Produced by Jens Sadowski Die Achatnen Kugeln Roman von Kasimir Edschmid Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin 1920 Alle Rechte vorbehalten Copyright 1920 by Paul Cassirer, Berlin Geschrieben Neunzehnhundertvierzehn bis Neunzehnhundertachtzehn Gru an Ren Schickele Vorspiel Nun stiegen sie schon die zweite Stufenreihe hinunter. Immer sahen sie auf der anderen Seite die schwarzen Schatten, die sich wie sie selbst bewegten. Die Wasser rauschten langsam. Als sie die dritte Terrasse erreichten, kehrten sie um nach der anderen Seite, die schwarzen Schatten schwenkten und traten auf sie zu. Da kam aus dem See unten ein silberner Strahl, er glhte auf, Licht strmte die Neigung der Rasenterrasse herauf. Das Schlo ber ihnen schlug eine Mondflamme in den Himmel. Zwei Herren traten zur Seite, die anderen bogen Halbkreise um die Gegner, die die Mntel abwarfen und in weien Samthosen, die Brust offen unter dem Hemd, sich gegenberstanden. Ein flsterndes Signal berklirrte das Metall. Aus dem dunklen Laubgang sthnte ein Vogel. Ein Mann fiel um, den Sbel in der Gurgel, die Augen nach oben gebrochen. Der andere warf sich aufs Knie. Schob mit dem Daumen die Lider des Liegenden probend herunter, sie schnellten wieder ber die glserne Pupille zurck und hefteten sich auf den Knauf des Degens, der ihn durch die Kehle auf das Rasenbeet kreuzigte. Da stand der andere auf, schttelte die Haare. Das war vorbei. Er sah sich um, empfand atmend die helle Nacht, die mchtig gewlbt war. Mein Herr . . . sagte der Sekundant des Gegners. Er deutete mit lockerem Handgelenk auf den Toten. Der Marquis neigte den Kopf nach ihm. Was ihn erfllte, verschwand. Die steife Gebrde des Todes lschte die Wut des Abenteuers. Er sah auf, die Seele nicht mehr zusammengezogen. Wie schien der Mond feurig und entflammte purpurrot die Zweige. Zaudern Sie nicht -- flsterte der Sekundant, sofort zu begreifen, da Sie im kniglichen Garten sind. Jetzt noch zu leben, heit nur bedingt und halb ein Lebender zu sein. Vaudreuil trat mit einer Verbeugung zurck. Ein spttisches Lcheln kniff in seinen abwesenden Mund. Dann kam der Laubengang. Das Dunkel der Nacht sa darin, unaufgescheucht vom Licht. Die weien Hermen glommen aus der blauen Dmmerung. Nun paradierte ihn die Wache. Die Rondells mit den Fontnen waren beinahe rot, und die Tritone schumten vor sich hin. Auf den Seiten verschwammen die Alleen flaumiger Dmmerung. Eine quecksilberne Sule stand das Schlo aufgerichtet neben ihm. Zwischen dem Schwung von zwei Koniferensten zog sich der ganze Garten noch einmal zusammen. Dicht ber dem tiefen Wasserspiegel am Ende der gesenkten Terrassen hing riesenhaft der Mond. Im runden Ausschnitt der Tanne hing eine Spiegelung, wie aus Silber eine metallene Platte. Nchte voll Schwrmerei und Lichtern hoben sich ber dem Park, zogen rasch vorber. Zuckende Frauenleiber strubten sich vor ihm auf. Ein groer Ritt, der ihn mit Ruhm behngte, glitt durch die Luft, sein Bein hing blutend in der Bgelung. Ehrgeizige Spiele, sehr erleuchtete glserne Sle . . . Teile des Gartens dampften, brachen auf, Nischen entlaubten sich, Gnge warden ohne Dunkel. Gab es nicht eine Frau? Eine Frau, ohne Geheimnis am Krper, verlogenen reizlosen Hirnes, ohne Leidenschaft der Erfindung, gut fr Lakaien. Dennoch schlug er sich heut um ihre roten Haare. Dies ist das Dasein. Er lchelte, als ob er die weie Zofe in den Flieder herunterpfiff oder die Pikardin berhrte, die bleich durch eine Laube in der Parkecke auf ihn wartete. Das Bild brach ab. Aus allen Bosketts flossen Blumenrche. Eine Nachtigall jagte einen sen wilden Schrei schlaftrunken ins Gebsch. Er sah ohne den Schleier der Spiegelung in den Park. Die Grimasse des Totengesichts, von seinem sthlernen Witzwort in der Gurgel gefat, stak am Boden, blkte ihn an. Das Schicksal ri durch sein Herz. Waren diese Terrassen nicht verbraucht bis zum Irrsinn, entblttert die Lauben beim dritten Knie schon, das er darin geffnet. Blieb ohne die Erregung des eigenen Blutes, das sein Feuer zu fremden Abenteuern sich schuf, nichts brig wie nackte Enttuschung, schon oft Gelebtes, sinnlos Wiederholtes. Er zog den Degen an sich, fror am Eisen. Da sah der Marquis hinuntergleiten in den See, was ihn ausgefllt hatte die Jahre. Die Herren, mit denen er soff und spielte und sich schlug, Damen daneben und Hunde, die an ihren Knieen wehmtig zitterten und leicht mit dem Kopf nickend ihn verlieen. Dann trat das alles schon nicht mehr ihm zugehrig von der Neigung der letzten Rasenflle in Berhrung mit dem Wasser. Der Mond nahm es auf und bog es aus dem Park. Der Marquis sah zu, raffte sich auf, ohne Zorn, ohne Reue. Als er sich aber umbog, berfiel ihn alles, und er krmmte sich vor Schmerz ber den Abschied, so sehr hing sein Herz an der Erde, auch wenn sie verbraucht war. Angst kam auf ihn, wenn er bleibe, da er, eingekerkert in steinerne Mauern, keine Sonne mehr sehe. Wie liebte er die Freiheit. Er machte zwei groe Schritte, reckte sich steif, hoch, das Gesicht in Ruhe, ging berlegen und sicher . . . . wankte und zog den Mantel ber den Kopf und weinte. Nicht weinen Vaudreuil, rief er sein Herz an, stie den Degen fluchend auf den Boden, bi in den Mantel, zerrte an dem Tuch, was weinst du, Affe . . . Allein er konnte seinen Schmerz nicht krnken und schluchzte, als er, den Seitenflgel umschreitend, den groen Empfangshof betrat, der unter seinen Schritten leise aufscholl. Er blieb da stehen. Kein Garten stand mehr vor ihm. Das groe Gebude verdeckte ihm den Mond. Er hatte noch nie Abschied genommen. In der Kehle ein Zittern ri ihm den Schmerz bis zu den Zehen. Dies flimmernde Wei an den Rndern des Schlosses, die Pflastersteine, die der Mond blau schlug . . . er wollte sich daran halten, sein Herz klammerte sich an das Licht, an die Luft. Sie hielt nicht. Lautlos, taumelnd ging er zum Tor. In weien Samthosen, die Brust frei unter dem zerrauften Hemd. Die Wache trat vor, grte und grinste. Ein Soldat sprang in seinen Schatten und bog den Bauch in Verrenkungen hin und her. Sie hielten ihn fr betrunken. In der Dmmerung rannten die Pferde nach der Kste. Das zweite trug den Diener, das dritte Gepck, Geldrollen, Hemden, Waffen. Die Stirnen der Gule wandten sich im Kreis, zuerst gegen Havre zur Tuschung, dann ganz herum gedreht nach Dieppe. Paris fiel zurck unberhrt. Dann warfen sie die Gule nach Westen, schoben eine sdliche groe Linie nach Rochelle. Als sie bogen, flammte die Sonne ber Versailles. Tief im Sden sahen sie, rastend in einem Dorf, fern das Sommerschlo des Marquis. Er ritt davon weg. Dann von eigenwilligen Dmonen getrieben, ging die Fahrt im Zickzack. Eine Erhebung hinauf, schrg herunter . . . nach einer schweren Stunde waren sie wieder auf dem Hgel von der anderen Richtung her. Baptiste sagte kein Wort und folgte. Gegen Mittag fluchte der Marquis, sie jagten um einen See. Durch Schilf, ber Wiesen mit Rehbcken, die spielten, ging es stundenlang. Baptiste zog die Riemen der Ledertaschen auf und zu. Am Mittag brachen sie aus Weidenunterholz und waren wieder an dem See. Der Marquis lie die Gule saufen, ritt rechts in ein Tal, sprang pltzlich wild ber einen Giebach und jagte zurck, an dem See vorbei in die Landschaft der Kste. Gegen Abend lahmte das Pferd. Baptiste stieg ab, massierte das Bein. Der Marquis stieg auf. Er ritt zweimal im Kreis, dann jagte er in den eigenen Spuren zurck. Gegen Abend kamen sie an den Hgel, spter durch das Dorf. Die Sonne ging unter. Links lag das Sommerschlo. Sie ritten direkt darauf zu. Sanft stiegen ber die Mauern die hellen Bogen der Springbrunnen. Aus der einstckigen Front schimmerten die vielen bis zum Boden gesenkten Fenster. Die Kieswege, angelegt fr die Zrtlichkeit von Frauenschenkeln, lagen trumerisch im Schein des sdlichen Abends. Der Marquis lie Baptiste vorreiten. Er ritt in den Bgeln stehend, die Mauer war hoch. Sie hielten nicht an, sprengten am Ende die Mauer wieder zurck, dann hatte der Marquis ein Messer verloren. Sie fanden es nicht. Sie ritten hinunter, dann in die Nacht, die anfing. Die Pferde liefen wie die Teufel. Das Meer kam, vom Wind geschlagen. Nebel klatschten graue Wellen ber die Kste. Der Segler lag weit drauen und lste die Anker. Matrosen warfen die Mantelscke in die Barke, griffen zu den Rudern. Vaudreuil sprang hinein. Der Steuermann stie das eine Bein gegen den Pflock, sah auf. Oben stand Baptiste. Der Marquis erbleichte. Der Diener stand schlaff. Dann trat er einen Schritt zurck. Zwlf Jahre waren Sie bei mir . . . hielt ich Sie nicht wie einen Pagen . . .? Der Marquis stand aufgerichtet im Boot, das schwankte unter krachenden Wellen. Aber der Diener ballte die Faust, wies auf das Meer, das sich dunkel donnernd zusammenballte! Bin ich ein Hund, da Sie mich mitreien auch da hinaus . . . zwlf Jahre habe ich Bgel gehalten, vor Frauenhusern gelauert . . ., er rchelte und verzerrte sein Gesicht vor Ha. Da stieg dem Marquis das Grauenvolle des Abschieds bitter in die Kehle wie kein Schmerz. Einen Augenblick hob er wie bittend die Hand. Als er von diesem letzten schlechten Stck sich ri, versagte sein Herz, da er es demtigte. Er bat eine Sekunde. Dann warf der Wind ihm die Haare ber das Gesicht. Bleiben Sie ruhig, sagte er, behalten Sie die Pferde. Gehen Sie zurck nach Versailles. Er schrie, denn die Flut machte die Luft voll unruhigem Gerusch. Das Boot scho los, sauste eine grne Welle hinunter. Der Marquis nickte vom Rcken der nchsten dem Diener zu. Der Segler rollte auf hohen Wellen. Der Marquis sah zurck. Auf dem erhhten Hgel der Mole lag Baptiste, das Gesicht stumm gegen den Herrn gerichtet, der ihn verlie. Nebel kamen, verwirrten. Lsten sich und immer brach sein Bild, auf den Knieen, die Arme verkreuzt, durch den Wasserstaub. Wie feig er ist, sagte der Marquis, und doch wie gro seine Sehnsucht. Da begann Baptiste zu schreien, als die Barke an den Segler rollte, die Arme in die Luft zu stoen, sein Ha und das Schmierige stritten mit dem guten Gefhl. Vaudreuil litt mit dem Niederen. Aber er empfand seine Strke mehr zu leiden mit schmerzlichster Beschwingung. Die Tiefe der Erschtterung gab ihm ungeahnte Kraft. Taue klatschten aufs Wasser. Dreimal scho eine breite Woge zwischen die Fregatte und sie, teilte sie. Dann fate Vaudreuil die Schlinge. Wie ein Affe erkletterte er das Verdeck. Matrosenhnde erfaten seine nasse Taille, schoben ihn herein. Das Schiff hatte sich wei beflaggt, bog sich und rauschte. Er sah die Kste nicht mehr. Mven lagen auf den Wellenspitzen. Dann kamen Tage, wo die Sonne nur da war, der Himmel sich seidig zusammenzog. Er sog den Geruch des Meeres ein, schaute auf das Spielen von Welle mit Welle, der letzte Strich des Horizontes gab seinem Gefhl die ruhig sich schaukelnde Sicherheit der Ruhe und des Glckes. Am fnften Tag wurden die Segel gerefft, ein Sturm legte die Fregatte auf die andere Seite, stie ein Leck in den Speicher. Seekrank lag Vaudreuil auf einem Haufen Taue in seiner Kabine. Sein Magen spie ber Bett und Tisch. Sein Geist litt unter der Beschmutzung seiner Kleider. Sein kraftloser Krper, den nur einmal in Barbizon nach einer ausschweifenden Woche mit Lilotte, der Tnzerin des Dauphin, ein Purgier mit Schwei befreite, litt unter der Ohnmacht und stemmte sich mit Wut dagegen. Aber die Dauer des Zustandes fhrte ihn in die berwindung. Ohne Zorn fand er sich darein, da seine Kabine stank wie ein Stall, da er tagelang kotzte. Als er geduldig ward, befreiten ihn helle Tage. Die Angel lag auf dem spiegeligen Wasser. Matrosen saen in den Takelungen. Mit wei knatternden Spitzen schlug das Meer gegen den blau aufbrechenden Horizont. Er fing Germanen, kpfte sie, warf die Krper den Kabeljaus zum Fressen hinunter, briet die Kpfe. Nie a er frher so weies Fleisch. Erfinderisch geworden in der Ruhe, erfand er neue Speisen. Er rstete Flossen, briet Herzen. Der Tag ward ihm phantastisch, spielend berwand er die Melancholie der Abende. Das Schiff wendete. Die Segel klatschten, standen dick voll Wind. Matrosen liefen mit Haken und Bchsen nach Backbord. Da stand am Horizont ein Schiff in der Form saletanischer Piraten, das braune Segelzeug scho scharf drachenhoch vor dem Gelb. Der Kapitn schrie. Aus den Verstaurumen kamen Kanonen angeschleppt, die sonst das Gleichgewicht des Schiffs gegen den Wind strkten. Da brauste es aus dem Sprachrohr des Drachenschiffs: Vila. Da begannen die Matrosen zu grinsen, einer sang. Sie zogen die Hemden aus und winkten in ihren bronzenen Brsten hell zwischen den Leinen und dem blhenden Himmel. Denn das Schiff war gascognisch. Vaudreuil blies die Backen auf und ging hin und her den Abend. Zwischen zwei Felsen fuhren sie in den St. Lorenz. Die Wnde standen wie Pyramiden. Schwrme langgehalster Vgel hoben sich, zogen endlose Spiralen immer hher und schrieen. Morgens booteten sie aus nach Quibek. Vaudreuil ging sofort zum Fort. Die Strae war kotig. Mit schmutzigen Schuhen und Strmpfen kam er, nach Tang riechend, an die Palisaden und nannte seinen Namen. Abends erschien der Kommandant zum Bankett. Er hatte den ganzen Mittag die Finger seiner Hnde hin und zurck gezhlt, um nicht sofort hinzulaufen. Jedoch der Drang seiner Wrde war grer als seine Neugier. Auf Vaudreuils anderer Seite sa der Bischof in violettblauer Sutane. Ihre Fragen umzingelten ihn, faten ihn von immer neuen Seiten. Sie schlrften jedes Wort. Der Geruch Europas war noch an ihm. Sie hielten sich gerade, aen mit Bewegungen, die ihren Namen entsprachen, wenn auch ihre Stoffe derb waren, ihre Schuhe aus Rindsleder, das roch. Er gab, was er wute, vom Hof, den Stdten, den Frauen, teilnahmslos, halb Gelschtes aus seinem Gedchtnis. Der Bischof ri einen Fisch mit beiden Hnden am Schwanz auseinander und frug: Was planen Sie hier? Aber Vaudreuil zuckte die Schultern. Sie wurden verlegen. Der Kommandant trank rasch. Der Bischof leckte an seinen fetten Fingern. Sie schwiegen eine Zeitlang. Beim Dessert verloren sie ihre Haltung. Vaudreuil kam beim Pharao in Verlust. Als sie zwei Rollen Louis gewonnen hatten, wurden sie hflicher vor seinen Mitteln. Um vier begannen sie, gebranntes Wasser zu saufen. Boys brachten Kbel. Um fnf saen sie hinter den Karten. Vaudreuil hielt Bank, gewann zurck. Ein Fhnrich kam in Verlust, man verweigerte seine Bons. Er hockte sich in die Ecke, schrie: Germaine . . . sah nur Waden, beschrieb sie mit dem Finger, leckte das Maul. Ein Offizier fiel um wie vom Schlag gerhrt. Der Kommandant zuckte die Achseln: Er liebt, seinen Gewinst festzuhalten. Seine Hand schrieb eine Anweisung, die er rotglhenden Auges Vaudreuil hinberreichte. Sie machten eine Pause, aen kleine scharfe Fische. Der Bischof hob den Arm. Schwenkte den andern auf, hob sie und senkte sie heftig, bis der Apparat rauschte, seine blecherne Stimme anfing zu singen. Fettes Schwein, sagte der Kommandant und schlug im Takt die Fuste auf den Tisch. Ein Hauptmann taufte einen Eingeborenen. Das Zimmer dick vor Rauch. Sie kehrten zurck zu den Karten. Die Sonne stand drauen. Der Bischof setzte die Sutane. Verlor. Der zweite Fhnrich begann ihn sofort zu entkleiden, wollte ihn als Adam durch den Morgen fhren. Der Bischof quietschte mit Faseltnen, flatterte mit den Hnden, umwirbelt von Dampf. Er stank aus jeder Pore. Dann weinte er und psalmodierte eine Beichte. Der Kommandant bog sich von seinem Stuhl, fiel krachend zurck in die Lehne, beugte sich wieder, krampfte die Arme ber den Bauch und bekam das Maul nicht zu vor Geheul. Vaudreuil ging hinaus. An der Palisade erreichten ihn Schreie. Die Fhnriche brachten die Sutane geschleift. Am Fenster hing der Mondbauch des nackten Bischofs. Eine Hand hob sich ber ihm, klatschte auf feine fette Schulter. Des Bischofs Arme zeterten herunter, er wand sich. Seine Schinken hingen zum Fenster heraus. Also doch . . . Vaudreuil bot Ohrfeigen mit, der flachen Hand. Sie zogen. Germaine, brllte der eine und fuchtelte in der Luft. Vaudreuil schonte ihn, wandt sich zum anderen, der stie ihm, schmalnasig und hager, im selben Augenblick leicht in die Achsel, warf seinen Degen weg, salutierte mit der Hand. Es htte auch die Kehle sein knnen. Vaudreuil packte die Sutane mit den Fingerspitzen, trug sie hinaus. In der Mitte des Zimmers lag ein Haufen Fett, das den Himmel vertrat, vor dessen Umarmung jede trbe Zofe flhe. Er legte den blauen Rock auf den Haufen. Den Rckweg verlegte der Kommandant an den Palisaden. Den Degen. Der Fhnrich, zwlf Soldaten hinter ihm. Vaudreuil lachte, denn seine Stimme lallte und berschlug sich vor Besufung. Er richtete die Spitze des Degens nach hinten, ging so auf die Wache zu. Sein Lachen steckte an. Zuerst prustete ein Soldat. Dann lachten sie alle, schlugen sich auf die Schultern, auf den Bauch, ohrfeigten sich, begannen eine Prgelei. Der Fhnrich zog ein Lcheln um den dnnen Mund und salutierte. Der Kommandant, Sergeant an Wuchs, donnerte wtend, die Soldaten johlten weiter. Der Kommandant torkelte einem an den Hals, umarmte ihn, fiel um, ward aufgehoben, schlug sich den Bauch vor Lachen. Er kommandierte die Wache zum Salutieren, es geschah unter Schwanken. Arm in Arm mit Vaudreuil verlie er das Fort. An der Ecke blieb er stehen, stampfte auf, um fest zu stehen. Ich mu Sie verhaften, ohne Zweifel. Er stemmte sich mit dem Rcken gegen ein Haus, rlpste Gelchter. Ich warte bis zum Abend. Sie zogen durch die Kneipen. In der dritten entlieh er eine Rolle Louis. Vaudreuil schlug sie ab. Es gab einen Skandal. Mitten in der Szene verga er es wieder, versprach Vaudreuil Weiber, frug nach Paris, schlief schnarchend ein. Die Nase fiel auf den Tisch, begann zu bluten. Eine Rinne lief ganz langsam ber die Platte, schwenkte nach rechts, lief nach links. Vaudreuil blieb sitzen, bis es ihn erreichte. Dann stand er auf. Am Bootshaus lag sein Gepck. Vor der Mole schaukelte ein groes Segelboot. Wohin? Nach Montreal. Er erklomm das Schiff an der Seite, wo Mnner loteten; setzte sich unter ein Sonnensegel, zog ein Buch aus der Manteltasche, begann zu lesen. Die Eingeborenen sangen vor sich hin, indem sie die Segel besorgten. In der Stille verengte sich der Flu, das Meer blieb strmisch mit schlagenden Wellen zurck. Pltzlich stand ein Mann vor ihm, sprach ihn an, verdrehte die Augen, schnitt Fratzen und bog die Nase nach oben. Zuckte mit den Achseln und zwitscherte wie ein Vogel. ffnete die Hand, schlo die Hand, verkrmmte sich und blinzelte. Wandt sich von Vaudreuil, der weiter las, nach der anderen Seite der Bank, verneigte sich, schwang die Arme nach hinten. Da sa ein Offizier mit einem Orden, winkte mit der Hand, das Individuum verschwand unter den Fusten der Matrosen. Vaudreuil sah auf, beugte sich etwas gegen den Offizier. Der erhob sich: Courbisson, der Gouverneur. Vaudreuil blinzelte, schob den Mund schief, begann weiterzulesen. Die Adlernase kam im Bogen, hing vor ihm, schnitt die Luft: Sie brachen heute mein Gesetz. Es waren Schweine. Soll dieser Irrtum . . . Haben Sie zu verlieren? Das Leben. Sie wissen es einzusetzen. Der Ehre halber. Das gengt nicht. Bei diesen Menschen bedarf es mehr. Ich bin am Ende. Sah den Arsch des Bischofs die erste Nacht. Der Gouverneur griff an seinen Hut, grte, die Matrosen begannen zu schreien. Baumstmme kamen angeschwommen, sie halsten, bogen aus, im Schwung umschwebte sie eine betubende Insel. Der Gouverneur strich den Knauf, aus dem ein Lwe in die Luft bi. Ich bitte um zwei Fragen . . . haben Sie Mittel? Die Diskretion der ersten lt mich auf die zweite verzichten. Ich rede in einer dringlichen Sache meines Herzens geschftlich, der Gouverneur verneigte sich. Ein Haar breit. Ich habe keine Geschfte. Da stie der Gouverneur einen Fluch in die schmalen Lippen. Vaudreuil machte eine unwillkrliche Bewegung. Nein, sagte der Gouverneur, lchelte zerstreut, gewinnend, Unruhe wlkte seine Stirn. Da legte Vaudreuil sein Buch hin, kam ihm entgegen: Verhandeln wir. Courbisson errtete gegen die grauen Schlfen, begann sofort mit Charme zu reden. Vaudreuil sah ihn aus aufgerissenen Augen an. Beim zweiten Satze des Gouverneurs schlief er ein. Als er erwachte, war es hoch im Mittag. Er war allein. Die Ketten rasselten, die Segel hingen eingerefft, gebunden, der Anker hielt. Eine Landschaft kam mit Wiesen heruntergespielt zum Flu. Er sah groe Fasane, stieg aus zur Jagd. Die Nacht brach er durch Bsche auf dem Rckwege, fand ein Blockhaus. Auf Heu schlief er. Morgens lockten die Stimmen der Tiere sein Blut, er bestieg das Schiff nicht, blieb acht Tage, streifte, jagte, brach in das Dickicht, das ihn schluckte, einsog. Am neunten Tage trieb er ein Boot auf, fuhr langsam hinunter nach Montreal, kaufte fischenden Matrosen ihre Kleider fr die Jagd, trat in ein Blockhaus, spreizte die Beine, warf den Kopf zurck und zeigte eine Landkarte, fixierte ein Stck mit dem Blei am Ufer. Hinter dem Tisch der breite Mann zog den Spitzbart. Vaudreuil sah in die Luft. Das Stck ist zehn Klafter breit, sagte der Verkufer. Vaudreuil zuckte die Achseln. Der andere zog die Lippen nach vorn, schrieb, Vaudreuil zahlte eine halbe Goldrolle, drehte um. An der Tr zgerte er kurz, ging hinaus, kehrte nach zehn Schritten um, zirkelte zu dem Flugebiet, das er gekauft hatte, das ganze Hinterland dazu, sah fragend auf. Der Verkufer grinste und schrieb ihm den Urwald noch dazu. Er mietete ein Rudel Gesindel, fuhr mit ihnen hinauf, lie Htten bauen. Bald kamen Eingeborene. Mit Negern, die er kaufte, grndete er den Kral. Dann warf er das Geld gegen den Urwald. Ein wtender Kampf bellte auf. Der Wald wucherte mit Sumpf und Pflanzen gegen ihn auf. Tag um Tag fra seine Horde sich in den Wald. Er wirbelte die xte hinein, schnitt mit Feuer Lcken, brach Boden auf Boden ab. Er umzingelte mit einer Gasse, die die Kerle schlugen, die dicksten Pltze, hungerte sie aus, verwstete sie, ging zurck, brach vor. Die Sklaven starben an Fiebern. Er schaffte neue Scharen, trieb sie gegen den Wald. Ordnete kleine Gruppen, fiel von den Seiten, vom Rcken gegen das nie angegriffene Urstck. Tiere jagten nachts heraus. Ein Lwe sprang durch das Dach seines Hauses. Er gab nicht nach. Fauchend mit den Stimmen seiner Tiere wich der Wald zurck. Nun sogen Weiden das Wasser aus den modrigen Ufern. Pflge rissen in das Herz des Landes. Ochsenwagen zogen nach dem Strom, warfen das Holz in die Boote, nahmen Saat zurck. Meer von Weizen schlug in schnen Wellen gegen den Wald. Herden suchten morgens, Boden schlagend, den Strom. Das erste Boot fuhr nach Quibeck. Zehn folgten. Seine Wolle fuhr ber das Meer. Schon war der Wald eine ferne Linie am Horizont. In Tonnen und Schuppen stapelten die groen Fischzge. Er legte einen Grtel Ablagerungshuser an. Eines Nachts flog ein Vogel vom anderen Ufer herber, seine Flgel hatten eine grne Frbung. Als er am Giebel sa, begann das Dach zu brennen. Es war der dreizehnte Schuppen. Vaudreuil ritt zum Inspizieren. Er fand nichts. Nach drei Tagen ritt er denselben Weg, lie es wieder aufbauen. Nach einem halben Jahr kam er an einen Zug, der Tonnen Fische hinunterschleifte. Er sprach mit dem Fhrer, sie bogen um eine Waldecke, da nahte ein Zug, es kam eine Prozession. Vaudreuil stieg ein wenig in den Bgeln, kniff die Augen. Dann fhrte er seine Leute zurck, in einem Hohlweg mit steilen Wnden lie er eine Tonne leeren, ritt weiter ein Stck, dann wieder zurck. Sie erreichten den Weg, als die Lufer der Prozession auf den Fischen ausglitten. Sie fielen auf Rcken und Bauch, streckten die Beine hoch, die Zungen heraus, rauften sich an den Haaren. Die dicken Priester fielen auf den Hintern und rutschten auf den Fischbuchen die glatte Bahn herunter. Gescho kam auf Gescho. Den Bischof warf sein Esel ab, er flutschte vorber, schlug mit den Armen wie ein Hher. Vaudreuil zog weiter. Zwei Wochen darauf klopfte es nachts an sein Haus. Woher? Quibeck. Sie machten dem Fremden ein Lager im Flur und lauerten im Halbschlaf mit schrgen Augen, da er nichts unternehme. Am Morgen ging Vaudreuil ber die Diele. Da stand der Fremde auf, griff in die Mantelbrust und reichte ihm ein Papier. Ich will es quittieren, sagte Vaudreuil, kramte in Papieren, sandte dem Bischof fr die Exkommunizierung eine Verschreibung von seiner eigenen Hand. Sie ging auf eine violettblaue Sutane. War vor sechs Jahren ausgestellt. Vaudreuil badete, salbte sich ein Stck, zog Strohsandalen unter die Schuhe, es war Abend. Ging langsam zum Flu, nahm ein Paddelboot, fuhr ab, legte, als der Fluwinkel berfahren war, an im Gebsch, kehrte zurck, trat hinter einem Baum heraus mit einer Peitsche und verhieb Neger, die im Garten tanzten und seine Hte trugen, entlie den Aufseher, der in der Kche sich Pasteten buk. Dann ging er ber die cker zwei Stunden, bis er Wald erreichte. Eine halbe Stunde lang suchte er, die Nase wie ein Hund geneigt. Er fand einen Pfad, folgte ihm bis gegen Morgen. Dann schlief er ein wenig, lief den ganzen Tag weiter ins Innere. Es wurde Nacht, er roch Feuer, schlich sich heran, wartete eine Stunde, schnitt mit dem Messer Gestrpp, verknotete Schlingpflanzen durch, machte einen Bogen, schaffte bis Mitternacht. Dann kam er an den Rcken eines Schattens, hob ein Tuch, war in einem Zelt, zndete ein Schwefelholz an, hielt es mitten in den Raum. Zehn Frauen saen auf Fellen und schliefen. Eine stand auf, schlanker als die anderen, blies das Licht aus. Er nahm sie auf den Arm, trug sie durch das Lager in den Wald, das Kupfer ihrer Haut glnzte unter der Dunkelheit der Zweige. Sie kamen an sein Boot zum Flu. Naimi, flsterte sie. Ihre Augen der zahmen Antilope stellten sich in Rausch schrg gegen die Wipfel, die ber den Mondwellen hingen. Das Rindenboot glitt unter sten mit singenden Vgeln. Ihre Haut roch nach ihren Speisen, nach Wildbret und Beeren. Er strich ihre junge Brust hoch. Perlen, sie lachte gegen die Hand, band sie in die blauschwarzen Haare. Wie lange? Er zuckte die Achseln. Ihr aus den flimmernden Schatten des Waldes heraus geformter goldbraun geschwungener Leib zitterte. Sie hob das Gesicht ber den Rand. Da sah sie in den Mondwellen die Perlen, warf sich nach vorn in die Knie, herber zu ihm, den Kopf auf seine Hnde, die Zunge fuhr ber seine Brauen, die sich im Dreieck zur Stirne spannten. Er weckte sie aus dem Schlaf: Naimi. Sie forschte erschreckt in seinen Augen; als sie Liebe sah, begann ihre Haut sich zu frben. Sie banden das Boot an. Die Sonne ging ber sie. Manchmal erhob sie sich, sah scheu nach ihm hinber. Am Abend fuhren sie weiter. Das Rindenboot schlrfte am Ufer hin im leisen Takt des Stroms. Der Mond brach weich aus allen sten. Ihre Brust war fruchtreif und klein, sie flsterte, erschreckt. Er sah sie an. Sie schlief ein. Sie nherten sich seiner Ansiedlung gegen Morgen. Als sie erwachte, ihn erblickte, war ihr noch munter. Spter hieb er ihr gegen die Schenkel. Sie sah seine Stirn, erbleichte, knackte zusammen. Beim Aussteigen drehte sie sich einmal noch um, ihr schmales Gesicht sah ohne Ausdruck nach ihm. Dann sprang sie in den Wald. Er trieb allein gegen sein Haus. Er kam in seine Faktorei, kontrollierte das Schreiben der Aufladung. Da trat ein Herr herein, grau an den Schlfen. Er ging ein wenig gebckt. Ich treffe Sie doch in Geschften, lchelte dnn. Vaudreuil verbeugte sich wortlos: Courbisson. Der Gouverneur nahm Vaudreuils Arm, sie gingen durch den Garten, das Haus, die Anlagen, ritten den Strom herauf, vorbei an den Ausladehusern. Sie gingen um die Schuppen, Courbisson prfte mit der schmalen Hand die Maiskolben, den Weizen. Er hob die Hand, beschattete das Auge, blickte ins Innere. Er beugte sich noch tiefer: Sie wissen nicht, da ich das, was hier geleistet, von Ihnen wollte, als wir das erstemal uns trafen. Dies alles war meine Absicht. Er fuhr mit der Hand im Kreis herum. Dann nahm er wieder Vaudreuils Hand, er blieb bis zum Abend. Nach Tisch schlief er. Sie tranken Kaffee und spielten. Gegen die Dmmerung redeten sie monoton, einfach. Als es dunkel war, brachte Vaudreuil ihn zu seinem Schiff. Sie waren noch im Garten, und eine Krte sprang schwerfllig ber den Schuh des Gouverneurs. Er stand steifer: Der Krach mit dem Bischof stellt alles in den Einsatz. Ich weiß«, sagte Vaudreuil. Der Gouverneur ging weiter. Von einem Baum knallte eine Frucht. Das Kinn des Gouverneurs berhrte einen Augenblick die Brust. Dann hoben sich seine Achseln, er atmete tief. Am Schiff gab er ihm die Hand: Besuchen sie mich. Vaudreuils Brust hob sich hoch, senkte sich. Am Morgen torkelten ber die Felder eine Schar Weiber, kamen in die Umzunung. Unter dem Schmutz erschien ihre weie Haut. Sie kamen halbverhungert aus den Wldern, wo sie breitschenkligen Huronen nachgelaufen waren, verlangten nach Essen. Sie waren derb und saftig, ihre Kleider von Dornen zerfetzt, manche fast nackt. Die meisten waren betrunken, schimpften vor sich hin. Er lie sie hinaustreiben: Ein Neger erschien mit einem Seil, das ein anderer fate. Eine nahm ein Federmesser und stach es ihm nach der Hfte. Vaudreuil kam selbst heraus, langsam die Treppe herunter. Lie die Sau auf einen Stuhl schnallen, schlagen. Die Neger rissen die Rcke hoch, schlugen ihr die Haut zu Striemen. Sie brllte eine Weile. Dann ward sie still, verkroch sich in ihren Krper wie in eine fremde Hlle. Als sie losgebunden ging, ffnete sie den Mund, sang. Ihre Stimme war angenehm, nicht mehr rauh. Das Lied war von den Vorstdten von Paris. Vaudreuil ging die Treppe hinauf, er hatte sie im Rcken. Sie ri das Palais Royal vor ihm auf. Er bi die Lippen, aber er drehte nicht um. Sie hatte einen roten Strumpf. Dies verlie ihn nicht. Im Sommer kamen die Meerwlfe ans Ufer, schlichen hinauf und schliefen. Sie fuhren mit ein paar Schiffen hinunter, kamen in der Dmmerung an, beschlichen die Pltze in der Frhe, hoben Gruben aus, versteckten sich, warteten. Als die Sonne hei ward, pfiffen sie, sprangen heraus, liefen nach dem Strand und schnitten den Tieren den Rckweg ab. Dann schlugen sie sie mit Knppeln tot. Die Tiere gaben kleine Pfiffe, wehrten sich in schnappigen Sprngen mit dem Maul ber die Luft rasierend. Mde von der Jagd ritt Vaudreuil in die Stadt, suchte ein schlichtes Haus, trat hinein zu Courbisson und a mit ihm. Als er Abschied nahm, sah er, da der Gouverneur sehr grau ward: Er lchelte. In der Hauptstrae standen vor kleinen Husern europische Weiber, hoben die Rcke, wiegten mit den Schenkeln und pfiffen. Er ging weiter, der Geruch gepflegten Fleisches war noch nicht aus ihm gewichen, und er, der die se Frische der dunklen Weiber kannte, war der talentlosen Liebe, mit denen Frankreich berschwemmte, taub. Der Mond kam aus den steifen, hohen Bumen, er ging hinunter, das Pferd am Zgel, sah die Strecke an, kam bis an das Ufer, ritt es hinunter, wo der Lorenzo umbog. Da sah er zum erstenmal seit Jahren das Meer. Der Mond strzte aus den Palmenwipfeln heraus, sank gegen das Wasser. Da brach aus ihm heraus, was er sieben Jahre bezwungen, was aber in der Reibung mit seinem Herzen wie ein Wolf gewachsen . . . er drckte sein Gesicht in den Bauch der Stute, zuckte mit den Achseln. Das Pferd hielt starr und hingebend, obwohl er den Hals mit den Armen ihm verschnrte. Er sprang auf das Pferd, mit trumerischen Zgen trieb es langsam ins Wasser. Wo der Mondstrahl auffiel, spiegelte das Wasser wie Glas, das sich drehte: Das Schlo . . . mit buntem Kies, gebaut fr die Zrtlichkeit der Frauen. Tiefe Fenster whlten in der wollstigen Blumendmmerung. Der Park stand voll vom Duft der Rosen und Jasminen. Schreibend frh morgens mit vier Sekretren, noch feucht von der Haut der Geliebten. Da scho er Tiere. Warf den Krper in das Bassin, das ihn kristallen umschumte. Dumpfe Nchte beim Kartenspiel durchschlug er mit schweiigem Haar. Ein groer Ritt, der ihn mit Ruhm behngt . . . eine Intrige, die in London sich kraus entfaltete . . . mit groen Orden, den Degen am Fu empfing er eine Frstin, die Hand am Schlag und sie warf ihm Blicke zu durch das Glas, das er geschmeichelt nahm. Dann nichts tun einen Sommer, als den Himmel ansehn durch den Regenbogen der Tritone . . . er trieb das Pferd mit Schlgen; das seichte Wasser schumte. Er hob es am Zaum hoch und zwang es tiefer in die Flut. Indem begann der Mund sich zu ffnen, zuerst leise im Rhythmus, dann schreiend sang er, was von der Hure in ihm war. Das armselige Lied befriedigte seine Sehnsucht tief. Als der Gaul versank, schwamm er weiter, der Mond lag auf weien Wellen. Er sang nicht mehr, das Wasser schlug an seiner Kehle und erstickte seinen Ton. Sein Herz war so irrsinnig, da, als der Mund die Flamme nicht ausspeien konnte der Sehnsucht, es pochte dumpf den Namen der Frau, das belste an Erinnerung, die er verachtet, um die er sich geschlagen und die er jedem Lakaien gegeben. Das hatte noch sehr Gewalt in ihm. Als die Kraft ihn verlie und er unterging, kam Wehmut ber ihn, er arbeitete sich hoch, kam mit dem Kopf gegen die Kste, den Mond im Rcken. Da, als er das Land sah, verlie ihn alles, er wute nichts als Leben und das Gefhl des Atmens durchstie ihn so, da er weinte vor Gier, dazubleiben, die Arme zu strecken, nicht zu sterben. Er mhte sich dreimal verzweifelt, die Welle schlug ihn zurck. Keuchend erreichte er Grund, kam an die Kste. Fand sein Pferd, das mit dem Schweif schlug und wieherte. Sein Atem schlug wie eine Sule ber den Sand. Er sthnte, machte drei Schritte, erreichte den Gaul nicht, sondern fiel mit dem Gesicht auf die Erde, breitete die Arme aus, schlief an ihr wie an einer Frau. Spt am Morgen wachte er auf, drehte sich, nahm das Pferd am Halfter und ging nach der Stadt. Er drehte sich nicht nach dem Meer um, sah es nie wieder. Am Eingang zu den Husern stieg er auf, glttete seine Kleider und ritt durch. Am anderen Ende kam ein Reiter ihm entgegen, stellte seinen Gaul etwas schrg, da Vaudreuil halten mute. Courbisson reichte ihm die Hand. Einen Augenblick verweilte des Gouverneurs Auge auf Vaudreuils Stirn. Er sah, da er grau geworden war an der einen Schlfe. Er, tglicher Kmpfe hart im Inneren bewut, lchelte, sagte nichts. In der Nacht in seinem Haus wartete Vaudreuil am Fenster. Der Mond flog zrtlich aus der Waldnacht im Osten. Er sah ihm nach. Wochen lie er sein Geschft laufen. Er sah nach, aber ohne die Schrfe des Blicks. Eines Tags widersetzte sich ihm ein Arbeiter ins Gesicht. Er nahm ihn mit sich in sein Bro. Sie sprachen zwei Stunden. Der Arbeiter kam heraus mit verndertem Gesicht. Nach drei Tagen bernahm er die Leitung einer Abteilung. Vaudreuil rstete sich aus, schaffte zwei Wochen geheimnisvoll. Als er frhmorgens mit seinem Pferd den Garten verlie, stand der Arbeiter an dem Pfosten: Nehmen Sie mich mit? Vaudreuil ward zornig. Dann beherrschte er sich, sein Gesicht ward versteckt, starrte ber die Bume nach Norden. Er schttelte abwesend den Kopf: Ich mu hier einen Vertreter haben, er gab dem Jungen, dessen Augen hell und rgerlich ber die Abweisung waren, die Hand. Mit ein paar Eingeborenen schlug er sich durch. Als die Flsse auf Rindenbooten durchfahren waren, kamen Steppen. Eines Morgens glnzte Wei. Es war der Churchilriver, den noch kein Europer sah. Er berschritt ihn. Zehn Tage weiter entdeckte er Pelztiere, durchforschte die Gegend, legte einen Schuppen, eine Kette Niederlassungen zur Kste an, brach weiter auf. Er kam zu einer Erdspalte, berstieg sie. Wie von l berglnzt, war die Ebene reich gegliedert von groen Seen. Wieder kamen Steppen. Am Rand blieben die Eingeborenen stehen und frugen achselzuckend, wohin er wolle. Er hie sie schweigen und deutete nach Norden. Sie sahen ihn scheu an, folgten. Sie hatten drei Tage nichts zu trinken. Ein Indianer floh. Die anderen fingen ihn wieder. Er lie ihn laufen mit so viel Verachtung, da der sich hinwarf und flehte, er solle ihn nicht verstoen. Aber er nahm ihn nicht weiter mit. Der Wilde folgte im Abstand, schlief, lagerte, a mit ihnen. Am dritten Tag wurden die Stimmen heiser. Morgens tauchten drei blaue Punkte auf. Wilde nahten: hinter den Eisbergen sei das, was Menschen tilge . . . Er ward ungeduldig und schrie sie an. Sie senkten die Kpfe: er wrde ein Greis, bis er die nrdliche Kste erreiche. Sie wiesen Renntierhrnerkeule: es gbe keine Tiere mehr zum Jagen, nur gefrorene Flsse . . . Er zog die Brauen zusammen, da sie im Dreieck standen. Es trieb ihn, er hatte keine Macht darber. Vier Tage zog er die Eingeborenen mit sich Sie froren die Zehen ab im Schnee. Sie wollten zurck. Er schalt: Hunde. Sie zeigten ihre Fe. Er ri die Brust auf. Sie neigten den Hals. Er entlie sie. Im Abstand nur folgte ihm der eine, den er verjagt. Eines Morgens fehlte auch dieser. An diesem Tage traf er Eskimos. Er machte ihnen Zeichen. Noch eh er zu trinken bat, grub er das Zeichen des Meeres in den Schnee. Sie schttelten den Kopf. Er wrde den Punkt nicht erreichen, wo die Unendlichkeit der Ebenen und die Einsamkeit seines Herzens Europa am nchsten seien. Er wrde nicht den magischen Pol seiner Sehnsucht erreichen, den sein Herz unruhig suchte, ohne da er wute, zu welchem Ziel, in welchem Sinn -- -- -- er sah einmal den Kreis langsam herum, dann fiel er ab. Sie schleppten ihn mit sich sdwrts. Als sie Lagerfeuer sahen, plnderten sie ihn aus, eh er ihnen schenken konnte, was sie nahmen, lieen ihn liegen. Halbverhungert wlzte er sich weiter, schrie und verlor die Besinnung. Am Morgen sah er, wie die Indianer aufbrachen, er erhob sich und winkte. Sie sahen ihn nicht. Als aber sein Leben dahinschwand mit den verschwimmenden Konturen der Zelte und Haarbsche, kam die Kraft ber ihn, da er lief wie ein Ochse, sie erreichte, dort zusammenbrach. Sie pflegten ihn durch, zwei Monate lang. Es waren Iroquois. Als er gesund war, hob er nachts ein Zelttuch, sprang hinein, entzndete den Schwefelspan, hielt ihn in die Ecke. Eine Frau stand auf, der schlanke Brste wie Zitronen saen, die den Shawl mit einer gleitenden Leichtigkeit raffte. Sie hob den Kopf, blhte die Nstern der bourbonischen Nase, als rche sie ihn, der Blick der wildsamtenen Antilopenaugen verdunkelte. Sie blies mit einer raschen, schnen Bewegung das Licht aus. Ihr Krper war glatt wie ein Fisch, golddunkel. Sie frug, wie lange, am Morgen. Er schttelte den Kopf und nahm sie mit. Sie kam als erste in sein Haus. Der Arbeiter gab ihm die bersicht der Bcher und trat ein wenig zurck. Ich danke. Vaudreuil gab ihm die Hand. Der Arbeiter errtete, aber, da Vaudreuil nicht weiter sprach, wies er nochmals auf das Neue, seine zehn Pfade am oberen