Produced by the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This file was produced from images generously made available by The Internet Archive. F. M. Dostojewski: Smtliche Werke Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski herausgegeben von Moeller van den Bruck bertragen von E. K. Rahsin Erste Abteilung: Fnfter und sechster Band F. M. Dostojewski Die Dmonen Roman R. Piper & Co. Verlag, Mnchen R. Piper & Co. Verlag, Mnchen, 1921 11. bis 20. Tausend Copyright 1921 by R. Piper & Co., Verlag in Mnchen. ............ >Herr, wir haben in dem Dunkel uns verirrt. Was tun wir nun? Jede Wegspur ist verloren! Teufel haben ganz gewi uns hier auserkoren, -- zerren jetzt und drehen uns mit Dmonenmacht wohl zickzack im Kreis herum, in dem Schneesturm und der Nacht. ............ Wieviel sind's? Wohin die Hetze? Und was singen sie im Trab? Feiern sie heut Hexenhochzeit? Oder tanzen sie ums Grab, das sie grad' dem Hausgeist graben?< ............ _A. Puschkin._ Es war aber daselbst eine groe Herde Sue an der Weide auf dem Berge. Und sie baten ihn, da er ihnen erlaubte, in dieselben zu fahren. Und er erlaubte ihnen. Da fuhren die Teufel aus von dem Menschen, und fuhren in die Sue; und die Herde strzte sich vom Abhange in den See, und ersoffen. Da aber die Hirten sahen, was da geschah, flohen sie, und verkndigten's in der Stadt und in den Drfern. Da gingen sie hinaus, zu sehen, was da geschehen war, und kamen zu Jesu, und fanden den Menschen, von welchem die Teufel ausgefahren waren, sitzend zu den Fen Jesu, bekleidet und vernnftig, und erschraken. Und die es gesehen hatten, verkndigten's ihnen, wie der Besessene war gesund worden. Evangel. Luk, Kap. VIII, 32--37 (nach der bersetzung von Luther). Inhalt Seite Dostojewski, der Nihilismus und die Revolution. Von M. v. d. IX B. Vorbemerkung XXIII Personen-Verzeichnis XXXI 1. Kapitel: Statt einer Einleitung: einiges Ausfhrliche aus 1 der Biographie des wohlachtbaren Stepan Trophimowitsch Werchowenski 2. Kapitel: Prinz Heinz. Die Brautwerbung 59 3. Kapitel: Fremde Snden 110 4. Kapitel: Die Hinkende 175 5. Kapitel: Die allwissende Schlange 229 6. Kapitel: Die Nacht 304 7. Kapitel: Die Nacht (Fortsetzung) 384 8. Kapitel: Das Duell 426 9. Kapitel: Alle in Erwartung 446 10. Kapitel: Vor dem Fest 485 11. Kapitel: Pjotr Stepanowitsch in Ttigkeit 521 12. Kapitel: Bei den Unsrigen 595 13. Kapitel: Zarewitsch Iwan 636 14. Kapitel: Wie Stepan Trophimowitsch beschlagnahmt wurde 654 15. Kapitel: Die Flibustier. Der verhngnisvolle Morgen 670 16. Kapitel: Die Matinee 709 17. Kapitel: Das Ende des Festes 760 18. Kapitel: Ein beendeter Roman 813 19. Kapitel: Der letzte Beschlu 847 20. Kapitel: Die Reisende 887 21. Kapitel: Die mhevolle Nacht 940 22. Kapitel: Stepan Trophimowitschs letzte Reise 995 23. Kapitel: Der Schlu 1052 1. Anhang: Material zum Roman Die Dmonen. Aus den 1073 Notizbchern F. M. Dostojewskis 2. Anhang: Bruchstck aus einem bisher unverffentlichten 1121 Kapitel des Romans Die Dmonen Anmerkung 1139 Dostojewski, der Nihilismus und die Revolution. Der Keim des Nihilismus lag bereits im Sektenwesen. Die Raskolniki haben zuerst durch das russische Volk eine revolutionre Stimmung getragen und religisen Aufruhr verbreitet. Weil der Russe rechtglubig bleiben wollte, wurde er altglubig, um andersglubig und schlielich unglubig zu werden. Der Raskol war ursprnglich ein Kampf des Volkes um seine einzige Bildung: die geistliche. Es war ein Kampf um das Wenige, das Arme im Geiste besaen, die an Vorstellungen nicht rhren lassen wollten, in die sie sich durch Jahrhunderte eingewhnt hatten: an Ritual, Legende und Text. Es war ein Kampf, der zu keiner Reformation fhrte, sondern zum Schisma, und schlielich zur Hresie. Aber in diesem Kampfe standen Beschrnkte wie Besessene, und standen wild bis zum Fanatismus. Das Ende der Zeiten, das tausendjhrige Reich, der Antichrist auf Erden wurde von ihnen erwartet. Schon hier wird die Verbindung von Apokalypse und Nihilismus, aber auch Konservativismus deutlich, die in allen russischen Revolutionen irgendwie wiederkehrt. Der religise Nihilismus wurde allmhlich zum politischen Nihilismus. Als Peter erschien und um weltlicher Reformen willen die Kirche dem Staate unterwarf, da sah man den Antichrist auch in ihm, dem Zaren. Ja, schon wagten die Raskolniki in ihrem Kampfe gegen die Kirche auch den Kampf gegen den Staat. Sie erfuhren Zuzug aus allen Kreisen, die in Reibung mit der Obrigkeit lagen. Im Raskol sammelten sich die Unzufriedenen des Landes. Es kam, wer ein schlechtes Gewissen hatte. Es kam der Beamte, der veruntreut, und der Bauer, der aufbegehrt hatte. Es kam der Soldat, der seiner Truppe entlaufen war. Es kamen Strelitzen, denen dem Blutgerichte von Moskau zu entrinnen gelang. Es kamen kosakische Freibeuter, aber auch ukrainische Patrioten, Leute aus der Anhngerschaft schon des Stenka Rasin und wieder des Mazeppa. Es kamen die Barfler. Es kamen Verbrecher. Es kamen Mrder, Ruber und Diebe, sie alle, denen der Kettenweg nach Sibirien drohte. Sie alle kamen und wurden hier Brder vom Gesindel, doch Brder in Freiheit. Die Form dieser Brderschaft war noch nicht die der Verschwrung. Aber die Taktik der Nihilisten kndigte sich schon unter den Sektierern an. Geheime Beziehungen wurden zwischen den Gemeinden unterhalten, wie hernach zwischen den Gruppen. Verfolgte wurden verborgen, falsche Psse wurden ausgefertigt, und wie man spter Proklamationen zusteckte, so wurden damals Hostien, Reliquien und verbotene Postillen geschmuggelt. In den geluterten Brderschaften der Stundisten, der Molokanen oder der Duchoborzen, deren Anhnger sich um ein ausgeklgeltes Sonderideechen zu sammeln pflegten, wurde dieser religise Nihilismus schlielich ganz brav, ehrbar und pietistisch-tugendhaft. Aber auch von ihnen, freilich auch von den Popenfamilien, in denen auf den orthodoxen Vater der problematische Sohn folgte, ging die nihilistische Unterschichtung des russischen Volkes weiter aus. Noch Raskolnikoff, in dessen Hirn statt der harmlosen Beunruhigung, wie man den Namen des Heilandes richtig zu schreiben habe, die gefhrliche Frage nach Gut und Bse whlte, trug von den Raskolniki den Familiennamen und gehrte ihnen nicht nur nach der Abstammung sondern auch in der Anlage an. Der Dmon des Nihilismus war in einer noch mittelalterlichen Zeit wie ein unheimliches Tier gewesen. In der Zeit der Dekabristen sah man ihn in byronischer Gestalt unter jungen Enthusiasten umgehen. Die Dekabristen waren entzckte Jnglinge, die von der franzsischen Revolution freisinnige Begriffe gelernt und aus den europischen Feldzgen fortschrittliche Vorstellungen mitgebracht hatten. Von ein paar idealen Forderungen, Aufhebung der Zensur und ffentlichkeit des Gerichts, erhofften sie eine Besserung der schlechten russischen Welt. Aber sie hatten keine bestimmte politische Idee. Daran scheiterten sie. Die jungen Politiker und radikalen Ideologen der vierziger Jahre dagegen kamen in Debattierklubs zusammen. Alle ernsten Elemente, die suchten, die sich vorwrtstasteten, freilich auch alle, die in die Irre gingen, sammelten sich in diesen Debattierklubs, deren einer unter dem Namen der Petraschewzen deshalb berhmt geworden ist, weil Dostojewski in die Geschichte der Verschwrung verwickelt wurde, die man seinen Mitgliedern anhing. Dostojewski meinte diese Zeit der Unruhe in Ruland, des bergangs und der Ungewiheit, als er schrieb: damals gab es unter den jungen Leuten sehr, sehr viele, die von irgend etwas durchdrungen waren, die irgend etwas erwarteten ... Aber auch die Petraschewzen hatten noch keine bestimmte politische oder soziale Idee. Sie beschftigten sich nur mit Ideen. Sie lasen die Bcher von Saint-Simon und Proudhon, von Owen und Fourier. Sie bezogen die Phalanstre. Doch eine Einheitlichkeit der Tendenz gab es in diesen Debattierklubs nicht. Unter die Einheitlichkeit eines Programms htte man die Petraschewzen nicht bringen knnen. Und fr eine Einheitlichkeit der Aktion fehlte jede Voraussetzung. In seinem Rechtfertigungsschreiben merkte Dostojewski an: man kann sagen, da man dort nicht drei Menschen fand, die in irgendeinem Punkte ber ein beliebig aufgegebenes Thema bereinstimmten. Es war die Zeit der literarisch-politischen Forderungen. Auch Dostojewski hatte damals seine Forderungen. Und er hatte, er leugnete es nicht, seine Klagen. Er sprach im Kreise der Petraschewzen fr die Aufhebung der Leibeigenschaft und hielt die Bauernbefreiung fr unumgnglich. Aber er tat es nicht als Liberaler aus einer Lehrmeinung, die ihre Grundstze liebt, sondern als Russe aus Liebe fr das Volk. Er wollte die Menschen befreien, aber er wollte es in Volklichkeit und nicht durch Vergesellschaftung. Auch er las die Bcher der Sozialisten, weil sie, wie er sagte, mit Begeisterung fr das Wohl der Menschen geschrieben seien. Aber den Fourierismus lehnte er ab, whrend Petraschewski sich fr ihn einsetzte. Das Wohl der Menschen schien ihm in Ruland nur vom Volke aus durch den Staat sichergestellt werden zu knnen. Auch Dostojewski war ein Revolutionr. Als Russe, als russischer Mensch mit allen seinen russischen Mglichkeiten, die vom Orthodoxen bis zum Nihilistischen reichen, teilte auch er in einem Winkel, in einer verborgenen Abgrndigkeit seines sehr zusammengesetzten Wesens diese uerste aller politischen Mglichkeiten. Als er einmal den Wunsch uerte, da auch die Bauernbefreiung wieder von oben gemacht werden solle, und als dagegengehalten wurde, da dies wohl niemals geschehen werde, da entschied er fast zgernd: Ja -- dann mit Gewalt. Er selbst wird in dieser Zeit als ein Mensch geschildert, dessen ganzes Wesen sich zum Verschwrer geeignet habe, still, wortkarg, nur fhig, unter vier Augen sich auszusprechen, doch dann, wenn die Rede ihn hinri, von mchtiger berzeugungskraft. Aber Dostojewski war Revolutionr nicht aus Doktrin, sondern beinahe schon aus jener Pathologie, die es zu einer Erlsung fr den Russen macht, die Krankheit seines Mitmenschen zu teilen, sie aus Wissen mitzuleiden, und aus Mitleid sich zu empren. Dostojewski, der die Fhigkeit besa, jedes Revolutionrtum mitzuerleben, hatte als Russe vor allem das Erlebnis des Nihilismus, war mit ihm seelisch vertraut, folgte ihm wahlverwandt. Aber diese Vielseitigkeit, die nur ein Ausdruck seines Russentums war, schlo zugleich die Mglichkeit ein, da er auch den anderen Weg ging, nicht unbedingt den reaktionren der Uwaroffschen Formel, doch den konservativen eines wissenden Menschen, der schlielich zum Groinquisitor fhrte. In Sibirien kam Dostojewski dem russischen Volke ganz nahe. In der Katorga lernte er es in einem tglichen Umgange erst kennen. Und er erkannte, wie tiefe und starke Menschen es doch in diesem Volke gab, die voll von der eigenen Echtheit und schweren Ursprnglichkeit einer besonderen russischen Natur waren. Sie hatten Verbrechen begangen: aber Dostojewski war Psychologe und Amoralist genug, um den Verbrecher zu verstehen. Wenn er sie prfte, dann fand er heraus, da sie im Grunde alle gtig waren. Und wenn er die Menschen, mit denen er in der Katorga zusammentraf, mit den Petersburger Doktrinren verglich, die von europischen Konstitutionen und Revolutionen redeten, dann fiel der Vergleich sehr zuungunsten der Doktrinre aus. Diese Verbrecher hatten in ihrem analphabetischen Wesen die Schnheit der autochthonen Kraft vor jenen voraus. Fr diese autochthone Kraft trat Dostojewski in der Folge ein, wobei er sowohl gegen die Uwaroffs wie gegen die europisch-radikalen Elemente zu kmpfen hatte. Mit diesem autochthonen russischen Volke fhlte er sich verbunden und in der Gewiheit eins, da es auch dann, wenn es nicht geneigt sein sollte, das Bestehende zu erhalten, in seiner Grundlage so unverstrbar sein werde, wie es seiner noch dunklen Bestimmung sicher sein konnte. Er fhlte voraus, was heute in Ruland Ereignis geworden ist, fhlte, da Ruland durch Untergang werde hindurch gehen mssen, und sagte: Noch ist die zuknftige, selbstndige russische Idee nicht geboren, nur ist die Erde unheimlich schwanger von ihr und schon schickt sie sich an, sie unter furchtbaren Qualen zu gebren. Dostojewski liebte das russische Volk wegen seiner angeborenen Empfnglichkeit fr eine naive Sittlichkeit. Aber er erkannte auch, wie unberechenbar in seinen Trieben, im Widerspruche seiner Leidenschaften, in der Heftigkeit von Zuneigung oder Abneigung es war. Seine Gier, seine Fleischlichkeit, seine verhngnisvolle Selbstverschwendung war wie eine zweite Natur, die eine erste Natur stndig verschlang. Seine Malosigkeit war die Gegenseite seiner Anspruchlosigkeit. Nicht anders schien sein angeborenes Emprertum nur der Gegensatz zu sein, den ein Volk, das so unausgeglichen war, stndig aus sich hervorzubringen und von sich abzustoen suchte. Dostojewski erkannte, da ein solches Volk konservativ gezgelt werden mute. Und mit einem politischen Denken, das auf Bindung nicht auf Auflsung gerichtet war, begann Dostojewski, als er aus Sibirien zurckgekehrt war, in Ruland bewut zu wirken: mit einem konservativen Denken, das auf Menschenkenntnis beruhte und von Volkskenntnis herkam, mit den berzeugungen eines psychologischen Konservativismus, der einem Volke entsprach, dessen Wesen selbst ein ewig beunruhigter und doch wieder hergestellter Konservativismus ist. In Ruland fand Dostojewski eine vllig vernderte politische Lage vor. Die Aufhebung der Leibeigenschaft sollte endlich erfolgen. Und manche andere liberale Reform stand bevor. Aber gleichzeitig hatte unter der Oberflche des ffentlichen und gesellschaftlichen Lebens, in den Winkeln, Mansarden und Schlupfwinkeln der Hauptstadt, in den Verschwrerkreisen der Londoner und Zricher Emigration eine Bewegung eingesetzt, von der die liberalen Forderungen der vierziger Jahre bereits anarchisch berboten wurden: die nihilistische. Ihre Erscheinungen reichten bis in die Zeit der Petraschewzen zurck. Dostojewski selbst besttigte den Nihilisten, da sie von den Petraschewzen herstammten, obwohl diese noch keine Nihilisten gewesen seien. Zwar war der Untersuchungsrichter im Petraschewzenprozesse im Unrecht gewesen, wenn er die wachsende Zahl der von ihren Bauern erschlagenen Gutsbesitzer, oder die der Brandstiftungen auf dem Lande, der Diebsthle und Einbrche, auf die politische Rechnung der Angeklagten schrieb. Das waren Erscheinungen, die sich ohne Zutun der Petersburger Doktrinre aus dem tumultuarischen Zuge der Bauernbewegung ergaben, die der Aufhebung der Leibeigenschaft voranging und die nicht mit ihr aufhrte. Nach wie vor traten Sektiererrevolten hinzu, und noch immer kam es wie zu Nicolais Zeiten vor, da die Alt- und Andersglubigen sich zu Tausenden zusammenrotteten, um ihre Kirchen vor Niederlegung zu bewahren, und das Militr, das mit der Exekutive betraut war, schimpflich davonjagten. Das religise Motiv im russischen Emprertum verband sich mit dem sozialen Motive. Aber auch manche Vorformen des politischen Nihilismus waren Dostojewski aus seiner ersten Petersburger Zeit bekannt. Ein Petraschewze hatte zuerst die Idee der Fnf ausgeheckt, die Dostojewski hernach der Komposition seiner Dmonen als Skelett zugrunde legte: die Idee eines groen politischen Bundes, in dem Gruppen der Tat, die einander nicht kannten, von geheimnisvoller Oberleitung abhingen. Der Bund nannte sich die Gesellschaft der Propaganda und einer von den Mitgliedern hatte gar eine Brderschaft der Leute von anarchischer Gesinnung zu gegenseitiger Hilfe vorgeschlagen. Entwrfe fr die Organisation solcher Verbnde wurden ausgearbeitet. Die Aussichten eines Aufstandes wurden errtert. Nicht zuletzt gehrten die geheimen Druckereien als rtselhafte Herkunftsorte massenhafter Flugschriften oder die heimlichen Versammlungen der Petersburger Gesinnungsgenossen in ingermanlndischen Stdten zu den Erscheinungen, die Dostojewski als Dmonenmotive herbernehmen und auf den terroristischen Schauplatz einer ungenannten russischen Gouvernementsstadt verlegen konnte. In der Zeit seiner Verbannung war die Taktik der Nihilisten ausgebildet worden. Man suchte eine Verbindung mit Leuten aus dem Volke, um so in den Massen eine Aufklrung ber die Fremdform der russischen Zustnde zu verbreiten. Die Zeit kndigte sich an, in der die Studenten ins Volk gingen. Typ wie Rolle der nihilistischen Studentin bereitet sich vor. In den Stdten kam es zu ersten Arbeiterstreiks. Und schon ging von ersten Attentaten der Schrecken der nihilistischen Bewegung ber das Land aus. Der Nihilismus hatte noch keine Idee. Als Turgenjeff das Wort und den Begriff fand, die allmhlich auf die ganze Zeitveranlagung und Geistesverfassung bertragen wurden, da wollte er mit Nihilismus den russischen Ausdruck des europischen Positivismus bezeichnen. In der Tat war der Nihilismus zunchst durchaus aufklrerisch. Er war zu atheistisch, um religis zu sein. Er war rein verneinend. Und es hat lange gedauert, bis er das praktische Christentum Tolstois aufnahm, das ihn endlich wenigstens mit russischen Gehalten erfllte. Eine Idee aber bekam er erst dann, als die Revolution die Klassentheorie fr sich in Anspruch nahm und Marx der Diktator der russischen Ideologen wurde. Die Nihilisten waren Mrtyrer, solange sie um ihrer Ziele willen ihr eigenes Leben zerstrten. Wie aber -- wenn sie das Leben der anderen zerstrten! Wie aber -- wenn sie Ruland zerstrten! Auch Dostojewski hatte, genau wie Tolstoi, und wie jeder Russe, schon aus altruistischen Grnden in seiner apostolischen Lehre soziale Elemente. Aber das war das Groe an Dostojewski, und das unterscheidet ihn von der Einstellung der Marxisten, da er die konomischen Probleme eine Schicht tiefer fate, als der Sozialismus sie sah und noch heute sieht: nicht im Wirtschaftlichen, sondern im Menschlichen. Man sollte dem Volke nicht sein Volkstum nehmen, weil man ihm dann sein Menschentum nahm! Man sollte nicht Hand an das Volk legen! Und das Volk sollte nicht Hand an sich selbst legen! Um des Volkes willen nahm Dostojewski den Kampf gegen den Radikalismus auf. In seinen politischen Schriften untersuchte er den Urgrund, auf dem Ruland steht, und brachte dessen ewige Gegebenheiten in eine bereinstimmung mit seinen eigenen menschlichen Erlebnissen, die ihn einmal sagen lie, da wir Revolutionre aus Konservativismus sind, d. h. Kmpfer fr das urrussische Wesen, zu dem die europische Staatsauffassung, Liberalismus und Parlamentarismus, ebensowenig pate, wie etwa die europische Tracht. In den Dmonen aber lie er Schatoff, den Russenglubigen, diesen Einzigen, dem er je die verhaltene Begeisterung eines volksuchenden Helden gab und dessen Gestalt er wie die eines Jngers liebte, das Wort sagen: Wer kein Volk hat, der hat auch keinen Gott. Dostojewski stand in seinem Kampfe mit der Leidenschaft eines Eiferers, mit den ungeheuren Krften, die der schwchliche Mensch aus der Idee holt, von der er besessen ist. Als Fanatiker hatte er die Massivitt nicht, um das Volk durch Reform vor der Revolution zu bewahren. Und als Erscheinung blieb Dostojewski in der Reihe der groen Problematiker, die von Rousseau bis Nietzsche geht, wenn er auch als Dichter die epische Form und als Denker das apostolische Wort vor ihnen voraus hat. Aber als Mystiker wute er, da der Mensch seiner Unvollkommenheit berantwortet ist. Als Politiker ging er davon aus, da jede Opposition, die der Mensch aus Doktrin an den Unterbau und das Gefge des Seienden setzt, nur die geringe Wichtigkeit eines Endlichen haben kann, die von einem Unendlichen eingeschlossen wird. Und als Russe verkndete er dem russischen Volke, in dessen Glauben allein sich das Christentum unversehrt erhalten habe, da es das Gottestrgervolk der Erde sei, das dereinst dieses Christentum verwirklichen und die Eigenliebe durch die Menschenliebe berwinden werde. Es ist wahr, Dostojewski ging in seinem Kampfe, den er mit Hohn und jeder geistigen berlegenheit fhrte, mit einfachen Menschen zusammen, mit echtrussischen Leuten, mit allzu russischen Leuten. Er ging mit dem Inquisitor Pobjedonosszeff zusammen. Auch dieses Wissen war in seiner Menschenkenntnis, in seiner Russenkenntnis, da der russische Mensch sogar fr die Liebe zu schwach ist, die ihm gebracht wird, und da sich mit ihr, wenn man sie nicht an den Menschen verschwenden, sondern ihn durch Liebe behaupten will, Macht ber den Menschen verbinden mu. Dostojewski erkannte frh, da Radikalismus nicht Wurzelung sondern Entwurzelung bedeutet. Was war es denn schlielich, das der Radikalismus in Ruland entwurzeln wollte? War es nicht: die europische Form? Um so zorniger war daher sein Kampf gegen die halbgebildeten Radikalen und europaverehrenden Westler, weil sie diese europische Form auch noch in ihren letzten und schalsten uerungen -- als Republik, als Konstitutionalismus und Kapitalismus -- auf atheistischer Grundlage in Ruland einfhren wollten. Er fhlte, da die russische Revolution kommen werde. Dostojewski war kein Pazifist und frchtete niemals den Krieg. Er sagte: Nicht immer mu man den Frieden predigen, und nicht im Frieden allein liegt die Erlsung -- die kann zuweilen auch der Krieg bringen. Aber er fhlte, da diese Revolution die Erlsung noch nicht bringen werde. Er frchtete die Revolution um Rulands willen. Er frchtete sie, weil er ihre Trger kannte, die er dann in den Dmonen in einer Reihe von Karikaturen vorfhrte, von absonderlichen und lcherlichen, aber gefhrlichen Gestalten. Er deckte in den Dmonen die Zusammenhangslosigkeit des gottlosen und volklosen Nur-Ich-Menschen auf, die ihn aus seiner Natur reit und in Tendenzen absondert. Er deckte die Wurzellosigkeit auf. Die russische Revolution hat Dostojewski bis jetzt recht gegeben. Hinter ihrem ersten Abschnitte stand Tolstoi. Sie kam aus der Aufklrung. Und sie bedeutete die Auflsung. Aber in dem Augenblicke, in dem sich entscheidet, da auch sie nicht nur Zerfall bringt, sondern da nach grausamer Umschichtung ein Aufbau aus ihr hervorgeht, wird hinter ihrem zweiten Abschnitte wieder Dostojewski stehen. Er bedeutet Wiederanknpfung. M. v. d. B. Vorbemerkung Von Dostojewskis fnf groen Romanen ist der dritte, Die Dmonen, in den Jahren 1870 und 71 in Dresden geschrieben, in Petersburg beendet und 1871/72 in der konservativen Zeitschrift Der russische Bote verffentlicht worden. Die beiden Strophen des ersten Mottos hat Dostojewski der Ballade Bjssy von A. Puschkin entnommen und deren Titel auch zum Titel des Romans gewhlt: mit Bjssy bezeichnet der Russe gewisse bse Geister, Dmonen oder Teufel von der Art, die im zweiten, dem Evangelium Luc entnommenen Motto, in die Sue fhrt; in der schnen Ballade Puschkins (geschr. 1829), die eine Schneesturmnacht in der Steppe schildert, sind es unzhlige tolle Gespenster, von denen sich der Kutscher eines reisenden Herrn wie von Trobuben des Teufels genarrt und vom Wege weggezerrt glaubt. Die Strophen des Mottos sind ein Teil der hilflosen Antwort des Kutschers auf den Befehl des Herrn (des Dichters), doch weiterzufahren. Im Ersten Anhang sind aus Dostojewskis Notizbuchaufzeichnungen Entwrfe und Gedanken mitgeteilt, die Dostojewski ursprnglich in den Dmonen zu entwickeln gedachte, sowie einige Skizzen zu den Hauptpersonen, die von ihm spter teils in starker Vernderung, teils berhaupt nicht verwandt worden sind. Im Zweiten Anhang konnte nur der Anfang eines von Dostojewski nicht verffentlichten Kapitels mitgeteilt werden: der Besuch Stawrogins bei dem Bischof Tichon. Das Manuskript des greren Teiles dieses wichtigsten Kapitels wird im Moskauer Dostojewski-Museum aufbewahrt: sein Inhalt ist bisher nur der Familie und einigen alten Freunden Dostojewskis bekannt. Wie Dostojewskis Tochter in ihrem (deutsch bei E. Reinhardt, Mnchen erschienenen) Buch Dostojewski Seite 180 berichtet, hat ihre Mutter dieses ganze Manuskript zu Anfang dieses Jahrhunderts verffentlichen wollen, doch die alten Freunde ihres Mannes htten sich der Verffentlichung widersetzt. Das hat brigens bald nach Dostojewskis Tode 1881 auch sein konservativer Freund N. N. Strachoff getan. Nach Dostojewskis eigenen Angaben handelt es sich hier um eine Broschre Stawrogins von etwa 60 deutschen Druckseiten, also dem Umfange nach um ein hnliches Buch im Buche wie Iwan Karamasoffs Legende vom Groinquisitor. Bekannt geworden ist sonst nur, da in dieser Schrift von Stawrogin die Vergewaltigung eines Mdchens mit unertrglichem Realismus geschildert sei. Nun ist es aber Dostojewskis Art, bestimmte Ideen -- seine strksten und revolutionrsten -- immer in einer hnlichen, so auffallend vorsichtigen Form zu bringen, sei es als Traum oder Halluzination, oder als Jugendwerk eines seiner Helden, mit der Entschuldigung, der Betreffende sei damals noch sehr jung gewesen, wie z. B. Iwan Karamasoff, oder krank, wie Hippolyt oder Stawrogin, er aber, Dostojewski, teile nur als Chronist diese sonderbaren Gedanken einzelner Menschen unserer Zeit mit. Man darf demnach wohl annehmen, da es sich auch in dieser noch geheimgehaltenen Broschre Stawrogins, die Dostojewski eine Herausforderung der Gesellschaft nennt, nicht nur um die realistische Schilderung einer Episode handelt, sondern da diese Episode nur der Ausgangspunkt fr ihn ist, um der Gesellschaft, den von ihm so gehaten _europischen_ Gesellschaftsgesetzen, den Fehdehandschuh hinzuwerfen (wie in der Legende vom Groinquisitor die Legende nur die Kostmierung seines Kampfes gegen den Katholizismus oder vielmehr gegen den alttestamentlichen Staats- oder Gesellschaftsbau ist). Nach einem berblick ber das Gesamtwerk Dostojewskis ist es nicht schwer zu erraten, worauf Stawrogin-Dostojewski in dieser unverffentlichten Schrift hinauswill, hinauswollen mu. Und es ist nur zu verstndlich, da seine Freunde, wie Strachoff, dem er trotz aller Freundschaft doch viel zu unverstndlich war, und der Machthaber Pobjedonszeff sich _gegen_ die Verffentlichung dieser Herausforderung aussprachen. Was aber trotzdem von diesem, allen ehrlich konservativen Menschen viel zu unverstndlichen Geist Stawrogin-Dostojewskis in dem Roman Die Dmonen verblieben ist, das sind -- nach dem Fortfall der erwhnten Kampfschrift Stawrogins -- fast nur ein paar Worte von Schatoff und Drosdoff, die jetzt wie zwei kleine Inseln daliegen, zwischen denen der Kontinent vorlufig noch versunken bleibt. Die Dmonen sind auch sprachlich Dostojewskis geheimnisvollstes Werk. Nicht nur, da er sich nachlssig ausdrckt (Seite 1 sagt er z. B.: die Geschichte _be_schreiben, statt schreiben), da er wichtige Satzglieder auslt, die unklarsten Stze baut, -- er hat sich auerdem noch vielfach der frheren Umschreibungen bedient, zu der die Schriftsteller von der strengen Zensur unter Nikolai I. gezwungen worden waren. Er treibt die Vorsicht so weit, da er z. B. in den ersten Kapiteln, wo sich fast alles um die innerpolitischen Verhltnisse dreht, kein einziges Mal das Wort Politik oder politisch braucht. Damit nun die unzhligen verschleierten Anspielungen dem unorientierten Leser nicht vllig unklar bleiben, sind dem Text kleine erluternde Funoten beigefgt worden, eingehendere Erluterungen dagegen in den Ersten Anhang verwiesen. Einen Kommentar fr sich wrden dann noch die Ausflle Schatoff-Dostojewskis gegen Belinski und die sogenannten Westler erfordern, d. h. gegen die Verehrer europischer Kultur, die, im Gegensatz zu den Slawophilen, zwischen Ruland und Europa keinen Unterschied sahen und europische Staatsformen auch fr Ruland erstrebten, whrend von den Slawophilen besonders Dostojewski hinter allen parlamentarischen, liberalen Formen der Europer sein Schreckgespenst, die Plutokratie, den deshalb so verspotteten brgerlichen Gesellschaftsbau, nahen sah. Hierzu sei bemerkt, da es _vor_ der Aufhebung der Leibeigenschaft in Ruland nur zwei Parteien gab, eine kleine, aber allmchtige, und eine groe, aber ohnmchtige, wie es etwa in einer Korrektionsanstalt (mit der man den Staat Nikolais I. verglichen hat) vom Standpunkt liberaler Individualisten nur wenige Unterdrcker und viele Unterdrckte gibt. Mgen die letzteren unter sich auch noch so verschieden sein, in ihrem Gegensatz zu den Machthabern der Anstalt sind sie doch alle einig. Dieser einmtige Wille wurde damals die Richtung genannt, von der Liputin Seite 44 spricht. Es gab nur _eine_ Richtung, d. h. nur einen Willen: aus dieser Enge hinauszukommen. Kaum aber hatte sich unter Alexander II. das Tor der Korrektionsanstalt geffnet, da zeigten sich sofort die groen Unterschiede innerhalb der Schar der Herausdrngenden, und _die_ Richtung begann sich zu verzweigen, zunchst in Slawophile und Westler, dann aber in die verschiedenen Arten der Slawophilen und Westler (Monarchisten, Republikaner, Radikale, Kommunisten gab und gibt es bei diesen und bei jenen, und hinzu kommen dann noch die Unterschiede in der Einstellung zur Orthodoxie). Die frhere geschlossene Front der einen Richtung gegen Nikolai I., unter dem die Werke der orthodoxen Slawophilen genau so verboten waren wie die der franzsischen Revolutionre und Atheisten, zerbrckelte zu einem Kampf untereinander, in dem jeder nach mindestens zwei Seiten kmpfte, wenn nicht nach drei oder vier Seiten. Die Dmonen sind das Buch der ersten Jahre dieser Kmpfe, in denen die einzelnen Menschen sich wahrlich nicht nach Parteischlagworten unterscheiden lassen, sondern nur nach einem inneren anstndigen Kern oder dem Fehlen eines solchen. Man hat dieses Werk Dostojewskis als ein Pamphlet gegen alles Revolutionre aufgefat, weil einzelne Vertreter einer der revolutionren Gruppen, die an europische Schlagwrter glauben, verhhnt und entlarvt werden. Doch nichts ist falscher, als den Verfasser _deshalb_ gleich fr konservativ zu halten. Die Konservativen sind hier ja noch viel schlimmer karikiert. Richtig wre es, ber alles, was Dostojewski voll Zorn und Spott ber diese Art _unwissender_ Revolutionre geschrieben hat, die Worte zu setzen, mit denen er sich einmal unbewut verrt: ... ich rgerte mich und ich schmte mich fast fr ihre Ungeschicktheit ... (Bd. XI der Ausgabe, Autobiographische Schriften, Seite 170). Es war der Zorn darber, da diese dummen Jungen die Revolution oder das Neue russische Wort durch ihre trichten Redereien und Taten nur lcherlich machten, ihm _seine_ groe Revolution verpfuschten. Nur aus dieser Kampfstellung nach links und nach rechts, nach rckwrts und vorwrts sind die vielfachen sogenannten Widersprche Dostojewskis in den Dmonen zu verstehen oder das parteipolitische Chaos in seinen Werken. Er schildert z. B. den Revolutionr Pjotr Werchowenski als ungebildeten Flegel, als gewissenlosen Intriganten, Schurken und schlielich Mrder, doch vor dem konservativen Vertreter der alten Ehrbegriffe, Karmasinoff, der auswandernden Ratte, wird selbst dieser Betrger pltzlich zu einer nationalen Gre -- ganz zu schweigen von den Konflikten, in die Dostojewski sich in den Entwrfen zu diesen Gestalten (im Ersten Anhang) unverhofft, doch unvermeidlich hineinredet. Es ist, als ob die kleinen trichten Geisterchen, die Trobbchen des Teufels in der tollen Sturmnacht der Revolution, in der keine Spur des alten Weges mehr zu sehen ist, ihm unter der Hand und vor den Augen zergingen und er hinter ihrem kleinen dmonischen Eigensinn pltzlich die Umrisse eines riesigen Dmons zu spren, zu begreifen beginne, wenn er den alten Idealisten und Dichter ihnen ihre Torheiten verzeihen lt. Inwieweit aber Dostojewski auch hier schon, nicht erst im letzten Bande der Karamasoff, selber zu jenem riesigen Dmon wird, entzieht sich vorlufig noch der Beurteilung. Man fasse es nicht als Zufall auf, da Stawrogins Herausforderung ein halbes Jahrhundert lang vergraben geblieben ist. Vielleicht ist es selbst heute noch zu frh, die Menschen aus dem so vielfach verhllten, geheimnisvollen Becher Dostojewskis schon _sehend_ trinken zu lassen. ber die Absicht der Witwe Dostojewskis, dieses Manuskript nunmehr zu verffentlichen, und ber das vorlufige Scheitern dieses Planes an den gegenwrtigen russischen Zustnden gibt das S. XXIV erwhnte Buch von Aime Dostojewskaja gleichfalls einigen Aufschlu. Eng verbunden mit Stawrogin ist sein Schler Kirilloff. Dostojewski hat wohl selbst nicht genau gewut, warum er diesen so eigentmlich falsch sprechen lt; er hat wohl nur mit der Sicherheit des Knstlers empfunden, da diese Nuance zu dieser Gestalt gehrt oder mindestens pat. Kirilloff spricht nicht in der Weise falsch, wie ein Auslnder oder wie ein Kind. Seine Sprechart, die deutsch in unstilisierter Form wohl kaum so wiederzugeben wre, da sie berhaupt glaubhaft bliebe, lt sich kurz nur durch eine bertreibung charakterisieren: er spricht ungefhr wie ein Mensch, der die Namen der Dinge nur im Nominativ kennt. Nur spricht er so nicht mit Flei, nicht stilisiert, nicht bewut, ja vieles sagt er auch ganz richtig wie jeder andere Mensch in der Bindung der Syntax, mit der richtigen Endung, die die Beziehung der Dinge angibt; aber zwischendurch ist es immer wieder, als wrden aus ihm ganz unmittelbar nur Tatsachen laut, die das Gefhl hervorstt, ohne da das Gehirn sie einkleidet. Vielleicht lt sich der Gegensatz veranschaulichen mit dem Gegensatz zwischen der beugenden, die Beziehung angebenden Buchstabenschrift der Gegenwart und der starren Bilderschrift der alten gypter oder der Chinesen. Wer Rassegesetzen nachforscht, mag die Angaben ber sein dunkles uere in Beziehung bringen zu dem Geist, der diese alten Sprachen schuf; wer sich mit Kirilloffs Philosophie als heutigem Ausdruck russischen Geistes befat, wird in ihr und dieser Sprechart vielleicht eine bereinstimmung finden: nur das Wesentliche des Wortes zu geben, wie nur das Wesentliche der Welt zu suchen, im Wesen Gottes als Mensch zu vergehn, um Gott auf die Erde zu bringen. E. K. R. Personenverzeichnis (unter Angabe der Aussprache der Namen) Warwra Petrwna S'tawrgina -- Witwe eines Generals. Nicola Wsswolodowitsch S'tawrgin -- ihr Sohn. S'tepn Trofmowitsch Werchownski -- Dichter und Hauslehrer. Pjotr S'tepnowitsch Werchownski -- sein Sohn. Praskwja Iwnowna Drsdowa -- Witwe eines Generals. Lisawta Nicoljewna Tschina -- ihre Tochter aus erster Ehe. Mawrkij Nicoljewitsch Drsdoff -- Offizier, Neffe des verstorbenen Generals Drosdoff. Iwn ssipowitsch *** -- der frhere Gouverneur. Andre Antnowitsch von Lembke -- der neue Gouverneur. Jlija Michalowna von Lembke -- seine Frau. Karmasnoff -- ein berhmter Schriftsteller. Artmij Pwlowitsch Gagnoff -- Rittmeister a. D. Lebd'kin -- ein angeblicher Hauptmann a. D. Mrja Timofjewna ... -- seine Schwester. Iwn Schtoff } Kinder eines Drja Pwlowna Schtowa } verstorbenen Dieners der (genannt D-scha) } Stawrgins. Mrja Igntjewna Schtowa -- Schtoffs Frau. Arna Prchorowna Wirgnskaja -- eine Hebamme. Alexe Nlytsch Kirlloff -- ein Ingenieur. Schigleff -- Verfasser einer Schrift ber revolutionre Theorien. Tolkatschnko, Erkel und andere Anhnger revolutionrer Ideen. Liptin } Wirgnski } Beamte. Lm'schin } Aljscha Telt'nikoff -- ein ehemaliger Beamter. Fdjka -- ein entsprungener Verbrecher. Flibustjroff -- ein Polizeioffizier. Ssemjn Jkowlewitsch -- ein Prophet. Tchon -- ein im Kloster zurckgezogen lebender Bischof. Alexe Jegrytsch } Nas-t-ja } Dienstboten. Agfja } Ortsnamen: Skworschniki, Dchowo, Brkowo; die Fabrik der Brder Schpiglin, Matwjewo. Nheres ber die historischen Vorbilder einzelner Gestalten siehe Seite 1118-1120. Namen einzelner Nebenpersonen hat Dostojewski im Laufe der Erzhlung manchmal unbewut gendert. So nennt er z. B. den alten Gaganoff anfangs _Pjotr_ Pawlowitsch, spter dagegen _Pawel_ Pawlowitsch und folglich seinen Sohn Artemij _Pawlowitsch_. Ferner heit ein Kanzleibeamter des Gouverneurs zuerst _Blmer_, spter _Blm_. Der Name Kirlloff ist bald mit zwei, bald mit einem l geschrieben. Um Miverstndnisse infolge solcher Flchtigkeiten zu vermeiden, ist in der bersetzung immer die erste Form beibehalten worden. E. K. R. Erstes Kapitel. Statt einer Einleitung: einiges Ausfhrliche aus der Biographie des wohlachtbaren Stepan Trophimowitsch Werchowenski. I. Indem ich mich anschicke, die so seltsamen Ereignisse wiederzugeben, die sich unlngst in unserer bisher noch durch nichts hervorgetretenen Stadt zugetragen haben, sehe ich mich gezwungen, da ich mir nicht anders zu helfen wei, zunchst etwas weiter auszuholen und mit einigen biographischen Einzelheiten ber den talentvollen und wohlachtbaren Stepan Trophimowitsch Werchowenski zu beginnen. Mgen diese Einzelheiten nur als Einleitung zu der geplanten Chronik dienen, doch die Geschichte selbst, die ich zu beschreiben beabsichtige, beginnt erst spter. Ich will es sogleich ganz offen sagen: Stepan Trophimowitsch spielte unter uns immer eine gewisse besondere und sozusagen brgerliche[1] Rolle und liebte diese Rolle bis zur Leidenschaft, -- liebte sie sogar so, da er ohne sie wohl berhaupt nicht htte leben knnen. Nicht, da ich ihn damit einem Schauspieler auf der Bhne vergleichen wollte: Gott behte, das will ich um so weniger, als ich selber ihn ja doch achte. Hier konnte vielmehr alles Sache der Gewohnheit sein oder, besser gesagt, die Folge einer immerwhrenden, im Grunde edlen Neigung, einer Neigung schon von Kindheit an, zu der angenehmen Illusion von seiner schnen brgerlichen Stellungnahme. So liebte er z. B. ungeheuer seine Lage als Verfolgter und sozusagen Verbannter. Um diese beiden Wrtchen spielt nun einmal ein klassischer Glanz eigener Art[2], und eben dieser scheint ihn dann, nachdem er ihn einmal bezaubert hatte, im Laufe so vieler Jahre in seiner Selbsteinschtzung immer mehr erhht zu haben, bis er schlielich auf einem gewissen beraus hohen und fr die Eigenliebe so angenehmen Piedestal zu stehen glaubte. In einem satirischen englischen Roman des vorigen Jahrhunderts hat sich ein gewisser Gulliver im Lande der Liliputaner, wo die Menschen nur einige Zoll gro waren, so daran gewhnt, sich als Riese zu fhlen, da er auch in den Straen Londons unwillkrlich den Passanten und Equipagen zurief, sie sollten vor ihm ausweichen und sich vorsehen, damit er sie nicht irgendwie zertrete, denn er hielt sich immer noch fr einen Riesen und die anderen fr jene Kleinen. Da lachte man ihn aus und schalt ihn und die rohen Kutscher schlugen sogar mit der Peitsche nach ihm: aber war das auch gerecht? Was kann die Gewohnheit nicht alles bewirken? Die Gewohnheit hatte auch unseren Stepan Trophimowitsch fast zu demselben Wahn gebracht, wie den Gulliver, nur da dieser Wahn sich bei ihm in einer, wenn man sich so ausdrcken darf, unschuldigeren und unverletzenderen Weise uerte, denn schlielich war er doch ein prchtiger Mensch. Ich denke es mir sogar so: da man ihn in der Literatur mit der Zeit allenthalben ganz vergessen hatte; nur darf man deshalb gewi noch nicht sagen, da er auch frher nie bekannt gewesen sei. Unstreitig hat auch er einmal zu der berhmten Plejade[3] gewisser gefeierter Dichter der letzten Generation gehrt, und eine Zeitlang -- brigens doch nur einen allerkleinsten Augenblick lang -- war sein Name von manchen voreiligen Leuten beinahe schon in einer Reihe mit Tschaadajeff, Belinski, Granowski und dem damals im Auslande gerade erst beginnenden Herzen[4] genannt worden. Aber das Wirken Stepan Trophimowitschs endete fast schon im selben Augenblick, in dem es begonnen hatte, -- es ward, wie er sich ausdrckte, von einem Wirbelsturm zusammentreffender Umstnde[5] zerstrt. Und was stellt sich nun heraus? Da es nicht nur keinen Wirbelsturm, sondern nicht einmal Umstnde damals gegeben hat, wenigstens nicht in seinem Fall. Ich habe erst jetzt, erst vor ein paar Tagen, zu meinem grten Erstaunen erfahren, dafr aber mit vollkommener Glaubwrdigkeit, da Stepan Trophimowitsch hier bei uns, in unserem Gouvernement, nicht nur nicht in der Verbannung gelebt hat, wie man hier allgemein annahm, sondern da er nicht einmal, gleichviel wann, unter Aufsicht gestanden hat. Wie gro mu demnach seine Einbildungskraft gewesen sein! Er glaubte doch vor sich selber aufrichtig und sein Leben lang, da man in gewissen Sphren bestndig vor ihm auf der Hut wre, da jeder seiner Schritte unablssig beobachtet und vermerkt werde, und da jedem der drei Gouverneure, die wir im Laufe der letzten zwanzig Jahre hier gehabt haben, schon bei der bergabe des Gouvernements als erstes von Stepan Trophimowitsch Werchowenski gesprochen worden sei, so da jeder neue Gouverneur bereits von dort aus eine gewisse eigene, mit Sorgen verbundene Vorstellung von ihm mitgebracht habe. Htte aber jemand mit unwiderlegbaren Beweisen diesen bei alledem ehrlichsten Menschen beruhigen und berzeugen wollen, da ihm nicht das Geringste drohe, so wrde ihn das unbedingt beleidigt haben. Und dabei war er doch der klgste, der begabteste Mensch, war gewissermaen sogar ein Mann der Wissenschaft, obgleich er brigens in der Wissenschaft ... nun, sagen wir, nicht gerade viel geleistet hat, oder gar, wie es scheint, berhaupt nichts. Aber das pflegt ja bei uns in Ruland mit den Mnnern der Wissenschaft durchgehends so zu sein. Nach seiner Rckkehr aus dem Auslande hatte er als Lektor auf dem Lehrstuhl einer Universitt geglnzt, bereits ganz am Ende der vierziger Jahre. Es gelang ihm aber nur, ein paar Vorlesungen zu halten, ich glaube, ber die Araber; es gelang ihm auch noch, eine glnzende Dissertation zu verteidigen: ber die in der Epoche zwischen 1413 und 1428 aufkeimende kulturelle und hanseatische Bedeutung des deutschen Stdtchens Hanau und zugleich ber jene besonderen und etwas unklaren Grnde, weshalb es zu dieser Bedeutung dann doch berhaupt nicht gekommen ist. Diese Dissertation traf mit einem feinen Stich geschickt und schmerzhaft die damaligen Slawophilen und schuf ihm mit einem Schlage unzhlige und grimmige Feinde unter ihnen. Dann -- brigens schon nach dem Verlust des Lehrstuhls -- schrieb und verffentlichte er noch wahrscheinlich aus Rache und um zu zeigen, wen sie verloren hatten) in einer fortschrittlichen Monatsschrift, die aus Dickens bersetzte und George Sand verkndete, den Anfang einer tiefsinnigsten Untersuchung -- ich glaube, ber die Grnde der auergewhnlich edlen sittlichen Anschauungen irgendwelcher Ritter in irgendeiner Epoche, oder etwas hnliches. Jedenfalls war es ein hoher, ungemein edler Gedanke, den er darin durchfhrte. Nur wurde, wie man spter erzhlte, die Fortsetzung dieser Untersuchung schleunigst verboten und sogar die fortschrittliche Zeitschrift soll wegen der gedruckten ersten Hlfte zu leiden gehabt haben. Das ist auch sehr gut mglich, denn was geschah damals nicht? In diesem Falle aber ist es doch wahrscheinlicher, da nichts Derartiges geschah und nur der Autor selber die Mhe scheute, den Aufsatz zu beenden. Seine Vorlesungen ber die Araber jedoch stellte er deshalb ein, weil ein von ihm an irgend jemanden geschriebener Brief mit der Darlegung irgend welcher Umstnde irgendwie von irgend jemandem (offenbar von einem seiner reaktionren Feinde) aufgefangen worden war, woraufhin irgendjemand irgendwelche Erklrungen von ihm verlangte[6]. Ich wei zwar nicht, ob es wahr ist, aber man behauptete auerdem, da gerade damals in Petersburg eine riesige, widernatrliche und antistaatliche Gesellschaft, bestehend aus nahezu dreizehn Mann, aufgesprt worden sei, eine Gesellschaft, die das Gebude fast erschttert htte. Man sagte, sie htten nichts Geringeres vorgehabt, als Fourier selber zu bersetzen[7]. Und ausgerechnet zur selben Zeit mute dann noch in Moskau eine Dichtung Stepan Trophimowitschs beschlagnahmt werden, ein Poem, das er schon sechs Jahre zuvor in Berlin geschrieben hatte, in seiner ersten Jugend, und dessen Abschriften, unter der Hand weitergegeben, bei zwei Liebhabern der Dichtkunst und einem Studenten gefunden wurden. Ein Exemplar davon liegt jetzt auch in meinem Schreibtisch: erst im vorigen Jahre erhielt ich es von Stepan Trophimowitsch persnlich, in eigenhndiger neuester Abschrift, mit autographischer Widmung und in prachtvollem roten Saffianeinbande. Das Poem ist brigens nicht ohne Poesie, ja es ist nicht einmal ohne ein gewisses Talent verfat, ist allerdings etwas sonderbar, aber damals (d. h. richtiger in den dreiiger Jahren) wurde oft in dieser Art geschrieben. Das Thema des Poems wiederzugeben, macht mir freilich Schwierigkeiten, denn, wenn ich die Wahrheit sagen soll: ich habe es berhaupt nicht verstanden. Es ist irgend so eine Allegorie in lyrisch-dramatischer Form, die an den zweiten Teil des Faust erinnert. Die Dichtung beginnt mit einem Chor der Frauen, dann folgt ein Chor der Mnner, darauf ein Chor irgendwelcher Krfte, und zum Schlu der Chre tritt ein Chor von Seelen auf, die noch nicht gelebt haben, aber doch gar zu gern auch mal leben mchten. Alle diese Chre singen von etwas sehr Unbestimmtem, grtenteils von irgendeinem Fluch, aber sie singen es wie mit einem Schimmer hheren Humors. Doch pltzlich verwandelt sich die Szene und es beginnt ein Fest des Lebens, auf dem sogar die Insekten singen; dann tritt eine Schildkrte auf mit allerhand lateinischen sakramentalen Worten und es singt irgend etwas, wenn ich mich recht erinnere, sogar ein Mineral, also ein sonst doch schon ganz unbelebter Gegenstand. berhaupt singen alle ununterbrochen, reden sie aber einmal miteinander, so ist es mehr ein unbestimmtes Schimpfen, aber wiederum wie mit einem Schimmer hherer Bedeutung. Schlielich, nach einem abermaligen Szenenwechsel, sieht man eine wildromantische Gegend, in der zwischen Felsen ein zivilisierter junger Mann umherirrt und irgendwelche Grser abreit, an denen er dann saugt. Auf die Frage einer Fee, warum er das tue, antwortet er, er suche Vergessenheit, weil er ein berma von Leben in sich fhle, und diese Vergessenheit im Safte dieser Grser finde, sein Hauptwunsch aber sei -- mglichst bald den Verstand zu verlieren (ein Wunsch, der vielleicht schon berflssig ist). Darauf erscheint pltzlich auf einem schwarzen Pferde ein Jngling von unbeschreiblicher Schnheit und ihm folgen in frchterlicher Menge alle Vlker. Der Jngling stellt den Tod dar und die Vlker lechzen alle nach ihm. Und schlielich, in der allerletzten Szene, erscheint pltzlich der babylonische Turm und irgendwelche Athleten bauen ihn nun schon zu Ende und singen dazu einen Sang der neuen Hoffnung, und wie sie die hchste Spitze vollenden, da luft der Beherrscher, sagen wir des Olymps, in komischer Form davon, und die Menschheit, die jetzt endlich begreift, beginnt sofort, indem sie sich seines Platzes bemchtigt, ein neues Leben mit vollkommenem Durchschauen der Dinge. Dieses Poem also wurde damals fr gefhrlich befunden. Im vorigen Jahre schlug ich Stepan Trophimowitsch vor, es nunmehr drucken zu lassen, da es in unserer Zeit doch eine ganz unschuldige Dichtung sei, aber er lehnte den Vorschlag mit sichtbarem Mibehagen ab. Die Auffassung, da es eine vollkommen unschuldige Dichtung sei, gefiel ihm offenbar gar nicht, und diesem Umstande schreibe ich auch die gewisse Khle zu, die seinerseits mir gegenber volle zwei Monate andauerte. Doch siehe da! Pltzlich, und fast zur selben Zeit, als ich ihm vorschlug, das Poem hier drucken zu lassen, wurde unser Poem _dort_ gedruckt, d. h. im Auslande, und erschien in einem der revolutionren Sammelbnde, ohne da Stepan Trophimowitsch berhaupt etwas davon wute. Er erschrak zunchst nicht wenig, strzte zum Gouverneur, entwarf einen hochedlen Rechtfertigungsbrief fr Petersburg, las ihn mir zweimal vor, schickte ihn aber dann doch nicht ab, da er, wie sich herausstellte, gar nicht wute, an wen er ihn senden sollte. Kurz, er regte sich einen ganzen Monat lang auf, doch ich bin berzeugt, da er dabei in den geheimen Buchten seines Herzens ungemein geschmeichelt war. Von dem ihm zugestellten Exemplar des Sammelbandes trennte er sich berhaupt nicht mehr, ja er schlief fast mit ihm, am Tage aber versteckte er es unter die Matratze, weshalb er das Mdchen kaum noch das Bett aufbetten lie, und obschon er Tag fr Tag ein gewisses Telegramm erwartete, schaute er doch sehr von oben herab. Das Telegramm kam aber nicht. Da shnte er sich auch mit mir wieder aus, was wiederum von der groen Gte seines sanften, nicht nachtragenden Herzens zeugt. II. Ich behaupte ja nicht, da er wirklich niemals zu leiden gehabt hat[8], ich habe mich jetzt nur endgltig berzeugt, da er die Vorlesungen ber seine Araber so lange htte fortsetzen knnen wie er wollte, wenn er nur die ntigen Erklrungen abgegeben htte. Er aber warf sich damals gleich in die Brust und schickte sich mit besonderer Eilfertigkeit an, sich selber ein fr allemal einzureden, da seine Laufbahn vom Wirbelsturm der Umstnde fr immer zerstrt sei. Doch wenn man schon die ganze Wahrheit sagen soll, so war der eigentliche Grund dieser nderung seiner Laufbahn die gerade jetzt in zartfhlendster Weise wiederholte Anfrage der Gemahlin des Generalleutnants Stawrogin, einer sehr reichen Dame, ob er die Erziehung und ganze geistige Ausbildung ihres einzigen Sohnes, gewissermaen als hherer Pdagoge und Freund, bernehmen wolle -- von dem glnzenden Gehaltsangebot ganz zu schweigen. Dieses Angebot war ihm schon frher einmal gemacht worden, in seiner Berliner Zeit, gleich nach dem Tode seiner ersten Frau. Diese war ein etwas leichtsinniges junges Mdchen aus unserem Gouvernement gewesen, brigens nicht unsympathisch, die er in seiner ersten Jugend, ohne sich besondere Gedanken zu machen, geheiratet und mit der er dann viel Leid zu ertragen gehabt hatte, erstens weil seine Mittel zu ihrem beiderseitigen Unterhalt nicht ausreichten, und dann noch aus anderen, bereits sehr zarten Grnden. Sie starb schlielich in Paris, nachdem sie die letzten drei Jahre getrennt von ihm gelebt hatte, und hinterlie ihm einen fnfjhrigen Sohn -- die Frucht der ersten freudevollen und noch ungetrbten Liebe, wie sich der trauernde Stepan Trophimowitsch einmal in meiner Gegenwart unversehens uerte. Das Kind war brigens schon bald nach der Geburt nach Ruland geschickt worden -- zu ein paar Tanten irgendwo in der Provinz, die es erziehen sollten. Damals also, nach dem Tode seiner ersten Frau, hatte er das Angebot der Warwara Petrowna Stawrogina nicht angenommen, sondern noch vor Ablauf des Trauerjahres seine zweite Frau, eine schweigsame kleine Berlinerin, geheiratet, und zwar, was das Auffallende war, eigentlich ohne jede besondere Notwendigkeit. Doch auerdem hatte er noch andere Grnde gehabt, das Angebot abzulehnen: ihn lockte der gerade damals lauttnende Ruhm eines unvergelichen Professors und so wollte auch er seine Adlerschwingen erproben. Jetzt aber, nachdem er sich die Schwingen versengt hatte, war es nur natrlich, da er, besonders nachdem auch seine zweite Frau, kaum ein Jahr nach der Trauung, gestorben war, dem wiederholten verlockenden Angebot nicht widerstand. Das Entscheidende war also die glhende Anteilnahme, sowie die unschtzbare und, wenn man so sagen darf, klassische Freundschaft, die Warwara Petrowna Stawrogina ihm entgegenbrachte. So warf er sich denn in die Arme dieser Freundschaft und die whrte gute zwanzig Jahre. Ich habe soeben den Ausdruck gebraucht er warf sich in die Arme dieser Freundschaft, doch Gott behte und bewahre einen jeden davor, deshalb an etwas berflssiges und Miges zu denken. Nein, diese Umarmung ist einzig in hchst moralischem Sinne zu verstehen. Es waren nur die feinsten und zartesten Bande, die diese beiden so merkwrdigen Menschen auf ewig miteinander verknpften. Die Stellung eines Erziehers wurde auch noch deshalb angenommen, weil das kleine Gtchen, das seine erste Frau hier in unserem Gouvernement hinterlassen hatte, unmittelbar an Skworeschniki, das herrliche, nahe der Stadt belegene Gut der Stawrogins grenzte. Und zudem war es ja immer mglich, in der Stille des Kabinetts und bereits ohne von der Riesenhaftigkeit der Universittsarbeiten absorbiert zu werden, sich ganz den Aufgaben der Wissenschaft zu widmen und die einheimische Literatur mit den tiefsten Erforschungen zu bereichern. Solche Erforschungen ergaben sich dann zwar nicht, doch dafr bot sich die Mglichkeit, das ganze brige Leben, mehr denn zwanzig Jahre lang, sozusagen einen Vorwurf zu verkrpern -- buchstblich nach dem Dichterwort: ... Idealist und Liberaler, Standest du vorm Vaterlande Als verkrperter Vorwurf da! Doch jener Typ[9], auf den sich diese Worte bezogen, htte vielleicht auch das Recht gehabt, zeitlebens in diesem Sinne zu posieren, vorausgesetzt, da er es wollte, obschon so etwas doch recht langweilig sein mu. Unser Stepan Trophimowitsch aber war, wenn man schon die Wahrheit sagen soll, nur ein Nachahmer im Vergleich zu jenen Charakteren, ja und das Stehen ermdete ihn auch, weshalb er denn oft genug ein bichen auf der Seite lag. Aber gleichviel, auch in liegender Stellung verblieb er eine Verkrperung des Vorwurfs -- das mu man ihm schon lassen --, um so mehr, als fr die Provinz auch das vollauf gengte. Oh, man htte ihn sehen sollen, wenn er sich bei uns im Klub an den Kartentisch setzte! Seine ganze Miene sprach dann frmlich: Karten! Ich spiele mit euch Jeralsch![10] Wie ist das vereinbar? Wer kann das verantworten? Wer hat mein Wirken zertrmmert und es in Jeralsch verwandelt? Ach, geh unter, Ruland! und wrdevoll spielte er aus, -- selbstredend Coeur zuerst. Im Grunde aber liebte er sogar sehr, ein Partiechen zu machen, weswegen er nicht selten, und besonders in der letzten Zeit, mit Warwara Petrowna unangenehme Auseinandersetzungen hatte, zumal er im Spiel immer verlor. Doch davon spter. Ich will nur bemerken, da er ein sogar gewissenhafter Mensch war (d. h. manchmal) und darum oft trauerte. Im Laufe der ganzen zwanzigjhrigen Freundschaft mit Warwara Petrowna pflegte er regelmig drei- bis viermal im Jahre seinem Brgergram, wie wir das nannten, zu verfallen, das heit einfach einer Hypochondrie, doch der Ausdruck Brgergram gefiel der verehrten Warwara Petrowna. Spterhin war es auch noch der Champagner, dem er ab und zu verfiel oder zu verfallen begann, aber auch in der Beziehung schtzte ihn die feinfhlige Warwara Petrowna das ganze Leben lang vor allen trivialen Neigungen. Er bedurfte ja auch wirklich einer Art Kinderwrterin, denn mitunter konnte er sehr sonderbar sein: konnte mitten in der erhabensten Trauer pltzlich auf die volkstmlichste Weise zu spotten anfangen. Ja, es gab Augenblicke, wo er sich sogar ber sich selbst in humoristischem Sinne zu uern begann. Nichts aber frchtete Warwara Petrowna so, wie humoristischen Sinn. Sie war eben eine klassisch empfindende Frau, war als Frau eine Mzenatin, die nur nach hheren Gesichtspunkten handelte. Unschtzbar war denn auch der zwanzigjhrige Einflu dieser hheren Dame auf ihren armen Freund. Doch von ihr mte man eingehender sprechen, was ich denn auch tun will. III. Es gibt sonderbare Freundschaften; es gibt Freunde, die nur miteinander streiten, das ganze Leben in Streit verbringen, und doch nicht voneinander lassen knnen. Das Auseinandergehen ist ihnen sogar ganz unmglich: der Freund, der aus Eigensinn als erster die Verbindung zerrisse, wrde auch als erster krank werden und womglich sterben, wenn es darauf ankommt. Ich wei genau, da Stepan Trophimowitsch mehrere Male, und zwar manchmal nach den intimsten Herzensergssen unter vier Augen mit Warwara Petrowna, pltzlich, nachdem sie ihn verlassen hatte, vom Diwan aufsprang und mit den Fusten an die Wand zu hmmern begann. Nicht sinnbildlich, sondern ganz einfach und sogar so, da er einmal den Putz von der Wand losschlug. Vielleicht wird man nun fragen: wie ich denn eine so zarte Einzelheit habe erfahren knnen? Wie nun, wenn ich selbst Augenzeuge war? Wie, wenn er wiederholt an meiner Schulter geschluchzt und mir dabei in grellen Farben seine letzten Geheimnisse erzhlt hat? (Und was, ja was kam dann nicht alles ber seine Lippen!) Doch nach solchem Geschluchze geschah fast immer Folgendes: am nchsten Tage war er dann bereit, sich wegen seiner Undankbarkeit selber zu kreuzigen; dann rief er mich eilig zu sich oder kam schnell selbst zu mir, nur um mir mitzuteilen, da Warwara Petrowna, was Ehre und Zartgefhl betrifft, ein Engel sei, er aber sei das absolute Gegenteil. Und nicht nur zu mir kam er dann, nein, er schrieb das alles in wortreichen Briefen auch Warwara Petrowna, gestand ihr, ohne sich zu scheuen, den Brief mit seinem vollen Namen zu unterzeichnen, da er z. B. erst gestern einem beliebigen Menschen erzhlt habe, sie halte ihn nur aus Ruhmsucht in ihrem Hause, doch im Grunde beneide sie ihn nur um seines Wissens und seiner Talente willen; ja, sie hasse ihn sogar und wage nur nicht, ihren Ha offen zu zeigen, aus Furcht, er knnte dann weggehen und ihrem Ruf in der Literaturgeschichte schaden; infolgedessen verachte er sich nun selbst und habe er beschlossen, eines gewaltsamen Todes zu sterben; von ihr aber erwarte er nur noch ein letztes Wort, das alles entscheiden werde usw., usw. in dieser Art. Nach diesem Beispiel kann man sich ungefhr vorstellen, zu welch einer Hysterie die nervsen Ausbrche dieses unschuldigsten von allen 50jhrigen Suglingen manchmal ausarteten! Einen dieser Briefe nach irgendeinem Streit zwischen ihnen aus einem geringfgigen Anla, aber mit erbitterndem Ausgang, habe ich selbst gelesen. Ich war entsetzt und beschwor ihn, den Brief doch nicht abzusenden. Ich kann nicht ... es ist ehrlicher ... es ist meine Pflicht ... ich sterbe, wenn ich ihr nicht alles gestehe, alles! antwortete er nahezu fiebernd und sandte den Brief tatschlich ab. Gerade darin aber lag der Unterschied zwischen ihnen, da Warwara Petrowna einen solchen Brief niemals abgesandt htte. Freilich, er liebte ber alle Maen zu schreiben, schrieb ihr selbst damals, als sie noch in demselben Hause wohnten, schrieb in hysterischen Fllen sogar zweimal am Tage. Ich wei genau, da Warwara Petrowna immer mit der grten Aufmerksamkeit diese Briefe durchlas, auch wenn sie ihrer zwei am Tage erhielt, um sie dann, nummeriert und sortiert, in einer besonderen Schatulle aufzubewahren; auerdem aber hob sie sie noch in ihrem Herzen auf. Und nachdem sie dann ihren Freund den ganzen Tag vergeblich auf eine Antwort hatte warten lassen, benahm sie sich ihm gegenber am nchsten Tage, als wre so gut wie nichts Besonderes geschehen, als lge gar nichts vor. Auf die Weise hatte sie ihn allmhlich so zugestutzt, da er schon von selbst nicht mehr an das Vorgefallene zu erinnern wagte und ihr nur eine Weile in die Augen sah. Doch vergessen tat sie nichts, er aber verga manchmal schon gar zu schnell, und ermutigt durch ihre Ruhe, konnte er oft schon am selben Tage wieder lachen und beim Champagner allen mglichen Unsinn treiben, wenn ihn seine Freunde gerade an dem Tage besuchten. Mit welchen verbitternden Gefhlen mu sie in solchen Augenblicken auf ihn gesehen haben, er aber bemerkte berhaupt nichts! Es sei denn, da ihm nach einer Woche, einem Monat oder erst nach einem halben Jahr in einem besonderen Augenblick zufllig irgendein von ihm gebrauchter Ausdruck in so einem Brief einfiel und nach und nach der ganze Brief mit allen Einzelheiten und Umstnden, und dann verging er pltzlich vor Scham und qulte sich mitunter dermaen, da er wieder an seinen Anfllen von Cholerine erkrankte. Diese ihn heimsuchenden eigentmlichen Anflle, die an Cholerine erinnerten, waren in gewissen Fllen der gewhnliche Ausgang seiner nervsen Erschtterungen und stellten ein in ihrer Art interessantes Kuriosum seiner Physis dar. Ja, Warwara Petrowna hat ihn gewi und sogar sehr oft gehat; er aber hat bis zum Schlu nur eines nicht an ihr erkannt: da er nmlich zu guter Letzt fr sie zu einem Sohn geworden war, zu ihrem Geschpf, ja man kann sagen, zu einer Erfindung von ihr, da er schon Fleisch von ihrem Fleisch war und da sie ihn keineswegs aus Neid, um seiner Talente willen bei sich hielt und unterhielt. Und wie mssen solche Verdchtigungen sie verletzt haben! In ihr verbarg sich eine gewisse unertrgliche, unduldsame Liebe zu ihm, mitten unter ununterbrochenem Ha, unter Eifersucht und Verachtung. Sie beschtzte ihn vor jedem Stubchen, gab sich unermdlich zweiundzwanzig Jahre lang mit ihm ab, und die Sorge htte ihr den Schlaf geraubt, wenn man seinen Ruf als Dichter, als Gelehrter, sein Wirken im kulturbrgerlichen Sinne angetastet htte. Sie hatte ihn sich ausgedacht und war selber die erste, die an die Wirklichkeit ihrer eigenen Dichtung glaubte. Er war so etwas wie ihr Traumbild. Aber sie verlangte von ihm tatschlich viel dafr, manchmal geradezu sklavischen Gehorsam. Und nachtragend war sie bis zur Unglaublichkeit. brigens werde ich doch lieber gleich zwei Flle erzhlen. IV. Einmal, gerade in der Zeit, als sich die ersten Gerchte von der Aufhebung der Leibeigenschaft im Lande zu verbreiten begannen, beehrte ein Petersburger Baron, ein Mann mit den allerhchsten Verbindungen, der noch dazu von Amts wegen der mit Jubel erwarteten Neuerung sehr nahe stand, auf der Durchfahrt Warwara Petrowna mit seinem Besuch. Sie liebte und pflegte solche Bekanntschaften auerordentlich, zumal ihre Verbindungen mit der hohen Gesellschaft nach dem Tode ihres Mannes betrchtlich abgenommen hatten und schlielich ganz aufzuhren drohten. Der Baron verweilte etwa eine Stunde bei ihr und trank Tee. Von ihren Bekannten war sonst niemand zugegen, nur Stepan Trophimowitsch ward von ihr eingeladen und sozusagen zur Schau gestellt. Der Baron hatte denn auch richtig schon frher von ihm gehrt, oder tat wenigstens, als habe er von ihm gehrt, doch wandte er sich beim Tee selten an ihn. Natrlich htte sich Stepan Trophimowitsch gesellschaftlich nie irgendwie blamieren knnen, er hatte berhaupt die feinsten Manieren; obschon er, glaube ich, nicht von hoher Herkunft war. Aber er war von der frhesten Kindheit an in einem vornehmen Moskauer Hause aufgewachsen, also sehr gut erzogen; Franzsisch sprach er wie ein Pariser. Der Baron mute mithin auf den ersten Blick erkennen, mit welchen Menschen Warwara Petrowna sich umgab, wenn sie auch in der Provinz lebte. Allein, es sollte anders kommen. Als nmlich der Baron die neuen Gerchte von der bevorstehenden groen Reform ausdrcklich besttigte, da konnte Stepan Trophimowitsch pltzlich nicht an sich halten und rief ein Hurra!, wobei er mit der Hand noch eine Geste machte, die Begeisterung ausdrcken sollte. Er rief es brigens nicht laut und geradezu elegant; ja, vielleicht war die Begeisterung sogar wohlberlegt und die Geste absichtlich vor dem Spiegel einstudiert, eine halbe Stunde vor dem Tee; doch offenbar miglckte ihm hierbei irgend etwas, so da der Baron sich ein kaum merkliches Lcheln erlaubte, wenn er auch sofort beraus hflich eine Phrase ber die allgemeine und erklrliche Ergriffenheit aller russischen Herzen angesichts der groen Begebenheit einflocht. Darauf empfahl er sich bald und verga dabei nicht, Stepan Trophimowitsch zum Abschiede zwei Finger zu reichen. Als Warwara Petrowna in den Salon zurckkehrte, schwieg sie zunchst etwa drei Minuten lang und tat, als suchte sie etwas auf dem Tisch; doch pltzlich wandte sie sich zu Stepan Trophimowitsch und stie, bleich, mit blitzenden Augen, halblaut zischelnd hervor: Das werde ich Ihnen nie vergessen! Am anderen Tage verhielt sie sich zu ihrem Freunde als wre nichts geschehen, ber das Vorgefallene verlor sie weiter kein Wort. Erst nach dreizehn Jahren, in einem tragischen Augenblick, erinnerte sie ihn pltzlich an diesen Vorfall und wieder erbleichte sie dabei genau so wie damals. Nur zweimal in ihrem Leben hat sie zu ihm gesagt: Das werde ich Ihnen nie vergessen! Der Fall mit dem Baron war schon der zweite Fall; aber auch der erste war an und fr sich so charakteristisch und hat, wie mir scheint, im Schicksal Stepan Trophimowitschs so viel bedeutet, da ich mich entschliee, auch ihn zu erwhnen. Das war im Jahre 1855, im Mai, kurz nachdem man in Skworeschniki die Nachricht vom Tode des Generalleutnants Stawrogin, des leichtsinnigen alten Herrn, erhalten hatte, der auf der Reise nach der Krim zur bernahme eines Kommandos in der aktiven Armee unterwegs an einer Magenerkrankung gestorben war. Warwara Petrowna war also nun Witwe und ging in tiefstem Schwarz. Freilich, innerlich konnte ihre Trauer nicht sehr gro sein, denn schon die letzten vier Jahre hatten die beiden Gatten wegen der Charaktergegenstze vollkommen getrennt gelebt und sie hatte ihm nur eine Art Pension ausgesetzt. (Der Generalleutnant besa selber nur 150 Seelen und sein Gehalt, auerdem seinen alten Adel und Beziehungen; der ganze Reichtum dagegen und Skworeschniki gehrten Warwara Petrowna, als der einzigen Tochter eines sehr reichen Branntweinpchters.) Nichtsdestoweniger hatte die Pltzlichkeit der Nachricht sie erschttert und so zog sie sich denn in die Einsamkeit zurck. Selbstredend befand sich Stepan Trophimowitsch ununterbrochen bei ihr. Der Mai stand in voller Blte; die Abende waren wundervoll. Maulbeerbume dufteten. Die beiden Freunde kamen allabendlich im Garten zusammen, saen bis in die Nacht hinein in einer Laube und breiteten ihre Gefhle und Gedanken voreinander aus. Es gab manchen poetischen Augenblick. Unter dem Eindruck ihrer Schicksalsnderung sprach Warwara Petrowna mehr als gewhnlich. Sie schmiegte sich gleichsam an das Herz ihres Freundes, und das setzte sich so mehrere Abende fort. Pltzlich kam Stepan Trophimowitsch ein eigentmlicher Gedanke: Wie? rechnete die erschtterte Witwe jetzt vielleicht auf ihn? Erwartete sie etwa nach Ablauf des Trauerjahres einen Heiratsantrag von ihm? -- Ein zynischer Gedanke; aber gerade die Hhe der Organisation begnstigt doch mitunter noch die Neigung zu zynischen Gedanken, schon allein durch die Vielseitigkeit der Entwicklung. Er begann zu berlegen und fand, da es wirklich diesen Anschein gewann. Er wurde nachdenklich: Ein riesiges Vermgen, das ist allerdings wahr, aber ... In der Tat, Warwara Petrowna war nicht gerade das, was man unter einer Schnheit versteht: sie war eine groe, gelbe, magere Frau, mit einem bermig langen Gesicht, in dem irgend etwas entfernt an einen Pferdekopf erinnerte. Stepan Trophimowitsch schwankte immer mehr unter solchen Betrachtungen, qulte sich mit Zweifeln und weinte sogar zweimal wegen seiner eigenen Unentschlossenheit (er weinte ziemlich oft). An den Abenden, also in der Laube, nahm sein Gesicht einen kaprizisen Ausdruck an, und zuweilen war sogar etwas Ironisches, etwas Kokettes, und zugleich Hochmtiges darin. Das geschieht ganz unwillkrlich, und sogar je edler der Mensch ist, um so bemerkbarer wird es. Ob nun Stepan Trophimowitschs Befrchtungen grundlos waren oder nicht, das ist schwer zu sagen: am wahrscheinlichsten ist, da Warwara Petrowna an eine Heirat berhaupt nicht dachte -- jedenfalls htte sie sich wohl niemals entschlieen knnen, ihren alten Namen, den der Stawrogins, mit dem seinen zu vertauschen, selbst wenn sein Name in der Literatur noch so berhmt gewesen wre. Vielleicht war es von ihr aus nur ein weibliches Spiel, der Ausdruck eines unbewuten weiblichen Bedrfnisses, das ja in manchen weiblichen Fllen doch so natrlich ist. brigens kann ich mich fr nichts verbrgen, die Tiefe des Frauenherzens ist sogar bis heute noch unerforschlich! Doch ich fahre fort. Es ist anzunehmen, da Warwara Petrowna aus dem eigentmlichen Gesichtsausdruck ihres Freundes bald erriet, was in ihm vorging; sie war feinfhlig und verstand zu beobachten, er aber war manchmal schon gar zu naiv. Trotzdem vergingen die Abende nach wie vor poetisch und bei anregender Unterhaltung. Einmal jedoch, bei Anbruch der Nacht, trennten sie sich nach einem besonders lebhaften, interessanten und poetischen Gesprch mit einem heien Hndedruck an der Treppe des Gartenhauses, in das Stepan Trophimowitsch in jedem Sommer aus dem riesigen Herrenhause von Skworeschniki berzusiedeln pflegte. Als er eingetreten war, nahm er zunchst, gleichsam zerstreut und doch wie in Gedanken versunken, eine Zigarre, zndete sie aber noch nicht an, sondern trat ermdet ans offene Fenster und schaute regungslos den wie Flaum leichten, hellen Wlkchen zu, die an dem klaren Monde vorberglitten, als pltzlich ein leises Gerusch ihn aufschreckte und er sich umsah. Vor ihm stand wieder Warwara Petrowna, von der er sich vor kaum vier Minuten im Garten getrennt hatte. Ihr gelbes Gesicht war fast blulich, ihre Lippen schienen sich krampfhaft zusammenzupressen und die Mundwinkel zuckten. So sah sie ihm wohl volle zehn Sekunden lang schweigend in die Augen, mit festem, unerbittlichem Blick, und pltzlich stie sie in schnellem Geflster hervor: Das werde ich Ihnen nie vergessen! Als Stepan Trophimowitsch mir zehn Jahre spter diese traurige Geschichte erzhlte, flsternd, nachdem er zuvor die Tr verschlossen hatte, versicherte er mir, er sei damals auf der Stelle so erstarrt, da er weder gehrt noch gesehen habe, wie Warwara Petrowna wieder verschwand. Und da sie spter kein einziges Mal den Vorfall auch nur erwhnt hatte und alles seinen Lauf ging, als wre nichts geschehen, so war er sein lebelang geneigt, anzunehmen, da das Ganze nur eine Halluzination vor der Erkrankung gewesen sei, zumal er tatschlich noch in derselben Nacht erkrankte und ganze zwei Wochen lang das Bett hten mute, was denn auch, brigens sehr zur rechten Zeit, den Gesprchen in der Laube ein Ende machte. Doch ungeachtet seiner Idee von der Halluzination war es dennoch, als erwartete er jeden Tag, whrend der ganzen Jahre, so etwas wie eine Fortsetzung und sozusagen Erklrung dieses Geschehnisses. Er glaubte nicht, da es damit auch beendet sei! Und wenn er das nicht glaubte, wie sonderbar mu er dann doch manchmal auf seinen Freund geschaut haben! V. Sie hatte sogar das Kostm fr ihn erdacht, das er seitdem bestndig trug. Es war geschmackvoll und charakteristisch zugleich: ein langer schwarzer Rock, fast bis oben zugeknpft, der aber prachtvoll sa; ein weicher Hut (im Sommer aus Stroh) mit breiter Krempe; eine Halsbinde aus weiem Batist, mit groem Knoten und hngenden Enden; ein Stock mit silbernem Knauf, dazu das Haar fast bis auf die Schultern. Er war dunkelblond und erst in der letzten Zeit begann er ein wenig zu ergrauen. Den Schnurrbart und Bart rasierte er. Man sagt, in seiner Jugend sei er ein beraus schner Mensch gewesen. Doch meiner Meinung nach war er auch im Alter eine ungemein eindrucksvolle Erscheinung. Aber kann man denn bei dreiundfnfzig Jahren berhaupt von Alter reden? Doch aus einer gewissen Brger-Eitelkeit machte er sich nicht nur nicht jnger, sondern war sogar gleichsam stolz auf die Soliditt seiner Jahre, und in diesem Kostm, hoch von Wuchs, hager, mit dem langen Haar erinnerte er gleichsam an einen Patriarchen, oder noch besser: an das Portrt des Dichters Kkolnik[11], das in den dreiiger Jahren als Lithographie in irgendeiner Ausgabe erschien, besonders wenn er im Sommer im Garten sa, auf einer Bank unter blhendem Flieder, die Hnde auf den Stock gesttzt, ein aufgeschlagenes Buch neben sich und in poetisches Sinnen versunken beim Anblick des Sonnenuntergangs. brigens in betreff der Bcher mu ich bemerken, da er in der letzten Zeit das Lesen gewissermaen aufzugeben begann. Aber das geschah doch erst in der allerletzten Zeit. Die Zeitungen und Zeitschriften dagegen, die Warwara Petrowna in Menge sich zuschicken lie, die las er bestndig. Fr die Fortschritte der russischen Literatur interessierte er sich gleichfalls unausgesetzt, freilich ohne dabei seiner eigenen Wrde auch nur das geringste zu vergeben. Eine Zeitlang befate er sich auch eifrig mit dem Studium unserer inneren und ueren Tagespolitik, doch alsbald gab er das resigniert wieder auf. Es kam aber auch anderes vor: da er z. B. einen Band Tocqueville in den Garten mitnahm, in seiner Rocktasche aber einen Paul de Kock versteckt hatte. Doch das sind brigens Belanglosigkeiten. Zu dem Portrt von Kkolnik mchte ich hier nur in Klammern bemerken: da dieses Bild Warwara Petrowna zum erstenmal in die Hnde geraten war, als sie noch in Moskau in einem adeligen Mdchenpensionat erzogen wurde. Sie verliebte sich sofort in dieses Bild, nach der Gewohnheit smtlicher jungen Mdchen in Pensionaten, die sich nun einmal in alles zu verlieben pflegen, was ihnen nur zu Gesichte kommt, aber zugleich auch in ihre Lehrer, und zwar vornehmlich in die der Schnschreibe- und Zeichenkunst. Im vorliegenden Fall jedoch war das Bemerkenswerte nicht diese Eigenschaft junger Mdchen, sondern lediglich der Umstand, da Warwara Petrowna die erwhnte Lithographie noch im fnfzigsten Lebensjahr unter ihren teuersten Kostbarkeiten aufbewahrte, also vielleicht nur deshalb auch fr Stepan Trophimowitsch jenes besondere Kostm erdacht hatte, das dem auf diesem Bilde dargestellten zum Teil so hnlich war. Aber auch das ist natrlich nur eine Nebensache. In den ersten Jahren oder, genauer gesagt, in der ersten Hlfte seines Aufenthalts bei Warwara Petrowna hatte Stepan Trophimowitsch immer noch an schriftstellerische Ttigkeit gedacht und sich eigentlich jeden Tag ernstlich vorgenommen, mit dem Werk, das ihm vorschwebte, zu beginnen. In der zweiten Hlfte aber begann er offenbar, die frheren Vorstudien schon zu vergessen. Immer hufiger sagte er zu uns: Man sollte meinen, jetzt knnte ich mit der Arbeit beginnen, das Material ist zusammengetragen, und doch entsteht nichts! Es will einfach nicht in mir arbeiten! und wehmtig lie er den Kopf hngen. Zweifellos sollte gerade das ihn in unseren Augen noch mehr erhhen, ihn als einen Mrtyrer der Wissenschaft hinstellen; aber im Grunde und fr sich selbst verlangte ihn doch nach etwas anderem. Man hat mich vergessen, niemand braucht mich! entrang es sich ihm mehr als einmal. Diese gesteigerte Schwermut bemchtigte sich seiner besonders ganz am Ende der fnfziger Jahre. Warwara Petrowna begriff schlielich, da die Sache ernst war. Zudem konnte auch sie den Gedanken nicht ertragen, da ihr Freund vergessen sei und niemand ihn brauche. Um ihn zu zerstreuen, aber zugleich auch um seinen Ruhm zu erneuen, reiste sie damals mit ihm nach Moskau, wo sie mit einigen tadellosen Vertretern der Literaten- und Gelehrtenwelt bekannt war; doch es erwies sich, da auch Moskau nicht zufriedenstellen konnte. Es war damals eine besondere Zeit[12]; etwas Neues brach an, etwas, das der vorhergegangenen Stille schon gar zu unhnlich war, etwas schon gar zu Seltsames, das jedoch berall gesprt wurde, selbst in Skworeschniki. Verschiedene Gerchte drangen auch dorthin. Die Tatsachen waren ja im allgemeinen mehr oder weniger bekannt, aber es war klar, da auer den Tatsachen noch eigentmliche sie begleitende Ideen aufzutauchen begannen, und zwar, was das Wichtigste war, Ideen in auergewhnlicher Menge. Gerade das aber wirkte verwirrend: es war ganz und gar unmglich, sich ein Urteil zu bilden und genau zu erfahren, was diese Ideen eigentlich bezweckten. Warwara Petrowna wollte, infolge der weiblichen Konstruktion ihrer Natur, unbedingt ein Geheimnis in ihnen verborgen wissen. Sie begann nun zunchst selber die Zeitungen und Zeitschriften zu lesen, dazu auslndische verbotene Ausgaben und sogar die damals aufkommenden Proklamationen (alles das wurde ihr zugestellt); doch ihr wurde davon nur schwindlig. Sie begann dann Briefe zu schreiben; man antwortete ihr wenig und je weiter man ging, um so unverstndlicher wurde es. Stepan Trophimowitsch ward darauf feierlichst von ihr gebeten, ihr alle diese Ideen ein fr allemal zu erklren; doch seine Erklrungen befriedigten sie entschieden nicht. Der Standpunkt, von dem aus Stepan Trophimowitsch die allgemeine Bewegung beurteilte, war ein im hchsten Grade hochmtiger; bei ihm lief alles darauf hinaus, da man ihn vergessen habe und niemand ihn brauche. Da aber geschah es, da man sich schlielich auch seiner erinnerte; zuerst in auslndischen Zeitschriften[13] als eines verbannten Mrtyrers, und danach sofort auch in Petersburg, als eines ehemaligen Sternes in einem bekannten Sternbilde; man verglich ihn aus irgendeinem Grunde sogar mit Radischtscheff[14]. Darauf schrieb jemand in einer Zeitung, er sei bereits gestorben, und stellte einen Nekrolog ber ihn in Aussicht. Stepan Trophimowitsch belebte sich nach diesen Erwhnungen seines Namens im Nu wie ein Auferstandener, und nahm eine hchst wrdevolle Haltung an. Der ganze Hochmut in seinem bisherigen Verhalten gegenber den Zeitgenossen fiel im Handumdrehen von ihm ab und statt dessen erglhte in ihm der Wunsch: sich der Bewegung anzuschlieen und seine Kraft zu zeigen. Warwara Petrowna begann sofort von neuem und an alles zu glauben und war ganz Eifer fr die Sache. Es wurde beschlossen, ohne den geringsten Aufschub nach Petersburg zu reisen, alles an Ort und Stelle in Erfahrung zu bringen, persnlich zu ergrnden, und sich hinfort, falls angngig, ganz und ungeteilt der neuen Aufgabe zu widmen. Unter anderem erklrte sie sich bereit, eine eigene Zeitschrift zu grnden und dieser von nun an ihr ganzes Leben zu weihen. Als Stepan Trophimowitsch sah, wieweit es gekommen war, wurde er noch selbstbewuter, und begann bereits unterwegs, sich zu Warwara Petrowna fast gnnerhaft zu verhalten, -- was sie sich sofort merkte und in ihrem Herzen aufhob. brigens hatte sie noch einen anderen sehr wichtigen Grund zu dieser Reise, nmlich die Erneuerung ihrer Beziehungen zu den hheren Kreisen. Man mute sich, soweit das mglich war, in der Gesellschaft wieder in Erinnerung bringen, mute wenigstens den Versuch machen. Doch offiziell war der Anla zu dieser Reise ein Wiedersehen mit ihrem einzigen Sohn, der damals seine Studien im Petersburger Adelslyzeum beendete. VI. Sie trafen in Petersburg ein und verlebten dort fast die ganze Wintersaison. Allein zu den groen Fasten platzte alles wie eine regenbogenfarbene Seifenblase. Die Illusionen verflogen, der geschwatzte Unsinn aber klrte sich nicht nur nicht auf, sondern wurde noch widerlicher. Doch zunchst: die Wiederanknpfung der hheren Beziehungen gelang fast gar nicht, oder nur in uerst mikroskopischem Mae, und selbst das nur mittels erniedrigender Bemhungen. Die gekrnkte Warwara Petrowna strzte sich darauf ganz in die neuen Ideen und erffnete Abende in ihrem Salon. Sie lud Literaten ein und man fhrte ihr die sogleich in Menge zu. Alsbald kamen sie schon von selbst auch uneingeladen; einer brachte den anderen mit. Sie hatte noch nie solche Literaten gesehen. Eitel waren sie bis zur Unglaublichkeit, aber sie waren es ganz offen und ungeniert, wie wenn sie damit eine Pflicht erfllten. Manche (wenn auch lngst nicht alle) erschienen sogar in betrunkenem Zustande, aber auch das geschah in einer Weise, als wren sie sich dabei einer besonderen, erst gestern darin entdeckten Schnheit bewut. Alle waren sie auf irgendetwas bis zur Seltsamkeit stolz. Auf allen Gesichtern stand geschrieben, da sie berzeugt waren, soeben erst ein ungeheuer wichtiges Geheimnis entdeckt zu haben. Den Gebrauch von Schimpfworten rechneten sie sich offenbar zur Ehre an. Was sie alle eigentlich geschrieben hatten, war ziemlich schwer zu erfahren; aber es gab da Kritiker, Romanschriftsteller, Dramatiker, Satiriker, Polemiker. Stepan Trophimowitsch drang sogar in ihren hchsten Kreis ein, von wo aus die ganze Bewegung geleitet wurde. Bis zu diesen Regierenden war es unglaublich hoch, doch ihm kamen sie bereitwillig entgegen, obschon natrlich kein einziger von ihnen etwas Nheres ber ihn wute oder gehrt hatte, auer da er eine Idee vertrete. Er manvrierte dann so um sie herum, da er auch sie bewog, etwa zwei- oder dreimal in Warwara Petrownas Salon zu erscheinen, trotz all ihrer olympischen Erhabenheit. Diese Herren waren sehr ernst und sehr hflich; benahmen sich gut; die brigen hatten sichtlich Furcht vor ihnen; aber man sah ihnen an, da sie keine Zeit hatten. Es erschienen auch zwei oder drei ehemalige literarische Berhmtheiten, die sich damals zufllig in Petersburg aufhielten, und mit denen Warwara Petrowna schon lange die feinsten Beziehungen unterhielt. Doch zu Warwara Petrownas Verwunderung waren diese wirklichen und bereits zweifellosen Berhmtheiten unter ihren Gsten stiller als Wasser, niedriger als Gras, manche aber von ihnen schmiegten sich an dieses neue Gesindel geradezu an und suchten sich schmhlicherweise bei ihm einzuschmeicheln. Anfangs hatte Stepan Trophimowitsch Glck; man griff sofort nach ihm und begann ihn in ffentlichen literarischen Veranstaltungen zur Schau zu stellen. Als er an einem ffentlichen literarischen Abende zum erstenmal als einer der Vortragenden die Rednerbhne betrat, begrte ihn rasendes Hndeklatschen, das gute fnf Minuten lang andauerte. Neun Jahre spter gedachte er dieses Abends mit Trnen in den Augen, -- brigens mehr infolge seiner Knstlernatur als aus Dankbarkeit. Ich schwre Ihnen und wette darauf, sagte er zu mir (aber nur zu mir und als tiefstes Geheimnis), da unter diesem ganzen Publikum niemand auch nur das geringste von mir wute! Ein beachtenswertes Gestndnis: also war in ihm doch ein scharfer Verstand, wenn er schon damals auf der Rednerbhne, trotz seines Rausches, seine wirkliche Stellung so klar zu erkennen vermochte; und andererseits war doch wiederum kein scharfer Verstand in ihm, wenn er sogar nach neun Jahren nicht ohne die Empfindung einer Krnkung daran zurckdenken konnte. Unter anderem veranlate man ihn, zwei oder drei Kollektivproteste (wogegen -- das wute er selbst nicht) gleichfalls zu unterschreiben; jedenfalls tat er's. Auch Warwara Petrowna wurde zur Hergabe ihres Namens veranlat, und auch sie unterschrieb einen Protest gegen irgendein schndliches Verhalten. brigens hielt sich die Mehrzahl dieser neuen Leute aus irgendeinem Grunde fr verpflichtet, auf Warwara Petrowna, wenn sie auch ihre Abende besuchten, doch mit Verachtung und unverhohlenem Spott herabzusehen. Stepan Trophimowitsch deutete mir gegenber spter in bitteren Augenblicken an, da sie in eben jener Zeit begonnen habe, ihn zu beneiden. Sie begriff natrlich, da diese Leute kein Umgang fr sie waren, aber trotzdem empfing sie sie bei sich mit eigensinnigem Eifer, mit aller weiblich-hysterischen Ungeduld, und hrte vor allem nicht auf, etwas zu erwarten. An den Abenden in ihrem Salon sprach sie wenig, obschon sie zu sprechen verstanden htte; aber sie hrte um so aufmerksamer zu. Man sprach ber alles Mgliche: von der Abschaffung der Zensur und des Buchstabens Jerr als harten Endzeichens, von der Ersetzung der russischen Schriftzeichen durch lateinische, sprach ber die Tags zuvor erfolgte Verschickung irgend jemandes nach Sibirien, ber einen Skandal, der sich in der Passage zugetragen, ber die Vorteile einer Aufteilung Rulands nach seinen Vlkerschaften, unter freiem fderativem Zusammenschlu, ber die Abschaffung des Heeres und der Flotte, ber die Wiederherstellung Polens bis zum Dnjepr, ber die Bauernbefreiung und die Proklamationen, ber die Abschaffung des Erbrechts, der Familie, der Kinder und der Geistlichen, ber die Frauenrechte, ber das Haus des Verlegers Krajewski, das niemand Herrn Krajewski verzeihen konnte, usw. usw. Es war klar, da sich in dieser Kohorte der neuen Menschen viele Spitzbuben befanden, aber zweifellos gab es auch viele ehrliche, sogar sehr anziehende Menschen unter ihnen, trotz gewisser wunderlicher Nuancen. Die ehrlichen waren viel unverstndlicher als die unehrlichen und frechen; aber es lie sich nicht feststellen, welche Art die andere in der Hand hatte. Als Warwara Petrowna ihre Absicht, eine Zeitschrift herauszugeben, ausgesprochen hatte, strmten noch viel mehr Leute herbei. Doch sofort hagelten ihr auch schon Beschuldigungen ins Gesicht, sie sei eine Kapitalistin und beute die Arbeitenden aus. Der Unverfrorenheit der Anklagen kam nur ihre Unverhofftheit gleich. Da geschah es aber, da der hochbetagte General Iwan Iwanowitsch Drosdoff, der ehemalige Freund und Regimentskamerad des verstorbenen Generals Stawrogin, ein beraus ehrenwerter Mann (in seiner Art) und den wir hier alle gekannt haben, ein bis zum uersten starrkpfiger und reizbarer Mensch, der entsetzlich viel zu essen pflegte und den Atheismus ber alles frchtete, -- da dieser General an einem der Abende bei Warwara Petrowna mit einem berhmten Jngling in Streit geriet. Und schon nach den ersten Worten warf ihm dieser ins Gesicht: Wenn das wirklich Ihre Ansicht ist, dann sind Sie ja ein General, in dem Sinne, als knne er ein noch strkeres Schimpfwort als die Bezeichnung General nicht finden. Iwan Iwanowitsch brauste malos auf: Jawohl, mein Herr, ich bin ein General und Generalleutnant und habe _meinem_ Kaiser gedient, du aber, mein Bester, bist nur ein Bengel und ein Gottesleugner! Es kam zu einem hchst unstatthaften Skandal. Am anderen Tage wurde der Fall in der Presse entsprechend behandelt, und man begann Unterschriften zu einem Kollektivprotest gegen Warwara Petrownas schndliches Verhalten zu sammeln, da sie dem General nicht hatte die Tr weisen wollen, was sie sofort htte tun mssen. Und in einem illustrierten Blatt erschien eine Karikatur, die Warwara Petrowna, den General und Stepan Trophimowitsch boshaft als drei reaktionre Freunde darstellte; dem Bilde waren auch Verse beigefgt, die der Dichter aus dem Volk eigens zu diesem Ereignis verfat hatte. Ich bemerke hierzu von mir aus, da allerdings viele Personen im Generalsrang die Gewohnheit haben, komischerweise zu sagen: Ich habe _meinem_ Kaiser gedient ... also ganz als htten sie nicht denselben Kaiser wie wir einfachen Untertanen des Zaren, sondern einen eigenen, besonderen fr sich. Natrlich war es danach nicht mglich, noch lnger in Petersburg zu bleiben, zumal auch Stepan Trophimowitsch endgltig Fiasko machte. Er hatte es schlielich doch nicht ausgehalten und von den Rechten der Kunst zu reden begonnen, da aber war das Lachen ber ihn noch lauter geworden. Bei seinem letzten Vortrag gedachte er durch kulturfordernde Redekunst zu wirken, da er sich einbildete, damit die Herzen rhren zu knnen, doch rechnete er gleichzeitig auf den Respekt vor seinem Mrtyrertum als Verbannter. So gab er denn die Wertlosigkeit und Lcherlichkeit des Wortes Vaterland ohne weiteres zu, erklrte sich auch mit dem Gedanken, da die Religion schdlich sei, einverstanden, doch dafr verkndete er laut und mit Entschlossenheit, da Stiefel etwas Geringeres seien als Puschkin, und zwar etwas bedeutend Geringeres. Er wurde erbarmungslos ausgepfiffen, so da er auf der Stelle, vor dem ganzen Publikum, ohne von der Rednerbhne hinabzusteigen, in Trnen ausbrach. Warwara Petrowna brachte ihn halbtot nach Hause. _On m'a trait comme un vieux bonnet de coton!_{[1]} soll er nur noch wie benommen gestammelt haben. Sie pflegte ihn die ganze Nacht, gab ihm Kirschlorbeertropfen und trstete ihn unentwegt bis zum Morgen mit den Versicherungen: Sie sind noch wertvoll, Ihre Stunde wird noch kommen, man wird Sie anerkennen ... an einem anderen Ort. Am folgenden Tage aber erschienen bei Warwara Petrowna bereits frh morgens fnf Literaten, von denen ihr drei ganz unbekannt waren, ja die sie noch nie auch nur gesehen hatte. Mit strenger Miene teilten sie ihr mit, sie htten die Angelegenheit der von ihr geplanten Zeitschrift geprft und in der Sache einen Beschlu gefat. Warwara Petrowna hatte entschieden niemanden beauftragt, diese Angelegenheit zu prfen und ber ihre Zeitschrift etwas zu beschlieen. Der Beschlu bestand darin, da Warwara Petrowna, nachdem sie die Zeitschrift gegrndet, diese unverzglich mitsamt dem Kapital ihnen zu bergeben habe, mit den Rechten einer freien Handelsgesellschaft; sie selbst aber solle nach Skworeschniki zurckkehren und nicht vergessen, Stepan Trophimowitsch mitzunehmen, der mit seinen Anschauungen veraltet sei. Aus Zartgefhl erklrten sie sich bereit, ihr das Eigentumsrecht zuzuerkennen und ihr alljhrlich ein Sechstel des Gewinnes zuzusenden. Das Rhrendste war dabei, da von diesen fnf Menschen vier ganz gewi nicht die geringste eigenntzige Absicht hatten und nur um der allgemeinen Sache willen diese Mhe auf sich nahmen. Wir waren wie betubt, als wir abfuhren, erzhlte Stepan Trophimowitsch, ich konnte noch berhaupt nichts fassen, und ich erinnere mich, zum Rattern der Rder murmelte ich immer nur vor mich hin: >Wjek, Wjek, Wjek ... Ljeff Kambeck--beck--beck ... Wjek, Wjek, Wjek ...<[15] und der Teufel wei was noch alles, bis wir in Moskau eintrafen. Erst in Moskau kam ich wieder zu mir -- als htte ich dort tatschlich etwas anderes gefunden? Oh, meine Freunde! rief er vor uns manchmal ergriffen aus, Sie knnen sich ja gar nicht vorstellen, welch eine Trauer und welch eine Wut einem die ganze Seele erfllen, wenn die groe Idee, die Sie schon lange heilig halten, von Unwissenden aufgegriffen und zu ebensolchen Dummkpfen, wie jene selbst sind, auf die Strae hinausgeschleppt wird, und pltzlich begegnet man ihr schon auf dem Trdelmarkt, wo sie kaum wiederzuerkennen ist, im Schmutz, unsinnig aufgestellt, schief, ohne jede Proportion, ohne Harmonie, als Spielzeug dummer Kinder! Nein! Zu unserer Zeit war es nicht so, unser Streben ging nicht nach der Richtung. Nein, nein, ganz und gar nicht nach der Richtung. Ich erkenne nichts wieder ... Aber unsere Zeit wird von neuem anbrechen und wird alles Wackelnde, Gegenwrtige wieder auf den festen Weg lenken. Denn was sollte sonst wohl werden? ... VII. Gleich nach ihrer Rckkehr aus Petersburg schickte Warwara Petrowna ihren Freund ins Ausland: zur Erholung; aber es tat auch not, da sie sich fr einige Zeit voneinander trennten, das fhlte sie. Stepan Trophimowitsch fuhr mit Entzcken ab. Dort werde ich auferstehen! rief er aus, dort werde ich mich nun endlich der Wissenschaft zuwenden! Doch schon in den ersten Briefen aus Berlin begann wieder das alte Lied: Mein Herz ist zerrissen, schrieb er an Warwara Petrowna, ich kann nichts vergessen! Hier in Berlin hat mich alles an das Alte erinnert, an die Vergangenheit, an die ersten Begeisterungen und die ersten Qualen. Wo ist sie? Wo seid ihr jetzt beide? Wo seid ihr, meine beiden Engel, deren ich niemals wert war? Und wo ist mein Sohn, mein geliebter Sohn? Und schlielich, wo bin ich, ich selbst, wo ist mein frheres Ich, das sthlern an Kraft und wie ein Fels unerschtterlich war, whrend jetzt irgendein Andrejeff, _c'est dire un_ rechtglubiger Narr mit einem Bart, _peut briser mon existence en deux_{[2]} usw. usw. Was diesen Sohn betrifft, so ist hierzu zu bemerken, da er ihn in seinem ganzen Leben nur zweimal gesehen hatte: das erstemal, als der Sohn geboren wurde, und das zweitemal gerade jetzt in Petersburg, wo der junge Mann sich zum Eintritt in die Universitt vorbereitete. Erzogen worden war der Knabe, wie bereits erwhnt, von Tanten im Gouvernement O..., 700 Werst von Skworeschniki (auf Warwara Petrownas Kosten). Und was den erwhnten Andrejeff betrifft, so war das ganz einfach unser hiesiger Kaufmann, ein Ladenbesitzer, ein groer Sonderling, archologischer Autodidakt und leidenschaftlicher Sammler russischer Altertmer, der manchmal Stepan Trophimowitsch in Kenntnissen zu berbieten suchte, doch vor allem ber Gesinnungsfragen mit ihm debattierte. Dieser achtbare Kaufmann mit grauem Bart und in Silber gefater groer Brille schuldete Stepan Trophimowitsch noch 400 Rubel fr einige Dessjtinen Wald, die er auf dessen kleinem (an Skworeschniki grenzenden) Gute zum Abholzen gekauft hatte. Obschon nun Stepan Trophimowitsch von Warwara Petrowna fast verschwenderisch mit Mitteln zu dieser Reise ausgestattet worden war, hatte er auf diese 400 Rubel doch noch besonders gerechnet, wahrscheinlich fr seine geheimen Ausgaben, und er war fast in Trnen ausgebrochen, als Andrejeff ihn bat, sich noch einen Monat zu gedulden. brigens hatte Andrejeff durchaus ein Anrecht auf einen solchen Aufschub, da er die ersten Raten alle fast ein halbes Jahr vor dem Termin bezahlt hatte, weil das Geld damals von Stepan Trophimowitsch gerade dringend bentigt worden war. Jenen ersten Brief Stepan Trophimowitschs aus Berlin las Warwara Petrowna mit Spannung, unterstrich mit dem Bleistift den Ausruf Wo seid ihr jetzt beide? versah den Brief mit dem Datum und verschlo ihn in die Schatulle. Er hatte natrlich an seine beiden verstorbenen Frauen gedacht. In dem zweiten Brief aus Berlin gab es eine Variation des Liedes: Ich arbeite tglich zwlf Stunden, (wenn er doch wenigstens elf geschrieben htte, murmelte Warwara Petrowna), stbere in den Bibliotheken umher, vergleiche, mache Auszge, scheue keinen Weg; war bei den Professoren. Habe die Bekanntschaft mit der reizenden Familie Dundassoff erneuert. Wie entzckend Nadjshda Nikoljewna selbst jetzt noch ist! Sie lt Sie gren. Ihr junger Gatte und alle drei Neffen sind gleichfalls in Berlin. Abends Unterhaltung mit der Jugend, meist bis zum Morgengrauen; unsere Nchte sind nahezu attisch, jedoch natrlich nur was Feinheit und Geschmack anlangt; alles Hhere; viel Musik, spanische Motive, Plne einer Erneuerung der Menschheit, die Idee der ewigen Schnheit, sixtinische Madonna, Licht mit Durchbrchen der Finsternis, aber auch die Sonne hat Flecken! Oh, mein Freund, Sie mein edler, treuer Freund! Mit meinem Herzen bin ich bei Ihnen und der Ihrige; mit Ihnen allein ginge ich berall hin, _en tout pays_, und wre es selbst _dans le pays de Makar et de ses veaux_,{[3]} von welchem Lande wir in Petersburg vor unserer Abreise, Sie erinnern sich wohl noch, so zitternd gesprochen haben. Denke jetzt lchelnd daran zurck. Als ich die Grenze berschritten hatte, fhlte ich mich in Sicherheit, ein seltsames, neues Empfinden, zum erstenmal nach so langen Jahren ... usw. usw. Alles Unsinn! urteilte Warwara Petrowna, indem sie auch diesen Brief zu den anderen legte. Wenn sie bis zum Morgenrot attische Nchte verleben, dann wird er doch nicht zwlf Stunden ber den Bchern sitzen. War er etwa betrunken, als er das schrieb? Was fllt dieser Dundassowa ein, mich gren zu lassen? brigens, mag er sich amsieren ... Der Satz _dans le pays de Makar et de ses veaux_ sollte bedeuten: wohin Makar die Klber nicht getrieben hat[16]. Stepan Trophimowitsch bersetzte manchmal auf die verdrehteste Weise russische Sprichwrter und Redensarten ins Franzsische, obschon er sie zweifellos besser zu deuten und zu bersetzen verstanden htte; aber er tat das aus Vorliebe zu einer gewissen Nonchalance und fand es witzig. Doch von dem Amsieren hatte er bald genug, nicht einmal vier Monate hielt er es aus und kam nach Skworeschniki zurckgeflogen. Seine letzten Briefe bestanden fast ausschlielich aus Ergssen der gefhlvollsten Liebe zu seinem abwesenden Freunde, und waren buchstblich von Trnen der Sehnsucht verwischt. Es gibt Naturen, die auerordentlich am Hause hngen, ganz wie die Stubenhndchen. Das Wiedersehen der Freunde war eine freudige Hochspannung. Nach zwei Tagen aber verlief alles wieder nach alter Art, und sogar noch langweiliger als frher. Mein Freund, sagte Stepan Trophimowitsch nach vierzehn Tagen zu mir, aber als grtes Geheimnis, mein Freund, ich habe etwas fr mich furchtbar ... Neues entdeckt: _Je suis un_ einfacher Schmarotzer _et rien de plus! Mais r--r--rien de plus!_{[4]} VIII. Darauf trat eine stille Zeit ein und dauerte fast diese ganzen neun Jahre. Die hysterischen Ausbrche mit dem Geschluchze an meiner Schulter wiederholten sich zwischendurch zwar regelmig, strten aber sonst keineswegs unser Wohlbehagen. Ich wundere mich eigentlich nur, da Stepan Trophimowitsch in dieser Zeit nicht dick wurde. Nur seine Nase rtete sich ein wenig und seine Gromut nahm noch zu. Allmhlich bildete sich um ihn ein Kreis von Freunden, der brigens immer klein blieb. Warwara Petrowna kmmerte sich wohl nur wenig um diesen Kreis, aber wir erkannten sie doch alle als unsere Patronesse an. Nach der Petersburger Enttuschung hatte sie sich endgltig in unserem Gouvernement niedergelassen: im Winter lebte sie in ihrem groen Hause in der Stadt, im Sommer drauen auf ihrem Gute. Nie vorher hatte sie eine solche gesellschaftliche Bedeutung und soviel Einflu gehabt, wie in diesen Jahren, das heit, bis zur Ernennung des neuen, unseres jetzigen Gouverneurs. Dessen Vorgnger dagegen, der unvergeliche, weiche Iwan Ossipowitsch, war mit ihr nah verwandt, und nicht umsonst hatte sie ihm manche Wohltat erwiesen. Seine Frau zitterte geradezu bei dem Gedanken, sie knne Warwara Petrowna irgendwie mifallen, und so grenzte denn, nach ihrem Beispiel, die Ehrerbietung der stdtischen Kreise vor Warwara Petrowna fast schon an sndhaften Gtzendienst. Bei solchen Zustnden hatte es natrlich auch Stepan Trophimowitsch gut. Er war Mitglied des Klubs, verlor wrdevoll im Kartenspiel und erwarb sich die allgemeine Achtung, wenn auch viele in ihm nur einen Gelehrten sahen. Spterhin, als Warwara Petrowna ihm eine eigene Wohnung zu beziehen gestattete, war unser Verkehr noch zwangloser. Wir versammelten uns etwa zweimal wchentlich bei ihm, und dann gab es lustige Abende, besonders wenn er mit dem Champagner nicht kargte. Er bezog ihn von dem bereits erwhnten Andrejeff und die Rechnungen wurden halbjhrlich von Warwara Petrowna bezahlt. Der Zahlungstag war dann allerdings fast immer auch ein Tag der Cholerine. Das lteste Mitglied des Freundeskreises war Liputin, ein Gouvernementsbeamter in nicht mehr jungen Jahren, sehr liberal; in der Stadt galt er fr einen Atheisten. Verheiratet war er zum zweiten Male, mit einer jungen und sehr netten Frau, die sogar eine Mitgift in die Ehe gebracht hatte. Auerdem hatte er drei halberwachsene Tchter. Diese ganze Familie hielt er in Gottesfurcht und hinter Schlo und Riegel, war sehr geizig und hatte sich von seinem Gehalt ein kleines Haus gekauft und sogar ein Kapital erspart. Er war ein unruhiger Mensch, dazu als Beamter nur von niedriger Rangklasse; in der Stadt wurde er nicht sonderlich geachtet und die bessere Gesellschaft verkehrte nicht mit ihm. berdies war er ein berchtigtes Klatschmaul und schon mehr als einmal dafr bestraft worden, sogar schmerzhaft, das erstemal von einem Offizier, ein anderes Mal von einem achtbaren Familienvater und Gutsbesitzer. Wir dagegen liebten seinen scharfen Verstand, seine Wibegier, seine eigentmliche boshafte Lustigkeit. Warwara Petrowna mochte ihn nicht, aber er verstand es immer irgendwie, sich ihr anzupassen. Auch Schatoff, ein anderer aus diesem Kreise, der jedoch erst im letzten Jahre in ihn eintrat, erfreute sich nicht der besonderen Zuneigung Warwara Petrownas. Schatoff war frher Student gewesen, war aber nach einem Studentenkrawall relegiert worden. Auf die Welt war er noch als Warwara Petrownas Leibeigener gekommen, als Sohn ihres verstorbenen Kammerdieners Pawel Fjodoroff, weshalb sie sich seiner besonders angenommen und ihn als Knaben von Stepan Trophimowitsch hatte unterrichten lassen. Sie mochte ihn nicht wegen seines Stolzes und seiner Undankbarkeit und konnte es ihm nicht verzeihen, da er nach seiner Relegation nicht sofort nach Skworeschniki zurckgekehrt war. Ja, auf ihren eigens deshalb geschriebenen Brief an ihn hatte er seinerzeit berhaupt nicht geantwortet, sondern es vorgezogen, in der Familie eines gebildeteren Kaufmanns Kinder zu unterrichten und mit ihr ins Ausland zu fahren, mehr als Kinderwrter, denn als Erzieher. Zugleich jedoch fuhr eine Gouvernante mit, ein junges, lebhaftes russisches Frulein, und als der Kaufmann diese nach zwei Monaten, wegen freier Anschauungen wegjagte, zog es auch Schatoff vor, sich langsam davon zu machen, ihr nach Genf nachzureisen und sich dort mit ihr trauen zu lassen. In Genf verlebten sie ungefhr drei Wochen zusammen, dann aber trennten sie sich, als freie Menschen, die durch nichts aneinander gebunden waren -- nicht zuletzt auch deshalb, weil sie kein Geld hatten. Schatoff trieb sich darauf noch eine Weile in Europa umher, lebte Gott wei wovon: man sagt, er habe auf der Strae Stiefel geputzt und sei in einer Hafenstadt Lasttrger gewesen. Schlielich aber kehrte er doch in seine Heimatstadt zurck, vor knapp einem Jahre, und zog zu seiner alten Tante, die aber bereits nach einem Monat starb. Zu seiner Schwester Dascha, Warwara Petrownas Zgling und besonderem Liebling, die bei ihr wie eine gesellschaftlich Gleichstehende lebte, hatte er nur seltene und entfernte Beziehungen. Unter uns war er immer finster und schweigsam, und nur zuweilen, wenn man an seine berzeugungen rhrte, war er von einer krankhaften Reizbarkeit und dann sehr unvorsichtig in seinen uerungen. Schatoff mu man zuerst anbinden, wenn man mit ihm disputieren will, pflegte Stepan Trophimowitsch zu scherzen; aber er liebte ihn. Im Auslande hatte Schatoff einige seiner sozialistischen berzeugungen vollstndig gendert und war zum entgegengesetzten Extrem bergegangen. Er war eines jener idealen russischen Geschpfe, die pltzlich von irgendeiner starken Idee getroffen und auf der Stelle gleichsam zu Boden gedrckt werden von ihrer Schwere, manchmal sogar fr immer. Sie sind niemals imstande, mit ihr fertig zu werden, sondern beginnen sogleich leidenschaftlich an sie zu glauben, und so vergeht dann ihr ganzes Leben wie in den letzten Krmpfen unter einem auf ihnen lastenden Steine, der sie halbwegs schon erdrckt hat. Schatoffs ueres entsprach vollkommen seinen berzeugungen: er war plump, blond, stark behaart, von niedrigem Wuchs, mit breiten Schultern, hatte dicke Lippen, sehr dichte, berhngende, weiblonde Augenbrauen, eine finstere Stirn, unfreundlichen, hartnckig gesenkten, und sich gleichsam wegen irgendetwas schmenden Blick. Sein Haupthaar bildete an einer Stelle einen Bschel, der sich um keinen Preis ankmmen lie und daher immer in die Hhe stand. Er war ungefhr sieben- oder achtundzwanzig Jahre alt. Ich wundere mich nicht mehr darber, da seine Frau von ihm weggelaufen ist, meinte Warwara Petrowna einmal, nachdem sie ihn aufmerksam gemustert hatte. Dabei bemhte sich Schatoff, trotz seiner groen Armut, wenigstens immer sauber gekleidet zu sein. Nach seiner Rckkehr hatte er Warwara Petrowna wieder nicht um Untersttzung gebeten, sondern sich durchgeschlagen, so gut es eben gehen wollte; er arbeitete bei Kaufleuten oder sonstwie. Einmal sa er in einem Laden; darauf sollte er als Gehilfe des Transportfhrers mit einem Frachtschiff wegfahren, aber da erkrankte er kurz vor der Abfahrt. Man kann sich kaum eine Vorstellung davon machen, welch einen Grad von Armut Schatoff zu ertragen fhig war, und sogar ohne es zu merken. Nach der Krankheit bersandte ihm Warwara Petrowna heimlich und ungenannt hundert Rubel. Er erfuhr aber schlielich, von wem die Summe stammte, sann lange nach, nahm sie dann doch an und ging geraden Weges zu Warwara Petrowna, um sich bei ihr zu bedanken. Sie empfing ihn herzlich, aber auch diesmal enttuschte er schmhlich ihre Erwartungen: er sa ihr nur fnf Minuten gegenber, schwieg fast die ganze Zeit, sah zu Boden, lchelte blde, und pltzlich, gerade an der interessantesten Stelle des Gesprchs, stand er auf, machte eine schiefe und ungeschickte Verbeugung, schmte sich dabei zu Tode und -- krach! hinter ihm lag Warwara Petrownas kostbares und kunstvolles Nhtischchen zerschlagen am Boden, und Schatoff verlie das Zimmer mehr tot als lebendig. Liputin tadelte ihn wegen der ganzen Geschichte heftig: einmal, weil er die hundert Rubel von seiner frheren Herrin und Despotin nicht mit Verachtung zurckgewiesen hatte und dann, weil er auch noch zur Danksagung hingegangen war. Schatoff wohnte am uersten Ende der Stadt und er sah es nicht gern, wenn ihn jemand, selbst von uns, besuchte. Zu den Abenden bei Stepan Trophimowitsch erschien er regelmig und lieh dann Bcher und Zeitungen von ihm. Ein anderer aus unserem Kreise, ein gewisser Wirginski, erinnerte, obgleich er scheinbar in allem Schatoffs vollstndiges Gegenteil war, innerlich doch sehr an ihn. Es war das ein hiesiger Beamter, gleichfalls ein Ehemann, ein bedauernswerter junger Mensch von schon dreiig Jahren, mit bedeutenden Kenntnissen, die er grtenteils auf autodidaktischem Wege erworben hatte. Auch Wirginski war arm, dabei verheiratet, und obendrein noch gezwungen, Tante und Schwester seiner Frau zu ernhren. Diese drei Damen teilten die allerneuesten Anschauungen, nur da sie bei ihnen etwas vulgr herauskamen, gleich auf die Strae geschleppten Ideen, wie sich Stepan Trophimowitsch einmal bei einem anderen Anla ausdrckte. Sie schpften alles aus Bchern und waren jederzeit bereit, alles, was noch irgendwie unmodern war, zum Fenster hinaus zu werfen -- wenn nur aus den fortschrittlichen Winkeln der Hauptstdte das zu tun angeraten wurde. Madame Wirginskaja hatte als Mdchen lange in Petersburg gelebt; jetzt war sie Hebamme in unserer Stadt. Wirginski selbst war ein Mensch von seltener Herzensreinheit, und nie in meinem Leben habe ich eine ehrlichere Begeisterung gesehen. Niemals, niemals werde ich von diesen lichten Hoffnungen lassen, sagte er zu mir mit leuchtenden Augen. Von diesen lichten Hoffnungen sprach er stets nur leise mit Wonnegefhl und flsternd, wie von einem Geheimnis. Er war ziemlich hoch von Wuchs, aber sehr dnn und schmal in den Schultern, bla, mit sehr sprlichem, leicht rtlichem Haar. Den oft recht hochmtigen Spott Stepan Trophimowitschs ber die eine oder andere seiner Meinungen ertrug er sanftmtig, doch zuweilen widersprach er ihm sehr ernst und setzte ihn durch seine Einwnde in Verlegenheit. Im brigen ging Stepan Trophimowitsch freundlich mit ihm um, ja und berhaupt verhielt er sich zu uns allen vterlich. Alle seid ihr von den >unausgebrteten<, bemerkte er einmal scherzhaft zu Wirginski, wenn ich auch gerade an Ihnen, Wirginski, nicht diese Be--schrnkt--heit bemerkt habe, wie ich sie in Petersburg _chez ces sminaristes_{[5]} angetroffen; aber trotzdem sind Sie unausgebrtet. Schatoff mchte furchtbar gern ausgebrtet sein, aber auch er ist unausgebrtet. Und ich? fragte Liputin. Sie, -- Sie sind einfach die goldene Mitte, die sich berall einlebt ... auf ihre Art. Liputin schwieg gekrnkt. Man erzhlte sich von Wirginski, und leider war es nur zu glaubwrdig, was man sich erzhlte, seine Frau habe ihm bereits nach dem ersten Jahr ihrer Ehe eines schnen Tages mitgeteilt, da er von nun an abgesetzt sei, und da ein gewisser Herr Lebdkin seine Stelle einnehmen werde. Dieser Herr Lebdkin, ein Zugereister, stellte sich spter als eine sehr fragwrdige Erscheinung heraus, die vor allem nicht das geringste Recht auf den sich selber beigelegten Titel eines Hauptmanns a. D. hatte. Was er verstand, das war lediglich den Schnurrbart zu drehen, zu trinken und den grten Unsinn zu schwatzen. Er war dabei taktlos genug, sofort zu Wirginskis berzusiedeln, freute sich hier vor aller Welt des freien Tisches und begann zu guter Letzt noch, den Hausherrn von oben herab zu behandeln. Man behauptete brigens, da Wirginski seiner Frau, nachdem sie ihm jene Mitteilung gemacht, geantwortet habe: Mein Freund, bis jetzt habe ich dich nur geliebt, aber von nun ab achte ich dich. In Wirklichkeit wird wohl kaum ein so altrmischer Ausspruch gefallen sein, und manche behaupten denn auch, da er im Gegenteil schrecklich geweint habe. Eines Tages, etwa zwei Wochen nach seiner Absetzung, begaben sie sich alle, die ganze Familie, in das Wldchen vor der Stadt, um dort mit Bekannten Tee zu trinken. Wirginski war geradezu fieberhaft lustig gestimmt und beteiligte sich am Tanz; doch pltzlich, und zwar ohne jeden vorhergegangenen Streit, packte er den Hnen Lebdkin, der solo einen Cancan tanzte, mit beiden Hnden an den Haaren, ri ihn nieder und begann ihn kreischend, schreiend und weinend zu zerren und zu hauen. Der Hne erschrak dermaen, da er sich nicht einmal wehrte, und solange der andere ihn prgelte, fast nicht muckste; nachher freilich spielte er dann mit dem ganzen Feuer eines edlen Menschen den Beleidigten. Wirginski bat seine Frau die ganze Nacht auf den Knien um Verzeihung, doch die ward ihm nicht gewhrt, da er sich immerhin nicht bereit erklrte, auch Lebdkin um Entschuldigung zu bitten; auerdem wurde ihm Mangel an berzeugungstreue und Dummheit vorgeworfen; letzteres deshalb, weil er whrend einer Auseinandersetzung mit einer Frau vor dieser auf den Knien gelegen. Der Hauptmann verschwand bald darauf und erschien erst in allerletzter Zeit wieder in unserer Stadt, mit seiner Schwester und mit neuen Absichten; doch davon spter. Es war also kein Wunder, da der arme Familienmensch bei uns Ablenkung suchte und ein Bedrfnis nach unserer Gesellschaft hatte. Von seinen huslichen Angelegenheiten sprach er bei uns brigens nie. Nur einmal, als er mit mir von Stepan Trophimowitsch heimging, war es, als wollte er etwas ber seine Lage verlauten lassen, doch schon im nchsten Augenblick rief er, indem er meine Hand ergriff, flammend aus: Aber das tut ja nichts, das ist ja nur eine Privatangelegenheit; das strt doch die >allgemeine Sache< nicht im geringsten, nicht im geringsten! Es kamen auch noch andere, mehr zufllige Gste zu unseren Abenden: beispielsweise der kleine Jude Lmschin, ferner ein Hauptmann Kartusoff. Vorbergehend kam manchmal auch noch ein wibegieriger alter kleiner Herr, aber der starb. Einmal fhrte Liputin einen verbannten polnischen Geistlichen, Slonzewski, bei uns ein, und anfangs lieen wir ihn aus Grundsatz an unseren Abenden teilnehmen, dann aber lehnten wir ihn doch ab. IX. Eine Zeitlang hie es von uns in der Stadt, unser Kreis sei eine Pflanzsttte der Freigeisterei, der Sittenverderbnis und der Gottlosigkeit; ja eigentlich behauptete sich dieser Ruf sogar die ganze Zeit. Und dabei gab es bei uns doch nur das allerunschuldigste, liebe, echt russische, heitere, liberale Geschwtz. Der hhere Liberalismus und der hhere Liberale, d. h. ein Liberaler ohne jedes Ziel, sind ja nur in Ruland mglich. Stepan Trophimowitsch brauchte, wie jeder wortwitzige Mensch, ganz einfach einen Zuhrer, und auerdem war ihm das Bewutsein unentbehrlich, da er die hchste Pflicht, Ideen zu verbreiten, erflle. Und schlielich mute man doch jemanden haben, mit dem man Champagner trinken und so beim Glase eine gewisse Art heiterer Gedanken ber Ruland und den russischen Geist, ber Gott im allgemeinen und den russischen Gott im besonderen austauschen konnte. Aber auch dem Stadtklatsch waren wir ganz und gar nicht abgeneigt und gelangten manchmal zu strengen, hochmoralischen Verurteilungen. Wir gerieten auch auf das Thema der Weltgeschichte, errterten ernst das zuknftige Schicksal Europas und der Menschheit; prophezeiten doktrinr, da Frankreich nach dem Csarismus mit einem Schlage auf die Stufe eines Staates zweiten Ranges herabsinken werde, und waren vollkommen berzeugt, da das ungeheuer schnell und leicht geschehen knne. Dem Papst hatten wir schon lngst die Rolle eines gewhnlichen Metropoliten in dem geeinigten Italien vorausgesagt, und waren vollkommen berzeugt, da diese ganze tausendjhrige Frage in unserem Jahrhundert der Humanitt, der Industrie und der Eisenbahnen nur eine Lappalie sei. Aber der hhere russische Liberalismus verhlt sich ja nun einmal nicht anders zu der Sache. Manchmal sprach Stepan Trophimowitsch auch ber die Kunst, und zwar sehr gut, blo leider ein wenig zu abstrakt. Hin und wieder kam er auch auf seine Jugendfreunde zu sprechen -- lauter Persnlichkeiten, die in der Geschichte unserer Entwicklung ihren Platz haben --, er gedachte ihrer mit Rhrung und Verehrung, aber ein wenig auch wie mit Neid. Wurde es einmal gar zu langweilig, dann setzte sich das Jdchen Lmschin (ein kleiner Postbeamter), der meisterhaft Klavier spielte, an das Instrument, und zwischen den Stcken, die er vortrug, ahmte er in Tnen das Grunzen eines Schweines nach, oder ein Gewitter, oder eine Entbindung mit dem ersten Schrei des Kindes usw., usw.; nur deswegen wurde er auch eingeladen. Hatten wir stark getrunken -- und das kam vor, wenn auch nicht oft --, so gerieten wir meist in Begeisterung, und einmal sangen wir sogar im Chor, zu Lmschins Begleitung, die Marseillaise, nur wei ich nicht, ob das, was dabei herauskam, auch wirklich die Marseillaise war. Den groen Tag des 19. Februar[17] feierten wir natrlich mit Enthusiasmus, und gewhnten uns diese Feier mit Wein und Toasten auch in den folgenden Jahren noch lange nicht ab. brigens: einige Zeit vor dem groen Tage hatte Stepan Trophimowitsch sich angewhnt, ein paar geschraubte Strophen vor sich hinzumurmeln, die damals allen bekannt waren: Es nahen die Mnner, die xte geschrft, Bereiten Schreckliches vor! Als Warwara Petrowna das einmal vernahm, rief sie: Was fr ein Unsinn! und verlie erzrnt das Zimmer. Liputin aber, der gerade zugegen war, bemerkte boshaft zu Stepan Trophimowitsch: Aber es wre doch schade, wenn die frheren Leibeigenen den Herren Gutsbesitzern etwas Unangenehmes bereiteten, -- und er fuhr sich mit dem Zeigefinger um den Hals herum. _Cher ami_,{[6]} erwiderte ihm hierauf Stepan Trophimowitsch gutmtig, glauben Sie mir, da _dieses_ (er wiederholte die Geste um den Hals herum) nicht den geringsten Nutzen brchte, weder unseren Gutsbesitzern, noch uns anderen insgesamt. Auch ohne Kpfe wrden wir nichts herzustellen verstehen, obschon gerade unsere Kpfe uns am meisten hindern, etwas zu verstehen. Ich mu bemerken, da viele bei uns annahmen, am Tage des Manifestes werde etwas Ungewhnliches geschehen; etwas von der Art, wie es Liputin andeutete. Es scheint, da auch Stepan Trophimowitsch diese Befrchtungen teilte, und sogar in solchem Mae, da er kurz vor dem groen Tage Warwara Petrowna pltzlich zu bitten begann, ins Ausland reisen zu drfen. Aber der groe Tag verging, es vergingen noch mehr Tage, und das hochmtige Lcheln erschien wieder auf Stepan Trophimowitschs Lippen. brigens uerte er damals einige bemerkenswerte Gedanken ber den Charakter des Russen im allgemeinen und des russischen Bauern im besonderen. Er meinte schlielich: Als hitzige Leute sind wir etwas voreilig gewesen mit unseren Buerlein. Wir haben sie in Mode gebracht, und ein ganzer Zweig unserer Literatur hat sich mehrere Jahre lang nur mit ihnen abgegeben, wie mit einer neuentdeckten Kostbarkeit. Wir haben Lorbeerkrnze auf verlauste Kpfe gesetzt. Das russische Dorf hat uns im Laufe der ganzen tausend Jahre nichts weiter gegeben als den Nationaltanz, den Kamrinski. Hat doch ein hervorragender russischer Dichter, dem es berdies nicht an Scharfsinn fehlte, ausgerufen, als er zum erstenmal die groe Rachel auf der Bhne sah: >Die Rachel tausche ich nicht gegen einen russischen Bauern ein!< Ich bin bereit, noch viel weiter zu gehen: ich wrde sogar alle russischen Bauern fr die eine Rachel hingeben. Es ist Zeit, nchterner zu urteilen und nicht unseren einheimischen unfeinen Teergeruch mit _bouquet de l'impratrice_{[7]} zu verwechseln. Liputin stimmte ihm sofort bei, meinte aber, da sich zu verstellen und die Buerlein zu verherrlichen damals immerhin um der Richtung[18] willen notwendig gewesen sei; da sogar die Damen der hchsten Gesellschaftskreise bei der Lektre des Anton Pechvogel[19] Trnen vergossen htten, und manche htten sogar aus Paris an ihre Gutsverwalter geschrieben, sie sollten von nun an mit den Bauern mglichst human umgehen. Da geschah es eines Tages, und zum Unglck gerade nach den ersten Gerchten von Anton Petrowitsch[20], da es auch in unserem Gouvernement, und nur 15 Werst von Skworeschniki, zu einem gewissen Miverstndnis kam, so da man in der ersten Hitze ein Militrkommando hinschickte. ber diesen Vorfall regte sich Stepan Trophimowitsch ungeheuer auf. Im Klub schrie er, wir brauchten mehr Militr; er eilte zum Gouverneur, um zu versichern, da er mit diesen Umtrieben nichts zu schaffen habe, und er bat, ihn nicht in diese Sache hineinzuziehen, auf Grund der Erinnerung an Gewesenes. Zum Glck ging das alles bald vorber und lste sich in nichts auf; nur mute ich mich damals doch ber Stepan Trophimowitsch wundern. Drei Jahre spter[21] begann man, wie erinnerlich, vom Nationalismus zu sprechen und es bildete sich eine ffentliche Meinung. Darber spottete er sehr. Meine Freunde, belehrte er uns, sollte unsere Nationalitt neuerdings wirklich geboren oder >im Entstehen begriffen< sein, wie sie jetzt in den Zeitungen behaupten, dann sitzt sie doch vorlufig gewi noch in irgend so einer Petrischule[22], ber dem deutschen Buch und lernt ihre ewige deutsche Lektion. Da der Lehrer ein Deutscher ist, das lobe ich. Doch am wahrscheinlichsten drfte sein, da nichts geschehen wird und nichts >im Entstehen begriffen< ist, sondern alles so weitergeht wie ehedem, nmlich einfach unter Gottes Schutz! Meinem Dafrhalten nach gengt das auch fr Ruland, _pour notre sainte Russie_.{[8]} Zudem sind doch alle diese Nationalismen und das Allslawentum viel zu alt, um neu zu sein. Die Nationalitt ist doch bei uns, wenn Sie wollen, noch nie anders in Erscheinung getreten, als in Gestalt eines Einfalls miger Klubherren, und zum berflu noch eines Moskauer Klubs. Ich rede natrlich nicht von den Zeiten Igors[23]. Und schlielich kommt doch alles nur vom Migsein. Jedenfalls bei uns alles vom Migsein, auch das Gute, auch das Schne. Alles von unserem herrschaftlichen, lieben, gebildeten, launenzchtenden Migsein! Dreiigtausend Jahre lang wiederhole ich das schon! Wir verstehen nicht, von eigener Arbeit zu leben. Und was reden sie nur so viel von dieser ffentlichen Meinung, die es bei uns jetzt auf einmal geben soll, -- so pltzlich, wie ohne weiteres fertig vom Himmel gefallen? Begreifen die Leute denn wirklich nicht, da zur Erlangung einer eigenen Meinung vor allen Dingen Arbeit gehrt, eigene Mhe, eigener Versuch in der Sache, eigene Erfahrung! Ohne eigene Mhe wird nie etwas erworben. Wenn wir arbeiten werden, werden wir auch eine eigene Meinung haben. Da wir aber niemals arbeiten werden, so wird auch immer die Meinung derjenigen magebend sein, die an unserer Statt bisher gearbeitet haben, also die Meinung immer desselben Europa, immer derselben Deutschen, die ja schon seit zwei Jahrhunderten unsere Lehrer sind. berdies ist Ruland ein viel zu groes Miverstndnis, als da wir allein es erklren knnten, ohne die Deutschen und ohne Arbeit. Schon seit zwanzig Jahren lute ich die Alarmglocke und rufe zur Arbeit! Ich habe mein Leben dafr hingegeben, um aufzuwecken und zu rufen, und habe geglaubt, ich Tor, da es nicht vergeblich sei! Jetzt glaube ich das nicht mehr, aber ich werde trotzdem bis zum Schlu luten, bis man mir den Strang aus der Hand nimmt, um zu meiner Seelenmesse zu luten! Leider stimmten wir ihm damals bei. Aber hrt man denn nicht auch jetzt noch oft genug genau solchen lieben, klugen, liberalen, alten, russischen Unsinn? An Gott glaubte unser Lehrer. Ich begreife nicht, warum mich hier alle als einen Gottleugner hinstellen?, sagte er manchmal. Ich glaube an Gott, _mais distinguons_:{[9]} ich glaube an ihn wie an ein Wesen, das sich Seiner in mir nur bewut wird. Ich kann doch nicht wie Nastassja glauben (sein Dienstmdchen), oder wie irgend so ein begterter Herr, der nur >fr alle Flle< glaubt, oder wie unser lieber Schatoff, -- brigens nein, Schatoff kommt hier nicht in Frage. Schatoff glaubt _gewaltsam_, wie ein Moskauer Slawophile. Was aber das Christentum betrifft, so bin ich, bei all meiner aufrichtigen Hochachtung vor ihm, doch kein Christ. Eher bin ich ein Heide der klassischen Vorzeit, wie es der groe Goethe war, oder ein antiker Grieche. Schon dieses Eine, da das Christentum fr das Weib kein Verstndnis hatte! -- wie das George Sand in einem ihrer genialen Romane so glnzend auseinandergesetzt hat. Und was den Ritus, Fasten und dergleichen betrifft, ja da begreife ich nicht, wen das etwas angeht, wie ich mich dazu verhalte? Mgen unsere hiesigen Denunzianten sich auch noch so sehr bemhen, zum Jesuiten will ich deshalb doch nicht werden. 1847 schrieb Belinski aus dem Auslande an Gogol seinen bekannten Brief, in dem er ihm heftig vorwarf, da er an >irgendeinen Gott< glaube. _Entre nous soit dit_,{[10]} ich kann mir nichts Komischeres denken, als den Augenblick, da Gogol (der Gogol von damals![24]) diesen Brief las! Ja, das waren doch Mnner! Sie liebten doch ihr Volk, sie waren imstande, um des Volkes willen zu leiden, ja sogar alles frs Volk zu opfern, und doch waren sie gleichzeitig Manns genug, diesem Volk nicht beizupflichten, wenn es galt, die eigene berzeugung zu wahren, ihm nicht nachsichtig in gewissen Anschauungen zu Gefallen zu reden. Ein Belinski konnte doch nicht in Fastenl oder in Rettich mit Erbsen das Heil suchen! ... Doch hier ergriff Schatoff Partei: Nie haben diese Ihre Mnner das Volk geliebt, nie um des Volkes willen gelitten und nichts haben sie frs Volk geopfert, wie sehr sie sich das auch eingebildet haben mgen! brummte er unwirsch mit ungeduldigem Ruck, doch gesenktem Blick. Was, die sollen das Volk nicht geliebt haben! rief Stepan Trophimowitsch entrstet. Oh, und wie haben sie Ruland geliebt! Weder Ruland noch das Volk! rief nun auch Schatoff erzrnt; seine Augen funkelten. Man kann nicht lieben, was man gar nicht kennt, sie aber hatten ja vom russischen Volke berhaupt keinen Begriff! Alle diese Mnner haben das russische Volk einfach bersehen. Belinski hat genau wie der Wibegierige in der Kryloffschen Fabel den Elefanten im Museum gar nicht bemerkt, da er ja seine ganze Aufmerksamkeit den franzsischen sozialistischen Kferchen zuwandte; bei denen ist er auch ewig geblieben. Und dabei war er doch noch der Gescheiteste von euch allen! Und nicht nur bersehen haben Sie alle das Volk, Sie haben sich sogar mit Ekel und Verachtung zu ihm verhalten, schon aus dem einen Grunde, weil Sie sich unter einem Volk einzig das franzsische Volk vorzustellen vermochten, und selbst von diesem nur die Pariser, und Sie schmten sich, da das russische Volk nicht ebenso war. Das ist die nackte Wahrheit! Wer aber kein Volk hat, der hat auch keinen Gott! Seien Sie versichert, da alle die, die aufhren, ihr Volk zu verstehen, und die Verbindung mit ihm verlieren, sofort auch den Glauben der Vter verlieren und Atheisten oder Indifferente werden. Ich sage damit nur die Wahrheit! Das ist auch der Grund, weshalb Sie alle und auch wir jetzt alle entweder widerliche Atheisten oder indifferentes, verderbtes Pack sind und nichts weiter! Sie gleichfalls, Stepan Trophimowitsch, ich schliee Sie keineswegs aus, hab's sogar vor allem in bezug auf Sie gesagt, damit Sie's wissen! Nach einem solchen Monolog (und derartige Ausbrche kamen bei ihm oft vor) geschah es gewhnlich, da Schatoff nach seiner Mtze griff und sofort zur Tr hinaus wollte, in der festen berzeugung, da nun alles zu Ende sei und er seine freundschaftlichen Beziehungen zu Stepan Trophimowitsch fr immer zerstrt habe. Doch der verstand es stets, ihn rechtzeitig zurckzuhalten. Ei, sollten wir nicht Frieden schlieen, Schatoff, nach all diesen netten Wrtchen? pflegte er dann zu ihm zu sagen, indem er ihm von seinem Lehnstuhl aus gutmtig die Hand hinstreckte. Der plumpe, doch leicht verlegen werdende und sich schmende Schatoff war kein Freund von Zrtlichkeiten. uerlich war er ein rauher Mensch, doch innerlich war er, glaube ich, unendlich zartfhlend. Wohl berschritt er oft das Ma, aber er war selbst der erste, der darunter litt. Auf Stepan Trophimowitschs vershnliche Worte brummte er etwas vor sich hin, trat wie ein Br auf demselben Fleck von einem Bein auf das andere, schmunzelte pltzlich ganz unvermittelt, legte die Mtze wieder aus der Hand und setzte sich schlielich auf seinen alten Platz, den Blick die ganze Zeit hartnckig zu Boden gesenkt. Natrlich gab es dann sofort Wein und Stepan Trophimowitsch brachte einen passenden Toast aus, z. B. auf das Andenken eines jener frheren bedeutenden Mnner. Zweites Kapitel. Prinz Heinz. Die Brautwerbung. I. Auer Stepan Trophimowitsch gab es auf der Welt noch ein Wesen, an dem Warwara Petrowna nicht weniger hing als an ihm: das war ihr einziger Sohn Nicolai Wszewolodowitsch Stawrogin. Fr ihn war seinerzeit Stepan Trophimowitsch als Erzieher angenommen worden. Der Knabe war damals acht Jahre alt und seine Eltern lebten bereits getrennt, so da das Kind nur unter der Obhut der Mutter heranwuchs. Man mu es Stepan Trophimowitsch lassen: er verstand es, seinen Zgling an sich zu fesseln. Sein ganzes Geheimnis bestand darin, da er selbst noch ein Kind war. Ich war damals noch nicht hier, er aber bedurfte ja bestndig eines Freundes, und er trug kein Bedenken, ein so junges Wesen zu seinem Vertrauten zu machen. Ja, es machte sich ganz von selbst, da zwischen ihnen nicht der geringste Abstand fhlbar ward. Oft weckte er seinen zehn- oder elfjhrigen Freund in der Nacht auf, nur um ihm unter Trnen sein gekrnktes Herz auszuschtten oder ihm ein Familiengeheimnis zu enthllen, ohne gewahr zu werden, da so etwas denn doch unzulssig war. Sie fielen einander um den Hals und weinten. Von seiner Mutter wute der Knabe, da sie ihn sehr liebte; doch er selbst liebte sie wohl kaum. Sie sprach wenig mit ihm, tat ihm selten einen Zwang an, aber ihr aufmerksam ihm folgender Blick wurde von ihm immer krankhaft intensiv gesprt. Den Unterricht und die moralische Erziehung berlie sie brigens ganz Stepan Trophimowitsch. Damals glaubte sie an ihn noch ohne Einschrnkung. Es ist anzunehmen, da der Lehrer die Nerven seines Zglings ein wenig angegriffen hat: als dieser mit sechzehn Jahren auf das Lyzeum gebracht wurde, war er schwchlich und bla, seltsam still und nachdenklich. (Spter zeichnete er sich durch auergewhnliche Krperkraft aus.) Anzunehmen ist ferner, da die Freunde nachts nicht immer nur ber irgendwelche Familiengeschichten weinten. Stepan Trophimowitsch hatte es verstanden, im Herzen seines Freundes die tiefsten Saiten zu berhren, und in ihm das erste, noch unbestimmte Empfinden jener ewigen, heiligen Sehnsucht hervorzurufen, die manche auserwhlte Seele, die sie einmal gekostet und erkannt hat, nachher schon nie mehr gegen eine billige Zufriedenheit eintauschen mag. (Es gibt auch solche Liebhaber dieser Sehnsucht, denen sie teurer ist als die vollkommenste Zufriedenheit, selbst wenn eine solche fr sie wirklich erreichbar wre.) Jedenfalls aber war es gut, da der Zgling und der Erzieher, wenn auch spt, voneinander getrennt wurden. Whrend der ersten zwei Jahre im Lyzeum kam der Jngling in den Ferien nach Haus. Als dann Warwara Petrowna und Stepan Trophimowitsch sich in Petersburg aufhielten, fand auch er sich manchmal zu den literarischen Abenden im Salon seiner Mutter ein, hrte zu und beobachtete. Er sprach wenig und war wie immer still und schchtern. Zu Stepan Trophimowitsch verhielt er sich mit der frheren zarten Aufmerksamkeit, war aber doch etwas zurckhaltender: von hohen Dingen und Erinnerungen an Vergangenes zu sprechen vermied er sichtlich. Als er das Lyzeum absolviert hatte, trat er auf den Wunsch der Mutter beim Militr ein und wurde bald in eines der angesehensten Garde-Kavallerieregimenter aufgenommen. Er kam aber nicht zur Mutter, um sich ihr in der Uniform zu zeigen, und schrieb aus Petersburg immer seltener. Geld schickte ihm Warwara Petrowna ohne zu sparen, obschon die Einnahmen von ihren Gtern nach der Aufhebung der Leibeigenschaft so zurckgegangen waren, da sie in der ersten Zeit nicht einmal die Hlfte der frheren Summen erhielt. Fr die Erfolge ihres Sohnes in der hchsten Petersburger Gesellschaft interessierte sie sich sehr. Was ihr nicht gelungen war, gelang dem jungen, reichen und hoffnungsvollen Offizier ohne weiteres. Er erneuerte Bekanntschaften, an die sie nicht mehr hatte denken knnen, und berall wurde er mit dem grten Vergngen aufgenommen. Doch schon sehr bald begannen seltsame Gerchte ihr zu Ohren zu kommen: es hie, der junge Mann habe ganz pltzlich und geradezu sinnlos toll zu leben begonnen. Nicht, da er spiele oder trinke; aber man sprach von einer wilden Zgellosigkeit, von Menschen, die er mit seinen Trabern berfahren hatte, von einer grausamen Rcksichtslosigkeit gegen eine Dame der guten Gesellschaft, mit der er in Beziehungen gestanden und die er dann ffentlich beleidigt habe. Ja, in dieser Sache sei sogar etwas schon gar zu unverhllt Schmutziges hervorgetreten. Und berhaupt sei er, wie man hinzufgte, ein herausfordernder Streitsucher, bndele an und beleidige dann einfach aus Lust am Beleidigen. Warwara Petrowna regte sich auf und war bekmmert. Stepan Trophimowitsch versicherte ihr, das seien nur die ersten strmischen Ausbrche eines allzu reich Veranlagten, das Meer werde sich schon wieder beruhigen, und alles das erinnere nur an die Jugend des Prinzen Heinz, der mit Falstaff, Poins und Mrs. Quickly seine Streiche vollfhrte. Diesmal rief Warwara Petrowna nicht Unsinn, alles Unsinn! wie sie es sich in der letzten Zeit Stepan Trophimowitschs Auseinandersetzungen gegenber angewhnt hatte; im Gegenteil, sie hrte sehr aufmerksam zu, lie sich alles ausfhrlich erklren, nahm dann selbst den Shakespeare zur Hand und las beraus achtsam das unsterbliche Werk. Doch die Lektre beruhigte sie nicht, auch fand sie die hnlichkeit nicht so gro. Fieberhaft erwartete sie die Antworten auf mehrere Briefe. Die blieben auch nicht aus; bald traf die unheilvolle Nachricht ein, Prinz Heinz habe fast zu gleicher Zeit zwei Duelle gehabt, sei bei beiden der einzig Schuldige gewesen, habe den einen Gegner auf der Stelle niedergestreckt und den anderen zum Krppel geschossen und infolgedessen sei er vor Gericht gestellt. Es endete damit, da er zum Gemeinen degradiert, seiner Rechte beraubt und strafweise in eines der Linien-Infanterieregimenter versetzt wurde, und das war noch als ein besonders gndiges Urteil zu betrachten. Im Jahre 1863 gelang es ihm, sich auszuzeichnen; er erhielt das Ehrenkreuz und wurde zum Unteroffizier befrdert, dann aber merkwrdig schnell auch zum Offizier. Inzwischen hatte seine Mutter wohl an hundert Briefe mit Bitten und Beschwrungen nach Petersburg geschrieben und sich um seinetwillen sogar manches Demtigende erlaubt. Nach seiner Befrderung nahm der junge Mensch pltzlich seinen Abschied, kam aber wieder nicht nach Skworeschniki und hrte sogar ganz auf, an die Mutter zu schreiben. Man erfuhr schlielich auf Umwegen, da er sich wieder in Petersburg aufhalte, doch in der frheren Gesellschaft habe man ihn gar nicht mehr gesehen; er habe sich irgendwo gleichsam versteckt. Nachforschungen ergaben, da er in einer sonderbaren Gesellschaft lebte, sich dem Abschaum der Petersburger Bevlkerung angeschlossen hatte, irgendwelchen stiefellosen Beamten, verabschiedeten Militrs, die in angemessener Form um Almosen baten, Trunkenbolden, deren schmutzige Familien er besuchte, Tage und Nchte in dunklen Spelunken und in Gott wei was fr Winkelgassen zubrachte, heruntergekommen, verlumpt war, und da ihm das offenbar gefalle. Um Geld bat er seine Mutter nicht; er besa ja auch selbst ein kleines Gut (den frheren Dorfbesitz des Generals Stawrogin), das immerhin etwas einbrachte und das er, wie verlautete, an einen Deutschen aus Sachsen verpachtet hatte. Schlielich bat ihn die Mutter doch sehr, zu ihr zu kommen, und Prinz Heinz erschien in unserer Stadt. Damals sah ich ihn zum erstenmal. Er war ein sehr schner junger Mann von etwa fnfundzwanzig Jahren, und ich mu gestehen, seine Erscheinung berraschte mich. Ich hatte erwartet, einen schmutzigen, verkommenen, von Ausschweifungen ausgemergelten, nach Branntwein riechenden Menschen zu erblicken. Statt dessen erblickte ich den elegantesten Gentleman, der mir je zu Gesicht gekommen ist. Tadellos gekleidet und von einer Haltung, wie sie nur ein Herr, der an den feinsten Anstand gewhnt ist, haben kann. Ich war nicht der einzige, der staunte: es staunte die ganze Stadt, der brigens Herrn Stawrogins Lebensgeschichte sogar mit solchen Einzelheiten bekannt war, da man sich kaum zu erklren vermochte, wie diese hier in die ffentlichkeit hatten gelangen knnen. Alle unsere Damen verloren den Verstand vor Aufregung ber den neuen Gast. Sie teilten sich in zwei schroff entgegengesetzte Parteien: von der einen wurde er vergttert, von der anderen gehat bis zum Blutrachedurst; den Verstand freilich hatten beide Parteien verloren. Fr die einen hatte es einen besonderen Reiz, da sich in seiner Seele vielleicht ein schreckliches Geheimnis barg; anderen gefiel es entschieden, da er ein Mrder war. Es stellte sich auch heraus, da er eine beraus annehmbare Bildung und sogar einige wissenschaftliche Kenntnisse besa. Von letzteren war allerdings nicht viel ntig, um uns in Erstaunen zu setzen; aber er konnte auch ber aktuelle und sehr interessante Fragen sprechen und sogar mit auffallender Besonnenheit. Erwhnt sei noch als Seltsamkeit: alle fanden hier, da er ein beraus vernnftiger Mensch sei. Er war nicht sehr gesprchig, formvollendet ohne Gesuchtheit, erstaunlich bescheiden und dabei khn und selbstbewut, wie bei uns sonst niemand. Unsere Stutzer sahen auf ihn mit Neid und kamen neben ihm berhaupt nicht in Betracht. Auch sein Gesicht berraschte mich: das Haar war fast schon gar zu schwarz, die hellen Augen fast schon zu ruhig und klar, die Gesichtsfarbe fast schon zu zart und wei, die Wangenrte ebenfalls wie ein wenig zu grell und rein, die Zhne wie Perlen, die Lippen wie Korallen, -- man sollte meinen, ein bildschner Mann, und doch war diese Schnheit gleichsam auch abstoend. Manche sagten, sein Gesicht erinnere an eine Maske; doch brigens, was wurde nicht alles gesagt. Unter anderem sprach man auch viel von seiner auergewhnlichen Krperkraft. Dabei war er von Gestalt beinahe hoch gewachsen. Warwara Petrowna blickte mit Stolz auf ihren Sohn, aber immer auch mit Unruhe. Er lebte bei uns etwa ein halbes Jahr -- trge, still, ziemlich verdrossen; er verkehrte in der Gesellschaft, und erfllte mit standhafter Aufmerksamkeit alle Vorschriften unserer Gouvernementsstadt-Etikette. Mit dem Gouverneur war er vterlicherseits verwandt und verkehrte in seinem Hause wie ein naher Verwandter. So vergingen ein paar Monate, und pltzlich zeigte das Tier seine Krallen. Nebenbei: unser lieber Iwan Ossipowitsch htte in der guten alten Zeit bei seiner Gastfreiheit einen vorzglichen Adelsmarschall abgegeben, aber zum Gouverneur in einer so mhevollen Zeit wie die unsrige pate er mit seiner Arbeitsscheu entschieden nicht. In der Stadt hie es denn auch immer, nicht er, sondern Warwara Petrowna verwalte das Gouvernement. Das war freilich eine spitze Bemerkung, aber trotzdem eine Unwahrheit. Warwara Petrowna hatte in den letzten Jahren konsequent und bewut jeden hheren Ehrgeiz aufgegeben und ihre Ttigkeit freiwillig auf ein von ihr selbst streng umgrenztes Gebiet beschrnkt. Sie begann sich pltzlich mit der Bewirtschaftung ihres Gutes zu befassen, und in zwei, drei Jahren hatte sie den Ertrag desselben nahezu wieder auf die frhere Hhe gebracht. Statt sich literarischem Ehrgeiz hinzugeben, begann sie zu sparen. Selbst Stepan Trophimowitsch wurde von ihr etwas weiter entfernt, indem sie ihm jetzt endlich eine eigene Wohnung zu mieten erlaubte. Allmhlich begann er sie eine prosaische Frau zu nennen, oder scherzhaft seinen prosaischen Freund. Selbstredend erlaubte er sich solche Scherze nur in der respektvollsten Form und nachdem er lange einen passenden Augenblick abgewartet hatte. Wir alle, die wir ihr nahestanden, begriffen natrlich, da der Sohn fr sie gleichsam zu einer neuen Hoffnung, einem neuen Traum geworden war. Ihre leidenschaftliche Liebe zu ihm hatte schon in der Zeit seiner ersten Erfolge in der Petersburger Gesellschaft begonnen, und war dann besonders seit dem Augenblick gewachsen, als sie die Nachricht von seiner Degradation erhalten hatte. Und dabei frchtete sie ihn doch offensichtlich und schien vor ihm frmlich seine Sklavin zu sein. Man merkte ihr an, da sie etwas Unbestimmtes, Geheimnisvolles frchtete, etwas, das auch sie selbst nicht zu nennen vermocht htte, und oft betrachtete sie heimlich und unverwandt ihren _Nicolas_, als berlege sie und als suche sie etwas zu erraten ... und siehe da: pltzlich -- streckte das Tier seine Krallen aus. II. Unvermutet erlaubte sich unser Prinz zwei, drei unmgliche Frechheiten gegen verschiedene Personen. Das Emprendste an ihnen war gerade ihre unerhrte Neuheit, ihre Unglaublichkeit; da sie tatschlich allen sonst blichen Dreistigkeiten so unhnlich waren in ihrer trichten Bengelhaftigkeit, berdies wei der Teufel wozu eigentlich begangen, so vollstndig ohne jeden Anla. Eines der ehrenwertesten Hupter unseres Klubs, Pjotr Pawlowitsch Gaganoff, ein bejahrter und sogar verdienstvoller Mann, hatte die unschuldige Angewohnheit, zur Bekrftigung jeder Behauptung heftig hinzuzufgen: Nein, mich wird man nicht an der Nase fhren! Nun, das hatte ja weiter nichts auf sich. Aber als er eines Tages im Klub in der Hitze des Wortgefechts, inmitten einer Schar ihn umstehender Klubherren (lauter angesehner Persnlichkeiten) wieder einmal diesen Nachsatz anhing, trat Nicolai Wszewolodowitsch, der am Gesprch ganz unbeteiligt und allein abseits gestanden hatte, pltzlich auf Pjotr Pawlowitsch zu, fate ihn unerwartet aber fest mit zwei Fingern an der Nase und zog ihn ein paar Schritte weit im Saal hinter sich her. Einen Groll konnte er gegen Herrn Gaganoff nicht haben. Man htte das fr einen echten Schuljungenstreich halten knnen, natrlich fr einen ganz unverzeihlichen; indes war Nicolai Wszewolodowitsch, wie man spter erzhlte, im Augenblick der Tat geradezu nachdenklich, ganz als wre er nicht vllig bei Sinnen gewesen, aber das vergegenwrtigte man sich und erwog man erst spter. In der ersten Emprung dachten alle nur an den zweiten Augenblick, als er alles bereits zweifellos richtig begriff, jedoch statt verlegen zu werden, pltzlich boshaft und belustigt lchelte, ohne die geringste Reue, wie es hie. Es erhob sich ein schrecklicher Lrm; er wurde umringt. Nicolai Wszewolodowitsch wandte sich um, sah ringsum alle an, ohne jemandem zu antworten, und betrachtete interessiert die Gesichter der erregt Durcheinanderschreienden. Schlielich war es, als werde er pltzlich wieder nachdenklich -- wenigstens wurde spter so erzhlt --, er runzelte die Stirn, trat dann festen Schrittes auf den beleidigten Pjotr Pawlowitsch zu und sagte schnell, dabei sichtlich gergert: Sie entschuldigen natrlich ... Ich wei wirklich nicht, weshalb mich pltzlich die Lust anwandelte ... Es war eine Dummheit ... Die Nachlssigkeit dieser Entschuldigung kam einer neuen Beleidigung gleich. Es erhob sich ein noch greres Geschrei. Nicolai Wszewolodowitsch zuckte mit den Achseln und ging hinaus. Nun kannte die Emprung keine Grenzen, und Herr Stawrogin wurde sofort einstimmig aus der Zahl der Mitglieder des Klubs ausgeschlossen. Darauf wurde im Namen des ganzen Klubs an den Gouverneur die Bitte gerichtet, mittels der ihm anvertrauten Administrativgewalt den schdlichen Unruhstifter zu zgeln und damit die Ruhe der gesamten anstndigen Gesellschaft unserer Stadt gegen schdliche Anschlge zu sichern. Mit boshafter Unschuld wurde hinzugefgt, vielleicht lasse sich auch gegen Herrn Stawrogin ein Gesetz finden, um dem Gouverneur wegen Warwara Petrowna einen Stich zu versetzen. Der Gouverneur war gerade verreist, wurde aber bald zurckerwartet. Inzwischen bereitete man dem beleidigten Pjotr Pawlowitsch richtige Ovationen: man umarmte und kte ihn, die ganze Stadt machte bei ihm Visite. Man plante sogar ihm zu Ehren ein Diner im Klub, auf Subskription, und gab es nur auf seine dringende Bitte hin auf, -- vielleicht aber auch, weil man sich schlielich darauf besann, da der Mann ja immerhin an der Nase gefhrt worden war und mithin eigentlich kein Grund zu Festlichkeiten vorlag. Indes, wie hatte das alles nur geschehen knnen? Bemerkenswert war besonders der Umstand, da kein Mensch diesen Streich auf zeitweiliges Irresein zurckfhrte. Also traute man offenbar auch einem gesunden und geistesklaren Nicolai Wszewolodowitsch Derartiges zu. Bemerkenswert erschien mir auch jener Ausbruch eines allgemeinen Hasses, mit dem bei uns damals alle ber den Ruhestrer und grostdtischen _bretteur_{[11]} herfielen. Man wollte in jener Tat unbedingt die freche, wohlberlegte Absicht sehen, mit einem Schlage die ganze Gesellschaft zu beleidigen. Jedenfalls hatte er niemanden fr sich gewonnen, sondern alle gegen sich in Harnisch gebracht, und wodurch nur? Bis dahin hatte er noch niemanden gekrnkt, hflich aber war er schon so gewesen, wie ein Herr aus einem Modeblatt, wenn der nur sprechen knnte. Ich nehme an, da man ihn wegen seines Stolzes hate. Selbst unsere Damen, die mit seiner Vergtterung begonnen hatten, entrsteten sich jetzt ber ihn noch rger als die Mnner. Warwara Petrowna war furchtbar betroffen. Spter gestand sie einmal Stepan Trophimowitsch, sie habe das schon lange, schon das ganze halbe Jahr kommen fhlen, und sogar gerade etwas in dieser Art, ein bedeutsames Bekenntnis von seiten einer leiblichen Mutter. Es hat also angefangen! dachte sie erschauernd. Nach einer schlaflosen Nacht und nachdem sie am Morgen Stepan Trophimowitsch um Rat gefragt und bei ihm sogar geweint hatte, was ihr noch nie in Gegenwart anderer geschehen war, wollte sie vorsichtig, aber entschlossen eine Aussprache mit ihrem Sohn herbeifhren. Und doch zitterte sie davor. _Nicolas_, der stets so hflich und ehrerbietig gegen die Mutter war, hrte sie eine Weile, die Augenbrauen zusammengezogen, sehr ernst an; pltzlich stand er auf, ohne ein Wort zu antworten, kte ihr die Hand und ging hinaus. Am Abend desselben Tages aber kam es dann gleich zu einem zweiten Skandal, der, wenn er auch lngst nicht so schlimm war wie der erste, die Entrstung in der Stadt doch noch sehr verstrkte. Diesmal traf es unseren Freund Liputin. Der erschien bei Nicolai Wszewolodowitsch gerade als dieser seine Mutter verlassen hatte, und bat ihn instndig, ihm die Ehre seines Besuchs zu erweisen: der Geburtstag seiner Frau sollte durch eine kleine Abendgesellschaft gefeiert werden. Warwara Petrowna hatte schon lange mit Sorge diese Neigung ihres Sohnes wahrgenommen, Bekanntschaften selbst mit Leuten der dritten Gesellschaftsschicht anzuknpfen. Bei Liputin hatte er bisher noch nicht im Hause verkehrt. Er erriet, da dieser ihn jetzt wegen des Skandals im Klub einlud, als Liberaler ber diesen Skandal entzckt war und aufrichtig meinte, gerade so msse man mit allen Huptern des Klubs verfahren. _Nicolas_ begann zu lachen und versprach zu kommen. Die Gste, von denen sich eine Menge eingefunden hatte, waren nicht Honoratioren, aber gewitzte Leute. Der geizige Liputin pflegte nur zweimal im Jahr Gste einzuladen, dann aber einmal nicht zu knausern. Der Ehrengast Stepan Trophimowitsch war diesmal krankheitshalber nicht erschienen. Es wurde Tee gereicht, und es gab reichlich kalten Imbi und Schnpse; gespielt wurde an drei Tischen, die Jugend aber begann, in Erwartung des Abendessens, nach Klaviermusik zu tanzen. Nicolai Wszewolodowitsch forderte Frau Liputin auf -- eine beraus nette kleine Frau, der vor ihm schrecklich bange war --, tanzte mit ihr zwei Touren, setzte sich dann neben sie, unterhielt sich mit ihr, brachte sie zum Lachen. Als er da bemerkte, wie hbsch sie war, wenn sie lachte, fate er sie pltzlich vor den Augen aller Gste um die Taille und kte sie mitten auf den Mund, wohl dreimal hintereinander, mit ganzer Herzenslust. Die arme Frau fiel vor Schreck in Ohnmacht. Nicolai Wszewolodowitsch trat zu dem Ehemann, der in der allgemeinen Verwirrung wie betubt dastand, wurde bei dessen Anblick selbst verlegen, und nachdem er ihm hastig zugemurmelt: Seien Sie nicht bse, ging er hinaus. Liputin aber lief ihm ins Vorzimmer nach, reichte ihm eigenhndig den Pelz und geleitete ihn unter Verbeugungen die Treppe hinunter. Doch schon am nchsten Tage gab es zu dieser verhltnismig harmlosen Geschichte ein ganz ulkiges Nachspiel, das Liputin sogar ein gewisses Ansehen verschaffte und das er sogleich zu seinem grten Vorteil auszunutzen verstand. Gegen zehn Uhr morgens erschien im Hause der Madame Stawrogina Liputins Magd Agafja, ein munteres, gewandtes, rotbackiges Weiblein von etwa dreiig Jahren; sie war von Liputin mit einem Auftrage zu Nicolai Wszewolodowitsch geschickt und wollte unbedingt den Herrn selber sehen. Der hatte starke Kopfschmerzen, kam aber doch heraus. Warwara Petrowna glckte es, die Ausrichtung des Auftrags mit anzuhren. Sergei Wassiljitsch (d. h. Liputin), begann Agafja wortgewandt zu plappern, hat mir anbefohlen, vorerst seine beste Empfehlung auszurichten; und dann lt er sich nach Ihrer Gesundheit erkundigen, wie Sie nun eigentlich geruht haben, nach dem Gestrigen sozusagen, und wie Sie sich nun eigentlich fhlen, eben nach dem Gestrigen, meint er? Nicolai Wszewolodowitsch lchelte. Bestelle meine Empfehlung, und ich liee bestens danken. Und sage von mir deinem Herrn, Agafja, er wre der klgste Mensch in der ganzen Stadt. Ja und auf diese Antwort sollte ich Ihnen dann antworten, versetzte Agafja noch wortgewandter, da er das auch ohne Sie schon selber wei und Ihnen ganz dasselbe wnscht, sozusagen. Was! ... aber wie konnte er denn wissen, was ich dir antworten wrde? Ja, das wei ich schon nicht, aber als ich schon hinausgegangen und schon die ganze Gasse hinuntergegangen war, hre ich pltzlich, er luft mir nach, ohne Mtze, und: >Du,< sagte er, >Agafjuschka<, sagte er, >wenn er dir nun sagt, bestelle deinem Herrn, da er der Klgste in der ganzen Stadt ist, dann sag' du ihm sogleich und vergi das nicht, da wir das auch ohne ihn schon wissen und ihm blo auch dasselbe wnschen<, sozusagen ... III. Schlielich fand auch die Auseinandersetzung mit dem Gouverneur statt. Nach der so heftigen Beschwerde des Klubs war es diesem ja sofort klar, da etwas geschehen mute, aber was? Unserem gastfreundlichen alten Herrn schien sein junger Verwandter ebenfalls nicht ganz geheuer zu sein. Gleichwohl entschlo er sich endlich, ihm gtlich zuzureden, den Klub und den Beleidigten um Entschuldigung zu bitten, falls ntig sogar schriftlich; dann aber wollte er ihm wohlwollend nahelegen, z. B. zu Bildungszwecken nach Italien zu reisen oder berhaupt ins Ausland, etwas weiter weg von uns. In dem Raum, wo er diesmal _Nicolas_ empfing, war wie zufllig noch sein Gnstling und Sekretr Aljoscha Teltnikoff anwesend und damit beschftigt, an einem Tisch in der Ecke Postsachen zu ffnen. Im Nebenzimmer aber sa in der Nhe der Tr ein dicker und krftiger Oberst, ein Freund und frherer Kamerad des Hausherrn, und las die Zeitung Die Stimme, anscheinend ohne die Vorgnge im anderen Raum zu beachten. Iwan Ossipowitsch begann vorsichtig, holte weit aus, sprach fast flsternd, verlor aber immer wieder den Faden. _Nicolas_ schaute sehr unfreundlich drein, gar nicht wie ein Verwandter, war bleich, sa mit gesenktem Blick da und hrte mit zusammengezogenen Brauen zu, wie wenn er einen heftigen Schmerz unterdrckte. Sie haben ein gutes Herz, _Nicolas_, ein edles Herz, sagte unter anderem der alte Herr, Sie sind beraus gebildet, haben sich in den hchsten Kreisen bewegt, haben sich auch bei uns bisher musterhaft aufgefhrt und dadurch das Herz Ihrer von uns allen verehrten Mutter beruhigt ... Und nun beginnt das alles von neuem, und wieder in einem so rtselhaften und fr alle gefhrlichen Kolorit! Ich rede zu Ihnen als Freund Ihres Hauses, als ein Sie liebender, bejahrter Verwandter ... So sagen Sie doch, was in aller Welt treibt Sie zu solchen Ausschreitungen, die mit allen hergebrachten Formen und Sitten so unvereinbar sind? _Nicolas_ hatte gergert und ungeduldig zugehrt. Pltzlich blitzte in seinem Blick gleichsam ein verschlagener und spttischer Ausdruck auf: Ich kann es Ihnen ja meinethalben sagen, was mich dazu treibt, sagte er unwirsch, sah sich um und beugte sich zum Ohr Iwan Ossipowitschs. -- Der wohlerzogene Aljoscha Teltnikoff trat noch drei Schritte weiter zum Fenster, der Oberst rusperte sich hinter seiner Zeitung. Der arme Iwan Ossipowitsch hielt eilig und vertrauensvoll sein Ohr hin; er war uerst neugierig. Und da geschah denn abermals etwas ganz Unmgliches und doch andererseits in einer Hinsicht nur zu Deutliches. Der alte Herr fhlte auf einmal, da _Nicolas_, statt ihm ein interessantes Geheimnis zuzuflstern, pltzlich den oberen Teil seines Ohres mit den Zhnen fate und ziemlich fest zubi. _Nicolas_, was ... soll das! sthnte er mechanisch mit einer ganz fremdklingenden Stimme. -- Aljoscha und der Oberst begriffen nicht recht, was da vorging; es schien ihnen bis zum Schlu, da dem Alten etwas zugeflstert wurde, aber dessen verzweifeltes Gesicht beunruhigte sie doch. Sie glotzten sich mit aufgerissenen Augen an und wuten nicht, ob sie noch warten oder schon zu Hilfe eilen sollten, wie verabredet war. _Nicolas_ erriet das wohl und bi noch ein wenig schmerzhafter zu. _Nicolas, Nicolas!_ sthnte das Opfer wieder, nun ... genug ... mit dem Scherz ... -- Noch ein Augenblick, und der Arme wre gestorben; doch der Unmensch hatte Erbarmen und lie das Ohr los. Diese ganze Todesangst hatte eine volle Minute gedauert und der Alte bekam eine Art Ohnmachtsanfall. Eine halbe Stunde spter aber wurde _Nicolas_ verhaftet und eingesperrt. Das war freilich eine schroffe Manahme, doch unser weichherziger Regent war dermaen erzrnt, da er die Verantwortung selbst Warwara Petrowna gegenber zu bernehmen wagte. Und tatschlich, als diese sofort eilig und erregt zum Gouverneur gefahren kam, wurde ihr erklrt, da sie nicht empfangen werden knne, und ohne auszusteigen fuhr sie heim. Sie konnte diese Absage zunchst berhaupt nicht fassen. Endlich aber fand alles seine Erklrung! Gegen zwei Uhr nachts begann der Arrestant, der bis dahin erstaunlich ruhig gewesen war und sogar geschlafen hatte, pltzlich zu toben, schlug mit den Fusten gegen die Tr, ri mit bermenschlicher Kraft das eiserne Gitter von dem Fenster ab, zerschlug die Scheibe und zerschnitt sich dabei die Hnde. Als der wachhabende Offizier mit der Mannschaft herbeigeeilt kam und die Zelle aufschlieen lie, stellte es sich heraus, da der Gefangene sich im strksten Fieberdelirium befand; er wurde nach Hause zur Mutter geschafft. Nun war ja alles klar. Unsere drei rzte uerten sich dahin, da der Kranke sehr wohl schon vor drei Tagen in diesem Fieberzustande wie benommen gewesen sein knne. Somit hatte Liputin als erster das Richtige erraten. Der zartfhlende Iwan Ossipowitsch war nun sehr betreten, auch im Klub schmte man sich und begriff nicht, wie man auf diese einzig mgliche Erklrung nicht verfallen war. Natrlich gab es auch Skeptiker, aber die konnten sich nicht behaupten. _Nicolas_ lag gute zwei Monate. Die ganze Stadt besuchte Warwara Petrowna. Und sie verzieh. Als _Nicolas_ sich zum Frhling hin wieder erholte und mit dem Vorschlag der Mutter, nach Italien zu reisen, einverstanden war, da bat sie ihn, vorher doch berall seine Abschiedsvisite zu machen und sich bei der Gelegenheit zu entschuldigen, wo das ntig und soweit es mglich war. _Nicolas_ versprach ihr auch das, und sogar mit groer Bereitwilligkeit. Und alsbald erfuhr man im Klub, er habe mit Pjotr Pawlowitsch eine beraus zartfhlende Aussprache gehabt, durch die dieser vollkommen zufriedengestellt worden sei. Whrend dieser Visiten soll _Nicolas_ sehr ernst und sogar ein wenig dster gewesen sein. Alle empfingen ihn anscheinend mit aufrichtiger Teilnahme, doch im Grunde waren alle verlegen und nur froh, da er nach Italien reiste. Iwan Ossipowitsch weinte sogar, konnte sich aber aus einem unbestimmten Grunde doch nicht entschlieen, ihn zum Abschied zu umarmen. Allerdings blieben bei uns manche doch berzeugt, der Taugenichts habe alle nur zum Besten gehabt, die Krankheit aber sei eine Sache fr sich gewesen. Auch zu Liputin fuhr er zur Abschiedsvisite. Sagen Sie mal, fragte er ihn, wie konnten Sie damals im voraus wissen, was ich ber Ihren Verstand sagen wrde, und die Antwort darauf schon mitgeben? Ganz einfach, sagte Liputin lachend, weil auch ich Sie fr klug halte, also war's nicht schwer! Immerhin ein seltsames Zusammentreffen. Aber erlauben Sie: dann hielten Sie mich damals fr gescheit und nicht fr wahnsinnig? Fr den gescheitesten und klgsten, und ich stellte mich nur so, als glaubte ich, Sie wren nicht bei voller Vernunft. Und Sie haben mir ja auch sofort den Beweis fr die Ungetrbtheit Ihres Geistes zurckgesandt. brigens irren Sie sich da doch ein wenig: ich war tatschlich ... krank, sagte _Nicolas_ verstimmt. Wie! glauben Sie denn wirklich, ich wre fhig, bei vollem Verstande Menschen zu berfallen? Wozu denn das? Liputin wand sich betreten und wute nicht recht, was er antworten sollte. _Nicolas_ erblate ein wenig, oder vielleicht schien es Liputin nur so. Jedenfalls haben Sie eine sehr amsante Denkweise, fuhr _Nicolas_ fort, und ich begreife natrlich, da Sie Ihre Agafja zu mir schickten, um mich zu verhhnen. Ich konnte Sie doch nicht zum Duell fordern? Ach, ja, richtig! Ich habe ja auch so etwas gehrt, da Sie Duelle nicht lieben ... Wozu denn Franzsisches ins Russische bersetzen! Sie halten es mit dem Nationalismus? Liputin wand sich noch mehr, antwortete aber nichts. Was, was! Sehe ich recht! rief _Nicolas_ pltzlich, als er mitten auf dem Tisch, wie ein Prunkstck an der sichtbarsten Stelle, einen Band von _Considrant_ erblickte. Sind Sie etwa gar Fourierist? Das fehlte noch! Aber ist denn das keine bersetzung aus dem Franzsischen? und er klopfte lachend auf das Buch. Nein, nicht aus dem Franzsischen! Liputin sprang fast mit einem gewissen Grimm vom Stuhl auf. Das ist eine bersetzung aus der Sprache der ganzen Menschheit, und nicht blo aus dem Franzsischen! Aus der Sprache der universalen sozialen Republik und Harmonie, jawohl! Und nicht aus dem Franzsischen allein! Sapperment! Aber so eine Sprache gibt es ja berhaupt nicht! versetzte _Nicolas_ immer noch lachend. Von Herrn Stawrogin soll zwar erst spter die Rede sein, doch mchte ich eines schon hier bemerken: da von allen Eindrcken, die er damals bei uns empfing, am grellsten sich seinem Gedchtnis die unscheinbare und fast gemeine Gestalt Liputins eingeprgt hatte, dieses kleinen Provinzbeamten, eiferschtigen Ehemannes, rohen Familiendespoten, Wucherers und Geizhalses, der selbst die berbleibsel der Mahlzeiten und Lichtstmpfchen verschlo, und doch gleichzeitig ein glhender Anhnger Gott wei was fr einer zuknftigen sozialen Harmonie war, sich nachts an den phantastischen Bildern der zuknftigen Phalanstere berauschte, an deren baldige Verwirklichung in Ruland er so glaubte wie an sein eigenes Vorhandensein. Und alles das dortselbst, wo er sich ein Huschen erspart, wo er zum zweitenmal geheiratet hatte, und wo es vielleicht im Umkreise von hundert Werst keinen Menschen gab, der auch nur annhernd ein Mitglied dieser universalen sozialen Republik und Harmonie htte sein knnen. Gott mag wissen, wie es in solchen Menschen aussieht! dachte _Nicolas_ oft verwundert, wenn er sich dieses unvermuteten Fourieristen erinnerte. IV. Unser Prinz reiste drei Jahre lang und noch lnger, so da er bei uns fast ganz in Vergessenheit geriet. Unser Kreis freilich wute durch Stepan Trophimowitsch, da er ganz Europa bereist hatte, sogar in gypten und in Jerusalem gewesen war; dann hatte er sich mit einer wissenschaftlichen Expedition auch nach Island begeben. Ferner hie es, er habe einen Winter an einer deutschen Universitt Kolleg gehrt. An seine Mutter schrieb er nur selten, aber die fhlte sich dadurch nicht mehr gekrnkt. Die Beziehungen zwischen ihr und ihrem Sohn hatten nun einmal diese Form angenommen, die sie wortlos hinnahm; im brigen dachte sie bestndig an ihren _Nicolas_ und sehnte sich nach ihm. Doch davon erfuhr kein Mensch etwas. Selbst von Stepan Trophimowitsch zog sie sich anscheinend ein wenig zurck. Sie schmiedete heimlich Plne, wurde noch sparsamer und rgerte sich immer mehr ber Stepan Trophimowitschs Verluste im Kartenspiel. Da erhielt sie im April dieses Jahres ganz unverhofft einen Brief aus Paris, und zwar von ihrer Jugendfreundin, der Generalin Praskowja Iwanowna Drosdowa. Diese schrieb ihr pltzlich nach acht Jahren, Nicolai Wszewolodowitsch verkehre viel in ihrem Hause, habe mit Lisa (ihrer einzigen Tochter) Freundschaft geschlossen und beabsichtige, sich ihnen anzuschlieen, wenn sie im Sommer nach der Schweiz reisten, obwohl er in der Familie des Grafen K... (einer in Petersburg hchst einflureichen Persnlichkeit), die jetzt gleichfalls in Paris weile, wie ein leiblicher Sohn aufgenommen werde, so da er, man knne sagen, fast ganz im Hause des Grafen lebe. Der Brief war kurz, doch sein Zweck deutlich. Warwara Petrowna dachte denn auch nicht lange nach, entschlo sich schnell und fuhr mit ihrer Pflegetochter Dascha Mitte April nach Paris und dann nach der Schweiz. Im Juli kehrte sie allein zurck; sie hatte Dascha bei Drosdoffs gelassen, die mit ihr Ende August heimkehren sollten. Drosdoffs waren gleichfalls eine Gutsbesitzerfamilie unseres Gouvernements, aber der Dienst des Generals hatte sie in letzter Zeit verhindert, sich hier auf ihrem herrlichen Gut aufzuhalten. Nach dem Tode des Generals im vorigen Jahre war dann die untrstliche Praskowja Iwanowna mit ihrer Tochter ins Ausland gereist, unter anderem auch in der Absicht, es im Sptsommer in der Schweiz, in Vernex-Montreux, mit einer Traubenkur zu versuchen. Nach ihrer Rckkehr aus dem Auslande wollte sie sich dann endgltig in unserem Gouvernement niederlassen. In der Stadt besa sie ein groes Haus, das schon viele Jahre leer stand, mit geschlossenen Fensterlden. Drosdoffs waren sehr reich. Praskowja Iwanowna, in erster Ehe Frau Tuschina, war gleichfalls die Tochter eines Branntweinpchters der alten Zeit und hatte gleichfalls eine groe Mitgift erhalten. Der Rittmeister a. D. Tuschin war aber auch selbst ein vermgender Mann gewesen und kein unbegabter Mensch. Er hinterlie seiner siebenjhrigen Tochter Lisa ein bedeutendes Vermgen, zu dem spter noch das ganze Erbe ihrer Mutter hinzu kommen mute, da diese aus ihrer zweiten Ehe keine Kinder hatte. Warwara Petrowna war mit dem Ergebnis ihrer Reise sehr zufrieden. Sie glaubte, mit Praskowja Iwanowna bereingekommen zu sein, und teilte nach ihrer Ankunft alles, weit offener als sonst, Stepan Trophimowitsch mit. Der rief Hurra! und schnippte mit den Fingern. Seine Freude war um so aufrichtiger, als er die Zeit ihrer Abwesenheit in grter Mutlosigkeit verbracht hatte. Vor ihrer Abreise hatte sie ihm, diesem Weibe, nichts von ihren Plnen mitgeteilt, vielleicht weil sie frchtete, er knne ausplaudern. Doch schon in der Schweiz hatte sie sich gesagt, da sie den verlassenen Freund nach ihrer Rckkehr besser behandeln msse. Tatschlich war ihre pltzliche Abreise mit dem wortkargen Abschied fr sein schchternes Herz der Anla zu qualvollen Zweifeln gewesen. Auerdem qulte ihn noch eine bedeutende Geldverpflichtung, die er ohne ihre Hilfe unmglich decken konnte. Und dann war noch allerhand gerade whrend ihrer Abwesenheit hinzugekommen: so hatte im Mai die Herrschaft unseres guten Iwan Ossipowitsch ihr Ende gefunden und war der Einzug unseres neuen Gouverneurs, Andrei Antonowitsch von Lembke, erfolgt. Danach hatte sich das Verhalten unserer Gesellschaft zu Warwara Petrowna und damit natrlich auch zu Stepan Trophimowitsch merklich zu ndern begonnen. Das beeindruckte ihn um so mehr, als er natrlich schon wieder erregt befrchtete, man habe den neuen Gouverneur bereits auf ihn als einen gefhrlichen Menschen aufmerksam gemacht. Er erfuhr auch, da man sich in der Stadt erzhlte, die Gemahlin des neuen Gouverneurs und Warwara Petrowna seien frher bekannt gewesen, doch htten sie sich schlielich verfeindet und den Verkehr abgebrochen. Als aber nun Warwara Petrowna nach ihrer Rckkehr so munter und siegesgewi seinen Bericht anhrte, u. a. auch das Gercht, demzufolge manche Damen es lieber mit der neuen Gouverneurin halten wollten, die eine echte Aristokratin sei, und folglich den Verkehr mit Warwara Petrowna aufzugeben beabsichtigten, da richtete sich sofort auch Stepan Trophimowitschs gesunkener Mut wieder auf. Er wurde im Nu wieder heiter und begann mit besonderem, freudig dienstbeflissenem Humor die Ankunft des neuen Gouverneurs zu schildern. Es wird Ihnen, _excellente amie_,{[12]} zweifellos bekannt sein, begann er kokett, die Worte geckenhaft in die Lnge ziehend, was ein russischer Regierungsbeamter im allgemeinen, und was im besonderen ein neuangestellter, ein neugebackener russischer Beamter ist. Dagegen drften Sie kaum Gelegenheit gehabt haben, praktisch zu erfahren, was der _Machtrausch_ eines russischen Beamten bedeutet ... Machtrausch eines Beamten? Wie meinen Sie das? Das heit ... _Vous savez, chez nous ... En un mot_,{[13]} stellen Sie den erbrmlichsten Nichtsnutz als Verkufer von, sagen wir, irgendwelchen elenden Eisenbahnfahrkarten an, und dieser erbrmlichste Wicht wird sich sofort fr berechtigt halten, wie ein Jupiter auf Sie herabzusehen, wenn Sie eine Fahrkarte lsen wollen, _pour vous montrer son pouvoir_.{[14]} >Warte<, denkt er dann bei sich, >ich will dir meine Macht zeigen!< Und das geht bei ihnen bis zur Selbstberauschung an dieser ihrer Macht. _En un mot_ ... Ja, fassen Sie sich krzer, wenn Sie knnen. _En un mot_, dieser Herr von Lembke hat also zunchst das Gouvernement bereist. Er ist zwar ein Deutschrusse griechisch-katholischer Konfession und sogar ein beraus schner Mann in den vierziger Jahren ... Schner Mann? Er hat Augen wie ein Schaf. Allerdings. Doch aus Hflichkeit will ich dem Urteil unserer Damen nicht widersprechen ... Ich bitte Sie, reden wir von etwas anderem! brigens, Sie tragen eine rote Halsbinde; schon lange? Das ... ich ... ich habe das nur heute ... Und sind Sie auch tglich sechs Werst spazieren gegangen, wie es Ihnen der Arzt verordnet hat? Nicht ... nicht immer. Wute ich's doch! schon in der Schweiz ahnte ich das! rief sie gereizt. Jetzt werden Sie mir aber zehn Werst tglich gehen! Sie sind ja geradezu heruntergekommen! Sie sind ja nicht nur alt, Sie sind ein Greis geworden ... ich erschrak geradezu, als ich Sie wiedersah, trotz Ihrer roten Halsbinde ... _quelle ide rouge_!{[15]} Erzhlen Sie weiter von diesem Lembke, wenn es wirklich etwas von ihm zu erzhlen gibt, nur kommen Sie bald zu einem Ende; ich bin mde. _En un mot_, ich wollte ja auch nur sagen, da er einer von denen ist, die erst mit vierzig Jahren anfangen Karriere zu machen, sei es dank einer pltzlich erworbenen Gattin oder einem nicht minder verzweifelten Mittel. ber mich hat man ihm natrlich sofort alles zugetragen: da ich die Jugend verdrbe und den Atheismus verbreite. Er hat auch sofort Erkundigungen eingezogen. Und als man ihm von Ihnen berichtete, bisher htten eigentlich Sie das Gouvernement verwaltet, da hat er sich zu uern erlaubt, >so etwas werde hinfort nicht mehr vorkommen<. Hat er das wirklich gesagt? Wortwrtlich. Seine Gemahlin werden wir hier erst Ende August erblicken; sie kommt direkt aus Petersburg. Nein, aus dem Auslande. Ich bin mit ihr dort zusammengetroffen. In Paris und in der Schweiz. Sie ist mit Drosdoffs verwandt. Verwandt? Was fr ein merkwrdiges Zusammentreffen! Man sagt, sie sei ehrgeizig und ... habe durch Beziehungen gute Protektion? Unsinn, die paar Verwandten! Bis zum fnfundvierzigsten Jahr sa sie als alte Jungfer da, ohne eine Kopeke, dann hat sie endlich diesen von Lembke erwischt und nun ist ihr ganzer Ehrgeiz seine Karriere. Es heit, sie sei zwei Jahre lter als er? Fnf Jahre. Ihre Mutter hat mich in Moskau umschmeichelt, damit ich sie zu den Bllen einlud, damals zu Wszewolod Nicolajewitschs Lebzeiten. Die Tochter aber sa dann ohne Tnzer da, bis ich ihr aus Mitleid nach Mitternacht den ersten Kavalier zuschickte. Niemand wollte sie mehr einladen ... Ich sage Ihnen, wie ich jetzt nach Paris kam, stie ich sofort auf eine Intrige. Sie haben doch soeben jenen Brief der Drosdowa gelesen; was konnte noch klarer sein? Aber was fand ich? Diese dumme Drosdowa -- sie ist immer dumm gewesen -- sieht mich fragend an: warum ich denn gekommen sei? Sie knnen sich meine Verwunderung vorstellen! Aber natrlich: da intrigiert diese Lembke und dann ist da dieser Vetter, ein Neffe des seligen Drosdoff, -- da war mir alles klar! Ich habe dann alles wieder zurechtgerckt; und Praskowja ist nun wieder auf meiner Seite; aber es war eine richtige Intrige im Gange! Die Sie indes besiegt haben. Sie sind ein Bismarck! Auch ohne ein Bismarck zu sein, kann ich Falschheit und Dummheit erkennen, wo ich ihnen begegne. Die Lembke ist falsch und Praskowja ist dumm. Selten habe ich eine so verdrossene Frau gesehen wie die, dazu hat sie noch geschwollene Fe und zum berflu ist sie noch gutmtig. Es gibt wohl nichts dmmeres als einen gutmtigen Dummkopf! Doch, einen bsen Dummkopf, _ma bonne amie_,{[16]} ein bser Dummkopf ist noch viel dmmer. Vielleicht haben Sie recht. Erinnern Sie sich noch an Lisa? _Charmante enfant!_{[17]} Aber jetzt nicht mehr _enfant_, sondern Weib, und ein Weib mit Charakter. Ein edler und feuriger Mensch, und ich liebe es an ihr, da sie der Mutter nicht gehorcht, dieser leichtglubigen Nrrin. Wegen dieses Vetters kam es da fast zu einem ganzen Drama. Ach richtig, er ist ja mit Lisa persnlich gar nicht verwandt[25] ... Hat er denn Absichten? Sehen Sie, er ist ein junger Offizier, sehr schweigsam, sogar bescheiden. Ich will immer gerecht sein. Ich glaube, er ist selbst gegen diese Intrige und hat keine Wnsche, nur die Lembke scheint da intrigiert zu haben. Er achtete _Nicolas_ sehr. Sie verstehen, die ganze Sache hngt von Lisa ab. Als ich sie in der Schweiz verlie, stand sie sich mit _Nicolas_ ausgezeichnet, und er hat mir versprochen, im November herzukommen. Folglich war das nur eine Intrige der Lembke, und Praskowja war einfach blind. Pltzlich sagt sie mir, meine Vermutungen seien einfach Einbildung. Da habe ich ihr aber ins Gesicht gesagt, da sie eine Nrrin ist. Wenn mich nicht _Nicolas_ gebeten htte, es vorlufig aufzuschieben, wre ich nicht heimgereist, ohne dieses falsche Frauenzimmer entlarvt zu haben. Sie hat sich durch _Nicolas_ beim Grafen K. einzuschmeicheln, hat Mutter und Sohn zu entzweien versucht. Aber Lisa ist auf unserer Seite und mit Praskowja habe ich mich verstndigt. Wissen Sie, da Karmasinoff mit ihr verwandt ist? Was? Verwandt mit Frau von Lembke? Nun ja. Aber nur entfernt verwandt. Karmasinoff, der Novellist? Nun ja doch, der Schriftsteller, worber wundern Sie sich? Natrlich hlt er sich selbst fr eine Gre. Ein aufgeblasener Wicht! Sie wird mit ihm zusammen herkommen, jetzt macht sie sich dort mit ihm wichtig. Hier will sie literarische Abende veranstalten. Er kommt auf einen Monat, um hier sein letztes Gut zu verkaufen. Fast wre ich mit ihm in der Schweiz zusammengetroffen, was ich durchaus nicht wollte. brigens hoffe ich doch, da er geruhen wird, mich wiederzuerkennen. Frher hat er in meinem Hause verkehrt, hat Briefe an mich geschrieben. Es wre mir lieb, wenn Sie sich sorgfltiger kleideten, Stepan Trophimowitsch; Sie werden mit jedem Tage nachlssiger ... Wissen Sie denn nicht, wie mich das qult! Was lesen Sie jetzt? Ich ... ich ... Verstehe schon. Wie gewhnlich die Freunde, die Gelage, der Klub, die Karten und der Ruf eines Atheisten. Dieser Ruf gefllt mir nicht, besonders jetzt mchte ich ihn nicht hren. Das ist doch alles nur leeres Geschwtz. Das mu doch einmal gesagt werden. _Mais, ma chre_{[18]} ... Hren Sie mich an: in allen gelehrten Fragen bin ich natrlich unwissend, ein Laie, im Vergleich zu Ihnen, aber auf der Heimreise habe ich viel ber Sie nachgedacht. Und ich bin zu einer Einsicht gelangt. Und zu welcher? Zu der, da nicht wir beide die Klgsten auf der Welt sind, sondern da es auch noch klgere gibt als wir. Das ist sowohl scharfsinnig wie treffend gesagt. _Mais, ma bonne amie_,{[19]} wenn ich auch das Rechte, nehmen wir an, nicht am besten wei und mich objektiv vielleicht irre, so habe ich doch mein allgemein menschliches, ewiges, hheres Recht auf mein freies Gewissen? Ich habe doch das Recht, kein Heuchler und Fanatiker zu sein, wenn ich das nicht sein will, und dafr werde ich naturgem, solange die Welt steht, von verschiedenen Leuten gehat werden. _Et puis, comme on trouve toujours plus de moines que de raison_,{[20]} und da das ganz meine Meinung ist ... Wie, wie war das, was sagten Sie da? Das stammt gewi nicht von Ihnen, das haben Sie bestimmt irgendwo gelesen? Das hat Pascal gesagt. Das hab' ich mir doch gleich gedacht ... da es kein Ausspruch von Ihnen ist! Warum sagen Sie niemals etwas so kurz und treffend, sondern ziehen alles immer so in die Lnge? ... _Ma foi, chre_{[21]} ... warum? Erstens wahrscheinlich deshalb, weil ich immerhin nicht Pascal bin, _et puis_{[22]} ... zweitens, weil wir Russen in unserer Sprache nichts auszudrcken verstehen ... Wenigstens haben wir bisher noch nichts in ihr ausgedrckt ... Hm! Darin haben Sie vielleicht doch nicht recht. Aber knnten Sie sich denn nicht wenigstens solche Aussprche aufschreiben oder merken, fr den Fall, wissen Sie, wenn das Gesprch ... Ach, Stepan Trophimowitsch, ich habe mir unterwegs vorgenommen, einmal ernst mit Ihnen zu sprechen, sehr ernst. _Chre, chre amie!_ Jetzt, wo alle diese Lembkes und Karmasinoffs ... Oh Gott, wie sind Sie heruntergekommen! Oh, wie Sie mich damit qulen! ... Ich mchte, da diese Menschen Hochachtung vor Ihnen empfnden, denn sie sind ja alle nicht einmal soviel wert wie ein Finger von Ihnen, Ihr kleiner Finger, aber Sie, wie halten Sie sich! Was werden diese Leute in Ihnen sehen? Wen kann ich ihnen prsentieren? Statt vornehm als Zeuge dazustehn, ein Beispiel zu sein, umgeben Sie sich mit solch einem Pack, Sie haben unmgliche Gewohnheiten angenommen, sind alt geworden, knnen ohne Wein und Karten nicht mehr leben, Sie lesen nur noch Paul de Kock und schreiben selbst berhaupt nichts mehr, whrend die dort alle schreiben. Ihre ganze Zeit vergeuden Sie im Geschwtz. Ist es denn mglich, darf man sich denn das erlauben, sich mit solchem Gesindel anzufreunden, wie es Ihr ewiger Liputin ist? Warum denn >mein ewiger LiputinSkizzen aus der spanischen Geschichte< vorzunehmen ... Nun sehen Sie, das trifft sich ja ausgezeichnet. Stepan Trophimowitsch schwindelte der Kopf; die Wnde drehten sich um ihn herum. _Excellente amie!_{[12]} ... seine Stimme zitterte pltzlich, ich ... ich htte nie gedacht, da Sie mich je mit ... einer anderen ... verheiraten knnten! Sie sind doch kein junges Mdchen, das man verheiratet, Sie heiraten doch selbst, stie sie giftig hervor. _Oui, j'ai pris un mot pour un autre ... Mais ... c'est gal_{[29]} ... Er sah sie wie verloren an. Das sehe ich, da Ihnen das _gal_{[30]} ist, sagte sie mit bissiger Verachtung. Herrgott, er wird ja ohnmchtig! Nastassja, Nastassja! Wasser! -- Aber er kam schon wieder zu sich. Warwara Petrowna nahm ihren Schirm. Ich sehe, da man mit Ihnen jetzt nicht reden kann ... _Oui, oui, je suis incapable_{[31]} ... Aber bis morgen mssen Sie sich erholt und entschlossen haben. Bleiben Sie zu Hause. Aber schreiben Sie mir keine Briefe; werde sie nicht lesen. Morgen werde ich um dieselbe Zeit wiederkommen, allein, und ich hoffe, da Ihre Antwort eine befriedigende sein wird. Sorgen Sie dafr, da dann niemand hier ist und da in den Zimmern Ordnung herrscht, denn wie sieht das hier aus! Nastassja, Nastassja! ... Natrlich war er am nchsten Tage einverstanden. Es blieb ihm ja auch nichts anderes brig, -- aus einem besonderen Grunde ... VIII. Das Gut, das seine erste Frau hinterlassen hatte, gehrte nicht ihm, sondern seinem Sohn. Stepan Trophimowitsch hatte es sozusagen nur verwaltet und auf Grund einer Abmachung dem Sohn tausend Rubel jhrlich als Einnahme des Gutes zugesandt. Das heit: diese Summe war regelmig von Warwara Petrowna entrichtet worden, Stepan Trophimowitsch aber hatte auch nicht einen Rubel dazu beigesteuert. Die ganze Einnahme vom Gut, die brigens nur fnfhundert Rubel im Jahre betrug, hatte er immer selbst verbraucht, dazu das Gut schlielich noch ruiniert, da er es ohne Warwara Petrownas Wissen an einen Hndler verpachtet und den Wald, der das Wertvollste war, nach und nach parzellenweise zum Abholzen verkauft hatte, wenn er grere Spielverluste im Klub Warwara Petrowna doch nicht zu gestehen wagte. Fr diesen Wald, der etwa achttausend Rubel wert war, hatte er im ganzen nur fnftausend erhalten. Sie knirschte natrlich, als sie das schlielich erfuhr. Aber nun hatte der Sohn pltzlich geschrieben, er werde kommen, um das Gut zu verkaufen, und den Vater beauftragt, sich inzwischen nach Kufern umzusehen. Selbstredend schmte sich nun Stepan Trophimowitsch bei seiner grozgigen und nicht materialistischen Einstellung zu solchen Dingen vor _ce cher fils_,{[32]} den er brigens zuletzt vor neun Jahren in Petersburg als Studenten gesehen hatte. Der Wert des Gutes war von etwa vierzehn- auf kaum fnftausend Rubel gesunken. Wie sollte er das diesem Sohne nun sagen? Freilich htte er als offiziell Bevollmchtigter den Wald verkaufen drfen, und da dem Sohn jahrelang tausend Rubel statt etwa fnfhundert geschickt worden waren, konnte er auch einer Abrechnung ruhig entgegensehen. Doch Stepan Trophimowitsch war nun einmal ein nobler Mensch, der Hheres im Sinne hatte. In seiner Phantasie stellte er sich ein ganz anderes Bild vor: wie er diesem _cher fils_, wenn er endlich kam, die _ganze_ Summe auf den Tisch legte, ohne die doppelt gezahlten Jahresraten berhaupt zu erwhnen, wie er ihn unter Trnen fest an seine Brust drckte und damit alle Abrechnungen fr immer aus der Welt schaffte. Vorsichtig hatte er auch Warwara Petrowna fr dieses schne Bild zu gewinnen gesucht. Er deutete an, da eine solche Einstellung zu einer pekuniren Frage auch ihrer Freundschaft, der Idee dieser Freundschaft noch eine besondere, edle Nuance verleihen wrde, sie, d. h. die Vter oder die frhere Generation berhaupt, als so viel selbstloser und gromtiger im Vergleich zu der neuen leichtsinnigen und sozialistischen Jugend hinstellen mte. Er sprach noch allerhand, aber sie schwieg. Schlielich teilte sie ihm nur trocken mit, da sie das Gut fr siebentausend kaufen wolle. Doch von den fehlenden Achttausend -- dem Wert des Waldes -- sprach sie kein Wort. Das war etwa einen Monat vor dem Heiratsantrag geschehen. Was wir hier ber diesen seinen Sohn wuten, waren eigentlich nur etwas seltsame Gerchte. Vor sechs Jahren hatte er das Studium an der Universitt beendet und sich dann ohne Beschftigung in Petersburg herumgetrieben. Pltzlich hie es, er habe sich an der Abfassung einer geheimen Proklamation beteiligt; und bald darauf verlautete, er sei bereits in der Schweiz. Also geflchtet. Das wundert mich, sagte damals Stepan Trophimowitsch, sichtlich bestrzt _Petrscha -- c'est une si pauvre tte!_{[33]} ... Aber wissen Sie, das kommt alles von eben diesem Unausgebrtetsein, und von der Empfindsamkeit! Was sie fesselt, ist nicht der Realismus, sondern die empfindsame, ideale Seite des Sozialismus, sozusagen seine religise Frbung, seine Poesie ... ins Blaue hinein, natrlich. Und gerade mir, mir mu das widerfahren! Ich habe hier schon so viele Feinde, _dort_ noch mehr, man wird es also dem Einflusse des Vaters zuschreiben ... Gott! Petrscha ein Aufwiegler! In was fr Zeiten leben wir! brigens schickte Petrscha aus der Schweiz sehr bald seine genaue Adresse, damit ihm das Geld wie gewhnlich zugesandt werde: also war er doch kein Emigrant von jener Art. Und jetzt, nach etwa vierjhrigem Aufenthalt im Auslande, war er schon wieder im Vaterlande und kndete sogar seinen Besuch an; somit konnte doch berhaupt keine Anklage gegen ihn vorliegen. Ja, nicht nur das: es schien ihn jemand sogar zu protegieren. Er schrieb jetzt aus Sdruland, wo er sich in jemandes privatem Auftrage befand und etwas Wichtiges auszufhren hatte. Das war ja alles sehr schn, aber woher nun die fehlenden Achttausend nehmen, um den vollen Wert des Gutes auszahlen zu knnen? Wie nun, wenn es statt zu jenem schnen Charakterbilde pltzlich zu einem Proze kam? Eine unbestimmte Empfindung sagte Stepan Trophimowitsch, da _ce cher fils_ auf keines seiner Anrechte verzichten werde. Woher kommt das, fragte er mich damals einmal halblaut, da alle diese fanatischen Sozialisten und Kommunisten gleichzeitig so geizig, erwerbsbeflissen und besitzstolz sind, ja je mehr einer Sozialist ist, je weiter er dabei geht, um so mehr ist er selber gerade >Besitzer<. Sollte das wirklich auch von der Empfindsamkeit herrhren? Ich wei nicht, ob an dieser Beobachtung Stepan Trophimowitschs etwas Wahres ist. Damals wute ich nur, da Petrscha von dem Verkauf des Waldes bereits einiges erfahren hatte, und auch Stepan Trophimowitsch wute das. Und da kamen nun diese Achttausend mit dem Vorschlage Warwara Petrownas pltzlich herbeigeflogen! Aber sie gab auch deutlich zu verstehen, da sie auf keinem anderen Wege herbeifliegen wrden. Selbstredend erklrte er sich einverstanden. Damals, nach ihrem ersten Morgenbesuch, lie er mich sofort dringend zu sich bitten. Er war sehr erregt, redete viel und gut, weinte zwischendurch, dann gab es eine leichte Cholerine, kurz, alles verlief wie gewhnlich. Darauf holte er das Bild seiner zweiten Frau hervor, der Deutschen, rief: Kannst du mir verzeihen?, weinte wieder und war berhaupt wie aus dem Konzept gebracht. Vor Kummer tranken wir ein bichen. brigens schlief er bald und s ein. Am folgenden Morgen band er meisterhaft seine weie Halsbinde, kleidete sich mit Sorgfalt an und besah sich oft im Spiegel. Sein Taschentuch bespritzte er mit Parfm, brigens nur ein wenig, doch als er Warwara Petrowna kommen sah, nahm er schnell ein anderes und steckte das parfmierte unter ein Kissen. Vortrefflich! lobte ihn Warwara Petrowna, als sie die Erklrung seines Einverstndnisses vernommen hatte. Endlich einmal sind Sie der Stimme der Vernunft gefolgt. Es eilt brigens nicht, fgte sie hinzu, whrend sie den Knoten seiner Halsbinde betrachtete. Vorlufig schweigen Sie, auch ich werde darber schweigen. Bald ist Ihr Geburtstag, ich werde dann mit ihr zu Ihnen kommen. Geben Sie eine kleine Abendgesellschaft, nur Tee, keine Spirituosen, bitte; brigens, ich werde das selbst arrangieren. Dann knnen wir -- nicht eine Verlobung feiern, sondern es nur zu verstehen geben, ohne alle Feierlichkeiten. Und zwei Wochen spter kann dann die Hochzeit stattfinden, gleichfalls ohne Lrm. Nach der Trauung knnten Sie beide ein wenig verreisen, nach Moskau, zum Beispiel. Vielleicht fahre ich mit. Doch die Hauptsache: bis dahin schweigen Sie. Stepan Trophimowitsch war erstaunt. Stotterte etwas von vorher mit der Braut doch sprechen mssen usw. Doch zu seiner Verblffung fiel sie ihm gereizt ins Wort: Wozu denn das? Vielleicht wird berhaupt nichts daraus ... Und auf seinen verstndnislosen Blick aus aufgerissenen Augen: Nun ja. So. Ich werde noch sehen ... brigens wird alles so geschehen, wie ich gesagt habe, seien Sie unbesorgt, ich werde Darja selbst vorbereiten. Alles Ntige wird ohne Sie gesagt und getan werden, Sie haben da berhaupt keine Rolle zu spielen. Und keine Briefe zu schreiben! Und da Sie nichts verlauten lassen. Ich werde gleichfalls schweigen. Sie wollte ihm offenbar nichts erklren und verlie ihn sichtlich verstimmt. Eine solche Bereitwilligkeit seinerseits hatte sie doch wohl berrascht. Er aber -- ach! -- er berschaute seine Handlungsweise ganz und gar nicht, sah sie berhaupt nur von seinem Gesichtspunkt aus. Ja, es stellte sich bei ihm sogar ein gewisser neuer Ton ein, etwas Siegesgewisses und Leichtsinniges. Er _fhlte_ sich! Das gefllt mir! rief er aus und blieb aufgebracht und wichtig vor mir stehen. Haben Sie es gehrt? Sie will es so weit treiben, da ich schlielich nicht mehr will. Denn ich knnte doch auch einmal meine Geduld verlieren und ... nicht mehr wollen. >Wozu denn das?< fragt sie mich. Aber warum mu ich denn unbedingt heiraten? Nur weil sie pltzlich den lcherlichen Einfall hat? Aber ich bin doch ein ernster Mensch und habe vielleicht gar keine Lust, mich den Launen einer unvernnftigen Frau zu fgen! Ich habe Pflichten meinem Sohne gegenber und ... und gegen mich selbst! Ich bringe ein Opfer -- begreift sie das auch? Vielleicht habe ich nur deshalb eingewilligt, weil das Leben mir langweilig geworden und alles mir schlielich gleich ist. Aber wenn sie mich reizt, knnte es geschehen, da mir pltzlich nicht mehr alles gleich ist! Ich kann mich beleidigt fhlen und mich weigern! _Et enfin le ridicule_{[34]} ... Was werden die Menschen sagen! >Vielleicht wird berhaupt nichts daraus< --! Das ist denn doch! ... Das ist der Gipfel! Das ist ... ja was soll denn das heien? _Je suis un forat, un Badinguet, un_{[35]} an die Wand gedrckter Mensch! ... Und dabei blickte doch etwas launisch Selbstgeflliges, etwas leichtfertig Spielerisches durch alle diese anklagenden Ausrufe hervor. Am Abend tranken wir wieder ein wenig. Drittes Kapitel. Fremde Snden. I. Es verging ungefhr eine Woche und die Sache begann sich hinzuziehen. Nebenbei bemerkt: ich hatte in dieser Zeit als sein einziger, ihm ewig unentbehrlicher Vertrauter viel auszustehen. Er schmte sich, und das war die Hauptursache seiner Qual. Er schmte sich vor allen Menschen, glaubte, die ganze Stadt wisse es bereits, und so sa er denn nur zu Hause und empfing keinen auer mir! Ja, er schmte sich sogar vor mir, und je mehr er sich mir gegenber aussprach, um so mehr rgerte er sich gleichzeitig ber mich. Eine Woche war so vergangen, er aber wute noch immer nicht, ob er nun Brutigam war oder noch unverlobt. Auch die Braut hatte er noch nicht gesprochen, ja, war sie denn berhaupt seine Braut? ja, war das Ganze berhaupt ernst gemeint? Aus einem ihm unbekannten Grunde lehnte Warwara Petrowna es ab, ihn zu empfangen, und auf einen seiner ersten Briefe (er schrieb natrlich wieder unzhlige) hatte sie ihm kurzweg geantwortet, sie msse ihn bitten, sie fr einige Zeit mit Briefen, Fragen und Besuchen zu verschonen, da sie sehr beschftigt sei; sie habe ihm selbst viel Wichtiges mitzuteilen, warte dazu aber den ersten freieren Augenblick ab und werde ihn dann schon wissen lassen, wann er wieder zu ihr kommen knne. Weitere Briefe werde sie ihm unerffnet zurckschicken, denn das sei doch nur Spielerei. Doch selbst diese Krnkungen und die Ungewiheit waren noch nichts im Vergleiche zu der Qual eines einzigen und _ganz bestimmten_ Gedankens, der ihn unausgesetzt verfolgte und der die Hauptursache seiner Scheu vor den Menschen war. Natrlich hatte ich die Richtung dieses Gedankens schon lngst erraten, und das merkte er, wie es ihm auch nicht entging, da mich die Hlichkeit dieses _Verdachts_, der in ihm beim Suchen nach einer Erklrung fr Warwara Petrownas seltsamen Heiratsplan erwacht war, aufrichtig emprte. Er wagte nicht, diesen Verdacht offen auszusprechen, und doch schien er an ihm fast zu ersticken. Er konnte keine zwei Stunden ohne mich auskommen, lie mich immer wieder zu sich bitten, doch wenn ich dann kam, sprach er wieder blo von allem Mglichen, nur nicht von dem, was ihn so qualvoll beschftigte. Das rgerte mich doppelt und mein rger rgerte wiederum ihn. Manches andere freilich erkannte er sehr richtig und definierte es sogar sehr treffend. Oh, wie hat sie sich verndert! klagte er unter anderem ber Warwara Petrowna. War sie denn damals so, als wir noch ber hohe Dinge diskutierten! Werden Sie es mir glauben, damals hatte sie Gedanken, eigene Gedanken! Jetzt ist alles anders. Sie sagt, das sei alles nur altmodisches Geschwtz! Sie verachtet das Frhere ... Jetzt ist sie so ein Kommis, so ein konom, ein erbitterter Mensch, und immer rgert sie sich ... Worber kann sie sich denn jetzt noch rgern, Sie haben doch ihren Wunsch erfllt und eingewilligt, warf ich ein. -- Er sah mich mit einem feinen Lcheln an. _Cher ami_, htte ich nicht eingewilligt, so htte sie sich allerdings furchtbar gergert, furcht--bar! Aber immerhin weniger als jetzt, wo ich eingewilligt habe. Mit dieser Bemerkung schien er sehr zufrieden zu sein. Aber die Zufriedenheit hielt nicht lange vor; bald war er wieder finsterer und erregter als je. Was nun mich betrifft, so rgerte ich mich vor allem darber, da er noch immer nicht Drosdoffs seinen Besuch machte, obschon diese ihn lngst erwarteten. Dabei hatte er selbst eine Art Sehnsucht nach Lisaweta Nicolajewna und schien zu hoffen, in ihrer Gegenwart gewissermaen eine Erleichterung seiner jetzigen Qualen und Klarheit ber seine Zweifel zu finden. Nach dem Entzcken zu urteilen, mit dem er von ihr sprach, mute er sie fr ein auergewhnliches Wesen halten. Und doch ging er nicht hin, sondern schob den Besuch von Tag zu Tag auf. Ich rgerte mich darber malos, denn: ich brannte darauf, ihr vorgestellt zu werden, und diesen Dienst konnte nur er mir erweisen. Gesehen hatte ich sie schon oft, aber natrlich nur auf der Strae, wenn sie in Begleitung eines hbschen Offiziers, ihres sogenannten Verwandten, spazieren ritt. Meine Verblendung dauerte zwar nur kurze Zeit und ich sah ja die Aussichtslosigkeit meiner Schwrmerei sehr bald ein, aber damals war ich doch emprt ber meinen Freund wegen seiner Scheu, Drosdoffs seinen Besuch zu machen oder auch nur das Haus zu verlassen. Und das alles wegen jenes hlichen Verdachts! Unser Freundeskreis war von ihm schon am ersten Tage brieflich benachrichtigt worden, da die Abende bei ihm zeitweilig ausfallen mten, und spter hatte ich noch auf seine instndige Bitte hin, (damit nur ja niemand sich darber wundere und eine andere Ursache vermute) jeden einzeln aufsuchen und ihm erklren mssen, da Warwara Petrowna unserem Alten, wie wir ihn unter uns nannten, eine groe eilige Arbeit aufgetragen habe: einen mehrjhrigen Briefwechsel in Ordnung zu bringen und hnliches. Nur zu Liputin war ich noch nicht gegangen und ich wollte es auch nicht recht; ich wute im voraus, da er mir doch kein Wort glauben, vielmehr sofort argwhnen werde, da man gerade vor ihm etwas geheimhalten wolle. Und dann wrde er natrlich in der Stadt berall herumlaufen, um sich zu erkundigen, und dabei nur Klatsch verbreiten. Da traf ich ihn pltzlich ganz zufllig auf der Strae. Ich begann mich zu entschuldigen, ich sei noch nicht dazu gekommen, ihn gleichfalls aufzusuchen usw., doch er unterbrach mich sogar und zeigte seltsamerweise gar keine Neugier, ja, er ging selbst sofort auf ein anderes Thema ber und begann seinerseits die Neuigkeiten zu erzhlen, die sich bei ihm inzwischen angesammelt hatten. Zunchst berichtete er von der Ankunft der Gemahlin unseres neuen Gouverneurs, die neue Gesprchsthemata mitgebracht habe, und von der Opposition gegen diese Themata, die sich im Klub schon gebildet habe; alle Welt rede jetzt von neuen Ideen, alle seien hinter ihnen her usw. usw. Kurz, er erzhlte eine gute Viertelstunde, und zwar so amsant, da ich mich nicht loszureien vermochte, obschon ich ihn persnlich nicht ausstehen konnte. Er war in meinen Augen der geborene Spion, der alle Stadtgeheimnisse wute, besonders alle skandalsen, und sein vorherrschender Charakterzug war, wie mir schien, der Neid. Als ich Stepan Trophimowitsch von dieser Begegnung erzhlte, regte er sich, zu meiner Verwunderung, unglaublich auf und stellte die seltsame Frage: Wei Liputin schon etwas davon oder wei er noch nichts? Ich suchte ihn zu beruhigen und zu berzeugen, da Liputin doch unmglich von Warwara Petrownas Plan etwas gehrt haben knne; durch wen denn? Aber sein Argwohn blieb und pltzlich sagte er: Glauben Sie es mir oder glauben Sie es nicht, aber ich bin berzeugt, da ihm nicht nur _unsere_ Lage bereits bekannt ist, sondern da er auerdem noch etwas wei, was weder ich noch Sie wissen, und was wir vielleicht auch nie erfahren werden, oder erst dann, wenn es schon zu spt ist, wenn es kein Zurck mehr gibt! Ich schwieg, aber diese Worte deuteten doch vieles an. Er aber bereute sichtlich schon im nchsten Augenblick, sie ausgesprochen und seinen Verdacht verraten zu haben. II. Eines Morgens -- es war am siebenten oder achten Tage nach Stepan Trophimowitschs Einwilligung zu heiraten -- hatte ich, als ich wie gewhnlich gegen elf Uhr zu meinem bekmmerten Freunde eilte, unterwegs ein kleines Erlebnis: ich begegnete Karmasinoff[26], dem groen Schriftsteller, wie Liputin ihn zu nennen pflegte. Karmasinoffs Schriften hatten mich in meinen Jnglingsjahren entzckt, begeistert. Seine spteren tendenzisen Novellen gefielen mir viel weniger als seine ersten Werke, die noch viel Poesie enthielten; manche aber sagten mir gar nicht mehr zu. Und zuletzt hatte ich eine Skizze von ihm gelesen, die ungeheure Aussprche darauf erhob, naive Poesie und zugleich hchste Psychologie zu bringen. Diese Skizze sollte den Untergang eines Schiffes irgendwo an der englischen Kste schildern, den er als Augenzeuge miterlebt hatte, doch in Wirklichkeit schilderte sie nur ihn, den Verfasser. Man las es frmlich zwischen den Zeilen: So seht doch auf mich, seht, wie ich in diesen Augenblicken war! Was geht euch dieses Meer an, der Sturm usw., _ich_ bin es doch, der euch das mit genialer Feder schildert! Als ich damals Stepan Trophimowitsch meine Meinung ber diese Skizze sagte, stimmte er mir bei. Trotzdem htte ich Karmasinoff jetzt, whrend seines Besuches in unserer Stadt, gern gesehen oder gar seine Bekanntschaft gemacht, was durch Stepan Trophimowitschs Vermittlung mglich war; sie waren ja frher befreundet gewesen. Und da begegnete ich ihm nun pltzlich an einer Straenecke. Ich erkannte ihn sofort; man hatte ihn mir schon vor drei Tagen gezeigt, als er mit der Gouverneurin in einer Equipage vorberfuhr. Er war ein sehr kleiner, gezierter alter Herr, brigens wohl nicht ber fnfundfnzig Jahre alt, mit ziemlich frischem Gesichtchen, dichten grauen Lckchen, die unter seinem runden Zylinderhut hervorquollen und sich um seine kleinen, netten, rosafarbenen Ohren ringelten. Sein sauberes Gesichtchen war nicht gerade hbsch, mit den dnnen, langen, verschlagen geschlossenen Lippen, der etwas fleischigen Nase und den stechenden, klugen kleinen uglein. Er war eigentlich etwas altmodisch gekleidet, wenigstens erinnerte der Mantel, den er trug, an die Umhnge, die bei Regenwetter etwa in der Schweiz oder in Oberitalien getragen werden. Dafr aber waren alle die kleinen Sachen, wie Hemdknpfchen, das Krgelchen, die Schildpattlorgnette am schmalen schwarzen Bndchen, der Ring am Finger unbedingt genau von der Art, wie sie von Leuten des untadelig guten Tones getragen werden. Er blieb an der Straenecke stehen und sah sich aufmerksam um. Als er bemerkte, da ich ihn neugierig ansah, wandte er sich an mich und fragte mit honigsem, wenn auch kreischendem Stimmchen: Gestatten Sie die Frage, wie komme ich auf dem nchsten Wege zur Bykoffstrae? Zur Bykoffstrae? Hier ... hier geradeaus, rief ich erregt, und dann die zweite Querstrae links. Ich danke Ihnen sehr. Verwnscht sei dieser Augenblick! Er hatte aus meiner Verlegenheit und Erregung natrlich sofort alles erraten, d. h. da ich wute, wer er war, da ich seine Werke verschlungen hatte und darum so befangen und so dienstbeflissen war. Er lchelte, nickte und ging weiter. Ich wei nicht, warum ich ihm nachging. Da blieb er wieder stehen. Und knnten Sie mir auch angeben, wo hier in der Nhe Droschken stehen? kreischte wieder seine Stimme. Droschken? Hier ... bei der Kirche stehen immer welche! und fast wre ich selbst nach einer Droschke gelaufen. Ich vermute, da er gerade das von mir auch erwartete. Natrlich kam ich sofort zur Besinnung und blieb stehen, aber meine erste Bewegung hat er bestimmt bemerkt, da er mich die ganze Zeit mit diesem schndlichen Lcheln scharf beobachtete. Da aber geschah etwas fr mich Unvergeliches: er lie pltzlich ein Sckchen oder eine Art Tschchen fallen, das er in der linken Hand trug. Und ich machte unwillkrlich eine Bewegung, um es aufzuheben. Natrlich besann ich mich sofort und hob es nicht auf, nur wurde ich rot wie ein Dummkopf. Er aber nutzte die Situation raffiniert zu seinen Gunsten aus. Bemhen Sie sich nicht, ich kann ja selbst ... sagte er in bezaubernd liebenswrdigem Tone, aber erst, als kein Zweifel mehr darob bestand, da ich es nicht aufheben wrde. Er hob es selbst auf, nickte mir zu und ging weiter, indem er mich wie einen dummen Jungen stehen lie. Das war ebensogut, als htte ich es aufgehoben. In den ersten fnf Minuten hielt ich mich fr lebenslnglich blamiert; doch als ich mich dem Hause Stepan Trophimowitschs nherte, lachte ich pltzlich laut auf: die Begegnung kam mir so komisch vor, da ich sofort beschlo, sie meinem Freunde zur Erheiterung zu erzhlen. III. Aber diesmal fand ich ihn zu meiner Verwunderung ganz verndert vor. Er strzte mir freilich mit einer gewissen Spannung entgegen und begann mir zuzuhren, aber er war doch sichtlich so zerstreut, da er meinen Bericht anfangs gar nicht verstand. Kaum aber hatte ich den Namen Karmasinoff ausgesprochen, als er pltzlich geradezu auer sich geriet. Reden Sie nicht von ihm, nennen Sie ihn nicht! rief er fast wie rasend. Hier, hier, sehen Sie, lesen Sie! Er ri ein Schubfach auf und warf mir drei kleine Zettel zu. Es waren drei Zuschriften Warwara Petrownas an ihn, die sich alle auf Karmasinoff bezogen und deutlich ihre Besorgnis verrieten, der groe Schriftsteller knnte vergessen, ihr seine Visite zu machen. Das erste Briefchen, das sie vor drei oder vier Tagen geschrieben hatte, lautete: Sollte er Sie heute endlich beehren, so bitte von mir kein Wort. Erwhnen Sie mich berhaupt nicht und erinnern Sie ihn nicht daran. W. S. Der zweite Zettel vom vergangenen Tage lautete: Sollte er sich heute endlich entschlieen, Ihnen seine Visite zu machen, so drfte es das beste sein, ihn berhaupt nicht zu empfangen. Das wre meine Meinung. Wie die Ihre ist, wei ich nicht. W. S. Und den dritten hatte er vor einer Stunde erhalten: Ich bin berzeugt, da in Ihren Zimmern eine Fuhre Papierschnippel und allerhand umherliegt und der Zigarrenrauch undurchdringlich ist. Ich schicke Ihnen Marja und Fmuschka, die werden in einer halben Stunde alles aufrumen. Stren Sie sie nicht, setzen Sie sich so lange in die Kche. Ich sende Ihnen einen bucharischen Teppich und zwei chinesische Vasen, die ich Ihnen schon lange schenken wollte, und auerdem meinen Teniers (diesen aber nur fr einige Zeit). Die Vasen knnte man aufs Fensterbrett stellen und den Teniers hngen Sie rechts unter Goethes Portrt, dort ist er sichtbarer. Wenn er endlich erscheint, so empfangen Sie ihn mit vollendeter Hflichkeit, aber reden Sie nur von Belanglosem, z. B. von irgendetwas Gelehrtem, und mit einem Gleichmut, als htten Sie sich erst gestern getrennt. ber mich kein Wort. Vielleicht komme ich am Abend zu Ihnen, um zu sehen, wie es aussieht. W. S. _P. S._ Wenn er heute nicht kommt, so wird er berhaupt nicht kommen. Ich las und wunderte mich im stillen, da solche Kleinigkeiten ihn so erregen konnten. Als ich aufsah bemerkte ich, da er inzwischen seine weie Halsbinde mit einer roten vertauscht hatte. Hut und Stock lagen auf dem Tisch. Er war bla und seine Hnde zitterten. Ich will von ihren Besorgnissen nichts wissen! schrie er emprt als Antwort auf meinen fragenden Blick. _Je m'en fiche!