sich den Sugling; Hellebarden und Dolche lagen neben ihm. Durch Ungarn nach Sden vorrckend, Bosnien genhert, pries er, tglich strker von Luftknappheit geqult, den Knig von England, den reichsten edelsten Mann, den einzigen wahrhaften Knig, dazu den verlassenen betrogenen Pfalzgrafen Friedrich. In den wilden bosnischen Bergen muten seine Leute einen katholischen Priester auftreiben; er erklrte ihm, da er noch zuletzt zu seinem alten Glauben wiederkehren wolle, beichtete und empfing in feierlicher Handlung die Absolution; schlug den Priester dann mit einem Stuhl nieder, seine Leute, die im Versteck zugehrt hatten, herbeirufend: Er hat sie mir gegeben, die Absolution, ich hab' sie, er kriegt sie nicht wieder. Hh, ich hab' sie mir rechtlich erworben. Des Nachts zwischen Saratro und Spalatro in einem Drfchen Utrakowitz in ein Haus verbracht, verjagte er alles um sich, was nicht zu seinem Zug gehrte, lie sich sterbend den schweren Krassierpanzer anlegen. In hchster Atemnot stand er die ganze Nacht, wie einmal in der Mark, von abwechselnd drei Mann gesttzt mitten in der Stube, lie sich die Knie halten, den Rumpf. Er rasselte rchelte in den grauen Morgen hinein; bei jedem Versuch, ihn hinzusetzen, schnappte er, schlug rckwrts mit einer Panzerschiene. Mit beiden Fusten klammerte er sich an sein langes Schwert, das er zwischen den Fen vor sich in einen Spalt des Holzbodens gestoen hatte. Als es ihm morgens aus den Hnden polterte, packten sie ihn, legten den Zuckenden auf das Bett. Zwischen dem letzten Keuchen nahmen sie ihm die Panzerhaube ab, er umklammerte sie fest, quetschte noch aus der Kehle: Venedig, nach Venedig, ehe die Augen glasig wurden. * * * * * An der Spitze seiner Musketierregimenter rckte der Herzog von Friedland sehr langsam aus seinem Lager von Modern gegen die mhrische Grenze. Die Proviantkommandos jagten ihm voraus. Er setzte sich in Preburg; zum erstenmal von da schrieb er an den Wiener Hof einen Brief, da Bethlen Gabor einen Waffenstillstand geschlossen htte, die Trken geflohen seien, der Bastard Mansfeld seines Heeres verlustig gegangen, in Rakovitza seinen unseligen Geist ausgehaucht habe; er selbst gehe ber Kremsier auf Skalitz, um vor Ende des Jahres in seiner Stadt Gitschin zu sein. Kein Wort darin, was er vorhabe. Ungarn verlassend, fluchte er auf das Schelmenland, das nicht wert sei, da so viele ehrliche Leute aus Not und Krankheit hier hatten sterben mssen. Wie er in grter Stille in Preburg sa, arbeiteten mit eiserner Strenge die Requisitions- und Kontributionstruppen; keinem von denen, die so lange gehungert hatten und unbesoldet gewesen waren, ging ein Heller verloren; Geldbelohnungen, Ehrenringe, goldene Ketten verlieh er in groer Zahl, die das Land bezahlen mute. In Preburg erschienen vor ihm zwei Obersten der Tillyschen Armee; sie hatten schon seit Wochen Zugang zu ihm gesucht. Der eine war sein Oberst Nikla Desfours. Sie berichteten: es htte eine Schlacht zwischen der ligistischen Armada und den Dnen stattgefunden, im Norden, am Barenberge bei Hahausen. Der Wallensteinsche Sukkurs htte daran teilgenommen, sechs Regimenter, auer den Kroaten Peter Galls die Krassiere Desfours, Sachsen-Lauenburgs und Humanns, die Musketiere Kolloredos und Karbonis. Ein Morast htte beide Heere von einander getrennt. Die ligistischen Regimenter Reinach und Schnberg wurden von den Dnen im Beginn der Schlacht zersprengt, darauf folgte ein Angriff des gesamten feindlichen Heeres, das ber den Morast ging; whrenddessen sei er, Desfours, mit seiner Kavallerie von Hahausen aufgebrochen, habe sich an Nauen vorbei in den Rcken der Dnen gemacht und es sei zu einer vlligen Niederlage des Dnenknigs gekommen. Der feindliche General Fuchs sei gefallen, Hofmarschall von Rantzau, der Generalkriegskommissar Lohausen, viele Obersten, darunter Frank und Kourvilla, gefangen genommen; die Reiterregimenter Hessen und Solms in den Sumpf gejagt. Schlielich seien von den Dnen an achttausend auf dem Felde liegengeblieben. Das hrte der aufrechtstehende Herzog mit vlliger Ruhe an, um dann, nachdem er den zweiten Oberst hinausgeschickt hatte, den Desfour zu fragen, wieviel Tote er selbst gehabt habe. Der nannte eine hohe Zahl. Verchtlich zuckte der Herzog mit dem Kopf; nachdem er ein paarmal im Saal hin und her gewandert war, nahm er ein Kelchglas von der Kredenz, schmetterte es mit einer grimmigen Verzerrung des Gesichts sich selbst vor die Fe. Den Desfour schickte er weg, ohne ein Wort der Anerkennung. Whrend der Herzog ohne Wien zu berhren sein Heer durch Mhren fhrte, in loser Ordnung, den Sldnern alles gnnend, was das Land bieten konnte, drngten sich in der kaiserlichen Antikamera Abgesandte der mhrischen Stnde; baten bei Gottes Barmherzigkeit mit gebogenen Knien und heiflieenden Zhren, der Kaiser mge ihr Schreien und Flehen erhren, den Brandschatzungen, Plnderungen, Straenrubereien, Vergewaltigung der Weiber Einhalt tun. Vertreter der sterreichischen Stnde rangen die Hnde: man mge Frieden, um Jesu willen jeglichen Frieden machen; sie mten durch lauter Siege zugrunde gehen. Ein einzelner Mann, fr seine Person sprechend, bot das am strksten erschtternde Bild der Kriegswirkungen, der Kardinal Dietrichstein, des Kaisers Gnstling, gelhmt auf den Schreck der berschwemmung seiner stillen Gter durch Kroaten, in einer Snfte vor den Kaiser getragen, immer vier einzelne Silben mit Beben des Gesichts ausstoend. Von den Briefen des bhmischen Gouverneurs Liechtenstein, dem sein ehemaliger Kumpan, der Friedlnder, einen bsen Streich mit der Besetzung smtlicher Gter gespielt hatte, von den beleidigten uerungen des Thronfolgers Ferdinand konnte man nichts vor den Kaiser bringen; dem Sohn des Herrschers waren trotz Einspruchs Troppau und Jgerndorf besetzt worden; der Herzog hatte ihm sagen lassen: es kme auf die Monarchie in Deutschland an; auf nichts sonst. Eine Versammlung der Jesuiten, eine Provinzialkongregation, fand statt in dem alten Profohaus. Sie saen, die flachrandigen Krempenhte vor sich auf den Knien, in einem verrauchten langen Saal, sahen ein holzgeschnittenes braunes Bild der Maria an, das hinter dem Katheder auf einem Wandpodest stand. Zehn hohe rote Kerzen unter dem Bild warfen Licht in den Saal. Sie begrten Wallensteins Vorhaben, seine Erfolge, seine Methode. Sie nannten ihn stark und gewaltttig. Ein Bersten wird durch den Bau der Feinde gehen. Er wird ein offenes Feuer anfachen, das Geblk zerfressen. Sechs Rektoren, die lngst das vierte Gelbde getan hatten, erschienen in Audienz bei Ferdinand, ihm zu danken fr die Wahl des Herzogs von Friedland und zu beglckwnschen. Die Trken hat er durch das Grauen seines Heeres, wie durch das Anheben eines gorgonischen Hauptes, verscheucht, Bethlen hat verzagen mssen, von Mansfeld ist nichts briggeblieben. Der Herzog kmmert sich nicht um das irdische Jammern; die Menschheit hat ein bernatrliches Ziel, das Reich der Kirche mu ausgedehnt werden ber Heiden und Ketzer; wohl dem, der den Arm und das Schwert dazu leihen kann. Der Kaiser hrte die Vter ehrerbietig an. Befremdet sprach er zu den Rten: Wofr danken Sie mir? In seiner Antikamera versammelte der Kaiser die Herren um sich, seit Monaten zum erstenmal einer Besprechung beiwohnend. Bequem in seinem Armsessel neben dem Ofen sitzend, sagte er: Nun sehen die Herren. Und sage man nicht, da nur von bayrischer Seite uns Schwierigkeiten gemacht werden. Ich habe meine Pflicht getan. Wir werden sehen, ob es nicht an der Zeit ist, die Armada heimzuschicken. Eggenberg setzte die Vorteile auseinander, die die Armada gebracht habe. Harrach, aber auch Trautmannsdorf hielten nicht mit der uerung zurck, da sie etwas anderes zu hren erwartet hatten nach Wallensteins Sieg, nach der Befreiung der Sdostfront der Erblande. Und dennoch hab' ich den Wunsch, fuhr der Kaiser sehr ernst, ohne eine Miene zu verziehen, fort, meinen lieben Oheim Wallenstein kommen zu lassen und selber ber die Stcke zu vernehmen, die man ihm nachtrgt. Die Feldherrn sind verschieden. Ich mchte hren, was er sagt. Eggenberg erklrte, man werde ihn, sobald er das Heer in die Winterquartiere gefhrt habe, rufen. Das sei nicht ntig, fand Ferdinand; das Heer brauche nicht erst in die Quartiere gefhrt werden. Ich will Euch selbst, mein lieber Eggenberg, schicken, damit Ihr mit ihm beratet und vernehmt, wes Sinnes er ist. Ich trage ihm kein kriegerisches Migeschick nach; die Fortuna des Schlachtfeldes ist nicht besser als die Fortuna des Friedens. Auch habe er, liee ich ihm sagen, am Mansfelder alles wieder ins Gleiche gebracht. Darum handelt es sich nicht. Sondern darum, da seine von ihm gefhrte Armada den Namen einer kaiserlichen fhrt, also nach mir sich benennt. Wie es denn kommt, unter meinen Flaggen, da Reichsstnde zum Jammern vor mich laufen und wie lange das noch geschehen soll. Krieg, lchelte Trautmannsdorf. Ist das Euer Ernst, Graf Trautmannsdorf? Bekmmert blickte der kleine in weie Seide gekleidete Mann auf das Parkett; nach einer Pause richtete er die Augen auf die gespannt vorgebeugte Majestt: Vielleicht ist es gut, die Sachen nicht zu ernst zu nehmen und nicht zu streng anzusehen. Wenn man durch den Regen laufen mu, wird man na werden. Ach, lieber Trautmannsdorf, ich preise Euch, preise Euch, da Ihr so denken knnt. Lobet den Heiland dafr, da Euch das verliehen war. Mir wurde das nicht in die Wiege gegeben. Und wenn es mir in die Wiege gegeben war, so ist es in dem Augenblick wieder von mir genommen, wo mir die rmische Krone zu Frankfurt aufgesetzt wurde. Meine Lnder sollen nicht zu mir kommen, ohne bei mir gndiges Gehr zu finden. Eggenberg flehte: Die frommen Patres der Jesugesellschaft haben Kenntnis von allem erhalten, was sich ereignet in Ungarn hat. Die Stnde sind zu ihnen gekommen aus Mhren, Schlesien. Sie haben sie freundlich empfangen und verabschiedet. Der Kaiserlichen Majestt dankten sie darauf fr die Wahl des Herzogs von Friedland. Die Patres, mein Eggenberg, haben nicht viel gehrt, und als die Stnde zu ihnen sprachen, haben die Vter nicht an Ungarn Schlesien und Mhren gedacht, sondern an Gott und die Jungfrau. Ich habe unter den Worten der Stnde gezittert, als wenn meine Kinder es wren, die geplagt wurden; ich konnte nicht an Gott denken wie die frommen Mnner, mein Leib ist nicht so stark, Jesus wird sich meiner erbarmen, ich bin nicht geweiht. Ich mu meiner niedrigeren Natur Opfer bringen. Was soll ich der friedlndischen Durchlaucht nahe legen im Namen der Majestt? Eggenberg, lieber Freund, Ihr kennt meine Ansicht. Ich bin ihm gndig zugetan. Er ist im kaiserlichen Dienst, und wir mssen ihn zur Verantwortung ziehen. Ja, ihn fragen, wollte Eggenberg am nchsten Morgen zum Abt Anton und Eggenberg sagen. Da kam ein friedlndischer Kurier mit einem Handbrief des Generals aus Mhren; er erklrte und bat die Kaiserliche Majestt davon zu informieren, da er resigniere; er werde die Truppen in die Quartiere verbringen, damit seine mter niederlegen. Man kam berein, dem Kaiser, der vielleicht zugriffe, nichts von der unbegreiflichen Meldung zu sagen; im kalten Schrecken saen sie beim Abt Anton hin, fanden kein Wort. Er hat uns in der Zange, hhnte der kleine Graf; nun geht, Eggenberg, zieht ihn zur Verantwortung. Kollalto, der weintrinkende Friauler, Prsident des Hofkriegsrats, wurde aufgesucht, nach seiner Bereitschaft das Feldherrnamt zu bernehmen sondiert; von ihm kam der Bescheid, da er zu arm fr den Posten sei; er bat den Frsten Eggenberg mit zum Herzog gehen zu drfen; der Herzog werde sich vershnen lassen; den Kaiser werde man vershnen knnen. Nach Bruck an der Leitha gebeten, erwiderte der Herzog erst nach zwei langen Wochen, er werde sich aufmachen, die freundwilligen Herren zu begren. Mit Grauen nherte sich der Frst Eggenberg dem verschneiten Landhuschen, in dem sie den Friedlnder treffen sollten; schweibedeckt sa er unter den Pelzen in dem Schlitten; wenn der Herzog starr bliebe, was war zu tun; wenn er nachgebe, was wrde er fordern? Pltzlich hatte er das Gefhl, dies war die Rache, die Wallenstein fr die Feindseligkeit bei seiner Erhebung zum General nahm. Jetzt hatte er den Hof zum zweitenmal beim Kopf; was war dies fr ein Mensch. Rot vor Scham stand der Frst an der Stiege; der Sekretr des Generals kam ihm entgegen, fhrte ihn in ein Vorzimmer. Er sa lange da, dann kam der Sekretr wieder; er msse klopfen, der Herzog sitze drin. Wie Eggenberg gegen die Tr schlug, ffnete Wallenstein selber. Sie saen in dem kleinen warmen teppichbelegten Raum auf Lederbnken sich gegenber. Der Herzog sagte, ein Wunsch, ihn zurckzuhalten, sei vergeblich. Er resigniere. Der Frst begriff dies nicht; die Erfolge des Feldzugs seien augenfllig. Nein, meinte der Herzog, Blicke schieend, er msse heraus aus dem Labyrinth. Er ertrnke in Schwierigkeiten und Armut, wenn es so weiter ginge. Tief drckte der Frst den Kopf gegen seine Zobeljacke; was es mit der Armut sei, man habe ihm keine Schwierigkeiten bei den notwendigen Kontributionen gemacht. Keuchend stand der lange Herzog vor ihm, die beiden Augen bis zur Weie aufgerissen, das Kinn vorgeschoben, die Fuste hoch vor die Brust schttelnd, es brauchte einige Zeit bis er, zum Entsetzen des Rats, der an Flucht dachte, Worte ausstie: Nach Ungarn, heulte er mehr als er sprach, haben die Herren mich gejagt, mein Heer haben sie mir ruiniert. Was nicht verreckt ist, ist mir verhungert; in ein meineidiges treuloses Land haben sie mich gejagt. Ihr werdet's bezahlen. Ihr werdet es mir nicht wieder bieten. Sich erhebend, bat Eggenberg ihn, sich zu beruhigen; er klopfte ihm sanft auf die gekrampften Hnde. Der Unterkiefer Wallensteins schob sich noch nicht zurck; der General zitterte am ganzen Leib; er stierte gegen die Schilde und Waffen an der Wand, keuchte. Er htte sich doch Lorbeeren in diesem Land geholt, begtigte der Frst, ihn umfassend, gegen die Bank nach rckwrts ziehend. Unbeweglich sthnte der Herzog: Nach Ungarn. Nach Ungarn. Wieder sagte der mitleidige Eggenberg, er werde dies Land einmal als Wiege seines Ruhmes betrachten. Der Herzog rieb sich die Arme, bald den rechten, bald den linken, rckte von dem Frsten ab, sich auf die Bank niederlassend; finster murmelnd, sie htten gesiegt, sie in Wien, die Friedhfe in Ungarn bezeugten es. Pltzlich freier werdend, das strenge Gesicht gegen ihn gewandt, herrschte der Friedlnder: nun wrden sie, wie sie sich auch stellten, bezahlen mssen. Wie Eggenberg bekmmert die Hnde hob, schwoll die Wut in Wallenstein wieder an; er brllte, was sie also dann wagten, ihn und seine ehrlichen Soldaten zu verderben, um nichts, sie alle zu Bettlern zu machen. Man brach ab. Mittags besuchte der Herzog den kaiserlichen Rat auf seiner Kammer. Er verharrte bei seiner Resignation: er htte erfahren, da der Graf Rambolt Kollalto im Hause eingetroffen sei und hier logiere; was das zu bedeuten habe. Eggenberg, im Bett liegend, gab den Bescheid, Kollalto sei nach ihm im Augenblick der einzige Kriegssachverstndige, der dem kaiserlichen Hause nahestnde; wenn seine Liebden der Herzog beharrlich ablehne, sollte sich Kollalto mit seiner Liebden unterhalten, was zu geschehen habe und ob sie beide das erzherzogliche und kaiserliche Haus im Stiche lassen wollten, beide, nachdem Kollalto gleichfalls den Gedanken der Kommandobernahme abgelehnt hatte. Der General formulierte darauf mit harter Stimme, am Fenster mit dem Rcken gegen das Bett stehend, seine Bedingungen. Er sei in der Notwehr und msse sich schtzen. Wiederholte seine Ideen zur Kriegsfhrung, ausgefhrt, mit dem Verlangen der ausdrcklichen Besttigung durch den Kaiser. Eine endgltige Antwort lehnte der Frst fr seine Person ab, versprach, die Bedingungen in Wien zu empfehlen. Der Herzog verlangte Kriegfhrung im Reiche, Steuern in Bhmen fr Kriegszeit fortlaufend. Mit siebenzigtausend Mann und siebzig Geschtzen wolle er ins Feld ziehen; das Reich besoldet die Armee so lange, bis es sich zu einem gerechten Frieden versteht. Man schickte nach Kollalto, der Herzog wnschte es selber. Als der beleibte Mann am Bett Eggenbergs ihm gegenber stand, fragte er, bevor er die Hand gab: Sind wir Freunde oder Feinde? Kollalto ernst, er hoffe Freunde. Der Soldat hatte einen andern Blick fr Wallensteins Vorschlge; er uerte gegen Eggenberg schon nach wenigen Stzen, da dieser Weg zur Zeit der einzig gangbare sei. Es war Gewalt mit List, was der Friedlnder vorschlug, ein scheulicher grauenerregender Plan: entschlossen und ohne Rcksicht sich des Herzens von Deutschland bemchtigen, mit einer malosen Heeresmacht dort ruhen, die Vorgnge im Reich bewachen und nicht davon gehen, bis aller Widerstand erstickt und das Heer bezahlt ist. Mit eisiger Ruhe, aber wie Eggenberg schien, jeden Augenblick im Begriff in Wut auszubrechen, erklrte Wallenstein, sich vom Bett entfernend, seine Arme lang ber einen Tisch pressend und die Zeigefinger ausstreckend und krmmend, da er seinen Posten niedergelegt habe und ihn nicht wieder bernehme vor Anerkennung seiner Bedingungen. Das seien seine Lebensmglichkeiten. Eggenberg wollte die Debatte auf das Verfngliche der Situation in politischer Hinsicht bringen, der General hielt das Militrische fest. Mit zwei Worten beleuchtete er nachher noch einmal die Sachlage: er sei Privatmann und knne sich aus jedem Strick ziehen, er brauche sich nicht freiwillig in ein Labyrinth zu begeben. Darauf hatten Kollalto und Eggenberg abends eine Unterhaltung. Da der Ton Wallensteins unertrglich war, bemerkten sie kaum, der Plan stand im Vordergrund; auch war Kollalto gedrckt, weil er dem General frher Unrecht getan habe. Er wolle Prsident des Kriegsrats bleiben, um dem General desto besser Dienste zu leisten; so hatte er eingebissen. Gegen Eggenbergs kopfschttelnden Einwand, sie lden sich mit dem Plan das halbe oder ganze Kurfrstenkolleg auf den Hals, denn die durchlauchtigen Herren wrden die Grundfesten ihrer Frstenlibertt bedroht sehen, ihre Landeshoheit geschmlert oder verneint durch die Einlagerung eines solchen Heeres, setzte er: das Heer mu sehr gro sein. Eggenberg sah, der Militr war von der Idee eines solchen Heeresmammuts berauscht. Seine Bemerkung, Kurfrsten Frsten und Stnde wrden in solcher Einlagerung eine gesetzwidrige Besteuerung durch den Kaiser sehen, welche Besteuerung durch Kollegial und Reichstagung zuvor bewilligt werden msse, provozierte nur Kollaltos freudige Wiederholung: das Heer mu sehr gro sein. Und als Eggenberg, der im Schlafrock an Stcken hin und her durch seine Kammer ging im Kerzenlicht, fragte, vor dem glcklich sinnierenden andern haltmachend, ob sie sich denn getrauten, ein solches Heer auf Posto zu bringen, hob er die Arme wiegend hoch: das sei es ja gerade, das vermchten sie, der Herzog htte fr jeden Kenner ja bewiesen, was augenblicklich zu leisten sei; es sei eine Glckslage jetzt, wie sie bald nicht wiederkehre. Drauf und dran; sie ausntzen, beginnen, nicht zaudern. Eggenberg hielt ihn mit seinen klaren Augen fest: wer dem Kaiser so rt, msse auch wissen, da er das Haus Habsburg aufs uerste gefhrden knne. So sollte, lachte Kollalto, der Frst noch Karaffa, Liechtenstein, wen er wolle, befragen. Eggenberg hielt es fr gut, am nchsten Morgen vor der Abreise dem General seine Zustimmung zu versichern; den genauen Bescheid der Majestt wrde ihm nach Prag ein eigener Bote berbringen. Kollalto schied in voller Vershnung vom Herzog. Als Eggenberg in der goldblitzenden Antikamera des Kaisers stand, erinnerte er sich erst, da er nach Bruck gefahren war in den Schnee, um den Friedlnder zu warnen vor weiterer harter Kriegfhrung; kein Wort davon war gefallen. Der Kaiser fragte streng, was der Herzog geantwortet habe. Nichts, als da ich Eurer Majestt berichten sollte, da die Kriegfhrung mit Hrten verbunden sei, auch mit Klagen uneinsichtiger Menschen. Der grausame Mensch. Der Barbar. Der Kaiser nahm von seinem Tisch eine Rolle, las die Eingabe der mhrischen Stnde vor. Also das ist nicht zufllig und als Exze begegnet, das war nicht unvermeidbar, das hat mein Oheim, der Herzog, mit Plan getan und geleistet. Eggenberg, lieber, er schttelte den Frsten an der Schulter, ich habe gehrt, da Ihr nichts mit dem verrufenen Mann zu tun haben wollt. Ihr selbst habt mir nicht zuraten knnen. Das ist ein Christ, ein Katholik, er hat zu seinem Heiligen gebetet, whrend ihm dies geschehen ist, nein, whrend er dies getan hat. Seine Lippen bebten. Majestt sind Rmischer Kaiser, viele Untaten geschehen im Reiche; man kann nicht alles hindern. Das ist nicht mein Geschft, Eggenberg. Nie und nimmer. Ich weigere mich, ich wehre mich dagegen. Es ist roh, es ist unnatrlich, es ist die planmige Vernichtung ganzer Leben, ganzer Landschaften, die Gott geschaffen hat. Nach einigem Atmen fuhr er fort: Und