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Sein Vater, _Matthias_, der dort eine Pfarrstelle bekleidete, doch bald nachher Prediger an der Marien-Magdalenenkirche zu Biberach ward, hatte die Jurisprudenz, der er sich anfangs gewidmet, spter in Halle mit dem Studium der Theologie vertauscht. Er war ein eifriger Anhnger Spener's und des damals weit verbreiteten Pietismus geworden. Vorherrschend blieb in seinem Benehmen immer eine gewisse Abgemessenheit, ein feierlicher Ernst, den er von der priesterlichen Wrde fr unzertrennlich hielt. Seine Liebe zur Einsamkeit hatte zum Theil in seinen beschrnkten Verhltnissen ihren Grund. Durch langwierige Processe seiner Mutter hatte er sein kleines Erbtheil fast ganz eingebt. Mit gleicher Resignation, wie er, ertrug seine Gattin, eine geborne _Kieke_, die mannigfachen Entbehrungen, die ihres Mannes Lage zu fordern schien. Sie war eine stille, anspruchslose Hausfrau, die jede berflssige Ausgabe zu vermeiden suchte. Mit inniger Liebe hing sie an ihrem Sohne, und diese Liebe verminderte sich nicht, als ihm noch ein Bruder geboren ward, der schon frh an Engbrstigkeit litt, und bereits im Jnglingsalter starb. Seiner Amme verdankte Wieland, wie er in sptern Jahren erzhlte, seine groe Liebe zur Reinlichkeit. Als ihm einst der Dreier, wofr er sich beim Gange in die Schule sein Frhstck kaufen sollte, zufllig aus der Hand fiel, konnte er sich nicht entschlieen, die sehr beschmutzte Kupfermnze wieder aufzuheben. Er zog es vor, hungrig die Schule zu betreten. Ein gewisser Ernst, der ihn selbst bei seinen jugendlichen Spielen nie ganz verlie, blieb ihm in seinen Knabenjahren eigen. Von Natur war er schwchlich. Aber bei dem Unterricht, den ihm sein Vater schon im dritten Lebensjahre ertheilte, entwickelten sich bald seine Geistesanlagen in reger Wibegier, schneller Auffassungsgabe und einem trefflichen Gedchtni. Er war noch sehr jung, als er, auer einer grndlichen Kenntni des Lateinischen und Griechischen, auch in der Mathematik, Logik und Geschichte bedeutende Fortschritte gemacht hatte. Mit einer sehr regen Phantasie verband er Wrme und Innigkeit des Gefhls. Durch seine Gemthsanlagen, vielleicht auch durch das Beispiel seines Vaters neigte er sich frh zur religisen Schwrmerei. Verndert ward diese Geistesrichtung durch das mit groem Eifer von ihm betriebene Studium der rmischen und griechischen Classiker. Die Lebensbeschreibungen der Helden im Cornelius Nepos begeisterten ihn. Lebhaft regte sich seit seinem zwlften Jahre Wielands Gefhl fr Poesie, noch ehe er den Virgil und Horaz gelesen hatte, die spterhin seine treuen Begleiter auf einsamen Spaziergngen wurden. Seine ersten poetischen Versuche waren lateinische Verse. Anakreon war sein Vorbild bei einem Gedicht von der Echo, dem er eine Ausdehnung von beinahe 600 Versen gab. Nicht viel krzer war ein anderes Gedicht in Distichen, zu welchem ihm die bekannte Fabel von den Pygmen den Stoff bot. Dies Gedicht war eigentlich eine Satyre auf die sehr kleine Frau des Rectors an der Schule zu Biberach. In deutschen Versen whlte sich Wieland den durch sein "Irdisches Vergngen in Gott" gefeierten Dichter Brockes zum Muster. Von Gottsched, dem damaligem Tonangeber des guten Geschmacks, entfernte ihn sein sehr feines Gefhl fr das wahre Schne. Nicht blos der Form, auch dem Inhalt nach, blieb Brockes Wielands Vorbild in mehreren Cantaten und andern religisen Dichtungen, die er zwischen seinem zwlften und dreizehnten Jahre schrieb. Auch einige Opern und Ballette fielen in jene Zeit. Seine Begeisterung fr die Poesie hatte jedoch mit manchen Hindernissen zu kmpfen. Das vaterliche Verbot, mit irgend etwas Anderem, als wissenschaftlichen Gegenstnden sich zu beschftigen, nthigte ihn, frh aufzustehen, und die Morgenstunden zu seinen poetischen Arbeiten zu benutzen. Keins seiner dichterischen Versuche, ein Epos, "die Zerstrung Jerusalems" betitelt, nicht ausgenommen, gengte ihm. In jugendlichem Unmuth verbrannte Wieland die meisten seiner poetischen Versuche, und auch die wenigen, die seine Mutter gerettet hatte, traf spterhin ein gleiches Schicksal. Wielands Gefhl fr die Schnheiten der Natur ward frh geweckt durch die anmuthigen Umgebungen der Stadt Biberach. Die Liebe zur Einsamkeit blieb ein vorherrschender Zug in seinem Charakter. Oft brachte er nicht blos einen groen Theil des Tages, sondern auch manche Sommernacht in dem an der vterlichen Wohnung gelegenen Garten zu. In froher Erinnerung an seine Jugendzeit dichtete er spter (1780) in seinem "Oberon" die Verse: "Du kleiner Ort, wo ich das erste Licht gesogen, den ersten Schmerz, die erste Lust empfand" u.s.w. In einem sptern Briefe an einen Freund gestand Wieland, da sein Jugendleben in einer anmuthigen Gegend groen Einflu auf seine Bildung gehabt habe. Sein vierzehntes Jahr hatte er kaum erreicht, als ihn sein Vater nach der bei Magdeburg gelegenen Lehranstalt Klosterbergen sandte. Unter dem Abt Steinmetz, dem damaligen Director jenes Instituts, war Wieland, bei dessen Hinneigung zum Pietismus, der Gefahr ausgesetzt, ein religiser Schwrmer zu werden. Seine Liebe zur Einsamkeit fand in Klosterbergen neue Nahrung. Heilsam war ihm daher das mit besonderem Eifer betriebene Studium der neuern Sprachen. Im Franzsischen machte Wieland, ungeachtet eines sehr mittelmigen Lehrers, schnelle Fortschritte. Bald war er im Stande, ohne Hlfe eines Wrterbuchs, mehrere franzsische Schriftsteller zu lesen. Fontenelle, d'Argens und Voltaire waren seine Lieblinge, obschon der Letztere durch seinen Spott ber religise Gegenstnde Wielands Gefhl emprte. Er war durch diese Lectre allmlig ein Skeptiker geworden. In einem philosophischen Aufsatze suchte er zu beweisen, da das Universum, ohne einen Gott, aus ewigen Elementen sich habe bilden knnen. Die harten Vorwrfe, die ihn von seinem Lehrer wegen dieses Jugendproducts trafen, konnte nur Wielands tadelloses, rein sittliches Leben einigermaen mildern. Er klagte jedoch sich selbst hart an wegen seiner Zweifel an der Existenz Gottes. In schlaflosen Nchten rang er sich die Hnde fast wund, und vergo bittere Thrnen der Reue. Er war an seinem Glauben irre geworden, und frchtete die Ewigkeit der Hllenstrafen. Eine freiere Richtung nahm Wielands Geist, als er sich wieder den classischen Studien zuwandte. Whrend seines zweijhrigen Aufenthalts hatte er den Livius, Terenz, Horaz, Virgil und andere rmische Autoren fr sich gelesen. Auch einige griechische Schriftsteller whlte er zu seiner Lectre. Den grten Einflu auf seine Denk- und Sinnesart gewann Xenophon. In sptern Jahren erzhlte Wieland, wie er sich damals an der Cyropdie nicht habe satt lesen knnen. Besonders gefiel ihm die Episode von "Araspes und Panthea," die er spterhin zum Stoff einer Dichtung whlte. Die "Denkwrdigkeiten des Sokrates" galten ihm, nach seinem eignen Ausdruck, fr "das Evangelium der Welterlsung." Eine hnliche Richtung, wie sie Xenophon verfolgte, fand Wieland in dem =Spectator=, =Tatler=, =Guardian= und andern englischen Journalen, die ihm damals zufllig in die Hnde geriethen. Philosophische Studien, die er schon frh lieb gewonnen hatte, behielten noch immer einen lebhaften Reiz fr ihn. Unter den Alten war Cicero sein Liebling. Das ernste Studium von Wolfs Schriften und von Bayle's historisch-kritischem Wrterbuche vollendete Wielands philosophische Bildung. In sptern Jahren gestand er, da er "durch eine poetische Manier, in den metaphysischen =terris incognitis= herum zu vagiren," damals von einem System zum andern bergesprungen sei. Von diesem Schwanken befreite ihn einer seiner Lehrer, Rther mit Namen, der sich seiner wahrhaft vterlich annahm. Auch der Conventual Grter machte sich vielfach um seine Geistesbildung verdient. Wielands Flei whrend seines zweijhrigen Aufenthalts in Klosterbergen war musterhaft. Neben seinen philologischen und philosophischen Studien betrieb er mit Eifer sein knftiges Berufsfach, die Theologie. Er fand noch Mue, sich im deutschen Styl zu ben, fr den in den damaligen Lehranstalten wenig gesorgt war. Belehrend waren fr ihn die zahlreichen Beispiele aus alten und neuern Schriftstellen in Breitinger's kritischer Dichtkunst. Auch durch das Lesen mancher kritischer Bltter suchte er sich zu bilden. Er fand darin reichen Stoff zum Vergleichen und Prfen, nachdem er seine eignen poetischen Krfte mehrfach versucht hatte. Obgleich weniger productiv, als frher, hatte Wielands Neigung zur Dichtkunst sich nicht vermindert. Anziehend waren fr ihn, auer Gellert und Hagedorn, besonders Hallers Gedichte durch ihren philosophischen Inhalt und durch die Wrde der Sprache. Verdrngt aber wurden jene Dichter, als Klopstock mit seinem "Messias" hervortrat. Unbeschreiblich war Wielands Enthusiasmus, als er die ersten Gesnge jener Dichtung in den "Neuen Beitrgen zum Vergngen des Verstandes und Witzes" gelesen hatte. Er fand in jenen Gesngen volle Befriedigung fr Geist und Herz, fr seine Religisitt und fr sein poetisches Gefhl. Der Dichtkunst blieb Wieland auch in Erfurt treu. Auf den Wunsch seines Vaters hatte er sich 1749 in die genannte Stadt begeben. Er war damals sechszehn Jahre alt. Den grten Theil der poetischen Versuche, die in jener Zeit entstanden, verwarf Wieland wieder, oder lie sie wenigstens unvollendet. Zu einem ziemlich langen Epos in Hexametern bot ihm die griechische Mythologie den Stoff. Unter solchen Beschftigungen fhrte er auch in Erfurt ein einsames Leben. Der Mangel eines Jugendfreundes nthigte ihn, sich an ltere Personen anzuschlieen, zu denen ihn der Ernst seines Wesens ohnedie hinzog. Einen vterlichen Freund fand er in Erfurt an dem mit seiner Familie verwandten =Dr.= Baumer, der spter eine Professur der Medicin und Chemie in Gieen erhielt, und dort als Hessen-Darmstdtischer Bergrath starb. Seine Kenntnisse in der Philosophie zu berichtigen und zu erweitern, war die Hauptaufgabe, die Wieland in Erfurt sich stellte. Baumer's logische Vorlesungen und ein Privatissimum ber die Wolfische Philosophie gaben seinem Geiste reiche Nahrung. Mit Vergngen erinnerte sich Wieland in sptern Jahren, an den Genu, den ihm Baumer verschafft, als er ihm zur Lectre des Don Quixote verholfen. Aus jenem Roman habe er "die groe allgemeine Naturgeschichte der menschlichen Thorheit und Narrheit" kennen gelernt. Bereichert mit mannigfachen Kenntnissen, kehrte Wieland 1750 nach Biberach zurck. Der Sommer, den er im elterlichen Hause zubrachte, war eine der merkwrdigsten Perioden seines Lebens. In diese Zeit fiel Wielands erste Liebe. Ihr Gegenstand war Sophie v. Gutermann, die Tochter eines Arztes, der mit Wielands Eltern in freundschaftlichen Verhltnissen stand. Nicht durch blhende Schnheit, durch jugendliche Reize fhlte sich Wieland zu Sophien hingezogen. An seinem rein platonischen Liebesverhltni hatte die Sinnlichkeit auch nicht den entferntesten Antheil. Was ihn an Sophien fesselte, war ihre ausgezeichnete Geistesbildung, die sie schon frh durch das Lesen der besten deutschen Schriftsteller erlangt hatte, ihr rastloses Streben nach Erweiterung ihrer Kenntnisse, und ihr glhender Enthusiasmus fr alles Gute, Wahre und Schne. Obgleich nur zwei Jahre lter, als Wieland, bte Sophie doch durch die Festigkeit ihres Charakters und innere Haltung eine seltene Herrschaft ber den jungen Schwrmer aus. An Kenntnissen ihr berlegen, suchte Wieland mit poetischer Begeisterung Sophiens rege Wibegierde zu befriedigen. Diesem Verhltni dankte Wielands erstes gedrucktes Gedicht seinen Ursprung. Auf einem einsamen Spaziergange nach dem St. Martinskirchhofe traf Sophie einst ihren Freund, und ihre Gefhle begegneten sich dort zum ersten Mal in der Begeisterung fr die Schnheiten der Natur. Ein solches Stillleben, meinte Wieland, sei allen geruschvollen Freuden der Welt vorzuziehen. Durch den Umgang mit Sophien, uerte er in einem sptern Briefe, mit Hindeutung auf seinen frhern Skeptizismus, sei er ein ganz anderer Mensch, ein Freund der Tugend und Religion geworden. Unvergelich blieb ihm noch in sptern Jahren ein schner Sommertag, an welchem er mit der Geliebten in den freundlichen Umgebungen von Biberach umhergewandelt, und sich mit ihr von der Bestimmung der Geister und Menschen und von der Wrde der menschlichen Seele unterhalten hatte. Durch eine Predigt seines Vaters ber den Text: Gott ist die Liebe, war er auf dies Thema gefhrt worden. Die Frucht jenes enthusiastischen Gesprchs, das seine Begleiterin bis zu Thrnen rhrte, war Wielands Lehrgedicht: "Die Natur der Dinge oder die vollkommenste Welt." Es ward im Februar 1751 begonnen, im April des genannten Jahres vollendet, und noch im Jahr 1770 zum dritten Mal gedruckt. Mit Schmerz trennte sich Wieland von der Geliebten, die im Herbst 1750 nach Augsburg zurckkehrte, wo ihr Vater, frher in Kaufbeuern ansssig, sich niedergelassen hatte. Noch oft trat in Tbingen, wo Wieland um diese Zeit seine akademische Laufbahn erffnete, Sophiens Bild vor seine Seele. Der Eindruck, den sie auf sein Herz gemacht, war so tief, da die in einem Briefe seines Vaters ausgesprochenen Zweifel an der Bestndigkeit seiner Liebe ihn sehr schmerzten. In seiner schwrmerischen Stimmung kannte er kein hheres Glck, als Sophiens Besitz. Ueber die mannigfachen Schwierigkeiten, die der Erfllung seines Lieblingswunsches entgegen treten konnten, setzte er sich leicht hinweg. Im Geist sah er schon seine brgerliche Existenz begrndet, whrend er noch nicht mit sich einig war ber das Berufsfach, dem er sich widmen wollte. Die Jurisprudenz schreckte ihn durch ihre Trockenheit. Um Theolog zu werden, htte er eine strkere Brust haben mssen. Das Studium der Medicin ward ihm verleidet durch seine unberwindliche Scheu vor todten Krpern, Krankenstuben und Spitlern. Er besuchte in Tbingen fast gar kein Collegium. Die Liebe zur Einsamkeit fesselte ihn an sein Zimmer. Ohne Freunde, ja fast ohne allen Umgang, brtete sein Geist ber der Idee, die schnsten poetischen Blthen, die ihm sein Dichtertalent bieten mchte, zur Verherrlichung seiner Geliebten in einen Kranz zu flechten. So entstand sein frher erwhntes Gedicht: "Die Natur der Dinge oder die vollkommenste Welt." Begeistert von diesem Product, das er spter einer sehr strengen Beurtheilung unterwarf, sandte Wieland sein Gedicht dem Professor Meier in Halle, der damals als philosophischer Kopf und als Kritiker viel galt. Weder seinen Namen, noch seinen Aufenthaltsort erwhnte er in seinem Briefe. Meier hielt einen Adlichen fr den Verfasser des ihm gesandten Gedichts, das er sofort drucken lie, und es mit einer Vorrede begleitete. Noch ehe er das Schicksal seines Werks erfahren, hatte Wieland einen neuen poetischen Plan entworfen. Die fnf ersten Gesnge eines epischen Gedichts, "Hermann" betitelt, sandte er an Bodmer in Zrich, der damals in dem lebhaftesten literarischen Kampfe mit Gottsched und seinen Anhngern verwickelt war. Bodmer nahm die ihm gesandte Probe gnstig auf, vielleicht schon deshalb, weil Wieland in jugendlicher Begeistrung seine Parthei ergriffen hatte. Er trat mit dem jungen Autor in einen fortgesetzten Briefwechsel. In einer anmuthigen Sommerwohnung, spterhin das Wielandshuschen genannt, auf einem Weinberge unweit Tbingen, diesseits des Neckars gelegen, lebte Wieland damals dem Genu der Natur, einsamen Studien und mancherlei poetischen Versuchen, von allem Umgang entfernt, in fast gnzlicher Abgeschiedenheit. Seine Geistesrichtung und Empfindungsweise schilderte er in einem damaligen Briefe mit den Worten: "Ich habe von der Dichtkunst keinen kleinern Begriff, als da sie die Sngerin Gottes, seiner Werke und der Tugend seyn soll. Inzwischen gefallen mir doch auch die Aeuerungen jugendlicher Freude, wenn sie unschuldig ist, und Gleim und Hagedorn haben mich oft ergtzt." In wechselnder Stimmung war Wieland jedoch auch den unschuldigsten Scherzen so abgeneigt, da er die genannten Dichter eines strflichen Leichtsinns beschuldigte. Der Ernst seiner Natur zog ihn zu den englischen Poeten, zu Milton, Pope, Addison, Young, Thomson u.A. "Den Franzosen," schrieb Wieland, "bin ich, ihres flchtigen und affenmigen Charakters wegen, recht gram, und noch mehr den Deutschen, die ihren Geist lieber nach diesen lcherlichen Geschpfen bilden wollen, als nach den denkenden, mnnlich schnen und zuweilen himmlischen Britten." Aus einer schwrmerischen Ueberspannung seines Geistes ging Wielands Streben hervor, die Irreligiositt und den Leichtsinn zu bekmpfen. Er wollte der Welt zeigen, da das Schne im cht platonischen Sinne mit dem Guten einerlei sei. Auf keinen Dichter seiner Zeit lenkte sich Wielands Aufmerksamkeit entschiedener, als auf Klopstock. Von der enthusiastischen Verehrung jenes Sngers zeugten mehrere damalige Briefe Wielands. Ein Nachahmer Klopstocks ward er nicht, ungeachtet es in seiner Natur lag, leicht etwas anzunehmen von der Manier der Schriftsteller, die seinem Geschmack besonders zusagten. Wielands "Lobgesang auf die Liebe", und ein Gedicht, "der Frhling" berschrieben, zeigten unverkennbar den Einflu, den Kleist auf sein poetisches Talent gehabt hatte. Er machte keinen Versuch, den Snger der Messiade auf dem khnen Fluge seiner Phantasie zu begleiten. Nur als Mensch wollte er ihm gleichen. Ihn beseelte ein gewisser moralischer Stolz, der noch genhrt ward durch die Vergleichung des gewhnlichen Lebens und Treibens der Menschen mit den erhabenen Mustern von Tugend und Seelengre, die ihm ltere und neuere Schriftsteller vor Augen stellten. Mit Enthusiasmus hatte er als Knabe, wie frher erwhnt, den Cornelius Nepos gelesen. Noch hher begeisterte ihn als Jngling die Schilderung jeder edlen That, whrend er sich von schlechten Handlungen mit Abscheu hinweg wandte. Auch in der Poesie, wie im Leben, blieb ihm ein lebendiges Gefhl fr das Reinsittliche. Den philosophischen und moralischen Gedichten gab er vor allen andern den Vorzug. Er schrieb darber unter andern: "Ich schtze die heroischen Gedichte sehr hoch; aber ich berlasse es grern Geistern, darin gro zu seyn oder sich darin zu versuchen. Ich begnge mich, die wenigen Nebenstunden, die mir meine Muse gleichsam entwendet, dazu zu benutzen, in philosophischen und moralischen Gedichten, und also in Absicht der Dichtkunst in einer kleinen Sphre, die liebenswrdige Tugend zu preisen." Unter den Gedichten Wielands, die whrend seines Aufenthalts in Tbingen entstanden, war der "Anti-Ovid", im Sommer 1752 verfat, nicht blos gegen den Leichtsinn der Rmer, sondern auch der Franzosen gerichtet. Die Liebe begeisterte ihn, in diesem Lehrgedicht einen Gegenstand zu whlen, dem er, wie er in sptern Jahren gestand, damals kaum gewachsen war, da es ihm in seiner Einsamkeit, umgeben von seinen Bchern, an der nthigen Menschenkenntni fehlte, die er nur aus der Beobachtung der Lebensverhltnisse schpfen konnte. Einige Monate frher, als der "Anti-Ovid", im Mai 1752, entstanden Wielands "moralische Erzhlungen." Bereits am Schlu des Jahres 1751 hatte er seine "moralischen Briefe" herausgegeben. Von seinen bisherigen Gedichten unterschieden sich die hier genannten weniger durch ihren Gehalt, als durch die Form. Fr die "moralischen Briefe" hatte Wieland Alexandriner, fr die "moralischen Erzhlungen" reimlose Jamben gewhlt, und fr den "Anti-Ovid" ein freies Versma in wiederkehrenden Reimen. Unter solchen Beschftigungen lebte Wieland weniger in der wirklichen Welt, als in dem Reich der Ideale, das ihm seine Phantasie vorzauberte. Seine Zukunft schien ihn wenig zu kmmern. In einer Art von Selbstcharakteristik, die er noch whrend seines Aufenthalts in Tbingen in einem Briefe an seine geliebte Sophie entwarf, gestand er, trotz seiner mannigfachen Fehler, sich "ein gutes Herz und einigen Geist" zu, dabei glaubte er mit Wahrheit versichern zu knnen, da es "sein Geist gewesen, der sein Herz zu einem so guten gemacht habe." Im Juni 1752 war Wieland aus Tbingen wieder in das elterliche Haus nach Biberach zurckgekehrt. Lebhaft misbilligte sein Vater die Art und Weise, wie er bisher seine Studien betrieben hatte. Ueber dem Versemachen hatte er seinen knftigen Beruf fast gnzlich aus den Augen verloren. Einer sogenannten Brodwissenschaft sich zu widmen, war ihm gar nicht in den Sinn gekommen. Sehr abgeneigt war er daher dem vterlichen Plan, sich in Gttingen der Laufbahn eines akademischen Docenten zu widmen. Wieland meinte, da er dazu, wie zu manchem Andern, gar nicht passe. Er hoffte wohl noch einen Wirkungskreis zu finden, der mit seinen Fhigkeiten und Neigungen mehr harmonirte. Einer Lehrstelle an einem Gymnasium glaubte er gewachsen zu seyn. Sein sehnlichster Wunsch war eine Professur an dem Carolinum zu Braunschweig, besonders deshalb, weil er dadurch mit Grtner, Ebert, Zachari u.a. talentvollen Mnnern, die in dem genannten Institut Lehrstellen bekleideten, in nhere Berhrung zu kommen hoffte. Zur Erfllung seines Lieblingswunsches zeigte sich jedoch keine Aussicht. Von dem peinlichen Gefhl, seinen Eltern durch weitere Untersttzung beschwerlich zu fallen, ward Wieland befreit durch eine Einladung Bodmer's, zu ihm nach Zrich zu kommen. Er hatte den jungen Autor, nach den poetischen Versuchen, die ihm Wieland gesendet, sehr liebgewonnen. Gegen die Reise nach der Schweiz, die im Herbst 1752 angetreten werden sollte, hatte Wielands Vater nichts einzuwenden. Er glaubte vielmehr, da eine solche Entfernung seinen Sohn in mannigfacher Hinsicht heilsam seyn mchte, besonders auch in Bezug auf seine Herzensangelegenheit, von der er sich keinen sonderlichen Ausgang versprach. Wieland aber wollte Biberach nicht verlassen, ohne seine geliebte Sophie noch einmal gesehen zu haben. Manche Umstnde traten ein, die seine Hoffnung von einer Zeit zur andern verzgerten. Er versank darber, wie er sich in einem seiner Briefe uerte, "in einen Zustand von Unthtigkeit und Verdrielichkeit, der ihm oft zur Last ward." Eine Beurtheilung von Bodmer's "Noachide" half ihm die langweilige Zeit einigermaen verkrzen. Genureiche Tage versprach sich Wieland von dem Leben in Zrich. Da er seine dortigen Freunde nicht so bald wieder verlassen wollte, so wnschte er in der Schweiz durch eine Hofmeisterstelle sich die Mittel zu seiner Subsistenz zu sichern. Noch eh' er nach Zrich abgereist war, wandte er sich deshalb schriftlich an Bodmer's Freund, den Rathsherrn Schinz, und bat ihn um seinen Rath. In Bodmer's anmuthig gelegener Wohnung, wo er am 13. October 1752 eintraf, fand er einen freundlichen Empfang. Ehrfurcht, Liebe und Dankbarkeit fesselten ihn bald an den Mann, der durch Mittheilung seiner literarischen Schtze und durch seine belehrenden Gesprche sehr gnstig auf Wieland einwirkte. Mit seiner Denk- und Empfindungsweise harmonirte Bodmer's einfaches Leben, seine Zurckgezogenheit von der Welt und die Neigung zu literarischen Beschftigungen. Auch nachdem sie lngere Zeit zusammen gelebt, trat in ihrem freundschaftlichen Verhltni keine wesentliche Strung ein. Noch in sptern Jahren nannte Wieland jene Periode die glcklichste seines Lebens. In so heiterer Stimmung vollendete er seine schon zu Biberach angefangene "Abhandlung von den Schnheiten des epischen Gedichts Noah", das sein vterlicher Freund Bodmer verfat hatte. Bodmer lie jene Abhandlung 1753 zu Zrich drucken, und bald nachher auch ein von Wieland verfates "Schreiben ber die Wrde und Bestimmung eines schnen Geistes." Auch zur Poesie kehrte Wieland in Zrich wieder zurck. Auf Bodmers Vorschlag schrieb er ein kleines Epos, "die Prfung Abrahams" betitelt. Zu seinen damals gedichteten "Briefen Verstorbener an ihre noch lebenden Freunde" hatte er sich durch das von der englischen Dichterin Elisabeth Rowe herausgegebene Werk: ="Friendship in death"= veranlat gefunden. Noch immer trug sich Wieland mit dem Gedanken, seine geliebte Sophie einst ganz die Seinige nennen zu knnen. Da die Schwierigkeiten, zu ihrem Besitz zu gelangen, sich noch gehuft hatten, ahnte er nicht. Versunken in seine poetischen Trume, fhlte er sich tief erschttert durch einen Brief, in welchem Sophie ihr bisheriges Verhltni zu ihm fr aufgelst erklrte. Dies Schreiben, das er zu Anfang des December 1753 erhielt, meldete ihm zugleich Sophiens Vermhlung mit dem Churmainzischen Hofrath de la Roche. Diesem geistreichen und allgemein geachteten Manne hatte sie aus Gehorsam gegen ihre Eltern ihre Hand gereicht, und die Stimme ihres Herzens, die noch immer fr Wieland sprach, wenig beachtet. Die innige Theilnahme seiner Freunde mute ihm dies harte Schicksal ertragen helfen. Mit grerer Selbstberwindung, als sich von seiner reizbaren Gemthsart erwarten lie, billigte er in einem Briefe an die Geliebte ihren Entschlu, und wnschte ihr aufrichtig Glck zu ihrer Verbindung. Oft aber kehrte ihm noch die Klage um den Verlust seiner Sophie wieder. Auf ihren dereinstigen Besitz mochte er wohl mitgerechnet haben, als er einen Plan entwarf zur Errichtung einer Privaterziehungsanstalt, oder, wie er sie selbst nannte, einer "Akademie zur Bildung des Verstandes und Herzens junger Leute." Durch das peinliche Gefhl, als Bodmer's Haus- und Tischgenosse seinem Gnner noch lnger zur Last zu fallen, ward Wieland bewogen, 1754 bei einem Herrn v. Grebel in Zrich eine Hauslehrerstelle anzunehmen. Weder die ausgezeichnete Achtung, die er in seinem neuen Verhltni geno, noch die groe Rcksicht, die man auf seine kleinen Eigenheiten nahm, konnte in ihm den Schmerz um den Verlust seiner Geliebten mildern. Er sah sich in seinen schnsten Hoffnungen getuscht, und versank in einen Trbsinn, den nichts zu erheitern vermochte. In dieser Stimmung nahm er seine Zuflucht zu philosophischen Studien. Mit groer Anstrengung las er fast Tag und Nacht in Plato's Werken. Auch die Schriften mehrerer Mystiker und die Lebensbeschreibungen von Heiligen gehrten zu Wielands damaliger Lectre. Dadurch neigte er sich zu einer immer strengern Ascetik hin. In solcher Stimmung schrieb er einem Freunde: "So einsiedlerisch ich hier Vielen scheine, bin ich es doch noch lange nicht so, wie ich es gern seyn mchte. Melden Sie mir doch, ob es keine Wste in Ihrer Gegend giebt. Ich habe schon seit manchen Jahren groe Lust, ein Eremit zu werden; denn ich versichre Sie im Ernst, da ich der Thorheiten der Welt und meiner eigenen herzlich mde bin." Wieland hatte damals alle Anlage, ein religiser Schwrmer zu werden. Die Lectre von Youngs Nachtgedanken und von Klopstocks Mesias war geeignet, jene Stimmung zu unterhalten, und ihn ber die Grenzen eines ruhigen Forschens weit hinaus zu fhren. Sein Eifer fr Glauben und Frmmigkeit kannte kein Maa und Ziel, und Toleranz war ihm ein vllig fremder Begriff. Ueber Ovid, Anakreon, Tibull und mehrere franzsische und englische Dichter, besonders aber Chaulien, Gay und Prior, sprach er in seinen 1754 herausgegebenen "Sympathien" ffentlich ein Verdammungsurtheil aus. Auf hnliche Weise eiferte Wieland in den 1755 geschriebenen "Empfindungen eines Christen" gegen die "schwrmerischen Anbeter des Bacchus und der Venus." Den Oberconsistorialrath Sack in Berlin, dem er dies Werk zugeeignet hatte, forderte er dringend auf, "das Aergerni zu rgen, das jene leichtsinnigen Witzlinge angerichtet." Ein milderer Ton, doch eine eigentmliche mystische Richtung war vorherrschend in mehrern "Hymnen" Wielands, von denen er spter nur den "Hymnus auf Gott" in seine Werke aufnahm. Mit seinen "Erinnerungen an eine Freundin" dem Inhalt nach verwandt war Wielands "Timoklea", eine Frucht seiner philosophischen Studien, besonders der Lectre des Plato und Shaftsbury. Wieland's "Platonische Betrachtungen ber den Menschen" dankten ebenfalls jenen Studien ihren Ursprung. In diesen Schriften sowohl, als in zwei Aufstzen, die er selbst als "Visionen" bezeichnete, in dem "Gesicht des Mirza" und in dem "Gesicht von einer Welt unschuldiger Menschen" sprach Wieland mit ergreifender Wrme von der Tugend, Schnheit und Liebe im edelsten Sinne des Worts. In seiner "Ankndigung einer Dunciade fr die Deutschen" unternahm er einen kritischen Feldzug gegen Gottsched, den damaligen Tonangeber des sthetischen Geschmacks und gegen seine Anhnger. Aus der leidenschaftlichen Reizbarkeit seiner Natur versank er wieder in eine Art von Abspannung des Geistes, die mitunter einen sehr hohen Grad erreichte. "Ich verschlummere", schrieb er 1756 einem Freunde, "wider meinen Willen einen groen Theil meiner Existenz. Ich fhle, da mein Leib immer schwcher wird, und da sowohl meine sehr blden Augen, als mein Gehirn dem denkenden Wesen oft versagen. Zuweilen wnsche ich, da ich ein halbes Dutzend munterer Seelen htte, die der meinigen subordinirt wren, und die alles das nach meinem Sinne ausfhrten, was ich nicht kann. Dergleichen Wnsche sind fast alles, was mir von meiner ehemaligen jugendlichen Lebhaftigkeit brig geblieben ist." Seinem Trbsinn ward Wieland entrissen, als er seinen bisher auf Bodmer und dessen Freunde beschrnkten Umgang allmlig erweiterte. Geneigter als bisher ward er wieder den Freuden des geselligen Lebens. Auer dem bekannten Fabeldichter Meyer von Knonau, gehrten Gener, der Verfasser der Idyllen, spterhin auch Zimmermann, der Autor des berhmten Buches ber die Einsamkeit, zu Wielands vertrautesten Freunden. Mit Frauenzimmern verkehrte er wenig; er war sogar ihrem Umgange vllig abgeneigt. Seine geliebte Sophie hatte ihn verwhnt, an das weibliche Geschlecht Ansprche zu machen, die nicht jedes Mdchen erfllen konnte. In einer Art von Selbstcharakteristik meinte Wieland, sein Herz, trotz allen seinen Fehlern, sei doch noch das Beste an ihm. An Zimmermann schrieb er darber: "Sie drfen viel Gutes von meinem Herzen denken, ohne sich zu betrgen. Was Sie mein Genie nennen, sind sehr reizbare Fibern und eine daraus entspringende Lebhaftigkeit der Empfindungen, Imagination, Activitt, Khnheit, Neigung zum Wunderbaren, zum Ausschweifenden u. dergl. Verdient das, da ich mich hochachte, oder da ich mir selbst etwas darauf einbilde? Gewi nicht! Aber dafr danke ich Gott, da ich von Jugend an die Wahrheit geliebt, und fr das, was gut, recht und moralisch schn ist, sehr empfindsam gewesen. Dieses ist fr mich sehr glcklich, aber da ich es mit vielen Tausenden gemein habe, so ist es nichts Vorzgliches. Da ich hypochondrisch bin, begreife ich. Schwach bin ich in der That, aber noch voll Leben. Ich liebe mehr die Aussichten in ein anderes, als in dieses Leben. Hier bin ich nur =par devoir=, nicht =par inclination=." Diese trbe Lebensansicht kehrte ihm noch oft