Produced by The PG Online Distributed Proofreading Team. _ Kursiv / italic # Fett / bold % Antiqua / antiqua [] Korrektur von Satzfehlern / correction of typos Biographien Deutscher Classiker. #SUPPLEMENT# zu der Gschen-Cottaischen Ausgabe "deutscher Classiker" * * * * * Erstes Bndchen. #FRIEDRICH VON SCHILLER.# Jena, 1853 Friedrich v. Schiller's #BIOGRAPHIE# von Dr. H. Doering. Complet in Einem Bndchen #SCHILLER'S LEBEN.# _Friedrich Schiller_, mit seinen vollstndigen Vornamen Johann Christoph Friedrich, spter in den Adelstand erhoben, erblickte zu Marbach den 11. November 1759 das Licht der Welt, unter Verhltnissen, die der Entwicklung vorhandener Fhigkeiten und Geistesanlagen nicht besonders gnstig, fr die Gesundheit des Leibes und der Seele aber von gnstigem Einflu waren. Seinen Vater, _Johann Caspar_, geboren am 27. Oktober 1723 zu Bitterfeld, gestorben am 7. Sept. 1796 auf dem Herzogl. Wrtembergischen Lustschlosse Solitude bei Stuttgart, schildern bereinstimmende Berichte als einen Biedermann von unbescholtenem Wandel und strenger Redlichkeit, weniger ausgezeichnet durch eine vielseitige Bildung, als durch eine groe Gewandtheit im praktischen Leben. Als Wundarzt hatte er 1745 ein Bairisches Husarenregiment nach den Niederlanden begleitet, und war nach dem Aachner Frieden (1748) wieder nach Wrtemberg zurckgekehrt, wo er als Fhndrich und Adjutant bei dem Regiment Prinz Louis angestellt, einigen Feldzgen des siebenjhrigen Krieges beiwohnte. Durch Migkeit blieb er verschont von den ansteckenden Seuchen, die in Bhmen das Regiment, bei dem er stand, hart heimsuchten. Neben der sorgsamen Pflege der Kranken vertrat der rastlos thtige Mann die Stelle eines Feldpredigers durch Vorlesen von Gebeten und durch Leitung des Gesanges. Spter stand er bei einem andern Regiment in Hessen und Thringen. In Ludwigsburg, wo er nach dem Hubertsburger Frieden im Quartier lag, grndete er, mit vorherrschendem Interesse an der Oekonomie, eine Baumschule, nach den Prinzipien, die er in sptern Jahren (1795) in einem von ihm herausgegebenen Werke: "die Baumzucht im Groen," bekannt machte. Der Herzog Carl von Wrtemberg fand sich dadurch veranlat, ihm mit dem Charakter eines Hauptmanns, die Aufsicht ber die Anpflanzungen und Gartenanlagen auf einem seiner Lustschlsser, der Solitude bei Stuttgart, zu bertragen, wo er, von seinem Frsten geachtet und geliebt von seinen Untergebenen, in rastloser Thtigkeit sein Leben beschlo. In einem noch erhaltnem Briefe dankte er mit frommer Rhrung dem Ewigen, da er ihm noch gegnnt, seines Sohnes Ruhm zu erleben. Schiller's Mutter, _Elisabeth Dorothea Kodwei_, die Tochter eines frher wohlhabenden, spterhin durch eine Ueberschwemmung des Neckars und andere Unglcksflle verarmten Brgers zu Marbach, war eine sanfte, anspruchslose und gutmthige Hausfrau, ohne vielseitige Bildung, doch eine Freundin der religisen Poesie, besonders der Gellert'schen Lieder. Von Gestalt war sie schlank, ohne eigentlich gro zu seyn, ihr Haar hochblond, beinahe rthlich, die Augen krnklich und meist etwas entzndet. Aus ihren durch Sonnenflecken etwas entstellten Zgen sprach Wohlwollen und Milde. Dem klaren und scharfen Verstande ihres Gatten gegenber trat die innige Wrme des Gefhls, mit der sie an ihm und ihren Kindern hing, um so unverkennbarer hervor. Sie ward von ihnen tief betrauert, als sie im Mai 1802 ihre irdische Laufbahn beschlo. Nur seiner guten Natur und der sorgsamen Pflege seiner Mutter hatte es Schiller zu verdanken, da er bei seiner zarten Krperconstitution nicht den krampfhaften Zufllen unterlag, die ihn bei den gewhnlichen Kinderkrankheiten hart heimsuchten. Seine Geistesanlagen entwickelten sich frh in einer regen Wibegierde, die seine Eltern mit den mannichfachsten Fragen bestrmte. Die Bibel war seit seinem fnften Jahre seine Lieblingslectre, und mit gespannter Aufmerksamkeit horchte er, wenn der Vater, wie es seine Gewohnheit war, das Morgen- und Abendgebet im Familienkreise laut sprach. Bis zu Thrnen ward er gerhrt, als einst auf einem Spaziergange seine Mutter ihm das Osterfeiertags-Evangelium erklrte und ihm erzhlte, wie Jesus mit zweien seiner Jnger nach Emmaus gewandert sei. Mit der Liebe fr alles Groe und Schne verband er Gehorsam gegen seine Eltern und Vertrglichkeit mit seinen Geschwistern und Gespielen. Zwei Jahre lter als er, war seine Schwester _Elisabeth Christophine Friedericke_, spterhin mit dem Bibliothekar _Reinwald_ in Meiningen verheirathet. Eine zweite Schwester, _Dorothea Luise_ ward nach ihm 1767 geboren und nachher die Gattin des Stadtpfarrers _Frankh_ zu Mckmhl im Wrtembergischen. Eine dritte Schwester, _Nanette_ mit Namen, starb bereits in ihrem achtzehnten Lebensjahre. Von Schwbisch Gmnd, wohin er von dem Herzog von Wrtemberg als Werbeofficier gesandt worden war, begab sich Schillers Vater 1765 nach Lorch, einem Wrtembergischen Grenzdorfe. Zu dem Unterricht, den der sechsjhrige Knabe dort im Lesen und Schreiben erhielt, traten spterhin auch die Elemente der lateinischen und griechischen Sprache. Den Namen seines ersten Lehrers, des Pfarrers Moser in Lorch, verewigte Schiller spter in seinen "Rubern". An dem Sohne jenes Geistlichen, Carl Moser, erhielt er zugleich seinen ersten Jugendfreund, der nachher zugleich mit ihm die lateinische Schule zu Ludwigsburg besuchte. Damals scheint die spterhin nicht ohne innern Kampf unterdrckte Neigung Schillers zum geistlichen Stande zuerst erwacht zu seyn. Nach der Erzhlung seiner ltern Schwester stieg er mit einer schwarzen Schrze und einem Kppchen auf einen Stuhl, und recitirte auswendig gelernte Sprche, mitunter auch wohl Stellen aus den von ihm angehrten Predigten des Pfarrers Moser. Fr die Schnheiten der Natur war Schiller ganz besonders empfnglich. Ein religises und historisches Interesse zugleich hatten fr ihn die in einem Kloster bei Lorch befindlichen Grber der Hohenstauffen. Der Weg nach jenem Kloster war sein Lieblingsspaziergang. Immer blieb ihm fr die Gegend von Lorch eine groe Anhnglichkeit. Als er spterhin die Karlsschule in Stuttgart verlassen, besuchte er, von seiner Schwester Christophine begleitet, noch einmal alle seine Lieblingspltze. Seine Liebe zur Natur war so gro, da er sich oft durch einen schnen Sommertag, unbekmmert um seine Unterrichtsstunden, in's Freie locken lie. Einen solchen Fehltritt zu verheimlichen, war er zu gewissenhaft; er gestand ihn vielmehr offen. Am wenigsten harmonirte mit seines Vaters Ansichten Schillers ideale Liberalitt, womit er, der vom Eigenthum kaum einen Begriff hatte, einzelne Kleidungsstcke und die unentbehrlichsten Schulbcher an Drftige verschenkte. Die vterlichen Zchtigungen, die ihn dehalb trafen, wrde er noch hrter empfunden haben, wenn nicht seine Schwester Christophine mit seltener Aufopferung sich als eine Mitschuldige bekannt, und dadurch die Strafe auf sich selbst gelenkt htte. Auch die sanfte und zur Verzeihung geneigte Mutter trat durch ihre Frsprache bei dem Vater in solchen Fllen vermittelnd ein. In Ludwigsburg, wohin Schillers Vater 1768 versetzt worden war, sah der neunjhrige Knabe zum ersten Mal ein Theater. Mchtig war der Eindruck, den die dargestellten Stcke mit ihren prachtvollen Dekorationen und Aufzgen von Pferden, knstlichen Elephanten, Lwen u.s.w., in dem Opern- und Balletgeschmack der damaligen Zeit, in Schillers Seele zurcklieen. Alle seine jugendlichen Spiele bezogen sich auf die Bhne und ihre Darstellungen. Er entwarf selbst Plne zu Trauerspielen, und mit Puppen, die er sich aus Papier geschnitten, fhrte er einzelne Scenen auf. Noch in anderer Weise uerte sich sein Gefhl fr Poesie um diese Zeit. Mit einem seiner Jugendfreunde, dem nachherigen Physikus Elwert in Cannstadt, bestand er, nicht ohne Furcht vor der ihm angedrohten harten Strafe seines strengen Lehrers, zu dessen voller Zufriedenheit das Schulexamen. Als Belohnung seines Fleies erhielt er vier Kreuzer, die er mit seinem Freunde zu einer Schssel saurer Milch auf dem benachbarten Hartenecker Schlchen verwenden wollte. Dort war inde keine Milch vorhanden, und erst in Neckarweihingen, wohin er mit seinem Freunde gewandert war, erhielten Beide die ersehnte Labung. Schiller fhlte sich so begeistert, da er auf einer Anhhe, von welcher man Harteneck und Neckarweihingen berschauen konnte, in einer pathetischen Ergieung ber den erstgenannten Ort seinen Fluch, ber den letzten aber seinen feierlichen Segen aussprach. In der lateinischen Schule zu Ludwigsburg beschrnkte sich Schillers Unterricht fast nur auf die Erlernung der Sprache, von welcher jene Lehranstalt den Namen fhrte. Im Griechischen kam er kaum ber die ersten Elemente hinaus. Da er dem Virgil, Horaz und andern rmischen Dichtern keinen sonderlichen Geschmack abgewinnen konnte, lag wohl an der trocknen Erklrungsmethode, die Schillers Gemth nicht ergreifen konnte. Sein Flei jedoch erwarb ihm bald das Lob eines der ersten Schler in seiner Classe. Er gengte selbst den strengen Anforderungen seines Lehrers Jahn, der zwar ein tchtiger Philolog, aber zugleich ein Mann von finsterem Charakter war, und durch seinen Jhzorn, als Schiller spter bei ihm Kost und Wohnung hatte, seinem Charakter eine schiefe Richtung gab. Er ward schchtern und zurckgezogen. Auch sein Vater lie keine Gelegenheit unbenutzt, ihn zum Flei zu ermuntern, und er empfand im vollen Mae die vterliche Strenge, wenn er auer der Schulzeit unbeschftigt war oder im Garten spielte. Merkwrdig war es, wie sich seine Schchternheit mitunter bis zum Muthwillen steigerte. Bei Spielen, wo es wild herging, gab er fast immer den Ton an, und wute sich durch seine Furchtlosigkeit bei seinen Schulkameraden in Respect zu setzen. Nie aber lag den kleinen Neckereien, mit denen er sich wohl bisweilen selbst an erwachsene Personen wagte, eine bsartige Absicht zum Grunde. Er hatte daher unter seinen Jugendgespielen kaum einen, der ihm bel wollte. Verhltnimig klein war jedoch der Kreis von Freunden, zu denen er mit der ganzen Innigkeit seines Gefhls sich hingezogen fhlte. Noch immer war ihm eine Vorliebe fr den geistlichen Stand geblieben, den auch sein Vater sehr achtete, weil er sich von dieser Laufbahn seines Sohnes eine ehrenvolle Existenz versprach. Die mehrmaligen Prfungen in dem Stuttgarter Gymnasium, die dem Eintritt in die Klosterschulen vorangingen, hatte Schiller, nach noch erhaltenen Zeugnissen, rhmlich bestanden. Die Stimmung seines Gemths und der Gang seiner Phantasie waren religis geblieben. Dafr sprach unter Anderem sein elfter poetischer Versuch, ein an seine Eltern gerichteter Neujahrswunsch in Versen vom Jahr 1768. Verloren ging ein Gedicht religisen Inhalts, welches er am Tage seiner Confirmation, wahrscheinlich im Jahr 1770, niederschrieb, als seine Mutter, die ihn auf der Strae umherlaufen sah, ihm Vorwrfe machte ber seine Gleichgltigkeit gegen die Handlung des folgenden Tages. Erhalten hat sich dagegen ein in lateinischer Prosa geschriebener Neujahrswunsch an seinen Vater vom Jahr 1771. Seinen Plan, sich dem geistlichen Stande zu widmen, durchkreuzte der Wille des Herzogs von Wrtemberg. Es war eine frstliche Gnade, die Schillers Vater nicht ablehnen konnte, als der Herzog, vielleicht durch gnstige Zeugnisse der Lehrer Schillers bestimmt, sich geneigt zeigte, ihn in das auf der Solitude bei Stuttgart errichtete Lehr- und Erziehungsinstitut aufzunehmen, welches bisher meist nur Shne von Adlichen zu Zglingen gehabt hatte. Fr Schillers Vater war der Antrag des Herzogs auch noch von einer andern Seite lockend. Schiller sollte dort auf herzogliche Kosten unterrichtet werden. Die Wahl seines Lebensberufs blieb ihm freigestellt. Auch fr eine knftige vorteilhafte Anstellung versprach der Herzog zu sorgen. Diese vortheilhaften Aussichten machten jedoch auf Schillers Eltern einen ganz andern Eindruck, als der Herzog erwartet haben mochte. Dem geistlichen Stande konnte sich Schiller nicht mehr widmen, da er in der neuen Pflanzschule, die eine vllig militrische Einrichtung hatte, nicht dazu vorbereitet werden konnte. Nicht beleidigt durch eine Vorstellung, die Schiller's Vater an den Herzog zu richten und dessen Antrag abzulehnen wagte, verlangte der Frst die Wahl eines andern Standes. Der Theologie zu entsagen, scheint Schillern nicht leicht geworden zu seyn. Da er durch die Nhe des Instituts mit seinen Eltern in Berhrung blieb und sie jeden Sonntag wenigstens sprechen konnte, war ein Trost, der ihm den Entschlu erleichterte, sich der Jurisprudenz zu widmen. Im Januar 1773 trat er in das neue Institut. Er stand damals in seinem vierzehnten Lebensjahre. Wie Schillers Vater die Gnade des Herzogs zu schtzen wute, zeigt ein noch erhaltenes Schreiben aus Ludwigsburg vom 10. Januar 1773 an den Oberstwachtmeister v. Seeger, dem die Oberaufsicht ber das neue Institut, nach dessen Stifter die Karlsschule genannt, bertragen worden war. Erhalten hat sich auch noch ein mit der Unterschrift von Schillers Vater und mit dessen Siegel versehener Revers, den er nach der Aufnahme seines Sohnes in die Karlsschule ausstellen mute. Dieser Revers fllt in eine sptere Zeit. Er ist aus Ludwigsburg vom 23. September 1774 datirt. Eine Schilderung der innern Einrichtung und der Erziehungsmethode des neuen Instituts, welchem Schiller jetzt angehrte, mu vorangeschickt werden, um dem Gange seiner weitern Ausbildung folgen zu knnen. Die gesammten Zglinge, in zwei Classen abgetheilt, bewohnten ein groes, aus vier Flgeln bestehendes Casernengebude. Die adliche Classe bestand meist aus adlichen Offiziersshnen, die brgerliche grtenteils aus Soldatenkindern. Jene hieen Cavaliere, diese Eleven. Als spter die Zahl der Zglinge bis auf dreihundert gestiegen war, wurden die beiden Classen halbjhrlich von dem Herzog selbst in dem sogenannten Rangirsaal gemustert und in drei Abtheilungen getrennt, von denen die erste aus den funfzig grten Kpfen, und die beiden andern ebenfalls aus funfzig Kpfen bestanden. Jede dieser Abtheilungen hatte ihren besondern Schlafsaal, und stand anfangs unter der Aufsicht von Sergeanten, spterhin unter einem Capitain oder Lieutnant. Die Direction des Ganzen war einem Obristen, damals, als Schiller in das Institut eintrat, dem Obristwachtmeister v. Seeger bertragen. Dem Militrdienst widmete sich fast ausschlielich die erste Classe jener Lehranstalt, die sogenannten Cavaliere. Die Eleven erhielten den erforderlichen Unterricht, um sich zu Knstlern und Handwerkern, Malern, Architekten, Musikern u.s.w. zu bilden. Fast auf alle wissenschaftlichen Zweige, die Theologie ausgenommen, erstreckte sich nach und nach der Unterricht des Instituts. Man hatte die Einrichtung getroffen, die Zglinge nach den verschiedenen Lehrgegenstnden in vier und zwanzig Divisionen zu theilen. In der ersten Division befanden sich die Juristen, in der zweiten die Militrpersonen, in der dritten die Kameralisten u.s.w. So bot die Karlsschule, indem sie das ganze Unterrichtswesen umfate, hinreichende Mittel dar zu einer universellen Bildung. Vorherrschend war in diesem knstlich zusammengesetzten Staate die militrische Form. Das Commando: "Marsch!" fhrte die Zglinge in den Speisesaal, wo ihnen ein "Halt!" zugerufen ward. Auf das Commando: "Front!" wandten sie sich gegen den Tisch, hoben hier, als der Ruf: "Zum Gebet!" ertnte, die gefalteten Hnde bis zum Munde empor, und rckten auf ein gegebenes Zeichen die Sthle mit einem donnerhnlichen Gerusch zum Tische. Auf hnliche Weise zogen sie in gleichmigem Tempo nach den Hrslen. Das Verhltni der Lehrer zu ihren Schlern war ordonanzmig. An die militrische Form des Instituts wurden die Zglinge schon durch ihre Kleidung erinnert. Nach der Beschreibung, die ein Jugendfreund Schillers, v. Scharffenstein, davon entworfen, trugen die Offiziersshne gewhnlich hellblaue Westen von Commituch, Kragen und Aermelaufschlge von schwarzem Plsch, und Beinkleider von weiem Tuch. Unter dem kleinen Hute sahen an jeder Seite des Kopfes zwei ungepuderte Papilloten hervor. Lange falsche Zpfe, nach einem bestimmten Mae, wurden von allen Zglingen getragen. In dieser wunderlichen Kleidung nahm sich Schiller vor vielen Andern hchst seltsam aus, in seiner langen hagern Gestalt, in dem bleichen Gesicht und den fast immer etwas entzndeten Augen. Noch schwerer, als der Krperzwang, dem er sich unterworfen sah, lastete auf ihm der Druck des Geistes. Die strenge Form und Regel in jenem Institut vertrug sich nicht mit der leisesten Freiheitsuerung. Strenge Verleugnung seiner selbst, das Ersticken hervorstechender Talente, die nicht in den Erziehungsplan paten, vor Allem aber die Niederbeugung des eigenen Willens, waren die Grundstze, deren Befolgung die Karlsschule unbedingt verlangte. Seinen tiefen Unmuth ber diesen Zwang sprach Schiller in mehreren Briefen an seinen Jugendfreund Carl Moser aus. Selbst den Trost freundschaftlicher Mittheilung mute er entbehren. Ueberall scharf beobachtet, durften die Zglinge ohne einen Grund, der den Inspectoren gengte, sich nicht aus einem Schlafsaal in den andern begeben. Das Puder- und Waschzimmer, eine abgelegene Allee im Garten, ein Durchgang im Hofe u.s.w. mute das Local darbieten, wo Schiller einzelnen Vertrauten Proben seiner Gedichte oder spter Scenen aus seinen "Rubern" mittheilen konnte, doch nicht selten unterbrochen ward, wenn der ausgestellte Vorposten das verabredete Zeichen gab. Zu der Erinnerung an die Freiheit, die er im elterlichen Hause genossen, trat noch fr Schiller das drckende Gefhl der Einsamkeit. Seine Natur war nicht geeignet, sich Andern zu nhern. Unter den dreihundert Zglingen der Karlsschule hatte er nur wenig Freunde im strengsten Sinne des Wortes. Nicht ausgezeichnetes Talent, wohl aber Herzensgte und Charakterfestigkeit mute der besitzen, an den er sich anschlo. Mit zurckschreckender Klte behandelte er Individuen von schwankendem, niedrigem und bsartigem Charakter, und suchte sich ihrem Umgange mglichst zu entziehen. Ein Glck war es fr ihn, da er in der Karlsschule bald nach seinem Eintritt mehrere gleichgesinnte Jnglinge fand, die sich zugleich lebhaft fr die Dichtkunst interessirten. Zu seinen Freunden gehrten vor allen v. Hoven, spter Medicinalrath in Nrnberg, der nachherige Bibliothekar Petersen in Stuttgart, v. Scharffenstein, spterhin General in wrtembergischen Diensten, der Bildhauer Dannecker und der Tonknstler Zumsteg. Mit seinem trben Schicksal vershnte ihn einigermaen die humane Behandlung des Majors v. Wolf, unter dessen Oberaufsicht er stand. Ohne von der Wrde eines Vorgesetzten sich etwas zu vergeben, verschaffte jener feingebildete und zartfhlende Mann dem aufkeimenden Talente Schillers neue Nahrung, indem er ihm zu der Bekanntschaft mit den ausgezeichneten Geisteswerken verhalf, was jedoch nicht ohne Beseitigung mancher Hindernisse geschehen konnte, da deutsche Bcher in der Karlsschule als eine Art von Contrebande galten. Gro war Schillers Freude, als ihm ein Zufall Klopstocks Oden und den Messias verschaffte. Sein eignes poetisches Talent ward durch jene Dichtungen, die in seinem religis gestimmten Gemth leicht Anklang fanden, mchtig angeregt. Von allen andern Zerstreuungen geschieden, kehrte er in seiner klsterlichen Einsamkeit immer wieder zu seinem Lieblingsdichter Klopstock zurck, dessen Anschauungen, Bilder, Gefhle und Gedanken er sich allmlig aneignete. Jene Gattung der Poesie nhrte Schillers Empfnglichkeit fr das Groe und Erhabene. Aber auch die Neigung zum geistlichen Stande ward wieder in ihm rege durch Klopstocks Dichtungen. In der Bibel fand er den Stoff zu einem epischen Gedicht, Moses, das sich leider nicht erhalten hat. Einen fast noch tiefern und bleibendern Eindruck auf Schillers empfngliches Gemth machten die erhabenen, rhrenden und erschtternden Scenen in Gerstenbergs Ugolino. Noch in sptern Jahren schtzte er die Trauerspiel sehr, dessen Mittheilung er 1773 einem Freunde verdankte. Vllig abgelenkt von der lyrischen und epischen Poesie ward Schiller, als er bald nachher Goethe's Gtz von Berlichingen kennen lernte. Dies Ritterschauspiel fhrte ihn mit hinreiender Gewalt der tragischen Laufbahn entgegen. Durch die Wielandsche Uebersetzung Shakspeare's, die ihm sein Freund v. Hoven verschaffte, ward er mit diesem groen Dramatiker bekannt. Eine Stelle aus Shakspeare's Werken, die sein Lehrer Abel einst in einer Unterrichtsstunde mittheilte, soll ihn zuerst fr den groen Britten begeistert haben. In sptern Jahren gestand er jedoch, da sein moralisches Gefhl, vielleicht auch die Vorliebe fr Klopstocks Poesie, ihn lange verhindert habe, Shakspeare gerecht zu wrdigen. Er gestand offen, da ihn die Klte und Unempfindlichkeit emprt habe, die dem Britten erlaubte, im hchsten Pathos zu scherzen, und die erschtternden Scenen im Hamlet, im Knig Lear und Macbeth durch einen Narren zu stren. Immer mehr erkaltete in ihm die Vorliebe fr Shakspeare. Neuere deutsche Dichter verdrngten ihn, besonders Lessing in seiner Emilia Galotti und Leisewitz in dem Trauerspiel Julius von Tarent. Mehrere Briefe an seinen Jugendfreund Carl Moser bewiesen, wie ihn die strenge Disciplin der Karlsschule erbitterte, die durch ihre Fesseln ihn nthigte, jenen Geistesgenu als etwas Strafbares zu betrachten. Er fhlte, wie er in einem seiner Briefe uerte, jenem Zwange gegenber, in seinem Herzen eine ganz andere Welt, als die, die ihn umgab. "So lange sich mein Geist frei erheben kann," schrieb er unter andern, "wird er sich in keine Fesseln schmiegen." In solcher Stimmung gab es Flle, wo sein Unmuth, den er bei Irrungen mit seinen Vorgesetzten meist durch einen witzigen oder sarkastischen Einfalt beschwichtigt hatte, sehr lebhaft hervorbrach. Mit der Aeuerung: er msse bei der Wahl seiner Studien seinen freien Willen haben, warf er einst, als er unter dem Vorwande der Krankheit auf seinem Zimmer geblieben war, ein ihm aufgedrungenes Pensum dem Ueberbringer vor die Fe. Fr diesen Trotz ward er einige Zeit degradirt und lernte einsehen, da in solchen Fllen die Inspectoren doch weiter mit ihrem Willen reichten, als er mit dem seinigen. Wenn er Nachts, wo seine Phantasie am lebhaftesten aufgeregt war, ungestrt arbeiten wollte, mute er ebenfalls Unwohlseyn vorschtzen. Ihm ward dann erlaubt, im Krankensaale sich einer Lampe zu bedienen, whrend er auerdem, wie die brigen Zglinge, nur bis zu einer bestimmten Stunde Licht brennen durfte. Ein wissenschaftliches Buch war immer bei der Hand, um das Manuscript sogleich zu bedecken, wenn es einem der Inspectoren oder mitunter dem Herzog selbst einfiel, den Saal zu visitiren. Mehrere Gedichte, zum Theil auch Schillers Schauspiel, die Ruber, entstanden auf diese Weise. Als er einst einigen Freunden eine Scene aus diesem noch ungedruckten Stck vorlas, berraschte ihn einer der Inspectoren. Mit Pathos recitirte Schiller die von Franz Moor an den Pastor Moser gerichteten Worte: "Ha! was! du kennst keine Strafe drber? (ber den Vatermord) Besinne dich nochmals! Tod, Himmel, Ewigkeit, Verdammni schwebt auf dem Laute deines Mundes." In diesem Augenblick ffnete sich die Thr. "Ei! wer wird denn so entrstet seyn und fluchen?" sagte der hereintretende Aufseher. Schillers Freunde lchelten, und er selbst rief dem sich wieder entfernenden Inspector bitter lchelnd nach: "Ein confiscirter Kerl!" Mit solchen Kraftuerungen harmonirte Schillers Freimthigkeit in der Beurtheilung seiner selbst und Anderer. Eine blondere Veranlassung, diese Freimthigkeit zu zeigen, bot sich ihm dar, als der Herzog von Wrtemberg 1774 verlangte, da unter den altern Zglingen seines Instituts jeder nicht nur von sich, sondern auch von allen Genossen seiner Abtheilung eine schriftliche Charakteristik entwerfen sollte. Sowohl die Fehler, als die Fhigkeiten und Lieblingsneigungen der einzelnen Zglinge, besonders aber eines Jeden Betragen gegen die Lehrer und Inspectoren sollten, nach der Ansicht des Herzogs, in jener Charakteristik genau angegeben werden. In den von K. Hoffmeister herausgegebenen Nachtrgen zu Schillers Werken haben sich die Schilderungen erhalten, die der damals funfzehnjhrige Jngling von mehren seiner Mitschler entwarf. Jene Schilderungen waren nicht blos Beweise seiner feinen Beobachtungsgabe; sie zeigten auch seine redliche, wohlwollende und freimthige Gesinnung im schnsten Lichte. Von manchen seiner Mitschler bekannte er offen: die Ehrerbietung gegen ihre Vorgesetzten grenze an Niedertrchtigkeit. In der Schilderung, die er von sich selbst entwarf, verschwieg er nicht seine vorherrschende Neigung zur Poesie. Freimthig gestand er: "da er in manchen Stcken noch fehle, da er eigensinnig, hitzig, ungeduldig sei, da er aber auch ein aufrichtiges, treues und gutes Herz habe." Die miflligen Aeuerungen seiner Freiheitsliebe suchte er durch sein edles Gemth zu entschuldigen. Am Schlu seiner Selbstcharakteristik unterdrckte er nicht das Gestndni, da er sich weit glcklicher fhlen wrde, wenn er dem Vaterlande als Theolog dienen knnte. Da er dem geistlichen Stande entzogen worden, beklagte er oft. Auch in sptern Jahren verband er etwas Groes und Erhabenes mit der Vorstellung, vor einer versammelten Gemeinde ber die wichtigsten Angelegenheiten des Menschen zu sprechen. Wie Schillers Mitschler ber ihn urtheilten, zeigt ein noch erhaltener Aufsatz eines seiner Jugendfreunde. Seine Neigung zur Poesie, besonders zur tragischen, wird in jenem Aufsatze besonders hervorgehoben. Seinem Betragen nach wird er als sehr lebhaft und lustig, dabei aber zugleich auch als bescheiden, schchtern und freundlich geschildert, mehr in sich selbst, als uerlich vergngt, nie ganz mit sich selbst, doch mit seinem Schicksal zufrieden. Das Letztere konnte schwerlich der Fall seyn. Mit seinen poetischen Beschftigungen stand das von ihm gewhlte Studium einer so trocknen Wissenschaft, wie die Jurisprudenz, in der furchtbarsten Disharmonie. Seine Phantasie, von poetischen Bildern, Trumen und Plnen fortwhrend bewegt, konnte durch die Geschichte der in Deutschland geltenden Rechte eben so wenig gefesselt werden, als durch sptere Collegien ber das Naturrecht und ber das rmische Recht. Von seinen juristischen Lehrern ward er daher fr einen talentlosen Menschen gehalten, dessen Fhigkeiten zu keinen groen Erwartungen fr die Zukunft berechtigten. Fleiiger, als das Studium der Rechte, betrieb er den fortgesetzten Unterricht im Lateinischen und Griechischen, in der Geographie, Geschichte und Mathematik. Anziehend waren fr ihn besonders die Elemente der Philosophie. Doch hatte er auch in den neuern Sprachen hinlngliche Fortschritte gemacht, um die franzsischen Classiker ohne Schwierigkeit lesen zu knnen. Glcklicherweise fand Schiller 1775 durch eine Erweiterung der Karlsschule Gelegenheit, die ihm lstige Jurisprudenz mit einem andern Studium zu vertauschen. In den Kreis der bisherigen Lehrgegenstnde war um diese Zeit auch die Medicin gezogen worden. Schiller entschlo sich, diese Wissenschaft zu studiren und sie zu seinem knftigen Lebensberuf zu whlen, wahrscheinlich, wie einer seiner Jugendfreunde erzhlt, durch die Ansicht geleitet, da Psychologie und die damit verwandten Kenntnisse ihm in dramatischer Hinsicht frderlich seyn knnten. Nach einer andern Nachricht entschlo sich Schiller zur Medicin durch die seinem Vater von dem Herzog erffneten Aussichten einer schnellen Versorgung seines Sohnes. Htte auch Schillers neues Studium ein noch hheres Interesse fr ihn gehabt, als dies, wenigstens anfangs, der Fall war, so konnte es ihm doch keine Entschdigung darbieten fr den Druck der Fesseln, die berall den Aufschwung seines Geistes lhmten. In ihm lebte ein hohes Freiheitsgefhl, dem er sich mit ganzer Seele hingab, wenn es ihm dann und wann gelang, den engen Mauern zu entschlpfen, die ihn mit der Welt und ihren Verhltnissen in gnzlicher Unbekanntschaft erhielten. Der Plan, den er mit einigen Freunden 1775 zu einer heimlichen Flucht entworfen hatte, milang, ohne verrathen worden zu seyn, doch gnzlich. Schiller mute sich mit dem Trost begngen, wie bisher, der Menschen Thun und Treiben aus der Ferne zu belauschen. In seiner Einsamkeit blieb die Dichtkunst seine Lieblingsbeschftigung. Auer Klopstock, fr den er noch immer eine besondere Vorliebe zeigte, waren Uz, Haller, Lessing, Gerstenberg und Goethe die Dichter, deren poetische Schpfungen ihn am meisten ansprachen. Den tiefsten Eindruck auf sein empfngliches Gemth machten Werthers Leiden. Als dieser Roman im Kreise einiger seiner vertrautesten Freunde vorgelesen ward, entwarfen sie, von jugendlicher Begeisterung ergriffen, sogleich den Plan zu einem zweiten Werther, der