_{[36]} Ihr fllt es ein, sich wegen Karmasinoff aufzuregen, aber auf meine Briefe antwortet sie mir nicht! Dort, sehen Sie, dort auf dem Schreibtisch liegt mein Brief, den sie mir gestern unerffnet zurckgeschickt hat! Was geht es mich an, da sie sich um _Ni--k--lenka_ Sorgen macht! _Je m'en fiche et je proclame ma libert! Au diable le Karmazinoff! Au diable la Lembke!_{[37]} Die chinesischen Vasen habe ich im Vorzimmer versteckt und den Teniers in der Kommode untergebracht, von ihr aber habe ich verlangt, mich sofort zu empfangen. Jawohl: _verlangt_, mich sofort zu empfangen, sofort! Ich habe ihr genau solch einen mit Bleistift geschriebenen Zettel unversiegelt durch Nastassja geschickt und warte jetzt. Ich will, da Darja Pawlowna mir persnlich sagt, was gesagt werden mu, mit eigenem Munde und vor dem Angesicht des Himmels oder wenigstens vor Ihnen. _Vous me seconderez, n'est-ce pas, comme ami et tmoin._{[38]} Ich will nicht errten mssen, ich will nicht lgen mssen, ich will keine Geheimnisse, in dieser Sache werde ich Geheimnisse nicht dulden! Sie sollen mir alles gestehen, ehrlich, offen und anstndig, und dann ... dann werde ich vielleicht die ganze heutige Generation durch meine Gromut in Erstaunen setzen! ... Bin ich denn ein Schuft, mein Herr? schlo er pltzlich und sah mich so drohend an, als htte gerade _ich_ ihn fr einen Schuft gehalten. Ich bat ihn, zur Beruhigung ein wenig Wasser zu trinken. So erregt hatte ich ihn noch nie gesehen. Er lief die ganze Zeit hin und her. Pltzlich blieb er in einer ganz ungewhnlichen Pose vor mir stehen. Glauben Sie wirklich, begann er mit krankhaftem Hochmute, mich vom Kopfe bis zu den Fen messend, da ich, Stepan Werchowenski, nicht so viel sittliche Kraft in mir fnde, um meine Habe -- mein armseliges Bndel! -- auf meine schwachen Schultern zu laden, zum Tore hinauszugehen und fr immer von hier zu verschwinden, wenn das die Ehre und das hohe Prinzip der Unabhngigkeit fordern? Es wre nicht das erste Mal, da Stepan Werchowenski Despotismus durch Gromut zurckweist, selbst wenn es sich um den Despotismus eines wahnsinnigen Weibes handelt, also um den krnkendsten und grausamsten Despotismus, den es auf der Welt berhaupt geben kann, wiewohl Sie soeben beliebten, ber meine Worte zu lcheln, mein Herr! Oh, Sie glauben natrlich nicht, da ich soviel Gromut aufzubringen vermchte, um mein Leben lieber bei einem Kaufmann als Hauslehrer zu beschlieen oder hinter einem Zaune Hungers zu sterben! Antworten Sie mir, antworten Sie sofort: trauen Sie mir das zu oder trauen Sie's mir nicht zu? Ich schwieg aber absichtlich. Ich tat sogar, als brchte ich es nicht ber mich, ihn durch eine verneinende Antwort zu krnken, und knnte doch auch nicht bejahend antworten. In diesem ganzen Benehmen lag etwas, was mich entschieden verletzte, nicht mich persnlich, o nein! ... Ich werde das spter erklren. Er wurde bla. Vielleicht langweilt Sie berhaupt der Umgang mit mir, G--ff (dies ist mein Familienname), und Sie wrden lieber ... den Verkehr mit mir ganz aufgeben? fragte er in jenem Tone bleicher Ruhe, die gewhnlich einem auergewhnlichen Ausbruch vorhergeht. Ich sprang erschrocken auf; in dem Augenblick kam Nastassja herein und bergab ihm schweigend einen Zettel. Er warf einen Blick darauf und reichte ihn mir. Auf dem Papier standen nur vier Worte von Warwara Petrowna: Bleiben Sie zu Hause. Stepan Trophimowitsch nahm schweigend Hut und Stock und ging zur Tr; ich wollte ihm unwillkrlich folgen. Da hrten wir pltzlich Stimmen und Schritte im Korridor. Er blieb wie vom Donner gerhrt stehen. Liputin! Ich bin verloren! flsterte er und packte mich am Arm. -- Da trat Liputin schon ins Zimmer. IV. Warum er durch Liputins Besuch verloren sei, wute ich mir zwar nicht zu erklren, aber sein Schreck war doch so auffallend, da ich beschlo, hier acht zu geben. Schon die Art, wie Liputin auftrat, sagte einem sofort, da er heute trotz aller Verbote ein besonderes Recht zum Eintritt zu haben glaubte. Er brachte einen uns unbekannten Herrn mit, offenbar einen Zugereisten. Als Antwort auf den leeren Blick des starr dastehenden Stepan Trophimowitsch rief er sogleich laut: Ich bringe einen Gast mit, einen besonderen! Ich wage es, Ihre Einsamkeit zu stren. Herr Kirilloff, ein hervorragender Ingenieur der Wegebaukunst. Doch das Wichtigste ist: er kennt Ihren Sohn, sogar sehr gut, und hat einen Auftrag von ihm. Den Auftrag haben Sie hinzugefgt, sagte der Gast schroff, davon habe ich nichts. Aber Werchowenski kenne ich. Das ist so. Ich habe ihn im Gouvernement Ch. verlassen. Zehn Tage zurck.[27] Stepan Trophimowitsch reichte ihm mechanisch die Hand und forderte ihn auf, Platz zu nehmen. Dann sah er mich an, dann Liputin und pltzlich, wie sich besinnend, setzte er sich selbst schnell hin, behielt aber Hut und Stock, offenbar unbewut, in der Hand. Aber was sehe ich, Sie wollen selbst ausgehen! rief Liputin. Und mir hat man doch gesagt, Sie seien vor lauter Arbeit ganz krank! Ja, ich fhle mich nicht wohl und wollte deshalb spazieren gehen. Ich ... Stepan Trophimowitsch stockte pltzlich, warf schnell Hut und Stock auf den Diwan und -- errtete. Ich sah mir inzwischen schnell den Gast nher an. Er war ein junger Mann von ungefhr siebenundzwanzig Jahren, anstndig gekleidet, gutgewachsen und mager, brnett, mit blassem Gesicht von gleichsam ein wenig erdig-brauner Hautfarbe und mit schwarzen glanzlosen Augen. Er schien nachdenklich und zerstreut zu sein, sprach seltsam abgebrochen und grammatisch geradezu falsch, wenigstens stellte er die Worte sehr sonderbar zusammen und bei jedem lngeren Satz gerieten sie ihm anscheinend durcheinander. Liputin, dem Stepan Trophimowitschs Schreck natrlich nicht entgangen war, hatte fr sich einen Rohrstuhl fast bis in die Mitte des Zimmers gezogen, um in gleicher Entfernung vom Gast und vom Hausherrn sitzen zu knnen, die einander gegenber jeder auf einem Diwan Platz genommen hatten. Seine scharfen Augen fuhren neugierig im Zimmer umher. Ich ... ich habe Petrscha so lange nicht mehr gesehen ... Haben Sie ihn im Auslande getroffen? brachte Stepan Trophimowitsch, zum Gast gewandt, unsicher hervor. Auch hier und auch im Auslande. Herr Kirilloff ist soeben nach vierjhriger Abwesenheit zurckgekehrt, bemerkte Liputin, aus dem Auslande, wo er sich in seinem Fach vervollkommnet hat, und jetzt ist er zu uns gekommen, da er Aussicht hat, eine Anstellung beim Bau unserer Eisenbahnbrcke zu erhalten. Ihr Sohn hat ihn in der Schweiz auch mit Drosdoffs bekannt gemacht, und er kennt auch Nicolai Stawrogin! Ja?! ... Ich ... ich habe Petrscha so lange nicht mehr gesehen ... und habe eigentlich so wenig das Recht, mich Vater zu nennen ... _oui, c'est le mot_.{[39]} Ich ... wie haben Sie ihn denn dort verlassen? Ja, so ... Er wird selbst kommen. Herr Kirilloff beeilte sich sichtlich, die Antwort los zu werden. Er war entschieden gergert, sa finster da und hrte ungeduldig zu. Er wird herkommen! Endlich werde ich ... Ja, sehen Sie, ich habe Petrscha so lange nicht mehr gesehen! Stepan Trophimowitsch kam von diesem Satz nicht los. Ich erwarte jetzt meinen armen Jungen, vor dem ... oh, vor dem ich so schuldig dastehe! Das heit, ich wollte sagen, da ich ihn in Petersburg damals fr nichts Besonderes hielt ... _ou quelque chose dans ce genre_.{[40]} Der Junge war, wissen Sie, nervs, sehr empfindsam, und ... ngstlich. Bevor er zu Bett ging, verneigte er sich vor dem Heiligenbilde und bekreuzte sein Kopfkissen, um in der Nacht nicht zu sterben, _je m'en souviens. Enfin_,{[41]} kein bichen Gefhl fr das Schne, das heit fr etwas Hheres, oder Tieferes, kein einziger Keim einer zuknftigen Idee ... _c'tait comme un petit idiot_.{[42]} brigens, ich ... entschuldigen Sie, ich ... bin momentan ... Das Kissen bekreuzte, sagten Sie das im Ernst? erkundigte sich Herr Kirilloff pltzlich mit besonderem Interesse. Ja, er bekreuzte es ... Nein, ich fragte nur so; fahren Sie fort. Stepan Trophimowitsch sah Liputin fragend an. Ich bin Ihnen sehr dankbar fr Ihren Besuch, aber ich mu gestehen, ich bin jetzt nicht imstande ... Doch gestatten Sie die Frage, wo wohnen Sie? In der Bogojawlenskstrae, im Filippoffschen Hause. Ach, das ist ja dasselbe Haus, in dem auch Schatoff wohnt, bemerkte ich unwillkrlich. Ja, eben, genau in demselben Hause, rief Liputin schnell, nur wohnt Schatoff oben und er unten bei Lebdkin. Und er ist auch mit Schatoff und Schatoffs Frau bekannt, mit dieser sogar besonders nah und gut. _Comment!_{[43]} So wissen Sie etwas von dieser unglcklichen Ehe _de notre pauvre ami_{[44]} mit dieser Frau? fragte Stepan Trophimowitsch pltzlich lebhaft, mit aufrichtigem Mitgefhl. Sie sind der erste, der diese Frau persnlich kennt; und wenn nur ... Welch ein Bldsinn! Kirilloff sah dabei, ganz rot vor Zorn, Liputin ungehalten an. Was Sie immer zu allem hinzufgen, Liputin! Ich kenne Schatoffs Frau gar nicht ... habe sie nur einmal gesehen, von weitem ... Was fgen Sie immer hinzu! Und er machte eine schroffe Wendung auf dem Diwan, griff schon nach seiner Mtze, legte sie aber wieder hin, und als er wieder wie frher dasa, richtete er pltzlich seine schwarzen aufflammenden Augen mit einer gewissen Herausforderung auf Stepan Trophimowitsch. Ich vermochte mir diese sonderbare Reizbarkeit berhaupt nicht zu erklren. Verzeihen Sie, versetzte Stepan Trophimowitsch fein, ich verstehe, da das eine sehr zarte Angelegenheit ... Gar keine zarte Angelegenheit, und das ist einfach schamlos ich habe aber nicht zu Ihnen >Bldsinn< gesagt, sondern zu Liputin, weil er immer hinzufgt. Entschuldigen Sie, wenn Sie es auf sich dachten. Ich kenne Schatoff, aber seine Frau, nein, die gar nicht! Ich verstehe, oh, ich verstehe. Ich habe ja nur gefragt, weil ich unseren armen Freund sehr liebe und mich immer fr ihn interessiert habe ... Der junge Mann hat, meiner Meinung nach, etwas zu pltzlich, zu schroff seine frheren, vielleicht noch unreifen, aber immerhin richtigen Ansichten gendert. Er sagt jetzt dermaen sonderbare Dinge ber _notre sainte Russie_,{[45]} da ich diesen Umschwung in seinem Inneren -- anders mchte ich's nicht nennen -- einer starken Erschtterung seines Privatlebens zuschreibe, in erster Linie seiner unglcklichen Ehe. Ich, der ich mein armes Ruland studiert habe und wie meine fnf Finger kenne, und meinem Volke mein ganzes Leben geweiht habe, ich versichere Ihnen, da er das russische Volk nicht kennt, und zudem ... Ich kenne das russische Volk auch gar nicht und ... um es zu studieren ist auch gar keine Zeit da! fiel ihm der Ingenieur wieder ins Wort und wieder machte er eine schroffe Wendung auf seinem Platz. Aber er studiert es, studiert es, hakte Liputin flink ein, er hat schon damit begonnen und jetzt arbeitet er an einer ungemein interessanten Abhandlung ber die Ursachen der Zunahme der Selbstmorde in Ruland und berhaupt ber die Ursachen, die die Verbreitung des Selbstmordes in der menschlichen Gesellschaft frdern oder hemmen. Er ist auch schon zu ganz erstaunlichen Folgerungen gelangt! Der Ingenieur geriet in schreckliche Erregung. Dazu haben Sie gar kein Recht! sagte er zornig. Ich schreibe gar keine Abhandlung. Ich will keine solche Dummheiten. Ich habe Sie unter uns gefragt, nur versehentlich. Und nichts von einer Abhandlung; ich verffentliche nicht, Sie aber haben kein Recht ... Liputin ergtzte sich augenscheinlich an diesem Zorn. Ja dann verzeihen Sie schon, vielleicht habe ich mich falsch ausgedrckt, wenn ich Ihre literarische Arbeit eine Abhandlung nannte. Er sammelt nmlich nur Beobachtungen, aber an den Kern der Frage oder sozusagen an ihre sittliche Seite rhrt er berhaupt nicht, ja er lehnt sogar die Sittlichkeit selbst ganz ab und hlt sich dafr an den neuesten Grundsatz der allgemeinen Zerstrung zum Zwecke der Erreichung guter Endziele. Er verlangt ber hundert Millionen Kpfe, um die gesunde Vernunft in Europa zur Herrschaft zu bringen, also noch viel mehr, als auf dem letzten Weltkongre verlangt wurden. In der Beziehung geht er viel weiter als alle anderen! Der Ingenieur hrte mit einem geringschtzigen und blassen Lcheln zu. Eine halbe Minute schwiegen wir alle. Das ist so dumm, Liputin, sagte Kirilloff schlielich, nicht ohne eine gewisse Wrde. Ich habe Ihnen nur einige Punkte gesagt, und Sie haben sie so aufgefat, das ist Ihre Sache. Aber Sie haben gar kein Recht dazu, und ich spreche davon zu niemandem. Ich verachte das Sprechen. Wenn ich berzeugungen habe, so sind sie fr mich klar. Ich philosophiere nicht mehr ber das, was schon ganz klar ist. Ich kann es nicht ausstehen, zu philosophieren. Ich will niemals philosophieren. Und vielleicht tun Sie ganz recht daran, konnte Stepan Trophimowitsch sich nicht enthalten, zu bemerken. Ich habe mich bei Ihnen entschuldigt, aber ich rgere mich hier ber niemanden, fuhr der fremde Gast schnell und erregt fort. Ich habe vier Jahre lang wenig Menschen gesehen. Vier Jahre habe ich wenig gesprochen und mich bemht, mit keinem Menschen zusammenzukommen, wegen meiner Ziele, die weiter niemanden angehen. Liputin fand das zum Lachen. Ich sehe das, aber ich beachte es nicht. Man kann mich nicht beleidigen, aber ich rgere mich nur ber seine Ungeniertheit. Doch wenn ich Ihnen nicht meine Gedanken erklre, schlo er unerwartet und sah uns alle der Reihe nach mit festem Blick an, so unterlasse ich das nicht deshalb, weil ich eine Anzeige bei der Regierung frchte, nein, bitte, denken Sie nicht Dummheiten von der Art ... Dazu sagte schon niemand mehr etwas. Wir sahen uns nur an. Sogar Liputin verga zu spottlcheln. Meine Herren, ich bedaure unendlich, sagte Stepan Trophimowitsch pltzlich entschlossen und erhob sich, aber ich fhle mich nicht wohl. Entschuldigen Sie mich. Ach, das ist, damit wir fortgehen! rief Herr Kirilloff und sprang sofort auf. Gut, da Sie es sagten, ich bin sonst vergelich. Er trat mit gutmtigem Ausdruck und ausgestreckter Hand auf Stepan Trophimowitsch zu. Schade, da Sie krank sind und ich gekommen bin. Ich wnsche Ihnen allen Erfolg bei uns, sagte Stepan Trophimowitsch wohlwollend und gab ihm langsam die Hand. Ich verstehe schon, da Sie, der Sie so lange im Auslande ohne Verkehr gelebt haben, auf uns Urrussen mit Erstaunen blicken mssen -- und wir natrlich desgleichen auf Sie. _Mais ce a passera._{[46]} Nur eines macht mir Sorge: Sie wollen hier unsere Brcke bauen, und erklren sich zu gleicher Zeit fr das Prinzip der allgemeinen Zerstrung? Dann wird man Sie unsere Brcke nicht bauen lassen! Was?! Wie, was haben Sie gesagt? rief Kirilloff bestrzt; bis er pltzlich begriff: Ach so! und er brach in das heiterste und harmloseste Lachen aus; dabei nahm sein Gesicht auf einen Augenblick einen ganz kindlichen Ausdruck an, der ihm, wie mir schien, ungemein gut stand. Liputin rieb sich die Hnde vor Vergngen ber Stepan Trophimowitschs gelungene Bemerkung. Ich aber fragte mich noch immer, warum Stepan Trophimowitsch ausgerufen hatte, ich bin verloren, als er Liputin kommen hrte. V. Wir waren alle aufgestanden. Es war jener Augenblick, in dem die Gste und der Hausherr noch die letzten liebenswrdigen Worte zu wechseln pflegen, um dann zufrieden auseinander zu gehen. Da bemerkte pltzlich Liputin, der bereits an der Tre stand, wie beilufig: Er ist ja nur deshalb so mrrisch, weil er mit dem Hauptmann Lebdkin den Streit gehabt hat. Der schlgt seine schne Schwester, die Irrsinnige, jeden Morgen und jeden Abend mit der Nagaika, mit einer echten Kosakenpeitsche, sage ich Ihnen! Herr Kirilloff aber ist deswegen schon auf die andere Seite, in den Flgel des Hauses gezogen, um das nicht tglich anhren zu mssen. Na ja, -- also auf Wiedersehen! Die kranke Schwester? Die Irrsinnige? Mit der Nagaika? rief Stepan Trophimowitsch, als sei er selbst von einem Peitschenschlage getroffen worden. Welch eine Schwester? Was fr ein Lebdkin? Lebdkin -- na, dieser verabschiedete Hauptmann doch! Frher nannte er sich >StabskapitnHauptmann< hat uns damals allem Anscheine nach nicht wegen falscher Papiere verlassen, sondern einzig und allein, um sein verrcktes Schwesterlein aufzusuchen, das sich an einem unbekannten Orte versteckt hielt. Na, und jetzt hat er sie eben hergebracht. Und das ist alles. Was ist denn dabei? Warum regen Sie sich denn so darber auf, Stepan Trophimowitsch? Ich erzhle doch nur, was ich von ihm selber in seiner Betrunkenheit erfahren habe. Wenn er nchtern ist, schweigt er darber. Ein reizbarer Mensch brigens, na, und so ... na, so ein dichtender Mars mitunter, wenn der Geist ber ihn kommt, doch meist von blem Geschmack. Und das verrckte Schwesterlein, das dabei noch hinkt, scheint mir von irgend jemand entehrt worden zu sein. Der Herr Bruder aber bezieht einen jhrlichen Tribut, als Belohnung fr die Ehrenbeleidigung, wie er sagt. Meiner Meinung nach ist das freilich nur Geschwtz. Er prahlt einfach. Aber das liee sich doch mit weniger Geld auch machen! Doch Tatsache ist, da er Geld hat, und zwar in groen Summen! Vor anderthalb Wochen ging er fast barfu, und jetzt hat er -- ich habe es selbst gesehen! -- Hunderte in den Hnden. Die Schwester hat tglich irgendwelche Anflle, und schreit dann, worauf er sie mit der Peitsche >in Ordnung bringt<, wie er zu sagen pflegt, -- denn man msse in das Weib >Achtung pflanzen<. Ich begreife nicht, wie Schatoff es aushlt, ber ihnen zu wohnen. Herr Kirilloff hat es nur drei Tage aushalten knnen. Nun ist er umgezogen, wie gesagt. Er kannte sie noch von Petersburg her! Ist das wirklich alles wahr? wandte sich Stepan Trophimowitsch an den Ingenieur. Sie schwatzen furchtbar viel, Liputin, brummte dieser wtend. Geheimnisse und wieder Geheimnisse! Woher kommt das doch, da es bei uns pltzlich so viele Geheimnisse gibt? Stepan Trophimowitsch konnte nicht mehr an sich halten. Der Ingenieur rgerte sich, errtete, zuckte ungeduldig mit den Schultern und ging schon aus dem Zimmer. Herr Kirilloff hat ihm sogar die Peitsche aus der Hand gerissen, sie zerbrochen und dann aus dem Fenster geworfen, fgte da Liputin schnell mit schlauem Lcheln hinzu. Kirilloff kehrte sofort um: Was soll das alles, Liputin? Das ist doch dumm. Und weshalb? Aber wozu denn aus Bescheidenheit gerade die edelsten Regungen der Seele verheimlichen?! -- das heit, Ihrer Seele, selbstredend Ihrer Seele, ich spreche nicht von der meinen! antwortete Liputin. Wie das dumm ist ... und gar nicht ntig. Lebdkin ist ein ganz leerer Mensch und kommt fr die Sache gar nicht in Betracht und schadet ihr nur. Warum schwatzen Sie so viel berflssiges? Ich gehe! Ach, wie schade! rief da Liputin mit hellem Lcheln aus. Sie gehen schon -- sonst htte ich Stepan Trophimowitsch noch mit einer kleinen Anekdote erfreut! Und zu diesem gewandt: Bin sogar mit der Absicht hergekommen, sie Ihnen unbedingt zu erzhlen. Doch Sie werden sie ja bestimmt schon gehrt haben. Na, dann eben ein anderes Mal! Herr Kirilloff hat es ja so eilig ... Auf Wiedersehen also! Nein, hat aber Warwara Petrowna mich vorgestern belustigt! Sie schickte extra nach mir. Einfach zum Kranklachen war's. Na, auf Wiedersehen, Wiedersehen! Aber schon hatte Stepan Trophimowitsch ihn pltzlich an den Schultern gepackt, zu sich herumgedreht und fest auf einen Stuhl gesetzt. Liputin erschrak ordentlich. Ja, wie denn? fragte er und sah von seinem Stuhl aus ngstlich und verwundert zu Stepan Trophimowitsch empor. Doch fate er sich schnell. Ja, denken Sie sich, pltzlich ruft man mich und fragt mich im geheimen -- was ich eigentlich von Nicolai Stawrogin denke: ob ich ihn fr wahnsinnig halte oder nicht? Wie soll man da nicht staunen? Sie sind verrckt geworden, Liputin! sagte Stepan Trophimowitsch. Sie wissen nur zu gut, da Sie gekommen sind, um mir irgendeine Gemeinheit zu sagen. Mir fiel sofort die Bemerkung Stepan Trophimowitschs ein, Liputin wisse nicht nur von unserer Sache, sondern wisse noch viel mehr, als wir je erfahren wrden. Erlauben Sie, Stepan Trophimowitsch! stotterte Liputin, als ob jener ihn furchtbar erschreckt htte. Erlauben Sie ... Schweigen Sie jetzt! Ich bitte Sie, Herr Kirilloff, kommen Sie zurck und setzen sie sich. Bitte, hier! Und Sie, Liputin, Sie werden jetzt erzhlen, aber einfach und ohne Ausreden! Htte ich gewut, da es Sie so aufregt, so wrde ich gar nicht davon angefangen haben ... und ich dachte doch, Sie wten das alles selbst ... schon lngst ... von Warwara Petrowna! Das haben Sie durchaus nicht gedacht! Aber fangen Sie endlich an, sage ich Ihnen! Na, dann haben Sie doch wenigstens die Gte, sich auch zu setzen! Denn wenn Sie so vor mir herumlaufen, da wrde ja alles ganz kunterbunt herauskommen! Stepan Trophimowitsch berwand sich und lie sich sehr formell auf einen Sessel nieder. Der Ingenieur blickte finster zu Boden. Liputin aber sah mit unglaublichem Hochgenu von einem zum andern. Ja, womit nun anfangen ... Sie haben mich ganz konfus gemacht ... VI. Vor drei Tagen also, da schickt sie pltzlich ihren Diener zu mir: sie liee bitten, sozusagen, morgen um zwlf zu ihr zu kommen. Knnen Sie sich das denken? Nun, ich lie natrlich meine Arbeit Arbeit sein und um Punkt zwlf klingelte ich an ihrer Tr. Man fhrte mich gleich in das Empfangszimmer. Ich wartete kaum eine Minute, als Warwara Petrowna auch schon eintrat. Sie bot mir einen Stuhl an und setzte sich selbst mir gegenber. Ich sa nun also, brachte es aber zunchst nicht ber mich, meinen Ohren wie sonst zu trauen. Sie wissen doch, wie sie mich immer behandelt hat. Sie begann also, wie es so ihre Art ist, gerade heraus und ohne alle Umschweife: >Sie erinnern sich wohl noch<, sagte sie, >der drei sonderbaren Handlungen meines Sohnes vor vier Jahren. Die ganze Stadt konnte sie nicht begreifen, bis sich dann alles durch seine Erkrankung aufklrte. Eine dieser Handlungen ging Sie sogar persnlich an. Auf meine Bitte hin machte mein Sohn Ihnen spter, als er wieder hergestellt war, seinen Besuch. Ich wei, da er Ihnen schon frher mehrfach begegnet war und sich mit Ihnen unterhalten hatte. Ich mchte Sie nun bitten, mir doch mit voller Offenheit zu sagen, wie Sie< -- hier stockte sie ein wenig -- >wie Sie damals meinen Sohn fanden ... wie Sie ihn beurteilten ... welcher Meinung Sie ber ihn waren ... und ... was Sie jetzt von ihm denken.< Hier stockte sie aber schon wirklich, wartete sogar ein Weilchen, und pltzlich wurde sie rot. Ich war nicht wenig erschrocken. Aber schon gleich darauf fuhr sie wieder fort, nicht gerade mit rhrender Stimme, nein, das gerade nicht, denn das wrde auch nicht zu ihr passen, aber so sonderbar eindringlich: >Ich will<, sagte sie, >da Sie mich gut und ohne ein Miverstndnis verstehen,< sagte sie. >Ich habe Sie zu mir gebeten, weil ich Sie fr einen Menschen halte, der fhig ist, richtig zu beobachten.< (Wie finden Sie das Kompliment?) >Sie verstehen gewi auch, da es eine Mutter ist, die mit Ihnen spricht,< sagte sie ... >Mein Sohn hat in seinem Leben manches Unglck gehabt und manche Widerwrtigkeit ber sich ergehen lassen mssen. Alles das,< sagte sie, >htte nun auf seinen Verstand, ich meine, auf seine Gemtsstimmung einwirken knnen. Selbstverstndlich spreche ich nicht etwa von Wahnsinn ... das ist ganz und gar ausgeschlossen!< Das sagte sie so, wissen Sie, in einem festen und stolzen Ton! >Aber es knnte da etwas Besonderes sein, etwas Wunderliches, eine gewisse Gedankenrichtung, die Neigung zu gewissen eigentmlichen Anschauungen< ... Das sind alles ihre eigenen Worte, und glauben Sie mir, Stepan Trophimowitsch, ich staunte nur so, mit welcher Genauigkeit Warwara Petrowna eine Sache zu erklren versteht. Wirklich, eine kluge Dame! >Jedenfalls<, sagte sie, >ist mir selbst an ihm eine fortwhrende Unruhe aufgefallen. Aber ich bin ja seine Mutter und Sie sind ein fremder Mensch, folglich mssen Sie, bei Ihrem Verstande, weit fhiger sein, sich ein unbefangenes Urteil ber ihn zu bilden. Ich beschwre Sie< -- jawohl, so sagte sie wortwrtlich -- >ich beschwre Sie, mir die ganze Wahrheit zu sagen, ohne jegliche Beschnigung. Und wenn Sie mir versprechen wollen, nie zu vergessen, da ich im Vertrauen zu Ihnen gesprochen habe, so seien Sie versichert, da ich stets bereit sein werde, Ihnen knftig und bei jeder Gelegenheit meine Dankbarkeit zu beweisen.< Nun, wie finden Sie das? Sie ... Sie haben mich so berrascht ... stotterte Stepan Trophimowitsch, da ich Ihnen ... einfach nicht glaube ... Nein, bedenken Sie doch nur, fiel ihm Liputin lebhaft ins Wort und tat, als htte er Stepan Trophimowitschs letzte Bemerkung berhaupt nicht gehrt, wie gro mu ihre Unruhe und Aufregung um ihn sein, wenn sie sich mit solch einer Frage, von ihrer Hhe herab, an einen Menschen wendet, wie ich es bin, und sich gar so weit erniedrigt, auch noch um Verschwiegenheit zu bitten! Wie ist das nur mglich? Sollte sie da nicht ganz unerwartete Nachrichten ber ihren Sohn erhalten haben? Ich wei von nichts ... Ich glaube, sie hat keine Nachrichten erhalten ... ich habe sie allerdings ... ein paar Tage lang nicht gesehen ... aber ich mchte Sie nur daran erinnern, stotterte Stepan Trophimowitsch wieder, da er sichtlich seine Gedanken nicht mehr sammeln konnte -- ich mchte Sie nur daran erinnern, Liputin, da Sie im _Vertrauen_ gefragt worden sind, und da Sie jetzt in Gegenwart ... Ganz und gar im Vertrauen! Gott soll mich strafen, wenn ich ... Aber hier ... nun ... sind wir denn hier nicht unter Freunden? Selbst Herr Kirilloff ... Ich bin nicht Ihrer Meinung. Zweifellos werden wir _drei_ das Geheimnis bewahren. Aber Sie selbst, den vierten, frchte ich, und Ihnen traue ich in keiner einzigen Beziehung. Ja, wie denn das? Ich bin doch hier der eigentlich Interessierte! Mir ist doch ewige Dankbarkeit versprochen worden! Und hastig ging Liputin darber hinweg: brigens, gerade bei der Gelegenheit, mchte ich noch auf einen sonderbaren, sozusagen psychologischen Fall hinweisen. Gestern abend, noch unter dem Eindruck des Gesprches mit Warwara Petrowna -- Sie knnen sich doch denken, welch einen Eindruck das auf mich gemacht hatte! -- wandte ich mich an Herrn Kirilloff mit der harmlosen Frage: Sie haben, sagte ich, Nicolai Stawrogin doch im Auslande und auch frher schon in Petersburg gekannt, was halten Sie, frage ich, von seinem Verstande und berhaupt von seinen geistigen Fhigkeiten? Und darauf antwortet er mir lakonisch, wie das so seine Art ist: >Ja,< sagt er, >das ist ein Mensch mit seinem Verstande und gesundem Urteil.< Aber haben Sie nicht vielleicht, fragte ich weiter, im Laufe der Jahre gewisse Ideenvernderungen an ihm bemerkt oder eine besondere Geisteswandlung oder einen gewissen, wie soll ich sagen, nun -- sozusagen doch einen gewissen Irrsinn? Kurz, ich wiederholte Warwara Petrownas Frage. Nun, und was denken Sie: Herr Kirilloff wird pltzlich nachdenklich und runzelt die Stirn ... Sehen Sie, genau so wie jetzt. >Ja,< sagte er dann, >ich bemerkte allerdings zuweilen etwas Sonderbares an ihm.< Denken Sie sich, wenn schon Herr Kirilloff etwas Sonderbares bemerkt hat -- was kann dann nicht alles in Wirklichkeit sein?! Ist das wahr? wandte sich Stepan Trophimowitsch an Kirilloff. Ich mchte nicht davon sprechen ... sagte Kirilloff, hob aber pltzlich den Kopf und seine Augen blitzten. Ich mchte Ihr Recht bestreiten, Liputin. Sie haben fr den Fall gar kein Recht auf mich. Ich habe gar nicht meine ganze Meinung gesagt. Ich kannte Stawrogin in Petersburg. Aber das war lange her. Und jetzt, wenn ich ihn auch wiedergesehen habe, so kenne ich ihn doch nur eben so. Ich bitte Sie, mich hier ganz beiseite zu lassen, und ... alles das sieht aus wie Klatsch. Liputin spielte die beleidigte Unschuld und fhrte die Hnde auseinander. Wie Klatsch! Bin ich nicht gar noch ein Spion? Sie haben gut kritisieren, Herr Kirilloff, wenn Sie sich dabei selber beiseite lassen. Sogar dieser Hauptmann, Stepan Trophimowitsch, sogar dieser Lebdkin, der doch so dumm ist, wie -- man schmt sich ja frmlich zu sagen, wie dumm er ist; es gibt aber so einen russischen Vergleich -- sogar der denkt offenbar ganz sonderbar von Nicolai Stawrogin, obwohl er seinen Scharfsinn bewundert. >Bin ganz erstaunt ber diesen Menschen: eine allwissende Schlange!< -- waren seine eigenen Worte. Ich fragte also auch ihn, immer noch unter dem gestrigen Eindruck und schon nach dem Gesprch mit Herrn Kirilloff. >Nun,< fragte ich, >Hauptmann, was glauben Sie eigentlich, ist Ihre allwissende Schlange, Nicolai Stawrogin nicht einfach wahnsinnig?< Na, und nun glauben Sie mir oder glauben Sie mir auch nicht: es war fr ihn, als htte ich ihm hinterrcks einen Peitschenschlag versetzt -- ohne seine Erlaubnis natrlich. Er sprang geradezu auf: >Ja,< sagte er, >ja, aber das kann doch keinen Einflu haben auf ...< Aber auf was das keinen Einflu haben knnte, das sagte er nicht, sondern versank nur in traurige Gedanken, und zwar in so traurige Gedanken, sage ich Ihnen, da er davon ganz nchtern wurde. Wir saen gerade in der Filippoffschen Trinkstube. Erst nach einer halben Stunde ungefhr schlug er pltzlich mit der Faust auf den Tisch: >Ja,< schreit er, >meinetwegen auch wahnsinnig, nur kann das keinen Einflu haben ...< und wieder brach er ab. Ich gebe Ihnen natrlich das Gesprch nur im Auszug wieder, aber der Sinn ist doch wohl klar? Na, und so, wen man auch fragt in der Stadt, allen kommt der Gedanke in den Kopf: >Ja,< sagt ein jeder, >er ist wahnsinnig; gewi, er ist sehr klug; aber vielleicht auch wahnsinnig.< Stepan Trophimowitsch sa ganz in Gedanken versunken da und schien angestrengt zu berlegen. Wie kann Lebdkin das wissen? fragte er. Eh, wollen Sie sich nicht lieber bei Herrn Kirilloff, der mich soeben einen Spion nannte, danach erkundigen? Ich wei nichts und rede nur so zum Zeitvertreib, das nennt man dann Spion, er aber wei die letzten Geheimnisse und schweigt! Ich wei gar nichts. Oder wenig, versetzte der Ingenieur mit derselben Gereiztheit. Sie machen Lebdkin betrunken, um aus ihm was zu erfahren. Sie haben auch mich hierher gebracht, um aus mir zu erfahren, damit ich ... hier sage. Folglich sind Sie ein Spion! Ich habe ihn noch nie betrunken gemacht, das wrde mich zu viel Geld kosten, und das ist er auch gar nicht wert mitsamt seinen Geheimnissen. Sehen Sie, das ist sein Wert fr mich. Wieviel er fr Sie bedeutet, wei ich freilich nicht. Sonst ist er es, im Gegenteil, der jetzt mit dem Gelde nur so um sich wirft, whrend er vor vierzehn Tagen mich noch um fnfzehn Kopeken anpumpte. Er ist es, der mir Champagner vorsetzt, nicht ich ihm. Aber Sie haben mir einen guten Gedanken gegeben, und wenn es ntig sein wird, werde ich ihn schon betrunken machen, um von ihm etwas zu erfahren ... und dann vielleicht alle eure Geheimnisse auf einmal ... so viel ihrer da sind! setzte er bse hinzu. Stepan Trophimowitsch sah die beiden verstndnislos an. Sie hatten sich beide Blen gegeben, und zwar ohne Scheu vor uns anderen Anwesenden. Mir schien es, als habe Liputin diesen Kirilloff einzig deshalb zu uns gebracht, um ihn durch eine dritte Person ins Gesprch zu ziehen -- sein bliches Manver. Herr Kirilloff kennt den Nicolai Stawrogin sogar sehr gut, fuhr Liputin in gereiztem Tone fort, blo will er das nicht eingestehen. Und was den Hauptmann Lebdkin betrifft, so hat der ihn noch viel frher gekannt, als er uns hier mit seinem Besuch beglckte. Sogar schon vor fnf, sechs Jahren in Petersburg, zur Zeit der sogenannten >unbekannten< Lebensepoche Nicolai Stawrogins. Man knnte daraus schlieen, da unser Prinz damals sehr sonderbare Bekanntschaften gehabt haben mu. Auch mit Herrn Kirilloff ist er in eben dieser Zeit bekannt geworden. Hten Sie sich, Liputin, ich warne Sie. Nicolai Stawrogin wird bald herkommen, und das ist einer, der seinen Mann zu stehen wei! Ja, aber was hat denn das mit mir zu tun? Ich bin der erste, der behauptet, da er den feinsten, den erlesensten Verstand hat, und in diesem Sinne habe ich auch Warwara Petrowna gestern vollkommen beruhigt. >Nur fr seinen Charakter,< sagte ich, >kann ich nicht einstehen.< Auch Lebdkin sagt ganz dasselbe. >Unter seinem Charakter,< sagt er, >habe auch ich gelitten.< Ach, Stepan Trophimowitsch, Sie haben gut sagen: >Klatsch< und >Spionage<, aber bitte nicht zu vergessen: erst, nachdem Sie sehr schn alles aus mir herausgezogen haben, und mit was fr einer Neugier noch dazu! Sehen Sie, Warwara Petrowna, die traf gestern gleich den Nagel auf den Kopf. >Sie haben,< sagte sie, >persnlich durch ihn zu leiden gehabt, darum wende ich mich auch an Sie!< Ja, und war es denn nicht so? Mute ich denn nicht vor der ganzen Gesellschaft eine persnliche Beleidigung von Seiner Hochwohlgeboren hinunterschlucken? Ich glaube, ich habe Grund genug, mich fr diese Klatschgeschichten zu interessieren! Heute drckt er einem die Hand, morgen aber schlgt er sie einem, dir nichts, mir nichts, ins Gesicht, und das noch in ehrenwerter Gesellschaft, grad so, wie's ihm gefllt. Rein aus bermut, wie's scheint. Und was die Hauptsache ist! Diese Herren haben die Frauen natrlich immer auf ihrer Seite! Schmetterlinge sind sie und mutige Hhnchen! Gutsbesitzersshne mit Flgelchen hinten dran, wie einstmals Amor ... diese Herzfresser _ la_ Petschorin![28] Sie, Stepan Trophimowitsch, als fanatischer Junggeselle, haben gut reden und mich wegen Seiner Hochwohlgeboren einen Geschichtenmacher zu nennen. Aber heiraten Sie mal erst -- Sie sind ja doch noch ein ganzer Mann! -- so eine nette kleine junge Frau, und Sie werden selber vor unserem Prinzen alle Tren verrammeln und gar Barrikaden im eigenen Hause bauen! Hier lohnt es sich ja gar nicht mehr, zu reden! Selbst von solch einer Mademoiselle Lebdkin, die gepeitscht wird, wrde ich glauben -- bei Gott! --, wenn sie nicht verrckt und lahm wre, da sie ein Opfer unseres Prinzen ist, und da Lebdkin sich deshalb in seiner >Familienehre< gekrnkt fhlt, wie er sich immer ausdrckt. Sie glauben, die wre mit seinem feinen Geschmack nicht in Einklang zu bringen? Mein Gott, auch der strt diese Herren nicht immer. Jede kleine Beere wird gegessen, sie mu nur die richtige Stimmung treffen. Sie sprechen von Klatsch? Aber -- sage ich es denn allein, wenn schon die ganze Stadt es ausschreit? Ich nicke nur und hre zu. >Ja<-sagen ist bekanntlich nicht verboten! Die ganze Stadt schreit ... das heit, was schreit denn die ganze Stadt? Na, ich meine, Hauptmann Lebdkin schreit's in betrunkenem Zustande, so da die ganze Stadt es hren kann. Ist das nicht dasselbe, wie wenn die ganze Stadt es schreit? Bin ich etwa schuld daran? Ich rede nur mit Freunden darber. Ich hoffe doch, hier unter Freunden zu sein? und mit unschuldigem Lcheln sah er uns alle an. Und dabei ist _noch_ etwas geschehen! Denken Sie mal: es stellt sich heraus, da unser Prinz ihm, dem Lebdkin, aus der Schweiz durch ein junges Mdchen dreihundert Rubel geschickt hat. Ich habe die Ehre, die junge Dame persnlich zu kennen, sie ist ohne Tadel und sozusagen eine sittsame Waise. Nach einiger Zeit aber erfhrt Lebdkin aus der sichersten Quelle von einem edlen Menschen, da ihm nicht dreihundert Rubel, sondern tausend zur bergabe gesandt worden sind! >Folglich,< schreit er, >hat das Mdchen mich um siebenhundert Rubeln bestohlen!< Und er will das Geld durch die Polizei herausfordern, wenigstens droht er so und schreit dabei, da die ganze Stadt es hren kann ... Das ist gemein, gemein von Ihnen! rief pltzlich der Ingenieur und sprang vom Stuhl auf. Ja aber -- Sie selbst sind doch dieser edle Mensch, der Lebdkin versichert hat, da nicht dreihundert, sondern tausend geschickt worden sind! Der Hauptmann hat es mir in der Filippoffschen Kneipe, betrunken wie immer, selbst mitgeteilt. Das ... das ist ein unglckliches Miverstndnis. Jemand hat sich geirrt und es ist ... ein Bldsinn -- und Sie sind gemein! Ja, ich will gewi gerne glauben, da es reiner Bldsinn ist. Ich bin sogar tief betrbt, da man das ehrenwerte Mdchen in die Geschichte hineingezogen hat. Erstens mit den siebenhundert Rubeln, und zweitens wei jetzt alle Welt, da sie mit Nicolai Stawrogin intim befreundet gewesen ist. Was kostet es denn Seine Hochwohlgeboren, den jungen Stawrogin, ein ehrenwertes Mdchen zu schnden, oder auch eine fremde Frau zu beschimpfen, wie es mein >Fall< war? Kommt ihnen dann noch ein gromtiger Mensch unter die Finger, so zwingen sie ihn, mit seinem ehrlichen Namen fremde Snden zu decken. Genau so hab ich's doch erleben mssen! Ich rede ja nur von mir ... Hten Sie sich, Liputin! Stepan Trophimowitsch erhob sich drohend. Er war totenbla. Glauben Sie ihm nicht, glauben Sie nicht! Jemand hat sich geirrt und Lebdkin ist immer betrunken! rief der Ingenieur in unbeschreiblicher Aufregung aus. Alles wird sich aufklren, aber ich kann nicht mehr ... ich halte es fr eine Gemeinheit ... und genug ... genug! Er strzte aus dem Zimmer. Aber wohin denn, was haben Sie? Ich gehe doch mit Ihnen! rief Liputin erschrocken, sprang auf und lief ihm nach. VII. Stepan Trophimowitsch stand einen Augenblick wie in Gedanken versunken da, er sah auch mich an, doch ohne mich zu sehen, und schlielich ergriff er Hut und Stock und verlie langsam das Zimmer. Ich ging ihm nach. Erst als er aus der Tr trat, bemerkte er mich. Ach ja, Sie knnen mein Zeuge sein ... _de l'accident. Vous m'accompagnerez, n'est-ce pas?_{[47]} Stepan Trophimowitsch, gehen Sie trotzdem zu ihr? Bedenken Sie doch, was daraus entstehen kann! Er blieb stehen und flsterte mit einem armseligen und geistesabwesenden Lcheln, in dem Scham und vollkommene Verzweiflung, doch zugleich eine seltsame Ekstase lag: Ich kann doch nicht >fremde Snden< heiraten ... Endlich war das verhngnisvolle Wort ausgesprochen, das er eine ganze Woche mit Kniffen und Winkelzgen vor mir zu verstecken gesucht hatte! Ich war einfach emprt. Und ein so schmutziger, ein so ... niedriger, gemeiner Gedanke konnte in Ihrem Kopf entstehen, in Ihnen, in Stepan Werchowenski! Sie mit Ihrem guten, reinen Herzen, und das noch -- vor Liputin und seinem Klatsch! Er sah mich an, antwortete nichts und ging weiter. Ich wollte ihn nicht verlassen, sondern bei Warwara Petrowna sein Zeuge sein. Ich htte ihm verziehen, wenn er, mit seinem weibischen Kleinmut, auf Liputins Verleumdung hin alles geglaubt htte: nun aber war es doch klar, da er schon frher von selbst auf diesen Verdacht gekommen, da er ihn die ganze Zeit mit sich herumgetragen und da Liputin ihn jetzt nur besttigt hatte. Er hatte sich nicht gescheut, gleich vom ersten Tage an das junge Mdchen zu verdchtigen, ohne den geringsten Grund dazu zu haben. Die herrische Handlungsweise Warwara Petrownas hatte er sich eben nur mit dem verzweifelten Wunsch erklren knnen, die galanten Snden ihres teuren Nicolas so schnell wie mglich mit einer Hochzeit zu decken. Und dafr sollte er bestraft werden, das wnschte ich ihm von ganzem Herzen. _O, Dieu qui est si grand et si bon!_{[48]} Oh, wer wird mich jetzt trsten! rief er aus, als er ungefhr hundert Schritte gegangen war und pltzlich stehen blieb. Gehen wir nach Hause, und ich werde Ihnen sofort alles erklren! rief ich und wollte ihn mit Gewalt zurckbringen. Da ist er ja! Stepan Trophimowitsch, das sind doch Sie? Sie? ertnte pltzlich eine frische und mutwillige junge Stimme, die mir wie Musik klang. Noch sahen wir niemanden, als pltzlich eine Reiterin neben uns hielt. Es war Lisaweta Nicolajewna, gefolgt von ihrem tagtglichen Begleiter. Sie zgelte das Pferd. Kommen Sie, kommen Sie doch schneller! rief sie laut und lustig. Ich habe ihn zwlf Jahre lang nicht gesehen und gleich erkannt. Er aber ... Erkennen Sie mich wirklich nicht? Stepan Trophimowitsch ergriff ihre Hand. Er sah sie an, als htte er ein Gebet zu ihr auf den Lippen, und konnte doch kein Wort hervorbringen. Er hat mich erkannt und freut sich! Mawrikij Nicolajewitsch, er scheint entzckt zu sein, da er mich wiedersieht! Warum sind Sie denn in diesen ganzen zwei Wochen nicht zu uns gekommen? Tante beteuerte, Sie seien krank und man drfe Sie nicht aufregen, aber ich wei doch, das hat sie nur gelogen. Ich habe mit den Fen gestampft und auf Sie gescholten, aber ich wollte unbedingt, unbedingt, da Sie, von selbst, als Erster zu uns kmen, und darum habe ich nicht nach Ihnen geschickt. Gott, er hat sich ja nicht ein bichen verndert! und sie beugte sich im Sattel nach vorn, um ihn genauer betrachten zu knnen. -- Es ist ja ganz lcherlich, wie wenig er sich verndert hat! Ach, doch, es sind doch kleine Fltchen an den Augen, viele Fltchen, und auf den Wangen ... und graue Haare -- aber die Augen sind noch ganz dieselben! Ganz! Und ich? Habe ich mich verndert? Ja? Aber warum schweigen Sie noch immer? Ich erinnerte mich in dem Augenblick, da man mir erzhlt hatte, sie sei fast erkrankt, als man sie, elfjhrig, nach Petersburg brachte, und da sie whrend der Krankheit geweint und immer nach Stepan Trophimowitsch verlangt habe. Sie ... ich ... stotterte er mit vor Freude unsicherer Stimme. Soeben rief ich noch aus: wer wird mich trsten? und da erklang Ihre Stimme ... Ich halte das fr ein Zeichen _et je commence croire_.{[49]} _En Dieu? En Dieu, qui est l haut et qui est si grand et si bon?_{[50]} Sehen Sie mal, ich kenne Ihre Lektionen noch auswendig. Mawrikij Nicolajewitsch, welch einen Glauben er mir damals beibrachte _en Dieu, qui est si grand et si bon_! Und erinnern Sie sich noch Ihrer Erzhlungen von Kolumbus, und wie er Amerika entdeckte, und wie sie da alle >Land, Land!< geschrieen haben!? Meine Kinderfrau Aljona Frolowna sagte mir, da ich noch nachher im Traume >Land! Land!< gerufen habe. Und wissen Sie noch, wie Sie mir die Geschichte des Prinzen Hamlet erzhlt haben? Und wie Sie mir den Transport der armen Auswanderer von Europa nach Amerika beschrieben haben? Das war ja alles gar nicht wahr, spter habe ich erfahren, wie man sie hinbertransportiert hat. Aber wie er mir damals alles so viel schner vorgelogen hat! Mawrikij Nicolajewitsch, viel schner und besser, als es in Wirklichkeit ist! Warum sehen Sie Mawrikij Nicolajewitsch so an? Das ist der allerbeste und der allertreueste Mensch auf dem Erdball, und Sie mssen ihn unbedingt ebenso lieben wie ich! _Il fait tout ce que je veux._{[51]} Aber, Liebling, Stepan Trophimowitsch, Sie mssen wohl wieder unglcklich sein, wenn Sie mitten auf der Strae ausrufen: wer wird mich trsten? Also wieder einmal unglcklich, ja? Jetzt bin ich glcklich -- -- Tante krnkt Sie? fuhr sie fort, ohne seine Worte zu beachten. Immer diese bse, ungerechte, unsere unschtzbare, teure, bse Tante! Ach, wissen Sie noch, wie Sie im Garten in meine Arme flogen und ich Sie trstete und dann selber mit Ihnen weinte? Aber so frchten Sie sich doch nicht vor Mawrikij Nicolajewitsch, er wei alles, alles von Ihnen. Sie knnen an seiner Schulter weinen, so lange Sie wollen, und er wird stehen so lange wie Sie wollen. Schieben Sie Ihren Hut zurck, nein, nehmen Sie ihn ganz ab, auf einen Augenblick nur, heben Sie sich auf die Fuspitzen, ich werde Sie gleich auf die Stirn kssen, so wie ich Sie das letzte Mal zum Abschied gekt habe. Sehen Sie, diese Dame dort am Fenster freut sich ber uns ... Nher, nher! Gott, wie er grau geworden ist! Und sie beugte sich im Sattel und kte ihn auf die Stirn. Nun, und jetzt zu Ihnen nach Haus! Ich wei, wo Sie wohnen. Ich werde gleich, in einer Minute, bei Ihnen sein. Sie Eigensinn, also werde ich Sie doch zuerst besuchen. Dann aber schleppe ich Sie auf den ganzen Tag zu mir. Gehen Sie jetzt und bereiten Sie sich vor, mich zu empfangen! Und sie ritt mit ihrem Kavalier davon. Wir aber kehrten nach Hause zurck. Stepan Trophimowitsch setzte sich auf den Diwan und weinte. _Dieu, Dieu!_ rief er. _Enfin une minute de bonheur!_{[52]} Nach zehn Minuten erschien sie in Begleitung des jungen Mannes. Stepan Trophimowitsch ging ihr entgegen. _Vous et le bonheur, vous arrivez en mme temps!_{[53]} Hier haben Sie Blumen. Ich war bei der Blumenfrau. Wie Sie wissen, hat sie den ganzen Winter Bukette fr Geburtstagskinder zum Verkauf. Hier stelle ich Ihnen also nochmals Mawrikij Nicolajewitsch vor, bitte sich mit ihm zu befreunden. Eigentlich wollte ich Ihnen eine Pastete statt der Blumen bringen, aber Mawrikij Nicolajewitsch behauptete, das sei nicht im russischen Stil. Dieser Mawrikij Nicolajewitsch war Hauptmann der Artillerie, etwa dreiunddreiig Jahre alt, hoch und schlank, von tadellosem ueren, mit Achtung gebietenden, auf den ersten Blick streng erscheinenden Zgen -- trotz einer erstaunlichen und beraus taktvollen Gte, die man ihm sofort anmerkte, auch wenn man ihn gar nicht oder kaum kannte. Im brigen war er schweigsam, schien kaltbltig zu sein und sehr zurckhaltend. Spter sagten einige bei uns, er sei im Grunde beschrnkt gewesen, aber das war entschieden ein falsches Urteil. Die Schnheit Lisaweta Nicolajewnas zu beschreiben, will ich lieber nicht versuchen. Die ganze Stadt sprach ja schon von ihr, obwohl einige Damen fast vom Gegenteil berzeugt waren und sie beinahe hlich fanden. Es gab aber auch solche, die Lisaweta Nicolajewna nicht nur um ihrer Schnheit willen haten, sondern, und vor allen Dingen, wegen ihres Stolzes. Drosdoffs hatten es noch unterlassen, die blichen Visiten zu machen -- und das beleidigte natrlich jeden und alle, obgleich man in der Stadt sehr wohl wute, da der Grund dazu in Praskowja Iwanownas Unwohlsein lag. Sodann hate man Lisa auch noch wegen ihrer Verwandtschaft mit der Gouverneurin, und drittens, weil sie tglich spazieren ritt, denn bis jetzt hatte es bei uns noch keine Amazonen gegeben. Zwar wuten alle sehr gut, da die rzte ihr das Reiten verordnet hatten, aber das nderte nicht im geringsten das Urteil der Damen, sondern gab nur noch einen Anla, auch ber ihre Krnklichkeit zu witzeln und zu sptteln. Lisa war in der Tat krank: schon auf den ersten Blick fiel einem ihre nervse Unruhe auf. Wie sehr sie damals litt, das sollte sich freilich erst spter aufklren. Wenn ich heute an sie zurckdenke und sie mir dabei vorstelle, kann ich sie brigens nicht mehr so wunderschn finden, wie ich sie damals fand. Vielleicht war sie sogar ausgesprochen hlich. Sie war hoch von Wuchs, schlank, biegsam und krftig. Doch frappierte das Gesicht beinahe durch die Unregelmigkeit der Zge. Es war dabei bleich, mit ziemlich starken Backenknochen, hager, und die Augen waren ein wenig schrg gestellt, waren geschlitzt wie bei den Kalmcken. Aber es lag etwas in diesem Gesicht, das einen unwiderstehlich anzog. Irgendeine Macht ruhte in dem brennenden Blick ihrer dunklen Augen. Stolz und zuweilen sogar vermessen: so wirkte sie und erschien wie eine Siegerin, die nicht anders konnte, als besiegen. Ihr war es nicht gegeben, gut zu sein, aber sie kmpfte darum, es dennoch zu sein. Es waren viele edle Triebe in dieser Natur und eine Menge groer Anstze, aber alles das suchte in ihr nach einem Ausgleich und konnte ihn nicht finden: alles in ihr war Chaos, Unruhe und Aufregung. Vielleicht stellte sie auch gar zu groe Anforderungen an sich selbst und fand dabei niemals die Kraft in sich, diese Anforderungen zu befriedigen. Sie setzte sich auf den Diwan und betrachtete das Zimmer. Warum werde ich in solchen Minuten immer traurig? Knnen Sie mir das nicht erklren, Sie gelehrter Mensch? Ich habe immer gedacht, da ich wei Gott wie froh sein wrde, wenn ich Sie wiedershe und mit Ihnen ber all das Gewesene sprechen knnte ... und nun bin ich fast -- gar nicht froh, obgleich ich Sie doch lieb habe ... Ach Gott, mein Bild hngt hier bei Ihnen! Geben Sie es her, schnell, ich wei, ich erinnere mich ... Vor neun Jahren hatten Drosdoffs Stepan Trophimowitsch aus Petersburg ein Aquarellbildchen der kleinen zwlfjhrigen Lisa zugeschickt und seit der Zeit hing es bei ihm an der Wand. War ich wirklich ein so nettes Kind? Ist das wirklich mein Gesicht? Sie stand auf und trat mit dem Bildchen in der Hand vor den Spiegel. Nehmen Sie es schnell, schnell! rief sie aus und gab das Bildchen zurck. Hngen Sie es jetzt nicht auf, spter, spter, ich will es nicht sehen. Sie lie sich wieder auf den Diwan nieder. Das eine Leben verging und es begann ein anderes, und das andere verging und es begann ein drittes, und so geht es fort. Die Enden aber sind immer wie mit der Schere abgeschnitten. Sehen Sie mal, von was fr alten Sachen ich rede, und doch ist so viel Wahrheit darin! Sie sah mich lachend an. Schon einigemal hatte sie mich betrachtet, aber Stepan Trophimowitsch kam in seiner Aufregung gar nicht darauf, mich ihr vorzustellen. Aber warum hngt mein Bild unter Sbeln? Und warum haben Sie hier berhaupt so viele Sbel und Dolche? Ich wei nicht, warum bei Stepan Trophimowitsch an der Wand zwei Yatagane hingen und ber ihnen ein echter Tscherkessendolch. Als sie die Frage stellte, sah sie mich wieder an, so da ich schon antworten wollte. Da kam Stepan Trophimowitsch endlich darauf, mich vorzustellen. Ich wei, ich wei, sagte sie -- es freut mich sehr. Mama hat auch schon von Ihnen gehrt. Und bitte, hier stelle ich Ihnen Mawrikij Nicolajewitsch vor, ein prachtvoller Mensch. Ich hatte mir von Ihnen eigentlich einen komischen Begriff gemacht. -- Sie sind doch Stepan Trophimowitschs >VertrauterAmazonenknigin< aufgeschrieben und wird sie morgen Lisaweta Nicolajewna mit seiner vollen Unterschrift zusenden. Was sagen Sie dazu? Ich knnte wetten, da Sie ihn dazu beredet haben. Dann wrden Sie verlieren! Liputin lachte. Verliebt, verliebt, wie ein Kater. Aber wissen Sie auch, da die Liebe mit Ha begonnen hat? Er hate Lisaweta Nicolajewna, weil sie reitet, und zwar dermaen, da er sie laut auf der Strae zu beschimpfen anfing. Das hat er wahrhaftig getan! Noch vorgestern hat er auf sie geschimpft, als sie vorberritt. Zum Glck hat sie nichts gehrt. Und jetzt pltzlich Gedichte! Wissen Sie auch, da er einen Antrag riskieren will? Im Ernst, im Ernst! Wie kommt es, Liputin, da berall, wo sich Schmutz ansammelt, Sie dabei sind und womglich noch eine fhrende Rolle spielen? fragte ich ruhig, aber innerlich rasend vor Wut. Nun, Herr G--ff, Sie gehen etwas weit. Das Herzchen hat wohl geschlagen, als es vom Nebenbuhler hrte, wie? Wa--as? schrie ich und blieb stehen. Ja, aber jetzt werde ich Ihnen zur Strafe nichts mehr sagen! Und wie gern wrden Sie doch noch mehr wissen! Schon allein, da dieser Narr jetzt nicht mehr ein gewhnlicher Hauptmann ist, sondern Gutsbesitzer unseres Gouvernements und noch dazu ein Grogrundbesitzer, da ihm Nicolai Stawrogin sein ganzes Gut, frher zweihundert Seelen stark, vor ein paar Tagen verkauft hat. Bei Gott, ich lge nicht! Eben hab ich's erfahren, aber dafr aus der sichersten Quelle. So, und nun krabbeln Sie mal mit Ihrem Verstande allein weiter, mehr sage ich nicht. Auf Wiedersehen! X. Stepan Trophimowitsch erwartete mich mit hysterischer Ungeduld. Er war vor einer Stunde zurckgekehrt und noch wie betrunken, als ich eintrat. Wenigstens die ersten fnf Minuten hielt ich ihn nicht fr ganz nchtern, so sehr hatte ihn der Besuch bei Drosdoffs aus dem Gleichgewicht gebracht. _Mon ami_, ich habe meinen Faden nun vollstndig verloren. _Lise_ ... ich liebe und verehre diesen Engel wie frher, namentlich wie frher; aber mir scheint, sie haben mich nur erwartet, um etwas von mir zu erfahren, um etwas aus mir herauszuquetschen und dann -- geh mit Gott! ... Das ist so! Schmen Sie sich! rief ich emprt, ich hielt es wirklich nicht mehr aus. Mein Freund, ich bin jetzt ganz allein. _Enfin c'est ridicule._{[59]} Denken Sie nur, auch dort ist alles mit Geheimnissen vollgepfropft. Sie warfen sich geradezu auf mich mit diesen >Nasen< und >Ohren< -- und wer wei was noch fr welchen Petersburger Geschichten. Sie haben ja erst jetzt erfahren, was vor vier Jahren mit Nicolai Wszewolodowitsch hier passiert ist: >Sie waren hier, Sie haben es gesehen, ist es wahr, da er wahnsinnig ist?< Und woher diese Idee aufgetaucht ist -- ich wei es nicht! Warum will diese Praskowja unbedingt, da _Nicolas_ verrckt sei? Sie will es, sie will es! _Ce Maurice_,{[60]} oder wie er da heit, dieser Mawrikij Nicolajewitsch, _brave homme tout de mme_{[61]} ... Sollte sie wirklich in seinem Interesse, und nachdem, wie sie selbst aus Paris geschrieben hat, _ cette pauvre amie ... Enfin_,{[62]} >diese Praskowja<, wie _ma chre amie_ sie immer nennt, die ist ja eine Type! -- ist des unsterblichen Gogols leibhaftige >Frau Kstchen<[29], nur eine bse >Madame Kstchen<, ein eingebildetes Kstchen, und in endlos vergrertem Mastabe! Dann wird ja ein Kasten draus und noch dazu einer in endlos vergrertem Mastabe! Ach, nun dann in verkleinertem, wie Sie wollen, das bleibt sich gleich, -- nur unterbrechen Sie mich nicht, -- mir dreht sich schon sowieso alles im Kopf. Dort fuhren sie auch schon aus der Haut; auer _Lise_ natrlich, die sprach noch immer von >_Tante, Tante!_<{[63]} Aber _Lise_ ist schlau und es steckte noch etwas dahinter! Geheimnisse natrlich. Und mit der Mutter hat sie sich gezankt. _Cette pauvre tante!_{[64]} Es ist ja wahr, despotisch ist sie. Aber da ist jetzt eine >Gouverneurin<, die Nichtachtung der Gesellschaft, die Nichtachtung Karmasinoffs, pltzlich der Gedanke vom Wahnsinn -- _ce Lipoutine, ce que je ne comprends pas_{[65]} ... u--und ... Sie sagten dort, sie lege sich Essigkompressen um den Kopf, und da kommen wir ihr noch mit unseren Klagen und Briefen ... O, wie ich sie in dieser Zeit geqult habe! _Je suis un ingrat!_{[66]} Denken Sie sich, wie ich zurckkomme, finde ich von ihr einen Brief vor; lesen Sie! lesen Sie! O, wie unedel das alles von mir war! Er reichte mir den soeben erhaltenen Brief Warwara Petrownas. Ich glaube, ihr hatte der letzte Brief mit dem bleiben Sie zu Haus leid getan, denn dieses Briefchen war hflich, wenn auch kurz und bestimmt. Sie bat ihn, bermorgen, also Sonntag, um zwlf Uhr zu ihr zu kommen, und riet ihm, einen seiner Freunde mitzubringen -- in Klammern stand mein Name --, und ihrerseits verpflichtete sie sich, Schatoff, als Darja Pawlownas Bruder, einzuladen: Dann knnen Sie von ihr die endgltige Antwort erhalten. Gengt das jetzt? Ist es diese Formalitt, nach der Sie so trachteten? Beachten Sie doch diese gereizte Frage zum Schlu ber die Formalitt. O, die Arme, der Freund meines Lebens! Aber ich mu gestehen, diese pltzliche Entscheidung des Schicksals hat mich fast erdrckt. Ich sage ganz aufrichtig, ich habe immer noch gehofft, aber jetzt -- _tout est dit_, ich wei schon, da alles aus ist. _C'est terrible!_{[67]} O, wenn's doch keinen Sonntag gbe! Alles wrde beim Alten bleiben. Sie wrden mich hier wie immer besuchen, und ich wrde hier ... Liputins Gemeinheiten und Klatschgeschichten haben Sie ja ganz aus der Fassung gebracht, wie es scheint. Mein Freund, da haben Sie wieder eine andere schmerzhafte Stelle >freundschaftlich< mit Ihrem Finger berhrt. Aber diese >freundschaftlichen< Finger pflegen im allgemeinen unbarmherzig und zuweilen einfltig zu sein. Pardon, aber glauben Sie oder glauben Sie mir nicht: ich hatte die Gemeinheiten schon beinahe vergessen, das heit, ich hatte sie keineswegs vergessen, aber die ganze Zeit, die ich bei _Lise_ war, habe ich mich bemht, glcklich zu sein, meinetwegen aus Dummheit bemht. Aber jetzt, jetzt mu ich an diese gromtige, humane Frau denken, die so duldsam mit meinen niedrigen Fehlern ... das heit, wenn auch nicht gerade duldsam ... aber wie bin ich denn selbst, ich mit meinem leeren, scheulichen Charakter! Bin ich nicht ein trichtes Kind, mit dem ganzen Egoismus eines solchen, aber nur ohne seine Unschuld? Zwanzig Jahre hat sie mich gehtet, wie eine Kinderfrau, _cette pauvre tante_, wie _Lise_ sie so grazis nennt ... Und pltzlich, nach zwanzig Jahren, will das Kindchen heiraten, verheirate es und verheirate es! ... ein Brief auf den anderen ... sie aber macht sich Essigkompressen ... u--und ... nun hat das Kind auch glcklich erreicht, was es wollte ... Sonntag ein verheirateter Mensch ... Spa! ... Warum habe ich denn selbst darauf bestanden, warum habe ich denn die Briefe geschrieben? brigens, hab's vergessen, zu sagen: _Lise_ vergttert Darja ... wenigstens sagt sie: >_C'est un ange_,{[68]} nur ein verschlossener.< Beide rieten sie mir zu -- sogar Praskowja ... nein, brigens die Praskowja riet mir nicht zu. O, wieviel Gift in diesem >Kstchen< steckt! Ja, und auch _Lise_ hat mir eigentlich nicht dazu geraten: >Wozu brauchen Sie zu heiraten, Sie haben doch genug an gelehrten Genssen!< und dabei lachte sie. Ich verzieh ihr das Lachen, denn ihr blutet ja auch das Herz. Aber sie sagten mir doch, ich knne ohne Frau nicht mehr auskommen. Es kommen Ihre schwachen Jahre und sie wird Sie dann pflegen, zudecken, oder wie sie es da sagten ... _Ma foi_,{[69]} ich habe ja auch schon die ganze Zeit so bei mir gedacht, da die Vorsehung selbst sie mir am Abend meiner wilden Tage schickt, und da sie mich zudecken ... _enfin_,{[70]} im Haushalt ntzlich sein wird. Sehen Sie, wieviel Staub hier ist, sehen Sie, all das liegt hier so herum. Ich sagte noch vor kurzem, man solle aufrumen und da ... ein Buch auf der Diele ... _La pauvre amie_{[71]} rgert sich immer, da es bei mir so verkramt aussieht ... Jetzt werde ich nicht mehr ihre Stimme vernehmen! _Vingt ans!_{[72]} U--und da gibt es nun noch anonyme Briefe, und denken Sie nur, es heit, _Nicolas_ htte an Lebdkin ein Gut verkauft! _C'est un monstre. Enfin_,{[73]} was ist Lebdkin? _Lise_ hrt und hrt, Gott, wie sie zuhrt! Ich vergab ihr das Lachen, als ich sah, mit welchem Gesicht sie zuhrte, und _ce Maurice_ ... ich wrde jetzt nicht gern in seiner Haut stecken, _brave homme tout de mme_,{[74]} aber ein wenig schchtern ... brigens, Gott hab' ihn selig! ... Er verstummte: er schien erschpft zu sein und sa wie gebrochen da, mit mdem Blick auf den Boden starrend. Ich benutzte die Pause und erzhlte von meinem Besuch im Filippoffschen Hause; auch unterlie ich es nicht, ber diese Geschichten meine Meinung zu sagen, und erklrte ihm kurz und trocken, da es meiner Meinung nach durchaus mglich wre, da Lebdkins Schwester -- die ich nie gesehen -- in der Tat einmal Nicolai Stawrogins Opfer gewesen, vielleicht in seiner >rtselhaften Petersburger Zeit<, wie Liputin sich ausdrckte ... und da es wahrscheinlich ist, da Lebdkin, aus irgendeinem Grunde, von Stawrogin Geld erhlt. Was aber die Klatschgeschichten ber Darja Pawlowna anbetrfe, so seien die einzig Liputins Erfindung. Das meine auch Kirilloff. Stepan Trophimowitsch hrte zerstreut meinen Versicherungen zu, ganz als gingen sie ihn nichts an. Ich erwhnte auch mein Gesprch mit Kirilloff und fgte hinzu, da ich ihn im brigen fr wahnsinnig hielte. Er ist nicht wahnsinnig, aber er gehrt zu den Menschen mit kurzen Gedanken, murmelte Stepan Trophimowitsch seltsam gelangweilt. _Ces gens-l supposent la nature et la socit humaine autres que Dieu ne les a faites et qu'elles ne sont rellement._{[75]} Man lt sich mit ihnen ein, aber Stepan Werchowenski wenigstens hat das nicht getan. Ich habe sie damals in Petersburg gesehen, _avec cette chre amie_{[76]} (oh, wie ich _cette chre amie_ damals beleidigt habe!), doch weder ihr Geschimpfe noch ihre Lobsprche haben mir Furcht einflen knnen. Frchte diese Leute auch jetzt nicht, _mais parlons d'autre chose_{[77]} ... Ich glaube, ich habe Schreckliches angerichtet; stellen Sie sich vor, ich habe Darja Pawlowna gestern einen Brief geschrieben und ... wie verwnsche ich ihn nun ... und mich dazu! Was haben Sie ihr denn geschrieben? Oh, mein Freund, glauben Sie mir, das war alles so edel gedacht! Ich teilte ihr mit, da ich vor etwa fnf Tagen an _Nicolas_ geschrieben habe, und gleichfalls gromtig. Jetzt begreife ich! rief ich aufgebracht. Und welch ein Recht hatten Sie, die beiden so einander gegenberzustellen? Aber, _mon cher_, erdrcken Sie mich doch nicht ganz, schreien Sie nicht so, ich bin ja schon sowieso zerknirscht ... und zerdrckt wie eine Schabe, ... und schlielich, ich glaube doch, es war alles edel. Nehmen Sie an, da da wirklich etwas passiert ist ... _en Suisse_{[78]} ... oder angefangen hat. Ich mu doch ihre Herzen vorher fragen, um ... _enfin_{[70]} -- um nicht die Herzen zu stren und wie ein Pfosten auf ihrem Weg ... Ich ... i--ich habe es einzig und allein aus Edelmut getan. O Gott, wie dumm Sie das gemacht haben! sagte ich unwillkrlich. Dumm, dumm, griff er das Wort sogleich und fast gierig auf. Noch nie haben Sie etwas Klgeres gesagt, _c'tait bte mais que faire? Tout est dit._{[79]} Werde ja sowieso heiraten, auch wenn's >fremde Snden< sind, also wozu brauchte ich da noch zu schreiben! Nicht wahr? Ach, so meine ich es ja nicht! Oh, jetzt erschrecken Sie mich aber nicht mehr mit Ihrem Geschrei; jetzt steht vor Ihnen nicht mehr jener Stepan Werchowenski, der ist begraben, _enfin -- tout est dit_.{[80]} Ja und warum schreien Sie eigentlich? Einfach, weil nicht Sie heiraten und nicht Sie einen gewissen Kopfschmuck zu tragen brauchen! Wieder schneiden Sie ein Gesicht! Aber, mein armer Freund, Sie kennen die Frau nicht, ich aber habe in meinem ganzen Leben nichts anderes getan, als sie studiert. >Willst du die Welt besiegen, besiege dich selbst<, das einzige, was einem anderen solchen Romantiker, wie Sie einer sind, Schatoff, dem Bruder meiner zuknftigen Gattin, als Ausspruch gelungen ist. Ich eigne mir gern seinen Ausspruch an. Nun, auch ich bin bereit, mich selbst zu besiegen, und heirate, aber was erobere ich anstatt der ganzen Welt? Ach, mein Freund, die Ehe! Die ist der moralische Tod jeder stolzen Seele, jeder Unabhngigkeit. Das Eheleben verdirbt mich, nimmt mir die Energie, nimmt mir den Mut, der nun einmal zum Dienst an einer Sache ntig ist. Dann kommen noch die Kinder, die am Ende gar nicht meine sind -- das heit, selbstverstndlich nicht meine! --, der Weise frchtet sich nicht, der Wahrheit ins Gesicht zu blicken ... Liputin schlug mir heute vor, mich mit Barrikaden vor _Nicolas_ zu schtzen. Er ist dumm, dieser Liputin. Das Weib betrgt selbst das allwissende Auge Gottes. _Le bon Dieu_{[81]} wute natrlich, als er das Weib schuf, was er unternahm. Aber ich bin berzeugt, da sie Ihn selbst -- dabei gestrt und Ihn verleitet hat, sie gerade so und ... mit solchen Attributen zu schaffen; denn wer wrde sich umsonst solche Scherereien auf den Hals laden? Ich wei, Nastassja wrde sich ber diese Freidenkerei rgern, aber ... _enfin tout est dit_.{[80]} Er wre nicht er gewesen, wenn er ohne ein billiges Wortspielchen ausgekommen wre, wenigstens trstete er sich jetzt damit, -- aber leider nicht auf lange. Oh, wenn es doch kein bermorgen gbe, wenn doch dieser Sonntag nicht wre! rief er pltzlich in heller Verzweiflung aus. Warum kann diese Woche nicht ohne Sonntag sein -- _si le miracle existe_?{[82]} Was wrde es denn die Vorsehung kosten, einen einzigen Sonntag aus dem Kalender zu streichen, meinetwegen, um den Atheisten ihre Macht zu zeigen _et que tout soit dit_!{[83]} Oh, wie ich sie geliebt habe! _Vingt ans_{[72]} ... und all die zwanzig Jahre hat sie mich nicht verstanden! Von wem sprechen Sie denn jetzt? Ich kann Sie wirklich nicht verstehen, fragte ich verwundert. _Vingt ans!_ und nicht ein einziges Mal hat sie mich verstanden, oh, das ist grausam! Und sollte sie wirklich glauben, da ich aus Angst heirate? Oh, welche Schmach! _Tante, tante_, ich bin dein! Mag sie es erfahren, diese _tante_, da sie das einzige Weib ist, das ich zwanzig Jahre lang vergttert habe! Sie mu es erfahren, anders geht das nicht, sonst mu man mich mit Gewalt schleppen zu dem da ... _ce qu'on appelle le_{[84]} Altar! Ich hrte zum ersten Mal dieses Bekenntnis und ich will nicht verheimlichen, da mich eine wahnsinnige Lust zu lachen anwandelte. Oder tat ich ihm Unrecht? Er allein ist mir jetzt geblieben, meine einzige Hoffnung! rief er pltzlich, wie von einer neuen Idee erleuchtet. Jetzt ist nur er es allein, mein armer Junge, der mich retten kann und -- warum kommt er denn noch nicht? Mein Sohn, mein Petruscha ... und wenn ich's auch nicht verdient habe -- Vater zu heien, eher ein Tiger bin ... so ... _laissez-moi mon ami_{[85]} ... ich werde ein wenig schlafen, um meine Gedanken zu sammeln. Ich bin so mde, so mde, ja, und auch Sie mssen, glaube ich, zu Bett, _voyez-vous_{[86]} ... es ist schon zwlf. Viertes Kapitel. Die Hinkende I. Diesmal war Schatoff nicht starrkpfig, sondern erschien, auf meinen Brief hin, richtig um zwlf Uhr. Wir trafen fast zu gleicher Zeit ein, denn auch ich war gekommen, um meine erste Visite zu machen. Lisa, die _Mam_ und Mawrikij Nicolajewitsch saen alle drei im groen Salon und stritten sich gerade. Die _Mam_ wnschte, da Lisa ihr einen bestimmten Walzer vorspiele, und als Lisa das tat, behauptete sie, das sei ein anderer Walzer. Mawrikij Nicolajewitsch trat in seiner Einfalt fr Lisa ein und beteuerte, da es wirklich der gewnschte Walzer gewesen sei, doch da begann die alte Dame vor rger zu weinen. Sie war krank und konnte kaum gehen. Ihre Fe waren geschwollen, und nun tat sie schon seit ein paar Tagen nichts anderes, als da sie launisch war und mit allen und jedem Streit anfing, obgleich sie Lisa immer ein wenig frchtete. ber unseren Besuch war man sehr erfreut. Lisa errtete vor Freude, und nachdem sie mir _merci_ gesagt hatte (natrlich wegen Schatoff), ging sie auf ihn zu. In ihren Augen lag Neugier. Schatoff war linkisch an der Tr stehen geblieben. Sie dankte ihm dafr, da er gekommen war, und fhrte ihn dann zur Mutter. Das ist Herr Schatoff, Mama, von dem ich Ihnen schon erzhlt habe, und hier ist Herr G--ff, ein Freund von mir und Stepan Trophimowitsch. Wer von Ihnen ist nun der Professor? Keiner von ihnen ist Professor, Mama. Wieso, einer ist doch Professor. Du hast mir selbst gesagt, da ein Professor kommen wird -- wahrscheinlich ist es der? und sie wies dabei auf Schatoff. Ich habe Ihnen nichts von einem Professor gesagt. Herr G--ff ist Beamter und Herr Schatoff ist Student. Student, Professor -- die sind doch beide von der Universitt. Du willst immer nur streiten. Der Schweizer sah anders aus. Mama nennt Pjotr Stepanowitsch immer >Professor<, sagte Lisa und fhrte Schatoff in die andere Salonecke zu einem Sofa, auf dem sie dann Platz nahm. Wenn ihre Fe schmerzen, ist sie immer so, sie ist nmlich krank, sagte sie dabei leise zu ihm, whrend sie ihn wieder neugierig betrachtete und besonders auf seinen abstehenden Haarschopf sah. Sind sie Militr? fragte mich Madame Drosdoff, der mich Lisa unbarmherzig berlassen hatte. Nein, ich diene ... Herr G--ff ist Stepan Trophimowitschs bester Freund, rief Lisa ihr aus der anderen Ecke zu. Sie dienen bei Stepan Trophimowitsch? Aber der ist doch auch Professor! Ach, Mama, Sie machen ja schon alle Menschen zu Professoren! rief Lisa unwillig. Es gibt ihrer auch so schon zu viele! Du aber willst nur wieder deiner Mutter widersprechen. -- Waren Sie hier, als Nicolai Wszewolodowitsch das erste Mal, vor vier Jahren, bei Warwara Petrowna war? Ich antwortete bejahend. War irgendein Englnder mit ihm hier? Nein, nicht, da ich wte. Lisa fing an zu lachen. Sehen Sie nun, Mama, da berhaupt kein Englnder hier gewesen ist -- also, wieder Lgen! Warwara Petrowna und Stepan Trophimowitsch lgen alle beide. Ja, und berhaupt -- alle lgen! Gestern, erklrte sie darauf, zu uns gewandt, fanden nmlich _tante_ und Stepan Trophimowitsch eine hnlichkeit zwischen Nicolai Wszewolodowitsch und dem Prinzen Heinz aus Shakespeares >Heinrich IV.<, und daher glaubt Mama nun, da ein Englnder mit ihm hier gewesen sei. Wenn kein Englnder da war, so war auch kein Heinz da, und euer Nicolai Wszewolodowitsch machte nur seine eigenen Streiche. Mama tut nur mit Absicht so, fand Lisa fr ntig, Schatoff auseinander zu setzen. Sie kennt Shakespeare sehr gut; ich habe ihr selbst den ersten Akt von >Othello< vorgelesen. Sie ist jetzt immer so gereizt, wissen Sie. -- Mama, hren Sie, es schlgt zwlf, Sie mssen Ihre Medizin einnehmen. Der Doktor ist gekommen, meldete das Dienstmdchen. Die Alte erhob sich und rief ihr Hndchen: Semirka, Semirka, komm du doch wenigstens mit mir. Aber das widerliche alte Tierchen Semirka gehorchte ihr nicht, sondern kroch zu Lisa unter das Sofa. Du willst also nicht? Nun, dann will ich dich auch nicht mehr. Leben Sie wohl, mein Lieber, Ihren Namen habe ich leider vergessen, wandte sie sich an mich. Anton Lawrentjewitsch ... Schon gut, lassen Sie nur, bei mir geht's doch blo zum einen Ohr hinein, zum andern hinaus. Begleiten Sie mich nicht, Mawrikij Nicolajewitsch, ich habe nur Semirka gerufen. Noch kann ich, Gott sei Dank, allein gehen, und morgen werde ich spazieren fahren! Und sichtlich gergert verlie sie langsam den Salon. Anton Lawrentjewitsch, Sie unterhalten sich inzwischen mit Mawrikij Nicolajewitsch, -- nicht wahr? Ich kann Sie versichern, da Sie beide nur gewinnen werden, wenn Sie nhere Bekanntschaft machen, sagte Lisa und lchelte Mawrikij Nicolajewitsch freundschaftlich zu. Er aber erstrahlte frmlich unter ihrem Blick. So mute ich mich denn, wohl oder bel, mit Mawrikij Nicolajewitsch unterhalten. II. Die Angelegenheit, die Lisaweta Nicolajewna mit Schatoff besprechen wollte, erwies sich zu meinem Erstaunen als tatschlich rein literarisch. Ich wei nicht, warum ich berzeugt gewesen war, da sie ihn aus einem anderen Grunde zu sich gerufen htte. Als wir nun sahen, da sie aus ihrem Anliegen kein Geheimnis vor uns machte und auch nicht leise sprach, hrten wir unwillkrlich zu; und bald zog sie uns sogar mit ins Gesprch und bat auch uns um Rat. Sie hatte, wie sie uns auseinandersetzte, schon lange die Herausgabe eines ihrer Meinung nach sehr ntzlichen Buches geplant. Da sie aber in solchen literarischen Sachen keine Erfahrung besa, so brauchte sie einen Mitarbeiter. Der Ernst, mit dem sie Schatoff ihren Plan zu erklren versuchte, setzte mich wirklich in Erstaunen. Also auch eine von den Modernen, dachte ich. Sie scheint nicht umsonst in der Schweiz gewesen zu sein. Schatoff hrte ihr aufmerksam zu, den Blick eigensinnig an den Boden geheftet, und ohne jegliche Verwunderung darber, da ein junges Mdchen der Gesellschaft sich mit solchen Sachen abgab. Es handelte sich um Folgendes. In einem Lande wie Ruland erscheint jhrlich eine groe Anzahl von Zeitungen und Zeitschriften aller Art, und in ihnen wird tagaus tagein von allen mglichen Ereignissen berichtet. Aber wenn dann das Jahr vergangen ist, werden die alten Zeitungen berall weggerumt, in Schrnke gesteckt, oder sie liegen herum, werden zerrissen, werden zum Einschlagen verwandt usw. Manch eines von den mitgeteilten Ereignissen bleibt wohl im Gedchtnis des Lesers haften, wenn es auf ihn einen Eindruck gemacht hat, und gert erst nach Jahren in Vergessenheit. Nun wrden aber viele spter gern nachschlagen und das einmal Gelesene wieder lesen wollen, aber was gbe das fr eine Arbeit, in diesem Meer von Blttern die Stelle zu finden, zumal man sich oft nicht einmal erinnert, in welchem Jahre oder Monat und in welcher Zeitung man die betreffende Sache gelesen hat. Indessen knnte, wenn man alle derartigen Geschehnisse eines ganzen Jahres sammelte und in einem einzigen Bande herausgbe -- selbstverstndlich nach einem bestimmten Plan und nach einem bestimmten leitenden Gedanken geordnet, mit einteilenden berschriften, mit einem Index und mit bersichtlicher Angabe der Zeit (Monate und Tage) -- so knnte eine solche Zusammenfassung des Stoffes in einem bersichtlichen Werke die ganze Charakteristik des russischen Lebens im Laufe dieses Jahres veranschaulichen, obwohl von den Ereignissen selbst, im Vergleich zu all den unzhligen Geschehnissen, von denen die Zeitungen berichten, natrlich nur ein kleiner Bruchteil gebracht werden soll. Wir wrden also statt einer Menge Bltter mehrere dicke Bcher haben, und das wre alles, bemerkte Schatoff. Doch Lisaweta Nicolajewna verteidigte ihren Gedanken mit groem Eifer, obgleich es schwer war, ihn einleuchtend zu erklren, ganz abgesehen davon, da sie sich auch nicht recht auszudrcken verstand. Es msse nur ein einziger Band werden, und nicht einmal ein sehr dicker, beteuerte sie. Oder wenn es auch ein dickes Buch werden sollte, so msse es doch bersichtlich sein, und deshalb sei die Hauptsache der Plan und die Art der Einteilung des Stoffes. Selbstredend drfe nicht alles genommen und abgedruckt werden. Erlasse, Regierungsmanahmen, rtliche Verordnungen, Gesetze -- so wichtig das alles auch sei -- in das Buch brauchte man davon doch nichts aufzunehmen. berhaupt knnte man vieles weglassen und sich auf eine Auswahl von Geschehnissen beschrnken, die mehr oder weniger das ethische und persnliche Leben des Volkes, sozusagen die Persnlichkeit des russischen Volkes im gegebenen Augenblicke ausdrckten. Freilich kme alles in Betracht: Kuriositten, Brnde, Spenden, Stiftungen, die verschiedensten guten oder schlechten Handlungen, verschiedene Aussprche und Reden, ja, schlielich auch Nachrichten von berschwemmungen, ja meinethalben auch einzelne Regierungserlasse, aber aus allem msse nur das herausgesucht werden, was die Epoche kennzeichnet. Alles msse eben unter einem bestimmten Gesichtswinkel erfat und hingestellt werden, und hinter allem msse ein Gedanke stehen, der den Zusammenhang des Ganzen sichtbar werden lasse. Und schlielich msse das Buch sogar als Lektre interessant und fesselnd sein, ganz zu schweigen von seinem Wert als notwendiges Nachschlagebuch! Es wre also gewissermaen ein Bild des geistigen, sittlichen, inneren russischen Lebens im Laufe eines Jahres. Es mu so sein, da alle es kaufen, es mu zu einem richtigen Handbuch werden, behauptete Lisa. Ich wei wohl, da hierbei der Plan die Hauptsache ist, und deshalb wende ich mich an Sie, schlo Lisa. Sie war recht in Eifer geraten, und obgleich sie sich unklar und unvollstndig ausgedrckt hatte, begann Schatoff zu begreifen. Es wrde also doch so etwas mit einer Tendenz werden, eine Zusammenstellung von Fakten unter einem bestimmten Gesichtswinkel, brummte er, immer noch ohne den Kopf zu erheben. Keineswegs mit einer Tendenz, das ist gar nicht ntig! Nichts als Objektivitt -- das soll die ganze Richtschnur sein. Aber die Richtung wre ja an sich nichts Schlimmes, sagte Schatoff und bewegte sich endlich, auch liee sich das wohl nicht vermeiden, sobald man berhaupt eine Auswahl trifft. In der Art der Auswahl und Zusammenstellung wird eben schon der Hinweis enthalten sein, wie man das Ganze verstehen soll. Ihre Idee ist nicht schlecht. So glauben Sie, da man ein solches Buch zustande bringen kann? fragte Lisa erfreut. Man mu sich das noch berlegen. Es wrde ein groes Unternehmen werden. So pltzlich lt sich nichts ausdenken. Da mu man Erfahrungen sammeln. Selbst whrend der Arbeit drften wir noch nicht recht wissen, wie es am besten zu machen wre. Vielleicht finden wir das erst nach vielen Versuchen. Aber der Gedanke fngt an, einem klar zu werden. Es ist ein ntzlicher Gedanke. Endlich sah er auf und seine Augen leuchteten sogar vor Vergngen, so sehr war er jetzt interessiert. Haben Sie sich das selbst ausgedacht? fragte er Lisa freundlich und, wie das so seine Art war, fast verschmt. Ach, das Ausdenken war kein Kunststck, dafr aber ist das der Plan um so mehr, erwiderte Lisa lchelnd. Ich verstehe wenig davon und bin nicht sehr klug, ich verfolge nur das, was mir selbst klar ist ... Sie verfolgen? Das ist wohl nicht das richtige Wort? forschte Lisa schnell und wibegierig. Nein, doch ... man kann es sagen. Ich fragte nicht deswegen. Ich habe mir schon im Auslande gesagt, da auch ich der allgemeinen Sache irgendwie ntzlich sein knnte. Ich besitze mein eigenes Geld, und es liegt tot da. Warum soll ich nicht gleichfalls arbeiten? Und zudem kam mir jene Idee ganz von selbst, ich habe mich gar nicht angestrengt oder sie mir ausgedacht --, der Gedanke war auf einmal da, und da freute ich mich sehr. Ich sah nur gleich ein, da es ohne einen Mitarbeiter nicht gehen wrde, da ich allein doch nichts verstehe. Der Mitarbeiter soll natrlich auch gleich der Mitherausgeber sein. Wir machen es dann zur Hlfte: von Ihnen kommt der Plan und die Arbeit, von mir die Idee und die Mittel zur Herausgabe. Das Buch wird sich doch bezahlt machen! Wenn wir den richtigen Plan finden, wird das Buch schon gehen. Ich mu nur vorausschicken, da ich es nicht wegen des mglichen berschusses tue, aber ich mchte doch sehr, da es viel gekauft wird, und auf einen berschu wre ich natrlich furchtbar stolz. Aber was soll ich denn dabei? Aber ich bitte doch gerade Sie, dieser Mitarbeiter zu sein ... Wir teilen dann. Sie werden doch den Plan ausdenken. Woher wissen Sie, ob ich das kann? Man hat mir schon von Ihnen erzhlt ... ich wei, da Sie sehr klug sind und ... zu arbeiten verstehen und ... viel denken. Mir hat Pjotr Stepanowitsch Werchowenski in der Schweiz von Ihnen erzhlt, fgte sie eilig hinzu. Er ist ein sehr kluger Mensch, nicht wahr? Schatoff sah sie im Nu mit einem gleichsam huschenden Blick an, der kaum ber sie hinglitt, senkte aber sofort wieder die Augen. Auch Nicolai Stawrogin hat mir viel von Ihnen erzhlt. Schatoff wurde pltzlich rot. brigens, hier sind schon Zeitungen. Sie nahm hastig ein zusammengebundenes Paket, das auf einem Stuhl bereit lag. Ich habe schon versucht, eine Auswahl zu treffen und ein bichen zusammenzustellen -- ich habe die Stellen angestrichen und nummeriert ... Sie werden schon selbst sehen ... Schatoff nahm das Paket. Nehmen Sie es mit nach Haus, sehen Sie es dort durch -- Sie wohnen doch irgendwo? In der Bogojawlenskstrae, im Filippoffschen Hause. Ich wei, wo das ist. Dort soll, wie ich gehrt habe, neben Ihnen auch irgendein Hauptmann wohnen, ein Herr Lebdkin? fuhr Lisa mit derselben hastenden Eile fort. Schatoff sa, das Paket, wie er es genommen hatte, frei in der Hand haltend, wohl eine ganze Minute ohne zu antworten da und blickte zu Boden. Zu diesen Sachen werden Sie sich doch wohl einen anderen aussuchen mssen, denn ich -- tauge nicht dazu, sagte er schlielich mit ganz eigentmlich gesenkter Stimme, ja, fast flsternd. Lisa flammte auf. Von was fr Sachen reden Sie? Mawrikij Nicolajewitsch! rief sie diesen, bitte geben Sie mir jenen Brief. Auch ich trat nach Mawrikij Nicolajewitsch an den Tisch. Sehen Sie dies hier, wandte sie sich pltzlich an mich, whrend sie in sichtlich groer Erregung den Brief entfaltete. Haben Sie schon je etwas hnliches gesehen? Bitte, lesen Sie es laut vor. Ich will, und es ist ntig, da auch Herr Schatoff es hrt, wandte sie sich darauf an mich, haben Sie schon je in Ihrem Leben so was gelesen? Bitte, lesen Sie laut vor. Auch Herr Schatoff soll's hren. Ich las nicht wenig erstaunt das Folgende: An die vollendete Schnheit, die Jungfrau Lisaweta Nicolajewna Tuschina. Gndiges Frulein! O, wie ist sie wunderbar, Lisaweta Tuschina! Wenn sie morgens ausreitet Und durch ihre Locken der Wind gleitet! Dann wnsch' ich mir von ihr alle Wonne Und denk', sie sei meine Frau und meine Sonne. (Gedichtet von einem Ungelehrten nach einem Streite.) Gndiges Frulein! Am meisten bedauere ich, da ich vor Sebastopol nicht einen Arm zum Ruhme der Tapferkeit verloren habe, sintemal ich dort berhaupt nicht gewesen bin, sondern man mich whrend des ganzen Feldzuges mit der Lieferung von ganz gemeinem Proviant beschftigt hat. Sie aber sind eine Gttin im Altertum und ich bin vor Ihnen nichts, doch jetzt ahne ich, was Unermelichkeit ist. Betrachten Sie alles, was ich Ihnen sage, als Verse, denn Verse sind Poesie, und Poesie ist Unsinn, aber sie entschuldigt das, was man in der Prosa Unverschmtheit nennt. Wie aber sollte sich eine Sonne ber eine Infusorie rgern, wenn es doch, mit dem Mikroskop betrachtet, unendlich viele Infusorien schon in einem Wassertropfen gibt! Sogar der groe Klub der Nchstenliebe zu groem Viehzeug in Petersburg, der mitleidig fr die Rechte von Hunden und Pferden kmpft, nimmt sich der kleinen Infusorie nicht an, weil sie nicht ausgewachsen ist. Auch ich bin noch nicht ausgewachsen. Der Gedanke an eine Heirat wrde komisch sein. Aber durch einen Menschenhasser, den Sie verachten, werde ich bald zweihundert ehemalige Seelen besitzen. Kann vieles mitteilen, und habe Dokumente in der Hand, wofr es sogar nach Sibirien gehen kann. Verachten Sie also nicht meinen Antrag. Dieser Brief ist rein poetisch zu verstehen. Hauptmann Lebdkin, Ihr ergebenster Freund, der immer Zeit hat. Das hat ein Betrunkener geschrieben, rief ich aus, ein erbrmlicher Mensch! -- Ich kenne ihn! Ich erhielt ihn gestern, begann Lisa, hochrot im Gesicht, uns hastig zu erklren. Ich begriff sofort, da irgend ein Narr ihn geschrieben hat. Deshalb habe ich ihn Mama auch gar nicht gezeigt, um sie nicht aufzuregen. Doch was soll ich tun, wenn er mir noch mehr solche Briefe schreibt? Mawrikij Nicolajewitsch wollte zu ihm gehen, um es ihm zu verbieten. Sie aber, Herr Schatoff, da Sie doch im selben Hause wohnen, Sie knnen mir vielleicht etwas Nheres ber ihn mitteilen? Ein verkommener Mensch, murmelte Schatoff zur Antwort. Ist er immer so dumm? O nein, wenn er nicht betrunken ist, ist er durchaus nicht dumm. Ich habe einen General gekannt, der in seinen Muestunden genau solche Gedichte schrieb, bemerkte ich amsiert. Sogar aus diesem Brief ist zu ersehen, da er nicht dumm sein kann, sagte der sonst so schweigsame Mawrikij Nicolajewitsch berraschenderweise. Man sagt, er habe hier eine Schwester bei sich? fragte Lisa. Ja, eine Schwester. Und er soll sie tyrannisieren, ist das wahr? Schatoff sah Lisa wieder kurz an, runzelte die Stirn, brummte nur: Was geht das mich an! und wandte sich zur Tr. Ach, aber so warten Sie doch, rief Lisa erregt, wohin wollen Sie denn schon? Wir mssen doch noch so vieles besprechen! ... Was denn besprechen? Ich werde Ihnen morgen Bescheid sagen ... Aber die Hauptsache ist doch, wie wir es drucken! Glauben Sie mir doch endlich, da es mir mit dem Buch wirklich ernst ist! beteuerte Lisa in wachsender Unruhe. Wenn wir es nun herauszugeben beschlieen, wo soll das Buch dann gedruckt werden? Wir werden doch deshalb nicht nach Moskau reisen, und die hiesige Druckerei kommt fr eine solche Ausgabe doch nicht in Frage. So habe ich denn beschlossen, eine eigene Druckerei zu grnden, sagen wir, auf Ihren Namen, und Mama wrde bestimmt nichts dagegen haben, wenn es auf Ihren Namen geschieht ... Woher wissen Sie, da ich zu drucken verstehe? fragte Schatoff finster. Ja, das hat mir Pjotr Stepanowitsch Werchowenski schon in der Schweiz gesagt, da Sie das alles verstehen, und er wollte mir sogar einen Brief an Sie mitgeben, aber dann habe ich's vergessen ... Wie ich mich jetzt erinnere, ging hierauf eine Vernderung in Schatoffs Gesicht vor sich. Er stand noch ein paar Sekunden da und pltzlich verlie er das Zimmer. Lisa rgerte sich. Geht er immer so weg? fragte sie mich. Ich zuckte nur mit der Schulter -- doch in diesem Augenblick kam Schatoff schon zurck und legte das Paket auf den Tisch. Ich kann nicht Ihr Mitarbeiter sein, habe keine Zeit ... Aber warum, warum denn nicht? Sie haben sich wohl ber irgend etwas gergert? fragte Lisa ganz traurig und ihre Stimme klang bittend. Und dieser Ton in ihrer Stimme schien ihn stutzig zu machen: ein paar Augenblicke lang sah er sie unverwandt an, als wolle er bis in ihre Seele hineinschauen. Einerlei, murmelte er dann dumpf, ich will nicht ... Und er ging wirklich weg. Lisa blieb ganz niedergeschlagen zurck -- sogar weit niedergeschlagener, als man es nach dem Vorgefallenen htte verstehen knnen; wenigstens schien es mir damals so. Ein uerst sonderbarer Mensch, bemerkte Mawrikij Nicolajewitsch. III. Allerdings wirkte Schatoff sonderbar, aber schlielich war an diesem ganzen Vorfall doch gar zu vieles unklar. Es mute da hinter manchem noch ein anderer Sinn stecken. Diese Buchgeschichte z. B. kam mir durchaus unglaubhaft vor und ich dachte bei mir, da sie wohl nur ein Vorwand zu irgendwelchen anderen Zwecken sein knne. Und dann dieser verrckte Brief mit dem Versprechen von Mitteilungen und Dokumenten, und warum hatten sie es vermieden, davon zu sprechen, warum sprachen sie sogleich von ganz etwas anderem? Warum war Schatoff so pltzlich fortgegangen, und so auffallenderweise gerade dann, als man von der Druckereifrage zu sprechen begann? Alles das gab mir zu denken und ich kam zu der berzeugung, da hier etwas Geheimnisvolles vorliegen msse. -- -- Doch es war Zeit, da auch ich mich verabschiedete. Lisa schien meine Anwesenheit im Zimmer ganz vergessen zu haben. Sie stand immer noch tief nachdenklich auf demselben Platz am Tisch und starrte vor sich hin. Ach, auch Sie wollen gehen? Nun, auf Wiedersehen, sagte sie freundlich. Gren Sie Stepan Trophimowitsch von mir und reden Sie ihm doch zu, da er so bald wie mglich zu mir komme. Mama kann sich leider nicht von Ihnen verabschieden ... Sie entschuldigen gewi! Ich verabschiedete mich noch von Mawrikij Nicolajewitsch und ging hinaus. Als ich schon die Treppe hinabgegangen war, kam mir der Diener nachgelaufen. Das gndige Frulein lassen Sie sehr bitten, zurckzukommen. Als ich daraufhin wieder zurckging und eintrat, war Mawrikij Nicolajewitsch ganz allein im groen Salon. Lisa dagegen erwartete mich im anstoenden kleineren Empfangszimmer, dessen Tr nur angelehnt war. Bleich und augenscheinlich noch unentschlossen stand sie mitten im Zimmer und lchelte mir zu, als ich eintrat. Pltzlich ergriff sie meine Hand und zog mich schnell zum Fenster. Ich will sie sehen, flsterte sie und sah mich mit heiem, starkem, ungeduldigem Blick an, der jeden Widerspruch unmglich machte. Ich mu sie mit meinen eigenen Augen sehen, und dazu brauche ich Ihre Hilfe. Sie schien wirklich auer sich und ganz verzweifelt zu sein. Wen wollen Sie sehen, Lisaweta Nicolajewna? fragte ich erschrocken. Diese Lebdkina, diese Lahme ... Es ist doch wahr, da sie lahm ist? Ich habe sie nie gesehen, aber ich hrte noch gestern, da sie allerdings lahm sein soll, antwortete ich rasch und sprach gleichfalls so leise wie mglich. Ich ... mu sie unbedingt sehen! Knnen Sie das nicht heute noch einrichten? Lisa tat mir furchtbar leid. Das ... das scheint mir ganz unmglich. Wie ... sollte man --? Ich wollte ihr den Gedanken ausreden. Doch als ich sah, da sie ganz verzweifelt war, sagte ich: Ich knnte ja zu Schatoff gehen ... Wenn Sie mir nicht helfen, dann werde ich morgen selbst zu ihr gehen. Allein. Denn Mawrikij Nicolajewitsch weigert sich, mich dorthin zu begleiten. Ich hoffe jetzt nur noch auf Sie, denn sonst habe ich ja niemanden. Mit Schatoff habe ich tricht gesprochen. Aber ich wei, Sie sind ein Ehrenmann, und vielleicht mir ein wenig zugetan. Tun Sie es! Bitte, bitte! Da erfate mich der leidenschaftliche Wunsch, ihr in allem behilflich zu sein. Gut, sagte ich entschlossen, nachdem ich eine Weile berlegt hatte. Ich werde noch heute selbst hingehen und den Versuch machen, sie zu sehen und zu sprechen. Unter allen Umstnden. Ich werde Ihren Wunsch erfllen. Ich gebe Ihnen mein Wort. Nur mssen Sie mir gestatten, vorher mit Schatoff darber zu sprechen. Ja, sagen Sie ihm, da ich sie sehen mu! Da ich nicht lnger warten kann! Und sagen Sie ihm, da ich ihn vorhin wirklich nicht zum besten gehabt habe. So etwas hat er wohl geglaubt. Deshalb scheint er ja fortgegangen zu sein. Seine Ehrlichkeit, sein Ehrgefhl war gekrnkt. Ich habe ihm aber ganz gewi nichts vorgespiegelt. Ich will wirklich das Buch herausgeben und eine Druckerei grnden ... Ja, Schatoff ist der ehrlichste Mensch, beteuerte ich eifrig. Und wenn es Ihnen nicht gelingt, dann -- dann gehe ich morgen selbst zu ihr. Einerlei, was daraus entsteht. Und wenn auch alle es erfahren! Aber vor drei Uhr kann ich unmglich bei Ihnen sein! Gut, also dann morgen um drei. Und nicht wahr, ich habe mich nicht in Ihnen getuscht, bei Stepan Trophimowitsch, als ich Sie fr ein wenig -- mir zugetan hielt? lchelte sie mir zu, drckte mir zum Abschied die Hand und ging schnell in den groen Salon, in dem Mawrikij Nicolajewitsch offenbar auf sie wartete. Ich verlie das Haus, bedrckt von meinem Versprechen und unfhig, fassen zu knnen, was geschehen war. Ich hatte einen Menschen in wirklicher Verzweiflung gesehen, ein junges Mdchen, das sich nicht scheute, sich blozustellen und einem ihr fremden Menschen ihr ganzes Vertrauen zu schenken. Ihr Lcheln, das Lcheln einer Frau, die Anspielung, da sie wisse, wie ich ihr zugetan sei, das alles regte mich nicht wenig auf. Doch sie tat mir leid, so, so leid! Ihre Geheimnisse wurden fr mich pltzlich zu etwas Heiligem. Wenn man mir diese Geheimnisse htte mitteilen wollen, -- ich wrde nicht zugehrt haben. Ich ahnte ja mancherlei ... Aber wie sollte ich nun dieses seltsame, dieses unheimliche Zusammentreffen zustandebringen? Meine ganze Hoffnung setzte ich auf Schatoff. Ich sagte mir zwar gleich, da er dabei wenig werde helfen knnen. Aber immerhin, ich ging sofort zu ihm. IV. Erst am Abend, um acht Uhr, traf ich ihn zu Haus. Zu meiner Verwunderung hatte er Besuch: Alexei Nilytsch Kirilloff und ein Herr Schigaleff -- der Bruder der Frau Wirginski -- waren bei ihm. Dieser Schigaleff war erst seit ungefhr zwei Monaten in unserer Stadt; ich wei nicht, woher er kam. Wirginski hatte ihn mir gelegentlich auf der Strae vorgestellt und ich wute von ihm wenig mehr, als da in einem fortschrittlichen Petersburger Blatt einmal ein Artikel von ihm erschienen war. Wir hatten uns damals nur flchtig begrt und kaum ein Wort miteinander gewechselt. Das einzige, was ich von ihm behalten hatte, war der Eindruck, in meinem ganzen Leben noch nie ein so finsteres, griesgrmiges, mrrisches Gesicht gesehen zu haben. Er schaute drein, als erwarte er den Untergang der ganzen Welt, und zwar nicht nach irgendwelchen Voraussagungen, die schlielich auch nicht in Erfllung zu gehen brauchten, sondern genau so, als wisse er sogar schon die Stunde des Untergangs mit tdlicher Sicherheit: etwa bermorgen frh, punkt fnf Minuten vor halb elf. Und dann waren mir noch ganz besonders seine Ohren aufgefallen, Ohren von einer geradezu bernatrlichen Gre, lang, breit und dick, die noch obendrein fast im rechten Winkel nach links und rechts vom Kopf wegstrebten. Seine Bewegungen waren plump und langsam. Wenn Liputin vielleicht hin und wieder davon getrumt hatte, da die Phalansterien sich auch in unserem Gouvernement verwirklichen knnten, so wute dieser Schigaleff sicher Tag und Stunde voraus, wann das geschehen werde. Jedenfalls hatte er geradezu den Eindruck eines Unheilverknders auf mich gemacht; und da ich gerade ihn jetzt bei Schatoff antraf, wunderte mich sehr, -- um so mehr, als Schatoff Besuch schon an und fr sich nicht ausstehen konnte. Bereits auf der Treppe hrte ich, da sie alle drei ungewhnlich laut miteinander sprachen und, wie mir schien, sich heftig stritten. In dem Augenblick aber, als ich eintrat, verstummten sie sofort. Und pltzlich setzten sie sich, whrend sie bis dahin gestanden hatten. So mute auch ich mich setzen. Wir schwiegen alle. Schigaleff tat so, als kenne er mich berhaupt nicht. Mit Kirilloff tauschte ich einen Gru, und ich wei nicht, weshalb wir uns nicht die Hand reichten. Schigaleff sah mich streng und finster an, mit einem Ausdruck, der vllig naiv die feste berzeugung zeigte, da ich sofort aufstehen und wieder weggehen wrde. Da erhob sich endlich Schatoff und die anderen folgten seinem Beispiel. Sie gingen fort, ohne ein Wort zu sagen, noch sich zu verabschieden. Erst an der Tr wandte sich Schigaleff noch einmal zu Schatoff und sagte in drohendem Tone: Vergessen Sie aber nicht, da Sie Rechenschaft schuldig sind! Zum Teufel mit eurer Rechenschaft, ich bin keinem von euch etwas schuldig! rief Schatoff ihnen wtend nach, schlug die Tr zu und drehte den Schlssel um. Narren! sagte er, nachdem sein Blick mich gestreift hatte, mit kurzem, eigentmlich gehssigem Auflachen. Sein Gesicht sah bse aus, und ich wunderte mich, da er diesmal als erster zu sprechen begann. Frher war es gewhnlich so gewesen, wenn ich ihn besuchte, was freilich sehr selten geschah, da er sich mimutig in einen Winkel setzte und auf meine Fragen mrrisch antwortete. Erst nach lngerer Zeit begann er aufzutauen und dann erst sprach er mit Vergngen. Beim Abschied aber wurde er jedesmal wieder unwirsch, und wenn er einen zur Tr geleitete, tat er es mit einer Miene, als drnge er seinen persnlichen Feind aus dem Hause. Ich habe gestern bei diesem Herrn Kirilloff Tee getrunken, sagte ich, um ein Gesprch anzuknpfen. Bei ihm scheint der Atheismus ein bichen zur fixen Idee geworden zu sein. Der russische Atheismus ist noch nie ber ein schlechtes Wortspiel hinausgekommen, brummte Schatoff, whrend er den alten Lichtstumpf aus dem Leuchter nahm und ein neues Licht einsetzte. Ich glaube nicht, da es diesem Kirilloff um Wortspiele zu tun ist. Er versteht ja, wie's scheint, berhaupt kaum zu sprechen -- wie sollte er da noch an Wortspiele denken! Papierene Menschen; aus Lakaientum kommen ihnen alle diese Gedanken, bemerkte Schatoff ruhig, nachdem er sich in der Zimmerecke auf einen Stuhl gesetzt und die Handflchen auf die Kniee gesttzt hatte. Ha ist auch dabei, sagte er nach einer Weile des Schweigens. Diese Leute wrden selbst als erste sterbensunglcklich sein, wenn Ruland sich auf irgendeine Weise vernderte, und wre es auch genau nach ihrem Wunsch, und pltzlich unermelich reich und glcklich werden wrde. Dann htten sie ja niemanden mehr, den sie hassen, auf den sie spucken, ber den sie spotten knnten! Hier ist's nichts als ein einziger tierischer, grenzenloser Ha auf Ruland, der sich in ihren Organismus hineingefressen hat ... Und von irgendwelchen heimlichen Trnen, die sich angeblich hinter dem sichtbaren Lachen verbergen sollen[30], ist hier berhaupt keine Spur vorhanden! Noch nie ist in Ruland etwas Dmmeres gesagt worden, als dieses falsche Wort von den >heimlichen Trnengemigt liberal<. Schatoff lchelte flchtig. Wissen Sie, sagte er nach einer Weile ganz pltzlich, ich habe das vorhin vielleicht falsch gesagt, das vom >Lakaientum der Gedanken<. Sie werden gewi bei sich gedacht haben: >Das sagt er nur, weil er von einem Lakai geboren ist, ich aber bin's nicht.< Aber das habe ich durchaus nicht gedacht ... wie kommen Sie darauf! ... Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, ich frchte Sie nicht. Frher stammte ich nur von einem Lakaien ab, jetzt bin ich selber zu einem geworden, zu genau so einem, wie auch Sie einer sind. Unser russischer Liberaler ist vor allen Dingen Lakai und wartet nur darauf, wie und wo er jemandem die Stiefel putzen kann. Was fr Stiefel? Was meinen Sie mit dieser Allegorie? Was Allegorie! Sie lachen, wie ich sehe ... Stepan Trophimowitsch hat ganz recht, wenn er sagt, da ich unter einem Stein liege, schon halb erdrckt, aber noch nicht zerdrckt bin und mich nur noch in den letzten Krmpfen winde. Das hat er gut gesagt. Stepan Trophimowitsch behauptet, da die Deutschen Ihnen zur fixen Idee geworden sind, entgegnete ich leichthin. Und es ist ja auch etwas Wahres dabei: wir haben uns doch vieles Deutsche eingesackt. Ja, zwanzig Kopeken haben wir von ihnen genommen und dafr hundert Rubel vom eigenen Kapital gegeben. -- Wir schwiegen ... Diese Ideen hat er sich in Amerika an den Hals gelegen. Wer das? Was an den Hals gelegen? Ich meine Kirilloff. Wir haben dort beide vier Monate lang in einer Htte auf dem Fuboden gelegen. Ja, sind Sie denn je in Amerika gewesen? fragte ich verwundert. Sie haben nie davon gesprochen. Wozu davon sprechen. Vor drei Jahren zogen wir mit einem Emigrantentransport fr unser letztes Geld nach den Vereinigten Staaten von Amerika, um das Leben eines amerikanischen Arbeiters, oder vielmehr: >um den Zustand eines Menschen in der allerschwersten sozialen Lage _praktisch_, d. h. durch _persnliche_ Erfahrung kennen zu lernen.< Das war unser Ziel, war der Grund, warum wir auswanderten. Herrgott! rief ich aus. Das htten Sie doch ebensogut zur Erntezeit in unserem Gouvernement durch >persnliche Erfahrung< kennen lernen knnen, ohne deshalb nach Amerika dampfen zu mssen! Doch Schatoff fuhr fort: Wir verdingten uns als Arbeiter bei einem Exploiteur. Im ganzen waren wir sechs Russen: Studenten, sogar Gutsbesitzer und Offiziere waren unter uns, und alle hatten dasselbe groartige Ziel. Und so arbeiteten wir denn, qulten uns und rackerten uns ab -- bis Kirilloff und ich fortgingen: wir wurden krank, hielten es nicht aus. Bei der Abrechnung zog uns dann der Exploiteur noch das Fell gehrig ber die Ohren, zahlte anstatt der dreiig Dollar, die er uns laut der Abmachung schuldig war, mir nur acht und Kirilloff fnfzehn aus. brigens hat man uns obendrein noch geprgelt, und nicht nur einmal ... Ja, und damals war es denn, da wir beide in einem elenden Stdtchen vier Monate lang zusammen in einer Htte auf dem Fuboden lagen. Kirilloff dachte seine Gedanken und ich dachte meine Gedanken. Und der Exploiteur hat Sie wirklich geprgelt? Da werden Sie ihm wohl auch nicht schlecht mitgespielt haben? Keineswegs. Im Gegenteil, wir sahen beide sofort ein, da >wir Russen im Vergleich zu den Amerikanern kleine Kinder sind und da man entweder in Amerika geboren oder lange Jahre mit ihnen zusammen gearbeitet haben mu, um die Hhe ihrer Leistung zu erreichen<. Wir waren natrlich entzckt von Amerika und lobten dort alles: den Spiritismus, das Lynchgesetz, die Revolver und die Vagabunden. Und wenn man fr eine Dreikopekensache von uns einen Dollar verlangte, so zahlten wir ihn nicht nur mit Vergngen, sondern mit Begeisterung. Einmal, in der Eisenbahn, zog mein Nachbar aus meiner Rocktasche meine Haarbrste heraus und begann sich damit sein Haar zu striegeln. Kirilloff und ich tauschten nur einen Blick aus und stimmten sofort darin berein, da mein Nachbar vollkommen im Recht war und seine Handlungsweise uns sehr gefiel ... Sonderbar, da solche Ideen uns Russen nicht nur in den Kopf kommen, sondern von uns auch vollfhrt werden, bemerkte ich. Papierene Menschen, wiederholte Schatoff. Aber immerhin, ber einen ganzen Ozean schwimmen, in ein unbekanntes Land, und wenn auch >um durch persnliche Erfahrung< usw. etwas kennen zu lernen -- darin liegt, wei Gott, doch eine gewisse Grozgigkeit ... Wie sind Sie denn wieder zurckgekommen? Ich schrieb an einen Menschen nach Europa und der schickte mir hundert Rubel. Die ganze Zeit, whrend der Schatoff sprach, hatte er, wie immer, zu Boden gesehen, selbst dann, wenn er erregt sprach. Jetzt aber hob er pltzlich den Kopf. Wollen Sie wissen, wer dieser Mensch war? Nun, wer war es denn? Nicolai Stawrogin. Er stand pltzlich auf, trat an seinen Schreibtisch -- es war ein einfacher Tisch aus Lindenholz -- und tat, als suche er etwas auf ihm. Es ging bei uns damals das dunkle, aber glaubwrdige Gercht, Schatoffs Frau htte mit Nicolai Stawrogin in Paris eine Zeitlang gelebt, und zwar gerade vor etwa zwei Jahren, also in eben der Zeit, als Schatoff in Amerika war -- freilich schon lange nachdem sie ihn in Genf verlassen hatte. Wenn es sich so verhlt, was plagte ihn dann, mir jetzt diesen Namen zu nennen und das ... noch breitzutreten? fragte ich mich. Ich habe sie ihm bis heute noch nicht zurckgegeben, sagte er, sich wieder zu mir wendend, und nachdem er mich kurz, aber prfend angesehen hatte. Dann setzte er sich wieder. Und pltzlich fragte er mich schroff und schon in ganz anderem Tone: Sie sind natrlich mit einer bestimmten Absicht zu mir gekommen; was wnschen Sie? Ich erzhlte ihm sofort alles und betonte besonders, da ich Lisa unter allen Umstnden helfen und das ihr gegebene Wort halten mchte. Auch beteuerte ich ihm, da sie ihn mit der Buchangelegenheit keineswegs habe beleidigen wollen, da er sie vllig miverstanden haben msse. Sein pltzlicher Aufbruch habe sie denn auch aufrichtig betrbt. Er hrte mich sehr aufmerksam an. Vielleicht habe ich in der Tat wieder einmal eine Dummheit gemacht ... Aber wenn sie nicht verstanden hat, warum ich fortging -- um so besser fr sie! Er stand auf, ging zur Tr, ffnete sie und horchte hinaus. Sie wollen sie selbst sehen? Ja, das ist es ja eben! Wie liee sich das machen? Ich erhob mich schon erfreut. Gehen wir ganz einfach hin, solange sie noch allein ist. Lebdkin darf natrlich nicht erfahren, da wir bei ihr gewesen sind, sonst peitscht er sie wieder. Heimlich gehe ich oft zu ihr. Gestern habe ich ihn grndlich geprgelt, als er sie wieder zu schlagen anfing. Ist das wirklich wahr, da er sie schlgt? Gewi; an den Haaren hab ich ihn von ihr fortgerissen. Er wollte sich schon mit den Fusten auf mich strzen, aber ich konnte ihm doch noch einen Schrecken einjagen. Dabei blieb es. Nun frchte ich, ihm knnte das wieder einfallen, wenn er heute betrunken zurckkehrt, und dann wird er sie erst recht hauen. Wir gingen sogleich nach unten. V. Die Tr zu Lebdkins war nicht verschlossen und so traten wir ungehindert ein. Ihre ganze Wohnung bestand aus nur zwei erbrmlichen kleinen Zimmern mit verrucherten Wnden, an denen die schmutzigen Tapeten buchstblich in Fetzen herabhingen. Frher hatte sich in diesen Rumen Filippoffs Schenke befunden, die jetzt in das neue Haus bergefhrt worden war. Die brigen Zimmer, die frher auch noch zur Schenke gehrt hatten, waren jetzt verschlossen, nur diese beiden hatte man an Lebdkin vermietet. An Mbeln standen in der Wohnung ein paar einfache Holzbnke, Tische aus rohen Brettern und nur ein einziger alter Sessel mit einer abgebrochenen Armlehne. Im Hinterzimmer stand in einer Ecke ein Bett mit einer Kattundecke. Das war das Bett von Lebdkins Schwester. Der Hauptmann aber schlief einfach auf dem Fuboden, und da er fast immer betrunken nach Hause kam, nicht selten so, wie er war, in den Kleidern. berall war Schmutz, lagen Krmchen und Fetzchen auf dem Fuboden; in der Mitte des ersten Zimmers lag ein groer, dicker, ganz nasser Lappen, um den sich eine richtige Pftze gebildet hatte, und in dieser stand ein alter schiefgetretener Schuh. Man sah an allem, da hier niemand etwas tat; kein Ofen wurde geheizt, kein Essen gekocht; ja, sie besaen nicht einmal einen Samowar, wie Schatoff mir ausfhrlicher berichtete. Der Hauptmann war mit seiner Schwester ohne eine Kopeke hier eingetroffen und hatte in der ersten Zeit tatschlich, wie Liputin erzhlte, seine Bekannten um ein paar Kopeken angebettelt. Dann aber, als er pltzlich in den Besitz von groen Summen geriet, hatte er sofort zu trinken angefangen und sich seitdem natrlich noch weniger um den Haushalt gekmmert. Marja Timofejewna Lebdkina, die ich so sehr zu sehen wnschte, sa ruhig und lautlos im zweiten Zimmer, in einer Ecke, hinter einem einfachen Kchentisch auf einer Bank. Auch als wir eingetreten waren, hatte sie uns nicht angerufen, noch sich berhaupt gerhrt. Schatoff sagte, da ihre Flurtr nie verschlossen werde, und einmal sei sie sogar die ganze Nacht sperrangelweit offen geblieben. Beim schwachen Schein eines dnnen Lichtchens in einem eisernen Leuchter erkannte ich ein krankhaft mageres weibliches Wesen von vielleicht dreiig Jahren, in einem dunklen alten Kattunkleide, mit langem, bloem Halse und dnnem, dunklem Haar, das im Nacken zu einem kleinen Knoten, von der Gre des Fustchens eines zweijhrigen Kindes, zusammengedreht war. Sie sah uns ziemlich heiter entgegen. Auer dem Licht stand vor ihr auf dem Tisch ein kleiner billiger Spiegel, wie man ihn bei Bauern sieht, lag ein altes Spiel Karten, ein zerblttertes Liederbuch und ein kleines Weibrot, von dem sie bereits ein- oder zweimal abgebissen hatte. Man merkte, da sie sich gepudert und geschminkt und die Lippen mit irgend etwas rot gefrbt hatte; ja, selbst die Brauen, die ohnehin schon lang, fein gezeichnet und dunkel zu sein schienen, hatte sie noch gestrichen, -- aber auf ihrer schmalen und hohen Stirn sah man trotz des Puders drei lange, tiefe Falten. Ich wute schon, da sie hinkte, doch diesmal stand sie whrend unserer Anwesenheit nicht auf, so sah ich sie auch nicht gehen. Irgend einmal, vielleicht in der ersten Jugend, konnte dieses abgezehrte Gesicht vielleicht nicht unschn gewesen sein; aber ihre stillen, freundlichen grauen Augen fielen auch jetzt noch auf. Etwas Trumerisches und Inniges lag in ihrem stillen, fast frohen Blick. Diese stille, ruhige Freude, die sich auch in ihrem Lcheln ausdrckte, wunderte mich nach allem, was ich von der Kosakenpeitsche und allen Niedertrchtigkeiten ihres Bruders gehrt hatte. Sonderbar, da ich dieses Mal statt des drckenden und bangen Widerwillens, den man sonst stets in der Gegenwart solcher von Gott gezeichneten Geschpfe empfindet, -- da es mir diesmal, und fast vom ersten Augenblick an, geradezu angenehm war, sie zu betrachten und zu beobachten, und hchstens Mitleid, doch keine Spur von Abscheu, bemchtigte sich meiner spter. Sehen Sie, so sitzt sie hier ganze Tage mutterseelenallein und rhrt sich nicht, legt Karten oder betrachtet sich im Spiegelchen, sagte Schatoff noch an der Tr zu mir. Er gibt ihr ja auch nichts zu essen. Die Alte aus dem Nebenhause, die Kirilloff bedient, bringt ihr zuweilen etwas aus bloem Erbarmen. Wie man sie nur so mit dem Licht allein lassen kann! Schatoff sagte das zu meiner Verwunderung ganz laut, als ob wir allein im Zimmer wren. Guten Tag, Schatuschka! begrte ihn pltzlich Marja Timofejewna. Ich habe dir, Marja Timofejewna, einen Gast gebracht, erwiderte Schatoff. Gut, der Gast soll mir willkommen sein. Ich wei nicht, wen du da mitgebracht hast, ich glaube aber, solch einen habe ich noch nie gesehen. Dabei sah sie mich, ber das Licht hinweg, aufmerksam an. Gleich darauf wandte sie sich jedoch wieder zu Schatoff, und zu diesem allein sprach sie dann auch die ganze Zeit (mich aber beachtete sie weiter berhaupt nicht mehr, ganz als wre ich gar nicht anwesend). Es wurde dir wohl langweilig, da oben im Dachkmmerlein einsam umherzugehen? fragte sie lachend. Da sah ich, da sie sehr schne Zhne hatte. Auch das, aber vor allem wollte ich dich wieder einmal besuchen. Schatoff zog eine Bank an den Tisch, setzte sich, und wies auch mir einen Platz neben sich an. Unterhaltung habe ich immer gern, nur bist du so drollig, Schatuschka, bist ganz wie ein Mnch! Wann hast du dich zum letztenmal gekmmt? Komm her, ich werde es wohl wieder tun mssen -- und sie zog aus ihrer Kleidertasche einen Kamm. Du hast wohl seit dem letzten Mal, als ich dich kmmte, dein Haar berhaupt nicht mehr angerhrt. Ja, wie soll ich denn? Ich habe doch keinen Kamm, sagte auch Schatoff heiter. Wirklich nicht? Warte mal, dann werde ich dir meinen schenken, nicht diesen, einen andern ... nur mut du mich daran erinnern. Und mit dem ernsthaftesten Gesicht machte sie sich daran, ihn zu kmmen, zog ihm sogar auf der Seite einen Scheitel, bog sich dann zurck, um zu sehen, ob er gut geraten war -- und steckte schlielich den Kamm wieder in die Tasche. Weit du was, Schatuschka? sagte sie und schttelte dabei den Kopf, du bist doch ein vernnftiger Mensch und trotzdem grmst du dich. Es wird mir ganz sonderbar, wenn ich euch alle so sehe: ich verstehe nicht, wie knnen Menschen sich grmen und immer traurig sein? Sehnsucht ist doch nicht Traurigkeit. Mir ist immer froh zu Mut. Auch mit dem Bruder? Du meinst Lebdkin? Ach, der ist mein Knecht. Mir ist es ganz gleich, ob er hier ist oder nicht. Ich befehle nur: >Lebdkin, bring mir Wasser, Lebdkin, gib mir die Stiefel<, und er luft schon. Zuweilen sndige ich wohl auch und lache ber ihn. Und genau so ist es, sagte Schatoff zu mir gewandt, und zwar wieder mit lauter Stimme, ohne sich zu genieren. Sie behandelt ihn tatschlich wie ihren Diener, ich habe es selbst gehrt, wie sie ihm zuruft: >Lebdkin, bring mir Wasser<, und dabei lacht sie. Der Unterschied besteht nur darin, da er nicht nach dem Wasser luft, sondern sie dafr prgelt, -- und trotzdem frchtet sie ihn tatschlich nicht im geringsten. Sie hat immer ihre nervsen Anflle, fast tglich, die wirken natrlich auf ihr Gedchtnis, so da sie alles vergit und verwechselt. Glauben Sie, da sie noch wei, wann und wie wir hereingekommen sind? brigens, vielleicht wei sie's doch noch, jedenfalls aber hat sie es sich auf ihre Art umgedichtet und hlt uns wohl jetzt fr Gott wei was, nur nicht fr das, was wir sind -- obschon sie dabei ganz genau wei, da ich >Schatuschka< bin. Das macht auch nichts, da ich jetzt laut spreche, ja selbst wenn ich zu ihr spreche, strt das sie nicht mehr, sobald sie einmal mit ihren eigenen Gedanken beschftigt ist. Sie ist eine groe Trumerin, acht Stunden, zuweilen den ganzen Tag sitzt sie auf demselben Fleck, ohne sich zu rhren. Sehen Sie das Weibrot da: angebissen hat sie es vielleicht heute frh, aufessen wird sie es vielleicht erst morgen. Da legt sie auch schon wieder Karten aus ... Rate ich doch aus den Karten und rate, Schatuschka, aber immer kommt es so wie nicht richtig heraus, sagte pltzlich Marja Timofejewna, die das letzte Wort Schatoffs wohl gehrt hatte, und ohne aufzusehen streckte sie die linke Hand mechanisch nach dem Weibrot aus (auch das vom Brot mochte sie gehrt haben). Die Hand fand auch schlielich das Brtchen, doch sie selbst lie sich von neuen Gedanken wieder gefangennehmen, und nachdem sie das Brtchen eine Weile in der linken Hand gehalten hatte, legte sie es mechanisch wieder zurck, ohne es zum Munde gefhrt zu haben. Es ist immer dasselbe: ein Weg, ein bser Mann, ein Sterbebett, ein Brief irgendwoher, eine unvorhergesehene Nachricht, Trug und Hinterlist. Ach -- alles Lgen, denke ich! -- Was meinst du dazu, Schatuschka? Wenn Menschen lgen, warum sollen dann nicht auch Karten lgen? und sie mischte pltzlich die Karten durcheinander. Dasselbe habe ich auch einmal der Mutter Praskowja gesagt ... das war eine ehrwrdige alte Frau. Immer kam sie zu mir in die Zelle, um sich von mir die Karten legen zu lassen, aber heimlich, da die Mutter-btissin es nicht sah. Und nicht sie allein kam zu mir. Sie seufzen und sthnen dann immer, schtteln alle die Kpfe, raten hin und her und denken und bereiten sich auf etwas Groes vor -- ich aber lache. >Woher wollen Sie denn pltzlich einen Brief bekommen, Mutter Praskowja,< sage ich, >wenn zwlf Jahre keiner gekommen ist?< Ihre Tochter aber hat der Mann irgendwohin nach der Trkei gebracht und zwlf Jahre hat sie von ihr kein Lebenszeichen erhalten. Und wie ich gerade so am nchsten Abend beim Tee sitze, bei der btissin -- aus frstlichem Hause war sie bei uns -- sitzt da bei ihr noch eine angereiste Dame und auch noch ein Mnchlein aus dem Kloster vom Berge Athos, so ein drolliger, kleiner Mensch. Was glaubst du wohl, Schatuschka, dieser selbe Mnch hat am selben Morgen der Mutter Praskowja von der Tochter aus der Trkei einen Brief gebracht -- da hast du den Karo-Buben, die unvorhergesehene Nachricht! Wir trinken also Tee und der Mnch vom Berge Athos sagt zu der Mutter-btissin: >Und vor allem<, sagt er, >ehrwrdige Mutter-btissin, hat der Herr Euer Kloster gesegnet, seitdem es einen so kostbaren Schatz in seinem Schoe birgt<, sagt er. >Was fr einen Schatz?< fragt die Mutter-btissin. >Nun, die heilige Lisaweta doch!< sagt er. Diese Lisaweta war nmlich bei uns in einer Zelle in der Klostermauer eingemauert, wie in einem Kfig, und der war nur einen Faden lang und anderthalb Faden hoch, und da sitzt sie schon siebzehn Jahre lang hinter einem eisernen Gitter, Winter und Sommer nur in einem hanfleinenen Hemde, und sticht immer mit einem Strohhlmchen oder einem Reisigstckchen in die Leinwand und spricht kein Wort und kmmt sich nicht und wscht sich nicht all diese siebzehn Jahre. Im Winter, wenn es kalt wird, steckt man ihr ein Pelzchen zu und tglich ein Kstchen mit Brot und einen Krug mit Wasser. >Wahrlich, ein schner Schatz,< sagt die Mutter-btissin (hat sich gergert -- sie konnte die Lisaweta nicht leiden). >Lisaweta,< sagt sie, >sitzt nur aus Bosheit und Eigensinn, und alles das ist Verstellung.< Mir gefiel das nicht, was sie sagte, denn ich wollte mich auch so einschlieen lassen. >Ich glaube,< sage ich, >Gott und die Natur ist alles eins.< Alle rufen sie da, wie aus einem Munde: >Hrt doch, hrt!< Die btissin lachte und fing mit der Dame zu tuscheln an, ich wei nicht worber, und rief mich nachher zu sich, streichelte mich, und die Dame schenkte mir ein rosa Bndchen -- willst du, ich zeige es dir? Und das Mnchlein fing gleich an, mich zu belehren und sprach freundlich und demtig zu mir und wohl auch mit viel Verstand. Ich sitze und hre zu. >Hast du verstanden?< fragte er mich dann. >Nein,< sage ich, >ich habe gar nichts verstanden und lassen Sie mich lieber in meiner Ruh<, sage ich -- und seit der Zeit haben sie mich auch ganz in meiner Ruh gelassen, Schatuschka. Aber wenn ich dann aus der Kirche kam, flsterte mir unsere Greisin, eine alte, alte Nonne zu -- die bte bei uns fr ihre Weissagungen --: >Was ist das, die Mutter Gottes, wie dnkt es dich?< -- >Die groe Mutter,< antwortete ich, >das ist die groe Hoffnung, die ewige Zuversicht des Menschengeschlechts.< -- >Ganz recht,< sagt sie, >die Mutter Gottes -- das ist die groe Mutter, unsere fruchtbare Erde, und wahrlich ich sage dir, eine groe Freude liegt in ihr fr den Menschen. Und jedes Erdenleid und jede Erdentrne ist uns eine Freude. Und wenn du mit deinen Trnen die dunkle Erde unter dir trnkst, einen halben Meter tief, so wird dir wahrlich zur selbigen Stunde noch alles zur Freude gereichen. Und gar keinen, gar keinen Kummer wirst du mehr haben,< sagt sie, >denn sieh,< sagt sie, >eine solche Weissagung gibt es.< Das konnte ich nie mehr vergessen. Seit der Zeit begann ich zu beten, ich beugte mich zur Erde und kte die Erde und weinte. Und sieh, ich sage dir, Schatuschka, es ist nichts Schlechtes in diesen Trnen, und wenn du auch gar kein Leid hast, du wirst die Trnen vor lauter Freude weinen. Die Trnen weinen sich selbst. Zuweilen ging ich zum See, an das Ufer: auf der einen Seite vom See stand unser Kloster und auf der anderen unser spitzer Berg, wir nannten ihn denn auch einfach den Spitzberg. Und so steige ich denn auf diesen Berg und wende mich mit dem Gesicht nach Osten und falle auf die Erde nieder und weine und weine, und wei nicht, wie lange ich weine, und habe dann alles vergessen und ich wei gar nichts mehr. Dann stehe ich auf und wende mich zurck, und die Sonne geht unter so gro, und es ist eine Pracht und Herrlichkeit -- liebst du's auch, so die Sonne zu sehen, Schatuschka? Schn ist es, aber traurig ... Und ich wende mich wieder zurck nach Osten, und der Schatten, der Schatten von unserem Berge luft schmal und lang wie ein Zeiger ber den See, eine Werst weit oder noch weiter -- bis zur Insel im See, und teilt diese steinige Insel, wie sie da ist, gerade in zwei Hlften. Und wie er sie so teilt, da geht auch die Sonne ganz unter und alles erlischt pltzlich. Und dann kommt wieder die Sehnsucht so ber mich, und pltzlich kommt auch die Erinnerung wieder, und ich frchte die Dunkelheit, Schatuschka. Und immer mehr weine ich dann um mein kleines Kind ... Hast du denn eines gehabt? fragte Schatoff, der ihr die ganze Zeit aufmerksam zugehrt hatte, und stie mich leicht mit dem Ellenbogen an. Wie denn nicht! Ein kleines, rosiges, mit so winzigen Fingerchen, und all mein Leid ist nur, da ich nicht mehr wei, ob es ein Knabe oder ein Mdchen war. Zuweilen erinnere ich mich dessen, da es ein Knabe war, und zuweilen scheint es mir wieder, da es ein Mdchen war. Als ich es damals gebar, da wickelte ich es gleich in Batist und Spitzen und band es mit rosa Bndchen zu und bettete es auf Blumen und sprach ein Gebet ber ihm und trug das Ungetaufte und trage es durch den Wald und frchte mich im Walde, denn ich habe Angst und weine, und am meisten weine ich darber, da ich geboren habe und doch den Mann nicht kenne. Vielleicht kanntest du ihn doch? fragte Schatoff vorsichtig. Drollig bist du doch, Schatuschka, mit deiner Vernunft. Vielleicht, vielleicht hatte ich ihn auch ... aber was liegt daran, wenn es doch ebenso ist, als wenn ich ihn nicht gehabt htte? Da hast du nun ein unschweres Rtsel, nun rat einmal! sagte sie lchelnd. Wohin hast du denn das Kind getragen? In den Teich hab ich's getragen, seufzte sie. Schatoff berhrte mich wieder mit dem Ellenbogen. Aber was dann, wenn du das Kind berhaupt nicht gehabt hast und alles bei dir nur Phantasie ist? Eine schwere Frage gibst du mir auf, Schatuschka, sagte sie grbelnd und ohne jegliche Verwunderung ber die Frage. Ich kann dir aber hierauf gar nichts sagen, vielleicht habe ich auch keines gehabt. Mir scheint, da du nur aus Neugier so fragst; aber ich werde deshalb nicht aufhren, um mein Kind zu weinen, ich habe es doch nicht im Traum gesehen? Groe Trnen erglnzten in ihren Augen. Schatuschka, Schatuschka, ist es wahr, da deine Frau von dir fortgelaufen ist? fragte sie pltzlich, legte ihm beide Hnde auf die Schultern und blickte ihn mitleidig an. Aber du rgere dich nicht, mir ist ja dabei auch weh. Weit du, Schatuschka, was fr einen Traum ich gehabt habe -- er kommt wieder zu mir und lockt mich: >Ktzchen,< sagte er, >mein Ktzchen, komm her zu mir!< Sieh, ber das >Ktzchen< freute ich mich am meisten: er liebt mich, dachte ich. Vielleicht kommt er auch bald in Wirklichkeit, murmelte Schatoff halblaut. Nein, Schatuschka, das ist schon ein Traum ... er kann nicht in Wirklichkeit kommen. Kennst du das Lied: Ich brauche nicht Dein neues, hohes Schlo! Hier in dieser Zelle will ich bleiben, Leben und beten, Beten zu Gott -- fr dich ... Ach, Schatuschka, mein Liebling, warum fragst du mich denn nie etwas? Du wirst ja doch nichts sagen, darum frage ich auch lieber gar nicht. Nein, nein, ich sage nichts und wenn du mich auch totschlgest! beteuerte sie schnell. Verbrenne mich lebendig, ich sage nichts! Und wie es auch schmerzte, nichts werde ich sagen, nichts werden die Menschen erfahren! Nun, siehst du, jeder hat das Seine, sagte Schatoff noch leiser, und senkte noch tiefer den Kopf. Aber wenn du mich btest, vielleicht wrde ich es dir dann doch sagen ... vielleicht wrde ich es dir dann doch sagen! flsterte sie wie verzckt. Warum bittest du mich nicht? Bitt' mich, bitt' mich ordentlich, Schatuschka, vielleicht werde ich's dir dann sagen. Flehe mich an, Schatuschka, bitte und beschwre mich, damit ich dann selbst einwillige ... Schatuschka, Schatuschka! Aber Schatuschka schwieg. Eine Minute lang schwiegen wir alle. Langsam flossen die Trnen ber ihre gepuderten Wangen. Die Hnde hielt sie immer noch auf seinen Schultern, sie hatte sie vergessen aber sie sah ihn nicht mehr an. Eh, was geht das mich an, wre auch Snde, sagte Schatoff pltzlich und erhob sich von der Bank. Stehen Sie auf! Er zog rgerlich die Bank fort und schob sie auf ihren Platz zurck: Damit er nichts merkt, wenn er kommt. Wir mssen jetzt gehen. Ach, du sprichst wieder von meinem Diener! lachte Marja Timofejewna auf. Hast Angst! Nun, dann lebt wohl, meine lieben Gste, aber hr, nur noch einen Augenblick, was ich dir sagen will! Neulich kam dieser Nilytsch her, mit Filippoff, dem Hauswirt, dem Rotkopf, weit du, gerade als meiner auf mich losschlug. Wie ihn der Hauswirt da packt und durchs Zimmer schleift, schreit er: >Bin nicht schuld, bin nicht schuld, mu fr fremde Schulden dulden!< Glaubst du wohl, wir haben alle so darber gelacht ... Aber das war doch ich, sagte Schatoff, ich zog ihn doch gestern an den Haaren von dir fort. Der Hauswirt dagegen war vor drei Tagen nur hergekommen, um sich mit euch zu schimpfen, ... hast wohl wieder alles verwechselt? Wart einmal, ja, ich habe es wirklich verwechselt, vielleicht warst du es. Aber wozu ber solche Nebensachen streiten, ist es nicht einerlei, wer ihn fortri? lachte sie. Gehen wir, schnell! Schatoff zog mich am rmel, die Pforte knarrt: trifft er uns bei ihr, so wird er sie wieder schlagen. Kaum waren wir die Treppe hinaufgelaufen, als wir auch schon betrunkenes Geschimpfe hrten. Schatoff zog mich in sein Zimmer und verschlo die Tr. Sie werden einen Augenblick hier sitzen mssen, wenn Sie keine Geschichten mit ihm haben wollen. Hren Sie? Er quiekt wie ein Ferkel, ist wohl wieder ber die Schwelle gestolpert -- fast jedesmal fllt er lang hin. Aber ohne Geschichten ging es einstweilen doch nicht ab. VI. Schatoff stand an der Tr und horchte hinaus. Pltzlich sprang er zurck. Er kommt herauf, das wute ich ja! rief er wtend mir leise zu. Jetzt haben wir ihn bis Mitternacht auf dem Halse! Ein paar starke Faustschlge an die Tr kndeten Lebdkin an. Schatoff! ... Schaa--toff, mach auf! brllte der Betrunkene. Schatoff, Freund ... Und pltzlich sang er los -- die bekannte Romanze --: >Kam zu dir mit einem Gru, Um zu knden, da der Mo--o--orgenstrahl Glhend ... be--ebend ... seinen ersten Ku Von den Wipfeln dieser W--e--elder stahl! La dir knden vom Erwachen ...< Kch -- hm! zum Teufel! rusperte er sich -- >Vom Erwachen unter Zwei--e--eigen ...< Haha! klingt ja fast wie unter Ruten! Nein, lieber von was anderem! ... >Jeder Vogel -- hat mal Durst! Weit du auch, was ich trinke? Trinke, ja, trinke? Wei ich doch ... selber es nicht ... Was ich ... was ich ...< Hm! ... Hol' sie der Teufel, diese dumme Neugier! Schatoff, begreifst du auch, wie schn es auf Erden zu leben ist! Antworten Sie nicht! flsterte mir Schatoff zu. Hr', mach doch auf! ... Begreifst du auch, da es etwas Hheres gibt, als Raufereien unter ... der Menschheit? ... Es gibt, weit du, es gibt Augenblicke im Leben eines edlen Menschen ... Schatoff, ich bin gut, ich verzeihe dir alles ... Nur, weit du, mach doch auf! ... Schatoff, hre -- zum Teufel mit den Proklamationen! -- Wie? Schweigen. Begreifst du auch, Esel, da ich verliebt bin! Ich habe mir einen Frack gekauft, sieh, einen Frack der Liebe fr die Liebe, -- fnfzehn Silberrubel! Eines Hauptmannes Liebe verlangt eben gesellschaftlichen Anstand ... Mach auf! brllte er pltzlich wie ein wildes Tier und begann von neuem, in toller Wut mit den Fusten an die Tr zu donnern. Scher' dich zum Teufel! schrie nun auch Schatoff. S--s--s--kla--a--ve! Leibeigener Skla--ve, und deine Schwester ist auch eine Skla--a--vin ... eine Die--bin! Und du hast deine Schwester verkauft! Du lgst! Ich dulde aus Edelmut, whrend ich ... Mit einer einzigen Erklrung knnte ich ... Begreifst du auch, wer sie eigentlich ist? Nun, wer denn? Schatoff trat neugierig an die Tr. Wirst du es aber auch begreifen? Werd schon begreifen, wenn du es nur sagst -- nun, wer ist sie denn? Ich habe den Mut, es zu sagen! Ich habe immer den Mut, dem Publikum alles zu sagen! Scheint doch nicht, neckte ihn Schatoff geflissentlich und nickte mir zu, jetzt nur gut aufzumerken. Was, du meinst, ich wa--age es nicht? Natrlich wagst du es nicht. Wie, ich wa--a--ge es nicht? So sag's doch, wenn du die herrschaftlichen Ruten nicht frchtest ... Bist doch ein Feigling -- und willst ein Hauptmann sein! Ich ... ich ... sie ... sie ist ... stotterte Lebdkin. Nun? Schatoff legte das Ohr ans Schlsselloch. Ein Schweigen entstand und dauerte mindestens eine halbe Minute an. Du Sch--sch--u--uft! ertnte es endlich hinter der Tr, und der Hauptmann stolperte so schnell wie er nur konnte und keuchend wie ein Samowar die Treppe hinunter, wobei jede Stufe unter seinem Gewicht knarrte. Nein, er ist schlau, selbst in der Betrunkenheit wird er sich nicht verraten. Schatoff kam langsam von der Tr zurck. Aber was soll denn das alles bedeuten? fragte ich. Schatoff winkte nur mit der Hand, ging wieder zur Tr, ffnete sie und begann nach unten zu lauschen. Lange horchte er, ging sogar ein paar Stufen hinab ... endlich kam er wieder zurck. Es ist nichts zu hren, hat sie also nicht geprgelt, wird wohl gleich eingeschlafen sein. Es ist Zeit, Sie mssen nach Hause gehen. Hren Sie, Schatoff, was soll ich aus all dem schlieen? Eh, schlieen Sie daraus, was Sie wollen! antwortete er mit mder und schlecht gelaunter Stimme und setzte sich an seinen Schreibtisch. Ich ging. Ein unerhrter Gedanke bemchtigte sich meiner mehr und mehr. Mit Sorge dachte ich an den nchsten Tag. VII. Dieser nchste Tag -- der Sonntag, an dem Stepan Trophimowitschs Schicksal sich unwiderruflich entscheiden sollte -- war einer der merkwrdigsten Tage meiner Geschichte, war ein Tag der berraschungen, an dem Altes seine Lsung fand und Neues sich knpfte, ein Tag greller Erklrungen und -- noch schlimmerer Verwirrung. Wie ich schon erzhlt habe, mute ich meinen Freund am Morgen zu Warwara Petrowna begleiten, und um drei Uhr sollte ich dann bei Lisaweta Nicolajewna sein, um ihr zu erzhlen ... ja, ich wute selbst nicht, was! und ihr zu verhelfen -- wozu? das wute ich ebensowenig. Und nun fand pltzlich alles eine Lsung, die weder ich noch sonst jemand erwartet hatte ... Kurz, es war ein Tag seltsam zusammentreffender Zuflle. Er begann damit, da wir, Stepan Trophimowitsch und ich, als wir um elf bei Warwara Petrowna erschienen, sie nicht zu Hause antrafen: sie war noch nicht aus der Kirche zurckgekehrt. Mein armer Freund war aber dermaen nervs oder innerlich erregt, da schon dieser eine Umstand ihn sofort gleichsam vernichtete, und vllig erschpft sank er im Empfangssalon auf einen Sessel. Ich bot ihm ein Glas Wasser an, doch trotz seines bleichen Gesichts und seiner zitternden Hnde lehnte er es mit Wrde ab. brigens mchte ich hier bemerken, da er diesmal mit geradezu erlesener Eleganz gekleidet war: er trug die feinste Batistwsche, die weie Halsbinde war meisterhaft geschlungen, hielt in der einen Hand einen neuen Hut und strohfarbene Handschuhe, und zu all dem kam noch ein leiser, ganz leiser Parfmduft. Kaum hatten wir uns gesetzt, als Schatoff, vom Diener gefhrt, eintrat. Warwara Petrowna hatte offenbar auch ihn um diese Zeit zu sich gebeten. Stepan Trophimowitsch erhob sich schon, um ihm die Hand zu reichen, doch Schatoff, der zunchst aufmerksam zu uns herbersah, wandte sich pltzlich zur Seite und setzte sich auf einen Stuhl an der Wand, ohne uns auch nur mit dem Kopf zuzunicken. Mein armer Freund sah mich wieder ganz erschrocken an. So saen wir noch eine ganze Weile in tiefstem Schweigen. Stepan Trophimowitsch begann zwar einmal mir irgend etwas zuzuflstern, doch da er wahrscheinlich selbst nicht recht wute, was er sagen wollte, so verstummte er bald wieder. Nach einiger Zeit kam der Diener noch einmal herein, um irgend etwas auf dem Tisch zu ordnen; oder richtiger -- um nach uns zu sehen. Da wandte sich pltzlich Schatoff an ihn und fragte laut: Alexei Jegorytsch, ist Darja Pawlowna gleichfalls zur Kirche gefahren? Nein, Warwara Petrowna geruhten allein zum Gottesdienst zu fahren, Darja Pawlowna aber sind zu Hause geblieben, sie fhlten sich nicht ganz wohl, meldete Alexei Jegorytsch mit Anstand. Mein armer Freund warf mir hierauf wieder einen erregten Blick zu, so da ich mich schon gergert von ihm abwenden wollte. Da ertnte drauen das Rollen einer Equipage, die vorfuhr, und ein gewisses fernes Hinundher im Hause kndete uns an, da die Herrin zurckgekehrt war. Wir standen auf. Schritte nherten sich. Aber was war das? Wir hrten Schritte von mehreren Personen. War denn Warwara Petrowna nicht allein zurckgekehrt? Das war doch etwas sonderbar, da sie selbst uns zu dieser Stunde und zu diesem besonderen Zweck zu sich gebeten hatte. Schlielich vernahmen wir seltsam schnelle Schritte, fast ein Eilen, so aber pflegte Warwara Petrowna sonst doch nicht zu gehen. Und pltzlich flog die Tre auf und tatschlich -- Warwara Petrowna erschien, atemlos und in ungewhnlicher Erregung. Hinter ihr aber kam, langsamer, leiser, Lisaweta Nicolajewna, und die fhrte an der Hand -- Marja Timofejewna Lebdkina! Htte ich das im Traum gesehen, so htte ich selbst dann meinen Augen nicht getraut. Was war geschehen? Nun mu ich um etwa eine Stunde zurckgreifen und erzhlen, was sich inzwischen in der Kirche zugetragen hatte. An eben diesem Sonntage war der Adel und die ganze Gesellschaft der Stadt fast vollzhlig zum Morgengottesdienst erschienen. Man wute, da die neue Gouverneurin zum erstenmal nach ihrer Ankunft bei uns in die Kirche gehen werde. Es hatte sich schon herumgesprochen, da sie eine Freidenkerin sei und die neuesten Anschauungen teile. Und berdies wuten schon alle Damen, da sie in einer prchtigen, sehr eleganten Toilette erscheinen werde, weshalb sich denn alle gleichfalls auf das sorgfltigste geputzt hatten. Nur Warwara Petrowna war wieder schlicht und ganz in Schwarz erschienen, genau so, wie sie sich in den letzten vier Jahren immer kleidete. Whrend des Gottesdienstes stand sie auf ihrem alten Platz, links, in der ersten Reihe, und vor ihr hatte ihr Diener in Livree ein Samtkissen hingelegt, kurz, alles war so, wie es immer gewesen war. Manche Leute wollten zwar bemerkt haben, da Warwara Petrowna an diesem Morgen ganz besonders lange und inbrnstig gebetet habe; ja, spter, als man sich alles wieder vergegenwrtigte, versicherte man sogar, sie habe Trnen in den Augen gehabt. Die Messe war schlielich zu Ende und unser Oberpriester, der Vater Pawel, trat aus der Sakristei, um eine feierliche Predigt zu halten. Seine Predigten wurden bei uns sehr geschtzt und man hatte ihm schon oft zugeredet, sie doch drucken zu lassen, wozu er sich aber nie entschlieen konnte. An diesem Sonntage nun fiel die Predigt jedoch besonders lang aus. Da kam, nachdem die Predigt schon begonnen hatte, noch eine Dame in einer leichten Mietdroschke angefahren, in einem von jenen altmodischen Vehikeln, auf denen Herren rittlings, Damen nur seitlich sitzen konnten, weshalb sie sich an dem Grtel des Kutschers festhalten muten, da sie bei jedem Sto des Wagens wie ein Wiesengrschen im Winde schaukelten. Diese Droschken gibt es auch heute noch in unserer Stadt. Der Kutscher hielt an der Kirchenecke, da er wegen der vielen Equipagen und sogar Gendarmen vor dem Portal nicht weiterzufahren wagte. Die Dame sprang ab und gab dem Kutscher vier Kopeken. Was, ist es zu wenig, Wanj?[31] fragte sie erschrocken, als sie sah, da der Kutscher ein Gesicht schnitt. Das ist aber alles, was ich habe, fgte sie traurig hinzu. Nun, schon gut ... hab nicht an Verdienst gedacht ... Der Wanjka winkte mit der Hand und sah sie an, als dchte er: Wre ja auch Snde, dich zu krnken ... Er steckte seinen Lederbeutel unter die Bluse und fuhr, begleitet vom Spott der anderen wartenden Kutscher, wieder davon. Sptteleien und Verwunderung begleiteten auch die Dame, so lange sie sich durch die Volksmenge und die wartenden Diener bis zur Kirchentr drngte. Aber es war auch wirklich etwas Ungewhnliches und berraschendes in dem Erscheinen einer solchen Person so pltzlich irgendwoher und am Sonntagmorgen mitten unter dem Volk. Sie war krankhaft mager und hinkte; ihr Gesicht war stark gepudert und geschminkt und der lange Hals war unbedeckt. Sie hatte weder ein Tuch noch einen Umwurf, war nur in einem alten dunklen Kattunkleide, trotz des khlen, windigen, wenn auch sonnigen Septembertages. Ihr Kopf war gleichfalls unbedeckt und in den kleinen Haarknoten im Nacken hatte sie an der rechten Seite eine Rose aus Seidenpapier gesteckt, eine von solchen, mit denen die Ostercherubim geschmckt werden. So einen Ostercherub in einem Kranz aus Papierrosen hatte ich gerade am Abend vorher unter den Heiligenbildern bemerkt, als ich bei Marja Timofejewna sa. Hinzu kam, da die Dame, wenn auch mit niedergeschlagenen Augen, doch mit einem beinahe mehr als heiteren, fast verschmitzten Lcheln durch das Volk ging. Vielleicht htte man sie, wenn sie noch einen Augenblick lnger in der Menge geblieben wre, berhaupt nicht in die Kirche eintreten lassen. So aber gelang es ihr noch, durch das Portal zu schlpfen, und unauffllig schob sie sich dann weiter nach vorn. Obgleich die Predigt noch nicht zu Ende war und die ganze Kirche andchtig zuhrte, wandten sich manche Augen doch interessiert und verwundert heimlich der Neueingetretenen zu. Diese kniete zunchst nieder, beugte ihr gepudertes Gesicht auf den Fuboden, und berhrte ihn mit der Stirn; so kniete sie lange, und wie es schien, weinte sie; nachdem sie sich aber wieder aufgerichtet und von den Knien erhoben hatte, begann sie alsbald fast heiter und mit sichtlichem Vergngen die Menschen und die Kirchenwnde zu betrachten. Einzelne Damen schienen sie besonders zu interessieren, und sie stellte sich sogar auf die Fuspitzen, um besser sehen zu knnen, und zweimal kicherte sie dabei ganz eigentmlich. Doch schlielich erreichte auch die Predigt ihr Ende und man trug das Kreuz vor den Altar. Die Gouverneurin trat sofort vor, doch schon nach ein paar Schritten blieb sie stehen, um Warwara Petrowna den Vortritt zu geben, die gleichfalls gerade auf das Kreuz zuschritt und dabei tat, als sei ihr niemand im Wege. Die ungewhnliche Bescheidenheit der Gouverneurin sollte natrlich ein feiner Stich fr Warwara Petrowna sein -- so faten es wenigstens die Damen der Gesellschaft auf. Auch Warwara Petrowna hatte den Stich wohl verstanden, bersah ihn jedoch und kte mit unerschtterlicher Vornehmheit das Kreuz, worauf sie dann sofort dem Ausgange der Kirche zuschritt. Ihr Diener in Livree bemhte sich ganz unntzerweise, einen Weg durch die Anwesenden zu bahnen, da alle schon von selbst hflich vor ihr zur Seite traten. Da geschah es aber, da in der Vorhalle, wo das Volk dicht gedrngt stand, Warwara Petrowna dennoch einen Augenblick stehen bleiben und warten mute. Und hier nun drngte sich pltzlich das sonderbare Geschpf, mit der Papierrose im Haar, durch das Volk zu ihr hin -- und fiel vor ihr auf die Kniee. Warwara Petrowna, die man nicht leicht erschrecken konnte, besonders nicht in der ffentlichkeit, sah ruhig, streng und erhaben auf die Kniende herab. Ich mu hier bemerken, da Warwara Petrowna, wenn sie auch sparsamer, ja, wie manche behaupteten, sogar ein bichen geizig geworden war, zu wohlttigen Zwecken doch immer noch viel Geld ausgab. Noch vor einem Jahr, als in einzelnen Gegenden unseres Gouvernements Hungersnot herrschte, hatte sie an das Hilfskomitee fnfhundert Rubel gesandt. Und schlielich hatte sie noch in der letzten Zeit, kurz vor der Ernennung des neuen Gouverneurs, bereits ein Damenkomitee zustandegebracht, das den rmsten Wchnerinnen in der Stadt und im Gouvernement Untersttzungen zukommen lassen sollte. Man warf ihr bei uns Ehrgeiz vor, doch ihr fester, durchsetziger Wille hatte die Hindernisse fast schon beseitigt, das Komitee war bereits so gut wie gegrndet, und Warwara Petrowna dachte schon mit Begeisterung daran, ein hnliches Komitee auch in Moskau zu grnden, und wie dieser Gedanke schlielich in jedem Gouvernement fruchtbar gemacht werden knnte. Da kam aber der Wechsel des Gouverneurs, und alles geriet ins Stocken; die neue Gouverneurin aber hatte, wie es hie, schon Zeit gehabt, in der Gesellschaft einige spitze und schlielich nicht ganz unsachliche Bemerkungen ber die Unzweckmigkeit des Grundgedankens solcher Komitees zu uern. Diese Bemerkungen aber waren -- selbstredend mit Ausschmckungen -- Warwara Petrowna sofort hinterbracht worden. Zwar kann nur Gott allein wissen, was in der Tiefe eines Menschenherzens vorgeht, aber in diesem Fall glaube ich doch, annehmen zu drfen, da Warwara Petrowna in diesem Augenblick nicht ungern vor der Knienden stehen blieb, zumal sie ja wute, da sogleich die Gouverneurin und dann die ganze hhere Gesellschaft an ihr vorbergehen mute. -- So mag sie jetzt doch sehen, wie gleichgltig mir das ist, was sie da ber meinen Ehrgeiz in meinen Wohlttigkeitsplnen spttelt. Was geht sie mich an! Was haben Sie, meine Liebe, um was bitten Sie? fragte Warwara Petrowna und musterte aufmerksam die vor ihr kniende Bittstellerin. Diese sah mit entsetzlich zaghaftem, verschmtem und fast andchtigem Blick zu ihr auf, und pltzlich lachte sie wieder mit jenem absonderlichen Kichern. Was hat sie? Wer ist sie? Warwara Petrowna sah mit befehlendem und fragendem Blick die Umstehenden an. Alles schwieg. Sie sind wohl unglcklich? Sie brauchen eine Untersttzung? Ich kam ... ich wollte ... stammelte die Kniende mit einer Stimme, die vor Aufregung versagte. Ich bin nur gekommen, um Ihnen die Hand zu kssen ... und wieder kicherte sie. Und mit einem schmeichelnden Ausdruck im Gesicht, wie kleine Kinder ihn haben, wenn sie etwas erbitten mchten, wollte sie schon Warwara Petrownas Hand ergreifen, doch pltzlich, als htte irgend etwas sie erschreckt, zog sie ihre Hnde bang zurck. Nur deshalb sind Sie gekommen? Warwara Petrowna lchelte mitleidig, zog schnell ihr Perlmutterportemonnaie hervor, entnahm ihm einen Zehnrubelschein und gab ihn der Unbekannten. Diese nahm ihn an. Warwara Petrowna war sichtlich sehr interessiert und hielt die Unbekannte offenbar nicht fr eine gewhnliche Bittstellerin. Sieh, volle zehn Rubel hat sie gegeben! flsterte jemand in der Volksmenge. Ihre Hand, bitte, stammelte wieder die Kniende, die mit den Fingern der linken Hand den Schein nur an einem Eckchen krampfhaft festhielt, whrend der Windzug ihn bewegte. Warwara Petrowna runzelte aus einem unbekannten Grunde ein wenig die Stirn, reichte jedoch mit ernster, strenger Miene ihre Hand hin: die Unglckliche kte sie andchtig. Ihr dankbarer Blick leuchtete jetzt geradezu wie in Seligkeit auf. Und gerade in diesem Augenblick kam die Gouverneurin, strmte die ganze Schar unserer Damen und hheren Wrdentrger dem Ausgang zu. Die Gouverneurin mute vor dem Gedrnge am Portal stehen bleiben und ein wenig warten, und die anderen folgten ihrem Beispiel. Sie zittern ja, Sie haben wohl kalt? fragte pltzlich Warwara Petrowna, warf sofort ihren Mantel ab, den der Diener auffing, und zog von ihren Schultern einen schwarzen (keineswegs billigen) Schal, den sie eigenhndig um den entblten Hals der immer noch vor ihr Knienden schlang. Aber so stehen Sie doch auf, stehen Sie auf, ich bitte Sie! Diese erhob sich. Wo wohnen Sie? Wei denn hier wirklich niemand, wo sie wohnt? wandte sich Warwara Petrowna wieder ungeduldig an die Umstehenden. Ich glaube, das ist die Lebdkin, meinte schlielich jemand -- es war das unser ehrenwerter Kaufmann Andrejeff: ein Mann mit langem Bart, einer in Silber gefaten Brille und in russischer Tracht. Seinen runden Filzhut hielt er jetzt in der Hand. Die wohnen bei Filippoff in der Bogojawlenskstrae, fgte er hinzu. Lebdkin? Bei Filippoff? Ich habe den Namen gehrt ... Ich danke Ihnen, Nikon Semjonytsch, aber wer ist dieser Lebdkin? Nennt sich >Hauptmann< ... ein Mensch, der sozusagen ... keinen Halt hat. Die hier ist wohl seine Schwester. Sie mu aber, denke ich, seiner Aufsicht entlaufen sein, bemerkte er leiser und blickte dabei Warwara Petrowna bedeutsam an. Ich verstehe schon, danke, Nikon Semjonytsch. Meine Liebe, Sie sind Frulein Lebdkin? Nein, ich heie nicht Lebdkin. Aber vielleicht heit Ihr Bruder Lebdkin? Mein Bruder heit Lebdkin. Also, hren Sie, meine Liebe, ich werde Sie jetzt zu mir bringen und von mir aus wird man Sie dann zu Ihnen nach Hause fahren. Wollen Sie mit mir kommen? Ach ja, ach ja, ich will, ich will! und Frulein Lebdkin klatschte in die Hnde vor Vergngen. Tante, Tante! Nehmen Sie auch mich mit! ertnte pltzlich Lisaweta Nicolajewnas Stimme. Lisa war an diesem Sonntage mit der Gouverneurin, ihrer Verwandten, zum Gottesdienst erschienen, whrend Praskowja Iwanowna auf den Rat des Arztes hin eine Spazierfahrt unternommen und Mawrikij Nicolajewitsch gebeten hatte, sie zu begleiten. Lisa, die mit der Gouverneurin die Kirche verlassen wollte, lie nun pltzlich ihre Verwandte einfach stehen und drngte sich ungestm zu Warwara Petrowna. Liebling, du weit doch, da ich dich immer gern bei mir sehe, aber was wird deine Mutter dazu sagen? begann Warwara Petrowna wrdevoll, doch pltzlich gewahrte sie Lisas ungewhnliche Aufregung und wurde unsicher. Tante, Tante, ich mu jetzt unbedingt mit Ihnen fahren! flehte Lisa und kte Warwara Petrowna ungestm. _Mais qu'avez-vous donc, Lise?_{[87]} fragte die Gouverneurin mit ausdrucksvoller Verwunderung. Ach, verzeihen Sie, Liebste, _chre cousine_!{[88]} Ich fahre zu Tante! Lisa hatte sich schon im Fluge zu ihrer unangenehm berhrten _chre cousine_ herumgewandt und kte sie schnell zweimal. Bitte, sagen Sie _maman_, da sie gleich zu Tante kommen soll, um mich abzuholen. _Maman_ wollte heute unbedingt zu Tante fahren, sie hat es gestern selbst gesagt, ich verga nur, Ihnen das vorhin schon zu sagen! beteuerte Lisa, zitternd vor Aufregung. Verzeihen Sie mir, _Julie_, seien Sie mir nicht bse ... _chre cousine_! ... Tante, ich bin bereit! Tante, flsterte sie dieser zu, wenn Sie mich jetzt nicht mitnehmen, laufe ich zu Fu Ihrer Equipage nach! Zum Glck hrte das niemand. Warwara Petrowna trat vor Schreck sogar einen Schritt zurck und sah entsetzt das anscheinend wahnsinnige Mdchen an. Dieser Blick entschied: sie beschlo, Lisa auf jeden Fall mitzunehmen. Dem mu ein Ende gemacht werden! entfuhr es ihr unwillkrlich. Ich nehme dich mit Vergngen mit, Lisa, fgte sie laut hinzu, aber natrlich nur, wenn Julija Michailowna damit einverstanden ist, wandte sich Warwara Petrowna mit offenem Blick und freundlicher Wrde unmittelbar an die Gouverneurin. Oh, gewi! Ich werde sie doch nicht um dieses Vergngen bringen wollen, zwitscherte mit erstaunlicher Liebenswrdigkeit die Gouverneurin Julija Michailowna, zumal ich ja schon wei, was fr ein phantastisches, eigenwilliges Kpfchen auf diesem Hlschen sitzt! -- und sie lchelte geradezu bezaubernd. Ich danke Ihnen aufrichtig, dankte Warwara Petrowna mit sehr hflichem Gru, aber wie immer noch voll Wrde. Und es ist mir um so angenehmer, diesen Wunsch Lisas zu erfllen, fuhr Julija Michailowna in ihrer plappernden Redeweise fort und errtete sogar vor angenehmer Erregung, als Lisa jetzt nicht nur das Vergngen haben wird, zu Ihnen zu fahren, sondern mit diesem Vergngen noch einer so schnen Regung nachgeben kann, wie es das Mitgefhl mit dieser ... (sie blickte bezeichnend auf die Unglckliche) ... wie es die Barmherzigkeit ist ... und ... und das noch gewissermaen an der Schwelle der Kirche ... Eine solche Auffassung macht Ihnen unbedingt Ehre, uerte Warwara Petrowna in bewundernder Weise ihren Beifall. Und Julija Michailowna streckte sofort mit liebenswrdigem Eifer die Hand aus und Warwara Petrowna drckte sie mit aufrichtiger Bereitwilligkeit. Der allgemeine Eindruck war vorzglich. Die Gesichter der Anwesenden erstrahlten vor Vergngen und viele lchelten s und wohlgefllig. Kurz, die ganze Stadt sah pltzlich ein, da nicht die Gouverneurin aus angeblicher Miachtung Warwara Petrowna bisher noch nicht ihren Besuch gemacht hatte, sondern da, im Gegenteil, Warwara Petrowna es war, die zu Julija Michailowna Distance wahrte, whrend diese, wie man jetzt meinte, wohl schon zu Fu zu Warwara Petrowna geeilt wre, wenn sie nur gewut htte, ob sie berhaupt empfangen werden wrde. Und so stieg denn Warwara Petrownas Ansehen pltzlich wieder aufs hchste. Steigen Sie ein, meine Liebe, sagte Warwara Petrowna zu der Lebdkin und wies auf die vorgefahrene Equipage. Und die Unglckliche eilte frhlich zum Wagenschlag, wo der Diener schon bereitstand und sie hineinhob. Wie! Sie hinken! rief pltzlich Warwara Petrowna entsetzt und erbleichte. (Alle haben es damals bemerkt, jedoch nicht verstanden, warum.) ... Die Equipage rollte davon. Warwara Petrownas Stadthaus lag ganz in der Nhe der Kirche. Lisa erzhlte mir spter, die Lebdkin habe whrend der ganzen drei Minuten der Fahrt hysterisch gelacht, Warwara Petrowna aber habe dagesessen wie in einem hypnotischen Schlaf -- das waren Lisas Worte. Fnftes Kapitel. Die allwissende Schlange I. Warwara Petrowna klingelte sofort nach einem Diener und warf sich dann in der Nhe des Fensters erschpft in einen Sessel. Setzen Sie sich dorthin, meine Liebe, wies sie Marja Timofejewna an dem groen runden Tisch, der in der Mitte des Salons stand, einen Platz an. Darauf wandte sie sich zu uns: Stepan Trophimowitsch, wer ist das? Sehen Sie sie an, wer ... was ist sie? Ich ... ich ... stammelte Stepan Trophimowitsch. In diesem Augenblick trat der Diener ein. So schnell wie mglich ein Tasse Kaffee! Und die Equipage soll warten! _Mais chre et excellente amie ... dans quelle inquitude!_{[89]} ... rief Stepan Trophimowitsch unsicher aus. Ach, franzsisch, franzsisch! Marja Timofejewna klatschte in die Hnde vor Vergngen. Gleich merkt man, da man in vornehmer Gesellschaft ist! Und sie schickte sich mit Entzcken an, dem franzsischen Gesprche zuzuhren. Warwara Petrownas Augen ruhten auf ihr mit Befremden, ja, mit Entsetzen. Wir schwiegen alle und warteten ungewi auf irgendeine Lsung oder Erklrung. Schatoff erhob kein einziges Mal seinen gesenkten Kopf und Stepan Trophimowitsch schaute so erschrocken drein, als trge er die Schuld an allem. Ich selbst blickte auf Lisa, die fast neben Schatoff sa. Lisa wiederum sah gespannt bald auf Warwara Petrowna, bald auf die Lahme: um ihre Lippen zuckte ein Lcheln, kein gutes Lcheln, -- und Warwara Petrowna bemerkte es wohl. Whrenddessen lie Marja Timofejewna es sich gut gefallen: sie betrachtete entzckt und ohne jede Befangenheit die Mbel, die Teppiche, die Bilder an den Wnden, die alte gemalte Decke, die groe Bronzestatue in der Ecke, die Porzellanlampe, die Albums und die Nippsachen auf dem Tisch. Ach, auch du bist hier, Schatuschka! rief sie pltzlich, lustig lachend, aus. Denk nur, ich seh' dich schon lange und sag' mir: das kann er doch nicht sein! Wie soll der wohl hierher kommen? Sie kennen diese Dame? fragte Warwara Petrowna sofort, sich zu Schatoff wendend. Ja, sagte Schatoff leise und brummig wie immer -- rckte dabei auf seinem Stuhle einmal hin und her, blieb aber sitzen. Was wissen Sie denn von ihr? Etwas schneller, wenn ich bitten darf! Ja, was denn ... er stockte und lchelte unntigerweise. Sie sehen doch selbst ... Was sehe ich? Aber so reden Sie doch! Sie wohnt in demselben Hause, in dem ich wohne ... mit ihrem Bruder ... einem Offizier. Nun, und? Schatoff stockte wieder. Wozu davon sprechen, knurrte er schlielich und verstummte endgltig -- und wurde sogar rot. Natrlich, von Ihnen kann man ja auch nicht mehr erwarten! Warwara Petrowna wandte sich unwillig von ihm ab. Sie begriff, da hier alle etwas Bestimmtes wuten und nur deshalb nicht auf ihre Fragen antworteten, weil sie es ihr verheimlichen wollten. Der Diener trat wieder ein, mit der bestellten Tasse Kaffee auf silbernem Teebrett, und prsentierte sie auf Warwara Petrownas Wink Marja Timofejewna. Meine Liebe, Sie werden kalt gehabt haben! Trinken Sie etwas Heies, das wird Sie erwrmen. _Merci._ Marja Timofejewna nahm die Tasse -- platzte aber pltzlich laut darber aus, da sie dem Diener _merci_ gesagt hatte. Da sie jedoch gleichzeitig einen wtenden Blick Warwara Petrownas auffing, erschrak sie und stellte schnell die Tasse auf den Tisch. Tante, fragte sie darauf mit einem leichtsinnigen Ausdruck von Koketterie, Tante, sind Sie mir vielleicht bse? Wa--as? Warwara Petrowna richtete sich kerzengrade in ihrem Sessel auf. Was fr eine Tante --? Wie meinten Sie das? Marja Timofejewna hatte offenbar einen solchen Zorn nicht erwartet: ein Zittern erschtterte sie frmlich und sie drckte sich angstvoll an die Stuhllehne. Ich ... ich dachte ..., da man so -- mu, flsterte sie, den Blick starr auf Warwara Petrowna gerichtet. Lisa hat Sie auch so genannt. Was fr eine Lisa? Da, dort, dieses Frulein! sagte Marja Timofejewna und wies mit dem Zeigefinger auf Lisaweta Nicolajewna. So ist die fr Sie schon zur Lisa geworden? Sie haben sie doch vorhin selbst so genannt. Marja Timofejewna fate Mut. Und im Traume habe ich genau solch eine Schnheit gesehen, und sie lachte gleichsam unwillkrlich. Warwara Petrowna dachte einen Augenblick nach und wurde ersichtlich ruhiger: ja, sie lchelte sogar ber Marja Timofejewnas letzte Bemerkung. Als diese aber das Lcheln bemerkte, stand sie auf und trat mit schchternem Ausdruck hinkend auf sie zu. Bitte, nehmen Sie, ich verga ganz, das Tuch Ihnen zurckzugeben, seien Sie mir nicht bse -- und sie nahm den Schal, den ihr Warwara Petrowna in der Kirche umgelegt hatte, von den Schultern. Nehmen Sie ihn sofort wieder um und behalten Sie ihn ganz. Setzen Sie sich! Trinken Sie Ihren Kaffee, und frchten Sie sich bitte nicht vor mir, meine Liebe! Ich fange schon an, Sie zu verstehen. _Chre amie_ ... erlaubte sich Stepan Trophimowitsch wieder anzufangen ... Ach, Stepan Trophimowitsch, hier verliert man auch ohne Sie schon den Verstand! Verschonen Sie mich wenigstens ... Ziehen Sie bitte an der Klingel frs Mdchenzimmer, dort! Neues Schweigen entstand. Warwara Petrownas Blick glitt mitrauisch ber die Gesichter der Anwesenden. Da erschien Agascha, ihre bevorzugte Kammerzofe. Mein kariertes Tuch. Das auslndische. Was macht Darja Pawlowna? Sie fhlen sich nicht ganz wohl. Geh', und sag' ihr, ich lasse sie herbitten. Sage ihr, ich liee sie sehr darum bitten. Auch wenn sie krank ist. In diesem Augenblick ertnte aus dem Vorzimmer Gerusch von Schritten und Stimmen und pltzlich erschien in der Tr rot und atemlos Praskowja Iwanowna, von Mawrikij Nicolajewitsch frsorglich gesttzt. Ach Gott, endlich da! Lisa, du Wahnsinnige! Was tust du deiner Mutter an! rief sie mit ihrer kreischenden Stimme, in die sie nach Art aller reizbaren Menschen ihren ganzen rger legte, schon von der Tr aus ins Zimmer. Warwara Petrowna, meine Liebe, ich bin nur deshalb zu Ihnen gekommen, um meine Tochter abzuholen! Warwara Petrowna sah sie unmutig an, erhob sich aber, um sie zu begren, und sagte mit kaum verhehltem Verdru: Guten Tag, Praskowja Iwanowna. Setze dich, bitte. Ich wute ja, da du kommen wrdest. II. Fr Praskowja Iwanowna konnte in einem solchen Empfang nichts Unerwartetes liegen. Warwara Petrowna hatte sie von Kindheit an unter dem Anschein der Freundschaft von oben herab, ja, in der Pensionszeit sogar mit Verachtung behandelt. In den letzten Tagen hatte sich ihr Verhltnis jedoch noch in einer ganz neuen und bedenklichen Weise zugespitzt. Die Grnde des drohenden Bruches waren Warwara Petrowna noch vllig unklar und daher um so beleidigender fr sie. Vor allem mute es sie krnken, da Praskowja Iwanowna ihr gegenber mit einem Male einen so unglaublich hochmtigen Ton anschlug. Hinzu kamen die sonderbaren Gerchte, die ihr zu Ohren gedrungen waren, und die sie nun, eben infolge ihrer Unklarheit und Unbestimmtheit, so aufregten. Warwara Petrownas ganzes Wesen war gerade, offen und stolz, nichts hate sie daher mehr, als versteckte Anschuldigungen. Jeglichem Rnkespiel htte sie stets einen ehrlichen Krieg vorgezogen. Doch wie dem auch war, jedenfalls hatten sich die beiden Damen jetzt schon seit fnf Tagen nicht mehr gesehen. Warwara Petrowna war die letzte gewesen, die der anderen einen Besuch gemacht hatte -- einen Besuch, von dem sie gekrnkt und gergert zurckgekehrt war. Ich glaube mich nicht zu tuschen, wenn ich sage, da Praskowja Iwanowna mit der naiven berzeugung eintrat, Warwara Petrowna msse und werde aus irgendeinem Grunde vor ihr Angst bekommen. Andererseits richtete sich in Warwara Petrowna sofort ihr ganzer Stolz auf, als sie an dem Gesichte Praskowja Iwanownas wahrnahm, da diese sie als irgendwie unterlegen behandeln wollte. Praskowja Iwanowna wiederum war, wie so viele unbedeutende Menschen, die sich sonst im allgemeinen ruhig tyrannisieren lassen, eines jhen und frechen Angriffes fhig, mit dem sie dann plump bei irgendeiner Gelegenheit herausplatzte. Zudem war sie noch krank und daher doppelt reizbar. Da noch andere zugegen waren, konnte in diesem Falle den Ausbruch eines Streites zwischen den beiden Jugendfreundinnen nicht verhindern: denn Stepan Trophimowitsch, Schatoff und ich galten einfach als Hausfreunde, auf deren Gegenwart man weiter nicht Rcksicht zu nehmen brauchte. Stepan Trophimowitsch hatte brigens seit dem Eintritt seiner _chre amie_ noch immer gestanden: jetzt, als auch noch Praskowja Iwanowna auf der Trschwelle kreischend erschien, sank er ganz erschpft in einen Sessel und warf mir nur noch einen verzweifelten Blick zu. Schatoff dagegen drehte sich brsk und brummend auf seinem Stuhle um: und es schien beinahe, als wolle er aufstehen und fortgehen. Lisa hatte sich zuerst halb erhoben, aber sich gleich wieder gesetzt; sie schenkte der Gegenwart ihrer Mutter berhaupt keine Beachtung, doch tat sie das nicht aus Widerspenstigkeit oder Trotz, sondern weil sie augenscheinlich ganz unter der Macht ihrer eigenen Gedanken stand -- sie starrte zerstreut in die Luft und hatte sogar fr Marja Timofejewna nicht mehr die frhere Aufmerksamkeit brig. III. Ach, hierher! Praskowja Iwanowna zeigte auf den Lehnstuhl am Tisch, und lie sich mit Mawrikij Nicolajewitschs Hilfe schwer auf ihn nieder. Wrde mich sonst nicht bei Ihnen hinsetzen, meine Liebe, wenn es nicht die Fe wren -- Warwara Petrowna erhob ein wenig den Kopf, und legte die Hand an die rechte Schlfe, in der sie augenscheinlich einen stechenden Schmerz empfand -- _le tic douloureux_,{[90]} wie ihn Stepan Trophimowitsch nannte. Warum denn nicht, Praskowja Iwanowna? Warum solltest du dich bei mir nicht setzen? Dein Mann war mir sein Lebelang freundschaftlich zugetan. Und mit dir habe ich noch als Kind in der Pension Puppen gespielt. Praskowja Iwanowna winkte nur mit der Hand ab: Ich konnte es mir ja schon denken, da Sie wieder von der Pension anfangen wrden! Das tun Sie ja stets, wenn Sie Vorwrfe machen wollen. Es scheint, da du schon in schlechter Laune hergekommen bist. Wie geht es mit deinen Fen? Da wird dir Kaffee gebracht! Nimm bitte ein Tchen, trink und rgere dich nicht. Meine Liebe, Sie gehen ja mit mir um, als ob ich ein kleines Mdchen wre! Ich will keinen Kaffee, danke! und sie winkte eigensinnig dem Diener ab, der mit dem Tablett zu ihr getreten war. Fr Kaffee dankten brigens auch die anderen, auer Mawrikij Nicolajewitsch und mir. Stepan Trophimowitsch nahm zwar ein Tchen, stellte es aber gleich wieder auf den Tisch. Marja Timofejewna htte ersichtlich allzu gern auch eines, ihr zweites, genommen. Sie streckte schon die Hand aus, bedachte sich aber noch im letzten Augenblick und dankte -- worauf sie sich, offenbar sehr zufrieden mit sich selbst, wieder zurcklehnte. Warwara Petrowna lchelte verzogen. Weit du, meine Liebe, du hast dir wohl wieder einmal etwas eingebildet. Wre nichts Neues! Du hast ja von jeher nur von Einbildungen gelebt. Wenn ich von der Pension anfange, so rgerst du dich. Aber weit du noch, wie du ankamst? Wie du der ganzen Klasse erzhltest, der Husarenleutnant Schablykin htte um dich angehalten, und wie Madame Lefebure dich sofort der Lge zieh? Dabei hattest du ja gar nicht gelogen. Du hattest dir die ganze Geschichte eben einfach eingebildet. Und so war's immer und so wird's wohl auch jetzt wieder sein. Also erzhle nur, womit du diesmal hergekommen bist, was du dir jetzt wieder einbildest? Dabei hat sie sich in der Pension in den Popen verliebt -- hahaha! rief Praskowja Iwanowna mit gehssigem Lachen, das bald in Husten berging. Ah! das hast du also nicht vergessen? Warwara Petrowna sah sie durchdringend an und ihr Gesicht wurde farblos vor rger. Praskowja Iwanowna wurde pltzlich ernst. Dann aber fuhr es aus ihr heraus: Warum ... warum haben Sie meine Tochter in Gegenwart der ganzen Stadt in Ihren Skandal verwickelt? In meinen Skandal? Warwara Petrowna richtete sich drohend auf. Mama, ich mchte Sie doch sehr bitten, sich etwas zu migen, sagte Lisaweta Nicolajewna pltzlich zu ihr. Wie! Was ... was sagtest du da? Aber gleich darauf schwieg sie vor dem aufblitzenden Blick ihrer Tochter. Was reden Sie von einem Skandal, Mama? Ich bin freiwillig hierhergekommen, mit Julija Michailownas Erlaubnis, weil ich die Geschichte dieser Unglcklichen da erfahren wollte, um ihr helfen zu knnen. Geschichte dieser Unglcklichen? wiederholte Praskowja Iwanowna langsam, mit bsem Lachen. Was mischst du dich in solche Geschichten? Ach, meine Liebe, wir haben jetzt genug von Ihrer Herrschsucht! fuhr sie darauf wieder Warwara Petrowna an. Bisher haben _Sie_ die ganze Stadt kritisiert, jetzt aber kommt die Reihe auch einmal an uns! Warwara Petrowna sa in einer Haltung da, als wolle sie sich sofort auf Praskowja Iwanowna strzen; dabei war aber ihr Blick kalt und unbeweglich auf die Gegnerin geheftet. Sei froh, meine Liebe, sagte sie mit eisiger Ruhe, da wir hier unter uns sind. Du hast viel berflssiges gesagt. Ich, meine Liebe, ich frchte die ffentliche Meinung nicht so sehr, wie gewisse andere Leute. Die Furcht haben _Sie_ vielmehr! Und da wir hier >unter uns< sind -- nun, um so besser fr Sie, wenn wir hier nicht unter Fremden sind! Du bist wohl etwas klger geworden? In der letzten Woche? O nein, ich bin nicht klger geworden in der letzten Woche, aber die Wahrheit ist ans Licht gekommen in der letzten Woche. Was fr eine Wahrheit ist ans Licht gekommen? In der letzten Woche? Was soll das heien? Was willst du damit sagen? Da, da ... da sitzt sie ja, die ganze Wahrheit! Und Praskowja Iwanowna wies pltzlich auf Marja Timofejewna mit jener verzweifelten Entschlossenheit, die nicht mehr an die Folgen denkt, sondern nur im Augenblick treffen will. Marja Timofejewna, die inzwischen mit einer frhlichen Neugierde die alte Dame betrachtet hatte, lachte lustig auf, als sie jetzt deren Finger auf sich gerichtet sah, und bewegte sich vergngt auf ihrem Sessel. Herr Jesus Christus, sind denn heute alle von Sinnen! murmelte Warwara Petrowna und lehnte sich zurck. Und pltzlich wurde sie so bla, da wir alle erschrocken auf sie zutraten. Stepan Trophimowitsch war als erster bei ihr. Ich folgte ihm. Auch Lisa stand auf. Am erschrockensten war aber Praskowja Iwanowna selbst: sie stie einen kurzen Schrei aus, erhob sich, so weit sie es konnte, und rief bittend mit weinerlicher Stimme: Meine Liebe, verzeihen Sie, das war ja nur so gesagt! -- Aber so geben Sie ihr doch wenigstens Wasser! Bitte, rege dich nicht auf. Und Sie, meine Herren, bitte, setzen Sie sich wieder. Warwara Petrowna suchte sich zu fassen. Meine Liebe, begann Praskowja Iwanowna von neuem, nachdem sie sich ein bichen beruhigt hatte, es war ja tricht, es war ja hlich von mir ... Aber man hat mich mit all diesen anonymen Briefen, die mir wei der Himmel was fr Leute zuschicken, dermaen gereizt ... wenn sie sie doch wenigstens _Ihnen_ zuschicken wrden, da sie doch von _Ihnen_ handeln ... aber ich, meine Liebe, ich habe eine Tochter! Warwara Petrowna, die inzwischen wieder vollstndig Herrin ihrer selbst geworden war, hatte ihr erstaunt zugehrt und sah sie noch stumm mit groen Augen an, als sich eine Seitentr ffnete und Darja Pawlowna eintrat. Sie blieb stehen und sah sich um -- wahrscheinlich ohne zunchst Marja Timofejewna zu erblicken, von deren Anwesenheit man ihr nichts gesagt hatte. Unsere Aufregung schien sie zu erschrecken. Stepan Trophimowitsch hatte sie zuerst bemerkt, er machte eine schnelle Bewegung, errtete und sagte pltzlich laut: Darja Pawlowna! -- so da aller Augen sich der Eintretenden zuwandten. Das also ist eure Darja Pawlowna! rief Marja Timofejewna. Ach, Schatuschka, deine Schwester gleicht dir aber gar nicht! Wie kann nur meiner solch ein schnes Wesen die Leibeigene Daschka nennen! Darja Pawlowna war schon an Marja Timofejewna vorbergegangen und auf Warwara Petrowna zugeschritten, als der Ausruf sie traf. Sie kehrte sich jh um und blieb wie versteinert stehen, mit langem, entsetztem Blick auf die Lahme starrend. Setze dich, Dascha, sagte Warwara Petrowna mit unheimlicher Ruhe. Auch sitzend wirst du sie sehen knnen. Kennst du sie? Ich habe sie nie gesehen, antwortete Dascha leise, nach kurzem Schweigen. Und dann fgte sie schneller hinzu: Ich glaube, es ist die kranke Schwester eines Herrn Lebdkin. Und auch ich sehe Sie zum ersten Male, aber ich wollte Sie schon lange kennen lernen, denn in jeder Ihrer Bewegungen sehe ich die gute Erziehung! rief Marja Timofejewna entzckt. Und was da mein Diener schimpft, -- oh, wie wre es wohl mglich, da _Sie_ Geld entwendet htten!? Sie, die Sie so wohlerzogen und lieb sind? Denn Sie sind lieb und lieb und lieb! Das sage ich Ihnen von mir aus! schlo sie ganz begeistert und mit einer heftigen Handbewegung. Verstehst du etwas davon? fragte Warwara Petrowna Darja Pawlowna mit stolzer Wrde. Ich verstehe ... Das von dem Gelde hast du auch gehrt? Damit meint sie gewi jenes Geld, das ich, auf Nicolai Wszewolodowitschs Bitte in der Schweiz einem gewissen Herrn Lebdkin, ihrem Bruder jedenfalls, zu bergeben bernahm. Ein Schweigen entstand. Hat Nicolai Wszewolodowitsch dich selbst darum gebeten? Ja, ihm lag sehr viel daran, dieses Geld zu bersenden -- es waren dreihundert Rubel. Da er aber Herrn Lebdkins Adresse nicht kannte und nur wute, da er hierher ziehen werde, so bat er mich, ich mge ihm das Geld bei seiner Ankunft zustellen. Und was fr ein Geld ist da ... abhanden gekommen? Sie sagte soeben -- Das wei ich nicht. Ich habe auch schon gehrt, da Herr Lebdkin von mir gesagt haben soll, ich htte ihm nicht das ganze Geld bersandt, aber das verstehe ich nicht. Es waren genau dreihundert Rubel und genau dreihundert Rubel habe ich eingezahlt. Darja Pawlowna hatte sich wieder beruhigt. Es war berhaupt schwer, dieses Mdchen irgendwie aus der Fassung zu bringen -- mochte sie innerlich noch so stark bewegt sein. Jetzt antwortete sie auf jede Frage leise, aber ruhig und bestimmt und ohne die geringste Verwirrung, die doch das Bewutsein von einer, wenn auch noch so kleinen Schuld immer hervorruft. Warwara Petrowna lie whrend der ganzen Zeit, in der Darja Pawlowna sprach, auch nicht ein einziges Mal den Blick von ihr. Wenn Nicolai Wszewolodowitsch sich in dieser Angelegenheit nicht einmal an mich, seine Mutter, gewandt hat, sagte sie ernst und offenbar sich an alle Anwesenden wendend, obwohl sie dabei Darja Pawlowna allein ansah -- wenn er vielmehr dich um diese Geflligkeit gebeten hat, so wird er auch bestimmt seine Grnde dazu gehabt haben. Ich halte mich also gar nicht fr berechtigt, weiter nach ihnen zu forschen. Und schon, da du dabei beteiligt bist, das beruhigt mich vollkommen. Das sollst du vor allem einmal wissen, Dascha. Aber sieh, meine Liebe, du hast vielleicht doch eine Unvorsichtigkeit begangen. Mit reinem Gewissen. Einfach aus Lebensunkenntnis. Ich meine: allein schon, da du mit diesem Menschen in Berhrung gekommen bist. Und was er jetzt ber dich herumerzhlt, besttigt es ja. Doch ich bin nicht umsonst deine Beschtzerin. Ich werde dich schon zu verteidigen wissen. -- Aber jetzt mu man alledem ein Ende machen ... Am besten ist, fiel Marja Timofejewna ihr ins Wort, Sie schicken ihn, wenn er selbst zu Ihnen kommt, einfach in die Dienerstube, dort kann er dann Karten spielen und wir knnen hier sitzen und Kaffee trinken. Ein Tchen kann man ja auch ihm schicken, aber sonst verachte ich ihn tief! und sie nickte ausdrucksvoll mit dem Kopf. Dem mu man ein Ende machen, wiederholte Warwara Petrowna, nachdem sie ihr aufmerksam zugehrt hatte. Stepan Trophimowitsch, bitte klingeln Sie. Stepan Trophimowitsch klingelte, trat aber pltzlich erregt vor. Wenn ... wenn ich ... wenn ich auch die widerlichste Novelle, oder besser -- schndlichste Verleumdung gehrt habe ... mit dem allergrten Unwillen ... _enfin, c'est un homme perdu et quelque chose comme un forat vad_.{[91]} Er brach ab. Warwara Petrowna ma ihn mit zugekniffenen Augen vom Kopf bis zu den Fen. Doch schon gleich darauf trat ihr wrdevoller Diener, Alexei Jegorowitsch, ein. Die Equipage! befahl Warwara Petrowna. Du wirst Frulein Lebdkina nach Hause begleiten. Herr Lebdkin wartet unten bereits seit einiger Zeit auf sie und hat sehr gebeten, ihn anzumelden. Das ist unmglich, Warwara Petrowna, sagte, pltzlich vortretend, Mawrikij Nicolajewitsch, der bis dahin unerschtterlich geschwiegen hatte. Sie erlauben, aber das ist kein Mensch, den man in der Gesellschaft empfangen kann. Das ... das ist ... mit einem Wort, das ist unmglich, Warwara Petrowna. Warten, er soll warten! wandte sich diese an den Diener, der sofort verschwand. _C'est un homme malhonnte et je crois mme que c'est un forat vad ou quelque chose dans ce genre_,{[92]} sagte wieder Stepan Trophimowitsch erregt. Lisa, es ist Zeit, da wir fahren! rief jetzt auch Praskowja Iwanowna und erhob sich von ihrem Lehnstuhl. Sie schien bereits zu bereuen, da sie vorhin im ersten Schreck alles zurckgenommen hatte. Schon als Darja Pawlowna sprach, hatte sie wieder mit hochmtiger Miene zugehrt. Doch am meisten wunderte ich mich ber Lisaweta Nicolajewna, die, als Darja Pawlowna eintrat, das junge Mdchen schon mit gar zu offenem Ha und unverhohlener Verachtung angesehen hatte. Bitte, gedulde dich noch einen Augenblick! hielt Warwara Petrowna sie auf. Sei so gut und setze dich wieder. Ich habe die Absicht, alles zu sagen, und du hast kranke Fe. So, danke. Ich habe dir vorhin, als mir die Geduld ri, ein paar unangenehme Worte gesagt. Sei so freundlich und verzeih sie mir. Es war berflssig und tricht von mir. Ich sehe das selbst ein. Und da ich immer Gerechtigkeit liebe, so sage ich's. Natrlich hast auch du allerlei berflssiges gesagt, wie zum Beispiel das von den anonymen Briefen. Anonyme Briefe sind schon deshalb verchtlich, weil der Schreiber ein Feigling ist. Fat du es anders auf, so beneide ich dich nicht. Jedenfalls wrde ich mit so etwas in der Tasche nicht zu meiner Freundin gehen und mich damit breit machen. brigens, da du nun einmal davon angefangen hast, so la dir sagen, da auch ich einen Brief bekommen habe. Vor sechs Tagen. Gleichfalls ohne Unterschrift. Darin teilt mir der Absender mit, da mein Sohn den Verstand verloren habe. Ferner, da ich mich vor einem hinkenden Frauenzimmer hten soll, >das in Ihrem Leben eine groe Rolle spielen wird<, hie es wrtlich. Ich dachte nach, und da ich wute, da Nicolai Wszewolodowitsch unzhlige Feinde hat, schickte ich sofort nach einem Menschen, dem rachschtigsten und verchtlichsten von allen seinen Feinden. Im Gesprch mit ihm erriet ich denn auch sofort, woher der Brief stammte. Wenn man auch dich, Praskowja Iwanowna, mit solchen Briefen behelligt hat, _meinetwegen_ behelligt hat, so bin ich die erste, der es leid tut. Verzeih, da ich die unschuldige Ursache gewesen bin. -- brigens habe ich mich entschlossen, diesen verdchtigen Menschen da unten sofort _hereinzulassen_. Mawrikij Nicolajewitsch hat wohl kein ganz richtiges Wort gebraucht, als er sagte, da man ihn nicht _empfangen_ knne. Besonders Lisa wird hier nichts zu tun haben. Komm her, Lisa, mein Liebling. La mich dich noch einmal kssen. Lisa stand auf und ging stumm zu Warwara Petrowna. Diese kte sie, fate ihre Hnde, beugte sich etwas zurck, um sie besser sehen zu knnen, und blickte sie liebevoll an. Darauf bekreuzte sie sie und kte sie nochmals. Nun, leb wohl, Lisa, (in ihrer Stimme zitterten fast Trnen). Glaub mir, da ich nie aufhren werde, dich zu lieben. Was dir das Schicksal auch bringen mag! Gott sei mit dir, mein Kind, ich habe immer Seinen Willen gesegnet ... Wie es schien, wollte sie noch etwas hinzufgen, aber sie nahm sich zusammen und schwieg. Lisa ging wie in tiefen Gedanken zu ihrem Platz zurck, doch pltzlich blieb sie vor ihrer Mutter stehen. Mama, ich werde jetzt noch nicht nach Hause fahren, ich mchte noch bei Tante bleiben, sagte sie mit leiser Stimme, doch in diesen leisen Worten lag trotzdem eine unerschtterliche Entschlossenheit. Groer Gott, was hast du nur wieder? Und ganz erschpft lie ihre Mutter die schon erhobenen Hnde sinken. Doch Lisa antwortete ihr nicht; sie setzte sich still wieder auf ihren Platz in der Ecke, um von neuem ins Leere zu starren. In Warwara Petrownas Augen leuchtete etwas Sieghaftes und Stolzes auf. Mawrikij Nicolajewitsch, ich habe eine groe Bitte an Sie. Wrden Sie so gtig sein und nach unten gehn, um dort nach jenem Menschen zu sehen, und, wenn es irgend geht, ihn hereinzulassen? Mawrikij Nicolajewitsch verbeugte sich und verlie das Zimmer. Eine Minute spter trat er mit Lebdkin wieder ein. IV. Ich habe schon einmal von der ueren Erscheinung dieses Herrn gesprochen: ein groer, krauskpfiger, stmmiger Mann von ungefhr vierzig Jahren, mit einem roten, ein wenig gedunsenen Gesicht, fleischigen Wangen, die bei jeder Kopfbewegung erzitterten, kleinen, vom Blutandrang gerteten Augen, die zuweilen einen recht schlauen Ausdruck annehmen konnten, mit einem Schnurrbart und Backenbart und der Anlage zu einem fleischigen Doppelkinn, das schon ziemlich unangenehm aussah. Doch am meisten berraschte an ihm, da er jetzt in einem Frack und in sauberer Wsche erschien. Es gibt Menschen, zu denen saubere Wsche nicht pat, ja, fr die sie sich einfach nicht schickt, hatte Liputin einmal auf Stepan Trophimowitschs scherzhaft gemachten Vorwurf, da er, Liputin, in seiner Kleidung nachlssig sei, nicht unrichtig erwidert. Der Hauptmann aber hatte pltzlich auch neue schwarze Handschuhe, von denen er den rechten in der Hand hielt, whrend der linke -- den er wohl nur mit groer Mhe so weit bekommen hatte -- seine fleischige linke Tatze nur bis zur Hlfte bedeckte, geschweige denn sich zuknpfen lie. Und in dieser linken Hand hielt er einen nagelneuen, offenbar gleichfalls zum erstenmal benutzten runden Hut. So hatte es denn doch seine Richtigkeit mit dem Frack der Liebe, von dem er gestern Abend Schatoff berichtet hatte. Alle diese Kleidungsstcke waren schon frher auf Liputins Rat gekauft worden (wie ich spter erfuhr), und jedenfalls zu einem bestimmten geheimnisvollen Zweck. Zweifellos war er auch jetzt nicht aus eigenem Antriebe hierhergekommen: selbst wenn er die Szene an der Kirchentr sofort erfahren htte, wrde er doch niemals in einer dreiviertel Stunde allein einen solchen Entschlu haben fassen und gar ausfhren knnen. Betrunken war er dabei nicht, befand sich aber in jenem stumpfen, nebligen Zustande eines Menschen, der pltzlich nach langer Betrunkenheit wieder zu sich gekommen ist. Doch ich glaube, man htte ihn nur zu schtteln brauchen und er wre sofort wieder betrunken gewesen. Allem Anscheine nach wollte er mit Temperament ins Zimmer treten, doch stolperte er zum Unglck sofort ber eine Teppichecke an der Tr, worber dann Marja Timofejewna vor Lachen fast verging. Er warf der Schwester einen wtenden Blick zu und nherte sich mit ein paar Schritten Warwara Petrowna. Gndige Frau, ich bin gekommen ... begann er drhnend laut, wie durch eine Trompete. Seien Sie so freundlich, mein Herr, sich dort -- auf jenen Stuhl dort zu setzen, sagte Warwara Petrowna, die steif aufgerichtet dasa. Ich werde Sie auch von dort aus hren und so kann ich Sie besser sehen. Der Hauptmann blieb stehen, sah blde vor sich hin, kehrte dann aber doch zurck und setzte sich auf den bezeichneten Stuhl an der Tr. Der gnzliche Mangel an Zutrauen zu sich selbst und zu gleicher Zeit unendliche Gereiztheit drckten sich auf seinem Gesicht aus. Er hatte furchtbare Angst, das sah man, aber auch seine Eigenliebe schien stark zu leiden, und so konnte man nicht sicher sein, ob er sich nicht im gegebenen Moment pltzlich, trotz der Feigheit, zu irgend etwas, zur grten Gemeinheit vielleicht, aufraffen wrde. Augenscheinlich scheute er jede Bewegung seines vierschrtigen Krpers. Bekanntlich ist der grte Schmerz solcher Wesen, wenn sie irgend einmal in Gesellschaft erscheinen, der Gedanke an ihre Hnde: das ununterbrochen wache Bewutsein, sie nirgendwohin auf anstndige Weise verschwinden lassen zu knnen. Der Hauptmann nun sa wie betubt da, hielt krampfhaft Hut und Handschuh fest und konnte seinen zunchst vllig blden Blick nicht von Warwara Petrownas strengem Gesicht losreien. Er htte sich gewi gern umgesehen, aber er wagte es einfach nicht. Marja Timofejewna, die wohl wieder etwas an ihm uerst komisch fand, lachte laut auf, aber auch jetzt rhrte er sich noch nicht. So hielt ihn Warwara Petrowna unbarmherzig in diesem Schweigen und betrachtete ihn wohl eine geschlagene Minute lang schonungslos vom Scheitel bis zur Sohle. Zuerst gestatten Sie, von Ihnen selbst Ihren Namen zu erfahren, sagte sie endlich gemessen und vollkommen ruhig. Hauptmann Lebdkin, drhnte sofort die Antwort. Ich bin gekommen, gndige Frau ... Und schon war er wieder im Begriff, sich zu erheben. Erlauben Sie! hielt ihn Warwara Petrowna auf. Dieses bemitleidenswerte Geschpf, das ich in der Kirche angetroffen habe und das mein Interesse erregt, ist Ihre Schwester? Jawohl, gndige Frau, meine Schwester, die meiner Aufsicht entschlpft ist, denn da sie sich in solchen Umstnden befindet ... er verstummte pltzlich und wurde feuerrot. Das heit, miverstehen Sie das nicht, gndige Frau, verwickelte er sich noch mehr, der leibliche Bruder wrde so was nicht sagen ... In solchen Umstnden, das heit nicht etwa in _solchen_ Umstnden, im Sinne von -- in einem Sinne, der die Ehre befleckt ... ich meine, den Ruf ... Er brach ab. Mein Herr! Warwara Petrowna hob den Kopf. Das heit in _solchem_ Zustande! schlo er pltzlich und unvermutet, mit dem steifen Finger sich vor die Stirn tippend. Alle schwiegen eine Zeitlang. Leidet sie schon lange daran? fragte Warwara Petrowna endlich. Gndige Frau, ich bin gekommen, um fr die an der Kirchentr erwiesene Gromut zu danken, so recht auf russische, auf brderliche Art ... Auf brderliche --? Das heit, gndige Frau, nicht auf brderliche ... oder nur in dem Sinne auf brderliche Art, da ich der Bruder meiner Schwester bin, gndige Frau, und, glauben Sie mir, gndige Frau, begann er wieder schneller zu sprechen, mit hochrotem Kopf, da ich gar nicht so ungebildet bin, wie ich auf den ersten Blick in Ihrem Salon erscheinen mag. Wir, meine Schwester und ich, sind berhaupt nichts, im Vergleich mit der Pracht, die wir hier sehen. Dazu haben wir noch Verleumder. Aber auf seinen Ruf hlt Lebdkin viel und ist stolz darauf, gndige Frau, und ... und ich ... ich bin gekommen, um mich zu bedanken ... gndige Frau, hier ist das Geld! Und er ri sein Portefeuille aus der Brusttasche und begann, zitternd vor Ungeduld, mit bebenden Fingern die Papierscheine hervorzuzerren. Man fhlte, da er so schnell wie mglich irgend etwas aufklren wollte. Andererseits fhlte er wieder, da diese Geschichte mit dem Gelde ihn noch dmmer erscheinen lie, und so verlor er denn die letzte Kaltbltigkeit. Die Finger zitterten, die Scheine wollten sich nicht zhlen lassen, und zur Erhhung der peinlichen Situation fiel noch ein grner Papierschein, im Zickzack niedertaumelnd, auf den Teppich. Zwanzig Rubel, gndige Frau. Mit den Scheinen in der Hand wollte er auf Warwara Petrowna zutreten. Als er den gefallenen Schein bemerkte, bckte er sich schon, um ihn aufzuheben, bedachte sich aber, schmte sich entsetzlich und winkte schlielich mit der Hand ab. Fr Ihre Leute, gndige Frau, fr den Diener, wenn er hier aufrumt -- mag er an Lebdkin denken! Aber das kann ich unmglich zulassen! sagte Warwara Petrowna schnell. In dem Falle ... er bckte sich, hob den Schein auf, wurde dabei purpurrot im Gesicht und trat schnell ein paar Schritte vor -- die zwanzig Rubel in der Hand Warwara Petrowna hinhaltend. Was wollen Sie?! Warwara Petrowna erschrak nun doch so, da sie im Schreck sogar den Sessel zurckschob. Mawrikij Nicolajewitsch, Stepan Trophimowitsch und ich traten unwillkrlich vor ... Beruhigen Sie sich, beruhigen Sie sich, meine Herrschaften, ich bin nicht verrckt, bei Gott, ich bin nicht verrckt! beteuerte der Hauptmann nach allen Seiten hin. Nein, mein Herr, Sie scheinen doch nicht bei vollem Verstande zu sein! Gndige Frau, das ist ja alles nicht das, was Sie denken! Ich bin selbstverstndlich nur ein Nichtswrdiger ... Oh, gndige Frau, reich sind Ihre Prunkgemcher, aber arm sind sie bei Maria der Unbekannten, meiner Schwester, der geborenen Lebdkin, die wir vorlufig >Maria die Unbekannte< nennen wollen. Aber nur vorlufig, gndige Frau, nur _zeitweilig_, sintemal Gott selber es nicht zulassen wird, da wir es ewig tun mssen! Gndige Frau, Sie haben ihr zehn Rubel gegeben, und sie hat das Geld angenommen, aber nur, weil _Sie_ es waren, gndige Frau! Hren Sie es wohl, von niemandem in der ganzen Welt wrde sie etwas annehmen, diese >unbekannte Maria<, denn sonst mte sich der Stabsoffizier, ihr Grovater, der im Kaukasus unter den Augen Ermoloffs fiel, noch im Grabe umdrehen! Aber von _Ihnen_ wird sie alles annehmen, gndige Frau, aber wenn sie mit der einen Hand zehn Rubel nimmt, so wird sie mit der anderen zwanzig zurckgeben, als Gabe an einen der Wohlttigkeitsvereine, deren Mitglied Sie sind, gndige Frau. Sie haben doch in den >Moskauer Nachrichten< angezeigt, da sich jeder hier in dem Buche Ihres Wohlttigkeitsvereins einschreiben kann ... Der Hauptmann stockte wieder und atmete schwer, wie nach einer bergroen Kraftanstrengung; auf seiner Stirn perlten buchstblich dicke Schweitropfen. Die Rede ber den Wohlttigkeitsverein schien er schon vorbereitet zu haben und wahrscheinlich gleichfalls unter Liputins Leitung. Warwara Petrowna sah ihn durchdringend an. Dieses Buch, sagte sie streng, liegt unten bei meinem Portier. Dort knnen Sie sich zu jeder Zeit einschreiben, wenn Sie wollen. Jetzt aber bitte ich Sie, Ihr Geld wieder einzustecken und nicht so in der Luft damit herumzufuchteln ... So! Auch bitte ich Sie, sich wieder auf Ihren alten Platz zu setzen ... So! Es tut mir leid, mein Herr, da ich mich im Falle Ihrer Schwester so versehen und ihr ein Almosen gegeben habe, whrend sie reich ist. Nur eines verstehe ich nicht -- warum sie nur von mir allein und sonst von niemandem etwas annehmen wrde. Sie haben das so betont, da ich darber gern eine nhere Erklrung hren wrde. Gndige Frau, das ist ein Geheimnis, das erst im Grabe begraben sein wird! antwortete der Hauptmann. Was ... wollen Sie damit sagen? fragte Warwara Petrowna mit nicht mehr ganz so fester Stimme wie bisher. Gndige Frau ... gndige Frau ...! er verstummte, blickte finster zu Boden und drckte die rechte Hand aufs Herz. Warwara Petrowna wartete, doch ohne ihn aus den Augen zu lassen. Gndige Frau! rief er pltzlich aus, gestatten Sie mir, eine Frage an Sie zu stellen, nur eine einzige, ganz offen, gerade heraus, auf russische Art, also unmittelbar aus der Seele? Bitte. Haben Sie je gelitten im Leben, gndige Frau? Sie wollen damit wohl sagen, da Sie durch irgend jemanden gelitten haben oder noch leiden? Gndige Frau, ach, gndige Frau! rief er erregt, sprang wieder auf und schlug sich an die Brust. Hier in diesem Herzen hat sich so viel aufgehuft, so viel, sage ich Ihnen, da Gott selbst sich wundern wird, wenn er es beim jngsten Gericht erfhrt! Hm, stark gesagt! Gndige Frau, ich ... vielleicht spreche ich -- mit zu groer Dreistigkeit ... Beunruhigen Sie sich nicht, ich werde schon wissen, wann es ntig sein wird, Sie zu unterbrechen. Kann ich noch eine Frage an Sie stellen, gndige Frau? Fragen Sie. Kann man vor lauter Seelengre sterben? Das wei ich nicht. Ich habe mir nie diese Frage gestellt. Sie wissen es nicht! Sie haben sich nie diese Frage gestellt! rief er mit pathetischer Ironie. Wenn's so ist, wenn's so ist, dann freilich -- >Schweig stille, mein Herze!< und er schlug sich von neuem verzweifelt an die Brust. Schon ging er wieder im Zimmer umher. Die erste Eigenschaft von Menschen seiner Art pflegt die vollstndige Unfhigkeit zu sein, sich irgendwie selbst im Zaume zu halten: sie folgen im Gegenteil machtlos dem ununterdrckbaren Bedrfnis, alles, was ihnen gerade einfllt, sofort auch zu uern. Gert dann einmal ein derartiger Mensch in eine Gesellschaft, in die er nicht hineingehrt, so wird er sich zunchst vielleicht ganz schchtern geben, dann aber, in demselben Grade, in dem man ihn gewhren lt, aus sich herausgeben und am Ende zu Unverschmtheiten, wenn nicht gar Ttlichkeiten bergehen. Der Hauptmann war schon in eine bedrohliche Erregung geraten: fuchtelnd ging er auf und ab, berhrte die Fragen, die man an ihn stellte, und sprach so schnell, da die Zunge bei den Zischlauten sich gleichsam berschlug und er hufig von einem Satz zusammenhanglos auf den andern bersprang. Ganz nchtern war er wohl wirklich nicht. Lisa schien er gar nicht zu beachten. Und doch war es andererseits klar, da gerade ihre Anwesenheit ihn malos aufregte. So mute es denn doch wohl, bedachte man die ganze unglaubliche Situation, einen tieferen Grund haben, warum Warwara Petrowna ihren Widerwillen unterdrckte und diesen Menschen immer noch anhrte. Praskowja Iwanowna zitterte einfach vor Angst, doch begriff sie wohl kaum, um was es sich eigentlich handelte. Stepan Trophimowitsch zitterte gleichfalls, er jedoch, weil er wie gewhnlich viel mehr zu begreifen glaubte, als da berhaupt zu begreifen war. Mawrikij Nicolajewitsch hielt sich so, als fhle er sich fr unsere allgemeine Sicherheit verantwortlich, whrend Lisa bla und mit groen Augen unablssig den wilden Hauptmann anstarrte. Schatoff sa wie immer mit gesenktem Kopf. Aber am befremdlichsten war, da Marja Timofejewna nicht nur zu lachen aufgehrt hatte, sondern ganz traurig geworden war: den rechten Arm auf den Tisch gesttzt, so folgte sie mit traurigem Blick den Gesten und Deklamationen ihres Bruders. Nur Darja Pawlowna schien mir ruhig zu sein. Das sind ja lauter unsinnige Allegorien, sagte pltzlich Warwara Petrowna gergert. Sie haben mir noch immer nicht auf meine Frage geantwortet: warum? Ich will es wissen! Ich habe nicht gesagt, >warumWarumwarum< ist ber das ganze Weltall ergossen, schon seit dem ersten Tage der Schpfung, und die ganze Schpfung selber schreit tglich ihrem Schpfer zu: >warumwarumwarumDie Fliegen riefen: was ist das? Das ist doch wirklich toll! Wir haben selber wenig Na, Das Glas ist so wie so schon voll! Und schrien wie verrckt Zum Jupiter empor. Da kam der Diener Nikiphor ...< -- weiter habe ich es eigentlich noch nicht fertig, brach hier der Hauptmann ab. Nikiphor nimmt aber das Glas und giet es aus, die ganze Komdie, die Fliegen, die groe Schabe, ohne aufs Geschrei zu achten, was man schon lngst htte tun sollen! Doch passen Sie auf, gndige Frau, passen Sie auf, die Schabe klagt nicht! Und da haben Sie auch gleich die Antwort auf Ihre Frage -- auf Ihre Frage >warum?< rief er triumphierend aus. Die Schabe klagt nicht! ... Der Nikiphor ist natrlich ganz einfach die Natur selbst, fgte er schnell hinzu und ging zufrieden auf und ab. Warwara Petrowna war auer sich. Erlauben Sie, da nun auch ich Sie etwas frage! Was ist das fr ein Geld, das Ihnen Nicolai Wszewolodowitsch bersandt haben soll? Ein Geld, das Sie nicht vollzhlig erhalten haben wollen? Weshalb Sie sich erdreisten, eine zu meinem Hause gehrige Person zu verdchtigen, den Rest unterschlagen zu haben? Verleumdung! brllte Lebdkin mit tragisch erhobener rechter Hand. Nein, das ist keine Verleumdung. Gndige Frau, es gibt Umstnde, die einen zwingen, eher eine Familienschande zu tragen, als laut die Wahrheit zu verknden! -- Lebdkin wird nichts ausplaudern, gndige Frau! Er war wie geblendet: er schien entzckt zu sein und fhlte seine Bedeutung. Jetzt wollte er bereits beleidigen, Rtsel aufgeben, seine Macht zeigen ... Klingeln Sie bitte, Stepan Trophimowitsch, bat Warwara Petrowna. Oh, Lebdkin ist klug, gndige Frau! fuhr er fort und zwinkerte ihr mit unangenehmem Lcheln zu. Lebdkin ist klug, aber auch er hat ein Hindernis, auch er hat eine Vorstufe der Leidenschaften! Und diese Vorstufe -- das ist die alte kriegerische Husarenflasche! Wenn Lebdkin in diesem Vorraum ist, gndige Frau, so geschieht es wohl auch, da er einen Brief in Versen abschickt, in pr--r--rachtvollen Versen, aber den er dann mit allen Trnen seines Lebens zurckkaufen mchte, sintemal durch ihn das Ma des Schnen gestrt ward. Doch der Vogel ist ausgeflogen -- kannst ihn nicht mehr am Schwnzchen einfangen! Sehen Sie, gndige Frau, das ist der Vorraum. Lebdkin konnte wohl ein Wort fallen lassen, als er ber das edle Mdchen sprach -- in der Form eines edlen Unwillens, einer durch Beleidigungen aufgebrachten edlen Seele, wessen sich jedoch, unedel genug, seine Verleumder sofort bedient haben. Aber Lebdkin ist klug, gndige Frau, und umsonst sitzt ber ihm der unheilbringende Wolf, ewig ihn reizend und auf den Augenblick wartend: Lebdkin wird sich nicht vergessen und ausplaudern! Und auf dem Boden der Flasche erweist sich jedesmal anstatt des Erwarteten -- die Schlauheit Lebdkins! Doch genug, oh, genug, gndige Frau! Ihre Prunkgemcher knnten dem edelsten aller menschlichen Lebewesen gehren, doch die Schabe klagt nicht! Begreifen Sie, oh, begreifen Sie doch endlich, da die Schabe nicht klagt, und ehren Sie ihren groen Geist! In diesem Augenblick ertnte unten am Portal die Klingel und bald darauf erschien der alte wrdige Alexei Jegorowitsch, etwas auer Atem, da er auf das Klingelzeichen nicht sofort erschienen war. Nicolai Wszewolodowitsch haben geruht einzutreffen und kommen schon hierher, sagte er auf Warwara Petrownas fragenden Blick. Ich erinnere mich noch heute deutlich dieses Augenblicks. Warwara Petrowna erblate zuerst, dann aber richtete sie sich mit einem Ausdruck starrer Entschlossenheit in ihrem Sessel auf. Wir waren alle erstaunt, ja beinahe erschreckt, -- nicht nur durch diese pltzliche Ankunft Nicolai Wszewolodowitschs, der erst einen Monat spter erwartet wurde, sondern mehr noch durch das geradezu unheimliche Zusammentreffen dieser Zuflle. Selbst der Hauptmann blieb wie ein Pfosten mitten im Zimmer stehen und starrte mit offenem Munde und dummem Gesicht auf die Tr. Doch da hrten wir auch schon vom Nebenzimmer her, einem langen groen Saal, schnelle, kleine Schritte sich nhern, Schritte, die auffallend rasch und kurz klangen. Und auf der Schwelle erschien -- nicht Nicolai Wszewolodowitsch, sondern ein vollkommen unbekannter junger Mann. V. Es war ein Mensch von etwa siebenundzwanzig Jahren, ein wenig ber mittelgro, mit dnnem, blondem, ziemlich langem Haar und einem kaum sich abhebenden unscheinbaren Schnurrbart und Brtchen. Er war sauber und sogar modern gekleidet, aber nicht elegant. Auf den ersten Blick schien er ungelenk und griesgrmig zu sein, obgleich er in Wirklichkeit weder das eine noch das andere, sondern im Gegenteil, uerst gewandt und unterhaltend war. Einem kurzen, oberflchlichen Eindruck nach htte man ihn fr einen Sonderling halten knnen, und doch sollte sich hernach sein Benehmen als gut und sein Gesprch als vollkommen sachlich herausstellen. Niemand htte im Grunde sagen knnen, da er hlich sei -- und doch gefllt sein Gesicht niemandem. Sein Schdel ist von beiden Seiten gleichsam zusammengedrckt und der Hinterkopf auffallend gro, so da denn das Gesicht dadurch etwas Spitzes bekommt. Seine Stirne ist hoch und schmal, aber die eigentlichen Gesichtszge sind klein: ein kleines Nschen, scharfe Augen, dnne und lange Lippen. Dabei sieht er krnklich aus, aber das scheint nur so. In seinen Wangen ist, unter den Backenknochen, eine gewisse trockene Falte, die ihm das Aussehen eines Rekonvaleszenten nach einer schweren Krankheit verleiht. Und doch ist er vollkommen gesund, stark, und ist sogar nie in seinem Leben krank gewesen. Er geht und bewegt sich immer sehr schnell, doch ohne sich dabei eigentlich zu beeilen. Ich glaube nicht, da irgend etwas ihn verwirren knnte. In allen Lebenslagen und in jeder Gesellschaft bleibt er immer der gleiche. Es ist eine groe Selbstzufriedenheit in ihm, doch er selbst wei nichts davon. Er spricht schnell und hastend, aber voll Selbstvertrauen, und nie braucht er nach Worten zu suchen. Die Gedanken, die er vorbringt, sind bereits vllig zu Ende gedacht. Seine Aussprache ist ungemein deutlich: jedes Wort fllt wie ein glattes, rundes Krnchen aus einer groen Vorratskammer. Anfnglich gefllt das wohl, aber schon bald werden alle diese gleichsam schon fertigen Worte unangenehm und schlielich geradezu widerlich, und zwar gerade wegen dieser schon allzu deutlichen Aussprache, wegen dieses Perlengesickers ewig bereiter Worte. Und man stellt sich unwillkrlich vor, seine Zunge msse ganz besonders geformt, ungewhnlich lang, dnn und rot sein, mit einer dnnen, sich ununterbrochen drehenden Spitze. Dieser junge Mann also kam in den Salon gleichsam hereingeflogen. Ich glaube wirklich, er begann schon im Vorsaal zu sprechen. Sprechend wenigstens trat er ein, und in einem Augenblick stand er schon vor Warwara Petrowna. ... Denken Sie doch nur, Warwara Petrowna, ich komme und glaube, da er schon vor einer Viertelstunde hier angelangt sei. Wir trafen uns bei Kirilloff, er ging vor einer halben Stunde fort und sagte mir, ich solle in einer Viertelstunde herkommen -- Wer das? Wer hat Sie beauftragt, herzukommen? fragte Warwara Petrowna. Aber Nicolai Wszewolodowitsch doch! So erfahren Sie es wirklich erst jetzt? Sein Gepck mu doch schon lngst hier eingetroffen sein! Hat man Ihnen denn das nicht gesagt? brigens knnte man ihm einen Wagen entgegenschicken, aber ich denke, er wird jeden Augenblick kommen, und zwar, wie's scheint, gerade in einem Augenblick, der seinen Erwartungen und, soweit ich wenigstens beurteilen kann, auch einigen seiner Berechnungen durchaus entspricht. Bei diesen Worten sah er sich die Anwesenden an und ganz besonders scharf den Hauptmann. Ah, Lisaweta Nicolajewna, wie es mich freut, Ihnen gleich auf meinem ersten Wege zu begegnen ... Gestatten Sie -- und er flog schnell zu ihr, um das ihm lchelnd entgegengestreckte Hndchen Lisas zu drcken. Und auch unsere hochverehrte Praskowja Iwanowna hat ihren >Professor< nicht vergessen, und scheint sich noch nicht einmal ber ihn und sein Erscheinen zu rgern, wie es in der Schweiz immer geschah. Aber wie steht es denn jetzt mit Ihren Fen? Hatte man recht, als man Ihnen schlielich als bestes Mittel Heimatluft verschrieb? ... Wie? Kompressen? Ja, das mag ganz gut sein! Wie habe ich es nur bedauert, Warwara Petrowna, -- er drehte sich schnell schon wieder herum -- da ich Sie schlielich in der Schweiz nicht mehr antraf, zumal ich Ihnen so vieles mitzuteilen hatte! Ich habe allerdings an meinen Alten geschrieben, aber der wird nach seiner Gewohnheit wohl wieder -- Petruscha! rief da Stepan Trophimowitsch aus, erst jetzt pltzlich aus der Erstarrung erwachend: er warf die Arme in die Luft und strzte zu seinem Sohn. _Pierre, mon enfant_,{[93]} ich habe dich nicht einmal erkannt! und er umarmte ihn krampfhaft, whrend Trnen ihm ber die Wangen liefen. Schon gut, schon gut, keine Albernheiten und keine Gesten, wenn ich bitten darf, aber so la doch! wehrte Petruscha schnell ab und gab sich alle Mhe, sich aus den Armen des Vaters zu befreien. Ich habe dir immer, immer Unrecht getan! Schon gut. Davon spter. Konnte mir schon denken, da du wieder Albernheiten machen wrdest! So sei doch ein wenig nchterner, ich bitte dich. Aber ich habe dich doch zehn Jahre lang nicht gesehen! Um so weniger Grund zu solchem berschwang ... _Mais, mon enfant!_{[94]} Glaub's schon, glaub's schon, da du mich liebst, nimm nur, bitte, die Hnde weg ... Du strst doch auch die anderen ... Ah, da ist ja auch schon Nicolai Wszewolodowitsch ... aber so hre doch endlich auf mit den Albernheiten, ich bitte dich! Nicolai Wszewolodowitsch war in der Tat schon im Salon: er war sehr geruschlos eingetreten und einen Augenblick in der Tr stehen geblieben, whrend sein ruhiger Blick die Versammlung berflog. Genau so wie vor vier Jahren, als ich ihn zum ersten Male sah, war ich auch jetzt wieder erstaunt ber seine Erscheinung. Ich hatte ihn durchaus nicht vergessen; aber ich glaube, es gibt Gesichter, die jedesmal, wenn sie auftauchen, wieder etwas Neues mit sich bringen, etwas, das man bis dahin noch nicht an ihnen bemerkt hat. uerlich war er anscheinend ganz derselbe wie vor vier Jahren: genau so elegant, genau so unnahbar, beim Eintreten genau so gemessen wie damals, ja, fast war er sogar ebenso jung. Sein leichtes Lcheln war wieder so offiziell freundlich und selbstbewut, und sein Blick unverndert streng, in sich hineindenkend und doch gleichsam zerstreut. Kurz, es war mir, als htte ich ihn gestern zuletzt gesehen. Nur eines machte mich stutzig: man hatte ihn zwar immer schn gefunden, aber sein Gesicht glich tatschlich manchmal einer Maske, wie einzelne gehssige Damen unserer Gesellschaft behaupteten. Jetzt aber -- ich wei nicht, weshalb -- jetzt erschien er mir schon auf den ersten Blick von vollendeter, unbestreitbarer Schnheit, so da man unter keinen Umstnden noch htte sagen knnen, sein Gesicht erinnere an eine Maske. Kam das vielleicht daher, da er ein wenig bleicher war als frher und, wie mir schien, ein wenig abgenommen hatte? Oder leuchtete jetzt vielleicht ein neuer Gedanke in seinem Blick? Nicolai Wszewolodowitsch! rief Warwara Petrowna, sich steif aufrichtend, doch ohne sich von ihrem Lehnstuhl zu erheben, und indem sie den Eingetretenen mit einer befehlenden Handbewegung zum Stehenbleiben zwang -- bleibe dort noch einen Augenblick! ... Um die nun folgende furchtbare Frage Warwara Petrownas verstehen zu knnen (um derentwillen sie ihn mit dieser Bewegung und diesem Befehl nicht nhertreten lie), diese Frage, die ich Warwara Petrowna nie und nimmer zugetraut htte, ja, selbst deren Mglichkeit mir undenkbar erschienen wre, -- um diese Frage wirklich zu verstehen, mu man sich zunchst den Charakter Warwara Petrownas vergegenwrtigen, wie er seit jeher war und von welcher ungestmen Gewaltttigkeit er in manchen auergewhnlichen Augenblicken sein konnte. Ich bitte auch in Erwgung zu ziehen, da ungeachtet ihrer groen seelischen Festigkeit, des nicht geringen Verstandes und des guten Teiles von Takt- und Zartgefhl, den sie besa, in ihrem Leben dennoch stndig Augenblicke wiederkehrten, wo sie sich vllig und, wenn man so sagen darf, ohne sich im Zaum zu halten, fr etwas einsetzte oder sich fr etwas hingab. Ferner bitte ich, nicht zu vergessen, da der gegenwrtige Augenblick fr sie tatschlich einer von jenen sein konnte, in denen sich pltzlich alles Wesentliche eines Menschenlebens wie in einem Fokus vereinigt -- alles Durchlebte, alles Gegenwrtige und ... warum nicht auch alles Zuknftige? Und schlielich sei noch an den anonymen Brief erinnert, den sie erhalten hatte und von dem sie kurz vorher in der Gereiztheit zu Lisas Mutter einiges hatte verlauten lassen, -- freilich: ohne den weiteren Inhalt des Briefes zu verraten! Gerade in diesem aber lag vielleicht die ganze Erklrung der Mglichkeit dieser furchtbaren Frage, mit der sie sich jetzt pltzlich an den Sohn wandte. Nicolai Wszewolodowitsch, wiederholte sie mit fester Stimme, jede Silbe deutlich aussprechend, ich bitte Sie, hier sofort zu sagen, ohne sich von der Stelle zu rhren, ob es wahr ist, da diese unglckliche, lahme Person -- diese da, sehen Sie sie an! ... Ob es wahr ist, da das ... Ihre rechtmige Frau ist?