wieder. Erst gereiftere Jahre, grere Erfahrung und eine grndlichere Welt- und Menschenkenntni bewirkten eine merkwrdige Vernderung in Wielands Wesen. Er schien heiterer gestimmt. Seine Weiberscheu hatte sich verloren, und dem Platonismus in der Liebe huldigte er nicht mehr so unbedingt als frher. Auch sein hartes und unbilliges Urtheil ber mehrere alte und neuere Dichter nahm er zurck. Auf seine eigenen literarischen Erzeugnisse hatte jene Sinnesnderung den wohlthtigsten Einflu. Er beurtheilte seine Arbeiten mit nachsichtsloser Strenge. Seinen Roman "Araspes und Panthea", zu welchem ihm eine Erzhlung Xenophon's den Stoff dargeboten hatte, nannte er in einem seiner damaligen Briefe "eine unreife und unvollendete Geburt." Entschiedenen Antheil nahm er an der deutschen Bhne. Fleiig wohnte er den theatralischen Vorstellungen der Ackermannschen Schauspielertruppe bei, die damals (1757) durch die Drangsale des siebenjhrigen Krieges aus Deutschland vertrieben, lngere Zeit in der Schweiz und namentlich in Zrich sich aufhielt. In seinem Trauerspiel "Johanna Gray" machte Wieland den ersten dramatischen Versuch. Statt der Alexandriner, des bisher allgemein blichen Versmaes, whlte er die fnffigen Jamben fr seine Tragdie. Sie ward am 20. Juli 1758 zum erstenmal in Winterthur, und spter auch an andern Orten nicht ohne Beifall aufgefhrt. Auch in andern Gattungen der Poesie versuchte sich Wieland damals. Viel versprach er sich besonders von einem epischen Gedicht, zu welchem ihm einer seiner Lieblingsschriftsteller, Zachari in Braunschweig, den Stoff dargeboten hatte, whrend ihm bei dem Entwurf seines Ideals vielleicht Friedrich II. vorschwebte, der damals im Kampfe mit ganz Europa durch Gre des Geistes und die glnzendsten Eigenschaften selbst seinen Feinden Bewundrung abnthigte. Sein "Cyrus", wie das von Wieland beabsichtigte Gedicht hie, sollte auf achtzehn Gesnge ausgedehnt werden. Auch seinen vertrautesten Freunden hatte Wieland seinen Plan verschwiegen. Als er jedoch zu Anfange des Jahrs 1758 die Ausfhrung seiner poetischen Idee begann, stie er auf mancherlei Schwierigkeiten, und frchtete sich an ein Unternehmen gewagt zu haben, dem er nicht gewachsen war. In einem seiner damaligen Briefe meinte Wieland, "er stehe zu tief unter einem Helden, um ihn wrdig darstellen zu knnen." Selbst der Styl und die Versification kosteten ihm, nach seinem eignen Gestndni, unsgliche Mhe. Er fhlte, da er bisher mehr in dem Reiche seiner Ideen, als in der wirklichen Welt gelebt. Ein grndliches Studium der Geschichte und Politik hielt er fr unerllich, um seinem Werke den hchsten Grad von Vollendung zu geben. Fleiig studirte er Macchiavelli's und Montesquieu's Werke. Auch die Lectre von Plato's Republik beschftigte ihn. Das Resultat dieser Studien war Wieland's erste politische Schrift: "Gedanken ber den patriotischen Traum, die Eidgenossenschaft zu verjngen." Diese Schrift erschien, whrend Wieland sich noch fleiig mit seinem "Cyrus" beschftigte. Eine neu aufkeimende Idee drohte dies Epos zu unterbrechen. Durch Lucian und Swift begeistert, entwarf Wieland den Plan zu einem satyrischen Roman. Unter dem Titel: "Lucian's des Jngern wahrhafte Geschichten", wollte er in diesem, auf drei Bnde berechneten Werke zwei Republiken, einen Staat verstndiger Bienen, die seltsame Regierung, Sitten und Gebruche eines Volks, Pagoden genannt, und hnliche wunderbare Dinge schildern. Die Ausfhrung dieser Idee unterblieb. Von seinem "Cyrus" hatte er indessen die ersten fnf Gesnge beinahe vollendet, und bei grerer Gemthsruhe wrde dies Werk noch rascher fortgeschritten seyn. Was ihn sehr bekmmerte, war die Sorge um seine fernere Subsistenz in Zrich. Seine bisherigen Zglinge hatten anderweitige Bestimmungen erhalten, und Wieland mute daher an seine eigene Zukunft denken. Eine Zeit lang beschftigte ihn die Idee der Herausgabe einer Wochenschrift, von deren Ertrag er in Zrich leben zu knnen hoffte. In einem seiner damaligen Briefe uerte Wieland: er wolle alle seine Krfte zusammennehmen, um jener periodischen Schrift die hchste Vollkommenheit zu geben. Aber seine schnsten Stunden, meinte er, gehrten doch dem "Cyrus". Um sich in ungestrter Einsamkeit mit diesem Gedicht beschftigen zu knnen, kam er auf den Gedanken, sich wieder in seine Heimath zu begeben. Einen bestimmten Lebensplan schien er an die Rckkehr in das elterliche Haus nicht geknpft zu haben. Der Wunsch, einige Jahre in vlliger Mue und Unabhngigkeit zu leben, machte ihn gleichgltig gegen mehrere zum Theil vortheilhafte Antrge zu auswrtigen Lehrstellen. Lngere Zeit schwankte Wieland, ob er sich nach Marseille begeben sollte, um dort in der sehr angesehenen Familie Semandi Unterricht zu ertheilen. Seine Unentschlossenheit ward vermehrt durch einen Antrag Zimmermanns, der ihn dem Rathsherrn v. Sinner in Bern zum Erzieher seines einzigen Sohnes empfohlen hatte. Sein Empfang in Bern, wohin er sich am 13. Juni 1759 begab, bertraf in jeder Hinsicht seine Erwartungen. Gleichwohl behagte ihm das neue Verhltni, in das er getreten war, nicht lange. Er liebte zu sehr die Einsamkeit, um fr sie Ersatz zu finden in den Gesellschaftskreisen, in die er wider seinen Willen hineingezogen ward. Unmuthig uerte er sich darber in mehreren Briefen. Aber auch seine Lehrerstelle behagte ihm nicht. Zum Unterricht, besonders in den ersten Elementen, schien ein Geist nicht geschaffen, der, wie Wieland selbst uerte, "den Cyrus denken, und mit Shaftsbury, Diderot und Rousseau wetteifern wollte." Bereits nach einem Vierteljahre, im September 1759, gab er seine Hauslehrerstelle wieder auf. Eine Art von Erwerbsquelle erffnete sich Wieland durch philosophische Vorlesungen, die er "gegen ein jhrliches Honorar von 200 Kronen" einigen Jnglingen aus angesehenen Familien hielt. Er hatte an Freiheit und an Zeit viel gewonnen, da jene Vorlesungen ihm tglich nur zwei Stunden raubten. Demungeachtet rckte sein mehrfach erwhntes Epos, der "Cyrus" nur langsam fort. Entmuthigt durch den geringen Beifall, den die von ihm mitgetheilten Proben fanden, entwarf er den Plan zu einem philosophischen Gedicht ber den Landbau. Die Ausfhrung unterblieb jedoch. Das einzige Product, das er whrend seines Aufenthalts in Bern vollendete, war sein mit groem Beifall aufgefhrtes Trauerspiel "Clementine von Porretta." Aus seinem Lieblingsschriftsteller Richardson hatte Wieland den Stoff zu dieser Tragdie geschpft. Ein Held, wie Grandison, mute ihn vor vielen andern interessiren zu einer Zeit, wo ihn das Gefhl einer Liebe ergriffen hatte, die eben so platonisch, als jemals, und nicht minder schwrmerisch war. Eine reizende Bernerin, Mariane Fels, war lngst schon die Knigin seines Herzens, als Julie Bondeli, die Tochter eines Diakonus in Bern, ihr den Sieg streitig machte. Julie war, glaubwrdigen Zeugnissen und ihrem noch erhaltenen Portrait in Lavater's Physiognomik zufolge, eine der hlichsten ihres Geschlechts. Was die Natur ihr inde an Reizen versagt, hatte sie ihr durch Geistesgaben reichlich vergtet. Die gelehrtesten Mnner ihrer Zeit erkannten dies, und standen mit ihr in Briefwechsel. Das Gercht sagte von ihr, da sie mehr gelesen und studirt, als irgend ein Frauenzimmer, und mit ausgebreiteten Kenntnissen in den verschiedenartigsten wissenschaftlichen Fchern ein sehr richtiges Urtheil verbinde. Darin fhlte sich Wieland nicht getuscht, als ihn die Neugier trieb, sie kennen zu lernen. Von dem begeisternden Eindruck, den Julie auf ihn machte, gab er in mehreren Briefen Rechenschaft. "Nie hab' ich," schrieb er unter andern, "ein Frauenzimmer gesehen, das bei einer auerordentlichen Gleichheit der Gemthsart, bei dem heitersten Humor und der grten moralischen Simplicitt, die nur in ihrem Alter mglich scheint, mehr Lebhaftigkeit und unerschpfliche Resourcen im Umgange gehabt htte, als sie. In diesen Stcken ist Sophie noch weiter hinter ihr, als Julie in Absicht der Schnheit hinter Sophie'n ist. Der aufgeklrteste Geist, den ich je an einem Frauenzimmer gesehen habe, und ein Herz, das der edelsten Freundschaft wrdig ist." In einem sptern Briefe gestand Wieland, da Julie weder eine Idee, noch Empfindung von der Liebe zu haben scheine, die in Romanen und Tragdien herrsche. Sie wolle Freunde haben, sie halte die Freundschaft fr eine vernnftige und bestndige Liebe, und weil sie nicht anders geliebt seyn wolle, so hasse sie alles, was den Schein einer berspannten, fanatischen Leidenschaft trage. "Ich selbst," schrieb Wieland, "bin, wie ich glaube, in Absicht der Liebe der Einzige in meiner Art, und ich bin stolz genug zu glauben, da meine Art zu lieben der Liebe der Geister wirklich so nahe kommt, als es unter dem Monde mglich ist. Ich liebe alle wahrhaft tugendhaften Frauen eben so sehr, wie ich die Tugend lieben wrde, wenn sie sichtbar wre. Das sind keine Grosprechereien. Wenn die Weisheit, die Tugend, die moralische Venus, eine weibliche Gestalt annimmt, so mu freilich der Instinct, der uns zu diesen lieblichen Geschpfen zieht, sich unter die reine geistige Liebe mischen, die unserem Geiste fr das wahre Schne, Gute und Erhabene natrlich ist. Aber darin besteht mein Privilegium, da, wenn mein Gegenstand eine Julie ist (aber nicht eine Julie wie die Tochter des Augustus), die Liebe der Engel sich natrlicher und ungezwungener Weise zu der thierischen verhlt, wie eine Weltkugel zu einem Sonnenstaube." Diesem Briefe fgte Wieland noch die charakteristische Aeuerung bei: "Wir sind bereingekommen, da jedes das Andere nach seiner eigenen, ihm natrlichen Weise, ohne den mindesten Zwang lieben solle -- ich mit Enthusiasmus, weil meine Natur es so mit sich bringt, sie ohne Enthusiasmus, aus gleichem Grunde. Ich weissagte ihr, sie wrde noch so gut Enthusiast werden, als ich; sie zweifelte und sagte, sie wnsche es, um mich glcklich machen zu knnen." Lebhaft beschftigte sich Wieland oft mit dem Gedanken an eine eheliche Verbindung. Er gestand, alles in der Welt, was nicht mit den Grundstzen der Rechtlichkeit streite, unbedenklich thun zu wollen, wenn er dadurch zu Juliens Besitz gelangen knnte. "Sie wrde," schrieb er, "mich unaussprechlich glcklich machen. Aber ich sehe keine Mglichkeit. Ich mte auf eine sehr anstndige und vorteilhafte Art etablirt seyn, wenn ich berechtigt seyn sollte, eine solche Prtension zu machen, und bisher ist kein Anschein zu einem solchen Etablissement." Worauf sich Wielands Wnsche beschrnkten, schilderte er in einem seiner damaligen Briefe mit den Worten: "Ich bin nicht fr das gemacht, was man Welt nennt. Alle ihre Ergtzlichkeiten sind innere Plagen fr mich, obgleich ich aus Gewohnheit daran Antheil nehme und vergngt dabei scheine. Freiheit, Mue, Einsamkeit, ein Freund und eine Freundin bei mir -- das ist die Situation, nach der mich drstet, und zu der ich nie gelangen werde." Das Stdtchen Zopfingen, im Kanton Bern gelegen, hielten Wielands Freunde fr den passendsten Ort, um, wie er damals willens war, eine mit einer Buchdruckerei verbundene Buchhandlung zu errichten. Whrend er sich auf diese Weise einen anstndigen Unterhalt zu verschaffen hoffte, wollte er zugleich auf die Bildung seiner Zeitgenossen krftig einwirken durch interessante Verlagsartikel, zu denen er vorzglich Uebersetzungen der Classiker, des Virgil, Horaz, Xenophon, Theokrit u.a. seiner Liebligsschriftsteller rechnete. Auch durch einzelne Stcke aus der Philosophie und schnen Literatur hoffte er das Interesse des Publikums zu fesseln. Die bessern Kpfe Deutschlands fr eine periodische Schrift zu gewinnen, war ein Gedanke, der, schon frher entstanden, wieder in ihm auftauchte. Wieland wollte in jenem Journal unter andern ein Gemlde des Menschen entwerfen, nach den verschiedenen Nancen, die er durch das Klima, die Religion, Staatseinrichtung u.s.w. erhalte; er wollte zeigen, da der Mensch gebildet werden msse, und da die meisten Gesetzgeber und Moralisten sich bisher auf diese Kunst nicht gar zu wohl verstanden htten. Auch Biographieen und Charakteristiken ausgezeichneter Mnner des Alterthums sollten in seinem Journal einen Platz finden. Mehrere Aufstze, die er fr seine Zeitschrift bestimmt, hatte Wieland theils ausgearbeitet, theils den Plan dazu entworfen, als ein Brief seiner Mutter ihn mit der Nachricht einer bestimmten Anstellung zu Biberach berraschte. Seiner Vaterstadt, von der er acht Jahre getrennt gewesen, in dem ihm angewiesenen Wirkungskreis so viel als mglich zu ntzen, war der feste Entschlu, mit welchem Wieland am 20. Mrz 1760 die Schweiz und seine dortigen Freunde verlie, in dankbarer Rckerinnerung an die frohen Jahre, die er in ihrer Mitte verlebt hatte. Schmerzlich war ihm vor allen der Abschied von Julie Bondeli. Nur die Hoffnung ihres Besitzes konnte ihn trsten. Mit nicht zu grellen Farben hatte Wieland, noch vor seiner Abreise aus der Schweiz, einigen seiner Freunde die Verhltnisse geschildert, die ihn in seiner Vaterstadt erwarteten. Zum ersten Male mute er, so fremd dies auch seiner Natur war, eine Rolle spielen in den mannigfachen politischen Intriguen, welche die Wahl eines Brgermeisters in Biberach herbeifhrte. Wieland hatte dort die ziemlich eintrgliche Stelle eines Kanzleidirectors erhalten. Abgesehen davon, da dies Amt seinen Neigungen durchaus nicht entsprach, frchtete er bereits nach zwei Jahren jene Stelle wieder zu verlieren durch einen langwierigen Proze zwischen den evangelischen und katholischen Rathsmitgliedern seiner Vaterstadt. Von dem Wankelmuth seiner Freunde und Gnner machte Wieland die trbsten Erfahrungen. Mehrere seiner damaligen Briefe enthielten rhrende Gestndnisse seiner unsichern Lage und seiner durch heftige Gemtsbewegungen sehr erschtterten Gesundheit. Mit Schmerz ergriff ihn der oft wiederkehrende Gedanke, was er in einer andern Stellung, in Verhltnissen, die den Musen gnstiger wren, htte leisten knnen. In einem Briefe vom 16. Mrz 1763 uerte Wieland: "Ich mchte zuweilen eine Satyre wider die beste Welt schreiben, wenn ich mir vorstelle, da kein anderer Platz in der Welt fr mich seyn soll, als eine Stadtschreiber-, Consulenten- und Rathsherrnstelle in diesem kleinen schwbischen Reichsstdtchen. Denn es ist noch nicht entschieden, welche von diesen drei Personen, die sich ungefhr gleich gut fr mich schicken, ich noch werde vorstellen mssen." In so trauriger Lage trat oft die Erinnerung an die Vergangenheit und an seinen Aufenthalt in der Schweiz vor Wielands Seele. Rastlos sann er auf Mittel, sich aus Verhltnissen zu befreien, die seinen Neigungen so wenig entsprachen, und ihm unsglichen Verdru bereiteten. Mitunter kam ihm die Idee, um eine Professur an einem Gymnasium in Berlin, Breslau, Gotha oder andern bedeutenden Orten sich zu bewerben. Die Einknfte einer solchen Stelle, meinte Wieland, wren zwar gering, aber dafr sei ihm desto mehr Mue gegnnt, und er knne arbeiten, was er wollte. Selbst die sprliche Zeit, die ihm in Biberach seine Amtsgeschfte gnnten, konnte er nicht so ntzlich, als er wohl gewnscht hatte, fr sich verwenden. Ueberall stie er auf Hindernisse, die sich seiner hhern Ausbildung entgegenstellten. Am schmerzlichsten fhlte er in seiner Vaterstadt den Mangel einer bedeutenden Bibliothek. "Hier gehen meine Talente fr das Publikum verloren," klagte Wieland in einem Briefe an Zimmermann. "Unter solchen Zerstreuungen, bei einem solchen Amte, ohne Aufmunterung, was kann ich da thun? Wenn ich auch Zeit und Gemthsruhe und Muth genug htte, etwas zu unternehmen, so verbietet mir der einzige Umstand, da wir keine Bibliotheken haben, alle Unternehmungen von Wichtigkeit. Ich bin genthigt, immer aus mir selbst herauszuspinnen. Es sind schon viele Jahre her, da ich mit einer philosophischen Geschichte nach einem besondern Plan schwanger gehe. Die Art, wie ich nunmehr ein solches Werk ausfhren wrde, drfte es zu einem ntzlichen und angenehmen, vielleicht unentbehrlichen Buche machen. Ohne eine Bibliothek von den vollstndigsten und kostbarsten Bchern zur Hand zu haben, ist an ein solches Werk nicht zu denken. Sollte es nicht Schade seyn, da es nur darum unterbleiben soll, weil ich zu Biberach und nicht in Berlin oder an einem andern Orte bin, wo eine ffentliche Bchersammlung mir die Folianten und Quartanten darbietet, die man bei einer solchen Arbeit alle Augenblicke zum Nachschlagen braucht?" Unter solchen Umstnden blieb ihm kein Trost, als zu seinen trocknen und verdrielichen Amtsarbeiten wieder zurckzukehren. Er unterzog sich diesen Arbeiten mit einer seltenen Ausdauer und Gewandtheit, die jedoch keine andere Folge fr ihn hatte, als da seine erprobte Thtigkeit noch mehr und fast bermig in Anspruch genommen ward. Oft fand ihn die Mitternacht noch an seinem Schreibtisch, wo er den Concipienten und den Copisten in Einer Person vorstellen mute, als sich die Arbeiten huften. Dies war vorzglich 1764 der Fall, wo der frher erwhnte Proce durch zwei kaiserliche Commissarien, die aus Wien nach Biberach gekommen waren, gtlich ausgeglichen ward. Den Gedanken an eine eheliche Verbindung mit Julie Bondeli hatte Wieland aufgegeben. Beide schienen sich in dem, was sie eigentlich fr einander fhlten, getuscht zu haben. In ihrem Verhltnisse war eine Spannung eingetreten, welche Juliens Eifersucht veranlat, und Wielands Reizbarkeit bis zu einem so hohen Grade gesteigert hatte, da ein vlliger Bruch fast unvermeidlich schien. In einem Briefe an Zimmermann rechtfertigte sich Wieland gegen allerlei Beschuldigungen, die, wie er uerte, "nur durch Niedrigkeit und Bosheit ihm htten angedichtet werden knnen." Ungeachtet mancher sehr leidenschaftlicher Aeuerungen, die ihm sein Unmuth ber Juliens Benehmen eingab, blickte doch auch wieder das Gefhl noch nicht ganz erloschener Zrtlichkeit aus mehreren Stellen seines Briefes hervor. Entschlossen uerte er jedoch am Schlusse seines Schreibens: "Ich werde allein bleiben, und so lange es Gott gefllt, ein Leben fortschleppen, das bei einer ununterbrochenen Folge von Unannehmlichkeiten, ohne Beimischung eines wahren Vergngens, kurz genug seyn wird." Eine ruhige Ueberlegung mute ihm sagen, da es ein bedenklicher Schritt sei, in seiner damaligen Lage sich zu verheirathen. Ungeschwcht erhielt sich jedoch Zeitlebens ein herzliches Freundschaftsverhltni zwischen Wieland und Julie Bondeli. "Den Beweis einer hhern fr ihn sorgenden Vorsehung" glaubte Wieland, nach seiner eignen Aeuerung, in dem Zusammentreffen mannigfacher Umstnde zu finden, die fr sein Lebensschicksal entscheidend wurden. In dem kaum eine Stunde von Biberach entfernten Marktflecken Warthausen lernte Wieland den Grafen von Stadion kennen, in dessen nchster Umgebung er den Churmainzischen Hofrath de la Roche, den Gatten seiner geliebten Sophie fand. Nach einem Raum von zehn Jahren begegnete ihm auf seinem Lebenswege seine ehemalige Braut, die ihm nun mit der innigsten herzlichsten Freundschaft entgegenkam. Ein gleicher Empfang ward ihm auch von ihrem Gatten zu Theil, einem vielseitig gebildeten Manne, der sich in seinen "Briefen ber das Mnchswesen", auch als Schriftsteller von einer beachtenswerthen Seite gezeigt hatte. Wielands Charakter gereichte es zur Ehre, da er in mehreren Briefen unpartheiisch die Verdienste eines Mannes anerkannte, der ihm seine Geliebte entrissen hatte. Zu dem geselligen Kreise, in welchen Wieland eingetreten war, gehrten, auer den bereits genannten Personen, des Grafen Stadion lteste Tochter, eine Grfin v. Schall und deren Schwester, eine Stiftsdame in Buchau. Sehr wohl fhlte sich Wieland, wenn er von Biberach, wo er durchaus keine angemessene Gesellschaft fand, nach Warthausen eilte, um dort einige Tage zuzubringen. Fr Geist und Herz fand er in seinen neuen Umgebungen volle Befriedigung. Fleiig benutzte er die an literarischen Schtzen reiche Bibliothek des Grafen Stadion. Hatte Wieland den Morgen sich mit dieser Bchersammlung beschftigt, so unternahm er einen Spaziergang durch die reizende Umgegend, bis ihn die Tafel zu einem kstlichen Mahle einlud. Lesen und Gesprche der verschiedensten Art verkrzten ihm den brigen Theil des Tages, welchen Abends gewhnlich eine musikalische Unterhaltung beschlo. Was Wieland jenem Kreise besonders verdankte, war die Erweiterung seiner Welt- und Menschenkenntni, die durch sein zurckgezogenes Leben in Biberach, wo er den grten Theil des Tages an seinen Actentisch gefesselt war, nicht sonderlich hatte gefrdert werden knnen. Der feine Weltton trat ihm in dem Umgange mit geistreichen Mnnern und liebenswrdigen Frauen berall entgegen, zu einer Zeit, wo er in das praktische Leben eingetreten und zu der Ueberzeugung gekommen war, da er, von den Trumen seiner Phantasie befangen, sich die Wirklichkeit ganz anders gedacht, als er sie jetzt fand. Nach jenem freundlichen Asyl zog ihn aber auch seine Jugendgeliebte, die sich noch immer den frhern Platz in seinem Herzen bewahrt zu haben schien. Reizbar und fr Liebe empfnglich, mochte es ihm manchen Kampf kosten, das uerst zarte Verhltni zu Sophien in der Reinheit zu bewahren, wie es sich, glaubwrdigen Zeugnissen zufolge, fortwhrend erhielt. Wieland war sogar fhig, mit seiner Liebe und ber sie zu scherzen, was er unter andern in einem Briefe that, in welchem er mit der feinsten, gegen sich selbst gerichteten Ironie, Sophien eine Art von Liebeserklrung machte. In einem freundschaftlichen Verhltnisse stand er mit ihrem Gatten, der sich, ohne die merkwrdige Vernderung, die in Wielands ganzem Wesen vorgegangen war, schwerlich so innig an ihn angeschlossen haben wrde. In einem damaligen Briefe gestand Wieland, da er nichts von dem mehr sei, was er gewesen, "weder Enthusiast, noch Hexametrist, noch Ascet, Prophet und Mystiker. Seit geraumer Zeit sei er von alle dem zurckgekommen, und befnde sich ganz natrlich auf dem Punkte, von dem er vor zehn Jahren ausgegangen." An seinen Freund Zimmermann schrieb Wieland darber: "Was am meisten dazu beigetragen hat, diese Verwandlung, oder, wenn Sie wollen, diese Herstellung meiner ursprnglichen Gestalt, woraus die Magie des Enthusiasmus mich verdrngt hatte, zu bewirken, das war hauptschlich die Unzahl von Misgeschick, Noth und Plagen, die mich seit der Rckkehr in mein Vaterland verfolgte. Da fhlte ich das Nichts all' der groen Worte, all' der glnzenden Phantome, die in einer sen Einsamkeit oder an der Seite einer Gyon oder Rowe so verfhrerische Reize haben fr ein empfindsames Herz, wie das meinige, und fr eine Einbildungskraft, die um so thtiger war, da sie mich fr alles, was den Sinnen abging, entschdigen mute." Zu einer heitern und ruhigen Gemthsstimmung konnte gleichwohl Wieland noch immer nicht gelangen, seit er, wie er sich in einem seiner Briefe darber ausdrckte, "aus den Wolken auf die Erde herabgestiegen" oder mit andern Worten seine idealen Trume mit der rauhen Wirklichkeit vertauscht hatte. Seine Lage, seine Geschfte waren geeignet, seinen Unmuth zu nhren und zu steigern. Vergebens suchte er Trost in dem Studium der Philosophie, das ihn damals ernsthaft beschftigte. Er wandte sich wieder zu poetischen Schpfungen, und entwarf zu einer Zeit, wo seine Verstimmung den hchsten Grad erreicht zu haben schien, den Plan zu seinem Roman "Agathon." Die Vollendung dieses Werks erfreute ihn, weil er dadurch zu der Ueberzeugung gelangte, da die Schwungkraft seines Geistes noch nicht so gelhmt wre, als er geglaubt hatte. Die erste Idee zu seinem Roman hatte ihm der "Ion" des Euripides gegeben. Aber Wieland hatte in seinem Helden sich selbst geschildert, nicht blos dem Charakter, sondern auch den Hauptsituationen und dem ganzen Streben nach. Mit Grund konnte er daher in einem seiner Briefe behaupten: "Agathon sei eine wirkliche Person, die er vor allen am genauesten kenne." Nur die Nebenumstnde hatte er erfunden. Agathon's Seelengeschichte war im Wesentlichen Wielands eigene, und eine der treuesten Selbstschilderungen. Noch ehe die vier Theile des "Agathon" vollstndig erschienen, hatte Wieland einen andern Roman, den "Don Sylvio von Rosalva" herausgegeben. Nach seinem eignen Gestndnisse war die Beschftigung mit diesem satyrischen Roman das einzige Mittel gewesen, ihn zu erheitern zu einer Zeit, wo Migeschick, Plagen und schmerzliche Empfindungen von allen Seiten auf ihn eingedrungen waren. Durch die Schilderung ergtzlicher Thorheiten suchte Wieland das Gefhl seiner Uebel zu mildern und abzustumpfen. Cervantes war damals sein Lieblingsschriftsteller. Durch das wiederholte Lesen des "Don Quixote" kam ihm die Idee, nach jenem Muster die herrschenden Modethorheiten zu verspotten, und besonders dem Aberglauben einen tdtlichen Sto zu versetzen. Eine seiner wichtigen literarischen Arbeiten war die von ihm unternommene Uebersetzung Shakspeares. Sie erschien in den Jahren 1762-1768 zu Zrich in acht Octavbnden. Schon whrend seines dortigen Aufenthalts hatte Wieland den groen brittischen Dichter nher kennen gelernt. Die Bibliothek des Grafen Stadion in Warthausen bot ihm die Hlfsmittel dar, jenen Dichter auch in Deutschland, wo man ihn bisher noch wenig kannte, durch eine Uebersetzung einzufhren. Es war ein khnes Unternehmen, dessen Wichtigkeit er wohl nicht ganz erwogen haben mochte, als er nach seinen Aeuerungen in der Vorrede zu seiner Uebersetzung "jene Arbeit mitten unter allen Arten von Geschften und Zerstreuungen fortsetzen zu knnen glaubte." Fr Wielands Geist war diese Beschftigung von dem gnstigsten Einflu. Mit gereifterer Weltanschauung, die ihm durch den groen Britten geworden war, neigte er sich immer mehr zur romantischen Poesie. In Shakspeare's Humor glaubte er den Hauptgrund zu finden, weshalb dieser Schriftsteller, ungeachtet Sprache, Sitten und Geschmack seit der Zeit, in der er lebte, sich wesentlich verndert, doch noch immer unter seinen Landsleuten den Reiz der Neuheit behalten habe und fr sie noch immer weit anziehender sei, "als alle neuern Schriftsteller, die nach franzsischen Modellen gearbeitet htten." Die durch Shakspeare zuerst in Wieland geweckte Vorliebe fr das Humoristische erhielt neue Nahrung durch einen andern englischen Autor. Es war Sterne oder Yorik, wie er sich auf dem Titel einiger seiner Schriften nannte. Fast noch von keinem Werke war Wieland so ergriffen worden, als von dem unter dem Titel: "Tristram Shandy's Leben und Meinungen" damals erschienenen Roman jenes Schriftstellers. Noch in sptern Jahren war Wieland unerschpflich im Lobe jenes Werks. Seine uern Lebensverhltnisse hatten sich allmlig gnstiger gestaltet. 1764 war er zum wirklichen Kanzleidirector ernannt worden. Mannigfachen Verdrielichkeiten und lstigen Arbeiten berhoben, schien seine Existenz im Wesentlichen mehr gesichert zu seyn, als frher. Wie er sein Verhltni als Stadtschreiber in Biberach betrachtete, schilderte er in einem Briefe an den Buchhndler Gener in Zrich, dem er zugleich meldete, da er nicht abgeneigt sei, sich nchstens zu verheirathen. "Ich habe nun," schrieb Wieland, "auf all' mein Lebelang ein zwar ziemlich mhseliges, aber doch eintrgliches und honorables Amt -- ein Umstand, der allezeit die Basis von meiner Ruhe ausmacht, und mich ber die niederschlagenden Nahrungssorgen hinwegsetzt. Nun geht mir von den Bedrfnissen des menschlichen Lebens nichts ab, als ein Weib, und da ich durch den Tod meines Bruders die Ehre habe, der Einzige von meiner Familie zu seyn, so werde ich von meinen lieben alten Eltern ber diesen Punkt so sehr in die Enge getrieben, da ich bald genthigt seyn werde, in die ganze Welt um ein Weib auszuschreiben. Hier findet sich keine fr mich, denn ich sollte eine hbsche, gescheidte, muntere, und wo mglich eine reiche Frau haben, und die drei oder vier Jungfrauen, welche hier, Standes halber, ein Recht an mich haben knnten, sind nicht fr mich. Ich wollte, da sich in den dreizehn hochlblichen Kantonen ein artiges Mdchen fnde, das so viel christliche Liebe htte, einen ehrlichen Biberachschen Kanzleidirector, der ganz hbsche Verse macht, von seinem Amt ungefhr tausend Gulden Einknfte und die zrtlichste Seele von der Welt hat, glcklich zu machen. Wenn Sie ein solches Mdchen wissen, lieber Freund, so recommandiren Sie mich, ich bitte gar schn." Am 7. November 1765 meldete Wieland seine Vermhlung. "Ich habe," schrieb er, "ein Weib genommen, oder eigentlicher zu reden, ein Weibchen: denn es ist ein kleines, wiewohl in meinen Augen ganz artiges, liebenswrdiges Geschpf, das ich mir, ich wei selbst nicht recht wie, von meinen Eltern und guten Freunden habe beilegen lassen." Wieland berichtete zugleich: seine Frau stamme aus einem Augsburger Kaufmannshause, das unter dem Namen Jakob Hillebrandt's selige Erben der merkantilischen Welt nicht unbekannt sei." "Meine Frau," schrieb Wieland, "hat wenig oder nichts von schimmernden Eigenschaften, auf welche ich, vermuthlich, weil ich Anlsse gehabt habe, ihrer satt zu werden, bei der Wahl einer Gattin nicht gesehen habe. Sie ist, mit Haller zu reden, gewhlt fr mein Herz, und meinen Wnschen gleich -- ein unschuldiges, von der Welt unangetastetes, sanftes, frhliches, geflliges Geschpf, nicht so gar hbsch, aber doch hbsch genug fr einen ehrlichen Mann, der gern eine Frau fr sich selbst hat -- eine Prtension, welche man bei den groen Schnheiten vergebens macht." Mehrere seiner damaligen Briefe schilderten, wie glcklich sich Wieland nach seiner Verheirathung fhlte. Sehr richtig hatte er sich beurtheilt, als er meinte: "wenn er sich nur erst in seinem neuen Stande werde zurecht gesetzt haben, so sollten hoffentlich die Musen, falls sie anders jemals einen Antheil an den Geburten seines Gehirns gehabt, nichts dabei verlieren." Durch manche lstige Amtsarbeiten ward ihm die Poesie verleidet. Immer jedoch kehrte er mit erneuter Liebe wieder zu ihr zurck. Mehrere seiner damaligen literarischen Erzeugnisse entstanden auf dem Rathhause, in der Kanzleistube, mitten unter dem Andrang der lstigsten und trockensten Amtsgeschfte. Die Fruchtbarkeit seines Geistes war nie grer gewesen, als in dieser Periode seines Lebens. Auer der Vollendung des "Agathon" schrieb Wieland damals seine "Komischen Erzhlungen" (das Urtheil des Paris, Endymion, Juno und Ganymed, Aurora und Cephalus). 