freilich ungeschrieben blieb. Schwer mchten die Empfindungen zu schildern seyn, von denen Schiller bei dem Anblick Goethe's ergriffen ward, der den Herzog von Weimar begleitete, als dieser Frst die Karlsschule besuchte. Wie htte ihm damals nur eine Ahnung kommen knnen, da zwischen ihm und dem Verfasser des Werther sich einst ein Freundschaftsband knpfen werde! Als einfaches sinniges Gemlde schner Jugendliebe sprach ihn auch Millers Siegwart an, und Stunden lang schwrmte er, am einsamen Gitterfenster sitzend, in den durch jene Klostergeschichte in ihm erregten Gefhlen. Schiller wollte inde nicht blos genieen, er wollte auch selbst produciren. Nahe lag ihm und seinen gleich gestimmten Freunden die Idee, mit den Mustern zu wetteifern, die durch tiefe Blicke in das Innere der Seele, wie durch Reichthum der Phantasie und der Sprache, der Dichtkunst einen neuen Schwung zu geben suchten. Mit seinen Freunden kam Schiller berein, da sie sich in die aus den verschiedenen Gattungen der Poesie gewhlten Stoffe theilen wollten. Petersen machte sich anheischig, ein rhrendes Schauspiel zu dichten; v. Hoven wollte ein Seitenstck zum Werther und Scharffenstein versprach ein Ritterstck. Schiller selbst war wegen des Sjets, das zu einer Tragdie pate, lngere Zeit in so groer Verlegenheit, da er, nach seiner eignen Aeuerung in sptern Jahren, damals seinen letzten Rock und Hemde fr einen dankbaren Stoff wrde hingegeben haben. In solcher Stimmung fiel ihm ein Zeitungsblatt in die Hnde, das eine Nachricht von der Selbstentleibung eines Studenten in Nassau enthielt. Sein theilnehmendes Herz und seine lebhafte Phantasie fand in diesem Ereigni sogleich die Grundlage zu einer Tragdie, die den Titel: "der Student von Nassau" erhielt. In sptern Jahren soll er bedauert haben, da er diesen ersten dramatischen Versuch, dessen vielfache Mngel ihm bald einleuchteten, wieder vernichtet hatte. Jenes Trauerspiel war ein merkwrdiges Document der ersten glhenden Wrme seines Gefhls. Auch ein zweiter dramatischer Versuch Schillers, "Kosmus von Medicis", hat sich nicht erhalten. Diese Tragdie soll dem von Leisewitz gedichteten Trauerspiel Julius von Tarent sehr hnlich gewesen seyn. Einzelne Gedanken und Situationen nahm Schiller spter in seine "Ruber" auf. Hauptschlich dem Freiheitsdrange hatte Schiller in den erwhnten dramatischen Versuchen Luft gemacht. Aber auch sein Herz verlangte Befriedigung. Er fand sie, noch immer wieder zu Klopstocks Poesie zurckkehrend, in lyrischen Ergieungen. Sein erstes Gedicht dieser Art, in den Nachtrgen zu seinen Werken enthalten, und "Schilderung des menschlichen Lebens" berschrieben, entstand 1775, zu einer Zeit, wo trbe Erfahrungen und die peinliche Unruhe der erwachenden Denkkraft den Frieden der Seele des damals sechszehnjhrigen Jnglings schon untergraben hatten. Psychologisch merkwrdig war die Gedicht, weil Schiller darin schon im Allgemeinen die Zerwrfnisse angedeutet hatte, die er spter mit gewaltsamem Ungestm in den "Rubern" zur Sprache brachte. Ganz im Geiste Klopstocks war eine zweite lyrische Ergieung, die unter der Ueberschrift: "der Abend", eine Stelle in Balthasar Haug's Schwbischen Magazin vom Jahr 1776 fand. Es war eine Art von Hymne an Gott, voll religiser Empfindung und mit einer ungewhnlichen Kraft und Energie der Sprache gedichtet. Dies mochte der Herausgeber des Schwbischen Magazins gefhlt haben, weil er in einer Anmerkung dem jungen Dichter ein "%os magna sonaturum%" prophezeihte. Schiller sprach einige Jahre spter ein wegwerfendes Urtheil ber dies Gedicht aus, als ihn ein Jugendfreund daran erinnerte. "Damals", sagte er, "war ich noch ein Sklave Klopstocks." Der eben genannte Dichter begeisterte ihn auch zu dem Gedicht: "der Eroberer", ebenfalls in Haugs Schwbischen Magazin vom Jahr 1777 gedruckt und spterhin in die Nachtrge zu Schillers Werken aufgenommen. Nicht unbillig beurtheilte sein Jugendfreund Petersen dies Gedicht, das er als "den Ergu einer orientalischen Geistesergrimmung" bezeichnete, mit Erinnerungen aus der Messiade und den Propheten, voll wilden Feuers und roher brausender Kraft, aber auch voll Schwulst und Unverstndlichkeit. In seiner Unbekanntschaft mit der Welt und ihren Verhltnissen lag hauptschlich der Grund, warum Schillers Phantasie, die sich an keine Erfahrungen und Anschauungen halten konnte, leicht ins Unbegrenzte hinausschweifte. Dem Leben vllig entfremdet, konnte er seine poetischen Stoffe nur aus Bchern schpfen, und so war ihm das Dichten mehr eine angestrengte Arbeit, als ein leichtes Spiel. Frher, als sein poetisches Talent, gelangte seine hervorstechende Denkkraft zu einer gewissen Selbststndigkeit. Garve's Anmerkungen zu Ferguson's Moralphilosophie verdankte Schiller das erste Licht im Reich der Vernunftwahrheiten. Auch mehrere Schriften Lessing's, Sulzer's, Mendelssohn's, Herder's u.A. las er fleiig. Vorzglich waren es Plutarch's Lebensbeschreibungen, durch welche Schillers Vorstellungsweise sich zum Groen und Allgemeinen erhob. Fr dies Werk blieb ihm stets eine groe Vorliebe. In den spter gedichteten "Rubern" lie er seinen Karl Moor sagen: "Mir ekelt vor diesem dintenklecksenden Seculum, wenn ich in meinem Plutarch lese von groen Menschen." Auch noch in sptern Jahren (1788) empfahl er das Studium jenes griechischen Autors einer Freundin. Ein solches Werk, meinte er, erhebe uns ber die platte Generation und mache uns zu Zeitgenossen einer bessern Menschheit. Neue Nahrung und eine bestimmte Richtung erhielt Schillers Selbstthtigkeit im Denken nicht sowohl durch den Unterricht, den er in der Karlsschule geno, als vielmehr durch den eigenthmlichen Gang seines Geistes. Schon bei dem mhsamen Entwurf seiner poetischen Stoffe hatte er seine Denkkraft ben mssen. Den Eindrcken der Auenwelt durch einen harten Erziehungszwang entzogen, mute er ein Denker werden, wenn irgend ein geistiges Interesse in ihm vorhanden war. Ein solches Interesse fhlte er fr das Moralische und Religise. Sein Denken nahm eine philosophische Richtung. Der fromme Glaube an die positiven Lehren des Christenthums, den ihm der Religionsunterricht in seiner Jugend eingeflt hatte, war erschttert worden, seit er in den Dichtern, die er zu seiner Lectre gewhlt, auf andere und freiere Ansichten gestoen war. Auch seine Vernunft harmonirte nicht manchen positiven Dogmen. Sein erwachtes Selbstgefhl, das Bewutseyn des Adels der menschlichen Natur wollte sich nicht lange vertragen mit so manchem, was ihm bisher als ehrwrdig gegolten. Er ward irre in seinen religisen Ansichten, und Zweifel bemchtigten sich seiner Seele. Ein merkwrdiges Document dieser Gemthsstimmung waren die von ihm verfaten "Morgengedanken am Sonntage", die er in das Schwbische Magazin vom Jahr 1777 einrcken lie. Der Herausgeber jener Zeitschrift, Balthasar Haug, nannte den erwhnten Aufsatz "eine Frucht der bessern religisen Empfindungen und Ueberzeugungen des Verfassers, der durch vermiedene Schicksale, auch in Sachen der Religion und Wahrheit gelutert worden sei." Schiller legte in jenem Aufsatze das offene Gestndni ab, "da oft bange Zweifel seine Seele in Nacht gehllt, und da sein beunruhigtes Herz nach himmlischer Erleuchtung gerungen habe." Fr die Lauterkeit seiner Empfindung, wie fr die Wahrheit seiner Gesinnung gab jener Aufsatz, oder vielmehr jenes rhrende Gebet, das sich in den Nachtrgen zu Schillers Werken erhalten hat, ein vollgltiges Zeugnis. Beruhigen konnte es ihn nicht in seiner, durch religise Zweifel und den erwachten Forschungsgeist vielfach bewegten Stimmung. Voltaire's und Rousseau's Schriften, die ihm damals in die Hnde gefallen waren, unterhielten in ihm den Zwiespalt zwischen Glauben und Vernunft, in den er gerathen war. Eine merkwrdige Revolution schien in seinem Geiste eingetreten zu sein. Von den religisen Wahrheiten wandte sich sein Forschen zu Gegenstnden und Angelegenheiten, die dem Menschen berhaupt wichtig und theuer sind. Durch eine besondere Veranlassung ward seine erwachte Denkkraft in Thtigkeit erhalten. 1779 feierte er das Geburtsfest der Favoritin des Herzogs von Wrtemberg, der Reichsgrfin Franziska von Hohenheim, durch eine Rede, in der ihn die Lsung der Frage beschftigte. "ob allzu viel Gte, Leutseligkeit und Freigebigkeit im engsten Verstande zur Tugend gehre." Wahrscheinlich war ihm die sonderbare Thema vom Herzog selbst aufgegeben worden. Mit jugendlichem Feuer und mit einer Khnheit der Sprache, die ihn fast in's Ueberschwngliche fhrte, uerte sich Schiller in dieser Rede. Die ihm aufgegebene Frage aber beantwortete er so umfassend und geistreich, da er die khnsten Erwartungen des Herzogs bertraf. Aus dem classischen Alterthum, aus der Zeit der Griechen und Rmer nahm er die Beispiele her, an die er seine sittlichen Ideen und Gefhle knpfte. Bei aller Dankbarkeit und Piett gegen seinen Frsten enthielt er sich gnzlich frei von niedriger Schmeichelei. Auf einer noch hhern Stufe seiner intellectuellen Bildung erschien er in einer sptern Rede, durch die er 1780 das Geburtsfest der Grfin von Hohenheim feierte. Er whlte fr diese Rede ein verwandtes Thema, welchem ebenfalls eine sittliche Idee zum Grunde lag: "Die Tugend in ihren Folgen betrachtet." Noch unverkennbarer, als in der frhern Rede, zeigte sich in dieser zweiten die in's Groe und Universelle sich erstreckende Geistesrichtung des ein und zwanzigjhrigen Jnglings. Eine weitere Ausfhrung gab er in sptern Gedichten der hier ausgesprochenen Idee, da die Liebe in der geistigen Welt das sei, was das Anziehungsgesetz in der materiellen Welt. Whrend Schiller in dieser Weise sein oratorisches Talent bte, ergriff ihn mitten unter seinen philosophischen und poetischen Studien drckender als jemals ein tiefes Gefhl des Unmuths, das ihm eine vllige Gleichgltigkeit gegen das Leben und alle irdischen Verhltnis einflte. In einem am 15. Januar 1780 geschriebenen Briefe gestand er, da die Welt durchaus keinen Reiz mehr fr ihn habe, und meinte: mit jedem Schritt, den er an Jahren gewnne, verlre er immer mehr an Zufriedenheit. Er wnschte als Kind gestorben zu seyn. "Wre", schrieb er, "mein Leben mein eigen, so wrd' ich nach dem Tode geizen. So aber gehrt es einer Mutter und dreien ohne mich hlflosen Schwestern, denn ich bin der einzige Sohn, und mein Vater fngt an, graue Haare zu bekommen." Da ihn das Gefhl der Pflicht an seine Selbsterhaltung mahnte, war ein schner Zug in Schillers Charakter. Dem Briefe, der das oben erwhnte Gestndni enthielt, lag brigens eine uere Veranlassung zum Grunde. Das Schreiben war an den Vater seines Jugendfreundes v. Hoven gerichtet, dessen Bruder als Zgling der Karlsschule in der Blthe seiner Jahre gestorben war. Auch in diesem Briefe, wie bei andern Veranlassungen, zeigte sich Schillers Hang zur Reflexion. Zu einer Vergleichung des irdischen Lebens mit dem glcklichen Loose, das uns jenseits erwartet, nahm er seine Zuflucht, um den trauernden Vater zu trsten. Seine trbe Stimmung suchte Schiller durch den Eifer und Flei zu verscheuchen, mit dem er sich seinen medicinischen Studien widmete. Dem Entschlu, der Poesie vor der Hand zu entsagen und sich ausschlielich seinem Beruf zu widmen, blieb er wenigstens eine Zeit lang unverbrchlich treu. Wie tief er in einzelne Zweige der von ihm gewhlten Wissenschaft eingedrungen war, zeigte eine unter dem Titel: "Philosophie der Physiologie" verfate Abhandlung, die er spter lateinisch ausarbeitete und in der letzten Gestalt als Probeschrift vorlegte. Sie scheint nicht gedruckt worden zu seyn. Von der deutschen Abhandlung hat sich leider nur ein Fragment von fnf Capiteln und nicht einmal das erste vollstndig erhalten. Aber schon die Bruchstck zeigte den seltnen Scharfsinn, die hohe geistige Ausbildung und das wissenschaftliche Streben des Jnglings. Ihrem Inhalt nach mit dieser Abhandlung verwandt war eine andere, welche Schiller zwei Jahre spter (1780) zur Zufriedenheit seiner Lehrer und selbst des dabei anwesenden Herzogs vertheidigte, der sich nach der Prfung in dem Speisesaal, den Arm auf Schillers Stuhl gelehnt, sehr herablassend mit ihm unterhalten haben soll. Diese Abhandlung, "Versuch ber den Zusammenhang der thierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen," zu Stuttgart 1780 gedruckt und spter in Schillers Werke aufgenommen, war von ihm seinem Frsten gewidmet worden, in dankbarer Erinnerung an den Unterricht, den er ihm nebst so manchen andern Wohlthaten zu verdanken gehabt hatte. Schiller war ein und zwanzig Jahre alt, als er durch diese ursprnglich lateinisch geschriebene Abhandlung ein vollgltiges Zeugni seiner Fhigkeiten und der vielseitigen Bildung gab, zu der er sich durch anhaltenden Flei emporgeschwungen. Der Hauptzweck dieser Dissertation war, die Abhngigkeit des Geistes vom Krper zu zeigen, wodurch er unwillkhrlich dem in seiner Natur tief begrndeten Idealismus entzogen und in das realistische Gebiet gefhrt ward. Lange konnte er dort nicht verweilen. Unter den zu seinem knftigen Lebensberuf dienenden Studien zog ihn seine Neigung immer wieder zur Poesie zurck. Ein vorherrschendes Interesse behielt fr ihn das Studium dramatischer Werke. Die in der Karlsschule bliche Sitte, jhrlich einige Mal Theaterstcke in einem Saal des akademischen Gebudes aufzufhren, verschaffte ihm Gelegenheit, sich als Schauspieler zu versuchen. Er trat als Clavigo in dem gleichnamigen Trauerspiel Goethe's auf, erntete jedoch keinen Beifall ein. Noch lange nachher scherzten seine Freunde ber sein unangenehmes Organ, seine heftige Declamation und seine bertriebene Mimik Durch seinen ersten dramatischen Versuch, durch die "Ruber," die in diese Zeit seines Lebens fallen, wies Schiller seinen Naturanlagen und seinem Talent fr immer die eigentliche Richtung an. Dem gereizten Gefhl des oft wiederkehrenden Unmuths ber den Druck seiner Verhltnisse, verbunden mit dem berwiegendem Hange zur Reflexion, verdankte das erwhnte Schauspiel, das durch die ungeheure Sensation, die es machte, fr Schiller die trbsten Schicksale herbeifhrte, seine Entstehung. Das Manuscript der "Ruber" war ganz oder doch beinahe vollendet, als mit seiner Anstellung als Regimentsarzt Schillers Aufenthalt in der Karlsschule endete. Die uere Veranlassung zu seinem Schauspiel soll eine im Schwbischen Magazin enthaltene Erzhlung von einem durch seinen verstonen Sohn geretteten Vater gegeben haben. Nur aus seinem eignen Busen hatte Schiller, von aller Erfahrung und Menschenkenntni entblt, den Gehalt zu einer so ungeheuern Dichtung, wie die Ruber, schpfen knnen. Ein ber die Entstehung seines Schauspiels einige Jahre spter von ihm geschriebener Aufsatz enthielt in dieser Hinsicht ein merkwrdiges Selbstgestndni Schillers. "Ein seltsamer Miverstand der Natur", schrieb er, "hatte mich in meinem Vaterlande zum Dichter verurtheilt. Neigung fr Poesie beleidigte die Gesetze des Instituts, worin ich erzogen ward, und widersprach dem Plane seines Stifters. Acht Jahre rang mein Enthusiasmus mit der militrischen Regel. Aber Leidenschaft fr die Dichtkunst ist feurig und stark, wie die erste Liebe. Was sie ersticken sollte, fachte sie an. Verhltnissen zu entfliehen, die mir zur Folter waren, schweifte mein Hang in eine Idealwelt aus. Aber unbekannt mit der wirklichen Welt, von welcher mich eiserne Stbe schieden, unbekannt mit den Menschen, denn die vierhundert, die mich umgaben, waren ein einziges Geschpf, der getreue Abgu eines und eben dieses Modells, von welchem die plastische Natur sich feierlich lossagte; unbekannt mit den Neigungen freier, sich selbst berlassener Wesen--denn hier kam nur eine zur Reife, die ich jetzt nicht nennen will-- jede brige Kraft des Willens erschlaffte, indem eine einzige sich convulsivisch spannte; jede Eigenheit, jede Ausgelassenheit der tausendfach spielenden Natur ging in dem regelmigen Tempo der herrschenden Ordnung verloren; unbekannt mit dem schnen Geschlecht--die Thren dieses Instituts ffnen sich, wie man wissen wird, Frauenzimmern nur, wenn sie anfangen, interessant zu werden, und wenn sie aufgehrt haben, es zu seyn; unbekannt mit Menschen und Menschenschicksal, mute mein Pinsel nothwendig die mittlere Linie zwischen Engel und Teufel verfehlen, mute er ein Ungeheuer hervorbringen, das zum Glck in der Welt nicht vorhanden war, und dem ich nur darum Unsterblichkeit wnschen mchte, um das Beispiel einer Geburt zu verewigen, die der naturwidrige Beischlaf der Subordination und des Genius in die Welt setzte.--Ich meine die Ruber. Dies Stck ist erschienen. Die ganze sittliche Welt hat den Verfasser als einen Beleidiger der Majestt vorgefordert. Seine ganze Verantwortung sei das Klima, unter dem es geboren ward. Wenn von allen den unzhligen Flugschriften gegen die Ruber eine einzige mich trifft, so ist es diese, da ich zwei Jahre vorher mir anmate, Menschen zu schildern, ehe mir noch einer begegnet war." Durch keine Rcksicht lie sich in diesem Schauspiel Schillers Freiheitsdrang und seine feurige Phantasie zhmen, die ihn in's Schrankenlose und Leidenschaftliche trieb. In einer Selbstcritik der "Ruber", die er spter entwarf, uerte Schiller, Rousseau habe es am Plutarch gerhmt, da dieser erhabene Verbrecher zum Stoff seiner Stcke gewhlt habe und Schiller gab nicht undeutlich zu verstehen, da er diesem Beispiel gefolgt sei. Es lag in seiner Natur, Alles in's Uebermige zu treiben. In den Personen, die er in seinem Schauspiel auftreten lie, wurde Alles Affect und Leidenschaft. Sogar dem metaphysischen Franz Moor, der sich im ersten Act der Ruber einen kalten, hlzernen Alltagsmenschen hatte, gab Schiller im vierten Act eine gewisse Sentimentalitt. Unter allen von ihm dargestellten Charakteren war kaum ein einziger, der nicht durch eine momentane Aufwallung bald hier- bald dorthin gerissen ward. Von den verschiedenartigsten Empfindungen, von Zorn, Wehmuth, Rhrung, Jubel, Verzweiflung und Wahnsinn ergriffen, schilderte er in der letzten Scene seinen Helden Karl Moor, in welchem er zum Theil sich selbst mit seinem leidenschaftlichen Freiheitsdrang gezeichnet hatte. "Ich soll," lie er ihn sagen, "meinen Leib pressen in eine Schnrbrust, und meinen Wollen schnren in Gesetze? Das Gesetz hat zum Schneckengang verdorben, was Adlersflug geworden wre. Das Gesetz hat noch keinen groen Mann gebildet, aber die Freiheit brtet Colosse und Extremitten aus." Whrend Schiller seinem idealen Freiheitsdrange in den Rubern Luft machte, mute ihm ein Blick auf seine Verhltnisse sagen, da er selbst der lang ersehnten Freiheit noch immer entbehrte, oder sie wenigstens nur scheinbar erhalten hatte. Abgesehen davon, da mit der frher erwhnten Anstellung als Regimentsarzt bei dem in Stuttgart cantonirenden Regimente Auge, bei welchem er sich mit dem geringen Monatsgehalt von achtzehn Gulden Reichswhrung begngen mute, sah er sich noch immer gefesselt durch die strengen Bande militrischer Verhltnisse. Schon seine Kleidung mute ihn daran erinnern. Eingepret in eine Uniform nach altpreuischem Schnitt, trug er an jeder Seite drei stark vergipste Rollen, auf dem Kopf einen kleinen Hut, eine schmale Halsbinde von Rohaar und sehr klappe Beinkleider mit weien Gamaschen. Schillers lange, hagere Gestalt, das bleiche eingefallene Gesicht und seine von Natur steife Haltung konnten durch diesen Anzug nicht gewinnen, der jede freie Muskelbewegung lhmte. Der ungnstige Eindruck seiner Persnlichkeit ward verstrkt durch seine meist entzndeten Augen und sein rthliches Haar. Was die Natur ihm in krperlicher Hinsicht versagt, hatte sie reichlich vergtet durch die innere Kraft seines Geistes, die in seiner Unterhaltung einen unwiderstehlichen Zauber ausbte. Auch dem gewhnlichsten Gesprch wute Schiller ein Interesse zu geben durch das Talent, Nahes und Fernes zu verknpfen, und Allem, was er sagte, eine gewisse Bedeutung zu geben. Selten entschlpfte ihm ein Wort des Unmuths ber seine noch immer nicht gnstigen Verhltnisse. Selbst im Kreise seiner vertrautesten Freunde schwieg er ber diesen Punkt. Seine frhere Neigung zum geistlichen Stande schien verschwunden. Die lange Laufbahn eines wrtembergischen Theologen, die er htte durchwandern mssen, schreckte ihn. Jetzt, meinte er, sei er fertig, ausgerstet fr die Welt. An Entbehrung gewhnt, schien er zufrieden mit seinen nichts weniger als gnstigen Verhltnissen. Seine jugendlich frohe Laune wrzte die frugale Kost, die er mit dem Lieutenant Kapf theilte, der gleichzeitig mit ihm die Karlsschule verlassen hatte. Beide bewohnten gemeinschaftlich ein kleines Zimmer, parterre, im Hause des Professors Haug, mit welchem Schiller durch seine Beitrge zu dem Schwbischen Magazin in einer Art von literarischer Verbindung stand. Eine hchst wichtige Angelegenheit, die ihn lngere Zeit beschftigte, war fr Schiller die Herausgabe seiner Ruber. Seinen Freunden hatte er das Manuscript zur Beurtheilung mitgetheilt. In einem noch erhaltenen Briefe richtete er an seinen Freund Petersen, den nachherigen Bibliothekar in Stuttgart, die dringende Bitte, ihm zur Herausgabe seines Schauspiels behlflich zu seyn, und dieselbe mglichst zu beschleunigen. Als den ersten und wichtigsten Grund nannte er seinen drckenden Geldmangel. Dann wnschte er aber auch das Urtheil der Welt ber seine Befhigung zum Dramatiker und Schriftsteller berhaupt zu vernehmen. Was seine Freunde ber die Ruber urtheilten, schien ihm nicht gleichgltig. Er selbst hatte seinem Schauspiel, noch auf der Karlsschule, bald nach dem Entwurf des Plans, ein eigenthmliches Prognostikon gestellt durch die an seinen Freund Scharffenstein gerichtete Aeuerung: "Wir wollen ein Buch machen, das durch den Henker absolut verbrannt werden mu." Auf hnliche Weise hatte Schiller in der Vorrede zu den Rubern sich damit zu entschuldigen gesucht: "Wer eine Copie der wirklichen natrlichen Welt und keine theatralischen Affectationen, keine Compendienmenschen liefern wolle, sei in die Notwendigkeit versetzt, Charaktere auftreten zu lassen, die das feinere Gefhl der Tugend beleidigten, und die Zrtlichkeit unsrer Sitten emprten." Vergebens bemhte sich Schiller, fr sein Schauspiel einen Verleger zu finden. Auch die Bemhungen seines Freundes Petersen hatten keinen Erfolg. Der unbemittelte Autor mute den Druck seines Werks auf eigene Kosten veranstalten. Die dazu erforderliche Summe von 150 Gulden wrde weder von ihm, noch von seinen Freunden aufzubringen gewesen seyn, wenn sich nicht eine dritte Person fr die Rckzahlung eines Darlehns von jenem Belange verbrgt htte. Ein Zgling der Karlsschule hatte sich erboten, unentgeltlich eine Vignette zu radiren, welche den Titel des Schauspiels schmcken sollte. Es war ein Lwe, mit dem die Tendenz des Stcks bezeichnenden Motto: %In Tyrannos%. Dies grimmige Thier, mit erhobener Vordertatze und ausgestrecktem Schweif fiel in den sptern Ausgaben der Ruber hinweg. Das Schauspiel ward auf fast durchsichtigem Papier gedruckt. Trotz der fehlerhaften Orthographie und der zahllosen Druckfehler freute sich Schiller unendlich, als er die ersten Aushngebogen empfing. Mehrere derselben sandte er, noch vor Beendigung des Drucks, dem Buchhndler Schwan in Mannheim, mit der Bitte, sein Werk auch im Auslande bekannt zu machen, und gro war Schillers Freude, als ihn Schwan schriftlich zu einer Umarbeitung seines Schauspiels fr die Mannheimer Bhne aufforderte. Durch die ihm mitgetheilten Bemerkungen Schwan's fand sich Schiller veranlat, in den letzten Bogen der Ruber manchen zu grellen und widerlichen Ausdruck zu mildern, und die Vorrede vllig umdrucken zu lassen. Die jugendliche Begeisterung, sein Schauspiel gedruckt zu sehen, verscheuchte dem jungen Dichter die Sorgen und milichen Umstnde des Selbstverlags. Seine Autoreitelkeit fhlte sich geschmeichelt, als durchreisende Schngeister, unter andern der als Pater Brey in Goethe's Jahrmarkt zu Plundersweiler verewigte Schriftsteller Leuchsenring, ihm ihren Besuch abstatteten. Leicht bersah Schiller, da sein rmliches Logis nichts weniger als geeignet war zur Aufnahme von Fremden, die, nach dem sptern Bericht eines seiner Jugendfreunde, selbst mitunter in schnen Equipagen gefahren kamen. In jenem nach Tabak und Allerhand riechenden Zimmer bestand das Mobiliar in einem groen Tisch und Bnken. An den Wnden hing die Garderobe, angestrichene Beinkleider u.s.w. In der einen Ecke des Zimmers lagen hohe Ballen der Ruber, und in der andern fiel das Auge auf einen Haufen Kartoffeln, mit leeren Tellern, Bouteillen u. dgl. bunt durcheinander. Durch den Buchhndler Schwan in Mannheim war Schiller mit dem Intendanten des dortigen Theaters dem Freiherrn v. Dalberg, einem als Befrderer von Kunst und Wissenschaft allgemein geachteten Manne, in Verbindung gekommen. Auch von Dalberg ward er zu einer Umarbeitung seiner Ruber fr die Mannheimer Bhne aufgefordert, die damals zu den vorzglichsten in Deutschland gehrte. In vierzehn Tagen hoffte Schiller mit der Umarbeitung seines Schauspiels, fr die ihm ein bestimmtes Honorar zugesichert worden war, fertig zu werden. Er konnte jenen ohnehin kurz anberaumten Termin um so weniger einhalten, da ihm eine in dem Regiment Auge ausgebrochene Ruhrepidemie oft von seinen poetischen Beschftigungen abrief. Ueberdie mute er tglich auf der Wachtparade erscheinen und dem General ber den Zustand der Kranken in den Lazarethen Bericht abstatten. Erschwert ward ihm die Umarbeitung seines Schauspiels noch durch seine Unbekanntschaft mit den theatralischen Anforderungen und Bedrfnissen. Erst am 6. October 1781 konnte er seinen "verlornen Sohn", wie er damals die Ruber nannte, an Dalberg senden. In dem Briefe, der das Manuscript begleitete, verschwieg er nicht die unsgliche Mhe und Geistesanstrengung, die ihm die Umarbeitung der Ruber gekostet, und gestand offen, da er in derselben Zeit ein ganz neues Stck wrde haben liefern knnen. Schriftliche, mndliche und gedruckte Kritiken hatte er, nach seinem eignen Gestndni, auf's Sorgfltigste benutzt, den ursprnglichen Entwurf des Stcks verndert und mehrere ganz neue Scenen und Situationen hinzugefgt. Auch darber gab er in seinem fortgesetzten Briefwechsel mit dem Freiherrn v. Dalberg hinreichende Auskunft. Diese Correspondenz und die dadurch bedingte Beschftigung mit seinen Rubern nahm Schillers Zeit, die ohnedie durch seinen rztlichen Beruf mehrfach zersplittert war, fast ber seine Krfte in Anspruch. Demungeachtet fand er noch Mue zur Herausgabe einer poetischen Blumenlese. Sie erschien unter dem Titel: "Anthologie fr das Jahr 1782," nach einer Bemerkung auf dem Titel angeblich zu Tobolsko gedruckt. Durch diese Anthologie, zu welcher mehrere seiner Freunde Beitrge lieferten, wollte Schiller, wie einer derselben erzhlt, den Musenalmanach "zermalmen", den der Kanzleiadvokat Studlin in Stuttgart, ein mittelmiger, doch sehr anmaender Poet, herauszugeben beabsichtigte. Schiller mute die Anthologie groenteils mit seinen eignen Gedichten fllen, da er unter den wenigen Beitrgen, die er von seinen Freunden erhielt, noch eine strenge Auswahl traf, und sich dabei von allerlei Rcksichten leiten lie. Wie bei den Rubern, verschwieg er auch auf dem Titel jener Blumenlese, wie in dem Buche selbst, seinen Namen. Mit dem Buchstaben Y unterzeichnete er die meisten seiner Gedichte, einige jedoch auch mit andern Lettern. Nur dem Gedicht "Monument Moor's, des Rubers" fgte er die Unterschrift bei: "Vom Verfasser der Ruber." Durch Feuer der Phantasie und Gluth der Empfindung zeichneten sich die von Schiller verfaten Gedichte an Laura aus, zu denen Schillers damalige Bekanntschaft mit einer jungen Offizierswittwe in Stuttgart die nchste Veranlassung gegeben haben soll. Whrend Schiller sich mit der Herausgabe seiner Anthologie beschftigte, die vor Kurzem neu gedruckt worden, blickte er mit Sehnsucht nach dem Zeitpunkte, wo die erste Vorstellung der Ruber in Mannheim statt finden sollte. Mehrere Briefe an Dalberg schilderten seine Ungeduld, die gar keine Grenzen kannte. Dem Theaterzettel, der den 13. Januar 1782 an den Straenecken Mannheims die Vorstellung der Ruber ankndigte, war noch eine von Schiller verfate Proclamation beigefgt, zu welcher der Dichter durch Dalberg veranlat worden war. Sie lautete. "Die Ruber--das Gemlde einer verirrten groen Seele, ausgerstet mit allen Gaben zum Frtrefflichen und mit allen Gaben verloren. Zgelloses Feuer und schlechte Kameradschaft verdarben Karl's Herz--rissen ihn von Laster zu Laster--bis er zuletzt an der Spitze einer Mordbrennerbande stand, Greuel auf Greuel hufte, von Abgrund zu Abgrund strzte, in alle Tiefen der Verzweiflung.