Lorenzo, den Hafen am Ontario. Vaudreuil nickte. Ist es nicht genug? Da sah Vaudreuil wieder ber ihn hinaus wie am Morgen, als er aufbrach. Seine Sehnsucht hatte das Ttige nicht gestrt. Er stapelte auf die Vertrge von den groen Seen, die Abmachungen, die die Jagd am Sklavensee, am Makenziriver in seine Hand gaben. Nun flossen die Felle des Inneren nicht mehr zur Hudsonbay, nun durch ein neues Bett strmte das Innere zu ihm. Nun liefen die Pelze bers stliche Meer, nach Europa. Seine Besitzung am Lorenzo ein Strudel, der das Innere des Landes einsog und herri. Was war das Bisherige gegen diese Leistung, diesen Horizont? Er sah dem Arbeiter ins Auge: Organisieren Sie es. Der zog den Mund zusammen, bckte sich einen Augenblick, hielt dann erstarrt mit geffnetem Mund. Dann ging er hart. Nach einem Monat brachte er das Geschaffene. Er sah auf: Wegweiser, Faktoren, Dolmetscher zogen ins Eis. Die faule Jugend war diszipliniert, stieg in siebenjhriger Probezeit zu hherer Stellung, zu Beteiligung, zu Prmien fr besondere Leistung. Fr Ausdauer stand Lohn, fr Ehrgeiz Befriedigung. Er machte Krfte frei in gerechtem Wettstreit . . . Gut, sagte Vaudreuil. Da nahm der Arbeiter seine Hand, sagte: Verzeihen Sie. Er wollte kein Lob mehr. Kein Trotz war mehr in ihm. Er diente. Als die Frau ihm einen Sohn ins Bett warf, schreiend, da die Mgde im Haus den ganzen Tag zitterten, schenkte er ihr eine Kette mit gewundenem alten Dukatengold. Daran hingen drei achatne Kugeln. Courbisson hielt ihn zur Taufe ber das Wasser, obwohl die Mutter braun war, denn seine Schtzung fr den Menschen war noch geringer als die fr das Beispiel, mit dem Vaudreuil fr das Volk schuf. Am Mittag kam ein Bote, der die Nachricht hatte, da ihm die Heimkehr frei sei, da unter anderem Gesetz die Stadt stnde. Er ging zurck in den Schatten, wohin die Kerzen nicht langten. Er wrde Ruhm haben, Vermgen, Macht, Frauen. Er sah durch das Fenster, wo die schwere Silhouette des Waldes noch sichtbar in der Ferne schwang. Es ging ber sein Gesicht von oben nach unten, von den Wangen ber den Mund. Der Gouverneur zitterte an der Hand, die den Hut hielt. Vaudreuil uerte sich nicht. Im Frhjahr verschwand er einige Zeit. Rastete an Feuern, an Seen, Flssen, den groen Hauch des Daseins sprend, ging mit Zeit, mit Woche und Jahr. Der Erde und ihrem Rcken verschwistert, die ihn mit Blut und Saft bis ins Hirn durchsplte, gingen die Nchte ber ihn, die Schwingen des Sternkreises, der Monde. Er sprang in dieses Zelt, er zndete Hlzer an, er verlie es. Er hob das Tuch im Wald, auf der Steppe. Nahm jene, dieses, schwankte, lie liegen, holte zurck unter Lachen. Schichtete um sich in Zellen brausend Gelebtes, reich Durchgegangenes, hielt nicht an dieser, jener Frau, glich sich aus in der Bewegung. Am zwlften Geburtstag seines Sohnes kam er von einer Kontrollfahrt. Er ging sofort in das Zimmer, wo von einem Hausmeister und Lehrer er das Kind erziehen lie. Von dort durch die Diele, kam er ins Boudoir seiner Frau. Er sah sie vom Rcken, sie stand vor einem Spiegel und kmmte ihr Haar. Ihre Lippen leuchteten voll und rot, der Nacken fiel mit der Gltte der Schlange und als sie sich ihm zudrehte, standen ihre Brste klein und gegen ihn gereckt. Da sah er eine Flechte an ihrem Scheitel wei, trat zurck, erbleichte. Ging vor bis dicht an den Spiegel, sah ber den straffen dunklen Zgen sein Haar hell durchblitzt, strzte hinaus. Drei Tage trieb er wie irrsinnig durch das Haus, durch den Park. Des Nachts brach er auf. Am Pfosten der Tr versuchte er seinen Muskel. Er warf ihn auf. Sein Gesicht ward sicherer. Am Abend schmerzte ihn sein Fu. Er wurde kleinmtig, ging gesenkten Kopfes, setzte sich auf einen Stein. Als er die Stelle untersuchte, war es eine Quetschung. Sein Auge hellte auf, als er die Ursache sah. Er kam an den Elkflu. Zog nrdlicher. Kam an den Athalaskasee. Schuf die Riesenfaktorei am Winnipegsee, nun wrden Tauschwaren in alle Eisbezirke laufen. Der Norden war aufgesprengt. Keine Aufgabe weiter . . . Am Morgen erhob er sich, drang weiter vor. Unsinnige Angst, da das Alter nahe, da er nicht mehr folgen knne, wenn sein Herz ihn hineinstie in das Sehnschtige, Dunkle. Er bertrieb seine Kraft, sich selbst davon zu berzeugen. Er lag zwei Monate krank in einem Httenlager. Gekrftigt, sofort trieb es ihn hoch hinauf. Er kreuzte durch verschneite Prrieen am Hudson. Eingeborene wiesen ihn stlich, wo groe Herden der Pelztiere seien, Ebenen mit hohem Gras, Ochsen mit gestreifter Haut und sulenhohen Hrnern sprngen. Aber sein Herz schlug: Nach Norden . . . Er werde sterben. Es kmmerte ihn nicht. Sein Blut klopfte dumpf gegen das Dunkle vor ihm, sein Herz kannte nur in ungeheurem Zittern einen Pol. Er kam an einen Flu. Aus der Entfernung einer Meile kam sanftes Gerusch. Er schlich sich an. Ein Graben deckte ihn. Wie Affen standen Tiere um einen Baum. Sie sttzten sich auf breite Schwnze, hatten die Vorderbeine an die Rinde gelegt. Mit weien Zhnen sgten sie nach gleichem Takt den Baum durch zwischen den Spalten ihrer Gnsefe. An der Ecke saen zwei andere, machten Gesten, schrieen; womit sie andere warnten, ber die Linie zu treten, in deren Radius der Baum wohl fiel. Nach dem Ufer zu zog sich eine geordnete Kolonne, die ste trugen. Der Flu war eine unmebare Wabe, aus der die Kegelhtten hervorstachen mit den Spitzen. Dazwischen ein Gewimmel von Tieren, die am Damm bauten, so weit er sah. Auf dem Flu schaukelten Rosaschatten, der Abend fiel langsam. Die Dmmerung hllte das friedhafte Summen der bestndigen Arbeit in stumme Seligkeit. Der Mond schwang darber, es nahm kein Ende. Der Mond bewegte sich in der Elegie des ttigen Konzertes, der Baum fiel, aber er strzte, als der brausende Rhythmus der Tiere auf der Spitze der Empfindung schwoll. In langen Kantilenen zernagten sie die ste, bauten, schufen, langsam klang die Nacht mit allem Gerusch in die beruhigende Kraft des Tieres. Er machte eine Skizze, hielt den groen Biberplatz in der Hand, schlich zurck, kroch in seinen Schlafsack, warf sich zwei Stunden herum. Dann stand er auf. Zerri den Plan. Hatte genug Vermgen. Langsam begann er zu weinen. Etwas stieg auf, erhob ihn und durchdrang den berschwang an Dunklem, das seine Seele mit groen Trieben hinri da und dort, aber immer in einer Richtung, die sinnlos war vor unbewuter Sehnsucht. Das Gefhl erfllte ihn ganz bis in die Kammern des Herzens, bis in die Poren der Haut, den Wuchs des Haares und gab ihm eine Schwingung, die er nie gepackt. Hingerissen, zwischen den Schwngen des rastlos Stoenden, das ihn wegblies wie gegen den Mond und zurckstie gegen den Boden, den er baute . . ., in einem unirdischen Ruhepunkt erlebte er die glcklichste Stunde seines Lebens. Er rhrte kurz an die selige Beruhigung, die als Achse zwischen den Wagen seines Herzens stand. Auch dies verlie ihn nie. Mit hlzernen Schlittschuhen trieb er das Eis der Flsse sdlich. Schon kam Grn, Frhjahr wucherte aus verhaltenen sten. Vgel begannen unwiderstehlich zu kommen aus den monderhellten Dunkelheiten des Waldes. Von einem Hgel sah er zum Strom. Tausende Habitants, Sklaven, die die Maisfelder dunkel machten. Riesenbogen der Landschaft gegen den Wald gespannt. Eine Kette wie von ausgelaufenem l . . . die Schuppen, die den Flu grteten. Schiffe schwankend zum Meer und zurck, Herden, die brllend aus den Weiden zum Wasser stampften . . . ein groes Tagewerk. Langsam schritt er hinunter. Was blieb noch? Er lie die xte Jahre gegen den Urwald trommeln. Feuer qualmte am Horizont. Menschen eroberten sich Erde, Acker. Es geschah mit Ruhe. Er verlie sein Haus nur zur Jagd. Sein Auge verschleierte sich langsam. Er lehrte den Sohn, den Wolf auf die glhenden Augen schieen. Eine Erkltung schlich ihm von den Beinen gegen die Brust. Er stemmte sich etwas dagegen. Dann lag er ruhig, als er sah, da es nutzlos war. Er lie das Bett herumstellen. Sein Scheitel stand zum Flu. Sein Auge sah in die Landschaft. Bis an die Grenze der Wolken getrmt alles sein Werk. Er hob die Hand ber die Brauen. Die Silhouette des Urwalds war zurckgewichen. Er sah sie nicht mehr. Dies wurzelte. Was blieb? Der Tod. Er wartete acht Tage. Die Wolken staffelten Terrassen und flogen blitzend. Sein Herz begann zu schmerzen. Aber mit den Schmerzen lste sich der Bann und die ungeheure Treibkraft brach auf, und besinnungslos berfiel es ihn vor Angst des Todes. Das Quellende, Heie, das was flatterte und sich bumte, hob sich innen gegen dies kalt werdende Fleisch. Niemand kam zu ihm. Allein lag er sthnend, wnschend. Dazwischen fluchte er, kmpfte mit aller Kraft. Er nahm ein Tuch und band es sich um das Kinn und den Kopf, da er keinen Laut gebe. Aber seine Lippen sprengten sich auf und sthnten: Jardins . . . du . . . palais . . . royal. -- -- -- Es war das Lied der Hure. Aber auf der Spitze des Schmerzes fiel das Weh in sich selbst zusammen. Er lie den Sohn rufen. Sein Gesicht war klar. Er lebte noch einen Tag. Als der letzte groe Griff gegen das Herz ging, flsterte er: Der Biberplatz. Ich verstehe dich nicht, sagte der Sohn. Der erste Abschnitt Der schlief mit einer Dnin mit gelbem Fjordhaar. Er lebte ruhig, stiller als Mnner, die seinen Stand hatten. Er kannte keine anderen Frauen. War rundherum sicher, wute, was er tat. Als der Bogen beendet, starb er mit gleicher Ruhe, wie er dagewesen. Sein Sohn glich ihm genau. Er hinkte mit dem linken Fu, hatte blaue Augen zu dunklem Haar. Der Besitz wuchs, indem er ihn erhielt. Er hatte drei Shne, einen erschlug der Blitz, der andere scho sich vor den Kopf. Der Letzte blieb. Er spielte am Strand, war trumerisch und ernst. Sie lebten nach innen in der ganzen Linie. Nichts stie sie aus dem Kreis heraus, den Landschaft, Erdgeruch, Besitztum um sie schlug. In der Pause erholte sich die Generation, schpfte Atem, schluckte nach innen, in sich hinein. Als Daisy die Mutter verlie, flaggten die Schuppen bis Quibec, pfiffen die Dampfer Schleifen und Spitzen bis zu den Groen Seen. Die Sonne schlug durch den Zenith. Am Abend starb die Mutter. Der Vater trat ins Zimmer, duckte den Nacken etwas, schwieg. Schalen flammten in kurzer Nacht, umglnzten Daisys ersten Tag. Der vierte Vaudreuil nahm die Hand des Bischofs, es sprhte in besinnungsloser Trauer ihm das Gefhl der Ehre. Chorknaben durchsangen die Rume, schwenkten das Rauchfa. Abordnungen des Hudson neigten das Kinn gegen die Brust. Im Fensterglas spiegelte ein Segler, der mit halbgehiter Fahne vom Ontario kreuzte. Nach dem Essen legte Vaudreuil die feine hart gebogene Hand auf die des Bischofs: Sie irren, Eminenz, ich setze sie im Garten bei. Er stand am Fenster, sah, ungerhrt, bewegungslos den Bischof hinabgehn, die Turbine des Motors schumte weg von ihm, warf ihm Blasen, Wellen zurck. Abends kam fr Daisy eine eingeborene Nurse. In der Nacht verbrannte er seine Frau im Garten. Die Nurse senkte die Gardinen. In der Dmmerung erst ging Vaudreuil zurck ins Haus. Abends trat er in ihr Zimmer. Als er die leere Bettflle sah, den faden Geruch sprte, begriff er erst. Blieb die Nacht wieder drauen, baute mit vier Grtnern eine Htte ber der Asche. Jeder Windsto erregte ihn. Morgens ging Brise. Die Angst wuchs, die Asche werde verweht. Sie war das Letzte. Von Montreal brachte der Bote den Wagen mittags. Brown, anglikanischer Pastor, sprach Gebete. Frher wagte Vaudreuil nicht, die Asche zu sammeln, so schmerzlich seinem Herz, das ohne schlagende Drnge nur Liebe kannte zu Respekt und Hergebrachtem, der Priester anderer Konfession war. Er trug die Vase selbst ins Zimmer, mit straffen Beinen. Dort fiel er zusammen, schlug die Arme auf den Tisch. Langsam, fest wuchs er in Stunden zurck, bis er senkrecht sa. Er wrde weiter leben. Auferlegtes Werk weiter verwalten, dies Schicksal tragen, dieses und jenes, wie alles, das er, Erbe, trug. Doch ohne diese Frau, . . . er schlo die Augen. Brown zog in die Familie ein. Vaudreuil band ihn an Haus, Besitz und Ttigkeit. Htte ihn um sich gehalten, stnke er wie Aas, verga ihm das Gebet nicht. Nichts htte dies zwischen ihnen herausgejagt. Doch Brown gewann nicht ganz Boden. Der Lebensschlag verwirrte ihn hier. Liebe aber wischte ihm das andere immer hinweg. Er sprach eckig, unfrei, seine Handgelenke, unter flatternden, fliehenden Manschetten, waren gertet. Einmal erleichterte er sein Gewissen, schlug den bertritt vor zu seiner Konfession, dies eine Mal gab Vaudreuil keine Antwort. Nichts war gesagt worden. Brown war es los. Vaudreuil rief den Vorstand der achten Abteilung, zog aus den Akten ein Bndel, legte ein Papier auf: Sie irrten. Ich wrde bedauern. Der junge Bursche trug den Fehler selbstbewut. Sie haben zum zweitenmal geirrt. Zu Ihrem Vorteil. Das spielt keine Rolle. Das dritte Mal entlasse ich Sie, so sehr Ihr Eifer anerkannt wird. Er drehte sich um. Der Vorstand trat vor, bleich, einen Zahn in der Lippe. Vaudreuil nickte ber die Schulter, der ging, errtete vor Freude. Die Ledertr fiel. Vaudreuil senkte sein Gesicht. Das Gehaltene verlie ihn, die Augen sahen durch die Papiere, Holz, Wand. Er ging in den Garten. Jeden Tag ward die Frist grer, die er blieb, die Intensitt erschreckender, mit der er die Arbeit zusammendrngte, durchfuhr. Brown sprang ein, wagte es (was allein er konnte), legte die Hand auf seine Schulter, schlug einen Wechsel vor, des Wohnorts, der Luft. Vaudreuil schttelte es ab. Generationen hatten hier gelebt. Er blieb. Brown deutete den Kiesweg runter, wo die Nurse das Kind heraufschob. Es handelt sich nicht um Sie. Vaudreuil erblate etwas, er erkannte. Schwankte, ohne zu zeigen, was vorging, einige Tage. Dann entschlo er, ging aufs Ganze. Teilte; arrangierte die bersiedlung zu den Ottava-Mhlen. Nachts schlief er am Lorenz, war sein Plan. Morgens fuhr er im Auto zum anderen Stromhaus, abends wieder zurck. Er hielt auseinander. Da starb die Frau. Dort lag sein Werk. So hielt er Gleichgewicht, indem er nicht mischte. Brown nickte in der Sitzung: Sie bleiben auf eignem Boden. Der Vorsteher der Bros zog zwei Kreise, die sich durchbohrten: Der Schwerpunkt der Affren fllt nach Westen. Nickte. War Franzose, der Plan war sein alter Plan. Es geht um die Gesundheit, Fidley. Zaudern Sie nicht, das zu begreifen, sagte Vaudreuil. Mittags fuhren sie im Auto den Lorenz hinauf, folgten ihm in Launen, Schlgen, Schnellen. Der Wald war dicht voll Saft, Sonne spielte in fetter Luft. Vgel schrieen. Schlugen hmmernd hinaus in Weizenebenen. Khe tollten unter Bumen, grad gesetzt, trchtig von Frucht. Blauer Himmel stieg vom Waldblock herauf, berflog sich taumelnd. Die Nurse sa neben Daisy. Der Wagen schwenkte nach Norden, fuhr an neuem Strom. Hinauf, hinauf. Ein Gartenhaus stand unter Blumen. Ottavagemurmel nickte, schwamm um jeden Kelch. Der Wagen hielt. Die Nurse packte Daisy. Sie stiegen aus. Daisy schrie hell und scharf, verstummte, wachte auf. Lange dunkle Wimpern brachen auf. Grau und sthlern nahm der Blick die Landschaft, saugte sie ein, als bese er sie. * * * Kam sie am Arm der Nurse schlenkernd herauf vom Flu, rollten die weien Sonnen der Sgen ber ihr im Himmel. Gegen die Dmmerung heulten die Dampfhhne, Feuersignale schossen aus Schloten herauf, herab. Um sie wimmelten Menschen, grinsten mit gefletschten Zhnen, verbeugten sich, trugen Hte in der Hand an ihr vorbei, Weiber drngten um sie Koseworte herum. Die Rollketten der Wegbahnen knatterten sich in endlosen Ellipsen um den Horizont herum. Am Garten begann Duft sie zu berfallen. Aus Kronen seltsam geformter Bume schttelten sich Schatten herunter, trieben im Geruch. Nachts schlief sie auf dem Geschaukel des Ottavageruschs. Es fllte langsam, wachsend ihr Ohr. Im Garten suchte sie Syg, Tochter der Nurse, hob die Goldregenzweige, suchte ppige Grasrosenstnde durch, zirpte in Schneeballendickicht, Salmweiden: Syg. Sie schritten mit langen dnnen Beinen ber den schiefrig blauen Kies; setzten sich auf die Bank in die Sonne, sahen nach dem Haus. Verschwand der Kopf der Nurse, streckten sie Zungen heraus. Erschien er, scharrten sie trumerisch mit den Fen, preten die Ellenbogen aneinander, verklucksten sich im Gegen-den-Boden-Lachen lautlos. Pltzlich drckte Daisys Hand die Sygs hart. Die Zweige hinter ihnen wogten und schluckten, fuhren rckwrts. Nach der leeren Bank flog der Nurse Geschrei. Zuerst liefen sie durch Dickicht, Primelbeete, sodann kam das Hundeloch im Zaun. Hundert Meter dahinter flimmerte Prrie. Unten tief in der zitternden blauen Dunstwolke, die die Erdscheibe abbog, kam im Halbbogen das Atmen der Grser in endlos wellender Flut sanft herauf. Unsichtbare Vgel sangen gedmpft aus dem Tau der Halme. Das Licht flo auf der Stille, wiegte, glitt. Sie schlichen bis zu drei Termitenhaufen. Unordnung kam in die brausende Stille, vom Zaun kamen Rufe. Sie lagen eine Stunde still im Zittergras, trauten der eingebrochenen Ruhe nicht, die ber sie spielte, frchteten das Sphauge, die schlaue Lauer der Nurse. Dann zog Syg die Mittelfinger aus den Ohren. Sie hatten nichts gehrt. Daisy hob die Nase. Sprangen auf. Drauen kam ihnen Wind immer strker, und wie sie liefen, knatternd sturmhaft um die Schlfen. Sie banden vom Leib sich Tcher ab, lieen sie hinter sich schwenken. An der Erhhung blieben sie stehen, drehten sie um sich langsam im Bogen. Die Sonne fing an, danach sich zu richten, lief mit ihnen im Kreis, sprang aus einem Tuch in das andere, mitten stand ein roter Knopf in das Viereck hineingerollt. Hinter der Schanze kam der Nurse Hand, fate Daisys Gelenk, Sygs Ohr. Auf Sygs Gequietsch legte Daisy die Hand auf der Nurse Leib, stampfte mit dem Fu auf, das Wei des Auges bekam einen kristallischen Kern. Do . . . do . . . Daisy, lockte die Nurse, knotete den Schrzzipfel, tuschelte damit zu dem Kind, schnalzte mit der Zunge, hob wie der Kordelhanswurst die Arme. Die Kinder lachten, hingen an ihren dicken Schenkeln. Mit acht Jahren war das Tor frei, das Loch verachtet. Sie trugen gleicherweise dnne Seide, dieselben Rcke bis zu den Knieen, Shawls ber den Schultern. Drauen zogen sie die Schuhe aus. Daisy bog sich in den Lenden vor, ging steif auf den Zehen, die Hand mit gerundetem Daumen nach unten. Sie scho nach unten, hob eine Echse, genau am Hals gefat, ohne den Schwanz zu beschdigen, hoch. Der grne Leib zuckte, der Kopf fuhr unruhig zngelnd herum. Ri einen roten groen Klapprachen auf. Ihn hielt Daisy an Sygs Hand. Die schrie und machte die Faust. Daisy hielt ihre Linke darber, den Zeigefinger hinein. Wurde bleich, aber machte nichts, als es klappte. Es tat kaum weh. Syg lag am Bachrain ohne Mucks. Kroch auf den Vieren weiter, blieb wieder Beine, Arme weggestreckt. Eine Grille schrie, Sygs Hand machte einen Bogen. Der Schatten des Armes aber lief eilender, das Tier verschwand. Auf den Knieen kreist sie herum, hing ber dem Mausloch in Parade gegen die Sonne zu. Dann Ruck auf Ruck kam das Tier. Sie fing es wie eine Mcke ab, fegte es in die Faust. Stie mimutiges Geplrr aus, das Ungeduld bewies. Schlenkerte zu Daisy, blieb neben ihr, setzte von hinten das Tier ihr in die Brust. Daisy lief aufschreiend, beide Arme im Busen suchend, ein schmaler Hund lief mit, bellte leis auf, fra die Grille, die unten aus dem Rock fiel. Sie tanzten zu dritt im Kreis, schlugen die Arme jedes quer ber den Bauch vor Entzcken, traten das Gras, das unter ihren Beinen elastisch wieder sich erhob. Tiefer in der Prrie bckte sich Daisy. Syg sprang ihr auf den Rcken, sah sich um. Dann zogen sie die Hemden aus, schlichen, die dnnen schlanken Rcken neben den Grsern, zitternd auf hohen Beinen nackt bis zum Baum. Sie legten die Hemden auf den Termitenberg, warfen zwei Steine hinein, sahen Tausende darber wimmeln, Saft darauf spritzen. Erkletterte ein Outsider eine Wade, hupften sie rehhaft herum, schrten aus Rache neuerdings in dem Haufen. Dann griffen sie die Hemden heraus, liefen damit weit weg, schlten das letzte Tier heraus, schnauften, legten die Gesichter in das Leinen und sogen bis zum Rausch an dem Saftparfum. Als Pferde erklangen, lagen sie tief im Gras. Fidley ritt aus dem Hochgras. Sie sehen sich hnlich. Sie sahen sich an. Syg ist dunkler, sagte Vaudreuil nach einer Weile. Im neunten Jahr brachte Brown die Gouvernante ins Bro. Vaudreuil nickte hinter dem Schreibtisch. Die harte Figur der Frau schob sich zu einem Knotengeflecht zusammen. Dann wandte sie sich breit zu den Kindern. Daisy gab abwesend ihr die Hand. Vor Syg harrte die Frau einen Augenblick im Zweifel. Was in Daisys Blick an Zgerndem, Zweifelndem schwebte, ward fest. Sie nahm Sygs Hand, legte sie in die der weien Frau. Dann trat sie zurck, lauernd, legte den Arm um die Taille der Nurse. Nun lockte die Gouvernante den Widerstand aus Daisy heraus. berraschte sie mit neuen Dingen, Sachen, Sprchen, Bildern. Sie bezog alles, was sie gab, auf sich, als schenke _sie_ den Eifelturm, _sie_ den Tegernsee. Sie machte Geschenke, nichtswertendes Zeug, das aber berraschte, einen Haarring, ein Ericri. Sie sah die anknospenden kleinen Brste, wo die Warzen schon unter sanftem Rotsaft standen. Lobte die Glieder, den Hftschwung zum Becken, die Lnge der Taille, die untadelige Wlbung, mit der der Schenkel abbog, mit der das Knie in die Wade absank. Du, du. Welche Gre habt ihr an Land. Da werden Schiffe anfahren von drben, Prinzen kommen, Daisy zu sehen, und diese und diese Fahne wird aufgehit. Aber der Reflex war von Daisy ein stummes Fragen. Anders sah sie das Weib nie an. Da machte diese den ersten Umweg und verwhnte Syg. Sie behandelte sie gleich einer Dame. Da von Dienstboten Sygs Stellung gleich der Daisys gehalten ward, solange sie Kind schien, aber nicht gefestigt war fr weiterhin, verwhnte sie sie damit. Du fhrst dann in Autos. Durch Stdte drben, sitzest in Konzerten. Du hast Perlen, Syg. Syg lachte. Ihr imponierte mehr Klnisches Wasser, das sie auf die Haut strich, das bitzelte und khlte und roch. Ihre einfache Dankbarkeit kam der Frau entgegen. An Daisy aber glitt Sygs Lobgesang vorbei. Nun schlug sie die zweite Umwegstour und machte sich an die Nurse, nannte sie Mi und schenkte ihr Tcher. Gab ihr einen Spiegel. Schwabbelnd hing die Nurse an ihren Rcken, sprach nur noch von ihr. Die Kinder lachten. Da machte das Weib die umgekehrte Taktik, versuchte die Nurse auszutreiben, weil hier der Liebespol der Kinder lag, den sie umleiten wollte. Sie nannte die Nurse Diebin, machte aus dem Spiegel eine verdrehte Geschichte. Aber mit Feuer traten die Kinder vor die Nurse. Das Bild der prallen Brste, aus denen sie erstes Blut gesogen, lag ihrem Hirn so eingebrannt, da kein Verdacht, selbst keine Tat es hinausgewischt htte. Dies gab einen vollen Ri. ber ihn hinber lauerten die Beiden. Da versuchte die Gouvernante das letzte, doch es war hirnlos. Sie rckte sich dem Gestirn zu, aus dem Schatten nach Vaudreuil, suchte ihm aufzufallen, an ihm sich zu halten. Er sah sie nicht. Nachts kratzte es an Daisys Tr. Sie ffnete. Syg gab das Zeichen. Daisy zog die vom Weib verbotenen alten Seidenkleider an, sie verlieen auf bloen Zehen die Zimmer, zwischen denen das der Gouvernante lag. Mondlos. Dnne schwarze Schatten liefen sie unter dem Himmel. Zwischen Sternen schossen unaufhrlich Wolken. Sie hatten nasse Fe vom Grastau. Syg . . . sieh. Sie hob die Hand ber die Augen, die Nasenflgel bebten. Feuergeruch schwebte mit kleinen Rauchsulen hintereinander deutlich herauf. Weit du es, Syg? Syg nickte. Weither? Syg starrte, sagte leis: Viele Tage. Daisy legte die Handflchen auf den Mund. Aus dem Dunkel kamen breite groe Flchen. Um die Rnder band sich weier Rauch, soda es schien, sie flgen, dazu wellte der Flu Nebel in zuckenden Linien um sie hoch. Die offenen Feuer schlugen in den Dampf hinein; brachten ihn zum Feuerexplodieren, Fcherstrahlen, Prismenschleudern. Gestalten huschten herum, sprangen schwarz von einem Ende zum andern. Ein riesenhaftes Ruder ward erfat von der Flammenspiegelung, bis an den Horizont aufgeschwungen. Lautlos glitten die Fle so herunter. Syg legte sich auf den Bauch. Die Stille summte von den Weiden herab. Los, stampfte Daisy ungeduldig. Syg legte die Wange gegen die Erde, stellte die Zunge gegen den Backen, lie sie dann herausfahren. Zwei wimmernde Tne stiegen steil durch die Luft! Pha . . . lux. Auf dem Flu erfror die Stille. Eine Sekunde setzte der Flulauf aus, gebar sich Leere, atemlos. Dann flog der gleiche Ton auf, langsam, weich und gedehnt am Anfang, zitterte auf, sank ab. Das zweite Flo fing ihn auf, lie ihn nicht verhallen, setzte in der leisesten Verhallattitde ein, schwang ihn hinauf, warf ihn hinter sich. Das dritte bog ihn, ferner schon und daher wehmtiger. Er schnellte den Flu hinauf in Springkurven, fiel irgendwie in den Horizont, dessen Mondaufganglicht ihn hochsog. Sie gingen Hnde ineinander zurck, Syg mit Tanzzucken, das sie unterschlug, im Knie. Im Korridor stellte Daisy ihren Fu genau so, da sie mit dem anderen ihn schnitt. Stolperte, schlug mit den Hnden gegen die Wand, stie einen Sbel herunter. Syg hickelte erschreckt. Halbangekleidet stand die Gouvernante im Gang, mit strohigen Zpfen, ein dnnes Nachtlicht in der Hand: Woher? Vom Garten. Was war im Garten? Nichts war im Garten. Lauerndes Schweigen. Syg, sagte die Gouvernante, die Stimme berschnappte sich. Wir waren beide im Garten, sagte Daisy schnell. Syg, ihr Licht schwankte, sie keifte. Hier, Daisy warf Syg zurck, wiederholte Sygs dunklere Stimme, drang ins Dunkel vor, empfing zweimal die knochige kalte Hand ins Gesicht. Am Morgen sa sie auf der Terrassentreppe. Am Auto kte sie sich mit Vaudreuil, gingen die Treppe hinauf. Als Vaudreuil sie vorgehen lie durch die Tr, sah sie schrg zurck: Was sagten Sie, wenn die Dame Syg schlge? Eiskalt, neugierig ihr Blick. Es wrde an Syg liegen. Sie war stehengeblieben, etwas drngte ihn zurck, das hartnckig tiefer herkam als die gleichgltige Frage. Wenn es nicht an Syg lge . . . Es wrde wohl an Syg liegen . . . Da entfaltete sich ihre Stirn, hochmtig, sie gab es preis: Sie irren Papa . . . aber -- wenn sie Daisy schlge und es lge nicht an Daisy . . . oder: es lge selbst daran. Die Frage schwebte zwischen ihnen, erhielt langsam Spannung. Vaudreuil sah die Wange, die ihm sich entgegenreckte. Sah kurz zu Boden. Ich ordne es. Sie glitt zur Seite. Er ging hinein. Gegen Mittag fuhr das Auto vor. Die Gouvernante darin, Brown stieg zu, winkte an der Ecke. Die gerteten Handgelenke stiegen hoch, die Manschetten waren auf der Flucht. Syg lief ein Stck nach, schwenkte eine Pfeifenstrauchrute. Ich wollte noch sagen, es ist das gleiche: ich und Syg. Daisy sah auf ihre Ngel. Vaudreuil fuhr mit der Hand hoch, als ob er ghne: Es ist nicht das gleiche. Aber du kannst es dafr halten. Sie sah nicht auf. Nach drei Tagen, als das Auto einfuhr, brachte Brown ein blondes Geschpf, zitternd vor Angst, voller Hingebung, dnn an Organ und Haltung. Sie erschrak heftig vor Daisy, verehrte das Kind, war hilflos, gefllig. Diese Gte belstigte Daisy. Sie verachtete dieses Wesen ein wenig und bemitleidete es dunkel. Ein junger Mann tauchte spter auf, lehrte alles, wute alles, trug ein Pincenez auf kleiner Nase, zog einen steifen Kordon um sich, den seine korrekte Ttigkeit umschlo. In allem brigen blieb er entfernt. Die Mhder gingen im Blau des Damms wie im Himmel entlang. Khe dampften vor den Wagen. Als der Stier brllte, rasselte der Horizont es rundherum wie ein fliegendes Gong. Tausend kleine Blitze schossen im Gras die quer. Sie gingen ber die Biberwiesen. Syg, waren es Chipeways . . . sag. Chipeways. Sie starrte in das Summen der Hitze. Fahren sie lange auf den Flen? Syg dachte an die Nurse: Zwei Monate, sagte sie unsicher. Daisy zog einen Halm durch den Mund, kaute, schwieg. Die Arme auf dem Rcken schlenderte sie vor die Nurse: Du . . . du . . . ei, habe ich Chipewaysblut ein wenig von frher? O . . . o . . . do . . . Daisy . . . das sind Hurons. Aber sind diese grer? Kopfschtteln. Sie ging. Ging sofort in das Bro, stellte sich neben die Ledertr an die Wand, lautlos. Der Sekretr raffte zusammen, knickte ein, ging. Ein Vorstand kam, referierte, ging rckwrts hinaus. An zwei Stenotypistinnen erging ein niederprasselndes Diktat. Eine Kommission trat ein. Da sah sie Vaudreuil. Sie ging sofort bis an den Tisch, legte die Hand darauf, sprach. Vaudreuil kniff die Mundwinkel ein, um kein Zucken zu verraten, nur die Lider blinzelten. Du hast es von beiden, durch Mtter und Vter. Sie blieb stehen: Syg hat auch von Chipeways. Aber du hast edleres. Da errtete sie, ging eilig, sicher hinaus. Sagte Syg nicht, da sie edleres habe. Liebte Syg ber jedes Schweigen hinaus, wie nichts. Zum vierzehnten Geburtstag schenkte Vaudreuil ihr ein eigenes Pferd. Abends ward sie ohnmchtig. Das Blut verlie zum erstenmal die Muttergrube, sprudelte aus ihrem Leib. Drei Tage lag sie. Als sie herauskam, war sie Frau. Auf der Haut sa ein glatter Reiz, um den Gang flo ungewisser Zauber, wiegte hinter ihr her noch wie Zurckgebliebenes. Nur die Augen wurden heller, besaen mehr Kraft und Wissen zu durchdringen. Sonst zog sich alles von oben zur Brusthgelung, unten von Fu und Knie und Hfte zum Mittelpunkt des Leibes hin zusammen, soda das Weibliche, Auffangende und im Wechsel Hingegebene deutlich ward. Das Frulein spielte groe Kantilenen. Die Wochen wurden lang dadurch und hingezogen. Es war, es kme Erlsendes, Rufendes von fern. Erlosch wieder. Die Jahreszeiten nderten sich, ffneten wie Kapseln ihr Gehus, gebaren, stubten ab, doch das Geheimnis, das ihnen innelag, uerte sich nicht. Das Haus ward eng unter vieler Musik. Sie schlug den Blick zum Plafond, hate Klavier und blonde Haare, aber sagte es nicht aus Bedauern. Auch der Garten war schon Grenze und selbst das Hinundherreiten, das ins Wunderbare ging und endete, hatte schon das Bekannte, hatte Meilensteine, Hrden, an denen es zerschellte und vor denen das Weite erst brllend vor Verhaltenheit lag. Noch ritten sie um das Rondell, sattelten selbst. Schon lag der Zauber halb verblttert, reckte darber her anderer sich schon bitter, lockender und schwerer im Blut aus der Unbekanntheit her auf, ohne da man wte, welcher, woher. In einer Lichtung bekamen sie Durst. Syg fand einen Ahorn, schlte ihn an, bohrte ein Loch hinein. Aus einem dicken Halm sogen sie den gelblichen Zucker. Als sie, satt, nach den Gulen sah, umdrehte, starrte Sygs Kopf glasig und eingefallen. Die Kupferhaut war molkig. ber ihrem Kopf sa unregbar mit vorgeschossenem Kopf, noch schwebend, die Schlange. Daisy sprang vor. Nun war ihr, sie fliege. Nun kam, erhob sich Unbegreifliches, streifte sie mit Seligkeit. Ein ganz leiser Schrei verlie den Mund, die Augenbrauen standen im Dreieck. Grau und khl, flimmernd, neigte ihr Blick sich gegen den des Tieres. Der Baum raschelte, es pfiff und klapperte im Gest. Auch Syg drehte sich nun ihr zu, weinte in ihre Hand. Aber sie fieberte noch auf dem Pferd, hatte Aufruhr in den Knien, wogte mit der Brust. Unglcklich verging die Nacht. Es war aufgestanden in ihr etwas, hatte sie gestreift, sie wute nicht, wie, wo, welche Sache. Es hatte gebumt und sich geduckt. Sie fror. Die Siebzehnjhrigen bestiegen einen Dampfer, den Brown gechartert hatte, wei wie Porzellan. Sie reisten ins Innere. Das Frulein, der Lehrer bezogen Kabinen. In hellen Kleidern lehnten die Mdchen am Reeling. Vaudreuil winkte herauf vom Land. Browns Arme schlugen Rudertakt. Daisy schmollte den Mund schief. Noch einmal: Komm. Vaudreuil lachte, schttelte den. Kopf. Man fuhr los. Pa kommt nicht mit, sagte Syg. In Daisys Stirn fiel eine Locke: Du solltest dich nicht wei anziehen. Du bist zu dunkel. Nimm blau. Vier Tage fuhren sie den Lorenz hinauf, die Hitze um sich, wei. Abends ankerten sie spt, um solang als mglich Fahrtwind zu haben. Dann kam die Nachthitze traumhaft. Die schwle Ruhe lastete mit sprengender Unausgesprochenheit. Spt kam ein Dachs ans Ufer, hob die Ohren, legte den Kopf fast auf die Luft, so weich, soff dann. Als nichts zu sehen mehr, erhob sich das Schlrfen anderer Tiere. Mit jhem Luftdruck schwebte ein Fregattenvogel von den Wellen glatt bers Deck. Aus dem blauen Dunkel formte sich Figur, Geschehen. In weiten aufschwellenden Kreisen vollzog sich Manches, nicht gesehen, aber gewut und geahnt. Das Ufer, das versackt drben lag, spannte sich herber, kam hergeschwebt, ri zurck. Das Gebrumm der Mcken ber dem Schlafnetz steigerte sich, bis, mit allem verwoben, es eine Hhe erreichte, die sich selbst nicht mehr ertrug. Da schlugen aus der Spannung von Masten, Gelnderspitzen, kleine blaue Flammen auf. Das Erregte ward nun lauschend, erwartungsvoll. Mit groen Augen berwanderte sie den Dunkelheitsbogen. Ihr Herz machte sich heran an jeden Laut, mit jedem Gerusch ging es hoch und tief. Schlug mit dem Gesusel des abfahrenden Wassers an Backbord, mit jedem Astwedel, der schauerte. Doch kam es auch zurck. Sie fhlte in sich, als geschhe es in ihr, das trumerische Aufschnellen der Fische und das jagende Husch, wenn ein Nachtvogel die Seile durchschwamm. Irgendeinmal in solchen Nchten schlief man dann ein. Nun kamen Inseln. Smaragdgrn und gelb war der Strom getupft. Sie loteten den Tag durch. Gemischtes aus unbekannten Blumen und Wasserfule lag als Barriere davor, erstickte sie fast, als sie eindrangen. Betubendes Labyrinth von Kanlen umgab sie. Die Inseln wurden kleiner. Ach diese, ach jene, deuteten sie, und schon war alles verwirrt, erkannten sie die erste nicht mehr. Sie sahen keinen Boden. Es wucherte nur. Nachts hingen Schlingpflanzen herunter, im Licht, wie Drhte gespannt, die wogten, durch die von Astlilien Kopfweh heruntersank und ein grausames Ses, das sich kaum ber dem Wasser trug, einsank, in die Wellen mischte, so schwer war es. Morgens tat eine Bai sich auf. Silbern trat die Sonne aus dem Wasser am Horizont, der ruhig, endlos lag. Sie atmeten tief in das nun Geweitete, befreit. Am Mittag schwammen neue Inseln entgegen. Aus gewaltigen Grasbschen wuchsen Bume mit kalt geformten Blumen. Schlugen Brcken miteinander. Die Sonne war weg, der Himmel zu. Unten liefen Regenbogenfische. Oben schwirrten bunte Vgel, ohne Rast in Bewegung und Getn. Dazwischen wogte blauer heier Dunst. Abends kamen sie ins Freie. Sie liefen wehend zum Vorderschiff, winkten hinaus. Schrieen: Das Meer! Doch im Untergang brach sich die Sonne in einem gespaltenen Rubinfcher hinter neuen Inselherden. Sie griffen sich auf, sammelten sich, umtrieben sie mit Kanlen und Buchten, in denen sie irrten. Syg holte Daisy in der Nacht, sie schlichen im Schatten der Pflcke bis hinter die Taurolle. Am Reeling stand neben dem Frulein der Lehrer, sie sagten nichts, berhrten sich nicht. Er wies immer mit dem Kneifer gegen das Wasser. Da unten schwamm aber auch nichts. Jedoch sprang spter aus einem Baum eine Katze auf Verdeck, fra neben der Kche zwei Hhner, die Matrosen machten Jagd, und das Tier sprang durch die Glasscheibe in Browns Kajte. Die nackten Beine sehr verhaart, sonst nur im schwarzen Predigtrock fuhr er entsetzt mit verschlafenen Haaren auf dem Deck herum, bis man ihn beruhigte. In der Nacht fuhr das Schiff weiter, es gab ziemlich Licht von oben. Morgens erst schlugen Himmel und Wasser entfernt fest zusammen und machten einen Kreis. Erst da ward es endlos. Das Meer, sagte Daisy. Es ist auf der anderen Seite. Ich wei Syg. Sie machte einen Bogen, am Gelnder sa Well, der Wolf des Steuermanns. Er legte den Kopf, als sie sich kauerte, auf ihr Knie. Gegen Mittag ward der Ontario tiefblau, spannte sich in gebogenem Spiegel hinauf und in seidiger Biegung abebbend hinab. Im glnzenden Himmel begannen Striche zu wachsen. Hoch ber dem Horizont, fast wolkennah schwebten drei groe Schiffe. Der Mittag ward voller, ging auf wie ein Gestirn, kam aus sich selbst und zerrann. Toste von Farben. Der Horizont ward dunkel von Glut. Es ballte sich die Weite, durchdrang sich und lud die Atmosphre mit einem gepreten ausschwingenden Atem. Segler nahten da und dort, hingen Fahnen heraus, bogen ber das glashafte Seidene des Sees herab. Von eigenen Masten flaggten Fahnen, das Deck zog festlich, schmal dahin. Unter der Brise legte das Schiff sich seitlich. Well sprang auf, knurrte, schnappte nach ihrer Hand, sie zog ihn an der Gurgel wieder herunter. Schaumdnn zog Land in einer reinen weien Wlbung heran. Hinter ihnen sammelte sich das Geweitete, schwang ab in Klarheit mit dem berstenden Geknul. In der dnnen singenden Luft begann das Segel ber ihr sich pltzlich zu drehen. Gerusch von Ruder und geschaufeltem Wasser fiel aus ihr heraus. Mit dem davonschwingenden riesigen Segel flog es in ihr hoch. Es bumte sich wieder, berrannte sie, stieg aus ihr und gab sich hinaus, erschauernd, tastend, eine Sekunde. Als ihre Haut zu zittern anfing darunter, sprang das Knattern und Schumen wieder in sie. Vorbei. Sie bebte. Wandte sich um. Das Gewesene nahm pltzlich Platz in ihr wie vorher. Aus einem Hafen kamen Drhte, Stangen, Schorne, schoben auf sie zu, fesselten sie mit ihrer Gegenwart an. Sie fuhren ein in Toronto. Brown brachte ein Tuch. Es ging auf. An der Mole flaggte es viermal. Sogar eine Rakete scho hoch und knallte. Darauf kamen Wagen hergerollt aus einer schrgfallenden Strae. Sie kommen, sagte Brown, rieb sich die Hnde, schmunzelte verschmitzt, es ward eine harte Grimasse. Sechs Wagen standen nebeneinander. Junge Leute sprangen herum, hatten schiefe Helme auf den Kpfen, sammelten sich, stampften, stellten im Kreis sich um einen starken Burschen und schrien Hurras. Der junge Mann sprang im Satz an Bord. Brown fing ihn auf, umarmte ihn, zog ihn beiseite, wisperte, sprach, kicherte. Hinter seinen Gesten sah der Bursch herber, schnitt Fratzen vor Ungeduld, trippelte, hob den Nacken, grinste ins Blaue. Brown brach ab, schnickte den Kopf, nahm ihn am Arm, fhrte ihn sorglich hinber, stellte ihn vor. Sein Neffe. Drei Stunden Zeit. Sie erkletterten Wagen, die Peitschen stupten auf. Fuhren den Strand entlang, sahen die Muscheln angeschwemmt in Wllen, einen Fisch, den Dampfer Skania verkracht, die Kessel gespiet von Klippen. Sahen grnseidene geschnittene Rasen abgleiten, Blumenschlangen, geordnete Beete. Sahen von Basalt umstellt eine wtende Quelle, die trommelte, schlug, aufstie, im Schweigen noch bebte. Machten einen Korso. Stiegen ab, empfanden, es war gut, war schn. Sahen sich in die Augen, sahen die Hnde, die Hlse, lachten. Tranken Wein, Schokolade. Lchelten, als Browns Neffe den Lapin setzte, Brown abschob, bei