1768 erschien sein Gedicht "Musarion", zwei Jahre spter "Idris und Zenide"; hierauf die erste Hlfte des "Neuen Amadis" und ein Theil des Gedichts: "die Grazien." In einem Briefe an Gener gestand Wieland: "der poetische Taumelgeist habe ihn so mchtig ergriffen, da er seine Muestunden nicht besser auszufllen wisse, als mit Reimen." Zu manchen poetischen Entwrfen, mit denen sich Wieland beschftigte, gehrte die bald wieder aufgegebene Idee, Alexander den Groen zum Helden eines epischen Gedichts zu whlen. Lnger verweilte er bei dem Entwurf eines Gedichts, welches unter dem Titel "Psyche" die reinste Blthe der wahren Philosophie und zugleich eine "kritische Naturgeschichte unsrer Seele" enthalten sollte. Gegen den ihm gemachten Vorwurf, in mehreren seiner Gedichte einen zu muthwilligen, sarkastischen Ton angestimmt zu haben, suchte sich Wieland zu rechtfertigen. "Ich gestehe", schrieb er, "die Ironie ist meine Lieblingsfigur, und ich schmeichle mir, einiges Talent dafr zu haben. Freilich ist's ein ziemlich gefhrliches Talent; zum Glck aber hat mich die Natur mit einem guten und redlichen Herzen begabt. Mein Menschenha ist nur gemacht. Ich liebe von Natur die Menschheit und die Menschen, und wenn ich auch ber die Gebrechen der Einen, und die Schwachheiten der Andern spotte, so geschieht's in der Regel freundlich und in der Absicht, ihnen scherzend heilsame Wahrheiten zu sagen, die man zuweilen geradezu nicht zu sagen pflegt." Groe Sensation erregte die Keckheit, womit Wieland den Platonismus in der Liebe, dem er frher gehuldigt hatte, mit allen Waffen des Witzes bekmpfte. Die Stimme der ffentlichen Kritik warnte vor der Tendenz seiner Schriften, weil sie ein Gift enthielten, das, je ser, um so gefhrlicher sei. Mit Bedauern sprach man von dem Mibrauch seiner groen und seltenen Talente, und ging selbst so weit, ihn als einen Dichter zu bezeichnen, der die Liebe von der Wollust gar nicht mehr zu unterscheiden scheine. Wieland's "Agathon" war in Zrich verboten worden. Fr den "Don Sylvio von Rosalva" hatte er in Ulm einen Verleger suchen mssen. Am hrtesten lauteten die ziemlich bereinstimmenden Urtheile ber Wielands "Komische Erzhlungen." Fast noch schmerzlicher, als die ffentliche Mibilligung seiner Schriften, war fr Wieland der Gedanke, in der guten Meinung seiner Freunde gesunken zu seyn. Er, der einst so warm der Tugend und Religion das Wort geredet hatte, schien jetzt ein Epikurer und Skeptiker. Von dem Dichter schlo man zurck auf den Menschen. Seine wrmsten Freunde, unter andern Zimmermann, schienen den nachtheiligen Gerchten, die sich ber Wielands sittlichen Wandel verbreiteten, nicht allen Glauben zu versagen. In einem Briefe an Julie Bondeli rechtfertigte sich Wieland gegen die ihn getroffenen Beschuldigungen. "Ich war", schrieb er, "ehemals Enthusiast in Ansehung der Religion, der Metaphysik und Moral, und ich war es ganz aufrichtig. So war damals meine Art zu seyn, oder das Resultat von hunderttausend physischen und moralischen Ursachen. Hab' ich nun aber auch in Einem Sinne aufgehrt, Enthusiast zu seyn, so bin ich doch nicht weniger ein Freund der Wahrheit, und finde die Tugend nicht weniger liebenswrdig, wenn ich gleich nicht mehr an die Prexistenz der Seele glaube, und beim Bilde eines rosenfarbnen Seraphs mit Flgeln von Gold und Azur nicht mehr verzckt werde. Solche erknstelte Speculationen sind nichts als Stelzen, auf denen die menschliche Eitelkeit gern einherschreitet, angenehme Hirngespinste, woran wollstige Seelen sich ergtzen. Ich mute entweder meinen Platonismus reformiren, oder eine Einsiedelei in Tyrol aufsuchen, um da zu leben. Die Erfahrung hat mir einen Wahn nach dem andern genommen, und endlich kam ich in's Gleichgewicht. Ich hoffe, Sie zu berzeugen, da ich stets, selbst bei meinen Fehlern, den Charakter eines Biedermannes behauptet habe. Fr ein Tugendmuster hab' ich mich nie gehalten. Man wird finden, da mein Geist zwar zuweilen thricht, mein Herz aber immer gut war. Man hlt mich fr einen Libertin, und giebt mir eine Menge Maitressen. Die Wahrheit ist, da ich in freund- und verwandtschaftlichen Verhltnissen mit zwei oder drei Damen stehe, die nicht ihrer Gestalt, sondern ihrer Verdienste wegen, Achtung verdienen, und da ich einige flchtige Neigungen fr junge Personen gehabt habe, die ich heirathen sollte, ich wei nicht warum. Alle meine Liebschaften -- und ich habe deren seit meinem siebzehnten Jahre wenigstens ein volles Dutzend gehabt, -- haben mir groe Pein verursacht. Sie waren alle von der Art, die man =passions= nennt; alle meine Geliebten waren Gttinnen, die ich anbetete, und ich habe wohl einigemal die platonische Liebe bis zu einem Heroismus getrieben, dessen ich mich nicht mehr fhig fhle. Vergesse man doch endlich diese moralischen Donquiroterien meiner Jugend! Wenn sich ernste und strenge Personen verwundern, mich als den Verfasser meiner neuen Werke zu sehen, so bin ich zu beklagen; sie knnen mich schelten, aber sie sollen nicht so weit gehen, deshalb nachtheilig zu denken von meinen Sitten und von meinem Charakter." Mit dem innern Bewutsein der moralischen Reinheit seiner Gefhle mute sich Wieland trsten, als ihn der grundlose Verdacht traf, der Unmigkeit und Wollust ergeben zu seyn. War ihm auch der Platonismus in der Liebe verdchtig geworden, so konnte er doch fr keinen Epikurer im schlimmsten Sinne des Worts gelten. Da er in seinen neuen poetischen Werken der Sinnlichkeit das Wort zu reden schien, war ein bloes Spiel seiner Phantasie. Er dachte sich nichts Arges bei den ihm zur Last gelegten Schilderungen, die ihm unter beschwerlichen Amtsgeschften Trost und Erheitrung gewhrten. Keinen unwesentlichen Antheil an der Tendenz seiner damaligen Producte hatte auch die Wahl seiner Lectre. Lucian, Horaz, Cervantes, Ariost und besonders Sterne, waren seine Lieblingsschriftsteller. An der Seite seiner Gattin Dorothea Hillenbrandt fhlte Wieland sich sehr glcklich, obgleich sie, seinem eignen Gestndni nach, keine "Musarion" war. In einem Raum von funfzehn Jahren hatte er so manche Erfahrungen in der Liebe gemacht, da er sie wohl im Stillen einer Musterung fr werth hielt. Schon in frherer Zeit hatte Wieland den Plan entworfen, eine "philosophische Geschichte der Liebe" zu schreiben. Dieser Plan blieb unausgefhrt; aber er bot ihm den Stoff zu seinem Gedicht "Idris und Zenide," in welchem er beabsichtigte, die verschiedenen Arten der Liebe gegen einander in Contrast zu stellen, und zu diesem Behuf verschiedene Charaktere in eigentmlichen Situationen sich entwickeln zu lassen. Im Wesentlichen unverndert kehrte die Idee, die dem erwhnten Gedicht Wielands zu Grunde lag, in seinem "Neuen Amadis" wieder, mit dem er sich gleichzeitig beschftigte. Ariost's rasender Roland war sein Vorbild. Den Sieg der Natur ber die Schwrmerei, der Wahrheit ber die Heuchelei zu verherrlichen, war nach Wielands eignen Worten die Aufgabe, die er sich bei seinem "Neuen Amadis" stellte. Von dem Muster, das ihm bei diesem Gedicht vorgeschwebt hatte, entfernte er sich in seinen "Grazien." Nach seinen eignen Aeuerungen wollte er in diesem Gedicht "den Uebergang des Menschen aus dem Naturstande zur Stufe einer verfeinerten Bildung" schildern. Von dem Eindruck, den seine Schriften auf das Publikum machten, erfuhr Niemand weniger, als Wieland selbst. Aus den ffentlichen Kritiken, die oft parteiisch und befangen waren, konnte er jenen Eindruck nicht kennen lernen. Es lag aber auch in seinen Verhltnissen, da er berhaupt mit dem Gange der Literatur unbekannt blieb. Die meiste Zeit brachte er in der Kanzlei, in den Rathssessionen und an seinem Actentisch zu, ohne am Abend eine andere Gesellschaft zu finden, als an einem Kartentisch oder in huslichen Cirkeln, wo er seine Literaturkenntni eben nicht sonderlich erweitern konnte. Durch Gewohnheit fhlte er sich nicht unbehaglich in diesem einfrmigen Lebenskreise, und aus seiner scheinbaren Verstimmung blickte oft ein unverwstlicher Humor hervor. "Wenn ich," schrieb er, "auch zuweilen schwermthig werde, und mit dem Strumpfband in der Hand mich nach einem tauglichen Nagel umzusehen anfange, so besinne ich mich doch allemal so lange, bis wieder nichts daraus wird -- ein berzeugender Beweis, da ich noch etwas in meinem Zustande finde, das der Versuchung, mich aufzuhngen, wenigstens das Gleichgewicht hlt." Diese Zeilen hatte Wieland noch vor seiner Verheirathung geschrieben. Seine sehr glckliche Ehe zeigte ihm auch seine Amtsverhltnisse, so bitter er sich auch oft darber beklagt hatte, in einem minder ungnstigen Lichte. In einem seiner damaligen Briefe bat er einen Freund, "sich die Sache nicht so gar grlich vorzustellen." Ueber die Nachmittage, uerte Wieland, knne er frei disponiren, und seine Geschfte gingen ihm leicht von der Hand. "Dafr bin ich aber auch," fgte er hinzu, "einer der expeditivsten Leute im ganzen Schwabenlande. Nur ein kleines Tusculanum geht mir noch ab, und bis ich erben werde (wozu in den nchsten zwanzig Jahren wenig Hoffnung ist) sehe ich auch keine Mglichkeit, eins zu bekommen. In Ermangelung dessen habe ich ganz nahe an der Stadt, aber doch in einem etwas einsamen Orte, ein artiges Gartenhaus gemiethet, wo ich die angenehmste Landaussicht von der Welt habe, und, so nahe es meinem Hause in der Stadt ist, doch vllig auf dem Lande bin. Hier bringe ich im Sommer meine meisten mssigen Stunden zu, =solus cum sola=, oder ganz allein mit den Musen, Faunen und Grasnymphen, deren ich von Zeit zu Zeit einige im Gesicht habe, welche auch den enthaltsamsten Einsiedler unversucht lassen wrden. Ich rieche den lieblich erfrischenden Geruch des Heu's, ich sehe schneiden und Flachs bereiten. Auf der einen Seite erinnert mich aus der Ferne der Kirchhof, wo die Gebeine meiner Voreltern liegen, da ich leben soll, so lange und gut ich kann; auf der andern Seite lockt mir ein durch Gebsche halb verdeckter Galgen fernher den Wunsch ab, da ein halb Dutzend Schurken, die ich ganz trotzig =tte leve= herumgehen sehe, daran hngen mchten. Ich sehe Mhlen, Drfer, einzelne Hfe, ein langes angenehmes Thal, das sich mit einem zwischen Bumen hervorragenden Dorfe mit einem schnen schneeweien Kirchthurm endet, und ber demselben eine Reihe ferner blauer Berge. Das zusammen macht eine Aussicht, ber der ich alles, was mir unangenehm seyn kann, vergesse, und, mit diesem Prospect vor mir, sitze ich an einem kleinen Tisch, und -- reime." Wegen seiner Zukunft, wenn sich sein Blick dahin verirrte, konnte Wieland unbesorgt seyn. Durch Pnktlichkeit und unermdete Berufstreue hatte er sich die Achtung und das Vertrauen seiner Obern erworben. Seine konomischen Verhltnisse berhoben ihn der Sorgen. Noch nie hatte sich der Wunsch in ihm geregt, seine Lage mit einer andern zu vertauschen. Er wute es daher anfangs seinen Freunden wenig Dank, als sie ihm eine andere Stellung zu verschaffen suchten, die, wie sie glaubten, mit seinen Fhigkeiten und Neigungen mehr harmonirte. Eine flchtig hingeworfene Aeuerung Wielands, da er nicht abgeneigt wre, ein akademisches Lehramt zu bekleiden, hatte in dem Churmainzischen Minister v. Groschlag, der ihn in Warthausen kennen gelernt, die Idee geweckt, ihn nach Erfurt zu ziehen. Wieland schwankte eine Zeit lang, ob er dem an ihn ergangenen Rufe folgen sollte. Zufrieden mit seinen bisherigen Verhltnissen, fesselten ihn Familienverhltnisse, Eltern und Schwiegereltern an seine Vaterstadt Biberach. Er frchtete auerdem von seiner neuen Lage manche Unannehmlichkeiten. Die Promotion war das Erste, was er zu umgehen wnschte. Magister zu werden, meinte Wieland, werde sich fr ihn um so weniger schicken, da er "die Ehre habe, =Comes Palatii Caesarei= zu seyn, und vermge seines Diploms selbst fhig sei, Meister der freien Knste zu creiren." Manche dieser Hindernisse rumte Wielands Freund, der Professor Riedel in Erfurt, hinweg. Was ihn hauptschlich bestimmte, den Ruf nach Erfurt anzunehmen, war die Vorstellung, da er dort die ersehnte Mue zu literarischen Arbeiten zu erlangen hoffte. Das Schreiben, in welchem ihm eine Professur der Philosophie mit dem Charakter eines Churfrstl. Mainzischen Regierungsraths und einem Gehalt von 600 Rthlrn. zugesichert worden war, enthielt zugleich die schmeichelhafte Aeuerung, da sein Name das Hauptmotiv gewesen wre, ihn nach Erfurt zu ziehen. Man sei, hie es ausdrcklich in jenem Schreiben, "schon zufrieden, wenn er nur komme, sollte er auch gleich nichts anderes thun, als da seyn und machen, was ihm selbst gefalle." Diese Aussicht einer unbeschrnkten literarischen Thtigkeit hatte so viel Lockendes fr Wieland, da er sich entschlo, den Ruf nach Erfurt anzunehmen, und der Magisterpromotion sich zu unterwerfen, so manches er auch, wie vorhin erwhnt, dagegen einzuwenden gehabt hatte. In der letzten Zeit seines Aufenthalts in Biberach beschftigten ihn mancherlei schriftstellerische Plne, die er in Erfurt zu realisiren hoffte. Er wollte unter andern "Briefe ber die Literatur" schreiben, und sie "in kleinen Bndchen in die Welt fliegen lassen." Die Mue, welche ihm seine Kanzleigeschfte irgend gnnten, benutzte er zu einer Revision seiner poetischen Schriften, die damals neu gedruckt werden sollten. Lngst zerfallen mit seinem frheren Freunde Bodmer, der sogar Spottgedichte gegen ihn gerichtet hatte, folgte Wieland, der schnen Vergangenheit sich dankbar erinnernd, nur den Eingebungen seines Herzens, als er jene Sammlung "seinen alten und ehrwrdigen Freunden, dem Herrn Kanonikus Breitinger und dem Herrn Professor Bodmer" mit einer fr beide sehr schmeichelhaften Dedication widmete. Am 1. Juni 1769 kam Wieland in Erfurt an, durch Hitze, Staub und andere Unannehmlichkeiten der Reise so gnzlich erschpft, da er, seinen eignen Aeuerungen nach, "einem Ritter von der traurigen Gestalt um einen groen Theil hnlicher sah, als einem der sieben Weisen." Das Schicksal hatte ihn wieder in die Stadt zurckgefhrt, wo er seine philosophischen Studien begonnen, doch damals durchaus keine Neigung zu einem akademischen Lehramt in sich versprt hatte. Auer seinem Freunde Riedel fand er in Erfurt Meusel, Chr. H. Schmid, den Verfasser einer vielgelesenen Theorie der Dichtkunst, den eben so berhmten als berchtigten =Dr.= Bahrdt u.A. Keiner von diesen talentvollen Kpfen hatte damals schon einen so festbegrndeten literarischen Ruf, als Wieland, der von mehreren seiner Collegen schon dehalb beneidet werden mochte. Vorzglich fhlten sie sich verletzt durch seine Ernennung zum ersten Professor der Philosophie. Neue Nahrung erhielt ihre Migunst, als Wieland nach einem halben Jahre auch zum auerordentlichen Beisitzer des =Collegii academici= ernannt ward. Auf seinen Freund, den Professor Riedel, beschrnkte Wieland seinen Umgang. Mit den brigen Lehrern der Erfurter Hochschule kam er in wenige Berhrung. Den Freuden des geselligen Lebens, die nie besondern Reiz fr ihn gehabt, sich in Erfurt fast gnzlich zu entziehen, ward ihm nicht schwer. Ersatz dafr bot ihm seine freundliche Gartenwohnung im Gasthofe zum Schwan, hinter dem Schottenkloster. Dies Asyl befriedigte in jeder Hinsicht seine migen Wnsche. Er fhlte sich glcklich, seiner Familie, sich selbst und den Musen ungestrter leben zu knnen, als es seine Verhltnisse in Biberach gestattet hatten. Sein Lehramt erffnete er mit Vortrgen ber die Geschichte der Menschheit, nach einem bekannten Werke von Iselin ber diesen Gegenstand. Spterhin hielt er Vorlesungen ber die Geschichte der Philosophie, las ber die allgemeine Theorie der schnen Knste, und erklrte einige Lustspiele des Aristophanes und die Briefe des Horaz. Auch gab er eine historisch-kritische Uebersicht der besten griechischen, lateinischen, italienischen, franzsischen und englischen Schriftsteller. Am liebenswrdigsten zeigte sich Wieland in seinem Familienkreise. In einem Briefe an seine Freundin Sophie la Roche gestand er, da er "das Vergngen, mit seinen kleinen Kindern zu spielen, allem Vergngen der Welt vorziehe." Das meinte er den Grazien zu verdanken, die berhaupt fr ihn "sehr wesentliche Gottheiten" wren. Bei Uebersendung des unter diesem Namen von ihm verfaten Gedichts, das er 1770 vollendet hatte, schrieb Wieland: "Die Grazien thun mir unendlich viel Gutes; sie geben meinen Gedichten Reiz, mir zuweilen Heiterkeit und noch fter Zufriedenheit mit meinem Zustande; kurz, sie sind meine Schutzgttinnen, und ich werde ihnen bis zum letzten Lebensaugenblicke dienen." Nichts weniger als das Ideal eines Weisen, sollte der "Diogenes von Sinope" seyn, dessen "Dialogen" Wieland noch whrend des Sommers 1770 herausgegeben hatte. Auch ohne Lucians Vorliebe fr diesen Sonderling, mute schon fr Wieland die Untersuchung Interesse haben, wie ein Mann wohl htte seyn _knnen_, ber den so seltsame und widersprechende Gerchte herrschten. Seinem Helden gab Wieland weniger Cynismus und mehr chte Lebensweisheit, als man ihm bisher gewhnlich zugestanden hatte. Das kleine Werk, in welchem ernste und komische, sentimentale und satyrische Schilderungen abwechselten, empfahl sich besonders durch eine Basis von Sokratischer Philosophie. In einem Briefe an seine Freundin Sophie la Roche gestand Wieland, da er ber manche Dinge, die sich auf den moralischen Theil der menschlichen Natur bezgen, nicht mehr so denke, wie ehemals, und z.B. die Clarisse'n, die Carl Grandison's und hnliche Werke nicht liebe, aus dem einzigen Grunde, weil sie ihm zu vollkommen wren. "Vielleicht habe ich Unrecht," schrieb er; "sollte ich aber Recht haben, so spotte ich doch nicht ber ihre Denkart. Ich halte vielmehr dafr, da die Verschiedenheit der Ansichten der Dinge von der Natur herrhrt, und ihr nicht weniger gem ist, als der Unterschied, den sie in den Gesichtern, in den Temperamenten, und in allem macht, was damit in Beziehung steht; und wofern die ffentliche Ruhe und das allgemeine Wohl nicht darunter leidet, behaupte ich, es msse erlaubt seyn, da der Eine fr heilig halte, was dem Andern als sehr profan erscheint; da der Eine mit _dem_ sein Spiel treibe, was der Andere fr sehr ernst und wichtig nimmt u.s.w. So suchte sich Wieland als humoristischer Schriftsteller, wofr er gelten wollte, und nach seinen Anlagen auch wohl gelten konnte, von den Fesseln zu befreien, die den Flug seines Geistes hemmten, und sich zugleich ber den in seinen Schriften angestimmten Ton zu rechtfertigen, den die ffentliche Meinung mit der Wrde eines Professors der Philosophie fr nicht vertrglich zu halten schien. Er uerte sich darber mit den Worten: "Man glaubt hier, die Geistesschwere, gewhnlich Gravitt genannt, sei eine wesentliche Eigenschaft eines akademischen Lehrers, und man kann oder will nicht sehen, da ein Autor, der fr das Publikum und fr Menschen von Geist schreibt, nicht wie ein Schulmeister schreiben darf." Dieser Aeuerungen ungeachtet, glaubte Wieland doch seinen Beruf als Professor auch in literarischer Hinsicht rechtfertigen zu mssen. Der Entwurf, eine "Geschichte des menschlichen Geistes" zu schreiben, die er dem Churfrsten von Mainz zueignen wollte, blieb zwar unausgefhrt. Aber Bruchstcke einer solchen Geschichte waren gewissermaen alle Werke Wielands, die in den Jahren 1770-1772 entstanden. Das Studium der Natur des Menschen ward sein angelegentlichstes Geschft. In den Aufstzen: "Was ist Wahrheit?" und "Welchen Zweck hat die Philosophie?" hatte er sich zwei wichtige Fragen vorgelegt, ohne sich jedoch einzubilden, da er mit den kurzen Antworten, die er darauf gab, seinen Gegenstand erschpft habe. Seinen "Betrachtungen ber Rousseau's ursprnglichen Zustand des Menschen," fgte Wieland, gewissermaen als Ergnzung, einen Aufsatz bei: "Ueber die Behauptung, da ungehemmte Ausbildung der menschlichen Gattung nachtheilig sei." Den Contrast zwischen den von Rousseau geuerten Ideen und der Beschaffenheit der menschlichen Natur wollte Wieland durch Beispiele noch anschaulicher machen. Zu diesem Behuf schrieb er auer einem Roman, "Koxkox oder Kikequetzel" betitelt, die "Reisen und Bekenntnisse des Priesters Abulfauaris." Entschieden richtete sich Wielands Aufmerksamkeit damals auf einen Monarchen, dar mit mchtiger Hand die Fesseln zerbrechen zu wollen schien, welche bisher die Geistesfreiheit gelhmt hatten. Durch den Kaiser Joseph II. waren zugleich mit dem Jesuitenorden, die meisten Klster in den sterreichischen Staaten aufgehoben und dadurch die Gewalt des Mnchthums in mehrfacher Weise beschrnkt worden. Damals (1773) schrieb Wieland seinen Roman: "der goldene Spiegel", den er dem als dramatischen Dichter nicht unbekannten Kaiserl. Staatsrath v. Gebler in Wien zueignete. In einem seiner damaligen Briefe an seine Freundin Sophie la Roche uerte Wieland, da er in seinem Roman mit einer nicht gewhnlichen Unerschrockenheit den Groen der Erde einen Spiegel vorgehalten habe, der ihnen wahrlich nicht schmeichle. "Seyn Sie aber deshalb ohne Furcht", schrieb er. "Ich frchte weder Bastille, noch Lwengrube, noch feurigen Ofen. Hab' ich auch nicht die Ueberzeugung, da die Frsten und Minister mich um meines Buchs willen mehr lieben werden, so bin ich doch gewi, da sie sich wohl hten mchten, mir eine bse Miene darber zu machen." Ohne seine fast gnzliche Zurckgezogenheit und den anhaltendsten Flei htte Wieland whrend seines dreijhrigen Aufenthalts in Erfurt so viel als Schriftsteller nicht leisten knnen, wie er wirklich leistete. Ueberdies ward er oft unterbrochen in seinen literarischen Beschftigungen theils durch Arbeiten, die ihm die churmainzische Regierung bertrug, theils durch Aufforderungen zu zweckmigen Vorschlgen, wie der Flor der Universitt zu befrdern seyn mchte. Unter diesen mannigfachen Geschften war er nicht der Sorge berhoben, mit seiner Familie anstndig leben zu knnen. Sein Gehalt war mig, und von seinen Vorlesungen, so zahlreich sie auch besucht wurden, hatte er wenig Gewinn. Auch ohne innern Trieb htte er zur Feder greifen mssen. Nur von seinem anhaltenden Flei, nicht von der Gnade seines Frsten, hoffte Wieland, nach seinen eigenen Aeuerungen, eine Verbesserung seiner Lage. Einzelne Ausflge nach Weimar muten ihm Ersatz bieten fr eine grere Reise, die weder seine beschrnkte Zeit, noch seine pecuniren Verhltnisse erlaubten. Als ihm einst in Weimar Lessings "Emilie Galotti" in die Hnde fiel, begeisterte ihn dies Trauerspiel zu einem von Lob berstrmenden Briefe an Lessing. "Es war," uerte Wieland, "das erste Schreiben, das ich an diesen groen Mann richtete." Literrische Bekanntschaften und Verbindungen anzuknpfen, und zu Verfolgung schriftstellerischer Zwecke einen Briefwechsel zu unterhalten, fhlte Wieland kein Bedrfni. Er hatte schon so viele literrische Plne wieder aufgeben mssen, weil es ihm an Zeit fehlte, sie auszufhren. Der Kreis von auswrtigen Freunden, mit denen er in Briefwechsel stand, war daher sehr beschrnkt. Er schrieb an wenige, meistens nur an solche, die sich zuerst an ihn gewendet hatten. In ein engeres Freundschaftsverhltni war er mit Gleim und Jacobi getreten. "Beide," schrieb Wieland an Sophie la Roche, "gehren zu der kleinen Zahl der schnen Geister, die eine zu schne Seele haben, um des Neides und der Eifersucht fhig zu seyn, und Sie wissen, da solche zu den weien Raben gehren." Zu dem Dichter Jacobi fhlte sich Wieland durch eine Art von Geistesverwandtschaft hingezogen. Er pflegte ihn seinen _eigenen_ Dichter zu nennen, und freute sich herzlich ber seines Freundes Streben, in der Poesie das Ideal von Vollkommenheit zu erreichen, das vor seiner Seele schwebte. In einem Briefe Jacobi's, welchem Wieland im Mrz 1771 in Ehrenbreitenstein, wo er sich damals aufhielt, einen Besuch machte, hat sich eine Schilderung von Wielands Aeueren und seiner Persnlichkeit in jener Periode seines Lebens erhalten. "Beim ersten Anblick," schrieb Jacobi, "schien mir seine Physiognomie nicht sehr bedeutend. Seine Augen sind klein und etwas trb, und die Menge von Blatternarben, womit seine Haut berdeckt ist, machen, da seine Zge nicht genug hervorstechen, um sich gehrig auszeichnen zu knnen. Nichts desto weniger drckt sich in seiner ganzen Gebehrde das Feuer seines Geistes und der Charakter seiner Empfindungsart auf eine auerordentliche und eigentmliche Weise aus. Wenn er stark gerhrt ist, gerth sein ganzer Krper, doch auf eine fast unmerkliche Weise, in Bewegung; seine Muskeln dehnen sich aus; seine Augen werden heller und glnzender; sein Mund ffnet sich etwas; und so bleibt er in einer Art von Erstarrung, bis er einige Worte ausgesprochen, oder seinem Freunde die Hand gedrckt hat. Dieser Ausdruck in Wielands Person ist so fein, da er den Meisten unbemerkt bleiben mu; ich aber bin davon mehr als einmal bis auf das Mark erschttert worden. Wieland geht schnell von einem Vorwurf zum andern ber, weil er in einem Nu eine Reihe von Gedanken oder eine Situation durchschaut und empfunden hat. Bei ihm wrde es Zeitverderbni seyn, wenn er lnger dabei verweilte." Zu den Eigenschaften, die nach Jacobi's Ausdruck, "Wielands Charakter eben so liebens- und verehrungswrdig machten, als sein Genie," rechnete Jacobi "die natrliche, schne und mnnliche Empfindsamkeit seiner Seele; die unzerstrtere Gte seines Herzens; seine warme, uneigenntzige, zu Neid und Eifersucht ihn ganz unfhig machende Liebe des Wahren und Schnen; seine ungeheuchelte Bescheidenheit und unglaubliche Aufrichtigkeit." So innig, wie sein Freundschaftsbund mit Jacobi, ward keine von den Bekanntschaften, welche Wieland whrend eines damaligen Aufenthalts in Leipzig anknpfte, wohin er auf kurze Zeit gereist war. Zu den Wenigen, an die er sich nher anschlo, gehrten Weie und Garve, beide Gellerts Freunde, den er nicht mehr unter den Lebenden fand, aber zu nicht geringem Verdru hren mute, wie Jung und Alt sich bemhte, den gefeierten Dichter durch matte Lobgesnge zu verherrlichen. "Es war," schrieb Wieland, "ein entsetzliches Gesinge, Geplrre, Geseufze und Geheul." Weie's liebenswrdiger Charakter zog ihn an. Er gehrte zu denen, meinte Wieland, mit denen er sein Leben zubringen mchte. In Garve verehrte er den Philosophen und scharfsinnigen Denker. Nur in geringe Berhrung kam er mit Clodius, der ihn durch sein Talent fr den geflligen Umgang mehr interessirte, als durch seine Geistesvorzge. Eine gewisse Seelenverwandtschaft kettete ihn an Oeser, den er in der Winklerschen Gemldegallerie kennen gelernt hatte. In einem seiner damaligen Briefe gestand Wieland: "Unter allen Mnnern, deren Bekanntschaft ich in Leipzig gemacht, ist Oeser der, den ich am meisten nach meinem Herzen gefunden habe, eine schne Seele, ein vortreffliches Herz, bei aller Einfachheit von auen, die sich an dem wahren Genie findet." Entscheidend fr Wielands spteres Leben ward ein Ausflug nach Weimar. Durch die dort angeknpfte Bekanntschaft mit dem Grafen v. Grz hatte er das Glck, der verwittweten Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar vorgestellt zu werden. Seine Persnlichkeit und geistreiche Unterhaltung, verbunden mit dem literarischen Ruf, der ihm voranging, machten den gnstigsten Eindruck auf jene, den Musen befreundete Frstin. Die Herzogin Amalia bertrug ihm die Erziehung des damaligen Erbprinzen und nachherigen Herzogs Carl August. Nicht lange zuvor hatte Wieland Aussichten gehabt, nach Wien gerufen zu werden. Seine Hoffnung grndete sich auf das ziemlich allgemein verbreitete Gercht: Joseph II. beabsichtige, die vorzglichsten Geister der deutschen Nation in der Hauptstadt des deutschen Reichs zu vereinigen. Die Hoffnung, nach Wien zu kommen, gab Wieland auch da noch nicht ganz auf, als er bereits die Stelle eines Instructors des Erbprinzen von Sachsen-Weimar angenommen hatte. "Ich stehe nun," schrieb er, "in meinem vierzigsten Jahre, und wenn die Gttin Fortuna etwas fr mich thun will, so ist's hohe Zeit; =en attendant=, und weil ich dieser Humoristin nicht sonderlich traue, bemhe ich mich, =ne ipse desim mihi=." Die neuen Verhltnisse, in die er zu treten im Begriffe stand, berhoben ihn nicht gnzlich der Sorge fr die Zukunft, oder eigentlicher gesagt, fr seine Familie. Ihre Lage war unsicher; denn mit Wielands Tode erlosch die lebenslngliche Pension von 600 Thlrn., die ihm zugesichert worden war, wenn er nicht mehr Instructor des Erbprinzen seyn wrde. Bis zu diesem Zeitpunkt, der mit dem 3. September 1775 herannahte, bezog er einen Jahrgehalt von 1000 Thlrn. Seine Einknfte hatten sich nur fr wenige Jahre verbessert. Durch seine Anstellung als Prinzenerzieher sah er jedoch einen frh gehegten Lieblingswunsch erfllt, mit dem er sich schon whrend seines Aufenthalts in der Schweiz oft lebhaft beschftigt hatte. Dem Hofleben konnte Wieland, wenigstens anfangs, keinen Geschmack abgewinnen, obgleich die Fesseln, die es ihm anlegte, seinem eignen Gestndni nach, nichts weniger als drckend waren. Etwas Erfreuliches hatte fr ihn aber doch die Nhe einer durch Geist und Herz ausgezeichneten Frstin, deren vielseitig gebildeter Geschmack sie fr alles Groe und Schne, fr Wissenschaft und Kunst im weitesten Sinne des Worts, empfnglich machte. Darum versammelte sie gern einen Kreis feingebildeter Mnner und Frauen um sich, und jedes Talent konnte sich in ihrer Nhe um so freier entwickeln, da Humanitt und Herablassung zu den Hauptzgen ihres Charakters gehrten, wodurch sie sich allgemeine Liebe und Verehrung erwarb. An seinen frstlichen Zgling, den Erbprinzen Carl August, der durch treffliche Anlagen und liebenswrdige Eigenschaften zu den schnsten Hoffnungen berechtigte, sah sich Wieland bald durch ein Band wechselseitiger Zuneigung immer inniger geknpft. Das Interesse fr das Wahre, Gute und Schne in seinem frstlichen Zgling zu wecken und zu nhren, war die Hauptaufgabe, die sich Wieland bei seinem Unterricht stellte. Ein Zeugni davon gab er, als er den Geburtstag des Erbprinzen durch eine allegorische Dichtung in dramatischer Form, "die Wahl des Herkules" betitelt, feierte. Wielands Interesse an der dramatischen Poesie ward genhrt durch die Seylersche Schauspielergesellschaft, deren Mitglieder, zu denen der berhmte Eckhof gehrte, damals Vorstellungen in Weimar gaben, wo sich noch keine stehende Bhne befand. Weder den Dramen, noch den komischen Operetten, meistens franzsischen Mustern nachgebildet, konnte Wieland eigentlichen Geschmack abgewinnen, wenn er jenen Producten auch nicht geradezu allen Werth absprach. Eine grere Wirkung hoffte er von der bisher gnzlich vernachlssigten ernsten Oper. Schon in Erfurt hatte ihn dieser Gegenstand beschftigt und ihm manche Erklrungen abgenthigt, seit er seines Freundes Jacobi Cantaten und besonders dessen "Elysium" gelesen hatte. Den Beifall, den ein damals von Wieland gedichtetes Singspiel "Aurora" fand, als es, von Schweizer componirt, aufgefhrt ward, ermuthigte ihn zu einem grern