--Gro und majesttisch im Unglck und durch Unglck gebessert, zurckgefhrt zum Frtrefflichem. Einen solchen Mann wird man im Ruber Moor beweinen und hassen, verabscheuen und lieben.--Einen heuchlerischen heimtckischen Schleicher wird man entlarvt erblicken und gesprengt sehen in seinen eignen Minen. Einen allzu Schwachen, nachgiebigen Verzrtler und Vater. Die Schmerzen schwrmerischer Liebe und die Folter herrschender Leidenschaft. Hier wird man auch nicht ohne Entsetzen in die innere Wirthschaft des Lasters Blicke werfen, und aus de Bhne unterrichtet werden, wie alle Vergoldungen des Glcks den innern Wurm nicht tdten, und Schrecken, Angst, Reue und Verzweiflung hart hinter seinen Fersen sind. Der Zuschauer weine heute vor unsrer Bhne--und schaudere--und lerne seine Leidenschaften unter die Gesetze der Religion und des Verstandes beugen; der Jngling sehe mit Schrecken dem Ende der zgellosen Ausschweifungen nach, und auch der Mann gehe nicht ohne den Unterricht aus dem Schauspiel, da die unsichtbare Hand der Vorsicht auch den Bsewicht zu Werkzeugen ihrer Absichten und Gerichte brauche, und den verworrensten Knoten des Geschicks zum Erstaunen auflsen knne." Aus Heidelberg, Darmstadt, Frankfurt und andern benachbarten Orten waren am 13. Januar 1782 zahlreiche Fremde zu Wagen und zu Fu nach Mannheim gestrmt, um von den Knstlern einer der vorzglichsten Bhnen Deutschlands ein Stck darstellen zu sehen, das bereits groe Sensation erregt hatte. Auf dem Theaterzettel war ausdrcklich bemerkt worden, da man, um die Vernderung der Coulissen zu erleichtern, die fnf Acte der Ruber in sieben habe zerfallen lassen, die bis nach zehn Uhr dauerten. Um den ihnen zugetheilten Rollen zu gengen, boten die Schauspieler all' ihr Talent auf, Bk als Karl Moor, Iffland als Franz Moor, Beil als Schweizer, Beck als Kosinsky. Tieferschtternd war vor Allem die Art und Weise, wie Iffland als Franz Moor diesen Charakter auffate und in allen Abstufungen consequent durchfhrte. Selbst die uere Erscheinung des damals kaum sechs und zwanzig Jahre alten Knstlers, sein schmchtiger Krper, sein blasses, hageres Gesicht, harmonirten mit seinem Spiel, besonders in der Scene, wo er den Traum vom jngsten Gericht erzhlte, und in der Hand die Lampe, die sein todtenbleiches Gesicht beleuchtete, zu Boden sank. Von der mchtigen Wallung seines Schauspiels berzeugte sich Schiller, der der Vorstellung beiwohnte, durch den strmischen Beifall der Menge. Ohne Urlaub war er heimlich nach Mannheim abgereist. Die Darstellung seines Schauspiels hatte so begeisternd auf ihn gewirkt, da in ihm der Wunsch aufstieg, als Mitglied des Mannheimer Theaters die Bhne zu betreten. Ernstlich widerrieth ihm dies jedoch Beil, indem er uerte, nicht als Schauspieler, wohl aber als Schauspieldichter werde er einst der deutschen Bhne zur Zierde gereichen. Die wrmsten Danksagungen ber die Vorstellung der Ruber stattete Schiller in einem Briefe dem Freiherrn v. Dalberg ab. Er schlo sein Schreiben mit den Worten: "Ich glaube, wenn Deutschland einst einen dramatischen Dichter in mir findet, so mu ich die Epoche von der vorigen Woche an zhlen." Ueber sein Talent und seinen wahren Beruf schien er, nach dieser Aeuerung, zur Gewiheit gekommen zu seyn. Um so lstiger waren ihm aber jetzt seine medicinischen Geschfte und der militrische Dienstzwang, dem er sich unterwerfen mute. Mit tiefem Unmuth empfand er es, da er seine ganze Kraft, seine schnsten Stunden vllig heterogenen Geschften opfern mute. Er sehnte sich in die Pfalz, nach Mannheim zurck, wo er eine seinen Wnschen und Neigungen mehr entsprechende Lage zu finden hoffte. Das Verlangen nach erneuter poetischer Thtigkeit regte sich in ihm immer lebhafter. Unter mehreren dramatischen Stoffen gab er einer Bearbeitung der Verschwrung des Fiesko in Genua den Vorzug. Fr die historisch merkwrdige Ereigni hatte er sich schon auf der Karlsschule lebhaft interessiert. Die Beschftigung mit seinem neuen dramatischen Stoff raubte ihm die Mue zu einer ausfhrlichen Selbstcritik der Ruber, die er dem Freiherrn v. Dalberg versprochen hatte. Er entschuldigte sich dehalb brieflich, und fgte die Aeuerung hinzu, da er bereits in einem "vaterlndischen Journal einige Worte ber sein Schauspiel gesagt habe." Mit diesem Journal meinte er eine Vierteljahrsschrift, unter dem Titel eines "Wrtembergischen Repertoriums der Literatur", zu dessen Herausgabe er sich mit seinem ehemaligen Lehrer, dem Professor Abel und mit seinem Freunde Petersen vereinigt hatte. Von jenem Journal erschienen jedoch nur drei Stcke, die einige von Schiller herrhrende und spter in seinen Werken wieder abgedruckte Aufstze enthielten, unter andern eine Abhandlung ber das deutsche Theater, den "Spaziergang unter den Linden", und eine "gromthige Handlung aus der neuesten Geschichte." Unstreitig die bedeutendste Abhandlung, die Schiller fr das Wrtemberger Repertorium der Literatur lieferte, war eine Selbstcritik der Ruber nach der Mannheimer Theaterausgabe. Sich selbst und seine Leistungen beurtheilte er mit einer vorurtheilsfreien Strenge, die in Bezug auf sein Talent mitunter an Geringschtzung grenzte. Reich war jene Selbstchritik besonders an psychologischen Bemerkungen, und unstreitig das Gediegenste, was bisher ber sein Schauspiel gesagt worden war. Unter diesen literarischen Beschftigungen zog sich ber seinem Haupt ein drohendes Ungewitter zusammen, das sowohl in seine schriftstellerische Thtigkeit, die ihm allein Trost und Freude gab, als auch in seine uern Lebensverhltnisse zerstrend eingreifen zu wollen schien. Durch die grere Verbreitung war die Sensation, welche sein Schauspiel gleich Anfangs erregt hatte, noch vermehrt worden. Wegen ihrer verderblichen Wirkung auf jugendliche Kpfe hatten die Ruber zu den lebhaftesten Besorgnissen Anla gegeben. Der revolutionre Inhalt des Stcks, das der bestehenden Ordnung Hohn sprach, und allen bisherigen Verhltnissen den Umsturz drohte, war es nicht allein, was jene Sensation erregte. Gesteigert ward sie noch dadurch, da man mehrere Stellen in den Rubern als gehssige Anspielungen auf die nchsten Umgebungen, ja auf den Wrtembergischen Hof selbst bezeichnete. Schillers Persnlichkeit milderte zwar einigermaen den Inhalt seines Stcks. Als ein excentrischer Kopf hatte er sich jedoch schon in seiner Anthologie gezeigt, in mehreren dort mitgetheilten Gedichten, unter andern in einer Art von Nachahmung der Frstengruft von Schubert, "die schlimmen Monarchen" berschrieben. Durch ein nicht mehr erhaltenes Gedicht auf den Tod eines Offiziers soll er den Herzog von Wrtemberg persnlich verletzt haben, der als ein vielseitig gebildeter Frst der Dichtkunst eigentlich nicht abhold war, doch die Richtung mibilligte, die Schillers poetisches Talent genommen. Immer war dieser des Herzogs Liebling gewesen. Er lie ihn daher zu sich kommen, und warnte ihn vterlich vor hnlichen Ausschweifungen seiner Phantasie. Da Schiller ihm seine knftigen poetischen Produkte vor dem Druck zeigen sollte, war ein Verlangen, welchem der junge Dichter nicht willfahren konnte, und seine Weigerung ward leicht begreiflicher Weise nicht gut aufgenommen. Ein unangenehmer Vorfall kam inde noch hinzu, um das Band, das ihn an seinen frstlichen Gnner kettete, vllig zu lsen. Die in den beiden ersten Ausgaben der Ruber befindlichen Worte Spiegelbergs, die Schiller spter unterdrckte: "Ich rathe dir, reise du in's Graubndner Land; das ist das Athen der heutigen Gauner!" hatten einen Bndner so hart verletzt, da er sich darber in dem Hamburger Correspondenten ffentlich beklagte. Ein Garteninspector in Ludwigsburg, Walter mit Namen, ward dadurch veranlat, sich zum Agenten der Bndner aufzuwerfen, und dem Herzog von Wrtemberg das erwhnte Zeitungsblatt vorzulegen. In seiner Vertheidigung berief sich Schiller darauf, da er jene Aeuerung dem Munde des gemeinen Volks in Schwaben abgelauscht habe. Er erhielt von seinem entrsteten Landesherrn einen harten Verweis. Zugleich erging an ihn der strenge Befehl, bei Festungsstrafe nichts Anderes drucken zu lassen, als was zu seinem Fach, der Medicin, gehrte. Schillers eigene Worte in der Ankndigung der spterhin von ihm herausgegebenen Zeitschrift, "die Rheinische Thalia", schildern am besten den Eindruck, den jener despotische Befehl auf ihn gemacht hatte. "In einer Epoche", schrieb er, "wo der Ausspruch der Menge unser schwankendes Selbstgefhl leiten mu, wo das warme Blut eines Jnglings durch den freundlichen Sonnenblick des Beifalls munterer fliet, tausend einschmeichelnde Ahnungen knftiger Gre seine schwindelnde Seele umgeben, und der gttliche Nachruhm in schner Dmmerung vor ihm liegt--mitten im Genu des ersten verfhrerischen Lobes, das unverhofft und unverdient aus entlegenen Provinzen mir entgegen kam, untersagte man mir in meinem Geburtsorte, bei Strafe der Festung--zu schreiben." Den Enthusiasmus, mit welchem Schiller sich der Fortsetzung und Vollendung seines Trauerspiels: "die Verschwrung des Fiesko" widmete, hatte jener despotische Befehl nicht schwchen knnen. Bei den erforderlichen historischen Vorarbeiten zog er die Stuttgarter Bibliothek zu Rathe. Er fand dort mehrere schtzbare Werke, die ihm ber jenes merkwrdige Ereigni, ber die Verschwrung selbst, ihren Schauplatz und ihre Zeit Aufklrung verschafften. Erst nach diesen Zurstungen entwarf Schiller einen ausfhrlichen, auf Acte und Scenen berechneten Plan. Das Urtheil seiner Freunde ber sein neues Stck war ihm nicht gleichgltig. Er theilte ihnen einzelne Scenen mit, um ihre Meinung zu hren. Schon durch seine uern, hchst ungnstigen Verhltnisse war Schiller genthigt, auf dem einmal betretnen Wege fortzuschreiten. Auch seine Anthologie hatte er auf eigene Kosten herausgegeben. Dadurch war die noch immer nicht abgetragene Schuld, in die er durch den Druck der Ruber gerathen war, bis zu 200 Fl. vermehrt worden. Kaum zur Bestreitung der nthigsten Bedrfnisse reichte der mige Gehalt, den er als Regimentsmedicus bezog. Berauscht von dem Beifall, der ihm als Dichter berall entgegen kam, berlie er sich manchen Vergngungen, Zerstreuungen und jugendlichen Thorheiten, die seine Casse erschpften und zugleich seiner Gesundheit schadeten. Nicht gnzlich verlor er jedoch darber seinem Beruf aus den Augen. Er beschftigte sich vielmehr fleiig mit einer Dissertation, die ihm zum Grade eines Doctors der Medicin verhelfen sollte. Der Beifall, den die Ruber nach mehrmaligen Vorstellungen fanden, war so gro, da Schiller der Lockung nicht widerstehen konnte, sein Schauspiel nochmals in Mannheim auffhren zu sehen. Er begab sich dorthin am 25. Mai 1782 in Begleitung einiger Freunde und Freundinnen, die sich lebhaft fr sein Schauspiel interessirten. Von dem Herzog von Wrtemberg, der auf kurze Zeit verreist war, hatte er keinen Urlaub nehmen knnen. Begeistert von dem Eindruck und der Wirkung seines Schauspiels, doch zugleich schmerzlich ergriffen von dem Gedanken an die Fesseln, die die Krfte seines Geistes lhmten, kehrte er nach Stuttgart zurck. Sein Unmuth ward noch vermehrt durch physische Leiden. Ein an Dalberg gerichteter Brief vom 4. Juni 1782 schilderte seine trbe Stimmung und trostlose Lage. "Noch bin ich wenig oder nichts", schrieb er. "In diesem Norden des Geschmacks werde ich ewig niemals gedeihen, wenn mich sonst glcklichere Sterne und ein griechisches Klima zum wahren Dichter erwrmen wrden." Dringend legte er dem Freiherrn v. Dalberg in jenem Briefe die Bitte an's Herz, sich fr ihn zu verwenden bei dem Herzog von Wrtemberg, und es dahin zu bringen, da er seiner Dienste entlassen und ihm erlaubt werden mchte, seinen bisherigen Aufenthalt in Stuttgart mit dem in Mannheim zu vertauschen. Mit wachsender Ungeduld sah er einer Antwort Dalbergs von Tage zu Tage entgegen. Sie blieb aus. Dagegen zog sich ein neues Ungewitter ber dem Haupte des Dichters zusammen. Da er ohne Urlaub den 25. Mai 1782 nach Mannheim gereist, war nicht verborgen geblieben. Durch seinen Chef, den General Auge, erfuhr es der Herzog. Schiller mute vor seinem Landesherrn erscheinen, der hchst entrstet ihm sein Betragen aufs strengste verwies. Ein vierzehntgiger Arrest war die Strafe seines Dienstvergehens. Dadurch fhlte sich Schillers Ehrgeiz tief gekrnkt. Er wrde vielleicht sofort seinen Abschied genommen haben, wenn ihn nicht die Dankbarkeit an den Herzog gefesselt htte. Von einem solchen Schritt ward Schiller jedoch auch durch seine kindliche Liebe abgehalten. Seiner Eltern Schicksal lag in den Hnden seines Frsten, und es konnte durch jenen Schritt vielleicht eine schlimme Wendung nehmen. In seiner trben Stimmung erinnerte sich Schiller an den unglcklichen Dichter Schubart, der seine Freimthigkeit mit einer strengen Haft auf der Festung Hohenasberg bte. Ihn selbst konnte ein gleiches Schicksal treffen. Dringend ersuchte er daher in einem Briefe vom 15. Juli 1782 den Freiherrn von Dalberg, wenn sich fr ihn zum Aufenthalt in Mannheim noch Aussichten zeigten, dieselben mglichst zu beschleunigen. Er wre, schrieb er, auerdem gezwungen, einen Schritt zu thun, der es ihm unmglich machen wrde, in Mannheim zu bleiben. Vierzehn Tage wartete er vergebens auf eine Antwort. In seiner trostlosen Stimmung vermochten ihn weder seine Freunde, noch die Beschftigung mit seinem neuen Trauerspiel zu erheitern. Nichts schien fr ihn Reiz zu haben. Mit entschiedener Abneigung betrieb er seine medicinische Praxis, die ihm durch einige khne, aber milungene Curen vllig verleidet worden war. In seiner frher erwhnten anonymen Selbstcritik der Ruber hatte er ber den Verfasser jenes Schauspiels geuert: "Er soll ein Arzt bei einem Wrtembergischen Grenadier-Bataillon seyn, und wenn das so ist, so macht es dem Scharfsinn seines Landesherrn Ehre. So gewi ich sein Werk verstehe, so mu er starke Dosen in %Emeticis% eben so sehr lieben, als in %Aestheticis%, und ich mchte ihm lieber zehn Pferde, als meine Frau zur Cur bergeben." Die Idee, dem Herzog Vorstellungen zu machen gegen den erlassenen Befehl, verwarf Schiller nach reiflicher Ueberlegung. Ein solcher Schritt konnte leicht neue Vorwrfe oder Strafen ber ihn verhngen. Er entschlo sich zu einer abermaligen heimlichen Reise nach Mannheim. Von dort aus wollte er in einem Schreiben seinem Landesherrn vorstellen, wie durch das erlassene Verbot seine ganze Existenz vernichtet worden. In Mannheim hoffte er als Theaterdichter angestellt zu werden. Diese Stadt wollte er daher, wenn kein Widerruf des herzoglichen Befehls erfolgte, zu seinem knftigen Wohnsitz whlen. Ueberall beobachtet in seinen Schritten, hielt er es fr bedenklich, mehreren Freunden seinen Entschlu zu vertrauen. Nur einem einzigen konnte er mit Sicherheit sein Herz ffnen. Mit einer Hingebung und Aufopferung, die an Schwrmerei grenzte, hing Johann Andreas Streicher an ihm, ein geborner Stuttgarter, der sich der Musik widmete, und dessen Bekanntschaft Schiller vor ungefhr achtzehn Monaten gemacht hatte. Zwischen ihm und Streicher hatte sich bald das innigste Freundschaftsverhltni gebildet. Sie sahen sich fast tglich, und ein unumschrnktes Vertrauen fesselte sie an einander. Schillers unglckliche Lage war der immer wiederkehrende Hauptgegenstand ihrer Gesprche. Den vorhin erwhnten Plan einer heimlichen Entfernung nach Mannheim hatte Schiller, auer seinem Freunde, auch seiner ltesten Schwester Christophine mitgetheilt. Sie hatte nichts dagegen einzuwenden gehabt. Auch Schillers Mutter war in das Geheimni gezogen worden. Sein Vater dagegen wute nichts von der Sache. Beschleunigt ward die Reise durch den Umstand, da Streicher, der im Frhjahr 1783 nach Hamburg gehen wollte, um dort unter Bach's Leitung sich in der Musik zu vervollkommnen, mit Zustimmung seiner Mutter sich schon jetzt zu jener Reise entschlo, um seinen Freund begleiten zu knnen. Erst nach Vollendung seines neuen Trauerspiels, der "Verschwrung des Fiesko", konnte Schiller jedoch seinen Entschlu ausfhren. Kaum bis zur Hlfte war jene Tragdie vollendet, aller Anspannung seines Geistes ungeachtet. Um seine Arbeit zu beschleunigen, brachte er oft die Nchte schlaflos zu. Von der Auenwelt halte er sich fast gnzlich zurckgezogen. Schon zu Anfange des August 1782 waren in Stuttgart, Hohenheim, Ludwigsburg u. a. Orten mehrfache Anstalten getroffen worden zum Empfang des russischen Grofrsten (nachherigen Kaisers) Paul und seiner Gemahlin, einer Nichte des Herzogs von Wrtemberg. Unter den benachbarten Frsten und unzhligen Fremden, die in der ersten Hlfte des Septembers in Stuttgart eintrafen, befand sich auch der Freiherr v. Dalberg, den Schiller besuchte, ohne ihm jedoch etwas von seinem Vorhaben zu entdecken. Auer Streicher begleitete ihn die Gattin des Mannheimer Theaterregisseurs Meier, die ebenfalls in Stuttgart angelangt war, als sich Schiller nach der Solitude degab [begab], um seine Eltern noch einmal zu sehen und besonders seine sehr um ihn besorgte Mutter zu trsten. Schillers Vater entwarf eine sehr ausfhrliche Beschreibung von den Festlichkeiten, die auf der Solitude statt finden sollten, und unterbrach auf diese Weise das oft stockende Gesprch. Als Schiller, der sich unbemerkt mit seiner Mutter entfernt hatte, wieder zurckkam, schien er in sich gekehrt, und die Feuchtigkeit und Rthe seiner Augen verrieth, wie schwer ihm der Abschied von seiner Mutter geworden war. Etwas heiterer ward er erst, als er wieder nach Stuttgart zurckgekehrt war. Mit seinem Freunde Streicher war er berein gekommen, da sie den 17. September ihre Reise nach Mannheim antreten wollten. Sie hatten absichtlich jenen Tag gewhlt, weil an demselben, wie Schiller auf der Solitude erfahren, eine groe Hirschjagd, theatralische Vorstellungen und eine prachtvolle Illumination statt finden sollten. Da das Regiment, bei welchem Schillers Vater stand, an jenem Tage nicht die Wache hatte, befreite die beiden Freunde zugleich von der Besorgnis, unter den Stadtthoren Soldaten zu treffen, denen Schiller bekannt war. Die Nacht vor seiner Abreise brachte Schiller bei seinem Freunde Scharffenstein auf der Wache zu. Den folgenden Tag, Morgens um neun Uhr, sollte alles bereit seyn, was an Kleidern, Wsche, Bchern u. s. w. aus Schillers Wohnung noch in Streichers Haus geschafft werden sollte. Dort wollten die Freunde abfahren. Nicht das Mindeste fand jedoch Streicher vorbereitet, als er am andern Morgen in Schillers Wohnung sich pnktlich einfand. Dieser war vielmehr beschftigt, ein Gegenstck zu einer Klopstock'schen Ode zu dichten. Streicher mute, so sehr er auch zur Eile trieb, zuerst diese Ode und dann das Gegenstck anhren. Es dauerte lange, ehe Schiller aus seiner idealen Welt wieder in die wirkliche zurckkehrte. Durch Anschaffung der nthigsten Kleidungsstcke und anderer unentbehrlicher Dinge war seine Casse so erschpft worden, da sie nur aus 23 Fl. bestand. Nicht viel mehr besa Streicher. Inde glaubten beide mit dieser Summe bis nach Mannheim zu kommen und dort einige Tage damit auszureichen. Von seiner Mutter, obgleich sie nicht vermgend war, hoffte Streicher noch nachgeschickt zu erhalten, was er zu seiner Reise nach Hamburg brauchte. Mit zwei alten Pistolen unter seinem Civilkleide, die er Sicherheits halber mitgenommen, trat Schiller am 17. Sept. 1782 Abends neun Uhr in Streichers Wohnung. Es hatte zehn Uhr geschlagen, als der Wagen, in welchem die Freunde saen, mit zwei Koffern und einem kleinen Clavier fr Streicher bepackt, zum Elinger Thor hinausfuhr. Die Thor war eins der dunkelsten, war jedoch aber auch dehalb gewhlt worden, weil Schiller erfahren, da dort einer seiner vertrautesten Freunde die Wache hatte, durch dessen Dazwischenkunst etwaige Hindernisse leicht beseitigt werden konnten. Schiller nannte sich am Thor Doctor Ritter, und Streicher gab sich fr einen Doctor Wolf aus. Elingen ward als Reiseziel angegeben. Die Freunde muten den Weg um die Stadt einschlagen, der sie auf die Strae nach Ludwigsburg fhrte. Schiller war in sich gekehrt und wechselte wenig Worte mit seinem Begleiter. Das hoch gelegene Lustschlo Solitude, von welchem sie ungefhr anderthalb Stunden entfernt seyn mochten, mit seinen weitlufigen Nebengebuden prachtvoll erleuchtet, zeigte sich in einem herrlichen Feuerglanze. "O meine Mutter!" rief Schiller, auf den Punkt hindeutend, wo seine Eltern wohnten. Ueberwltigt von wehmthigen Gefhlen, sank er mit einem halb unterdrckten Seufzer auf seinen Sitz zurck. Beim Caffee, den die Freunde in Enzweihingen, wo gerastet werden sollte, einnahmen, recitirte Schiller aus einem Heft ungedruckter Gedichte des unglcklichen Schubart einige der bedeutendsten, unter andern "die Frstengruft", die ihn bei seinem frher erwhnten Gedicht: "die schlimmen Monarchen" zum Muster gedient hatte. Das erhebende Gefhl, drckende Fesseln von sich abgeschttelt zu haben, und der feste Vorsatz, sich nie wieder einem hnlichen Zwange zu unterwerfen, bemchtigte sich Schillers, als eine kleine Pyramide, die sie um acht Uhr Abends erreichten, ihn und seinen Freund berzeugte, da sie sich an der churpflzischen Grenze befanden. Schiller machte seinen Reisegefhrten auf die blau und wei angestrichenen Pfhle aufmerksam. Eben so freundlich, wie diese Pfhle, meinte er, sei der Geist der Landesregierung. Ein politisches Gesprch knpfte sich an diese Bemerkung, und die Zeit entschwand darber den Freunden so schnell, da sie sich wunderten, als sie um zehn Uhr schon in Bretten ankamen. Dort ward der Stuttgarter Wagen zurckgeschickt. Mit der Post fuhren die Freunde ber Waghusel nach Schwetzingen. Die Thore der Stadt Mannheim, die damals noch eine Festung war, konnten sie vor dem hereinbrechenden Dunkel nicht mehr erreichen. Sie muten daher in Schwetzingen bernachten. Am folgenden Tage, den 19. Sept., waren die Freunde schon frh Morgens beschftigt, die besten Kleidungsstcke aus den Koffern hervorzuholen, um in Mannheim nicht gar zu drftig zu erscheinen. Seine ziemlich erschpfte Brse hoffte Schiller durch sein neues Trauerspiel: "die Verschwrung des Fiesko", wieder einigermaen zu fllen. Ihm schien auer Zweifel, da die Theaterdirection sich beeilen werde, auch die zweite Stck anzunehmen. Mit der Hoffnung eines nicht ganz unbedeutenden Honorars trat er in die Wohnung des Theaterregisseurs Meier, der sich hchlich verwunderte ber seine Ankunft zu einer Zeit, wo in Stuttgart so viele Festlichkeiten und Lustbarkeiten statt fanden. Aus Schillers Munde erfuhr er, da er als Flchtling vor ihm stehe, und Meier verschaffte ihm und seinem Freunde sofort in dem menschenleeren Mannheim eine Wohnung. Es geschah auf seinen Rath, als sich Schiller entschlo, noch denselben Tag an den Herzog von Wrtemberg zu schreiben, und ihn um Aufhebung des Befehls zu bitten, keine andern als medicinische Schriften drucken zu lassen. Er stellte seinem Landesherrn vor, wie seine geringe Besoldung und die groe Concurrenz von Aerzten in Stuttgart ihn nthige, durch poetische Arbeiten seine Einknfte zu vermehren. Zugleich bat er um die Erlaubni, jhrlich auf kurze Zeit in's Ausland reisen zu drfen. Von dem frstlichen Versprechen, da ihm sein unregelmiger Dienstaustritt verziehen werde, machte Schiller seine Rckkehr nach Stuttgart abhngig. In einem besondern Briefe ersuchte er seinen Regimentschef, den General Aug, das von ihm entworfene Schreiben dem Herzog zu bergeben, um durch seinen Einflu sein Gesuch zu untersttzen. Die Gattin des Theaterregisseurs Meier war unterde wieder von Stuttgart nach Mannheim zurckgekehrt. Sie erzhlte, wie Schillers Entfernung in Stuttgart sogleich bekannt geworden, und wie sich dort ein allgemeines Gercht verbreitet, da der Herzog Schillers Auslieferung verlangen werde. Schiller trstete sich zwar damit, da er kein eigentlicher Soldat sei, und da auf ihn die bei der Desertion bliche Strafe nicht angewendet werden knnte. Inde gebrauchte er doch die Vorsicht, die ihm seine Freunde empfahlen. Er zeigte sich an keinen ffentlichen Orten, sondern beschrnkte sich auf seine und Meiers Wohnung. Aus dem Briefe des Generals Aug, den Schiller einige Tage spter erhielt, war nicht deutlich zu ersehen, ob der Herzog zu Erfllung seiner Wnsche geneigt sei. Der General entledigte sich in seinem Schreiben blos des von seinem Frsten ihm gewordenen Auftrags mit den Worten: "Da Se. Durchlaucht bei Anwesenheit der hohen Verwandten jetzt sehr gndig wren, so mge Schiller nur zurckkehren." Auch ein zweiter Brief des Generals, den Schiller um eine nhere Erklrung gebeten hatte, enthielt nichts anderes, als einen hnlichen lakonischen Bescheid. Unter diesen Umstnden wagte Schiller, selbst wenn es mit seiner Ehre vertrglich gewesen wre, nicht wieder nach Stuttgart zurckzukehren. Er zog es vor, einer ungewissen Zukunft entgegen zu gehen und mit Noth und Mangel zu kmpfen, ehe er sich wieder einem Joch unterwarf, das ihn so hart gedrckt hatte. Gleich am ersten Abend nach seiner Ankunft in Mannheim war Schillers "Verschwrung des Fiesko" durch Streicher dem Theaterregisseur Meier als ein dramatisches Product geschildert worden, das den Rubern in keiner Hinsicht nachstnde, ja die Schauspiel noch bertrfe. Schiller, um Mittheilung seines Manuscripts ersucht, erbot sich, dasselbe in einem grern Kreise vorzulesen, der aus den bedeutendsten Mitgliedern der Mannheimer Bhne bestand. Unter ihnen befanden sich Iffland, Bck, Beil u. A. An einem bestimmten Tage versammelten sie sich Nachmittags in Meiers Wohnung, mit gespannten Erwartungen von dem neuen Product eines Dichters, dem sie ihre tiefste Verehrung auszudrcken suchten. Schiller begann seine Vorlesung, nachdem er einen historischen Umri und eine Erklrung der in seinem Trauerspiel auftretenden Personen vorangeschickt hatte. Das neue Stck brachte inde eine ganz andere Wirkung hervor, als Schiller erwartet haben mochte. Ungeachtet der Aufmerksamkeit und Stille, die unter seinen Zuhrern herrschte, war kein Ausdruck von Empfindung, nicht das geringste Zeichen des Beifalls sichtbar geworden, als Schiller bereits den ersten Act seines Trauerspiels beendet hatte. In der eintretenden Pause unterhielten sich die Schauspieler ber das historische Factum; ber die dramatische Bearbeitung entschlpfte ihnen kein Wort. Kein hheres Interesse, als der erste Act, schien der zweite zu erregen. Die Gleichgltigkeit der Zuhrer zeigte sich dadurch, da sie, als einer von ihnen, um die Zeit zu verkrzen, ein Bolzenschieen in Vorschlag brachte, noch vor beendeter Vorlesung sich nach und nach entfernten. Schiller, sichtbar verstimmt, nahm zeitig Abschied, lie jedoch das Manuscript des Fiesko dem Theaterregisseur Meier zurck, der ihn darum gebeten hatte, um den Ausgang des Stcks kennen zu lernen. Schiller irrte sich, als er die kalte Aufnahme seines Werks dem Unverstand, dem Neid und der Kabale der Schauspieler beima. Durch seinen schwbischen Dialect und seine hochtrabende Declamation hatte das neue Trauerspiel seine Wirkung auf die Zuhrer verfehlt. Sein anfnglich ungnstiges Urtheil ber das Stck nderte Meier, als er es mit Aufmerksamkeit gelesen hatte. Er nannte den Fiesko eine sehr gelungene Tragdie, die nchstens vorgestellt zu werden verdiene. Getrbt wurden diese frohen Aussichten fr Schiller wieder durch Briefe, die er von seinen Stuttgarter Freunden erhielt. Sie uerten die Besorgnis, da der Herzog von Wrtemberg die churpflzische Regierung auffordern werde, den Flchtling auszuliefern. Wohlmeinend riethen sie ihm daher, Mannheim schleunig zu verlassen. Schiller entschlo sich, mit Streicher ber Darmstadt nach Frankfurt zu reisen. Die Casse der beiden Freunde reichte nicht hin, einen Wagen zu bezahlen. Sie wanderten daher ber die Neckarbrcke nach Sandhofen. Gegen sechs Uhr Abends erreichten sie Darmstadt, nachdem sie in einem Dorfe bernachtet hatten. Ihren Schlaf strte um Mitternacht das furchtbare Trommeln der Reveille. Als Schiller am andern Morgen mit seinem Freunde den Weg nach Frankfurt einschlug, nahm seine Ermattung so bedeutend zu, da er sich in einem Wldchen ins Gras legte, um sich durch einen kurzen Schlaf zu strken. Die Abenddmmerung war bereits eingetreten, als die beiden Freunde Frankfurt erreichten. In der Vorstadt Sachsenhausen quartirten sie sich ein. Schillers Kummer ber seine hlflose Lage ward noch durch einen besondern Umstand vermehrt. Er erfuhr, da dem edelmthigen Manne, der sich wegen seiner Schuld von 200 Fl. fr ihn in Stuttgart verbrgt hatte, Gefahr drohte, von dem besorgten Glubiger verhaftet zu werden. Nach langem Zgern und nicht ohne innern Kampf entschlo sich Schiller, an den Freiherrn v. Dalberg zu schreiben, der das Manuscript des "Fiesko" aus Meiers Hnden empfangen hatte. Sein frherer Trbsinn schien wieder einigermaen