wozu? Um den Bastard Mansfeld zu beseitigen. Oder -- mein Haus zu erhalten. Leise der Frst: Gewi mchte jetzt wohl jeder Euch anbeten, Kaiserliche Majestt. Eure Frmmigkeit ist kein bloes Lippenspiel; es werden nicht viele deutsche Frsten wie Ihr sein. Nur: wie werdet Ihr den Thron behaupten knnen? Wie wollt Ihr das? Ihr seid der Meinung, Eggenberg, solche Untaten sollen noch fter in meinem Namen geschehen? Eggenberg ballte hinter seinem Rcken die Hnde, zwang sich zu sprechen: Ich meine, es wird hnliches fter geschehen mssen. Ferdinand von seinem Ton getroffen, musterte ihn scharf; rauh forderte er ihn auf zu sprechen. Leise meinte der Frst: der General htte sich dahin geuert, solche menschlich beklagenswerten Mngel der Kriegfhrung seien in hchstem Mae erwnscht; der Herzog habe mehr oder weniger deutlich abgelehnt, hier von Schattenseiten oder Mngeln der Kriegfhrung zu sprechen; vielleicht fr die frheren treffe das zu. Er setze aber dies Unglck in seine Rechnung. Er hielte es sogar im Augenblick fr ntig, ein groes Heer in die blhenden reichsten Gegenden des Reiches zu werfen; das Heer solle erstickend auf dem Lande liegen; die feindlichen Bewegungen im Reich beobachten, bis sich nichts mehr rege und man nur den Wunsch habe, das Heer zu entfernen. Starr blickte der Kaiser den Rat an, dann lachte er krampfhaft; so htte man also eine leichte Handhabe, diesen verrckten General wegzuschicken. Darum, verneigte sich der Frst, habe der General gebeten. Gut, schrie Ferdinand, gut, und knirschte in Emprung mit den Zhnen, so ist ja allen geholfen. Als Eggenberg sich das Kinn rieb, sah ihn Ferdinand an: Das Dekret der Entlassung wird fertiggestellt werden, wenn die Majestt es befiehlt. Ich bitte darum. Wir werden nicht wissen, woher wir den General und die Truppen entlohnen sollen. Wir brauchen ein Heer. Majestt, es kann nicht daran gezweifelt werden, da wir ein Heer brauchen. Euer Liebden ist sonst nicht unklar. Wollt Euch nur deutlich ausdrcken: ich soll mich diesem Verbrecher unterwerfen? Es ist ein furchtbarer Mensch. Graf Kollalto setzt sich fr ihn ein. Sprecht noch einmal. Vor den drohenden fassungslosen Kaiser wurde Graf Kollalto befohlen. In dieser Unterhaltung sthnte der Kaiser mehrmals: Um des Heilands willen schafft den Bhmen weg. Rotwangig, mit kurzem weien Knebelbart, kurzstmmig stand der Friauler vor ihm, in hohen Beinstrmpfen, strenger spanischer Tracht; man solle dem Bhmen vertrauen, er verstnde den Geist des Augenblicks. Er wurde, als er die Erregung des Kaisers und die unsichere, verdchtige Haltung Eggenbergs bemerkte, dringender, Wallensteins Ideen seien eine entschlossene Tat. Und dann schmetterten Ferdinand um die Ohren die Worte: Der Rmische Kaiser, das Heer, der Kaiser, das Heer. Es fiel kein Wort von den Mhren, Schlesiern. Halbbetubt hrte Ferdinand den Mann an, der seit Gradiska sein Vertrauen besa. Der Saal war klein, die Wand schulterhoch mit brauner Verschalung bekleidet, an der blauen Decke rangen riesenleibige Dmonen mit Armen, Balken, Bergen gegeneinander, spien einen sthlernen Kronleuchter gegen den Boden, stieen hlzerne Sulenblcke auf das Parkett. So herrisch trat Kollalto mit seinen Worten auf, so ernst stand Eggenberg, einen Daumen am silbernen Grtel, neben ihm, da Ferdinand pltzlich eine Unsicherheit, ja Scham befiel, da er gegen ein sonniges spitzbogiges Fenster zurcktreten mute. Wir knnen siegen, klang das rastlose Triumphgeschrei Kollaltos. Habsburg wird die Feinde im Reich unterwerfen. Ferdinand beendete die Audienz; er war in Furcht untergetaucht. Die Kerzen brannten an dem Kronleuchter, auf einem Podium spielte die Hofmusik, die Tr zu einer Nachbarkammer war weit geffnet, drin sa im prchtigen, eng verschnrten Rock vor einem rostbraunen Gobelin auf der langen Polsterbank der Kaiser, bckte sich ber sein Knie. In tiefer Erschtterung fragte er den Frsten Eggenberg, lie sich wiederholen. Der ungeheure Gedanke warf ihn um, wie er Kollalto umgeworfen hatte. Die habsburgischen Knigreiche und Lnder sind zu schtzen, indem man den Krieg von ihnen fernhlt, das Reich ist zu einem gerechten und vernnftigen Frieden zu zwingen, das Reich mu wissen, da es die Heere des Kaisers so lange zu besolden hat, bis die Waffen niedergelegt sind. fter wollte Ferdinand in einer aufsteigenden Trostlosigkeit, einer ihn durchirrenden dumpfen Verzweiflung bitten, man mchte von diesen Reden lassen, er sei der Schtzer, der Mehrer des Reichs, dann trompetete es: Der Rmische Kaiser, die Herrschaft ber das Reich, der gerechte Friede, er legte den Degengriff an seinen Mund, fhlte die Khle. Und dann, gerade wie der Frst eine Pause machte und drin heimlich und sanft die ersten Stimmen eines Kanons von Geigen vorgesungen wurden, strzte, sauste urpltzlich der Gedanke Bayern ber ihn, als wenn ihn die Riesen geworfen htten, die an der Decke nicht gehalten wurden, beinbewegend ihn mit den platten Fusohlen betrampelnd. Ein leises Quietschen steckte in seinem Kehlkopf und kam nicht hher. Bayern: er japste ringend unten weg. Sie hielten ihn. Der Frst Eggenberg, purpurne Schrpe, blaue Strmpfe, purpurne Kniebnder. Oben jubelte es, knallte: Sieg, Sieg, der Kaiser, das Heilige Reich. Er duckte sich aus seiner Hhle, verschmt, beschmutzt, platt hingedrckt, migestaltig, blinzelte. Oben jubelte es, aus der khlen, weinseligen Stimme Eggenbergs, zu den zierlichen, schreitenden Takten des Kanons: Habsburg, Sieg, Wallenstein. Herr, fhre mich nicht in Versuchung! Und wie die verzckte Angst, der wste Taumel sich mit einem langen Ruck durch ihn gestreckt hatte, war im Moment, wo er einen rotgeschwollenen Kopf an den Gobelin legte, alles verschwunden, verrauscht, hatte ihn sitzenlassen wirr in Fieber, Pein; eine nicht scharf erkenntliche, halbschattenhafte wilde Jagd raste durch seinen Krper, er litt es, es schwang hin und her, schwang, seine Muskeln bebten mit. Er setzte sich, whrend der Rat von der Kriegslage nach der Schlacht am Barenberge sprach, halb seitlich abgewandt, hatte das Gesicht mit der brillantgeschmckten Hand beschattet. Dann zwang ihn etwas aufstehend nach der Mantuanerin zu schicken. Als sie kam, verlangte er nichts. Er lie sie nur neben sich setzen, blickte zu der Tr hin, wo die beiden schwarzen Figuren, zwei Damen, zur Musik lange Fcher am Handgelenk schaukelten. Er war von einer tiefen Scham erfllt, er mochte nicht denken, sein Inneres war ein heies zittriges Rhrmichnichtan. Er fragte pltzlich, wie des Herzogs von Friedland Liebden, sein Oheim, ausshe. -- Es sei der lange hagere Mann mit kurzgeschorenem Haar. -- Der Kaiser zuckte mit der linken Hand; genug. -- Eggenberg verneigte sich: ob Wallenstein zur Audienz befohlen werde. -- Nein. -- Als die Tr hinter dem Frsten fiel, drin alles still geworden war, die Mantuanerin sanft und scheu ihm Konfekt bot, fragte er: Ist er hinaus? Sie wollte, die Silberschale auf den Wandbord stellend, wissen, ob es schlimm sei, was der Geheimrat gemeldet habe. Er bi sich den Schnurrbart, stie ein Lachen aus, das ihm gelang, elastisch aufstehend ging er herum ber den blauen weichen Teppich zu dem silbernen Delphin an einem Pfeiler der Fensterwand, der Wasser in ein Kupferbecken sprudelte: Es ist nicht schlimm. Es ist schwer fr mich. Es hat etwas -- Unertragbares fr mich. Zu viel, Eleonore. Die Damen, halbabseits an der Tr, hielten die Fcher geffnet, geduckt, die Gesichter verborgen. Er setzte sich am Becken neben sie: Mein Heiland, wie gut, da ich dich habe. Ich bin ein alter Mann. Seine Schultern zitterten. Und jetzt drang es durch die Kehle, er schluchzte tonvoll, weinte gegen den Delphin gedreht, hrte sich klagen. Seine Brust schnrte sich in Krmpfen zusammen, leidend, mit einer verschwimmenden Lust, folgte er den schlagenden Bewegungen seines Krpers; wie konnte er sich ergehen. Diese Flle, diese ffnung. Er dachte von fern an die vergangenen Jahre und was jetzt auf ihn gelegt war. Was hatte er verbrochen. Dicht hinter der Stirn, bandartig um die Augen, rings um den Kopf war ihm sanft schwindlig. Eleonore brach in Trnen aus. Ihren nackten rechten Arm legte sie ber den Rand des Beckens, das Wasser unten verzerrte ihr hergebeugtes zusammengezogenes Gesicht; sie frchtete, die Damen mchten sie sehen, denen sie versprochen hatte, nicht mehr zu weinen. Er bat abwinkend, nicht zu fragen. Und blieb dabei, sie zu kssen und fiebernd zu drcken. Wie sonderbar aber, da, als er in der Nacht einschlief, immer wieder in ihm der Gedanke wiederkehrte, da er sich an Wallenstein rchen wrde. Immer wieder zog an seinen Augen vorbei, da er sich Genugtuung von ihm holen wrde. Der Gedanke beruhigte, sttigte ihn. Mit Zhneknirschen wiederholte er ihn, ohne ihn zu verstehen. Der Gedanke gab seiner schnaufenden Atmung Ruhe, lie ihn in den traumlosen Schlaf fallen. * * * * * Eggenberg gab auf die Frage des stierblickenden geknechteten Ferdinand zurck: man msse den General halten. Das waren die, die ihm einmal einen Dolch auf die Brust gesetzt hatten. Er war matt, wollte nicht mit ihnen kmpfen. Er sah voraus, da er werde viel Wein trinken mssen. Entsetzt dachte er: nicht wieder im Keller, nicht wieder mit dem Zwerge. Er fragte: was Lamormain meine. -- Die heilige Kirche und das Haus Habsburg htten gemeinsame Interessen. -- Erwischt den Herrn Lamormain, jauchzte es einen Augenblick in ihm; pfui, pfui, der Menschen. Aber er wurde zurckgescheucht von den ernsten stummen vergewaltigenden Mienen der andern. Er duckte sich, die Unsicherheit in ihm verwirrte verschlang alles. Der Kaiser schlo den Mund. Den Abgesandten der mhrischen und schlesischen Stnde, die sich in Wien aufhielten, wurde die Teilnahme des Kaisers fr ihre Leiden ausgesprochen; der Kaiser lehnte ab, sie noch einmal zu empfangen; er wies bedauernd auf die Schattenseiten der Kriegsfhrung im allgemeinen, da sein General gehalten sei, strenge Zucht zu ben; sie mchten nicht die Staatsraison aus den Augen lassen. In seinem Palast auf dem Hradschin empfing Wallenstein den Erla, der ihm den Dank des Kaisers fr seine erwiesene Vorsicht und Tatkraft aussprach, dem Vertrauen Ausdruck gab, da seine Liebden im kommenden Jahr eine starke wohlausgestattete Armada aus den Winterquartieren gegen die furchtbar rstenden beltter und Friedensbrecher fhren werde. * * * * * Auf die Niederlage des Mansfelders antwortete England, seinen Knig zwingend, mit einem Vertrage mit den Generalstaaten; es erklrte unter keinen Umstnden die Sache des Kurfrsten von der Pfalz und des Schutzes seines Rechtes aufgeben zu wollen, ferner nicht tatenlos der vom deutschen Kaiserhaus und Spanien mit ungeheurer Macht geplanten Ausrottung der Gewissensfreiheit zuzusehen. Es schlo mit den Niederlanden ein Bndnis gegen Spanien. Wie der Winter vorrckte und ungeheure Gerchte von habsburgischen Rstungen herberdrangen, wurde auch der stolze englische Knig tief unruhig; es bedurfte nicht des Zudrngens des Parlaments, um ihn zu bewegen. Die Lords Buckingham Kensington Dudley Koxleton wurden bestimmt nach dem Haag zu gehen. Kamerarius, der Resident des Pflzers, empfing sie melancholisch; der Mansfelder sei tot, Bethlen Gabor verschwunden; was solle er von Deutschland sagen -- es sei dahin, dahin. Die Englnder aber, begleitet von dem tapferen kleinen Johann Joachim von Rudorf, hielten die Nacken steif; sie fhrten in Kisten mit sich dreihunderttausend Pfund Sterling in Goldplatten und Edelsteinen. Von Frankreich erschienen Gesandte; auf den Straen von Haag ritten neben den mageren Englndern mit den strengen braunen Gewndern, den hohen steifen Filzhten, die lockenwallenden Franzosen, die freien feinen Gesichter, in losen fliegenden Kleidern, farbenstrahlend, von Hunden umtanzt. Ihre Berichterstatter und Sendboten saen in Straburg Ulm Nrnberg. Konnetabel Lesdighieres und Marquis Vieuvillier erklrten sich bereit, Subsidien an den Dnen und die Generalstaaten zu zahlen; sechshunderttausend Louis an Christian, eine Million franzsische Pfund an Holland. Freudig schwuren die Hollnder, keinen Frieden mit Spanien schlieen zu wollen ohne Frankreich. Brandenburgische Heere trafen ein; und pltzlich tauchten in schwarzer Attila ungarische Magnaten auf, runde Pelzmtzen mit Agraffen auf dem Kopf, heftige schwarzugige Herren, reich, mit lauter Stimme, die ihre protestantische Freiheit gegen das verschlingende Habsburg verteidigen wollten; riefen aus, wie bitter es Wallenstein ergangen sei und wie sie sich geweigert htten, ihm Zuzug zu leisten. Die englische Delegation erhielt Briefe vom edlen Herrn Mark Antonio Padavin, dem Vertreter der venetianischen Signoria am Kaiserhof; er habe Auftrag, Vorschlge zu vermitteln nach Venedig ber die von seiner Republik zu leistende Untersttzung; der tapfere geliebte Mansfelder sei tot, die dnische Majestt habe eine Schlappe erlitten; sie wollten mit Hilfe nicht zurckstehen. Aus diesen Briefen erfuhr man, da der Bassa von Ofen und der Grotrke selber aufs strkste gegen Habsburg zu rsten begonnen htten; man vertraue auf Bethlen Gabor. Und wie vor Weihnachten die frohen Nachrichten sich huften, fand ein feierlicher Kirchgang statt: hinter samtgekleideten Pagen und feinen Marschllen ging zu Fu durch die strenge Luft der besiegte Pflzer Friedrich, barhuptig, die hellblonden gesalbten Locken neben den vollen bllichen Wangen ber den offenen Hals spielend, in blauem bauschigen Wams, ber dem goldenen breiten Wehrgehenk leicht zusammengesunken; seine blauen Augen blickten trumerisch leer. Elisabeth lchelte aus ihrem naiven Gesicht sonnig nach allen Seiten; die Gesandten ihres Bruders gingen hinter ihr, sie machte heftige ungeduldige Schritte in ihren goldenen Schuhen; ihr wei gepudertes Haar erhob sich steif in Etagen ber dem roten strotzenden Gesicht; in einem weiten grnen Kleid quoll ihr froher Leib; sie drckte die wei bekleideten Hnde geballt vor die Brust. Die Generalstaaten, England, Ungarn, Frankreich, Brandenburger, saen mit ihnen auf den Bnken vor dem masthohen Kreuz mit dem hngenden leinenbekleideten Heiland, hrten in dem hellen ungeheizten Raum die Predigt an ber das Wort: Und du, Kapernaum, bist du nicht in den Himmel erhoben? Du wirst in die Hlle hinuntergestoen werden. Nicht von der Stelle zu rcken, gelobten sie, bis Habsburg, der deutsche Kaiser und Spanien, geschlagen und vernichtet sei; sie htten unermeliche Zeit und wrden Gottes Mhlen gut mahlen lassen. Dahin ist es gekommen mit Deutschland, erklrten sie, da fremde Herrscher zur berwachung und Anordnung seiner inneren Angelegenheiten berufen sind. Der Bund ist gegen Habsburg geschlossen wegen Bruchs des Rechtsfriedens, Verletzung der Reichsverfassung, der beschworenen Wahlkapitulation des Kaisers. Es ist dahin gekommen, da ein hochgeborener deutscher Frst, gechtet, vogelfrei erklrt ohne Gericht, bei fremden Nationen hat Schutz suchen mssen. Da den benachbarten Staaten an Erhaltung des Friedens, der Verfassung und beschworenen Wahlkapitulation gelegen ist, sehen sie sich gezwungen, den rasenden unertrglichen Lauf dieser bsen Absichten und Unterdrckungen durch Aufrechterhaltung der Reichsfreiheit zu hemmen, dem unverkennbaren Ruin entgegenzutreten. Der Dnenknig trieb seine Werbungen auf dreiigtausend Mann zu Fu und achttausend Reiter; zu Hamburg erlegte England monatlich dreihunderttausend Gulden; achtzigtausend zahlten die Generalstaaten. Aus Venedig trat Graf Heinrich Matthias Thurn, der Bhme, der Hauptrebell, capo di guerra, in dnische Dienste. Fnf englisch-schottische Regimenter setzten unter Karl Morgan ber den schumenden Kanal, drei Regimenter Schotten lieen sich von Christian anwerben. Graf Ludwig von Montgommery trieb viertausend Franzosen im Marsch nach Norden. Ein schwedischer Gesandter erschien, der Knig Gustav Adolf versicherte den Bund seiner Sympathie; er stnde noch in Polen in Kmpfen; man mge ihm Zeit lassen, er wrde rechtzeitig kommen. * * * * * Auf die Werbungen der Obersten waren von Wallenstein vorzustrecken zwischen sechshunderttausend und eine Million Gulden. Whrend der Unglckstage in Ungarn waren von eigenen meuternden Truppen der Feldzeugmeister Graf Schlick und del Maestro gefangen an Bethlen Gabor abgegeben worden; ihre Auslsung erforderte hunderttausend Reichstaler. Die Ausarbeitung eines Verpflegungssatzes fr die einzulagernden Truppen bernahm der Serbe Michna, der hndisch am Herzog hing; jeder einquartierten Kompagnie waren zunchst seitens der Bevlkerung siebenhundert Gulden zum Unterhalt zu reichen. De Witte spannte seine Einbildungskraft und Energie an, ntzte seine Beziehungen zu Bassewi aus, an die reichen Geldquellen der portugiesischen Juden in Hamburg heranzukommen; die Herren Fernando Cardosi und Henriko Rodrigez wurden gewonnen; sie beherrschten den Handel mit ostindischem Kattun Gewrzen Rohrzucker, hatten die Hamburger Bank begrndet; auch der junge Diego Taxaira wurde sondiert. Indem sie Geld auf den Namen de Wittes Bassewis und des reichen Friedlnders hergaben, drangen sie darauf, da das Unternehmen auf die grte und sicherste Basis gestellt werde; de Witte wies darauf hin, da er, Michna und der Herzog persnlich mit ganzem Hab und Gut beteiligt wren. Von Prag wurde das Gercht ausgesprengt, es ginge auf das Reich zu, man werde plndern wie nie. Um die Galgen herum schlichen die Werber, in die Wunderhfe der Bettler; lieen Regimentsspiel erklingen, stellten sich vor die Zunftstuben, Gesellenhuser. Es gab niemand, der zu schwach war, und niemand, der verworfen war. ber die verschneiten Felder fegten sie, hoben Lebensmde hinter Gartenhecken auf, sphten an Flulufen entlang. Sie mieteten sich Gauklertruppen, um Menschen anzulocken, Quacksalber Feldscher Handleser liefen neben ihnen. Sie erzhlten von Wunderdingen, die sich begeben sollten im kommenden Frhling und Sommer, der deutsche Kaiser ziehe aus Wien mit erstickender Macht gegen die Niedersachsen, Dnen; Wallenstein sei sein Feldherr, der halb Bhmen besitze und geschworen htte, sie sollten ihm nicht entgehen oder er wolle in die Hlle fahren. Die Kranken, dienstlosen Sldner, Bettler rafften sich aus den Gassen, von den Kirchhfen auf, lieen ihre Krcken und Schnappscke liegen, der finsteren Verstumpfung, dem Gram entrissen. Wilder sprangen sie vor der Trommel, sie waren die Herren, Totschlag und Diebstahl haschten vergeblich nach ihnen, es gab Ehren; entwischt waren sie, es gab Fahnen und wilde Federn, Pferde, Frulein, Wrfel, Wein, Fra, Musik. Brger und Bauern muten verbleichen; konnten ihre Gter taxieren; die Sldner taxierten noch einmal. Mit Grauen sahen die Drfer die Scharen von den Musterpltzen kommen, fahnenschwingend klimpernd singend sbelgegrtet buntfedrig, herrliches Geld in dem Sckel. Der rmische Kaiser rief auf. Wie sie tosten, als gute Brder taten. Da den Bauernburschen die Herzen gegen die Rippen hmmerten, Vikar und Diakon sich erbarmten; hinaus: auf ein Jahr, nur ein Jahr. Viele Nester leer, Sensen ohne Hnde, alte Mnner an den Pflgen, Krieg. Wie ein heftiger Wind, der die Bume schttelt, reife Frchte abnimmt, hinwirft vor die Fe zum Mitnehmen. Trbe Ehen wurden zerschlagen, die Mnner nahmen die Pike und Muskete, fhlten sich frei vor dem Tod. Die Tren der Frauenhuser wurden erbrochen, die Weiber strmten den Sammelpltzen zu, wo die Mannheit auf die groe Wanderschaft ging, heute alles, morgen nichts, bermorgen verfault. Mit Erschtterung drang der Trommelschlag an die Herzen der Studenten, in den Bursen, Stiften; ber die Folianten blickten sie weg an die Fenster, ihre Lauten und Flten lieen sie liegen, schlichen nicht aus den Winkeln, waren nicht lustig, nicht traurig, wagten sich nicht hervor an die eisigkhle klangdurchtobte farbenschwingende Luft; bis sie die Hnde an die Ohren schlugen, wild an den Husern der Lehrer und der Liebsten vorbeirannten, davon; tonlos vor dem Werbekorporal, bla: Da bin ich. Die Mnche in den Klstern auf dem flachen Lande horchten auf, senkten betend ihre Kpfe tiefer; drauen vor den Gittern standen die lteren Brder und Oberen sorgenvoll, die Zge schwrmten trotzig und lachend, windgetragen, vorbei; durch die vollen Speicher Scheunen Stlle gingen die Mnche, sahen stumm im Refektorium die kostbaren Kelche Bilder, verriegelten die Gitter, beteten um den Segen Gottes. Wallensteins Werber ritten nach Polen, Kosaken aufzubieten; in Wallonien brachen sie ein, in Lothringen, sein Geld flo nach Ungarn Kroatien Dalmatien, ri die Menschen zum Wrfelspiel nach Deutschland gewaltsam, massenhaft. Er lockte die Zusammenbrechenden aus Bhmens Not her; die Werber stachelten: Was jammert Ihr. Ihr werdet's nicht ndern! Seid Herren, rasch, rasch, Herren, mit der Pike und Muskete! Sthnend folgte ihnen, was den Jammer satt hatte, verfluchte sein Schicksal, seine Heimat; mit hineingerissen in ein finster freudiges niederbrechendes