[32] Ich erinnere mich dieses Augenblickes noch heute mit voller Deutlichkeit. Nicolai Wszewolodowitsch zuckte mit keiner Wimper, sah nur unverwandt seine Mutter an. Auch nicht die geringste Vernderung ging auf seinem Gesichte vor. Endlich lchelte er langsam ein gleichsam nachsichtiges Lcheln und trat, ohne ein Wort zu sagen, still auf seine Mutter zu, erfate ihre Hand und fhrte sie ehrerbietig an die Lippen. Und so stark war sein unwiderstehlicher Einflu auf seine Mutter, da sie ihre Hand ihm auch jetzt nicht zu entziehen vermochte. Sie blickte ihn nur an und ihre ganze Seele lag in diesem fragenden Blick. Noch ein Augenblick und sie wrde, so schien es, die Ungewiheit nicht lnger ertragen haben. Nicolai Wszewolodowitsch aber schwieg auch jetzt noch. Nachdem er ihre Hand gekt hatte, berflog sein Blick noch einmal die Anwesenden, und mit demselben langsamen Schritt trat er zu Marja Timofejewna. Es ist schwer, die Gesichter der Menschen in gewissen Augenblicken zu beschreiben. In meiner Erinnerung habe ich z. B., da Marja Timofejewna damals, fast vergehend vor Schreck, sich erhob und die Hnde wie ihn anflehend faltete. Aber ich entsinne mich auch, da zu gleicher Zeit in ihren Augen ein Entzcken aufleuchtete, ein so sinnloses, so maloses Entzcken, wie Menschen es kaum oder nur schwer zu ertragen vermgen. Vielleicht war beides richtig: der Schreck, wie das Entzcken? Ich wei es nicht: ich wei nur, da ich damals schnell einen Schritt vortrat, weil ich das Gefhl hatte, sie werde sogleich in Ohnmacht fallen. Sie knnen nicht hier bleiben, sagte Nicolai Stawrogin mit freundlicher, klangvoller Stimme zu ihr und in seinen Augen, die sie ansahen, lag pltzlich eine groe Zrtlichkeit. Er stand in der ehrerbietigsten Haltung vor ihr und jede Bewegung verriet ungeheuchelte Hochachtung. Und ungestm, atemlos, halb flsternd stammelte die Arme zu ihm empor: Aber kann ich ... darf ich ... jetzt gleich ... vor Ihnen niederknien? Nein, das drfen Sie auf keinen Fall, sagte er mit einem entzckenden Zulcheln, so da sie pltzlich glckselig auflachte. Und mit derselben melodischen Stimme, gut und lieb, als ob er einem kleinen Kinde zuredete, fgte er ernster hinzu: Vergessen Sie nicht, da Sie ein Mdchen sind und ich Ihr ergebenster Freund zwar, doch immerhin ein Ihnen fremder Mensch bin, weder Ihr Gatte, noch Vater, noch Brutigam. Gestatten Sie mir, da ich Ihnen den Arm reiche, und lassen Sie uns gehen. Ich werde Sie zum Wagen fhren und, wenn Sie es erlauben, auch nach Hause begleiten. Sie hrte ihn an und senkte wie sinnend den Kopf. Gehen wir, sagte sie dann, seufzte und nahm seinen Arm. Hierbei geschah ihr aber ein kleines Unglck: sie mute wohl zu hastig, wahrscheinlich mit ihrem kranken, dem zu kurzen Fu aufgetreten sein, -- jedenfalls knickte sie und fiel seitwrts gegen den Sessel und wre wohl zu Boden gefallen, wenn Nicolai Wszewolodowitsch sie nicht sofort aufgefangen und gehalten htte. Er legte ihre Hand auf seinen Arm, sttzte sie stark und fhrte sie, teilnehmend und helfend, behutsam zur Tr. Sie war sichtlich sehr betrbt ber ihren Fall, war verlegen und schmte sich schrecklich. Stumm, mit niedergeschlagenen Augen, tief hinkend wackelte sie neben ihm her, fast hngend an seinem Arm. So gingen sie hinaus. Ich sah, wie Lisa, die aus irgendeinem Grunde pltzlich aufsprang, ihnen mit starrem Blick die ganze Zeit nachsah bis zur Tr. Dann setzte sie sich wortlos wieder hin, doch in ihrem Gesicht war ein krampfartiges Zucken, als htte sie etwas Ekelhaftes berhrt. Whrend der ganzen Szene zwischen Nicolai Wszewolodowitsch und Marja Timofejewna hatte die grte Stille geherrscht. Als sich jetzt die Tre hinter ihnen schlo, fingen pltzlich alle auf einmal zu sprechen an. VI. Das heit, nein, es wurde nicht gesprochen: es waren wohl nur Ausrufe, die man hrte. Die Reihenfolge derselben habe ich in der allgemeinen Verwirrung, die herrschte, vergessen. Sogar Mawrikij Nicolajewitsch sagte ein paar Worte. Stepan Trophimowitsch rief wieder etwas auf Franzsisch aus und schlug die Hnde zusammen. Doch am meisten ereiferte sich sein Sohn Pjotr Stepanowitsch: er bemhte sich verzweifelt und mit groen Gesten, Warwara Petrowna von etwas zu berzeugen, er wandte sich an Praskowja Iwanowna, er wandte sich an Lisaweta Nicolajewna, ja, er rief im Eifer sogar seinem Vater etwas zu -- kurz, er drehte sich mit grter Lebendigkeit im Zimmer umher. Warwara Petrowna hatte sich, hochrot im Gesicht, im ersten Augenblick von ihrem Platz erhoben und erregt Praskowja Iwanowna zugerufen: Hast du gehrt, hast du gehrt, was er ihr hier soeben gesagt hat? Doch diese konnte nicht mehr antworten; sie winkte nur abwehrend mit der Hand und murmelte etwas Unverstndliches: sie hatte eine neue Sorge, und immer wieder wandte sie den Kopf zu Lisa hin -- doch aufstehen und davonfahren, das wagte sie nicht mehr, bevor sich die Tochter nicht selbst dazu entschlo. Inzwischen suchte sich der Hauptmann fortzuschleichen, aber der Schreck, der ihm bei dem Erscheinen Nicolai Wszewolodowitschs in die Glieder gefahren war, lhmte ihn noch so sehr, da er es ungeschickt genug anfing und Pjotr Stepanowitsch ihn, gerade als er aus der Tr schlpfen wollte, noch am rmel erwischte und zurckzog. Das ist unbedingt ntig, unbedingt, sagte er, seine Silben wieder wie Perlen streuend, zu Warwara Petrowna, die er noch immer von irgend etwas zu berzeugen suchte. Er stand vor ihr, sie aber hatte sich schon wieder gesetzt und hrte ihn mit Spannung an, woraus hervorging, da er sich endlich ihre volle Aufmerksamkeit errungen hatte. Das ist unbedingt ntig, unbedingt! Sie sehen doch selbst, da hier ein Miverstndnis vorliegt. Es ist aber alles viel einfacher, als es scheint. Ich wei sehr wohl, da mich niemand bevollmchtigt hat, Ihnen das alles zu erzhlen, und es scheint vielleicht geradezu, da ich mich Ihnen aufdrnge. Aber ganz abgesehen davon, da Nicolai Wszewolodowitsch selbst dieser ganzen Sache weiter gar keine Bedeutung zuschreibt, gibt es doch auch Flle, in denen es einem schwer fllt, persnlich die ntigen Erklrungen zu geben -- und da ist es denn unbedingt geboten, da ein anderer sich dazu entschliet, dem es weit leichter fllt, von gewissen zarten Dingen zu sprechen. Glauben Sie mir, Nicolai Wszewolodowitsch war durchaus nicht im Unrecht, als er Ihnen keine radikale Antwort auf Ihre Frage vorhin gab, -- ganz abgesehen davon, da die Geschichte berhaupt nicht so wichtig ist. Ich kenne Nicolai Wszewolodowitsch schon von Petersburg her und ich kann Sie versichern, da alles, was da vorliegt, ihm nur Ehre macht -- wenn man dieses unbestimmte Wort >Ehre< nun schon einmal gebrauchen soll ... Sie wollen damit sagen, da Sie Augenzeuge eines Geschehnisses waren, aus dem dann diese ganze ... dieses Miverstndnis entstanden ist? Jawohl, Augenzeuge, und sogar Teilnehmer, wenn Sie wollen, besttigte Pjotr Stepanowitsch schnell. Wenn Sie mir Ihr Wort darauf geben knnen, da es die Gefhle meines Sohnes zu mir nicht krnken wird, zu mir, der er nicht das Ge--ring--ste verheimlicht ... und wenn Sie dabei so berzeugt sind, da Sie ihm damit einen Gefallen erweisen -- Unbedingt einen Gefallen, und mir selbst wird es ein Vergngen sein. Ich bin berzeugt, er wrde mich selbst darum bitten. Es war gewi sonderbar, da dieser pltzlich vom Himmel gefallene Mensch so aufdringlich fremde Erlebnisse aufdecken wollte. Er hatte aber an Warwara Petrownas schmerzhafteste Stelle gerhrt und sie dahin gebracht, wo er sie zu haben wnschte. Ich selbst wute damals von diesem Menschen noch so gut wie nichts, um so weniger konnte ich seine Absichten durchschauen. Sie meinen? sagte Warwara Petrowna, zunchst noch vorsichtig und zurckhaltend, denn sie litt offenbar darunter, da sie sich so weit herablie. Und wieder fielen, eine nach der anderen, die klaren Silben seiner Rede, wie kleine Glasperlen von einer Schnur. Die Sache ist ganz einfach. Im Grunde ist es kaum mehr, als eine Anekdote. Ein Romanschriftsteller wrde vielleicht einen Roman daraus machen. Und uninteressant ist der Stoff auch wirklich nicht. Praskowja Iwanowna und auch Lisaweta Nicolajewna werden gewi gern zuhren, denn er enthlt, wenn auch nicht wunderbare, so doch viele wunderliche Dinge. Als vor fnf Jahren in Petersburg Nicolai Wszewolodowitsch diesen Herrn Lebdkin, der sich da soeben drcken wollte -- Sie sehen, mein abgesetzter Herr Beamter des Proviantwesens, ich kenne Sie noch sehr gut, und nicht minder sind mir, wie Nicolai Wszewolodowitsch, Ihre Gaunerstreiche bekannt, ber die Sie noch Rechenschaft zu geben haben werden ... Ich bitte sehr um Entschuldigung, Warwara Petrowna, -- vor fnf Jahren also, in Petersburg, da nannte Nicolai Wszewolodowitsch diesen Herrn seinen Falstaff: das mu offenbar irgendein ehemaliger >_caractre bourlesque_<{[95]} gewesen sein, fgte er pltzlich erklrend hinzu, -- ein Mann, der allen erlaubte, ber ihn zu lachen, wenn man ihm dafr nur zahlte. Nicolai Wszewolodowitsch fhrte damals in Petersburg ein Leben, ich kann mich nicht anders ausdrcken, aber es war ein spottschtiges Leben: denn blasiert pflegt dieser Mensch nie zu sein, sich aber mit irgendeiner Arbeit zu beschftigen, das verschmhte er damals. Ich rede, wie gesagt, nur von der damaligen Zeit, Warwara Petrowna. Dieser Lebdkin also hatte eine Schwester bei sich, dieselbe, die soeben hier sa. Bruder und Schwester hatten keinen eigenen Herd. Er trieb sich vor den groen Warenhusern herum, selbstverstndlich stets in seiner alten Uniform, redete von den Vorbergehenden an, wer ihm von ihnen gnstig erschien, und vertrank dann das auf diese Weise erbettelte Geld. Das Schwesterlein aber nhrte sich wie ein Vogel Gottes, half in den Winkeln und Ecken, wo sie lebte, bald dem einen, bald dem anderen, und verdiente sich so das Notwendigste. Es war das schrecklichste Sodom: ich bergehe die Schilderung dieses Lebens, an dem damals auch Nicolai Wszewolodowitsch aus >Verschrobenheit< Anteil nahm. Das ist sein eigener Ausdruck. Er pflegt mir vieles nicht zu verheimlichen. Mit Frulein Lebdkin nun traf er eine Zeitlang fter zusammen; sie begeisterte sich fr ihn und er war -- nun, er war so etwas wie der Brillant auf dem schmutzigen Fond ihres Lebens. Doch ich merke, da ich ein schlechter Schilderer menschlicher Gefhle bin und fahre darum mit den Tatsachen fort. Trichte Leute begannen sie damals gleich zu necken und zu verspotten, und da wurde sie traurig. berhaupt lachte man dort immer ber sie, aber frher hatte sie das nicht bemerkt. Schon damals war ihr Verstand nicht ganz klar, wenn auch lange nicht so schwach und wirr wie jetzt. Es ist anzunehmen, da sie als Kind -- vielleicht dank irgendeiner Wohltterin -- eine etwas bessere Erziehung erhalten hat. Nicolai Wszewolodowitsch schenkte ihr zunchst nicht die geringste Aufmerksamkeit, wenn er dort mit ihrem Bruder und den kleinen Beamten zusammensa und Karten spielte. Aber einmal, als man sie wieder beleidigte, packte er den betreffenden Beamten einfach am Kragen und warf ihn -- es war im zweiten Stock -- zum Fenster hinaus. Einen besonderen Unwillen, gekrnkte Ritterlichkeit oder dergleichen konnte man an ihm dabei nicht wahrnehmen. Die ganze Szene ging vielmehr unter allgemeinem Gelchter vor sich und am meisten amsierte sie Nicolai Wszewolodowitsch selbst. Als alles glcklich ohne gebrochene Glieder abgelaufen war, vershnte man sich wieder und begann Punsch zu trinken. Nur die Lebdkin konnte den Vorfall und ihren Beschtzer nicht vergessen -- und das endete dann schlielich mit der vollstndigen Zerrttung ihres Verstandes. Ich wiederhole nochmals, da ich ein schlechter Schilderer von Gefhlen bin. Das Wichtigste war hierbei eben ihr Wahn. Und Nicolai Wszewolodowitsch tat dann noch alles, um ihn zu verstrken. Statt gleichfalls zu lachen, begann er sie pltzlich mit berraschender Hochachtung zu behandeln. Kirilloff, der auch dabei war, -- das ist ein sonderbarer und origineller Mensch, Warwara Petrowna, Sie werden ihn vielleicht noch einmal sehen, denn er ist jetzt hier -- dieser Kirilloff also, der sonst nur zu schweigen pflegt, sagte pltzlich: er behandelt sie wie eine Marquise und macht sie damit noch ganz verrckt. Und was glauben Sie, was er diesem Kirilloff, den er brigens achtet, darauf geantwortet hat? >Sie scheinen anzunehmen, Herr Kirilloff, da ich mich ber sie lustig mache. Seien Sie versichert, da ich sie in der Tat denkbar hoch achte, denn sie ist besser, als wir alle.< Und das sagte er noch, wissen Sie, in vollkommen ernstem Ton. Dabei hatte er ihr aber in all den Monaten kaum mehr als >guten Tag< und >Adieu< gesagt. Jetzt freilich brachte er sie bald so weit, da sie ihn fr ihren Brutigam hielt, der sie nur infolge von allen mglichen romantischen Familienhindernissen vorlufig nicht >entfhren< knnte -- wir aber hatten unser weidliches Vergngen daran. Die Geschichte endete damit, da Nicolai Wszewolodowitsch, als er endlich abreisen mute, das war also vor jetzt etwa vier Jahren -- er kam damals hierher zu Ihnen -- ihr eine jhrliche Pension, ich glaube ungefhr dreihundert Rubel, wenn nicht mehr, aussetzte. Mit einem Wort, es war hchstens der phantastische Streich eines Beschftigungslosen oder, wie Kirilloff sagte, es war eine neue Etude eines bersttigten Menschen, um zu erfahren, wie weit man eine arme Nrrin bringen kann. >Sie haben,< sagte Kirilloff, >sich absichtlich das letzte Geschpf unter den Menschen ausgesucht, ein krppeliges Wesen, das sowieso schon mit Schlgen und Schande bedeckt ist, und von dem Sie von vornherein ganz genau wissen, da es an seiner tragikomischen Liebe zu Ihnen zugrunde gehen mu -- und pltzlich beginnen Sie, sie absichtlich zu betrgen, nur um zu sehen, was dabei wohl herauskommen wird.< Nun, ich meinerseits sehe nicht ein, wie ein Mensch daran schuld sein soll, wenn ein verrcktes Weib seinetwegen sich tolle Gedanken macht. Ein Weib, wohlverstanden, mit dem der betreffende Mensch kaum ein paar oberflchliche Worte gewechselt hat! Es gibt Dinge, Warwara Petrowna, ber die man nicht nur nicht klug sprechen kann, sondern ber die berhaupt zu sprechen schon nicht klug ist. Doch mag es nun Laune oder Sonderbarkeit gewesen sein, aber mehr kann man schon auf keinen Fall sagen; whrenddessen aber macht man hier eine ganze Historie daraus ... Ich bin zum Teil darber unterrichtet, was hier vorgeht. Pjotr Stepanowitsch brach pltzlich ab und wandte sich wieder Lebdkin zu. Doch Warwara Petrowna hielt ihn, beinah zitternd vor Aufregung, zurck. Sind Sie fertig? fragte sie. Nein, noch nicht. Zur Vervollstndigung mchte ich noch diesen Herrn Lebdkin, wenn Sie gestatten ... Sie werden gleich sehen, um was es sich handelt -- Genug, spter, warten Sie einen Augenblick, ich bitte Sie! Oh, wie gut war es doch, da ich Sie sprechen lie! Und vergessen Sie nicht, Warwara Petrowna, Pjotr Stepanowitsch fuhr gleichsam auf, da Nicolai Wszewolodowitsch persnlich Ihnen berhaupt keine Antwort auf Ihre Frage geben konnte -- die vielleicht wirklich etwas zu kategorisch war. Oh ja, das war sie nur zu sehr! Und hatte ich nicht Recht, als ich sagte, einem Fremden ist es leichter, gewisse Dinge zu erklren, als einem Beteiligten? Ja, ja ... aber in einer Beziehung haben Sie sich doch geirrt, und wie ich mit Bedauern sehe, irren Sie sich auch jetzt noch. Wirklich? Und worin wre das? Ja, sehen Sie ... Aber wie wre es, wenn Sie sich setzten, Pjotr Stepanowitsch? Oh, wie Sie wnschen, ich bin auch mde, besten Dank. Er zog gewandt einen Sessel heran und drehte ihn so, da er zwischen Warwara Petrowna und Praskowja Iwanowna, die sich am Tisch niedergelassen hatte, sitzen konnte, whrend Lebdkin, den er nicht aus dem Auge lie, ihm nun gerade gegenber stand. Ich meine, Sie irren sich, wenn Sie dieses eine >Laune<, eine >Sonderbarkeit< nennen ... Oh, wenn es nur das ist -- Nein, nein, nein, warten Sie, unterbrach ihn Warwara Petrowna, die sich offenbar zu einem langen und eingehenden Gesprch vorbereitete. Kaum gewahrte das Pjotr Stepanowitsch, da war er schon die Aufmerksamkeit selbst. Nein, das ist etwas Hheres als eine Laune. Das ist, ich versichere Sie, beinahe etwas Heiliges. Das ist Prinz Heinz, wie ihn Stepan Trophimowitsch frher so treffend nannte, und was vollkommen richtig wre, wenn er nicht noch mehr an Hamlet erinnern wrde. _Et vous avez raison_,{[96]} besttigte Stepan Trophimowitsch mit Empfindung und Nachdruck. Ich danke Ihnen, Stepan Trophimowitsch. Ich danke Ihnen ganz besonders fr Ihren unerschtterlichen Glauben an _Nicolas_, an den Adel seiner Seele. Diesen Glauben haben Sie auch in mir befestigt, als ich den Mut schon verlieren wollte. _Chre, chre_ ... Stepan Trophimowitsch wollte schon vortreten, berlegte aber dann doch, da es immerhin gewagt wre, sie zu unterbrechen. Und wenn _Nicolas_ stets einen stillen, treuen und starken Horatio neben sich gehabt htte -- auch einer Ihrer schnen Vergleiche, Stepan Trophimowitsch --, so wre er vielleicht lngst erlst (Warwara Petrowna geriet schon in einen singenden Ton) von diesem >Dmon der Ironie< -- auch diesen Ausdruck hat Stepan Trophimowitsch geprgt, -- der ihn sein Lebelang martert. Doch _Nicolas_ hat nie weder einen Horatio noch eine Ophelia gehabt. Er hat nur eine Mutter gehabt. Aber was kann eine Mutter in solchen Dingen tun? Wissen Sie, Pjotr Stepanowitsch, es ist mir jetzt vollkommen klar, da ein Mensch wie _Nicolas_ sogar in diese schmutzigen Winkel hinabsteigen konnte. Ich begreife jetzt alles. Ich begreife diese Lust zum Spott ber das Leben, auf die auch Sie vorhin so vorzglich hinwiesen. Ich begreife diesen unersttlichen Durst nach Gegenstzen, diesen trben und unheimlichen Hintergrund seines damaligen Lebens, von dem er sich dann wie eine leuchtende Erscheinung abhob. Und in dieser schrecklichen Welt trifft er dann ein Wesen, das alle beleidigen und verspotten, eine Krppelige, eine Irrsinnige, und zugleich doch einen Menschen, der die edelsten Gefhle hat! ... Hm ... ja, nehmen wir an -- Und Sie sagen, Sie knnen nicht begreifen, weshalb er zunchst nicht wie alle die anderen ber sie lacht! Oh, ihr Menschen! Und Sie knnen nicht verstehen, da er sie dann vor den Beleidigern beschtzt und sie wie eine >Marquise< behandelt! Dieser Kirilloff mu ein tiefer Menschenkenner sein, wenn er auch _Nicolas_ nicht verstanden hat! Ja, vielleicht ist es gerade dieser Kontrast, aus dem diese ganze unselige Geschichte entstanden ist. Wre die Beklagenswerte in anderen Verhltnissen, in einer anderen Umgebung gewesen, dann htte sie wohl berhaupt nicht diesen trichten Gedanken gefat. Das allerdings, Pjotr Stepanowitsch, kann nur eine Frau verstehen, und wie schade ist es doch, da Sie ... das heit ... ich will natrlich nicht sagen, wie schade, da Sie keine Frau sind, aber da Sie das ganze Verstndnis einer Frau nun einmal nicht haben knnen. Das heit also: je schlimmer, desto besser -- ich verstehe, ich verstehe schon, Warwara Petrowna. Das ist so, wie in der Religion und im Staat: je schlechter es ein Mensch im Leben hat, oder je unterdrckter ein Volk ist, desto eigensinniger wird an die Belohnung, die einen im Jenseits erwartet, gedacht. Und wenn dabei noch hunderttausend Geistliche mitwirken und den Gedanken anfachen, auf den sie selbst spekulieren, so ... oh, ich verstehe Sie, Warwara Petrowna, seien Sie unbesorgt. Ich glaube -- doch wohl nicht so ganz. Aber sagen Sie, htte denn _Nicolas_, um jenen unseligen Gedanken in diesem unglcklichen Organismus zu ertten, (weshalb sie hier dieses Wort gebrauchte, verstand ich nicht) htte er wirklich ebenso ber sie lachen und hhnen mssen, wie die anderen rohen Kumpane? Begreifen Sie denn wirklich nicht dieses groe Mitleiden, diesen edlen Schauer einer edlen Seele, mit dem _Nicolas_ pltzlich ernst diesem Kirilloff antwortet: >Ich lache durchaus nicht ber sie.< Oh, diese vornehme, diese heilige Antwort. _Sublime!_,{[97]} murmelte Stepan Trophimowitsch. Und vergessen Sie nicht, er ist durchaus nicht reich, wie Sie vielleicht denken: ich bin reich, aber nicht er, und damals hat er meine Hilfe niemals in Anspruch genommen. Ich verstehe das, ich verstehe das alles, Warwara Petrowna, beteuerte Pjotr Stepanowitsch und bewegte sich bereits etwas ungeduldig auf seinem Stuhl. Oh, das ist mein Charakter! In _Nicolas_ erkenne ich mich selbst wieder. Ich kenne diese Jugend, diese Mglichkeiten strmisch drngender Ausbrche ... Und wenn wir uns jemals nhertreten sollten, Pjotr Stepanowitsch, was ich meinerseits aufrichtig wnsche, um so mehr, als ich Ihnen schon so verpflichtet bin, so werden Sie dann vielleicht verstehen -- Oh, auch ich wnsche, glauben Sie mir -- -- Diesen Drang, in dem man in blindem Edelmute pltzlich einen Menschen nimmt, womglich einen, der unser gar nicht wert ist, einen Menschen, der Sie nicht im geringsten versteht und bereit ist, Sie bei jeder Gelegenheit zu qulen: und diesen Menschen macht man pltzlich wider alle Vernunft zu seinem Idealbild, zu seinem Wahnbild, legt in ihn alle Hoffnungen, beugt sich vor ihm, liebt ihn sein Lebelang, ohne auch nur zu wissen weshalb, -- vielleicht gerade deshalb, weil er das gar nicht verdient hat ... Oh, wie ich mein ganzes Leben lang gelitten habe, Pjotr Stepanowitsch! Stepan Trophimowitsch suchte erregt meinen Blick, doch ich konnte mich noch rechtzeitig abwenden. Und noch vor kurzem, noch vor kurzem -- oh, wie viel mir _Nicolas_ verzeihen mu! ... Sie werden es mir nicht glauben, wie alle mich geqult haben! Geqult von allen Seiten, alle, alle, Feinde und Freunde, und die Freunde vielleicht noch mehr als die Feinde. Und als ich den ersten anonymen Brief erhielt, Pjotr Stepanowitsch, Sie werden es mir nicht glauben, aber meine Verachtung reichte einfach nicht aus fr diese ganze Gemeinheit ... Nie, nie werde ich mir diesen Kleinmut vergeben! Von diesen anonymen Briefen habe ich schon gehrt, sagte Pjotr Stepanowitsch, pltzlich wieder belebt, seien Sie unbesorgt, den Verfasser werde ich schon herausbekommen. Aber Sie knnen sich ja gar nicht vorstellen, was fr Intriguen hier gesponnen worden sind! Sogar unsere arme Praskowja Iwanowna hat man beunruhigt -- und dazu war doch wirklich kein Grund vorhanden! Liebe Praskowja Iwanowna, heute mut du mir schon verzeihen, fgte sie pltzlich in einer gromtigen Regung hinzu, aber doch nicht ohne einen leisen triumphierenden Klang in der Stimme. Schon gut, meine Liebe, murmelte diese widerwillig. Ich aber meine, man knnte jetzt endlich aufhren, es ist schon viel zu viel gesprochen worden. Und wieder sah sie scheu ihre Lisa an, die aber blickte auf Pjotr Stepanowitsch. Und dieses arme, unglckliche Geschpf, diese Irrsinnige, die alles verloren, nur das Herz behalten hat, die -- werde ich in mein Haus aufnehmen! rief Warwara Petrowna pltzlich entschlossen aus. Das ist eine heilige Pflicht und ich will sie erfllen! Vom heutigen Tage an stelle ich sie unter meinen Schutz! Und das wird sogar sehr gut sein, in einem gewissen Sinne wenigstens! Pjotr Stepanowitsch war wieder ganz Leben. Entschuldigen Sie, aber vorhin bin ich nicht ganz zu Ende gekommen. Gerade was den Schutz betrifft. Stellen Sie sich vor, Warwara Petrowna, -- ich fange dort an, wo ich stehen blieb, -- stellen Sie sich also vor, da damals, als Nicolai Wszewolodowitsch fortgefahren war, dieser Herr da drben, dieser Herr Lebdkin, nichts Besseres zu tun wute, als das seiner Schwester ausgesetzte Geld eilends und restlos zu vertrinken. Ich wei nicht genau, in welcher Weise Nicolai Wszewolodowitsch die Zahlungsart in der ersten Zeit angeordnet hatte. Ich wei nur, da er sich schlielich gentigt sah, wenn er Lebdkins Schwester einigermaen sicherstellen wollte, sie in einem fernen Kloster unterzubringen -- was denn auch geschah, selbstredend unter aller nur denkbaren Rcksicht auf ihre Person, aber unter freundschaftlicher Aufsicht, Sie verstehen schon! Doch was glauben Sie wohl, wozu Herr Lebdkin sich entschlo? Erst suchte er mit aller Gewalt zu erfahren, wo man sein Zinspapier, das heit also seine Schwester, untergebracht hatte, und dann, als ihm dies gelungen war, erwirkte er, indem er irgendwelche Rechte vorschtzte, da man sie ihm herausgab, und darauf schleppte er sie hierher. Hier nun gab er ihr nichts zu essen, sondern schlug sie, und als er auf irgendeine Weise von Nicolai Wszewolodowitsch eine grere Geldsumme herausbekommen hatte, ging das alte, wste Trinkleben sofort von neuem an. Von Dankbarkeit Nicolai Wszewolodowitsch gegenber natrlich keine Spur; im Gegenteil, nur sinnlose neue Forderungen stellte er an ihn und drohte gar mit dem Gericht, wenn er nicht Zahlungen erhalten wrde -- nahm also frech als pflichtmig an, was freiwillig war. -- Herr Lebdkin, ist _alles_ wahr, was ich hier soeben gesagt habe? Der Hauptmann, der bis dahin stumm und mit gesenkten Augen dagestanden hatte, trat schnell zwei Schritte vor, -- das Blut scho ihm ins Gesicht. Pjotr Stepanowitsch ... Sie haben mich ... grausam behandelt, brachte er stockend hervor. Wieso grausam? Doch ber Grausamkeit oder Zartheit knnen wir spter sprechen, jetzt aber wollen Sie mir geflligst auf meine Frage antworten: ist _alles_ wahr, was ich hier gesagt habe, oder nicht? Ich ... Sie wissen ja selbst, Pjotr Stepanowitsch ... der Hauptmann stockte und schwieg. Pjotr Stepanowitsch sa im Lehnstuhl mit bergeschlagenen Beinen und Lebdkin stand in der ehrerbietigsten Haltung vor ihm. Lebdkins Unentschlossenheit schien Pjotr Stepanowitsch sehr wenig zu gefallen: in seinem Gesicht zuckte es und sein Ausdruck wurde bse. Ja, wollen Sie nicht vielleicht etwas sagen? fragte Pjotr Stepanowitsch scharf, wobei er mit zusammengekniffenen Augen durchdringend den Hauptmann anblickte. In dem Falle -- bitte. Haben Sie die Gte, wir hren. Sie wissen doch selbst, Pjotr Stepanowitsch, da ich nichts sagen kann. Nein, das wei ich durchaus nicht, hre es sogar zum erstenmal; warum knnen Sie denn nicht? Lebdkin schwieg und blickte zu Boden. Erlauben Sie mir, Pjotr Stepanowitsch, fortzugehen, sagte er endlich entschlossen. Nicht, bevor Sie mir eine Antwort auf meine Frage gegeben haben. Noch einmal: ist _alles_ wahr, was ich gesagt habe? Ja, es ist wahr, sagte Lebdkin dumpf und blickte kurz zu seinem Peiniger auf. An seinen Schlfen trat sogar Schwei hervor. Ist _alles_ wahr? Alles ist wahr. Haben Sie nicht noch etwas hinzuzufgen, oder zu bemerken? Wenn Sie fhlen, da wir Ihnen irgendwie Unrecht getan haben, so sagen Sie es. Protestieren Sie, geben Sie laut Ihre Unzufriedenheit kund! Nein, ich habe nichts ... Haben Sie vor kurzem Nicolai Wszewolodowitsch gedroht? Das ... das ... war mehr Alkohol, Pjotr Stepanowitsch! (Er hob pltzlich den Kopf.) Pjotr Stepanowitsch! Wenn die beleidigte Familienehre und die unverdiente Schande im Menschenherzen aufheulen, ist dann -- ist dann wirklich der Mensch noch verantwortlich? brllte er pltzlich wieder los, wie vorher sich nicht mehr im Zaum haltend. Sind Sie nchtern, Herr Lebdkin? Pjotr Stepanowitsch sah ihn durchdringend an. Ich ... bin nchtern. Was soll das bedeuten: >beleidigte Familienehre< und >unverdiente SchandeWenigstens htte ich doch den Scherz erzhlen mssen, denn sonst, wer geht denn so fort.< Als mir aber einfiel, da Pjotr Stepanowitsch hier geblieben war, sprang die Sorge von mir ab. Whrend er sprach, blickte er sich flchtig im Zimmer um. Pjotr Stepanowitsch hat uns eine alte Petersburger Geschichte aus dem Leben eines eigentmlichen Menschen erzhlt, sagte Warwara Petrowna, noch ganz entzckt, eines launischen, eines halb wahnsinnigen Menschen, der aber in seinen Gefhlen immer edel bleibt, immer adlig, immer ritterlich -- Also so hoch habt ihr mich schon erhoben, scherzte Stawrogin. brigens bin ich Pjotr Stepanowitsch diesmal sehr dankbar fr seine Eilfertigkeit (hier tauschte er mit ihm einen blitzartig kurzen Blick). Sie mssen nmlich wissen, _maman_, da Pjotr Stepanowitsch stets der allgemeine Friedensstifter ist: das ist nun einmal seine Rolle, seine Krankheit, sein Steckenpferd, und in der Beziehung kann ich ihn besonders empfehlen. brigens kann ich mir schon denken, worber er hier Bericht erstattet hat. Er erstattet ja immer Bericht, wenn er etwas erzhlt. In seinem Kopf hat er eine Kanzlei. Man merke sich nur, da er in seiner Eigenschaft als Realist nicht lgen kann und da die Wahrheit ihm teurer ist als der Erfolg ... selbstverstndlich auer in jenen besonderen Fllen, wenn ihm der Erfolg teurer ist als die Wahrheit. (Stawrogin sah sich, whrend er sprach, immer noch um.) Sie sehen also, _maman_, da nicht Sie mich um Verzeihung zu bitten haben, und da, wenn hier irgendwo eine Schuld ist, sie natrlich nur mich treffen kann ... oder sagen wir, wenn hier eine Verrcktheit vorliegt, ich folglich der Verrckte bin -- man mu doch seinen Ruf aufrechterhalten! und er umarmte seine Mutter und kte sie zrtlich. Jedenfalls aber ist die Sache jetzt erzhlt, und ich dchte, nun knnte man aufhren, von ihr zu sprechen. Seine letzten Worte hatten pltzlich einen trockenen, harten Unterton. Warwara Petrowna kannte diesen Ton, doch ihre Erregung verging deshalb noch nicht, sogar im Gegenteil. Aber wie kommt es nur, da du heute schon hier bist, _Nicolas_, du wolltest doch erst in einem Monat -- Ich werde Ihnen natrlich alles erzhlen, _maman_, doch augenblicklich -- Und er trat zu Praskowja Iwanowna. Doch diese schien ihn diesmal berhaupt nicht bemerken zu wollen: whrend noch vor einer halben Stunde, als er zum ersten Male erschienen war, ihre ganze Aufmerksamkeit von ihm in Anspruch genommen wurde, war diese jetzt auf etwas ganz anderes gelenkt. In dem Augenblick, als der Hauptmann mit Stawrogin beinahe zusammengestoen war, hatte Lisa pltzlich zu lachen angefangen -- zuerst nur leise und verhalten, dann aber immer lauter und bemerkbarer. Sie wurde rot. Dieser Gegensatz zu ihrem kurz vorher noch so dsteren Aussehen war doch zu auffallend. Als Nicolai Wszewolodowitsch noch mit Warwara Petrowna sprach, winkte sie Mawrikij Nicolajewitsch zu sich heran, als wolle sie ihm etwas sagen: doch kaum beugte er sich zu ihr nieder, da lachte sie schon von neuem. Ja, es schien, als lache sie geradezu ber den armen Mawrikij Nicolajewitsch. Dabei strengte sie sich furchtbar an, ernst zu bleiben, und prete immer wieder ihr Taschentuch an die Lippen, doch es gelang ihr nicht, sich zu bezwingen. Nicolai Wszewolodowitsch trat mit der unschuldigsten, aufrichtigsten Miene an sie heran, um sie zu begren. Verzeihen Sie, bitte, sagte sie schnell, Sie ... Sie haben gewi auch Mawrikij Nicolajewitsch gesehen ... Gott, wie verboten lang Sie sind, Mawrikij Nicolajewitsch! Und wieder lachte sie. Mawrikij Nicolajewitsch war allerdings hoch von Wuchs, aber durchaus nicht so auffallend, wie sie es pltzlich zu finden schien. Sie ... sind vor nicht langer Zeit angekommen? fragte sie, sich gewaltsam zusammennehmend, sogar verlegen, doch mit blitzenden Augen. Vor ungefhr zwei Stunden, antwortete Stawrogin und sah sie aufmerksam an. Ich mu hier bemerken, da er ungewhnlich zurckhaltend war in seiner Hflichkeit, doch ohne diese wrde er vollstndig gleichgltig, fast gelangweilt ausgesehen haben. Und wo werden Sie wohnen? Hier. Warwara Petrowna beobachtete sie gleichfalls, pltzlich fiel ihr etwas ein. Aber _Nicolas_, wo warst du denn bis jetzt, diese zwei Stunden? fragte sie erstaunt, der Zug kommt doch um zehn Uhr an. Ich brachte zuerst Pjotr Stepanowitsch zu Kirilloff. Ich hatte ihn in Matwejewo (drei Stationen vor unserer Stadt), getroffen. So fuhren wir die letzte Strecke zusammen. Ich aber wartete schon seit Mitternacht in Matwejewo, griff Pjotr Stepanowitsch schnell in das Gesprch ein. Unsere letzten Wagen waren in der Nacht aus den Schienen gesprungen, wir htten uns beinahe noch die Beine gebrochen! Mein Gott, rief Lisa, Mama, und wir wollten in der vorigen Woche auch nach Matwejewo fahren! Gott erbarme dich! Praskowja Iwanowna bekreuzte sich. Ach, Mama, Mama, liebe Mama, erschrecken Sie nicht, wenn ich mir bei einer solchen Gelegenheit auch einmal ein Bein breche, mir knnte das ja nur zu leicht geschehen! Sie sagen doch selbst, da ich jeden Tag nur ausreite, um mir das Genick zu brechen. Mawrikij Nicolajewitsch, wrden Sie mich fhren, wenn ich hinke? fragte sie wieder lachend. Ich wrde dann nur Ihnen erlauben, mich zu fhren, verlassen Sie sich darauf! Sagen wir, ich breche mir ein Bein? -- Aber so seien Sie doch so liebenswrdig, Mawrikij Nicolajewitsch, und sagen Sie sofort, da Sie sich glcklich schtzen wrden! Was kann das fr ein Glck sein, wenn man ein Krppel ist? sagte Mawrikij Nicolajewitsch ernstlich ungehalten. Dafr wrden Sie allein mich fhren drfen, nur Sie, sonst niemand! Auch dann wrden _Sie_ mich fhren, Lisaweta Nicolajewna, sagte der Offizier leise und noch ernster. Gott, er wollte einen Witz machen, rief Lisa fast entsetzt aus. Mawrikij Nicolajewitsch, unterstehen Sie sich niemals, einen Witz zu machen! Aber Sie sind wirklich bis zu einem unglaublichen Grade Egoist! Doch ich bin berzeugt, zu Ihrer Ehre sei es gesagt, da Sie sich selbst verleumden. Im Gegenteil, Sie wrden mir von frh bis spt versichern, da ich ohne Fu weit interessanter sei! Eines ist aber unvereinbar: Sie sind bermig lang, ich aber wrde, wenn ich hinken mte, ganz klein sein -- wir wrden also ein schlechtes Paar abgeben! Und sie lachte krampfhaft. Die Anspielungen waren flach und herbeigezogen, doch ihr war es diesmal offenbar nicht um den Ruhm zu tun, geistreich zu sein. Hysterie, flsterte mir Pjotr Stepanowitsch zu, ein Glas Wasser, schnell! Er hatte es erraten: eine Minute spter liefen wir hin und her und endlich brachte man denn auch Wasser. Lisa umarmte ihre Mutter, kte sie leidenschaftlich, weinte verzweifelt -- bis sie dann pltzlich wieder auflachte. Darauf fing auch die Alte zu weinen an. Da fhrte denn Warwara Petrowna sie beide durch dieselbe Tr, durch die Darja Pawlowna eingetreten war, hinaus. Doch sie blieben nicht lange im Nebenzimmer, sondern erschienen schon nach wenigen Minuten wieder im Salon. Kaum waren sie drauen, da trat Stawrogin an uns heran und begrte uns -- auer Schatoff, der noch immer in seiner Ecke sa und den Kopf womglich noch tiefer gesenkt hielt. Stepan Trophimowitsch versuchte sogleich, irgendein geistreiches Gesprch anzuknpfen, doch Stawrogin wandte sich ab und wollte zu Darja Pawlowna gehen. Unterwegs jedoch hielt ihn Pjotr Stepanowitsch auf, der ihn fast mit Gewalt zum Fenster zog und ihm dort etwas anscheinend sehr Wichtiges zuzuflstern begann. Nicolai Wszewolodowitsch freilich hrte, whrend der andere lebhaft gestikulierte, nur zerstreut, fast gelangweilt zu, mit seinem offiziellen, leicht spttischen Lcheln auf den Lippen -- und schlielich wurde er ungeduldig und machte sich los. In diesem Augenblick traten die Damen wieder ein. Warwara Petrowna fhrte Lisa zu ihrem alten Platz und versicherte lebhaft, da es den gereizten Nerven unmglich gut tun knne, wenn sie gleich an die frische Luft ginge: sie solle sich doch erst wenigstens zehn Minuten erholen! Und sie setzte sich neben Lisa und bemhte sich in einer schon recht auffallenden Weise um diese. Pjotr Stepanowitsch lief auch gleich hinzu und begann ein lebhaftes und lustiges Gesprch. Whrenddessen trat nun Stawrogin endlich mit seinen langsamen Schritten zu Darja Pawlowna. Dascha schrak frmlich zurck, als sie ihn auf sich zukommen sah, und feuerrot, verwirrt, fast taumelnd erhob sie sich schnell. Ich glaube, man kann Ihnen gratulieren ... oder noch nicht? Er fragte es mit einem sonderbaren Zug um den Mund, den ich noch nie an ihm bemerkt hatte. Dascha antwortete ihm irgend etwas, aber die Worte konnte ich nicht verstehen. Verzeihen Sie, bitte, die Aufdringlichkeit, sagte er und sprach lauter, aber Sie wissen doch, da man mich absichtlich davon benachrichtigt hat? Wissen Sie das? Ja, ich wei, da Sie absichtlich davon benachrichtigt worden sind. Nun, ich hoffe, mein Glckwunsch hat nicht gestrt, meinte er lachend, -- und wenn Stepan Trophimowitsch ... Wozu, wozu gratulieren? Pjotr Stepanowitsch lief schnell herbei, wozu, wozu gratulieren, Darja Pawlowna? Bah! doch nicht etwa dazu? Wirklich! Ihre Farbe beweist, da ich recht geraten habe! In der Tat gibt es doch nur eine einzige Art Glckwunsch, bei dem unsere schnen, sittsamen jungen Damen zu errten pflegen. Nun, so empfangen Sie ihn denn auch von mir, wenn ich's richtig erraten habe! Bezahlen Sie aber auch bitte die Wette! Sie werden sich doch noch erinnern, da wir in der Schweiz gewettet haben? Sie sagten, da Sie niemals heiraten wrden und ich sagte das Gegenteil. Nun, und eigentlich bin ich ja halbwegs deshalb aus der Schweiz hierher gereist ... Apropos -- Schweiz! Aber sag mir doch, er drehte sich schnell zu Stepan Trophimowitsch herum, wann fhrst du denn jetzt in die Schweiz? Ich? ... in die Schweiz? fragte Stepan Trophimowitsch berrascht und verwirrt. Ja, wie denn? Fhrst du denn nicht? Aber du heiratest doch ... du schriebst es doch! _Pierre!_ rief Stepan Trophimowitsch streng. Was denn, _Pierre_! Sieh mal, wenn es dir angenehm zu hren ist, so bin ich hierher geflogen, um dir mitzuteilen, da ich durchaus nichts dagegen einzuwenden habe! Du wolltest doch meine Meinung mglichst bald wissen! Wenn man dich aber >retten< mu, wie du in demselben Brief schreibst, so stehe ich dir dito zu Diensten. Ist es wahr, da er heiratet, Warwara Petrowna? und wieder drehte er sich schnell zu dieser. Ich nehme an, da ich hier nicht von Geheimnissen rede. Er schreibt ja selbst, da die ganze Stadt es bereits wei, da ihm alle bereits ihre Glckwnsche darbringen wollen, und da er, um dem zu entgehen, nur noch in der Nacht das Haus verlassen kann. Den Brief habe ich in der Tasche. Ganz klug bin ich freilich nicht aus ihm geworden. Sag selbst, Stepan Trophimowitsch, was soll man nun eigentlich: -- soll man dir >gratulierenrettenHeirate sozusagen fremde Snden<, oder wie du dich da ausdrckst, -- mit einem Wort: >Snden< sind dabei. >Das Mdchen<, schreibst du, >ist ein Juwel<, und du, nun natrlich, du bist ihrer >nicht wert<. Das ist nun einmal sein Stil, sagte er wieder zu Warwara Petrowna gewandt. Wegen irgendwelcher >fremden Snden< ist er >gezwungen, zum Altar zu gehen und in die Schweiz zu reisen<, und darum: >fliege her, um mich zu retten!< Begreifen Sie etwas? Aber ich sehe ... mir scheint ... ich bemerke am Ausdruck der Gesichter, da -- er drehte sich nach allen Seiten um und sah die Anwesenden mit dem unschuldigsten Lcheln an, -- da ich nach meiner Gewohnheit wieder einmal eine Dummheit gemacht habe ... mit meiner Aufrichtigkeit, oder, wie Nicolai Wszewolodowitsch sagt -- Eilfertigkeit ... Ich glaubte doch, da wir hier unter Freunden sind? Das heit selbstverstndlich unter deinen Freunden, Stepan Trophimowitsch, nur unter deinen, denn ich bin hier ja fremd ... und nun sehe ich ... sehe ich, da alle irgend etwas wissen, und nur ich dieses >Etwas< nicht wei ... Er sah sich noch immer im Kreise um. So hat Ihnen Stepan Trophimowitsch geschrieben, da er >fremde Snden< heiraten msse? Warwara Petrowna trat mit entstelltem, fast gelbem Gesicht und zuckenden Mundwinkeln auf Pjotr Stepanowitsch zu. Ja, sehen Sie, das heit, wenn ich hier etwas nicht verstanden haben sollte, so ist das natrlich meine Schuld. Aber ich denke doch ... selbstverstndlich: er schreibt so! Hier habe ich ja den Brief -- den wichtigsten. Wissen Sie, Warwara Petrowna, endlose Briefe und schlielich einfach ein Brief nach dem anderen, so da ich sie spter gar nicht mehr zu Ende las ... Verzeih mir das Gestndnis, Stepan Trophimowitsch, aber, nicht wahr, im Grunde hast du sie, wenn du sie auch an mich adressiert hast, doch mehr fr die Nachgeborenen geschrieben. Reg' dich nicht auf, es macht ja weiter nichts. Aber diesen Brief hier, Warwara Petrowna, den habe ich ganz gelesen. Denn diese >Snden<, diese >fremden Snden<: das sind doch bestimmt irgendwelche von seinen eigenen Snden und ich knnte wetten, die allerunschuldigsten -- er aber macht daraus selbstredend eine furchtbare Geschichte, so eine mit einem edlen Zuge, und vielleicht ist die ganze Geschichte nur um dieses Zuges willen herbeigezogen. Es gibt da nmlich noch gewisse Abrechnungen, die nicht ganz stimmen mgen, wozu das verheimlichen! Denn, wissen Sie, man mu es doch endlich gestehen, wir pflegen dem Kartenspiel nun einmal etwas zugetan zu sein ... Aber nein, Verzeihung, das ist schon berflssig, das ist schon wirklich ganz berflssig, Verzeihung! Doch was ich sagen wollte, Warwara Petrowna, erschreckt hat er mich tatschlich, und ich schickte mich schon allen Ernstes an, ihn zu >retten<. Bin ich denn ein Halsabschneider? Er schreibt da etwas von einer Mitgift ... Aber brigens, heiratest du nun wirklich, Stepan Trophimowitsch? Doch wir reden hier und reden und ich langweile Sie bestimmt nur ... und Sie, Warwara Petrowna, verurteilen mich gewi ... Im Gegenteil, im Gegenteil, ich sehe nur, da Sie die Geduld verloren haben und dazu hatten Sie ja auch Grund genug, sagte Warwara Petrowna mit einem bsen Lcheln. Sie hatte die ganze Zeit mit boshafter Genugtuung Pjotr Stepanowitsch zugehrt, der augenscheinlich eine bestimmte Rolle spielte. (Was fr eine, und wozu? -- das wute ich damals nicht! Aber er spielte eine Rolle, und spielte sie ungeschickt.) Ganz im Gegenteil, fuhr Warwara Petrowna fort, ich bin Ihnen nur zu dankbar dafr. Ohne Sie htte ich nichts erfahren. So ffne ich jetzt zum erstenmal seit zwanzig Jahren die Augen und sehe. Nicolai Wszewolodowitsch, Sie erwhnten vorhin, da Sie absichtlich benachrichtigt worden seien. Hat Stepan Trophimowitsch auch Ihnen in dieser Art und Weise geschrieben? Ich erhielt von ihm allerdings einen ganz unschuldigen und ... und sehr ... edelmtigen Brief ... Sie stocken, Sie suchen nach Worten -- schon gut! Stepan Trophimowitsch, Sie haben mir einen groen Gefallen zu erweisen, wandte sie sich pltzlich mit blitzenden Augen an diesen. Haben Sie die Gte, uns sofort zu verlassen und die Schwelle meines Hauses nie mehr zu berschreiten. Was mich an der ganzen Szene am meisten wunderte, das war die erstaunliche Wrde, mit der Stepan Trophimowitsch sich hielt. Whrend der ganzen berfhrung durch seinen Sohn und selbst unter dem Fluch Warwara Petrownas machte er nicht ein einziges Mal Miene, sich auch nur zu verteidigen. Woher nahm er so viel Charakterfestigkeit? Ich habe spter erfahren, da ihn seines Sohnes Betragen gleich beim ersten Wiedersehen tief und schmerzlich gekrnkt hatte. Das aber war schon ein ehrliches, ein _echtes_ Leid. Und hinzu kam dann noch der andere Schmerz: die qulende Selbsterkenntnis, da er sich niedrig benommen hatte. Das alles gestand er mir spter selbst mit seiner ganzen Offenherzigkeit. Nun, und ein wirkliches Leid und ein echter Schmerz knnen doch sogar einen auergewhnlich leichtsinnigen und oberflchlichen Menschen ernst und standhaft machen, wenn auch nur auf kurze Zeit. Ja, wirkliches Leid hat selbst aus Dummkpfen Kluge gemacht, wenn auch freilich gleichfalls nur auf kurze Zeit; das ist schon so eine Eigenschaft des Leides. Wenn dem aber so ist, was konnte dann nicht alles mit einem Menschen wie Stepan Trophimowitsch geschehen? Da konnte ja echter Schmerz eine vollkommene Umwandlung bewirken! -- Freilich auch hier nur auf einige Zeit ... Er verbeugte sich wrdevoll vor Warwara Petrowna, und ohne ein Wort zu sagen (allerdings blieb ihm ja auch nichts anderes brig), wollte er schon hinausgehen, als er es doch nicht ber sich gewann und zu Darja Pawlowna trat. Diese mochte das schon vorausgefhlt haben, denn sie ging ihm sofort entgegen und begann, in ihrem Schreck, schnell selbst zu sprechen, als htte sie ihm nur ja zuvorkommen wollen. Sagen Sie nichts, Stepan Trophimowitsch, sagen Sie nichts, um Gottes willen, sie streckte ihm erregt die Hand entgegen, in ihrem Gesicht zuckte es schmerzlich. Seien Sie versichert, da ich Sie immer hochachten werde, Stepan Trophimowitsch, und denken Sie auch von mir nicht schlecht, Stepan Trophimowitsch, ich ... ich werde das immer sehr, sehr schtzen ... Stepan Trophimowitsch verbeugte sich tief vor ihr. Es ist dein freier Wille, Darja Pawlowna, du weit, da du in dieser ganzen Angelegenheit vollkommen frei handeln kannst, sagte pltzlich Warwara Petrowna bedeutsam. Ach! Nun -- nun begreife ich alles! rief da Pjotr Stepanowitsch aus und schlug sich vor die Stirn. Aber ... aber in was fr eine Lage hat man mich denn nun gebracht? Oh, verzeihen Sie mir, Darja Pawlowna, verzeihen Sie, wenn Sie knnen! ... Du aber, wandte er sich an seinen Vater, du hast mich ja in eine schne Lage gebracht! _Pierre_, du knntest dich auch anders ausdrcken, wenn du mit mir sprichst, sagte Stepan Trophimowitsch halblaut. Schrei nur nicht so! Fang nur nicht an zu schreien, ich bitte dich, fiel ihm _Pierre_, mit den Armen fuchtelnd, ins Wort. Glaub mir, das sind alles nur alte kranke Nerven und Schreien nutzt da gar nichts. Sag mir lieber, warum du mich dann nicht gleich darauf vorbereitet hast? Konntest dir doch denken, da ich hier nach meiner Ankunft sogleich auch darauf zu sprechen kommen wrde! Stepan Trophimowitsch blickte ihm offen in die Augen. _Pierre_, du, der du so viel von dem weit, was hier vorgeht, solltest du wirklich von dieser Sache nichts, nicht das Geringste gewut, gehrt haben? W--a--as? Na, hr mal ... aber das ist doch! Wir sind also nicht nur ein altes Kind, sondern auch noch ein bses dazu? ... Haben Sie gehrt, Warwara Petrowna? Es entstand eine Unruhe im Zimmer. Da sollte aber pltzlich etwas geschehen, was niemand auch nur htte fr mglich halten oder gar voraussehen knnen. VIII. Zunchst mu ich noch erwhnen, da in den letzten zwei bis drei Minuten Lisaweta Nicolajewna von einer neuen Unruhe ergriffen worden war. Sie hatte schnell ihrer Mutter etwas zugeflstert, und dann Mawrikij Nicolajewitsch, der sich zu ihr niederbeugte. Ihr Gesicht war erregt, doch zugleich drckte es Entschlossenheit aus. Offenbar hatte sie es jetzt sehr eilig, fortzukommen, denn als Mawrikij Nicolajewitsch die Mama vorsichtig aus dem Lehnstuhle zu heben begann, wollte sie schon helfen -- aber sie bezwang sich noch. Doch das Schicksal schien es nicht zu wollen, da sie oder sonst jemand das Zimmer verlie, ohne das Ende des Ganzen mit angesehen zu haben. Schatoff, den alle in seiner Ecke vllig vergessen hatten, und der, wie es schien, selbst nicht recht wute, warum er da sa und noch nicht fortgegangen war -- erhob sich pltzlich von seinem Stuhl und ging mit nicht schnellen, doch festen Schritten durch das ganze Zimmer auf Nicolai Stawrogin zu, ihm gerade ins Gesicht sehend. Stawrogin war der erste, der sofort bemerkte, da Schatoff sich erhob, und er lchelte kaum -- kaum merklich; doch als Schatoff unmittelbar vor ihm stand, hrte er auf, zu lcheln. Jetzt erst, als Schatoff schweigend vor ihm stehen blieb und keinen Blick von ihm abwandte, bemerkten auch die anderen die beiden. Alle verstummten -- Pjotr Stepanowitsch ganz zuletzt. Lisa und die Mama blieben mitten im Zimmer stehen. So vergingen ungefhr fnf Sekunden. Der Ausdruck dreister Befremdung in Nicolai Stawrogins Gesicht verwandelte sich in Zorn, er runzelte die Brauen und -- pltzlich ... Und pltzlich holte Schatoff mit seinem langen, schweren Arm weit aus und schlug ihn ins Gesicht. Stawrogin wankte. Schatoff hatte ganz eigentmlich geschlagen, nicht so, wie man sonst Ohrfeigen zu geben pflegt, nicht mit der flachen Hand, sondern mit der festen, geballten Faust -- die aber war bei ihm gro, schwer, knochig, mit rtlichem Flaum und Sommersprossen bedeckt. Wenn der Schlag das Nasenbein getroffen htte, so wrde er es unfehlbar zerschlagen haben, doch er traf mehr die Wange, den linken Mundwinkel und den Oberkiefer, aus dem denn auch sofort Blut zu tropfen begann. Ich glaube, wir schrien alle auf. Oder vielleicht war es auch nur Warwara Petrowna, die aufschrie. Ich wei es nicht mehr, jedenfalls war es gleich darauf totenstill. brigens dauerte der ganze Zwischenfall nicht lnger als zehn Sekunden. Trotzdem geschah in diesen zehn Sekunden unendlich viel. Nicolai Stawrogin gehrte zu den Naturen, die Angst berhaupt nicht kennen. Im Duell stand er, whrend sein Gegner auf ihn zielte, mit der grten Kaltbltigkeit da. Kam er zum Schu, so zielte und ttete er mit einer Ruhe, die fast tierisch war. Wenn ihn jemand ins Gesicht geschlagen htte, so wrde er ihn gar nicht erst lange gefordert, sondern ihn einfach auf der Stelle totgeschlagen haben: gerade zu diesen Menschen gehrte er, die mit vollem Bewutsein tten, und nicht etwa in einem Zustande, in dem der Mensch auer sich und unzurechnungsfhig ist. Ja, ich glaube sogar, solche Wutausbrche, die einen blenden und benommen machen, kannte er berhaupt nicht. Selbst bei dem unermelichen Zorn, der sich seiner bisweilen bemchtigte, behielt er sich immer noch vollkommen in der Gewalt, und war sich dessen bewut, da ein Totschlag, den er nicht im Duell beging, ihn zum sibirischen Strfling machen wrde; und dennoch wrde er den Beleidiger auf der Stelle erschlagen haben, und zwar ohne auch nur einen Augenblick davor zurckzuschrecken. Ich habe mich immer bemht, Nicolai Stawrogin richtig zu verstehen. Dank mancher glcklichen Umstnde wei ich vieles ber ihn. Nahe liegt mir vor allem, ihn mit gewissen groen russischen Mnnern zu vergleichen, von denen sich bei uns noch einige legendre Erinnerungen erhalten haben. So erzhlt man zum Beispiel von dem Dekabristen[33] L--n, er habe immer mit Absicht die Gefahr gesucht, habe sich an ihr berauscht und sie zu seinem Lebensbedrfnis gemacht: als junger Mensch habe er sich fast grundlos herumduelliert, in Sibirien sei er, nur mit einem Messer bewaffnet, auf die Brenjagd gegangen und habe in den Wldern mit entsprungenen Verbrechern, die, nebenbei bemerkt, noch gefhrlicher als Bren sind, zusammenzutreffen gesucht. Zweifellos kannte ein Mann wie dieser L--n ganz genau das Gefhl der Angst: aber gerade dieses Gefhl in sich zu berwinden -- das war es, was ihn reizte. brigens hatte dieser selbe L--n in der letzten Zeit vor seiner Verschickung nach Sibirien eine furchtbare Hungerzeit durchgemacht und sich durch die schwerste Arbeit sein Brot verdient, nur weil er sich den Wnschen seines reichen Vaters nicht fgen wollte. Also hatte er nicht nur im Kampf mit Bren und im Duell seine Standhaftigkeit und Willensstrke zu erproben und zu beweisen gesucht. Doch seitdem sind viele Jahre vergangen, und die nervse, zerqulte und gespaltene Natur der Menschen unserer Zeit lt das Bedrfnis nach solchen unmittelbaren und ungeteilten Empfindungen, wie sie damals von manchen in ihrem Lebensdrang unruhigen Mnnern der guten alten Zeit so sehr gesucht wurden, berhaupt nicht mehr aufkommen. Stawrogin htte auf diesen L--n vielleicht hochmtig herabgesehen, htte ihn einen Feigling genannt, der sich immer selbst ermutigen msse, ein Hhnchen, oder so hnlich -- nur wrde er sich nie laut darber geuert haben. Auch er htte im Duell den Gegner erschossen wie er es ja tatschlich getan, auch er htte mit Bren gekmpft, und auch dem Ruber im Walde wre er ebenso sicher und furchtlos entgegengetreten: nur htte er alles das ohne das geringste Empfinden eines Genusses, sondern einfach aus unangenehmer Notwendigkeit getan -- schlaff, faul, vielleicht sogar gelangweilt. Das Bse in ihm war selbstredend gewachsen, im Vergleich zu L--n, ja selbst zu Lermontoff. In ihm war es vielleicht noch grer als in diesen beiden zusammen, aber dieses Bse war, wie gesagt, kalt und ruhig, war, wenn ich mich so ausdrcken darf, _vernnftig_ -- und somit das Widerlichste, das Furchtbarste, das es berhaupt geben kann. Also noch einmal: ich hielt ihn damals und halte ihn auch heute noch, nachdem alles schon vorber ist, fr gerade so einen Menschen, der, wenn er einen Schlag ins Gesicht erhlt, den Beleidiger sofort und ohne Zgern totschlgt. Und doch geschah in diesem Falle etwas ganz anderes -- etwas Rtselhaftes. Kaum stand Nicolai Stawrogin wieder fest und aufrecht, nachdem er unter der Wucht des Schlages schmhlich gewankt hatte, kaum war der gemeine, gleichsam nasse Schall des Schlages verhallt -- da packte er auch schon Schatoff mit beiden Hnden fest an den Schultern. Aber sofort, ja schon im selben Augenblick, ri er die Hnde wieder zurck und kreuzte sie auf dem Rcken. Er schwieg. Er sah nur Schatoff an. Und sein Gesicht wurde fahl. Doch sonderbar: sein Blick erlosch gleichsam. Aber schon nach zehn Sekunden blickten seine Augen wieder kalt und -- ich bin berzeugt, da ich mich nicht getuscht habe -- vollkommen ruhig: nur bleich war er noch wie ein Hemd. Freilich wei ich nicht, was in seinem Innern vorging, ich sah nur das uere. Ich glaube, ein Mensch, der z. B. ein rotglhendes Eisenstck ergreift und es in der Hand pret, um seine Standhaftigkeit zu erproben, und der dann zehn Sekunden lang einen unertrglichen Schmerz aushlt und damit endet, da er ihn bezwingt -- ich glaube, ein solcher Mensch wrde hnliches empfinden wie Nicolai Stawrogin in diesen zehn Sekunden. Der erste von beiden, der die Augen niederschlug, war Schatoff, und wie man sah, weil er dazu gezwungen war. Darauf wandte er sich langsam um und verlie das Zimmer, doch nicht mehr mit demselben festen Schritt, mit dem er vorhin auf Stawrogin zugeschritten war. Er ging leise und ganz besonders ungelenk hinaus, mit gehobenen Schultern, gleichsam bucklig und mit gesenktem Kopf, als dchte er schweren Gedanken nach. Ich glaube, er murmelte irgend etwas. Bis zur Tr ging er vorsichtig, ohne irgendwo anzustoen oder etwas umzuwerfen, die Tr selbst aber ffnete er nur ein wenig, so da er sich dann beinahe seitwrts wie durch einen Spalt durchschob. Gerade dort an der Tr war sein Haarschopf, der steif auf dem Kopfwirbel abstand, ganz besonders bemerkbar. Kaum war die Tre hinter ihm geschlossen, als noch vor allen Ausrufen ein furchtbarer Schrei durch das Zimmer gellte. Ich sah, wie Lisaweta Nicolajewna ihre Mutter an der Schulter und Mawrikij Nicolajewitsch am Arm packte, sie zwei- oder dreimal mitri, als wolle sie so schnell wie nur mglich weg von hier, doch pltzlich stie sie den Schrei aus und strzte ohnmchtig lngelang hin. Noch jetzt glaube ich zu hren, wie ihr Kopf auf den Teppich schlug. Sechstes Kapitel. Die Nacht I. Es vergingen acht Tage. Jetzt, wo alles vorber ist und ich die Chronik schreibe, wissen wir, was hinter dem Ganzen sich verbarg; doch damals wuten wir noch nichts, und nur natrlich ist es, da uns vieles seltsam erschien. Wir, d. h. Stepan Trophimowitsch und ich, zogen uns zunchst vollstndig zurck und beobachteten aus der Ferne, -- nicht ohne Schrecken. Nur ich begab mich hin und wieder unter Menschen und brachte meinem Freunde verschiedene Nachrichten, ohne die er es nicht aushielt. In der Stadt sprach man selbstverstndlich ber nichts anderes als die Ohrfeigengeschichte, Lisas Ohnmachtsanfall und all das andere, was an jenem Sonntag Vormittag geschehen war. Nur eines war dabei befremdlich: durch wen waren diese Begebnisse so schnell und so genau bekannt geworden? Eigentlich hatte doch keiner von den Anwesenden irgendeinen Vorteil davon, wenn er das Geschehene ausplauderte. Dienstboten waren nicht zugegen gewesen. So blieb Lebdkin: er allein htte das eine oder andere erzhlen knnen, weniger aus Bosheit, als einfach deshalb, weil er Geheimnisse nun einmal nicht fr sich behalten konnte. Lebdkin aber war am anderen Tage mitsamt seiner Schwester spurlos verschwunden und im Filippoffschen Hause konnte mir niemand ber seinen Verbleib Auskunft geben. Schatoff jedoch, bei dem ich mich nach Marja Timofejewna erkundigen wollte, hatte seine Tr zugeschlossen und verlie in dieser ganzen ersten Woche kein einziges Mal sein Zimmer. Ich ging am Dienstag wieder zu ihm und klopfte an die Tr, und da ich, obgleich alles still blieb, fest berzeugt war, da er in seinem Zimmer sei, klopfte ich wieder und wieder. Pltzlich hrte ich, wie er aufsprang, wahrscheinlich von seinem Bett, mit schnellen Schritten zur Tr kam und mit lauter Stimme Schatoff ist nicht zu Hause! rief. Da blieb mir nichts anderes brig, als fortzugehen. Schlielich kamen Stepan Trophimowitsch und ich auf einen Gedanken, der uns zunchst gewagt erschien, doch zu dem wir uns gegenseitig immer wieder ermutigten, nmlich, da es nur sein Sohn Pjotr Stepanowitsch gewesen sein konnte, der die ganze Geschichte in der Stadt verbreitet hatte, obwohl er in einem Gesprch mit seinem Vater versichert hatte, er habe schon am Montag frh an allen Ecken und Enden von den Vorfllen erzhlen gehrt, aber namentlich Abends im Klub, und sogar dem Gouverneur und seiner Frau seien selbst die kleinsten Kleinigkeiten bereits bekannt gewesen. Bemerkenswert ist auch noch, da Liputin, den ich an eben diesem Montag abends auf der Strae traf, mir auch schon alles Vorgefallene fast Wort fr Wort und Zug fr Zug zu erzhlen wute. Viele Damen, besonders die der besten stdtischen Gesellschaft, erkundigten sich auch angelegentlich nach der rtselhaften Lahmen, wie man Marja Timofejewna allgemein nannte. Und nicht minder interessierten sie sich fr den Ohnmachtsanfall Lisaweta Nicolajewnas, zumal dieser ja auch Julija Michailowna, als Lisas Verwandte und besondere Beschtzerin, anging. Und was erzhlte man sich nicht alles in den verschiedenen Kreisen der Stadt! Hinzu kam, da beide Huser fr alle und jeden verschlossen blieben. Lisaweta Nicolajewna, hie es alsbald, lge im strksten Nervenfieber, und dasselbe erzhlte man auch von Nicolai Stawrogin, wobei man sich dann in den widerlichsten ausfhrlichen Beschreibungen seines Zustandes, ber einen angeblich ausgeschlagenen Zahn und eine geschwollene Backe, nicht genug tun konnte. In verschwiegenen Winkeln aber glaubte man schon ganz genau zu wissen, da in der nchsten Zeit ein Mord stattfinden werde, ein heimlicher, wie in einer korsischen Vendetta, denn Stawrogin sei nicht der Mann, der eine solche Beleidigung verge. Im allgemeinen sah man deutlich, wie der alte Ha gegen Nicolai Stawrogin wieder auflebte, denn selbst ehrwrdige, sonst ganz gutmtige Leute wuten nichts Besseres zu tun, als ihn zu beschuldigen, allerdings ohne selber recht zu wissen, was er verbrochen haben sollte. Vor allem aber erzhlte man sich flsternd, natrlich unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit, da es zwischen Nicolai Stawrogin und Lisa Tuschina in der Schweiz zu einer bsen Geschichte gekommen sei, und er ihre Ehre auf dem Gewissen habe, und da sie spter durch eine Intrigue entzweit worden seien. Freilich beobachteten vorsichtigere Leute eine gewisse Zurckhaltung solchen Geschichten gegenber, aber zuhren taten doch alle mit Begierde. Aber es gab auch noch andere Gerchte, nur wurden sie nicht so allgemein, sondern nur dann besprochen, wenn man unter sich war. Ja, eigentlich war es kaum mehr als ein Gemunkel, das ich nur erwhne, um den Leser im Hinblick auf die spteren Ereignisse zum Aufmerken zu veranlassen. Es handelte sich dabei um folgendes: manche Leute sprachen nmlich, indem sie unmutig die Stirn runzelten, von dem Gott wei woher aufgetauchten Gercht, Nicolai Stawrogin sei zu einem ganz bestimmten Zweck in unser Gouvernement geschickt worden; durch den Grafen K. habe er in Petersburg zu irgendwelchen hchsten Spitzen Beziehungen angeknpft, ja, vielleicht sei er sogar in den Staatsdienst getreten und jetzt womglich mit irgendwelchen hochwichtigen Auftrgen hergesandt. Als nun gewichtige und ernsthafte Leute ber dieses Gercht lchelten und vernnftig bemerkten, da ein Mensch, der von Skandalen lebte und bei uns damit begann, da er sich ungestraft ohrfeigen lie, einem Staatsdiener nicht gerade hnlich she, da wurde ihnen leise zugetuschelt, da er ja gar nicht offiziell, sondern nur sozusagen konfidentiell diesen Auftrag erhalten habe, und in solchem Falle sei es im Interesse der Sache sogar wnschenswert, da der betreffende Vertrauensmann mglichst wenig an einen Staatsdiener erinnere. Diese Vorhaltungen verfehlten ihre Wirkung nicht, denn es war bei uns bekannt, da man die Landesvertretung in unserem Gouvernement dort in der Hauptstadt mit einer gewissen besonderen Aufmerksamkeit im Auge behielt. Doch wie gesagt, dieses Gemunkel dauerte nur eine Zeitlang an und verstummte sogleich, als Nicolai Stawrogin wieder persnlich erschien. Im brigen aber mu ich noch erwhnen, da der Ursprung vieler dieser Gerchte zum Teil ein paar kurze, doch gehssige Bemerkungen gewesen waren, die der Gardeoffizier a. D., Rittmeister Artemij Pawlowitsch Gaganoff, ein sehr reicher Gutsbesitzer unseres Gouvernements und Kreises, dabei Petersburger Weltmann, im Klub hatte fallen lassen, wenn auch in etwas unklaren und schroffen Worten. Dieser Rittmeister a. D. war der Sohn des verstorbenen Pjotr Pawlowitsch Gaganoff, jenes selben alten Wrdentrgers, den Nicolai Stawrogin vor vier Jahren im Klub auf so unverzeihliche Weise beleidigt hatte. Bekannt war auch schon geworden, da Julija Michailowna Warwara Petrowna einen Besuch hatte machen wollen, man ihr aber an der Vorfahrt mitgeteilt habe, Warwara Petrowna knne wegen Krankheit leider nicht empfangen; ferner, da Julija Michailowna zwei Tage darauf ihren Diener zu Warwara Petrowna geschickt htte, um sich nach deren Befinden zu erkundigen; und schlielich hatte sie sogar angefangen, Warwara Petrowna persnlich zu verteidigen, wenn auch nur in hherem Sinne, d. h. in einer ganz allgemeinen Weise. Alle anfnglichen Bemerkungen ber den Vorfall an jenem Sonntag hrte sie kalt und streng an, so da man schon sehr bald in ihrer Gegenwart nicht mehr davon zu sprechen wagte. Zugleich verbreitete sich dadurch die berzeugung, Julija Michailowna habe nicht nur wie die anderen einzelne Gerchte gehrt, sondern wisse sogar alle letzten Einzelheiten, und zwar wie eine Mitbeteiligte. Ich bemerke bei dieser Gelegenheit, da es Julija Michailowna zum Teil schon gelungen war, jenen hheren Einflu zu erringen, nach dem sie so augenscheinlich strebte. Ein Teil der Gesellschaft sprach ihr bereits praktischen Verstand zu und viel Takt -- aber davon spter! Jedenfalls war es nicht zum wenigsten ihre Protektion, die den schnellen Aufstieg Pjotr Stepanowitschs in unserer Gesellschaft erklrte -- seine gesellschaftlichen Erfolge, die damals am meisten seinen Vater Stepan Trophimowitsch in Erstaunen setzten. Pjotr Stepanowitsch wurde fast im Nu mit der ganzen Stadt bekannt. Am Sonntag war er angekommen, und schon am Dienstag sah ich ihn mit dem stolzen, hochmtigen, sonst geradezu unnahbaren Artemij Pawlowitsch Gaganoff, in freundschaftlichem Gesprch begriffen, in einer Equipage vorberfahren. Im Hause des Gouverneurs wurde Pjotr Stepanowitsch gleichfalls vorzglich aufgenommen, so da er dort schon nach wenigen Tagen die Rolle des gehtschelten jungen Mannes spielte und fast tglich bei ihnen speiste. Die Bekanntschaft Julija Michailownas hatte er allerdings schon in der Schweiz gemacht, aber nichtsdestoweniger war sein schneller Erfolg im Hause Seiner Exzellenz zum mindesten etwas sonderbar. Hatte es denn nicht von ihm geheien, er sei ein Revolutionr? Hatte er sich nicht an allen mglichen auslndischen Verffentlichungen und Kongressen beteiligt? Aus alten Zeitungen kann ich Ihnen das sogar schwarz auf wei nachweisen! sagte einmal Aljoscha Teltnikoff wtend zu mir, er, der Arme, der im Hause des alten Gouverneurs auch einmal der gehtschelte Junge gewesen war und nun als abgesetzter Beamter sein Leben fristete. Tatsache war eines: der ehemalige Revolutionr trat in Ruland ohne die geringste Behelligung auf -- also waren alle Gerchte vielleicht vllig unbegrndet gewesen? Liputin flsterte mir einmal zu, Pjotr Stepanowitsch habe sich die Begnadigung durch die Angabe anderer Namen erkauft und stehe seitdem in Beziehung zu hohen Stellen. Ich teilte diese gehssige uerung Liputins Stepan Trophimowitsch mit, der darob sehr nachdenklich wurde. Spter stellte es sich heraus, da Pjotr Stepanowitsch mit sehr guten Empfehlungen zu uns gekommen war: so z. B. hatte er Julija Michailowna von der Gattin einer der ersten Persnlichkeiten Petersburgs einen langen Brief berbracht, in dem unter anderem erwhnt war, da auch Graf K. Pjotr Stepanowitsch durch Nicolai Stawrogin kennen gelernt und ihn einen interessanten jungen Mann, trotz der frheren Verirrungen, genannt habe. Julija Michailowna schtzte ihre sprlichen, so mhevoll aufrecht erhaltenen Beziehungen zur hohen Gesellschaft bis zur Unglaublichkeit, und so hatte sie sich denn ber den Brief jener hohen, alten Dame ungemein gefreut. Trotzdem gab es hier noch etwas Unerklrliches. Sogar ihren Mann stellte sie zu Pjotr Stepanowitsch in fast familire Beziehung, so da Herr von Lembke sich schon beklagte -- doch davon gleichfalls spter! Bemerken mchte ich nur noch, da selbst Karmasinoff, der _groe_ Schriftsteller, sich uerst wohlwollend zu Pjotr Stepanowitsch verhielt und ihn sofort zu sich einlud -- eine Eilfertigkeit dieses eingebildeten Menschen, die Stepan Trophimowitsch noch schmerzhafter als alles andere verletzte. Ich erklrte sie mir allerdings anders, nmlich: da Karmasinoff durch diesen Nihilisten, fr den er Pjotr Stepanowitsch zweifellos hielt, mit der fortschrittlichen Jugend in Fhlung treten wollte. Der groe Schriftsteller zitterte geradezu vor der Revolutionsbewegung der Studentenkreise, und da er sich in seiner Unkenntnis der Sache einbildete, in ihren Hnden liege der Schlssel zur Zukunft Rulands, so wollte er, nachdem er es erst mit den Alten gehalten hatte, es auch mit den Jungen nicht verderben, und suchte ihnen, hauptschlich deshalb, weil sie ihrerseits fr ihn nur Miachtung hatten, in jeder nur mglichen, und wenn auch fr ihn erniedrigenden Weise zu schmeicheln. II. Pjotr Stepanowitsch war brigens nur zweimal zu seinem Vater gekommen, doch zu meinem Bedauern stets in meiner Abwesenheit. Das erste Mal hatte er ihn am Mittwoch besucht, also ganze vier Tage nach seinem Eintreffen, und auch dann nur in Geschften. Die Abrechnung wegen des Gutes war sozusagen im stillen abgetan worden. Warwara Petrowna hatte einfach alles auf sich genommen und die ganze Summe fr das Gtchen, fnfzehntausend Rubel, Pjotr Stepanowitsch ausgezahlt. Stepan Trophimowitsch wurde erst benachrichtigt, nachdem alles schon abgeschlossen war. Ihr Kammerdiener Alexei Jegorowitsch berbrachte ihm irgendein Schriftstck, das er dann stumm und wrdevoll unterzeichnete. Ja, eines mchte ich bei der Gelegenheit noch ausdrcklich bemerken: unser Alter bewahrte in diesen Tagen eine Haltung, wie nie zuvor, war wrdevoll schweigsam, schrieb aber tatschlich nicht einen einzigen Brief an Warwara Petrowna, was ich frher einfach nicht fr mglich gehalten htte, so da ich unseren frheren Stepan Trophimowitsch kaum wiedererkannte, und vor allem war er ganz ruhig. Diese Ruhe hatte er offenbar pltzlich in einer bestimmten groen Idee gefunden, und nun sa er da und wartete auf irgend etwas. Ganz zuerst freilich, gleich am Montag frh, da war er krank -- wenn sich auch blo seine bliche Cholerine einstellte. Erzhlte ich ihm von dem, was man in der Stadt sprach, so hrte er aufmerksam zu. Wollte ich dann aber auf den Kern der Sache bergehen, so winkte er mir sofort ab. Die beiden Besuche seines Sohnes hatten ihn selbstverstndlich sehr erregt, aber nicht erschttert oder wankend gemacht. Wohl legte er sich nachher jedesmal, mit einer Essigkompresse um den Kopf, auf den Diwan: aber im hheren Sinne blieb er, wie gesagt, doch ruhig. brigens kam es zuweilen doch vor, da er mir auch nicht abwinkte, wenn ich mit meinen Erzhlungen allzu sehr ins einzelne gehen wollte. Und zuweilen schien es mir, als ob ihn seine geheimnisvolle Entschlossenheit im Stiche liee und er gegen neue strmisch andrngende Ideen innerlich zu kmpfen htte. Das geschah zwar nur in Augenblicken, aber ich erwhne sie. Ich ahnte wohl, da ihn dann der Wunsch anwandelte, aus seiner Einsamkeit hervorzutreten, sich wieder zu zeigen und einen letzten Kampf zu wagen. Oh, _cher_, wie ich sie aufs Haupt schlagen wrde! rang es sich am Donnerstag abend aus ihm hervor, nach Petruschas zweitem Besuch, als Stepan Trophimowitsch wieder mit einer Essigkompresse auf dem Diwan lag. Bis zu diesem Augenblick hatte er mit mir noch nicht ein einziges Wort gesprochen. ... >_Fils_<, >_fils chri_<{[98]} und so weiter ... ich gebe ja zu, da diese Ausdrcke Unsinn sind, aus dem Wortschatz der Kchinnen stammen, meinetwegen, ich gebe es selbst zu. Ich habe ihn nicht genhrt noch gekleidet, ich habe ihn gleich als Sugling aus Berlin per Post nach Ruland geschickt. Ich gebe das, wie gesagt, ja vollkommen zu ... >Du hast mich nicht genhrt, nicht gekleidet, sondern per Post fortgeschickt,< sagt er, >und hier hast du mich obendrein noch bestohlen.< Aber, Unseliger, rufe ich ihm zu, fr wen hat denn mein Herz mein ganzes Leben lang geblutet, wenn ich dich auch damals per Post fortgeschickt habe!? _Il rit._{[99]} Aber ich gebe ja zu, ich gebe ja zu ... wenn auch per Post -- schlo er, wie im Fieber phantasierend. _Passons_,{[100]} begann er dann nach fnf Minuten wieder. Ich kann Turgenjeff nicht verstehen. Sein Basaroff[34] ist eine fiktive Persnlichkeit, die berhaupt nicht existiert. Ich war ja selbst mit unter den ersten, die sie als unmglich zurckwiesen. Dieser Basaroff ist gewissermaen ein verschwommenes Gemisch von Nosdreff[35] und Byron. _Oui, c'est le mot_,{[101]} -- Nosdreff und Byron. Betrachten Sie sie einmal aufmerksam: sie schlagen Purzelbume und quieken vor Freude wie die jungen Hunde im Sonnenschein ... sie sind glcklich, sie sind Sieger! Doch was Byron! Lassen wir den hier aus dem Spiel ... Und zudem -- wie viel Alltag! Welch eine kchinnenhafte Reizbarkeit der Eigenliebe! Welch ein erbrmliches Drsten nach _faire du bruit autour de son nom_, ohne zu bemerken, da _son nom_{[102]} ... Oh, Karikaturen! -- Aber erlaube, rufe ich ihm zu, willst du denn wirklich dich selbst, so wie du bist, als Ersatz fr Christus vorschlagen? _Il rit. Il rit beaucoup. Il rit trop._ Er hat so ein sonderbares Lcheln. Seine Mutter hatte nicht solch ein Lcheln. _Il rit toujours._{[103]} Wieder trat Schweigen ein. Sie sind schlau! Am Sonntag hatten sie sich verabredet ... platzte er pltzlich heraus. Zweifellos, sagte ich schnell und spitzte die Ohren, und dazu war die ganze Komdie noch mit weiem Faden zusammengenht und so ungeschickt vorgespielt! Davon rede ich nicht. Aber wissen Sie auch, da das Ganze sogar absichtlich mit weiem Faden zusammengenht war? Damit es die merkten, die es merken sollten? Verstehen Sie? Nein, ich verstehe nicht -- _Tant mieux. Passons._{[104]} Ich bin heute etwas irritiert. Ja, aber worber haben Sie sich denn mit ihm gestritten, Stepan Trophimowitsch? _Je voulais convertir._ Sie lachen natrlich. _Cette pauvre_ Tantchen, _elle entendra de belles choses_!{[105]} Oh, mein Freund, werden Sie es mir glauben, da ich mich vorhin ganz als Patriot fhlte! brigens habe ich mich immer als Russe empfunden ... Und ein echter Russe kann auch gar nicht anders sein, als wir beide sind. _Il y a l dedans quelque chose d'aveugle et de louche._{[106]} Unbedingt, versetzte ich. Mein Freund, die wirkliche Wahrheit ist immer unwahrscheinlich, wissen Sie das auch? Um die Wahrheit wahrscheinlich zu machen, mu man unbedingt etwas Lge hinzumischen. Und so haben es die Menschen denn auch stets gehalten. Vielleicht ist hierbei etwas, was wir nicht verstehen knnen. Was meinen Sie, ist hier nicht etwas, was wir nicht verstehen, in diesem siegesgewissen Gekreisch? Ich wrde wnschen, da es so wre. Ich wrde es wnschen ... Ich schwieg. Und auch er schwieg recht lange. Man sagt: >franzsischer Verstand!< ... begann er pltzlich von neuem und fast wie im Fieber. Aber das ist eine Lge. So ist es bei uns schon immer gewesen. Wozu den franzsischen Verstand verleumden? Hier ist es einfach russische Faulheit, unsere Kraftlosigkeit, unsere erniedrigende Unfhigkeit, eine Idee hervorzubringen, unsere widerliche Parasitenrolle unter den Vlkern. _Ils sont tout simplement des paresseux_,{[107]} -- aber nicht >franzsischer Verstanddas Rollen der Wagen, die Brot der Menschheit bringen< ... ntzlicher als die Sixtinische Madonna, oder wie sie da ... _une btise dans ce genre_.{[109]} Aber siehst du denn nicht ein, rief ich ihm zu, siehst du denn nicht ein, da ein Mensch auer dem Glck genau ebensosehr und genau in demselben Mae das Unglck ntig hat? _Il rit!_ -- >Du reit hier Witze<, sagte er mir, >und ... schonst dabei deine Knochen (er drckte sich gemeiner aus) auf einem Diwan, der mit Samt bezogen ist< ... Und vergessen Sie nicht, da er mich dabei duzt, den Vater, als Sohn.[36] Nun, ich wollte ja nicht sagen, wenn wir beide einerlei Meinung wren ... aber so, wenn wir uns nun zanken? Wir schwiegen wieder. _Cher_, sagte er pltzlich, sich schnell erhebend, wissen Sie auch, da das unbedingt mit irgend etwas enden mu? Nun, freilich, sagte ich. _Vous ne comprenez pas. Passons._{[110]} Aber ... gewhnlich endet es im Leben mit nichts, hier jedoch wird es ein Ende geben, unbedingt, unbedingt! Er stand auf und ging in grter Aufregung hin und her -- bis er sich dann schlielich wieder kraftlos auf den Diwan niedersinken lie. Am Freitag morgen fuhr Pjotr Stepanowitsch irgendwohin fort in die Umgegend, und erschien erst am Montag wieder bei uns. Von dieser Fahrt erfuhr ich durch Liputin: und ebenfalls war es Liputin, der mir erzhlte, da die beiden Lebdkins auf der anderen Fluseite in der Fabrikvorstadt wohnten. Ich selbst habe sie hinbergeschafft, fgte er hinzu, brach aber sofort ab und teilte mir nur noch mit, da Lisaweta Nicolajewna sich mit Mawrikij Nicolajewitsch verlobt habe -- offiziell habe man es zwar noch nicht bekanntgegeben, aber nichtsdestoweniger sei es Tatsache. Lisaweta Nicolajewna sah ich brigens am nchsten Morgen, als sie, zum erstenmal nach ihrer Krankheit, mit Mawrikij Nicolajewitsch ausritt. Sie erblickte mich, ihre Augen blitzten auf und sie nickte mir lachend und sehr freundschaftlich zu. Ich erzhlte natrlich alles Stepan Trophimowitsch, doch nur der Nachricht ber die Lebdkins schenkte er einige Aufmerksamkeit. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Jetzt aber, nachdem ich das Wichtigste aus diesen acht Tagen unserer rtselvollen Ungewiheit erzhlt habe, will ich die weiteren Geschehnisse anders wiedergeben: mit Kenntnis des ganzen Sachverhalts, d. h. so, wie sich schlielich alles, als es an den Tag kam, in seinen Zusammenhngen erklrte. Ich beginne mit dem achten Tage nach jenem Sonntag, also mit dem Montagabend -- denn im Grunde war es dieser Abend, an dem die neue Geschichte begann. III. Es war sieben Uhr abends. Nicolai Stawrogin sa allein in seinem Arbeitszimmer, das er schon frher von allen anderen Rumen des Hauses zu seinem Kabinett erwhlt hatte. Es war ein hoher Raum mit schnen Teppichen und etwas schweren, altertmlichen Mbeln. Er sa in der Ecke des Diwans, wie zum Ausgehen angekleidet, doch anscheinend hatte er nicht die Absicht, aufzubrechen und irgendwohin zu gehen. Auf dem Tisch vor ihm stand eine Lampe mit einem Lampenschirm. Die Seiten und Ecken des groen Raumes blieben dunkel. Sein Blick war nachdenklich und zusammengefat, doch nicht ganz ruhig; sein Gesicht sah mde und ein wenig abgemagert aus. Er war tatschlich krank, wenn auch nur an einer Erkltung, verbunden mit einem gewissen Ohrenreien; aber das Gercht von einem ausgeschlagenen Zahn war doch bertrieben: der Zahn hatte anfnglich nur gewackelt, war jedoch inzwischen wieder fest geworden. Auch die von innen verletzte Oberlippe war bereits zugeheilt. Das Zahngeschwr aber, das mit der Erkltung zusammenhing, hatte er nur deshalb nicht aufschneiden lassen, um nicht den Arzt empfangen zu mssen. Doch brigens hatte er nicht nur nicht den Arzt, sondern selbst seine Mutter kaum auf ein paar Minuten eintreten lassen und auch das hchstens einmal am Tage und nur um die Dmmerstunde, wenn es schon dunkelte und das Licht noch nicht brannte. Auch Pjotr Stepanowitsch, der zwei- bis dreimal tglich bei Warwara Petrowna vorgesprochen hatte, war nicht von ihm empfangen worden. Erst jetzt, eben an jenem Montag, nachdem Pjotr Stepanowitsch am Morgen von seiner dreitgigen Reise zurckgekehrt, schon berall in der Stadt herumgelaufen war, dann bei Julija Michailowna zu Mittag gespeist hatte und erst gegen Abend bei Warwara Petrowna erschien, verkndete sie ihm, die ihn bereits ungeduldig erwartete, da das Verbot aufgehoben sei und _Nicolas_ wieder empfange. Darauf begleitete sie den Gast selbst bis zur Tr des Arbeitszimmers ihres Sohnes, denn sie hatte schon lngst ein Wiedersehen der beiden gewnscht. Pjotr Stepanowitsch hatte ihr versprochen, nachher noch zu ihr zu kommen und zu berichten, wie er _Nicolas_ fand. Sie klopfte vorsichtig an die Tr und wagte sogar, als sie keine Antwort erhielt, den Trflgel drei Finger breit zu ffnen. _Nicolas_, darf ich Pjotr Stepanowitsch eintreten lassen? fragte sie leise und gehalten, whrend sie sich zugleich bemhte, sein Gesicht hinter der Lampe zu erkennen. Gewi, gewi darf man, das versteht sich doch von selbst! rief laut und aufgerumt Pjotr Stepanowitsch, ffnete die Tr mit eigener Hand und trat ein. Stawrogin hatte das Klopfen seiner Mutter berhrt und nur die scheue Frage vernommen, aber noch nicht antworten knnen. Vor ihm lag in diesem Augenblick ein Brief, den er gerade erst durchgelesen hatte und ber den er dann in tiefes Nachdenken versunken war. Als er nun pltzlich den Anruf Pjotr Stepanowitschs hrte, fuhr er zusammen und suchte schnell mit einem Briefbeschwerer den Brief zu bedecken, was ihm aber nur halb gelang, denn eine Ecke des Briefes und fast das ganze Kuvert waren noch zu sehen. Ich habe absichtlich so laut gerufen, um Ihnen Zeit zu geben, sich vorzubereiten, flsterte Pjotr Stepanowitsch, der im Nu am Tisch war und sofort mit aufmerksamem Blick das Kuvert musterte, mit wunderlich naiver Aufrichtigkeit. -- Und haben gewi noch glcklich bemerken knnen, wie ich vor Ihnen diesen Brief zu verbergen suchte, sagte Stawrogin ruhig, ohne sich von seinem Platz zu rhren. Einen Brief? Na, Sie mit Ihren Briefen ... was gehn mich Ihre Briefe an, versetzte der andere. Aber ... die Hauptsache, -- fuhr er wieder leise fort, indem er sich zur Tr wandte, die Warwara Petrowna schon geschlossen hatte, und wies mit dem Kopf nach dieser Richtung. Sie horcht nie, bemerkte Stawrogin kalt. Na, ich meinte blo -- und wenn sie auch horchen sollte! Pjotr Stepanowitsch erhob sofort wieder die Stimme und setzte sich in einen Sessel. Ich habe ja sonst nichts dagegen, nur bin ich diesmal gekommen, um mit Ihnen unter vier Augen zu sprechen. Also endlich, vor allen Dingen, wie steht es mit der Gesundheit? Sehe schon, da es gut steht, und morgen werden Sie vielleicht erscheinen, wie? Vielleicht. Sie mssen die Leute doch endlich beruhigen und ebenso auch mich! begann er pltzlich heftig gestikulierend, sah aber dabei ganz heiter und zufrieden aus. Wenn Sie wten, was ich ihnen alles habe vorschwatzen mssen! Aber brigens, Sie wissen es ja. Er lachte auf. Alles wei ich nicht. Ich habe nur von meiner Mutter gehrt, da Sie sich sehr ... gerhrt haben. Das heit, ich habe ja nichts Bestimmtes --, wehrte Pjotr Stepanowitsch schnell ab, als verteidige er sich gegen einen furchtbaren Angriff. Ich habe nur Schatoffs Frau so ein bichen unter die Leute gebracht, das heit, ich meine die Gerchte ber Ihre Beziehungen zu ihr in Paris, was jenen Vorfall vom Sonntag dann durchaus erklren knnte ... Sie rgern sich doch nicht? Bin berzeugt, da Sie sich sehr bemht haben. Nun, das allein war es, was ich frchtete! Aber brigens, was heit denn das: >sehr bemhtNein, Sie sind nicht unbegabt, nein, Sie sind klug<, oder so hnlich ... Ah, Sie lcheln wieder! Bin ich von neuem hereingefallen? >Sie sind klug< wrden Sie ja gar nicht sagen. Nun gut, meinetwegen; ich gebe alles zu. _Passons_,{[100]} wie Papachen sagt, und in Klammern: rgern Sie sich bitte nicht ber meinen Wortschwall. brigens, da haben wir ja gleich ein Beispiel: ich rede immer viel zu viel, d. h., ich mache immer viel zu viel Worte, und rede viel zu eilig -- und doch kommt nichts dabei heraus. Warum? weil ich nicht zu reden verstehe. Die gut reden, die reden kurz. Und damit, nicht wahr, damit haben wir gleich einen Beweis fr meine Unbegabtheit! Doch da diese Gabe der Unbegabtheit bei mir nun einmal eine natrliche Gabe ist -- warum sollte ich sie da nicht noch knstlich gebrauchen? Nun -- und so gebrauche ich sie denn so und so. Zuerst, als ich hier ankam, gedachte ich zu schweigen: aber zum Schweigen, dazu gehrt ein groes Talent, und somit wre es nichts fr mich. Und da Schweigen auerdem auch noch gefhrlich ist, so habe ich denn endgltig eingesehen, da es am besten ist, wenn ich rede, und zwar gerade so auf unbegabte Art und Weise rede, das heit, viel, viel, unendlich viel rede, mich immer beeile, etwas zu beweisen und zum Schlu mich in meinen Beweisen immer so verwickele, da der Zuhrer womglich davonluft und dabei womglich noch ausspuckt. Das hat dann drei Vorteile: erstens, da man sich von meiner Offenherzigkeit berzeugt, zweitens, da man meiner uerst berdrssig wird, und drittens, da man mich dabei noch nicht einmal versteht -- also alle drei Vorteile auf einen Hieb! Wer wird dann noch vermuten, da ich geheimnisvolle Absichten habe? Ein jeder wrde sich ja persnlich beleidigt fhlen, wenn ihm dann noch jemand sagte, ich htte geheimnisvolle Absichten! Die Leute verzeihen mir ja jetzt schon alles, weil sich nun herausgestellt hat, da ich, die revolutionre Intelligenz, die einst Proklamationen verfat hat, dmmer bin, als sie. Ist's nicht so? An Ihrem Lcheln erkenne ich schon, da Sie zustimmen. Stawrogin dachte nicht daran, zu lcheln oder zuzustimmen, im Gegenteil, er hrte finster und ein wenig ungeduldig zu. Wie? Was? Sie sagten: >gleichgltigja<, -- so ist's gut. Wollen Sie >nein< sagen -- bitte! Da haben Sie meine ganze neue Taktik. Doch an _unsere_ Sache werde ich auch nicht mit dem kleinsten Finger rhren, und zwar genau so lange nicht, bis Sie es selbst befehlen. Sie lachen? Wohl bekomm's! Auch ich lache ja. Aber soeben meine ich's ernst, vollkommen ernst, wenn auch ein Mensch, der sich so beeilt, natrlich unbegabt ist, nicht wahr? Einerlei, meinetwegen bin ich auch unbegabt, nur rede ich jetzt im Ernst, das heit wirklich vollkommen ernst! Er sprach in der Tat diesmal ernst, in einem ganz anderen Tone und mit einer seltsamen Erregung, so da Stawrogin ihn aufmerksam anblickte. Sie sagen, Sie htten Ihre Ansicht ber mich gendert? Ja; in dem Augenblick, als Sie damals von Schatoff Ihre Hnde zurckzogen. Aber genug, genug davon, und bitte keine Fragen weiter! Mehr sage ich jetzt nicht! Er war schon aufgesprungen und fuchtelte wieder mit den Hnden, als wollte er sich an ihn gestellter Fragen erwehren: da aber berhaupt keine gestellt wurden und er noch nicht die Absicht hatte, wegzugehen, so setzte er sich wieder hin und beruhigte sich allmhlich. Nebenbei bemerkt, in Klammern, plapperte er sofort wieder los, man schwatzt hier und wettet schon darauf, da Sie ihn unbedingt totschlagen wrden. Lembke beabsichtigte sogar, die Polizei in Bewegung zu setzen, doch Julija Michailowna hat es ihm verboten ... Aber genug davon, genug, ich sagte es Ihnen nur, um Sie zu benachrichtigen. Doch halt, noch eins: ich habe, wie Sie wissen, die Lebdkins noch am selben Tage auf die andere Fluseite geschafft -- meinen Brief mit der neuen Adresse haben Sie doch erhalten? Ja, gleich damals. Dies aber habe ich nicht aus >Unbegabtheit< getan, sondern einfach aus Bereitwilligkeit. Wenn es >unbegabt< herausgekommen sein sollte, so war's dafr doch aufrichtig gemeint. Schon gut, vielleicht war es gerade so richtig ... murmelte Stawrogin nachdenklich. Nur schicken Sie mir keine Briefe mehr. Diesmal ging's nicht anders, und es war ja nur ein einziger. So wei Liputin davon? Es war nicht anders mglich. Aber Sie wissen ja selbst, da Liputin nichts darf ... brigens mte man einmal wieder zu den unsrigen gehen, -- das heit zu jenen da, nicht zu den _Unsrigen_, kreiden Sie es mir nur nicht gleich wieder an. Beunruhigen Sie sich nicht: es braucht ja nicht gleich zu sein -- irgend wann einmal. Augenblicklich regnet es. Ich werde es denen dann sagen und sie knnen sich versammeln -- wir gehen dann am Abend hin. Da sitzen sie nun mit offenen Mulern, wie die jungen Waldraben im Nest, und warten gespannt darauf, was fr einen Bissen wir ihnen gebracht haben -- kratzen Bcher hervor und fangen gar an zu streiten. Wirginski ist Allmensch, Liputin Fourierist mit starker Neigung zu Polizeimethoden. Ein Mensch, sag ich Ihnen, der in einer Beziehung kostbar ist, aber in den meisten anderen Beziehungen streng angefat werden mu. Und der dritte, der mit den trauernden Ohren, trgt gar ein eigenes System vor. Beleidigt sind sie brigens alle: weil ich mich so wenig um sie kmmere und sie ein bichen kaltgestellt habe, haha! Aber hingehen mu man zu ihnen. Sie haben mich jenen wohl als so eine Art Fhrer vorgestellt? fragte Stawrogin so nachlssig wie mglich. Pjotr Stepanowitsch sah ihn blitzschnell an. Dann ging er schnell auf ein anderes Thema ber und tat so, als htte er die Frage ganz berhrt: brigens bin ich tglich zwei- bis dreimal zu Warwara Petrowna gekommen und war gezwungen, viel zu sprechen ... Kann mir denken. Nein, denken Sie nicht das! Ich habe einfach nur versichert, da Sie Schatoff nicht totschlagen wrden -- und so hnliche se Sachen. Aber stellen Sie sich vor: gleich am anderen Tage hatte sie schon erfahren, da Marja Timofejewna von mir ber den Flu geschafft worden war -- haben Sie ihr das gesagt? Nicht daran gedacht. Wut ich's doch, da nicht Sie ... Aber wer auer Ihnen htte es ihr dann erzhlen knnen? Liputin, selbstredend. N--nein, nicht Liputin, murmelte Pjotr Stepanowitsch gergert. Aber ich werde es schon erfahren, wer es war. Ich denke da eher an Schatoff. Aber nein, Unsinn, lassen wir das! Aber schlielich ist's doch verdammt wichtig ... brigens habe ich immer erwartet, da Ihre Mutter pltzlich mit der Hauptfrage herausplatzte ... Ja! Nur alle die letzten Tage war sie furchtbar niedergeschlagen, fast finster, heute aber, wie ich ankomme: siehe da -- sie strahlt frmlich. Woher kommt denn das? Das kommt daher, da ich ihr heute mein Wort gegeben habe, nach fnf Tagen um Lisaweta Nicolajewnas Hand anzuhalten, sagte Stawrogin pltzlich mit unvermuteter Offenheit. Ah, so ... nun ja ... ja gewi ... stotterte Pjotr Stepanowitsch und blieb stecken. Man spricht zwar schon von ihrer Verlobung mit Mawrikij Nicolajewitsch. Sie wissen doch? Es wird auch schon stimmen. Aber Sie haben recht: sie luft auch vom Altare fort, wenn Sie sie nur rufen. Sie rgern sich doch nicht darber, da ich so ...? Nein. Ich sehe, da es heute furchtbar schwer ist, Sie zu rgern, und fange an, Sie zu frchten ... Bin sehr gespannt darauf, wie Sie morgen erscheinen werden. Sicher haben Sie schon vieles in petto. rgern Sie sich wirklich nicht ber mich, da ich so ...? Stawrogin antwortete wieder nicht, was Pjotr Stepanowitsch vollends reizte. brigens: haben Sie das in betreff Lisaweta Nicolajewnas Ihrer Mutter im Ernst gesagt? fragte er. Stawrogin sah ihn kalt und prfend an. Ah, so, ich verstehe schon: um sie zu beruhigen, nun ja. Und wenn ich es im Ernst gesagt habe? fragte Stawrogin hart. Ja ... nun ... na, dann mit Gott, wie man in solchen Fllen zu sagen pflegt. Wrde ja der Sache nichts schaden. (Sehen Sie, ich habe nicht gesagt, >_unserer_< Sache, da Sie das Wort >unser< nun einmal nicht lieben.) Ich aber ... ich -- nun ja, ich stehe zu Ihren Diensten, wie Sie wissen. Sie meinen? Gar nichts, gar nichts meine ich! wehrte Pjotr Stepanowitsch lachend ab, denn ich wei, da Sie sich Ihre Angelegenheiten im voraus genug berlegen, und da Sie alles schon bis zu Ende durchgedacht haben. Im brigen aber wollte ich nur sagen, da ich im Ernst jederzeit zu Ihren Diensten stehe, jederzeit und unter allen Umstnden und in jedem Fall, -- das heit wortwrtlich in _je--dem_! Sie verstehen doch? Stawrogin ghnte. Ich langweile Sie schon, wie ich sehe, sagte Pjotr Stepanowitsch, pltzlich aufspringend, ergriff seinen runden, ganz neuen Hut und tat, als sei er im Begriff, aufzubrechen, indessen blieb er immer noch und sprach ununterbrochen weiter, jetzt allerdings stehend. Zuweilen schritt er hin und her, und wenn er sehr lebhaft sprach, schlug er sich mit dem Hut ans Knie. Ja, eigentlich wollte ich Ihnen noch etwas Ergtzliches von den Lembkes erzhlen und Sie damit erheitern! schwatzte er weiter, anscheinend gut gelaunt. Nein, das doch lieber ein nchstes Mal. Wie geht es brigens mit Julija Michailownas Gesundheit? Was das bei Ihnen allen fr gesellschaftliche Gewohnheiten sind! Julija Michailownas Gesundheit ist Ihnen ja so gleichgltig, wie die Gesundheit irgendeiner Katze, und doch erkundigen Sie sich! Aber das lobe ich mir. Also: Julija Michailowna fhlt sich wohl und hat eine Hochachtung vor Ihnen, na, bis zum Aberglauben. Und was Sie von Ihnen alles erwartet, grenzt auch schon an Aberglauben. ber den Sonntag schweigt sie, und ist berzeugt, da Sie alles sofort niederschlagen werden, sobald Sie nur wieder auf der Bildflche erscheinen. Bei Gott, sie glaubt ohne weiteres, da Sie wei der Teufel was alles vermgen! Mir scheint, sie bildet sich ein, Sie knnten einfach Wunder zustande bringen. berhaupt sind Sie jetzt ein noch viel rtselhafteres Wesen als je, dazu dieser Nimbus von Romantik, der sich um Sie gebildet hat -- wahrhaftig, eine uerst vorteilhafte Stellung. Und wie gespannt, wie neugierig man auf Sie ist! Bevor ich verreiste, war es schon hei, doch als ich zurckkehrte, war die Hitze noch gestiegen. Danke brigens nochmals bestens fr die Beschaffung des Briefes. Graf K... wird hier allgemein mit Andacht gefrchtet. Und Sie hlt man fr so eine Art hheren Spion. Ich nicke dazu. Sie rgern sich doch nicht? Nein. Das ist nmlich fr alles Weitere sogar unbedingt ntig. Die Leute haben ja hier ihre besonderen Bruche. Ich sporne selbstverstndlich noch an. Julija Michailowna ist die Anfhrerin, Gaganoff der zweite ... Sie lachen? Aber ich lebe doch jetzt nach meiner neuen Taktik: ich lge und lge, und dann sage ich pltzlich ein kluges Wort, und zwar gerade in dem Augenblick, wenn alle ein solches suchen. Darauf umringt man mich sofort, fragt und horcht, -- ich aber bin schon wieder mitten im Lgen. Jetzt haben mich schon alle aufgegeben. >Ach, der!< sagen sie und winken ab. >Nicht dumm, aber ein bichen doch vom Monde herabgefallen.< Lembke redet mir zu, in den Staatsdienst zu treten, damit ich mich bessere. Ach, wenn Sie wten, wie ich ihn trtiere, das heit, eigentlich kompromittiere. Er glotzt mich nur so an mit seinen Kalbsaugen. Julija Michailowna hilft mir dabei womglich noch. Doch was ich sagen wollte: Gaganoff ist grenzenlos wtend auf Sie. Gestern hat er in Duchowo ganz gemein ber Sie gesprochen. Ich habe ihm natrlich gleich die ganze Wahrheit gesagt, oder vielmehr, versteht sich, nicht die ganze Wahrheit. Ich war gestern vom morgen bis zum Abend drauen bei ihm. Prchtiges Gut brigens, auch das Herrenhaus ist schn. So ist er jetzt in Duchowo? rief Stawrogin pltzlich lebhaft, ja, fast sprang er auf, -- wenigstens beugte er sich hastig nach vorn. Nein, jetzt nicht mehr, er hat mich selbst hierher gebracht, wir kamen zusammen zurck, sagte Pjotr Stepanowitsch ruhig, anscheinend ohne Stawrogins Erregung zu bemerken. Was ist das? -- Da habe ich ein Buch heruntergeworfen, und er bckte sich, um den Band aufzuheben. >Die Frauen von BalzacWenn es keinen Gott gibt, was bin ich dann noch fr ein Hauptmann?< Und damit nahm er seine Mtze und ging. Hat einen ganz klugen Gedanken ausgedrckt, sagte Stawrogin und ghnte -- jetzt schon zum dritten Male. Ja? Ich hab's nicht verstanden -- wollte Sie fragen. Und was war da doch noch --? Ja, so: ganz interessant ist die Spigulinsche Fabrik. Fnfhundert Arbeiter, ein vorzglicher Choleraherd, ist schon seit fnfzehn Jahren nicht mehr gereinigt, und vom Arbeitslohn wird immer ein Teil abgezogen, die Besitzer aber sind Millionre. Seien Sie berzeugt, von den Arbeitern haben schon eine ganze Reihe durchaus richtige Vorstellungen von der Internationale und Revolution. Wie, Sie lcheln? Sie werden schon sehen, geben Sie mir nur eine ganz, ganz kleine Weile Zeit! Ich habe Sie schon einmal um Zeit gebeten. Jetzt tue ich's zum zweiten Male. Doch Verzeihung, ich hre ja schon auf! Runzeln Sie nicht die Stirn, ich hre ja schon auf! Leben Sie wohl. -- Ach so! er kehrte nochmals um und kam zurck. -- Die Hauptsache vergesse ich ganz! Man hat mir vorhin gesagt, da unsere Koffer aus Petersburg angekommen sind. Ja, und? ... Stawrogin sah ihn an, ohne zu verstehen. Das heit, _Ihre_ Koffer, Ihre Sachen, mit den Fracks, Beinkleidern, der Wsche -- sind die schon hier? Ja, man sagte mir vorhin so etwas ... Ach, knnte man da nicht gleich ...? Fragen Sie den Alexei. Schn! Aber morgen, morgen knnte ich sie doch bekommen? Es sind nmlich mein Frack, ein Anzug und drei Paar Beinkleider darin ... Die von Charmeur, die er mir noch auf Ihre Empfehlung hin gemacht hat, erinnern Sie sich? Ich habe gehrt, Sie sollen hier den Dandy spielen, lchelte Stawrogin. Ist es wahr, da Sie sogar Reitstunden nehmen wollen? Pjotr Stepanowitsch verzog den Mund zu einem gezwungenen Lcheln. Wissen Sie, sagte er dann pltzlich ungeheuer schnell, mit einer eigentmlich abbrechenden Stimme, in der etwas zu zucken schien. Wissen Sie, Nicolai Wszewolodowitsch, wir wollen das Persnliche lieber aus dem Spiel lassen, nicht wahr, ein fr allemal? Sie knnen mich dabei natrlich verachten, so viel Sie wollen, wenn Ihnen etwas lcherlich erscheint. Aber, wie gesagt, unter uns wollen wir das Persnliche eine Zeitlang fortlassen, nicht wahr? Gut, ich werde es nicht mehr ... sagte Stawrogin vor sich hin. Pjotr Stepanowitsch lchelte, schlug sich mit dem Hut ans Knie, trat von einem Fu auf den andern und sein Gesicht nahm wieder den alten Ausdruck an. Hier halten mich einige sogar fr Ihren Nebenbuhler bei Lisaweta Nicolajewna, wie soll ich mich da nicht um mein ueres kmmern? sagte er lachend. brigens, wer hinterbringt Ihnen denn das alles? Hm! Es ist schon Punkt acht; ich mu gehen. Habe zwar Warwara Petrowna versprochen, jetzt bei ihr vorzusprechen, werde das aber bleiben lassen. Sie aber -- legen Sie sich mal hin, dann sind Sie morgen munterer. Drauen ist es stockdunkel und es regnet -- brigens, ich habe ja meine Droschke, denn in der Nacht ist es hier nicht ganz geheuer in den Straen ... Doch ja, was ich noch sagen wollte: hier in der Umgegend treibt sich jetzt ein gewisser Fedjka herum, ein entsprungener Zuchthusler aus Sibirien, und stellen Sie sich vor, er ist mein gewesener Leibeigener, den Papachen vor fnfzehn Jahren unter die Soldaten gesteckt hat, um Geld zu bekommen. Eine uerst bemerkenswerte Persnlichkeit, dieser Fedjka. Sie ... haben mit ihm gesprochen? fragte Stawrogin, indem er einmal kurz aufblickte. Ja. Vor mir versteckt er sich nicht. Er ist zu allem bereit, zu allem; fr Geld, selbstredend, aber er hat auch berzeugungen, so in seiner Art, versteht sich ... Ja, und noch etwas: wenn Sie vorhin wirklich im Ernst von dieser Absicht -- Sie wissen schon, mit Lisaweta Nicolajewna, -- so wiederhole ich nochmals, da ich gleichfalls eine zu allem bereite Persnlichkeit bin, in jeder Beziehung, in welcher Sie nur wollen, und vollkommen zu Ihren Diensten stehe ... Was, Sie wollen --? Ach so, nein, nicht den Stock. Denken Sie sich, mir schien, da Sie einen Stock suchten! Stawrogin suchte nichts und sagte auch nichts, aber er hatte sich allerdings seltsam pltzlich erhoben, mit einer eigentmlichen Bewegung im Gesicht. Und wenn Sie etwas in betreff dieses Herrn Gaganoff brauchen sollten, fgte Pjotr Stepanowitsch mit einemmal hinzu und wies dabei mit dem Kopf schon ganz ungeniert auf den Brief und den Umschlag unter dem Briefbeschwerer, so kann ich natrlich auch da alles ordnen, und ich bin berzeugt, da Sie mich nicht umgehen werden. Und ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er sich um und verlie das Zimmer -- doch bevor er die Tr hinter sich schlo, steckte er noch einmal den Kopf herein: Ich bin nur deshalb so ... rief er schnell, ... weil doch beispielsweise auch Schatoff nicht das Recht hatte, damals am Sonntag sein Leben zu riskieren, als er zu Ihnen trat -- nicht wahr? Ich mchte wnschen, da Sie dieses nicht vergen. Und ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand er. IV. Vielleicht dachte Pjotr Stepanowitsch, da Nicolai Wszewolodowitsch, sobald er allein wre, mit den Fusten an die Wand schlagen wrde, welchem Wutausbruch Pjotr Stepanowitsch natrlich fr sein Leben gerne heimlich zugesehen htte, wenn das nur irgendwie mglich gewesen wre. Doch er tuschte sich sehr. Stawrogin blieb vollkommen ruhig. Wohl ganze zwei Minuten stand er noch in derselben Stellung am Tisch, anscheinend in tiefe Gedanken versunken; doch bald legte sich ein mdes, kaltes Lcheln um seinen Mund. Er setzte sich langsam wieder auf den groen Diwan, auf denselben Platz in der Ecke, und schlo die Augen, wie vor Mdigkeit. Die eine Ecke des Briefes lugte noch immer unter dem Briefbeschwerer hervor, doch er rhrte sich nicht einmal, um sie zu bedecken. Bald verga er sich ganz. Warwara Petrowna hatte sich schon alle die Tage mit Sorgen geqult. Als jetzt auch noch Pjotr Stepanowitsch fortgegangen war, ohne sein Versprechen zu halten und zu ihr zu kommen, hielt sie es nicht lnger aus und wagte es, selbst zu ihrem Sohne zu gehen. Die ganze Zeit hatte sie gedacht, vielleicht werde er doch endlich etwas Bestimmtes, Entscheidendes sagen. Leise, wie vorhin, klopfte sie an seine Tr, und da sie keine Antwort erhielt, wagte sie wieder, selbst zu ffnen. Als sie sah, wie er so unbeweglich und sonderbar still dasa, trat sie, mit klopfendem Herzen, vorsichtig nher. Es machte sie stutzig, da er so schnell und so aufrecht sitzend eingeschlafen war; sogar das Atmen merkte man kaum. Sein Gesicht war bla und streng, doch dabei wie vllig erkaltet, regungslos. Die Brauen waren ein wenig zusammengezogen und wirkten finster: so glich er entschieden einer leblosen Wachsfigur. Warwara Petrowna stand wohl ganze drei Minuten vor ihm, mit verhaltenem Atem, und pltzlich wurde sie von einer Angst erfat. Auf den Fuspitzen ging sie hinaus, doch an der Tr blieb sie einen Augenblick stehen, wandte sich um, machte das Zeichen des Kreuzes ber ihren Sohn und verlie dann unbemerkt den Raum -- mit einer neuen schweren Empfindung und neuen Sorgen im Herzen. Er schlief lange, ber eine Stunde, und die ganze Zeit in derselben Erstarrung: kein Muskel seines Gesichtes bewegte sich, nicht das leiseste Zucken ging durch seinen Krper; die Brauen blieben unverndert streng zusammengezogen. Wre Warwara Petrowna noch weitere drei Minuten vor ihm stehen geblieben, so wrde sie das erdrckende Empfinden dieser lethargischen Regungslosigkeit ganz gewi nicht ertragen und ihn aufgeweckt haben. Doch pltzlich schlug er von selbst die Augen auf, blieb aber, ohne sich zu rhren, wohl noch zehn Minuten unverndert sitzen, nur da seine offenen Augen jetzt beharrlich und wibegierig in die eine dunkle Ecke des Zimmers sahen, wie sich hineinsehend in irgendeinen ihn dort fesselnden Gegenstand, obgleich sich dort weder etwas Neues, noch etwas Besonderes befand. Da begann die groe, alte Wanduhr zu schnurren und schlug einen einzigen, schweren Schlag. Stawrogin wandte mit einer gewissen Unruhe den Kopf, um auf das Zifferblatt zu sehen. Doch in demselben Augenblick ffnete sich die Tapetentr, die zum Korridor fhrte, und der Kammerdiener Alexei Jegorowitsch trat ein. Er brachte einen dicken Mantel, ein Halstuch und einen Hut, und in der rechten Hand hielt er einen silbernen Teller, auf dem ein Zettel lag. Halb zehn, meldete er mit leiser Stimme und trat, nachdem er den Mantel an der Tr auf einen Stuhl gelegt hatte, zu Nicolai Wszewolodowitsch, dem er das Zettelchen prsentierte, ein kleines, ungeschlossenes Papier, auf dem nur zwei Zeilen mit Bleistift geschrieben standen. Nachdem Stawrogin sie berflogen hatte, nahm er einen Bleistift vom Tisch und kritzelte ein paar Worte auf dasselbe Papier, das er dann wieder offen auf den Teller zurcklegte. Sofort zu bergeben, sobald ich ausgegangen bin, sagte er und erhob sich vom Diwan. Es fiel ihm noch zur rechten Zeit ein, da er einen leichten Samtrock an hatte, so berlegte er einen Augenblick und befahl dann, ihm einen Tuchrock zu bringen, der zu zeremoniellen Abendbesuchen besser pate. Nachdem er sich ganz angekleidet und den Hut schon aufgesetzt hatte, verschlo er die Tr, durch die vorhin Warwara Petrowna eingetreten war, zog dann den Brief unter dem Briefbeschwerer hervor, steckte ihn zu sich und ging schweigend aus dem Zimmer. Alexei Jegorowitsch folgte ihm. Aus dem Korridor gingen sie ber eine schmale steinerne Hintertreppe in den Hausflur hinab, aus dem man unmittelbar in den Park treten konnte. In einer Ecke des Flurs hatte Alexei Jegorowitsch eine Laterne und einen Regenschirm versteckt. Infolge des starken Regens ist der Schmutz in den Straen ganz unertrglich, meldete Alexei Jegorowitsch wie mit einem entfernten letzten Versuch, seinen Herrn von dem Ausgehen abzubringen. Doch Stawrogin machte den Schirm auf und trat schweigend hinaus in den alten Park, der wie ein Keller dunkel, feucht und na war. Der Wind brauste und rauschte und schaukelte die Wipfel der groen, halb schon kahlen Bume, die schmalen Sandwege waren weich und glatt. Alexei Jegorowitsch ging so, wie er war, im braunen Frack und ohne Mtze, mit der kleinen Laterne in der Hand, drei Schritte vor seinem Herrn, und beleuchtete den Weg. Wird man es nicht bemerken? fragte pltzlich Nicolai Wszewolodowitsch. Aus den Fenstern wird man es nicht bemerken und auerdem ist alles vorgesehen, antwortete der Diener leise und mavoll. Meine Mutter schlft? Haben sich nach der Gewohnheit der letzten Tage gleich nach neun Uhr zurckgezogen, und da die gndige Frau es erfhrt, ist ganz ausgeschlossen. Wann befehlen der Herr, da ich Ihn zurckerwarte? Um eins, halb zwei, nicht spter als zwei. Zu Befehl. Sie umgingen auf den sich schlngelnden Wegen fast den ganzen Park, bis sie an der Ecke der groen Steinmauer stehenblieben, wo ein kleines Pfrtchen auf eine schmale entlegene Nebengasse fhrte. Wird die Tr nicht kreischen? fragte Nicolai Wszewolodowitsch. Doch Alexei Jegorowitsch sagte, da er zweimal, sowohl gestern wie auch heute, die Angeln geschmiert habe. Er war bereits ganz durchnt vom Regen. Als er das Pfrtchen geffnet hatte, reichte er Nicolai Wszewolodowitsch den Schlssel. Wenn der Herr geruhen, einen weiten Weg zu unternehmen, so mchte ich vorher darauf aufmerksam machen, da den Leuten hier herum nicht zu trauen ist, besonders nicht in entlegenen Gassen und ... am allerwenigsten jenseits des Flusses, wagte er nochmals zu warnen. Er war ein alter Diener, der einst Nicolai Wszewolodowitsch auf den Armen gewiegt und wie eine Kinderfrau mit ihm gespielt hatte, ein ernster, strenger Mann, der das Gotteswort kannte und gern in der Bibel las. Beunruhige dich nicht, Alexei Jegorowitsch. Gott segne Euch, Herr, aber nur beim Anfang guter Taten. Wie? Nicolai Wszewolodowitsch, der schon ber die Schwelle getreten war, blieb stehen. Der alte Diener wiederholte mit fester Stimme seinen Segenswunsch. Nie htte er sich frher unterstanden, solche Worte zu seinem Herrn zu sagen. Stawrogin sagte nichts, schlo die Tr, steckte den Schlssel in die Tasche und ging die Gasse entlang, wobei seine Fe bei jedem Schritt an die drei Zoll tief im Schlamm versanken. Endlich erreichte er eine lange, einsame Strae, die wenigstens gepflastert war. Die Stadt kannte er genau: immerhin hatte er noch einen weiten Weg bis zur Bogojawlenskstrae. Es war schon nach zehn Uhr, als er endlich vor der verschlossenen Pforte des Filippoffschen Hauses stehen blieb. Die untere Etage war unbewohnt, seitdem man Lebdkins fortgeschafft hatte. Die Fensterlden waren geschlossen. Nur oben in Schatoffs Dachzimmer sah man noch Licht. Da es an der Pforte keine Klingel gab, so klopfte Stawrogin. Nichts rhrte sich zunchst. Aber schlielich, nach abermaligem Klopfen, ffnete sich oben ein Klappfenster und Schatoff steckte den Kopf heraus. Es war stockdunkel und daher schwer, jemanden zu erkennen. Schatoff sah lange hinunter. Sind Sie es? fragte er pltzlich. Ja. Schatoff schlug das Fenster zu, kam nach unten und ffnete die Pforte. Stawrogin trat ber die hohe Schwelle und ging stumm an ihm vorber in den Flgel zu Kirilloff. V. Hier war alles unverschlossen. Der Flur und die beiden ersten Zimmer waren dunkel, doch im dritten, in dem Kirilloff wohnte, war es hell, und dort hrte man Lachen und dazwischen ein seltsames frohes Gequiek. Stawrogin ging auf das Licht zu, blieb aber vor der offenen Tr stehen, ohne zunchst einzutreten. Der Teetisch war gedeckt. Mitten im Zimmer stand die Alte, die das Haus beaufsichtigte, in einem Unterrock, in Schuhen, doch ohne Strmpfe, und in einer rmellosen Pelzjacke aus Hasenfell. Sie trug ein anderthalbjhriges Kindchen mit fast weien Locken, nur mit einem kurzen Hemdchen bekleidet, mit bloen, dicken Beinchen und erhitztem, pausbackigem Gesichtchen, auf dem Arm. Offenbar hatte sie es soeben aus der Wiege genommen. Das Kindchen mochte noch vor kurzem geweint haben, denn noch standen dicke Trnen unter seinen Augen, doch war es in diesem Augenblicke froh und lustig, reckte seine rmchen und lachte, wie so kleine Kinder zu lachen pflegen: mit juchzenden, schluchzenden Nebentnen. Vor dem Kindchen spielte Kirilloff mit einem groen roten Gummiball: er warf ihn krftig auf die Diele, so da er bis an die Decke sprang, wieder fiel und wieder sprang, whrend das Kindchen dazu berselig sein Ba! ... Ba! ... rief. Kirilloff fing darauf den Ba auf und gab ihn dem Kindchen, das dann natrlich den Ba wieder gleich mit seinen eigenen, ungeschickten Hndchen fortwarf, whrend Kirilloff ihm nachlief, um ihn aufzuheben. Zum Schlu rollte der Ba unter den Schrank. Kirilloff aber streckte sich sofort lngelang auf dem Fuboden aus, um ihn mit der Hand wieder hervorzuholen. In diesem Augenblick trat Stawrogin ins Zimmer. Das Kind, das ihn zuerst erblickte, warf sich erschreckt an den Hals der Alten und begann laut ein langgezogenes, eintniges Kinderweinen, so da die Alte es sofort hinausbrachte. Stawrogin? fragte Kirilloff, ohne die geringste Verwunderung ber den unerwarteten Besuch, zog seine Hand mit dem Ball unter dem Schrank hervor und erhob sich. Wollen Sie Tee? Mit dem grten Vergngen, wenn er warm ist, ich bin ganz durchnt. Warm, sogar hei, sagte Kirilloff mit Vergngen, nachdem er sich davon berzeugt hatte. Setzen Sie sich. Sie sind schmutzig, tut nichts. Ich kann's spter mit einem nassen Tuch ... Stawrogin setzte sich und trank fast auf einen Zug die eingegossene Tasse Tee aus. Noch? Nein, danke. Kirilloff, der bis dahin gestanden hatte, setzte sich sogleich und fragte: Wozu sind Sie gekommen? Bitte, lesen Sie diesen Brief. Er ist von Gaganoff. Sie werden sich entsinnen, ich habe Ihnen von ihm schon in Petersburg erzhlt. Kirilloff nahm den Brief, las ihn durch, legte ihn darauf wieder auf den Tisch und sah Stawrogin erwartungsvoll an. Mit diesem Gaganoff, erklrte Nicolai Wszewolodowitsch, bin ich, wie Sie wissen, zum ersten Male in Petersburg vor kaum einem Monat zusammengetroffen, und dann sind wir uns noch ungefhr dreimal in der Gesellschaft begegnet. Wir wurden einander nicht vorgestellt, sprachen auch nicht miteinander und doch fand er Gelegenheit, sich ungezogen mir gegenber zu benehmen. Ich habe Ihnen das ja damals alles erzhlt. Doch was Sie nicht wissen, ist folgendes. Als er darauf Petersburg, noch vor mir, verlie, schrieb er mir einen Brief, der zwar noch nicht so beleidigend war, wie dieser hier, aber doch schon einen durchaus unzulssigen Ton hatte. Dabei stand mit keinem einzigen Worte darin, warum der Brief eigentlich geschrieben worden war. Ich antwortete ihm sofort und erklrte ihm ganz offenherzig, da ich >da es sich wohl um den Vorfall mit seinem Vater vor vier Jahren hier im Klub handeln werde<, -- da ich meinerseits durchaus bereit sei, ihm noch nachtrglich meine Entschuldigung zu machen, einfach aus dem Grunde, weil meine Handlung damals im Krankheitszustande geschehen sei. Er antwortete mir nichts darauf und reiste irgendwohin fort. Nun komme ich hierher und finde ihn hier in einer wahren Tollwut auf mich. Man hat mir ffentliche uerungen von ihm mitgeteilt, die regelrechte Beschimpfungen sind, dazu die unglaublichsten Anschuldigungen. Und heute erhalte ich diesen Brief, -- einen hnlichen hat wohl noch nie jemand geschrieben! Mit Ausdrcken wie zum Beispiel >Ihre geschlagene Fratze<. -- Ich bin nun zu Ihnen gekommen, da ich hoffe, da Sie mir nicht abschlagen werden, mein Sekundant zu sein? In der Wut kann man schon ... Puschkin hat auch so geschrieben. Gut, ich komme. Sagen Sie, wie? Stawrogin erklrte, da er ihn bte, gleich morgen zu Gaganoff zu gehen. Er solle die Entschuldigung wiederholen und sogar noch einen zweiten Entschuldigungsbrief ankndigen -- diesen letzteren aber nur unter der Bedingung, da Gaganoff sein Wort gibt, keinen weiteren Brief irgendwie beleidigenden Inhalts zu schreiben, whrend sein letzter Brief als nicht erhalten betrachtet werden solle. Zu viel Konzessionen, er wird nicht darauf eingehen ... Ich bin vor allem hierhergekommen, um zu erfahren, ob Sie berhaupt bereit sind, ihm solche Bedingungen zu berbringen? Ich werde schon. Aber er wird nicht darauf eingehen ... Das wei ich. Er _will_ sich schlagen. Sagen Sie, wie? Das ist es eben: ich mchte morgen die ganze Geschichte beendet haben. Sagen wir, um neun sind Sie bei ihm. Er wird Sie anhren und Ihr Ersuchen abschlagen. Dann wird er seinen Sekundanten zu Ihnen schicken, sagen wir -- gegen elf. Mit dem besprechen Sie sich also, und um eins oder zwei knnten wir an Ort und Stelle sein. Ich mchte Sie sehr bitten, alles zu tun, was an Ihnen liegt, damit die Angelegenheit diesen Verlauf nimmt. Waffen natrlich Pistolen. Das Weitere -- darum bitte ich Sie ganz besonders -- richten Sie so ein: Vereinbaren Sie einen Abstand von zehn Schritten zwischen den Barrieren. Stellen Sie einen jeden von uns weitere zehn Schritt von seiner Barriere auf. Nach dem gegebenen Zeichen gehen wir aufeinander zu. Jeder mu unbedingt bis zu seiner Barriere gehen. Doch schieen kann er auch schon frher, im Gehen. So, das wre alles, denke ich. Zehn Schritt zwischen den Barrieren ist sehr nah, bemerkte Kirilloff. Nun, dann meinetwegen zwlf, aber nicht mehr. Sie begreifen doch, da er sich nicht zum Vergngen duellieren will. Verstehen Sie eine Pistole zu laden? Ja. Ich habe selbst Pistolen. Ich werde mein Wort geben, da Sie mit meinen noch nicht geschossen haben. Sein Sekundant gibt auch sein Wort fr seine Pistolen. Dann werfen wir das Los, ob seine oder unsere. Vorzglich. Wollen Sie die Pistolen sehen? Meinetwegen. Kirilloff hockte vor seinem Koffer nieder, der noch immer unausgepackt in der Ecke stand, zog einen Kasten aus Palmenholz hervor, der innen mit rotem Samt ausgeschlagen war, und entnahm ihm zwei prachtvolle, uerst kostbare Pistolen. Habe alles. Pulver, Kugeln, Patronen. Auch einen Revolver, warten Sie. Er kramte wieder in seinem Koffer und zog einen zweiten Kasten mit einem sechslufigen Revolver hervor. Sie haben ja Waffen mehr als ntig! Und sehr teuere. Sehr. Der gnzlich mittellose Kirilloff, der brigens seine Armut selbst nie bemerkte, zeigte sichtlich nicht ohne Stolz seine Kostbarkeiten, die er zweifellos mit unglaublichen Opfern erstanden hatte. Sie haben immer noch dieselbe Absicht? fragte Stawrogin mit einer gewissen Vorsicht, nach minutenlangem Schweigen. Dieselbe, antwortete Kirilloff kurz: am Ton der Stimme hatte er sofort erkannt, wovon sein Gast sprach. Und -- wann? fragte Stawrogin noch vorsichtiger, und wieder nach lngerem Schweigen. Kirilloff hatte inzwischen beide Kasten in den Koffer zurckgelegt und setzte sich nun auf seinen alten Platz. Das hngt nicht von mir ab. Sie wissen doch. Wann man mir sagen wird, murmelte er mehr vor sich hin, als wre die Frage ihm ein wenig lstig, doch gleichzeitig war er, das fhlte man, durchaus bereit, auf andere Fragen zu antworten. Er sah dabei mit seinen schwarzen glanzlosen Augen Stawrogin unverwandt an, mit einem seltsam gelassenen, doch guten und freundlichen Gefhl. Ich verstehe das gewi -- sich zu erschieen ... begann Stawrogin von neuem, nachdem er lange, wohl drei Minuten lang grbelnd geschwiegen hatte, whrend sein Gesicht sich verdsterte. Ich habe mir das selbst zuweilen vorgestellt. Aber es findet sich dann immer ein gewisser neuer Gedanke ein: wie, wenn man, zum Beispiel, ein Verbrechen beginge, oder etwas vor allem Schimpfliches, das heit Schmachvolles, eine Schande, nur mu sie unendlich gemein sein und zugleich ... lcherlich -- eine Schandtat, die von der Menschheit in tausend Jahren nicht vergessen wird, ber die sie tausend Jahre lang flucht, und nun pltzlich der Gedanke: >ein Schu in die Schlfe und es ist nichts mehr da<. Was gehen einen dann noch die Menschen an, und da sie einem tausend Jahre lang fluchen werden! Ist es nicht so? Sie meinen, das ist ein neuer Gedanke? sagte Kirilloff, nachdem er eine Weile nachgedacht hatte. Nein ... das nicht ... aber als ich ihn zum ersten Male dachte, da empfand ich ihn als ganz neu. Sie empfanden einen Gedanken -- sprach ihm Kirilloff nach. Das ist gut. Es gibt viele Gedanken, die waren immer da, und pltzlich werden sie neu. Das ist richtig. Jetzt sehe ich vieles wie zum erstenmal. Nehmen wir an, Sie waren auf dem Monde, unterbrach ihn Stawrogin, ohne Kirilloffs Worte zu beachten, und spann seinen eigenen Gedanken weiter. Nehmen wir an, Sie haben dort oben alle diese lcherlichen Schmutzereien begangen. Sie wissen ganz genau, da man Ihnen dort oben fluchen wird, tausend Jahre lang, ewig, auf dem ganzen Monde ... Aber Sie sind jetzt hier auf der Erde und sehen auf den Mond von hier aus: was geht es Sie dann hier auf der Erde an, was Sie dort oben alles getan haben -- und da die dort tausend Jahre lang bei Ihrem Namen ausspeien werden, -- ist es nicht so? Wei nicht, antwortete Kirilloff. Ich bin nicht auf dem Monde gewesen, fgte er hinzu, aber ohne jede Spur von Ironie, einfach als Ausdruck der Tatsache. Wessen Kind war das vorhin? Die Schwiegermutter der Alten ist angekommen. Nein, Schwiegertochter ... einerlei. Vor drei Tagen. Liegt jetzt krank mit dem Kind. In der Nacht schreit es viel. Der Magen. Die Mutter schlft, und die Alte bringt es dann her. Ich spiele Ball mit ihm. Ein Hamburger Ball, hab' ihn in Hamburg gekauft. Das strkt den Rcken. Ein kleines Mdchen. Sie lieben Kinder? Ja, antwortete Kirilloff, brigens ziemlich gleichmtig. Dann lieben Sie wohl auch das Leben? Ja, auch das Leben. Wieso? Wenn Sie doch beschlossen haben, sich zu erschieen. Wieso denn? Warum zusammen? Das Leben fr sich und jenes fr sich. Leben ist, aber Tod ist berhaupt nicht. So glauben Sie an ein zuknftiges ewiges Leben? Nein, nicht an ein zuknftiges ewiges, sondern an ein diesseitiges ewiges. Es gibt Minuten, sie kommen zu den Minuten, und die Zeit bleibt pltzlich stehen und wird ewig sein. Sie hoffen, zu so einer Minute zu kommen? Ja. Das ist in unserer Zeit wohl kaum mglich, meinte Stawrogin, gleichfalls ohne jede Spur von Ironie, langsam und wie in Gedanken verloren. In der Apokalypse schwrt der Engel, da es keine Zeit mehr geben werde. Ich wei. Das ist dort sehr richtig. Ist deutlich und genau. Wenn der ganze Mensch das Glck erreicht, dann wird es keine Zeit mehr geben, weil sie nicht ntig ist. Ein sehr richtiger Gedanke. Wo wird man sie denn hinstecken? Nirgendwo wird man sie hinstecken. Zeit ist kein Gegenstand, sondern eine Idee. Sie wird auslschen im Verstande. Alte philosophische Gemeinpltze, immer ein und dieselben von allem Anfange an, murmelte Stawrogin wie mit einem gewissen angeekelten Bedauern. Ein und dieselben! Ja, immer ein und dieselben vom Anfang aller Jahrhunderte an und gar keine anderen niemals! griff Kirilloff mit blitzenden Augen Stawrogins Wort auf, ganz als lge in diesem Gedanken fast ein Triumph! Ich glaube, Sie sind sehr glcklich, Kirilloff? Ja, sehr glcklich, antwortete dieser, als gbe er die allergewhnlichste Antwort. Aber noch vor kurzem waren Sie doch so betrbt und rgerten sich ber Liputin. Hm! ... Aber jetzt nicht. Damals wute ich noch nicht, da ich glcklich war. Haben Sie ein Blatt gesehn? Ein Blatt vom Baum? Freilich. Ich sah vor kurzem ein gelbes, etwas grn noch, an den Rndern angefault. Es kam mit dem Wind. Als ich zehn Jahre war, schlo ich im Winter die Augen und stellte mir ein Blatt vor, ein grnes, glnzendes, mit derchen, und die Sonne leuchtet. Ich schlug die Augen auf und glaubte nicht, denn es war so schn, und schlo sie wieder. Was soll das? Eine Allegorie? N--nein ... warum? Keine Allegorie. Einfach ein Blatt. Nur ein Blatt. Ein Blatt ist gut. Alles ist gut. Alles? Alles. Der Mensch ist unglcklich, weil er nicht wei, da er glcklich ist. Nur deshalb. Das ist alles, alles! Wer es erfhrt, der wird sofort gleich glcklich sein, im selben Augenblick. Diese Schwiegertochter wird sterben, und das Kind bleibt -- alles ist gut. Ich habe es pltzlich entdeckt. Und wenn jemand vor Hunger stirbt, oder wenn jemand ein kleines Mdchen entehrt und schndet -- ist das auch gut? Auch gut. Und wenn man ihm fr das Mdchen den Kopf zerspaltet, auch das ist gut. Und wenn man ihm den Kopf nicht zerspaltet, auch das ist gut. Alles ist gut, alles. Fr alle die ist es gut, die da wissen, da -- alles gut ist. Wenn sie wten, da sie es gut haben, dann wrden sie es auch gut haben. Aber so lange sie nicht wissen, da sie es gut haben, so lange werden sie es auch nicht gut haben. Das ist der ganze Gedanke, der ganze, und auer ihm gibt es berhaupt gar keinen. Wann haben Sie es denn erfahren, da Sie so glcklich sind? In der vorigen Woche am Dienstag, nein, am Mittwoch, denn es war schon Mittwoch. In der Nacht. Und bei welcher Gelegenheit denn? Ich wei nicht mehr. So. Ich ging im Zimmer ... Einerlei. Ich brachte die Uhr zum Stehen. Es war siebenunddreiig Minuten nach zwei. Wohl zum Symbol dessen, da die Zeit stehen bleiben mu? Kirilloff schwieg. Die Menschen sind nicht gut, begann er pltzlich wieder, weil sie nicht wissen, da sie gut sind. Wenn sie es wissen werden, so werden sie auch nicht mehr ein kleines Mdchen vergewaltigen. Sie mssen nur alle erfahren, da sie gut sind, und alle werden sogleich gut sein. Alle ohne Ausnahme. Nun, Sie selbst, zum Beispiel, Sie haben es nun erfahren, also sind Sie jetzt gut? Ich bin gut. Damit bin ich brigens einverstanden, sagte Stawrogin, mit gerunzelter Stirn, vor sich hin. Wer da lehren wird, da alle gut sind, wird die Welt beenden. Der das lehrte, den haben sie gekreuzigt, sagte Stawrogin. Er wird kommen und sein Name wird sein Menschgott. Gottmensch? Nein, Menschgott. Das ist der Unterschied. Sind nicht vielleicht Sie es, der hier das Lmpchen vor dem Heiligenbilde angezndet hat? Ja, ich habe es angezndet. Wieder glubig geworden? Die Alte liebt, da das Lmpchen ... Heute hatte sie keine Zeit, sagte Kirilloff undeutlich. Aber selbst beten Sie noch nicht? Ich bete zu allem. Sehen Sie, eine Spinne kriecht dort an der Wand und ich bin ihr dankbar dafr, da sie kriecht. Seine Augen brannten wieder. Er sah immer noch unverwandt Stawrogin an, mit festem, standhaftem Blick. Stawrogin beobachtete ihn finster und widerwillig, doch in seinem Blick lag kein Spott. Ich wette, da Sie, wenn ich nchstens wiederkomme, bereits an Gott glauben werden. Er stand auf und nahm seinen Hut. Wieso? Kirilloff erhob sich gleichfalls. Wenn Sie wten, da Sie an Gott glauben, dann wrden Sie an ihn glauben. Da Sie aber noch nicht wissen, da Sie an ihn glauben, so glauben Sie auch noch nicht an ihn, sagte Stawrogin mit einem flchtigen Lcheln. Das ist es nicht. Kirilloff dachte nach. Sie haben den Gedanken umgekehrt. Ein Kavalierscherz. Denken Sie daran, was Sie in meinem Leben bedeutet haben, Stawrogin. Leben Sie wohl, Kirilloff. Kommen Sie wieder nachts; wann? Ja, haben Sie denn schon vergessen, was morgen bevorsteht? Ach, richtig, ich verga. Aber seien Sie unbesorgt, ich werde nicht verschlafen. Ich verstehe aufzuwachen, wann ich will. Ich lege mich hin und sage: um sieben Uhr -- und wache auf um sieben Uhr; um zehn Uhr -- und wache auf um zehn Uhr. Sie haben ja merkwrdige Eigenschaften. Stawrogin sah in sein bleiches Gesicht. Ich werde die Hofpforte aufmachen. Bemhen Sie sich nicht, Schatoff wird mich hinauslassen. Ach so, Schatoff. Gut. Leben Sie wohl. VI. Die Flurtr des leeren Hauses, in dem Schatoff wohnte, war nicht verschlossen. Im Flur war es stockdunkel, so da Stawrogin mit der Hand tastend nach der Treppe zu suchen begann. Da wurde pltzlich im oberen Stock eine Tr aufgemacht und ein Lichtschimmer lie ihn die Treppe sehen. Schatoff trat selbst nicht heraus, er lie nur die Tr offen stehen. Als Stawrogin oben anlangte und an der Trschwelle stehen blieb, sah er ihn in der anderen Ecke des Zimmers an seinem Tisch stehen und warten ... Wrden Sie mich in einer Angelegenheit empfangen? fragte Stawrogin, ohne einzutreten. Treten Sie ein. Setzen Sie sich, antwortete Schatoff. Schlieen Sie die Tr. Warten Sie, ich werde selbst ... Er schlo die Tr, drehte den Schlssel um und setzte sich dann Stawrogin gegenber. Er war in dieser Woche merklich abgemagert und schien jetzt zu fiebern. Sie haben mich mde geqult, sagte er halblaut murmelnd, den Blick zu Boden gesenkt. Warum sind Sie nicht frher gekommen? Sie waren so berzeugt, da ich kommen werde? Ja ... Warten Sie, ich habe im Fieber phantasiert ... vielleicht phantasiere ich auch jetzt noch ... Warten Sie. Er stand auf, ging zu seinem Bcherbrett und nahm von dem obersten der drei Bretter einen Gegenstand: es war ein Revolver. In einer Nacht trumte mir im Fieber, da Sie kommen wrden, um mich zu tten. Da habe ich mir am anderen Morgen von dem Taugenichts Lmschin fr mein letztes Geld diesen Revolver gekauft. Ich wollte mich Ihnen nicht ergeben. Spter kam ich wieder zu mir ... Ich habe weder Kugeln, noch Pulver ... seitdem liegt er hier auf dem Bcherbrett. Warten Sie. Er ging schon zum Fenster und wollte es ffnen. Nicht doch, warum hinauswerfen! rief ihn Stawrogin zurck. Er kostet Geld ... und morgen wrden die Leute davon sprechen, da unter Schatoffs Fenster Mordwerkzeuge liegen. Legen Sie ihn wieder hin. -- So. Und jetzt setzen Sie sich. Sagen Sie, warum beichten Sie mir frmlich Ihren Gedanken, da ich zu Ihnen kommen wrde, um Sie zu tten? Ich bin auch jetzt nicht gekommen, um mich mit Ihnen zu vershnen, sondern um ber etwas sehr Notwendiges mit Ihnen zu sprechen. Erklren Sie mir zunchst eines: Sie haben mich doch nicht wegen meiner Verbindung mit Ihrer Frau geschlagen? Sie wissen doch selbst, da ich nicht deswegen ... Schatoff sah wieder zu Boden. Und auch nicht wegen des dummen Klatsches ber Darja Pawlowna? Nein, nein, natrlich nicht! Bldsinn! Meine Schwester hat mir gleich zu Anfang gesagt ... erwiderte Schatoff mit Ungeduld, schroff, und fast stampfte er mit dem Fu auf. Also habe ich es richtig erraten ... und auch Sie haben das andere erraten, fuhr Stawrogin ruhig fort. Sie irren sich nicht, es ist so: Marja Timofejewna Lebdkin ist meine rechtmige, mir vor viereinhalb Jahren in Petersburg angetraute Frau. -- Sie haben mich doch ihretwegen geschlagen? Ganz bestrzt sa Schatoff da, hrte und schwieg. Ich ahnte es und konnte es doch nicht glauben, murmelte er endlich und sah dabei Stawrogin sonderbar an. Und so schlugen Sie? Schatoff wurde feuerrot und stammelte fast zusammenhangslos: Ich habe es ... wegen Ihrer Erniedrigung ... fr Ihren Fall ... Ihre Lge ... Ich trat nicht an Sie heran, um Sie zu bestrafen ... Als ich auf Sie zuging, wute ich selbst noch nicht, da ich schlagen wrde. Ich ... habe es deswegen ... weil Sie so viel in meinem Leben bedeutet haben ... Ich -- Verstehe, verstehe schon, sparen Sie die Worte. Es tut mir leid, da Sie heute fiebern, denn ich mu ber eine wichtige Sache mit Ihnen sprechen. Ich habe schon zu lange auf Sie gewartet. Schatoff zitterte geradezu und erhob sich vom Stuhl. Sprechen Sie von Ihrer Angelegenheit, ich werde dann sprechen ... nachher ... Er setzte sich wieder. Diese Sache hat mit alledem nichts gemein, begann Stawrogin, der ihn mit Neugier beobachtete. Gewisse Umstnde haben mich gezwungen, heute noch diese spte Stunde zu whlen, um Sie zu benachrichtigen, da man Sie vielleicht bald ermorden wird. Schatoff blickte ihn wild an. Ich wei, da mir Gefahr drohen knnte, sagte er zurckhaltend, aber -- wie knnen Sie denn das wissen? Weil ich ebenfalls zu jenen gehre und eben solch ein Mitglied des Bundes bin, wie Sie. Sie ... Sie ... ein Glied des ... Bundes? Ich sehe an Ihren Augen, da Sie alles von mir erwartet htten, nur das nicht, sagte Stawrogin, mit kaum merklichem Lcheln. Aber, erlauben Sie, dann wuten Sie also schon, da man Sie ermorden will? Nicht einmal gedacht habe ich daran! Und auch jetzt glaube ich es nicht, obschon Sie es sagen! Aber wer kann denn vor diesen Eseln sicher sein! rief er pltzlich wtend und schlug mit der Faust auf den Tisch. Ich frchte sie aber nicht! Ich habe mit ihnen gebrochen. Der eine ist viermal zu mir gekommen und hat mir gesagt, da man austreten kann ... aber -- er sah auf Stawrogin -- was wissen Sie denn eigentlich davon? O, frchten Sie nichts, ich betrge Sie nicht, fuhr Stawrogin khl fort, mit dem Ausdruck eines Menschen, der nur eine Pflicht erfllt. Sie wollen mich examinieren: was ich davon wei? Ich wei, da Sie in diesen Verband eingetreten sind, als Sie noch im Auslande waren, kurz vor Ihrer Reise nach Amerika und, ich glaube, gleich nach unserem letzten Gesprch, ber das Sie mir dann ja in Ihrem Brief aus Amerika so viel geschrieben haben. Verzeihen Sie, bitte, da ich nicht gleichfalls mit einem Brief darauf geantwortet habe, und nur ... Das Geld schickten! Warten Sie einen Augenblick, unterbrach ihn Schatoff, zog eilig das Schubfach des Tisches auf und suchte unter einem Sto von Papieren einen Hundertrubelschein hervor. Hier, bitte, nehmen Sie die hundert Rubel wieder, die Sie mir schickten, ohne Sie wre ich dort umgekommen. Ich wrde Ihnen die Summe noch lange nicht zurckgeben knnen, ... wenn nicht Ihre Mutter diese hundert Rubel vor neun Monaten ... nach meiner Krankheit ... mir meiner Armut wegen geschenkt htte. Doch fahren Sie fort, bitte ... Schatoff war vor Aufregung ganz atemlos. In Amerika nderten Sie dann Ihre Anschauungen, und als Sie nach der Schweiz zurckgekehrt waren, wollten Sie sich vom Bunde lossagen. Man antwortete Ihnen nicht, sondern beauftragte Sie, hier in Ruland von irgend jemandem eine Setzmaschine in Empfang zu nehmen und sie so lange aufzubewahren, bis eine von jenen beauftragte Person sie Ihnen wieder abnehmen wrde. Ich bin nicht ber alle Einzelheiten unterrichtet, doch in der Hauptsache verhlt es sich so, nicht wahr? Sie aber nahmen den Auftrag unter der Bedingung oder vielleicht auch nur in der Hoffnung an, da es -- deren letzte Forderung sei, und Sie dann endgltig frei wren. Alles das habe ich nicht von jenen, sondern ganz zufllig erfahren. Ich mchte Sie nun auf eines aufmerksam machen, was Sie noch nicht zu wissen scheinen: da nmlich jene Leute durchaus nicht die Absicht haben, Sie freizugeben. Das ist unmglich! brllte Schatoff auf. Ich habe ihnen ehrlich erklrt, da ich geistig nichts mehr mit ihnen gemein habe! Das ist mein Recht, das Recht meines Gewissens und meiner berzeugung ... Ich werde das nicht dulden! Es gibt keine Macht, die ... Wissen Sie, schreien Sie lieber nicht so, fiel ihm Stawrogin sehr ernst ins Wort. Dieser Werchowenski ist ein Mensch, der vielleicht in diesem Augenblick hier auf Ihrem Treppenflur zuhrt, wenn nicht mit eigenen, so doch mit fremden Ohren, -- was sich ja schlielich gleich bleibt. Sogar der ewig betrunkene Lebdkin war verpflichtet, Sie zu beobachten, und Sie muten vielleicht wiederum auf ihn aufpassen, -- war's nicht so? brigens, sagen Sie mir lieber, hat sich Werchowenski jetzt mit Ihren Argumenten einverstanden erklrt, oder nicht? Er war einverstanden: er sagte, ich knne -- und ich htte das Recht ... Nun, dann betrgt er Sie. Ich wei genau, da sogar Kirilloff, der beinahe berhaupt nicht zu ihnen gehrt, beauftragt war, Nachrichten ber Sie zu schicken. Agenten haben sie in Mengen, und viele wissen es nicht einmal, da sie dem Verbande dienen. Auf Sie hat man bestndig aufgepat. Pjotr Stepanowitsch ist unter anderem auch deshalb hergekommen, um Ihre Angelegenheit endgltig zu erledigen: da Sie zu viel wissen und vielleicht sie alle verraten knnten, hat er die Vollmacht, Sie in einem passenden Augenblick zu beseitigen. Erlauben Sie mir, zu bemerken, da jene die feste berzeugung haben, da Sie ein Spion sind, der, wenn er auch bis jetzt noch nichts verraten hat, es doch bestimmt tun wird. Ist das wahr? fragte Stawrogin in einem ruhigen, ganz gewhnlichen Tone. Schatoff verzog den Mund, als er eine solche Frage in einem solchen Tone hrte. Und wenn ich ein Spion wre -- _wem_ sollte ich denn etwas verraten? fragte er hmisch zurck. Nein, lassen Sie das! Zum Teufel mit mir! Aber _Sie_! rief er aus, sich pltzlich von neuem auf die Nachricht strzend, die Stawrogin betraf, und die ihn sichtlich weit mehr erschttert hatte, als die von seiner eigenen Gefahr. Aber _Sie_, _Sie_, Stawrogin, wie konnten Sie sich in eine so schamlose, geistlose Knechtsgesellschaft verlieren! ... Sie, ein Mitglied dieser Bande! Ist denn das die Heldentat Nicolai Stawrogins!? rief er ganz verzweifelt aus und erhob wie fassungslos die Hnde, als knnte es nichts Bittereres und Trostloseres fr ihn geben, als diese Entdeckung. Erlauben Sie -- wunderte Stawrogin sich tatschlich, Sie scheinen ja frmlich eine Sonne in mir zu sehen und sich selbst, im Vergleich zu mir, fr so etwas wie ein Insekt zu halten? Auch aus Ihrem Brief aus Amerika habe ich das ... Sie ... Sie wissen ... Eh, lassen wir mich aus dem Spiel! brach Schatoff pltzlich das ab. Aber wenn Sie ber sich selbst etwas sagen, erklren knnten? ... Auf meine Frage? -- So tun Sie es! bat er erregt. Mit Vergngen. Sie fragen, wie ich mich in diesen Kreis verlieren konnte, in diese geistige Spelunke? Ich bin jetzt sogar verpflichtet, Ihnen einige Mitteilungen darber zu machen. Genau genommen, gehre ich durchaus nicht zu diesem Bunde, habe auch frher nicht zu ihm gehrt und habe weit mehr das Recht, als Sie, ihn zu verlassen, da ich ausdrcklich niemals in ihn eingetreten bin. Im Gegenteil, ich habe den Leuten gleich zu Anfang erklrt, da ich ihnen durchaus nicht sonderlich gewogen bin, -- und wenn ich ihnen zufllig einmal geholfen habe, so habe ich das nur wie ein miger Mensch getan. Ich habe teilweise an der Reorganisation des Verbandes nach einem neuen Plane mitgearbeitet, doch das ist auch alles. Jene aber sind jetzt bedenklich geworden und mit sich bereingekommen, da auch ich ihnen gefhrlich werden knnte, und deshalb bin auch ich, wenn ich mich nicht irre, zum Tode verurteilt. Oh, mit Todesurteilen sind sie gleich bei der Hand, das geht bei ihnen schnell -- und alles vorschriftsmig auf bestempeltem Papier, das dann von dreieinhalb Menschen unterschrieben wird! Und Sie glauben, da die dazu fhig wren! ... Hierin haben Sie teilweise recht, teilweise auch nicht, fuhr Stawrogin mit der frheren Gleichmtigkeit, fast Faulheit, fort. Zweifellos ist auch viel Phantasie dabei, wie ja gewhnlich in solchen Fllen, und in der Phantasie vergrert das Hufchen sein Wachstum und seine Bedeutung. Ja, meiner Meinung nach besteht die ganze Gesellschaft, wenn Sie wollen, einzig und allein aus Pjotr Werchowenski, und er ist schon etwas zu bescheiden, wenn er sich nur fr einen Agenten des Verbandes hlt. Der Hauptgedanke, der der ganzen Sache zugrunde liegt, ist nicht gerade dmmer, als bei anderen Verbnden dieser Art. Sie haben Beziehungen zur _Internationale_. Es ist ihnen gelungen, sich in Ruland Agenten anzulegen, und sie haben sogar ein ziemlich originelles Verfahren erfunden ... doch selbstverstndlich nur theoretisch. Was nun Sie und mich betrifft, ich meine, ihre Absichten mit uns, so ist ihre russische Organisation eine so dunkle Sache, da man in der Tat auf alles mgliche gefat sein kann. Und vergessen Sie nicht, Werchowenski ist ein Mensch, der das, was er will, auch durchsetzt. Diese Wanze, dieser ungebildete Flegel, dieser Flachkopf, der von Ruland berhaupt nichts versteht! rief Schatoff wtend aus. Sie kennen ihn nur flchtig. Es ist wahr, da sie alle nur wenig von Ruland verstehen, aber schlielich doch wohl nur wenig weniger als Sie und ich. Auerdem ist Werchowenski Enthusiast. Werchowenski Enthusiast? O ja. Es gibt einen Punkt, wo er aufhrt, blo Narr zu sein, und sich in einen ... Halbverrckten verwandelt. Erinnern Sie sich bitte eines Ihrer eigenen Aussprche: >wissen Sie auch, wie stark ein einzelner Mensch sein kannBue<, wie Sie sagen, auf mich zu nehmen. Lassen wir das ... davon spter ... warten Sie ... sprechen Sie von der Hauptsache, von der Hauptsache ... Ich habe zwei Jahre auf Sie gewartet! Ja? Ich habe schon zu lange auf Sie gewartet, ich habe ununterbrochen an Sie gedacht! Sie sind der einzige Mensch, der's knnte ... Ich habe Ihnen schon aus Amerika davon geschrieben ... Ich erinnere mich nur zu gut Ihres langen Briefes. Der zu lang war, um durchgelesen zu werden? Einverstanden. Sechs Bogen ... Schweigen Sie, schweigen Sie! Sagen Sie: knnen Sie mir noch zehn Minuten schenken, aber gleich, jetzt gleich ... Ich habe zu lange auf Sie gewartet! Bitte, auch eine halbe Stunde, aber nicht mehr, wenn's Ihnen mglich ist, sich damit zu begngen. Aber ... nur mit der Bedingung, unterbrach ihn Schatoff jhzornig, da Sie Ihren Ton ndern. Hren Sie, ich verlange es, ich fordere es, whrend ich Sie doch darum anflehen mte ... Verstehen Sie, was das heit, zu fordern, wenn man wei, da man flehen mte? Ich verstehe, da Sie sich so ber alles Gewhnliche erheben wollen, um eines hheren Zweckes willen. Stawrogin lchelte kaum merklich. Und mit Bedauern sehe ich, da Sie im Fieber sind. Ich bitte, mich zu achten, ich verlange es! rief Schatoff. Nicht meine Person selbst, zum -- Teufel mit ihr, -- aber das andere ... nur diesen einen Augenblick, fr diese paar Worte ... Wir sind zwei Wesen und treffen uns hier auerhalb von Raum und Zeit ... zum letztenmal in der Welt. Lassen Sie diesen Ihren Ton, und nehmen Sie einen menschlichen an! Sprechen Sie doch ein einziges Mal im Leben mit einer menschlichen Stimme! Nicht um meinetwillen, sondern um Ihretwillen! Verstehen Sie denn nicht, da Sie mir diesen Schlag in Ihr Gesicht schon deshalb verzeihen mssen, weil ich Ihnen damit Gelegenheit gegeben habe, Ihre grenzenlose Macht zu fhlen. Schon wieder lcheln Sie Ihr verchtliches, angeekeltes Gesellschaftslcheln! Oh, wann werden Sie mich endlich verstehen! Zum Teufel mit dem verfluchten Herrensohn in Ihnen! So begreifen Sie doch, da ich das _verlange_, sonst will ich nicht mit Ihnen sprechen, werde es nicht tun, um keinen Preis, fr nichts in der Welt! Seine fanatische Wut grenzte schon an Fieberwahnsinn. Stawrogins Gesicht verfinsterte sich und er wurde vorsichtiger. Da ich nun schon eingewilligt habe, noch eine halbe Stunde hier zu bleiben, sagte er eindringlich und ernst, obgleich meine Zeit sehr kostbar ist, so knnten Sie mir doch glauben, da ich die Absicht habe, Sie wenigstens mit Interesse anzuhren. Er setzte sich wieder auf seinen Platz. Setzen Sie sich! rief Schatoff pltzlich und setzte sich dann gleichfalls. Einstweilen erlauben Sie mir aber noch, Sie daran zu erinnern, da ich meine Bitte an Sie, wegen Marja Timofejewna, eine Bitte, die wenigstens fr Marja Timofejewna von groer Wichtigkeit ... Nun? Schatoff rgerte sich, wie ein Mensch, den man pltzlich an der wichtigsten Stelle seiner Rede unterbricht, und der dann, wenn er seinen Widerpart auch ansieht, doch noch nicht den Sinn der Worte versteht. ... Und Sie unterbrachen mich, noch bevor ich meine Bitte zu Ende sprechen konnte, schlo Stawrogin lchelnd. Eh, was, Unsinn, nachher! rief Schatoff und winkte, da er endlich diese Anmaung begriff, nur angewidert ab und ging sofort gerade auf sein Ziel los. VII. Wissen Sie auch, begann er fast drohend, mit vorgebeugtem Krper und glnzenden Augen, wobei er den Zeigefinger seiner Rechten vor sich erhoben hielt, was er selbst gar nicht zu bemerken schien, wissen Sie auch, welches jetzt das einzige Gottrgervolk ist, das da kommen wird, die Welt zu erlsen und zu erneuen mit dem Namen des neuen Gottes -- das einzige Volk, dem die Quellen des Lebens und des neuen Wortes gegeben sind ... Wissen Sie auch, welches Volk das ist und wie sein Name lautet? Nach Ihrem Gebaren zu urteilen, mu ich unbedingt und wohl so schnell wie mglich sagen, da dieses Volk das russische sei. Und schon lachen Sie! Oh, Russen! Schatoff krallte vor Wut die Hand ins Haar. Beruhigen Sie sich, ich bitte Sie darum. Im Gegenteil: ich hatte sogar gerade etwas von dieser Art erwartet. Von dieser Art erwartet? Aber Ihnen selbst sind diese Worte nicht bekannt? Oh, sie sind mir durchaus bekannt. Ich sehe nur zu gut, wohin Sie damit wollen. Alles, was Sie sagten, und sogar der Ausdruck >Gottrgervolk< ist nichts anderes, als die Schlufolgerung aus unserem Gesprch, das wir vor zwei Jahren im Auslande hatten, kurz vor Ihrer Reise nach Amerika ... Wenigstens so weit ich mich dessen entsinnen kann. Aber das ist ja doch _Ihr_ Ausspruch, vom Anfang bis zum Ende _Ihr_ Ausspruch -- und nicht der meinige! Ihre eigenen Worte, und nicht nur die Folgerung aus unserem Gesprch! Und wie knnen Sie berhaupt sagen >unserem< Gesprch! Es war da ein Lehrer, der groe, mchtige Worte predigte, und es war da ein Schler, der von den Toten auferstand und zuhrte. Ich war der Schler und der Lehrer waren Sie. Doch erlauben Sie, wenn ich mich recht entsinne, so war es gerade nach meinen Worten, da Sie in jenen Bund eintraten und dann nach Amerika reisten? Ja -- doch ich schrieb Ihnen darber aus Amerika. Ich konnte mich damals noch nicht losreien von all dem, woran ich mich von Kindheit auf festgesogen hatte, das das Entzcken all meiner Hoffnungen gewesen war und die Trnen meines ganzen Hasses und meiner ganzen Verzweiflung ... Oh, es ist schwer, die Gtter zu wechseln! Ich glaubte Ihnen damals nicht, denn ich wollte nicht glauben und warf mich noch zum letztenmal in diese ... in diese Kloake ... Doch die Saat blieb und scho auf und wuchs. Aber sagen Sie im Ernst: haben Sie meinen Brief aus Amerika berhaupt nicht gelesen? Ich habe drei Seiten gelesen, die beiden ersten und die letzte, und das andere berflogen. brigens habe ich mir schon immer vorgenommen ... Eh, einerlei, lassen Sie es, zum Teufel damit, winkte Schatoff ab. Wenn Sie aber Ihren frheren Worten untreu geworden sind, wie konnten Sie sie denn damals aussprechen? Das ist es, was mich jetzt wrgt! Ich habe auch damals nicht mit Ihnen gescherzt. Als ich Sie berzeugen wollte, bemhte ich mich vielleicht weit mehr um mich selbst, als um Sie, antwortete Stawrogin rtselhaft. Nicht gescherzt! In Amerika habe ich drei Monate auf Stroh gelegen neben einem ... Unglcklichen, von dem ich erfuhr, da Sie in derselben Zeit, als Sie in meine Seele Gott und die Heimat pflanzten, das Herz dieses selben, dieses Maniaken Kirilloff, vergifteten ... Sie haben Lge und Verleumdung in ihm besttigt und seine Vernunft schlielich zum Wahnsinn gebracht. Gehen Sie, sehen Sie ihn sich an ... Das ist jetzt Ihr Geschpf! Aber Sie haben ihn ja gesehen ... Erstens mchte ich Ihnen sagen, da mir Kirilloff soeben selbst gesagt hat, da er glcklich ist und vollkommen. Was Sie da von >derselben Zeit< sagen, das ist allerdings fast richtig -- aber was liegt daran? Ich wiederhole nochmals, da ich weder Sie noch ihn betrogen habe. Sie sind Atheist? Sind Sie jetzt Atheist? Ja. Und damals? Ebenso wie heute. Ich habe nicht fr mich um Achtung gebeten, als ich das Gesprch begann. Das htten Sie, bei Ihrem Verstande, wirklich verstehen knnen, murmelte Schatoff unwillig. Ich bin nicht bei Ihrem ersten Worte aufgestanden, habe nicht dieses Gesprch abgebrochen, bin nicht fortgegangen, sitze noch jetzt hier und antworte gehorsam auf Ihre Fragen und ... Schreie -- also habe ich doch die Achtung vor Ihnen nicht vergessen. Schatoff unterbrach ihn mit einer Handbewegung: Erinnern Sie sich noch Ihres Ausspruchs: >ein Atheist kann nicht Russe sein< -- >ein Atheist hrt sofort auf, Russe zu sein< -- erinnern Sie sich? Ja? fragte Stawrogin gleichsam. Sie fragen noch? Sie haben es vergessen? Und doch ist es einer der richtigsten Hinweise auf eine der wichtigsten Besonderheiten des russischen Geistes, die Sie erraten haben. Nein, das haben Sie nicht vergessen knnen! Und ich werde Sie an noch etwas erinnern. Damals sagten Sie sogar: >Ja, wer nicht rechtglubig ist, der kann nicht Russe sein< ... Mir scheint, das ist ein Gedanke der Slawophilen. Nein. Die jetzigen Slawophilen wrden sich von ihm lossagen. Heute ist ja alle Welt klger geworden! _Sie_ aber gingen damals noch weiter: Sie sagten, da der Katholizismus berhaupt nicht mehr Christentum sei. Sie behaupteten, da der Christus, den Rom verkndet, der dritten Versuchung des Satans nicht widerstanden hat, und da Rom, wenn es alle Welt lehrt, Christus knne ohne Erdenreich auf der Erde nicht bestehen, damit den Antichrist verkndet und den ganzen Westen zugrunde gerichtet hat. Und Sie wiesen noch darauf hin, da, wenn Frankreich sich qult, daran einzig der Katholizismus die Schuld trgt, denn Frankreich habe den stinkenden rmischen Gott zwar verworfen, einen neuen Gott aber nicht zu finden vermocht. Ja, das alles haben Sie damals sagen knnen! Ich habe unsere Gesprche behalten. Wenn ich glubig wre, so wrde ich zweifellos auch jetzt noch dasselbe wiederholen: ich log nicht, als ich wie ein Glubiger sprach, sagte Stawrogin sehr ernst, aber ich versichere Ihnen, da diese Wiederholungen meiner frheren Gedanken einen unangenehmen Eindruck auf mich machen. Knnen Sie nicht abbrechen? Wenn Sie glubig wren?! rief Schatoff, ohne der Bitte die geringste Beachtung zu schenken. Aber wer war es denn, der mir einst sagte: >Wenn man mir mathematisch bewiese, da die Wahrheit nicht in Christus ist, so wrde ich es dennoch vorziehen, mit Christus zu bleiben, als mit der Wahrheit< --? Sollten Sie das wirklich nicht gewesen sein? Oder haben Sie das gesagt? Haben Sie's? Aber erlauben Sie auch mir, endlich zu fragen, -- Stawrogin erhob nun auch seine Stimme -- was Sie mit diesem ungeduldigen und ... boshaften Examen eigentlich von mir wollen? Dieses Examen vergeht und Sie werden nie wieder daran erinnert werden. Sie bestehen immer noch darauf, da wir auerhalb von Raum und Zeit sind? Schweigen Sie! fuhr ihn Schatoff pltzlich an. Ich bin dumm und ungeschickt, doch mag mein Name in Lcherlichkeit untergehen -- darauf kommt's nicht an. Aber ... werden Sie mir gestatten, hier vor Ihnen wenigstens noch Ihren grten Gedanken von damals zu wiederholen ... nur zehn Zeilen, nur die letzte Zusammenfassung? Wiederholen Sie ... wenn es wirklich nur die Zusammenfassung ist ... Stawrogin wollte schon nach der Uhr sehen, bezwang sich aber und tat es nicht. Schatoff beugte wieder den Oberkrper vor und auf einen Augenblick erhob er sogar abermals den Zeigefinger. Noch kein einziges Volk, begann er, als lese er Zeile fr Zeile aus einem Buche ab, whrend er dabei Stawrogin unverndert streng ansah, noch kein einziges Volk hat sich auf den Grundlagen der Vernunft und Wissenschaft aufgebaut und eingerichtet. Dieses Beispiel hat noch kein Volk gegeben, auer vielleicht fr die Dauer von hchstens einem Augenblick, und dann geschah es aus Dummheit. Der Sozialismus mu schon seinem Wesen nach Atheismus sein, denn er verkndet gleich ausdrcklich und mit seinem ersten Satz, da er seine Welt ausschlielich auf Vernunft und Wissenschaft aufzubauen beabsichtigt. Doch Vernunft und Wissenschaft haben im Leben der Vlker stets, sowohl jetzt wie von jeher, nur eine zweitrangige und dienende Aufgabe erfllt; und das werden sie bis zum Ende der Welt tun. Gestaltet und bewegt aber werden die Vlker von einer ganz anderen Kraft, von einer befehlenden und zwingenden, deren Ursprung jedoch unbekannt und unerklrlich bleibt. Es ist die Kraft des unstillbaren Wunsches, zum Ende zu gelangen, und die sich zu gleicher Zeit stndig des Endes erwehrt. Es ist die Kraft der fortwhrenden und unermdlichen Besttigung des Seins und Verneinung des Todes. Es ist der Geist der ewig flieenden Wasser des Lebens, wie die Heilige Schrift sagt, und mit deren Versiegen die Apokalypse so furchtbar droht. Es ist der sthetische Trieb, wie die Knstler, es ist der moralische Trieb, wie die Philosophen ihn nennen. Ich sage einfach: >Es ist das Suchen nach Gott<. Das ewige Ziel der ganzen Bewegung eines Volkes, jedes Volkes, und jedes besondere Ziel in jedem Abschnitt seiner Geschichte ist immer und einzig sein Suchen nach Gott, nach _seinem_ Gott, unbedingt nach seinem eigenen, seinem besonderen Gott, und dann der Glaube an diesen Gott als an den einzig wahren. Gott ist die synthetische Persnlichkeit eines ganzen Volkes von seinem Anfang bis zu seinem Ende. Noch nie ist es vorgekommen, da zwei oder mehrere Vlker ein und denselben Gott gehabt htten, sondern jedes Volk hat stets seinen eigenen Gott gehabt. Ein Anzeichen des Niedergangs der Vlker ist es, wenn ihre Gtter allgemein werden. Und wenn die Gtter allgemein werden, dann sterben die Gtter und stirbt der Glaube an sie zusammen mit den Vlkern. Je strker aber ein Volk ist, desto ausschlielicher ist auch sein Gott. Noch hat es nie ein Volk ohne Religion gegeben, das heit, ohne Vorstellung von Gut und Bse. Jedes Volk hat seinen eigenen Begriff von Gut und Bse, und sein eigenes Gut und Bse. Wenn bei vielen Vlkern die Begriffe von Gut und Bse gemeingltig zu werden beginnen, dann verwischt sich und verschwindet der Unterschied zwischen Gut und Bse und die Vlker gehen zugrunde. Noch nie ist die Vernunft fhig gewesen, Gut und Bse zu erklren, oder auch nur Bse und Gut auseinanderzuhalten, wenn auch nur annhernd. Im Gegenteil, stets hat sie Gut und Bse nur schmhlich und klglich miteinander verwechselt. Die Wissenschaft aber hat immer nur rohe, plumpe Antworten gegeben. Und besonders hat sich darin die Halbwissenschaft ausgezeichnet, diese schrecklichste aller Geieln der Menschheit, furchtbarer als Pest, Hunger und Krieg, die bis zum jetzigen Jahrhundert unbekannt war. Die Halbwissenschaft -- die ist ein Despot, wie es bisher noch keinen gegeben hat. Ein Despot, der seine Priester und Sklaven hat, ein Despot, vor dem alles in Liebe und mit einem Aberglauben sich beugt, der bisher undenkbar gewesen wre, vor dem sogar die Wissenschaft selbst zittert und dem sie schmachvoll genug beipflichtet. -- Das sind alles Ihre eigenen Worte, Stawrogin, nur die ber die Halbwissenschaft, die sind von mir, der ich selbst solch ein Halbwissenschaftler bin und sie darum hasse, wie ich nur etwas hassen kann. An Ihren Gedanken aber und sogar an Ihren Worten habe ich nichts gendert, nicht eine einzige Silbe. Ich glaube nicht, da Sie nichts verndert haben, bemerkte Stawrogin vorsichtig, Sie haben alles leidenschaftlich erfat und es auch leidenschaftlich verndert -- vielleicht ohne es zu bemerken. Schon allein, da Sie Gott zu einem einfachen Attribut des Volkes erniedrigen -- Er begann pltzlich, Schatoff mit einer ganz besonderen Aufmerksamkeit zu betrachten, nicht einmal so sehr auf seine Worte zu hren, als ihn selbst zu beobachten. Ich erniedrige Gott zu einem Attribut des Volkes! Im Gegenteil, ich erhebe das Volk bis zu Gott! Das Volk, -- das ist der Krper Gottes. Jedes Volk ist nur so lange Volk, wie es noch seinen besonderen, seinen eigenen Gott hat, und all die anderen Gtter auf der Welt stark und grausam von sich stt; so lange es noch glaubt, da es nur mit _seinem_ Gott siegen und alle anderen Gtter und Vlker sich unterwerfen kann. Das haben alle groen Vlker der Erde von sich und ihrem Gotte geglaubt, wenigstens alle einigermaen hervorragenden, alle, die einmal an der Spitze der Menschheit gestanden. Die Juden haben nur zu dem Zweck gelebt, um den wahren Gott zu erwarten, und so haben sie denn jetzt der Welt den wahren Gott hinterlassen. Die Griechen haben die Natur vergttert und der Welt ihre griechische Religion, das heit, Philosophie und Kunst, hinterlassen. Rom hat das Volk im Staate vergttert und den Vlkern den Staat vermacht. Frankreich war in seiner ganzen langen Geschichte nur die Verkrperung und Entwicklung des Gottes >Katholizismus<; und wenn es diesen seinen rmischen Gott schlielich in den Orkus warf und sich dem Atheismus hingab, der bei den Franzosen vorlufig noch Sozialismus heit -- so geschah das nur deshalb, weil der Atheismus schlielich doch gesnder ist als der rmische Katholizismus. Wenn ein groes Volk nicht glaubt, da in ihm _allein_ die Wahrheit ist (gerade in _ihm_ allein und unbedingt _ausschlielich_ in ihm), wenn es nicht glaubt, da es ganz allein fhig und berufen ist, alle anderen Vlker zu erwecken und sie mit seiner Wahrheit zu erretten, so wird es sofort zu ethnographischem Material, doch nicht zu einem groen Volk! Ein wahrhaft groes Volk kann sich auch nie mit einer zweitrangigen Rolle in der Menschheit zufrieden geben, ja, noch nicht einmal mit einer erstrangigen, sondern es mu unbedingt und ausschlielich das Erste unter den Vlkern sein wollen. Ein Volk, das diesen Glauben verliert, ist kein Volk mehr. Doch da es nur eine Wahrheit gibt, so kann auch nur ein einziges Volk den einzigen wahren Gott haben, mgen andere Vlker auch ihre eigenen und noch so groen Gtter besitzen. Das einzige Gottrgervolk aber -- das sind wir, das ist das russische Volk, und ... und ... und sollten Sie mich wirklich fr so dumm halten, Stawrogin, brllte er pltzlich voll Ingrimm, da ich nicht mehr zu unterscheiden vermag, ob diese meine Worte altes, mrbes Gewsch sind, das von allen mglichen Moskauer Slawophilenmhlen schon durch und durch gemahlen ist, oder ob es neue Worte sind, vollstndig reine und neue Worte, die letzten Worte, die einzigen Worte der Erlsung und Auferstehung und ... Eh, was geht mich jetzt in diesem Augenblick Ihr Lachen an! Was geht es mich an, da Sie mich berhaupt nicht, berhaupt nicht verstehen, kein Wort, keinen Ton ... Oh, wie unsagbar ich es verachte, Ihr stolzes Lachen und Ihren stolzen Blick gerade jetzt! Er sprang auf, sogar Schaum war auf seinen Lippen. Im Gegenteil, Schatoff, ganz im Gegenteil, sagte Stawrogin ungewhnlich ernst, ohne sich von seinem Platz zu erheben, im Gegenteil, Sie haben mit Ihren glhenden Worten ungemein starke Erinnerungen in mir wachgerufen. Ich finde meine eigene Stimmung von damals, vor zwei Jahren, wieder, und jetzt werde ich Ihnen schon nicht mehr sagen, da Sie meine Gedanken vergrert haben. Es scheint mir sogar, da ich sie noch schrfer, noch autokratischer damals prgte, und ich versichere Ihnen auf jeden Fall, da ich sogar sehr gerne alles besttigen wrde, was Sie da sagten, aber ... Aber Sie brauchen den Hasen? Wa--as? Das ist ja Ihr eigener, gemeiner Ausdruck! lachte Schatoff hhnisch auf und setzte sich wieder. >Um eine Hasensauce zu machen, braucht man einen Hasen, und um an Gott zu glauben, mu erst Gott da sein.< Das sollen Sie in Petersburg gesagt haben, _ la_ Nosdreff,[37] der den Hasen an den Hinterbeinen fangen wollte. Nein, Nosdreff prahlte, er htte ihn bereits gefangen. brigens, erlauben Sie eine Frage, zumal ich jetzt wohl das volle Recht dazu haben drfte: Ist Ihr Hase eigentlich schon gefangen oder luft er noch? Unterstehen Sie sich nicht, mich mit solchen Worten zu fragen! Fragen Sie mit anderen, mit anderen! Schatoff zitterte pltzlich. Wie Sie wnschen. Also mit anderen. Stawrogin sah ihn mit hartem Blick an. Ich wollte nur wissen: glauben Sie selbst an Gott, oder nicht? Ich glaube an Ruland, ich glaube an seine Rechtglubigkeit ... Ich glaube an den Leib Christi ... Ich glaube, da die neue Wiederkunft in Ruland geschehen wird ... Ich glaube ... stammelte Schatoff wie in Verzckung. Aber an Gott? An Gott? Ich ... ich werde glauben -- an Gott. Kein einziger Muskel bewegte sich im Gesicht Stawrogins. Schatoff sah ihn glhend, mit Herausforderung an, ganz als htte er ihn verbrennen wollen mit seinem Blick. Ich habe Ihnen doch nicht gesagt, da ich berhaupt nicht glaube, rief er schlielich. Ich gebe doch nur zu verstehen, da ich ein unglckliches, langweiliges Buch bin und vorlufig nichts weiter, vorlufig ... Aber was liegt an mir! Es liegt ja alles bei Ihnen! Ich bin nur ein unbegabter Mensch und kann nur mein Blut hingeben und weiter nichts, wie jeder unbegabte Mensch. So mag denn mein Blut auch flieen! Ich spreche jetzt von Ihnen. Ich habe zwei Jahre hier auf Sie gewartet ... Nur um Ihretwillen tanze ich jetzt hier nackt vor Ihnen. Nur Sie ... Sie allein knnten die Fahne erheben! ... Er sprach nicht zu Ende und wie in Verzweiflung sttzte er die Arme auf den Tisch und vergrub den Kopf in den Hnden. Ich mchte, da Sie darauf zu sprechen gekommen sind, nur eines bemerken, als Kuriositt, unterbrach Stawrogin pltzlich die Stille. Warum wollen mir alle immer eine Fahne aufdrngen? Auch Pjotr Stepanowitsch ist berzeugt, ich allein knnte ihre >Fahne erheben<, -- wenigstens hat man mir diesen Ausspruch von ihm wiedergegeben. Er hat es sich in den Kopf gesetzt, ich wre fhig, fr sie die Rolle eines Stenka Rasin[38] zu spielen, dank meiner >ungewhnlichen Fhigkeit zum Verbrechen< -- gleichfalls seine Worte. Wie? Dank Ihrer >ungewhnlichen Fhigkeit zum Verbrechen?< fragte Schatoff. Genau so. Hm! ... Aber ist es wahr, fragte Schatoff mit einem bsen Lcheln, da Sie in Petersburg zu einer viehischen, wollstigen Gesellschaft gehrt haben? Da Sie sich selbst gerhmt haben, der Marquis de Sade htte von Ihnen noch lernen knnen? Da Sie Kinder zu sich gelockt und verdorben haben? Antworten Sie! Und wagen Sie nicht, zu lgen! Stawrogin kann nicht lgen -- vor Schatoff, der ihn ins Gesicht geschlagen hat! Sagen Sie, sagen Sie alles, und wenn es wahr ist, so werde ich Sie auf der Stelle totschlagen! schrie Schatoff wie wahnsinnig. Diese Worte habe ich gesagt, aber Kindern habe ich nichts angetan, sagte Stawrogin schlielich, aber erst nach einem gar zu langen Schweigen. Er war erblat und seine Augen glhten. Aber Sie haben es gesagt! fuhr Schatoff herrisch fort, ohne seinen sprhenden Blick von ihm abzuwenden. Und ist es wahr, da Sie versichert haben, Sie wten keinen Schnheitsunterschied zwischen irgendeinem wollstigen, tierischen Streiche und gleichviel welcher Heldentat, und wre es selbst das Opfer des Lebens fr die Menschheit? Ist es wahr, da Sie in beiden Polen die gleiche Schnheit fanden, den gleichen Genu? So zu antworten ist unmglich ... ich will nicht antworten, murmelte Stawrogin, der jetzt sehr gut htte aufstehen und fortgehen knnen und doch nicht aufstand und nicht fortging. Ich wei es auch nicht, warum das Bse hlich und das Gute schn ist, aber ich wei, warum die Empfindung dieses Unterschieds erlischt und verloren geht bei solchen Herrschaften, wie Stawrogin und seinesgleichen, lie Schatoff, am ganzen Krper bebend, nicht davon ab. Wissen Sie auch, warum Sie damals geheiratet haben, so schmachvoll, schndlich und gemein? Gerade deshalb, weil hier die Schmach und Gemeinheit schon an Genialitt grenzte! Oh, Sie schlendern nicht blo so am Rande, Sie strzen sich dreist mit dem Kopf voran in den Abgrund hinab. Aus Leidenschaft zur Qual haben Sie geheiratet, aus Leidenschaft zu Reue und Gewissensbissen, aus geistiger, sittlicher Wollust. Hier waren Ihre Nerven wund ... Die Herausforderung an die gesunde Vernunft, die hierin lag, war schon gar zu verfhrerisch! _Stawrogin!_ und eine hliche, schwachsinnige Bettlerin, die dazu noch krppelig ist! -- Als Sie den Gouverneur ins Ohr bissen, empfanden Sie da nicht Wollust? Empfanden Sie sie? Miger, sich herumtreibender Herrensohn, empfanden Sie sie? Sie sind Psychologe, sagte Stawrogin, der bleicher und bleicher wurde, obschon Sie sich in den Grnden meiner Heirat teilweise irren ... Wer hat Ihnen brigens all dieses mitteilen knnen? ... Er zwang sich zu einem Spottlcheln. Doch nicht Kirilloff? Aber der war ja gar nicht zugegen ... Warum sind Sie bleich geworden? Was _wollen_ Sie nur von mir? Stawrogin erhob schlielich die Stimme: Ich habe hier eine halbe Stunde unter Ihrer Knute gesessen, nun knnten Sie mich doch wenigstens hflich fortgehen lassen ... wenn Sie in der Tat keinen vernnftigen Grund haben, mit mir in dieser Art umzugehen. Vernnftigen Grund? Zweifellos. Es wre zum mindesten Ihre Pflicht, mir zu sagen, was Sie eigentlich bezwecken. Ich habe die ganze Zeit darauf gewartet, da Sie es tun wrden. Ich habe aber nur eine einzige rasende Bosheit in Ihnen gefunden. Ich bitte Sie, mir die Hofpforte zu ffnen. Er erhob sich. Schatoff strzte ihm nach, wild vor Grimm. Kssen Sie die Erde, trnken Sie sie mit Trnen, bitten Sie um Vergebung! rief er, ihn an der Schulter packend. Ich habe Sie nicht erschlagen ... an jenem Sonntagmorgen ... Ich nahm beide Hnde zurck ... sagte Stawrogin wie im Schmerz und sah zu Boden. So sprechen Sie doch, so sagen Sie doch alles! Sie kamen her, um mich vor der Gefahr zu warnen, Sie lieen es zu, da ich sprach, und morgen wollen Sie Ihre Heirat ffentlich bekanntmachen! ... Sehe ich es denn nicht Ihrem Gesicht an, da Sie mit irgendeinem neuen furchtbaren Gedanken ringen ... Stawrogin, warum bin ich dazu verurteilt, bis in alle Ewigkeit an Sie zu glauben? Htte ich denn mit einem anderen so sprechen knnen? Ich habe Keuschheit, aber ich habe mich meiner Nacktheit nicht geschmt, -- denn es war _Stawrogin_, vor dem ich sprach! Ich habe mich nicht gefrchtet, den groen Gedanken durch meine Berhrung zu karikieren, denn _Stawrogin_ hrte mir zu! ... Und werde ich denn nicht die Spuren Ihrer Tritte kssen, wenn Sie fortgegangen sind? Ich kann nicht, ich kann Sie nicht aus meinem Herzen reien, Nicolai Stawrogin! Es tut mir leid, da ich Sie nicht lieben kann, Schatoff! sagte Stawrogin kalt. Ich wei, da Sie es nicht knnen, und ich wei auch, da Sie nicht lgen. Aber hren Sie, ich werde alles gut machen: ich werde Ihnen den Hasen verschaffen! Stawrogin schwieg. Sie sind Atheist, weil Sie ein Herrensohn sind, der letzte Herrensohn. Sie haben den Unterschied zwischen Gut und Bse verloren, denn Sie haben aufgehrt, Ihr Volk zu verstehen ... Es steigt eine neue Generation herauf, unmittelbar aus dem Herzen dieses Volkes, doch Sie werden sie nie erkennen, weder Sie noch die Werchowenski, Vater und Sohn, noch ich, denn auch ich bin ein Herrensohn, ja, ich, der Sohn Ihres leibeigenen Dieners Paschka ... Hren Sie, verschaffen Sie sich Gott durch Arbeit -- hierin liegt der ganze Kern ... Oder verschwinden Sie als gemeine, faulende Schimmelschicht ... Erwerben Sie sich Gott durch Arbeit! Gott durch Arbeit? Mit welcher Arbeit? Mit gemeiner Bauernarbeit! Gehen Sie, werfen Sie Ihren ganzen Reichtum hin ... Ah! Sie lachen, Sie frchten wohl, da eine Posse dabei herauskommen wird? Doch Stawrogin lachte nicht. So glauben Sie, da man Gott durch Arbeit erringen kann, und zwar gerade Bauernarbeit? wiederholte er nachdenklich, als htte man ihm in der Tat etwas Neues und Ernstes gesagt, worber nachzudenken sich lohnte. Aber wissen Sie auch, sagte er pltzlich, auf etwas anderes bergehend, da ich durchaus nicht reich bin und fast nichts mehr hinwerfen knnte? Ich bin sogar kaum imstande, die Zukunft Marja Timofejewnas sicherzustellen ... Ja, und damit ich es nicht vergesse: ich wollte Sie bitten, Marja Timofejewna auch fernerhin, wenn es Ihnen mglich ist, beizustehen, da doch nur Sie allein einen gewissen Einflu auf ihren armen Verstand haben knnten. Ich sage das nur auf alle Flle. Schon gut, schon gut! Schatoff winkte mit der einen Hand ab, whrend er mit der anderen das Licht hielt. Sie reden von Marja Timofejewna, gut, ich werde schon, das ist ja selbstverstndlich ... Aber hren Sie, gehen Sie zu Tichon. Zu wem? Zu Tichon. Er ist ein frherer Bischof, der jetzt -- krankheitshalber zurckgezogen -- hier in der Stadt wohnt, hier in unserem Jefimjeff-Kloster. Und --? Nichts weiter. Man pilgert und fhrt jetzt zu ihm. Gehen Sie auch zu ihm, was macht es Ihnen denn aus? Gehen Sie auch! Hre es zum erstenmal und ... Diese Sorte Menschen habe ich noch nie gesehn. Ich danke Ihnen, ich werde hingehen. Hierher! Schatoff leuchtete und geleitete ihn die Treppe hinunter. So, sagte er und stie die Hofpforte sperrangelweit zur Strae auf. Ich werde nicht mehr zu Ihnen kommen, Schatoff, sagte Stawrogin leise, indem er durch die Pforte trat. Die Nacht war nach wie vor finster und der Regen hatte noch immer nicht aufgehrt ... Siebentes Kapitel. Die Nacht (Fortsetzung) I. Er ging die ganze Bogojawlenskstrae hinunter; schlielich fhrte der Weg leicht abwrts, seine Fe glitschten im Schlamm, und pltzlich ffnete sich vor ihm im Dunkeln ein breiter, nebliger, gleichsam leerer Raum -- der Flu. Die Huser waren hier nicht mehr Huser zu nennen, sondern Htten, und die Strae hatte sich in vielen Sackgassen und Gchen verloren. Nicolai Wszewolodowitsch ging eine ganze Weile an den Zunen entlang, ohne sich vom Fluufer zu entfernen, verfolgte aber standhaft seinen Weg, doch eigentlich ohne viel an ihn zu denken. Er war mit ganz anderen Dingen beschftigt und sah sich erstaunt um, als er sich pltzlich, aus tiefem Denken erwachend, fast in der Mitte unserer langen, nassen Flobrcke fand. Keine Seele ringsum. Nichts rhrte sich. Um so sonderbarer erschien es ihm da, als pltzlich fast unmittelbar neben seinem Ellenbogen eine hflich familire, doch brigens ganz angenehme Stimme ertnte, aber in jenem slich abgerundeten Redeflu, mit dem bei uns gar zu zivilisierte Kleinbrger oder lockenhuptige junge Kommis in den Kauflden zu paradieren pflegen. Wrde mir der gndige Herr nicht erlauben, das Regenschirmchen mit eins zu bentzen? Und tatschlich, eine Gestalt drckte sich unter seinen Schirm, oder tat wenigstens so, als wage sie es. Der Strolch ging neben ihm, ihn fast mit dem Ellenbogen fhlend, wie unsere Soldaten sagen. Nicolai Wszewolodowitsch verlangsamte den Schritt und beugte sich ein wenig, um dem Unbekannten ins Gesicht sehen zu knnen, soweit das in der Finsternis mglich war: ein Mensch, nicht gro von Wuchs und in etwa wie ein heruntergekommener, verbummelter Kleinbrger, schlecht und nicht warm gekleidet; auf dem krausen, zottigen Haar sa schief eine nasse Tuchmtze mit halbabgerissenem Schirm. Es schien ein schwarzhaariger Mensch zu sein, mager und braun; die Augen waren gro, unbedingt schwarz, mit jenem starken Glanz und gelben Schimmer, wie ihn Zigeuner haben, -- das erriet man in der Dunkelheit. Alt mochte er sein -- gegen vierzig, und er war nicht betrunken. Du kennst mich? fragte Stawrogin. Herr Stawrogin, Nicolai Wszewolodowitsch. Man hat Sie mir auf der Bahnstation gezeigt, kaum da die Maschine hielt, akkurat am vorvergangenen Sonntag. Auer da man schon frher von Ihnen gehrt hat. Von Pjotr Stepanowitsch? Du ... du bist der Zuchthusler Fedjka? Getauft hat man mich Fjodor Fjodorowitsch. Hab bis auf den heutigen Tag noch eine leibliche Mutter in hiesiger Gegend, eine alte Gottesdienerin, die zur Erde wchst, fr uns selber Tag und Nacht alleweil zu Gott betet, damit da sie nicht ganz umsonst ihre Altweiberzeit auf dem Ofen verliert. Du bist aus dem Zuchthause entsprungen? Ich hab' halt selber mein Los verndert und ihnen da den ganzen Krempel hingeworfen. Denn ich war halt beinah auf Lebenszeit zur Zwangsarbeit verurteilt, und da war's denn schon ganz absonderlich lang auf das Ende zu warten ... Was treibst du hier? Ja, so, ein Tag und eine Nacht und immer ist noch nichts gemacht. Die Zeit vergeht halt von selber. Was unser Onkel ist, der ist hier in der vorigen Woche im Gefngnis gestorben, wo er von wegen falscher Gelder sa, und da hab ich denn ein Gedchtnisfeierchen fr ihn gemacht und dabei so selbentlich zweimal zehn Rubel an die Hunde gebracht -- das ist auch alles von unseren Taten bis eben jetzt. Und dabei haben Pjotr Stepanowitsch die Mglichkeit, uns einen Paschport auf ganz Ruland zu verschaffen, als was das Herz nur will, sogar als Kaufmann. Und da wart ich denn, bis er mir seinen Segen schenkt. Darum sagen sie, -- ich meine: er, Pjotr Stepanowitsch --, darum sagt er, da Papa dich im englischen Klub beim Kartenspiel verspielt hat, und so finde ich, sagt er, ich meine Pjotr Stepanowitsch, so finde ich diese Unmenschlichkeit ungerecht. -- Sie knnten mir doch, gndiger Herr, mit drei Rubelchen so zum Erwrmen, fr ein Teechen, wohlwollen? Du hast mir hier also aufgelauert. Das liebe ich nicht. Auf wessen Befehl hast du es getan? Was von Befehl, so ist davon gar nichts gewesen: ich kenn' nur blo auch Ihre Menschenliebe, wie alle Welt es eben tut. Denn unsere Einknftekens, Sie wissen ja selbst, Herr, da die halt 'ne Maus auf'm Schwanz fortschleppen kann. Das war vor'gen Freitag, da habe ich mich mal vollgeschlagen mit Fleisch, wie Martyn mit Seife, wie man zu sagen pflegt, aber seit damals hab ich den ersten Tag nichts gegessen, den zweiten gefastet und den dritten wieder nichts. Wasser ist ja im Flu, bei Gott, so viel du willst, aber davon allein kann man im Magen doch nur Karauschen zchten ... Na, und so berhaupt, der gndige Herr werden doch wohl von den Mildttigen sein? Und ich hab hier gerade 'ne Gevatterin nich weit, die mich erwartet: nur komm du nich ohne Rubelchen zu ihr! Was hat dir denn Pjotr Stepanowitsch von mir versprochen? Nicht, da er mir was vorversprochen hat, er hat nur so mit Worten gesagt, da ich, nu ja, dem gndigen Herrn mal ntig sein knnte, wenn solch ein Streifen mal vorkommt; aber zu was, das hat er eigentlich nich so geradeheraus gesagt, so mit Genauigkeit, denn Pjotr Stepanowitsch will nur so zum Beispiel sehen, ob ich nich Kosakengeduld habe, und Vertrauen hat er nich fr 'ne Kopeke zu mir. Warum denn nicht? Ja, Pjotr Stepanowitsch mag wohl ein Astrolom sein und hat jetzt vielleicht auch alle Gottesplaneten erkannt, aber der Allerklgste ist er doch noch nich. Ich bin vor Ihnen, gndiger Herr, wie vor Gottes Antlitz selber, denn ich hab vieles gehrt, was man so spricht von Ihnen. Pjotr Stepanowitsch -- das ist eins, aber Sie, gndiger Herr, das ist es eben, sind das andere. Wenn der von einem Menschen sagt: 'n Gauner, so ahnt ihm schon auer diesem von diesem Menschen gar nichts mehr. Sagt er: 'n Kamel, so kann der Mensch bei ihm schon nie und nimmer einen anderen Namen kriegen. Ich aber, ich bin vielleicht, kann sein, nur am Dienstag und Mittwoch 'n Kamel, aber Donnerstag vielleicht auch klger als er selber. Jetzt wei er blo eben von mir, da ich gerade groe Sehnsucht nach einem Paschport habe, denn wissen Sie, in Ruland geht's ohne Dokumentchen auf keinerlei Art -- und schon glaubt er, er hat meine Seele in der Hand! Hehe, gepfiffen! Ich sag Ihnen, Herr, Pjotr Stepanowitsch hat's furchtbar leicht zu leben auf der Welt, denn, sehen Sie, er stellt sich einen Menschen so vor, wie er ihn haben will, und so lebt er denn auch mit ihm. Dazu ist er noch geizig, da es schon gar keine Art mehr mit ihm hat. Er glaubt, da ich auer als durch ihn schon nie nich wagen werde, Sie zu belstigen, aber ich bin vor Ihnen, gndiger Herr, wie vor'm Angesicht des leibhaftigen Gottes selber, -- schon die vierte Nacht erwarte ich den gndigen Herrn hier auf dieser Brcke, in der Sache, da ich auch ohne ihn mit leisen Schritten, wie man sagt, meinen eigenen Weg finden kann. Besser, denke ich, du verneigst dich vor 'nem Stiefel als vor 'nem Bastschuh. Wer hat es dir denn gesagt, da ich nachts ber diese Brcke gehen werde? Ja, das ist schon, mu ich sagen, von anderweitig herausgekommen, mehr aus der Dummheit des Hauptmann Lebdkin, denn der kann schon gar nichts fr sich behalten ... Also dann drei Rubelchen vom gndigen Herrn fr die drei Nchte, als fr die Langeweile, zum Beispiel? Und da die Kleider quatschna sind, davon schweigen wir schon allein von wegen der Beleidigung. Ich gehe jetzt nach links und du nach rechts; die Brcke ist zu Ende. Hre, Fedjka, ich liebe es, da man meine Worte ein fr allemal behlt: ich gebe dir keine Kopeke und werde dich niemals -- hrst du? -- niemals brauchen; ferner werde ich dich weder hier auf der Brcke noch sonst wo treffen, verstanden? Und wenn du dir das nicht merkst -- so binde ich dich und bergebe dich der Polizei. Jetzt -- marsch! O je! Aber fr die Unterhaltung schmeien Sie mir doch wenigstens was -- es war doch lustiger, so zu gehen. Pack dich! Ja, aber wissen Sie denn hier auch den Weg? Hier gehen ja doch so verdrehte Wege ... ich knnte zeigen, denn die hiesige Stadt auf diesem Ufer -- das ist doch ganz, als ob der Teufel sie im Korb getragen htte: alles hat er durcheinandergeschttelt. Zum ... Ich binde dich! wandte sich Stawrogin drohend nach ihm um. Denken Sie nach, vielleicht doch, gndiger Herr? Kann man denn eine Waise lange beleidigen? Du scheinst ja wirklich auf dich zu bauen! Ach, gndiger Herr, ich baue auf Sie, aber nicht, da ich sonderlich auf mich baute! Ich brauche dich nicht, hab ich dir schon gesagt! Aber ich brauche doch Sie, gndiger Herr! Das ist es ja eben. Nu, werde also warten, bis Sie zurckkommen. Mein Wort: wenn ich dich antreffe, binde ich dich! So werd' ich denn schon einen Gurt bereit halten. Glckliche Reise, gndiger Herr; haben doch alleweil mit dem Schirmchen 'ne Waise beschtzt; schon dafr allein werden wir bis zum Grabe dankbar sein, gndiger Herr. Er blieb zurck. Stawrogin ging besorgt weiter. Dieser pltzlich aus der Nacht aufgetauchte Mensch war von seiner Notwendigkeit fr ihn doch schon gar zu berzeugt und beeilte sich doch schon zu schamlos, ihm das zu zeigen. berhaupt machte man mit ihm jetzt keine Umstnde mehr. Aber es konnte doch auch sein, da der Strolch nicht alles gelogen und seine Dienste wirklich nur von sich aus angeboten hatte, und zwar gerade heimlich, hinter Pjotr Stepanowitschs Rcken. Das aber gab dann doch am meisten zu denken. II. Das Haus, zu dem Stawrogin ging, lag an einer den, entlegenen Gasse buchstblich am uersten Rande der Vorstadt, zwischen niedrigen Zunen, hinter denen sich Gemsegrten hinzogen. Es war ein alleinstehendes kleines hlzernes Haus, das man gerade erst erbaut hatte und das von auen noch nicht einmal mit Brettern beschlagen war. Die Lden des einen Fensters hatte man wohl absichtlich nicht geschlossen, denn auf dem Fensterbrett stand ein brennendes Licht, augenscheinlich als Wegweiser und Zeichen fr den spt erwarteten Gast. Schon von weitem, ber dreiig Schritte von der Tr, erkannte Stawrogin auf der kleinen Haustreppe die Gestalt eines Menschen von hohem Wuchs, der offenbar ber dem Warten die Geduld verloren hatte und herausgetreten war. Da hrte er auch schon seine Stimme, voll Ungeduld und doch gleichsam zaghaft. Sind Sie es? Sie? Ich bin's, antwortete Stawrogin, doch nicht eher, als bis er ganz herangetreten war und den Schirm schlo. Endlich! Hauptmann Lebdkin trat hin und her und bewegte sich mit geschftigem Diensteifer. Das Schirmchen, wenn ich bitten darf; sehr na heute; ich werde es aufschlagen und hier in der Ecke auf den Fuboden stellen. Bitte -- bitte einzutreten, hier geht's hinein; bitte schn. Die Tr aus dem Flur ins Wohnzimmer, in dem zwei Kerzen brannten, stand weit offen. Wenn Sie nicht selbst Ihr unbedingtes Kommen angesagt htten, so htte ich es schon aufgegeben, Sie zu erwarten. Viertel vor eins, sagte Stawrogin, der ins Zimmer trat, nach einem Blick auf seine Uhr. Und dabei noch Regen -- und eine so interessante Entfernung ... Eine Uhr habe ich nicht, und vor dem Fenster nur Gemsegrten, da -- da bleibt man hinter den Ereignissen zurck. -- Aber das soll kein Vorwurf sein, das wage ich ja gar nicht, bewahre, sondern einzig nur so ... aus Ungeduld, wenn man sich die ganze Woche verzehrt ... um endlich erlst zu werden ... Wie? Um seinen Schicksalsspruch zu hren, Nicolai Wszewolodowitsch. Und mit einer Verbeugung auf das Sofa weisend, vor dem ein Tisch stand: Bitte, nehmen Sie Platz. Stawrogin sah sich im Zimmer um: es war klein und niedrig. Die ganze Einrichtung bestand nur aus dem Notwendigsten: aus zwei einfachen neuen Holzsthlen, einem gleichfalls neuen, noch unberzogenen Sofa mit hlzerner Lehne und ohne Seitenpolster, und zwei Tischen. Auf dem kleineren, in der Ecke, standen irgendwelche Dinge, ber die man eine saubere Serviette gebreitet hatte. berhaupt schien man das ganze Zimmer uerst sauber gehalten zu haben. Der Hauptmann war nun schon an die acht Tage nchtern. Sein Gesicht sah gelb und abgefallen aus, der Blick war unruhig, neugierig und eigentlich verstndnislos: man sah ihm an, da er noch nicht wute, in welch einem Ton er sprechen durfte und welcher schlielich der ratsamste war. Wie Sie sehen, wies er mit pathetischer Geste herum, lebe ich wie ein Heiliger: Nchternheit, Einsamkeit und Armut -- das Gelbde der alten Ritter! Sie glauben, die alten Ritter htten solche Gelbde getan? Tja, vielleicht habe ich mich auch verhauen? O weh, fr mich gibt es keine Entwicklung mehr! Alles verdorben! Glauben Sie mir, Nicolai Wszewolodowitsch, hier bin ich zum erstenmal aufgewacht aus diesem Schandleben, -- kein Glschen mehr, kein Trpfchen! Habe jetzt einen Winkel -- und sechs Tage lang geniee ich nun schon die Wohltat der Gewissensbisse. Sogar die Wnde riechen noch nach Harz, erinnern somit an die Natur. Aber was war ich, was stellte ich vor? >Ohne Obdach in der Nacht, Tagsber eine Hetze< ... wie sich ein genialer Dichter ausgedrckt hat! Aber ... Sie sind ja so durchnt ... Wollen Sie nicht ein Glschen Tee? Bemhen Sie sich nicht. Der Samowar kocht seit acht Uhr abends, aber -- da ist er nun ausgelscht! -- wie alles in der Welt! Und auch die Sonne, sagt man, wird einmal auslschen, wenn sie an die Reihe kommt ... Aber wenn Sie wollen, bringe ich ihn wieder zum Kochen ... Agafja schlft noch nicht. Sagen Sie: Marja Timofejewna ... Hier, hier, fiel ihm Lebdkin sofort flsternd ins Wort, wenn Sie sie sehen wollen ...? und er wies auf die geschlossene Tr zum Nebenzimmer. Sie schlft nicht? O nein, nein, wie sollte sie denn? Im Gegenteil, erwartet Sie schon vom Abend an! ... wie sie es vorhin erfuhr, putzte sie sich gleich auf, -- er wollte schon sarkastisch den Mund verziehen, unterlie es aber im Nu. Wie ist sie jetzt im allgemeinen? fragte Nicolai Wszewolodowitsch mit zusammengezogenen Brauen. Im allgemeinen? Ja, das geruhen Sie ja selbst zu wissen, und er zuckte mitleidig mit den Schultern. Jetzt ... jetzt sitzt sie da und legt Karten ... Gut, nachher. Zuerst mu ich mit Ihnen zu einem Ende kommen. Stawrogin setzte sich auf einen Stuhl. Der Hauptmann wagte es nicht, sich auf das Sofa zu setzen, und so zog er denn schnell den anderen Stuhl herbei, setzte sich, und war, leicht vorgebeugt, in zitternder Erwartung bereit, alles zu vernehmen. Was haben Sie denn dort auf dem Tisch unter der Serviette? fragte Stawrogin, der pltzlich seine Aufmerksamkeit jenem Tisch zuwandte. Da--a? Lebdkin drehte sich sofort gleichfalls um. Ja, das ist so von Ihren eigenen Gaben, in Gestalt, wie man zu sagen pflegt, in Gestalt von Salz und Brot ... in der neuen Wohnung ... und ich dachte auch an Ihren weiten Weg und die natrliche Mdigkeit, er sah ihn fast bittend an und versuchte unschuldig zu lcheln. Darauf erhob er sich, ging auf den Fuspitzen zum Tisch und entfernte ehrerbietig und vorsichtig die Serviette. Er hatte einen ganzen Imbi vorbereitet: gerucherten Schinken, Kalbfleisch, Sardinen, Kse, eine kleine grne Karaffe und eine lange Flasche Bordeaux -- alles war ungemein sauber, mit Sachkenntnis und fast elegant geordnet. Das haben Sie besorgt? Jawohl ... Schon gestern ... Marja Timofejewna ist ja in der Beziehung, wie Sie wissen, gleichgltig. Aber die Hauptsache: da es von Ihren Gaben ist, also Ihr eigenes ... da Sie ja doch hier der Hausherr sind, und nicht ich -- ich bin ja doch nur so Ihr Angestellter, wenn auch, wenn auch, Nicolai Wszewolodowitsch, wenn auch mein Geist noch unabhngig ist! Diesen meinen letzten Besitz werden Sie mir doch nicht nehmen wollen! schlo er geradezu gerhrt. Hm! ... wie wr's, wenn Sie sich setzen wrden? Ich bin da--ankbar, dankbar und unabhngig! (Er setzte sich.) Ach, Nicolai Wszewolodowitsch, in diesem Herzen hat sich so viel angesammelt, so viel, da ich schon gar nicht mehr wute, wie ich noch lnger auf Sie warten sollte! Sehen Sie, Sie werden jetzt mein Schicksal entscheiden und auch das ... jener Unglcklichen, und dann ... dann wieder so, wie es frher war? Ich werde dann wieder meine ganze Seele vor Ihnen ausschtten, wie damals vor vier Jahren. Wrdigten Sie mich doch damals dessen, mir zuzuhren, lasen Verse ... Mag man mich auch dort Ihren Falstaff genannt haben, nach Shakespeare, aber Sie haben doch so viel in meinem Leben bedeutet! ... Jetzt habe ich wieder meine groe Angst und erwarte nur von Ihnen Rat und Heil. Pjotr Stepanowitsch behandelt mich ganz furchtbar! Stawrogin hrte ihm neugierig zu und beobachtete ihn aufmerksam. Augenscheinlich befand sich Lebdkin, wenn er nun auch schon eine Woche nicht mehr getrunken hatte, doch noch lngst nicht in einem harmonischen Gemtszustande. In solchen langjhrigen Trinkern setzt sich schlielich fr immer etwas Ungereimtes, Dunstiges, Irrsinniges fest, das sie gleichsam benommen erscheinen lt -- was sie brigens nicht hindert, wenn es ntig ist, nicht ungeschickter als nchterne Leute zu betrgen, zu intrigieren und auch zu berechnen. Ich sehe, da Sie sich in diesen viereinhalb Jahren nicht im geringsten verndert haben, Hauptmann, sagte Stawrogin wie ein wenig freundlicher. Man sieht wieder einmal, da die ganze zweite Hlfte des menschlichen Lebens meist nur aus den in der ersten Hlfte angenommenen Gewohnheiten besteht. Erhabene Worte! Sie lsen das Rtsel der Welt! rief der Hauptmann entzckt, halb mit verstellter, halb mit wirklich echter Begeisterung, denn er war ein groer Liebhaber guter Aussprche. Von allem, was Sie gesagt haben, Nicolai Wszewolodowitsch, habe ich eines ganz besonders behalten ... noch in Petersburg haben Sie's gesagt: >Man mu in der Tat ein groer Mensch sein, um sogar gegen die gesunde Vernunft stand halten zu knnen<. Sehen Sie! Oder ebensogut auch ein Dummkopf. So? Na, dann mein'twegen auch ein Dummkopf, nur haben Sie Ihr Lebelang mit dem Scharfsinn nur so um sich geworfen, die anderen aber? Mgen doch Liputin und Pjotr Stepanowitsch auch einmal etwas hnliches sagen! Oh, wie grausam Pjotr Stepanowitsch mit mir umgegangen ist! ... Aber Sie, Hauptmann, wie haben Sie sich denn selbst benommen? Ach, das betrunkene Aussehen und dazu noch die Unmenge meiner Feinde! Aber jetzt ist alles, alles vorber und ich erneuere mich, fahre aus der alten Haut wie eine Schlange. Wissen Sie auch, Nicolai Wszewolodowitsch, da ich mein Testament schreibe, da ich's schon geschrieben habe? Das ist allerdings interessant. Was vermachen Sie denn und wem das? Dem Vaterlande, der Menschheit und den Studenten. Nicolai Wszewolodowitsch, ich habe einmal in einer Zeitung die Biographie eines Amerikaners gelesen. Er vermachte sein ganzes, riesiges Vermgen den Fabriken und den positiven Wissenschaften, sein Skelett den Studenten der Universitt seiner Stadt und seine Haut bestimmte er fr eine Trommel, auf der man Tag und Nacht die amerikanische Nationalhymne trommeln sollte! Ach, wir sind ja Pygmen im Vergleich mit dem Gedankenflug der nordamerikanischen Staaten! Ruland ist ja nur ein Spiel der Natur, aber nicht des Verstandes. Wenn ich's versuchen wollte, meine Haut, sagen wir, dem Akmolinskschen Infanterieregiment, in dem ich die Ehre hatte, meinen Dienst zu beginnen, mit der Bedingung zu vermachen, da man aus ihr ein Trommelfell verfertigt, auf dem man tglich vor dem ganzen Regiment die russische Nationalhymne trommeln soll -- man hielte es sofort fr Liberalismus und konfiszierte meine Haut! ... Darum habe ich mich denn mit den Studenten begngt. Mein Skelett hab' ich der Akademie vermacht, aber mit der Bedingung, einstweilen nur unter der Bedingung, da sie auf die Stirn fr alle ewigen Ewigkeiten ein Zettelchen kleben mit den Worten: >Ein reuiger Freidenker<. Jawohl! Der Hauptmann sprach mit Begeisterung und glaubte jetzt natrlich schon selbst an die Schnheit des amerikanischen Vermchtnisses, wenn er auch als schlauer Mensch zu gleicher Zeit Stawrogin, dessen Narr er frher gewesen war, aus Berechnung belustigen wollte. Aber der hatte diesmal keine Lust zu lachen, sondern fragte im Gegenteil nur eigentmlich mitrauisch: Sie beabsichtigen wohl, Ihr Testament noch bei Lebzeiten zu verffentlichen und dafr eine Belohnung zu erhalten? Und wenn dem so wre, Nicolai Wszewolodowitsch, und wenn dem so wre? Lebdkin sah sich vorsichtig in ihn hinein. Denn -- was ist denn mein Los jetzt eigentlich! Sogar Verse schreibe ich nicht mehr und einst haben doch sogar Sie sich an meinen kleinen Gedichten ergtzt, Nicolai Wszewolodowitsch, wissen Sie noch, bei der Flasche? Aber aus ist's nun mit der Feder! Hab nur noch ein einziges Lied geschrieben, wie Gogol seine >Letzte Geschichte<. Sie wissen doch, Gogol verkndete ganz Ruland, da sie sich aus seiner Seele >herausgesungen< habe. So auch ich: hab's herausgesungen und damit -- basta! Was ist denn das fr ein Gedicht? Tja, es heit: >Im Fall sie sich den Fu zerbrcheIm Fall sie sich den Fu mal brche<, das heit, beim Reiten. Eine bloe Phantasie, Nicolai Wszewolodowitsch, ein Traumbild, aber das Traumbild eines Dichters! Einmal, beim Spazierengehen, sah dieser Dichter eine Reiterin, und da stellte er sich dann die materialistische Frage: >was wrde dann sein?< -- das heit, in dem Falle, _wenn_! Die Sache ist doch klar: alle Kurmacher gehen sogleich wie die Krebse rckwrts, fort sind all die Heiratskandidaten, also -- >wisch den Mund ab morgen frh<, fgte er pltzlich auf Deutsch hinzu, nur der Dichter bleibt treu, nur er mit dem gebrochenen Herzen in der Brust! Nicolai Wszewolodowitsch, sogar eine winzige Laus darf verliebt sein, denn kein Gesetz verbietet's ihr. Und doch fhlte sich die Dame gekrnkt durch meinen Brief, wie durch das Gedicht. Sogar Sie sollen sich gergert haben, sagt man -- ist's wahr? Das wre jammerschade, wollt's gar nicht glauben! Nun, sagen Sie doch selbst, wen konnte ich denn mit bloer Einbildung beleidigen? Zudem ist hier noch, mein Ehrenwort, Liputin dabei: >Schreiben Sie, schreiben Sie unbedingt, jeder Mensch hat das Recht, Briefe zu schreiben<, sagte er -- und so schickte ich's denn ab. Sie haben sich, glaube ich, als Brutigam vorgeschlagen? Feinde, Feinde, nichts als Feinde! ... Sagen Sie das Gedicht! fiel ihm Stawrogin streng ins Wort. Ein Traum, blo ein Traum, sag ich Ihnen! Aber er setzte sich doch in Positur, streckte die Hand aus und begann: Das schnste Weib brach mal ein Glied, Doch ward es dadurch nur aparter! Und doppelt liebte sie fortan Der ohnehin in sie verliebte Dichtersmann ... Genug! Stawrogin winkte ab. Oh, ich sehne mich nach Pietjer[39]! rief Lebdkin, schnell auf ein anderes Gebiet berspringend, als wre von Gedichten nie die Rede gewesen. Ich denke an eine Auferstehung, ich trume von einer Wiedergeburt ... Mein Wohltter! Darf ich darauf rechnen, da Sie mir nicht die Mittel zur Reise verweigern werden? Ich hab Sie die ganze Woche wie die liebe Sonne erwartet. Nein, darauf drfen Sie nicht rechnen. Auerdem ist mir von meinem Kapital fast nichts mehr verblieben. Und berhaupt, warum sollte ich Ihnen Geld geben? ... Stawrogin schien sich pltzlich gergert zu haben. Kurz und trocken zhlte er alle Vergehen des Hauptmanns auf: das unmige Trinken, die Lgengeschichten, Verschwendung des Geldes, das Marja Timofejewna gehrte, dann, da er sie aus dem Kloster genommen hatte, die frechen Briefe mit den Drohungen, das Geheimnis bekanntzumachen, die Geschichte mit Darja Pawlowna usw., usw. Der Hauptmann wogte geradezu hin und her, gestikulierte, wollte widersprechen, doch Stawrogin wies ihn jedesmal herrisch zur Ruh. Und erlauben Sie, bemerkte er zum Schlu, Sie schreiben immer von einer >Familienschande<. Ich sehe darin keine Schande fr Sie, da Ihre Schwester Stawrogins rechtmig getraute Frau ist. Aber die Ehe ist ein Geheimnis, Nicolai Wszewolodowitsch, niemand wei davon, ein verhngnisvolles Geheimnis! Ich bekomme Geld von Ihnen und pltzlich stellt man mir die Frage: wofr bekommst du dieses Geld? Ich aber bin gebunden und kann nicht antworten, zum Schaden meiner Schwester -- und zum Schaden meiner Familienehre! Der Hauptmann erhob bereits die Stimme: dieses Thema liebte er ganz besonders und er hatte sich in diesem Sinne schon vorbereitet, denn darauf beruhte seine ganze Hoffnung. Wie htte er auch ahnen sollen, welch eine niederschmetternde berraschung ihn gerade auf dieser seiner Basis erwartete! Ruhig und bestimmt, als ob es sich um die alltglichste husliche Angelegenheit handelte, teilte ihm Stawrogin mit, da er die Absicht habe, in diesen Tagen, vielleicht morgen oder bermorgen, seine Heirat allgemein bekanntzumachen, sie >sowohl der Polizei wie der Gesellschaft< anzuzeigen -- so da denn die Frage der Familienehre damit endgltig erledigt sein werde, und die der Subsidien gleichfalls. Der Hauptmann ri die Augen auf: er begriff nicht einmal, was er da hrte; so mute denn alles noch durchgesprochen werden. Aber sie ist doch ... halbverrckt? Das ist meine Sache. Aber ... was wird denn Ihre Mutter --? Das geht Sie wenig an, Lebdkin. Aber Sie werden doch Ihre Frau in Ihr Haus fhren? Sehr leicht mglich. brigens ist das schon ganz und gar nicht Ihre Sache, das geht Sie nicht das geringste an. Wie, nicht angehen? schrie der Hauptmann auf. Und ich? Nun, Sie kommen doch selbstverstndlich nicht in mein Haus. Aber ich bin doch Ihr Verwandter! Fr solche Verwandte dankt man. Und warum soll ich Ihnen nun noch Geld geben, sagen Sie doch selbst? Nicolai Wszewolodowitsch, Nicolai Wszewolodowitsch, das kann ja nicht sein, Sie werden sich das doch noch berlegen, Sie werden doch nicht Hand an sich legen wollen ... was wird man denken, was wird man in der Gesellschaft sagen? Frchte wahrlich sehr diese Gesellschaft! Habe ich doch Ihre Schwester geheiratet, als ich es wollte, damals, nach dem Gelage, auf die trunkene Wette hin, und jetzt zeige ich es ffentlich an ... wenn mir das jetzt Vergngen macht. Er sagte das ganz eigentmlich gereizt, so da Lebdkin schon mit Entsetzen zu glauben begann. Aber ich, was wird denn mit mir, die Hauptsache dabei bin doch ich! ... Sie scherzen vielleicht nur, Nicolai Wszewolodowitsch? Nein, ich scherze nicht. Wie Sie wollen, Nicolai Wszewolodowitsch, aber ich glaube Ihnen nicht ... dann werde ich eine Bittschrift einreichen. Sie sind furchtbar dumm, Hauptmann. Meinetwegen, aber das ist doch alles, was mir brigbleibt! sagte der Hauptmann ganz wirr in seiner Benommenheit. Frher gab man mir dort in den Winkeln fr ihre Arbeit wenigstens ein Obdach, aber was soll denn jetzt aus mir werden, wenn Sie mich ganz fallen lassen? Aber Sie wollen doch nach Petersburg, um Ihre Karriere zu verndern. brigens, ist es wahr, da Sie, wie ich hrte, beabsichtigten, zu denunzieren -- in der Hoffnung, begnadigt zu werden, wenn Sie die anderen anzeigen? Der Hauptmann ffnete den Mund und ri die Augen auf, doch eine Antwort gab er nicht. Hren Sie, Hauptmann, begann pltzlich Stawrogin ungewhnlich ernst und beugte sich ein wenig vor zum Tisch. Bis jetzt hatte er noch gewissermaen zweideutig gesprochen, so da Lebdkin, der sich nun einmal an die Rolle des Narren gewhnt hatte, noch immer ein wenig im Zweifel war: ob sich sein Prinz Heinz in der Tat rgerte oder ob er, als er von der Verffentlichung seiner Heirat sprach, nur zu scherzen beliebte. Jetzt aber war der ungewhnliche Ernst Stawrogins dermaen berzeugend, da dem Hauptmann pltzlich geradezu ein Frsteln ber den Rcken lief. Hren Sie, und sagen Sie die ganze Wahrheit, Lebdkin: haben Sie schon denunziert, oder noch nicht? Ist es Ihnen nicht schon gelungen, irgend etwas in der Hinsicht zu tun? Haben Sie nicht aus Dummheit schon irgendeinen Brief abgeschickt? Nein, noch nicht, und ... ich hab' nicht einmal daran gedacht! und der Hauptmann sah ihn an, ohne sich zu rhren. Nun, das lgen Sie, da Sie daran noch nicht gedacht haben. Deswegen wollen Sie ja auch nach Petersburg. Aber wenn Sie noch nichts geschrieben haben, sollten Sie dann nicht hier irgend etwas mit irgend jemandem geschwtzt haben? Sagen Sie die Wahrheit. Ich habe so etwas gehrt. In der Betrunkenheit mit Liputin. Liputin ist ein Verrter. Ich habe ihm nur mein Herz ausgeschttet, flsterte der arme Hauptmann. Nun ja, das eine Herz dem anderen Herzen, ich wei schon, aber man braucht doch nicht gleich bldsinnig zu sein. Wenn Sie den Gedanken hatten, so htten Sie ihn fr sich behalten sollen. Heutzutage schweigen kluge Leute und reden nicht. Nicolai Wszewolodowitsch, -- der Hauptmann erzitterte. Sie selbst haben sich doch an nichts beteiligt, ich hab doch nicht Sie ... Wie sollten Sie denn, bewahre, Ihre eigene Milchkuh! Nicolai Wszewolodowitsch, so urteilen Sie doch selbst! So sagen Sie doch! ... Und in der Verzweiflung begann er, mit Trnen in den Augen, sein Leben in diesen letzten vier Jahren zu erzhlen. Es war die trichte Geschichte eines hereingefallenen Dummkopfs, der seine Nase in Sachen gesteckt, die nicht fr ihn geschaffen waren, und deren Wichtigkeit er ber Trinken und Schlemmen fast bis zum letzten Augenblick noch nicht begriffen hatte. Er erzhlte, er habe sich schon in Petersburg einfach verleiten lassen, aus reiner Freundschaft, wie ein treuer Student, das heit, ohne eigentlich Student zu sein, verschiedene Bltter durch die Tren, in die Schirme zu stecken, oder wie Zeitungen in die Briefksten, und wo sich nur eine Gelegenheit bot, im Theater wie auf der Strae, in die Hte oder Taschen zu befrdern. Spterhin habe er auch Geld von ihnen genommen, denn was sind denn meine Einnahmen, Sie wissen doch selbst! Kurz, in zwei ganzen Gouvernements hatte er allerlei Schund verstreut. Oh, Nicolai Wszewolodowitsch, rief er aus, am meisten hat mich emprt, da diese Papierlappen so ganz gegen alle brgerlichen und besonders vaterlndischen Gesetze waren! Da ist denn pltzlich gedruckt, sie sollen mit den Heugabeln kommen und nicht vergessen, da, wer morgens arm ausgeht, abends reich zurckkommen kann -- stellen Sie sich doch nur so was vor! Ein Schauer fat mich selber und doch stopfe ich die Schandbltter berall hin ... oder pltzlich fnf, sechs Zeilen an ganz Ruland, so, mir nichts, dir nichts, ganz einfach: >Schliet schnell die Kirchen, vernichtet Gott, lst die Ehe, hebt das Recht der Erbfolge auf, nehmt die Messer!< -- und das ist alles, und der Teufel wei, was weiter. Und gerade mit diesem Papierchen, dem fnfzeiligen, bin ich dann beinahe hereingefallen, im Regiment haben mich die Offiziere verprgelt, aber dann -- Gott gebe ihnen Gesundheit! -- haben sie mich wieder laufen lassen. Doch im vorigen Jahre haben sie mich beinahe wirklich gepackt, wie ich Fnfzigrubelscheine, franzsische Kopien, Korowajeff bergab. Aber, Gott sei Dank, Korowajeff ertrank bald darauf in betrunkenem Zustande im Teich -- und man konnte nichts gegen mich unternehmen. Hier bei Wirginski hatte er noch die Freiheit der sozialen Frau verkndet. Im Juni hab ich wieder im ...schen Kreise alles mgliche herumgestreut. Die sagen, ich msse bald wieder ... Pjotr Stepanowitsch gibt pltzlich zu verstehen, da ich gehorchen mu und droht mir einfach. Aber wie hat er mich damals am Sonntag behandelt! Nicolai Wszewolodowitsch, ich bin ein Sklave, ein Wurm, aber kein Gott -- nur dadurch unterscheide ich mich von Dershawin. Doch was sind denn meine Einnahmen? Sie wissen ja selbst! Stawrogin hatte ihm aufmerksam zugehrt. Vieles war mir davon ganz unbekannt, sagte er; mit Ihnen konnte selbstverstndlich alles geschehen ... Hren Sie, er dachte ein wenig nach, wenn Sie wollen, so sagen Sie ihnen -- Sie wissen schon, wem --, da Liputin gelogen hat und da Sie nur mich mit einer Denunziation htten schrecken wollen, in der Annahme, auch ich sei kompromittiert ... um auf diese Weise mehr Geld aus mir herauszubekommen ... Verstanden? Nicolai Wszewolodowitsch, Liebling, Tubchen, droht mir denn wirklich solch eine Gefahr? Ich habe ja nur auf Sie gewartet, um Sie das fragen zu knnen! Stawrogin lachte kurz auf. Nach Petersburg wird man Sie natrlich nicht lassen, selbst wenn ich Ihnen das Geld zur Reise geben wollte ... brigens, es ist Zeit, zu Marja Timofejewna zu gehen. Er erhob sich. Nicolai Wszewolodowitsch, aber wie wird das nun mit ihr, mit Marja Timofejewna? Ja, so, wie ich sagte. Ist das denn wirklich wahr? Sie glauben noch immer nicht? Wollen Sie mich denn wirklich so liegen lassen, wie einen alten, vertragenen Stiefel? Ich werde sehen, meinte Stawrogin halb lachend. Nun, lassen Sie mich. Wnschen Sie nicht, da ich so lange auf der Treppe stehe ... damit ich nicht irgendwie versehentlich zuhre ... die Zimmerchen sind klein. Das ist recht. Warten Sie ein wenig auf der Treppe. Nehmen Sie meinen Regenschirm. Ihren Regenschirm, Ihren ... bin ich denn das wert? fragte der Hauptmann unterwrfig. Einen Schirm ist jeder wert. Mit einem Schlage treffen Sie wieder das Minimum der menschlichen Rechte ... sagte Lebdkin, doch schon mehr mechanisch: er war doch gar zu bedrckt und eigentlich ganz wie vor den Kopf geschlagen. Einstweilen aber, fast gleich darauf, als er den Schirm ber sich aufgeschlagen hatte, begann sich in seinem leichtsinnigen Gehirn schon ein uerst beruhigender Gedanke mehr und mehr auszubreiten: wie, wenn man ihn blo betrgen wollte und ihn belog? War dem aber so, dann frchtete man sich also vor ihm und -- wozu sollte _er_ sich dann noch frchten? Wenn man lgt und betrgt, so tut man das doch stets aus irgend einem Grunde -- was fr einer mag das nun hier sein? krabbelte es in seinem Kopf herum. Die Verffentlichung der Heirat schien ihm Bldsinn zu sein: Aber wei Gott: bei diesem Wundertter ist nichts unmglich, -- lebt ja berhaupt nur zu dem Zweck, um die Menschen zu rgern! Wie aber, wenn er Angst vor mir bekommen hat nach dem Sonntag? Hm ... und noch so, wie nie zuvor? Da ist er nun hergeeilt, um zu versichern, da er selbst alles bekanntmachen werde, aus Angst, ich knnte es sonst tun. Lebdkin, sieh dich vor, schie keinen Bock! Hm! ... Und warum kommt er denn heimlich in der Nacht, wenn er's selbst ausblasen will? Aber wenn er sich frchtet, so frchtet er sich jetzt, frchtet gerade fr diese paar Tage. Hm! ... pa auf, Lebdkin! ... Schreckt mich mit Pjotr Stepanowitsch! Da kann einem ganz angst und bange werden -- gerade, was _das_ betrifft! Hm ... wei Gott! wahrhaftig angst und bange. Was plagte mich nur, diesem Liputin, solch einem ... Der Teufel mag wissen, was diese Beelzebuben da im Spiele haben -- bin nie draus klug geworden! Haben sich jetzt wieder eingefunden, genau wie vor fnf Jahren ... Ja, wem htt' ich's denn sagen sollen? >Haben Sie nicht aus Dummheit irgend jemandem geschrieben?