gewichen, als Schiller die Schreiben, in welchem er um einen Vorschu von 200 Fl. bat, mit einer an Meier addressirten Beilage an Dalberg abgesandt hatte. Ein Spaziergang ber die Mainbrcke erheiterte ihn. Sein Geist erhielt eine andere Richtung, als er das geschftige Treiben der Kaufleute betrachtete. Mehrere dramatische Entwrfe traten vor seine Seele. Mit besonderem Interesse ergriff er wieder eine Idee, die schon auf dem Wege von Mannheim nach Sandhofen und von da nach Darmstadt ihn lebhaft beschftigt hatte. Es war der Entwurf zu einem brgerlichen Trauerspiel, das "Luise Millerin" heien sollte, spterhin aber von Schiller "Cabale und Liebe" genannt ward. Der Beifall, den v. Gemmingen's "deutscher Hausvater" und andere dramatische Familiengemlde damals auf der Bhne gefunden hatten, ward fr Schiller die Veranlassung, sich ebenfalls in dieser Gattung zu versuchen. In kaum vierzehn Tagen hatte er schon mehrere Scenen seiner neuen Tragdie vollendet. Seine traurige Lage entfernte ihn selten aus seinem Ideenkreise. Es gab Stunden, wo er, fr die Auenwelt fast gar nicht vorhanden, sich blos den Eingebungen seiner Phantasie berlie. In solchen Augenblicken, die sich durch seine ausdrucksvolle Miene, durch sein lebhaftes Gebehrdenspiel und seinen empor gerichteten Blick kund gaben, hielt sich Streicher von seinem Freunde mit einer Art von heiliger Scheu so viel als mglich entfernt, um ihn in keiner Weise zu stren. Einen angenehmen Eindruck machte auf Schiller die Anerkennung seines Talents, als er beim Eintritt in einen Frankfurter Buchladen nach dem Absatz der "Ruber" und nach dem Urtheil des Publikums ber die Stck sich erkundigte, und ber beides eine hchst gnstige und schmeichelhafte Antwort erhielt. Er war davon so berrascht, da er, ungeachtet er sich dem Buchhndler als Doctor Ritter vorgestellt hatte, das Gestndni nicht zurckhielt: er sei der Verfasser der Ruber. Abermalige Briefe, die er von seinen Stuttgarter Freunden erhielt, empfahlen ihm, wegen der groen Sensation, die sein Verschwinden erregt, die uerste Vorsicht und weckten dadurch in ihm allerlei neue Besorgnisse. In die trostloseste Stimmung versetzte ihn Meiers Schreiben. Er berichtete, da Dalberg sich zu keinem Vorschu verstehen wolle, bevor das neue Trauerspiel erst umgearbeitet worden sei. In der jetzigen Gestalt sei es fr die Bhne unbrauchbar. Nicht einmal einige Zeilen von Dalbergs Hand milderten diese kalte abschlgliche Antwort, die mit der frhern Theilnahme jenes Mannes an Schillers Schicksal in dem auffallendsten Contraste stand. Immer berlie sich Schiller noch der Hoffnung, da die Mannheimer Theaterdirektion sein Trauerspiel annehmen werde. Sein Aufenthalt in Frankfurt war jedoch so kostspielig, da er fr rathsam hielt, sich in die Gegend von Mannheim zu verfgen. Dort glaubte er im uersten Nothfall auf Schwans und Meiers Untersttzung rechnen zu knnen. Um seine geringe Baarschaft etwas zu vermehren, entwarf er ein ziemlich langes Gedicht, das leider verloren gegangen. Es fhrte die seltsame Ueberschrift: "Teufel und Amor." Mimuthig kehrte er jedoch mit diesem poetischen Product wieder in seine Wohnung zurck, als ein Frankfurter Buchhndler, welchem er sein Gedicht verkaufen wollte, ihm statt der verlangten fnf und zwanzig Gulden nur achtzehn bot. Glcklicherweise befreite ihn eine kleine Summe, die Streicher seiner Mutter verdankte, von dem augenblicklichen, sehr drckenden Geldmangel. Mit dem Marktschiffe fuhren die Freunde nach Mainz. Den Weg nach Worms setzten sie am nchsten Tage zu Fue fort. Kurz vor seiner Abreise hatte Schiller an den Theaterregisseur Meier in Mannheim geschrieben. Sein Brief enthielt die Bitte, ihm einen Ort zu bestimmen, wo sie sich sprechen knnten. Diese Zusammenkunft fand in Oggersheim statt, in einem Wirthshause, der Viehhof genannt. Den trostlosen Dichter suchte Meier durch die Aussicht zu beruhigen, da sein Trauerspiel mit einigen Abkrzungen sicher auf die Bhne gebracht werden drfte. Schiller erklrte sich sofort zur Umarbeitung seines Stcks bereit, ohne die geringste Empfindlichkeit zu verrathen, da ihn Dalberg so bitter getuscht. Er entschlo sich, einige Wochen in Oggersheim zuzubringen. Rathsam schien ihm die auch schon wegen der Gefahr der Auslieferung, die ihm nach den Briefen seiner Stuttgarter Freunde drohte. Dem Wirth im Viehhof, bei welchem er gemeinschaftlich mit Streicher Kost und Logis fr den Tag bedungen batte [hatte], nannte er sich Doctor Schmidt. Statt inde, wie er dem Theaterregisseur Meier versprochen hatte, die Umarbeitung des "Fiesko" sogleich anzufangen, beschftigte ihn sein frher erwhntes brgerliches Trauerspiel, die "Luise Millerin." In den nchsten acht Tagen hatte er kaum sein Zimmer verlassen. Abends ging er nachsinnend in dem oft nur vom Mondlicht erhellten Zimmer auf und ab. Angenehm war es ihm dann, wenn das Clavierspiel seines Freundes Streicher durch bald lebhafte, bald melancholische Tne die Gefhle in ihm aufregte, durch die sein Trauerspiel rhren und erschttern sollte. Bei den darin auftretenden Personen lie er die Individualitt der Mannheimer Schauspieler nicht unbercksichtigt. Beck's Gattin, eine der liebenswrdigsten Knstlerinnen, sollte die Rolle der Luise bernehmen. Von dem Schauspieler Beil als Stadtmusikus Miller erwartete Schiller eine recht naive und drollige Auffassung dieses Charakters. Eine groartige Wirkung versprach er sich von dem Wechsel der komischen und tragischen Scenen in seinem Stck. Er interessirte sich fr seinen neuen dramatischen Stoff so lebhaft, da die Umarbeitung des "Fiesko" dadurch in den Hintergrund gedrngt ward. Bei diesem republikanischen Trauerspiel, wie er es nannte, hatte er ohnedie mit manchen Schwierigkeiten zu kmpfen, besonders hinsichtlich der noch unvollendeten Katastrophe. Er schwankte, ob er dem historischen Factum, nach welchem Fiesko durch einen Zufall in den Wellen seinen Tod fand, in seiner dramatischen Bearbeitung treu bleiben sollte. Beschleunigen mute er jedenfalls seine Arbeit. Seine Lage drngte ihn dazu. Er bedurfte aber auch der Zerstreuung, und fand sie, wenn er dann und wann seine Freunde in Mannheim besuchte. Gewhnlich bernachtete er dort. Aber auch in Oggersheim, wo es ihm nicht sonderlich gefiel, verhalf ihn der Zufall zur Bekanntschaft mit dem dortigen Kaufmann Derain, einem vielseitig gebildete Manne. Zwischen ihm und Schiller bildete sich ein Freundschaftsverhltni, und trauliche Gesprche verkrzten dem Dichter auf diese Weise die trben und neblichten Abende, die mit dem Anfang des November eintraten. In einem Briefe, den er am 6. des genannten Monats an seine Schwester Christophine schrieb, schilderte er ihr seine gegenwrtige Lage und Stimmung. Er entwarf in seinem Schreiben zugleich seinen Lebensplan fr die nchste Zukunft. Seinen Aufenthalt in Oggersheim wollte er mit Berlin vertauschen, wo er, wie er uerte, mit bedeutenden Empfehlungen versehen, sich eine ziemlich gesicherten Subsistenz als Schriftsteller zu grnden hoffte. Mit zarter Schonung, um seine Schwester nicht zu beunruhigen, hatte er in jenem Briefe seine Lage, so drckend sie auch war, in dem gnstigsten Lichte dargestellt. Durch allerlei weit ausschweifende Entwrfe fr die nchste Zukunft hatte er die um ihn besorgte Schwester zu trsten gesucht. Keiner von diesen Entwrfen ward jedoch realisirt, und die Reise nach Berlin, wo er sein Glck zu machen hoffte, ward wieder aufgegeben. Mit dem in's Reine geschriebenen Manuscript seiner Umarbeitung des Fiesko begab sich Schiller in der Mitte des November nach Mannheim, wo er sein Trauerspiel dem Theaterregisseur Meier bergab. Vergebens wartete er jedoch eine ganze Woche auf eine Antwort Dalbergs, die ihm in den nchsten Tagen versprochen worden war. Dadurch beunruhigt, entschlo er sich den 16. November 1782 an ihn selbst zu schreiben. In diesem Briefe, dem ersten, den er nach seiner Rckkehr aus Frankfurt an ihn richtete, meldete er zugleich, "da er im Viehhof zu Oggersheim unter dem Namen Schmidt logire," woraus hervorzugehen schien, da Dalberg bisher gar keine Notiz von ihm genommen. Um einige Auskunft zu erhalten, was er von seinem Trauerspiel zu erwarten habe, begab sich Schiller, von Streicher begleitet, nach Mannheim in Meiers Wohnung. Dieser empfing ihn mit sichtbarer Bestrzung. Ein wrtembergi[scher] Offizier, erzhlte Meier, habe sich bei ihm sehr angelegentlich nach Schiller erkundigt, doch von ihm den Bescheid erhalten, da ihm Schillers gegenwrtiger Aufenthalt gnzlich unbekannt sei. Bald nach diesem Bericht klingelte die Hausthr. Schiller verbarg sich mit Streicher in einem Cabinet, das durch eine Tapetenthr von dem Wohnzimmer getrennt war. Der Ankmmling war ein Hausfreund, der die wiederholten Erkundigungen des Offiziers, den er auf dem Caffeehause gesprochen, besttigte, ber die Uniform und Gestalt desselben jedoch nur unbestimmte Schilderungen entwarf, nach denen man auf keine bestimmte Person schlieen konnte. Meier war sehr besorgt um seine beiden Freunde, die, nachdem sie ihren Schlupfwinkel verlassen, noch einige Mal durch neue Ankmmlinge dahin zurckgescheucht wurden. In Mannheim zu bernachten, schien fr Schiller und Streicher ebenso gefhrlich, als nach Oggersheim zurckzukehren. Meier selbst konnte sich allerlei Verdru und Unannehmlichkeiten zuziehen, wenn es der Zufall fgte, da der Verfolgte in seiner Wohnung gefunden ward. Mit lebhaftem Dank ergriffen daher die beiden Freunde das Anerbieten einer Madame Curioni, in dem Palais des Prinzen von Baden, das unter ihrer Aufsicht stand, zu bernachten. Die prachtvollen, mit kostbaren Gemlden und Kupferstichen geschmckten Zimmer eines Frsten, die sie jetzt betraten, bildeten einen auffallenden Contrast mit ihrem rmlichen Logis in Oggersheim. Mit Anbruch des Tages wagte sich Streicher in Meiers Wohnung, um dort nhere Erkundigungen ber den Fremden einzuziehen, der sich so angelegentlich nach Schiller erkundigt hatte. Durch einen ihm bekannten Secretr des Ministers, Grafen von Oberndorf, hatte Meier bereits am frhen Morgen erfahren, da jener Offizier keine Auftrge von der Regierung gehabt habe. Auch war derselbe nach dem Meldezettel des Gastwirths, bei dem er logirt, schon am Abend wieder abgereist. Spterhin erfuhren die Freunde durch einen von Schillers Vater den 8. December 1782 an den Buchhndler Schwan in Mannheim gerichteten Brief, da der Offizier, der sich so angelegentlich nach Schiller erkundigt, einer seiner Jugendfreunde, der Lieutenant Kosewitz gewesen sei, der ihn auf seiner Durchreise hatte besuchen wollen. Beruhigt durch die Nachrichten, die ihm Streicher mitgetheilt, verlie Schiller das glnzende Palais, das ihm zum Asyl gedient hatte. Mit dem Theaterregisseur Meier besprach er ausfhrlich seine in mehrfacher Hinsicht unsichere und bedenkliche Lage. War auch seine Besorgnis grundlos gewesen, so drohte ihm bei einem lngern Aufenthalt in Mannheim doch immer Gefahr, so gern er auch, des Theaters wegen, noch einige Zeit dort geblieben wre. Lngst hatte er mit Sehnsucht die Entscheidung ber sein umgearbeitetes Trauerspiel erwartet. Er sah sich abermals in allen seinen Hoffnungen getuscht, als er den kurzen Bescheid erhielt, da die "Verschwrung des Fiesko" auch in ihrer jetzigen Gestalt fr die Bhne nicht brauchbar sei, folglich von der Theaterdirection nicht angenommen, und auch nichts dafr vergtet werden knnte. Keine Aussicht zeigte sich fr Schiller, als er jenes Schreiben gelesen, seine traurige Lage auch nur einigermaen zu erleichtern. Zwei Monate lang hatte er nutzlos Zeit und Krfte aufgeopfert, ohne durch Entbehrungen jeder Art seinem Schicksal eine andere Wendung geben zu knnen. Auf's Bitterste sah er sich getuscht durch einen Mann, den er bisher fr seinen Gnner gehalten. Mit leerer Brse, wie er vor zwei Monaten sein Vaterland verlassen, lie ihn der reiche Freiherr von Dalberg wieder aus Mannheim gehen. Durch conventionelle Rcksichten war vielleicht Dalberg abgehalten, einen entscheidenden Schritt fr Schiller zu thun, der gleichsam ein politischer Flchtling aus einem befreundeten Nachbarstaate war. Er mute ihn mglichst von sich entfernt halten, um sich nicht bei dem Herzog von Wrtemberg zu compromittiren. Um so groartiger war die Fassung, womit Schiller die engherzige Gesinnung und unwrdige Behandlung seines scheinbaren Gnners ertrug, der, ohne auf den Namen eines Beschtzers der Knste Verzicht zu leisten, den Dichter nicht geradezu von sich weisen konnte. Mehr wahrhafte Theilnahme an seinem harten Schicksal regte sich in einem weiblichen Herzen. In der Karlsschule war er mit Wilhelm von Wolzogen und dessen drei Brdern, und durch diese auch mit ihrer Mutter bekannt geworden. Von dieser hochherzigen Frau hatte Schiller, als er ihr den Entschlu seiner Flucht mitgetheilt, das Versprechen erhalten, ihm auf ihrem in Meiningen gelegenen Gute Bauerbach ein sicheres Asyl zu gewhren, wenn der Herzog von Wrtemberg Schritte thun sollte zur Verfolgung des Flchtlings. An jene edle Frau, die oft in Stuttgart verweilte, hatte er sich gewandt, und fand sich in seinen Erwartungen nicht getuscht. Seine Verhltnisse waren so drckend, da er den Augenblick, in eine einigermaen sorgenfreie Lage gesetzt zu werden, beschleunigen mute. Aus Noth hatte er seine Uhr verkaufen mssen. Die eilf Louisd'or, die er von dem Buchhndler Schwan in Mannheim fr sein dem Professor Abel gewidmetes Trauerspiel: "Die Verschwrung des Fiesko," erhalten, hatten kaum hingereicht, die seinem Hauswirth schuldige Summe zu tilgen, bei dem er eine Zeitlang auf Borg gelebt. Er mute sich aber auch mit den unentbehrlichsten Kleidungsstcken fr den Winter versehen, um die Reise nach Bauerbach antreten zu knnen. Aus Worms, wohin sie ihn von Oggersheim aus begleitet hatten, kehrten Streicher, Meier und einige andere Freunde Schillers wieder nach Mannheim zurck. Der Abschied von seinem treuen Streicher ward ihm dadurch erleichtert, da er dessen Gesellschaft schon einige Zeit hatte entbehren mssen, weil Streicher, um seinem Broderwerb nachzugehen, sich von Oggersheim nach Mannheim begeben hatte. In einem leichten Ueberrock, bei strenger Klte, trat Schiller die Reise nach Bauerbach an, begleitet von den besten Wnschen seiner Freunde, die sich mit dem Gedanken beruhigten, da Schiller, wenigstens fr die nchste Zeit, Mangel und Verfolgung nicht zu frchten habe. Im November 1782 war er auf dem der Frau von Wolzogen gehrenden Rittergute Bauerbach spt Abends angelangt. Er hatte einen Weg von sechsundfunfzig Stunden zurckgelegt. In der herrschaftlichen Wohnung fand er schon alles zu seinem Empfange bereitet. Eine ausfhrliche Schilderung seiner gegenwrtigen Lage, mit der er sehr zufrieden zu seyn schien, entwarf er dem Buchhndler Schwan in Mannheim in einem vom 8. December 1782 datirten Briefe. Er betrachtete sich in diesem Schreiben als einen Schiffbrchigen, der sich aus den Wellen mhsam emporgekmpft. Dringend legte er dem Empfnger seines Briefes die Bitte an's Herz, den Druck seines Trauerspiels, die "Verschwrung des Fiesko", mglichst rasch zu frdern. Nur das Verbot, Schriftsteller zu seyn, uerte Schiller, habe ihn aus wrtembergischen Diensten vertrieben; sollte er nun als Schriftsteller nicht bald in seinem Vaterlande etwas von sich hren lassen, so wrde man den Schritt, den er gethan, grund- und nutzlos finden. Auch seinem Freunde Streicher meldete Schiller gleichzeitig, den 8. Dezember 1782, seine Ankunft in Bauerbach, und entwarf auch ihm eine gnstige Schilderung seiner neuen Verhltnisse. In seiner Einsamkeit zu Bauerbach, unter einfachen Landleuten, entfernt vom Gerusch der Welt, das mit seinem in sich gekehrten Wesen und seiner oft trben Stimmung nicht harmonirte, fhlte sich Schiller anfangs sehr glcklich, wenn gleich die rauhe Natur des Orts mit ihren schroffen Felsenabhngen in ihm dann und wann eine schmerzliche Erinnerung an seine Heimath, an das gesegnete milde Schwaben hervorrief. Ein inniges Freundschaftsverhltni entstand bald nach Schillers Ankunft in Bauerbach zwischen ihm und dem Bibliothekar Reinwald in Meiningen, der sich spter mit Schillers ltester Schwester Christophine vermhlte. Mit diesem durch Geist und Herz ausgezeichneten Manne stand Schiller in fortgesetztem Briefwechsel. Bisweilen sahen sie sich in Bauerbach, in Meiningen oder an einem dritten Orte. In seinem lndlichen Asyl fehlte es ihm ohnedie an Personen, in deren Umgange er sich gefallen konnte. Dann und wann spielte er mit dem Verwalter des Guts eine Parthie Schach, oder begleitete ihn auf die Jagd, oder auf einem Spaziergange. Von Streicher getrennt, fhlte er schmerzlich, da ihm ein treuer theilnehmender Freund fehle, und oft ergriff ihn eine schwermthige Stimmung, die er in mehreren Briefen an Reinwald aussprach. Das Verhltni zu seiner Beschtzerin, der Frau von Wolzogen, wenn auch mitunter durch Schillers Reizbarkeit getrbt, hatte sich noch immer in seiner ursprnglichen Reinheit erhalten. Er war ihr in mehrfacher Hinsicht Dank schuldig, unter andern dafr, da sie whrend ihres Aufenthalts in Stuttgart seine um ihn bekmmerten Eltern ber sein Schicksal beruhigt hatte. Sehr erfreut hatte sie ihn durch Nachrichten von seiner Familie. Namentlich hatte sie ihm die Genesung seiner Mutter gemeldet, an der er mit inniger Liebe hing. Schiller war nicht undankbar. Um die zarte Aufmerksamkeit, die sie ihm bewies, einigermaen zu erwiedern, verherrlichte er den Tag, an welchem Frau von Wolzogen im Mai 1783 aus Stuttgart wieder nach Bauerbach zurckkehrte, durch allerhand lndliche Festlichkeiten. Einen nicht unwesentlichen Antheil der wahrhaft kindlichen Liebe Schillers zu der edlen Frau, die sich seiner so edelmthig angenommen, hatte die in ihm aufkeimende Neigung, die er fr ihre Tochter Charlotte empfand. Um so grer war seine Bestrzung bei der Nachricht, da ein Adlicher aus Stuttgart neben ihm, dem drftigen Flchtling, als Bewerber um Charlottens Hand aufgetreten sei. Ihm drohte selbst, wenn jener Herr in Meiningen blieb, vielleicht Gefahr, entdeckt zu werden. Besorgnisse dieser Art schlummerten nie ganz in seiner Seele. Ein Brief an seine mtterliche Freundin vom 30. May 1783 schilderte den leidenschaftlichen Zustand, in dem er sich befand. Er uerte in seinem Schreiben sogar den Entschlu, geradezu nach Weimar zu gehen, wenn sich die Nachricht besttigen sollte, da jener Stuttgarter Herr in Meiningen angekommen wre. So ward durch eine Leidenschaft, die er bei seinen unbestimmten Aussichten unterdrcken mute, Schillers literarische Thtigkeit gestrt. Es war fr ihn ein Glck, da eine Ortsvernderung seinem Schicksal eine andere Wendung gab. Sein aufgelstes Verhltni zu dem Freiherrn von Dalberg schien sich wieder anknpfen zu wollen. Wiederholt hatten die Mitglieder des Mannheimer Theaterausschusses, bei denen Schiller noch in gutem Andenken stand, den Wunsch geuert, da die "Verschwrung des Fiesko" aufgefhrt werden mchte. Viel versprachen sie sich auch, nach der Schilderung, die ihnen Streicher davon entworfen hatte, von einer Vorstellung der "_Luise Millerin_." Dies Trauerspiel hatte Schiller bereits im Februar 1783 beinahe vollendet. Bald nachher, im Mrz, erkundigte sich Dalberg schriftlich, ob Schillers neues Stck sich nicht vielleicht zu einer Vorstellung auf den [der] Mannheimer Bhne eignen mchte. In einem Briefe Schillers vom 3. April entschuldigte er seine versptete Antwort damit, da er mit dem Buchhndler Weygand in Leipzig verhandelt, doch wegen des Honorars sich nicht habe vereinigen knnen. Hflich, und ohne ohne [] die mindeste Empfindlichkeit zu verrathen, schrieb er an den Mann, der ihn bitter getuscht hatte. In Bezug auf sein Trauerspiel, die "Luise Millerin", bemerkte Schiller: "Auer der Vielfltigkeit der Charaktere und der Verwicklung der Handlung, der vielleicht allzufreien Satyre und Verspottung einer vornehmen Narren- und Schurkenart, habe sein Stck noch den Mangel, da Komisches mit Tragischem, Laune mit Schrecken wechselten, und obschon die Entwicklung tragisch genug sei, doch einige lustige Charaktere und Situationen hervorragten." In eben diesem Briefe meldete er, da er sich mit einem neuen Trauerspiel, dem Don Carlos beschftige, von dem er sich eine groartige Wirkung versprach. Auch beabsichtigte er eine dramatische Bearbeitung der Geschichte Conradins von Schwaben. Die Idee, Maria Stuart zur Heldin einer Tragdie zu whlen, gab er wieder auf, und realisirte sie erst in spteren Lebensjahren. Einer anregendern Umgebung, wie sie ihm sein einsamer Aufenthalt in Bauerbach darbieten konnte, bedurfte Schiller, um die genannten dramatischen Entwrfe auszufhren. Abgesehen davon, da die Nhe eines guten Theaters seinem Talent sehr frderlich seyn mute, zeigten sich ihm auch Aussichten, seine konomischen Verhltnisse zu verbessern, wenn es ihm gelang, seine "Luise Millerin", vielleicht auch seinen "Fiesko", in Mannheim auf die Bhne zu bringen. Von seiner dortigen Anwesenheit hoffte er, da ihm dies gelingen werde. Ein drckendes Gefhl war es ohnedies fr ihn, noch lnger von den Wohlthaten Anderer zu leben. Er frchtete seiner unbemittelten Gnnerin auf die Dauer zur Last zu fallen. Schiller trstete sie und ihre Tochter Charlotte, die ihm die Trennung erschwerte, durch die Hoffnung einer baldigen Rckkehr nach Bauerbach, als er nach siebenmonatlichem Aufenthalte in der zweiten Hlfte des Juli 1783 seine Reise nach Mannheim antrat. Am 27. Juli kam er dort an. Gro war Schillers Freude, seinen treuen Streicher wieder zu finden. Der Theaterregisseur Meier verschaffte ihm neben dem Schloplatz fr einen billigen Preis eine freundliche Wohnung. Wie seine Verhltnisse in Mannheim sich gestalten wrden, lie sich nicht voraussehen, da der Freiherr von Dalberg von einer damaligen Reise nach Holland noch nicht wieder zurckgekehrt war. Mehrere Schauspieler hatten Urlaub genommen, und Schiller konnte von der Anschauung des Theaters um so weniger Vortheil ziehen, da bei der damaligen Anwesenheit der Churfrstin und des Herzogs von Zweibrcken wenig bedeutende Stcke aufgefhrt wurden, "nur Alttagscomdien, wie sie der Geschmack der hohen Herrschaften verlangte." So uerte sich Schiller selbst hierber in einem Briefe vom 11. August 1783. Seine literarische Thtigkeit ward gehemmt durch die unertrgliche Hitze und durch Zerstreuungen jeder Art. Er glaubte die Zeit, die er in Mannheim zubrachte, als eine verlorene betrachten zu mssen. In einem Briefe an Frau von Wolzogen schilderte er die Sehnsucht nach seinem einsamen Aufenthalt in Bauerbach. Er wnschte recht bald wieder dahin zurckkehren zu knnen, und meldete, wie er sich schon einiges Reisegeld erspart habe. Unterde war Dalberg wieder in Mannheim angelangt. Schiller traf ihn im Theater, und ward von ihm mit Auszeichnung behandelt. Zu dem Manne, der ihn so bitter getuscht, konnte er zwar kein sonderliches Vertrauen mehr haben. Er entschied sich inde, nach einiger Ueberlegung, zur Annahme der erneuerten Vorschlge, die ihm Dalberg in Bezug auf eine Anstellung als Theaterdichter aus freiem Antriebe machte. In einem Briefe vom 11. September 1783 machte Schiller die Bedingungen namhaft, unter denen er sich bei der Mannheimer Bhne angagirt hatte. "Erstens", schrieb er, "bekommt das Theater von mir drei neue Stcke, den Fiesko, meine Luise Millerin, und ein drittes, da ich innerhalb meiner Vertragszeit machen mu. Zweitens: der Contract dauert eigentlich ein Jahr, nmlich vom 1. September dieses Jahres bis zum letzten August des nchsten. Ich habe mir aber die Erlaubni ausbedungen, die heieste Jahreszeit, meiner Gesundheit wegen, anderswo zuzubringen. Drittens erhalte ich fr dieses eine fixe Pension von 300 Fl. Auerdem bekomme ich von jedem Stck, da ich auf die Bhne bringe, die ganze Einnahme der Vorstellung, die ich selbst bestimmen kann. Dann gehrt das Stck dennoch mein, und ich kann es nach Gefallen verkaufen oder drucken lassen." Hierauf verzichtete Schiller spterhin, und erhielt im Ganzen ein Fixum von 500 Fl. Ueber den auf diese Weise abgeschlossene Contract, der ihm neben der Vervollkommnung in seiner Kunst, zugleich Aussichten erffnete, seine konomischen Verhltnisse zu verbessern, empfand Schiller eine ungemeine Freude. Sein Gemth war ruhiger, seine Stimmung heiterer geworden. Dies zeigten mehrere Stellen in einem damaligen Briefe an Frau von Wolzogen. Begeistert von der sehr gelungenen Vorstellung seiner "Ruber", bei berflltem Schauspielhause, widmete er sich mit Eifer seinem "Fiesko". Er ward jedoch in der Umarbeitung dieses Trauerspiels bald gestrt. Wiederholte Rckflle eines kalten Fiebers, das ihn in der Mitte des Augusts ergriff, schwchten seinen Krper in solchem Grade, da er, nach seinem eignen Gestndnisse, durch starke Dosen China seine Krfte einigermaen strken mute. Zu diesem physischen Leiden trat seine unausgesetzte Geistesanstrengung, die ihn vllig erschpfte. Nicht grundlos schien seine Besorgnis, "da diese Krankheit ihm vielleicht fr Zeitlebens einen Sto versetzen mchte." Durch den bermigen Gebrauch der China hatte er seinen Magen sehr geschwcht, und er mute eine uerst einfache Dit beobachten, um den Krankheitsstoff nicht zu nhren. Einen nachtheiligen Einflu auf seine Gesundheit uerten manche Unregelmigkeiten, zu denen er wider seinen Willen verleitet ward. Obgleich er seinen Umgang nur auf Dalberg's Haus und auf die Wohnung des ihm befreundeten Buchhndlers Schwan beschrnkte, konnte er sich doch dem Verkehr mit den Schauspielern, den Einladungen mehrerer Familien Mannheims, den Besuchen von Fremden nicht ganz entziehen. Durch seine neunwchentliche Krankheit hatte er, nach seinem eigenen Gestndni, wenigstens dreiig Dukaten eingebt. Um sich von seinen Schulden zu befreien, mute er in stiller Zurckgezogenheit sich mit verdoppeltem Eifer seinen literarischen Beschftigungen widmen. Er ward jedoch davon hufig abgelenkt durch Ausflge in die Umgegend, nach Oggersheim, Schwetzingen, Speier und andern Orten. Inde brachten ihm jene kleinen Reisen wieder den Vortheil, da sie ihm zu manchen interessanten Bekanntschaften verhalfen, zu denen unter andern Wielands Jugendfreundin, die geistreiche Schriftstellerin Sophie la Roche gehrte. Selten wich jedoch der durch seine Krankheit erzeugte Mimuth gnzlich von ihm. In eine heitere Stimmung versetzte ihn in der Mitte des Novembers 1783 der unerwartete Besuch des Professors Abel aus Stuttgart und eines andern Landsmannes. Kurz zuvor, an seinem Geburtstage, den 11. November, hatte er einige Flaschen Burgunder zum Geschenk erhalten, und er freute sich, seine Gste beim Mittag- und Abendessen festlich bewirthen zu knnen. Obgleich er sich nicht sonderlich wohl befand, lie er sich dadurch nicht abhalten, seine Landsleute in der Stadt umherzufhren. Lebhaft schilderte er in einem Briefe an Frau von Wolzogen, wie schnell ihm bei jenem Besuch die Zeit verflossen, und wie er und seine Freunde vor lauter Erzhlen und Fragen kaum htten zu Athem kommen knnen. Solche frohe Momente wurden fr Schiller wieder getrbt durch seine traurige, sorgenvolle Lage. Noch immer krperlich leidend, durfte er keine geistige Anstrengung scheuen, um sich die Mittel zu einer leidlichen Subsistenz zu verschaffen, um nur mit einigem Anstande leben zu knnen. Nicht unbedeutend war die Summe, die er zur Tilgung seiner Schulden brauchte. Die Ungeduld der Theaterdirection und die Erwartungen des Publikums mute er in Bezug auf seinen "Fiesko" zu befriedigen suchen. Die Trauerspiel, wie spterhin auch seine "Luise Millerin" oder "Cabale und Liebe", ward von ihm fr die Bhne umgearbeitet. Das Manuscript der "Verschwrung des Fiesko" empfing der Freiherr v. Dalberg in der Mitte des December 1783 aus Schillers Hnden. Mehrere Proben waren nthig, um die republikanische Trauerspiel auf die Bhne zu bringen. Am 17. Januar 1784 ward es aufgefhrt, und die Carnevalsbelustigungen gewissermaen mit diesem Stck erffnet. Nicht unwichtige Aufschlsse ber die Theaterbearbeitung des "Fiesko", die sich von dem frher gedruckten Trauerspiel wesentlich unterschied, wie es in Schillers Werke aufgenommen worden, gab ein wenig bekanntes Avertissement, welches Schiller, wie er es schon bei den "Rubern" gethan, neben den Anschlagszettel drucken lie. Man findet diese "Erinnerung an das Publikum" in den von K. Hoffmeister herausgegebenen Nachtrgen zu Schillers Werken. Auch in der vernderten Gestalt, die der Dichter diesem Trauerspiel gegeben hatte, blieb es in Bezug auf die theatralische Wirkung hinter den "Rubern" zurck, ungeachtet Bck als Fiesko, Iffland als Verrina und Beil als Mohr bei der Darstellung des Stcks ihr ganzes Knstlertalent aufboten. Schiller selbst