Ungewitter; ihre Fe schwangen. Wollten abrechnen; Deutschland war da; abrechnen, da kein Trpfchen Fett auf der Milch schwamm. In den Kirchen fingen die Priester fr Wallenstein zu werben an. Auf die protestierenden Zyklopen und Pelagier ging es, auf die Epikurer, Beschtzer der Sue, die Kalvinisten, Blutsufer, Herrgottsfresser. Was wollen sie mit dem Evangelium des Markus Lukas Matthus Johannes? Den Heiland und sein Werk in Grund und Boden kritisieren, spintisieren, destillieren, die Quacksalber am Leib unserer heiligen Kirche. Das Evangelium ist zh, frisch, ledern, fr berscharfe spitze Zhne; die Kirche lt es Euch gut abhngen, da es mrbe wird, gibt's in den Rauchfang, stellt sich als gute Metzgerin dazu, hackt Euch heraus, was gut schmeckt und nhrt; immer kochen wir Euch ein Sppchen, schmoren, braten, da Euch der Magen sich wlzt. Seht hin auf die Lutheraner und Kalvinisten; sie gehen herum mit herben sauren Mienen; der Darm ist ihnen berlastet, sie knnen's nicht verdauen und lassen doch nicht davon. Ich will Euch purgieren, liebe Seelen, da Ihr alle keine schmhliche Not leidet. Wer auf Erden hat das beste Himmelreich, der Lutheraner und Ketzer oder der Katholik? Nun ist es ja schon unglaublich, da Ketzer ein besseres Himmelreich haben sollen als fromme Katholiken. Wer sagt berhaupt, da Ketzer in den Himmel kommen, wo doch die Hlle ihnen besser ansteht? Aber nehmen wir an, gesetzt wir tten's, sie seien Christenmenschen, die unwissentlich sndigen. Sie haben noch nicht geschleckt an unsern Zuckerwaren, ihnen ist das Manna noch nicht ins Maul geloffen, das uns tglich so herzlich befriedigt, bei jeglicher Jahreszeit und Witterung; sobald wir nur die Augen aufreien, fngt das Manna an zu flieen, ein unbeschreiblicher, erschreckender berflu -- nur jenen Elenden nicht, die zu faul sind, sich in ihren Betten wlzen und unser gottgeflliges Frhluten gar als Strung ihrer lsterlichen Ruhe betrachten. So also, sage ich, ist diesen unwissentlichen Sndern entweder das Fegefeuer oder bestenfalls ein Vorraum zum Paradies bereitet. Geduldet werden sie, vielleicht nicht sehr geplagt, Behaglichkeit, etwas flauer Spa ist alles, was ihnen gelegentlich, sonntglich blht. Das also wre so der Fall, wenn es so wre, wie es sollte und sie unwissentlich sndigten. Aber es ist gesorgt dafr, da der Andrang im Vorraum nicht gar zu gro ist. Aus allen Stnden hat der Heiland und Herr Menschen berufen, um Raum zu schaffen. Sie haben sich nicht gescheut, die frommen Mnner und echten Papisten, die Fahnenschwinger und Kreuzestrger, die Snder und ihr schmutziges, struppiges Fell anzupacken. Sie sind es, die die Snde wissentlich machen. Jetzt geht ein Jubel durch die Welt; es ist zu Ende mit dem lauen Zupacken, ja einen Sto kriegen sie von rckwrts ins Stei, der sagt: aufgepat! Aus Gnade und Mildttigkeit tuen sie so die wahren Papisten, damit das Zittern und Zhneschnarren ber die verdammlichen Lutherbuben komme, da die Reue sie zusammenpret und wie erbrmliche lcherliche Klmpchen in den Richtstuhl und Beichtstuhl treibt, flehend, man mchte sie aufheben, ihnen das Paradies ffnen. Und wahrlich, genug berwindung gehrt dazu, sie aufzuheben. Jetzt ist nicht mehr Zeit, vom protestantischen Himmelreich zu sprechen. Der Satan ist informiert; er hat Auftrag, grimmig fr Vorrat zu sorgen an Knechten Messern Kbeln Bottichen Holz Blaseblgen, auf lose Backen nicht zu vergessen, krftige Fuste, die Snder anzupacken und hin und her zu schleudern, Eisen und Haken, das Feuer zu schren. Die Bcke laufen herum, nicht jene, auf denen Satanas und die Hexen reiten, sondern andere, heilsam, die die Snder auf die Hrner packen, spieen, sich durch die Luft zuwerfen und so sich die Zeit vertreiben mit Ballspiel. Fr die Stolzen und bermtigen springen drre Affen herum, die sich anklammern an ihre Rcke und Wmser von hinten, mit beiden Hnden ihnen unter die Achseln greifen, mit den Beinen vorn ber den Bauch, und nun kitzeln, kitzeln, da sie lachen. Ja, jetzt knnen sie lachen, brllen, sich winden, da sie blau werden und bersten. Und vor ihnen steht ein Teufel, schlgt ihnen ins Maul, schreit: Ruhe! hlt dem Affen einen Krug hin, damit er nicht verdrstet. Was ist das fr ein Gelchter in der Hlle! Frwahr ein anderes als das sanfte melodische in unserm Himmelreich. Ein Tier ist da und kriecht herum, dessen Bauch an hundert Quadratmeilen mit. Seine Schnauze ist die eines Hundes, sein Leib wei und fett wie eines Schweines, seine Fe grn mit knotigen kolbigen Zehen wie ein Frosch. Es sitzt da, das Untier, in einer Ecke und immer, wenn die Hlle vor ihm recht dick voll ist, bckt es sich mit einem knallenden Schnalzer, schluckt hundert Verdammte, lt sie in Schlund und Magen herumwirbeln, da whlen sie in Sudel, Wust, Lauge, dann wrgt er sie wieder aus, holt die hundert wieder und noch zehn-, zwanzigmal, bis er satt ist, und speit sie dann auf einen Patzen hin. So splt sich das Tier den Rachen, schnappt zum Rest mit den warzigen lappigen Lippen die hundert an den Fen, schleudert sie im Kreis, bis sie trocken sind, dann lt es sie los. Soll ich Euch von den Teufelsschlossern erzhlen, die die Menschen schmieden, als wenn sie Schmiedeeisen wren, von den Tischlern, die die leibhaftigen Menschen zersgen und sich Sthle und Schemel aus ihnen machen, um sich darauf zu setzen bei ihren Untaten. Da mte ja der Christ ein Narr sein, der derartiges erdulden wollte aus purer Halsstarrigkeit. Aber dumm sind meine Lutheraner nicht, sie sind mit vielen Wassern gewaschen und mit den meisten die unter ihnen, die sich Gelehrte, Prdikanten schelten und fromme Seelen verlocken. Fr sie ist eine besondere Strafe erfunden, damit sie, die im irdischen Leben etwas Besonderes waren, sich auch dort dessen rhmen knnen. Da hngen so zierliche Seilchen von der Decke der Hlle herunter, versteht Ihr recht, Seilchen, nicht viele, denn gar so viele sind nicht so schlimm. Nicht gut kann man die Seilchen sehen, denn ein Dunst, ein Nebel, ein Wrasen wie aus einem Kochtopf steigt immer von unten auf. Und wenn die Teufel nun so einen erwischt haben, so eine abgelebte alte Prdikantenmigeburt, die vermeinte, flugs und unversehens in den paradiesischen Vorraum zu schlpfen, so heben sie ihn sacht auf ein bequemes Schemelchen, binden ihn an zwei Seilchen, ziehen ihn hoch und lassen nun den Wrasen gehen, verkleben ihm auch schn die Ohren mit Pech. Und tglich kommt zu einer Stunde ein Teufel, nimmt ihm das Pech aus den Ohren heraus und tut mit ihm disputieren, damit sein hoher Witz sich gar nicht abstumpft. Das scheint Euch nichts? Oh, oh! Das lebt, das sieht nichts, das hrt nichts. Vom Dampf verschrumpfeln sie wie pfel, sie sitzen den ganzen Tag in der warmen Nsse wie Waschfrauen, tropfen, ziehen keinen Zug gute Luft und werden nicht trocken. Mgen sie sich umgucken, mgen sie in den Rauch hineinschnappen, ob's nicht wo was zu sehen gebe: ist nichts zu sehen. Sie tropfen, verschrumpfeln, verfaulen in langer Weile. Nur eine Nadel steckt in der Rcklehne des Schemels, die bohrt sich in ihre Rcken, wenn sie einschlafen wollen. Mchten nur recht viel von ihnen kommen, wren die geplagten Teufel froh genug und htten ihre Ergtzlichkeit. Wie sie sich drehen auf ihren Schemeln, mchtet Ihr sehen, wie sie rasen, nicht trocken werden, den Dampf wegblasen wollen und unten kochen sie immer weiter, wie sie schumen gleich den wtenden Ebern, wie sie sich anfallen in der Einsamkeit da oben an den beiden Seilchen schwebend an der Decke der Hlle, sich die Knchel zerbeien, sich gern umbrchten, wenn sie nur knnten. Da ist nichts in ihnen als Schumen und Rache, Geschrei, Gewein, bis sie mde werden, und wenn sie wieder frisch sind, dann sehen sie wieder nur sich und es ist nichts. In den neuglubigen Landkreisen lieen die Werber die Parole deutscher Kaiser gehen, mit Macht suchten sie Protestanten zu gewinnen, Wallenstein hatte mit den strksten Ausdrcken darauf gedrungen; er hatte befohlen, Anlauf- und Antrittsgeld zu verdoppeln, wenn es Lutheraner und Kalvinisten glte. Heftig sprudelten und schumten die frommen Kreise der Erblande dagegen, schwer konnten sich die jesuitischen Gesellschaften beruhigen. Der Herzog gab kein Wort der Erklrung; er wollte auch Lutheraner im Heer, hie es in Prag. Von der Wiener Hofkammer und dem Geheimen Ratskolleg wurde auf des Friedlnders schlaue Taktik hierin hingewiesen; er verfahre nach der allgemeinen Direktive, den Oppositionsmchten den Vorwand der Religion zu benehmen; man drfe nicht lnger sagen die garantierte Religionsfreiheit werde vom Kaiser bedroht. Der Herzog zog lutherische Offiziere in sehr groer Zahl an sich; kaiserliche Oberstpatente gab er ihnen. Die zu Bruck seinen Erklrungen beigewohnt hatten, begriffen scheu, da sich seine finsteren furchtbaren Ideen vom Kaisertum dahinter regten: der Kaiser ber Deutschland, und sonst nichts. Nichts von Kirche. An seinen Wagen spannte er die ungeheuerlichen Wildgestalten der Herzge von Lauenburg. Die verschuldeten Reichsfrsten, lahm daliegend, buckelten sich hoch und schttelten sich, sie lieen sich die langen starken Leinen Wallensteins berwerfen. Der Mansfelder, abenteuerlich, bezaubernd vorber tosend, hatte ihnen ins Herz gestochen, die Zungen klebten ihnen am Gaumen vor Gier. Rudolf Maximilian, der Sachsenlauenburger, ein haarschaukelnder Kentaur, langschenklig, stie seine Fahnen im Erzstift Mainz in den Boden, lie die rotblutigen Glotzaugen rollen, donnerte, schrie, kehlte Spiegesellen heran, Grauen verbreitend. Er war eine Rhre, ein Rinnsal, ein Kanal, Wein und Biere flossen von Morgen bis Abend ber ihn; er war wie ein Schwimmer, ertrank nicht drin, schlug um sich, wie ein Fisch. Der Frstbischof suchte ihn zu besnftigen, lie ihm Proviant, Furage zufahren; er stopfte, was man ihm gab, ohne zu danken, behielt den Hunger. Seine Backen blaurot gedert; die Sldner sahen es mit Freude. Reich war das goldene Mainz. Kleine Detachements erbrachen Kirchen; wie Rudolf Max sagte, aus Verzweiflung. Und eines Sonntags machte sich der Herzog selbst auf, ging auf Lttich zu. Da hatten seine Leute trefflich geworben, und als sein Quartiermeister kein Handgeld weiter hatte und die Reiter ins Saufen kamen, schenkte Max ihnen den Markt von Lttich und die sechs einstrahlenden Hauptstraen. Die Pferde standen parat. Die Brger waren auf der Hut. Als man einige Pikeniere totgeschlagen hatte, andere aus Schenken Weinfsser fortrollten auf geraubte Karren und Wagen, wurden die widerstrebenden Brger, die sich zu Hilfe kamen, umringt. Mordiogeschrei und Getmmel in die Finsternis hinein. Alarm die Glocken. Bei Morgengrauen sa das Untier, der barhuptige Herzog, flchtig in der Sakristei des Sankt Lambrecht Klosters auf den Stufen; die mitleidigen Mnche wichen angstvoll vor ihm aus, dem schnaubenden schweiflutenden, der sich entstellt den Brustharnisch schlug. Der Brgermeister von Lttich nahm sich drohend und hhnisch seiner an, heimlich in der Frhe zu ihm gelassen. Knirschend mute der Lauenburger sich gefangen geben. Pferde Wagen Leute Soldateska im Stich gelassen. Knirschend mute er sich vom Brgermeister und Stadtsekretr die Knie binden lassen. Dann wie ein Kalb in den Sack gesteckt, auf einen Packwagen des Klosters geworfen, von Mnchen gefahren aus der tumultierenden Stadt ber die Grenze. Fnfhundert Gulden hatte er dem Brgermeister aus seinem Sckel geben mssen. In Mainz wurde er nicht stiller, warb sechstausend Mann zu Fu, eintausendfnfhundert zu Pferd. Sein Freund war der Herr von Grzenich, Adam Wilhelm Schelhard Dorenwart; er hatte das Patent, in der Wetterau und den Nachbarquartieren ein Regiment zu Fu aufzurichten, ferner zu seinen auf den Fu gebrachten vier Kornetten Krassiere sechs Kompagnien Arkebusierreiter. Eine Karttschenkugel steckte ihm aus einem Gefecht in Ungarn mit dem Grafen Zriny in der Leber; sein Blut flo gelb. Nichts hatte er; auf sein ausgeschlagenes Auge und die Kugel im Bauch scho ihm der Herzog von Friedland Anritt und Laufgeld vor; davon warf der Grzenich vor die Soldaten keinen Heller, die Ausrstung beschaffte er; Lohn hie er sie sich selber holen. Auf einem stmmigen Rumpf mit krummen starken Beinen sa der kurze Hals mit dem gelben Kleinkindergesicht und den riesigen Kiefern. Seine Kompagnien strzten sich ber die Wetterau. An den Weibern hatte ihr Oberst solchen Spa, da er schwur, kein Weib im Umkreis zwischen vierzehn und vierzig Jahren sollte passieren, ohne sich seinen Leuten ergeben zu haben oder ber die Klinge zu springen. Und wenn seine Leute auch die Ernte wegfren und die Menschen verdrben, krchzte er voll Wonne, so wollte er doch verbrgen, da ihre Aussaat unvergleichlich sei, prchtig, gescheckt braun und purpurn mit der Franzosenkrankheit, geschwrige Embleme auf der Haut, wie sich fr Adlige ziemt, schne Kielkpfe, pralle Wasserbuche; man wrde nicht wissen, wenn sie auf den Beinen stnden, ob sie besser watscheln, schwimmen oder fliegen knnten; aber rauben, saufen und stehlen wrden sie, so wie sie das Tageslicht erblickten, so gewi ihre Vter es tten. Vor Limburg an der Lahn erschien der Herzog Adolf von Holstein-Gottorp, ein Bruder des regierenden Herzogs Friedrich. Ihm hatten ein Jahr zuvor seine Quartiere nicht behagt; darauf machte er sich mit einigen Fhnlein Knechten auf, fiel ins Gebiet des Trierer Erzbischofs ein, wstete dort. Jetzt trat er ganz zaghaft zu Limburg auf, sein Trompeter verkndete dem Torschreiber, sie wollten friedlichen freundlichen Durchzug durch die Stadt. Der Herzog Adolf liebte Zorn und Blut fr sein Leben. Drin wrfelten sangen spazierten die Spanier, lagen als Besatzung in den Husern Schenken Grten Bdern; und als der Herzog die schnen Quartiere besah, erschien ihm doppelt gut, hier haltzumachen. Die Spanier lachten: sie sen da; der Herzog: er kme an. Wachtmeister Kornett Korporal Musketier sahen nur ihren weiblonden Oberst auf seinem Gaul an, schlank sthlern im silbernen Kra, unter der buntfedrigen Eisenhaube das lange viereckige Gesicht, frisch rosa, mit den vorstehenden Oberzhnen; sie sahen, wie seine Unterlippe sich fllte, hochstieg wie eine Pflanze nach dem Regen und umkippte. Er gab vom Pferde springend den Spitzhammer abhalfternd das Zeichen; von fnfhundert schumenden Spaniern entkamen nur sechs. Die Brger hatten gedroht, sie frchteten sich nicht, htten sich vor dem Grafen Mansfeld nicht gefrchtet. Sie muten das Wort bald bereuen. Nach vier Tagen ritt der weiblonde Herzog mit seinen Knechten und vielen Beutewagen wieder aus, die Lippe schlaff, der Blick leer. Der Oberst von Merode, Schrecken Schlesiens, schlug im Frnkischen seine Werbepltze auf: zehntausend Mann war sein Ziel. Bei Nrnberg tauchten auf zwei Grooheime des regierenden Mrker Kurfrsten, die Markgrafen Johann und Johann Georg von Brandenburg-Kulmbach; zwei Regimenter zu Fu, zwei Regimenter zu Pferd. Hans Georg von Arnim aus der Uckermark stand in Diensten Gustav Adolfs von Schweden, dann bei Sigismund von Polen, beim Mansfelder. Vom Friedlnder wurde er mit einem Regiment beliehen. Torquato Konti Graf von Quadragnola, am Weien Berge bewhrt, Generaloberstleutnant in ppstlichen Diensten, zum Wallenstein einschwenkend. Wolmar von Fehrensbach, Graf von Karkus zubenannt, aus schwedischem Dienst verrterisch zum Polen bergehend, vom Friedlnder zum Obersten ber ein Infanterieregiment mit dreitausend Mann bestellt, in Schlesien eingelagert. Herr Sparr von Hohen-Finow, zehn Kompagnien Arkebusierreiter, nach Jterbog gewiesen. Die Pfalz Birkenfeld, die Grafschaften an der Eifel besetzten die Brder Cratz von Scharffenstein, Alwig Graf Sulz. In der Grafschaft Stollberg nahm Quartier Hans Ernst Vitztum von Eckstdt, Oberstleutnant ber fnfhundert Dragoner. Johann Franz Barwitz, Oberst ber fnf Kompagnien Dragoner. Verdugo, des Ordens Sankt Jakobi a Spada Ritter, des Knigs in Hispanien Kriegsrat, dreitausend Mann zu Fu, fnfhundert Krassiere. Baron Bettino Riccasoli della Trappola, fnfhundert Arkebusierreiter. Johann Philipp Humann de Namedy, tausend Krassiere. Graf Ferdinand Nagaroll, elf Kompagnien. Oberst Hebron, ein Arkebusierregiment, ein Dragonerregiment. Herrmann Frank, der Dne, ehemaliger Mansfelder, ein Infanterieregiment. Hans Friedrich von Stel, sechs Kompagnien Arkebusierreiter. Marquis de Boissy, sechs Kompagnien Arkebusiere. Scharen ber Scharen, unermeliche, strmten dem Friedlnder zu. In der Nhe von Pirnitz erschien der Kroatenfhrer Milli-Dragsi mit fnfhundert leichten Reitern. Freiwillige Franzosen, vierhundert Mann, eine begeisterte kampfgierige Schar, setzten bei Lauenburg ber den Rhein; in Rotten folgten andere. Als die Ordnung unter dem berma des Zudrangs zu springen drohte, wurde zum Generalwachtmeister ernannt: Lorenzo del Maestro, Hannibal von Schaumburg. Don Balthasar Marradas wurde Stellvertreter des Herzogs, sein Generaloberstleutnant und Feldmarschall. * * * * * Wie der Frstbischof von Mainz, des alten sanften in das Grab gesunkenen Schweikhard Nachfolger, Friedrich von Greiffenklau, die Untaten des wtigen Lauenburgers auf seinem Stiftsboden sah, hatte er keine Freude mehr an Messelesen Falkenbeizen Wrfeln. Finster kaute er an seinem Zorn. In seinen Jagdgrnden erlegte er mit eigener Hand wildernde Pikeniere, das schaffte ihm eine kleine Ruhe. Sein Grimm labte sich an den brennenden kleinen Bauernhusern, die den Wallensteinern ber den Kpfen angezndet waren. Er ritt an der Spitze seiner geharnischten Leibgarde, segnete vor den drohend andringenden Knechten die Bauernhaufen. An der Tafel sa er abends mit seinen bten und Domherren, man lste ihm den Brustpanzer. Schmetternd sprach er, lie seine schwarze Inbrunst rollen vor den samtenen hndefaltenden sich sttigenden Frommen. Auf seinen Gtern! Auf dem Stiftsbesitz der heiligen Kirche! Freches Raubgesindel, vom Kaiser legitimiert! Den anderen weichen troffen die Lippen, sie lobten den Bischof; das Unrecht, das sie erlitten, blhte sie auf; das Rebenblut, das sie schluckten, feuerte ihr Herz. Drauen zogen die Bauern trbe in die Wlder, Kinder auf den Schultern, Gnse, Hhner auf Karren. Das Schreiben, das der Herr, des Heiligen Reiches Kanzler, an seinen benachbarten Freund, den Klner Kurfrsten, richtete, besagte im Stolz des Rechtes, wenn nicht baldigst Abhilfe erfolge, so werde er auf Mittel bedacht sein, sich der unertrglichen Last mit der Tat zu erwehren. Als darauf die Klner ihn sondierten, ob er nicht an den Kaiser schreiben wollte, schob er sie erregt beiseite; er wollte sich seine Wut, die ihn erfrischte, nicht durch einen Brief entreien lassen. Der Klner Ferdinand selbst, ein Bruder des bayrischen Maximilian, vexierte die Wallensteiner auf seine Weise; er hatte von Bestellungen gehrt, die Wallensteinische Obersten in seinem Gebiet auf Rstungsstcke gemacht; als Oberst Hebron nach seinen Krassen forschte, stellte sich heraus, da der Klner Kurfrst sie hatte beschlagnahmen lassen. Da zappelten sie und schrien vor dem Wiener Kriegsrat. Wie im Frhling die Meldungen einen abenteuerlichen, nie gesehenen Umfang der Rstungen erkennen lieen, fanden sich Vertreter der ligistischen Herren zusammen; Maximilian gab das Stichwort; unruhige fragende Klageschreiben gingen an den Kaiserhof ab, von Mainz und Kln, dann gemeinsam von den vier altglubigen Kurfrsten. Der Druck der Einlagerungen wuchs; der Umfang des Heeres nahm zu, von Tag zu Tag; Werbungen Durchzge Einlagerungen Kontributionen, in immer neuen Reichsbezirken. Bayrische Zwischentrger streuten die Ansicht aus: Wallenstein suche durch die groe Menge des Volkes die deutschen Lnder zu beschweren und durch unerhrte Drangsale zu entnerven; alsdann gedenke er alles nach Belieben zu disponieren. Man geriet in wachsende Spannung und Furcht. Der starke Greiffenklau von Mainz war schon nicht mehr so eigenbrdlerisch; er lie an seiner Tafel hren, es mchten seines unvorgreiflichen Ermessens noch Mittel zu finden seien, wie sich die Liga, wenn es gegen die Freiheit der Frsten ginge, mit dem Knig von Dnemark so weit verstndige, da die Bundesarmee mit anderen Reichsstnden das Reich verteidigen knnte, die kaiserliche Armada aber sattsam zur Erhaltung der Erbknigreiche gebraucht werde. Das Frhjahr rckte gnadenlos vor, jeden Tag konnte der Losbruch der Heeressintflut auf das Reich erfolgen. Da wuten sich die Frsten, in Wrzburg zusammengekommen, keinen Rat. Sie bewilligten ohne Debatte eine Million Taler fr Heereszwecke. Es wrde erfolgen -- blickten sie sich lahm an -- was man sich erzhlte, da der Dne geschlagen wrde, das Heer aus Deutschland nicht wiche, sondern wachse, ohne Schranken, wie es in den wenigen Monaten gewachsen war. Und niemand konnte wissen, was ihnen drohte. Was aus ihnen wrde. Wie weit es Friedland mit seinen Kontributionen triebe. Sie faten Beschlsse; im letzten Augenblick sollte