< Hm! Also kann man auch unter dem Anschein groer Dummheit schreiben? War das vielleicht gar ein Rat? >Deswegen wollen Sie ja nach Petersburg.< Der Schuft! Ich hab's blo mal getrumt, er aber hat sogar den Traum schon erraten! Ganz als ob er selber zur Reise nach Petersburg raten mchte. Hm! Hier werden wohl zwei Sachen im Spiele sein: entweder er frchtet sich selber, weil er wieder was Schnes angerichtet hat, oder ... oder er frchtet selbst berhaupt nichts und schubst nur mich, damit ich sie alle da anzeige! Ach, Lebdkin, da kann einem wahrhaftig angst und bange werden! Wenn man dabei nur keinen Bock schiet! ... Und er kam dermaen ins Nachdenken, da er selbst das Lauschen verga. brigens wre es ihm auch schwer gefallen, etwas zu verstehen; die Tr war nicht dnn und das Gesprch wurde nur leise gefhrt -- nur hin und wieder drang ein unklarer Laut bis zu ihm. Endlich spuckte er aus und trat wieder aus dem Flur auf die Treppe hinaus, wo er in Gedanken leise vor sich hin pfiff. III. Das Zimmer, in dem Marja Timofejewna sa, war fast zweimal so gro wie das erste, das der Hauptmann bewohnte. Alle Gegenstnde der Einrichtung waren von derselben einfachsten Art, doch der Tisch vor dem Sofa war mit einem geblmten Paradetischtuch bedeckt, und auf ihm stand eine brennende Lampe. ber den ganzen ungestrichenen Fuboden hatte man einen schnen Teppich gebreitet und die Bettstelle mit einem grnen Vorhang vllig abgeteilt. Auerdem befand sich in dem Zimmer noch ein groer weicher Lehnstuhl, in den sich aber Marja Timofejewna niemals setzte. In der einen Ecke hing ganz wie in der alten Wohnung ein Heiligenbild, vor dem das Lmpchen brannte, und ganz wie damals lagen auch jetzt wieder die unvermeidlichen Sachen auf dem Tisch vor Marja Timofejewna: ein Spiel Karten, ein kleiner Spiegel, das Liederbuch und auch wieder eine Semmel. Hinzugekommen waren nur zwei kleine Bcher mit bunten Bildern, von denen das eine fr die Jugend bearbeitete Reisebeschreibungen enthielt, das andere kleine moralische Erzhlungen, vornehmlich Rittergeschichten -- so ein Buch fr den Weihnachtstisch oder junge Mdchen im Institut. Marja Timofejewna hatte natrlich den Gast erwartet, doch als Stawrogin eintrat, schlief sie halb liegend auf dem Sofa, auf ein hartes Kissen gebeugt. Der Gast schlo unhrbar die Tr hinter sich und begann, ohne sich von der Stelle zu rhren, die Schlafende zu betrachten. Der Hauptmann hatte bertrieben, als er sagte, sie habe sich besonders geputzt. Sie war in demselben dunklen Kleide, in dem sie am Sonntag bei Warwara Petrowna gewesen war. Das Haar hatte sie im Nacken ebenso zu einem winzigen Knoten zusammengesteckt, und der lange magere Hals war genau so wie damals entblt. Der schwarze Shawl, den Warwara Petrowna ihr geschenkt hatte, lag sorgfltig zusammengefaltet neben ihr auf dem Sofa. Sie war wie gewhnlich ungeschickt gepudert und geschminkt. Stawrogin stand noch nicht eine Minute, als sie pltzlich, als htte sie seinen Blick gefhlt, erwachte, die Augen aufschlug und sich schnell aus der halb liegenden Stellung aufrichtete. Doch offenbar ging auch in dem Gast etwas Sonderbares vor: er blieb auf demselben Fleck an der Tr stehen und rhrte sich nicht; regungslos und mit durchdringendem Blick fuhr er fort, ihr wortlos und beharrlich ins Gesicht zu sehen. Vielleicht war dieser Blick bermig hart, vielleicht drckte sich in ihm Ekel aus, oder sogar schadenfroher Genu an ihrem Schreck -- wenn das nicht Marja Timofejewna nach dem Erwachen nur so schien. Doch wie dem auch war, jedenfalls drckte sich im Gesicht der Armen pltzlich, nach fast minutenlangem Warten, vollstndiges Entsetzen aus: ein krampfartiges Zucken lief durch ihre Zge, sie erhob ihre bebenden Hnde, wie zur Abwehr, und pltzlich begann sie zu weinen, genau so, wie ein erschrecktes Kind; noch ein Augenblick -- und sie htte geschrien. Doch der Gast kam zur Besinnung: in einer Sekunde vernderte sich sein ganzes Gesicht, und mit dem freundlichsten, liebenswrdigsten Lcheln trat er an den Tisch. Verzeihen Sie mir, ich habe Sie erschreckt, Marja Timofejewna, Sie schliefen und ich bin so unbemerkt eingetreten, sagte er und streckte ihr die Hand entgegen. Der Ton der freundlichen Worte tat seine Wirkung: der Schreck verschwand aus ihrem Gesicht, wenn sie ihn auch immer noch angstvoll anblickte, augenscheinlich bemht, sich irgend etwas zu erklren. ngstlich streckte sie ihm die Hand entgegen und schlielich zuckte denn auch ein schchternes Lcheln um ihre Lippen. Guten Tag, Frst, flsterte sie und sah ihn dabei ganz sonderbar und aufmerksam an. Sie haben wohl einen bsen Traum gehabt? fragte er und lchelte noch liebenswrdiger, noch freundlicher. Wie knnen Sie wissen, da mir _davon_ getrumt hat? Und pltzlich erbebte sie wieder, taumelte erschrocken zurck, erhob wie zur Abwehr die Hand und wieder verzog sich ihr Gesicht, wie das eines kleinen Kindes, das weinen will. Aber so beruhigen Sie sich doch! Warum frchten Sie sich? Haben Sie mich denn wirklich nicht erkannt? redete ihr Nicolai Wszewolodowitsch zu, doch diesmal konnte er sie lange nicht beruhigen. Schweigend sah sie ihn an und noch immer lag in ihrem fragenden Blick ein qulender Zweifel, irgend ein schwerer Gedanke, den ihr armer Kopf nicht zu fassen vermochte. Dabei war es, als strenge sie sich krampfhaft an, irgend etwas zu Ende zu denken. Bald senkte sie die Augen, bald schlug sie sie pltzlich wieder auf und berflog ihn mit einem schnellen, umfassenden Blick. Endlich schien sie sich -- zwar nicht beruhigt, aber doch wie zu etwas entschlossen zu haben. Setzen Sie sich, bitte, neben mich, damit ich Sie nachher gut sehen kann, sagte sie ziemlich fest, augenscheinlich mit einer ganz bestimmten und neuen Absicht. Aber jetzt seien Sie ganz ruhig, denn ich werde Sie nicht ansehen, und auch Sie sollen mich nicht ansehen, so lange nicht, bis ich Sie selbst darum bitte. Setzen Sie sich nun! fgte sie pltzlich sogar mit Ungeduld hinzu. Die neue Empfindung bemchtigte sich ihrer sichtlich immer mehr. Stawrogin setzte sich und wartete; ein Schweigen begann und dauerte ziemlich lange. Hm! Sonderbar erscheint mir das alles, murmelte sie pltzlich und fast wie angeekelt. Mich haben natrlich schlechte Trume bestrickt; nur -- warum muten gerade Sie mir in eben dieser Gestalt im Traume erscheinen? Lassen wir jetzt die Trume, unterbrach er sie ungeduldig und wandte sich zu ihr, trotz des Verbotes, sie anzusehen, und vielleicht blitzte flchtig wieder jener Ausdruck von vorhin in seinen Augen auf. Er sah, da sie mehrmals und sogar sehr gern zu ihm aufblicken wollte, sich jedoch jedesmal bezwang und hartnckig den Blick zu Boden gesenkt hielt. Hren Sie, Frst, sagte sie pltzlich lauter. Hren Sie, Frst ... Warum wenden Sie sich von mir ab, warum sehen Sie mich nicht an, was soll diese ganze Komdie? rief er gergert, da ihm die Geduld ri. Sie aber schien ihn berhaupt nicht zu hren. Hren Sie, Frst, wiederholte sie zum drittenmal mit fester Stimme und mit einem unangenehmen, geschftigen Ausdruck im Gesicht. Als Sie mir damals in der Equipage sagten, die Heirat werde jetzt ffentlich bekanntgemacht werden, da erschrak ich schon damals, weil dann das Geheimnis doch aufhren wrde. Jetzt aber wei ich gar nicht mehr ... Ich habe die ganze Zeit gedacht, und sehe nun deutlich, da ich nicht dazu tauge. Zu putzen wrde ich mich schon verstehen, zu empfangen schlielich auch: als ob es wunder wie schwer wre, zu einer Tasse Tee einzuladen, besonders wenn man noch Diener in Livree hat! Aber immerhin, wenn man so von der Seite sehen wird ... Ich habe damals, am Sonntag vormittag, vieles in jenem Hause gesehen. Dieses hbsche Frulein hat mich die ganze Zeit angesehen, besonders als Sie eintraten. Das waren doch Sie, der eintrat, nicht? Ihre Mutter war nur eine drollige alte Dame. Mein Lebdkin hat sich auch ausgezeichnet. Um nicht ber ihn lachen zu mssen, hab ich immer zur Zimmerdecke hinaufgeschaut, schn war sie da bemalt! _Seine_ Mutter aber mte nur btissin sein. Ich frchte mich vor ihr, wenn sie mir auch den schwarzen Schal geschenkt hat. Die haben mich damals wohl alle nur als berraschung empfunden; das krnkt mich ja nicht, nur sa ich dort so und dachte bei mir: was bin ich denn fr die hier fr eine Verwandte? Ich wei wohl, von einer Grfin verlangt man nur seelische Eigenschaften -- denn fr die wirtschaftlichen hat sie doch viele Diener -- und dann noch so ein bichen gesellschaftliche Koketterie, damit sie auslndische Reisende zu empfangen versteht. Aber trotzdem, damals am Sonntag sahen sie mich doch ganz ohne Vertrauen an. Nur Dascha ist ein Engel. Ich frchte sehr, da sie _ihn_ irgendwie mit einer unvorsichtigen Bemerkung ber mich krnken knnten. Stawrogin verzog den Mund. Frchten Sie sich nicht und machen Sie sich keine Sorgen, sagte er. Aber das machte mir ja auch nichts aus, selbst wenn er sich meinetwegen ein wenig schmen sollte, denn es wre doch immer mehr Mitleid als Schande dabei, denke ich -- freilich, je nach dem, wie der Mensch selbst ist. Denn er wei doch, da eher ich sie bemitleiden kann, nicht aber sie mich. Sie haben sich wohl sehr gekrnkt gefhlt, Marja Timofejewna? Wer, ich? Nein. Sie lachte gutmtig. Nicht ein bichen. Ich sah mir damals nur alle so an und dachte so bei mir: alle rgert ihr euch, alle seid ihr entzweit; nicht einmal zusammenzukommen und von Herzen zu lachen verstehen sie. So viel Reichtum, und dabei so wenig Frhlichkeit -- traurig war mir das alles. brigens, jetzt tut mir niemand leid, auer mir selbst. Ich hrte, Sie htten mit Ihrem Bruder ein schlechtes Leben gehabt, ohne mich? Wer hat Ihnen das gesagt? Unsinn! Jetzt ist es viel schlechter: jetzt sind die Trume schlecht, und schlecht sind die Trume deshalb geworden, weil Sie angekommen sind. Sie aber, fragt es sich, warum sind Sie denn hergekommen, sagen Sie das doch geflligst! Wollen Sie nicht wieder ins Kloster gehen? So, das ahnte ich ja, da man mir wieder das Kloster vorschlagen wird! Als ob euer Kloster da Gott wei was fr ein Wunderding wre! Und warum soll ich denn wieder ins Kloster gehen, und womit soll ich denn jetzt noch dorthin? Jetzt bin ich doch schon ganz und gar allein! Es ist zu spt fr mich, ein drittes Leben anzufangen. Sie scheinen sich ber irgend etwas sehr zu rgern, -- frchten Sie nicht schon, da ich aufgehrt haben knnte, Sie zu lieben? Ach, um Sie mache ich mir ja gar keinen Kummer. Ich frchte nur fr mich, da ich selbst aufhren knnte, jemanden sehr zu lieben. Sie lchelte verchtlich. Ich werde wohl vor _ihm_ in etwas sehr Groem schuldig sein, sagte sie pltzlich wie zu sich selbst. Nur wei ich nicht, worin ich schuldig sein knnte, und das ist nun mein ewiges Leid. Immer und immer, diese ganzen fnf Jahre, habe ich Tag und Nacht gebangt, da ich vor ihm schuldig sein knnte. Und da bete ich denn lange und bete und denke immer an meine groe Schuld vor ihm. Und nun hat es sich auch richtig herausgestellt, da ich wahr gefhlt habe. Was hat sich herausgestellt? Nur frchte ich, ob da nicht etwas von _ihm_ aus geschieht, fuhr sie fort, ohne auf die Frage zu antworten, die sie vielleicht berhaupt nicht gehrt hatte. Und doch, wie knnte er sich denn mit solchen Leutchen zusammentun! Die Grfin wrde mich wohl gern verschlingen, obschon sie mich in ihre Karosse gesetzt hat. Alle sind sie an der Verschwrung beteiligt -- sollte auch _er_ es sein!? Sollte auch er ein Verrter sein? (Ihr Kinn und ihre Lippen begannen zu zittern.) Hren Sie, haben Sie von Grischka Otrepjeff gelesen, dem falschen Demetrius, der in sieben Kathedralen verflucht ward? Stawrogin schwieg. Aber ja, jetzt werde ich mich zu Ihnen wenden und werde Sie ansehen, entschlo sie sich pltzlich. Wenden Sie sich auch zu mir und sehen Sie mich an, aber recht aufmerksam: ich will mich zum letztenmal berzeugen. Ich sehe Sie schon lange an. Hm! sagte Marja Timofejewna und betrachtete ihn angestrengt. Viel dicker sind Sie geworden ... Sie wollte noch etwas sagen, doch pltzlich ergriff der frhere Schreck sie wieder und zum drittenmal fuhr sie mit geradezu entsetztem Gesicht zurck und erhob dabei wieder wie zur Abwehr die Hand. Was haben Sie nur, was fehlt Ihnen? rief Stawrogin wtend. Doch der Schreck dauerte nur einen Augenblick; ihr Gesicht verzog sich zu einem sonderbaren, mitrauischen, unangenehmen Lcheln. Ich bitte Sie, Frst, stehen Sie auf und treten Sie ein, sagte sie pltzlich sehr bestimmt und mit fester Stimme. Wie, eintreten? Wohin eintreten? Diese ganzen fnf Jahre habe ich mir immer nur vorgestellt, wie das sein wird, wenn Er eintritt. Stehen Sie auf und gehen Sie ins andere Zimmer, hinter die Tr. Ich werde dann hier sitzen, als erwartete ich nichts, und werde ein Buch in die Hand nehmen. Und pltzlich treten Sie dann ein, nach fnf Jahren, und sind von der Reise zurckgekehrt. Ich mchte sehen, wie das sein wird. Stawrogin knirschte mit den Zhnen und murmelte etwas Unverstndliches. Genug, sagte er und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Ich bitte Sie, Marja Timofejewna, mich jetzt anzuhren. Haben Sie die Gte, Ihre ganze Aufmerksamkeit zusammen zu nehmen, wenn Sie es knnen. Sie sind doch nicht total verrckt! entfuhr es ihm in der Gereiztheit. Morgen werde ich unsere Ehe bekanntmachen. Sie werden nie in Schlssern wohnen -- fassen Sie sich, bitte! Wollen Sie nun mit mir zusammenwohnen, das ganze Leben, aber nur sehr weit von hier? Das wre in der Schweiz, in den Bergen, dort gibt es einen Ort ... Beunruhigen Sie sich nicht, ich werde Sie niemals verlassen, oder in eine Irrenanstalt stecken. Geld werde ich noch genug haben, um nicht fr uns betteln zu mssen. Sie werden ein Dienstmdchen haben; Sie werden keine einzige Arbeit zu verrichten brauchen. Alles, was Sie innerhalb der Grenzen des Mglichen wnschen, wird Ihnen verschafft werden. Sie werden beten und tun knnen, was Sie wollen, und gehen knnen wohin Sie wollen. Ich werde Sie nicht anrhren. Und auch ich werde diesen Ort nie mehr verlassen. Wenn Sie wollen, werde ich das ganze Leben lang kein Wort mit Ihnen sprechen, oder, wenn Sie wollen, so erzhlen Sie mir abends, wie damals in Petersburg in den Winkeln, Ihre kleinen Geschichten. Oder ich kann Ihnen auch vorlesen, wenn Sie zum Zuhren Lust haben. Aber dafr das ganze Leben so an einem einzigen Ort -- und es ist ein dsterer Ort. Wollen Sie? Knnen Sie sich entschlieen? Und werden Sie es auch nie bereuen, werden Sie mich nie peinigen mit Trnen und Verwnschungen? Sie hatte ihm mit ungewhnlicher Aufmerksamkeit zugehrt, darauf schwieg sie lange und dachte nach. Unwahrscheinlich kommt mir das alles vor, sagte sie endlich spttisch und launisch. So knnte ich ja womglich noch vierzig Jahre in jenen Bergen leben. Sie begann zu lachen. Nun, dann leben wir eben noch vierzig Jahre, sagte er mit stark gerunzelter Stirn. Hm! ... Um keinen Preis fahre ich dorthin. Sogar mit mir nicht? Wer sind Sie denn, da ich mit Ihnen fahren sollte? Vierzig Jahre nacheinander mit ihm auf einem Berge sitzen -- hrt doch, womit er mir kommt! Was doch die Menschen heutzutage geduldig geworden sind! Aber nein, es kann doch nicht sein, da ein Falke zum Uhu ward. Nicht so ist mein Frst! und sie hob stolz und triumphierend den Kopf. Da war es ihm, als ginge ihm pltzlich etwas auf. Warum nennen Sie mich Frst und ... fr wen halten Sie mich berhaupt? fragte er schnell. Wie? Sind Sie denn kein Frst? Ich bin niemals Frst gewesen. Und das gestehen Sie mir noch, so einfach, so ganz offen, mir ins Gesicht, da Sie kein Frst sind! Ich kann Ihnen nur sagen, da ich nie einer gewesen bin. Mein Gott! Sie schlug die Hnde zusammen. Alles habe ich von _seinen_ Feinden erwartet, aber solche Dreistigkeit doch wirklich nicht! Lebt _er_ berhaupt noch? rief sie auer sich und rckte auf ihn zu. Hast du ihn gettet oder nicht, gestehe! Fr wen hltst du mich? rief er aufspringend und sah sie an mit verzerrtem Gesicht. Aber es war schwer, sie jetzt noch zu erschrecken. Sie triumphierte bereits. Wer kann es denn wissen, was du bist und woher du kommst! Nur mein Herz, mein Herz hat in all diesen fnf Jahren die ganze Intrige geahnt! Und da sitze ich nun und wundere mich: was ist das doch fr eine blinde Eule, die heute zu mir gekommen ist? Nein, mein Lieber, du bist ein schlechter Schauspieler, sogar schlechter als mein Lebdkin. Gre die Grfin von mir recht hflich und richte ihr aus, sie solle doch einen schicken, der etwas gewandter ist als du. Hat sie dich gemietet, sag? Sonst dienst du wohl in ihrer Kche, wo sie dich vielleicht aus Gnade und Barmherzigkeit hlt! Ich durchschaue ja euren ganzen Betrug, euch alle, bis auf den letzten durchschaue ich! Er fate sie mit fester Kraft am Arm, ber dem Ellenbogen; sie aber lachte ihm ins Gesicht. hnlich bist du ihm, ja, sehr hnlich, vielleicht bist du auch verwandt mit ihm, -- schlaues Volk! Nur ist _meiner_ ein lichter Falke und ein Frst, du aber bist eine Eule und ein Krmer! Wenn _meiner_ will, so beugt er sich vor Gott, will er aber nicht, so beugt er sich auch vor Gott nicht! Dich aber hat Schatuschka (der Gute, der Liebe, mein Tubchen Schatuschka!) ins Gesicht geschlagen, wie Lebdkin erzhlte. Und warum wurdest du damals so feig, als du hereinkamst? Was schreckte dich denn? Wie ich es sah, dein gemeines Gesicht, als ich fiel und du mich auffingst -- da kroch es mir wie ein Wurm ins Herz: das ist nicht _er_, denke ich, nicht _er_! Wrde sich doch mein Falke meiner nie vor einem vornehmen Frulein geschmt haben! O Gott! Machte mich doch schon der Gedanke glcklich, in diesen ganzen fnf Jahren, da mein Falke dort irgendwo hinter den Bergen lebt und fliegt und die Sonne schaut ... Sag, Usurpator, hast du viel genommen? Hast wohl fr groes Geld eingewilligt? Ich htte dir keinen Groschen gegeben! Ha--ha--ha! Ha--ha--ha! ... Idiotin! knirschte Stawrogin, der sie immer noch am Arm gepackt hielt. Fort, Usurpator! rief sie pltzlich befehlend. Ich bin meines Frsten Frau und frchte mich nicht vor deinem Messer! Messer! Ja, Messer! Du hast ein Messer in der Tasche. Du glaubtest wohl, ich schlief, aber ich habe alles gesehen: als du vorhin eintratest, zogst du ein Messer hervor! Was hast du gesagt, Unglckliche, was trumst du fr Trume! schrie er sie an und stie sie aus aller Kraft von sich fort, so da sie sogar schmerzhaft mit dem Kopf und den Schultern an die Sofalehne schlug. Er strzte hinaus; sie aber sprang sofort auf und lief ihm hinkend und humpelnd nach, doch erst auf der kleinen Treppe, wo sie von dem erschreckten Lebdkin mit aller Gewalt zurckgehalten wurde, gelang es ihr noch, ihm kreischend und mit Gelchter durch die Finsternis nachzurufen: Der falsche Demet--rius ward ver--flucht! IV. Ein Messer, ein Messer! wiederholte Stawrogin immer wieder in unstillbarem Ha, whrend er mit groen Schritten in den Straenschlamm und die Regenpftzen trat, ohne auf den Weg zu achten. Und pltzlich, auf Augenblicke, erfate ihn eine unbndige Lust zu lachen, laut und toll; aber aus irgendeinem Grunde bezwang er sich und unterdrckte das Lachen. Er kam erst wieder zu sich, als er schon auf der Brcke war, gerade an der Stelle, wo ihn vorhin Fedjka angeredet hatte. Und dieser selbe Fedjka wartete hier auch jetzt, zog, als er Stawrogin erblickte, die Mtze, grinste heiter, und schlo sich ihm, keck und lustig losplaudernd, wieder ohne Bedenken an. Stawrogin ging zunchst unverndert weiter, ja, er achtete gar nicht darauf, vernahm nicht einmal, was der Strolch, der sich ihm wieder zugesellt hatte, da schwatzte. Auf einmal fiel ihm aber ein -- und er wunderte sich darber -- da ihm dieser Zuchthusler gerade in der Zeit gar nicht in den Sinn gekommen war, als er selbst innerlich in einemfort Ein Messer, ein Messer! gemurmelt hatte. Und pltzlich packte er ihn blitzschnell am Kragen und ri ihn aus aller Kraft mit der ganzen in ihm angesammelten Wut zu Boden, da er nur so auf die Brcke krachte. Einen Augenblick gedachte dieser wohl sich zu wehren, sagte sich aber sofort, da er gegen einen solchen Gegner, der ihm zudem noch so berraschend zuvorgekommen war, ungefhr wie ein Strohhlmchen unmglich aufkommen konnte. Und so verharrte er denn, halb kniend zu Boden gedrckt, die Ellenbogen auf den Rcken gerissen, wie ihn Stawrogin hielt, lautlos und reglos, sogar ohne den geringsten Widerstand auch nur zu versuchen, und wartete ruhig in schlauer Klugheit ab, was nun kommen werde. Ja, wie es schien, glaubte er berhaupt nicht an eine ernste Gefahr fr sich. Und er tuschte sich nicht. Stawrogin hatte sich zwar schon mit der linken Hand das Halstuch abgerissen, um seinen Gefangenen zu binden, doch pltzlich, Gott wei weshalb, gab er es auf und stie ihn nur von sich. Im Augenblick stand Fedjka auf den Fen, wandte sich um, und ein kurzes, breites Messer blitzte in seiner Hand. Fort das Messer! Steck es sofort ein! Sofort! _befahl_ Stawrogin mit ungeduldiger Geste -- und das Messer verschwand ebenso schnell, wie es aufgetaucht war. Nicolai Wszewolodowitsch ging darauf wieder stumm und ohne sich umzusehen weiter: aber der hartnckige Verbrecher folgte ihm doch -- diesmal freilich ohne zu schwatzen, vielmehr in respektvoller Entfernung, einen ganzen Schritt hinter ihm. So gingen sie ber die ganze Brcke und kamen ans Ufer, wo Stawrogin diesmal nach links bog, in eine lange, de Gasse, denn das war ein nherer Weg zur inneren Stadt, als der ber die Bogojawlenskstrae. Ist es wahr, man sagt, du httest hier in der Umgegend in diesen Tagen eine Kirche geplndert? fragte Stawrogin pltzlich. Gndiger Herr, eigentlich ging ich zuerst nur hin, um zu beten, antwortete Fedjka gesetzt und hflich, und als ob nicht das Geringste vorgefallen wre. Ja, nicht nur gesetzt, sondern geradezu wrdevoll sagte er es, und von der frheren freundschaftlichen Familiaritt war auch nicht eine Spur mehr zu bemerken. Er war in diesem Augenblick ganz wie ein ernster, sachlicher Mensch, den man grundlos gekrnkt hat, der aber auch Krnkungen zu vergessen versteht. Doch wie mich da unser Herrgott hingefhrt hatte, fuhr er fort, ach, du himmlisches Gnadenkraut, denke ich! Nur von wegen meiner Verwaistheit ist ja das alles geschehen, denn in unserem Leben geht's nu mal gar nich ohne Untersttzung. Und sehen Sie, glauben Sie mir, gndiger Herr, zu seinem eigenen Nachteil hat der Herr mich hingefhrt: hab' fr die Sachen im ganzen nur zwlf Rubelchen bekommen. Des heiligen Nicolai silbernes Kinnband aber ist fast auf den Kauf gegangen: semiliert, sagte man. Du hast vorher den Wchter erstochen? Nee, das heit, wir haben's ja beide gemacht, der Wchter und ich, und dann erst, am Morgen, am Flchen, kam's zum Streit, wer den Sack tragen sollte. Da sndigte ich, erleichterte ihn ein klein wenig. Erstich noch, stiehl noch! Ganz dasselbe rt mir auch Pjotr Stepanowitsch, mit genau denselben Worten, da er mir selber nie nich was geben will, denn er ist halt geizig und hartherzig in Fragen wie Untersttzung. Auerdem, da er an den himmlischen Schpfer, der uns doch allesamt aus einem Erdklo gemacht hat, nich fr eine Kopeke glaubt. Er sagt, alles hat die Natur gemacht, sogar jedes letzte Tier, und berdies begreift er schon ganz und gar nich, da uns in unserem Leben ohne milde Untersttzung berhaupt nichts mglich ist. Fngst du ihm was zu erklren an, glotzt er wie ein Schaf ins Wasser: nur so wundern kannst du dich ber ihn. Aber werden Sie es wohl glauben, gndiger Herr, beim Hauptmann Lebdkin beispielsweise, wo Sie soeben besuchten, da kam's vor, als er noch vor Ihnen bei Filippoff wohnte, da die Tr die ganze Nacht unverschlossen steht, schlft selbst vollgesoffen wie ein Fisch, und das Geld, das kullert nur man so aus allen Taschen auf die Diele. 's kam vor, da man's mit eigenen leibhaftigen Augen sah, denn nach unserer Meinung, da man ohne milde Untersttzung was knnte, daran ist schon gar nich zu denken ... Wie das, mit eigenen Augen? Bist du etwa in der Nacht hingegangen? Vielleicht bin ich auch hingegangen, nur wei das niemand nich. Warum hast du ihn denn nicht erstochen? Hab erst nachgezhlt und mich dann bedacht. So wute ich denn, da ich immer hundertfnfzig Rubel rausnehmen kann, aber warum soll ich denn das, wenn ich ganze tausendfnfhundert kriegen kann, wenn ich nur eben jetzt ein wenig warte? Denn Hauptmann Lebdkin hat immer sehr auf Sie gebaut, hab's mit meinen eigenen Ohren gehrt, wenn er voll war, und es gibt hier berhaupt keine Schenke mehr, wo er nich dasselbe genau so wiederholt hat. Das hab ich auch noch von anderen gehrt, und so begann ich nun gleichfalls, meine ganze Hoffnung auf den gndigen Herrn zu setzen. Ich bin wirklich zu Ihnen, gndiger Herr, wie zu meinem Vater oder leiblichen Bruder, denn Pjotr Stepanowitsch wird darber niemals was von mir zu hren bekommen und auch sonst keine einzige Seele. Also deshalb meine ich, der gndige Herr knnte mir doch wirklich jetzt mit drei Rubelchen wohlwollen? Wenn der gndige Herr mir nur somit klar zu verstehen geben wollte, damit ich dann die Wahrheit wei, denn fr unsereins ist's nun einmal ohne milde Untersttzung ganz und gar unmglich. Da lachte Stawrogin laut auf, zog aus der Tasche sein Portemonnaie, in dem an fnfzig Rubel in kleineren Scheinen waren, und warf einen Schein aus dem Paket ihm zu, dann noch einen, dann einen dritten, vierten, fnften. Fedjka fing sie in der Luft auf, sprang hin und her, die Banknoten flatterten, fielen in den Schmutz, immer gieriger griff er nach ihnen, und immer erregter stie er dabei ein kurzes ch, ch hervor. Schlielich schleuderte ihm Stawrogin aus voller Faust das ganze Geldpaket zu und bog, immer noch lachend, in eine Quergasse ein -- diesmal allein. Der Strolch blieb zurck, rutschte fast auf den Knien im Schmutz herum und suchte nach den vom Wind verstreuten Geldscheinen, die in den Pftzen versanken, und noch eine ganze Stunde lang konnte man hren, wie er in der Dunkelheit suchend sein kurzes ch, ch! hervorstie. Achtes Kapitel. Das Duell I. Am anderen Tage um zwei Uhr nachmittags fand das Duell statt. Da dasselbe wirklich so schnell zustande kam, dazu hatte vor allem der leidenschaftliche Wunsch Artemij Pawlowitsch Gaganoffs beigetragen, sich um jeden Preis und so schnell wie nur mglich zu schlagen. Er begriff die Haltung seines Gegners nicht und war auer sich vor Emprung. Schon einen ganzen Monat beleidigte er Stawrogin, und noch immer war es ihm nicht gelungen, diesen zu einer Forderung zu bewegen. Dabei schmte er sich im Grunde der eigenen innersten Grnde des krankhaften Hasses, mit dem er Stawrogin seit der Nasfhrung seines Vaters verfolgte. Auch konnte er Stawrogin nicht gut zuerst fordern, da dieser nicht den geringsten Anla dazu bot -- ganz abgesehen davon, da er ihm wegen jenes Vorfalls mit dem Vater ja bereits die allerhflichsten Entschuldigungen angeboten hatte. Unbegreiflich war es ihm auch, wie Stawrogin die Ohrfeige Schatoffs so ohne weiteres hatte hinnehmen knnen. Und da er ihn denn alles in allem schlielich fr einen ausgemachten Feigling halten mute, so hatte er sich endlich entschlossen, den letzten, in seiner Frechheit so unerhrten Brief zu schreiben, der denn auch richtig den Verhaten zu einer Forderung bewog. In fieberhafter Ungeduld hatte Gaganoff die Antwort auf diesen Brief erwartet, hatte die Chancen berechnet, die diesmal fr eine Forderung bestanden, und war am Ende geradezu verzweifelt bei dem Gedanken, da auch jetzt vielleicht aus irgendeinem Grunde nichts daraus werden knnte. Fr alle Flle aber hatte er bereits Mawrikij Nicolajewitsch Drosdoff, seinen alten Jugendfreund, zu sich gebeten: der sollte sein Sekundant sein. So hatte denn Kirilloff, als er am Morgen um neun Uhr erschien, die beiden zusammen angetroffen. Seine Erklrungen und alle die unerhrten Zugestndnisse Stawrogins waren von Gaganoff mit einer unglaublichen Heftigkeit zurckgewiesen worden. Mawrikij Nicolajewitsch hatte, nicht wenig erstaunt, zuerst darauf eingehen wollen und schon geglaubt, es liee sich eine Vershnung zustande bringen. Doch als er bemerkte, da Artemij Pawlowitsch vor Zorn geradezu erzitterte, da hatte er schnell wieder geschwiegen. Er wre wohl berhaupt aufgestanden und fortgegangen, wenn er dem Freunde nicht bereits sein Wort gegeben htte; so aber blieb er denn, in der Hoffnung, spter vielleicht noch irgendwie vermitteln zu knnen. Im brigen wurden alle Bedingungen Stawrogins von Gaganoff sofort angenommen und sogar auf einen dreimaligen Kugelwechsel erweitert -- ganz gegen Kirilloffs Wunsch und Absicht, der sich durchaus dagegen wehrte, aber nichts erreichte. So blieb es denn bei diesen scharfen Abmachungen. Das Duell selbst fand um zwei Uhr in Brykowo statt, in einem kleinen Walde zwischen Skworeschniki und der Fabrik der Gebrder Spigulin. Der gestrige Regen hatte vllig aufgehrt, aber es war feucht und windig. Niedrige, trbe, zerrissene Wolken zogen schnell am kalten Himmel vorber; die Bume rauschten volltnend und mit den Wipfeln wogend und knarrten in den Stmmen; es war ein sehr trauriger Tag. Gaganoff und Mawrikij Nicolajewitsch kamen in einem eleganten _char bancs_{[112]} mit zwei prachtvollen Pferden, die Artemij Pawlowitsch selbst lenkte, auf dem Kampfplatze an; auch hatten sie einen Diener mitgenommen. Fast in demselben Augenblick trafen auch Stawrogin und Kirilloff ein, jedoch nicht im Wagen, sondern reitend, und gleichfalls in Begleitung eines Dieners. Kirilloff, der in seinem Leben noch nie auf einem Pferde gesessen hatte, hielt sich steif, doch mutig im Sattel, unter dem rechten Arm den schweren Pistolenkasten, den er fr keinen Preis dem Diener hatte anvertrauen wollen, whrend er mit der linken Hand aus Unwissenheit bestndig die Zgel anzog, weswegen denn das gereizte Pferd immer heftiger mit dem Kopf schttelte und bereits deutlich die Absicht bekundete, sich auf die Hinterbeine zu stellen -- was brigens den Reiter nicht im geringsten zu schrecken schien. Der mitrauische Gaganoff, der sich schon beim geringsten Anla leicht tief gekrnkt fhlte, fate diese Ankunft hoch zu Ro als neue Beleidigung auf: waren doch die Gegner offenbar von vornherein von einem fr sie gnstigen Ausgang des Duells berzeugt, so da sie es gar nicht erst fr ntig gehalten hatten, auf alle Flle einen Wagen zum Transport eines Verwundeten zur Stelle zu haben. Ganz gelb vor rger stieg Gaganoff aus seinem _char bancs_, wobei er bemerkte, da seine Hnde zitterten. Auf Stawrogins Gru dankte er nicht, sondern wandte sich einfach ab. Die Sekundanten warfen das Los: es traf Kirilloffs Pistolen. Der Wagen und die Pferde wurden mit den Dienern an den Waldrand zurckgeschickt. Dann maen die Sekundanten die Barriere ab, wiesen den Gegnern ihren Platz an und hndigten ihnen die geladenen Pistolen ein. Mawrikij Nicolajewitsch war besorgt und traurig, Kirilloff dagegen vollkommen ruhig und unbekmmert, sehr genau in der Ausbung seines Amtes, doch ohne allzu geschftig zu sein, kurz, er machte den Eindruck, als interessierte ihn die unheimliche Entscheidung eigentlich nicht im geringsten. Stawrogin war etwas bleicher als gewhnlich, ziemlich leicht gekleidet, in einem Mantel, und trug einen weien Kastorhut. Er schien sehr mde zu sein, dann und wann flog ein dsterer Schatten ber sein Gesicht, und offenbar war es ihm nicht der Mhe wert, seine schlechte Laune zu verbergen. Am eigentmlichsten verhielt sich jedoch Artemij Pawlowitsch Gaganoff, und ich sehe mich schon aus diesem Grunde gezwungen, ber ihn ein paar Worte hinzuzufgen. II. Artemij Pawlowitsch Gaganoff war ein groer Mensch, wei und wohlgenhrt, wie der Volksmund sagt, ja, beinahe feist, etwa dreiunddreiig Jahre alt, mit blondem, anliegendem Haar und, wenn man will, sogar hbschen Gesichtszgen. Er war mit dem Oberstenrang aus dem Dienst geschieden, doch wenn er es bis zum General gebracht htte, so wre er als solcher in voller Uniform eine noch imponierendere Erscheinung gewesen, und es wre sehr leicht mglich, da er im Felde einen guten Heerfhrer abgegeben htte. Zur Kennzeichnung seines Charakters darf nicht verschwiegen werden, da der Grund, weshalb er seinen Abschied nahm, der ihn so lange und qualvoll verfolgende Gedanke an seine Familienschande war: die Beleidigung seines Vaters -- vor mehr als vier Jahren in unserem Klub -- durch Nicolai Stawrogin. Er hielt es auf Ehre und Gewissen fr unehrenhaft, nach wie vor im Heer zu bleiben, und war innerlich berzeugt, da er das Regiment und die Kameraden schnde, obschon keiner von ihnen etwas von jenem Vorfall wute. Allerdings hatte er schon frher einmal die Absicht gehabt, den Abschied zu nehmen, schon lange vor jener Beleidigung, aus einem ganz anderen Grunde, aber er hatte doch noch geschwankt und sich nicht entschlieen knnen. Den Ansto zu dieser ersten Absicht, den aktiven Dienst aufzugeben, oder richtiger den Anla zu diesem Gedanken hatte seinerzeit[40] -- wie sonderbar das auch klingen mag -- das Manifest vom 19. Februar gegeben, das die Leibeigenschaft der Bauern aufhob. Dabei verlor er, Gaganoff, als einer der reichsten Gutsbesitzer unseres Gouvernements, durch dieses Manifest noch nicht einmal so viel, und auerdem sah er die Berechtigung der humanitren Gesichtspunkte selbst ein, ja er begriff fast auch die konomischen Vorteile der Reform, -- doch ungeachtet dessen fhlte er sich nach Erscheinen des Manifestes gleichsam persnlich beleidigt. Es war das zwar nur ein Gefhl bei ihm, beinahe unbewut, doch vielleicht empfand er es gerade deshalb um so strker. Bis zum Tode seines Vaters hatte er sich nicht entschlieen knnen, etwas Entscheidendes zu tun; doch durch seinen aristokratischen Standpunkt wurde er in Petersburg selbst mit vielen hervorragenden Persnlichkeiten bekannt, worauf er den Verkehr mit ihnen eifrig zu pflegen begann. Im brigen war er ein zurckhaltender, verschlossener Mensch, der zu jenen sonderbaren, doch in Ruland noch nicht ausgestorbenen Edelleuten gehrte, die auf das Alter und die Reinheit ihres Adelsgeschlechts ungeheuer viel geben und sich damit schon gar zu ernsthaft beschftigen. Dabei war ihm aber die Geschichte Rulands geradezu ein Greuel, wie er denn die ganze russische Art teilweise fr eine Schweinerei hielt. Schon in seiner Kindheit, als er noch in einer besonderen militrischen Schule fr ausschlielich vornehme und reiche Zglinge war, hatten sich in ihm gewisse poetische Auffassungen entwickelt: ihm gefielen Schlsser und Burgen, das mittelalterliche Leben von seiner opernhaften Seite, das Rittertum. Schon damals weinte er fast vor Scham, wenn er daran dachte, da der Zar des alten moskowitischen Reiches die russischen Bojaren krperlich hatte strafen drfen, und er errtete, wenn er diese Bruche mit denen des auslndischen ritterlichen Mittelalters verglich. Dieser steife, uerst strenge Mensch, der seinen Dienst so ausgezeichnet kannte und jede Pflicht gewissenhaft erfllte, war im Grunde seiner Seele vertrumt. Man behauptete von ihm, er knne Reden, sogar gute Reden halten -- einstweilen jedoch hatte er seine ganzen dreiunddreiig Jahre lang fast nur geschwiegen, und sogar in jenem vornehmen und vielbedeutenden Petersburger Kreise, in dem er seit einiger Zeit verkehrte, hatte er sich ungewhnlich hochmtig verhalten. Da traf ihn die Begegnung mit Stawrogin, der aus dem Auslande nach Petersburg zurckgekehrt war, und brachte ihn fast um den Verstand. So war er denn von einer geradezu krankhaften Unruhe, als er jetzt vor der Barriere stand: noch immer frchtete er, da das Duell auf irgendeine Weise nicht zustandekommen knnte, und selbst die kleinste Verzgerung machte ihn erzittern. Ein geradezu schmerzhafter Ausdruck trat in sein Gesicht, als Kirilloff, anstatt das Zeichen zum ersten Schu zu geben, pltzlich zu sprechen begann, allerdings nur pflichtschuldig, was er auch sofort vorausschickte. Nur _pro forma_ noch ein paar Worte: jetzt, da schon die Pistolen in den Hnden der Duellanten sind, frage ich zum letztenmal, ob Sie nicht wnschen, sich zu vershnen? -- Die Pflicht des Sekundanten, fgte er fast gleichgltig hinzu. Und wie um seinen Freund zu rgern -- so schien es wenigstens Gaganoff --, begann nun auch Mawrikij Nicolajewitsch Drosdoff zu sprechen, der bisher noch kein Wort gesagt, sich aber schon seit dem vorigen Abend ber seine Zusage qulende Vorwrfe gemacht hatte. So griff er denn Kirilloffs Vorschlag schnell auf. Ich schliee mich vollkommen Herrn Kirilloffs Worten an ... Da man sich an der Barriere nicht mehr vershnen knne -- ist ein Vorurteil, das zu den Franzosen passen mag ... Und eigentlich liegt doch berhaupt keine richtige Beleidigung vor, wenigstens vermag ich sie nicht zu entdecken -- Verzeihung, das wollte ich schon gestern sagen ... es werden doch alle erdenklichen Entschuldigungen angeboten, nicht wahr? Er war dabei ganz rot geworden. Selten hatte er so viel und in solcher Aufregung gesprochen. Ich wiederhole meine Bereitwilligkeit, alle mir mglichen Entschuldigungen zu machen, sagte Stawrogin ungewhnlich entgegenkommend. Wie ist das nur mglich?! schrie Gaganoff, zu Drosdoff gewandt, auer sich, und stampfte mit dem Fu. Erklren Sie doch diesem Menschen, -- er stie dabei mit der Pistole in die Richtung, in der Stawrogin stand -- wenn Sie mein Sekundant und nicht mein Feind sind, Mawrikij Nicolajewitsch, da solche Zugestndnisse die Beleidigung nur verstrken! Er hlt es nicht fr mglich, von mir beleidigt zu werden! ... Er hlt es fr keine Schande, vor mir von der Barriere zurckzutreten! Fr wen hlt er mich denn nach alledem! Was glauben Sie ... und Sie sind noch mein Sekundant! Sie regen mich nur auf, damit ich nicht treffe! Wieder stampfte er mit dem Fu und Speichel spritzte von seinen Lippen. Die Unterhandlung ist beendet. Bitte, auf das Kommando zu hren! rief Kirilloff laut. Eins, zwei, drei! Bei drei gingen die Gegner aufeinander zu. Gaganoff erhob sofort die Pistole und beim fnften oder sechsten Schritt -- scho er. Eine Sekunde lang blieb er stehen und, nachdem er sich berzeugt, da er nicht getroffen hatte, ging er schnell zur Barriere. Auch Stawrogin trat an die Barriere, erhob die Pistole, aber ziemlich hoch und scho fast ohne zu zielen. Darauf zog er sein Taschentuch hervor und umwickelte den kleinen Finger seiner rechten Hand. Da bemerkten erst die anderen, da Artemij Pawlowitsch doch nicht ganz gefehlt hatte: freilich hatte die Kugel den Finger nur gestreift, ohne den Knochen zu berhren. Kirilloff erklrte sofort, da das Duell, wenn die Gegner sich jetzt nicht vershnen wollten, seinen Fortgang nehmen knne. Ich behaupte, da dieser Mensch, schrie Gaganoff heiser (seine Kehle war trocken geworden), sich wieder nur an Drosdoff wendend, und er wies von neuem mit der Pistole auf Stawrogin, da dieser Mensch absichtlich in die Luft geschossen hat ... absichtlich! ... Das ist eine neue Beleidigung! Er will das Duell unmglich machen! Ich habe das Recht, so zu schieen, wie ich will, wenn es nur nach den Regeln geschieht, bemerkte Stawrogin fest. Nein, das hat er nicht! Erklren Sie ihm das, erklren Sie es ihm doch! schrie Gaganoff. Ich bin ganz der Meinung Nicolai Wszewolodowitschs, sagte Kirilloff. Warum schont er mich!? raste Gaganoff, ohne auf die anderen zu hren. Ich verachte seine Schonung ... Ich spucke ... Ich ... Ich gebe mein Wort, da ich Sie durchaus nicht beleidigen wollte, sagte Stawrogin ungeduldig. Ich habe in die Luft geschossen, weil ich niemanden mehr tten will, ob Sie oder einen anderen, geht Sie persnlich nichts an. Es ist wahr, ich halte mich nicht fr beleidigt, und es tut mir leid, da Sie das aufbringt. Ich erlaube aber keinem, sich in mein Recht einzumischen. Wenn er sich so vor Blut frchtet, so fragen Sie ihn doch, warum er mich berhaupt gefordert hat? brllte Gaganoff, immer noch ausschlielich zu Mawrikij Nicolajewitsch Drosdoff gewandt. Wie sollte man Sie denn nicht fordern? mischte sich Kirilloff ein. Sie wollten doch nichts hren, wie sollte man Sie denn los werden? Ich mchte nur bemerken, sagte Mawrikij Nicolajewitsch, der angestrengt und qualvoll ber die Sache nachdachte, wenn der Gegner im voraus erklrt, er werde in die Luft schieen, so kann das Duell, meiner Meinung nach, nicht mehr fortgesetzt werden ... aus delikaten und, ich glaube ... auch klaren Grnden. Ich habe durchaus nicht erklrt, da ich jedesmal in die Luft schieen werde! rief Stawrogin, der nun wirklich die Geduld verlor. Wie knnen Sie wissen, was ich im Sinne habe und wie ich zum zweitenmal schieen werde ... Ich mache das Duell keineswegs unmglich. Wenn dem so ist, kann das Duell seinen Fortgang nehmen, wandte sich Mawrikij Nicolajewitsch an Gaganoff. Meine Herren, nehmen Sie Ihre Pltze ein! kommandierte Kirilloff. Sie stellten sich auf, gingen wieder aufeinander zu, wieder fehlte Gaganoff und wieder scho Stawrogin in die Luft. brigens waren diese Schsse in die Luft doch zweifelhaft -- es lie sich ber sie streiten: Stawrogin htte sehr wohl behaupten knnen, da er, ganz wie es sich gehrt, auf den Gegner gezielt habe, wenn er nicht vorher selbst das Gegenteil angekndigt htte, denn er richtete die Pistole nicht etwa gerade auf den Himmel oder auf einen Baumwipfel, sondern immerhin so, als ziele er auf den Gegner, -- wenn er auch tatschlich einen halben Meter ber dessen Hut zielte. Dieses zweite Mal hatte er sogar ein noch niedrigeres, noch tuschenderes Ziel genommen; doch Gaganoff wre jetzt wohl berhaupt nicht mehr zu berzeugen gewesen. Wieder! knirschte er ingrimmig. Einerlei! Ich bin gefordert und werde von meinem Recht Gebrauch machen! Ich will zum drittenmal schieen ... unbedingt! ... Dazu haben Sie das volle Recht, schnitt ihm Kirilloff das Wort ab. Mawrikij Nicolajewitsch sagte nichts. Zum drittenmal wurden sie aufgestellt, zum drittenmal wurde kommandiert. Diesmal schritt Gaganoff bis zur Barriere, und von dort, auf zwlf Schritt Distanz, begann er zu zielen. Doch seine Hnde zitterten zu sehr, um richtig zielen zu knnen. Stawrogin stand mit gesenkter Pistole und erwartete regungslos den Schu des Gegners. Zu lange, zu lange gezielt! rief Kirilloff schlielich ungestm. Schieen Sie! Schieen Sie! Der Schu ertnte, und diesmal ri die Kugel Stawrogins weien Hut vom Kopfe. Gaganoff hatte gut gezielt, der Hutboden war ganz unten durchschossen; nur zwei Zentimeter niedriger und alles wre zu Ende gewesen. Kirilloff hob den Hut auf und reichte ihn Stawrogin. Schieen Sie, halten Sie den Gegner nicht auf! rief Mawrikij Nicolajewitsch in ungewhnlicher Erregung, als er sah, da Stawrogin, der mit Kirilloff den Hut betrachtete, seinen dritten Schu gleichsam vergessen hatte. Stawrogin zuckte zusammen, blickte auf Gaganoff, wandte sich dann zur Seite und scho diesmal schon ohne jedes Zartgefhl einfach in den Wald hinein. Das Duell war beendet. Gaganoff stand da wie erstarrt. Mawrikij Nicolajewitsch trat zu ihm und sprach etwas, doch er schien ihn gar nicht zu verstehen. Kirilloff zog den Hut, als er fortging, und nickte Mawrikij Nicolajewitsch zu; doch Stawrogin verga jetzt die Hflichkeit, die er vorhin bezeugt hatte; nach seinem letzten Schu in den Wald, drckte er Kirilloff die Pistole in die Hand und ging, ohne sich auch nur einmal zur Barriere zu wenden, schnell zu den Pferden. Sein Gesicht drckte Wut aus; er schwieg. Auch Kirilloff schwieg. Sie bestiegen die Pferde und ritten im Galopp davon. III. Warum schweigen Sie? rief Stawrogin ungeduldig Kirilloff zu, kurz bevor sie das Haus erreichten. Was wollen Sie? fragte dieser, fast vom Pferde rutschend, da es sich bumte. Stawrogin bezwang sich. Ich wollte ihn nicht beleidigen, diesen ... Dummkopf, und doch habe ich es wieder getan, sagte er langsam. Ja, Sie haben ihn wieder beleidigt, sagte Kirilloff trocken, -- und dabei ist er gar kein Dummkopf. Immerhin habe ich alles getan, was ich konnte. Nein. Was htte ich denn tun sollen? Nicht fordern. Noch einen Schlag ins Gesicht ertragen? Ja, noch einen Schlag ertragen. Ich fange an nichts mehr zu begreifen! sagte Stawrogin gergert. Warum erwartet man von mir, was man sonst von niemandem erwartet? Warum soll ich ertragen, was sonst niemand ertrgt, und mir Brden aufladen, die keiner tragen kann? Ich glaube, Sie suchen eine Brde. Ich suche eine Brde? Ja. Sie ... haben das bemerkt? Ja. Ist das so bemerkbar? Ja. Sie schwiegen. Stawrogin sah besorgt aus, fast erschreckt. Ich habe nur deshalb nicht auf ihn geschossen, weil ich nicht tten wollte, und das war alles, ich versichere Sie, sagte er schnell und erregt, als wollte er sich rechtfertigen. Es war nicht ntig, zu beleidigen. Was htte man denn tun sollen? Man htte tten sollen. Es tut Ihnen leid, da ich ihn nicht erschossen habe? Mir tut gar nichts leid. Ich glaubte, Sie wollten ihn wirklich erschieen. Sie wissen selbst nicht, was Sie suchen. Ich suche eine Brde, lachte Stawrogin auf. Wenn Sie nicht Blut vergieen wollten, warum gaben Sie sich denn selbst dazu her? Wenn ich ihn nicht gefordert htte, so wre ich von ihm so erschlagen worden, ohne Duell. Das ist nicht Ihre Sache. Vielleicht htte er auch nicht erschlagen. Sondern nur geschlagen? Nicht Ihre Sache. Tragen Sie die Brde. Sonst gibt es kein Verdienst. Aus dem mache ich mir gerade was! Habe es noch bei niemandem gesucht! Ich glaubte, Sie suchten, schlo Kirilloff unglaublich kaltbltig. Sie ritten auf den Hof. Kommen Sie zu mir? lud ihn Stawrogin ein. Nein, ich gehe nach Haus. Leben Sie wohl. Er stieg aus dem Sattel und nahm seinen Kasten unter den Arm. Aber wenigstens Sie rgern sich doch nicht ber mich? fragte Stawrogin und hielt ihm die Hand hin. Nicht im geringsten! Kirilloff kehrte sofort zurck, um ihm die Hand zu drcken. Wenn meine Brde mir leicht ist, so ist es, weil das von Natur so ist, und wenn Ihre Brde Ihnen vielleicht schwerer ist, so kommt das auch, weil die Natur so ist. Sehr zu schmen braucht man sich deshalb nicht, nur ein wenig. Ich wei, da ich ein nichtiger Charakter bin, aber ich drnge mich ja auch nicht unter die Starken. Tun Sie's auch nicht. Sie sind kein starker Mensch. Kommen Sie wieder Tee trinken. Stawrogin trat verwirrt und erregt bei sich ein. IV. Alexei Jegorowitsch meldete ihm sofort, da Warwara Petrowna, die sich ber den Spazierritt Nicolai Wszewolodowitschs -- den ersten nach acht Tagen Krankheit -- sehr gefreut hatte, nun gleichfalls ausgefahren sei, so wie frher alle Tage, um wieder einmal frische Luft zu atmen, dieweil sie es seit acht Tagen nicht mehr getan haben. Ist sie allein gefahren oder mit Darja Pawlowna? unterbrach Stawrogin den alten Diener hastig und sein Gesicht verdsterte sich sehr, als er hrte, da Darja Pawlowna krankheitshalber vorgezogen haben, nicht mitzufahren und sich augenblicklich in ihren Zimmern befinden. Hre, Alter, sagte er, wie nach einem pltzlichen Entschlu, pa auf sie heute den ganzen Tag auf, und wenn du bemerkst, da sie zu mir kommen will, so halte sie zurck und sag ihr, da ich sie nicht empfangen kann, wenigstens in diesen Tagen nicht ... da ich sie selbst darum bitten lasse ... und wenn es Zeit sein wird, werde ich sie selbst rufen -- hrst du? Zu Befehl, sagte Alexei Jegorowitsch mit Kummer in der Stimme und senkte die Augen. Aber nicht frher, als bis du sicher bist und genau siehst, da sie zu mir kommen will. Der gndige Herr knnen unbesorgt sein, es wird alles so gemacht werden. Durch mich sind bis jetzt auch alle Besuche ermglicht worden, sie haben sich immer an mich gewandt. Ich wei. Also nicht frher, als bis sie selbst kommt. Und jetzt bring mir Tee, wenn es geht, mglichst schnell. Kaum hatte der Alte das Zimmer verlassen, als dieselbe Tr sich wieder ffnete und Darja Pawlowna auf der Schwelle erschien. Ihr Blick war ruhig, doch das Gesicht bleich. Woher kommen Sie? rief Stawrogin. Ich stand hier an der Tr und wartete, bis er hinausging, um dann bei Ihnen einzutreten. Ich habe gehrt, was Sie ihm angaben. Als er fortging, versteckte ich mich hinter den Mauervorsprung rechts, und so hat er mich nicht bemerkt. Ich wollte schon lange mit Ihnen brechen, Dascha ... so lange ... es noch Zeit ist. Ich konnte Sie heute Nacht nicht empfangen, trotz Ihrer brieflichen Bitte. Ich wollte Ihnen gleichfalls schreiben, aber ich verstehe nicht zu schreiben, fgte er mit rger und sogar wie angeekelt hinzu. Auch ich habe bereits daran gedacht, da wir brechen mssen. Warwara Petrowna argwhnt schon zu sehr unsere Beziehungen. Nun, mag sie doch. Sie soll sich nicht beunruhigen. Und so bleibt es denn jetzt bis zum Ende? Sie erwarten immer noch unbedingt ein Ende? Ja, ich bin berzeugt, da es kommen wird. Auf der Welt hat nichts ein Ende. Hier aber wird es ein Ende geben. Rufen Sie mich dann, ich werde kommen. Und jetzt leben Sie wohl. Und was fr ein Ende wird denn das sein? fragte Stawrogin halb lachend. Sie sind nicht verwundet und ... haben auch kein Blut vergossen? fragte sie, ohne auf die Frage nach dem Ende zu antworten. Es war dumm; ich habe niemanden gettet, beunruhigen Sie sich nicht. brigens werden Sie heute noch alles von allen hren. Ich fhle mich nicht ganz wohl. Ich gehe schon. Die Anzeige der Heirat wird heute nicht erfolgen? fragte sie noch wie unschlssig. Heute nicht; morgen nicht ... bermorgen -- sind wir vielleicht alle tot, ... um so besser. Lassen Sie mich, lassen Sie mich doch endlich! Sie werden die andere nicht zugrunde richten ... die Wahnsinnige? Ich werde keine Wahnsinnige zugrunde richten, weder die eine noch die andere, aber ich glaube, die Vernnftige richte ich zugrunde: ich bin so gemein, so niedrig, Dascha, da ich Sie vielleicht wirklich rufen werde -- >ganz zum Schlu<, wie Sie sagen, und Sie werden dann, trotz Ihrer Vernunft, zu mir kommen. Warum richten Sie sich selbst zugrunde? Ich wei, da zum Schlu nur ich bei Ihnen bleiben werde und ... ich warte darauf. Wenn ich Sie aber zum Schlu nicht rufe und von Ihnen fortlaufe? Das ist unmglich, Sie werden mich rufen. Darin liegt viel Verachtung fr mich. Sie wissen, da nicht nur Verachtung ... Also ist Verachtung immerhin dabei? Ich wollte es nicht so sagen. Gott ist mein Zeuge, da ich von Herzen wnschte, Sie htten mich niemals ntig. Die eine Phrase ist die andere wert. Auch ich wnschte, Sie nicht zugrunde zu richten. Niemals und durch nichts werden Sie mich zugrunde richten knnen -- und das wissen Sie ja selbst am besten, sagte Darja Pawlowna schnell und berzeugt. Wenn ich nicht zu Ihnen komme, so werde ich barmherzige Schwester, Krankenwrterin. Oder werde als Bchertrdlerin Bibeln verkaufen. Das habe ich beschlossen. Ich kann nicht in solchen Husern leben, wie dieses hier. Nicht das ist es, was ich will ... Sie wissen alles ... -- Nein, ich habe es nie erfahren knnen, was Sie wollen; ich glaube, Sie interessieren sich fr mich, wie zuweilen alte Krankenwrterinnen aus irgendeinem Grunde einen Pflegling den anderen vorziehen, oder, noch besser, wie auf unseren Kirchhfen die betenden Greisinnen von den vielen Leichen sich eine etwas ansehnlichere aussuchen, die sie dann besonders in ihr Herz schlieen.[41] Warum sehen Sie mich so sonderbar an? Sind Sie sehr krank? fragte sie teilnehmend und sah ihn dabei ganz eigentmlich nachdenklich und forschend an. Gott! Und dieser Mensch will ohne mich auskommen! Hren Sie, Dascha, ich sehe jetzt immer Gespenster. Heute nacht bot sich mir ein kleiner Teufel auf der Brcke an, -- erbot sich, Lebdkin und Marja Timofejewna zu ermorden, um meiner gesetzlichen Ehe ein Ende zu machen, und so, da nichts ruchbar wird. Als Handgeld verlangte er nur drei Rubel, doch gab er deutlich zu verstehen, da die ganze Operation nicht weniger als tausendfnfhundert kosten werde. Das war mir mal ein gut berechnender Teufel! Ein Buchhalter! Ha--ha! Und Sie sind fest berzeugt, da es ein Gespenst war? O nein, durchaus kein Gespenst! Das war ganz einfach der entsprungene Zuchthusler Fedjka, ein sibirischer Strfling und Raubmrder. Doch das ist Nebensache. Aber was glauben Sie, da ich getan habe? Ich habe ihm das ganze Geld aus meinem Portemonnaie hingeworfen, und er ist jetzt vollkommen berzeugt, da ich ihm damit das Handgeld gezahlt habe! Sie haben ihn in der Nacht getroffen und er hat Ihnen diesen Vorschlag gemacht? Ja, sehen Sie denn wirklich nicht, da Sie von dem Netz jener Leute schon vollstndig umstrickt sind? Nun, mgen sie. Aber soll ich Ihnen sagen, was fr eine Frage sich jetzt in Ihnen dreht und windet? -- ich sehe sie in Ihren Augen, fgte er gereizt mit bsem Lcheln hinzu. Dascha erschrak: Gar keine Frage und es gibt da berhaupt keinen Zweifel, schweigen Sie! rief sie in Unruhe, die Frage gleichsam von sich fortscheuchend. Sie sind also berzeugt, da ich nicht zu Fedjka in die Kneipe gehen werde? O Gott! Sie erhob die Hnde. Warum qulen Sie mich so? Nun, verzeihen Sie mir meinen dummen Scherz, offenbar habe ich mir von jenen deren schlechte Manieren angeeignet. Wissen Sie, seit dieser Nacht habe ich so wahnsinnige Lust zu lachen, immerzu, ununterbrochen, lange, aus vollem Halse zu lachen. Ich bin wie geladen mit Gelchter ... Hu! Mama ist angekommen; ich kenne den Ruck, mit dem ihre Equipage vor dem Portal anhlt. Dascha ergriff seine Hand. Wird doch Gott Sie vor Ihrem Dmon bewahren und ... rufen Sie mich, rufen Sie mich dann schnell! Oh, mein Dmon! Der ist ja nur ein kleines, widerliches, skrofulses Teufelchen, das sich erkltet und den Schnupfen hat, eines von den milungenen. Aber Sie, Dascha, Sie wagen ja wieder nicht, etwas auszusprechen? Sie sah ihn mit Schmerz und Vorwurf an und wandte sich zur Tr. Hren Sie, rief er ihr mit boshaftem, verzerrtem Lcheln nach. Wenn ... nun, da, mit einem Wort, _wenn_ ... Sie verstehen schon, wenn ich selbst zu Fedjka in die Kneipe ginge ... und Sie nachher riefe, -- wrden Sie dann auch noch kommen, selbst nach meinem Gang in die Kneipe? Sie ging hinaus, ohne zurckzusehen, ohne zu antworten, das Gesicht mit den Hnden bedeckt. Sie wird kommen, auch nach meinem Gang in die Kneipe! murmelte er nach kurzem Nachdenken vor sich hin, und in seinem Gesicht drckte sich angewiderte Verachtung aus: -- Krankenwrterin! Hm ... Doch brigens, vielleicht brauche ich gerade das. Neuntes Kapitel. Alle in Erwartung I. Die Geschichte dieses Duells wurde in unserer Gesellschaft ungemein schnell bekannt. An dem Eindruck, den sie machte, war das Bemerkenswerteste die Einstimmigkeit, mit der alle sich schon am nchsten Tage rckhaltlos fr Nicolai Stawrogin erklrten. Selbst viele von seinen ehemaligen Feinden zhlten sich pltzlich entschieden zu seinen Freunden. Den Ansto zu diesem berraschenden Umschwung der ffentlichen Meinung hatte zunchst nur eine einzige treffende Bemerkung gegeben; diese aber war von einer Persnlichkeit gemacht worden, die sich bis dahin noch nie ffentlich geuert oder gar ihre Stellungnahme verraten hatte. So ward denn jene Bemerkung sogleich von ungeheurer Bedeutung fr den grten Teil unserer Gesellschaft. Zugetragen aber hatte sich das alles folgendermaen: Gerade an dem Tage nach dem Duell feierte die Gemahlin des Adelsmarschalls unseres Gouvernements ihren Geburtstag. Die ganze hhere Gesellschaft war bei ihr versammelt. Unter den Gsten befand sich auch, oder richtiger, prsidierte, als Gattin unseres neuen Gouverneurs, Julija Michailowna, die in Begleitung von Lisaweta Nicolajewna erschienen war. Lisa war von geradezu strahlender Schnheit und sah ganz besonders froh und glcklich aus -- was freilich viele Damen sogleich uerst verdchtig fanden. Hier mu ich erwhnen, da an ihrer tatschlichen Verlobung mit Mawrikij Nicolajewitsch eigentlich nicht mehr zu zweifeln war: auf die scherzhafte Frage eines alten Generals, von dem gleich noch die Rede sein wird, antwortete Lisa selbst, da sie Braut sei. Und doch -- wie sonderbar das auch erscheinen mag --: keine einzige von unseren Damen wollte daran glauben und alle fuhren sie eigensinnig fort, von einem verhngnisvollen Familiengeheimnis, von einem Roman zu munkeln, der sich in der Schweiz abgespielt haben sollte, und zwar -- ich wei nicht, weshalb -- unbedingt unter Mitwirkung von Julija Michailowna. Es ist wirklich schwer zu sagen, wie alle diese Gerchte sich so lange und hartnckig behaupten konnten, und warum immer wieder und unbedingt gerade Julija Michailowna in diese Geschichten hineingeflochten wurde und warum man glaubte, da sie auch in die Geheimnisse der Ohrfeigengeschichte eingeweiht sei. So kam es denn, da man ihr auch auf der Abendgesellschaft beim Adelsmarschall, als sie mit Lisa eintrat, sogleich und ganz allgemein mit Spannung entgegensah, mit Blicken, die die Erwartung deutlich verrieten. Von dem Duell wagte man noch nicht laut zu sprechen, nur unter Bekannten tuschelte man sich dies und jenes zu. Es geschah das wohl vor allem deshalb, weil man noch nicht wute, wie sich die Behrden zu dem Vorfall stellen wrden. Soweit bekannt war, hatte man die beiden Duellanten bis jetzt noch vllig unbehelligt gelassen, und Gaganoff war, wie man wute, schon am Morgen dieses Tages auf sein Gut Duchowo zurckgekehrt, ohne vorher irgendwelchen Belstigungen ausgesetzt gewesen zu sein. Selbstredend warteten nun alle darauf, da endlich jemand laut davon zu sprechen anfange und damit der allgemeinen Ungeduld und Neugier, die sich so nicht uern konnten, gewissermaen die Tr ffne. Dabei rechnete man ganz besonders auf den bereits erwhnten alten General, und richtig: man verrechnete sich dabei nicht. Dieser General war eines der angesehensten Mitglieder unseres Adelsklubs: Gutsbesitzer, doch nicht sonderlich reich, mit Anschauungen, die in ihrer Art geradezu einzig waren, und in Damengesellschaft ein unverbesserlicher Kurmacher. Unter anderem liebte er es besonders, auf groen Versammlungen, sei es nun im Klub oder in der Gesellschaft, mit der ganzen Wrde seines Ranges und Alters pltzlich laut gerade davon zu sprechen, wovon alle nur ngstlich und heimlich zu flstern wagten. Es war das gewissermaen eine Spezialitt von ihm. Und so tat er es denn auch diesmal wieder nach seiner alten Gewohnheit. -- Mit Gaganoff war er irgendwie entfernt verwandt, jetzt aber entzweit; ich glaube, er prozessierte sogar mit ihm. Auerdem hatte er in seiner Jugend selbst zwei Duelle gehabt und war wegen des letzten zeitweilig als Gemeiner nach dem Kaukasus verbannt gewesen. Nun lie jemand ein paar Worte ber Warwara Petrowna fallen, die nach der Krankheit jetzt wieder ausgefahren sei -- oder eigentlich nicht gerade ber sie, sondern mehr ber den herrlichen grauen Viererzug eigener, Stawroginscher, Zucht, mit dem sich dies Ereignis begeben hatte. Da bemerkte pltzlich der alte General, da er heute den jungen Stawrogin zu Pferde angetroffen habe ... Alles verstummte sofort. Der General aber schob eine Weile lang die Lippen hin und her, spielte mit seiner goldenen, ihm hohen Orts geschenkten Tabaksdose und sagte schlielich, die Worte wie ein Feinschmecker auseinanderziehend: Tut mir faktisch un--gemein leid, da ich vor einigen Jahren nicht hier war ... Hielt mich gerade in Karlsbad auf. Hm ... Dieser junge Mensch in--te--ressiert mich, in der Tat, se--ehr. Es kursi--ierten ja seinerzeit die tollsten Gerchte ber ihn. Hm ... Aber wie, -- sollte es fak--tisch wahr sein, da er nicht ganz, hm, zu--rechnungs--fhig ist? Hab so etwas gehrt ... Jetzt aber hrte ich, ein Student habe ihn in Gegenwart seiner Kusinen beleidigt, und er soll vor ihm unter den Tisch gekrochen sein. Und nun sagt mir pltzlich Stepan Wyssotzki, da dieser Stawro--gin sich mit diesem ... Gaga--noff geschlagen hat. Und das ein--zig in der chevaleres--ken Ab--sicht, sei--ne Stirn der Kugel eines ... Toll--gewordenen zu bieten, blo um ihn ... h ... loszuwerden. Hm ... Das ist so ungefhr im Stil der Garde der zwanziger Jahre. Verkehrt er brigens hier mit jemandem? Der General verstummte, als erwarte er eine Antwort, und alle Blicke wandten sich, fast wie auf ein Kommando, Julija Michailowna zu. Das ist doch ganz erklrlich! sagte diese gereizt, da alle gleichsam berzeugt schienen, gerade _sie_ msse jetzt etwas sagen. Wie kann man sich darber wundern, da Stawrogin sich mit Gaganoff schlgt und mit dem Studenten nicht? Er konnte doch nicht seinen frheren Leibeigenen fordern! Bemerkenswerte Worte! Eine einfache und auf der Hand liegende Erklrung, auf die aber noch niemand verfallen war. So war sie denn auch von entscheidender Wirkung. Alles Skandalse, Anekdotenhafte und Kleinliche war mit einem Schlage zurckgedrngt und etwas anderes tauchte vor einem auf. Man sah pltzlich einen neuen Menschen vor sich, in dem sich bis jetzt alle getuscht hatten, einen Menschen mit Ehrbegriffen von fast idealer Strenge. Von einem Studenten, also einem gebildeten und nicht mehr leibeigenen Menschen, tdlich beleidigt, bersieht er die Beleidigung, weil der Student -- sein ehemaliger Leibeigener ist. Die Gesellschaft zerreit sich den Mund darber und blickt mit Verachtung auf den Menschen, der einen Schlag ins Gesicht hingenommen hat: dieser aber miachtet, bersieht einfach auch die Meinung der Gesellschaft, die ja doch zur richtigen Beurteilung der Dinge viel zu unreif ist, obschon sie sich selber stets dazu berufen fhlt. Und whrenddessen sitzen wir hier, Iwan Alexandrowitsch, und philosophieren darber, welches die richtigen Ehrbegriffe sind! bemerkt in einem edlen Anfall von Selbsterkenntnis ein alter Klubherr zum anderen. Ja, ja, Sie haben recht, Pjotr Michailowitsch, pflichtet ihm dieser reuig bei. Und da schilt man noch auf die Jugend von heute! Ach was, hier kann doch von der Jugend im allgemeinen berhaupt nicht die Rede sein, sagt ein Dritter. Die Jugend von heute hat damit nichts gemein. Hier handelt es sich einfach um einen Stern, eine einzigartige Ausnahme, um einen neuen Menschen, nicht aber um irgendeine durchschnittliche Jugend von heute! Sehen Sie, so ist das aufzufassen. Ja, ja ... und gerade das ist es ja, was wir brauchen; wir sind arm geworden an Persnlichkeiten. Doch das Wichtigste war hierbei, da diese Persnlichkeit oder dieser neue Mensch sich nicht nur als unzweifelhafter Edelmann erwiesen hatte, sondern auerdem noch der allerreichste Grundbesitzer unseres Gouvernements war, und folglich sogleich als Beistand und Faktor zu betrachten war. Ich habe brigens schon frher andeutungsweise die Stimmung unserer Grundbesitzer erwhnt.[42] Ja, man geriet sogar ordentlich in Hitze: Und nicht nur, da er den Studenten nicht gefordert hat, hob ein anderer hervor, er hat sogar die Hnde ostentativ zurckgezogen! -- Bitte das wohl zu bemerken, Exzellenz! Und hat ihn nicht einmal vor unser neues Zivilgericht geschleppt ... meinte wieder ein anderer. Ungeachtet dessen, da dieses unser hochlbliches neues Gericht ihn dafr, da _er_ beleidigt worden ist, zu einer Strafe von fnfzehn Silberrubeln verurteilt htte, ha--ha--ha! Nein, hren Sie, ich werde Ihnen gleich das ganze Geheimnis unserer neuen Gerichte sagen! regte sich ein Dritter auf. Hat jemand einen anderen bestohlen oder begaunert, und hat man ihn womglich auf frischer Tat ertappt und berfhrt -- so laufe er nur schnell nach Hause, so lange er noch Beine hat, und schlage seine Mutter tot! Dann spricht man ihn im Nu von allem frei, und die Damen werden ihm noch mit ihren Batisttchlein von der Estrade zuwinken und Ovationen bereiten! Ehrenwort, so ist es! Ein wahres Wort, bei Gott, so ist es! Natrlich begngte sich die Gesellschaft auch diesmal nicht mit den bekannten Tatsachen. Man sprach wieder ber die Freundschaft Stawrogins mit dem berhmten Grafen K., dessen strenger, isolierter Standpunkt den neuesten Reformen gegenber allgemein bekannt war, ebenso wie seine aufsehenerregende Ttigkeit noch bis in die jngste Zeit. Und pltzlich stand fr alle vollstndig fest, da Nicolai Wszewolodowitsch sich mit einer von den Tchtern des Grafen K. verloben werde, obgleich zu einer solchen Annahme in Wirklichkeit auch nicht der geringste Grund vorhanden war. Was aber da irgendwelche romantische schweizer Abenteuer mit Lisaweta Nicolajewna anbetraf, oh, so erwhnten unsere Damen diese Mrchen berhaupt nicht mehr. Ich mu hier bemerken, da Drosdoffs inzwischen schon berall ihre Visite gemacht hatten, und nun fand man, da Lisa ein ganz gewhnliches junges Mdchen sei, das mit seinen kranken Nerven nur kokettierte. Ihren Ohnmachtsanfall am Tage der Ankunft Nicolai Wszewolodowitschs erklrte man einfach mit dem Schreck ber die schndliche Tat des Studenten. Ja, man bemhte sich sogar, das, was man noch vor kurzem so phantastisch aufgefat hatte, jetzt so prosaisch wie mglich zu erklren; -- und die Hinkende verga man vllig, schmte sich fast, sie berhaupt erwhnt zu haben. Die Mnner aber pflegten zu sagen: Und wenn auch hundert lahme Frauenzimmer -- wer ist denn nicht jung gewesen! Jetzt hob man auch allgemein die Ehrerbietung Nicolai Wszewolodowitschs zu seiner Mutter hervor, sprach wohlwollend von seinem groen Wissen, das er sich in diesen vier Jahren an deutschen Universitten erworben hatte. Die Handlungsweise Gaganoffs aber erklrte man endgltig fr taktlos -- die Eigenen erkennen die Eigenen nicht! --, und Julija Michailowna sprach man gar hhere Einsicht zu. So wurde denn Stawrogin, als er endlich selbst in der Gesellschaft erschien, mit dem naivsten Ernst und der ungeduldigsten Erwartung angesehen. Er aber schwieg. Natrlich befriedigte das wieder weit mehr, als es endlose Erklrungen getan htten. Kurz, er machte einen groen Eindruck auf alle, er wurde Mode. In der Gesellschaft kam er mit feinstem Takt allen seinen Pflichten nach. Ein Zurckziehen, sich Absondern war freilich unmglich, nachdem er einmal in der Gesellschaft erschienen war. Das ist schon so in der Provinz. Man fand ihn zwar nicht gemtlich oder unterhaltsam, aber der Mensch hat gelitten, ist nicht so wie andere; hat auch was, worber er nachdenken kann, hie es zu seiner Entschuldigung. Sogar sein Stolz und die Unnahbarkeit, die ihm vor vier Jahren so viel Ha eingetragen hatten, gefielen jetzt und wurden sehr geachtet. Am meisten triumphierte Warwara Petrowna. Ich wei nicht, ob sie sich ber ihre verunglckten Plne mit Lisa sehr grmte: darber half ihr vielleicht der Familienstolz hinweg. Sonderbar war nur eines: Warwara Petrowna glaubte pltzlich gleichfalls, da ihr _Nicolas_ eine Tochter des Grafen K. erwhlt habe, und zwar -- was das Sonderbarste dabei war -- sie glaubte es gleichfalls nur auf die Gerchte hin, die auch zu ihr blo der Zufall verschlagen hatte; selbst aber ihren Sohn zu fragen, frchtete sie sich. Zwei- oder dreimal konnte sie sich freilich nicht bezwingen, und machte ihm vorsichtig, wenn auch heiter, den Vorwurf, nicht ganz aufrichtig zu ihr zu sein: Nicolai Wszewolodowitsch lchelte aber nur und fuhr fort, zu schweigen. So hielt sie sein Schweigen fr eine Besttigung. Und doch konnte sie bei all dem die Hinkende nicht vergessen. Der Gedanke an diese lag ihr wie ein Stein auf dem Herzen, raubte ihr den Schlaf oder schreckte sie mit unheimlichen Trumen -- und das zu derselben Zeit, als sie an die Tchter des Grafen K. dachte. Aber davon spter. Es versteht sich im brigen von selbst, da die Gesellschaft sich wieder ganz wie frher mit auerordentlicher Ehrfurcht zu Warwara Petrowna verhielt, wenn auch diese sich jetzt nur noch selten sehen lie. Indessen machte sie doch der Gouverneurin einen feierlichen Besuch. Natrlich war niemand ber die schon erwhnte Bemerkung Julija Michailownas so entzckt, wie Warwara Petrowna: diese Worte hatten viel Leid von ihrem Herzen genommen. Ich habe diese Frau miverstanden! sagte sie sich, und mit der ihr eigenen Aufrichtigkeit erklrte sie Julija Michailowna sofort, da sie gekommen sei, um sich bei ihr zu bedanken. Julija Michailowna war natrlich sehr geschmeichelt, verlor jedoch nicht ihre Wrde. Zu gleicher Zeit stieg sie in ihren eigenen Augen ganz betrchtlich, und vielleicht sogar etwas zu hoch. So beging sie beispielsweise im Laufe des Gesprchs die Unhflichkeit, Warwara Petrowna zu sagen, da sie noch nie etwas von einer literarischen Ttigkeit Stepan Trophimowitschs gehrt habe. Ich empfange und verwhne natrlich den jungen Werchowenski, er ist zuweilen etwas unbesonnen, aber er ist ja noch jung. Jedenfalls hat er solide Kenntnisse, und ist doch immerhin schon etwas mehr, als irgend ein verabschiedeter ehemaliger Kritiker. Warwara Petrowna beeilte sich sofort, zu bemerken, da Stepan Trophimowitsch niemals Kritiker gewesen sei, sondern sein ganzes Leben in ihrem Hause verbracht habe. Berhmt aber sei er durch gewisse Umstnde zu Anfang seiner Karriere, die aller Welt nur zu gut bekannt sind, und in der letzten Zeit durch seine Studien ber die spanische Geschichte; augenblicklich beabsichtige er, ber die deutschen Universitten zu schreiben und, wenn sie recht unterrichtet sei, auch etwas ber die Dresdener Madonna ... Warwara Petrowna wollte ihren Stepan Trophimowitsch um keinen Preis von Julija Michailowna herabsetzen lassen. ber die Dresdener Madonna? Die Sixtinische? _Chre_ Warwara Petrowna, ich habe zwei Stunden vor diesem Bilde gesessen und bin schlielich vollkommen enttuscht fortgegangen. Ich habe nichts verstanden und mich nur ber die Menschen gewundert. Auch Karmasinoff sagt, da es schwer sei, dieses Bild zu verstehen. Jetzt finden alle nichts Besonderes an diesem Bilde, sowohl Russen wie Englnder. Den ganzen Ruhm haben ihm nur die alten Professoren verschafft. Also eine neue Mode? Ach, ich aber glaube, da man unsere Jugend nicht so geringschtzen darf. berall klagt man jetzt, unsere jungen Leute seien Kommunisten, und verachtet sie womglich, doch meiner Meinung nach sollte man sie lieber schonen und hochschtzen. Ich lese jetzt alles: alle Zeitungen, Revuen, treibe Naturwissenschaft -- ich bekomme alles, denn man mu doch, nicht wahr, endlich wissen, wo man lebt und mit wem man es zu tun hat?! Man kann doch nicht das ganze Leben lang auf den Wolken seiner Phantasie leben! Ich habe mir zum Grundsatz gemacht, die Jugend zu protegieren, und hoffe, sie auf diese Weise an dem Rande des Abgrundes zurckzuhalten, in den sie, das gebe ich zu, sonst hinabgleiten knnte. Glauben Sie mir, Warwara Petrowna, nur mit gutem Einflu und vor allem mit Liebe knnen wir sie von dem Abgrund zurckhalten, in den sie die Unduldsamkeit aller dieser zurckgebliebenen alten Leute treibt. Aber wirklich: es freut mich, was ich von Ihnen ber Stepan Trophimowitsch gehrt habe. Sie haben mich auf einen guten Gedanken gebracht: er knnte auf unserer literarischen Matinee gleichfalls etwas vortragen. Wissen Sie es schon? Ich arrangiere einen ganzen Festtag, mit Hilfe einer Kollekte -- fr die armen Gouvernanten unseres Gouvernements. Sie sind in ganz Ruland verstreut; aus unserem Kreise sind allein schon sechs; auerdem noch zwei Telegraphistinnen und zwei, die die Akademie besuchen; viele wrden das gleichfalls gern, haben aber nicht die Mittel dazu. Ach, das Los der russischen Frau ist entsetzlich, Warwara Petrowna! Jetzt wird daraus eine Universittsfrage gemacht, und der Reichsrat hat sich sogar schon deswegen einmal versammelt. In unserem sonderbaren Ruland kann man wirklich alles machen, was einem einfllt. Und darum, noch einmal sei es gesagt, knnten wir nur mit Liebe und unmittelbarer warmer Teilnahme der ganzen Gesellschaft diese groe, allgemeine Sache auf den richtigen Weg fhren. O Gott, als ob wir viele groe Menschen htten! Es gibt ja natrlich welche, aber die sind so verstreut! Tun wir uns doch zusammen, um strker zu werden! Wie gesagt, ich werde erst eine literarische Matinee arrangieren, darauf ein leichtes Frhstck, und dann, am Abend, einen Ball. Zuerst wollten wir den Abend mit lebenden Bildern erffnen, aber das kme wohl etwas zu teuer, und deshalb sollen zur Unterhaltung des Publikums nur zwei Quadrillen von Masken getanzt werden -- in charakteristischen Kostmen, die bestimmte literarische Richtungen darstellen. Diesen spaigen Vorschlag hat Karmasinoff gemacht -- er ist mir berhaupt sehr behilflich. Und wissen Sie, er wird zur Matinee sein letztes Werk, das noch niemand kennt, vorlesen. Er will seine Feder jetzt niederlegen und nie mehr schreiben. Dieses letzte Werk ist sein Abschied vom Publikum. Ein herrliches Ding, unter dem Titel: >_Merci_<. Allerdings ein franzsisches Wort, aber er findet es scherzhafter und sogar feiner. Ich auch -- ja eigentlich habe ich es ihm vorgeschlagen. Nun denke ich, vielleicht knnte auch Stepan Trophimowitsch etwas vorlesen, etwas Krzeres und, wenn mglich ... nicht gar zu Gelehrtes. Ich glaube, auch Pjotr Stepanowitsch und noch jemand werden irgend etwas vortragen. Ich werde Pjotr Stepanowitsch zu Ihnen schicken, mit dem Programm, oder besser, erlauben Sie mir, es Ihnen selbst zu bergeben, wenn ich einmal vorberfahre. Gern! -- Und Sie erlauben mir gewi, meinen Namen gleichfalls auf die Liste zu setzen ... Ich werde es Stepan Trophimowitsch mitteilen und ihn selbst darum bitten. Ganz bezaubert kehrte Warwara Petrowna heim; jetzt stand sie wie ein Fels fr Julija Michailowna! ber Stepan Trophimowitsch aber rgerte sie sich pltzlich grenzenlos. Er aber, der Arme, ahnte natrlich von alledem nichts. Ich habe mich geradezu in sie verliebt. Ich begreife nicht, wie ich mich in dieser Frau so habe tuschen knnen, sagte sie zu Nicolai Wszewolodowitsch und zu Pjotr Stepanowitsch, der am Abend dieses Tages wieder auf einen Augenblick bei ihr vorsprach. Aber Sie mssen sich mit dem Alten wieder ausshnen, meinte Pjotr Stepanowitsch, er ist ganz verzweifelt. Sie haben ihn ja schon geradezu in die Kche geschickt. Gestern hat er Sie in der Equipage gesehen und gegrt, Sie aber sollen sich abgewendet haben. Wissen Sie, wir wollen ihn ein wenig herausheben, ich habe sogar gewisse Absichten mit ihm und er kann uns noch ntzlich sein. Oh, er wird ja jetzt auf der Matinee vortragen. Ich spreche nicht davon allein. brigens, ich wollte selbst noch heute zu ihm gehen. Soll ich es ihm sagen? Wenn Sie wollen. Oder nein, ich wei nicht, wie Sie das anfangen werden, sagte sie ein wenig unentschlossen. Ich hatte schon selbst die Absicht, mich mit ihm auszusprechen und wollte ihm Ort und Stunde angeben. Ihr Gesicht verfinsterte sich. Na, das lohnt sich gerade! Ich werde es ihm einfach sagen. Nun, meinetwegen. Sagen Sie es ihm. Aber fgen Sie hinzu, da ich ihm unbedingt einen Tag angeben werde. Fgen Sie das unbedingt hinzu. Pjotr Stepanowitsch eilte sogleich schmunzelnd zu seinem Vater. Im allgemeinen war er in dieser Zeit, so weit ich mich dessen noch erinnern kann, ganz besonders schlechter Laune und erlaubte sich unglaubliche Sachen fast allen gegenber, was man ihm aber sonderbarerweise stets verzieh. berhaupt hatte sich die Meinung verbreitet, da man auf ihn irgendwie besonders sehen msse. Hier mu ich aber erwhnen, da ihn Stawrogins Duell in eine schon beinahe unnatrliche Wut versetzt hatte; die Nachricht traf ihn unvorbereitet. Er wurde geradezu grn im Gesicht, als man ihm das erzhlte. Vielleicht litt hierbei seine Eigenliebe: er erfuhr es erst am anderen Tage, als schon alle davon wuten. Aber Sie hatten ja gar nicht das Recht, sich zu schlagen! flsterte er Stawrogin zu, als er ihn erst am fnften Tag darauf zufllig im Klub traf. Es ist bemerkenswert, da sie sich in diesen fnf Tagen nirgends begegnet waren, obgleich Pjotr Stepanowitsch fast tglich bei Warwara Petrowna vorsprach. Stawrogin blickte ihn stumm und wie zerstreut an, als verstnde er nicht, wovon jener sprach, und ging weiter, ohne stehen zu bleiben. Er ging durch den groen Saal zum Bfettraum. Sie sind auch zu Schatoff gegangen ... Sie wollen Ihre Heirat mit Marja Timofejewna bekannt machen, flsterte Pjotr Stepanowitsch, der ihm nachlief, und fate ihn an der Schulter. Da schttelte Stawrogin pltzlich seine Hand ab und drehte sich schnell mit drohend finsterem Gesicht zu ihm um. Pjotr Stepanowitsch sah ihn an und lchelte ein sonderbares langes Lcheln. Das Ganze dauerte nur einen Augenblick. Stawrogin ging allein weiter. II. Von Warwara Petrowna begab sich Pjotr Stepanowitsch an jenem Abend schleunigst zu seinem Vater. Da er sich so beeilte, geschah vor allem aus Bosheit: um sich fr eine Beleidigung, von der ich noch keine Ahnung hatte, sobald wie mglich zu rchen. Stepan Trophimowitsch hatte ihn nmlich bei seinem letzten Besuch nach einem Streit, der brigens von ihm selbst begonnen worden war, mit dem Stock hinausgejagt. Damals war ich, wie gesagt, nicht zugegen gewesen, diesmal aber, als Pjotr Stepanowitsch mit seinem gewhnlichen spttischen Lcheln eintrat, whrend sein unangenehm neugieriger Blick das Zimmer gleichsam absuchte, gab mir Stepan Trophimowitsch sogleich durch einen Wink zu verstehen, ich solle den Raum nicht verlassen. So erfuhr ich denn, wie sie zu einander standen. Stepan Trophimowitsch sa halb liegend auf dem Diwan. Seit jenem letzten Besuch seines Sohnes, am Donnerstag, war er magerer und bleicher geworden. Pjotr Stepanowitsch setzte sich in der ungeniertesten Weise neben ihn, und nahm weit mehr Platz auf dem Diwan ein, als es die Achtung vor dem Vater erlaubt htte. Stepan Trophimowitsch rckte wortlos, seine Wrde wahrend, zur Seite. Auf dem Tisch lag ein aufgeschlagenes Buch: der Roman Was tun?[43] Leider mu ich hier eine gewisse Schwche meines Freundes eingestehen: der Gedanke, da er noch einmal aus seiner Einsamkeit hervortreten msse, um die letzte Schlacht zu schlagen, hatte sich mehr und mehr in seiner verblendeten Einbildung festgesetzt. Ich erriet, da er sich diesen Roman nur vorgenommen hatte und nun _studierte_, um fr den Fall eines Zusammenstoes mit den Feinden ihren ganzen Katechismus zu kennen. So vorbereitet, wollte er sie dann alle widerlegen und feierlich vor _ihr_ ber jene Jungen triumphieren! Oh, wie qulte ihn dieses Buch! Ganz verzweifelt warf er es oft fort, sprang auf und ging erregt, ja fast auer sich hin und her. Ich gebe zu, da der Grundgedanke des Autors richtig ist, sagte er wie im Fieber zu mir, -- aber das ist doch noch schrecklicher! Es ist ja derselbe Gedanke, den wir gehegt haben, gerade unser eigener! Wir haben ihn selbst gepflanzt, erzogen, alles vorbereitet, -- ja und was knnten die denn berhaupt noch Neues sagen, nach _uns_! Aber, Gott, wie ist das alles miverstanden, wie entstellt, wie verdorben! rief er, nervs mit den Fingern auf das Buch klopfend. Haben wir je solche Folgerungen gezogen, _das_ etwa erstrebt? Wer kann hier berhaupt den Grundgedanken herauslesen?! Bildest dich? fragte Pjotr Stepanowitsch spttisch, nachdem er das Buch vom Tisch genommen und den Titel gelesen hatte. War schon lngst an der Zeit. Kann dir noch bessere Bcher bringen, wenn du willst. Stepan Trophimowitsch schwieg wieder. Ich sa auf dem anderen Diwan in der Ecke. Pjotr Stepanowitsch erklrte schnell, warum er gekommen sei. Stepan Trophimowitsch war ganz unverhltnismig betroffen und hrte mit einem Schrecken zu, der sich mit uerstem Unwillen mischte. Und diese Julija Michailowna ist ohne weiteres berzeugt, da ich bei ihr vorlesen werde! Das heit, sieh mal, sie brauchen dich ja eigentlich berhaupt nicht. Im Gegenteil, es geschieht nur, um dir eine Ehre zu erweisen und somit Warwara Petrowna zu schmeicheln. Na, versteht sich doch von selbst, da du nicht wagen darfst, etwa abzusagen. Und selber willst du doch auch riesig gern vorlesen, schmunzelte er. Ihr Alten habt ja alle 'ne hllische Ambition. Aber, hr mal, damit es nicht zu langweilig ist -- du hast da etwas aus der spanischen Geschichte, nicht? Du, also gib mir das Ding drei, zwei Tage vorher, damit ich es mal durchsehe, sonst schlferst du uns am Ende noch alle ein. Die Grobheit seiner Bemerkungen war augenscheinlich beabsichtigt. Er tat, als knne man mit Stepan Trophimowitsch eben unmglich feiner sprechen. Mein Freund fuhr unerschtterlich fort, die Beleidigungen nicht zu bemerken. Indessen regte ihn der Inhalt des Gehrten doch immer mehr auf. Und sie selbst, _sie selbst_ hat ... dir gesagt, da du es mir mitteilen sollst? fragte er. Das heit, sieh mal, sie wollte dir Ort und Zeit angeben, um sich mit dir auszusprechen -- die letzten berreste eurer Sentimentalitten. Du hast zwanzig Jahre mit ihr kokettiert und ihr die lcherlichsten Albernheiten angewhnt. Na, beruhige dich, jetzt hat das aufgehrt; jetzt wiederholt sie ja selbst stndlich, da sie dich nun erst >durchschaut<. Ich habe ihr logisch auseinandergesetzt, da eure ganze Freundschaft weiter nichts als ein gegenseitiger Ergu von Splicht gewesen ist. Sie hat mir viel erzhlt, weit du. Pfui, was fr ein Lakaienamt du bei ihr bekleidet hast. Sogar ich habe fr dich errten mssen. Ich -- ein Lakaienamt bekleidet? rief Stepan Trophimowitsch, der nun doch nicht mehr an sich halten konnte. Sogar noch schlimmer als das, denn du warst ja ein Schmarotzer, also ein freiwilliger Lakai. Zur Arbeit zu faul -- aber auf Geld haben wir Appetit. Kennt man! Auch sie begreift das jetzt. Haarstrubend, was sie von dir alles erzhlt hat! Ach, Freund, hab ich aber ber deine Briefe an sie gelacht! Wie gewissenlos und wie ekelhaft! Aber ihr seid ja so verderbt, so unglaublich verderbt! Im Almosenempfangen liegt doch etwas, das den Menschen fr immer verdirbt -- du bist ein glnzendes Beispiel dafr! Sie hat dir meine Briefe gezeigt! Alle. Das heit, wo denkst du hin, wer soll denn die alle durchlesen! Pfui, ich glaube, es sind ber zweitausend Briefe. Verboten viel Papier verschmiert ... Aber weit du auch, Alter, ich vermute, es mu da einmal einen Augenblick gegeben haben, wo sie vielleicht sogar bereit gewesen wre, dich zu heiraten? Dmmsterweise hast du's verpat! Ich meine natrlich -- von deinem Standpunkt aus. Immerhin besser als jetzt, da man dich beinah mit >fremden Snden< verkuppelt htte, wie einen Narren zum Scherz, -- und das fr Geld. Fr Geld! _Sie, sie_ sagt -- ich htte fr Geld! ... rief Stepan Trophimowitsch in krankhafter Erregung. Ja, wie denn sonst? Was fllt dir denn ein? Unter diesem Gesichtswinkel habe ich dich noch verteidigt! Das ist doch deine einzige Entschuldigung. Sie hat jetzt selbst eingesehen, da du Geld brauchtest, wie nun einmal alle Menschen -- und von dem Standpunkte aus sogar ganz recht hattest. Ich habe ihr denn auch klar wie zweimalzwei bewiesen, da ihr zu Eurem gegenseitigen Vorteil gelebt habt: sie als Kapitalistin, und du bei ihr als ihr sentimentaler Narr. brigens: ber das viele verschwendete Geld rgert sie sich nicht, obgleich du sie doch wirklich wie eine Ziege gemolken hast. Was sie jetzt erbost, ist nur, da sie dir zwanzig Jahre lang geglaubt hat, da sie sich von deinem _Anstand_ hat betlpeln lassen und da du sie gezwungen hast, so lange zu lgen. Da sie selbst auch gelogen hat, wird sie sich nie eingestehen, aber du wirst dafr doppelt ben mssen. Ich verstehe nur nicht, wie du nicht hast begreifen knnen, da es irgend einmal doch zu einer Abrechnung kommen mute. Denn immerhin hattest du doch so etwas wie einen Verstand. Ich habe ihr gestern geraten, dich in ein Armenhaus zu stecken. Beruhige dich, in ein anstndiges: es wird schon nicht erniedrigend sein. Ich glaube, sie wird es auch so machen. Erinnerst du dich noch deines letzten Briefes an mich, ins H--sche Gouvernement, vor drei Wochen? Den hast du ihr gezeigt? Stepan Trophimowitsch sprang vor Entsetzen auf. Na, selbstredend! Als ersten! Denselben, in dem du schreibst, da sie dich ausnutzt, dich um deines Talentes willen beneidet, na, und noch allerlei ber die >fremden Snden< ... -- Ach, Freund, hast du aber eine Eigenliebe! Ich habe mir vor Lachen die Seiten gehalten. Sonst sind deine Briefe mordslangweilig -- hast einen entsetzlichen Stil. Habe sie berhaupt nur selten gelesen und ein Brief liegt da bei mir noch jetzt unerffnet herum; werde ihn dir morgen schicken. Aber dieser, dieser letzte Brief -- der ist ja einfach die Krone von allen! Wie ich gelacht habe, nein, wie ich gelacht habe! Du Unmensch, du Ungeheuer! brllte pltzlich Stepan Trophimowitsch auer sich vor Emprung. Pfui Teufel, mit dir kann man ja berhaupt nicht reden. Hr mal, du fhlst dich wohl wieder gekrnkt, wie vorigen Donnerstag? Stepan Trophimowitsch richtete sich drohend auf. Wie wagst du es, so mit mir zu reden? Ja, wie denn? Ich rede doch einfach und klar. Aber so sag mir doch, bist du mein Sohn oder bist du's nicht! Das mtest du besser wissen als ich. Natrlich, jeder Vater ist ja in solchen Fllen zu Zweifeln geneigt ... Schweig, schweig! Stepan Trophimowitsch erzitterte am ganzen Krper. Sieh mal, nun schreist und schimpfst du schon wieder, ganz wie vorigen Donnerstag; wolltest ja damals schon deinen Stock erheben, inzwischen aber habe ich das Dokument gefunden. Hab den ganzen Abend in meinem Reisekoffer aus Neugier gesucht. Kannst dich beruhigen, es ist kein Beweis vorhanden. Nur ein kurzer Brief meiner Mutter an jenen Polen. Aber nach ihrem Charakter zu urteilen ... Noch ein Wort und ich schlage dich --! Na, das sind mir mal Menschen! wandte sich Pjotr Stepanowitsch pltzlich an mich. Sehen Sie, das geht nun schon so seit dem vorigen Donnerstag. Es freut mich, da diesmal wenigstens Sie dabei sind und urteilen knnen. Zuerst eine Tatsache: er macht mir Vorwrfe, weil ich so von meiner Mutter rede, aber war er es nicht selbst, der mich darauf gebracht hat? In Petersburg, als ich noch Gymnasiast war, weckte er mich womglich zweimal in der Nacht, umarmte mich und weinte wie ein altes Weib. Und was glauben Sie wohl, was er mir dann erzhlte, so in der Nacht? Na, eben diese selben keuschen Anekdoten ber meine Mutter! Er war ja der erste, von dem ich es hrte. Oh, ich tat es damals im hheren Sinne! Oh, du hast mich nicht verstanden. Nichts, nichts hast du verstanden! Aber immerhin war es von dir doch gemeiner, als von mir, viel gemeiner, gestehe es nur! Sieh, wenn du willst: mir ist es ja einerlei. Von deinem Standpunkt betrachtet. Von meinem -- na, beruhige dich: ich mache meiner Mutter durchaus keinen Vorwurf. Bist du's, na, dann bist du es, -- ist's der Pole, -- na, meinetwegen, mir ist's egal. Ich bin doch nicht daran schuld, da es bei euch in Berlin so dumm herausgekommen ist. Ja und htte denn berhaupt jemals etwas Gescheites bei euch herauskommen knnen? Und seid ihr nun nach alledem nicht komische Leute? Kann es dir denn nicht ganz egal sein, ob ich dein Sohn bin, oder nicht? Hren Sie mal, wandte er sich wieder zu mir, er hat fr mich in seinem ganzen Leben nicht einen einzigen Rubel ausgegeben; bis zum sechzehnten Jahre hat er mich berhaupt nicht gekannt, darauf hat er mich hier bestohlen, und jetzt schreit er, da ihn sein Herz sein Lebelang um mich geschmerzt habe, und geberdet sich vor mir wie ein Schauspieler. Aber ich bin doch nicht Warwara Petrowna, ich bitte dich! Er stand auf und nahm seinen Hut. Ich -- verfluche dich! rief Stepan Trophimowitsch, bleich wie der Tod, und streckte seine Hand aus. Seht doch, was ein Mensch alles fertig bringt! Pjotr Stepanowitsch wunderte sich wirklich. Na, leb wohl, Alter, werde nie mehr zu dir kommen. Den Aufsatz schick etwas frher, vergi es nicht, und bemhe dich, wenn du kannst, ohne Albernheiten zu schreiben. Nur Tatsachen, Tatsachen und nochmals Tatsachen, und die Hauptsache: so kurz wie mglich. Adieu! III. Pjotr Stepanowitsch hatte brigens noch andere Grnde dafr, mit seinem Vater in dieser Weise umzugehen. Meiner Meinung nach beabsichtigte er ganz einfach, ihn zur Verzweiflung zu bringen, um ihn auf diese Weise zu einem Skandal zu treiben, der die ffentlichkeit in einer ganz bestimmten Richtung in Anspruch nehmen mute. Etwas Derartiges hatte er fr seine ferneren Ziele, von denen jedoch erst spter die Rede sein soll, unbedingt ntig. Noch eine ganze Reihe hnlicher und miteinander in Zusammenhang stehender Plne -- freilich alle von einer gewissen Phantastik -- gingen damals durch seinen Kopf. Auer Stepan Trophimowitsch hatte er noch einen anderen Mrtyrer im Auge. berhaupt hatte er deren nicht wenige, wie sich spter herausstellte; doch auf diesen anderen Mrtyrer rechnete er ganz besonders, und der war -- Herr von Lembke in eigener Person. Andrei Antonowitsch von Lembke gehrte zu jenem bevorzugten (von der Natur bevorzugten) Volke, von dem in Ruland mehrere hunderttausend Vertreter leben, die vielleicht selbst nicht wissen, da sie in ihrer ganzen Masse und Gesamtheit einen streng organisierten Bund bei uns bilden. Selbstredend ist dieser Bund nicht etwa ausgedacht, sondern besteht wortlos, ohne Vereinbarungen, einfach wie eine moralische Selbstverstndlichkeit -- eben durch das unbedingte Zusammenhalten und die Untersttzung, die sie sich berall und unter allen Umstnden wechselseitig zuteil werden lassen. Andrei Antonowitsch hatte die Ehre gehabt, in einer jener hheren russischen Schulen erzogen zu werden, in die in der Regel nur die Shne solcher Familien eintreten knnen, die mit Reichtum oder Verbindungen beglckt sind. Die Zglinge dieser Schule wurden fast sofort nach dem Abiturientenexamen so untergebracht, da sie selbst bei geringer Begabung noch eine gute Karriere machen konnten. Andrei Antonowitschs Grovter waren: ein Oberstleutnant und ein Bcker. Trotzdem hatte man ihn in jener hohen Schule aufgenommen, und siehe da -- er fand noch andere junge Leute hnlicher Herkunft vor. Er war ein lustiger Kamerad; mit dem Lernen ging es zwar ziemlich schwer, aber das strte weiter nicht -- man hatte ihn trotzdem gern. Als spter, in den hheren Klassen, die Jnglinge, die meistens Russen waren, schon ber alle mglichen Tagesfragen zu disputieren begannen, und zwar in einem Tone, der keinen Zweifel darber bestehen lie, da sie, sobald sie nur erst die Schule hinter sich gebracht htten, sofort smtliche Probleme mit einem Schlage lsen wrden -- da fuhr Andrei Antonowitsch immer noch fort, sich mit den allerunschuldigsten Jungenstreichen zu beschftigen. Es schien in seinen Augen geradezu sein Lebenszweck zu sein, seine Mitschler auch jetzt noch durch alle mglichen Einflle zu unterhalten -- Einflle, die sich zwar nicht durch allzu groen Geistesreichtum auszeichneten, dafr aber die junge Gesellschaft zu erheitern vermochten. Entweder schneuzte er sich, wenn der Lehrer ihn etwas fragte, auf irgendeine ganz besonders laute und mitnende Weise die Nase, wodurch er dann sowohl die Kameraden wie den Lehrer selber belustigte; oder er machte im gemeinsamen Schlafsaal irgendwelche equilibristischen Kunststcke, die ihm einen allgemeinen und begeisterten Beifall einzutragen pflegten; oder er spielte gar einzig auf seiner Nase (und wirklich kunstvoll) die Ouvertre zu Fra Diavolo. Im letzten Schuljahr zeichnete er sich wohl auch durch eine absichtliche Unordentlichkeit in der Kleidung aus, was er fr genial hielt, dieweil er nmlich zu dichten begonnen hatte: und zwar in russischer Sprache, denn seine Muttersprache beherrschte er nur uerst ungrammatisch, wie so viele seiner in Ruland lebenden Volksgenossen. Diese Neigung zur Poesie hatte ihn dann mit einem Kameraden, dem Sohn eines armen Offiziers, den die ganze Schule fr einen zuknftigen groen Poeten, so eine Art zweiten Puschkin hielt, zusammengefhrt. Wie erstaunt aber war dieser Kamerad, der sich Lembkes auf der Schule nur von oben herab, gndig, beinahe gnnerhaft angenommen hatte, als er drei Jahre spter seinen Proteg, den Lembka, wie man ihn allgemein genannt hatte, an einem kalten Tage an der Anitschkoffbrcke traf! Der zuknftige groe Poet hatte sich inzwischen ganz der russischen Literatur gewidmet und es bereits glcklich bis zu zerrissenen Stiefeln und einem dnnen Sommerpaletot im Sptherbst gebracht. Um so eigentmlicher muten seine Empfindungen sein, als er jetzt seinen Lembka wiedersah: zuerst traute er seinen Augen nicht -- vor ihm stand ein tadellos gekleideter junger Mann mit bewunderungswrdig bearbeitetem rtlich-blondem Backenbart, mit einem Klemmer auf der Nase, elegant behandschuht, dazu in Lackstiefeln und kostbarem Pelz mit einer Ledermappe unter dem Arm. Lembke begrte ihn sehr freundlich, gab ihm seine Adresse, und forderte ihn sogar auf, ihn einmal abends zu besuchen. Es stellte sich bei der Gelegenheit heraus, da er jetzt nicht mehr einfach der Lembka, sondern Herr _von_ Lembke war. Doch als nun der Schulfreund der Aufforderung nachkam und ihn tatschlich einmal besuchte, da fand er keineswegs die Reichtmer vor, die er erwartet hatte, fand seinen Lembka vielmehr in einem schmalen Zimmerchen, das ziemlich alt aussah, mit einem dunkelgrnen Vorhang in zwei ungleiche Hlften geteilt und mit ebenfalls dunkelgrnen, zwar gepolsterten, aber bereits ziemlich verschossenen Mbeln eingerichtet war. Von Lembke wohnte bei einem General, mit dem er in sehr weitlufiger Verwandtschaft stand und der den jungen Mann nach Mglichkeit in seiner Laufbahn frderte. Von Lembke empfing den Schulfreund freundlich, war aber sonst ernst und von gesellschaftlicher Hflichkeit. ber Literatur sprachen sie nur beilufig. Ein Diener in weier Weste brachte einen etwas bllichen Tee und hartes kleines, rundes Gebck. Als der Freund aus Bosheit um eine Flasche Selterwasser bat, wurde sie ihm zwar gebracht, doch erst nach auffallend langer Zeit, whrend der Lembke etwas betreten zu sein schien. brigens mu ich hinzufgen, da er dem Schulfreunde auch einen Imbi anbot, doch offenbar nicht unzufrieden war, als der Gast dankte und sich bald darauf verabschiedete. Mit einem Wort: Lembke begann damals, trotz rmlicher Verhltnisse, seine Karriere und lebte bei einem Stammgenossen, der ein angesehener General war. In dieser Zeit hatte er sich in die fnfte Tochter des Generals verliebt, und sein Antrag war, wenn ich nicht irre, auch so gut wie angenommen worden. Nur verheiratete man Amalie, als sich die Gelegenheit bot, nichtsdestoweniger mit einem deutschen Fabrikbesitzer, einem alten Freunde des alten Generals. Andrei Antonowitsch trauerte seiner Liebe nicht sehr lange nach, sondern -- klebte aus Pappe ein Theater. Das ward ein richtiges Kunstwerk: der Vorhang hob sich, die Schauspieler traten auf und gestikulierten mit den Hnden, in den Logen saen Damen, im Orchester fuhren die Musiker mit den Bgen ber die Instrumente, der Kapellmeister fuchtelte mit einem Stckchen und das Publikum klatschte in die Hnde. Alles das war aus Pappe hergestellt, und ausgedacht und ausgefhrt von Andrei Antonowitsch von Lembke. Ein halbes Jahr lang hatte er ber diesem Theater gesessen. Als er fertig war, gab der General eine intimere Abendgesellschaft; viele deutsche Damen und junge Mdchen, sowie die fnf Tchter des Generals, darunter die neuvermhlte Amalie und deren Gatte, waren sehr entzckt, als das Theater vorgefhrt wurde, und ergingen sich in hohen Lobsprchen ber den Verfertiger -- worauf dann getanzt wurde. Lembke war sehr zufrieden und verga seinen Liebesgram alsbald. Ein paar Jahre vergingen und seine Karriere machte sich mehr und mehr. Er bekleidete stets Vertrauensposten unter Vorgesetzten, die gleicher Abstammung waren, und erreichte in verhltnismig jungen Jahren einen recht ansehnlichen Rang. Schon lange hatte er, jetzt aber ernstlich, den Wunsch gehabt, zu heiraten, und schon lange hatte er sich verstohlen nach einer passenden Partie umgesehen. brigens dichtete er auch jetzt noch hin und wieder, doch ohne jemandem etwas davon zu verraten, und einmal sandte er sogar eine Novelle an die Redaktion eines Blattes: sie wurde jedoch zu seinem Kummer nicht abgedruckt, sondern ihm hflich wieder zur Verfgung gestellt. Da begann er denn wieder zu kleben: diesmal einen ganzen Eisenbahnzug. Auch der gelang ihm vorzglich: die Leute kamen aus dem Bahnhof und drngten sich, mit Koffern und Taschen in der Hand, mit Kindern und Hunden, zu den Waggons, die Schaffner und die Bahnbeamten gingen hin und her, ein Glckchen klingelte und der Zug setzte sich in Bewegung. ber diesem Kunststck hatte er ein ganzes Jahr gesessen, seine Heiratsplne aber diesmal nicht darber vergessen. Sein Bekanntenkreis war ziemlich gro, meistens deutsche Gesellschaft, doch verkehrte er auch in einigen russischen Familien -- selbstverstndlich nur in denen seiner Vorgesetzten. Da fiel ihm endlich, als er schon achtunddreiig Jahre zhlte, eine kleine Erbschaft zu: sein Grovater, der Bcker, starb und hinterlie ihm testamentarisch dreizehntausend Rubel. Nun war Herr von Lembke im Grunde trotz der schon recht ansehnlichen Stellung, die er in jungen Jahren erklommen hatte, durchaus kein Streber, vielmehr ein Mensch, der auch ganz gewi mit einem kleineren, wenn nur recht bequemen und unabhngigen Posten vollkommen zufrieden gewesen wre. Doch eben jetzt kreuzte, anstatt einer sanften Minna oder Ernestine, pltzlich Julija Michailowna seinen Weg, und seine Stellung stieg sofort um ein paar Stufen hher. Der bescheidene und gewissenhafte von Lembke fhlte, da auch er ehrgeizig zu sein vermochte. Julija Michailowna besa, nach der alten Einschtzung, zweihundert Leibeigene und erfreute sich auerdem guter Protektionen. Andererseits war von Lembke ein hbscher Mann und sie schon ber 40 Jahre alt. Obendrein verliebte er sich nach und nach wirklich in sie, und zwar genau proportional der Verstrkung des Gefhls, da er nun Brutigam war. Am Hochzeitstage schickte er ihr sogar ein Gedicht, das ihr sehr gefiel -- vierzig Jahre sind nun einmal kein Spa. Bald darauf bekam er auch einen gutklingenden Titel und dazu einen bestimmten Orden, und schlielich wurde er zum Gouverneur unseres Gouvernements ernannt. Seit dieser Auszeichnung begann Julija Michailowna sich um ihren Gatten doppelt zu bemhen. Ihrer Meinung nach war er nicht gerade unbegabt: er verstand, in einen Salon einzutreten, es war ihm gegeben, eine elegante Verbeugung zu machen, er vermochte sogar ernst und tiefsinnig zuzuhren, wenn andere sprachen, hielt sich dabei immer gut und konnte sogar eine Rede halten; ja, er hatte hin und wieder sogar eigene Gedanken, wenn sie auch etwas kurz waren und unvermittelt wirkten, und hinzukam, da er sich schon die Politur des neuesten, so notwendigen Liberalismus angeeignet hatte. Doch trotz alledem beunruhigte sich Julija Michailowna nicht wenig: vor allen Dingen mifiel es ihr entschieden, da ihr Lembke, nachdem er so lange hinter seiner Karriere hergelaufen war, jetzt doch wieder ein immer ausgesprocheneres Ruhebedrfnis zu empfinden schien. Sie htte zu gern ihren ganzen Ehrgeiz zu dem seinen gemacht, er aber begann wieder -- zu kleben. Diesmal war es eine Kirche: der Pastor trat auf die Kanzel, die Gemeinde hrte mit andchtig gefalteten Hnden zu, ein alter Mann schneuzte sich, eine Dame wischte sich mit einem Taschentuch die Trnen ab und zum Schlu begann noch eine Orgel zu spielen, die er um teures Geld eigens dazu aus der Schweiz verschrieben hatte. Als Julija Michailowna von dieser neuen Arbeit erfuhr, erschrak sie geradezu, nahm ihm das Spielzeug kurzerhand fort und versteckte es in einen Koffer, zur Entschdigung aber erlaubte sie ihm, einen Roman zu schreiben, freilich nur unter der Bedingung, da niemand etwas davon erfhre. Seit der Zeit verlie sie sich nur noch auf sich selbst. Eine Idee nach der anderen entstand in ihrem ehrgeizigen und ein wenig berspannten Geiste. Sie hatte in der Tat die Absicht, das Gouvernement zu regieren, und trumte bereits von den bestimmt nicht mehr fernen Tagen, wo sie der Mittelpunkt der Gesellschaft, aller Meinungen und Veranstaltungen unseres Gouvernements sein wrde. Von Lembke selbst soll brigens zuerst nicht wenig erschrocken gewesen sein, als er den hohen Posten erhielt, doch hatte er mit seinem Beamteninstinkt sehr bald herausgefunden, da er eigentlich gar keinen Grund hatte, sich zu frchten. Die ersten zwei, drei Monate seiner Ttigkeit verliefen denn auch uerst zufriedenstellend. Da aber erschien pltzlich Pjotr Stepanowitsch -- und alsbald nahm alles eine unheilvolle Wendung. Die Sache fing damit an, da der junge Werchowenski gleich bei der ersten Begegnung Andrei Antonowitsch von Lembke eine entschiedene Nichtachtung entgegenbrachte und sich ganz sonderbare Rechte ihm gegenber herausnahm, Julija Michailowna aber, die sonst immer so eiferschtig die Bedeutung ihres Mannes geachtet wissen wollte, tat pltzlich, als merkte sie davon nichts. Der junge Werchowenski wurde sozusagen ihr Schtzling, a, trank und schlief fast bei ihnen. Von Lembke suchte sich zwar des Ankmmlings zu erwehren, nannte ihn in der Gesellschaft junger Mann, klopfte ihm wohlwollend auf die Schulter, doch konnte er mit all dem nicht das gewnschte Resultat erzielen. Pjotr Stepanowitsch tat immer, selbst whrend scheinbar ernster Gesprche, als nehme er ihn berhaupt nicht ernst, und im brigen nahm er sich sogar in Gegenwart fremder Menschen heraus, ihm die unerwartetsten, unglaublichsten Dinge ins Gesicht zu sagen. Einmal, als von Lembke nach Hause kam und in sein Arbeitszimmer trat, fand er den jungen Mann auf seinem Lederdiwan vor. Er gab zur Erklrung, und zwar nicht etwa, um sich zu entschuldigen, sondern nur so oben hin, da er, da er niemanden angetroffen, sich bei der Gelegenheit ausgeschlafen habe. Von Lembke war natrlich tief gekrnkt und beklagte sich bei seiner Frau; diese aber erklrte, nachdem sie zuerst ber seine Empfindlichkeit gelacht hatte, da er wohl selbst die Schuld daran trge, wenn der junge Mann sich nicht _comme il faut_{[113]} zu ihm verhalte. Wenigstens erlaubte sich dieser Junge ihr gegenber nie irgend welche Familiaritten, und im brigen sei er naiv und unverdorben, wenn auch gewi nicht gesellschaftlich erzogen. Von Lembke schmollte zwar, doch diesmal gelang es Julija Michailowna noch, die beiden zu vershnen: nicht gerade, da Pjotr Stepanowitsch jetzt eine Entschuldigung gemacht htte, aber er ri irgend einen Witz, den man zwar in einem anderen Fall fr eine neue Beleidigung htte halten knnen, den man aber diesmal gndig als Besserungsversprechen auffate. Am meisten rgerte es Herrn von Lembke, da er dem jungen Mann geradezu machtlos gegenberstand, denn ... er hatte ihm gleich zu Anfang ihrer Bekanntschaft -- seinen Roman anvertraut. Im Glauben, einen jungen Menschen mit literarischen Interessen getroffen zu haben, hatte er ihm, da er sich schon lange einen Zuhrer wnschte, eines Abends die beiden ersten Kapitel vorgelesen. Pjotr Stepanowitsch hatte zunchst zugehrt, ohne zu verbergen, da er sich langweilte, dann unhflich geghnt, nicht ein einziges Mal etwas gelobt, doch beim Fortgehen sich das Manuskript ausgebeten, um es zu Hause aufmerksam durchlesen und sein Urteil darber fllen zu knnen, -- und der arme Herr von Lembke hatte es ihm auch gegeben ... Seit der Zeit konnte er es nun nicht mehr zurckbekommen: auf seine tglichen Fragen gab ihm Pjotr Stepanowitsch meist nur eine ausweichende und nicht selten geradezu hhnische Antwort, bis er zum Schlu einfach erklrte, das Manuskript auf der Strae verloren zu haben. Als Julija Michailowna von dieser Unvorsichtigkeit ihres Gatten Kenntnis erhielt, rgerte sie sich entsetzlich. Hast du ihm vielleicht auch etwas von der Kirche gesagt? fragte sie fast mit Schrecken. Von Lembke begann ernstlich nachzudenken; nachdenken aber war fr ihn schdlich und ihm von den rzten strengstens verboten worden. Und abgesehen davon, da es pltzlich viele Scherereien im Gouvernement fr ihn gab, wovon spter die Rede sein wird, gab es hier auch noch einen besonderen Umstand -- demzufolge diesmal sogar das Herz des Gatten litt, nicht nur die Eigenliebe eines Machthabers allein. Als von Lembke in die Ehe trat, htte er sich niemals trumen lassen, da sie ihm auch irgend welche Unannehmlichkeiten bereiten knnte. Er hatte sich die Ehe in seinen Gedanken an Minna oder Ernestine stets durchaus friedlich vorgestellt. Und jetzt fhlte er, da husliche Gewitter ber seine Krfte gingen. Endlich sprach sich Julija Michailowna offen mit ihm aus. Beleidigen kann dich das berhaupt nicht, sagte sie, schon deswegen nicht, weil du doch immerhin dreimal vernnftiger bist, als er, und gesellschaftlich turmhoch ber ihm stehst. In diesem Jungen steckt noch viel von dem frheren freigeistigen Unsinn; ich aber finde ihn nur einfach unartig. Nur kann man nicht verlangen, da diese jungen Leute sich so schnell verndern sollen: man mu sie langsam erziehen. Wir mssen die Jugend schonen; ich wenigstens halte sie mit Liebe und Freundschaft am Rande des Abgrundes zurck. Aber, zum Teufel, ich kann mich doch nicht tolerant zu ihm verhalten, wenn er -- rief von Lembke erregt, wenn er in Gegenwart fremder Menschen behauptet, die Regierung vergifte das Volk absichtlich mit Branntwein, um es zu verdummen und auf diese Weise von etwaigen Aufstandsgedanken abzubringen. Denk doch nur, bitte, an meine Rolle, wenn ich in Gegenwart der ganzen Gesellschaft so etwas mit anhren mu! Als Lembke das sagte, mute er wieder an ein Gesprch denken, das er vor nicht langer Zeit mit Pjotr Stepanowitsch gehabt hatte ... In der unschuldigen Absicht, den jungen Mann durch Liberalismus zu entwaffnen, zeigte er ihm eines Tages seine Sammlung von allen mglichen revolutionren Proklamationen und Flugblttern, sowohl russischen wie auslndischen, die er seit 1859 sorgfltig aufbewahrte, doch nicht etwa wie ein Liebhaber solcher Dinge, sondern einfach aus Neugier und weil sie ihm einmal vielleicht zustatten kommen konnten. Pjotr Stepanowitsch, der sofort seine Absicht durchschaute, sagte ganz ungeniert, da in einer einzigen Zeile solch einer Brandschrift mehr Sinn stecke, als in irgend einer Kanzlei, die Ihrige brigens nicht ausgenommen. Von Lembke sah ihn gro an. Aber es ist doch noch zu frh, viel zu frh, sagte er fast bittend, indem er auf die Bltter wies. Nein, keineswegs zu frh: Sie frchten sich doch, also ist es durchaus nicht zu frh. Aber ich bitte Sie, hier ist zum Beispiel eine Aufforderung, die Kirchen zu zerstren! Na, warum soll man das denn nicht? Sie sind doch ein kluger Mensch, glauben ja selbst an nichts und wissen doch nur zu gut, da die Regierung die Religion blo braucht, um das Volk dumm zu erhalten ... Wahrheit aber ist ehrlicher als Lge. Einverstanden, einverstanden, ich bin mit Ihnen vollkommen einverstanden, aber hier bei uns in Ruland ist es doch noch zu frh! Von Lembke runzelte unwillig die Stirn. Was sind Sie denn eigentlich fr ein Regierungsbeamter, wenn Sie selbst damit einverstanden sind, da man die Kirchen zerstren und mit Keulen bewaffnet auf Petersburg losmarschieren soll, und nur an der ins Auge gefaten Zeit etwas auszusetzen haben? So unhflich festgelegt, fhlte von Lembke sich uerst pikiert. Ich meinte das nicht _so_, durchaus nicht _so_! Er lie sich von seiner gereizten Eigenliebe immer weiter fortreien. Sie, als junger Mensch, der Sie mit unseren Zielen gar nicht bekannt sein knnen, Sie tuschen sich vollkommen! Sehen Sie, mein lieber Pjotr Stepanowitsch, Sie nennen uns Beamte der Regierung? Schn. Selbstndige Beamte? Schn. Aber, erlauben Sie mal, wie handeln wir denn? Auf uns ruht die Verantwortung, und Summa Summarum dienen wir genau so der allgemeinen Sache, wie auch Sie. Nur halten wir das zusammen, was Sie auseinanderschtteln wollen und was ohne uns nach verschiedenen Seiten auseinandergleiten wrde. Wir sind dabei nicht etwa eure Feinde; durchaus nicht, wir sagen euch sogar: geht voran, bereitet vor, ja schttelt meinetwegen ... -- das heit, ich meine jetzt nur jenes Alte, das sowieso umgendert werden mu. Wir aber werden euch dann, wenn's ntig wird, schon in den ntigen Grenzen zurckzuhalten verstehen und euch somit vor euch selber behten, denn ohne uns wrdet ihr doch nur ganz Ruland ins Wanken und Schwanken bringen und ihm das anstndige Aussehen nehmen, das es so doch wenigstens hat. Denn das ist ja gerade unsere Aufgabe, dieses anstndige uere, wie gesagt, zu erhalten. Begreifen Sie doch, da wir uns gegenseitig unentbehrlich sind, ganz wie in England die Tory und Whig. Nun, sehen Sie, wir sind die Tory und Sie die Whig -- so verstehe ich es wenigstens. Von Lembke verfiel sogar in Pathos. Er liebte es, klug und liberal zu reden, noch von Petersburg her, und hier hrte zudem kein Vorgesetzter zu. Pjotr Stepanowitsch schwieg und war pltzlich von einem seltsamen, ganz ungewohnten Ernst. Das reizte den Redner noch mehr. Wissen Sie auch, da ich der >Herr des Gouvernements< bin? fuhr er daher fort, whrend er im Kabinett auf- und abging. Wissen Sie auch, da ich vor lauter Pflichten keine einzige zu erfllen vermag, und andererseits kann ich sagen, und es ist ebenso wahr, da ich hier berhaupt nichts zu tun habe. Das ganze Geheimnis besteht darin, da hier alles von der Auffassung der Regierung abhngt. Mag die Regierung doch, wenn sie will, die Republik verknden, nun da ... ich meine nur so, meinetwegen aus Politik oder zur Beruhigung der Leidenschaften -- ... aber dann soll sie andererseits, parallel dem, die Macht der Gouverneure verstrken: und Sie werden sehen, wir Gouverneure verschlingen die Republik! Was sage ich, Republik! -- Alles, was Sie wollen, werden wir verschlingen! Ich wenigstens fhle, da ich imstande bin ... Mit einem Wort: mag die Regierung mir telegraphisch _activit dvorante_{[114]} befehlen, und ich werde sofort mit der _activit dvorante_ beginnen. Ich habe es ihnen hier gleich ins Gesicht gesagt: >Meine Herren, zum Gedeihen aller Institutionen sowie des ganzen Gouvernements ist vor allem eines ntig: die Verstrkung der Gouverneursmacht.< Sehen Sie, es ist unbedingt ntig, da alle diese Institutionen -- mgen es nun die der Landschaft oder der Justiz sein -- gewissermaen ein Doppelleben leben, das heit, es ist ntig, da sie da sind (ich gebe zu, da sie unentbehrlich sind), aber andererseits ist es ntig, da sie auch _nicht_ da sind. Immer nach der Auffassung der Regierung geurteilt! So stellt es sich denn heraus, da die Institutionen, wenn sie sich pltzlich als notwendig erweisen, dann da sein mssen. Vergeht aber diese Notwendigkeit, dann mssen sie wie berhaupt nicht vorhanden sein. Sehen Sie, so verstehe ich die _activit dvorante_. Aber die wird es nicht ohne Verstrkung der Gouverneursmacht geben. Wir sprechen ja hier unter vier Augen. Wissen Sie auch, da ich schon nach Petersburg geschrieben habe, da es unbedingt ntig ist, eine Schildwache vor das Gouvernementsgebude zu stellen? Jetzt warte ich auf die Antwort. Sie brauchen zwei Schildwachen, sagte Pjotr Stepanowitsch. Warum zwei? von Lembke blieb vor ihm stehen. Na so, damit man Sie respektiere, ist eine zu wenig. Sie brauchen unbedingt zwei. Andrei Antonowitsch verzog das Gesicht. Sie ... Sie erlauben sich, wei Gott, schon etwas zu viel, Pjotr Stepanowitsch. Sie mibrauchen meine Gte, um mir Anzglichkeiten zu sagen, und spielen dabei immer noch so irgend einen _bourru bienfaisant_{[115]} ... Na, das schon, wie Sie wollen, meinte Pjotr Stepanowitsch, aber Sie bahnen uns trotzdem den Weg und bereiten unseren Erfolg vor. Wen meinen Sie mit diesen >uns< und was ist das fr ein >ErfolgAch, ihr Liebugelndendrckte mein Herze nieder<, erzhlte er mir spter. Das war nicht mehr die Frau, die ich zwanzig Jahre lang gekannt hatte. Doch die berzeugung, da jetzt alles zu Ende sei, gab mir eine Kraft, die selbst sie in Erstaunen setzte. Ich schwre Ihnen, sie wunderte sich im stillen ber meine Haltung in dieser letzten Stunde. Warwara Petrowna legte pltzlich den Bleistift auf das Marmortischchen, das neben ihrem Sofa stand, und wandte sich ihm zu. Stepan Trophimowitsch, wir mssen jetzt sachlich sprechen. Ich bin berzeugt, da Sie wieder Ihre blichen hochtrabenden Worte und Wrtchen vorbereitet haben, aber es ist wohl besser, wenn wir gleich zur Sache kommen. Nicht wahr? In ihm krampfte sich etwas zusammen. Sie beeilte sich schon zu sehr, den neuen Ton anzugeben. Was mochte noch weiter kommen? Warten Sie, schweigen Sie, fuhr sie schnell fort. Lassen Sie mich zuerst sprechen. Nachher knnen Sie reden. Obgleich ich eigentlich nicht wei, was Sie mir noch zu sagen htten. Ihnen Ihre Pension auszuzahlen, halte ich fr meine heilige Pflicht. Tausendzweihundert Rubel jhrlich bis zu Ihrem Lebensende. Aber wozu nenne ich das >heilige PflichtArmenhaus<. Nun ja, jenes Armenhaus, von dem da die Rede war, das ist wirklich ein besonderes >Armenhaus<, ber das nachzudenken sich wirklich lohnte. Wie Sie selbst wissen, leben dort die ehrenwertesten alten Herren. Meistens Offiziere a. D., jetzt will sogar ein alter General sein Leben dort beschlieen. Wenn Sie mit Ihrem Gelde dort eintreten wollen, so knnen Sie Ruhe, Zufriedenheit und Zuhrer finden. Sie werden sich mit der Wissenschaft beschftigen, und jederzeit eine Partie Prfrence spielen knnen ... _Passons._{[100]} _Passons?_ Warwara Petrowna richtete sich steifer auf. In dem Falle ist alles gesagt. Sie sind benachrichtigt. Von nun ab leben wir jeder fr sich und sehen uns nicht mehr. Und das ist alles? Alles, was von den zwanzig Jahren geblieben ist? Ihr letzter Abschied? Sie lieben wirklich die Phrasen in einem Mae, da es schon nicht mehr schn ist, Stepan Trophimowitsch. Heutzutage ist derlei nicht mehr modern. Man spricht jetzt derb, aber verstndlich. Und ewig kommen Sie mir mit diesen zwanzig Jahren! Zwanzig Jahre beiderseitiger Eigenliebe und weiter nichts. Jeder Ihrer Briefe ist nicht an mich geschrieben, sondern fr die Nachwelt berechnet. Ja, Sie sind Stilist, aber kein Freund. Freundschaft ist doch nur ein berhmtes Wort, in Wirklichkeit aber ist sie blo ein -- gegenseitiger Ergu von Splicht. Gott, wie viel fremde Worte! Lauter gut behaltene Lektionen! Auch Ihnen haben sie schon ihre Uniform bergeworfen! Auch Sie sind jetzt frhlich, auch Sie an der Sonne! _Chre, chre_, fr welch ein Linsengericht haben Sie ihnen Ihre Selbstndigkeit verkauft! Ich bin kein Papagei, der fremde Worte wiederholt, versetzte Warwara Petrowna bse. Seien Sie versichert, da in mir sich eigene Worte zur Genge angesammelt haben. Was aber haben Sie fr mich in diesen zwanzig Jahren getan? Nicht einmal die Bcher haben Sie mir gegeben, die ich fr Sie bestellte, und die heute noch unaufgeschnitten wren, wenn Ihre Freunde sie nicht gelesen htten. Was gaben Sie mir zu lesen, als ich Sie in den ersten Jahren immer wieder bat, mich doch zu belehren, zu leiten? Nur Romane und immer wieder Romane. Sie waren sogar auf meine Entwicklung eiferschtig. Und whrenddessen lachte doch schon alle Welt ber Sie. Ich gestehe, ich habe Sie immer nur fr einen Kritiker gehalten und fr weiter nichts. Als ich Ihnen whrend der Fahrt nach Petersburg meine Absicht mitteilte, eine Zeitschrift zu grnden und ihr mein ganzes Leben zu widmen, da sahen Sie pltzlich ironisch auf mich herab und wurden furchtbar hochmtig. Das war doch nicht so ... nicht das ... wir frchteten damals, verfolgt zu ... Doch, das war genau das. Und Verfolgung konnten Sie in Petersburg berhaupt nicht frchten. Sie erinnern sich wohl noch, wie Sie damals im Februar erschrocken zu mir gelaufen kamen? Wie Sie verlangten, ich solle es Ihnen sofort schriftlich geben, in Gestalt eines Briefes, aus dem hervorginge, da Sie mit dem beabsichtigten Blatte nichts zu tun htten? Da Sie lediglich der Hauslehrer seien, der blo in meinem Hause wohnt, weil ihm sein Gehalt noch nicht ausgezahlt worden ist? War es nicht so? Sollten Sie es wirklich vergessen haben? Ich sehe, Sie haben es nicht vergessen. Ja, Sie haben sich Ihr Lebelang tatschlich ungewhnlich ausgezeichnet! Das war nur ein Augenblick des Kleinmuts damals, unter vier Augen ... rief er schmerzlich aus. Aber soll denn wirklich, wirklich, wegen dieser kleinlichen Eindrcke, nun alles zerrissen sein? Ist es mglich, da von diesen langen Jahren nichts mehr zwischen uns verblieben ist? Sie verstehen sich aufs Rechnen, das wei ich. Sie wollen immer alles so drehen, da schlielich ich Ihnen noch schulde. Als Sie aus dem Auslande zurckkehrten, sahen Sie auf mich von oben herab und lieen mich nicht einmal zu Wort kommen. Und als ich Ihnen nach meiner Reise von dem Eindruck, den die Sixtinische Madonna auf mich gemacht hatte, erzhlen wollte, da hrten Sie nicht einmal so lange zu, bis ich geendet hatte, und lchelten nur hochmtig, ganz als knnte ich nicht ebensolche Gefhle haben wie Sie. Das wird sicher anders gewesen sein ... ich entsinne mich nicht mehr ... _J'ai oubli._{[120]} Nein, das war ganz genau so, und dabei war da gar kein Grund, vor mir so wichtig zu tun, denn das war ja alles Unsinn und nur Ihre Phantasie. Heutzutage begeistert sich niemand mehr fr die Sixtinische Madonna. Hchstens ein paar alte Professoren. Das ist bewiesen. Auch schon bewiesen? Diese Madonna dient berhaupt zu nichts. Diese Schale hier ist ntzlicher, denn man kann in sie Wasser gieen. Dieser Bleistift ist ntzlich, denn mit ihm kann man schreiben. Hier aber ist es blo ein gemaltes Frauengesicht, das schlechter ist als alle lebenden Gesichter. Versuchen Sie einen Apfel zu malen und legen Sie dann neben das Bild einen wirklichen. Welchen werden Sie dann nehmen? Bin sicher, da Sie nicht schwanken werden. Sehen Sie, darauf laufen jetzt alle unsere Theorien hinaus, nachdem sie erst einmal von der modernen freien Forschung nachgeprft sind. ... stimmt! Ah, Sie lcheln ironisch! Aber was haben Sie mir, zum Beispiel, ber das Almosengeben gesagt? Und dabei ist das Gefhl, das man hat, wenn man Gutes tut, ein hochmtiges und unsittliches, genau wie die Genugtuung des Reichen, wie sein Genu, wenn er seine Macht und Bedeutung mit der des Bettlers vergleicht. Almosengeben verdirbt sowohl den Gebenden wie den Nehmenden und erfllt auerdem noch nicht einmal seinen Zweck, denn es vermehrt nur die Bettler. Jeder Faulpelz, der nicht arbeiten will, drngt sich zum Reichen, wie der Spieler an den Kartentisch, um etwas zu gewinnen. Die Groschen aber, die man ihnen zuwirft, reichen ja nicht einmal fr den hundertsten Teil. Haben Sie viele Almosen in Ihrem Leben gegeben? Vielleicht achtzig Kopeken, aber bestimmt nicht mehr. Denken Sie nur nach. Strengen Sie sich ein bichen an und versuchen Sie, sich zu erinnern, wann Sie zum letztenmal ein Almosen gegeben haben. Das wird wohl schon zwei, wenn nicht vier Jahre her sein. Sie reden blo groe Worte, die Tat aber behindern Sie nur. Ja, Almosengeben mte auch schon im jetzigen Staate ganz einfach gesetzlich verboten werden. Im Zukunftsstaat wird es berhaupt keine Armen mehr geben. Oh, welch eine Sammlung fremder Schlagworte! Also ist es schon bis zum Zukunftsstaat mit Ihnen gekommen? Sie Unglckliche, mge Gott Ihnen helfen! Ja, es ist bis zum Zukunftsstaat gekommen, Stepan Trophimowitsch. Sie haben so sorgfltig die neuen Ideen vor mir verborgen, aber es hat nichts gentzt. Sie haben das einzig und allein aus Eifersucht getan, um Macht ber mich zu besitzen. Jetzt ist mir sogar diese Julija Michailowna schon an hundert Werst voraus. Doch ich erkenne jetzt wenigstens. Trotzdem habe ich Sie verteidigt, Stepan Trophimowitsch, so viel ich nur konnte. Sie werden buchstblich von allen angeklagt. _Assez!_{[121]} er erhob sich von seinem Platz. Und was sollte ich Ihnen nun wnschen? Doch nicht Reue? Setzen Sie sich noch auf einen Augenblick, Stepan Trophimowitsch. Sie wissen doch schon, da man Sie auffordert, auf der literarischen Matinee irgend etwas vorzutragen? Sagen Sie, worber werden Sie lesen? Gerade ber dieses Ideal, die Sixtinische Madonna, die Ihrer Meinung nach weder einen Bleistift noch ein Glas Wasser wert ist. Und nicht aus der Geschichte? fragte Warwara Petrowna enttuscht. Aber dann wird man Sie ja gar nicht hren wollen. Und ewig diese Madonna! Was haben Sie denn davon, wenn Sie alle damit einschlfern? Ich versichere Sie, Stepan Trophimowitsch, ich sage das nur in Ihrem Interesse. Es wre doch eine ganz andere Sache, wenn Sie eine kurze, aber unterhaltende Geschichte aus dem mittelalterlichen Hofleben nehmen wrden; sagen wir, aus der spanischen Geschichte. Oder eine Anekdote, die Sie dann noch mit eigenen Zutaten ausschmcken knnten. Im Mittelalter gab es doch so prunkvolle Hfe, mit Damen, wissen Sie, und Mordgeschichten. Karmasinoff sagt, da es sonderbar zugehen mte, wenn man in der spanischen Geschichte nicht etwas Interessantes finden knnte. Karmasinoff! Dieser ausgeschriebene Dummkopf sucht fr mich ein Thema!! Karmasinoff, dieser erhabene Verstand! Sie drcken sich heute schon wirklich etwas zu unvorsichtig aus, Stepan Trophimowitsch. Ihr Karmasinoff ist ein altes, ausgeschriebenes, gereiztes Weib! _Chre, chre_, haben Sie sich schon lange so von ihnen unterjochen lassen? O Gott! Ich kann ihn auch jetzt nicht leiden. Wegen seiner Wichtigtuerei. Doch seinem Verstande mu ich Gerechtigkeit zollen. Ich wiederhole nochmals, da ich Sie, so viel ich nur konnte, verteidigt habe. Aber warum wollen Sie sich denn unbedingt als lcherlich und langweilig hinstellen? Im Gegenteil, treten Sie mit einem wrdigen Lcheln auf das Podium, als der Reprsentant des vergangenen Jahrhunderts, und erzhlen Sie mit Ihrem ganzen Witz drei kleine Geschichten, so wie nur Sie zuweilen zu erzhlen verstehen. Mgen Sie meinetwegen ein alter Mann sein, meinetwegen ein Mensch aus dem vorigen Jahrhundert, mgen Sie sogar zurckgeblieben sein: vielleicht sprechen Sie lchelnd selbst davon -- sagen wir in einer Vorbemerkung. Doch alle werden dann sehen, da Sie ein lieber, guter, geistreicher Mensch sind. Kurz, ein Mensch vom alten Schrot und Korn. Und doch so weit vorgeschritten, da er selber ber den ganzen Unsinn gewisser Begriffe, die er bis dahin gehabt hat, objektiv und richtig zu urteilen versteht. Nun, machen Sie es doch so, ich bitte Sie! _Chre, assez!_{[122]} Bitten Sie mich nicht, ich kann nicht. Ich werde ber die Madonna reden, und ich will einen Sturm erheben, der entweder sie alle vernichten oder mich allein zu Boden schlagen soll! Bestimmt nur Sie allein, Stepan Trophimowitsch. Gut! Das ist dann mein Los! Ich werde von jenem gemeinen Sklaven reden, von jenem stinkenden, verderbten Sklaven, der als erster mit dem Messer auf die Leiter steigt und das gttliche Antlitz des groen Ideals zerschneiden will -- im Namen der Gleichheit, des Neides und ... der Verdauung. Mag mein Fluch also durch die Welt donnern und dann, dann ... In die Irrenanstalt? Vielleicht. Aber in jedem Fall, ob ich nun siege oder besiegt werde: am selben Abend noch werde ich meinen Koffer nehmen, meinen armseligen Koffer, und werde all mein Hab und Gut verlassen, alle Ihre Geschenke, alle Pensionen und Versprechungen fr die Zukunft, und werde zu Fu aus der Stadt gehen, um bei irgend einem Kaufmann als Hauslehrer mein Leben zu beenden oder hinter einem Zaun Hungers zu sterben. _Alea jacta est!_ Er stand auf. Ich habe es ja gewut! Mit blitzenden Augen erhob sich nun auch Warwara Petrowna. Ich habe es ja gewut, da Sie doch nur dazu leben, um zum Schlu noch mich und mein Haus zu beschimpfen. Was wollen Sie mit der Stelle beim Kaufmann oder dem Tod hinterm Zaun sagen? Bosheit und Verleumdung, weiter ist's nichts! Sie haben mich immer verachtet, aber ich werde wie ein Ritter, der seiner Dame bis ins Grab treu bleibt, mein Leben beenden -- denn Ihre Meinung von mir war mir immer teurer, als alles andere auf der Welt. Ich nehme von Ihnen nichts mehr an, und die Rede halte ich ohne Entschdigung. Wie dumm das ist! Sie haben mich niemals geachtet. Ich wei, ich habe unendlich viele Schwchen. Ja, es ist wahr: ich habe als Ihr Schmarotzer gelebt; -- in der Sprache des Nihilismus ausgedrckt. Doch das war niemals das hhere Prinzip meiner Handlungen. Das geschah alles -- so -- so ... ganz von selbst ... ich wei nicht, wie ... Ich habe nur immer geglaubt, da zwischen uns etwas Hheres als Kost und Geld besteht, und _nie_, hren Sie, _nie_ bin ich ein -- Schurke gewesen! So -- und nun gehe ich, um es wieder gut zu machen! Ich gehe meinen spten Weg, es ist schon Herbst, der Nebel liegt auf den Feldern, kalter, grauer Reif bedeckt meine Strae und der Wind singt das Lied vom nahen Grabe ... Aber ich gehe, ich gehe schon meinen neuen Weg! Und ich gehe -- >Ganz erfllt von reiner Liebe, Treu dem sen Traum ...< Oh, lebt wohl, meine Trume! Zwanzig Jahre! _Alea jacta est._ Trnen rollten pltzlich aus seinen Augen. Er nahm schnell seinen Hut. Ich verstehe kein Latein, sagte Warwara Petrowna, die sich krampfhaft zusammennahm. Wer wei, vielleicht wollte sie gleichfalls weinen, doch Unwille und Eigensinn siegten wiederum. Ich wei nur eines, sagte sie, da das nur Phrasen sind. Niemals werden Sie imstande sein, Ihre Worte wahr zu machen. Nirgendwohin werden Sie gehen, sondern seelenruhig bei uns weiterleben und jeden Dienstag wieder Ihre unmglichen Freunde versammeln. Leben Sie wohl, Stepan Trophimowitsch. _Alea jacta est!_ Er verneigte sich tief vor ihr und fuhr nach Hause -- halbtot vor Aufregung. Elftes Kapitel. Pjotr Stepanowitsch in Ttigkeit I. Der Tag, an dem die literarische Matinee und der Ball stattfinden sollten, war endgltig festgesetzt, doch von Lembkes Stimmung wurde immer trber und nachdenklicher. Er hatte so sonderbare, unheilvolle Vorgefhle, und das beunruhigte Julija Michailowna sehr. Es war doch nicht so angenehm, Gouverneur zu sein, zumal unser gutmtiger Iwan Ossipowitsch seinem Nachfolger nicht alles im Gouvernement in bester Ordnung bergeben hatte. Dazu drohte jetzt noch die Cholera, und in einzelnen Kreisen waren Rinderseuchen ausgebrochen; ferner hatten den ganzen Sommer ber in Drfern und Stdten Feuersbrnste gewtet, im Volke aber begann sich schon der Glaube festzusetzen, da man absichtlich Brandstifter umherschicke; und die Diebe hatten sich im Verhltnis zu frheren Jahren um das Doppelte vermehrt. Das alles wre aber, wenn auch auergewhnlich, so doch lngst nicht in dem Mae beunruhigend gewesen, wenn Andrei Antonowitsch von Lembke nicht noch schwerwiegendere Sorgen gehabt htte, die ihm nun die Ruhe seiner bis dahin so glcklichen und zufriedenen Seele raubten. Am meisten erschreckte Julija Michailowna der Umstand, da ihr Lembke mit jedem Tage schweigsamer wurde und manchmal beinahe verschlossen war. Doch wenn man darber nachdachte -- was konnte er denn berhaupt zu verbergen haben? Dabei widersprach er ihr selten, vielmehr fgte er sich ihr fast in allen Dingen. So wurden z. B. auf ihr hartnckiges Verlangen hin ein paar recht gewagte Manahmen getroffen, die fast gegen das Gesetz verstieen, doch dafr die Macht des Gouverneurs vergrern sollten. Aus demselben Grunde wurde z. B. ein paarmal unheilvolle Nachsicht gebt: Leute, die eigentlich den Proze und Sibirien verdient hatten, wurden einzig auf Julija Michailownas unbedingtes Verlangen hin zur Auszeichnung vorgeschlagen. Wie sich spter herausstellte, wurde auf eine gewisse Art von Klagen ganz systematisch berhaupt nicht mehr reagiert. Auerdem unterschrieb von Lembke fast alles, was Julija Michailowna von ihm verlangte, und gewhnlich widerspruchslos. Nur zuweilen setzte er seine Gattin durch eine pltzliche und hartnckige Widerspenstigkeit in nicht geringes Erstaunen, und zwar immer durch eine Widerspenstigkeit in den kleinsten Nebensachen. Der Wunsch, nachdem er ihr tagelang stumm und wortlos gehorcht hatte, wieder eine eigene Rolle zu spielen, war am Ende begreiflich. Julija Michailowna jedoch wute in solchen Fllen trotz ihres ganzen Verstandes diese edle Regung eines edlen Charakters durchaus nicht zu wrdigen: von Lembke persnlich war ihr gerade in dieser Zeit vollkommen gleichgltig -- und leider sollte eben hieraus viel Unheil entstehen. Die gute Dame (sie tut mir aufrichtig leid) htte das, was sie so sehr lockte -- Ruhm, Bedeutung usw. -- viel einfacher erreichen knnen, ja, fast noch schneller, wenn sie ihren Wnschen mit etwas weniger Exzentrizitt nachgegangen wre. Aber wie das gewhnlich zu geschehen pflegt: denen, die ihr abrieten, hrte sie weiter nicht zu; den anderen aber, die sie in ihren eigenen Ideen bestrkten, denen folgte sie blindlings. So war denn die Arme bald nur noch ein Spielzeug der verschiedensten Einflsse, whrend sie sich selbst fr durchaus individuell hielt. Ihre Gutmtigkeit wurde in der kurzen Zeit ihrer Herrschaft als Gattin des Gouverneurs von vielen ausgenutzt, und gar manche schnitten dabei nicht bel ab. Aber was war das im Grunde fr ein Mischmasch unter dem Anschein von Selbstndigkeit! Ihr gefielen die Grogrundbesitzer und das aristokratische Element, die Erweiterung der Gouvernementsmacht wie das demokratische Prinzip mit den neuen Anschauungen, der Freidenkerei und den sozialen Lehren; und ihr gefiel der strenge Ton eines vornehmen Salons, wie die Ausgelassenheit, die oft schon an einen Gasthauston gemahnte, der sie umgebenden goldenen Jugend. Sie trumte davon, glcklich zu machen und Unvereinbares zu vereinen, oder richtiger: alle und alles in schwrmerischer Verehrung um ihre Person zu versammeln. Aber sie hatte auch einige ganz besondere und bevorzugte Lieblinge. Zu diesen gehrte vor allen Pjotr Stepanowitsch, der sie mit den plattesten Schmeicheleien beherrschte. Freilich gab es da noch einen besonderen Grund, weshalb er zu ihrem Liebling ward, und dieser Grund drfte sie vielleicht am besten charakterisieren: sie hoffte nmlich, da er ihr -- eine ganze Verschwrung aufdecken werde. Ich bertreibe keineswegs. Allerdings ist es schwer zu sagen, warum sich in ihr, fast von Anfang an, der Glaube festgesetzt hatte, gerade in unserem Gouvernement werde eine Verschwrung gegen die Regierung vorbereitet. Nun, und Pjotr Stepanowitsch verstand es vorzglich, mit seinem zweideutigen und geheimnisvollen Schweigen in gewissen, und seinen kurzen Bemerkungen in anderen Fllen, diesen Glauben noch zu verstrken. Sie glaubte schon nach ihrem ersten Gesprch mit ihm, da er unbedingt ber das ganze revolutionre Ruland unterrichtet sei, und auerdem und gleichzeitig hielt sie ihn fr ihr persnlich bis zur Vergtterung ergeben. In ihrer Phantasie malte sie sich schon mit allen Einzelheiten aus, wie von Lembke die Verschwrung melden wrde, dann der Dank aus Petersburg und die groe Karriere; und schlielich, wie sie selber mit Liebe und Nachsicht die Jugend am Rande des Abgrunds zurckhielt! War sie doch fest berzeugt, da sie Pjotr Stepanowitsch bereits bekehrt hatte! Warum sollte es ihr dann nicht auch bei den anderen gelingen? Kein einziger von den Verschwrern sollte umkommen: sie wollte sie alle, alle retten, und in eben diesem Sinne, nur mit dem Ziel der hheren Gerechtigkeit vor Augen, wollte sie handeln. Vielleicht -- was kann man wissen -- wrde noch einst der ganze russische Liberalismus -- und warum nicht auch die Geschichte? -- ihren Namen segnen. Die Verschwrung aber wrde doch aufgedeckt werden ... Also alle Vorteile zugleich. Zunchst aber war es ntig, da Andrei Antonowitsch zum Feste etwas heiterer wurde, und so galt es denn jetzt, ihn zu zerstreuen und zu beruhigen. Zu diesem Zweck kommandierte sie Pjotr Stepanowitsch zu ihrem Mann, in der Hoffnung, da der auf irgendeine Weise die gewnschte Wirkung erzielte. Vielleicht konnte er ihm etwas Beruhigendes mitteilen, sozusagen aus erster Hand. Jedenfalls verlie sie sich vollkommen auf seine Geschicklichkeit. Pjotr Stepanowitsch war schon seit Lngerem nicht mehr in Herrn von Lembkes Arbeitszimmer gewesen. Er schwirrte jetzt gerade in einem Augenblick zu ihm hinein, als der Patient sich in einer ganz besonders gespannten und reizbaren Verfassung befand. II. Es gab da eine Kombination, die Herr von Lembke nun schon gar nicht mehr fassen konnte. In einer kleinen Kreisstadt (in derselben, in der Pjotr Stepanowitsch vor nicht langer Zeit mit den Offizieren ein paar Abende lustig zusammengewesen war) hatte der Kommandeur einem Leutnant einen Verweis erteilt. Es geschah vor der ganzen Front. Der Leutnant war ein noch ganz junger Mensch, erst vor kurzem aus Petersburg eingetroffen, immer schweigsam und finster und anscheinend sich sehr erhaben dnkend, dabei aber klein von Wuchs, dick und rotwangig. Er ertrug den Verweis nicht, und pltzlich warf er sich mit einem eigentmlichen Geschrei oder Gekreisch, ber das sich die ganze Front wunderte, und mit absonderlich gesenktem Kopf auf seinen Kommandeur und bi diesen mit solcher Gewalt in die Schulter, da man ihn nur mit Mhe loszureien vermochte. Zweifellos war der Mensch verrckt geworden. Wenigstens stellte sich nun heraus, da er in der letzten Zeit schon mehrfach die unglaublichsten Sachen gemacht hatte. So hie es u. a., er habe in seiner Wohnung zwei Heiligenbilder der Wirtin zum Fenster hinausgeworfen und ein drittes mit dem Beil zerhackt; an ihre Stelle aber habe er in seinem Zimmer auf Postamenten drei Bcher, die Werke von Vogt, Moleschot und Bchner, aufgestellt und vor jedem ein Kirchenwachslicht angezndet. Aus der Menge von Bchern, die man bei ihm fand, konnte man schlieen, da er ziemlich belesen war. Bei der Durchsuchung fand man in seinen Taschen und Koffern einen ganzen Sto der wildesten Proklamationen. Nun, an sich waren diese Bltter ja nichts Neues; man hatte ihrer im Laufe der Jahre so viele gesehen! Wozu da noch weiter nachdenken? Zudem waren es nicht einmal neue Proklamationen, sondern genau dieselben, die man auch im H--schen Gouvernement gefunden hatte und von denen Liputin behauptete, da er sie vor anderthalb Monaten auf seiner Reise in einer andern Kreisstadt gleichfalls gesehen habe. Aber Andrei Antonowitsch erschrak doch: vor allem ber den einen Umstand, da der Direktor der Spigulinschen Fabrik zur selben Zeit der Polizei drei groe Pakete Proklamationen bersandt hatte, die in der Nacht auf den Fabrikhof geworfen worden waren, und diese Proklamationen stimmten Wort fr Wort mit jenen berein, die man bei dem Leutnant gefunden hatte. Die drei Pakete waren noch nicht einmal aufgebunden, also hatte von den Arbeitern noch keiner etwas lesen knnen. Eigentlich war ja die ganze Sache harmlos genug; doch Herr von Lembke begann zu grbeln, denn ihm erschien sie unendlich bedeutsam und verwickelt. In der erwhnten Spigulinschen Fabrik hatte gerade die sogenannte Spigulinsche Geschichte begonnen, von der spter so viel geredet worden ist, und ber die sogar die Petersburger und Moskauer Zeitungen so lange und in so verschiedenen Lesarten berichtet haben. Vor ungefhr drei Wochen war dort ein Arbeiter an sibirischer Cholera erkrankt, und nach ihm noch ein paar andere. In der Stadt verbreitete sich nicht geringe Angst, obgleich alle mglichen rztlichen Vorkehrungen getroffen wurden. Doch die Spigulinsche Fabrik -- die Besitzer hatten Geld und Verbindungen -- wurde aus irgendeinem guten Grunde nicht geschlossen. Da aber hie es pltzlich, gerade in ihr stecke der Herd der Krankheit. Andrei Antonowitsch bestand sofort energisch darauf, da sie einmal grndlich gereinigt werde, was man denn auch tat. Kurz darauf aber schlossen die Spigulins die Fabrik -- warum, wute eigentlich niemand. Der eine Bruder lebte bestndig in Petersburg, und der andere war nach der ihm befohlenen Fabrikreinigung nach Moskau gereist. Der Direktor, der den Arbeitern den Lohn auszahlen sollte, betrog dabei, wie es sich spter herausstellte, die Leute geradezu unerhrt. Die Arbeiter begannen zu murren und verlangten eine gerechtere Abrechnung und gingen aus Dummheit schlielich sogar auf die Polizei. Doch fhrten sie sich dort lange nicht so erregt auf, wie es die Zeitungen nachtrglich schilderten. Und gerade in dieser Zeit geschah es denn, da der Direktor dem Gouverneur die gefundenen Proklamationen zustellte. Pjotr Stepanowitsch trat schnell und ohne anzuklopfen, wie ein alter Bekannter oder guter Freund, in von Lembkes Arbeitszimmer. Als Andrei Antonowitsch ihn erblickte, blieb er unfreundlich und augenscheinlich gergert am Schreibtisch stehen, whrend er bis dahin auf und ab gegangen war, was er gewhnlich tat, wenn er sich mit seinem Kanzleibeamten Blmer unter vier Augen beriet. Diesen Blmer, der brigens ein mrrischer, ungelenker Deutscher war, hatte er trotz Julija Michailownas heftigster Opposition aus Petersburg mitgebracht. Der Kanzleibeamte trat nach Pjotr Stepanowitschs Erscheinen zur Tr, ging jedoch noch nicht hinaus. Es schien Pjotr Stepanowitsch sogar, da er mit von Lembke einen vielsagenden Blick austauschte. Oho, da habe ich Sie ertappt, Sie geheimer Stadtdespot! rief Pjotr Stepanowitsch lachend aus und legte schnell seine Hand auf eine Proklamation, die auf dem Tisch lag. Die soll wohl wieder Ihre Sammlung vergrern, wie? Von Lembke wurde rot, und sein ganzes Gesicht verzerrte sich pltzlich. Lassen Sie, lassen Sie das sofort! schrie er zitternd vor Wut. Und wagen Sie es nicht, mein Herr ... Was haben Sie nur? Sie scheinen sich ja zu rgern? Gestatten Sie, mein Herr, Sie darauf aufmerksam zu machen, da ich Ihr _sans faon_{[123]} hinfort nicht mehr dulden werde und Sie ersuche, nicht zu vergessen ... Pfui Teufel, er rgert sich ja in der Tat! Schweigen Sie! von Lembke stampfte mit dem Fu. Und wagen Sie es nicht ... Gott mag wissen, wozu es noch gekommen wre, denn zu seinem Zorn gab es hier noch einen gewissen anderen Grund, den sich weder Pjotr Stepanowitsch noch Julija Michailowna auch nur htten trumen lassen knnen. Mit dem unglcklichen Andrei Antonowitsch war es nmlich schon so weit gekommen, da er wegen seiner Frau auf Pjotr Stepanowitsch eiferschtig war und deshalb in einsamen Stunden, besonders nachts, hchst unangenehme Minuten auszustehen hatte. Und ich dachte, da ein Mensch, der einem zweimal bis nach Mitternacht seinen Roman vorliest und einen um ein offenes Urteil bittet, da dieser Mensch dann schon selber das Formelle abgetan hat ... Und Julija Michailowna empfngt mich wie einen guten Bekannten -- nun soll einer aus Ihnen klug werden! sagte Pjotr Stepanowitsch, und sagte es sogar nicht ohne eine gewisse Wrde. Hier haben Sie brigens Ihren Roman, und damit legte er ein groes, schweres, fest zusammengerolltes Heft, das in blaues Papier eingewickelt war, auf den Tisch. Von Lembke errtete und wute nichts zu sagen. Wo haben Sie es denn gefunden? fragte er unsicher, mit einem Zustrom von Freude, den er doch nicht abhalten konnte, obschon er ihn mit Gewalt zurckzudrngen suchte. Ja, denken Sie sich, so zum Rohr zusammengerollt, wie es da ist, war es hinter meine Kommode gefallen. Ich werde es wohl damals, als ich nach Hause kam, irgendwie nachlssig auf die Kommode geworfen haben. Vorgestern fand man es beim Dielenscheuern. War das aber eine Arbeit, die Sie mir da beschert hatten! Lembke senkte streng die Augen. Zwei Nchte wegen Euer Gnaden nicht geschlafen. Vorgestern fand man es, so behielt ich es denn noch und las die ganze Geschichte durch. Habe am Tage keine Zeit, mute es also in der Nacht tun. Na, und -- kann nichts dafr: bin unzufrieden. Nicht mein Geschmack. Doch brigens zum Teufel damit, Kritiker bin ich nie gewesen. Aber losreien konnte ich mich doch nicht, wenn ich auch unzufrieden war. Das vierte und fnfte Kapitel, die ... die sind ... wei der Teufel, was die eigentlich sind! Und mit wieviel Komik das vollgestopft ist! Hab' ich gelacht! Nein, wirklich, Sie verstehen es, etwas lcherlich zu machen, _sans que cela paraisse_!{[124]} Na, das da im neunten Kapitel, wo nur von Liebe die Rede ist, na, nicht meine Sache; aber immerhin sehr effektvoll. Nach dem Brief von Igrenjeff wollte ich beinah zu heulen anfangen, obgleich Sie ihn ja so fein karikiert haben ... Wissen Sie, der Brief ist gewi gefhlvoll, aber zu gleicher Zeit wollten Sie den Mann doch irgendwie karikieren, wenn ich Sie richtig verstanden habe? nicht? Hab's mir gleich so gedacht. Na, aber fr den Schlu knnte ich Sie einfach verprgeln. Was ist denn das fr eine Idee, die Sie da durchfhren? Das ist ja doch dieselbe alte Vergtterung des Familienglcks nebst Vermehrung der Kinder wie des Kapitals, und >wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heuthelle PersnlichkeitFreiheit, Gleichheit, sie sind nah!< Hscher fingen ihn alsbald. Doch er floh in fremdes Land -- aus des Zaren Kasematte, Wo man Peitschen, Zangen hatte --, Fuhr von dort fort, hier zu schren, Und die Wirkung war zu spren, Denn das Volk begann zu warten Und zu murren ob des harten Schicksals, doch sieh da: Freiheit, Gleichheit, sie sind nah! Also sagt's Euch der Student, Hrt es jetzt bis nach Taschkent! Komme schleunigst jeder Mann, Um den Adel und alsdann Selbst das Zartum zu vernichten! Hrt und kommt und lat uns richten! Hrt auf des Studenten Wort: Aller alter Kram mu fort -- Kirchen, Ehen und Familien Nebst den Kindern, den Reptilien! Doch das Hab und Gut der Welt, Land, Besitz und alles Geld -- Das soll Allgemeingut werden In dem neuen Reich auf Erden! Das haben Sie wohl bei jenem Leutnant gefunden, nicht? fragte Pjotr Stepanowitsch. Wie, Sie kennen auch diesen Leutnant? Wie denn nicht! Habe zwei Tage lang mit ihm gekneipt. Der mute unbedingt mal berschnappen. Er ... Vielleicht ist er berhaupt nicht irrsinnig geworden. Etwa darum nicht, weil er zu beien anfing? Aber, erlauben Sie: wenn Sie dieses Gedicht im Auslande gesehen haben -- und spter findet es sich hier bei diesem Offizier ... Hm! Ganz scharfsinnig! Sie, Andrei Antonowitsch, Sie scheinen mich ja, wie ich sehe, examinieren zu wollen? Sehen Sie, begann er pltzlich mit ungewhnlicher Wichtigkeit, darber, was ich im Auslande gesehen, habe ich sofort nach meiner Rckkehr einer bestimmten Stelle Mitteilung gemacht, und meine Erklrungen wurden als befriedigend befunden. Andernfalls htte ich ja auch diese liebe Stadt hier gar nicht mit meinem Besuch beglcken knnen. Ich glaube also, da meine Pflichten auf diesem Gebiet erledigt sind und ich weiter niemandem Rechenschaft schuldig bin. Und nicht etwa deswegen erledigt, weil ich vielleicht ein Denunziant bin, sondern weil ich einfach gar nicht anders handeln konnte. Diejenigen, die an Julija Michailowna ber mich geschrieben haben, kannten die ganze Sachlage ... und haben mich als ehrlichen Menschen empfohlen. Na, aber zum Teufel damit! Eigentlich bin ich zu Ihnen gekommen, um ber etwas sehr Ernstes mit Ihnen zu sprechen. Es ist gut, da Sie diesen Ihren Schornsteinfeger fortgeschickt haben. Es ist eine wichtige Sache, Andrei Antonowitsch. Ich habe nmlich eine sehr groe Bitte an Sie. Eine Bitte? Hm ... haben Sie die Gte, ich ... bin gespannt ... hm! ... wird mich sehr interessieren. berhaupt mu ich sagen, Sie setzen mich heute ein wenig in Erstaunen. Von Lembke war merklich erregt. Pjotr Stepanowitsch schlug ein Bein bers andere. In Petersburg, begann er, war ich in vieler Hinsicht aufrichtig, doch ber gewisse Einzelheiten ... zum Beispiel diese da -- er wies mit dem Finger auf die helle Persnlichkeit -- habe ich geschwiegen, erstens weil es sich nicht lohnte, darber zu sprechen, und zweitens, weil ich nur das sagte, wonach man mich fragte. Ich liebe es nicht, in diesem Sinne vorzugreifen; darin sehe ich auch den Unterschied zwischen einem Schurken und einem ehrlichen Menschen, den ganz einfach nur die Umstnde berrumpelt haben und zwingen ... Na, das mag nebenbei gesagt sein. Nun und jetzt ... jetzt, nachdem diese Dummkpfe ... na, ich meine, da es jetzt herausgekommen ist, sich bereits in Ihren Hnden befindet und sich vor Ihnen schon nicht mehr wird verstecken knnen -- denn Sie sind doch ein Mensch mit Augen, es ist gar nicht so leicht, hinter Sie zu kommen -- diese Dummkpfe aber in ihrem Vorhaben fortfahren ... na, nun ja ... also: ich bin ... ganz einfach ... zu Ihnen gekommen, um Sie zu bitten, einen Menschen zu retten, einen ebensolchen Dummkopf oder meinetwegen Verrckten ... in Anbetracht seiner Jugend, seines Unglcks, und ... und Ihrer Humanitt ... zum Kuckuck, Sie wollen doch nicht nur in Romanen human und gut und edel sein! unterbrach er pltzlich, anscheinend aus lauter Verlegenheit grob, seine ungeschickte Rede. Kurz: man sah einen ehrlichen, offenherzigen Menschen vor sich, der blo ungeschickt und unpolitisch war, und das wohl aus Gutmtigkeit oder bergroer Gewissenhaftigkeit. Und jedenfalls mute er nicht von weitem her sein, urteilte von Lembke sofort mit auerordentlichem Feingefhl: genau so, wie er ihn eigentlich schon immer eingeschtzt hatte -- besonders wenn er ihn in den schlaflosen Nchten der letzten Woche wegen seines Erfolges bei Julija Michailowna in seiner Seele beschimpft und heruntergerissen hatte. Fr wen bitten Sie denn und was soll das alles bedeuten? erkundigte er sich wrdevoll, bemht, seine Neugier zu verbergen. Fr ... ja das ... zum Teufel, ich bin doch nicht schuld daran, da ich an Sie glaube! Was kann ich denn dafr, da ich Sie fr den edelmtigsten Menschen halte und, vor allem, fr einen verstndigen ... der fhig ist, zu begreifen, das heit, zu verstehen ... nun, zum Henker ... Der Arme! Augenscheinlich verstand er sich nicht recht auszudrcken und verwickelte sich nur! Sie verstehen doch, fuhr er fort, begreifen doch, da ich, wenn ich Ihnen seinen Namen nenne, ihn damit sozusagen in Ihre Hnde liefere, nicht wahr, ich liefere ihn dann Ihnen doch aus? Nicht wahr? Aber wie soll ich es denn erraten, fr wen Sie bitten, wenn Sie sich nicht entschlieen knnen, mir seinen Namen zu nennen? Ach, ja, in der Tat, das ist es ja gerade! Sie stellen einem, wei der Teufel, mit Ihrer Logik immer ein Bein ... Na, zum Henker ... Also diese >helle Persnlichkeit<, dieser >Student< ist -- _Schatoff_ ... So, da haben Sie's jetzt! Schatoff? Das heit, wie denn Schatoff? Schatoff -- das ist der >Student<, von dem da im Gedicht die Rede ist! Er lebt hier! Frherer Leibeigener! Derselbe, der neulich die Ohrfeige gegeben hat! Sie wissen schon! Ich wei, ich wei! von Lembke kniff die Augen zusammen. Aber erlauben Sie, worin besteht denn eigentlich seine Schuld und, die Hauptsache, -- um was bitten Sie denn eigentlich? Aber ihn zu retten, verstehen Sie doch endlich! Ich kenne ihn ja schon seit acht Jahren! Ich -- ich war ja sein Freund! Pjotr Stepanowitsch regte sich anscheinend furchtbar auf. Nun ja, ich bin doch nicht verpflichtet, Ihnen Rechenschaft ber Frheres zu geben, meinte er und winkte mit der Hand ab, das ist alles so belanglos. Sind ja nur dreieinhalb Menschen, und mit denen im Auslande noch nicht mal zehn ... Aber, die Hauptsache, -- ich hoffte auf Ihre Humanitt und zugleich auf Ihren Verstand. Sie verstehen mich doch, Sie werden die Sache dann schon selber so darstellen, wie sie wirklich ist, und nicht als wei der Teufel was! -- vielmehr als den dummen Gedanken eines verdrehten Menschen ... infolge seines Unglcks, vergessen Sie das nicht, infolge seines Unglcks, und nicht als wei der Teufel was da -- fr eine Verschwrung gegen den Staat ... Pjotr Stepanowitsch geriet vor Eifer fast auer Atem. Hm ... Ich sehe schon, da er der Schuldige ist -- an den Proklamationen mit dem Beil! schlo von Lembke mit nahezu erhabener Miene. Aber, erlauben Sie, wenn er allein es ist, wie konnte er sie dann hier und zugleich in der Provinz verstreuen und sogar im H--schen Gouvernement und ... schlielich, die erste Frage: wo hat er sie berhaupt herbekommen? Aber ich sage Ihnen doch, da es im ganzen vielleicht fnf Menschen sind, na, sagen wir, zehn -- wie soll ich es wissen! Sie wissen es nicht? Ja, zum Henker, warum soll ich es denn wissen? Aber Sie wuten doch, da Schatoff einer von ihnen ist? Ach! Pjotr Stepanowitsch winkte wieder mit der Hand ab, als wolle er den erdrckenden Scharfsinn des anderen zurckscheuchen. Na, hren Sie, ich werde Ihnen die ganze Wahrheit sagen: von den Proklamationen wei ich nichts, das heit, so gut wie nichts, -- zum Teufel, Sie verstehen doch, was >nichts< bedeutet? ... Nun, versteht sich, hier ist es der eine Leutnant, nun, und Schatoff, nun, und vielleicht noch irgend jemand, na -- aber das ist auch alles! Nicht der Rede wert! ... Einfach klglich! ... Ich aber bin nur zu Ihnen gekommen, um Sie fr Schatoff zu bitten: man mu ihn retten, denn dieses Gedicht da -- ist von ihm, sein eigenes Werk und im Auslande durch ihn gedruckt. So, das ist alles, was ich genau wei, aber von den Proklamationen wei ich so gut wie gar nichts! Wenn das Gedicht von ihm verfat ist, so werden wohl auch die Proklamationen von ihm verfat sein. Aber welche Beweise haben Sie denn, um Herrn Schatoff zu verdchtigen? Pjotr Stepanowitsch ri seine Brieftasche hervor, wie ein Mensch, der schon nahe daran ist, aus der Haut zu fahren, und warf einen Zettel auf den Tisch. Da haben Sie die Beweise! rief er. Von Lembke faltete den Zettel auseinander: er war vor einem halben Jahr aus unserer Stadt geschrieben worden und enthielt nur die kurze Mitteilung: Die helle Persnlichkeit kann ich hier nicht drucken, und berhaupt kann ich nichts machen. Drucken Sie im Auslande. Iwan Schatoff. Von Lembke blickte Pjotr Stepanowitsch unverwandt an ... Warwara Petrowna hatte recht, wenn sie behauptete, da Herr von Lembke einen manchmal etwa wie ein Schaf anblicken konnte. Sehen Sie, begann Pjotr Stepanowitsch ungeduldig, das bedeutet, da er dieses Gedicht vor einem halben Jahr hier geschrieben hat. Er konnte es aber nicht hier drucken lassen, na, in irgendeiner, sagen wir, geheimen Druckerei, -- und darum bittet er, es im Auslande zu drucken ... Das ist doch klar, sollte ich meinen? Ja, das ist natrlich klar, aber wen bittet er denn darum? Das ist, wie Sie sehen, durchaus noch nicht klar, bemerkte von Lembke mit schlauester Ironie. Aber Kirilloff doch! Der Brief ist doch an Kirilloff ins Ausland geschrieben ... Wuten Sie das etwa nicht? rgerlich an der ganzen Sache ist ja nur, da Sie sich vor mir vielleicht nur verstellen und selbst schon lange von diesem Gedicht wissen, na, und auch alles andere! Wie ist es denn auf Ihren Tisch gekommen? Wenn Sie es berhaupt zu erwischen verstanden haben! -- wozu foltern Sie mich dann noch mit Ihren Fragen, wenn's so ist? Er wischte sich fast bebend den Schwei von der Stirn. Vielleicht ist auch mir einiges bekannt ... bemerkte Herr von Lembke, geschickt ausweichend, aber wer ist denn dieser Kirilloff? Nun, ein Ingenieur, vor kurzem hier angekommen. War Stawrogins Sekundant. Einfach ein Maniak, total verrckt. Ihr Leutnant hatte vielleicht wirklich nur Schnupfenfieber als er bi, na, aber dieser, ich sage Ihnen, der ist schon lngst frs Tollhaus reif -- dafr garantiere ich. Ach, Andrei Antonowitsch, wenn die Regierung nur wte, was das da fr Leutchen sind, sie wrde ja keinen Finger rhren. Hab mich in der Schweiz und auf den Kongressen an ihnen satt gesehen, bersatt! Dort, von wo aus man die Bewegungen bei uns leitet? Ja, wer leitet denn? Dreieinhalb Menschen! Wenn man sie ansieht, sage ich Ihnen, kann man blo Lust zum Ghnen bekommen. Und was sind denn das fr >Bewegungen bei unsSeht, das ist Herzens eigene Meinung ber michzu frh< meinte ich etwas anderes ... Dann ist also jedes Ihrer Worte mit einem Haken versehen, he--he! Sind wirklich ein vorsichtiger Mensch! bemerkte Pjotr Stepanowitsch pltzlich sehr heiter. Hren Sie, mein Teuerster, ich mute Sie doch erst ein wenig kennen lernen, na, und da habe ich denn zu diesem Zweck eben in meinem Stile gesprochen. Das habe ich nicht nur mit Ihnen allein so gemacht, sondern mit vielen. Vielleicht wollte ich erst nur Ihren Charakter kennen lernen. Wozu denn meinen Charakter? Na, wie soll ich es denn wissen, wozu! (er lachte wieder). Sehen Sie mal, mein lieber und hochverehrter Andrei Antonowitsch, Sie sind schlau, aber dazu ist es noch nicht gekommen, wird es auch bestimmt nicht kommen, Sie verstehen doch? Vielleicht verstehen Sie mich wirklich? Wenn ich auch dort zustndigen Orts Erklrungen gegeben habe, als ich aus dem Auslande zurckkehrte, und ich wei wirklich nicht, warum ein Mensch mit gewissen berzeugungen nicht zum Vorteil dieser seiner aufrichtigen berzeugungen handeln sollte ... so hat mir _dort_ doch niemand etwas ber Ihren Charakter gesagt, und ich habe mir noch gar keine Pflichten von _dort_ aufladen lassen. Sie begreifen doch: ich htte ebensogut nicht Ihnen als erstem zwei Namen zu nennen gebraucht, sondern einfach _dahin_, na, Sie verstehen schon, -- einen Wink geben knnen, ich meine, dahin, wo ich die ersten Erklrungen abgab. Na, und wenn ich mich etwa fr Geld bemhte, oder fr sonst irgendeinen Vorteil, so wre das meinerseits keine Berechnung gewesen, denn dankbar wird man jetzt blo Ihnen sein, nicht mir. Aber ich tue es, wie gesagt, nur wegen Schatoff, sagte Pjotr Stepanowitsch mit viel Edelmut, -- nur fr Schatoff, aus alter Freundschaft ... Na, aber dann, meinetwegen, wenn Sie _dorthin_ schreiben, na, dann knnten Sie mich vielleicht auch ein bichen loben, wenn Sie wollen ... werde nicht widersprechen. He--he ... Aber jetzt adieu, hab schon verboten lange hier gesessen, und eigentlich sollte man berhaupt nicht so viel sprechen! fgte er nicht unzufrieden hinzu und erhob sich vom Diwan. Im Gegenteil, es freut mich sehr, da diese Angelegenheit sozusagen bestimmtere Formen annimmt. Von Lembke erhob sich gleichfalls und sehr liebenswrdig, -- augenscheinlich noch unter dem Eindruck der letzten Worte. Mit Dank nehme ich Ihre Hilfe an, und seien Sie berzeugt, da ich die Bemerkung ber Ihren Eifer ... Sechs Tage, nur sechs Tage Frist, das ist die Hauptsache und alles, was ich brauche ... aber da Sie sich in diesen sechs Tagen nicht rhren! Gut! Versteht sich, ich binde Ihnen ja nicht die Hnde, wie sollte ich das auch! Sie knnen doch gar nicht etwa nicht beobachten lassen. Nur -- schrecken Sie das Nest nicht vor der Zeit auf, -- das ist es, worin ich mich jetzt auf Ihre Klugheit und Ihre Erfahrung verlasse! Na, Sie haben wohl schon unzhlige Jagdhunde bereit? He--he! platzte lustig und leichtsinnig (eben wie ein junger Mensch) Pjotr Stepanowitsch heraus. So schlimm ist es gerade nicht, sagte von Lembke ausweichend, doch angenehm berhrt. Das ist ein Vorurteil der Jugend, die immer alles vorbereitet glaubt ... Aber erlauben Sie, noch ein Wort: wenn dieser Kirilloff Stawrogins Sekundant war, so mu doch auch Herr Stawrogin in diesem Falle ... Wieso Stawrogin? Ich meine, wenn sie solche Freunde sind? Oh, nein, nein, nein! Diesmal haben Sie fehlgeschossen, wenn Sie auch sonst schlau sind! Aber Sie setzen mich geradezu in Erstaunen! Denn ich glaubte doch, da Sie in betreff dieser Dinge unterrichtet sind ... Hm ... Stawrogin -- das ist das vollkommenste Gegenteil, das heit, das vollkommenste! ... _Avis au lecteur._{[125]} In der Tat? Ist's mglich? fragte von Lembke unglubig. Mir hat Julija Michailowna gesagt, da Stawrogin, nach ihren Erkundigungen in Petersburg, ein Mensch mit einigen, sozusagen, Instruktionen ... Ich wei nichts, nichts, nichts, keine Ahnung. Adieu. _Avis au lecteur!_ wich Pjotr Stepanowitsch pltzlich und nur zu offensichtlich allen weiteren Fragen aus und schwirrte schon zur Tr. Erlauben Sie, Pjotr Stepanowitsch, erlauben Sie, noch einen Augenblick! rief ihn von Lembke zurck. Noch ein Wort, und dann halte ich Sie nicht mehr auf. Er nahm aus einem Schubfach einen Brief heraus. Sehen Sie, -- gleichfalls ein Exemplar, das in diese Kategorie gehrt. Und hiermit beweise ich Ihnen, da ich das grte Vertrauen zu Ihnen habe. Was sagen Sie zu diesem Brief? Es war ein sonderbarer Brief: ohne Unterschrift, an Herrn von Lembke adressiert, und gestern erst hatte er ihn erhalten. Pjotr Stepanowitsch las zu seinem grten rger folgendes: Eure Exzellenz! Sintemal Sie das nach Ihrem Range sind. Hiermit melde ich Mordanschlge auf alle hohen Wrdentrger und das Vaterland; sintemal es gerade dazu fhrt. Habe selbst vieles ununterbrochen jahrelang verstreut. Auch Gottlosigkeit ist dabei. Ein Aufstand bereitet sich vor und Proklamationen gibt es Tausende, und nach jeder laufen dann hundert Mann mit herausgestreckter Zunge, wenn sie die Regierung nicht vorzeitig fortnimmt, sintemal man viel verspricht und das einfache Volk dumm ist, und hinzu kommt dann noch der Schnaps. Das Volk sucht den Schuldigen und wird diese wie jene verderben. Ich frchte aber diese wie jene, und bereue, woran ich gar nicht teilgenommen, denn meine Verhltnisse sind einmal so. Wenn Sie wollen, da ich Anzeige erstatte zur Rettung des Vaterlandes und ebenso der Kirchen und Heiligenbilder, so kann das nur ich allein. Aber mit der Bedingung, da man mir Begnadigung aus der dritten Abteilung telegraphisch zusagt, sofort und mir allein von allen; die anderen knnen es dann ausbaden. Auf das Fenster beim Portier stellen Sie zum Zeichen jeden Tag abends um sieben Uhr ein Licht. Sehe ich dieses, so werde ich glauben und komme dann, um die barmherzige Hand aus Petersburg zu kssen, aber mit der Bedingung, da ich eine Pension erhalte, sintemal wovon soll ich denn sonst leben? Sie werden es nicht zu bereuen brauchen, denn fr Sie kommt dabei ein Orden heraus. Aber vorsichtig mu man sein, sonst drehen sie einem den Hals um! Euer Exzellenz verzweifelter Mensch fllt vor Euer Exzellenz auf die Knie als reuiger Freidenker _Inkognito_. Von Lembke erklrte, da man den Brief gestern beim Portier gefunden hatte. Was halten Sie davon? fragte Pjotr Stepanowitsch beinahe grob. Ich wrde annehmen, da das ein Schmhbrief ist ... ein anonymer, zum Spott ... Hchstwahrscheinlich wird es auch so sein. Sie kann man wirklich nicht so leicht hinters Licht fhren. Und vor allen Dingen deshalb, weil es so dumm ist. Haben Sie hier noch irgendwelche Schmhbriefe bekommen? Ja, zweimal, und beide anonym. Na, versteht sich doch von selbst, da die sich nicht unterzeichnen werden! -- Derselbe Stil? Dieselbe Handschrift? Nein, verschiedener Stil und verschiedene Handschrift. Und ebenso nrrisch wie dieser? Ja, auch nrrisch, und wissen Sie ... sehr gemeine Briefe. Na, wenn Sie schon welche bekommen haben, so wird es jetzt wohl derselbe Absender sein. Und vor allen Dingen, weil die Briefe so dumm sind. Diese Leute sind doch gebildet und wrden schon so dumm nicht schreiben. Natrlich, versteht sich. Aber wie, wenn nun wirklich jemand etwas anzeigen will? Das ist sehr unwahrscheinlich, schnitt Pjotr Stepanowitsch trocken ab. Was soll denn das Telegramm aus der dritten Abteilung bedeuten? und die Pension? Es ist ja sonnenklar, da es eine Anulkung ist! Ja ... Natrlich, von Lembke war ein wenig beschmt. Wissen Sie was! berlassen Sie mir den Brief. Ich werde Ihnen sofort den Verfasser herausfinden. Frher noch als die anderen. Nehmen Sie ihn, sagte von Lembke, doch erst nach einigem Zgern. Haben Sie ihn schon jemandem gezeigt? Nein, bewahre! Niemandem! Auch nicht Julija Michailowna? Da sei Gott vor! und ums Himmels willen, zeigen Sie ihn ihr auch nicht! rief von Lembke erschrocken. Er wrde sie so aufregen ... und sie wrde sich furchtbar ber mich rgern. Natrlich, verstehe schon! Sie wrde sagen, da Sie selbst daran schuld sind, wenn man Ihnen so was zu schreiben wagt! Man kennt doch Weiberlogik. Na, aber jetzt leben Sie wohl. Vielleicht kann ich Ihnen schon in drei Tagen den Verfasser nennen. Aber vergessen Sie nur unsere Abmachung nicht! IV. Pjotr Stepanowitsch war gewi kein dummer Mensch, doch Fedjka, der Zuchthusler, hatte ihn richtig charakterisiert mit dem Ausspruch: Der stellt sich einen Menschen so vor, wie er ihn haben will, und so lebt er dann mit ihm. Pjotr Stepanowitsch verlie Herrn von Lembke in der festen berzeugung, da er ihn auf wenigstens sechs Tage beruhigt habe, diese Frist aber brauchte er unbedingt. Doch seine Berechnung war falsch, und zwar weil er sich Herrn von Lembke von allem Anfange an und gleich fr immer als vollkommen beschrnkten Menschen vorgestellt hatte. Herr von Lembke war, wie jeder qualvoll mitrauische Mensch, im ersten Augenblick des Aus-sich-selbst-hinausgehens stets von grter und freudiger Vertrauensseligkeit. Die neue Wendung der Dinge erschien ihm nun zunchst in recht angenehmer Form, trotz der etlichen neueingetretenen Verwicklungen, die Achtsamkeit erheischten. Doch wenigstens zerfielen seine alten Zweifel jetzt in Staub und Asche. Aber die letzten Tage hatten ihn so mde gemacht, und er fhlte sich so geqult und so hilflos, da seine Seele sich unwillkrlich nach Ruhe sehnte. Leider kam gerade jetzt diese Unruhe wieder ber ihn. Das lange Leben in Petersburg hatte in seiner Seele unverwischbare Spuren hinterlassen. Die offizielle und sogar die geheime Geschichte der neuen Generation war ihm ziemlich bekannt -- war er doch ein wibegieriger Mensch, der selbst Proklamationen sammelte --, nur hatte er noch nie auch nur ein Wort von dieser ganzen Geschichte begriffen. Jetzt aber stand er da wie in einem Walde: mit allen Instinkten ahnte er, da in Pjotr Stepanowitschs Worten etwas schier Unmgliches enthalten war, irgend etwas auerhalb aller Formen und Vereinbarungen -- wenn auch brigens der Teufel wissen mag, was da in dieser >neuen Generation< alles mglich ist und berhaupt ... wie sie das da alles machen! dachte er bei sich und verlor sich in Erwgungen. Da steckte zum Unglck wieder Blmer seinen Kopf durch die Tr. Die ganze Zeit whrend der Anwesenheit Pjotr Stepanowitschs hatte er in der Nhe gewartet. Dieser Blmer war mit Herrn von Lembke sogar verwandt, wenn auch allerdings nur weitlufig, doch diese Verwandtschaft wurde sorgfltig und ngstlich geheimgehalten. Ich bitte den Leser um Entschuldigung, da ich hier ber diesen unbedeutenden Menschen ein paar Bemerkungen einfge. Blmer gehrte als Mensch zu der sonderbaren Abart der unglcklichen Deutschen -- jedoch nicht infolge seiner tatschlich groen Talentlosigkeit, sondern einfach Gott wei weshalb. Diese unglcklichen Deutschen sind keine Mythe, sondern sind wirklich vorhanden, sogar in Ruland, und haben ihren besonderen Typ. Herr von Lembke hatte fr diesen Blmer von jeher ein geradezu rhrendes Mitgefhl und verschaffte ihm, wo er nur konnte, und natrlich im Verhltnis zu seinen eigenen Fortschritten, immer bessere Stellen in seinem Ressort; doch Blmer hatte nirgends Glck. Bald wurde der Posten aufgehoben, bald bekam er einen neuen Vorgesetzten, und einmal htte man ihn beinahe mit anderen zusammen vors Gericht gebracht. Er war gewissenhaft, doch leider irgendwie so, da es schon zuviel war -- zwecklos gewissenhaft, und auerdem ewig mrrisch, was ihm berall schadete, -- dabei rothaarig, gro, ein wenig krumm, wehmtig, sogar gefhlvoll, und bei all seiner Unterwrfigkeit doch eigensinnig und halsstarrig wie ein Stier, freilich immer am unrechten Ort und zur unrechten Zeit. An Lembke hing er nebst seiner Frau und seinen zahllosen Kindern mit einer langjhrigen und ehrfrchtigen, treuen und ergebenen Anhnglichkeit. Auer Lembke gab es keinen Menschen, der ihn je auch nur gemocht hatte. Julija Michailowna hatte ihn sofort und mit aller Entschiedenheit abgelehnt, doch verabschieden konnte sie ihn nicht, weil der Widerstand ihres Mannes in diesem Punkte nicht zu brechen war. Ja, dieser Blmer war die Ursache ihres ersten ehelichen Streites gewesen, und zwar gleich in den ersten sen Tagen nach der Hochzeit, als sie pltzlich das krnkende Geheimnis dieser neuen Verwandtschaft erfahren hatte. Es half auch nichts, da ihr Gatte flehend, mit gefalteten Hnden, auf sie einredete und ihr gefhlvoll Blmers ganze Lebensgeschichte erzhlte, sowie die Geschichte ihrer Freundschaft von Kindheit an: Julija Michailowna hielt sich fr unwiderruflich blamiert und versuchte sogar mit Ohnmachtsanfllen ihren Willen durchzusetzen. Doch von Lembke wich trotzdem nicht einen Schritt von seinem Standpunkt und erklrte nur, da er seinen Blmer um keinen Preis von sich entfernen werde, so da sie sich schlielich ehrlich ber ihn wunderte und gezwungen war, ihm diesen Blmer zu gestatten. Es wurde nur beschlossen, die Verwandtschaft mit ihm noch sorgfltiger als bisher geheimzuhalten, wenn das berhaupt mglich war, und sogar seinen Ruf- und Vatersnamen durch andere zu ersetzen, denn auch Blmer hie sonderbarerweise genau wie von Lembke Andrei Antonowitsch. Hier bei uns verkehrte Blmer mit keinem Menschen, auer mit einem deutschen Apotheker, hatte auch bei niemandem Besuch gemacht und, seiner Gewohnheit getreu, zurckgezogen und sparsam gelebt. Ihm waren auch die literarischen Snden von Lembkes bekannt, denn er war es, der den Zuhrer abgeben mute, wenn von Lembke seinen Roman vorlesen wollte, was er natrlich nur mit aller Vorsicht und bei verschlossenen Tren tat: dann sa Blmer an die sechs Stunden wie ein Pfosten da, schwitzte und strengte sich krampfhaft an, nicht einzuschlafen, sondern wach zu bleiben und zu lcheln. Kam er dann nach Hause, so seufzte er zusammen mit seiner hageren, grofigen Frau ber die unselige Vorliebe ihres Wohltters fr die russische Literatur. Andrei Antonowitsch litt geradezu, als er den eintretenden Blmer erblickte. Ich bitte dich, Blmer, mich jetzt in Ruh zu lassen, begann er erregt und schnell, sichtlich bemht, eine Fortsetzung des Gesprches, das Pjotr Stepanowitsch unterbrochen hatte, zu vermeiden. Man kann das ja auf die schonendste Weise machen. Sie haben doch die Vollmacht, bestand Blmer ehrerbietig aber hartnckig auf dem Seinen, und nherte sich mit kleinen Schritten und krummem Rcken immer mehr dem Schreibtisch. Blmer, du bist mir wirklich in einem Grade zugetan und in deinem Amt diensteifrig, da mir schon angst und bange vor dir wird, wenn ich dich nur erblicke! Sie machen immer scharfsinnige Bemerkungen, aber dann lassen Sie sich von dem Vergngen an dem Gesagten ruhig einschlfern. Damit schaden Sie sich selbst. Blmer, ich habe mich soeben berzeugt, da etwas ganz anderes dahintersteckt, etwas ganz anderes! Doch nicht aus den Worten dieses falschen, lasterhaften Menschen, den Sie selbst verdchtigen? Hat er Sie glcklich mit falschem Lob Ihres literarischen Talentes so weit geblendet? Blmer, du ahnst ja nichts! Dein Projekt ist eine Absurditt, sage ich dir. Wir werden nichts finden, es wird sich nur unntzes Geschrei erheben und dann Gelchter und dann Julija Michailowna ... Wir werden bestimmt alles finden, was wir suchen, Blmer schritt fest auf ihn zu, die rechte Hand ans Herz gepret. Wir knnen die Durchsuchung seiner Wohnung ganz frh am Morgen vornehmen, und ganz pltzlich, ohne alle Vorbereitungen, mit aller Schonung seiner Person, und dabei streng nach der Vorschrift des Gesetzes. Die jungen Leute, Lmschin und Teltnikoff, versichern felsenfest, da wir bei ihm alles Gewnschte finden werden. Sie haben ihn frher oft besucht. Fr Herrn Werchowenski ist hier niemand sehr zu haben, und die Generalin Stawrogin hat ihm formell ihre Wohltaten fr weiterhin gekndigt, und jeder ehrliche Mensch, wenn es solch einen in dieser rohen Stadt berhaupt gibt, ist berzeugt, da dort immer die Quelle des Unglaubens und der sozialen Lehren gewesen ist. Er besitzt alle verbotenen Bcher, smtliche Werke Herzens, Rylejeffs >Dumy<[44] ... Ich habe mir schon auf alle Flle ein Verzeichnis seiner Bcher ... Gott, diese Bcher hat heute doch schon ein jeder! Wie naiv du bist, mein armer Blmer! Und eine Menge Proklamationen, fuhr Blmer fort und tat, als habe er die Bemerkung nicht gehrt. Wir werden auf diese Weise bestimmt auf die Spur der neuen Proklamationen kommen. Dieser junge Werchowenski kommt mir ungemein, ungemein verdchtig vor. Aber du verwechselst ja den Vater mit dem Sohn! Sie vertragen sich durchaus nicht. Der Sohn verspottet ihn ja ganz ungeniert. Das ist doch nur Verstellung, Maske! Blmer, du hast wohl geschworen, mich zu Tode zu qulen! Denk doch ein bichen nach! Er ist doch hier in der Stadt immerhin eine geachtete Persnlichkeit. Er war Professor, er ist berall bekannt, und wenn er zu schreien anfngt, wird es gleich alle Welt wissen, und dann beginnt das Witzeln ber uns, und dann gelingt uns nichts mehr ... und bedenke doch nur, was wird Julija Michailowna sagen ... Blmer kam immer nher und hrte auf keinen Einwand. Er war nur Dozent und weiter nichts, nur Dozent, und ist dem Titel nach nur Kollegienassessor auer Dienst. Blmer prete heftig seine rechte Hand auf die Brust. Keinen einzigen Orden hat er und zum Staatsdienst ist er berhaupt nicht herangekommen, weil man seine Absichten gegen die Regierung kannte. Er stand im geheimen unter polizeilicher Aufsicht und steht wohl zweifellos auch jetzt noch darunter. In Anbetracht der beginnenden Unordnungen sind Sie geradezu verpflichtet, zu tun, was ich Ihnen riet. Sie aber lassen eine solche Mglichkeit, sich auszuzeichnen, wieder vorbergehen! Sehen dem Hauptschuldigen einfach durch die Finger! ... Julija Michailowna! Sch--scher dich zum ... rief pltzlich von Lembke, der die Stimme seiner Frau im Nebenzimmer gehrt hatte. Blmer zuckte zusammen, doch ergab er sich noch nicht. So erlauben Sie doch, erlauben Sie doch, er trat immer nher und prete jetzt schon beide Hnde an die Brust. Sch--scher dich, pack dich! knirschte Andrei Antonowitsch. Mach, was du willst ... spter ... O Gott! Die Portiere wurde zur Seite geschlagen, und Julija Michailowna erschien. Als sie Blmer erblickte, blieb sie stehen und musterte ihn hochmtig und beleidigend vom Kopf bis zu den Fen, als wre schon seine bloe Anwesenheit krnkend fr sie. Blmer machte stumm eine tiefe, ehrerbietige Verbeugung vor ihr und ging dann, noch krumm vor Ehrerbietung, auf den Fuspitzen zur Tr. War es nun, da er die letzten Worte von Lembkes fr die Erlaubnis nahm, so zu handeln, wie er wollte, oder ob er es von sich aus unrechterweise, jedoch in der festen berzeugung tat, seinem Wohltter zu einem Orden zu verhelfen, -- das mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls erwuchs, wie wir weiterhin sehen werden, aus diesem Gesprch des Vorgesetzten mit seinem Untergebenen etwas ganz Unvorhergesehenes, das viele zum Lachen reizte, als es bekannt ward, aber Julija Michailownas hellen Zorn erregte. Von Lembke dagegen wurde dadurch in der entscheidendsten Zeit in die bedauernswerteste Unentschlossenheit versetzt. V. Fr Pjotr Stepanowitsch war es ein geschftiger Tag. Nachdem er von Lembke verlassen hatte, begab er sich schnell zur Bogojawlenskstrae, doch als er unterwegs in der Bykoffstrae an dem Hause vorberkam, in dem Karmasinoff wohnte, blieb er pltzlich stehen, lchelte und trat ins Haus. Man ffnete ihm mit einem: Der Herr erwarten bereits --, was Pjotr Stepanowitsch sehr bemerkenswert erschien, denn er hatte durchaus nicht gesagt, da er kommen werde. Der groe Schriftsteller erwartete ihn in der Tat, und zwar schon seit drei Tagen, denn vor vier Tagen hatte er das Manuskript seines Merci (seinen Abschiedsgru ans Publikum, den er auf der literarischen Matinee zum Besten armer Gouvernanten vorzulesen gedachte) Werchowenski eingehndigt. Er hatte es aus Liebenswrdigkeit getan, in der berzeugung, dem jungen Manne auerordentlich zu schmeicheln, wenn er ihm das groe Werk schon vorher zeigte. Pjotr Stepanowitsch hatte schon lngst begriffen, da dieser ruhmschtige, eitle und fr Nichterwhlte so beleidigend unnahbare Herr, dieser erhabene Verstand, sich einfach an ihn herandrngen wollte. Er erriet, da Karmasinoff ihn, wenn auch vielleicht nicht fr den erklrten Fhrer alles dessen hielt, was in ganz Ruland heimlich revolutionr war, so doch wenigstens fr einen, der in alle Geheimnisse der russischen Revolution eingeweiht war und zweifellos groen Einflu auf die Jugend hatte. Die Gedanken dieses klgsten Menschen in ganz Ruland interessierten Pjotr Stepanowitsch, doch bisher hatte er aus gewissen Grnden eine Aussprache vermieden. Der groe Schriftsteller wohnte im Hause seiner Schwester, der Frau eines Kammerherrn und Gutsbesitzers, die nebst ihrem Mann den berhmten Verwandten geradezu vergtterte. Augenblicklich muten sie leider beide, zu ihrem grten Schmerz, in Moskau leben, so da denn eine alte Dame, eine arme Verwandte des Kammerherrn, die schon lange im Hause die Wirtschaft fhrte, die Ehre hatte, Karmasinoff zu empfangen und aufzunehmen. Seit seiner Ankunft ging das ganze Haus auf den Fuspitzen, und niemand wagte mehr, laut zu sprechen. Die alte Dame berichtete fast tglich nach Moskau, wie Karmasinoff geschlafen und was er gegessen hatte, und einmal, als er nach einem Diner beim Stadthaupt einen Lffel voll einer gewissen Medizin hatte einnehmen mssen, schickte sie sogar ein Telegramm ab, in ihrer Furcht, er knne vielleicht krank werden. Karmasinoff selbst sprach, wenn auch hflich, so doch nur ganz trocken mit ihr, und nur wenn es unbedingt ntig war. Als Pjotr Stepanowitsch bei ihm eintrat, a er gerade ein Kotelett. Vor ihm stand ein Glas Portwein. Pjotr Stepanowitsch war auch frher schon bei ihm gewesen, und jedesmal hatte er ihn bei diesem Morgenfrhstck angetroffen, das er dann ruhig weiter zu essen pflegte, ohne seinem Gast auch nur einmal etwas anzubieten. Nach dem Kotelett trank er dann ein Tchen Kaffee. Der Diener war in blauem Frack, weichen, unhrbaren Stiefeln und weien Handschuhen. A--ah! rief Karmasinoff aus und erhob sich vom Sofa, whrend er sich den Mund mit der Serviette abwischte; darauf trat er auf Pjotr Stepanowitsch zu, um ihn auf die Wange zu kssen -- die charakteristische Angewohnheit aller Russen, wenn sie schon gar zu berhmt sind. Pjotr Stepanowitsch wute aber schon von frher, da Karmasinoff bei diesem bei ihm blichen Ku nur die Wange hinzuhalten pflegte -- da machte er es diesmal ebenso: und so legten sich denn beide Wangen flach aneinander. Karmasinoff tat, als htte er nichts bemerkt, setzte sich wieder auf sein Sofa und lud seinen Gast ein, ihm gegenber auf einem Lehnstuhl Platz zu nehmen, was dieser auch sofort mit seiner ganzen Nonchalance tat. Sie wollen doch nicht ... Wollen Sie nicht frhstcken? fragte Karmasinoff ganz gegen seine Gewohnheit, doch selbstverstndlich in der Annahme, eine hflich ablehnende Antwort zu erhalten. Aber ungeachtet dessen oder vielleicht gerade deshalb wnschte Pjotr Stepanowitsch sofort zu frhstcken. Ein Schatten beleidigten Erstaunens glitt ber das Gesicht des Hausherrn, doch nur auf einen Augenblick: nervs klingelte er darauf nach dem Diener und erhob, trotz seiner guten Erziehung, launisch die Stimme, als er ein zweites Frhstck bestellte. Wollen Sie denn ein Kotelett oder Kaffee? erkundigte er sich bei seinem Gast. Beides, und bestellen Sie noch Portwein dazu, ich bin hungrig, sagte Pjotr Stepanowitsch seelenruhig und betrachtete Karmasinoffs Kostm. Es bestand aus einer Art von Hausjackett, oder Jckchen, jedenfalls war es wattiert, mit Perlmutterknpfen versehen und sehr kurz, was sich zu seinem runden Buchlein und dem runden, festen Krperteil der Rckseite wenig gut ausnahm. ber seine Knie hatte er ein kariertes wollenes Plaid gebreitet, obgleich es im Zimmer warm war. Krank etwa? fragte Pjotr Stepanowitsch. Nein, nicht krank, aber ich frchte, krank zu werden -- in diesem schrecklichen Klima, antwortete Karmasinoff mit seinem kreischenden Stimmchen, wenn auch freundlich. Ich erwartete Sie schon gestern. Warum das? Ich hatte Ihnen doch nicht versprochen, zu Ihnen zu kommen. Ja, aber Sie haben doch mein Manuskript! Sie ... haben Sie es gelesen? Manuskript? Was fr eines? Karmasinoff wunderte sich malos. Aber Sie haben es doch wenigstens mitgebracht? rief er pltzlich so aufgeregt, da er sogar im Essen innehielt und mit aufgerissenen Augen sein Gegenber anstarrte. Ach so, Sie sprechen von Ihrem >_Bonjour_<, oder wie es da hie ... >_Merci_<. Na, bleibt sich gleich. Habe es ganz vergessen und noch kein Wort gelesen. Keine Zeit. Wirklich, ich wei nicht, in den Taschen ist das Ding nicht mehr. Na, wird sich schon finden ... Nein, verzeihen Sie, ich sende lieber sofort zu Ihnen! Es knnte verloren gehen, man knnte es stehlen! Ach wo! wer braucht denn so was! Warum regen Sie sich denn berhaupt so auf? Sie haben doch, wie mir Julija Michailowna sagte, immer mehrere Abschriften, eine im Auslande beim Notar, eine in Petersburg, eine in Moskau ... und eine schicken Sie dann womglich noch in die Bank --? Aber Moskau kann doch abbrennen, mitsamt meinem Manuskript! Nein, ich sende doch lieber sofort zu Ihnen ... Warten Sie, hier ist es ja! Pjotr Stepanowitsch zog aus der hinteren Rocktasche das Manuskript hervor. Ein wenig verknittert. Denken Sie sich nur, so wie ich es damals nahm, so hat es ruhig mit meinem Schnupftuch in der Tasche gelegen. Hatte es vllig vergessen. Karmasinoff warf sich gierig auf sein Manuskript, besah es von allen Seiten, zhlte die Bltter nach und legte es dann fast andchtig neben sich auf ein kleines Tischchen, doch so, da er es jeden Augenblick wieder ergreifen konnte. Sie lesen wohl nicht viel? konnte er sich schlielich nicht enthalten zu fragen. Nein, nicht sehr viel. Und von russischer Belletristik -- wohl berhaupt nichts? Von russischer Belletristik? Warten Sie mal, ich glaube, ich habe einmal so etwas gelesen ... >Unterwegs< ... oder >Auf dem Weg< ... oder >Am Kreuzweg<, oder wie es da hie, hab's vergessen. Es ist lange her. Las es vor etwa fnf Jahren. Hab keine Zeit. Ein kurzes Schweigen trat ein. Als ich herkam, versicherte ich allen, da Sie ein ungewhnlich kluger Mensch sind -- und jetzt scheinen ja auch alle von Ihnen entzckt zu sein. Danke, sagte Pjotr Stepanowitsch ruhig. Der Diener brachte das Frhstck, und Pjotr Stepanowitsch machte sich mit gutem Appetit an das Kotelett, a es im Nu auf, strzte den Wein hinunter und trank den Kaffee. Dieser Grobian, dachte Karmasinoff, indem er noch das letzte kleine Stckchen von seinem eigenen Teller a und das letzte Schlckchen trank, dieser Grobian hat gewi sofort die Stichelei in meinen Worten begriffen ... und das Manuskript wird er bestimmt mit Spannung gelesen haben, also lgt er jetzt, um sich den Anschein zu geben, als ob ... Oder sollte er doch nicht lgen, sondern einfach aufrichtig dumm sein? Einen genialen Menschen liebe ich eigentlich so, wenn er ein wenig dumm ist. Ist er nicht gar fr die da wirklich so was wie ein Genie? Doch brigens hol' ihn der Teufel. Er erhob sich vom Sofa und begann, aus einer Ecke des Zimmers in die andere zu gehen, um sich Bewegung zu machen, was er nach dem Frhstck stets zu tun pflegte. Reisen Sie bald zurck? fragte Pjotr Stepanowitsch aus dem Lehnstuhl und rauchte eine Zigarette an. Ich bin eigentlich hergekommen, um mein Gut zu verkaufen, und hnge nun von meinem Verwalter ab. Na, aber eigentlich sind Sie doch hierher gekommen, weil Sie dort Epidemien nach dem Kriege erwarteten? N--nein, nicht eigentlich deshalb, sagte Karmasinoff, gromtig die Worte skandierend, und fuhr fort, durch das Zimmer zu spazieren, wobei er bei jedem Kehrt in der Ecke munter mit dem rechten Beinchen ausschritt. Ich beabsichtige in der Tat, so lange wie nur mglich zu leben, lchelte er nicht ganz ohne Ironie. Im russischen Herrenstand ist etwas, das den Menschen schnell verbraucht, in jeder Beziehung. Ich aber mchte mich so spt wie mglich verbrauchen und werde deshalb auch in Blde endgltig ins Ausland bersiedeln. Dort ist auch das Klima besser, und das ganze Gebude ist aus Stein, und alles steht fester. Fr meine Lebenszeit wird Europa noch vorhalten, denke ich. Was meinen Sie? Wie soll ich's wissen! Hm ... Wenn dort wirklich einmal Babylon kracht, und sein Fall wird gro sein -- darin stimme ich vollkommen mit Ihnen berein, obgleich ich denke, da es fr meine Lebenszeit noch vorhalten wird -- so ist doch bei uns in Ruland berhaupt nichts vorhanden, das da zusammenstrzen knnte ... im Verhltnis betrachtet. Bei uns werden keine Steine fallen, sondern alles wird sich in Schmutz auflsen. Das heilige Ruland kann am wenigsten von allem in der Welt irgendeinen Widerstand leisten. Das einfache Volk hlt sich noch irgendwie mit dem russischen Gott; aber selbst der russische Gott hat sich ja nach den letzten Erfahrungen als uerst unzuverlssig erwiesen. Sogar gegen die Bauernreform hat er kaum standzuhalten vermocht -- jedenfalls hat er arg gewankt. Und dazu kommen jetzt noch die Eisenbahnen, und dann ... Nein, an den russischen Gott glaube ich schon gar nicht. Aber an den europischen? Ich glaube an keinen einzigen. Man hat mich bei der russischen Jugend verleumdet. Ich habe stets jede ihrer Handlungen nachfhlen knnen. Man hat mir hier auch diese Proklamationen gezeigt. Man steht diesen Flugblttern allgemein verstndnislos gegenber, denn die Form schreckt ab; doch von ihrer Macht sind alle berzeugt, wenn sie sich auch selbst noch nicht dessen bewut sind. Alles fllt hier schon lngst, und alle wissen auch schon lngst, da nichts da ist, wonach man greifen oder woran man sich festhalten knnte. Ich bin schon deswegen von dem Erfolg dieser geheimnisvollen Propaganda berzeugt, weil Ruland jetzt auf der ganzen Welt im wahrsten Sinne des Wortes derjenige Ort ist, wo alles geschehen kann, ohne den geringsten Widerstand zu finden. Ich verstehe nur zu gut, warum alle wohlhabenden Russen jetzt ins Ausland strmen und von Jahr zu Jahr immer mehr Leute auswandern. Hier ist es einfach ein Instinkt. Wenn das Schiff untergeht, wandern die Ratten aus. Das heilige Ruland ist ein hlzernes Land, ein bettelarmes und ... gefhrliches Land, ein Land eitler Bettler in seinen hheren Schichten, whrend die riesige Mehrzahl in Htten auf Hhnerbeinen hockt. Es wird ber jeden Ausweg froh sein, wenn man ihm einen solchen zeigt und erklrt. Nur die Regierung will sich noch wehren, doch fuchtelt sie mit ihrem Knttel im Dunkeln umher und trifft womglich die eigenen Leute. Hier ist schon alles vorausbestimmt und verurteilt. Ruland hat, so, wie es jetzt ist, keine Zukunft. Ich bin Deutscher geworden und rechne mir das als Ehre an. Sie begannen da, sich ber die Proklamationen zu uern: sagen Sie, was halten Sie von denen? Alle frchten die Proklamationen, folglich sind sie mchtig. Sie decken ffentlich den Betrug auf und beweisen, da hier nichts mehr ist, an dem man sich festhalten, auf das man sich sttzen knnte. Sie sprechen laut, whrend alle schweigen. Und womit sie am meisten besiegen, das ist -- abgesehen von der Form -- dieser bis jetzt unerhrte Mut, der Wahrheit offen ins Angesicht zu schauen. Diese Fhigkeit, der Wahrheit gerade ins Angesicht schauen zu knnen, hat einzig und allein die russische Generation. Nein, in Europa ist man noch nicht so mutig: dort ist's eine steinerne Herrschaft, -- dort gibt es noch etwas, auf das man sich tatschlich sttzen kann. So viel ich sehe und so viel ich zu beurteilen vermag, ist der Kern der russischen revolutionren Idee die Verneinung der Ehre. Es gefllt mir, da das so mutig und furchtlos ausgedrckt wird. Nein, in Europa begreift man das noch nicht, bei uns aber wird man sich gerade darauf strzen. Dem russischen Menschen ist die Ehre nur eine berflssige Last. Ja, und sie ist ihm immer eine Last gewesen, in seiner ganzen Geschichte. Mit dem ffentlichen >Recht auf Unehre< kann man ihn am ehesten verlocken. Ich gehre ja noch zur alten Generation und, ich mu gestehen, bin noch fr die Ehre, aber doch nur aus Gewohnheit. Mir gefallen blo die alten Formen, wenn auch vielleicht aus Kleinmut -- aber man mu doch irgendwie sein Jahrhundert zu Ende leben. Er brach pltzlich ab. Da rede ich und rede, dachte er bei sich, er aber schweigt und beobachtet mich. Er ist ja nur gekommen, damit ich ganz offen die Frage an ihn stelle. Gut, kann er haben. Julija Michailowna hat mich gebeten, einmal irgendwie auf schlaue Weise von Ihnen herauszubekommen, was das fr eine berraschung ist, die Sie zu bermorgen, zum Ball, vorbereiten? fragte pltzlich Pjotr Stepanowitsch. Ja, das wird wirklich eine berraschung sein; ich werde in der Tat in Erstaunen setzen, sagte Karmasinoff wichtig, aber ich verrate Ihnen das Geheimnis nicht. Pjotr Stepanowitsch bestand weiter nicht darauf. Hier soll ein gewisser Schatoff leben, erkundigte sich pltzlich der groe Schriftsteller, und denken Sie nur, ich habe ihn noch nie gesehen. Ein sehr guter Mensch. Warum fragen Sie? Nur so, er soll ber gewisse Dinge besonderer Ansicht sein. Das ist doch derselbe, der Stawrogin ins Gesicht geschlagen hat? Ja. Und Stawrogin -- wie denken Sie ber den? Ich wei nicht; irgendein Wstling. Karmasinoff hate Stawrogin, weil dieser die Gewohnheit hatte, ihn berhaupt nicht zu beachten. Diesen Wstling wird man wohl -- wenn sich jemals das verwirklicht, was die Proklamationen da verknden, -- wahrscheinlich als ersten an einen Ast knpfen, meinte Karmasinoff kichernd. Vielleicht auch schon frher, bemerkte pltzlich Pjotr Stepanowitsch. So wr's auch recht, stimmte Karmasinoff bei. Das haben Sie schon einmal gesagt, und wissen Sie, ich habe es ihm wiedererzhlt. Wie, haben Sie das wirklich? lachte Karmasinoff wieder auf. Ja. Er sagte darauf, da, wenn man _ihn_ an einen Ast knpfen solle, es fr _Sie_ gengen wrde, wenn man Ihnen einmal ordentlich Ruten gbe, aber nicht etwa um der Ehre willen, sondern schmerzhaft, wie man so einem Burschen Ruten zu geben pflegt. Pjotr Stepanowitsch nahm seinen Hut und erhob sich. Karmasinoff streckte ihm zum Abschied beide Hnde entgegen. Aber wie, fragte er pltzlich mit kreischendem, doch honigsem Stimmchen in einem ganz besonderen Tonfall, whrend er ihn immer noch an beiden Hnden hielt, -- wie, wenn es nun einmal alledem bestimmt ist, sich zu verwirklichen ... alledem, was man da beabsichtigt, so ... wann knnte denn das wohl geschehen? Wie soll ich denn das wissen? fragte Pjotr Stepanowitsch grob. Sie sahen sich beide aufmerksam in die Augen. Nun, zum Beispiel? Ungefhr? fltete Karmasinoff noch ser. Ihr Gut zu verkaufen werden Sie noch Zeit haben, und sich selbst zu retten werden Sie auch noch Zeit haben, murmelte Pjotr Stepanowitsch mit noch grerer Grobheit. Sie sahen sich unverwandt, sahen sich noch aufmerksamer an. Eine Minute lang herrschte Schweigen. Pltzlich sagte Pjotr Stepanowitsch: Im nchsten Mai wird es beginnen, und zum Oktober wird es beendet sein. Ich danke Ihnen aufrichtig! sagte mit von Dank durchdrungener Stimme Karmasinoff und drckte ihm beide Hnde. Wirst noch Zeit haben, Ratte, vom Schiff auszuwandern! dachte Pjotr Stepanowitsch, als er auf die Strae trat. Aber wenn sogar dieser >geradezu staatsmnnische Kopf< sich so berzeugt schon nach Tag und Stunde erkundigt und so ehrerbietig fr die erhaltene Mitteilung dankt, dann drfen wir doch wahrlich nicht mehr an uns zweifeln. (Er lchelte seltsam). Hm ... Aber er ist doch unter ihnen wirklich nicht dumm und ... aber alles in allem doch nur eine auswandernde Ratte; eine solche zeigt nicht an. Er eilte in die Bogojawlenskstrae zum Filippoffschen Hause. VI. Pjotr Stepanowitsch ging zuerst zu Kirilloff. Der war wie gewhnlich allein zu Hause und turnte gerade, d. h. er drehte, breitbeinig mitten im Zimmer stehend, die Arme nach einer besonderen Methode durch die Luft. Auf dem Fuboden lag ein groer Ball; vom Tisch war der Morgentee noch nicht weggerumt. Pjotr Stepanowitsch blieb eine ganze Weile auf der Trschwelle stehen. Sie sorgen aber einstweilen nicht wenig fr Ihre Gesundheit, sagte er dann laut und trat lustig ins Zimmer. Was fr ein famoser Ball! Ei der Teufel, wie der springt! Auch zur Gymnastik? Kirilloff, der in Hemdsrmeln war, zog sich den Rock an. Ja, auch zur Gesundheit, sagte er trocken. Setzen Sie sich. Ich bin nur auf einen Augenblick gekommen. Aber, na, setzen kann ich mich schon. Doch Gesundheit hin, Gesundheit her, -- ich wollte nur an die Abmachung erinnern. Unsere Frist nhert sich >in gewissem Sinne< ihrem Ende, schlo er mit einer ungeschickten Ausrede. Was fr eine Abmachung? Wieso, was fr eine Abmachung? rief Pjotr Stepanowitsch aufhorchend, fast erschrocken. Das ist keine Abmachung und keine Pflicht, ich habe mich mit nichts gebunden, Sie irren sich. Hren Sie, aber das geht doch nicht so! Pjotr Stepanowitsch sprang sogar vom Stuhl auf. Mein eigener Wille. Wie, was? Derselbe Wille. Das heit, wie ist denn das zu verstehen?! Bedeutet das, da Sie noch denselben Willen haben? Ja, das bedeutet das. Nur eine Abmachung war nicht dabei und ist nie gewesen, und ich habe mich mit nichts gebunden. Es war nur mein Wille und ist auch jetzt nur mein Wille. Kirilloff sprach schroff und widerwillig. Na, schn, dann meinetwegen blo Ihr Wille, wenn dieser Wille sich nur nicht verndert! Pjotr Stepanowitsch setzte sich wieder, augenscheinlich befriedigt. Sie rgern sich ber Worte. In der letzten Zeit sind Sie ganz besonders reizbar geworden. Darum habe ich es auch vermieden, Sie zu besuchen. War brigens immer berzeugt, da Sie nicht treulos sein wrden. Ich mag Sie gar nicht, aber Sie knnen ganz berzeugt sein! Wenn ich auch Treue oder Untreue nicht anerkenne. Aber, wissen Sie, einstweilen ... Pjotr Stepanowitsch regte sich doch wieder auf, man mu doch vernnftig darber reden, damit keine Miverstndnisse entstehen. Die ganze Sache verlangt eben Bestimmtheit. Sie aber haben mich wirklich stutzig gemacht. Darf ich sprechen? Sprechen Sie, sagte Kirilloff, blickte ihn aber nicht an, sondern sah in die Ecke. Sie hatten schon lngst beschlossen, sich das Leben zu nehmen ... das heit, Sie hatten solch eine Idee. Habe ich mich so richtig ausgedrckt? Habe ich keinen Fehler gemacht? Ich habe auch jetzt dieselbe Idee. Vorzglich. Vergessen Sie aber nicht, da niemand Sie dazu gezwungen hat. Das fehlte noch! Wie dumm Sie sprechen! Gut, gut. Ich gebe zu, da ich mich vielleicht sehr tricht ausgedrckt habe. Es wre ja auch zweifellos sehr dumm gewesen, einen Menschen dazu zwingen zu wollen. Ich fahre also fort: Sie waren ein Glied des Verbandes -- noch zur Zeit der alten Organisation -- und vertrauten sich damals einem anderen Gliede dieser Gesellschaft an. Ich habe mich gar nicht anvertraut, ich habe einfach gesagt. Gut. Schn. Wre ja auch lcherlich, sich >anzuvertrauen<, als ob es eine Beichte wre! Sie haben also einfach gesagt ... na, wunderschn. Nein, gar nicht wunderschn, Sie verstehen nicht zu sprechen. Ich bin Ihnen gar keine Rechenschaft schuldig, ja, und meine Gedanken knnen Sie gar nicht verstehen. Ich will mir das Leben nehmen, darum, weil ich solch einen Gedanken habe, weil ich nicht haben will, da es Angst vor dem Tode gibt, weil ... weil Sie davon gar nichts zu wissen brauchen ... Was wollen Sie? Tee trinken? Er ist kalt. Warten Sie, ich werde Ihnen ein anderes Glas geben. Pjotr Stepanowitsch hatte nach der Teekanne gegriffen und suchte ein leeres Gef. Kirilloff stand auf, ging zum Schrank und brachte ihm ein reines Glas. Ich habe soeben bei Karmasinoff gefrhstckt, bemerkte der Gast, darauf hrte ich zu, wie er redete und da wurde mir hei ... lief hierher -- habe jetzt schrecklichen Durst. Trinken Sie. Kalter Tee ist gut. Kirilloff setzte sich wieder auf seinen Stuhl und blickte von neuem in die Ecke. In der Gesellschaft entstand der Gedanke, fuhr er mit derselben Stimme fort, da ich damit ntzlich sein kann, wenn ich mich tte und da, wenn Sie hier vieles gemacht haben und man die Schuldigen sucht, so erschiee ich mich pltzlich und hinterlasse einen Brief, da ich alles getan habe, so da man Sie ein Jahr lang nicht verdchtigen wird. Wenn auch nur ein paar Tage lang nicht. Auch ein Tag ist schon kostbar! Gut. So sagte man mir, da ich, wenn ich will, warten soll. Ich sagte, ich werde warten, bis man mir die Frist von der Gesellschaft aus sagt, weil mir doch alles einerlei ist. Ja, aber vergessen Sie nicht, Sie verpflichteten sich noch, diesen letzten Brief vor dem Tode nicht anders als mit mir zusammen zu schreiben -- und, da Sie, wenn Sie in Ruland angekommen sein wrden, in meiner, ... na, mit einem Worte, zu meiner Verfgung stehen, das heit, versteht sich, nur in dieser einen Beziehung ... In allen anderen sind Sie natrlich vollkommen frei, fgte Pjotr Stepanowitsch fast liebenswrdig hinzu. Ich habe mich nicht verpflichtet, war nur einverstanden, weil es mir einerlei ist. Vorzglich, vorzglich, ich habe nicht die geringste Absicht, Ihre Eigenliebe zu verletzen, aber ... Hier ist gar keine Eigenliebe. Aber vergessen Sie nicht, da man Ihnen hundertundzwanzig Taler zur Reise gegeben hat, also haben Sie Geld genommen. Gar nicht, fuhr Kirilloff auf, das Geld war gar nicht dafr! Das tut man nicht fr Geld. Zuweilen tut man es doch. Sie lgen! Ich habe brieflich aus Petersburg alles erklrt, und in Petersburg habe ich Ihnen hundertundzwanzig Taler zurckgezahlt, Ihnen in die Hand ... und die sind dorthin zurckgeschickt, wenn Sie sie nicht bei sich behalten haben. Gut, gut, ich will nicht widersprechen, sie sind zurckgeschickt. Die Hauptsache ist ja nur, da Sie noch dieselben Gedanken haben, wie frher. Dieselben. Wenn Sie kommen und sagen: >jetzt<, dann werde ich alles erfllen. Wie -- wird es sehr bald sein? Nicht mehr viele Tage ... Aber vergessen Sie nicht: den Brief schreiben wir zusammen, in derselben Nacht. Meinetwegen auch am Tage. Sie sagten, ich mu die Proklamationen auf mich nehmen? Und noch einiges. Ich nehme nicht alles auf mich. Was werden Sie denn nicht auf sich nehmen? Pjotr Stepanowitsch erschrak wieder. Das, was ich nicht will. Genug jetzt. Ich mag nicht mehr davon sprechen. Pjotr Stepanowitsch bezwang sich und nderte das Gesprch. Ich rede jetzt von etwas anderem, schickte er voraus, werden Sie heute Abend zu den Unsrigen kommen? Wirginski feiert seinen Namenstag, und unter diesem Vorwande versammelt man sich. Nein, ich will nicht. Nun, seien Sie schon so liebenswrdig und kommen Sie. Es ist unbedingt ntig. Man mu Eindruck machen mit der Zahl wie mit dem Gesicht ... Sie aber haben so ein Gesicht ... nun, mit einem Wort, Sie haben ein fatales Gesicht. Sie finden? Kirilloff lachte. Gut, ich komme; aber nicht wegen des Gesichtes. Wann? O, vielleicht schon etwas frher, um halb sieben. Und wissen Sie, Sie knnen hereinkommen, sich setzen und mit keinem einzigen ein Wort sprechen, wie viele da auch sein mgen. Doch noch eines! Hren Sie: vergessen Sie nicht, ein Blatt Papier und einen Bleistift mitzunehmen. Wozu das? Aber Ihnen ist doch alles einerlei, und das ist nun einmal meine besondere Bitte. Sie werden also nur sitzen, mit niemandem sprechen, zuhren und hin und wieder so was wie Notizen machen, na -- zeichnen Sie meinetwegen. Welch ein Unsinn. Wozu? Aber wenn Ihnen doch alles ganz egal ist? Sie sagen doch selbst immer, da Ihnen alles egal ist. Nein, wozu? Na, weil ein bestimmtes Mitglied des Bundes, der Revisor, sich in Moskau niedergelassen hat, und ich habe da einigen gesagt, da er vielleicht erscheinen wird. Sie werden dann denken, da Sie dieser Revisor sind. Und da Sie schon drei Wochen hier sind, so wird man sich noch mehr wundern. Albernheiten. Sie haben ja berhaupt keinen Revisor in Moskau ... Na, meinetwegen nicht, hol ihn der Teufel, aber was macht denn Ihnen das aus? Sie sind doch immerhin auch ein Glied des Bundes. Sagen Sie ihnen meinetwegen, da ich der Revisor bin, ich werde sitzen und schweigen, aber Papier und Bleistift will ich nicht. Ja, warum denn nicht? Ich will nicht. Pjotr Stepanowitsch rgerte sich dermaen, da er ganz fahl im Gesicht wurde, bezwang sich aber wieder; er stand auf und nahm seinen Hut. Und _jener_ -- ist bei Ihnen? fragte er pltzlich halblaut. Ja, bei mir. Das ist gut. Ich werde ihn bald wieder fortschaffen, beunruhigen Sie sich nicht. Ich beunruhige mich gar nicht. Er schlft nur hier. Die Alte ist im Krankenhaus. Die Schwiegertochter ist gestorben; ich bin zwei Tage allein. Ich habe ihm eine Stelle im Zaun gezeigt, wo er ein Brett herausnehmen kann; er kriecht durch, niemand sieht ihn. Ich werde ihn schon bald nehmen. Er sagte, da er viele Stellen hat, wo er bernachten kann. Das lgt er, man sucht ihn, hier aber ist es noch unverdchtig. Lassen Sie sich denn mit ihm in Gesprche ein? Ja, die ganze Nacht. Er schimpft sehr auf Sie. Ich lese ihm in der Nacht die Apokalypse vor. Und Tee. Er hrt aufmerksam zu, sogar sehr, die ganze Nacht. Zum Teufel, Sie bekehren ihn mir noch zum Christentum! Er ist auch so schon Christ. Seien Sie unbesorgt, er wird schon erstechen. Wen wollen Sie ermorden lassen? Nein, ich habe ihn nicht zu dem Zweck ... ich brauche ihn zu etwas anderem ... Aber Schatoff, wei der etwas von Fedjka? Ich spreche nicht mit Schatoff, ja, und sehe ihn auch gar nicht. rgert sich wohl ber Sie, was? Nein, wir rgern uns nicht, wir wenden uns nur ab. Haben zu lange in Amerika zusammen auf dem Stroh gelegen. Ich werde jetzt gleich zu ihm gehen. Wie Sie wollen. Vielleicht komme ich mit Stawrogin auf einen Augenblick auch zu Ihnen, auf dem Rckwege von _dort_, so um zehn Uhr. Kommen Sie. Ich mu ber Wichtiges mit ihm sprechen. Wissen Sie was, schenken Sie mir Ihren Ball -- wozu brauchen Sie ihn jetzt noch? Ich will ihn gleichfalls zur Gymnastik. brigens kann ich Ihnen ja auch Geld fr ihn zahlen, wenn Sie wollen. Nehmen Sie ihn so. Pjotr Stepanowitsch steckte den Ball in die hintere Rocktasche. Aber ich gebe Ihnen nichts gegen Stawrogin, sagte Kirilloff pltzlich leise, whrend er den Gast hinauslie. Der sah ihn erstaunt an, doch sagte er nichts. Die letzten Worte Kirilloffs verwirrten Pjotr Stepanowitsch nicht wenig, aber er begriff sie noch nicht ganz. Doch jedenfalls strengte er sich an, auf dem Wege zu Schatoff sein unzufriedenes Gesicht in ein freundliches zu verwandeln. Schatoff war zu Hause und lag, da er sich nicht wohlfhlte, auf dem Bett, war aber vollkommen angekleidet. Das ist aber ein Pech! rief Pjotr Stepanowitsch von der Tr aus. Sind Sie ernstlich krank? Der liebenswrdige Ausdruck seines Gesichts verschwand pltzlich: etwas Bses blitzte in seinen Augen. Durchaus nicht, rief Schatoff, nervs aufspringend. Ich bin keineswegs krank, habe nur ein wenig Kopfschmerzen. Er war sogar sichtlich befangen, denn das pltzliche Erscheinen gerade dieses Menschen erschreckte ihn. Ich bin in einer Angelegenheit zu Ihnen gekommen, zu der Kranksein nicht pat, begann Pjotr Stepanowitsch schnell und gewissermaen gebieterisch. Erlauben Sie, da ich mich setze, -- er setzte sich auf einen Stuhl -- und Sie, legen Sie sich mal wieder auf Ihre Pritsche. Heute werden sich die Unsrigen bei Wirginski versammeln, er feiert seinen Namenstag, und das dient als Vorwand. Aber es ist schon alles vorgesehen, damit es keine andere Nuance annimmt. Ich werde mit Nicolai Stawrogin hinkommen. Selbstverstndlich wrde ich Sie jetzt nicht dorthin ziehen, da ich ja Ihre jetzigen Anschauungen kenne ... das heit, ich meine -- um Sie nicht zu reizen, und nicht etwa, weil wir von Ihnen angezeigt zu werden frchten. Aber leider hat es sich so gemacht, da Sie hinkommen mssen. Sie werden dort diejenigen treffen, mit denen wir dann endgltig beraten knnen, wie es fr Sie mglich ist, aus dem Verbande auszuscheiden, und wem Sie das abgeben sollen, was Sie von uns besitzen. Wir machen es ganz unauffllig: ich werde Sie in eine Ecke fhren, denn es sind dort viele Menschen, die nichts davon zu wissen brauchen. Ich mu gestehen, ich habe Ihretwegen meine Zunge gehrig anstrengen mssen, glaube aber, da sie jetzt vollkommen einverstanden sind, Sie frei zu geben, versteht sich, unter der Bedingung, da Sie die Druckmaschine und alle Papiere abliefern. Dann sind Sie frei und knnen gehen, wohin Sie wollen, nach allen vier Himmelsrichtungen. Schatoff hrte ihm finster und bse zu. Seine erste nervse Aufregung war vollstndig vergangen. Ich erkenne diese Pflicht, wei der Teufel wem da Rechenschaft geben zu mssen, nicht an, sagte er schroff. Niemand kann mich >frei geben<. Das ist doch wohl nicht ganz so. Man hat Ihnen vieles anvertraut. Sie hatten nicht das Recht, so abzubrechen. Und schlielich haben Sie sich niemals klar darber ausgedrckt. Als ich hierher kam, habe ich es Ihnen klar und deutlich geschrieben. Nein, nicht klar und deutlich, bestritt Pjotr Stepanowitsch ruhig. Ich schickte Ihnen zum Beispiel >Die helle Persnlichkeit<, damit Sie das Gedicht drucken und die Exemplare hier irgendwo bei sich aufbewahren, bis sie abverlangt werden wrden. Dazu noch zwei Proklamationen. Sie schickten alles mit einem zweideutigen Brief zurck, der eigentlich nichts sagte. Ich habe mich offen und ehrlich geweigert, es zu drucken. Nein, nicht offen. Sie schrieben: >ich kann nicht<, aber Sie sagten nicht, warum Sie nicht knnen. >Ich kann nicht< heit nicht >ich will nicht<. Man konnte also denken, da Sie einfach aus materiellen Grnden nicht knnen. So hat man es denn auch aufgefat, -- da Sie immerhin einverstanden sind, in dem Verbande zu bleiben und man Ihnen wieder etwas anvertrauen, also sich gegebenenfalls blostellen kann. Einige sagen, da Sie uns offenbar haben betrgen wollen, um zu denunzieren, sobald Sie irgendeine wichtigere Mitteilung erhielten. Ich habe Sie natrlich verteidigt, wie ich nur konnte, und zeigte Ihre briefliche Antwort vor, jene zwei Zeilen, als ein Dokument zu Ihrer Rechtfertigung. Aber ich mute selbst zugeben, als ich den Brief dann nochmals las, da er wirklich nicht eindeutig ist und leicht irrefhren kann. Sie haben diesen Brief so sorgfltig verwahrt? Das hat weiter nichts zu sagen, da er sich noch erhalten hat. Ich habe ihn auch jetzt bei mir. Eh, machen Sie doch damit, was Sie wollen, zum Teufel! ... schrie Schatoff zornig auf. Mgen doch Ihre Dummkpfe meinetwegen glauben, da ich denunziert habe, was geht das mich an! Ich mchte blo sehen, was Sie mir anhaben knnen! Man wrde Sie sich notieren und beim ersten Erfolg der Revolution aufknpfen. Das heit, dann, wenn Ihr die Macht ergriffen und Ruland besiegt habt? Lachen Sie nicht. Ich wiederhole, da ich Sie verteidigt habe. Aber wie dem auch sei, ich wrde Ihnen doch raten, heute hinzukommen. Wozu so viele unntze Worte aus irgendeinem falschen Stolz? Ist es nicht besser, friedlich auseinander zu gehen? Jedenfalls werden Sie doch das Gestell, die alten Buchstaben und das Papier abgeben mssen, und gerade darber wollen wir ja sprechen. Ich werde kommen, brummte Schatoff endlich, nachdenklich den Kopf gesenkt. Pjotr Stepanowitsch beobachtete ihn heimlich von seinem Platze aus. Wird Stawrogin dort sein? fragte Schatoff pltzlich und erhob den Kopf. Unbedingt. Ha--ha! Wieder schwiegen sie. Schatoff lchelte verchtlich und gereizt. Und diese Ihre erbrmliche >helle Persnlichkeit<, die ich hier nicht drucken wollte -- ist die jetzt gedruckt? Ja, sie ist gedruckt. Gymnasistoff versichert, da Herzen sie Ihnen persnlich ins Album geschrieben haben soll? Ja, Herzen persnlich. Wieder schwiegen sie eine lange Zeit. Endlich stand Schatoff von seinem Bette auf. Gehen Sie fort von mir, ich will nicht mit Ihnen zusammensitzen. Ich gehe schon, sagte Pjotr Stepanowitsch gleichsam lustig und erhob sich schnell. Nur noch ein Wort: Kirilloff scheint jetzt ganz allein im Flgel zu wohnen, ohne Aufwartefrau? Ja, ganz allein. Gehen Sie, ich kann nicht mit Ihnen in einem Zimmer sein. Na, du bist ja jetzt vorzglich! dachte Pjotr Stepanowitsch heiter, als er auf der Strae war. Wirst ja heute abend gut sein, und so brauch ich dich gerade, besser knnte ich's gar nicht wnschen, gar nicht wnschen! Der russische Gott scheint ja selber noch zu helfen! VII. Es ist anzunehmen, da ihm an diesem vielgeschftigen Tage alles gut gelang, denn als er am Abend um sechs Uhr bei Nicolai Stawrogin erschien, drckte sich auf seinem Gesicht volle Selbstzufriedenheit aus. Man lie ihn jedoch nicht sofort vor: Stawrogin hatte gerade Besuch: Mawrikij Nicolajewitsch war bei ihm, in seinem Arbeitszimmer. Das gefiel nun Pjotr Stepanowitsch uerst wenig und bereitete ihm sogleich Sorge. Er setzte sich dicht neben die Tr hin, um den Gast, wenn dieser das Zimmer verlie, sehen zu knnen. Die Stimmen der beiden konnte er hren, doch die Worte lieen sich nicht unterscheiden. Der Besuch Drosdoffs dauerte nicht lange: alsbald vernahm er das Gerusch von fortgeschobenen Sthlen, eine laute, erregte Stimme, und dann ffnete sich auch schon die Tre. Mawrikij Nicolajewitsch trat mit bleichem Gesicht heraus und ging schnell an Pjotr Stepanowitsch vorber, ohne ihn zu bemerken. Dieser lief sofort ins Arbeitszimmer. Doch zunchst mu ich jetzt berichten, was whrend dieses uerst kurzen Zusammenseins der beiden Nebenbuhler vorging -- whrend dieses Besuches, den man aus gewissen Grnden, im Hinblick auf die besonderen Verhltnisse, fr unmglich halten mute, und der doch stattfand. Nicolai Wszewolodowitsch hatte sich nach dem Essen in seinem Arbeitszimmer auf dem Diwan ausgestreckt und war halb eingeschlummert, als pltzlich der alte Diener Alexei Jegorowitsch eintrat und den unerwarteten Besuch Mawrikij Nicolajewitsch Drosdoffs meldete. Als Stawrogin diesen Namen hrte, sprang er sogar auf und wollte es zuerst gar nicht glauben. Doch alsbald legte sich ein Lcheln um seine Lippen -- ein Lcheln hochmtigen Triumphes und zu gleicher Zeit wie einer gewissen stumpfen, mitrauischen Verwunderung. Den eintretenden Mawrikij Nicolajewitsch machte dieses Lcheln, wie es schien, stutzig, wenigstens blieb er pltzlich mitten im Zimmer stehen, als sei er unentschlossen -- sollte er weitergehen, oder umkehren? Doch Stawrogins Miene hatte sich bereits wieder verndert und er trat dem Gast sogar entgegen. Mawrikij Nicolajewitsch bersah freilich die entgegengestreckte Hand, zog einen Stuhl heran und setzte sich, ohne ein Wort zu sagen, noch bevor ihn Stawrogin dazu aufgefordert hatte. Dieser setzte sich darauf ihm gegenber auf den Diwan, und whrend er seinen Gast aufmerksam betrachtete, schwieg er und wartete. Wenn es Ihnen mglich ist, so heiraten Sie Lisaweta Nicolajewna, sagte pltzlich Mawrikij Nicolajewitsch, und zwar so, da man, was das Merkwrdigste war, aus der Stimme, der Intonation berhaupt nicht heraushren konnte, was das nun war: eine Bitte, eine Empfehlung, eine Abtretung, oder ein Befehl. Stawrogin fuhr fort zu schweigen. Doch Drosdoff schien bereits alles gesagt zu haben, was er sagen wollte, und sah jetzt, in Erwartung einer Antwort, starr vor sich hin. Wenn ich mich nicht irre, was mir jetzt ausgeschlossen erscheint, so ist Lisaweta Nicolajewna schon mit _Ihnen_ verlobt, sagte Stawrogin endlich. Ja, sie hat sich mit mir verlobt, besttigte fest und deutlich Mawrikij Nicolajewitsch. Sie ... haben sich entzweit ... Verzeihen Sie, Mawrikij Nicolajewitsch -- Nein, sie >liebt und achtet< mich, nach ihren eigenen Worten. Und ihre Worte gehen mir ber alles. Daran ist selbstredend nicht zu zweifeln. Aber wenn sie mit mir schon in der Kirche vor dem Altar stnde und Sie sie riefen, so wrde sie doch mich und alle verlassen und zu Ihnen gehen. Vom Altar? Ja, vom Altar. Tuschen Sie sich nicht? Nein. Unter ihrem Ha, dem aufrichtigsten und strksten Ha, den sie fr Sie empfindet, lodert doch jeden Augenblick ihre Liebe hervor, und ... ihr Wahnsinn ... die grte, die grenzenloseste Liebe und -- wie gesagt: ihr Wahnsinn! Andererseits aber, aus _der_ Liebe, die sie fr mich empfindet, gleichfalls aufrichtig empfindet, bricht immer und immer wieder der Ha -- der allergrte Ha hervor. Ich htte frher alle diese ... Metamorphosen nie fr mglich gehalten. Mich wundert nur, wie Sie so einfach ber Lisaweta Nicolajewnas Hand verfgen knnen? Haben Sie ein Recht dazu? Oder sind Sie von ihr bevollmchtigt? Mawrikij Nicolajewitschs Gesicht verfinsterte sich und er senkte auf einen Augenblick den Kopf. Wozu diese Phrasen? fragte er pltzlich. Das sind doch nur rachschtige Worte von Ihnen. Ich bin berzeugt, da Sie das Nichtausgesprochene sehr wohl verstehen. Und ist denn hier Platz fr kleinliche Eitelkeit? Ist das noch zu wenig Genugtuung fr Sie? Soll man denn noch den Punkt aufs i setzen? Nun gut, dann werde ich auch noch den Punkt aufs i setzen, wenn Sie meine Erniedrigung so wnschen. Also: Ein Recht dazu habe ich nicht; eine Bevollmchtigung ist doch ausgeschlossen. Lisaweta Nicolajewna wei nichts davon, ihr Verlobter aber hat den letzten Verstand verloren und ist frs Irrenhaus reif und obendrein -- obendrein kommt er noch selbst und teilt Ihnen das mit. In der ganzen Welt sind es nur Sie allein, der Lisa wirklich glcklich machen kann! Und nur ich allein, der sie unglcklich machen kann! Sie wollen sie niemandem abtreten, Sie verfolgen sie, aber Sie heiraten sie nicht. Ich wei nicht, warum Sie das nicht tun. Liegt hier ein Miverstndnis vor, das vielleicht schon im Auslande entstanden ist, oder ein Liebesstreit, und mu man, um ihn beilegen zu knnen, etwa -- mich ausstreichen ... so tun Sie es. Sie ist zu unglcklich, und das kann ich nicht mehr ertragen. Was ich sage, soll Ihnen nichts vorschreiben, und darum kann auch Ihre Eigenliebe gar nicht verletzt sein. Wenn Sie meinen Platz am Altar einnehmen wollten, so knnten Sie das ohne jegliche >Erlaubnis< meinerseits tun, und ich htte es mir sparen knnen, so zu Ihnen zu kommen. Um so mehr, als unsere Hochzeit nach meiner jetzigen Handlungsweise sowieso unmglich geworden ist. Ich kann sie doch nicht mehr zum Altar fhren, nachdem ich hier so gehandelt, so gemein gehandelt habe. Denn das, was ich hier tue, da ich sie Ihnen, vielleicht ihrem schlimmsten Feinde, einfach bergebe, ist meiner Meinung nach eine solche Gemeinheit, da ich sie selbstverstndlich nicht werde berleben knnen. Sie werden sich erschieen, wenn man uns traut? Nein, erst viel spter. Warum soll ich mit meinem Blut ihr Hochzeitskleid beflecken? Vielleicht werde ich mich auch nicht erschieen, weder jetzt, noch spter. Mit diesem Nachsatz wollen Sie mich wohl beruhigen? Sie beruhigen? Was macht Ihnen denn ein Tropfen mehr verspritzten Blutes aus? Er erbleichte und seine Augen begannen zu brennen. Sie schwiegen beide eine Zeitlang. Verzeihen Sie mir, bitte, die an Sie gestellten Fragen, begann Stawrogin von neuem. Zu einigen hatte ich durchaus kein Recht, doch um so mehr habe ich das, glaube ich, zu einer anderen Frage: sagen Sie mir, was Sie eigentlich veranlat hat, in mir solche Gefhle zu Lisaweta Nicolajewna vorauszusetzen? Ich meine, da Sie so berzeugt waren, um zu mir kommen zu knnen ... und solch einen Antrag zu wagen? Wie? Mawrikij Nicolajewitsch zuckte zusammen. -- Haben Sie denn nicht bei ihr angehalten? Werben Sie denn jetzt nicht um sie und wollen Sie es auch spter nicht tun? ber meine Gefhle zu dieser oder jener Frau vermag ich nicht laut zu einem Dritten zu sprechen, zu wem es auch sei, auer zu dieser Frau selbst. Verzeihen Sie, aber das ist nun einmal meine Eigenart. Doch dafr werde ich Ihnen die ganze brige Wahrheit sagen: ich bin bereits verheiratet, und so ist mir ein Heiraten oder >Werben< schon nicht mehr mglich.