musikalisch-dramatischen Versuche. So entstand Wielands Oper "Alceste," die im Mai 1773 zum ersten Mal aufgefhrt ward. Gleichzeitig schrieb er seinen "Versuch ber das Singspiel." Wielands Freude ber die gnstige Aufnahme seiner "Alceste" ward vermehrt, als der berhmte Gluck ihn aufforderte, fr ihn eine hnliche Oper zu schreiben. Abgelenkt ward Wieland von der dramatischen Poesie durch ein literarisches Unternehmen, das seine Zeit und Krfte fast bermig in Anspruch zu nehmen drohte. Der sehr beliebte =Mercure de France= gab ihm die Idee zur Herausgabe einer hnlichen Zeitschrift, die unter dem Titel: "Der deutsche Merkur" erscheinen sollte. Wieland hoffte von diesem Journal eine weitverbreitete Wirkung auf seine Zeitgenossen, und versprach sich selbst davon fr die Zukunft eine in konomischer Hinsicht gesicherte Lage. Nach seinem Plane sollten in jener Zeitschrift Gedichte und Aufstze in Prosa von allgemeinem Interesse mit kritischen Uebersichten der neuesten Erscheinungen im Gebiet der Philosophie, Geschichte, Politik und schnen Literatur abwechseln. Die aufzunehmenden Recensionen sollten besonders auch dazu dienen, parteiische und unbillige Urtheile ber die vorzglichsten Schriften zu berichtigen. Wieland begann die Herausgabe des "deutschen Merkur," stie jedoch bald auf nicht vorhergesehene Hindernisse. "Ohne die Beihlfe unserer besten Schriftsteller vermag ich nichts," gestand er in einem seiner Briefe. Unter den Mitarbeitern, die er fr sein Journal zu gewinnen wnschte, waren Lessing, Herder, Garve, Mser u.A. zu beschftigt mit eignen literarischen Arbeiten, um ihm eine ununterbrochene Theilnahme am "deutschen Merkur" zusichern zu knnen. Andere Schriftsteller, die ihm ntzlich werden konnten, kannte er zu wenig; von mehreren wute er kaum, wo sie lebten, oder welche Stellung sie behaupteten. Unter seinen nhern Freunden und Bekannten mute er sich die Mitarbeiter fr sein Journal whlen, welches ihm brigens, da er nicht blos die Herausgabe, sondern auch den Verlag bernommen hatte, bald durch eine ausgebreitete Correspondenz und durch mannigfache Irrungen mit Papierhndlern, Druckern und Correctoren unsglichen Verdru bereitete. Seinem Freunde Jacobi gestand Wieland: "er sei des Merkurs schon satt, noch ehe er begonnen." Von den Sorgen der Geschftsfhrung, fr die es ihm durchaus an Talent fehlte, befreite ihn Bertuch, der nachherige Legationsrath und Besitzer des Industrie-Comptoirs in Weimar, welche damals sich der Erlernung des Buchhandels widmete, und ihm mit Rath und That hlfreich zur Seite stand. Wieland's khnste Erwartungen bertraf die Zahl der Abonnenten bald nach der Ankndigung des "deutschen Merkur." Eine Auflage von 2000 Exemplaren war in kurzer Zeit vergriffen, ungeachtet die innere Ausstattung des ersten Hefts sehr drftig ausgefallen war. Auer Wieland und Jacobi hatte kein Schriftsteller von anerkanntem Werth einen Beitrag geliefert. Gotter, Brger, Mser u.A. hatten sich anonym unterzeichnet. Es war aber weniger der Mangel an berhmten Namen, als die im "deutschen Merkur" enthaltene Kritik, was bald ein nachtheiliges Licht auf jene Zeitschrift warf, die so vielversprechend angekndigt worden war. Auf eine leidenschaftliche Gegenwirkung mute Wieland gefat seyn, als er sich zu einem strengen Kunstrichter aufwarf. Schwerlich aber ahnte er das Schicksal, da er durch seine Urtheile es mit allen Partheien auf einmal verderben und selbst mit denen zerfallen wrde, die er fr seine treusten Freunde hielt. In manche Irrungen gerieth Wieland durch die Schrfe seiner Kritik mit den Halberstdter Dichtern, mit Gleim, Jacobi, Michaelis u.A. Die Gttinger poetische Blumenlese, zu welcher er selbst Beitrge geliefert, hatte er mit einer Strenge beurtheilt, durch welche der Herausgeber Boie sowohl, als die Mitarbeiten sich sehr verletzt fhlten. Es waren Brger, Hlty, Vo, Miller, die Grafen Stolberg u.a. junge talentvolle Mnner, die dem Gttinger Dichterbunde, der sich damals gebildet, angehrten. Vllig verscherzte Wieland die Achtung jenes Vereins, als sein Tadel auch die Bardenpoesie und den khnen Dithyrambenton traf, den die Gttinger Dichter damals in einer Uebersetzung griechischer Chre der alten Tragiker angestimmt hatten. Durch solche Bestrebungen meinte Wieland, werde die deutsche Poesie bald allen Wohlklang und berhaupt alle Wahrheit, Regelmigkeit, Anmuth und Eleganz verlieren. Hinsichtlich der Gttinger Dichter bemerkte er: "Sie scheinen sich vorgenommen zu haben, den Ausspruch des Demokrit, da ein Poet rasen msse, durch ihr Beispiel zu rechtfertigen; aber die poetische Wuth sollte doch, dcht' ich, nicht gar zu nahe an diejenige grenzen, die in die dunkle Stube fhrt." Durch solche Aeuerungen, und durch seinen Ausfall auf die Bardenpoesie, der zugleich den von den Gttingern hochverehrten Snger der Messiade traf, hatte Wieland jene jungen Mnner so gereizt, da sie, als der Dichterbund am 2. Juli 1773 Klopstocks Geburtstag feierte, Wielands "Komische Erzhlungen" den Flammen opferten. Mit den Frankfurter Dichtern, die auf einem andern Wege, als die Gttinger, nach einer Nationalpoesie strebten, bei der ihnen Shakspeare als Muster galt, war Wieland durch eine Recension des "Gtz von Berlichingen" zerfallen, die, wenn auch nicht von ihm selbst herrhrend, doch einen Platz im "deutschen Merkur" gefunden hatte. Das gespannte Verhltni, in welches er dadurch zu Goethe getreten war, der sein ausgezeichnetes und vielseitiges Talent bald nachher durch die "Leiden Werthers", das Trauerspiel "Clavigo" u.a. Schriften bewhrte, ward noch gesteigert durch die von Wieland im deutschen Merkur erschienenen "Briefe ber das Singspiel Alceste." Den Verfasser dieser Briefe whlte Goethe zum Gegenstande seiner aristophanischen Laune in der damals von ihm gedichteten Posse: "Gtter, Helden und Wieland." Statt dadurch gereizt, sich zu der Parthei der Gegner Goethe's zu schlagen, die die gefhrliche und sittenverderbliche Tendenz der "Leiden Werthers" hervorzuheben suchten, empfahl Wieland im "deutschen Merkur" die gegen ihn gerichtete Schrift "allen Liebhabern der pasquinischen Manier als ein Meisterstck von Persiflage und sophistischem Witze, der sich aus allen mglichen Standpunkten sorgfltig _den_ auserwhle, aus dem ihm der Gegenstand schief vorkommen msse, und sich dann recht herzlich lustig darber mache, da das Ding so schief sei." Dabei lie Wieland es nicht bewenden. Auch eine frher versprochene Vertheidigung des "Gtz von Berlichingen" hielt er nicht zurck und lie sie bald nachher im "deutschen Merkur" drucken. In der gerechten Anerkennung Goethe's, die er durch eine sehr ausfhrliche Beurtheilung des eben genannten Schauspiels gezeigt hatte, blieb Wieland sich gleich. Hinsichtlich der "Leiden Werthers" vertheidigte er in seiner Kritik den Verfasser jenes Romans gegen die Beschuldigung, dem Selbstmord das Wort geredet zu haben. Wieland nannte jenen Roman "das Gemlde eines innern Seelenkampfes, wie ihn nur _der_ entwerfen knne, der den Schpfer des Hamlet und des Othello studirt habe." So hatte sich Wieland wieder ausgeshnt mit Goethe, der einer seiner gefhrlichsten Gegner zu werden drohte. Aber auch den Angriffen derer, die die Klopstockische Bardenpoesie priesen, setzte er nichts entgegen, als einen gelegentlich angebrachten heitern Scherz. Auf diese Weise suchte Wieland allen seinen Gegnern gegenber eine wrdige Stellung zu behaupten. Die Irrungen, in die er mit seinen Halberstdter Freunden, mit Gleim und Jacobi, gerathen war, wurden ausgeglichen, als Gleim zur Vershnung die Hand bot. Er benutzte dazu eine Reise nach Weimar, wo das gestrte Freundschaftsverhltni vllig wieder hergestellt ward. Auch mit einem Freunde Gleims, mit Heinse, war Wieland zerfallen. Er vershnte sich aber mit ihm, als er Heinses Roman "Laidion" gelesen, und ganz bezaubert worden war von "dem schnen, abenteuerlichen Ungeheuer", wie er jenes Werk nannte. Auf einen bisherigen Lieblingsgenu, auf den Besuch des Theaters, hatte Wieland einstweilen verzichten mssen. Durch den Brand des Weimarischen Schlosses am 6. Mai 1774, hatte die Schauspielergesellschaft das Local zu ihren Vorstellungen eingebt, und war entlassen worden. Mit dem Schlusse des Jahres 1774 hatte das Erziehungsgeschft, welchem sich Wieland bisher gewidmet, gnzlich aufgehrt. Der Erbprinz Carl August und sein Bruder Constantin hatten, in Begleitung des Grafen v. Grz und des Majors v. Knebel, eine Reise durch einen Theil von Deutschland angetreten, und sich auch nach Frankreich begeben. Seit Wieland nicht mehr Instructor war, hatten sich seine Sorgen vermehrt. Durch verdoppelten literarischen Flei mute er an eine Erweiterung seiner Einknfte denken. Sein Familienkreis, zu welchem vier Tchter gehrten, war noch durch seine Mutter vergrert worden, die bereits 1772, bald nach ihres Gatten Tode, zu Wieland nach Weimar gezogen war. Der mige Absatz des "deutschen Merkur" nthigte ihm in einem seiner damaligen Briefe die Klage ab, da er kaum im Stande sei, die Unkosten jenes Journals zu decken. Zu den Sorgen fr seine Subsistenz gesellte sich manche Krnkung seines Selbstgefhls. An Veranlagung zu Argwohn fehlte es ihm nicht. Ein satyrisches Drama, "Prometheus, Deukalion und seine Recensenten" betitelt, und von Wagner in Frankfurt am Main verfat, galt ziemlich allgemein fr ein Werk Goethe's. Es erschien zu einer Zeit, wo Wieland von dem genannten Dichter einige Zeilen erhalten hatte, die auf ein freundliches Verhltni hinzudeuten schienen. Gleichgltige Hintansetzung auf der einen Seite, und Vershnung auf der andern, hielt Wieland in seinem Unmuth fr das Loos, das ihm zu Theil geworden sei, so wenig er es verdient zu haben glaubte. "Nie hab' ich," schrieb er an Sophie la Roche, "mehr Liebe fr einen Menschen gefhlt, als fr den Verfasser des Gtz und Werther. Seine Freundschaft wrde mich glcklich machen. Aber er will nicht mein Freund seyn. Er will die Freude haben, vor der Welt sein Spiel mit mir zu treiben, und in die Art, wie er's thut, bringt er alles, was Beleidigungen verzeihlich macht. Wodurch hab' ich das alles verdient? Wodurch hab' ich mich unwrdig gemacht, von wackern rechtschaffenen Leuten geliebt und geschtzt zu werden?" So rhrende Klagen enthielten mehrere von Wieland's damaligen Briefen. Eine Reise nach Halberstadt zu Gleim, der ihm unter allen seinen Freund fast noch allein geblieben war, sollte seinen Unmuth verscheuchen. Ein zweitgiges Zusammenleben machte in Wieland und Gleim den Wunsch rege, knftig einen und denselben Wohnsitz zu haben. Manche Plne wurden in dieser Hinsicht entworfen und wieder aufgegeben. Gleim's Bemhungen, ihm eine Stelle in Berlin zu verschaffen, wute Wieland zu schtzen. Die Grnde, weshalb er keinen Gebrauch davon machen konnte, enthielt ein bald nach der Rckkehr aus Halberstadt geschriebener Brief an Gleim. Darin hie es unter andern: "Wahrscheinlich wird Carl August mir nie Ursache geben, mich von ihm zu entfernen. Ich sitze hier ganz gut. So schn auch immer Ihr Berliner Project fr mich in unser chimrisches Plnchen pate, so wrde es doch in der Ausfhrung unendliche Schwierigkeiten haben. Anderswo, als in Weimar zu leben, wrde mich doch blos die Noth zwingen knnen, irgend ein ffentliches Amt anzunehmen oder zu suchen. Die Versetzung in eine Welt, wie die Berlinische ist, wrde sich berdies fr meine Gemthsart und meine Umstnde kaum schicken. =Pain cuit et libert= wird ewig mein Wahlspruch bleiben. Lieber mit sechshundert Thalern in dem kleinen Drfchen, wo mein Gleim geboren wurde, in einer Htte an dem Schmerlenbach, als in Berlin oder Wien mit so viel tausend Thalern, als Sie wollen. Carl August ist mir gewogen und seine Mutter auch. In Hofintriguen und Staatssachen werde ich mich nie mischen, und mich so viel als mglich in meinem Schneckenhuschen ruhig halten. Ich werde also wenig oder keine Feinde in Weimar haben, und in Frieden und Unschuld dahinleben, so lange es Gott gefllt. Aendern sich einmal die Umstnde, so wollen wir, um Ruhe zu bekommen, uns weder nach Berlin, noch in eine Windmhle setzen, sondern uns irgendwo, nahe bei unserm Gleim, gerade so ein kleines suetonisches tranquilles Gtchen kaufen, wie es einem Danischmende ntzt und frommt -- so weit von Sultanen und Bonzen, als immer mglich ist. In einer kleinen Stadt oder auf dem Lande, nicht weit von einer kleinen Stadt, kann so ein Mittelding von Sokrates und Horaz, wie ich bin, wohlfeiler glcklich seyn." So schrieb Wieland zu einer Zeit, wo durch den Regierungsantritt seines bisherigen Zglings Carl August und dessen Vermhlung mit der Prinzessin Luise von Hessen-Darmstadt manche Vernderungen in seiner bisherigen Lage eintreten konnten. Er schien gefat, unter allen Umstnden die Lebensweisheit zu zeigen, die bisher seine unzertrennliche Lebensgefhrtin gewesen war. "Ich habe," schrieb er, "schon meine Parthie genommen. Die Hofluft ist mir immer zuwider gewesen, und je seltner ich knftig genthigt seyn werde, sie zu athmen, desto glcklicher werd' ich seyn." Diesem Gleichmuth blieb Wieland treu. In einem seiner damaligen Briefe an Sophie la Roche uerte er: "Die bevorstehenden Auftritte, so unbedeutend sie fr die brige Welt sind oder scheinen, sind fr uns Weimaraner doch von so groer Wichtigkeit, da jetzt Alles bei uns in Erwartung der Dinge schwebt, die da kommen werden. Der ruhigste unter allen nennt sich Wieland, weil er fr sich selbst nichts verlangt, mit allem zufrieden ist, und brigens voll guter Hoffnungen." Wenigstens eine dieser Hoffnungen, die er lngst im Stillen gehegt, ward erfllt durch die persnliche Bekanntschaft Goethe's, den der junge Herzog auf seiner Reise in Frankfurt am Main kennen und schtzen gelernt, und ihn aufgefordert hatte, in den Weimarischen Staatsdienst zu treten. Wenige Monate, nachdem Carl August die Regierung bernommen und seine Vermhlung gefeiert hatte, traf Goethe den 7. November 1775 in Weimar ein. Mit Begeisterung verkndete Wieland dies Ereigni seinem Freunde Jacobi. Neid und Migunst waren seiner Seele gnzlich fremd. Den jungen Autor, der ihn durch seine Satyre gekrnkt, bald als Liebling und Vertrauten eines Frsten zu sehen, dem er bisher nher gestanden, machte ihm keine unangenehme Empfindung. Goethe galt ihm, nach seiner eignen Aeuerung als "das grte Genie und als der beste, liebenswrdigste Mensch, den er bisher gekannt." Wielands Begeisterung fr Goethe kannte keine Grenzen. Die Belege dafr findet man in mehrern seiner damaligen Briefe. Er war in der frohesten Stimmung, die auch wohl darin einen wesentlichen Grund haben mochte, da in seinen bisherigen Lebensverhltnissen nicht die mindeste Vernderung eingetreten war. Von dem Herzog Carl August war ihm der Genu seines bisher bezogenen Gehalts auf Lebenszeit zugesichert worden. Die Gemahlin seines Frsten gab ihm unzweideutige Beweise ihres Wohlwollens, und die Herzogin Amalia blieb ihm unvernderlich geneigt. Seinen Lieblingswunsch, unbekmmert um das Treiben der Welt, sich selbst und seinen Studien zu leben, sah Wieland erfllt. "In seinem Schneckenhuschen, wohin er," wie er einem Freunde meldete, "sich zurckgezogen," kam er nur mit Wenigen in Berhrung. Wichtig ward jedoch fr ihn die persnliche Bekanntschaft Herders, der als Generalsuperintendent nach Weimar berufen worden war. Den Eindruck, den Herder auf ihn machte, schilderte ein im October 1776 geschriebener Brief Wielands. "Meine ganze Seele," schrieb er, "ist voll von dem herrlichen Manne. Aber er ist mir zu gro, zu herrlich. Ich fhle, wie wenig ich ihm seyn kann. Fhlen, einsehen, durchschauen, was er ist, und ihn lieben, mehr als ihn noch ein Sterblicher geliebt hat, das kann ich. Aber wie unzulnglich ist das fr einen so tief denkenden, allumfassenden, mchtigen Genius!" Durch den Umgang mit Goethe und Herder ward Wieland nicht gleichgltig gegen seine entfernten Freunde. Vorzglich war es Gleim, dem er alle seine Freuden und Leiden mittheilte, und ihn gewissermaen in das Innere seines Familienkreises fhrte. Wahrhaft einheimisch fhlte sich Wieland erst in Weimar, als er um diese Zeit sich einen vor der Stadt gelegenen Garten gekauft hatte. Dort, in lndlicher Einsamkeit, konnte er ungestrt die Schnheiten der Natur genieen, und sich seinen Betrachtungen hingeben. Seine ganze Existenz, meinte Wieland, habe dadurch eine andere Wendung bekommen. In einem Briefe an Gleim, welchem er eine Schilderung seiner "neuen Domaine" entwarf, bemerkte er: "Sie mssen sich nichts Vornehmes, noch Kostbares vorstellen. Bilden Sie sich ein, da es ungefhr so ein Garten ist, wie das kleine Gut, das Plinius dem Sueton kaufen will, ein Landgut war, d.i. gerade so, wie ihn ein Msiggnger meiner Art vonnthen hat; Bume genug, um Schatten zu haben, und gro genug, da meine Mdchen sich mde darin laufen knnen. Seitdem die Kirschbume zu blhen angefangen haben, bin ich nun den ganzen lieben Tag drauen, und habe es schon so weit gebracht, da mir in meinen vier Mauern in der Stadt, nirgends wohl ist, bis ich meinen Stab in der Hand habe, um hinaus zu gehen und im Freien, im Grnen, unter meinen Bumen, im Angesicht meiner eignen kleinen Pflanzungen, zu leben und zu wallen, und den unendlichen Erdgeist einzuziehen, mit dem ich je lnger, je mehr Sympathie und Verwandtschaft fhle." In einem sptern Briefe vom 7. September 1777 meldete Wieland seiner Jugendfreundin Sophie la Roche, da er seit Anfang des Sommers in einem groen Hause vor der Stadt wohne, zwar nur zwanzig Schritte vom Thor, doch mit allen Annehmlichkeiten des Landlebens, in der beneidenswerthesten Freiheit und Ruhe. "Dort," schrieb er, "leb' ich fast ganz allein mit mir selbst und den Meinigen; und wenn mir, um ganz glcklich zu seyn, noch etwas abgeht, so ist's, da ich der brigen Welt nicht so ganz vergessen darf, als ich wohl gern mchte. Hinten an meinem Hause hab' ich einen Kchengarten mit Obstbumen, und ein paar hundert Schritte davon liegt ein grerer Garten, den ich vor anderthalb Jahren gekauft habe, und worin ich dieser schnen herbstlichen Tage froh werde, die die Natur uns noch ganz unvermuthet schenkt." In seiner Zurckgezogenheit blieb Wieland fast gnzlich unbekannt mit den abentheuerlichen und groenteils bertriebnen Gerchten, die sich damals ber Weimar und das dortige Leben und Treiben verbreiteten. Das seltene Freundschaftsverhltni zwischen einem geistreichen Frsten und einem genialen Dichter hatte allgemeine Sensation erregt, und war gewissermaen das Signal geworden fr alle Kraft- und Dranggenie's, nach Weimar zu wallfahrten. Die wunderlichsten Mhrchen verbreiteten sich ber Goethe und dessen Freunde Lenz und Klinger, die damals von Frankfurt nach Weimar gekommen waren. Von Lenz gestand Wieland selbst: "er mache alle Tage regelmig seinen dummen Streich, und wundere sich dann darber, wie eine Gans, wenn sie ein Ei gelegt habe." Selbst von Herder ward gefabelt, er predige in galonnirten Kleidern, mit Stiefeln und Sporen, und reite unmittelbar nach der Predigt zum Thor hinaus. Gegen den Antheil an jenem Treiben, den ihm das Gercht schuld gab, rechtfertigte sich Wieland in einem Briefe vom 7. Februar 1776 mit den Worten: "Ich hre, da gewisse Leute, die aus verchtlichen Ursachen meine und Goethe's Feinde sind, allerlei Calumnien aussprengen, und unter andern auch mich, wegen meiner Connexion mit Goethe, mit in das, was hier geschieht und nicht geschieht, einmischen, und mich zu einem, ich wei nicht ob Actuar oder Soufleur oder Lichtputzer bei unsrer Staatscomdie machen, da ich doch, Dank sei Gott und meinem Genius, ein bloer Zuschauer bin -- bereit, mit aller mglichen Bonhomie zu klatschen, wenn gut gespielt wird, und hchstens die Achseln zuckend, oder ein paar =sacres bleus= zwischen den Zhnen murmelnd, wenn es dumm geht." Der Einflu junger talentvoller Kpfe wirkte aufregend fr Wielands geistige Kraft, zu einer Zeit, wo er in seinen "Unterredungen mit einem Pfarrer" eine Apologie seiner frhern Schriften niedergelegt hatte. Manche Plne entwarf er damals, seinen "deutschen Merkur" gemeinntziger zu machen. Nichts, meinte er, wrde dieser Zeitschrift mehr aufhelfen, als wenn man "mehr Urtheile ber Bcher und andere Dinge" hinein brchte. "Den Leuten," schrieb Wieland, "liegt an nichts so viel, als zu wissen, was sie ber alles Vorkommende denken und sagen sollen." Seltener waren allmlig die Beitrge geworden, durch welche Goethe, Herder, Jacobi u.A. vor dem Jahre 1776 sein Journal, dessen Aufnahme ihm sehr am Herzen lag, untersttzt hatten. Es enthielt mehr Aufstze von seiner eignen Feder, und fast alle seine Werke theilte er bruchstckweise zuerst in dem "deutschen Merkur" mit. Seine fast ununterbrochene Beschftigung mit der Literatur der Griechen und Rmer entzog ihn nicht philosophischen und historischen Studien im weitesten Umfange des Worts. Zugleich blieb ihm ein lebendiges Interesse fr alle Ereignisse der Gegenwart. Die Fortschritte des Menschen in seiner Geistescultur beobachtete Wieland mit scharfem Auge. Er machte sich mit den neuern Reisebeschreibungen und mit jeder wichtigen Entdeckung bekannt. Sein reger Geist durchwanderte das groe Gebiet der Wissenschaften und Knste nach allen Richtungen hin. Dadurch erhielt er reichhaltige Materialien zu grern und kleinen Aufstzen fr den "deutschen Merkur." Die meisten jener Aufstze charakterisirte das Streben, Aufklrung zu verbreiten zu einer Zeit, wo schwrmerische Kpfe, wie der Pater Ganer in Wien, der berchtigte Graf Cagliostro, Memer, Schrpfer u.A. dem Zeitgeiste eine so wunderbare Richtung gaben, da man sich des Unglaubens auf der einen Seite, und des Aberglaubens auf der andern beschuldigte. Behutsam aber glaubte Wieland zu Werke gehen zu mssen, und nicht zu verkennen war seine Gewissenhaftigkeit in Allem, was er ber religise Gegenstnde schrieb. Unter seinen mannigfachen Studien und Beschftigungen ward er der Dichtkunst nicht untreu. In diese Zeit seines Lebens fallen die poetischen Erzhlungen: "Gandelin" oder "Liebe um Liebe"; das "Winter- und Sommermhrchen"; "Pervonte"; der "Vogelfang" oder "die drei Lehren", "Hann und Gulpenheh" u.a.m. Seine Natur neigte sich entschieden zur romantischen Poesie. Nach seinen eignen Aeuerungen war er berzeugt, da sich "dem Mhrchen ein hherer Zweck unterlegen lasse, als bloe Unterhaltung kleiner und groer Kinder." Bei den meisten der vorhin erwhnten Gedichte hatte Wieland franzsische Quellen benutzt, die =Fabliaux= von =Chretien de Troyes=, die =Lays de l'Oiselet= u.a.m. Aus einer altfranzsischen Sage, =Huon de Bordeaux= betitelt, schpfte Wieland auch den Stoff zu seinem "Oberon", durch den er seinen Dichterruhm fr immer begrndete. Fr eine eigenthmliche Schnheit des Plans und der Composition seines Epos hielt Wieland, nach seinem eignen Gestndni, "die Art und Weise, wie die Geschichte von Oberon's Zwist mit seiner Gemahlin Titania in der Geschichte Hons und Rezia's eingewebt worden sei." Er schrieb darber einem Freunde: "Oberon ist nicht nur aus zwei, sondern, wenn man es genau nehmen will, aus drei Haupthandlungen zusammengesetzt, nmlich aus dem Abentheuer, welches Hon auf Befehl des Kaisers zu bestehen bernommen, der Geschichte seines Liebesverhltnisses mit Rezia, und der Wiederausshnung der Titania mit Oberon. Aber diese drei Handlungen oder Fabeln sind dergestalt in Einen Hauptknoten verschlungen, da keiner ohne die andern bestehen, oder einen glcklichen Ausgang gewinnen knnte. Ohne Oberon's Beistand wrde Hon Kaiser Carl's Auftrag unmglich haben ausfhren knnen; ohne seine Liebe zu Rezia, und ohne die Hoffnung, welche Oberon auf die Treue und Standhaftigkeit der beiden Liebenden, als Werkzeuge seiner eignen Wiedervereinigung mit Titania grndete, wrde dieser Geisterfrst keine Ursache gehabt haben, einen so innigen Antheil an ihrem Schicksal zu nehmen. Aus dieser, auf wechselseitige Unentbehrlichkeit gegrndeten Verwebung ihres verschiedenen Interesses entsteht eine Art von Einheit, die meines Erachtens das Verdienst der Neuheit hat, und deren gute Wirkung der Leser durch sein eigene Theilnahme an den smmtlichen handelnden Personen zu stark fhlt, als da sie ihm irgend ein Kunstrichter wegdisputiren knnte." In seinem "Oberon", der sich dadurch von Wielands bisherigen Gedichten unterschied, da durchaus keine Spur von satyrischer Tendenz darin zu entdecken war, hatte er alle Elemente des Romantischen zu vereinigen gesucht, Schwrmerei im Heroismus, in der Liebe und der Religion. "Es scheint", schrieb er, "einer der feinsten Kunstgriffe in Gedichten romantischer Gattung, da man die Genien und Feen als Wesen einer hhern Ordnung und Brger einer andern Welt einfhrt, deren Natur, Wirkungskreis und Geschichte fr uns immer etwas Rthselhaftes, Geheimes und Unerklrliches hat, auch alsdann, wenn unsre Begebenheiten durch eine noch hhere und geheimere Ordnung der Dinge, die man wohl Schicksal nennt, in die brigen eingeflochten, und wir, ohne zu wissen, wie und warum, Werkzeuge abgeben, wodurch das Schicksal ihnen Gutes erweist." Wieland war noch beschftigt mit seinem "Oberon", als das Studium der Alten, an dem er noch immer mit Liebe hing, in ihm die Idee weckte, seinen Lieblingsdichter Horaz zu bersetzen. Ausgefhrt ward diese Idee erst, als er den "Oberon" vollendet hatte. Wieland beschrnkte sich in seiner Uebersetzung des Horaz nur auf die Briefe und Satyren des rmischen Dichters. Es war ihm mehr darum zu thun, den Geist seines Originals wiederzugeben, als sich streng an die Form zu halten und die Treue seiner Uebersetzung bis auf das Buchstbliche auszudehnen. Um die Manier und den Ton seines Autors besser zu treffen, whlte er, statt des Hexameters, den jambischen Vers, den er fr geeigneter hielt, die Leichtigkeit und Gewandtheit der Conversationssprache wiederzugeben. Auch bei seiner Uebersetzung des Lucian, die er einige Jahre spter unternahm, ging er mit gleicher Freiheit zu Werke, wodurch der Ausdruck bald krzer, bald weitlufiger ward als der des Originals. Einen bleibenden Werth verlieh er seinen Uebersetzungen, durch die denselben beigefgten Einleitungen und Erluterungen, die von der grndlichsten Sachkenntni zeugten. An die Uebersetzung des Lucian erinnerte sich Wieland noch in sptern Jahren oft mit Vergngen. Zwischen ihm und jenem Autor fand eine Art von Geistesverwandtschaft statt, und Wieland uerte scherzend, da er whrend jener literarischen Arbeit sich oft dem Glauben an eine Seelenwanderung berlassen habe. Einen sehr ernsten Zweck suchte Wieland zu verfolgen in seinen groentheils durch die politischen Ereignisse veranlaten "Gesprchen in Elysium" und in seinen "Gttergesprchen." Frher, als diese Schrift, entstand ein Werk, das durch seinen Inhalt groe Sensation erregte. Die erste Idee zu seiner "Geschichte der Abderiten" gaben ihm vermuthlich Erinnerungen an die republikanische Verfassung seiner Vaterstadt Biberach und eine Vergleichung jener Constitution mit der monarchischen Regierung in Weimar. Er ward jedoch immer vorsichtiger und behutsamer in seinen Schriften und Aufstzen ber politische Gegenstnde. Schon sein Verhltni zum Weimarischen Hofe bestimmte ihn, in dieser Hinsicht Rcksichten zu nehmen. Sein Freund Jacobi mute sich's gefallen lassen, da Wieland in den fr den "deutschen Merkur" bestimmten Bruchstcken des Romans "Alwill" mehrere Stellen strich, besonders eine ber den Frstendienst. Er schrieb darber an Jacobi: "Gott wei, wie Du, mit dem Bewutseyn deiner und meiner Verhltnisse, so etwas hinschreiben konntest, da ich's drucken lassen sollte." Bescheidenheit hielt Wieland fr eine unerlliche Bedingung, unter der ein Privatmann ffentlich ber Staatsangelegenheiten sprechen, und ber Maregeln, von denen das Wohl oder Wehe ganzer Nationen abhngig sei, ein Urtheil fllen sollte. Er war der Ansicht: die Wnsche des Volks und die Meinung verstndiger und unparteiischer Mnner zu vernehmen, msse den Frsten immer willkommen seyn, so lange sie noch keine entschiedene Parthei ergriffen htten. Sei aber einmal der unglckliche Wurf geschehen, so knne das Einmischen von Privatleuten und ihr Urtheil ber die ergriffenen Maregeln nichts mehr helfen, wohl aber schaden. Wiederholt warnte Wieland vor dem Mibrauch der Presse. Aber eine Reform in den politischen Verhltnissen wnschte und hoffte er sehnlich. Eine khnere Sprache als manche seiner Aeuerungen erwarten lieen, fhrte Wieland in einem 1784 gedruckten Aufsatze. "Wenn man", uerte er darin, "mit der Religion und der Priesterschaft fertig ist, so wird wahrscheinlich auch die Reihe an Untersuchungen kommen, die unsern weltlichen Gewalthabern nicht behagen drften, so gleichgltig auch das Gefhl ihrer Strke sie jetzt dagegen machen mag. Denn auch sie wird man endlich fragen: Aus welcher Macht thut ihr dies und das? Von wem habt ihr diese Macht empfangen, und wem habt ihr Rechenschaft davon zu geben? Worauf grnden sich eure Vorrechte, Besitzthmer und Ansprche? Wenn sich alle eure Vorrechte -- wie uns unsre Philosophen von allen Dchern herabpredigen -- auf einen bloen Vertrag zwischen uns und euch grnden; wenn alles, was ihr besitzt, blos anvertrautes Gut ist, und euer Ansehn keinen andern rechtschaffnen Grund hat, noch haben kann, als eine von uns empfangene bedingte Vollmacht, die wir alle Tage zurcknehmen knnen, sobald wir uns auf eine vorteilhaftere Art einzurichten wissen: wie knnt ihr erwarten, da so aufgeklrte Leute, wie wir, in der wichtigen Angelegenheit unsres zeitlichen Lebens euch eine willkhrliche und unbeschrnkte Gewalt ber unsere Personen, unser Eigenthum und unser Leben einrumen werden? Ehe wir euern Verordnungen gehorchen, wollen wir untersuchen, ob sie uns glcklich machen werden. Ehe wir euch Subsidien bewilligen, wollen wir erst wissen, wie ihr sie zu unserm Nutzen anzuwenden gedenkt. Und ehe wir uns an die Schlachtbank fhren, oder uns der Gefahr aussetzen lassen, unser Feld verwstet, unsre Wohnungen angezndet und unsere Shne in die Kriegsknechtschaft gefhrt zu sehen, wollen wir vorher untersuchen, was uns daran gelegen ist, ob ihr etliche Quadratmeilen mehr oder weniger zu besteuern habt, oder nicht." Diese Aeuerungen waren prophetische Worte, die bald nach Friedrichs II. Tode (1786) und noch mehr durch die sptern politischen Ereignisse sich bewhrten. Die Stellung, welche Wieland damals als Schriftsteller und Journalist zu behaupten suchte, bezeichnete er selbst in den Worten: "Es ist eben so wenig meine Absicht, unserm Jahrhundert Hohn zu sprechen, als ihm zu schmeicheln. Ich halte es fr eins der wirksamsten Mittel, seine Zeitgenossen