ihnen landete, das Trittbrett abhieb im Schwung. Sahen seine Achseln, das Braun des Gesichts, die Hnde. Sahen das weihelle Blau um die Pupille. Fuhren durch Spaliere, hohe Drhte mit Grten, die schwebten. Durch eine Palmenallee, Bosketts mit Hyazinthen, Springbrunnen, durch Berge Duft. Fuhren durch Straen mit Riesenfelsen, die selbst Dynamit nicht zerknackte, unbeugsam blieben. Fuhren unter Hebelwerken, sausenden Oberbahnen. Fahren durch ein Dickicht, ahnten Lichtes, sprten Bewegung, sahen dnn wie Lippen Gestruch sich spalten. Sagten: Ontario. Sahen den See. Sygs Tuch fiel. Die Augen streiften, erzitterten. Drei junge Mnner sahen nach einem alten Herrn, der ein Ei aufschlug, blieben daran, errteten, drehten die Hlse zurck, schwiegen, wandten sich immer mehr um die Achse, verrenkten sich, sahen zuletzt in die Luft. Daisy bckte sich, hob das Tuch selbst, lie die Lider gesenkt, die Mundwinkel etwas erschlafft. Lehnte sich ins Polster. Sah Pferdekpfe, Pferdehlse, Browns Manschetten kommen, nher, sich vorschieben, bog sich hinber: Zum Hafen. Ging rasch, behend, teilte Handdrcke aus, suchte den Kapitn, ersuchte, den Abend noch zu fahren, sah nicht zurck, pfiff dem Hund. Der Ontario lag wie Stahl. Zwei gelbe Segel flauschten gro im Mondschein vorber. Das Wasser wellte, spielte um das Licht in riesigem Blaukreis. Sie schlo die Augen halb, zog den Kopf des Hundes in den Scho, einen Zug Leids von der Braue nach der Stirn. Nicht um sich. Sie stand auf. Sie fuhren die Nacht durch, den Tag. Fuhren an Drfern vorber, wendeten, sahen sie das zweite Mal vorbergleiten. Kamen an eine Bucht, Gelchter erscholl beim Baden. Die Linie aber wich nicht von der Stirn, die sich zum erstenmal verbog, belastete, berschnitt. Sie fuhren nach Hamilton. Nach Oswego. Legten an bei Port Hope, stellten den Dampfer ins Dock, fuhren nach dem Huron. Zwei Stunden in der Bahn, erbleichte Daisy an den Schlfen, wimmerte hinter verbissenen Lippen, fiel in Ohnmacht, erwachte die Nacht, fiebrige Augen im Dunkel. Sie brachten Essen, Trinken. Sie starb fast unter dem Drngen. Gegen Morgen frug Brown: Was willst du? Zurck. Sie hielt dort an sich drei Tage, sa still bei der Mahlzeit im Garten, fixierte manchmal das Auto, das kam, fuhr. Knpfte nach dem Lunch eine Hngematte auf die Veranda, stie den Laden zum Privatbro zurck, schaukelte; als Vaudreuils Kopf ber ihr war, sprang sie auf, eilte ber die Diele, trat in das Bro, bat, da er Syg adoptiere, stand mit ausgebreiteten Armen gegen die Wand. Der Marquis blieb am Fenster, legte ein Messer auf den Papiersto, schnickte das Kinn hoch, zweimal, sah auf das aufgeschlossene Gesicht der Tochter, aus der die Bitte troff, ein Leid sich weit erhob, starrte, nickte, aber sein Blut, das ohne Dnkel war, strubte sich gegen das andere Blut, auf das sein Name, sein Blut sich legen sollte. Sagte: Sie mu sich gewhnen, noch mehr Schmerz aus ihrem Blut zu haben. Tonlos, ohne Bewegung schlug Daisy die Lippe auf: Sie wrde es leichter tragen. Ein Spalt warf das Lcheln des Vaters ber sie, berlegen, khl: Das ist kein Vorteil. Aber von ihrer Haltung ging es ber ihn und was er vorbrachte hinaus: Sie wird es stolzer berwinden. Da beugte der Marquis den angezogenen Nacken, machte eine Bewegung mit der Hand, unwillkrlich, schwach, aber mit einer Bedeutung, die sie ehrte und grte. Sie wurde rot, das Straffe, das sie gefhrt zum Erfolg, zur Sicherheit, lie ab, entfaltete sich in eine rhrende Bewegung. Sie ging hinaus. * * * An der Tr sah sie ihn gebckt, er schob eine Kassette auf, vernahm ihren Namen, weich eingehllt von ihm. Er zog die Nickelschlssel, gebogene, drahtschlanke, barocke, whlte klirrend, schob auf, kam auf sie zu, sie ging entgegen. Er sprach beilufig, ruhig, gewohnt: Die Frauen trugen sie zur Hochzeit. Dann ihr Leben. Ich gebe sie dir frher. Sie trug eine Kette aus gelbem geflochtenem Dukatengold, daran drei achatne Kugeln. * * * Lief stracks zum Schiff, winkte, kam nher, sprang auf das Brett, rief nach dem Steuermann. Sah seine Hand, die die Luke aufstie, zerlegenes Haar, die Hemdsrmel, die Riemen, geblendete Iris. Was willst du fr Well, sie deutete mit dem Fu auf den Wolfhund. Er fuhr mit dem Unterarm ber die Stirn, rieb den Handrcken ber die Augen, zeigte rasch die Zhne, schttelte wirbelnd die Hand. Nein. Sie kam in der Dmmerung wieder, hob die Luke, stieg zur Kajte, stellte sich in die Tr, lie sie offen. Fragte. Nein. Sie lachte, kokettierte, betastete sein Messer, das grne Glas, den Wandkork, verzog die schelmisch gestreiften Wangen, sagte zweimal pltzlich: Ich lasse Sie entlassen, ging mit hngenden Armen. In der Nacht bellte es im Garten, ein Hund bellte wie auf der Jagd. Sie ffnete die Balkontre. Well im Garten stand na, triefend, auer sich. Sie ffnete unten die Haustr, lie ihn herein, er legte den Kopf auf ihr Knie. Wie auf dem Schiff. Sie verga es nicht. Ging frh zum Dampfer, trat aufs Brett, zog es ab, fuhr zurck, rief in die Luke, sah unten den Kopf des Steuermannes. Ich bringe Well zurck. Ging mit langen Beinen rasch hinauf. Do . . . do . . . Daisy . . ., schnatterte die Nurse, fate ihr Kleid, kte es, den Arm, schlo sie an den Busen an, schmatzte, schlug die flache Hand auf den Mund, tremolierte. Hatte von Vaudreuil ein kleines Haus, zwei Khe, eine Magd. Klatschte in die Hnde, summte still vor sich hin, trat mit dem rechten Fu dazu auf. Im Gang tollte Well. Sie lie ihn zurcktreiben. Sa allein in ihrem Zimmer, schob das Hemd ab, sah im Spiegel ber dem bronzenen Krper die Kette mit den Kugeln, als liefe ihr Blut hinein, ihr Alleinsein, ihr noch Unbekanntes, Umschwebendes, ungeheuer Verhlltes, glnzender und khler als ihre Haut, aber ihr zugehrig. Wie ihr Bein, ihre Warze, ihr Schmerz. Der Steuermann am Morgen stand auf der Diele, zerknitterte den Hut, nickte mit dem Nacken, breitete das Maul aus, fletschte, hatte einen Sohn im Bro, spritzte Kautabak, fuhr Pelze seit Jahren, Schiffe, Stdte, Stapel . . . kaute seine Frau heraus, gab ihr Reiz, Alter, ein schiefes Ohr, Zufriedenheit . . . ri den Hut hoch, die Tr auf. Well stob herein. Er war unbrauchbar. Sie hatte ihn verdorben. Er blieb nicht mehr. Er brachte ihn fluchend, Zwinkern in einem Auge. Sie suchte nach einer Note. Er nahm sie nicht, htte ihn nie verkauft. Er wollte ihn nicht mehr. Gab ihn ab. Ging. Gib ihm ein besseres Schiff, sagte Daisy Vaudreuil, ich will nicht, da er mir schenkt. Den zehnten Dezember fuhren sie nach Montreal, hoben Syg aus dem Auto, hoben sie adoptiert hinein, kauften den Tag ber, machten Kommissionen, besahen, beschauten den Mittag, stopften ihn voll, eilend, hufend, bis er abbrach, die Dmmerung kam mit Laternen. In einer Schwebebahn glitten sie aus ihnen heraus. Wei eingenietet brach die Landschaft gegen den Himmel. Das Nachtlicht flog eisern ber Kanle. Halt. Daisy stieg aus, sie suchten ihren Schleier, fanden ihn, stiegen ein. Am Trittbrett wandte sie sich langsam herum: Nehmen Sie vor uns Platz, Frulein. Sie bersah den Lehrer, zog die Achseln ein wenig an, schttelte sich, legte den Arm auf Sygs Scho, die ihre Grausamkeit nicht begriff. Vor dem Schlafengehen gaben sie sich die Hand. Du bist froh Syg? Ja. Der Winter nahm Kurve auf Karneval, steigerte mit jedem Tag, den er vortrieb, das Gedrngte, Erhitzte. Mnnerstimmen jauchzten aus Schlitten zu, die die Gegend berkreuzten. Aus Pelzen hoben, winkend, beringte Frauenhnde Tcher. Schellen berflirrten die Nacht. Auf Stahlringen der Flsse kerbten Kufe. Damen fuhren mit Meuten, die vorrasten, sich berschlugen, Haken bogen, von Lachen aufgereizt, verrgert wurden, bis sie sich verbellten am Schlag wie ein Wespenschwarm. Pistolen funkelten in Wintersonne, schossen Salut am Portal. Illuminiert, aus jedem Loch Licht stoend, hingen die Huser der Seigneurs am Horizont. Kostme kamen, bliesen Tuben. Vier Fackeltrger stiepten die Glut durch die beiende Luft. Alf fuhr sie in einer Kurve vors Portal, die Pferde stampften in einer Wolke, spritzten Schaum. Syg trug blaue Kleider. Diener strzten auf die Treppe, zwischen Kerzen ber Treppen. Der alte Fribaurt fhrte Daisy. Syg hatte sein Sohn, dessen weibische Lippen lchelten, ihre Knabenhnde nachbebten, als sie eine Orange ihm schnitt. Im hohen Fensterbogen sah Daisy sie vorbeischwimmen, ihre Zhne leuchteten, den Krper eingespannt in den Schwung des Partners, ihr Gesicht glatt wie Frucht. Sah Syg hineingleiten in Unbekanntes, ohne Widerstand, ohne Bewutsein, aufklingen in der Saalluft, Fremdenlust, Manngetanz. Sie zog die leise aufschwebende Linie zwischen Auge und Schlfe mit dem Finger aus. Im vierten Gang der Familienquadrille blieb ihr Blick im Fenster, ihr Fcher fiel, ein kleiner Schrei, die Paare verwirrten sich, das Arrangement scho zum Teufel, die Augen suchten an ihr. Sie deutete auf den Fcher, der alte Fribaurt kte ihr, zornkochend, ehrfurchtsvoll die Hand. Sie aber suchte sich noch einmal hineinzubegeben in das Umfassende, das sie nicht fate. Sie spannte sich ihm entgegen mit aller Kraft und suchte es zu erreichen. Nahm den Arm des spanischen Vetters, gab sich seinen Pas hin, der Eleganz seiner ungewhnlichen Kurven, schaukelte, am Platz drehend, durch alle Voluten der Geschmeidigkeit, trieb mit ihm in die Entfesselung der letzten uerung ihrer Krper. Zog zugleich die Kraft an und den Willen, tastete, drang vor, erreichte nichts, erreichte Fremdes, glitt ab mit der Seele. Sein Knie schob sich zwischen ihre Schenkel. Sie lie die Arme los, die Nasenlinie ward schrfer. An der Ballustrade erwartete sie Syg. Alf auf dem Rcksitz kreuzte die Arme im Muff, Daisy fhrte, das Eis schimmerte rosa. An der Ecke der Bucht knirschte das Eis, flimmerte im Frhlicht, wurde tief, herb, hielt drei Meter, brach. Pha . . . lux. Sie blieben sitzen. Alf kniete auf dem Eis, haschte die Schlinge, zog sie an. Ri dem Gaul die Adern am Hals zusammen, zog sacht, langsam den Hals des strampelnden Tieres hoch. Der Bauch schwappte, die Beine traten immer mehr Eis hinein. Alf machte eine gewaltige Bewegung, das Tier ward ohnmchtig, ruhig, ging unter. Nun zog ers herauf, schleifte es aufs feste Eis, schlug die Schlinge ab. Massierte die Schlagadern am Halsstrang. Das Tier rchelte, schnappte tief Atem, sprang pltzlich auf die vier Beine, fing sich in der Kandare. Sie fuhren weiter. Syg klatschte mit den Ngeln auf den Daumenballen. Da brach das Eis zum zweitenmal. Alf wrgte das Tier, um es zu retten, zog es herauf, frottierte es ins japsende Leben zurck. Als sie auf das Haus zu hielten, zog Vaudreuils Auto, vom Lorenz her, die Schleife am Flu. Sie stiegen zugleich aus. Zweimal muten wir das Tier erdrosseln, Syg kte ihn. Zweimal, lachte Vaudreuil, schlitzte die Augen eng zur Seite. Daisy war bleicher, aber schner, gespannter als Syg. Der Winter kulminierte, schwang auf der Kurve noch, flo herunter. Ging vor den Fenstern irgendwie, irgendwo zu Ende, krepierte in den Mulden sdlich, fra sich satt noch hinter dem Waldgurt zum Hudson. Irgendwelches geschah, rauschte, frbte sich mit Mnnern und Frauen und Pferden hinter dem Glas, das ihrem Atem sich zuwlbte. Manchmal gings in der Nacht ber den Horizont hin, wlzte sich, glhte sich breit aus, manchmal surrte es in der Saublutsonne, manchmal war es unter sackendem Schnee, brllte um den Himmel, jagte an den Bumen. Sie hob die Achseln, ging zum Stall. Das Eis sprang bis hoch in den Norden. Alf wartete mit Gulen. Abends kamen sie von der oberen Mhle. Der Boden war fester. Blitzende Wolken flirrten zag und dnn herbei. Hirsche scharrten um eine verdeckte Quelle. Sie umschlich, kam heran, scho nicht. Scho einen Dachs, trug ihn ins Speisezimmer. Vaudreuil erlaubte den Ausflug mit Alf zu den ersten Faktoreien. Ihre Schenkel waren stark, sehnig, gereckt vor Grazie und Grausamem, die Hften in beispiellos abfallender Gltte. Zwei Tage sattelten sie. Alf pfiff die Hunde heran, zurck. Ordneten, stapelten. Telephonierten, packten die Scke fr die Tiere, Teppiche, Pelze. Am vorletzten Tag kam ein Segler den Ottava herauf. Unter den Hurras wimmelte es an Helmen am Anlegeplatz. Brown schwebte auf der Veranda, breitete die Arme, rief, was keiner verstand. Die Torontoner Studenten kamen in einem berlieferten Zug, vorn ein Dudelsack, dann zwei mit am Rcken gekreuzten Armen, hinten ein Trommler, ein Schaf, ein Kind, unterm Arm einen grn bemalten Hahn. Ans Tor kam der Marquis, empfing, lchelte ein wenig. Es waren Englnder. Acht Tage fingen sie Fische. Lagen halbnackt auf den Balkonen. Schlachteten Ziegen, Schweine, Stiere. Tranken in einer Mondnacht eine Bowle, steckten eine Htte an, fuhren mit Lampionruderern aufs Wasser, warfen um. Lungerten die Weiber um die Pavillons, schrien nachts, quietschten, machten Vaudreuil sein Schlafzimmer wechseln, kein Wort sagen. Spielten Dudelsack morgens, abends, boxten, schrien alle durcheinander, hieben aufeinander ein, entknulten sich, zogen blitzschnell in Zweireihen singend ins Wasser. Spritzten, badeten, rauchten. Mittags ritt Daisy mit Alf und Browns Neffen ber einer Fuchsspur, folgten sie ber einen Acker, trieben um einen Wald, durch einen Bach. Als der Mann ihn im Schu hatte, wich er, als bocke der Gaul, zur Seite. Daisy kam ins Schufeld, rmpfte die Nase ber die Achsel, scho nicht. Alf wagte nicht zu schieen. Ritten stumm nach Haus. Ostwind hatte sich an den Pappeln hochgewirbelt, war ber den Wald aufgebrochen, losgesaust, wellig, wei, flieend ohne Pause strzte er herunter. Sie fuhren ihm in Jollen schnbelnd mit der Pinne entgegen, flogen wie Weberschiffe herauf, herab. Er fate herber nach ihrer Hand, da lie sie den Fock los, der Grobaum knallte ihm ber den Kopf, er wandte, warf sich herum. Fate wieder ihre Hand, ihren Namen, ihren Namen vernahm sie, sprte sie, es wickelte sie ein, das Segel flatterte um sie wie Vgel. Sie hielt sich fest. Sie hrte immer ihren Namen flstern, bis das Segel gegen den Wind stillstand, er am Anlegeplatz stand, ihr die Hand hinhielt. Sie nahm sie nicht. Sah durch seine ametystblauen Augen. Er hatte Syg bersehen, als sie farbig war. Der Tochter Vaudreuils nun, adoptierter, geschtzter, machte er Reverenz, Verbeugung. Er war feig. Sie wandte sich um, drngte dem entgegen, was seine Augen an ihre band, ihre zu seinen hintrieb. Fhlte seine Hand rckwrts an der Schulter, seinen Atem, die Lippen. Die Augen standen im Dreieck. Ein grauer Schein stie ihn zurck, verlegen, stotternd, rot. Armselig und zornig stampfte er auf. Sie ging schon hochmtig, entfernt. Langsam wich der Raum zwischen ihm, zwischen ihr. Die Ecke bog am Bootshaus. Sie eilte, sprang hinter den Bschen, eilte auf der Treppe. Sagte das Essen ab, krmmte die Schultern verzogen zusammen, wimmerte im Sofa. Gab es eine Pause, kam das Bild zurck. Sie verzog das Kinn, den Mund wie unter sauren Kirschen, Gallpfeln, die Haut schttelte sich. Zog die Bluse herunter, das Mieder ab, streifte das Hemd ber den Rock, wusch Wasser ber die Brust und den Nacken. Zog sich aus. Sah zum Fenster hinaus, legte die Hnde mit den Flchen fest ins Gesicht. Sah den bronzenen, gebogenen Krper aus dem Spiegel entgegenkommen. Da nahm sie die Kette ab mit den Kugeln, raffte sie zusammen, schob sie in die Schublade. Schlo ab. * * * Vom Hgel trieb der Flu weit und schrg hinunter. Die weie Fahne Torontos leckte darauf, Segel schossen in die Tiefe hinab. Der Mond schlug noch ber die Felder. Die weien Rder standen still im Himmel. Nach zwei Stunden lie sie Alf halten, ritt in ein Waldstck, kniete, wusch die Brust, den Nacken in einem Quell. Sie horchte. Er flsterte weiter, silberte, verschwand im Laub. Blumenprrien kamen, ein Orchideenpark. Der Horizont war manchmal gelb, fast seifig, eine Sonne wuchs daran sich hoch, sanften Rots, spter nahm der Wind ihren Glanz an, stimmte sich wie ein weichkupfernes Abendinstrument, Oboe und Flte. Mittags wurde er kalt. An dem Bahnhof verluden sie die Tiere. Zwei Tage darauf kamen sie an die erste Lager-Station. Ein Pavillon war reserviert, es gab viel Jagd. Alf packte aus, Teppiche, Scke, Gepck. Am Morgen mute er einpacken, sie ritten den Tag, kamen in ein Dorf, bernachteten, kamen an die zweite Station. Alf ging ein paarmal im Viereck um den Raum herum, schwang die Arme, sah unter sich. Sie lie nicht auspacken. Als er lange genug gewartet, ging er hinaus, stieg in seinen Schlafsack, mummelte sich, fluchte, kmmte am Morgen den Bart nicht. Vor dem Stall knpfte er sich verdammend seine langen Gamaschen. Ritt den Morgen hinter ihr her, blieb immer hinten, kam nie an die Seite ihres Gauls. Sie hob die Hand, ugte nach einem Reh. Fluchs hielt er seinen an, starrte ebenso. Sie hrte ihn in den Bart reden. Sie rief ihn heran. Kurz blieb er auf gleicher Hhe, dann sockelte er zurck, fiel ab, blieb hinten. Mittags trafen sie einen Jger. Er gab ihnen Brot, zeichnete mit dem Daumen, da ihm der Zeigefinger fehlte, einen Halbkreis in die Luft. Sie nherten sich den Ringen. Angezogen in ausgebuchteten riesenschweren Halbkreisen spannten sich die Faktoreien, gleich Wellen anschumend, gegen das innere Gebiet. Sie lagen voreinander, Herden gleich, sprangen vor, bestrmten sich, wurden wilder, angerissener, warfen mit dem letzten Halbring sich vor die starre Endlosigkeit, nieteten sich gegen Eis, Horizont, blaue Klippen. Sie kamen gegen den ersten. Sie muten langsamer reiten, Alf kam nicht nach. Sein Schimmel ging, als lahme er. Sie hrte, er glitt aus Fluchen ins Gejammer: au . . you . . . wai! Spuckte und flennte. Sie ritt zurck, stellte ihn gegen ihr Gesicht. Ich werde entlassen. Troll dich. Sie ritt weiter. Alf geknickt hinter ihr. Er durfte nur bis zur zweiten Faktorei, nicht zu den Bgen. Die Junge vor ihm ritt, als sei er nicht da. Es machte ihm Kummer, er zog den Nacken ein, wurde flau im Magen. Folgte. Der erste Schuppen kam der dritten Linie, der zweite kam. Am vierten traten sie von rckwrts ein. Alf schlich ins Nebenzimmer, sie nach. Ein Angestellter hngte den Hrer des Telephons rasch ein, begann vor sich hinzusingen. Ein brtiger Riese trat ein, begann zu lachen, aufs Bein zu schlagen, hatte lang keine Frau gesehen. Ein anderer flsterte ihm Namen ins Ohr. Es war deutlich: Sein Erstaunen war frisiert. Sofort bot er Jagdpltze aus, erstand sich ihre Beachtung durch Hartnckigkeit, trat sein Zimmer ab. Es war schon geheizt. Sie sah sich mit Alf an. Offenkundig Komdie. Sie waren erwartet, ohne gemeldet zu sein. Sie blieb drei Tage, fing eine groe Forelle, mit der sie eine Stunde kmpfte. Sah sich nicht sonderlich um. Sie ritten weiter. Wurden an der fnften Station schon erwartet. An der sechsten stellte man sich unwissend, unglubig, die Falte des Vorstehers bebte, gefiel ihr nicht. Am Morgen machten sie einen Haken, kehrten zur fnften zurck. Sie war fast leer nun. Was sind das fr Pelze? frug sie. Schwarze Arbeiter deuteten: fr die Bay. Sie zog die Brauen hoch. Kein Wort. Alf bekam dunkelrote Schlfen und brummte vor sich hin vor Zorn. So liefen sie das Seil der Schuppen weiter, bis sie gegen die obere aufgespitzte Sichel kamen. Im Sand sahen sie immer eine Spur vor sich. Sie schnitten ab, liefen nicht bis oben hin, sondern zogen eine Sehne in die Serpentine, kamen auf den neu geschwungenen Bogen, trafen Mittags die Spur wieder, frischer Abwurf zeigte: sie waren nah. Bald sahen sie einen Mann auf einem Esel, der zu entkommen suchte. Sie holten ihn ein. Eine halbe Stunde ging es hin und her. Der junge Mann errtete tief, wilde Augen brachen sich um, staunten. Von selbst nahm er ein Papier, gab es ihnen. Sah noch einmal um, sie wiederholte ihm Wort fr Wort, er prgte sich es ein, ritt auf seiner Spur zurck, murmelnd, da er es nicht verge, jedes Wort im Mund haltend, wendend, beleckend, als sei es wertvoll, Gold, ein Stein. Abends kamen sie zu Colonel Bol. Er hatte, ein alter Offizier, zwei Serpentinen unter sich, rollte die R, strich den parfmierten weien Spitzbart, kte ihr die Hand. Sie hatte ein Zimmer, verblffend. Morgens frh strich sie mit Alf ins Gebsch, es pfiff, durch die Lcke trat der Bursche mit dem Esel. Sie nickte. Er nickte wieder. Empfing ein Billet. Ritt nach Sden, zurck, immer rascher. Bol geno. Seine Spirituosen waren etikettiert, er lie die Wahl. Fuhr sie am Weiher, stand er am Ufer, klatschte Applaus. Einen weien Hirsch gab er zum Abschu ihr, den er von Woche zu Woche als Dessert sich aufhob. Lieh ihr seine Gummiwanne. Das Blockhaus roch nach Seife, Talkpuder, Wassern der Walstreet. Unter Glas wuchsen Blumen, die Wasserpfeife stand im Brennpunkt des Kreises Seidenkissen. In seinen Pelzschuhen, praktischer und wrmer, kaum grer als ihre, hielt sie auf dem Anstand. Auf den Teppichen tanzte Adimokuh, mit Sbelbeinen und Hngebauch, ein Negerzwerg. Er schleifte das Traurigste der Welt auf seinen Knien. Trnen besternten vor Lachen die Gesichter der Zuschauer. Bol lchelte. In seinem schmalen Kopf saen Augen des Elefanten. Spielte Whist abends mit Daisy, brachte sie bis an ihr Vorzimmer, ging hinaus. Im Vorzimmer schlief Alf. Donnerstags galoppierten sechs Gule am umgerodeten Lagerplatz. Fidley, der junge, zog den Hut. Die Jger des Lorenz schossen vor Freude Flinten ab. Der Bursche, der sdlich geritten, drngte sich heraus, war brauner, strker geworden. Ritten zur Station. Aen Lunch, eine Stunde, zwei. Tranken die etikettierten Likre, Wein und wieder etikettierte. Aen Geflgel, Braten, Gepkeltes, Rauchfisch, Muscheln, Schinken. Tranken Kaffee. Danach stand Fidley auf, hob das Glas, trank es. Sah Colonel Bol an: Du bist entlassen. Kreidehell, mit zitternden Armen warf der sich im Stuhl zurck. Fidley legte ein Papier auf den Tisch, hob die Faust: Lump. Hund. Langsam, vornehm richtete Bol sich hoch. Frug hochfahrend, mokanter Lippe, zur Seite geneigt, was den Irrtum ausmache. Fidley schlug auf den Tisch. Die dritte Sektion betrgt. Die achte hat siebzig Prozent. Tosson liefert zur Bay. In der Tr stand der junge Mann, der die Sdlichen geholt. Bol sah ihn nicht. Wandte sich herum im Kreis, zu Daisy. Sie sagte: Bei Versva verfaulen zehn Ballen. Im ersten Bogen fehlt ein Schuppen. Die Staffel Bol ist halb, wird ganz bezahlt. Da sah Bol den jungen Mann. Stand auf, gefat, die Haltung gereckt, schn im Spitzbart, kte Daisy die Hand, ging hinaus, scho sich zweimal durch den Bauch. Vaudreuils Brief, aus Fidleys Tasche, hatte Gemischtes, Anerkennung, Staunen, Lob, das verwischt und gedmpft kam, zuletzt Befehl: zurck. Sie wog den Brief. Ritt allein los, ihn in der Hand. Alf folgte. Sie putschte ihn zurck wie einen Hund. Er widerstand nicht. Wollte nicht bremsen. Nur bei ihr sein. Weiter hatte er keinen Wunsch, tiefer ging das Hirn nicht. Zum erstenmal gab sie ihm die Hand. Aufheulend nahm er sie. Sie kam an den Rand des Hochplateaus. Unter ihr brach es ab, zackte, wirbelte ein Stck hinunter, ward dann eingeschlungen in das endlose Getse, das in den Norden sich einfra. Sterne tummelten darber auf wie Sand, der hochgeblasen kreist. Serpentinen jagten zuerst noch in Schlingen voran, blieben dann hngen, schwach, dnn, nichts. Aus dem grauen blitzenden Gewell kam etwas gegen sie, dem sich etwas in ihr entgegenspannte in einer entscheidenden Bestimmtheit. Etwas trat aus ihr, machte sie leicht, entstammt, entgegenschwingend. Sie hielt den juckernden Gaul mit den Schenkeln. In ihrer Hand der Brief band sie. Wog schwerer, hemmte das berflieende. Staute es zurck, hart und schmerzlich. Zog sie zurck. Das Herz, der Mann, der sie gezeugt, Geruch des Stroms, der Gartenerde band sich an sie, ri sie zurck. Der junge Fidley bernahm den ganzen Bezirk. Ihre Abreise feierten die Boys, salbten sich mit Bols Parfms, drehten die Haare, die Brte, pomadisiert, in die Hhe. Der junge Bursche trat herein, protestierte bs. Hatte Bol gehat, gehetzt, erledigt. Verbot ihn zu schnden, wo er futsch war, im Weiher eingescharrt. Fidley gab Daisy Bols Pferd, das so feste Hufe hatte, da mans nicht beschlug. Als nach halber Tagestour die Eskorde zurckgeritten, glitt ihr Gaul aus an einem Bach, sie fiel herunter, verstauchte sich die Sehne. Alf wollte auf seinem sie reiten lassen, der Schmerz machte sie ohnmchtig. Er ritt zurck. Aber obwohl sie in Decken gut und weich gewickelt lag, kam die Nacht Fieber ber sie, durch die Zunge sausten Stiche immerfort. Eingeborenenweiber, von Fidley geholt, zogen sie aus, warteten sie, pflegten. Wuschen, suchten Pretiosen im Achselhaar, fanden ein Zeichen am Arm, Fisch und Pfeil darin, quatschten die Nacht darber, speichelten, summten, suckelten darum hin und her. Sie gaben ihr Milch mit Wurzelzeug, hineingekocht. Die Nacht gab ihr warmen Schwei. In wochenlanger Pflege malten sie ihr mit dnner Nadel eine Sonne um den Nabel mit Strahlen und Mondzeichen des Tages, an dem sie sie fanden. Kuriere kamen dreimal die Woche die Kette der Faktoreien herauf, holten Nachricht, ritten zum Lorenz wieder runter. Spter lag sie in der Sonne vor dem Haus. Dabei spielte sie mit Getier, Hunden, Vgeln. Einmal umschlich ein Fuchs das Kchenfenster, wo Hhner hingen. Sie lchelte, gluckste, entsetzt sprang er zurck. Da rief sie, heller bestimmender, er hielt. Sie lockte, er kam. Nicht ganz, aber er stand im Kreise ihrer Stimme, die wie ein Lazo ihn umschlug. Sie erbleichte, rckte zurck, lauschte dem Ton ihrer Stimme, der nachklang. Versuchte sie wieder, versuchte sie neu. Als strme aus ihr hinaus, Gesichertes, Bezhmtes in ein Gef der Worte, das sie berauschte und erregte bis in das Dunkel ihrer innersten Grenzen. Es sang und schwang das Belastende herauf, machte es leicht, wirbelnd, spter sanft und gelst. Sie entspannte sich in dem Rausch, hatte eine Macht und eine Befreiung. Wundersame Ruhe machte ihre Tage lang, klar, gut. Sie spielte mit den Weibern, Kindern durch die Stimme. Lernte das Organ anzupassen, zu biegen in jede Leidenschaft, alle Bewegung. Sprte ihr Herz klopfen, dann den stillen Mollton des Bluts. Lernte von den Weibern den Dialekt. Als sie zum erstenmal ausging, trieben die Kleinen hinter ihr her. Sie scheuchte sie, zog sie zu sich Go war: springen. Fu: erfroren fast halten. Mit Vgeln gab es andere Signale. Ein Hase hielt bezaubert von dnnem glasklarem Wimmern. Ein wenig blieb sie nachdenklich, ward traurig bei ihm, denn ihr kam in den Sinn Well. Sie kam schon bis zum Koniferenbaum. Dann bis zum Plateau. Das nrdliche Flimmern tobte irgendwo unter ihr. Sie ging davon, ungerhrt. Ging allein, verschmhte die Flinte, hatte Unlust zur Jagd. Allein im Gehen, Liegen, erfand sie Ton und Laut, der wie ihr Blut spritzte, suselte und bebte. Gab sich hinein in Klang und Flle der Vokale, als sei es ihr Anfang, ihr Teil, sich darin zu verbinden. So kam auch die Gegend ihr nher, wenn sie sie ansprach, du Strauch sagte, Silberlilie, lieber Dorn, mein Freund. Das wandte sich ihr zu dann, ward mit ihr gefllt, lehnte sich hinber zu ihr, empfing ihren Atem. Es kamen Schwne und Musketen, hinter ihnen mit einem Wagen von der Bay her Syg. Sie brach in das Verweilen ein, die Windstille des Daseins brachte Unruhe, Ahnung irgendwie von Glck. Trieb Altes, den Lorenzfall herber in das Spiegeln des Weihers, blieb aber entfernter als sonst. Wagte nicht das zu sagen, nicht jenes, denn sie befremdete Ungekanntes an Daisy, das Nicht-Miterlebte, der Schauer der Krankheit und der ihr entquollenen groen Sfte und Ideen. Das lag ein wenig dazwischen. Fidley schlo den Wagen. Weiber heulten. Die kleinen Affen liefen eine Zeit noch neben dem Schlag. Dann fiel es zurck. Ein Stck Land schob sich vor sie, glitt auch zurck. Ein Staffel Matrosen erreichte sie. Dann fate sie fest in die Mhne des Gauls, schrie fast und erbleichte nach innen in einem Schreck, des sie nicht bewut ward. Unten, unter Dampf lag ein Schiff. Dahinter das Meer. Der Bogen der Sehnsucht scho ab, die Sehne brauste. Es trat aus ihr hinaus, kein Brief, der es hemmte, kein Gedanke, nichts. Irgendwo in der vor Blau zitternden Unbegrenztheit des Horizontes traf sich das Innerste ihres Blutes mit etwas, dem sie sich hineingab, in das sie verstrmte, die Lider na. Alles andere war Spiel, vergessen, lieb, aber ohne Gewicht. Als das Dunkle in ihr hinrann in das Ausschweifendste und Hellste, an dessen uerstem Rand dnn die Erscheinung hing der Stdte, Inseln, irgendeines ungeheuren Daseins, schlug die Schiffuhr. Es war fnf Uhr am Abend. Die Sonne hatte grte Kraft. Sie ritt bis an den Strand. Dort stieg sie ab. Das andere ging fast traumhaft. Zu sehr war sie eingehllt schon in ein fernres Geschehen, vor dem der jetzige Augenblick nur als Pause stand. Sie kamen in den Lorenz. Ein Auto wartete. Well sprang hoch. Der Steg. Palmen hingen herunter. Kanonen lsten sich. Mvenschwrme in Spiralen. Wagen whlten hinter ihr ein Geschiebe. Mnner kreischten Namen, Gepcke. Sie fhlte des Hundes Druck am Knie. Sie bewegte schmerzlich eine Sekunde die Hnde im Fell des Tieres. Dann kam der Ottava. Rauschte dunkel schon entgegen auf Kilometer. Das Rauschen lag in der Luft wie ein Schneefeld, sprang in Lawinen ihr leis entgegen. Die Mhlen rochen. Die Schreie der Nurse blieben hinter Bumen stecken. Das Gittertor kam, vertraut mit seinem kalten Eisen. Glitt zurck. Des Vaters Hand fate die ihre. Die Treppe. Sein Mund im Ku. Er hielt sie strmisch mit steifen Armen weg, sie ganz zu beschauen, sprte aus allen Poren ihres Leibes ihre Richtung, das Hingewandtsein ihrer Seele. Er erbleichte, senkte den Kopf. Glitt ber ihren Leib mit dem Auge, die Brust, den Hals, das zrtliche und hochmtige Kinn. In ihrem Auge sa, schlagend und aufgedonnert das Meer. Das Aufgesparte und Vorbereitete in seinem nach innen gekehrten Leben verstand den Ausbruch. Lchelte. Gab ihr den Arm. Sie gingen hinein. * * * Das Lcheln hatte gewhrt, Unausgesprochenem sich geneigt, bejaht. Es erlosch. Nichts gab Erinnerung daran. Es fiel in seine Augen wie in einen Schlund. Die Woche rollte zurck, wie gewohnt. Vaudreuil htete sein Gesicht. Schenkte ihr ein neues Pferd, bestellte ein Reitkleid aus Leder. Griff vor, erwhnte Zuknftiges, das sich band an Ort und Zusammensein. Berief einen Unterrichter fr ungewohnte Kreise, baute ihr Zimmer an, Tapeten kamen wei gedert mit Gold. Besprach eine berraschung fr Sygs Geburtstag in vier Monaten. Malte den Stand der Rosenbosketts aus auf Papier, eine Pergola im Bogen vor den Terrassen, Fontnen, Vgel, glitzernde Fische, sprach vom folgenden Sommer, dem Herumgehen, dem Abend. Breitete die Zeit aus vor ihr, vor sich, uferlos, vorbergleitend ber den augenblicklichen Zustand. Ohne Pause, ohne Intervall. Sah sie wenig, zwischen Muestunden, bei der Mahlzeit, ging ohne Zgern von ihr. Ihre Erwartung allein sprte, wie tdlich er an den Sekunden hing. Sonntag bestellte er die Yacht nach dem Ontario. Sie bereiteten sich vor. Montag frh berief er sie in das Bro, brach alles ab. Durch die Maske des gleichgltig gehaltenen Gesichts stieg von unten tief das Lcheln herauf. Gab Daisy von sich. Entfernte sie aus eigenem Entschlu. Lste sacht die Ventile von ihr, gab dem nach, was herausbrach, trieb Mauer und Wand zurck und bog sie hinter das drauen Strmende und Lockende zu einer tiefen Wlbung, in die er schmiegte, was aus ihr drang. Diktierte nicht. Folgte nur. Aber die Fhrung der Hand hatte die wissende Lindheit, die, nachgebend, bestimmt. So, als sei sein Plan, sein Wille, was er nur abbog, behtete. Widerlegte Widersprche, die sie nicht erhob. Bewies Notwendiges, das sie nicht bezweifelte. Baute eine Verbindung, die nichts mehr lste zwischen ihm und ihr, indem er verstand und folgte, und das Kindliche, als es abtrieb, selber abhieb und damit unverlierbar sich gewann. Als der Tisch beim Speisen ihr zur schrgen Scheibe ward, durch den Raum rotierte, Fidleys Pensionen, Schecks, Tips sie umflackerten, das Silber flimmernd wellte, wogte, Sygs Auge schmerzlich, neidlos, neugierig aufging, blieb ihr die Stimme Vaudreuils. Ruhig, gelassen wie im Nebel. Einen Augenblick ertrug sie nicht mehr den trostlosen Schmerz aus der Gefatheit des Tons, sie stand auf, wollte sagen, sie bleibe, nickte, schwieg, ging hinaus. Sie lief um das Zimmer, betastete die Wand, den Kopf des Betts, die Girlande des Balkons. Der Garten. Wasserdunst lag, hob und senkte sich, ausgeatmet ihr entgegen von der Prrie. Hindurch, das Auto blinkte vor der Halle, stie sich heraus, die gesiebte, durchlcherte Brust fauchend, zermalmend die Luft. Sie beugte sich ber den Flu. Murmeln koste ihr entgegen, entzog sich ihr, flo tiefer, entfernter, uneinholbar. Drben schleuderten am Rand des Vorstellbaren Schiffe, Stdte, Bahnen sich vor ihr hin, rissen sie nach. Das Tiefe, Bleibende der Erde zog sie herunter, zu sich. Es ging nicht. Aber es ri zu Schmerz mit einer Stille, die verzehrte. Sie legte sich auf den Bauch, senkte den Kopf zum Wasser. ber ihrem Nacken stand schwingend, kreiselnd in der Luft, aufziehend, Glck, Ahnung, in die sie hineinschwamm, sich hineinbegab, voll, ganz. Unter ihrem Gesicht brachen Trnen. Zwischen beidem lag sie, fate die Binsen in die Hand. Sie wuchsen an ihrer Haut. Sie fhlte, erschttert, wie sie sich vertauschte der Landschaft. Ihr Leib wuchs fest mit Geruch und Duft der Erde. Sie fate das Gras, ri daran, es hielt. Sie tauchte die Arme ins Wasser, es war eins. Legte das Gesicht mit der Wange gegen den Weidenstrauch, den schlanken Baum, da blieb nichts brig, was trennte, alles flo, verband sich, gehrte zueinander. Was trennte, ri entzwei. Sie sprte pltzlich, das war das Glck. Schon hinter ihr. Nun, wo erkannt, verdorben, verloren fr immer. Je mehr sie sich trennte, um so schrfer schnitt sie der Schmerz, um so hemmungsloser brach dies Gefhl vor ihr auf. Dies war ihre Heimat, durchsplte sie mit Erdsaft, machte sicher, frei, gro. Was kommen sollte, versackte in Staub, bekam feindlichen Atem. Stdte lockten nicht, Menschen fielen schal ab wie von Drhten, Dampferschrauben whlten durch ihr Fleisch. Der Tag schien wie Tod, wenn sie sich lse. Kraft und Sicherheit gingen aus den Adern. Es brach auseinander in ihr. Teilte sich. Unaufhrlich ging es von ihr: Geruch der Bume aus den Adern, mit singenden Vgeln, lieben Namen von Booten, Wolken, Formen der Wellen. Spaltete sich ab von ihr. Sie hob das Gesicht aus dem Gras. Frhstckte. Das Nickel des Wagens sa in der Sonne gleich einem schwingenden Insekt. Der Horizont ward heller. Sie ging zurck ins Zimmer. Schlo die Schublade auf, whlte aus der Ecke eine Kette aus gelbem Dukatengold mit drei Steinen. Zog sie um mit einer langsamen Bewegung. Im Spiegel schien es zurck. Das Rot des Achats leuchtete glatt und khl. Ihre Jugend stand darin, das Entfernte. Was hinter ihr lag. Die Stille, die sehnende Ruhe des Blutes. Der Umkreis des so Erlebten spiegelte von den Rundungen herab, das Land, die Wiese, das Gras. Sie warf den Hals im Ruck herum. Trat hinaus. Bi die Zhne zusammen. Das Auto schlug an. Es ging nicht anders. Sie folgte. Fuhren Schleifen, den Flu durch. Hielten am Lorenz. Hinter Zypressen ihr Geburtshaus. Vaudreuil gab ihr den Arm. Das Tor zum Park. Elastisch gab Vaudreuil Platz frei, ging dann rasch vor ihr. Als sie seinen Rcken sah, begriff sie pltzlich, wie sehr er diese Frau geliebt. Fhlte, was sie versumt, stand ohne wissendes Blut des Verlustes, ertrug, was sie nie an Mtterlichem besessen, ganz hell, in einer Sekunde. Die berlast erhrtete ihr Herz. Feindlich ging sie durch den Garten. Zedern reckten um die Bleivase sich in das frhe Rot, Tau perlte in Ketten herab. Die Tr fiel zu. Zurck, Wind strich ber die Mauer, senkte sich brausend einen Moment herein. Dicker Regen platschte aus einer Fichte. Der Wagen zog an. Bei Montreal verabschiedete sich Vaudreuil. Pltzlich, da sie erblate. Zusammengepret: Willst du mich immer lieben? Ja, Liebling. Sie gab ihm die kalte Hand. Trnen blieben hinter ihren Lidern. Fuhr weiter. Nicht traurig, sprte Sygs Hand herberkommen, zuckte unter dem Schleier, zog ihn hoch. Zu dem blonden Frulein: Gehen Sie gleich aufs Schiff. Die Koffer stapelten sich. Das Meer schumte leicht. Von der Barkasse lutete die Glocke. Neigte sich, kte Syg. Sprte an ihrem Leib den Geruch wieder des Waldblocks, des Spiels im Garten, der Betten, die nebeneinandergestanden. Sie atmete heier, blieb eine Sekunde. Dann stieg sie ins Boot. Syg winkte. Es war neblig geworden. Pendelnd, unsicher schlug Sygs Kopf aus. Bald rckwrts, bald zur Barkasse, die vorwrts stie. Winkte noch einmal. Drehte um. ber dem Wagen, den schiebenden Gulen stand Abglanz von Blau, Berge, See. Ging ihnen zu. Das Ende. Es schien ihr, es msse geschehen etwas, irgendwie. Sie empfand jede Wolke. Jede Linie der Kste legte sich hart um ihr Herz. Die Pause ging. Nebel hufte sich dnn vor das Land, Die Barkasse drang weiter in Flut, entfernte sich, heulte, stie vor. Nichts geschah. Da berwltigte sie der traurige Gedanke mit solcher Gewalt, da sie den Messingknauf des Gelnders zwischen die Hnde prete, die Stirn zusammenbog mit aller Durchdringung, in der Schmerzlichkeit der Flucht noch die bersinnliche Kraft des Glaubens: nun reie die Kste ab, komme herber, hielte sie. Da schwand das Land. Der Schrei blieb in der Kehle, erstarrte. Die Faust ballte sich ihr in Ha. Wandte sich zornig ab vom Boden, den sie liebte. Hate jede neue Luftschicht, jede Fahne, Gaffel, Signale um sich. Trank Gift mit dem Atem, der ihr von der anderen Seite entgegenstrmte. Wandte sich aber mit tieferer Ablehnung weg von dem, was hinter ihr lag. Vorbei. Das Letzte. Die Augen brannten hell, grau. In rotem Nebel begannen Maschinen zu stampfen, pufften den Boden auf unterm Fu mit kleinen rhythmischen Schlgen. Sie wandte sich um. Die Achseln zuckten. Das Meer vor ihr aufgewlbt von Glut. * * * Zwei Tage Nebel vermiesten, das Pack johlte, die Feinen wurden nervs. Ein Matrose griff fehl, strzte aufs Deck. Ein Gaul brach aus, sprang ins Schwimmbad, brach den Hals. Abends im Zwischendeck schlug sich ein Dutzend um eine braune Hure. Einer hatte einen Bruch, einer schlug hin auf den Bauch, heulte und schrie maman. Ein Weib lief mit halbem Ohr und sammelnd durch die Klassen. Rotteten sich zusammen, spieten einen Alten auf die Arme: Vieux Ga . . ga. Eine dunkle Kugel schob aus dem Wasser, ber ihr ein singender Tag. Am abgesperrten Zipfel des Promenadendecks lagen drei Malariakranke. Zwei unterhielten sich den Vormittag, mittags wurden sie gereizt. Trommelten mit den Daumen, rauchten. Abends machte der eine Vorwrfe, gereizt, heftig, der andere pfiff leis. Der dritte schwieg. Sah durch ein Glasfenster auf den Korso, langweilte sich am