[45] Mawrikij Nicolajewitsch fuhr frmlich zurck vor Bestrzung, und starrte Stawrogin eine Weile unbeweglich ins Gesicht. Denken Sie sich ... das habe ich wirklich nicht gedacht, murmelte er endlich. Sie sagten an jenem Morgen, da Sie nicht verheiratet seien ... und so glaubte ich, Sie wren wirklich unverheiratet. Er erblate unheimlich. Pltzlich schlug er aus aller Kraft mit der Faust auf den Tisch. Wenn Sie nach solch einem Bekenntnis Lisaweta Nicolajewna nicht in Ruhe lassen und sie ins Unglck bringen, so schlage ich Sie tot, wie einen Hund hinterm Zaun! Damit sprang er auf und verlie das Zimmer. Pjotr Stepanowitsch lief schnell hinein -- fand aber den Hausherrn in einer von ihm vllig unerwarteten Gemtsverfassung. Ah, das sind Sie! rief Stawrogin und lachte laut auf --, lachte, wie es schien, nur ber die Erscheinung Pjotr Stepanowitschs, der mit so malos neugierigem Gesicht hereingeeilt kam. Haben Sie an der Tr gehorcht? Warten Sie, warum sind Sie doch jetzt gekommen? Habe ich Ihnen nicht irgend etwas versprochen ... Ach, richtig! ich wei schon: zu den >UnsrigenUnsrigenDie ernsten Dummkpfe<, wie Sie sich einmal auszudrcken beliebten. Es gibt nichts Lustigeres, als manch einen ernsten Dummkopf. Ah, Sie denken an Mawrikij Nicolajewitsch! Bin berzeugt, da er zu Ihnen gekommen war, um seine Braut abzutreten -- wie? Das habe ich ihm indirekt eingeblasen, wenn Sie es wissen wollen! Und wenn er sie nicht abtreten will, so nehmen wir sie eigenmchtig -- wie? Pjotr Stepanowitsch wute natrlich, was er wagte, wenn er sich solche Reden erlaubte; doch lieber wagte er schon alles, als da er die Ungewiheit noch lnger ertrug. Nicolai Wszewolodowitsch aber lachte nur. Und Sie beabsichtigen immer noch, mir zu helfen? fragte er. Sobald Sie rufen. Aber wissen Sie auch, da es einen anderen, noch viel besseren Weg gibt? Ich kenne Ihren Weg. Nun, nein, der ist vorlufig noch ein Geheimnis. Nur vergessen Sie nicht, da das Geheimnis Geld kostet. Ich wei auch, wieviel es kostet, brummte Stawrogin vor sich hin, bezwang sich aber sofort und verstummte. Wie viel? Wie? Was sagten Sie? fuhr Pjotr Stepanowitsch auf. Ich sagte: zum Teufel mit Ihnen samt dem Geheimnis. Sagen Sie mir lieber, wer dort sein wird. Ich wei, da wir zum Namensfest gehen, aber wen wird man dort eigentlich antreffen? Oh, alle mglichen Leute! Sogar Kirilloff wird dort sein. Alles Mitglieder von Gruppen? Teufel noch eins, Sie beeilen sich aber! Hier hat sich noch nicht einmal eine einzige Gruppe gebildet. Wie haben Sie denn so viele Proklamationen verbreiten knnen? Dort werden im ganzen nur vier Mitglieder der Gruppe sein. Die brigen bespionieren sich mittlerweile um die Wette, und teilen mir alles mit. Wirklich vielversprechendes Volk! Alles Material, das man organisieren mu und dann kann man sich aus dem Staube machen. Aber Sie haben ja selbst unser Gesetzbuch geschrieben. Da braucht man Ihnen doch nichts mehr zu erklren. Nun wie, es geht wohl schwer? Ist es miglckt? Wie es geht? Wie man es sich leichter gar nicht wnschen kann. Warten Sie, ich werde Sie zum Lachen bringen! Also, das erste, das ungeheuer wirkt -- das ist die Montur. Es gibt nichts, das eine grere Zugkraft htte, als diese. Ich denke mir absichtlich Titel und Posten aus: habe da Sekretre, Geheime Kundschafter, Vorsitzende, Registratoren, deren Gehilfen -- das gefllt ungemein und wirkt vorzglich. Darauf, die zweite Kraft, das ist die Sentimentalitt, versteht sich. Wissen Sie, der Sozialismus verbreitet sich ja bei uns hauptschlich infolge der Sentimentalitt der Leute. Nur eines ist hier ein wahrer Jammer -- das sind diese beienden Leutnants. Da ist man nie sicher. Dann kommen die echten Spitzbuben. Nun, das ist ein guter Schlag, zuweilen ungemein vorteilhaft, doch mu man viel Zeit auf sie vergeuden: verlangen ununterbrochene Aufsicht. Na, und dann natrlich die Hauptkraft -- der Zement, der alles zusammenhlt -- das ist die Schande, eine eigene Meinung zu haben. Ich sag' Ihnen, das ist mir mal eine Kraft! Wer das nur so eingerichtet haben mag? und welcher >liebe Kerl< uns da wohl so nett vorgearbeitet hat, da auch wirklich keine einzige eigene Idee in irgendeinem Kopf geblieben ist! Halten so was geradezu fr eine Schande. Aber wenn es so ist, wozu mhen Sie sich dann noch? Ja aber, wenn es doch so einfach ist, ffnet sich ja der Mund von selber -- wie soll man sie da nicht schlucken! Als ob Sie im Ernst nicht glaubten, da ein Erfolg mglich ist? He, der Glaube ist ja da, aber das Wollen fehlt. Aber gerade mit solchen ist der Erfolg nur mglich. Ich sage Ihnen, sie gehen mir durchs Feuer -- man braucht ihnen nur zu sagen, da sie nicht gengend liberal sind. Die Esel werfen mir brigens vor, da ich sie alle mit einem >Zentralkomitee< und >zahllosen Verzweigungen< beschwindelt haben soll. Sie selbst haben es mir ja auch einmal vorgeworfen -- aber wie kann denn hier von Beschwindeln die Rede sein? Das Zentralkomitee sind doch -- ich und Sie, und an Verzweigungen werden alsbald so viele vorhanden sein, wie man sich nur wnscht. Und durchweg solches Pack? Nur Material. Auch dies wird zustatten kommen. Sie rechnen noch immer auf mich? Sie sind der Fhrer, Sie sind die Kraft; ich werde nur seitlich neben Ihnen stehen als Sekretr. Und dann, wissen Sie, setzen wir uns >in eine Barke und die Ruder sind aus Eichenholz und die Segel sind aus Seidenzeug, und auerdem sitzt da die schne Braut, die lichte Lisaweta Nicolajewna< ... oder wei der Teufel wie es da im alten Volkslied heit ... Und stocken schon, lachte Stawrogin. Nein, ich werde Ihnen einen besseren Zusatz sagen. Sie zhlen da an den Fingern her, aus welchen Krften sich die Gruppen zusammensetzen? Das ist doch alles Beamtengeist und Sentimentalitt -- meinetwegen auch ein guter Kleister, aber es gibt doch einen noch weit besseren: bereden Sie mal vier Mitglieder, dem fnften den Garaus zu machen, unter dem Vorwand, da er denunzieren wird, und Sie binden sie alle mit dem vergossenen Blut wie mit einem Strick zusammen. Dann werden sie zu Ihren Sklaven und werden nie mehr wagen, widerspenstig zu sein oder Abrechnungen zu verlangen. Ha--ha--ha! Also so bist du ... na warte ... diese Worte wirst du mir bezahlen mssen, dachte Pjotr Stepanowitsch bei sich -- und zwar noch heute abend. So, oder fast so mute Pjotr Stepanowitsch bei sich denken. Inzwischen hatten sie den Weg zum Wirginskischen Hause schon zurckgelegt -- das Haus war schon zu sehen. Sie haben mich natrlich als irgendein groes Tier hingestellt -- mit Beziehungen zur _Internationale_, oder als Revisor? fragte pltzlich Stawrogin. Nein, nicht als Revisor; der Revisor wird ein anderer sein. Aber Sie sind der Grnder, der Anordner aus dem Auslande, der die wichtigsten Geheimnisse kennt -- das ist Ihre Rolle. Sie werden natrlich reden? Wie kommen Sie darauf? Sie sind jetzt verpflichtet zu reden. Stawrogin blieb vor Verwunderung sogar mitten auf der Strae stehen, nicht weit von einer Laterne. Pjotr Stepanowitsch hielt frech und ruhig seinen Blick aus. Stawrogin spie aus und ging weiter. Werden Sie denn reden? fragte er pltzlich Pjotr Stepanowitsch. Nein, ich werde lieber zuhren, wenn Sie reden. Der Teufel hole Sie! ... Aber Sie geben mir wirklich eine Idee! Was fr eine? Pjotr Stepanowitsch horchte sofort auf. Ich werde dort meinetwegen reden, aber dafr werde ich Sie dann nachher durchprgeln, aber grndlich. Bei der Gelegenheit: ich habe vorhin Karmasinoff gesagt, Sie htten einmal ber ihn geuert, da man ihm krftig Ruten geben mte, und zwar nicht um der Ehre willen, sondern einfach, wie man einen Burschen drischt, schmerzhaft. Aber das habe ich doch nie gesagt, ha--ha! Macht nichts. _Se non vero._ Nun, danke, besten Dank. Aber wissen Sie, was dieser Karmasinoff noch sagte: da unsere Lehre im Grunde genommen die Verneinung der Ehre ist, und da man mit dem ffentlichen Recht auf Ehrlosigkeit einen Russen am leichtesten kdern kann. Aber das ist ja eine ausgezeichnete Bemerkung! Ganz wunderbar! rief Stawrogin. Da hat er wirklich den Nagel gerade auf den Kopf getroffen! Das Recht auf Ehrlosigkeit -- aber dann laufen ja alle zu uns ber, kein einziger bleibt dort! brigens hren Sie, Werchowenski, sind Sie nicht von der hheren Polizei? Wer solche Fragen im Sinne hat, der spricht sie nicht aus. Verstehe, aber wir sind ja jetzt unter uns. Nein, vorlufig noch nicht von der hheren Polizei. Genug davon, wir sind schon angekommen. Komponieren Sie mal Ihre Physiognomie, Stawrogin. Ich tue das jedesmal, wenn ich bei diesen erscheine. Nur etwas mehr Finsterheit, und das ist alles, weiter braucht man nichts; sehr einfache Sache. Zwlftes Kapitel. Bei den Unsrigen I. Wirginski wohnte in seinem eigenen Hause, oder richtiger, in dem seiner Frau. Es war ein einstckiges Holzgebude, das keine anderen Mieter hatte. Unter dem Vorwande, da der Hausherr seinen Namenstag feiern wolle, versammelten sich an diesem Abend bei ihm ungefhr fnfzehn Gste, doch glich die kleine Abendgesellschaft sehr wenig den bei uns in der Provinz blichen Geburtstagsgesellschaften. Das Ehepaar Wirginski war schon gleich zu Anfang seiner Ehe darin bereingekommen, da Geburtstage feiern furchtbar dumm sei: es sei doch durchaus kein Grund vorhanden, sich an solchen Tagen besonders zu freuen! Und da sie diesen Grundsatz schlielich auch auf alle anderen Festtage bertrugen, so war es ihnen schon in ein paar Jahren gelungen, ohne jeden Verkehr zu leben. Wirginski kam zudem den Leuten wirklich nur wie ein Sonderling vor, der blo die Einsamkeit liebte und zum berflu noch anmaend erschien -- warum anmaend, das wei ich allerdings nicht. Frau Wirginski aber stand, da sie Hebamme war, gesellschaftlich sowieso sehr niedrig -- und hinzu kam dann noch ihr dummes und unverzeihlich offenes Verhltnis zu dem Hauptmann Lebdkin, das sie eigentlich nur aus Prinzip begonnen hatte. Nachdem dieses Verhltnis bekannt geworden war, wandten sich selbst unsere nachsichtigsten Damen mit deutlicher Verachtung von ihr ab. Frau Wirginskaja aber tat noch, als htte sie gerade das ntig und wnsche es selber so. Bemerkenswert ist jedoch, da dieselben strengdenkenden Damen sich in gewissen Fllen nur und ausschlielich an sie wandten, obgleich wir noch drei andere Hebammen in der Stadt hatten. Man schickte sogar aus den Kreisstdten nach Arina Prochorowna: so anerkannt und allgemein bekannt waren ihre Kenntnisse, war ihr Glck und ihre Geschicktheit in ihrem Beruf. Daher kam es denn ganz von selbst, da sie ihre Praxis nur in den reichsten Husern hatte: denn Geld liebte sie bis zur Habgier. Nachdem sie erst einmal ihre Macht erkannt hatte, tat sie auch ihrem Charakter keinen Zwang mehr an. Unser Stabsarzt Rosanoff beteuerte, da Arina Prochorowna gerade in den Augenblicken, wenn ihre schwachnervigen Patientinnen alles Heilige anzurufen pflegen, pltzlich wie ein Flintenschuß« mit einer unerhrten Blasphemie herausfahre, die dann gewhnlich entscheidend auf die armen Frauen wirke. brigens verga Arina Prochorowna, wenn sie sonst auch Nihilistin war, doch nie gewisse alte Bruche, die ihr etwas einbrachten. So htte sie zum Beispiel fr keinen Preis die Taufe des von ihr empfangenen Erdenbrgers versumt: dann erschien sie stets in einem grnen Seidenkleide, das sogar eine Schleppe hatte, und mit eingelegten Locken, whrend sie sich sonst unglaublich nachlssig kleidete. Und wenn sie auch sonst unentwegt, ja sogar whrend der Erfllung des Wunders der Geburt, ihre Frechheit zum Entsetzen aller Anverwandten bewahrte, so trug sie doch nach der Taufe sehr sittsam und eigenhndig den Champagner herein (nur zu dem Zweck erschien sie und putzte sie sich heraus) und dann htte es einer nur versuchen sollen, ihr, nachdem er einen Pokal genommen, nicht das bliche Taufschmausgeld auf den Teller zu legen! Die Gesellschaft -- fast nur Herren --, die sich diesmal bei Wirginski versammelt hatte, nahm sich eigentlich recht sonderbar aus. Es gab weder Imbi noch Karten. Im groen Gastzimmer, das schon seit undenklich langer Zeit immer ein und dieselben alten blauen Tapeten hatte, waren zwei Tische zusammengerckt und mit einem groen, nicht einmal ganz sauberen Tischtuch bedeckt. Auf ihnen kochten zwei Samoware und stand ein riesiges Teebrett mit fnfundzwanzig Glsern, sowie ein flacher Korb mit gewhnlichem Weibrot, das wie in Pensionen fr junge Mdchen oder Knaben in viele, viele gleiche Stcke geschnitten war. Den Tee go die Schwester der Hausfrau ein -- ein dreiigjhriges, hochblondes Frulein, ohne Augenbrauen, sonst schweigsam, aber tdlich boshaft --, eine Dame, die gleichfalls die neuesten Anschauungen teilte und vor der Wirginski in seinem eigenen Hause zitterte. Auer der Hausfrau und ihrer augenbrauenlosen Schwester war noch ihre Schwgerin anwesend: Frulein Wirginskaja, die gerade aus Petersburg eingetroffen war. Arina Prochorowna (Wirginskis Frau), an sich eine nicht hliche Frau von siebenundzwanzig Jahren, sa, in einem wollenen Alltagskleide von grnlicher Farbe, am oberen Tischende und betrachtete die Gste mit einem Blick, als wollte sie sagen: Seht, wie ich mich vor nichts frchte! Wirginskis Schwester, die gleichfalls nicht hlich aussah, dabei Studentin und Nihilistin, war rotwangig und rundlich wie ein kleiner Ball: sie sa halbwegs noch in ihren Reisekleidern neben Arina Prochorowna, mit irgendeiner Papierrolle in der Hand, und sah sich mit ungeduldigen, springenden Blicken die Gste an. Wirginski fhlte sich an diesem Abend nicht ganz wohl, doch hatte er sich trotzdem in einem Lehnstuhl an den Teetisch gesetzt. Die Gste saen auf Sthlen um den ganzen Tisch herum, und in dieser steifen Gruppierung lag etwas, was nicht an ein Fest, sondern an eine Sitzung erinnerte. Ganz ersichtlich erwarteten alle irgend etwas, und wenn sie auch ber alles mgliche laut miteinander sprachen, so merkte man doch sofort, da es Nebensachen waren, die eigentlich niemanden interessierten: es war ein knstliches, gezwungenes Gesprch. Als Stawrogin und Werchowenski eintraten, verstummten pltzlich alle. Zur besseren bersicht werde ich wohl einige weitlufigere Erklrungen geben mssen. Ich glaube, wie gesagt, da sich damals alle in der angenehmen Hoffnung, etwas ganz besonders Interessantes zu erfahren, eingefunden hatten. Sie gehrten smtlich zu den knallrotesten Liberalen unserer Stadt und waren von Wirginski zu dieser Sitzung sorgfltigst ausgesucht worden. Einige von ihnen waren noch nie bei Wirginski gewesen und htten ihn auch sonst bestimmt nicht mit ihrem Besuche beehrt. Natrlich hatte die Mehrzahl der Gste keine rechte Vorstellung davon, was eigentlich geschehen sollte: sie alle hielten damals Pjotr Stepanowitsch fr einen vom auslndischen Verbande geschickten Auskundschafter, dem bestimmte Vollmachten gegeben worden waren -- eine Ansicht, die sich sofort und ganz pltzlich festgesetzt hatte und ihnen ungeheuer schmeichelte. Whrenddessen aber gab es auch unter den versammelten Gsten einige, denen bereits ganz bestimmte Vorschlge gemacht worden waren. Pjotr Werchowenski war es inzwischen schon gelungen, bei uns eine hnliche Fnf zu grnden, wie er es in Moskau getan hatte -- und auerdem noch eine, wie es sich jetzt erwiesen hat, in der Kreisstadt, unter den Offizieren. Es heit sogar, da er noch eine dritte im H--schen Gouvernement zustande gebracht habe. Die fnf Auserwhlten saen jetzt am groen Tisch und verstanden es vorzglich, sich den Anschein der harmlosesten Leute zu geben. Es waren das -- da es heute kein Geheimnis mehr ist -- erstens: Liputin und Wirginski, dann dessen Schwager mit den trauernden Ohren, Schigaleff, ferner Lmschin und ein gewisser Tolkatschenko, ein sonderbarer Mensch, etwa vierzig Jahre alt, und bekannt wegen seiner Studien, die er am Volk, hauptschlich an Spitzbuben und Banditen machte, und der absichtlich zu diesem Zweck (das heit, nicht gerade ausschlielich zu diesem Zweck) in den schmutzigsten Schenken verkehrte und auch unter uns sich in schlechten Kleidern, Schmierstiefeln und Kernausdrcken am besten gefiel. Ein oder zweimal hatte ihn Lmschin auch zu Stepan Trophimowitsch mitgebracht, wo er jedoch nicht besonders gut abschnitt. In der Stadt erschien er gewhnlich nur zeitweilig, meistens dann, wenn er wieder einmal ohne Stellung war. Diese fnf nun befanden sich in dem festen Glauben, eine Fnf zu bilden -- eine unter hunderten, tausenden gleicher Fnfer-Gruppen, die angeblich ber ganz Ruland verstreut und alle von irgendeiner mchtigen Zentrale abhngig waren, welche wiederum ihrerseits mit der europischen Revolutionsbewegung verbunden sein sollte. Nur mu ich zu meinem Bedauern hinzufgen, da sogar schon damals Uneinigkeit zwischen ihnen herrschte. Die Sache war nmlich die, da sie, die schon seit dem Frhling Pjotr Werchowenski erwarteten, der ihnen zuerst von Tolkatschenko und dann von Schigaleff angekndigt worden war, nun, als er endlich erschien, sofort auf seinen ersten Wink hin den von ihm geplanten Kreis oder die Gruppe gebildet hatten: kaum aber hatten sie sich zu ihrer Fnf zusammengeschlossen, als sie sich auch alle ohne Ausnahme irgendwie dadurch gekrnkt fhlten, da sie es getan hatten -- so schnell und ohne weitere Erwgung, im Grunde wohl nur deshalb, damit man von ihnen nicht sagen knne, sie htten es nicht gewagt! Vor allem, so empfanden sie, htte Pjotr Werchowenski ihre edle Heldentat doch auch wirklich schtzen und ihnen nun zur Belohnung wenigstens irgendein Hauptgeheimnis mitteilen mssen. Werchowenski aber dachte nicht einmal daran, ihre gerechte Neugier zu befriedigen, und erzhlte so gut wie gar nichts, behandelte sie im Gegenteil mit Strenge und andererseits wiederum fast mit Nachlssigkeit. Das aber reizte natrlich die Fnf, und einer von ihnen, Schigaleff, stachelte denn auch schon die anderen auf, von ihm einen Rechenschaftsbericht zu fordern, allerdings nicht gleich heute bei Wirginski, denn dort gab es zu viele Fremde ... Was aber diese Fremden betrifft, so glaube ich, da die vorhin genannten Glieder der ersten Fnf geneigt waren, an jenem Abend bei Wirginski unter den Gsten noch andere Mitglieder anderer Gruppen, von denen sie nichts wuten und die derselbe Werchowenski vielleicht geheimnisvoll organisiert hatte, zu vermuten. So kam es denn, da zu guter Letzt sich alle Gste gegenseitig verdchtigten und ein jeder eine ganz besondere Haltung annahm, was denn der ganzen Versammlung etwas Irrefhrendes, ja zum Teil sogar Romantisches verlieh. Auerdem gab es da einen Major, einen vollkommen unschuldigen Menschen und nahen Verwandten Wirginskis, der uneingeladen zum Namenstage erschienen war. Der Hausherr beunruhigte sich nun freilich weiter nicht, denn der Major htte auf keine Weise denunzieren knnen: trotz seiner Dummheit liebte es dieser Verwandte Wirginskis, dorthin zu gehen, wo es Liberale gab, doch nicht etwa, weil er deren Anschauungen teilte, sondern einfach, weil er ihnen gerne zuhrte. Und dazu war er selbst, von frher her, noch ein wenig kompromittiert: in seiner Jugend waren einmal ganze Lager revolutionrer Schriften durch seine Hnde gegangen, und wenn er fr seine Person sich auch gefrchtet hatte, sie auch nur aufzubinden, so wrde er doch die Weigerung, die Geflligkeit zu erweisen und sie zu verbreiten, fr eine grenzenlose Gemeinheit gehalten haben -- solche Russen gibt es nun einmal und sogar heute noch. Die brigen Gste gehrten entweder zu dem Typ der zu Galle gewordenen gekrnkten Eigenliebe, oder zu dem des ersten edlen Ausbruchs feuriger Jugend. Da waren auch zwei oder drei Lehrer, von denen der eine -- ein Lehrer am Gymnasium -- lahm und schon fnfundvierzig Jahre alt war, ein ungewhnlich boshafter und eitler Mensch, und zwei oder drei Offiziere. Zu den letzteren gehrte ein ganz junger Artillerist, ein Fhnrich, der erst vor ein paar Tagen aus einer Kriegsschule gekommen war, ein netter, schweigsamer Jngling. Noch hatte er in der Stadt keine einzige Bekanntschaft gemacht, und schon sa er bei Wirginski im Kreise der Eingeladenen mit einem Bleistift in der Hand und machte sich von Zeit zu Zeit in sein Taschenbuch irgendwelche Notizen. Alle sahen das, doch alle taten aus irgendeinem Grunde, als bemerkten sie es nicht. Auerdem war ein herumbummelnder Seminarist anwesend, der Lmschin geholfen hatte, jene schndlichen Photographien in den Sack der Bibelverkuferin zu stecken, ein groer Bursche mit ungezwungenem Benehmen, jedoch immer etwas argwhnisch, und mit einem ewig alles besser wissenden Lcheln, dabei aber von dem ruhigen Gehaben der siegenden Vollkommenheit, die fr ihn in seiner Person verkrpert war. Ferner war, ich wei nicht, weshalb, noch der Sohn unseres Stadthauptes zugegen, ein schndlicher, frh verlebter junger Mann. Der schwieg aber fast nur. Und schlielich war da noch ein achtzehnjhriger Gymnasiast, der mit der finsteren Miene eines in seiner Wrde gekrnkten jungen Mannes da sa und augenscheinlich unter seinen achtzehn Jahren litt. Dieser Bengel war schon der Chef einer Verschwrung der Oberprimaner, die sich, wie sich spter zum allgemeinen Erstaunen herausstellte, im Gymnasium gebildet hatte, und zwar vollkommen selbstndig. Beinahe htte ich Schatoff vergessen, der am unteren Tischende sa, seinen Stuhl ein wenig aus der Reihe zurckgeschoben hatte, die ganze Zeit schwieg, auch fr den Tee dankte, bestndig zu Boden sah und seine Mtze nicht aus der Hand legte, als htte er damit zu verstehen geben wollen, da er nicht als Gast, sondern nur aus irgendwelchen sachlichen Grnden gekommen war, und, wenn es ihm einfiel, einfach aufstehen und fortgehen knne. Nicht weit von ihm hatte sich dann noch Kirilloff hingesetzt: dieser schwieg gleichfalls, doch sah er nicht zu Boden, sondern blickte im Gegenteil jedem, der da sprach, gerade ins Gesicht, mit seinem unbeweglichen, glanzlosen Blick, und hrte allen ohne die geringste Verwunderung vollkommen ruhig zu. Einige von den Gsten, die ihn noch nicht gesehen hatten, beobachteten ihn verstohlen. Es ist bis heute ungewi, ob eigentlich Frau Wirginskaja etwas von der bestehenden Fnf wute. Ich nehme an, da sie durch ihren Mann ber alles unterrichtet war. Die Studentin hatte natrlich von nichts eine Ahnung, doch dafr war sie mit ihrer eigenen Sorge beschftigt: sie beabsichtigte, nur einen oder zwei Tage bei Wirginskis zu bleiben und dann weiter und weiter zu reisen, durch alle Universittsstdte, um Teilnahme an den Leiden der armen Studierenden zu erwecken und sie zum Protest aufzurufen. Sie fhrte einige hundert Exemplare eines lithographierten, wenn ich mich nicht tusche, von ihr selbst verfaten Aufrufs mit sich. Merkwrdigerweise begann der Gymnasiast die Studentin schon vom ersten Blick an zu hassen, und zwar gleich bis aufs Blut, ungeachtet dessen, da er sie zum erstenmal im Leben sah, und sie erwiderte diesen Ha in genau demselben Mae. Der Major war ihr leiblicher Onkel, der sie vor gut zehn Jahren zum letztenmal gesehen hatte. Als Stawrogin und Werchowenski eintraten, waren ihre Wangen rot wie Preielbeeren: sie hatte mit dem Onkel gerade ber die Frauenfrage aufs heftigste gestritten. II. Werchowenski warf sich auffallend nachlssig auf einen Stuhl am oberen Tischende, fast ohne jemanden zu gren. Er sah migestimmt und sogar hochmtig aus. Stawrogin dagegen grte hflich die Anwesenden. Obgleich man nur auf diese beiden gewartet hatte, taten doch alle wie auf ein Kommando, als ob sie sie berhaupt nicht bemerkten. Kaum hatte Stawrogin sich gesetzt, als Frau Wirginskaja sich in strengem Ton an ihn wandte: Stawrogin, wollen Sie Tee? Sehr gern, antwortete dieser. Reiche Herrn Stawrogin ein Glas Tee, befahl sie der Schwester, -- und Sie? fragte sie Werchowenski. Selbstverstndlich, nur her damit, wer fragt denn die Gste noch danach? Und geben Sie auch Sahne diesmal, sonst wird ja hier immer solch eine Abscheulichkeit anstatt Tee gereicht -- und dabei gibt's heute noch ein >Geburtstagskind< im Hause! Wie, auch Sie erkennen das >Geburtstagefeiern< an? fragte die Studentin auflachend. Wir haben soeben darber gesprochen. Abgedroschen! bemerkte sogleich am anderen Tischende der Gymnasiast mit berlegener Miene. Was ist abgedroschen? Vorurteile vergessen ist durchaus nicht abgedroschen, und wenn es auch die unschuldigsten von der Welt sind, sondern ist, im Gegenteil, zur allgemeinen Schande noch heute neu, gab die Studentin sofort empfindlich zurck. Und zudem gibt es berhaupt keine unschuldigen Vorurteile, fgte sie geradezu erbittert hinzu. Ich wollte nur bemerken, regte sich der Gymnasiast furchtbar auf, da Vorurteile, wenn sie auch eine alte Sache sind, und man sie ausrotten mu ... was aber Namenstag- und Geburtstagfeiern anbetrifft ... so wissen schon alle lngst, da das Dummheiten sind und das Gerede darber viel zu alt und abgedroschen ist, um darauf noch die kostbare Zeit zu vergeuden, die ohnehin schon von aller Welt vergeudet worden ist, so da man seine Worte lieber einem bedrftigeren ... Was ist das fr ein Satz! Ich kann nichts verstehen! unterbrach ihn die Studentin. Ich glaube, da ein jeder gleich anderen das Recht des Wortes hat, und wenn ich meine Meinung sagen will, wie jeder andere, so ... Ihnen nimmt niemand das Recht des Wortes, unterbrach ihn die Hausfrau, Sie sind nur gebeten worden, nicht so undeutlich zu sprechen, denn so kann Sie ja kein Mensch verstehen. Aber, erlauben Sie mir, zu bemerken, da Sie mich gar nicht achten: wenn ich vorhin meinen Gedanken nicht zu Ende sprechen konnte, so kam das nicht daher, da ich keinen Gedanken hatte, sondern eher vom berflu von Gedanken ... stotterte der Gymnasiast fast verzweifelt und verwickelte sich endgltig. Wenn Sie nicht zu sprechen verstehen, so schweigen Sie lieber, platzte die Studentin heraus. Der Gymnasiast sprang jetzt sogar vom Stuhl auf. Ich wollte nur sagen, rief er laut und brennend rot vor Schande, doch frchtete er sich, jemanden anzusehen, da Sie sich nur deswegen mit Ihrem Verstande breitmachen wollen, weil Herr Stawrogin gekommen ist -- da haben Sie's! Ihr Gedanke ist schmutzig und unsittlich und beweist nur die ganze Nichtigkeit Ihrer geistigen Entwickelung. Ich bitte Sie, sich weiter nicht an mich zu wenden! knatterte sofort die Antwort der Studentin. Stawrogin, begann die Hausfrau, bevor Sie kamen, regten sie sich hier ber Familienrechte auf -- besonders der Herr Major, sie wies auf ihren Verwandten. Aber ich werde Sie mit diesen alten Streitfragen, die doch schon lngst erledigt sind, nicht weiter belstigen. Ich frage mich nur, woher sind nun diese Rechte und Pflichten der Familie gekommen, ich meine, im Sinne dieses Vorurteils, wie es jetzt besteht? Das ist die Frage. Was meinen Sie? Wieso -- woher gekommen? fragte Stawrogin zurck. Das heit, wir wissen zum Beispiel, da das Vorurteil, da es einen Gott geben msse, durch den Donner und Blitz hervorgerufen worden ist, ereiferte sich sofort wieder die Studentin, die mit den Augen frmlich auf Stawrogin lossprang. Man wei jetzt ganz genau, da die Urmenschen, die sich vor Donner und Blitz frchteten, den unsichtbaren Feind zum Gott erhoben, da sie ihre eigene Machtlosigkeit vor ihm fhlten. Aber wie ist nun das Vorurteil der Familie entstanden? Und wie ist berhaupt die Familie entstanden? Das ist doch wohl nicht dasselbe ... versuchte die Hausfrau einzuwenden. Ich denke, die Antwort auf diese Frage drfte nicht ganz -- sagen wir, sittsam sein, antwortete Stawrogin. Wie das? rckte die Studentin wieder vor. Aber schon hrte man aus der Lehrergruppe leises Lachen, das sofort am anderen Ende des Tisches, bei Lmschin und dem Gymnasiasten, ein Echo fand, worauf der Major pltzlich hell und laut loslachte. Sie sollten Vaudevilles schreiben, sagte die Hausfrau zu Stawrogin. Das macht Ihnen wirklich keine Ehre, -- ich wei nicht, wie Sie heien, sagte die Studentin mit entschiedenem Unwillen zu Stawrogin. Du aber solltest nicht so vorwitzig sein! tadelte der Major. Bist ein Frulein, mut dich sittsam halten, du aber bist ja ganz, als httest du dich auf eine Nadel gesetzt. Knnten Sie nicht lieber schweigen? Zum mindesten mchte ich Sie bitten, sich im Gesprch mit mir nicht so familir auszudrcken. Und diese widerlichen Vergleiche verbitte ich mir einfach. Ich sehe Sie heute zum erstenmal und will nichts von Ihrer Verwandtschaft wissen. Aber ich bin doch dein Onkel! Ich habe dich doch als Sugling auf meinen Armen geschleppt! Was geht das mich an, was Sie da alles geschleppt haben! Ich habe Sie damals nicht darum gebeten, mein unhflicher Herr Major, also mu es Ihnen wohl selbst Spa gemacht haben, mich zu tragen. Und gestatten Sie mir noch zu bemerken, da Sie sich nicht unterstehen drfen, mich zu duzen, es sei denn als Brgerin, sonst aber untersage ich es Ihnen ein fr allemal. So sind sie nun alle! Der Major schlug mit der Faust auf den Tisch und wandte sich an Stawrogin, der ihm gegenber sa. Nein, erlauben Sie, ich liebe Liberalismus und alles Zeitgeme. Ich liebe auch klugen Gesprchen zuzuhren, aber -- wohlgemerkt: von Mnnern! Doch von Frauen, von diesen da, von diesen Flattervgeln -- nein, Verzeihung, aber das ist schon mein wunder Punkt! Du, dreh dich nicht so viel! fuhr er die Studentin an, die vor Ungeduld schon wieder fast vom Stuhl sprang. Ich will auch einmal zu Wort kommen! Jetzt bin ich der Gekrnkte! Sie stren nur die anderen und selbst verstehen Sie doch nichts zu sagen, bemerkte die Hausfrau unwirsch. Nein, ich werde schon zu sagen verstehen, was ich sagen will, ereiferte sich der Major, und wandte sich an Stawrogin. Ich rechne auf Sie, Herr Stawrogin, da Sie ein Neueingetretener sind, obgleich ich nicht die Ehre habe, Sie zu kennen. Ich hoffe, da Sie mir beipflichten werden. Ohne Mnner wren die Frauen einfach verloren, wie die Fliegen, -- das ist meine Meinung. Die ganze Frauenfrage ist nichts weiter als Mangel an Originalitt. Ich sage Ihnen; diese Frauenfrage haben ihnen nur die Mnner ausgedacht, einfach aus purer Dummheit sich selbst auf den Hals geladen, -- ich danke blo Gott, da ich nicht verheiratet bin! Nicht die geringste Verschiedenheit ist in den Frauen, nicht einmal ein einfaches Stickmuster knnen sie sich ausdenken, auch das mssen die Mnner fr sie tun! Sehen Sie, da habe ich sie als Kind auf den Hnden getragen, habe mit ihr, als sie zehn Jahre alt war, Mazurka getanzt, -- heute kommt sie an und wie ich ihr entgegenfliege, um sie abzukssen, da erklrt sie mir schon nach dem zweiten Wort, da es einen Gott berhaupt nicht gibt. Wenn sie es doch wenigstens nach dem dritten getan htte, aber nein, sie mu es schon nach dem zweiten tun -- so eilig hat sie's! Nun schn, angenommen, kluge Leute glauben nicht an Gott, das soll ja blo vom Verstande abhngen, aber du, sage ich ihr, was verstehst du denn unter Gott? Dich hat das doch wieder nur der Student gelehrt, htte er dich aber die Lmpchen vor den Heiligenbildern anznden gelehrt, so wrdest du eben Lmpchen anznden! Das ist alles nicht wahr, was Sie da sagen. Sie sind ein sehr boshafter Mensch. Ich aber habe Ihnen vorhin blo Ihre Dummheit beweisen wollen, sagte die Studentin nachlssig, als verachtete sie es im Grunde, sich mit solch einem Menschen noch weiter zu streiten. Ich habe Ihnen vorhin gesagt, da man uns nach dem Katechismus lehrt: >Ehre Vater und Mutter, damit es dir wohl ergehe und du lange lebest auf Erden<. Das steht in den zehn Geboten. Wenn nun Gott es fr ntig hielt, fr Liebe eine Belohnung zu versprechen, so ist meines Erachtens dieser euer Gott einfach unmoralisch. Das war es, was ich Ihnen vorhin auseinandersetzte, und durchaus nicht nach dem zweiten Wort, sondern einfach, weil Sie auf Ihre Verwandtenrechte pochten. Was kann ich dafr, da Sie stumpfsinnig sind und mich bis jetzt noch nicht begriffen haben? Das krnkt Sie und Sie rgern sich: das ist die ganze Lsung des Rtsels von Ihnen und Ihresgleichen. Nrrin! nannte sie der Major. Sie sind selbst ein Narr. Schimpf nur! Aber erlauben Sie, Kapiton Maximowitsch, Sie haben mir doch selbst gesagt, da Sie an Gott nicht glauben, rief Liputin mit seiner unangenehmen Stimme vom anderen Tischende. Was hat das damit zu tun, was ich gesagt habe, ich -- ich bin eine ganz andere Sache! Ich -- nun, vielleicht glaube ich doch, nur glaube ich nicht so ganz. Wenn ich aber auch nicht ganz glaube, so sage ich doch noch nicht, da man Gott gleich totschieen soll. Ich habe schon, als ich noch Husar war, ber Gott nachgedacht. Es heit sonst wohl in allen Gedichten, da ein Husar blo trinkt und durchgeht, schn, ich habe vielleicht auch getrunken, aber, glauben Sie mir, wenn es manchmal in der Nacht so dunkel ist, da springt man wohl pltzlich auf und kniet vor dem Heiligenbild nieder und schlgt ein Kreuz ber das andere, damit Gott einem Glauben schicke, denn selbst damals konnte ich mich ber diese Frage nicht beruhigen: gibt es einen Gott, oder gibt es keinen? Dermaen bitter ist mir das geworden! Morgens, natrlich, da zerstreut man sich und wieder geht der Glaube gleichsam flten, ja und berhaupt ist mir eigentlich aufgefallen, da man am Tage den Glauben viel weniger ntig hat. Haben Sie vielleicht Karten? fragte Werchowenski, sich zur Hausfrau wendend, und ghnte ungeniert. Ich kann Ihnen diese Frage nur zu sehr, nur zu sehr nachfhlen! beteuerte die Studentin eifrig. Man verliert blo die goldene Zeit, wenn man so leerem Geschwtz zuhrt, sagte die Hausfrau und blickte ihren Mann bedeutsam an. Die Studentin raffte sich auf. Ich wollte der Versammlung von den Leiden und dem Protest der Studenten Mitteilung machen, und da die Zeit ber unmoralischen Gesprchen vergeudet wird ... Es gibt berhaupt weder Moralisches noch Unmoralisches! fiel ihr der Gymnasiast sogleich ins Wort, kaum da er sah, da die Studentin mit einer Rede beginnen wollte. Das habe ich, mein Herr Gymnasiast, schon viel frher gewut, als Sie das aufgeschnappt haben! Und ich behaupte, raste der Gymnasiast geradezu, Sie sind -- ein aus Petersburg angekommenes Kind, das uns bilden will! Da das vierte Gebot, das Sie nicht einmal richtig aufzusagen verstanden, unmoralisch ist, das wei schon seit Belinski ganz Ruland! Wird das jemals ein Ende nehmen? fragte Frau Wirginskaja gereizt ihren Mann. Als Hausfrau errtete sie wegen der nichtigen Gesprche, besonders nachdem sie einige fragende Blicke der Gste untereinander bemerkt hatte. Meine Herren! Wirginski erhob pltzlich die Stimme, falls jemand von Ihnen etwas, was mehr zur Sache pat, zu sagen hat, so bitte ich, ohne Zeitverlust damit beginnen zu wollen. Gestatten Sie mir eine Frage, sagte pltzlich der lahme Lehrer, der bis dahin nur geschwiegen und sehr zurckhaltend dagesessen hatte, ich wrde doch gern wissen, ob wir hier eine Sitzung halten sollen, oder ob wir uns wie gewhnliche Sterbliche zu einer Geburtstagsfeier versammelt haben? Ich frage es mehr der Ordnung wegen. Die Frage machte nicht geringen Eindruck: man sah sich an, als ob ein jeder vom anderen die Antwort erwartete, und pltzlich wandten sich aller Augen, wie auf ein Kommando, auf Stawrogin und Werchowenski. Ich schlage vor, ber die Antwort einfach abzustimmen. Die Frage ist: >Halten wir eine Sitzung oder nicht?< sagte Frau Wirginskaja. Ich stimme ganz Ihrem Vorschlage bei, rief Liputin, wenn er auch ein wenig unbestimmt ist. Ich gleichfalls! Ich auch! riefen noch andere Stimmen. Ich denke gleichfalls, da das mehr Ordnung schaffen wird, meinte Wirginski. Also bitte die Stimmen abzugeben! rief die Hausfrau. Lmschin, seien Sie so freundlich und setzen Sie sich so lange ans Klavier. Sie werden auch von dort aus Ihre Stimme abgeben knnen, wenn wir so weit sind. Schon wieder! rief Lmschin. Ich dchte, ich htte Ihnen nachgerade genug vorgetrommelt! Ich bitte Sie ausdrcklich darum: Wollen Sie denn der Sache nicht ntzlich sein? Aber ich versichere Sie, Arina Prochorowna, da drauen niemand horcht. Das ist nur Ihre Phantasie. Die Fenster sind auerdem viel zu hoch; und wer wrde denn hier berhaupt etwas verstehen, selbst wenn er alles hrte? Wir verstehen uns ja selbst nicht, murmelte eine Stimme. Und ich behaupte, da Vorsicht immer angebracht ist. Fr den Fall, da es Spione gibt, wandte sie sich darauf zu Werchowenski, -- mgen sie dann auf der Strae hren, da es bei uns Musik und lustige Gste gibt. Zum Teufel! schimpfte Lmschin, setzte sich aber doch ans Klavier und begann irgendwie, fast mit den Fusten, einen Walzer zu spielen. Ich schlage vor, da alle, die eine Sitzung wnschen, die rechte Hand erheben, beantragte Frau Wirginskaja. Einige erhoben die rechte Hand, einige wiederum nicht; andere erhoben sie und senkten sie wieder oder senkten sie und erhoben sie von neuem. Pfui, Teufel! Hab nichts kapiert! rief ein Offizier gergert. Und ich verstehe auch nichts! rief ein anderer. Nein, ich verstehe wohl! rief ein dritter. Wenn >ja<, so hebt man die Hand auf. Aber was bedeutet denn das >jaJa< bedeutet: Sitzung! Nein, umgekehrt! Ich habe fr die Sitzung gestimmt! rief der Gymnasiast Frau Wirginskaja zu. Warum haben Sie dann die Hand nicht erhoben? Ich habe die ganze Zeit auf Sie gesehen: Sie hoben sie nicht, und so hob ich sie auch nicht. Wie dumm das ist! Ich habe sie doch nur deswegen nicht erhoben, weil ich das Abstimmen vorgeschlagen hatte. Meine Herren, ich schlage nochmals vor: wer eine Sitzung will, der soll ruhig sitzen bleiben und keine Hand erheben, wer aber keine Sitzung will, der soll die rechte Hand aufheben. Wer _nicht_ will? fragte der Gymnasiast. Ach, Sie stellen sich wohl mit Absicht so stupid? rief Frau Wirginskaja zornig. Nein, erlauben Sie mal, wer _nicht_ will, oder wer da will, das mu schon genauer festgestellt werden, ertnten zwei, drei Stimmen. Wer nicht will, _nicht_ will! Nun schn, aber was soll man denn jetzt tun, aufheben oder nicht aufheben, wenn man _nicht_ will? rief ein Offizier. Ach ja, an eine Konstitution ist bei uns noch nicht zu denken! bemerkte der Major. Herr Lmschin, haben Sie die Gte, Sie hmmern ja dermaen, da niemand etwas verstehen kann, bemerkte der lahme Lehrer. Ja, bei Gott, Arina Prochorowna, es horcht doch wirklich kein Spion an den Tren! rief Lmschin aufspringend. Und ich will auch nicht mehr spielen! Ich bin zu Ihnen zu Besuch gekommen, aber nicht, um hier das Klavier zu bearbeiten! Meine Herren, begann Wirginski, antworten Sie alle laut: halten wir Sitzung oder nicht? Sitzung, Sitzung! ertnte es von allen Seiten. Gut, dann brauchen wir nicht mehr abzustimmen. Sind Sie einverstanden, meine Herren, oder sollen wir doch noch abstimmen? Nicht ntig, genug, haben schon verstanden! Vielleicht will aber irgend jemand doch nicht? Nein, nein, alle wollen! Ja, aber was ist denn das fr eine Sitzung? erhob sich eine Stimme, die jedoch keine Antwort erhielt. Man mu einen Prsidenten whlen! riefen mehrere zugleich. Den Hausherrn, selbstverstndlich, den Hausherrn! Meine Herren, wenn es so ist, begann der erwhlte Wirginski, -- dann mache ich nochmals meinen Vorschlag: falls jemand von Ihnen etwas, was mehr zur Sache pat, zu sagen hat, so bitte ich, damit zu beginnen. Allgemeines Schweigen. Wieder wandten sich alle Blicke Stawrogin und Werchowenski zu. Werchowenski, htten Sie nichts zu sagen? fragte ihn die Hausfrau. Nicht, da ich wte, sagte der ghnend und lehnte sich nachlssig auf seinem Stuhl zurck. brigens, ich wrde gern einen Kognak trinken. Stawrogin, wollen Sie nicht? Nein, danke, ich trinke nicht. Ich meinte, ob Sie nicht reden wollen, und nicht, ob Sie einen Kognak wnschen! Reden, worber? Nein, ich will nicht. Sie werden sofort Ihren Kognak bekommen, sagte sie zu Werchowenski. Die Studentin erhob sich wieder, was sie mittlerweile schon mehrmals halbwegs getan hatte. Ich bin gekommen, um von den Leiden der unglcklichen Studenten zu berichten und sie allerorten zum Protest aufzufordern ... Sie kam nicht weiter: am anderen Tischende erhob sich ein neuer Konkurrent und alle Blicke flogen ihm sofort zu. Schigaleff, der Mann mit den langen Ohren, erhob sich mit finsterem, gergertem Gesicht bedchtig vom Stuhl und legte mit melancholischer Miene ein dickes, unendlich klein und eng beschriebenes Heft vor sich auf den Tisch. Die meisten sahen bestrzt auf das dicke Heft, doch Liputin, Wirginski und der lahme Lehrer waren augenscheinlich mit irgend etwas sehr zufrieden. Ich bitte ums Wort, sagte Schigaleff endlich finster, doch bestimmt. Herr Schigaleff hat das Wort, verkndete Wirginski. Der Redner setzte sich, schwieg wieder und begann darauf feierlichst: Meine Herrschaften! ... Hier haben Sie den Kognak! sagte die Verwandte, die den Tee eingegossen hatte und die inzwischen nach dem Kognak gegangen war, mit sichtlicher Verachtung. Sie stellte die Flasche und das Glas, die sie in der Hand ohne Untersetzer brachte, rgerlich auf den Tisch vor Werchowenski hin. Der unterbrochene Redner verstummte wrdevoll. Fahren Sie nur fort, ich hre nicht zu! rief Werchowenski, der sich den Kognak eingo. Meine Herren, indem ich Ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nehme, begann Schigaleff von neuem, und wie Sie spter sehen werden, Ihre Hilfe in einem Punkte von erstklassiger Wichtigkeit erbitte, mu ich vorher einige Worte zur Einleitung sagen. Arina Prochorowna, haben Sie vielleicht eine Schere? fragte pltzlich Pjotr Stepanowitsch. Wozu brauchen Sie eine Schere? Sie sah ihn verwundert mit groen Augen an. Hab mir die Ngel zu schneiden vergessen, obgleich ich's mir schon drei Tage immer wieder vorgenommen habe, sagte er, gelassen seine langen und ungeputzten Ngel betrachtend. Arina Prochorowna wurde rot vor rger, doch die Studentin schien daran Gefallen zu finden. Ich glaube, ich habe vorhin hier auf einem Fenster eine Schere gesehen, sagte sie, erhob sich, suchte die Schere und kam sofort wieder zurck. Pjotr Stepanowitsch sah sie nicht einmal an, als er die Schere nahm. Arina Prochorowna sagte sich, da das wohl unter freien Menschen so sein msse, und schmte sich ihrer Empfindlichkeit. Die Gste sahen sich stumm untereinander an. Der lahme Lehrer lchelte boshaft und beobachtete Werchowenski mit gehssigem Ausdruck. Schigaleff fuhr fort: Nachdem ich meine Energie dem Studium des Problems der sozialen Verfassung der zuknftigen Gesellschaft, mit dem sich alle Gegenwartsmenschen beschftigen, gewidmet, bin ich zu der berzeugung gekommen, da alle Grnder sozialer Systeme, seit den ltesten Zeiten bis zu unserem 187...sten Jahre, blo Grbler, Mrchenerzhler, Dummkpfe gewesen sind, die sich selbst widersprochen und so gut wie nichts von der Naturwissenschaft und diesem sonderbaren Tiere, das wir Mensch nennen, gewut haben. Plato, Rousseau, Fourier sind Sulen aus Aluminium, alles das taugt vielleicht fr Spatzen, aber nicht fr die menschliche Gesellschaft. Da aber die zuknftige Gesellschaftsform gerade jetzt festzusetzen unumgnglich ntig ist, gerade in diesem Augenblick, da wir uns endlich zu handeln anschicken, um dann nicht mehr nachdenken zu mssen, so schlage ich denn mein eigenes System der Welteinrichtung vor. Hier ist es! und er schlug mit der Hand auf sein dickes Heft. Zuerst wollte ich der Versammlung mein Buch in gekrzter Form vorlegen, aber ich sah ein, da ein derartiges Verfahren noch viele mndliche Erklrungen ntig machen wrde. Daher habe ich mich denn entschlossen, es Ihnen an mindestens zehn Abenden -- da es in zehn Kapitel eingeteilt ist -- vorzutragen. (Leises Gelchter.) Ich mu Sie jedoch im voraus darauf aufmerksam machen, da mein System noch nicht beendet, das heit, noch nicht ganz ausgearbeitet ist. (Lauteres Gelchter.) Ich habe mich nmlich in meinen eigenen Argumenten verwickelt: meine schlieliche Folgerung steht in geradem Widerspruch zu der anfnglichen Idee. Nachdem ich von unbeschrnkter Freiheit ausgegangen bin, komme ich zum Schlu zu unbeschrnktem Despotismus. Jedenfalls aber fge ich hinzu, da es auer meiner Lsung der Gesellschaftsformel eine andere Lsung berhaupt nicht geben kann. Das Gelchter war lauter und immer lauter geworden, doch waren es eigentlich nur die jngeren, die gewissermaen nicht ganz eingeweihten Gste, die da lachten. Auf dem Gesicht der Hausfrau, Liputins und des lahmen Lehrers drckte sich einiger Unwille aus. Wenn Sie selbst es nicht einmal verstanden haben, Ihr eigenes System zu vollenden, und darber in Verzweiflung geraten sind, so sagen Sie doch bitte, was wir noch machen sollen? bemerkte vorsichtig einer der Offiziere. Sie haben recht, mein Herr aktiver Offizier, wandte sich Schigaleff schroff an ihn, und vor allen Dingen darin, da Sie das Wort >Verzweiflung< gebrauchten. Ja, ich geriet in Verzweiflung; doch nichtsdestoweniger ist alles, was in meinem Buche steht, unersetzlich, und einen anderen Ausweg gibt es nicht; einen solchen wird keiner finden. Und darum beeile ich mich, ohne Zeit zu verlieren, die ganze Gesellschaft aufzufordern, spter, also nachdem ich mein System an zehn Abenden vorgetragen habe, ihre Meinung ber dasselbe zu uern. Wollen aber die Mitglieder mir nicht zuhren, so ist es besser, wir gehen sofort alle auseinander, -- die Mnner, um sich mit Verwaltungsarbeiten abzugeben, und die Frauen -- in ihre Kchen, aus dem Grunde, weil sie, wenn sie mein System ablehnen, einen anderen Ausweg doch nicht mehr finden knnen. Kei--nen einzigen! Lassen sie aber die Zeit sich entgehen, so schaden sie sich damit nur, da sie dann doch unfehlbar zum ewig Alten zurckkehren werden. Man wurde ein wenig unruhig: Was soll das ...? Wie ...? Etwa bergeschnappt ...? hrte man flstern. Das heit also, da die Hauptsache jetzt blo in Schigaleffs Verzweiflung besteht, folgerte Lmschin, und die Tagesfrage nur lauten kann: hat er nun das Recht, verzweifelt zu sein, oder hat er es nicht? Schigaleffs Verzweiflung ist eine vollkommen persnliche Frage, verkndete der Gymnasiast. Ich schlage vor, abzustimmen, inwieweit die Verzweiflung Schigaleffs die allgemeine Sache angeht, und ferner, ob es sich berhaupt lohnt, sein System anzuhren oder nicht? schlug heiter einer von den Offizieren vor. Hier handelt es sich nicht darum, mischte sich endlich der lahme Lehrer ins Gesprch. Er sprach gewhnlich mit einem gewissen gleichsam spttischen Lcheln, so da es eigentlich schwer war, festzustellen, ob er im Ernst sprach oder nur scherzte. Hier, meine Herrschaften, handelt es sich um etwas ganz anderes. Herr Schigaleff hat sich seiner Aufgabe gar zu gewissenhaft gewidmet und ist dabei allzu bescheiden. Ich kenne sein Buch. Er schlgt darin vor, und zwar als endgltige Lsung des Problems, die Teilung der Menschheit in zwei ungleiche Teile. Der kleinere Teil, ungefhr nur ein Zehntel der Menschheit, erhlt allein persnliche Freiheit und das unbeschrnkte Recht ber die brigen neun Zehntel. Diese neun Zehntel der Menschheit aber sollen ihre Persnlichkeit vollkommen einben und zu einer Art Herde werden, um bei grenzenlosem Gehorsam mittels einer Reihe von Wiedergeburten die uranfngliche Unschuld wiederzugewinnen, etwa in der Form des alten Paradieses, wenn sie auch, nebenbei bemerkt, arbeiten mssen. Die Maregeln, die der Autor vorschlgt, um den neun Zehnteln der Menschheit den persnlichen Willen zu nehmen, sowie um sie mittels einer neuen Erziehung ganzer Generationen in eine Herde umzubilden, -- diese Maregeln sind ungemein bemerkenswert, sttzen sich zudem auf naturwissenschaftliche Tatsachen und sind sehr logisch. Man kann sich vielleicht mit einigen seiner Folgerungen nicht einverstanden erklren und ihm widersprechen, doch deshalb kann man noch nicht den Verstand und das Wissen des Autors anzweifeln. Das wre auch unsinnig. Schade, da seine Absicht, den Inhalt seines Buches an zehn Abenden vorzutragen mit den Umstnden so unvereinbar ist, sonst bekmen wir viel Interessantes zu hren. Meinen Sie das wirklich im Ernst? fragte Frau Wirginskaja fast beunruhigt den lahmen Lehrer. Weil dieser Mensch nicht wei, wohin er mit den Menschen soll, verlangt er, da man neun Zehntel zu Sklaven macht? Ich habe ihn schon lngst im Verdacht gehabt ... -- Sprechen Sie von Ihrem Bruder? fragte der Lahme. Wie, Sie erkennen Verwandtschaft an? Oder wollen Sie sich ber mich lustig machen? Und dazu noch fr die Aristokraten arbeiten und ihnen wie Gttern gehorchen -- das ist eine Gemeinheit! rief die Studentin emprt. Ich schlage keine Gemeinheit vor, sondern ein Paradies, das irdische Paradies, und ein anderes kann es hier auf Erden berhaupt nicht geben, schlo Schigaleff mit Nachdruck. Ich aber wrde anstatt des Paradieses, schrie Lmschin, diese ganzen neun Zehntel der Menschheit nehmen und sie, da man mit ihnen doch nichts anzufangen wei, einfach in die Luft sprengen, und wrde nur ein Hufchen gebildeter Leute briglassen, die dann nach der Wissenschaft herrlich und in Freuden leben knnten. So etwas kann nur ein Narr sagen! fuhr die Studentin auf. Er ist ein Narr, aber er ist ntzlich, flsterte ihr Frau Wirginskaja zu. Und vielleicht wre das die beste Lsung der Aufgabe! wandte sich Schigaleff lebhaft zu Lmschin. Sie wissen natrlich nicht mal, welch einen tiefen Gedanken Sie da ausgesprochen haben, mein lustiger Herr. Da aber Ihr Vorschlag kaum erfllbar ist, so mu man sich eben mit dem sogenannten Erdenparadies begngen. Einstweilen ist das schon gengender Unsinn! bemerkte pltzlich Werchowenski, anscheinend ganz unwillkrlich als Betrachtung, die einem mal so entschlpft. brigens fuhr er dabei gelassen und ohne aufzublicken fort, seine Ngel zu beschneiden. Wieso, warum soll denn das ein Unsinn sein? griff sofort der lahme Lehrer die Bemerkung auf, als htte er nur auf das erste Wort von Werchowenski gewartet, um ihn angreifen zu knnen. Warum denn gerade ein Unsinn? Herr Schigaleff ist zum Teil ein Fanatiker der Menschenliebe; und erinnern Sie sich nur, da selbst Fourier, Cabet ganz besonders, und sogar Proudhon eine Menge der allerdespotischsten und allerfanatischsten theoretischen Lsungen der Frage gegeben haben. Herr Schigaleff hat vielleicht noch am nchternsten von ihnen allen die Sache angefat. Ich versichere Sie, da es nach der Lektre seines Buches fast unmglich ist, mit einigen seiner Behauptungen nicht bereinzustimmen. Er hat sich vielleicht am allerwenigsten von der Realitt entfernt, und sein Erdenparadies ist beinahe das wirkliche Paradies, dasselbe, ber dessen Verlust die ganze Menschheit seufzt -- vorausgesetzt natrlich, da es wirklich einmal existiert hat. Ich konnte mir ja denken, da ich mir da was auf den Hals lade, murmelte Werchowenski wieder nachlssig. Erlauben Sie, regte sich der Lahme mehr und mehr auf, Gesprche und Betrachtungen ber die zuknftige soziale Einrichtung sind fast die dringendste Pflicht aller denkenden Menschen der Gegenwart. Alexander Herzen hat sich sein Leben lang einzig und allein darum gesorgt, und Belinski hat, wie ich aus der sichersten Quelle wei, ganze Abende mit seinen Freunden verbracht, indem er mit ihnen im voraus ber die kleinsten Einzelheiten der zuknftigen sozialen Welteinrichtung debattierte, ja, sozusagen ber deren Kchenfragen stritt.[46] Und einige werden darber gar vollends verrckt, bemerkte der Major. Immerhin kann man sich so doch zu irgendeinem Ergebnis durchsprechen, und das ist, denke ich, jedenfalls besser, als wie die Diktatoren dazusitzen und zu schweigen, rief Liputin gehssig, der es jetzt endlich zu wagen schien, Werchowenski anzugreifen. Ich habe nicht zu Schigaleffs Ideen >Unsinn< gesagt, murmelte Werchowenski nachlssig, fast kaum verstndlich seine Worte. Sehen Sie, meine Herrschaften, er blickte kurz auf -- meiner Meinung nach sind alle diese Bcher Fouriers, Cabets, alle diese >Arbeitsrechte<, der Schigalewismus -- alles das erinnert an Romane, die man ja zu Hunderttausenden schreiben kann. sthetischer Zeitvertreib. Ich begreife ja, da Sie es hier im Stdtchen langweilig haben und sich eben darum aufs Schreibpapier strzen. Erlauben Sie, der Lahme rckte ungeduldig auf dem Stuhl, wenn wir auch Provinzler sind und natrlich schon deswegen allein Mitleid verdienen, so wissen wir doch, da inzwischen in der Welt nichts so Besonderes oder Neues geschehen ist, als da wir Grund htten, darber zu klagen, da wir es nicht mit unseren Augen gesehen haben. Da fordert man uns nun auf, durch verschiedene Schandbltter auslndischen Fabrikats, die hier verbreitet werden, uns zusammenzutun und Geheimbnde zu grnden, einzig zu dem Zweck der allgemeinen Zerstrung -- unter dem Vorwande: wie man an der Welt auch herumdoktern wollte, ganz gesund knne man sie doch nicht machen; schneidet man aber radikal hundert Millionen Kpfe ab, so knne man nach dieser Erleichterung besser ber den Graben springen. Ein herrlicher Gedanke, zweifellos, aber -- mit der Wirklichkeit mindestens ebenso unvereinbar wie der Schigalewismus, ber den Sie sich noch im Augenblick so verchtlich uerten. Na, ja, ich bin aber nicht zu dem Zweck hergekommen, um hier Betrachtungen anzustellen, versprach sich Werchowenski gleichsam mit einem bedeutsamen Wort, tat aber dabei, als htte er das selbst gar nicht bemerkt, und zog ruhig ein Licht zu sich heran, damit er es heller habe. Schade, wirklich sehr schade, da Sie nicht zu dem Zweck hergekommen sind, und desgleichen, da Sie jetzt mit Ihrer Toilette beschftigt sind! Was hat das mit meiner Toilette zu tun? Die Idee, die Menschheit um hundert Millionen Kpfe zu verringern, ist ebenso schwer zu verwirklichen, wie die Welt mittels Propaganda umzundern. Vielleicht sogar noch schwerer, besonders in Ruland, wagte sich Liputin wieder vor. Man scheint jetzt allgemein auf Ruland zu hoffen, bemerkte einer von den Offizieren. Ja, auch wir haben davon gehrt, da man auf Ruland hofft, griff der lahme Lehrer die Bemerkung auf. Wir wissen, da auf unser herrliches Vaterland ein geheimnisvoller Inder weist, wie auf ein Land, das am meisten zur Ausfhrung der groen Aufgabe befhigt ist. Nur eines mu man dabei nicht auer acht lassen: im Falle einer allmhlichen Lsung der Aufgabe durch Propaganda kann ich persnlich doch immerhin etwas dabei gewinnen, nun, wenn auch meinetwegen nur dies, da ich angenehm habe plaudern knnen, oder ich erhalte von den Vorgesetzten gar einen Orden fr meine Dienste fr die soziale Sache. Aber im zweiten Falle, bei der schnellen Entscheidung durch das Abhauen von hundert Millionen Kpfen -- was htte ich da fr eine Belohnung zu erwarten? Fange ich an dafr Propaganda zu machen, so schneidet man mir womglich noch die Zunge ab. Ihnen wird sie bestimmt abgeschnitten, sagte Werchowenski. Sehen Sie wohl. Da man aber selbst unter den gnstigsten Umstnden eine solche Metzelei vor fnfzig Jahren, oder meinetwegen auch nur dreiig, nicht beenden kann, -- denn das sind doch keine Lmmer, die sich protestlos den Hals abschneiden lassen --, so meine ich: sollte es da nicht ratsamer sein, Hab und Gut aufzupacken und irgend wohin auf eine stille Insel im Stillen Ozean zu gehen und dort in Frieden seine Augen zu schlieen? Glauben Sie mir, rief er lauter und klopfte dabei mit dem Finger an den Tischrand, mit solch einer Propaganda rufen Sie nur allgemeine Auswanderung hervor und sonst nichts weiter! Er schlo sichtlich triumphierend. Er war bei uns bekannt als kluger Kopf. Liputin lchelte schadenfroh, Wirginski hrte ein wenig wehmtig zu, die anderen aber folgten ungewhnlich aufmerksam dem ganzen Streit, besonders die Offiziere und die Damen. Alle begriffen, da der Agent der hundert Millionen abgeschnittener Kpfe an die Wand gedrckt war und warteten nun, was aus all dem werden wrde. Das haben Sie brigens ganz gut gesagt, bemerkte womglich noch gleichgltiger als vorher, ja, beinahe schon gelangweilt, Werchowenski. Auswandern ist ein guter Gedanke. Aber da sich trotz all der augenscheinlichen Nachteile, die Sie ja vorausfhlen, doch von Tag zu Tag immer mehr Anhnger oder Soldaten fr die neue Sache melden, so wird man auch ohne Sie auskommen. Hier ist, mein Bester, eben die neue Religion dabei, die die alte ersetzt, darum finden sich auch so viele Jnger ein. Also Sie wandern aus! Hm, wissen Sie, da wrde ich Ihnen aber raten, doch lieber nach Dresden zu gehen, und nicht auf eine stille Insel. Erstens ist das eine Stadt, die noch nie eine Epidemie gesehen hat, und da Sie ja ein vernnftiger Mensch sind, so frchten Sie doch bestimmt den Tod. Zweitens ist Dresden nicht sehr weit von der russischen Grenze, so da man denn sehr schnell die Renten aus dem liebenswrdigen Vaterlande erhalten kann. Drittens hat es in seinen Mauern sogenannte Kunstschtze, Sie aber sind ein sthetischer Mensch, gewesener Lehrer der Literatur, wenn ich mich nicht tusche. Na, und endlich hat es noch seine eigene kleine Schweiz, eine in der Taschenausgabe -- so etwas aber ist doch fr die poetische Inspiration unumgnglich ntig, zumal Sie doch gewi Gedichte schreiben. Mit einem Wort, ein Schatz in einer Tabaksdose! Die Gste wurden unruhig; besonders die Offiziere. Noch ein Augenblick, so schien es, und alle htten pltzlich gesprochen. Der lahme Lehrer jedoch bi sofort nach dem Kder: Erlauben Sie, ich habe durchaus noch nicht gesagt, da ich die allgemeine Sache im Stich lassen will! Das sollte man auseinanderhalten ... Wieso, wrden Sie denn in eine >Fnf< eintreten, wenn ich Ihnen das vorschlge? warf pltzlich Werchowenski die Frage hin und legte die Schere auf den Tisch. Die ganze Versammlung zuckte gleichsam zusammen. Der rtselhafte Mensch hatte sich etwas zu pltzlich aufgedeckt. Sogar das Wort die Fnf hatte er ausgesprochen. Jeder, der sich fr einen ehrlichen Menschen hlt, zieht sich nicht von der allgemeinen Sache zurck, versuchte der Lehrer die offene Antwort zu umgehen, aber ... Nein, bitte, hier kann man mir nicht mit einem >aber< kommen, unterbrach ihn Werchowenski schroff und gebieterisch. Ich erklre hiermit, meine Herrschaften, da ich eine offene, gerade Antwort verlange. Ich wei nur zu gut, da ich, der ich nicht grundlos hierher gekommen bin und Sie alle selbst versammelt habe, Ihnen Erklrungen schuldig bin. (Wieder ein unerwarteter Aufschlu.) Wie aber soll ich Erklrungen geben, wenn ich nicht wei, welcher Art Ihre Gedanken sind? Gesprche vermeide ich, -- denn wozu soll man wieder dreiig Jahre lang schwatzen, wie man bisher schon dreiig Jahre geschwatzt hat -- und frage Sie deshalb einfach, was Sie lieber wollen: den langsamen Weg, der im Schreiben sozialer Romane besteht und der kanzleimigen Vorausbestimmung der menschlichen Schicksale auf tausend Jahre, jedoch nur auf dem Schreibpapier, whrend der Despotismus in dieser Zeit die gebratenen Stcke schluckt, die eigentlich Ihnen in den Mund fliegen sollten und das blo nicht knnen, weil Sie den Mund geschlossen halten? Oder sind Sie fr die schnelle Entscheidung, worin diese auch bestehen sollte, die aber auf jeden Fall endlich die Hnde befreit und der Menschheit erlaubt, sich frei ihr eigenes Schicksal zu schaffen, und zwar in der Wirklichkeit und nicht nur auf dem Papier? Da schreit man nun: >Aber hundert Millionen Kpfe!< Das ist vielleicht nur eine Metapher, aber wozu denn davor zurckschrecken, wenn der Despotismus bei der langsamen Papierlsung schon in irgend welchen hundert Jahren nicht nur hundert Millionen, sondern fnfhundert Millionen Kpfe verschlingen wird? Und vergessen Sie nicht, da ein unheilbarer Kranker so wie so nicht gesund werden kann, was fr Rezepte Sie ihm auch verschreiben mgen, -- da seine Krankheit sich, im Gegenteil, nur verschlimmert, je lnger man sie hinzieht, bis er schlielich bei lebendigem Leibe verfault, derart, da er auch uns ansteckt und alle frischen Krfte, auf die wir jetzt rechnen, verdirbt -- so da wir dann womglich berhaupt nichts mehr zustande bringen knnen. Ich gebe ja gern zu, da >liberal< und schn zu reden, sehr angenehm ist, handeln aber -- etwas >angreift< ... Nun ja, brigens verstehe ich nicht zu reden. Ich bin mit Nachrichten hierher gekommen, und darum bitte ich jetzt die ganze verehrte Gesellschaft, nicht etwa abzustimmen, nein, sondern einfach und ohne Umschweife zu sagen, was Sie lustiger fnden: einen Schildkrtengang im Sumpf, oder mit Volldampf durch den Sumpf hindurch? Ich erklre mich positiv fr den Volldampf! rief der Gymnasiast begeistert. Ich auch! rief Lmschin. Bei solcher Wahl bleibt natrlich kein Zweifel ... meinte einer der Offiziere. Nach ihm stimmte noch jemand bei und dann noch jemand. Am meisten frappierte es alle, da Werchowenski mit Nachrichten hergekommen war und offenbar sofort reden wrde. Meine Herrschaften, ich sehe, da fast alle im Sinne der Proklamationen entscheiden, sagte er, whrend sein Blick alle Anwesenden berflog. Alle, alle! riefen die meisten. Ich mu gestehen, da ich eigentlich mehr fr eine humane Lsung bin, sagte der Major, da aber schon alle dafr stimmen, so halte auch ich mit. Es scheint also, da auch Sie nicht widersprechen? wandte sich Werchowenski an den lahmen Lehrer. Ich kann nicht sagen, da ich gerade ... erwiderte dieser zgernd und wurde ein wenig rot, aber wenn ich mich jetzt den anderen anschliee, so tue ich es nur, um nicht zu stren ... Na ja, so seid ihr ja alle! Seid bereit, ein halbes Jahr lang um der liberalen Redekunst willen zu streiten, und endet dann damit, da ihr euch blo >den anderen anschlietich denunziere nicht< -- vor Ihnen aber zu lgen fr unter seiner Wrde hlt. Doch wozu brauchen Sie mich, mich jetzt eigentlich? Was soll ich bei all dem? Nachdem ich aus dem Auslande zurckgekehrt bin, drngen Sie sich mir immer wieder auf. Das, womit Sie mir Ihr Benehmen bis jetzt erklrt haben, ist nur Fieberphantasie. Dabei wollen Sie, da ich, indem ich Lebdkin tausendfnfhundert Rubel einhndige, damit Ihrem Fedjka das Zeichen gebe, ihn zu erstechen. Ich wei, Sie denken, da ich zu gleicher Zeit auch meine Frau ermorden lassen will. Und wenn Sie mich dann mit einem Verbrechen an sich gebunden haben, so hoffen Sie, Macht ber mich zu bekommen -- ist es nicht so? Wozu aber wollen Sie diese Macht? Fr welch eine Teufelei in aller Welt brauchen Sie mich? Ich sage Ihnen ein fr allemal: machen Sie doch endlich einmal Ihre Augen auf und sehen Sie nher zu, ob ich berhaupt ein Mensch fr Sie bin, und lassen Sie mich dann endlich in Ruh! Fedjka ist selbst zu Ihnen gekommen? fragte Werchowenski beklommen. Ja, er ist selbst zu mir gekommen. Sein Preis ist gleichfalls genau tausend fnfhundert ... Da -- er kann es ja selbst besttigen, da ist er ja ... rief Stawrogin und streckte seine Hand gegen die Tr hin aus. Pjotr Stepanowitsch drehte sich schnell um. Auf der Schwelle stand, aus der Dunkelheit hervortretend, eine Menschengestalt -- Fedjka, im kurzen Pelz, doch ohne Mtze, ganz wie einer, der im Hause wohnt. Er stand da und lchelte, da man seine gleichmigen weien Zhne schimmern sah. Die schwarzen Augen mit dem gelben Zigeunerglanz huschten vorsichtig durch das Zimmer und gingen von einem zum anderen der Herren. Er schien irgend etwas nicht zu verstehen: wahrscheinlich hatte ihn Kirilloff herangewinkt, denn zu dem wandte sich immer wieder sein fragender Blick. Er blieb auf der Schwelle stehen und schien nicht eintreten zu wollen. Er ist hier wohl in Bereitschaft gehalten worden, um unseren ganzen Schacher mit anzuhren, vielleicht gar um das Geld gleich in Empfang zu nehmen -- ist's nicht so? fragte Stawrogin, und ohne die Antwort abzuwarten, verlie er das Haus. Werchowenski lief ihm sofort nach, und holte ihn noch bei der Hofpforte ein. Bleib! Keinen Schritt! rief er und packte ihn am Ellenbogen. Stawrogin ri seinen Arm zurck, konnte ihn jedoch nicht befreien. Da packte ihn die Wut und mit der linken Hand ergriff er Werchowenski bei den Haaren, schleuderte ihn mit aller Kraft zu Boden und trat dann hinaus auf die Strae. Aber noch war er nicht dreiig Schritt gegangen, als der andere ihn schon wieder einholte. Vershnen wir uns, vershnen wir uns, kam es in bebendem Flsterton, fast bettelnd, von seinen Lippen. Stawrogin zuckte mit der Schulter und ging weiter. Hren Sie, ich bringe morgen Lisaweta Nicolajewna zu Ihnen, wollen Sie? Nicht? Warum antworten Sie denn nicht? Sagen Sie nur, was Sie wollen, und ich tue es. Hren Sie: ich lasse Ihnen auch Schatoff, wollen Sie? Dann ist es also wahr, da Sie ihn wirklich ermorden wollten? Nun, wozu brauchen Sie Schatoff? Was haben Sie von ihm? fuhr atemlos schnell Werchowenski fort, indem er ihm bald in den Weg lief, bald wieder ihn am Ellenbogen ergriff, augenscheinlich, ohne sich dessen berhaupt bewut zu werden. Hren Sie: ich gebe Ihnen Schatoff, vershnen wir uns nur, vershnen wir uns! Ihre Rechnung ist gro, aber ... vershnen wir uns! Stawrogin sah ihn schlielich an und war betroffen. Das war nicht mehr derselbe Blick, nicht mehr dieselbe Stimme, wie sonst und wie noch dort im Zimmer. Das war fast ein ganz anderes Gesicht, das er da vor sich sah. Und auch die Stimme war eine ganz andere: Werchowenski flehte, winselte geradezu. Das war ja ein Mensch, dem man das Teuerste auf Erden nimmt, oder schon fortgenommen hat, und der noch nicht zur Besinnung gekommen ist. Was ist mit Ihnen geschehen? rief Stawrogin unwillkrlich. Werchowenski antwortete nicht und lief immer noch neben ihm her und sah mit demselben flehenden und doch gleichzeitig unnachgiebigen Blick zu ihm auf. Vershnen wir uns! flsterte er noch einmal. Hren Sie, ich halte wie Fedjka ein Messer im Stiefel bereit, aber -- ich will mich mit Ihnen vershnen! Zum Teufel, wozu brauchen Sie mich denn! Was wollen Sie von mir? rief Stawrogin in hellem Zorn, trotz seiner ganzen Verwunderung. Soll das etwa ewig ein Geheimnis bleiben? Bin ich denn ein Talisman fr Sie? Hren Sie, wir machen einen Aufruhr, redete der andere schnell und wirr, fast wie im Fieber. Sie glauben nicht, da wir einen Aufruhr machen? Wir werden einen solchen Aufruhr machen, da alles in den Grundfesten erbebt. Karmasinoff hat recht: es gibt nichts, woran man sich noch halten knnte. Karmasinoff ist sehr klug. Nur noch zehn solcher Gruppen in ganz Ruland, und ich bin nicht zu fangen. Und berall dieselben Dummkpfe! entfuhr es Stawrogin wider Willen. Oh, seien Sie selbst etwas dmmer, Stawrogin, seien Sie selbst etwas dmmer! Wissen Sie, Sie sind ja auch gar nicht so klug, da Sie dies noch wnschen sollten. Sie frchten sich, Sie glauben nicht daran, der Umfang schreckt Sie. Und warum sollen sie Dummkpfe sein? Dabei sind sie gar nicht mal solche Dummkpfe! Heutzutage hat niemand seinen eigenen Verstand. Heutzutage gibt es berhaupt furchtbar wenig eigenen Verstand. Wirginski ist der reinste Mensch, viel reiner als solche wie wir, zehnmal reiner. Doch lassen wir ihn beiseite, was geht er uns an. Liputin ist ein Spitzbube, aber ich kenne seine Achillesferse. Es gibt keinen Spitzbuben, der nicht eine Achillesferse htte. Nur Lmschin allein hat keine, dafr ist er ganz in meiner Hand. Und noch ein paar solcher Gruppen, und ich habe berall Psse und Geld -- beachten wir schon das allein! Wenn auch nur das allein! -- was? Dazu sichere Verstecke. Mgen sie dann suchen! _Eine_ Gruppe reit man heraus, und auf die andere setzt man sich ahnungslos. Wir wiegeln auf ... Hren Sie, wir machen einen Aufruhr ... Glauben Sie denn wirklich nicht, da wir zwei vollkommen gengen? Nehmen Sie Schigaleff, mich aber lassen Sie in Ruh ... Schigaleff ist ein genialer Mensch! Wissen Sie, das ist ein Genie _ la_ Fourier, nur mutiger als Fourier, nur strker als Fourier. Ich werde mich mit ihm beschftigen. Er hat die >Gleichheit< erdacht! -- Er hat offenbar Fieber und phantasiert. Es mu etwas ganz Besonderes mit ihm geschehen sein, dachte Stawrogin und sah ihn noch einmal von der Seite an. Sie gingen beide, ohne stehen zu bleiben. In seiner Schrift ist das eine gut, fuhr Werchowenski fort, er hat die Idee der Spionage. Bei ihm beobachtet innerhalb des Verbandes ein jeder den anderen, und ist verpflichtet, ihn ntigenfalls anzuzeigen. Jeder einzelne gehrt allen und alle jedem einzelnen. Alle sind Sklaven und in der Sklaverei einander gleich. In uersten Fllen Verleumdung und Mord, -- aber die Hauptsache: Gleichheit! Als erstes senkt sich dann das Niveau der Bildung, der Wissenschaft und der natrlichen, angeborenen Begabung. Ein hohes geistiges Niveau ist nur hheren Begabungen zugnglich -- wir aber brauchen keine hheren Begabungen! Hhere Begabungen haben stets die Macht an sich gerissen und waren Despoten. Hheren Begabungen ist es unmglich, nicht Despoten zu sein, und stets haben sie mehr demoralisiert als Nutzen gebracht; man verjagt sie deshalb oder man richtet sie hin. Cicero wird die Zunge abgeschnitten, Kopernikus werden die Augen ausgestochen und Shakespeare wird gesteinigt -- das ist der Schigalewismus! Sklaven mssen gleich sein: ohne Despotismus hat es noch nie weder Freiheit noch Gleichheit gegeben, in der Herde aber mu Gleichheit sein, und da haben Sie den Schigalewismus! Ha--ha--ha, Ihnen kommt das sonderbar vor? Ich bin fr den Schigalewismus! Stawrogin schritt schneller aus, um endlich nach Hause zu kommen. -- Wenn dieser Mensch betrunken sein sollte, wo hat er denn inzwischen trinken knnen? fuhr es ihm durch den Kopf. Sollte wirklich der eine Kognak --? Hren Sie, Stawrogin: Berge zur Ebene machen -- ist ein guter Gedanke, nicht ein lcherlicher. Ich bin fr Schigaleff! Bildung ist nicht ntig, von Wissenschaft haben wir genug! Auch ohne Wissenschaft reicht das Material fr tausend Jahre, aber zuerst mu sich der Gehorsam durchsetzen. Nur eines ist noch nicht genug vorhanden in der Welt -- und das ist Gehorsam. Jeder Bildungsdurst ist schon ein aristokratischer Trieb. Familie, Liebe -- das ist gleich schon Wunsch nach Eigentum. Wir bringen ihn um, den Wunsch: wir verbreiten Trunksucht, Klatsch, Angeberei; wir verbreiten unerhrte Demoralisation; wir ermorden jedes Genie schon als Kind. Alles wird auf einen Nenner gebracht, vollstndige Gleichheit durchgesetzt. >Wir haben ein Handwerk erlernt und wir sind ehrliche Leute, weiter brauchen wir nichts< -- diese Antwort haben krzlich englische Arbeiter gegeben. Unentbehrlich ist nur das Unentbehrliche, -- das sei die Devise des Erdballs von nun an. Aber auch Krmpfe sind ntig; dafr werden wir sorgen, die Regenten. Sklaven mssen Regenten haben. Vollkommener Gehorsam, vollkommene Unpersnlichkeit, aber einmal in jeden dreiig Jahren gnnt Schigaleff doch einen Krampf, und dann frit sich alles pltzlich gegenseitig auf, bis zu einer gewissen Grenze natrlich nur, einzig damit das Leben nicht zu langweilig wird. Langeweile ist eine aristokratische Empfindung; im Schigalewismus wird es keine Wnsche geben. Wnsche und Leiden fr uns, fr die Sklaven aber Schigalewismus. Sich selbst schlieen Sie aus? Und Sie. Wissen Sie, zuerst wollte ich die Welt dem Papst geben. Mag er sich barfu dem Pbel zeigen: >Seht, wozu man mich gebracht hat!< und alles wird ihm nachlaufen, sogar das Heer. Der Papst oben, wir um ihn herum und unter uns Schigalewismus. Nur mte sich die Internationale mit dem Papst einverstanden erklren; was sie auch tun wird. Der Alte selbst wird natrlich sofort einverstanden sein. Es wird ihm ja auch gar kein anderer Ausweg brigbleiben, behalten Sie mein Wort, ha--ha--ha, dumm? Sagen Sie, ist's dumm oder nicht? Genug, murmelte Stawrogin gergert. Genug! Hren Sie, ich habe den Papst Papst sein lassen! Zum Teufel mit dem Papst! Zum Teufel mit dem Schigalewismus! Wir brauchen die brennende Tagesfrage, aber nicht den Schigalewismus, denn der ist eine Juwelierarbeit. Schigalewismus ist ein Ideal, kommt erst fr die Zukunft in Frage. Schigaleff ist ein Juwelier und dumm wie jeder Philantrop. Doch zunchst tut grobe Arbeit not, Schigaleff aber verachtet die grobe Arbeit. Hren Sie, der Papst wird im Westen sein, bei uns aber, bei uns -- sind Sie! Lassen Sie mich in Ruh, Sie Betrunkener! murmelte Stawrogin und ging noch schneller weiter. Stawrogin, Sie sind schn! rief Pjotr Stepanowitsch fast wie in einem Rausch. Wissen Sie es auch selbst, da Sie schn sind? Das Teuerste an Ihnen ist, da Sie es zuweilen selbst gar nicht zu wissen scheinen, wie schn Sie sind. Oh, ich kenne Sie jetzt auswendig! Ich sehe Sie mir oft heimlich, von der Seite an, aus einem Winkel! In Ihnen ist sogar Treuherzigkeit und echte Einfalt -- wissen Sie das auch? Ja, noch, noch sind die in Ihnen! Sie leiden offenbar, und leiden aufrichtig, dank dieser Treuherzigkeit. Ich liebe die Schnheit! Ich bin ein Nihilist, aber ich liebe Schnheit! Lieben denn Nihilisten die Schnheit nicht? Die lieben doch blo Gtzen nicht, nun, ich aber liebe einen Gtzen! Und Sie, Sie sind mein Gtze! Sie krnken niemanden, und doch werden Sie von allen gehat. Sie sehen auf alle gleich und doch werden Sie von allen gefrchtet, und das ist gut. An Sie wird niemand herantreten, um Sie auf die Schulter zu klopfen. Sie sind ein furchtbarer, ein geborener Aristokrat. Wenn ein Aristokrat unter die Demokraten geht, ist er bezaubernd! Ihnen macht es nichts aus, das Leben zu opfern, Ihr eigenes ebenso wenig, wie das anderer Menschen. Sie sind genau so, wie er sein mu. Und ich, ich brauche gerade solch einen, wie Sie. Auer Ihnen wte ich keinen. Sie sind der Anfhrer, Sie sind Sonne, ich aber bin Ihr Wurm ... Und pltzlich kte er ihm die Hand. Kalt lief es Stawrogin ber den Rcken und entsetzt ri er seine Hand zurck. Sie blieben stehen. Wahnsinniger! murmelte Stawrogin. Vielleicht bin ich wahnsinnig, vielleicht phantasiere ich im Fieber! hastete Werchowenski weiter in seiner Rede, aber ich habe den ersten Schritt ausgedacht. Niemals kann Schigaleff den ersten Schritt ausdenken. Es gibt viele Schigaleffs! Aber nur ein einziger, ein einziger in ganz Ruland hat den ersten Schritt ausgedacht und wei, wie man ihn machen mu. Dieser Mensch bin ich. Warum sehen Sie mich so an? Ich brauche aber Sie, Sie, ohne Sie bin ich eine Null. Ohne Sie bin ich eine Fliege, eine Idee im Flschchen; ein Kolumbus ohne Amerika! Stawrogin stand und sah aufmerksam in Werchowenskis sinnlose Augen. Hren Sie, wir machen zuerst einen Aufruhr, eilte jener wie gehetzt weiter in seiner Rede, whrend er immer wieder Stawrogins linken rmel anfate. Ich habe Ihnen schon gesagt: wir dringen unmittelbar ins Volk. Wissen Sie auch, da wir auch jetzt schon furchtbar stark sind? Unser sind nicht nur die, die da brennen und morden, oder klassische Schsse abfeuern oder in Schultern beien. Solche stren nur. Ich verstehe nichts ohne Disziplin. Ich bin doch ein Betrger, aber kein Sozialist, ha--ha! Hren Sie, ich habe sie bereits alle zusammengezhlt: der Lehrer, der mit den Kindern ber ihren Gott und ber ihre Wiege lacht, ist schon unser. Der Advokat, der den gebildeten Mrder damit verteidigt, da der Mrder entwickelter gewesen ist, als seine Opfer und somit, um Geld zu bekommen, unmglich _nicht_ tten konnte, ist schon unser. Die Schuljungen, die einen Bauern tten, um zu sehen, was man dabei empfindet, sind unser. Die Geschworenen, die Verbrecher ohne Ausnahme freisprechen, sind unser. Unser sind Administratoren, Literaten, oh, unser sind viele, ihrer sind Legion, und sie wissen es selbst nicht einmal, da sie unser sind! Andererseits hat der Gehorsam der Schuljungen und Dummkpfe den hchsten Grad erreicht. Bei denen aber, die sie leiten und lehren sollten, ist nichts als Galle. berall grenzenlose Ruhmsucht, unerhrte, tierische Genusucht ... Wissen Sie berhaupt, wie viele wir allein schon mit fertigen Ideechen einfangen? Als ich Ruland verlie, wtete die These Littrs, nach der Verbrechen Wahnsinn ist. Ich komme wieder -- und schon ist das Verbrechen nicht mehr Wahnsinn, sondern gerade der wahre, der einzige Sinn, ist beinahe Pflicht oder zum mindesten ein edler Protest. -- >Wie soll denn ein geistig entwickelter Mensch nicht morden, wenn er Geld braucht?< -- Doch das sind erst kleine Prbchen. Der russische Gott hat vor dem Schnaps schon die Flucht ergriffen. Das Volk ist betrunken, die Mtter sind betrunken, die Kinder sind betrunken, die Kirchen sind leer und an den Gerichtshfen heit es: >zweihundert Rutenstreiche oder schlepp den Eimer<. Oh, gebt nur dieser Generation Zeit, aufzuwachsen! Der Jammer ist ja nur, da wir keine Zeit zum Warten haben, sonst knnten wir sie noch betrunkener werden lassen! Ein Jammer, da wir keine Proletarier haben! Aber wir werden sie schon bekommen, wir werden schon, denn dazu fhrt es ... Ein Jammer gleichfalls, da wir dmmer geworden sind, brummte Stawrogin und setzte seinen frheren Weg fort. Hren Sie, ich habe ein sechsjhriges Kind gesehen, das seine betrunkene Mutter nach Hause fhrte, und die schimpfte es noch mit gemeinen Worten. Sie glauben, da ich mich darber freue? Bekommen wir es in die Hnde, so werden wir es vielleicht auch gesund machen ... wenn es ntig ist, treiben wir es auf vierzig Jahre in die Wste hinaus ... Aber eine oder zwei Generationen mit unerhrter Sittenverderbnis sind jetzt unbedingt ntig: vertierte Sitten, gemeine, schndliche Sitten, so da der Mensch sich in einen einzigen widrigen, feigen, grausamen, selbstschtigen Ekel verwandelt -- das ist es, was ntig ist! Und dann ein bichen >frisches Blut<, damit er sich daran gewhnt. Warum lachen Sie? Ich widerspreche mir nicht. Ich widerspreche nur den Philantropen und dem Schigalewismus, aber nicht mir! Ich bin ein Betrger, aber kein Sozialist. Ha--ha--ha! Schade nur, da wir so wenig Zeit haben. Ich habe Karmasinoff versprochen, im Mai zu beginnen und zum Oktober zu beenden. Schnell -- wie? Ha--ha! Wissen Sie, was ich Ihnen sagen werde, Stawrogin: im russischen Volk hat es bis jetzt noch keinen Zynismus gegeben, wenn es sich auch mit gemeinen Worten zu schimpfen pflegte. Wissen Sie auch, da dieser leibeigene Sklave sich mehr achtete, als Karmasinoff sich achtet? Er wurde gedroschen, aber er stand fr seinen Gott ein, Karmasinoff aber steht nicht fr seinen Gott ein. Nun, Werchowenski, ich hre Sie zum ersten Male, und hre Sie mit Verwunderung, sagte Stawrogin, Sie sind also wirklich kein Sozialist, sondern ein politischer ... Streber? Ein Betrger, ein Betrger. Macht Ihnen das Sorge, was ich eigentlich bin? Ich werde Ihnen sogleich sagen, wer ich bin, darauf komme ich jetzt. Habe Ihnen doch nicht umsonst die Hand gekt. Aber es ist ntig, da auch das Volk es glaubt, da wir wissen, was wir wollen, und da jene nur mit der >Keule fuchteln und die Eigenen schlagen<. Ach, nur Zeit! Der einzige Jammer ist blo der, da wir keine Zeit haben! Wir verknden die Zerstrung ... warum nur, warum ist diese Idee so bezaubernd? Aber man mu, man mu die Knochen gelenkig machen. Wir legen Feuer an ... Wir verbreiten Legenden ... Hierbei wird uns jede kleine rudige >Gruppe<, jedes Hufchen zu statten kommen. Ich kann Ihnen aus diesen Gruppen solche Jger heraussuchen, die zu jedem Schu bereit sind und fr die Ehre noch ewig dankbar bleiben. Und dann beginnt der Aufruhr! Ein Schaukeln hebt an und gert in Schwung, wie's die Welt bisher noch nie gesehen hat! ... Verfinstern wird sich Ruland und weinen wird die Erde nach den alten Gttern ... Und dann, dann bringen wir ... Wen? Wen? Den Zarewitsch Iwan! We--en? Den Zarewitsch Iwan; Sie, Sie! Stawrogin dachte einen Augenblick nach. Einen Usurpator? fragte er pltzlich und sah mit tiefer Verwunderung den Verzckten an. Ah, also das ist Ihr Plan! Wir sagen zuerst, da er sich >verbirgt<, flsterte leise wie ein Liebesgestndnis Werchowenski, der in der Tat wie betrunken war. Wissen Sie auch, was dieses Wrtchen bedeutet: >er verbirgt sichAber er wird kommen, er wird kommen!< sagen wir. Die Legende, die wir verbreiten, wird besser sein, als die der Skopzen.[47] Er ist da -- aber noch hat ihn niemand gesehen. Oh, was fr eine Legende wir zuraunen knnen! Doch die Hauptsache -- eine neue Kraft kommt! Gerade die aber tut ja not, gerade nach einer solchen sehnt man sich ja weinend! Was ist denn der Sozialismus: er hat ja nur alte Krfte zerstrt, neue aber nicht gebracht. Hier dagegen ist's eine Kraft, und noch was fr eine! Eine noch nie dagewesene! Wir brauchen ja nur fr einmal den Hebel, um die Erde aufzuheben. Alles wird sich erheben! So haben Sie im Ernst auf mich gerechnet? fragte Stawrogin ironisch. Warum lachen Sie und warum lachen Sie so boshaft? Erschrecken Sie mich nicht. Ich bin jetzt wie ein Kind, man kann mich zu Tode erschrecken, schon allein mit solch einem Lcheln. Hren Sie, ich werde Sie niemandem zeigen, niemandem: so mu es sein. Er ist da, aber keiner hat ihn gesehen. Er verbirgt sich. Oder wissen Sie, einem kann man Sie auch zeigen, von je Hunderttausend nur einem. Und ber die ganze Erde hin wird es heien: >Wir haben ihn gesehen, gesehen!< Haben doch die Leute den Iwan Filippowitsch,[48] ihren Zebaoth, den Herrn der Heerscharen, >gesehen<, wie er im Wagen gen Himmel fuhr vor allen Menschen, haben es >mit _eigenen_ Augen gesehen<. Sie aber sind nicht nur ein Iwan Filippowitsch: Sie sind schn, sind stolz wie ein Gott, mit der Aureole des Opfers, wollen nichts fr sich selbst, und >verbergen< sich. Die Hauptsache ist die Legende! Sie werden alle besiegen, Sie sehen sie nur einmal an und siegen. Er bringt die neue Wahrheit und -- >verbirgt< sich. Und mittlerweile verbreiten wir ein paar Salomonische Aussprche. Haben ja die Gruppen, die >Fnfer< -- brauchen keine Zeitungen! Wenn von zehntausend Bitten nur eine einzige erfllt wird, so kommen alle mit Bitten. In jedem Kreise wird jeder Bauer wissen, da da in einem gewissen Baumstamm eine Hhlung ist, in die man Bittschriften hineinlegen kann. Und die ganze Erde jauchzt auf: >Das neue gerechte Gesetz kommt zu uns!< und das Meer gert ins Wogen und die Schaubude strzt, -- dann aber werden wir daran denken, wie wir ein steinernes Gebude errichten! Zum erstenmal! Denn bauen werden _wir_, nur wir, wir allein! Raserei! murmelte Stawrogin. Warum, warum wollen Sie nicht? Frchten Sie sich etwa? Ich habe doch gerade deshalb Sie erwhlt, weil Sie nichts frchten. Unvernnftig, wie? Aber ich bin doch vorlufig noch Kolumbus ohne Amerika -- ist denn Kolumbus ohne Amerika vernnftig? Stawrogin schwieg. Sie waren bei dem Hause angelangt und blieben an der Vorfahrt stehen. Hren Sie, Werchowenski beugte sich zu seinem Ohr, ich mache es Ihnen ohne Geld, morgen beende ich es mit Marja Timofejewna ... ohne Geld, und morgen noch bringe ich Ihnen Lisa. Wollen Sie Lisa, morgen noch? Sollte er wirklich verrckt geworden sein? fragte sich Stawrogin und lchelte. Die Tr ffnete sich. Stawrogin, ist Amerika unser? Werchowenski ergriff zum letztenmal seine Hand. Wozu? fragte Stawrogin ernst und streng. Keine Lust also! -- das konnte ich mir ja denken! stie Pjotr Stepanowitsch in einem wahren Wutanfall hervor. Aber das lgen Sie ja, Sie erbrmlicher, ausschweifender, brchiger Herrensohn, ich wei es besser: Sie haben sogar einen Wolfshunger danach! ... Begreifen Sie doch, da Ihre Rechnung jetzt schon viel zu gro ist! Und ich kann doch nicht auf Sie verzichten! Es gibt keinen anderen auf der Welt als nur Sie! Ich habe Sie mir schon im Auslande ausgedacht; hab's getan, indem ich Sie sah. Htte ich Sie nicht mit Augen gesehn, aus meiner Ecke, mir wre auch nichts in den Sinn gekommen! ... Stawrogin stieg, ohne zu antworten, die Stufen hinan. Stawrogin! rief ihm Werchowenski nach, -- ich gebe Ihnen noch einen Tag Bedenkzeit ... nun, zwei ... nun, meinethalben drei! ... Mehr als drei kann ich nicht, dann aber -- Ihre Antwort! Vierzehntes Kapitel. Wie Stepan Trophimowitsch beschlagnahmt wurde Inzwischen geschah bei uns etwas, das mich zunchst nur in Erstaunen versetzte, Stepan Trophimowitsch aber erschtterte. Eines Morgens, noch vor acht Uhr, kam Nastassja, Stepan Trophimowitschs Mdchen, atemlos zu mir gelaufen, mit der Nachricht, ihr Herr sei beschlagnahmt worden. Anfangs konnte ich aus ihren Reden berhaupt nicht klug werden, doch schlielich erfuhr ich immerhin, da Beamte in der Frhe zu ihm gekommen waren und Papiere beschlagnahmt hatten; diese hatte dann ein Soldat zu einem Bndel zusammengebunden und auf einer Schiebkarre weggeschleppt. Ich eilte sogleich zu meinem Freunde. Der befand sich in einer sonderbaren Verfassung: er war erschrocken und erregt, und schien doch zu gleicher Zeit zu triumphieren. Auf dem Tisch kochte der Samowar und daneben stand ein Glas Tee, das schon des lngeren eingegossen, doch noch nicht angerhrt war. Stepan Trophimowitsch ging hin und her, ging rund um den Tisch herum, ging in alle Winkel des Zimmers, doch augenscheinlich ohne sich ber seine Bewegungen Rechenschaft zu geben. Als ich kam, war er, wie vormittags gewhnlich, in seinem roten Morgenrock, doch diesmal ging er, kaum da er mich erblickt hatte, schnell ins andere Zimmer und zog sich Weste und Rock an -- was er sonst nie getan hatte, wenn ihn einer seiner nahen Freunde in diesem Morgenrock antraf. Er ergriff sofort erregt meine Hand. _Enfin un ami!_{[126]} (Er atmete tief auf.) _Cher_, ich habe nur zu Ihnen allein geschickt und sonst wei noch niemand etwas davon. Man mu Nastassja sagen, da sie die Tren schliet und keinen Menschen hereinlt, auer natrlich _jene_, falls sie ... _Vous comprenez?_{[111]} Er sah mich dabei unruhig an, als ob er eine Antwort erwartete. Selbstverstndlich begann ich ihn sofort nach dem Vorgefallenen auszufragen, und so erfuhr ich denn schlielich, nach zahllosen Unterbrechungen und unntzen Zwischenstzen, da um sieben Uhr morgens pltzlich ein Gouvernementsbeamter zu ihm gekommen war ... _Pardon, j'ai oubli son nom. Il n'est pas du pays_, aber ich glaube, Lembke hat ihn mitgebracht, _quelque chose de bte et d'allemand dans la physionomie. Il s'appelle_ Rosenthal.{[127]} Rosenthal? Hie er nicht Blmer? Blmer? Ja, richtig, Blmer hie er. _Vous le connaissez? Quelque chose d'hbt et de trs content dans la figure, pourtant trs svre, roide et srieux._{[128]} Ein Polizeimensch, aber einer von den Ergebenen, _je m'y connais_.{[129]} Ich schlief noch, und denken Sie sich, er bat mich, auf meine >Bcher und Manuskripte< einen Blick werfen zu drfen, _oui, je m'en souviens, il a employ ce mot_.{[130]} Er hat mich nicht arretiert, sondern nur die Bcher ... _Il se tenait distance_,{[131]} und als er seinen Besuch zu erklren begann, da sah er aus, als ob ich ... _enfin il avait l'air de croire que je tomberai sur lui immdiatement et que je commencerai le battre comme pltre. Tous ces gens du bas tage sont comme a_,{[132]} wenn sie es mit einem anstndigen Menschen zu tun haben. Natrlich begriff ich sofort alles. _Voil vingt ans que je m'y prpare!_{[133]} Ich ffnete vor ihm alle Schubfcher und bergab ihm alle Schlssel. Ich bergab sie selbst, ich habe ihm alles selbst bergeben. _J'tais digne et calme._{[134]} Von den Bchern nahm er die auslndische Ausgabe Herzens, ein gebundenes Exemplar der >Glocke<, vier Abschriften meiner Dichtung _et enfin tout a_.{[135]} Dann noch Papiere und Briefe _et quelques unes de mes bauches historiques, critiques et politiques_.{[136]} Das alles haben sie dann mitgenommen. Nastassja sagt, der Soldat habe es auf einer Schiebkarre fortgeschleppt und mit einer Schrze bedeckt. _Oui, c'est cela_,{[137]} mit einer Schrze. Das war ja Wahnsinn. Wer htte hier etwas begreifen knnen? Ich suchte Wesentlicheres aus ihm herauszubekommen. War Blmer ganz allein erschienen, oder waren, auer dem Soldaten, noch andere mit ihm gekommen? In wessen Namen? Mit welchem Recht? Wie hatte man so etwas wagen knnen? Womit hatte er es erklrt? _Il tait seul, bien seul_, brigens war noch jemand _dans l'antichambre, oui, je m'en souviens, et puis_{[138]} ... brigens, ich glaube, es war auerdem noch jemand da, und im Vorzimmer stand eine Wache. Man mu Nastassja fragen. Die hat das alles besser gesehen. _J'tais surexcit, voyez-vous. Il parlait, il parlait ... un tas de choses_{[139]} ..., brigens, nein, er sprach sehr wenig, ich war es eigentlich, der immer sprach ... Ich habe ihm mein ganzes Leben erzhlt, natrlich nur unter diesem Gesichtswinkel ... _J'tais surexcit, mais digne, je vous l'assure._{[140]} Ich frchte brigens, da ich, ich glaube wenigstens, geweint habe. Die Schiebkarre haben sie vom Krmer nebenan genommen ... Aber wie hat sich das alles nur zutragen knnen! So sprechen Sie doch um Gottes willen etwas genauer, Stepan Trophimowitsch. Das ist doch ein Traum, den Sie da erzhlen! _Cher_, ich bin auch selbst noch wie im Traum ... _Savez-vous! Il a prononc le nom de Teliatnikoff_,{[141]} und ich glaube, gerade dieser war es, der sich im Vorzimmer versteckte. Ja, da fllt mir ein, er schlug einen Zeugen vor, und ich glaube, eben diesen Dmitri Mitritsch ... _qui me doit encore quinze roubles de Whist, soit dit en passant. Enfin, je n'ai pas trop compris._{[142]} Aber ich war noch schlauer als sie, und was geht mich Dmitri Mitritsch an! Ich habe, glaube ich, sehr gebeten, da niemand etwas davon erfahre, sehr gebeten, sehr, frchte sogar, da ich mich erniedrigt habe, _comment croyez-vous? Enfin il a consenti_{[143]} ... Nein, warten Sie, da fllt mir ein, das war er selbst, der darum bat, denn er sei nur gekommen, um zu >besehen<, sagte er, _et rien de plus_,{[144]} und weiter nichts ... und da, falls man nichts findet, auch nichts weiter geschehen wird. So haben wir denn auch alles beendet _en amis, et je suis tout--fait content_.{[145]} Aber ich bitte Sie, er hat Ihnen doch einfach die in solchen Fllen blichen Garantien angeboten, und Sie -- Sie haben ihn noch selbst davon abgebracht! rief ich in freundschaftlichem Unwillen. Nein, es ist schon besser so, ohne Garantien. Und wozu ein Skandal? Lieber so lange es noch geht _en amis_ ... Sie wissen doch, wenn man in der Stadt erfhrt ... _mes ennemis ... et puis quoi bon ce procureur, ce cochon de notre procureur, qui deux fois m'a manqu de politesse et qu'on a ross plaisir l'autre anne chez cette charmante et belle Natalia Pawlowna, quand il se cacha dans son boudoir. Et puis, mon ami_,{[146]} widersprechen Sie mir nicht und entmutigen Sie mich nicht, ich bitte Sie, denn es gibt nichts Unertrglicheres, als wenn ein Mensch schon unglcklich ist und ihm dann hundert Freunde sofort noch erklren, wie dumm er gehandelt hat. Setzen Sie sich und trinken Sie Tee. Ich mu gestehen, ich bin sehr mde geworden ... sollte ich mich nicht hinlegen und eine Essigkompresse machen? Was meinen Sie? Aber selbstverstndlich, sagte ich, und besser noch eine mit Eis. Sie sind sehr aufgeregt. Sie sind ja ganz bleich und Ihre Hnde zittern. Legen Sie sich hin, erholen Sie sich und sprechen Sie vorlufig nicht. Ich werde mich zu Ihnen setzen und warten. Und nachher knnen Sie mir dann alles erzhlen. Doch er konnte sich noch nicht entschlieen, sich hinzulegen, ich aber bestand darauf. Nastassja brachte Essig in einer Tasse, ich feuchtete ein Handtuch damit an, das ich ihm dann auf den Kopf legte. Darauf kletterte Nastassja auf einen Stuhl und schickte sich zu meiner nicht geringen Verwunderung an, in der Ecke vor dem Heiligenbilde das Lmpchen anzuznden. Noch nie hatte ich frher ein Lmpchen bei ihm gesehen und nun war es pltzlich da und wurde sogar angezndet. Das habe ich vorhin angeordnet, gleich nachdem sie fortgegangen waren, sagte Stepan Trophimowitsch leise zu mir und sah mich dabei schlau an, _quand on a de ces choses-l dans sa chambre et qu'on vient vous arrter_,{[147]} so macht das unbedingt einen guten Eindruck und die mssen dann doch aussagen, da sie gesehen haben ... Als Nastassja mit dem Lmpchen fertig war, ging sie zur Tr, blieb aber dort stehen, legte mitleidig die rechte Hand an die Wange und begann, ihn mit bekmmertem Blick anzusehen. _Eloignez-la_ unter irgendeinem Vorwand, winkte er mir vom Diwan zu. Kann dieses russische Mitleid nicht ausstehen, _et puis a m'embte_.{[148]} Doch sie ging schon von selbst hinaus. Es fiel mir auf, da er immer wieder zur Tr blickte und zum Vorzimmer hinhorchte. _Il faut tre prt, voyez-vous_, (er sah mich dabei bedeutungsvoll an) _chaque moment_{[149]} knnen sie kommen, einen festnehmen und huitt -- weg ist ein Mensch! Herrgott! Wer kann kommen? Wer kann Sie festnehmen? _Voyez-vous, mon cher_,{[150]} ich habe ihn ganz einfach gefragt, als er schon fortgehen wollte: was wird man jetzt mit mir machen? Htten Sie doch lieber gleich gefragt, wohin man Sie verschicken will! rief ich unwillig. Das meinte ich ja auch damit, aber er ging fort und sagte nichts. _Voyez-vous_: was die Wsche anbetrifft, die Kleider, die warmen Kleider besonders, ich glaube, das kann man schon mitnehmen, denke ich, doch vielleicht schicken sie einen auch im Soldatenmantel fort. Aber ich habe fnfunddreiig Rubel (er senkte pltzlich die Stimme und blickte ngstlich nach der Tr, durch die Nastassja hinausgegangen war) heimlich durch die Westentasche, die ich ein bichen aufgeschnitten habe, in die Weste hineingesteckt, sehen Sie hier, fhlen Sie ... Ich glaube, die Weste werden sie mir doch nicht ausziehen, u--und zum Schein habe ich in mein Portemonnaie sieben Rubel gelegt >alles, sozusagen, was ich habe<. Und hier im Tisch ist noch Kleingeld und Kupfergeld, so da sie gar nicht auf den Gedanken kommen werden, da ich noch Geld versteckt habe. Sie werden glauben, das sei wirklich alles. Denn Gott mag wissen, wo ich heute noch nchtigen werde. Mir sank der Kopf auf die Brust ob solchem Wahnsinn. So, wie er es wiedergab, konnte man doch weder einen Menschen verhaften, noch Haussuchungen vornehmen. Da er sich irgendwie tuschte, auch ber das, was geschehen war, daran zweifelte ich jetzt nicht mehr. Allerdings hatte man ihm (nach seinen eigenen Worten) ein gesetzmigeres Vorgehen zugedacht, er aber war _noch schlauer_ gewesen und hatte das selbst verhindert ... Freilich geschah das damals noch vor den neuen diesbezglichen Gesetzen ... und freilich durfte damals, also noch vor kurzem, der Gouverneur in uersten Fllen ... Aber was konnte denn hier fr ein uerster Fall vorliegen? Es ist bestimmt ein Telegramm aus Petersburg gekommen, sagte pltzlich Stepan Trophimowitsch. Ein Telegramm! Ihretwegen? Weil Sie Herzens Bcher besitzen? Oder gar wegen Ihres Poems? Sie scheinen ja wirklich krank zu sein -- was fr einen Grund kann man denn deshalb haben, _Sie zu arretieren_? Wer kann das wissen, in unserer Zeit, warum man arretiert wird? flsterte er rtselhaft. Ein unglaublicher, unmglicher Gedanke fuhr mir durch den Kopf. Stepan Trophimowitsch, sagen Sie mir jetzt einmal wie einem Freunde, rief ich, wie einem aufrichtigen, treuen Freunde, ich werde Sie nicht verraten: gehren Sie nicht irgendeinem geheimen Verbande an? Und da antwortete er mir zu meiner Verwunderung keineswegs sicher und bestimmt, ob er zu solch einem geheimen Verbande gehrte oder nicht gehrte. Ich wurde nicht klug daraus. Ja, _voyez-vous_, es kommt darauf an, wie man's nimmt. _Voyez-vous_ ... Wie man was >nimmtan der Nase<, aber wahr ist es doch! ... Nein, meine Gndige, jetzt ist der Augenblick gekommen. Jetzt handelt es sich nicht mehr um spttisches Lcheln und Weiberkoketterie. Wir sind jetzt nicht im Boudoir einer Zierdame, sondern wir sind wie zwei abstrakte Wesen im ... sagen wir in einem Luftballon, um uns die Wahrheit zu sagen. (Er verhaspelte sich natrlich ein wenig, doch das machte weiter nichts, da er nicht immer den richtigen Ausdruck fr seine an sich ganz richtigen Gedanken fand.) Sie, meine Gndige, Sie sind es, die mich aus meinem frheren Stande herausgerissen hat. Diesen Posten habe ich nur Ihretwegen angenommen, um Ihren Ehrgeiz zu befriedigen ... Sie lcheln spttisch? Triumphieren Sie nicht, noch ist es dazu zu frh! Wissen Sie, meine Gndige, ich knnte mit diesem Posten vorzglich fertig werden, und nicht nur mit diesem allein, sondern noch mit weiteren zehn, denn ich besitze Fhigkeiten ... aber mit Ihnen, meine Gndige, in Ihrer Gegenwart -- kann man mit _nichts_ fertig werden, mit Ihnen zusammen, meine Gndige, habe ich keine Fhigkeiten mehr! Zwei Mittelpunkte knnen nicht nebeneinander sein. Sie aber haben zwei zustande gebracht -- einen bei mir und den anderen bei sich im Boudoir -- zwei Zentren der Macht, meine Gndige: aber ich werde das nicht mehr erlauben, hren Sie, ich werde das nicht lnger dulden!! Im Dienst wie in der Ehe ist nur ein Zentrum mglich, zwei aber sind ein Ding der Unmglichkeit ... Womit lohnen Sie es mir? rief er pltzlich gereizt. Unsere Ehe bestand bis jetzt nur darin, da Sie mir tglich, stndlich bewiesen, da ich nichtig, dumm und sogar gemein sei, und da ich die ganze Zeit gezwungen war, Ihnen erniedrigenderweise zu beweisen, da ich nicht nichtig und gar nicht dumm bin und, was die Gemeinheit angeht, sogar alle durch meinen Edelmut in Erstaunen setze. Sagen Sie mir doch bitte: ist das denn nicht erniedrigend? und zwar fr beide Teile? Hier begann er mit beiden Fen auf dem Teppich zu trampeln, so da Julija Michailowna gezwungen war, sich in strenger Wrde aufzurichten. Da wurde er sofort ganz still, verfiel aber nun ins Gefhlvolle und begann zu schluchzen (jawohl, zu schluchzen) und schlug sich vor die Brust, und das dauerte wohl ganze fnf Minuten, whrend welcher Zeit das unerschtterliche Schweigen seiner Gattin ihn vollends um seine Fassung brachte, -- bis er schlielich das Falscheste tat, was er tun konnte: er gestand ihr, da er auf Pjotr Stepanowitsch eiferschtig war. Doch fast im selben Augenblick erriet er schon, da er damit eine grenzenlose Dummheit begangen hatte, und wurde geradezu tierisch wild. Im Jhzorn schrie er alles Mgliche, schrie Ich erlaube nicht, Gott zu verstoen! werde Ihren unverzeihlichen gottlosen Salon in alle Winde auseinanderjagen! ein Gouverneur mu an Gott glauben und folglich auch seine Frau! Sie, Sie, meine Gndige, gerade Sie mten schon um der eigenen Wrde willen fr Ihren Mann stehen, selbst wenn er gar keine Fhigkeiten htte (dabei habe ich aber Fhigkeiten!) und whrenddessen sind gerade Sie der Grund, da man mich hier verachtet, gerade Sie haben diese Auffassung von mir allen beigebracht! ... Er schrie, er werde die ganze Frauenfrage vernichten, er werde dieses bldsinnige Fest fr die Gouvernanten -- die der Teufel holen solle! -- morgen noch untersagen, und die erste Gouvernante, die ihm in den Weg komme, von Kosaken aus dem Gouvernement jagen lassen. Absichtlich, absichtlich! schrie er. Wissen Sie auch, da Ihre Nichtsnutze die Fabrikarbeiter aufhetzen und da ich das wei? Wissen Sie auch, da diese selben jungen Leute _absichtlich_ Proklamationen verbreiten, ab--sicht--lich!? Wissen Sie auch, da ich die Namen von vier solchen Banditen kenne und da ich den Verstand verliere, endgltig, endgltig den Verstand!!! ... Nun aber brach Julija Michailowna pltzlich ihr Schweigen und erklrte streng, sie wte selbst schon lngst, was fr verbrecherische Absichten gehegt wrden, da aber dies alles nur Dummheiten seien, die er viel zu ernst nhme, und was die unartigen Jungen betrfe, so kenne sie nicht nur vier Namen, sondern alle. (Das log sie.) Im brigen aber habe sie deswegen noch lange nicht die Absicht, ihren Verstand zu verlieren, an den sie jetzt mehr denn je glaube, und ihr groes Ziel sei, alles in Harmonie aufzulsen: die Jugend zu ermutigen, sie zur Einsicht zu bringen, pltzlich und unerwartet diesen Jnglingen zu erffnen, da alle ihre Absichten bereits bekannt seien, und sie dann auf neue Ziele und eine vernnftige, segensreiche Ttigkeit hinzuweisen. Doch was geschah nun mit Andrei Antonowitsch! Als er erfuhr, da Pjotr Stepanowitsch ihn wieder bertlpelt und sich offen ber ihn lustig gemacht, da er ihr weit mehr und viel frher als ihm alles mitgeteilt hatte, und schlielich, da vielleicht gerade Pjotr Stepanowitsch der Urheber aller verbrecherischen Absichten war -- da geriet er einfach auer sich. So wisse denn, du einfltiges, hmisches Frauenzimmer, schrie er, gleichsam alle Ketten sprengend, wisse denn, da ich deinen verchtlichen Liebhaber im Augenblick noch verhaften lasse, ihn in Ketten lege und in eine Kasematte werfe, oder -- sofort unter deinen Augen aus dem Fenster auf die Strae springe! Auf diese Tirade aber antwortete Julija Michailowna, fahl vor rger, mit einem langen, hellen Gelchter, einem Gelchter mit Abstufungen und Anschwellungen, genau, aber genau so wie im franzsischen Theater die fr hunderttausend Francs engagierte Pariser Schauspielerin zu lachen pflegt, wenn ihr Mann es wagt, sie der Untreue zu verdchtigen. Von Lembke strzte zum Fenster, pltzlich aber blieb er wie angewachsen stehen, faltete die Hnde auf der Brust und blickte sich totenbleich mit Unheil verkndendem Blick nach der Lachenden um: Weit du, weit du, Jul ... murmelte er atemlos, mit beschwrender Stimme, weit du, ich kann mir wirklich etwas antun! Aber dem neuen, noch strkeren Gelchter, das diesen Worten folgte, hielt er nicht mehr stand: er bi die Zhne zusammen, sthnte und pltzlich strzte er sich -- nicht aus dem Fenster, sondern -- auf seine Frau, ber der er die Faust erhob! Doch er lie sie nicht sinken, nein, dreimal nein; aber er verging auf der Stelle. Ohne die Fe unter sich zu spren, strzte er in sein Zimmer, wo er sich, so wie er war, in den Kleidern auf das Bett warf und den Kopf in die Decke wickelte. So lag er zwei Stunden lang -- ohne Schlaf, ohne Gedanken, mit einem Stein auf dem Herzen und mit stumpfer, unbeweglicher Verzweiflung in der Seele. Hin und wieder erschauerte er am ganzen Krper unter einem qulenden Schttelfrost. Gedanken hatte er nicht, doch fielen ihm allerhand unzusammenhngende Sachen ein, die mit seinem jetzigen Zustande nichts zu tun hatten: so dachte er zum Beispiel an eine alte Wanduhr, die er vor fnfzehn Jahren in Petersburg besessen hatte und von der der groe Zeiger abgefallen war ... oder an seinen lustigen Freund Milbois -- wie dieser einmal mit ihm im Alexanderpark einen Sperling gefangen und darauf furchtbar ber diesen Jungenstreich gelacht hatte, als es ihnen pltzlich einfiel, da der eine von ihnen schon Kollegien-Assessor war. Erst gegen sieben Uhr morgens schlief er langsam ein, ohne es selbst zu merken, und schlief ruhig und mit wundervollen Trumen. Erst gegen zehn Uhr erwachte er, besann sich, sprang pltzlich wild auf und schlug sich mit der Hand vor die Stirn: jh war ihm alles wieder eingefallen. Weder das Frhstck, noch Blmer, noch der Polizeimeister, noch Beamte mit Meldungen wurden vorgelassen, von all dem wollte er nichts mehr wissen -- lief vielmehr wie von Sinnen in die Gemcher seiner Frau. Dort aber sagte ihm Sophia Antropowna, eine adlige alte Frau, die schon lange bei Julija Michailowna lebte, da diese bereits vor einer Stunde mit einer ganzen Gesellschaft, in nicht weniger als drei Equipagen, nach Skworeschniki zu Warwara Petrowna Stawrogina gefahren sei, um dort die Sle zu besichtigen, da man das zweite Fest, das in zwei Wochen stattfinden sollte, dort zu arrangieren beabsichtigte, und der heutige Besuch schon vor drei Tagen mit Warwara Petrowna verabredet worden war. Bestrzt kehrte Andrei Antonowitsch in sein Arbeitszimmer zurck und befahl sofort, die Pferde anzuschirren. Kaum hielt er es aus, so lange zu warten, bis der Wagen vorfuhr. Seine Seele sehnte sich nach Julija Michailowna -- nur sehen wollte er sie, nur ein paar Minuten lang bei ihr sein! Vielleicht wird sie ihm einen Blick schenken? ihm zulcheln wie frher? und ihm verzeihen? Oh -- oh! Wo bleiben denn die Pferde! Mechanisch schlug er ein dickes Buch auf, das auf dem Tisch lag (es kam vor, da er zuweilen so ein Buch befragte, indem er es aufs Geratewohl aufschlug und dann auf der rechten Seite die ersten drei Zeilen las). Sein Blick fiel auf den Satz: _Tout est pour le mieux dans le meilleur des mondes possibles._{[165]} _Voltaire_, _Candide_. Er spuckte wtend aus und eilte die Treppe hinab zum vorgefahrenen Wagen. Nach Skworeschniki! befahl er. Der Kutscher erzhlte spter, der Herr habe ihn die ganze Zeit zu schnellerem Fahren angetrieben, bis er pltzlich, als sie sich dem Herrenhause nherten, befahl, umzukehren und in die Stadt zurck zu fahren. Schneller, schneller! habe er auch dann noch ununterbrochen gerufen. Doch als wir uns dem Stadtwall nherten, erzhlte der Kutscher, da befahl der Herr, wieder anzuhalten, stieg dann aus und ging aufs Feld, ich dachte ... aus irgendeinem Grunde ... -- aber nein, er blieb mitten im Feld stehen und begann die Blmchen zu besehen ... so stand er dann lange Zeit, so da ich gar nicht mehr wute, was ich denken sollte. Ich erinnere mich noch des Wetters an jenem Morgen: es war ein kalter und klarer, doch windiger Septembertag. Vor Andrei Antonowitsch, der vom Wege aufs Feld getreten war, lag die herbe Landschaft der kahlen Felder, von denen das Getreide schon lngst fortgeschafft war; der rauschende Wind schaukelte noch hier und da armselige Stiele vergilbter Feldblumen ... Wollte er vielleicht sich und sein Schicksal mit den sprlichen, von Wind und Frost schon siechen und zerzausten Feldblumen vergleichen? Das glaube ich nicht. Ja, ich bin sogar berzeugt, da Lembke die Blumen kaum bemerkt hat, da er vielmehr alles, was er tat, ganz gedankenlos tat. Doch was man jedenfalls mit Sicherheit wei, ist nur, da jener Polizeioffizier des ersten Stadtreviers, der ihm mit dem Wagen des Polizeimeisters nachgeschickt ward, den Gouverneur unterwegs tatschlich mit einem Strau gelber Blmchen in der Hand antraf. Dieser Polizeioffizier, -- Wassilij Iwanowitsch Flibustjeroff mit Namen, ein Beamter mit Begeisterung fr seinen Beruf -- war auch erst seit kurzer Zeit in unserer Stadt, doch hatte er sich nichtsdestoweniger durch seinen unmigen Diensteifer und seinen angeboren unnchternen Zustand schon allgemein bekannt gemacht. Kaum hatte er den Gouverneur erblickt, als er sofort aus dem Wagen sprang, um, ohne Rcksicht auf das Blumenbukett, sofort zu melden: Exzellenz, in der Stadt ist Aufruhr. Wie? fragte Andrei Antonowitsch, mit strengem Gesicht sich umwendend, doch ohne jedes Erstaunen, ganz wie er gewhnlich in seinem Kabinett zu fragen pflegte. Pristaff des ersten Reviers, Flibustjeroff, Exzellenz. In der Stadt ist Aufruhr! Flibustier? wiederholte Andrei Antonowitsch nachdenklich. Zu Befehl, Exzellenz. Die Spigulinschen sind aufstndisch. Die Spigulinschen! ... Irgendetwas schien ihm beim Namen Spigulin einzufallen. Er zuckte sogar zusammen und legte den Zeigefinger an die Stirn: Die Spigulinschen! Schweigend und immer noch nachdenklich ging er, ohne sich zu beeilen, zum Wagen zurck, setzte sich und befahl, nach der Stadt zu fahren. Flibustjeroff fuhr im Wagen des Polizeimeisters hinter ihm her. Ich glaube, Lembke wird unterwegs unklar an sehr verschiedene Sachen gedacht haben: doch es ist kaum anzunehmen, da er, als er in die Stadt einfuhr, irgend eine bestimmte Absicht gehabt, noch sich eine Vorstellung von dem gemacht habe, was geschehen war. Als er aber pltzlich auf dem Platz vor dem Gouvernementsgebude die fest und ruhig wartenden Aufstndischen, die Reihe der Polizisten und den machtlosen -- vielleicht auch absichtlich machtlosen -- Polizeimeister erblickte, da strmte ihm alles Blut zum Herzen. Totenbleich stieg er aus dem Wagen. Die Mtzen ab! sagte er kaum hrbar und atemlos. Auf die Kniee! rief er dann pltzlich laut -- am unerwartetsten wohl fr ihn selbst. Und vielleicht war es gerade diese erschreckende berraschung, die alles Weitere von selbst nach sich zog, wie auf den Rutschbergen in der Fastnachtswoche ein Schlitten, der schon hinabsaust, nicht mehr mitten auf der Strecke stehenbleiben kann. Andrei Antonowitsch hatte sich stets durch Geistesgegenwart ausgezeichnet; fr solche Menschen aber ist es am gefhrlichsten, wenn es einmal geschieht, da ihr Schlitten sich auf irgendeine Weise losreit und den Berg hinabsaust. Als Lembke aus dem Wagen stieg, drehte sich alles vor seinen Augen. Flibustier! rief er noch schneidender, fast kreischend und ganz sinnlos, und seine Stimme brach pltzlich ab. Er stand und wute noch nicht, _was_ er tun wrde, doch fhlte er mit jeder Fiber, _da_ er sofort irgend etwas tun werde. Herrgott! hrte man das Volk murmeln. Ein Arbeiter bekreuzte sich, drei, vier wollten tatschlich niederknieen, doch da schoben sich die anderen als ganze Schar um einige Schritte vor, und pltzlich fingen sie alle auf einmal zu sprechen an: Exzellenz ... General ... riefen sie durcheinander, wir haben uns verdingt zu vierzig ... der Direktor ... kannst du nicht ein Wort einlegen ... usw., usw. Man konnte nichts verstehen. Der arme Andrei Antonowitsch von Lembke stand wie betubt da, begriff nichts und hielt immer noch die Blmchen in der Hand. Den Aufruhr glaubte er jetzt ebenso deutlich vor Augen zu sehen, wie Stepan Trophimowitsch schon den Bauernschlitten sah, der ihn nach Sibirien bringen sollte. Und zu alledem kam fr ihn jetzt noch, da er zwischen der Menge der Aufstndigen, die ihn alle mit Glotzaugen anstarrten, pltzlich Pjotr Stepanowitsch nur so hin und herspringen und die Leute aufwiegeln sah, diesen unseligen Pjotr Stepanowitsch, den Lembke seit dem vergangenen Tage nicht einmal auf eine Minute vergessen konnte, den er stndig vor Augen hatte, diesen von ihm so gehaten Pjotr Stepanowitsch. Ruten! schrie von Lembke pltzlich noch berraschender. Totenstille trat ein. Das war der Anfang -- wenigstens soweit mir alles Nhere bekannt geworden ist und soweit ich selbst manches mir zu erklren vermag. Doch die weiteren Begebenheiten sind schon viel weniger verbrgt, und auch ich vermag mir manches nicht recht zu deuten. brigens gibt es noch einige Tatsachen. Doch vor allen Dingen kamen die Ruten gar zu schnell: sie waren augenscheinlich vom ahnungsvollen Polizeimeister schon whrend der Wartezeit vorbereitet worden. Dann aber wurden nur zwei, hchstens drei, doch bestimmt nicht mehr, mit Ruten bestraft. Rein erfunden ist es, da alle oder die Hlfte der Arbeiter durchgeprgelt worden seien. Nicht wahr ist gleichfalls, da man eine anstndige vorbergehende Dame ergriffen und gleichfalls durchgeprgelt habe, wie spter eine Petersburger Zeitung zu berichten wute. Viel wurde ferner von einer Awdotja Petrowna Tarapygina gesprochen, einer alten Frau aus dem Armenhause, von der es hie, sie habe, als sie auf dem Heimwege von einem Besuch in der Stadt auf dem Platz die Menschenmenge erblickte, sich in verstndlicher Neugier vorgedrngt, und als sie sah, was da geschah, solch eine Schmach! ausgerufen und dazu ausgespieen. Und dafr, so hie es, hatte man sie sofort gleichfalls beschlagnahmt. Dieser Fall wurde nicht nur in den Zeitungen erwhnt, sondern man begann im Eifer sogar schon fr sie zu sammeln. Auch ich habe zwanzig Kopeken gestiftet. Doch nun hat es sich herausgestellt, da es eine solche Tarapygina hier berhaupt nicht gibt! Ich habe mich noch persnlich im Armenhause am Kirchhof nach ihr erkundigt: dort hat man von einer Tarapygina nie auch nur etwas gehrt, ja, man war sogar richtig beleidigt, als ich zur Aufklrung der Sache das erwhnte Gercht mitteilte. Wenn ich nun dieses leere Gerede hier berhaupt wiedergebe, so tue ich es nur deshalb, weil mit Stepan Trophimowitsch beinahe dasselbe geschah (d. h. falls jene Geschichte nicht frei erfunden gewesen wre). Vielleicht aber ist diese ganze Geschichte von der Tarapygina nur durch Stepan Trophimowitsch entstanden, oder genauer ausgedrckt, durch einen kleinen Vorfall, den er heraufbeschwor. Es ist mir auch heute noch nicht klar, wie es geschah, da Stepan Trophimowitsch mir pltzlich abhanden kam, kaum da wir auf dem Platz vor dem Gouvernementsgebude anlangten. Mir ahnte sogleich nichts Gutes und ich wollte ihn auf einem anderen Wege, nicht ber den Platz, hinfhren, doch aus Neugier blieb ich einen Augenblick stehen, um mich bei einem Bekannten zu erkundigen, was hier vorging, -- und da war Stepan Trophimowitsch pltzlich verschwunden. Mein Instinkt sagte mir sofort, da er bestimmt an der gefhrlichsten Stelle am ehesten zu finden sein werde, denn aus einem ungewissen Grunde fhlte ich, da auch bei ihm der Schlitten sich losgerissen hatte und nun den Rutschberg hinabflog. Und richtig: er war schon mitten in der Menge. Ich wei noch, ich erfate schnell seine Hand, doch er sah mich still und stolz, mit unermelicher berlegenheit an. _Cher_, sagte er mit einer Stimme, in der etwas wie eine gesprungene Saite klang, wenn man schon ffentlich hier auf dem Platz so zeremonielos verfhrt, was soll man dann noch von _diesem_ erwarten ... wenn er selbstndig handeln drfte? Und er wies zitternd vor Unwillen, mit dem heien Verlangen, jemanden herauszufordern, auf den zwei Schritt vor uns stehenden und uns anstarrenden Flibustjeroff. _Diesem?_ rief Flibustjeroff sofort zornbebend und es wurde ihm offenbar dunkel vor den Augen. Was fr einen >diesenVerzeihen Sie ... ich habe mich geirrt, das war ein Miverstndnis, nur ein Miverstndnis.< Und als der Beleidigte darauf immer noch gekrnkt war und seiner Emprung Ausdruck gab, da sagte er schlielich rgerlich: >Aber ich versichere Ihnen doch, da das ein Miverstndnis war, was schreien Sie hier denn noch_Merci_<. Er kndet in dieser Arbeit an, da er knftig nichts mehr schreiben werde, unter keiner Bedingung, fr keinen Preis, selbst dann nicht, wenn ein Engel vom Himmel kme und ihn bte, den unwiderruflichen Entschlu aufzugeben. Mit einem Wort, er legt jetzt die Feder fr immer aus der Hand. Und dieses grazise >_Merci_< ist an das Publikum gerichtet, ist sein Dank fr die unermdliche Begeisterung, mit der es so viele Jahre lang seine treue Arbeit fr den russischen Gedanken begleitet hat. Julija Michailowna war auf der Hhe der Seligkeit. Ja, ich verabschiede mich, ich sage mein >_Merci_< und reise dann weg, und dort ... in Karlsruhe ... werde ich meine Augen schlieen, bemerkte Karmasinoff, den das Mitleid mit sich selbst mehr und mehr ergriff. Wie so viele unserer groen Schriftsteller (und wir haben ungeheuer viel groe Schriftsteller) konnte er Lobsprche nicht gleichmtig hinnehmen, sondern wurde ungeachtet seines ganzen Scharfsinnes sofort schwach und weich. Aber ich denke, das ist am Ende verzeihlich. Erzhlt man doch, da einer von unseren Shakespeares in einem Privatgesprch ganz offen gesagt habe: Ja, wir _groen Mnner_, wir usw., und zwar ohne da es ihm selbst aufgefallen wre. Ja, dort in Karlsruhe schliee ich dann fr immer meine Augen. Uns groen Mnnern bleibt ja nichts anderes brig, als, nachdem wir unser Werk getan, schnell die Augen zu schlieen, ohne noch lange auf Dank zu warten. So werde auch ich es denn machen. Geben Sie mir Ihre Adresse, damit ich nach Karlsruhe zu Ihrem Grabe pilgern kann! rief der Deutsche und lachte selbst malos laut darber. Jetzt kann man Tote auch mit der Eisenbahn versenden, sagte pltzlich einer der unbedeutenderen jungen Herren. Lmschin quiekte nur so vor Vergngen. Julija Michailowna zog, peinlich berhrt, die Brauen zusammen. In diesem Augenblick trat Nicolai Stawrogin ein. Und mir hat man gesagt, Sie wren aufs Polizeibureau gebracht worden? sagte er, sich gleich an Stepan Trophimowitsch wendend. Nein, es war im ganzen nur ein ... _bureaukratischer_ Zwischenfall, antwortete Stepan Trophimowitsch lchelnd. Ich kann aber versichern, da dieses Miverstndnis auf meine Veranlassung hin wieder gutgemacht werden wird, griff Julija Michailowna in das Gesprch ein. Ich denke, da Sie diese Unannehmlichkeit, die mir jetzt noch unerklrlich ist, nicht weiter beachten und uns trotzdem das Vergngen bereiten werden, auf der literarischen Matinee etwas vorzutragen? Ich wei nicht ... jetzt ... eigentlich ... Glauben Sie mir, Warwara Petrowna, ich bin so unglcklich ... und denken Sie nur, gerade jetzt, wo ich mich am meisten darauf freute, einen der bemerkenswertesten und unabhngigsten russischen Geister endlich persnlich kennen zu lernen, uert Stepan Trophimowitsch pltzlich die Absicht, sich von uns zurckzuziehen. Das Lob ist ja so laut, da ich es wohl nicht hren soll, bemerkte Stepan Trophimowitsch, jedes Wort prgend, aber ich glaube nun einmal nicht, da meine unwichtige Person fr das Fest so unbedingt vonnten sei. brigens, ich ... Aber Sie verwhnen ihn mir ja viel zu sehr! rief pltzlich Pjotr Stepanowitsch, schnell ins Zimmer schwirrend, dazwischen. Kaum habe ich ihn in die Hand genommen, da, eines Morgens Haussuchung, Arrest, die Polizei packt ihn am Kragen, und nun verhtscheln ihn die Damen im Salon unseres Stadtgewaltigen! Na, in ihm mu ja jetzt jeder Knochen vor Entzcken einfach singen. Hat sich solch ein Benefiz wohl nicht mal trumen lassen, -- kein Wunder, wenn er da anfngt, die Sozialisten anzuschwrzen. Das kann nicht sein, Pjotr Stepanowitsch, der Sozialismus ist ein zu groer Gedanke, als da Stepan Trophimowitsch das nicht auch einshe, verteidigte Julija Michailowna den letzteren energisch. Der Gedanke ist zwar gro, doch seine Verknder sind das nicht immer, _mais brisons l, mon cher_,{[172]} sagte Stepan Trophimowitsch, sich mit weltmnnischer Sicherheit vom Platz erhebend, zu seinem Sohn. Da geschah pltzlich etwas vllig Unerwartetes. Auch Herr von Lembke war den anderen gefolgt und befand sich gleichfalls schon seit einiger Zeit im Salon seiner Frau, doch sonderbarerweise tat man allgemein, als bemerke man ihn nicht, obgleich gewi alle gesehen hatten, wie er eingetreten war. Aber Julija Michailowna fuhr nun einmal eigensinnig fort, ihrem Vorsatz getreu, ihn zu ignorieren. Er war nicht weit von der Tr stehen geblieben und hatte bisher finster, mit strengem Gesicht, dem Gesprch zugehrt. Als jetzt die Bemerkungen ber die Vorflle des Morgens fielen, wurde er unruhig, sah pltzlich starr den jungen Frsten an, dessen steifer Kragen wohl seinen Verdacht erregte. Da schlug die Stimme des hereinschwirrenden Pjotr Stepanowitsch an sein Ohr: er zuckte heftig zusammen, -- und kaum hatte Stepan Trophimowitsch seine Sentenz ber die Sozialisten ausgesprochen, als von Lembke schon schnurstracks auf ihn zutrat, ohne es zu beachten, da er dabei Lmschin, der im Wege stand, zur Seite stie. Lmschin sprang natrlich sofort mit gemachtem und bertriebenem Erstaunen zur Seite, rieb sich mit verwundertem Gesicht den Arm und tat, als habe von Lembke ihn wirklich furchtbar verletzt. Genug! rief dieser, indem er energisch die Hand des erschrockenen Stepan Trophimowitsch ergriff und sie mit aller Kraft in der seinigen drckte. Genug, ber die Flibustiers ist das Urteil schon gefllt. Kein Wort weiter. Ich habe schon Vorkehrungen getroffen ... Er sprach es laut und schlo mit scharfer Betonung. Der Eindruck, den seine Worte machten, war ein uerst unangenehmer. Alle fhlten etwas Unheilvolles in der Luft. Ich sah, wie Julija Michailowna erbleichte. Der Eindruck wurde durch einen dummen Zufall abgeschlossen. Nachdem Lembke das von den Vorkehrungen gesagt hatte, wandte er sich schroff um und schritt schnell zur Tr, doch kurz bevor er sie erreichte, stolperte er ber einen der Teppiche, klappte mit dem Oberkrper nach vorn und wre beinahe gefallen. Einen Augenblick stand er stumm da, blickte auf die Stelle, wo er gestolpert war, sagte laut: Das ist umzustellen, und verlie das Zimmer. Julija Michailowna erhob sich sofort und ging ihm eilig nach. Kaum hatte sie das Zimmer verlassen, da sprach und tuschelte schon alles durcheinander, so da es schwer war, aus dem Gewirr klug zu werden. Die einen sagten, er sei nervs und berarbeitet; andere wollten gehrt haben, da er gewissen Anfllen ausgesetzt sei; die dritten tippten heimlich mit dem Finger an die Stirn, und in einer Ecke, im Kreise der Jugend, hielt Lmschin sogar zwei Finger wie Hrnchen an die Stirn. Ja, man machte Andeutungen, munkelte von Familienszenen -- doch sprach man davon selbstverstndlich nicht laut, sondern nur flsternd. Jedenfalls dachte niemand daran, jetzt fortzugehen; und vorlufig wartete man. Ich wei nicht, was Julija Michailowna inzwischen hatte ausrichten knnen, doch schon nach einigen fnf Minuten kam sie zurck, und man merkte ihr nur an, da sie sich sehr zusammennahm, um ruhig zu erscheinen. Sie antwortete ausweichend, sagte, Andrei Antonowitsch sei ein wenig erregt, aber das habe nichts auf sich, das wiederhole sich bei ihm schon von Kindheit an, sie wisse das alles ganz genau, und selbstredend werde das Fest morgen ihn wieder erheitern. Darauf richtete sie noch ein paar schmeichelhafte Worte an Stepan Trophimowitsch, jedoch nur um der gesellschaftlichen Form willen, und dann forderte sie mit erhobener Stimme die Mitglieder des Komitees auf, jetzt sofort mit der Sitzung zu beginnen. Nun erst begannen die anderen aufzubrechen, doch die beklagenswerten Vorflle dieses verhngnisvollen Tages waren noch nicht zu Ende ... Schon in dem Augenblick, als Nicolai Stawrogin eintrat, hatte ich bemerkt, da Lisa ihn schnell und forschend ansah und dann lange den Blick nicht von ihm abwandte, so lange nicht, da es bereits auffiel. Ich sah, wie Mawrikij Nicolajewitsch, der hinter ihrem Stuhle stand, sich niederbeugte, wie um ihr etwas zu sagen, doch pltzlich seine Absicht wieder aufgab und sich schnell aufrichtete, worauf er mit schuldbewutem Blick die Anwesenden berflog. Auch Nicolai Stawrogin erregte einige Neugier: sein Gesicht war bleicher als sonst und sein Blick ungewhnlich zerstreut. Nachdem er beim Eintreten seine Frage an Stepan Trophimowitsch gerichtet hatte, verga er ihn gleich wieder -- ja, ich glaube, verga sogar, zur Hausfrau zu treten. Lisa sah er kein einziges Mal an, doch nicht etwa, weil er es nicht wollte, sondern weil er, wie ich mit Sicherheit behaupten kann, auch sie nicht bemerkte. Und nun, in der Stille, die Julija Michailownas Aufforderung an die Mitglieder des Komitees folgte, hrten wir pltzlich Lisas klare und absichtlich laute Stimme: Nicolai Wszewolodowitsch, mir schreibt irgendein Hauptmann, der sich fr Ihren Verwandten ausgibt, fr den Bruder Ihrer Frau, ein Hauptmann namens Lebdkin, fortwhrend unanstndige Briefe, in denen er sich ber Sie beklagt und sich bereit erklrt, Geheimnisse, die Sie betreffen, mir mitzuteilen. Wenn Sie tatschlich sein Verwandter sind, so verbieten Sie ihm doch derlei Beleidigungen und befreien Sie mich von diesen Belstigungen. Eine ungeheuere Herausforderung lag in diesen Worten, und das begriffen alle. Die Beschuldigung lag auf der Hand, wenn sie auch fr sie selbst vielleicht ganz berraschend kam. Es war, wie wenn ein Mensch die Augen schliet, die Zhne zusammenbeit und sich vom Dach hinabstrzt. Doch die Antwort Nicolai Stawrogins war noch sonderbarer. Vor allem war schon das seltsam, da er durchaus nicht erstaunt oder erschrocken zu sein schien und Lisa bis zum Schlu mit der ruhigsten Aufmerksamkeit anhrte. Weder Verwirrung noch Zorn drckte sich auf seinem Gesicht aus. Und einfach, fest, sogar mit voller Bereitwilligkeit, antwortete er auf die verhngnisvolle Frage: Ja, ich habe das Unglck, mit diesem Menschen verwandt zu sein. Ich bin der Mann seiner Schwester, der geborenen Lebdkina, jetzt schon seit fast fnf Jahren. Seien Sie versichert, da ich ihm Ihre Forderungen in krzester Zeit ausrichten werde, und ich verbrge mich dafr, da er Sie hinfort nicht mehr belstigen wird. Nie werde ich das Entsetzen vergessen, das sich in Warwara Petrownas Gesicht ausdrckte. Wie von Sinnen erhob sie sich von ihrem Stuhl und streckte langsam wie zur Abwehr die rechte Hand vor sich aus. Nicolai Wszewolodowitsch sah sie an, sah Lisa an, die Zuschauer, und pltzlich lchelte er mit grenzenlosem Hochmut; und wortlos, ohne sich zu beeilen, verlie er den Salon. Alle sahen, wie Lisa vom Diwan aufsprang, kaum da Stawrogin sich zur Tr wandte, und bereits eine Bewegung machte, um ihm nachzueilen, doch schon im nchsten Augenblick kam sie zur Besinnung und lief nicht, sondern ging still und leise, gleichfalls ohne ein Wort zu sagen und ohne jemanden anzusehen, hinaus, natrlich in Begleitung Mawrikij Nicolajewitschs, der sofort an ihrer Seite war ... Von der Aufregung und dem Gerede an diesem Abend in der Stadt schweige ich lieber. Warwara Petrowna hatte sich in ihrem Stadthause eingeschlossen, und Nicolai Wszewolodowitsch war, wie man zu berichten wute, ohne die Mutter gesehen zu haben, nach Skworeschniki gefahren. Stepan Trophimowitsch bat mich am Abend, zu _cette chre amie_{[173]} zu gehen und anzufragen, ob er nicht zu ihr kommen drfe. Ich wurde aber nicht empfangen. Er war malos erschttert und weinte sogar. Solch eine Ehe! Solch eine Ehe! Solch ein Schrecken in der Familie! wiederholte er einmal ber das andere. Aber zwischendurch gedachte er doch auch Karmasinoffs und schimpfte furchtbar ber ihn. Zu dem Vortrag, den er auf der literarischen Matinee am nchsten Tage halten wollte, bereitete er sich eifrig vor, und -- o knstlerische Natur! -- tat es vor dem Spiegel. Und er suchte alle geistreichen Bemerkungen und alle Bonmots zusammen, die er je im Leben gemacht und die er in einem besonderen Heftchen notiert hatte, um sie nun in seinen Vortrag ber die Sixtinische Madonna hineinzuflechten. Mein Freund, ich tue das ja nur fr die groe Idee, sagte er zu mir, offenbar um sich zu rechtfertigen. _Cher ami_, ich habe mich nach fnfundzwanzigjhrigem Stillsitzen pltzlich von meinem Platze gerissen und bin losgefahren, wohin -- das wei ich nicht, aber ich bin losgefahren ... Sechzehntes Kapitel. Die Matinee I. Das Fest fand statt, ungeachtet der bedenklichen Ereignisse des vorhergegangenen Spigulinschen Tages. Ja, ich glaube, selbst wenn Lembke in der dazwischenliegenden Nacht gestorben wre, htte das Fest an diesem Vormittage doch seinen Anfang genommen -- eine so groe und besondere Bedeutung legte ihm Julija Michailowna bei. Zum Unglck blieb sie bis zum letzten Augenblick in ihrer Verblendung und begriff die Stimmung der Gesellschaft berhaupt nicht. Zu guter Letzt glaubte niemand mehr, da der feierliche Tag ohne irgendein ungeheueres Ereignis vorbergehen werde, oder ohne Entscheidung, wie einige, sich im voraus die Hnde reibend, sagten. Freilich bemhten sich viele, eine sehr finstere und politische Miene zur Schau zu tragen; doch -- im allgemeinen gesprochen -- den russischen Menschen freut nun einmal ber alle Maen jeglicher ffentliche skandalse Tumult. Allerdings kam bei uns noch etwas unvergleichlich Ernsteres hinzu, als es bloe Skandalsucht gewesen wre: es war da eine allgemeine Gereiztheit, etwas unstillbar Bses; anscheinend hatten alle alles bis zum schrecklichsten berdru satt. Es hatte sich ein gewisser irrefhrender Zynismus eingenistet, ein Zynismus, zu dem man sich anstrengte, der einem ber die eigene Kraft ging. Nur die Damen waren sich ber ihre Gefhle im klaren, wenn auch nur in einem Punkte, und zwar: in ihrem unbarmherzigen Ha gegen Julija Michailowna. In diesem Punkte stimmten alle verschiedenen Richtungen unserer Damenwelt berein. Julija Michailowna aber ahnte nichts davon und war noch bis zur letzten Stunde berzeugt, da sie umschwrmt und alle Welt ihr fanatisch ergeben sei. Ich habe schon erwhnt, da in unserer Stadt mittlerweile verschiedene sonderbare und befremdliche Gestalten aufgetaucht waren. In den trben Zeiten des Schwankens oder in Zeiten des bergangs finden sich immer und berall verschiedene Leutchen ein. Ich rede nicht von den sogenannten Anfhrern, die stets allen voran (das ist ihre wichtigste Sorge, da es allen voran geschieht) zu einem -- wenn auch sehr oft allerdmmsten, so doch immerhin mehr oder weniger bestimmten -- Ziele eilen. Nein, ich rede nur von dem Gesindel selbst. In jeder bergangszeit pflegt dieses Gesindel, das in jeder Gesellschaft zu finden ist, sich zu erheben, und zwar nicht nur ohne ein Ziel, sondern sogar ohne auch nur eine Spur von einem Gedanken zu haben; statt dessen drckt es aus allen Krften blo Unruhe und Ungeduld aus. Indes pflegt dieses Gesindel, ohne sich dessen bewut zu werden, fast immer unter das Kommando jenes kleinen Hufchens der Anfhrer zu geraten, die mit einem bestimmten Ziel handeln, und jenes Hufchen lenkt dann diesen ganzen Kehricht wohin es ihm gefllt, wenn es nur nicht selber aus vollkommenen Idioten besteht, was brigens auch vorzukommen pflegt. Jetzt, wo alles schon der Vergangenheit angehrt, sagt man bei uns, die Internationale habe Pjotr Stepanowitsch gelenkt, dieser aber wiederum Julija Michailowna, von der dann nach seinem Kommando alle mglichen Leute gelenkt worden seien. Und jetzt wundern sich alle unsere soliden, klugen Kpfe ber sich selbst: wie hatten sie damals nur so versagen, so ihre Pflicht verabsumen knnen? Doch worin nun eigentlich die Unruhe unserer Zeit bestand oder wovon und zu was es einen bergang bei uns gab -- das wei ich nicht, und ich denke, das vermag niemand zu sagen, oder hchstens ein paar auswrtige Beobachter. Indessen war es nicht zu leugnen, da pltzlich die erbrmlichsten Leutchen ein gewisses bergewicht bekamen, sich u. a. erlaubten, alles Heilige laut zu kritisieren, whrend sie frher nicht einmal gewagt htten, auch nur den Mund aufzutun; und die angesehensten Leute, die bis dahin in so wohltuender Weise die Oberhand gehabt hatten, begannen pltzlich, diesen Leuten zuzuhren und selber zu schweigen, manche aber fingen schon an, ihnen schmhlichst und mit schadenfrohem Grinsen zuzunicken. Irgendwelche Lmschins, Teltnikoffs, kleine Gutsbesitzer Tentetnikoffs, einheimische Schmutznasen, Radischtscheffs, wehleidig und hochmtig lchelnde Jdchen, Lachbrder unter angereisten Reisenden, Dichter mit Grostadtrichtung und Dichter, die sich statt durch Richtung oder Talent, durch Wamse und Schmierstiefel auszeichneten, Majore und Obersten, die sich ber die Sinnlosigkeit ihres Berufs lustig machten und fr einen Rubel mehr sofort bereit waren, ihren Degen abzulegen und sich als bessere Schreiber in die Eisenbahnverwaltung zu drcken; Generale, die es vorzogen, Advokaten zu werden, gerissene Vermittler, vielversprechende Geschftsleute, unzhlige Seminaristen, Frauen, die die Frauenfrage personifizierten, -- all das bekam bei uns das bergewicht. Und ber wen? ber den Klub, ber alte Wrdentrger, ber Generale mit Stelzfen, ber unsere strengsten und unzugnglichsten Damen der Gesellschaft. Wenn schon eine Warwara Petrowna (bis zu der Katastrophe mit ihrem Sohne) sich derartig von diesem ganzen Pack ausnutzen und lenken lie, so ist den anderen unserer Minerven ihre damalige Dummheit, die sich so betlpeln lie, zum Teil doch wohl verzeihlich. Heute sieht man in alledem, wie ich schon erwhnte, die Wirkung der _Internationale_. Diese Ansicht hat sich so festgesetzt, da man in diesem Sinne sogar angereisten Fremden die Vorgnge erklrt. Und noch krzlich hat der Ratsherr Kubrikoff, ein Mann von zweiundsechzig Jahren, mit dem Stanislausorden am Halse, unaufgefordert in berzeugtem Tone gesagt, da er im Laufe von ganzen drei Monaten unzweifelhaft unter dem Einflu der Internationale gestanden habe. Als man ihn jedoch, bei aller Achtung, die man seinem Alter und seinen Verdiensten schuldig ist, bat, sich nher zu erklren, da konnte er allerdings keinerlei Belege dafr anfhren, auer dem einen, da er es mit allen Sinnen so empfunden habe. Und berzeugt blieb er bei seiner Behauptung, so da man schlielich nach Begrndungen nicht weiter in ihn drang. Doch ich sage nochmals: eine kleine Gruppe Vorsichtiger, die sich schon gleich zu Anfang abgesondert hatte, hielt sich dennoch abseits, und zwar womglich hinter verschlossenen Tren. Doch welches Trschlo hlt dem Naturgesetz stand? Auch in den vorsichtigsten Familien wachsen genau so wie in allen anderen Tchter heran, die einmal tanzen wollen. Nun, und so kam es denn, da auch alle diese Abgesonderten sich zu guter Letzt gleichfalls in die Liste zum Gouvernantenfest eintrugen. Der Ball sollte ja so glnzend, so unvergleichlich werden; man erzhlte schon Wunderdinge, sprach von zugereisten Frsten mit Lorgnettes, von den zehn Anordnern, lauter jungen Kavalieren, die eine Bandschleife an der linken Schulter tragen sollten. Manche wuten zu berichten, da Karmasinoff zur Erhhung der Einnahme eingewilligt habe, sein _Merci_ in dem Kostm einer Gouvernante vorzulesen, und da die Quadrille der Literatur gleichfalls in Kostmen getanzt werden und jedes Kostm eine bestimmte literarische Richtung darstellen werde; und zu guter Letzt werde in einem besonderen Kostm der ehrliche russische Gedanke -- an sich schon eine vollkommene Neuheit -- auftreten und tanzen. Wie sollte man da seinen Namen nicht auf die Liste setzen? Und so zeichneten sich denn alle ein. II. Das Fest war nach dem Programm in zwei Teile geteilt: zunchst, am Vormittage, von zwlf bis vier, sollte die literarische Matinee stattfinden, der Ball aber sollte erst abends um zehn Uhr beginnen und dann die ganze Nacht dauern. Doch gerade in dieser Teilung lagen die Keime zur Unzufriedenheit und Unordnung. Vor allem konnte sich auf dieser Grundlage das Gercht verbreiten, da es nach der literarischen Matinee in der angeblich nur zu diesem Zweck vorgesehenen Pause ein Frhstck geben werde, selbstredend unentgeltlich, und zwar ein Frhstck mit Champagner. Der hohe Preis der Eintrittskarten (die Karte kostete drei Rubel) verlieh diesem Gercht etwas durchaus Glaubwrdiges, was zu seiner Verbreitung nicht wenig beitrug. Wrde ich denn sonst fr nichts und wieder nichts mich eingeschrieben haben? Das Fest whrt ja vierundzwanzig Stunden, na also -- ernhrt einen dann auch. Sonst wrde man ja verhungern. So philosophierte man ganz allgemein bei uns. Ich mu aber gestehen, da Julija Michailowna selbst durch ihren Leichtsinn diesem verderblichen Gercht Vorschub geleistet hatte. Schon vor einem Monat, in der ersten Begeisterung fr ihren groen Plan, hatte sie jedem ersten besten von ihrem Fest erzhlt; und da auf diesem Fest Reden und Toaste gehalten werden wrden, hatte sie sogar in eine der hauptstdtischen Zeitungen lanciert. Gerade diese Toaste hatten es ihr damals angetan: wollte sie doch selber eine Rede halten, die sie im stillen denn auch schon auszuarbeiten begann. Diese Tischrede sollte unser Hauptziel erklren und was sie auf ihre Fahne geschrieben hatte (ich wette, da die Arme es nicht einmal zu einem Entwurf einer solchen Tischrede gebracht hat), sollte dann als Korrespondenz in die Zeitungen der Hauptstadt gelangen, die hchsten Vorgesetzten zugleich rhren und begeistern, um dann in alle Gouvernements zu flattern und berall Bewunderung wie Nachahmung zu finden. Doch zu Tischreden gehrt nun einmal Champagner, und da man Champagner doch nicht gut auf nchternen Magen trinken kann, so war selbstredend eine Tafel und ein Frhstck Voraussetzung. Spter aber, als sich dank ihrer Bemhungen schon ein Komitee gebildet hatte und man sich ernstlich an die Sache machte, ward ihr sogleich klar und berzeugend bewiesen, da, wenn man an ein Festessen dachte, fr die Gouvernanten nur eine sehr geringe Summe verbliebe, selbst bei einer noch so hohen Einnahme. Die Frage war somit: entweder ein Gastmahl im Stile Belsazars, mit Reden und einigen neunzig Rubeln fr die armen Gouvernanten, oder die Beschaffung einer ansehnlichen Summe durch ein Fest, das man sozusagen nur um der Form willen veranstaltete. brigens wollte das Komitee damit allen hochfliegenden Plnen zunchst nur einen Dmpfer aufsetzen, denn man war ja selbst keineswegs nur fr das eine oder das andere, sondern man hatte sich eine dritte Mglichkeit ausgedacht, die sowohl vershnend wie vernnftig war, nmlich ein in jeder Beziehung gutes Festessen, jedoch ohne Champagner, und folglich als Ergebnis einen recht annehmbaren Betrag fr die Gouvernanten. Aber darauf ging Julija Michailowna nicht ein; ihr Charakter verachtete die kleinbrgerliche Mitte. Und so beschlo sie sofort, da, wenn das erste Projekt sich nicht verwirklichen lie, man sich fr das andere Extrem entscheiden msse, also fr eine ungeheuere Einnahme, deren Hhe den Neid aller anderen Gouvernements erwecken mute. Das Publikum mu doch endlich einsehen, schlo Julija Michailowna ihre temperamentvolle Erklrung auf der Sitzung des Komitees, da der humanitre Zweck unvergleichlich erhabener ist, als kurze krperliche Gensse, da das Fest im Grunde nur die Verkndung einer groen Idee ist, und deshalb mu es sich mit einem so konomisch wie nur mglich veranstalteten kleinen deutschen Ball begngen, der einzig _pro forma_ gegeben wird -- wenn man ohne diesen unausstehlichen Ball nun einmal nicht auskommen kann! -- so sehr war er ihr pltzlich verhat. Schlielich war es aber dem Komitee doch gelungen, sie zu besnftigen. So hatte man denn u. a. die Quadrille der Literatur und hnliche sthetische Scherze als Ersatz fr krperliche Gensse in Vorschlag gebracht. Und auf eben dieser Sitzung hatte dann auch Karmasinoff endgltig eingewilligt, sein _Merci_ vorzutragen (bis dahin hatte er alle mittels ausweichender Antworten in qulender Ungewiheit belassen) um somit in unserem unenthaltsamen Publikum sogar jeden Gedanken an Essen und Trinken schon im voraus zu ersticken. Auf diese Weise hatte dann der Ball wiederum eine groartige Anziehungskraft erhalten, wenn auch eine von ganz anderer Art. Um jedoch nicht vllig dem Irdischen zu entschweben, beschlo man, zu Anfang des Balles Tee mit Zitrone und kleinem rundem Gebck zu reichen, darauf einen Khltrank und Limonade, und zum Schlu sogar noch Eis -- doch das sollte denn auch alles sein. Fr diejenigen aber, die immer und berall Hunger und besonders Durst zu verspren pflegen, wollte man dann noch am Ende der Zimmerflucht ein Bfett errichten, das Prochorytsch (der erste Koch des Klubs) bernehmen sollte. Natrlich mute fr die verabfolgten Speisen und Getrnke gezahlt werden, was gleich am Eingang auf einem besonderen Plakat dem Publikum mitzuteilen war. Doch whrend der Matinee sollte das Bfett unbedingt geschlossen bleiben, damit auch nicht das geringste Gerusch den Vortrag strte, obgleich man fr das Bfett einen Raum vorsah, der fnf Zimmer von dem weien Saal entfernt war, in dem Karmasinoff sein _Merci_ vorzutragen eingewilligt hatte. Merkwrdigerweise wurde diesem Ereignis, dem Vortrag dieses _Merci_, wie mir scheint, von dem Komitee eine bertriebene Bedeutung beigelegt, und das taten sogar die nchternsten Leute. Von den poetischen Naturen aber hatte z. B. die Gattin des Adelsmarschalls Karmasinoff schon mitgeteilt, da sie sogleich nach dem Vortrag an der Wand ihres weien Saales eine Marmorplatte anbringen lassen werde, auf der mit goldenen Lettern das Ereignis verewigt werden sollte, da in dem und dem Jahre, an dem und dem Tage, hier in diesem Saal der groe russische und europische Schriftsteller, seine Feder niederlegend, persnlich sein _Merci_ gesprochen und somit zum erstenmal von dem russischen Publikum, in Gestalt der Vertreter unserer Stadt, Abschied genommen hat, und da schon abends auf dem Ball, also kaum einige fnf Stunden nach dem Vortrage, alle diese Gedchtnistafel wrden lesen knnen. Wie ich genau wei, war es vor allen anderen gerade Karmasinoff gewesen, der verlangt hatte, da das Bfett whrend der Matinee, wenn er las, unter keiner Bedingung geffnet werde, trotz der Einwnde etlicher Komiteemitglieder, da ein solches Ansinnen sich mit unseren Landesbruchen nicht ganz in bereinstimmung befinde. So lagen die Dinge in Wirklichkeit, whrend man in der Stadt immer noch an ein Festmahl im Stile Belsazars glaubte, d. h. an unentgeltliches Essen und Trinken auf Kosten des Komitees. Daran glaubte man bis zur letzten Stunde. Unsere jungen Damen trumten nur noch von Konfekt und Eis. Man wute, da die Sammlung ungeheuer reich ausgefallen war, da die ganze Stadt sich eifrigst zum Fest vorbereitete, da sogar aus der Umgegend viele kommen wrden, und da die Eintrittskarten bei diesem Andrang nicht ausreichten. Bekannt war gleichfalls, da auer der Einnahme durch den Verkauf der Eintrittskarten noch bedeutende Schenkungen gemacht worden waren: Warwara Petrowna beispielsweise hatte fr ihre Eintrittskarte dreihundert Rubel gezahlt und zur Ausschmckung des Saales alle Blumen und Blattpflanzen ihrer Orangerie hergegeben. Die Gattin des Adelsmarschalls (ein Mitglied des Komitees) stellte das Haus und die Beleuchtung, der Klub die Musikkapelle, die Bedienung und den Koch. Hinzu kamen noch andere Schenkungen, wenn auch nicht so bedeutende, weshalb denn auch das Komitee schon den Gedanken erwog, den Preis fr die Eintrittskarte von drei Rubel auf zwei Rubel herabzusetzen. Man hatte nmlich zu Anfang tatschlich befrchtet, es vermchten doch nicht alle jungen Damen drei Rubel dafr auszugeben, und in Erwgung gezogen, ob man nicht Familienkarten ausgeben sollte, wobei man besonders an die Familien dachte, in denen es viele Tchter gab. Aber diese Befrchtung erwies sich als berflssig; im Gegenteil, gerade die Tchter erschienen vollzhlig. Selbst die rmsten Beamten fhrten ihre smtlichen Tchter heran, und es war ja klar, da sie, falls sie keine Tchter gehabt htten, auch im Traum nicht daran gedacht haben wrden, ihren Namen auf die Liste zu setzen. Ja, ein armseliger kleiner Sekretr erschien mit ganzen sieben Tchtern, dazu noch die Frau und eine Nichte, und jede von ihnen hielt eine Eintrittskarte zu drei Rubel in der Hand. Man kann sich also vorstellen, was fr eine Revolution das in der Stadt abgab! Man bedenke blo das eine, da die Teilung des Festes zweierlei verschiedene Toiletten fr jede Dame verlangte: ein Kleid fr die literarische Matinee und ein Ballkleid fr den Abend. Man bedenke, was das fr manche Verhltnisse bedeutete! Wie sich spter herausstellte, hatten denn auch viele aus den mittleren Klassen zu diesem Tage so ziemlich alles versetzt, was sie besaen, sogar ihre Bettwsche, ja, manche hatten womglich ihre Matratzen zu den Juden getragen, von denen sich seit nun schon zwei Jahren erschreckend viele in unserer Stadt festgesetzt haben und immer mehr sich festsetzen. Fast alle Beamten hatten ihr Monatsgehalt vorausgenommen und von den Gutsbesitzern hatten manche sogar ihr notwendigstes Vieh verkauft, und all das nur, um ihre Damen als Marquisen und Komtessen auf den Ball zu fhren und damit keine der anderen nachstehe. Die Toiletten waren diesmal von einer bei uns noch nie gesehenen Kostbarkeit. Schon zwei Wochen vor dem Fest war die ganze Stadt geradezu vollgestopft mit Familienanekdoten, die von unseren jungen Spottvgeln mit Vergngen am Hofe Julija Michailownas zum besten gegeben wurden. Bald folgten ganze Familienkarikaturen. Ich habe selbst etliche dieser Spottzeichnungen in Julija Michailownas Album gesehen. All das kam aber selbstredend auch denen zu Ohren, die den Stoff zu diesen Anekdoten und Karikaturen abgaben, -- und das war wohl der Grund, wie mir scheint, weshalb in den Familien gerade in der letzten Zeit ein solcher Ha gegen Julija Michailowna sich aufspeicherte. Ich rede nicht von heute: denn jetzt schimpfen natrlich alle ber sie und knirschen, wenn sie an diese Zeit denken. Nein, schon damals war es vorauszusehen, da, wenn der Ball nicht geradezu glnzend ausfiel und das Komitee auch nur den geringsten Anla zur Unzufriedenheit gab, der Ausbruch des allgemeinen Unwillens ein ungeheuerer werden wrde. Und eben deshalb erwartete denn im geheimen wohl ein jeder einen Skandal; wenn aber ein Skandal schon so erwartet wurde, wie htte er dann noch ausbleiben knnen? Um punkt zwlf Uhr begann das Orchester mit klingendem Spiel. Da ich zu den Festordnern gehrte, d. h. einer von den zehn jungen Kavalieren mit der Bandschleife an der Schulter war, so blieb ich Augenzeuge aller Ereignisse dieses blamablen Tages. Das Fest begann mit einer furchtbaren Drngerei am Eingange. Wie es kam, da alles schon vom ersten Schritt an fehlschlug oder versagte, wie z. B. die Polizei? Dem Publikum kann ich keinen Vorwurf machen: die Familienvter waren es nicht, die die Drngerei hervorriefen, im Gegenteil, man sagt sogar, sie seien schon auf der Strae ein wenig scheu geworden, als sie den fr unsere Stadt ungewhnlichen Andrang erblickten und dazu diese ungeduldige Menge, die das Haus frmlich belagerte und sich gerader hineinwlzte, statt ruhig einzutreten. Dabei fuhren unausgesetzt Equipagen vor, die schlielich die ganze Strae versperrten. Im brigen bin ich heute berzeugt, da manche Leute, die eigentlich zum abscheulichsten Pbel unserer Stadt gehrten, von Lmschin und Liputin einfach ohne Eintrittskarten eingefhrt wurden, und vielleicht noch von einigen anderen, die gleichfalls Anordner waren. Wenigstens erschienen auch vollkommen unbekannte Personen, die aus Kreisstdten oder Gott wei woher angereist waren. Diese Wilden begannen nun, kaum da sie den Saal betreten hatten, sogleich und merkwrdig bereinstimmend (ganz als wren sie instruiert worden) nach dem Bfett zu fragen, und als sie erfuhren, da es jetzt noch kein Bfett gab, da fingen sie sofort und ohne jede Politik mit einer bei uns bisher unerhrten Frechheit zu schimpfen an. Allerdings waren einige von ihnen bereits betrunken erschienen. Viele waren zunchst verblfft durch die nie geschaute Pracht des Saales, verstummten im ersten Augenblicke und sahen sich nur mit offenem Munde die Herrlichkeit an. Freilich war dieser groe Weie Saal tatschlich sehr prunkvoll: zwei Stockwerke hoch, mit alter Deckenmalerei, die von goldenen Verzierungen umrahmt war, mit Chren und Spiegelwnden, mit roten Vorhngen zwischen weien Wandflchen, mit Marmorstatuen (gleichviel was fr welchen, aber immerhin Statuen), mit alten, schweren Mbeln aus der Napoleonischen Zeit, wei mit Gold und mit rotem Samt ausgeschlagen. An dem einen Ende des Saales erhob sich eine Tribne fr die Vortragenden und der ganze Saal war, wie das Parkett eines Theaters, mit Sthlen in dichten Reihen vllig angefllt, ausgenommen nur die drei breiten Durchgnge fr das Publikum. Doch schon nach den ersten Augenblicken der Bewunderung und des Schweigens begannen die sinnlosesten Fragen und Bemerkungen. Wir wollen vielleicht berhaupt keine Vortrge ... Wir haben unser Geld gezahlt ... Man hat das Publikum unverschmt betrogen ... Wir, nicht Lembkes, sind hier die Herren! ... Kurz, es war, als habe man sie nur zu diesem Zweck hereingelassen. Unter anderem erinnere ich mich besonders eines Zwischenfalles, bei dem der junge angereiste Frst mit dem hohen steifen Kragen und dem Aussehen einer Holzpuppe sich auszeichnete. Auf Julija Michailownas dringende Bitte hin hatte auch er schlielich eingewilligt, das Festordnerband an seine linke Schulter zu stecken und somit zu unserem Kollegen zu werden. Tags zuvor, an eben jenem denkwrdigen Vormittage, hatte ich ihn in Julija Michailownas Salon zum erstenmal gesehen. Nun zeigte es sich, da diese stumme Wachsfigur, wenn auch nicht zu sprechen, so doch auf ihre Art zu handeln verstand. Als nmlich ein riesiger, pockennarbiger verabschiedeter Hauptmann, untersttzt von einem ganzen Haufen ihm nachdrngender fragwrdiger Gestalten, dem jungen Frsten auf den Leib rckte und unablssig nach dem Bfett fragte, da winkte dieser kurz entschlossen einen Polizisten heran, und der angetrunkene Ruhestrer wurde ungeachtet seiner Proteste und seines Schimpfens einfach aus dem Saal entfernt. Inzwischen begann auch schon das eigentliche Publikum zu erscheinen und zog sich in drei langen Fden durch die drei Durchgnge zwischen den Stuhlreihen zu den Pltzen hin. Das schlechtere Element im Hintergrunde wurde kleinlauter und beruhigte sich nach und nach, aber das gute Publikum sah doch beunruhigt und befremdet aus; manche Damen aber schauten entschieden mit Bangen drein. Schlielich hatten sich alle gesetzt; nun verstummte auch die Musik. Man schnaubte sich, man sah sich um ... Kurz, man wartete mit schon gar zu feierlicher Miene -- was bereits an und fr sich ein schlechtes Zeichen ist. Doch die Lembkes erschienen noch immer nicht. Seiden, Samt und Brillanten glnzten und funkelten von allen Seiten; Parfm verbreitete sich in der Luft. Die Herren trugen alle ihre Orden auf der Brust, die Militrs und die Beamten waren selbstredend in Galauniform. Endlich erschien auch die Gattin des Adelsmarschalls mit Lisa. Noch nie war Lisa so blendend schn gewesen wie an diesem Vormittage. Sie trug ein entzckendes Kleid. Ihre Haare lagen in Locken, ihre Augen glnzten, in ihrem ganzen Gesicht lag ein Lcheln. Wie man sah, machte sie auf alle einen groen Eindruck. Man steckte die Kpfe zusammen und tuschelte. Jemand meinte, ihre Augen htten, als sie in den Saal trat, Stawrogin gesucht. Doch weder Stawrogin noch seine Mutter waren erschienen. Damals begriff ich den Ausdruck ihres Gesichts nicht: warum war so viel Glck, Freude, Energie und Kraft in diesem Gesicht? Ich dachte an den Vorfall des vorhergegangenen Tages und stand verstndnislos vor einem Rtsel. Doch Lembkes erschienen noch immer nicht. Das war der schwerste Fehler, der gemacht wurde. Spter erfuhr ich, da Julija Michailowna bis zum letzten Augenblick auf Pjotr Stepanowitsch gewartet hatte. Ohne Pjotr Stepanowitsch konnte sie nun einmal nichts mehr unternehmen, wenn sie sich das auch nie eingestand. Nebenbei bemerkt, hatte Pjotr Stepanowitsch auf der letzten Komiteesitzung es abgelehnt, ein Festordnerband zu tragen, und damit Julija Michailowna bis zu Trnen gekrnkt. Nun kam er obendrein nicht. Was mochte das bedeuten? Und tatschlich blieb Pjotr Stepanowitsch den ganzen Tag ber verschwunden: zu der literarischen Matinee erschien er einfach berhaupt nicht. Und zu Julija Michailownas Verzweiflung konnte ihr auch kein Mensch sagen, wo er steckte, und bis zum Abend hatte ihn niemand gesehen. Inzwischen wurde das Publikum immer ungeduldiger. Auch auf der Tribne erschien noch niemand. In den letzten Reihen des Saales applaudierte man grundlos, ganz wie im Theater, wenn man zu lange auf die Vorstellung warten mu. Die Vter und Mtter wurden unmutig: Lembkes tun ja wirklich furchtbar wichtig, hie es. Einige wuten zu erzhlen, da Lembke krank sei. Andere uerten laut die Vermutung, da das Fest wohl aufgeschoben werden wrde. Aber endlich erschienen sie doch. Andrei Antonowitsch fhrte Julija Michailowna am Arm. Sofort versanken alle Mrchen und die Wirklichkeit trat in ihr Recht. Zudem schien Lembke selbst bei voller Gesundheit zu sein. berhaupt waren es in der hheren Gesellschaft nur wenige gewesen, die vermutet hatten, da es mit Lembke irgendwie nicht ganz stimmte. Seine Amtsfhrung hielten alle fr gut. Sogar die Rutengeschichte bezog man in dieses Urteil ein. Das wre von Anfang an das Richtige gewesen, sagten die Honoratioren, sonst beginnen sie immer mit der Philantropie, bis sie schlielich doch bei der Strenge enden, ohne zu wissen, da gerade diese zur Philantropie als erstes ntig ist. So urteilte man im Klub und verurteilte eigentlich nur Lembkes Aufregung. So etwas mu man mit Kaltbltigkeit machen, hie es, aber er ist es eben noch nicht gewhnt. Mit besonderer Neugier richteten sich die Blicke auf Julija Michailowna. Man wird von mir gewi nicht verlangen, da ich bis in alle Einzelheiten wei, was am Tage vorher zwischen ihr und Lembke noch geschehen war: das ist und bleibt ein Geheimnis, ein Frauengeheimnis. Ich wei nur eines: da sie am Abend in das Arbeitszimmer Andrei Antonowitschs gegangen und bis weit nach Mitternacht bei ihm geblieben war. Jedenfalls hatte Andrei Antonowitsch sich beruhigt und es war ihm ausdrcklich vergeben worden. Das Ehepaar hatte sich ausgesprochen, alles sollte vergessen sein ... und als am Ende seiner weitlufigen Erklrungen von Lembke dennoch auf die Knie fiel, geqult von der entsetzlichen Erinnerung, da er zu guter Letzt die Hand gegen sie erhoben hatte, da hatten die schnen Hndchen und schlielich auch die Lippen seiner Gattin die glhenden Ergieungen der Reue dieses ritterlich zartfhlenden, doch nun von Rhrung berwltigten Mannes wunderbar zu beschwichtigen gewut. Jetzt sahen alle in ihrem Gesicht eitel Glck. Mit offener Miene, in einer prachtvollen Toilette schritt sie am Arm ihres Gemahls durch den mittleren Gang. Offenbar war sie auf der Hhe ihrer Wnsche: das Fest, das Ziel und die Krnung ihrer ganzen Politik, war verwirklicht. Bei ihren Pltzen -- in der ersten Reihe vor der Tribne -- angelangt, blieben beide Lembkes stehen, grten und erwiderten die Gre nach allen Seiten. Sie wurden sofort umringt. Die Adelsmarschallin schritt auf sie zu ... Doch da passierte ein garstiges Miverstndnis: das Orchester, das bisher geschwiegen hatte, schmetterte pltzlich mir nichts, dir nichts einen Tusch in den Saal, -- nicht etwa irgendeinen Marsch oder sonst ein Stck, sondern einfach einen Tusch, wie im Klub, wenn dort bei einem offiziellen Diner ein Hoch ausgebracht wurde. Heute wei ich, da Lmschin dahintersteckte, der gleichfalls zu den Festordnern gehrte und als solcher diesen Tusch angeblich zu Ehren der erschienenen Lembkes anbefohlen hatte. Natrlich konnte er sich immer noch damit entschuldigen, da er es aus Dummheit oder aus bereifer getan habe ... Doch ach, damals wute ich noch nicht, da jene an Entschuldigungen schon gar nicht mehr dachten und mit diesem Tage alles zu beenden glaubten. Zur Erhhung der Peinlichkeit der Situation, die im Publikum teils Befremden, teils ein gewisses Lcheln hervorrief, wurde pltzlich im Hintergrunde des Saales, oben auf dem Chor, Hurra! geschrien, gleichfalls wie Lembkes zu Ehren. Der Stimmen waren zwar nur wenige, aber ich mu gestehen, sie hrten doch nicht so bald auf. Julija Michailowna scho das Blut in die Wangen, ihre Augen flammten. Lembke blieb vor seinem Platz kerzengerade stehen und bersah, sich zu den Ruhestrern umwendend, mit majesttischem und strengem Blick den Saal ... Man redete ihm aber schnell zu, sich doch nur zu setzen. Mit Schrecken bemerkte ich auf seinem Gesicht dasselbe gefhrliche Lcheln, mit dem er tags zuvor im Salon seiner Gemahlin Stepan Trophimowitsch angesehen hatte, bevor er auf ihn zutrat. Wie mir schien, nahm sein Gesicht auch jetzt einen gewissermaen unheilvollen Ausdruck an und, was das schlimmste dabei war, einen gleichzeitig lcherlichen: den Ausdruck eines Gatten, der sich schlielich -- also sei es denn! -- zum Opfer bringt, nur um den hheren Zielen und Zwecken seiner Gattin zu dienen ... Julija Michailowna winkte mich schnell zu sich heran und flsterte mir zu, ich solle sofort zu Karmasinoff eilen und ihn beschwren, unverzglich zu beginnen, doch kaum hatte ich mich umgewandt, um hinauszueilen, da geschah schon eine zweite Schndlichkeit, eine noch viel grere als die erste. Auf der Tribne, auf der leeren Tribne, wohin alle Blicke und alle Erwartungen sich wandten und auf der man zunchst nur einen Stuhl und einen Tisch und auf letzterem ein Glas Wasser auf silbernem Tablett sah -- auf dieser selben leeren Tribne erschien pltzlich die kolossale Gestalt des Hauptmanns Lebdkin in Frack und weier Binde. Ich war so bestrzt, da ich meinen Augen nicht traute. Augenscheinlich wurde der Hauptmann selbst etwas verlegen und blieb hinten auf der Tribne stehen. Da ertnte pltzlich aus dem Publikum ein erstaunter Ausruf: Lebdkin! du? -- und die dumme, rote Fratze des Hauptmanns (er war vollkommen betrunken) verzog sich zu einem breiten, stumpfsinnigen Grinsen. Er hob die Hand, rieb sich die Stirn, schttelte pltzlich seinen struppigen Kopf und trat, wie auf einmal zu allem entschlossen, zwei Schritte vor und -- platzte pltzlich in Lachen aus, nicht in ein lautes, aber gallertiges, langes, glckliches Lachen, von dem die ganze schwere Masse seines Krpers ins Schaukeln geriet und die uglein im Fett nahezu verschwanden. Bei diesem Anblick begann fast die Hlfte des Publikums zu lachen, in den hinteren Reihen klatschte man Beifall. In dem ernsten Publikum dagegen sah man sich befremdet an und wechselte finstere Blicke; aber das whrte alles kaum lnger als eine halbe Minute. Da eilten schon Liputin (mit der Festordnerschleife) und zwei Diener herbei; sie faten behutsam den Hauptmann unter den Armen und Liputin flsterte ihm etwas zu. Lebdkin sah ihn unwirsch an, brummte aber schlielich: Nun denn, wenn's so besser ist! und schlug einmal mit der Hand durch die Luft, worauf er dem Publikum seine riesige Rckseite zuwandte und mitsamt seinen Begleitern verschwand. Doch einen Augenblick spter erschien Liputin wieder auf der Tribne. Auf seinen Lippen lag das seste Lcheln, wenn es auch immer noch, wie stets bei ihm, an eine Mischung von Essig und Zucker gemahnte, und in der Hand hielt er ein Blatt Papier. Mit kleinen, schnellen Schritten trat er an den vorderen Rand der Tribne. Meine Damen und Herren! begann er, sich an das Publikum wendend. Durch Unachtsamkeit ist ein komisches Miverstndnis entstanden, das jetzt aber schon beseitigt ist. Hoffnungsvoll habe nunmehr ich den Auftrag bernommen und zugleich die ehrerbietigste Bitte eines unserer hiesigen Dichter ... Durchdrungen, wie er ist, von dem humanen und hohen Ziele ... ungeachtet seines ueren Zustandes ... von demselben Ziele, das uns alle hier vereinigt hat ... die Trnen der armen gebildeten Mdchen unseres Gouvernements hinfro abzuwischen, ... will dieser Herr, das heit, ich meine, dieser unser einheimischer Dichter ... obzwar er sein Inkognito gewahrt zu sehen wnscht ... wrde er, wie gesagt, dennoch sehr wnschen, da seine Dichtung vor Beginn des Balles vorgetragen werde ... das heit, ich wollte vielmehr sagen: vor Beginn der literarischen Vortrge. Obzwar nun besagtes Gedicht im Programm nicht vorgesehen ist ... sintemal es uns erst vor einer halben Stunde zugestellt wurde ... aber es will _uns_ (wen meinte er damit? Ich gebe diese zerhackte und unklare Rede wortwrtlich wieder) dennoch scheinen, da es, im Hinblick auf die Naivitt des Gefhls, die mit Humor verbunden ist, da ... wie gesagt, da das Gedicht dennoch vorgetragen zu werden verdiente, das heit, nicht als etwas Ernstzunehmendes, sondern blo als etwas zum Feste Passendes ... ich meine, zu der Idee ... Um so mehr, als es ja nur ein paar Zeilen sind ... wozu ich nunmehr um die Erlaubnis des hochverehrten Publikums gebeten haben wollte. Lesen Sie! drhnte eine Stimme aus den letzten Reihen. So soll ich es vorlesen? Jawohl! Lesen! Vorlesen! Lesen! riefen jetzt schon viele Stimmen. Also denn -- mit Erlaubnis des verehrten Publikums ... Liputin verbeugte sich und wand sich mit demselben sen Lcheln. Aber es war doch, als knne er sich trotzdem nicht entschlieen, und wie mir schien, war er merklich aufgeregt. Bei aller Frechheit, die solche Leute wie Liputin besitzen, werden sie manchmal doch unsicher. brigens wre ein Seminarist von heute gewi nicht unsicher geworden, aber Liputin gehrte ja schlielich doch noch zur alten Generation. Ich schicke voraus, oder vielmehr, ich habe die Ehre, Sie darauf aufmerksam zu machen, da dieses Gedicht keine Ode ist, wie sie frher zu Festen verfat wurden, sondern es ist sozusagen eher ein Scherz, jedoch unstreitig ein gefhlvoller, der berdies mit spielerischer Heiterkeit verbunden ist und dabei sozusagen die realste Wirklichkeit zum Gegenstande hat ... Lesen! Lies doch! Nur los! Liputin faltete sein Papier auseinander. Natrlich kam niemand mehr dazu, den Vortrag zu verhindern. Zudem trug auch Liputin das Band eines Festordners an der Schulter, und so deklamierte er denn mit heller Stimme darauf los. Unserer einheimischen Gouvernante zum Gouvernantenfest von einem Dichter gewidmet: Lebe hoch! o Gouvernante! Freue dich und jubiliere, Denn jetzt bleibst du nicht mehr Tante, Oh, sei stolz und triumphiere! Das hat ja Lebdkin gemacht! Das ist ja ein echter Lebdkin! ertnten aus den hinteren Reihen des Saales mehrere Stimmen. Viele lachten, manche klatschten sogar Beifall. Feministin oder sonst was! -- Schrecklich ist's, wenn man bedenkt, Wie du frher dich geqult hast, Und dich nutzlos angestrengt! Hurra! Hurra! unterbrach man wieder in den letzten Reihen. Lehren, hie es, dumme Ghren Manch franzsisches Gedicht, Doch die wollten dich nie hren, Wie das nun mal Kindespflicht. Ja, so war's, so ist's gewesen, Doch das la begraben sein. Der Reformen groer Besen Fhrt 'ne andre Wertung ein ... Bra--avoooo! Also hr': seit dem Betriebe Der Reformen -- jetzt gib acht! -- Wird die Freiheit und die Liebe Einzig noch vom Geld gemacht ... Stimmt! Bravooo! Hurra! Ja, mein Frulein, sie ist bitter, Diese Wahrheit, -- nmelich: Auch der allergrte Ritter Nimmt nicht ohne Mitgift dich! Stimmt! stimmt! Das ist der wahre Realismus! Ohne Mitgift keinen Schritt! Drum, -- da wir nun tanzend spenden Eine Mitgift fr das Weib, Die wir dir dann bersenden Zu 'nem bessren Zeitvertreib -- Feministin oder sonst was: (Bleibst doch stets vom selben Holz) Mit 'ner Mitgift bist du etwas, Spuck auf alles und sei stolz! Ich mu gestehen, ich traute meinen Ohren nicht. Das war eine so erklrte Gemeinheit, da die Mglichkeit, Liputin etwa mit Dummheit zu entschuldigen, von vornherein ganz ausgeschlossen erschien. Und gerade Liputin war doch alles andere eher als dumm. Die Absicht, die dahinter steckte, war mir denn auch sofort klar: hier sollte Unordnung geschaffen werden, und dazu war allerdings keiner geeigneter, als Liputin. brigens schien Liputin selbst zu fhlen, da er doch ein zu starkes Stck auf sich genommen hatte. Er stand noch immer auf der Tribne und war sich offenbar nicht klar darber, ob er noch etwas hinzusetzen sollte oder nicht. Ein Teil des Publikums hatte das Gedicht brigens ganz ernst genommen. Die andere Hlfte war freilich um so gekrnkter. Julija Michailowna erzhlte spter, sie sei einer Ohnmacht nahe gewesen. Einer der ehrwrdigsten alten Herren unserer Stadt erhob sich sogar und verlie mit seiner Frau am Arm den Saal. Und wer wei, vielleicht htte dieses Beispiel auch noch andere nach sich gezogen, wenn nicht gerade jetzt Karmasinoff auf der Tribne erschienen wre. Sein kleines Figrchen war tadellos gekleidet, selbstredend in Frack und weier Binde. In der Hand hielt er ein Heftchen. Julija Michailowna sah ihn wie erlst an, als wre er ihr Retter ... Doch ich war schon hinter den Kulissen: ich mute unter allen Umstnden mit Liputin sprechen. Das haben Sie absichtlich getan! rief ich emprt und packte ihn am Arm. Bei Gott, ich habe gar nicht daran gedacht, log er und spielte den Unglcklichen. Die Verse hatte man mir soeben erst gegeben, ich dachte, es wre ein lustiger Scherz ... Das haben Sie durchaus nicht gedacht! Halten Sie denn wirklich diesen Bldsinn in Knttelversen fr einen Scherz?! Ja, gewi, jawohl. Das lgen Sie einfach! Und man hat Ihnen diese Verse durchaus nicht erst vorhin gebracht. Sie, Sie selbst haben diese Reime zusammen mit Lebdkin geschmiedet, vielleicht noch gestern abend, damit es nur ja zum Skandal kommt! Die letzte Strophe war schon sicher von Ihnen. Und warum erschien denn Lebdkin im Frack? Schon daraus geht hervor, da alles von Ihnen vorbereitet war: das Gedicht sollte er wohl selber vortragen, nach Ihrer Absicht! Wenn er sich nur nicht wieder betrunken htte! Was geht das Sie an? fragte mich da Liputin pltzlich mit sonderbarer Ruhe. Wie soll mich das nichts angehen? Sie tragen doch gleichfalls das Festordnerband ... Wo ist Pjotr Stepanowitsch? Ich wei nicht, hier irgendwo. Was soll das alles? Was das soll? Da ich Sie jetzt durchschaue! Es ist einfach eine Intrige gegen Julija Michailowna -- damit Sie's wissen! Liputin sah mich von der Seite an. Ja, und was geht das Sie an? fragte er nochmals, lchelte, zuckte mit den Achseln und ging davon. Mich berlief es kalt. So gingen denn alle meine Vorahnungen schon in Erfllung. Und ich hatte immer noch gehofft, mich getuscht zu haben! Was sollte ich tun? Ich htte mich gern mit Stepan Trophimowitsch beraten, aber der stand vor dem Spiegel und probierte auf verschiedene Arten zu lcheln; zwischendurch blickte er immer wieder auf ein Blatt Papier, auf dem er sich seine Notizen gemacht hatte. Er sollte gleich nach Karmasinoff an die Reihe kommen und war jetzt nicht imstande, mit mir auch nur ein Wort zu sprechen. Sollte ich zu Julija Michailowna eilen? Doch dazu war es noch zu frh: sie mute eine noch viel nachhaltigere Lehre bekommen, um von der berzeugung, alle Welt sei ihr fanatisch ergeben, geheilt zu werden. Sie htte mir doch nicht geglaubt und mich nur fr einen Gespensterseher gehalten. Ja, und was konnte sie jetzt noch tun? Ach, dachte ich, was geht denn das schlielich mich an, ich nehme meine Schleife von der Schulter und gehe nach Hause, _sobald es anfngt_. (Ich gebrauchte wirklich diesen Ausdruck: sobald es anfngt, ich erinnere mich noch genau.) Aber jetzt mute ich doch vor allen Dingen Karmasinoff hren! Als ich noch ein letztes Mal hinter die Kulissen sah, bemerkte ich, da da eine Menge mir ganz unbekannter Leute sich angesammelt hatte, darunter sogar Frauen. Dieses hinter den Kulissen war ein recht enger Raum, eigentlich ein Korridor, der den Saal mit den anderen Rumen verband und zum Publikum hin mit einem Vorhang abgeschlossen war. In diesem Korridor warteten die Vortragenden, bis sie an die Reihe kamen. Besonders setzte mich einer in Erstaunen: der Nchstfolgende nach Stepan Trophimowitsch. Das war auch so etwas wie ein Professor, der sich freiwillig aus irgendeiner Lehranstalt wegen irgendwelcher Studentengeschichten entfernt hatte und aus irgendeinem Grunde erst ein paar Tage vorher in unserer Stadt aufgetaucht war. Auch ihn hatte man Julija Michailowna empfohlen und sie hatte ihn fast mit Ehrfurcht empfangen. Er war bei ihr den Abend vorher eingeladen gewesen, hatte whrend des ganzen Essens geschwiegen und nur hin und wieder mokant zum Tone und zu den Scherzen der anderen Gste, Julija Michailownas Suite, gelchelt, und auf alle durch sein beleidigendes Aussehen und Benehmen einen unangenehmen Eindruck gemacht. Julija Michailowna hatte ihn selbst darum gebeten, auf dem Fest zum Besten der Gouvernanten irgend etwas vorzutragen. In diesem Augenblick ging er aus einer Ecke in die andere, ganz wie Stepan Trophimowitsch, flsterte auch vor sich hin, sah aber dabei zu Boden und nicht in den Spiegel. Zwar studierte und probierte er nicht zu lcheln, aber er lachte von Zeit zu Zeit grimmig in sich hinein. Es war klar, da man auch mit ihm nicht sprechen durfte. Er war klein von Wuchs, etwa vierzig Jahre alt, kahlkpfig, mit einem ergrauenden Brtchen. Gekleidet war er anstndig. Am merkwrdigsten an ihm war, da er bei jeder Wendung, die er machte, seine rechte Faust erhob, sie ber seinem Haupte schttelte und dann pltzlich niederfallen lie, als wollte er einen Gegner kurz und klein schlagen. Und diese Bewegung machte er fast jede Minute einmal. Mir wurde angst und bange. Ich machte mich davon, um, wie gesagt, Karmasinoff zu hren. III. Im Saale war wieder etwas nicht ganz in Ordnung. Jedes Genie in Ehren! Und volles Verstndnis fr seine Eigentmlichkeiten im voraus! Aber warum mssen sich Genies, wenn sie lter werden, so oft wie -- nun, einfach wie kleine Knaben benehmen? Selbst wenn man ein Karmasinoff war und mit der Wrde von fnf Kammerherren auftrat, wie konnte er nur ein solches Publikum eine ganze Stunde mit einem solchen Aufsatz langweilen? Nicht mehr als zwanzig Minuten htte man es mit einem leicht verstndlichen literarischen Vortrag ungestraft unterhalten drfen. Dabei war man ihm, als er zuerst auftrat, uerst ehrerbietig begegnet: selbst die allergesetztesten Herren hatten Wohlgefallen und Neugier, die Damen sogar Entzcken bekundet. Der Begrungsapplaus war indessen nur kurz und abgerissen gewesen. Dafr war aber in den letzten Reihen auch kein einziger Ausfall erfolgt. Und auch dann, als Karmasinoff zu sprechen angefangen hatte, geschah zunchst nichts eigentlich Strendes: lediglich Verwunderung griff allmhlich um sich. Nur ganz am Anfang hatte sich ein kleiner Zwischenfall zugetragen: als Karmasinoffs piepsendes und qukendes Stimmchen ertnte, lachte im Publikum jemand einfach laut auf. Ich habe schon frher erzhlt, da Karmasinoff eine hohe, schreiende Stimme hatte, die einer Frauenstimme glich, ein Eindruck, der noch dadurch verstrkt wurde, da er fein und vornehm lispelte. Die Umsitzenden wiesen den Strer brigens sofort durch Zischen zur Ruhe, und so konnte denn Karmasinoff ungestrt seine Rede beginnen. Zunchst erklrte er, da er ursprnglich berhaupt nicht habe lesen wollen (was zu erklren eigentlich gar nicht ntig war), denn es gebe Zeilen, die so unmittelbar aus dem Herzen flieen, da man sie gar nicht an die ffentlichkeit tragen drfe (ja warum trug er sie denn?). Aber da man ihn nun einmal so gebeten habe, so tue er es doch, und da er jetzt seine Feder fr immer hingelegt und sich geschworen habe, nichts mehr zu schreiben, und weil das nun einmal beschlossene Sache sei, so habe er dieses Abschiedsopus doch noch geschrieben; und da er sich gelobt, nie etwas ffentlich vorzulesen, niemals und unter keiner Bedingung, so werde er denn jetzt einmal eine Ausnahme machen und, also sei es, dieses letzte Opus einem Publikum persnlich vorlesen, usw. usw. -- noch allerhand in diesem Sinne. Doch das wre alles noch nicht so schlimm gewesen, und wer kennt denn schlielich nicht die Vorreden der Autoren? Ich will aber zugeben, da bei der geringen literarischen Bildung unseres Publikums und der Reizbarkeit der hinteren Reihen auch das schon aufreizend mitwirken konnte. Nun wohl: wre es unter diesen Umstnden nicht weit besser gewesen, er htte eine kurze Novelle vorgetragen oder ein kleines Geschichtchen von der Art, wie er sie frher manchmal schrieb -- zwar gedrechselt und geziert, aber mitunter doch ganz witzig? Damit wre alles gerettet gewesen. Aber es sollte nun einmal nicht sein. Und so begann denn die Litanei! Oh Gott, was hatte er da alles zusammengetragen! Ich bin berzeugt, da selbst ein Grostadtpublikum schlielich einen Starrkrampf bekommen htte, nicht blo ein Publikum wie unseres. Man denke sich das gezierteste und migste Geschwtz in einer Lnge von fast zwei Druckbogen; und das trug dieser Herr zum berflu mit einer gewissen wehmtigen Herablassung vor, als wenn er eine Gnade erwiese, und schon darin allein lag etwas nahezu Beleidigendes fr unser Publikum. Das Thema ... Aber wer konnte denn daraus klug werden, aus diesem Thema! Das war gewissermaen ein Bericht ber irgendwelche Eindrcke, untermischt mit irgendwelchen Erinnerungen. Doch Eindrcke wovon? Erinnerungen an was? -- Wie sehr unsere Gouvernementskpfe whrend der ganzen ersten Hlfte des Vortrags auch die Stirn in Falten legten, -- sie konntens doch nicht bewltigen, so da sie die zweite Hlfte blo aus Hflichkeit anhrten. Nun ja, es war da viel von Liebe die Rede, von der Liebe des Genies zu einer Person, aber ich mu gestehen, das wirkte einigermaen peinlich. Es pate irgendwie nicht recht zu dem kleinen, dicken Figrchen des genialen Schriftstellers (wenigstens fr mein Empfinden), da er von seinem ersten Ku sprach ... Und zudem sollten diese Ksse, was wiederum verletzend wirkte, durchaus ganz anders gekt worden sein, als von der ganzen brigen Menschheit, und dazu noch unter ganz besonderen Nebenumstnden. Bei Karmasinoffs erstem Ku wuchs ringsum Ginster (unbedingt gerade Ginster, oder wenigstens irgend so ein Kraut, von dem man sich erst nach einem botanischen Handbuch eine Vorstellung machen kann). Der Himmel aber hatte derweil unbedingt einen violetten Farbenton, den natrlich noch nie zuvor ein Sterblicher bemerkt hat, obschon ihn alle zwar gesehen haben, sogar schon mehrfach, doch ihn wahrzunehmen hat eben bisher noch kein einziger verstanden. Nun aber seht, -- so ungefhr wirkte Karmasinoffs Art -- ich allein habe diesen Farbenton zum erstenmal wahrgenommen und beschreibe ihn jetzt euch Tlpeln wie eine ganz bekannte Sache! Der Baum dagegen, unter dem das interessante Paar Platz genommen, war durchaus orangefarben. Der Ort, wo sie saen, lag irgendwo in Deutschland. Pltzlich sahen sie Pompejus oder Kassius am Abend vor einer Schlacht und die Klte der Begeisterung durchdrang sie sofort alle beide. Dann begann eine Nixe im Gebsch zu zirpen und im Schilf spielte pltzlich Gluck auf der Geige. Das Stck, das er vortrug, wurde _en toutes lettres_{[174]} genannt, doch blieb es trotzdem uns allen unbekannt, so da man in einem Musiklexikon nachschlagen mte. Whrenddessen aber stieg ein Nebel auf und ballte sich und ballte sich, und ballte sich so, da er alsbald eher Millionen von Kissen glich, als einem Nebel. Pltzlich aber verschwand alles und das groe Genie begibt sich an einem Wintertage, jedoch bei Tauwetter, ber das Eis der Wolga. Zweieinhalb Seiten bergang; und dennoch kommt er nicht hinber, sondern fllt in ein Loch im Eise. Das Genie sinkt, versinkt, -- Sie meinen, es ertrinkt? Nein, es denkt auch nicht einmal daran: es fiel berhaupt nur deshalb in das Loch, um in dem Augenblick, als es schon bis ber die Nase im Wasser versank und bereits zu schlucken begann, pltzlich ein Eisstckchen zu erblicken, ein winziges Eiskrnchen von der Gre einer kleinen Erbse, aber so rein und klar wie eine gefrorene Trne. In diesem Eisperlchen spiegelte sich dann Deutschland oder richtiger der Himmel Deutschlands, und das Spiel der Regenbogenfarben in diesem Eisperlchen erinnerte ihn an just die Trne, die, weit du noch, aus deinem Auge rann, als wir unter dem smaragdenen Baume saen und du freudig ausriefst: >Es gibt kein Verbrechen!