zu bessern, wenn man ihnen, wie Swift, immer beleidigende Dinge sagt. Sie immer zu streicheln und liebzukosen und einzuwiegen und in Schlaf zu singen, taugt nichts." Die Rechte der Menschheit gegen den Druck des Despotismus in Schutz zu nehmen, war Wielands unablssiges Bestreben. Bei der sich immer mehr ausbreitenden Aufklrung, bei den immer raschern Fortschritten der Cultur, hielt er den Zeitpunkt nicht fr entfernt, wo, nach seinem eignen Ausdruck "die schafsmigsten Menschen zu Tigern werden knnten." Nur einer einzigen Commotion, meinte er, bedrfe es, "um zehn oder zwanzig Millionen, die nichts mehr als das nackte Leben zu verlieren htten, dahin zu bringen, auch dies gegen Alles aufs Spiel zu setzen." Wielands Welt- und Menschenkenntni hatte ihn nicht getuscht. Noch vor dem Schlu des achtzehnten Jahrhunderts gingen seine Worte durch den Ausbruch der franzsischen Revolution fast buchstblich in Erfllung. Wie mchtig dies politische Ereigni auf ihn eingewirkt, zeigten mehrere Schriften und Aufstze, in denen er seine politische Meinung niederlegte. Cosmopolit im eigentlichsten Sinne des Worts, durfte er sich wohl das Zeugni geben, da "in Allem, was er seit dem 14. Juni 1789 ber die ffentlichen Begebenheiten in Frankreich geschrieben habe, ein gewisser Geist von Unpartheilichkeit, Billigkeit und Migung athme." Die Hauptmaxime, die ihn "in seinem Urtheil ber die menschlichen Dinge" leitete, zeigte Wielands eignes Gestndni. "Nie vergesse ich," schrieb er, "da Menschen in allen Umstnden und Zeiten weder mehr noch weniger, als Menschen sind. Daher kommt es, da nicht leicht etwas so gut oder schlimm, so vernnftig oder so albern, so edel oder so schlecht ist, da ich es ihnen nicht unter gewissen Umstnden zutrauen sollte. Daher kommt es, da ich nichts Vollkommenes von ihnen erwarte, und mich nie darber formalisire, wenn sie, zumal in auerordentlichen Lagen und im Gedrnge groer Schwierigkeiten, nicht wie Gtter, reine Geister oder stoische Weise, sondern nur wie arme Erdenklse, weder weiser, noch consequenter, noch uneigenntziger handeln, als man es seit so vielen Jahrtausenden von den Adamskindern gewohnt ist, oder doch billig gewohnt seyn sollte." Von den Greueln der franzsischen Revolution wandte sich Wieland mit Abscheu hinweg. Die Vaterlandsliebe regte sich wieder mchtiger in ihm. Rhmend hob er das Gute hervor in der wegen ihrer Mngel oft von ihm getadelten Constitution der deutschen Staaten. In der Liebe zu der bestehenden Verfassung zeigte sich ihm die wahre Vaterlandsliebe. "Was kann," schrieb er, "deutscher Patriotismus anders seyn, als das aufrichtige Bestreben, zur Erhaltung und Vervollkommnung der gegenwrtigen Verfassung des gemeinen Wesens alles beizutragen, was jeder, nach seinem Stande, Vermgen und Verhltni zum Ganzen dazu beizutragen fhig ist? Mit wie vielem Rechte kann man von uns Deutschen sagen, was der rmische Dichter von den Landleuten sagt: =Felices sua si bona norint=! Glcklich, wenn der Schlummer der Gewohnheit uns nicht gleichgltig, blind und undankbar gegen die grten Wohlthaten unserer Verfassung gemacht htte; wenn wir ihrer nicht genssen, wie der Gesundheit, deren hohen Werth man erst fhlt, wenn man sie verloren." Als politischer Schriftsteller entging Wieland nicht dem Schicksal, wegen seiner Grundstze von allen Partheien, sowohl der monarchischen, als aristokratischen und demokratischen, verkannt, und oft hart angefochten zu werden. Seine heftigsten Gegner waren die Aristokraten, die ihm seine Abneigung gegen das Kastenwesen und Privilegien aller Art sehr verbelten. Gegen den Vorwurf, "die Schuster- und Schneider-Aufklrung befrdert zu haben," vertheidigte sich Wieland mit den Worten: "Meiner geringen Meinung nach, ist das Beste fr den Schuster -- Schuhe zu machen. Sollte aber -- was denn am Ende doch auch keine Unmglichkeit ist -- ein Schuster glauben, da er auch =ultra crepidam= etwas Gemeinntziges oder ein Wort zu seiner Zeit zu sagen habe, warum sollte das nicht erlaubt seyn? Einer von Sokrates bravsten Jngern war zwar kein Schuster, aber doch einer, der fr die Schuster arbeitet, ein Gerber; und die Athenienser konnten es wohl leiden, in mehr als dreiig Sokratischen Dialogen, die er schrieb, die Wahrheit zu hren. Und sagte nicht der wackere Schuster Hans Sachs seinen Nrnbergern und der ganzen Welt, in seinem naiven Reimen manche heilsame, mitunter auch manche derbe Wahrheit, ohne da ein Mensch etwas dagegen einzuwenden hatte? -- Aber freilich hatte man auch vor 200 Jahren in Deutschland noch etwas mehr Respect vor einem Menschen und vor einem Brger, als heut zu Tage!" Durch Verschiedenheit der Meinung sah sich Wieland oft den heftigsten Angriffen blosgestellt. Das Bewutseyn, einen guten Zweck verfolgt zu haben, mute ihn trsten. Da er oft schrfer gesehen, als Andere, und manches in prophetischem Geiste gesprochen hatte, bewies er in seinen "Gesprchen unter vier Augen" durch den Vorschlag: das demokratische Frankreich mchte zu seiner eignen Rettung -- Buonaparte zum Dictator ernennen. In jenen politischen Dialogen sah Wielands Blick weit in die ferne Zukunft hinaus, und in mehreren Schilderungen entwarf er ein anschauliches Bild von der Zeit, die jenseits der Grenzen seines Lebens lag. Von solchen Beschftigungen ward Wieland wieder zu den Musen zurckgefhrt in den geistreichen Cirkeln, welche die Herzogin Amalia in Ettersburg und Tiefurth zu versammeln pflegte. Was irgend im Gebiet der Poesie und Musik von Bedeutung schien, ward in jenen Cirkeln, an denen Goethe, Herder, Einsiedel, Knebel, Bertuch u.A. Theil nahmen, zu einem Gegenstande der Unterhaltung. Lndliche Feste und Schauspiele, in denen die eben genannten Mnner, nebst einer Corona Schrter, Amalie v. Gchhausen u.a. geistreichen Damen sich in die Rollen theilten, wechselten mit Ergtzlichkeiten anderer Art ab. Einen Beitrag zu den dramatischen Vorstellungen jener Dilettantengesellschaft, die bald das Schlo zu Ettersburg, bald die nahgelegene Waldung zum Schauplatz whlte, lieferte Wieland in seiner "Pandora." Mehrere Gedichte und Aufstze legte er auch in dem noch handschriftlich erhaltenen "Tiefurther Journal" nieder. In solchen Kreisen fhlte sich Wieland sehr behaglich, so wenig er sonst auch dem Hofleben und der damit verbundenen Etiquette Geschmack abgewinnen konnte. Noch in spterer Zeit pries er oft das Glck, so geistreichen Cirkeln angehrt zu haben, die durch den lebhaften Austausch der mannigfachsten Ideen fr ihn immer das Interesse der Neuheit behielten. Die in einem Briefe vom Jahr 1782 enthaltene Schilderung der vlligen Zufriedenheit mit seiner Lage pate auch fr seine sptern Lebensjahre. Jenes Schreiben enthielt das Gestndni: "In einer erwnschten Befreiung von ffentlichen Geschften lebe ich den Musen und mir selbst, ein unscheinbares, aber glckliches Leben, begnstigt durch die Gnade meines Frsten und durch die Liebe vieler Rechtschaffenen." Der erwhnte Brief schilderte ihn zugleich "umgeben von einer zahlreichen, um ihn her theils aufblhenden, theils noch aufkeimenden Familie, die seine Existenz auf die interessanteste Weise vervielfltige und durch die sen Sorgen und angenehmen Pachten des Hausvaters sein sonst sehr einfrmiges Leben vor Stockung bewahre." Fhlbar mute ihm jedoch werden, da er, bei aller Sparsamkeit, seinen literarischen Flei verdoppeln mute, wenn er fr den anstndigen Unterhalt seiner nicht kleinen Familie gehrig sorgen wollte. Von vierzehn Kindern, die ihm seine Gattin geboren, lebten damals noch eilf. Der Vortheil, den er bisher von seinen schriftstellerischen Arbeiten gezogen, war gering. Den meisten Gewinn hatte er noch der Herausgabe des "deutschen Merkurs" zu danken gehabt. Bei den meisten seiner frhern poetischen Werke hatte er sich mit einem Dukaten fr den Druckbogen begngen mssen. In Bezug auf das Honorar fr seine "Komischen Erzhlungen" gestand Wieland einem Freunde: "Jedermann, welcher wei, da in Frankreich dem mittelmigsten Reimer und Romanschreiber wenigstens zwei Louisd'or fr den Bogen bezahlt werden, lacht mich aus, da die Komischen Erzhlungen mir nicht mehr noch weniger eingetragen haben, als fnf Gulden fr den Bogen." Einigermaen verbessert hatten sich Wielands literrische Einknfte durch seine Bekanntschaft mit dem Buchhndler Reich in Leipzig, der ihm fr das Gedicht "Musarion" ein Honorar von dreiig Dukaten und fr den "Diogenes von Sinope" funfzig gesendet hatte. Der Gelehrtenbuchhandlung in Dessau hatte Wieland eine nicht unbedeutende Summe auf Actien geliehen und sie grtentheils eingebt. Zurckgeschreckt durch so bittere Erfahrungen, schwankte er, ein Capital von 1000 Thlrn. daran zu wagen, als die Unternehmer der Jenaischen Literaturzeitung, Schtz und Bertuch, ihn im Jahr 1784 zum Beitritt aufgefordert hatten. Dagegen trat Wieland, nach Reichs Tode, in nhere Verbindung mit dem damals noch sehr jungen Buchhndler Gschen in Leipzig, der zuerst den "Peregrinus Proteus" und die "Gttergesprche" druckte, und nachher der Verleger von Wielands smmtlichen Werken ward. Durch eine genaue Revision und Feile wnschte Wieland seinen Schriften den hchsten Grad von Vollendung zu geben. In der Ankndigung der Gesammtausgabe seiner Werke im zwlften Stck des "deutschen Merkur" vom Jahr 1793 uerte Wieland, da ihn jene Arbeit schon seit einigen Jahren beschftige. "Ich widme ihr," schrieb er, "die heitersten Tage und Stunden meines Lebens, und spare weder Zeit noch Mhe, um den kleinsten Flecken wegzubringen, den ich an einem bereits vollendet scheinenden Werke gewahr werde. Es ist ein ser Gedanke, zumal in den letzten Herbsttagen des Lebens, auch nach seinem Tode noch unter den Menschen, die man geliebt hat, fortzuleben, ihnen noch werth und ntzlich zu seyn, und von den Besten unter ihnen noch geliebt zu werden. Wenn auch die Hoffnung, da die Zukunft diesen Gedanken realisiren werde, nur Tuschung wre: welche Aufforderung, welche Nachtwachen knnten zu viel seyn, um sich noch in seinem Leben eine so se Tuschung zu verschaffen? Niemand kann es strker fhlen und einsehen, als ich selbst, da, meiner angestrengtesten Bemhungen ungeachtet, auch die besten Producte meines Geistes noch immer weit unter meiner eignen Idee, geschweige denn unter den Ideal des Schnen und Guten in ihrer Art bleiben. Dieser Gedanke wird meine Aufmerksamkeit schrfen, und meinen Flei verdoppeln; und so werde ich, was auch der Erfolg seyn mag, die Welt dereinst desto ruhiger verlassen knnen, wenn ich mir bewut seyn werde, alles, was in meinen Krften stand, gethan zu haben, um ihr meinen geistigen Nachla so wohl beschaffen und in so guter Ordnung, als mir mglich war, zu hinterlassen." Bei der Durchsicht seiner Schriften berzeugte sich Wieland, wie sehr sein Styl und Geschmack sich allmlig gelutert hatten. Seinen Jugendarbeiten beurtheilte er mit nachsichtsloser Strenge. Nur wenige nahm er in die Sammlung seiner Werke auf. Den meisten Werth legte er noch auf seine "moralischen Erzhlungen." Nach einem seiner damaligen Briefe hielt er diese Erzhlungen "fr das Beste von allem, was er vor seinem fnf und zwanzigsten Jahre geschrieben habe." Ueber den Platz, den er seinen ersten schriftstellerischen Versuchen in der Gesammtausgabe seiner Werke anweisen sollte, schwankte er lange. In Bezug auf seine Erzhlung: "Araspes und Panthea" uerte er in einem Briefe an seinen Verleger Gschen: "Ich finde, da es die hchste Unschicklichkeit wre, dies noch sehr jugendliche und meinen frhern Jugendwerken noch viel zu hnliche Product an die Spitze meiner smmtlichen Schriften zu stellen, und zwar nicht hinsichtlich des Inhalts oder der darin geuerten Geisteskrfte (in welcher Rcksicht es nicht zu verachten ist), sondern weil mein Geschmack und Styl damals noch zu unreif, und von dem, was er im Agathon und im goldnen Spiegel ist, noch zu weit entfernt war." Oft verwarf Wieland wieder die bereits getroffenen Anordnungen. Endlich entschlo er sich, seine Jugendarbeiten der Ausgabe seiner Werke beizufgen, weil sie doch, wie er uerte, "gewissermaen zur Geschichte unserer Literatur gehrten und zeigten, von welchem Punkte er ausgegangen sei." Lngere Zeit beschftigte sich Wieland mit dem Gedanken, auch seine Uebersetzungen in die Sammlung seiner Werke aufzunehmen. Ueber diese Idee, die er wieder verwarf, uerte er sich in einem Briefe vom 1. November 1793 mit den Worten: "Alle Welt stimmt mit Recht darin berein, da meine Uebersetzungen des Horaz und des Lucian so viel von meinem Eignen haben, und sich so weit von der gewhnlichen Uebersetzer-Manier entfernen, da sie so gut, als irgend eins meiner Originalwerke in eine Sammlung aller meiner Schriften gehren, zumal da der Commentar einen eben so betrchtlichen Theil ausmacht. Ich glaube es dem Publikum schuldig zu seyn, da die allgemeine Ausgabe aller meiner Werke, auch die Satyren und Briefe des Horaz, und wenigstens die auserlesenen Werke Lucian's nebst meinem Commentar enthalte." Im Allgemeinen erklrte sich Wieland ber die Gesammtausgabe seiner Schriften in einem Briefe vom 30. Juni 1795 mit den Worten: "Unter meinen smmtlichen Werken will ich eigentlich nichts verstanden haben, als was ich nach meiner besten Ueberzeugung fr werth halte, unter die besten und reifsten Producte meines Geistes aufgenommen zu werden." Mehrere seiner Werke wurden von ihm umgearbeitet, um sie dem ihm vorschwebenden Ideal von Vollkommenheit mglichst zu nhern. Er scheute weder Zeit noch Mhe, siebzehn Gesnge seines "Neuen Amadis," dessen "licensise Versart" ihm nicht behagte, in zehnzeilige Stanzen umzuschmelzen. Nach seinem eignen Gestndni ging Wielands Bemhen hauptschlich darauf hinaus, sowohl dem eben erwhnten Gedicht, als seinen brigen poetischen Arbeiten, "ohne Nachtheil der ungezwungenen Leichtigkeit, Correctheit des Stils und der Sprache zu geben." Zu Anfange des Februar hatte er die "wirklich mhsame Revision der dreiig Bnde seiner smmtlichen Werke" vollendet. Er sah sich dadurch mancher Sorgen berhoben. Einer reinen Freude berlie er sich inde erst, als die empfangenen Nachrichten von zahlreichen Subscriptionen einigermaen seine Besorgnisse milderten, da das Unternehmen fr seinen Verleger einen bedeutenden Verlust herbeifhren mchte. Die politischen Ereignisse vermehrten in dieser Hinsicht Wielands Besorgni. Nicht fr sonderlich gnstig hielt er den Moment, in welchem die Gesammtausgabe seiner Werke an's Licht trat. "Wir sind leider," schrieb er, "in eine unglckliche Zeit gefallen, und selbst die Hoffnung, das Einzige, was uns zum Trost noch brig blieb, scheint bereit, mit jedem Augenblicke die Flgel aufzuspannen, und uns durch die Flucht einem Zustande zu berlassen, der durch seine Ungewiheit beinahe noch schlimmer ist, als das Aergste, was uns wirklich treffen kann." Manches Unerfreuliche brachte ihm aber auch schon die Gegenwart. Wielands Unmuth kannte keine Grenzen, als ein Wiener Nachdruck seiner Werke, ihren rechtmigen Verleger, der bei dem Unternehmen kein Opfer gescheut, mit einem bedeutenden Verlust bedrohte. In seinem Familienkreise mute Wieland Trost und Erheiterung suchen, und er suchte dort beides nicht vergebens. Kaum htte er eine Gattin finden knnen, die die Pflichten einer thtigen Hausfrau und sorgsamen Mutter pnktlicher erfllt htte, als seine liebe Dorothea. Ungestrt konnte er den grten Theil des Tages an seinem Arbeitstisch zubringen, und dadurch nach allen Krften fr das Wohl seiner Familie sorgen. Ohne durch ihr Aeueres, noch durch Talente sich auszuzeichnen, war Wielands Gattin sein hchstes Lebensglck. In einem seiner Briefe nannte er sie ein Muster jeder weiblichen und huslichen Tugend. "Sie ist", schrieb er, "frei von jedem Fehler ihres Geschlechts, mit einem Kopf ohne Vorurteil, und mit einem moralischen Charakter, der einer Heiligen Ehre machen wrde. Die Jahre, die ich mit ihr lebe, sind herangekommen, ohne da ich nur ein einziges Mal gewnscht htte, nicht verheirathet zu seyn. Im Gegentheil ist sie und ihre Existenz so mit der meinigen verwebt, da ich nicht acht Tage von ihr entfernt seyn kann, ohne etwas dem Schweizer-Heimweh Aehnliches zu empfinden." Die innige Liebe zu seiner Gattin gab ihm auch in einem Briefe an Gleim die Worte ein: "Gott hat mich aus einer Gefahr erlst, an die ich ohne Schaudern nicht denken kann. Ich war nahe daran, oder wenigstens machte mich Liebe und Angst denken, das beste, fr mich allein geschaffene Weibchen zu verlieren. Alle lieben Engel Gottes haben Mitleid mit mir und meinen armen Kindern gehabt; wir haben unser bestes Mtterchen wieder, und sie befindet sich auer Gefahr." Die Geburt eines Kindes hielt Wieland immer fr einen Zuwachs seiner huslichen Glckseligkeit. Mit reiner Vaterfreude betrachtete er die Entwicklung der "kleinen krabblichten Mitteldinger von Aeffchen und Engelchen", wie er seine lieben Sprlinge scherzweise nannte. Es war ein herzerfreuender Anblick fr ihn, und oft bat er einen auswrtigen Freund, doch zu ihm zu kommen und seine Freude darber zu theilen, da die Herzogin Mutter, der Herzog, Prinz Constantin, Goethe, Gleim u.A. bei der Taufe seiner Kinder Pathenstellen bernommen. Seine Gattin hatte ihm vierzehn Kinder geboren, von denen ihm sechs Tchter und drei Shne am Leben blieben. Zwei liebe Kinder, Philipp und Wilhelm, entri ihm der Tod. "Die Zeit", schrieb Wieland "heilt wohl Wunden dieser Art, aber die Narbe, die sie zurcklassen, bleibt so lange wir leben." Noch ehe ihn jener zwiefach harte Schicksalsschlag getroffen, hatte Wieland seiner Jugendfreundin Sophie la Roche geschrieben: "Ich habe eine ganz artige Nachkommenschaft um mich her, alle so gesund und munter, gutartig und hoffnungsvoll, jedes in seiner Art, da ich meine Lust und Freude daran habe, und mich gerade wegen dessen, was die Meisten fr eine groe Last halten wrden, fr einen der glcklichen Sterblichen auf Gottes Erdboden halte. Das Alter berschleicht mich ganz unmerklich mitten unter dieser um mich aufsprossenden und aufblhenden jungen Welt. Ich erfahre je lnger je mehr, da alle wahre menschliche Seligkeit innerhalb der Rume des ehelichen Lebens liegt. Ich werde immer mehr Mensch, und in eben der Proportion immer glcklicher und besser. Arbeiten wird meine Lust, weil ich fr meine Kinder arbeite, und auch davon bin ich im Innersten berzeugt, da mein ruhiges Vertrauen auf die Hand, die das Gewebe unserer Schickungen webt, weder mich, noch die Meinigen betrgen werde." Wielands Familienkreis war noch durch einen talentvollen jungen Mann erweitert worden, den er bereits 1785 als Haus- und Tischgenossen bei sich aufgenommen hatte. Dieser junge Mann, der, anfangs Hauslehrer von Wielands Kindern, spterhin durch Familienbande noch nher an ihn geknpft ward, war Reinhold. "Es ist eine wunderbare Geschichte", schrieb Wieland den 15. Mai 1785 an Gleim, "wie und auf was fr Art dieser junge Mann aus den Wolken, oder vielmehr aus den Armen irgend eines Gottes in meinen Schoo gefallen, und mir und meiner Frau so lieb geworden ist, da wir ihn mit einstimmigem Beifall unseres Kopfes und Herzens zu unserem Sohne angenommen haben." Aus Wien gebrtig und in einem Jesuitencollegium erzogen, hatte Reinhold dem Mnchsleben in dem Barnabiter-Orden so wenig Geschmack abgewinnen knnen, da er heimlich nach Leipzig entfloh und von da nach Weimar ging, wohin ihn seine Freunde v. Gemmingen und Blumauer an Wieland empfohlen hatten. Die wohlwollende Aufnahme, die er dort fand, verbunden mit dem Genu der Denkfreiheit in einem protestantischen Lande, versetzte ihn in die froheste Stimmung. Selbst ber seine noch ungewisse Zukunft konnte er sich beruhigen, da Wieland ihn seines Charakters und seiner Kenntnisse wegen schtzte, ihm einen Antheil an der Redaction des "deutschen Merkurs" gnnte, und spter durch seinen Einflu ihm eine Professur der Philosophie auf der Universitt Jena verschaffte. Noch fester ward Reinhold's Verhltni zur Wielandschen Familie durch seine Neigung zu des Dichters ltester Tochter, der damals sechzehnjhrigen Sophie. Reinhold erhielt am Altar ihre Hand, und fortwhrend, auch spter, als er einem Ruf nach Kiel gefolgt war, bestand zwischen ihm und Wieland ein ungetrbtes Freundschaftsverhltni. Wielands Vaterfreuden wurden erhht, als er auch seine brigen erwachsenen Tchter glcklich vermhlt sah. Die Prediger Schorcht und Liebeskind, letzterer bekannt als Verfasser der von Herder herausgegebenen "Palmbltter" und als Mitarbeiter an Wielands "Dschinnistan", hatten sich mit Caroline und Amalie Wieland verheirathet. Julie war die Gattin des Kammerraths Stichling in Weimar geworden, und Charlotte, die 1794 mit dem Dichter Baggesen und dessen Gattin nach der Schweiz gereist war, knpfte dort unvermutet ein Ehebndni. Wieland schrieb darber den 17. April 1795: "Wenn je eine Ehe im Himmel geschlossen worden, so ist es gewi diese, die sich auf eine beinahe wunderbare Art, und doch wieder so natrlich durch die entschiedenste Sympathie der Herzen, Gemthsart, Neigungen, Sitten -- zwischen dem Sohne Salomo Geners, meines liebsten und einzigen Jugendfreundes und einer Tochter seines Freundes Wieland geschlossen hat -- eine Verbindung, die in jedem Betracht so ganz nach den innersten Wnschen meines Herzens ist, da ich mich nicht erwehren kann, dem schnen Wahn der vortrefflichen Salomo Generschen Wittwe Raum zu geben, und mit ihr zu glauben, da der Geist meines verewigten Freundes selbst diese Ehe geknpft habe." In seiner eigenen Ehe blieb Wieland immer dem schon frh gefaten Grundsatze treu, in seinem Aufwande nie die durch seine Lage und seine Verhltnisse ihm vorgeschriebenen Grenzen zu berschreiten. Einfach und schlicht, wie seine Lebensweise, war Wielands Wohnung und Kleidung. Nichts erinnerte in seinen Umgebungen an Prunk und Glanz, und Luxusartikel kannte er fast gar nicht. Ueberall aber zeigte sich in seinem Haushalt die uerste Sauberkeit und Ordnung. Sein Mittagstisch war einfach, und berhaupt jede Ueppigkeit und Verschwendung ihm vllig fremd. Er sah ein, da der Seinigen Ruhe, wie seine eigene, durch einen seine Krfte bersteigenden Aufwand leicht gefhrdet werden konnte. Seine Sparsamkeit artete nie in Geiz aus. Es war ein harmloses Spiel, wenn er zuweilen mit Wohlgefallen empfangene Goldstcke betrachtete oder sich dergleichen Mnzen gegen Silbergeld einwechselte. Er mute sich sagen, da er sie doch nicht behalten konnte, und willig gab er sie hin zu nthigen und unentbehrlichen Ausgaben. Vllig fremd war Wielands Charakter jede Art von Habsucht und Eigennutz. Sein poetischer Sinn machte ihn gleichgltig gegen den Erwerb, so wenig er das Erworbene verschwendete. Schon seinen hausvterlichen Pflichten glaubte er das schuldig zu seyn. Doch bte er Gastfreundschaft im schnsten Sinne des Worts. Seine Freunde fanden bei ihm immer die herzliche Aufnahme, die ihm selbst in seinen Jugendjahren in Bodmers Hause zu Theil geworden war. So weit es seine Krfte irgend erlaubten, half er jedem, der sich an ihn wandte, gern mit Rath und That. Um aufkeimende Talente zu untersttzen, bewilligte er fr Beitrge zu seinem "deutschen Merkur" mitunter ein hheres Honorar, als er selbst erhielt. Aus Gutmthigkeit wies er selbst Manuscripte, die er nie abdrucken lie, nicht zurck, sondern zeigte sich bereit, sie zu bezahlen -- eine Liberalitt, durch welche der Gewinn, den ihm sein Journal abwarf, nie bedeutend werden konnte. Im Grunde war Wieland in Bezug auf sich selbst sparsamer, als gegen Andere. Darin lag auch vielleicht der Grund, weshalb er whrend seines Aufenthalts in Weimar nur wenige Reisen unternahm, obgleich er sie zur Erholung von angestrengten Geistesarbeiten wohl bedurft htte. Seine eigene Aeuerung, da er "ein Mensch sei, der selten aus seinem Schneckenhuschen heraus krieche", schien sich an ihm bewhren zu wollen. In einem Briefe an Gleim setzte er die Grnde auseinander, weshalb er einer Einladung, nach Halberstadt zu kommen, nicht folgen knne. "Tausend seidene Bnder", schrieb er, "fesseln mich an Weimar. Ich bin in den Boden eingewurzelt und um nur Eins zu sagen, wie kann ich, oder wie knnte meine Frau mit mir, sich von den Kindern trennen? Unser Haus ist eine kleine Welt fr uns geworden. Aber Sie, liebster Gleim, Sie haben keine solchen Hindernisse. Kommen Sie zu uns, und versuchen Sie einmal, wie sich's in meinem Hause lebt, wo alle Augenblicke aus irgend einem Winkel ein anderes Bbchen oder Mdchen, auf das man nicht gerechnet hatte, hervorgekrochen kommt." Eine Reihe von Jahren verstrich, ehe Wieland, den nicht blos die Liebe zur Gemchlichkeit, sondern auch die mannigfachen mit der Herausgabe des "deutschen Merkur" verbundenen Geschfte an sein Haus fesselten, sich mit Reiseplnen beschftigte. Zur Strkung seiner Gesundheit entschlo er sich 1794 zu einem Ausflug nach Leipzig und Dresden. Nach der letztgenannten Stadt zog ihn die dortige Gemldegallerie. Er wnschte in Dresden das strengste Incognito zu beobachten. An seinen Freund und Verleger Gschen schrieb er darber: "Ich wei nicht, warum Frau Fama so grillenhaft ist, sich schon im Voraus mit einer so unbedeutenden Sache, als meine Excursion nach Dresden ist, so viel zu thun zu machen. Es ist meine Meinung gar nicht, mich in Dresden Allen, die mich in Beschlag nehmen sollten, preiszugeben. Weder meine Gesundheit, noch meine Dit, die ich in meinen Jahren bei einer uerst zarten und reizbaren Constitution zu beobachten habe, noch meine Absicht, meine Zeit in Dresden zur Betrachtung der dortigen herrlichen Gemldesammlung zu benutzen, knnte sich mit vielen Aufwartungen, Besuchen, Diners und Soupee's vertragen, und ich wollte die Reise dorthin lieber ganz aufgeben, als die Freiheit, auch in Dresden (wo freilich keine Freiheitsbume so leicht Wurzel fassen knnen) nach meinem eigenen Sinn und Willen zu leben." Dieser Wunsch ging nicht ganz in Erfllung. So gern auch Wieland jeder Gelegenheit, sich gefeiert zu sehen, auswich, hatte er es doch nicht vermeiden knnen, in Pillnitz dem Churfrsten vorgestellt zu werden. Manche interessante Bekanntschaften, die er in Dresden machte, lieen ihn jedoch seine Reise nicht bereuen. Mit grern Hindernissen hatte er zu kmpfen, ehe er die Idee, das Land wieder zu sehen in dem er seine Jugend verlebt, realisirte. Nicht nur fr den "deutschen Merkur", sondern auch fr die ununterbrochene Fortsetzung des Drucks seiner smmtlichen Werke hatte er Sorge tragen mssen, ehe er an einen sechsmonatlichen Aufenthalt in der Schweiz denken konnte, von welchem er sich, nach seiner eigenen Aeuerung, "fr seinen innern und uern Menschen viel Gutes versprach." Nicht blos die Sehnsucht, seine an den Buchhndler Gener in Zrich verheirathete Tochter Charlotte wiederzusehen, bewog ihn zu jener Reise. Auch sein leidender Gesundheitszustand mute ihm sagen, da ihm Erholung hchst nthig sei. "Ich bedarf", schrieb Wieland, "einer solchen Aufziehung meines innern Uhrwerks, und die Freuden des Herzens, die mich in der Generschen Familie erwarten, werden ein Trunk aus der =Fontaine de Juvence= fr mich seyn." Ein Anflug von Hypochondrie, wie er selbst gestand, machte allerlei Bedenklichkeiten in Wieland rege, ehe er sich entschlo, die Reise nach der Schweiz anzutreten. "Man spricht und schreibt", uerte er in einem seiner damaligen Briefe, "gar so viel von der Unsicherheit der Landstraen in Franken und Schwaben, wo zahlreiche Ruberbanden sich eingenistet haben sollen, da ich in der That nicht wei, ob ich Recht thue, eine so gefhrliche Reise mit Weib und Kindern zu wagen. Ueberhaupt kommt mir ganz Deutschland jetzt nicht viel besser vor, als es in den Zeiten des dreiigjhrigen Krieges war, und ich gestehe, da ich alles Zutrauen zu den Menschen verloren habe, und in jedem Unbekannten einen Dieb und Mrder zu sehen glaube." An seinen Schwiegersohn, den Buchhndler Gener, schrieb Wieland bald nachher: "Ich sollte freilich, wenn ich auch nur so viel Glauben htte, als der zehnte Theil eines Senfkorns, mehr Vertrauen setzen in die lieben Engelein, die uns geleiten werden. Aber das ist eben das Elend, da ich weniger Glauben habe, als der heilige Sanct Thomas, und auch nicht viel mehr Herz als Glauben. Da lob' ich mir meine ehrliche Hausfrau, eure Mutter! Die ist so zart, als ob sie aus Postpapierschnitzeln gemacht wre, und hat Herz und Unerschrockenheit und Heldenmuth, trotz der tapfersten aller Marfisen und Bradamanten." Am 24. Mai 1795 war Wieland mit seiner Frau und drei Kindern, Caroline, Wilhelm und Luise, in einen bequemen Wagen, den er der Herzogin Amalia verdankte, von Weimar abgereist. Die freundliche Aufnahme, die er unterwegs an mehrern Orten, besonders in Nrnberg gefunden, ward noch bertroffen durch die zahlreichen Beweise von Liebe und Wohlwollen, die er von ltern und jngern Freunden bei seinem Eintritt in die Schweiz empfing. An Gschen schrieb Wieland den 8. August 1795. "Sie erhalten dies Blttchen nicht -- wie Sie billig vermuthen knnten -- von den Ufern des Lethe, dessen Anwohner ein ses Vergessen aller Dinge ber der Erde eingesogen haben, sondern von dem rechten Ufer des Zrchersees, in dessen Nachbarschaft ich ein artiges kleines Huschen schon seit ungefhr acht Wochen bewohne, und mich so wohl befinde, als ob ich in meinem nun bald zurckgelegten 63sten Jahre auf neue Rechnung zu leben anfangen sollte. Sie kennen das Land und den Ort und die liebenswrdigen Menschen, mit denen ich lebe. Sie haben sich selbst, wenn ich nicht irre, mehrere Tage in dem Generschen Hause aufgehalten, und wenn Sie sich nun das Vergngen denken, in welches ich durch eins meiner liebsten Kinder mit demselben gekommen bin, so werden Sie sich leicht vorstellen knnen, da Tage und Wochen mit einer mir selbst kaum begreiflichen Geschwindigkeit, ber meinem Haupt wegfliegen, und wie lange mein hiesiger Aufenthalt auch whren knnte, er mir am berraschenden Tage des Scheidens doch immer nur ein kurzer Morgentraum scheinen wird." Durch manche Besorgnisse, die der Gang der politischen Ereignisse in ihm weckte, fhlte sich Wieland bewogen, seine Abreise zu beschleunigen. "Der Krieg", schrieb er, "hat sich nun von den Ufern des Rheins und Neckars bis in's Herz von Deutschland gezogen. Alles weicht dem unaufhaltsamen Strom, und es fehlt hier nicht an Gerchten, die uns auch fr die Reiche von Thringen und Sachsen bekmmert machen knnten, wofern es den Westfranken vielleicht Ernst seyn sollte, allen freiwilligen sowohl als gezwungenen Theilnehmern an dem Gttern und Menschen verhaten Kriege ihre schwere Hand fhlen zu lassen. Haben nun auch