Geschauten, spiegelte sich allein in dem Glas: zerrissenes Gesicht, geschmeidigen Krper, rote Haare. Ein Mischling kam, schner als ein Weib, flsterte, verbeugte sich, kam mit Whisky. Der Mann deutete heftig aufs Glas, der Diener ffnete den Riegel, folgte dem Zeigefinger, sah eine Frau, einen hnenhaften Mann, nickte, verschwand. Kam in einer Viertelstunde zurck. Das Paar passierte von Norden her. Lackaugen vom Mann her wanderten herber, blieben. Die Frau ghnte. Zwei Tage ging der Korso, zogen fern langsam Dampfer vorber. Das Fieber sank, Temperatur lie nach. Der Rote erhob sich. Ging am Arm des Dieners hin und her auf der Promenade, anderen Tags allein am Stock. Fiel auf, elegant, zerrissen, glatt, Augen voll Geist. Verschenkte Blumen, grte, lie einen Windhund springen. Trug keinen Hut, die Haare glhend ber dem pockennarbigen Gesicht gescheitelt. Eine Quintrone neben ihm, Chinchilla ber der Schulter, schmalen blauen Auges, auf hohen Beinen. Warf pltzlich die Quintrone ab. Benutzte einen Moment: Ging vor, ans Gelnder, fuhr mit dem Tuch an die Stirn, knickte ohnmchtig gegen das Eisen, der Riese stie einen kleinen Laut aus. In seinem Arm machte er die Augen auf, streckte sich lssig. Der Riese zog eine grne Riechflasche, hielt den Arm rund, weich, damenhaft, den Kopf schrg. Er atmete rasch. Der Mischling Moki kam zu seinem Herrn, sttzte den Roten. Der deutete aufs Meer, das violett erzitterte, drehte sich um: Le Beau. Lchelte. Fribaurt, sagte der Riese, sah nur den Diener. Le Beau lud den Riesen ein, zeigte ihm eine Sammlung Sbel. Ging mit ihm durch den Lesesaal, die Billardblle. Gingen durch den Maschinensaal. Standen vor der schmiegsamen Wucht fressenden Metalls. Hrten die Pfiffe, schritten weiter. Ging mit ihm durch Regen bers Verdeck, sahen den Mond einschlucksen in grauen Brei, der innerlich geschwngert Blasen aufstieb, Ballone ins Meer setzte. Le Beau wickelte ihn ein, fhrte ihn im Kreis, in einer Spirale, streifte Moki, trieb ihn enger dem Willenspunkt zu, stie ihn hinein. Verlor Fribaurt, polierte er die Ngel. Gewann er in Bakkarat, Poker, Sieben, erschien Moki, servierte Zigaretten, Schnaps, Tee. Fribaurt juckte die Haut, der Blick schweifte rechts, schweifte links, hatte keine Konzentration, leckte ber des Dieners Schenkel. Das Spiel bltterte auseinander, die beste Karte schlug gegen ihn zurck. Verlor. Spielte Paroli. Blhte die Nstern, sog die Luft ein, die ihn verwirrte. Verlor. Rannte in Paroli. Verlor. Moki verschwand lautlos. Die Summe addiert. Fribaurt erbleichte. Schrieb einen Wechsel, legte ihn herber. Le Beau rhrte ihn nicht an. Polierte die Ngel, sah Fribaurt starr in die Pupille, fhrte ihn bis an den Rand der Spirale, in die er ihn schlug. Stellte ihn neben das Zentrum, stie ihn endlich hinein. Sagte leis drei Stze, abgehackt, deutlich, akzentuiert wie ein Auslnder. Fribaurt erblate ein wenig unter der Hypnose des Klangs. Erhob sich. Nahm Daisy am Arm auf Deck wie eine Kusine. Die Namen fielen. Sie sah zwischen Pockennarben einen Blick, der elastisch in ihrem sich bog, ihn durchstie, unter ihrem gesthlten Zorn nicht brach. Von der harten, dunklen Stimme fielen Vokale mit glattem dunklem Wohllaut. berrumpelt, gereizt sprang sie zum Englischen. Er folgte mit gleicher Gewandtheit, wie sein Krper, ihren fhrend, neben ihr ging, gebogen, nachgebend, hart, fordernd. Er sttzte sich ein wenig auf den Stock. Ihr Schritt ward rascher, wogte auf und herab mit dem Schiffschaukeln. Er hielt. ber die Achsel sah sie zurck. Er beugte sich, hob ihr Tuch. Holen Sie kalten Tee. Es war hei geworden. Er drehte um. Sie ging zur Kabine. Le Beau gab das Tablett dem Steward, warf sich in den Liegestuhl, wartete. In der Khle kam sie herauf. bersah ihn. Die Ablehnung traf ihn, verzog seinen Mund, lchelnd. Am Gelnder sprte Daisy die Richtung eines Fchers, zog den Blick vom Rosafisch, der sprang, sah in die weie Iris der Quintrone, whrend die Zhne hell sich ffneten. Sahen beide in das Aufzucken der Lichter, schlossen die Augen, sahen, wie das Schiff festlich, erhht, auf eine Masse Lichter zufuhr, die hher wuchsen und stiegen und an ihnen vorbeiglitten. Die Dampfer tuteten, Lichtschnre trennten sich, verblaten. Fribaurt und Le Beau gingen vorbei. Die Kreolin neigte den Leib, sprach mit der ganzen Haut. Das Murmeln kam nher, spanische Missionsweiber psalmodierten, sahen in die Dmmerung, die fiel. Der Quibekaner flsterte einer Frau zu, da sie Regen beschwrten. Sie schrie auf. Er griff in der Dunkelheit fest in ihr volles Bein, damit die Bewegung ihn nicht verrate. Der Schrei deckte das Manver. Am Schornstein applaudierten die Kanadier, sie gingen langsam hinber. Da sah sie: im Kreuzschein der groen Signallaternen bewegten sich Fribaurt und Le Beau wie Ratten, mit Brustschild und Maske, florettierend gegeneinander. Le Beau lag wundervoll in der Hfte, bewegte sich in der Lendenwage nach oben gedreht mit fesselloser Kraft. Stie vor, im Angriff, schien pltzlich mde. bersah die Quintrone, die mit aller Haut atmend in seinen Blickkreis kam. Warf nur einen Blick seitwrts, der dirigierte Moki hinter seinen Rcken ins vollste Licht. Seine hitzig kalte, fast brausende Geschmeidigkeit verwirrte sich immer mehr in dem weichen unberechenbar eleganten Schlag, den Fribaurt in zu seiner Gre und Breite erstaunlichen fast mit dem Handgelenk gefcherten Etden heraufwarf. Pltzlich machte Le Beau eine stumme eindringliche Geste. Mokis Krper schlte sich bronzeschmal aus der Dmmerung. Beau entblste die Brust, fing Fribaurts unsicher schwankende Spitze in letzter Sekunde auf, pfiff von unten die Gegenlage, schleuderte aufspritzend das Florett des Gegners in die surrende Dunkelheit. Legte Brustschild, Maske ab, sagte Fribaurt kalt Schmeichelhaftes. Drehte Wasser an, wusch die Hnde. Hob pltzlich den Kopf. Sammelte das Gesicht zum erstenmal ganz, legte es in den Blick. Warf ihn mit einem wehenden Ruck herum, mitten in Daisys Gesicht. Entjungferte ihr Auge. Traf es mit einer Gewalt und Absicht in einer eindeutigen Sicherheit, da sie wankte. Schmerz sprte, als durchstche er sie. Ihr Blut aufflammen fhlte, zurckstrzen. In den Adern eine bumende, auflsende Kraft. Sie gab den Blick nicht zurck, schlo ber dem Vorgang die Lider herunter, ging mit dem Gefllten rasch hinab, unsicher, berwltigt wie ein im Schlaf begattetes Tier, in der Haltung zart und s, den Kopf mondhaft, nicht weinend, zur Seite gebogen. * * * Sie schnitt ihn. Er bersah es. Sie brskierte ihn. Er sah es nicht. Sie reizte ihn, brachte ihn zu keiner uerung. Sie traf ihn auf Vorderdeck, drehte um. Am Lunchsaal strich sie ihn fast, sprach abgewendet zum Steward. Fuhr in seinen Satz, sprengte die Gruppe, in der er stand. Zeigte ihm ein Ma der Ablehnung, das sie derart steigerte, da er ein Lcheln einmal abends darauf gab. Sie setzte die Kiefer fest aufeinander, behandelte ihn gleichgltig, suchte seine Nhe, die sie gemieden. Frug ihn nach der Zeit, lachend nach dem Barometer, scherzend, als glaube sie, es sei von der Jagd, nach den Narben seines Gesichts. Er nahm es gleichmtig, erinnerte in nichts an etwas, das traumhaft hinter ihrem Leben nun stand, sie trennte von allem. Sie aufhob und ungestm machte nach einer Entfaltung. Ihr Drang nach Geben und Zurckstrmen des Gefllten war so gro, da selbst die nichtssagende Bewegung ihres Ganges, die Haltung ihrer Zigarette eine Zugehrigkeit und Verbindung mit ihm annahm. Ihr nebenschlichstes Wort hatte eine Umkleidung, das ihn stach. Ihr Gesprch mit anderen nahm Richtung auf ihn. Er blieb gleich, unberhrbar in seiner Gltte. Sie wandte sich Fribaurt entgegen, holte den Klatsch herauf, trat ihn breit mit ihm, vermengte, verstrhnte ihn, da Le Beau schweigend hrte. Sie ghnte nicht mehr in des Riesen weibisches Gesicht. Holte neues heraus, Unerfindliches, Entferntes und breitete es hin. Sie haben durch den Fcher bei der Quadrille einen Feind in meiner Familie. Mein Vater hat Sie, da er Sie fast liebt. Sie lachte ein Lachen, das kein Lachen war. Das Schweigen neben ihr blieb. Sie lockte es nicht heraus. Sie bernahm sich im Grauen davor, schob Fribaurt in Dialoge, denen er kaum folgte, erreichte die Spitze des Erreichbaren: das Gesprch brach ab. Eine Pause fiel. Da machte Le Beau eine Bewegung. Moki begann auf der anderen Seite herumzulungern, glitt auf eine Bank. Fribaurt stotterte, zog den Hut, verschwand Ihr Alleinsein machte sie wortlos, verlegen, fhlte sich verloren. Was sie in ihn berleiten, ihm zurckgeben wollte, den Zwang . . . es bog sich herum, ward Leere und Fassungsloses in ihr. Sie wartete, da er ihre Hilflosigkeit erkenne, benutze. Allein er schmiegte sich nicht hinein, lie den Augenblick verklingen. Es kam eine Ruhe ber sie. Ihre Hnde ballten sich ein wenig zusammen. Er nderte seine Stimme nicht. In der Nacht hrte sie sie im Schlaf, sie stieg mit ihr herauf ins Erwachen. Sie bog die Beine herauf, legte das Gesicht darauf in schmerzhafter Umarmung. Da schlug ihr die Stimme hei ins Gesicht aus jedem Knie. In ihre Augen, Schalen, legte er, was er wollte. Es war Schmiegsames, Zartes, das sich mischte mit Stahl. Auf ihr Gesicht schrieb er Vorgnge, ohne sie anzusehen. In sie hinein sprach er, ohne Widerstand. Nichts stie ihm entgegen. Gewlbt stand ihm offen das Ganze. Er schmiegte sich hinein. Warf sein Leben hinaus ans Meer, es prallte zurck, umgab sie. Dmpfte das Gute, hob das Schwanken. Baute sich aus in ihr, langsam, gespannt, weich mit einer eindringlichen Unerbittlichkeit. Die Sonne ging in weiem Bogen. Lauschend bog sie sich ber den Tisch. Langsam sammelte es sich bei ihm. Kam diesmal ohne Wucht, aber mit bis ans Schreien unterdrckter Sigkeit. Er flsterte zwei Worte. Sie gab den Blick langsam, schwer zurck. Nickte. Sie stand nachts auf. Es schlug zwei. Die Tr der Kreolin schlo sich, bei Fribaurt glitt es heraus, dunkel und braun, verschwand. Sie ging die Treppe hinauf, sagte die Nummer der Kabine mit weien Lippen vor sich hin, suchte mit den Augen, den Hnden in der Dmmerung des Korridors. Ihr Arm blieb stehen. Ihr Bein, magisch gezogen, ging unter ihr weiter. Ihre Haut glhte mit einem Ruck. Da hrte sie neben sich in der Nische ein Gerusch. Sie bckte sich, durch die Luke kam Nickellicht vom Wasser. Hinter Gittern kamen die roten Augen kleiner Hasen an sie heran. Ihr Finger berhrte die bewegte Schnauze. Go . . . Die Tiere hoben sich, neigten sich herauf. Begannen sich zu bewegen im Ruf, der sie traf. Ihre Stimme aber kam auf sie zu, umfate sie selbst wie von anderen gesprochen, breitete sich in ihr aus und verlie sie wieder in Seligkeit und Erfllung. Was vorging, was sich sammelte aus ihr heraus im Ton, der sie umschwamm, brachte Ruhe in sie. Trieb sie in eine Klarheit. Stellte irgendwo etwas auf, dem pltzlich alles in ihr wie an Fahnen hingeweht sich zubewegte. Ihr Blut spannte sich dem entgegen. Es ging ber alles hinaus. Trieb darauf zu mit der Kraft und der Inbrunst des Ziels. Sie lchelte. Kehrte zurck, fiel in Schlaf wie Traum. Abgelenkt, vorbeigefhrt innen an ihm, gab sie ihm die Hand. Keine Miene zeigt, da ihn etwas enttuschte, Unter den Stzen warb seine Stimme um sie, um jeden, er blieb gleich. Sein katzenhaft gestraffter groer Krper blieb neben ihr. Hrner heulten aus dem gegen die Wellen trommelnden Abend. Blinkfeuer stachen kreuzend ins Licht. Aus Landduft quollen roh, verquatscht, Hupen. Die Rder gingen langsam, fielen zurck, die Mole hing voll Menschen gedrngt, wimmelnd, sich verlierend auf der tiefen Flche. Unter den rcklaufenden Wogen schellten die Bojen los. Das Schiff stand. Da sprang pltzlich ihr Herz. Die Barkasse legte an. Zwischen gestapelten Koffern irrten Passagiere, auseinandergespritzt. Hnde durchglitten ihre. Das Frulein stieg auf der Treppe hinunter zum Wasser. Sie sah scharf nach dem Ufer. Es kam auf sie zu. Sie gab Le Beau die Hand. Wohin? Sie wute es. Er sagte: Paris. Lchelte pltzlich: Wohin fhrt ein Franzose . . . Sie lachte ber die Schulter dem Reeling zu. Sie sah zurck: Versumtes, Verfehltes lag auf seinem Gesicht pltzlich gesammelt, Schmerzhaftes zog es tief in ihn hinein. Es blieb. Verlie sie nicht. Leben Sie wohl. Wind bewegte sein rotes Haar. Den Hut unterm Arm. Von unten sah sie ihn am Gelnder verschwimmen. Zwischen den weien Hosen der Kapelle brach der flackernde Untergang auf. Die Musik spielte ber der Sonne. Die Barkasse legte sich fest an Land. Der zweite Abschnitt Da war Berlin, sie erkrankte an Grippe, ihre Umgebung frchtete den schlechten Ausgang. Sie genas. In Zackstrahlen von diesem runden Verharrungspunkt ausgeschleudert, durchschwebte sie die neuen Schichtungen. Das Frulein fhrte die Liste der Stunden. Die Tabellen verengten sich, gingen bis in die Nacht. Man holte sie. Sie schob sich selbst in das Drngen. Bald stand ein Defil vor dem Haus. Mit Holl ging sie in Lewinskys Generalproben. Vom Bazartee kam sie mit Rosen, die Zofe brachte das Abendkleid ins Bad. Das Frulein reichte die Tabelle. Sie runzelte die Braue etwas hinauf. Verreiste. Bhmer, Below traf sie bei der Holmberg, berging sie. Erlebte den Skandal, als Mnner auf der Nizzapromenade sich um deren weibemaltes Fleisch schlugen. Drei davon starben. Andere htten sich gewlzt vor Wonne. Fuhr weiter. Drang von Schicht zu Zelle, lchelte. Es gab keine Grenze, Geld, Wille machten vor ihr alles frei, sie folgte traumhaft. Bei Ut kam von der Regatta Symes herauf, schlenkerte im Sweater auf sie zu. Sie sah zuerst vorbei, traf pltzlich seine Gestalt, sprte in den Knien, im Auge den Schlag, erblate. Lief am Strand auf und ab abends, allein. Reiste zurck nach Nizza die Nacht. Bezauberte drei Tage von neuem die Holmberg, deren Hand schmeichelnd kam, fuhr mit ihr den Korso, dessen Blumenwoge symphonisch in den Himmelrand schlug. Ihr Blick hing fest irgendwo ber ihr, zog etwas daraus fest in sich Die Grfin fragte. Sie ward scheu, umschwebte mit dem Blick ihren Kopf, wich der Hand aus, verschwand. Sah in dem Parkfest eines dekadenten Mitteldeutschen Frsten die Megre auf gemeielten Beinen kommen, auf einem Wallach, zwei Messer im Mund, abspringen, den Norweger Stefan umarmen, nicht tanzen, lachend abreiten. Der mit den eisernen Backenmuskeln wandte sich ruhig um, sah, berstrzte den Blick nach Daisy. Seit dem Tag war Stefan hinter ihr her, reiste Station auf Station nach, vermochte nicht zu bitten, versuchte einen Einbruch, setzte sich selbst herab, mute sie unter Menschen ihn hren. Seine athletische Brust zuckte zurck vor ihrem grau geworfenen Auge. Sie sah ihn kaum. Sie gab sich hin, lie sich aufnehmen wie willenlos, von diesem bald, von jenem Hauch. Kam es vom Meer, war es gut. Kam es vom Land war es gut. Ihr Gesicht selbst war verschleiert. Es war unsichtbar, was sich vollzog. Nur war das Obere deutlich nicht das Letzte. Etwas sa darunter, fest zusammengedrngt. Nur, je mehr sie sich dem Umstrahlenden anschlo, geno, sog und hintertrieb, bedenkenlos die Stationen nahm, die sie umwlkten, war etwas in ihrer Hingebung, das sie dem so heftig Genahten tief entzog. Es schwankte herauf und herab in dem Treiben, bald obere, bald untere Welt, Fahnen und Wagen, auch Meer. Sah Heringsdorf, Menschen bogen sich, verkrampften den Blick, sahen in die Sonne, neigten die Hlse, flsterten, trieben Neugier aufs Gesicht. Durch solch gewlbte Gasse kamen Heroen: Lyonel, Bhmer, Brandt, Below. Umzischelt, vertuscht, aufgerissen. Vorbei. Sie lenkte den Blick khl darber, er trieb nicht ab, blieb nicht haften, kein Drang schlug dort hinaus. Sicher fast, in die Hhe gehoben, blieb er dort. Haftete. Sie spielte einen Preis im Single heraus. Das Lcheln, das sie zerstreut dem Preisrichter gab, lief durch Revuen, machte ihr Gesicht bekannt. Darauf, in Zopott, trat im Doppel Stefan gegen sie. Machte ihr Fehler hin, sie nutzte nicht aus. Schlug erstaunliche Drifs, sie bewunderte nicht. Schlug einen Ball gegen ihren Schenkel, mit einem Wehlaut sank sie zusammen. Seine Entschuldigung lenkte den Blick an ihm vorbei. Gewalt gegenber war sie eisig verschlossen. In Mnchen schwrmte sie unter herber sdlicher Sonne einen Festabend. Unter der Dielentr sah sie Caspare Symes, er sah sie nicht. Da schwankte ihr Gesicht, an den Molen des Innern brach sich es, schumte herum. Sie stieg hinauf. Nahm den Spiegel. Ungewisses, Zgerndes stand vor ihr, schlug dort hinaus, woher sie kam. Sie bog ihr Gesicht auf, lernte eine Bewegung, die es zurckschlug, was tastend offen stand, hinein fuhr in die Tiefe. Das Harte, Gespannte, sammelte sich dichter unter dem Schleier, ward reifer, fiel fast als Frucht schon heraus. Sie sa im Zirkus, wo Sgemehl und Pferdeschaum schwirrte. Mit Steinen um den verhaltenen Mund neben dem franzsischen Botschafter. Fuhr im Auto durch Eifel und Rhn, ber Matten, zu den sthlern gereckten Chausseebndern des Bennetrennen. Kinder, Frauen, hinter ihr her, hinter nie Gesehnem. Offiziere ritten neben ihr im Herbst. Im Lunapark verlor sie einen Ring, lachte. Masseldoff, flsterte Holl. Sie sah zurck. Die Zeit staffelte sich darunter. Es ward klar. Was war das all? Nichts. Die Mnner, es beschftigte sie nicht. Hochmut sprang um den Mund, als sie aufsah. Was blieb, kannte sie. Noch blieb sie in der Schwebe, blieb sich gleich, hingegeben noch wie stets dem, was bereits vorbei war. Unbestimmbar so auf Strae, Wagen, Park. Verdichtet aber im Innern. Sie hrte Stimmen, vernahm Dinge, hrte Stefan, Holls Regie. Wohlig streckte sie sich darin, es ging sie nichts mehr an. In Christiansand an einer weien Mauer entschlo sie sich pltzlich, bestimmte die Rckkehr. An der Reede, von einem Schiff steigend, das kam, traf sie Symes. Er grte. Ihr Gesicht blieb kalt, wie sie es sich gelehrt. Aber Ohnmacht berfiel sie, so straff hielt sie unnatrlich die Maske. Es schlug sie den Fahrtmittag nieder, erweichte ihr Gesicht, das mit den heien Wellen ging und kam. Gegen Abend warf sie den Aufruhr in sich nieder. Erreichte den Punkt wieder, wo ihr Blut hinhielt. Hielt die Richtung ein, verschrfte sie sogar aus Trotz ber die Abschwenkung. Warf alles zurck auf das Zentrum. Der Schleier fiel ab. Das Gesicht fiel reifer heraus, suchend, ruhig, bestimmt. In der Nacht kam sie an. Im Bett frh telephonierte sie nach Lewinsky. Er war nicht im Theater, nicht in der Wohnung. Sie hrte vom Diener, wo. Fuhr zu Guildendaal aufs Morgenfest im Park. Suchte die Wiese ab. Sah Perlhuhnhunde, des Einladers breite Glatze ber Favorits, sah eine Polonaise am Teich. Darin am Ende Lewinsky. Da setzte sie sich beruhigt. Doch unterbrach ein Skandal. Es kam ein Anruf: die Megre hatte sich erschossen. Man rottete sich zusammen. Holl eiferte gegen Stefan, hetzte fanatisch, jetzt noch in ihre tierhafte Anmut verliebt. Kam Stefan vorbei, schwiegen sie. Man hatte den Mut nicht, es ihm zu sagen. Fribaurt kniete neben ihr, erzhlte den Fall das drittemal. Sie sah in den blauen Himmelausschnitt zwischen den Rotbuchen: wie feig sie waren. Sie sah deutlicher nach Stefan. Eine Stunde blieb sie, berflog die Versammelten, hielt Zusammenhang immer mit einem Kopf. Pltzlich ging Lewinsky, sie sah den Hut in seiner Hand. Da stand sie mit einemmal leicht auf. Sie legte, schon halb herumgewandt, die Hand mit unnachahmlicher Lssigkeit auf Stefans Schulter: Die Megre ist tot. Ihr Gesicht war anders wie das, was sie sagte. Fern nach anderen Dingen gewandt, erhielt die helle Schrfe eines Vogels. Am Wagen blieb ihr Kleid etwas gerefft hngen. Man sah ihr Knie. Sie fuhr die Allee hinaus. Sie fuhr ein paarmal, um Zeit zu gewinnen, um das Viereck, nachdem Lewinsky vor ihr ausgestiegen. Lie halten vor ihrer Villa, ging unter Flieder auf das gelb leuchtende Haus. Im Boudoir zog sie sich um, sa noch einige Minuten am Fenster. ber dem Kiesweg pflckte sie einen Zweig, schwang ihn hin und her. Der Gaul wieherte, als sie wieder losfuhr. Sie lie sich nicht anmelden und wurde daraufhin abgelehnt. Da gab sie die Karte ab, die Tren gingen auf, im Arbeitszimmer stand Lewinsky, an ihr vorbei, ihn verlassend, ging Stefan. Sie stand an der Portiere und brachte Lewinsky aus der Fassung. Sie hatte ihn den Morgen getroffen, sich nicht annonciert, war pltzlich da. Sein Blick strich die Wnde hinauf, da hingen groe Mnner seiner Zeit. Seine Haare waren in der Stirn geschnitten, er stie mit der Zunge an, schlug die Arme ber die herausfordernde Brust, um sicher zu scheinen. Er fragte, was sie will. Sie antwortet nicht, macht nur eine Bewegung, die sie ihm ganz ffnet. Erhebt ihre Stimme. Kein Mensch hat sie gehrt. Sie fhlt sie schweben. Sie spricht eine halbe Stunde vor dem Gesicht, das an Hflichkeit aufrafft, was es kann. Sie fhlt die Vokale steigen, glnzen, singen. Es entspannt sich in ihr, vieles geht hinaus. Das Beste bleibt, ist gehemmt. Als sie eine halbe Stunde gesprochen hat, hebt sie das Auge auf zu ihm, erschrickt. Es gengt nicht? Er spaltet den Mund nach den Seiten, schaut herauf ihre Figur, herab. Kmpft einen Augenblick mit den Kinnmuskeln. Dann schttelt er den Kopf. * * * Viele Tage verlie sie das Haus nicht. Ihr Mut war so stark, da der Mierfolg sie nicht schlug, sie begriff ihn kaum. Er brachte sie nur deutlich zu sich, entfernte sie von dem Hin- und Herbewegen und legte sie fest. Sie sah durch das Straenfenster, da ging gedmpft der stdtische Verkehr der Grunewaldstrae, rasch, verwirrend, elegant. Sie ging zum andern, da war rauschender Park. Baumwipfel bogen sich im Wind ihr zu. Sie hob den Kopf entgegen dem Gerusch, hob ihm die Stimme entgegen. Es klang zusammen. Belebte sie, gab ihr Resonanz, sie kettete sich daran und bekam die Leichtigkeit, die sie selbst bezauberte und hinri. Da war sie ganz enthalten in den Lauten, wenn sie allein sich preisgab dem Gefhl, das ausflo. Da konnte sie Stze biegen, Wonnen rauschen lassen in blanken Diphthongen, spielen mit Worten und ungefhren Dingen, die als Sternnebel um sie waren. Beglckt trat sie zurck. Am vierzehnten Tag fuhr sie zur Florath. Die wollte sie ablehnen, sah das gute Kupee unten stehen, ward neugierig, winkte, sie hereinzufhren. Sie lag mit gelockerten Beinen auf dem Diwan, musterte Daisy mit den runden Wolfsaugen, leckte die Lippen und fhrte beide Arme verfhrerisch nach den hell gemalten Haaren. Daisy begann, ohne sich zu setzen, sprach, nicht lang, aber eindringlich. Beim ersten Laut sprte sie, es fehle, es stoe neben hinaus, was sie wollte. Als sie ins Gesicht der Schauspielerin sah, strzten ihr Trnen in die Augen. Alles verlie sie. Kein Mut, keine Sicherheit. Mit kindisch unsicherer Haltung raffte sie ein Taschentuch auf, das ihr gefallen, und als sie wieder stand, sagte sie nach unten hin: Ich hatte mich nicht in der Gewalt. Wieder suchte sie jenen Ton, den sie seither immer besa, der ihr eigentmlich war wie ihre Hand. Sie glaubte, sie trfe ihn, begann von ihm aus sich aufzuschwingen. Als sie unsicher ward, half ihr der Trotz zu einer intensiven Kraft. Einmal stockte sie, sah die groe Frau auf dem Diwan zusammengerollt, sie nickte ihr zu. Sie fuhr fort, schleifte es weiter und brach ab. Die Florath reckte die langen Beine, erhob sich, zog die Knie an, sagte mit ihrer schwrmerischen Stimme: Gibt es denn nichts, was Sie sonst befriedigt . . ., kam mit langen Schritten auf sie zu. Sie sah auf, wollte, was sich sprengte in ihr, sagen. Es kamen nur Trnen, sie stampfte ein wenig auf. Als sie den Arm der Florath im Nacken fhlte, wute sie, da jene sie miverstand. Sie schwieg, verschlo in sich das Geheimnisvolle, das sie sofort wieder sicher machte. Demtigung, Verzweiflung bisher, nichts war umsonst gelebt, sie fhlte, es ward klar. Noch machte an der Tr die Florath eine Bewegung mit dem Kinn, das rtselhaft herabkam: Die Welt ist voll Mglichkeiten, reizvollen, wenn Sie die Ihren suchen . . ., die runden Wolfsaugen berglitten sie lchelnd, die Hand glitt ber ihre Brust. Sie verneigte sich. Auf der Treppe ward sie wieder zh wie vorher. Gelang dies auch nicht, sie sprte unbedingt, unauslschlich die Stimme in sich An der Straenecke stand Moki. Aus dem Laden trat Fribaurt, bedrngte, behing sie mit Geschwtz. Sie log ihm Krankheit vor, erklrte ihre Unsichtbarkeit damit, frug ihn, als er nicht wich, nach dem Diener. Er schmollte mit den Lippen, verschwand. Zu Haus fand sie einen Brief. Er riet ihr, zu Lw zu gehen. Rivale Lewinskys. Sie wute nicht, von wem. Der Goldfischteich glnzte aus der hellen Dmmerung. Sie bi die Lippen zusammen ber den Eingriff, der in ihr Leben kam, der Garten stand geweitet wie ein Flutal, Fischflossen glnzten manchmal weich und rasch. Der Papagei schrie lang und heiser. Sie kraute die gestrubten Haubenfedern. Der Schnabel kreuzte sich, orangen und grn flimmerte es aus der Ecke: Dogo . . . Dogo. Sie wandte sich von ihm um. Nahm ein gepretes Buch, schlug es auf. Neben Lewinskys gesalbter Glattheit stand das wohlwollende menschliche Gesicht Lws. Es zog sie an. Sie sah auf den Boden. Im Garten, sangen Nachtvgel herauf, schwebten ihr mit Wind Flstern entgegen und nassem Buschzeug aus dem Blau. Sie sprte, da der Brief sie gut leiten wollte, zog den Finger aus den Blttern, empfand im Schlieen, wie es sich in ihr spannte, und da vor diesem Kreuzweg Ja und Nein des Lebens stand. Dann hatte sie etwas pltzlich, was alles vertrieb. Sie fuhr zu Lewinsky. Er hatte sie einmal besiegt. Zeigte, wie schn sie sei. Hinter der Hflichkeit reckte sich seine Macht. Er gab ihr ein anderes Buch. Sie wollte es zwingen. Der Text ist nicht gut. Ein anderes Spiel. Sie wechselte. Sie bumte sich auf, klar und weitschweifend zu sein. Schon kmpfte sie gegen das Unfabare, da ging eine Tr hinter ihr, ber den Spiegel huschte ein Schatten, eine dnne Bewegung. Es lste seine Oberflche auf, er stand in Wellen, wurde tief und voll Horizont. Ein Springbrunn kam hereingepltschert, ihr Mund sprte Blau und Goldregen und Baumbewegung. Es kam Gerusch der Strme. Auf dem Ontario wogten Segel, hiten Fahnen, grten. Rhrung und Hingabe legte sich in die Stimme, ward goldhell, posaunengro, nun erlebte sich alles. Flog an den Drhten hinauf, sank zurck ins Blattgepischper. Trug eine Kraft, die schwoll und wuchs. Sprach zu den Tieren: Ihr Lieben. Zu den Weibern: ei welche Sonne da. Hatte den Ottawa im Traum, den Erddunst in den Nstern der Vokale. Hatte ihr Herz. War voll. War da. Ihr Auge frug nicht, ihr Mund hatte kein: Gengts? Lewinskys Kopf war entblttert. Macht, Hflichkeit, jede Maske war weg. Um die Lippen stand eine grausame, bebende Linie. Angst, da ihm dies entgehe. Er versprach, was sie wolle: Erfolg, Geld, Ruhm. Der Spiegelschatten kam aus dem Polster, Stefan brachte sie an die Tr, hatte Ersticktes in der Stimme: Erhielten Sie meinen Brief? Sie zgerte, sah Gesenktes an ihm, der Brief war gut. Dann hob sie schmal das Kinn: Nein. Er lachte heiser durch die Zhne. Ihr Blick blieb verwundert. Dies war der Durchbruch. Die Arbeit begann. Lewinsky zeigte klug, was ihr fehle, wie, was sie in sich trug, nur die Flamme war, die das Gerst entzndete und in die obersten Logen der Erfolge trug. Das Gerst war zu lernen. Sie sah ein, sie konnte noch nichts. Nun gab es nur dies. Von allem schnitt es sie ab. Keine Segelfahrten lockten, an keinem Zirkus entzndete sich die Lust nach dem Dampf der pochenden Pferdebuche. Fort gingen die Bahnen, die Wagen. Sie blieb. Die Brauen bogen sich vor Spannung. Das I schrfte, jagte sie in den Plafond gegen Dogo, da er flatterte und es zurckschrie. Das A baute sie zu Brcken, weiten Wlbungen, die funkelten vor Kuppelschwung und Material. Aus dem O kamen schwingende Trommeln, ferne Gewitterstrze, die erregten. Die Leidenschaften der Wlder, das Sichsagen der Leiber brannte aus dem U. Die Diphtonge glitten dazwischen. Sie trat ans Fenster, die Hnde, die Brste am Gitter. Ein Lehrer kam, der den auslndischen Akzent abschliff. Nach acht Tagen sagte die Zofe ihm, es sei genug. Lewinsky sandte andere. Sie verbrauchte viel und rasch. Fand sie, wo sie einhaken konnte, blieb sie zh dabei. Das Regulieren von Zunge und Zhnen, das Siebenmaldurchsprechen der Rolle, bis die Figur sich entschlte, das Hartnckige und Sichere, das war ihr Fall, dem blieb sie treu. Ein Lehrer wies ihr die Bewegung im Raum, teilte ihn geometrisch, wies ihr die Pltze dekorativ. Stellte ihr die Gebrden, zog eine Kurve. Sie sah vorbei. Er stlpte den rmel hoch, den Arm auf zur Ekstase. Sie machte es nach mit der Linken, die Rechte ghnte. Wozu?, frug sie Lewinsky mit ermdeter Schmerzlichkeit. Da brachte er Statisten, belebte mit Fleisch, mit Blut das Zimmer, suchte durch Lebendes ihre Verwhnung zu berwinden. Er machte ein Kabinettstck, bezauberte mit seiner eigenen Regie, hetzte das Zimmer, die Luft zu Drama. Sie lchelte. Sie nahm drei Sthle. Sowie sie aus sich selbst sich bewegte, kam Leben in das Holz, ward Aufruhr und Ergebung. Sie entflammte es. Er zog beleidigt die Unterlippe ein, grinste impertinent, als sie den Rcken kehrte. Lie sie aber tun, was sie wollte. berzeugt selbst ber seine Eitelkeit hinaus. Einmal gnnte sie sich Erholung, als Dogo schrie, sie ihn im Hemd mit Tintenfischen ftterte auf der Veranda und die Morgenkhle ihr unter dem Leinen den Krper hinauf tastend lockte. Sie ritt mit Guildendaal und Rotbefrackten eine Allee hinauf. Die Hunde rannten Hasen nach im Gras. Von einer Pappelreihe her hob sich ein Staubkreisel, flackte ber die cker und Weiden herbei. Als er die Allee berhrte, fingen zwei Drosseln an zu schlagen, unaufhrlich. Da wandte sie um, trabte ohne Abschied herum, wie im Spiel, kam nach Haus, empfing von rckwrts in die Einsamkeit das Durchflogene, gab sich hin an das Wehen der Grser, das Summen, Vorbereiten und dann dem Ansprung des jungen Winds, entfachte sie. Mit glcklichen groen Augen und einer ganz beschftigten Stirn versank sie in die Arbeit. Besuche nahm sie nicht an. Selbst machte sie keine. Holl, da er Regie hatte, traf sie manchmal, doch wnschte sie Tips. Ging sie aus, war es mit Freude und Spannung schon auf die Rckkehr, wo die Distanz zur Arbeit sie frischer machte, angriffslustiger, heiterer im Spiel. Moki suchte ihr etwas zu berreichen, sie nahm es nicht. In einer Gartenstrae schlich ein Mann und ri an ihrem Beutel. Das kleine Messer aus dem Grtel in der Hand, begann sie den Widerstand. Doch lie sie fast im gleichen Augenblick den Beutel fahren, steckte das Messer ein. Sie hatte wichtigeres vor, um dies zu riskieren. Der Dieb lief. Sie kleidete sich um. Fuhr den Abend ins Theater der Florath. Die war nicht da in der ersten Szene. Im Hintergrund der Loge bereitete eine Frau sie vor, schilderte ihr Bein, ihren Busen. Ihre Laster. Da kam sie wie ein Tier, das Kleid schaukelte erregt um sie, als sei ein Abstand zwischen Haut und Kleid. Selbst im Unsichtbaren war ihr Krper entblt. Es war, als se ihre Seele in den Hften. Alles strmte zusammen da, erhielt dort den Ausdruck der Verhaltenheit, der erregte bis zur Stummheit. Sie lchelte einen Mann zu Tod. Er verschwand mit seinem blonden Bart. Spter dirigierte sie sich gegen einen Slawen mit Bauernschultern, an seiner Stumpfheit blieb sie hngen. Schwebte eine Herzspanne in der Luft, das Verhllte knisterte um sie. Sie sog die Sprache in sich hinein, hinter dem Marmor leckte schon tosend die Glut. Die aalglatte Hfte stand fast ruhig, sie spielte mit einer Dose. Lie sie fallen. Bumte, brllte wie ein Tiger. Entsetzt, mitten in der Szene ging Daisy. Sie sah, was fehlte. Wie unheimlich jene mehr konnte wie sie. Lchelnd stumm in sich hinein, weil ihre Inbrunst grer war als die Routine der andern. Sie zog den Schlu: arbeitete heftiger, tief in die Nacht, schon gierig auf den Morgen. Doch war die Nacht auf ihr heies Decollet gefallen, die Grippe in der Nacht zurckgerollt. Weinend, fiebrig, schleppte sie sich zum Diwan. Da stand die Aufgabe. Sie konnte nicht. Die Zofe schellte den Arzt herbei. Er frug nach Schmerzen, hielt an langen gepflegten Ngeln das Hrrohr ihr an die Brust. Sie delirierte: Sie kann die bergnge . . . Der Arzt neigte sich herunter: Nehmen Sie alle zwei Stunden ein Pulver. Abends zur Zofe sagte sie: Nehmen Sie drei. Achtundvierzig Stunden wimmerte sie, die Zofe verstand nichts. Am dritten Abend schlug sie die Augen auf, besann sich, bekam ein opaliges Licht hinein, wies auf ein Buch. Als sie es in der Hand hatte, fiel es ihr vor Schwche heraus. Sie sagte: Nehmen Sie vier. Es ist zu viel. Ich habe Eile Am fnften Tag war Sonne. Am achten kam sie in den Garten. In Zweigen und Flstern bewegten sich sanft und weich die Stze. Die Melancholie der Boskette trumte gold umrahmt vom Mondlicht. Ihr Entzcken entlud sich unaufhrlich quellend, gleitend auf einer wundervollen Bahn, der die Nachtigallen sich anschlossen, die aus dem abgeschttelten Schlaf sich mit aller Inbrunst entfalteten in ihrer Elegie. Fand im Garten, wo der Kies lehmig war, Spuren. Folgte mit dem Frulein. Sie liefen durch den Busch zum Eisengitter. Sie zog an den goldgespitzten Lanzen. Drei gaben nach, machten ein Loch. Die Lanzetten waren angeschraubt. Nachts nun, wenn sie nicht schlief, ging auf der Strae der Schritt eines Passanten ruhelos auf und ab. Der Schritt gab Regen und Wolkenwind den Rhythmus, hallte, lief ohne Pause. Wo es schwarz war und undurchsichtig hinter dem Gebsch, erschien ihr ein kreideweies starrendes Gesicht manchmal, doch es war in ihr, sie sah es nicht nur drauen. Bei einer Pftze blieb sie stehen, der Regenbogen darber entfhrte sie, mit gerteten Wangen wickelte sich ihr auf ein Strom von Bildern, die zogen. Sie kehrte sich scheu ab. Holl warf das Mdchen an die Wand, strzte herein, in jeder Hand Orchideen, verzweifelt, weil man ihn abwies. Sie ffnete die Fenster hinter ihm, das Szenenhafte nahm der Luft die Ruhe. Vaudreuil schrieb: Schlug Wechsel ihr vor, baute Plne auf, was sie sehen, nehmen solle. Syg reiste nach gypten, kam an den Hafenstdten vorber. Sie konnte mit. Es hob sich schmeichelnd vor ihr, die Schwester und der Bogen, der die Ferne einfgte in den Punkt, wo die Sehnsucht in ihr sich staute. Sie schluchzte eine Nacht. Dann war es vorbei. Sie lie einen Hund in den Garten setzen, streichelte ihn und fhrte ihn am Gitter entlang. Die Spur ihrer Hnde an ihm war noch nicht warm, da war er schon verschwunden. Sie empfing Lewinsky nach ihrer Krankheit erstmals, sprach nicht von dem Nchsten, der Arbeit, der Hoffnung mit ihm, sondern erzhlte ihm, was all wnsche, sie zu entfhren. Sein Augapfel ward grn, das Gesicht schwammig. Sie zeigte ihm die Gartenspuren. Er zuckte die Achseln: junge Leute schwrmten fr sie. Er erzhlte diese Geschichte, jene Geschichte. Erwrmte sich Sie sah ihm fest, forschend unter die Stirn. Dann schwamm es weiter, dies und alles. Sie warf sich der Arbeit hin. Holte kleine Kinder, die an Konditoreien die Nase platt drckten, erfragte sie, erfllte sie, nahm die Laute auf. Nahm von der Strae einen Bettler herauf, setzte ihn an ihren Speisetisch, whlte in ihm. Warum haben Sie Furcht?, frug sie erstaunt. Erregt mit sich selbst redend, machte der sich pulde. Sie eilte ihm verstndnislos nach, er war schon fern, sprang und lief. Um zwlf Uhr schlief sie ein. Sie hatte Begeisterung auf der Zunge. Um Fnf erwachte sie. Alles war bld und idiotisch. Schlaff sank sie zurck. Um Acht erhob sie sich, holte Frische und Lust aus dem Muster des Teppichs, dem Ton der Tapete. Im Schwanken erfuhr sie die Grenzen, erfuhr sie den Arbeitssinn. Stellte fest, wie weit sie vorkam, wie stark manches sie zurckwarf. Sie bemhte sich und erkannte, je nher sie kam einem Ziel, wie grere dahinter standen. Ihre Kindheit kam manchmal, rhrte sie zu weichen Klngen. Manchmal fehlte sie, der Ton ging leer, verpuffte. Hatte sie etwas sicher, war es schon nicht mehr von Bedeutung, denn ein anderes hemmte. Sie lernte aus jedem Erfolg erst die rastlose Verantwortung, die Verpflichtung der Erfolge, das ungeheure kreisende Rderspiel der Krfte, die sich bedingten und steigerten in einer nicht mebaren Form. Sie sah, da Ziel kein Punkt war und kein Ende, sondern nur Etappe, nur Weg, nur ein Stck der endlosen Bemhung, da die Aufgabe wachse mit der Potenz der Kraft. Am Versagen sprte sie, was es bedeute genau wie beim Erreichen: heier, heftiger zu streben. Aber manchmal, wenn nichts den Ausdruck ihr brachte, geschah das Wunderbare und Unerklrliche. Von dem Wind, von dem Grastau kam es. Von dem Teich stieg es auf die Veranda, vom Himmelabschnitt ber der Ulme sank es blau und bebend. Da war es. Unverlangt und unerbeten. Es war da. Es umflockte sie hell, blau, klar und alles berhrend, was sich danach in ihr streckte und sehnte. Das war das uerste und rauschte sie auf wie einen Baum. Die Leistung atmete sich fort, ohne Gesprch, ohne Leitung. Das Geschaffene drang durch die Poren des Raums, durch die Straen, die Stadt. Die Leistung erhielt die Ausbreitung, die Durchschlagkraft jeder Tat. Die Florath lud sie ein. Sie ging nicht. Lewinsky bat sie, sie kam. Bei Tisch warf Stefan Bhmer, der neben ihr sa, ein Billett zu. Nach drei Tagen erscho er ihn. Das Lcheln, mit dem Bhmer das Papier geffnet, begleitete sie einige Tage. Doch kam sie darber, leicht, als sie sich bemhte, hinein in den Strom, der sie fhrte und weiterspielte. Erklomm solche Ausdehnung und Tiefe in ihm, da Lewinsky den Schlustrich zog. Er bereitete das erste Auftreten, legte Listen der Geladenen vor. Sie war glcklich den Tag, weich durch das Erreichte, spielte mit seinen Gsten, sa mit Holl bei Pharao, und, als sich vor Neid ihm die gebrannten Locken lsten, mit Fribaurt bei Quarante-et-un. Am Bassin traf sie auf Stefan. Er war versunken. Er hatte bis zum dreiigsten Jahr gekmpft, gelebt, zugeschlagen. Hatte die Kinnbacken angezogen, war damit ber alles getreten, hatte alles sich, jede Laune, das Verbrecherische, Wste zugebilligt. War wie ein Eber nach ihrem Leben gesprungen. Doch dieser Zug ging in die Luft. Er traf nichts. Stand erschttert, verzaubert vor dem Widerstand. Sein Leben fiel von der Achse, formte sich darunter um, erhielt eine neue Einstellung. Es ging ums Ganze. Sein Auge drehte sich, besann sich. Hier war die Entscheidung. Er wollte sie erzwingen. Umlagerte sie von allen Seiten, spielte jede Note, die er beherrschte, zum Erfolg. Sie sah es nicht. Sie ging an ihm vorber am Bassin. Er holte sie ein. Ich war der Bettler. Zerri ihren Weg. Es war spielerisch, was sie unternahm. Sie gab nicht dem Elenden, half nicht dem Gestank. Sie durchforschte ihn nur und das war ihm widerlich. Sie trat zurck, wtend. Da sah sie an seiner Haltung: es war gut, was