< -- >Ja<, sagte ich unter Trnen, >doch wenn es so ist, dann gibt es auch keine Gerechten<. Wir schluchzten auf und nahmen Abschied voneinander. Sie ging an einen Meeresstrand und er begab sich in eine Hhle tief unter der Erde: er sinkt also hinab und hinab, drei Jahre lang sinkt er genau unter dem Moskauer Ssuchareffturm hinab, bis er pltzlich mitten im Innern der Erde ein Lmpchen findet und vor diesem Lmpchen einen Asketen. Der Asket betet. Das Genie drckt die Stirn an ein kleines vergittertes Fensterchen. Und pltzlich vernimmt es einen Seufzer. Sie glauben, der Asket habe geseufzt? Weit gefehlt! Das Genie wird doch nicht einen Asketen beachten! Nein, das war nur so ein Seufzer, doch dieser Seufzer erinnerte ihn an _ihren_ ersten Seufzer vor siebenunddreiig Jahren, als wir, weit du noch, in Deutschland unter dem achatenen Baume saen und du zu mir sprachst: >Wozu lieben? Sieh, ringsum blht es ockergelb und ich liebe, doch das Gelb wird aufhren zu blhen und ich werde aufhren zu lieben<. -- Dann ballte sich wieder ein Nebel zusammen, Ernst Amadeus Hoffmann erschien, eine Nixe fltete eine Melodie von Chopin und pltzlich tauchte aus dem Nebel ber den Dchern Roms, einen Lorbeerkranz im Haar, Ancus Marcius auf. Ein Schauer der Ekstase lief uns ber den Rcken und wir trennten uns auf ewig usw. usw. Mit einem Wort, wenn ich es auch vielleicht nicht richtig wiedergebe oder es berhaupt nicht wiederzugeben verstehe, so war doch der Sinn des Geschwtzes gerade von dieser Art. Und dann: was ist das doch fr eine schmhliche Sucht in unseren groen Geistern, Witze und Wortspiele im hheren und literarischen Sinne anzubringen! Der groe europische Philosoph, der groe Gelehrte, Erfinder, der mhevoll Schaffende und Mrtyrer, -- alle diese sich Mhenden und Beladenen sind fr unser groes russisches Genie entschieden nur so eine Art Kche in seiner Kche. Er ist der Herr, sie aber erscheinen vor ihm mit der Zipfelmtze in der Hand und warten auf seine Befehle. Allerdings, er spttelt hochmtig auch ber Ruland, und berhaupt ist ihm nichts so angenehm, wie den Bankrott Rulands in jeder Hinsicht vor den groen Geistern Europas wieder einmal festzustellen. Doch was ihn selbst betrifft, -- oh, mit Verlaub, er selbst hat sich ber diese groen Geister Europas natrlich schon lngst emporgeschwungen: fr ihn sind sie blo Material zu seinen Wortspielen. Er nimmt eine Idee, die nicht in seinem Kopfe entstanden ist, verknpft sie mit ihrer Antithese und das Wortspiel ist fertig. Es gibt Verbrechen, es gibt kein Verbrechen; es gibt keine Wahrheit, also gibt es auch keine Gerechten; Atheismus, Darwinismus, Moskauer Glocken ... Doch wehe, er glaubt schon nicht mehr an Moskauer Glocken. Rom, Lorbeeren ... Doch er glaubt nicht einmal an Lorbeeren ... Hier ein obligatorischer Anfall von Byronschem Weltschmerz, dort eine Heinesche Grimasse, dann wiederum Anklnge an Petschorin[49], -- und so ging das fort und fort, wie eine in Schwung geratene Maschine ... brigens, so lobt mich doch, lobt mich doch, denn das liebe ich ber alle Maen! Und ich sage ja nur so, da ich die Feder fr immer aus der Hand lege; nein, wartet nur und ihr werdet meiner noch dreihundertmal berdrssig werden, werdet noch mde werden, mich zu lesen ... Natrlich konnte das kein gutes Ende nehmen; das Schlimme war aber, da es damit nun berhaupt anfing. Schon lange hatte im Saale ein Ruspern, Hsteln, Schnauben begonnen, ein Hin- und Herrcken auf den Sthlen und Husten, kurz, es gab alle die bekannten Lebenszeichen, die stets einzusetzen pflegen, wenn bei einer literarischen Veranstaltung der Vortragende, wer er auch sei -- ja selbst wenn er das grte Genie ist --, das Publikum lnger als zwanzig Minuten in Anspruch nimmt. Doch der geniale Schriftsteller merkte nichts davon. Er fuhr fort zu lispeln und zu schnarren, ohne das Publikum berhaupt einer Beachtung zu wrdigen, so da schlielich eine allgemeine Verstndnislosigkeit Platz griff. Und da nun geschah es, da aus einer der hinteren Reihen pltzlich eine einsame, doch laute Stimme sich vernehmen lie: Gott, was fr ein Unsinn! Das war irgend jemandem wohl ganz unfreiwillig entschlpft und gewi -- davon bin ich berzeugt -- ohne jede Absicht einer Demonstration. Ein Mensch war einfach mde geworden. Doch Herr Karmasinoff brach sofort ab, blickte spttisch aufs Publikum, und pltzlich fragte er mit derselben affektierten Aussprache und der Miene eines verletzten Kammerherrn: Mir scheint, meine Herrschaften, Sie sind des Zuhrens bereits gehrig berdrssig? Gerade hiermit aber beging er einen unverzeihlichen Fehler: da er berhaupt ein Gesprch anknpfte. Denn mit dieser Frage forderte er doch eine Antwort heraus, gab er jedem beliebigen aus dem Gesindel der hinteren Reihen die Mglichkeit, ja das Recht, nun gleichfalls laut im Saale zu reden, whrend man anderenfalls, wenn diese Frage und Unterbrechung nicht erfolgt wre, sich zwar noch weiter geschnaubt und geschnaubt, aber schlielich doch alles bis zum Ende angehrt htte ... Oder erwartete er vielleicht als Antwort auf seine Frage strmischen Beifall? Der blieb jedoch vollstndig aus; im Gegenteil: alle waren gleichsam erschrocken, zogen sich in sich selbst zurck und verhielten sich ganz still. Sie haben Ancus Marcius berhaupt nie gesehn, das sind lauter stilisierte Phrasen! ertnte pltzlich eine gereizte, vor Verbissenheit schon berreizte Stimme. Natrlich nicht! stimmte sofort eine andere Stimme bei. Heutzutage gibt's keine Gespenster, es gibt nur noch Naturwissenschaften. Werden Sie mit diesen fertig! Meine Herrschaften, nichts habe ich weniger erwartet, als solche Einwendungen, sagte Karmasinoff, in der Tat malos verwundert. -- Dem groen Genie war in Karlsruhe das Vaterland vllig fremd geworden. In unserem Jahrhundert ist es eine Schande, solchen Schwindel vorzutragen! -- gleich dem von den drei Walfischen, auf denen die Welt ruhen soll![50] schmetterte pltzlich eine Jungfrau in den Saal. Zudem haben Sie, Karmasinoff, berhaupt nicht in das Innere der Erde zu einem Asketen hinabsinken knnen. Und wer redet denn jetzt noch von Asketen? Meine Herrschaften, am meisten wundert mich, da das so ernst genommen wird. brigens ... brigens ... Sie haben vollkommen recht. Niemand achtet die reale Wahrheit mehr als ich ... Er lchelte zwar ironisch, war aber merklich doch sehr betroffen. Der Ausdruck seines Gesichts sagte indessen geradezu wrtlich: Ich bin doch nicht so einer, wie ihr glaubt, ich bin doch ganz eurer Meinung, nur lobt mich, lobt mich mehr, lobt mich soviel wie mglich; denn das liebe ich ber alles ... Meine Herrschaften, rief er schlielich, aber nun schon durchaus verletzt, ich sehe, da mein armes Poemchen hier deplaziert war. Ja und auch ich selbst bin hier, wie mir scheint, deplaziert. Er zielte auf eine Krhe, traf aber eine Kuh! schrie nun bereits mit lautester Stimme irgendein Esel in den Saal, wahrscheinlich ein Angeheiterter, doch diesen Ausruf htte man schon unter keinen Umstnden beachten sollen. Ein wahres Wort! Dazu respektloses Lachen. Eine Kuh, sagen Sie? griff dagegen Karmasinoff das Sprichwort sofort auf. Seine Stimme wurde immer kreischender. Bezglich des Vergleichs mit Krhen und Khen erlaube ich mir keine uerung, meine Herrschaften. Ich achte sogar _jedes_ Publikum doch allzusehr, um mir Vergleiche, und seien es auch ganz unschuldige, zu erlauben. Aber ich dachte ... Ach, mein Herr, Sie sollten doch lieber nicht gar so ..., fiel ihm jemand aus den letzten Reihen ins Wort. ... aber ich dachte, da ich, da ich nun meine Feder fr immer aus der Hand lege und Abschied nehme von meinem Leser, wenigstens bis zum Ende angehrt werden wrde ... Ja, aber ja, wir wollen Sie doch auch anhren, wir wollen doch ... ertnten ein paar endlich mutig gewordene Stimmen aus der ersten Reihe. Lesen Sie, lesen Sie! fielen mehrere begeisterte Damenstimmen ein und schlielich ertnte auch ein Applaus, freilich nur ein dnner, sprlicher. Karmasinoff lchelte schief und erhob sich von seinem Platz. Glauben Sie mir, Karmasinoff, wir alle halten es sogar fr eine Ehre, konnte sich selbst die Adelsmarschallin nicht enthalten zu versichern. Herr Karmasinoff, erklang pltzlich eine junge, frische Stimme aus der Tiefe des Saales. Es war die Stimme eines sehr jungen Lehrers aus der Kreisschule, eines stillen, anstndigen und prchtigen Menschen, der noch nicht lange Zeit bei uns weilte. Er war jetzt sogar von seinem Platze aufgestanden. Herr Karmasinoff, wenn ich das Glck gehabt htte, so zu lieben, wie Sie es uns beschreiben, so htte ich wirklich nicht davon in einem Aufsatz gesprochen, der zum ffentlichen Vorlesen bestimmt war ... Dabei errtete er ber und ber. Meine Herren, rief Karmasinoff, ich habe nichts mehr hinzuzufgen! Ich bergehe den Schlu und entferne mich. Erlauben Sie mir nur noch, die letzten Zeilen zum Abschied zu lesen! Und ohne sich hinzusetzen, begann er sogleich: Ja, mein Freund und Zuhrer, lebe wohl! -- lebe wohl, mein Leser, ich bestehe nicht einmal darauf, da wir als Freunde scheiden: In der Tat, wozu dich beunruhigen? Schilt, wenn du willst, schilt, wenn es dir Vergngen macht! Aber mich deucht, es wre besser, wir vergen uns fr immer. Und wenn ihr alle, meine Zuhrer, pltzlich so gut wret, mich auf den Knien und mit Trnen in den Augen zu bitten: >Schreibe noch, Karmasinoff, -- fr uns, fr das Vaterland, fr die Nachwelt, fr die Lorbeerkrnze!< so wrde ich euch sogar dann noch antworten, selbstredend mit allem Dank: >Nein, wir haben uns schon genug miteinander abgegeben, liebe Kompatrioten, _merci_! Es ist Zeit, da wir uns trennen! _Merci, merci, merci!_< Karmasinoff verbeugte sich zeremoniell, -- und ganz rot im Gesicht, als htte man ihn gekocht, begab er sich hinter die Kulissen. Niemand wird auf die Knie fallen, eitle Phantasie! rief ihm eine Stimme nach. Was fr eine Eigenliebe! Aber das ist doch Humor, glaubte jemand erklren zu mssen. Nein, verschonen Sie uns bitte mit solchem Humor. Das war einfach eine Frechheit, meine Herren! Na, wenigstens hat er endlich Schlu gemacht! Das war aber eine Langeweile! -- da Gott erbarm'! Aber alle diese unhflichen Ausrufe der letzten Reihen wurden bertnt von dem Applaus des anderen Publikums. Man rief Karmasinoff hervor. Einige Damen, an der Spitze Julija Michailowna und die Adelsmarschallin, versammelten sich vor der Tribne. In den Hnden hielt Julija Michailowna ein weies Samtkissen, auf dem ein Lorbeerkranz in einem zweiten Kranz von Rosen lag. Lorbeer! rief Karmasinoff mit einem feinen und etwas boshaften Lcheln. Ich bin natrlich gerhrt und ich nehme diesen im voraus geflochtenen Kranz, der noch nicht verwelkt ist, mit aufrichtigem Danke an: aber ich versichere Sie, _Mesdames_,{[175]} ich bin pltzlich soweit Realist geworden, da ich Lorbeeren heutzutage in den Hnden eines Kochs besser aufgehoben fnde, als in den meinigen ... Ja, ein Koch ist auch ntzlicher! rief der Seminarist, der mit auf der Sitzung bei Wirginskis gewesen war. Die Ordnung wurde gestrt. In vielen Reihen stieg man auf die Sthle, um besser die Zeremonie der berreichung des Lorbeerkranzes sehen zu knnen. Ich wrde jetzt fr einen Koch noch drei Rubel zuzahlen, ertnte eine laute Stimme. Ich gleichfalls! Ich auch! Gibt es denn hier wirklich kein Bfett? Meine Herren, das ist einfach ein Betrug ... Immerhin bewahrten die Ruhestrer noch einigen Respekt vor unseren Honoratioren und den anwesenden Polizeioffizieren. Ungefhr zehn Minuten nachher hatten sie sich denn auch alle wieder gesetzt. Aber die ursprngliche Ordnung war doch nicht mehr vorhanden. Und in diesem Anfangsstadium eines drohenden Tumults mute nun der arme Stepan Trophimowitsch auftreten ... IV. Ich hielt es nicht aus und eilte doch noch zu ihm hinter die Kulissen, um ihn anzuflehen, jetzt seinen ganzen Vortrag aufzugeben, ein Unwohlsein vorzuschtzen und nach Hause zu fahren. Es sei nun alles schon verspielt und verloren, auch ich wrde mein Festordnerband ablegen, meinen Ehrenposten aufgeben und mit ihm davongehen. Er war in diesem Augenblick gerade im Begriff, die Tribne zu betreten: nun blieb er stehen, ma mich hochmtig vom Kopf bis zu den Fen und fragte mit geradezu feierlichem Ernst: Wie kommen Sie dazu, mein Herr, von mir eine solche Schndlichkeit zu erwarten? Ich trat zurck, berzeugt, da er ohne Katastrophe von dort nicht zurckkehren werde. In vollstndiger Mutlosigkeit stand ich da, als pltzlich wieder die Figur des angereisten Professors vor mir auftauchte. Er ging immer noch auf und ab, in sich versunken und vor sich hinmurmelnd, aber ein triumphierendes Lcheln glitt hin und wieder ber sein Gesicht, und von Zeit zu Zeit hob er immer noch die Faust, um sie dann wuchtig niedersausen zu lassen. Ich trat ganz unabsichtlich auf ihn zu. Wissen Sie, sagte ich, erfahrungsgem hrt kein einziges Publikum lnger als zwanzig Minuten jemandem zu. Selbst die grte Berhmtheit wird es keine halbe Stunde ... Er blieb stehen. Ein ungeheurer Hochmut lag auf seinem Gesicht. Seien Sie unbesorgt, brummte er verchtlich und ging an mir vorber. In dieser Minute ertnte im Saale die Stimme Stepan Trophimowitschs. Ach, da Euch der ...! fluchte ich und eilte in den Saal. Stepan Trophimowitsch hatte sich in den Stuhl gesetzt, noch bevor die Ordnung im Saale einigermaen hergestellt war. Aus den ersten Reihen empfingen ihn nicht gerade wohlwollende Blicke. Im Klub hatte man in der letzten Zeit aufgehrt, ihn besonders zu schtzen oder gar zu lieben. Aber immerhin war es schon viel, da man ihn nicht einfach auszischte. Mich hatte die ganze Zeit die fixe Idee verfolgt, da etwas Derartiges geschehen werde. Vermutlich bemerkte man ihn bei der allgemeinen Unordnung zunchst gar nicht. Doch was konnte er denn berhaupt erwarten, wenn man sogar mit Karmasinoff so verfahren war? Er war bleich; aus seiner Aufregung ersah ich, der ich ihn doch so gut kannte, da er sein Erscheinen auf dieser Tribne selber als eine Art Schicksalsfgung empfand. So stand er denn nach zehn Jahren wieder vor der ffentlichkeit! Lieb und teuer war mir dieser Mensch. Und was fhlte ich nicht alles fr ihn, als ich nun seine ersten Worte vernahm! Meine Damen und Herren! stie er hervor, wie zu allem entschlossen, und doch mit einer Stimme, die vor innerer Erregung gleichsam keinen Atem hatte. Meine Damen und Herren! Noch heute morgen lag einer dieser verbotenen und gesetzwidrigen Aufrufe vor mir, und ich stellte mir wohl zum hundertsten Mal die Frage: >Worin besteht das Geheimnis ihrer Macht?< Der ganze Saal verstummte im Augenblick; alle Blicke wandten sich ihm zu. Kein Zweifel: wenigstens hatte er es verstanden, gleich mit den ersten Worten zu fesseln. Sogar hinter den Kulissen steckte man die Kpfe hervor: Liputin und Lmschin lauschten geradezu gierig. Julija Michailowna rief mich wieder mit einem Wink zu sich. Halten Sie ihn auf, was es auch koste, halten Sie ihn auf! flsterte sie mir erregt zu. Ich zuckte nur mit der Achsel. Wie konnte man einen Menschen, der sich schon zu allem entschlossen hatte, noch aufhalten? Und ich verstand Stepan Trophimowitsch nur zu gut. Aha, von den Proklamationen! flsterte man im Publikum. Meine Damen und Herren, ich habe das ganze Geheimnis erraten. Das Geheimnis ihrer Macht und ihres Erfolges liegt in ihrer -- Dummheit! (Seine Augen erglnzten.) Ja, wre das eine erklgelte Dummheit, eine Dummheit aus Berechnung -- oh, dann wre sie genial! Aber man mu den Verfassern volle Gerechtigkeit widerfahren lassen: sie bringen sie nicht aus Berechnung, nein, sondern es ist einfach die allernaivste, die alleroffenherzigste, die allerbilligste Dummheit -- _c'est la btise dans son essence la plus pure, quelque chose comme un simple chimique_.{[176]} Wre das alles ein wenig klger ausgedrckt, so wrde ein jeder die ganze Armseligkeit dieser billigen Dummheit einsehen. So dagegen bleiben alle in der Ungewiheit, denn keiner will es doch glauben, da es wirklich so erstklassig dumm sei. >Es kann doch nicht sein, da _nichts_ dahinter stecke<, sagt sich ein jeder, und man sucht nach dem geheimen Sinn, glaubt an ein Geheimnis und will zwischen den Zeilen lesen. Damit aber ist der Erfolg schon gesichert! Oh, noch nie hat die Dummheit eine so feierliche Belohnung erhalten, ungeachtet dessen, da sie sie so oft verdient ... Denn, _en parenthse_,{[177]} die Dummheit, wie das hchste Genie, sind innerhalb des Geschickes der Menschheit beide von gleichem Nutzen. Sentenzen der vierziger Jahre! hrte man eine brigens recht bescheidene Stimme sagen. Doch nun war es mit der Ruhe zu Ende: alles schrie und lrmte los. Meine Herren, Hurra! Ich schlage vor, einen Toast auf die Dummheit auszubringen! rief Stepan Trophimowitsch, den ganzen Saal gleichsam herausfordernd. Ich lief zu ihm, unter dem Vorwande, Wasser ins Glas zu gieen. Stepan Trophimowitsch, lassen Sie davon ab, Julija Michailowna bittet Sie instndig ... flsterte ich schnell. Nein, lassen _Sie_ von _mir_ ab, Sie miger junger Mann! rief er mir mit lauter Stimme zu. Ich zog mich zurck. _Messieurs!_ fuhr er fort, wozu die Aufregung, warum dieses Geschrei des Unwillens, das ich hre? Ich bin ja mit dem Olivenzweig gekommen. Ich bringe das letzte Wort, denn in dieser Sache habe ich das letzte Wort -- und wir knnen uns vershnen. Fort mit ihm! riefen die einen. Ruhig, lat doch hren, lat ihn zu Ende sprechen! schrien die anderen. Besonders regte sich der junge Lehrer auf, der, nachdem er einmal zu sprechen gewagt hatte, nun sich nicht mehr halten konnte. _Messieurs_, das letzte Wort in dieser Sache ist -- die gegenseitige Vergebung. Ich, ein alter Mann, ich erklre feierlich, da der Geist des Lebens noch ebenso strmt wie frher und die lebendige Kraft auch in der jungen Generation nicht versiegt ist. Der Enthusiasmus unserer jetzigen Jugend ist noch ebenso rein und licht, wie er es zu meiner Zeit war. Es ist nur eines geschehen: man hat die Ziele gendert, die eine Schnheit ward durch die andere ersetzt! Das ganze Miverstndnis liegt nur darin, was ist schner: Shakespeare oder ein Paar Stiefel, Rafael oder ein Petroleur? Das ist eine Anklage! brllte man irgendwoher. Das sind kompromittierende Fragen! _Agent-provocateur!_{[178]} Ich aber erklre, rief Stepan Trophimowitsch wie rasend, ich aber erklre, da Shakespeare und Rafael -- hher als die Aufhebung der Leibeigenschaft, hher als das Volk, hher als der Sozialismus, hher als die gesamte junge Generation, hher als die Chemie, hher fast als die ganze Menschheit stehen, und vielleicht die hchste Frucht sind, die es berhaupt geben kann! Die Form der Schnheit ist damit schon erreicht, die Prgung, ohne die ich vielleicht gar nicht einwilligen wrde, zu leben ... O Gott! er erhob die Arme, vor zehn Jahren habe ich das in Petersburg genau so von einer Tribne den Menschen zugerufen, mit denselben Worten, und ebensowenig haben sie mich damals verstanden, haben gelacht und gepfiffen wie jetzt ... O ihr kleinen, kleinen Menschen, was fehlt euch, da ihr das nicht verstehen knnt? Ja, wit ihr denn nicht, wit ihr denn nicht, da ohne den Englnder die Menschheit noch leben kann, auch ohne den Deutschen, ohne den russischen Menschen schon ohne weiteres, auch ohne die Wissenschaft, auch ohne Brot, nur ohne die Schnheit, nur ohne Schnheit kann sie nicht leben, denn da gbe es berhaupt nichts mehr zu tun auf der Welt! Hier liegt das ganze Geheimnis, liegt die ganze Weltgeschichte! Selbst die Wissenschaft wrde ohne die Schnheit nicht einen Augenblick bestehen -- wit ihr das auch, ihr Lacher --, alles wrde sich in Hamitentum verwandeln, nichts mehr wrdet ihr erfinden, nicht einmal einen Nagel! ... Dabei bleibe ich! und er schlug aus aller Kraft mit der Faust auf den Tisch. Viele sprangen von ihren Pltzen, andere drngten sich nher zu der Tribne. Alles das geschah schneller, als sich's beschreiben lt, und erst recht schneller, als da man Vorsichtsmaregeln htte treffen knnen -- wenn man berhaupt welche htte treffen wollen! Ihr habt es gut, ihr Verwhnten an euren vollen Tischen! brllte schon unmittelbar vor der Tribne der Seminarist und fletschte Stepan Trophimowitsch hhnisch an. Der bemerkte es und trat sofort bis an den uersten Rand: Habe nicht ich, nicht ich soeben noch gesagt, da der Enthusiasmus unserer jungen Generation ebenso rein und licht ist wie frher, und da sie nur deshalb ins Verderben geht, weil sie sich in den Formen des Schnen tuscht? Ist euch das zu wenig? Und wenn ihr bedenkt, da ein gebeugter und beleidigter Vater zu euch spricht, ist es dann, -- o ihr kleinen Menschen! ... Kann man denn berhaupt noch leidenschaftsloser und klarer schauend ber den Ansichten stehen? Undankbare, ungerechte Menschen ... warum wollt ihr nicht Frieden schlieen ... Und pltzlich brach er in hysterisches Schluchzen aus. Er wischte sich mit den Fingern die Trnen ab. Die Brust und die Schultern zitterten vor Schluchzen -- er verga alles um sich her. Eine wirkliche Panik ergriff das Publikum, fast alle erhoben sich von ihren Pltzen. Auch Julija Michailowna erhob sich schnell und zog ihren Mann von seinem Stuhle in die Hhe. Stepan Trophimowitsch! brllte triumphierend der Seminarist. Hier in der Stadt und in der Umgegend treibt sich jetzt ein entsprungener Zuchthusler herum, Fedjka mit Namen. Er stiehlt berall und vor nicht langer Zeit hat er einen neuen Mord verbt. Gestatten Sie die Frage: wenn Sie ihn vor fnfzehn Jahren nicht zur Begleichung einer Kartenschuld als Rekruten verkauft htten, wre er dann auch nach Sibirien gekommen? Htte er dann auch Menschen ermordet im Kampfe ums Dasein? Was sagen Sie dazu, Herr sthetiker? Ich verzichte darauf, die nun folgende Szene zu beschreiben. Zunchst ertnte ein rasender Applaus. Es applaudierten natrlich nicht alle, vielleicht nur der fnfte Teil des Saales, aber der applaudierte dafr auch wie wahnsinnig. Der Rest des Publikums strmte zum Ausgang, der applaudierende Teil dagegen zur Tribne hin, und so entstand ein allgemeines Gewhl. Damen schrien auf. Junge Mdchen weinten und wollten nach Hause. Lembke stand noch immer an seinem Platz und sah drohend um sich. Julija Michailowna verlor zum erstenmal in ihrem Leben vllig den Kopf. Stepan Trophimowitsch schien von den Worten des Seminaristen zuerst vllig zerschmettert zu sein, doch pltzlich erhob er beide Hnde und rief: Ich schttle den Staub von meinen Fen und verfluche ... Das ist das Ende ... das Ende ... Und sich umkehrend lief er, gestikulierend und noch mit den Hnden drohend, hinter die Kulissen. Er hat die Gesellschaft beleidigt! ... Er schmht uns! Werchowenski! schrie man. Und schon wollte man hinter ihm her strzen, was in diesem Augenblick schwer zu verhindern gewesen wre, -- aber siehe da! nun sollte noch die letzte Katastrophe wie eine Bombe in die Versammlung einschlagen! Der dritte Redner, jener Maniak, der hinter den Kulissen hin und her geschritten war und in einem fort die Faust hochgehoben hatte, erschien pltzlich auf der Tribne. Er hatte entschieden das Aussehen eines Verrckten. Mit breitem, triumphierendem Lcheln, voll unermelichen Selbstvertrauens bersah er die aufgeregte Menge, und es schien ihn nicht im geringsten zu verwirren, da er vor solchem Publikum reden sollte, vielmehr schien er an der Unordnung sogar seine Freude zu haben, und zwar so augenscheinlich, da gerade das die allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn lenkte. Wer ist denn das? hrte man fragen. Was will denn der noch? Still! Pst! Was? Meine Herren! begann dieser Mensch, ganz am uersten Rande der Tribne stehend, schreiend laut und fast mit einer ebenso kreischend-weibischen Stimme, wie Karmasinoff sie hatte, nur lauter und ohne das aristokratische Lispeln. Meine Herren! Vor zwanzig Jahren, am Vorabend unseres Krieges mit dem halben Europa, war Ruland das Ideal aller Staats- und Geheimrte! Die Literatur stand im Dienst der Zensur! An den Universitten lehrte man exerzieren! Das Heer wurde zum Ballett! Das Volk aber bezahlte stier und stumm Abgaben, schwieg und schmachtete unter der Knute der Leibeigenschaft! Patriotismus wurde zum Geschft: man erprete von Lebenden und von Toten! Die nicht Schmiergelder nahmen, galten fr revolutionr, denn sie strten die Harmonie! Die Birkenwlder wurden rasiert als Hilfe zur Aufrechterhaltung dieser Ordnung. Europa zitterte. Doch in Ruland hatte es in dem ganzen sinnlosen Jahrtausend seiner Existenz noch niemals elender ausgesehen! Ruland war nur noch eine einzige Schmach und weiter nichts! Und mit einer wsten Bewegung erhob er die Faust, schttelte sie drohend ber seinem Haupte und lie sie dann ingrimmig niedersausen, als wollte er mit einem einzigen Schlage einen unsichtbaren Gegner zerschmettern. Ein unbndiges Gebrll erhob sich von allen Seiten. Ohrenbetubendes Klatschen und Trampeln erschtterte den Saal. Es applaudierte schon beinahe die Hlfte der Anwesenden. Die Harmlosesten wurden mitgerissen: Ruland wurde ffentlich geschmht, entehrt, vor dem ganzen Publikum heruntergerissen -- wie sollte man da nicht brllen vor Entzcken? Das ist's! ... Der wei es! ... Der hat recht! Hurra ... Das ist besser als sthetik! ... Hurra! Triumphierend fuhr der Maniak in seiner Rede fort: Seit der Zeit sind zwanzig Jahre vergangen! Die Universitten haben sich vermehrt! Das Exerzieren in den Hrslen ist zur Legende geworden! An Offizieren im Heer fehlt's jetzt zu Tausenden! Die Eisenbahnen haben alles Kapital verschlungen und Ruland wie mit einem Spinngewebe berzogen, so da man in zehn bis fnfzehn Jahren vielleicht auch wirklich wird reisen knnen. Die Brcken brennen nur selten, aber die Stdte dafr um so hufiger. Auf den Gerichten werden salomonische Urteile gefllt, doch die Geschworenen nehmen Schweigegelder an, um nicht Hungers zu sterben! Die befreiten Leibeigenen peitschen sich jetzt gegenseitig, an Stelle der Gutsbesitzer, die es frher taten! Ozeane von Schnaps trinkt man aus, damit das Budget zustande kommt! Und in Nowgorod hat man vor der alten und unntzen Sophienkirche eine kolossale Kugel aufgestellt und feierlich enthllt, als Denkmal der tausendjhrigen Unordnung und Sinnlosigkeit, die wir jetzt glcklich hinter uns haben! Europa aber rgert sich und fhlt sich von neuem beunruhigt ... Fnfzehn Jahre der Reformen! Indessen ist Ruland noch niemals, nicht einmal in den groteskesten Zeiten seines ganzen unsinnigen Bestehens, zu solch einer ... Seine letzten Worte wurden schon vom Gebrll der Menge verschlungen. Man sah nur noch, wie er wieder die Faust erhob und sie dann wieder niedersausen lie. Der Jubel berstieg bereits alle Grenzen. Man schrie, man heulte, man klatschte unbndig in die Hnde. Sogar einzelne Damen riefen: Genug! Besseres knnen Sie nicht mehr sagen! Man war wie betrunken. Oben auf der Tribne aber stand der Redner, berschaute alle und schmolz gleichsam in seinem Triumphgefhl. Ich sah nur noch, wie Lembke in unaussprechlicher Aufregung irgendjemandem irgendetwas befahl. Neben ihm stand Julija Michailowna kreidewei. Der junge Frst nherte sich ihnen schnell. Sie flsterte ihm etwas zu. Doch in diesem Moment sah ich schon mehrere Herren auf der Tribne, meist offizielle Persnlichkeiten, die sich blitzschnell auf den Redner warfen und ihn hinter die Kulissen schleppten. Irgendwie gelang es aber diesem doch noch, sich loszureien, und im Augenblick stand er wieder auf der Tribne, um, mit erhobener Faust, gerade noch schreien zu knnen: Aber noch nie ist Ruland zu solch einer ... Doch schon hatte man ihn wieder gepackt, berwltigt und schleppte ihn weg. Sogleich strmte ein ganzer Haufe von etwa fnfzehn Mann hinter die Kulissen, um ihn zu befreien, strmte seitlich an der Tribne vorber, ri eine Barriere um ... Ich sah nur noch, da pltzlich -- ich traute meinen Augen nicht -- die Studentin (Wirginskis Schwester) auf der Tribne stand. Sie hielt dieselbe Papierrolle in der Hand, war ebenso angezogen, ebenso rundlich, doch hinter ihr standen noch zwei oder drei Gesinnungsgenossinnen und zwei oder drei Genossen, unter diesen auch ihr Todfeind, der Gymnasiast. Ich vernahm sogar noch ihre ersten Worte: Ich bin gekommen, um Ihnen von den Leiden der unglcklichen Studenten zu erzhlen und alle zu einem Protest aufzurufen! ... Doch da lief ich schon hinaus. Mein Festordnerband steckte ich in die Tasche, durch eine Hintertr gelangte ich auf die Strae. Mein erster Weg war natrlich zu Stepan Trophimowitsch. Siebzehntes Kapitel. Das Ende des Festes I. Stepan Trophimowitsch empfing mich nicht. Er hatte sich eingeschlossen und schrieb. Auf mein Klopfen und Rufen hin antwortete er mir nur durch die verschlossene Tr: Lieber Freund, ich habe mit allem abgeschlossen, wer kann noch mehr von mir verlangen? Sie haben gar nicht mit allem abgeschlossen! Sie haben nur das Ihre dazu beigetragen, da alles zusammenbrach! Im Ernst, Stepan Trophimowitsch, machen Sie die Tr auf, man mu Vorkehrungen treffen. Die Bande kann schlielich noch zu Ihnen kommen, um Sie zu beschimpfen ... Ich hielt mich fr berechtigt, streng mit ihm zu reden. Vor allem frchtete ich, da er irgendeine Torheit begehen knnte. Aber zu meinem Erstaunen stie ich bei ihm auf feste Entschlossenheit. Wenn Sie mich nur nicht als erster beleidigen wollten. Ich danke Ihnen fr alles Gewesene, aber ich mu Ihnen wiederholen, da ich mit allem abgeschlossen habe, mit dem Guten, wie mit dem Bsen. Ich schreibe soeben einen Brief an Darja Pawlowna, die ich unverzeihlicherweise bis jetzt ganz vergessen hatte. Morgen bringen Sie ihr dann den Brief, wenn Sie so freundlich sein wollen. Heute aber -- >_Merci_<. Stepan Trophimowitsch, ich versichere Ihnen, da die Sache ernster ist, als Sie glauben. Oder glauben Sie vielleicht, da Sie dort jemanden zerschmettert haben? Ach, doch nur sich selbst, wie ein leeres Glas! (Oh, ich war roh und grausam; heute ist mir das eine schmerzliche Erinnerung!) An Darja Pawlowna haben Sie jetzt entschieden nichts zu schreiben ... und was wollen Sie jetzt ohne mich anfangen? Was wissen Sie denn von der Wirklichkeit? Sicher haben Sie jetzt irgendeine besondere Absicht! Was haben Sie vor, Stepan Trophimowitsch? Sicher werden Sie sich noch einmal blamieren, wenn Sie wieder etwas unternehmen ... Er stand auf und kam zur Tr. Sie haben noch nicht lange mit diesen Leuten verkehrt, und doch haben Sie deren Sprache und Ton schon angenommen. _Dieu vous pardonne, mon ami, et Dieu vous garde._{[179]} Aber ich habe in Ihnen immer einen gewissen inneren Anstand wahrgenommen, und so hoffe ich, da Sie noch zur Besinnung kommen werden -- _aprs le temps_{[180]} natrlich, wie wir alle, wir russischen Menschen. Was Ihre Bemerkung ber meine Unkenntnis der Wirklichkeit betrifft, so mchte ich Sie an einen alten Gedanken von mir erinnern: da bei uns in Ruland unzhlige Menschen sich nur damit beschftigen, mit grtem Wuteifer und mit einer Unermdlichkeit, die an Fliegen im Sommer gemahnt, ber alle anderen herzufallen, indem sie ihnen Unkenntnis der Wirklichkeit vorwerfen. Jedem Menschen machen sie den Vorwurf, er sei >unpraktisch<, nur sich selbst machen sie ihn nie. _Cher_, bedenken Sie, da ich erregt bin, und qulen Sie mich nicht. Noch einmal Dank fr alles und scheiden wir voneinander, wie Karmasinoff vom Publikum -- das heit, vergessen wir uns gegenseitig so gromtig wie mglich. Das war von ihm brigens nur eine Finte, da er seine alten Leser so instndig bat, ihn zu vergessen. _Quant moi_,{[181]} so bin ich nicht so selbstschtig und verlasse mich vor allem auf die Jugend Ihres unversuchten Herzens: wozu sollten Sie sich lange eines nutzlosen Greises erinnern? Darum, mein Freund, >leben Sie mehr<, wie mir Nastassja zu meinem letzten Namenstage wnschte (_ces pauvres gens ont quelque fois des mots charmants et pleins de philosophie_{[182]}). Nicht zu viel Glck wnsche ich Ihnen, das wrde langweilig werden. Aber ich wnsche Ihnen auch kein Unglck, sondern sage nur wie der Volksmund: >Leben Sie mehrVortrag<, und Sie taten recht. Aber man wird Ihnen erzhlen, da in unserem an Charakteren gnzlich verarmten Ruland ein Mensch sich erhoben und trotz der Gefahren, die er lief, diesen kleinen Dummkpfen die ganze Wahrheit gesagt hat, das heit: da sie dumme Nrrchen sind. _Oh, ce sont des pauvres petits vauriens et rien de plus, des petits_ Nrrchen -- _voil le mot_!{[184]} Der Wrfel ist gefallen. Ich verlasse diese Stadt. Ich kehre niemals wieder. Ich wei noch nicht, wohin ich meinen Fu setzen werde. Alle, die ich liebte, haben sich von mir abgewandt. Nur Sie, Sie reines und gutes Geschpf, Sie Sanfte, deren Schicksal sich beinahe mit dem meinen vereinigt htte, nach dem Willen eines kaprizisen und herrschschtigen Frauenherzens, Sie, die vielleicht mit Verachtung auf mich herabsehen, seit ich am Vorabend unserer nicht zustande gekommenen Heirat meine kleinmtigen Trnen vergossen habe; Sie, die in mir gewi nichts anderes sehen knnen, als einen lcherlichen Menschen, nur Sie, oh, nur Sie gre ich noch! Nur Ihnen noch diesen letzten Schrei meines Herzens, Ihnen meine letzte Pflicht, Ihnen allein! Kann ich Sie doch nicht so auf ewig verlassen! -- mit der Vorstellung von mir als einem undankbaren, unwissenden, selbstschtigen Toren, wie mich Ihnen wohl tglich ein undankbares und grausames Herz schildert, ein Herz, das ich -- o Schmerz! -- nicht vergessen kann ... Der Brief war auf einem Bogen groen Formats geschrieben und vier Seiten lang ... ... Ich pochte noch dreimal an die Tr, nachdem er mit den Worten, er werde nicht aufmachen, ins Zimmer zurckgegangen war. Dann rief ich ihm zu, da er heute noch dreimal Nastassja zu mir schicken werde mit der Bitte, zu ihm zu kommen, aber dann werde das gleichfalls vergeblich sein. Damit ging ich fort und begab mich zu Julija Michailowna. II. Hier sollte ich Zeuge einer emprenden Szene werden: die arme Frau wurde auf eine geradezu infame Weise betrogen. Ich sah es, aber ich war ja machtlos. Was htte ich ihr denn sagen sollen? Ich hatte ja selbst nur erst unklare Vorgefhle, doch keinen einzigen Beweis fr meinen Verdacht. Als ich eintrat, lag sie weinend unter Eau de Cologne-Kompressen und Eiswasser auf der Chaiselongue. Vor ihr standen Pjotr Stepanowitsch, der ununterbrochen redete, und der junge Frst, der ununterbrochen schwieg, als htte man ihm mit einem Schlssel den Mund verschlossen. Unter Trnen warf sie Pjotr Stepanowitsch seine Abtrnnigkeit vor. Sonderbar war dabei, da sie nur ihm allein und seiner Abwesenheit das Milingen und den ganzen Zusammenbruch des Festes zuschrieb. An Pjotr Stepanowitsch selber fiel mir eine merkwrdige Vernderung auf: er war ungewhnlich ernst und offenbar mit irgendwelchen Gedanken beschftigt. Sonst war er ja nie ernst gewesen, sondern hatte immer gelacht, selbst dann, wenn er sich rgerte -- und er rgerte sich oft. Auch jetzt war er sichtlich gergert, sprach grob, nachlssig und rcksichtslos, voll Hast und Ungeduld. Er versicherte, da er die ganze Zeit mit Kopfschmerzen und belkeit bei Gaganoff gelegen htte, zu dem er, wie er sagte, schon am frhen Morgen gegangen wre: an ein Erscheinen auf der Matinee sei auch nicht einmal zu denken gewesen. Jetzt drehte sich der ganze Streit hauptschlich darum, ob die andere Hlfte des Festes, der Ball am Abend, stattfinden sollte oder nicht? Julija Michailowna wollte unter keiner Bedingung auf ihm erscheinen -- oder vielmehr, sie wollte mit aller Gewalt darum gebeten werden, und zwar gerade von Pjotr Stepanowitsch. Sie hrte noch immer auf ihn wie auf ein Orakel, und da es durchaus in seinen dunklen Plnen lag, da der Ball heute noch stattfand und Julija Michailowna auf ihm erschien, so bat er denn auch. Warum weinen Sie denn? Sie mssen natrlich wieder eine Szene machen! Wir aber mssen jetzt zu einem Entschlu kommen. Was am Morgen verdorben wurde, machen wir am Abend wieder gut! Auch der Frst ist ganz meiner Meinung. Tja, wenn der Frst nicht gewesen wre, womit wrde das wohl geendet haben! Da dies auch die Meinung des Frsten sei, war nun freilich nicht ganz richtig. Dieser war nmlich zunchst nur dafr, da der Ball stattfand, nicht aber dafr, da Julija Michailowna auf ihm erschien. Schlielich schien er aber auch dagegen nichts mehr einzuwenden zu haben. Mich setzte nun vor allem die unglaubliche Frechheit Pjotr Stepanowitschs in Erstaunen. Da an den gewhnlichen Klatschgeschichten, die ber die Art seines Verhltnisses zu Julija Michailowna umliefen, kein wahres Wort war, wute ich. Er beherrschte diese Frau einfach dadurch, da er auf alle ihre gesellschaftlichen Trume und ehrgeizigen Plne, auf ihre Absicht, im Gouvernement eine besondere Rolle zu spielen und selbst den Petersburgern zu imponieren, in geschickter Weise einging und ihr mit den grbsten Schmeicheleien um den Mund redete. Aber erstaunlich war es doch, wie rasch er sich jetzt wieder bei ihr in Gunst zu setzen wute. Als sie mich eintreten sah, rief sie mit blitzenden Augen: Da! fragen Sie ihn, er ist die ganze Zeit nicht von mir gewichen, ganz wie der Frst! Und Sie, -- erklren Sie ihm doch bitte, da dieser ganze Skandal nichts als eine Verschwrung gegen mich und Andrei Antonowitsch war! Oh, die hatten sich alle verschworen! Sie hatten einen gemeinsamen Plan! Es war alles im voraus darauf abgesehen! ... Sie irren sich, wie immer! Stets ein Poem im Kopf! Ich bin brigens froh, den Herrn ... er tat, als habe er meinen Namen vergessen ... er wird uns seine Meinung sagen. Ich bin ganz der Ansicht Julija Michailownas, beeilte ich mich zu erklren. Da eine Verabredung vorlag, das sah man doch nur zu deutlich. Ich bringe Ihnen im brigen hier meine Bnder, Julija Michailowna. Ob der Ball zustande kommt oder nicht, das ist natrlich nicht meine Sache. Doch meine Rolle als Anordner ist zu Ende. Entschuldigen Sie, aber ich kann nicht gegen meine berzeugung handeln und -- gegen allen gesunden Menschenverstand. Hren Sie, hren Sie! rief sie und schlug die Hnde zusammen. Ich hre ja schon ... Aber was ich noch sagen wollte, wandte sich Pjotr Stepanowitsch zu mir, ich bin jetzt berzeugt, da alle irgend etwas gegessen haben mssen, wovon sie krank geworden sind. Meiner Meinung nach ist nichts geschehen, nichts, was nicht auch frher schon bei solchen Festen fast immer geschehen ist. Was fr eine Verabredung sollte denn das gewesen sein? Es sind da ein paar scheuliche Dummheiten passiert, aber was hat das mit einer Verschwrung zu tun? Das war nicht gegen Julija Michailowna persnlich, sondern hchstens gegen ihre Gnstlinge und Schtzlinge gerichtet! Julija Michailowna! Was habe ich Ihnen den ganzen Monat ununterbrochen vorgehalten? Wovor habe ich Sie gewarnt? Nun, sagen Sie mir doch: wozu, wozu brauchten Sie dieses ganze Volk da? -- Wozu mit solch einem Pack sich abgeben? Warum und wozu war das ntig? Wann haben Sie mich gewarnt? Im Gegenteil, Sie begnstigten das, Sie verlangten sogar ... Sie selbst haben mir allerhand sonderbare Menschen zugefhrt! Im Gegenteil, ich habe mich mit Ihnen wegen dieser Leute herumgestritten, aber nicht sie begnstigt und eingefhrt! Jetzt soll ich es gewesen sein, der dieses Pack hier eingefhrt hat, womglich noch in letzter Zeit, als sie schon zu Dutzenden herbeistrmten, um diese >literarische Quadrille< mitzumachen! Ich knnte wetten, da es gerade diese Mimen gewesen sind, die alles mgliche Volk ohne Billetts eingefhrt haben. Das drfte stimmen! bemerkte ich. Sehen Sie, schon mssen Sie mir recht geben. Und erinnern Sie sich doch nur, welch ein Ton hier in der letzten Zeit eingerissen war! Das war ja schon die richtige Gemeinheit, das war ja ein Skandal und Lrm, da einem die Ohren davon weh taten! Und wer begnstigte das? Wer deckte das alles mit seiner Autoritt? Wer hat hier alle irre gemacht? Wer hat hier alle Spieer erbittert? Sind doch in Ihrem Album alle hiesigen Familiengeheimnisse karikiert! Und haben nicht Sie, gerade Sie alle unsere Stegreifdichter und Karikaturisten verwhnt, haben Sie sich nicht sogar von einem Lmschin die Hand kssen lassen? Und hat nicht in Ihrer Gegenwart der Seminarist einen Staatsrat beschimpfen drfen und der Tochter des Staatsrats mit seinen Schmierstiefeln das Kleid abgetreten? Warum wundern Sie sich nun noch, da das Publikum Ihnen jetzt nicht gerade freundlich gesinnt ist? Aber das haben doch alles Sie selbst ... O Gott! Ich? ich habe Sie immer nur gewarnt! Worber htten wir uns denn sonst die ganze Zeit gestritten? Aber Sie lgen mir ja ins Gesicht! Nun ja, das kostet Ihnen ja weiter nichts, so was zu sagen. Sie haben jetzt ein Opfer ntig, an dem Sie Ihren rger auslassen knnen -- da komme ich Ihnen gerade recht. Ich werde mich lieber an Sie wenden, Herr ... Er konnte sich offenbar noch immer nicht auf meinen Namen besinnen. Zhlen wir's doch an den Fingern ab: ich behaupte, da auer der Liputingeschichte keine einzige Verabredung sich nachweisen lt, kei--ne ein--zige! Das werde ich Ihnen sogleich beweisen; aber nehmen wir zuerst Liputin. Er trat mit dem Gedicht des Dummkopfs Lebdkin auf -- schn! oder vielmehr, das war nicht schn. Aber was soll denn das fr eine >Verschwrung< sein? Er kam sich einfach geistreich vor! Im Ernst: geistreich! Er wollte einen Witz machen, uns unterhalten, erheitern, -- verlassen Sie sich darauf! ... und nicht nur uns, sondern vor allen anderen die Protektrice Julija Michailowna erheitern! Und das ist alles! Sie glaubens nicht? Aber war denn das nicht ein Witz in genau demselben Tone, wie er hier schon den ganzen letzten Monat herrschte? Und wenn Sie wollen, da ich alles sage: bei Gott, unter anderen Umstnden wre er vielleicht auch glatt durchgegangen! Der Scherz war meinethalben roh, na, sagen wir, war vielleicht ein starkes Stck, aber an sich doch schlielich witzig. Wie! Sie halten diese elende Handlungsweise Liputins auch noch fr geistreich? fragte Julija Michailowna emprt, eine solche Dummheit, eine solche Taktlosigkeit, eine solche Niedertrchtigkeit und Gemeinheit, dieser Anschlag! Ja, dann gibt es keine andere Erklrung: dann sind Sie selbst mit jenen im Bunde! Na, natrlich doch! Ich sa ja hinter den Kulissen, habe von dort aus die ganze Maschine dirigiert. -- Wenn ich hinter einer Verschwrung gesteckt htte, dann, glauben Sie mir, dann wre das nicht bei Liputin allein geblieben! Folglich steckte ich wohl auch, Ihrer Meinung nach, hinter meinem Papachen? damit er absichtlich einen solchen Skandal heraufbeschwrt? Ja, sagen Sie doch: wer ist nun _daran_ schuld, da man auch Papachen zum Lesen aufforderte? Wer hat Ihnen noch gestern davon abgeraten, noch gestern, gestern!! _Oh, hier il avait tant d'esprit_,{[185]} und ich rechnete so auf ihn! Und dann, er hat doch Manieren! Ich dachte: er und Karmasinoff ... und nun statt dessen! ... Tja, und nun statt dessen! Aber ungeachtet des _tant d'esprit_, hat Papachen alles verpfuscht. Doch da ich das voraussah, so htte ich, als Mitglied der berzeugend nachweisbaren Verschwrung gegen Ihr Fest, Ihnen doch wohl nicht abgeraten, diesen Ziegenbock zum Grtner zu machen? Ist's nicht so? Indessen habe ich Ihnen tatschlich abgeraten, habe noch gestern abgeraten, und zwar, weil ich schon so 'ne Vorahnung hatte, wie das enden wrde. Natrlich habe ich nicht alle Details vorausgesehen, das wre ja auch gar nicht mglich gewesen: er hat doch sicher selber nicht gewut, womit er im nchsten Augenblick herausplatzen wird. So 'n nervser Alter ist doch berhaupt kein Mensch mehr! Aber man kann da noch manches retten: schicken Sie gleich morgen, zur Genugtuung des Publikums, zwei rzte zu ihm, die sich nach seinem Gesundheitszustande erkundigen, oder schon heute, und dann so -- na, auf administrativem Wege in eine Kaltwasserheilanstalt mit ihm. Wenigstens wrden dann alle lachen und einsehen, da man keine Ursache hat, sich gekrnkt zu fhlen. Ich kann ja noch heute auf dem Ball unter der Hand ein paar diesbezgliche Erklrungen abgeben, da ich ja der Sohn bin. Eine andere Sache ist es mit Karmasinoff, der hat sich schn als grner Esel entpuppt und seinen Gallimathias eine ganze Stunde lang geleiert, -- na, mit dem steckte ich Ihrer Ansicht nach doch zweifellos unter einer Decke! Den habe ich wohl ausdrcklich gebeten, mitzutun, um Julija Michailowna zu schaden! Oh, Karmasinoff, _quelle honte_!{[186]} Ich verging, ich verging vor Schande fr unser Publikum! Na, ich wre nicht vergangen, sondern htte lieber ihm das Gehen beigebracht. Das Publikum war durchaus im Recht. Aber wer ist nun in diesem Fall wieder der Schuldige? Habe etwa ich Ihnen auch diesen aufgebunden? Habe ich bei seiner Vergtterung mitgeholfen? Doch, zum Teufel mit ihm! Aber der dritte, der Maniak, der Politiker! Das war schon eine andere Nummer! An dem haben sich schon alle versehen, aber nicht ich allein etwa! Ach, reden Sie nicht davon, das ist schrecklich, schrecklich! Daran bin ich, ich allein schuld! Tja, freilich, aber nun mu ich Sie doch verteidigen. So etwas kann niemand voraussehen, -- und wer, zum Teufel, kennt sich denn heute unter diesen >Aufrichtigen< berhaupt noch aus? Vor so einem ist man selbst in Petersburg nicht sicher. Er war Ihnen doch empfohlen! und wie noch! Sehen Sie nun nicht ein, da Sie sogar verpflichtet sind, auf dem Ball zu erscheinen? Man wei doch, da Sie es waren, die ihn auf die Tribne brachte: darum mssen Sie nun ffentlich zu erkennen geben, da Sie sich mit ihm nicht solidarisch fhlen, da der Kerl schon in den Hnden der Polizei ist und da man Sie auf unerklrliche Weise betrogen hat. Sie mssen es mit Unwillen kundgeben, da Sie das Opfer eines Verrckten gewesen sind. Denn da der Kerl ein Verrckter ist, sieht doch ein jeder! Ich kann diese Beienden nicht ausstehen. Freilich rede ich selber manchmal noch schrfer, aber ich tu's doch nicht von der Tribne aus! Und da reden noch die Leute wie absichtlich gerade jetzt von dem Senator! Von was fr einem Senator? Wer redet ...? Tja, was wei ich! Aber wie, haben Sie denn nichts von einem Senator gehrt? Einem Senator? Nein! Ja, sehen Sie, man erzhlt sich, da irgendein Senator hierher geschickt werde, und da man Sie von Petersburg aus absetzen will. Ich habe es von vielen gehrt. Ich allerdings auch! besttigte ich. Wer hat das gesagt? fuhr Julija Michailowna auf und das Blut scho ihr ins Gesicht. Wer das zuerst gesagt hat? ... Wie soll ich das wissen. Die ganze Stadt redet so. Besonders gestern sprach man davon. Alle tun so ernst dabei, obgleich man gar nicht recht klug daraus werden kann. Natrlich -- die bichen Klgeren und Kompetenteren, die reden ja nicht davon, aber auch von diesen hren manche aufmerksam zu. Welch eine Niedertrchtigkeit! Und ... welch eine Dummheit! Na, wie gesagt, und schon deshalb mssen Sie erscheinen, um diesen Dummkpfen ... Ich sehe ein, ja, ich fhle es jetzt selbst, da ich verpflichtet bin ... aber wie, wenn mich eine neue Schande erwartet? Und wenn der Ball am Ende gar nicht zustande kommt? Keiner wird kommen, keiner, keiner! Sie werden sehen! Ach, da sollte man die Menschen nicht kennen! Wo blieben denn da die Toiletten? Sie als Frau sollten sich das doch selbst sagen! Sonderbare Menschenkenntnis! Die Adelsmarschallin wird bestimmt nicht erscheinen! Zum ... was ist da denn nun eigentlich passiert! Warum soll sie denn nicht erscheinen? rief er pltzlich ganz wtend vor Ungeduld. Die Schmach, die Blamage! Ich wei nicht, was passiert ist, ich wei nur, da es mir nach alledem unmglich ist, hinzugehen! So! Warum denn nicht? Ja, woran sind Sie denn eigentlich schuld? Ist denn nicht das Publikum an allem schuld? Wo waren denn die Stadtltesten, die Familienvter? -- deren Pflicht wre es doch gewesen, die Taugenichtse zurckzuhalten. In keiner Gesellschaft und berhaupt nirgendwo kann die Polizei allein fr alles einstehen. Bei uns verlangt aber jeder, der eintritt, da hinter ihm ein Polizist stehe und ihn beschtze. Niemand begreift hier, da jede Gesellschaft sich selbst beschtzen mu. Aber was machen bei uns die Herren Honoratioren samt Frauen und Tchtern in solchen Fllen? Sie schweigen und blhen sich! spielen die Gekrnkten! Nicht einmal diese Bengel von Strenfrieden im Zaum zu halten verstehen sie, selbst dazu reicht ihr gesellschaftlicher Instinkt nicht aus! Ach, das ist ja nur zu wahr! Sie schweigen, blhen sich und ... sehen sich um. Und wenn das wahr ist, so mu man das auch so sagen, da alle es hren, furchtlos und streng! Sie mssen auf dem Ball erscheinen, und in den Zeitungen mu es stehen, da Sie erschienen sind! Ich werde die Sache selbst in die Hand nehmen und Ihnen alles arrangieren. Wir bringen den Bericht in die Petersburger >Stimme< und in die >Brsennachrichten<. Versteht sich: mehr Aufmerksamkeit, das Bfett strenger beaufsichtigen, den Frsten bitten, den Herrn da bitten! Und dann mssen Sie erscheinen, offen vor aller Welt, am Arme Andrei Antonowitschs. Wie geht es ihm brigens? Oh, wie ungerecht, wie falsch, wie beleidigend haben Sie immer ber diesen engelsguten Menschen geurteilt! rief Julija Michailowna pltzlich, mit ganz berraschender Glut, fast unter Trnen aus und drckte ihr Taschentuch an die Augen. Diese Wendung kam fr Pjotr Stepanowitsch so unerwartet, da er im Augenblick nicht wute, was er sagen sollte. Aber ich bitte Sie, ich ... ja, was denn! ... ich habe doch immer ... Niemals, niemals, niemals haben Sie ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen! Eine Frau kann man doch nie auskennen! brummte Pjotr Stepanowitsch mit einem eigentmlichen Spottlcheln. Das ist der gerechteste, der feinfhlendste Mensch! Der beste, der gtigste von allen! Aber ... ich bitte Sie, ich ... wieso, ich habe doch immer -- namentlich in betreff der Gte ... habe ich ihm immer ... Nein, niemals! Aber lassen wir das. Ich bin schlecht fr ihn eingetreten. Und vorhin hat diese Jesuitin, die Adelsmarschallin, auch einige sarkastische Bemerkungen wegen gestern fallen lassen. Oh, der ist es jetzt nicht mehr ums Gestrige zu tun, die hat von heute genug! Aber machte es Ihnen denn wirklich etwas aus, wenn sie nicht auf den Ball kme? Denn natrlich wird sie nicht kommen, nachdem sie selbst in einen solchen Skandal verwickelt worden ist! Mglich, da sie nicht schuld ist, aber die Reputation ist doch hin: schmutzige Hnde! Was heit das? ... ich verstehe nicht, -- warum schmutzige Hnde? Julija Michailowna sah ihn verstndnislos an. Das heit, ich will ja nichts behaupten, aber die ganze Stadt lutet es schon aus, da sie die Geschichte begnstigt habe. Was? Aber was denn begnstigt? Ja, wissen Sie es denn noch nicht? rief er mit vorzglich gespieltem Erstaunen. Stawrogin und Lisaweta Nicolajewna! ... Wie? Was? riefen wir alle. Ja, wissen Sie denn wirklich noch nichts? Na, hren Sie mal! Aber es haben sich doch soeben Tragiromane abgespielt! -- Es hat Lisaweta Nicolajewna gefallen, sich unmittelbar aus der Equipage der Adelsmarschallin in die Equipage Stawrogins hinberzusetzen und >mit diesem letzteren< nach Skworeschniki zu entschlpfen, mitten am hellichten Tage. Erst vor einer Stunde, noch nicht einmal einer Stunde. Wir erstarrten. Natrlich strzten wir uns dann ins Ausfragen, doch wunderlicherweise konnte er, obschon er selbst zufllig Augenzeuge gewesen sein wollte, von den nheren Umstnden nichts Genaues erzhlen. Geschehen war es angeblich folgendermaen: Als die Adelsmarschallin nach der Matinee Lisa und Mawrikij Nicolajewitsch in ihrer Equipage heimbrachte und der Wagen vor dem Hause von Lisas Mutter (deren Fe immer noch krank waren) hielt, da wartete nicht weit, ungefhr fnfundzwanzig Schritt von der Vorfahrt, etwas abseits, eine andere Equipage. Und kaum war Lisa vor der Treppe ausgestiegen, -- da sei sie sofort zu jener Equipage geeilt; der Schlag habe sich geffnet, sei zugeklappt; Lisa habe Mawrikij Nicolajewitsch nur noch zugerufen: Schonen Sie mich! -- und die Equipage sei in voller Karriere davongefahren nach Skworeschniki. Auf unsere hastigen Fragen: War das eine Verabredung? Wer sa in jener Equipage? -- antwortete Pjotr Stepanowitsch, er wisse nichts; zweifellos sei das abgekartet gewesen, doch Stawrogin habe er in der Equipage nicht gesehen; vielleicht sa nur der Kammerdiener im Wagen, der alte Alexei Jegorytsch. Auf die Frage: Wie kam es denn, da gerade Sie zugegen waren? Und woher wissen Sie, da die Equipage nach Skworeschniki gefahren ist? -- antwortete er, da er zugegen gewesen sei, weil er gerade vorberging, und als er da Lisa erblickte, sei er sogar zu jener Equipage geeilt (und dennoch wollte er nicht gesehen haben, wer in der Equipage sa, ein so neugieriger Mensch wie er!), Mawrikij Nicolajewitsch aber sei ihr nicht nur nicht nachgejagt mit dem anderen Gefhrt, sondern habe nicht einmal versucht, Lisa zurckzuhalten, ja er habe noch mit beiden Hnden die Adelsmarschallin zurckgehalten, die mit lauter Stimme geschrien habe: Sie fhrt zu Stawrogin! zu Stawrogin! Da aber ri mir die Geduld und ich schrie, toll vor Wut, Pjotr Stepanowitsch ins Gesicht: Das hast du, Schurke, alles veranstaltet! Nur dazu hast du auch den ganzen Vormittag gebraucht! Du hast Stawrogin geholfen, du hast die Equipage hingebracht, du hast sie aufgenommen, den Schlag geffnet und zugeklappt ... du, du, du! ... Julija Michailowna, das ist Ihr Feind, er wird auch Sie ins Verderben bringen! Nehmen Sie sich in acht vor ihm! Und ich strzte Hals ber Kopf hinaus. Noch heute begreife ich nicht und wundere mich, wie ich ihm das damals so zuschreien konnte. Aber ich hatte den Zusammenhang erraten: es war fast alles tatschlich so geschehen, wie ich es ihm dort ins Gesicht schrie, doch das stellte sich erst spter heraus. Das Entscheidende war wohl die gar zu offenkundige Unnatrlichkeit der Art, wie er die Nachricht mitteilte. Er hatte sie nicht sofort erzhlt, als erste und auergewhnliche Neuigkeit, sondern hatte getan, als wten wir sie bereits, als htten wir sie schon von anderen hren knnen, -- was doch in dieser kurzen Zeit ganz unmglich war. Und selbst wenn uns diese Kunde schon zu Ohren gekommen wre, so htten wir doch nicht so lange darber geschwiegen, bis er davon anfing. Auch konnte er, gleichfalls wegen der Krze der Zeit, unmglich schon gehrt haben, da die ganze Stadt der Adelsmarschallin eine Schuld daran zuschrieb oder sonst etwas auslutete. Zudem hatte er, als er uns Auskunft gab, etwa zweimal ganz eigentmlich, gewissermaen gemein und leichtfertig, gelchelt, wahrscheinlich in dem Glauben, da er uns Dummkpfe schon vollkommen berzeugt habe. Doch jetzt war es mir nicht mehr um ihn und seine Entlarvung zu tun; da ich ihm die wichtigste Tatsache doch glaubte, lief ich geradezu auer mir von Julija Michailowna weg. Diese Katastrophe traf mich mitten ins Herz. Ich htte weinen mgen vor Schmerz, ja vielleicht weinte ich auch wirklich. Ich wute nicht und konnte nicht berlegen, was jetzt zu tun wre. So eilte ich denn zunchst zu Stepan Trophimowitsch, aber der rgerliche Mensch machte wieder nicht auf. Nastassja versicherte ehrfurchtsvoll flsternd, da er sich schlafen gelegt habe, doch ich glaubte ihr das nicht. Im Hause Lisas erfuhr ich einiges von den Dienstboten; sie besttigten die Flucht, wuten aber selbst nichts Nheres. Im Hause herrschte groe Unruhe; die kranke gndige Frau hatte einen Ohnmachtsanfall nach dem anderen und Mawrikij Nicolajewitsch war bei ihr. Es erschien mir unmglich, Mawrikij Nicolajewitsch herausbitten zu lassen. Bezglich Pjotr Stepanowitschs sagte man mir auf meine Frage, da er in den letzten Tagen allerdings sehr oft ins Haus gekommen sei, manchmal sogar zweimal am Tage. Die Dienstboten waren traurig und sprachen von Lisa mit einer gewissen ganz besonderen Ehrerbietung; sie wurde von ihnen geliebt. Da sie verloren, rettungslos verloren war, -- daran zweifelte ich nicht, aber die psychologische Seite der Tat konnte ich entschieden nicht begreifen, besonders nicht nach der Szene zwischen Lisa und Stawrogin am vergangenen Tage bei Julija Michailowna. Mich in der Stadt bei schadenfrohen Bekannten zu erkundigen, unter denen die Nachricht sich jetzt natrlich schon verbreitet hatte, erschien mir widerlich, ja und fr Lisa auch erniedrigend. Doch sonderbar war, da ich zu Darja Pawlowna ging, wo ich brigens nicht empfangen wurde (im Stawroginschen Hause wurde seit dem vergangenen Tage niemand empfangen); und ich wei auch nicht, was ich ihr htte sagen mgen und wozu ich dorthin eilte. Von dort begab ich mich zu ihrem Bruder. Schatoff hrte mich finster und schweigend an. Erwhnen mu ich, da ich ihn in einer so dsteren Stimmung antraf, wie noch nie zuvor; er war wie ganz in Gedanken vertieft und hrte mich an, als mte er sich dazu berwinden. Er sagte so gut wie nichts und begann in seiner Dachstube auf und ab zu gehen, aus einer Ecke in die andere, wobei er lauter als sonst mit den Stiefeln auftrat. Als ich die Treppe bereits hinuntergegangen war, rief er mir pltzlich nach, ich solle doch zu Liputin gehen: Dort werden Sie alles erfahren. Zu Liputin ging ich nicht, doch, nachdem ich schon weit gegangen war, kehrte ich wieder um und ging zu Schatoff zurck, und nachdem ich die Tr halb aufgemacht, fragte ich lakonisch und ohne alle Erklrungen: ob er nicht heute noch zu Marja Timofejewna gehen knnte? Als Antwort darauf schimpfte Schatoff und ich ging weg. Ich fge hier gleich hinzu, um es nicht zu vergessen, da er noch an demselben Abend tatschlich nach jener uersten Vorstadt zu Marja Timofejewna gegangen ist, die er seit lngerer Zeit nicht mehr gesehen hatte. Er fand sie bei bester Gesundheit und in heiterer Stimmung, Lebdkin dagegen in schwerer Betrunkenheit schlafend auf dem Diwan im ersten Zimmer. Schatoff war dort um neun Uhr abends. Das sagte er mir bereits am folgenden Tage, als wir uns in der Eile auf der Strae begegneten. Gegen zehn Uhr abends aber entschlo ich mich doch noch, auf den Ball zu gehen, freilich nicht mehr als Festordner (mein Band war ja auch bei Julija Michailowna geblieben), sondern nur aus qulender Neugier: ich wollte hren (ohne zu fragen), wie man im allgemeinen ber alle diese Vorflle sprach. Und dann wollte ich auch Julija Michailowna sehen, wenn auch nur von ferne. Ich machte mir Vorwrfe und bereute es sehr, da ich vorhin so von ihr weggelaufen war. III. Diese ganze Nacht mit ihren fast absurden Ereignissen und mit ihrem entsetzlichen Ausgang gegen Morgen kommt mir noch immer wie ein grlicher Traum oder Albdruck vor und ist -- wenigstens fr mich -- der schwerste Teil meiner Chronik. Ich kam zwar etwas spt auf den Ball, doch immerhin noch rechtzeitig, um sein Ende mitzuerleben, -- so frh war es ihm bestimmt, sein Ende zu finden. Die Uhr ging schon auf elf, als ich an der Vorfahrt des Hauses der Adelsmarschallin anlangte. Derselbe weie Saal, in dem die literarischen Vortrge stattgefunden hatten, war bereits, trotz der kurzen Zwischenzeit, ausgerumt und in den Haupttanzsaal, wie man annahm, fr die ganze Stadt, verwandelt worden. Aber wie schlimm meine Befrchtungen, nach diesem Verlauf der Matinee, fr den Ball auch waren, eine solche Wirklichkeit hatte ich doch nicht vorausgesehen: von der hheren Gesellschaft hatte sich auch nicht eine einzige Familie eingefunden; selbst die Beamten von auch nur einiger Bedeutung fehlten alle; das aber war doch schon ein uerst starkes Symptom. Was nun die Damen und jungen Mdchen betrifft, so erwiesen sich Pjotr Stepanowitschs Berechnungen (jetzt war seine Hinterlist schon offenkundig) als im hchsten Grade falsch: es waren nur uerst wenige erschienen; auf vier Herren kam vielleicht eine Dame, und was waren das fr Damen! Irgendwelche Frauen von Oberoffizieren gewhnlicher Linienregimenter, von Postbeamten und anderen beamteten kleinen Leuten, drei Frauen von rzten mit ihren Tchtern, zwei bis drei Gutsbesitzerinnen (von den rmeren dieses Standes), die sieben Tchter und die eine Nichte jenes Sekretrs, den ich gelegentlich schon erwhnt habe, Kaufmannsfrauen ... War das die Gesellschaft, die Julija Michailowna vorzufinden erwartet hatte? Selbst von den Kaufleuten war fast die Hlfte fern geblieben. Was nun die Mnner anbelangt, so bildeten sie, trotz der geschlossenen Abwesenheit unserer ganzen Notabilitt, dennoch eine dichte Masse, aber diese Masse machte einen zweideutigen, Mitrauen erweckenden Eindruck. Natrlich gab es da auch ein paar beraus stille und ehrenwerte Offiziere mit ihren Frauen, ein paar gehorsamste Familienvter, wie z. B. jener selbe Sekretr und Vater seiner sieben Tchter. Doch alle diese stillen bescheideneren Leute waren sozusagen nur in Ermangelung eines anderen Auswegs gekommen, wie sich einer dieser Herren buchstblich ausdrckte. Andererseits aber hatte sich die Menge der kecken Persnlichkeiten, im Vergleich zum Vormittage, anscheinend noch vermehrt und desgleichen die Anzahl solcher, die offenbar ohne Eintrittskarten hereingelassen waren, -- diesen Verdacht hatten ich und Pjotr Stepanowitsch bereits am Nachmittage ausgesprochen. Vorlufig saen sie alle noch im Bfettraum, und zwar begaben sie sich, wenn sie erschienen, sofort geradenwegs dorthin, wie zu einem verabredeten Sammelplatz. Wenigstens hatte ich diesen Eindruck. Das Bfett befand sich ganz am Ende der Zimmerreihe in einem gerumigen Saal, wo Prochorytsch sich mit smtlichen Verlockungen der Klubkche etabliert und eine verfhrerische Ausstellung aller Imbisse, Likre und Getrnke aufgebaut hatte. Hier fielen mir Gestalten auf, die fast in zerrissenen Rcken, wenigstens in hchst zweifelhaften, gar zu wenig ballmigen Anzgen erschienen waren; dazu waren sie augenscheinlich nur mit grter Mhe und selbstredend nur fr kurze Zeit ernchtert, Leute, die man Gott wei wo aufgetrieben hatte, jedenfalls nicht Einheimische, sondern Hergereiste aus anderen Stdten. Es war mir natrlich bekannt, da vom Komitee nach Julija Michailownas Idee beschlossen worden war, den Ball nach durchaus demokratischen Grundstzen zu veranstalten, ohne selbst Kleinbrgern den Zutritt zu verweigern, falls es geschehen sollte, da jemand dieses Standes eine Eintrittskarte erwirbt. Diese Worte hatte sie in ihrem Komitee dreist aussprechen knnen, denn sie durfte berzeugt sein, da es von den ausnahmslos bettelarmen Kleinbrgern unserer Stadt auch nicht einem in den Sinn kommen wrde, fr drei Rubel eine Eintrittskarte zu lsen. Nichtsdestoweniger bezweifelte ich, da man diese finsteren Leute in den fast zerrissenen Rcken hereinlassen konnte, selbst wenn das Komitee noch so demokratisch gesinnt war. Aber wer hatte sie denn jetzt hereingelassen und zu welchem Zweck schlielich? Liputin und Lmschin waren ihres Amtes als Festordner bereits enthoben (was sie jedoch nicht hinderte, auf dem Ball anwesend zu sein, zumal sie auch zu den in der Quadrille der Literatur Mitwirkenden gehrten); doch an die Stelle Liputins war jetzt, zu meiner Verwunderung, jener selbe Seminarist getreten, der durch seinen Zusammensto mit Stepan Trophimowitsch mehr als alles andere den Skandal der Matinee heraufbeschworen hatte, und Lmschin wurde gar ersetzt durch -- Pjotr Stepanowitsch in eigener Person. Was konnte man in dem Falle noch erwarten? Ich versuchte, von den Gesprchen einiges aufzufangen. Manche Ansichten berraschten durch ihre Ungereimtheit. So wurde z. B. in einer Gruppe behauptet, diese ganze Geschichte mit Stawrogin und Lisa sei von Julija Michailowna arrangiert worden und sie habe von Stawrogin Geld dafr angenommen. Man nannte sogar die Summe. Man behauptete, da sogar das ganze Fest von ihr zu diesem Zweck veranstaltet worden sei; eben deshalb sei auch die halbe Stadt nicht gekommen, nachdem man erfahren, um was es sich handelte; Lembke selbst aber sei dadurch so erschttert worden, da diese Erschtterung seinen Verstand zerrttet habe und nun fhre sie ihn als Verrckten umher. -- Hierzu gab es viel Gelchter, sowohl lautes, offenes, wie heiseres, gemeines und lautlos verschlagenes, hinter dem sich eigene Gedanken bargen. Auch der Ball wurde von allen frchterlich kritisiert und auf Julija Michailowna wurde schon ohne jede Rcksicht geschimpft. Es war das berhaupt ein merkwrdig ungeordnetes, bruchstckhaftes, betrunkenes und ruheloses Schwatzen, so da es schwer hielt, sich darauf einen Vers zu machen oder etwas Bestimmtes daraus zu folgern. Doch in demselben Bfettsaal hatten sich auch viele harmlos lustige Leute niedergelassen, sogar einzelne Damen von der Sorte, die man mit nichts in Erstaunen setzen oder einschchtern kann, uerst liebenswrdige und lustige Geschpfe, meist jene erwhnten Offiziersfrauen mit ihren Mnnern. Sie hatten sich in Gruppen an mehreren Tischchen niedergelassen und tranken frhlich Tee. Der Bfettsaal wurde zur warmen Herberge nahezu fr die Hlfte des erschienenen Publikums. Und dieses ganze hier versammelte Publikum mute doch bald, wenn die Quadrille der Literatur begann, voll Neugier auf einmal in den Tanzsaal fluten. Es war geradezu unheimlich, sich das auch nur vorzustellen. Inzwischen hatte man im weien Saale, dank der Mitwirkung des jungen Frsten, drei magere Quadrillen zustande gebracht. Die jungen Tchter tanzten also und die Eltern sahen zu und freuten sich. Doch selbst von diesen ehrenwerten Familienhuptern begannen schon viele heimlich zu berlegen, wie sie sich, nachdem die Tchter ihr Vergngen gehabt, zeitiger entfernen knnten, und nicht erst dann, wenn's anfngt. Da es aber unfehlbar wieder anfangen werde, davon waren entschieden alle berzeugt. Julija Michailownas Gemtszustand zu schildern, dazu wre ich wohl kaum imstande. Ich habe dort nicht mit ihr gesprochen, obschon ich ziemlich in ihrer Nhe war. Meinen Gru erwiderte sie nicht, da sie ihn nicht bemerkte (sie bemerkte ihn tatschlich nicht). In ihrem Gesicht lag etwas Krankhaftes, ihr Blick war hochmtig und voll Verachtung, aber unstt und erregt. Sie berwand sich mit sichtlicher Qual, -- doch wozu eigentlich und fr wen? Sie htte unbedingt den Ball verlassen und vor allen Dingen ihren Gatten heimbringen sollen, sie aber blieb! Dabei konnte man es schon ihrem Gesicht ansehen, da die Augen ihr nun endlich aufgegangen waren und da sie auf nichts mehr hoffte. Sie rief auch nicht ein einziges Mal Pjotr Stepanowitsch zu sich (der ging ihr auch, glaube ich, schon selbst aus dem Wege; ich sah ihn im Bfettraum, er war bertrieben lustig). Aber sie blieb doch auf dem Ball und lie ihren Mann nicht auf einen Augenblick von ihrer Seite. Oh, sie htte noch vorhin am Nachmittage jede Anspielung auf seinen Gesundheitszustand mit aufrichtiger Emprung zurckgewiesen. Jetzt aber muten ihr auch in der Beziehung die Augen endlich aufgegangen sein. Mir wenigstens war es schon auf den ersten Blick klar, da sein Zustand sich im Vergleich zum Vormittage verschlimmert hatte. Er machte den Eindruck, als sei er sich berhaupt nicht dessen bewut, wo er sich befand. Hin und wieder richtete er seinen Blick pltzlich mit ganz unerwarteter Strenge auf den einen oder anderen, zweimal z. B. auch auf mich. Einmal begann er zu sprechen, begann laut und wichtig, sprach aber den Satz nicht zu Ende, wodurch er einen bescheidenen alten Beamten, der zufllig in seiner Nhe stand, geradezu erschreckte. Doch selbst dieser Teil des Publikums, das im weien Saale anwesend war, selbst diese Bescheidenen und Scheuen gingen finster und ngstlich Julija Michailowna aus dem Wege, obschon sie gleichzeitig uerst sonderbare Blicke auf ihren Gemahl warfen, Blicke, deren Unverwandtheit und Offenheit mit der sonstigen Schchternheit dieser Leute gar zu wenig harmonierte. Sehen Sie, gerade dieser Zug war es, der mich pltzlich durchbohrte, und ich begann endlich zu erraten, wie es um Andrei Antonowitsch stand, sagte Julija Michailowna spter einmal zu mir. Ja, wieder war sie die Schuldige. Wahrscheinlich hatte sie sich am Nachmittage, als nach meiner Flucht aus ihrem Hause auf Pjotr Stepanowitschs Zureden hin beschlossen worden war, da der Ball stattfinden und sie auf ihm erscheinen solle, -- wahrscheinlich hatte sie sich dann wieder in das Kabinett ihres Gatten begeben, zu ihrem Andrei Antonowitsch, den, wie sie meinte, nur der Skandal der Matinee erschttert hatte, und dort wird sie wohl wieder alle ihre Verfhrungsknste angewandt haben, um ihn zum Mitgehen zu bewegen. Wie gro mute demnach ihre Qual jetzt sein! Und dennoch blieb sie auf dem Ball! War es nun ihr Stolz, der sie trotz aller Pein auf ihrem Platz auszuharren zwang, oder hatte sie bereits den Kopf verloren -- ich wei es nicht. Jedenfalls versuchte sie in geradezu erniedrigender Weise und mit freundlichem Lcheln (bei ihrem Hochmut!) einzelne Damen in ein Gesprch zu ziehen, doch die wurden sofort unsicher, antworteten mitrauisch und einsilbig mit einem ja oder nein und gingen ihr sichtlich aus dem Wege. Von den wirklichen Wrdentrgern unserer Stadt befand sich auf diesem Ball nur ein einziger, -- jener selbe wichtige General a. D., von dem ich schon einmal erzhlt habe: der bei der Adelsmarschallin nach dem Duell zwischen Stawrogin und Gaganoff seiner alten Gewohnheit gem gerade davon laut zu sprechen anfing, wovon alle nur heimlich zu flstern wagten, und der somit wieder einmal der allgemeinen Spannung die Tr ffnete. Jetzt spazierte er wrdevoll durch alle Sle, beobachtete und hrte zu und bemhte sich, durch sein Mienenspiel recht offenkundig zu zeigen, da er nur so, um die Sitten zu beobachten, mehr Studien halber, als um eines reinen Vergngens willen, gekommen sei. Er endete damit, da er sich ganz und gar Julija Michailowna zugesellte und nicht einen Schritt von ihr wich, sichtlich bestrebt, sie zu ermutigen und zu beruhigen. Gewi war er ein Mensch von groer Herzensgte, sehr vornehm und bereits so alt, da man von ihm sogar Mitleid hinnehmen konnte; doch sich gestehen zu mssen, da dieser alte Schwtzer sie, Julija Michailowna, zu bemitleiden und fast zu beschtzen wagte, indem er sehr wohl begriff, da er ihr mit seiner Anwesenheit eine Ehre erwies, das war doch mehr als rgerlich. Der General aber hielt unentwegt Stand und schwatzte ohne aufzuhren. Hm, man sagt, keine Stadt knne bestehen ohne sieben Gerechte ... sieben, glaub' ich, mssen es sein, entsin--ne mich nicht mehr genau der vor--schriftsmigen Zahl. Ich wei nicht, wieviele von diesen sieben ... unzwei--felhaft Gerechten unserer Stadt ... die Ehre haben auf Ihrem Ball anwesend zu sein, doch was mich betrifft, so beginne ich, trotz der Anwesenheit derselben, mich nicht auer--halb jeder Gefahr zu empfinden. _Vous me pardonnerez, charmante dame, n'est-ce pas?_{[187]} Ich spreche natrlich allegorisch. Begab mich vorhin zum Bfett, bin aber faktisch froh, da ich heil und ganz wieder herausgekommen bin ... Unser unschtz--barer Prochorytsch ist dort nicht an seinem Platz, und mich deucht, zum Morgen hin wird seine ganze Bude vertilgt sein. brigens, amsant. Warte nur noch auf diese >Quadrille der Li--te--ratur<, dann aber -- ins Bett. Verzeihen Sie das schon einem alten Podagristen, mu mich frh hinlegen. Aber auch Ihnen wrde ich raten, >in die Federchen zu gehen<, wie man _aux enfants_{[188]} zu sagen pflegt ... Bin eigentlich wegen der jungen Schn--heiten gekommen ... die ich natrlich nirgendwo in solcher Voll--zhligkeit antreffen knnte, wie hier ... Alle von jenseits des Flusses, und dorthin pflege ich nicht zu fahren. Die Frau eines Leutnants ... ich glaube, von den Jgern ... ist sogar wirklich nicht bel ... hm, in der Tat ... und das wei sie auch selbst. Hab' mit ihr gesprochen; schlagfertig und ... so, nun ja. Nun und die Mdel, gleichfalls frisch ... Ja; aber das ist auch alles. Auer der Frische fak--tisch nichts. brigens, amsant. Wenigstens fr mich. Es gibt da Knspchen ... nur die Lippen ein wenig dick. berhaupt ist in der russischen Schnheit der Frauenantlitze wenig von jener Regelmigkeit vorhanden und ... und ein bichen luft sie doch auf einen Pfannkuchen hinaus ... _Vous me pardonnerez, n'est-ce pas_{[189]} ... brigens immer bei gleichzeitig schnen Augen ... lachenden Augen. Diese Knspchen sind so in den ersten zwei Jahren ihrer Jugend be--zau--bernd, sogar drei Jahre lang ... dann aber, nun ja, dann werden sie unwiderruflich dick ... wodurch sie in ihren Mnnern jenen traurigen In--dif--ferentismus erzeugen, der die Entwicklung der Frauenfrage so beraus begnstigt ... vorausgesetzt, da ich diese Frauenfrage richtig verstehe ... Hm! Der Saal ist nicht bel; die Rume schn geschmckt. Es htte schlechter sein knnen. Die Musik knnte sogar sehr viel schlechter sein ... ich sage nicht >sollte<. Ein bler Eindruck, da berhaupt wenig Damen vorhanden sind. Die Toiletten bergehe ich. Bse ist, da dieser dort in den grauen Beinkleidern sich so unverhllt Cancan zu tanzen erlaubt. Ich wrde es verzeihen, wenn es von ihm aus Freude geschhe, und zumal er ein hiesiger Apotheker ist ... aber um elf ist es immer--hin noch zu frh, selbst fr einen Apotheker ... Dort im Bfettsaal begannen zwei sich zu prgeln und wurden nicht hinausbefrdert. Um elf aber mssen Raufbolde noch hinausbefrdert werden, gleichviel welcher Art die Sitten des Publikums sonst sind ... ich will nicht sagen, um drei Uhr morgens, dann mu man der ffentlichen Meinung schon eine Konzession machen, -- vorausgesetzt, da dieser Ball die dritte Morgenstunde berhaupt erlebt ... Warwara Petrowna aber hat doch nicht Wort gehalten, und ihre Blumen sind nicht eingetroffen. Hm! Die hat jetzt an anderes zu denken, als an Blumen. _Pauvre mre!_{[190]} Und die arme Lisa, -- Sie haben doch schon gehrt? Man sagt, eine geheimnisvolle Geschichte und ... und wieder ist dieser Stawrogin in der Arena ... Hm! Ich mte nun doch ins Bett ... Meine Nase nickt schon von selbst. Aber wann wird denn eigentlich diese >Quadrille der Li--te--ratur< beginnen? Und schlielich begann denn auch die Quadrille der Literatur. Wenn in der letzten Zeit irgendwo in der Stadt das Gesprch auf den bevorstehenden Ball gekommen war, dann hatte man bereits nach den ersten Worten unfehlbar von dieser Quadrille der Literatur gesprochen, und da sich niemand eine Vorstellung von dieser Auffhrung machen konnte, so erregte sie natrlich bermige Neugier. Das aber war schon an sich die grte Gefahr fr einen Erfolg, und -- wie gro war daher die Enttuschung! Eine Seitentr des weien Saales, die bis dahin geschlossen war, wurde geffnet und pltzlich erschienen ein paar Masken im Saal. Das Publikum drngte sich sofort gierig um sie herum. Im Augenblick verbreitete sich die Kunde bis zum Bfett und schon strzte, wlzte sich von dort der ganze Menschenschwarm bis auf den letzten zum weien Saal, in den er wie eine Flut hineinbrach. Die Masken begannen sich zum Tanze aufzustellen. Es gelang mir noch, mich bis zu den ersten Reihen durchzudrngen und ich blieb dicht hinter Lembkes und dem alten General stehen. Da tauchte pltzlich flink Pjotr Stepanowitsch neben Julija Michailowna auf, nachdem er sich ihr bis dahin gar nicht gezeigt hatte. Ich sitze die ganze Zeit am Bfett und beobachte, flsterte er ihr mit der Miene eines schuldbewuten Schulbuben zu, die er brigens absichtlich annahm, um sie noch mehr aufzubringen. Sie wurde feuerrot vor Zorn. Wenn Sie mich doch wenigstens jetzt nicht mehr betrgen wollten, Sie unverschmter Mensch! entfuhr es ihr fast mit lauter Stimme, so da es die Umstehenden hrten. Pjotr Stepanowitsch schlpfte, uerst zufrieden mit sich selbst, wieder flink davon. Es wre schwer, sich eine armseligere, billigere, noch talentlosere und fadere Allegorie vorzustellen, als es diese Quadrille der Literatur war. Und gewi htte man nichts ersinnen knnen, das weniger zu unserem Publikum pate, als diese Allegorie; dabei hie es, da Karmasinoff sie erdacht habe. Freilich, in Szene gesetzt war sie von Liputin, der sich mit dem lahmen Lehrer beraten hatte (mit demselben, der an jenem Abend auch bei Wirginski war). Aber die Idee stammte doch von Karmasinoff und man sagte, er habe sogar selbst mitwirken, sich maskieren und eine besondere, selbstndige Rolle bernehmen wollen. Die Quadrille bestand aus sechs klglichen Maskenpaaren, ja eigentlich waren es nicht einmal richtige Masken, denn die Maskerade bestand nur darin, da sie sich etwa einen knstlichen Bart oder sonst einen billigen Bldsinn angeklebt hatten. Da war z. B. ein lterer Herr, nicht gro von Wuchs, im Frack -- also genau so angezogen, wie alle Herren auf einem Ball erscheinen --, mit einem ehrwrdigen grauen Bart (der Bart war allerdings nur angeklebt und das war seine ganze Verkleidung). Dieser Herr strampelte, trippelte und tnzelte mit biederem Gesichtsausdruck fast nur auf einer Stelle umher, ohne sich recht vom Fleck zu bewegen. Dazu brachte er mit gemigtem, doch schon heier gewordenem Bastimmchen allerhand Laute hervor. Diese Heiserkeit der Stimme aber sollte eine unserer bekannten Tageszeitungen gerade besonders charakterisieren[51]. Dieser Maske _vis--vis_ tanzten zwei Riesen X und Z, und zwar waren ihnen diese Buchstaben am Frack angesteckt, doch was dieses X und dieses Z bedeuten sollten, das blieb unaufgeklrt. Der ehrliche russische Gedanke wurde dargestellt von einem Herrn in mittleren Jahren mit einer Brille, im Frack, in Handschuhen und -- in Fesseln (es waren richtige eiserne Fesseln, wie sie Gefangenen angelegt werden). Unter dem Arm trug dieser Gedanke eine Mappe mit Akten ber eine zu unternehmende Sache oder eine bevorstehende Tat. Aus seiner Fracktasche schaute ein entsiegelter, aus dem Auslande gekommener Brief hervor, der die Ehrlichkeit des ehrlichen russischen Gedankens allen denen, die seine Ehrlichkeit bezweifelten, verbrgen sollte. Dies alles wurde von den Festordnern bereits mndlich erklrt, denn lesen konnte man den aus der Tasche hervorlugenden Brief natrlich nicht. In der erhobenen rechten Hand hielt der ehrliche russische Gedanke einen Pokal, ganz als wollte er einen Toast ausbringen. Zu beiden Seiten dieses Gedankens und in einer Reihe mit ihm tanzten zwei kurzgeschorene Nihilistinnen; ihm gegenber aber tanzte ein gleichfalls schon lterer Herr, im Frack, doch mit einem schweren Knppel in der Hand: diese Gestalt sollte eine gefrchtete, doch nicht in Petersburg erscheinende Zeitschrift darstellen. Der Knppel aber sollte wohl sagen: Wenn ich mal zuschlage, bleibt von meinem Feinde nur noch ein nasses Fleckchen brig. Doch ungeachtet seines Knppels konnte er auf keine Weise den durch die Brillenglser unverwandt auf ihn gerichteten Blick des ehrlichen russischen Gedankens ertragen, weshalb er sich alle Mhe gab, nach links oder rechts diesem Blick auszuweichen, und jedes Mal, wenn es zum _pas de deux_ kam, wand, drehte, kringelte er sich frmlich und wute nicht, wohin er sehen sollte, -- so sehr qulte ihn wahrscheinlich das Gewissen ... Doch wer kann schlielich alle diese stumpfsinnigen erklgelten Witzchen aufzhlen und behalten! Alles war von dieser Art, so da ich mich zu guter Letzt qualvoll zu schmen begann. Und siehe, genau dieselbe Empfindung gleichsam eines Schamgefhls spiegelte sich auch in allen brigen Gesichtern des Publikums wieder, sogar in den mrrischsten Physiognomien aus dem Bfettraum. Eine Zeitlang schwiegen alle und sahen mit gergerter Verstndnislosigkeit zu. Wenn ein Mensch sich schmt, fngt er gewhnlich an sich zu rgern und ist dann zum Zynismus geneigt. Allmhlich aber begann ein Gebrumm: Was soll das denn eigentlich bedeuten? brummte in einer Gruppe jemand von denen, die das Bfett belagert hatten. Irgend 'nen Bldsinn. Das soll eine Art Literatur sein. Die >Stimme< wird kritisiert. Was geht das mich an! In einer anderen Gruppe: Diese Esel! Nein, nicht sie sind die Esel, sondern die Esel sind wir. Warum bist du denn ein Esel? Nein, ich bin kein Esel, aber ... Na, wenn selbst du kein Esel bist, dann bin ich schon lange keiner! In einer dritten Gruppe: Mit einem Tritt sie alle hinauswerfen und dann hole sie der Teufel! ... Den ganzen Saal ausfegen ... In einer vierten: Da die Lembkes sich nicht schmen, zuzusehen! Warum sollen sie sich denn schmen? Du schmst dich doch nicht? Nein, ich schme mich schon, er aber ist noch der Gouverneur! Ja, und du bist nur ein Schwein ... In meinem ganzen Leben habe ich noch nie einen so einfachen Ball erlebt, sagte eine Dame gehssig in nchster Nhe von Julija Michailowna, sichtlich mit dem Wunsch, gehrt zu werden. Diese Dame -- eine korpulente und geschminkte Frau von etwa vierzig Jahren, in einem grellfarbenen Seidenkleide -- war in der Stadt zwar allen Leuten bekannt, doch wurde sie in keinem Hause empfangen. Sie war die Witwe eines Staatsrates, der ihr ein hlzernes Wohnhaus und eine karge Pension hinterlassen hatte, aber sie lebte gut und hielt sich sogar eigene Pferde. Vor etwa zwei Monaten hatte sie als erste von allen Damen bei Julija Michailowna ihre Visite machen wollen, war aber von dieser nicht empfangen worden. Und das war ja auch wirklich vorauszusehen, fgte sie hinzu, indem sie frech Julija Michailowna in die Augen sah. Wenn es vorauszusehen war, warum sind Sie dann noch erschienen? fragte pltzlich Julija Michailowna, die sich nicht mehr bezwingen konnte. Ach, aber doch wirklich nur aus Gutglubigkeit! versetzte jene Dame sofort schlagfertig und im Augenblick ungemein belebt (sie htte gar zu gern einen Wortwechsel angeknpft), doch der alte General trat zwischen sie und Frau von Lembke. _Chre dame_, -- er beugte sich zu Julija Michailowna -- wenn ich einen Rat geben drfte, so wre es der, jetzt heimzufahren. Wir behindern die Gesellschaft nur, ohne uns wird man sich vortrefflich amsieren. Sie haben alles getan, was ntig war, haben den Ball erffnet, nun und ... jetzt berlassen Sie die Leute sich selbst ... Zumal auch Andrei Antonowitsch sich an--schei--nend nicht wohl fhlt ... Ich meine, damit ihm nicht hier noch ein Unglck zustt ... Doch es war bereits zu spt. Herr von Lembke hatte schon die ganze Zeit die Tnzer der Quadrille mit einer gewissen ungehaltenen Verstndnislosigkeit betrachtet, als aber die ersten kritischen Bemerkungen im Publikum laut wurden, begann er sich sogleich unruhig umzuschauen. Da fielen ihm offenbar zum erstenmal auch einzelne Gestalten aus dem Bfettraum auf; sein Blick drckte das grte Befremden aus. Pltzlich erscholl lautes Gelchter ber eines der in der Quadrille produzierten Stckchen: der Herausgeber der gefrchteten, doch nicht in Petersburg erscheinenden Zeitschrift, der mit dem Knppel in der Hand tanzte, empfand wohl endgltig, da er die Brillenglser des ehrlichen russischen Gedankens nicht mehr zu ertragen vermochte, und da er nicht wute, wie er ihnen ausweichen sollte, begann er pltzlich, in der letzten Tour, den Brillenglsern verkehrt, d. h. auf den Hnden, mit den Beinen in der Luft, entgegen zu gehen, was gleichzeitig die bekannte Entstellungsmanier der gefrchteten, doch nicht in Petersburg erscheinenden Zeitschrift veranschaulichen sollte, die unter Umstnden selbst die gesunde Vernunft auf den Kopf stellt. Da nur Lmschin auf den Hnden zu gehen verstand, hatte er es bernommen, den Herausgeber mit dem Knppel zu mimen. Julija Michailowna hatte nicht das Geringste davon gewut, da jemand auf den Hnden gehen werde. Das hatte man mir verheimlicht, absichtlich verheimlicht! sagte sie spter immer wieder, als sie in ihrer Verzweiflung und Emprung mir alles erzhlte. Das Gelchter der Menge wurde natrlich nicht von der Allegorie hervorgerufen, an die man berhaupt nicht dachte, sondern galt einfach dem Anblick eines auf den Hnden gehenden Menschen in einem Frack, dessen Schoe nun selbstredend umgeklappt herabhingen. Lembke brauste auf und bebte vor Erregung. Der Nichtswrdige! schrie er, indem er auf Lmschin wies. Ergreift den Spitzbuben! Umkehren! Umkehren auf die Fe ... der Kopf ... damit der Kopf nach oben ... oben! Lmschin sprang wieder auf die Fe. Das Gelchter verstrkte sich. Hinausjagen alle Spitzbuben, die da lachen! befahl pltzlich Lembke. Die Menge begann zu murren und zu johlen. So geht das denn doch nicht, Exzellenz. Das Publikum darf man nicht beschimpfen. Selber ein Esel! tnte es irgendwoher aus einer ferneren Ecke. Die Flibustiers! rief jemand vom entgegengesetzten Ende des Saales. Lembke drehte sich bei diesem Ruf hastig nach dieser Seite hin um und wurde ganz bleich. Dann verzogen sich seine Lippen zu einem stumpfsinnigen Lcheln, als habe er pltzlich etwas begriffen, als erinnere er sich an etwas. Meine Herren ... angstvoll wandte sich Julija Michailowna an die nherrckende Menge, whrend sie gleichzeitig ihren Mann mit sich fortzuziehen suchte, entschuldigen Sie Andrei Antonowitsch, meine Herren, Andrei Antonowitsch fhlt sich nicht wohl ... er ist krank ... entschuldigen Sie ... verzeihen Sie ihm, meine Herren! Ich hrte es mit eigenen Ohren, wie sie verzeihen Sie sagte. Die Szene spielte sich sehr schnell ab. Aber ich wei noch genau, da schon in diesem Augenblick ein Teil des Publikums wegdrngte zum Ausgang des Saales, gleichsam erschrocken, und zwar geschah das gerade nach diesen Worten Julija Michailownas. Ich erinnere mich sogar noch eines hysterischen weiblichen Ausrufs halb unter Trnen: Ach, wieder ist's ganz so wie am Vormittage! Und pltzlich, mitten in dieses bereits beginnende Gedrnge, schlug auf einmal wieder eine Bombe ein, also tatschlich ganz so wie am Vormittage: Es brennt! Die ganze Vorstadt brennt berm Flu! Ich erinnere mich blo nicht, wo dieser entsetzliche Schrei zuerst erschallte: ob im Saal oder -- ich glaube, es kam jemand aus dem Vestibl, vom Eingang hereingestrzt. Jedenfalls entstand sofort ein solcher Tumult, da ich nicht einmal versuchen will, ihn zu schildern. Von dem Publikum, das sich zum Ball noch eingefunden hatte, stammte die Mehrzahl aus eben jener Vorstadt: es waren zumeist die Besitzer der dort, auf der anderen Seite des Flusses, belegenen hlzernen Huser, oder deren Einwohner. Man strzte zu den Fenstern, im Nu waren die Vorhnge zur Seite gezogen, die Stores herabgerissen. Die Vorstadt lohte. Freilich, der Brand begann erst, aber es lohte schon an drei ganz verschiedenen Stellen, -- und gerade das war das Erschreckendste. Brandstiftung! -- Die Spigulinschen! brllte man im Gedrnge. Ich habe noch ein paar beraus charakteristische Ausrufe behalten: Hat doch mein Herz das vorausgefhlt, da sie brandstiften werden, das hat es die ganzen letzten Tage vorausgefhlt! Die Spigulinschen, die Spigulinschen, wer denn sonst! Man hat uns absichtlich hier versammelt, um dort derweil anznden zu knnen! Diesen letzten, wunderlichsten Schrei stie eine Frauenstimme aus; es war der unbedachte, der unwillkrliche Schrei einer Korbotschka[52], die ihr Hab und Gut brennen sieht. Alles strzte zum Ausgang. Das Gequetsche und Gedrnge im Vorraum beim Suchen nach den Pelzen, Tchern und Umhngen, das Gekreisch erschreckter Frauen und das Weinen der Tchter werde ich nicht weiter beschreiben. Es ist kaum anzunehmen, da hierbei direkt gestohlen wurde, doch es ist schlielich kein Wunder, da bei einem solchen Durcheinander manche ohne ihre berkleider, die nicht zu finden waren, wegfuhren, worber noch lange nachher in der Stadt vieles erzhlt wurde, natrlich mit Erdichtungen und bertreibungen. Lembke und Julija Michailowna wurden in der Tr von der Menge nahezu erdrckt. Alle zurckhalten! Nicht einen hinauslassen! brllte pltzlich Lembke, indem er drohend die Hand gegen die Andrngenden ausstreckte. Alle einzeln strengstens untersuchen, sofort! Die Antwort darauf war aus dem Saal ein Hagel von krftigen Schimpfwrtern. Andrei Antonowitsch! Andrei Antonowitsch! rief Julija Michailowna in vollstndiger Verzweiflung. Als erste verhaften! schrie dieser und wies streng mit dem Finger auf sie. Als erste untersuchen! Der Ball war inszeniert zum Zweck der Brandstiftung ... Sie stie einen Schrei aus und fiel in Ohnmacht (oh, dieser Ohnmachtsanfall war natrlich schon ein echter). Ich, der Frst und der General strzten zur Hilfe herbei; auch andere halfen uns in diesem schweren Augenblick, sogar einige von den Damen. Wir trugen die Unglckliche aus dieser Hlle zu ihrer Equipage; doch sie kam erst unterwegs, kurz vor ihrem Hause, zu sich und ihr erstes war, da sie wieder nach Andrei Antonowitsch rief. Nach dem Zusammenbruch aller ihrer Phantastereien verblieb ihr als einziges nur noch ihr Andrei Antonowitsch. Es wurde sofort nach dem Doktor geschickt. Ich wartete eine ganze Stunde bei ihr, der Frst gleichfalls; der General wollte in einer Anwandlung von Gromut (obgleich ihm der Schreck arg in die Glieder gefahren war) die ganze Nacht am Bette der Unglcklichen verbringen, schlief aber schon nach zehn Minuten, noch bevor der Arzt erschien, im Saal auf einem Lehnstuhl ein, wo wir ihn dann auch so schlafen lieen. Dem Polizeimeister, der vom Ball zur Brandsttte eilte, gelang es noch, Andrei Antonowitsch gleich nach uns hinauszufhren, und er wollte ihn zu Julija Michailowna in den Wagen setzen, indem er aus allen Krften Seiner Exzellenz zuredete, der Ruhe zu pflegen. Ich verstehe nicht, warum er das nicht durchsetzte. Selbstredend wollte Andrei Antonowitsch von Ruhe nichts wissen und strebte mit Gewalt zur Brandsttte; aber das war doch kein vernnftiger Grund. So endete es denn damit, da der Polizeimeister ihn noch in seinem eigenen Wagen zur Brandsttte brachte. Spter erzhlte er, Lembke habe unterwegs die ganze Zeit gestikuliert und solche Ideen als Befehle hervorgestoen, da es wegen ihrer Ungewhnlichkeit unmglich war, sie auszufhren. So ist denn nachher auch rapportiert worden: da Se. Exzellenz sich zu der Zeit, infolge der Pltzlichkeit des Schrecks, bereits im Fieberdelirium befunden habe. Es erbrigt sich wohl, zu erzhlen, wie der Ball endete. Einige Dutzend Taugenichtse und sogar ein paar Damen blieben in den Slen. Die Polizei war nicht mehr da. Das Orchester mute spielen, denn die Musikanten, die weggehen wollten, wurden verprgelt. Zum Morgen hin war Prochorytschs ganze Bude vertilgt, man soff bis zur Bewutlosigkeit, tanzte den Kamarinskij ohne Zensur, besudelte die Rume; und erst bei Morgengrauen langte ein Teil dieser Bande, vollkommen betrunken, auf dem erlschenden Brandplatz an, -- zu neuen Unruhen. Die andere Hlfte blieb und schlief gleich dort in den Slen in steif besoffenem Zustande, mit allen Folgen eines solchen, auf den Plschdiwans und in den Ecken auf dem Fuboden. Am nchsten Morgen wurden sie -- das war das erste, was man tat -- an den Beinen hervorgezogen und hinausgeschleift auf die Strae. Und damit endete das Fest zum Besten der Gouvernanten unseres Gouvernements. IV. Die Feuersbrunst erschreckte unser Publikum vom anderen Fluufer gerade dadurch am meisten, da es sich hierbei um eine so offenkundige Brandstiftung handelte. Beachtenswert ist, da schon nach dem ersten Schrei wir brennen, sofort auch geschrien wurde, die Spigulinschen seien die Brandstifter. Jetzt hat es sich bereits mit aller Sicherheit herausgestellt, da in der Tat drei Spigulinsche an der Brandstiftung beteiligt waren, aber nur drei, nicht mehr; alle anderen Arbeiter der Fabrik wurden vollkommen freigesprochen, sowohl von der ffentlichen Meinung, wie vom Gericht. Auer diesen drei Taugenichtsen (von denen einer bald gefangen wurde und alles gestand, whrend man der beiden anderen noch bis heute nicht habhaft geworden ist), war zweifellos auch der sogenannte Zuchthusler-Fedjka an der Brandstiftung beteiligt. Das ist aber auch alles, was man bisher ber die Entstehung des Brandes sicher wei; die Vermutungen sind eine Sache fr sich. Was nun diese drei Taugenichtse zu dieser Tat bewogen hat, ob sie von jemandem dazu angestiftet worden sind oder nicht -- diese Fragen sind selbst heute noch schwer zu beantworten. Das Feuer verbreitete sich infolge des starken Windes und da die Vorstadt dort berm Flu fast nur aus hlzernen Husern bestand, sowie infolge der Brandstiftung an drei verschiedenen Stellen, mit unglaublicher Schnelligkeit und Gewalt (brigens ging der Brand genau genommen doch nur von zwei Stellen aus, denn an der dritten Stelle gelang es, das Feuer fast gleich nach seinem Ausbruch zu ersticken, wovon spter noch die Rede sein wird). Aber in den Berichten der Residenzbltter wurde unser Unglck doch stark vergrert: was niederbrannte, war nicht mehr (ja vielleicht sogar noch weniger) als ungefhr der vierte Teil der ganzen Vorstadt berm Flu. Unsere Feuerwehr, deren Mannschaft im Verhltnis zur Ausdehnung der Stadt und der Einwohnerzahl nur ein schwaches Huflein ist, verrichtete ihre Aufgabe doch mit groer Hingabe und Sorgfalt. Dennoch htte sie wohl kaum des Brandes Herr werden knnen, selbst bei einmtiger Untersttzung von seiten der Bevlkerung, wenn der Wind sich nicht gedreht und kurz vor Morgengrauen pltzlich ganz gelegt htte. Als ich kaum eine Stunde nach der Flucht vom Ball am anderen Ufer anlangte, tobte das Feuer bereits mit grter Wut. Die ganze Strae, die dem Flu parallel luft, lohte. Es war taghell. Das Bild, das die Brandsttte bot, werde ich nicht weiter beschreiben: wer kennt es in Ruland nicht? In den Quergassen neben der brennenden Hauptstrae war ein maloses Hasten und Gedrnge. Hier war das Feuer mit Sicherheit zu erwarten und die Einwohner schleppten ihr Hab und Gut hinaus, gingen aber vorlufig doch noch nicht weg von ihren Husern und saen wartend auf ihren hinausgeschafften Ksten und Federbetten, ein jeder vor seinen Fenstern. Ein Teil der mnnlichen Einwohnerschaft verrichtete schwere Arbeit: da wurden erbarmungslos Zune gefllt, ja wurden sogar ganze Htten abgetragen, die nahe dem Feuer und unter dem Winde standen. Aus dem Schlaf geweckte kleine Kinder weinten, und Weiber, die ihr Germpel schon herausgeschleppt hatten, jammerten und heulten. Andere, die mit dem Herausschaffen noch nicht fertig waren, schafften inzwischen schweigend und energisch noch weiter heraus, was sie besaen. Funken und fliegende Feuerbrnde sprhten weit mit dem Winde; man lschte sie nach Mglichkeit. Auf dem Brandplatze selbst drngten sich die Zuschauer, die aus allen Ecken und Enden der Stadt herbeigelaufen waren. Manche halfen lschen, andere gafften nur so als Liebhaber. Ein groes Feuer in der Nacht macht immer einen erregenden und lustigen Eindruck; darauf beruhen die Feuerwerke. Doch bei diesen verluft das Feuerspiel in schnen Linien und Formen und erweckt im Zuschauer, da er sich selbst vollkommen auer Gefahr wei, eine frhliche und leichte Empfindung, wie nach einem Glase Champagner. Etwas anderes ist ein wirklicher Brand: hierbei erzeugen der Schrecken und das doch immer vorhandene Gefhl einer gewissen persnlichen Gefahr im Zuschauer (selbstredend nicht im Bewohner des brennenden Hauses), neben dem erwhnten lustigen Eindruck eines nchtlichen Feuers, eine Art Gehirnerschtterung und wirken wie eine Herausforderung seiner eigenen zerstrenden Instinkte, die sich, ach! in jeder Seele verbergen, selbst in der Seele des sanftmtigsten Familienmenschen und Titularrats ... Diese lichtscheue Empfindung ist fast immer berauschend. Ich wei wirklich nicht, ob man einem Schadenfeuer ohne ein gewisses Vergngen zusehen kann? Diesen Satz sprach einmal wortwrtlich Stepan Trophimowitsch zu mir, als wir von einem nchtlichen Brande, dessen Zuschauer er ganz zufllig geworden war, heimgingen -- noch unter dem ersten Eindruck des Anblicks. Natrlich wrde sich der nmliche Liebhaber nchtlicher Feuersbrnste auch selbst ins Feuer strzen, um aus den Flammen ein Kind oder eine Greisin zu retten; aber das ist doch schon ein ganz anderes Kapitel. Ich schob mich hinter anderen Neugierigen durch das Gedrnge und kam so ohne zu fragen zur wichtigsten und gefhrlichsten Stelle, wo ich endlich Lembke erblickte. Ich suchte ihn im Auftrage von Julija Michailowna. Seine Stellung war seltsam und auergewhnlich. Er stand auf einem niedergerissenen Bretterzaun; links von ihm, keine dreiig Schritte weit, ragte das schwarze Gerst eines fast schon ganz ausgebrannten zweistckigen hlzernen Hauses empor, mit Lchern statt der Fenster in beiden Stockwerken, mit eingestrztem Dach und mit immer noch leckenden Feuerzungen an den verkohlten Balken. Im Hintergrunde des Hofes, etwa zwanzig Schritt von diesem Hause, begann gerade ein gleichfalls zweistckiges Nebengebude zu brennen, und um dieses mhte sich aus allen Krften die Feuerwehr. Rechts von Lembke wurde ein ziemlich groes hlzernes Gebude, das zwar noch nicht brannte, aber schon mehrmals Feuer gefangen hatte, von der Feuerwehr und anderen Helfern zu retten gesucht, obschon es zweifellos nicht zu retten war. Lembke schrie und gestikulierte -- er stand mit dem Gesicht zu jenem Nebengebude auf dem Hof -- und gab Befehle, die niemand ausfhrte. Ich dachte schon, da man ihn hier ganz sich selbst berlassen und sich von ihm vllig zurckgezogen habe. Wenigstens fiel es mir auf, da die dichte und aus Menschen sehr verschiedenen Standes bestehende Menge -- es waren da auch Herren und sogar der Oberpriester unserer Kathedralkirche -- seinen Ausrufen wohl neugierig und verwundert zuhrte, jedoch niemand mit ihm sprach oder den Versuch machte, ihn wegzufhren. Lembke, der bleich, doch mit blitzenden Augen dastand, stie allerdings die sonderbarsten Dinge hervor; zum berflu war er noch ohne Hut, den er schon lngst verloren hatte. Alles Brandstiftung! Das ist Nihilismus! Wenn hier etwas loht, so ist das der Nihilismus! vernahm ich von ihm fast mit Entsetzen, und wenn das auch schon vorauszusehen gewesen war, so hat doch die greifbare Wirklichkeit immer etwas Erschtterndes in sich. Exzellenz, -- neben ihm stand pltzlich ein Revierschutzmann -- wenn Euer Exzellenz geruhen wollten, es mit der huslichen Erholung zu versuchen ... Denn hier ist doch schon das bloe Stehen gefhrlich, Exzellenz. Dieser Polizeimann war, wie ich spter erfuhr, vom Polizeimeister absichtlich zu Andrei Antonowitsch abkommandiert worden, mit dem Auftrage, auf ihn acht zu geben und nach Mglichkeit zu versuchen, ihn nach Hause zu bringen, im Falle einer Gefahr aber, wenn ntig, sogar Gewalt anzuwenden -- ein Auftrag, der ersichtlich ber die Kraft des Beauftragten ging. Die Trnen der Abgebrannten werden weggewischt werden, aber die Stadt werden sie niederbrennen. Das sind alles die vier Schurken, vier und ein halber! Man verhafte den Schurken! Er schleicht sich in die Ehre der Familien ein. Zum Anznden der Huser hat man die Gouvernanten benutzt. Das ist gemein, gemein! Ach, was tut der dort! rief er pltzlich, als er auf dem Dach des nun bereits brennenden Nebengebudes einen Feuerwehrmann erblickte, unter dem das Dach schon durchgebrannt war und um den ringsum Flammen hervorschlugen. Holt ihn herunter, er wird durchs Dach fallen, er wird anbrennen, lscht ihn ... Was tut er dort? Er lscht selbst, Exzellenz. Das ist unwahrscheinlich. Die Feuersbrunst ist in den Gehirnen der Menschen, aber nicht auf den Dchern der Huser. Man soll ihn herunterholen und alles liegen lassen! Lieber liegen lassen, lieber liegen lassen! Mag es selbst irgendwie! ... Ach, wer weint dort noch? Eine Alte! Eine Alte schreit, warum hat man die Alte vergessen? Tatschlich: im unteren Stock dieses bereits brennenden Nebenhauses schrie ein altes Weib, eine achtzigjhrige Verwandte des Kaufmanns, dem das Haus gehrte. Aber man hatte sie nicht dort vergessen, sondern sie war selbst in das Haus zurckgekehrt, so lange das noch mglich war, mit der wahnsinnigen Absicht, aus ihrem Kmmerlein an der Ecke des Hauses ihr Federbett zu retten. Fast erstickend im Rauch und schreiend vor Hitze, denn die Flammen hatten das Kmmerlein nun schon erreicht, mhte sie sich, mit ihren altersschwachen Armen das Pfhl durch den Fensterrahmen, dessen Glasscheibe herausgeschlagen war, hindurchzuzwngen. Lembke strzte zu ihr, um ihr zu helfen. Alle sahen, wie er zum Fenster lief, einen Zipfel des Pfhls ergriff und es mit aller Gewalt durch das Fenster zu ziehen begann. Da wollte es das Unglck, da in eben diesem Augenblick ein herausgebrochenes Brett vom Dach herabfiel und den Helfer traf; es schlug ihn nicht tot, nur das eine Ende traf ihn am Halse, doch damit war die Laufbahn Andrei Antonowitschs eigentlich beendet, wenigstens bei uns; der Schlag warf ihn um und er blieb bewutlos liegen. Endlich brach ein trbes, dsteres Morgengrauen an. Der Brand sank in sich zusammen; nach dem Winde trat pltzlich Windstille ein und dann begann ein langsamer, feiner Regen, wie durch ein feines Sieb. Ich war schon in einer anderen Gegend dieser Vorstadt, weit von jener Stelle, wo Lembke hingefallen war, und hier hrte ich unter den Leuten sehr sonderbare Gesprche. Eine seltsame Tatsache stellte sich heraus: ganz am Rande der Vorstadt, hinter Gemsegrten auf freiem Platz, ber fnfzig Schritte weit von den nchsten Gebuden, stand ein erst krzlich erbautes, nicht groes hlzernes Wohnhaus, und dieses entlegene Haus hatte ganz zu Anfang des Brandes gleichfalls, ja womglich noch frher als alle anderen, zu brennen begonnen. Selbst wenn es niedergebrannt wre, htte es bei seiner einsamen Lage keines der anderen Huser dieser Vorstadt anstecken knnen, und umgekehrt: auch wenn der ganze Stadtteil auf dieser Seite des Flusses niedergebrannt wre, so htte einzig dieses Haus verschont bleiben knnen, sogar bei noch so starkem Winde. Also mute es selbstndig und fr sich allein in Brand geraten sein und folglich nicht ohne besondere Ursache. Doch die Hauptsache war, da man ihm zum Niederbrennen keine Zeit gelassen hatte und da in seinem Inneren dann sonderbare Dinge entdeckt worden waren. Der Besitzer dieses neuerbauten Hauses, ein Kleinbrger, der in der nchsten Gasse wohnte, war sogleich bei Ausbruch des Feuers herbeigeeilt und hatte noch rechtzeitig den Brand ersticken knnen, indem er mit Hilfe der Nachbarn den in Brand gesteckten Holzvorrat fr den Winter, dessen Stapel an der einen Seitenwand des Hauses stand, auseinanderri und lschte. Doch in dem Hause hatten Menschen gewohnt: der in der Stadt wohlbekannte Hauptmann Lebdkin mit seiner Schwester und einer schon lteren Arbeiterin als Aufwartefrau. Und diese drei Einwohner, der Hauptmann, seine Schwester und die Arbeiterin, wurden nun, als man in das Haus eindrang, ermordet und augenscheinlich beraubt vorgefunden. (Eben hierher hatte sich dann der Polizeimeister vom Brandplatz begeben, kurz bevor Lembke das Pfhl rettete.) Bei Morgengrauen hatte sich das Gercht von der Untat schon verbreitet und eine ungeheure Menge der verschiedensten Menschen, darunter sogar viele der soeben Abgebrannten, strmte zu diesem abgelegenen neuen Hause. Es war schwer, nher zu gelangen, so gro war dort das Gedrnge. Man erzhlte mir sogleich, da man den Hauptmann mit durchgeschnittener Kehle, angekleidet auf der Schlafbank liegend, gefunden habe. Wahrscheinlich sei er wieder steif betrunken gewesen und man habe ihn wohl nur so hingeschlachtet, ohne da ihm zu Bewutsein kam, was da geschah. Blut aber sei aus ihm so viel geflossen wie aus einem Ochsen. Seine Schwester Marja Timofejewna dagegen sei von Messerstichen ganz zerstochen und habe an der Tr auf dem Fuboden gelegen, also habe sie mit dem Mrder gewi schon im Wachen gekmpft und sich wohl wie rasend gewehrt. Der Aufwartefrau, die anscheinend gleichfalls vorher erwacht war, sei der Schdel eingeschlagen. Wie der Besitzer des Hauses erzhlte, sei der Hauptmann noch am Morgen dieses Tages betrunken zu ihm gekommen, habe geprahlt und viel Geld gezeigt, an die zweihundert Rubel. Die alte, abgenutzte grne Brieftasche des Hauptmanns fand man leer auf dem Boden liegen; doch Marja Timofejewnas Koffer war unangerhrt, ebenso die silberne Verzierung des Heiligenbildes. Desgleichen fand man alles, was der Hauptmann an Kleidern besessen, vollzhlig vor. Daraus ersah man, da der Dieb sich beeilt hatte und jedenfalls ein Mensch gewesen sein mute, der den Hauptmann und seine Gewohnheiten gut kannte, es nur auf das bare Geld abgesehen hatte und wute, wo dieses sich befand. Htte der Besitzer des Hauses den Brand nicht sofort bemerkt, so htte der angezndete Holzstapel sicher das Haus in Brand gesteckt, vor den verkohlten Leichen aber wre man schwerlich hinter den wahren Sachverhalt gekommen. So wurde der Tatbestand wiedergegeben. Hinzu kam dann noch ein Bericht: da der eigentliche Mieter dieser Wohnung der Herr Stawrogin sei, Nicolai Wszewolodowitsch, der einzige Sohn der Generalin Stawrogina. Er sei sogar persnlich gekommen, um die Wohnung zu mieten, habe noch sehr zugeredet, denn der Besitzer habe sie gar nicht vermieten, sondern hier eine Kneipe einrichten wollen, aber Nicolai Wszewolodowitsch habe auf den Preis nicht geachtet und die Miete gleich fr ein halbes Jahr vorausbezahlt. Dieser Brand ist nicht ohne Grund entstanden, hrte man in der Menge sagen. Doch die Mehrzahl schwieg. Die Gesichter waren finster, aber eine groe, sichtliche Emprung war eigentlich nicht wahrzunehmen. Nur erzhlte man sich ringsum noch mehr Geschichten von dem Herrn Stawrogin. So sprach man u. a. auch davon, da die Ermordete seine Frau war, gestern aber habe er aus einem der ersten Huser der Stadt, aus dem der Generalin Drosdowa, ein junges Mdchen, die Tochter der Generalin, zu sich gelockt, auf unehrliche Weise, und da man eine Klage ber ihn nach Petersburg einreichen werde. Da aber seine Frau nun ermordet worden ist, das sei doch, wie man sieht, nur deshalb geschehen, damit er frei werde und jetzt die Drosdowa heiraten knne. Skworeschniki war nicht mehr als nur zwei und eine halbe Werst entfernt und ich wei noch, mir kam der Gedanke: sollte ich nicht dorthin Nachricht schicken? brigens ist es mir nicht aufgefallen, da jemand die Menge im besonderen aufgehetzt htte, das mu ich schon der Wahrheit gem sagen, wenn mir auch flchtig zwei oder drei Fratzen aus der Schar der Bfettleute auffielen, die gegen Morgen auf der Brandsttte erschienen und die ich sofort wiedererkannte. Doch besonders erinnerlich ist mir ein hagerer, groer Bursche, ein Kleinbrger, mit ausgemergeltem Gesicht und krausem Haar, dazu wie mit Ru geschwrzt, -- ein Schmied, wie ich spter erfuhr. Er war nicht betrunken, doch, im Gegensatz zu der finster dastehenden Menge, wie auer sich. Er wandte sich immer wieder an das ringsum stehende Volk, aber ich erinnere mich nicht mehr seiner Worte. Alles, was er zusammenhngend hervorbrachte, war nicht lnger als: Ja aber wie denn, Brder, wie ist denn das? Bleibt das nun alles so und wird da nichts geschehen? und er gestikulierte mit den Armen. Achtzehntes Kapitel. Ein beendeter Roman I. Aus dem groen Saal des Herrenhauses von Skworeschniki (demselben Saal, wo die letzte Zusammenkunft von Warwara Petrowna und Stepan Trophimowitsch stattgefunden hatte) konnte man das Feuer wie auf der Handflche sehen. Bei Tagesgrauen, zwischen fnf und sechs Uhr morgens, stand dort, rechts am letzten Fenster des Saales, Lisa und sah starr in den verlschenden Widerschein des Brandes. Sie war allein. Sie trug dasselbe Kleid, in dem sie auf dem Fest erschienen war, ein duftiges, zartgrnes Gewand, von Spitzen berrieselt, doch schon zerdrckt und jetzt in der Hast unordentlich angezogen. Als sie pltzlich bemerkte, da es ber der Brust nicht richtig geschlossen war, errtete sie und hakte es schnell zu, raffte ihr rotes Tuch vom Lehnstuhl auf, das sie gestern beim Eintreten dorthin geworfen hatte und schlang es sich um den Hals. Ihr prachtvolles Haar fiel in gelsten Locken auf ihre rechte Schulter. Ihr Gesicht sah mde aus, besorgt, doch ihre Augen brannten unter den zusammengezogenen Brauen. Sie trat wieder ans Fenster und drckte ihre heie Stirn an das kalte Glas. Die Tr ffnete sich und Nicolai Wszewolodowitsch trat ein. Ich habe einen Diener zu Pferde hingeschickt, sagte er, in zehn Minuten werden wir alles wissen. Die Leute sagen, da der Stadtteil ber dem Flu, rechts von der Brcke, niedergebrannt sei. Das Feuer soll um Mitternacht ausgebrochen sein; jetzt ist es schon im Abflauen. Er ging nicht bis ans Fenster heran, sondern blieb drei Schritte hinter ihr stehen; sie wandte sich nicht nach ihm um. Nach dem Kalender htte es schon seit einer Stunde hell sein mssen, und noch ist es dunkel wie in der Nacht, sagte sie rgerlich. Die Kalender lgen alle, bemerkte er schon mit liebenswrdigem Spott, schmte sich aber sofort und fgte schnell hinzu: Nach dem Kalender ist es langweilig zu leben, Lisa. Aber er fhlte, da er dadurch das Gesprochene nur noch schlimmer gemacht hatte. rgerlich ber sich selbst schwieg er ganz. Lisa lchelte bitter. Sie scheinen in einer so niedergeschlagenen Stimmung zu sein, da Ihnen zu einem Gesprch mit mir sogar die Worte fehlen. Aber beruhigen Sie sich, Sie haben das sehr zur rechten Zeit gesagt: ich lebe immer nach dem Kalender. Jeder meiner Schritte ist nach dem Kalender berechnet. Sie wundern sich? Sie wandte sich schnell vom Fenster ab und setzte sich in den Sessel. Bitte, setzen Sie sich gleichfalls. Wir werden nicht lange zusammen sein und ich mchte alles sagen, was ich sagen mag ... Warum sollten nicht auch Sie alles sagen, was Sie vielleicht sagen wollen? Nicolai Wszewolodowitsch setzte sich neben sie und nahm leise, beinahe furchtsam, ihre Hand. Was bedeutet diese Sprache, Lisa? Woher das pltzlich? Was soll das bedeuten: >Wir bleiben nicht lange zusammenIch komme nur auf einen Augenblick<, und dann blieb er den ganzen Tag. Ich mchte es nicht wie Christophor Iwanowitsch machen und den ganzen Tag bleiben. Eine schmerzhafte Empfindung spiegelte sich in seinem Gesicht wider. Lisa, es tut mir weh um diese verzerrte Sprache. Diese Grimasse kostet dich selbst zu viel. Wozu das alles? Warum? Seine Augen brannten. Lisa, rief er aus, ich schwre es dir, ich liebe dich jetzt mehr als gestern, als du bei mir eintratest! Was fr ein sonderbares Gestndnis! Was soll das jetzt, dieses Gestern und Heute, und wozu beides mit dem Ma messen? Du verlt mich nicht, fuhr er fast verzweifelt fort, wir verreisen zusammen, heute noch! Nicht? Nicht? Ah, pressen Sie meine Hand nicht so schmerzhaft! Wohin sollen wir denn heute noch reisen? Wieder irgendwohin, um >aufzuerstehenso viel Glckso viel Glck< verurteilen wird? Oh, wenn es das ist, so beunruhigen Sie sich um Gottes willen nicht. Sie haben ja in diesem Fall nicht die geringste Veranlassung gegeben und sind niemandem Verantwortung schuldig. Als ich gestern Ihre Tr aufmachte, da wuten Sie nicht einmal, wer da eintrat. Es war eben nur meine Phantasie, um Ihren Ausdruck zu gebrauchen, und nichts weiter. Sie knnen allen dreist und siegesbewut in die Augen blicken! Deine Worte, dein Hohn, jetzt schon eine ganze Stunde, bringen die Klte des Grauens ber mich! Dieses >Glck<, von dem du so gehssig sprichst, kostet mich ... alles. Kann ich dich denn jetzt verlieren? Ich schwre dir, ich liebte dich gestern weniger. Warum nimmst du mir denn heute alles wieder? Weit du auch, was sie mich kostet, diese neue Hoffnung? Ich habe sie mit dem Leben bezahlt! Mit dem eigenen oder dem anderer? Stawrogin stand hastig auf. Was heit das? fragte er und sah sie starr an. Bezahlen Sie mit Ihrem oder mit meinem Leben? Das war es, was ich damit fragen wollte. Oder haben Sie jetzt vllig aufgehrt, zu verstehen? Das Blut scho ihr ins Gesicht. Warum sind Sie aufgesprungen? Warum starren Sie mich mit solch einem Ausdruck an? Lisa blickte ihm pltzlich angstvoll in die Augen. Sie erschrecken mich ... Was frchten Sie denn so? Ich habe es schon die ganze Zeit bemerkt, da Sie etwas frchten, gerade jetzt, in dieser Minute ... Mein Gott, wie bla Sie werden! Wenn du irgend etwas weit, Lisa, ich schwre dir, _ich_ wei nichts ... und habe soeben berhaupt nicht _davon_ gesprochen, als ich sagte, da ich es mit dem Leben bezahlt htte ... Ich verstehe Sie gar nicht, sagte sie ngstlich stockend. Da erschien schlielich ein langsames, nachdenkliches Lcheln auf seinen Lippen. Er setzte sich still wieder hin, sttzte die Ellenbogen auf die Knie und bedeckte das Gesicht mit den Hnden. Ein bser Traum und Wahn ... Wir sprachen von zwei ganz verschiedenen Dingen. Ich wei nicht, wovon Sie gesprochen haben. Aber wuten Sie denn gestern wirklich nicht, da ich Sie heute verlassen wrde? Wuten Sie das wirklich nicht? Lgen Sie nicht! Sagen Sie, wuten Sie es oder wuten Sie es nicht? Ich wute es ... sagte er leise. Nun also, was wollen Sie dann noch: Sie wuten es und nahmen den >Augenblick<. Wozu nun diese Abrechnungen? Sage mir die ganze Wahrheit, rief er in tiefem Leid: als du gestern meine Tr aufmachtest, wutest du es selbst, da du sie nur auf eine Stunde aufmachtest? Sie sah ihn mit Ha an. Es ist doch wahr, da selbst der ernsteste Mensch die sonderbarsten Fragen stellen kann. Was beunruhigen Sie sich deswegen? Sollte es wirklich aus Eigenliebe geschehen, weil eine Frau Sie zuerst verlt, und nicht Sie die Frau? Wissen Sie, Nicolai Wszewolodowitsch, ich merke unter anderem, seit ich bei Ihnen bin, da Sie furchtbar gromtig zu mir sind, und gerade das kann ich von Ihnen nicht ertragen. Er erhob sich vom Platz und ging ein paar Schritte durchs Zimmer. Gut, mag das nun so enden ... Aber wie konnte das alles geschehen? Auch eine Sorge! Und die Hauptsache -- Sie wissen das ja selbst, so gut, als htten Sie es an den Fingern abgezhlt, wissen es besser, als alle auf der Welt, und rechneten sogar selbst damit! Ich bin eine hhere Tochter, mein Herz ist in der Oper erzogen, sehen Sie, das war die Ursache, das ist die ganze Lsung des Rtsels! Nein. Darin liegt nichts, was Ihre Eigenliebe krnken knnte. Es ist einfach die Wahrheit. Es begann mit einem schnen Augenblick, den ich nicht ertrug. Vor drei Tagen, als ich Sie vor aller Welt >beleidigte< und Sie mir so ritterlich antworteten, fuhr ich nach Hause und sagte mir, da Sie mich gemieden hatten, weil Sie verheiratet waren, und nicht aus Verachtung, was ich als Dame der Gesellschaft am meisten frchtete. Ich begriff, da Sie mich Unsinnige beschtzten, indem Sie mich mieden. Sehen Sie wohl, wie ich Ihre Gromut schtze. Da sprang dann Pjotr Stepanowitsch fr Sie ein und erklrte mir alles. Er offenbarte mir, da ein groer Gedanke Sie beherrsche, ein Gedanke, vor dem er und ich nichts sind, aber da ich Ihnen dennoch >im Wege< stehe. Und sich zhlte er immer mit; er wollte unbedingt, da wir zu dreien seien, und er sprach noch die phantastischsten Dinge, sprach von einer groen Barke mit Rudern aus nordischem Ahorn, wie es in irgendeinem russischen Liede heit. Ich lobte ihn, sagte ihm, er sei ein Dichter, und er nahm das alles fr die barste Mnze. Da ich aber auch ohnedem schon lngst wute, da ich nur fr einen Augenblick ausreichen wrde, so nahm ich mich und entschlo mich. Nun, und das war alles, aber jetzt genug davon, und bitte keine Erklrungen mehr. Sonst geraten wir womglich noch in Streit. Wie gesagt, frchten Sie niemanden, ich nehme alles auf mich. Ich bin schlecht, kaprizis, ich habe mich von der opernhaften Barke blenden lassen, ich bin eine junge Dame der Gesellschaft ... Aber wissen Sie, ich habe bei alledem doch gedacht, da Sie mich furchtbar lieben. Verachten Sie nicht die Trin und lachen Sie nicht ber diese Trne, die jetzt fiel. Ich liebe es sehr, >mich selbst bemitleidend< zu weinen. Nun, genug, genug. Ich bin zu allem unfhig und Sie sind zu allem unfhig; zwei Nasenstber beiderseits, finden wir uns also damit ab. Wenigstens leidet so die Eigenliebe nicht. Ein Traum und Wahn! rief Nicolai Wszewolodowitsch und schritt, die Hnde ringend, im Zimmer auf und ab. Lisa, du Arme, was hast du dir angetan? Habe mich am Licht verbrannt, und das ist alles. Wie, Sie weinen doch nicht gleichfalls? Seien Sie anstndiger, seien Sie gefhlloser ... Warum, warum bist du zu mir gekommen? Aber verstehen Sie denn nicht endlich, in welch eine komische Lage Sie sich mit solchen Fragen selbst bringen? Warum hast du dich selbst zugrunde gerichtet, so ungeheuerlich und tricht! Und was soll jetzt geschehen? Und das ist Stawrogin, der >blutdrstige Stawrogin<, wie hier eine Dame, die in Sie verliebt ist, Sie nennt! Hren Sie, ich habe es Ihnen doch schon gesagt: ich habe mein Leben auf eine Stunde gesetzt und bin jetzt ruhig. Tun Sie dasselbe auch mit Ihrem Leben ... brigens, wozu sollten Sie das, Sie werden noch viele solcher >Stunden< und >Augenblicke< haben! Ebensoviele wie du: ich gebe dir mein heiliges Wort, nicht eine Stunde mehr als du! Er ging immer noch auf und ab und sah ihren schnellen, durchbohrenden Blick nicht, in dem pltzlich gleichsam Hoffnung aufleuchtete. Aber dieser Lichtstrahl erlosch in derselben Minute. Wenn du den Preis meiner jetzigen _unmglichen_ Aufrichtigkeit wtest, Lisa, wenn ich dir nur enthllen knnte ... Enthllen? Sie wollen mir irgend etwas enthllen? Gott bewahre mich vor Ihren Enthllungen! unterbrach Sie ihn fast mit Schrecken. Er blieb stehen und wartete in Unruhe. Ich mu Ihnen gestehen, in mir hat sich schon damals, schon in der Schweiz, der Gedanke festgesetzt, da Sie etwas Entsetzliches auf der Seele haben mssen, etwas Schmutziges und Blutiges, und ... gleichzeitig etwas, das Sie furchtbar lcherlich macht. Hten Sie sich, mir das zu enthllen, wenn es so ist: ich wrde Sie verspotten. Ich wrde ber Sie lachen solange Sie leben ... Oh, Sie erbleichen wieder? Ich werde ja nicht, ich werde nicht, ich gehe gleich fort. Und sie erhob sich schnell mit einer angeekelten und verachtenden Bewegung. Qule mich, richte mich, schtte alle Wut ber mich aus! rief er in Verzweiflung. Du hast das volle Recht dazu! Ich wute, da ich dich nicht liebe, und richtete dich zugrunde. Ja, ich >nahm den Augenblick<, ich nahm ihn an: ich hatte noch eine Hoffnung ... schon lange ... eine letzte ... Ich konnte dem Licht nicht widerstehen, das pltzlich mein Herz erhellte, als du bei mir eintratst, allein, als erste. Ich glaubte pltzlich ... Vielleicht glaube ich auch jetzt noch ... Eine so edle Aufrichtigkeit bezahle ich Ihnen mit gleichem: ich will nicht Ihre barmherzige Schwester sein. Es ist mglich, da ich wirklich Krankenpflegerin werde, wenn ich nicht heute noch zur rechten Zeit zu sterben verstehe; aber wenn ich das auch wrde, so ginge ich doch nicht zu Ihnen, obschon Sie selbstredend jedem Bein- oder Armlosen gleichwertig sind. Es hat mir immer geschienen, da Sie mich an irgendeinen Ort bringen wrden, wo eine bse Riesenspinne von Menschengre sitzt, und wir wrden dort unser Lebelang auf diese Spinne sehen und uns vor ihr frchten. Und darber wird dann unsere gegenseitige Liebe vergehen. Wenden Sie sich an Daschenka; die wird mit Ihnen gehen, wohin Sie wollen. Sie konnten es auch jetzt nicht unterlassen, sie zu erwhnen? Das arme Hndchen! Gren Sie sie von mir. Wute sie es, da Sie sie schon damals in der Schweiz fr Ihr Alter bestimmten? Welch eine Frsorge! Welch eine Vorsicht! -- Ach! Wer ist da? In der Tiefe des Saales hatte sich kaum die Tr geffnet: ein Kopf schob sich durch und zog sich schnell wieder zurck. Bist du es, Alexei Jegorytsch? fragte Stawrogin. Nein, das bin nur ich, sagte Pjotr Stepanowitsch, der sich nun von neuem und diesmal gleich bis zur Hlfte durch die Tr schob. Guten Tag, Lisaweta Nicolajewna; auf alle Flle wnsche ich einen guten Morgen. Wute ich's doch, da ich Sie beide in diesem Saal antreffen wrde. -- Ich bin wirklich nur auf einen Augenblick gekommen, Nicolai Wszewolodowitsch, -- bin um jeden Preis hergeeilt, nur auf ein paar Worte ... die allernotwendigsten ... nur ein paar Wrtchen! Stawrogin ging, aber nach drei Schritten kehrte er zu Lisa zurck. Wenn du jetzt gleich etwas erfahren wirst, Lisa, so wisse: ich bin schuld! Sie fuhr zusammen und sah ihn scheu an; doch er ging schnell hinaus. II. Das Zimmer, in das sich Pjotr Stepanowitsch zurckzog, war ein groes ovales Vorzimmer. Bis zu seinem Erscheinen hatte der alte Diener Alexei Jegorytsch hier gesessen, den hatte er aber jetzt weggeschickt. Nicolai Wszewolodowitsch schlo die Saaltr hinter sich und blieb in Erwartung stehen. Pjotr Stepanowitsch sah ihn schnell und prfend an. Nun? Das heit, wenn Sie es schon wissen sollten -- begann Pjotr Stepanowitsch eilig und als wolle er mit den Augen Stawrogin in die Seele springen, so ist selbstverstndlich niemand von uns schuld daran, besonders nicht Sie, denn es ist nur ein zuflliges Zusammentreffen ... eine Reihe von Zufllen ... mit einem Wort, juridisch kann man Ihnen nichts anhaben, und ich bin nur gekommen, um Sie zu benachrichtigen. Sie sind verbrannt? Ermordet? Ermordet, aber nicht verbrannt, das ist eben das Dumme! Doch ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, ich bin nicht schuld daran! Das heit, wenn Sie die ganze Wahrheit wissen wollen: sehen Sie, ich hatte wirklich einmal den Gedanken -- Sie selbst haben ihn mir eingegeben (nicht im Ernst, natrlich, Sie neckten mich ja nur damit, denn Sie werden doch nicht im Ernst so etwas sagen!) -- doch ich htte mich niemals zur Ausfhrung entschlossen, fr nichts in der Welt, nicht fr hundert Rubel, -- denn ich habe ja gar keinen Vorteil davon, gar keinen -- das heit, ich, ich persnlich ... (Er berhastete sich furchtbar und sprach wie eine Plappermhle.) Aber nun hren Sie, was fr ein Zusammentreffen von Zufllen: ich gab ihm von meinem Gelde, von Ihrem war nicht ein Rubel dabei, Sie wissen das selbst, ich gab also dem betrunkenen Dummkopf Lebdkin zweihundertunddreiig Rubel, vor drei Tagen, noch am Abend, -- hren Sie: vor drei Tagen, und nicht erst gestern nach der Matinee, beachten Sie das: das ist sehr wichtig! Denn ich wute damals noch nicht, ob Lisaweta Nicolajewna zu Ihnen fahren wrde oder nicht: -- gab ihm von meinem eigenen Gelde, nur darum, weil Sie nun mal die Idee hatten, Ihr Geheimnis allen aufzudecken. Nun, darber werde ich mich nicht weiter verbreiten, ... das ist Ihre Sache ... Ritter, und so weiter ... Ich gestehe aber, ich wunderte mich doch sehr, als ob ich mit einer Keule einen Schlag vor den Kopf bekommen htte. Da mir aber diese Tragdien scheulich langweilig geworden waren -- ich spreche jetzt, merken Sie sich das wohl, im Ernst, wenn ich auch burschikose Ausdrcke gebrauche --, da nun alles das meine Plne kreuzte, so schwor ich mir, Lebdkin, was es auch koste, und auch ohne Ihr Wissen, nach Petersburg zu schicken. Nur einen Fehler habe ich da vielleicht begangen: ich gab ihm das Geld in Ihrem Namen! War das nun ein Fehler oder nicht? Vielleicht war es auch kein Fehler! Aber hren Sie jetzt, hren Sie, wohin das alles gefhrt hat ... -- Im Eifer der Rede war er Stawrogin immer nher gerckt und wollte ihn schlielich am Rockaufschlag anfassen (vielleicht, bei Gott, mit Absicht). Stawrogin schlug ihm mit einem heftigen Schlag die Hand herunter. Wie ... was!? ... Na ... blo, so knnen Sie einem ja die Hand brechen ... Die Hauptsache ist nun, was daraus alles entstanden ist ... schnatterte er dann schon weiter, ohne sich ber den Schlag viel zu wundern. Am Abend gebe ich ihm das Geld, damit er mit seiner Schwester am nchsten Morgen, sowie es hell wird, sich davonmacht: beauftrage mit dieser Sache den Schuft Liputin, der ihn selbst einpacken und fortschicken soll. Aber der Schuft Liputin mute mit dem Publikum seinen dummen Schulbubenstreich machen, -- Sie haben wohl schon davon gehrt? auf der Matinee? Nun hren Sie, hren Sie doch: beide betrinken sich und schmieden Verse. Liputin zieht dem anderen einen Frack an und versteckt ihn hinter den Kulissen (mir versichert er dabei, er habe ihn am Morgen auf die Bahn gebracht), um ihn im gegebenen Moment auf die Tribne zu schubsen. Lebdkin aber betrinkt sich inzwischen wieder vollstndig. Darauf folgt der bekannte Skandal -- Lebdkin wird steif betrunken nach Hause gebracht, schlafend, Liputin nimmt ihm die zweihundert Rubel aus der Brieftasche und lt ihm nur das Kleingeld. Zum Unglck aber hatte Lebdkin schon am Morgen das Geld gezeigt und damit herumgeprahlt. Da aber Fedjka nur darauf wartete -- er hatte bei Kirilloff etwas davon gehrt (erinnern Sie sich noch Ihrer Anspielung?), so entschlo er sich, die Gelegenheit zu benutzen. Ich bin aber doch froh, da Fedjka wenigstens das Geld nicht vorgefunden hat, -- dabei hat der Schurke eigentlich auf Tausende gerechnet! Er beeilte sich also, aber das Feuer scheint ihn dann selbst erschreckt zu haben ... Glauben Sie, mir ist dieser Brand wie ein Keulenschlag vor den Kopf! Das ist ja ... der Teufel wei, was das ist! Das ist eine solche Eigenmchtigkeit ... Sehen Sie, ich werde Ihnen, da ich so viel von Ihnen erwarte, nichts verheimlichen: ich habe schon lange selber diese Idee, Feuer anzulegen, in mir herumgetragen. Das ist so populr, so volklich ... aber ich habe sie immer fr die kritische Zeit aufbewahrt, fr den groen Augenblick, wenn wir uns alle erheben und ... Und da haben sie das jetzt pltzlich eigenmchtig und ohne Befehl getan, und das noch in einem Augenblick, wo man den Atem anhalten und alles verheimlichen mte! Nein, das ist eine solche Eigenmchtigkeit! ... Ich wei ja noch nichts darber: man spricht von zweien aus der Spigulinschen Fabrik ... wenn aber von den _unseren_ jemand dabei war, wenn auch nur einer seine Hand dabei im Spiele hat -- gnade ihm Gott! Sehen Sie, was das heit, sie ein bichen vernachlssigen! Oh, dieses demokratische Pack mit seinen >Fnfern< ist, das sehe ich, eine schlechte Sttze! Ein einziger groartiger, gtzenhafter, despotischer Wille tut not, einer, der sich nicht auf etwas Zuflliges und auerhalb Stehendes sttzt ... Dann werden auch die >Fnfer< gehorsam und vielleicht noch von Nutzen sein. Doch jedenfalls, wenn sie jetzt auch alle schreien und in die Trompete blasen, da Stawrogin sich von seiner Frau befreien wollte, und da darum die Stadt brennen mute, so -- Also man schreit das schon? Das heit, nein, noch gar nicht, und ich mu gestehen, ich habe davon bis jetzt noch nichts gehrt, aber was ist mit dem Volk denn anzufangen, besonders mit den Abgebrannten? _Vox populi, vox Dei!_ Braucht es denn viel Zeit, um selbst das dmmste Gercht zu verbreiten? Sie, wie gesagt, haben sich vor nichts zu frchten. Juridisch ist alles einwandfrei, vor Ihrem Gewissen gleichfalls, denn Sie wollten das doch nicht? Sie wollten das doch nicht? Beweise gibt es keine, alles war nur Zufall ... Es sei denn, da Fedjka sich Ihrer damaligen unvorsichtigen Worte bei Kirilloff erinnert (wozu haben Sie sie damals auch ausgesprochen?), aber das beweist doch nichts. Und Fedjka machen wir schnell mundtot. Ich werde ihm noch heute ... Und die Leichen sind gar nicht verbrannt? Nein: diese Kanaille hat nichts wie es sich gehrt zu machen verstanden. Aber ich freue mich vor allen Dingen, da Sie so ruhig sind ... denn wenn Sie daran auch gar keine Schuld tragen, nicht mal in Gedanken, so ist es doch -- na, immerhin. Jedenfalls werden Sie mir aber zugeben, da das alles sehr schn Ihre Angelegenheiten in Ordnung bringt: Sie sind pltzlich ein freier Witwer und knnen noch in dieser Stunde das schnste Mdchen mit einem riesigen Vermgen heiraten, -- ein Mdchen, das noch dazu schon in Ihren Hnden ist. Sehen Sie, was ein einfacher, grober Zufall alles tun kann, nicht wahr? Sie wollen mich einschchtern, Sie Dummkopf? Nun, schon gut, schon gut, warum gleich Dummkopf, und was ist das fr ein Ton? Wer sollte sich mehr freuen, als Sie? Ich bin hergelaufen, um Sie zu benachrichtigen ... Womit sollte ich Sie denn einschchtern? Als ob ich Ihnen zu drohen ntig htte! Ich brauche Ihren freien Willen, aber nicht einen erzwungenen! Sie sind das Licht und die Sonne. Ich frchte Sie, aber nicht Sie mich! Ich bin doch nicht Mawrikij Nicolajewitsch ... Stellen Sie sich vor, ich sause hierher in einer Droschke -- und wen sehe ich? -- Mawrikij Nicolajewitsch! An Ihrem Gartenzaun, ganz am Ende des Gartens, -- im Mantel, vllig durchnt, er mu wohl die ganze Nacht dort gewartet haben! Wunderbar! Wie weit die Menschen doch den Verstand verlieren knnen! Mawrikij Nicolajewitsch! Ist das wahr? Es ist wahr, es ist wahr. Steht am Gartenzaun. Von hier -- na, dreihundert Schritte von hier, wenn ich mich nicht irre. Ich beeilte mich, an ihm vorber zu kommen, aber er hat mich doch gesehen. Sie wuten es nicht? In dem Fall bin ich sehr froh, da ich nicht vergessen habe, es Ihnen mitzuteilen. Sehen Sie, solch einer ist am gefhrlichsten! wenn der einen Revolver bei sich hat! und zuletzt, die Nacht, die Nsse, die Erregung, und dann -- wie ist denn seine Lage jetzt, ha, ha! Was meinen Sie, warum sitzt er da? Er wartet natrlich auf Lisaweta Nicolajewna. So--o! Ja warum sollte sie denn zu ihm hinausgehen? Und ... in diesem Regen ... so ein Esel! ... Sie wird sogleich zu ihm hinausgehen. Aha! Das ist mir mal eine Neuigkeit! Also ... Aber hren Sie, jetzt hat sich doch Ihre Situation vllig gendert: wozu braucht sie jetzt den Mawrikij? Sie sind doch jetzt ein freier Witwer und knnen sie doch morgen heiraten? Wei sie noch nichts? Dann berlassen Sie es mir, ich werde gleich alles in Ordnung bringen. Wo ist sie, man mu ihr doch auch eine Freude machen! Eine Freude? Sie fragen noch! Gehen wir. Und Sie glauben, da sie vor diesen Leichen nichts errt? fragte Stawrogin, indem er ihn mit halb zugekniffenen Augen ansah. Natrlich nicht, antwortete Pjotr Stepanowitsch, den Dummen spielend, denn juridisch ... Ach, Sie! Und wenn sie es auch errt! Von den Frauen wird das alles so schnell abgetan! Sie kennen die Frauen noch nicht! Auerdem mu sie Sie doch ganz einfach heiraten, denn sie hat sich doch nun mal kompromittiert, ganz abgesehen davon, da ich ihr von der >Barke< schon erzhlt habe: und habe gesehen, da man gerade damit Eindruck auf sie macht -- da sieht man gleich, von welchem Kaliber das Mdchen ist. Beruhigen Sie sich, sie wird ber diese Leichen so hinwegtreten, wie nichts! Auerdem sind Sie ja doch tatschlich ganz unschuldig, vollstndig unschuldig, nicht wahr? Sie wird die Erinnerung an diese Leichen nur aufbewahren, um Sie vom zweiten Jahre Ihrer Ehe an damit zu peinigen. Jedes Weib, das zum Altar geht, rcht sich so an ihrem Mann, aber was dann sein wird ... was wieder bers Jahr sein wird? Ha, ha, ha! Sie sind mit einer Droschke gekommen? Die Droschke wartet noch? Dann fahren Sie in dieser Droschke mit Lisa zu Mawrikij Nicolajewitsch. Sie hat mir soeben gesagt, da sie mich nicht lieben kann, da sie von mir geht, da wird sie selbstverstndlich keine Equipage von mir annehmen. Aber was soll denn das bedeuten? Ist das wirklich ihr Ernst? Was hat denn das veranlassen knnen? Pjotr Stepanowitsch sah ihn mit einem recht dummen Gesicht an. Sie hat es irgendwie erraten, in dieser Nacht, da ich sie gar nicht liebe ... was sie natrlich schon immer gewut hat. Ja, aber wie -- lieben Sie sie denn nicht? fragte Pjotr Stepanowitsch mit der Miene grenzenlosen Erstaunens. Aber wenn das so ist, warum haben Sie ihr das dann nicht gestern gleich gesagt, da Sie sie nicht lieben? Das ist doch eine schreckliche Gemeinheit von Ihnen, und wie stehe ich denn jetzt vor ihr da? Stawrogin begann pltzlich zu lachen. Ich lache ber meinen Affen, erklrte er sofort. Ah! Sie haben's durchschaut, da ich den Bajazzo spiele! Pjotr Stepanowitsch lachte sogleich furchtbar lustig mit. Ich hab's ja nur getan, um Sie zu amsieren! Stellen Sie sich vor, ich hab's doch im Augenblick, wie Sie aus der Tr traten, Ihrem Gesicht angesehen, da es bei Ihnen >Unglck< gegeben hat. Vielleicht sogar einen vollstndigen Mierfolg, wie? Nun, ich mchte schwren, rief er, sich vor Entzcken fast verschluckend, da Sie die ganze Nacht im Saal nebeneinander wie Puppen auf den Sthlen gesessen, ber hohe Sachen sich gestritten und so die ganze kostbare Zeit verbracht haben ... Doch, verzeihen Sie, verzeihen Sie, was geht das mich an! Ich wute ja schon gestern, da es bei Ihnen mit einer Dummheit enden werde. Ich habe sie Ihnen ja auch berhaupt nur gebracht, um Ihnen ein Vergngen zu verschaffen, und um Ihnen zu beweisen, da Sie es mit mir nicht langweilig haben werden! Dreihundertmal kann ich Ihnen noch mit so was dienen! Ich liebe es berhaupt, den Menschen gefllig zu sein. Und wenn Sie sie jetzt also nicht mehr brauchen, worauf ich ja rechnete, dann -- nun ja, dann bin ich eben hierhergefahren, um ... So haben Sie sie mir also nur zu meinem Vergngen gebracht? Wozu denn sonst? Und nicht deshalb, um mich zu zwingen, meine Frau zu ermorden? So--o, ja haben Sie sie denn ermordet? Was fr ein tragischer Mensch Sie sind! Gleichviel, Sie haben sie ermordet. Wieso denn ich? Aber ich sage Ihnen doch, ich bin da auch nicht mit einem Tropfen beteiligt. Indessen, Sie fangen an mich zu beunruhigen ... Fahren Sie fort, Sie sagten: >Wenn Sie sie also jetzt nicht mehr brauchen, so ...< So berlassen Sie sie mir, selbstverstndlich! Ich werde sie glnzend mit Mawrikij Nicolajewitsch verheiraten, den nicht ich unten am Gartenzaun aufgestellt habe -- setzen Sie sich nicht auch das noch in den Kopf! Ich frchte ihn jetzt sogar. Wahrhaftig, wenn er vorhin einen Revolver gehabt htte! ... Gut, da auch ich einen habe! Da ist er -- (er zog einen Revolver aus der Tasche, zeigte ihn, steckte ihn aber schnell wieder ein), ich habe ihn wegen des weiten Weges zu mir gesteckt ... brigens, ich werde das alles im Augenblick beilegen: es wird ihr gerade jetzt wegen Mawrikij am Herzchen nagen ... es mu ja so sein ... und wissen Sie, bei Gott, sie tut mir sogar ein wenig leid! Bringe ich sie wieder mit Mawrikij zusammen, so wird sie von Stund an nur an Sie denken, Sie verhimmeln und ihn schelten, -- ein Weiberherz! Nun, Sie lachen schon wieder? Es freut mich riesig, da Sie so heiter geworden sind. Nun, wie -- gehen wir? Ich fange sogleich von Mawrikij an, von denen aber ... den Toten ... wissen Sie, sollte man nicht jetzt lieber darber schweigen? Sie wird es ja spter doch erfahren. Pltzlich stand Lisa in der Tr. Was werde ich erfahren? Wer ist tot? Was sagten Sie von Mawrikij Nicolajewitsch? Ah! Sie haben uns belauscht? Was sagten Sie von Mawrikij Nicolajewitsch? Ist er tot? Ah! so haben Sie doch nichts gehrt! Beruhigen Sie sich, Mawrikij Nicolajewitsch lebt und ist gesund, wovon Sie sich schon im Augenblick werden berzeugen knnen, denn er steht hier unten, am Wege, am Gartenzaun ... und steht dort, glaube ich, die ganze Nacht, durchnt, im Mantel ... Ich fuhr an ihm vorber, er hat mich gesehn. Das ist nicht wahr. Sie sagten ... Wer ist gettet? Ermordet ist nur meine Frau, ihr Bruder Lebdkin und die Aufwrterin, sagte Stawrogin mit fester Stimme. Lisa zuckte zusammen und erbleichte unheimlich. Ein ganz sonderbarer Zufall, Lisaweta Nicolajewna, der dmmste Fall von einem Raubmord, trommelte sofort wieder Pjotr Stepanowitsch los -- ein Ruber, der den Brand benutzen wollte: der Dummkopf Lebdkin hatte allzu offen sein Geld gezeigt ... das benutzte dann Fedjka, ein entsprungener Zuchthusler -- Sie werden von ihm gehrt haben ... Ich bin sofort hierher geeilt ... ich war wie von einem Stein getroffen, wie Sie sich denken knnen, und Stawrogin war denn auch so erschttert, als ich ihm das Geschehene mitteilte. Wir berieten uns gerade: ob man es Ihnen jetzt gleich sagen sollte oder noch nicht? Nicolai Wszewolodowitsch, sagt er die Wahrheit? brachte Lisa kaum hrbar hervor. Nein, er sagt die Unwahrheit. Wie, die Unwahrheit? fuhr Pjotr Stepanowitsch erschrocken auf. Was soll denn das wieder heien? Mein Gott, ich verliere den Verstand! schrie Lisa auf. Bedenken Sie doch, da der Mensch ja wahnsinnig ist! suchte Pjotr Stepanowitsch alles zu berschreien, denn immerhin, es ist doch nun mal seine Frau, die man erschlagen hat! Sehen Sie doch, wie bleich er ist ... Er war doch die ganze Nacht mit Ihnen zusammen, hat Sie nicht auf eine Minute verlassen, da kann er es doch nicht getan haben, wer wird denn ihn verdchtigen?! Nicolai Wszewolodowitsch, sagen Sie mir wie vor Gott, ob Sie schuld sind oder nicht, und ich schwre Ihnen, ich werde Ihrem Wort glauben, wie dem Worte Gottes, und bis ans Ende der Welt werde ich Ihnen folgen, oh, ich folge! Ich folge wie ein Hndchen ... Was qulen Sie sie, warum, wozu, Sie phantastischer Kopf! rief Pjotr Stepanowitsch wtend. Lisaweta Nicolajewna, hren Sie mich an, Wort fr Wort: er ist unschuldig, im Gegenteil, er ist wie vernichtet, er ist krank und phantasiert, Sie sehen es doch! In nichts, in nichts ist er schuldig! Das haben Raubmrder getan, denen man vielleicht schon morgen auf der Spur sein wird! Das hat Fedjka, der Zuchthusler, getan, und noch einige aus der Spigulinschen Fabrik, die ganze Stadt spricht schon davon, deshalb bin ich ... Ist es so? Ist es so? Am ganzen Krper zitternd erwartete Lisa ihren Urteilsspruch. Ich habe nicht gemordet und ich war dagegen, aber ich wute, da man sie umbringen werde und habe nichts getan, um den Mord zu verhindern. Gehen Sie von mir, Lisa, murmelte Stawrogin und ging in den Saal. Lisa bedeckte das Gesicht mit den Hnden und ging hinaus aus dem Hause. Pjotr Stepanowitsch wollte ihr schon nachstrzen, kehrte aber sofort um und ging in den Saal zu Stawrogin. Also so sind Sie? So sind Sie? Also nichts frchten Sie? stie er, wie irrsinnig vor Wut, unzusammenhngend, mit Schaum vor dem Munde, hervor. Stawrogin stand in der Mitte des Saales und erwiderte kein Wort. Er griff mit der linken Hand in sein Haar und lchelte blicklos. Pjotr Stepanowitsch ri ihn heftig am rmel. Jetzt sind Sie verloren! Was? Also darauf haben Sie es angelegt? Alle geben Sie preis! Und selbst gehen Sie ins Kloster oder zum Teufel! Aber ich werde Ihnen ja doch den Garaus machen, auch wenn Sie mich nicht frchten sollten! Ach, Sie sind es, der hier plappert? Stawrogin bemerkte ihn jetzt erst. Und pltzlich, wie erwachend, rief er: Laufen Sie, laufen Sie ihr nach, befehlen Sie einen Wagen, verlassen Sie sie nicht ... Laufen Sie, laufen Sie doch! Bringen Sie sie nach Haus, damit es niemand wei, und sie nicht dorthin geht ... zu den Leichen ... den Leichen ... Setzen Sie sie mit Gewalt in die Equipage ... Alexei Jegorytsch! Alexei Jegorytsch! Still, schreien Sie nicht! Sie ist jetzt schon in Mawrikijs Armen ... Mawrikij wird sich nicht in Ihre Equipage setzen. Bleiben Sie! Das hier ist wichtiger, als die Equipage! Er ri wieder den Revolver hervor. Stawrogin sah ihn ernst an. Nun was, erschieen Sie mich, sagte er leise, beinahe vershnlich. Pfui Teufel, welch eine Lge der Mensch auf sich laden kann! Pjotr Stepanowitsch erzitterte frmlich. Bei Gott, ja, man sollte Sie totschlagen! Wahrlich, sie mute ja einfach auf Sie spucken! ... Was knnen Sie denn noch fr eine tragende Barke sein, Sie alter, morscher, hlzerner Kahn, der nur noch zum Abbruch taugt! ... Nun, wenn Sie sich doch wenigstens aus Bosheit, aus Bosheit jetzt aufrafften! Ach! So ist Ihnen wohl schon alles gleich, wenn Sie bereits selber um eine Kugel in Ihre Stirn bitten? Stawrogin lchelte sonderbar. Wenn Sie nicht solch ein Narr wren, so wrde ich jetzt vielleicht >ja< sagen ... Wenn Sie nur ein bichen klger wren ... Gut, mag ich ein Narr sein, aber ich will nicht, da Sie, meine wichtigere Hlfte, auch ein Narr sind! Verstehen Sie mich? Stawrogin verstand ihn, vielleicht konnte nur er allein ihn verstehen. War doch Schatoff erstaunt gewesen, als Stawrogin ihm gesagt hatte, da in Pjotr Stepanowitsch Enthusiasmus sei. Gehen Sie jetzt zum Teufel, morgen werde ich vielleicht irgend was aus mir herausbringen. Kommen Sie morgen wieder. Ja? Ja? Was kann ich wissen! ... Gehen Sie zum Teufel, zum Teufel! Und er verlie den Saal. Wer wei, vielleicht ist es auch besser so, murmelte Pjotr Stepanowitsch und steckte den Revolver wieder ein. III. Er eilte hinaus, um Lisaweta Nicolajewna einzuholen. Sie war noch nicht weit gekommen: -- ein paar Schritte vom Hause entfernt, erreichte er sie. Alexei Jegorytsch, der ihr im Frack und ohne Hut, in einem Abstande von einem Schritt, in ehrerbietiger Haltung folgte, suchte sie zurckzuhalten: er sprach auf sie ein und suchte ihr vergeblich klar zu machen, da sie doch auf die Equipage warten msse; der Alte war dabei dem Weinen nahe. Mach dich fort, der Herr wnscht Tee, damit schob Pjotr Stepanowitsch den Alten beiseite und legte Lisaweta Nicolajewnas Hand auf seinen Arm. Sie zog die Hand nicht fort: offenbar war sie noch gar nicht bei voller Besinnung. Erstens mssen Sie nicht dahin, nicht am Park vorber, begann Pjotr Stepanowitsch, sondern hierher. Zweitens knnen Sie unmglich zu Fu gehen, denn bis zu Ihnen sind es gute drei Werst, und Sie sind nur in einem leichten Kleide. Wenn Sie nur ein wenig warten wollten. Ich bin in einer Droschke gekommen und die wartet noch auf mich. Ich werde Sie sofort hineinsetzen und dann so zurckbringen, da niemand Sie sieht. Wie gut Sie sind ... sagte Lisa freundlich. Aber ich bitte Sie, in einem solchen Fall wrde doch jeder humane Mensch an meiner Stelle ebenso ... -- Lisa sah ihn an und war verwundert. Ach, mein Gott, und ich dachte, da immer noch der Alte ... Hren Sie mal, es freut mich sehr, da Sie es so ruhig auffassen, denn alles das ist doch ein frchterliches Vorurteil. Wre es also nicht das Vernnftigste, ich befehle dem Alten, sofort die Equipage anspannen zu lassen? Das dauert hchstens zehn Minuten, und wir gehen so lange auf die Treppe zurck und warten, wie? Ich mchte zuerst ... wo sind die Ermordeten? Natrlich! Das befrchtete ich ja! Nein, die lassen wir hbsch beiseite. Und das ist auch nichts fr Sie! Ich wei, wo sie sind, ich kenne das Haus. Nun, was, was wissen Sie? Ich bitte Sie, jetzt im Regen, im Nebel (da habe ich mir eine schne Verpflichtung aufgeladen!) ... Hren Sie, Lisaweta Nicolajewna, entweder oder: Sie knnen mit mir auf die Droschke warten und gehen jetzt keinen Schritt weiter, oder aber, wenn Sie noch zwanzig Schritte weiter gehen, so erblickt uns Mawrikij Nicolajewitsch. Mawrikij Nicolajewitsch! Wo? Wo? Nun, wenn Sie zu ihm gehen wollen, so kann ich Sie meinethalben noch ein Stckchen begleiten und Ihnen zeigen, wo er steht. Ich selbst aber mache dann meinen ergebensten Diener: ich mchte jetzt nicht mit ihm sprechen. Er wartet auf mich, mein Gott! Sie blieb pltzlich stehen und wurde ber und ber rot. -- Nun, was soll das! Wenn er ein Mensch ohne Vorurteile ist! Wissen Sie, Lisaweta Nicolajewna, das ist ja alles nicht mehr meine Sache, -- ich bin ja ganz unbeteiligt dabei, das wissen Sie selbst. Aber ich will doch Ihr Bestes ... Wenn es mit unserer >Barke< nun einmal nichts ist, wenn es sich herausgestellt hat, da sie nur ein alter, verfaulter Kahn war, der nur noch zum Abbruch taugt ... Ach, wunderbar! Lisa lachte hysterisch auf. Ja, wunderbar, aber dabei flieen Ihnen die Trnen ber die Wangen. Da ist mehr Festigkeit ntig. Die Frau soll den Mnnern nicht nachstehen. In unserer Zeit, wenn die Frau ... pfui, zum Teufel! (Pjotr Stepanowitsch htte beinahe ausgespuckt.) Und die Hauptsache, nichts bedauern: vielleicht wird sich alles noch zum besten kehren. Mawrikij Nicolajewitsch ist ein Mensch ... mit einem Wort, ein gefhlvoller Mensch, wenn auch nicht gesprchig, was brigens nichts auf sich hat, vorausgesetzt, da er nur ein vorurteilsfreier Mensch ist ... Wunderbar, wunderbar, lachte Lisa immer noch. Ach nun, zum Teufel ... Lisaweta Nicolajewna, sagte Pjotr Stepanowitsch pltzlich pikiert, ich rede doch nur in Ihrem Interesse ... denn was geht das schlielich mich an? Ich war Ihnen gestern zu Diensten, habe getan, was Sie selbst wollten, und heute ... Nun sehen Sie, von hier sieht man schon Mawrikij Nicolajewitsch! Dort steht er und sieht uns nicht. Haben Sie >Polinka Sachs< gelesen, Lisaweta Nicolajewna? -- Was ist das? Das ist eine Erzhlung. Ich habe Sie als Student mal gelesen ... Da lt ein Mann seine Frau auf der Villa wegen Untreue verhaften ...[53] Ah, nun, zum Teufel damit! Sie werden sehen, da Mawrikij Nicolajewitsch Ihnen, noch bevor Sie zu Hause ankommen, einen Heiratsantrag macht. Er sieht uns noch immer nicht. Ach, mge er uns auch nicht sehen! rief Lisa pltzlich in groer Angst. -- Gehen wir fort, fort! In den Wald, aufs Feld! Und sie lief zurck. Aber Lisaweta Nicolajewna, das ist doch so kleinmtig! rief Pjotr Stepanowitsch hinter ihr drein. Und warum wollen Sie denn nicht, da er Sie sieht? Im Gegenteil, blicken Sie ihm offen und stolz in die Augen ... Wenn Sie etwa _deswegen_ ... ich meine, wegen der ... Jungfernschaft ... so ist das doch das grte Vorurteil von allen, ist doch eine solche Rckstndigkeit ... Aber wohin gehen Sie denn, wohin? Teufel, da luft sie nun ... Kehren wir doch lieber zu Stawrogin zurck! Nehmen wir meine Droschke! ... Wohin laufen Sie? Dort ist das Feld, und ... So! -- da ist sie nun gefallen! Er blieb stehen. Lisa war wie ein Vogel davongeflogen, ohne zu wissen, wohin. Pjotr Stepanowitsch war schon auf fnfzig Schritt zurckgeblieben. Da stolperte sie ber einen kleinen Erdhgel und fiel. Im selben Augenblick hrte man einen kurzen Schrei: das war Mawrikij Nicolajewitsch, der sie jetzt pltzlich erblickt und fallen gesehen hatte, und im Augenblick schon quer ber das Feld zu ihr lief. Pjotr Stepanowitsch stand im Nu hinter dem Parktor und zog sich dann schleunigst zurck, um sich ohne Zeitverlust in seine Droschke zu setzen. Mawrikij Nicolajewitsch aber stand schon, angstvoll erschrocken, neben Lisa, half ihr aufstehen und hielt, ber sie gebeugt, ihre Hand in seinen Hnden. Das Unglaubliche, Unmgliche, das in dieser Begegnung lag, erschtterte ihn so, da ihm Trnen ber das Gesicht rannen. Er hatte sie erblickt, wie sie, die er so andchtig verehrte, wie wahnsinnig ber das Feld lief, und das zu dieser Stunde, bei solchem Wetter, im Kleide, im zarten Kleide von gestern, das jetzt zerdrckt und vom Fall beschmutzt an ihr herabhing ... Er konnte kein Wort hervorbringen, nahm hastig seinen Mantel ab und bedeckte mit zitternden Hnden ihre Schultern. Pltzlich schrie er auf: er hatte gefhlt, wie sie mit ihren Lippen seine Hand berhrte. Lisa! rief er aus, ich verstehe nichts, aber stoen Sie mich nicht von sich! Oh, ja, gehen wir schnell von hier weg, verlassen Sie mich nicht! und sie zog ihn an der Hand mit sich fort. Mawrikij Nicolajewitsch, erschreckt senkte sie die Stimme, dort tat ich die ganze Zeit sehr tapfer, aber hier frchte ich den Tod. Ich werde sterben, ich werde bald sterben, aber ich frchte mich zu sterben, flsterte sie, und prete krampfhaft seine Hand. Oh, wenn doch irgend jemand! ... er blickte sich in Verzweiflung um. Wenn doch ein Vorberfahrender! Ihre Fe werden na, Sie ... werden den Verstand verlieren! Tut nichts, tut nichts, beruhigte sie ihn, mit Ihnen zusammen frchte ich mich weniger, halten Sie mich an der Hand, fhren Sie mich ... Wohin gehen wir jetzt? Nach Hause? Nein, ich will zuerst die Leichen sehn! Die Menschen sagen, da man seine Frau ermordet hat, er aber sagt, er habe sie selbst ermordet; aber das ist doch nicht wahr, das ist doch nicht wahr? Ich mchte selbst die Ermordeten sehen ... die fr mich ... ihretwegen hat er diese Nacht aufgehrt, mich zu lieben ... Ich werde sie sehen und alles erfahren. Schnell, schnell, ich kenne dieses Haus ... es hat dort gebrannt ... Mawrikij Nicolajewitsch, mein Freund, verzeihen Sie mir Ehrlosen nicht! Warum mir verzeihen? -- Warum weinen Sie? Geben Sie mir eine Ohrfeige und schlagen Sie mich tot hier auf dem Felde, wie einen Hund! Niemand ist jetzt Ihr Richter, sagte Mawrikij Nicolajewitsch fest, mge Gott Ihnen verzeihen, am wenigsten von allen aber bin ich Ihr Richter! Doch sonderbar wre es, wollte man ihr Gesprch wiedergeben. Dabei gingen sie weiter, Hand in Hand, schnell und eilig, wie Halbwahnsinnige -- gerade in der Richtung zur Brandsttte. Mawrikij Nicolajewitsch hatte noch immer nicht die Hoffnung aufgegeben, irgendwo einen Wagen anzutreffen, aber ringsum blieb alles still und leer. Ein feiner, dnner Nebelregen verschleierte die ganze Landschaft. Jedes Licht und jede Farbe sog er auf und verwandelte Nhe und Ferne, Himmel und Erde unterschiedslos in eine einzige rauchige, bleierne Masse. Es war schon lngst Tag und doch schien es noch nicht hell geworden zu sein. Und pltzlich tauchte aus diesem rauchigen, kalten Nebel eine Gestalt auf und kam den beiden entgegen, eine eigentmliche, seltsame Figur. Ich glaube, ich htte meinen Augen nicht getraut, wenn ich an Lisaweta Nicolajewnas Stelle gewesen wre; sie aber, im Gegenteil, sie schrie freudig auf und erkannte den Menschen sofort: Es war Stepan Trophimowitsch. Auf welche Weise er aus dem Hause gekommen war, wie er den Gedanken der Flucht, diese erklgelte Idee, verwirklicht hatte -- davon spter. Er wird wohl schon an diesem Morgen Fieber gehabt haben, aber selbst die Krankheit, von der er brigens selber vielleicht nichts gemerkt hat, vermochte ihn nicht zurckzuhalten. Tapfer stapfte er auf dem vom Regen aufgeweichten Wege darauf los. Offenbar hatte er bei seinem Unternehmen mglichst allein sein wollen, trotz seiner ganzen Lebensunerfahrenheit. Angezogen war er reisemig, das heit, er hatte einen Mantel an, der von einem breiten lackledernen Gurt zusammengehalten wurde. Die Beinkleider staken in hohen, glnzenden Stiefelschften, in denen er noch nicht recht zu gehen verstand. Augenscheinlich war alles neu und erst in diesen Tagen angeschafft. Ein Hut mit breitem Rand, ein wollener, fest um den Hals geschlungener Schal, ein Stock in der rechten Hand und in der Linken ein kleiner, aber sehr fest vollgestopfter Reisesack, vollendeten sein Kostm. In derselben rechten Hand hielt er dann noch einen aufgespannten Regenschirm. Diese drei Gegenstnde zu schleppen, den Regenschirm, den Stock und den Handkoffer, war ihm schon in der ersten Stunde recht unbequem, in der zweiten aber bereits furchtbar schwer. Sind Sie das wirklich? rief Lisa, und betrachtete ihn mit einem traurigen Erstaunen, nachdem der erste Ausbruch ihrer unbewuten Freude vorber war. _Lise!_ fuhr Stepan Trophimowitsch auf. _Chre, chre_, sind Sie es wirklich ... in diesem Nebel? Sehen Sie, das Morgenrot! _Vous tes malheureuse, n'est-ce pas?_{[191]} Ich sehe, ich sehe schon, erzhlen Sie nichts und fragen Sie auch mich nicht. _Nous sommes tous malheureux, mais il faut les pardonner tous. Pardonnons, Lise_,{[192]} und wir werden frei sein auf ewig. Um sich von der Welt zu lsen und vollstndig frei zu werden -- _il faut pardonner, pardonner et pardonner_!{[193]} Aber warum knien Sie denn vor mir nieder? Weil ich, indem ich von der Welt Abschied nehme, in Ihrem Bilde von meinem ganzen vergangenen Leben Abschied nehmen will! Er weinte und fhrte ihre beiden Hnde an seine verweinten Augen. Ich knie jetzt vor allem, was in meinem Leben schn war, ich ksse es und danke ihm! Jetzt habe ich mich in zwei Hlften geteilt: dort der Wahnsinnige, der vom Himmel trumte, _vingt-deux ans_!{[194]} hier der niedergebeugte und verfrorene alte Erzieher ... _chez ce marchand, s'il existe pourtant ce marchand_{[195]} ... Aber wie Sie durchnt sind, _Lise_! rief er pltzlich, wieder aufstehend, denn er fhlte, da auch seine Knie auf der feuchten Erde na geworden waren. Und wie ist das mglich, Sie in diesem Kleide? ... und zu Fu, und auf freiem Felde ... Sie weinen? _Vous tes malheureuse?_ Ja richtig, ich habe doch etwas gehrt ... Aber woher kommen Sie denn? verdoppelte er seine Fragen, mit tiefer Verwunderung Mawrikij Nicolajewitsch ansehend, _mais savez-vous l'heure qu'il est_?{[196]} Stepan Trophimowitsch, haben Sie dort etwas von Ermordeten gehrt ... Ist es wahr? Ist es wahr? Diese Menschen! Ich sah den Feuerschein ihrer Taten die ganze Nacht am Himmel. Sie konnten ja gar nicht anders enden! (Seine Augen flammten wieder auf.) Ich laufe aus dem Dunst eines Fiebertraumes, laufe und suche Ruland, -- _existe-t-elle la Russie? Bah, c'est vous, cher capitaine!_{[197]} Niemals habe ich daran gezweifelt, da ich Sie bei einem groen Ereignis treffen wrde. ... Nehmen Sie aber wenigstens meinen Schirm! Und -- warum denn gerade zu Fu? Um Gottes willen, nehmen Sie doch wenigstens meinen Schirm, denn ich werde sowieso irgendwo ein Fuhrwerk mieten. Sehen Sie, ich bin darum zu Fu, weil _Stasie_ (das heit: Nastassja) es sonst durch die ganze Stadt geschrien htte, da ich fortfahre! So bin ich mglichst inkognito entschlpft. Ich wei nicht, in der Zeitung schreibt man jetzt von Mord und Totschlag auf den Landstraen -- aber es kann doch nicht sein, denke ich, da mich Ruber berfallen? _Chre Lise_, sagten Sie nicht, man htte jemand ermordet? _Oh, mon Dieu_,{[198]} wie sehen Sie aus? Gehen wir, gehen wir! rief Lisa wieder hysterisch weinend, und zog Mawrikij Nicolajewitsch mit sich fort. Warten Sie, Stepan Trophimowitsch, sie kehrte pltzlich zu ihm zurck, warten Sie, lieber Armer, ich werde Sie segnen. Vielleicht wre es besser, Sie zu binden, aber ich segne Sie lieber. Beten auch Sie fr die >arme< Lisa -- so, ein wenig, ohne sich zu sehr anzustrengen, ja? Mawrikij Nicolajewitsch, geben Sie diesem Kinde seinen Schirm wieder, geben Sie unbedingt, unbedingt! So ... Gehen wir, gehen wir! Sie langten vor dem verhngnisvollen Hause gerade in dem Augenblicke an, als die Volksmenge, die sich dort angesammelt hatte, davon sprach, wie vorteilhaft es fr Stawrogin doch sei, da man seine Frau ermordet hatte. Einige waren sehr erregt. Andere hrten schweigend zu. Am lebhaftesten ging es wie gewhnlich unter den Angetrunkenen her: Schreihlse, Leute aller Art standen in Gruppen zusammen und errterten heftig gestikulierend das Geschehene. Besonders fiel mir wieder jener Kleinbrger auf, der Schmied, den man sonst als stillen Menschen kannte, der aber, wenn ihn etwas seelisch aus dem Gleichgewicht brachte, dann pltzlich aus Rand und Band geraten konnte. Ich habe davon, was jetzt geschah, nicht alles gesehen: zu oft schob sich die Menge vor. Zuerst erblickte ich Lisa, pltzlich mitten im dichtesten Haufen, und ich erstarrte vor Schreck. Mawrikij Nicolajewitsch sah ich dagegen nicht, wahrscheinlich war er im Gedrnge von ihr abgekommen, vielleicht nur auf ein paar Schritte. Natrlich mute Lisa, die sich wie eine Irrsinnige durch die Menge drngte, allen auffallen, alle erregen. Da ist die Stawroginsche! rief mit einemmal jemand. Sie morden nicht nur, sie wollen sich die Bescherung auch noch ansehen! rief ein anderer. In diesem Augenblick sah ich, wie ber ihrem Haupte eine Hand sich erhob und auf sie niederschlug. Lisa strzte zu Boden. Hinter ihr ertnte ein wilder Schrei und Mawrikij Nicolajewitsch suchte sich mit aller Kraft zu ihr Bahn zu brechen und ri und stie den Menschen, der ihm im Wege stand. Da wurde auch er schon von eben jenem Kleinbrger gepackt und zu Boden geworfen. Fr einen Augenblick verschwamm alles im Gewhl. Einmal sah ich auch Lisa wieder: sie hatte sich erhoben, aber da traf sie schon ein zweiter, noch furchtbarerer Schlag. Ich konnte nichts mehr sehen. Da drngte aber die Menge schon zurck, es bildete sich ein leerer Kreis um die wie tot Daliegende: ber sie gebeugt sah ich Mawrikij Nicolajewitsch, blutberstrmt, wimmernd vor Schmerz und verzweifelnd die Hnde ringend. Ich wei nicht mehr, was weiter geschah. Aber ich erinnere mich noch, wie ich pltzlich sah, da man Lisa davontrug: man sagte, sie lebte noch. Der Schmied und noch drei andere wurden verhaftet. Vor Gericht erklrten sie spter, da sie selbst nicht wten, wie es eigentlich geschehen war. Auch ich war als Zeuge geladen und auch ich konnte nichts anderes aussagen, als da es sich meiner Meinung nach um eine jhe, blinde und gleichsam zufllige Tat der Menge gehandelt hatte, um eine fast unbeabsichtigte, ja fast sogar unbewute Tat, bei der es Schuldige eigentlich nicht gab. Das ist auch jetzt noch meine Meinung. Neunzehntes Kapitel. Der letzte Beschlu I. An diesem Morgen ist Pjotr Stepanowitsch von sehr vielen gesehen worden, und sie alle sagen jetzt aus, er habe sich in einem ungewhnlich angeregten Zustande befunden. Um zwei Uhr nachmittags sprach er bei Gaganoff vor, der erst vor einem Tage von seinem Gut in die Stadt gekommen war und bei dem sich nun ein ganzer Schwarm von Gsten eingefunden hatte, die alle viel und eifrig ber die Ereignisse sprachen. Dort hatte Pjotr Stepanowitsch dann noch weit mehr als die anderen gesprochen und schlielich auch erreicht, was er wollte. Vor allem sprach er ber Julija Michailowna, ein Thema, das nach dem Vorgefallenen natrlich ungemein interessierte. Er erzhlte von ihr, als ihr Vertrauter, der er krzlich noch gewesen war, viele unerwartete Einzelheiten, und aus Versehen, selbstredend nur aus Versehen, teilte er einige ihrer Bemerkungen ber einzelne allen bekannte Persnlichkeiten mit, womit er sofort die Eigenliebe mehrerer Anwesenden empfindlich traf. Es kam bei ihm heute alles so unklar und wirr heraus, ganz so wie bei einem nicht sehr schlauen Menschen, der sich von seinem ehrlichen Gewissen gezwungen sieht, so schnell wie mglich einen ganzen Berg angesammelter Miverstndnisse abzutragen, und der nun in seiner gradherzigen Ungewandtheit selbst nicht wei, wo er anfangen und wo er enden soll. Ziemlich unvorsichtig, selbstverstndlich nur unvorsichtig wirkte es auch, als er die Bemerkung fallen lie, da Julija Michailowna um das Ehegeheimnis Stawrogins gewut und die ganze Intrige geleitet habe. In dieser Weise habe sie dann auch ihn, Pjotr Stepanowitsch, hereingezogen, weil er doch auch in diese arme Lisa verliebt war, und dabei habe sie ihn sogar so gehandhabt, da er Lisa _beinahe_ selbst im Wagen zu Stawrogin begleitet htte. Ja, ja, meine Herren, Sie haben gut lachen, aber wenn ich nur gewut htte, wenn ich's nur gewut htte, womit das alles enden wrde! schlo er sein Gerede. Auf verschiedene erregte Fragen nach Stawrogin erklrte er noch, und zwar mit unerschtterlicher Bestimmtheit, da die ganze Katastrophe mit den Lebdkins blo ein reiner Zufall wre: schuld an ihr sei einzig und allein Lebdkin selbst, da er das erhaltene Geld offen in den Kneipen gezeigt hatte. Das setzte er ganz besonders gut auseinander. Einer der Zuhrer bemerkte darauf, da er sich vergeblich verstelle, da er im Hause Julija Michailownas gegessen, getrunken und fast schon geschlafen habe, nun aber sie als erster verleumde -- was doch wohl nicht gerade so schn sei, wie er zu glauben scheine. Doch Pjotr Stepanowitsch verteidigte sich sofort: Ich habe nicht deswegen dort gegessen und getrunken, weil ich kein Geld fr meine Kost ausgeben wollte, und kann nichts dafr, da man mich immer eingeladen hat. Im brigen erlauben Sie mir wohl, selbst zu beurteilen, wie viel Dankbarkeit ich dafr jemandem schuldig bin. Der Eindruck, den seine langen, krausen Reden machten, war im allgemeinen fr ihn durchaus vorteilhaft. Mag er auch nicht von weitem her sein, meinte man im allgemeinen, denn einige in dem Kreise hielten ihn in der Tat nur fr einen unbedeutenden Studenten oder fr nicht sehr viel mehr, aber was kann er denn fr Julija Michailownas Dummheiten? Im Gegenteil, jetzt stellt es sich ja heraus, da er sie noch zurckgehalten hat ... Pltzlich, noch whrend er bei Gaganoff war, bald nach zwei Uhr, kam die Nachricht, da Stawrogin, ber den so viel geredet wurde, mit dem Mittagszuge nach Petersburg abgereist sei. Diese Kunde berraschte alle nicht wenig und erregte neue Dispute; viele runzelten die Stirn. Pjotr Stepanowitsch war so betroffen, da, wie man erzhlt, sein ganzes Gesicht sich vernderte und er sonderbar ausrief: Wer hat ihn denn fortlassen knnen? Und er verlie sogleich die Gesellschaft. Aber man hat ihn an diesem Tage noch in drei oder vier anderen Husern gesehen. In der Dmmerstunde gelang es ihm endlich, wenn auch erst nach vieler Mhe, zu Julija Michailowna, die nichts mehr von ihm wissen wollte, vorzudringen. Von dieser ihrer Begegnung erfuhr ich erst drei Wochen spter, und zwar von Julija Michailowna selbst, -- es war kurz vor ihrer Abreise nach Petersburg: sie teilte mir allerdings nichts Nheres mit, sondern bemerkte nur zusammenschaudernd, er htte sie damals ber alle Maen in Erstaunen versetzt. Ich nehme an, da er ihr einfach gedroht hat, sie als Helfershelferin anzuzeigen, wenn es ihr einfiele, irgend etwas zu sagen. Die Notwendigkeit aber, sie einzuschchtern, war mit seinen damaligen Absichten, die sie natrlich nicht kannte, eng verbunden, und erst spter, nach fnf Tagen, erriet sie, warum er ihrem Schweigen noch nicht getraut und sich vor neuen Ausbrchen ihres Unwillens gefrchtet hatte. Es war gegen acht Uhr abends und schon ganz dunkel, als am Rande der Stadt, in einem kleinen, schiefen Huschen, in dem der Fhnrich Erkel wohnte, die _Unsrigen_ sich versammelten. Diese Zusammenkunft der Fnf war von Pjotr Stepanowitsch selbst angesagt worden, er aber, der prsidieren sollte, versptete sich unverzeihlich: die fnf warteten schon ber eine Stunde auf ihn. Der junge Erkel war derselbe Fhnrich, der an jenem Abend bei Wirginski die ganze Zeit mit einem Bleistift in der Hand und einem Notizbuch vor sich stumm dagesessen hatte. Er war vor nicht langer Zeit bei uns eingetroffen, hatte sich in einer stillen Gasse am Rande der Stadt bei zwei alten Schwestern aus dem Bauernstande eingemietet und sollte schon bald wieder wegreisen. Bei ihm nun war es wohl am unaufflligsten, sich zu versammeln. Dieser sonderbare Junge zeichnete sich durch eine ganz auergewhnliche Schweigsamkeit aus: er konnte zehn Abende in lustiger Gesellschaft und bei den ungewhnlichsten Gesprchen zubringen, ohne selbst ein Wort zu sprechen, und blo mit seinen groen Kinderaugen aufmerksam die Sprechenden beobachten und ihnen zuhren. Sein Gesicht war reizend und sogar durchaus nicht dumm. Zur Fnf gehrte er zwar nicht, doch die anderen glaubten, er htte irgendwelche besonderen Auftrge. Jetzt wei man, da er berhaupt keine Auftrge gehabt hat und vielleicht selbst nicht einmal seine Stellung zu den anderen begriff. Er richtete sich einfach in allen Dingen nach Pjotr Stepanowitsch, den er erst vor kurzem kennen gelernt hatte. Ich glaube, wenn er statt seiner irgendein Monstrum kennen gelernt htte und von diesem unter irgendeinem sozial-romantischen Vorwande berredet worden wre, eine Ruberbande zu grnden und zur Kraftprobe irgendeinen ersten Besten zu ermorden und zu bestehlen -- er htte es getan, er wre hingegangen und htte den ersten Besten ermordet und bestohlen. Er besa noch irgendwo eine kranke Mutter, der er die Hlfte seines armseligen Gehaltes zuschickte, -- wie mu die wohl dieses blonde Kpfchen ihres Einzigen gekt, wie fr ihn gezittert, wie fr ihn gebetet haben! Ich erzhle so viel von ihm, weil er mir so leid tut. Die Versammelten waren sehr erregt. Die Ereignisse der letzten Nacht hatten sie doch betroffen gemacht, und ich glaube, ihnen war sogar recht bange geworden. Der simple, wenn auch systematisch vorbereitete Skandal, an dem sie bis jetzt so eifrig Anteil genommen, hatte sich pltzlich auf eine fr sie ganz unerwartete Weise entladen. Der Brand, die Ermordung der Lebdkins, die Wut des Volkes auf Lisa und deren Tod -- das waren lauter berraschungen, die sie in ihrem Programm nicht vorgesehen hatten. Erregt warfen sie der sie lenkenden Hand Despotismus und Unaufrichtigkeit vor, und, whrend sie nun auf Pjotr Stepanowitsch warteten, redeten sie sich so in Hitze, da sie zum Schlu beschlossen, endgltig eine kategorische Erklrung von ihm zu verlangen; sollte er aber auch diesmal eine Antwort umgehen wollen, so wollte man die Fnf einfach auflsen und an ihrer Stelle einen neuen geheimen Verband zur Propaganda der Idee grnden -- jetzt aber von sich aus und auf wirklich gleichberechtigenden und demokratischen Grundstzen. Liputin, Schigaleff und der Volkskenner untersttzten besonders diesen Gedanken. Lmschin schwieg, doch sah er einverstanden aus. Wirginski war noch unentschlossen und wollte erst noch Pjotr Stepanowitsch anhren. Und so kam denn der Beschlu zustande, nach dem man zuerst Pjotr Stepanowitsch noch einmal vernehmen sollte. Dieser aber kam noch immer nicht; eine solche Vernachlssigung trug entschieden nicht zur Beruhigung der Gemter bei. Erkel schwieg natrlich und reichte blo den Tee herum, den er persnlich von den beiden Schwestern in Glsern auf einem Teebrett brachte, da er das Dienstmdchen nicht hereinlassen wollte und auch den Samowar nicht im Zimmer aufstellen lie. Endlich erschien Pjotr Stepanowitsch. Es war schon neun Uhr. Er trat mit schnellen Schritten an den runden Tisch vor dem Sofa, an dem die Gesellschaft Platz genommen hatte, behielt die Mtze in der Hand und fr Tee dankte er. Er sah bse, streng und hochmtig aus. Offenbar hatte er den Gesichtern sofort angemerkt, da man rebellierte. Bevor ich meinen Mund aufmache, bringen Sie Ihre Sachen vor. Scheinen ja so was zu beabsichtigen, bemerkte er mit einem bsen Spottlcheln, whrend seine Augen ber die Physiognomien glitten. Da begann Liputin im Namen aller und erklrte mit einer Stimme, der man das Gekrnktsein anhrte, da man, wenn man so fortfahren wollte, um seinen eigenen Kopf spielte. Oh, nicht, da sie sich frchteten, nein, durchaus nicht, und sie seien sogar zu allem bereit, jedoch nur fr die allgemeine Sache! (Bewegung und Zustimmung der anderen.) Darum soll man aber aufrichtig zu ihnen sein, damit sie im voraus Bescheid wten, denn wohin soll das sonst fhren? (wieder zustimmende Bewegung und ein paar dumpfe Kehllaute). So zu handeln sei aber erniedrigend und gefhrlich ... Nicht, da man sich frchte, wie gesagt, aber wenn nur ein einziger handeln wolle und die anderen blo gehorchen mten, so knne zum Beispiel dieser eine lgen und die anderen fielen dann alle wie die Tlpel herein, (Ausrufe: ja, ja! Allgemeine Zustimmung.) Zum Teufel, was wollen Sie denn? Was fr eine Beziehung haben die Intrigen des Herrn Stawrogin zu der allgemeinen Sache? brauste Liputin auf. Mag er da meinetwegen auf irgendeine geheimnisvolle Weise zur Zentrale gehren, -- wenn nur diese phantastische Zentrale berhaupt existiert! -- Das ist es, was wir wissen wollen! Und whrenddessen wird ein Mord begangen, die Polizei aufgeweckt -- und nach dem Faden kann man bis zum Knuel gehen. Sie werden mit diesem Stawrogin schon hereinfallen, und wir gleichfalls, fgte der Volkskenner hinzu. Und ganz unntz fr die allgemeine Sache, schlo Wirginski wehmtig. Welch ein Bldsinn! Dieser Mord ist ein Zufall, von Fedjka begangen, um zu rauben. Hm! Ein merkwrdiges Zusammentreffen, meinte Liputin gewunden. Aber wenn Sie wollen, so sind gerade Sie daran schuld. Wieso ich? Ja, gerade Sie. Erstens haben Sie selbst an dieser Intrige teilgenommen, und zweitens, die Hauptsache, Ihnen war befohlen, Lebdkin fortzuschicken, das Geld hatten Sie schon erhalten -- was aber taten Sie? Wenn Sie ihn fortgeschickt htten, wre nichts passiert. Was? Aber waren denn Sie es nicht selbst, der die Idee gab, da es nicht bel wre, wenn man ihn das Gedicht vorlesen liee? Eine Idee ist kein Befehl. Der Befehl war: abschicken! Befehl! Ein etwas sonderbarer Ausdruck ... Nein, im Gegenteil, Sie befahlen ja gerade, das Abschicken aufzuschieben. Sie haben sich getuscht und nichts als Dummheit und Eigenmchtigkeit gezeigt. Der Mord aber ist Fedjkas Sache, und der hat ihn aus keinem anderen Grunde begangen, als dem, zu rauben. Sie hren blo, da man so redet, und schon glauben Sie alles aufs Wort! Haben ja einfach Angst bekommen! Stawrogin ist nicht so dumm, und der Beweis -- er ist um zwlf Uhr mittags nach einer Aussprache mit dem Vizegouverneur fortgefahren: wenn etwas derartiges gewesen wre, so htte man ihn nicht am hellichten Tage nach Petersburg reisen lassen! Aber wir behaupten ja gar nicht, da Herr Stawrogin selber ermordet hat! versetzte Liputin bissig und schon ohne Zurckhaltung. Er hat sogar berhaupt nichts davon wissen knnen, ganz so wie ich; Sie aber wissen nur zu gut, da ich von nichts wute, wenn ich auch gleichzeitig selber wie ein Schaf in den Kessel kroch! Wen beschuldigen Sie denn? fragte Pjotr Stepanowitsch und sah ihn finster an. Ja, eben dieselben, die es ntig haben, Stdte in Brand zu stecken. Das Dmmste ist dabei, da Sie sich herauszureden suchen. brigens, wollen Sie nicht so freundlich sein, das durchzulesen und dann den anderen zu zeigen. Nur zur Kenntnisnahme. Mit diesen Worten zog er Lebdkins Brief an Lembke aus der Tasche und reichte ihn Liputin. Der las den Brief augenscheinlich erstaunt durch und reichte ihn dann nachdenklich dem nchsten. Der Brief machte schnell die Runde um den Tisch. Ist das aber auch wirklich Lebdkins Handschrift? erkundigte sich Schigaleff. Ja, es ist seine Handschrift, besttigten Liputin und Tolkatschenko (der Volkskenner). Ich zeigte ihn nur zur Kenntnisnahme, und da ich wute, da Sie sich Lebdkins Tod so zu Herzen nehmen, sagte Pjotr Stepanowitsch, indem er den Brief wieder zu sich steckte. Auf diese Weise hat uns nun Fedjka vollkommen zufllig von einem sehr gefhrlichen Menschen befreit. So kann einem manchmal der _Zufall_ zustatten kommen! Lehrreich, nicht wahr? Die fnf tauschten schnell vielsagende Blicke aus. Jetzt aber, meine Herren, ist die Reihe an mir, zu fragen, sagte Pjotr Stepanowitsch, und nahm eine steifere Haltung an. Gestatten Sie mir, Sie zu fragen, aus welchem Grunde Sie ohne Erlaubnis die Stadt in Brand gesteckt haben? Wa--as! Was heit das? Wir die Stadt in Brand gesteckt? Der Kerl ist wohl krank! ertnten erregte Ausrufe in der Runde. Ich verstehe ja, Sie waren schon zu sehr in Schwung gekommen, fuhr Pjotr Stepanowitsch unbeirrt fort, aber so etwas ist doch nicht mehr ein Skandlchen mit Julija Michailowna. Ich habe Sie, meine Herren, hierhergerufen, um Ihnen die Gre der Gefahr zu zeigen, einer Gefahr, die Sie sich so dumm auf den Hals geladen haben und die jetzt auer Ihnen noch so viele andere bedroht. Erlauben Sie, wir wollten gerade Sie auf diesen Grad von Despotismus, mit dem man hinter dem Rcken der Mitglieder eine so ernste und zugleich so sonderbare Maregel getroffen hat, aufmerksam machen, sagte fast unwillig der bis dahin schweigsame Wirginski. Sie leugnen also? Ich aber behaupte, da Sie die Stadt in Brand gesteckt haben, Sie allein, meine Herren, und sonst niemand. Meine Herren, leugnen Sie es nicht, ich bin genau unterrichtet. Mit Ihrer eigenmchtigen Handlung haben Sie sogar die allgemeine Sache der Gefahr ausgesetzt. Sie sind hier nur ein einziger kleiner Knoten in einem riesigen Netz, und sind der Zentrale blinden Gehorsam schuldig. Whrenddessen haben aber drei von Ihnen die Spigulinschen zur Brandstiftung berredet, ohne dazu auch nur die geringste Instruktion zu haben. Welche drei? Wer das? Welche drei von uns? Vorgestern haben Sie, Tolkatschenko, gegen vier Uhr nachts Fomka Sawjloff in der Kneipe >Zum Vergimeinnicht< zur Brandstiftung beredet. Aber hren Sie mal! rief dieser aufspringend. Ich habe ihm kaum ein Wort gesagt, ja, und selbst das ganz absichtslos, ganz einfach, nur so, weil man ihn mit den anderen am Morgen geprgelt hatte! Und ich lie es gleich wieder bleiben, da ich sah, da er doch zu betrunken war. Htten Sie mich jetzt nicht daran erinnert, so wrde ich es berhaupt ganz vergessen haben! Von diesem einen Worte konnte kein Brand entstehen! Sie sind wie der Mann, der sich wundert, da von einem einzigen kleinen Funken eine ganze Pulverfabrik in die Luft fliegt. Ich habe es ihm in der Ecke und flsternd ins Ohr gesagt ... Wie haben Sie das berhaupt erfahren knnen? fragte pltzlich Tolkatschenko, selbst ganz betroffen. Ich sa dort unterm Tisch. Beunruhigen Sie sich nicht, meine Herren, ich wei jeden einzelnen Ihrer Schritte. Sie belieben hmisch zu lcheln, Herr Liputin? Ich wei aber, zum Beispiel, da Sie vorgestern um Mitternacht in Ihrem Schlafzimmer Ihre Frau gekniffen haben. Liputin blieb der Mund offen und er wurde bla. (Spter stellte es sich heraus, da Pjotr Stepanowitsch von dieser nchtlichen Heldentat Liputins durch dessen Magd Agafja, der er von Anfang an fr Spionage Geld gezahlt hatte, unterrichtet worden war.) Drfte ich eine Tatsache konstatieren? fragte pltzlich Schigaleff, sich vom Stuhl erhebend. Konstatieren Sie. Schigaleff setzte sich und sammelte seine Gedanken. Soweit ich verstanden habe, und man kann ja da gar nichts miverstehen, haben Sie selbst in der ersten Zeit und spter noch einmal uerst beredt -- wenn auch gar zu theoretisch -- von Ruland ein Bild entworfen, nach dem es von einem endlosen Netz von Fnfergruppen bedeckt ist. Jede der ttigen Gruppen hat, indem sie Proselyten macht und sich ins Endlose verzweigt, die Aufgabe, mit systematisch sich ausbreitender Propaganda das Ansehen der Regierung und ihrer Vertreter zu untergraben, in den Drfern Zweifel, Zynismus, Skandale, volle Glaubenslosigkeit um jeden Preis zu verbreiten, was dann alles die Sehnsucht nach einem besseren Zustande hervorrufen soll, und schlielich mit Brandstiftungen, als dem volkstmlichsten Mittel, das Land im vorgeschriebenen Moment, wenn's nicht anders geht, selbst ins Verderben zu strzen. -- Sind das Ihre Worte, die buchstblich zu behalten ich mich bemht habe? Ist das Ihr Programm, das Sie in der Eigenschaft eines von dem Zentralkomitee Bevollmchtigten uns mitgeteilt haben? eines zentralen, aber fr uns bis jetzt vollkommen unbekannten und nahezu phantastischen Komitees? Allerdings, nur knnten Sie sich krzer fassen. Jeder hat das Recht, so zu sprechen, wie er spricht. Indem Sie uns zu verstehen geben, da es solcher einzelnen Knotenpunkte eines groen Netzes, das ganz Ruland bedeckt, schon mehrere hundert gibt, und indem Sie die Voraussetzung entwickeln, da, falls jede Gruppe ihre Sache erfolgreich macht, ganz Ruland zum festgesetzten Termin, auf das Signal ... Ach, zum Teufel, auch ohne Sie hat man schon genug zu tun! fiel ihm Pjotr Stepanowitsch ungeduldig ins Wort und bewegte sich auf seinem Sessel. Gut, ich werde mich krzer fassen und nur noch eine Frage stellen: wir haben doch schon mehrere Skandale hier gehabt, wir haben die Unzufriedenheit der Bevlkerung gesehen, wir waren anwesend und beteiligten uns bei dem Sturz der hiesigen Administration und, endlich, sahen wir mit eigenen Augen den Brand. Womit sind Sie nun unzufrieden? Ist das nicht Ihr Programm? Und wessen knnen Sie uns beschuldigen? Der Eigenmchtigkeit! schrie Pjotr Stepanowitsch jhzornig auf. Solange ich hier bin, haben Sie nicht das Recht, ohne meine Erlaubnis zu handeln. Basta! Jetzt ist die Anzeige bereits fertig und vielleicht morgen oder heute Nacht schon wird man Sie alle verhaften. Da haben Sie es jetzt! Ich wei es genau. Nun blieben schon alle Mnder offen. Man wird Sie nicht nur als Brandstifter verhaften, sondern als >Fnfaberaber< ... und ich warte. Ich glaube, ich sagte nicht >aber< ... Ich wollte nur sagen, da, wenn man sich dazu entschliet, so ... So? Wirginski verstummte. Ich denke, man kann sich ber die eigene Lebensgefahr hinwegsetzen, sagte pltzlich Erkel, der jetzt zum erstenmal den Mund auftat, -- wenn das aber der allgemeinen Sache schaden kann, so, denke ich, darf man es nicht mehr wagen ... sich ber die eigene Lebensgefahr hinwegzusetzen ... Er verwirrte sich und wurde rot. Wie beschftigt auch ein jeder mit sich selbst war, sie blickten ihn doch alle erstaunt an -- dermaen unerwartet kam es, da auch er einmal sprach. Ich bin fr die allgemeine Sache, sagte pltzlich Wirginski leise. Alle erhoben sich von den Pltzen. Es wurde beschlossen, einander am nchsten Tage um die Mittagszeit noch einmal zu benachrichtigen, ohne da sich alle zu versammeln brauchten, und dann alles endgltig festzusetzen. Die Stelle, wo die Setzmaschine vergraben war, wurde mitgeteilt, und jedem seine Rolle und seine besondere Aufgabe eingeschrft. Darauf begaben sich Liputin und Pjotr Stepanowitsch, ohne Zeit zu verlieren, zu Kirilloff. II. An Schatoffs Denunziation zweifelte niemand; aber auch daran, da Pjotr Stepanowitsch mit ihnen wie mit Hampelmnnern spielte, zweifelte niemand. Trotzdem wuten sie alle, da sie am nchsten Tage vollzhlig zum Stelldichein erscheinen wrden, und sie wuten, da Schatoffs Schicksal entschieden war. Sie hatten das Gefhl, wie Fliegen in das Spinngewebe einer groen, giftigen Spinne gefallen zu sein; sie waren alle erbost, aber sie zitterten vor Angst. Pjotr Stepanowitsch hatte zweifellos strflich unrecht an ihnen getan; es wre alles viel harmonischer und _leichter_ gewesen, wenn er sich nur ein wenig bemht htte, die Wirklichkeit zu verschnen. Anstatt die Tat in einem anstndigen Licht zu zeigen, sie als eine altrmisch-staatsbrgerliche Heldentat oder etwas hnliches auszumalen, hatte er nur die plumpe Angst vor sie hingestellt und die Gefahr fr die eigene Haut, was doch schon einfach unhflich war. Natrlich: alles ist nur Kampf ums Dasein, und ein anderes Prinzip gibt es berhaupt nicht, das wei doch ein jeder, aber schlielich ... immerhin ... Doch Pjotr Stepanowitsch hatte keine Zeit, die alten Rmer und ihre Tugenden heraufzubeschwren. Die Flucht Stawrogins hatte ihn fr einen Augenblick vollstndig aus der Fassung gebracht. Da Stawrogin vor seiner Abfahrt den Vizegouverneur gesprochen habe, hatte er ihnen einfach vorgelogen: das war es ja gerade, da er fortgefahren war, ohne auch nur einen Menschen zu sehen, selbst die eigene Mutter nicht! Und war es nicht tatschlich rtselhaft, da man ihn so ganz unbehelligt gelassen hatte? (Spterhin mute die Stadtobrigkeit darber besondere Rechenschaft geben.) Pjotr Stepanowitsch hatte sich den ganzen Tag berall nach Nherem erkundigt, jedoch nichts erfahren. Noch nie war er so beunruhigt, so erregt gewesen. Aber wie sollte er denn auch so einfach, so pltzlich auf Stawrogin verzichten knnen! Das war der Grund, warum er mit den Unsrigen nicht so rcksichtsvoll umging. Dazu banden sie ihm noch die Hnde: er wollte Stawrogin sofort nachfahren, und statt dessen mute er hier bleiben, um vorher noch auf alle Flle die fnf unlsbar zusammenzubinden. Sein Vorhaben mit Schatoff hielt ihn zurck. Werde doch diese fnf nicht umsonst aus der Hand lassen, knnen mir noch sehr zustatten kommen. So ungefhr wird er wohl bei sich gedacht haben, denke ich mir. Pjotr Stepanowitsch war wirklich fest berzeugt, da Schatoff denunzieren werde. Alles, was er den Unsrigen von der Anzeige gesagt hatte, war natrlich gelogen, denn nie hatte er eine solche bei Schatoff gesehen, noch hnliches von seinen Spionen gehrt; aber er war nun einmal berzeugt davon und konnte sich folglich nichts anderes denken. Er glaubte, Schatoff werde auf keinen Fall das jetzt Geschehene ruhig hinnehmen -- den Tod Lisas, Marja Timofejewnas Ermordung -- und sich gerade jetzt zur Denunziation entschlieen. Wer kann es wissen, vielleicht hatte er auch einige Grnde, gerade das von Schatoff zu erwarten. Bekannt ist jetzt nur, da er Schatoff persnlich hate. Es hatte einmal einen Streit zwischen ihnen gegeben, Pjotr Stepanowitsch aber verzieh nie eine Beleidigung. Ich glaube sogar, da dieses Persnliche der hauptschlichste Beweggrund war. Die Brgersteige sind in unserer Stadt sehr schmal, doch Pjotr Stepanowitsch schritt gerade in der Mitte, somit den ganzen Fuweg mit seiner Person einnehmend, und ohne Liputin berhaupt zu beachten. Dieser mute nun entweder einen Schritt hinter ihm herlaufen oder, um mit ihm sprechen zu knnen, auf der schmutzigen Fahrstrae neben ihm traben. Pltzlich erinnerte sich Pjotr Stepanowitsch, wie er selbst vor zwei Tagen so durch den Schmutz gelaufen war, um mit Stawrogin, der ganz so wie er jetzt mitten auf dem Brgersteig ging, Schritt halten und sprechen zu knnen. Ihm fiel der ganze Weg zu Wirginski ein und eine grenzenlose Wut ergriff ihn jh. Doch auch Liputin verging der Atem vor Wut ob dieser beleidigenden Unhflichkeit. Mochte Pjotr Stepanowitsch mit den Unsrigen umgehen, wie er wollte, aber mit ihm? -- mit ihm! Er, Liputin, _wute_ doch mehr von der ganzen Geschichte, als alle die anderen der Fnf, er stand der Sache doch am nchsten, war am intimsten eingeweiht und hatte doch bisher, wenn auch nur mittelbar, aber jedenfalls erfolgreich, bei allen diesen Anzettelungen mitgewirkt! Oh, er wute, da Pjotr Stepanowitsch ihn sogar schon jetzt vernichten konnte, wenn es ihm darauf ankam, sagen wir, in einem _uersten Fall_. Aber er hate ihn schon lange; und weit mehr noch, als wegen dieser Gefahr, hate er ihn wegen seines anmaend-hochmtigen Verhaltens. Und jetzt, wo man sich zu einer solchen Sache entschlieen mute, erboste er sich ber diese Umgangsart mehr als alle die anderen zusammen. Doch ach, trotzdem wute er, da er morgen bestimmt als erster wie ein Sklave zur Stelle sein und womglich noch die anderen heranschleppen werde! Aber wenn er jetzt, noch vor morgen, diesen Pjotr Stepanowitsch auf irgendeine Weise htte totschlagen knnen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen, so htte er es unbedingt getan. In seine Empfindungen versunken, schwieg er und trottete hinter seinem Qulgeist her, der ihn ganz vergessen zu haben schien. Da blieb Pjotr Stepanowitsch pltzlich auf einer unserer belebtesten Straen stehen und trat in ein Gasthaus. Wohin denn? rief erschrocken Liputin. Das ist doch ein Gasthaus! Ich will ein Beefsteak essen. Ich bitte Sie! ... aber hier ist es doch allezeit vollgepfropft! Macht nichts. Aber ... wir verspten uns! Es ist schon gleich zehn. Zu dem da kann man nie zu spt kommen. Aber ich komme dann doch zu spt! Die warten doch dort auf mich! Na, mgen sie doch. Es wre nur dumm von Ihnen, wenn Sie zu jenen noch zurckkehrten. Dank der Schererei mit Ihnen da habe ich heute noch nicht zu Mittag gespeist. Zu Kirilloff aber kommt man je spter, desto besser. Pjotr Stepanowitsch wnschte in einem besonderen Zimmer zu speisen. Liputin setzte sich gergert und gekrnkt in einen Sessel und sah zu, wie er a. Es verging eine gute halbe Stunde. Pjotr Stepanowitsch beeilte sich nicht, a mit groem Appetit, klingelte und verlangte anderen Senf, darauf Bier und sprach die ganze Zeit ber kein Wort. Er war tief nachdenklich -- er konnte tatschlich beides zugleich: mit Appetit essen und tief nachdenklich sein. Liputins Ha steigerte sich schlielich so weit, da er nicht mehr fhig war, seine Blicke von ihm loszureien: das war fast schon eine Art Nervenkrampf. Er begleitete jedes Stckchen Fleisch vom Teller bis zum Munde, und er hate Pjotr Stepanowitsch sogar schon dafr, wie er den Mund aufmachte, wie er kaute, wie er die saftigeren Bissen sich schmecken lie, ja er hate schlielich das Beefsteak selbst. Zum Schlu begann alles sich vor seinen Augen zu drehen; dazu im Kopf ein leises Schwindelgefhl; hei und kalt lief es ihm abwechselnd ber den Rcken. Sie haben nichts zu tun, lesen Sie dies, sagte pltzlich Pjotr Stepanowitsch und warf ihm ein Blatt Papier zu. Liputin nherte sich dem Licht. Das Papier war mit einer kleinen, unleserlichen Handschrift eng beschrieben und fast auf jeder Zeile korrigiert. Als er es durchgelesen, bemerkte er, da Pjotr Stepanowitsch schon bezahlt hatte und bereits im Begriff war, fortzugehen. Auf der Strae reichte ihm Liputin das Papier zurck. Behalten Sie es, sagte Pjotr Stepanowitsch, werde Ihnen spter sagen, wozu. brigens: wie finden Sie es? Liputin erbebte frmlich vor Wut. Ich finde ... eine solche Proklamation ... ist nichts weiter als eine einzige bldsinnige Lcherlichkeit ... Seine Wut brach durch; es war ihm, als werde er pltzlich hochgehoben und weggetragen. Wenn wir uns entschlieen, sagte er, am ganzen Krper vibrierend, solche Proklamationen zu verbreiten, so erreichen wir nur, da man uns ob unserer Dummheit und Unkenntnis der wahren Verhltnisse einfach verachtet! Hm! Ich denke anders, meinte Pjotr Stepanowitsch, fest weiterschreitend. Ich aber so. Sollten Sie das wirklich selbst verfat haben? Das ist nicht Ihre Sache. Ich glaube auch, da das jmmerliche Gedicht >Die helle Persnlichkeit<, diese erbrmlichste Reimerei, die es berhaupt geben kann, nie und nimmer von Herzen selbst verfat worden ist! Das ist nicht wahr, das Gedicht ist gut. Ich wundere mich auch darber, fuhr Liputin zitternd und atemlos fort, wie man uns berhaupt anempfehlen kann, so zu handeln, da alles zusammenkracht. In Europa mag das zu wnschen, und fr Europa mag's auch das einzig Richtige sein, denn dort gibt es Proletariat, wir aber sind hier, meiner Meinung nach, blo Liebhaber und tun nur gro. Ich dachte, Sie wren Fourierist. Bei Fourier ist das ganz anders, ist es gar nicht das. Ich wei, da es Unsinn ist. Nein, das ist es nicht bei Fourier ... Verzeihung, aber ich kann unmglich glauben, da im Mai der Aufstand beginnen werde! Liputin knpfte sogar seinen Mantel auf, dermaen hei war ihm geworden. Na, genug davon. Jetzt aber, damit ich es nicht vergesse, Pjotr Stepanowitsch ging erstaunlich kaltbltig auf ein anderes Thema ber, dieses Blatt werden Sie eigenhndig setzen und drucken. Schatoffs Setzmaschine graben wir aus und morgen noch nehmen Sie sie zu sich. In mglichst kurzer Zeit setzen Sie und drucken Sie so viele Exemplare davon wie nur mglich, und dann werden wir sie den ganzen Winter ber verbreiten. Die Mittel werden Ihnen angewiesen werden. So viele Exemplare wie nur mglich! Man wird sich von verschiedenen Stellen an Sie wenden. Nein, erlauben Sie schon, ich bernehme nicht eine solche ... Ich lehne es ab. Und werden es doch bernehmen. Ich handle nach der Instruktion der Zentrale und Sie mssen gehorchen. Ich glaube aber, da unsere auslndischen Zentren die russische Wirklichkeit vergessen und jede Verbindung mit ihr eingebt haben, und darum einfach phantasieren ... Ich glaube sogar, da statt der vielen Hunderte von >Fnfer<-Gruppen in Ruland wir allein die einzige sind, und ein Netz berhaupt nicht existiert! keuchte Liputin endlich hervor. Um so verchtlicher von Ihnen, da Sie, ohne an die Sache zu glauben, ihr doch nachgelaufen sind ... und jetzt noch mir nachlaufen wie ein Hndchen. Nein, ich laufe nicht nach. Wir haben das volle Recht, zurckzutreten und eine neue Gesellschaft zu grnden. R--rrrpel! donnerte pltzlich Pjotr Stepanowitsch drohend und mit blitzenden Augen. Beide standen sich eine Zeitlang gegenber. Dann wandte sich Pjotr Stepanowitsch und setzte selbstbewut seinen Weg fort. Wie ein Blitz zuckte es durch Liputins Kopf: Ich kehre um und gehe zurck. Wenn ich jetzt nicht umkehre, so werde ich nie mehr umkehren. So dachte er genau zehn Schritte lang, beim elften aber flammte in ihm ein neuer und tollkhner Gedanke auf: er kehrte nicht um und ging nicht zurck. Sie nherten sich dem Filippoffschen Hause, doch noch bevor sie es erreichten, bogen sie in eine Quergasse ein, oder richtiger, in einen Fuweg auf dem abschssigen Grabenrande am Zaun, an dem man sich halten mute, um nicht auszugleiten. An der dunkelsten Ecke dieses alten schiefen Zaunes nahm Pjotr Stepanowitsch ein Brett heraus und kroch dann selbst schnell durch die ffnung. Liputin wunderte sich, kroch aber trotzdem nach. Daran lehnten sie das Brett wieder so an, wie es vorher gestanden hatte. Das war derselbe geheime Gang, durch den Fedjka sich nachts zu Kirilloff stahl. Schatoff darf es nicht wissen, da wir hier sind, flsterte Pjotr Stepanowitsch in strengem Tone Liputin zu. III. Kirilloff sa wie gewhnlich um diese Zeit auf seinem harten Sofa beim Tee. Er stand nicht auf, um den Eintretenden entgegenzugehen, warf nur erschrocken den Oberkrper vor und sah ihnen erregt entgegen. Sie irren sich nicht, sagte Pjotr Stepanowitsch, ich komme deswegen ... Heute? Nein, nein, morgen ... ungefhr um dieselbe Zeit. Und Pjotr Stepanowitsch setzte sich schnell an den Tisch und betrachtete mit einiger Unruhe Kirilloff. Der hatte sich aber schon wieder beruhigt und sah wie gewhnlich aus. Sehen Sie, diese da wollen es nicht glauben, Werchowenski wies mit dem Kopf auf Liputin. Sie rgern sich doch nicht darber, da ich ihn mitgebracht habe? Heute nicht. Aber morgen will ich es allein. Aber nicht frher, als bis ich gekommen bin, und dann in meiner Gegenwart -- Ich wrde lieber nicht in Ihrer Gegenwart -- Sie erinnern sich doch noch, da Sie versprachen, alles zu schreiben und zu unterzeichnen, was ich Ihnen diktiere? Mir ist alles einerlei. Aber werden Sie jetzt lange bleiben? Ich mu einen gewissen Menschen sprechen und ungefhr eine halbe Stunde bleiben, dann gehe ich, aber diese halbe Stunde bleibe ich noch. Kirilloff schwieg. Liputin hatte sich inzwischen etwas abseits, unter dem Bilde des Bischofs auf einen Stuhl gesetzt. Der vorige tollkhne Gedanke bemchtigte sich seiner mehr und mehr. Kirilloff bemerkte ihn an der dunklen Wand fast gar nicht. Liputin kannte die Theorie Kirilloffs schon von frher und hatte sie immer verlacht, jetzt aber schwieg er und sah sich finster im Zimmer um. Ich mchte ganz gern Tee trinken, sagte Pjotr Stepanowitsch, habe soeben ein Beefsteak gegessen und rechnete eigentlich darauf, bei Ihnen den Tee zu trinken. Trinken Sie, wenn Sie mgen. Frher boten Sie ihn selbst an, bemerkte Pjotr Stepanowitsch suerlich. Das ist einerlei. Auch Liputin mag trinken. Nein, danke, ich ... kann nicht. Kann nicht oder will nicht? Pjotr Stepanowitsch drehte sich schnell zu ihm um. Ich werde bei ihm nicht noch anfangen Tee zu trinken, lehnte Liputin ausdrucksvoll ab. Pjotr Stepanowitsch zog die Brauen zusammen. Das riecht nach Mystizismus. Der Teufel soll aus euch allen klug werden! Niemand antwortete ihm. Sie schwiegen wohl eine ganze Minute. Aber eines wei ich, fgte er pltzlich schroff hinzu, kein einziges Vorurteil kann auch nur einen von uns abhalten, seine Pflicht zu erfllen. Stawrogin ist fortgefahren? fragte Kirilloff. Ja. Das hat er gut gemacht. Pjotr Stepanowitschs Augen blitzten schon auf, doch er bezwang sich. Mir kann's gleich sein, was Sie denken, wenn nur ein jeder sein Wort hlt. Ich werde mein Wort halten. brigens, ich war immer berzeugt, da Sie Ihre Pflicht erfllen wrden, wie ein unabhngiger und fortgeschrittener Mensch. Sie aber sind lcherlich. Meinetwegen, es freut mich sehr, da ich Sie erheitere. Es freut mich immer, wenn ich mit irgend etwas gefllig sein kann. Sie wollen furchtbar gern, da ich mich erschiee und frchten doch, da ich pltzlich nicht will. Das heit, sehen Sie mal, Sie haben ja selbst Ihren Plan mit unserer Ttigkeit verbunden. Da wir nun mit Ihrer Absicht gerechnet haben, so ist schon Verschiedenes unternommen worden, so da Sie jetzt auf keine Weise mehr zurcktreten knnen. Nur nichts von Pflicht. Verstehe, verstehe, es ist Ihr eigener freier Wille. Nur, da sich dieser Ihr freier Wille in Tat umsetzt. Und ich werde alle Ihre Gemeinheiten auf mich nehmen mssen? Hren Sie, Kirilloff, haben Sie vielleicht pltzlich Angst bekommen? Wenn Sie zurcktreten wollen, so sagen Sie es bitte gleich. Ich habe keine Angst bekommen. Ich meinte nur, weil Sie etwas viel fragen. Werden Sie bald fortgehen? Sie fragen schon wieder? Kirilloff betrachtete ihn mit Verachtung. Nun, sehen Sie mal, fuhr Pjotr Stepanowitsch, der sich immer mehr rgerte und beunruhigte, fort, doch ohne den richtigen Ton finden zu knnen, -- Sie wollen um der Einsamkeit willen, da ich fortgehe, um sich sammeln zu knnen, doch all das sind gefhrliche Anzeichen, fr Sie, fr Sie vor allen anderen. Sie wollen viel denken. Meiner Meinung nach wre es besser, nicht zu denken, sondern es ohne dem zu tun. Nein, Sie -- wirklich, Sie beunruhigen mich. Mir ist nur das nicht recht, da in jenem Augenblick solch ein Ekel bei mir sein wird, wie Sie. Nun, das ist doch einerlei. Ich kann ja auch hinausgehen und so lange drauen auf der Treppe stehen. Wenn Sie aber sterben wollen und dabei so wenig gleichmtig sind, so -- nun, ich meine, das ist alles sehr gefhrlich. Ich werde also auf die Treppe gehen und Sie knnen meinetwegen denken, was Sie wollen: da ich nichts von Ihnen verstehe, da ich als Mensch unermelich tief unter Ihnen stehe ... Nein, nicht unermelich. Sie haben Begabungen; aber Sie verstehen sehr vieles nicht, weil Sie ein niedriger Mensch sind. Freut mich, freut mich. Wie gesagt, es freut mich sehr, Zerstreuung zu bieten ... in einer solchen Minute. Sie begreifen nichts. Das heit, ich ... jedenfalls hre ich mit Hochachtung -- Sie knnen nichts. Sie knnen sogar jetzt nicht Ihre kleinliche Wut verstecken, obgleich es fr Sie doch unvorteilhaft ist, sie zu zeigen. Sie werden mich rgern und ich werde vielleicht pltzlich noch ein halbes Jahr wollen ... Pjotr Stepanowitsch sah nach der Uhr. Ich habe niemals etwas von Ihrer Theorie verstanden, aber ich wei, da Sie sie nicht fr uns ausgedacht haben, folglich werden Sie es auch ohne uns tun. Auch wei ich, da nicht Sie die Idee verschlungen haben, sondern die Idee hat Sie verschlungen, also werden Sie es auch nicht aufschieben. Wie? Mich hat die Idee verschlungen? Ja. Und nicht ich die Idee? Das ist gut gesagt. Sie haben einen kleinen Verstand. Nur necken Sie, ich aber bin stolz darauf. Vorzglich, sehr schn so. Gerade so mu es ja sein, da Sie stolz darauf sind. Genug, Sie haben ausgetrunken, gehen Sie jetzt. Zum Teufel, da wird man wohl mssen, Pjotr Stepanowitsch erhob sich. Aber immerhin ist es noch frh. Hren Sie, Kirilloff, bei der Mnitschicha treffe ich diesen Menschen, Sie wissen schon? Oder hat auch sie gelogen? Werden ihn nicht treffen, denn er ist hier und nicht da. Wie, hier! zum Teufel, wo? Sitzt in der Kche, it und trinkt. Wie wagt der Kerl! ... Pjotr Stepanowitsch wurde rot vor Zorn. Er war verpflichtet zu warten ... Unsinn! Er hat ja weder Geld noch einen Pa! Ich wei nicht. Er ist gekommen, um sich zu verabschieden. Ist angekleidet und bereit, geht fort und kommt nicht wieder. Er sagte, da Sie ein gemeiner Mensch sind und will nicht auf Ihr Geld warten. A--ah! Er frchtet, da ich ... nun ja, ich kann ihn auch jetzt, wenn ... Wo ist er, in der Kche? Kirilloff ffnete eine Seitentr zu einem kleinen, dunklen Zimmer, aus dem drei Stufen in die Kche hinabfhrten. Von der Kche war, gleich bei der Tr, durch eine Bretterwand eine Kammer abgeteilt, in der gewhnlich das Bett des Dienstmdchens stand. Hier sa nun in der Ecke unter den Heiligenbildern Fedjka vor einem unbedeckten Brettertisch, auf dem ein halbes Liter Schnaps, Brot auf einem Teller und in einer irdenen Schssel ein kaltes Stck Rindfleisch und Kartoffeln standen. Er a mit Genu und schien schon halb betrunken zu sein, doch war er in kurzem Pelz und augenscheinlich zum Aufbruch bereit. Hinter der Bretterwand in der Kche summte schon der Samowar, doch der war nicht fr Fedjka aufgestellt, sondern Fedjka selbst blies ihn jeden Abend mit seiner ganzen Lungenkraft fr Alexei Nylitsch an, dieweil Sie daran beraus gewhnt sind, nachts immerzu Tee zu trinken! Ich vermute stark, da das Rindfleisch und die Kartoffeln, da kein Mdchen im Hause war, von Kirilloff selbst schon am Morgen fr Fedjka gebraten worden waren. Was ist dir eingefallen? rief Pjotr Stepanowitsch und strzte die Stufen hinunter. Warum hast du nicht dort auf mich gewartet, wo man es dir befohlen hat? Und zornig schlug er mit der Faust auf den Brettertisch. Fedjka nahm eine wrdevollere Haltung an. Du, wart ein bichen, Pjotr Stepanowitsch, wart ein bichen, sagte er, fast mit stutzerhafter Deutlichkeit die Worte aussprechend, du mut als erste Pflicht verstehen, da du hier auf edlen Besuch bei Herrn Kirilloff, Alexei Nylitsch, bist, bei dem du dessen Stiefel putzen kannst, denn er ist vor dir ein gebildeter Verstand, du aber bist nur ein -- Pfui! Und er spie elegant zur Seite, da der Speichel trocken wie ein Wurf zu Boden flog. Man sah ihm Hochmut, Entschlossenheit und ein gewisses, hchst gefhrliches, trgerisch ruhiges Klugredenwollen an -- bis zum ersten Ausbruch. Doch Pjotr Stepanowitsch hatte schon keinen Sinn mehr dafr, auf die Gefahr zu achten, und das vertrug sich schlielich auch nicht mit seiner Auffassung der Dinge. Und die Ereignisse und Mierfolge dieses Tages hatten ihn zudem schon um jede berlegung gebracht ... Liputin, der ber den drei Stufen in der Tr stehen blieb, sah neugierig aus dem dunklen Zimmer in die Kammer hinab. Willst du, oder willst du nicht einen richtigen Pa haben und gutes Geld zur Fahrt, wohin man dir gesagt hat? Ja oder nein? Siehst du, Pjotr Stepanowitsch, du hast mich von Anfang an betrogen, und darum bist du vor mir der reine Gauner, bist ganz wie eine verfluchte Hundelaus, -- siehst du, dafr halt ich dich. Du hast mir fr unschuldiges Blut groes Geld und das Blaue vom Himmel herunter versprochen, und fr Herrn Stawrogin hast du geschworen, und was ist dahinter? Es kommt immer nur deine Gaunerei heraus! Ich, so wie ich bin, bin mit keinem Tropfen Blut daran schuld, nicht, da da tausendfnfhundert, dir aber hat Herr Stawrogin neulich so um die Ohren gewischt, da auch wir das schon wissen. Jetzt drohst du mir von neuem und versprichst mir Geld, aber wofr -- darber schweigst du. Ich aber denke so bei mir: du schickst mich nach Petersburg, um dich an Herrn Stawrogin, Nicolai Wszewolodowitsch, zu rchen und rechnest auf meine Leichtglubigkeit. Und somit gehst du als der erste Mrder aus allem hervor. Und weit du auch, was du mit allein diesem einen Punkte schon wert geworden bist, da du an Gott selbst, den wahrhaftigen Schpfer, wegen deiner Verderbnis nicht mehr glaubst? Das ist schon ebenso wie Heide sein, stehst also auf einer Stufe mit Tatar oder Mordwine. Herr Kirilloff, Alexei Nylitsch, der ein groer Philosoph ist, hat dir schon mehrmals den wahren Gott, den heiligen Schpfer aller Dinge, erklrt, und desgleichen die ganze Schpfung der Erde wie alle zuknftigen Schicksale und die Verwandlung aller Kreaturen und alles Gewrms aus dem Buch der Apokalypse. Du aber bist wie ein unverstndiges Gtzenbild und verharrst in Taubheit und Stummheit, und hast dazu auch den Offizier Erteleff gebracht, ganz wie der leibhaftige Bsewicht und Verfhrer, so da heit Atheist ... Ach du, besoffene Fratze! -- Beraubt selbst Heiligenbilder und verkndet jetzt noch Gott! Ja, siehst du, Pjotr Stepanowitsch, ich sage dir ganz aufrichtig, da ich sie beraubt habe, aber ich habe blo ein einziges Perlchen rausgenommen, und was kannst du wissen, vielleicht hat sich meine reuige Trne in demselben Augenblick im Schmelzofen des Allerhchsten verwandelt fr irgendein Unrecht, das mir geschehen ist, da ich doch nicht mal was habe, wo ich mein Haupt hinlegen kann. Weit du auch aus den Bchern, da einmal in alten Zeiten ein Kaufmann mit ganz genau so einem Trnenseufzer und Gebet wie ich aus dem Heiligenschein der heiligen Mutter Gottes eine Perle stibitzt und dann spter kniefllig vor allem Volk das ganze Geld der Gottesmutter zu Fen gelegt hat, und da ihn da die heilige Frsprecherin mit dem goldgestickten Tuch gesegnet hat, daselbst vor allem Volk, so da denn schon damals ein Wunder daraus geschah und von der Obrigkeit anbefohlen wurde, alles buchstblich in die Reichsbcher einzutragen. Du aber hast eine Maus hineingesteckt, also hast du Gott selber beschimpft. Und wenn du nicht mein angeborener Herr wrst, den ich, als ich noch ein Junge war, auf meinen Armen gewiegt habe, so wrde ich dich jetzt, so wie du da bist, mit eins totschlagen, ohne hier anders vom Fleck zu gehen! Pjotr Stepanowitsch geriet in malosen Zorn. Sprich, hast du heute Stawrogin gesehen? Das darfst du nicht wagen, da du mich ausfragen tust. Herr Stawrogin steht in dieser Sache nur in Verwunderung vor dir da und hat sich nicht mal mit 'nem Wunsch dran beteiligt, was aber von einer Anordnung oder Geld, davon schon ganz zu schweigen. Du hast mich rundherum betrogen! Das Geld bekommst du, und die zweitausend bekommst du auch, in Petersburg, am angegebenen Ort, alle auf einmal, und wirst noch mehr bekommen. Du, mein Bester, du lgst nur wieder, und es ist mir fast lustig zu sehen, was fr ein leichtglubiger Verstand du bist. Herr Stawrogin steht vor dir wie auf einer hohen Treppe und du klffst nur von unten wie ein dummes Hndchen, whrend er von oben auf dich auch nur zu spucken schon fr eine groe Ehre fr dich halten wrde. Aber weit du auch, rief Pjotr Stepanowitsch in rasender Wut, da ich dich, Schurke, nicht einen Schritt von hier lasse und dich sofort der Polizei bergebe! Fedjka sprang auf und seine Augen blitzten vor Jhzorn. Pjotr Stepanowitsch ri seinen Revolver hervor. Und nun kam es zu einem widerlichen kurzen Auftritt: noch bevor Pjotr Stepanowitsch zielen konnte, hatte Fedjka sich schon im Nu geduckt, gedreht und schlug ihn aus aller Kraft auf die Wange. Und schon im selben Augenblick klatschte der zweite furchtbare Schlag, dann der dritte, der vierte, immer auf die Wange. Pjotr Stepanowitsch stand wie duselig, seine Augen stierten, er murmelte etwas, und pltzlich strzte er jh zu Boden. Da habt ihr ihn, nehmt ihn jetzt! rief Fedjka mit einer triumphierenden Wendung, ergriff seine Mtze, zog schnell unter der Bank ein Bndel hervor und war verschwunden. Pjotr Stepanowitsch lag rchelnd am Boden. Liputin dachte schon, er werde gleich sterben. Kirilloff lief schnell in die Kche. Mit Wasser mu man ihn! rief er. Er schpfte in Hast mit einem Blechgef Wasser aus dem Eimer, kam schnell zurck und go es ihm ber den Kopf. Pjotr Stepanowitsch bewegte sich, erhob den Kopf, setzte sich langsam auf und blickte unverstndig vor sich hin. Nun, wie ist es? fragte Kirilloff. Pjotr Stepanowitsch sah ihn unbeweglich, doch noch ohne ihn zu erkennen, an. Da bemerkte er aber Liputin, der aus der dunklen Tr hervorgetreten war, und lchelte sein altes gemeines Lcheln. Pltzlich griff er schnell nach seinem auf der Diele liegenden Revolver und sprang auf. Wenn es Ihnen morgen einfallen sollte, fortzulaufen ... wie der Schuft Stawrogin, schrie er in wildem Ausbruch, kreidebleich, Kirilloff an, die Worte stockend und unklar hervorstoend, so hnge ich Sie am anderen ... Ende der Welt ... wie eine Fliege auf ... zerdrcke Sie ... verstanden! Und er zielte mit dem erhobenen Revolver gerade auf Kirilloffs Stirn, -- doch schon in derselben Sekunde besann er sich, ri seine Hand zurck, steckte den Revolver wieder in die Tasche und strzte, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Hause. Liputin lief ihm nach. Sie krochen wieder durch den Zaun und gingen, wie sie gekommen waren, auf dem schrgen Grabenrande, sich an den Brettern haltend, bis zur Bogojawlenskstrae. Pjotr Stepanowitsch ging so schnell, da Liputin ihm kaum nachkommen konnte. Am nchsten Kreuzweg blieb er pltzlich stehen. Nun? wandte er sich herausfordernd nach Liputin um. Liputin erinnerte sich des Revolvers und zitterte noch von dem, was geschehen war; aber die Antwort fiel ihm pltzlich wie von selbst von den Lippen: Ich denke ... ich denke, da man >bis nach Taschkent< keineswegs so sehnschtig darauf wartet, was >der Student< da anpreist. Haben Sie gesehen, was Fedjka in der Kche trank? Was er trank? Branntwein trank er. Nun, so wissen Sie denn, da er zum letzten Mal im Leben Branntwein getrunken hat. Ich empfehle, fr fernere Erwgungen das zu behalten. Jetzt aber scheren Sie sich zum Teufel! Bis morgen sind Sie weiter nicht ntig ... Nur -- denken Sie an mich! keine Dummheiten machen! Liputin jagte Hals ber Kopf nach Haus. IV. Liputin hatte sich schon vor langer Zeit einen Pa auf einen fremden Namen besorgt. Es ist eigentlich eine sonderbare Vorstellung, da dieser ordentliche kleine Mensch, dieser eigensinnige Familientyrann und vor allem Beamte (wenn er auch Fourierist war), da dieser Kapitalist und Kuponschneider schon vor langer Zeit auf den phantastischen Gedanken hatte verfallen knnen, sich auf alle Flle so einen Pa zu verschaffen, um sich mit ihm ins Ausland zu retten, _wenn_ ... Er gab also doch die Mglichkeit dieses _Wenn_ zu, obschon er gewi nicht htte formulieren knnen, was er unter diesem Wenn verstand ... Jetzt aber hatte es sich pltzlich selbst formuliert, und noch dazu auf die allerunerwartetste Weise. Jener tollkhne Gedanke, mit dem er bei Kirilloff eingetreten war, nachdem er Pjotr Stepanowitschs R--rrrpel eingesteckt hatte, bestand darin, morgen noch, womglich vor Sonnenaufgang, alles zu verlassen und sich ins Ausland in Sicherheit zu bringen! Wer nicht glauben will, da so phantastische Dinge in unserer alltglichen Wirklichkeit geschehen, der mge sich die Lebensgeschichten unserer gegenwrtigen Emigranten im Ausland einmal nher ansehen. Kein einziger von ihnen hat eine vernnftigere Flucht hinter sich. Immer war es die gleiche ungebndigte Herrschaft der Hirngespinste und nichts weiter. Als Liputin zu Hause anlangte, war das erste, was er tat, da er seinen Reisesack hervorholte und zu packen begann. Seine grte Sorge war das Geld, wie viel und wie er es retten konnte. Jawohl: retten, denn seiner Meinung nach durfte er nicht eine Stunde mehr sumen und mute womglich schon bei Sonnenaufgang unterwegs sein. Auch wute er noch nicht recht, wo er am besten in den Zug steigen sollte; schlielich entschlo er sich, irgendwo auf der zweiten oder dritten Station einzusteigen, bis dorthin aber zu Fu zu laufen. So plagte er sich denn mit seinem Reisesack herum, einen ganzen Wirbelsturm von Gedanken im Kopf, und -- pltzlich warf er alles hin und sank mit einem tiefen Sthnen auf seinen Diwan und streckte sich auf ihm aus. Er fhlte deutlich, und pltzlich erkannte er ganz klar, da er flchten, nun ja, da er wirklich flchten werde, da er aber die Frage, ob er _vor_ oder _nach_ Schatoff flchten sollte, jetzt zu beantworten vollkommen auerstande war. Er empfand sich nur noch als einen willenlosen Krper, eine passive Masse, die schon von einer fremden unheimlichen Kraft gelenkt wurde, und er fhlte, da er, obschon er einen Auslandspa besa und ohne weiteres _vor_ Schatoff flchten konnte (nur deshalb hatte er sich doch so beeilt), -- da er trotzdem nicht _vor_ Schatoff, sondern unbedingt erst _nach_ Schatoff flchten werde, und da es so schon beschlossen, unterschrieben und versiegelt war. In unertrglicher Qual, zitternd und sich ber sich selbst wundernd, seufzend und vergehend vor Angst, erlebte er doch noch, ohne selbst recht zu wissen wie, auf dem Diwan liegend, den nchsten Morgen. Und dann erst erhielt er den entscheidenden Sto, der seinem schwankenden Entschlu die endgltige Richtung gab. Es war schon elf Uhr, als er die Tr seines Zimmers aufschlo und hinaustrat. Und das erste, was er von den Seinigen erfuhr, war, da der Ruber, Mrder und entsprungene Zuchthusler Fedjka, der alle in Schrecken versetzt, Kirchen beraubt und Huser in Brand gesteckt hatte, da Fedjka, der berchtigte Fedjka, den unsere Polizei schon lange verfolgte und immer noch nicht hatte finden knnen, frh morgens, sieben Werst von der Stadt, erschlagen gefunden worden war. Die ganze Stadt wute es bereits. Liputin strzte aus dem Hause, um Nheres darber zu erfahren. Er hrte, da man Fedjka, der allem Anscheine nach beraubt worden war, mit zerspaltenem Kopf gefunden, und da die Polizei auf Grund einiger Anhaltspunkte den Spigulinschen Fomka, mit dem Fedjka bei Lebdkins zweifellos zusammen gemordet und angezndet hatte, fr den Mrder hielt. Offenbar waren die beiden unterwegs in Streit geraten, wegen der von Fedjka bei Lebdkin angeblich geraubten und unterschlagenen groen Summe Geldes, die er mit Fomka, wie man annahm, noch nicht geteilt hatte ... Liputin lief noch zu dem Hause, in dem Pjotr Stepanowitsch wohnte, und erfuhr dort, da der junge Herr, der zwar erst um ein Uhr nachts nach Hause gekommen sei, doch seelenruhig bis acht Uhr morgens in seinem Bett geschlafen habe. Augenscheinlich war also an dem pltzlichen Tode Fedjkas nichts Ungewhnliches, zumal ja Banditen meistens ein solches Ende nehmen: aber das verhngnisvolle bereinstimmen der Prophezeiung, da Fedjka an diesem Abend zum letztenmal Branntwein getrunken habe, mit der nackten Tatsache seines gewaltsamen Endes, war doch so seltsam und unheimlich, da Liputin pltzlich aufhrte unschlssig zu sein. Als er nach Hause zurckkam, stie er mit einem Futritt den Reisesack unter den Diwan und am Abend war er der erste auf dem zum Stelldichein mit Schatoff angegebenen Platz, allerdings -- mit dem Pa in der Tasche. Zwanzigstes Kapitel. Die Reisende I. Die Katastrophe mit Lisa und der Tod Marja Timofejewnas hatten auf Schatoff einen erschtternden und niederdrckenden Eindruck gemacht. Als ich am Morgen mit ihm zusammentraf, erschien er mir ganz verstrt. Spter ging er zur Mordsttte, um die Leichen zu sehen, doch soviel ich wei, ist er an diesem Tage weder vernommen worden, noch hat er unaufgefordert irgend etwas ausgesagt. Aber je mehr der Tag vorrckte, desto mehr qulte er sich. Es gab da einen Augenblick, in dem er schon aufstehen wollte, hingehen und -- alles sagen. Was dieses Alles war, das wute er freilich selbst nicht genau. Beweise besa er keine; er hatte nur seine dunklen Ahnungen, die lediglich zu seiner eigenen berzeugung gengten. Er htte schlielich blo sich selbst angegeben als ehemaliges Mitglied eines geheimen Bundes. Doch auch dazu wre er bereit gewesen, wenn er nur in seinem Sturz diese Schurken -- so lautete sein eigener Ausdruck -- mitgerissen htte! Pjotr Stepanowitsch hatte diesen Ausbruch richtig vorausgesehen und genau gewut, wieviel er wagte, wenn er sein furchtbares Vorhaben auch nur um einen Tag hinausschob. Aber dann hatte ihn doch wieder sein Selbstvertrauen und seine hhnische Verachtung fr diese Leutchen zu dem Aufschub bestimmt. Er wrde mit diesem unschlauen Schatoff schon fertig werden, sagte er sich: er wrde ihn einfach diesen ganzen Tag ber bewachen lassen und, wenn es not tat, auch frher schon entscheidend eingreifen. Einstweilen aber rettete Pjotr Stepanowitsch und die Seinen etwas vollkommen Unerwartetes, das niemand von ihnen htte voraussehen knnen. Gegen acht Uhr abends -- gerade als die Unsrigen sich bei Erkel versammelt hatten, auf Pjotr Stepanowitsch warteten, sich rgerten und aufregten -- lag Schatoff mit Kopfschmerzen und in leichtem Fieber auf seinem Bett, in der Dunkelheit, ohne Licht. Er qulte sich, entschlo sich, aber konnte sich immer wieder nicht endgltig entschlieen: fhlte vielmehr fluchend, da das doch alles zu nichts fhren werde. Allmhlich schlief er ein. Ihm trumte, da er in seinem Bett mit Schnren gebunden sei und sich nicht bewegen knne, indes durch das ganze Haus furchtbare Schlge hallten, Schlge an den Zaun, an die Hoftr, an die Wand des Flgels, in dem Kirilloff wohnte --, so da das ganze Haus zitterte und in seinen Fugen krachte, whrend zugleich eine ferne, bekannte, aber ihn qulende Stimme klagend seinen Namen rief. Pltzlich wachte er auf und erhob sich im Bett. Zu seiner Verwunderung dauerten die Schlge an die Hoftr immer noch fort, und wenn sie auch lngst nicht mehr so berlaut und hallend waren, wie im Traum, so waren sie doch stark und heftig genug, und auch die sonderbare qulende Stimme fuhr fort, von Zeit zu Zeit ihn von der Pforte her zu rufen, nur jetzt nicht mehr klagend, sondern, im Gegenteil, ungeduldig und gereizt. Dazwischen hrte er noch eine andere tiefe, brummige, aber ruhigere Stimme. Er sprang erschrocken sofort auf, ffnete das Klappfenster und steckte den Kopf hinaus. Wer da? rief er hinunter. Wenn Sie Schatoff sind, klang in einem eigentmlich stolzen Ton von unten eine Frauenstimme zurck, so haben Sie die Gte, offen und ehrlich zu sagen, ob Sie mich hereinlassen wollen oder nicht? Er hatte diese Stimme erkannt. Marie! ... Bist du es? Ja, gewi bin ich es, Marja Schatowa. Aber ich bin mit einer Droschke hier und kann nicht lnger -- Sofort ... ich will nur das Licht ... Schatoff sprang eilig und aufgeregt zurck, begann mit zitternden Hnden die Streichhlzer zu suchen, die sich aber, wie gewhnlich in solchen Fllen, nicht finden lieen, warf dabei noch den Leuchter mit dem Licht um, und da von unten wieder die ungeduldige Stimme erklang, lie er schlielich alles liegen und strzte Hals ber Kopf die steile Treppe hinunter, um die Hofpforte zu ffnen. Haben Sie die Gte, so lange diese Tasche zu halten, bis ich diesen Mann hier bezahle, empfing ihn unten Frau Marja Schatowa und reichte ihm eine ziemlich leichte Handtasche aus Segeltuch mit Blechbeschlag. Sie selbst aber wandte sich gereizt an den Droschkenkutscher. Sie verlangen viel zu viel. Wenn Sie mich hier eine ganze Stunde lang durch diese schmutzigen Straen gefahren haben, so sind Sie daran schuld, denn folglich haben Sie nicht einmal gewut, wo diese verdrehte Strae eigentlich ist. Bitte die dreiig Kopeken zu nehmen und mir zu glauben, da Sie weiter nichts erhalten werden. Ach, Fruleinchen, Sie haben mich doch selbst zuerst in die Wosnessensksche Strae befohlen, und diese hier ist die Bogojawlensksche. Die Wosnessensksche war meilenweit: haben blo meinen Wallach unntz in Schwei gebracht. Wosnessensksche, Bogojawlensksche, -- das mssen Sie als Einwohner besser wissen als ich, und zudem irren Sie sich: ich habe Ihnen ganz zuerst nur das Filippoffsche Haus genannt, und Sie behaupteten, Sie wten, wo das sei. Hier, hier sind noch fnf Kopeken, damit zog Schatoff sein letztes Geldstck aus der Westentasche. Was soll das? Sie werden hier nichts bezahlen! fuhr Frau Schatowa auf, doch der Kutscher setzte schon seinen Wallach in Bewegung, und Schatoff zog sie an der Hand durch die Pforte auf den Hof und fhrte sie in den finsteren Flur. Schneller, Marie, schneller ... das sind doch lauter Nebensachen und ... Wie du na geworden bist! Vorsichtig, hier geht es hinauf -- wie schade, da ich das Licht nicht ... die Treppe ist steil, halt' dich am Gelnder ... Nun, hier, das ist meine Stube. Verzeih, da ich kein Licht ... Ich werde sofort ... Er hob im Dunkeln den Leuchter vom Boden auf, doch die Streichholzschachtel konnte er noch immer nicht finden. Marja Schatowa stand solange mitten im Zimmer, schweigend und ohne sich zu bewegen. Gott sei Dank, endlich! Hier ist sie! rief er schlielich freudig und zndete das Licht an. Marja Schatowa sah sich flchtig im Zimmer um. Man hat mir zwar schon gesagt, da Sie in einem entsetzlichen Zimmer wohnen, aber ich htte doch nicht gedacht, da es so wre, sagte sie launisch und ging zum Bett. Ach, ich bin mde! und sie sank kraftlos auf das harte Lager. Bitte, legen Sie die Reisetasche hin und setzen Sie sich selbst auf einen Stuhl. Oder wie Sie wollen, nur zappeln Sie mir nicht so vor den Augen herum ... Ich bin nur auf kurze Zeit zu Ihnen gekommen, bis ich eine Arbeit gefunden habe, denn ich kenne hier niemanden und mein Geld ist zu Ende ... Wenn ich Ihnen aber lstig falle, so haben Sie die Gte und sagen Sie's bitte gleich! Ich werde morgen irgend etwas von meinen Sachen verkaufen, um mir im Gasthaus ein Zimmer nehmen zu knnen ... Ach, nur mde bin ich jetzt! Schatoff erbebte am ganzen Krper. Wozu, Marie, das ist doch nicht ntig, nicht ntig, du brauchst nicht ins Gasthaus zu gehen! Was fr ein Gasthaus berhaupt? Warum das, wozu? und flehend faltete er die Hnde. Nun, wenn man ohne Gasthaus auskommen kann, meinetwegen -- aber man mu trotzdem die Sache klarlegen. Sie erinnern sich wohl noch, Schatoff, da wir in Genf zwei Wochen und einige Tage als Ehepaar gelebt haben, vor -- nun sind es schon drei Jahre, da wir auseinandergegangen sind, brigens ohne besonderen Streit. Aber denken Sie nur nicht, da ich gekommen bin, um irgendeine der frheren Dummheiten wieder zu beginnen! Ich bin nur zurckgekehrt, um mir eine Arbeit zu suchen, und wenn ich gerade in diese Stadt kam, nun, so geschah es, weil mir heute alles gleich ist. Ich bin vor allem nicht gekommen, um irgend etwas zu bereuen. Denken Sie nur das nicht! Oh, Marie! Das ist doch alles unntig, gar nicht ntig! stammelte Schatoff undeutlich. Nun, wenn das so ist, wenn Sie so weit gescheit sind, da Sie das verstehen knnen, so will ich mir erlauben hinzuzufgen, da ich, wenn ich jetzt zu Ihnen gekommen bin, es zum Teil auch deswegen getan habe, weil ich Sie fr keinen -- gemeinen Menschen halte, sondern vielleicht sogar fr einen viel besseren, als die anderen -- Schurken alle! Ihre Augen blitzten auf. Sie mute wohl viel von irgendwelchen Schurken erlitten haben! Ich meine das ganz im Ernst. Ich will mich durchaus nicht etwa ber Sie lustig machen, wenn ich Ihnen sage, da Sie gut sind. Ich habe es offen gesagt und Schnrednerei kann ich nicht leiden, das wissen Sie. Doch was rede ich? Es ist ja alles Unsinn. Ich habe immer gehofft, da Sie vernnftig genug sein wrden, um nicht lstig zu werden ... Ach, genug, nur mde bin ich! Und sie sah ihn mit langem, gequltem, mdem Blick an. Schatoff stand vor ihr, fnf Schritte weit, und hrte scheu, aber gleichsam erneut, mit einem eigentmlichen Strahlen im Gesicht, was sie sagte. Dieser starke und rauhe Mensch, der immer wie mit gestrubtem Fell wirkte, wie ein Rhr-mich-nicht-an, dieser Mensch wurde pltzlich ganz weich und wie von innen erhellt. In seiner Seele erzitterte etwas ganz Unerwartetes, ganz Ungewhnliches. Drei Jahre Trennung, drei Jahre zerrissene Ehe hatten in seinem Herzen nichts zerstrt. Vielleicht hatte er an jedem Tage dieser drei Jahre an sie gedacht, an dieses teure Wesen, das einst zu ihm gesagt, da es ihn liebe. Fr Schatoff hatte das eine Welt bedeutet: fr ihn, der sich nicht einmal zu trumen erlaubt hatte, da ihm je irgendein Weib sagen knnte, es liebe ihn. Er war keusch und schamhaft bis zur Wildheit, hielt sich fr eine Migeburt, hate sein Gesicht und seinen Charakter, und verglich sich mit irgendeinem Monstrum, das man eigentlich nur auf Jahrmrkten herumschleppen und zeigen konnte. Deshalb gab es fr ihn nichts Heiligeres, als Wahrheit und Ehrlichkeit, und war er in seiner ganzen finsteren, stolzen, jhzornigen und schweigsamen Art seinen berzeugungen bis zum Fanatismus ergeben! Und nun stand dieses einzige Wesen, das ihn zwei Wochen lang geliebt hatte -- daran glaubte er immer, immer, -- dieses Wesen, das er so malos hoch ber sich stellte, obschon er alle ihre Verirrungen kannte und ruhig und nchtern ber sie urteilte: dieses Wesen, dem er alles, aber auch alles verzieh (das stand fr ihn einfach auer Frage, ja eher kam es bei ihm noch umgekehrt heraus: da er vor ihr ganz allein der Schuldige war), nun stand diese Frau, diese Marja Schatowa pltzlich wieder vor ihm, er sah sie wieder in seiner Wohnung ... es war fast unmglich, das zu fassen! So berrascht war er, und es lag fr ihn in diesem Ereignis so viel von etwas unsagbar Furchtbarem, und doch zu gleicher Zeit so viel Glck, da er gar nicht recht zur Besinnung kommen konnte, vielleicht aber auch gar nicht wollte. Er ging und stand wie im Traum, und erst, als sie ihn mit diesem gequlten Blick ansah, da begriff er pltzlich, da dieses einzige geliebte Geschpf unsglich gelitten haben mute. Bei diesem Gedanken setzte sein Herzschlag aus. Voll Schmerz und Mitleid sah er sie an: in diesem mden Frauengesicht war der Glanz der ersten Jugend schon erloschen. Sie war gewi immer noch schn -- in seinen Augen immer noch wie frher eine Schnheit. (In Wirklichkeit war sie fnfundzwanzig Jahre alt, ziemlich stark gebaut, ber mittelgro -- grer als Schatoff --, mit braunem, prachtvollem Haar, schmalem, bleichem Gesicht und groen dunklen Augen, in denen jetzt ein fiebriger Glanz lag.) Aber die leichtsinnige, naive und gutmtige frhere Energie, die ihr groer Zauber gewesen war, hatte sich in diesen drei Jahren in mrrische Reizbarkeit, Enttuschung und fast in Zynismus verwandelt, in einen Zynismus, an den sie sich freilich noch nicht gewhnt zu haben schien und der sie selbst sogar qulen mochte. Doch Schatoff sah vor allem, da sie krank war. Und trotz all seiner Angst vor ihr, trat er pltzlich zu ihr und erfate ihre beiden Hnde: Marie ... weit du ... du bist vielleicht sehr mde, um Gottes willen, sei nicht bse ... Wenn du einwilligen wolltest, zum Beispiel, ein wenig Tee zu trinken, wie? Tee erfrischt doch sehr, nicht? Wenn du nur wolltest --? Was ist hier zu wollen? Natrlich will ich! was Sie noch immer noch fr ein Kind sind! Wenn Sie Tee haben, so geben Sie ihn. Wie eng es bei Ihnen ist! Wie kalt es hier ist! Oh, ich werde sofort Holz ... ja, Holz ... Holz habe ich! Schatoff ging hin und her, -- Holz -- ja, aber ... das heit ... brigens auch Tee, sofort! Und pltzlich, wie nach einem harten Entschlu, schlug er mit der Hand und ergriff seine Mtze. Wohin gehen Sie denn? Also haben Sie keinen Tee? Gleich, sofort, sofort wird alles da sein ... ich ... Er nahm seinen Revolver vom Bcherbrett. Ich werde schnell diesen Revolver verkaufen ... oder versetzen ... Was fr Dummheiten, und wie lange das dauern wird! Nehmen Sie hier mein Geld, wenn Sie nichts haben, hier sind achtzig Kopeken, glaub ich, -- alles, was ich besitze. Bei Ihnen ist es ja wie in einer Irrenanstalt. Nicht ntig, nicht ntig, dein Geld, ich werde sofort, im Augenblick ... ich werde ohne Revolver ... Und er lief geraden Wegs zu Kirilloff. Das war etwa zwei Stunden vor Pjotr Stepanowitschs und Liputins Besuch bei diesem. Schatoff und Kirilloff sahen sich, obwohl sie auf demselben Hof wohnten, fast nie, und auch wenn sie sich zufllig einmal trafen, so grten sie sich weder, noch sprachen sie ein Wort miteinander: sie hatten zu lange in Amerika nebeneinander auf dem Fuboden gelegen. Kirilloff, Sie haben immer Tee: knnen Sie mir Tee und einen Samowar geben? Kirilloff, der in seinem Zimmer wieder auf und ab ging (gewhnlich die ganze Nacht aus einer Ecke in die andere), blieb pltzlich stehen und sah aufmerksam Schatoff an, jedoch ohne besondere Verwunderung, obgleich dieser ganz unerwartet hereingestrzt war. Tee ist da. Zucker auch. Ein Samowar auch. Aber der Samowar ist nicht ntig, der Tee ist hei. Setzen Sie sich und trinken Sie einfach. Kirilloff, wir haben beide in Amerika gelegen ... Meine Frau ist zu mir gekommen ... Ich ... Geben Sie mir Tee ... und ich brauche auch den Samowar. Wenn die Frau, so brauchen Sie den Samowar. Aber den Samowar spter. Ich habe zwei. Jetzt nehmen Sie die Teekanne vom Tisch. Hei, ganz hei. Nehmen Sie alles, nehmen Sie Zucker, den ganzen. Brot ... Brot ist viel da, nehmen Sie alles Brot. Habe auch Kalbsbraten. Geld einen Rubel. Gib mir, Freund, ich gebe es dir morgen wieder! Ach, Kirilloff! Das ist die Frau, die von der Schweiz? Das ist gut. Und das, da Sie zu mir gekommen sind, ist auch gut. Kirilloff! rief Schatoff, der die Teekanne in den Arm nahm und in die Hnde Zucker und Brot: Kirilloff! Wenn Sie ... wenn Sie sich doch von Ihren schrecklichen Phantasien lossagen und Ihren atheistischen Wahnsinn lassen knnten ... was wrden Sie dann fr ein Mensch sein, Kirilloff! Ich sehe, Sie lieben Ihre Frau nach der Schweiz. Das ist gut, falls nach der Schweiz. Wenn Sie noch Tee brauchen, kommen Sie wieder. Kommen Sie die ganze Nacht, ich schlafe nicht. Der Samowar wird hei sein. Nehmen Sie den Rubel, hier. Gehen Sie zur Frau, ich werde bleiben und werde an Sie und Ihre Frau denken. Marja Schatowa schien mit der Schnelligkeit, mit der Schatoff alles besorgt hatte, zufrieden zu sein und machte sich hastig an den Tee. Doch trank sie nur eine halbe Tasse, und a nur ein kleines Stckchen vom Brot. Fr den von Kirilloff angebotenen Kalbsbraten dankte sie mit gereizter Launenhaftigkeit. Du bist krank, Marie, das ist alles so krankhaft an dir ... bemerkte Schatoff schchtern; scheu bemht, ihr zu dienen. Natrlich bin ich krank; bitte, setzen Sie sich. Wo haben Sie den Tee hergenommen, da Sie keinen hatten? Schatoff erzhlte kurz von Kirilloff. Sie hatte von diesem schon einiges gehrt. Ich wei, da er verrckt ist; bitte, von was anderem; als ob es nicht genug Toren gbe! So waren Sie in Amerika? Ich habe davon gehrt, Sie haben von dort geschrieben. Ja, ich ... habe nach Paris geschrieben. Genug, und bitte von was anderem. Sie sind aus berzeugung Slawophile? Ich ... das heit, nicht da ich gerade ... Infolge der Unmglichkeit, Russe zu sein, bin ich Slawophile geworden, sagte er, gezwungen lchelnd, mit der Schwerflligkeit eines Menschen, der zur unrechten Zeit und nur mit genauer Not einen Witz zustande bringt. Sie sind nicht Russe? Nein, ich bin nicht Russe. Nun, das sind alles Dummheiten. Setzen Sie sich doch endlich, ich bitte Sie. Was laufen Sie immer hin und her? Sie denken, ich phantasiere? Vielleicht werde ich auch phantasieren. Sie sagen, es gibt hier nur Sie und ihn im Hause? Ja, nur wir zwei ... und unten wohnte ... Und alles solche Kluge! Wer wohnte unten? Sie sagten >untenjetzt nicht mehrEr_er__er_< ist -- ist mir unbekannt. Sie kennen die Grammatik nicht mehr. Das war doch im Geiste der Sprache ... Marie, murmelte Schatoff. Ach, gehen Sie mir mit Ihrem Geist! Habe das satt. Warum wrde denn der hiesige Leser oder Einwohner nicht einbinden lassen? Weil, ein Buch lesen und ein Buch einbinden lassen -- zwei ganz verschiedene Zeiten der Entwicklung sind, und zwar zwei riesig groe. Zuerst lernt er allmhlich das Lesen, in Jahrhunderten natrlich, aber zerreit und vernachlssigt das Buch, da er es noch nicht fr eine ernste Sache hlt. Ein Buch aber einbinden lassen, heit schon das Buch achten, bedeutet, da er nicht nur das Lesen lieben gelernt hat, sondern auch als eine groe Sache anerkennt. Bis zu dieser Periode ist Ruland noch nicht gekommen. Europa bindet schon lange ein. Das ist, wenn auch pedantisch ausgedrckt, doch nicht dumm gedacht und erinnert mich an die Zeit von vor drei Jahren. Sie konnten zuweilen ganz geistreich sein, vor drei Jahren. Sie sagte das ebenso gereizt, wie alle ihre frheren eigensinnigen Phrasen. Marie, Marie, wandte sich Schatoff gerhrt zu ihr, oh, Marie! Wenn du wtest, was alles in diesen drei Jahren vergangen und verschwunden ist! Ich hrte, da du mich spter verachtet haben sollst, weil ich meine berzeugungen gendert habe! Aber was habe ich denn fortgeworfen? Doch nur die Feinde des lebendigen Lebens, veraltete Liberale, die sich vor persnlicher Unabhngigkeit frchten, die Lakaien der Gedanken, Feinde der Persnlichkeit und Freiheit, die altersschwachen Anpreiser des Toten und der stinkenden Verwesung! Was steht denn hinter ihnen? -- doch nur Greisenhaftigkeit, die goldene Mittelmigkeit, spieerhafteste, erbrmlichste Unbegabtheit, neidische Gleichheit, Gleichheit ohne persnliche Wrde, eine Gleichheit, wie ein Lakai sie begreift, oder hchstens wie ein Franzose von dreiundneunzig sie begriff ... Doch die Hauptsache: berall sind Schurken, Schurken und Schurken! Ja, Schurken gibt es viele, sagte sie kurz. Sie lag ausgestreckt auf dem Bett, ein wenig auf der Seite, reglos, als frchte sie, sich zu bewegen, den Kopf auf dem Kissen zurckgebogen, und sah mit mdem, doch heiem Blick auf die Zimmerdecke. Ihr Gesicht war bleich, ihre Lippen trocken und hei. Du stimmst mir bei, Marie, du stimmst mir bei? rief Schatoff aus. Sie wollte den Kopf schtteln zum Zeichen der Verneinung, doch pltzlich wurde sie wieder von einem Krampf erfat. Wieder verbarg sie das Gesicht in dem Kissen und wieder prete sie mit aller Kraft die Hand Schatoffs, der, auer sich vor Angst, zu ihr gestrzt war. Marie, Marie! Aber das ist vielleicht etwas furchtbar Ernstes, Marie! Schweigen Sie ... Ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht! rief sie fast jhzornig und drehte den Kopf auf dem Kissen, da nun wieder ihr Gesicht zu sehen war. Wagen Sie es nicht, mich mit Ihrem Mitleid anzusehen! Gehen Sie im Zimmer herum und sprechen Sie, sprechen Sie! Schatoff ging wieder auf und ab und gab sich verzweifelte Mhe, nur von Gleichgltigem zu sprechen. Womit beschftigen Sie sich hier? fragte sie, mit gereizter Ungeduld ihn unterbrechend. Ich arbeite bei einem Kaufmann im Kontor. Wenn ich wollte, Marie, knnte ich hier ganz gutes Geld verdienen. Desto besser fr Sie ... Ach, denk nur nicht, Marie, ich ... ich habe das nur so gesagt ... Und was tun Sie denn sonst noch? Was predigen Sie denn jetzt? Sie knnen doch nicht anders, als predigen. Das gehrt schon einmal zu Ihrem Charakter! Ich predige Gott, Marie. An den Sie selbst nicht glauben. Diese Idee habe ich nie begreifen knnen. Lassen wir das, Marie, davon knnen wir spter sprechen. Was war diese Marja Timofejewna hier? Davon wollen wir auch spter sprechen, Marie. Wagen Sie es nicht, mir solche Bemerkungen zu machen! Ist es wahr, da ihr Tod ein Verbrechen ... dieser Menschen ist? Zweifellos, prete Schatoff durch die Zhne hervor. Marie erhob pltzlich den Kopf und rief krankhaft erregt: Wagen Sie es nie mehr, mir davon zu sprechen, nie mehr, nie mehr! Und wieder fiel sie zurck, wieder bermannt von einem krampfartigen Schmerz. Das war schon der dritte Anfall. Ihr Gesthn wurde lauter -- laut bis zum Geschrei. O Sie unertrglicher Mensch! O Sie entsetzlicher Mensch! Sie warf sich hin und her, sie stie erbarmungslos Schatoff fort, der am Bett stand und sich ber sie beugte. Marie, ich werde alles tun, was du willst ... ich werde gehen ... sprechen ... Ja, sehen Sie denn wirklich nicht, was begonnen hat! Was hat begonnen, Marie? Ach, wie soll ich es wissen! Wei ich denn etwas davon? ... Oh, verfl...! Oh ... im voraus sei schon alles verflucht! Marie, wenn du nur sagen wolltest, was begonnen hat ... denn sonst ... wie soll ich denn sonst etwas verstehen? Sie sind ein abstrakter Schwtzer ... Oh ... alles ... alles sei verflucht! Marie! Marie! Er begann schon ernstlich zu befrchten, da sie wahnsinnig geworden sei. Da richtete sie sich pltzlich halb auf und sah ihn mit furchtbarer, krankhafter, ihr Gesicht entstellender Wut an: Ja, sehen Sie denn noch immer nicht, da ich mich in Geburtswehen qule? Mag es im voraus verflucht sein, dieses Kind! Marie, rief Schatoff, der jetzt endlich begriff, um was es sich handelte. Marie ... Warum hast du das nicht gleich gesagt? Er besann sich sofort, und pltzlich ergriff er in energischer Entschlossenheit seine Mtze. Wute ich es denn, als ich hier eintrat? Wre ich denn sonst zu Ihnen gekommen? Man sagte mir: erst nach zehn Tagen! Aber wohin gehen Sie denn, wohin wollen Sie, unterstehen Sie sich nicht! ... Nach der Hebamme! Ich verkaufe den Revolver: ganz zuerst mu jetzt Geld --! Wagen Sie es nicht, unterstehen Sie sich nicht, nach der Hebamme zu gehen, einfach ein Weib, irgendeine Alte, ich habe noch achtzig Kopeken im Geldbeutel ... Bauernweiber gebren doch ohne fremde Hilfe ... Und krepiere ich, um so besser ... Das Weib schaffe ich zur Stelle, eine Alte gleichfalls. Nur wie ... wie soll ich, Herrgott, wie soll ich dich so allein lassen, Marie? Doch er sagte sich, da es immerhin besser war, sie jetzt allein zu lassen, als spter ohne Hilfe zu sein, und er eilte wie gehetzt die Treppe hinunter. III. Ganz zuerst lief er zu Kirilloff. Es war schon gegen ein Uhr nachts. Kirilloff stand mitten im Zimmer. Kirilloff, meine Frau gebiert! Das heit, wie? Sie gebiert, sie gebiert ein Kind! Sie ... tuschen sich auch nicht? O nein, nein, sie hat schon Krmpfe! ... Sie braucht ein Weib, irgendeine Alte, unbedingt, sofort ... Kann man sie bekommen? Sie hatten hier doch immer viele alte Weiber ... Sehr schade, da ich nicht zu gebren verstehe, sagte Kirilloff ernst und nachdenklich, das heit, nicht ich gebren, aber so zu machen, da ich nicht zu gebren verstehe ... oder ... Nein, das verstehe ich schon nicht zu sagen. Sie wollen wohl sagen, da Sie bei der Geburt nicht zu helfen verstehen? Aber davon spreche ich ja nicht! Eine Alte, ein altes Weib, ich bitte Sie um ein altes Weib, eine Krankenwrterin, Pflegerin, Aufwrterin! Die Alte wird da sein, nur vielleicht nicht gleich. Wenn Sie wollen, werde ich anstatt ... Unmglich! -- ich laufe jetzt zur Wirginskaja, zur Hebamme ... Gemeines Frauenzimmer. Ja, Kirilloff, ja, aber sie ist die beste! O ja, das wird alles ohne Ehrfurcht, ohne Freude, mrrisch, mit Geschimpf und Gotteslsterungen geschehen -- bei einem so groen, heiligen Geheimnis, wie es die Geburt eines neuen Menschen ist! ... Oh, und sie -- sie verflucht das Kind schon jetzt! ... Wenn Sie wollen, ich ... Nein, nein, aber whrend ich laufe (oh, ich werde die Wirginskaja schon heranschleppen!) whrenddem knnten Sie von Zeit zu Zeit zu meiner Treppe gehen und vorsichtig hinaufhorchen, doch unterstehen Sie sich nicht, hineinzugehen, Sie wrden sie erschrecken, hren Sie, da Sie nicht hineingehen, horchen Sie blo so -- auf alle Flle! Nur wenn etwas uerstes geschehen sollte -- gehen Sie hinein! Verstehe. Geld noch einen Rubel. Hier. Ich wollte morgen ein Huhn, jetzt will ich nicht. Laufen Sie schnell, laufen Sie so schnell Sie knnen. Der Samowar ist die ganze Nacht. Kirilloff ahnte nichts von den Absichten gegen Schatoff. Auch frher war ihm die Gefahr unbekannt gewesen, die Schatoff drohte. Er hatte nur gehrt, da Schatoff alte Abrechnungen mit diesen Leuten habe, doch wute er nichts Nheres darber, obschon er selbst durch gewisse Instruktionen aus dem Auslande (brigens waren es nur ganz unverfngliche) mit dem Fall Schatoff gewissermaen verknpft war. Doch in der letzten Zeit hatte er alles abgelehnt, hatte sich von allem zurckgezogen, besonders was die allgemeine Sache irgendwie anging, und sich ganz seinem kontemplativen Leben hingegeben. Pjotr Werchowenski, der auf der Sitzung doch eigentlich nur deshalb Liputin aufgefordert hatte, mitzukommen, um ihn zu berzeugen, da Kirilloff den Fall Schatoff tatschlich auf sich nehmen werde, hatte im Gesprch mit Kirilloff kein Wort ber Schatoff verloren, ja, ihn nicht einmal erwhnt: offenbar mit Absicht, da er nicht sicher war, ob Kirilloff nicht alles ablehnen wrde, wenn er erfuhr, da Schatoff als Opfer mit hineingezogen werden sollte. So hatte er denn diesen Teil der ganzen Angelegenheit auf den folgenden Tag verschoben, wenn die Tat bereits geschehen und alles schon einerlei war. Liputin war es allerdings aufgefallen, da Pjotr Stepanowitsch gerade ber Schatoff kein Wort sagte, doch war er andererseits selbst zu aufgeregt gewesen, um ihn darauf aufmerksam zu machen. Schatoff lief so schnell er nur konnte zu Wirginskis, fluchend ber die Entfernung, die ihm heute endlos erschien. An dem Hause mute er lange klopfen: alles schlief natrlich. Doch Schatoff schlug rcksichtslos und mit aller Kraft an die Fensterlden. Der Hofhund schlug an, ri an seiner Kette und heulte und bellte, da smtliche Hunde der Umgegend gleichfalls anschlugen. Wer klopft? Was wnschen Sie? ertnte endlich an einem Fenster die weiche Stimme Wirginskis, deren Sanftheit in so gar keinem Verhltnis zu der Strung stand. Der Fensterladen wurde geffnet und gleich darauf auch das Klappfenster. Wer ist da? Wer ist der Schuft? kreischte wtend die Stimme der alten Jungfer, Wirginskis Schwgerin, deren Ton schon mehr als im Verhltnis zu der Beleidigung stand. Ich bin Schatoff, meine Frau ist zu mir zurckgekehrt und wird gleich gebren ... So mag sie doch, scheren Sie sich zum Kuckuck! Ich bin nach Arina Prochorowna gekommen, ohne Arina Prochorowna gehe ich nicht fort! Sie kann doch nicht zu jedem gehen! In der Nacht ist eine andere Praxis ... Scheren Sie sich zur Makschejewa, und da Sie sich nicht unterstehen, noch weiterzulrmen! rief zornknatternd die Weiberstimme. Doch Schatoff hrte gleichzeitig, wie Wirginski sie zu beschwichtigen und zu unterbrechen suchte. Die alte Jungfer aber lie ihn einfach nicht zu Wort kommen und verteidigte ihren Platz am Fenster. Ich gehe nicht fort! schrie Schatoff wieder. Warten Sie, warten Sie! rief Wirginski und es gelang ihm endlich, die alte Jungfer zu verdrngen. Ich bitte Sie, Schatoff, warten Sie noch fnf Minuten, ich werde Arina Prochorowna wecken, nur bitte klopfen Sie nicht mehr und schreien Sie bitte nicht ... Oh, wie ist das schrecklich! Nach fnf endlosen Minuten erschien dann schlielich Arina Prochorowna. Ihre Frau ist zu Ihnen gekommen? ertnte ihre Stimme durch das Klappfenster, und zwar, zu Schatoffs nicht geringer Verwunderung, diesmal durchaus nicht gergert, sondern hchstens befehlend wie gewhnlich -- aber anders verstand Arina Prochorowna berhaupt nicht zu sprechen. Ja, meine Frau -- und sie bekommt ein Kind. Marja Ignatjewna? Ja, Marja Ignatjewna. Natrlich, Marja Ignatjewna! Ein Schweigen entstand. Schatoff wartete. Hinter dem Fenster hrte er flstern. Ist sie schon vor langer Zeit angekommen? fragte Frau Wirginskaja wieder. Heute abend, um acht. Bitte schnell, wenn Sie knnen! Wieder wurde im Hause geflstert, wieder schienen sie sich zu beraten. Hren Sie, irren Sie sich nicht? Hat sie selbst Sie zu mir geschickt? Nein, sie hat mich nicht geschickt, sie will nur ein Weib haben, ein einfaches Weib, um mich nicht mit Ausgaben zu belasten, aber seien Sie unbesorgt, ich werde alles bezahlen. Gut, ich komme, ob Sie zahlen oder nicht. Ich habe stets die selbstndigen Anschauungen Marja Ignatjewnas zu schtzen gewut, wenn sie sich auch meiner vielleicht nicht mehr erinnert. Haben Sie die notwendigsten Sachen? Ich habe nichts, aber es wird alles, alles gleich zur Stelle sein! ... Also Sie kommen? Damit lief Schatoff auch schon fort: diesmal zu Lmschin. Es gibt doch in diesen Leuten noch Gromut! dachte er auf dem Wege. Die berzeugungen und der Mensch, -- das sind, glaube ich, in vielem zwei ganz verschiedene Dinge. Ich habe ihnen vielleicht in manchem Unrecht getan! ... Alle Menschen sind schuldig, alle sind schuldig und ... wenn doch alle das einsehen wrden! ... Bei Lmschin brauchte er nicht lange zu klopfen: es wurde berraschend schnell geffnet. Lmschin war aber auch schon beim ersten Schlag aus dem Bett gesprungen und steckte -- mit bloen Fen, nur im Hemd -- im Nu den Kopf zum Luftfenster hinaus, ungeachtet dessen, da er sich so einen Schnupfen zu holen riskierte; er aber war sonst sehr vorsichtig und stets um seine Gesundheit besorgt. Doch diese Scharfhrigkeit und Eile hatten einen besonderen Grund: Lmschin hatte nmlich nach der Sitzung bei Erkel berhaupt nicht einschlafen knnen und den ganzen Abend und die halbe Nacht nur so gezittert vor Aufregung. Ihm schwante die ganze Zeit, da sogleich gewisse ungebetene und unerwnschte Gste bei ihm erscheinen wrden. Denn ihn, Lmschin, qulte am meisten die Nachricht von Schatoffs Denunziation. Und nun pltzlich, wie absichtlich, wurde so furchtbar laut und befehlend an sein Fenster geklopft! ... Als er Schatoff erblickte, erschrak er so, da er sofort das Fenster zuschlug und ins Bett zurcklief. Schatoff aber begann wtend zu rufen und zu klopfen. Wie drfen Sie so schreien und klopfen mitten in der Nacht? rief das Jdchen drohend und doch fast vergehend vor Angst, -- und auch das erst nach ganzen zwei Minuten der Unentschlossenheit und erst nachdem er sich berzeugt hatte, da Schatoff ganz allein gekommen war. Hier haben Sie Ihren Revolver, nehmen Sie ihn zurck und geben Sie mir fnfzehn Rubel. Was soll das heien, sind Sie besoffen? Das ist Raubmord! Und ich erklte mich nur. Warten Sie, ich nehme ein Plaid um. Geben Sie sofort fnfzehn Rubel. Wenn nicht, so werde ich bis zum Morgen klopfen und schreien. Ich schlage Ihnen das Fenster ein! Aber ich werde die Polizei rufen und man nimmt Sie in Arrest! Ah, und bin ich denn stumm? Als ob ich nicht auch die Polizei rufen kann? Wer hat die wohl mehr zu frchten, Sie oder ich? Und Sie knnen so hliche Absichten haben ... Ich wei, worauf Sie anspielen ... Warten Sie, warten Sie um Gottes willen, klopfen Sie nicht mehr! Erbarmen Sie sich, wer hat denn Geld in der Nacht? Wozu brauchen Sie berhaupt Geld, wenn Sie nicht betrunken sind? Meine Frau ist zu mir gekommen. Ich habe Ihnen zehn Rubel abgelassen, habe kein Mal geschossen, -- nehmen Sie den Revolver, nehmen Sie ihn sofort! Lmschin streckte mechanisch seine Hand aus dem Fenster und nahm den Revolver entgegen: einen Augenblick wartete er, dann aber steckte er pltzlich den Kopf hinaus und lispelte mit steifer Zunge, ohne selbst zu begreifen, was er tat, und mit einem Schauer im Rcken: Sie lgen, zu Ihnen ist gar keine Frau gekommen ... Das ... das ... Sie wollen einfach irgendwohin fliehen! Sie Kalb, wohin soll ich denn fliehen? Euer Pjotr Werchowenski flieht, aber nicht ich. Ich war soeben bei der Wirginskaja und sie war sofort bereit, zu mir zu kommen. Entschlieen Sie sich! Meine Frau qult sich, ich brauche Geld, geben Sie das Geld! Ein ganzes Feuerwerk von Gedanken sprhte sogleich im findigen Kopfe Lmschins auf. Alles nahm in seinen Augen pltzlich eine andere Wendung, aber die Angst lie ihn immer noch nicht klar berlegen. Ja aber, wie ist denn das ... Sie leben doch nicht mit Ihrer Frau? Fr solche Fragen schlage ich Ihnen den Schdel ein! Ach, mein Gott, verzeihen Sie, ich begreife, ich war nur so bestrzt ... Aber ich verstehe, verstehe. Aber ... aber wird denn Arina Prochorowna wirklich kommen? Sie sagten, da sie schon gegangen sei? Wissen Sie, das ist doch gar nicht wahr. Sehen Sie, sehen Sie, sehen Sie, wie Sie die Unwahrheit sagen, auf jedem Schritt! Sie ist jetzt bestimmt schon bei meiner Frau ... Halten Sie mich nicht auf, ich bin nicht schuld daran, da Sie dumm sind. Das ist nicht wahr, ich bin gar nicht dumm. Verzeihen Sie, aber ich kann auf keine Weise ... Und er wollte schon, ganz aus der Fassung gebracht, zum drittenmal das Luftfenster schlieen. Doch Schatoff brllte derart auf, da der Kleine sofort wieder den Kopf zum Fenster hinaussteckte. Aber das ist doch schon einfach eine ... eine Beschlagnahme der Persnlichkeit! Was wollen Sie denn von mir, nun, was, was denn, formulieren Sie es doch! Und beachten Sie, beachten Sie, mitten in solch einer Nacht! Fnfzehn Rubel verlange ich, Schafskopf! Aber ich, ich will den Revolver vielleicht gar nicht zurcknehmen! Sie haben gar nicht das Recht, so was zu verlangen. Sie haben das Ding gekauft -- damit ist alles fertig, und Sie haben nicht das Recht! ... Solch eine Summe habe ich berhaupt nicht in der Nacht! Wo soll ich solch eine Summe hernehmen in der Nacht? Du hast immer Geld bei dir; ich habe dir zehn Rubel abgelassen, aber du bist ja ein bekannter Judenlmmel! Kommen Sie bermorgen, -- hren Sie, bermorgen frh, punkt zwlf Uhr, und ich gebe Ihnen alles, alles, ist's recht? Schatoff schlug wieder unbndig an den Fensterrahmen. Zehn Rubel her, und morgen frh fnf! Nein, _ber_morgen frh fnf, aber morgen kann ich bei Gott nicht. Kommen Sie lieber gar nich! Kommen Sie lieber gar nich! Zehn Rubel, sag ich; o Schuft! Aber warum schimpfen Sie denn so? Warten Sie, ich mu doch erst Licht machen! Sie haben den Kitt von den Scheiben losgeschlagen ... Wer schimpft denn so in der Nacht? Hier! und er reichte einen Schein aus dem Fenster. Schatoff ergriff ihn, -- es war ein Fnfrubelschein. Das sind ja nur fnf! Bei Gott, ich kann nicht, und wenn Sie mich erstechen, ich kann nicht, bermorgen kann ich alles, aber jetzt kann ich gar nichts. Ich gehe nicht frher fort! schrie Schatoff. Nu, nehmen Sie noch das, nu, hier ist noch, sehen Sie, hier ist noch, aber mehr gebe ich nich. Schreien Sie sich meinetwegen die Kehle kaputt, ich geb nich mehr, was Sie da auch nich machen -- geb nich mehr, geb nich, geb nich! Er war auer sich, in Verzweiflung, in Schwei. Die beiden Geldscheine, die er noch gab, waren nur Einrubelscheine. Im ganzen hatte Schatoff sieben Rubel bekommen. Da dich der Teufel hole, ich komme morgen. Und ich haue dich, Lmschin, wenn du die acht Rubel nicht bereit hast! Und morgen bin ich einfach nich zu Haus, Dummkopf! dachte Lmschin blitzschnell. Warten Sie, warten Sie, Herr Schatoff! rief er ihm pltzlich nach. Warten Sie, kommen Sie zurck! -- Sagen Sie, bitte, ist es wirklich wahr, was Sie gesagt haben, da Ihre Frau zurckgekommen ist? Esel! sagte Schatoff ausspuckend und lief so schnell er konnte nach Hause. IV. Arina Prochorowna wute nichts von dem in der Sitzung gefaten Beschlu. Wirginski, der ganz schwach nach Hause gekommen war, hatte ihr in seiner Aufregung zwar einiges mitgeteilt, alles jedoch noch nicht zu sagen gewagt. Im Grunde war es nur die Nachricht von Schatoffs bevorstehender Denunziation, die sie erfahren hatte. Wirginski fgte wohl noch hinzu, da er an diese Nachricht selber nicht ganz glaube, doch Arina Prochorowna war nichtsdestoweniger heftig erschrocken. Aus diesem Grunde entschlo sie sich sofort, als Schatoff sie zu seiner Frau rief, trotz ihrer Mdigkeit (sie hatte in der Nacht vorher auch schon entbunden) zu ihm zu gehen. Sie hatte schon lngst, wie sie sagte, diesen Schatoff fr fhig gehalten, eine brgerliche Gemeinheit zu begehen, und glaubte darum an eine Anzeige von seiner Seite weit eher als ihr Mann. Als sie aber hrte, da Marja Ignatjewna zurckgekehrt war, da schpfte sie sofort neue Hoffnung: Schatoffs Angst, der verzweifelte Ton seiner Bitte lieen sie eine gewisse Umwandlung in den Gefhlen des Verrters ahnen. Ein Mensch, dachte sie, der sich entschlossen hat, sich selbst zu verderben, nur um andere auszuliefern, wrde anders aussehen und anders sprechen. Jedenfalls entschlo sich Arina Prochorowna sofort, alles mit eigenen Augen zu untersuchen. Und auf Wirginski wirkte der Entschlu seiner Frau unendlich beruhigend -- als ob man ihm fnf Pud von der Seele genommen htte! Auch in ihm stieg eine neue Hoffnung auf: das Aussehen Schatoffs schien ihm im hchsten Grade Werchowenskis Verdacht zunichte zu machen. Schatoff hatte sich nicht getuscht: als er zurckkam, fand er Arina Prochorowna schon in seinem Zimmer. Sie war erst vor ein paar Minuten eingetroffen, hatte den unten an der Treppe Wacht haltenden Kirilloff mit Verachtung weggejagt und sich schnell und so gut das mglich war, mit Marie verstndigt. Angetroffen hatte sie ihre Patientin in der gemeinsten Verfassung, das heit, bse, gereizt und im allerdmmsten Kleinmut -- aber schon nach wenigen Worten hatte sie Maries smtliche Einwendungen besiegt. Was jammern Sie da, da Sie keine teure Hebamme haben wollen? sagte sie gerade in dem Augenblick, als Schatoff eintrat, der reinste Bldsinn, verdrehte Gedanken, die von Ihrem unnormalen Zustande kommen. Mit Hilfe irgendeines alten Bauernweibes htten Sie fnfzig Chancen, schlecht zu enden, jawohl, und dann gibt es schon mehr Scherereien und Ausgaben, als wenn Sie eine teure nehmen. Und woher wissen Sie berhaupt, da ich teuer bin? Sie knnen spter bezahlen, von Ihnen werde ich nicht mehr verlangen als recht ist, und ich garantiere fr eine gute Entbindung: bei mir werden Sie schon nicht sterben, das ist bei mir noch nie vorgekommen. Und das Kind -- das kann ich Ihnen morgen noch in einer Anstalt unterbringen, und spter geben wir es ins Dorf zur Erziehung, womit die Sache dann abgetan ist. Sie aber werden schnell gesund, machen sich an eine vernnftige Arbeit und >entschdigen< dann meinetwegen Schatoff fr das Zimmer und die Ausgaben, die durchaus nicht so gro sein werden ... Ach, nicht das ... Ich habe nicht das Recht, ihn zu belstigen ... Sehr rationell und brgerlich gedacht, aber, wie gesagt, Schatoff wird fast berhaupt keine Auslagen haben, glauben Sie mir, -- wenn er sich nur aus einem phantastischen Herrn in einen Menschen mit vernnftigen Ideen verwandeln wollte! Vor allem sollte man ihn keine Dummheiten machen, nicht gleich lostrommeln und mit herausgestreckter Zunge durch die Stadt rennen lassen! Er hat jetzt hier zu bleiben! Wenn man ihn nicht mit Gewalt festhlt, so schleppt er uns bis zum Morgen womglich noch smtliche rzte zusammen: er hat doch bei mir alle Hunde zum Klffen gebracht! rzte brauchen wir nicht, ich habe schon gesagt, da ich fr alles garantiere. Ein altes Weib kann man meinetwegen noch zur Bedienung annehmen, das kostet auch weiter nicht viel. brigens kann er sich auch selbst ntzlich machen, er braucht doch nicht nur zu Dummheiten fhig zu sein. Er hat doch Arme und Beine, kann also in die Apotheke laufen, ohne dabei irgendwie Ihre Gefhle mit >Wohltaten< zu verletzen. Was Teufel >WohltatenJa, es ist richtig, es ist gut.< Das ... das ist nicht ein Ergriffensein, sondern nur so, -- Freude. Man verzeiht auch nichts, denn es gibt nichts mehr, was zu verzeihen wre. Es ist nicht, da man liebt, oh, -- das hier ist hher als Liebe! Das Furchtbarste ist, da es so schrecklich klar ist und eine solche Freude. Wenn es mehr als fnf Sekunden wre, so wrde die Seele es nicht aushalten und mte vergehen. In diesen fnf Sekunden durchlebe ich das Leben und wrde fr sie mein ganzes Leben hingeben, denn sie sind das wert. Um zehn Sekunden zu ertragen, mu man sich physisch verndern. Ich denke, der Mensch mu aufhren, zu gebren. Wozu Kinder, wozu Entwicklung, wenn das Ziel erreicht ist? Im Evangelium ist gesagt, da man nach der Auferstehung nicht mehr gebren, sondern wie Engel Gottes sein wird. Ein Fingerzeig. Ihre Frau gebiert? Kirilloff, haben Sie das oft? In drei Tagen einmal, in einer Woche einmal. Haben Sie nicht die Fallsucht? Nein. Dann werden Sie sie bekommen. Nehmen Sie sich in acht, Kirilloff, ich habe gehrt, da die Fallsucht gerade so beginnen soll. Mir hat ein Epileptiker Wort fr Wort so wie Sie den Zustand vor dem Anfall geschildert: fnf Sekunden gab auch er an, und auch er sagte, da man mehr nicht ertragen knne. Denken Sie an Mohammeds Krug, der nicht Zeit hatte, berzuflieen, whrend der Prophet auf seinem Pferde das Paradies umflog. Der Krug -- das sind dieselben fnf Sekunden; das erinnert zu sehr an Ihre Harmonie, und Mohammed war bekanntlich Epileptiker. Nehmen Sie sich in acht, Kirilloff, vor der Fallsucht! Die kommt zu spt, sagte Kirilloff mit stillem Lcheln. VI. Die Nacht verging. Schatoff wurde fortgeschickt, gescholten, zurckgerufen und wieder gescholten. Maries Angst um ihr Leben erreichte den hchsten Grad: sie schrie, da sie leben wolle, unbedingt, unbedingt! und nicht sterben! nicht sterben! Wre Arina Prochorowna nicht bei ihr gewesen, so htte es schlimm werden knnen; doch allmhlich bekam sie die nervse Patientin vollkommen in ihre Hand, bis diese schlielich wie ein Kind jedem einzelnen ihrer Worte gehorchte. Arina Prochorowna fate sie -- ihr erprobtes Mittel -- mit Strenge an, sparte sich, wie gewhnlich, jede Freundlichkeit, tat aber sonst meisterhaft ihre Pflicht. Der Tag brach an. Arina Prochorowna fiel es pltzlich ein, zu erzhlen, da Schatoff im Augenblick vorher auf den Treppenflur hinausgegangen sei, um zu Gott zu beten, und sie lachte darber. Marie begann gleichfalls zu lachen, hart und hhnisch, als ob ihr von diesem Lachen leichter wrde. Schlielich wurde Schatoff ganz hinausgeschickt. Ein kalter, feuchter Morgen brach an. Er sttzte wieder die Stirn an die Flurwand, und stand so, wie er vorhin gestanden hatte, als Erkel zu ihm gekommen war. Er zitterte am ganzen Krper und frchtete sich zu denken, aber sein Denken heftete sich an alles vor seinem Geist Erscheinende, wie es im Traum zu geschehen pflegt. Die Gedanken zogen ihn immer wieder mit sich fort, rissen aber dabei selbst fortwhrend ab, wie mrbe Fden. Aus dem Zimmer drang schon nicht mehr Gesthn: das waren vielmehr entsetzliche, rein tierische Schreie, unertrgliche, unmgliche. Er wollte sich die Ohren zuhalten, doch konnte er es nicht und sank auf die Knie, unbewut, immer nur das eine Wort stammelnd: Marie, Marie, Marie! Und dann pltzlich hrte er einen neuen Schrei, der ihm durch Mark und Bein fuhr und ihn aufspringen machte -- den schwachen, zitternden Schrei eines Kindes. ... Er bekreuzte sich und strzte ins Zimmer. In Arina Prochorownas Hnden wimmerte und bewegte sich mit winzigen Hndchen und Fchen ein rotes, runzliges, kleines Wesen, das bis zur Klglichkeit hilflos war, das aber schrie und sich kund tat, ganz als htte es gleichfalls ein groes Recht auf das Leben ... Marie lag wie ohnmchtig in den Kissen: nach einer Minute erst schlug sie die Augen auf und sah sonderbar, ganz sonderbar Schatoff an: das war ein ganz neuer Blick -- was fr einer, das konnte er noch nicht verstehen, aber noch nie vorher hatte er einen hnlichen Blick an ihr bemerkt. Ein Knabe? ein Knabe? fragte sie mit leiser, schwacher Stimme Arina Prochorowna. Ein Bengel! rief die zurck, die gerade das Kleine einwickelte. Als sie das Kindchen eingepackt hatte und sich nun anschickte, es zwischen zwei Kissen quer aufs Bett zu legen, gab sie es auf einen Augenblick Schatoff, damit er es halte. Marie, die das bemerkt hatte, winkte ihn heimlich heran, als ob sie sich vor Arina Prochorowna frchtete. Er verstand sie sofort und trat mit dem kleinen Wesen zu ihr, damit sie es sehen konnte. Wie ... nett er ist ... flsterte sie lchelnd, mit schwacher Stimme. Arina Prochorowna bemerkte zufllig Schatoffs Gesichtsausdruck und brach in heiteres Lachen aus: Was der aber fr ein Gesicht macht! So etwas habe ich noch nie gesehn! Lachen Sie nur, Arina Prochorowna ... Das ist eine groe Freude ... sagte Schatoff mit einfltig seligem Gesichtsausdruck: nach den paar Worten, die Marie ber das Kind gesagt hatte, war er geradezu erstrahlt. Ach, was ist denn das fr eine groe Freude! lachte Arina Prochorowna, die geschftig im Zimmer hin und her ging. Das Geheimnis, da es ein neues Wesen auf der Welt gibt; das groe und unerklrliche Geheimnis, Arina Prochorowna -- wie schade, da Sie das nicht verstehen! Schatoff sprach wirr, wie benommen und verzckt. Als ob irgend etwas in seinem Kopfe hin und her wogte und sich von selbst, ohne seinen Willen, aus seiner Seele ergo. Es waren zwei, und pltzlich ist ein dritter Mensch, ein neuer Geist, ein ganzer, in sich vollendeter, wie ihn Menschenhand nimmer erschaffen kann; ein neuer Gedanke und eine neue Liebe ... sogar unheimlich ... Und es gibt nichts Hheres auf der Welt! Der redet was zusammen! Das ist doch einfach die Weiterentwicklung des Organismus und nichts anderes, nichts von Geheimnissen, sagte Arina Prochorowna wieder mit aufrichtig heiterem Lachen. So wre ja jede Fliege ein Geheimnis. Nur sehen Sie: berflssige Menschen sollten lieber nicht geboren werden. Schmiedet erst alles so um, da sie nicht mehr berflssig sind, dann knnt ihr sie gebren. Denn sonst -- da mu man ihn nun bermorgen in die Findelanstalt schleppen ... brigens, so mu es auch sein. Niemals werde ich ihn von mir fort in eine Anstalt geben! sagte Schatoff, den Blick zu Boden gesenkt, mit fester Stimme. Sie adoptieren ihn? Er _ist_ mein Sohn. Natrlich, er heit Schatoff, nach dem Gesetz ist er ein Schatoff, und Sie haben keine Ursache, sich als Wohltter des Menschengeschlechts aufzuspielen. Ohne Phrasen geht's ja nicht. Nun, nun, schon gut, nur noch eines, meine Herrschaften, schlo sie endlich, sich bereits ankleidend, ich mu nmlich jetzt gehen. Ich werde am Vormittag wiederkommen und auch am Abend, falls es ntig sein sollte; jetzt aber mu ich, da hier alles so glcklich berstanden ist, zu meinen anderen Patientinnen, die warten schon lange auf mich. Sie haben dort irgendwo eine Alte ... Aber Alte hin, Alte her, deshalb knnen auch Sie sich immer noch ntzlich machen. Da Sie sie mir nicht allein lassen! -- setzen Sie sich als liebes Mnnchen an ihr Bett -- Marja Ignatjewna wird Sie, glaub' ich, jetzt nicht mehr fortjagen ... nun, nun, ich scherze ja nur ... Bei der Pforte, die Schatoff fr sie aufschlo, sagte sie noch zu ihm: Sie haben mich fr mein ganzes Leben erheitert! Geld nehme ich von Ihnen nicht, werd' noch im Schlaf lachen mssen. Komischeres als Sie in dieser Nacht, habe ich in meinem Leben noch nicht gesehn. Sie ging vollkommen zufrieden fort. Nach Schatoffs Aussehen und allen seinen Worten war es fr sie klar wie das Sonnenlicht, da dieser Mensch sich jetzt in die Rolle des Vaters einfhlen wird und der letzte Lappen ist, -- ans Denunzieren also berhaupt nicht denken werde. So eilte sie denn, obgleich die Wohnung einer Patientin am Wege lag, zuerst nach Haus, um diese Beobachtungen ihrem Mann zur Beruhigung mitzuteilen. Marie, sie hat dir gesagt, da du nicht gleich schlafen sollst, wenn das auch, frchte ich, sehr schwer ist ... begann Schatoff schchtern. Ich werde mich hier ans Fenster setzen und auf dich acht geben, nicht? Und er setzte sich hinter dem Diwan ans Fenster, doch so, da sie ihn auf keine Weise sehen konnte. Aber es verging nicht eine Minute, da rief sie ihn schon wieder und bat gereizt, ihr das Kissen zurechtzurcken. Er versuchte es vorsichtig. Sie sah bse zur Wand. Nicht so, ach, nicht so ... Was fr ungeschickte Hnde! Schatoff bemhte sich, es besser zu machen. Beugen Sie sich zu mir, sagte sie pltzlich und gab sich die grte Mhe, ihn nicht anzusehen. Er zuckte erschrocken zusammen, doch beugte er sich gehorsam zu ihr nieder. Noch ... nicht so ... nher, und pltzlich umschlang ihr linker Arm ungestm seinen Hals und er fhlte ihren starken, feuchten Ku auf seiner Stirn. Marie! Ihre Lippen bebten, sie bezwang sich sichtlich, doch pltzlich richtete sie sich halb auf und sagte mit blitzenden Augen: Nicolai Stawrogin ist ein Lump! Und kraftlos, als ob ihr pltzlich alle Sttzen entzogen worden wren, fiel sie, hysterisch aufschluchzend, mit dem Gesicht auf das Kissen und drckte fest, fest Schatoffs Hand in ihren glhenden Hnden. Von diesem Augenblick an lie sie ihn nicht mehr von sich, und wollte unbedingt, unbedingt, da er an ihrem Bett sitzen blieb. Sprechen konnte sie nur wenig, aber sie sah ihn an und lchelte ihm zu wie eine Glckselige. Sie schien pltzlich ganz unklug, eine ganze Trin geworden zu sein. Alles war jetzt gleichsam verwandelt. Schatoff weinte bald wie ein kleiner Knabe, bald sprach er Gott wei wovon, sprach wild, wie benommen, begeistert; er kte ihre Hnde, und sie hrte ihm wie berauscht zu, vielleicht ohne zu verstehen, was er sprach, streichelte liebkosend mit ihrer geschwchten Hand sein Haar und schien sich an ihm nicht satt sehen zu knnen. Er erzhlte ihr von Kirilloff, erzhlte davon, da sie beide jetzt von neuem und auf ewig zu leben beginnen wrden, sprach von Gott und davon, da alle Menschen gut seien ... Und in der Begeisterung holten sie dann wieder das Kindchen hervor, um es von neuem zu betrachten. Marie, rief er, als er das Kindchen in den Armen hielt, nun hat das ein Ende, das mit den alten Qulereien und der ganzen veralteten Schmach! Wollen wir uns jetzt auf den neuen Weg durcharbeiten, wir drei zusammen, ja, ja! ... Ach so: wie werden wir ihn denn nennen, Marie? Ihn? Wie wir ihn nennen werden? fragte sie verwundert, und pltzlich drckte sich in ihrem Gesicht ein unsagbarer Schmerz aus. Sie erhob die Hnde, blickte Schatoff vorwurfsvoll an und warf sich dann aufschluchzend mit dem Gesicht auf das Kissen. Marie, was hast du? rief er malos erschrocken. Und Sie konnten ... konnten ... Oh, Sie Undankbarer! Marie vergib, Marie ... Ich habe ja nur gefragt, wie wir ihn nennen sollen. Ich wei nicht ... Iwan! Iwan! rief sie, ihr glhendes, trnenberstrmtes Gesicht wieder erhebend. Haben Sie denn wirklich an irgendeinen anderen _furchtbaren_ Namen denken knnen!? Marie, um Gottes willen, beruhige dich! Oh, wie du nervs bist! Eine neue Krnkung, da Sie das den Nerven zuschreiben! Ich knnte wetten; wenn ich gesagt htte, ihn ... mit jenem anderen schrecklichen Namen zu nennen, so wren Sie sofort einverstanden gewesen, htten es nicht einmal bemerkt! Oh, ihr Undankbaren, ihr Niedrigen, alle, alle! Nach einer Minute vershnten sie sich natrlich wieder. Schatoff beredete sie schlielich, einzuschlafen. Sie tat es denn auch, doch gab sie seine Hand auch jetzt noch nicht frei, wachte oft auf und blickte ihn an, ganz als htte sie gefrchtet, er knnte fortgegangen sein, bis sie dann von neuem einschlief. Kirilloff schickte die Alte, um zu gratulieren, und sandte zugleich heien Tee, heie, selbstgebratene Koteletts und Bouillon mit Weibrot fr Marja Ignatjewna. Die Kranke trank gierig die Bouillon aus und zwang auch Schatoff, von den Koteletts zu essen, worauf die Alte das Kind von neuem einwickelte. Die Zeit verging. Schatoff schlief endlich gleichfalls ein, mit dem Kopf auf ihr Kissen gebeugt, todmde. So fand sie Arina Prochorowna, die richtig ihr Wort hielt und wiederkam. Lachend weckte sie die beiden auf, sprach mit Marie ber das Ntige, besah das Kindchen und verbot Schatoff wieder strengstens, die Kranke zu verlassen. Darauf ging sie, nach einem Witz ber das Ehepaar, in dem etwas Verachtung und Hochmut lag, ebenso befriedigt fort, wie am Morgen. Es war schon dunkel, als Schatoff erwachte. Er zndete schnell das Licht an und lief nach der Alten. Gerade als er aus dem Zimmer trat, hrte er unten auf der Treppe die leisen, vorsichtigen Schritte eines Menschen, der herauf stieg. Er blieb erschrocken stehen. Es war Erkel. Nicht weiter! flsterte ihm Schatoff zu, erfate hastig seine Hand und zog ihn mit sich nach unten zur Hofpforte. Warten Sie hier, ich komme gleich, ich hatte Sie ganz und gar vergessen! Er beeilte sich dermaen, da er nicht mal zu Kirilloff ging, sondern nur die Alte herausrief. Marie geriet in Verzweiflung darber, da er auch nur daran denken konnte, sie allein zu lassen! Dafr ist es der allerletzte Schritt! rief er begeistert. Dann kommt der neue Weg, und niemals, niemals mehr werden wir an den alten Schrecken zurckdenken! Es gelang ihm schlielich, sie irgendwie zu beruhigen. Er versprach ausdrcklich, um neun Uhr wieder zurck zu sein. Darauf kte er sie fest, kte das Kindchen und lief dann schnell nach unten zu Erkel. Sie begaben sich nach Skworeschniki in den Stawroginschen Park, wo Schatoff vor anderthalb Jahren an einer einsamen Stelle am Rande des Parkes, dort, wo schon der alte Kiefernwald begann, die ihm anvertraute Druckmaschine vergraben hatte. Es war ein wilder, abgelegener Ort, der weit vom Herrenhause lag. Von der Bogojawlenskschen Strae war er ungefhr eine Stunde entfernt. Sollen wir denn den ganzen Weg zu Fu gehen? Ich nehme eine Droschke. Ich mchte Sie sehr bitten, keine Droschke zu nehmen, entgegnete Erkel. Der Droschkenkutscher wre sonst auch ein Zeuge. Zum Henker! ... Nun, einerlei, nur beenden, beenden! Sie gingen sehr schnell. Erkel, Sie kleiner Knabe! rief Schatoff pltzlich und blieb stehen, sind Sie in Ihrem Leben schon einmal glcklich gewesen? Sie sind jetzt wohl sehr glcklich? fragte Erkel neugierig. Einundzwanzigstes Kapitel. Die mhevolle Nacht I. Wirginski beeilte sich im Laufe des Tages, zu allen Unsrigen zu laufen, um ihnen mitzuteilen, da Schatoff bestimmt nicht denunzieren werde, da jetzt seine Frau zu ihm zurckgekehrt und er Vater geworden sei, und da man, da man doch das Menschenherz kennt, unmglich irgendeine Gefahr von seiner Seite zu befrchten habe. Aber auer Erkel und Lmschin traf Wirginski zu seiner Verwunderung niemand zu Hause. Erkel hrte ihn schweigend an und sah ihm klar in die Augen. Auf die Frage aber: Werden Sie um sechs Uhr zu ihm gehen? antwortete er mit dem ungetrbtesten Lcheln, da er ganz selbstverstndlich zu ihm gehen werde. Lmschin lag, augenscheinlich wirklich krank, zu Bett und hatte sogar die Decke um den Kopf gewickelt. Als Wirginski eintrat, erschrak er entsetzlich, und als Wirginski zu sprechen begann, fing er zur Antwort pltzlich an wie verrckt unter der Decke mit Hnden und Fen abzuwinken, was wohl so viel bedeuten sollte, wie: man solle ihn doch nur ums Himmels willen damit verschonen! Wirginskis Ausfhrungen ber Schatoff lieen ihn aber doch aufhorchen. Die Nachricht, da Wirginski von den anderen niemanden angetroffen hatte, regte den Kleinen aus irgendeinem Grunde furchtbar auf, doch beunruhigte auch er wiederum Wirginski mit der Mitteilung von Fedjkas Tod (Liputin hatte ihm diese Neuigkeit gebracht), den er hastig und zusammenhanglos erzhlte. Auf die Frage aber, die Wirginski an ihn stellte: Soll man nun hingehen oder soll man nicht hingehen? begann er wieder mit Hnden und Fen unter der Decke abzuwinken, wobei er diesmal flehentlich hervorstie, er sei ja doch blo eine Nebenperson! Wei nichts, gar nichts! Und zum Schlu: Lassen Sie mich in Ru--u--uh! Bedrckt und erregt kehrte Wirginski wieder heim. Was ihn am meisten bedrckte, war vielleicht, da er seine Sorgen vor seiner Familie verbergen mute. Er hatte sich so daran gewhnt, seiner Frau alles mitzuteilen, da er Geheimnisse kaum mehr ertragen konnte, und wenn jetzt nicht pltzlich ein neuer Gedanke, ein gewisser friedenstiftender Plan in ihm aufgetaucht wre, so htte er sich wohl auch wie Lmschin vor Seelenangst zu Bett legen mssen. Aber dieser neue Plan strkte ihn allmhlich und zum Schlu glaubte er sogar so fest an die Mglichkeit, ihn verwirklichen zu knnen, da er der Dmmerung fast mit Ungeduld entgegensah und schon frher als verabredet zum Treffpunkt aufbrach. Es war das ein sehr finsterer Ort am Rande des Parkes von Skworeschniki. Ich bin spter hingegangen, um mir die Stelle genau anzusehen: wie mu es ihnen dort unheimlich gewesen sein, an jenem rauhen, dunklen Herbstabend ... Es war so dunkel unter den Bumen, da man auf zwei Schritte den anderen nicht mehr sehen konnte, doch Pjotr Stepanowitsch, Liputin und spter auch Erkel brachten Laternen mit. Ich wei nicht, von wem und zu welchem Zweck hier irgendeinmal vor langer Zeit aus groen unbehauenen Steinen eine Grotte erbaut worden war. Der Tisch und die Bnke waren jetzt schon lngst verfault und auseinander gefallen. Ungefhr zweihundert Schritte rechts von dieser Grotte endete der dritte Teich des Parks. Diese drei Teiche zogen sich, vom Herrenhause an, ber eine Werst weit einer hinter dem anderen durch den ganzen Park. Es war schwer anzunehmen, da man irgendein Gerusch, Geschrei oder selbst einen Schu im Stawroginschen Herrenhause hren wrde. Da Nicolai Wszewolodowitsch am Tage vorher fortgefahren und Alexei Jegorowitsch wieder in die Stadtwohnung zurckgekehrt war, so durften im Herrenhause nicht mehr als fnf oder sechs Dienstboten verblieben sein, lauter mehr oder weniger sozusagen invalide Leute. Jedenfalls konnte man annehmen, wenigstens mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit, da selbst in dem Falle, da jemand von ihnen Schreie hrte, er sich doch nicht von der warmen Ofenbank erheben wrde. Zwanzig Minuten nach sechs hatten sich schon alle -- auer Erkel, der mit Schatoff kommen sollte -- an der bezeichneten Stelle eingefunden. Pjotr Stepanowitsch kam diesmal nicht zu spt: er erschien zusammen mit Tolkatschenko, der finster und besorgt aussah und dessen ganze vorgespiegelte, frech-prahlerische Entschlossenheit verschwunden war. Tolkatschenko verlie Pjotr Stepanowitsch heute fast nicht auf einen Schritt, war ihm pltzlich, wie es schien, unermelich zugetan und flsterte ihm jeden Augenblick geschftig irgend etwas zu; dieser antwortete ihm meist berhaupt nicht oder brummte gergert nur ein paar Worte, um ihn loszuwerden. Schigaleff und Wirginski waren sogar ein wenig frher eingetroffen als Pjotr Stepanowitsch. Als er erschien, traten sie sofort ein wenig zur Seite, in tiefem und offenbar absichtlichem Schweigen. Pjotr Stepanowitsch erhob die Laterne und betrachtete sie ungeniert mit beleidigender Aufmerksamkeit. Die wollen wieder reden, zuckte es ihm durch den Kopf. Lmschin ist nicht gekommen? fragte er Wirginski. Wer hat es gesagt, da er krank ist? Ich bin hier, meldete sich Lmschin, pltzlich hinter einem Baum hervortretend. Er war in einem warmen Paletot und dazu noch in ein groes Plaid fest eingewickelt, so da man ihn sogar mit der Laterne nur schwer in dieser Umhllung erkennen konnte. Also fehlt nur noch Liputin? Da trat Liputin schweigend aus der Grotte. Pjotr Stepanowitsch erhob wieder die Laterne. Warum haben Sie sich dorthin verkrochen, warum kamen Sie nicht gleich heraus? Ich nehme an, da wir alle das Recht der Freiheit bewahren ... unserer Bewegungen ... erwiderte Liputin, wahrscheinlich, ohne selbst recht zu wissen, was er eigentlich sagen wollte. Meine Herren! Pjotr Stepanowitsch erhob die Stimme -- gab somit zum erstenmal den Flsterton auf, was einen gewissen Eindruck machte: Sie verstehen, hoffe ich, da wir hier nichts mehr breitzutreten brauchen. Gestern ist alles gesagt und durchgekaut worden, klar und bestimmt. Aber vielleicht will doch noch jemand, wie ich nach dem Ausdruck der Gesichter vermute, irgend etwas sagen? In dem Fall bitte ich, sich zu beeilen! Hol's der Teufel, wir haben wenig Zeit und Erkel kann ihn jeden Augenblick bringen ... Er wird ihn unbedingt mitbringen, bemerkte aus einem unbekannten Grunde Tolkatschenko. Wenn ich mich nicht irre, so mu er zuerst die Druckmaschine abliefern? erkundigte sich Liputin, wiederum gleichsam, als ob er selbst nicht wute, wozu er das eigentlich fragte. Selbstverstndlich, wozu denn Sachen verlieren! Pjotr Stepanowitsch erhob wieder die Laterne und beleuchtete Liputins Gesicht. Aber wir sind doch gestern bereingekommen, da man sie nicht wortwrtlich in Empfang zu nehmen braucht. Er soll Ihnen nur die Stelle zeigen, wo sie hier vergraben ist, spter knnen wir sie dann selbst herausgraben. Ich wei, da sie hier irgendwo zehn Schritt von irgendeiner Ecke der Grotte liegt ... Aber zum Teufel, Liputin, wie haben Sie das nur vergessen knnen!? Es war doch abgemacht, da Sie ihn allein treffen und wir erst spter hervortreten ... Sonderbar, da Sie noch fragen, -- oder taten Sie es blo so? Liputin schwieg mit finsterem Gesicht. Alle schwiegen. Der Wind schaukelte die Wipfel der alten Kiefern. Ich hoffe, meine Herren, da ein jeder seine Pflicht tun wird, sagte Pjotr Stepanowitsch, der die Geduld verlor, sichtlich gereizt. Ich wei, da Schatoffs Frau zu ihm zurckgekehrt ist und heute Nacht ein Kind geboren hat, begann pltzlich Wirginski aufgeregt, gestikulierend und sich so berstrzend, da er kaum die Worte hervorzubringen vermochte. Und da man doch das Menschenherz kennt ... knnen wir sicher sein, da er jetzt nicht denunzieren wird ... er ist jetzt glcklich ... Ich war heute schon bei allen, fand aber niemanden zu Hause ... Ich meine, da jetzt vielleicht nichts mehr zu befrchten ist ... -- Er brach ab vor Atemlosigkeit. Wenn Sie, Herr Wirginski, pltzlich glcklich geworden wren, -- Pjotr Stepanowitsch trat auf ihn zu, wrden Sie dann etwas aufschieben, was Sie sich vorgenommen haben, nicht eine Anzeige, davon kann hier natrlich nicht die Rede sein, -- aber irgendeine gewagte, brgerliche Tat, die Sie schon vor Ihrem Glck beschlossen haben und die auszufhren Sie fr Ihre Pflicht und Schuldigkeit halten, trotz der Gefahr fr Sie und der Mglichkeit, Ihr Glck zu verlieren? Nein, ich wrde es nicht aufschieben! Auf keinen Fall wrde ich es aufschieben! beteuerte Wirginski mit einem ganz eigentmlich tlpelhaften bereifer und wieder ganz in Bewegung. Sie wrden lieber wieder unglcklich sein wollen, als die Tat nicht ausfhren -- und sich fr einen Lump halten, nicht wahr? Ja, ja ... Ich wrde sogar ganz im Gegenteil ... wrde sogar ein ganzer Lump sein wollen ... Das heit, nein ... nicht so ... durchaus nicht ein Lump, sondern ... ich wollte sagen: im Gegenteil, lieber vollkommen unglcklich, als ein Lump ... Nun, so merken Sie sich, da Schatoff diese Anzeige fr seine brgerliche Heldentat hlt, fr eine Tat, die er seiner hchsten berzeugung schuldig ist. Und der Beweis: da er doch auch sich selbst damit in Gefahr begibt und der Regierung ausliefert, obschon man ihm fr die Anzeige natrlich manches verzeihen wird. So einer wird sein Vorhaben schon nie aufgeben. Den kann kein Glck besiegen: schon am nchsten Tage wrde er sich besinnen, sich Vorwrfe machen, hingehen und es tun. Auerdem kann ich kein besonderes Glck darin erblicken, da die Frau nach drei Jahren zu ihm zurckgekehrt ist, um Stawrogins Kind zu gebren. Aber es hat doch noch niemand seine Anzeige gesehen, sagte Schigaleff pltzlich und eindringlich. Die Anzeige habe _ich_ gesehen, rief Pjotr Stepanowitsch, sie ist fertig, und dieses mige Gerede ist furchtbar dumm, meine Herren! Ich aber, fuhr pltzlich Wirginski auf, ich protestiere ... ich protestiere aus aller Kraft ... Ich will ... Hren Sie, was ich will: ich will, da wir, wenn er kommt, ihm alle entgegengehen und ihn alle fragen: wenn es wahr ist, so soll er bereuen, und wenn er sein Ehrenwort gibt, so soll man ihn wieder freilassen. Auf jeden Fall aber -- Verhr, und das Urteil _nach_ dem Verhr! Und nicht, da wir uns alle verstecken und ihn dann berfallen. Auf ein Ehrenwort die ganze allgemeine Sache setzen! -- das ist schon die Hhe aller Dummheit! Hol's der Teufel, wie das dumm ist!! Und was ist das fr eine Rolle, die Sie im Augenblick der Gefahr spielen? Ich protestiere, ich protestiere, ich protestiere, wiederholte Wirginski immer wieder. Jedenfalls schreien Sie nicht so, wir knnen sonst das Signal nicht hren. Schatoff, meine Herren ... (Teufel noch eins, wie das jetzt dumm ist!) Ich habe Ihnen schon gesagt, da Schatoff Slawophile ist, das heit so viel, wie einer der dmmsten Menschen ... Aber brigens, zum Teufel, das ist schlielich gleichgltig! Sie bringen mich nur aus dem Konzept! ... Schatoff, meine Herren, war ein verbitterter Mensch, und da er immerhin noch zum Verband gehrte, ob er es wollte oder nicht, so hoffte ich bis zum letzten Augenblick, da die allgemeine Sache sich seiner noch einmal werde bedienen knnen -- und zwar gerade als eines verbitterten Menschen. Ich habe ihn gehegt und geschont, trotz der ausdrcklichsten Instruktionen ... Ich habe ihn noch hundertmal mehr geschont, als er es wert war! Er aber endete damit, da er seine Anzeige verfate, und nun -- hol's der Teufel, das ist ja zum Anspucken! ... Im brigen soll es jetzt nur jemand von Ihnen zu versuchen wagen, sich noch zurckzuziehen! Kein einziger von Ihnen hat das Recht, die gemeinsame Sache zu verlassen! Sie knnen ihn meinetwegen noch alle vorher abkssen, wenn Sie durchaus wollen, aber die allgemeine Sache auf ein Ehrenwort hin aufs Spiel zu setzen, dazu haben Sie nicht das Recht! So knnen nur Schweine handeln, oder solche, die von der Regierung bestochen sind! Wer ist denn hier von der Regierung bestochen? warf Liputin dazwischen. Sie vielleicht. Es wre schon besser, wenn Sie ganz den Mund hielten, Liputin. Sie sprechen ja nur so, nur aus Angewohnheit. Bestochen, meine Herren, sind alle diejenigen, die im Augenblick der Gefahr feig werden. Aus Angst findet sich immer ein Rpel, der in der letzten Minute hinluft und losschreit: >Ach, verzeihen Sie mir, und ich werde alle ausliefern!< Aber wissen Sie auch, meine Herren, da man Sie jetzt fr keine einzige Anzeige mehr begnadigen wird? Wenn man vielleicht auch Milderungsgrnde zulassen wrde -- nach Sibirien ginge es doch mit jedem von Ihnen! Abgesehen davon, da Sie auch einem gewissen anderen Richtschwert nicht entgehen wrden. Dieses andere Schwert aber ist etwas schrfer, als das der Regierung. Pjotr Stepanowitsch war so wtend, da er viel berflssiges sagte. Da trat Schigaleff fest drei Schritte auf ihn zu. Seit dem gestrigen Abend habe ich die Sache bedacht, begann er berzeugt und methodisch wie immer. (Ich glaube, selbst wenn die Erde sich in diesem Augenblick unter ihm aufgetan htte, auch dann wrde er weder den Ton, noch einen Ausdruck seiner Auseinandersetzung gendert haben.) Und nachdem ich die Sache bedacht, bin ich zu dem Schlu gekommen, da der beabsichtigte Mord nicht nur ein Verlust der kostbaren Zeit ist, die zu etwas weit Wesentlicherem und Nherliegendem verwandt werden knnte, sondern auerdem jenes verhngnisvolle Abweichen von der geraden Strae darstellt, das der Sache immer am meisten geschadet und ihren Erfolg auf Jahrzehnte hinausgeschoben hat, indem es die Sache dem Einflu leichtsinniger und vornehmlich politischer Menschen, statt reinen Sozialisten unterstellt hat. Ich bin einzig zu dem Zweck hergekommen, um gegen das beabsichtigte Vorhaben offen zu protestieren und dann -- mich von diesem Augenblick an, den Sie, ich wei nicht warum, den Augenblick der Gefahr nannten, zurckzuziehen. Ich gehe fort -- doch nicht aus Furcht vor der Gefahr oder aus besonderen Gefhlen zu Schatoff, den >abzukssen< ich absolut keine Lust habe, sondern einzig, weil diese Sache vom Anfang bis zum Ende buchstblich meinem Programm widerspricht. Eine Denunziation haben Sie von mir nicht zu frchten. Sie knnen ruhig sein -- ich werde Sie nicht anzeigen. Und damit wandte er sich und ging. Teufel, er geht ihnen entgegen und wird Schatoff warnen! rief Pjotr Stepanowitsch und ri seinen Revolver hervor. Man hrte das Knacken des Hahnes. Sie knnen berzeugt sein, wandte sich Schigaleff ruhig wieder zurck, da ich, wenn ich Schatoff unterwegs treffen sollte, ihn vielleicht noch gren werde, ihn warnen aber, das ist nicht meine Sache! Aber wissen Sie auch, mein Herr Fourier, da Ihnen das teuer zu stehen kommen kann? Ich bitte Sie, zu beachten, da ich kein Fourier bin. Dadurch, da Sie mich mit diesem slichen, apathischen Abstrahisten verwechseln, beweisen Sie nur, da Sie mein Manuskript, wenn es auch in Ihren Hnden gewesen ist, berhaupt nicht verstanden haben. In betreff Ihrer Rache aber sage ich Ihnen nur, da Sie ganz umsonst den Hahn gespannt haben, in diesem Augenblick ist das fr Sie durchaus unvorteilhaft. Wenn Sie mir aber fr morgen oder bermorgen drohen, so brchte Ihnen die Ausfhrung, auer unntzer Mhe, doch keinen Gewinn: mich wrden Sie zwar erschieen, frher oder spter aber wrden Sie doch zu meinem System kommen. Leben Sie wohl. In diesem Augenblick ertnte ungefhr zweihundert Schritte weit aus dem Park, von der Seite des Teiches her, ein heller Pfiff. Liputin antwortete, wie verabredet, sofort gleichfalls mit einem Pfiff -- er hatte sich zu diesem Zweck am Morgen eine Kinderpfeife aus gebranntem Ton fr eine Kopeke auf dem Markt erstanden, da er sich auf seinen ziemlich zahnlosen Mund nicht ganz verlassen konnte. Erkel hatte Schatoff schon vorher mitgeteilt, da er mit Liputin einen Pfiff austauschen werde. Beunruhigen Sie sich nicht, ich werde abseits von ihnen vorbergehen und sie werden mich gar nicht bemerken, sagte Schigaleff in eindringlichem Flsterton. Und er ging ohne Hast und ohne den Schritt zu beschleunigen, tatschlich durch den dunklen Park nach Haus. Heute ist es bis in die kleinsten Einzelheiten bekannt, wie diese schreckliche Tat geschah. Zuerst trat Liputin Erkel und Schatoff ein paar Schritte von der Grotte entgegen. Schatoff grte ihn nicht und gab ihm auch nicht die Hand, sondern sagte sofort eilig und laut: Wo ist denn hier die Anhhe? Haben Sie nicht noch eine Laterne? Frchten Sie sich nicht, hier ist so gut wie kein Mensch in der Nhe, wir knnten selbst mit Kanonen schieen, in Skworeschniki wrde es doch niemand hren. Das ist brigens hier, genau hier, genau auf dieser Stelle ... Und er stie mit dem Fu auf die Erde -- es war gerade zehn Schritt von der hinteren Ecke der Grotte zum Walde hin. In diesem Augenblick strzte sich, hinter einem Baum hervorlaufend, Tolkatschenko auf ihn, whrend Erkel ihn hinterrcks an den Ellenbogen packte und Liputin sich von vorne auf ihn warf. Die drei schlugen ihn sofort zu Boden und drckten ihn an die Erde. Da erst lief Pjotr Stepanowitsch mit dem Revolver herbei. Man sagt, Schatoff habe gerade noch Zeit gehabt, seinen Kopf zu ihm zu wenden und ihn zu erkennen. Drei Laternen erhellten die Szene. Schatoff stie pltzlich einen kurzen und verzweifelten Schrei aus; doch man lie ihm keine Zeit zum Schreien: Pjotr Stepanowitsch setzte ihm genau und sicher den Revolver mitten auf die Stirn, fest und senkrecht, und -- drckte den Hahn ab. Der Schu war, glaube ich, nicht sehr laut, wenigstens hat ihn in Skworeschniki niemand gehrt. Gehrt hat ihn natrlich Schigaleff, der erst einige dreiig Schritte gegangen war -- gehrt hatte er auch den Schrei, doch hat er sich nach seiner eigenen Aussage weder umgewandt, noch war er stehen geblieben. Der Tod trat fast augenblicklich ein. Die volle Geistesgegenwart -- doch Kaltbltigkeit wohl kaum -- behielt nur Pjotr Stepanowitsch. Er hockte sich hin und durchsuchte eilig, doch mit fester Hand, die Taschen des Toten. Geld fand sich nicht in ihnen (Marja Ignatjewnas Beutelchen war unter ihrem Kissen geblieben); nur ein paar nichtssagende Zettelchen zog er hervor: einen Kontorzettel, ein Notizblatt mit dem Titel irgendeines Buches und eine alte auslndische Gasthausrechnung, die sich wei Gott auf welche Weise zwei Jahre in Schatoffs Tasche erhalten hatte. Die Papiere steckte Pjotr Stepanowitsch zu sich, und als er pltzlich bemerkte, da alle die Leiche umstanden, sie ansahen und nichts taten, begann er wtend und unhflich zu schimpfen und sie anzutreiben. Tolkatschenko und Erkel liefen sogleich, sich nun wieder besinnend, in die Grotte und brachten zwei Steine, jeder an zwanzig Pfund schwer, die sie schon am Morgen vorbereitet, das heit, fest mit Schnren umbunden hatten. Da man verabredet hatte, die Leiche in den nchsten, den dritten Teich zu versenken, so muten ihr diese Steine an den Hals und die Beine gebunden werden. Pjotr Stepanowitsch band sie an: Erkel und Tolkatschenko reichten sie ihm nur hin. Erkel gab ihm seinen Stein zuerst, und whrend Pjotr Stepanowitsch ihn murrend und schimpfend an die Fe der Leiche band, hielt Tolkatschenko seinen schweren Stein diese ganze ziemlich lange Zeit ber senkrecht an den Schnren in der Luft, wobei er sich stark und fast wie ehrerbietig mit dem ganzen Oberkrper nach vorne beugte, um ihn ohne Zeitverlust sofort hinreichen zu knnen, und verfiel kein einziges Mal darauf, die schwere Last inzwischen auf die Erde zu stellen. Als dann endlich beide Steine angebunden waren und Pjotr Stepanowitsch sich erhob, um zunchst seinen Blick prfend ber die Gesichter der Anwesenden zu fhren -- da geschah pltzlich etwas ganz Sonderbares, etwas, das niemand erwartet hatte und das alle nicht wenig in Erstaunen setzte. Wie schon erwhnt, standen fast alle und taten nichts. Wirginski war, als die anderen sich auf Schatoff gestrzt hatten, wohl auch hinzugelaufen, doch hatte er weder geholfen, ihn zu halten, noch ihn berhaupt angerhrt. Lmschin aber war erst nach dem Schu unter den anderen aufgetaucht. Whrend der ganzen, vielleicht zehn Minuten whrenden Untersuchung der Taschen und Anbindung der Steine hatten sie dann alle gleichsam einen Teil ihres Bewutseins verloren. Sie standen um Pjotr Stepanowitsch herum und empfanden, statt Unruhe oder Erregung, zunchst nur so etwas wie Verwunderung. Liputin stand ganz vorn neben der Leiche. Wirginski, der sich hinter ihn gestellt hatte, sah ber Liputins Schulter mit einer sonderbaren und gewissermaen nebenschlichen Neugier auf die Leiche; ja er hob sich sogar auf die Fuspitzen, um besser sehen zu knnen. Lmschin aber versteckte sich hinter Wirginski und blickte nur zuweilen furchtsam hinter diesem hervor, worauf er sich dann sofort wieder versteckte. Als nun die Steine angebunden waren und Pjotr Stepanowitsch sich erhob, begann Wirginski auf einmal zu zittern, und pltzlich -- warf er die Arme hoch und rief traurig mit lauter Stimme: Das ist doch nicht das! nicht das! Nein, das ist doch gar nicht das! Er htte vielleicht noch etwas hinzugefgt zu seinem verspteten Ausruf, aber Lmschin lie ihm keine Zeit dazu: pltzlich packte er ihn hinterrcks und quetschte ihn mit aller Gewalt und schrie dabei ein ganz unmgliches Geschrei. Es gibt Augenblicke eines starken Schreckens, in denen der Mensch pltzlich wie nicht mit seiner eigenen Stimme aufschreit, sondern mit einer, die man nie an ihm gehrt hat und deren Vorhandensein in ihm man nie fr mglich gehalten htte, und das kann manchmal sogar recht unheimlich sein. Lmschin schrie nicht mit einer menschlichen, sondern mit einer gleichsam tierischen Stimme. Dabei prete er Wirginski krampfhaft von hinten zusammen, schrie ohne Unterla, schrie ohne Atem zu schpfen, schrie immer ein und denselben Ton, whrend ihm die Augen fast hervorquollen und der Mund unheimlich weit aufgerissen blieb; mit den Beinen aber strampelte er so zitterschnell, als ob er mit ihnen einen Trommelwirbel auf der Erde schlagen wollte. Wirginski erschrak dermaen, da er selbst sofort wie ein Wahnsinniger losschrie und sich in einer so grimmigen Wut, wie man sie von Wirginski nie im Leben erwartet htte, aus Lmschins Krallen zu befreien suchte, auf ihn, den er nur schwer fassen konnte, mit den Fusten nach hinten losschlug, ihn kniff und kratzte. Endlich gelang es Erkel, Lmschin von ihm loszureien. Doch kaum war Wirginski entsetzt gleich auf zehn Schritt von ihm fortgelaufen, da strzte sich Lmschin, der nun Pjotr Stepanowitsch erblickte, pltzlich mit neuem Geschrei auf diesen, stolperte jedoch ber die vor seinen Fen liegende Leiche und ri Pjotr Stepanowitsch im Fall mit sich zu Boden. Er umkrallte ihn aber so fest und drckte seinen Kopf so krampfhaft an dessen Brust, da weder Pjotr Stepanowitsch selbst, noch Tolkatschenko, noch Liputin ihn im ersten Augenblick losreien konnten. Pjotr Stepanowitsch schrie, schimpfte, schlug ihn mit den Fusten auf den Kopf, bis es ihm endlich gelang, sich irgendwie zu befreien; im Augenblick ri er seinen Revolver hervor -- doch Lmschin, den die anderen an den Armen hielten, fuhr fort zu schreien, trotz des auf ihn zielenden Revolvers, er schrie, schrie wie besessen! Bis schlielich Erkel, der schnell sein Taschentuch zusammengerollt hatte, ihm dieses gewandt in den aufgesperrten Mund steckte, so da der Schrei dann ganz von selbst pltzlich abbrach. Tolkatschenko band ihm sofort mit einem Stck der brig gebliebenen Schnur die Hnde auf dem Rcken zusammen. Das ist sehr sonderbar, sagte Pjotr Stepanowitsch und betrachtete in beunruhigter Verwunderung den Verrckten. Er war sichtlich betroffen. Ich hatte ihn ganz anders eingeschtzt, fgte er nachdenklich hinzu. Vorlufig bergab man ihn Erkel, denn man mute sich mit der Fortschaffung der Leiche beeilen: es war so viel geschrien worden, da es doch jemand gehrt haben konnte. Tolkatschenko und Pjotr Stepanowitsch nahmen die Laternen und hoben den Kopf des Toten, Liputin und Wirginski faten ihn an den Fen, und so wurde er dann getragen. Mit den beiden Steinen war die Last sehr schwer, die Entfernung aber betrug ber zweihundert Schritte. Der Strkste von ihnen war Tolkatschenko. Er gab wohl den Rat, gleichmig zu gehen, doch niemand hrte auf ihn, und so ging man denn, wie es gerade kam. Pjotr Stepanowitsch ging rechts und trug, ganz niedergebeugt, auf seiner Schulter den Kopf des Toten, wobei er noch mit der linken Hand den Stein von unten hielt. Da Tolkatschenko whrend der ganzen ersten Hlfte des Weges nicht darauf verfiel, den Stein gleichfalls zu sttzen, so schrie ihn Pjotr Stepanowitsch schlielich fluchend an. Der Schrei war kurz und seltsam in der Stille: schweigend trugen sie weiter, bis pltzlich, schon dicht am Teich, wieder Wirginski, der unter der Last ganz gebeugt ging und wie erschpft von ihrer Schwere, mit derselben lauten und weinenden Stimme ausrief: Das ist nicht das, nein, nein, das ist gar nicht das! Die Stelle, wo dieser dritte, ziemlich groe Teich aufhrt, zu dem man den Toten trug, war die einsamste und abgelegenste des ganzen Parks. Der Teich ist dort am Ufer vergrast. Sie stellten die Laternen nieder, schwenkten die Leiche hin und her und warfen sie ins Wasser. Ein dumpf-hohler Laut erscholl und klang lange nach. Pjotr Stepanowitsch erhob die Laterne und alle reckten neugierig die Hlse, um zu sehen, wie der Krper versank, aber es war schon nichts mehr zu sehen: die Leiche mit den beiden Steinen war sogleich versunken. Die dicken Wellenringe, die sich ber die Flche des Teiches ausbreiteten, vergingen schnell. Die Tat war vollbracht. Meine Herren, wandte sich Pjotr Stepanowitsch an alle, jetzt gehen wir auseinander. Zweifellos mssen Sie nunmehr jenen Stolz empfinden, der mit der Erfllung einer freien Pflicht verknpft ist. Sollten Sie vielleicht bedauerlicherweise fr solche Gefhle zu erregt sein, so werden Sie sie zweifellos morgen empfinden, wenn es schon eine Schande wre, sie nicht zu empfinden. Die unverzeihliche Erregung Lmschins will ich als eine Art Fieberdelirium auffassen, zumal er ja tatschlich seit dem Morgen krank sein soll. Ihnen aber, Wirginski, wird schon der erste Augenblick freien Nachdenkens beweisen, da man im Interesse der allgemeinen Sache unmglich auf ein Ehrenwort eingehen konnte, sondern einzig und allein so handeln mute, wie wir es getan haben. Die Zukunft wird Ihnen zeigen, da Schatoffs Anzeige schon fertig war. Ich bin bereit, auch Ihre Ausrufe zu vergessen. Eine Gefahr fr uns ist nicht vorhanden. Es wird niemandem einfallen, irgendeinen von Ihnen zu verdchtigen, vorausgesetzt natrlich, da Sie sich zu benehmen wissen. So hngt denn die Hauptsache ganz von Ihnen ab und von Ihrer berzeugung, richtig gehandelt zu haben, -- eine berzeugung, die, wie ich hoffe, sich schon morgen in Ihnen befestigen wird. Darum haben Sie sich ja auch -- unter anderem -- zu einer geschlossenen Organisation, zu einer freien Gesellschaft Gleichdenkender zusammengetan, um fr die allgemeine Sache im gegebenen Moment die Energie miteinander zu teilen, und, wenn es ntig ist, einer den anderen zu beobachten und immer auf dem Posten zu sein. Jeder von Ihnen ist zu einer hheren Rechenschaft verpflichtet. Sie sind berufen, ein altersschwaches und im Stillstand langsam zu stinken anfangendes Reich zu erneuern. Das sollen Sie stets zu Ihrer Aufmunterung vor Augen haben! Ihre ganze Aufgabe besteht vorlufig nur darin, darauf hinzuwirken, da alles zusammenstrzt: das Reich wie seine Moral. brigbleiben werden nur wir, die wir uns schon dazu vorausbestimmt und vorbereitet haben, die Macht in unsere Hnde zu nehmen. Die Klugen ziehen wir zu uns herber, und auf den Dummen reiten wir. Im brigen mu man die Generation neu erziehen, um sie der Freiheit wrdig zu machen. Noch viele Tausend Schatoffs stehen uns bevor. Wir organisieren uns, um die ganze Richtung in die Hand zu bekommen, da wre es dumm, alles, was mig daliegt und das Maul aufsperrt, nicht mitzunehmen. Ich begebe mich jetzt sofort zu Kirilloff und zum Morgen hin werde ich von ihm besagtes Dokument erhalten, in dem er vor dem Tode alles auf sich nimmt. Nichts kann wahrscheinlicher sein, als diese Kombination. Erstens stand er mit Schatoff auf feindschaftlichem Fue: sie haben zusammen in Amerika gelebt, also haben sie Zeit gehabt, sich zu berwerfen. Man wei, da Schatoff seine berzeugungen gendert hat; folglich ist ihre Feindschaft wegen dieser berzeugungen entstanden. Hinzu kme noch die Furcht vor einer Denunziation. Das wird auch alles so geschrieben werden. Zum Schlu wird noch erwhnt, da Fedjka in Kirilloffs Wohnung geschlafen hat. Das alles wird jeden Verdacht von Ihnen entfernen, denn es wird die Schafskpfe in eine ganz andere Richtung treiben. Morgen, meine Herren, werden wir uns nicht sehen: ich mu auf ganz kurze Zeit in den nchsten Kreis fahren. Aber bermorgen werden Sie meine Mitteilungen erhalten. Ich wrde Ihnen eigentlich raten, morgen zu Hause zu bleiben. Jetzt aber gehen wir alle je zwei zusammen auf verschiedenen Wegen zurck. Sie, Tolkatschenko, bitte ich, sich Lmschins anzunehmen und ihn nach Hause zu bringen. Sie knnen ihm alles auseinandersetzen und vor allen Dingen erklren, da er mit seinem Kleinmut in erster Linie sich selbst schadet. Ihrem Schwager, Schigaleff, Herr Wirginski, ganz wie auch Ihnen, will ich nicht mitrauen. Er wird nicht denunzieren. Es bleibt nur seine Handlung zu bedauern. brigens hat er ja noch nicht gesagt, da er aus dem Verbande austreten will. Das letzte Wort ist also noch nicht gesprochen. Doch jetzt schnell, meine Herren; wenn jene auch Schafskpfe sind, so kann doch Vorsicht immerhin nicht schaden ... Wirginski ging mit Erkel in die Stadt zurck. Letzterer trat noch, bevor er Lmschin Tolkatschenko berlie, mit diesem zu Pjotr Stepanowitsch und sagte, da Lmschin sich besonnen habe, bereue, um Verzeihung bitte und sogar selbst nicht mehr wisse, was eigentlich vorhin mit ihm geschehen war. Pjotr Stepanowitsch ging allein fort: er whlte den lngsten Weg, an der anderen Seite der Teiche, am Rande des Parkes entlang. Zu seiner Verwunderung holte ihn, als er schon die Hlfte des Weges zurckgelegt hatte, pltzlich Liputin atemlos ein. Pjotr Stepanowitsch, aber Lmschin wird doch denunzieren! Nein, er wird zur Besinnung kommen und sich sagen, da er dann als erster nach Sibirien ginge. Jetzt wird niemand mehr denunzieren. Auch Sie nicht. Aber Sie? Zweifellos werde ich Sie alle verschwinden lassen, sobald Sie sich nur einfallen lieen, etwas verraten zu wollen, und das wissen Sie. Aber Sie werden nicht denunzieren. Sind Sie mir deshalb zwei Werst nachgelaufen? Pjotr Stepanowitsch, Pjotr Stepanowitsch, aber wir werden uns doch vielleicht nie mehr sehen! Wie kommen Sie darauf? Sagen Sie mir nur eines! Nun, was denn? brigens wnsche ich, da Sie sich packen. Nur eine Antwort, aber da sie auch richtig ist: sind wir die einzige >Fnf< in der Welt, oder ist es wahr, da es einige Hundert solcher >Fnfer<-Gruppen gibt? Ich frage im hheren Sinne, Pjotr Stepanowitsch! Das sehe ich Ihrer Verfassung an. Aber wissen Sie auch, da Sie noch weit gefhrlicher sind, als Lmschin? Ich wei, ich wei, aber -- die Antwort, Ihre Antwort! Sie dummer Mensch! Jetzt knnte es Ihnen, denke ich, doch schon ganz gleichgltig sein, ob es eine oder tausend sind. Also _eine_! Ich wute es ja! rief Liputin. Ich habe es ja die ganze Zeit gewut, da es nur eine ist, bis jetzt, die ganze Zeit ... Und ohne eine andere Antwort abzuwarten, kehrte er um und verschwand schnell in der Dunkelheit. Pjotr Stepanowitsch wurde ein wenig nachdenklich. Nein, keiner wird denunzieren, murmelte er dann berzeugt vor sich hin, aber die >Fnf< mu eine Gruppe bleiben und gehorchen, oder ich werde sie ... Es ist doch ein Lumpenzeug, wirklich, dieses Volk! II. Werchowenski ging zuerst zu sich nach Hause und packte, ohne sich im geringsten zu beeilen, seinen Reisekoffer. Um sechs Uhr morgens ging der Schnellzug ab. Den Unsrigen hatte er zwar gesagt, er werde nur auf kurze Zeit in die nchste Kreisstadt fahren, aber, wie es sich spter herausstellen sollte, hatte er doch ganz andere Absichten. Als er mit dem Einpacken fertig war, bezahlte er seine Wirtin, die von ihm schon frher von seiner Abreise benachrichtigt worden war, und fuhr dann mit einer Droschke zu Erkel, der nicht weit vom Bahnhof wohnte. Und dann erst, nach ein Uhr nachts, begab er sich zu Kirilloff und benutzte wieder den geheimen Gang durch den Zaun. Pjotr Stepanowitschs Stimmung war furchtbar. Auer verschiedenen anderen, fr ihn sehr wichtigen Unannehmlichkeiten (er hatte noch immer nichts ber Stawrogin erfahren knnen) soll er noch im Laufe des Tages von irgendwoher (am wahrscheinlichsten wohl aus Petersburg) eine geheime Mitteilung erhalten haben, nach der ihm schon in nchster Zeit eine gewisse Gefahr drohte. Natrlich erzhlt man sich jetzt bei uns viele Geschichten und Einzelheiten ber diese ganze Zeit, doch wieviel mag davon wahr sein? Das Nhere werden wohl nur die wissen, die sich von Amts wegen mit der ganzen Angelegenheit haben beschftigen mssen. Ich fr mein Teil nehme denn auch nur nach meinen eigenen Erwgungen an, da Pjotr Stepanowitsch auer in unserer Stadt noch andere Verbindungen hat haben knnen, und in dem Fall ist es allerdings sehr leicht mglich, da man ihm jetzt auf der Spur war. Ja, ich bin sogar trotz des zynischen und schrecklichen Zweifels selbst in Liputin fest berzeugt, da Pjotr Stepanowitsch noch zwei, drei andere Fnfer-Gruppen gegrndet hatte, und da er in allen greren Stdten, wenn auch vielleicht nicht durchweg Fnfer-Gruppen hatte, so doch geheime Verbindungen und Beziehungen zu allen mglichen Menschen unterhielt. Nicht spter als drei Tage nach seiner Abreise erhielt unsere Stadtobrigkeit aus Petersburg denn auch tatschlich den Befehl, ihn zu verhaften: fr welche Vergehen, ob fr die bei uns begangenen oder andere -- das wei ich nicht. Dieser Befehl traf hier gerade noch zur richtigen Zeit ein, um den unheimlichen Eindruck und die Angst verstrken zu helfen, die pltzlich unsere immer noch so leichtsinnige Gesellschaft samt Polizei und Verwaltung ergriffen hatte, als mit einem Male die geheimnisvolle und schwerwiegende Ermordung des Studenten Schatoff, sowie die rtselhaften Umstnde, von denen sie begleitet war, bekannt wurden. Aber der Befehl selbst kam zu spt: Pjotr Stepanowitsch war schon unter fremdem Namen in Petersburg, von wo aus er dann schnell ber die Grenze entwischte. -- Doch ich greife vor. Als Werchowenski bei Kirilloff eintrat, sah er bse und zankschtig aus: es war, als ob er Kirilloff auer der Hauptsache noch ganz persnlich etwas antun, sich an ihm fr irgend etwas noch ganz besonders rchen wollte. Kirilloff war ber sein Erscheinen gleichsam erfreut; man sah, da er schon furchtbar lange und in krankhafter Ungeduld auf ihn gewartet hatte. Sein Gesicht war bleicher als gewhnlich, der Blick der dunklen Augen schwer und unbeweglich. Ich dachte, Sie kommen nicht, sagte er schwer von der Sofaecke aus, in der er brigens sitzen blieb, statt seinem Gast entgegenzugehen. Pjotr Stepanowitsch blieb vor ihm stehen und musterte zunchst, bevor er ein Wort sprach, prfend Kirilloffs Gesicht. Also alles in Ordnung und wir treten von unserem Vorhaben nicht zurck, das ist brav! sagte er mit beleidigend gnnerhaftem Lcheln. Nun, und da ich etwas spt gekommen bin, fgte er mit gemeiner Scherzhaftigkeit hinzu, darber htten Sie sich doch nicht zu beklagen: habe Ihnen doch somit drei Stunden geschenkt. Ich will von Ihnen gar keine berflssigen Stunden geschenkt haben, und du kannst mir berhaupt nichts schenken ... Dummkopf! Was? Pjotr Stepanowitsch fuhr schon auf, beherrschte sich aber sofort. Das ist mir mal eine Empfindlichkeit! Ach so, wir sind wohl erzrnt? fragte er scharf, mit demselben beleidigenden Hochmut. In so einem Augenblick ist Ruhe mehr am Platz. Am besten wre es aber, sich fr Kolumbus zu halten, und auf mich wie auf eine Maus, die einen berhaupt nicht beleidigen kann, herabzusehen. Das habe ich schon gestern anempfohlen. Ich will nicht auf dich wie auf eine Maus sehen. Was soll das, ein Kompliment? ... Hm, auch der Tee ist kalt -- also alles drunter und drber. Nein, das ist mir zu unzuverlssig. Ah! aber was sehe ich denn dort auf dem Fensterbrett? (er ging hin). Wahrhaftig -- ein Huhn mit Reis! ... Warum haben Sie mir das bis jetzt noch nicht angeboten? Wir befanden uns also in einer Gemtsverfassung, die sogar ein Huhn ... Ich habe gegessen, und das ist nicht Ihre Sache. Schweigen Sie! Oh, natrlich, und zudem ist das an sich ja auch ganz gleichgltig. Blo mir ist es jetzt nicht gleichgltig: denken Sie sich, ich habe heute so gut wie gar nicht zu Mittag gespeist und darum, wenn jetzt dieses Huhn, wie ich annehme, nicht mehr ntig ist, -- wie? Essen Sie, wenn Sie knnen. Ei, danke, und dann nachher noch Tee. Er setzte sich im Nu an den Tisch, am anderen Ende des Sofas, und machte sich mit ungewhnlicher Gier ans Essen; doch gleichzeitig beobachtete er jeden Augenblick sein Opfer. Kirilloff sah ihm mit bsem Widerwillen regungslos zu, wie auerstande, seinen Blick von ihm loszureien. Einstweilen, -- Pjotr Stepanowitsch sah pltzlich auf, fuhr aber fort zu essen -- wie wird es denn damit? Also, wir treten nicht zurck, wie? Und der Zettel? Ich habe in dieser Nacht festgestellt, da es mir einerlei ist. Werde schreiben. Die Proklamationen? Ja, auch die Proklamationen. brigens, ich werde Ihnen diktieren. Ihnen ist es doch ganz gleich. Knnte denn der Inhalt Sie in diesen Minuten wirklich noch beunruhigen? Das geht dich nichts an. Natrlich nicht. brigens ... im ganzen nur ein paar Zeilen: da Sie mit Schatoff die Proklamationen verbreitet haben, unter anderem, mit Hilfe Fedjkas, der sich hier in Ihrer Wohnung verborgen hat. Dieser letzte Punkt ber Fedjka und die Wohnung ist sehr wichtig, sogar der allerwichtigste. Sehen Sie, ich bin ganz aufrichtig zu Ihnen. Schatoff? Warum mit Schatoff? Auf keinen Fall schreibe ich von Schatoff. Das fehlte noch, was macht Ihnen denn das aus? Schaden knnen Sie ihm ja doch nicht mehr. Seine Frau ist zu ihm gekommen. Sie wachte auf und schickte zu mir fragen, wo er ist? Sie hat zu Ihnen geschickt, um zu erfahren, wo er ist? Hm ... das ist nicht ... Dann knnte sie ja wieder schicken ... Hren Sie, niemand darf erfahren, da ich hier bin ... Pjotr Stepanowitsch wurde unruhig. Sie wird nicht erfahren, schlft wieder. Bei ihr ist eine Frau, Arina Wirginskaja. Schn, schn, und ... wird es auch nicht hren, denke ich? Wissen Sie, wre es nicht besser, die Flurtr zu verriegeln? Wird nichts hren. Und wenn Schatoff kommt, verstecke ich Sie ins andere Zimmer. Schatoff wird nicht kommen; und Sie werden schreiben, da Sie sich mit ihm wegen Verrat und Denunziation berworfen haben ... heute Abend ... und die Ursache seines Todes sind. Er ist tot! stie Kirilloff aufspringend hervor. Heute um acht Uhr abends, oder richtiger, gestern um acht Uhr abends, denn jetzt ist es schon ein Uhr. Du hast ihn ermordet! ... Und ich habe das gestern vorausgewut! Wre auch was gewesen, das nicht vorauszusehen! Hier, sehen Sie, mit diesem Revolver! (Er zog seinen Revolver aus der Tasche, anscheinend nur um ihn zu zeigen, doch steckte er ihn nicht wieder zurck, sondern behielt ihn in der rechten Hand, wie in Bereitschaft.) Sie sind doch ein sonderbarer Mensch, Kirilloff, Sie wuten ja schon lngst, da es mit diesem dummen Menschen gerade ein solches Ende nehmen mute. Was ist denn hier noch vorauszusehen? Ich habe es Ihnen schon mehrmals frmlich in den Mund gelegt. Schatoff bereitete eine Anzeige vor: ich beobachtete ihn; man konnte ihn auf keine Weise so lassen. Ja, und auch Sie hatten doch den Auftrag, auf ihn aufzupassen: Sie haben mir doch selbst noch vor drei Wochen ... Schweig! Das hast du ihn dafr, da er dir in Genf ins Gesicht gespuckt hat! Auch dafr, und auch noch fr anderes. Fr vieles andere; brigens ohne jede Bosheit meinerseits. Warum da aufspringen? Wozu Posen annehmen? Oho! Also so sind wir! ... Er sprang auf und erhob seinen Revolver. Kirilloff hatte nmlich seinen Revolver, der schon seit dem Morgen geladen war, vom Fensterbrett genommen. Pjotr Stepanowitsch stellte sich in Positur und zielte auf Kirilloff. Der lachte bse auf. Gesteh nur, Schurke, du hast deinen Revolver blo darum genommen, da ich dich erschiee ... Aber ich werde dich nicht erschieen ... obgleich ... obgleich ... Und wieder erhob er seinen Revolver und zielte auf Pjotr Stepanowitsch, wie auerstande, auf das Vergngen zu verzichten: sich vorzustellen, wie das wre, wenn er Pjotr Stepanowitsch jetzt mit einem Schu niederstrecken wrde. Pjotr Stepanowitsch wartete immer noch in Positur, wartete bis zum letzten Augenblick, wartete mit gespanntem Hahn, wobei er doch riskierte, selbst eine Kugel in die Stirn zu bekommen: von diesem Maniak, wie er Kirilloff kurzweg nannte, war das zu erwarten. Aber der Maniak lie schlielich die Hand sinken, atemlos und zitternd und unfhig zu sprechen. Sie haben gespielt, nun und genug jetzt. Pjotr Stepanowitsch senkte gleichfalls seinen Revolver. Ich wute es ja, da Sie spielten. Nur, wissen Sie, Sie wagten doch viel: ich htte abdrcken knnen. Und er setzte sich ziemlich ruhig wieder auf das Sofa und go sich -- brigens doch mit ein wenig zitternder Hand -- Tee ein. Kirilloff legte den Revolver auf den Tisch und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. Ich werde nicht schreiben, da ich Schatoff gettet habe, und ... ich werde jetzt berhaupt nichts schreiben. Es wird keinen Zettel geben! Nicht? Nein. Welch eine Gemeinheit und was fr eine Dummheit! Pjotr Stepanowitsch wurde vor Wut ganz fahl im Gesicht. Aber ich habe ja schon so etwas geahnt. Wissen Sie auch, da ich mich nicht berrumpeln lasse! Aber, -- wie Sie wollen! Wenn ich Sie mit Gewalt zwingen knnte, so wrde ich es tun. Sie sind brigens ein Schurke, er verlor immer mehr seine Selbstbeherrschung, Sie haben sich damals von uns Geld geliehen und uns dafr Langes und Breites versprochen ... Nur werde ich Sie doch nicht ganz ohne Resultat verlassen, werde wenigstens sehen, wie Sie sich jetzt selbst die Kugel durch den Kopf jagen. Ich will, da du sofort gleich hinausgehst. Kirilloff blieb entschlossen vor ihm stehen. Nein, das tue ich auf keinen Fall, lehnte Pjotr Stepanowitsch ab und ergriff wieder seinen Revolver. Jetzt kann Ihnen ja aus Wut und Bosheit einfallen, alles aufzuschieben und morgen noch hinzugehen und zu denunzieren, um wieder Geld zu erhalten: dafr wird doch gut gezahlt. Hol' Sie der Teufel, solche Leutchen wie Sie sind zu allem fhig! Nur beunruhigen Sie sich nicht, ich habe alles vorgesehen: ich werde nicht vorher fortgehen, als bis ich Ihnen mit diesem Revolver gleichfalls den Schdel geffnet habe, wie dem Schufte Schatoff. Wenn Sie selbst zu feige werden und es aufschieben wollen! Hol' Sie der Teufel! Du willst wohl unbedingt auch mein Blut sehen? Nicht aus Bosheit will ich es. Begreifen Sie doch, da es mir persnlich ganz gleichgltig ist. Ich will es nur, um fr unsere Sache ruhig sein zu knnen. Da man sich auf einen Menschen nicht verlassen kann, sehen Sie doch selbst. Ich verstehe nichts davon, was Sie da ... -- ich meine, warum Sie sich umbringen wollen. Nicht ich habe diese Phantasie fr Sie ausgedacht, sondern Sie selbst, und mitgeteilt haben Sie Ihre Ideen zuerst nicht mir, sondern den anderen auslndischen Gliedern. Und vergessen Sie nicht, da niemand es aus Ihnen herausgezogen hat, es kannte Sie ja auch niemand, sondern Sie selbst sind gekommen und haben Ihre Gedanken mitgeteilt -- aus Sentimentalitt wahrscheinlich. Wer ist aber jetzt daran schuld, wenn damals daraufhin ein Plan fr gewisse Taten hier in der Stadt entworfen wurde, und die Hauptsache: mit Ihrer Einwilligung und auf Ihren Vorschlag hin (vergessen Sie das nicht: auf Ihren Vorschlag hin!). Schon deshalb denke ich, da Sie die Sache jetzt nicht mehr im Stiche lassen drfen. Sie haben sich so benommen, da Sie schon zu viel wissen. Wenn Sie nun Furcht bekommen haben und morgen hingehen, um zu denunzieren, wird das fr uns dann vorteilhaft sein, oder nicht, was meinen Sie? Nein, Sie haben sich verpflichtet, Sie haben Ihr Wort gegeben, haben Geld genommen. Das knnen Sie alles unmglich leugnen ... Pjotr Stepanowitsch ereiferte sich mchtig, aber Kirilloff hrte ihm schon lngst nicht mehr zu, sondern schritt wieder in Gedanken versunken auf und ab. Schatoff tut mir leid, sagte er endlich und blieb wieder vor Pjotr Stepanowitsch stehen. Aber mir tut er ja auch lei... -- Schweig, Schurke! brllte Kirilloff wild auf und machte eine furchtbare und unzweideutige Bewegung. Ich schlage dich tot! Nun, nun, nun, schon gut, ich habe gelogen, ich gebe selber zu, es tut mir um ihn nicht ein bichen leid; nun, schon gut! Pjotr Stepanowitsch war ngstlich aufgesprungen und hielt den Arm wie zum Schutz erhoben. Kirilloff wandte sich pltzlich still von ihm ab und begann von neuem durch das Zimmer zu schreiten. Ich werde es nicht aufschieben, gerade jetzt will ich mich umbringen: alle sind solche Schurken! Nun, das ist doch ein Gedanke! Selbstverstndlich sind alle Schurken, und da es einen anstndigen Menschen auf der Welt anekelt, so ... Dummkopf, ich bin ganz eben so ein Schurke wie du, wie alle, aber kein anstndiger. Ein anstndiger ist noch niemals nirgends gewesen. Na, endlich also erraten! Haben Sie denn wirklich bis jetzt noch nicht begriffen, Kirilloff, Sie mit Ihrem Verstande, da alle ein und dieselben sind, da es weder bessere noch schlechtere Menschen gibt, sondern nur klgere und dmmere, und da, wenn alle Schurken sind (was nebenbei bemerkt Unsinn ist), es folglich einen Nichtschurken auch gar nicht geben kann? Ah! Und du lachst wirklich nicht? fragte ihn Kirilloff mit einer gewissen Verwunderung. Du sprichst mit Eifer und einfach ... Haben denn auch solche wie du berzeugungen? Kirilloff, ich habe nie verstehen knnen, warum Sie sich tten wollen. Ich wei nur, da Sie es aus berzeugung ... aus fester berzeugung wollen. Aber wenn Sie das Bedrfnis fhlen, sich, wie man sagt, mitzuteilen, so stehe ich zu Ihrer Verfgung ... Nur mu man die Zeit im Auge behalten ... Wieviel ist die Uhr? Oho, punkt zwei, sagte Pjotr Stepanowitsch mit einem Blick auf seine Uhr, und er zndete sich eine Zigarette an. Ich glaube, ich werde doch noch mit ihm fertig, dachte er bei sich. Ich habe dir nichts zu sagen, brummte Kirilloff. Ich erinnere mich noch, da da irgend etwas von Gott dabei war ... Sie haben es mir doch einmal erklrt, oder sogar zweimal ... Wenn Sie sich erschieen, so werden Sie Gott, so war es doch, wenn ich mich nicht tusche? Ja, ich werde Gott. Pjotr Stepanowitsch lchelte nicht einmal, er wartete; Kirilloff blickte ihn fein an. Sie sind ein politischer Betrger und Intrigant, Sie wollen mich auf die Philosophie hinberleiten und in Begeisterung bringen, und eine Vershnung mit mir machen, um den rger zu vertreiben, und wenn ich mich vershne, dann den Brief erbitten, da ich Schatoff gettet habe. Pjotr Stepanowitsch antwortete fast mit natrlicher Offenherzigkeit. Nun, mag ich das auch gedacht haben. Nur -- ist Ihnen denn das in diesen letzten Augenblicken nicht ganz gleichgltig, Kirilloff? Worber zanken wir uns berhaupt, sagen Sie doch bitte selbst: Sie sind solch ein Mensch, und ich bin wieder solch ein Mensch, nun, und was liegt denn daran? Und beide noch dazu ... Schurken. Gut, meinetwegen auch Schurken. Sie wissen doch, da das nur Worte sind. Ich habe mein ganzes Leben nicht gewollt, da es nur Worte sind. Ich habe auch nur deswegen gelebt, weil ich das immer nicht wollte. Ich will auch jetzt jeden Tag, da es nicht nur Worte sind. Nun ja, ein jeder sucht, wo er es besser htte. Ein Fisch ... das heit, jeder sucht seinen Komfort ... in seiner Art; und das ist alles. Auerordentlich lange schon bekannt. Komfort, sagst du? Nun, lohnt es sich denn, sich um Worte zu streiten? Nein, du hast das gut gesagt: meinetwegen -- Komfort. Gott ist unentbehrlich und darum mu er sein. Nun, und wunderbar. Aber ich wei, da es ihn nicht gibt und nicht geben kann. Das ist schon richtiger. Begreifst du denn wirklich nicht, da ein Mensch mit zwei solchen Gedanken nicht leben bleiben darf? Sich also erschieen mu? Begreifst du denn wirklich nicht, da man sich nur allein deswegen erschieen kann? Du kannst es nicht begreifen, da solch ein Mensch sein kann, ein einziger Mensch von allen euren tausend Millionen, einer, der nicht will und nicht ertrgt. Ich verstehe nur, da Sie, wie's scheint, schwanken ... Das aber ist hchst gemein. Auch Stawrogin ist von der Idee verschlungen, sagte Kirilloff, die Bemerkung berhrend, und schritt finster durch das Zimmer. Wie? Pjotr Stepanowitsch spitzte die Ohren, von was fr einer Idee? Hat er Ihnen selbst irgend etwas gesagt? Nein, ich habe selbst erraten: Stawrogin, wenn er glaubt, so glaubt er nicht, da er glaubt. Wenn er aber nicht glaubt, so glaubt er nicht, da er nicht glaubt. Nun, Stawrogin hat noch etwas anderes, etwas Gescheiteres als das ... brummte Pjotr Stepanowitsch rgerlich, whrend er unruhig die neue Wendung des Gesprches verfolgte und den bleichen Kirilloff beobachtete. Zum Teufel, er wird sich nicht erschieen, dachte Pjotr Stepanowitsch. Habe es ja immer vorausgefhlt, das war bei ihm nur eine Gehirnspirale, die ganze Idee, und weiter nichts. Solch ein Lumpenpack, diese Kerls, wahrhaftig! Du bist der letzte, der bei mir ist: ich wrde nicht bse mit dir auseinandergehen wollen, sagte pltzlich Kirilloff. Pjotr Stepanowitsch antwortete nicht sofort. Wei der Teufel, was das nun wieder bedeutet! dachte er. Glauben Sie mir, Kirilloff, da ich nie etwas gegen Sie persnlich gehabt habe und immer ... Du bist ein Schurke und bist ein falscher Verstand. Aber ich bin ganz dasselbe wie du und erschiee mich, du aber bleibst lebendig. Sie wollen wohl sagen, da ich so niedrig sei, da ich am Leben bleiben will. Er war noch nicht ganz sicher, ob es vorteilhaft oder unvorteilhaft war, ein solches Gesprch jetzt weiterzufhren, und entschlo sich daher, sich den Umstnden anzupassen. Doch der Ton der berlegenheit und die unverhohlene Verachtung, die Kirilloff immer fr ihn hatte, reizten und rgerten ihn aus irgendeinem Grunde diesmal noch viel mehr, als sonst, -- vielleicht deshalb, weil Kirilloff, der schon in ungefhr einer Stunde sterben mute (das behielt Pjotr Stepanowitsch trotz allem fest im Auge) fr ihn bereits nur noch ein halber Mensch war, also jemand, dem man auf keine Weise mehr erlauben durfte, auch noch stolz und hochmtig zu sein. Sie wollen, wie's scheint, damit vor mir grotun, da Sie sich erschieen werden? Ich habe mich immer gewundert, da alle leben bleiben, sagte Kirilloff, der auch diese Bemerkung wieder berhrte. Hm! nehmen wir an, da das eine Idee ist, aber ... Du Affe, du stimmst zu, um mich zu besiegen. Schweig, du kannst nichts verstehen. Wenn es Gott nicht gibt, so bin ich Gott. Sehen Sie, diesen Punkt habe ich bei Ihnen nie begreifen knnen: warum sind Sie dann Gott? Wenn es Gott gibt, so ist aller Wille sein, und aus Seinem Willen kann ich nicht. Wenn nicht, so ist aller Wille mein und ich bin verpflichtet, Eigenwillen zu bezeugen. Eigenwillen? Und warum verpflichtet? Darum, weil aller Wille mein geworden ist. Wird denn wirklich kein einziger auf dem ganzen Planeten, nachdem er mit Gott ein Ende gemacht hat und nur an seinen Eigenwillen glaubt, es wagen, Eigenwillen zu beweisen, Eigenwillen gerade im Hauptpunkte? Das ist so, wie wenn ein Armer eine Erbschaft bekommt und erschrickt und nicht wagt, zum Geldsack zu gehen, weil er sich fr nicht stark genug hlt, zu besitzen. Ich will Eigenwillen beweisen. Und wenn auch nur ich, ein einzelner, aber ich tue es. Tun Sie's nur! Ich bin verpflichtet, mich zu erschieen, weil der vollste, hchste Punkt meines Eigenwillens ist -- mich selbst zu tten. Aber Sie sind doch nicht der einzige, der sich selbst ttet; es gibt viele Selbstmrder. Mit einer Ursache -- ja. Aber ganz ohne alle Ursache und nur fr Eigenwillen -- ich allein. Wird sich nicht erschieen, zuckte es wieder durch Pjotr Stepanowitschs Gedanken. Wissen Sie was, bemerkte er gergert, ich wrde an Ihrer Stelle, um Eigenwillen zu offenbaren, erst irgendeinen anderen, aber nicht mich selbst, umbringen. Knnten sich damit noch ntzlich machen. Ich werde Ihnen sagen wen, wenn Sie nicht erschrecken. Dann brauchen Sie sich meinetwegen heute auch noch nicht zu erschieen. Man knnte sich besprechen. Einen anderen tten wrde gleich der allerniedrigste Punkt meines Eigenwillens sein, und hierin bist du ganz enthalten. Ich bin nicht du: ich will den hchsten Punkt und tte mich. Glcklich mit eigenem Verstande darauf verfallen, brummte Pjotr Stepanowitsch boshaft. Ich bin verpflichtet, den Unglauben zu verknden, sprach Kirilloff weiter, durch das Zimmer schreitend. Fr mich ist nichts hher, als die Idee -- da es Gott nicht gibt. Die ganze Geschichte der Menschheit spricht fr mich. Der Mensch hat nichts anderes getan, als Gott sich ausdenken, um leben zu knnen, ohne sich totzuschlagen. Darin besteht die ganze Weltgeschichte bis auf den heutigen Tag. Ich allein in der ganzen Weltgeschichte habe zum erstenmal Gott mir nicht ausdenken wollen. Mag man das fr immer erfahren. Wird sich nicht erschieen, dachte Pjotr Stepanowitsch wieder beunruhigt. Wer soll es denn erfahren? versuchte er ihn zu hetzen. Hier sind nur Sie und ich! Liputin etwa? Alle sollen es erfahren; alle werden es erfahren ... Es gibt nichts in der Welt, was nicht einmal offenbar wird. Das hat _Er_ gesagt. Und er wies in fieberhaftem Entzcken auf das Bild des Heilandes, vor dem das Lmpchen brannte. Pjotr Stepanowitsch wurde endgltig wtend. An den also glauben Sie immer noch? Haben auch das Lmpchen angezndet! Tun Sie das vielleicht auch >auf alle FlleWahrlich, ich sage dir, heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.< Der Tag verging, beide starben, gingen hin und fanden weder Paradies noch Auferstehung. Die Worte bewahrheiteten sich nicht. Hre: dieser Mensch war der hchste auf der ganzen Welt, war das, wozu sie lebt. Der ganze Planet, mit allem, was auf ihm ist, ist ohne diesen Menschen -- nur ein Wahnsinn. Es war weder vor Ihm, noch nach Ihm einer seinesgleichen, niemals, sogar bis zum Wunder. Das ist eben das Wunder, da keiner vor ihm war noch nach ihm sein wird, niemals. Aber wenn dem so ist, wenn die Gesetze der Natur auch _Diesen_ nicht verschont haben, sogar ihr eigenes Wunder nicht verschont haben und auch _Ihn_ zwangen, mitten in Lge zu leben und fr Lge zu sterben, so ist folglich der ganze Planet Lge und beruht nur auf Lge und dummem Spott. Folglich sind die Gesetze selbst des Planeten -- Lge und des Teufels Bhnenstck. Wozu dann leben, antworte, wenn du ein Mensch bist? Das ist die Kehrseite. Mir scheint, Sie haben hier zwei verschiedene Ursachen vermischt; das ist aber sehr unzuverlssig. Doch erlauben Sie, wenn Sie nun Gott sind? Wenn die Lge zu Ende ist und Sie erraten haben, da die ganze Lge nur daher kam, da es den frheren Gott gab? Endlich hast du es verstanden! rief Kirilloff begeistert. Also kann man es doch verstehen, wenn sogar so einer wie du es verstanden hat! Verstehst du jetzt, da die ganze Errettung fr alle ist -- allen diesen Gedanken zu beweisen. Wer aber wird ihn beweisen? Ich! Ich verstehe nicht, wie bis jetzt ein Atheist wissen konnte, da es Gott nicht gibt, und sich doch nicht sofort selbst ttete? Erkennen, da es Gott nicht gibt und nicht im selben Augenblick mit eins erkennen, da man dadurch selbst Gott geworden ist -- ist eine Ungereimtheit, denn anderenfalls wrde man sich unbedingt selbst tten. Wenn du erkenntest -- so bist du Zar, und du brauchst dich nicht mehr selbst zu tten, sondern wirst in der allergrten Herrlichkeit leben. Aber einer, der erste, der das erkennt, der mu sich unbedingt selbst tten, denn wer wird sonst beginnen und beweisen? Also tte ich mich selbst, unfehlbar, um zu beginnen und zu beweisen. Ich bin erst noch gezwungenermaen Gott und bin unglcklich, denn ich bin _verpflichtet_, Eigenwillen zu bezeugen. Alle sind unglcklich, denn alle frchten sich, Eigenwillen zu zeigen. Eben deshalb ist der Mensch bis jetzt so unglcklich und arm gewesen, weil er sich frchtete, den Hauptpunkt, den Kern des Eigenwillens durchzusetzen, und weil er nur so drumherum, am Rande ein wenig Eigenwillen oder Mutwillen trieb wie ein Schuljunge. Ich bin schrecklich unglcklich, denn ich habe schreckliche Angst. Die Angst ist der Fluch des Menschen ... Aber ich werde Eigenwillen offenbaren, ich bin verpflichtet, fest daran zu glauben, da ich nicht glaube. Ich werde beginnen und werde beenden, und werde das Tor ffnen. Und retten. Nur dieses allein wird alle Menschen retten und schon in der nchsten Generation physisch verndern. Denn in der jetzigen krperlichen Form kann, so viel ich glaube, der Mensch ohne den frheren Gott nicht sein. Ich habe drei Jahre das Attribut meiner Gottheit gesucht und habe es schlielich gefunden: das Attribut meiner Gottheit ist -- Eigenwille! Das ist alles, womit ich im Hauptpunkt meine Nichtunterwrfigkeit beweisen kann und meine neue furchtbare Freiheit. Denn sie ist malos furchtbar. Ich tte mich, um meine Nichtunterwrfigkeit zu beweisen und meine neue furchtbare Freiheit. Sein Gesicht war unnatrlich bleich, sein Blick unertrglich schwer. Er war wie im Fieber. Pjotr Stepanowitsch frchtete schon, er werde sogleich hinfallen. Gib die Feder! rief Kirilloff pltzlich ganz unerwartet in entschiedener Verzckung -- diktiere, ich unterschreibe alles. Auch, da ich Schatoff gettet, unterschreibe ich. Diktiere, solange es mir lachhaft ist! Ich frchte die Gedanken der anmaenden Sklaven nicht! Du wirst selbst sehen, da alles Geheimnisvolle offenbar werden wird. Du aber wirst zerdrckt werden ... Ich aber glaube! Ich glaube! Pjotr Stepanowitsch schnellte empor, gab ihm im Nu das Tintenfa und ein Blatt Papier und begann sofort zu diktieren, um den gnstigen Augenblick nicht zu verpassen, zitternd fr das Gelingen. Ich, Alexei Kirilloff, erklre ... Wart! So will ich nicht! Erklre wem? Kirilloff bebte wie im Fieber. Diese Erklrung und irgendein besonderer pltzlicher Gedanke in bezug auf diese Erklrung hatten ihn, wie es schien, ganz und gar verschlungen, als ob sie ein Ausweg wre, auf den sich, wenn auch nur auf einen Augenblick, sein mdgequlter Geist strzte. Erklre wem? Will wissen wem? Ach, niemandem, allen, dem ersten, der es liest! Wozu das bestimmen? Der ganzen Welt! Der ganzen Welt? Bravo! Und da keine Reue ntig ist! Ich will nicht bereuen. Und ich will auch nicht an die Obrigkeit! Aber nein doch, das ist ja auch gar nicht ntig, zum Teufel mit der Obrigkeit! Aber so schreiben Sie doch, wenn Sie ernstlich! ... schrie Pjotr Stepanowitsch in hysterischer Nervositt ihn an. Wart! Ich will erst eine Fratze mit herausgestreckter Zunge malen. Ach was, Unsinn! Teufel, das kann man auch ohne Malerei ausdrcken, einfach mit dem Ton. Mit dem Ton? Das ist gut. Ja, mit dem Ton, mit dem Ton! Diktier mir mit dem Ton! Ich, Alexei Kirilloff, diktierte fest und befehlend Pjotr Stepanowitsch, ber die Schulter Kirilloffs gebeugt und jeden Buchstaben, den dieser mit seiner zitternden Hand schrieb, mit den Augen verfolgend, -- ich, Kirilloff, erklre, da ich heute, am ...sten Oktober, am Abend um acht Uhr, den Studenten Schatoff im Park gettet habe und zwar fr Verrat und Anzeige der Proklamationen, sowie Fedjkas, der bei uns beiden im Filippoffschen Hause zehn Tage gewohnt und genchtigt hat. Ich erschiee mich aber heute mit einem Revolver nicht deswegen, weil ich bereue und euch frchte, sondern weil ich schon im Auslande die Absicht hatte, mir das Leben zu nehmen. Und das ist alles? fragte erstaunt und unwillig Kirilloff. Kein Wort mehr! sagte Pjotr Stepanowitsch, mit der Hand abwinkend, und suchte ihm das Papier zu entreien. Wart! rief Kirilloff und legte fest seine Hand auf das Blatt. Wart, Unsinn! Will noch sagen, mit wem ich erschlagen habe. Warum Fedjka? Und die Brandstiftung? Ich will alles und will sie noch ausschimpfen mit dem Ton, mit dem Ton! Genug, Kirilloff, ich versichere Ihnen, das ist vollkommen genug! flehte Pjotr Stepanowitsch geradezu, denn er zitterte vor Angst, da Kirilloff das Papier vielleicht wieder zerreien werde. Damit die es glauben, mu es so dunkel wie mglich sein, nur mit Andeutungen, gerade so! Man mu nur ein Eckchen der Wahrheit zeigen, nur soviel, um sie irrezufhren. Die werden sich schon selbst weit mehr vorlgen, als wir es knnten, und sich selbst werden sie natrlich mehr glauben als uns -- und das ist doch gerade das Beste, das Allerbeste! Geben Sie her, es ist wundervoll so. Geben Sie! Geben Sie! Und er bemhte sich immer noch, ihm das Papier zu entwenden, es ihm unter der Hand wegzuziehen. Kirilloff hatte die Augen weit aufgerissen, hrte wohl auch zu und schien sogar begreifen zu wollen, doch hatte er wahrscheinlich schon aufgehrt, zu verstehen. Teufel! entfuhr es pltzlich wtend Pjotr Stepanowitsch. Er hat ja noch gar nicht unterschrieben! Was starren Sie denn so, unterschreiben Sie doch! Ich will ausschimpfen ... murmelte Kirilloff, nahm aber doch gehorsam die Feder und schrieb seinen Namen. Ich will ausschimpfen ... Schreiben Sie meinetwegen: _Vive la rpublique_,{[199]} und damit dann genug. Bravo! schrie, brllte fast Kirilloff vor Entzcken auf. _Vive la rpublique dmocratique, sociale et universelle ou la mort!_ ... Nein, nein, nicht so. _Libert, egalit, fraternit ou la mort._{[200]} Das ist noch besser, noch besser, und er schrieb es mit sichtlichem Hochgenu unter seinen Namenszug. Genug jetzt, wirklich genug! wiederholte Pjotr Stepanowitsch. Wart, noch ein ... Ich, weit du, ich werde noch einmal auf franzsisch unterschreiben: >_de Kirilloff, gentil-homme russe et citoyen du monde_.<{[201]} Hahahahaha! lachte er auf. Nein, nein, nein, wart, habe es noch besser gefunden, am allerbesten, Heureka! -- >_gentil-homme-sminariste russe et citoyen du monde civilis_!<{[202]} Das ist am allerbesten ... -- -- -- und er sprang jh auf, ergriff pltzlich mit einer schnellen Bewegung seinen Revolver, strzte in das andere Zimmer und schlug die Tr fest hinter sich zu. Pjotr Stepanowitsch stand einen Augenblick nachdenklich da und sah gespannt auf die geschlossene Tr. Wenn sofort -- dann ist es mglich, da er abdrckt, fngt er aber an zu denken -- dann wird nichts geschehen. Vorlufig nahm er das Blatt in die Hand, setzte sich wieder und sah das Geschriebene noch einmal durch. Die Abfassung gefiel ihm wieder ungemein. Was fehlt uns jetzt! Es ist ja weiter nichts ntig, wie sie fr eine Zeitlang ganz aus der Fassung zu bringen und abzulenken. Park? In der Stadt gibt es keinen Park. Aber sie werden schon mit ihrem eigenen Verstande auf Skworeschniki verfallen. Bis sie aber darauf verfallen, vergeht Zeit, bis sie suchen -- wieder Zeit, und finden sie die Leiche -- so ist hier nur die Wahrheit geschrieben worden, folglich mu auch alles andere richtig sein, auch das von Fedjka. Was aber bedeutet Fedjka? Fedjka -- das ist der Brand, Fedjka, das sind Lebdkins: folglich ist alles aus dem Filippoffschen Hause gekommen, sie aber haben nichts davon gesehen, haben nichts durchschauen knnen, -- und gerade das wird sie schon vollends verwirren! Auf die Unsrigen aber werden sie berhaupt nicht verfallen. Es waren also Schatoff und Kirilloff und Fedjka und Lebdkin; warum sie aber einander totgeschlagen haben -- das ist dann fr die Leute noch so eine kleine Frage zum Zeitvertreib. Zum Teufel, wo bleibt denn der Schu! ... Pjotr Stepanowitsch hatte die ganze Zeit, wenn er auch las und sich ber die Abfassung freute, doch gleichzeitig jeden Augenblick mit qulender Unruhe gehorcht und -- pltzlich wurde er wtend. Erregt zog er die Uhr hervor: es war schon sehr spt; und Kirilloff mochte vor bereits zehn Minuten hinausgegangen sein ... Er ergriff das Licht und ging zur Tr des Nebenzimmers. An der Tr sah er pltzlich und kam es ihm zu Bewutsein, da auch das Licht schon heruntergebrannt war und vielleicht nach zwanzig Minuten auslschen werde, da ein anderes aber nicht vorhanden war. Vorsichtig umfate er mit der Hand die Klinke und horchte. Kein einziger Laut drang aus dem anderen Zimmer. Pltzlich ffnete er die Tr und erhob das Licht: da brllte etwas auf und strzte auf ihn zu. Hastig schlug er die Tr zu und stemmte sich mit aller Kraft gegen sie, aber schon war alles verstummt -- und wieder Totenstille. Lange stand er so in seiner Unentschlossenheit mit dem Licht in der Hand. In dem kurzen Augenblick, nach dem ffnen der Tr, hatte er nur sehr wenig sehen knnen, aber er erinnerte sich doch des Gesichts Kirilloffs, der am anderen Ende des Zimmers am Fenster gestanden hatte, und der tierischen Wut, mit der er zur Tr gestrzt war. Pltzlich regte sich etwas im Nebenzimmer. Pjotr Stepanowitsch stellte schnell das Licht auf den Tisch, ergriff seinen Revolver und sprang auf den Fuspitzen zur Seite in die entgegengesetzte Ecke, so da er, falls Kirilloff die Tr ffnete und auf den Tisch zuschritt, noch vor Kirilloff zielen und abdrcken konnte. Aber es blieb wieder alles ruhig. Da Kirilloff jetzt noch den Selbstmord begehen werde, daran glaubte Pjotr Stepanowitsch schon gar nicht mehr. Er stand offenbar und dachte, ging es ihm blitzartig durch den Kopf. Dazu noch ein dunkles, unheimliches Zimmer ... Er brllte auf und strzte zur Tr -- hier sind zwei Mglichkeiten: entweder strte ich ihn gerade in dem Augenblick, als er den Hahn abdrcken wollte, oder ... oder er stand und berlegte, wie er mich tten knnte. Ja, das wird's gewesen sein, er berlegte ... Er wei, da ich nicht vorher fortgehe, als bis er tot ist, da ich ihn tten werde, wenn er selbst dazu zu feige ist -- also mu er mich zuerst tten, damit nicht ich ihn tte ... Und wieder, wieder bleibt dort alles still! ... Einfach gruselig: pltzlich macht er die Tr auf ... Die Schweinerei ist ja blo, da er an Gott noch mehr glaubt als ein Pope ... Wird sich nicht erschieen, um keinen Preis! Oh ... Solche, wie er, die mit >eigenem Verstande so weit kommen<, vermehren sich ja jetzt ungeheuer. Lumpenpack! Teufel, das Licht, das Licht! In einer Viertelstunde ist es ausgebrannt, sptestens ... Mu Schlu machen, mu unbedingt, was es auch koste, Schlu machen ... Was, -- totschlagen kann man ihn ja jetzt ... Nach diesem Papier kann niemand denken, da ich ihn erschossen habe. Man kann ihn schon so auf die Diele legen und zurechtbiegen, mit abgeschossenem Revolver in der Hand, da man unbedingt glauben mu, er selbst ... Teufel, aber wie ihn nur erschieen? Wenn ich aufmache, wird er sich wieder auf mich strzen und noch vor mir abdrcken. Teufel, nein, er wird natrlich nicht treffen ... Immerhin ... So qulte er sich hin und her und ward immer unruhiger infolge der unumgnglichen Notwendigkeit der Tat einerseits und der eigenen Unentschlossenheit andererseits. Schlielich nahm er wieder den Leuchter und trat wieder leise zur Tr, wobei er den Revolver hob und den Hahn spannte, dann mit der linken Hand, in der er das Licht hielt, die Klinke zu ffnen versuchte -- aber es gelang nicht: das Schlo kreischte nur und ffnete sich nicht. Er wird sofort auf mich schieen! dachte Pjotr Stepanowitsch, ri die Tr auf und erhob Licht und Revolver ... Doch kein Schu ertnte ... Auch kein Schrei ... Im Zimmer war kein Mensch. Er fuhr zusammen. Einen anderen Ausgang hatte das Zimmer nicht, aus ihm zu entfliehen war unmglich. Er hob das Licht noch hher und blickte noch aufmerksamer hinein: nein, kein Mensch. Halblaut rief er einmal Kirilloff und dann zum zweitenmal lauter, aber niemand antwortete. Sollte er aus dem Fenster gesprungen sein? Tatschlich war das Luftfenster offen. Unsinn, durchs Luftfenster kann er doch nicht durch. Pjotr Stepanowitsch ging durch das ganze Zimmer zum Fenster. Unmglich konnte er hier durch! Pltzlich wandte er sich blitzschnell um und etwas Ungewhnliches erschtterte ihn. An der Wand, die dem Fenster gegenber lag, stand links von der Tr ein Schrank. An der linken Seite dieses Schrankes aber, in der Ecke zwischen der anderen Wand und dem Schrank, stand Kirilloff und stand furchtbar sonderbar, -- unbeweglich, stramm, die Hnde militrisch an den Nhten, den Kopf erhoben und mit dem Rcken fest an die Wand gepret ... Allem Anscheine nach wollte er sich verstecken, aber das war wiederum nicht glaubhaft. Pjotr Stepanowitsch stand ein wenig schrg zu der Ecke und sah nur die hervortretenden Teile der Gestalt. Er konnte sich aber noch nicht entschlieen, weiter nach links zu gehen und das Rtsel zu lsen. Sein Herz schlug laut. Und pltzlich erfate ihn eine rasende Wut: er ri sich von der Stelle, schrie auf und strzte trampelnd zu der furchtbaren Stelle. Doch wie er unmittelbar vor ihm stand, blieb er wie angewurzelt stehen, noch mehr von Entsetzen betubt. Vor allem frappierte es ihn, da die Gestalt sich trotz seines Schreies und wtenden Anlaufs nicht einmal bewegte, nicht einmal zuckte, auch nicht mit einem einzigen Gliede -- ganz, als ob sie versteint oder aus Wachs gewesen wre. Die Blsse des Gesichts war unnatrlich, die schwarzen Augen waren unbeweglich und sahen auf irgendeinen Punkt im leeren Raum. Pjotr Stepanowitsch fhrte das Licht von oben nach unten und wieder nach oben und sah aufmerksam dieses Gesicht an. Und pltzlich gewahrte er, da Kirilloff, wenn er auch geradeaus in die Luft blickte, ihn doch seitlich sah und womglich noch beobachtete. Da kam ihm der Gedanke, das Licht diesem Schurken an das Gesicht zu legen, es anzubrennen, um zu sehen, was er dann tun werde. Pltzlich aber schien es ihm, da Kirilloffs Kinn sich bewege und ber die Lippen ein Spottlcheln flimmere -- ganz als ob jener seinen Gedanken erraten htte. Er erbebte und auer sich vor Wut packte er Kirilloff an der Schulter. Da geschah aber etwas dermaen Unglaubliches, und geschah so schnell, da Pjotr Stepanowitsch sich spter in seiner Erinnerung selbst nicht mehr zurechtfand. Kaum hatte er Kirilloff berhrt, als dieser pltzlich seinen Kopf fallen lie und ihm mit dem Kopf das Licht aus der Hand schlug. Der Leuchter fiel mit lautem Gepolter zu Boden, und das Licht erlosch. Im selben Augenblick noch fhlte er einen furchtbaren Schmerz im kleinen Finger seiner linken Hand. Er schrie auf, und spter wute er nur noch, da er, auer sich, Kirilloff, der seinen Finger nicht aus den Zhnen lie, dreimal mit dem Revolver auf den Kopf geschlagen hatte. Doch es gelang ihm endlich, den Finger herauszureien. Und er strzte fort, hinaus, so schnell er in der Dunkelheit nur konnte, aus dem Zimmer, aus der Wohnung. Ihm nach aber drangen die furchtbaren Schreie: Sofort, sofort, sofort, sofort! Wohl mehr als zehnmal. Aber Werchowenski lief immer noch weiter, weiter, durch die Dunkelheit, suchte schon im Flur die Ausgangstr, als pltzlich ein lauter Schu erschallte. Da erst blieb er stehen, im Flur, in der Dunkelheit, und berlegte wohl fnf Minuten lang. Endlich kehrte er wieder um und ging in die Wohnung zurck. Zuerst mute Licht geschafft werden. Dazu brauchte er nur den aus der Hand geschlagenen Leuchter auf dem Boden aufzusuchen, rechts vom Schrank; aber womit dann den Lichtstumpf anznden? Er selbst hatte nichts bei sich. Eine dunkle Erinnerung zog ihm durch den Kopf: es war ihm, als htte er am Abend vorher, als er in die Kche zu Fedjka gestrzt war, in der Ecke auf dem Kchenbrett flchtig eine groe rote Streichholzschachtel bemerkt. Tastend ging er also zuerst nach links, zur Kchentr, fand sie schlielich und stieg dann die drei Stufen hinunter. Richtig: auf dem Brett, gerade an der Stelle, an die er sich erinnert hatte, fand er in der Dunkelheit eine groe, noch nicht geffnete Streichholzschachtel. Ohne anzuznden, kehrte er eilig zurck und erst beim Schrank, auf derselben Stelle, wo er vorhin gestanden hatte, als er den ihn beienden Kirilloff mit dem Revolver auf den Kopf schlug, fiel ihm pltzlich sein gebissener Finger ein, und in derselben Sekunde fhlte er auch einen fast unertrglichen Schmerz in ihm. Er bi die Zhne zusammen, zndete mit genauer Not noch den kleinen Lichtstumpf an und dann erst sah er sich um: nicht weit von dem Fenster, dessen Luftfenster offen war, lag, mit den Fen zu jener Ecke des Zimmers, die Leiche Kirilloffs. Er hatte sich in die rechte Schlfe geschossen und oben an der linken Seite des Kopfes hatte die Kugel wieder den Schdel durchschlagen. Blut und Hirnspritzer sah man auf der Diele. Der Revolver war in der Hand des Selbstmrders geblieben. Der Tod mute sofort eingetreten sein. Nachdem Pjotr Stepanowitsch alles genau betrachtet hatte, erhob er sich wieder und ging auf den Fuspitzen aus dem Zimmer, schlo hinter sich die Tr, stellte das Licht auf den Tisch vor dem Sofa, dachte ein wenig nach und beschlo dann, es nicht auszulschen, da durch dieses Licht im Leuchter doch kein Brand entstehen konnte. Er blickte noch einmal auf das Dokument und lchelte mechanisch. Darauf verlie er, ich wei nicht warum, immer noch leise auf den Fuspitzen gehend, endgltig langsam das Haus. Wieder kroch er durch Fedjkas geheimen Gang und schlo ihn hinter sich sorgfltig mit dem Brett. III. Zehn Minuten vor sechs gingen Pjotr Stepanowitsch und Erkel auf dem Bahnhof lngs des diesmal ziemlich langen Zuges auf und ab. Pjotr Stepanowitsch fuhr fort und Erkel begleitete ihn. Das Gepck war schon aufgegeben, der Reisesack lag auf dem ausgesuchten Platz in einem Waggon der zweiten Klasse. Das erste Glockenzeichen war schon ertnt und man wartete auf das zweite. Pjotr Stepanowitsch sah sich wie gewhnlich neugierig nach allen Seiten um, und betrachtete die Einsteigenden. Nhere Bekannte aber waren nicht zu sehen. Allem Anschein nach wollte Erkel in diesen letzten Minuten noch von etwas Wichtigerem sprechen -- wenn er auch vielleicht selbst nicht wute, wovon eigentlich; aber er wagte nicht anzufangen. Es schien ihm sogar, da er Pjotr Stepanowitsch lstig fiel und da dieser mit Ungeduld auf das zweite Glockenzeichen wartete. Sie sehen so offen alle Menschen an, bemerkte er etwas schchtern, als wollte er warnen. Warum soll ich denn nicht? Noch darf ich mich nicht verstecken. Ist noch zu frh. Beunruhigen Sie sich nicht. Nur eines frchte ich, da der Teufel mir den Liputin an den Hals schickt, der knnte es riechen und herlaufen! Pjotr Stepanowitsch, die sind nicht zuverlssig, sagte Erkel endlich schchtern. Liputin? Alle, Pjotr Stepanowitsch. Unsinn, jetzt sind sie durch das Gestrige gebunden. Kein einziger wird verraten. Wer wird sich denn selbst ins Unglck strzen, wenn er nicht den Verstand verloren hat? Aber die haben doch den Verstand verloren! Dieser Gedanke war wohl auch Pjotr Stepanowitsch schon durch den Kopf gegangen. Darum rgerte ihn diese Bemerkung Erkels noch mehr. Sind Sie nicht auch schon feige geworden, Erkel? Ich verlie mich auf Sie eigentlich mehr, als auf die anderen zusammen. Jetzt wei ich, was jeder von ihnen wert ist. Teilen Sie ihnen alles heute noch mndlich mit. Ich vertraue sie Ihnen an. Gehen Sie schon am Morgen zu allen. Meine schriftliche Instruktion knnen Sie ihnen morgen oder bermorgen vorlesen, wenn sie versammelt sind und fhig, sie zu verstehen ... Glauben Sie mir, die haben furchtbare Angst und werden jetzt weich wie Wachs sein ... Aber die Hauptsache, werden Sie nur nicht melancholisch ... Ach, Pjotr Stepanowitsch, es wre wirklich besser, wenn Sie nicht verreisten! Aber ich verreise doch nur auf ein paar Tage: ich bin ja im Augenblick wieder zurck. Pjotr Stepanowitsch, sagte Erkel schchtern, und selbst wenn Sie auch nach Petersburg reisen sollten ... Ich verstehe doch, ich wei doch, da Sie nur das fr die allgemeine Sache Notwendige tun. Von Ihnen habe ich auch nicht weniger als volles Verstndnis erwartet, Erkel. Wenn Sie erraten haben, da ich nach Petersburg fahre, so werden Sie auch verstehen, da ich ihnen gestern, in jenem Augenblick, nicht gleich sagen konnte, da ich in der Tat so weit reise. Ich htte sie nur unntz erschreckt. Sie haben ja selbst gesehen, wie sie da alle waren. Aber Sie verstehen doch, da ich es fr die groe und wichtige Sache tun mu, fr unsere allgemeine Sache, und nicht etwa, um mich persnlich in Sicherheit zu bringen, wie vielleicht irgendein Liputin annimmt. Ich verstehe es ohne weiteres, Pjotr Stepanowitsch, und selbst wenn Sie ins Ausland fahren sollten, ich verstehe es doch, ich wei, da Sie Ihre Person nicht so aufs Spiel setzen drfen, denn Sie sind alles, wir aber sind nichts. Oh, ich verstehe schon, Pjotr Stepanowitsch. Die Stimme des armen Knaben bebte sogar. Ich danke Ihnen, Erkel ... Au, Sie haben meinen kranken Finger berhrt. (Erkel hatte ihm recht fest die Hand drcken wollen und dabei nicht an die Verletzung gedacht; der kranke Finger war kunstvoll mit schwarzem Taffett verbunden.) Aber ich kann Ihnen nur wiederholen, da ich in Petersburg blo ein wenig schnuppern will, bleibe dort im ganzen vielleicht vierundzwanzig Stunden -- und dann sofort wieder hierher. Zuerst werde ich mich hier auf dem Lande bei Gaganoff niederlassen, Sie verstehen doch -- der Leute wegen. Wenn aber die Unsrigen irgendeine Gefahr wittern sollten, so werde ich als erster diese Gefahr mit ihnen teilen. Sollte ich aber etwas lnger in Petersburg bleiben mssen, so teile ich es Ihnen sofort mit ... auf dem bekannten Wege, und Sie sagen es dann den anderen. Das zweite Glockenzeichen ertnte. Ah, also noch fnf Minuten bis zur Abfahrt. Wissen Sie, ich wrde es nicht wnschen, da diese Gruppe hier auseinanderfllt. Das heit nicht, da mir so sehr viel daran lge; nein; brauchen sich um mich weiter keine Sorgen zu machen: solcher Kntchen des groen Netzes habe ich ja genug und brauche nicht um eine einzige so sehr zu bangen. Aber eine Gruppe mehr ist immerhin eine Gruppe mehr und als solche nicht zu verachten. brigens, um Sie mache ich mir keine Sorgen, wenn ich Sie auch fast allein mit diesen Migeburten hier zurcklasse: beunruhigen Sie sich nicht, die werden nicht denunzieren, werden es gar nicht wagen ... -- A--ah, und auch Sie heute? rief er pltzlich mit ganz anderer, heiterer Stimme einem sehr jungen Menschen zu, der freundlich auf ihn zutrat, um ihn zu begren. Sie fahren also auch mit dem Schnellzug? Wohin denn? Zur Mama? Die Mutter des jungen Menschen war eine schwerreiche Gutsbesitzerin des Nachbargouvernements, und der junge Mann, der weitlufig mit Julija Michailowna verwandt war, hatte als Gast zwei Wochen in unserer Stadt verbracht. Nein, ich fahre weiter, nach K... Acht Stunden Eisenbahnfahrt stehen mir bevor. Und Sie nach Petersburg? fragte der junge Mann frohgemut. Warum nehmen Sie so aufs blaue hin an, da ich nach Petersburg fahre? fragte Pjotr Stepanowitsch noch frhlicher und sah ihm lachend offen ins Gesicht. Der junge Mensch drohte ihm mit dem Finger der behandschuhten Rechten. Na, wenn Sie's erraten haben, raunte ihm pltzlich Pjotr Stepanowitsch mit gedmpfter Stimme geheimnisvoll zu, ich reise mit Briefen von Julija Michailowna und mu dort drei, vier Persnlichkeiten aufsuchen, und was fr welche noch dazu! -- na, Sie ahnen wohl schon. brigens knnte sie meinethalben allesamt der Teufel holen, unter uns gesagt. Eine verflixte Aufgabe! Aber sagen Sie doch bitte, was frchtet sie denn pltzlich so? flsterte nun auch der junge Mensch. Sie hat sogar mich gestern nicht empfangen wollen. Meiner Meinung nach hat sie doch gar keinen Grund, fr ihren Mann etwas Unangenehmes zu erwarten. Im Gegenteil, er ist doch noch so anstndig auf dem Brandplatze hingefallen, hat ja frmlich, wie man zu sagen pflegt, sein Leben aufs Spiel gesetzt. Nun, natrlich doch, lachte Pjotr Stepanowitsch noch lustiger. Ja, sehen Sie, sie frchtet aber, da man von hier aus schon geschrieben haben knnte ... das heit, da gewisse Leute ... Mit einem Wort, hier ist vor allem Stawrogin, oder richtiger Graf K... Ach, nun kurz: hier steckt noch eine ganze Geschichte hinter der Geschichte -- ich werde Ihnen vielleicht einiges unterwegs erzhlen -- soviel mir die Ritterlichkeit zu erzhlen erlaubt ... Mein Verwandter, Fhnrich Erkel, aus der Kreisstadt. Der junge Mensch blickte flchtig auf Erkel und berhrte den Hut. Erkel grte militrisch. Ach, wissen Sie, Werchowenski, acht Stunden im Eisenbahnwagen ist ein furchtbares Los. Mit uns fhrt noch in der ersten Klasse Oberst Berestoff, ein urkomischer Kauz, mein Gutsnachbar: verheiratet mit einer Garina -- _ne de Garine_.{[203]} Ist auch sonst in jeder Beziehung tadellos. Und wissen Sie, dabei hat er sogar Ideen. Hier hat er sich nur zwei Tage aufgehalten. Ein leidenschaftlicher Kartenspieler, nebenbei; spielt mit Vorliebe Jeralsch[54], sollte man da nicht ein Spielchen machen? Den vierten habe ich auch schon gefunden: Pripuchloff, ein Kaufmann aus dem T.schen, Millionr, aber, wissen Sie, ein richtiger Millionr, versichere Ihnen ... Ich mache Sie bekannt, eine urgemtliche Haut, und lachen werden wir! ... Oh, Jeralsch spiele ich mit dem grten Vergngen, und besonders noch auf der Reise, aber ich fahre in der zweiten Klasse. Ach was, das ist doch ... auf keinen Fall, Sie setzen sich einfach zu uns. Ich werde sofort dem Zugfhrer sagen, da Ihre Sachen in die erste Klasse zu bringen sind. Er gehorcht mir aufs Wort. Was haben Sie, einen _sac de voyage_?{[204]} ein Plaid? Famos, gehen wir! Und Pjotr Stepanowitsch nahm selbst seinen Reisesack, Plaid und Buch und siedelte sofort mit der grten Bereitwilligkeit in die erste Klasse ber. Erkel half ihm, die Sachen zu tragen. Da ertnte auch schon das dritte Glockenzeichen. Nun, Erkel, sagte Pjotr Stepanowitsch eilig und reichte ihm mit sichtlich anderweitig gefesseltem Interesse zum Abschied noch die Hand aus dem Fenster, ich werde also mit ihnen Karten spielen. Aber wozu mir das noch erklren, Pjotr Stepanowitsch, ich verstehe ja schon, ich verstehe doch alles, Pjotr Stepanowitsch. Na, also dann auf glckliches ... und auf den Anruf des jungen Menschen, der ihn mit den Partnern bekannt machen wollte, wandte er sich pltzlich vom Fenster zurck. Erkel sah seinen Pjotr Stepanowitsch nicht wieder. Traurig kehrte er nach Haus zurck. Nicht, da es ihn bengstigt htte, da Pjotr Stepanowitsch sie so pltzlich verlie, aber ... aber er hatte sich so schnell von ihm fortgewandt, als dieser junge Zierbengel ihn rief und ... er htte doch etwas anderes sagen knnen, als diese nicht zu Ende gesprochene Abschiedsredensart: na, also dann auf glckliches oder ... oder wenn er doch wenigstens die Hand fester gedrckt htte! Gerade dieses letzte tat ihm am meisten weh. Und schon begann noch etwas anderes an seinem armen Herzchen zu nagen, etwas, das er selbst noch gar nicht begriff, das aber mit dem vergangenen Abend in Verbindung stand ... Zweiundzwanzigstes Kapitel. Stepan Trophimowitschs letzte Reise I. Ich bin berzeugt, da Stepan Trophimowitsch furchtbare Angst hatte, als die fr sein wahnsinniges Vorhaben bestimmte Zeit nher und nher rckte. Ich bin berzeugt, da er unter dieser Angst sehr gelitten hat, besonders in der Nacht vor seinem Aufbruch, in jener furchtbaren Nacht. Nastassja erinnerte sich nachher, da er sich spt zu Bett gelegt, dann aber fest geschlafen hatte. Doch das letztere will nicht allzuviel besagen, denn auch zum Tode Verurteilte sollen in der letzten Nacht sogar sehr fest schlafen. Wenn Stepan Trophimowitsch auch erst nach Sonnenaufgang loswanderte, also zu einer Zeit, in der ein nervser Mensch sich immer ermutigt fhlt (der Major, der Verwandte Wirginskis, hrte ja sogar auf, an Gott zu glauben, sobald die Nacht vorber war), so bin ich doch berzeugt, da er sich vorher nie ohne Grauen hat vorstellen knnen, wie er sich allein und in einer solchen Lage auf der groen Landstrae befinden werde. Es wird aber wahrscheinlich etwas Tollkhnes in seinen Gedanken gewesen sein, das ihm zunchst die ganze Gre der schrecklichen Empfindung des pltzlichen Alleinseins milderte, nachdem er _Stasie_ und seinen zwanzigjhrigen warmen Platz verlassen hatte. Doch gleichviel: auch wenn er alle Schrecken, die ihn erwarteten, klar und deutlich vorausgesehen htte, -- er wre dennoch auf die groe Landstrae hinausgegangen und htte den Weg fortgesetzt! Hierin lag etwas Stolzes, etwas, das ihn trotz allem begeisterte. Oh, er htte ja auf Warwara Petrownas herrliche Bedingungen eingehen und bei ihr bleiben knnen _comme un_{[205]} gewhnlicher Schmarotzer! Er aber nahm die Gnade nicht an und blieb nicht bei ihr. Und siehe, jetzt geht er selbst von ihr und verlt sie und erhebt die Fahne der groen Idee, um fr diese auf der groen Landstrae zu sterben! Gerade so und nicht anders mute er das empfinden; gerade so mute seine Handlungsweise ihm selbst erscheinen. Mehr als einmal habe ich mir die Frage gestellt: warum ging er denn gerade zu Fu fort, buchstblich zu Fu? Warum mietete er denn nicht wenigstens einen Wagen, wenn er schon mit der Eisenbahn nicht fahren wollte? Zuerst habe ich sie mir mit seiner fnfzigjhrigen Lebensunerfahrenheit beantwortet, schlielich aber mit einer phantastischen Ideenverirrung unter dem Einflu eines starken Gefhls erklrt. Es schien mir, da ihm der Gedanke an Postkutsche und Pferde (selbst wenn sie Schellen und Glckchen haben sollten) doch viel zu banal und prosaisch vorkommen mute. Dagegen war Pilgerschaft, wenn auch mit dem Regenschirm in der Hand, viel schner, viel liebend-rchender. Heute freilich, nachdem alles vorber ist, nehme ich an, da es sich im wesentlichen weit einfacher zugetragen hat. Er frchtete sich wohl einfach, Pferde zu mieten, denn erstens htte Warwara Petrowna das erfahren und ihn mit Gewalt zurckgehalten, er aber wrde sich selbstverstndlich ergeben haben, und dann -- fahre wohl auf ewig, groe, heilige Idee! Und zweitens: wenn man schon Pferde und einen Wagen nahm, mute man doch wissen, wohin die Reise eigentlich gehen sollte? Das aber war sein grtes Leid in diesem Augenblick: einen bestimmten Ort whlen und nennen, wre ihm geradezu unmglich gewesen. Sobald er sich fr irgendeinen bestimmten Ort entschlo, mute ihm sein ganzes Unternehmen sofort in seinen eigenen Augen dumm und unmglich erscheinen -- das witterte er nur zu gut. Warum sollte es denn gerade diese Stadt sein? Warum nicht eine andere? Und was soll er denn dort tun? _Ce marchand_{[206]} suchen? Aber welchen _marchand_? Das war die allerschrecklichste Frage! Im Grunde gab es fr ihn nichts Furchtbareres als _ce marchand_, den zu suchen er sich so Hals ber Kopf vorgenommen hatte, und den zu finden er im Grunde selbstverstndlich am allermeisten frchtete. Nein, da war der weite Weg schon besser. Einfach drauf loswandern, wandern, wandern und an nichts denken, so lange wie nur mglich an nichts denken! Der weite Weg: das war etwas Langes-Langes-Weites, dessen Ende man gar nicht sah -- ganz wie ein Menschenleben, ganz wie ein Menschentraum ... Im weiten Wege lag eine Idee. In der Postkutsche aber -- was war denn da fr eine Idee? Da war es zu Ende mit der Idee. Also: _Vive la grande route_{[207]} -- und dann wie Gott will! Nach dem pltzlichen und unerwarteten Zusammentreffen mit Lisa ging er in tiefem Selbstvergessen weiter. Der groe Landweg fhrte in einer Entfernung von einer halben Werst an Skworeschniki vorber, und -- sonderbar -- er bemerkte es zuerst gar nicht, da er ihn betreten hatte. Klar zu denken oder auch nur die Dinge mit Bewutsein zu sehen, war fr ihn in diesem Augenblick unertrglich. Der feine Regen hrte bald auf, bald fing er wieder an; aber er bemerkte auch den Regen nicht. Und ebensowenig bemerkte er, da er die Reisetasche sich ber die Schulter geworfen hatte und da ihm dadurch das Gehen bedeutend leichter wurde. Und schlielich hatte er so ungefhr eine ganze Werst oder anderthalb zurckgelegt, als er pltzlich stehen blieb und sich umsah. Der alte, schwarze, von Wagenspuren durchfurchte Weg mit seinen gepflanzten Weiden zog sich wie ein endloses Band vor ihm hin; rechts lag die leere Flche lngst abgeernteter Getreidefelder; links Gestrpp und weiterhin ein Wldchen. Und in der Ferne, weit, die kaum wahrnehmbare, schrg weggleitende Linie des Eisenbahndammes und auf ihm das Rauchwlkchen irgendeines Zuges, von dem aber kein Laut zu hren war. Eine gewisse Verzagtheit berkam Stepan Trophimowitsch, aber nur auf einen Augenblick. Er seufzte -- grundlos, stellte dann seine Reisetasche neben eine Weide und setzte sich, um sich auszuruhen. Beim Niedersetzen fhlte er, da ihn frstelte, und er wickelte sich in sein Plaid; bei der Gelegenheit bemerkte er auch den Regen, und er spannte den Schirm ber sich auf. So sa er ziemlich lange, schob zuweilen die Lippen hin und her und hielt krampfhaft den Schirmstiel umklammert. Verschiedene Bilder zogen in fieberhaftem Reigen an ihm vorber, eines immer schnell das andere aus seinem Bewutsein verdrngend. _Lise, Lise_, dachte er, und mit ihr _ce Maurice_ ... Sonderbare Menschen ... Aber was war das eigentlich fr ein Brand und worber sprachen sie doch, u--und ... und wer ist denn ermordet worden? Ich glaube, _Stasie_ hat noch nichts gemerkt und wartet noch mit dem Kaffee auf mich ... Im Kartenspiel? Habe ich denn Menschen im Kartenspiel verspielt? Hm! bei uns in Ruland, zur Zeit der sogenannten Leibeigenschaft ... Ach, Gott, aber Fedjka? Er fuhr auf vor Schreck und blickte sich angstvoll um. Wenn dieser Fedjka jetzt hier irgendwo hinter einem Strauch sitzt? Man sagt doch, er habe hier eine ganze Ruberbande an der groen Landstrae? O Gott, ich werde dann ... Ich werde ihm dann die ganze Wahrheit sagen, da ich schuldig bin ... und da ich zehn Jahre um ihn gelitten habe, -- viel mehr, als er dort bei den Soldaten, und ... und ich gebe ihm mein Portemonnaie. Hm! _j'ai en tout quarante roubles, il prendra les roubles et il me tuera tout de mme_.{[208]} Vor Angst klappte er, ich wei nicht warum, den Schirm wieder zusammen und legte ihn neben sich. Weit auf der Landstrae, zur Stadt hin, bemerkte er pltzlich ein Gefhrt: unruhig sah er ihm entgegen und versuchte zu unterscheiden, was es war. _Grace Dieu_,{[209]} es ist ein Wagen und -- er fhrt Schritt ... das kann nicht gefhrlich sein. Diese hiesigen verhungerten Pferdchen ... Ich habe schon immer gesagt, da die Rasse ... brigens nein, das war Pjotr Iljitsch, der im Klub immer von der Rasse gesprochen hat. Er hat im Spiel mit mir verloren ... oder nein, die Partie blieb _remis ... et puis_,{[210]} -- aber was ist denn da hinten ... es scheint ... ein Weib sitzt auf dem Wagen. Ein Weib und ein Mann -- _cela commence tre rassurant_.{[211]} Das Weib sitzt hinten und der Mann vorn, -- _c'est trs rassurant_. Hinten am Wagen ist eine Kuh an den Hrnern angebunden, _c'est rassurant au plus haut degr_{[212]} ... Der Wagen kam immer nher: es war ein fester, guter Bauernwagen. Das Weib sa auf einem vollgestopften Sack, der Mann vorn auf dem Wagenrand, so da seine Beine zu der Wegseite, auf der Stepan Trophimowitsch sa, berm Rade herabbaumelten. Hinter dem Wagen trottete tatschlich eine rote Kuh, die mit einem Strick um die Hrner an den Wagen gebunden war. Der Mann und das Weib starrten mit aufgerissenen Augen auf Stepan Trophimowitsch, und dieser genau so auf sie. So zogen sie an ihm vorber. Doch als er sie schon gute zwanzig Schritt hatte weiterfahren lassen, erhob er sich pltzlich eilig und lief ihnen nach, um sie einzuholen. In der Nachbarschaft des Wagens schien es ihm natrlicherweise bedeutend sicherer zu sein. Doch kaum hatte er sie erreicht, da hatte er alles schon wieder vergessen und sich bereits von neuem in seine Gedanken und Vorstellungen versenkt. Er ging einfach nebenher und merkte gar nicht, da er fr den Mann und das Weib mittlerweile das rtselhafteste und interessanteste Objekt abgab, das man je auf der groen Landstrae antreffen konnte. Sie, was sind Sie denn, von welchen Leuten denn eigentlich, wenn es nicht verboten is zu fragen? fragte endlich das Weib, das nicht lnger an sich halten konnte, als Stepan Trophimowitsch in der Zerstreutheit pltzlich auch sie ansah. Sie war vielleicht siebenundzwanzig Jahre alt, rundlich, mit dunklen Augenbrauen, roten Wangen und freundlich lchelnden roten Lippen, zwischen denen gleichmige weie Zhne glnzten. Sie ... Sie wenden sich an mich? stotterte Stepan Trophimowitsch mit bekmmerter Verwunderung. Mu wohl einer von den Kaufmnnern sein, meinte der Mann mit berlegenheit. Der war ein stmmiger Bauer von ungefhr vierzig Jahren, mit einem breiten, nicht dummen Gesicht und groem blonden Bart. Nein, ich bin nicht gerade von den Kaufleuten, ich ... ich ... _moi c'est autre chose_,{[213]} verteidigte sich, so gut es ging, Stepan Trophimowitsch und blieb auf alle Flle ein wenig zurck, so da er jetzt neben der Kuh ging. Mu wohl einer von den Herrschaften sein, schtzte der Mann, als er die nicht russischen Worte vernommen hatte, und zog die Leine, um sein Pferd ein wenig aufzumuntern. Ja, ich mein' auch, das sieht man doch, denn es ist doch ganz, als ob der Herr auf 'n Spaziergang gehen! meinte wieder das muntere Weib. Das ... das fragten Sie mich? Die Auslnder, die hier fahren, die gehen meistens da in die Eisenbahn, die dort hinten auf Schienen luft, und Ihre Stiefel sind auch gar nich so wie hiesige ... Stiefel sind militrisch, bemerkte selbstzufrieden und bedeutsam der Mann. Nein, nicht gerade, da ich Militr ... ich ... Was das doch fr ein neugieriges Weibchen ist, dachte Stepan Trophimowitsch rgerlich, und wie sie mich betrachten ... _mais enfin_{[214]} ... Mit einem Wort, es ist sonderbar, da ich mir vor ihnen geradezu irgendwie schuldig vorkomme, und ich bin doch durchaus nicht schuldig vor ihnen! Das Weibchen neigte sich vor und flsterte mit dem Mann. Wenn der Herr es nich fr ungut nehmen will, so knnen wir Sie ja mitnehmen, wenn es man blo angenehm ist. Stepan Trophimowitsch wachte pltzlich gleichsam auf. Ja, ja, meine Freunde, ich bin mit dem grten Vergngen dabei, denn ich habe mich schon sehr mde gelaufen, nur -- wie komme ich denn dort hinauf? Wie sonderbar, dachte er bei sich, da ich so lange neben dieser Kuh gegangen bin und es mir nicht in den Kopf gekommen ist, sie schon frher zu bitten, mich in den Wagen aufzunehmen ... Dieses >reale Leben< hat doch etwas beraus Charakteristisches! Der Mann hielt aber das Pferdchen deshalb noch nicht an. Ja, wohin will er denn? erkundigte er sich mit einigem Mitrauen. Stepan Trophimowitsch begriff nicht sofort. Wohl nach Hatoff, mein' ich? Zu Hatoff? Nein, nicht gerade, da ich zu Hatoff ... Und ich bin auch nicht ganz bekannt mit ihm ... aber ich habe schon von ihm gehrt ... Nee, das Dorf Hatowo, 'n Dorf, neun gute Werst von hier. Ein Dorf? _C'est charmant_,{[215]} ja, ja, ich glaube auch schon davon gehrt zu haben ... Stepan Trophimowitsch ging immer noch, denn man machte noch nicht Miene, ihn aufzunehmen. Da kam ihm pltzlich ein genialer Einfall. Sie glauben vielleicht, da ich ... Ich habe einen Pa, ich bin -- Professor, das heit, wenn Sie wollen, Lehrer ... aber Oberlehrer. Ich bin Oberlehrer. _Oui, c'est comme a qu'on peut le traduire._{[216]} Ich wrde mich sehr gern in den Wagen setzen und ich werde ... ich werde Ihnen dafr einen Liter Branntwein kaufen. Ein halber Rubel von Sie, Herr, der Weg ist schwer. Und sonstig wrde es man gar nich fr uns angehen, meinte auch das Weibchen. Ein halber Rubel? Nun gut, ein halber Rubel. _C'est encore mieux, j'ai en tout quarante roubles, mais ..._{[217]} Der Mann hielt endlich das Pferdchen an und Stepan Trophimowitsch wurde mit vereinten Krften in den Wagen gezogen und neben das Weib auf den Sack gesetzt. Der Wirbelsturm von Gedanken verlie ihn auch jetzt nicht. Zuweilen fhlte er selbst, da er irgendwie ganz besonders zerstreut war und gar nicht an das dachte, woran er eigentlich denken sollte, und wunderte sich darber. Diese Erkenntnis bedrckte ihn schwer in manchen Augenblicken und krnkte ihn sogar. Das ... was ist denn das da hinten eigentlich -- eine Kuh? fragte er pltzlich das Weib. Ach du mein! hat denn der Herr noch keine Kuh gesehn? fragte das Weib lachend zurck. In der Stadt gekauft, bemerkte der Mann. All unser Vieh ist im vergangenen Frhjahr krepiert. Pest. In unserer Gegend sind rundherum alle um die Ecke gegangen, kaum die Hlfte frit noch weiter. Nichts zu machen. Schrei, wieviel du willst, es krepiert dir doch. Ja, das kommt bei uns vor in Ruland ... und berhaupt wir Russen ... nun, ja, es kommt vor, meinte Stepan Trophimowitsch. Wenn Sie nu Lehrer sind, was suchen Sie dann in Hatoff? Oder geht's noch weiter? Ich ... das heit, nicht gerade, da ich irgendwohin weiter wollte ... _C'est dire_,{[218]} ich will zu einem Kaufmann. Ah, so! Dann wird's wohl nach Spassowo sein? Ja, ja, nach Spassowo, nach Spassowo. brigens ist das einerlei. Wenn Sie nu nach Spassowo zu Fu gehen wollten, ach du mein! -- in Ihren Stiefelchen brauchten Sie dazu eine ganze Woche! Das Weibchen lachte. Ja, ja, aber das ist ganz gleichgltig, _mes amis_,{[219]} ganz gleichgltig, brach Stepan Trophimowitsch ungeduldig ab. Schrecklich neugieriges Volk. Das Weib spricht brigens besser als er, und berhaupt habe ich bemerkt, da seit der Aufhebung der Leibeigenschaft der Stil sich ein wenig verndert hat ... Was geht es sie brigens an, ob ich nach Spassowo fahre oder nicht nach Spassowo? Ich bezahle ihnen doch die Reise, was drngen sie sich da so auf? Wenn man nach Spassoff will, so mu man noch mit'n Dampfschiff fahren, bemerkte der Mann. Ja, das mu er, griff das Weib sofort auf, denn mit Pferden lngs dem Ufer hat er dreiig Werst Umweg zu machen. Vierzig, verbesserte der Mann. Und morgen grad um zwei Uhr kriegen Sie den Dampfer in Ustjewo fest! triumphierte das Weibchen. Stepan Trophimowitsch schwieg aber hartnckig. Da verstummten denn allmhlich auch der Mann und das Weibchen. Der Mann zog hin und wieder mit aufmunterndem Zuruf die Leine an und das Weibchen machte von Zeit zu Zeit kurze Bemerkungen, auf die der Mann irgend etwas antwortete. Stepan Trophimowitsch schlummerte allmhlich ein. Er war furchtbar erstaunt, als ihn pltzlich das Weibchen aufweckte und lachend sagte, da sie schon angekommen seien, und er sich auf einmal in einem Dorf vor der Treppe eines dreifenstrigen Bauernhauses sah. Eingeschlafen, Herr? Was ist das? Was?! Wo--o bin ich denn? Ach! Nun ... Nun, einerlei ... Stepan Trophimowitsch seufzte tief auf und kletterte dann aus dem Wagen. Er sah sich traurig um; sonderbar und ganz furchtbar fremdartig erschien ihm pltzlich das Aussehen eines Dorfes. Ach, den halben Rubel, den habe ich ganz vergessen! wandte er sich mit einer vllig unbegrndeten Hast zu dem Manne. Augenscheinlich bangte ihm schon vor der Trennung von den beiden. Kann man in der Stube abmachen, wenn man erst eingetreten ist, forderte ihn der Mann auf. Hier ist es gut! versuchte das Weibchen ihn zu ermutigen. Stepan Trophimowitsch trat auf die wackelige Holztreppe. Ja, wie ist denn das nur mglich, flsterte er in tiefer und erschrockener Verstndnislosigkeit vor sich hin und trat in das Bauernhaus. _Elle l'a voulu_,{[220]} stach es ihm pltzlich ins Herz. Und wieder verga er alles, verga selbst das, da er ins Haus getreten war. Es war ein helles und ziemlich sauberes Bauernhaus mit drei Fenstern und zwei Zimmern, doch nicht eine Herberge, sondern nur so ein Haus, in dem vorberfahrende Bekannte abstiegen. Stepan Trophimowitsch ging ohne die geringste Verwirrung in die Gastecke des ersten Zimmers, verga zu gren, setzte sich und verfiel in Gedanken. Das angenehme Gefhl der Wrme nach dreistndiger feuchter Klte ergo sich ungemein wohlig ber seinen Krper. Sogar die Frostschauer, die ihm kurz und pltzlich ber den Rcken liefen, -- wie das bei allen sehr nervsen Menschen vor einer Influenza zu sein pflegt, wenn sie pltzlich aus der Klte in die Wrme kommen, waren ihm mit einem Male ganz eigentmlich angenehm. Er erhob den Kopf, und siehe da -- der leckere Duft von heien Pfannkuchen, die die Buerin im Ofen briet, reizte seinen Geruchssinn. Mit einem kindlichen Lcheln auf den Lippen erhob er sich und trat vorsichtig zum Weibe. Was ist denn das? Das sind doch Pfannkuchen, nicht wahr? fragte er sie. _Mais c'est charmant!_{[221]} Wollen der Herr vielleicht welche? bot ihm das Weib sogleich hflich an. Natrlich will ich, selbstverstndlich will ich, und ... ich wrde Sie auch noch um etwas Tee bitten. Ach, das Samowarchen aufsetzen? Ach, aber gern, gndiger Herr! Und auf einem groen Teller mit dickem blauen Muster erschienen sogleich die Pfannkuchen, wie nur die Bauern allein sie zu bereiten verstehen, halb aus Weizenmehl, ganz dnn und mit heier, frischer Butter bergossen -- die herrlichsten Pfannkuchen der Welt. Stepan Trophimowitsch kostete mit Hochgenu. Wie schn sie sind, die Pfannkuchen, und wieviel Butter! Und wenn man jetzt noch _un doigt d'eau de vie_{[222]} ... Will der Herr nicht vielleicht ein Schnpschen dazu? Das ist's, das ist's ja gerade, ein wenig nur, _un tout petit rien_{[223]} ... Fr fnf Kopeken? Fr fnf -- fr fnf -- fr fnf, _un tout petit rien_, besttigte Stepan Trophimowitsch kopfnickend mit seligem Lcheln. Bittet man einen einfachen Russen, etwas fr einen zu tun, so wird er gern zu allem bereit sein, was in seinen Krften steht; bittet man ihn aber, ein Schnpschen fr einen zu besorgen, so verwandelt sich die freundliche Bereitwilligkeit sofort in einen geschftigen, freudigen Diensteifer, ja fast in verwandtschaftliche Frsorge. Und wenn auch derjenige, der das Schnpschen besorgt, genau wei, da man den Schnaps ganz allein trinken wird und er nicht einen Tropfen davon erhlt, so scheint er doch gleichsam einen Teil des Genusses, den man beim Trinken haben wird, im voraus mitzuempfinden ... In kaum drei Minuten (die Schenke war nur ein paar Schritte vom Hause entfernt) stand vor Stepan Trophimowitsch eine Flasche und ein groes grnliches Schnapsglas. Und das alles ist fr mich? fragte er hchst verwundert. Ich habe immer Schnaps in meinem Weinschrank gehabt, aber ich habe nie gewut, da man soviel fr nur fnf Kopeken bekommt. Er go das Glas bis zum Rande voll, erhob sich und schritt mit einer gewissen Feierlichkeit durch die ganze Stube zu der anderen Ecke, wo seine Reisegefhrtin sa, -- das nette Weibchen, das ihm unterwegs mit den vielen Fragen so lstig geworden war. Das Weibchen wurde verlegen und strubte sich, zu trinken, doch nachdem sie alles gesagt hatte, was der Anstand in solchen Fllen verlangt, erhob sie sich, nahm das Glas und trank ehrerbietig in drei Schlckchen (wie Frauen zu trinken pflegen) den Branntwein aus, worauf sie, das Gesicht zu einem schrecklichen Schmerzensausdruck ob des scharfen Weines verziehend, das Glas mit einer hflichen Verbeugung Stepan Trophimowitsch zurckreichte. Er erwiderte die Verbeugung wrdevoll und kehrte mit geradezu stolzer Miene an seinen Tisch zurck. Es war das alles von ihm aus auf Grund einer pltzlichen Eingebung geschehen: noch eine Sekunde vorher hatte er nicht gewut, da er hingehen und dem Weibchen das Glas Branntwein anbieten werde. Ich verstehe es tadellos, tadellos, mit dem Volk umzugehen, und das habe ich ihnen immer gesagt, dachte er selbstzufrieden, als er sich den Rest des Branntweins eingo, der ihn, wenn auch kein volles Glas briggeblieben war, doch belebend erwrmte und ihm sogar ein wenig zu Kopf stieg. _Je suis malade tout fait, mais ce n'est pas trop mauvais d'tre malade._{[224]} Wnschen Sie nicht eines davon zu kaufen? ertnte pltzlich eine leise Frauenstimme neben ihm. Er sah auf und erblickte zu seiner Verwunderung eine Dame vor sich -- _une dame et elle en avait l'air_{[225]} -- eine Dame von mehr als dreiig Jahren, die sehr bescheiden aussah, stdtisch gekleidet war und ein groes graues Tuch um die Schultern trug. In ihrem Gesicht lag etwas sehr Angenehmes, das Stepan Trophimowitsch sofort ungemein gefiel. Sie war erst vor ein paar Minuten ins Haus zurckgekehrt. Ihre Sachen lagen noch auf der Bank neben Stepan Trophimowitsch: unter anderem eine Ledertasche, die er -- dessen erinnerte er sich pltzlich -- bei seinem Eintritt neugierig betrachtet hatte, und ein nicht sehr groer Sack aus Wachstuch. Aus eben diesem Sack hatte sie jetzt zwei hbsch gebundene kleine Bcher genommen, die sie Stepan Trophimowitsch hinhielt. _Eh ... mais je crois que c'est l'Evangile ..._{[226]} Aber mit dem grten Vergngen ... Ah, ich verstehe ... _Vous tes ce qu'on appelle une_{[227]} Bibelverkuferin? Ich habe, glaub ich, vor nicht allzu langer Zeit so etwas gelesen ... Fnfzig Kopeken? Fnfunddreiig Kopeken, antwortete die Bibelfrau. Mit dem grten Vergngen. _Je n'ai rien contre l'Evangile, et ..._{[228]} Ich habe es schon lange wieder einmal lesen wollen ... Und im selben Augenblick kam es ihm zu Bewutsein, da er wohl seit dreiig Jahren keine Bibel mehr in der Hand gehabt hatte und sich berhaupt nur noch einiger Stellen erinnerte, die er vor ungefhr sieben Jahren in Renans _Vie de Jsus_{[229]} gelesen. Da er kein Kleingeld hatte, zog er seine vier Zehnrubelscheine hervor -- alles, was er besa. Die Wirtin erbot sich, ihm einen Schein auszuwechseln, und da erst bemerkte er, da sich inzwischen ziemlich viel Volk im Zimmer versammelt hatte, das ihn wahrscheinlich schon lange beobachtete, jedenfalls aber ber ihn sprach. Doch auch ber den Brand wurde gesprochen, von dem der Besitzer des Wagens und der roten Kuh alles mgliche berichtete, da er in der Stadt gewesen war und mehr wute, als die anderen. Man sprach auch von den Spigulinschen und darber, da man absichtlich angezndet htte. Mit mir hat er kein Wort ber den Brand gesprochen, als er mich herfuhr, sondern nur ber anderes, dachte Stepan Trophimowitsch flchtig. Vterchen, Stepan Trophimowitsch, gndiger Herr! Sind Sie es denn wirklich, den ich sehe? Ach Gott, das htte ich aber wirklich schon gar nicht erwartet! ... Haben mich wohl nicht erkannt? rief pltzlich ein ltlicher Mann, der mit seinem glattrasierten Gesicht wie ein alter, altmodischer Hofsknecht aussah und einen langen Mantel mit hochgeschlagenem Kragen trug. Stepan Trophimowitsch erschrak, als er seinen Namen rufen hrte. Verzeihen Sie, murmelte er, aber ich kann mich Ihrer nicht mehr ganz deutlich erinnern ... Haben mich vergessen, ach ja! Ich bin doch Anissim, Anissim Iwanoff. Ich diente beim seligen Herrn Gaganoff, und habe Euch, gndiger Herr, mehr wie hundertmal mit Warwara Petrowna bei der seligen Awdotja Ssergejewna gesehn. Awdotja Ssergejewna aber hat mich mit Bcherchen nach Skworeschniki geschickt, ja, und zweimal habe ich Euch, gndiger Herr, auch von ihr Petersburger Bonbons, oder wie sie da heien, die Konfektchen, gebracht ... Ach doch, ich erinnere mich, Anissim, sagte Stepan Trophimowitsch lchelnd. Und du lebst jetzt hier? Ich lebe bei Spassoff, im W--schen Kloster, in der Ansiedlung, bei Marfa Ssergejewna, bei der Schwester von unserer seligen Awdotja Ssergejewna, vielleicht erinnert sich der gndige Herr noch, die sich das Bein brachen, als sie unterwegs aus dem Wagen sprangen -- fuhren zum Ball. Jetzt leben sie allein beim Kloster und ich bin dortselbst bei ihr. Heute aber wollte ich, wie der Herr sehen, ins Gouvernement, um die Meinigen mal zu besuchen ... Nun ja, nun ja. Ach, hab ich mich was gefreut, als ich den gndigen Herrn sah, waren immer so gndig zu mir, sagte Anissim mit gerhrtem Lcheln. Aber wohin fhrt denn der gndige Herr, und noch so ganz allein? ... Sind doch sonstig, glaub ich, nie so allein ausgefahren? Stepan Trophimowitsch sah ihn erschrocken an. Fhrt der gndige Herr nicht vielleicht gerade zu uns, nach Spassoff? Ja ... ja, ich fahre nach Spassoff. _Il me semble que tout le monde va Spassoff ..._{[230]} Ach, und vielleicht gar zu Fjodor Matwejewitsch selber? Ach, wird der sich aber freuen! Hat doch immer den gndigen Herrn so geliebt und spricht auch jetzt oft vom gndigen Herrn ... Ja, ja, auch zu Fjodor Matwejewitsch. Das mu wohl sein. Das mu wohl sein. Hier die Mnner, die wundern sich, sagen, da man den gndigen Herrn zu Fu unterwegs ganz allein getroffen hat. Aber was! Dummes Volk bleibt doch immer dummes Volk! Ich ... Ich ... Weit du, Anissim, ich habe gewettet, wie die Englnder das zuweilen machen, da ich zu Fu so und so viele Werst gehen knne, und da bin ich nun ... Schwei trat ihm an den Schlfen und auf der Stirn hervor. Mu wohl sein, mu wohl sein ... meinte ohrenspitzend Anissim und hrte mit wahrhaft unbarmherziger Neugier zu. Aber Stepan Trophimowitsch hielt dem nicht stand. Er verwirrte sich so, da er schon aufstehen wollte, um aus dem Hause zu laufen. Da wurde aber der Samowar gebracht, und im selben Augenblick kehrte auch die Bibelfrau zurck. Wie ein Mensch, der sich an seinen Retter wendet, so bat Stepan Trophimowitsch jetzt schnell die Bibelfrau, mit ihm Tee zu trinken. Da trat Anissim zurck und ging bald darauf aus dem Zimmer. Unter dem Volk hatte sich tatschlich schon die Frage erhoben: Was ist das fr ein Mensch? War zu Fu auf der Landstrae, sagt, er sei Lehrer, gekleidet ist er wie ein Auslnder und sprechen tut er wie ein kleines Kind, und mitunter antwortet er ganz so, als ob er fortgelaufen sei, und dabei hat er noch Geld! Kurz, es dauerte nicht lange und man begann zu erwgen, ob man nicht die Polizei benachrichtigen solle: da es bei alledem in der Stadt auch nicht ganz ruhig ist. Da kam Anissim gerade zur rechten Zeit in den Flur und beruhigte schnell die Gemter. Er verkndete dem ganzen Publikum, da Stepan Trophimowitsch nicht so was, wie ein Lehrer, sondern selber ein groer Gelehrter sei, der sich mit allen Wissenschaften beschftigt, und frher sei er selber hiesiger Gutsbesitzer gewesen, lebe nun aber schon seit zweiundzwanzig Jahren im Hause der Generalin Stawrogina an Stelle des seligen Herrn, und in der ganzen Stadt sei er hoch angesehen und alle Menschen achteten ihn sehr. Im Adelsklub habe er oft an einem einzigen Abend an die tausend Rubel verspielt und dem Titel nach sei er Rat, was ebensoviel besagen wolle wie ein Oberstleutnant, also nur etwas weniger als ein voller Oberst. Und was das Geld anbetrfe, so knne man das, weil es doch die Generalin Stawrogin sei, gar nicht abzhlen, usw., usw. _Mais c'est une dame et trs comme il faut_,{[231]} dachte inzwischen Stepan Trophimowitsch und seufzte wie erlst nach dem Anissimschen Angriff auf. Mit angenehmer Neugier betrachtete er seine neue Nachbarin, die brigens den Tee von der Untertasse trank und den Zucker vom Stckchen dazu bi. _Ce petit morceau de sucre ce n'est rien ..._{[232]} Es ist etwas Edles und Unabhngiges und gleichzeitig -- Stilles in ihr. _Le comme il faut tout pur_,{[233]} nur ein wenig wie von einer anderen Art. Bald erfuhr er von ihr, da sie Ssofja Matwejewna Ulitina hie und eigentlich in K. wohnte, wo sie eine verwitwete Schwester unter den Buerinnen hatte. Auch sie war Witwe, da ihr Mann bei Sebastopol gefallen war. Aber Sie sind noch so jung, _vous n'avez pas trente ans_.{[234]} Vierunddreiig, sagte Ssofja Matwejewna lchelnd. Wie, Sie sprechen auch franzsisch? Ein wenig nur: ich habe nachher in einem adligen Hause vier Jahre gelebt und da habe ich von den Kindern etwas gelernt. Sie erzhlte ferner, da sie nach dem Tode ihres Mannes zunchst in Sebastopol als barmherzige Schwester geblieben sei, darauf habe sie verschiedene Stellen gehabt und jetzt gehe sie und verkaufe Bibeln. _Mais, mon Dieu_,{[235]} waren Sie es vielleicht, mit der eine sonderbare, sogar sehr sonderbare Geschichte bei uns passierte? Sie wurde rot: sie war es tatschlich gewesen. _Ces vauriens, ces malheureux!_{[236]} ... begann Stepan Trophimowitsch mit einer Stimme, die vor Unwillen bebte: diese widerliche Erinnerung prete ihm qualvoll das Herz zusammen und er verlor sich darob wieder in Gedanken. Ach, sie ist schon fortgegangen, dachte er erstaunt, als er pltzlich bemerkte, da sie nicht mehr neben ihm sa. Sie geht ziemlich oft fort und scheint ja mit irgend etwas sehr beschftigt zu sein; ich glaube, sie ist sogar aufgeregt ... _Bah, je deviens goste!_{[237]} Als er nach einiger Zeit aufsah, erblickte er wieder Anissim, diesmal aber mit einer geradezu bedrohlichen Gefolgschaft: das halbe Zimmer war von Bauern eingenommen, die alle Stepan Trophimowitsch nach Spassoff fahren wollten. Auer Anissim standen noch da: der Besitzer des Hauses, ferner der Mann, der ihn hergefahren hatte, sodann mehrere andere Mnner -- wie es sich herausstellte, lauter Fuhrleute -- und ein kleiner halbbetrunkener Mensch, der am allermeisten sprach, wie ein Tagelhner gekleidet war, doch mit seinem rasierten Gesicht wie ein heruntergekommener Kleinbrger aussah. Und alle die zankten sich seinetwegen, zankten sich um den armen Stepan Trophimowitsch! Der Besitzer der Kuh versicherte in einem fort, da im Wagen lngs dem Ufer mindestens vierzig Werst Umweg zu machen seien, und da man unbedingt mit dem Dampfer fahren msse. Der halbbetrunkene Kleinbrger dagegen und der Hauswirt widersprachen eifrig: Darum da wenn du, mein Bruderherz, Seiner Hochwohlgeboren auch sagst, da es ber'n See wohl nher is, so is das wie's is, aber der Dampfer kommt doch nich! Wird kommen, er wird sicher kommen, noch 'ne ganze Woche wird er kommen! beteuerte Anissim aufgeregt. Schn, er kommt, das is wie's is, aber er kommt doch nie nich akkurat, und jetzt is doch die Zeit schon spt, und da kommt's vor, da man ihn in Ustjewo runde drei Tage nich sieht! schimpfte der Halbbetrunkene. Morgen wird er sicher kommen, morgen um zwei Uhr, und in Spassoff kommt dann der gndige Herr gerade noch zum Abend an! rief Anissim. _Mais qu'est-ce qu'il a cet homme?_{[238]} fragte Stepan Trophimowitsch, der nicht wute, um was es sich handelte, sich schon das Schlimmste dachte und zitternd sein Schicksal erwartete. Da drngten sich schlielich die Fuhrleute immer nher und boten sich an: bis Ustjewo verlangte jeder von ihnen drei Rubel. Die anderen schrien, drei Rubel seien wirklich nicht zu viel, da man den ganzen Sommer hindurch von hier bis Ustjewo fr diesen Preis gefahren habe. Aber ... hier ist es ja auch gut ... Ich will gar nicht fort, stammelte Stepan Trophimowitsch abwehrend. Hier ist's gut, gndiger Herr, das ist schon wahr, aber bei uns in Spassoff ist es noch weit besser, und was wird Fjodor Matwejewitsch ber den Besuch sich freuen! ... _Mon Dieu, mes amis_,{[239]} das kommt mir alles so unerwartet ... Endlich kehrte zum Glck auch Ssofja Matwejewna zurck. Sie setzte sich aber traurig und wie zerschlagen auf die Bank. So komme ich denn schon nicht mehr nach Spassoff! sagte sie niedergeschlagen zur Wirtin. Wie, auch Sie wollen nach Spassoff? fragte Stepan Trophimowitsch pltzlich belebt. Es stellte sich heraus, da eine Gutsbesitzerin, Nadeschda Jegorowna Swetlizyna, der Bibelfrau gestern gesagt hatte, sie solle sie in Hatoff erwarten, da sie dort durchfahren und sie dann nach Spassoff mitnehmen werde. Nun aber traf diese Nadeschda Jegorowna noch immer nicht ein. Was soll ich jetzt tun? fragte Ssofja Matwejewna ngstlich. _Mais, ma chre et nouvelle amie_,{[240]} ich kann Sie doch gleichfalls, ganz wie diese Gutsbesitzerin, mitnehmen! ... in dieses, wie heit es doch, in dieses Dorf, wohin ich fahre und den Fuhrmann schon angenommen habe! -- nun, und morgen sind wir dann beide in Spassoff ... Ja, fahren Sie denn auch nach Spassoff? _Mais que faire, et je suis enchant!_{[241]} Und ich wrde Sie mit dem grten Vergngen hinbringen. Sehen Sie, die wollen es doch alle, da ich hinfahre, und ich habe ja auch bereits einen ... Wen von euch habe ich denn nun engagiert? fragte Stepan Trophimowitsch lebhaft die Bauern, pltzlich sehr damit einverstanden, nach Spassoff zu fahren. Eine Viertelstunde spter saen sie bereits in dem verdeckten Wagen: er ungemein angeregt und vollkommen zufrieden, sie mit ihrem Wachstuchsack und einem dankbaren Lcheln neben ihm. Anissim lief rund um den Wagen und bemhte sich wie fr Geld. Glckliche Reise, gndiger Herr, habe mich so gefreut ber das Wiedersehen! Adieu, adieu, leb wohl, mein Freund, leb wohl, adieu. Der gndige Herr wird nun auch Fjodor Matwejewitsch wiedersehen ... Ja, mein Freund, ja ... auch Fjodor Pawlowitsch ... nur Adieu. II. Sehen Sie, mein Freund -- Sie erlauben mir doch, mich Ihren Freund zu nennen, _n'est-ce pas_?{[242]} begann Stepan Trophimowitsch eilig, gleich nachdem sich der Wagen in Bewegung gesetzt hatte. Sehen Sie, ich ... _J'aime le peuple, c'est indispensable, mais il me semble que je ne l'avais jamais vu de prs. Stasie ... cela va sans dire qu'elle est aussi du peuple ... mais le vrai peuple_,{[243]} das heit, das wirkliche, das auf der weiten Landstrae ist, das, glaube ich, bekmmert sich um weiter nichts in der Welt, als um dieses eine: wohin ich eigentlich fahre ... Doch bergehen wir die Krnkungen. Ich glaube, ich spreche heute etwas durcheinander, aber das kommt wohl nur, denke ich, von der Eile ... Ich frchte, Sie sind nicht ganz wohl, bemerkte Ssofja Matwejewna, die ihn prfend, wenn auch ehrerbietig ansah. Nein, nein, man mu sich nur ein wenig fester einwickeln, und berhaupt ... der Wind ist etwas frisch, etwas zu frisch, aber ... vergessen wir das. Ja, die Hauptsache ... ich wollte eigentlich gar nicht das sagen. _Chre et incomparable amie_,{[244]} ich glaube, da ich fast glcklich bin, und schuld daran -- sind Sie! Mir tut das Glck nicht gut, denn dann vergebe ich gewhnlich sofort allen meinen Feinden ... Das ist aber doch sehr gut. Nicht immer, _chre innocente. L'Evangile ... Voyez-vous, dsormais nous le prcherons ensemble_{[245]} und ich werde mit Freuden Ihre netten Bchlein da verkaufen. Ja, ich fhle, da das sogar eine Idee ist, _quelque chose de trs nouveau dans ce genre_.{[246]} Das Volk ist religis, _c'est admis_,{[247]} aber es kennt noch nicht das Evangelium. Ich werde es ihm erklren ... In mndlicher Auslegung kann man leichter die Fehler dieses bemerkenswerten Buches korrigieren ... Dieses Buch ... -- ich bin bereit, mich mit auerordentlicher Hochachtung zu diesem Buche zu verhalten. Ich werde auch auf der groen Landstrae ntzlich sein knnen. Ich bin immer ntzlich gewesen, ich habe _ihnen_ das immer gesagt _et cette chre ingrate aussi_{[248]} ... Oh, vergeben wir, vergeben wir, lassen Sie uns vor allem vergeben, und allen allen vergeben und immer vergeben. Und hoffen wir, da man auch uns vergeben wird. Ja, denn alle, jeder einzelne ist vor dem anderen schuldig. Alle sind schuldig! ... Das haben Sie, glaub ich, sehr schn gesagt. Ja, ja ... Ich fhle, da ich sehr gut spreche. Ich werde sehr schn zu ihnen reden, aber ... aber ... was wollte ich denn eigentlich sagen? Ich komme immer ab und vergesse ... Ja -- wrden Sie mir erlauben, mich nicht mehr von Ihnen zu trennen? Ich fhle, da Ihr Blick und ... ich wundere mich sogar ber Ihre Art und Weise. Sie sind gtig, Sie sprechen nur nicht ganz _comme il faut_{[113]} und gieen den Tee in die Untertasse ... und dazu dieses schreckliche Zuckerstckchen ... aber sonst ... -- in Ihnen ist etwas Wunderbares, und ich sehe in Ihren Zgen ... Oh, errten Sie nicht und frchten Sie mich nicht als Mann! _Chre et incomparable, pour moi une femme c'est tout!_{[249]} Ich kann nicht, kann berhaupt nicht anders leben, als neben einer Frau, aber eben nur neben ihr ... Das heit, ich meine, ich wollte sagen ... Oh, ich glaube, ich habe mich da entsetzlich versprochen ... Nur kann ich mich nicht mehr darauf besinnen, was ich eigentlich sagen wollte. Oh, selig ist der, dem Gott immer eine Frau schickt und ... ich, ich glaube sogar, da ich in einer gewissen Begeisterung bin. Auch in der groen Landstrae liegt eine hhere Idee! Ja, das -- das war es ja, was ich von dem Gedanken sagen wollte! -- jetzt ist es mir wieder eingefallen, vorhin hatte ich es ganz vergessen. Aber warum hat man uns fortgeschickt, in diesen Wagen gedrngt? Dort war es doch sehr schn, hier aber -- _cela devient trop froid. A propos, j'ai en tout quarante roubles et voil cet argent_,{[250]} nehmen Sie es, nehmen Sie es, ich verstehe nichts davon ... ich verliere es, man wird es mir stehlen, und ... Ich glaube, ich wrde ganz gern ein wenig schlafen ... es dreht sich da irgend etwas in meinem Kopf. Ja, so, es dreht sich, dreht sich, dreht sich. Oh, wie Sie gut sind, womit decken Sie mich denn zu? Sie haben bestimmt eine gehrige Erkltung weg! Ich habe Sie mit meiner Decke zugedeckt, aber das Geld wrde ich ... Oh, um Gottes willen, _n'en parlons plus, parce que cela me fait mal_,{[251]} oh, wie gut Sie sind! Er hrte seltsam pltzlich auf zu sprechen und verfiel ungewhnlich schnell in fieberhaften Schlaf. Der Landweg, auf dem sie siebzehn Werst bis Ustjewo zurckzulegen hatten, war recht uneben und der Wagen auch nicht gerade sehr elastisch. Stepan Trophimowitsch wachte von den Sten oft auf, erhob sich dann schnell von dem kleinen Kissen, das Ssofja Matwejewna ihm unter den Kopf geschoben hatte, erfate erschrocken ihre Hand und fragte ngstlich: Sind Sie da? ganz, als ob er gefrchtet hatte, sie knnte weggehen und ihn allein lassen. Einmal sagte er, da er im Traum einen offenen Rachen mit scharfen Zhnen gesehen habe, und da ihm das sehr unangenehm gewesen sei. Ssofja Matwejewna machte sich schon nicht wenig Sorgen um ihn. Der Fuhrmann brachte sie zu einem groen Bauernhause, das vier Fenster zur Strae und auf dem Hof noch verschiedene Wohngebude hatte. Stepan Trophimowitsch, der gerade in dem Augenblick der Ankunft aufwachte, stieg schnell aus und ging sofort ins zweite, das grte und beste Zimmer. Sein verschlafenes Gesicht nahm einen ungemein geschftigen Ausdruck an. Er erklrte der Wirtin, einem groen, vierzigjhrigen, sehr brnetten Weibe, das auf der Oberlippe fast einen Schnurrbart hatte, er wnsche das ganze Zimmer fr sich allein und da Sie mir keinen Menschen hier herein lassen, schlieen Sie die Tren zu, _parce que nous avons parler. Oui, j'ai beaucoup vous dire, chre amie._{[252]} -- Ich bezahle Ihnen alles, ich bezahle, bezahle! rief er, der Wirtin erregt abwinkend. Er sprach rasch, aber doch wie mit schwerer Zunge. Die Buerin hrte ihn unfreundlich an, und zum Zeichen des Einverstndnisses schwieg sie nur; darin lag aber schon gleichsam etwas Drohendes. Stepan Trophimowitsch bemerkte davon natrlich nichts und verlangte eilig -- er beeilte sich entsetzlich --, sie solle nur schnell aus dem Zimmer gehen und ihm sofort das Essen bringen -- und keine Zeit vertrdeln! fgte er hinzu. Da aber hielt die Buerin mit dem Schnurrbart nicht mehr an sich: Herr, das ist hier kein Gasthaus, wir haben kein Essen fr die Reisenden. Krebse kann ich Ihnen noch kochen oder einen Samowar aufstellen, aber weiter auch nichts. Frischen Fisch wird's erst morgen geben. Doch Stepan Trophimowitsch ertrug keinen Einwand und rief fuchtelnd in zorniger Ungeduld: Bezahle, bezahle alles, nur schneller, schneller! Endlich kamen sie dahin berein, da eine Fischsuppe gekocht und ein Huhn gebraten werden sollte. Die Buerin sagte zwar, da ein Huhn im ganzen Dorf nicht zu haben sei, einstweilen aber wollte sie doch versuchen, eines aufzutreiben, wenn sie es auch mit einer Miene versprach, als ob sie damit eine ungeheure Geflligkeit erweise. Kaum war sie aus dem Zimmer, als Stepan Trophimowitsch sich schnell auf den Diwan setzte und Ssofja Matwejewna zwang, sich neben ihn zu setzen. Es war, fr eine Bauernstube, ein recht eigentmlich mbliertes groes Zimmer. Auer einem gepolsterten Sofa standen noch zwei alte Lehnsthle darin, und an den Wnden, die mit alten gelben, zerrissenen Tapeten beklebt waren, hingen schauderhafte mythologische ldruckbilder. Nur eine Ecke war noch Bauernstube: mit einer langen Reihe von Heiligenbildern, teils auf Holz, teils in dreiteiligen Metallschrnkchen. In einer anderen Ecke stand hinter einer niedrigen Scheidewand ein Bett. Kurz, das Zimmer machte mit seiner halb stdtischen, halb burischen Einrichtung einen unschnen Eindruck. Doch Stepan Trophimowitsch sah das alles berhaupt nicht, ja er warf berhaupt nicht einmal einen Blick durch das Fenster auf den groen See, der kaum dreiig Schritte vom Hause begann. Endlich sind wir allein! Wir werden niemanden hereinlassen! Ich will Ihnen alles, alles, von Anfang an erzhlen. Doch Ssofja Matwejewna fiel ihm in nicht geringer Unruhe ins Wort: Wissen Sie auch, Stepan Trophimowitsch ... _Comment, vous savez dj mon nom?_{[253]} fragte er, freudig lchelnd ... Ich hrte vorhin, wie Anissim Iwanowitsch Sie anredete, als Sie mit ihm sprachen. Aber ich mchte es wagen, Sie meinerseits auf etwas aufmerksam zu machen ... Und sie flsterte ihm, ngstlich nach der geschlossenen Tr blickend, zu, da es hier im Dorf ein wahrer Jammer sei: die Bauern seien zwar von Hause aus Fischer, lebten aber mehr davon, da sie im Sommer von den Reisenden, die hier auf das Dampfschiff warteten, so viel Geld verlangten, wie ihnen gerade einfiel. Das Dorf liege nicht an der groen Landstrae, sondern abseits, und man komme nur deswegen hierher, weil der Dampfer hier anlege, wenn aber nur etwas schlechteres Wetter sei, so komme er berhaupt nicht, und dann sammelten sich hier sehr viele Reisende an: jetzt zum Beispiel sei schon das ganze Dorf besetzt, und darauf warteten die Hauswirte nur, denn dann knnten sie fr alles das Dreifache verlangen, der Mann aber dieser Buerin mit dem Schnurrbart sei sehr stolz und hochmtig, denn er sei der reichste Mann im Dorf, ein einziges seiner Netze koste allein schon an die tausend Rubel usw. usw. Stepan Trophimowitsch blickte geradezu vorwurfsvoll in das ungewhnlich belebte Gesicht Ssofja Matwejewnas und machte mehrmals den Versuch, sie zu unterbrechen. Sie aber lie sich nicht aufhalten und bekrftigte das Gesagte noch mit der Erzhlung ihrer Erfahrungen, die sie im letzten Sommer auf der Durchreise mit einer adligen Dame hier gemacht hatte, -- Erfahrungen, an die auch nur zurckzudenken fr sie schon furchtbar war. Und nun haben Sie, Stepan Trophimowitsch, dieses Zimmer fr sich ganz allein verlangt ... Ich sage es ja nur, um zu warnen ... Dort im anderen Zimmer sind schon viele Reisende, ein lterer Mann und ein jngerer Mann und noch eine Frau mit Kindern, und bis morgen zwei Uhr wird das ganze Haus bis zum Dach voll sein, da das Dampfschiff morgen bestimmt kommen wird, weil es jetzt schon zwei Tage nicht mehr gekommen ist. Und so werden denn die Leute fr das besondere Zimmer und dafr, da Sie das Essen bestellt haben, so viel von Ihnen verlangen, da es selbst in den Hauptstdten unerhrt wre ... Er aber litt, litt inzwischen aufrichtig. _Assez, mon enfant_, ich flehe Sie an, _nous avons notre argent et aprs -- et aprs le bon Dieu_.{[254]} Es wundert mich nur, da Sie mit Ihren hohen Auffassungen ... _Assez, assez, vous me tourmentez_,{[255]} rief er nervs. Vor uns liegt unsere ganze Zukunft, und Sie ... Sie wollen mir Angst machen vor der Zukunft ... Und er begann nun, ihr seine Lebensgeschichte zu erzhlen, wobei er zu Anfang dermaen schnell sprach, da es schwer war, zu folgen. Die Geschichte war sehr lang. Man brachte schon die Fischsuppe, brachte das Huhn, brachte endlich auch den Samowar, er aber sprach immer noch ... Es kam zwar alles ein wenig seltsam, wie eine Fieberphantasie, heraus, aber -- er war ja auch tatschlich krank. Das war eine pltzliche krampfhafte Anspannung seiner Verstandeskrfte, die in kurzer Zeit -- das sah Ssofja Matwejewna schon bekmmert voraus -- unfehlbar ins Gegenteil umschlagen mute. Er begann mit seiner Kindheit, also mit der Zeit, als er noch mit frischer Brust ber grne Wiesen lief. Erst nach einer Stunde hatte er sich bis zu seinen beiden Ehen durchgearbeitet und dann begann die Erzhlung des Berliner Lebens. Ich wage aber nicht, darber zu spotten. Es lag fr ihn tatschlich etwas Hheres darin, oder um einen Ausdruck unserer Zeit zu gebrauchen: eine Art Kampf ums Dasein. Er sah jetzt diejenige Frau vor sich, die er schon fr sein zuknftiges Leben erwhlt hatte, und er beeilte sich, sie in seine ganze Vergangenheit einzuweihen. Seine Genialitt sollte fr sie kein Geheimnis mehr bleiben ... Es ist wahrscheinlich, da er Ssofja Matwejewnas Wert und Bedeutung vor sich selbst stark vergrerte, aber das hatte weiter nichts auf sich, denn sie war jetzt schon seine Erwhlte. Er konnte nun einmal nicht ohne Freundin auskommen auf der Welt ... Was machte es ihm da aus, da er ihrem Gesicht ansah, wie wenig sie ihn verstand ... _Ce n'est rien, nous attendrons_,{[256]} und vorlufig wird sie mit dem Vorgefhl begreifen knnen ..., meinte er bei sich. Mein Freund, ich brauche ja von Ihnen einzig und allein Ihr Herz! rief er ihr, seine Erzhlung unterbrechend, begeistert zu, und jetzt dieser liebe, berckende Blick, mit dem Sie mir in die Augen sehen! Oh, errten Sie nicht! Ich habe Ihnen doch schon gesagt ... Am schleierhaftesten aber erschien die Geschichte der armen Ssofja Matwejewna, als er eine ordentliche Rede ber das Thema hielt: wie ihn niemand je hat verstehen knnen und wie bei uns in Ruland die Talente umkommen. Das war alles viel zu klug fr mich, sagte sie uns spter melancholisch. Sie hrte ihm dabei mit sichtlichem Mitgefhl zu, wobei sie die Augen nur ein wenig weiter aufri. Als sich aber Stepan Trophimowitsch auf den Humor warf und die geistreichsten Witzchen ber unsere Fhrenden und Herrschenden lossprhen lie, da verlie sie alles und jedes Verstndnis und nur aus Mitgefhl mit dem Kranken versuchte sie noch zuweilen ein Lcheln zustande zu bringen, um wenigstens ein wenig auf seine Heiterkeit einzugehen, doch es gelang ihr so schlecht, da Stepan Trophimowitsch schlielich selber ganz verwirrt davon ablie und mit noch grerer Wut und Bitterkeit auf die Nihilisten und neuen Menschen berging. Da aber wurde es ihr angst und bange zumut, und sie atmete erst wieder auf -- leider nur viel zu frh --, als der eigentliche Roman begann. Eine Frau bleibt immer Frau und wenn sie auch Nonne ist: so lchelte sie denn, schttelte mibilligend den Kopf und errtete mit gesenkten Augen, wodurch sie Stepan Trophimowitsch dermaen in Ekstase brachte, da er noch vieles hinzudichtete. Warwara Petrowna erschien in seiner Erzhlung als wunderschne Brnette -- die Petersburg und noch viele europische Hauptstdte entzckt hat -- deren Mann bei Sebastopol gefallen war und das einzig darum, weil er sich ihrer Liebe nicht fr wrdig und sich fr verpflichtet gehalten hatte, sie demjenigen, den sie in Wirklichkeit liebte, das heit also Stepan Trophimowitsch, abzutreten ... Oh, werden Sie nicht verlegen, meine Stille, meine Christin! rief er Ssofja Matwejewna zu, als er fast schon selbst daran glaubte, was er erzhlte. Das war etwas Hheres, etwas so Zartes, da wir uns beide das ganze Leben lang nicht ausgesprochen haben! Als Grund einer solchen Lage der Dinge erschien darauf im weiteren Verlaufe der Erzhlung eine schne Blondine (wenn man darunter nicht Darja Pawlowna verstehen soll, so wei ich wirklich nicht, wen Stepan Trophimowitsch damit gemeint haben knnte). Diese Blondine verdankte alles, was sie besa, der Brnetten, die sie erzogen hatte und deren weitlufige Verwandte sie war. Die Brnette aber bemerkte bald die Liebe der Blonden zu Stepan Trophimowitsch und zog sich in sich selbst zurck. Die Blonde aber bemerkte gleichfalls die Liebe der Brnetten zu Stepan Trophimowitsch und zog sich auch in sich selbst zurck. Und so schwiegen sie denn alle drei, alle drei in sich selbst zurckgezogen, alle drei nichts als verkrperter Edelmut, und das whrte dann zwanzig Jahre lang ... Oh, was war das doch fr eine Liebe, was war das doch fr eine Leidenschaft! rief er in aufrichtigster Begeisterung aufschluchzend aus. Ich sah die volle Blte ihrer Schnheit (der Brnetten), sah sie mit wundem Herzen tglich an mir vorberziehen, sie, die das stolze Haupt neigte, als schme sie sich ihrer Schnheit! Einmal sagte er statt ihrer Schnheit: ihrer Flle. Schlielich behauptete er, er sei jetzt erst aus diesem zwanzigjhrigen Traume erwacht. -- _Vingt ans!