die Zeitumstnde mich die Wonnetage, die ich mir von meinem hiesigen Aufenthalt versprach, nicht so rein genieen lassen, als ich wohl gewnscht htte, so ist doch einer von den Hauptzwecken meiner Reise erreicht. Ich befinde mich ungemein wohl, und wenn der gute Genius, der meine Reise von Weimar nach Zrich begnstigte, mich auch von Zrich nach Weimar zurckgeleitet, so darf ich hoffen, die guten Folgen derselben fr meine Gesundheit und die Munterkeit meines Geistes noch mehrere Jahren zu verspren." Am 15. September 1795 meldete Wieland, da er letztverwichenen Sonntag um zwei Uhr Nachmittags mit seiner lieben Reisegesellschaft gesund und wohlbehalten in Weimar angekommen sei. "Sein guter Genius", schrieb er, "habe es so geleitet, da er auf der ganzen Route ber Stuttgart, Heilbronn, Schwbisch-Hall, Anspach, Nrnberg, Bamberg, Coburg und Saalfeld keinen Franzosen zu Gesicht bekommen, auch nirgends kaiserliche Truppen angetroffen, auf keiner Post lnger als eine Stunde aufgehalten worden sei, da er seine aus Vorsicht mitgenommenen deutschen und franzsischen Psse auch nicht ein einziges Mal nthig gehabt, und mit Einem Worte so ruhig und bequem gereist sei, als ob berall Friede wre." Sein Aufenthalt in der Schweiz hatte ihm das Landleben von einer so anmuthigen Seite gezeigt, da ihm, der, nach seinem eignen Gestndni, "gern wie Horaz, durch's Leben weggeschlichen wre, und der nichts mehr hate als Stadt-, Hof- und Weltgetmmel", sich oft der sehnsuchtsvolle Wunsch aufdrang, in lndlicher Zurckgezogenheit, der Natur, sich selbst und den Seinigen leben zu knnen. Die Achtung und Neigung frstlicher Gnner, die Freundschaft mancher vorzglichen Mnner, die Weimar damals in sich versammelte, htten ihn in jenem Entschlu wankend machen knnen. Oft aber ergo sich Wieland in bittere Klagen, da er bei aller Mue doch ein sehr zerstckeltes Leben fhre, mit Unterbrechungen durch Besuche von Einheimischen und Fremden. Sein Zartgefhl fr das Schickliche versetzte ihn in eine sehr unmuthige Stimmung, wenn er von Fremden im Schlafrock und in der Nachtmtze berrascht ward. Trostlos machte ihn besonders die Vorstellung, da seine arglos hingeworfenen Aeuerungen von solchen Besuchenden aufgefangen und ffentlich bekannt gemacht werden knnten. All' diesem Ungemach glaubte er in einer lndlichen Zurckgezogenheit zu entgehen, die ihm berdie manchen Lieblingsplan, der seinen Geist beschftigte, auszufhren vergnnte. Ernstlich dachte er lngere Zeit daran, seinen bisherigen Aufenthalt in Weimar mit einem freundlichen Landhause bei Hohenstdt, unweit Grimma, zu vertauschen. Viel Lockendes hatte fr ihn die Idee, dort seines Freundes Gschen Nachbar zu werden. Seine Verhltnisse zum Weimarischen Hofe nthigten ihn inde, diesen Plan wieder aufzugeben. Den Aufenthalt in dem unweit Weimar gelegenen Rittergute Tannrode malte sich Wielands Poesie mit den glnzendsten Farben aus. Ueber den Ankauf dieses Gutes, das der Familie von Egloffstein gehrte, pflog er Unterhandlungen. Er nannte es in einem seiner Briefe ein chtes Horazisches Sabinum. "Ich schmeichle mir", schrieb er, "wenn ich erst in meinem alten Schlchen Tannrode etablirt seyn werde, in der herrlichen Luft und der schnen Natur, die mich dort umgeben wird, neue Munterkeit und Kraft zu meinen Geistesarbeiten zu erhalten." Diese Idee gab Wieland jedoch wieder auf. Er entschlo sich zu dem Kauf des unweit Weimar gelegenen Gutes Osmanstdt fr die Summe von 22,000 Thalern. Diese Summe glaubte er theils durch den Verkauf seines Hauses in Weimar, theils durch ein etliche Jahre verzinsliches und nach und nach abzutragendes Capital decken zu knnen, das er durch Vermittlung seines Freundes Gschen zu erhalten hoffte. Mit manchen Hindernissen hatte Wieland, da Gschen's Antwort ablehnend ausfiel, noch zu kmpfen, ehe er seinen Lieblingswunsch realisiren konnte. Seinen Credit in Weimar wollte er nicht benutzen. "Davon bin ich ziemlich berzeugt", schrieb er, "wenn alle andern Stricke reien sollten, der Herzog wrde mich nicht in der Noth stecken lassen. Aber ich habe mehr als Eine Ursache, zu diesem heroischen Mittel, nur im uersten Nothfall zu concurriren. In einem Briefe an Gschen uerte Wieland: "Hren Sie, lieber Freund, wie ich glaube, da meine Angelegenheit, ohne da Ihnen oder mir zu wehe dabei geschieht, arrangirt werden knnte; denn ganz kann ich Sie freilich nicht aus dem Spiel lassen, so sehr ich's auch thun zu knnen wnschte. Sie sind nun einmal, weil Sie es selbst so gewollt haben, mein Verleger, und mssen es seyn und bleiben, dafr ist kein Rath." -- Nachdem Wieland nun das Honorar fr die neue Ausgabe seiner Werke auf 7000 Thaler festgesetzt hatte, schlo er seinen Brief an Gschen mit den Worten. "Warum ich Sie bitte, ist, da ich auf knftigen Michaelistag 4000 Thaler von Ihnen zu empfangen sicher rechnen knnte." Wie wohl sich Wieland fhlte in seinem "Osmantinum" oder seiner "Oberinstdtischen Retraite", wie er sein lndliches Asyl mitunter nannte, schilderten mehrere seiner damaligen Briefe. Am 25. April 1797 hatte er dort, nach abgeschlossenem Kauf, seinen Einzug gehalten. Ein Vierteljahr spter, den 25. Juli, schrieb er: "Mir ist, als ob gar keine andere Art zu existiren fr mich mglich sei, und die Weimarischen Propheten, die als ganz unfehlbar voraussahen, da ich mich gar jmmerlich auf dem Lande und =vis vis de moi mme= langweilen wrde, bestehen mit Schande. Auch sperren sie die Augen mchtig darber auf, da ich so heiter und vergngt aussehe, und knnen sich da Phnomen gar nicht erklren. Ich hingegen begreife das Wunder sehr gut, und in der That ungleich besser, als wie ich die vier und zwanzig Jahre, die ich in Weimar gelebt, noch so leidlich habe aushalten knnen. Landluft, unverknstelte Natur, viel Gras und schne Bume, uere Ruhe und freie Disposition ber mich selbst und meine Zeit -- das Alles zusammengenommen ist, so zu sagen, mein Element, so gut, wie die Luft des Vogels und das Wasser des Fisches Element ist; und es geht also ganz natrlich zu, da ich darin gedeihe." Wieland war damals unerschpflich im Lobe des Landlebens, das, wie er glaubte, sehr wohlthtig auf seinen Gesundheitszustand einwirke. Er schrieb darber den 19. December 1797 einem Freunde: "Das Angenehmste ist, da ich in diesem vernderlichen, dumpfen und schlackrigen Winter eine ber alle Menschenerwartung hinausgehende Probe ber meine Leibesconstitution mache. In der Stadt wrde ich mich in diesen verwichenen acht Wochen wahrscheinlich ziemlich schlecht befunden haben; hier in meinem Hause zu Osmanstdt befinde ich mich ununterbrochen wohl und munter, arbeite an meinem Schreibtisch mit Succe, habe, ungeachtet ich wenig an die Thr komme, guten Appetit, und schlafe weit besser, als ehemals. Alles dies entscheidet, wenigstens was mich betrifft, den Vorzug des Landlebens vor dem Stadtleben, nichts von den negativen und passiven Vorzgen zu gedenken, welche die Landmaus beim Horaz gegen ihre Freundin, die Stadtmaus, geltend macht. Nebenher thut mir auch das Bewutseyn wohl, da ich meinen Garten bereits in einen merklich bessern Zustand versetzt habe. Ueber dreihundert Bume habe ich gepflanzt, von deren grerem Theil, wenn sie gut durch diesen Winter kommen, ich wenigstens die ersten Frchte zu erleben hoffen kann; und das, was ich auf Cultur und Verbesserung verschiedener, nach und nach durch Verwahrlosung in Abnahme gekommener Parthien bereits gewandt habe und noch verwenden werde, wird schon im knftigen Jahre so auffallend seyn, da, wer mich wieder besucht, sich in ein kleines Paradies versetzt zu sehen glauben wird." Unter den erwhnten lndlichen Beschftigungen war Wieland seinen literarischen Arbeiten nicht untreu geworden, obgleich manche darunter ihm so viel Beschwerden und Verdru bereiteten, da er sehnlich wnschte, sich ihrer entledigen zu knnen. Den "deutschen Merkur" wrde er, wenn er den migen Gewinn, den ihm diese Zeitschrift abwarf, htte entbehren knnen, zuerst aufgegeben haben. Sehr unwillig ward er mitunter ber die reichlichen Zusendungen schlechter Verse und anderer mittelmiger Produkte. Besonders ward Wielands Zeit zerstckelt durch die Beantwortung zahlreicher Briefe, die aus allen Gegenden Deutschlands an ihn gelangten. In dieser Beantwortung war er freilich mitunter so saumselig, da er die deshalb ihm gemachten Vorwrfe wohl verdient zu haben glaubte, und sich selbst bisweilen noch schrfer tadelte. Wielands Humor, der ihn nie ganz verlie, gab ihm einst eine ffentliche Erklrung ein, durch die er den zu hufigen und werthlosen Manuscriptsendungen vorbeugen wollte. "Verschiedene, welche mich," schrieb er, "mit allerlei theils versificirten, theils prosaisch-poetischen Aufstzen, Idyllen u. dgl. fr den Merkur zu beschenken die Gewogenheit hatten, setzen mich in eine Art von Verlegenheit, deren ich gern auf immer berhoben zu seyn wnsche. Ihr geneigter Wille verdient Dank; aber es entsteht hier eine leidige Collision von Pflichten, deren Effekte weder ihnen noch mir angenehm seyn knnen. Einige scheinen von der Gte ihrer Producte so berzeugt zu seyn, da man ihnen, ohne Beleidigung, weder sagen, noch zu verstehen geben kann, man sei anderer Meinung. Andere sind zwar bescheidener, geben sich blos fr Anfnger aus, bitten um Nachsicht, oder da man ihnen ihre Lection corrigiren, oder ihnen wenigstens sagen mchte, ob sie zur Dichterei berufen seien oder nicht. Aber sie bringen das mit einer so sichtbaren Erwartung eines hflichen, d.i. ihrer Eigenliebe schmeichelnden Bescheides vor, da man's kaum ber's Herz bringen kann, ihnen durch eine ehrliche Antwort wehe zu thun. Hierzu kommt noch, da unser einer -- der von einem solchen jungen Candidaten des Musenpriesterthums gefragt wird: Meister, was soll ich thun? und ihm nach seinem Gewissen die Antwort werden lt: Alles, lieber Freund, nur keine Verse machen! -- sich darauf verlassen kann, da der junge Aspirant diese Antwort geradezu fr einen Beruf annehmen wird, sich nun erst recht auf's Versemachen zu legen. Denn -- sagt er zu sich selbst -- meine Verse mssen doch wohl gut seyn, weil Wieland sich frchtet, da ich ihn ausstechen werde, und mich also gleich an der Schwelle des Musentempels gern zurckschrecken mchte. -- Wie knnte der arme Verfasser des Winter- und Sommermhrchens sich unterstehen, einem solchen Rivalen etwas Unangenehmes zu sagen? Der junge Mann wrde natrlicher Weise denken mssen, es verdriee Wieland nur, sich in Leichtigkeit der Verse und guter Art zu erzhlen, bertroffen zu sehen. Das will ich denn auch dem jungen Dichter hiermit ohne Widerrede zugestanden haben. Nur der Merkur ist kein wrdiger Schauplatz fr solche Originalwerke. Mein unmageblicher Rath ist, sie besonders, und um des Effects willen, auf prchtigem hollndischen Papier, mit Kupfern von Chodowiecky, abdrucken zu lassen. Der Verfasser wird an der Wirkung sein Wunder sehen! Jetzt ist gerade der rechte Zeitpunkt, wo die Nation fr solche Werke Sinn hat, denn man sieht ja, wie gut sie den Oberon aufgenommen, der doch nur auf schlechtem Papier, und ohne Kupfer von irgend Jemand, sein Fortkommen in der Welt suchen mute." Ein anderes Ungemach, worber Wieland sich oft bitter beklagte, erwuchs ihm aus den zeitraubenden Correcturen, die er zwanzig Jahre hindurch allein besorgt, und erst 1793 sie einem Hausgenossen, einem Candidaten der Theologie, Ltkemller mit Namen, bertragen hatte. Mit Unmuth uerte sich Wieland oft ber das unleserliche Manuscript. Jeder Gelehrte und Schriftsteller, uerte er, sollte eine leserliche Hand schreiben, das knne man mit Fug und Recht fordern; sonst msse er seine Druckschriften von einem seiner Hand kundigen Schreiber gut copiren lassen. Dergleichen Verdrielichkeiten, gegen die er durch lange Gewohnheit htte gleichgltig werden sollen, erzeugten in ihm sogar den Gedanken, die Herausgabe des "deutschen Merkurs" aufzugeben, ungeachtet dies Journal fr ihn bisher keine unbedeutende Erwerbsquelle gewesen, und von talentvollen Kpfen, unter andern seit 1785 von Reinhold, und seit 1788 von Schiller durch gehaltvolle Beitrge untersttzt worden war. Am 26. November 1798 theilte Wieland seinem Freunde Gschen die Nachricht mit, da der "deutsche Merkur" mit dem December aufhren werde. Vierzehn Tage nachher widerrief er jedoch diesen Entschlu, und erklrte sich fr die Fortsetzung seines Journals, wenigstens bis zum Schlu des Jahrhunderts. Der Rath seiner Freunde mochte ihn zu diesem Entschlu gebracht haben, von welchem ihn ein Blick auf den damaligen Zustand der deutschen Literatur zurckgeschreckt hatte. Die Kantische Philosophie, die ihm durch Reinholds Bemhungen, ihre Principien immer allgemeiner zu verbreiten, nicht unbekannt hatte bleiben knnen, uerte ihren Einflu auf alle wissenschaftliche Forschungen. Unverkennbar war besonders der Einflu jener Philosophie auf die neuere Aesthetik, an deren Stelle jetzt eine Geschmackscritik treten sollte. Dagegen hatte Wieland im Wesentlichen nichts einzuwenden. Aber die neue philosophische Schule, die sich aus der Kantischen gebildet, schien ihm eine gnzliche Umgestaltung der Aesthetik herbeizufhren, seit man angefangen hatte, sie auf die Grundideen der Fichte'schen Wissenschaftslehre zu reduciren. Dies war besonders von Schiller in den "Horen" geschehen. Mit wachsender Besorgni sah Wieland an die Stelle ruhiger Untersuchungen eine neue Sturm- und Drangperiode treten, und wie in der politischen Welt, schien auch im Gebiet der Aesthetik eine Art von Terrorismus vorherrschend werden zu wollen. Auf's Heftigste erregt ward die Leidenschaft der verschiedenen Partheien durch die in dem Schillerschen Musenalmanach vom Jahr 1797 gedruckten "Xenien." Die Verfasser dieser Epigramme, Goethe und Schiller, waren Wielands Freunde. Seiner Verehrung Goethe's ist bereits frher gedacht worden. Schillers Talenten jedoch hatte Wieland anfangs nicht volle Gerechtigkeit widerfahren lassen in einer ziemlich harten und fast unbilligen Beurtheilung einiger Scenen des "Don Carlos", welche Schiller in der "Thalia" mitgetheilt hatte. Wielands Urtheil enthielt ein Brief vom 6. Mrz 1785. "Ich kann irren," schrieb er, "jedenfalls aber spreche ich nach meiner innigsten Ueberzeugung, wenn ich sage, da ich weder die Charaktere in diesem Stck richtig gezeichnet, noch die Leidenschaften mit Wahrheit dargestellt finde; da ich auch dann, wenn ich zugeben knnte, da es einem Tragdienschreiber, der seine Personen aus dem sechzehnten Jahrhundert an dem Hofe Knig Philipps II. nimmt, erlaubt sei, sie in ideale Phantasiegeschpfe zu verwandeln, doch die psychologische Wahrheit nicht selten an ihnen vermisse, ohne welche sie allenfalls, wenn man will, schne Carricaturen seyn mgen, aber doch immer nur Carricaturen sind; da ich ziemlich hufig auf Gedanken und Ausdrcke gestoen bin, die, meinem Gefhl nach, bald schwlstig, bald zur Unzeit witzig, bald sonst unschicklich und der redenden Person nicht anstndig sind; und da berhaupt die Sprache in diesem Stck sehr weit davon entfernt ist, was nach meinem von Sophokles und Racine abgezogenen Ideal die schne Sprache der Tragdie seyn soll." Ungeachtet dieser strengen Critik, die ihm eine unmuthige Stimmung eingegeben haben mochte, ward Schiller, als er einige Jahre spter (1787) nach Weimar kam, von Wieland mit vterlicher Zuneigung empfangen. "Wir werden schne Stunden haben," schrieb Schiller; "Wieland ist jung, wenn er liebt." Ein freundschaftliches Verhltnis zwischen beiden Dichtern dauerte fort, und ward noch fester geknpft durch Schillers Beitrge zum "deutschen Merkur." Im December 1787 erffnete Wieland dem Publikum die Aussicht, da "Schiller mit dem nchsten Jahrgange vielleicht jedes Monatsstck mit einem Aufsatze seiner Hand zieren werde, die schon in ihren ersten Versuchen den knftigen Meister verrathe, und nun, da sein Geist den Punkt der Reise erreicht habe, die Erwartung rechtfertige, die sich das Publikum von dem Verfasser des "Fiesko" und des "Don Carlos" zu machen Ursache gehabt habe." Wieland fgte hinzu: "Da ich selbst vom Mittelpunkt des Lebens schon einige Jahre herabsteige, und tglich mehr Gelegenheit finde, an mir selbst zu erfahren, wie wahr das Virgilische: =Facilis descensus Averni= in mehr als Einem Sinne ist, so gereicht es mir zu nicht geringer Ermunterung, diesen vortrefflichen jungen Mann an meiner Seite zu sehen; und mit solcher Untersttzung darf ich sicher hoffen, den deutschen Merkur seinem ersten gemeinntzigen Zwecke in Kurzem auf eine sehr merkliche Art nher zu bringen." Mehrere Stellen in Wielands damaligen Briefen sprachen fr seine Anerkennung und Hochachtung Schillers. Mit liebenswrdiger Bescheidenheit weigerte sich Wieland, fr den "historischen Calender", den Schiller damals herausgab, das Leben des Cardinals Richelieu zu schildern. Er wollte nicht mit Schiller in die Schranken treten, der fr jenen Calender seine "Geschichte des dreiigjhrigen Kriegs" lieferte. "Diese Geschichte," schrieb Wieland, "hat so viele Leser gehabt, als es in dem ganzen Umfang unserer Sprache Personen giebt, die auf einigen Grad von Cultur des Geistes Anspruch zu machen haben. Von einem Schriftsteller verfat, dessen frhere Werke in der dramatischen Dichtkunst sowohl, als in derjenigen, die sich mehr dem Gebiet der historischen Muse nhert, groe Erwartungen von dem, was sein Geist in dem Zeitpunkt seiner Reise leisten knnte, erweckt hatten, bertraf sie selbst diejenigen, zu welchen man sich durch seinen ersten Versuch in dem historischen Fache berechtigt hielt; einen Versuch, der bereits alles, was unsere Literatur in dieser Hinsicht aufzuweisen hatte, hinter sich zurcklie, und natrlicher Weise in Allen, denen der Ruhm der Nation nicht gleichgltig ist, den Wunsch erregen mute, da ein Schriftsteller, der bei seinen ersten Schritten in dieser neuen Laufbahn ein so entschiedenes Talent gezeigt hatte, sich zu einem Platze neben Hume, Robertson und Gibbon emporzuschwingen, sich, wo nicht gnzlich, doch hauptschlich, der Geschichte unseres Vaterlandes widmen mchte." Mit diesem Urtheil war es Wieland Ernst, und das Verhltnis zwischen ihm und Schiller erhielt sich in der ursprnglichen Reinheit, wie es der Letztere mehrere Jahre zuvor (1787) durch die Worte bezeichnet hatte: "Mit Wieland bin ich ziemlich genau verbunden, und ihm gebhrt ein groer Antheil an meiner jetzigen Behaglichkeit, weil ich ihn liebe, und Ursache habe zu glauben, da er mich auch liebt." Schillers Gesinnungen gegen Wieland, wenn sich auch seine sthetischen Ansichten gendert hatten, waren dieselben geblieben. Wieland dagegen schien ihn mit einer Art von Neid zu betrachten. Die Anzeige der neuen Ausgabe seiner Werke, von denen die erste Lieferung erschienen war, hatte er mit den Worten begleitet: "Wre es auch nur, damit man uns nicht gar ber den neu erschienenen Horen aus dem Gesicht verliert, die jetzt die allgemeine Aufmerksamkeit beschftigen, und in der Allgemeinen Literaturzeitung so pomps angekndigt und so hyper-pomps recensirt worden sind." Weder in den "Horen", noch in den "Xenien" war Wieland in Vergleich mit andern Schriftstellern auf eine Weise angegriffen worden, die ihn htte veranlassen knnen, sich persnlich zu beklagen. Nur in einem Anflug bler Laune hatte er sich durch einige Xenien (Gschen an die deutschen Dichter, Peregrinus Proteus u.a.) verletzt fhlen knnen. Der Tadel war meistens weniger gegen ihn, als gegen seine Nachahmer, besonders den Rector Manso in Breslau, gerichtet. Aber der Ton, der in jenen Epigrammen herrschte, und der Uebermuth, der sie charakterisirte, war Wielands Urbanitt zuwider. Er glaubte, seine Meinung darber ffentlich aussprechen zu mssen, und whlte dazu die Form des Dialogs, der ihm gnnte, den schrfsten Tadel auszusprechen, und sich doch zugleich den Schein zu geben, als vertheidige er die Verfasser der "Xenien." Er bezweifelte sogar, da sie, ungeachtet des allgemeinen Gerchts, aus Schiller's und Goethe's Feder geflossen seyn knnten. Die bedenkliche Frage, wie diese Epigramme in den Musenalmanach gekommen wren, suchte Wieland mit einer seinen satyrischen Wendung dadurch zu erklren, da Schiller, aus Mangel an Zeit, das Ordnen seiner Distichen nicht selbst besorgt habe. "Das Geschft," schrieb Wieland, "kam zur bsen Stunde in die Hnde irgend eines jungen, lebhaften, von Witz und Muthwillen strotzenden, fr Goethe und Schiller enthusiastisch eingenommenen Kunstjngers, welcher der Versuchung nicht widerstehen konnte, diese Gelegenheit zu benutzen, und -- vielleicht weniger in der Absicht, sich ein Verdienst um seine =magnos amicos= zu erwerben, als um sie zu rchen, und ein schreckliches Exempel an ihren Widersachern zu statuiren -- in aller Stille eine gute Anzahl derber, handfester Distichen von seiner eignen Fabrik hinzuthat. Das in den =parvum amicum= gesetzte allzu groe Vertrauen wre denn also das Einzige, was dem Herausgeber des Almanachs zur Last gelegt werden knnte, und wofr er durch den hlichen Spuk, den die "Xenien" machen, mehr als zu viel bestraft ist. Wer wei, welches Meisterwerk, das uns allen Freude machen wird, ihn damals beschftigte, als er dem jungen Brausekopf die Sorge fr seinen Musenalmanach berlie, und sich dadurch unwissend manchen bittern Augenblick bereitete." Unter dieser schonenden Wendung verbarg Wielands Ironie seine wahre Meinung, die er in einem Briefe an Gschen vom 29. November 1796 mit den Worten aussprach: "Ich habe wenig Freude daran, wenn Mnner, wie Goethe und Schiller, der Welt eine solche Farce geben, und durch einen Muthwillen, der in ihren Jahren kaum verzeihlich ist, sich selbst eine pbelhafte Behandlung zuziehen. Ich mchte eher darber weinen, als lachen. Ueber die ihm gesandten Gegen-Xenien, die der Buchhndler Dyk in Leipzig verfat hatte, schrieb Wieland: "Ich werde mich wohl hten, dieses von der Pleie zu uns herberschallende Echo hier Jemand mitzutheilen; ich frchte jedoch, es wird ohne mich bekannt genug werden." In einem sptern Briefe vom 5. December 1796 uerte Wieland: "Das htten die Herren Gtterbuben, um mit dem Verfasser des Ardinghello zu reden, doch voraussehen sollen, da man beschmutzt wird, wenn man sich zum Spa mit Gassenbuben herumbalgt." Wielands Unmuth ber die "Xenien", die er seinen Freunden geraume Zeit nicht verzeihen konnte, erhielt neue Nahrung durch die Reform im Gebiet der Aesthetik, die damals von den Brdern August Wilhelm und Friedrich Schlegel ausging. Ein patriotisches Interesse schien es nicht zu seyn, was ihre vereinten Bemhungen leitete, der deutschen Poesie einen neuen Schwung zu geben. Sie begnstigten vielmehr die poetischen Formen des Auslandes, und suchten durch Uebersetzungen und Nachbildungen eine neue Dichterschule zu begrnden, die der romantischen Poesie vorzugsweise das Wort redete. Gewohnt, das Schne und Gute berall anzuerkennen, wo er es fand, war Wieland jenen Bestrebungen nicht abgeneigt. Er erinnerte sich, da er einst selbst hnliche Wege betreten hatte, und erkannte daher das Fortschreiten einer jngern Generation gern an. Was ihm aber keineswegs behagte, war der polemische Ton, durch den die Hupter der romantischen Schule die von ihnen aufgestellten Principien geltend zu machen suchten. Schonungslos griff eine von den Gebrdern Schlegel herausgegebene Zeitschrift, "Athenum" betitelt, seit dem Jahr 1798 alles an, was die "Xenien" noch verschont hatten. Auch Wieland entging diesem Schicksal nicht durch eine, spterhin von ihm selbst als voreilig erklrte Aeuerung in der Vorrede zu seinen smmtlichen Werken. "Seine beinahe ein halbes Jahrhundert umfassende Laufbahn", schrieb er dort, "habe begonnen, da eben die Morgenrthe unserer Literatur vor der aufgehenden Sonne zu schwinden angefangen, und er beschliee sie, wie es scheine, mit ihrem Untergange." Unter mehrern Angriffen, die seitdem von den Huptern und Anhngern der romantischen Schule gegen das sogenannte goldene Zeitalter der Literatur gerichtet wurden, befand sich auch im zweiten Bande des "Athenums" eine gegen Wieland gerichtete ="Citatio edictalis."= Sie lautete: "Nachdem ber die Poesie des Hofraths und =Comes Palatinus Caesarius= Wieland in Weimar, auf Ansuchen der Herren Lucian, Fielding, Sterne, Bayle, Voltaire, Crebillon, Hamilton und vieler anderer Autoren =Concursus creditorum= erffnet, auch in der Masse mehreres verdchtigt, und dem Anschein nach dem Horaz, Ariost, Cervantes und Shakspeare zustehende Eigenthum sich vorgefunden: als wird jeder, der hnliche Ansprche =titulo legitimo= machen kann, hierdurch vorgeladen, sich binnen schsischer Frist zu melden, hernachmal aber zu schweigen." Dieser ffentliche Angriff Wielands war das Signal fr alle Anhnger der romantischen Schule, ber den genannten Dichter die wegwerfendsten Urtheile zu fllen, und ihm unter andern die Anerkennung des Hans Sachs im "deutschen Merkur" als sein bedeutendstes Verdienst um die literarische Welt anzurechnen. Kaum konnte ihm verargt werden, wenn er, tief gekrnkt, in seinem Unmuth die Frage aufwarf: "Ob er das um seine Zeit und seine Nation verdient habe?" Was ihn hauptschlich schmerzte, war, da der grere Theil derer, die ihn nicht tief genug herabwrdigen zu knnen glaubten, unter Goethes Aegide zu stehen schien, da das "Athenum", unerschpflich in dem Lobe dieses Dichters, zu den "drei grten Tendenzen des Zeitalters" auer der franzsischen Revolution und Fichte's "Wissenschaftslehre", auch "Wilhelm Meister's Lehrjahre" gerechnet hatte. Obschon der aufrichtigste Verehrer und Bewunderer Goethe's, fhlte Wieland sich ihm allmlich entfremdet, wenn auch Goethe's Persnlichkeit noch immer einen unwiderstehlichen Reiz auf ihn ausbte. An Herder, fr den er lngst eine groe Zuneigung empfunden, schlo er sich um so inniger an, da Goethe und Schiller sich einander mehr genhert hatten, als es bisher der Fall gewesen war. Aber whrend Wieland Herder's Unmuth ber Kant's "Kritik der reinen Vernunft" theilte, und sich bei einer Anzeige an Herders "Metakritik" zu einer leidenschaftlichen Philippika hinreien lie, fand er selbst Niemand, der die unbillige Behauptung, "er habe sich selbst berlebt", zu wiederlegen suchte. Zwar bemhten sich Kotzebue und Merkel, in dem "Freimthigen" und in den "Briefen ber die wichtigsten Produkte der schnen Literatur", Wieland an seinen Gegnern zu rchen, doch geschah es nicht selten auf eine fr ihn unwrdige Weise. Wie Wieland selbst ber seine Gegner urtheilte, zeigte ein 1799 an einen Freund gerichteter Brief, der zugleich einige Andeutungen ber sein Verhltni zu Goethe und Schiller enthielt. "Warum ich Sie bitten mchte", schrieb Wieland, "wre besonders dies: sich mit den Gebrdern Schlegel und Comp. nicht abzugeben. Es sind grobe, aber witz- und sinnreiche Patrone, die sich Alles erlauben, nichts zu verlieren haben, nicht wissen, was Errthen ist, und mit denen man sich beschmutzen wrde, wenn man auch den Sieg ber sie erhielte, welches doch beinahe unmglich ist, da sie, auch geschlagen und niedergeworfen, gleich wieder aufstehn, und es nur desto rger machen wrden. Knnen Sie's aber ja nicht lassen, den Muthwilligen, die durch ein in Deutschland noch neues =genre=, nmlich franzsische =persiflage=, ihr Glck zu machen hoffen, etwas abzugeben, so beschwre ich Sie bei allen Gttern, lassen Sie wenigstens Goethe und Schiller aus dem Spiel, wr' es auch nur mir zu Liebe, und um allem Argwohn auszuweichen, als ob ich irgend einen directen oder indirecten Antheil an der Sache htte. Ich stehe mit diesen beiden Matadoren in einem guten, mit Goethe in einem beinahe freundschaftlichen Verhltni wie ich mir einbilde, wenigstens vor der Welt, denn =de occultis non judicat praetor=. Aber die Herren sind empfindlich und ein wenig argwhnisch. Ich kann mich also nicht nur selbst, sondern auch meine Freunde knnen sich, mir zu Liebe, nicht genug in Acht nehmen, da ich mit ihnen nicht compromittirt werde." Von dem damaligen Unwesen in der deutschen Literatur frchtete Wieland, nach einem Briefe vom 15. Februar 1801, einen dreifachen betrchtlichen Schaden. Jener jacobinische Sansculotismus, meinte er, werde erstens den Charakter unserer Nation, einer an Stupiditt grenzenden Gleichgltigkeit gegen das Wahre, Schne und Gute verdchtig machen; zweitens die ganze Classe der Gelehrten und Schriftsteller, die so ehrwrdig und vielvermgend seyn knnten, in der ffentlichen Meinung tief herabsetzen, sie ihres wichtigsten Einflusses berauben, und dadurch ihren Verchtern und Verfolgern unter den Groen und Aristokraten gewonnen Spiel geben. Endlich drittens werde jener Sansculotismus jungen Leuten, theils fr eine kleinere Zeit, theils fr ihr ganzes Leben, Kopf, Geschmack und Herz verwirren. "Alles aber", fgte Wieland hinzu, "will seine Zeit haben. Auch diese Periode der schndlichsten Anarchie in der Gelehrtenrepublik wird vorbergehen, und das unfehlbarste Mittel, ihr Ende zu beschleunigen, wre, es wie ich zu machen, und zu thun, als ob gar keine Schlegel, Tieck's, Bernhardi's, Clemens Brentano's, und wie die Gesellen alle heien, in der Welt wren." Auf hnliche Weise uerte sich Wieland in einem Briefe an Vo: "Ich fange an, immer gleichgltiger zu werden gegen Bbereien dieser Art, und hlle mich sehr ruhig in das Bewutseyn, da ich ein Besseres um die Zeit, in der ich lebe, verdient habe. Was seit dem Moment, da ich etwas Gutes habe drucken lassen, d.i. etwa vom Agathon an, mir widerfahren ist und noch tglich widerfhrt, wre hinreichend, jeden Jngling, der sich mit einiger Fhigkeit dem Dienst der Musen widmen wollte, abzuschrecken. Inde hat die fast unbegreifliche Ungerechtigkeit meiner Zeitgenossen wenig Einflu auf meine Glckseligkeit, und es war kein Compliment, sondern wahres herzliches Gefhl, als ich zu meiner Muse sagte: Du machst das Glck von meinem Leben, Und hrt dir Niemand zu, so singst du mir allein. Uebrigens hab' ich doch immer das Glck gehabt, dessen Horaz sich rhmte, von einer kleinen Zahl solcher Leute geliebt zu werden, deren jeder ein Publikum werth ist; und dies war auch immer fr mein Herz genug. Ich habe immer die Kunst der Musen um ihrer selbst willen geliebt, und sie mit Liebe und aus Liebe getrieben. Das lauteste Zujauchzen aller Leser in der Welt wrde mich fr den kleinsten Fehler, den ich vermeiden konnte, und nicht vermieden htte, nicht schadlos halten, wenn ihn gleich Niemand gesehen htte, als ich." So trstete sich Wieland, und berlie sich in dem Gartenhuschen, das er sich in seinem "Osmantinum", wie er seinen Wohnsitz gewhnlich nannte, hatte erbauen lassen, der freundlichen Hoffnung, "noch