er wollte. Hinter ihm trat hervor, was er geleistet: er war das Gesicht in den Bschen, die Spur im Garten. An seinem Knie rieb sich der verschwundene Hund. Sie sprte die Kraft, die auf ihr Ziel eindrang, es formen wollte, abreien, hinberzwingen zu sich Es kam mit Beherrschung, gezhmt zu Gte fast, es machte sie aufsehn, bedenken, es rhrte sie, sie reichte ihm zum Ausgleich etwas zurck, eine Lge, einen Trotz: Ich danke fr Ihren Brief. Langsam, leis. Es beeindruckte sie tief, wie er es nahm. Aber im gleichen Augenblick war nie der Widerstand strker gegen das, was mnnlich sie hemmte, den Weg kreuzte. Sie hob sich, fast wild, bersprang es, schlug es zurck. Es blieb im Boskett, als sie darber war. Khle, Befreiung kam. Wie klar die Luft. Weich hingegeben, vom Erfolg und Sicherheit empfnglich und aufnehmend gemacht, sog sie Hyazinthen ein, die toll aufdufteten. Da sah sie zwischen Lampions einen Mann. Caspare Symes. Der Garten strzte hell mit einer Flut Apfelbume in die Nacht. Aus ihrer Brust ri alles mit. Die Knie standen eng aneinander. Alles war Bewegung aus ihr hinaus. Nur sein dunkler Kopf kam. Sie nahm ihn auf, in die Hnde, ffnete die hochmtigen Lippen. Sein Mund war schmal, weich. Sie gingen, es gab keine Leidenschaft, keinen Zorn. Caspare. Der Garten glttete sich in der Lichtwelle. Besinnungslos hing die Minute um sie, kam auf sie zu. Alles bot sich an, voll Glck. Die Bsche stiegen in dunkelrotem Ring bis zum Goldbogen auf. Die ste flammten mit einem Netz von seidenen Strahlen an den Lauben. Die Schlfen lagen fest aneinander. Es kam die Obstflut. Da fielen Blten ins Gras ohne Pause. Es war der Fall seines Bluts, das von der Ader seiner Schlfe herbersprang. Ihr Blut hrte auf und setzte in seinen Takt ein. In diesen Bogen spannte sich alles ein, das Ende sah sie nicht, aber sie sprte, da es gegen den Rand ihres Lebens hinunter sich neigte. Aber von der anderen Seite kam zum erstenmal wieder die Jugend herauf. Unbefangen, ganz das Ohr erfllt, kam von fern die Lawine des Ottava und die Fle. Der Ontario schliff sich blau mit wiegenden Segeln. Dazwischen stand die Sekunde, in der sie atmete, als sei sie dem Vergangenen zugehrig. Da fielen die Rosaenden der Blten sanft herab, die Erde wogte mit Wurzeln innen entgegen. Und die Bume bewegten sich nach dem Tempo ihres Atems. So war durch das Blut, das zusammen flo, diese Zeit und die andere vereinigt. Das unbefangene Glck der Kindheit zog an diesem Glck, zog es hinber, als sei es abgeklrt, schn geworden und still. Sie schlo die Augen, ein Arm fate fest um ihre Brust. Sie wimmerte, stie den Fu auf, beugte den Leib nach vorn, zog ihn zurck, drckte den Nacken ein paar mal zum Rcken. Dann ri sie sich los, ffnete die Lider, lief den Kiesweg hinauf, das Tor. Sie sprang in den Wagen, der zuerst stand. Ein lahmer Klepper. Sie weinte, brllte in das Tuch des Kleids. Der Horizont war angefllt von einem Donner: Caspare . . . es wrde klingen bis in die letzte Sigkeit alles, was noch kommen konnte. Sie hielt nicht an, fuhr weiter. Ihr Garten kam. Ihr Zimmer. Die Onyxschale mit den drei Kugeln, es stach stumm wie von Augen nach ihr. Der Park grollte den Wipfelwurf ihr zu: den Namen. Die Spiegel fauchten ihn ihr zu. Sie zuckte die Schenkel, legte die Stirn ans Glas. Verloren. Bis in die Todesstunde nicht einzuholen. Sie lchelte: es war nicht gewesen, war drben vor sich gegangen, wo alles lag, was schn war, sie befreite, die Jugend. Bis in das Ende des Haares, bis in die Hhle der Achseln empfand sie: dies war das Hchste, ihr Glck. Trumte sie es zurck, lag tausendfach Geschichtetes dazwischen. Noch unerreichbar, Arbeit und Erlsung und Bemhung lagen vor die Mglichkeit allein geschichtet. Irgendwo wie ein Lichtkegel ffnete diese Sekunde die Ruhe, das Spter, oder vielmehr das Zurck, den einzigen Glckszustand, als die Strme das Kind umrauschten. Es war so weit, da sie die Sekunde kaum noch mit dem Bewutsein erreichte. Sie stellte drei Sthle auf. Gab jedem einen Partner. Erhob sich daran, aber mute sich bald unterbrechen, denn die Trnen kamen mit einer wilden Wucht, die sie umwarf. Sie lag nur und weinte. Erst nach Stunden, gegen Morgen, gewann sie die grausame Ruhe, die ntig war zu solchem Gesprch. * * * Das gab l in die Stze, Mark in das Wort, die groe Kraft in die Bewegung. Das machte einen Boden, aus dem das Spiel der letzten Tage reif und sehr schtig scho. Sie probte den Tag vorher, in einer saftigen Linie lag der Akt. Sie war gefllt mit Zufriedenheit, ohne Triumph. Am Abend kamen ihr die Kpfe des Parketts wie ein Strudel entgegen. Sie ging vor ein Bild, vor einen Boudoirtisch, nahm die Puderquaste, ihr Krper rauschte sehnig und voll gedrngtem Saft. Als sie zu sprechen begann, verlie sie etwas. Sie starrte in den Raum, fate sich, sprach weiter. Sie lie den Silberstift, das Spiel ging nun in Tragdie. Sie machte den Aufschwung. Aber unter dem, was geschah, hrte sie dumpf, da ihr entflog, was sie suchte. Der dunkle Ton, der Ergu, das selige Gefhl des Hingegebenhabens in die Worte . . . es fehlte. Sie suchte. Fand es nicht. Die Stimme flog voll Schmerz, aber das Blut spielte nicht mit. Sie wartete, verzweifelt. Sie zwang es. Ging auf und ab, ganz neu und unerwartet. Warf Worte ein, die der Text nicht hatte. Die Taille verjngte sich zu einer Wildheit, die die schmchtige Szene anri und dehnte. Die Souffleuse hustetete, verwirrt. Ihr Bein stand federnd, abgezeichnet im Kleid, ins bleiche Gesicht des Partners drang sie vor, zerstrte es. Brach mit Leidenschaft ein in das schwankende Schicksal, die die Gefhlshhe erweiterte, ihren Ausbruch und die Dichtung abhob. Grenzenloser wurde unter ihr das Leere. Dabei sprte sie, ihr Spiel war gut. Augen hefteten sich gefesselt daran. Atmosphre der Erregung band sie an das Parkett. Es gengte nicht. Eine Traurigkeit, die ihr Bewutsein nicht traf, da es spielte, das es ahnte aber, wlkte wie unter ihren Fen herauf. Sie brachte es fertig, nebenher zu denken, zu wnschen und herzurufen, was die Inbrunst wecken konnte. Was ihr Schnes seither gegeben, Zrtlichkeit, Pa und Syg und Brown und das Porzellanschiff. Es blieb entfernt. Ihr Gehr verdoppelte sich, sie vernahm sich selbst. Ihr Auge schrfte sich, sie sah sich spielen. Das Bewutsein spaltete sich, war nur zur Hlfte beteiligt. Da spielte sie. Dort sah sie Kpfe, beschaute es mig: Die Florath, vorgebeugt, der Kopf eine schamlose Entblung. Fribaurt mit weibischem Lcheln gebannt an ihr Bein. Guildendaal, ber den Favorits Froschaugen, Holls nervse spielerische Stirn. Sie sah, sie hatte sie im Bann. Doch sie selbst, sie selbst . . . Es sank ab vor ihr, verschwand in der Tiefe. Ein Ri ging durch sie, doch sie verstand. Sie spielte die Szene zu Ende, sie steigerte sich, schmi die Effekte, sah den Erfolg in der Pupille der Florath. Aber in einer Traurigkeit, die ihr Herz erreichte, wute sie, es gengte nicht. Der groe Ruf versagte. Es war vorbei. Was war ihr Beifall? Erfolg? Nichts drngte sich dazu. Sie wollte, da ihr Spiel ihr inneres Wesen erflle. Da sich darin restlos und ohne Sehnsuchtsrest ergiee, was sich aus ihr hob und senkte, was sie gegen das Meer getrieben und darber gefhrt. Sie suchte, da es in ihr klar werde. Nicht da sie nach auen Wirkungen leiste, deren Sinn sie nicht fate. Dies war ohne Bedeutung. Es zhlte nicht. Und nun begriff sie, da nicht zu zwingen sei, was vor den Menschen sich versagte. Es war das Wunderbare, das aus der Mondnacht, am Flu und aus den Bschen manchmal schwankte und sie erhob bis an die Spitze der Sehnsucht. So umflog es sie. Aber sie hatte keinen Teil. Was in rollenden Kreisen sehnschtig, lockend und treibend vor ihr sich schwemmte, das war noch nicht gefllt. Doch dies da war nicht der Weg. Umsonst. Vorbei. Es strzte ab mit jhem Ruck. Wehmtig kam es, fr was sie sich bemht. Das Erwachen am Morgen, die Seligkeit des Schaffens, die Befriedigung und der Stolz. Es war noch nicht am Ende. Irgendwo lag es, noch unfabar. Blieb ein Zwiegesprch zwischen ihr und der Ulme. Weiter nichts. Kein Ziel, keine Erfllung. Ein Irrtum der Weg. Verworfen. Was erfolgreich daran war, hatte fr sie keinen Sinn. So entzog sie sich dem Beifall, entri sich den Menschen, sah Lewinskys gertetes Gesicht, kam durch den Seiteneingang ins Vestibl, auf die Strae. Ging weiter. Menschen quollen aus Toren, Gehsteigen, Husern. Hindurch. Sie hielt nicht. Es rchelte neben ihr. Ein Pferd. Sie strich ihm ber die Stirn. Ein Licht schien grell heraus. Im Spalt sa ein Paar, sie weinte, er senkte den Nacken. Die Steife blieb um ihren Mund. Dennoch empfand sie, da sie mit nichts tiefer verbunden als diesen beiden. Ein Strom fate sich an von ihr zu ihnen. Und zurck. Eine Sekunde empfand sie den Anschlu, das Mitleid, es lste sie fast aus. Doch es whrte nur kurz. War noch nicht so weit. Eiskalt vor Schmerz ging sie weiter, bis an den Rand gefllt mit sich selbst, verschlossen wieder. Sie hatte einundzwanzig Jahre, die Brust war herrlich, der Krper braun, schlank, schn. Sie begann zu laufen. Alles fiel von ihr ab. Nur der Geruch ihrer Mbel, die Wnde ihres Zimmers lockten, waren da, waren ein Punkt, der sttzte, wohltat, barg. Im Vestibl sa das Frulein und stickte. Sie hielt kurz an bei der Pforte. Dann ging sie langsam auf das blonde Geschpf zu, fiel hin, tat den Kopf in ihre Knie. Die Schultern zuckten. Das Frulein sa da, die Beine auseinandergerissen. Das Gesicht von nichts tief gezeichnet, bld und sinnig, an dnner Sehnsucht erstickt. Sie war bersehen im Leben, zu einem Bndel gemacht, das Mitleid umsplte, Verachtung, kleiner Lohn. Kompost fr berflu, hlicher armer Lappen. Badete nicht tglich, war schlecht gekleidet, roch nach Korsett. In ihrem Gesicht entbrannte ein Staunen: Auch sie mu weinen. Dumm sah sie in die Luft, stierte, fate es nicht. Doch vom Elend einer Kreatur gereizt, gerhrt, beginnt der ganze Erdball aufzuzucken, mitzuleiden. Sie heulte nicht. Es ging in die Hnde. Die strichen sehr zart ber den Kopf zwischen ihren spitzen Knien. Falteten die Strhnen auseinander, legten alles von ihr selbst Vernachlssigte, Versumte in die Bewegung, flochten Zpfe, berhrten das Haar als seis ein Kind. So kam die Liebe ber sie. Die Zunge machte einen Ruck, machte den Zug der Nurse, schnalzte, wiegte die Hften, summte: Do . . . do . . . do . . . Daisy. Pfiffs auf den Zhnen. Eine Sehnsucht gebar sich riesengro. Wollte gern ihren Backen an Daisys Wange legen. Aber rhrte sich nicht, obwohls nie heier in ihr gezndet. Wagte es nicht. Tat es nicht. Sie brachte das Mdchen hinber, machte Licht, zog es aus, legte es ins Bett. Lschte das Licht. Morgens fuhr Daisy ans Meer. * * * Windstille war. An den zweitausend Metern Grundschnur fuhren Khne raus, man zog die Angeln an, warf die Kabeljaus ins Boot. Zwei groe Ewer hielten die Schleppnetze ein, lieen Bramsegel vor den Wind fallen, kamen gegen Land, hochgeschwebt. Seeschwalben berjagten Steingebrckel, zuckten am Wasser, hakten mit gebogenen Schnbeln: gri. Jns hielt eine geschwollene Aalmutter in der Faust, drckte den Bauch, spritzte durch den Eiergang junge Zentimeterfische, eins nach dem andern. Sie waren durchsichtig und quallig, ein Darm ging durch und Aderfden. Sie lachte mit ihm. Wind ging den Abend los, pfiff leis, klatschte an, strudelte schon hundert Meter hohe Pfeifen und Rollen. Krebse schoben ber Miesmuschelkolonien, rolzten, ballten sich, schossen hinunter. Regenpfeifer sausten ber den Sand. Hahnenfu und Binsenkraut verschlangen sich Die feigen Sturmvgel klatschten sich an Huser und Raine. Strandnelken und Butterloch knallten gegen Dnengras, die Weidenstmpfe. Die Wimmermve schlgt an, der korallenrote Schnabel fliegt vor dem samtdunklen Kopf, ehs dunkelt hrt sich nur noch ihr Schrein: grik . . . gra . . . ik. Das Meer steht toll verliebt die Nacht vorm Gedn, dehnt sich und schlgt hinten am Horizont sich fest, beit dann ans Land, trmt sich haushoch davor. Die Bume im Binnenland liegen platt am Boden, die Amseln haben sich verkrochen in Mauslcher und Ritzen. Die Keller stecken voll Fledermuse. Das faulende Leberzeug der Maischollen duftet weg. Die Fenster sind geschlossen, Kugelblitze laufen ber die Dnung, die weikochend vor dem zerwhlten Meerbauch hngt. Daisy legt sich. Die Nacht spielt das Gets geil mit ihrem Bein, ihrem Ohr, treibt in ihr Blut. Die Kiesel knirschen draus ineinander. Von einer hellen Flamme ist der Tag aufgerissen. Es ist der Wind, der blau, big, bleibt. Es gibt Lrm, Stimmrufen. Ein Schellfischkahn, der getrieben, will beilegen. Es gelingt nicht. Sie stehen mit hochgekrmpten Hosen bis an die Hoden im Wasser, schreien und hantieren und es wird nichts draus. Sie kmpft sich durch den Wind gegen das Meer runter. Sie kommt durchs Getmpel noch geschtzt, mu aber Schuhe, Strmpfe zurcklassen. An den Erlen hngt das Wassermerk fest, Berle und Hahnenfu liegt klatschna. Im flachen Sand fat der Wind sie, reit unter die Rcke, nimmt sie vor, gattet sich an sie, schont den Busen nicht. Sie luft gertet durch die Tmpel. Taufrsche verschwinden schweigend, murren, grunzen hinterher. Feuerkrten wie aus einer Glasglocke donnern: ku . . . uh, lassen die angewachsene kreisrunde Zunge auf dem Paukenfell schlagen. Wasserlufer gleiten wie auf der Eisbahn ber die Pftzen, in denen Flohkrebse, Steinsack, Laich liegt. Sie steigt, hlt sich an Gras, versinkt im Sand, hlt sich an Hahnenkamm, gelber Stranddistel. Wie sie den Kopf ber den Damm hebt, kocht das Meer, rast drauf besinnungslos unter ganz blauem Himmel. Sie steigt gnzlich hinauf, bekommt einen Windschlag, springt hoch, lacht, fllt um, rollt zurck. Triebsand rutscht nach, verschttet Knoblauchkrten unten, die wie Katzen jammern, sehr bunt waren. Eine Mve ist vom Sturm erschlagen worden. Zwlf Federn am Schwanz, die Brust pelzig im Gefieder. Der Wind hlt durch, kommt jetzt vom Land, stt das brllende Wasser zurck. Jns wirft eine Muschel hin. Sie haben in dem Fischhaufen, Makrelen, Goldbutten, Affheringen, Schollen Aufruhr bemerkt, einen Seewolf mit grnlichen Jungen im Tang entdeckt. Voll rasender Wut wirft er sich, mit dem Schwanz hauend, herber, beit knackend die Muschel auf. Die Fischhaufen laufen schwammig aus, kriechen zum Strand und blenden mit den Schollenflecken. Die Milcher strotzen von Samen, die Weiber haben den Bauch voll Eier. Das Schellfischfleisch ist heller und weier als das Fettbraun der Dorsche. Frauen heben den aufgestlpten Arm aus den Btten. Kinder schmeien die Krper in Ksten, hngen die Eingeweide an Angeln, fangen unter Wasser andere damit. Der Wind lt nicht nach. Die Seeschwalben taumeln in Rudeln hoch. Der Strand ist freigeblasen. Die Mnner stechen draus Butten, Jungens hpfen von Tmpel zu Tmpel und sammeln auf. Im Sand ist in der Ebbe viel geblieben. Froschkraut tastet wieder nach Grund, zuckt die Wurzeln zum Boden. Sattelmuscheln liegen fest, Wandermuscheln und wie Eier Steinbohrer. Das Wasser hat sich so gesenkt, da die Pfahlgruppen von Ellern mit unsichtbaren Grten auftauchen, von Miesmuscheln im Gezweig bedeckt. Schon fahren Khne, die die Bume aufzuziehen. Ein Taschenkrebs hngt an einem Rogen, schmaust, die Asseln zappeln da und dort. Das Riedohr stellt sich. Dahinter brummen die Khe, die Krbe voll Kabeljaukpfen aufgeschttet riechen, kauen und fressen. Schon stehen Segel drauf, Leberblumen fachen sich an, werden hell, trocken und sinken zurck. Sie geht nun durch Tang, Linsen. Seegras drrt losgerissen unter der wei und hoch stehenden Sonne. Sie kommt um die Dne. Nun hat sie weien Sand unterm Fu, der braunrosa sich eindrckt. Moosenten fallen hinter ihr ab. Auf den Granitklippen stehen blau und rot Gerste. An Schwnzen hngen Fische in Bndeln daran, klinkern singend im Wind. Sie kommt an die Nehrung, mu steigen, fllt. Der kleine Schmerz macht sie irgendwie verrckt. Sie macht die Arme weit auf, pret sie an die Seiten. Lachmwen gauzen los. Eine Sturzentenschnur, blaugrn und wei rauscht auf, zischt noch fern: rdzsch -- -- -- rb . . . wek. Da steht alles voll Tmpeln. Im Schlick lauern eingebuddelte Klieschen auf die Flut. Die flachen Buche wackeln im Flugsand. Die nach oben verschmitzt stehenden Augen zucken mit der Stikhaut, verschleiert. Sie kniet, schaut hinein: sie sind grau. Ihr Auge fllt in sie zurck. Sie hlt das Tuch darber: sie sind wei. Die Uhr: sie sind gold. Hinter ihr gehen Raben herunter, hacken sie auf. Landkrabben nehmen Deckung, graben sich im Sand vor, greifen mit den Klauen die Sandhupfer. Sie lacht. Ein Fa steht da und Jns mit Merlans, weiblitzenden Buchen. Hinter der Bucht liegen Raubschwalben, wie nachts, betubt vom Wind mit ausgebreiteten Flgeln im erwrmten Sand. Nun stoen sie hoch. Alles schwebt nachher, auch das Wasser schwebt in der Sonne, die es wie von unten her hochschaukelt und hlt. Es wird gro und unermelich am Knick. Wie sie es so sieht, zum erstenmal wieder, ist sie klar und frisch. Gleichgewicht durchbricht ihren Aderngang, die Enttuschung ist weg, der Wind war an ihr, hat in den Saft gegriffen. Die Warzen tun ihr weh. Sie neigt pltzlich sich zurck. Was an Hals zum Vorschein kommt, ist heller wie all andere Haut an ihr. Sie fat hinter sich einen Baum. Der Rcken lehnt daran. Schon tritt der Saft, der nach oben rauscht, in ihr Blut. Die Hften fangen an, eine Bewegung zu bekommen, werden entdeckt, glhen etwas. An der Schlankheit des Baums wie an einem Tierrcken gleitet sie ab in den Sand, die Knie geffnet. Die Sonne schlgt ihr in den Leib. Die Schenkel biegen sich lang und schn, als schliefe sie. Sie zittert, etwas ist freier geworden, entschwebt, durchbrochen am Horizont. Himmel und Meer haben sich vereinigt, wlben sich herber. Sie springt auf und lacht, die Haut ist glatter geworden, das Auge von innen her feucht. Sie fhrt zurck, findet den Wagen nicht, nimmt die Tram, steigt aus, um den Rest zu Fu zu gehen. Auf diesem Stck Trottoir sieht sie von einer Menschenmenge vorbeigesplt, in ihr langsam wandelnd, Caspare Symes. Sie bleibt angedonnert, wiegt den Kopf hin und her, als sei sie alt geworden. Dann reckt sie sich, fhrt um, ihm nach. Sucht ihn zu erreichen. Sie bohrt sich durch, hrt Schelte, Wut, sieht den Schirm, den eine Frau nach ihr sticht. Sie kommt nher, kann seine Schulter fassen. Alles an ihr ist durchblutet, entfacht. Da lt sie die Hand sinken. Es fehlt ihr die Kraft mit einemmal, ihre Bewegung wird armselig, er aber wchst und steigt malos, da sie erblat. Sie findet den Mut nicht, jetzt das zu fordern, was sie berging, als sie noch erstrebte, was sie nun abgeworfen. Es geht s durch sie hin, whrend sie stehen bleibt. Sie tut eine groe Tat, indem sie sich nicht rhrt, fhlt sie im Blut; was sie opfert, erhebt sie. Sie nimmt etwas auf sich, whrend ihr Auge dunkel wird. Sie bleibt immer stehen, sieht ihn zum letztenmal fr immer, wei da dies das Hchste ist. Er biegt um einen Wagen, betrachtet einen Erker, geht ber die Strae, ist verdeckt. Taucht auf zwischen hellen Mtzen, dann dreht er ab. Mit einer unnachahmlichen Bewegung des Halses zieht sie die Linie nach, als er um die Ecke geht. Dann ist es vorbei. * * * Sie stellte den Fu in die Schnur des Vogelbauer und hrte zu. Zuckte die Achseln. Sie wollte nicht. Als Lewinsky sie bedrngte, drehte sie um, ihre Ringe klirrten. Die Karte der Florath wies sie ab. Sollte sie am Neid der Wolfsaugen sehen, wie sehr diese sie frchtete? Vom Tisch entfernten sich Bcher und Rollen. Mit diesem Tag verschwand das all. Einen Augenblick kreuzten sich ihre Blicke mit denen des Frulein. Ein rascher Blick suchte in ihren Wrme, klatschte ab. Daisys Augen wurden schmaler, visierten die Schleife ihres Schuhs. Dann frug sie, das Frulein stammelte. Ging hinaus, kam wieder, legte ein Blatt auf den Tisch. Es war Dienstag. Daisy schrieb einen Brief. Dann legte sie das Blatt der Gouvernante beiseite, hob es wieder, als rche sie daran. Ging hinaus in den Garten. Donnerstag frh kam Le Beau. Am Abend besuchte er sie wieder. Als er ging, lste sich ein Schatten im Garten, er pfiff. Der Schatten bewegte sich hinter ihm. Freitag brachte er sie aus dem Theater, half beim Aussteigen, steckte den Schlssel ins Gartentor. Als sie sich umdrehte im weien bauschigen Mantel, kte er sie mitten in die Brust. Er machte dabei einen kleinen Schrei, sein langer, katzenhaft geschnellter Krper ri ihren mit allen Muskeln in seinen hinein. Der Nebel dampfte um sie, abenteuerlich durchschwammen Gebsche den Laternenschein des Wagens. Langsam und wild wogte ihr Leib gegen seinen, sie seufzte, schrie ein wenig, aber heiser. Auf dem Parkweg lag Dunkel. Ich bekam heute deinen Brief, flsterte Le Beau. Sie verstand ihn nicht. Er war durch Zufall gekommen . . . Er wies auf den Schatten, Moki. Er hatte ihn hergegeben, selbst Fribaurt, sich schttelnd zwar, aber er war so nie ohne Tip von ihr. Sie schlo die Lider, sah doppelt, schwankte, warf sich ber ihn, zog mit den zarten Schultern den Kopf herunter, fand seinen Mund, ffnete ihn. Nachts sah sie, im Traum, einen Mann. Der kam aus einer engelhaften Beleuchtung. Trat heraus, machte eine Bewegung, die ihr wehtat, aus dem Herz was herausri. Es ward leer in ihr, Traurigkeit schwemmte sich hoch. Sie fing im Schlaf an zu weinen. Er sah sie zornig an, sie ertrug diesen Blick nicht. Er sah aus gleich einem Skandinaven, gescheitelt, blond, mit einer jungen gefurchten Stirn. Es fehlte nicht viel, er hnelte Symes. Das machte ihr sofort Ruhe, sie schlief weiter, wachte aber ber Trnen auf. Le Beau lag neben ihr. Ihre Hand an seinem Mund. Er streichelte ihr Knie, den Muskel des Schenkels, der sich straffte, als sie das Bein aufstellte. Er kte ihre lange braune Hand. Kte jeden Zwischenraum der Finger, hing an jeder Hautphase, sog sie an, als strbe er mit ihr, lste sich kaum von der Pore hier, der Pore da. Kte Kreise um die Gelenke, legte den Knchel wunderbar damit frei, umflutete ihn mit den Lippen, empfing ihn dann im Mund kstlich und rasend erregt. Wo sie Flaum hatte, blieb er, es strich seine Haut, er atmete schwer, flocht ihn um den Finger. ber den Leib glitt die Hand hoch, machte die Schwebung mit, die unerklrlich schn hinauflief, blieb an den zrtlichen Hgeln. Berhrte wirbelnd mit dem kleinen Finger die Warze, sie sprte die Zunge. Das Zittern nahm ihr den Atem, sie stie die Luft fest aus, und nun kam ihr Leib an seinen, entgegengeflogen, die aufgelsten Gelenke suchten Schutz an seinen. Ihr Blick brach, sie sah nur noch sein Bild unter dem Lid. Sprich, flsterte sie. Es war zuviel. Er schwieg. Die Lippen trafen sich, bleich, wortlos. Sein Krper, ohne viel Fleisch und gro hingelegt, wie ein Rmer, spielte auch in der Ekstase achtungsvoll mit, ward lasterhaft und verehrte zugleich. Die Ksse reizten sie langsam, wie er sie setzte. Sie verlor die Besinnung, blieb lnger unter dem Bewutsein, als er wollte, er kte sie wieder heraus, prete den Zahn in die Weiche, sog und fuhr mit der Hand die Rckenwirbel herab. Sie strzte hher ins Unertrgliche: Mehr. Sein Kopf glhte zwischen ihren Knien. Seine Hnde suchten ihren Rcken herunter, hielten das schmale Becken hoch. Ihre Haut ward nicht feucht, glttete sich unter den Umarmungen, dehnte sich so, da er daran glitt wie an einer Frucht. Sie wimmerte nur noch, die Lenden zuckten. Da nahm er die Sehnsucht von ihr. Sie lag dann still, nur manchmal erschttert von Schauern, die abflogen. Das Silber der Brsten, der Draht der Ampel kamen in die Glckseligkeit. Die Vgel der Tapete musizierten paradiesisch durch die Seide, sie lchelte, drehte seinen Kopf dahin und streckte Wange an Wange, die Hnde danach aus. Er flocht seine Kragenspange in ihren Flaum. Langsam begann er entzckte Dinge. Sagte ber ihre Brust Vergleiche. Die schwarze kleine Warze der braunen Brust entflammte ihn wieder. Sie lauschte atemlos. Er erbebte unter seinen Worten, seine Hnde entzndeten sich daran. So nahm er ihr Kinn, ihr Knie und geno es mit den Augen, mit den Fingern. Durch die Dmmerung griff er aus der Schale eine der drei Kugeln, rollte sie ber die Wade, die Bucht an der Lende, zwischen der Brust bis an das Ohr. Von da fhrte er es an den Mund, sie schluckte die Kugel. Er grub sie mit der Zunge heraus, kte sie, steckte sie in die Tasche seines Pyjama. Der Wind warf die Gardine ein wenig auf, der Wind kam herein, malte dunkle rote Schatten auf die Bronzehaut. Sie erzitterte. Die Frauen ihres Geschlechts hatten die Steine alle vor ihr getragen, es gab eine Lcke im Hirn. Da kam seine Hand, suchte, liebkoste. Sie fiel zurck, sthnend. Die Hand gewhnte sich an eine Stelle des Fues, strich weiter, blieb in der Mitte des Krpers. Die schlanken Hften erbebten, hoben sich ein wenig. Ihm entgegen. Die Welle ging ber sie. Ein einzelner Baum stand wie Glas im Sternlicht, dann aber schwellte eine helle Flut heran. Sie zog den Kimono um den Hals fest. Die Terrasse bog sich mit den Stufen entgegen, krampfte sich unter dem Licht, was herauftrieb. Nun fiel das Tor zu. Sie schwenkte die Ampel noch einmal. Ging zurck, warf ihm eine Klavierwelle nach. Die Sonne ging hher. Die Untergrundbahn rollte durch schmale Korridore. Sie empfand Le Beau durch die Krper, die sich zwischen sie keilten. Die Schienen gleiten stahlwei, verschwanden. Die Tren knallten. Die Krper standen reglos aneinander gebumt. Da sah sie in Stefans Gesicht. Er grte mit den Augen. Sie hrte seine rauhe Stimme gedmpft reden, aber es war zu weit, sie verstand sie nicht. Rckte geqult den Kopf zur Seite. Wie ein Vogel. Magnetisch wie eine Viper holte er ihn herum. Er hatte einen Koffer, einen Mantel, die Stirn flackerte. Er machte Zeichen. Sie verstand sie nicht. Die Station kam. Nun wuchs sein Kinn, strebte auf sie zu. Es gab keine Hemmung, der Gartenabend hatte ihr Leben irgendwie gebunden, aneinandergelegt. Geben Sie . . . Geld. Sie nestelte an der Tasche, drngte sie gegen ihn, er fate sie. Der Wagen hielt an, Er brach sich die Schulter frei, der Ruck warf ihn brutal herber. Nahm es mit allem auf. Ein Mann stand noch zwischen ihnen. Rasch: Leben Sie wohl! Sie ward verwirrt ber ihre Khnheit. Im Vorbergehen hrte sie seine Stimme, aber entfernt: Es geht eben schlecht. Ich sehe Sie wieder. Als der Zug anfuhr, sah sie durch die Scheibe, da er, draus auf dem Perron vorwrts strebend, bleich war. Er sauste ab. Hinunter. Le Beau ri es hoch zu ihr. Sie zuckte ein wenig die Achseln. Ihr Ohr verga aber nicht, was der andere gesagt, ihr Auge nicht, wie entfrbt er war. Dann drehte sie sich herum, glitt auf Claudius zu, es war leer geworden. Er brachte ihr Katzen, sie behielt eine. Sie spielte mit ihr im Garten. Zog einen Strich, rief, sie sprangen beide ber das Hyazinthenbeet. Drben, im Sprung, fing sie das Tier wieder auf. Es legte sich an ihre linke Brust, hielt sich mit den Pfoten am Schlsselbein und reckte sich in die Kurve der Weiche. Anj, rief sie, fuhr mit der Hand blitzschnell gegen den Strich durch das elektrisch aufschumende Fell. Das Tier bumte den Rcken, da Vorder- und Hinterfe nebeneinander standen, sah in die Luft, mit gerecktem Schweif. Laue Schatten lagen um die rostbraun fallende Sonne, Raben standen zwischen unruhvoll blauen Wolken. Anj sprang auf die Schulter, von dort in einen Baum. Gegen jeden auer Daisy ward sie feindlich. Sie tauchte auf, sprang, man sah sie nicht. Steckte den Kopf in den Lichtschein um ihr Haar, legte die Schnauze auf den Brustansatz. Aus dem Horizont kamen schwarze Punkte, ruderten herauf, begannen rauh zu schreien. Daisy ghnte, hielt Anj nieder, da sie nicht fauche, die auf ihrer Hfte sonnte. Le Beau stand vor ihnen. Ein Hauch scho in ihre Haut. Sie sprang auf, gab ihm rasch die Katze hinber, gab ihm das Warme, das das Tier von ihrer Lende noch an sich trug. Die Nstern schwebten nach auen. Anj sprang zurck. Sie sah sie bs an, warf sie zurck an Le Beaus Brust. Das laue faule Treiben der Natur um sie, das scholl und geschah und sie umkreiste, schwang ab. In den Kreis war Blut getreten, ihre Schulter hing untrennbar an der Le Beaus. Mittags querte sie einen Platz, kein Mensch ging durch die Glut, dnne Bume wagten keinen Schatten, ausgedrrt, elend, da Hunde nicht einmal sie nten. Der Kies und Sand flimmerte trocken und md. Pltzlich sah sie eine Figur, ein Gesicht. Es schien auf sie zuzugehen, ja fast in sie hinein. Sie wich aus. Sah sich um, in der Mitte des Platzes ging eine Frau, sonst niemand, da kam der Mann wieder auf sie zu aus der anderen Richtung, ging an ihr vorbei. Sie sah ihm nach. Langsam, den Kopf gesenkt, schritt er auf die Bume zu, er hatte sie nicht gesehen. Es war das Gesicht des Traums. Ihre Augen drckten sie, als seien sie von Blut berfllt. Sie stie den dnnen Stock in den Sand und sah rasch auf. Der Mann war echt. Ihr Schreck hatte ihr eine Vision gegeben. Sie zuckte die Achseln, sprte die Mdigkeit, die voll und gro abschwemmt, von der Nacht her. Schlief ein den Abend, aber im Augenblick, wo der Schlaf den Halbtraum abtrennt und hinunterreit, standen die Augen des Skandinaven ber ihr, qulten sie. In der Dmmerung wachte sie auf. Die Vorhnge bogen sich auseinander. Le Beaus Kopf, sein Knie standen in der Morgenleuchte, er lachte, sprang herein. Er nherte sich ihrem Bett. Sie zitterte unter der frischen Luft. Er kam geschmeidig ber den Teppich. Sie zog die Beine herauf bis unter die Brust. Aus seinem Mund kam so viel Frische und um die Raubtierzhne lag das Rosa des Fleisches so fruchtreif, duftend und voll schnem Saft, da sie daran alles verga. Er hob sie mit den Kissen auf, schwebte sie schaukelnd hin und her, setzte sie auf den Diwan: Sie werden auf die Zofe verzichten mssen. Er schlo das Strumpfband an ihr Korsett. Was ist?, frug Daisy, in Strmpfen und einem Beinkleid, das grofaltig mit dnnen zahlreichen Plissees ihre schmalen Hften umzischte. Sie brstete das Haar zurck, die Muskeln liefen aus dem Arm in den Rcken mit einer Kraft und Grazie wie Meer. Er hob den Mund in die freie Achselhhle. Auch auf das Bad. Er lchelte und stie den Lffel in den Schuh. Er pfiff leise vor sich hin, suchte im Boudoir den kleinen Koffer, whlte in ihren Strmpfen, Dessous, warf zwei Necessaires hinein. Der Geruch der aufgewhlten Sachen erfllte das Zimmer. Wohin?, frug sie ratlos, von innen lachend. Er schob Schubladen zu mit dem Knie, besah sich im Spiegel, ri sie an sich: Du wirst es jede halbe Stunde dem Chauffeur sagen. Alles gepackt. Er gab den Koffer durchs Fenster. Eine Hand fate ihn drauen, whrend Daisy die Ngel einrieb. Vgel schlugen herein, immer lauter, zogen sich an Rufen hher, immer andere fielen ein, kreisten auf. Bsche dufteten herber, herein mit einer Gewalt und Hingabe, da sie stehen blieb, ergriffen, gehalten. Sie sah um auf der Terrasse, das Gitter, die Ponien. Sie fate den Schaukelstuhl. Verweilte auf dem Tisch, dem Springbrunn, der Flosse eines Goldfischs. Le Beaus Arme faten unter ihre Kniekehlen, der Schwung in die Luft ri sie los. Nun fing er an zu laufen, schrie wieder etwas, mit groen Stzen, sprang in den Wagen. Unter den tutenden Raubvogelrufen der Hupe brach wie ein glsernes Gebude die Stille, das Haus, der Park mit einem Ruck entzwei. * * * Sie schwankte, schmiegte sich in die Atmosphre, reckte sich, fate Fu. Wirkung ging von ihr aus. Ihre Wnsche erfllten sich, eh sie sie dachte. Die Inbrunst einer Blutwelle hllte sie ein, verlie sie nie. So stie sie an alles, durch die Wolke verhllt. Die Lippen hochrot, die Finger voll Gestein, fuhr sie auf der Rue de Rivoli. Sie hatte den Hauterfolg. Trotz dunkler Tnung war sie durchsichtiger als die franzsische, schimmerte wei auf Silber. Zwischen alten Tapeten, in Musik, bei den gepflegtesten Frauen fiel ihre Bewegung, selbst wenn sie den Finger nur hob, den Fu umrckte, wild heraus, schlug ein, machte sie zur Mitte, lenkte das andere ab, schob alles gegen sie. Es verwirrte am Anfang sie etwas. Doch schlo die Welle sie ab. Sie hatte nur Klang und Richtung nach Einem. Es gengte. Gab der groe Schneider, whrend Ballen vor ihr sich huften . . . Manekins paradierten, um ihren ermdeten Blick zu erfrischen, durchs Fenster im Parkschatten das Bild eines tanzenden Balletts, erstaunte sie nichts mehr, es glitt ab. Vorber strich es, neigten sich Akteure bedeutenden Namens, Dichter ihr, selbst d'Annunzios Nelke. Es ging durch sie, wenn Frauen heie Blicke warfen. Es blieb nur Klte und Hochmut, lehnten die Herren an der Brstung, sagten Eitelkeiten in die Loge, hatten aber hinter dem Blick, flsterten innen kaum verhehlt: bichette, loulou, ma crotte en or. Le Beau umspannte ihren Horizont mit hartnckiger Leidenschaft, erfllte das Erdenkbarste fr ihren Krper, jede Mglichkeit ihrem Geist. Zofen im Korridor, Wagen, Diener standen dressiert auf ihren Blick, ihre Hand, ihre Haut. Seine Nerven lauerten auf die Ahnung eines Wechsels, heut strzte er in die bunte Pfauflamme der Folies Bergres, morgen sah sie steifstes klassisches Theater, am Abend fuhren sie vorn auf dem Seinedampfer in Geruch von Bumen und Wassernacht. Stie etwas aus ihr gegen die Welt, stie es auf Le Beau. Es gab keine unvereinigte Sekunde. Im Muse Cluny begeisterte sie sich an alten Spitzen. Sie besa sie am folgenden Morgen. Sie kleidete sich an im Boudoir: Es reizt mich nicht, wenn Sie Ihr Vermgen verschwenden . . . noch weniger aber, wenn Sie sich exponieren. Polizei ist mir widerlich. Er erbleichte ein wenig. Es geschieht nicht Ihretwegen, sagte er hflich. Es ist eine Leidenschaft. Er griff in die Tasche, sein groer Krper funkelte in drei Spiegeln, das rote Haar war ein wenig in die Stirn gestrichen. Er gab ihr Briefe an sie, die auf verdchtige Weise kamen. Sie legte sie ihm vor, zurck, errtet vor Zorn, der seidene Unterrock umglockte sie, als sie sich bog. Er lachte. Das Haus ward Mitte von Versuchung. Sie gaben sich Handikap darum. Wo Daisy auftauchte, geschah ein Start. Breschen wurden versucht, leichte Minen gelegt. Le Beau suchte man zu bersehen. Er lchelte. Sie sprte es kaum. Ward es aufdringlich, schrzte sie den Mund ein wenig, ging darber. Ihre Wirkung ward aufreizend; tauchte sie auf, war sie Zentrum, schlo um den Kreis, sich angliedernd, immer weiteres Herstrmen. Vor der Oper fuhr mit rascher Biegung vor ihren Wagen ein fremder. Hnde streckten sich ihr entgegen. Le Beau ri sie zurck. Nun trug er eine Falte, sprte Gefahr, streckte sich in eine wunderbare Abwehr. Es begeisterte sie, wie er Witterung nahm, ohne da sie begriff, was vorging. Sie ruhte nur nach ihm hin. Als er bei ihr war, nachts, rief er etwas, sprang hoch und scho durch das Fenster. Am Nachmittag, als er den Korridor querte, fing ein Diener an zu zittern, verbarg etwas, sank gegen die Wand. Er untersuchte nichts, hatte genug. Wartete nicht mehr. Er lschte alle Lichter, lie die Bedienung fr den Abend ausgehn, vernderte sich, gab Daisy die Kleider einer kleinen Mimi, sich selbst die abgelegte Eleganz eines Alphonse. Durch den Garten aus dem Haus, im Boulevard tauchten sie unter. Wagen rollten, sie sprangen heraus, nahmen andere. Straen schumten auf, fielen donnernd zurck, Schatten bog sie in Parkviertel, Schleifen von Laternenstraen schwangen vor ihnen stumm hinaus gegen das Ende. Sie griff nach seiner Hand, begriff pltzlich, wie es um sie herum sich sammelte. Nichts Freund war, nur Jagd. Aus der Weite, dem rotumhngten Horizont sammelte sich alles in sie zurck, verweilte eine Minute und schenkte sich ihm ganz hinein, wie nie. Als Reisende aus Tiflis bewohnten sie den Mont Martre, als kleine Juden zogen sie zur Concorde. Ein chilenischer Politiker fhrte im lateinischen Viertel sein Knie unterm Tisch an ihren Schenkel, zog es rasch zurck, winkte mit den Brauen, flsterte mit seinem Nachbar. Um ihn lag eine Sinnlichkeit aufgespart, wie nur Weiber sie dicht an die Haut, an den Atem gebunden tragen. Erstaunt, abgelenkt einen Augenblick streifte sie ihn. Da ffnete sich der Mund, bebte mit den Lippen: Zwei Uhr. Das Blut wallte in ihren Hals, in ihren Kopf. Nachts klirrte die Klinke, Le Beau ging dem Gerusch nach, auf nackten Sohlen entflog ein Umri. Sie lockte ihn zurck. Aber er folgte, hatte endlich eine Spur, setzte auf diese Nummer, lief einer Figur nach im spitzen Hut, die am Boulevard bald hochschwamm, bald untertauchte. Daisy wachte. Schon drang das Licht vom Haus ab, ergriff in einer weichen Spirale Notre Dame. Die silberne Brust schwankte, die Rippen starr geblht wie von Glas trieb die Kathedrale in die Mondwelle, glnzte mit Porzellan aus allen Fenstern und schwebte. Bald auch waren die Trme eingelullt. Das Licht stieg weiter, ergriff die Seine, das breite Fluband schwang am Horizont hinauf und Khne liefen gegen die Sternbilder hin. Dann fiel das Licht in einen Park und hatte es mit den Bumen, fiel kurz darauf gegen das Haus. Es ward fast wei. Die Gurte der Balkone herunter von einem entfernten Haus her, wo die Linien der Eisenschnre schon fast zusammentrafen in einem spitzen Winkel, kam ein weier Ballen, geschnellt, gesprungen. Es schlug zwei Uhr. Er tauchte in Mauerschatten, schwang ins Licht, berkletterte Barrikaden, klammerte sich an die Hausfront. Das Licht hob ihn, splte ihn herber, er war am dritten Haus. Von unten stieg es herauf, der Schritt Le Beaus hielt vor der Tr. Er kam, die Stirn mit der Hand umklammert. Ein Sandsack hatte ihn in einer Torflucht, in die er folgte, zusammengeschlagen. Nach der Ohnmacht kehrte er sofort zurck, sie hatte nur zwei Sekunden gedauert, denn im Augenblick des Schlags wute er, er msse zurck. Du mutest zurck, flsterte sie mit geschlossenen Augen, die Angst um ihn stie sie gegen ihn hin. Sie umschlo seinen Nacken, trat mit ihm auf den Balkon, flsterte seinen Namen in die Nacht, besinnungslos: Chri . . . doudou . . ., umwrmte ihn mit ihrem Krper, liebkoste sein Ohr, seinen Mund. Ein weier Ballen bumte zurck am Nachbarbalkon. Durch die halboffenen Lider sah sie gehetzt vom Teufel eine Figur im Nachtwei zurckfliehen. Zerrissen in der Balkonecke lag ein Tuch, von Speichel feucht. Sie trug es hinein. Sie konzentrierte alles auf Flucht. Er widerstand, schon halb in neuer Ohnmacht. Die Zhne entblsten sich gierig, er war im Kampf, blieb auf dem Posten. Sie streichelte ihn: er stand nicht auf. Sie frug, was er mehr liebe, seine Eitelkeit gegen Gefahr oder sie, Daisy. Schmollte mit dem Mund und lchelte, und lauschte, whrend sie berredete, auf jedes Gerusch. Sein Blick fiel in den Spiegel, blieb am Bild seiner Kopfkompresse, schttelte fiebrig den Kopf. Sie bat. Sie befahl. Unter dem Ton zuckte er zusammen, durchschaute den Klang, wehrte ab: Kein