meinte in einem Briefe an Reinwald vom 4. May 1784, das Publikum habe sein Trauerspiel gar nicht verstanden. "Republikanische Freiheit", schrieb er, "ist hier zu Lande ein Schall ohne Bedeutung, ein leerer Name. In den Adern der Pflzer fliet kein rmisches Blut." Auf Ifflands Vorschlag war es geschehen, da Schillers Trauerspiel: "Luise Millerin" von ihm "Cabale und Liebe" genannt ward. Der Vorstellung dieses Stcks wohnte Schiller in einer Loge bei, die er sich mit Streicher gemiethet hatte. Vom Publikum ward die Trauerspiel sehr gnstig aufgenommen. Ein lauter Beifallsruf ertnte bei einzelnen Scenen, besonders am Schlu des zweiten Acts. Als der Vorhang fiel, wiederholte sich jener Beifallsruf, und Schiller, der whrend der Vorstellung in sich gekehrt neben seinem Freunde gesessen und nur wenige Worte gewechselt hatte, fhlte sich dadurch so berrascht, da er aufstand und sich gegen das Publikum verneigte. Die Darstellung seines Trauerspiels und die gnstige Aufnahme, die es gefunden, gab dem Dichter ein erhhtes Selbstgefhl. Jetzt erst glaubte er seinen Eltern und seiner von Besorgnis um ihn fortwhrend gequlten Mutter entgegen treten zu knnen. Seinen Vater hatte er gekrnkt, als er den Plan entschieden verworfen, nach welchem jener sich an den Herzog von Wrtemberg wenden, und um die Rckkehr seines Sohnes in dessen Dienste bitten wollte. Nach einem Briefe, den Schiller am 1. Januar 1784 an seine Schwester Christophine geschrieben, hatte er einen solchen Schritt mit seinem Ehrgefhl fr unvertrglich gehalten. In Bretten, einem auerhalb der wrtembergischen Grenze gelegenen Stdtchen, traf Schiller, bald nach der Vorstellung von "Cabale und Liebe", mit seiner Mutter und seiner ltesten Schwester Christophine zusammen, und nahm mit schwerem Herzen von ihnen Abschied. Seine trbe Stimmung erheiterte sich, als er, wieder in Mannheim angelangt, mit Iffland und Beil nach Frankfurt am Main reiste. Dorthin waren die genannten Mitglieder der Mannheimer Bhne eingeladen worden, um Gastrollen zu geben. Sie traten unter andern in "Cabale und Liebe" und in dem Ifflandschen Schauspiel "Verbrechen aus Ehrsucht" auf, und fanden groen Beifall. In einem Briefe vom 1. May 1784 meldete Schiller dem Freiherrn v. Dalberg "den Triumph, den die Mannheimer Schauspielkunst in Frankfurt erhalten." Iffland und Beil htten unter den besten dortigen Schauspielern "hervorgeragt, wie der Jupiter des Phidias unter Tncherarbeiten." Zu den interessantesten Bekanntschaften die Schiller in Frankfurt am Main machte, gehrte die als Schauspielerin spterhin hochgefeierte Sophie Albrecht. In einem seiner damaligen Briefe rhmt er ihr zur innigsten Theilnahme geschaffenes Herz. Sie sei erhaben gewesen ber den Kleinigkeitsgeist der gewhnlichen Cirkel, und voll edlen, reinen Gefhls fr Wahrheit und Tugend. Seiner mannigfachen Zerstreuungen ungeachtet, erinnerte sich Schiller des Verbrechens, das er seiner Mutter in Bretten gegeben hatte, sich um eine feste Anstellung zu bewerben. In seiner unsichern Lage kam ihn eine Aufforderung Dalbergs sehr gelegen. Das Frhjahr 1784 war verflossen, und noch immer war Schiller nicht mit sich einig ber den Stoff zu einem neuen Trauerspiel, welches er contractmig noch in dem laufenden Jahre liefern mute. Seine zweifelhafte Produktivitt machte den Freiherrn v. Dalberg bedenklich, den Contract mit ihm zu erneuern. Vielleicht war es weniger Theilnahme an seinem Schicksal, als der Wunsch, sich seiner zu entledigen, wodurch Dalberg sich bewogen fand, ihm zu rathen, da er sich wieder zum Studium der Medicin wenden mchte, um sich die Mittel zu seiner Subsistenz zu sichern. Wenigstens erfllte jener vermgende Mann Schillers Bitte nicht, ihm eine mige Summe vorzuschieen, damit er auf der Universitt Heidelberg das in seinem Fache Versumte oder Vergessene wieder nachholen knnte. Damit hoffte er in einem Jahre fertig zu werden. So zerschlug sich dieser, auch spter von ihm noch wieder aufgegriffene Plan. In einem seiner damaligen Briefe gestand Schiller offen, da sein eignes Herz ihn schon lngst zur Medicin zurck gezogen habe. Er meinte, da frher oder spter sein Feuer fr die Dichtkunst erlschen wrde, wenn sie seine Brodwissenschaft bliebe, da sie dagegen neuen Reiz fr ihn haben mte, wenn er sie nur als Erholung gebrauchte und ihr nur seine reinsten Augenblicke widmete. "Dann nur," schrieb er, "kann ich mit ganzer Kraft und immer regem Enthusiasmus Dichter seyn, dann nur hoffen, da meine Leidenschaft und Fhigkeit fr die Kunst durch mein ganzes Leben fortdauern werde." Was ihm bisher in der Ausbung jener Kunst und in der Theorie derselben dunkel vorgeschwebt, sprach Schiller klar und unumwunden aus in dem von ihm verfaten Aufsatze: "Was kann eine gute stehende Schaubhne wirken?" Diesen Aufsatz, dem er frher den vernderten Titel gab: "Die Schaubhne als eine moralische Anstalt betrachtet," hatte er am 26. Juni 1784 in einer ffentlichen Sitzung der churpflzischen deutschen Gesellschaft vorgelesen, deren Mitglied er bereits im Februar des genannten Jahres geworden, und dadurch mit mehreren Gelehrten und angesehenen Personen Mannheims in nhere Verbindung getreten war. Manche Vortheile, unter andern die Benutzung der churfrstlichen Bibliothek, waren mit seinem Eintritt in jenes Institut verbunden. Ein Honorar von drei Dukaten fr den gedruckten Bogen ward den Mitgliedern der Gesellschaft fr ihre Aufstze gewhrt, und auerdem jhrlich eine goldene Medaille, funfzig Dukaten an Werth, fr die Lsung einer aufgegebenen Preisfrage bestimmt. Angenehm fhlte sich Schiller berrascht, als er bei der ihm bertragenen Durchsicht mehrerer eingegangener Aufstze in einem derselben die Handschrift seines Jugendfreundes Petersen erkannte. Er freute sich sehr, als es ihm durch eine detaillirte Kritik und Vergleichung zweier Abhandlungen, die auf den Preis Anspruch machen konnten, gelang, diesen Preis seinem Freunde zuzuwenden. "Das ist," schrieb er an ihn, "mein geringes Verdienst; aber ich gestehe Dir offen, nicht der Rcksicht auf unsere Bekanntschaft, blos meiner Ueberzeugung hast Du jenen Preis zu danken. Eben das wrde ich einem Fremden gethan haben. Deine Abhandlung ist vortrefflich." Die in diesem ziemlich ausfhrlichen Briefe enthaltenen Aeuerungen lieferten einen schnen Beweis, wie sich in Schillers Charakter Freundschaft, Aufrichtigkeit und Pflicht harmonisch vereinigten. Eine sehr angenehme und fruchtbare Uebung fr seine mssigen Stunden versprach sich Schiller, nach seinen eigenen Worten in einem am 29. Sept. 1784 geschriebenen Briefe, von der Beantwortung dramaturgischer Preisfragen. Diese Fragen wurden von Dalberg jhrlich aufgegeben, und die Mitglieder der Mannheimer Bhne sollten darin gewissermaen Rechenschaft ablegen ber ihre Kunst und ihr Spiel. Selbst fr den dramatischen Dichter, meinte Schiller, knnte die Vergleichung mehrerer Aufstze ber denselben Gegenstand in mehrfacher Hinsicht belehrend seyn. Schiller fand sich dadurch veranlat zur Herausgabe einer dramaturgischen Monatsschrift, welche Recensionen und Antikritiken der theatralischen Vorstellungen liefern sollte. Ein aus sechs Mitgliedern der Gesellschaft gebildeter Ausschu, zu welchem Dalberg und er selbst gehrten, sollte die Beurtheilungen bernehmen. Einen ausfhrlichen Entwurf jenes vielversprechenden Plans enthielt ein von Schiller an Dalberg gerichteter Brief, datirt vom 2. Juli 1784. Die Ausfhrung unterblieb jedoch, weil die Theaterdirektion sich nicht dazu verstehen wollte, den von Schiller verlangten jhrlichen Zuschu von funfzig Dukaten zu verwilligen. Mehrere dramatische Plne wurden von Schiller wieder verworfen. Er konnte zu keinem bestimmten Entschlu kommen, was fr einen Stoff er zur Bearbeitung whlen sollte. Mehrmals dachte er an einen zweiten Theil der "Ruber," in welchem die Dissonanzen dieses Schauspiels aufgelst werden sollten. Den frher erwhnten Plan, Conradin von Schwaben zum Helden einer Tragdie zu whlen, hatte er wieder aufgegeben. Mitunter kam ihn die Idee, auslndische Meisterwerke fr die Bhne zu bearbeiten, unter andern Shakspeare's Macbeth und Timon von Athen. Es schien ihm aber damit so wenig Ernst zu seyn, als mit der in einem Briefe vom 24. August 1784 geuerten Hoffnung: "durch Verpflanzung der classischen Tragdien Corneille's, Racine's, Crebillon's und Voltaire's auf den deutschen Boden, der Bhne eine wichtige Eroberung zu verschaffen." Bereits am 7. Juni 1784 hatte er dem Freiherrn v. Dalberg in einem Briefe offen gestanden, da er mehr als jemals in Verlegenheit sei wegen der Wahl eines neuen dramatischen Stoffes. Mit Begeisterung ergriff er zum zweiten Mal die schon frher durch St. Real's Novelle in ihm geweckte Idee, den Don Carlos zum Helden eines Trauerspiels zu whlen. Die dramatische Bearbeitung dieses Stoffes nthigte ihn zu manchen historischen Vorarbeiten, denen er sich mit groem Eifer widmete. Nach seinen brieflichen Aeuerungen wollte er in seinem neuen Trauerspiel vllig heraustreten aus dem dramatischen Kreise, in welchem er sich bisher bewegt hatte. Er wollte etwas ganz Anderes, und wo mglich weit Vollkommneres liefern. Ein erhebendes Selbstgefhl bemchtigte sich seiner Seele whrend der Beschftigung mit seinem neuen Trauerspiel, von welchem er sich eine groartige Wirkung versprach. Nach seinen eigenen Aeuerungen wollte er "nichts weniger als ein politisches Stck, sondern vielmehr ein Familiengemlde aus einem frstlichen Hause liefern." Beschftigt mit seiner neuen dramatischen Arbeit, konnte er oft kaum die Abendstunde erwarten, um seinem treuen Streicher, der sich noch immer in Mannheim befand, die im Laufe des Tages gedichteten Scenen des Don Carlos vorzulesen. Aus dem Reich der Ideen ward Schiller jedoch bald wieder in die wirkliche Welt zurckgescheucht. Seine Stuttgarter Schuld hatte er noch immer nicht tilgen knnen, und der Gedanke einer Mahnung hatte ihn oft beunruhigt. In Schrecken versetzte ihn nun die Nachricht, da der Freund, der sich fr ihn verbrgt hatte, und von dem ungestmen Glubiger hart gedrngt worden war, sich aus Stuttgart nach Mannheim geflchtet hatte. Dort war er ergriffen und verhaftet worden. Schiller befand sich, als er die erfuhr, in der uersten Unruhe und Verlegenheit. Er wute nicht, wie er die Summe von 200 Fl. auftreiben sollte, um seinem edelmthigen Freunde zu helfen und ihn aus seiner Haft zu befreien. An seine Eltern, abgesehen davon, da sie unbemittelt waren, sich in seiner Noth zu wenden, widerstrebte seinem Stolz. Von Dalberg konnte er, nach frhern Erfahrungen, kaum Hlfe erwarten. Ein unvermgender, aber edelmthiger Mann ward sein Retter. Der Baumeister Hlzel, in dessen Hause er wohnte, und der ihn sehr schtzte, bewilligte ihm ein Darlehn von 200 Fl. Um diese neue Last von sich abzuwlzen, mute Schiller an eine Vermehrung seines Einkommens denken, das bisher kaum hingereicht hatte, seine nothwendigsten Bedrfnisse zu bestreiten. Er entwarf, nachdem sein frheres Project einer Dramaturgie sich zerschlagen, den Plan zur Herausgabe einer Zeitschrift, die ebenfalls vorzugsweise die Bhne und ihre Vorstellungen, nebenher aber auch andere wissenschaftliche Gegenstnde bercksichtigen sollte. Durch eine ffentliche Ankndigung, die er in das von Gckingk herausgegebene Deutsche Museum einrcken lie, machte Schiller das Publikum mit dem Plan seiner neuen Zeitschrift bekannt. Sie fhrte den Titel: "Rheinische Thalia." In jener Ankndigung warf sich Schiller dem Publikum mit Vertrauen in die Arme durch die offenherzige Mittheilung seiner Jugendgeschichte, seiner Begeisterung fr Dichtkunst und seiner bisher erlebten trben Schicksale. "Ich schreibe," uerte er, "als Weltbrger, der keinem Frsten dient. Frh verlor ich mein Vaterland, um es gegen die groe Welt zu vertauschen. Nunmehr sind alle meine Verbindungen aufgelst. Das Publikum ist mir jetzt Alles, mein Studium, mein Souverain, mein Vertrauter. Ihm allein gehre ich ganz an. Vor diesem und keinem andern Tribunal werde ich mich stellen. Dieses nur frcht' ich und verehr' ich. Etwas Groes wandelt mich an bei der Vorstellung, keine andern Fesseln zu tragen, als den Ausspruch der Welt, an keinen andern Thron zu appelliren, als an die menschliche Seele." Seinen Aufsatz schlo Schiller mit den Worten: "Den Schriftsteller berhpfe die Nachwelt, der nicht mehr war, als seine Werke--und gern gesteh' ich, da bei der Herausgabe dieser Thalia es meine vorzgliche Absicht war, zwischen dem Publikum und mir ein Band der Freundschaft zu knpfen." Durch seinen hufigen Theaterbesuch erhielt sich in Schiller das Interesse fr dramatische Kunst, das ihm auch bei der Beschftigung mit dem "Don Carlos" sehr frderlich war. Neben der Herausgabe der "Rheinischen Thalia" nahm die Trauerspiel Schillers Geisteskrfte fast unausgesetzt in Anspruch. Aber auch sein Herz verlangte Befriedigung. Er sehnte sich nach freundschaftlicher Mittheilung und inniger Theilnahme, die er seit seinem Aufenthalt in Bauerbach mehr oder minder zu vermissen glaubte. Seine immer rege Phantasie entwarf sich ein reizendes Bild von den stillen Freuden des huslichen Lebens. Nur in einem solchen Verhltnis glaubte er, nach mehreren Stellen in seinen damaligen Briefen, die Ruhe und Heiterkeit zu finden, die seine angestrengten Kopfarbeiten nothwendig verlangten. In einem Briefe an seinen Jugendfreund Zumsteg, der sich damals unlngst verheirathet, hatte Schiller zwar gemeint, "da ihn selbst ein solcher Schritt von der Bahn seines Glcks ablenken, und da berdie sein ungestmer Kopf und sein warmes Blut jetzt noch keine Frau glcklich machen wrden." Dieser Aeuerungen ungeachtet bewarb er sich in einem Schreiben an Frau v. Wolzogen vom 7. Juny 1784 um die Hand ihrer Tochter Charlotte. Schillers Heirathsantrag, von welchem ihn seine noch immer unsichere und keineswegs sorgenfreie Lage htte abhalten sollen, blieb unerwiedert oder vielmehr unbeachtet. Sein fr Liebe empfngliches Herz mute einen andern Gegenstand seiner Neigung suchen. Er fand ihn in der damals neunzehnjhrigen Tochter seines Freundes, des Buchhndlers Schwan, Margarethe mit Namen, einem schnen und vielseitig gebildeten Mdchen. Schiller fhlte sich glcklich in dem Gefhl der Liebe. Aber eine ruhige Uegerlegung [Ueberlegung] untersagte ihm, irgend weitere Schritte in seiner Herzensangelegenheit zu thun. Einer weiblichen Hand htte er brigens wohl bedurft, um seinen zerrtteten Haushalt einigermaen in Ordnung zu erhalten. In seinem Zimmer lagen Kleider, Wsche, Bcher in solcher Verwirrung umher, da er gewhnlich das, was er suchte, nicht finden konnte. An kleinliche und alltgliche Dinge zu denken, erlaubte ihm die poetische Begeisterung nicht, in der er sich fast unausgesetzt befand. Er behalf sich mit einem krglichen Mittagsmahl, und lebte, mit Ausnahme der sogenannten Ehrenausgaben, die seine geselligen Verbindungen unbedingt zu fordern schienen, im Allgemeinen sehr mig. Aber seine Einknfte hatten sich so wenig verbessert, da er oft nicht wute, wie er die nthigsten Ausgaben fr die nchste Woche, ja oft fr den nchsten Tag bestreiten sollte. Schillers Sinn fr edle Freundschaft fand Nahrung in dem Umgange mit der Frau v. Kalb, die mit ihrem Gatten, der als Offizier in franzsischen Diensten in dem nordamerikanischen Freiheitskriege gefochten, im August 1784 Mannheim zu ihrem Wohnort gewhlt hatte. Schiller nannte sie in einem Briefe an Dalberg "eine vortreffliche Person, die ohne aus ihrem Geschlecht zu treten, sich glnzend darin auszeichne." Jedenfalls bte Charlotte v. Kalb als eine vielseitig gebildete Dame durch das freundschaftliche Verhltni, in welchem Schiller zu ihr stand, einen sehr gnstigen Einflu aus auf des Dichters Haltung im geselligen Leben. Nicht viel fehlte jedoch daran, da ein Zufall das unlngst angeknpfte Freundschaftsverhltni wieder aufgelst htte. Schiller hatte der Frau v. Kalb einige Scenen aus seinem damals noch unvollendeten "Don Carlos" vorgelesen. Verletzt aber mute er sich fhlen, als er sie um ihr Urtheil bat, sie einer bestimmten Antwort auswich, und endlich unumwunden erklrte: "Das sei das Schlechteste, was er je geschrieben." Befremdet und entrstet ber diese Aeuerung, nahm Schiller Hut und Stock, und entfernte sich schnell. Die heftige und strmische Art seiner Declamation, die ihm schon frher ein hnliches Migeschick bereitet hatte, war die Ursache des harten Urtheils gewesen, welches Frau v. Kalb gnzlich wieder zurck nahm, als sie das Manuscript des "Don Carlos" fr sich gelesen hatte. Das gute Vernehmen mit jener fein gebildeten Dame war auf diese Weise wieder hergestellt. Schiller hatte fr sie sogar die Aufmerksamkeit, bei der nchsten Vorstellung von Cabale und Liebe den Namen des darin auftretenden Hofmarschalls v. Kalb umndern zu wollen, was jedoch seine Freundin, von einem richtigen Urtheil und Gefhl geleitet, nicht zugab. Auch auerhalb Mannheim hatte Schillers ausgezeichnetes Talent ihm Freunde und Verehrer erworben. Am 7. Juni 1784 erhielt er ein Paket aus Leipzig von vier ihm gnzlich unbekannten Personen, deren Briefe sich mit Begeisterung ber ihn und seine Gedichte uerten. Er fand in jenem Paket, auer einer hchst geschmackvoll gestickten Brieftasche, die Composition eines Liedes aus seinen "Rubern" und vier Portraits, unter denen sich zwei schne Frauengesichter befanden. Die Personen, die ihm diese Ueberraschung bereitet hatten, waren F. Huber, C. G. Krner, der Vater des bekannten Dichters, Minna Stock, Krners Braut, und deren Schwester Dora. In einem damaligen Briefe an Dalberg gestand Schiller, da ihm "der lauteste Beifallsruf der Welt kaum schmeichelhafter gewesen wre, als die Geschenk von fremden Menschen, die dabei kein anderes Interesse gehabt htten, als ihm fr einige frohe Stunden, die er ihnen bereitet, zu danken." Aehnliche Aeuerungen enthielt ein Schreiben Schillers an seine mtterliche Freundin, Frau v. Wolzogen. Schiller schlo seinen Brief mit der charakteristischen Aeuerung: "Wenn ich mir denke, da in der Welt vielleicht noch mehr solche Cirkel sind, die mich unbekannt lieben, und sich freuen, mich kennen zu lernen; da vielleicht in hundert und mehr Jahren, wenn mein Staub lange verwest ist, man mein Andenken segnet, und mir noch im Grabe Thrnen und Bewunderung zollt, dann freue ich mich meines Dichterberufs und vershne mich mit Gott und meinem oft harten Verhngni." Mit seinen Freunden, die damals smmtlich in Leipzig lebten, trat Schiller in einen fortgesetzten Briefwechsel, und knpfte daran die Hoffnung, durch eben diese Freunde vielleicht seinen noch immer hchst ungnstigen Verhltnissen entrissen zu werden. Durch die Ernennung zum Rath, die er dem Herzog Carl August von Sachsen- Weimar verdankte, schienen sich fr Schiller Aussichten auf eine erfreulichere Zukunft zu erffnen. Lngst schon hatte Schiller gewnscht, jenem als Freund und Beschtzer der Wissenschaften gepriesenen Frsten persnlich bekannt zu werden. Als der Herzog 1785 die landgrfliche Familie in Darmstadt besuchte, ergriff Schiller die Gelegenheit, sich ihm vorstellen zu lassen. Sein Wunsch, den ersten Act des "Don Carlos" bei Hofe vorzulesen, ward dem berhmten jungen Dichter gern gewhrt. Dem entschiedenen Beifall, den sein neues Trauerspiel fand, verdankte er die vorhin erwhnte Auszeichnung. Ein gesteigertes Selbstgefhl schien sich Schillers durch die ihm verliehene Auszeichnung bemchtigt zu haben. Einen Beweis dafr lieferten die scharfen Theaterkritiken, denen er in seiner "Rheinischen Thalia" eine eigene Rubrik eingerumt hatte. Verletzt fhlten sich die wegen ihres Spiels oft hart von ihm getadelten Mitglieder der Mannheimer Bhne besonders dadurch, da er sie, was bisher bei Theaterkritiken noch nicht blich gewesen, bei jenen Rgen geradezu nannte. Auf hnliche Weise uerte er sich in seinen Briefen an Dalberg. Seit Schiller, da sein Contract nicht erneuert worden, mit der Bhne in keiner Verbindung mehr stand, schien er ihr gegenber eine ganz andere Sprache anzunehmen. Vorzglich machte er mehrern Schauspielern das nachlssige Memoriren zum Vorwurf. "Es kann mir," schrieb er unter andern, "Stunden kosten, bis ich einer Periode die bestmglichste Rundung gebe, und wenn das geschehen ist, so bin ich dem Verdru ausgesetzt, da der Schauspieler meinen mhsam vollendeten Dialog nicht einmal in gutes Deutsch verwandelt.--Wenn unsere Schauspieler einmal die Sprache in der Gewalt haben werden, dann ist es allenfalls Zeit, da sie ihrer Bequemlichkeit mit Extemporiren zu Hlfe kommen. Es thut mir leid, da ich diese Anmerkung machen mu; noch mehr aber verdriet es mich, da ich diese unangenehme Erscheinung nur auf Rechnung ihres guten Willens, und nicht ihrer Kunst schreiben kann, und da eben diese Schauspieler, die in den mittelmigsten Stcken vortrefflich, ja gro gewesen sind, in den meinigen gewhnlich unter sich selbst sinken." Seinen Brief schlo Schiller mit den Worten: "Ich glaube, da ein Dichter, der drei Stcke auf die Schaubhne brachte, unter denen die Ruber sind, einiges Recht hat, Mangel an Achtung zu rgen." Von den Mitgliedern der Mannheimer Bhne ward dieser Tadel nicht gleichgltig aufgenommen. Ihre Erbitterung erreichte den hchsten Grad, und ging so weit, da der Schauspieler Bck, nach Schillers eignen Worten, "nicht errthete, auf ffentlicher Bhne mit Gebrll und Schimpfwrtern und Hnden und Fen gegen ihn auszuschlagen, und auf die pbelhafteste Art von ihm zu reden." Schillers lngerer Aufenthalt in Mannheim ward ihm dadurch immer mehr verleidet. Von seinen frher erwhnten Freunden, Krner und Huber, nach Leipzig eingeladen, ging er, von ihnen durch gesandte Wechsel gromthig untersttzt, im Mrz 1785 nach der genannten Stadt. Seinem treuen Streicher, bei dem er den Abend vor der Abreise bis Mitternacht zubrachte, theilte er den phantastischen Plan mit, sich in Leipzig der Rechtswissenschaft widmen zu wollen. Er verband mit dieser Idee die Hoffnung, an einem der schsischen Hfe bald eine Anstellung zu erhalten. Mit dem schwrmerischen Versprechen, nicht eher an einander zu schreiben, als bis der Eine Minister, der Andere Capellmeister seyn wrde, schieden die Freunde von einander. Noch aus Manheim hatte Schiller am 15. Mrz 1785 einen Brief an Huber in Leipzig geschrieben. Er sprach darin seinen Wunsch aus, da er nicht wie bisher seine eigene Oekonomie fhren mchte. Es koste ihm, uerte er, weniger, eine ganze Verschwrung und Staatsaction durchzufhren, als seine Wirthschaft. "Poesie", schrieb er, "ist nirgends gefhrlicher, als bei konomischen Rechnungen. Meine Seele wird getheilt; ich strze aus meinen idealen Welten, wenn mich ein zerrissener Strumpf an die wirkliche mahnt." Auch allein wollte er nicht wohnen. Zu seiner geheimen Glckseligkeit brauche er einen wahren Herzensfreund, dem er seine aufkeimenden Ideen sogleich mittheilen knnte, nicht aber erst durch Briefe oder Besuche zutragen mte. Das, meinte er, wren nur Kleinigkeiten, aber Kleinigkeiten trgen oft die schwersten Gewichte im Lauf unsres Lebens. Er wnschte mit Huber eine gemeinschaftliche Wohnung zu beziehen, und uerte dabei, er sei kein schlimmer Nachbar, und biegsam genug, sich in einen Andern zu schicken. Zu seinen unentbehrlichen Mobilien rechnete er eine Commode, einen Schreibtisch, ein Bett und ein Sopha, auerdem noch einen Tisch und einige Sessel. Ausdrcklich aber bemerkte er in jenem Briefe, da er weder Parterre noch in einem Dachzimmer wohnen knnte. Dann mchte er auch nicht die Aussicht auf einen Gottesacker haben, denn, fgte er hinzu, er liebe die Menschen und ihr Gedrnge. Nach einer bei ungnstiger Witterung beschwerlichen Reise war Schiller zur Mezeit in Leipzig angelangt. Einige dort angeknpfte Bekanntschaften machte er in einem Briefe namhaft, den er den 24. April 1785 an den Buchhndler Schwan in Mannheim schrieb. Er nannte in diesem Briefe, auer Krner und Huber, Weie, Oeser, Zollikofer, Jnger und den berhmten Schauspieler Reinike. Seine angenehmste Erholung habe er bisher in Richters Caffehause gefunden. Ueber den Eindruck, den seine persnliche Erscheinung gemacht, uerte er scherzend: "Vielen wollte es gar nicht in den Kopf, da der Verfasser der Ruber wie andere Muttershne aussehen sollte. Wenigstens rundgeschnittene Haare, Courierstiefeln und eine Hetzpeitsche hatte man erwartet." Seinem frher geuerten Wunsche gem, bewohnte Schiller eine Zeitlang mit Huber ein gemeinschaftliches Zimmer. Spterhin bezog er eine der kleinsten Studentenstuben. Er war noch immer genthigt, sich hinsichtlich seiner Ausgaben sehr zu beschrnken. Sein innerer Reichthum mute ihm fr manche Entbehrung Ersatz bieten. Von seiner mitunter frohen Stimmung gab er einen Beweis in dem "Lied an die Freude". In dem bei Leipzig gelegenen Dorfe Gohlis, wo er einige Sommermonate zubrachte, dichtete er dies Lied. Ein erhhtes Selbstgefhl gab ihm die Hoffnung einer gesicherten uern Existenz. Er erwartete sie nicht von der dem Studium der Jurisprudenz, der er sich in Leipzig hatte widmen wollen, sondern von der Rckkehr zu seinem ehemaligen Berufsfache, der Medicin. In solcher Stimmung war er selbst so khn, in seinem frher erwhnten Briefe an den Buchhndler Schwan um die Hand seiner Tochter Margarethe anzuhalten. Die abschlgliche Antwort, die ihm Schwan ertheilte, grndete sich auf das mildernde Motiv, da Margarethe bei der Eigenthmlichkeit ihres Charakters nicht fr ihn passe. Obgleich sich dies Verhltni auflste, blieb Schiller immer noch mit Schwan und dessen Tochter in freundschaftlicher Verbindung. Margarethe, spterhin verheirathet, starb im sechsunddreiigsten Jahre an den Folgen einer Niederkunft. Aus dem unbefriedigten Gefhl der Sehnsucht seines Herzens entsprangen wahrscheinlich die von Schiller damals (1786) geschriebenen Gedichte "Freigeisterei der Leidenschaft" und "Resignation", von denen er das erste bedeutend abgekrzt, spterhin unter der vernderten Ueberschrift: "der Kampf" in die Sammlung seiner Gedichte aufnahm. Das gewaltsam getrennte Verhltni zu Margarethe hatte in Schillers Gemth eine Lcke zurckgelassen, die er nun durch die Freundschaft auszufllen suchte. An Streichers Stelle war Krner getreten, den er in einem sptern Briefe vom 20. November 1788 mit den Worten schilderte: "Es ist kein imposanter Charakter, aber desto haltbarer und zuverlssiger auf der Probe. Ich habe sein Herz noch nie auf einem falschen Klange berrascht. Sein Verstand ist richtig, uneingenommen und khn. In seinem ganzen Wesen ist eine schne Mischung von Feuer und Klte." Um den Besitz eines solchen Freundes nicht zu verlieren, war Schiller schon zu Ende des Sommers 1786 nach Dresden gegangen, wo Krner eine Anstellung als Appellationsrath erhalten hatte. Nach seiner eigenen Angabe in einem Briefe vom 1. Juni 1785 wohnte Schiller in der Dresdner Neustadt, auf dem Kohlenmarkt, im Faustischen Hause. Spterhin bezog er ein Gartenhuschen auf dem Weinberge seines Freundes Krner, bei dem an der Elbe gelegenen Dorfe Loschwitz, wo er in ungestrter Mue seinen "Don Carlos" vollendete. Er lie dies Trauerspiel, ehe es 1787 zu Leipzig in Gschens Verlag vollstndig erscheinen konnte, bis zur achten Scene des dritten Acts in den vier ersten Heften der "Thalia" einrcken. Im eilften Stck dieses Journals theilte er auch einige Fragmente seines Trauerspiels: "der Menschenfeind" mit, das jedoch unvollendet blieb. Unter diesen Beschftigungen war die Idee, zum Studium der Medicin zurckzukehren, wieder vllig in den Hintergrund getreten. Durch irgend eine Thtigkeit auerhalb des Gebiets der Dichtkunst wnschte Schiller gleichwohl sich eine unabhngige Existenz zu grnden. Historische Studien hatten von jeher, schon auf der Karlsschule, viel Anziehendes fr ihn gehabt. In einer historischen Sammlung, die er unter dem Titel: "Geschichte der merkwrdigsten Revolutionen und Verschwrungen aus der mittlern und neuern Zeit" zu Leipzig 1788 herausgab, rhrte nur die fast wrtlich aus dem Franzsischen des Abb St. Real bersetzte "Verschwrung des Marquis von Bedemar gegen die Republik Venedig" von ihm selbst her. Die beiden andern Aufstze, welche der erste Band jenes Werkes enthielt, welchem kein zweiter folgte, hatten Huber und Schillers Schwager Reinwald zum Verfasser. Jener schilderte die "Revolution in Rom durch Nicolaus Rienzi", dieser die "Verschwrung der Pazzi." Der Name Johann Friedrich Schiller auf dem Titel einer Uebersetzung von "Robertson's Geschichte von Amerika" hat hie und da zu der Vermuthung gefhrt, als sei auch diese Uebersetzung aus des Dichters Feder gestossen. Sie rhrte inde von einem Seitenverwandten seiner Familie her, der eine Zeitlang als Buchhndler in Mainz lebte, und nach einem lngern Aufenthalt in London durch Uebersetzungen