manche selige Stunde zuzubringen und noch manchen geheimen Besuch von seiner Muse zu erhalten." Zu den Plnen, die er in seiner lndlichen Zurckgezogenheit entwarf und zum Theil ausfhrte, gehrten besonders Uebersetzungen aus dem Griechischen, aus Xenophon, Euripides und Aristophanes, die er unter dem Titel eines "Attischen Museums" herausgeben wollte. Tchtige Gehlfen hatte er bei diesem Unternehmen an Jacobs und Hottinger. Den Letztern hatte er whrend seines Aufenthalts in der Schweiz kennen gelernt, und schtzte ihn sehr. "Ich kenne," schrieb Wieland, "keinen so ganz rein nach dem sokratischen Modell gebildeten Geist, als Hottinger." Unter den Uebersetzungen der alten Classiker, die er fr das "Attische Museum" unternahm, fesselte ihn vorzglich der "Ion" des Euripides. Mit der Wahl dieser Tragdie verband Wieland eine Nebenabsicht. Durch eine flieende, dem Original treu nachgebildete Uebersetzung wollte er das gebildete Publikum veranlagen, dieselbe mit dem von A. W. Schlegel gedichteten Trauerspiel "Ion" zu vergleichen, das damals auf die Weimarische Bhne gebracht und vielfach besprochen worden war. So knnte man, meinte Wieland, mit eignen Augen sehen, wie beide denselben Stoff bearbeitende Knstler und ihre Werke sich gegen einander verhielten. Eine solche Vergleichung aber, "mit reinem Sinn fr das Wahre, Schne und Geziemende angestellt," knne fr Freunde und Jnger der Kunst nicht anders als unterhaltend und belehrend seyn. Von zwei eigenen Werken, "Agathodmon" und "Solon", die, wie er an Gschen schrieb, "noch als Embryonen in seinem Kopfe lgen," gab Wieland den Plan zu dem zuletzt genannten Werke wieder auf. Eine groartige Wirkung versprach er sich von den mannigfachen Schilderungen, die er in den "Briefen Aristipp's und seiner Zeitgenossen" entwerfen wollte. Dies Werk, von welchem er einen ausfhrlichen Plan entwarf, sollte eine seiner umfassendsten Schriften werden. Whrend der Ausarbeitung beschftigten ihn inde noch manche andere literarische Arbeiten. An seinen Freund und Verleger Gschen in Leipzig schrieb er den 19. Dezember 1797: "Es ist hohe Zeit, da ich Ihnen einmal wieder ein kleines Lebenszeichen gebe. In der That, was das geistige, oder, vielleicht richtiger gesagt, was das literarische Leben betrifft, so lebe ich, seit die unfreundliche Jahreszeit eingetreten ist, vollauf. Ich komme nur selten aus meinem Museum, aus dem Hause gar nicht, arbeite von Morgen bis in die Nacht, finde Tage und Wochen unbegreiflich kurz und schnell, und habe demungeachtet seit dem 23. November eins der schwersten literarischen Abentheuer, eine metrische Uebersetzung der Wolken des Aristophanes glcklich, wie ich wenigstens hoffe, zu Stande gebracht." Am 18. Februar 1798 meldete Wieland, da er einige Dialoge politischen Inhalts, unter dem Titel "Gesprche unter vier Augen" auszuarbeiten angefangen habe, und noch mehrere folgen lassen werde, bis er "alles vom Herzen habe, was er in diesen kunterbunten Zeitluften fr Worte zu rechter Zeit halte." Da er dabei doch einige Rcksichten genommen, zeigte seine eigene Aeuerung in einem sptern Briefe vom 7. November 1798. "Obgleich in meinen Gesprchen," schrieb Wieland, "die Sache der Menschheit freimthig gefhrt wird, und Wahrheiten gesagt werden, die man weder zu Paris, noch zu Wien oder Petersburg von den Dchern predigen hrt, so hab' ich, meiner Denkart und der Klugheit gem, vor allem, was einem auch nur halbweg vernnftigen Leser anstig, oder dem Respect, den man den Machthabern schuldig ist, zuwiderlaufend scheinen knnte, mich sorgfltig gehtet, und hoffe also mit der Leipziger Censur in keine Collision zu kommen, wiewohl ich nicht dafr stehe, da das Buch nicht zu Wien verboten werden wird, wie beinahe alles Gute, was auerhalb Wien an's Licht tritt." Fr eins seiner besten Werke hielt Wieland den bereits erwhnten "Agathodmon." Dies Urtheil, meinte er, werde die Nachwelt darber fllen, so gleichgltig sein Werk auch fr den Augenblick aufgenommen werden mchte. "Das siebente Buch des Agathodmon," schrieb Wieland, "war mir eine sehr schwere Aufgabe, vielleicht die schwerste von allen, die ich mir aufgeben konnte. Die Ausfhrung ward mir um so mhsamer, da Jahreszeit und Witterung Geistesarbeiten dieser Art sehr ungnstig waren, um mich selbst zu befriedigen. Ich habe das ganze Buch mehr als sechs Mal von neuem durch -- und einige Hauptstellen ganz umgearbeitet, und des Feilens und Polirens wollte kein Ende werden. Nun ist es -- wie es ist; ich bin mit mir selbst zufrieden, denn ich wei, da ich als Mensch, als schriftstellerischer Volkslehrer und als Dichter mein Bestes, und also meine Schuldigkeit gethan habe." In eine sehr unmuthige Stimmung ward Wieland durch die Nachrichten versetzt, die er von dem geringen Absatz der Gesammtausgabe seiner Werke erhielt. An seinen Verleger, Gschen in Leipzig, schrieb er darber den 15. Juli 1799. "Ich kann nicht anders, als mit tiefem Gefhl beklagen, da ich mich selbst bereits berlebt habe. Ich wei nicht, wie ich zu solchem Verfall meines Credits und meiner Gunst bei dem lesenden Publikum gekommen bin, und theile daher Ihre Meinung, da es bei den zwei und dreiig Bnden wenigstens fr das achtzehnte Jahrhundert sein Bewenden haben msse. Vielleicht geht im neunzehnten Jahrhundert ein gnstigerer Stern ber uns auf, und ich will mich inde, wie jener griechische Fltenspieler, begngen, den Musen und mir selbst zu spielen." Erholung von anstrengenden Geistesarbeiten fand Wieland in seinem lndlichen Asyl. Mannigfache Plne zu Verbesserungen in seinem Hause und Garten gaben ihm die heitere Stimmung wieder, die er durch den Gedanken, wie tief sein literarischer Ruhm gesunken sei, verloren hatte. Noch fterer wrde er dem Mimuth anheim gefallen seyn, wenn zu jener Verstimmung seines Gemths sich noch krperliche Leiden gesellt htten. Doch selbst in hherem Alter war ihm eine fast ununterbrochene Gesundheit geblieben. In einem Briefe an Gschen, vom 24. December 1798 wunderte sich Wieland selbst ber sein Wohlbefinden. "Sie grnden darauf," schrieb er, "Ihre Hoffnung, da ich ein ziemlich betagter Patriarch werden drfte. Vor zwanzig Jahren hatte ich gar keinen Begriff davon, wie ich sechzig sollte alt werden knnen, und hatte zu diesem Mitrauen in meiner Leibesbeschaffenheit allerdings viele und triftige Ursachen. Nach dem fnf und funfzigsten Jahre wurde meine Gesundheit unvermerkt immer fester, und ich befinde mich nun im sechs und sechszigsten so, da ich ohne Absurditt mein zehntes Stufenjahr zu bersehen hoffen kann. Sie aber, lieber Freund, sollen und mssen mich berleben, wre es auch nur, um meine =Confessions= oder Nachrichten von mir selbst und meinen Schriften, oder wie Sie meine Selbstrecension betiteln wollen, verlegen zu knnen, die nicht eher, als nach meinem Hingang aus dieser Welt gedruckt werden soll." Der Gedanke, da dieser Zeitpunkt sich ihm immer mehr nhere, trbte nicht Wielands Heiterkeit. Er fhlte sich in seinem Alter sehr glcklich unter literarischen und lndlichen Beschftigungen und Genssen. Immer neues Vergngen schpfte er aus der Betrachtung der von ihm selbst geschaffenen Gartenanlagen, auf Spaziergngen durch seine Lindenallee, oder durch ein Birkenwldchen am Ufer der Ilm, wo er sich ungestrt seinen Ideen berlie. In solchen Augenblicken glaubte er zu seiner vlligen Zufriedenheit kaum noch etwas zu bedrfen. An seinen Schwiegersohn, den Buchhndler Gener in Zrich, schrieb Wieland im Januar 1799: "Ich freue mich so lebhaft auf die wiederkehrende schne Jahreszeit, da ich sie wirklich im Geist schon geniee, und den dazwischen liegenden Winter um so weniger lang finden werde, da die literarischen Arbeiten, womit ich ihn auszufllen gedenke, mehr als hinlnglich wren, mich eine doppelt so lange Zeit zu beschftigen. Ich werde aber fleiig seyn; denn es ist nicht mehr als billig, da ich das Recht, den Sommer blos mit Genieen zuzubringen, im Winter durch Arbeiten erkaufe." In einem nicht lange nachher geschriebenen Briefe an Gleim erkannte Wieland es dankbar, da ihm, neben der Glckseligkeit, ungestrt mit den Geistern der Weisen und Dichter der Vorwelt Umgang pflegen zu knnen, noch das Vergngen gegnnt sei, seinen guten Genius, in Gestalt eines Weibes, an seiner Seite, und einen Kreis von Kindern und Enkeln um sich zu haben, unter welchen ihm seine Tage so leicht und schnell entschlpften, wie den Bewohnern des dichterischen Elysiums. "Das Einzige", schrieb er, "was allenfalls (wenigstens zur vollstndigen Aehnlichkeit mit dem Elysium, das uns Lucian so genial geschildert hat) noch abgeht, sind die Buttersemmeln und Bratwrstchen, die auf den Bumen wachsen, die gebratenen Rebhhner, die von selbst auf den Tisch geflogen kommen, und die schnen crystallenen Kelchglser, die man von den Hecken abbricht, um sie aus Quellen und Bchen mit kstlichem Wein zu fllen, die eben so freiwillig, als unerschpflich aus allen Felsen hervorsprudeln u.s.w. So bequem und wohlfeil hab' ich's nun freilich nicht. Aber, die reine Wahrheit zu sagen, ich mcht' es nicht einmal so bequem und wohlfeil haben; denn ich halte das Gesetz, da uns die Gtter nichts Gutes ohne Arbeit geben, fr ein sehr weises Gesetz, und betrachte eine gewisse Portion Mhe und Sorge =quantum satis=, als die unentbehrlichste Wrze zum wahren Lebensgenu." Erhht ward dieser Genu fr Wieland noch durch Besuche seiner Weimarischen Freunde. Selbst sein Frst, seine Frstin, die Herzogin Mutter verschmhten nicht, ihn unter dem Schatten seiner Bume zu begren. Der lebhafte Ideenaustausch in mannigfachen Gesprchen, die ihn in die Vergangenheit zurckfhrten, hatte fr Wieland viel Anziehendes. Von groem Interesse war ihm auch die damals angeknpfte Bekanntschaft mit Jean Paul, von dem er sich vielseitig angeregt, doch, nach seinem eignen Gestndnisse, auch eben so oft abgestoen, als angezogen fhlte. Unstreitig einer der schnsten Momente in Wielands spterem Leben war das Wiedersehn seiner Jugendfreundin Sophie la Roche, die ihn 1799 in Osmannstdt besuchte, begleitet von einer ihrer Enkelinnen, Sophie Brentano, einer Schwester des bekannten Dichters Clemens Brentano. Die Erinnerung an die genureichen Tage, die Wieland damals verlebte, blieb ihm unvergelich. Wieder angefrischt ward sie, als Sophie Brentano im Mai 1800 ihn abermals in seinem lndlichen Asyl begrte. Erheiternd wirkte auf ihn die Gegenwart des durch Geist und Herz ausgezeichneten Mdchens, das damals in der vollen Blthe jugendlicher Schnheit stand. Einen eigentmlichen Reiz erhielt ihr Wesen durch einen Zug stiller Melancholie. Wieland beklagte oft, da Sophie, so ganz geschaffen, Andrer Leben zu verschnern, sich von den Menschen hinwegwende und die Einsamkeit suche. Frher jedoch, als er selbst oder irgend Jemand ahnen mochte, zerstrten die Eindrcke eines lngst zerrtteten Gemths ihren von Natur zarten Krper. Das friedliche Osmantinum, nach dem sie sich so oft gesehnt hatte, war bestimmt, ihre irdischen Uebereste zu empfangen. "Ich und meine Familie", schrieb Wieland den 29. September 1800 an Gschen, "haben in diesem Monat einen harten Stand gehabt. Sophie Brentano, das liebenswrdigste und interessanteste Mdchen von 24 Jahren, das vielleicht der Erdboden trug, ward am 24. September von einer der sonderbarsten und verwickelten Nervenkrankheiten befallen, die sich in wenig Tagen als gefhrlich ankndigte, mit jedem Tage trostlosere Symptome zeigte, und unerachtet aller ersinnlichen angewandten Hlfe, mit dem Tode endigte. Was wir in diesen trbseligen sechzehn Tagen erfahren und gelitten, mge Ihnen Ihre eigene Einbildungskraft und Ihr eigenes Herz sagen. -- Die Hlle, die der entflohene Engel zurck lie, ruht nun in einem stillen Pltzchen meines durch sie geheiligten Gartens." Wielands stille Trauer um das zu frh verblhte holde Mdchen erklang noch oft in den Briefen an seine Freundin Sophie la Roche. Den 24. April 1801 schrieb er: "Die Wiederkehr der schnen Jahreszeit giebt der geistigen Gemeinschaft, die bisher zwischen unsrer Sophie Brentano und mir ziemlich ununterbrochen fortgedauert, ein neues Leben. Alle meine Spaziergnge fhren zu ihrem Grabe; meine liebsten Ruhepltze sind nur wenige Schritte davon entfernt, und der Gedanke, da uns nur noch ein kleiner Zeitraum trennt, wird unvermerkt zu einem still fortdauernden Gefhl, das meinem Aufenthalt im Garten ein ganz eignes melancholisch ses Interesse giebt. Weil es indessen gut ist, da ich noch, so lange als mglich, fr meine Kinder lebe, so helfen Sie mir, theure Freundin, Gott fr die Erhaltung meiner bessern Hlfte bitten, deren zeither abnehmende und noch immer schwankende Gesundheit mich nur zu oft beim Blick auf Sophiens Ruhesttte mit Trbsinn und herzzerdrckenden Ahnungen erfllt. Noch hoffen wir, was wir sehnlich wnschen, da die immer nher kommende schne und milde Jahreszeit das Beste bei ihr thun, und uns eine Gattin und Mutter, die so wenige ihres Gleichen hat, und uns so unentbehrlich ist, auf lange Zeit wieder schenken werde." Ein ungewhnlich rauher Sommer, ber den er sich bitter beklagte, vereitelte Wielands Hoffnungen. "Der Juni", schrieb er, "war so kalt, windig und unfreundlich, da wir oft vierzehn Tage lang tglich zweimal die Wohnzimmer heizen lassen muten. Aber noch viel schlimmer spielte uns der Juli mit. Strmische Westwinde bei Tag und Nacht, ein immer dichtbewlkter Himmel, kaum zwei bis drei Tage, an denen die Sonne zuweilen durchzubrechen vermochte, und zwei Regentage gegen einen, sind diesen ganzen Monat ber unser Loos. Seit mehr als vier Wochen steht der Barometer meist anderthalb, zwei, drei, hchstens vier Linien ber sieben und zwanzig Zoll, und so oft er ein wenig ber vier Grad stieg, konnten wir auf einen vollstndigen Landregen rechnen. Wie eine solche Witterung nicht nur den Menschen, sondern auch den Feld- und Gartenfrchten aller Art bekommt, knnen Sie sich vorstellen. Die dadurch bisher aufgehaltene Ernte ist vor der Thr, und noch ist kein Anschein zu einer schon so lange und so sehnlich erwarteten Vernderung. Doch der Mensch ist nun einmal in der Gewalt der groen elementarischen Massen, und Geduld! Geduld! Geduld! ist die unwillkommene Lection, die sie uns einbluen, und an der wir unser Lebelang zu lernen haben, weil uns nichts schwerer eingeht." Mehrfache Veranlassung, sich in der Geduld zu ben, so schwer ihm dies auch werden mochte, fand Wieland, als der in einem frhern Briefe erwhnte Gesundheitszustand seiner Gattin im Herbst 1801 sich tglich verschlimmerte. Wielands Empfindungen schilderte ein Brief an Gschen vom 19. October 1801. "Zwar bin ich", schrieb er, "noch nicht in der traurigen Nothwendigkeit, das Aergste erwarten zu mssen; aber ich kann doch nur selten ber mich gewinnen, es nicht zu frchten. So wenig beneidenswerth auch meine brige Lage ist, wrde ich mich doch fr den glcklichsten aller Menschen halten, wenn mir der Himmel nur _sie_, die nun sechs und dreiig Jahre lang das ganze stille Glck meines Lebens machte, nur noch einige Zeit erhalten wollte. Sie allein ist mein Ersatz fr alles Andere; ohne sie -- Gott allein wei, ob und wie ich ohne sie leben knnte." Am 8. November 1801 sah sich Wieland fr immer getrennt von seiner Gefhrtin, im Kreise derer, denen sie das Leben gegeben, und fr deren Wohl sie kein Opfer gescheut hatte. Den tiefen Eindruck jenes Verlustes zeigte ein Brief Wielands an Gschen vom 31. December. Er uerte darin unter andern: "Mit mir geht es -- wie es kann; leidlich wenigstens. Ich arbeite viel, aber es ist, als ob mir die Schwungfedern gestutzt wren. Sonst arbeitete ich mit Freude, mit Munterkeit; jetzt mhsam, entgeistert, schwerfllig. Mglich, da auch die trbselige, immer vernderliche und gar nicht wintermige Witterung etwas dazu beitrgt. Gewi aber ist, da ein Herkules, der mir meine Alceste, nur mit so viel Gesundheit, als sie noch vor drei Jahren besa, aus dem Elysium zurckbringen knnte, auf einmal einen ganz andern Menschen aus mir machen wrde." In einem sptern Briefe vom 15. Februar 1802 wunderte sich Wieland selbst ber seinen leidlichen Gesundheitszustand in einem Alter von beinahe siebzig Jahren. Er schrieb einem Freunde: "Da die Engelsseele, die nun meinen krperlichen Augen unsichtbar geworden, mir geistiger Weise immer gegenwrtig ist, und da ich mich nach und nach an diese rein geistige Art Liebe und Freundschaft gewhne, trgt ohne Zweifel das Meiste dazu bei, da ich mich so wohl, d.h. nicht viel schlimmer befinde." Dankbar erkannte Wieland die zarte Aufmerksamkeit und Theilnahme der Herzogin Amalia, die ihn, um seinem Geiste eine andere Richtung zu geben, im Juli 1802 nach Tiefurt eingeladen, und nach Wielands eignem Gestndnisse, ihr Mglichstes gethan hatte, ihn zu erheitern und vergessen zu machen, da er, "ohne seine Alceste, die ihm kein Herkules wieder bringe," wohl zuweilen glcklich scheinen, doch nicht glcklich seyn knne. "Der besten Frstin zu Gefallen", schrieb Wieland, "arbeite ich, wiewohl unter mancherlei Unterbrechungen, etwas langsam in den Vormittagsstunden an einer Uebersetzung der Helena des Euripides. Bevor ich mit dieser Arbeit zu Stande bin, ist an den Aristipp nicht zu denken; denn mit diesem kann und will ich nicht anders, als mit ganzer Seele, mit ganzem Gemth und mit allen mir noch brigen Krften mich beschftigen." Ermuntert fhlte sich Wieland zu dem eben erwhnten Werke, das spter unter dem Titel: "Aristipp und seine Zeitgenossen" erschien, durch die Theilnahme, die ihm nicht blos in seinen nchsten Umgebungen, sondern auch durch briefliche Mittheilungen entgegen kam. "Was Sie mir", schrieb er an Gschen, "ber die Entwicklung und Ausfhrung der beiden Hauptcharaktere des Aristipp und der Lais schreiben, hat mir groes Vergngen gemacht. Solche Leser, fr welche nicht nur im Detail nichts verloren geht, sondern die auch Sinn fr die Composition, Haltung und Ausfhrung des Ganzen haben, d.h. gerade fr das, worauf Alles ankommt -- solcher Leser wnsch' ich mir recht viele. Aber unglcklicher Weise giebt es deren unter hundert kaum Einen, weil in der That beinahe eben so viel Genie, Kopf, Bildung und Kunstsinn dazu erfordert wird, ein solcher Leser zu seyn, als ein Autor, der im Stande ist, solche Leser zu befriedigen." Unter einzelnen Unterbrechungen hatte Wieland so fleiig an seinem "Aristipp" gearbeitet, da er im Sommer 1801 das vollstndige Manuscript seinem Verleger Gschen senden zu knnen glaubte. Das Werk erlitt jedoch eine Unterbrechung durch die Idee, seinem "Aristipp" eine ausfhrliche Beurtheilung der vorzglichsten Werke Plato's in den Mund zu legen. Schon vier Monate, schrieb Wieland an Gschen, beschftige ihn einzig die Lsung dieser Aufgabe. "Sie knnen sich nicht vorstellen," heit es in jenem Briefe, "was fr ein Stck Arbeit dies ist. Wenn ich aber so glcklich seyn sollte, mich mit Ehren aus der Sache zu ziehen, so wird es das wichtigste und beste Morceau meines ganzen Werks seyn." Ueber den Umfang desselben war Wieland eine Zeitlang nicht mit sich einig. "Es findet sich", schrieb er, "da ich mit dem vierten Bande allerdings schlieen kann, aber da die Ausfhrung meines Plans, den Aristipp bis nahe an seinen Tod fortzufhren, wenigstens noch einen starken Band erfordern wrde. Im vierten kann ich ihn nicht weiter bringen, als bis zum Tode seiner Kleone und zu seinem Entschlu, Cyrene wieder zu verlassen, und sich zu seinem Freunde Philistus zu Syrakus zu wenden. Ich bin aber gleichwohl entschlossen, es vor der Hand bei den vier Bnden zu lassen, und nicht eher an den fnften zu gehen, als bis unsre -- merken, da dem Werke noch was fehlt, und bis sie Ursache finden, mich nicht als Freund, sondern als Verleger, zum fnften Bande aufzufordern. Dabei mu und wird es einstweilen bleiben; denn wenn ich noch vor Fertigung dieses fnften Bandes aus der Welt ginge, so blieben die vier Bnde ein doch fr sich bestehendes Werk, und Niemand htte sich zu beklagen, da es unvollstndig wre." Eine Art von Fragment blieb gleichwohl der "Aristipp", so lange Wieland nicht den vierten Band dieses Werks geliefert hatte. Darber war jedoch eine geraume Zeit vergangen. Der Grund zu dieser Zgerung war der Gesundheitszustand seiner geliebten Dorothea. Wieland schwebte fortwhrend zwischen Furcht und Hoffnung. Bei seinem Freunde und Verleger Gschen entschuldigte er sich, da es ihm in den letzten sechs Wochen physisch und moralisch unmglich gewesen sei, irgend einer Geistesarbeit sich mit dem freien und muntern Sinne zu widmen, der eine der unerllichsten Bedingungen sei. "Seyn Sie inde versichert", schrieb Wieland, "da ich nicht ruhen werde, bis das Werk vollendet, und so vollendet ist, da ich selbst einiges Wohlgefallen daran haben kann." Diesem Vorsatz blieb er treu, ohne sich durch den damals entworfnen Plan irre machen zu lassen, nach dem Muster des =Thatre des Grecs=, gemeinschaftlich mit Bttiger und Jacobs ein "Theater der Griechen" herauszugeben, welches Uebersetzungen, mit Anmerkungen und Abhandlungen begleitet, enthalten sollte. Von der Ausarbeitung des fnften Bandes seines "Aristipp" ward Wieland inde bald wieder abgelenkt durch mehrfache neue Entwrfe zu literarischen Arbeiten, die jedoch zum Theil unausgefhrt blieben, wie unter andern das Werk "Osmanstdtische Unterhaltungen" betitelt, worin er einige sehr gelungene Erzhlungen seines Sohnes Ludwig aufnehmen, und ihn dadurch als Schriftsteller in's Publikum einfhren wollte. Wielands literarische Thtigkeit war damals sehr gro. Ehe er seinen "Aristipp" vollendet hatte, lieferte er einige Seitenstcke zu diesem Werke. Dahin gehrten die beiden griechischen Gemlde "Menander und Glycerion", und "Krates und Hipparchia", die er als Taschenbuch fr die Jahre 1804 und 1805 herausgab, und auerdem sechs Erzhlungen, zuerst in Almanachen gedruckt und hierauf unter dem Titel: "das Hexameron von Rosenhain" in einem Bndchen vereinigt. Wieland war dadurch mit mehreren Buchhndlern in Verbindung getreten, mit Cotta in Tbingen, Wilmans in Bremen, und Vieweg in Braunschweig, wodurch sich sein vieljhriger Verleger Gschen verletzt fhlte. Wieland suchte ihn zu beruhigen. "Ich kann", schrieb er, "den Gedanken nicht ertragen, da die Irrungen, die ein doppeltes Paar alter Griechen und Griechinnen unschuldiger Weise zwischen uns veranlat haben, das Grab unserer vieljhrigen Freundschaft seyn sollten. Ich glaube, Sie knnen sich meinen kleinen Verkehr mit den Taschenbchern um so mehr gefallen lassen, da Sie auch nichts dagegen htten, wenn ich dergleichen Aufstze im Merkur abdrucken liee, der noch unter meinem Namen und Bttigers Redaktion fortluft. Wre es nicht Thorheit gewesen, wenn ich, in meinen Umstnden, solche Gelegenheiten nicht htte benutzen wollen?" Schon in einem frhern Briefe an Gschen hatte Wieland offen gestanden, da "die eiserne Noth, die ehemals den Horaz zum Dichter gemacht, ihn drcke und drnge, und da er alles, was seine alte Muse noch gebhre, bald mglichst in baares Geld umsetzen mte." Dadurch hoffte er wenigstens einigermaen sich die sorgenvolle Lage zu erleichtern, in die er durch den Kauf seines Guts, durch mannigfache kostspielige Bauten und Verbesserungen, und durch den geringen jhrlichen Ertrag seines Besitzthums gerathen war. Da er "bei seiner Landwirtschaft keine Seide spinne," gestand er offen seinem vieljhrigen Freunde Gschen. "Ich habe," schrieb Wieland den 21. April 1802, "eine Last auf mich geladen, unter der ich erliegen wrde, wenn ich nicht ernstlich darauf bedacht wre, sie je eher je lieber von meinen alten Schultern abzuwlzen, in sofern es ohne Nachtheil und vielmehr zum wirklichen Vortheil meiner armen Kinder geschehen kann. So lange der holde Engel, der mich vor sechs Monaten verlassen mute, noch sichtbar um mich war, fhlt' ich diese Last zwar auch, aber sie drckte mich weniger. Ich hatte mehr Muth und Hoffnung, mehr Lust und Freudigkeit zum Arbeiten, und alles, was mein Geist unternahm, ging leicht und munter von statten. Seitdem ist alles leider ganz anders. -- Ich fhle, wenn ich noch einige Jahre den Meinigen, der Welt und meinen Freunden leben soll, so ist es schlechterdings nothwendig, da ich mich gnzlich schuldenfrei mache -- und dazu ist mglicher Weise nur Ein Mittel. Das ganze Gut zu verkaufen, wenn sich auch ein Kufer dazu fnde, der mir dafr geben wollte, was mich's kostet, dazu kann ich mich aus mehreren und verschiedenen Ursachen nicht entschlieen. Meine Idee ist, das Gut zu zerschlagen, den Pavillon, den ich bewohne, nebst dem Garten und einer einzigen Hufe Ackerland fr mich zu behalten, aus allem Uebrigen aber ein fr sich bestehendes kleines Erblehngut zu machen, und es gegen baare Bezahlung an den, der Lust dazu haben wird, zu verkaufen. Da das Gtchen so klein ist, so ist es natrlicher Weise keine Sache fr reiche Leute. Indessen knnte und sollte sich doch wohl in ganz Germanien unter 24 Millionen Menschen irgend Jemand finden, dem gerade ein solches kleines Landgut anstnde, und in dessen Augen es dadurch noch einen besondern Werth erhielte, da er mein lieber Nachbar wrde, und (alles vorausgesetzt, was hierbei vorauszusetzen ist), mit mir und meiner Familie in einem beiden Theilen angenehmen freundschaftlichen Verhltni leben knnte. Wenn meine Imagination bei guter Laune ist, so poetisirt sie mir verschiedene Arten mglicher Subjecte vor, die hiezu geeigenschaftet seyn knnten. Ich gestehe brigens gern, da diese meine Idee einem utopischen Traum ziemlich hnlich sieht. Indessen sind doch schon viel unwahrscheinlichere Dinge realisirt worden." Im August 1802 meldete Wieland seinen Entschlu, das ganze Gut zu verkaufen, doch mit Vorbehalt des von ihm bewohnten Hauses und dazu gehrigen Gartens, von welchem er jedoch den =usum fructuum= und jede selbstbeliebige Benutzung dem Kufer des Guts berlassen wolle. "Der Garten," schrieb er, "soll, so lange es nur immer mglich seyn wird, meiner Familie bleiben, und dies um so mehr, da er das heilige Grab meiner Geliebten, und dereinst auch das meinige neben ihr, in sich schliet. Finde ich einen annehmlichen Kufer zum Gute, so lebe ich knftig wieder in der Stadt, und bringe nur die schne Jahreszeit in meiner Osmanstdtischen Villa zu." Eine unverhoffte Fgung des Schicksals, oder, wie Wieland sich ausdrckte, "seines, noch immer zu seinem Besten geschftigen guten Genius," hatte ihm im Februar 1803 in dem Hofrath Khn aus Hamburg einen Kufer seines Guts zugefhrt, der sich zu der Kaufsumme von 30,000 Thlrn. anheischig machte. "So ungern," schrieb Wieland, "ich mich auch von dem Boden trenne, worin die heiligen Gebeine meiner geliebten Dorothea ruhen, so kann ich diesen Verkauf doch nicht anders, als fr das Glcklichste halten, was mir in meinem Leben noch begegnen konnte. Ich bin dadurch von einer Last befreit, die mich fters zu Boden drckte; ich werde auf einmal schuldenfrei, und es bleibt immer noch so viel brig, da ich fr meine noch unversorgten Kinder ungleich mehr thun kann, als mir mglich gewesen wre, wenn ich das Gut noch lnger htte behaupten mssen." Wielands damalige Briefe enthielten mehrfache rhrende Gestndnisse ber seine drckende Lage und ber die Mittel, die er ergriffen, sie durch eine erweiterte literarische Thtigkeit zu verbessern, die beinahe seine Krfte berstieg. In Bezug auf seine Beitrge zu mehreren Taschenbchern schrieb er: "Ich schme mich, da ich durch die Etourderie, mit der ich mein ganzes Leben hindurch zu kmpfen gehabt, mich selbst in meinem siebzigsten Jahre noch zu Projecten solcher Art hinreien lassen konnte. Aber die Summe, deren ich bedurfte, um blos meine unvermeidlichen Ausgaben zu bestreiten, stand, zumal in den letzten Jahren, mit dem Ertrag des Gutes und meiner brigen fixen Einnahmen in einem so unproportionirten Verhltni, da ich, um das sehr betrchtliche Deficit zu decken, alle meine Krfte aufbieten mute, das =vacuum=, das Ceres und Pales in meinem Beutel lieen, durch den Ertrag der Frchte meines Geistes zu ersetzen. Ich fhlte von Zeit zu Zeit, da ich ber Vermgen arbeitete, oder wenigstens da ich, wenn es noch lnger so fortgehen mte, Gefahr liefe, in den traurigen Zustand von Erschlaffung und Kraftlosigkeit zu gerathen. Aber Noth hat kein Gesetz. Die Hoffnung, mein Gut ohne betrchtlichen Schaden verkaufen zu knnen, war sehr gering, die Last, die auf mir lag, immer drckender, und die Gefahr, mit jedem Jahr rmer zu werden, immer grer. Welche Lage fr einen Siebzigjhrigen, von einer zahlreichen Familie umgebenen Mann von meiner Sinnesart und Constitution!" Mit Bttiger, der ihn kurz zuvor besuchte, ehe sich im Februar 1803 sein frher so hei ersehntes Idyllenleben in Osmanstdt schlo, durchwanderte Wieland noch einmal den gerumigen Garten. Nicht ohne Rhrung betrachtete er alle seine Lieblingspltze. Eine tiefe Wehmuth ergriff ihn, als er vor den Grbern seiner Dorothea und der Sophie Brentano stand, und sich sagen mute, da er auch diese in fremden Hnden zurcklassen mte. Nach einigem Schweigen sagte Wieland: "Ich traue es dem wackern Kufer meines Guts zu, da die Sttte, wo auch ich einst neben meiner Gattin begraben zu seyn wnsche, ihm stets heilig und unantastbar seyn werde." Darin tuschte sich Wieland nicht. Der neue Besitzer seines Gutes ehrte die heilige Sttte, wo die geliebten Todten ruhten. In einem Schreiben aus Osmanstdt an die Herzogin Amalia hatte Wieland sich sehr gefreut, eine Wohnung in der Nhe des Palastes seiner von ihm innig verehrten Frstin beziehen zu knnen. Aus den Fenstern seiner von dem Schauspielhause nur durch einen Garten getrennten Wohnung sah er auf freundliche Anlagen hinaus, in denen, wie er sich uerte, die geliebte Frstin als "die wohlthtigste aller Feen walte." Nur der Vergnstigung eines Schlssels, meinte er, werde es bedrfen, um mit aller Bequemlichkeit in's Himmelreich einzugehen. "Denn das wird fr mich," schrieb er, "jeder Ort seyn, wo sich die ber alles verehrte und geliebte Frstin aufhlt, deren Huld und herablassende Gte so wohlthtige Sonnenblicke auf den spten Abend meines Lebens geworfen." Seine khnsten Erwartungen bertraf die wohlwollende Aufnahme, die Wieland, als er wieder nach Weimar zurckgekehrt war, bei der hochherzigen Frstin fand. Sie zog ihn in ihre nchsten Umgebungen und erweiterte den Kreis seiner ltern Freunde durch neue Bekanntschaften, unter denen ihm Fernow, nach Jagemann's Tode zum Bibliothekar der Herzogin ernannt, eine der interessantesten war. Whrend des Sommeraufenthalts der Frstin in Tiefurt befand sich Wieland oft dort. Wie sie ihn berall auszeichnete, bewies auch sein Ehrenplatz in der herzoglichen Loge. Seine Liebe zur Bhne, auf der damals manches vielversprechende Talent sich entfaltete, fand wieder neue Nahrung, und er bedurfte nicht mehr der Opfer, mit denen er whrend seines Aufenthalts in Osmanstdt den theatralischen Genu hatte erkaufen mssen. Erfreulich und belehrend waren fr ihn auch die damaligen Kunstausstellungen unter Goethe's und Meier's Leitung. Wieland glaubte so wenigstens einigen Ersatz dafr zu finden, da die von Goethe herausgegebene Zeitschrift: "die Propylen", fr die er sich lebhaft interessirt, aufgehrt hatte. So vereinigten sich mehrere Umstnde, ihn in einer ruhigen Gemthsstimmung zu erhalten, die jedoch durch den Tod Herders am 18. December 1803 heftig erschttert ward. Seiner Freundin Sophie la Roche schrieb er damals: "Es ist ein groer unersetzlicher Verlust fr seine Familie, fr die Welt und fr seine Freunde. Er war mein bester und gewissermaen mein einziger Freund in Weimar. Ich habe sehr viel an ihm verloren, und hatte groe Ursache, auch um meiner selbst willen zu wnschen, da er, der so betrchtlich jngere Mann, mich Alten berleben mchte. Geduld und Ergebung ist alles, was uns in solchen Fllen brig ist; und mir wird diese Ergebung freilich insofern leichter, als mein Gefhl fr Schmerz und fr Freude durch den 8. November 1801 abgestumpft worden ist. Indessen ist es Pflicht, sich fr die Lebenden so lange als mglich zu erhalten, und sich an der geistigen Gemeinschaft gengen zu lassen, da wir mit unsern Geliebten, nachdem sie unsern Augen und Armen entschwunden sind, uns noch immer fort unterhalten knnen. Das egoistische Gefhl unseres Verlustes ist menschlich; aber immer verliert es sich wieder in dem sen Gedanken, da sie ausgelitten haben, da ihnen nun wohl ist, und unendlich besser, als uns." In ein dumpfes Hinbrten artete Wielands Ergebung in das unvermeidliche Schicksal selten aus, und seine Thtigkeit ward dadurch nicht gelhmt. Von besonderem Interesse war in seiner damaligen Stimmung fr ihn die Schrift: "Meiner Gattin wirkliche Erscheinung nach ihrem Tode." Ihr Verfasser, =Dr.