_{[72]} Und nun pltzlich auf der groen Landstrae ... Darauf folgte dann zum Schlu -- wahrscheinlich in einem Augenblick noch grerer Benommenheit -- die Erklrung dessen, was die heutige zufllige und doch so entscheidende Begegnung mit Ssofja Matwejewna fr ihn wie fr sie bedeutete. Ssofja Matwejewna erhob sich in schrecklichster Verlegenheit vom Sofa. Und als er gar noch den Versuch machte, vor ihr auf die Knie zu fallen, da begann sie vor Schreck zu weinen. Die Dmmerstunde neigte sich schon dem Abend zu: beide hatten sie bereits etliche Stunden in dem verschlossenen Zimmer verbracht ... Ach nein, lassen Sie mich jetzt schon lieber in das andere Zimmer, flsterte sie erregt, denn was werden sonst die Leute denken! Endlich gelang es ihr, sich frei zu machen; er aber versprach ihr folgsam, sich sofort ins Bett zu legen. Beim Abschied klagte er, da er starke Kopfschmerzen habe. Ssofja Matwejewna hatte ihre Sachen im vorderen Zimmer gelassen, wo sie mit den anderen zusammen zu bernachten beabsichtigte; doch es sollte anders kommen. In der Nacht geschah es nmlich, da sich bei Stepan Trophimowitsch die mir und all seinen Freunden so wohlbekannte Cholerine einstellte, wie gewhnlich nach nervsen Aufregungen. Die arme Ssofja Matwejewna kam also die ganze Nacht nicht zum schlafen. Da sie bei der Wartung des Kranken hufig durch das vordere Familienzimmer aus dem Hause gehen mute, so strte sie die Schlafenden, die bald aufwachten und ungehalten wurden. Und als Ssofja Matwejewna zum Morgen hin gar den Samowar aufstellen wollte, da begannen sie auch noch zu schimpfen. Stepan Trophimowitsch war so lange, wie die Cholerine andauerte, halb bewutlos: zuweilen schien es ihm wie durch einen Nebel, da man den Samowar aufstellte, da man ihm ein Himbeergetrnk zu trinken gab, da man ihm mit irgend etwas den Magen und die Brust wrmte. Dabei fhlte er die ganze Zeit und empfand es jeden Augenblick, da _Sie_ bei ihm war und fr ihn sorgte, da _Sie_ es war, die da kam und ging, die ihn zudeckte und wrmte! Um drei Uhr morgens wurde ihm ein wenig besser: er setzte sich auf, lie die Beine ber den Bettrand baumeln, und pltzlich, ohne sich dabei etwas zu denken, fiel er vor ihr auf die Knie. Dieser zweite Kniefall war nicht mehr so harmlos wie der erste: er fiel ihr einfach zu Fen und kte den Saum ihres Kleides ... Um Gottes willen, ich bin das doch gar nicht wert, stammelte die Arme erschrocken und bemhte sich vergeblich, ihn wieder auf das Bett zu heben. Meine Retterin, hauchte er andchtig und faltete wie im Gebet die Hnde. _Vous tes noble comme une marquise!_{[257]} Ich -- ich bin ein Nichtswrdiger! Oh, ich bin mein ganzes Leben lang ehrlos gewesen ... Ach, beruhigen Sie sich doch, bitte! flehte Ssofja Matwejewna. Ich habe Ihnen vorhin alles vorgelogen, aus Ruhmsucht, zur Verschnerung, aus Eitelkeit, -- alles, alles, bis aufs letzte Wort! Ich Nichtswrdiger, ich Nichtswrdiger! So ging denn der Anfall von Cholerine in einen Anfall hysterischer Selbstbeschuldigung ber. (Ich habe ja schon frher von diesen Anfllen, bei Gelegenheit der Reuebriefe an Warwara Petrowna, gesprochen.) Pltzlich erinnerte er sich jetzt Lisas und der Begegnung mit ihr am Morgen. Das war so furchtbar, sagte er, da war bestimmt ein Unglck geschehen, ich aber habe in meinem Egoismus nicht einmal gefragt, und nun wei ich auch nichts! Ich habe nur an mich gedacht! Aber was war denn mit ihr geschehen, wissen Sie es nicht, was da geschehen ist? flehte er wieder Ssofja Matwejewna an. Gleich darauf schwor er, da er nicht untreu werden knne und zu _Ihr_ -- d. h. zu Warwara Petrowna -- zurckkehren msse. Wir werden jeden Tag zu ihrer Treppe gehen (das hie nun wieder er mit Ssofja Matwejewna zusammen) und wenn sie sich in ihre Equipage setzt, um ihre Morgenspazierfahrt zu machen, so werden wir still zusehen ... Oh, ich will, da sie mich auch auf die andere Wange schlgt: mit Begeisterung will ich es! Ich werde ihr auch meine andere Wange hinhalten, _comme dans votre livre_!{[258]} Jetzt habe ich ... ja, jetzt erst habe ich verstanden, was das heit, seine andere Wange ... hinhalten. Ich habe das frher niemals verstehen knnen! Fr Ssofja Matwejewna waren das die zwei furchtbarsten Tage ihres Lebens: noch heute denkt sie nicht anders als mit Schrecken an sie zurck. Stepan Trophimowitsch erkrankte so ernstlich, da er am nchsten Tage unmglich mit dem Dampfschiff, das diesmal pnktlich um zwei Uhr ankam, nach Spassoff weiterfahren konnte, sie aber wagte es nicht, ihn allein zu lassen, und so blieb sie denn in Ustjewo bei ihm. Nach ihren Worten soll er sich sogar sehr darber gefreut haben, da das Dampfschiff endlich fortgefahren war: Nun und wunderschn, so ist es sehr gut, sehr gut, murmelte er aus dem Bett heraus, ich frchtete schon die ganze Zeit, da wir fortfahren mssen. Hier aber ist es sehr schn, hier ist es am besten ... Sie werden mich doch nicht verlassen? O nein, Sie verlassen mich nie mehr! Einstweilen war es aber hier durchaus nicht so schn. Er wollte jedoch nichts von ihren Unannehmlichkeiten wissen. In seinem Kopf war jetzt nur Platz fr eine Menge Phantasien. An seine Krankheit dachte er berhaupt nicht, denn er hielt sie ja nur fr eine schnell vorbergehende Erkltung, und sprach die ganze Zeit davon, wie sie beide, wenn er erst wieder gesund sei, diese kleinen Bcher verkaufen wrden. Und pltzlich bat er sie, ihm aus dem Evangelium vorzulesen. Ich habe es lange nicht mehr gelesen ... im Original. Aber, nicht wahr, es knnte mich doch jemand beim Kauf eines dieser kleinen Bcher dies oder jenes fragen, und dann knnte ich mich irren ... Man mu sich doch immerhin etwas vorbereiten ... Sie setzte sich an sein Bett und schlug das Buch auf. Sie lesen vorzglich, unterbrach er sie schon nach der ersten Zeile. Ich sehe schon, ich sehe, da ich mich nicht getuscht habe! fgte er unklar, aber begeistert hinzu. Und berhaupt war er die ganze Zeit in einem ununterbrochen begeisterten Zustande. Sie begann ihm die Bergpredigt vorzulesen. _Assez, assez, mon enfant_,{[259]} genug ... Glauben Sie wirklich, da _das_ noch immer nicht genug ist? Und kraftlos schlo er die Augen. Er war sehr schwach, doch verlor er noch nicht die Besinnung. Da erhob sich denn Ssofja Matwejewna, da sie glaubte, da er schlafen wolle. Aber siehe da -- er war sofort wieder wach und hielt sie zurck. Mein Freund, ich habe mein Lebelang gelogen. Selbst dann, wenn ich die Wahrheit sprach. Ich habe nie um der Wahrheit willen gesprochen, sondern immer nur fr mich, das habe ich auch frher schon gewut, aber jetzt erst sehe ich es so recht ein ... Oh, wo sind diese Freunde, die ich mit meiner Freundschaft zeitlebens beleidigt habe?! Und sie alle, alle! _Savez-vous_,{[260]} ich glaube, ich lge auch jetzt! Bestimmt lge ich auch jetzt! Die Hauptsache ist, da ich mir selbst glaube, wenn ich lge! Am allerschwersten ist es im Leben, zu leben und nicht zu lgen ... und ... und den eigenen Lgen nicht zu glauben, ja, ja, gerade das! Aber warten Sie, das kommt alles spter ... Wir werden zusammen, zusammen ... fgte er pltzlich enthusiastisch hinzu. Stepan Trophimowitsch, begann Ssofja Matwejewna zaghaft, sollte man nicht in die Stadt nach einem Arzt schicken? Er war malos erstaunt. Warum? _Est-ce que je suis si malade? Mais rien de srieux._{[261]} Und wozu andere Menschen? Dann wird man es noch erfahren, da ich hier bin, und -- was wird dann sein? Nein, nein, keine fremden Menschen ... wir beide, wir beide! Wissen Sie, sagte er nach kurzem Schweigen, lesen Sie mir noch etwas vor, so, schlagen Sie auf gut Glck das Buch auf und lesen Sie das, worauf Ihr Blick zuerst fllt. Ssofja Matwejewna schlug das Buch auf und las. Wo es sich von selbst aufschlgt, wo es sich von selbst aufschlgt, wiederholte er. >Und dem Engel ... --< Was ist das? Woraus? Woraus ist das? Das ist aus der Apokalypse. _Oh, je m'en souviens, oui, l'Apocalipse. Lisez, lisez._{[262]} Ich wollte ber unsere Zukunft etwas hren, darum lie ich Sie so eine Stelle auf gut Glck lesen, ich will wissen, was Sie da gefunden haben. Lesen Sie weiter, vom Engel, vom Engel ... >Und dem Engel der Gemeine zu Laodicea schreibe: Das sagt Amen, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Kreatur Gottes. Ich wei deine Werke, da du weder kalt noch warm bist. Ach, da du kalt oder warm wrest! Weil du aber lau bist, und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde. Du sprichst: Ich bin reich und habe gar satt, und bedarf nichts; und weit nicht, da du bist elend und jmmerlich, arm, blind und blo.< Das ... und das steht in Ihrem Buch! rief er erregt, mit glnzenden Augen, und erhob sich vom Kissen, diese wundervolle Stelle habe ich nie gekannt! Hren Sie: eher kalt, kalt, als lau, _nur_ lau! Oh, ich werde ihnen das auslegen! Nur verlassen Sie mich nicht, lassen Sie mich nicht allein! Wir werden es ihnen beweisen, wir werden es auslegen! Aber ich werde Sie ja nicht verlassen, Stepan Trophimowitsch, beruhigen Sie sich, ich werde Sie nie verlassen! sagte sie und erfate seine Hand, die sie mit Trnen in den Augen an ihre Brust drckte. (Er tat mir schon gar zu leid in diesem Augenblick, erzhlte sie uns spter.) Seine Lippen begannen zu zucken wie im Krampf. Aber, Stepan Trophimowitsch, soll man nicht doch jemanden von den Ihrigen benachrichtigen lassen, oder vielleicht auch -- Ihre Bekannten? Da aber erschrak er dermaen, da sie ganz unglcklich darber war, ihn noch einmal daran erinnert zu haben. Zitternd und bebend flehte er sie an, nur um Gottes willen niemanden zu benachrichtigen, noch sonst etwas zu tun! Und er nahm ihr das Wort ab und beschwor sie: Niemanden, niemanden! Wir allein, nur wir beide allein, _et nous partirons ensemble_.{[263]} Schlimm war es auch, da sich die Hauswirte beunruhigten, ungehalten wurden und der armen Ssofja Matwejewna auf den Hals rckten. Sie bezahlte ihnen und zeigte ihnen Geld: damit beruhigte sie sie fr einige Zeit; aber der Wirt wollte die Legitimationspapiere Stepan Trophimowitschs sehen. Der Kranke wies mit hochmtigem Lcheln auf seinen kleinen Reisekoffer, in dem Ssofja Matwejewna denn auch einen alten Ausweis fand. Bald aber verlangte der Bauer, da man den Kranken fortschaffen solle, denn er knne schlielich sterben und was gbe das dann fr Scherereien. Ssofja Matwejewna sprach auch mit ihm ber den Arzt, doch es stellte sich heraus, da, wenn man ihn aus der Stadt holen wollte, die Kosten unerschwinglich wren. Und so kehrte sie denn niedergeschlagen zu ihrem Kranken zurck, der allmhlich schwcher und schwcher wurde. Jetzt lesen Sie mir noch eine Stelle vor ... von den Schweinen, sagte er pltzlich. Wovon? fragte Ssofja Matwejewna entsetzt. Von den Schweinen ... das ist auch hier ... _ces cochons_{[264]} ... ich erinnere mich, die Teufel fuhren in die Schweine und die Schweine strzten sich in den See und kamen alle um. Lesen Sie mir das unbedingt vor: ich werde Ihnen nachher sagen, wozu ... Ich will es wortwrtlich hren, wortwrtlich ... Ssofja Matwejewna kannte die Bibel gut und fand sofort jene Stelle aus Lukas, Kapitel 8, 32--37, die ich der Erzhlung all dieser Ereignisse vorgeschrieben habe. Ich bringe sie hier noch einmal: >Es war aber daselbst eine groe Herde Sue an der Weide auf dem Berge. Und sie baten ihn, da er ihnen erlaubte, in dieselben zu fahren. Und er erlaubte ihnen. Da fuhren die Teufel aus von dem Menschen, und fuhren in die Sue; und die Herde strzte sich vom Abhange in den See, und ersoffen. Da aber die Hirten sahen, was da geschah, flohen sie und verkndigten's in der Stadt und in den Drfern. Da gingen sie hinaus, zu sehen, was da geschehen war, und kamen zu Jesu, und fanden den Menschen, von welchem die Teufel ausgefahren waren, sitzend zu den Fen Jesu, bekleidet und vernnftig, und sie erschraken. Und die es gesehen hatten, verkndigten's ihnen, wie der Besessene war gesund worden.< Mein Freund, sagte Stepan Trophimowitsch in groer Erregung, _savez-vous_, diese wundervolle und ... ungewhnliche Stelle ist mir mein ganzes Leben lang ein Stein des Anstoes gewesen ... _dans ce livre_{[265]} ... so da ich diese Stelle noch aus der Kindheit -- behalten habe. Jetzt aber ist mir ein neuer Gedanke gekommen, _une comparaison_.{[266]} Ich habe jetzt furchtbar viele Gedanken: Sehen Sie, das ist genau so wie unser Ruland. Diese Teufel und Dmonen, die aus dem Besessenen in die Schweine fahren -- das sind alle schlechten Sfte, alle Miasmen, aller Schmutz, alle Teufel und Beelzebuben, die sich in unserem lieben Kranken, in unserem Ruland angesammelt haben, schon seit vielen, vielen Jahrhunderten! _Oui, cette Russie, que j'aimais toujours._{[267]} Aber ein groer Gedanke und ein mchtiger Wille werden es aus der Hhe segnen, ganz wie diesen wahnsinnigen Besessenen, und alle diese Unreinlichkeit, diese ganze Gemeinheit, die sich auf der Oberflche angesammelt hat und langsam angefault ist ... sie werden noch selbst darum bitten, in die Schweine fahren zu drfen! Ja, und sie sind ja vielleicht schon hineingefahren! Das sind wir, wir und jene und Petruscha ... _et les autres avec lui_,{[268]} und ich vielleicht der erste an der Spitze, und wir werden uns, wir Wahnsinnigen und Besessenen, vom Fels in das Meer strzen und alle ertrinken, und dorthin gehren wir auch, dahin mssen wir, denn nur dazu allein taugen wir noch! Aber der Kranke selbst wird wieder gesunden und wird sich >zu Fen Jesu< setzen ... und alle werden ihn mit Verwunderung schauen ... Meine Liebe, _vous comprendrez aprs_, jetzt aber regt mich das sehr auf ... _Vous comprendrez aprs ... Nous comprendrons ensemble._{[269]} Er begann zu phantasieren und schlielich verlor er das Bewutsein. So verging der ganze folgende Tag. Ssofja Matwejewna sa an seinem Bett und weinte, schlief schon die dritte Nacht nicht und vermied es nach Mglichkeit, den Wirtsleuten unter die Augen zu kommen, denn sie ahnte schon, da diese irgend etwas beabsichtigten. Am nchsten Morgen wachte Stepan Trophimowitsch auf, erkannte sie wieder und streckte ihr die Hand entgegen. Sie bekreuzte sich mit neuer Hoffnung. Er aber wollte pltzlich aus dem Fenster sehen. _Tiens, un lac_,{[270]} sagte er, ach Gott, und ich habe ihn noch gar nicht gesehen ... In diesem Augenblick rollte eine Equipage vor das Haus und in den Zimmern wurde es lebendig. III. Es war Warwara Petrowna in eigener Person, die mit einem Viererzug in ihrer grten Equipage mit zwei Dienern und Darja Pawlowna angefahren kam. Das Wunder erklrte sich sehr einfach: der neugierige Anissim war in der Stadt gleich am anderen Tage in das Haus Warwara Petrownas gegangen und hatte dort den Dienstboten erzhlt, da er Stepan Trophimowitsch allein in einem Dorf angetroffen habe, und da der gndige Herr von dort nach Ustjewo weitergefahren sei, und zwar in Begleitung einer gewissen Ssofja Matwejewna. Da nun Warwara Petrowna sich ber die Flucht ihres Freundes sehr aufgeregt und berall nach ihm zu fragen und zu forschen befohlen hatte, so war ihr sogleich gemeldet worden, was Anissim erzhlt hatte. Selbstredend mute Anissim nun unverzglich vor der Herrin erscheinen und alles nochmals erzhlen, und nachdem sie ihn aufmerksam angehrt hatte -- besonders die Schilderung der Abfahrt in einem Wagen mit irgendeiner Ssofja Matwejewna --, da ward noch im selben Augenblick die Equipage bestellt. Auf frischer Spur ging's dem Flchtling nach. Von seiner Krankheit wute sie natrlich noch nichts. Ihre strenge und befehlende Stimme machte selbst den Wirtsleuten bange. Sie lie hier nur halten, um sich zu erkundigen, wann Stepan Trophimowitsch nach Spassoff weitergefahren sei. Als sie nun erfuhr, da er noch da war und krank zu Bett lag, da stieg sie sofort aus und trat erregt in das Haus. Nun, wo ist er denn hier? fragte sie. Ah, das bist du! rief sie pltzlich, als sie Ssofja Matwejewna, die gerade in diesem Augenblick aus dem Krankenzimmer trat, in der Tr erblickte. Ich sehe es schon deinem schamlosen Gesichte an, da du es bist. Hinaus, Schndliche! Da mir sofort keine Spur mehr von ihr im Hause bleibe! Jagt sie hinaus, -- geh! oder ich lasse dich auf ewig ins Gefngnis stecken! Bewacht sie mir solange in einem anderen Hause. Sie hat ja schon einmal im Gefngnis gesessen, kann also wieder hinein. Und du, wandte sie sich befehlend an den Hauswirt, da du mir nicht wagst, jemanden hereinzulassen, solange ich hier bin! Ich bin die Generalin Stawrogina und nehme das ganze Haus fr mich in Beschlag. Du aber, meine Beste, du wirst mir noch Rede stehen! Die bekannte Stimme wirkte erschtternd auf Stepan Trophimowitsch. Er begann zu zittern. Aber da trat sie schon ins Zimmer, trat an sein Bett. Ihre Augen blitzten. Sie stie mit dem Fu einen Stuhl heran, setzte sich, lehnte sich steif zurck und rief Dascha unwillig zu: Geh vorlufig hinaus! Kannst solange bei den Wirtsleuten bleiben! Was ist das pltzlich fr eine Neugier? Und die Tr zieh hinter dir etwas fester zu! Eine ganze Weile fixierte sie stumm, mit einem seltsamen Raubtierblick sein erschrockenes Gesicht. Nun, wie geht es Ihnen, Stepan Trophimowitsch? Wie war denn der Spaziergang? fragte sie pltzlich mit grimmiger Ironie. _Chre_, stotterte Stepan Trophimowitsch wie benommen, ich habe die russische Wirklichkeit kennen gelernt ... _Et je prcherai l'Evangile ..._{[271]} Oh, Sie schamloser, undankbarer Mensch! rief sie zornig aus, die Hnde erhebend. Ist es Ihnen noch nicht genug, da Sie mich so blostellen und mit irgendeiner ... Oh, Sie alter, schamloser Wstling! _Chre ..._ Seine Stimme versagte und er konnte nichts mehr hervorbringen, er sah sie vor Entsetzen nur mit weit offenen Augen an. Was ist das fr eine? _C'est un ange ... C'tait plus qu'un ange pour moi_,{[272]} sie hat die ganze Nacht ... Oh, schreien Sie nicht, erschrecken Sie sie nicht, _chre, chre_ ... Warwara Petrowna sprang pltzlich polternd vom Stuhl auf; angstvoll rief sie: Wasser, Wasser! Stepan Trophimowitsch kam allerdings schon wieder zu sich, aber sie zitterte immer noch vor Schreck und blickte bleich in sein entstelltes Gesicht: jetzt erst begriff sie, wie ernst sein Zustand war. Darja, flsterte sie schnell der hereinstrzenden Darja Pawlowna zu, sofort nach dem Arzt, nach Doktor Salzfisch! Schicke sofort Jegorytsch, er soll hier Pferde mieten und in der Stadt einen anderen Wagen nehmen. Da er mit Salzfisch noch vor dem Abend hier ist! Dascha ging schnell hinaus, um den Befehl auszufhren. Stepan Trophimowitsch sah Warwara Petrowna immer noch mit demselben erschrockenen Blick aus weit offenen Augen an. Seine wei gewordenen Lippen bebten. Warte, Stepan Trophimowitsch, warte, Tubchen, nur einen Augenblick, redete sie ihm wie einem kleinen Kinde zu. So warte doch, wart doch, sieh, Darja wird gleich zurckkommen und ... Ach, mein Gott, Wirtin, Wirtin, so komm doch du wenigstens, Mtterchen! Und in ihrer Ungeduld lief sie selbst nach der Buerin. Sofort, sofort _jene_ wieder zurckbringen! Bring sie mir sofort zurck, zurck! Zum Glck war Ssofja Matwejewna mit ihren Sachen kaum aus dem Hause gegangen, so da man sie schon nach ein paar Schritten einholte. Sie wurde zurckgebracht. Sie war aber so erschrocken, da ihre Hnde und Knie zitterten. Warwara Petrowna ergriff ihre Hand, wie ein Geier ein Kken, und zog sie eilig zu Stepan Trophimowitsch. Hier, hier haben Sie sie! Ich habe sie doch nicht aufgefressen! Sie dachten wohl schon, da ich sie einfach verschlungen habe? Stepan Trophimowitsch ergriff Warwara Petrownas Hand und drckte sie an seine Augen, und pltzlich schluchzte er auf, schmerzhaft, krampfartig. Beruhige dich, beruhige dich doch, mein Tubchen, beruhige dich, Vterchen ... Nun ... Ach, mein Gott, aber so beru--hi--gen Sie sich doch! rief sie auer sich. Oh, mein Peiniger, mein ewiger, ewiger Peiniger! Meine Liebe, brachte Stepan Trophimowitsch endlich, zu Ssofja Matwejewna gewandt, hervor, bleiben Sie, meine Liebe, dort -- im anderen Zimmer ... ich will hier noch etwas sagen ... Ssofja Matwejewna beeilte sich sofort, hinauszugehen. _Chrie ... chrie ..._ -- er rang nach Atem. Sprechen Sie noch nicht, Stepan Trophimowitsch, warten Sie noch ein wenig, bis Sie sich erholt haben. Hier ist Wasser. Aber so war--ten Sie doch noch! Sie setzte sich wieder auf ihren Stuhl. Stepan Trophimowitsch hielt krampfhaft ihre Hand fest. Sie lie ihn noch lange nicht sprechen. Da zog er ihre Hand an die Lippen und bedeckte sie immer wieder mit Kssen. Sie bi die Zhne zusammen und blickte irgendwohin in einen Winkel. _Je vous aimais!_{[273]} entrang es sich ihm endlich. Noch nie hatte sie von ihm ein solches Wort gehrt, und so gesprochen. Hm! war ihre Antwort. _Je vous aimais toute ma vie ... vingt ans!_{[274]} Sie schwieg immer noch -- zwei, drei Minuten lang. Als aber Dascha in Aussicht stand, da erschien er parfmiert -- stie sie pltzlich unheimlich flsternd hervor. Stepan Trophimowitsch erstarrte nur so. ... Mit einer neuen Krawatte ... Wieder Schweigen -- ungefhr zwei Minuten lang. Und die Zigarre, entsinnen Sie sich? Mein Freund, stammelte er, von Schrecken erfat. Die Zigarre, am Abend, am Fenster ... der Mond schien ... nach den Stunden im Park ... in Skworeschniki? Entsinnst du dich, entsinnst du dich! und sie sprang auf, ergriff sein Kissen an beiden Ecken und schttelte es mitsamt seinem Kopf. Entsinnst du dich noch, du leerer, leerer, ehrloser, kleinmtiger, ewig, ewig leerer Mensch! zischte sie nahezu in ihrem ingrimmigen Geflster, um nicht zu schreien. Dann lie sie ihn fahren und fiel zurck auf den Stuhl, das Gesicht mit den Hnden bedeckt. Genug! sagte sie kurz, sich steif aufrichtend. Zwanzig Jahre sind vergangen, die bringt man nicht zurck; dumm war auch ich. _Je vous aimais_, -- er legte beschwrend seine Hnde zusammen. Was sagst du mir immer _aimais_ und _aimais_! Genug! Sie fuhr wieder auf. Und wenn Sie jetzt nicht sofort einschlafen, so werde ich ... Sie brauchen Ruhe! Schlafen Sie, schlafen Sie sofort! Schlieen Sie die Augen! Ach, mein Gott, vielleicht will er frhstcken? Was essen Sie? Was darf er essen? Ach Gott, wo ist denn _jene_? wo ist _jene_? Warwara Petrowna setzte gleich das ganze Haus in Bewegung. Doch Stepan Trophimowitsch stammelte, da er jetzt allerdings lieber schlafen wrde, ein wenig nur, _une heure_, und dann -- _un bouillon, un th ... enfin il est si heureux_.{[275]} Er lag ganz still und es war wirklich, als sei er im Einschlafen (wahrscheinlich stellte er sich nur so). Warwara Petrowna wartete noch ein wenig und ging dann auf den Fuspitzen zur Tr. Im anderen Zimmer setzte sie sich hin, schickte die Hauswirte einfach hinaus und befahl Dascha, _jene_ hereinzufhren. Es begann ein ernstes Verhr. Erzhle mir jetzt, meine Liebe, alle Einzelheiten. Setze dich hierher, so! Nun? Ich traf Stepan Trophimowitsch ... Warte. Schweig. Ich sage dir im voraus, da ich dich, falls es dir einfallen sollte, mir etwas vorzulgen oder etwas zu verheimlichen, noch aus deinem Grabe wieder herausholen werde! Nun? Ich traf Stepan Trophimowitsch ... wie ich gerade in Hatowo war ... begann Ssofja Matwejewna, atemlos vor Angst. Wart, sei still! was trommelst du gleich los? Zuerst sage mir, was du selbst fr ein Vogel bist? Die erzhlte nun, so gut sie konnte, brigens in kurzen Worten, von sich und ihrem Leben. Sie fing mit Sebastopol an. Warwara Petrowna hrte schweigend zu, sa steif auf ihrem groen Stuhl und sah der Erzhlerin streng und unverwandt in die Augen. Warum bist du so erschrocken? Warum siehst du zu Boden? Ich liebe solche, die mir offen in die Augen sehen und mit mir streiten. Fahre fort! Jene erzhlte von der Begegnung, von den Bchern, erzhlte, wie Stepan Trophimowitsch der Buerin den Schnaps angeboten hatte ... So ist's gut, vergi nichts, erzhle alles, sagte Warwara Petrowna. Ssofja Matwejewna erzhlte also weiter, wie sie mit Stepan Trophimowitsch hierher nach Ustjewo gefahren war und wie er schon ganz krankes Zeug gesprochen und hier dann sein ganzes Leben von Anfang an und mehrere Stunden lang erzhlt hatte. Erzhle von seinem Leben. Ssofja Matwejewna verstummte pltzlich und schaute hilflos drein. Hiervon verstehe ich schon gar nichts mehr zu erzhlen, stotterte sie, dem Weinen nahe. Und ich habe auch nichts davon verstanden. Das lgst du. Nichts verstehen, das konntest du gar nicht. Von einer schwarzhaarigen vornehmen Dame sprach er lange, sagte Ssofja Matwejewna schlielich zgernd und errtete entsetzlich, da es ihr pltzlich auffiel, wie wenig Warwara Petrowna mit ihrem viel helleren Haar jener geschilderten schwarzhaarigen Schnheit glich. Von einer Schwarzhaarigen? -- Was erzhlte er denn? Sprich! Er ... er erzhlte, wie diese vornehme Dame schon ganz furchtbar in ihn verliebt gewesen wre, zwanzig Jahre lang, und wie sie immer nicht gewagt htte, es ihm zu sagen, und ... und wie sie sich vor ihm geschmt hat, denn sie war schon gar zu dick ... Dieser Esel! sagte Warwara Petrowna nachdenklich, doch berzeugt vor sich hin. Ssofja Matwejewna war nun wirklich schon am Weinen. Ich wei hiervon gar nichts mehr zu erzhlen, denn ich war selbst in groer Angst um ihn und habe auch gar nichts verstanden, da er doch ein Mensch von so groem Verstande ist ... ber seinen Verstand zu urteilen steht nicht so einer Krhe zu, wie du eine bist. Hat er bei dir angehalten? Ssofja Matwejewna erzitterte. Ha! er sich in dich verliebt? -- Sprich! herrschte Warwara Petrowna sie an. Hat er bei dir angehalten? Beinah hrte es sich wirklich so an, brachte sie aufschluchzend hervor ... Nur habe ich das alles gar nicht beachtet, denn er war doch krank, fgte sie hinzu und sah mit festem Blick auf. Wie heit du? Ssofja Matwejewna. Nun, dann wisse, Ssofja Matwejewna, da dieser Mensch das erbrmlichste, leerste Menschlein ist ... Mein Gott, mein Gott! Du hltst mich wohl fr eine Nichtswrdige? Die ri die Augen auf. Fr eine Nichtswrdige, eine Tyrannin, die sein Leben zerstrt hat? Wie kann denn das sein, wenn Sie jetzt doch selbst weinen! Tatschlich standen Warwara Petrowna Trnen in den Augen. Nun, setz dich, setz dich, brauchst nicht zu erschrecken. -- Sieh mir noch einmal in die Augen, ganz offen! Warum wirst du rot? Dascha, komm her, sieh sie dir an: was glaubst du, hat sie ein reines Herz ... Und zu Ssofja Matwejewnas grter Verwunderung, vielleicht aber zu ihrem noch greren Schreck, streichelte ihr Warwara Petrowna pltzlich die Wange. Schade nur, da du dumm bist. Dmmer als es deinen Jahren ansteht. Gut, meine Liebe, ich werde mich deiner annehmen. Sehe schon, da alles das Unsinn ist. Bleibe solange hier in der Nhe, man wird dir hier eine Wohnung mieten, -- Kost und alles brige bekommst du von mir ... bis ich dich rufen lasse. Ssofja Matwejewna versuchte erschrocken einzuwenden, da sie fort msse. Wohin? Deine Bcher kaufe ich dir alle ab, und du bleibst hier. Du httest ihn doch, wenn ich nicht gekommen wre, auch nicht verlassen? Fr keinen Preis htte ich ihn allein gelassen, sagte Ssofja Matwejewna leise, doch mit fester Stimme und trocknete sich die Augen. Doktor Salzfisch traf erst spt in der Nacht ein. Es war ein ehrwrdiger alter, kleiner Herr und ein recht erfahrener Arzt, der erst unlngst infolge eines ambitisen Streites mit der ihm vorgesetzten Behrde seinen offiziellen Posten verloren hatte. In demselben Augenblick hatte Warwara Petrowna ihn aus allen Krften zu protegieren angefangen. Er untersuchte Stepan Trophimowitsch aufmerksam und gewissenhaft, fragte dies und das, und berichtete sodann Warwara Petrowna, da der Zustand des Kranken sehr bedenklich sei und da man sich auf das Schlimmste gefat machen msse. Warwara Petrowna, die in den zwanzig Jahren sich von der Vorstellung vllig entwhnt hatte, da irgend etwas, das Stepan Trophimowitsch persnlich anging, ernst zu nehmen oder gar gefhrlich sein knnte, war tief erschttert und erbleichte sogar. Ist denn wirklich gar keine Hoffnung mehr? Das ist nicht gesagt, denn Hoffnung ist nie ausgeschlossen, aber ... Warwara Petrowna wachte die ganze Nacht bei dem Kranken und konnte kaum den Morgen erwarten. Als Stepan Trophimowitsch die Augen aufschlug und zu sich kam (er war die ganze Zeit bei Besinnung, nur wurde er von Stunde zu Stunde schwcher), trat sie entschlossen zu ihm. Stepan Trophimowitsch, man mu auf alles vorbereitet sein. Ich habe den Priester rufen lassen. Sie mssen Ihre Pflicht tun ... Da sie seine religisen berzeugungen kannte, so frchtete sie sehr eine Absage. Er aber sah sie nur erstaunt an. Unsinn, Unsinn! rief sie erregt, denn sie glaubte schon, er wolle sich widersetzen. Jetzt handelt es sich nicht mehr um Kindereien. Haben doch genug Dummheiten gemacht! Aber ... bin ich denn wirklich schon so krank? Nachdenklich willigte er ein. Zu meiner nicht geringen Verwunderung erfuhr ich spter von Warwara Petrowna, da das Sterben ihn gar nicht geschreckt hat. Mglich, da er einfach nicht an seinen Tod glaubte und die Krankheit nur fr eine vorbergehende Erkltung hielt. Er beichtete und nahm das Abendmahl -- und zwar mit groer Bereitwilligkeit. Alle, auch Ssofja Matwejewna, die Wirtsleute und selbst die Dienstboten kamen, um ihn nach Empfang des heiligen Sakraments zu beglckwnschen. Alle ohne Ausnahme weinten still, als sie sein eingefallenes, mdes Gesicht sahen, und die bleichen, zuckenden Lippen. _Oui, mes amis_, und es wundert mich nur, da ihr euch alle so ... sorgt. Morgen werde ich wahrscheinlich aufstehen, und wir ... fahren dann ... _Toute cette crmonie_{[276]} ... der ich natrlich alles lasse, was recht und billig ist ... war doch ... Ich wrde Sie bitten, Vterchen, noch nicht fortzugehen, hielt Warwara Petrowna den Priester zurck, der sein Ornat schon ablegen wollte. Knnten Sie nicht, wenn der Tee gebracht wird, mit ihm noch ber Religises sprechen, um seinen Glauben zu strken. Das tat der Priester denn auch; alle saen oder standen in der Nhe des Kranken. In unserer sndigen Zeit, fhrte er aus, die Teetasse in der Hand und in singendem Tone, ist der Glaube an den Allmchtigen die einzige Zuflucht des Menschengeschlechts, in allen Leiden und Nten des Lebens, ganz wie die Zuversicht auf die ewige Seligkeit, die den Gerechten verheien ... Stepan Trophimowitsch war pltzlich wie neu belebt: ein feines Spottlcheln glitt ber seine Lippen. _Mon pre, je vous remercie, et vous tes bien bon, mais ..._{[277]} Was ist da noch fr ein _mais_, durchaus kein _mais_! fiel ihm Warwara Petrowna aufspringend erregt ins Wort. Vterchen, wandte sie sich wieder an den Popen, das, das ist solch ein Mensch, das ist solch ein Mensch ... nach einer Stunde wird man ihn noch einmal das Abendmahl nehmen lassen mssen! Sehen Sie, solch ein Mensch ist das! Stepan Trophimowitsch lchelte zurckhaltend. Meine Freunde, sagte er, Gott ist mir schon deswegen unentbehrlich, weil er das einzige Wesen ist, das man ewig lieben kann ... Ob er nun in der Tat glubig geworden war, oder ob die mchtige Zeremonie des letzten Abendmahls nur die knstlerische Empfnglichkeit seiner Natur angeregt hatte, -- jedenfalls hat er noch mit fester Stimme und, wie man mir sagte, auch mit echtem Gefhl einige Gedanken ausgesprochen, die zu manchen seiner frheren berzeugungen in geradem Widerspruch standen. Meine Unsterblichkeit ist schon deswegen notwendig, weil Gott doch nicht das Unrecht wird begehen wollen, das Feuer der Liebe, das einmal in meinem Herzen zu Ihm entbrannt ist, ganz auszulschen. Was aber ist teurer als Liebe? Die Liebe steht hher als das Sein, die Liebe ist die Krone des Seins, wie sollte da das Leben ihr nicht untertan sein? Wenn ich Ihn jetzt lieben gelernt habe, und diese meine Liebe mir eine Freude ist -- wie wre es dann mglich, da Er mich und meine Freude wieder auslschte und uns in Nichts verwandelte? Wenn es einen Gott gibt, so bin auch ich unsterblich! _Voil ma profession de foi._{[278]} Es gibt einen Gott, Stepan Trophimowitsch, ich versichere Ihnen, es gibt einen Gott, beschwor ihn Warwara Petrowna, lassen Sie doch endlich Ihre Dummheiten, lassen Sie sie doch wenigstens einmal im Leben! (Sie hatte wohl seine _profession de foi_ nicht recht verstanden.) Mein Freund, sagte er mit wachsender Begeisterung, wenn auch seine Stimme mehr und mehr versagte, mein Freund, als ich begriff ... diese andere hingehaltene Backe, da ... begriff ich im selben Augenblick -- noch manches. _J'ai menti toute ma vie_,{[279]} mein ganzes, ganzes Leben lang! Ich wrde gern ... brigens, morgen ... Morgen fahren wir alle ... Warwara Petrowna brach in Trnen aus. Er suchte jemanden mit den Augen. Hier ist sie, hier ist sie! rief Warwara Petrowna schnell und zog Ssofja Matwejewna an der Hand zu ihm hin. Er lchelte gerhrt. Oh, ich wrde sehr gern wieder leben wollen! rief er mit einem ungewhnlichen Zustrom von Kraft. Jede Minute, jeder Augenblick des Lebens mssen fr den Menschen eine Seligkeit sein ... mssen, mssen es unbedingt! Das ist die Pflicht des Menschen, es selbst so zu machen; das ist sein Gesetz, -- ein geheimes Gesetz, das es aber trotzdem unbedingt gibt ... Oh, ich wrde jetzt gern Petruscha sehen wollen ... und sie alle ... und Schatoff! Ich mu hier bemerken, da sie noch nichts von Schatoff wuten, weder seine Schwester Darja Pawlowna, noch Warwara Petrowna, noch selbst Dr. Salzfisch, der als letzter aus der Stadt gekommen war. Stepan Trophimowitsch regte sich, statt ruhig zu sein, weit ber seine Krfte auf. Allein schon der immerwhrende Gedanke, da es etwas unendlich Gerechteres und Glcklicheres gibt als mich, erfllt auch schon mein ganzes Ich mit unermelicher Rhrung und -- Herrlichkeit, -- oh, wer ich auch sei, was ich auch getan habe! Viel notwendiger als das eigene Glck ist fr den Menschen das Wissen und der allgegenwrtige Glaube, da es irgendwo schon ein vollkommenes und ruhiges Glck fr alle und fr jeden gibt ... Das ganze Gesetz des menschlichen Seins besteht nur darin, da der Mensch sich stets vor etwas unermelich Groem beugen kann. Wollte man aber den Menschen das unermelich Groe nehmen, so wrden sie das Leben nicht mehr auf sich nehmen und in Verzweiflung den Tod suchen. Das Unermeliche und Unendliche ist fr den Menschen ebenso notwendig, wie dieser kleine Planet, auf dem er lebt ... Meine Freunde, alle, alle: es lebe der Groe Gedanke! Der Ewige, unermeliche Gedanke! Jeder Mensch, wer er auch sei, mu sich davor beugen, da der Groe Gedanke existiert! Sogar der dmmste Mensch braucht unbedingt wenigstens irgend etwas Groes. Petruscha ... Oh, wie gern ich sie alle wiedersehen wrde! Sie wissen nicht, sie wissen nicht, da auch in ihnen immer ganz derselbe Ewige Groe Gedanke enthalten ist! Doktor Salzfisch war bei der Zeremonie nicht zugegen gewesen. Als er nun pltzlich eintrat, war er entsetzt: er trieb sofort die ganze Versammlung auseinander und bestand darauf, da der Kranke unbedingt Ruhe haben msse. Stepan Trophimowitsch starb nach drei Tagen, nachdem er die letzte Zeit in voller Bewutlosigkeit gelegen hatte. Er erlosch gleichsam, wie ein zu Ende gebranntes Licht. Warwara Petrowna lie noch in Ustjewo das Totenamt fr den Verstorbenen halten und brachte dann die Leiche ihres armen Freundes nach Skworeschniki. Sein Grab auf dem Kirchhofe ist heute bereits mit einer Marmorplatte bedeckt, doch die Aufschrift und das eiserne Gitter sollen erst im Frhling gemacht werden. Die Abwesenheit Warwara Petrownas aus der Stadt dauerte ganze acht Tage. Mit ihr zusammen, in derselben Equipage, kam auch Ssofja Matwejewna, die sich nun, wie's scheint, endgltig bei ihr niedergelassen hat. Bemerkenswert ist noch, da Warwara Petrowna sofort, nachdem Stepan Trophimowitsch die Besinnung verloren hatte -- also noch am selben Morgen --, Ssofja Matwejewna aus dem Hause schickte und ganz allein den Kranken bis zu seinem Tode pflegte. Kaum aber war er verschieden, da lie sie auch jene wieder zu sich rufen. Das Anerbieten (richtiger, der Befehl) Warwara Petrownas, fr immer nach Skworeschniki zu ziehen, erschreckte die arme Ssofja Matwejewna entsetzlich, doch alle ihre ngstlichen Einwendungen wurden von Warwara Petrowna berhaupt nicht angehrt: Unsinn! Ich werde selbst fr dich die Bibeln verkaufen gehen. Habe ich doch jetzt niemanden mehr auf der Welt. Sie haben doch noch Ihren Sohn, gndige Frau, bemerkte Doktor Salzfisch, der zugegen war. Ich habe keinen Sohn, sagte Warwara Petrowna kurz und -- hatte es somit vorhergesagt. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Der Schlu I. Alle die begangenen Schandtaten und Verbrechen wurden erstaunlich schnell bekannt, weit schneller, als Pjotr Stepanowitsch angenommen hatte. Es begann damit, da die unglckliche Marja Ignatjewna nach der Nacht, in der ihr Mann ermordet worden war, sehr frh, noch vor Sonnenaufgang, aus tiefem Schlaf erwachte, und zu ihrem Schreck und zu ihrer Angst Schatoff nicht bei sich, nicht an ihrem Bett, noch im Zimmer sah. In einer Ecke schlief nur die von Arina Prochorowna besorgte Wrterin. Diese vermochte aber die Kranke nicht zu beruhigen, und schlielich wute sie nichts anderes zu tun, als schnell zu Arina Prochorowna zu laufen, nachdem sie ihrer Pflegebefohlenen noch versichert hatte, da Wirginskis bestimmt wissen wrden, wo Schatoff geblieben war, und wann er zurckkehren werde. Whrenddessen war auch Arina Prochorowna in nicht geringer Aufregung: sie wute schon durch ihren Mann, was im Park zu Skworeschniki geschehen war. Wirginski war erst um elf Uhr nachts in einem furchtbaren Zustande nach Hause gekommen: er hatte die Hnde gerungen und sich auf das Bett geworfen, um das Gesicht in den Kissen zu vergraben und immer nur unter Zucken und Beben, schluchzend, immer nur dies eine zu wiederholen: Das ist doch nicht das, nicht das; das ist ja gar nicht das! Selbstverstndlich endete es schlielich damit, da er seiner Frau, die unablssig in ihn drang, alles beichtete -- brigens doch nur ihr allein. Arina Prochorowna hie ihn im Bett bleiben und schrfte ihm strengstens ein, da er, falls er heulen wolle, dann ins Kissen heulen solle, damit es die anderen nicht hrten, und da er ein Esel wre, wenn er sich am nchsten Tage etwas anmerken liee. Darauf berlegte sie rasch und machte sich dann schnell daran, auf alle Flle gewisse Vorkehrungen zu treffen: alle zweifelhaften Papiere und Bcher, und vielleicht sogar Proklamationen konnte sie teils noch beiseite schaffen, teils spurlos vernichten. Nach kurzem Nachdenken sagte sie sich aber, da sie selbst, ihre Schwester, die Tante und die Studentin weiter nichts zu frchten hatten, ja, und vielleicht nicht einmal ihr langohriges Brderlein -- Schigaleff. Als dann gegen Morgen die Wrterin kam und sie zu Marja Ignatjewna rief, verlor sie weiter keinen Augenblick und ging sofort zu ihrer Kranken. brigens wollte sie sich auch selbst berzeugen, wie es sich damit verhielt, was ihr Mann in der Nacht, halb unzurechnungsfhig, von den Versicherungen Pjotr Stepanowitschs erzhlt hatte: da Kirilloff alles auf sich nehmen und sich erschieen werde. Aber sie kam zu spt. Marja Ignatjewna hatte, nachdem sie die Wrterin zu Arina Prochorowna geschickt, es nicht lange allein ausgehalten, war aufgestanden, hatte sich irgendwie halb angezogen, und war dann selbst zu Kirilloff in den Flgel gegangen, da er, wie sie meinte, ihr am ehesten sagen konnte, wo ihr Mann geblieben war. Man kann sich vorstellen, wie das, was sie dort erblickte, auf die Wchnerin wirkte. Merkwrdigerweise hat sie dabei den Brief, den Kirilloff hinterlassen hatte und der sichtbar auf dem Tische lag, gar nicht gelesen, -- sie wird ihn in ihrem Schreck und Entsetzen wohl gar nicht bemerkt haben. Sie lief in die Dachstube zurck, ergriff ihr kleines Kind und verlie das Haus. Der Morgen war feucht, Nebel stand ringsum. Kein Mensch war in dieser abgelegenen Strae zu sehen. Sie lief und lief, atemlos, immer weiter durch den kalten sumpfigen Straenschmutz und schlielich begann sie, an die Huser zu klopfen. Im ersten Hause wurde nicht aufgemacht, im zweiten hrte sie endlich Stimmen. Doch sie verlor die Geduld, zu warten, und lief zum dritten Hause. Das war das Haus unseres Kaufmanns Titoff. Hier rief sie groe Bestrzung hervor: sie schrie und versicherte zusammenhanglos, man habe ihren Mann, Schatoff, ermordet. Titoffs wuten, wer Schatoff war, und kannten zum Teil auch seine Lebensgeschichte. Sie erschraken nicht wenig, als sie von dieser fremden Frau hrten, da sie vor noch nicht vierundzwanzig Stunden geboren habe und nun kaum bekleidet in dieser Klte mit dem fast nackten Kindchen herumlief. Zuerst glaubte man, sie habe den Verstand verloren, um so mehr, als man aus ihren Worten nicht recht klug werden konnte, wer nun eigentlich ermordet worden war: Kirilloff oder ihr Mann? Marja Ignatjewna aber wollte schon wieder aus dem Hause laufen, da sie wohl trotz ihrer Erregung merkte, da man ihr nicht ganz glauben zu wollen schien; doch da hielt man sie mit Gewalt zurck, obgleich sie furchtbar schrie und um sich schlug. Jedenfalls ging man sofort zu Kirilloff, um zu sehen, was mit ihm geschehen war -- und so wute denn schon nach zwei Stunden die ganze Stadt von dem Selbstmord Kirilloffs und dem Brief, den er hinterlassen hatte. Die Polizei erschien zum Verhr bei Marja Ignatjewna, die noch bei Bewutsein war. Und eben hierbei stellte es sich heraus, da sie Kirilloffs Schreiben gar nicht gelesen hatte, warum sie aber zu dem Schlu gekommen war, da auch ihr Mann tot sei -- darber konnte man von ihr nichts Vernnftiges erfahren. Sie schrie immer nur, wenn jener ermordet sei, dann sei auch ihr Mann ermordet, denn -- sie waren zusammen, zusammen! Gegen Mittag verlor sie das Bewutsein; sie starb am bernchsten Tage, ohne noch einmal zu sich zu kommen. Das erkltete Kindchen starb noch vor ihr. Inzwischen war Arina Prochorowna bei Schatoffs angelangt: als sie weder die junge Mutter noch das Kind vorfand, sagte sie sich sofort, da hier etwas Schlimmes geschehen sein msse, und wollte schon wieder nach Haus zu ihrem Mann laufen, doch noch an der Pforte besann sie sich und schickte die Wrterin in den Flgel zu Kirilloff, damit sie sich bei diesem erkundige, ob er etwas wisse, oder ob die Kranke bei ihm war. Die Frau kam mit entsetztem Geschrei zurckgelaufen. Arina Prochorowna hielt ihr sofort den Mund zu und brachte sie mit dem bekannten Argument: Wenn du was sagst, so wird man dich fr die Schuldige halten! zum Schweigen und verlie dann selbst schnell den Hof. Selbstredend erschien die Polizei noch am selben Morgen bei ihr, da sie ja Schatoffs Frau entbunden hatte. Es war aber nicht viel, was man von ihr erfuhr: kaltbltig und sehr sachlich erzhlte sie, was sie bei Schatoffs gesehen und gehrt hatte, doch von den letzten Vorfllen behauptete sie, weder etwas Nheres zu wissen, noch berhaupt das Geschehnis begreifen zu knnen. Man kann sich vorstellen, wie gro die Aufregung in der Stadt war. Wieder eine Geschichte, wieder ein Mord! Und jetzt kam noch etwas anderes hinzu: es war nun klar, da es also doch eine geheime Verschwrerbande gab: revolutionre Brandstifter, Aufrhrer und Mrder. Der furchtbare Tod Lisas, die Ermordung der Frau Nicolai Stawrogins, Stawrogins Verhalten, der Brand, der Ball fr die Gouvernanten, die Ungebundenheit in der Umgebung Julija Michailownas: das alles kam zusammen! Sogar in dem pltzlichen Verschwinden Stepan Trophimowitschs wollte man unbedingt etwas Bedeutsames sehen. Ja, es gingen schon sehr, sehr schlimme Urteile und Gerchte ber Stawrogin um. Am Abend dieses Tages erfuhr man auch die Abreise Pjotr Stepanowitschs, doch sonderbarerweise wurde darber am allerwenigsten gesprochen -- am meisten dagegen sprach man von dem Senator, der aus Petersburg bereits eingetroffen sein sollte. Vor dem Filippoffschen Hause stand den ganzen Vormittag ber eine ansehnliche Volksmenge. Die Polizei wurde durch Kirilloffs Brief an die ganze Welt zunchst tatschlich irre gemacht. Man glaubte an die Ermordung Schatoffs durch Kirilloff und an den Selbstmord des Mrders. brigens glckte die Irrefhrung doch nicht so ganz. Das Wort Park zum Beispiel, das sich ohne nhere Ortsangabe in dem Brief fand, war fr keinen ein Rtsel, wie Pjotr Stepanowitsch erwartet hatte. Die Polizei jagte vielmehr sofort nach Skworeschniki, und zwar nicht nur deshalb, weil es einen anderen Park weder in der Stadt noch in deren Umkreise gab, sondern gewissermaen schon aus bloem Instinkt, da doch alle Schrecken der letzten Tage teils mittelbar, teils unmittelbar mit Skworeschniki verbunden waren. (Ich mu hier bemerken, da Warwara Petrowna schon am Morgen dieses Tages aus ihrem Stadthause auf die Suche nach Stepan Trophimowitsch ausgefahren war.) Die Leiche Schatoffs wurde am Abend desselben Tages im Teich gefunden: neben der Grotte hatten die Mrder in unglaublichem Leichtsinn Schatoffs Mtze liegen lassen, und von dort aus lieen sich dann deutliche Spuren bis zur Fundstelle verfolgen. Dieser Umstand sowie einige rztliche Feststellungen bei der Leichenschau legten sofort den Verdacht nahe, da Kirilloff Helfershelfer gehabt haben msse. Man vermutete zunchst eine Schatoff-Kirilloffsche geheime Gesellschaft, die mit den Proklamationen irgendwie in Zusammenhang stehen mute. Wer aber waren diese Leute? Von den Unsrigen ahnte man an diesem Tage noch nicht das geringste. Aus dem Briefe war nur hervorgegangen, da Fedjka, den man berall vergeblich gesucht, gerade in diesen Tagen vllig unbemerkt bei Kirilloff hatte leben knnen! ... Der Hauptkummer aller blieb, da man aus dem ganzen Wirrwarr der Tatsachen nichts Allgemeines und Zusammenhngendes kombinieren konnte. Und ganz unmglich ist es abzusehen, zu welchen abenteuerlichen Folgerungen man noch gekommen wre, wenn man nicht pltzlich, schon am anderen Tage, den ganzen wahren Sachverhalt erfahren htte -- dank Lmschin. Der hielt es nicht aus. Es geschah mit ihm das, was sogar Pjotr Stepanowitsch zum Schlu vorauszufhlen begonnen hatte. Lmschin war zuerst der Obhut Tolkatschenkos, dann Erkels anvertraut worden und verbrachte diesen ganzen Tag im Bett: er lag, anscheinend ganz zahm, mit dem Gesicht zur Wand, sprach kein Wort und antwortete nicht einmal, wenn man zu ihm redete. So erfuhr er denn auch nichts davon, was in der Stadt geschah. Da fiel es aber Tolkatschenko, der natrlich alles wute, gegen Abend ein, den von Pjotr Stepanowitsch ihm ausdrcklich gegebenen Auftrag, Lmschin zu bewachen, einfach abzuschtteln und die Stadt zu verlassen, d. h. sich einfach aus dem Staube zu machen. Wahrlich, Erkel hatte recht, als er sagte, sie htten doch schon alle die Vernunft verloren. Hier mag gleich erwhnt sein, da auch Liputin an eben diesem Tage aus der Stadt verschwand, und zwar schon am Morgen. Das erfuhr man aber erst am Abend des nchsten Tages, als die Polizei sich zu Liputin begab und dort nur dessen vor Angst ber die Abwesenheit des Gatten und Vaters zitternde Familie vorfand. Doch ich fahre fort, von Lmschin zu erzhlen. Kaum war er also allein geblieben (Erkel war, da er sich auf Tolkatschenko verlassen zu knnen glaubte, fortgegangen), als er sofort aus dem Hause lief und natrlich sehr bald die ganze Lage der Dinge erfuhr. Ohne nach Haus zurckzukehren, begann er zu laufen, weiter und immer weiter. Aber die Nacht war so dunkel und sein Vorhaben dermaen grausig und schwer, da er schon nach ein paar Straen umkehrte und doch nach Hause ging, wo er sich fr die ganze Nacht einschlo. Ich glaube, gegen Morgen machte er einen Selbstmordversuch; aber der milang ihm. So sa er in dem verschlossenen Zimmer bis zum Mittag des nchsten Tages, und -- pltzlich lief er schnurstracks auf die Polizei. Man sagte, er sei dort auf den Knien herumgerutscht, habe geschluchzt und gekreischt und die Diele gekt, habe in einem fort geschrien, er sei nicht einmal wert, die Stiefel der vor ihm stehenden Wrdentrger zu kssen. Man beruhigte ihn und war sehr freundlich zu ihm. Das Verhr zog sich durch ganze drei Stunden hin. Er gestand alles, alles, erzhlte die letzten Einzelheiten, griff vor, berhastete sich mit seinen Gestndnissen und mischte, ohne danach gefragt zu sein, alles mgliche Unntige hinein. Im allgemeinen aber wute er die Sache doch ganz anschaulich darzustellen: die Tragdie mit Schatoff und Kirilloff, die Feuersbrunst, die Ermordung der Lebdkins usw. traten als das Unwichtigere mehr in den Hintergrund; in den Vordergrund aber traten: Pjotr Stepanowitsch, der Geheimbund, seine Organisation, die Fnfergruppen, das Netz. Auf die Frage, warum man denn so viele Menschen ermordet, so viele Verbrechen begangen hatte, antwortete er mit eilfertigem Eifer: Zur systematischen Erschtterung der Grundfesten und zur systematischen Zersetzung der ganzen Gesellschaft und alles bisher Bestehenden; um alle zu entmutigen und aus allem einen einzigen groen Brei zu machen, dann aber die auf diese Weise zerrttete, kranke, zynische, unglubige Masse, die sich jedoch bis zum uersten nach einer leitenden Idee und nach Selbsterhaltung sehnt, -- pltzlich in die Hand zu nehmen, die Fahne des Bundes zu erheben und im brigen sich auf das weitverzweigte Netz der >Fnfergruppen< zu sttzen, die inzwischen ihrerseits alle nicht mig gewesen sind, Jnger geworben und praktisch alle Mglichkeiten geprft und alle schwachen Stellen des Gegners ausfindig gemacht haben, so da man genau wei, wo er am besten zu fassen ist. Er schlo mit der Mitteilung, da hier in unserer Stadt von Pjotr Stepanowitsch nur der erste Versuch einer solchen systematisch hervorgerufenen Unordnung gemacht worden sei -- sozusagen eine Art Prfung des Programms der ferneren Ttigkeit nicht nur dieser, sondern auch aller brigen Fnfergruppen. Letzteres sei aber seine -- d. h. Lmschins -- eigene Vermutung und er bte nur, da man das alles nicht vergesse, vielmehr in Betracht ziehe, bis zu welchem Grade er aufrichtig sei und wie gut er den Sachverhalt klarlege, so da er noch sehr ntzlich sein knnte, wenn die Polizei sich seiner annehmen wollte. Auf die Frage, ob es viele solcher Fnfergruppen in Ruland gbe, antwortete er, es gbe ihrer eine unzhlige Menge, die wie ein Netz ganz Ruland umspinne. Daran hat er, wie mir scheint, selbst vollkommen aufrichtig geglaubt, wenn er auch keine Beweise anfhren konnte. Vorzeigen konnte er nur ein im Auslande gedrucktes Programm der Gesellschaft und ferner ein Projekt der Entwicklung des Systems aller weiteren Handlungen, das von Pjotr Stepanowitsch selbst geschrieben war. Es erwies sich, da Lmschin den ganzen langen Satz von der Erschtterung der Grundfesten wortwrtlich, ohne ein Komma oder einen Punkt zu vergessen, nach diesem Blatt zitiert hatte, trotz seiner Beteuerung hinterher, da es seine eigene Auffassung sei. ber Julija Michailowna uerte er sich erstaunlich scherzhaft und sogar ohne gefragt zu sein, indem er wieder vorgriff, da sie ganz unschuldig sei und man sie nur zum besten gehabt habe. Bemerkenswert ist aber, da er auch Nicolai Stawrogin von jeder Teilnahme an dem Geheimbunde, sowie von jedem Einverstndnis mit Pjotr Stepanowitsch freisprach. (Von den geheimnisvollen lcherlichen Hoffnungen Pjotr Stepanowitschs auf Stawrogin ahnte Lmschin natrlich nichts.) Auch die Ermordung der Lebdkins war nach seinen Worten von Pjotr Stepanowitsch ganz allein den Mrdern befohlen worden, ohne jeden Anteil Stawrogins, und nur in der schlauen Absicht, diesen in ein Verbrechen hereinzuziehen, um dann ber ihn Macht zu bekommen -- anstatt der Dankbarkeit aber, auf die er zweifellos gerechnet, habe Pjotr Stepanowitsch nur heftigen Unwillen und sogar Verzweiflung in dem edlen Nicolai Wszewolodowitsch hervorgerufen. Und zum Schlu fgte Lmschin in seinen Aussagen ber Stawrogin noch hinzu -- brigens gleichfalls ungefragt und sich berhastend, augenscheinlich in der Absicht, einen Wink zu geben --, da dieser ein ungeheuer wichtiges Tier sei, nur msse das unbedingt ein Geheimnis bleiben; aufgehalten habe er sich bei uns sozusagen inkognito, und dabei habe er hochwichtige geheime Auftrge gehabt, und deshalb sei es sehr mglich, da er aus Petersburg bald wieder zu uns zurckkehren werde (Lmschin war berzeugt, da Stawrogin in Petersburg sei), dann aber schon mit ganz anderen Auftrgen und mit einer Suite von solchen Persnlichkeiten, von denen man vielleicht auch bei uns schon bald hren werde, und alles das habe er von Pjotr Stepanowitsch gehrt, dem geheimen Feinde Nicolai Stawrogins. Hierzu eine Randbemerkung: zwei Monate spter gestand Lmschin, er habe Stawrogin absichtlich von allem freigesprochen, und zwar in der Hoffnung auf dessen Protektion: er habe geglaubt, Stawrogin werde ihm dann aus Dankbarkeit in Petersburg eine bedeutende Erleichterung seiner Strafe erwirken knnen und ihm vielleicht auch nach Sibirien Geld und Empfehlungen schicken. Aus diesem zweiten Gestndnis ersieht man erst, wie hoch Stawrogin auch von einem Lmschin eingeschtzt wurde. Am selben Tage wurde natrlich auch Wirginski verhaftet, und im Eifer verhaftete man auch gleich seine ganze Familie. (Heute sind Arina Prochorowna, ihre Schwester und Tante sowie die Studentin schon lngst wieder frei und es heit sogar, auch Schigaleff werde in krzester Zeit aus der Untersuchungshaft entlassen werden, da er in keine Kategorie der Angeklagten hineinpasse.) Wirginski bekannte sich sofort in allen Dingen schuldig: er war krank und hatte hohes Fieber, als man ihn verhaftete. Man erzhlt, er habe sich fast gefreut: nun sei es vom Herzen gewlzt, soll er gesagt haben. Jetzt heit es von ihm, da er seine Aussagen wahrheitsgetreu und sogar mit einer gewissen Wrde mache, doch von seinen hellen Hoffnungen noch immer nicht lasse und nur den politischen Weg, auf den er so unverhofft und unschuldig gelockt worden war, verwnsche (im Gegensatz zum sozialen). Sein Verhalten whrend des Verbrechens im Park soll, glaube ich, zur Milderung seiner Strafe in Betracht gezogen werden. Wenigstens behauptet man das allgemein bei uns. Anders steht es mit dem Schicksal Erkels. Der schweigt seit seiner Verhaftung hartnckig, oder er entstellt die Wahrheit soviel er nur kann. Noch hat man kein einziges Wort der Reue aus ihm herauszuholen vermocht. Und doch hat er selbst in den strengsten Richtern Sympathie erweckt, -- durch seine Jugend, durch seine Schutzlosigkeit, sowie durch die erwiesene Tatsache, da er nur das fanatische Opfer eines politischen Verfhrers ist, vor allem aber durch sein jetzt bekannt gewordenes Verhltnis zu seiner armen Mutter, der er monatlich fast die Hlfte seines kleinen Gehaltes zugeschickt hat. Seine Mutter ist jetzt hier: sie ist eine schwache, kranke, vorzeitig alt gewordene Frau. Sie weint und wirft sich -- es ist wortwrtlich zu nehmen -- den Richtern zu Fen, um fr ihren Sohn Gnade zu erflehen. Liputin wurde schlielich in Petersburg verhaftet, nachdem er dort zwei volle Wochen sich aufgehalten hatte. Mit ihm war etwas ganz Unwahrscheinliches geschehen, etwas, das man sich nur schwer erklren kann. Er, der einen Pa auf einen fremden Namen und bei betrchtlichen Geldmitteln durchaus die Mglichkeit hatte, ins Ausland zu entkommen, war trotzdem in Petersburg geblieben: eine Zeitlang hatte er Stawrogin und Pjotr Stepanowitsch gesucht, dann aber hatte er pltzlich zu trinken begonnen und ein ber alle Maen ausschweifendes Leben gefhrt, ganz wie ein Mensch, der jede gesunde Vernunft sowie jede Vorstellung von seiner Lage verloren hat. Verhaftet wurde er denn auch in einem Bordell, in betrunkenem Zustande. Jetzt soll er aber wieder zur Vernunft gekommen sein, durchaus nicht den Mut verloren haben, in seinen Aussagen lgen und zu der Gerichtsverhandlung sich mit einer gewissen Feierlichkeit und Hoffnungsfreudigkeit vorbereiten (?). Ja, er soll sogar die Absicht haben, vor Gericht eine Rede zu halten. Tolkatschenko dagegen, der irgendwo im Nachbarkreise zehn Tage nach seiner Flucht verhaftet wurde, verhlt sich weit bescheidener, lgt nicht und verstellt sich nicht, sondern sagt alles, was er wei, ohne sich dabei freisprechen zu wollen, ist aber gleichfalls ein wenig zum Reden geneigt: er spricht viel und gern, und wenn man auf die Kenntnis des Volkes und dessen revolutionre (?) Elemente zu sprechen kommt, dann beginnt er sogar zu posieren und nach Effekt zu haschen. Auch er soll, wie man hrt, eine Rede zur Gerichtsverhandlung vorbereiten. berhaupt sind er und Liputin nicht allzu eingeschchtert, und das ist eigentlich sonderbar. Wie gesagt, das gerichtliche Urteil in dieser Sache ist noch nicht gesprochen. Unsere Gesellschaft jedoch hat sich jetzt, nach drei Monaten, schon wieder einigermaen erholt, gesammelt, und sich sogar eine eigene Meinung gebildet -- allerdings eine dermaen eigene, da jetzt viele bei uns Pjotr Stepanowitsch fr ein Genie halten, oder doch wenigstens fr einen Menschen mit hoch genialen Anlagen. Da sieht man, was Organisation bedeutet! sagt man im Klub und erhebt dabei den Finger. brigens ist das alles furchtbar harmlos, und schlielich sind es nicht einmal viele, die so reden. Andere dagegen urteilen weit weniger gnstig ber ihn, und wenn sie ihm auch eine groe Begabung nicht absprechen, so tadeln sie doch seine vollkommene Unkenntnis der Wirklichkeit, bei schrecklicher Abstraktion und ungeheuerlicher und stumpfer Entwicklung nur nach einer Seite hin und daraus folgendem auergewhnlichen Leichtsinn. Das Urteil ber seine Moral ist natrlich bei allen das gleiche; darber streitet schon niemand mehr. Ich wei eigentlich nicht, wen ich der Vollstndigkeit halber noch zu erwhnen htte. Mawrikij Nicolajewitsch ist irgendwohin auf immer von hier weggereist. Lisas Mutter ist kindisch geworden ... Nur eine dstere Geschichte bleibt mir noch zu erzhlen brig. Ich werde mich mit den Tatsachen begngen. Warwara Petrowna war nach ihrer Rckkehr mit der Leiche Stepan Trophimowitschs aus Ustjewo wieder in ihrem Stadthause abgestiegen. Die Neuigkeiten, die sich hier inzwischen angesammelt hatten und die sie nun alle mit einem Male erfuhr, erschtterten sie entsetzlich. Es war Abend; alle waren mde und man ging frher zu Bett. Am folgenden Morgen bergab die Kammerzofe Darja Pawlowna mit geheimnisvoller Miene einen Brief. Sie sagte, sie htte ihn erst spt am Abend erhalten, als alle schon schliefen, und nicht gewagt, Darja Pawlowna aufzuwecken. Der Brief war nicht mit der Post gekommen, sondern in Skworeschniki von einem unbekannten Menschen Alexei Jegorowitsch eingehndigt worden. Dieser aber habe den Brief gestern Abend ihr -- der Kammerzofe -- selbst berbracht und sei darauf sofort nach Skworeschniki zurckgefahren. Darja Pawlowna betrachtete mit klopfendem Herzen lange diesen Brief und wagte nicht ihn zu ffnen. Sie wute, von wem er war: so schrieb nur Nicolai Stawrogin. Sie las die Aufschrift auf dem Kuvert: An Alexei Jegorytsch zur bergabe an Darja Pawlowna, heimlich. Hier ist dieser Brief, Wort fr Wort, ohne Korrektur auch nur des geringsten Fehlers in den Stzen dieses russischen Edelmannes, der ungeachtet seiner ganzen europischen Bildung die Grammatik seiner Muttersprache nicht zu Ende gelernt hatte. Liebe Darja Pawlowna, Sie wollten einmal >als Krankenschwester< zu mir kommen und nahmen mir das Wort ab, Sie zu rufen, wenn es ntig wird. Ich fahre in zwei Tagen und werde nie mehr wiederkehren. Wollen Sie mit mir gehen? Im vorigen Jahr habe ich mich wie seinerzeit Herzen als Brger des Kantons Uri aufnehmen lassen, und das wei niemand. Ich habe mir dort schon ein kleines Haus gekauft. Ich habe noch zwlftausend Rubel; wir fahren dann fort und werden dort ewig leben. Ich werde sonst niemals nirgend wohin mehr reisen. Die Stelle ist sehr de, eine Schlucht; die Berge beengen den Blick und den Gedanken. Es ist sehr dster. Ich tat es, weil das kleine Haus gerade verkauft wurde. Wenn es Ihnen nicht gefllt, so verkaufe ich es und kaufe ein anderes an einem anderen Ort. Ich bin nicht gesund, aber von den Halluzinationen hoffe ich mich durch die dortige Luft zu befreien. Physisch; moralisch aber wissen Sie alles; nur, ist es auch wirklich alles? Ich habe Ihnen vieles aus meinem Leben erzhlt. Aber nicht alles. Sogar Ihnen nicht alles! brigens, ich besttige, da ich mit dem Gewissen an dem Tode meiner Frau schuld bin. Ich habe Sie nachher nicht mehr gesehen und darum sage ich es hier. Schuld bin ich auch vor Lisaweta Nicolajewna; aber hiervon wissen Sie alles; hier haben Sie fast alles vorausgesagt. Kommen Sie lieber nicht. Da ich Sie zu mir rufe, ist eine schreckliche Gemeinheit. Ja und warum sollten Sie auch mit mir Ihr Leben begraben? Mir sind Sie lieb und im Leid war es mir wohl bei Ihnen: nur bei Ihnen allein habe ich von mir laut sprechen knnen. Daraus folgt aber nichts. Sie haben es selbst geprgt: >als Krankenschwester< -- das ist Ihr Ausdruck; wozu so viel opfern? Begreifen Sie auch, da ich Sie nicht bemitleide, wenn ich Sie rufe, und nicht achte, wenn ich Sie erwarte. Und whrenddessen rufe ich Sie und erwarte ich Sie doch. Jedenfalls brauche ich Ihre Antwort, denn man mu sehr schnell fahren. In dem Falle werde ich allein fortfahren. Ich hoffe nichts von Uri; ich fahre einfach. Ich habe nicht mit Absicht diesen dsteren Ort gewhlt. In Ruland bin ich an nichts gebunden, -- hier ist mir alles ebenso fremd wie berall. Es ist wahr, in Ruland liebte ich am allerwenigsten zu leben; aber selbst in Ruland habe ich nichts zu hassen vermocht! Ich habe berall meine Kraft versucht. Sie rieten mir einmal dazu: >um sich selbst zu erkennen<. In den Versuchen fr mich selbst und in den Versuchen nach auen, um mit dieser Kraft zu prahlen, wie auch frher in meinem ganzen Leben, erwies sie sich immer als grenzenlos. Vor Ihren Augen ertrug ich die Ohrfeige von Ihrem Bruder. Ich bekannte ffentlich meine Ehe. Aber an was diese Kraft anlegen -- das ist es, was ich nie gesehen habe, auch jetzt nicht sehe, trotz Ihres Beifalls in der Schweiz und Ihres Zuspruchs, dem ich traute. Ich kann auch jetzt noch ganz so, wie auch frher immer, eine gute Tat zu begehen wnschen und empfinde Vergngen dabei; daneben aber will ich auch Bses und empfinde dabei gleichfalls Vergngen. Aber dieses wie jenes Gefhl ist, ganz wie frher, immer zu klein und flach, sehr stark aber pflegt es nie zu sein. Meine Wnsche sind viel zu wenig stark; sie knnen nicht leiten. Auf einem Balken kann man ber einen Flu schwimmen, auf einem Holzspan aber nicht. Ich schreibe das nur, damit Sie nicht denken, da ich mit irgendwelchen Hoffnungen nach Uri fahre. Ich beschuldige wie immer niemanden. Ich habe ein grenzenlos ausschweifendes Leben versucht und meine Kraft in ihm erschpft: aber ich liebe Ausschweifung nicht, noch wollte ich sie. Sie haben mich in der letzten Zeit beobachtet. Wissen Sie auch, da ich sogar auf unsere Verneiner mit Ha geblickt habe, aus Neid auf ihre Hoffnungen? Aber Sie haben sich umsonst gefrchtet; ich konnte denen nicht Freund sein, denn ich erblickte nichts. Zum Spott aber, aus Bosheit, habe ich es auch nicht gekonnt und nicht, weil ich das Lcherliche frchte, -- das Lcherliche kann mich nicht schrecken, -- sondern weil ich immerhin die Angewohnheiten eines anstndigen Menschen habe und es mich anekelte. Doch wenn ich mehr Bosheit und Neid fr sie htte, so wrde ich vielleicht auch mit ihnen gegangen sein. Urteilen Sie nun selbst, wie leicht es mir zumute war und wie ich mich hin und her gewlzt habe! Du, mein liebster Freund, Du zartes und gromtiges Geschpf, das ich nun endlich erraten habe! Vielleicht trumen Sie davon, mir so viel Liebe zu geben und mich mit so viel Schnem aus Ihrer wundervollen Seele zu berschtten, da Sie hoffen, schon damit endlich auch ein Ziel vor mich hinstellen zu knnen? Nein, Sie sollten lieber vorsichtiger sein; meine Liebe wird ebenso flach sein, wie ich selbst bin, Sie aber werden unglcklich sein. Ihr Bruder hat mir einmal gesagt, da derjenige, der die Verbindung mit seiner Erde verliert, sofort auch seine Gtter verliert, das heit also alle seine Ziele. ber alles kann man endlos streiten, aber aus mir ist nur Verneinung gekommen, ohne jede Gromut und ohne jede Kraft. Sogar nicht einmal Verneinung! Alles ist immer flach und schlaff. Der hochherzige Kirilloff ertrug die Idee nicht und -- erscho sich: aber ich wei doch, da er deshalb hochherzig war, weil er nicht bei gesunder Vernunft war. Ich werde nie meine Vernunft verlieren knnen und werde nie in dem Mae an eine Idee glauben knnen, wie er. Ich kann mich in dem Mae nicht einmal mit einer Idee beschftigen. Nie, nie werde ich mich erschieen knnen! Ich wei, da ich mich tten mte, mich wie ein scheuliches Insekt von der Erde wegfegen; aber ich frchte den Selbstmord, denn ich frchte mich, Hochherzigkeit zu zeigen. Ich wei, da das noch ein Betrug sein wrde, -- der letzte Betrug in der endlosen Reihe der Betrge. Was htte es fr einen Nutzen, sich selbst zu betrgen, nur um einmal den Hochherzigen zu spielen? Unwille und Scham kann in mir niemals sein; folglich auch keine Verzweiflung. Verzeihen Sie, da ich so viel schreibe. Ich bin wieder zur Besinnung gekommen. Ich habe das aus Versehen getan. So sind hundert Seiten zu wenig und zehn Zeilen genug. Zehn Zeilen gengen, wenn man jemand >als Krankenschwester< ruft. Seit ich fortgefahren bin, lebe ich auf der sechsten Station beim Stationschef. Seine Bekanntschaft habe ich vor fnf Jahren in Petersburg in der wsten Zeit gemacht. Niemand wei es, da ich bei ihm bin. Schreiben Sie unter seinem Namen. Die Adresse fge ich bei. Nicolai Stawrogin. Darja Pawlowna ging sofort zu Warwara Petrowna und gab ihr den Brief. Diese las ihn durch und bat darauf Dascha, sie allein zu lassen, da sie den Brief noch einmal lesen wolle. Aber sie rief sie schon sehr bald zurck. Wirst du fahren? fragte sie fast zaghaft. Ja, ich werde fahren, antwortete Dascha. Dann mach dich bereit! Wir fahren zusammen! Dascha sah sie fragend an. Was soll ich hier jetzt noch? Ist es nicht einerlei, wo ich weiterlebe? Ich werde mich gleichfalls in Uri aufnehmen lassen und in der Schlucht leben ... Sei unbesorgt, werde euch nicht stren. Sie begannen schnell einzupacken, um noch mit dem Mittagzuge abfahren zu knnen. Es war aber noch keine halbe Stunde vergangen, als Alexei Jegorytsch aus Skworeschniki eintraf und meldete, da Nicolai Wszewolodowitsch pltzlich am Morgen angekommen war, mit dem Frhzuge, und sich in Skworeschniki befinde, aber in einem Zustande, da der Herr auf die Fragen nicht zu antworten geruhten, durch alle Zimmer gingen, und sich dann in seiner Hlfte eingeschlossen haben ... Ich bin ohne Befehl des Herrn hergefahren, um zu melden, fgte Alexei Jegorytsch verhalten, mit sehr aufmerksamem Blick hinzu. Warwara Petrowna sah ihn durchdringend an und fragte nicht weiter. Im Augenblick war der Wagen bereit. Sie fuhr mit Dascha nach Skworeschniki. Whrend der Fahrt soll sie sich mehrmals bekreuzt haben. In seiner Hlfte waren alle Tren unverschlossen, doch Nicolai Wszewolodowitsch war nirgendwo zu finden. Sollte der Herr nicht vielleicht im oberen Stock sein? fragte Fomuschka vorsichtig. Es war sonderbar, da diesmal mehrere Dienstboten Warwara Petrowna in die Hlfte des Herrn folgten, whrend die anderen im groen Saal warteten. Noch nie hatten sie es gewagt, so die Etikette zu berschreiten. Warwara Petrowna bemerkte es wohl, aber sie schwieg. Man stieg in den oberen Stock. Dort waren nur drei Zimmer, doch in keinem einzigen fand man ihn. Ja, sollte der Herr nicht vielleicht dahin gegangen sein? fragte jemand und wies auf die Tr zur Dachkammertreppe. Tatschlich war diese sonst stets geschlossene kleine Tr zur Dachkammer diesmal offen. Eine schmale, lange und sehr steile Treppe fhrte hinauf. Dorthin gehe ich nicht! Aus welchem Grunde htte er dorthin gehen sollen? fragte Warwara Petrowna, unheimlich erbleichend, und sah sich nach den Dienstboten um. Die sahen sie an und schwiegen. Dascha zitterte. Dann strzte Warwara Petrowna die Treppe hinauf. Dascha folgte ihr. Doch kaum hatte Warwara Petrowna in die Dachkammer hineingesehen, als sie aufschrie und bewutlos hinfiel. Der Brger des Kantons Uri hing hier gleich hinter der kleinen Tr. Auf dem kleinen Tisch lag ein Stck Papier, auf dem mit Blei gekritzelt die Worte standen: Niemanden beschuldigen. Ich selbst. Auf demselben Tischchen lag ferner ein Hammer, ein Stck Seife und ein groer Nagel. Die starke seidene Schnur, mit der Nicolai Stawrogin sich erhngt hatte, war dick eingeseift. Alles wies auf volle Absicht hin und auf klares Bewutsein bis zum letzten Augenblick. Die Annahme, da die Tat in geistiger Umnachtung oder im Irrsinn geschehen sei, wurde von unseren rzten nach der Obduktion mit aller Entschiedenheit zurckgewiesen. Erster Anhang. Material zum Roman Die Dmonen. Aus den Notizbchern F. M. Dostojewskis[55] 1. Januar 1870. _Stawrogin_ (der Frst) Der vollkommen entgegengesetzte Typ jenes Sprosses aus grflichem Hause, den Graf Tolstoi in Kindheit und Jugend dargestellt hat[56]. Ein Typ aus der Urbevlkerung, der unbewut von seiner eigenen typischen Kraft beunruhigt wird, ganz unmittelbar, und die nicht wei, worauf sie sich aufbauen [fufassen] knnte. Solche autochthonen Typen sind hufig entweder Stenka Rasins[57] oder Danila Filippowitschs[58], oder sie gehen bis zum uersten des Geiler- oder Skopzentums. Es ist das eine auergewhnliche, fr sie selbst schwere unmittelbare Kraft, die etwas verlangt und sucht, worauf sie Fu fassen [stehen bleiben] und das sie sich zur Richtschnur nehmen knnte, die bis zur Qual Ruhe, Erlsung von den Strmen verlangt und die vorlufig doch unmglich _nicht_ strmen kann bis zu der Zeit, da sie die Beruhigung findet. Er stellt sich schlielich auf Christus, doch sein ganzes Leben war Sturm und Unordnung. (Die Masse des Volkes lebt unmittelbar, still und harmonisch, urtmlich, doch kaum zeigt sich in ihr Bewegung, d. h. einfache Lebensfunktion, so stellt sie immer diese Typen hervor). Es ist eine unumfabare unmittelbare Kraft, die Ruhe sucht, die erregt ist bis zu Schmerzen und die sich whrend der Zeit des Suchens und des Umherirrens mit Freuden in ungeheuerliche Abweichungen und Experimente strzt, bis sie auf einer so starken Idee Fu fat, die ihrer unmittelbaren tierischen Kraft vollkommen proportional ist, -- auf einer Idee, die dermaen stark ist, da sie diese Kraft endlich organisieren und bis zu weihevoller Stille beruhigen kann. berhaupt ein ernsterer Charakter, ernst bis zur Seltsamkeit. Ist zurckgekehrt mit Gedanken und Fragen, die ihn um so mehr stutzig machen, als ihm alles neu ist. Manche halten ihn fr einen Nihilisten (z. B. die Mutter), ja er gilt sogar allgemein fr einen Nihilisten. Nur Gr. sieht, da das nicht ein Nihilist ist (aber was denn sonst?). Er meint, ein von sich selbst eingenommener Tor, wie es ihrer viele unter ihnen gibt. Der Frst spottlacht immer, was Gr. mifllt und verletzt. Gr. denkt schlielich, W. habe den Frsten in der Hand. Mitunter berraschen Gr. am Frsten Ausbrche sowohl von Ernst wie von Zartheit. Ein sehr ernstes Gesprch. Ein tiefer Zug, da der Frst sehr viel und aufmerksam zuhrt. Aber die Mutter frchtet ihn doch immer. W. nahm ihn schon in die Hand (d. h. er glaubte, da es ihm gelungen sei), doch bald wurde es selbst dem sorglosen W. klar, da das etwas anderes war. Er will brigens dennoch (auf den Rat und die Warnungen U--ffs hin) den Frsten in den Mord hineinziehen. Doch W. ist blo leichtsinnig und sorglos, wenn es aber ntig ist -- sehr klug: er gewahrt pltzlich, da er den Frsten nicht in den Mord hineinziehen kann, da es hier gar nicht das ist, was er vermutet hatte, da der Frst nur zuhrt, schweigt und aufpat, ja sogar selbst auf Sch--ffs Seite steht. Da lst W. mit einem Schlage das Mordproblem auf eine andere Weise und umgeht den Frsten. Der Verdacht fllt dennoch zum Teil auf den Frsten; doch nun nimmt pltzlich der Frst selbst die Sache in die Hand und enthllt sich. Er wird mit einem Schlage Herr der Sache und besiegt U--ff; dieser gesteht. Geht geradeswegs zum Zgling, zeigt ihr seine ganze tiefe Liebe, stellt aber Bedingungen -- sie ist mit Begeisterung einverstanden. Neue Menschen, erneutes Leben! Gtzen zerstren und Schiffe verbrennen. Ist, falls ntig, bereit, sich von der Erbschaft loszusagen; doch die Mutter zittert schon und fgt sich. Schreckt den Gouverneur und den groen Schriftsteller. Hat gromtig Mitleid mit der jungen Schnheit, die er brutal und schroff verstt wegen eines leichtfertigen Ausfalls. (Anfangs scherzte er mit ihr; sie hielt ihn fr einen Nihilisten und lie es sich einfallen, mit ihm ein wenig zu spielen; er lie sie brutal im Stich, war aber im Unrecht: denn es war nicht Verderbtheit, wie ihm schien, sondern leichtfertige und gewissensruhige berzeugung.) berhaupt: er berzeugt sich, da ehrlich und besonders ein _neuer_ Mensch zu sein, nicht so leicht ist, da dazu nicht Enthusiasmus allein gengt, was er auch ihr, dem Zgling seiner Mutter, erklrt: Ich werde kein _neuer_ Mensch sein, ich bin viel zu unoriginell dazu, sagt er, aber ich habe endlich einige wertvolle Ideen gefunden, an die ich mich jetzt halten will. Doch vor jeder Wiedergeburt oder Auferstehung -- Selbstberwindung; und deshalb: du bist mir ntig, du wirst mich retten mit deiner Stille. Er sagt: Frher verurteilte ich den Nihilismus und war sein erbitterter Feind, jetzt aber sehe ich ein, da die Schuldigsten und Schlechtesten wir, die Herren, sind, wir vom Erdboden Losgerissenen, und darum mssen zuerst wir uns umgestalten. Wir sind die Hauptfulnis, auf uns ruht der Hauptfluch und aus uns ist alles gekommen. 7. Mrz 1870. _Stawrogin_ (Frst) Der Frst war der ausschweifendste Mensch und ein hochmtiger Aristokrat. Er hat sich bereits bekannt gemacht als ein Erzfeind der Aufhebung der Leibeigenschaft und als ein Unterdrcker der Bauern. Er ist _Ideenmensch_. Die Idee, die ihn einmal ergreift, beherrscht ihn ganz; herrscht aber dann nicht so sehr in seinen Gedanken, als wie sie sich in ihm _verkrpert_, in seine Natur bergeht (immer mit Leiden und Unruhe), und dann, einmal in seiner Natur inkarniert, verlangt sie ihre sofortige Umsetzung in die Tat. Whrend seiner Abwesenheit aus unserer Stadt hat er seine berzeugungen gendert. Seine berzeugungen ndern heit fr ihn sofort auch sein ganzes Leben ndern, so da er schon mit der geheimen Absicht zurckkehrt, sich von der Erbschaft loszusagen und mit allem zu brechen. Er ist pltzlich ein furchtbarer Skeptiker geworden, ist malos mitrauisch und vermutet immer das Schlimmste, -- eine Erscheinung, die bei einem festen Menschen, fr den sich entscheiden, die Schiffe verbrennen und handeln heit, sehr verstndlich ist. Dieser Mensch kann noch vor dem Entschlu zweifeln, wenn er noch nicht ganz berzeugt ist; zweifelt er aber, so wird er infolge der Leidenschaftlichkeit seiner Natur zum Skeptiker bis zum Zynismus. Die Ideen Goluboffs sind: Ergebung und Selbstberwindung und da Gott und das Himmelreich in uns liegen, in der Selbstbeherrschung, desgleichen die Freiheit. 11. Mrz 1870. Der letzte Entwurf zum _Frsten Stawrogin_ Als der Frst ankam, hatte er bereits alle Zweifel berwunden. Er ist -- ein _neuer_ Mensch. Er bricht mit zwei Mdchen, beabsichtigt auch mit der Mutter zu brechen. Besessen von wahnsinniger, nach innen geschlagener und verhaltener Energie, spricht er sich wenig aus, schaut spttisch und skeptisch zu, wie ein Mensch, der schon die endgltige Lsung und die groe Idee gefunden hat. Er hrt vorlufig alle an, widerspricht selten. Macht sich innerlich hochmtig lustig ber Gr., ist krankhaft betroffen durch Sch. und sieht vollkommen deutlich dessen Buchgelehrtheit und Aussichtslosigkeit, beginnt mit Erstaunen und Neugier W. zu beobachten und horcht gespannt -- da er endlich erraten will: worauf diese Menschen so fest stehen knnen? (_NB._ Mit W. frhere Beziehungen.) Einzig Goluboff erschttert ihn, doch mit Enthusiasmus gesteht er ihm (aber kurz, in zwei Worten), da dieses ganz und gar auch sein Gedanke ist, die von ihm gefundene berzeugung. Er ist zurckgekehrt, um seine Verste, Beleidigungen usw. in der Stadt wieder gutzumachen. Vershnt sich mit den Beleidigten, nimmt eine Ohrfeige hin, tritt fr die verbte Religionssptterei ein, sucht die Mrder auf, und schlielich erklrt er feierlich dem Zgling, da er sie liebt, erklrt die Bedingungen. Sie bestehen darin, da er von nun an ein Russischer Mensch ist und da man sogar an das glauben mu, was von ihm bei Goluboff gesagt wurde, (da Ruland und der russische Gedanke die Menschheit retten wird). Er betet vor Heiligenbildern usw. Whrend der ganzen Zeit, die er in der Stadt verlebt, zeichnet er sich durch die wildeste Energie in der neuen berzeugung aus und setzt seine Mutter in Erstaunen. Dem Zgling sagt er, er habe sie beobachtet und sich berzeugt, da er sie liebt und mit ihr auferstehen wird, wenn sie dieselben berzeugungen hat. Und dann pltzlich erschiet er sich. _Stawrogin_ (der Frst) und _Schatoff_ Der Hauptgedanke, an dem der Frst krankt und den er in sich trgt, ist folgender: wir haben die Rechtglubigkeit, unser Volk ist gro und schn, weil es glaubt und weil es die _Rechtglubigkeit_ hat; wir Russen sind stark und strker als alle, weil wir eine unermeliche rechtglubige Volksmasse haben. Wrde im Volk der Glaube an die Rechtglubigkeit wankend werden, so wrde es sofort anfangen sich zu zersetzen, ein Vorgang, der bei den Vlkern des Westens bereits begonnen hat, denn im Westen hat man den Glauben (Katholizismus, Protestantismus, Sekten, Entstellungen des Christentums) schon eingebt, und hat ihn dort einben _mssen_. (Bei uns ist natrlich die obere Volksschicht, die sogenannte hhere Gesellschaft, eine angeschwemmte Schicht, aus dem Westen bernommen -- folglich hier nur Gras im Feuer und hat nichts zu bedeuten.) Jetzt aber fragt es sich: wer kann denn glauben? Glaubt denn auch nur jemand (von den Panslawen und selbst Slawophilen)? und schlielich sogar die Frage: _kann_ man berhaupt glauben? Wenn man es aber nicht kann, wozu dann so viel von der Kraft des russischen Volkes, die in der Rechtglubigkeit liegen soll, reden? Folglich ist diese Kraft nur eine Frage der Zeit. Dort hat die Zersetzung, der Atheismus, frher begonnen, bei uns -- wird sie eben spter beginnen, beginnen aber wird sie unbedingt mit der Ausbreitung des Atheismus. Wenn das aber sogar unvermeidlich ist, so mu man sogar wnschen, da es noch schneller geschehe -- je schneller desto besser. (Der Frst bemerkt pltzlich, da er mit den Anschauungen W--s bereinstimmt: da alles verbrennen das Beste ist.) Es ergibt sich also folgendes: 1. da die geschftigen Leute, die diese Frage fr leer und berflssig halten und glauben, da man auch ohne sie auskommen knne, Pbel und Insekten sind, Gras im Feuer; 2. da es sich um die dringende Frage handelt: kann man, wenn man zivilisiert, d. h. Europer ist, berhaupt glauben? Ich meine: einwandlos an die Gttlichkeit des Gottessohnes Jesus Christus glauben? (Denn nur darin besteht doch der ganze Glaube, da man an Christi _Gttlichkeit_ glaubt.) _NB._ Auf diese Frage antwortet die Zivilisation durch Tatsachen mit einem Nein (Renan) und mit dem Beweis, da die Gesellschaft das reine Verstndnis Christi nicht hat rein erhalten knnen (der Katholizismus ist Antichrist, Hure, der lutherische Protestantismus aber ist Molokanentum)[59]. 3. Wenn es aber so ist (d. h. wenn man also nicht daran glauben kann), vermag dann die Menschheit berhaupt ohne Glauben zu leben (mit der Wissenschaft z. B., Alexander Herzen)?[60] Die sittlichen Grundlagen werden den Menschen durch Offenbarung gegeben. Vernichtet man im Glauben blo irgend etwas, so strzt die _ganze_ sittliche Grundlage des Christentums ein, denn (alles ist untereinander verbunden) das eine zieht das andere nach sich. Ist nun also eine andere, eine wissenschaftliche Sittlichkeit (ein wissenschaftliches Ethos) berhaupt mglich? Wenn nicht, so wird folglich die Sittlichkeit nur vom russischen Volke aufbewahrt, denn das russische Volk ist rechtglubig. Wenn aber die Rechtglubigkeit fr den Zivilisierten unmglich ist (und in hundert Jahren wird halb Ruland zivilisiert sein), so ist folglich alles nur ein Naturspiel, und die ganze Kraft Rulands nur eine zeitweilige. Auf da sie jedoch ewig sei, ist voller Glaube an alles unbedingt erforderlich ... Aber kann man denn glauben? Zuerst, vor allen anderen Dingen, gilt es, diese Frage zu lsen: Kann man berhaupt ernstlich und wahrhaft glauben? Hierin liegt _alles_, der ganze Lebensknoten des russischen Volkes, seine ganze Bestimmung in der Zukunft und sein ganzes zuknftiges Sein. Ist es aber unmglich, so zu glauben, dann ist es doch durchaus nicht so unverzeihlich, wenn jemand verlangt, da man alles verbrennen soll. Beide Forderungen sind vollkommen gleich menschenfreundlich. (Langes Leiden und dann Tod oder kurzes Leiden und Tod. Das Letztere ist selbstverstndlich menschenfreundlicher.) Das also wre das Rtsel? _NB._ Sie knnen natrlich gegen die Richtigkeit der logischen Folgerung obiger Thesen vieles einwenden, knnen streiten, nicht zustimmen, z. B. von der gelehrten rechten Seite behaupten, da das Christentum nicht in der Form des lutherischen Protestantismus fallen werde, d. h. indem man Christus nur als gewhnlichen Menschen, als segensreichen Philosophen auffat (denn das ist doch der Ausgang des lutherischen Protestantismus), oder von der linken Seite behaupten, das Christentum sei keineswegs eine Notwendigkeit fr die Menschheit und durchaus nicht die _Quelle des lebendigen Lebens_ (die hitzigen Kleinen schreien ja schon, da es sogar schdlich sei), da z. B. die Wissenschaft der Menschheit das lebendige Leben sowie das vollendetste sittliche Ideal geben knne. Diese Widersprche sind natrlich zu erwarten, ist doch die Welt voll von ihnen und das wird sie ja noch lange sein. Aber Sie, Schatoff, und ich, wir beide wissen doch, da das alles Unsinn ist, da Christus-Mensch im Gegensatz zu Christus-Gottessohn weder Erlser noch Quelle des Lebens sein kann, da die Wissenschaft allein niemals das ganze menschliche Ideal erfllen wird, und da die Lebensquelle, die Beruhigung des Menschen und die Rettung aller Menschen vor der Verzweiflung und die Bedingung _sine qua non_ fr das Sein der ganzen Welt in diesen Worten enthalten ist: _Und das Wort ward Fleisch_, und im Glauben an diese Worte. Frher oder spter werden doch alle darin bereinstimmen, und somit ist denn wieder die ganze Frage nur: Kann man an all das glauben, woran zu glauben die Rechtglubigkeit befiehlt? Wenn nicht, so ist es viel besser und humaner -- alles zu verbrennen und sich Werchowenski anzuschlieen. _Stawrogin_ (der Frst) und _Schatoff_ _Der Frst_: Ich mache Sie darauf aufmerksam, und ich hebe es noch ganz besonders hervor, da diese Fragen unvergleichlich wichtiger sind, als sie zu sein scheinen, wenn auch das sehr alte Neue an ihnen nur dies ist, da wir beide ihre unermeliche Bedeutung und die unbedingte Notwendigkeit ihrer Lsung erkannt haben. _Ach!_ Wozu auf ganze tausend Jahre vorauslsen! rief Schatoff (d. h. also die langsame Zersetzung). Besser ist, wir leben in der Gegenwart und erfllen das Gegenwrtige, ohne daran zu zweifeln, da weiterhin Gott helfen wird. Versuchen Sie es, so zu leben! sagte der Frst lachend und ging. _Stawrogin_ (der Frst) und _Schatoff_ Darum ist Werchowenski auch so ruhig, sagt der Frst, weil er berzeugt ist, da das Christentum fr das lebendige Leben der Menschheit nicht nur nicht unbedingt ntig, sondern sogar positiv schdlich sei, und da die Menschheit, wenn man das Christentum vollkommen ausrottete, sofort zu neuem, _wirklichem_ Leben aufleben wrde. Darin besteht seine furchtbare Kraft. Sie werden sehen: der Westen wird mit diesen Leuten nicht fertig werden, alles wird dort durch sie untergehen. Und was wird dann sein? Eine tote Maschine, die natrlich nicht zu verwirklichen ist, aber ... vielleicht ist sie doch zu verwirklichen, denn in ein paar Jahrhunderten wird man die Welt schon so weit ertten knnen, da sie vor Verzweiflung wirklich lieber wird tot sein wollen. >Berge fallt ber uns und deckt uns zu.< Und so wird es auch sein. (Wenn z. B. die Mittel der Wissenschaft sich fr die Ernhrung als unzureichend erweisen und es eng sein wird, auf der Welt zu leben, so wird man die Neugeborenen in ... werfen oder aufessen. Mich soll es nicht wundern, wenn das eine wie das andere geschieht. Es wird so sein mssen, besonders wenn die Wissenschaft es so fr richtig hlt). Erklren Sie das nher, sagt Schatoff. Wenn die Nahrungsmittel sich verringern und man mit keiner Wissenschaft weder Nahrung noch Holz zum Heizen erlangen kann, die Menschheit sich aber immer noch vermehrt, so wird man die Vermehrung aufhalten mssen. Die Wissenschaft sagt: >Du bist nicht schuld daran, da die Natur es so eingerichtet hat<, und allem voran geht der Selbsterhaltungstrieb, folglich heit es, die Neugeborenen verbrennen. Das ist die Moral der Wissenschaft. Malthus hat durchaus nicht so unrecht mit seiner Theorie, nur ist bis jetzt noch zu wenig Zeit vergangen, um sie durch praktische Erfahrung besttigt zu sehen. Blicken Sie etwas weiter, fragen Sie sich, was dann sein wird; und wird denn Europa eine Bevlkerung ohne Nahrung und Heizmaterial aushalten knnen? Und wird dann die Wissenschaft zur rechten Zeit helfen, selbst wenn sie helfen knnte? Das Verbrennen der Kinder wird zur Angewohnheit werden, denn alle sittlichen Grundlagen im Menschen, _der einzig seinen eigenen Krften berlassen ist_, -- sind bedingt. Der Wilde Nordamerikas skalpiert seinen Feind, wir aber finden das vorlufig noch schndlich (wenn wir auch selbst eine Unzahl von vielleicht noch schlimmeren Gemeinheiten begehen, Gemeinheiten, die wir nicht einmal bemerken oder womglich fr Tugenden halten). Jetzt sehen Sie einmal: wenn Sie glauben, da das Christentum eine Notwendigkeit ist und (ein Geschenk) eine Gnade Gottes fr die Menschheit, die der Mensch allein, von sich aus, nie wrde erlangt haben, -- wenn Sie glauben, da der Mensch von seiner Wiege an in _unmittelbarer Verbindung mit Gott steht_, zuerst durch die Offenbarung und dann durch das Wunder der Erscheinung Christi, und schlielich, wenn Sie glauben, da der Mensch, nur auf seine eigenen Krfte angewiesen, ganz auf sich allein gestellt, unfehlbar untergegangen wre, und man folglich glauben _mu_, da Gott mit dem Menschen in unmittelbarer Verbindung steht, -- dann (d. h. wenn Sie sich dem Christentum ergeben haben) wrden Sie sich niemals mit dem Gefhl des Kinder-Verbrennens ausshnen. Da haben Sie jetzt eine vollkommen andere Sittlichkeit. Folglich enthlt nur das Christentum allein das lebendige Wasser, kann nur das Christentum allein den Menschen zu den Quellen der Wasser des Lebens bringen und ihn vor der Zersetzung bewahren. Ohne Christentum wird sich die Menschheit zersetzen und untergehen. Also kann man sowohl an dieses wie an jenes glauben. Somit besteht denn die Frage blo darin, was denn eigentlich richtiger ist und wo die Quellen des lebendigen Wassers sind. Meiner Meinung nach wird die Menschheit mit der Wissenschaft allein, wenn diese es bis zu Gleichgltigkeit gegen die Neugeborenen gebracht hat, verwildern und aussterben, und darum ist verbrennen besser als sterben. Doch andererseits glaube ich fest, da das Christentum die Menschheit retten wrde. _Schatoff_: Wie, wie? _Der Frst_: Es enthlt alle Bedingungen zur Rettung wie der Sklaven so auch der Herren. Wenn man sich vorstellt, da alle Christusse wren, wrde dann der Pauperismus berhaupt mglich sein? Im Christentum wre sogar der Mangel an Nahrung und Heizmaterial ertrglich (nicht die Neugeborenen umbringen, sondern selbst fr meinen Bruder sterben). _Schatoff_: Wenn das so ist, worin besteht dann das Problem? _Der Frst_: Immer in dem einen: kann denn ein zivilisierter Mensch berhaupt glauben? Nur aus Leichtsinn stellt der Mensch diese Frage nicht auf den ersten Plan. brigens, viele mhen sich darum, schreiben und reden darber. Wir sorgen uns aus Leichtsinn und aus rger nur um das Gegenwrtige und glauben, das sei alles, was ntig ist. Andere wiederum denken sich verschiedene Verdauungsphilosophien aus, in dem Sinne, da das Christentum sogar mit der unendlichen Entwickelung der Zivilisation, nicht nur mit der gegenwrtigen allein, vereinbar sei. Aber wir beide wissen doch, da das alles Unsinn ist und da es nur zwei Initiativen gibt: entweder der Glaube oder Verbrennen. Werchowenski hat sich fr das zweite entschieden und ist stark und ruhig. Ich beobachte ihn jetzt, um festzustellen, was in seiner Kraft aus der berzeugung kommt und was einfach nur aus der Natur. _Stawrogin_ (der Frst) und _Schatoff_ _Schatoff_: Wenn der Mensch sich verndern wird -- wie wird er dann mit seinem Verstande leben knnen? Der Besitz des Verstandes entspricht nur dem gegenwrtigen Organismus. _Der Frst_: Woher wissen Sie, ob der jetzige Verstand berhaupt ntig sein wird? _Schatoff_: Was denn sonst? Wohl etwas Hheres? _Der Frst_: Zweifellos etwas viel Hheres. _Schatoff_: Ja, kann es denn berhaupt etwas Hheres als den Verstand geben? _Der Frst_: So fragt die Wissenschaft, aber -- sehen Sie, dort an der Wand kriecht eine Wanze. Die Wissenschaft wei, da sie ein Organismus ist, da sie irgendein Leben lebt und Eindrcke hat, sogar ihre eigene Vorstellung, und Gott wei was noch alles. Kann aber die Wissenschaft auch das Wesen des Lebens, der Vorstellungen und Empfindungen der Wanze erfahren und sie mir mitteilen? Das kann sie natrlich nicht und das wird sie auch niemals knnen. Um das erfahren zu knnen, mte man wenigstens auf eine Minute selbst zur Wanze werden. Wenn der Wissenschaft das unmglich ist, so kann ich annehmen, da sie mir auch das Wesen eines anderen hheren Organismus oder Seins nicht mitzuteilen vermag, und folglich auch nicht den Zustand des Menschen nach seiner Ausartung im Millennium, wenn es dann auch meinetwegen keinen Verstand mehr geben sollte. Sie haben mich ganz wirr gemacht, sagt Schatoff, aber ich werde von Ihnen nicht ablassen. _Der Frst_: Ich verstehe nicht, warum Sie den Besitz des Verstandes, d. h. der Erkenntnis, fr das hchste Sein von allen, die es berhaupt geben kann, halten? Meiner Meinung nach ist das schon nicht die Wissenschaft, sondern der Glaube, und schlielich kann man sagen, da hier wiederum ein Gaukelspiel der Natur vorliegt, und zwar: sich selbst zu schtzen (im Ganzen, d. h. als einzelner Mensch in der Menschheit), ist zur Erhaltung des Menschen unbedingt ntig. Ein jedes Wesen mu sich fr das Allerhchste halten. Die Wanze hlt sich bestimmt fr hher als Sie, und sie wrde bestimmt nicht zu einem Menschen werden wollen, ganz abgesehen davon, da sie es nicht kann, sondern wrde unbedingt gerade Wanze bleiben wollen. Die Wanze ist ein Geheimnis, und schlielich ist alles ein Geheimnis. Warum leugnen Sie die Geheimnisse anderer? Und merken Sie sich noch, da der Unglaube dem Menschen vielleicht gerade deswegen angeboren ist, weil der Unglaube den Verstand ber alles stellt, da aber der Verstand nur dem menschlichen Organismus eigen ist, so kann und will er auch nicht ein Leben in einer anderen Gestalt verstehen, d. h. ein Leben nach dem Tode, und darum glaubt er nicht, da es hher sei. Andererseits ist dem Menschen schon von Natur das Gefhl der Verzweiflung und des auf ihm ruhenden Fluches eigen, denn der menschliche Verstand ist so eingerichtet, da er bestndig an sich nicht glaubt, sich selbst nicht befriedigt, und darum ist er geneigt, seine Existenz fr ungengend zu halten. Daraus ergibt sich der Drang zum Glauben an ein Leben jenseits des Grabes. Wir sind offenbar bergangswesen und unser Dasein auf der Erde ist augenscheinlich der Vorgang oder das unausgesetzte Dasein einer Puppe, die sich in einen Schmetterling verwandelt. Erinnern Sie sich des Ausspruchs: der Engel fllt niemals, der Teufel ist so gefallen, da er immer liegt, der Mensch fllt und kann auferstehn. Ich glaube, die Menschen werden entweder Teufel oder Engel. Man sagt, ewige Strafe sei ungerecht, und die franzsische Verdauungsphilosophie hat sich ausgedacht, da allen verziehen wird. Aber das Erdenleben ist doch ein Proze der Umgeburt. Wer ist schuld daran, da man sich in einen Teufel umwandelt? Alles wird natrlich aufgewogen werden. Aber das ist doch eine Tatsache, ein Resultat -- ganz genau so, wie sich auch auf der Erde bei allem immer eines aus dem anderen ergibt. Und vergessen Sie auch nicht, da >die Zeit nicht mehr sein wird<, wie der Engel in der Apokalypse schwrt. Und vergessen Sie gleichfalls noch das eine nicht, da die Teufel -- wissen! Folglich haben auch die Naturen des Jenseits Erkenntnis und Gedchtnis, und nicht nur der Mensch allein, allerdings -- vielleicht nicht menschliche Erkenntnis und menschliches Gedchtnis. Sterben kann man gar nicht. Sein ist, aber Nichtsein ist berhaupt nicht. _Schatoff_: Solcher Gesprche, wie das unsrige, gibt es in Ruland unendlich viele. Aber ... wie, wenn Sie sich ber mich nur lustig machen? Und was wre denn dabei so schlimm? fragte der Frst lachend. _Schatoff_: Ich glaube es nicht. Ein Mensch, der die Rechtglubigkeit als das Wesen Rulands begriffen hat, und das noch so begriffen hat wie Sie, kann nicht darber spotten. _Der Frst_: Das tue ich ja auch gar nicht. _Schatoff_: Wirklich nicht? Ich bin ein Buchmensch. Ich wrde gern kein Buchmensch sein. Was mu ich dazu tun? _Der Frst_: Glauben Sie. _Schatoff_: An die Rechtglubigkeit und Ruland? _Der Frst_: Ja. _Schatoff_: Ja, natrlich, dann ist man erlst. Ich ... vielleicht glaube ich. Warum schweigen Sie? _Der Frst_: Sie glauben also nicht. _Schatoff_: Und Sie? _Der Frst_: Aber was habe ich denn damit zu tun? _Schatoff_: Sollten wir uns beide wirklich auch ohne Worte verstehen? _Der Frst_: Leben Sie wohl ... Und erlauben Sie, Schatoff, Sie noch auf eines aufmerksam zu machen: Sie sagten vorhin: >ich werde nicht von Ihnen ablassen!< Das wnsche ich durchaus nicht, im Gegenteil, ich wnsche, da Sie mich vollkommen in Ruhe lassen. Ich sage das im Ernst. Ich habe meine Grnde ... _Stepan Trophimowitsch Werchowenski_ und _Schatoff_ _Stepan Trophimowitsch_ zitiert Tschatzki[61]: Zur Feder von den Karten, von ihr zurck zum Spiel, Wie Flut und Ebbe wechselnd nach stehendem Gesetz ... _Schatoff_ greift sofort auf: Tschatzki begriff berhaupt nicht, als beschrnkter Dummkopf, bis zu welch einem Grade er dumm war, als er dieses, was Sie da soeben zitierten, sagte. Er ruft im strksten Unwillen: >Den Wagen mir, den Wagen!< weil er nicht einmal fhig ist, von selbst darauf zu verfallen, da man die Zeit auch anders als >zur Feder von den Karten, von ihr zurck zum Spiel< verbringen kann -- sogar in dem damaligen Moskau! Er war Herr und Gutsbesitzer und fr ihn existierte auer seinem Kreise berhaupt nichts, -- das ist der Grund, warum er ber das Leben der hheren Moskauer Gesellschaft in solche Verzweiflung gert, ganz als ob es auer diesem Leben in Ruland ein anderes gar nicht gegeben htte. Das russische Volk bersah er einfach, wie dies alle unsere >Vorderen<[62] taten, bersah es um so mehr, je mehr er zu den >Vorderen< gehrte. Je mehr Herr er war und je mehr Vorderster, um so mehr empfand er Ha -- nicht gegen die russischen Einrichtungen, sondern gegen das russische Volk. ber das russische Volk, ber seinen Glauben, seine Geschichte, seine Sitten, seine Bedeutung und seine groe Millionenmasse dachte er sich nichts mehr als ber den Pachtzinsparagraphen. Und genau so dachten auch die Dekabristen[63] und Professoren und Dichter und Liberalen, und berhaupt alle Reformatoren bis zum Zar-Befreier.[64] Tschatzki lie sich von seinen Bauern Pacht zahlen, um mit diesem Gelde in Paris leben zu knnen, Cousin zu hren und womglich mit Tschaadajeffschem[65] oder Frst Gagarinschem[66] Katholizismus zu enden oder, wenn er Freidenker war, mit einem Ha auf Ruland, wie etwa Belinski und _tutti quanti_[67]. Vor allem aber: er konnte es sich nicht einmal vorstellen, da es in Ruland noch eine andere Welt als die der Moskauer hheren Gesellschaft geben knnte, weil -- er selbst ein Moskauer Herr und Gutsbesitzer war. Und um wieviel doch diese stumpfsinnigen, kartenspielenden Moskowiter klger waren als er! Aber wenn er auch dumm war, dafr hatte er ein gutes Herz, wenn er auch nicht von weitem her war, dafr war sein Gedanke doch originell -- denn damals waren doch diese Tiraden gegen Moskau immerhin originell! Aber Sie, Sie, was sind Sie, wenn Sie das jetzt wiederholen? Oh, wenn Sie wten, wie weit Sie sogar hinter den damaligen kartenspielenden und ihren Dienst tuenden Moskowitern zurckgeblieben sind, und dabei halten Sie und Ihresgleichen sich immer noch fr >Vorderedas Wort ward Fleisch< zu glauben, d. h. da das Ideal leibhaftig gegenwrtig war, folglich auf Erden nicht unmglich und der ganzen Menschheit wirklich erreichbar ist? Ja, kann denn die Menschheit ohne diesen Trost auskommen? Aber Christus ist ja doch nur deswegen gekommen, damit die Menschheit es erfahre, da auch ihre irdische Natur, der menschliche Geist wirklich in einem so himmlischen Glanze tatschlich und leibhaftig erscheinen kann, und nicht nur geistig, als Ideal -- da das sowohl mglich wie natrlich ist. Die Anhnger Christi, die dieses durchleuchtete Fleisch vergtterten, bewiesen unter den grausamsten Martern, welch ein Glck es ist, diese Leibhaftigkeit in sich zu tragen, der Vollkommenheit dieser Gestalt nachzuahmen und an ihre Leibhaftigkeit zu glauben. Die anderen aber, die da sahen, welch ein Glck diese Leibhaftigkeit gab, kaum da der Mensch anfing, ihrer teilhaftig zu werden und sich in Wirklichkeit ihrer Schnheit zu nhern, -- wunderten sich, staunten, und wollten schlielich selbst diese Seligkeit genieen: sie wurden Christen und freuten sich schon im voraus der Qualen. Das Ganze liegt hier eben darin, da >das Wort< wirklich >Fleisch ward<. Darin liegt der ganze Glaube und der ganze Trost der Menschheit, der Trost, auf den sie niemals verzichten wird. Das aber ist es ja gerade, was Sie und Ihresgleichen der Menschheit nehmen wollen. brigens, Sie wrden es ihr nehmen knnen, wenn Sie ihr etwas Besseres als Christus zeigen knnten. So zeigen Sie es doch! * * * * * _Stepan Trophimowitsch_ sagt: Immerhin mu man sich doch ber das bermige Quantum Dummheit wundern, das in Ruland steckt. _Der Frst_: Aber das sind doch alles nur unreife Knaben, die weder von der Gesellschaft noch vom Volk etwas verstehen. _Stepan Trophimowitsch_: Die aber bei uns doch so viel Sttzkraft gefunden haben und finden, und zu denen alles hinstrmt, -- wenn auch die Hinstrmenden meinetwegen nur Knaben und Mdchen sind, so sind es doch nicht zehnjhrige, sondern immerhin zwanzig- und ber zwanzigjhrige. In diesem Alter aber ist es nicht mehr statthaft, so dumm zu sein. _Schatoff_: Ich bitte Sie! Sind denn bei uns nicht alle so dumm, selbst die Sechzigjhrigen der gebildeten Gesellschaft nicht ausgenommen? Treten doch ganze Zeitungen und Zeitschriften, ernste Menschen, sogar Professoren und Direktoren und alle mglichen Autoritten fr die Idee der Aufteilung Rulands und die Lostrennung unserer Grenzprovinzen ein! Ist das denn nicht ebenso dumm? Waren Sie es nicht selbst, Stepan Trophimowitsch, der uns noch vor kurzem erzhlte, wie die Herren Literaten oder die literarischen Herren mit Belinski darber diskutiert haben, wie dieses oder jenes in der Zukunftsgesellschaft sein werde? Alles ist doch aus Ihrer Generation gekommen, stammt aus Ihrer Zeit. Waren Sie denn klger? Ist denn die Idee, da alle Vlker des Westens national sein und wir sie deswegen achten und die Sonderheit der ganzen nationalen Entwicklung eines jeden Volkes andchtig anerkennen mssen, die Russen aber unter keinen Umstnden sie selbst sein drfen, und ihnen nicht einmal in Gedanken etwas Besonderes, Eigenes zugestanden werden darf[70], -- ist diese Idee etwa nicht dmmer, als was diese Knaben in ihren Proklamationen von den Genossenschaften reden? Ja, genau genommen sttzen sich diese Knaben gerade auf die Anschauungen Ihrer Generation, denn Ihre Generation hat durch die Unkenntnis Rulands und die Verleugnung seiner Selbstndigkeit die ganze Sache eingebrockt. Was aber diese Knaben anbetrifft, so stellen sie sich ja durch ihr Programm selbst in ein Kriegsverhltnis zu jeder Gesellschaft, also drfen sie sich auch nicht wundern oder sich beklagen, wenn die Gesellschaft sie vernichtet. Sie sagen, da sie vor moralischen Pedanterien nicht zurckschrecken, sondern morden und brennen werden, folglich kann man auch mit ihnen so verfahren. Wenn sie die Regierung geschlachtet haben werden, wollen sie nur ein paar Tage Zeit lassen, damit alle ihr Hab und Gut ihnen bergeben, sich von allem Besitz auf ewig lossagen und sich in die Genossenschaften als Schuster einschreiben knnen. Folglich knnen alle, die das nicht wollen, auch mit ihnen ebenso zeremonielos verfahren. _Schatoff_ _Schatoff_ spricht whrend der Sitzung: Ich schme mich, ein solches Programm mit meinem Namen zu unterschreiben. (In wenigen Tagen sind dann alle Schuster.) Zehnjhrige Knaben sind klger als Sie. Nach dem Ton des Programms zu urteilen, sind Sie, meine Herren, vollkommen berzeugt, da alle, hingerissen von Ihrer Khnheit, Weib, Kind, Besitz und Kirchen verlassen werden, um mit Ihnen zu stehlen, zu morden und zu brennen. Aus Ihren Worten ersieht man, wie fest Sie glauben, da das Volk den Zaren hasse und nur darauf warte, endlich alles von sich werfen und sich Ihnen anschlieen zu knnen. Sie sind ja sogar dermaen davon berzeugt, da Sie mit ruhigem Gewissen bereits angefangen haben, sowohl zu rauben, wie zu brennen und zu morden. Sie sind so unreife Knaben, da Sie nicht einmal die gewhnliche Eigenliebe der Menschen in Betracht ziehen -- ganz abgesehen von alldem anderen --, wenn Sie glauben, die Menschen werden zu Ihnen gelaufen kommen, zu Ihnen, den grnen Jungen! Sie sind dermaen flach und dumm, da Sie berzeugt sind, Sie htten eine groe Entdeckung gemacht, ohne auch nur ein einziges Mal auf den Gedanken zu kommen, da die Menschheit das alles wohl schon lngst getan htte, wenn das die Wahrheit wre, und nicht tausend Jahre lang gelitten htte, einzig um auf Sie zu warten. Sie schmen sich nicht, so zu lgen, wie Sie es in Ihren Proklamationen tun, wenn Sie die Tatsachen entstellen und dazu bernaiv bemerken, dies sei eben jesuitisch und die Jesuiten seien gewandte Leute, und da Sie genau so wie die Jesuiten handeln werden; und dabei lassen Sie es sich nicht einmal trumen, da jede Lge und jede Entstellung der Tatsachen in ungewhnlich kurzer Zeit an den Tag kommt, und da dann die Menschen sehen werden, da Sie absichtliche Lgner sind, und da Ihnen dann niemand folgen wird. Sie sind, im Gegenteil, wie dumme Jungen fest berzeugt, da die Lgen weiter nichts auf sich htten, da sie vielmehr allen gefallen und die Menschen sich ber Ihre geschickten Lgen nur freuen und alles, was sie bis dahin heilig gehalten, was sie geliebt, im Stich lassen werden -- Gott, Weib und Kinder, Ordnung, Anstand --, um zu Ihnen berzulaufen, einzig weil Sie morden und brennen -- ohne dabei selbst zu wissen, warum und wozu eigentlich. Sie schmen sich nicht, zu schreiben, da Sie dem Achtzigmillionenvolke eine Frist von nur ein paar Tagen geben werden, innerhalb welcher Zeit es sein Hab und Gut Ihnen auszuliefern, die Kinder zu verlassen, die Kirchen zu beschimpfen und sich in die Genossenschaften als Schuster einzuschreiben habe. Sie sind berzeugt, da alle die Kirchen hassen und die Ehe als Last empfinden und sich nur nach den Aluminiumpalsten sehnen, in denen man nach Herzenslust tanzen und die gemeinsamen Frauen und Mnner in besondere Zimmer fhren kann[71]. Sie verfallen gar nicht darauf, da eine so kindische Auffassung der Sache, als handle es sich hierbei um ein Spielzeug, nur verrt, da Sie noch Bengel sind, denen man schmerzhaft die Rute geben mte; und die Gesellschaft achten Sie so gering, da Sie sich nicht einmal bemht haben, die Proklamation sorgfltiger zu redigieren. Wenn das Publikum lesen wird, wie kindisch Ruland Ihrer Meinung nach verfahren knnte, wie es in ein paar Tagen alles hinwerfen und sich verwandeln soll, wird es sich nur ber Ihre Dummheit wundern; doch wenn es sehen wird, da Sie auerdem noch Bsewichter sind, wird es Sie als schdliche Irrsinnige beseitigen, und zwar mit aller Strenge beseitigen. Doch leider sind ja auch _Alle_ nicht klger als Sie und das kommt alles nur daher, ist nur deshalb so, weil sie sich vom Boden losgelst und nicht ein eigenes, sondern ein fremdes Leben gefhrt und bestndig unter Vormundschaft gelebt haben. Man hat in diesem unter Vormundschaft verlebten Leben gar zu Weniges lieb gewonnen, um fr dieses Leben einzustehen. Es hat sich viel Unzucht und Leichtsinn aufgehuft. Wenn man sich um das Leben gemht, wenn man es sich durch Arbeit erworben htte, selbstndig, mit Leid und Kampf, mit Mhen und Plagen und allen Freuden des Erfolges nach dem Kampf, doch vor allen Dingen durch Arbeit -- die eigene Mhe ist ja die Hauptsache --, nicht aber nur unter administrativer Vormundschaft, so htte man Tatsachen erworben, viele Erlebnisse aufgespeichert, es wrden sich lebendige Erinnerungen an den Kampf und die Arbeit erhalten, und dieses Erlebte und Durchlebte wrde allen teuer sein. Teuer wre dann auch das Andenken an die verstorbenen Tatmenschen und hoch wrde man die lebenden Tatmenschen schtzen, die dann einen ganz anderen Einflu auf die Menschen htten, und nicht so leichtsinnig wie jetzt wrde die Gesellschaft dann auf jeden Schwindel dummer und verderbter, seelenloser Bengel antworten. Wahrlich, sie ist uns eine gute Lehre! -- diese deutsche Vormundschaft! O Gott, was fr eine Lehre das ist! Es gibt kein einziges Volk, keine einzige Nation in Europa, die sich nicht aus eigener Kraft hat retten knnen, -- selbst in der flammendsten Revolution, selbst auf den Barrikaden ist das erste, was geschieht, da eine neue Ordnung festgesetzt wird und die Diebe, Plnderer und Brandstifter erschossen werden. Sie aber, Sie wollen bei uns ein Achtzigmillionenvolk einzig durch Brandstiftung, Totschlag und Zarenmord anlocken und fr sich Sympathie erwecken! So glauben Sie, da diese Gesellschaft berhaupt nichts aus ihrem durchlebten Leben achte, und da dieses Leben unter administrativer Vormundschaft so schn gewesen sei! Zu was sind Sie entartet? Und Sie, Sie sehen noch immer nicht, da das Volk sich schon vollstndig, aber vollstndig von Ihnen losgesagt hat! Nun wohl! -- versuchen Sie es doch noch einmal, das Volk unter Vormundschaft zu nehmen, versuchen Sie es doch! Wahrlich, Sie haben doch schon gar zu holsteinisch auf das Volk gesehen! Und dann sofort der Verfasser der Chronik von sich aus: So sprach Sch. wie auer sich, und vielleicht war in seinen Worten auch wirklich einiges doch ganz Wahres. In der Tat, Vormundschaft und Entfremdung vom Volke haben ja gerade das bewirkt, da die Gesellschaft erstens nichts mehr hat, was ihr teuer ist und wofr sie einstehen wrde, und zweitens, da sie sieht, da hingegen dem Volk zweifellos das Eigene teuer ist und es dafr einsteht und dabei ein so volles Leben lebt -- so hat das der Gesellschaft den Vorwand gegeben, das Volk nun endgltig zu hassen, also gerade seines vollen Lebens wegen. Ich verstehe jetzt, was Schatoff sagen wollte, als er von diesem Ha der Belinski und unserer smtlichen Westler gegen das Volk sprach, und wenn sie selbst diesen Ha leugnen wollen, so ist es klar, da sie selbst ihn nicht erkennen. Ja, so war es doch: sie glaubten, da sie das Volk hassend liebten, und so sagten sie es auch von sich. Aber sie schmten sich nicht einmal ihres Ekels vor dem Volke, wenn sie praktisch mit ihm in Berhrung kamen. (In der Theorie allerdings liebten sie es.) _Stepan Trophimowitsch_ (Gr.) sagt: Ja, aber das Volk wurde doch ebenso bevormundet, wie die anderen, und Sie geben doch selbst zu, da es russisches Volk geblieben und _nicht_ unter der Vormundschaft entartet ist und _nicht_ Ruland hat. _Schatoff_: Das Volk wurde mit der deutschen Reform verschont und von Anfang an als hoffnungslos aufgegeben. Man erlaubte ihm auch sofort wieder, den Bart zu tragen. Damals hielt man das Volk fr etwas Unwichtiges, man sah auf dasselbe wie auf Rohmaterial oder Steuerzahler herab. Zwar bevormundete man es streng, das ist wahr, aber sein inneres, eigenes Leben lie man ihm unangerhrt, und wenn es auch viel zu erdulden und viel zu leiden hatte, so endete es doch damit, da es auch sein Leiden lieb gewann. Dagegen wurden alle Russen der oberen Gesellschaftsschicht zu Deutschen, und diese vom Erdboden Losgerissenen hatten dann bald nur fr Deutschland noch Liebe brig, fr ihr Vaterland aber und fr ihr eigenes Volk nur Verachtung und Ha. So war es ja berall. So begannen auch in Litauen die Stammrussen ihre eigene Rasse zu miachten. Fragen und Antworten Sie bieten das Glck an. Aber selbst wenn wir annehmen, da Sie im Endziel des Strebens vollkommen recht haben (was natrlich absurd ist, doch worber ich vorlufig nicht streiten will), so ersieht man doch schon aus Ihrer Proklamation[72], bis zu welch einem Grade Ihre Kpfe unreif, flach und leichtsinnig sind und somit -- wie wenig sie zum Erreichen Ihres eigenen Zieles taugen. Sollten Sie denn wirklich nicht einsehen, da eine Umwandlung, wie die, die Sie vorschlagen, eine Umgeburt des einzelnen Menschen wie des ganzen Volkes, sich doch nicht so leicht und schnell vollziehen kann, wie Sie glauben!? Denn Sie sagen doch, da alles mit dem Beil und durch Raub gemacht werden werde, auf da sich aber der Mensch von Gott, von der Liebe zu Christus, von der Liebe zu seinen Kindern und von seinen Pflichten ihnen gegenber lossage, von seiner Persnlichkeit und ihrer Sicherstellung, -- dazu sind Jahrhunderte noch zu wenig. In Jahrtausenden hat sich z. B. die gesellschaftliche, juridische Sicherstellung im Staate herausgearbeitet, und doch -- bis zu welch einem Grade ist sie noch berall unzureichend! So langsam arbeitet sich in der Praxis selbst ein so alltgliches Bedrfnis eines jeden Menschen heraus! Darum aber, wenn auch das, was bereits ist, was sich bereits herausgearbeitet hat, meinetwegen auch unzureichend ist, so wird der Mensch doch nicht so leicht darauf verzichten und Ihnen nachlaufen: denn wenn es auch nicht gut, wenn es auch nur wenig ist, so ist damit doch immerhin schon etwas da, bei Ihnen aber ist nichts, denn Sie sagen ja selbst ganz offen, da alles auf Grund liebevoller Vereinbarung geschehen und niemandem und fr nichts eine Garantie geboten werden soll, wenn's nicht gerade die Genossenschaft betrifft. Um Fragen einfach abzuschneiden, behaupten Sie kurzweg, da es in der neuen Gesellschaft Verletzungen nicht mehr geben werde und folglich seien Garantien gar nicht ntig. Aber so etwas kann doch nur ein Verrckter behaupten, der noch nichts erprobt hat, und so ohne alle Unterlagen, wie Sie da Ihre Versicherungen abgeben. Wenn aber der Mensch nicht einmal darauf leicht verzichten wird, wie wird er sich dann noch von seinen Kindern, von seiner Liebe zu ihnen, von Gott und schlielich von seiner ganzen Freiheit lossagen? Sie antworten auf keine einzige der Fragen, die die ganze Menschheit erregen, Sie schieben alles beiseite. Doch wenn Sie die Fragen nicht beantworten, wie wollen Sie dann die Aufgaben lsen? Und deshalb -- wie knnten denn alle sich Ihnen anschlieen und sich sofort zu der neuen Gesellschaft umschaffen [umgebren]? Ihnen wird nur ein Hufchen leichtsinniger Menschen folgen oder Nichtswrdige, die Sie mit der Aussicht auf Plnderung anlocken. Wenn aber so etwas nur in Jahrhunderten entstehen kann, wie knnen Sie dann versprechen, dasselbe in wenigen Tagen zu schaffen (wie Sie sich ja buchstblich ausdrcken)? Also sind Sie nun nach alledem nicht leichtsinnig, und welch eine Verantwortung bernehmen Sie fr die Strme von Menschenblut, die Sie vergieen wollen? Aufbauen ist schwer; darum reien Sie auch nur nieder, weil das am leichtesten ist. berhaupt keine Verantwortung, wir bringen einfach unsere Kpfe. Die zuknftige Gesellschaft wird vom Volke geschaffen werden nach der allgemeinen Zerstrung, je schneller desto besser. Aber erstens, das Volk wird nicht anfangen dreinzuschlagen, wenn es nicht wei, wofr; hauen, brennen und plndern wird nur ein Haufe geheimer Bsewichter. Denn das Volk kann doch nicht Ihr Programm annehmen: Vernichtung der Persnlichkeit, des Eigentums, Gottes und der Familie. Ich sage nochmals: selbst wenn Ihr Programm gerecht wre, knnte es doch nur im Laufe von Jahrhunderten angenommen werden, in Jahrhunderten friedlicher, praktischer Studien und Entwicklung. Und selbst wenn das Volk sich vom Aufruhr und Plndern hinreien lassen sollte, so wird es sich doch sofort wieder beruhigen und dann etwas anderes aufbauen, jedenfalls aber auf seine Art, und -- nun ja -- vielleicht sogar etwas noch viel Schlechteres. Meinetwegen; aber auch das ist schon gut, da wenigstens eine Welt untergeht. Dann wird eben eine andere Welt beginnen, meinetwegen eine mit Fehlern, eine vom Volk errichtete, aber sicher wird sie schon ein wenig besser sein. Wenn man dann deren Fehler erkannt hat, werden wir oder unsere Nachfolger auch diese Welt wieder strzen, und so weiter, bis schlielich unser ganzes Programm durchgesetzt ist. Doch auch beim ersten Experiment werden wir unseren Zweck schon damit erreichen: da erst einmal das Prinzip des Beiles und der Revolution angenommen wird. Aber auf Grund wessen sind Sie denn so berzeugt, da Ihr Programm unfehlbar ist? Wie nun, wenn das alles nur Unsinn ist und die absurdeste Unkenntnis der menschlichen Natur im allgemeinen und des russischen Volkes im besonderen? Sie knnen das Gegenteil doch mit nichts beweisen, hchstens den Einwand vorbringen, da es Ihnen unfehlbar erscheint. Aber es ist doch mglich, da Sie alle sehr dumm sind und es Ihnen nur deshalb so erscheint; dann aber knnen Sie doch nicht verlangen, da alle brigen Menschen ausschlielich zu diesem Zweck gleichfalls zu Dummkpfen werden, nur um Ihnen folgen zu knnen. Aber siehe da, Sie weigern sich ja, darber auch nur zu reden. Sie sagen: wer nicht fr uns ist, der ist wider uns, und weihen alle, die entgegengesetzter Meinung und berzeugung sind, einfach dem Tode, wobei Sie ganz zu vergessen scheinen, da Streit unter allen Umstnden Entwicklung der Sache ist. Und mit welch einer Wut erkennen Sie diejenigen nicht einmal an, die gegen Sie sogar handeln werden, da sie mit Ihren berzeugungen nicht bereinstimmen. Alles das ist Unsinn und Finessen! Wenn Sie aber nicht mit aller Sicherheit wissen, da Ihr Programm richtig ist, wie knnen Sie dann das Verbrechen der Zerstrung auf Ihr Gewissen nehmen? Wir glauben aber, da unser Programm richtig ist, und da ein jeder, der es annimmt, glcklich wird. Deshalb entscheiden wir uns auch frs Blut, denn nur mit Blut wird Glck erkauft. Wenn es aber nicht damit erkauft wird, was dann?! Geglaubt wird nur an Gott, im Leben aber sind Tatsachen erforderlich. Wir sind berzeugt, da man es damit kaufen kann, und das gengt uns. Oh Ihr Unseligen! Mich freut nur eines: da es Ihnen um keinen Preis gelingen wird, denn Sie kennen das Volk nicht. Gesetzt, Ihnen gelingen einige Plnderungen, Brandstiftungen, Morde und Verfhrungen, nehmen wir selbst an, da Sie es bis zu einem Aufstande bringen, das ganze Volk aber wird Sie dafr doch sofort aufknpfen; nicht aber Ihr Programm annehmen, denn dieses Programm ist widernatrlich und auerdem auf der grten Unkenntnis des russischen Volkes aufgebaut. Niemals wird der Mensch Ihnen seinen Glauben, seine Familie ausliefern und in dieses Zuchthaus bersiedeln, das Sie ihm in Ihrem Programm anbieten, und niemals wird er seine persnliche Freiheit fr eine solche Knechtschaft verkaufen ... Das Volk aber wird Ihnen niemals seinen Zar-Befreier ausliefern. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Sie wollen morden und plndern, weil das am leichtesten ist. Diese Lehre tauchte in Frankreich gerade damals auf, als die Kommunisten berall durchfielen und sich als nichtswrdige Bengel erwiesen. _Stepan Trophimowitsch_ und _Pjotr Stepanowitsch Werchowenski_ Ich mache die Sache, weil sie gemacht werden mu. Damit (mit der Zerstrung) mu naturgem jede Sache beginnen; das wei ich, und darum beginne ich eben. Das Ende geht mich nichts an, ich wei nur, da man damit beginnen mu, alles brige ist nur zeitraubendes Geschwtz. Alle diese Reformen und Korrekturen und Verbesserungen -- sind Unsinn. Je mehr man reformiert und verbessert, um so schlimmer ist's, denn auf diese Weise erhlt man noch einige Zeit knstlich das Leben eines Dinges, das doch unbedingt sterben und einstrzen mu. Je schneller desto besser, je frher damit begonnen wird, um so besser. (Zuerst natrlich Gott, Verwandtschaft, Familie usw.) Man mu alles zerstren, um das neue Gebude aufbauen zu knnen, das alte Gebude aber mit Sttzen noch zu sttzen, ist nichts weiter als eine Pfuscherei. Nun, z. B., du weit, da du frher oder spter doch einmal sterben mut, warum erschiet du dich denn nicht jetzt gleich -- je schneller desto besser? Einzig weil ich noch nicht will und weil die Sache gemacht werden mu. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Ich bin kein Genie, und ich will auch gar nicht eines sein, aber ich wei, da man es jetzt machen mu, und so mache ich es denn. Auch ihr wutet das, du und deine Generation, doch ihr weintet blo. Wir aber weinen nicht, sondern tun's einfach. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- _Stepan Trophimowitsch_ und _Pjotr Werchowenski_ Der verstorbene Belinski beschimpfte Christus, htte dabei aber nicht einmal einem Huhn etwas zuleide tun knnen. Oh, in der Wirklichkeit und im Verstehen der wirklichen Dinge war Belinski sehr schwach. Turgenjeff hatte ganz recht, als er von ihm sagte, da er, Belinski, sogar wissenschaftlich sehr wenig gewut habe. Aber er begriff doch besser als sie alle. Du lachst, du scheinst sagen zu wollen: viel haben sie wahrlich allesamt begriffen! Mein Freund, ich erhebe keinen Anspruch auf das Begreifen der Einzelheiten des wirklichen Lebens. Doch ich kam ja auf Belinski zu sprechen. Ich erinnere mich des Schriftstellers D., der damals fast noch ein Jngling war[73]. Belinski wollte ihn zum Atheismus bekehren und nach den Entgegnungen D's, der Christus verteidigte, begann er Christus zu schmhen. >Und immer macht er, wenn ich schimpfe, eine so betrbte, niedergeschlagene Physiognomie,< sagte Belinski pltzlich, indem er mit dem gutmtigsten, unschuldigsten Lachen auf D. wies. Einmal traf dieser D. zufllig Belinski am Bahnhof der erst im Bau befindlichen ersten Eisenbahnstrecke. >Ich kann nicht kaltbltig warten<, sagte Belinski zu ihm, >ich habe mir den Weg hierher zum Spaziergang erwhlt und jeden Tag sehe ich mir den Bahnbau an.< Oh, wenn er, der Arme, gewut htte, mit welchen Augen damals viele auf diese Eisenbahn sahen, besonders die Erbauer der Bahn! Belinski sagte: >Ich bin nicht so wie die anderen, ich bin schon, wie Sie sehen, gerade davon krank. Wenn ich verscharrt sein werde, -- wird man erfahren, wen man begraben hat.<[74] D. schlo sich ihm an und begann ber die Eisenbahn zu sprechen, dann ber die zuknftigen Eisenbahnen berhaupt, ber die Beheizung der Wagen und schlielich ber die Beheizungsfrage in Moskau, wo das Brennholz immer teurer wurde und in Zukunft, wenn Moskau der Knotenpunkt aller Eisenbahnen sein wird, noch sehr viel teurer werden msse. Wahrscheinlich werde man das Holz dann mit der Bahn aus den waldreichen Gegenden herbeischaffen. Da begann Belinski zu lachen ber diese, wie ihm schien, geringe Kenntnis der Wirklichkeit: >Brennholz will er mit der Eisenbahn befrdern!< Das erschien ihm ungeheuerlich. Stellen Sie sich vor, er glaubte wirklich, da man mit der Eisenbahn nur Passagiere, von Waren aber hchstens die feinsten und wertvollsten _articles de Paris_{[280]} befrdern werde. Das war seine Kenntnis der Wirklichkeit ... Aber er begriff doch mehr als alle. Dann haben alle wohl viel begriffen! Mein Freund, ich habe mich vom ttigen Leben zurckgezogen ... Jetzt unter den Ttigen sein, das will und kann ich nicht ... Ja, zu was knntest du jetzt auch noch taugen! Charakteristik Pjotr Werchowenskis Eigentlich geht mich ja weder das Volk noch die Kenntnis desselben etwas an. Ich wei nur, da man das Volk jetzt zu einem Aufstand bringen kann, und das ist alles, worauf es ankommt. Wenn er vom Volk spricht, bekundet er pltzlich in einem Punkt eine himmelschreiende und ganz sonderbare Unwissenheit und Ahnungslosigkeit (eine unbedingt so sonderbare, da die Ungeheuerlichkeit sofort in die Augen springt.) Unter Gelchter wird er berfhrt, werden seine Behauptungen widerlegt; aber _bemerkenswert_ ist, da ihn das nicht im geringsten verwirrt, weder wankt er, noch ist er pikiert, ja er fhlt sich nicht einmal in seiner Eigenliebe verletzt. Unglaublich kaltbltig und nachlssig nimmt er es hin: Vielleicht ist es auch so, sagt er, aber das ist doch ganz einerlei, nicht darauf kommt es an, sondern darauf, da man jetzt einen Aufstand machen kann, und so will ich ihn denn jetzt machen. Man antwortet ihm, da auch ein Aufruhr ihm bestimmt nicht gelingen wird, wenn er nicht das Volk kennt, und da die Proklamation eine Absurditt ist. Das ist Unsinn, antwortet er, lat mich nur eine Viertelstunde ohne Zensur mit dem Volke sprechen, und es wird mir sofort folgen. Man versichert ihm, da das Volk weit fester sitze, er aber sagt: Na, das ist erst recht Unsinn! und weist auf die Tatsachen hin -- Ruberhorden, Brandstiftungen, von Sohn[75] --. Und ihr seht es ja selbst ein, da das eine unentschiedene Sache ist, da ihr jetzt selbst verstummt und nichts mehr zu sagen wit. (Auf die goldene Urkunde[76] hin ging doch das Volk, warum soll es auf die Proklamationen hin nicht gehen?) Ist mitunter ganz entsetzlich unwissend. Den ernsten Einwendungen seines Vaters (z. B., da nicht die ganze Natur des Menschen bekannt ist und der Verstand nur 1/20 des ganzen Menschen ausmacht) schenkt er berhaupt keine Beachtung und will und versucht auch nicht einmal, ihm zu entgegnen, gibt sogar offen zu, da er das nicht wei, aber: nicht darauf kommt es an. Ist in seiner Unwissenheit vollkommen ruhig. Die Rede seines Vaters bei der Frstin hat er nicht einmal gehrt. Und dabei schlgt er den Vater doch vollkommen. (Mit ihm kann man nicht streiten, sagt der Vater.) Die Streitfragen der Slawophilen und Westler sind ihm nicht einmal annhernd bekannt, er hat nur gehrt, da es so etwas wie Slawophile und Westler gibt, aber: _alles das ist Unsinn_ und nicht darum handelt es sich. Schreibt sogar unorthographisch. Charakteristik Stepan Trophimowitschs Portrt eines reinen und idealen Westlers mit allen Schnheiten. Lebt vielleicht (in Moskau) in einer Gouvernementshauptstadt. _Die charakteristischen Zge._ -- Eine lebenslngliche Ziellosigkeit und Unfestigkeit in den Ansichten und in den Gefhlen, unter der er frher gelitten hat, die aber jetzt zu seiner _zweiten Natur geworden_ ist. (Der Sohn macht sich darber lustig.) Ist zum drittenmal verheiratet. (Ein hchst charakteristischer Zug.) Wnscht sehnschtig, verfolgt zu werden, und liebt es, von den frheren Verfolgungen, denen er ausgesetzt gewesen, zu sprechen. Ein Mensch der vierziger Jahre. Denkt gern an dieses Jahrzehnt und die berlebenden zurck (ich und Timofei Granowski). Er ist -- ein berhmt gewesener Name (zwei oder drei Artikel, eine kritische Untersuchung, Reise durch Spanien, handschriftliche Aufzeichnungen ber den Krimkrieg, die unter seinen Bekannten von Hand zu Hand gingen und ihm die Verfolgung eingetragen haben). Stellt sich unbewut auf ein Piedestal, wie etwa eine Reliquie, die man anbeten kommt -- liebt das. Spricht hufig ohne Frwrter. Ist wirklich ehrlich, rein und hlt sich fr die tiefste Allwissenheit. Widerstandsunfhigkeit in Ansichtssachen. Groer Poet, jedoch nicht ohne Phrase. Hat das russische Leben ganz bersehen. Tschurrt sich[77] vor dem Nihilismus und begreift ihn nicht. 55 Jahre alt. Literarische Erinnerungen: Belinski, Granowski, Herzen, Turgenjeff u. a. Liebt Champagner. Rolle eines Ssacks[78]. Liebt es, Klagebriefe zu schreiben. Hat hier und da Trnen vergossen. Lat mir Gott und die Kunst. Trete auch Christus ab. George Sand und seine Gtzen blicken fortwhrend durch den Ernst hervor. Echter Dichter. _Dies irae_, Goldenes Zeitalter, Griechische Gtter! Ein inspiriertes Kapitel. Hat das Pekunire gut geordnet. Bildchen, Memoirchen (usw. in dieser Art). Sein Sohn wird im Auslande erzogen. Noch eine Gestalt: junge Frau (seit vier Monaten schwanger). _NB._ Beweint alle seine Frauen und heiratet immer wieder. Kann mich nicht zufrieden geben, sehne mich ewig. Ist klug und geistreich.[79] Zweiter Anhang. Bruchstck aus einem bisher unverffentlichten Kapitel des Romans Die Dmonen[80] I. ... Ungefhr um halb elf erreichte Stawrogin die hohe Pforte unseres Spasso-Jefimjeffschen Bogorodskischen Klosters, das auerhalb der Stadt am Flu lag. Erst hier schien er wieder zu sich zu kommen und sich pltzlich einer Sache zu erinnern: er blieb stehen, befhlte hastig und erregt seine Seitentasche, und -- ein Lcheln glitt ber sein Gesicht. Nachdem er eingetreten war, erkundigte er sich bei einem kleinen Klosterdiener, den er hier erblickte, wie er zu dem im Kloster lebenden Bischof Tichon gelangen knnte. Der Kleine verneigte sich mehrmals untertnigst vor ihm und bat ihn hflich, ihm zu folgen; doch an der Treppe, die an dem einen Ende des langen zweistckigen Klostergebudes lag, machte ihm ein dicker, grauhaariger Mnch den Gast geschickt und wie mit vollstem Recht einfach abspenstig. Dieser fhrte nun Stawrogin durch einen langen, schmalen Korridor, verneigte sich gleichfalls fortwhrend vor ihm oder eigentlich nickte er nur immer wieder mit dem Kopf, da ihm das Verbeugen bei seiner Korpulenz augenscheinlich schwer fiel, und forderte ihn ununterbrochen auf, ihm zu folgen, obgleich Stawrogin das ohnehin schon tat. Der Mnch stellte auch noch verschiedene Fragen an ihn und sprach vom Archimandriten, da er aber keine Antwort erhielt, verstummte er ehrerbietig. Stawrogin fiel es auf, da man ihn im Kloster zu kennen schien, obgleich er doch, soweit er sich erinnern konnte, nur in der Kindheit hier gewesen war. Als sie bei der letzten Tr des Korridors angelangt waren, blieb der Mnch stehen und ffnete sie mit einer Miene, als ob er der Bischof selber wre, erkundigte sich familir bei dem flink herbeigelaufenen Zellendiener, ob man eintreten knne, stie aber dann, ohne die Antwort abzuwarten, die Tr weit auf und lie mit einer Verbeugung den teuren Gast an sich vorber. Nachdem er aber den klingenden Dank empfangen hatte, verschwand er mit einer Geschwindigkeit, die man ihm gar nicht zugetraut htte. Stawrogin trat in das kleine Zimmer, und fast im selben Augenblick erschien in der Tr des Nebenzimmers eine hohe, hagere Gestalt: es war ein Mann von ungefhr fnfundfnfzig Jahren, in einem einfachen Leibrock, wie er unter dem Megewand getragen wird, ein Mensch, der dem Aussehen nach leidend war, ein sonderbar unbestimmtes Lcheln hatte und einen sonderbaren, gleichsam scheuen Blick. Das war jener Tichon, dessen Namen Stawrogin zum erstenmal von Schatoff gehrt hatte. Stawrogin hatte inzwischen Nheres ber ihn zu erfahren gesucht, doch was er an Urteilen ber ihn zu hren bekam, war sehr verschieden und sogar uerst widerspruchsvoll gewesen. Trotzdem hatten selbst die entgegengesetztesten Aussagen etwas Gemeinsames gehabt, und zwar: sowohl die Anhnger wie die Gegner Tichons (und solche gab es) hatten alle gleichsam irgend etwas von ihm verschwiegen -- die einen wahrscheinlich aus Geringschtzung oder Verachtung, die anderen, die Anhnger und sogar die leidenschaftlichsten, aus einer gewissen Scheu, als ob sie etwas von ihm htten verheimlichen wollen, irgendeine seiner Schwchen, vielleicht sogar -- eine gewisse Unzurechnungsfhigkeit. Stawrogin hatte erfahren, da er schon seit sechs Jahren in unserem Kloster wohnte, und da zu ihm nicht nur das einfache Volk pilgerte, sondern auch die angesehensten Persnlichkeiten fuhren, da er sogar im fernen Petersburg leidenschaftliche Anhnger und vornehmlich Anhngerinnen hatte. Andererseits aber hatte er von einem wrdevollen alten Klubherrn, und zwar einem gottesfrchtigen, gehrt, da dieser Tichon so gut wie vollkommen verrckt oder wenigstens ein ganz unbegabter Mensch sei und zweifellos mitunter trinke. Hierzu mchte ich von mir aus bemerken, obgleich ich damit vorgreife, da letzteres entschieden nicht der Wahrheit entsprach; er hatte nur kranke Fe -- irgendein hartnckiges rheumatisches Leiden -- und von Zeit zu Zeit war er irgendwelchen nervsen Krmpfen oder Anfllen unterworfen. Ferner hatte Stawrogin gehrt, da der zurckgezogene Bischof -- sei es aus Charakterschwche oder aus einer bei seinem Rang unverzeihlichen Nachlssigkeit -- es nicht verstanden habe, im Kloster besondere Ehrfurcht fr sich zu erwecken. Es hie sogar, da der Archimandrit, ein in seinen Amtspflichten sehr strenger Mann, der auerdem wegen seiner Gelehrsamkeit berhmt war, zu Tichon ein gewissermaen feindliches Gefhl nhre und ihm -- natrlich nicht offen, sondern nur mittelbar -- unordentliches Leben und fast Ketzerei vorwerfe. Die Brderschaft des Klosters verhielt sich zu dem Kranken, wenn auch nicht gerade nachlssig, so doch, sagen wir, familir. Die zwei Zimmer, aus denen die Zelle Tichons bestand, waren etwas sonderbar eingerichtet. Neben den klobigen alten Klostermbeln, deren Lederbezug schon recht abgenutzt war, befanden sich daselbst drei oder vier elegante Gegenstnde: ein teurer Lehnstuhl, ein prachtvoller groer Schreibtisch, ein teurer geschnitzter Bcherschrank, Tischchen und Etageren -- lauter geschenkte Sachen; auf dem Fuboden ein kostbarer bucharischer Teppich und neben ihm eine einfache geflochtene Matte. An den Wnden hingen Gravren mit mythologischen oder weltlichen Darstellungen, in der Ecke aber war ein groer Heiligenschrank, dessen Heiligenbilder in Gold und Silber schimmerten. Eines von ihnen war sehr alt und enthielt Reliquien. Seine Bibliothek, hie es, sollte gleichfalls sehr sonderbar zusammengesetzt sein: neben den Werken der groen Kirchenvter sollte sie Werke der Theaterdichtkunst (!), vielleicht aber noch schlimmere enthalten. Nach den ersten Begrungsworten, die aus einem ungewissen Grunde von beiden ein wenig befangen und sogar kaum verstndlich ausgetauscht wurden, fhrte Tichon den Gast in sein Kabinett, wies ihm einen Platz neben dem Tisch auf dem Sofa an, und setzte sich selbst auf einen geflochtenen Lehnstuhl. Stawrogin war immer noch sehr zerstreut -- er schien es von einer inneren, bedrckenden Erregung zu sein. Man htte glauben knnen, da er sich zu etwas Ungewhnlichem entschlossen habe, das, einmal getan, nicht mehr rckgngig zu machen wre, dessen Erfllung aber seine Kraft doch zu bersteigen schien. Er blickte sich im Zimmer um, doch augenscheinlich ohne etwas zu bemerken; er dachte, doch wute er natrlich selbst nicht, was. Die Stille weckte ihn schlielich und es schien ihm pltzlich, da Tichon gleichsam verschmt die Augen zu Boden gesenkt hielt und da ein ganz berflssiges, unbeholfenes Lcheln um seine Lippen spielte. Das rief sofort Widerwillen in ihm hervor; er wollte schon aufstehen und weggehen, um so mehr, als Tichon seiner Meinung nach entschieden betrunken war. Da erhob aber Tichon pltzlich die Augen und sah ihn mit einem so festen, gedankendurchdrungenen Blick an und zu gleicher Zeit mit einem so unerwarteten und rtselhaften Ausdruck, da er fast zusammenfuhr. Es schien ihm pltzlich aus irgendeinem Grunde, da Tichon schon wisse, warum er zu ihm gekommen war, da man ihn schon von seinem Besuch benachrichtigt habe (obgleich kein Mensch in der ganzen Welt _diesen_ Grund seines Besuches wissen konnte), und wenn er nicht als erster zu sprechen anfing, dies nur deshalb nicht tat, weil er ihn schonen wollte, -- vielleicht weil er frchtete, ihn zu demtigen. Sie kennen mich? fragte Stawrogin schroff. Habe ich mich Ihnen vorgestellt oder nicht, als ich eintrat? Ich bin so zerstreut ... Sie haben sich nicht vorgestellt, aber ich habe Sie schon einmal vor vier Jahren gesehen, hier im Kloster ... zufllig. Tichon sprach nicht schnell, gleichmig, mit einer weichen Stimme, und er sprach die Worte klar und deutlich aus. Vor vier Jahren bin ich berhaupt nicht in diesem Kloster gewesen, entgegnete Stawrogin in einem Ton, der an Grobheit grenzte; nur als Knabe bin ich hier gewesen, als Sie noch gar nicht hier waren. Vielleicht haben Sie es vergessen? bemerkte Tichon vorsichtig, doch ohne darauf zu bestehen. Nein, ich habe es nicht vergessen; und es wre auch lcherlich, wenn ich mich dessen nicht mehr erinnern wrde, bestand Stawrogin wiederum unverhltnismig heftig auf seiner Behauptung. Sie haben vielleicht nur von mir gehrt und sich dann irgendeine Vorstellung von mir gemacht, und so glauben Sie jetzt, da Sie mich gesehen htten. Tichon schwieg. Da bemerkte Stawrogin, da es ber sein Gesicht zuweilen wie ein Nervenzucken lief, ein Kennzeichen seiner Krankheit. Ich sehe nur, da Sie heute nicht ganz wohl sind, sagte er, ich glaube, ich tue besser, wenn ich fortgehe. Er erhob sich sogar vom Sofa. Ja, ich fhle seit gestern starke Schmerzen in den Fen, und in der Nacht habe ich wenig geschlafen ... Tichon verstummte. Seinen Gast aber hatte die vorige Nachdenklichkeit schon von neuem und ganz pltzlich berfallen. Das Schweigen dauerte lange an, mehr als zwei Minuten. Sie haben mich vorhin beobachtet? fragte Stawrogin pltzlich erregt und mitrauisch. Ich habe Sie angesehen und mich dabei der Gesichtszge Ihrer Mutter erinnert. Zwischen Ihnen und ihr ist bei uerer Unhnlichkeit viel innere, geistige hnlichkeit. Durchaus keine hnlichkeit, besonders keine geistige. Sogar berhaupt keine! rief Stawrogin wieder ganz unverhltnismig erregt und heftig. Sie sagen das nur so aus Mitleid zu mir und ... Unsinn! ... Kommt denn meine Mutter hierher? Ja, zuweilen. Das wute ich nicht. Habe es niemals von ihr gehrt. Kommt sie oft? Fast in jedem Monat einmal; aber auch fter. Habe es niemals gehrt. Kein einziges Mal ... Nie gehrt ... Sie haben dann natrlich von ihr schon erfahren, da ich verrckt bin? fgte er pltzlich hinzu. Nein, nicht gerade verrckt. brigens habe ich auch von dieser Auffassung gehrt, aber von anderen. Sie haben wohl ein gutes Gedchtnis, wenn Sie so viele Dummheiten behalten knnen. Und von der Ohrfeige haben Sie gleichfalls gehrt? Ja, einiges. Das heit also alles. Sie haben ja ungemein viel Zeit brig. Und vom Duell? Auch vom Duell. Sie hren hier allerdings erstaunlich viel. Wozu druckt man bei uns eigentlich Zeitungen? Schatoff hat Ihnen wohl gesagt, da ich kommen werde? Nicht? Nein. Ich kenne Herrn Schatoff, aber jetzt habe ich ihn lange nicht mehr gesehen. Hm. Was haben Sie dort fr eine Karte? Sehe ich recht! Die Karte des letzten Krieges! Was machen Sie denn damit? Ich orientiere mich auf der Landkarte nach dem Text. Es ist eine interessante Beschreibung. Zeigen Sie; ja, das ist keine schlechte Darstellung. Aber doch eine sonderbare Lektre fr Sie. Er zog das Buch zu sich heran und blickte flchtig hinein. Es war eine umfangreiche Geschichte des letzten Krieges, gut dargestellt, -- brigens nicht so sehr vom militrischen als vielmehr vom rein literarischen Standpunkte aus. Nachdem er das Buch zu sich umgedreht hatte, schob er es pltzlich ungeduldig wieder zurck. Ich wei wirklich nicht, warum ich hergekommen bin! stie er gereizt hervor, Tichon gerade in die Augen blickend, als ob er von ihm eine Antwort darauf erwartete. Sie scheinen auch nicht ganz gesund zu sein? Ja, ich bin nicht ganz gesund. Und pltzlich erzhlte er in kurzen, schroffen Worten -- manches war nur schwer zu verstehen --, da er besonders nachts so etwas wie Halluzinationen unterworfen sei, da er zuweilen irgendein boshaftes, ein spttisches und vernnftiges Wesen neben sich sehe oder fhle, in verschiedenen Gestalten und von verschiedenem Charakter, doch ist es stets ein und dasselbe Wesen -- ich aber rgere mich dann immer ... Wild und wirr war dieses Gestndnis; man htte wirklich glauben knnen, da ein tatschlich Wahnsinniger es machte. Doch bei alledem sprach Stawrogin mit einer so sonderbaren Aufrichtigkeit, wie sie wohl noch nie jemand an ihm gesehen hatte, mit einer Offenheit, die ihm sonst gar nicht eigen war, da man glauben konnte, der frhere Mensch in ihm sei pltzlich -- und auch fr ihn selbst ganz unverhofft -- spurlos verschwunden. Er schmte sich nicht im geringsten, die Angst zu zeigen, die er vor seinem Gespenst hatte. Doch das whrte nur einen Augenblick und verschwand dann ebenso schnell, wie es sich eingestellt hatte. Aber alles das ist natrlich Unsinn, unterbrach er sich pltzlich rgerlich. Ich werde zum Arzt gehen. Tun Sie das unbedingt, riet ihm Tichon zu. Sie sagen das so bestimmt ... Haben Sie denn solche Menschen schon je gesehen, wie mich, mit solchen Erscheinungen? Ja, aber nur sehr selten. Ich erinnere mich nur noch eines Offiziers, nach dem Tode seiner Frau, seines unersetzlichen Kameraden. Von einem anderen habe ich nur gehrt. Beide sind sie im Auslande geheilt worden ... Leiden Sie schon lange daran? Ungefhr seit einem Jahr, aber das ist ja alles Unsinn. Ich werde zum Arzt gehen. Das ganze ist ja doch nur ein Unsinn, ein furchtbarer Unsinn! Das bin ich selbst in verschiedenen Gestalten und weiter ist es nichts. -- Da ich soeben diese ... Phrase hinzugefgt habe, denken Sie jetzt gewi, da ich immer noch zweifle und mich noch nicht berzeugt habe, da ich es bin und nicht wirklich der Teufel? Tichon blickte ihn fragend an. Und ... Sie sehen ihn wirklich? fragte er, ohne die Erklrung Stawrogins, da es ganz zweifellos eine krankhafte Halluzination sei, berhaupt zu beachten, sehen Sie wirklich eine Gestalt? Sonderbar, da Sie das noch fragen, nachdem ich Ihnen doch schon gesagt habe, da ich ihn sehe, entgegnete Stawrogin, nach jedem Wort mehr und mehr gereizt. Selbstverstndlich sehe ich ihn. Ich sehe ihn so, wie ich jetzt Sie vor mir sehe, zuweilen aber sehe ich ihn und bin doch nicht berzeugt, da ich sehe, obgleich ich sehe ... zuweilen aber bin ich berzeugt, da ich sehe, und ich wei blo nicht, wen ich sehe: mich oder ihn ... Ach, Unsinn ist das alles! Sie aber -- knnen Sie sich denn das ganz und gar nicht vorstellen, da es wirklich ein Teufel ist? fgte er lachend die Frage hinzu: er ging etwas gar zu schnell auf den spttischen Ton ber. Das wre doch Ihrem Beruf angemessener? Es ist wahrscheinlich nur Krankheit, wenn es auch ... Wenn es auch was? Wenn es auch Teufel zweifellos gibt, doch kann man sie sehr verschieden auffassen. Ich werde Ihnen sagen, warum Sie vorhin Ihren Blick senkten, unterbrach ihn Stawrogin mit gereiztem Spott. Sie schmten sich fr mich, weil ich -- an den Teufel glaube, doch unter dem Anscheine, da ich selbst nicht glaube, Ihnen schlau die Frage stellte: gibt es ihn in Wirklichkeit oder nicht? Tichon lchelte unbestimmt. Und wissen Sie, es steht Ihnen durchaus nicht, wenn Sie die Augen niederschlagen: es ist unnatrlich, geziert und lcherlich. Und um Ihnen in der Grobheit Genge zu tun, werde ich Ihnen sofort vollkommen ernst und unverschmt die ganze Wahrheit sagen: ja, ich glaube an den Teufel, glaube kanonisch an ihn, an den Teufel als Persnlichkeit, nicht als Allegorie, und ich brauche berhaupt niemanden zu fragen oder etwas ber ihn erfahren zu wollen, -- da haben Sie alles! Sie mssen jetzt sehr froh sein ... Nervs, unnatrlich lachte er auf. Tichon blickte ihn mit einem weichen, beinahe ein wenig schchternen Blick fast neugierig an. Glauben Sie an Gott? warf ihm pltzlich Stawrogin die Frage zu. Ich glaube. Es steht doch geschrieben, wenn du glaubst und dem Berge befiehlst, von der Stelle zu rcken, so wird er von der Stelle rcken ... brigens, Bldsinn! Aber ich will Sie doch fragen: werden Sie einen Berg von der Stelle rcken oder nicht? Wenn Gott es befiehlt, werde ich auch Berge versetzen, sagte Tichon leise und zurckhaltend, und allmhlich senkte er wieder den Blick. Nun, das ist ebensogut, wie: Gott macht es selbst. Nein, _Sie, Sie_, als Belohnung fr den Glauben an Gott? Es kann sein, da ich ihn vielleicht auch nicht von der Stelle rcken werde. >Vielleicht_trs peu_<{[281]} eines, der gleichfalls Bischof, Erzbischof war ... Allerdings -- das ist wahr -- unter dem Sbel ... Sie sind natrlich auch Christ? Deines Kreuzes, Herr, werde ich mich nicht schmen, sagte Tichon flsternd, -- es war ein sonderbares Flstern, und er senkte den Kopf noch tiefer. Seine Mundwinkel zuckten nervs. Aber kann man auch an den Teufel glauben, wenn man berhaupt nicht an Gott glaubt? fragte Stawrogin lchelnd. Oh, sogar sehr, das tun fast alle, sagte Tichon, erhob seinen Blick und lchelte gleichfalls. Ich bin berzeugt, da Sie solch einen Glauben immerhin achtbarer finden, als volle Glaubenslosigkeit ... Oh, Pope! rief Stawrogin auflachend. Wieder lchelte Tichon ihm zu. Im Gegenteil, der vollstndige Atheismus ist weit achtbarer, als die weltliche Gleichgltigkeit, entgegnete er heiter und gutmtig. Oho, also so sind Sie! Der vollstndige Atheist steht auf der vorletzten hchsten Stufe zum vollstndigsten Glauben -- mag er sie dann betreten oder nicht --, der Gleichmtige dagegen hat berhaupt keinen Glauben auer einer schlechten Angst. Aber Sie ... -- Haben Sie die Apokalypse gelesen? Ja. Erinnern Sie sich der Stelle: >Und dem Engel der Gemeine zu Laodicea schreibe ...< Ich wei, wundervolle Worte. Wundervoll? Sonderbarer Ausdruck fr einen Bischof, und berhaupt sind Sie ein Sonderling ... wo haben Sie hier das Buch? fragte Stawrogin auffallend eilig und erregt und seine Augen suchten es auf dem Tisch, ich will es Ihnen vorlesen ... haben Sie die russische bersetzung? Ich wei, ich kenne die Stelle, ich kenne sie ganz genau, sagte Tichon. Kennen Sie sie auswendig? Sagen Sie sie! ... Er senkte schnell die Augen, sttzte beide Hnde auf die Knie und wartete ungeduldig. Tichon sagte Wort fr Wort: Und dem Engel der Gemeine zu Laodicea schreibe: Das saget Amen, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Kreatur Gottes. Ich wei deine Werke, da du weder kalt noch warm bist. Ach, da du kalt oder warm wrest! Weil du aber lau bist, und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde. Du sprichst: Ich bin reich, und habe gar satt, und bedarf nichts; und weit nicht, da du bist elend und jmmerlich, arm, blind und blo ... Genug, unterbrach ihn Stawrogin, das ist fr die Mittelsorte, fr die Gleichmtigen, nicht wahr? Wissen Sie, ich liebe Sie sehr. Und ich Sie, sagte Tichon halblaut. Stawrogin verstummte und versank wieder in seine Gedanken. Das kam wie ein Anfall ber ihn, schon zum drittenmal. Und auch das ich liebe Sie hatte er wie in einem Anfall gesagt, wenigstens ganz berraschend fr sich selbst. Es verging mehr als eine Minute. rgere dich nicht, sagte Tichon pltzlich ganz leise, und berhrte mit dem Finger vorsichtig, als ob er sich scheue, seinen Ellenbogen. Stawrogin fuhr zusammen und runzelte unwillig die Stirn. Woher wissen Sie, da ich mich rgerte? fragte er hastig. Tichon wollte etwas sagen, doch er unterbrach ihn in ungewhnlicher Erregung. Warum glaubten Sie, da ich mich unbedingt rgern mute? Ja, ich rgerte mich, Sie haben recht, und gerade deswegen, weil ich Ihnen gesagt hatte: >ich liebe Sie<. Sie haben recht, aber Sie sind ein grober Zyniker, niedrig denken Sie von der menschlichen Natur. Es htte kein rger zu sein brauchen, wenn es nur ein anderen Mensch gewesen wre, und nicht ich ... brigens, hier handelt es sich nicht um den Menschen, sondern um mich. Immerhin sind Sie ein Sonderling und ein Geistesschwacher ... Er regte sich immer mehr auf und, sonderbar, tat sich in den Worten berhaupt keinen Zwang an: Hren Sie, ich liebe keine Spione und Psychologen, wenigstens nicht solche, die in meine Seele kriechen. Ich rufe niemanden in meine Seele, ich brauche niemanden, ich verstehe mit mir selbst auszukommen. Sie glauben, da ich Sie frchte? fragte er mit lauterer Stimme und erhob herausfordernd sein Gesicht. Sie sind wohl vollkommen berzeugt, da ich gekommen bin, Ihnen ein >furchtbares< Geheimnis zu offenbaren? Nun, so hren Sie denn, da ich Ihnen berhaupt nichts sagen werde, nichts von einem Geheimnis, denn ich habe Sie berhaupt nicht ntig ... Es hat Sie betroffen gemacht, da das Lamm den kalten mehr liebt als den blo lauen, sagte Tichon, Sie wollen nicht _nur_ lau sein. Ich ahne es, da eine ungewhnliche, vielleicht furchtbare Absicht Sie qult. Wenn es so ist, so flehe ich Sie an, qulen Sie sich nicht und sagen Sie alles, womit Sie gekommen sind. Und Sie wissen es so genau, da ich mit irgend etwas gekommen bin? Ich ... erriet es an Ihrem Gesicht, flsterte Tichon und senkte wieder den Blick. Stawrogin war etwas bleich und seine Hnde zitterten ein wenig. Einige Sekunden lang sah er unbeweglich und stumm Tichon an, als ob er sich endgltig entschlsse. Dann zog er aus der Seitentasche seines Rockes irgendwelche Druckbogen hervor und legte sie auf den Tisch. Das sind die Bltter, die zur Verbreitung bestimmt sind, sagte er mit einer etwas stockenden Stimme. Wenn auch nur ein einziger Mensch sie liest, dann, das sage ich Ihnen, werde ich sie nicht mehr verbergen, dann werden alle sie lesen. So ist es beschlossen. Ich habe Sie berhaupt nicht ntig, denn ich habe selbst schon alles bei mir beschlossen. Aber lesen Sie ... Whrend des Lesens sagen Sie nichts, aber wenn Sie es gelesen haben -- dann sagen Sie alles ... Soll ich? fragte Tichon unentschlossen, zgernd. Lesen Sie; ich bin schon lngst ruhig. Nein, ohne Brille kann ich es nicht entziffern ... kleine Schrift ... auslndisch. Hier ist die Brille, sagte Stawrogin, reichte sie ihm vom Tisch und lehnte sich zurck in die Ecke des Sofas. Tichon versenkte sich in die Lektre. II. Der Druck war tatschlich auslndisch -- drei broschierte Druckbogen von gewhnlichem Postpapier kleineren Formats. Wahrscheinlich hatte er sie in einer der geheimen russischen Druckereien im Auslande setzen lassen. Auf den ersten Blick glichen sie sehr einer Proklamation. Als berschrift stand: Von Stawrogin. Ich nehme dieses Dokument unverndert in meine Chronik auf. Wahrscheinlich kennen es jetzt schon viele. Ich habe mir nur erlaubt, die orthographischen Fehler zu korrigieren, die ziemlich zahlreich waren und die mich sogar gewissermaen wundernahmen, da doch der Autor immerhin ein gebildeter und belesener Mensch war (natrlich relativ gesprochen). Im Stil dagegen habe ich nichts verndert, trotz der Unrichtigkeiten und sogar Unklarheiten. Jedenfalls ersieht man aus ihnen, da der Verfasser kein Schriftsteller war. Nur eine Bemerkung will ich mir doch noch erlauben, obgleich ich damit vorgreife. Meiner Meinung nach ist dieses Dokument -- ein krankhaftes Erzeugnis, ein Werk des Teufels, der sich dieses Menschen bemchtigt hatte. Es ist, wie wenn ein Kranker, den ein groer, scharfer Schmerz peinigt, sich in seinem Bette wlzt, einzig in dem Verlangen, eine Stellung einzunehmen, die ihm wenigstens auf einen Augenblick Erleichterung schafft, oder nicht einmal Erleichterung, sondern blo den alten Schmerz durch einen anderen Schmerz verdrngt, wenn auch nur auf einen Augenblick. Und dann kommt es ihm natrlich nicht mehr auf die Schnheit oder Vernnftigkeit der Stellung an. Der Ausgangspunkt dieses Dokuments war -- das furchtbare, ungeheuchelte Bedrfnis einer Strafe, einer ffentlichen Hinrichtung. Und dabei war dieses Bedrfnis, das Kreuz auf sich zu nehmen, in einem Menschen, der an das Kreuz nicht glaubte, -- doch auch das macht schon eine Idee aus, -- wie einmal Stepan Trophimowitsch gesagt hat, wenn auch in einem ganz anderen Zusammenhange. Und doch wirkt dabei das ganze Dokument wie etwas Wildes und Verwegenes, obgleich es anscheinend mit einer ganz anderen Absicht geschrieben worden ist. Der Autor erklrt darin, da er das unmglich _nicht_ schreiben konnte, da er dazu gezwungen war -- und das ist ziemlich wahrscheinlich: er htte gern den Kelch umgangen, wenn er es gekonnt htte, aber er konnte es, wie es scheint, tatschlich nicht und griff nur nach der Mglichkeit einer neuen Gewalttat. Ja, frwahr: ein Kranker wlzt sich auf dem Lager und will den einen Schmerz durch den anderen betuben -- und siehe, da schien ihm der Kampf mit der Gesellschaft die leichteste Lage, und so wirft er denn der Gesellschaft die Herausforderung zu. Ja, schon aus der Tatsache, da ein solches Dokument entstehen konnte, fhlt man eine neue, unerwartete und ehrfurchtslose Herausforderung der Gesellschaft. Da heit es: nur schnell irgendeinen Feind finden ... Doch wer wei, vielleicht ist das Ganze, d. h., sind diese Bltter mit der ihnen zugedachten Verffentlichung -- wiederum nichts anderes, als ein gebissenes Gouverneursohr, nur in einer anderen Gestalt? Warum mir das sogar jetzt noch in den Sinn kommt, jetzt, nachdem sich schon so vieles erklrt hat, -- das wei ich selbst nicht. Ich fhre weiter keine Beweise an gegen eine etwaige Vermutung, die Tat, von der in dem Dokument die Rede ist, sei falsch, d. h., vollkommen erdichtet. Am wahrscheinlichsten ist, da man die Wahrheit irgendwo in der Mitte suchen mu ... Doch ich greife zu weit vor; es ist besser, ich wende mich zu dem Dokument selbst zurck. * * * * * Und Tichon las folgendes: Anmerkung S. 160. Die Antwort Kirilloffs auf die Frage nach Gott ist ein absoluter Widerspruch, wie nein und ja: _Jew njet, no on jestj_. Man knnte ebensogut sagen: Er ist nicht, aber es gibt ihn. S. 896 sagt Schatoff zu Kirilloff: Gib mir, Bruder, ich gebe es dir morgen wieder. Die Anrede mit dem Wort Bruder ist unter Russen so blich, wie im Deutschen die Anrede mit Freund oder Lieber. Die russische Frau wird von russischen Mnnern hufig Freund genannt, obschon es die Form Freundin auch gibt. Es ist das psychologisch nicht unwichtig. _E. K. R._ Funoten [1] Das Wort brgerlich ist hier und im folgenden nur als parteipolitische Bezeichnung zu verstehen, wie es nach der franzsischen Revolution und besonders im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts von liberalen, fr europische Kultur und Brgerfreiheit schwrmenden, republikanisch oder mindestens konstitutionell gesinnten Russen mit Stolz gebraucht wurde. Es bezeichnete unter den russischen Schillerianern den sich seiner Wrde bewuten Kulturmenschen, im Gegensatz zum Untertan der herrschenden Autokratie. E. K. R. [2] Die Klassiker der russischen Literatur sind fast alle zeitweise verbannt gewesen oder haben unter geheimer polizeilicher Aufsicht gestanden. Vgl. S. 1119. Die nach Sibirien verbannten Dekabristen wurden geradezu als heilige Opfer verehrt. Vgl. Anm. S. 1093, 1094. E. K. R. [3] Ein Kreis junger Dichter in den dreiiger und vierziger Jahren. Lyriker, schwchere Romantiker, die sich fast alle den sozialen und politischen Fragen fernhielten. Ihre zum Teil melancholisch-pessimistischen Dichtungen wurden von dem berhmten Kritiker und Realisten Belinski alsbald schonungslos kritisiert und damit war ihr Ruhm untergraben. E. K. R. [4] Die vier bedeutendsten literarisch-politischen Persnlichkeiten derselben Zeit. Vgl. die Anmerkungen S. 1099, 1112, 1118 und 1081. E. K. R. [5] Der unter Nikolai I. gebruchliche vorsichtige Ausdruck fr das Eingreifen der politischen Geheimpolizei -- der sogenannten Dritten Abteilung --, vor der niemand sicher war. E. K. R. [6] D. h., er ist um Mitteilung seines politischen Bekenntnisses ersucht worden wegen einiger uerungen in einem Privatbrief ber innerpolitische Manahmen (Umstnde). Die Dritte Abteilung der Geheimpolizei kontrollierte auch die Privatkorrespondenz, und ein jeder, der zu einer Universitt in Beziehung stand, galt unter Nikolai I. bereits fr verdchtig. E. K. R. [7] Humoristische Anspielung auf die am 23. April 1849 in Petersburg verhafteten 30 Petraschewzen, von denen 20 -- unter diesen auch Dostojewski -- zum Tode verurteilt, doch zu Zuchthaus und Verbannung begnadigt wurden. ber die von einzelnen Petraschewzen geplante Fourier-bersetzung vgl. Bd. XI der Ausgabe, Autobiographische Schriften, S. 87. E. K. R. [8] Die bliche Umschreibung fr von der Dritten Abteilung verfolgt, bezw. bestraft worden sein. E. K. R. [9] Der unter Nikolai I. mundtot gemachten Fortschrittler. E. K. R. [10] Eine Art Whistspiel. Wrtlich: Unsinn, Wirrwarr. E. K. R. [11] Vgl. S. 1118, Anm. E. K. R. [12] Die ersten Jahre nach der drckenden Regierungszeit Nikolais I. (1825--55), als unter dem jungen Zar-Befreier die groen Reformen vorbereitet wurden, bis 1861, 62. E. K. R. [13] Die regierungsfeindlichen russischen Zeitschriften erschienen in der Schweiz und in London und waren in Ruland nur als Konterbande erhltlich. E. K. R. [14] Verfasser eines empfindsamen Buches ber die Schrecken der Leibeigenschaft Eine Reise von Petersburg nach Moskau; wurde dafr sofort (1790) zum Tode verurteilt, doch schlielich nur in Ketten nach Ostsibirien verschickt, spter von Paul I. begnadigt. Beging Selbstmord, als man ihm wieder mit Sibirien drohte. E. K. R. [15] Wjek, Das Jahrhundert, hier als Titel einer Zeitschrift gedacht. L. Kambek ein Kritiker. E. K. R. [16] Eine Redensart wie am Ende der Welt, wo Makar noch nie gewesen ist, unter jenen Umstnden in Petersburg das Verbannungsland Sibirien. E. K. R. [17] Der Tag der Aufhebung der Leibeigenschaft im Jahre 1861. E. K. R. [18] Vgl. Vorbemerkung. E. K. R. [19] Eine Dorfgeschichte von Grigorowitsch, die 1847 eine neue Anschauungsweise einleitete (da der Bauer auch ein Mensch sei) und der Literatur ein neues Stoffgebiet erschlo. E. K. R. [20] Der Fhrer einer greren Schar aufsssiger Bauern nach der Bauernbefreiung. Vgl. S. 1115, 2. Anmerkung. E. K. R. [21] Der Aufstand der Polen im Jahre 1863 hatte zur Folge, da der russische Nationalstolz mchtig hervorbrach. E. K. R. [22] Die beste deutsche Schule in Petersburg. E. K. R. [23] Frst von Nowgorod, 1151--1202, fiel auf einem Eroberungszuge gegen die Polowzer. Anspielung auf den sorglosen Willen dieses Frsten zu nationaler (normannischer!) Ausbreitung. E. K. R. [24] Gogol bekannte sich seit 1846 zur offiziellen Orthodoxie. E. K. R. [25] Vetter und Cousine drfen sich nach den Satzungen der russischen Kirche nicht heiraten. E. K. R. [26] In Karmasinoff hat Dostojewski I. Turgenjeff karikiert. E. K. R. [27] Zu Kirilloffs eigenartig falscher Ausdrucksweise Nheres in der Vorbemerkung. E. K. R. [28] Der Held in Lermontoffs Roman Der Held unserer Zeit: Eroberer von Frauenherzen. E. K. R. [29] Die Gutsbesitzerin Frau Korobotschka in Gogols Roman Die toten Seelen: der Typ einer beschrnkten, engherzigen, geizigen alten Frau. E. K. R. [30] Antwort Gogols auf den Vorwurf, seine Menschen seien nur mit Spott und Verachtung geschaut, weshalb er auch nicht einen guten Zug an ihnen wahrgenommen habe. Dostojewski hat dagegen in seinem ersten Werk denselben unscheinbaren russischen Menschen als einen Trger grter Menschenliebe und seelischer Zartheit geschildert -- als Protest gegen Gogols Darstellung. E. K. R. [31] Volkstmliche Anrede der Droschkenkutscher. E. K. R. [32] Die orthodoxe Kirche lie damals eine Ehescheidung noch nicht zu. E. K. R. [33] Teilnehmer an der Verschwrung und dem Aufstande gegen die Autokratie im Dezember 1825 -- meist Gardeoffiziere und die geistige Elite Rulands. Die Fhrer wurden gehenkt, die brigen auf Lebenszeit nach Sibirien verbannt (Siehe Anhang). E. K. R. [34] Im Roman Vter und Shne -- der erste Versuch einer Charakterisierung des Nihilisten: von der Zensur sehr entstellt, da sie alle geschilderten guten Eigenschaften Basaroffs strich. E. K. R. [35] Der Typ eines Gutsbesitzers in Gogols Roman Die toten Seelen: Ein durchtriebener leichtsinniger Kerl, Schwtzer, Lgner, unehrlicher Spieler ... der schnell mit jedem bekannt wird und, bevor man sich's versieht, einen duzt ... Er erzhlte lgenhafte Anekdtchen, brachte Zwietracht zwischen Verlobte. Er war berhaupt sehr vielseitig und stets zu allem bereit. Was er tat, geschah aber nicht aus Gewinnsucht, sondern infolge einer eigentmlichen Sprunghaftigkeit und Unruhe des Charakters. E. K. R. [36] Die altrussische Sitte, nach der Kinder ihre Eltern nicht duzen durften, besteht auch heute noch in allen guten russischen Familien, whrend das Du nur in herzlicher, unformeller Unterhaltung blich ist. E. K. R. [37] Siehe Anmerkung S. 313. E. K. R. [38] Anfhrer des Kosakenaufstandes von 1667--71. Freiheitsheld. 1671 hingerichtet. E. K. R. [39] Burschikose Abkrzung fr Petersburg. E. K. R. [40] 1861. Siehe Anm. S. 451. E. K. R. [41] Nach altrussischem Brauch werden Leichen in offenem Sarge auf den Kirchhof getragen, wo der Sarg erst vor der Versenkung in die Gruft geschlossen wird. E. K. R. [42] Siehe S. 307, 430, 431. Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft durch Alexander II. (1861) machte sich alsbald unter dem zum Teil schwer geschdigten Landadel eine reaktionre Gegenbewegung bemerkbar, die die Regierung zeitweilig nicht wenig beunruhigte. Zwanzig Jahre spter konnte man ihr ffentlich die Schuld an dem Attentat auf den Zaren (13. III. 1881, einen Monat nach dem Tode Dostojewskis) zuschreiben, whrend es im Grunde eine Tat des Terrorismus war: gleich den vielen anderen Attentaten (seit 1866) eine Antwort der revolutionren Jugend auf die scharfen Manahmen gegen ihre Fhrer und Kameraden. E. K. R. [43] Berhmter Roman des Realisten und radikalen Publizisten Tschernyschewski (1828--1889, seit 1865 politischer Strfling): geschrieben whrend der Untersuchungshaft 1863, als Kunstwerk belanglos, doch als anschauliche Vorfhrung der erstrebten Reformen -- u. a. die Mglichkeit der Ehescheidung -- von ungeheuerem Einflu auf die Jugend. E. K. R. [44] Kondratij F. Rylejeff, geb. 1795, Dichter, von Puschkin und Byron beeinflut, suchte durch Verherrlichung historischer Gestalten Brgersinn und Unabhngigkeitsgefhl zu wecken, wurde als einer der 121 Dekabristen (siehe Anm. Bd. I, S. 300) abgeurteilt und am 14. Juli 1826 als einer der fnf zum Tode durch den Strang Verurteilten gehngt. Seine Dumy (historische Lieder der Ukraine) waren lange Zeit nur handschriftlich verbreitet. E. K. R. [45] Die orthodoxe Kirche schied damals noch keine Ehe, die in ihr geschlossen worden war, und grundstzlich steht sie auch heute noch auf dem Standpunkt, da eine Ehe nur der Tod lsen darf. E. K. R. [46] In den letzten Lebensjahren Belinskis ist Dostojewski (von 1845--1848) an diesen Abenden persnlich zugegen gewesen. E. K. R. [47] Sekte der Schneidlinge, die ein legendres Buch fr die einzige gttliche Offenbarung hlt. E. K. R. [48] Anspielung auf den Heiland der Geislersekte. E. K. R. [49] Die Hauptperson in Lermontoffs Roman Der Held unserer Zeit (1841), meist fr ein Produkt des Byronismus in Ruland gehalten, im Grunde jedoch etwas typisch Russisches: ein skeptisch-blasierter berflssiger Mensch, seelisch Nihilist, doch ohne die Kraft und den Enthusiasmus der spteren sogenannten Nihilisten, die Tolstoi die einzigen Glubigen genannt hat und die z. T. auch hier in den Dmonen geschildert sind. E. K. R. [50] Bis zur Zeit der Aufklrung in Ruland verbreitete Vorstellung vom Weltall, dessen Maschinerie angeblich von Engeln aufgezogen wurde. E. K. R. [51] Die gemigt liberale Petersburger Tageszeitung Die Stimme, deren Bedeutung damals (1871) schon zurckgegangen war. Auch die brigen Masken verspotten liberale oder nicht ausgesprochen nationalistische Zeitschriften. E. K. R. [52] Der Typ einer beschrnkten, engherzigen, geizigen Frau in Gogols Roman Die toten Seelen: in ihren Kombinationsversuchen kommt sie auf Vermutungen, die kein Mensch fr mglich halten wrde, -- eine Charakterzeichnung von so genialem Realismus, da ihr Name bereits adjektivisch gebraucht wird. E. K. R. [53] Roman von Drushinin, der 1847 groen Beifall fand: der Mann verzeiht seiner reuig zuckgekehrten Frau und das Glck ist nachher tiefer. E. K. R. [54] Eine Art Whistspiel. E. K. R. [55] In formgetreuer Wiedergabe der zum Teil sprunghaft notierten Stze. E. K. R. [56] Irtenjeff -- Tolstois jugendliches Selbstportrt. E. K. R. [57] Anfhrer des Kosakenaufstandes von 1667--1670. Machte das Land von Kasan bis Persien unsicher, wollte dann gegen die unbeliebten moskauschen Bojaren ziehen, wurde jedoch geschlagen, gefangen und hingerichtet. Vielbesungener Freiheitsheld (s. S. 378). E. K. R. [58] Der als Gott-Vater angebetete Heilige der Geilersekte. Mitte des XVII. Jahrhunderts. Spielt innerhalb der Sekte eine grere Rolle als der Papst im Katholizismus. Der jeweilige regierende Nachkomme Danilas nennt sich Christus. S. 650, 651, Anspielung, da Stawrogin als Prinz Iwan mehr sein wrde als ein Iwan Filippowitsch. Der Zarewitsch Iwan ist der lichte Prinz im russischen Mrchen. E. K. R. [59] Molokanen (Milchesser), russische Sekte an der Wolga seit dem Anfang des XIX. Jahrhunderts, so genannt, da sie auch in der Fastenzeit Milch genieen. Protestantisch insofern, als sie die Bibel sehr hoch halten und die Entstehung der Sekte auf Berhrung mit den protestantischen deutschen Kolonisten zurckzufhren ist. Im brigen glauben sie das Urchristentum zu besitzen, und ein jeder kann sich die Heilige Schrift nach eigener berzeugung auslegen. E. K. R. [60] Herzen, dem Sohn der Protestantin Louise Haag, war der um jeden Preis geforderte blinde orthodoxe Glaube der Slawophilen -- besonders der Romantiker unter diesen -- ebenso unmglich, wie die mokante Skepsis seines Vaters, des russischen Aristokraten Jakowleff. Die Wissenschaft war fr ihn gleichfalls Liebe. Das Gefhl der Religion ersetzte ihm eine hohe Meinung von der Wrde des Menschen. Auf dieser Grundlage bekmpft Herzen das absolutistische Regierungssystem zunchst als Republikaner, in seinen letzten Lebensjahren jedoch nicht mehr als prinzipieller Antimonarchist. Als Fortsetzer der aufrufenden Arbeit Belinskis, als Publizist und glnzender Schriftsteller hatte er um die Mitte des 19. Jahrhunderts (1848--63) den grten Einflu auf die geistige Entwicklung Rulands. (Geb. 1812 in Moskau, seit 1847 Emigrant, 1870 gest. in Paris.) Dostojewski hat erst spter (1876 im Jngling, 1880 in der Puschkinrede) die Westler, zu denen Herzen, Belinski, Tschaadajeff und Granowski gezhlt wurden, gleichfalls als Trger der russischen Idee anerkannt. E. K. R. [61] Die Hauptperson in Gribojedoffs klassischer Komdie Verstand schafft Leid (geschrieben 1823, durfte erst 1833 verstmmelt gedruckt werden): Tschatzki kehrt von seinen Reisen im Auslande, erfllt von Heimatliebe, nach Moskau zurck, rgert sich aber sogleich dermaen ber seine Landsleute, ber ihren gedankenlosen Materialismus, ihr Strebertum, das fr sie der einzige Antrieb zu ihrem Staatsdienst ist, ber ihre stolzlose Auslnderverehrung, da er noch am selben Tage in Verzweiflung nach seinem Wagen ruft, um wieder zu verreisen. Der aufrttelnde Einflu dieser im Originaltext bis in die sechziger Jahre nur handschriftlich, doch in ungezhlten Tausenden von Exemplaren verbreiteten Satire ist nicht abzuschtzen: Die Jugend wollte sich nicht mehr zu diesen von D. von Wisin, Gribojedoff, Gogol usw. gezeigten Spiegelbildern der Gesellschaft entwickeln, gab in den dreiiger Jahren mit Tschaadajeff Ruland fast auf, nannte sich international, um in den vierziger Jahren mit Belinski, in den fnfziger Jahren mit Herzen, in den sechziger Jahren mit Tschernyschewski immer wieder -- wie diese -- auf dem Umwege ber Europa erst recht zu Ruland zurckzukehren. Ihr Anschlu an Dostojewski -- nach ihrem Anschlu an Tolstoi -- steht im wesentlichen erst noch bevor. E. K. R. [62] Die im Russischen bliche Bezeichnung fr geistige Fhrer, Koryphen, wie berhaupt fr fortschrittlich gesinnte bedeutende Menschen. Hier von dem slawophilen Schatoff-Dostojewski in feindlich herabsetzendem Sinne gebraucht, da die Fortschrittler meist Westler waren oder fr Westler gehalten wurden. E. K. R. [63] Siehe S. 300, Anm. Die Grnder des geheimen Wohlfahrtsvereins und der anderen Geheimbnde -- meist Offiziere, sowie ehemalige Freimaurer oder Shne von solchen -- erstrebten anfangs (etwa 1816--18) nur eine freiheitliche Umgestaltung der russischen Autokratie nach westlichen Vorbildern (England). Doch ihr bedeutendster Vertreter, Oberst Paul von Pestel (Adjutant des Feldmarschalls Grafen Wittgenstein und Haupt des Sdlichen Geheimbundes in Kiew) war von Anfang an fr die Republik und die Beseitigung des Kaiserhauses. Pestel arbeitete fr Ruland eine Verfassung in Anlehnung an die der Nordamerikanischen Staaten und der Schweiz aus, ging aber in vielem sehr viel weiter und plante bereits eine Bodenreform auf staatswirtschaftlicher Grundlage, weshalb er ein Sozialist vor dem Sozialismus, aber wegen seines Absolutismus auch eher ein Bonaparte als ein Washington genannt worden ist. Das Land sollte nach seinem Plan den Bauern berwiesen werden, da anderenfalls die Proklamation der Republik nur eine leere Namensnderung wre. (Das hat Dostojewski noch nicht gewut). Der pltzliche Tod Alexanders I. und die Ungewiheit ber seinen Nachfolger verleitete die Geheimbndler zu einem verfrhten Aufstand (am 14. Dezember 1825 -- daher Dekabristen), der von Nikolai I. mit Karttschen niedergeschlagen wurde. Es folgten ber 1000 Verhaftungen. Die Tragdie der Hinrichtung ihrer Fhrer durch den Strang (ursprnglich sollten die 5 Hauptschuldigen, Oberst von Pestel, Oberst Murawjoff, der heilige Dichter Rylejeff u. a. gevierteilt, 31 guillotiniert, die brigen als Strflinge nach Sibirien verbannt werden), sowie die Haltung der Verurteilten bis zur Hinrichtung oder whrend ihres sibirischen Martyriums, das von ihren Frauen freiwillig geteilt wurde, hatte zur Folge, da die Dekabristen als Helden und Mrtyrer verehrt wurden und so unzhlige Nachfolger fanden. Aus dieser besonders durch die Dekabristen in Ruland hervorgerufenen Verehrung der politischen Verbannten ist dann auch Stepan Trophimowitschs leidenschaftlicher Wunsch, ein Verbannter und Verfolgter zu sein, zu erklren, und weshalb um diese beiden Worte ein gewisser klassischer Glanz spielt (siehe Seite 2.) Die literarischen und politischen Schriften der Dekabristen sind zum Teil erst in jngster Zeit herausgegeben worden, zum Teil sind sie auch jetzt noch unverffentlicht. E. K. R. [64] Alexander II., der 1861 die Leibeigenschaft aufhob. E. K. R. [65] Tschaadajeffs Vorliebe fr den Papismus war so bekannt, da sogar das Gercht von seinem bertritt eine Zeitlang glaubwrdig erschien. E. K. R. [66] Freund und Zeitgenosse Tschaadajeffs, wurde Jesuit, gab 1862 eine Auswahl von Tschaadajeffs Schriften heraus. E. K. R. [67] In spteren Jahren (1877) urteilt Dostojewski gerechter ber Belinski. Vgl. Bd. XI., Alte Erinnerungen. E. K. R. [68] Gnstling der Zarin Anna Iwanowna, die ihn 1737 zum Herzog von Kurland erhob. Nach ihrem Tode (1740) Vormund des minderjhrigen Thronfolgers Iwan und Regent, im selben Jahr von dessen Mutter Anna Leopoldowna nach Sibirien verbannt, im nchsten Jahre von der Zarin Elisabeth zurckgerufen. Zeichnete sich durch Grausamkeit in der Regierung aus; lie zwar vom Volk Abgaben fr frhere Jahre eintreiben, verfolgte aber besonders den russischen Adel und die Geistlichkeit. E. K. R. [69] Raskol = Spaltung: Bezeichnung fr die russische Kirchenspaltung, d. h. die Absonderung der sogenannten Altglubigen von der Staatskirche wegen der Korrektur der Gesang- und Gebetbcher, die durch das Abschreiben immer fehlerhafter geworden waren und deshalb 1654 auf Anordnung des Patriarchen Nikon in ihrem richtigen Text neuhergestellt wurden. Mit diesem Raskol ist hier von Dostojewski die erste Absonderung einer unteren Volksschicht gemeint. Mit der zweiten Absonderung einer oberen Schicht seit Peter sind die Westler gemeint -- das Westlertum der russischen Herrenkaste als Folge der Europisierung Rulands durch Peter den Groen. E. K. R. [70] Dostojewski hat ursprnglich Tschaadajeff zur Hauptfigur eines Romans machen wollen, den bedeutenden Westler, der in einem Schreiben von Ruland gesagt hatte, es habe keine Geschichte, keine Tradition, denn es hatte und hat keine leitende Idee, die Vlker aber leben und gedeihen nur, wenn sie eine [eigene] Idee haben und verwirklichen. Nach der Verffentlichung seines Schreibens suchte Tschaadajeff sich in einer Apologie zu rechtfertigen, in der er seine Kritik Rulands zum Teil abschwcht, doch auch so blieb sie fr Dostojewski zeitlebens ein Dorn im Fleisch. E. K. R. [71] Anspielung auf Tschernyschewskis berhmten Roman Was tun? (1863), in dem von der Heldin vier im Traume geschaute Zukunftsvisionen erzhlt werden (Aluminiumpalste des Volkes, Arbeit bei Gesang, Wanderung nach dem Sden, freie Liebe usw.). Den ungeheuren Erfolg jedoch errang der phantastische Roman -- nach den knstlerisch hochwertigen, doch als Spiegelbilder der Gegenwart auf die Jugend trostlos wirkenden Werken Gogols, Herzens, Turgenjeffs -- durch die mit grtem Temperament und Optimismus gezeigte Rettungsmglichkeit aus diesem korrumpierten Leben: ins Volk zu gehen, selbst wieder Volk zu werden. Die Ausfhrung dieser Idee durch die Helden des Romans wirkte dazu wie eine Offenbarung und bewog unzhlige Menschen der gebildeten Schicht, ihr Leben hinfort buchstblich unter dem Volk wie unter Gleichstehenden zu verbringen oder sich ihm ganz zu widmen. Die Mglichkeit zu glubiger Hingabe war fr sie natrlich wichtiger als die Frage nach dem knstlerischen Wert des Romans oder manchem selbstgebten Dilettantismus. Zudem lag in dieser Idee etwas sehr Russisches, das einem noch unbewuten Triebe in den Menschen jener Zeit entgegenkam. Auch Tolstoi und viele andere sind ja spter diesen Weg gegangen. berdies waren die im Roman geschilderten Menschen in ihrer sich als Selbstverstndlichkeit gebenden Menschlichkeit trotz aller Utopien so entwaffnend, wie es etwa hier in den Dmonen nicht die lauten Revolutionre, sondern die fast stummen, doch im Innersten neuen Menschen sind. (Auch die vier starken, stolzen Frauengestalten in den Dmonen haben in der russischen Literatur viele Vorgngerinnen). Daher Dostojewskis Gestndnis im 9. Kapitel: Oh, wie qulte ihn dieses Buch! usw. und seine wiederholten leidenschaftlichen Angriffe gegen die bernaiven Zukunftstrume in diesem Roman, die bei der Jugend die radikalsten politischen Forderungen zur Folge hatten, jeden lebenserfahrenen Menschen aber bengstigen muten. E. K. R. [72] Nheres ber diese und andere Proklamationen, die zu Anfang der sechziger Jahre verbreitet wurden, siehe Band XI der Ausgabe Autobiographische Schriften, Seite 169--173. E. K. R. [73] D. war Dostojewski selbst, der in seinem vierundzwanzigsten Lebensjahr (1845) Belinski kennen lernte. Dasselbe Erlebnis hat Dostojewski spter noch ausfhrlicher wiedergegeben: in Bd. XI, Autobiographische Schriften, Seite 313. E. K. R. [74] Belinski war schwindschtig und starb schon 1848, siebenunddreiig Jahre alt. (Auch seine spteren, von der Jugend gleichfalls angeschwrmten Nachfolger, die als Kritiker den Kampf gegen die Kunst um der Kunst willen immer radikaler fortsetzten, sind jung gestorben: Dobroljuboff 1861 mit vierundwanzig Jahren, Pissareff 1868 mit siebenundzwanzig Jahren. Dobroljuboffs Art, dem berhmten Turgenjeff Wahrheiten ungeniert ins Gesicht zu sagen, ist in der Unverfrorenheit Pjotr Werchowenskis gegenber Karmasinoff wiedergegeben.) E. K. R. [75] Ein Herr, der in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in einem Petersburger ffentlichen Hause ermordet wurde. Die gerichtliche Untersuchung des Falles ergab ein abschreckendes Bild von der grostdtischen Verrohung. E. K. R. [76] Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft verbreitete sich unter den Bauern das Gercht, der Zar habe ihnen viel mehr Land zugedacht, und in einer Goldenen Urkunde (sie glaubten, Zarenworte wrden nur in Gold geschrieben) sei dies zu lesen, aber die Beamten und der Adel htten die Urkunde unterdrckt. Gegen die aufsssigen, plndernden Bauernhaufen mute wiederholt Militr vorgeschickt werden. E. K. R. [77] Tschurr heit Grenze, doch bei Spielen im Freien zugleich: Ich darf nicht angerhrt werden! ich stehe auerhalb (der Grenzen) des Spiels! -- Aus dem sddeutschen Bonde! und dem norddeutschen Es brennt! lt sich keine hnlich drastische Ableitung bilden, die das Verhalten Stepan Trophimowitschs so erschpfend bezeichnete: die wenig mnnliche Art, sich persnlich vor einer Gefahr zu sichern, indem man sich mit einem billigen Mittelchen dem Kampfe entzieht, sich fr unantastbar erklrt und abgrenzt. [78] In Drushinins Roman Polinka Ssacks der Gatte, der seiner Frau den Ehebruch verzeiht, selbst jedoch bald darauf an Tuberkulose stirbt. E. K. R. [79] Dostojewski hat die Gestalt des Stepan Trophimowitsch zum Teil nach dem schnen, doch sehr unbedeutenden Dichter Kukolnik gezeichnet, dessen Romane Ende der dreiiger, Anfang der vierziger Jahre noch Beifall gefunden hatten, ein Jahrzehnt spter jedoch schon vergessen waren, -- zum Teil nach dem bekannten Moskauer Geschichtsprofessor T. N. Granowski, dem Freunde von Herzen, Belinski, Bakunin, Stankewitsch u. a., die um 1840 im geistigen Leben Moskaus eine Rolle spielten. Auch Granowski war eine schne Erscheinung, von gepflegtem ueren, das (nach Herzens Ausspruch) ein wenig an einen feinen protestantischen Pastor erinnerte. Seine Frau war eine Deutsche, kinderlos, in ihrer Erscheinung ihm so hnlich, da sie wie seine Schwester wirkte. Seit 1839 hielt Granowski, der bei den Studenten und freien Zuhrern sehr beliebt war, und auch sonst allgemein verehrt wurde, an der Moskauer philosophischen Fakultt seine Vorlesungen, doch war es ihm u. a. verboten, ber die Reformation oder eine Revolution zu lesen, da die Aufgabe der seit dem Dekabristenaufstand vom Zaren gehaten Universitten nichts weiter sein sollte, als die Erziehung der Studenten zu treuen Shnen der orthodoxen Kirche, zu treuen Untertanen fr den Kaiser und zu guten Brgern fr das Vaterland. Whrend der Regierung Nikolais I. (1825--1855) hatte jeder Schriftsteller von einigem Wert unter dem geistigen Druck und den persnlichen Verfolgungen der Reaktion zu leiden. So war das Verfolgtwerden unbedingt eine Ehre. Stepan Trophimowitschs Ehrgeiz und zugleich Furchtsamkeit in der Beziehung ist durchaus lebenswahr geschildert, obschon sich fr diesen Zug keine Portrthnlichkeit nachweisen lt: Kukolnik war in seinen patriotischen Dramen berpatriot, Granowski als Westler zwar liberal gesinnt, doch ein Charakter, dem hnliche kleine Eitelkeiten und Schwchen fern lagen. 1876 schreibt Dostojewski selbst ber Granowski: Das war einer unserer ehrlichsten Stepan Trophimowitsche (in meinem Roman >Die Dmonen< der Typ des Idealisten der vierziger Jahre, den unsere Kritiker richtig gezeichnet fanden ...) und vielleicht sogar einer ohne den geringsten komischen Zug, der diesem Typ sonst leicht anhaftet ... Whrend Granowskis Freunde, die Hegelverehrer Bakunin, Belinski, Herzen u. a. spter Atheisten und Sozialisten wurden, blieb Granowski bei seinem Glauben an die Unsterblichkeit der Seele und hielt es mit den deutschen Romantikern. Gegen diesen sogenannten _Idealismus der vierziger Jahre_, den Stepan Trophimowitsch vertritt, lt Dostojewski die historischen Nachfolger dieser Idealisten, die in den Seminaristen und dem Anhang Pjotr Stepanowitschs geschildert sind, den sogenannten _Realismus der sechziger Jahre_ ausspielen: Der unrussischen Romantik und dem unrussischen Symbolismus (in Karmasinoffs Potpourri Merci und in Stepan Trophimowitschs Dichtung in lyrisch-dramatischer Form, wie in seiner unrussischen Schwrmerei fr Abstraktionen) werden die von den Seminaristen vergtterten Naturwissenschaften und die angewandte entsprechende Philosophie, d. i. radikale Politik, entgegengestellt. Die Reden Schatoffs in den Notizbuchentwrfen sind Entgegnungen auf fast wrtlich wiedergegebene Aussprche Bakunins, des Begrnders des revolutionren Anarchismus, und des Terroristen Netschajeff. Letzterer (Prototyp Pjotr Werchowenskis) hatte die Lehre Bakunins -- von der Notwendigkeit der radikalen Zerstrung der bisherigen Gesellschaftsform, damit die neue Form vom Volk nach ganz anderen, wirklich neuen Grundstzen geschaffen werden knne -- sogleich in die Tat umzusetzen versucht und 1869 in Moskau die Mitglieder seines Geheimbundes zur Ermordung eines ihrer Genossen (des Studenten Iwanoff) zu zwingen gewut. Wie W. Ssolowjoff hervorhebt, ist in den Dmonen der Netschajeffproze vorweggenommen. Der Roman war 1871 zum Teil schon gedruckt, als der Proze erst begann. (Nheres ber Netschajeff und die Netschajewzen -- den Proze der Siebenundachtzig -- siehe Band XI, Autobiographische Schriften, S. 323--351.) Netschajeff selbst entkam zunchst nach der Schweiz, wurde aber 1872 an Ruland ausgeliefert und starb nach zwanzigjhriger Kerkerhaft im Schlsselburger Gefngnis. Seine Zeitgenossen schildern ihn als einen Charakter von sthlerner Energie. Seine Ideen ber die Pandestruktion verffentlichte er 1869 in Genf in einem Blatt, das er Das Volksgericht nannte. Plne fr den zuknftigen Aufbau wurden von ihm berhaupt nicht geduldet. Unter sein Bild schrieb er die Worte: Das Werk der Zerstrung ist getan, -- das Werk des Aufbaus steht bevor und wird nicht nur eine Generation beschftigen. Von seinem Grundsatz, da auch Jesuitismus und Macchiavellismus im Kampf der Klassen als Mittel anzuwenden seien, haben sich seine Lehrer Bakunin und andere Anarchisten alsbald losgesagt. In der Philosophie Kirilloffs hat Dostojewski die Gedanken Michael Bakunins wiedergegeben und weitergesponnen, -- wie brigens auch in den folgenden Romanen Der Jngling, Die Brder Karamasoff, und in kleineren Werken. Bakunin wollte vor allem die Idee >Gott< in den Menschen tten. Vorlufer Stawrogins sind in gewissem Sinne fast alle Helden Puschkins. Aber auch Tschatzki und die Helden Lermontoffs, Gontscharoffs, Turgenjeffs u. a. sind eine Vorbereitung zu dieser Gestalt. E. K. R. [80] S. Bd. I, Vorbemerkung. E. K. R. bersetzung franzsischer Textstellen {[1]} Sie haben mich wie eine alte Stoffmtze behandelt! {[2]} das heit, ein [Narr], der meine Existenz einfach zerschmettern kann {[3]} in jedes Land, ..., wo Makar seine Klber auf die Weide bringt {[4]} Ich bin ein [einfacher Schmarotzer], nichts mehr! Aber wirklich nichts mehr! {[5]} unter den Seminaristen {[6]} Lieber Freund {[7]} Blumenstrau der Kaiserin (franzsische Parfmmarke) {[8]} fr unser heiliges Ruland {[9]} aber lassen Sie uns unterscheiden {[10]} Unter uns gesagt {[11]} Haudegen {[12]} ausgezeichnete Freundin {[13]} Sie wissen, unter uns ... Mit einem Wort {[14]} um uns seine Macht zu zeigen {[15]} was fr eine wilde Idee! {[16]} meine gute Freundin {[17]} Schnes Kind! {[18]} Aber, meine Liebe ... {[19]} Aber, meine gute Freudin {[20]} Und dann, da wir immer mehr Mnche als Grnde finden {[21]} Nun ja, Teuerste {[22]} und dann {[23]} Ein Hitzkopf, aber ein guter Mensch. {[24]} Oh, ein dumme Geschichte! Gute Freundin, ich habe auf Sie gewartet, um Ihnen zu erzhlen ... {[25]} Alle klugen und fortschrittlichen Mnner Rulands waren, sind und werden immer [Kartenspieler] und [Trinker] sein {[26]} Aber, unter uns {[27]} Mein Liebster, ich bin ein ... {[28]} Aber sie ist ein Kind! {[29]} Ja, ich benutzte das falsche Wort ... Aber ... Es spielt keine Rolle ... {[30]} gleich {[31]} Ja, ja, ich kann nicht {[32]} diesem lieben Sohn {[33]} Er ist so ein Kindskopf! {[34]} Und schlielich das Lcherliche {[35]} Ich bin ein Galeerenstrfling, ein Badinguet (Deckname Napoleons III. auf der Flucht), ein ... {[36]} Mir doch egal! {[37]} Das ist mir egal, und ich rufe die Freiheit aus! Zum Teufel mit Karmazinoff! Zum Teufel mit Lembke! {[38]} Sie werden mich untersttzen als Freund und Zeuge, nicht wahr? {[39]} ja, das ist das Wort {[40]} oder etwas in dieser Art {[41]} ich erinnere mich. Schlielich ... {[42]} er war wie ein kleiner Idiot {[43]} Wie! {[44]} von userem armen Freund {[45]} unser heiliges Ruland {[46]} Aber das geht vorbei. {[47]} ... zum Unglck. Sie werden mich begleiten, nicht wahr? {[48]} Oh groer, gtiger Gott! {[49]} und ich beginne zu glauben {[50]} In Gott? Ein Gott hoch oben, der gro und gtig ist? {[51]} Er tut alles, was ich will. {[52]} Gott, Gott! ... Endlich eine Minute Glck! {[53]} Sie und das Glck, Sie kommen zur gleichen Zeit! {[54]} Aber {[55]} ich war so nervs und krank. Und dann ... {[56]} Das ist ein Trumer von hier. Er ist der beste und jhzornigste Mann der Welt. {[57]} und sie werden ihm eine Geflligkeit erweisen {[58]} Mein Freund! {[59]} Letztendlich ist es lcherlich. {[60]} Dieser Mawrikij {[61]} ein anstndiger Mann, immerhin ... {[62]} an diese arme Freundin ... schlielich {[63]} Tante, Tante {[64]} Diese arme Tante {[65]} dieser Liputin, den ich nicht verstehe ... {[66]} Ich bin undankbar! {[67]} alles ist gesagt, ... Es ist schrecklich! {[68]} Sie ist ein Engel {[69]} Nun ja {[70]} schlielich {[71]} Die arme Freundin {[72]} Zwanzig Jahre! {[73]} Er ist ein Ekel. Doch, ... {[74]} ein anstndiger Mann, immerhin {[75]} Diese Leute glauben, da die Natur und die menschliche Gesellschaft in Wirklichkeit anders sind, als Gott sie gemacht hat {[76]} Mit dieser lieben Freundin {[77]} Aber la uns von etwas anderem sprechen. {[78]} in der Schweiz {[79]} Das war dumm, aber was kann man tun? Alles ist gesagt. {[80]} Schlielich -- alles ist gesagt {[81]} Der liebe Gott {[82]} wenn es Wunder gibt? {[83]} und lasse alles gesagt sein! {[84]} was man Altar nennt! {[85]} Lassen Sie mich allein, mein Freund {[86]} sehen Sie {[87]} Aber Lisa, was haben Sie denn? {[88]} liebe Kusine {[89]} Aber meine gute und ausgezeichnete Freundin ... welche Unruhe! {[90]} das schmerzende Pochen {[91]} Kurz gesagt, das ist ein verlorender Mann, wie ein entlaufender Strfling. {[92]} Das ist ein unredlicher Mann, und ich glaube, er ist ein entlaufender Strfling oder etwas hnliches. {[93]} Peter, mein Kind {[94]} Aber mein Kind! {[95]} possenhafter Charakter {[96]} Sie haben Recht {[97]} Erhaben! {[98]} Sohn, lieber Sohn {[99]} Er lacht. {[100]} Sei's drum {[101]} Ja, das ist das Wort {[102]} Krach um seinen Namen machen, [ohne zu bemerken, da] sein Name ... {[103]} Er lacht. Er lacht viel ... Er lacht stndig {[104]} Umso besser. Doch lassen wir das. {[105]} Ich wollte ihn bekehren. [Sie lachen natrlich.] Das arme [Tantchen], sie wird Schnes zu hren kriegen! {[106]} Dort ist irgendwas Blindes und Verdchtiges. {[107]} Das sind einfach nur Faulenzer {[108]} Ihr seid Faulpelze! Eure Flagge ist ein Lumpen, machtlos! {[109]} Eine Dummheit dieser Art {[110]} Du verstehst es nicht. Doch lassen wir das. {[111]} Verstehen Sie? {[112]} Kalesche {[113]} gebhrend {[114]} mit voller Kraft {[115]} wohlttiger Kauz {[116]} Quadrille der Literatur {[117]} Lat ihr unreines Blut ber unsere Felder flieen! {[118]} Keinen Zoll von unserer Erde, nicht einen Stein aus unserem Festungen! {[119]} Ja, dieser Vergleich ist erlaubt. Es war wie ein kleiner Donkosake, der auf seinem eigenen Grab hpft. {[120]} Ich habe das vergessen. {[121]} Genug! {[122]} Teuerste, genug! {[123]} mangelndes Benehmen {[124]} ohne da es sichtbar wird! {[125]} Vorwarnung {[126]} Endlich ein Freund! {[127]} Bitte entschuldigen Sie, Ich habe seinen Namen vergessen. Er ist nicht von hier, ... eine irgendwie dumme und deutsche Physignomie. Er heit Rosenthal. {[128]} Sie kennen Ihn? Irgendeine Stumpfsinnigkeit und Selbstzufriedenheit ist in seiner Gestalt, und dennoch etwas Strenges, Steifes und Ernsthaftes. {[129]} Die kenne ich. {[130]} ja, ich erinnere mich, er hat dieses Wort benutzt {[131]} Er hlt sich zurck {[132]} Jedenfalls schien er zu glauben, da ich ihn angreife und direkt niederschlage. All die Leute aus den unteren Schichten sind so. {[133]} Seit zwanzig Jahren bin ich bereit. {[134]} Ich war wrdevoll und ruhig. {[135]} und kurzum, all das {[136]} und einige meiner historischen, kritischen und politischen Entwrfe {[137]} Ja, so war es {[138]} Er war allein, ziemlich allein, [brigens war noch jemand] im Vorzimmer, ja, ich erinnere mich. Und dann ... {[139]} Sehen Sie, ich war stark erregt. Er redete und redete ... ber einen Haufen Sachen ... {[140]} Ich war stark erregt, aber wrdevoll, seien Sie versichert. {[141]} Wissen Sie, er sprach den Namen Teltnikoff an {[142]} der mir immer noch fnfzehn Rubel vom Whist schuldet, nebenbei gesagt. Na ja, ich habe es nicht ganz verstanden. {[143]} was denken Sie? Letztendlich stimmte er zu {[144]} und nichts mehr {[145]} als Freunde, und ich bin voll und ganz einverstanden. {[146]} Meine Feinde ... und dann, wozu soll dieser Staatsanwalt gut sein, dieses Schwein von einem Staatsanwalt, der mich zweimal beleidigte und der letztes Jahr bei der charmanten und schnen Natalia Pawlowna eine feine Abreibung erhalten hatte, als er sich in ihrem Boudoir versteckte. Und dann, mein Freund {[147]} wenn man diese Dinge in seinem Zimmer hat, und wenn sie kommen um dich festzunehmen {[148]} Schick sie fort ... und es geht mir auf die Nerven. {[149]} Man mu vorbereitet sein, sehen Sie, ... jederzeit {[150]} Sehen Sie, mein Teuerster {[151]} Das kommt aus Petersburg {[152]} Sie haben mich mit diesen Leuten zusammengebracht! {[153]} Mit diesen Freidenkern der Feigheit! {[154]} Wissen Sie, ... als wenn ich hier eine Art Skandal produziere. {[155]} Meine Karriere ist heute beendet, ich fhle es. {[156]} Ich schwre es Ihnen {[157]} Was wissen Sie davon {[158]} meine Karrriere is zu Ende {[159]} was wird sie sagen {[160]} Sie wird mich ihr ganzes Leben lang verdchtigen {[161]} Das ist unwahrscheinlich ... Und dann, die Frauen {[162]} Man mu wrdevoll und ruhig bei Lembke sein. {[163]} Oh, glauben Sie mir, ich werde ruhig sein! ... auf dem Hhepunkt von allem, was am heiligsten ist ... {[164]} Gehen wir! {[165]} Alles fr das Beste in der besten aller mglichen Welten. {[166]} Meine Stunde hat geschlagen. {[167]} Sie machen nichts als Dummheiten {[168]} Ausgezeichneter Freund! {[169]} Dieser liebe Mann {[170]} und da man berall mehr Mnche als Vernunft findet {[171]} Bezaubernd, die Mnche {[172]} aber lassen Sie uns hier abbrechen, meine Liebe {[173]} dieser lieben Freindin {[174]} in vollem Umfang {[175]} meine Damen {[176]} Das ist Dummheit in Reinform, etwa wie eine einfache Chemikalie. {[177]} nebenbei gesagt {[178]} Lockspitzel! {[179]} Mge Gott dir vergeben, mein Freund, und mge Gott dich beschtzen. {[180]} mit der Zeit {[181]} Was mich betrifft {[182]} diese armen Leute haben manchmal so bezaubernde Worte voller Philosophie {[183]} Mein Kind! {[184]} Oh, das sind die armen kleinen Taugenichtse, sonst nichts, die kleinen [Nrrchen] -- Das ist das Wort {[185]} Oh, gestern war er so geistreich {[186]} Welche Schande! {[187]} Charmante Dame, Sie werden mir vergeben, nicht wahr? {[188]} den Kindern {[189]} Sie werden mir verzeihen, nicht wahr {[190]} Arme Mutter! {[191]} Sie sind traurig, nicht wahr? {[192]} Wir sind alle traurig, aber wir mssen vergeben. Lisa, lassen sie uns vergeben {[193]} man mu vergeben, vergeben und vergeben! {[194]} zweiundzwanzig Jahre! {[195]} Im Haus des Kaufmanns, wenn es den Kaufmann denn gibt! {[196]} Aber wissen Sie wie spt es ist? {[197]} Existiert Ruland? Ha, das sind Sie, lieber Hauptmann! {[198]} Oh, mein Gott {[199]} Es lebe die Republik {[200]} Es lebe die demokratische, soziale und universale Republik, oder Tod! ... Freiheit, Gleichheit, Brderlichkeit oder Tod. {[201]} von Kirilloff, einem russischen Gentleman und Weltbrger {[202]} einem russischen Gentleman-Seminaristen und Brger der zivilisierten Welt! {[203]} geborene Garin {[204]} Reisetasche {[205]} wie ein {[206]} Diesen Kaufmann {[207]} Es lebe die Fernstrae {[208]} Ich habe zusammen vierzig Rubel, er wird das Geld nehmen und mich trotzdem tten. {[209]} Gott sei Dank {[210]} unentschieden ... und dann {[211]} Das fngt beruhigend an. {[212]} Das ist sehr beruhigend ... das ist im hchsten Grad beruhigend {[213]} Ich bin jemand anderes. {[214]} aber schlielich {[215]} Das ist reizend {[216]} Ja, so knnte man das bersetzen. {[217]} Das ist sogar besser, ich habe vierzig Rubel, aber ... {[218]} Um es auszusprechen {[219]} meine Freunde {[220]} Sie wollte es {[221]} Ach wie schn! {[222]} einen Fingerbreit Wodka {[223]} ein kleines bichen {[224]} Ich bin ziemlich krank, aber es ist nicht schlimm, krank zu sein {[225]} Eine Dame, die auch so aussah {[226]} Ah ... aber ich glaube das ist das Evangelium ... {[227]} Sie sind, was man eine Bibelverkuferin nennt? {[228]} Ich habe nichts gegen des Evangelium, und ... {[229]} Das Leben Jesu {[230]} Mir scheint es, da alle nach Spassoff gehen ... {[231]} Aber sie ist eine Dame und eine wahre Respektsperson {[232]} Dieses kleine Stck Zucker ist nichts ... {[233]} makellos respektvoll {[234]} Sie sind keine dreiig Jahre alt {[235]} Aber, mein Gott {[236]} Diese Bsewichte, diese Unglcklichen! {[237]} Bah, ich werde zum Egoisten! {[238]} Aber was ist mit dem Mann los? {[239]} Mein Gott, meine Freunde {[240]} Aber meine teure und neue Freundin {[241]} Aber was tun, und ich bin begeistert! {[242]} nicht wahr? {[243]} Ich liebe die Menschen, das ist unerllich, aber es scheint mir, da ich ihnen niemals nahe war. Stasie ... Es versteht sich von selbst, da sie aus dem Volk stammt ... aber von den wahren Menschen {[244]} Liebe und unvergleichliche Freundin {[245]} liebste Unschuldige. Das Evangelium ... Sie sehen, von nun an werden wir zusammen beten {[246]} etwas ganz neues dieser Art {[247]} zugegebenermaen {[248]} und dieser netten Undankbaren auch ... {[249]} Liebe Unvergleichbare, fr mich ist eine Frau alles! {[250]} Es wird zu kalt. brigens, ich habe vierzig Rubel und hier ist das Geld {[251]} La uns nicht mehr reden, weil es mir weh tut {[252]} Weil wir reden mssen. Ja teure Freundin, ich habe Ihnen viel zu sagen. {[253]} Wie, Sie kennen schon meinen Namen? {[254]} Genug mein Kind, [ich flehe Sie an,] wir haben unser Geld und dann -- und dann den gtigen Gott. {[255]} Genug, genug, Sie qulen mich {[256]} Es ist nichts, wir werden warten {[257]} Sie sind edel wie eine Marquise! {[258]} wie in Ihrem Buch! {[259]} Genug, genug, mein Kind {[260]} wissen Sie {[261]} Bin ich wirklich so krank? Aber es ist nichts Ernstes. {[262]} Oh, ich erinnere mich, ja, die Apokalypse. Lesen Sie, lesen sie. {[263]} und wir werden zusammen weggehen {[264]} diese Schweine {[265]} in diesem Buch {[266]} ein Vergleich {[267]} Ja, dieses Ruland, was ich immer geliebt habe. {[268]} und die andern mit ihm {[269]} Sie werden spter verstehen ... Zusammen werden wir es spter verstehen. {[270]} Schau, ein See {[271]} Und ich werde das Evangelium predigen ... {[272]} Sie ist ein Engel ... Sie war mehr als ein Engel fr mich {[273]} Ich liebte Sie! {[274]} Ich liebte sie man ganzes Leben lang ... zwanzig Jahre! {[275]} Eine Stunde, [und dann] -- eine Brhe, einen Tee ... endlich ist er so glcklich. {[276]} Ja, meine Freunde, ... Die ganze Zeremonie {[277]} Mein Vater, ich danke Ihnen, und Sie sind sehr gut, aber ... {[278]} Dies ist mein Glaubensbekenntnis. {[279]} Ich habe mein ganzes Leben gelogen {[280]} Pariser Artikel {[281]} sehr wenig Anmerkungen zur Transkription Die Smtlichen Werke erschienen in der hier verwendeten ursprnglichen Fassung der bersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und Ausgaben 1906--1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert nach: F. M. Dostojewski: Smtliche Werke. Erste Abteilung: Fnfter Band. Erste Abteilung: Sechster Band. Die Dmonen R. Piper & Co. Verlag, Mnchen, 1921. 11. bis 20. Tausend Fr diese ebook-Ausgabe wurden der fnfte und der sechste Band vereinigt. Band 6 beginnt mit Elftes Kapitel. Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der Smtlichen Werke vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den ursprnglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr, Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt nach der Titelseite eingefgt. Funoten wurden am Ende des Buches gesammelt. Die Bearbeiter haben diesem Text bersetzungen der franzsischen Textstellen in Form von Funoten hinzugefgt und der _public domain_ zur Verfgung gestellt. Diese zustzlichen Funoten sind mit { } markiert. Zu den Anfhrungszeichen: Gesprche wurden in doppelte Anfhrungszeichen () eingeschlossen. Die Wiedergabe von uerungen anderer innerhalb von Gesprchen wurde in einfache Anfhrungszeichen (><) eingeschlossen. Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der Buchstabe (oder auch j) steht fr den kyrillischen Buchstaben ja. Die Schreibweise hufig vorkommender russischer Namen wurde vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern): Agafja (Agaphia) Bogojawlenskstrae (Bogojavlenskschen Strae) Marja Ignatjewna (Maria Ignatjewna) Iwan (Iwn) Iwanoff (Iwanow) Nicolai (Nikolai) Nicolajewitsch (Nikolajewitsch) Nicolajewna (Nikolajewna) Praskowja (Proskowja) Semjonytsch (Ssemjonytsch) Stawrogin (Stowrogin) Stepan (Stephan) Zarewitsch (Zarwitsch) Die abweichende Schreibweise der Namen im Personenverzeichnis wurde unverndert bernommen, da sie die Aussprache verdeutlichen soll. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert. Weitere nderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen oder des russischen Originaltextes, sind hier aufgefhrt (vorher/nachher): [S. 14]: ... die nur miteinander streiten, das ganzen Leben in ... ... die nur miteinander streiten, das ganze Leben in ... [S. 37]: ... jetzt irgendein Andrejeff, un rechtglubiger Narr mit ... ... jetzt irgendein Andrejeff, c'est dire un rechtglubiger Narr mit ... [S. 78]: ... sozialen Republik und Harmonie htten sein knnen. ... ... sozialen Republik und Harmonie htte sein knnen. ... [S. 120]: ... ganze ungewhnlichen Pose vor mir stehen. ... ... ganz ungewhnlichen Pose vor mir stehen. ... [S. 139]: ... mir zu viel Geld kosten, und das ist er auch gar nicht wert ... ... mich zu viel Geld kosten, und das ist er auch gar nicht wert ... [S. 200]: ... beiden hatte man an Lebdkin vermietet. An Mbel ... ... beiden hatte man an Lebdkin vermietet. An Mbeln ... [S. 330]: ... zu ihren Diensten stehe, jederzeit und unter allen ... ... zu Ihren Diensten stehe, jederzeit und unter allen ... [S. 464]: ... wirklich wie eine Ziege gemolken hast. Was sie jetzt bost, ... ... wirklich wie eine Ziege gemolken hast. Was sie jetzt erbost, ... [S. 784]: ... hielt, sich daraus einen Vers zu machen oder etwas ... ... hielt, sich darauf einen Vers zu machen oder etwas ... [S. 880]: ... oder Geld, davon schon ganz zu geschweigen. Du hast ... ... oder Geld, davon schon ganz zu schweigen. Du hast ... [S. 1073]: ... autochthone Typen sind hufig entweder Stenka Rasins ... ... autochthonen Typen sind hufig entweder Stenka Rasins ... [S. 1085]: ... sehen Sie einmal: wenn sie glauben, da das Christentum ... ... sehen Sie einmal: wenn Sie glauben, da das Christentum ... End of the Project Gutenberg EBook of Smtliche Werke 5-6: Die Dmonen, by Fjodor Michailowitsch Dostojewski License: Share Alike