mehrerer Werke von A. Smith, Hawkesworth und anderer englischer Schriftsteller sich bekannt machte. In die Zeit seines Aufenthalts in Dresden fiel Schillers Roman: "der Geisterseher" und die in psychologischer Hinsicht merkwrdige Erzhlung: "der Verbrecher aus verlorner Ehre" oder "aus Jafamie", wie der Titel ursprnglich lautete. Den Stoff zu dieser Erzhlung verdankte Schiller der Geschichte des schwbischen Sonnenwirths, die er noch whrend seines Aufenthalts in Stuttgart aus dem Munde seines Lehrers Abel gehrt hatte. Aus den Anfragen, die von mehreren Seiten in Bezug auf seinen "Geisterseher" an Schiller ergingen, berzeugte er sich, da er durch jenen Roman, dem durchaus keine wahre Geschichte zu Grunde lag, blos die Neugier des Publikums gereizt habe. Er hatte eine hhere Wirkung beabsichtigt, und lie daher dies Werk unbeendigt. Verwandte Ideen enthielten die gleichzeitig (1786) von ihm geschriebenen "philosophischen Briefe" zwischen Julius und Raphael. Unter so mannigfachen Beschftigungen, die er oft bis tief in die Nacht fortsetzte und dadurch vielleicht den Grund zu seiner sptern Krnklichkeit legte, ergriff ihn in der letzten Zeit seines Aufenthalts in Dresden eine glhende Leidenschaft fr ein Frulein v. Arnim, die Tochter der Wittwe eines pensionirten Offiziers. In den geschmackvoll mblirten Zimmern seiner frher erwhnten Freundin Sophie Albrecht, die als eine gefeierte Schauspielerin und eine der ersten Zierden der Dresdner Bhne zahlreiche Besuche von der eleganten Welt zu empfangen pflegte, sah Schiller zuerst das Frulein, eine hohe Gestalt und blauugige Blondine, die einen tiefen Eindruck auf sein Herz machte. Seine Freundin Sophie Albrecht, der die nicht entging, suchte er zwar zu berreden, Julie v. Arnim sei ihm gleichgltig. Er gab jedoch die unzweideutigen Beweise vom Gegentheil, ungeachtet seine Besuche ihm auf mehrfache Weise erschwert wurden. Die Weisung, nicht zu erscheinen, wenn er Licht in gewissen Fenstern she, durfte er nicht berschreiten. Seine Freunde behaupteten, da Frau v. Arnim alsdann mehr begnstigte Liebhaber ihrer schnen Tochter empfange, und sich nicht scheue, ihnen werthvolle Geschenke zu entlocken, um ihren Aufwand, fr den ihre mige Pension nicht hinreichte, befriedigen zu knnen. Um fr Schiller und die erhabene Gre seines Geistes zu schwrmen, stand Julie v. Arnim vielleicht geistig zu tief. Seine Gestalt und Persnlichkeit konnte sie kaum fesseln. Schillers Kleidung bestand in einem drftigen grauen Rock. Sein tiefgesenktes, immer sinnendes Haupt machte keinen gnstigen Eindruck. Nur auf seiner schnen Stirn und in dem glnzenden Auge sprachen erhebende Zeichen von den groen Gedanken, die er meist Nachts dem Manuscript seines Don Carlos bergeben hatte. Qualvolle Tage bereitete ihm des Fruleins Klte und Sprdigkeit. Durch werthvolle Geschenke, selbst in baarem Gelde, suchte er ihre Gunst zu erkaufen. Durch diese Summen, die er nothwendiger fr andere Zwecke brauchte, schmlerte er das von seinem Verleger Gschen ihm zugesagte Honorar fr den Don Carlos. Schillers Vernunft erlag fast im Kampf mit einer unbndigen Leidenschaft. Nicht ohne groe Selbstberwindung gab er den Bitten seiner Freunde nach, die ihm zu einer Ortsvernderung riethen. Von Frau v. Kalb, die ihren frhern Aufenthalt in Mannheim mit Weimar vertauscht hatte, freundlich eingeladen, begab er sich im July 1787 in jene Residenz, mit dem schwrmerischen Versprechen, das er dem Frulein v. Arnim gab, entweder zu sterben oder bald wieder nach Dresden zurckzukehren. Er ward indes andern Sinnes, als er, was lngst sein Wunsch gewesen war, mit den grten Geistern Deutschlands in nhere Berhrung kam. Nur Wieland und Herder fand Schiller in Weimar. Goethe war in Italien. Mit Wieland kam er bald in nhere Verbindung durch dessen Aufforderung, Beitrge fr den "Deutschen Merkur" zu liefern. Auer seinen "Briefen ber Don Carlos" und andern Aufstzen lie Schiller damals in jenem Journal einige seiner vorzglichsten Gedichte drucken, unter andern "die Gtter Griechenlands" und "die Knstler." Auch ein Fragment seiner "Geschichte des Abfalls der Niederlande von der spanischen Regierung" theilte er im "Deutschen Merkur" mit. Bei diesem historischen Werke hatte er keine Zeit und Mhe gescheut, alle ihm irgend zugnglichen Quellen zu benutzen. Seiner mtterlichen Freundin der Frau v. Wolzogen, gestand Schiller: "er sitze unter Folianten und alten staubigen Schriftstellern wie begraben." So unausgesetzte literrische Arbeiten forderten gewissermaen ein stilles, zurckgezogenes Leben, das von jeher mit Schillers Neigungen harmonirt hatte. Einen einsamen Spaziergang im Park abgerechnet, verlie er selten sein Zimmer, falls er nicht seine Freundin Frau v. Kalb besuchte. Hchst frugal war sein Mittagessen. Abends behalf er sich meist mit Butterbrod und einem Glase Bier, das er schon in Mannheim dem Wein vorzog, den er erst in spteren Jahren liebte. Seine sehr migen und unsichern Einknfte nthigten ihn so sparsam zu seyn. Er war gengsam und nach mehreren damaligen Briefen im Allgemeinen zufrieden mit seinen Verhltnissen. Zu seinen interessantesten Bekanntschaften in Weimar gehrten auer Wieland und Herder, besonders Riedel, damals Erzieher des Erbprinzen von Weimar, der bekannte Romanschriftsteller Fr. Schulz, auerdem Bode, Bertuch und die gefeierte Schauspielerin Corona Schrter. Zerstreuung gewhrte ihm im November 1787 eine Reise nach Meiningen zu seinem Schwager, dem Bibliothekar Reinwald. Auf dieser Reise besuchte er auch seine mtterliche Freundin in Bauerbach, wo er Wilhelm v. Wolzogen wieder fand. Durch diesen Jugendfreund, der mit ihm zugleich Zgling der Karlsschule gewesen, ward Schiller auf der Rckreise nach Weimar in Rudolstadt mit der v. Lengefeldschen Familie bekannt. Nach seinen eignen brieflichen Aeuerungen schien es ihm sehr schwer geworden zu seyn, von dieser Familie, die ihm sehr lieb und werth geworden war, sich wieder zu trennen. Charlotte v. Lengefeld, einige Jahre jnger, als ihre an einen Herrn v. Beulwitz verheirathete Schwester Caroline, hatte einen so tiefen Eindruck auf Schillers Herz gemacht, da ihr Besitz ihm als das hchste Erdenglck erschien. Mit einer anmuthigen Gestalt und Physiognomie vereinigte sie eine vielseitige Geistesbildung. Sie besa zugleich reine Herzensgte und Empfnglichkeit fr alles Groe und Schne. Die Sehnsucht nach einer brgerlichen und huslichen Existenz erwachte wieder in Schiller. "Seit Jahren," schrieb er seinem Freunde Krner, "hab' ich kein ganzes Glck gefhlt, und nicht sowohl, weil mir die Gegenstnde dazu fehlten, sondern darum, weil ich die Freuden mehr naschte, als geno, weil es mir an immer gleicher Heiterkeit und sanfter Empfnglichkeit fehlte, die nur die Ruhe des Familienlebens giebt." Gro war Schillers Freude, als ein freundliches Geschick die Geliebte wieder in seine Nhe brachte. Charlotte v. Lengefeld war nach Weimar gereist, wo sich ihr Aussichten zeigten zu der Stelle einer Hofdame bei der Herzogin Luise. Schiller sah sie bei ihrer Freundin Frau v. Stein und in einigen andern Cirkeln, obgleich nur selten. Lngere Zeit blieb sein Verhltnis ein blo freundschaftliches, an welchem die Liebe wenigstens keinen offen ausgesprochenen Antheil hatte. In seinen Briefen an Charlotte machte Schiller aus seinen Begriffen von wahrem Lebensgenu, der nach seinen Begriffen nur in der freien Natur, fern von den Menschen zu finden sei, kein Geheimni. Es schien ihm unbegreiflich, wie Charlotte "in der Hof- und Assembleenluft" sich gefallen knne. Fr ihn hatten die gewhnlichen gesellschaftlichen Zerstreuungen wenig Reiz, weil sie ihn aus seiner Ideenwelt hinausfhrten. "Es sieht vielleicht mysanthropisch aus," schrieb er, "aber ich kann mir einmal nicht helfen, ich bin Kleist's Meinung: Ein wahrer Mensch mu fern von Menschen seyn." Genureiche Tage verlebte Schiller im May 1788. Er begab sich um diese Zeit nach dem eine halbe Stunde von Rudolstadt gelegenen Dorfe Volkstdt. Dort hatte die v. Lengefeld'sche Familie ihm eine Wohnung gemiethet. Seine "Geschichte des Abfalls der Niederlande von der spanischen Regierung," und andere meistens historische Arbeiten nahmen den grten Theil des Tages in Anspruch. Gegen Abend begab er sich nach Rudolstadt, wo er im Kreise der v. Lengefeld'schen Familie die Frchte seines Fleies mittheilte. Die schne Natur und der freundliche Umgang wirkten gnstig auf seine Stimmung. Er war heiter, gesprchig, und mitunter selbst reich an witzigen Einfllen. Durch Goethe's Erscheinung, den er bei der Rckkehr aus Italien in Rudolstadt zum ersten Mal sah, fhlte sich Schiller im Allgemeinen nicht befriedigt. Seine Erwartung war aufs Hchste gespannt gewesen, theils durch die frhern Eindrcke von Goethe's Werken, theils durch das, was er ber seine Persnlichkeit in Weimar gehrt hatte. Eine gegenseitige Annherung beider Dichter fand nicht statt. Schiller fhlte sich zurckgescheucht durch Goethe's Abgeschlossenheit und Klte. Seine geistige Stellung jenem Dichter gegenber bezeichnete Schiller in einem Briefe an Krner mit den Worten: "Im Ganzen genommen ist meine in der That groe Idee von Goethe nach dieser persnlichen Bekanntschaft nicht vermindert worden. Aber ich zweifle, ob wir einander je sehr nahe rcken werden. Vieles, was mir jetzt noch interessant ist, was ich noch zu wnschen und zu hoffen habe, hat seine Epoche bei ihm durchlebt. Sein ganzes Wesen ist schon von Anfang her anders angelegt, als das meinige, seine Welt ist nicht die meinige; unsere Vorstellungsarten scheinen wesentlich verschieden. Indessen schliet sich aus einer solchen Zusammenkunft nicht sicher und grndlich. Die Zeit wird das Weitere lehren." Das schon in Weimar auf Wielands Empfehlung begonnene Studium des Homer und der griechischen Tragiker setzte Schiller in Rudolstadt fort. Er bedrfe, meinte er, abgesehen von dem Genu, den er daraus schpfe, auch schon dehalb des Studiums der alten Classiker, um seinen eignen Geschmack zu reinigen, der sich durch Spitzfindigkeit und Knstelei sehr von der wahren Simplicitt entfernt habe. Seine Vorliebe fr die griechischen Tragiker fhrte ihn zu dem Versuch einer metrischen Uebersetzung der "Iphigenie" des Euripides und einiger Scenen aus den "Phnizierinnen" jenes Dichters. Bei seiner mangelhaften Kenntni des Griechischen benutzte er einige lateinische und franzsische Uebersetzungen. Im Kreise der v. Lengefeld'schen Familie fand Schiller die Ruhe und Heiterkeit der Seele wieder, die bisher durch manche bittere Lebenserfahrungen, durch Mimuth und Leidenschaftlichkeit getrbt worden war. In einem Briefe an Krner gestand er, als er im November 1788 wieder nach Weimar zurckgekehrt war: "sein Abschied sei ihm schwer geworden. Er habe in Rudolstadt schne Tage verlebt, und ein wertes Freundschaftsband geschlossen." Fr den Genu, den er nun entbehren mute, suchte er sich durch einen fortgesetzten Briefwechsel mit Charlotten und deren Schwester zu entschdigen. Beider Briefe, die ihn regelmig jede Woche berraschten, schnell zu beantworten, gehrte zu Schillers Lieblingsbeschftigungen. Nicht blos seine Neigung, auch seine literarischen Arbeiten fesselten ihn an sein Zimmer. Durch seine konomischen Verhltnisse ward er zum Flei gespornt. Kaum aber reichte seine Zeit hin, um neben der Fortsetzung seiner "Geschichte des Abfalls der Niederlande," noch Beitrge fr die "Thalia" und den "Deutschen Merkur" zu liefern. Die oft wiederkehrende Sehnsucht Schillers nach einer mehr gesicherten Existenz ward gestillt, als er durch Verwendung Goethes und des Weimarischen Staatsministers von Voigt einen Ruf als Professor der Philosophie nach Jena erhielt. Er sah sich dadurch am Ziel seiner Wnsche. Gleichwohl berraschte ihn das ihm angetragene historische Lehramt. Er glaubte noch einiger Jahre zu bedrfen, um sich darauf vorzubereiten. In diesem neuen Verhltni, meinte er, werde er sich selbst lcherlich vorkommen, denn mancher Student wisse vielleicht mehr Geschichte, als er. Der Beschftigung mit der Dichtkunst, wenigstens in den nchsten Jahren, zu entsagen, war ihm ein schmerzliches Gefhl. "Der Abschied von den freundlichen schnen Musen," schrieb er, "ist immer schwer, und die Musen, ob sie schon Frauenzimmer sind, haben ein rachschtiges Gemth. Sie wollen verlassen, aber nicht verlassen werden, und wenn man ihnen den Rcken gekehrt hat, kommen sie nachher auf kein Rufen mehr zurck. Wenn die aber auch nicht der Fall wre, so rchen sie sich schon genug durch ihre Abwesenheit." In dem ungnstigsten Lichte erschien ihm, nach mehreren seiner Briefe, sein neues Verhltni. Die Vorbereitung auf seine Collegien prete ihn die Klage aus: "er sei verdammt, sich durch die geschmacklosesten Pedanten durchzuschlagen, um Dinge daraus zu lernen, die er morgen schon wieder verge." Mit diesen Schattenseiten seines Berufs vershnt ihn wieder die Aussicht eines Besuchs seiner Freundinnen in Jena. Auf einen Ausflug nach Rudolstadt glaubte er ohnedie, aus Mangel an Zeit, fr das nchste Jahr verzichten zu mssen. Seinen bisherigen Aufenthalt in Weimar, wo er noch Brgers Bekanntschaft gemacht hatte, der damals jene Residenz besuchte, vertauschte Schiller im May 1789 mit Jena. Ein ungewhnlicher Beifall begleitete sein erstes Auftreten auf dem Katheder. Vor fast vierhundert Zuhrern erffnete er in dem Auditorium des Kirchenraths Griesbach sein Lehramt mit der Antrittsrede: "Was heit und zu welchem Ende studirt man Universalgeschichte?" Im ersten Semester las er wchentlich zweimal, Dienstags und Mittwochs von sechs bis sieben Uhr Abends, ber alte Geschichte. Spterhin hielt er auch Vorlesungen ber die Geschichte der europischen Staaten und ber die Kreuzzge. Durch Kraft, Feuer und lichtvolle Ideen zeichnete sich Schiller als akademischer Dozent aus. Sein Vortrag soll inde zu rhetorisch und pathetisch gewesen seyn. Zu dem Rednertalent, das er im freien wissenschaftlichen Gesprch mit Freunden entwickelte, vermochte er, aus Ungebtheit, spter auch wohl aus Krnklichkeit, sich auf dem Katheder nie zu erheben. Strend wirkte dort auch sein schwbischer Dialekt. Diese Mngel aber vergtete reichlich die berwiegende Kraft seines Geistes. Mit seinen neuen Verhltnissen, so unbehaglich sie ihm anfangs dnkten, vershnte ihn das beruhigende Gefhl, eine gesicherte Stellung und einen ausgedehnten Wirkungskreis gefunden zu haben. Mehrere gesellige Verbindungen, die er in Jena anknpfte, vermehrten seine Heiterkeit. Von Reinhold, Paulus, Griesbach, Schtz und andern geistreichen Mnnern ward er freundlich empfangen. Nur kurze Zeit sah er seine Rudolstdter Freundinnen wieder, als sie im Juli 1789, um den Badeort Lauchstdt zu besuchen, den Weg ber Jena genommen hatten. Er versank in seine oft wiederkehrende trbe Stimmung, die ihm in einem seiner damaligen Briefe das Gestndni entlockte: "es gehre viel Muth dazu, ein so freudenloses Dasein zu ertragen, und allein von den Gtern der Phantasie zu leben." Die verlorene Ruhe und Heiterkeit fand er erst wieder, als er in Lauchstdt, wohin er damals gereist war, mit dem Gestndni seiner Liebe hervorzutreten wagte, und Charlotte ihm ihre Hand versprach. Die herannahenden Ferien benutzte Schiller zu einem Ausflug nach Rudolstadt. Das Wiedersehn der Geliebten hatte ihn erheitert. Bekmmert war er jedoch, da sich ihm zu einer baldigen Verbindung keine Aussicht zeigte. Als Professor bezog er bisher keinen Gehalt. Auf seine Vorlesungen konnte er sich nicht verlassen. Er mute, wie frher, zur Feder greifen, um fr die nthigsten Bedrfnisse sorgen zu knnen. Auf eine schriftliche Vorstellung an den Herzog von Weimar erhielt er die Zusicherung eines Jahrgehalts von 200 Thalern. Auch Karl Theodor v. Dalberg, Coadjutor von Mainz und Statthalter zu Erfurt, ein lterer Bruder des Freiherrn v. Dalberg in Mannheim, erffnete dem Dichter Aussichten zu einer seinen Wnschen und Neigungen entsprechenden Stelle. Am 20. Februar 1790 ward Schiller mit Charlotte von Lengefeld in Wenigen- Jena durch den Pfarrer Schmid getraut. Einige Monate nach seiner Verheirathung schrieb er seinem Freunde Krner: "Es lebt sich doch ganz anders an der Seite einer lieben Frau, als so verlassen und allein. Jetzt erst geniee ich die schne Natur ganz, und lebe in ihr. Ich sehe mit frhlichem Geiste um mich her, und mein Herz findet eine immerwhrende sanfte Befriedigung auer sich, mein Geist eine so schne Nahrung und Erholung. Mein Daseyn ist in eine harmonische Gleichheit gerckt, nicht leidenschaftlich gespannt, aber ruhig und hell gehen mir die Tage dahin. Meinem knftigen Schicksal sehe ich mit heiterem Muth entgegen. Jetzt, da ich am erreichten Ziel stehe, erstaune ich selbst, wie Alles doch ber meine Erwartung gegangen ist. Das Schicksal hat die Schwierigkeiten fr mich besiegt, es hat mich zum Ziele gleichsam getragen. Von der Zukunft hoffe ich Alles. Wenige Jahre, und ich werde im vollen Genu meines Geistes leben, ja, ich hoffe, ich werde wieder zu meiner Jugend zurckkehren; ein inneres Dichterleben giebt sie mir zurck." Schillers damalige Stimmung war so ruhig und gleichfrmig, da nur selten eine Aeuerung an seine frhere Leidenschaftlichkeit erinnerte, wie unter andern, als er einst bei der Erzhlung einer niedertrchtigen Handlung eines in Jena angesehenen Mannes entrstet in die Worte ausbrach: "man msse sich wundern das solche Menschen im Gefhl ihrer Nichtswrdigkeit nicht augenblicklich verwesten." Als Erholung von geistesanstrengenden Arbeiten liebte Schiller gesellige Zerstreuungen, mitunter auch wohl Karten- und Kegelspiel. Immer aber blieb in seiner Natur ein ernster Sinn vorherrschend, der das Alltgliche mit dem Hhern und Idealen in eine gewisse Verbindung zu bringen suchte. So gab er einst beim Kegelschieben auf die Bemerkung eines der Mitspielenden ber den herrlichen Abend die bedeutende Antwort. "Ach, man mu doch das Schne in die Natur erst berall hineintragen!" Den reinsten Genu fand Schiller in einem engen Kreise guter und geistvoller Menschen, besonders in dem Umgange mit Griesbach und Paulus. Wo jeder Einzelne seine Originalitt geltend machen konnte, fhlte er sich am wohlsten. Sein fester Sinn bewhrte sich in der lebhaften Mibilligung eines Vorschlags im akademischen Senat: den Jenaischen Studenten, die nach manchen tumultuarischen Auftritten die Stadt verlassen und sich nach Nora bei Erfurt begeben hatten, entgegen zu gehen und sie einzuholen. Dadurch, meinte Schiller, vergebe der akademische Senat sein Ansehen und seine Wrde. Nur unter dem Versprechen eines bescheidenen und anstndigen Betragens von Seiten der Studirenden mte ihnen die Erlaubni zur Rckkehr ertheilt werden. Schiller ward berstimmt und fand dadurch um so mehr Grund, jenen Schritt laut und unverholen zu tadeln. Demungeachtet erhielt er sich bei den Studirenden in fortwhrender Achtung. Eine von den Landsmannschaften an ihn abgesandte Deputation bat ihn um Verzeihung, da in Folge der tumultuarischen Bewegungen durch ein Versehen auch ihm die Fenster eingeworfen worden. In grere Irrungen gerieth Schiller mit einigen seiner Amtscollegen. Weil er sich auf den Titel einer gedruckten Vorlesung, statt Professor der Philosophie, Professor der Geschichte genannt hatte, erlaubte sich der Professor Heinrich, dem das historische Fach bertragen worden, den Titel jener Vorlesung von dem Buchladen, wo er angeschlagen war, durch einen Pedell herunterreien zu lassen. Ueber diese Jmmerlichkeit uerte sich Schiller sehr bitter in einem seiner damaligen Briefe. Die durch jene Kmpfe mit der Auenwelt ihm geraubte Ruhe fand Schiller in seinem huslichen Kreise wieder. Wechselseitige Harmonie des Geschmacks und der Empfindung machte seine Ehe zu einer sehr glcklichen. Auch dadurch ward ihm seine Gattin besonders werth, da ihr feiner Tact sein Urtheil bestimmte und leitete. Er mute ein Wesen um sich haben, dem er seine Ideen mittheilen konnte. Fr einen Geist, wie den seinigen, waren gleichwohl die Schranken des huslichen Lebens jedenfalls zu enge. Geschah es nun auch, da seine wechselnde Stimmung, manche Eigenheiten, besonders die Liebe zur Einsamkeit, mitunter einige Miverhltnisse in seiner Ehe erzeugten, so wurden sie durch Schillers Gutmthigkeit bald wieder beseitigt. Mit Grund behauptete einer seiner vertrauteren Freunde, da eine leichtsinnige, nach sinnlichen Freuden haschende und Zerstreuung liebende Gattin fr Schiller durchaus nicht gepat haben wrde. Seine Lage war brigens nichts weniger als sorgenfrei. Auch nachdem er als Professor einen kleinen Gehalt bezog, durfte seine literarische Thtigkeit nicht ruhen, wenn er sich eine anstndige Subsistenz sichern wollte; so mig auch seine Ansprche waren. Neben der Fortsetzung der "Thalia" und Recensionen fr die Allgemeine Literaturzeitung, beschftigte ihn vorzglich eine mit Paulus, Woltmann u. a. Freunden unternommene Herausgabe von "Historischen Memoiren", fr die er selbst eine einleitende Abhandlung und einige, spter in der Sammlung seiner Werke wieder abgedruckte Aufstze schrieb. Durch den Buchhndler Gschen in Leipzig aufgefordert, verfate Schiller eine "Geschichte des dreiigjhrigen Krieges", die zuerst als "Historischer Kalender fr Damen" erschien und von Wieland mit einer empfehlenden Vorrede begleitet ward. Historische Forschungen waren damals fr Schiller von hohem Interesse. Es lag aber in seiner Natur, da Geschichte in der hhern Bedeutung dieses Worts fr ihn nie zur eigentlichen Lebensaufgabe werden konnte. Sie war ein nothwendiger, aber vorbergehender Moment in seiner Selbstbildung. Seine eigenthmlichsten Talente ragten ber die Geschichte weit hinaus, und sie trat in den Hintergrund durch das wachsende Interesse an philosophischen und sthetischen Studien, deren Ausbeute er auch Andern mitzutheilen wnschte. Einige Vorlesungen, die er im Sommer 1790 ber den "Oedipus" des Sophokles hielt, fhrten ihn zum Studium der Poetik des Aristoteles, und er fhlte sich, nach mehrern seiner damaligen Briefe, "erhoben und gestrkt durch die in jenem Werke enthaltenen liberalen Kunstansichten." Die von Schiller damals geschriebenen Aufstze: "Ueber den Grund des Vergngens an tragischen Gegenstnden" und "Ueber die tragische Kunst" verdankten ihre Entstehung den erwhnten sthetischen Studien. Verdrngt wurden diese jedoch wieder durch das berwiegende Interesse fr die Kantische Philosophie, die in Jena damals zahlreiche und enthusiastische Verehrer zhlte. Unter diesen befanden sich Mnner, mit denen Schiller nhern Umgang hatte, wie Reinhold, Paulus, Niethammer u. A. Er war ein Mitglied des Klubbs, in welchem die genannten Gelehrten nebst einigen andern, wie Gttling und Hufeland, sich wchentlich zu philosophischen Gesprchen einfanden. Noch behaglicher wrde sich Schiller in jenem Cirkel gefhlt haben, wenn es ihm leichter geworden wre, sich an Individuen anzuschlieen, die sich um seine Freundschaft bewarben. Gegen Unbekannte und Fremde, die ihn nicht besonders interessirten, verrieth sein Wesen eine Verschlossenheit, die bisweilen an schneidende Klte grenzte. Demungeachtet zeigte sich, als seine von Natur schwache Gesundheit heftig erschttert ward, die allgemeine Liebe und Verehrung fr ihn in der lebhaftesten Theilnahme, die kein Opfer scheute. Anstrengende Geistesarbeiten und Nachtwachen hatten seinen Krper sehr geschwcht. Durch seine eingezogene Lebensweise war er berdie der Erkltung leicht ausgesetzt. Bei einem Besuch, den er mit seiner Gattin dem Coadjutor Dalberg in Erfurt machte, berfiel ihn zu Anfange des Jahres 1791 ein heftiges Fieber, das bei seiner Rckkehr nach Jena bald in eine lebensgefhrliche Brustkrankheit ausartete. Bereitwillig erboten sich Schillers Freunde zu allem, was irgend zur Erleichterung seines Zustandes dienen konnte. Mehrere seiner Zuhrer, unter andern der spterhin als Dichter unter dem Namen Novalis bekannte Freiherr v. Hardenberg und ein junger Livlnder, v. Adlerskron, unterzogen sich Nachts seiner Wartung und Pflege. Schillers Brustkrmpfe wurden zwar durch rztliche Hlfe beseitigt, aber sein krperlicher Zustand blieb zerrttet fr seine ganze brige Lebenszeit. Seine Schwche war so gro, da er ffentliche Vorlesungen aussetzen mute. Zur Thtigkeit spornte ihn jedoch die Kraft seines Geistes, die sich unter seinen physischen Leiden fast ungeschwcht erhalten hatten. Er nahm zu Privatvortrgen in seinem Zimmer seine Zuflucht. Selbst mit einigen poetischen Entwrfen beschftigte er sich wieder. Mit Brger, den er, wie frher erwhnt, in der letzten Zeit seines Aufenthalts in Weimar kennen gelernt, hatte Schiller, nach einer Aeuerung in einem seiner damaligen Briefe, sich vorgenommen, "einen kleinen Wettkampf der Kunst einzugehen." Beide wollten ein und dasselbe Stck aus Virgil's Aeneide, doch jeder in einer andern Versart bersetzen. Von seiner metrischen Uebersetzung, fr die er die italienischen %Ottave rime% whlte, versprach sich Schiller viel, und las seinem Freunde Conz, der ihn damals in Jena besuchte, mit einem gewissen Selbstgefhl einige Proben vor. Eine groartige Wirkung versprach er sich auch von einer "Hymne an das Licht" und von einer "Theodicee" nach Kantischen Prinzipien. Er entwarf zu beiden Gedichten den Plan; die Ausfhrung aber unterblieb. Auch die durch seine Beschftigung mit der "Geschichte des dreiigjhrigen Krieges" in ihm geweckte Idee, den Knig von Schweden zum Helden eines epischen Gedichts zu whlen, gab Schiller wieder auf. In einem seiner Briefe hatte er gemeint, unter allen historischen Stoffen, wo sich das poetische Interesse mit dem nationalen und politischen noch am besten vereinigen lasse, stehe Gustav Adolph oben an. "Eine merkwrdige Action Friedrichs II zu einem Epos zu benutzen", war nach einer brieflichen Aeuerung Schillers, ein Plan, bei dem er ziemlich lange verweilte. Er hoffte die mannichfachen Schwierigkeiten zu besiegen, welche der moderne Stoff und die scheinbare Unvertrglichkeit des epischen Tons mit einem gleichzeitigen Gegenstande herbeifhrten. Auch ber die metrische Form, die er seinem Gedicht geben wollte, war er mit sich einig geworden. Er wollte dasselbe Versma whlen, wie bei seiner Uebersetzung des Virgil. Durch die italienische Stanze hoffte er den Wohlklang seines Gedichts zu erhhen. Es blieb jedoch bei diesen Vorbereitungen. Dramatische Entwrfe zogen ihn wieder von der epischen Gattung ab, ungeachtet er auch zu jenen kein rechtes Vertrauen gewinnen konnte. Wieland, meinte Schiller, habe recht gehabt, als er ihm einst Mangel an Leichtigkeit vorgeworfen. Das Gleichgewicht seiner Krfte war gestrt, seit die Reflexion die poetischen Bilder verscheuchte, die ihm seine Phantasie in glcklichen Augenblicken zufhrte. In einem Briefe an Krner gestand er offen: "er glaube, die Kritik habe ihm geschadet, weil er schon seit mehreren Jahren die Khnheit und Gluth der Phantasie vermisse, die ihn beseelt habe, als ihm noch keine Regel bekannt war." Fr ein dringendes Bedrfnis hielt Schiller eine grndliche philosophische Bildung. Unter Kant's Schriften, die er mit ernstem Eifer studirte, fiel seine Wahl zuerst auf die "Kritik der Urteilskraft." Begeistert von den neuen und lichtvollen Ideen, die er aus diesem Werke geschpft, war Schiller nach einer Aeuerung in einem seiner damaligen Briefe, "fest entschlossen, nicht eher nachzulassen, als bis er die Kantische Philosophie ergrndet habe, und wenn ihm dies auch drei Jahre kosten sollte." Seine Absicht war, die Kantischen Ideen, die er sich selbststndig angeeignet, in einem Collegium ber Aesthetik, das er in dem Winter von 1791-1792 lesen wollte, ffentlich mitzuteilen. Man knne, meinte Schiller, fast nichts Neues mehr auf dem Katheder sagen, wenn man sich nicht vornehme, nicht Kantisch zu seyn. Die Hauptresultate seines Studiums der Kantischen Philosophie enthielten Schillers Abhandlungen: "Ueber Anmuth und Wrde; vom Erhabenen;" und die "Zerstreuten Betrachtungen ber verschiedene sthetische Gegenstnde." Nach einem mit seinem Freunde Krner verabredeten Plan traten zu den genannten Abhandlungen spter noch die von Schiller verfaten "Briefe ber die sthetische Erziehung des Menschen" hinzu, die er Anfangs in der Form eines philosophischen Gesprchs hatte herausgeben wollen, diesen Entschlu aber wieder aufgab, als sich mit seinen neuaufkeimenden Ideen auch sein anfnglicher Plan erweiterte. Viel versprach sich Schiller auch von einer Abhandlung "ber das Naive", in welcher er vorzglich den Contrast zwischen Einfalt der Natur und der Cultur schildern wollte. So anhaltender Geistesanstrengung unterlag seine von Natur schwache Constitution. Kant's Kritik der Urtheilskraft, aus der er sich bedeutende Stellen vorlesen lie, gewhrte ihm Trost und