= Wtzel, hatte sie dem Herzog von Weimar zugeeignet, und sie ward in einem Hofcirkel, in welchem sich auch Wieland befand, vorgelesen und vielfach besprochen. Den 20. October 1804 schrieb Wieland an seinen Freund und Verleger Gschen: "Ich arbeite seit einigen Monaten an einem kleinen Werke, wovon ich aus wesentlichen Ursachen wnsche, und es daher zu einer Bedingung machen mu, da es besonders, und als ein Werk fr sich, im Buchhandel erscheine. Der Titel ist: Euthanasia, oder Gesprche ber das Leben nach dem Tode, veranlat durch die Schrift: Meiner Gattin wirkliche Erscheinung nach ihrem Tode. Diese Euthanasia wird aus drei oder vier Dialogen bestehen, wovon der erste und grte vollkommen fertig ist. Das Ganze wird mich noch bis Ende dieses Jahres beschftigen." Ein sehr scharfes Urtheil fllte Wieland in einem sptern Briefe ber die vorhin erwhnte Schrift und ihren Verfasser. "Ich glaube," schrieb er, "da der Herr Doctor oder Magister Wtzel durch meine Analyse seines ber allen Ausdruck elenden und abgeschmackten Buchs in Reputation kommen wird. Aber damit er Ursache habe, sich dafr bei mir zu bedanken, mcht' ich ihm rathen, sich in bevorstehender Messe um Geld sehen zu lassen. Wirklich wre ein Hermaphrodit mit drei Kpfen, sechs Armen und vier Beinen kein sehenswrdigerer Irrthum der Natur, als dieser in seiner Art gewi einzige Mensch, in welchem Dummheit, Eigendnkel, Pfiffigkeit, Albernheit und Plattheit auf eine Art, die allen Psychologen zu schaffen machen sollte, vereinigt sind. Wer sollte nicht vier Groschen daran spenden, ein solches Migeschpf mit Augen zu sehen!" Durch den Tod seiner geliebten Gattin hatte Wieland hinlnglich Veranlagung erhalten, ber den Zusammenhang der Geisterwelt mit dem irdischen Leben reiflich nachzudenken. Er glaubte sich aber gegen alle Geistererscheinungen erklren zu mssen, wenn er sich die Erfahrungen seines eignen Lebens zurckrief. "Wre eine Mglichkeit", schrieb er, "da die Geister der Verstorbenen erscheinen knnten, warum habe ich von meiner Gattin, dieser treuen Seele, nie eine Erscheinung gehabt? Warum, wenn Geister auf unsre Seelenorgane wirken knnen, erscheint sie mir nicht alle Wochen wenigstens einmal im Traum, und unterhlt sich mit mir, da sie doch wei, wie unaussprechlich glcklich sie mich durch eine solche Herablassung zur menschlichen Schwachheit machen knnte? Sie _kann_ also nicht, oder sie _darf_ nicht, und warum sollte es denn nicht mit allen Andern eben diese Bewandtni haben? Bei der Richtung, die sein Geist damals genommen, hatte Wieland die Vollendung des "Aristipp" fast gnzlich aus den Augen verloren, besonders als ein literarischer Plan, den er schon vor zwanzig Jahren (1790) entworfen, der Ausfhrung entgegenreifte. Es war eine Uebersetzung der smmtlichen Briefe Cicero's. Die mit einer solchen Arbeit verbundenen Schwierigkeiten getraute er sich zu berwinden. Willkommen war ihm diese Arbeit auch deshalb, weil sie ihn ber die Eindrcke der politischen Ereignisse hinwegtrug. Freude und Leid griffen damals rasch wechselnd in sein Leben ein. Im November 1804 war er Zeuge gewesen bei der Vermhlungsfeier des damaligen Erbprinzen (jetztverstorbenen Groherzogs) von Weimar mit der russischen Grofrstin Maria Paulowna. Den Dichter, der jenes frohe Ereigni durch das Drama: "die Huldigung der Knste" gefeiert, mute Wieland bald nachher scheiden sehn. Schiller starb am 9. Mrz 1805, und Goethe war damals gefhrlich krank. "Ich kann mir vorstellen", schrieb Wieland den 6. Juni 1805 an Gschen, "welche Sensation die Nachricht von Schillers Tode in Leipzig gemacht hat. Nach Herder, und so lange uns Goethe noch erhalten wird, konnte Deutschlands Literatur keinen empfindlichern Verlust erleiden." Seinen eigenen Gesundheitszustand schilderte Wieland in diesem Briefe mit den Worten: "Einen so strengen und fast ununterbrochen fortdauernden Winter habe ich in 72 Jahren nicht erlebt, und ich wundere mich alle Tage, wie es zugeht, da eine so zarte Maschine, wie diejenige, an die mein Daseyn geknpft ist, eine solche unbarmherzige Witterung mit so wenig Beschwerden, als ich in der That diese Zeit her gefhlt habe, auszudauern vermgend gewesen ist." Dieser physischen Kraft bedurfte Wieland, um die Schrecknisse zu ertragen, welche die Schlacht bei Jena am 14. October 1806 ber Weimars Bewohner verhngte. Bei der allgemeinen Plnderung jener Residenz hatte er jedoch am wenigsten Ursache gehabt, fr seine Person und seine Familie sich zu beklagen. Er erhielt eine Sauvegarde, und im Namen Mrats ward ihm der unmittelbare kaiserliche Schutz zugesichert. Tief erschttert von dem allgemeinen Unglck und innig beklagend, da er den Tag erlebt, wo seine frstliche Gnnerin ihren Sommeraufenthalt, das freundliche Tiefurt, hatte verlassen, und der Erbprinz fr seine Gemahlin ein Asyl im Auslande hatte suchen mssen, begann Wieland wenige Wochen nach jenen Schreckenstagen, den 1. November 1806 seine frher erwhnte Uebersetzung der Briefe Ciceros, die seinen Blick von dem vielfach bewegten Leben der Gegenwart so entschieden ablenkte, da er, nach seinem eigenen Gestndni, von allem, was um ihn her vorging, wenig gewahr ward. In Bezug auf die mit dieser Uebersetzung verbundenen Schwierigkeiten nannte er sie, zumal fr einen Greis von 72 Jahren, ein groes Wagstck. "Kaum kann ich", schrieb er, "etwas anderes zu meiner Entschuldigung anfhren, als die _Zeit_, in welcher, und die _Art_, mit welcher dieser verwegene Gedanke wie ein Gewappneter ber mich gekommen ist. Ich fhlte damals ein zwiefaches dringendes Bedrfni in mir, ohne dessen unmittelbare Stillung ich nicht lnger ausdauern zu knnen glaubte. Das eine war: mich je eher je lieber aus einer frchterlich einengenden Gegenwart in eine andre Welt, in eine Zeit und unter Menschen, die lngst nicht mehr waren, wo mglich unter lauter colossale Menschen vom Titanen- und Gigantenstamm zu versetzen; -- das Andere: irgend eine groe, schwere und mhselige, aber bei alle dem angenehme und zu meinen Studien passende Geistesarbeit zu unternehmen, welche mich hoffen lie, da sie mir durch Lust und Liebe zur Sache, und durch die mit der Ausfhrung selbst nothwendig verbundene unvermerkte Steigerung meiner Krfte vielleicht so weit gelingen drfte, da ich die Welt mit dem Troste verlassen knnte, die letzten Jahre oder Tage meines Lebens nicht nutzlos zugebracht zu haben. Wie htte mir, zu Befriedigung dieses doppelten Bedrfnisses, und zur Erreichung dieser Absicht, mein guter Genius einen glcklichern Vorsatz einhauchen knnen, als die Uebersetzung der Briefe Cicero's?" Mitten unter dieser Beschftigung erschtterte ihn, nachdem die Kriegsstrme geschwiegen, die Nachricht von dem Tode der Herzogin Amalia. Am 10. April 1807 war ihr standhafter Geist von den Schicksalen, die sie ertragen, berwltigt worden. Wielands ganze philosophische Standhaftigkeit war nthig, um sich ber den fr ihn zu schmerzlichen Verlust zu trsten. Frohe Momente brachten ihm die Friedensnachrichten und die Heimkehr des Herzogs Carl August in seine Staaten. Dennoch aber bedurfte Wieland des rastlosen Fleies, den er seiner Uebersetzung der Briefe Cicero's widmete, um nicht der Gewalt schmerzlicher Eindrcke zu erliegen. Der Herzog von Weimar hatte ihm das freundliche Belvedere zu seinem Sommeraufenthalt angewiesen. Auf einer migen Anhhe, dem Schloberge gegenber, fand Wieland unter dunkeln Fichten ein Lieblingspltzchen, wo er bald umherwandelte, bald mit der Lectre irgend eines rmischen oder griechischen Classikers sich beschftigte. Mit ruhigem Gleichmuth und auf das Unvermeidliche gefat, schrieb er den 3. November 1809 an seine Freundin Sophie la Roche: "Was uns noch bevorsteht, wei allein der Himmel. Unser knftiges Schicksal ist ungewi. Wie es aber auch entschieden werden mag, ich werde es zu ertragen wissen, und mich selbst in keinem Falle verlassen." Wielands philosophischer Gleichmuth sollte jedoch bald erschttert werden. Er erhielt die Nachricht von dem Tode seiner eben erwhnten Jugendfreundin, deren letztes Werk, "Melusinens Sommerabende", er noch revidirt und mit einer Vorrede begleitet hatte. "Es scheint", schrieb er, "mein Schicksal, da ich alles berleben soll, was ich am meisten und innigsten liebte. Bald habe ich, auer meinen grtentheils weit von mir entfernten Kindern, nichts mehr zu verlieren. Aber der Verlust, den ich am 9. November 1801 erlitt, hat mich auch gegen jeden andern vllig abgestumpft. Die Welt kann zufrieden seyn, eine so auerordentliche Frau, die von ihrer Kindheit an fr diese Welt viel zu gut war, 76 Jahre lang besessen und 36 Jahre die Frchte ihres, mit ihrem Herzen gnzlich in Eins verwebten und gleichsam zusammengewachsenen Geistes dankbar und undankbar genossen zu haben. Fr uns lebt sie jetzt nur noch, insofern wir ihrer gedenken und das wollen wir." In einem Briefe vom 8. September 1808 warf Wieland einen Rckblick auf seine Laufbahn. "Ich habe", schrieb er, "zwar in vollen 75 Jahren Gottlob! kein glnzendes, noch sonderliches Glck gemacht; sondern auch das herzdrckende Schicksal erfahren, alle Freunde und Freundinnen meiner Jugend und meiner besten Jahre zu berleben. Aber demungeachtet verdanke ich der Mutter Natur eine so glckliche Organisation und Sinnesart, und meinem guten Genius so manche glcklichen Ereignisse, und ein so freundlich schnes Gewebe der 27,593 Tage (die Schalttage mit eingerechnet), da ich mich nicht zu tuschen glaube, wenn ich gegen Einen trben oder strmischen Tag, womit die Parzen mich nicht verschonen konnten oder wollten, vierzehn heitere und vergngte Tage eines so frohen Lebensgenusses zhle, als ein Sterblicher, ohne thrichte Forderungen an den Himmel zu machen, von diesem unvollkommenen Erdenleben nur immer verlangen kann. Denn fr mich sind die Gefhle, worin sich ein Tropfen Bitterkeit mit dem Sen vermischt, immer die angenehmsten." Am Abend seines Lebens brachte Wielands Schicksal, ungeachtet er, nach seinem eignen Gestndnisse, "sich von den Erdengttern so viel als mglich entfernt gehalten," ihn noch in Berhrung mit Frankreichs Kaiser, als Napoleon mit den damals (1808) auf dem Congre zu Erfurt versammelten Frsten einige Tage sich am Hofe zu Weimar aufhielt. Er wnschte den Dichter zu sehen, der ihm durch die frher erwhnte Prophezeiung, "da Frankreichs Heil nur allein auf Buonaparte beruhe", merkwrdig geworden war. Wieland befand sich gerade den Tag nicht am Hofe. Unter dem Vorwande des Unwohlseyns hatte er eine Einladung zum Ball abgelehnt. Eine Vorstellung von Voltaires Julius Csar lockte ihn jedoch Abends in's Theater, wo er seinen Platz in einer Seitenloge nahm, die sonst der Herzog einzunehmen pflegte. Als Napoleon erfuhr, da es Wieland gewesen sei, den er dort in seinem einfachen Kleide und einem Sammtkppchen auf dem Haupt gesehen hatte, erkundigte er sich auf dem Ball wiederholt nach ihm. "Nun war kein andrer Rath", gestand Wieland in einem Briefe vom 13. October 1808, "als mich in den Hofwagen, der mir geschickt wurde, zu setzen und -- in meinem gewhnlichen =accoutrement=, eine Calotte auf dem Kopfe, ungepudert, ohne Degen und in Tuchstiefeln (brigens anstndig costumirt) im Tanzsaal zu erscheinen. Es war gegen halb eilf Uhr. Kaum war ich etliche Minuten dagewesen, so kam Napoleon von einer andern Seite des Saals auf mich zu. Die Herzogin prsentirte mich ihm selbst, und er sagte mir ganz leutselig -- das Gewhnliche, indem er mich zugleich scharf in's Auge fate. Schwerlich hat wohl jemals ein Sterblicher die Gabe, einen Menschen gleich auf den ersten Blick zu durchschauen, in einem hhern Grade besessen, als Napoleon. Er sah, da ich, meiner leidigen Celebritt zum Trotz, ein schlichter, anspruchsloser, alter Mann war, und da er, wie es schien, fr immer einen guten Eindruck auf mich machen wollte, so verwandelte er sich augenblicklich in die Form, in welcher er sicher seyn konnte, seine Absicht zu erreichen. In meinem Leben hab' ich keinen einfachern, ruhigern, sanftern und anspruchslosern Menschensohn gesehen. Keine Spur, da der Mann, der mit mir sprach, ein groer Monarch zu seyn sich bewut war. Er unterhielt sich mit mir, wie ein alter Bekannter mit _seines_ Gleichen, und was noch keinem Andern _meines_ Gleichen widerfahren war, an anderthalb Stunden lang in Einem fort, und ganz allein, zu groem Erstaunen aller Anwesenden. Da ich ein sehr ungebter, schwerzngiger franzsischer Orateur bin, so war es glcklich fr mich, da er gerade in der Laune war, viel zu sprechen, und die =frais de la conversation= fast allein auf sich nahm. Es war nahe an zwlf Uhr, als ich endlich zu fhlen anfing, da ich das Stehen nicht lnger ertragen knne. Ich nahm mir also eine Freiheit heraus, die sich schwerlich irgend ein andrer Deutscher oder Franzose unterstanden htte. Ich bat Se. Majestt, mich zu entlassen, weil ich mich nicht stark genug fhle, da Stehen lnger auszuhalten. Er nahm es sehr gut auf. =Allez donc=, sagte er mit freundlichem Ton und Miene, =allez! bon soir!=" In eben diesem Briefe meinte Wieland, so ungemein freundlich Napoleon auch gegen ihn gewesen, habe er doch an ihm vermit, was man Gemth nenne, und es sei ihm mitunter vorgekommen, als wre der Mann aus Bronze gegossen. "Indessen", schrieb Wieland, "hatte ich es doch dahin gebracht, da ich ihm ganz offen endlich die Frage vorlegte, wie es denn komme, da der Cultus, den er in Frankreich reformirt habe, nicht philosophischer und dem Geist unsrer Zeit nicht angemessener ausgefallen sei. Lchelnd erwiederte hierauf Napoleon: Ja, mein lieber Wieland, fr Philosophen ist er auch nicht gemacht, denn die Philosophen glauben weder an mich, noch an meinen Cultus, und den Leuten, die daran glauben, kann man nicht Wunder genug thun und lassen. Wenn ich einmal eine Religion fr Philosophen stiften knnte, die sollte freilich anders beschaffen seyn. An diesen Faden spann sich nun das Gesprch ber Religion fort, wobei Napoleon den Skeptiker so sehr machte, da er die historische Existenz Christi bezweifelte. Das war aber nur ein sehr allgemeiner Skepticismus, den er da auskramte, und ich fand an seiner Freigeisterei nichts zu bewundern, als die Offenheit, mit welcher er sich mir preisgab." Einen Beweis der Huld Napoleons erhielt Wieland durch den ihm bersandten Orden der Ehrenlegion. Dem Kaiser Alexander verdankte er gleichzeitig (1808) den St. Annenorden, wobei sich ihm unwillkhrlich die Bemerkung aufdrang, da das Ausland seine Verdienste gerechter anerkenne, als die Nation, zu der er gehre. Sein Patriotismus erkaltete jedoch nicht durch solche Erfahrungen. Ohne in Napoleon den auerordentlichen Mann zu verkennen, den er fr ein Werk in den Hnden der Vorsehung hielt, uerte sich Wieland mit tiefem Unmuth ber die mannigfachen Bedrckungen, die das Unterjochungssystem des franzsischen Machthabers ber Deutschland verhngte. Was ihn oft in eine trbe Stimmung versetzte, war der Gedanke, sich so vieler Freunde beraubt zu sehen, die er geschtzt und geliebt hatte. Herder, Schiller, Gleim waren ihm vorangegangen, in der letzten Periode seines Lebens auch noch Fernow und Seume. An dem Letztern schtzte Wieland neben seinen Kenntnissen und Talenten besonders die Biederkeit seines Charakters, den offnen, geraden Sinn. "Es ist eine Freude", schrieb er, "derbe Wahrheiten so freimthig und krftig, und doch so manierlich gesagt zu hren. Seume kann sicher seyn, da Niemand glauben und sagen wird, da englische Guineen oder Napoleons aus ihm sprechen. Ich habe von jeher groe Stcke auf die chten Cyniker gehalten, deren Ideal Lucian in seinem Kyniskos so trefflich aufhellte. Der chte Cyniker ist der chteste Mensch und der wahre Weise, und =minor Jove=, wie Horaz sagt. Das alte Griechenland hatte ihrer kaum ein halb Dutzend binnen 500 Jahren aufzuweisen; und in unsern Tagen ist Seume der Einzige, den ich wenigstens kenne." Zu dem Schmerz ber Seumes Verlust gesellten sich fr Wieland husliche und persnliche Leiden. Seine Tochter Julie entri ihm der Tod. Ein hartnckiges Augenbel untersagte ihm mehrere Wochen Lesen und Schreiben. Nur langsam genas er im Herbst 1809 von einer lebensgefhrlichen Krankheit. "Das Sonderbare dabei war", schrieb Wieland, "da, nach der Versicherung meines Arztes, das Herz und die ganze Blutmasse an dem schrecklichen Sturm auf alle brigen Theile meines ohnedie schwachen Krpers keinen Antheil nahmen, und ihre eigene Oekonomie ruhig fortzutreiben schienen. Der Puls ging ruhig und gleich, nur etwas schneller, als gewhnlich. Dafr aber waren die Muskelkrfte, Nerven, Flechsen und Sehnen so jmmerlich zugerichtet, alle Drsen so rein ausgewunden und ausgetrocknet, alle Fibern so abgespannt, da ein vierteljhriges Kind mehr Strke in Armen und Beinen hat, als ich in den ersten vierzehn Tagen. Meine rechte Hand war lange fast unbrauchbar; ber vierzehn Tage konnte ich nicht einen Augenblick stehen. Kurz, ich mute, wie ein Kind, von vorn anfangen, und die Verrichtungen des animalischen Lebens wieder lernen, als ob sie mir etwas Neues wren. Wie gern mcht' ich hier meinen mich umgebenden Tchtern und Enkelinnen eine Lob- und Dankrede halten!" In seinem Familienkreise war es, wo Wieland die durch zunehmende Altersschwche ihm oft geraubte Heiterkeit wiederfand. "Wohl mir", schrieb er, "da ich im Winter meines Lebens noch mit Gegenstnden der Liebe umgeben bin, mit Kindern und Enkeln, die mir Freude machen, und mein Herz wenigstens so lange warm erhalten werden, bis es zu schlagen aufhrt." Sehr glcklich wrde er sich gefhlt haben, wenn er noch einmal seinen ganzen Familienkreis um sich htte versammeln knnen, der immer kleiner geworden war, und zuletzt nur aus einer seiner verwitweten Tchter mit zwei Tchtern von dieser, und seiner jngsten Tochter Luise bestand. In dankbarer Erinnerung an die Feier seines Geburtstags im Jahr 1810 schrieb Wieland an Bttiger: "Auch wieder ein paar schne Tage, die sich ganz besonders freundlich, heiter und liebevoll an die 28,105, die nun mit mir vorbeigewankt, gehpft, gestolpert, getanzt, gewalzt, gestrmt und geschlichen sind, angeschlossen haben! Es ist doch eine hbsche Sache um's lange Leben, wenn einem am Vorabend des 78sten Jahres noch solche Stunden zu Theil werden, wie ich am Abend des 4. September im enggeschlossenen Kreise brderlich verbundener Freunde genossen habe. Es konnte meinem Herzen nicht anders als wohlthun, so viele und unzweideutige Zeichen herzlicher Theilnahme, Achtung und Liebe zu empfangen." Wielands Gesundheit, ziemlich gestrkt seit der frher erwhnten Krankheit, gnnte ihm, an seiner Uebersetzung der Ciceronianischen Briefe mit wenigen Unterbrechungen fortzuarbeiten. Neben dieser Beschftigung trug er sich damals mit dem Gedanken einer neuen Ausgabe seiner smmtlichen Werke. Als sein Freund und Verleger Gschen ihn dazu aufgefordert und seinem Wunsche gem, versprochen hatte, deutsche Lettern, statt der bisherigen lateinischen, zu whlen, schrieb Wieland: "Die erste und wichtigste Frage wre wohl diese: ob die neue Auflage _alles_, was in der ersten ist enthalten soll oder nicht? Da diese Frage, meines Erachtens, blos aus buchhndlerischem Gesichtspunkte entschieden werden kann und mu, so habe ich nichts darber zu sagen, als da sie mir viele und kaltbltige Ueberlegung von allen Seiten zu erfordern scheint. Glauben Sie Ihre Rechnung bei einer Auswahl des Besten und Interessantesten eher zu finden, als bei einer wiederholten Auflage meiner _smmtlichen_ Werke, so bin ich's vllig zufrieden; nur mu ich bemerken, da alles, was sich mit gutem Gewissen retouchiren liee, hchstens drei oder vier Bndchen ausmachen, und manchen Lesern auch damit vielleicht kein Gefallen geschehen wrde. Die zweite Frage ist: ob wir die Kinder meines Geistes in der Ordnung, wie sie zur Welt gekommen sind, auf einander folgen lassen wollen? und da dies aus mehrern Grnden wohl das Beste seyn mchte: ob die poetischen von den prosaischen Werken abgesondert werden, und also zwei Classen ausmachen sollen? Auch dies kann und soll blos von Ihnen entschieden werden. Wenn nicht merkantilische Rcksichten das Letztere rathen, so sollte ich beinahe glauben, es drfte vielen, wo nicht den meisten Liebhabern meiner Schriften angenehmer seyn, ohne Hinsicht auf Verse und Prosa, in der Ordnung, wie sie geschrieben wurden, zu lesen; um so mehr, da sie eben dadurch dem scharfsinnigen und aufmerksamen Leser eine Art von Geschichte, oder vielmehr die Belege zur Geschichte meines geistigen Lebens an die Hand geben, welche ich, wenn der schwarzbraunige Bruder des Schlafs mir Zeit dazu lt, zu schreiben gedenke." Mit dieser Selbstbiographie schien es Wieland wenig Ernst zu seyn. In seinem literarischen Nachla fand sich auch nicht das kleinste Fragment jener "Memorabilien," wie er sie zu nennen pflegte. Zufllige Umstnde verhinderten die in dem vorhin erwhnten Briefe besprochene neue Ausgabe seiner Werke. Er gewann dadurch mehr Mue zu seiner Uebersetzung des Cicero, zu welcher, als ihn der Tod bei dieser Arbeit berraschte, sein Freund und Landsmann Grter die noch brigen vierzig Briefe Cicero's hinzufgte. Nicht ohne Nachtheil fr seine schwache Brust glaubte Wieland die Berge und Anhhen von Belvedere ferner erklimmen zu knnen. Er leistete daher im Sommer 1811 Verzicht auf seinen bisherigen Lieblingsaufenthalt, und beschrnkte sich auf kleine Ausflge nach Jena und auf Spazierfahrten. Am 11. September 1811 hatte er das Unglck, als der Wagen umwarf, das Schlsselbein zu zerbrechen. Noch gefhrlicher ward seine jngste Tochter verletzt. Wahrhaft bewundernswerth war, nach Goethes Zeugni, die Fassung, der ruhige Gleichmuth, womit Wieland die schmerzlichen Folgen des Falles und die Langeweile der Genesung ertrug. Auch bei dieser Prfung bewhrte sich seine Lebensphilosophie, die ihn noch nie verlassen hatte. "Es gehrt," schrieb er den 18. October 1811, "unter die grten Uebel der schon oft von mir recht herzlich verwnschten Celebritt (zu deutsch Berhmtheit) -- die brigens auch hin und wieder ihr nicht zu verachtendes Gute hat -- da einer nicht einmal den kleinsten Finger, geschweige ein Schlsselbein, was doch im Grunde auch nicht viel sagen will, brechen kann, ohne da es sogleich in ffentlichen Blttern der Welt verkndigt, und dadurch alle entfernten Freunde des Verunglckten unschuldiger und ungebhrlicher Weise, gegen den Willen desselben, zum Mitleiden aufgefordert, beunruhigt, und nicht selten ist der Fall gesetzt werden, sich das Uebel rger vorzustellen, als es ist." Wieland genas bald wieder. In vlliger Heiterkeit fand ihn sein achtzigster Geburtstag, den er in einem Cirkel von Freunden feierte, die ihn nach Jena eingeladen hatten, und ihm an jenen Tage eine silberne Denkmnze berreichten, mit der Aufschrift: "Dem unsterblichen Snger." Mit den heitersten Eindrcken kehrte er wieder nach Weimar zurck, wo ihn Ifflands Darstellungen auf dem dortigen Hoftheater erwarteten. Er schien sehr lebhaften Antheil daran zu nehmen. Seine Gesundheit blieb sich gleich. In der Nacht vom 10. auf den 11. Januar 1813 traf ihn jedoch ein Anfall von Schlag. Aller rztlichen Hlfe unerachtet, ward sein Zustand, durch ein hinzutretendes heftiges Fieber, von Tage zu Tage bedenklicher. Die Nhe seines Todes schien Wieland nicht zu ahnen. In schmerzlosen Stunden beschftigte sich seine Phantasie mit seinen Kindern. Auch sprach er bisweilen mit lebhaftem Interesse von seiner Uebersetzung der Ciceronianischen Briefe. Als am zehnten Tage, den 20. Januar, das durch rztliche Mittel beseitigte Fieber mit grerer Heftigkeit wieder zurckkehrte, schwrmte Wielands Phantasie bald in Griechenland, bald in Italiens Gefilden. In den Abendstunden hrten seine Kinder ihn schwach, doch vornehmlich, Hamlets berhmten Monolog: "Seyn oder Nichtseyn", bald deutsch, bald englisch recitiren. Er sank hierauf in einen tiefen Schlummer, und die Mitternachtsstunde fand ihn nicht mehr unter den Lebendigen. Eine allgemeine Trauer verbreitete die Nachricht seines Todes. Die Brder des Freimaurerbundes, dem er angehrte, beschlossen eine feierliche Bestattung des Entschlummerten. Architektonische Verzierungen schmckten in dem mittlern Theile des Landes-Industrie-Comptoirs zu Weimar, das von seinem vieljhrigen Freunde Bertuch eingerumte Local, wo Wielands sterbliche Hlle am Abend des 24 Januar ausgestellt ward. Seine zahlreichen Verehrer und Freunde sahen dort, mit fast unvernderten Zgen, sein mit einem Lorbeerkranze geschmcktes Haupt, auf einem blauseidnen, mit golden Spitzen eingefaten Kissen ruhen. Eine hnliche Decke breitete sich aus ber den untern Theil des Sargs. Der Krper war in ein weies Tuch gehllt. Ein Lorbeerkranz umwand die Prachtausgaben der beiden Gedichte: "Oberon" und "Musarion", die in einem Einbande von Maroquin auf einem rothen Sammtkissen auf dem Deckel des Sargs ruhten. Dort sah man auch auf einem kleinern weien Atlaskissen die Decorationen des russischen und franzsischen Ordens. Der Gartensaal des Gutsgebudes zu Osmanstdt, einst Wielands Lieblingsaufenthalt, empfing in der nchsten Nacht seine irdischen Ueberreste. Dort versammelten sich am 25. Januar 1813 Nachmittags die smmtlichen Brder der Loge Amalia, nebst einer groen Zahl von Wielands Freunden und Verehrern. Sie schlossen sich dem Trauergefolge an, welches der franzsische Gesandte, Baron St. Aignan, mit des Dichters ltestem Sohne Ludwig erffnete. Sechzehn Maurerbrder trugen den Sarg. Das Gelut der Dorfglocken lockte einen groen Theil der Bewohner von Osmanstdt herbei. Ihrem alten Gutsherrn, wie sie Wieland noch immer nannten, wollten sie die letzte Ehre erweisen. Der Zug ging die lange Allee hinab, die der Dichter oft durchwandelt hatte, bis zu dem Bosket, wo Wieland sich lngst seine Ruhesttte gewhlt. Dem Trauergesange an seinem Grabe folgte eine kurze, aber herzliche Rede des Oberconsistorialraths Gnther, der die Verdienste des Dahingeschiedenen in ergreifenden Umrissen schilderte. Neben den Grbern derjenigen, die ihm am theuersten gewesen im Leben, neben Sophie Brentano und seiner Gattin Anna Dorothea, erhielt Wieland, seinem oft geuerten Wunsch gem, seine Ruhesttte. Neben den zwei dreiseitigen Pyramiden, die die Grber seiner Lieben bezeichneten, erhob sich auch sein Grab. Der Weimarische Bildhauer Weie hatte jene Denkmale in Seeberger Sandstein ausgefhrt. Fr Sophie Brentano war das Emblem einer Psyche mit einem Rosenkranz umgeben gewhlt worden; fr Wielands Gattin das Sinnbild der Eintracht und Treue: zwei verschlungene Hnde in einem Eichenkranz. Die geflgelte Lyra mit dem Stern der Unsterblichkeit darber ward fr Wieland zum Sinnbilde gewhlt. Er selbst hatte bereits 1806 fr jene Denkmale die treffende Inschrift verfertigt: "Lieb' und Freundschaft umschlang die verwandten Seelen im Leben, Und ihr Sterbliches deckt dieser gemeinsame Stein." Die bereinstimmenden Zeugnisse Aller, die Wieland nher gekannt, besttigen die richtige und partheilose Schilderung seines liebenswrdigen Charakters, die einer seiner Freunde in den nachfolgenden Worten entwarf: "Mild gegen den Irrthum, schonend gegen Fehler, war er fr Vernunft, fr Recht und Pflicht, fr alles, was der Menschheit heilig seyn mu, weil es allein dem hhern Menschenleben Werth giebt, ein unermdlicher, eifriger Kmpfer, aber eben deshalb auch ein rastloser Bekmpfer aller Vorurtheile, aller Verfinsterung, aller Unterdrckung. Veredlung und Beglckung seines Brudergeschlechts war sein Ziel. Er schwatzte nicht von Religion und Philosophie, aber er bethtigte sie im Leben, in welchem er dankbar alles Gute, und mit ruhiger Ergebung das Unglck hinnahm. Fr ihn gab es nichts Greres im Leben, als, nie in Gemeinheit sinkend, den Sinn stets auf das Edle gerichtet, unausgesetzt ein guter Mensch, Gatte, Vater, Freund und Brger zu seyn." ---- ---- ---- [Errata / Druckfehler: "Betrachtungen ber Rousseau's ursprnglichen Zustand des Menschen," original: urspnglichen die meisten Klster in den / sterreichischen Staaten aufgehoben original: stereichischen Der Erbprinz Carl August original: Erbpinz "Hann / und Gulpenheh" original: Han zum Weimarischen Hofe original: Weimaririschen jener zwiefach harte Schicksalsschlag original: hatte so wenig Geschmack abgewinnen original: Geschack seinen Entschlu, das ganze Gut original: da Ereignisse hinwegtrug original: hiwegtrug einer lebensgefhrlichen / Krankheit original: lebensgefahrlichen] End of Project Gutenberg's Chr. M. Wieland's Biographie, by H. Doering License: Share Alike