Mitleid. Je tapfrer er sich wehrte, wuchs in ihr das feste Ziel: ihn in Sicherheit zu wissen, das andere all war Abgrund. Sie drehte den Plan um, kam mit List, whrend er fasziniert vor sich hinsah. Sie lockte ihn weg von seiner Fechterei. Sprach von seinem Haus, dem Park, den Zimmern. Sprach, wie alles zerfliee, die Jagd ihr Ruhe nehme und Freude, wie sie in Sehnsucht ihr Leben sich anders gedacht. Wo sie froh gewesen, ihm entgegengereist, sei dort gewesen. Sie sah in ihren Scho. Er nickte langsam, schwer berzeugt. Sie wartete eine Stunde, verriet ihre Erfolgfreude nicht. In seinem Haus war wenigstens ein Wechsel des Orts, parierte Gefahr. Sie fuhren dann Place St. Michel, nahmen den Mtro, erreichten Mont Parnasse, fuhren umsteigend zur Etoile, nahmen einen antrabenden Fiaker, stiegen irgendwo aus in einer Gasse, deren Dunkel sie selbst unbekannt umschwirrte, liefen, an den Hnden gefat, in den Schattenbogen, drangen in ihn ein so tief, da hinter ihnen nichts blieb, alles zurckfiel, nicht die Idee einer Verfolgung in der Luft hing. Vor einer Taverne standen Wagen. Bis dorthin hielt Le Beau sich. Vorm Einsteigen schwankte er wieder. Sie legte, whrend die Gassen, Straen zurckblieben, in das Schwindelgewoge um ihn den Krper, die Hand in sein Gesicht, ihren Mund an sein Ohr: Ich bin bei dir. Voll, scharf umrissen kam sein Gesicht ihrem entgegen. ber die Dienertreppe stieg sie zum zweitenmal ins Haus des, der sie zuerst aufgebrochen. Ihr Blut suchte ihn sofort. Hier lebten sie nun. Niemand wute es, es drang nicht nach auen. Ein alter Arzt behandelte ihn von der Erschtterung. Sie wartete, bis dies vorber war, dann lockte sie jeder Platz, selbst der fernste, denn dort war Sicherheit. Aber als selbst der Siebzigjhrige beim Untersuchen eine Schmeichelei hatte fr ihren Arm, brach sie in Weinen aus, verlie das Zimmer, warf sich auf ihren Diwan, schlo ab, ffnete nicht vorm Abend. Ma sich die Schuld zu, ihrer Haut, dem Wuchs, dem Duft ihres Haares, da Le Beau leide. Denn um ihretwillen zog er sich Feinde, erlitt er Angriff. Sie sprte, so lange sie da sei, schiebe sich dies und dies zwischen ihn und sie und bohre ihn weg, weil sie auffiel, weil sie reizte. Er aber trat ein, fate das berall an, sagte: Liebe ich das nicht, warum verletzt du es? Sie traten in die Parklauben, der Sommerduft strich darin herum, sie blieb stehen, an der Stirn getroffen, machte die Augen zu, kte ihn besinnungslos. Gewrtig eines berfalls hielt sie den Ku an bis zum Ersticken, sah lauschende Kpfe aus dem Rosenbeet kommen, Leitern nachts gegen die Wand sich stellen. Von der Silberkugel zwischen den Staketen, wogte aus der Metalltiefe Zwielichtiges, Schatten, gedmpftes Ungeheures heran, gegen sie. Dies drngte ihr Leben zusammen, zielte es in einer unbekannten Verdichtung gegen ihn allein. Bleich vor Erregung strmte sie ihre Seele mit der Zunge in seinen Mund. Dachte nicht, selbst nie im Halbtraum, der fremde, sehnschtige Glieder formt, an andere Mnner, ja hate sie, wurden sie aufdringlich deutlich in der Phantasie. Die geschmeidige Stokraft seines Krpers gab ihr jede Seligkeit, die ihr Krper verlangte. Er trieb sie hher noch, als sie vermochte, schleifte sie in die letzte Wollust, schon besinnungslos. Oft lag sie ber seinem Gesicht nachts, bog die Haare ihm aus der Stirn, lauschte, ob sie sein Traum sei. Legte die Hand auf sein Herz und zog mit dem Finger ihren Namen auf die Haut der Grube. Ging er von ihr, nur in das nchste Zimmer, war ihr, es sei fr immer. An ihrer Angst wuchs ihre Liebe hher, weiter, als sie von ihm empfand. Er gesundete, war gefhrdeter, je mehr er sich bewegte. Mit jedem Tag ward ihr Auge grer, erwartender, eingestellter auf Unheil. Er aber blieb gleich, umschrfte ihr Fleisch mit Witterung, griff an, qulte sie, liebte sie ohne nderung, ein Marder, ein edles Tier, voll Geist, der nie die Beherrschung verlor, nie mit ihr sich traf in einer Hhe, die nur die bersinnliche wahnsinnige Angst ihrer Seele erreichte. Da blieb das Mnnliche zurck, sank zurck, wenn er sich ihr ergossen, flog nicht zu dem erlsenden Wort, das ihr Mut gab jenseits der Umschlingung der Krper. Whrend sie sich noch auftat, ihm entgegenatmete, durch seine Umarmung das Hemmungslose durchbrach und aufgeschleudert flog in eine leiblose Ergriffenheit, sprte sie unter wtenden Kssen das Zurckgleitende, Fremde an ihm, das, was sich nicht gab: _den Mann_. Sie schlug verschleiert die schrg gebrochenen Augen auf: Du mut mich mehr lieben. Schmeichelnd umwand sein Krper sie wieder, sein Geist begleitete seine Hnde, gab ihnen Linde und glatte Bewegung, sagte ihr Worte der Liebe, toll, ausschweifender, als ihr Hirn es trumte, machte sie hingeflossen, in jeder Blutfaser geffnet nach seinem Angriff -- er trieb sie in den Abgrund, erhob sie aus den kleinen Seufzern und Stammeln zu Geschrei, bis ihr Kopf besinnungslos ward . . . aber erwachend sprte sie unsinnige Angst um ihn, da sein Herz das letzte Zerschmelzen khle, und empfand verzweifelt, was er nicht zu geben vermochte, was fehlte, und da sie ihn darum auch lieben mute, mehr als er sie. Nachts kam er spt zurck. Zwei Arme fielen in der Pergola um seinen Nacken, eine Stimme, die kaum sprechen konnte, flsterte seinen Namen. Zugleich strmte der Weie-Flieder-Duft mit einem Hauch herunter, Dolden bebten am Parktor nieder und berhrten ihre Gesichter. Lieber, atmete sie. Er hob ihr Gesicht ins Helle. Da hing es, nur sammelnd und aufnehmend, was sie erwartete, was auch kam. In den Trnen, die es bergossen, sah er mehr, als was sie bot. Es leuchtete tief in der Stunde und seinem guten Willen kam es entgegen herauf und er sprte ihr Warten, ihre Angst, die sie verschwieg. Sie hatte die halbe Nacht am Tor gewartet. In eins zerflossen gingen sie hinein. Weich von den Trnen und gerhrt von seiner Milde mahnte sie sein Versprechen zum erstenmal die Nacht. Er sprte, wie schwer es ihr ward. Stand auf, hingegeben an solche Innigkeit, schob den Hochmut beiseite, brachte aus dem Nachtblau gelb aufflimmernd vom Fenster den Globus, legte ihn in ihren Scho, brachte den lauen Bltenwind mit in ihr Bett: Was willst du?, frug er und bot ihr jeden Fleck, den sie benennen wollte mit dem Fingernagel. Dorthin fhren sie morgen. Schon der Sonnenaufgang hie Abreise, schon der Mittag Sicherheit. Ihre Liebe stieg aufs uerste. Sie verschmhte es. Sie whlte nicht, nahm nicht. Sie schenkte ihm ihre Angst. Verzichtete auf die Ruhe, um zu leiden fr ihre Liebe. Es war das Hchste. Unverlierbar nahm ihn ihr Auge; als sie ihm die Kugel zurckgab: Ich will es nicht, sagte sie, ihre Stimme trug keinen Laut mehr vor Verwebtheit. Legte sich zurck, unter ihm kaum mehr lebend, der ber sie kam mit ungekannter Leidenschaft und grausamen Lippen. Was blieb noch, konnte noch kommen? Entzcken selbst der Tod. Tage, Wochen kamen, gingen in der Erwartung. Sie lauerte auf eine Gefahr, die nicht kam. Manchmal glaubte sie sie nah, gewi, schon im Vorsaal. Das stieg und fiel mit den Graden der Hingebung, die sie dem Mann verband. Manchmal, wenn sie ihm ferner war in ihrer Blutwoche, verga sie es, schrak aber dann zurck. Da die Wochen aber leer waren, ermdete sich die Spannung, ihre Augen wurden beruhigter, matter. Menschen streiften das Haus, sie mischten sich an die ersten Vorposten heran, es ging ohne Zwischenfall. Ihr Name mit seinem hatte schon Patina in der Verschmelzung, keinen hrte man allein. Man achtete, nahm hin, was hier fest vereint schien, etwas resigniert, ein wenig gelangweilt. Es war ihnen fern schon, gegrndet, kein Raub mehr. Nichts geschah. Kein Schrei, keine Hand gehoben zu ihrer Entfhrung. Niemand warf sich in Abenteuer. Die Lust umschlich sie khl. Sie ermdete mit einemmal. Aber Le Beau federte die Sicherheit erst recht, gab ihm knabenhafte Wildheit. Das Raubtierhafte, das verteidigte und lauerte, spielte nun mit dem Gefhl, tollte darin, da er sie hatte. Allein der Bogen der Angst war zusammengewachsen mit ihrer Liebe. Es lste sich nicht ohne Lockerung auf dem Grund des Gefhls. Sie ging spazieren, allein, ruderte einmal am Bois, ritt hin und wieder. Als ihre Schenkel den Gaul erstmals fhlten, traf sich ihr Herzschlag mit Entferntem, sie, wute nicht mit was, war es ein Schwan im Uferduft, eine Mispel in der Pappelkrone, ein Auto, das den Horizont anrannte. Sie kam anders zurck. Als sie die Bibliothek kreuzte, wich ein bohnender Arbeiter aus, glitt ab, strzte hinter ihr aufs Parkett, wobei er sich an ihrem rmel instinktiv hielt. Aufschreiend blieb sie zitternd an der Wand. Am Mittag in der Sonne lachte sie ber die pltzliche Furcht, aber die komische Bewegung der Abwehr, die sie gesehen, verbreitete sich, machte sie dster, schweigsam. Ihre Liebe gliederte sich darin. Der berschwang kehrte zurck. Der Schwung dmpfte sich. Was sie aus der innersten Tiefe gehoben, gefrchtet, die Angst und die Sorge, standen allein, khl entfernt, die uerste Spitze des, was sie durchlebt, war nichts, ein Betrug. Sie ttete diesen Gedanken und lchelte. Aber wartete nicht mehr in die Ferne, zitterte nicht mehr um ihn, wenn er ging und kam. Ein Gleichgewicht kam. Sie reisten. Er frug nach Plnen, Wnschen, lauschte auf Ungesagtes, was ihr selbst nicht bewut war, verwhnte sie namenlos. Dirigierte die Reise, zeigte ihr kaleidoskopisch, kennerisch, abwechselnd, Wirkungen vertauschend, untermalend das Hauchdnne, verwischend das Grobe, die Schichtung der Welt, die man einsog, bewunderte, geno. Suchte nach Flssen, die im Rauschen ihr genehm, Wlder, deren Schattenfall ihrer Lunge lieb waren, Ebenen, die das Auto kielte, Gebirg, in dem der Aufschwung mit dem Tagaufgang ber die Jacken rann. Doch einte die Landschaft sie nicht noch tiefer, die Bilder glitten harmonisch. Wo aber die Kontraste stiegen und rasten, gab es keinen Brennpunkt, in den ihr Gefhl zusammenflo, sondern sie jagten auseinander, so dies und so das. An einem Abend sahen sie eine italienische Oper. In der Nacht sah Daisy Le Beau im hellen Licht neben sich. Seine Beine wie aus Bronze spielten den Rumpf hinauf, der den Fechter zeigte, zusammengerissener und sthlerner in der Spannung wie in den Marmorslen die Ringer. Sein kluger Kopf war voll Geist, auch wenn die Lider sich schlossen. Sie sah es klar, zum erstenmal. Denn es trat in sie in dieser Nacht, zu sehen ohne Rausch und ohne Ha. Das Licht flimmerte khl, und es banden sich die Enden der groen Kantilenen der Sngerin an das Ende ihres erwachten Bewutseins, und an der Hhe der Kantilenen erma sie die Hhe des, was sie erstrebt, erglht, als ihre Stimme noch das Ziel war und ihre kindliche Sehnsucht glaubte, dort sei der Ruf. Sie drehte um. Sie sah den Krper neben sich, edel und schn wie wenige, auch liebte sie ihn. Sie fhlte alles, was von ihm zu ihr gekommen, Begeisterung, Hingabe und Wollust, aber es blieb unten. Gengte es? War es so viel, da es sie erfllte? Es war, was ein Mann an Liebe ihr geben konnte, fast mehr. Aber sie sprte wie Ziehendes, sie Beschwingendes und Reiendes die Spitze des abends eingeatmeten Gefhls ber sich schweben, sah alles sich hinneigen nach der Hhe, erblat fiel ihr Kopf zurck. Die lange Strecke, die lag, zwischen dem, was sie ertrumt und dem was sie erreicht und besa, traf sie vernichtend. Lange lag sie kalt, halb schlafend. Ein Gesicht tauchte auf, sie lchelte, es verblate wieder. Lange lag sie gewiegt von Dingen, die sie streiften, nie entfachten. Aber im langen Wachen erkannte sie unerbittlich, wie leer ihr Zustand schwebe und da dies nicht sie erflle, und wie unendlich berlegen ihr Gefhl schon dem Augenblick geworden, in dem sie war. Der dritte Abschnitt Ein rotbrtiger Mann wartete. Der Vorsteher meldete das Verbot des Zuges. Der Parlamentarier lie sich nicht sabotieren, stieg auf den Tender und verlangte eine Lokomotive. Das Personal machte ihm eine Ovation, fuhr sie heran. Es war Abend. Er redete von der Feuerung herunter. Dann gab er ganz behutsam Daisy die Hand, sie stieg herauf, bald waren die Lichter hinter ihnen. Sie fuhren durch die Provinz. Durch den Sden sprach er von Stadt zu Stadt. Dann kamen sie quer durch die Bretagne. Ein Telegramm rief ihn von St. Malo zurck. Wieder kamen Olivenbume. Jeden Tag liefen rckwrtsgeschleudert erleuchtete Sle mit Menschenmassen zurck. Er kam aus dem Handdrcken der Komitees direkt in den Wagen. Sie gab ihm die Hnde heraus, er stieg ein. Neue Chausseen bumten sich, der Mond schwankte langsam durch die dnnen Alleebume. Einmal kte er ihr die Hand, sie lachte eine Zeitlang ber seine Zrtlichkeit. Sie sa in der ersten Reihe, als in Valence er whrend des Sprechens die Budjetrede aus Paris erfuhr und eine wilde Kavalkade dagegen aufmachte. Er a dann den ganzen Abend. Unterwegs stieg seine Wut. Abends nahten drei Laternen, sein Geburtsort Libourne. Seine Vettern erwarteten ihn mit den Weibern, die in Holzschuhen von einem Bein aufs andere sprangen. Sie staunten sie an, indem sie sich in den Taillen weit vorneigten, die Arme auf den Rcken schlugen. Er wurde verlegen, legte ungeschickt den Arm, da sie fast zusammenbrach, auf ihre Schulter. Sie lchelte mit den Weibern, nahm sie unter den Arm. Als sie ihnen ein Schlafzimmer zu zweit anboten, lachte sie, ging hinaus und fuhr ins Hotel. Die Weiber klatschten auf die Schenkel, grinsten, verhhnten den Rotbart. Er ging voll Wut ins Hotel, sie abzuholen, vor ihrem Gesicht begann er die Hnde zu bewegen, als sei sie aus Glas. Er sprach kein Wort. In der Versammlung stellte er eine Resolution auf, die dem Budjetredner ein Wort ins Gesicht setzte, das man nur in Libourne verstand. Die Mnner stampften wie die Ochsen und rissen die Muler bis gegen das Ohr auf. Sein Cousin Louis trug es aufs Postamt. Der Beamte weigerte sich. Da holte er den ganzen Saal, sie steckten die Gartenhtte an, legten ihn auf den Rcken und spritzten ihm aus einem Winzergummi Schnaps in die Gurgel, bis er es tickte. Am Mittag schlachtete er ein Schwein. Mit blutigen Armen stand er breitbeinig im Hof, hob den Kopf und sah sie mit seinen weit auseinanderliegenden Augen an, seine bloe Brust dampfte. Mittags spt saen sie im Auto. Er strahlte und wagte sich zum erstenmal dicht neben sie zu setzen. Sie zog den Mund spitz, hob den Finger und streckte ihn nach dem Polster auf der anderen Seite. Sofort glitt er hinber. In Toulouse zog er den Rock aus im berfllten Saal, lief auf dem Podium herum und schrie wie ein Br, er war fast heiser, sein Publikum raste. Dem Saaldiener schlug er in guter Laune auf den Rcken, der bekam einen Hustenanfall, wurde auf drei Sthle gelegt, bekam die Arme gehoben, den Bauch massiert. Sie rgerte sich und beachtete ihn einen Tag nicht. Sie fuhren nach Nizza zu einer Kundgebung der italienischen Irredentisten. Da sie nicht mit ihm sprach, rusperte er sich nach der Uhr jede fnfte Minute. Sie sah hinaus. Die Blue spielte um die ste mit einer Leichtigkeit, als durchdrngen sie sich. Er benutzte den Augenblick, die Hand herber auf ihr Knie zu legen. Zornig sah sie ihn an. Sein schwerer Nacken zog sich ein, die schmalen Augen wurden ngstlich. Er tat ihr leid, sie griff mit der Faust in seinen Bart, zog ihn von der einen Seite zur anderen, schttelte ihn und lie ihn fahren, er versuchte einen Griff wie nach einer Magd. Sofort zog er sich in die Ecke zurck, fragte traurig und kindisch: Sie haben einen Zug um den Mund, was ist? Sie lachte. Er schttelte sich vor Behagen und strich den Bart glatt. Vom Zug kamen sie direkt ins Theater. Ein trentiner Dichter sprach eine Hymne an das italienische Meer. Der Raum war mit italienischen Flaggen geschmckt neben den franzsischen. Der Dichter trat einen Augenblick in die Loge, den Parlamentarier zu begren. Ihre Blicke kreuzten sich einen Moment. Doch der Franzose stellte ihn ihr nicht vor. Sie sah einen Schatten von seinem Auge, als er hinausging. Die Verse langweilten den Parlamentarier, er wurde mde und schnarchte, aber er mute bleiben, da er nachher sprach. Daisy stand auf bei der zweiten Nummer, ging leis hinaus. Sie ging durch das Foyer. Nun schritt sie gegen einen Spiegel, sah sich, erreichte die Treppe. Als sie den Pelz um den Hals fester zog an der Tr, trat mit zwei groen, aber langsamen Schritten der Dichter von dem Pfeiler. Sie nahm seinen Wagen. Der Frhling stieg mit sehr blauen zarten Morgenstunden aus dem Luxembourg. An einem Abend, den die Boulevardbume mit einer blassen Schwermut trugen, stiegen Ballone aus einem Hoteldach, stiegen mit kleinen Kerzen und erleuchteten an dem Ende der schwrmerischen Kurve den Himmel mit ihrem Namenszug. Vor Fontainebleau machte ein Torpedoauto eine ovale Schleife, ihr Wagen bremste und fuhr in den Graben auf zwei schleifenden Hinterrdern. Der kleine Spritzer hatte gedreht und verschwand hinter einer grauen Staubwand. Auf der Chaussee lag ein Strau Narzissen mit einer italienischen Schleife. Spter fand sie einen Brief darin. Er kam am Morgen. Selbst sein Parfm fragte nach ihren Wnschen, die er erriet, da es sie bestrzte, denn er brachte ihr keine Geschenke, aber er lauerte auch auf das Unbewute jedes Reizes in ihrer Seele. In seinen Arbeiten kam ihr mit aller Genauigkeit dieser und jener Tag und Gedanke wieder, nur aus der Frage zum Endgltigen gefhrt, entgegen. Seine Schpferkraft sammelte sich in Verkleidungen um sie, er drang in das Dunkelste und Trumerischste ihres Lebens und erregte mit der tastenden Verfhrung seines Geistes. Sein Kopf war antik-haarlos, die Augen tief und umschattet, aber der Zauber seines Hirns verstrickte mit einer berlegenheit, selbst wo er bat, da er sich aufhob. Als sie ihn nicht empfing, sandte er ihr das Gedicht, das die Adria zur Revolte aufrief, aus dem Theater in Nizza, um ihr zu zeigen, da dieser Ehrgeiz und sie das Verehrungswrdigste seien in seinem Leben. Die Aufrichtigkeit fhrte sie dicht zu ihm. Der franzsische Staat lie ihm als Gast Notre Dame allein luten. Er kam zu ihr: Es war keine Schnheit, da du fehltest. Er sagte drei Stunden vor Beginn der Premiere ab, denn Daisy lag an Grippe. Das Telephon rasselte ohne Unterla. Er stellte es ab. Vor dem Zimmer stand ein Boy, der niemand einlie. Drei Monate Reklame . . . . flsterte der eine der Direktoren, als sie den Boy bestochen hatten, im Salon. Er zuckte die Achseln, als sie den Tantiemensatz um fnf in die Hhe hoben. Acht, sagte der andere leis und bebend vor Wut, denn sein Gegenber nahm den Finger nicht von der Lippe. Daisy schellte. Er ging hinein. Sie war aufgewacht: Gehen Sie doch. Er machte eine geringschtzige Gebrde, er sagte ihr, es lge nichts daran, denn diesen Ruhm verachte er, es gbe nur jenen einen, der ihn in der ffentlichkeit reize, und er wies auf das Gedicht, das sie auf dem Tisch liegen hatte. Er ging leis hinaus, als sie die Augen schlo. Zehne, sagte der Direktor vom Fenster her, wo er mit den Ngeln das Glas zum Zittern brachte. Er schttelte stumm den Kopf. Da bekam der andere einen Kopf wie ein Puter, der erstickt, hob die Stimme und schrie nach ihm: Schieber. Buffone, er hatte Schaum auf den Lippen. Marquis de la bouche. Mit einer aalglatten Bewegung gab er sofort nach, zog sie auf den Korridor, besprach sich, sagte zu, verga die Beleidigung -- denn er frchtete, da ihre Stimmen Daisy weckten. Gegen Morgen kam er zurck, niedergeschlagen. Sie wagte nicht zu fragen, es schien eine Niederlage. Sie war frischer, machte Puppen aus den Kissenenden, schmollte mit ihnen, lie sie tanzen, lchelte nach der Seite, bis er auf den Knien lag. Mit dem Frhstck kamen Zeitungen. Sie sah, da sein Erfolg riesig war. Er sagte, da sein Blick den ihren nicht traf in der Loge, habe er die Niederlage gewnscht. Denn ihr Auge allein habe ihm sagen knnen, da dieses Rufen bedeutend fr ihn, ja eine Freude sei. Er sa auf dem gelben Stuhl ohne Lehne und plauderte den Nachmittag mit ihr, den sie noch lag. Ein Brief kam, er erbrach ihn, bi die Zhne in die Oberlippe, drehte sich um und schlug die Hnde vor das Gesicht. Sie las den Brief. Er kam bis ans Bett, als die Augen sich trafen, sah sie, wie er schwankte. In der Tiefe, hinter den goldbraunen Ringen entfernte es sich. Zwei Falten preten die Augenschlitze gegen die Nase. La packen, sagte sie. Du bist noch krank. Sie nickte ein wenig und schellte der Zofe. Er senkte den Kopf, ging hinaus. Im Zug schmerzte sie der Rcken bis zum Knie, dann die Arme. Wie sie sich legte, linderte sie nur die Sekunde. Im Tunnel verlor sich das Fieber, gegen Mittag kam es heftig zurck. Im Schlafwagen lag sie eine Stunde. Das Decklicht irrte in blauen Kreisen um sie. Sie setzte sich in die Ecke, in Decken gehllt. La dich nicht stren, sagte sie. Seine Augen waren feucht, kalt nach innen gerichtet, wo er angespannt sich beschftigte. Sie nahm eine Zeitung, hielt sie vor das Gesicht, als lese sie, damit er ihre Schwche nicht sehe. Er hielt die Hnde nebeneinander und sah durch die dnne Haut auf sie. Die roten Lichtreflexe machten eine unruhige Zartheit auf ihren Gliedern durch dies Transparent von rosanem Blut. Sie kamen bei Regen an. Ein Kommissionr mit schwachsinnigen Augen umkreiste sie wie ein Hund und fing pltzlich mit den Armen zu drehen und zu schreien an. Hinten begann eine rasende Musik. Der Regen ward so toll, da, als sie auf der Terrasse standen, ber den Platz die Herangelaufenen mit hochgeschlagenen Kragen in die Cafs zurckstrzten. Schwarze Mnner standen auf der Treppe, ein langer Frack warf vom Gaskandelaber den Hut hoch, knickte die Knie, fuhr hoch, stank aus dem Mund wie ein Fisch. Im Wagen begann Daisy zu weinen vor Mdigkeit. An der Ecke sah sie die dnne Erscheinung ber den leeren Platz rennen. Gegen Abend blickte sie vom Balkon, der Nebel erfrischte. Eine Ziegenherde kam aus der Nebengasse. Ein Radfahrer bog um und fuhr dem Leittier in die Beine. Es sprang um, jagte auf die Strae. Die Tiere liefen mit geblendeten Augen an die Huser. Einige Geie bockten, liefen irrsinnig im Kreis, warfen Kinder um, verletzten einen Gendarmen im Gesicht. Der Hirte suchte das Leittier, sprang durch die Gruppen und pfiff auf dem Fingergelenk. Da nahte Musik, alles verlief sich Die Musik hielt vor dem Hotel. Daisy lie sich auskleiden. Spter drang rote Glut in die Fenster. Als er vom Balkon hereinkam, hob sie den Kopf aus den Kissen. Die Unterbeamten, rief er, schon im Salon. Sie schlo die Augen unter der Mdigkeit der Schlafpulver. Dann gingen im Nebenzimmer immer Tren, ein Organ sprach, als gurgle es den Mund voll, das schlferte ein. Die Tren klappten rascher, die Reden gingen wie ein Bad, es umpltscherte sie aus der Ferne. Sie hatte Durst, bog den Kopf zur Seite zum Trinken. Da sauste er vorbei, sie griff nach seiner Hand. Deputationen, flsterte die Zofe. In der halbgeffneten Tr, als sie hinausging, stand ein fetter Herr und verbeugte sich tief mit einem fiesen Lcheln. Immer ging seine Stimme wie ein Uhrzeiger durch die anderen, die herumwanderten, leis klangen, bald spitz, manchmal quatschisch schumten. Sie bekam Sehnsucht, ihn zu sehen. Sie sah ihn nur im Sprung. Spter erwachte sie, es war Lrm auf der Strae, sie sah in sein berhitztes Gesicht. Der vierte Zug, rief er ihr zu, als er auf den Balkon strzte. Als er zurckkam, frug sie: Was war es; sie hatte geschlafen in der Zwischenzeit. Studenten, sthnte er. Sie verstand ihn nicht. Was wollen sie? Provinzen. Sie begriff im Halbschlaf die Zusammenhnge nicht mehr und schlief sofort ein. Sie sah in tiefblauen Himmel, gewlbt und flieend wie Glas. Er stand an ihrem Bett. Sie sah hinunter. Singende irredentistische Vereine zogen zum Hafen. Der Schlaf hatte sie erholt, sie legte sich herum, um liegen zu bleiben. Er nahm sie an der Hand, sie stand auf. Beim Anziehen bekam sie Fieber. Sie hielt ihm den Puls hin. Er fhlte, verfrbte sich ein wenig, dann drehte er sich um. Sie sah nicht, was vorging. Es dauerte nur kurz. Dann sah er sie fragend an. Sie zog sich weiter an, eine solche Spannung lag in seinem Blick. Er hob sie hinber ins Boot. Die Molen waren schwarz. Auf der Triere ward eine Fahne gelegt. Er trat darauf. Sie hrte jedes Wort aus dem Theater. Die Schrpen standen grell ber den Hemden wie auf Schilder gelegt. In der weien Glut platzten die Kpfe fast. Sie standen wie Zinkknpfe, hei und schwitzend. Um sie herum lagen Schiffe mit Tribnen, von denen die Photos unaufhrlich knackten. Ein amerikanisches Boot suchte stndig die Sperre zu durchfahren. Die Menge wartete, bis die Glocken den Berg herunterkamen. Dann schaukelten Tcher ber dem Schwarz. Eine Brandung erhob sich am Ufer. Aus Marmor stieg ein Adler von der Klippe. Eine dumpfe Salve knatterte hinter der Halbinsel. Dann sprach er jene mystische Revolte, hatte die Hnde gegen die Brust gestemmt, die Beine eine kleine Spanne auseinander. Auf seinem Kopf lag eine Entschlossenheit der Wollust, als wiege sein Hirn sich in dem Gedanken, den er mit groen Rhythmen durchma. Unter seinen Stzen aber, die ihm die Hhe seines Lebens waren, kam aus der Tiefe des Meeres der Glanz langsam herauf. Aber wie er schlo, berkam sie eine sinnlose Traurigkeit, sie fiel fast zusammen. Das Meer schumte ein wenig, als sie zurckfuhren. So lange sie fuhren, streichelte er unter dem Mantel ihre Hand. Sie ging sofort in ihr Zimmer, schlo ab, kleidete sich aus. Dann sprang sie heraus, lie sich anders anziehen, legte sich auf den Rcken. Im Nebenzimmer telephonierte er nach dem Arzt. Er verlangte Rom, einen Spezialisten, rief Summen ins Telephon, trommelte an ihre Tr. ffnen Sie, sagte sie der Zofe. Im Halbdunkel beugte er sich ber das Bett. Sie brachte den Blick nicht gegen seinen zum Fixieren. Welches Unglck, sthnte er. Er fluchte, verwnschte den Tag, ma sich die Schuld zu, da sie hierher gefolgt, aufs Meer gekommen. Sie lchelte. Das Telephon rief ihn hinaus. Im Dmmern sah sie auf dem Tisch etwas Helles. Es mute vom Mittag liegen. Schlieen Sie, sagte sie der Zofe. Sie machte das Telegramm auf, las, bckte sich, krmmte sich wie eine Katze. Er klopfte an die Tr. Er rief durch das Schlsselloch, er stre sie nicht, nur bitte er, da sie den Arzt empfange, wenn er komme. Dann ward es still. Spter kam er noch einmal, sie hrte ihn hin und hergehen, sein Schritt war bengstend leis, verhalten. Nur sie habe Sinn fr ihn, murmelte er. Er sprach lange mit sich, die Portiere dmpfte es. Auf dem Tisch stand sein Bild. Daisy sprang auf. Der Arzt, schrie es im Gang, im Nebenzimmer flog das Fenster auf, sie hrte einen stehenbleibenden Motor. Sie nahm eine Nadel, zielte dreimal nach dem Bild, steckte sie rasch in ihr Haar, sie kam durch ihre Tr zum Korridor, durch die zweite Treppe auf den Gang, dann in das Vestibl. Sie fuhr ber Mailand nach Turin. Dann nach Lyon. Das Fieber lie nach, sobald sie hrtere Luft atmete, in einer Stunde war es vorbei. Von da fuhr sie bis Calais. Mit dem Fnf-Uhr-Dampfer kam Syg. Sie schritt mit dem Tuch, ohne aufzuhren, winkend ber den Steg auf sie zu. * * * Der Mond flog, ein Vogel, durch den Apfelbaum; Die Syringen hingen schwer und rot ber den Kies; ber den Hyazinthen strudelte die Luft in einer Kupferfule. Zwischen den Zweigen des Gebschs fing das Dunkel erst an und bebte. Bienen strzten in die Hhe und von ihren bervollen Poren schaukelten hochgetragene Blten langsam und taumelnd in das Wasser zurck. Die tiefgesenkten Gartenfenster brachen mit runden Quecksilberbogen aus den Sulen heraus. Die magische Tiefe des Glases bltterte sich nach innen in den schimmernden Kreisen und sog den Kiesweg mit den Tulpen in einer Spirale hoch und in sich auf. Aus der Gartenhtte taumelte ein Gegenstand mit unheimlichem Schtteln, schlug wild gegen den Apfelbaum, kam in den Mondschein, torkelte in ihm ber die Wiese nach einer Maus. Dann hielt er, verdrehte die Augen, schrie Do . . . go -- -- go. Dogo . . ., schnurrte und steckte den Schnabel zwischen die Flgel. Der Mond, wie ein unsichtbar geschlagenes Schild, war wei von Metall, zitterte durch den Himmel. Dies alles brachte ihr die Heimat nahe, wenn sie Sygs Hand hielt. Sie gingen angeschmiegt durch den blauen Dunst der angefachten Nacht. Aber es trug sie nicht hinber, sie hatte nur Abwehr. Die Unruhe war gewichen, sobald sie Syg sah und sprte. Dies aber, dachte sie im Bett, was sie froh machte, war nur die Gegenwart der Schwester, Sygs Figur und Stimme, vor deren naher Gewalt das Gelebte zurckfiel. Sie empfand Ruhe und Stille. Sie empfand sogar in Vaudreuils Gren das geheime Suchen und Fragen, aber sie war so sicher, da sie sie unbefangen zurckgab. Elfmal schlug die Uhr, dnn und silbern. Der Ton ging hinaus, wo der Glanz nicht nachlie. Syg konnte nicht schlafen, legte sich herum. Sie lchelten sich in das Gesicht. Der groe helle Raum stand voll Mondstaub. Vor dem Fenster schwankten Weidengerten auf und nieder, obwohl kein Wind ging, wie der bebende Rcken eines Tieres. Nun begannen im Boudoir die Silbersachen zu leuchten, die Bettseide wurde ein Netz von zartestem Wei, nun stand der Mond mitten im Rahmenkreuz und durchstie gelb und flutend das Fenster. Daisy richtete sich auf, als lausche sie: Und Well? frug sie und horchte hinterher . . . und Well? . . . Syg sprang aus dem Bett. Der Balkon war mit wogendem Lichtnebel ber den Kletterrosen zugezogen. Die Nacht wurde immer wrmer und durchsichtiger, schon traten die Figuren vor der hintersten Hecke deutlich heraus. O, flsterte Syg und fhrte die flache Hand ber das Gelnder. Stck auf Stck der Jugend gaben sie sich in die Hnde, hinber, herber wie Blle, und spielten sie sich zu . . . die Bume, die Gouvernante, die vertrocknete Fischkugel, den Ameisenbau. Wie sich die kleinen Dinge, deren zrtliche Erinnerung sie am sorgfltigsten erfllte, aus ihrer Erinnerung hoben, schmolz sie das Gefhl zusammen, da die Jahre hinaustraten zwischen ihnen . . . Tage flogen auf und hoben sich in sanften Farben wie aus Strohhalmen abgesandte Kugeln und schwammen in den Garten hinein. Im Scheitel der Nacht hing der Mond frstelnd und starr. Die Uhr schlug. Vgel sangen, den Kopf noch an der Brust, in das wollstige Grauen. Das Gras begann zu leben, und der Tau glhte mit einer hingegebenen Leidenschaft an der Erde. Daisy bog sich aus ihrem Bett ber Sygs klares Gesicht. Sie empfand, da ihr Kopf wie ein Spiegel denselben Ausdruck trage. Sie empfand das Glck dieser Gegenwart mit einem berckenden Gefhl. Wie lange hattest du Fieber, Syg? Acht Wochen. Arme, doch wirst du in Firenze nichts tun wie liegen und blaue Luft atmen. Sie legte den Kopf an Sygs Brust und liebkoste sie mit der Wange, denn die Erinnerung der Schmerzen, die Syg gelitten, qulte sie in dieser Stunde der Seligkeit mehr, als sei es ein eigenes Leid. Die Uhr schlug. Syg ghnte; zog die Beine herauf und schttelte die Locken, reckte die Arme. Sie war zu faul zum Aufstehen. Sie schellten nach dem Frhstck. Die Zofe brachte es zuerst Daisy an die linke Seite des mit breiten Stben gegliederten Messingbettes. Sie wies nach Syg. Das Mdchen sah verwirrt von einer zur anderen. Sygs blaues Haar wallte um das ovale Gesicht, sie hatte das Kinn auf die Hand gesttzt. Sie sah mit den Augen, die tief und wundervoll ausgeschnitten und mit leidenschaftlichen Schatten befiedert waren, dem Mdchen zu. In ihrem Wei lag ein violetter Schimmer. Sie wurden ohne Pause verwechselt. Die Bonnen kannten sich nicht aus. Der Kutscher stammelte. rgerlich rief Daisy: Pha . . . lux . . . Freunde vertauschten sie. Aber dies band sie nun erst aneinander, denn in jenem Wechseln der Krper und Erscheinung fhlten sie hingegebener die Harmonie. Sie lachten sich an vor dem Spiegel. Sie zogen sich verschieden an, machten sich unhnlich. Syg trug die Haare hoch um einen dreigezackten Pfeil, Daisy zog sie unter einer Perle, die ber der Stirn lag, halb ber die Ohren und scheitelte den Kopf. Syg trug dunkle Seide. Daisy ging ganz wei, der Wind schmiegte sich in die kleinen Blumen des Battists und der Boa. Umsonst. Sie tauschten den Puder, die Korsetts, die Rotstifte. Syg blate ab wie ein Pierrot. Daisy ging mit anmutig erhellten Wangen. Doch wie sie sich bemhten, stieg die Verwirrung. Da gaben sie nach, Syg hatte eine Grimasse, sie tauschten die Rollen. Sie baten mich, die Kette zu besorgen, sagte ein junger Kanadier, reichte Daisy ein Etui. Es war meine Schwester, sagte sie. Sie trug ein silbriges Abendkleid mit Schwarz, ging hinaus, Syg zu rufen. Sie kam zurck mit Goldpuder und einem roten Samt. Er berreichte es ihr. Sie dankte. Die Tr ging auf. Syg kam in einem blauen Schneiderkleid wie von der Strae, gab ihm die Hand und frug: Haben Sie meine, Kette, John? Verblfft sprang der junge Mann auf: Haben Sie noch eine Schwester und wel . . . Syg klatschte in die Hnde, nahm ihn bei den Ohren, schenkte einen Kognak ein. Jeden Tag schob Syg die Abreise hinaus, jeden Morgen freute sich Daisy und jeden Abend litt ihr Gefhl, das um Syg Sorge trug und doch nicht vermochte, sich von ihr zu trennen. Die Tage gingen wie ein blauer Mond nach dem anderen am Fenster vorber, und Dogo sa in jedem, auf dem Zweig des Faulbaums sich schaukelnd. Fribaurt rief an auf der Durchreise, Syg nahm den Hrer. Er kam nach einer halben Stunde. Daisy empfing ihn. Er sah ihr von unten in die Augen, und da er ein geschrftes Ohr hatte fr das herbere in Sygs Organ, frug er, den Rcken weich, hndisch, biegend: Wozu die Komdie? Sie gingen auf die Veranda. Sie hob den Finger an die Lippen. Unter ihnen stand Syg, vor ihr ein junger, schlanker Grtner. Sie tollte und sprang um ihn herum, verzog das Gesicht, schttelte den Kopf. Sie frug ihn, er sagte etwas. Sie prete die Hnde in die Hften, da die Ellenbogen nach auswrts standen und lachte. Ihre Bewegungen waren in diesem Augenblick ganz unerlst und kindlich. Dann frug sie wieder. Er sagte einen slawischen Namen und zischte. Sie schttelte den Kopf und lachte noch heller. Sie fate ihn unter dem Kinn, richtete sein Auge nach ihrem (denn er schlug es nieder) und horchte angespannt, dabei bewegte sie die Nstern in Spott. Er errtete, dann schrie er mit voller Stimme: Zsigis. Syg blieb ganz ernst, hob die Hand, fuhr ihm die Grenze der Stirn entlang, sagte ihm etwas ins Ohr und ging lachend die Treppen zur Veranda hinauf. Oben blieb sie stehen: Pony . . . rief sie. Er hielt an, wandte sich um, errtete und blickte hinauf. Dann wurde er ganz bla. Sie winkte. Er ging. Warum nennst du ihn Pony? Wegen der Haare. Auch ihre Locken hingen gefchert in die Stirn. Daisy prete pltzlich die Hnde fest zusammen: Fribaurt fhrt Donnerstag nach Italien . . . Sie stockte. Mit einem seltsamen und nie gesehenen Ausdruck sah Syg an Fribaurt hinauf und wieder herab, zuckte kaum deutlich die Schultern. Aber Fribaurt, der stark nach einem sen Wasser roch, sah es nicht, denn sein Blick folgte dem Grtner, der in den Bschen verschwand. Aber Daisy verga den Ausdruck nicht, mit dem Syg den anderen angesehen. Sie blieb den ganzen Tag dicht neben ihr, als ob schon die Entfernung eines Zimmers, der Raum einer Wand sie trenne. Ich danke, da du bleibst, sagte sie stockend, als sie in den breiten Mondstrom hineingingen. Sie kamen dreimal um das Bassin, dessen Rotunde in Marmor glhte. Das Gras war blau und Dogo hing in einem Kreis von Fcherschatten. Als sie um die Hecken bogen, stand der Mondschein gezackt als Segel ber dem Garten, der unter ihren Fen schwebte. O, sagte Syg mit pltzlich ganz erhelltem Gesicht, ich freue mich, da du dies sagst., Sie gingen hinein, Daisy stumm vor dem Glcksgefhl, das diese Antwort ihr gab. Aber auf der Treppe zgerte ihr Fu. Sie sprte, wie unrecht es sei, da auch ihr Wunsch nur Syg halte. Aber sie sagte nichts. Am nchsten Tag fuhr Syg im Mtro zur Etoile, besuchte eine Dame in der Avenue Wagram, schlo das Tor, fuhr zur Seine, stieg an der Madeleine aus und suchte zur Oper zu ein Geschft. Sie sah in ein vorbergleitendes Auto. Ein Herr sprang heraus, in hchster Erregung auf sie einsprechend, sie sah seinen Bart zittern, die Leute blieben stehen, als er schrie. Sie nahm ihr kleines Stilet, drngte ihn bis an den Rand, er sprang in sein Auto, verdeckte das Gesicht. Sie sah um. Ein Photograph knipste und kurbelte neben ihr. Ein Herr mit einem Notizbuch zog den Hut. Sie machte eine rasche gewandte Bewegung, glitt zwischen dem Haufen durch, mitten in ein Orchester, das vor dem Caf konzertierte. Sie sa eine halbe Stunde vor einem Whisky. Dann fuhr sie heim. Zwei Tage sprach sie kein Wort ber den Vorfall. Sie lebte neben Daisy. Aber die Worte, die sie gehrt und die nicht ihr galten, sondern Daisys Leben herausrissen aus Stunden, die sie nicht ahnte, entfielen ihr nicht. Nachts setzte sie sich neben Daisys Bett und sah sie stumm an. Aber die Worte spannten sich zwischen sie und die Schwester und trieben sie auseinander. Sie vermochte nicht mehr, den Blick unbefangen auf Daisy zu heften. Du hustest? frug Daisy und fuhr aus dem Schlaf. Syg schttelte den Kopf. Daisy prete die Lippen, als die Schwester schlief. Sie fhlte, wie die Unbefangenheit ri, die Ruhe wankte, sie bangte um die Schwester und wagte nichts zu sagen, denn sie frchtete, da dann das Helle aus dem Himmel falle und die Kraft daraus lsche. Sie lag lange wach. Pltzlich ffnete Syg die Augen, schlo sie wieder. Mittwoch Nacht sagte sie, da sie reise. Daisy sagte kein Wort. Sie gingen nebeneinander durch den Garten, als sie fuhr. Zwischen den Winden und Bohnen stand mit hohen, schlanken Beinen der Grtner. Sie stiegen ein. Die Rder rollten. Sie fuhr zurck. Eine schmutzige Faust reckte sich in ihren Wagen. Sie nahm die Zeitung. Der Wagen stockte im Lauf eine Sekunde. Sie gab den Sou. Wieder spannten die Motore sich an. Sie las, ihre Lippen verzerrten sich. Sie verstand zum erstenmal. Ein maloser Schreck, dann Zorn verdeckten ihr die Augen. Ekel schttelte sie, da sie die eine Hand mit der anderen festhielt und geschlossenen Auges zurck sich warf in das Polster. -- Sie sah die Karikaturen auf den Parlamentarier, sah die Photos, die die Kinos von seinem berfall her spielten, sie begriff die Verwechslung . . . die Folies Bergres trugen die Nummer in ihrer Revue. In der Ecke unten unfltige Telegramme, die er aus der Provinz, wohin er vor dem Skandal geflohen, gedrahtet. Sie bi auf den Daumen vor Schmerz, der Wagen rauschte in den Garten. Sie sa auf der Diele. Das tiefe Fenster hinaus nach dem Bassin lag wie ein niedergelassener Vorhang. In der Tiefe des Gartens stand Pony und arbeitete. Seine Beine und seine trainierte Brust wiegten mit den elastischen Ruten der Bsche und Stauden. Der Abendnebel flammte den Geruch der Erde rtlich