vorgebeugt werden. Zwei Kuriere jagten sie nach Wien zum Kaiser. Sie baten ihn erstmals, ihnen einen baldigen Kurfrstentag zu veranstalten zur Besprechung urwichtiger Dinge und einzuschlagender Manahmen, dann flehten sie an, des unbeschreiblichen Unwesens gedenk zu sein, das mit der berflutung Deutschlands durch die riesigen Truppenmassen erfolge; der Fluch der Nation wrde sich gegen die Frsten richten, die dies nicht haben verhindern knnen. Sie bten ihm starke, ausreichende Truppen gegen den Dnenknig an; dem friedlndischen Heere wrde die Suberung und Verteidigung der Erblande in Schlesien nach Ungarn gegen die Trken zufallen. Hinter die beiden Abgesandten lief ein Kurier, der ihnen als letzten Trumpf eine Verschrfung ihrer Instruktion ans Herz zu legen hatte: man sei bei Ausbleiben einer Remedur des Heereswesens entschlossen, die Bundesarmee vom Feind abzuziehen und in Notwehr zur Verteidigung der deutschen bedrngten Stnde zu gebrauchen. Friedland gelstete nach Wien. Kein besonderes Vorkommnis drngte ihn; er wollte noch einmal den Kaiser, die Rte sehen. Er wollte wissen, woran er war, bevor er aufbrach. Er lag im Harrachschen Haus in Wien auf der Freyung; wieder lhmte ihn das Podagra. Obersten meldeten sich bei ihm, berichteten, Ordonnanzen von den Gtern; sonst lag er allein. Es besuchte ihn niemand. Im Auftrag des Kaisers bewillkommnete ihn an den ersten Tagen der liebenswrdige Frst Eggenberg, der ihm zwei rzte zufhrte. Kurze formale Audienz bei Hofe. Der Hof schwieg, die Rte schwiegen, der Kaiser schwieg. Wallenstein wunderte sich nicht. Er war gewohnt, da man ihn frchtete oder verabscheute. Er wies seinen Wirt und Verwandten, den Grafen Harrach, ab; ihn trsten, beruhigen? Was die Herren bei ihm sollten. Als er acht Tage gelegen hatte und leidlich hergestellt war, machte er einen kurzen Abschiedsbesuch bei Eggenberg, reiste gekrftigt, geleitet von einer Kompagnie des Regiments von Lbl, ab. Er war zufrieden; ihn hatte am letzten Tage seiner Anwesenheit noch sehr die Hilflosigkeit der Wiener Stadtgarde beim Lschen eines Brandes in seiner Nhe gelabt, wo im Anschlu an eine Verbrennung beschlagnahmter protestantischer Bcher im Bischofshof eine Feuersbrunst sich erhob, die den Bischofshof selber, zwei Klster, hundertsechsundzwanzig Huser einscherte. Am Fenster zusehend lachte er stundenlang; dort unten ritten auch die hohen aufgeregten Wrdentrger und Beamten, sie schlugen die Hnde zusammen, schrien sich Unverstndliches zu, zeigten in den Qualm, stoben davon; es sei ein vortrefflicher Abschlu, meinte der Herzog gegen seinen Wirt, so htte er die Herren doch alle kennengelernt. Dicht bei Wien stellte ihn Doktor Leuker, hinter den sich die beiden Kuriere gesteckt hatten, die nach einigen unverbindlichen Worten vom Grafen Kollalto an den Friedlnder selbst gewandt waren, ihm aber stndig aus Furcht auswichen. In einem Dorfgasthaus traf Leuker den Friedlnder; der Herzog gab ihm freundlich die Hand. Leuker, sehr bla, stammelnd, wollte ihn zu einer Unterredung im Garten bitten, der Herzog lehnte lchelnd ab: Was gibt es zwischen uns zu sprechen, das nicht jeder hren knnte? Militrische Wnsche trug der kaum seiner Sinne mchtige Resident vor, steif zu Boden blickend, sich an sein Schwert haltend; Tilly wnschte eiligst die Wallensteinsche Hilfe mit einigen Regimentern; er brachte nicht klar heraus, was ihm aufgetragen war, da Tilly Kommando und Disposition dieser Hilfstruppen haben sollte. Der Herzog, halbseitlich am Fenster einem Ochsengespann zusehend, gestand es bereitwillig zu. Dann gab sich der dicke Leuker einen Ruck, prete hervor, erst den gelbschtigen Herzog mit dem Blick streifend, dann ber dessen Kopf sich mit den Augen am oberen Fensterrahmen festnagelnd, was von Truppenbergriffen verlautet sei, von Erpressungen, Verwstungen. Gutmtig stimmte der andere bei: Wird wohl bei den Herren Ligisten nicht anders zugegangen sein. Als der Bayer glaubte, aus den Geschehnissen den Schlu ziehen zu mssen, da die Werbungen vermindert wrden, meinte der Herzog nur, ihm zutraulich die Schulter berhrend, er sei unlogisch, eine einzige schlimme Kompagnie richte mehr an als zehn gute Regimenter, er werde die schlimmen Truppen entlassen und weiter gute Regimenter anwerben. Was den Bayern, der den Boden unter den Fen verlor, zu der fast unwillkrlichen Entladung veranlate aber die Kurfrsten und Frsten wnschten, bestnden auf einer Einschrnkung der Rstungen. In voller Heiterkeit der Herzog: Ja, warum lassen das die erlauchten Herren mir, gerade mir sagen? Sie haben ja den Grafen Tilly: so mag man es ihm doch befehlen; auf die Minute wird es geschehen. Wie sind die Herren hilflos! Zhne beiend, halbtoll wiederholte, quetschte der andere an seinen Stzen; der General blieb im schallenden Lachen, bat den Residenten um Verzeihung fr seine Heiterkeit; wenn man wolle, werde er es dem Tilly auftragen. Bis der Bayer sich, komme was wolle, zu dem Gestndnis hinreien lie, auf eben die kaiserlichen Rstungen sei es abgesehen, weil man sie fr berflssig hielte. Nicht berflssig. Sagt nur deutlich, lieber Herr Doktor, gefhrlich. Gefhrlich fr Euch, Ihr werdet nie finden, da ich ein zugebundenes Maul habe; und Ihr seid ja auch reichlich offenherzig. Euer Herr, der Kurfrst in Bayern, wnscht den Kaiser nicht im Reich. Ich kann es der bayrischen Durchlaucht nachfhlen, aber die bayrische Durchlaucht kann den Kaiser nicht hindern, andere Wnsche zu haben. Die Kurfrsten haben dem Kaiser geschworen. Aber der Kaiser hat auch dem Reich geschworen. Woraus sich nicht der Schlu ziehen lt, lieber Herr Doktor, da der Kaiser eine Holzpuppe ist. Ich kenn Euch gut, Herr Leuker, hrte, da Ihr sonst ein kluger Mann seid. Ich rechne es Euch darum nicht an, da Ihr heute kein Glck mit Argumenten habt. Fahrt nur wieder heim. Berichtet so: ich htte selbst gesagt, Ihr httet Euch tapfer gefhrt. Mit einer Handbewegung lud er den kauenden Mann an den rmlichen Kieferntisch im Zimmer, auf dem Messingbecher um einen Weinkrug standen. Als der noch nicht gefate Doktor ohne sich zu drehen stumm Bewegungen mit den blassen Lippen machte, lachte Wallenstein, der schon auf dem Schemel sa, so da ihm die Trnen die Backen herunterliefen: Was wollt Ihr nur, Herr Leuker? Ihr habt ja alles gut gemacht! Ihr habt das Examen bestanden. Merkt Euch zum Bericht nach Hause das Wort Bildsule, Statua auf lateinisch. In solchem Zustand kommen Kaiser nur nach ihrem Tode vor. * * * * * Vierzehn Regimenter zogen mit Wallenstein aus Bhmen. Es ging auf den Hauptsammelplatz Neie. Die Beruhigung der katholischen Kurfrsten hatte er dem Wiener Hofe berlassen. Seine Leibgarde, zweihundert ausgewhlt starke und geschickte Knechte aus allen Nationen, eisenknarrend vom Kopf zu den Fen, auf gepanzerten Pferden, Musketen Lanzen Spiee Beile fhrend, umschlo seine Snfte, ritt ihm voraus, folgte auf den wrmebrtenden menschenleeren Chausseen. Meilenweit wich das Volk aus. Er stie durch ein wstes Bhmen auf Schlesien zu. An der Spitze der Regimenter fuhr der Herzog in einem puschelwedelnden sechsspnnigen Wagen; achtzehn Rstwagen mit roten Juchten ihm voraus, zwlf zweispnnige Kaleschen mit dem Stab; hinter ihm seine prunkende Snfte, auf Pferden bunte unbewaffnete Pagen und Trabanten, Leibpferde; am Ende offene Feldgeschtze mit Artilleristen und Munitionswagen. Gitschin Nachod Glatz wurden passiert. Durch Deutschland, das schwang, sich unruhig bewegte und zuckte, donnerten neue Regimenter herber aus Schwaben Franken Mhren, vom Rhein Dragoner mit Piken, fliegende Musketiere, leichte polnische Reiter, die Freitag und Samstag keine Eier und Butter aen; Kroaten mit Arkebusen, Husaren, die Panzerstecher trugen, die eingemauerten Eisenmenschen, die Krisser, ungesehene Massen zu unbekannten Zwecken. In hellen Haufen eine graue Gesellschaft hinter schweren unfrmigen Wagen, Schanzbauern Bchsenmeister Schnaller Fuhrknechte Konstabler Schlangenschtzen Pulverhter; unter ihren leinenbezogenen Gefhrten Sturmtpfe Pechkrnze Sturmfsser Mordschlge Brandkugeln, Fuder von Salpeter Schwefel Kohle, hundertpfndige Mrser, offen durch die sonnigen blumigen erschreckenden Landschaften gefahren, mulersperrend wie Leichen urzeitlicher Untiere, Kartaunen Hagelgeschtze Totenorgeln Haubitzen. Inzwischen saen die Kinder vor den Kellertren, spielten, kreischten, lachten, drehten ihr Rosenkrnzchen, ritten auf Stecken; die Frauen wiegten ihre Suglinge, sangen, tndelten mit Ohrringen und Ketten; die Bauern vergrerten ihre Scheunen, dengelten Sensen, prften Dreschflegel, die Brger schrieben sich Briefe, kauften, lasen Kalender, malten die Tafeln ihrer Vorfahren auf, dachten an Adelsdiplome, die Kranken betrauerten ihr elendes Schicksal, grollten, da sie bald sterben muten; aus den Fenstern hingen Teppiche vom letzten Festtag. Gleichmig schn das Wetter, Tag um Tag, helle luftdurchwehte Nchte, die Tage wuchsen, langsam verschoben sich oben unhrbar die Gestirne. Am neunten Tage des Aufbruchs erreichte der Generalissimus seine Hauptmacht bei Neie, der schlesischen Stadt. Er machte sich den Rcken frei. Von dem teuflischen Zug Mansfelds nach Ungarn steckten schlesische Stdte voll feindlicher Besatzungen; die Dnen hatten sie planmig aufgefllt; furchtbar auf das Land ausfallend, eroberten sie Zuckmantel, Starnberg, berrumpelten Sohrau, Beuthen; Kosel wurde ausgeplndert; herausfordernd schwrmten leichte Trupps, Brnde um sich werfend, kleine Detachements abfangend, bis vor den Sammelplatz der Kaiserlichen. Wallenstein schritt mit vierzigtausend Mann am Gebirge entlang. Die Stdte Loebschtz Jgerndorf geworfen. Er bog gegen die Oder um, umfate Kosel, wo siebentausend Dnen saen unter Joachim von Mitzlaff, einem bissigen Kavalier, der die Pest und die ungarische Krankheit berstanden hatte, in Polenschlachten zerfleischt war. Er nahm die Belagerung an hinter seiner sumpfumzogenen Schanze; am fnften Tag von drei Seiten bestrmt floh er mit der Reiterei. Raste nach Sden, den Weg Mansfelds, Bethlen Gabor zu. Vom Lande, aus den Nachbarorten schwirrten ihm zersprengte Fhnlein zu, viertausend Pferde staubten Tag und Nacht gegen den Jablonkapa. Sie prallten auf Kaiserliche. Umwerfend zurck; Mitzlaffs Tobsucht ri seine meuternden Reiter mit; er mute durch Schlesien Polen auf Brandenburg zu gehen. Hinter ihnen Pechmann und Merode mit der ganzen Friedlndischen Reiterei. Sie sind verloren wie Judas Seele, hob Wallenstein die Arme. Er fiel, von abtrnnigen Dnen verstrkt, Troppau an, das ein Rantzau halten wollte. Nach vierzehn Tagen war drin das Pulver verschossen. Die Stadt war sein. Keine dnische Maus lief mehr in Schlesien. Auf Neie schwenkte er um. Harrach auf der Wiener Freyung empfing einen Brief: Ich bersende Ihrer Majestt fnfundsechzig Fhnlein und Kornette, die dem Feinde abgenommen sind. bermorgen marschiere ich ins Reich. Die Schweidnitzer Stnde sandten zu ihm nach Neie Vertreter, feierlich voll Rhmens glckwnschend zu den unerhrten, blitzschnell herniederfahrenden Siegen, dankend fr die Befreiung von den Kriegslasten und den Truppen. Er empfing die barhuptigen berittenen Herren noch vor dem blumengeschmckten Tore im geffneten Reisewagen, sah sie, gebckt sitzend, kalt an; es war nicht sicher, ob er ihnen zuhrte. Ohne weiteres verlie er das Land, lie hinter sich in dem dumpf staunenden Schlesien und Mhren fnfzehntausend Mann, die sich zu verstrken hatten. * * * * * Und whrend er sich in drei Heersulen nach Norden und Nordwesten schob, erwartete ihn der Dnenknig Christian. Fiebernd und sich selbst grollend erwartete ihn der Dne; voll Ruhmbegier, ohne Not, in der Hoffnung auf den sicheren Sieg hatte er den Krieg begonnen, dann hatte sich, wie von Satanas geschickt, in Bhmen dieses Wesen emporgewlzt, nicht vorauszusehen, noch jetzt nicht zu fassen, ausgestattet mit Reichtum, Hrte, Unabhngigkeit, neben einem zusammenbrechenden Kaisertum, und tatzte nach ihm, nach seiner jungen lebensdurstigen Herrlichkeit. Mit diesem gab es keine Vershnung, der kannte kein Paktieren, der niedriggeborene Mensch, das widrige feuergeglhte Geschpf. Er jagte jetzt den edlen teuern Mitzlaff her durch halb Europa, wollte ihn fassen. Wenn er doch kme, der Mitzlaff, der tapfere, nicht zu zerbrechende. Und um sich sah der Dne alles anders wie vor einem halben Jahr im winterlichen Haag, wo man sich zugetrunken hatte. Er mute danken und sich freuen, wenn zwei drei neue Fhnlein Schotten zu ihm stieen und eine Handvoll Franzosen. Wie strahlten die Augen des Grafen Montgommery, der auf seine Franzosen zeigte, die schon gegen die Spanier Siege errungen hatten; was wrden sie machen gegen diese zermalmende Masse, von deren Schwere und Sicherheit sie keinen Begriff hatten. Zarte se dnische Frauen nahmen sich ihres Knigs zu Stade im Lager an; er sagte ihnen, ihrem Gesange wrden viele dnische Soldaten die Ehre zu verdanken haben. Und dann bergo ihn mit dem tiefsten Entzcken und stellte ihn wieder ruhig hin die Ankunft eines alten Mannes, des Markgrafen von Durlach, den einmal Tilly besiegt hatte. Das kleine Land, um dessen Erbschaft Durlach gekmpft hatte, war ihm nicht zugefallen; sein eigenes war verloren; er kmpfte jetzt, wie er sagte, fr etwas Besseres, wie die andern gegen den neuen Antichristen, der ehedem Papst, jetzt Kaiser und Friedland hiee und wie der Papst sinken werde. Der alte Markgraf hatte als wandernder Kaufmann den schlesischen Besatzungen Mut zugesprochen, dann warb er in Frankreich fr Christian, ein hollndisches Kriegsschiff trug ihn nach Dnemark. Dnn waren Christians Scharen, die sich von Bremen bis in die Mark streckten, aber tapfere unbekmmerte Mnner; oft muten die Frauen den Knig trsten, der immer wieder weinte, wenn er seine jungen lachenden Offiziere sah. Er lie verbreiten, da auch Mitzlaff zu ihnen stoen wrde, was hellen Jubel auslste; er sagte nicht, wie Mitzlaff zu ihm komme. Still lag zwischen Niederelbe und Weser im hildesheimischen Stdtchen Peine Tilly. Hinter dem Rcken des Friedlnders hatte er dem Feinde einen schweren Schlag versetzt, von dem sich der Feind noch nicht erholt hatte. Jetzt drngte der Bhme von Sden herauf, er mute ihn noch rufen, sich mit ihm verstndigen, denn es sah aus, als ob der Dne sich ber die Weserarmeen werfen wrde. Schrecklich antwortete der kaiserliche General, er knne keine Truppen entbehren; Tilly htte genug Regimenter, um den Feind in Schach zu halten. Der Ligist, fast erstarrend, meldete den Bescheid dem Bundesobersten, dem bayrischen Kurfrsten. In der Gefahr, berrannt zu werden von den Feinden, die der Friedlnder offensichtlich gerade gegen ihn jagte, sprang er auf und drang an die Elbe, nordostwrts durch Lneburg. Er wollte selbst den Feind stellen und schlagen. Der Dne sollte nach Sden abgeriegelt werden, um im Norden von einer einstoenden Armee wie in einer Falle gefat zu werden. Der Ligist setzte seine Hauptmacht aufs Spiel; der entscheidende Schlag, der Elbbergang unweit Lauenburg gelang. So glckverwirrt war der edle Graf, so vllig aus seinen Angeln gehoben, da er selbst an den Kaiser, den Herrn der nahenden friedlndischen Macht, schrieb, die Entscheidung in dem Feldzug sei gefallen, sei schon gefallen, es sei nicht ntig, da Truppen herbeieilten, um den Dnen den Garaus zu geben, fast getraue er sich mit einiger Hilfe, ihn zu bermannen. Er triumphierte wild gedankenlos hinaus, nur noch einer kleinen Nachhilfe bedrfe es, um dem Krieg das gewnschte Ende zu geben, bettelte zum Schlu um die Belohnungen und Gaben, die, wie er sich ausdrckte, wohlverdienten Kriegsobersten von kaiserlich mildesten Gnaden aus den verwirkten und konfiszierten Feindeslanden zufielen. Ich htte nicht leben knnen, schrie er, auf seinem weien Gaul hngend, gespenstige kleine Figur, unter wallenden Federn, schwarzen Mnteln sich verbergend, gegen den Marschall Anhalt, der ihn am breiten Elbstrom auf einer Pappelallee zur Beratung aufsuchte; ich htte nicht lnger leben knnen, schrie er nach allen Seiten gegen seinen Stab, seine Zeltgste, dies ist mir geglckt, Maria sei gelobt. Und morgens und abends heiser herausfordernd: Ich htte nicht leben knnen; jetzt soll er kommen, der Wallenstein. * * * * * Aus Bhmen kam er heraus, ohne Zeit fr Worte und Blicke, ein nackter Leib der Gewalt, schamlos wie ein Sugling. Er drngte eine Heeressule unter seinem Oberst Arnim von Boitzenburg, dem schwrmerischen Protestanten, von Neie ber Krossen auf Frankfurt in die Mark hinein. Dem Kurfrst Georg Wilhelm wurde durch ein Schreiben bedeutet: der Herzog habe vernommen, da er, der Kurfrst, die Psse in der Mark und an der Oder gegen des Dnen Einfall nicht versehen knne mit eigenem Volk; der Kaiser habe ihm den Schutz der getreuen Reichsstnde wider den Feind gndigst empfohlen; so werde der Oberst Arnim abgefertigt, Stdte und Psse in der Mark und an der Oder mit der notwendigen Besatzung zu versehen. Ein offenes Patent verkndete den brandenburgischen Landen, man solle sich hten, Schwierigkeiten zu machen; der Kaiserlichen Majestt sei ein dankbares Gemt zu erzeigen. Durch die Mark schob sich, nach rechts und links mit Kompagnien ausschlagend, Arnim die Havel und Spree entlang, stie gegen den weichenden Dnen ber Oranienburg, Bernau, legte sich ber seine heimische Uckermark, tastete bei Lychen ber die mecklenburgische Grenze. Eine zweite Heeressule trieb Friedland mit dem Marschall Schlick, die gesamte Kavallerie fhrend, ber Breslau, Liegnitz auf Krossen gegen Havelberg. Die dritte geleitete er selbst mit dem Fuvolk durch Schlesien ber Kottbus, Jterbog, den ausgesogenen nrdlichen Landstrich vermeidend, gegen den festen mecklenburgischen Ort Dnitz an der Elbe. Und in das Getriebe der sich fortbewegenden Heereskrper geriet, von Sden gescheucht, hin und her taumelnd, der pockennarbige Mitzlaff; bei ihm die Obersten Buben, Holk, Baudissin und zweitausend Pferde und sechs Dragonerkompagnien. Merode und Pechmann hinter ihnen her; wie die Hirsche flogen sie am Jger vorbei. Schon waren sie bei Kstrin, da zwang sie Pechmann ostwrts herber. Von seinem berflu schickte der vorbeimarschierende kaiserliche General Regimenter um sie herum, todeswtig brachen die Gehetzten ber eine Warthebrcke noch einmal nach Westen vor, es war nicht mehr weit nach Dnitz. Da standen in einer Augustnacht die Wallensteinischen Regimenter auf an allen Seiten um sie. Bei Bernstein wurden die Dnen in der wolkenlosen mondhellen Nacht zusammengehauen, nachdem sie noch vergeblich die gengstigten brandenburgischen Befehlshaber, Lutherische wie sie, ihnen herzlich zugetan, um Durchzug gebeten hatten. Buben, Holk wurden gefangen. Pechmann, der Wallenstein geschworen hatte, er wrde die Dnen nicht an ihren Knig lassen, in der Mondhelligkeit von Mitzlaff erkannt, durch zwei dnische fliehende Leutnants von seinem Stabe abgelockt, wurde, er, der Sieger, von einer besonders beorderten Rotte niedergemacht, zermalmt, im Tode enthauptet, geplndert, zerhackt; man fand spter nur seine Rstungsstcke. Mitzlaff und Baudissin schwammen, whrend man im Morgengrauen nach ihnen suchte, schon ber die rollende Warthe. Christian gelobte ihnen, als er sie umarmt, den Krampf seines Herzens beruhigt hatte, er werde Widerstand leisten dem Bhmen, aber er wolle fort, er wolle fort aus Deutschland. Der Uckermrker Arnim mit Ungestm gegen die Dnen unter dem unbeugsamen Markgrafen von Durlach in Mecklenburg vordrngend nahm von der berschwappenden Flle der beiden Hauptmchte sieben Regimenter zu Pferde und zu Fu an sich, hieb aus Ort um Ort, Stadt um Stadt, Schlo um Schlo den Durlach heraus. Die Proteste der beiden regierenden Mecklenburger Herzge, dem niederschsischen Kriegsverband angeschlossen, nahm er nicht an. Keinen Ort, der eine Mauer hatte, verschonte er. Vor Wismar, auf die Insel Poel verkroch sich der Feind; da hielt Arnim an. Der Kommandant von Dnitz bergab kampflos den Ort nach zwei Tagen. Elbabwrts fuhr der Herzog zu Schiffe nach Lauenburg in Tillys Lager; mit Pomp, kostbarer Bewirtung wurde er empfangen, selber mit kniglicher Pracht, wahrhaft asiatischem Geprnge auftretend, umgeben von seiner Leibgarde und gefangenen feindlichen Offizieren. Eine Verabredung wurde getroffen. Graf Schlick, achtundsechzig Reiterkompagnien herumwerfend, gegen die geballten Massen des alten Matthias Thurn, berritt die holsteinische Grenze, brauste ber Trittau, Altrahlstadt, an Hamburg vorbei. So gro war die Verwirrung Angst Ratlosigkeit in der Hansastadt, als unabsehbar die Armeen herantobten, da sie drin die Waffen gegeneinander erhoben und erst die Sorge um die schwere Lebensmittelkontribution sie zur Besinnung zwang. Die schweren Vlker des Herzogs, des Brabanters rollten nach, getrennt Lager und Hauptquartiere. Tilly, von Tag zu Tag gepeitscht durch Briefe des Bayern, sich in seiner