Strke in seinem Leiden, als er im Juni 1791, whrend eines Besuchs in Rudolstadt, von einem abermaligen Anfall seines Brustbels heimgesucht ward, der ihn dem Tode nahe brachte. In diesem Vorgefhl uerte er einst: "Dem allwaltenden Geist der Natur mssen wir uns ergeben, und wirken, so lange wir es vermgen." Aerztliche Mittel beseitigten nach und nach seine Brustkrmpfe. In schlaflosen Nchten las er viel, vorzglich Reisebeschreibungen. Diese Gewohnheit bte bald eine so unwiderstehliche Macht auf ihn aus, da er, die Ordnung der Natur umkehrend einen groen Theil des Tages zu dem entbehrten nchtlichen Schlummer verwandte. In Karlsbad, wohin er im Juli 1791 mit seiner Gattin gereist war, fhrte er ein sehr zurckgezogenes Leben. Er beschrnkte sich fast nur auf den Umgang mit einigen sterreichischen Offizieren, die ihn besonders dehalb interessirten, weil es ihm darum zu thun war, einen Stand nher kennen zu lernen, den er in seinem "Wallenstein" Schildern wollte. Die Idee, diesen groen Feldherrn zum Helden eines Trauerspiels zu whlen, war damals in ihm rege geworden. Was auf Wallenstein irgend Bezug hatte, war ihm wichtig. Er betrachtete sein Bild auf dem Rathhause zu Eger, und lie sich die Wohnung zeigen, wo er ermordet worden. Die Hoffnung, wieder zu genesen, erheiterte ihn sichtbar. Das Bad uerte eine so gnstige Wirkung, da er, wenigstens einigermaen gestrkt, seinem Verleger Gschen, den er in Karlsbad traf, die Fortsetzung des "dreiigjhrigen Krieges" fr den nchsten Jahrgang des Damenkalenders versprechen konnte. Wiederholte Rckflle seines Brustbels lieen jedoch, als Schiller wieder nach Jena zurckgekehrt war, das Schlimmste befrchten. Mitten unter diesen Leiden blieb er heiter und empfnglich fr frohen Lebensgenu. Wollte er jedoch genesen, so mute er jeder anstrengenden Geistesarbeit entsagen. Die Gefahr, in der sein Leben schwebte, setzte seine zahlreichen Verehrer in Schrecken. Zu diesen gehrte besonders der dnische Dichter Jens Baggesen. In einem Briefe, den er von Reinhold empfangen, hatte dieser gemeint, Schiller knnte sich vielleicht wieder erholen. Nur mte er nicht, wie bisher, auf eine unausgesetzte literarische Thtigkeit hingewiesen seyn. Alles kme darauf an, ihn wenigstens einige Jahre in eine sorgenfreie Lage zu versetzen. Dies Schreiben las Baggesen dem damaligen Erbprinzen von Holstein-Augustenburg vor, der vereinigt mit dem dnischen Staatsminister Grafen von Schimmelmann dem leidenden Dichter eine Pension von tausend Thalern auf drei Jahre anbot. Dem Briefe, in welchem jene beiden Mnner sich zu dieser edelmthigen Untersttzung bereit erklrten, war eine an Schiller gerichtete Einladung beigefgt, nach Dnemark zu kommen. Das Schreiben war vom 27. November 1791 datirt. Von der Feinheit, mit der ihm jenes Geschenk angeboten worden, war Schiller fast noch mehr gerhrt, als von dem Anerbieten selbst. Der Drang der Empfindungen bei jener Ueberraschung hatte ihn jedoch so ergriffen, da sein Gesundheitszustand sich wieder verschlimmerte. Er mute die Beantwortung der von dem Prinzen und dem Grafen empfangenen Briefe einige Tage verschieben. Den 16. December 1791 schrieb er einen sehr ausfhrlichen Brief an Baggesen, in welchem er sich zur Annahme der ihm so edelmthig dargebotenen Untersttzung mit dankbarem Herzen bereit erklrte. Er warf zugleich in jenem Schreiben einen Rckblick auf seinen Lebensgang und auf die Fesseln widerwrtiger Verhltnisse, von denen er sich bisher nie ganz habe befreien knnen. "Von der Wiege meines Geistes an", schrieb Schiller, "habe ich mit dem Schicksal gekmpft, und seitdem ich die Freiheit des Geistes zu schtzen wei, war ich dazu verurtheilt, sie zu entbehren. Ein rascher Schritt vor zehn Jahren schnitt mir auf immer die Mittel ab, durch etwas anderes, als durch schriftstellerische Wirksamkeit zu existiren. Ich hatte mir diesen Beruf gegeben, ehe ich seine Forderungen geprft, seine Schwierigkeiten bersehen hatte. Die Nothwendigkeit, ihn zu treiben, berfiel mich, ehe ich ihm durch Kenntnisse und Reife des Geistes gewachsen war. Da ich dieses fhlte, da ich meinen Idealen von schriftstellerischen Pflichten nicht diejenigen engen Grenzen setzte, in welche ich selbst eingeschlossen war, erkenne ich fr eine Gunst des Himmels, der mir dadurch die Mglichkeit des hhern Fortschritts offen hielt. Aber in meinen Umstnden vermehrte sie mein Unglck. Unreif und tief unter dem Ideal, das in mir lebendig war, sah ich jetzt alles, was ich zur Welt brachte, bei aller geahnten mglichen Vollkommenheit mute ich mit der unzeitigen Frucht vor die Augen des Publikums eilen; der Lehre selbst so bedrftig, mich wieder meinen Willen zum Lehrer der Menschen aufwerfen. Jedes unter so ungnstigen Umstnden nur leidlich gelungene Product lie mich nur desto empfindlicher fhlen, wie viele Keime das Schicksal in mir unterdrckte. Traurig machten mich die Meisterstcke anderer Schriftsteller, weil ich die Hoffnung aufgab, ihrer glcklichen Mue theilhaftig zu werden, an der allein die Werke des Genius reifen. Was htte ich nicht um zwei oder drei stille Jahre gegeben, die ich, frei von schriftstellerischer Arbeit, blos dem Studiren, blos der Ausbildung meiner Begriffe, der Zeitigung meiner Ideale htte widmen knnen! Zugleich die strengen Forderungen der Kunst zu befriedigen, und seinem schriftstellerischen Flei auch nur die nothwendigste Untersttzung zu verschaffen, ist in unserer deutschen literarischen Welt unvereinbar. Zehn Jahre habe ich mich angestrengt, beides zu vereinigen; aber es nur einigermaen mglich zu machen, kostete mir meine Gesundheit.--Zu einer Zeit, wo das Leben anfing, mir seinen ganzen Werth zu zeigen, wo ich nahe daran war, zwischen Vernunft und Phantasie in mir ein zartes und ewiges Band zu knpfen, wo ich mich zu einem neuen Unternehmen im Gebiet der Kunst grtete, nahte sich mir der Tod. Diese Gefahr ging zwar vorber, aber ich erwachte nur zum andern Leben, um mit geschwchten Krften und verminderten Hoffnungen den Kampf mit dem Schicksal zu erneuen. So fanden mich die Briefe, die ich aus Dnemark erhielt." Seinem Herzen gereichte es zur Ehre, da Schiller in seinem Schreiben das Ablehnen einer Reise nach Kopenhagen nicht blos durch seinen noch immer wankenden Gesundheitszustand, sondern auch durch die Dankbarkeit motivirte, die ihn an den Herzog von Weimar fele. Mit seinen Freunden in Dnemark, vorzglich mit der Grfin von Schimmelmann, blieb Schiller in fortwhrender geistiger Verbindung. Die Liebe und Hochachtung gegen seine Gnner bethtigte er auerdem dadurch, da er seine "Briefe ber die sthetische Erziehung des Menschen" dem Prinzen von Holstein-Augustenburg widmete. Der Herzog von Weimar ertheilte ihm auf sein Gesuch die Erlaubni, Jena auf beliebige Zeit zu verlassen. Schiller reiste nach Dresden. Sein dortiges Zusammentreffen mit seinem Freunde Krner ward durch wiederholte Rckflle seines Brustbels getrbt. In Jena erfreute ihn der Besuch seiner Mutter, die er seit acht Jahren, nach der frher erwhnten Zusammenkunft mit ihr in Bretten, nicht wieder gesehen hatte. Mit ihr war auch Schillers jngste Schwester Nanette gekommen. Ein funfzehnjhriges talentvolles Mdchen, deren groe Freude es war, Stellen aus ihres Bruders Gedichten zu recitiren. Lebhaft regte sich in Schiller das Verlangen, sein Vaterland wieder zu sehen. In einer minder drckenden Lage konnte er jetzt seinen Verwandten und Freunden ohne Scheu entgegentreten. Begleitet von seiner Gattin reiste er im August 1793 nach Schwaben. Nicht ohne innere Bewegung sah er in Heidelberg seine Jugendgeliebte Margarethe Schwan wieder, die er dort verheirathet fand. In Heilbronn versammelten sich seine Eltern und mehrere Freunde um ihn. Auf ein Schreiben an den Herzog von Wrtemberg, dessen Land er jetzt zum erstenmal nach seiner Flucht wieder zu betreten wagte, erhielt er zwar keine Antwort, doch durch seine Freunde die Nachricht, der Herzog habe ffentlich erklrt, Schiller werde von ihm ignorirt werden. Um dem Luftschlo Solitude, wo seine Eltern wohnten, nher zu seyn, ging Schiller nach Ludwigsburg. Dort fand er seinen Jugendfreund v. Hoven, als herzoglichen Leibmedikus wieder. Von seiner rztlichen Hlfe hoffte er Wiederherstellung seiner Gesundheit. In Ausdrcken der tiefsten Empfindung uerte er sich ber das Glck der ersten Vaterfreude, das ihm in Ludwigsburg zu Theil ward. Nach den Grundstzen Quinctilians, mit dem er sich damals beschftigte, wollte er seinen Sohn Karl erziehen lassen, wie er sich darber gegen einen Freund uerte. In Schillers ganzem Wesen war, bereinstimmenden Zeugnissen zufolge, eine merkwrdige Vernderung vorgegangen. Das Herbe und Schroffe in seiner Natur hatte sich gemildert. In dem Ernst und der Wrde seines Benehmens zeigte sich kaum noch eine Spur seines aufbrausenden, strmischen Charakters. Seine hagere Gestalt, sein bleiches Gesicht verriethen seine oft wiederkehrende Krnklichkeit, die seinen Freunden nur selten erlaubte, Schillers geistreichen und herzlichen Umgang ungestrt zu genieen. Unter seinen oft hartem Leiden trstete er sich mit den ihm lieb gewordenen Studium von Kant's Schriften. Wenn er genthigt war das Bett zu hten, und, nach seinem eigenen Ausdruck, "von Arzeneiglsern sich umlagert sah", lag die "Kritik der Urtheilskraft" meist neben ihm auf dem Tische, und scherzend uerte er einst, sein Diener, der bei ihm gewacht, habe, um sich munter zu erhalten, das ganze Buch in Einem Zuge durchgelesen. Abwechsend [Abwechselnd] las er die Vossische Uebersetzung des Homer, die er sehr liebte. Mitunter regten sich in ihm auch allerlei poetische Entwrfe. Er meinte, die Beschftigung mit abstracten philosophischen Problemen habe nachtheilig eingewirkt auf seine dichterische Productionskraft. "Und doch ist es", gestand Schiller seinem Freunde Krner, "nur die Kunst selbst, wo ich meine Krfte fhle. In der Theorie mu ich mich immer mit Principien plagen; da bin ich bloer Dilettant." In Tbingen sah Schiller seinen Jugendlehrer Abel wieder, der ihn an sein Vaterland zu fesseln suchte, das nach dem um diese Zeit erfolgten Tode des Herzogs Carl von Wrtemberg eine neue und minder willkrliche Verfassung bekommen hatte. Jenem Antrage gab Schiller jedoch kein Gehr, und eben so wenig der Bitte seines Vaters, dem neuen Regenten Ludwig Eugen in einem Gedicht zu seinem Regierungsantritt Glck zu wnschen. Fr unwrdig hielt es Schiller, die Poesie zu irgend einem Vortheil oder zu andern untergeordneten Zwecken zu benutzen. Auch wollte er den Schein vermeiden, als freue er sich ber den Tod eines Frsten, durch dessen Willkhr er so viel gelitten. Nie verga er die Wohlthaten, die er dem Herzog in seiner Jugend zu verdanken gehabt hatte. Einflureich fr seine sptern Lebensverhltnisse war fr Schiller die in Tbingen angeknpfte Verbindung mit der Cottaischen Buchhandlung. Er trat jedoch zurck von dem ihm gemachten Antrage, die Allgemeine Deutsche Zeitung zu redigiren, da die politisch-poetische Richtung, welche Cotta jener Zeitschrift zu geben wnschte, Schillers Geiste zu fern lag. Seinen Fhigkeiten und Neigungen weit angemessener, als jenes Blatt, war die Herausgabe eines poetischen Journals unter dem Titel: "die Horen." Die neue Zeitschrift sollte, nachdem die "Thalia" aufgehrt hatte, mit dem Anfange des Jahres 1795 erscheinen. Politische Gegenstnde sollten von diesem Journal gnzlich ausgeschlossen seyn. Nach der von Schiller geschriebenen Vorrede sollten die "Horen" einer heitern und leidenschaftsfreien Unterhaltung gewidmet seyn. Dem Geist und Herzen des Lesers, den der Anblick der Zeitbegebenheiten bald entrste, bald niederschlage, sollte diese Zeitschrift eine frhliche Zerstreuung gewhren, und mitten in dem politischen Tumult sollte sie fr Musen und Charitinnen einen engen vertraulichen Cirkel schlieen, aus welchem alles verbannt wre, was mit einem unreinen Partheigeiste gestempelt sei. Mehrere der achtenswerthesten Schriftsteller Deutschlands, Goethe, Herder, Kant, Fichte, Humboldt u. A. waren von Schiller zu Beitrgen fr die "Horen" aufgefordert worden. Fr das neue Journal zeigten sich die gnstigsten Aussichten durch vielversprechende Antworten, welche Schiller von mehreren Seiten erhielt. Mit einzelnen der erwhnten Gelehrten war er in nahe Berhrung gekommen, unter andern mit Wilhelm von Humboldt, der sich damals mit seiner Gattin in Jena huslich niedergelassen hatte. Die philosophischen und sthetischen Abendgesprche zwischen Schiller und Humboldt zogen sich oft bis in die Nacht hinein. Ein besonderes Interesse gewann die Herausgabe seines Journals noch dadurch fr Schiller, da er mit Goethe, den er zur Theilnahme an den "Horen" aufgefordert, in das lngst von ihm gewnschte nhere Verhltni trat, welchem sich Goethe, aus entschiedner Abneigung gegen Schillers frhere Producte, bisher entzogen hatte. Schillers Gesprche mit Goethe ber Kunst und Kunsttheorie weckten in ihm den Gedanken, die Correspondenz mit jenem Dichter zu einer Quelle von Aufstzen fr die "Horen" zu benutzen. Schiller freute sich sehr ber den fruchtbaren Ideenwechsel, der aus seinem nheren Verhltni mit Goethe entsprang. Mit Vergngen folgte er daher einer Einladung Goethes, nach Weimar zu kommen, und sich dort einige Wochen in seinem Hause aufzuhalten. Goethe hatte ihm jede Freiheit und Bequemlichkeit zugesichert, die theils sein krperlicher Zustand, theils seine gewohnte Lebensweise forderte. Zu Ende des Septembers 1794 war Schiller wieder nach Jena zurckgekehrt, noch voll von den mannigfachen Ideen, die Goethe in ihm angeregt hatte. Neben der Vollendung seiner "Briefe ber die sthetische Erziehung des Menschen" beschftigte er sich mit einer Recension von Matthisson's Gedichten, den er in Tbingen persnlich kennen gelernt hatte. Aehnliche Gedanken, wie er sie in seinem Gedicht: "die Knstler" ausgesprochen, enthielt Schillers geistreiche Kritik der Gedichte Matthissons. Was er einige Jahre zuvor (1788) in einer Recension von Goethe's "Egmont" diesem Trauerspiel zum Vorwurf gemacht hatte, da demselben Idealitt fehle, das legte Schiller mit noch grerem Nachdruck seiner sehr strengen Beurtheilung der Gedichte Brgers zum Grunde, durch welche er diesen an Glck und Ruhm verarmten Dichter in den letzten Tagen seines Lebens bitter krnkte. Sehr gnstig hatte Goethe die in Schillers "Briefen ber die sthetische Erziehung des Menschen" enthaltenen Ideen beurtheilt. Dadurch fhlte sich Schiller getrstet ber den Widerspruch Herders, der ihm, wie er uerte, seine Vorliebe fr Kant nicht verzeihen knne. Ungeachtet des glnzenden Denkmals, das Schiller in einem Briefe vom 28. October 1794 der Kantischen Philosophie setzte, ward er derselben wieder entfremdet durch anderweitige literarische Beschftigungen. Goethe's Schriften, besonders die Lectre des "Wilhelm Meister" gewhrten ihm damals einen hohen Genu. Er fhlte sich, wie er am 7. Januar 1795 schrieb, "von einer sen innigen Behaglichkeit, von einem Gefhl geistiger und leiblicher Gesundheit durchdrungen. Es sei ihm peinlich zu Muthe, von einem Product dieser Art in das philosophische Wesen hineinzusehen. Dort sei alles so heiter, so lebendig, so harmonisch aufgelst und so menschlich wahr; hier alles so streng, so rigid und abstract und so hchst unnatrlich, weil alle Natur nur Synthesis und alle Philosophie Antithesis sei. Zwar glaubte er, sich das Zeugni geben zu knnen, in seinen Speculationen der Natur so getreu als mglich geblieben zu seyn. Aber dennoch fhle er nicht weniger lebhaft den unendlichen Abstand zwischen dem Leben und dem Raisonnement." So viel, meinte er, sei gewi: der Dichter wre der einzige wahre Mensch, und der beste Philosoph gegen ihn nur eine Carricatur. Mit dem Jahr 1795 begann eine neue Periode der poetischen Fruchtbarkeit Schillers. In dem Zeitraum von 1790 bis 1794 schien er, die metrischen Uebersetzungen aus dem Virgil abgerechnet, der Dichtkunst beinahe ganz entsagt zu haben. Theils in die "Horen", theils in den "Musenalmanach", den er mit dem Jahr 1795 herausgab, nahm Schiller mehrere seiner, durch Form und Inhalt besonders ausgezeichneten Gedichte auf, unter andern "die Ideale", das "Reich der Schatten" (spter das "Ideal und das Leben" genannt), und die "Elegie", welcher er nachher die vernderte Ueberschrift: "der Spaziergang" gab. Auf das zuletzt genannte Gedicht legte Schiller einen besondern Werth. Das beste Kriterium der wahren Gte eines poetischen Products, meinte Schiller, sei dieses, da es in jeder Gemthsstimmung gefalle, und das sei ihm noch bei keinem Gedicht begegnet, als gerade bei diesem. Eine groartige Wirkung versprach er sich von einer Idylle, einem Gegenstck zu seiner "Elegie." Er wollte in diesem Gedicht "das Ideal der Schnheit objectiv zu idealisiren suchen," gab inde diesen Plan, wie einige andere poetische Entwrfe, wieder auf. In wechselnder Stimmung kehrte er wieder zur dramatischen Poesie zurck, fr die sich sein Talent vorzugsweise eignete. Die Geschichte der Belagerung von Malta wollte er zu einem Trauerspiel benutzen, bei welchem er sich viel vom Gebrauch des Chors versprach, wie er ihn spter in seiner "Braut von Messina" nach dem Muster der Griechen, wieder auf der Bhne einfhrte. Das durch Wieland ihm empfohlene Studium der Alten hatte noch immer viel Reiz fr ihn, und er suchte sich ihre Vorstellungsweise anzueignen. Seine neue dramatische Dichtung nannte Schiller die "Ritter von Malta." Den Plan dieses Werkes findet man in des Dichters gesammelten Werken; die Ausfhrung unterblieb. Auch den schon frher entworfenen Plan, den Wallenstein zum Helden einer Tragdie zu whlen, nahm er wieder auf, gestand aber, von einer augenblicklichen Muthlosigkeit ergriffen, seinem Freunde Krner: "Ich glaube mit jedem Tage mehr zu finden, da ich nichts weniger vorstellen kann, als einen Dichter, und da hchstens da, wo ich philosophiren will, der poetische Geist mich berrascht. Was ich im Dramatischen zur Welt gebracht, ist nicht sehr geeignet, mir Muth zu machen. Im eigentlichen Sinne des Worts betrete ich eine mir ganz unbekannte, wenigstens unversuchte Bahn; denn im Poetischen hab' ich seit drei bis vier Jahren ganz neuen Menschen angezogen." Schillers Vertrauen zu seinen Krften wuchs unter den mannichfachen dramatischen Vorbereitungen, die sich bis in den May 1796 hinzogen, wo er sich fr den "Wallenstein" entschied. "Der Held seines neuen Trauerspiels," meinte er, "sei ein Charakter, der nur im Ganzen, doch nie im Einzelnen interessiren knne, denn er habe nichts Edles, erscheine in keinem Lebensact gro, habe wenig Wrde u. dgl." Dennoch aber berlie sich Schiller der Hoffnung, auf rein realistischem Wege einen dramatisch groen Charakter in ihm aufzustellen, der ein chtes Lebensprincip habe. Im "Posa" und "Karlos", bemerkte Schiller, habe er die fehlende Wahrheit durch schne Idealitt zu ersetzen gesucht, hier im "Wallenstein" wolle er den Versuch machen, durch die bloe Wahrheit fr die fehlende Idealitt zu entschdigen. An sich und seine Arbeiten legte Schiller den strengsten Mastab. Er wollte nach den ihm verliehenen Krften das Hchste leisten. Daher seine glhende Begeisterung fr alles Treffliche, aber auch sein eben so glhender Ha jedes falschen Geschmacks berhaupt, jeder Beschrnkung der Wissenschaft und Kunst. Untersttzt durch die achtbarsten Schriftsteller Deutschlands hatte er sich von seinem Journal, "den Horen", eine groartige Wirkung versprochen. Jene Zeitschrift war jedoch von mehreren Seiten mit einer Klte und Gleichgltigkeit aufgenommen worden, die an Geringschtzung grenzte. In seiner dadurch sehr gereizten Stimmung vereinigte sich Schiller mit Goethe zu den unter dem Titel. "Xenien" bekannten Epigrammen. Nach Schillers eigner Aeuerung in einem Briefe an Krner sollte "wilde Satyre, besonders auf schriftstellerische Producte, untermischt mit einzelnen poetischen und philosophischen Gedanken blitzen", den Stoff zu diesen Epigrammen darbieten. Die Sammlung sollte aus nicht weniger als 600 Monodistichen bestehen. Der anfngliche Plan, sie bis auf 1000 zu vermehren, scheiterte durch den Mangel an Productivitt ihrer Verfasser. Immer war noch eine groe Zahl von Monodistichen nthig, wenn die Sammlung nur einigermaen den Eindruck eines Ganzen machen sollte. Schiller entschlo sich daher, unter jenen Producten die ernsten und philosophischen in seinem "Musenalmanach" vereinzelt mitzutheilen, und die satyrischen unter der Ueberschrift "Xenien" nachfolgen zu lassen. Die allgemeine Sensation, welche jene Epigramme erregten, veranlate zahlreiche Gegenschriften, theils in Prosa, theils in Versen, von Gleim, Claudius, Manso, Nicolai u. A., die in jenen satyrischen Producten sehr hart angegriffen worden waren. Man findet diese, lngst aus den Augen des Publikums verschwundenen Gegenschriften in dem von E. Bons neuerlich herausgegebenem Werke: "Schiller und Goethe im Xenienkampf." Sehr beunruhigend waren fr Schiller die Nachrichten, die er um diese Zeit, im Frhjahr 1796, von der traurigen Lage seiner Familie erhielt. Aus der Solitude gelangte an ihn ein Brief, der ihm den frhen Tod seiner jngsten Schwester Nanette meldete. Von dem epidemischen Fieber, welches das blhende Mdchen hinweggerafft, war auch Schillers Vater, und bald nachher seine zweite Schwester Luise ergriffen worden. Die traurige Lage der Seinigen, der Gedanke an seine arme, des Trostes bedrftige Mutter bekmmerten ihn sehr. Seiner schwachen Gesundheit wegen getraute er sich nicht in seine Heimath zu reisen. Doch erbot er sich, als seine an den Bibliothekar Reinwald in Meiningen verheirathete Schwester Christophine sich zu ihren Eltern begab, dieselben nach allen seinen Krften zu untersttzen. Einen tiefen Eindruck machte auf ihn der um diese Zeit erfolgte Tod seines Vaters. Als Schiller erfuhr, da seine Mutter in Leonberg eine Art von Versorgung erhalten, und seine zweite Schwester Luise sich mit dem Stadtpfarrer Frankh in Mckmhl verheirathet hatte, kehrte mit der Beruhigung ber das Schicksal seiner Familie, die in der damaligen Kriegsperiode sehr gefhrdet gewesen war, ihm wieder einigermaen die Ruhe zurck, deren er bei seinen literarischen Beschftigungen so nthig bedurfte. In dem Umgange mit mehreren geistreichen Mnnern, die sich damals in Jena um ihn versammelten, erheiterte sich Schillers trbe Stimmung. Mit Fichte und Schelling kam er in nhere Berhrung. Wilhelm von Humboldt war von Berlin, wo er sich eine Zeit lang aufgehalten, wieder nach Jena zurckgekehrt. Wilhelm v. Wolzogen war um diese Zeit Kammerrath und Kammerherr in Weimar geworden. So fhrte das Schicksal auch diesen Jugendfreund Schillers in seine Nhe. Einen seiner lngst gehegten Lieblingswnsche sah Schiller um diese Zeit (1796) erfllt durch den Ankauf einer Gartenwohnung. Sie lag in einer anmuthigen Gegend vor der Stadt zwischen dem sogenannten Engelgatter und dem Neuthor, an einer Schlucht, durch welche sich der Leutrabach schlngelt. An der obern Gartenecke, nach der Leutra hin, hatte Schiller sich ein von seiner Familienwohnung abgesondertes Huschen bauen lassen, in welchem er whrend der Sommermonate oft bis tief in die Nacht zu arbeiten pflegte. Mit dichterischen Erzeugnissen, theils lyrischer, theils dramatischer Gattung beschftigte sich Schiller, wenn es ihm seine oft wiederkehrende Krnklichkeit irgend erlaubte. Durch einen Wetteifer mit Goethe veranlat, entstanden 1797 seine ersten Balladen, die "Kraniche des Ibykus", der "Taucher" u. a. m. Beide Dichter theilten sich in die Stoffe, die sie gemeinschaftlich ausgesucht hatten. Die Herausgabe seines "Musenalmanachs" hatte Schiller mit dem Jahr 1799 aufgegeben. Schon frher hatten die "Horen" geendet. Dadurch erhielt er mehr Mue, sich mit seinen dramatischen Entwrfen zu beschftigen, namentlich mit dem "Wallenstein" und gleichzeitig mit den "Malthesern." Zu dem erstgenannten Trauerspiel gewann er immer mehr Vertrauen. Nur die groe Ausdehnung des Stcks machte ihn mitunter besorgt. Vollendet ward der "Wallenstein", den er in drei Theile zerfallen lie, im Jahr 1798. Unter der Leitung des Baumeisters Thouret aus Stuttgart war damals ein neues Theater in Weimar erbaut worden. Zur Erffnung der Bhne war das Vorspiel "Wallensteins Lager" bestimmt, welches Schiller seiner Tragdie vorangeschickt hatte. Schiller hatte sich nach Weimar begeben. Die Vorstellung bertraf seine khnsten Erwartungen. Durch die "Piccolomini", den ersten Theil des "Wallenstein", sollte den 30. Januar 1799 der Geburtstag der Herzogin von Weimar gefeiert werden. Das Stck machte einen tiefen und gewaltigen Eindruck. Schiller selbst war mit der Darstellung sehr zufrieden. Wiederholt uerte er den Schauspielern seine Freude darber, die er auch dadurch zu erkennen gab, da er zu dem Mahl im zweiten Act der "Picolomini [Piccolomini]" noch einige Flaschen Champagner hinzufgte, die er selbst unter dem Mantel herbeitrug. Neue dramatische Entwrfe beschftigten den Dichter nach der Beendigung des "Wallenstein." Seine Thtigkeit ward jedoch oft gehemmt durch Rckflle seines Brustbels, dann aber auch durch die ihm besonders lstigen Besuche zum Theil unbedeutender Fremden, die ihn, nach seinen eignen Worten, wie ein Wunderthier angafften. Scherzend uerte er einst den Wunsch, da irgend ein Potentat ihm Gefhrliches zutrauen, ihn einige Monate auf eine Bergveste mit schner Aussicht einsperren, und ihm nur erlauben mchte, auf den Wllen umher zu spazieren. Da sollten, meinte er, Werke entstehen, so recht aus einem Gu, an denen Verfasser, Mit- und Nachwelt sich erfreuen knnten. Die Anschauung des Theaters war es hauptschlich, wodurch Schiller bewogen ward, zu Ende des Jahres 1799 seinen bisherigen Aufenthalt in Jena mit Weimar zu vertauschen. In einem Schreiben an den Herzog von Weimar motivirte er sein Gesuch durch die Vorstellung, da er nachdem er von philosophischen Studien wieder zur Poesie zurckgekehrt sei, sich durchaus nicht mehr am rechten Orte befnde. Er errterte die ausfhrlich, und bat zugleich um eine Vermehrung seines Gehalts. Den in seinem Briefe ausgesprochenen Ideen kam der Herzog von Weimar auf's Bereitwilligste entgegen, und seine reelle Hlfe erleichterte die Ausfhrung des Plans. Schillers Leben in Weimar war heiter und mannigfach bewegt. Die Nhe des Theaters, seine Einwirkung darauf, erhielten ihn in einer uern, ihm zusagenden Thtigkeit. Unter den Schauspielern, mit denen er in freundlichem Verkehr blieb, suchte er den hhern Kunstsinn zu wecken und viel versprechende Talente durch Rath und Belehrung zu frdern. Die Geistesfreiheit, die in den geselligen Verhltnissen Weimars herrschte, entsprach seiner Denk- und Empfindungsweise. In seinem Urtheil ber Andere schien er milder geworden zu seyn. Unbeachtet lie er den durch gekrnkte Eitelkeit oder leidenschaftliche Entrstung gegen ihn hervorgerufenen Tadel seiner Produkte in ffentlichen Blttern. Der Beifall, den Goethe seinen Werken zollte, war ihm besonders erfreulich. Das rein menschliche Urtheil dieses Dichters hatte fr ihn, nach seinem eignen Ausdruck einen hohen Werth. Mit Wieland und Herder, wiewohl er mit den Letztern spterhin zerfiel, mit Meyer, Einsiedel, Bertuch und andern geistreichen Mnnern kam er in mehrfache Berhrung. Nur mit Jean Paul, der sich damals in Weimar aufhielt, entstand kein nheres Verhltni. Schiller verkannte nicht den Geist und das Talent des genannten Schriftstellers, aber die Formlosigkeit seiner Producte widerstand ihm. Mehr behagte ihm der gesunde, wahre Naturausdruck in Kotzebue's Schriften. Mit dem Autor selbst, der damals gleichfalls in seiner Nhe lebte, kam Schiller in keine nhere Berhrung. Er bedauerte, da ein so bedeutendes Talent, wie es Kotzebue besa, durch die Flachheit seines geistigen und moralischen Sinnes fortwhrend in einer niedern Sphre erhalten worden sei. Von seinen nchsten Umgebungen hatte sich Schiller im May 1800 nach Ettersburg zurckgezogen, um dort sein neues Trauerspiel "Maria Stuart", an welchem noch der letzte Act fehlte, zu vollenden. Im Juni des genannten Jahres erschien es auf der Bhne. An dramatischem Effect stand die neue Tragdie dem "Wallenstein" nicht nach. Doch erregte der Streit der beiden Kniginnen, und noch mehr die Abendmahlsscene, mit der vorzglich Herder unzufrieden war, manchen Ansto. Schiller fand sich dadurch veranlat, bei der zweiten Auffhrung seines Stcks, im Herbst 1800, manches darin zu ndern und abzukrzen. Mit groem Interesse hatte er damals die von de l'Averdy aus den Manuscripten der Pariser Bibliothek herausgegebenen Acten ber den Verdammungs- und Lossprechungsproce der Johanna d'Arc gelesen. Er benutzte die historische Ereigni zu seiner romantischen Tragdie: "die Jungfrau von