um seine Hften hinauf. Sie warf die Hnde gegen die Brust und empfand zum erstenmal, wie sie, gleich einem verlassenen Tier, allein sei. Sygs Zug glitt irgendwo in die Dmmerung und aus ihrem Leben. Sie blieb zurck, um eine Lge beraubt, die sie sich vorgeredet jede Sekunde des Daseins und der Gegenwart der Schwester. Sie frstelte. Jugend und Heimat fielen an ihr nieder, hart, als klirrten Ringe auf der Diele. Woran ihr Herz (sei es auch nur wie ein Traum) und unwissentlich trotz des Hasses gehangen, nun lag es nackt verschwunden. Mit kaltem Grauen empfand sie die Einsamkeit, aus der die zarten Gefhle weggeschwungen. Einsamer und verzweifelter schluchzte sie auf als jede Stunde, die sie gelebt. Es kam ihr, wie lind es sei, wenn sie weinen knne. Aber sie konnte es nicht. Es gengte noch nicht. Sie fhlte sich frei und verantwortungslos mit einem Male. Aus der Tiefe des Blutes kam ein Strom, der sie zu einer Unbedingtheit zwang, deren zgelloses. Streifen sie zu Gelstheit erhob, die den Atem benahm. Die Lippen bebten bereinander. Nichts hielt sie, bedingte ihr Tun, gab Verantwortung fr ihre Handlung. Mit einer zerstrerischen Wollust empfand sie ihr Ausgestoensein, das ihr eine Khnheit verlieh, die sie fast berauscht empfand. Nun trat Pony aus dem Dampf ins Helle. Sie begann zu winken. Das Fenster lag wie eine aufgeschlagene Terrasse in dem Garten. Tritte schlichen herauf. Dogo schrie in seinem Ring und stie die Flgel gegen die Wand, als zerbrche er Glas. Sie stand auf. * * * Zwischen dem dritten und vierten Tanz hob die Kleine, die zwischen den Sthlen schaukelte, stehend die Hand nach der Seite. Daisy ging hinber. In der Toilette brannte eine weie Flamme. Sie hob den Schleier, zog Rot ber die Lippen. Im Spiegel sah sie die zgernd Eintretende. Ihre Augen trafen sich in dem Glas. In dem Gesicht der Tnzerin ging ein Schreck auf, sie flsterte etwas und glitt zurck. Daisy ging zu Lons Tisch hinaus. Beim Hinausgehen fragte sie den Kabarettportier nach ihrem Namen. Sie bestellte sie in das Hotel. Sie kam und bat, zart wie eine Libelle, da Daisy ihr den Mann nicht nehme. Sie sah zitternd auf den gefalteten wollstigen Mund der Frau vor ihr. Daisy nickte gleichmtig, prfte sie mit einem Blick, schenkte ihr Strmpfe, Hosen, Dessous. Oft, wenn sie abends frei war, kam Rene herauf, ein Band umgab sie. Bald hatten sie kein Geheimnis. Daisy wute jede Bewegung des Attachs, seine Lieblingsworte, seine geheimen Stze, aber es reizte sie nicht. Sie fuhr mit Lon baden, sie stieg in das Wasser, das ihren Krper aufsog; ihre Haut aus dem Wasser heraus selbst trbte ihm die Augen vor Erregung. Auf der Rckfahrt suchte seine Hand nach ihrer. Das andere Ufer, kommandierte sie, er mute wenden. Sie ging am Abend mit Rene in den Florissant. Zwischen orangenen Lampions drehten Matrosen und Mdchen. Als ihre Hfte unter den anderen erschien und in der abendlichen Dmmerung in die Tanzschleife wogte, umgab sie Gedrnge, Blicke, Augen. Ein groer Steuermann von der savoyischen Linie fate sie, brach die Finger fast an ihren Korsettstben. Sie tanzte mit starrem Blick, ihr Zofenkleid machte sie noch herber, sie bog in den Vorsaal. Er taumelte, fiel in das Knie, schumte, erhob sich, sie fhrte, sie schwindelten, sie tanzten in den Garten. Er konnte sich nicht helfen und stammelte Flche. Sein Kopf fiel auf ihre Schulter und er schlug sie auf den Arm. Sie lie nicht nach, bis sie langsam mit zitternden Knien hineinging in den Dampf, der Mann besinnungslos auf dem Kiesbeet lag. -- Ein Kolonialoffizier erscho sich, einen Ring von ihr auf der Brust, durch den er die Kugel gesandt hatte. Kam sie mit hochroten Lippen durch die Rue du Purgatoire, ward der See eine Tnung blsser, der Montblanc steiler am Horizont. Die Augen der Mnner wanderten ruhelos nach ihr. Verkleidet im Mannskostm bei einem Ball jeute sie im Kursaal, trat hinaus vor die Schnre von Lichtern, die die Fassade umlohten, ihr Blick tauchte in den eines ganz jungen Studenten, er fuhr sie hinaus. Ihre langgeformten Knie, die eine wundervolle Sehnsucht in seine Seele zeichneten, verzckten ihn, da er ins Wasser sprang und am Ufer schreiend davonlief. Sie ging mit zwei weien Windhunden durch die Palmgefieder des Parc des Eaux Vives. Sie blieb stehen, kehrte langsam um. Auf einer Bank saen Lon und Rene. Ein Zug seines Mundes erinnerte sie den Abend lang an Pony. Sie fuhr zu ihm. Er hatte den Garten, den sie ihm geschenkt, geschnitten, begossen, bestellt. Ihren Namen mit Ranunkeln gesetzt, in die vier Bume des Eingangs geschnitten. Auf der Hhe des Belchens ihr Wappen mit Steinen zusammengesetzt. All seine einsamen Tage erstanden als Monument seiner Liebe. Hinter dem Strohdach sank die Vogesennacht feucht und traurig. Sie stiegen hinunter am Morgen. Kuheuter und Wiesen rochen unter dem roten Mond, ber dem Rhein lagen die Schwarzwaldtage mit silbernen Wolken. ber den Grat der Vogesen rollte die purpurne Kugel gro und trg. Hast du die Harmonika? Er nickte. Nur ein scheuer Blick nach aufflatternden Vgeln zeigte, da er Sehnsucht hatte. Ich schreibe deiner Schwester, sagte sie am Morgen. Sie arrangierte ihren Hutkauf, sogar eine Stelle und nahm ihm mit einem Brief die groe Sorge. Aus den Weinbergen glhte blau die Sonne. Sie lockte unter seinem Fenster. Als er in die Hecke ihr nachstieg, lie sie seine Lippen ihn aufmachen und legte ihm seidenschwarze Brombeeren eine nach der anderen in den Mund, der feucht und schmal und rot war. Seine Tierischkeit, die die einfltigen schnen Formen der Natur edel befolgte, gab ihr jeden Tag das Neue. Ringe kamen, Nadeln fr ihn. Er spiegelte sich im Rcken seines Zigarettenetuis. Er erbrach sich nachdem er zu viel gefressen. Sie sa an seinem Bett, er frchtete sich vor dem Unbekannten, das ihm Leiden brachte, verehrte sie wie eine Mutter, indem seine Seele zum Schutz dicht an ihre sich schmiegte. Er tollte in die Gesundung, ri den Schwanz der Hhner aus, sa auf den Bumen, ward traurig am Abend, wusch sich nicht, roch nach Schwei und Erde, sie fand ihn schner als je. Sie bekam Sehnsucht nach Wasser, als nach einem Gewitter ein Bach neben dem Haus herabstrzte. Sie fuhren zurck, zusammen diesmal. Neben ihr zwischen den Hunden schritt Pony in weien Hosen und Schuhen durch die Rue du Rhne. Er blieb am Gelnder stehen, schaute trumerisch in den tiefblauen Schu, der aus der Brcke kam, die Insel umrahmte und berschwungen blieb von unwahrscheinlichen Schwanenherden. Sie pfiff durch die Zhne. Zwei Passanten blieben stehen, sahen nach. An der Brcke flog eine Autotr auf, ein Herr, indem er die Kurve nahm, als sause eine Kugel in einer gebogenen Schiene, starrte sie an. -- Auf dem Balkon sa Rene im Lederstuhl, die Knie hochgezogen. Ihre Atropinaugen, tief untermalt, glnzten einen milden Schein, sie starrte auf Pony, flog darauf Daisy an den Hals. Der Abend scho durch die Platanen. Rene legte die Gabel hin, kniff ein Fnffrancstck ins Auge, legte dem Kellner den Absynthstrohhalm ber das Ohr und breitete die Arme aus. Pony sah auf das Wasser. Die Kste wich zurck. Schwrmerische Raketen berwanderten den immer neu gederten Himmel. Ein Konzertstck wie eine rosa Wolke lag mitten im See. Auf den Fuspitzen wiegte Rene erwartend den ganzen Krper langsam ber die Lehne, blieb einige Minuten von einem unaufhrlichen Zittern durchflossen. Pltzlich whlte sie den Bauch in den Mondschein, bebte in der Wage der Hften in einer pfeilschnellen Schwingung, tauchte aus dem Licht, fuhr mit einer kreisenden tollen berschwingenden Eile wieder hinein -- dann kamen die Lenden in ein glcklicheres beruhigtes Schweifen, die Muskeln des Leibes ebbten zurck und wurden spiegelglatt, fast ohne Atmung. Sie tanzte nur noch mit den Knien, die den Krper in einem fast glsernen Taumel ertrugen. Die Hften malten sich unbeweglich und zart in die Schatten. Nur der Rock rauschte, Daisy prete dagegen, sie schwangen atemlos, ihre Leiber bedeckten sich, sie kten sich -- Warum brachtest du mich her? frug Pony schauernd in ihrem Arm die Nacht. Sie lachte: Reizt es dich nicht zu grerer Liebe? Sie zog ihn auf ihren Mund: Pony. Er schlo die Augen. Eines Nachts brachte sie von den Anlegepltzen vor Versoix Jrme mit, im Sweater ohne Kragen und rmel. Selbst wenn er flsterte, war seine Stimme rauh und bi sich durch die Dunkelheit. Im Zimmer nebenan lag Pony, die Wand war so dnn, da das Gerusch einer Fliege im einen Raum im anderen noch lauter scholl. Sie legte die Kleider langsam ab. Am anderen Tag mute Jrme sie rudern, hinaus, zurck, in die Rhne, um die Insel, dann immer um ihr Haus. Eine Kette von Schwnen verfolgte das Boot, ihre Weie verblich am Abend mhlich der Blsse ihrer schimmernden Haut. Sie sah immer auf Jrmes Nacken, wo die braunen Halsmuskeln wie Fcher zusammenschnellten. Abends ging sie einsam und allein nach Haus. Die Schwne geleiteten sie noch eine Weile in der Dunkelheit am Ufer. Als Lon von der Gesandtschaft in Bern zurckkam, lag er verzweifelt im Boot vor ihr, berhrte ihre Hnde, ihre Schuhe. Sie schttelte den Kopf. Sogar das Wasser erhielt eine Feierlichkeit und schumte leicht in dunkler Erregung, wie sie mit langen braunen Beinen immer tiefer hineinstieg. Auf der Terrasse des Caf du Nord ballte Lon die Hnde und hrte auf zu atmen nach seiner Frage. Sie ging hinweg ber Pony, schaute ihn einen Augenblick an, die Bernsteinkrper in seinen Augen ihr gegenber erstarrten, sie lie eine Sekunde schweben, dann sagte sie auf sein Drngen, wie er es wage, mit ihr zu reden, habe er doch Rene. Ihr Hochmut lie ihn bei diesem Namen eine Bewegung machen, als lege er dies nebenhin als ohne Gewicht fr sein Leben. Sie zeigte nichts, aber er strich sich damit aus ihrem Dasein. Aber Renes Geschrei machte sie mde am anderen Tage, denn sie tobte in ihren Zimmern, weil sie Lon liebte. Die Zarte irrte wie ein Vogel auf den Balkon gegen das Blaue und zurck in das Zimmer. Daisy sah sie lange an. Sie sagte kein Wort, gab ihr Geld und zwei Koffer. Am Abend ging sie zum Zug. Rene weinte gerhrt an ihrem Hals. Als der Zug weg war, sah sie einen Mnnerschatten am Bahnhofeingang, sie nickte mit dem Kopf. Zu sich selbst. Lon griff sie strmischer an, befreiter, beim Segeln, auf den Quais. Sie bedeutete ihn ruhig, da das Opfer, mit dem er sich brste, ihr nichts bedeute, denn es sei eine Selbstverstndlichkeit und ohne die kleinste Verpflichtung fr sie. Sie kam mit Pony wieder und den Hunden am Abend die Anlage her, als die Rhne sanft, tiefblau vorberstrmte, schon die Dmmerung aufnehmend, whrend ihr Anfang noch biegsam und sthlern mit den Schneebergen glhte. Lon flehte sie an, Pony zu verlassen. Gab ich nicht Rene? Es verstrte sie eine Sekunde, an die Tnzerin zu denken. Doch glitt es schon weiter, hinter sie. Sie zog die Augen an, da sie schrg standen. Am Morgen war sie verreist. Enttuscht von der Brust eines glatten Fischers kam sie von Beaurivage. Der Morgen fiel prall und von seraphischer Blue in die Schwebe getragen auf den weien Ufersand. Erstaunt sah sie Genf wieder auftauchen. In der Betubung des irrsinnigen Suchens fiel Gelebtes sofort hinter sie, Leidenschaften verschwammen wie nie geatmet nach Tagen. Die Landschaft der Woche vorher, das Haus, ihre Gedanken prallten schon im Wesenlosen. Als Lon, die Hand am Steuer, den Groschot in der anderen seilend, in ekstatisch erhellter Nacht, in der der Mont Blanc wie ein weier Ballon schwamm, schwor, Pony zu erschieen, wenn sie ihn nicht verjage, sein Auge den fiebrigen Wahnsinn besttigte, wies sie ihn zurck mit Nein. Kalt vor Zorn verlie sie ihn ber die Drohung, mehr voll Liebe zu Pony wie je. In dieser Nacht weigerte sich Pony zum erstenmal, sein gequlter Krper gab ihm Mut, den sein Geist nicht hatte. Sie sprang aus dem Bett: Gut . . . du wirst Bonnen wieder haben. Am Abend kreuzte Lon Ponys Abreise, sie hatte ihn nicht begleitet. Er nahm einen Wagen, jagte. Er kam als Sieger. Auf dem Tablett kam mit ihm ein Brief, Daisy nahm ihn, als Lon eintrat und legte ihn sofort wieder zurck. Welche Eitelkeit in Ihrem Gesicht, hhnte sie und wandte sich um nach dem Shawl und dem Spiegel. Bestrzt, zerschmettert kehrte Lon um. Am Ende des Zimmers hielt er, nahm eine Vase und schlug sie hin, blickte starr und ging hinaus. Daisy trat auf die Rampe des dunkel gewordenen Hauses, um das die Brust des Wassers langsam stieg und fiel. Sie pfiff. Zwei grne Lichter bewegten sich auf dem Anlegeplatz, stachen ins Wasser, kamen im Bogen heran. An Lon vorbei, strich Jrme in das Haus. Pltzlich hob er den wirren braunen Kopf und lauschte. Im untersten Fenster sang eine weiche berckende Mnnerstimme: Andulko me dite --vy se mne libite . . . Was ist das? frug Jrme. Sie lauschte. Pony war zurckgekehrt. Sie lachte, zog ihn wie einen Hammel am Fell. Einer der Hunde? frug sie ihn; er fletschte die Zhne. Sie bckte sich, hob den Brief auf. Die Schrift war von Syg. Sie lie ihn in das pfaublaue Wasser hinunterflattern. Am Morgen brachte sie Pony selbst in die Bahn. Ringe in Blumen . . . sie gab die Buketts, ohne sie zu sehen, dem Zimmermdchen. Ein Kreuz mit Ametyst auf Rosenholz, vom Athos, lag auf ihren Kissen. Ein Pferd stnde bereit, schrieb man. Lon schmiegte sich manchmal durch die Dmmerungsschatten drauen. Eine Yacht trug ihren Namen am Lee unter dem Fenster vorbei. Eine kalte Verschwendung trug die Luft jedem aus ihrem Leben zu, die erzittern machte, wer in ihren Kreis trat. Sie atmete, sah Augen, Tage, blaue Ausschnitte ber dem Salve, kurz und farbig blitzten Blicke in ihren, schon entrann es zu anderem. Es flo zurck wie in einen Bogen, in dessen Kurve ihre Seele unermdlich schwang. Irrsinnig eines Abends erstrmte Lon die Treppen, kam in ein Zimmer, wo sie las, streifte die Kleider ab. Sie eilte hinaus, schlo ab, klingelte. Er flehte. Sie wollte den Skandal. Dann berlegte sie, sie schlo einen Vertrag, legte ihm auf, da er sie mitnahm auf die Gesandtschaft in Bern. Er kompromittierte seinen Namen, die Stellung. Doch er sah sie nur entfernt wie immer. Sein Diener erzhlte ihm von dem Kreis und den Monden auf ihrem Leib, er ward ohnmchtig. Sie frug ihn nach seiner Arbeit, den Geheimnissen des Berufs, sein Leben. Seine Ngel ballten sich in die Handflchen, aber sie sah die geheimsten Akten. Wre ich eine Agentin? Er zuckte die Achseln, schon war ihm alles gleich. Seine Familie steckte ihn in ein Sanatorium. Er folgte. Vorher bestach er die Zofe, erhielt eine ihrer Hosen, schluchzend fuhr er damit im Zug. Er hatte sie nicht gehabt. Er hatte wenigstens dies. Am Abend spielte sie in einen Mann verkleidet auf einem Kostmfest, an den Kleinen Pferden, verlor, konnte nicht alles zahlen, bat ihren Partner mitzukommen. Er wartete im Vestibl. Als sie die Treppe zurck herunterkam, erstarrte er. Sie kam als Frau. Er neigte sich ber ihre langen Finger. Wie sie in den Wagen stieg, sprang Jrme hinter einem Busch heraus und schrie: Hure. Etwas bla, unsichtbar durchglht trat sie zgernd ein wenig zurck. Als sie ihn aber ansah, lie er die Hnde sinken, schlug sie um den Nacken und lief brllend davon. Der Wagen rollte. Sie trat mit ihrem Partner ein Treppenhaus mit Marmor hinauf. Die rote Weste eines Dieners leuchtete hinauf neben ihr unter einem zehnkerzigen Halter. Die Frcke im Saal glitten durch einen dnnen silberblulichen Rauch, den der Atem des Tanzes und der Getrnke schon zum Rausch gemacht hatten. Sie legte den Arm auf eine Schulter, der blasse Schein einer Nische umglitt sie. Ein Mund fiel auf ihre Achsel. Sie zuckte zusammen. Ihre Glieder wurden kalt und abwesend wie oft in unerklrlichem Wechsel. Sie starrte vor sich hin. Sie hatte einen Brief eingesteckt, als sie sich umzog. Es fiel ihr ein, sie ffnete ihn. Sie stand auf. Der Mann hielt sie. Was? Ein verzweifeltes Gesicht krallte sich in ihr Auge. Hast du mich nicht wahnsinnig gemacht? Sie schttelte den Kopf. Sie hatte ihn kaum bemerkt, ihre Gedanken kreisten irgendwo entfernt, es fiel ihr nicht ein. Mitten im Saal schrie der Mann ihr nach: Hure . . . Sie zuckte kaum merkbar die Schultern. Sie hrte es zum zweitenmal heute. Allein es drang auf keinen Punkt in ihr ein, der ihr Gefhl bewegte. Vorbei schon. Ein Opfer, lchelte ein bergroer lssig gebeugter Herr im Monokel. Schon suchten an seinem Mund vorber gleichmtig ihre Augen nach Neuem. Ein olivenfarbener Jngling, der wie ein Mdchen tanzte, legte den Arm um sie. Lchelnd glitten sie Ring auf Ring herum, gewiegt von einer Klarheit der Fe wie nie in diesen Sekunden. An einer Ecke des Saals fiel ihr das zweifach gesagte Wort mit einem Mal ein und sie setzte sich. Es war, als zerschmetterte es etwas in ihr. Sie trat an das Fenster. Unten im Garten hrte sie deutlich eine Frau weinen. Das fate sie wie mit Schrauben, sie glitt hinaus. Eine Bank. Es war, als strme mit dem Weinen in dem Busch, ihr Leben weg, brche ein wie in Eis, zerrinne haltlos zwischen ihren Hnden. Sie sah, wie sie Stck auf Stck verloren hatte, unter dem Schmerzenston brach es zusammen. Sie versuchte nicht, sich zu wehren. Perlmutten flauschte im Mondschein ein Segel vorber und rckte ins Dunkel. Zerfetzte Trmmer lagen um sie, was sie gesehnt, gedacht, begehrt im Blut . . . es knallte um sie zusammen. Da erst, wie angezogen von der anderen Stimme, konnte sie weinen und je lnger die Trnen ber ihr Gesicht strmten, fhlte sie, wie in ihr die Verzweiflung und das gierige Suchen brach. Sie fhlte sich elend wie nie, aber gleichzeitig verband sie ein Strom ungekannter Sigkeit mit der anderen Weinenden. Es war ihr, wie, als sie erkannte, da die Stimme versage, und jedes Leidende, jede Kreatur dicht ihr Herz berhre. Sie stand in einer wunderbaren Empfindung. Schon rissen die Wochen hinter ihr wie unwirklich und ihrem Wesen ungehrig sich ab und stieen ins Wesenlose. Aus der Tiefe des Elends aber zog sie ein Gefhl von einer ergreifenden Harmonie in die Hhe. Sie empfand, als stehe sie auf anderem Boden, wie pltzlich ihr Schicksal sich zusammenlegte mit Tausenden von Menschen, an die sie nie gedacht, da ihr Schmerz sie erhob und verband, und da, wie sie verzweifelt gesucht auf der Jagd und mit den greifenden Hnden, in ihr lag mit einer stillen Verantwortung, die nichts bertraf. Sie sah die Welt pltzlich anders. Es stieg eine Kraft aus ihrem Elend, die sich in ihr bumte. Ein Glcksgefhl berflo sie. Demtig grte sie den Fall der Jete, die Neigung der Berge, das trumerische Schleifen der Schwne. Herauf kam der Kleinen Gesicht, aber die Schuld, die sie empfand, drckte sie nicht, sondern entflammte sie zur vollen Anspannung. Ihr war, als ruhe die Achse alles, was Hlfe bedurfte, in ihrem Herzen in dieser Nacht und ihr Herz drehte es in einem wunderbaren Stolz. Sie schaute lange unter der vorgehaltenen Hand ins Wasser. Ein Gesicht kam zurck von der glatten Flche. Sie schauten sich an. Dann ging sie hinein. Sie hatte ein anderes Gesicht gesehen. * * * Sie lie ihre Sachen verteilen. Jrme sandte sie einen Ring. Ay . . . ay . . . rief sie an der Gasse. Die arabischen Weiber kten ihre Hnde und Fe. Die Zofen kamen, nahmen. Die Bonnen gingen mit Ballen, zitternden Hnden. Die Kostbarkeiten wurden versteigert. Die Depots sperrte sie. Die Spitzen rannen ihr durch die Finger. Eine frische stolze Hure in einem Kleid, da ihrer Haltung zu gering war, zog sie aus dem Tanzsaal. Die Hosen, deren Plissees rauschten, in matter Seide zu Dutzenden fielen, durchfhlte sie mit der Hand, gab sie ihr. Mit jedem Stck, das sie verlie, schenkte sie sich zurck. Und die Wollust des Hingebens verband sie den Dingen um sie. Gebend lebte sie drei Tage und fhlte, wie unter dem Hinweggehen ihres seitherigen Daseins Freiheit in sie strmte. Eine kleine Summe fllte sie in ihr Portemonnaie. Sie besa einen Koffer noch und ein weiches helles Kleid aus indischer Seide. Sie schellte Marguerite, die Manikure. Vor dem Spiegel die Figur und den Kleidschnitt abmessend, bot sie ihr den Tausch an. Die lehnte ab, da es zu kostbar war, errtete, lie sich langsam zwingen, kte Daisys Hand. Mit kleinen Sachen ging sie auf die Strae, gab dem, jenem, Frauen, Kindern. Es reizte sie nicht, zu wissen, wer es besa, denn jede Tat der Entuerung entlastete sie zu Glck. Sie beschftigte ein halbes Dutzend Agenten. Ihre Pariser Wohnung ward verkauft. Pferde untergebracht. Mbel, Schmuck versteigert. Die Summen festgelegt, geschlossen. Selig fhlte sie alles entgleiten. Dem prchtigen Krper eines verlotterten Mdchens, dessen Anmut sie rhrte, schenkte sie ihr Kleid. Sie stand in Hosen pltzlich am Badestrand abends. Verlegen ging sie in die Kabine, sandte ein Kind mit dem Portemonnaie zu der Manikure. Das Kind kam mit einem Kleid, brachte das Geld zurck. Sie zog ihr Armband aus, es Marguerite zu senden, runzelte die Stirn und blieb eine Minute in einem merkwrdig erhellten Zustand. Darauf schenkte sie es dem Kind fr sich selbst. Kte es, tief getroffen. Mit der Entledigung zog die Einsamkeit des Reichtums aus ihr. Sie besa noch zwei Ringe. Einen warf sie den Schwnen zu, vom Gelnder, abends. Der vierte Abschnitt Vierzehn Tage wohnte sie Mont Martre, stieg hinab zu den Hallen, nach drei Wochen war sie Mont Parnasse, geriet in ein falsches Haus; ein Kind fiel die Treppe herunter, sie nahm es hoch, es schrie. Ein Mann brllte sie von oben herunter an, ging in sinnloser Wut auf sie zu. Sie strich das Kind ber den Kopf, legte es der Frau an die Brust. Verzeihen Sie, sagte sie, schlug die Augen herunter und ging mit einer Stille, da der Mann, verstummt, sie grte. Sie wohnte Rue Bonaparte, die so eng war, da vor der Ecole des Beaux Arts nur eine Linie der Autos vom rechten zum linken Seineufer durchfuhr, und die ohne Pause zitterte. Sie bewohnte die Hotels am Boulevard Sebastobol, wo Huren und Apachen nachts schrien. Sie ging durch die Straen, frh, mittags, die Nacht. Beim Lwen von Belfort sah sie Ringer und Stemmer in Trikots unter den Bumen turnen. Kokotten pfiffen ihr nach. Rue Richelieu schlugen Huren sie nachts, weil sie glaubten, sie breche marodierend in ihr Mnnerquartier. Abends in der Olympia Bar fletschten vierzig Mulattinnen die Zhne um sie, im Saale der roten Papageien und drei Kapellen drehte sie sich, tanzte, ging allein, als die Rudel schnbeiniger Frauen lachend aus der Revue mit dem Geruch ihrer Haut und der Tierbewegung der Hften und langen Schenkel kamen. Auf Imperials rollte sie von Quartier zu Quartier, Liebespaare, Trunkene, Studenten mit zerrissenen Schuhen, Russen, alte Bcke, aufgegeilt hinter Midinettes her, neben sich. Im Hotel des Etrangers schrie ihr Nachbar in Herzkrmpfen auf. Sie sa drei Nchte, khlte ihm die Brust mit Eis. Als er hochkam, beschlo er sie dankbar unter die Decke zu ziehen, griff in ihr Bein. Am Panthon erscho sich ihr Visavis, ein blonder Student, der morgens mit roten Lippen gleichzeitig wie sie die Milchkaraffe in Unterkleidern in seine Tr hineinzog, an Syphilis. Sie wohnte Rue Monsieur Le Prince, Vaugirard, Champollion, zhlte die Schornsteine, Betrunkene an ihrer Tr, die Fenster, Mondaufgnge. Sie wohnte Rue Gay Lussac. Ihr Geburtstag trb Quai de Valmy. Kehrte zurck, als die Seine sie drckte, zu Mme Fleurquin, in das Zittern der Rue Bonaparte, Bume schwankten Boulevard St. Germain. Square Monge erlebte die berschwemmung. Rue des Bernardins verlie sie das Hotel im Kahn, half Emigranten retten, ward als Diebin verhaftet, lchelte sich frei. Ging auf die Mairie neunzehntes Arrondissement, vierundsiebzigstes Quartier, gab sich hin fr berschwemmtenhilfe, empfing ein ironisches Ziehen des Mundes, ging wieder. Geben Sie, Notre Dame des Lorettes willen, einen Sou zum Mtro, damit ich die Kaserne erreiche, flehte in der Rue Pigalle ein Piou-Piou. Sie gab ein Fnfzig-Centimes Stck. Er lachte sie aus, suchte sie zu umarmen. Kommen Sie, es ist warm darin, sagte ein groer Mann, glaubend, sie friere, nahm sie mit in das Caf Cluny, las die Zeitung, ignorierte sie, zahlte fr beide, ging mit einem Gru. Erstaunt suchte sie ihn drei Tage, fand ihn nie wieder. Sie wohnte gegenber Ecole Polytechnique, wo nach Regen Abenddcher mit weien ovalen Schilden blitzten, dumpf Seinehrner tuteten, sah die Zglinge der hchsten Artillerieschule farbig an Kanonen seltsame Bewegungen machen. Sa Closerie des Lilas, hrte die Revolte der Kunst. Aux trois Poulards schlug ein Mann einer Frau durch den Schdel, nahe den Hallen, warf sich heulend ber sie. Sie belauschte das Gesprch zweier Absynthe-Weiber, Ausgedrrte, die gleich Hynen gegeneinander strzten und von der Berhrung des Fingers schon umfielen, in den Pausen der Schlacht, wo sie, unfhig aufzustehen, nebeneinander in der Gosse lagen. Sie machte dem Trio an der Sorbonne Platz, dem Star-Mann, dem beinlosen Singenden auf dem Rderbrett, dem jungen Louis, sie warfen ihr Schlpfriges nach. Sie a mit der Papageienverkuferin, studierenden Negern, sterreichischen Spitzeln, Lesbierinnen der Place St. Michel, mit spanischen Zglingen der Schneiderakademie, Chauffeuren, Gasarbeitern, Deutschen. Sie ging zum Lwen von Belfort, wo Ringer und Stemmer unter den Bumen turnten. Wie elend zum Kotzen dies Leben, sagte ein gesunder Mann, der Postkarten verkaufte, mit weien Zhnen lachte. Da brach eine fremde Frau in Trnen aus. Haben Sie Hunger? frug Daisy mit einem Blick auf den Ellenbogen der Frau; die aber stie ihr durch das Kreisloch den spitzen Knochen in den Leib, schrie, fluchte, drckte sich hinaus. Sie wohnte Porte Maillot, wo Mtros aus der Erde stieen, Menschenmassen aufquollen, Korsos zum Bois wallfahrten, selige Benzingerche in Parkwipfeln schumten, lange Frauenketten in Wagen unhrbar, mit Pelzen und sen Pferden zu Wiesen zogen. Sie wohnte Impasse Brthier, Rue de la Rochefoucauld mit der Grabesruhe und Sacr Coeur blitzend darber mit weien Trmen, Rosenkrnzen, Zitronen. Moulin Rouge brannte das Parterre aus, vom dritten Stock sprang ein dicker Offizier ab, zerschellte unter dem Flammenschein. Sie wohnte Quartier Ternes, fleiige kleine Brger arbeiteten in offenen Fenstern. Stand Champs Elyses vor Luxushotels, sah Autos anfahren, gepflegte Frauen, helle Glacs, Skunks, weie wundervolle Fchse. Sah an sich herunter. Sah gespannter lang hinber. Wohnte Rue Delambre, zweiter Hof, dritte Baracke, Numro Vierundachtzig. Wohnte neben Jardin du Luxembourg. Wohnte Parc Monceau, diese Nacht selig von Bodengerchen. Wohnte Bastille-Platz. Wohnte zwei Nchte nirgends. Wohnte St. Germain des Prs, sah um sich Pfauenrder der Lichtkaskaden zum Himmel brennen ber dem rtlichen sen Straengefieber, folgte einem Ruf, stieg zwei Treppen zu Musik, sah sich um, prfte, wer gerufen, ging zurck. Am zweiten Tage hier folgte sie einer Bluse in ein Kaffeekonzert. Einen warfen sie heraus neben ihr, zehn Meter unter der Erde, der zweite Keller, schrieen: Sortez-le!! Peschrsche, Affenschwnze, Bauchzimbel, Irrgebrunste, Saligots!! Im Rauch fiel ein Sergeant gegen die bemalte Kalkwand, wei im Gesicht, beugte sich im Ges. Rotz-Lumpen, er verschwand. Ein ungarisches Violinstck kam aus der Ecke. Sie ging ber den Boden, in dessen Lehm ihr Absatz leicht sank, sa nieder der Bhne gegenber unter dem zweiten Lampion. Ein Rosablusenmdchen besah im Spiegel die Zungenwurzel genau und angespannt, schttelte den Kopf lachend gegen den Rauch. Eine unsichtbare Stimme, siehe, rief: Schlaf mit mir, se Freundin. Sie erhob sich und warf sich einer sanften Schwimmenden gleich in den Dampf. Daisy stand mit ihr auf, ging zwischen gesten Tischen, den Blick fest nach vorn. Ein altes Weib neben den Kulissen auf einem Fa zog ber ihre schamlosen Beine einen Keuschheitsgrtel, stampfte im Tanz, grimassierte den Bauch, zwischen gelben Zhnen: Elle avait un petit cadnaz . . . Auf der Btte in dem Winkel gegenber schwang die Kitschfanfare eines militaristischen Fanfarengauls. Sozialisten schrien sich am Ausgang zu: Allons Camerades, strmten, warfen die Btte um, schwangen einen Kreis um die Alte. Daisy stand auf, ging weiter nach vorn. Sie sa in der ersten Reihe. Auf der Rampe ber ihr stand ein Mdchen, und die ungewhnliche Zierlichkeit und Anmut ihrer Beine machte ein Loch in den Lrm. Daisys Blick blieb lange an der Biegung ihrer Lippen, dem Schwung ihres Leibes, der kindlichen aufreizenden Geste, mit der sie sich entzog. Sie sa nun ganz an der Spitze des ersten Tisches. Als im Vorgang des Schattenspieles ein schwarzes Mdchen ohnmchtig ward, der Mittelpunkt des Abends unter Gemurre schwankte, sagte sie entschlossen: Ich, trat hinter das aufgespannte Leinentuch, fand dort Rene, die den Stoff ihres Kleides prfte, ihre Augen dicht ansah, lachte und sie kte, neben dem Confrencier Philippe. Sie lieh ihre Stimme einem Schwan hin, der an Philippes Hand grotesk in Schatten verzogen auf der Flche tanzte und es nicht unterlie, in heftigen Perfidien dem Prsidenten der Republik nahezutreten, den Abend zu retten. Sie gingen eingehngt zum Boulevard St. Michel, berquerten den Platz, hielten an der Boulangerie. Trabten weiter. Stieen auf d'Harcourt, passierten, liefen zur Bar, standen vor der Luxembourg-Fontne, gingen in die Source, trieben heraus. Wurden aufgehalten, Philipp erkannt, umringt. Studenten schwenkten die Biretts, drckten aus ihren Mimis se Schreie. Einer lschte die Laterne, einer kitzelte den Sergant de Ville. Sie zogen durchs Croissant, grten mit Zuruf Jaurs, stoben im Hinterzimmer ber das Klappern der Jetons, warfen einen Spieltisch um, beknurrt vom Ha der Tische hinaus. Zurck zu d'Harcourt. Dann zur Source. Reichere Studenten schrien den Mimis Preise zu. Im Panthon fiel ein Mann klatschend auf einen rundoffenen lackierten Hurenmund. Damen von dreiig bis sechzig Franken stieen verchtliche Parfmwolken aus gegen die Mimis, die frech und ngstlich an den Armen ihrer Freunde schwebten. Auf dem Boulmich verdrehte die Mimi Madeleine die Augen, fiel um, blutete aus einem Achselgeschwr. Sie schafften sie in die Brasserie Lorraine, gaben sie ab, saen um einen Tisch, klatschten in die Hnde, hoch im Rhythmus, wieder herunter und dann monoton in einer Schleife. Daisy schlich hinaus, vermochte sich nicht zu entziehen, denn am Ausgang stie sie neben der Kranken auf Philippe. Sein Gesicht, wie er, unermdlich, helfend, gekniet, beschftigt war, hielt sie fest. Sie beugte sich vor, ging berflssig zurck. Rene tanzte schon auf dem Tisch, die blanken hellen Scheitel der Dnen blendeten in einem Kreis um sie, wieder sah sie ihre unvergleichlich schnen Beine. Man ging Rue des Ecoles, Notre Dame, eine Brcke, Place St. Michel, Rue St. Jaques, Rue des Etrangers, whlte sich ins Dreieckkreuzfeuer der Lichter vor der Nacht-Boulangerie. Zwei wurden abgefat beim Gebckdiebstahl. Die Spionin, die im Gewhl der aus allen schlieenden Cafs sich hier um warme Hrnchen massierenden Massen lauerte, griff die Gelenke, die Kassadame keifte, vom Pult brllte der fette Chef mit aufgeschlagenen rmeln: Steck ihr Pferdpfel ins Maul. Kanalsau. Man ri einige mit aus dem Haufen, wechselte ein blombiertes Fnffrancsstck, warf ein Pihaus um, rollte es ber die Trottoirs. Man kam Rue Guijas. Die Droschke mit Madeleine kam an. Man rettete sich aus der Clique ins Hotel, trug Madeleine vornher, ri Rene aus den Armen der Studenten in den Chauffeurmnteln, knallte die Tr hinter sich zu, riegelte ab. Sie stiegen durch die drei Hurenetagen zur sechsten der Artisten und Studenten, trugen Madeleine ins Zimmer Philippes. Er schlug sein Bett fr sie auf, legte ein reines Taschentuch auf das Kissen. Beim Abstieg zum zweiten Stock in Renes Couloir gab es im dritten Skandal. Zwei Weiber, eine im Korsett, eine im Hemd, die schimpfte, standen vor zwei Mnnern mit Zylindern im Genick, die Kerzen hielten, und einer sagte: Alte Sau . . . Die Hure hieb zu, traf nicht den Hut, sondern das Licht. Das Dunkel strzte, eine Tr knallte, es scho. Aus den Gngen quollen Weiber. Mnner in Pyjamas fluchten, drckten Knipslaternen. Atemloses Geschrei verwirrte alles, pltzlich lief man. An Daisys Krper griff eine Hand. Sie flog an einen schlanken Krper, der sie rasend kte. Erstarrt hielt sie in dem Zug, der sie einsog, in Besitz nahm mit den Lippen, pltzlich schrie sie. In Renes Alkoven aber schlief sie im Traum die Nacht mit jenem blonden Skandinavier, der die erste Nacht, wo sie auf den Mann traf, bei Le Beaus Umarmung ihr die Nacht zerfleischte, sie hinaushob ber die Seligkeit des Franzosen und sie an eine Wonne hochstie, gegen die nichts im spteren auch nur gering bestand. Der mit der Hand aus ihr streng heraushob, was ihr Schmerzen machte bis dahin. Er tat nichts, was ihr zurckgab, aber er kte ihr Bauch und Bein, durchwhlte sie, ward blitzscharf am Rande des Krpers, aber im Gesicht milder, als er sie verlie. Dies blieb in ihrem Schlaf, so da sie aus dem Traum mit dem Engel glcklicher und befreiter erwachte als je aus einer Mnnernacht. Sie stellte die Schssel auf die Kiste, wusch sich, schttete das Wasser in den Schacht, aus dem mit einer Wolke das Gekeif in das kurz geffnete Fenster hineinstie. Sie schlo auf zu Rene, sah Bewegungen in ihrem Bett, roch den Schwei des Kampfes. Sie wartete still, geduldig. Hundert Sous im Nebenzimmer. Die Tr klappte. Sie trat hinein zu Rene, die sich mde im Rcken nach der Schssel bckte. Nein, sagte Daisy mit unbegreiflichem Lcheln, la mich, und sie hob die Schssel auf ihre Knie und wusch Rene das Gesicht und die Brust. Erbleichend sah sie am eigenen Hals, wie sie sich vorneigte, die Dukatenkette vorschwingen. Es fehlte seit der Nacht eine Kugel. Sie hatte nur noch eine. * * * Fr Madeleine, die ins St. Denis-Hospital gefahren ward, sprach sie allabendlich im Schattenspiel Philippes Stze. Ward seine Angestellte, Vertraute, Sekretrin. Sie erlitt das Kneifen ins Bein zwischen den Tischen durchgehend, Zurufe Besoffener, whrend sie sprach und ihre Stimme einen Schmelz annahm, der sie nie beflgelt. Sie schrieb unter der Petrollampe seine Briefe, sein Diktat. Sie schlo, war er weg, die Dachluke, rumte sein Zimmer, besorgte seine armselige Wsche. Wurde ihr Auge verzerrt von Gesehenem, gab seines ihr Haltung. Rief er, Kommis und Louis zu ergtzen, die Nummern des Programms in fanatisch heldischer Pose, las sie zu Haus, was er schrieb. Ging sie mit ihm neben den Bahnen, verschleierte die Strae sich in wohltuenden Nebel. Als im Jardin des Plantes der Tiger aus aufgeklafftem Rachen heulte und sie mit ihm ans Gitter trat, sah sie die Jungen, nur an den Zitzen spielend, ruhig saufen. Er wehrte jede Hilfe ab, bot ihr als Ausgleich von seinen sieben Centimes, blieb streng dabei, als sie lchelte. Bald konnte sie nur tun fr ihn, was er nicht merkte. Am Tage des Bastillesturms gab er drei Vorstellungen. Am Mittag darauf kam sie in sein Zimmer. Er schlief auf dem Stuhl. Sie suchte bis mitten in das Zimmer zu kommen. Dann schlich sie hinaus. Nach einer Stunde kam sie wieder. Er schlief noch. Sie prete das Kinn wider die Brust, weckte ihn, gab ihm den offenen Brief, ihre Augen trafen sich, er nickte. Sie gingen durch den Park, wo Kinder kleine Segelboote fahren lieen, durch Rosahte, Militrmusik, sanfte Alleen mit Dogcarts. Kamen in Gassen, Geruch von Fischen, Kartoffeln, slichem Kinderschmutz. Eine Wolke Karbol umstand sie. Eine Schwester mit spttisch grnem Blick versagte den Eintritt, Philippe sah sie an, nahm ihre Hand. Sie schwankte, ffnete die Tr. Als sie eintraten, lauerte eisiges Schweigen, eine Frau wlzte sich lautlos auf dem Rcken im Kot. Zwei fuhren auf aus den linealstarren Bettkolonnen, schrien, mit Armen die Kissen zerreiend, nach dem Mann: Rei die Mempel aus! Schlammbeier, Creusot! Sie rlpsten, ihre Kpfe waren verbunden und geschwollen, Eiferschtige sich whnend, schmissen die im letzten Stadium Irren ber sechs Betten, die sie trennten, sich ihren Schleim, ihre Wut ins Gesicht. Er trat heran, sie zu beruhigen, indem er die Schwester leicht zurckdrngte. Aber als er der einen sich nherte und das Gesicht herabsenkte, begann sie zu zittern, fiel auf den Rcken, zog das Hemd auf und stlpte den zerfressenen Scho ihm entgegen. Er wollte etwas sagen, doch die Schwester ri ihn zurck, hinaus. Daisys Rock ward gezogen. Eine dnne Stimme: Zu mir? Aus grauenhafter Sehnsucht kehrte ein glserner Blick wieder zum Plafond zurck. Die Frau vom Boden stie sie zur Seite, lief bis an die Tr, wo der Mann verschwunden, wimmerte, brach zusammen, umfate mit den Fingern die Klinke, die er berhrt. Links war die Krankheit schon Agonie bei einer Kette Betten, rechts sa ein Kind und lchelte, vierzehn Jahre. Nun kam Daisy zum Fenster, blieb fnf Minuten bei Madeleine, gab ihr pfel, Rosinen, Bananen, Brot. Dann gingen sie auf die Nachbarbetten zu, legte bald auf jenes Kissen, bald auf dieses Tuch Frucht, und wie sie austeilte mit einer Armbewegung, die fast nicht da war vor innerer Inanspruchnahme, begann, ohne da sie sprach, es immer stiller zu werden. Als sie fertig war, peitschte ein Schrei, stand, stie, zerbrach. Zwei neueingekleidete Mimis, die Kette mit der Indikation der Maladie um den Hals, die frech herein kamen, bekamen andere Augen, andere Bewegungen, zerbrachen irgendwie unter dem Schrei. Neben der Toten stand die Schwester. Madeleine sah auf das Grn im Garten, zurck zu Daisy, lie ihre Hand nicht bis zur Tre. Zu mir? frug die glserne Stimme, wandte das zarte Profil sich hinauf. In die geklemmte Tr noch zwngte Madeleine den Hals, sah Daisy nach, bis sie verschwand. Dies ist ein Zuchthaus. Aber auch von St. Denis sehen sie den Himmel, sagte Philippe. Ihr Blick blieb nachdenklich, zugeschttet, an dem glnzenden Lack der Kinderhte und dem weien Crepe, der die Hemden der Croquetspieler leuchten lie auf der Luxembourgterrasse, als streichle er emprt ihre Zartheit. Abends nahmen und sperrten Apachen unter Jeannot das Caf Guijas ihres Hotels. Sie blieben mit einem Teil, whrend die meisten Studenten und Mimis durch den Keller flohen. Jeannot mit sympathischen Augen a mit Kameraden um einen Tisch, drei standen Wache. Nach dem Dessert zog er die schmale Ly herber, knutschte sie durch, fuhr ihr an den Bauch, lachte, legte sie aufs Billard. Alle umstellten es im Kreis, sahen zu, reichten ihre Rcke nach rckwrts. Jeannot strich seine Mouche, herrenhaft amusiert und wandte sich schon wieder ab, lachend ber die Kuriositt der Hermaphrodite, als diese, auer sich, ihm einen Siffon an den Kopf schmi. Kellner und Wirt, bleich vor Angst, dienernd vor Jeannot, schrien sie an. Der irische Aufwischer fate sie wie ein Schwein, tat den grten Schimpf, warf sie aus der Tr. Sie wehrte sich, weinte, bi, kratzte, hielt sich an