Selbstndigkeit nichts zu vergeben, im Erfolg die Vorderhand zu erlangen, hitzig, vergrmt, kaum dem Kommando gewachsen, Offiziere dauernd an den Herzog verlierend, flackernd zwischen Groll auf sich, Verbitterung gegen seinen Kurfrsten, wurde, der wachsblasse Eisenzwerg, erlst durch eine Musketenkugel, die ihm nchst den Wllen Pinnebergs das linke Knie aufri, herunterwarf vom Pferd. In der Prunksnfte Wallensteins, der Herzog drngte sie ihm auf, wurde er aus Pinneberg rckwrts getragen. Und dann, wie er lag, weiter rckwrts. Seine Truppen zog er mit sich, an die Weserstellungen; im Augenblick lste er sich von Friedland, chzte, blickte steif und drehte sich nicht um. Hinter Wallenstein marschierten nur drei ligistische Regimenter, Frstenberg, Reinach, Herberstorff, dazu die Artillerie. Die Kroaten, leichten Reiter, wehten dicht schwrmend wie Staub vor der Stirn des bewegenden Heereskrpers. Ihr Windzug, der Dunst ihrer Pferde warf Beklemmung ber den Feind. Der Graf Thurn schumend, seine Rstung zertretend, zwang seine Kavallerie, neben sich den Rheingrafen Otto Ludwig, noch einmal ins Feld zwischen Elmshorn und Horst; wie Wasser ber dem Feuer verdampfte, verbrodelte die Masse beim Anrcken des Friedlnders. Zum Knig von Dnemark nach Glckstadt wich Thurn. Der Rheingraf rettete sich nordwrts nach Rendsburg. In Glckstadt scherte der Knig Huser und Scheunen um sich ein, das Land lngs des Elbeufers setzte er unter Wasser. Die Heere marschierten rechts vorbei. ber Itzehoe, vier Kompagnien Schotten zermalmend, traten und tauchten sie. Die Schlicksche Kavallerie breitete sich ostwrts aus in Holstein, nach Oldenburg im Lande Wagrien. Der Durlacher setzte rettungsuchend, von der Insel Poel abgesperrt, auf Schiffen mit dem berbleibsel seiner Sldner nach Holstein ber, flchtend und bereit, heimlich am Meer entlang zu schleichen. Von der Hhe des Dorfes Groenbrode stieg im Morgengrauen Schlick berwltigend gegen ihn herunter. Das Heer, nur die graue See hinter sich, in die Knie brechend, streckte die Waffen. Siebenundzwanzig Kompagnien Infanterie, fnfzehn zu Pferd, die des dnischen Knigs Krone und Herz gewesen waren, hoben ihre Fahnen, lieen das Regimentsspiel erklingen, dienten dem Sieger. Der Durlach hieb sich, sein Herz versteinernd, durch seine eigene, Wege und Strand finster berlagernde Armee. Zweitausend Reiter ri er mit sich nach Flensburg, nach Fnen. Schlick flutete wild herauf nach Jtland. Links von ihm Wallenstein fate Rendsburg mit den Zhnen, schttelte die Besatzung wie aus einem Sack heraus. Sie liefen zu ihrem Knig. Christian in Glckstadt an der Elbe verlassen schwamm mit seinen sanften Frauen auf drei kleinen Barken, um seiner zerschlagenen zertrmmerten Dnen ansichtig zu werden und sich gemeinsam mit ihnen fortwehen zu lassen. Jetzt weinten die Frauen um ihn; aber er, ohne Waffen, weichugig, im goldgelben Rock, jnglingshaft schlank an einem Mast unter dem bunten Himmel stehend, winkte den Dnen ruhig mit seinem leichten Federhut; es sei eine Wiederholung, was hier geschehe. Der Pflzer Friedrich, sein lieber edler Freund, sei wie er gegen den rmischen Kaiser gezogen; es sei ein Glck, da Dnemark nicht in Deutschland lge, man knne nicht heran an ihn. Er msse siegen, sthnten die Damen, in dnnen Seidentchern das Gesicht verhllend, er wrde siegen; spitzfig liefen sie auf weien Schuhchen zu drei und vier auf ihn zu, die losen bunten Rcke raffend beim Sprung ber die Balken und Seile, die Reseden aus dem Haar verlierend. Nicht, ttschelte er sie, oder doch, er werde siegen, er werde den deutschen Kaiser besiegen, durch Ruhe und Klugheit; er werde Frieden mit ihm schlieen. Ich mu bezahlen, meine lieben Kinder, oder mich in dies weite schne Meer strzen. Seine Armee suchte er bei Rendsburg und fand sie nicht; in Flensburg nahm ihn die Woge der Durlachschen Kavallerie auf; sie legten Hadersleben hinter sich in Asche, Kolding machten sie dem Erdboden gleich; sie muten Schiffe nehmen, die brachten sie nach Fnen. Hinter ihnen nahm das Drngen kein Ende. Die Schlickschen Massen faten nach Westen herber, packten bei Viborg versprengtes feindliches Kriegsvolk an, das entwich nordwrts, stach verzweifelt Dmme und Grben hinter sich durch, warf Brandfackeln um sich, hinter sich in Gehfte Drfer: sechsundzwanzig Kompagnien der Regimenter Kalenberg, Nell, Holk; Baudissinsche Reiter, schleswigsche Landmannschaften. Am Limfjord machten sie halt, wollten sich in die Smpfe, Morste von Vandsyssel werfen. Da stellte sich ihnen das gereizte Landvolk entgegen, Kompagnien verweigerten den Gehorsam, voll Unsicherheit lief man durch Aalberg zurck ans Meer. Bei Hobro wurden sie zusammengehauen, im Getmmel wlzten sie sich zum drittenmal auf Aalborg; da sa, Piken und Musketen vorstreckend, Graf Schlick. Sie wurden nur schwer durch die Kaiserlichen abgehalten, unter sich selbst in der Wut ein Blutbad anzurichten; man nahm ihnen die Waffen ab; keiner entkam. Die dnischen Generle, verwundet, von ihren eigenen Soldaten ihrer Pferde beraubt, Konrad Nell, Heinrich Kalenberg, gaben sich schamzuckenden Gesichts in den Schutz ihrer Feinde. Durch das herbstliche Fnen fuhr langsam in einem Sechsspnner, den Stern auf der linken Brust, eine breite goldene Schrpe auf dem gelben zerdrckten Rock, Christian, sprach freundlich mit jeder Buerin, die sich seinem Wagen nherte, ihm weinend ihre Kinder zeigend, drckte in Odense auf dem Rathaus den Reichsrten mit Stolz und Ruhe die Hand. Die, um ihren Knig klagend, Christian Friessen, Magnus Uhlfeld, Olof Rosenspars, Breide Rantzau, Ewald Kruse, Kanzler, Reichsadmiral, Statthalter, erhoben, wie er den Rcken kehrte und donnernd ungesttigt das grausame Kriegsungeheuer die Krokodilskiefern ber ihre Grenze streckte, ein markerschtterndes Wehegeschrei: nicht die Krone Dnemark, nur der niederschsische Kreis habe mit diesem Krieg etwas zu schaffen, man mge dessen gedenken, menschlich sein, der nachbarlichen Freundschaft sich erinnern. Man mge ein Ziel setzen diesem grausigen, durch fast ganz Europa gezogenen Brand, bei eines fremden Reiches Wassern und Seen, nicht noch mehr, endlos mehr Knigreiche Frstentmer und Lande dem Unwesen, Raub, Verwstung, grenzenlosem Blutvergieen bergeben und aufopfern. In Seeland erhob sich das Volk gegen den Knig, die Begleiter schtzten ihn, in Fischertracht flchteten sie weiter. Im nrdlichen Deutschland verbreitete sich das Gercht, die dnischen Bauern und Brger hielten in Odense ihren Reichsrat gefangen. Wollten in Entsetzen den Rmischen Kaiser oder Wallenstein zu ihrem Knig whlen, um sich zu retten. * * * * * Der Kaiser entschlo sich, nach den Siegen nach Bhmen zur Krnung zu reisen. In einer unbezwinglichen Bewegung nahm ihn der Entschlu gefangen. Er ordnete die Manahme in finsterer Freude, Gehobenheit an, gab der Mantuanerin, die ihn fragte, warum man im Winterbeginn reisen wolle, den Bescheid, da keine Wahl bliebe. Er wollte sich gekrnt seinem groen Widerpart ber alle Lnder weg gegenberstellen, whrend der noch in Holstein Mecklenburg war. Man brach mit ungeheurer Pracht auf; die Gelder, aus dem Felde geschickt, strmten aus Kontributionen. Auf dem Laurenzerberge krachten Geschtze; die Hlfte scho Salut, die andere schwieg, scharf geladen, zum Schutz des Kaisers. Aus der Wenzelskapelle wurde die Krone geholt, die sich zuletzt der gechtete Friedrich aufgesetzt hatte; ein Kardinal fhrte den Kaiser zum Hochaltar. Gesalbt am rechten Arm, Schultern, Brust, mit dem Wenzelschwert umgrtet, Szepter und Apfel tragend, die Krone aufgedrckt. Die Bhmen lieen es geschehen; sie hatten getrumt, Wallenstein wrde in Prag erscheinen; er ihr Trost, ihre unsinnige, immer wieder sich erneuernde Hoffnung. Der Landtag wurde erffnet, seit vielen Jahren der erste, man las ihnen die kniglichen Propositionen vor; keine Rettung, es gab keine Wunder. Sie schmeichelten sich an den neuen Knig, brachten Geschenke, bewilligten Steuern, boten eine Jagd bei Prag an; wurden bedankt, aber wie zum Hohn lie der Kaiser auch seinen Sohn vor ihnen krnen; man rief sie nicht, nicht einmal zur Dekoration; die Prunkherren und Damen waren aus Wien gefahren, fllten den heiligen Dom, schlossen die Wenzelkapelle auf. Kein Wort klang von den alten Freiheiten und Privilegien, eine erneuerte Landesordnung des Erbknigreichs Bhmen machte allem ein Ende. Aber der geistliche Stand nahm am bhmischen Landtag teil, Bischfe, Priester, Jesuiten, an dem Landtag, den die Adligen die habsburgische Krnungsmaskerade nannten. Rasend vor Ha zogen sie sich zurck; weinende und verbissene Gesichter bei ihren Zusammenknften. Zum Grafen Thurn wollten sie schicken, flehend, sie nicht zu lange leiden zu lassen, aber lebte Thurn noch? Sie schickten Leute, ihn zu suchen; wieder wanderten Adlige aus. Wallenstein gewinnen! Wallenstein gewinnen! Oder ermorden. Und wie er ankam aus den Winterquartieren durch die gebndigten Gebiete, durch Mecklenburg, die Mark, ber Wittenberg Bernau, Sommerfeld Sagan, auf Gitschin, langsam, auf den glatten und verschneiten Wegen, wute er nicht, da er von bhmischen Exulanten, mordschtigen Fanatikern, seinen Landsleuten umzngelt war, aber begriff, da man ihm zu jeder Zeit ans Leben wollte. Er hatte seine Leibgarde auf sechshundert Mann erhht; mit vierhundert bis auf das Blut geprften Wallonen und Italienern, die hochmtig auf die deutschen Vlker sahen, durch Strke Gewandtheit Prunk alle berragend, lie er sich in den bhmischen Kessel herunter. Da durchwellten schreckenverbreitend zwei Strme das Land, der rmische Kaiserhof und Wallenstein. Wie Fremde standen die Bhmen in ihrem Land, ihre Rcken beugten sie. Der Kaiser zog zu Huldigungen durch die Stdte; in Brandeis, auf dem kaiserlichen Schlo, erreichte ihn der General der Armada. Er hatte nicht den Wunsch, den Kaiser zu sprechen; Ferdinand hatte ihn zu sich gefordert. Dann begegneten sie sich in dem Empfangssaal zu Brandeis. Ferdinand, der heitere Banketteur, Wildschweinjger, demtiger Christ, aufgerissen zu blendender betubender mystischer Gre unter einem Purpurbaldachin, die Krnungsinsignien, Mantel mit furchtbar springenden schwanzpeitschenden Lwen, goldene Krone, Szepterstab, kreuztragenden Reichsapfel wie eigene Organe bewegend, drohend, lodernd, gar nicht versunken. Und vor ihm durch das Spalier der Trabanten, Fahnentrger, starr stehenden Rte, Priester herschleichend, verwundert und widerwillig, das lange ledergehllte gelbugige Geschpf, mitrauisch, fremdartig. Mit schwanzpeitschenden giraffenwrgenden Lwen aus Gold, mit bgelberzogener buntgesteinter Goldkrone, dem uralten Reichsschwert brannte der oben zu ihm her, heischend, stumm sprechend aus einem Gehuse von Purpur. Er verstand ihn nicht; wollte man ihn morden, nach den Siegen; hatte er zuviel gesiegt; er hatte seine unwiderstehlichen sthlernen Wallonen nicht zum Schutz. Man lie ihn fort, nach feierlichen Gastmhlern. Er schttelte sich drauen, trug nichts davon. Seine Garde fhrte ihn nach Prag. Er rechnete mit dem Kaiser ab. Seine Verwaltung machte eine sehr genaue und spezialisierte Aufstellung an den Abt von Kremsmnster, der sie lchelnd dem Kaiser bergab. Ferdinand berflammt, tief beglckt: So brauch' ich doch nicht verzagen. So gibt mir der Herzog von Friedland eine Gelegenheit, einen Vorwand, ihn zu ehren. Da seine Verdienste um mich nicht abzuschtzen sind, wei ich. Ich bin ja geradezu wehrlos, gesteht selbst, Abt Anton, gegen ihn. Wie soll ich mich rchen an ihm fr diesen Feldzug? Er tat, als ob er lchelte, dann berhrte er den Abt ernst an der Hand: Ich mu mich doch behaupten gegen ihn. Elf Herren bildeten den Geheimen Rat des Kaisers; zu besonderen Aufgaben wurden noch zugezogen Zdenko Frst Lobkowitz, Otto von Nostitz. Auf allen lastete nach den beispiellosen Siegen des Sommers der Druck, sich mit dem Bhmen abzufinden. Slawata, der schne, Wallensteins Vetter, in den Geheimen Rat aufgenommen, uerte in Abwesenheit des Kaisers: Der Herzog hat sein Korn schon in den Scheuern. Bemhen sich die Herren nicht. Die edlen Herren sind nicht meiner Auffassung. Die Aufstellung, die der Herzog von Friedland eingeschickt hat, ist schamlos. Es ist richtig, wie er schreibt, da er den Obersten den genannten Betrag vorgestreckt hat; doch hat er vergessen, von den Obersten, den Offizieren, von sich selbst eine Aufstellung zu verlangen ber die Kontributionsbetrge, die von den Stdten, Kreisen, Stnden, Privatpersonen erpret sind. Diese Gegenrechnung wird uns selber von dem Lande und den Frsten gemacht werden. Kollalto, der Prsident des Hofkriegsrats, der Weintrinker, gab von sich, da man sich mit solchen Vermutungen auf unsicheres Gebiet begebe. Das Kriegshandwerk bringe Schwierigkeiten und Hrten mit sich; insinuiere man dem Herzog keine Gewaltttigkeiten und die Betreibung so ungeheurer Summen. Trautmannsdorf hielt es fr gleichgltig, ob der Herzog zu viel verlange, zu wenig verlange; die Hauptsache bliebe, da der Kaiser nicht nein sagen knne. Eggenberg gab ein schlechtweg friedlndisches Votum ab; Wallensteins Unkosten und Auslagen seien vom Kaiser zu begleichen, darber hinaus sei der Herzog zu belohnen. Er habe ihrer Majestt Knigreiche, Lande, Erzhaus und Nachfolge, die jedermann fr verloren gehalten habe, von des Feindes Gewalt befreit, ganz Deutschland zum Gehorsam gebracht, ihre Majestt zum Herrn vom Adriatischen bis zum deutschen Meer gemacht. Sie zerrten aneinander, dachten auf ihre Weise sich Wallensteins zu entledigen. Er knirschte und krachte ihnen, wie sie noch saen, sein Begehren ber Nacken und Schultern. Er vermge, lie er sich schallend aus Prag vernehmen, keinen Unterschied zu sehen zwischen seinen Leistungen und denen des Kurfrsten Maximilian nach der Prager Schlacht; danach ergebe sich das Weitere fr die Schulden des Hofes. Was den Landbesitz anlange, auf den er bei der zeitigen Geldknappheit des Kaisers Anspruch erhebe, so htten die beiden Mecklenburger Herzge durch ihren Anschlu an den Niederschsischen Bund ihr Land verwirkt wie der Pflzer. Nur Trautmannsdorf ging spttelnd in dem lautlosen Kreise: Jetzt wollt Ihr ihm alle an den Leib. Warum die Dinge so berstrzen! Jetzt mchtet Ihr ihn aus purer Voreiligkeit lieber heute als morgen absetzen, ja kpfen. Ihr Herren! Habt Geduld! Lat uns noch eine Zeitlang siegen. Warum so kurzatmig? Mir, dem sehr beliebigen Trautmannsdorf, sogar Euch, dem verdienten Frsten Eggenberg, kann zwischen heute und morgen Schlimmes vom Herzog begegnen. Und zwar Endgltiges. Derart, da wir mit Homer lieber lebendige Muse wren als begrabene, beiseite geschaffte, allerhchste Wrdentrger und Bemkler Wallensteins, des Feldherrnwunders und so fort. Vorlufig hat er es aber gar nicht mit uns zu tun. Ich betone: vorlufig; ich lege Gewicht auf den Zeitpunkt. Und Habsburg, oh, das nimmt es mit sehr vielen Attenttern Bsewichten Hochverrtern auf. Das lebt sehr ungerhrt und kaltherzig ber solche momentanen geistreichen Einflle hinweg. Das meint Ihr doch auch. Einem Herrscherhaus wie den Habsburgern kann im Grunde gar nichts passieren. Und damit, Euer Liebden, mchte ich rechnen. Es ist nicht so kurios, wie es scheint. Ich lasse dem Herzog seine Indolenzen und Malosigkeiten durch. Als Vorspann macht er sich gut. Ein wildes Pferd schlgt auch mal gegen den Wagen. Warum nicht? Es zeigt damit, da es tricht ist und eventuell nicht in den Stall gefhrt wird, vielleicht sein hoffnungsvolles Leben in einer Roschlchterei endet. In Prag hatten unter den Feiern andere Boten vergeblich Zutritt zu den krnungstrunkenen Majestten gesucht, stille, sehr wenig eilige Mnner, Greise, bettlerhaft gekleidete Menschen in groer Zahl, mde und verloren herumwandernd, sich umblickend. Sie drngten traurig zum Rmischen Kaiser, Brgermeister des niederschsischen Kreises, Ausschsse von Stadt- und Dorfgemeinden, die nicht wuten, ob ihre Heimat noch aus mehr bestand als Schutthaufen, leeren Husern und Stllen; ihre friedliche Menschenherde zerstubt, Kinder, Bauern, Frauen, Tiere. Sie hatten sich eine grausige Audienz ausgedacht, da sie nicht redekundig waren, auch nicht viel von Worten erhofften. Sie schleppten zwischen lose gebundenen Brettern Leichen ihrer Stadthupter und Vorsteher mit weiter nach Wien; auf die Deckel hatten sie genagelt beschriebene Rollen, Urkunden, enthaltend die kaiserliche Zusicherung von Privilegien und Freiheiten; mit Siegeln hingen beschwert aus den triefenden schimmligen Spalten der Gehuse Schutzbriefe des kaiserlichen Generals oder seiner Obersten; kleine aufgeklebte Zettelchen nannten den Preis der Salvaguarden. Etwa sechs dieser Leute starben zwischen ihrer Heimat und Prag, mihandelt wie sie waren, auf die beschwerliche Fahrt mitgeschleppt, um ihre Wunden, Brche, Geschwre, Hinflligkeiten sprechen zu lassen; sie vermehrten die Zahl der Srge. Man wich der stinkenden Gesellschaft aus, Torwchter Stadtgarden lieen sie unbehelligt, weil sie Beerdigungen annahmen; sie muten wochenlang hingehalten mit Bettelei sich durchschlagen, hingen zh und still an der Burg des deutschen Kaisers. Bis der Kaiser von ihnen gehrt hatte und begehrte sie zu sehen und zu sprechen. Er lie ihnen, bevor er sie annahm, am Burgeingang ihre Srge abnehmen, die Srge in Wagen strzen, durch die Totenbrderschaft begraben. Sie selbst in einen Vorsaal gelassen, hrten schon vor dem Empfang sein Schmhen, Aufstampfen gegen eine Person, die sie nicht kannten. Es war der hohe weibrtige Obersthofmeister Wolf Mansfeld, der die ungewhnliche Audienz zu verhindern suchte. Wie er bleich, heftig atmend, mit erregten Blicken die Tr ffnete und die Schar an sich vorbeilie, wo sie in einem Haufen an der Tr sich sammelte, zuckte sein feinhutiges Gesicht vor Widerwillen und Ekel. Der Kaiser, ohne sich ihnen zu nhern, Schweiperlen auf der Stirn, schrie sie wild an, sie mchten herein, sie sollten die Tr schlieen. Er hieb auf- und abgehend in eine Masse von Rollen, die auf seinem Schreibpult hinter einer Eichenbarriere lagen. Malosigkeit, Gedankenlosigkeit warf er ihnen vor. Glaubten sie, er wte nicht? Was heie das: Leichen mit sich herumschleppen? Ja, was das heie? Als sie ohne Antwort sich umeinanderschoben und sich fast hintereinander versteckten, prasselte sein Schelten hitziger gegen sie her. Vergessen der Untertanenpflicht sei es, Rebellion, malefizischer Aufruhr. Dazu Beleidigung, ja vornehmlich dies, Beleidigung seiner Person und Stellung. Und dann zu wagen, vor ihn zu kommen, in sein Haus, ihm den Spott in seinen eigenen Mauern antun. Da machte sich einer Mut und auf Tod und Leben lossprechend sagte er etwas von ihren unertragbar gewordenen Leiden, bat um die kaiserliche Gnade Hilfe und Frsorge. Wie ein eingesperrtes, grenzenlos gereiztes Tier klammerte sich der fette kleine Herr unter dem weien Federhut an den Schrecken an, rttelte sie, brllend, prustend, speiend, blauroten Gesichts; er brauche sie nicht, Anmaung, Anmaung, er wisse, was seine Pflicht sei, er brauche keine Belehrung. Gerecht sei es, was sie sich anmaten ber ihn, diese Schmach, sie, die Untertanen, vor seinem Gesicht gegen ihn den Kaiser; was schleppten sie sich durch die Lnder, versumten ihre Zeit, nicht auszudenken. Die Tr brach fast hinter ihnen auf, sie schwollen hinaus. Am ueren Burgtor wurden sie festgehalten, von dem Oberst der Leibgarde in sechs Verliese der Burgmauer geworfen. Der Kaiser hatte den bsen Verdacht geuert, die Leute seien bestochen, gehetzt von fremder Seite in seine Lnder in diesem Aufzug geschickt. Nach zwei Wochen vergeblicher Nachforschung wurden die fnf jngsten von ihnen gepeitscht, sie selbst zwangsweise bei einem Provianttransport unter militrischer Bedeckung in ihren Kreis abgeschoben. Der Kaiser gab die Vermutung der fremden Aufhetzung nicht auf; triumphierend sagte er zur Mantuanerin, wie entlarvt seien die Mnner gewichen, als er ihnen vorhielt, sie seien von Fremden hergeschickt; sie seien ins Eisen gesteckt und gepeitscht worden; man wrde sich in Zukunft scheuen und schmen, klgliches schwaches Gesindel so fr sich arbeiten und das Fell zu Markte tragen zu lassen. Der Kaiser, drngend auf Vorschlge ber die Belohnung des Herzogs von Friedland, sog verzckt die Gehssigkeiten des Grafen Wilhelms Slawata in seiner Kammer ein: da dem Herzog nicht zu trauen sei bei seinen weitausschauenden Plnen, da die Herzge von Mecklenburg seit achthundert Jahren das Land besen, ihre Entthronung Dnemark, Schweden, ja das ganze Kurfrstenkolleg auf den Plan rufen wrde. Da er mit armer deutscher Leute Schwei und Blut die Kriegsvlker der ganzen Welt sttige und bald so viel Lnder werde an sich gerissen haben, da keine Mglichkeit mehr sei, ihn abzufinden. Ja, man werde ihn so erhhen, da man alle Freiheit gegen ihn verliere und auch die Macht verliere, ihn zu erniedrigen. Dies, fhlte Ferdinand, war gut. Wallenstein fhrte