Orleans." Um vllig ungestrt arbeiten zu knnen, begab er sich nach Jena, wo er seine Gartenwohnung bezog. Er hatte sich so vllig isolirt, da er nur mit Schelling und Niethammer in einige Berhrung kam. In einem Briefe an Goethe vom 3. April 1801 uerte er die Hoffnung, sein Trauerspiel in vierzehn Tagen zu vollenden. Er beschftigte sich inde damit noch beinahe sieben Monate. Ueber die Behandlung seines Stoffs und ber einzelne Charaktere und Situationen seiner Tragdie erklrte er sich ausfhrlich in einem am 26. November 1801 geschriebenen Briefe. Er nannte die "Jungfrau von Orleans" in jenem Briefe ein in ihrer Art einziges Sjet, und einen beneidenswerthen Stoff fr den Dichter. Die Stimme der Kritik ber sein neues Trauerspiel befriedigte ihn nicht. Auch die billigen Anforderungen an eine Recension fand er nicht erfllt in einer damals von Apel fr die Allgemeine Literaturzeitung geschriebenen Beurtheilung der "Jungfrau von Orleans". Jene Recension schien ihm ein bloer Versuch, "die Prinzipien der Schellingschen Kunstphilosophie einem vorhandenen Werke anzupassen und darauf anzuwenden." Von der Wirkung seines neuen Trauerspiels und von der Macht seines Talents berzeugte sich Schiller bei der Vorstellung der "Jungfrau von Orleans" in Leipzig. Der Enthusiasmus des Publikums uerte sich, als der Vorhanggefallen war, durch den vielstimmigen Ruf: "Es lebe Friedrich Schiller!" Die Zuschauer drngten sich in dem berfllten Schauspielhause, um den heraustretenden Dichter zu sehen. Schiller hatte sich damals von Leipzig nach Dresden begeben, wo er in dem nahegelegenen Loschwitz, auf Krners Weinberge, mehrere Wochen verweilte, in heitern Jugenderinnerungen, besonders an seinen "Don Carlos", den er dort gedichtet hatte. In fast wehmthiger Stimmung verlie er Dresden, wo er mit dem durch Goethe und Meyer in ihm geweckten hhern Sinne fr die plastische Kunst, sich heimathlicher als frher gefhlt hatte in der antiken Welt, deren Anschauung neue und fruchtbare Ideen in ihm weckte. Sein Aufenthalt in Weimar ward ihm behaglicher, als bisher, durch ein bequemes und freundliches Haus an der sogenannten Esplanade. In diesem, von ihm damals gekauften Hause bewohnte er die obere Etage allein. Vor der Mittagssonne schtzte ihn in seinem Zimmer ein carmoisinrother Vorhang, dessen rthlicher Schimmer, wie er meinte, auf seine produktive Stimmung belebend einwirkte. Zufllig war der Tag, an welchem er seine neue Wohnung bezog, der Todestag seiner Mutter. Wie schmerzlich ihn jene Nachricht ergriffen, schilderte er in einem Briefe an seine Schwester Christophine, die Gattin des Bibliothekars Reinwald in Meiningen. Mit einer Kraft und Innigkeit, wie sie ihm, nach seinen eignen Worten, lange nicht begegnet, fhlte sich Schiller von einem neuen dramatischen Stoffe angezogen. Es war die "Braut von Messina." In einem Briefe vom 10. Mrz 1802 meldete er, da ihn jener Stoff schon sechs Wochen beschftige. Erst zu Ende des Januar 1803 ward das neue Trauerspiel vollendet, und am 4. Februar ward es Abends in einer Gesellschaft von Freunden und Bekannten vorgelesen. Doch wohnte auch der Herzog von Weimar jener Vorlesung bei. Ehe das Stck in Weimar zur Auffhrung kam, ward es in Lauchstdt gegeben. In den ersten Tagen des Juli reiste Schiller dorthin. Bei dem Zusammenstrmen zahlreicher Fremden fand er mit Mhe ein unweit dem Schauspielhause gelegenes Logis mit einem daran stoenden Garten. Bei der Vorstellung des Stcks ereignete sich der Zufall, da bei einem aufsteigenden schwereren Gewitter, die bisher entfernt gehrten Donnerschlge in dem Augenblicke, wo Isabella die gewaltigen Verwnschungen gegen den Himmel aussprach, sich bis zu einem furchtbaren Krachen verstrkten, und da der Schauspieler Graff diesen Zufall zu einer Gesticulation benutzte, von der das ganze Publikum ergriffen ward. In einigen Briefen, die Schiller aus Lauchstedt an seine in Weimar zurckgebliebene Gattin schrieb, beklagte er sich, ungeachtet der Zufriedenheit mit seinem Aufenthalt und seinen Umgebungen, doch ber die Ungewohnheit eines gnzlichen Mssigganges, der ihn den Verlust der schnen Zeit bedauern lasse. Im Juli 1803 kehrte er wieder nach Weimar zurck, nachdem er einen Tag bei dem Kanzler Niemeyer in Halle zugebracht hatte. Bei der Rckkehr nach Weimar widmete er sich wieder seiner gewohnten Thtigkeit. Mannigfache poetische Entwrfe beschftigten ihn. Reich an dramatischem Interesse schien ihm besonders die ltere franzsische Geschichte, namentlich die Zeit der Ligue. Zu seinen Lieblingscharakteren gehrte Heinrich IV. Die neuere Geschichte Frankreichs weckte in ihm die Idee, den Zustand der Polizei in Paris unter der Regierung Ludwigs XIV. zu einem dramatischen Gemlde zu benutzen. Diese Idee beschftigte ihn lngere Zeit. Nach seinen eignen Aeuerungen sollte ber den bunten und mannigfachen Gestalten einer Pariser Welt wie Polizei, wie eine Art von hherem Wesen schweben, dessen Blick ein unermeliches Feld berschaue und in die geheimsten Tiefen dringe, und fr dessen Arm nichts unerreichbar wre. Das von ihm beabsichtigte dramatische Gemlde sollte den Titel: "Die Kinder des Hauses" fhren. Durch die Lectre von Pitaval's Causes celebres, deren Uebersetzung durch Niethammer er mit einer Vorrede begleitet hatte, war die Idee zu jenem Drama zuerst in Schiller rege geworden. Auch von der deutschen Geschichte versprach er sich eine reiche Ausbeute dramatischer Stoffe. Besonders anziehend war fr ihn unter den vaterlndischen Charakteren Friedrich von Oesterreich, der Gegner und Freund Ludwigs des Baiern. Mitunter ward auch der schon frh entworfene Plan wieder in ihm rege, einen zweiten Theil der "Ruber" zu schreiben, der die Dissonanzen dieses Schauspiels beseitigen sollte. Unter diesen mannigfachen Entwrfen bot ihm die Geschichte der Schweiz endlich einen dramatischen Stoff, von welchem er sich eine groartige Wirkung versprach. Es war das Schauspiel "Wilhelm Tell", das ihn jedoch ein volles Jahr beschftigte und erst im Februar 1804 vollendet ward. Eine groe Bewegung in dem gesellschaftlichen Leben Weimars hatte nicht lange zuvor die Ankunft einiger Fremden veranlat. Zu diesen gehrten besonders Benjamin Constant und Frau v. Stael. Von den Gesprchen der eben genannten geistreichen Schrifstellerin [Schriftstellerin] fhlte sich Schiller angezogen. Drckend aber war ihm das Ueberma franzsischer Lebhaftigkeit, das, nach seinen eignen Aeuerungen, die ruhige und gemthliche Aufnahme des Geistigen stre. In einem Briefe an Goethe vom 21. December 1803, in welchem Schiller eine ausfhrliche Schilderung der Frau v. Stael entwarf, und besonders die Klarheit, Entschiedenheit und geistreiche Lebhaftigkeit ihrer Natur hervorhob, fgte er hinzu: "Das einzige Lustige ist die ganz ungewhnliche Fertigkeit der Zunge. Man mu sich ganz in ein Gehrorgan verwandeln, um ihr folgen zu knnen." Mitten unter jenen Zerstreuungen, die weder mit seiner Liebe zur Einsamkeit harmonirten, noch auf seinen oft leidenden krperlichen Zustand gnstig einwirkten, erhielt Schiller manche Beweise der Aberkennung seines Talents. Der Knig von Schweden hatte ihm bei seiner Durchreise durch Weimar einen Brillantring zum Geschenk gemacht wegen der "Geschichte des dreiigjhrigen Kriegs", worin Schiller der Schweden rhmlich gedacht hatte. Seinem Jugendfreunde Wilhelm v. Wolzogen schilderte er seine freudige Ueberraschung mit den Worten: "Wir Poeten sind selten so glcklich, da die Knige uns lesen, und noch seltener geschieht es, da sich ihre Diamanten zu uns verirren. Ihr Herrn Staats- und Geschftsleute habt eine grere Affinitt zu diesen Kostbarkeiten; aber unser Reich ist nicht von dieser Welt." Noch vor der Vollendung seines "Wilhelm Tell", der im Februar 1804 zum erstenmal aufgefhrt ward, hatte Schiller in der Geschichte des falschen Demetrius in Ruland einen neuen dramatischen Stoff gefunden. Er entwarf den Plan des Stcks und einzelne Scenen. In Stunden, wo er sich nicht heiter genug fhlte zu eignen Dichtungen, beschftigte er sich mit einer metrischen Uebersetzung des Trauerspiels "Phdra" von Racine fr das weimarische Theater, fr welches er schon einige Jahre frher Shakspeares "Macbeth" und Gozzi's "Turandot" bearbeitet hatte. Auch fr den Julius Csar des groen brittischen Dichters interessirte sich Schiller lebhaft. Die Idee, auch von diesem Trauerspiel eine Bearbeitung fr die Bhne zu liefern, unterblieb jedoch. Die von ihm aus dem Franzsischen bertragenen Lustspiele: der "Neffe als Onkel" und der "Parasit" reizten ihn, selbst in dieser Gattung einen Versuch zu wagen, die jedoch fr ihn etwas Fremdartiges behielt. "Zwar glaub' ich", schrieb er, "mich derjenigen Comdie gewachsen, wo es mehr auf eine komische Zusammenfgung der Begebenheiten, als auf komische Charaktere ankommt. Aber meine Natur ist doch zu ernst gestimmt, und was keine Tiefe hat, kann mich nicht lange anziehen." Vielleicht ward die Idee, ein eignes Lustspiel zu schreiben, in Schiller durch den Beifall rege, mit welchem der "Parasit" bei der ersten Vorstellung im April 1803 aufgenommen ward. Die Ankunft der russischen Grofrstin Maria Paulowna, jetzt regierende Groherzogin von Sachsen-Weimar, und ihre Vermhlung mit dem damaligen Erbherzog Carl Friedrich feierte Schiller durch sein lyrisches Vorspiel: "Die Huldigung der Knste", in welchem sich seine Poesie in ihrem vollen Glanze und ihrer ganzen Eigentmlichkeit zeigte. Das genannte Stck ward den 12. November 1804 auf der Weimarischen Bhne vorgestellt. Den Gesichtspunkt, aus welchem Schiller in der letzten Periode seines Lebens sich selbst und seine Leistungen betrachtete, machte er in einem Briefe an Humboldt vom 2. April 1805 mit den Worten namhaft: "Noch hoffe ich in meinem poetischen Streben keinen Rckschritt gethan zu haben, einen Seitenschritt vielleicht, indem es mir begegnet seyn kann, den materiellen Forderungen der Welt und der Zeit etwas eingerumt zu haben. Die Werke des dramatischen Dichters werden schneller, als alle andern, von dem Zeitstrom ergriffen; er kommt, selbst wider Willen, mit der groen Masse in eine vielseitige Berhrung, bei der man nicht immer rein bleibt. Anfangs gefllt es, den Herrscher zu machen ber die Gemther; aber welchem Herrscher begegnet es nicht, da er auch wieder der Diener seiner Diener wird, um seine Herrschaft zu behaupten; und so kann es leicht geschehen seyn, da ich, indem ich die deutschen Bhnen mit dem Gerusch meiner Stcke erfllte, auch von den deutschen Bhnen etwas angenommen habe." In diesem Briefe legte Schiller auch das Gestndni ab, da die speculative Philosophie ihn durch ihre hohlen Formeln verscheucht habe, und da er auf diesem kahlen Gefilde keine lebendige Quelle und keine Nahrung fr sich gefunden habe. "Aber", fgte er hinzu, "die tiefen Grundideen der Idealphilosophie bleiben ein ewiger Schatz, und schon allein um ihrentwillen mu man sich glcklich preisen, in dieser Zeit gelebt zu haben." Bitter beklagte sich Schiller in den letzten Jahren seines Lebens ber den Mangel an Produktivitt und die unselige Nachahmungssucht der Deutschen, die nichts weiter herbeifhre, als ein ideales Wiederbringen und Verschlechtern des Urbildes. "Solche Nachahmungen", schrieb er, "hat auch mein Wallenstein und meine Braut von Messina vielfach hervorgebracht. Aber man ist auch nicht einen Schritt weiter gefrdert." In einem Briefe vom 11. Februar 1803 meinte Schiller, es sei jetzt ein so klglicher Zustand in der ganzen Poesie der Deutschen, da alle Liebe und aller Glaube dazu gehre, um noch an ein Weiterstreben zu denken, und auf eine bessere Zeit zu hoffen. Was Schiller in der modernen Poesie vermite, fand er in der ltern, vorzglich in den Meisterwerken der Italiener. Anziehend war fr ihn besonders Ariost's rasender Roland, und er wute seinem Freunde Krner nicht genug zu schildern, welchen hohen Genu ihm die wiederholte Lectre jener Dichtung gewhrt habe. Da sei Leben und Bewegung und Farbe und Flle; man werde aus sich heraus in's volle Leben und wieder in sich selbst zurckgefhrt. Zwar drfe man hier keine Tiefe suchen und keinen Ernst. Aber wir brauchten, meinte Schiller, auch die Flche so nthig, als die Tiefe, und fr den Ernst sorge die Vernunft und das Schicksal schon so hinreichend, da die Phantasie sich nicht damit zu bemengen brauchte. Zum Ernst mute ihn schon die Ahnung eines kurzen Lebens stimmen, die sich ihm fortwhrend aufdrang und ihn eigentlich nie ganz verlie. Der Kampf, den er in seiner Jugend mit dem Druck der Armuth und andern ungnstigen Verhltnissen bestanden, war kaum hrter, als die Leiden, die in sptern Jahren seine von Natur schwache Gesundheit untergruben. Seine physische Kraft war gebrochen. Vllige Wiederherstellung seiner Gesundheit konnte Schiller bei seiner fortwhrenden Geistesanstrengung und seinen Nachtwachen kaum erwarten. Eine Erleichtrung seines Zustandes hoffte er von dem Gebrauch der Seebder. Schon einige Jahre frher war diese Idee, die er spter wieder verwarf, in ihm rege geworden. Am 18. Juni 1801 schrieb er: "Mein Entschlu ist ernstlich gefat, in etwa drei Wochen an die Ufer der Ostsee zu reisen, dort das Seebad zu versuchen, und dann ber Berlin und Dresden zurckzugehen.--Ich mu neue Gegenstnde sehen, mu einen entscheidenden Versuch hinsichtlich meiner Gesundheit machen. Den 10. October hoff' ich wieder zurck zu seyn, denn ich werde schnell reisen, und mich nur zwlf Tage in Dobberan, eben so lange in Berlin, und sechs Tage in Dresden verweilen." Noch oft kehrte in ihm der Wunsch wieder, durch Reisen seine Gesundheit zu strken, und zugleich seine Welt- und Menschenkenntni zu vermehren. Gern htte er besonders die Schweiz besucht, um die Heimath Tell's mit der in seinem Schauspiel entworfenen Schilderung vergleichen zu knnen. Die Ausfhrung jener mannigfachen Entwrfe ward schon oft in den nchsten Tagen wieder verdrngt durch den freudigen Eifer, mit dem sich Schiller der Ausarbeitung seiner Dichtungen widmete. Den letzten Ausflug unternahm er im Frhling 1804, das Jahr vor seinem Tode. Er reiste nach Berlin, um der Vorstellung seines "Wilhelm Tell" beizuwohnen. Iffland, der jene Reise veranlat hatte, bot Alles auf, um ihm den hchsten dramatischen Genu zu bereiten. Schiller ward in Berlin mit allgemeiner Achtung empfangen. Eine rege Theilnahme, selbst von Seiten des preuischen Hofes, kam ihm entgegen. Die Knigin Luise uerte den Wunsch, ihn an Berlin zu fesseln. Durch den Staatsminister v. Beyme ward ihm im Namen Friedrich Wilhelms III. ein Jahrgehalt von 3000 Thalern nebst freiem Gebrauch einer Hofequipage zugesichert. Sein krnklicher Zustand und die Bedenklichkeit in neue Verhltnisse zu treten, mochten die Ursache seyn, weshalb Schiller dies glnzende Anerbieten ablehnte oder unbeachtet lie. Eine gewisse Vorliebe fr Weimar und die Anhnglichkeit an seinen Frsten trug dazu bei, ihn von jenem Schritt abzuhalten. Er fhlte sich dem Herzog von Weimar verpflichtet, der seinen Gehalt erhht und ihm auerdem mehrere Beweise seiner Huld gegeben hatte, unter anderen, als er 1802 aus eigner Bewegung ihm den Adelsbrief auswirkte. "Da ich," schrieb Schiller den 2. April 1805 aus Weimar an Wilhelm v. Humboldt, "Antrge gehabt, mich in Berlin zu fixiren, wissen Sie, und auch, da mich der Herzog von Weimar in die Umstnde gesetzt hat, mit Aisance hier zu bleiben. Da ich nun auch fr meine dramatischen Schriften mit Cotta und mit den Theatern gute Accorde gemacht, so bin ich in den Stand gesetzt, etwas fr meine Kinder zu erwerben, und ich darf hoffen, wenn ich nur bis in mein funfzigstes Jahr so fortfhre, ihnen die nthige Unabhngigkeit zu verschaffen. Sie sehen, da ich Sie ordentlich wie ein Hausvater unterhalte. Aber ein solches Huslein von Kindern, als ich um mich habe, kann einen wohl zum Nachdenken bringen. Uebrigens lebe ich hier in sehr angenehmen Verhltnissen, und noch keinen Augenblick habe ich es bereut, da ich Weimar dem Aufenthalt in Berlin vorgezogen habe. Wre ich ein ganz unabhngiger Mensch, so wrde ich dem Sden um einige Grade nher rcken." Eine Erkltung, die er sich whrend seines Aufenthalts in Jena bei einer Spazierfahrt durch das Dornburger Thal zugezogen, hatte fr Schiller die heftigsten Unterleibsschmerzen zur Folge. Seinen nchsten Umgebungen, wie ihm selbst, schien sein Zustand bedenklich. Erst langsam genas er wieder. Den 3. August 1804 schrieb er an Goethe: "Ich habe einen harten Anfall ausgestanden, und es htte leicht schlimm werden knnen. Alles geht nun wieder besser, wenn mich nur die unertrgliche Hitze zu Krften kommen liee. Eine pltzliche groe Nervenschwchung in einer solchen Jahreszeit ist in der That fast ertdtend, und ich spre seit den acht Tagen, wo mein Uebel sich gelegt, kaum einen Zuwachs von Krften, obgleich der Kopf ziemlich hell und der Appetit wieder ganz hergestellt ist." Seit jenem Krankheitsanfall hatte sich Schiller in seinem Aeuern sichtbar verndert. Seine bleiche Gesichtsfarbe fiel in's Graue. Das Gefhl physischer Schwche verlie ihn nicht wieder, und gesteigert ward es noch durch einen Fieberanfall im Februar 1805. Seinen Zustand schilderte er in einem Briefe an Goethe. Er schrieb: "Die zwei harten Ste, die ich nun in einem Zeitraum von sieben Monaten auszustehen gehabt, haben mich bis auf die Wurzeln erschttert, und ich werde Mhe haben, mich zu erholen. Mein jetziger Anfall scheint zwar nur die allgemeine epidemische Ursache gehabt zu haben, aber das Fieber war so stark, und hat mich in einem schon so geschwchten Zustande berfallen, da mir eben so zu Muthe ist, als wenn ich aus der schwersten Krankheit erstnde; und besonders habe ich Mhe, eine gewisse Muthlosigkeit zu bekmpfen, die das schlimmste Uebel in meinen Umstnden ist." Trost gewhrte ihm eine ruhige Ergebung in sein Schicksal. In einem zuflligen Gesprche ber den Tod meinte Schiller: "der Tod knne doch kein Uebel seyn, weil er etwas Allgemeines sei." Am 1. Mai 1805 berfiel ihn ein Katarrhalfieber, das jedoch wenig Besorgnisse erregte, da er sich nicht unwohler fhlte, als bei frhern Zufllen hnlicher Art. Es war seine letzte Krankheit. Er nahm lebhaften Antheil an dem Gesprch einiger Freunde, die ihn besuchten. Unter ihnen befand sich auch sein Verleger, der Buchhndler Cotta, der auf seiner Reise nach Leipzig durch Weimar gekommen war. Selbst mitzusprechen ward Schiller durch einen oft und sehr heftig wiederkehrenden Husten verhindert. Mit seltener Aufopferung brachte Heinrich Vo, der Sohn des Dichters, mehrere Nchte an Schiller's Krankenlager zu. Schiller's Standhaftigkeit im Leiden, wie die Sanftmuth und Milde seines Charakters zeigte sich damals im schnsten Lichte. In einem Briefe an Goethe uerte Schiller: "Der sei am besten dran, der durch die Noth gezwungen, sich mit dem Krankseyn nach und nach habe vertragen lernen." Vo erzhlte in spterer Zeit, wie ihm Schiller einst, als er bei ihm wachte, bewutlos in die Arme gesunken sei. Aus Schonung fr seine Frau, die aus Besorgnis um ihn sein Zimmer nicht verlassen wollen, hatte Schiller eine ihm nahende Ohnmacht gewaltsam unterdrckt. "Bin ich denn wirklich so matt?" sagte er einst traurig, als beim Auf- und Abgehen im Zimmer der teilnehmende Freund ihm unter die Arme griff, um ihn zu sttzen. Nur seiner Kinder wegen, uerte Schiller im Gefhl zunehmender Schwche, wnsche er zu leben. Von der ihm drohenden Gefahr schien er keine Ahnung zu haben. Bis zum sechsten Mai blieb ihm vlliges Bewutseyn. Er uerte, er habe ber seine Krankheit nachgedacht, und Mittel entdeckt, die ihm wieder zu seiner vlligen Genesung verhelfen wrden. In leidensfreien Stunden beschftigten ihn mehrfache poetische Entwrfe. Er arbeitete mitunter fleiig an seinem Trauerspiel "Demetrius," von welchem er einzelne Scenen niederschrieb. Da die Arbeit so langsam fortrcke, beklagte er oft. Den Monolog der "Marsa" fand man nach Schiller's Tode auf seinem Schreibtische. Es waren vielleicht die letzten Zeilen, die er geschrieben. Aus den %Contes de Tressan% einem Buche, das er sehr liebte, lie er sich mitunter vorlesen. Wiederholt uerte er ein Verlangen nach Mhrchen und Rittergeschichten. Darin lge, meinte er, der Stoff zu allem Schnen und Groen. Lebhafter, als seinem sehr geschwchten Krper zutrglich seyn konnte, uerte er sich ber mancherlei dramatische Plne. Seine Umgebungen suchten ihn ruhig zu erhalten. Halb unwillig uerte er: "Nun, wenn mich Niemand versteht, und ich mich selbst nicht verstehe, so will ich lieber schweigen." Im Schlafe phantasirte Schiller oft. Sein bei ihm wachender Diener erzhlte, da er viel gesprochen und einzelne Scenen aus dem "Demetrius" recitirt habe. Einigemal habe ich an Gott das rhrende Flehen gerichtet, ihn vor einem langen Krankenlager und allmligen Hinsterben zu bewahren. Noch ehe mit dem neunten Mai vllige Bewutlosigkeit eintrat, schien er die in seiner Nhe befindlichen Personen wenig oder gar nicht zu beachten. Selten verlangte er, seine Kinder zu sehen; doch freute er sich herzlich, als ihm seine jngste Tochter gebracht ward. Seine Brustbeklemmungen vermehrten sich, der Athem fing an zu stocken, und ein Nervenschlag endete am neunten Mai 1805 sein Leben im sechs und vierzigsten Jahre. Seine Zge waren so ruhig, wie die eines sanft Schlafenden. Bei seinem Tode war, auer seinem Arzt, dem Dr. Herder, einem Sohn des Dichters, Niemand zugegen, als seine Gattin und deren Schwester Karoline v. Wolzogen. Bei der Section zeigte sich, da der linke Lungenflgel Schiller's gnzlich zerstrt war. Seine Schwgerin erinnerte sich, da er wenige Wochen vor seiner Krankheit, als er zum Letztenmal im Theater war, geuert hatte: sein Zustand sei hchst seltsam; in der linken Seite, wo er seit mehreren Jahren Schmerz gefhlt, fhle er jetzt gar nichts mehr. Nach der Behauptung seines Arztes wrde Schiller, auch wenn er wieder genesen wre, der Beschaffenheit seiner Lunge nach, kaum noch ein halbes Jahr sein Leben haben fristen knnen. Eine allgemeine Trauer herrschte in Weimar bei Schiller's Tode. Schmerzlich fhlten besonders die Mitglieder der dortigen Bhne den Verlust eines Mannes, der durch Rath und Belehrung ihr Talent mannigfach gefrdert hatte. Immer hatten sie mit ihm in freundlichen Verhltnissen gestanden. Sein Andenken ehrten sie durch die Weigerung, an dem Tage, wo er gestorben, die Bhne zu betreten. Das Theater blieb eine Zeitlang geschlossen, und ward erst wieder durch eine von einer Todtenfeier begleitete Vorstellung der "Jungfrau von Orleans" erffnet. Goethe, damals selbst lebensgefhrlich krank, schrieb bald nach Schillers Tode: "Ich dachte mich selbst zu verlieren, und verliere einen Freund, und in demselben die Hlfte meines Daseyns." Goethe's Nachruf an Schillers Grabe enthielt, in reiner Anerkennung seines Werths, die charakteristischen Worte: "Wir drfen ihn glcklich preisen, da er von dem Gipfel des menschlichen Daseyns zu den Seligen emporgestiegen, da ein schneller Schmerz ihn von den Lebendigen hinweggenommen. Die Gebrechen des Alters, die Abnahme der Geisteskrfte hat er nicht empfunden. Er hat als ein Mann gelebt, und ist als ein vollstndiger Mann von hinnen gegangen. Nun geniet er im Andenken der Nachwelt den Vortheil, als ein ewig Tchtiger und Krftiger zu erscheinen. Denn in der Gestalt, wie der Mensch die Erde verlt, wandelt er unter den Schatten, und so bleibt uns Achill als ein ewig strebender Jngling gegenwrtig. Von seinem Grabe strkt uns der Anhauch seiner Kraft, und erregt in uns den lebhaftesten Drang, das, was er begonnen, mit Liebe fort- und immer fortzusetzen. So wird er seinem Volke und der Menschheit, in dem, was er gewirkt und gewollt, stets leben." In rhrender Weise zeigte sich die Verehrung fr Schiller bei seiner Beerdigung in der Nacht vom eilften zum zwlften May. Zu den jungen Gelehrten und Knstlern, die sich's zur Ehre schtzten, den gewhnlichen Trgern Schillers Sarg abzunehmen, gehrten H. Vo, St. Schtze, J. Jagemann, J. Klauer u. A. In dem Trauerzuge, der den Dichter zu seiner Ruhesttte geleitete, befand sich auch sein Jugendfreund Wilhelm v. Wolzogen, der auf die Nachricht von Schillers Tode aus Naumburg herbeigeeilt war. Das Landschaftscassengewlbe empfing Schiller's irdische Ueberreste. Dort ruhten sie bis zum Jahr 1826 wo sie mit dem von den Gebeinen getrennten Schdel, der auf der Groherzoglichen Bibliothek zu Weimar in dem Postament der Dannecker'schen Marmorbste Schiller's aufbewahrt worden war, wieder vereinigt wurden, und in der frstlichen Gruft auf dem Kirchhofe zu Weimar eine wrdige Stelle fanden. Ueber Schiller's Beerdigung ertheilte eine im Mai 1805 gedruckte Zeitungsnachricht nhere Auskunft in den Worten: "Es war zwischen zwlf und ein Uhr, als man sich dem Gottesacker nahte. Der rings umwlkte Himmel drohte Regen. Als aber der Sarg vor der Gruft niedergesetzt ward, theilten sich die Wolken, und der Mond warf seine ersten Strahlen auf den Sarg. Man senkte ihn in die Gruft. Der Mond trat wieder hinter die Wolken. Heftig brausend erhob sich ein Sturm, der die Anwesenden gleichsam an den groen, unersetzlichen Verlust mahnte." Von dem als Herausgeber des allgemeinen Reichsanzeigers bekannten Schriftsteller Becker in Gotha ging der Vorschlag aus, auf allen bedeutenden Bhnen Deutschlands Todtenfeiern fr den Dichter zu veranstalten, und den Gesammtertrag zum Ankauf eines Landguts zu verwenden, das unter dem Namen "Schillers Ehre" ein unveruerliches Eigenthum seiner Familie bleiben sollte. Die politischen Ereignisse und die bald nach Schillers Tode ausbrechenden Kriegsunruhen verhinderten die Ausfhrung dieses Plans. Schillers Jugendfreund, der Bildhauer Dannecker in Stuttgart, verewigte sein Andenken durch eine colossale Marmorbste. Eine frher verfertigte Bste in Lebensgre, wozu Schiller whrend seines letzten Aufenthalts in Schwaben (1793) gesessen, legte der Knstler jenem Meisterwerk zu Grunde, und er beschlo es mit Anstrengung aller seiner Krfte auszufhren, als er die Nachricht von dem Tode seines Freundes erhielt. Als Schillers Wittwe Danneckers Atelier besuchte, sa sie lange schweigend vor dem Bilde des ihr vor allen theuern Mannes, und sagte dann mit tiefer Rhrung zu ihren Kindern: "Kt dem Manne die Hand, der Euern Vater so fortleben lt." Unter den von Schiller vorhandenen Bildnissen hatte vorzglich ein Oelgemlde von Madame Simanowitz das Verdienst sprechender Aehnlichkeit. Als Schiller Jena verlie, schenkte er die Bild seiner Freundin, der Kirchenrthin Griesbach. Spterhin kam es in den Besitz seines zweiten Sohnes Ernst, der als Apellationsrath in Cln 1841 starb. Schillers ltester Sohn Karl, lebt als Knigl. Wrtembergischer Oberfrster in Rottweil. Der Dichter hinterlie auerdem zwei Tchter, von denen die ltere, Caroline, an den Bergrath Junot in Rudolstadt verheirathet, 1850 gestorben, die jngere, Emilie, aber als Gattin des Barons von Gleichen- Ruwurm auf dessen Gute Bonnland in Baiern lebt. Bereits 1826 war Schillers Gattin in Bonn gestorben, wohin sie gereist war, um von einem mit Blindheit sie bedrohenden Augenbel geheilt zu werden. Eine ffentliche Anerkennung seiner Verdienste ward dem Dichter durch ein von Thorwaldsens Meisterhand gefertigtes Standbild in colossaler Gre, das ihm in Stuttgart errichtet und dort am 2. May 1839 feierlich enthllt warb. In Weimar beabsichtigt man, ihm mit Goethe und Wieland ein gemeinschaftliches Denkmal zu errichten. Sein dortiges Haus an der Esplanade ward bereits vor einigen Jahren von dem Stadtrath zu Weimar angekauft und mit manchen werthvollen Reliquien des Dichters ausgestattet, dem Besuch von Einheimischen und Fremden geffnet. Treffend hat Schiller in seiner Abhandlung ber naive und sentimentale Dichtung sich selbst gezeichnet in den Worten: "Den kindlichen Charakter, den das Genie in seinen Werken abdruckt, zeigt es auch in seinem Privatleben und in seinen Sitten. Es ist schamhaft, weil die Natur dieses immer ist; aber es ist nicht decent, weil nur die Verderbni decent ist. Es ist verstndig, denn die Natur kann nie das Gegentheil seyn; aber es ist nicht listig, denn das kann nur die Kunst seyn. Es ist seinem Charakter und seinen Neigungen treu, aber nicht sowohl, weil es Grundstze hat, als weil die Natur bei allem Schwanken immer wieder in die vorige Stelle rckt, immer das alte Bedrfni zurckbringt. Es ist bescheiden, ja blde, weil das Genie immer sich selbst ein Geheimni bleibt; aber es ist nicht ngstlich, weil es die Gefahren des Weges nicht kennt, den es wandelt. Wir wissen wenig von dem Privatleben der grten Genies, aber auch das Wenige, was uns aufbewahrt worden, besttigt diese Behauptung." End of Project Gutenberg's Friedrich v. Schiller's Biographie, by H. Doering License: Share Alike