es aus. Und so stellte er sich ihm selbst gegenber, das ganze Kurfrstenkolleg tragend, auf den Schultern noch Dnen und Schweden, und wich nicht. Der riesige Luxemburger, Lamormain, sein Beichtvater, trat an den heftig atmenden Kaiser, bat ihn im Namen der heiligen Kirche, das fromme Werk nicht zu versumen, den unglubigen Frsten das Land Mecklenburg zu entreien; er werde gottgefllig wirken wie einstmals, als er den Pflzer aus seinen Lndern wies. Ferdinand an seinem Grtel nestelnd, hrte ihn verwirrt an, sah ihn verwirrt sprechen, seine Hand nehmen. Er glhte auf, beugte sich tief vor der ernsten schwarzen Gestalt, beschmt und wagte nicht, seine Stimme anklingen zu lassen, um sich nicht, er wute nicht worin, zu verraten. Eine Urkunde bestimmte: die Herzge von Mecklenburg haben es mitverschuldet, da Krieg in den niederschsischen Kreis getragen wurde. Der Kaiser hat das von ihm und dem Heiligen Rmischen Reich zu Lehen rhrende Herzogtum mit Heeresmacht berziehen und sich des Landes mit fast unerschwinglichen Kriegskosten bemchtigen mssen. Deshalb wird das Land der Genannten, das Herzogtum Mecklenburg, Frstentum Wenden, Grafschaft Schwerin, die Herrschaft der Lande Rostock und Stargard dem Herzog von Friedland berlassen. Und zwar zu einem rechten wahren und bestndigen Kauf fr die geleisteten, ansehnlichen und treuen Dienste in Dmpfung und Bezwingung der Rebellen, fr die Erhaltung des schuldigen Gehorsams im niederschsischen Kreise und die Zerschmetterung zweier Armaden, fr die Eroberung und Besetzung groer Frstentmer neben einem Teil des Knigreichs Dnemark, er, der General, Feldhauptmann, ritterlich daran setzend Gut und Blut. Die Bestimmung des Kaufschillings wurde fr spter festgesetzt; vom Schtzungswert wurden in Abzug gebracht die Schulden des Landes, die Forderungen des Herzogs, eine Gnadengabe des Kaisers in Hhe von siebenhunderttausend Gulden rheinisch. Verpfndet wurden dem General das Bistum Schwerin und die im Mecklenburgischen liegenden geistlichen Stifte gegen vorgeschossene siebenhundertfnfzigtausend Gulden. In Prag traf der Kaiser ein zum Empfang des Marschalls Schlick, der aus der Affre von Aalborg und Hobro achtundzwanzig dnische Kornette und zwei Fhnlein samt dem Generalmajor Konrad Nell und dem Obersten Heinrich von Kalenberg hereinfhrte. An diesem Tage begrte Ferdinand den Herzog von Friedland auf der Burg als einen reichsunmittelbaren Frsten; er forderte ihn in seiner Kammer bei geheimer Audienz auf, sein Haupt zu bedecken, was Wallenstein nach kurzem Zgern tat. Als am nchsten Morgen die Majestten sich vor Tisch wuschen, reichte ihnen der Herzog das Handtuch. Der Kaiser hie ihn an offener Tafel sich bedecken. Das Frstentum Sagan erhob an diesem Tag Ferdinand zu einem Herzogtum, gab es dem General als ewiges Erblehen. Zu jener Zeit tauchte der Plan Wallensteins auf, konfisziertes Land mit tapferen Offizieren zu besetzen. Zu Wallenstein wurden der Abt Anton und Kollalto in Prag geschickt mit der Frage, wie er sich die Belohnung und Abfindung solcher Offiziere denke. Der Herzog meinte, da dazu kein neues Prinzip ntig sei und da der Umstand der zeitigen Geldknappheit des Kaisers von Wichtigkeit wie von Vorteil sei. Konfisziertes, also rebellenuntertniges Land wird am sichersten in Gehorsam gegen die Rmische Majestt durch Mnner erhalten, die ihr Leben fr die Majestt eingesetzt haben. Zugleich wchst dadurch die Macht des Kaisers im Reich. Besetzungen und Inthronisierungen sind furchtbare Drohungen fr abfallslustige Frsten. Man erwge keine andere Methode. Sachlich und ohne Scheu erklrte sich Friedland fr Schaffung einer Militraristokratie. Im Innersten erschttert war Ferdinand, als ihm der friedlndische Vorschlag hinterbracht wurde. Er hatte selbst mit dem Gedanken gespielt im Verfolg des friedlndischen Ideenkreises; jetzt sah er den Gedanken drauen nach Realisierung drngen in der schauerlichen Konsequenz des Handelns seines Generals. Er nickte kaum ja, floh, bestrzt, von oben nach unten durchwogt nach Wien, wo er sich in die Gebete und Jagden warf. Er war von jugendlicher Frische und fast berlebendiger Raschheit, aber zugleich von einer schumenden Gereiztheit und Aufgerissenheit; ruhelos zwischen Empfindungen. Es war ihm eine Freude, als er bei den Jagden in Sumpfgebieten vom Sumpffieber ergriffen wurde und schwer krank wochenlang lag; der Beichtvater suchte nach der Snde, deren Strafe der Kaiser erfuhr, der Kaiser trumte, schlief matt; er sagte zu der Mantuanerin, er raste, er sei ihr herzlich ergeben. Er klammerte sich im Fieber, wie ein Jngling blhend, an ihren strengen demtigen Leib an. Sie fhlte sich ber ein Weltenmeer, einen sinkenden Sumpf zu ihm gefhrt; mit Leiden und Gebeten fr ihn fing es an, mit Gram um ihre Khle; manchmal tobte in ihr das Gefhl, von einer Wut verschlungen zu werden, aber diese Wut war keine fremde, war die des Kaisers, und es verlangte sie leise, zhnebeiend an den Orkan heranzugehen. Sich ruhegebietend hineinzuwerfen als Beute; sie war sein Weib, seine demtige Helferin. * * * * * Fauchend setzte sich in Dresden Johann Georg, der behbige Kurfrst, auf die Nachricht von Manahmen des kaiserlichen Generals vor einen Bogen, malte einen Brief an den Mainzer als den Erzkanzler mit dem Verlangen, ungesumt einen Kurfrstentag anzuberaumen, zur Beschlufassung ber seine Beschwerden. In Mlhausen tagten die Vertrauensmnner der Kurfrsten; Johann Georg war selbst gekommen; Bayern, nicht entschlufhig, hatte einen Vertreter ohne Instruktion geschickt. Aus Kanzleien Kammern Spielstuben Ballhusern ihrer Frsten gestiegen, sa die feine weiche Gesellschaft beieinander auf Polsterbnken, zwischen Blumen, Springbrunnen, unter den prunkvoll geschuhten Fen die blanke schaukelnde Diele, im Rcken, um sich weie Bildsulen des Theseus, des zitherspielenden Apollo, pfeilschieende kleine Gtter, enthllte nach sinkenden Tchern greifende Frauen, saen einander zugewandt in geheizter Luft unter gepuderten hohen Haaraufstzen, dnne Degen zwischen den Knien, wie farbenglitzernde Fasane in einem Lustgarten, hrten sich an. Sie sprachen, whrend sie aus Silberbechern tranken und neben sich auf Tischchen stellten, voll Abscheu ber den Herzog von Friedland und seine Praktiken. Sie lachten viel, durchgingen husliche und nachbarliche Vernderungen, flammten bei Jagdkuriosa auf. Mehr chzend zwischendurch, gestrt, gepeinigt, tropften sie Worte vor sich ber die Ereignisse im Reich. Johann Georg, wegen seiner geschwollenen Beine in einem Polsterstuhl halb liegend, nacktschdlig, brustflieenden Bartes, eine stmmige dickbuchige Masse, lappige Backen, blickte aus verquollenen munteren braunen Augen um sich; es sei schon fast zu viel getan, sich mit dem sogenannten Herzog von Friedland zu beschftigen. Denn das sei zuerst zu bedenken: wer ist dieser Mann eigentlich? Haben Edle, gefrstete und gekrnte Hupter wie sie, es wirklich ntig, sich mit einem Bhmen aus dem Hause Wallenstein zu befassen, Huser, die es zu vielen Dutzenden in Bhmen, zu Hunderten im Reich gbe, noch bessere als Wallensteins? Wenn er jetzt Herzog von Friedland sei oder von Sagan. Der Kurfrst lachte krftig kopfschttelnd, die andern wie er; da knnte er sogleich ein halb Dutzend seines Hofgesindes adeln freiherrn und grafen lassen und seien doch eben Kchenjungen Boten Prschmeister gewesen und nun nicht einen Heller und bhmischen Groschen besser. Nein, nicht einen Groschen besser seien sie dadurch. Und damit legte er sich die Hnde ber dem Bauch, zurck, fast gesttigt; noch gelegentlich knurrend: Kurios. Spahaft. In schwarzem Atlaskleid, silbern ornamentiert, mit bauschig hervortretenden Hemdspitzen beider rmel, ernst und hoch unter einem bunten Reiterbild der durchlauchtige hochgeborene Frst und Graf zu Hohenzollern, Herr Johannes, hielt die Arme verschrnkt ber seiner langen Perlenkette; wie bitter es zu denken sei, monierte er leise gegen den Dresdner Kolo, da sie ernsthaft in groer Versammlung ber Personen derartiger Natur zu verhandeln htten; es gbe niemanden in dieser Gesellschaft, der der fraglichen Person nicht berlegen sei sowohl in Art wie Geist Charakter Frmmigkeit; vom Stand zu schweigen. Und doch htten es die Dinge, der Verlauf im Reich gefgt, da sie ber die Person handelten, nicht allein ernsthaft, sondern sogar mit grtem Gewicht. Ein Klner, schwer wie ein Stier, in blauem Tuch dasitzend, legte nahe, dem Rmischen Kaiser, zu bedeuten, wie man ber diese lrmmachende fatale Person denke. Die Frsten und Regenten seien angestammt ihren Lndern und Untertanen, sie htten wohl recht, gehrt zu werden, wenn in dieser Weise deutsche Art beseitigt und ber den Haufen geworfen werden solle. Da kme ein Taugenichts, ein Brausewicht daher, wild wie ein Sturmwind, reie an Bumen und Gewchsen -- nun er werde sich verrauschen und verbrausen, aber genug Schaden richte er an und sollte nicht geduldet werden um seines Tosens willen. Sie tranken, freuten sich ihrer Einigkeit, erzhlten von niederlndischen Bildern, kamen auf das Reich zurck. Das Neuste, das Neuste im Heiligen Reich, Herr Wallenstein und Bhmen. Wer wird ihm noch Lnder verkaufen zu billigem Preis, damit er dem Kaiser bessere Vorschsse leisten kann? Die Jdlein haben ihn im Sack. Wie lange, klopft Herr Bassewi, das Hofjdlein aus Prag, in der Burg an: Kaiserliche Majestt, alles vertan; wollen die Majestt noch leben, mssen sie ein Jdlein werden, einen gelben Fleck auf den Purpurmantel nehmen. O heiliges jdisches Reich deutscher Nation. Seid nicht so krftig, warnte der zufriedene Kurfrst; sie aen Lebkuchen von Tellern, die schsische Pagen herumtrugen. Es ist schon gut, wenn wir uns hier zusammenfinden. Nicht verzagen, nicht bermtig sein. Mag der Rmische Kaiser wissen, da wir hier zusammensitzen und unliebsam die Dinge im Reich empfinden. Er wird uns gndig anhren. Der feine Kurz von Senftenau, vom Bayern geschickt, neben dem Hohenzollern sitzend, rosig wie ein Kind, klein, die Stirnhaut stndig gerunzelt, pfiff: Der Bhme wird sich lustig machen ber uns. Wir wissen ja, da er die Liga verachtet und unsern Grafen Tilly erbrmlich und veraltet findet. Er ist sehr sicher, der Bhme, er verachtet das Alter. Er wird seine Macht erfahren. Wir haben still mit unseren Vlkern am Boden liegend die Jahrhunderte fr uns. Der Bhme soll versuchen, diesen Urwald zu roden. Ein einziger Baum kann ihn umwerfen. Er ist ein Knecht Habsburgs, einer von den zahllosen; eines Tages wird Habsburg ihn abschtteln. Grollend zustimmend richtete sich der schmeerbuchige Kurfrst im Stuhl auf: Auf einem unterwhlten Boden lebt der Kaiser. Seine Rte sind gekauft, es bleibt ihm nichts brig, als sich ihnen zu fgen. Auf dem riesigen Treppenflur und im Prunkvestibl wurden die Schritte vieler Menschen laut. Whrend einzelne feierlich gekleidete Mnner, von pikenbewehrten Trabanten und Saalwchtern hereingefhrt wurden, sprach man drin von dem Auftreten der niederschsischen Landvertreter in Wien. Behaglich erzhlte man sich Einzelheiten, stritt ber die Zahl der Leichen, die sie mitgefhrt hatten, wie viele Leichen hinzugekommen wren, wie sie verpackt waren, ber den Heroismus der Leute. Es erschienen die ehrsamen Vertreter der Reichsstdte mehrerer Kreise in der Mitte des Halbrunds, in dem die Herren saen; mit freundlicher Gruerwiderung, mit gndigem Schnurren und Behagen lieen sie an sich die Klage vorberziehen. Die Reichsstdte erhoben entrsteten Protest gegen die endlosen Einlagerungen Durchzge und Kriegspressionen, denen sie ausgesetzt seien, trotz teuer erkaufter Assekuranzen und Salvaguardien. Der frnkische Kreis drohte, er sei nicht mehr geneigt, beim Herzog von Friedland zu petitionieren. Das Stift Magdeburg enthielt sich bitter jeder Klage; legte seine Kontributionsrechnungen fr die letzte Zeit vor, an siebenhunderttausend Taler. Die Stadt Halle kam, Schwarzburg-Rudolstadt, Sondershausen mit hunderttausenden Gulden an erzwungenen Kriegsabgaben. Dem schwbischen Kreis waren unerschwingliche Summen abgentigt worden. Eine lange Klageschrift lasen die mrkischen Herren vor, klagten ber die Regimenter des Fahrensbach und Montekukulli, deren bermut darin bestnde, da sie ganze Kontributionen fr halbe Regimenter erhben. Man geno die Klagen, schwelgte in den Schandtaten. Auf den Vorschlag Johann Georgs, dem Hauptbeltter doch einmal auf die Schultern zu klopfen, ganz leise leise, kam man berein, dem kaiserlichen General einen Brief zu schreiben ber die Vorgnge, zu deren Kenntnis man gelangt sei. Man schmunzelte, das werde wirken. Es wurden drei lange Zusammenknfte damit verbracht, die Anrede an den Herzog zusammenzubringen. Es sollte dem Herzog einen Vorgeschmack geben. Wrde man ihn als Reichsfrst anerkennen, mte man ihm die Titulatur Herr und Freund geben; man wollte ihn nicht anerkennen, andererseits auch nicht abschrecken. Man einigte sich unter gespannter Mitwirkung des schlielich tief saturierten Kollegs auf die Anrede: Besonders lieber Freund, auch gndiger Frst und Herr. Und dann schrieben sie, was sie wuten. Und gingen kichernd auseinander. * * * * * Das Heer, lagernd im Reich und den Erblanden, wuchs den Winter durch. Der Herzog Franz von Lothringen erhielt eine Kapitulation auf ein Regiment zu Fu, sechstausend Mann stark. Franzesko Magni, der Bruder des langen Kapuziners Valeriano Magni, nahm eine Oberstenbestellung ber fnfhundert Arkebusierpferde. Oberhauptmann Friedrich von Damnitz warb tausend Knechte, Hebron sechshundert Krassiere, tausend Arkebusiere, dreitausend Musketiere. Johann Wengler brachte ein Regiment Hochdeutscher auf den Fu. Johann Virmont wurde angewiesen, fnfhundert Arkebusiere aufzustellen. Zwlf Infanterieregimenter fhrte Torquato Konti heran. Augustin von Morando verpflichtete sich auf sechs Fukompagnien, Johann Ludwig Isolani auf neunhundert Berittene. Neue Regimenter stellten auf Graf Wratislaw, der dem Uckermrker Arnim hatte Platz machen mssen, Kolloredo, Karboni, Aldringen. Die Bewehrungen der Regimenter Wratislaws Kolloredos Aldringens streckte der Herzog mit sechsunddreiigtausend Gulden vor. Fr die brigen Truppen, Werbe- und Anrittgeld, Anfangssold, stiegen die Vorschsse des Herzogs ber den Betrag von einer halben Million, zu der sich der Kaiser erkannte. Wallenstein verstrkte seine eigene noch in Pommern liegende Leibgarde auf zwei Kompagnien Arkebusiere, zwei Kompagnien Dragoner, nur Welsche Wallonen und Italiener, dazu katholische Iren; die ihnen zustehende Kontribution zahlte er aus eigener Tasche. Die Armee, zum Wintersende seiner Ankunft und seines Befehls wartend, strotzend stolz ungeduldig, wurde von ihm gereinigt, sie sollte biegsam wie eine Rute in seiner Hand sein. Im Magdeburgischen sahen die eingelagerten Ligisten mit Schrecken von weitem angezogene Friedlndische Regimenter halbe unter Proze stehende Kompagnien umzingeln, fesseln, entwaffnen, aus grter Nhe mit Rottenfeuer ber den Haufen schieen. Die Proviantstbe einzelner Regimenter wurden samt und sonders rasch beseitigt. Eine Anzahl Obersten wurden nach Prag gerufen, andere ritten selbst herbei, um Befehle fr den Feldzug entgegenzunehmen. Sie saen als Gste im Palast des Herzogs, um Tags darauf dem Generalprofo zugefhrt zu werden. Dem wurde vom Herzog bedeutet, der Herren, die in den letzten Jahren gut waren, Schrecken in Deutschland zu verbreiten, bedrfe er nicht mehr. Der krummbeinige gelbgesichtige Herr von Grzenich, Schellard Dorenwert, der Einugige war gefangen, er der die Kurtrierer Nonnenklster verwstet hatte; spter hatte ihn rachschtig der Klner Erzbischof gefat, eingekerkert, erst auf Wallensteins Andringen freigelassen; vom Rhein zur Elbe losbrechend, bte der wilde Schellard Schandtaten ber Schandtaten, Plnderungen, Erpressungen; mit triefenden Schnauzen stieen seine Arkebusierreiter und vier Kornette Krassiere zu der Wallensteinschen Hauptmacht, sie schluckten die Wonnen des Feldzugs herunter. Das Gericht verurteilte den fade blickenden gefesselten Mann zum Tode durch das Rad. Er spuckte dem Generalprofo, keifend und ihn wie einen Wahnsinnigen verlachend, gegen den Stiefelschaft; es half ihm nicht, da er sich als friedlndischen Lehensmann gab, er wurde eines warmen Mrzmorgens auf dem Felde vor der Prager Altstadt ohne Aufsehen mit dem Schwert exekutiert. Der ltere Kratz, Graf Hans Philipp von Scharffenstein, wurde in Prag auf dem Kirchgang berrumpelt und aufgehoben. Ihm hatte der Friedlnder stolz und mit vielsagenden Blicken versprochen, er htte ein Herz fr seine Soldaten, Kratz solle herrliche Quartiere mit seinen Regimentern beziehen. Darauf ging Kratz, verstndnisvoll lchelnd, mit sich zu Rate, fhrte seine Reiter nach Franken und Schwaben, den Markgraf von Baden herausfordernd. Das Urteil des wilden, der vom Leben zum Tode befrdert werden sollte, war schon gesprochen, als ihm, der riesenstark war, gelang, sein Zellgitter zu zerbrechen, bei Nacht in den Graben zu springen. Dem Wachposten, der ihn jenseits erwartete, drckte er, ihn hin und her werfend, mit den Ellbogen den Brustkasten ein, entkam in den Kleidern des Ausgeraubten, in den Graben Geschleuderten. In Baden zeigte er sich an der Spitze der von ihm geworbenen Regimenter, schickte einen Hhnbrief an seinen General; nach drei frech im Lande durchbrausten Wochen fhrte er seine Regimenter ber den Rhein zum Herzog von Lothringen. Oberstleutnant Gottfried Eichzel, des Regimentes Fahrensbach, ein dickleibiger flinker blutrnstiger Mann, stationierte im Gefolge der Armee Arnims in der Grafschaft Ruppin. Er, der den Krieg nicht als Martyrium fr sich und seine Offiziere erachtete, bemchtigte sich in Ruppin der Huser von Adligen, schlielich des kurfrstlichen Schlosses selbst, von da mchtig und in Ruhe das Land berfallend, ausplndernd. Vom Herzog von Friedland verlautete, er htte wegwerfend vom Brandenburger Kurfrsten gesprochen, der mit dem Schweden und Bethlen versippt war, und man htte keinen Grund, sein Land sonderlich zu schonen und in Acht zu nehmen. Der runde wippende Eichzel verlie Prag nach dem Besuch fr lange Zeit nicht; nach Formierung seines Prozesses wurde er in Eisen geschlagen, in einem Kellerloch verwahrt. Den Obersten Marquis Brissy und Haumann wurden die Regimenter abgesprochen. Des Daniel Hebron, eines strengen ihm miliebigen Mannes, konnte er sich nicht bemchtigen. Aus dem Heer gestoen wurden nach kurzem Proze die Kroatenobersten Orahoczi, Hrastowacki. Hinweise auf frhere Verdienste drangen beim Herzog nicht durch. Die Namen einiger Entflohenen wurden vom Henker an den Galgen geschlagen. * * * * * Wie ein Eber den weichen Waldesboden aufreit, da die Erde und Moos beiseite spritzen, so stieen Wallensteins Armeen im Reiche vor, warfen die Menschen auseinander, zerschmetterten und durchwirbelten sie, zerstreuten sie in die Winde. In dem Schritte des Heeres war kein Gleichma, aber gebndigt war die steife tragende Kraft, die die Dcher abhob, mit Sicherheit Korn Heu Stroh in tausenden Maltern aus den Drfern trug, unduldsam, bei Gefahr vllig vernichtete. Wie der seste Wein schlich dem Kaiser der Brief der Frsten ins Herz, der ihm die drohsam vergewaltigende bermacht des Generals schilderte. Sein Gesicht blhte auf, seine Augen weiteten sich feuchtverklrt. Und dann erlosch er, sank mit schlaffen Knien, schlotterndem Kopf auf den Sessel, lie den Speichel vor sich auf den roten Teppich trufeln, blickte stier. Nach langen Minuten fand er sich zusammen. Ging freudig weich durch die Kammern, sein Herz voll Seligkeit. Der zarte Doktor Frey fragte ihn, was er zu antworten gedenke. Ferdinand sah in die wasserblaue Frhlingsluft: Ich danke ihnen. Der wiederholte seine Frage. Ferdinand: Ich danke ihnen, ich liee ihnen vielen Dank sagen. Befremdet der Sekretr: Den durchlauchtigen Kurfrsten und Frsten. Ferdinand, die Arme verschrnkt, in einer sonnigen Gewiheit: Schreib' ihnen recht schn. Frage Eggenberg, was du schreiben sollst. Ich liee ihnen doch danken, vielen Dank sagen. Der Bhme schrieb an den Rand des Briefes: Es deucht mich ein Gutes, da die Mignstigen sich regen. Sie werden bald offen abtrnnig werden. Es gibt keine andere Mglichkeit sich auszubreiten als durch Reizung der belwoller. Er selbst empfahl als Antwort fr den Brief: wie man, Frsten und Stnde, dem Kaiser seine Kriegskosten zu ersetzen gedenke, wenn man Schatzungen und Kontributionen nicht wolle; und wenn er Frieden schlieen solle sofort und bei beliebiger Kriegslage, wie man sich die Abdankung des Heeres denke, von der Rachsucht des Dnen zu schweigen. Der Kaiser las den Brief der Frsten noch einmal. Er ging am Arm Freys in den sprieenden Garten herunter, straff, den Degen wie einen Stock aufstoend. Durchdringend und mitleidig blickte er Frey an, als der wieder Bedenken vortrug. Er lie seinen Arm. Unter dem Schall der Abendglocken diktierte er an den Frsten Eggenberg und den Prsidenten des Hofkriegsrats. Es msse zur Durchfhrung der kriegerischen Notwendigkeiten, zur Sicherung der kaiserlichen Vormacht dem von Wallenstein freie Hand gelassen werden. Er wiederholte: Freie Hand. Und da Friedland zum Generalobersten Feldhauptmann ber die gesamte Kriegsmacht ernannt werde, mit Vollmacht, Regimenter nach Gutdnken zu reduzieren und aufzustellen, Obersten selbstndig zu ernennen; keine Verhandlungen mit dem Feinde gegen seinen Willen. * * * * * Vom Wiener Hof fuhren auf Wagen und wanderten mit nackten Fen in die verwstete Heimat die bettlerhaften Abgesandten, die ihr Unglck hatten bejammern wollen und vom Kaiser ausgepeitscht waren. Sie wanderten durch unruhige, seltsam aufgeregte Stdte. Von den Husern Gassen Scheunen, aus den Gewlben, Fenstern blinkte der Wohlstand. Die Felder wurden zum Frhjahr bestellt. Prozessionen begegneten ihnen, Sldnertrupps zogen vorbei mit Wagen und Geschtz, fochten die Bettler nicht an, die gedrngt still gingen. Die Bettler hatten leere ausgeweitete Blicke, mit denen sie die trottenden Menschen berzogen. Stumpf beobachteten sie die staunenden, ausweichenden Brger und Weiber, denen sie ngstliche Kriegserlebnisse waren; wild zuckte und stach pltzlich den Stdtern das Herz. Sie schleppten sich trge aus den Mauern, keine Liebe, kein Traum blieb hinter ihnen zurck. Die Huser schtzten nicht, die Mauern schtzten nicht, Kanonenkugeln konnten die Tore umlegen, Soldaten ber die Mauern springen, Pferde durch die Wassergrben schwimmen, geworfene Brandpfeile, Granaten konnten Flammen ber die Kpfe tragen. Die Torwchter konnten blasen, Kroaten bliesen auch. Die Kinder konnten spielen, Pferdehufe und Kavallerieregimenter unterschieden nicht zwischen Steinen und Knochen. Blumen vor den Fenstern, Altarstationen an den Gassenkreuzungen; fr den Augenblick gemacht; Tuschung, daran sein Herz zu hngen. Kirchen voll herrlicher Bildsulen, prangender Glasfenster, bunter schmerzlicher Gemlde: was war dies alles! Kein Amulett gegen den Oberst Fahrensbach, Quartiermeister mit peitschenschwingendem Gefolge, gegen Isolani, den stinkenden mit dem Affenkopf und seinen schnatternden Ungarn. Seidenkleider ber weibliche Glieder, flieendes glattes gebundenes Haar: kein Sinn, Fastnacht und Spiel, man mag nicht einmal darber lachen. Einer wird sein Pferd an einen Torweg binden, wird euch knebeln und tun, was ihm lieb ist. Da ist nichts drber zu sagen. Es ist die Welt und das Leben. Nach Norden. Nach Brandenburg, Mecklenburg, Bremen, Schleswig. Nicht in diesem Lande bleiben. Sie wissen nicht, da Krieg ist. Es ist nicht die richtige Welt, es ist die falsche, die sich eigenschtig pflegt hinter den Mauern, sich auf Polsterbnken wiegt, wrmt, die Kammern voller Vorrte hat. Sie genieen sich, spielen miteinander, essen voneinander, bereiten sich einer fr den andern. Das Getuschel, Gelutsche, die sanften Backen, frommen uglein, sauberen Hnde, gestriegelten Haare, bunt geschuhten Fe, der dufthauchende Kleiderwust um die Leiber: sie servieren sich wohl, schmecken und schmatzen. Wenn dampfende Panzerreiter dazwischen traben, Schwadron hinter Schwadron, verweht der Duft, ist alles verblasen, die Welt ist weiter als die Mauern; es geht nur die Rede von Heu, Stroh und Hafer fr die Guler, die Soldatenweiber und Wscherinnen tragen Krbe, ziehen Karren hinter sich, darauf haben sie die Zelte Stiefel Kleider Wmse. Es wird geschrien, zerbrochen, vergossen, verwundet, erschlagen, betrogen. Die bemalten Huser verbrennen eines Nachts eine Gasse lang, denkt keiner zu lschen, dreht sich keiner um danach. Und so ist alles verbrannt, die Kinder mit, die Frauen erschlagen, verschleppt, verlaufen, der Hausrat zertrmmert; die lieben Eltern, Frauen, lieben Kinder, der behtete Hausrat von Ahn und Urahn her. Die Herzen schwollen ihnen, sie weinten auf den langen Landstraen, schutzlos, nackt einer vor dem andern, weinten, die Stcke schleppend, ber das blanke Gesicht, der Wind blies ihnen hinein, sie flennten weiter, zeigten ohne Gedanken den Entgegenkommenden ihre zitternden, mrrisch zusammengezogenen und wieder aufgelsten Mienen; das rieselnde Wasser lief von oben her aus den Nasen vor ihnen her auf den Weg in den Staub, Trpfchen hinter Trpfchen, einer ging auf denen des andern. Bis sie nur noch verzagt sthnten, die Kpfe auf die Schultern, vor die Brust hngen lieen und weiter trieben. Nach Norden. Zum Oberst Fahrensbach, zum Isolani, und wer ihnen beschert war. An ihrem Erdflecken, zwischen den und den Hgeln, hinter dem und dem Weiher, zwischen den und den Wldern. Einmal fielen sie einem wandernden bhmischen Emigranten in die Hnde, einem pltzlich aus einer Strohmiete auftauchenden Vagabunden, der einen zerfetzten schwarzen Prdikantenrock trug mit weiten rmeln, in die er Brotstcke und Speck eingebunden hatte. Ein Kranz von grauen Stoppelhaaren stand um seine beschmierte Glatze; er schmatzte viel, schien irr zu sein. In einem Bauernhof, wo man sie eingelassen hatte, hielt er ihnen mit Gelchter ber seinem verschrumpften Gesicht, pfel und Brot schmatzend, an einem Heuwagen eine Rede. Sie sollten nicht mit Christus kommen, sollten nicht von Gott reden. Was das alles fr Kindergewsch wre. Gott ist so gro, so -- so -- gro! Niemand wei etwas von ihm, als was geschrieben steht. Es steht nicht einmal fest, ob er lebt. Jawohl, er kann schon verschwunden sein aus rger und Abscheu und hat die ganze Gesellschaft wie ein hohles Gehus liegenlassen. Und da knnen wir heulen, beten und schne Sonntagskleider machen, singen von morgens bis abends, und Gott ist schon ber alle Berge, da es zum Lachen ist. Wie sie mit starren Seelen, leicht hei, ganz innen sonderbar durchglht, sich ihren Drfern nherten, fanden sie wenige, denen sie zuflstern konnten. Da der Rmische Kaiser ihre Toten hatte auf Wagen kippen und verscharren, sie selbst aber auspeitschen lassen; er wolle sie gar nicht schtzen. Vielleicht wrden die starken Hansastdte, die Frsten sie schtzen. Vielleicht. Es waren zu viele geflohen und gestorben inzwischen. Und wenn sich pltzlich die Drfer von den Soldaten leerten, das Trompetenblasen kein Ende nahm, gingen sie zwischen den leeren Husern herum; es wurde leichenstill, sie faten gedankenlos die Scke Sensen in den Scheuern an, blickten zu den Baumwipfeln hoch, gruben die Fuste in die Taschen. An einem Ende des Dorfes fing es an, das leise Flstern, vor sich Herschimpfen, Fluchen auf den Kaiser, und lief durch die Gchen, Gehfte, wo sich Menschen schwer aus Lehm und Schutt whlten hinter den Truppen, die sich unter dem Herzog nach dem Meer zu schoben. Schreie, Drohungen; wie wenn Muse in einem Schrank beien, so knisterten, knackten, knatterten um Ferdinand die leisen scharfen Verwnschungen, rissen mit blitzschnellen Krallchen an seinen Schuhen, Strmpfen, lieen sich durch kurze Ste nicht verjagen in ihrer Wut, knatterten, liefen an, kratzten, krallten, bissen. Bei Strelitz grub sich ein Einsiedler eine Hhle in einem Hgel. Er betete nicht, sa feuerugig, wildbrtig, fellbehangen, an einer Kiefer auf dem nadelbestreuten Boden, sang Soldatenlieder, schaufelte um sich einen Wall, auf den er Moos trug. Drflern, die zu ihm jammernd nach Rat, Papieren und Amuletten schlichen, gab er Auskunft: Die Welt hat einen Hauch von Verwesung. Es ist ein zarter Geruch, der bei mancher Witterung strker wird. Der Regen fllt herunter, der Wind wirft die Bltter und Stacheln von den sten, sie vermantschen; es sitzt eine schreckvolle Unruhe in der Welt. Jeder Tag, der aufgeht, die Nacht, die ber uns fllt, drngt und jagt. Es lt uns keine Geduld; so ist es doch. Es frit von uns. Ihr denkt nicht daran. Ihr habt Euch damit abgefunden. Der Mond ist Euch bla und schn, nicht wahr. Bla, schn, golden und silbern. Die Sonne ist der schamloseste Heuchler, der frechste Schelm, Betrger, Ihr kennt sie nicht. Sie wrmt Euch, wrmt, wrmt, bis Ihr nicht wit wie Euch wird, wie sie Euch das Fett abschwitzt, Muskeln und Sehnen vertrocknet. Es soll nichts dauern. Auf eine Schaubhne von Betrug zwischen sern ist der Mensch hingestellt samt dem Getier und den Blumen. Sie sollen den Mist mehren, der auf der Erde lagert. Vorber! Vorber! In Verwesung ist unser Leben eingehllt. Wer hat dies angestellt? Von wem ist dies also gerichtet? Huser sind nicht ntig, Htten sind nicht ntig. Es schadet nichts, wenn man Euch totschlgt; wenn Ihr tote Ratten und Krten fressen mt und dran sterbt. Mit unsicheren Schritten, wochenlang anhaltend, heftig vorstrzend, torkelte nach rechts und links ber das zerschlagene, ausgesogene Land die Pest, wie der wei und grnliche Schimmel ber dem faulen Fleisch. Man fing an, die cker zu bestellen, richtete neue Schmieden ein. Das Frhjahr rckte vor. Wieder schwrmten, rasch verschwindend, Sldnertrupps vorber; Gerchte liefen um von Schieen bei Magdeburg, vom Krieg der Hansa mit dem Kaiser, ber Stralsund solle es gehen. Es sickerte durch das Land, die Zeit des Satans sei wieder gekommen, er habe das Szepter der Erde an sich gerissen. Er fhre auf glhenden Karossen durch das Reich mit gelben und kleinen Pferden. Er schwirre und sause durch die Finsternis her, lecke das Menschen- und Tierblut, den jungen Getreidesaft. Auf den Laternen der feurigen Karossen sitzen tropische Schimpansen aus dem Urwald, schreien greulich: Mach' Platz, mach' Platz. Der Satan hat lange behaarte Arme, die er hinter sich schleifen lt aus den Wagentren, er belfert, peitscht, triumphiert. Ihm hngt ein Schlssel an dem Hals, damit will er die Schleusen der Sintflut wieder ffnen. Von Tag zu Tag tobt und drngt er schrecklicher. Er hat den Bart und das Gesicht des rmischen Kaisers Ferdinand, seinen Harn trufelt er in die deutsche Reichskrone und spritzt die Jauche um sich in den Wind. Er hat den rmischen Kaiser gestrzt, seine Maske genommen, will das Heilige Reich von Grund aus verderben und versenken. Es schwelte in Obersterreich im Hunsrckviertel, dem Pfandbesitz des Bayern, in Mhren kroch die Flamme am Boden, Dunst hing ber den okkupierten Lndern, einzelne Schreie stiegen aus dem schwbischen frnkischen Kreise auf. Die Stdte am Rhein wanden sich stumm unter dem Soldatendruck. Soldaten des Regiments Verdugo wurden im Eichsfeld in ihren Quartieren zersprengt, von Ort zu Ort gejagt. Am Harz verbarrikadierten sie sich in den Gehften. Vor Wallensteins eigenen Tren erhoben sich die Bauern auf den Trzkaschen Gtern. Er konnte nicht zum Heere ausrcken, ohne die Hurenshne geschlagen zu haben. Ein groes Bauernheer wurde von ihm bei Smiritz durch die Regimenter Marradas und Liechtenstein eingeschlossen, nach drei Tagen zersprengt, fnfhundert Bauern in Stcke gehauen. * * * * * Die Tage wurden wrmer, aus den abgegrasten norddeutschen Gebieten ritten fnftausend Arkebusiere und Krassiere des Kaisers nach Sden, gegen Ulm zu. Da gab es Futter Quartier Geld und Vieh. In gefhrlicher Nhe der ligistischen Herren zogen sich immer dichtere Schwrme her von Norden; sie standen, grasten da unttig, erzwangen Kontributionen, dehnten sich aus. Er selbst, der Herzog rckte im Hochsommer zwischen den wandernden klirrenden Mauern seiner Leibgarde aus, ber Sagan Berlin Prenzlau Greifswald, um die Hansastadt Stralsund zur Aufnahme einer Besatzung zu zwingen und den Rest der Dnen zu vernichten, die von der Ostsee andrangen. ber Pommern und der Mark lagerte sein Heer, taub fr den Widerspruch der Landesfrsten. Torquato Konti hielt die Mittelmark, ein anderer die Priegnitz, fnf Kompagnien Dohna erpreten den Kreis Starnberg, mit Wallensteinschen Leibgardisten besetzte Arnim Frankfurt. In Gardelegen Pappenheim; nach Norden reckten sich Montekukulli Hebron Marradas, Franz Albrecht von Lauenburg. Friedlands Marschall, den zhen strengen braunbrtigen Arnim von Boitzenburg, hungerten die Stadtbrger Stralsunds auf der Insel Dnholm aus. Auf der Reise schmhte der General: sie seien Reichsfeinde und Verrter, ihrem Bekenntnis wolle niemand zu Leibe, Arnim sei ihr Nachbar, Mrker, dazu Lutheraner. Brgerschaft und Rat schworen zur Fahne der Stadt einen heiligen Eid in sieben Artikeln, da sie Rat, Bestellte der Stadt, Oberste, Kapitne und Befehlshaber, Alter- und Hundertmnner, Werkmeister und Gemeine keine Besetzung und Einquartierung innerhalb ihrer Ringmauern Schlagbume und Zingeln dulden wollten; sie wollten sie, wenn ntig, mit Blutvergieen abwehren; schworen unter sich alle Parteiung Rotten Zank und Schmhung ab. Achtzigtausend Taler wollten sie, meldeten sie heraus, dem Kaiser zahlen, ihre Garnison dem Kaiser mit Eiden und Pflichten zu verbinden; der Herzog mit fnfzehn Regimentern in Heinholz unter ihren Wllen lagernd, gab ihrem Protonotar Wahl zurck, es sei ihm nicht um das Geld zu tun, er msse sein Volk drin haben, so wre er verwahrt. Er brauchte die Kste, die Hfen; der Dne versteckte sich hinter dem Wasser. Sie muten nach einem grausigen Bombardement klein beigeben. Dann aber kam zu den tausend Dnen, die sie bei sich hatten, ein schwedisches Hilfskorps auf Schiffen an. Vom Frankentor fielen die Schweden gegen Arnim aus. Der Pommernherzog legte sich ins Mittel, wie die Raserei drin und drauen stieg, er sah das Schicksal der ihm untertnigen Stadt voraus, wenn man den Bhmen zum uersten reize; stand fr die Erfllung der Bedingungen ein, die festgesetzt wurden in Schleifung der Auenwerke, Abschaffung jeglicher Besatzung aus der Stadt, Abbitte, Geldzahlung. In Wien, Mnchen kicherte man ber den Akkord; der Herzog ruhig abrckend bedeutete dem Notar Wahl, der ihm das stralsundische Gelbnis der Devotion gegen Kaiser und Reich berbrachte, wenn die Stadt sich zum Sprungbrett des Dnen oder Schweden machen wolle, werde sie bald aufgehrt haben, deutsch zu sein, sie werde das ganze Rmische Reich gefhrden, er habe Zeit und warne die Stadt. Den Dnen fing er bei Wolgast ab. Die Verzweiflung des dnischen Volkes ber die Beraubung fast ihres ganzen Festlandes war besiegt worden von dem Gram und der Emprung ber die erlittene Niederlage. Ihr Knig Christian, vom Pbel angefat im Unglck, flammte wieder vor ihnen. Die dnische Flotte, hundert Schiffe, kreuzte vor Warnemnde, Barth, Usedom. Bei Wolgast landeten sie. Zwischen Smpfen, Morsten, hinter Wllen strzte sich der Kaiserliche auf sie, griff sie bei Hals und Schultern an, schlug sie, Fuvolk und Reiter, nieder, warf den flchtigen Christian aus der Stadt, dem festen Schlo. Die Masse der Fremden aufgerieben, der Rest mit dem Knig in die Schiffe gejagt. Rostock fiel, Krempe; der Dne war hoffnungslos vom Festland verdrngt. In alle erreichbaren Hfen der Ostsee schob der Herzog Besatzungen, Wismar nahm er ein, da baute er eine Werft. Das Meer von zwei Seiten einspannend, drngte er herber. Er brauchte Schiffe. Wasser war dem Herzog neu, nach den Chausseen, marschierenden Truppen, Kanonen in Fahrt, rollenden Wagen und Zelten. Jetzt fehlte das einfachste, der Weg, eine flssige, schwere Masse schwamm vor seinen Fen; die Herren, kraftstrotzend, standen mit einem Strick am Bein am Kstenrand. Gegen sein neues Herzogtum Mecklenburg schwankte das zerquellende widerstandslose Element an, er beobachtete es widerwillig. In Wismar setzte er neben sich einen Generalleutnant, Fiskel, Sekretr. Die befreundete spanische Monarchie, die Herrscherin zur See ging er um Rat an gegen dies wssrige, grne Gespenst. Dem aus Brssel anfahrenden spanischen Beauftragten, Gabriel de Roy, einem khn auftretenden Offizier, erklrte er, man msse noch das Meer berwinden; Spanien solle Hilfe leisten, die verbndete Monarchie knne Vorteil aus der Sache ziehen. Er werde die Elbe- und Wesermndungen halten, die Ligisten die Grafschaft Oldenburg und die Strme der Grafschaft Emden; man msse die Ostsee gemeinsam beherrschen, den niederlndischen Handel matt setzen. Der Stadtoberst von Lbeck wurde um Schiffe angegangen, versprach achtzehn gute Orlogs auszustaffieren. Der polnische Knig, vom Schweden bedrngt, hilfenehmend, erklrte sich zu vierundzwanzig Schiffen bereit. Dann heischte er generell von den Hansastdten, sie sollten eine Flotte bilden gegen die schwedisch-dnische bermacht; es sei ein gemeinsames deutsches Interesse. Der Bhme glaubte der Hansastdte sicher zu sein, die schwersten Drangsalierungen Vergewaltigungen Beraubungen ihrer Privilegien auf Malm, Schonen, Ystert durch Christian ausgesetzt waren. Mit hartem Druck umlagerte seine Truppenmacht sie, die die Brcken und Wege innehatten ber das nachgiebige Element, Lbeck, Hamburg, Rostock, Bremen, Wismar, Stralsund; er drohte herber nach Lneburg, Magdeburg, Kln. Zweihunderttausend Kronen wies Spanien an. In Gstrow lie er sich huldigen von seinen neuen Untertanen. Vor seine Fe rollte ein kaiserliches Handschreiben. Der Bhme erinnerte sich in manchen Augenblicken kaum des Kaisers. Der schrieb, da er ihn zum Kapitngeneral dieses erreichten ozeanischen und baltischen Meeres ernenne, nachdem die feindliche Macht zu Land gedmpft und man dazu bergegangen sei, eine Armada zu Meere herzurichten und zu unterhalten. Der Kaiser huldigte: er vertraue, da mit einem solchen Haupt versehen, in Tchtigkeit, Qualitt, Erfahrung, Genie reichlich im Krieg und Frieden erprobt, Heer und Flotte in sicherster Hut seien, machtvoll blhen werden zum Ruhm des Hauses Habsburg, des Rmischen Reiches und des Geschlechtes Wallenstein. Der Herzog schniefte gestrt, fast gereizt, zuckte die Achseln. * * * * * Hinter den schtzenden Wasserbergen vergraben der blonde Knig Christian, der dem niederschsischen Kreis Bundesoberst gewesen war. Klagend ber den menschlichen Grenwahn, der ihn auf Eroberungen nach Deutschland trieb; er forderte seine Reichsstnde heraus, sie mchten es wagen und sich an ihm vergreifen. Gelhmt hinter dem anderen Wasser England. Die verzogene kaprizise Knigin, von ihrer Schnheit besessen; ihre duftende franzsische Umgebung brskierte noch die puritanischen Lords, die sehr zeremoniell am kniglichen Hofe erschienen. Mit katholischem Pomp, Weihrauch, Bildern und Fahnen, die sich auf die Strae wagten, forderte sie die Londoner heraus. Nach einer Revolte mute Karl die Franzosen heimschicken. So wuchs die Erregung des Volkes an, da Karl in seiner Bestrzung daran dachte, die Knigin selber zurckzuschicken. Er brach mit den franzsischen Machthabern, nur besnftigen wollte er das Volk, das Parlament, ging betteln bei der Opposition, lockte ratlos mit Baronettstiteln. Unter dem Beben des Bodens, dem drngenden. Grollen von Parlament und Hauptstadt rang der blasse Knig tglich mit der bermtigen kreischenden Tochter der Medizerin, die ihr Spielzeug, ihren Hof, prunkvolle Andachten wieder verlangte. Als Buckingham, nicht mehr Herr seines Spottes und Dialektik, flehte, um sich selbst in Angst, dem Parlament nachzugeben, um das Schlimmste zu verhten. Grausam drohten die Lords, die Brgerschaften. Buckingham, zitternd, machte sich selbst auf, den Parlamentswillen zu vollstrecken, Hilfe den Hugenotten gegen Richelieu zu bringen, der sie in der franzsischen Seefeste Larochelle eingeschlossen hatte. Aber auf der Rheede des Hafens sah er die furchtbare bermacht der Katholischen, hochmastige Schiffe, zu Lande zielende Kanonen, Mnner, verwirrt gab er, noch auf der Rheede Befehl, umzukehren. Brllte weinend in seiner Kajte gegen die Kapitne, es sei unmglich, unmglich, er knne dies nicht verantworten, die englische Flotte sei mehr als ein fettes Futter fr die Welschen. Ans Land gestiegen kam er nicht weit. Sein Haus in Portsmouth hielt eine tobende Menschenmenge eingeschlossen; er wollte zum Knig nach London. In der Vorhalle seines Hauses wurde er nach vier Tagen, gewaltsam versuchend auszubrechen, von der Volksmenge erstickt, zerquetscht, seine weigepuderte Percke zerfasert, seine tanzlustigen Knochen zerbrochen, seine lasciven Lippen mit Kot bedeckt. Der Knig in London schlo sich zwei Tage ein, verfluchte sich, die Knigin, das Parlament, machte sich mit innigstem Grimm zum Zweikampf mit dem Volk bereit. In wilden Zuckungen warf sich England, griff keinen Feind mehr an. Preisgegeben der stolze Friedrich von der Pfalz. Die englische Knigstochter preisgegeben. Die Welt konnte sich erbarmen ihrer Ansprche. Rusdorf, der leidenschaftliche kleine Johann Joachim, hatte lange England verlassen; seinen kranken Freund Pavel auf niederlndischen Boden verbracht, wich nicht aus Haag, aus der Nhe seines Kurfrsten Friedrich; die Erde mochte untergehen, der Kurfrst sich aller Ansprche entschlagen; er wollte von dem Recht nicht lassen, durchfiebert von der Rachsucht auf das grausame bermchtige Habsburg, angewidert von der englischen und dnischen Schwche. * * * * * Maximilian fuhr um die Hhe des Sommers vom Berge Andechs, wo er gebetet hatte, mit Fyans, dem stummen niederlndischen Arzt, nach Mnchen. Er hielt sich in seiner Residenz vier Tage eingeschlossen; Fremde suchten seine Audienz nach, Bildersammler Gemmenhndler wollten ihm ihre Auslagen bringen, Briefe von Tilly liefen ein, seine Tr war nur Vervaux, dem Beichtvater, und dem Leibarzt offen. Man sah ihn durch den Hofgarten, die Grottenhfe in der warmen Herbstluft gehen. Es geschah, da er seinen Kriegsratsprsidenten zu sich berief und zum ersten Male im Rat ber die Kriegslage sprach. Mein Heiland, da du mich versuchst, kam aus seinem Mund vor dem Prsidenten gegen Schlu des Vortrags. Er lie seine Rte und die Vertrauten des Hofes eines dunklen Morgens in eine kleine Ritterstube rufen. Maximilian, barhuptig, ungegrtet, stand, nachdem er sich von einem Sessel erhoben hatte, streng und wie abwesend vor einer hohen Prunkkredenz. Er dankte ihnen mit leiser Stimme, die sich bald krftigte, da sie erschienen seien. Er denke gewi gro von ihnen, die ihm so viel geleistet htten. Ihre Gesinnung htte sich gegen ihn zu jeder Stunde bewhrt. Er stockte viel. Es sei ihm klar geworden, nach vielem Nachdenken, da er sich kaum werde behaupten knnen. Als darauf Bewegung unter den ernsten alten Herren entstand, richtete er sich aus seinem Hinstarren auf. Ja, er hielt es nicht fr unwahrscheinlich, da er der letzte des Hauses Wittelsbach sei. Da er nicht spielte, erkannte man an den glhroten Striemen ber seiner Stirn, an der Art, wie seine Finger ber dem weien Wams zuckten. Sie seien in Gefahr wie noch nie. Es sei ihm unmglich, jetzt schon deutlicher zu sein. Wer sehen knnte, she schon; es werde bald erhellen. Er wisse nicht, wie er aus diesem Kreis feindlicher Mchte Bayern herausgeleiten knne. Zum Schlu flsterte er, er brauche Mitwisser, Mithelfer. Sie mchten seiner gedenk sein. Es war fast ngstlich, ihn anzusehen, wie sich der Stolze abrang so zu sprechen und wie die Audienz fast mitten in der Rede abgebrochen wurde. Aber die finstere Katastrophenstimmung, unter der er stand, nahmen sie mit. Sie nahmen das Entsetzen mit, da der Einsame, der sonst nichts von sich gab, mit seinen halblauten Worten von sich strmte. Als stnde der Feind vor der Tr. Er sa in seinem verschlossenen Palast, mit Fasten, nchtelangem Beten, Selbstfolterungen an sich rttelnd. Die Liga war verdrngt vom Kriegsschauplatz, Graf Tilly, er konnte nicht an ihn denken, ohne getzt zu werden von der blinden verzweifelnden Wut, seine Kiefern rieben sich aneinander. In den sehr stillen, glhheien Wochen ritten hufiger und hufiger fremdlndische sanfte Mnner durch die Straen Mnchens. Sie waren fromm; standen vor der diamantenberschtteten Reiterstatue des heiligen Georg in der Hofkapelle, beteten vor ihr; keine Frhmesse versumten sie. Feine freie lockenumspielte Gesichter hatten sie, kleine Spitzbrte, mit Lcheln blickten sie die Mnner und Mdchen an; keiner konnte ohne Freude sie zierlich und fest hinschreiten sehen. Bologneserhndchen mit glatten weien Haaren, schwarzer Nase, trugen Diener hinter manchen her; auf den Brunnenrndern spielten und gurrten die Herren mit ihnen. Wie eine magische Trstung drngten sie sich dem lethargischen Maximilian auf, der seinen Vater zurckwies, seine Rte beschied, ihn nicht zu stren mit ungefragten Naseweisheiten. Marquis Marcheville, ein langer Herr mit schwarzen vollen Locken, geschwungener starker Nase, feuchten groen Augen, flsterte vor der deutschen Kurfrstlichen Durchlaucht verschwiegen erinnernd an ihre alten Besprechungen, die franzsische Majestt htte mit Freuden Kenntnis genommen von dem siegreichen Vorgehen der katholischen Mchte gegen den Dnen, sie vermeine, es sei vielleicht jetzt an der Zeit, den Frieden anzubahnen. Und als der Kurfrst hart zurckgab, nicht an ihn mge sich der edle Herr deswegen wenden, sondern an den Rmischen Kaiser, schmeichelte der feingeschuhte Mann, so knne er doch nicht glauben, da ein bayrischer Frst, Kurfrst und Wittelsbacher, einflulos im Heiligen Reiche sei und nicht Rechte und Pflichten in der Sicherung des Reiches vertrete. Dann bemerkte er, da das ligistische Heer an den Erfolgen beteiligt sei. Danach dankte der Kurfrst. Als zweiter trat in das weite ebenholzgetfelte Empfangszimmer nach einigen Tagen im Kardinalspurpur eine niedrige fahlgesichtige Figur; ihre Stimme streng, sicher, Bagni, der ppstliche Nuntius in Paris, segnete den Bayern, besah flchtig einige Gobelins, schalt, in dem Kriegstreiben drfe man die heilige Kirche nicht vergessen, als bedeute sie nichts; an Frieden msse man denken, noch weiter friedliche Christenmenschen dem Unwesen auszusetzen, sei Todsnde, beflecke wie Mord. Mit Entzcken habe der Papst von dem Wunsche seines treuen Sohnes, des gallischen Knigs gehrt, Vermittlung den Parteien anzubieten; mge Maximilian, dessen Frmmigkeit so hoch stnde, dies annehmen. Der Papst wnsche Frieden, wnsche ihn innigst. Der Kurfrst, sich im Sessel vorbeugend, kte das Kreuz aus Elfenbein, das der Kardinal ihm mit herber Miene bot. Den habichtskpfigen Marcheville ersuchte Maximilian, nachdem er pltzlich seinen Rten Besprechungen mit den Franzosen befohlen hatte, selbst zu sich. Ich will Frieden, stie er zwischen den Zhnen mit aufbebendem Gesicht vor, es ist meine Pflicht, diesen Streit zu beenden. Welche Vorschlge macht mir Euer Knig? Der Franzose: Die Vermittlung solle den Pflzer Ausgangspunkt vernichten in irgendeiner Weise. Ich will wissen, Marquis, was Ihr wollt, und was Ihr mir gebt; ich will baldige Vorschlge. Ich mu mich entscheiden. Der Marquis riet, Bayern und die Liga solle sich neutral erklren, solle einen Sonderfrieden mit Dnemark schlieen, Frankreich werde diesen Frieden garantieren; man msse ohne Wien und Madrid handeln. Ja, das mu man, sthnte der Kurfrst; Ihr braucht es mir nicht sagen. Ihr wollt freie Hand im Elsa und im Artois, ich wei. Ja, ich wei. * * * * * Von den eroberten und besetzten Gebieten pulsierte Gold nach sterreich in wilden Takten; Wallenstein, der General, hatte das Heer als Stab in der Hand, mit dem er Quellen entdeckte. Man brauchte nicht, wie Hispanien, das neue Indien unter Gefahren aufsuchen; es war, wie der Bhme prophezeit hatte, bergenug im Reich vorhanden. Nur ab und zu erinnerte Abt Anton den Herzog, der bisweilen versunken schien, an die Bedrfnisse des Hofes und das Glck der Stunde. Der Hof verfolgte von Wien aus den Kampf, das grausame Niederringen des Dnen an der Meereskste wie von einer bekrnzten hohen Tribne herab, unter schallenden Flten Zinken Posaunen Pauken; der Herzog von Friedland war als Ritter Georg hinausgeschickt worden, den Drachen zu bezwingen. Und er machte es vorzglich, man mochte ihm den Beifall nicht vorenthalten. Er war treu und bieder; was er konfiszierte, schickte er dem Kaiser, konnte auch selbst seinen Teil dran haben, sollte ihm nicht verdacht werden. Sein Lob sangen sie mit vielen Stimmen: die frheren Kaiser und Ppste haben treffliche Diener gehabt, die ihnen in der Not beigestanden htten; aber knnte sich keiner vergleichen mit dem hageren heftigen Bhmen, der sich von Schlachten in Schlachten strzt, sein Vermgen blind und unaufgefordert hinwirft, das Reich rettet, den kaiserlichen Hof mit Gold berschttet. Der Papst hat seine Jesuiten, der Kaiser den Herzog von Friedland. Entzckt schwebte der Hof, keine abenteuerlichen Wnsche versagten sie sich, die Pracht der Feste Gastereien Schloausstattungen Jagdaufzge berstieg alles Frhere. Abt Anton schrieb, der Herzog zahlte. Sie winkten kaum: Wir danken, wir danken. Es gab welche, die lchelten sich bei Tisch an, wetzten ihre Zungen an dem Bhmen drauen, der sich in den Morsten und den Lndereien herumschlug: Der Unhold von Altdorf hat seinen guten Platz gefunden. Er hatte die Wahl zwischen einem gefhrlichen Raufbold und kaiserlichen Offizier, kann dem Kaiser danken, da er ihn annahm und nicht Spitzbube werden brauchte. Wir haben zwei Chorherren in Kompagnie, werden besttigen, was ich meine. Dem Herzog ist ein Glck geschehen. Der Kaiser hat ihn aus dem Kot gezogen, in dem seine rebellischen Vettern und Freunde verreckt sind; so hat er Grund, dankbar zu sein. Ist ein weidlich starker, dicker Bffel, zieht den Pflug, das ist sein Handwerk. Das Recht hat er zu siegen, wenn er kann; noch andere knnen siegen; die rmische Majestt hat ihm wohlgewollt. Danke er, nichts weiter. Den Segen des Heiligen Johannes wollen wir trinken. Der Narr Wallenstein soll leben. Der Bffel, ja, der dicke Bffel, der in Holstein Sumpfwasser sauft. Gottes Tierreich ist gro. Trinken wir Alikante, lassen wir ihn Elbe saufen. Sie schtteten ihr Gelchter vor sich hin. Wird das Vgelchen zu lustig werden, werden wir ihm die Federn rupfen. Ist dann genugsam geflogen, sagen wir: >Danke schn, danke fein, Herr Vgelchen. Kettchen am Bein, Ringchen am Hals, Npfchen vor dem Schnabel. Traurig Leben, traurig Leben.< Was glauben die Herren Brder? Pro clausula finali geschenkt! Er ist gut, er ist hold, er ist fromm. Die Renegaten sind die frommsten. Wenn die Rmische Majestt genug hat von ihm und seine Knochen hohl sind, entlt sie ihn in Gnaden, gibt ihm einen Klaps, einen schnen Namen -- nicht Klbchen, nicht ffchen, nicht Schfchen -- vielleicht ein neues Wappenschild, und so mu er die Tr nehmen. Zu dem jubelnden Abt Anton, der jeden seiner Freunde kte, die ihn besuchten in seiner blumen- und weinduftenden Bibliothek, meinte Trautmannsdorf, indem er einen Tanz vor dem Hndeklatschenden versuchte: Ich begreife alles. Es ist nicht ntig, da Ihr klatscht, Ehrwrden. Die Musik macht der Herzog von Friedland, von Sagan, von Mecklenburg. Ich gehe in Ferien. Wir brauchen nicht mehr regieren. Wir erhalten unsere Gehlter, und er tut die Arbeit. Ich stelle mich Euch zur Verfgung; wie wollt Ihr mich beschftigen? Anton streckte feierlich, aus glcklichen uglein blickend, die talarversteckten Arme aus: Seid in Euren Ferien bei mir willkommen. Feiert Eure Ferien mit mir! Setzt Euch zwischen Folianten, Kerzen, Bchern, dort auf Eure Truhe. Ich will Euch bedienen. Und whrend sich der feine Graf schlaff auf die Truhe niederlie, eine Papierrolle beiseite schiebend, bot ihm der vollwangige Abt strahlend einen franzsischen gepfefferten Likr, erbeutet in Holstein von einem Wallensteinschen Streifkorps: Seht, Lieber, Bcher sind vorhanden, der Likr hat sein Dasein. Aber wit Ihr, wit Ihr, wir sind beinah nicht mehr da. Ihr knnt raten: was ist das Wichtigste fr einen Menschen? Aber Ehrwrden, die unsterbliche Seele. Gewi, unbestritten. Im brigen aber. Denkt nach. Der Stellvertreter; das ist das Wichtigste fr einen Menschen. Wenn es einen gibt, der einem Recht zum Leben gibt, da man aufatmen kann, weil er die Arbeit abnimmt. Vernehmt: kein Schatten. Sondern -- Einfach Wallenstein. Trautmannsdorf lchelte, go sein Glas in eine Blumenvase: Die Reseden sind so schn, sie mgen auch von Eurem Likr schmecken. Er ist der Stellvertreter, wie wir ihn seit Jahrzehnten gebraucht haben. Das Haus Habsburg seufzte nach ihm. Nun ist er da. Er erfllt in der Tat diese Aufgabe auerordentlich. Ihr seid bald nicht mehr da. Er hat dem Kaiser die Last abgenommen, Kaiser zu sein. Er siegt fr ihn, ernennt fr ihn, politisiert fr ihn. Also. Ihr seht: auerordentlich. Wir haben dies gebraucht. Es ist eine Lust, Kaiser zu sein. Es gibt keinen Diener, der neben dem Bhmen zu nennen wre. Trautmannsdorf tauchte und drehte die Reseden in der tnernen, bemalten Vase neben sich: Sie werden bald betrunken sein, die Reseden. Pat auf, wie sie die Kpfe senken werden. Sie vertragen so krftige Nahrung nicht. Und was meint Ihr, was wird nachher aus Friedland, wenn er trefflich Kaiser spielt, und aus dem Kaiser, wenn er sich so trefflich vertreten lassen kann? Sie ergnzen sich; sie ehren sich. Es wird keiner im Reich nach dem Kaiser mchtiger sein als Friedland; Augustus, sein Feldherr Csar. Nur Frst Eggenberg sah sich am Hofe um, erkannte die schrankenlose Freude, gegen die es kein Ankmpfen gab. Er war allein. Die geifernde, grollende Clique der Bayern, der Spanier wollte sich an ihn werfen, Strahlendorf sprach ihm zu; trauriger zog er sich zurck, als er erschreckt bemerkte, da die Feinde Ferdinands sich ihm gesellten. Dann setzte er sich gegen den Kaiser. Er hegte nicht mehr das geringste Mitrauen gegen Wallenstein, ihn widerten die Bayern an, die Ha am Hofe sten; er hatte still in sich das unverrckbare Gefhl: diese furchtbare Macht darf nicht auf einen einzelnen gehuft werden. Mit Liebe suchte er die Bewegungen in der Seele des Kaisers nachzufhlen, seine Glckseligkeit ber das Geschick, das Wallenstein vollstreckte. Er trauerte; er wute, wie wohl dem Kaiser war, wie er beglckt war nach der schweren bayrischen Affre. Wochenlang hielt sich Eggenberg in seiner Wohnung. Dann war ihm klar: dem Herzog mute die Macht abgenommen werden; es durfte nicht zum letzten Bruch mit den Kurfrsten kommen. Und mit wachsender Angst hrte er um sich jubeln, sah das Schrecknis des bhmischen Herzogs. Sphte um sich, verschlo entsetzt die Fenster und Tore seines Hauses. Machttriefend, ungeheuer, unmig schluchzend nach Herrschaft, Sieg, hrte ihn der Kaiser an; wie schon einmal stellte sich ihm sein vertrautester Ratgeber mit schlotternden Gliedern gegenber. Jetzt lachte der Kaiser Trnen ber ihn; ob er nicht wie jener Eulenspiegel sei, der chze, wenn er ins Tal herabstiege, juble beim Klettern -- ein Spamacher. Bei Abt Anton kreuzte der Frst die Wege des verwachsenen Grafen. Der, von einer groen Helle, neigte sich ihm halb zu, vom allgemeinen Rausch mitgenommen; man msse sehen, wieviel Wallenstein durchzusetzen vermge im Reich, drfe ihn nicht stren; Gefahren msse man an sich herankommen lassen. Eggenberg versteckte sich. Ferdinand der Andere, des Rmischen Reichs Mehrer, rauschte als glckchenklingelnde bnderwerfende Riesenstandarte in Purpur ber ihnen, in den Boden gerammt, huserhoch am Mast, an der sein Ungestm zerrte, als wollte er sie hochtragen. Er war nach dem monatelang an ihm wtenden Wechselfieber zum Skelett abgemagert, auf Jagden strzte er oft ohnmchtig vom Pferde, nach kleinen Ritten hing er schweigebadet im Sattel; seine Nase war schmal und beraus hoch geworden; ein dnnes, bengstigend zartes Gesicht mit verschatteten, sehr weiten Augen. Die Freude zu trinken, zu bankettieren hatte ihn verlassen; er sa wie sonst den feierlichen und intimen Gastereien vor, liebte die ppigkeiten der Kche vor sich zu sehen; das Knuspern Knacken Schmatzen Schlucken lsten in ihm Wonne aus, als ob er selbst schmauste, der Dunst der Braten Soen Suppen badete seine Nase, seinen Mund. Ins Gesthl vergraben schnalzte er zur herunterwogenden Musik. Seine Hnde mit den knotigen Fingern waren hellgelb und durchsichtig geworden; wenn er sie vor das dnne Gesicht hob gegen das Kerzenlicht, entzckte ihn in einer unverstndlichen Weise das durchscheinende helle feine pulsierende Rot; es schien ihm beglckend zu sein wie das, was ihn erwartete. An Ringen Goldgehenken Schnallen Prunkschrpen, bemalten durchwirkten Gewndern schleppte er auf seinem matten Krper mit sich herum in Karossen, auf Tummelpferden, als ob er in Konstantinopel wre. Seine Leibwagen mit ungeheuren Hinterrdern, deren Speichen wechselnd silbern und kupfern blinkten; die Vorderrder zwerghaft kriechend, demtig, fufllig am Boden; auf ihrer Rundung Krnze und Kronen silbern auf rot. Zwischen den Rderpaaren auf biegsamen Achsen gelagert das schwere zitternde Wagengehuse, die Wnde schrg gewaltsam nach oben auseinander strebend, kleiner Boden, breitausladendes Dach, von elfenbeinen gedrehten Sulchen gesttzt; seitlich durchbrochen von kristallenen Fenstern in Ebenholzrahmen. Auf dem Dach offen ruhend vor dem Licht eine Krone aus heiem Gold mit hohem Kreuz und breiten Steinen; von den vier Wagenwnden stiegen Riesen mit Bronzeleibern und silbernen Brten auf, hielten Keulen und Schwerter um die Krone. Drei faustdicke Goldpuscheln herab hinter den Sitzen der Kutschierenden, drei Puscheln gebckt vor den rckwrts deckenden Hellebardieren. Drin halb liegend unter Decken er, trumend aufgeschreckt, die Lippen bewegend. Durch seine Finger lief das Gold, um sich in Almosen Altarbilder, in Teppichbeete Laubengnge Lusthuser Springbrunnen Pfauengrten Vogelvolieren Fischweiher aufzulsen. Der Pfennigmeister Gurland, der Schatzmeister suchten den Strom in ihre Rume zu lenken; der Kaiser freute sich ihrer Gier. Dankbar fr die Errettung aus der Krankheit schickte er dem Papst Urban hunderttausend Taler als Peterspfennig. Nur durch Gebete und Verehrung konnte man den Himmel vershnen fr die Snden, die man ohne Unterla beging, Verzeihung erreichen, sich wrdig neuer Gnaden erweisen, neuen Segen anlocken. Er lie Lamormain, den Beichtvater, tglich zu sich kommen, als wenn er seinen Schutz brauchte; zu ihm sagte er, er sei sein bestes Amulett; mit einer krampfhaften Erregung hing er sich an ihn; so malos beschenkte er die Stiftungen Schulen Konvente der Vter von der Jesugesellschaft, da Lamormain besorgt ablehnte; Ferdinand bettelte, man mchte ihn nicht zurckweisen: Was wollt Ihr, Ehrwrden, es werden nicht viele Kaiser nach mir Euch wohltun, wie Ihr verdient. Hochgerissen neben ihm die Kaiserin, die junge verwirrte sich entfremdete Mantuanerin. Sie litt das Glck wie er, grlich heimgesucht, in ihrer Entwurzelung schwankend, hilflos. Sie ritten ohne Dienerschaft spazieren durch die Wlder von Schnbrunn, beide auf hohen weien Pferden, lange Reitstcke wippten in ihren Hnden. Farblos ihre beiden Gesichter. Eleonore fragte, ob er sich besinne, wie er sie einmal nachts habe rufen lassen; es sei vor der Ernennung des Friedlnders zum General gewesen. Sein hutiges Gesicht vibrierte, seine Augen strahlten, er blickte fasziniert vor sich: Ich habe gelacht. Ich habe lachen mssen ber unseren Schwager, den Maximilian. Er hatte mich dazu gedrngt. Du hast dich in Wallenstein nicht getuscht; wie ich mich freue mit dir. Ich habe gelacht. Ich habe recht behalten. Er hat mich sehr beglckt. Er hatte dir Schlimmes angetan, dein Schwager; warum hast du ihn zum Kurfrsten gemacht. Jetzt hast du Macht, beseitige ihn. So weggenommen von Trumen war er, da er nicht auf die heien Augen achtete, den zudringenden Ton in der Kehle der Frau. Er hieb, Lachen ausstoend, auf ste neben sich: Ist nicht ntig, Eleonore. Nicht mehr ntig. Was Gott bernommen hat, liegt in guten Hnden. Wir werden -- wir werden unsere Feinde im Zaume halten, wie keiner vor uns. Es ist uns um nichts mehr bange. Wir werden an der Ostsee gebieten wie am Adriatischen Meer. Die Ketzer werden sich hinter das Wasser verkriechen. Er war in Zittern aufgelst. Sie schrie, whrend ihr der Stock entfiel und sie sich an der Pferdemhne festhielt. Glitt vom Pferde, die Trnen liefen ber ihre beiden weien Backen; wild weinte sie, sich am Zgel seines Schimmels haltend, whrend er in das Grn hineinsprach und zu ihr herabnickte. Sie streichelte mit beiden Hnden sein Pferd, seine Fe, Gamaschen; er solle nicht sprechen, er solle still sein. Ja, sie wolle wieder auf das Pferd steigen, aber wenn er nicht mehr so zu ihr sprche und gut zu ihr wre. In der Burg stand er an einem Herbstmorgen am Fenster seiner Schlafkammer. Wie er hinunterblickte auf den Hof und der Narr Jonas unten trollte, fhlte er sich jh hingezogen. Mit hellem Gelchter begrte er am Schuppen den Zwerg, der Kobolz scho und gierig auf seine Hand blickte. Ferdinand sah hoch, ob ihn einer vom Fenster beobachte. Als wenn seine mageren Glieder zuckten, sprang er spielend ber den Kleinen, der im Sand rollte neben Brot und umgekippten Enpfen, reizte ihn mit der Fuspitze, griff von oben nach ihm, schlug seine Hnde zurck. Menschenfresserisch knirschend zog er ihn auf, schaukelte ihn mit zauberischem Schlangenblick flsternd vor der Brust. Mit brnstigem Vergngen ri Ferdinand, der Degen und Wehrgehenk in der linken Hand trug, das Trchen zum Keller auf; in den Dunst lieen sie sich herunter, schlugen ein Fa an, zechten. Ferdinand erbrach im Augenblick. Sie schrien triumphierend, bellten die Decken in der Dunkelheit an, drohten, kicherten, reizten die Fsser zum Kampfe. Bis sie frech auf dem Rcken ber die Steine kollerten, mit den Armen schaukelten und immer einzelne Worte trillerten schnoben herausbrllten, wobei der andere das Echo machte: Papst! Papst. Urban! Urban. Papst! Papst. Jonas. Sie platzten vor wonnigem Lachen. Und als Ferdinand wieder wrgte und nicht mehr trinken konnte, bat er den Narren, einen Eimer zu nehmen und Wein ihm auf den Kopf zu gieen, auf die Brust, immer mehr. Ich bin ein Heide, Herr Papst. Taufe er mich, Herr Papst. Und der betrunkene Zwerg zelebrierte ber dem Kaiser die Taufe. Ende des ersten Bandes Anmerkungen zur Transkription Offensichtliche Druckfehler wurden, zum Teil unter Hinzuziehung spterer Ausgaben, korrigiert. End of the Project Gutenberg EBook of Wallenstein. I. (of 2), by Alfred Dblin License: Share Alike