jedem Tisch, an jedem Arm. Gut zum Schlafen, wre sie nicht . . . sagte Jeannot achselzuckend zum Ringkampf, dem er lssig zusah, wandte sich ab. Sie schlug vor den Scheiben in die Gosse, das Gesicht im absplenden Regenstrom, wimmernd: On m'a sortie. Fiaker? frug ein Kutscher, der vorbeifuhr, grhlte in sich hinein, hieb die Gule um die Ecke. Hilf, sagte Daisy leis, als sie rangen. Aber Philippe blieb unbeweglich, bis sie im Schmutz lag, ging dann hinaus, trstete sie, nahm sie am Arm, fhrte sie zurck vorbei an Jeannot, der die Pfauenbrauen zuckte, umdrehte, dem Iren mit der flachen Handkante ins rote Genick schlug, da der in die Knie scho und ber ihn kindlich herberlchelte. Sie legten sie in Daisys Zimmer. Um Zwei klopfte es. Philippe brachte zwei Mnner, einer betrunken, der andere fiebernd. Sie teilte die Matratzen. Sie machte mit Freundlichkeit Platz, hate ihn nachts, morgens schlich sie in sein Zimmer, alles aus ihr strzte in sein Wesen zurck. Sie ward seine Begleiterin, nichts geschah ohne sie. An Betten, bei Kranken war sie hinter ihm. Sein Ausdruck flog ihr an. Mit seinem Wort gab sie Erhebung. Sie stand unsichtbar, ein sorgender Schatten, vor seiner tglichen Existenz. Sie wies Rene aus dem Zimmer, die mit den Waden nach einem Literaten kokettierte, die Stunde strte, wo er sich gab. Sie stand an der Wand, las er seinem Publikum, Russen, Kranken, Bettlern, Studenten. Ihre Seele schwang mit, glhte fromm mit seiner, pries er das Unglck, das tiefer forme, Hunde inniger, Pferde schner mache. Sie bewunderte ihn, wie er gab, schenkte, sich teilte und verdoppelte mit einer Freude, die seinem Gesicht nie die weiche Erflltheit nahm. Sie strebte, ihm zu gleichen. Sie warf jeden Gedanken aus dem Hirn, der von seiner Richtung abwich, kasteite sich, bertraf eine Stunde mit der anderen. Sie gab das Letzte, was sie trug, den Ring an Ly, die ihn bewunderte wie eine Legende, ihn vor Freude in den Mund steckte, darauf bi und ihn fast verschlang. Sie begleitete ihn zu Guigui, sprach mit ihr hinter dem Gitter des Gefngnisses, verga nicht den Zug des Rehhalses am Eisen, kam ber die Korridore mit ihm heraus und begann, als die Sonne herabstrmte, zu weinen. Doch die unbewegliche Gte seines Gesichts brachte sie ins Gleichgewicht zurck und sie verga die Auflehnung und den Druck, mhte sich stark zu sein, ihn zu bertreffen. Sie mogelte Geld in seine Kasse, hungerte um ihn, krzte den Schlaf, brachte ihm Menschen, die sie instinktiv auflas, in seinen Abend, gab ihm, wenn sie beschwingter ihm folgten, einen Wirkungskreis, der ffentlich ihm fehlte, da er Elend lobte. Sie sah ihn, Vorbild, gerhrt ins Letzte, den Vorschu des Caf-Konzert an ein Kleid Renes geben, Essen fr Guigui. Er speiste auf einer Bank im Monceau, damit sie nicht sah, da er trockenes Brot a. Sein Bett lieh er aus, blieb die Nacht im Stuhl. Er sprach freundlich zur Concirge, obwohl er wute, da sie seine Manschettenknpfe stahl. Lchelte, als das Sopha unter ihm brach. Ging still neben Ly, ohne Protest, als sie unschuldig wegen des Ringes als Diebin abgefhrt ward. Sie sah mit einem schaudernden Mitleid, wie er sich verschwendete, Unfruchtbares tat jeden Tag, ohne Tat und Ziel, das half, wie er Hohn bekam, belacht, verschimpft ward, aber unrhrbar blieb in seiner Weise. Die Liebe aber zu seinem Vorbild wuchs daran ber jeden Begriff, wuchs an jedem hhnischen Lcheln, das man auf ihn zielte. Bedenkenloser stellte sie sich vor ihn. Sie suchte noch mehr, ihm alles leicht zu bereiten. Sie sah, wie er sich qulte, das neue Schattenspiel zu stellen, Ordinres und Geistloses aus den Tageskmpfen zog, Unterleib und Hirn des Pbels zu reizen, um so die armseligen Sous fr sein Leben zu gewinnen, die er doch wieder weggab. Und schien ihr sein Kampf verfehlt und schlecht eingesetzt am ungnstigen Hebel in mancher Sekunde, so schien die Strke, die ihn berwindend fhrte, doch ungeheuerlich im Groen, da sie ber alles hinweg sich diesem hingab, restloser bemht, zu sein wie er, bel zu vergessen, Trost zu geben, ihm Sttze zu sein. Sie berwand sogar, was schwerer schien wie das andere, was ihr Geist vollbrachte, sie berwand ihren Krper. Holte Leder und Federn, bte die Tnze ihrer Heimat, deren Bauchkonvulsionen hinrissen, um seine schwache Nummer zu sttzen und gab ihren Leib den geilsten Blicken. Aber ihr Hirn erreichte selbst in der Opferung kein Glck. Sie konnte, wo er sie gelehrt, tiefer zu schauen, die Abgrnde nicht mit ihren Hnden zusammenschweien, die aus der Not verfluchter Zeit und dem Zwang, sie zu lindern, sich ergaben, und Dienen und Helfen schlugen ihr gleich Gewichten aus der Hand, wenn bei aller Hingabe keine letzte Befriedigung kam. Sie blieb allein. Lief durch die Gassen. Erbleichte unter seinem Anblick, schlo sich ihm demtig an. Sie kamen ins Caf, als Ly von einem Krampf ergriffen auf dem Rcken lag und schrie. Philippe ging auf sie zu und, indem er die Hand ausstreckte nach ihrer Stirn, gelang es, da sie beruhigt aufstand. Daisy neben ihr auf dem Barstuhl. Rene verkaufte sich einem blassen Deutschen feilschend um ihre Taxe: hundert Sous. Sie frug nach Luison. Achselzucken. Sylvie, die mit einem Amerikaner zog, der ihr Opium ins Gedrm gab, eh er mit ihr schlief . . . May? Die Krankheit. Riette? Die Krankheit. St. Denis. Das Wort schlug wie ein Hammer sekndlich in ihre Seele. Verheerte, verwstete sie, trieb Wut heraus und Auflehnung, bis sie flammte. Schlichtete ihr Glaube sich an Philippes Nhe sanfter und demtig, ein jeder Besuch, ein jeder Tag rieb sie an der Unvollkommenheit, dem Irrsinn der Welt. Bald sah sie nur noch so, da sie Kontraste ma, Distanzen sprte, das Riesige, was die Menschen schied und sie unglcklich machte, nur als geringe Strecke, als kleine Unterscheidung empfand und unverstehend blieb an der Hartnckigkeit, mit der gestempelte Dummheit das Glck hintertrieb. Samstag verschwand Rene, sie sah sie nicht wieder. Abends brach eine kastilische Mimi zusammen, spie das Lokal voll Blut. Man warf sie in einen Karren, er rollte los. Herauf schwankte ein Beerdigungswagen, ein Auto mit bemalten Kokotten schnitt die Bahn. Da fiel sie ohnmchtig zurck, wie vom Blitz zerschmettert von dem einstrzenden Gefhl der Unzulnglichkeit ihres seitherigen Lebens. Die Nacht kam sie zu Philippe. Er hatte die Augen weit und sehnschtig auf sie gerichtet, wie sie, das Licht ber dem nackten Arm, hereintrat. Sie ging bis an sein Bett, kniete auf das Holz. Sie neigte sich zu ihm, und es fiel ihr schwer zu sagen: Wre es nicht schner, Philippe, du httest Ly geholfen, statt mit ihr zu gehen? Er schwieg. Dann sagte er: Ich kann nicht bestimmen, auch du nicht, was ihr Glck ist. Aber ich suchte zu helfen, als sie litt. Es gab fr ihn keinen anderen Weg. Sie ging, sagte nie mehr ein Wort. Von ihrem Gesicht nahm stets sein Auge die Auflehnung hinweg. Aber sie sah, wie das Caf mit neuen Mimis sich fllte, wie die wieder verschwanden, zu rasch durchgekeltert, zerbrochen, verbraucht. Wie neue Wellen der Boulevard hereinwarf. Die Lues wtete. St. Denis sich fllte, gespeist aus tausend Lokalen, Schicksal sich vollzog, in der Maschine des Hospitals das Fleisch gesiebt ward, die beiden ersten Stadien noch mit Grazie vergingen, das dritte aber wie Pestilenz die jungen Krper durchwtete . . . . wie Verlebtes herausscho, Angenagtes hineinkam, wie die Maschine kaute, fra, schlang -- -- und nichts half an der Wurzel, nichts umstlpte, was gemeinhin half. Gott nicht untersttzte. Was blieb als helfen? Nachts bohrte ihr Hirn, sie schlug an die Wand, ri an der Tapete. Ging sie mit Philippe, gab sie Hingebung, Duldung, Erquickung. Ihr Lcheln bezauberte. Louison beantwortete es zwischen einer Hungerohnmacht. Madeleine schien es, sie empfange mit ihren Bananen Himmel, Musik, Freiheit. In Philippes Leben stand sie und fhlte, da er es brach wie Brot, zu heben, finden zu lernen, Strke in Ruinen zu bauen. Ihr Hirn jedoch bumte sich dagegen und ihr Blut, das frisch mit den Dingen des Daseins strmte, da er dem Ende der Tragdie sich nur hingab, in schon Zerschlagenem erst das Menschliche zchtete, statt an der Quelle gro und sicher die alten Schleuen zu zerschlagen und neue aufzubauen. Und mit Ha empfand sie seine groe Begrenzung, die wohl das Eigentliche wollte und im Zerbrochenen gleich das Geluterte sah, aber keinen Sinn hatte fr Anfang und Ende des qualvollen Weges, der das Menschliche verdarb und vergeudete in einer ungeheuerlichen Preisgabe. Sie konnte nicht unterlassen zu denken, whrend er Madeleine sein Geld gab, ihre Geschwre seien nicht, flge ein Paragraph in die Luft; Guigui sei frei, blase ein Tapferer ein dnnes Vorurteil auf wie Seifenschaum. Wohl empfand sie s aus jeder hilfreichen Bewegung, das Wichtigste sei, die Menschen zu bessern am Beginn, Menschen zu schaffen mit Vorbild und Beispiel, aber was half es, dauerte es Jahrhunderte. Ihr Herz, das mit tausend Fasern in die Zeit schlug, bewegte bei jedem Zusammensto mit dem Elend ihres Cafs, ihres Hotels, ihres Zimmers sie, einzugreifen, statt mitzuleiden, und der Irrsinn, der Hundert zerschmetterte, um wenige sinnlos zu heben, benahm ihr den Atem und lie sie in Gedanken sndigen stndlich gegen seinen Sinn. Denn da im Umschwung des Daseins sie aus der oberen Kuppel des Theaters hinabgestrzt aus dem Willen ihres Blutes in die hintersten Parterre, empfand sie die Kontraste deutlicher und schicksalshafter wie er, der im Bodensatz nur lebend liebte und trstete. Und mit der Berhrung des Primraffekts erlebte sie erst die ganze Rundheit des Daseins und mehr als je klaffte ihr von dieser Tiefe ihrer Existenz nur die eine Losung: Hilfe dem Menschen, und aus Dreck und Kot und Unzucht kamen die bersicht und die Entscheidung in ihr Leben. Noch hielt sie seine Gte, noch brach nicht aus, was sich wehrte, noch rhrte die Liebe zu ihm und sein Bild sie zu solchem Mitleid, da sie nachts hinausschlich, seine Schuhe reinigte, dem Kaffee, wenn er morgens an ihrer Etage vorbei ihn sich durch den Garon bringen lie, einen Zucker noch, den er liebte, hinzufgte, wozu sie eine halbe Stunde harrend auf der Treppe stand. Sie mhte sich, in die Seineantiquariate zu laufen, Kolibris, Lederfransen und Muscheln zu kaufen, ihr Kostm heller zu verzieren und ihren Tanz zu Schleifen zu bringen, die das Letzte, was Scham ihr noch lie, preisgaben, damit sie seine Premiere sichere und ihm Ruhe gebe. Sie schwieg, whrend ihr Innerstes sich elementar schon emprte, rckte nher an ihn, schmiegte sich in seine verborgensten Falten, lebte selbst in seinem eingeschlafenen Gesicht. Am Abend der Neuauffhrung glhte der Kellereingang phantastisch. Die Sthle um zwanzig vermehrt. Sie stand im Kostm halbnackt. Da arretierte ein Sergeant de Ville ihm die unersetzbare Sprecherin des Uhu. Das Spiel fiel aus sieben Minuten vor Beginn. Das Weib war im achten Monat, der Sergeant ri sie schleifend die Treppe hinauf. Da berstieg der Zorn ber das, was er am Guten verfehlte, an falschen Pltzen vergeudete und verprate und nicht aufhob fr das Donnernde, das seinem Leben Ziel und Erhebung geben konnte, all das in ihr einen Augenblick lang, das an ihm hing. Gerteten Gesichts unter der Schminke bat sie heftiger, er solle sich wehren, nicht gefalteter Hand sich selbst zerstren und abbauen, statt zu schaffen. Aber er wehrte sie mit der Hand leicht ab und einem Ausdruck um den schngeschlossenen Mund, da ihre Hand, Verzeihung erbittend, die seine strich. Aber sie verlor nicht das Gefhl, wie sehr die Unzulnglichkeit seines Lebens das ihre bedrnge und da sie sich zerstre und fessele, lebte sie weiterhin wie seither. Sie verstummte verzweifelt. Sie empfand zum ersten Male die Ungengendheit der Menschen, in denen die Fhrer taub und falsch gerichtet lagen und an denen zerbrach, was glhte. Sie tanzte mit einem Lcheln, das sein Gesicht nicht auslie, steigerte sich zu den schamlosesten Gebrden, hob Bauch und Schenkel, da nichts ihr blieb, alles ins Publikum fiel an Reiz und Erregung ihres unbegreiflich schnen gebogenen Krpers. Whrend ihre Fe in Unzucht gingen, lobte ihr Mund nur sein Gesicht, forderte ihr Auge sein Lcheln. Sie sammelte, durchbrach die knatternden Applause, stellte den gehuften Teller vor ihn, strich ber seine Hand. Ging. In seinem Zimmer begann sie zu schluchzen. Sie sah sich um, verlie es. Sie lebte vor Cafs, auf Imperials. Lebte Rue Richelieu, Rue Bonaparte. Kam Quartier Ternes, fuhr auf einem Karussell mit Affen am Etoile. Glhender Scheibe gleich sauste der Kreis des Daseins vorbei. Sie blieb drauen. Atemlos. Ohne Besinnung. Die Zhne aufeinander. Ohnmchtig Knie an Knie. Immer wars, es strze wie ber Terrassen das Gesehene und Erlebte ab von ihr. Ihre Verzweiflung trieb die hellsten Tage zurck. Der Papagei der Savoyardin im Luxembourg, der sie kannte und liebte und dessen Hals sie kraute seit Wochen in schner Zrtlichkeit, rieb den grnen Kopf an ihrer Hand. Sie sah ihn nicht. Sie fuhr nach St. Germain. Vom Imperial brach die Stange vor der Station, ein Latschmtzer sauste ab, hielt sich, strzte eine alte Frau auf die Chaussee, sie brach die Beine, schrie aus kreisrundem Mund Adolphe. Kondukteur und Arzt herbei, der Apache bestach, blieb an der Ecke, hhnte: un plomb, der Schaffner warf das Bleistck wtend auf die Erde, ging mit roten Fusten auf die Apachen, die die Zigaretten in den anderen Mundwinkel steckten, ihn ber einen Zaun schmissen. Der Arzt reinigte sich, unter Gequietsch rollte ein Handwagen mit der Frau ab, die Mnner sagten merde, schlenderten weiter. Die Vgel sangen toll. Aus einer blauen Woge trieb sich der Park gleich einer Wolke heran und stand zitternd in der duftenden Luft. Der Wind wogte golden um den Hochstieg der Sonne. Die Boskettes fluteten vor Licht. Sie nahm eine Bank. Hinter dem Brunnen ward der rote Strumpf eines Mdchens deutlicher, stieg, die Hand eines Mannes hob, der Rock flog auf wie ein Pfau. Als die kristallene Abendwlbung kam, hing eine rote Windfahne ber dem Schlo, ein Mandelbaum, der fast wei ward vor Hingabe, roch wie im Traum. Frierend fuhr sie zurck. Wohnte Trocadero, sah Flugzeuge silbern am Himmel surren. Rue du Chteau d'eau schlief sie bei der Concirge, spielte abends in Porte St. Martin. Stand mit Heiligenbildern vor St. Sulpice. Wohnte Porte de Bercy, Bois de Vincennes. In einer Grtnerei Neuillys go sie Blumen, htete ein Kind, bis es schrie und lief unter dem Schreien pltzlich davon. Stand fest vor der Porte Maillot mit Intransigeant, La Presse, empfing das Trinkgeld der Soldaten, hielt unter den Wasserpalmwedeln durchsausender Automobile, spielte Karten mit den Zollwchtern der Barrikade. War eine Negerin im Odeon, entblte den Bauch und schwang ihn wie ein kupfernes Schild zwischen den zrtlichen Hften. Hielt Narzissen in einem Kiosk der Place des Vosges. Stand auf dem Wagen der demonstrierenden Studenten der juristischen Fakultt, umbrllt von Jugend, Benzin, Fleisch. Verkaufte Les Trois Couleurs, mit denen der Matin den Deutschland-Frankreich-Rekordflugpreis des Journal bekmpfte. Wohnte Rue St. Jaques, die barock vom Panthon steil und dmmerig zum Boulevard de Port Royal steigt. Sah Madeleine aus einem Auto, verhllte ihr Gesicht. Fiel zurck in das Getriebe, sah Gare St. Lazare die Auslandszge ber den starren Friedhof brausen, drckte Blriots schwielige Faust. Stie im Louvre auf Guigui, die mit schwarzem Lorgnon, elegant gekleidet, an ihr vorbei auf einen zottigen Rumnen sich lanzierte. Sah die blauen Monde elektrischer Laternen die Sommernacht der Boulevards schwrmerisch durchschwimmen. Wohnte Tuilerien zwischen Hecken und Marmorbildern. Kam in ein Musikcaf, eine Geige ri ihr ins Herz, lste sie wundervoll auf und zog aus dem Verschtteten mit dem schon ber das Menschliche hinausgehenden Hinreienden ihrer Stimme sie in die Hhe. Sie ging hinaus, begann zu weinen, kam auf die Bahnhofsbank des Boulevard Montparnasse. Kommen Sie, sagte eine Stimme hinter ihr. Durch Trnen sah sie den Mann, der im Caf Cluny neben ihr die Zeitung gelesen, ihren Kaffee bezahlt hatte. Atemlos nahm sie seinen Arm. Da sie ausgedurstet war nach einer menschlichen Stimme, wre sie gefolgt, wre sie rauher noch und befehlender gewesen wie diese. Verscholl. * * * Aus den Sonnenblumen des Rangunschen Weibergemeinschaftshauses brechend, schlug Stefan ihr die Arme um den Hals von rckwrts, drckte, schob einen Knebel in ihren Mund, warf sie auf einen Gaul, das Tier lag in den Knien, ein anderer Pferdekopf schob sich vor, sie war frei, da rasten die Gule, eine Hand ri ihren Zaum. Sie ritten die Nacht durch. Ihre Augen zhlten die cker, sieben Bche, sie lauschte. Gerusche. Alarm. Wasserzge leuchteten Metall. Mond ber einem lbaum. Der Mann schlug Schleifen, ritt ein Stck mit ihr im Flu. Der Kstenstrich war alarmiert, er ritt zurck. Eine Finte. Seine Ohren standen steif vor Anspannung. Die Gule stoben durch Gestein zurck auf einen Hgel. Vor dem Himmel gebrochen hingen Bergzge in die Weinacht, darber eine Kuppe wie ein Segel geflaggt. Hinzu trieben sie in Wlder. Als sie den Gurt durchbrachen, Zweige um sie schnellten, flammte die Sonne auf. Sie kamen an ein Bambushaus. Er stellte die Leiter an, ging in den Verschlag, zog die Leiter hinter ihr ab. Als er sich umdrehte, ward sie unwohl, die Periode erfllte sie mit Nebel, warf sie um. Abends, als sie die Augen aufschlug, entdeckte er es. Vier Jahre, sagte er, seine Hnde zitterten. Sie sah an seinen Fingern hinauf, hinab, schlief ein. Anderen Tages mute sie reiten. Sie ritt. Sie ritt mit ihm, der unter hollndischem Lampenhut das Kostm des nrdlichen Chinesen trug, um die Wette. Schlief bei Tage. Fuhren nachts in Lagerfeuer. Eingeborene zwischen spritzenden Spnen sausten, die Fuste in den Augen, in die blonden Felder. lbume zitterten erregt unten in Ebenen. Sprach kein Wort mit ihm, nur an seinen Hnden sah sie die Sehnsucht von Jahren. Als sie wohl ward, kniete sie, beugte sich ber den Kopf, der quadratisch geschlossen schnarchte. Beugte sich tiefer, roch ihn, empfand die Gewalt, schlug die Zweige zurck, auf Schuhspitzen und Handflchen schlich sie in eine Rinne, kam an den Rand, pfiff die Gule, ritt nach der Kste zurck. Hielt am Mittag. Von ihrem Gesicht fiel ab, was sie gelebt das Jahr und was sie erwartete. Sie lauerte, berstrmte sich mit Blut. Kehrte um, wandte den Rcken, schlug Stefan einen Pfiff, machte Bogen, fhrte die Gule rechts und links am Halfter, rannte mit ihnen ins Wiesenwachs, lie los . . . zwei Bogen sausten in den Horizont. Sie schlug sich morgens zu einer Karawane. Um sie Sand. Nach dem Berg zu. Allein. Mitten trugen sie einen Alligator, vorn ein Parah mit Weibern fr Bergradjahs. Die Armenier liefen beim Halt nach vorn, starrten in das Kattun. Daisy gab einem Ceylonier ein Messer fr einen Esel. Er sah auf ihre Weiberhand, mitraute ihr in dem Jnglingsrock mit abgeschnittenen Haaren, bedachte, es sei ein politischer Emissr, meckerte, sah Rebbach in der Beziehung, blieb treu neben ihr. Abends hob sich der Kattun des Vorderkamels. Hften schaukelten prall und wei. Ein Tuch fiel. Eine Auge grell nach Fleisch suchte das ihre, die Lider senkten sich, der Kattun verschluckte nicht das Zeichen. Es galt ihrer mnnlichen Kleidung, der tnzerinnenhaften Bronzeschlankheit. Am Morgen kreuzte sie eine Karawane. In der zweiten Reihe ritt Stefan auf sie zu, sie erstiegen einen Palankin, sie schlo die Augen. Wieder roch sie seinen Krper, dessen breite Muskeln sie fast zerbrachen. Demtig nahm sie seinen Zorn, seine Beglckung. Sie hoben sich aus den Knien. Der Kattun beim Vorderkamel stieg in die Hhe, das Zeichen des ersten Feuers kam. Dolche sahen in den erhellten Palankin. Wtend schlug der Kattun zurck. Das Weib heulte die Nacht, geschndet in ihrem Geschlecht, denn das Tun der beiden Mnner im Palankin war ein Greuel. Am Gebirge bremsten sie, trennten sich von der Masse, schlugen sich in die Tler. Ein sanftes Gesicht wandte sich ihm zu, als sie allein hinter einer Dne standen. Allein die Fremdheit dieser Ergebung fllte ihn mit Mitrauen so, da er sie mehr beobachtete, als htte sie Fuste in sein Gesicht geschlagen. Doch sie tat keinen Laut, ergab sich und war in ihrem Erleiden und sich Schenken von einer Entferntheit, die ihn rasend machte hinter seinem steinernen Gesicht. Entfernte sie sich: Halt. Ging er vor ihr, sahen zwanzig Augen aus seinem Rcken. Fhrte sie, fra sie sein Blick. Doch je mehr er sich bemhte, um so mehr gab sie sich ihm schrankenlos in die Hand. Allein er empfand auch hierin nur, was sie verschwieg. Als ihr die Milz schwoll vor Feuchtigkeit, Fieber ihr Hirn verwirrte, trug er sie am Leib an einen Sonnenabhang. Das gesteigerte Blut wehrte sich, sie schlug ihm das Gesicht auf. Als das Licht das Fieber aus ihrem Krper warf, sah sie das Blut. Ich schlug dich nicht, sagte sie. Er schwieg. Da kte sie seine Hand; Verzeih. Sie lag wie ein Kind an ihn geschmiegt. Er sagte nichts, denn er besa. Je mehr er besa, um so strker zog er sie in den Kreis, den seine Kraft um sie schlo und sie bedingungslos ihm gab. Bronzekrper fielen hinter sie zurck, Geschlitzte trieben Yaks auf Abhnge, tranken Alkohol, schrieen die Nacht. Er band sie mit jedem Gedanken, als es schneefrei ward. Ihren Willen schied er aus. Seinen pumpte er ein. Ihr Schritt ward bestimmt. Das Moos fr den Fu bezeichnet. Selbst ihren Gang, da das Unaussprechliche ihrer Ergebung ihn wie mit tausend Widerstnden peinigte, regelte er nach Tempo, Biegung, er htte versucht, sein Blut ihren Adern einzufhren, das dunkle Letzte suchend, was er besitzen wollte. Die Nacht nahm er ihr die letzte der achatnen Kugeln. Im Morgengewlk entbltterte die Spitze. Ein schnurgerader Weg in Fels gemeielt blitzte hinauf. Links, rechts sausten Abgrnde. Am Ende oben stand ein Bau. Zweimal stie Stefan vor, kam zurck. Das drittemal war er bleich. Er untersuchte die Abstrze, den Stein, blieb die Nacht weg. Am Morgen kam er: Aus. Rot im Wei des Auges. Die Hnde hingen schlaff. Sein Mund murmelte die Stationen, die in vier Jahren die Sehnsucht ins Irrsinnige gesteigert: Paris . . . Marseille . . . Kalkutta . . . Pegu. Sie lchelte, band den Grtel schrg, torkelte, strich die Sandalen ab und ging mit einem khlen Schatten neben sich los. Auf das Tor zu. Klopfte den vierfachen Rhythmus, es schlo sich hinter ihr. Sie glitt in die Welle, die im Kreis des Hofes brauste. Senkte den Kopf, schritt mit, strich nach zwei Stunden von der Peripherie, sah ein gelbes Band, kam in den zweiten Stern, sprach eine Minute, glitt durch die Barriere in die innere Drehung. Die gelbe Binde verschwand, bckte sich. Ein anderer wiegte an der Seite. Sie kam nher der Kuppel am Mittag. Der Kreislauf fate sie enger um die Mitte, schlang sie ein, trieb sie in den innersten Kern, sie flog von Schleife in Schleife, glitt an ein Metall, es erzitterte, nach fnf Minuten kam sie bleich mit einer Tafel. Den Kopf gesenkt, die Welle nahm sie auf. Langsamer und vorsichtiger spie sie sie aus. Ihr Bein tat weh im Torkeln, aber das vergangene Jahr verlie sie nicht. Sie strmte durch das Brausen, die Flgel des Umschwungs geleiteten sie mhlich, hochmtiger aus dem Herz des Sternes. Gegen Abend zog die Menschen-Mhle mit Schweigen, sie bog in die uerste Peripherie, stand abgestoen vor dem Tor. Es war dunkel. Komm, sagte sie. Sie berschritten den Steg, ein schmales Tal schmiegte sich entlang, am Ende ein Tor. Die Tren sperrten, die Nacht zischte in der Laterne, die ihr Gesicht berflog, das Licht fiel auf die Tafel, das Gegentor scho auf. Die Ebene lag vor ihnen. Sie lchelte. In seine Hand gab sie die Tafel, sie konnte sein Gesicht nicht sehen, spter erst ward der Himmel heller, fiel wei im Bogen gegen den Grenzflu. Unter dieser Bewegung sprte er, da das Unwgbare in ihr, was er gesucht und nie erreicht, solang er gezwungen, ihm nher nun, wo sie sich ber ihn schwang, war als je. Dies schlug ihn ganz zusammen. Sie bersah es. Blieb die gleiche. Frug ihn nach Weg, Leitung, gab ihm die Fhrung, folgte ohne Zgern. Sprach ruhig zu ihm von Wldern und Flssen und Dingen, die sie umgaben. Von sonst nichts. Sie hufte alles auf ihn, was ihm das Ansehen, den Ausschlag, die Leitung gab. Als es ihn zu sehr bedrckte, ergab sich eine stillschweigende Harmonie, sie wnschte, er tat, aber sie zeigten, sprachen es nicht aus. Er verstauchte das Knie eines Tags. Sie blieb erschrocken, da fra ihn das, was ihm Komdie schien, ans Herz, er brauste auf, die Schlfen wlbten sich, die Fuste wuchsen. Sie aber unterzog sich dem ohne Betonung, demtig, nahm es hin wie vorher. Dies wischte seine Erregung weg, und von diesem Augenblick blieb er in einer gefaten Ruhe, die jede Schwingung seines Blutes in einer ehrfrchtigen Entfernung hielt. In diesem Gefhl fand er sich wieder, wurde stolzer, sicherer, und so empfand er die Entfernung, die sie wirklich von seinem Erleben trennte und zu deren Aufstieg der groe Weg ihn noch trennte. Von weiem Licht besplt, fast unirdisch in der Ruhe der Fcherabende kreiselte ihr Flo, dessen Rnder sie bewohnten. Der Himmel hatte die Farbe des Perlhuhns, seiden in der Berckung der Fltendmmerung. So entglitt sie ihm immer ferner, je tiefer er sie in Wahrheit erkannt und empfand, und indem sie das sprengte, was er bis zu diesem Tage als hchstes Vertrauen seiner Kraft in sich hielt, befreite sie in ihm die Freiheit, die mit schmerzlicher Glut ihn ganz erfllte. Aus einem Abend stachen Dampferlichter. Unter senkrechter Flamme entzndete sich ein Hafen. Eine Stadt mit Musik, Cafs, Papierlaternen und Lichtern kam aus der Wlbung. Als sie in der Bahn abfuhr, sagte er wie im Garten Guildendaals: Du bist der Wirbel, der mein Leben einfngt, aber er sagte es mit einem schmerzlich vernderten, zu anderen Entschlssen umgebrochenem Gesicht. Sie nickte zurck. Aus dem Aufschlag ihres gro bewimperten Auges blieb eine trumerische Bewegung in der Luft, die bald rot ward. Die Ebene glitt in dunklem Samt zurck, der Himmel berauscht, bebend wie eine Trommel, grau mit tierischem Glnzen der Flu. Sie schlo die Augen und es kam nur das lsende Gefhl mit grenzenloser und gtiger Kraft: Schlaf. * * * Sie sieht ihren schmalen bronzenen Krper im tiefen Glanz des Spiegels erscheinen. Sie reit das einzige, was auer der leeren Halskette an ihrem Leib ist, von ihrem langen Schenkel ber dem Knie das Band, zieht die Schlieen an. Verkauft die zwei Perlen. Im Palankin fhrt sie ins Hafenquartier, klopft, verschwindet. Fhrt im Mnneranzug im Wagen zurck, mit dem kurzgeschnittenen Haar einem Mischling gleichend, zu einem Magazin, fllt einen Koffer, fhrt zu einer Pension, nimmt einen Raum. Dort klirrt die Glocke des Rockes um ihre Hften, zgert die wundervolle kleine Brust in der Bluse. Da reitet, it sie als Herr. Ihr Mund hat einen hinreienden aufbrechenden Zug. Das Auge sucht, hebt sich, erstarrt, sinkt. Von zwei Seiten durchwhlt sie den Menschenhaufen. Er fllt nicht vor ihr zurck, gleitet nicht mehr ab. Sie reit, aus der Einsamkeit her gesammelt und hoch schon ber jeder Enttuschung, zu sich jetzt, was sie erwittert. Das Auge glttet, schmeit auf, enthllt, zerlegt . . . die Pupille sinkt. Innerlich voll Spannung, fiebernd erregt. Nach auen, von vieler Erfahrung her, demtig berlegen. Als Frau zieht sie den Mann an allen Instinkten, reizt ihn mit Geist, mit der Drehung der Hfte. Sprt seinen Blick im Ausschnitt, im Nacken. Sieht den Mut seiner Erregung, fhrt ihn, zieht ihn nach, sieht endgltig vor Zielen, Aufgaben ihn entflammt -- sprt aber, migt sie ihr Blut zu Khle, ihn zurckgeschraubt im Thermometer seiner Begierde. Die Pupille sinkt. Sie bohrt von der anderen Seite sich ins Geheimnis. Selbst in der Maske des Mannes desavouiert sie ihn in seiner Beziehung zur Frau. Erst hinter dem Weib, das ihn aufschwnzt, in der Einstellung auf Bauch und Besitz ihn als Klasse sofort uniform macht (wohl auch riskant und alles in die Wagschale werfend, doch nur spielerisch und daher unbestimmt und ohne Verla), dahinter erst entdeckt sie den Mann. Ungestrt von weiblicher Schwingung trifft sie die Nchternheit seiner grauen Stunden, die Lge seiner Frische gegenber Weiblichem. Teilt seine Barnchte, Drftigkeit seines Spiels, die Phantasielosigkeit seines Hirns. Auerhalb der Polspannung der Geschlechter empfindet sie die Indiskretion gegen jede Frau, seine Kameradschaft gegen das Weib. Sie konsumiert mehr Menschen, ihr Auge wird heier im Erkennen, die Pupille sinkt. Ihr Leben wird rastloser. Sie wei, der Mensch versagt, und Enttuschung peitscht sie auf. Lauschend sitzt sie in den Ecken. Aufmerksam verfolgt sie die Ereignisse der Strae. Sie mischt sich, wo Meinungen kreuzen, Krfte aufeinanderstoen. In Nankingkleidern treibt sie sich am Hafen hin, kommt arbeitend an die, welche der Instinkt der anderen als berlegene, Wollende, Visierende zeigt. Treibt mit Smith vier Tage um die Fischeransiedlungen, hrt, ffnet ihr Ohr weiter, strker, erreicht die Grenze. Starrt ihn an, die Pupille sinkt. Kehrt zurck zu den Baggern, Transportern, aufgeregter Meute in groer krperlicher Bewegtheit Schaffender. Schwenkt ab zu den Stillen, Vergrabenen, an Maschinen, in Kellern, Hangars Angeschmiedeten. Findet Abgegrenztes. Wo Ziele sind, schwach fundiert. Erstrebtes nur im automatischen Gang. Hinter dem Programm das Nackte, Ehrgeiz, Erfolg des Ich. Sie rettet sich in einem Bogen, mischt sich unter die Weiber, trgt Armband, Ringe, duftet, rauscht mit Dessous. Nur Holzbein, Titus und Zwicker denken, und die Ergebnislosigkeit solch nchternen Schwungs stt zurck. Doch sie lt sich nicht schrecken. Die Menschen versagen. Aber sie hlt nicht. Will. Mu. Mischt sich in einen Streik, schmiegt sich an die Leitung, sprt, wittert, die Pupille sinkt. Schon mit sie den Einzelnen, den sie sieht, auf seine Befhigung, richtet ihn nach ihrer Forderung, fast nach dem Geruch, durch den untrglichen Instinkt, der sie vorwrts fhrt. Sie sieht einen Gentleman einen Hund mit Lebensgefahr retten, pflegen, subern. Sie schliet sich ihm an. Sein gutes Herz sieht nur den blinden Einzelfall, spannt sich nicht aus. Sie zuckt die Achseln. Nicht genug. Die Pupille sinkt. Im Klub mit Abenteurern sprt sie Fabelhaftes, aber es vollzieht sich nur aus Rausch. Verschwenderisch, doch unbrauchbar. In der Tiefe die wilde Grimasse aus Kneipe und Bordell, die sich einsetzt und stirbt, nur Aufflammen ungezgelten Instinkts. Traf sie auf Ideen, waren es Schwchlinge, Schwrmer, die Locken nach der Sternansammlung schwenkten. Kein Handgelenk und Griff. Die Pupille sinkt. Sie sucht nicht fr sich, denkt nicht fr sich, wird unermdlicher, glubiger. Leid, das sie aus jeder Stunde anschreit, wirft sie nicht um, hetzt, feuert sie an. Empfindsam, gleich einem Apparat, zeichnet sich auf sie ab die Struktur des Daseins, sie mit, urteilt, findet den Hebelpunkt -- weint, da sie eine Frau ist. Lchelt ber die Hilflosigkeit des Geschlechts, beit den Mund fest und sucht heftiger, strackser. Schon wachsen Anstze zu Plnen. In der Drre des Erfolgs selbst beschwingt sich ihre Seele zu grerem farbigstem Feuer. Wohnt in Baracken, wohnt im Hotel als Dame, wohnt an der Quarantne. Wohnt ein Stck im Lande. Sieht fischende Frauen im Abendlicht mit Bastkrben von Stein zu Stein springen. Boote vorberfahren. Dampfer rauschen. In der Pension als Reiter. Seglerin des Hotels. Lernt aus jeder der Sekunden. Sieht den Saft aus der Erfahrung, bekommt schrferen Glanz, mildere Schnheit ins Auge, reift mit Brust und Hfte in eine schlanke Rundung. Prft, hofft, verwirft. Spannt sich in den Glauben mchtig zum Dehnen. Die Pupille sinkt. Das Lid hebt sich. Die Figur eines Kapitns schneidet sich aus einem Dampfer. Der Schall eines Agitators verzckt erregt. Das Raunen einen Slowenen in einem asyle de nuit sinkt ins Blut. Die Haltung eines Kaufmanns zu seinem Diener verblfft. Der Blick wird grau, das Dreieck spannt sich ber die Stirn. Die Pupille erweitert sich, erschlafft. Sinkt. In einer Barnacht singt die unsterbliche Stimme eines Dichters die Brderlichkeit. Am Meer ist seine Seele lpsch wie ein Schalet. Sie folgt einer Revolte. Es sind Betrunkene. Sie wohnt an dem Segelhalteplatz, beim Sport. Wohnt in einem kleinen Garten mit Holzhaus, wird braun wie die Eingeborenen, sieht die Haut der englischen, indischen, franzsischen Frauen. Folgt zwei singenden Vgeln. Die Heide schlgt sich um sie auf im Abend. In der strzenden Dunkelheit bauen zwei Parteien ein Duell, legen Knipslaternen auf Steine, reien zwei Lichtkegel zwei Figuren aus der Dmmerung. Ein Schu pitscht. Sie weicht zurck, fast umgeschleudert. Ein Auto biegt vor dem, welcher schieen will. Ein Arm aus dem Auto greift die Hand, schleudert die Pistole mit einer unbeschreiblich ablehnenden Gebrde auf den Rasen, springt hinaus, tritt darauf, reit den Mann mit sich in den Wagen. Sie hrt ihn sagen: Ich habe andere Aufgaben fr dich. Die Pupillen stehen weit in Kreisen glasig erhellt, offen, bekommen Facetten, glhen vor Licht. Sinken nicht. Sie springt in den Wagen. Sie nehmen sie khl auf. Sie sieht nur den einen. Sie sitzt den Abend zusammen mit Gordon, Raffaeli, Di Conti. Die anderen schweigen. Di Conti spricht. Gegen Mitternacht werden auer seinem die Gesichter mitrauisch. Ihres glht. Mit schief im schwarzen Bart gestrecktem Mund fragt Raffaeli: Was geben Sie? Mich! Gordon umreit mit gierigem Blick ihre Figur. Raffaeli zuckt die Achseln, die Nase biegt sich skeptisch in den Flgeln, vibriert. Di Conti wiederholt die Frage kalt. Da lchelt sie, verschenkt sich an sein Gesicht mit aller grenzenlosen Hingabe. Die von keinem Sou des Angehuften seither nahm und lebte, sperrt auf die gesamten Depots. * * * Jeden Traum sah sie in seiner Hand schon fertige Waffe. Keine Ahnung, die ihm nicht schon zum Abfeuern geladener Plan. Sein Glaube war so ungeheuer, da er ihn schon jenseits der Ekstase mathematisch beherrschte. Aus dem Herz die Flamme gerann ihm im Hirn. Seine Khle war unbeschreiblich ber dem barbarischen Feuer, das gebndigt darunter tobte. Selbst Raffaelis fanatische Unerbittlichkeit schmolz, Gordons nicht ausmebare Aktivitt folgte nur seinem Druck. Ihr schwindelte, wenn der Tag sie in die fassungslose Nacht entlie, wo ohne die Gemeinschaft das Ganze in Schlagschatten zerrann. Ihm war, was sie als Entfernung der Welten ohne Brcke sah, aus ungeheurem Wollen geringe Distanz geworden, ihm gab es keine Hemmungen in seinem Bau. Hatte gewogen, geschaut, gedacht, die Rechnung gefertigt, die Summe gezogen. War kalt geworden, bedacht vor Ergebnissen. Trieb nun vor. Sah in dem Ruhenden, Daseienden, im Pathos bloer Tradition den Feind, das Erwrgende, sprach gelassen gegen die Schwerkraft, gegen die Anziehung der Krfte. Stemmt gegen die drehende Erde sich mit der Khle des berlegenen wie am Schalter eines Automaten. Ihr kam nachts, da aus der ungeheuren Kraft seines Wollens, die alle berstrmte, er in die See hinaus, die Tag und Nacht die Fahrt umschumte, neue Bewegungen, seinen Rhythmus und Zweck dem Schiff, den Schornen und der Flutung diktieren knnte. Er stand am Schalter, wies ihr die Spannungen, die Drhte, sogar die Klingelzeichen der unterirdischen Erregungen. Der Traum machte ihr sein Bild wahnsinnig. Gordon, der von Marokko bekannt, verfolgt war wegen Desertion, Aufruhr, Agitation, ging morgens neben ihr auf dem Verdeck, lie sie das Spiel seiner Muskeln spren, Feuer und Lust seiner Kraft, in diesem Kampf zu fhren. Doch Di Conti gewann ohne Kampf, besa mit Nichts. An ihm fand sie die Lsung. Er drahtete vom Schiff, diktierte, erklrte, schrieb, zeichnete Karten, sah auf, lchelte beherrscht. Gordon trat mit englischem Backenbart aus der Kajte, ging geschnellt auf den Ballen, sprach deutschen Dialekt, hatte einen Steckbrief wegen Agitation im Heer. Raffaeli sah das Meer nicht, sah nach innen. Das eigene Vaterland lie Di Conti khl, es lag an der Peripherie, entwickelte sich im Lauf des Zentralproblems, fiel spter unter Raffaelis Durcharbeitung. Er selbst zielte aufs Herz Europas, stach nach Paris, um von dort das Blut in den Krper des Erdteils zu treiben. Fr die asiatische Welle hatte er Aufmerksamkeit, nicht mehr, empfing Depeschen aus Genf, lauschte auf Berichte der Vertrauensmnner, verglich, ma die Stadien der Siedespannungen am Barometer, verglich die Leidenschaft der Massen, gab Ordres, zgerte, tat einen Ruck, setzte andere Spieler ein. Zielte zuerst gegen den Kitt, die umfangenden Reifen, die Macht, das Militr. Rettete darum Gordon, der den menschlichen Bruch und Ri trug, im Persnlichen so schwach zu sein, da seine Eitelkeit ihn in eigenen Dingen das allgemeine verleugnen, in jede Tollheit sich werfen lie. Hatte die Organisation es aufzuschlen, die Schaukel dann aufzutreiben, die aus Jahrhunderten rotierende Gesinnung zu strzen, Massen aufzuwerfen, gerecht die Erde zu nivellieren. Das Leid der Irren, Kranken, Sklaven, falscher Sehnsucht endete hier. Sein Paradies war willkrlich, geschaffen, diktiert, es kmmerte ihn nicht. Gegen Raffaeli hatte er die Khnheit zum weiteren Schritt, die Gerechtigkeit zu verleugnen, um sie endgltig einzusetzen. Sein fachlicher Befehl, der Definitionen verachtete und aus der Berechnung, die tausendfaches Gefhl ihm geformt, sprach, war bestimmender als Raffaelis Glut. Er kannte nur kalt Herrschende und Blinde, die sich nicht befreien konnten, da ihre trichten Herzen die Erkenntnis zum Handeln nicht zu fassen wagten. Er trug darum die Verantwortung seines Entschlusses mit prziser Automatigkeit. Zwei Tage vor der Landung kamen Nachrichten von Grungen in Lyon, am folgenden putschte Marseille im Hafen, in Nancy erscho ein Unbekannter einen Oberst. Mit zusammengepretem Herzen, zitternd, sahen sie das Land. Es ginge nicht ohne Sie, verbeugte sich durch die Dmmerung Raffaeli mit Schtzung und Verachtung zugleich auf das Geld, mit dem er arbeiten mute. Es wurde dunkler, Laternen blitzten. Di Conti stand an der Reeling, hielt ein Papier in der Hand. Gott selbst knnte sich nicht widersetzen. Wagte er das Sinnlose, seine Welt liefe taub aus. Eine furchtbare Gonorrhe. Er hatte den Kopf zurckgeworfen, sein Mund war bla geworden vor Zusammengedrngtem. Die Nacht sprach er mit ihr zum erstenmal allein und lang. Sie ward erfllt von dieser Stunde, da ihr Leben sich verankerte in ihr. Nie verlie sie das, nahm Besitz von Blut und Krften in einer Durchdringung, die fast den Mond und den Meerraum mit hineingab in sie. Bei der Ankunft wehte irgendwo eine Flagge. Ein Kind strauchelte und stie Raffaeli. Der Portier hatte Briefe, nahm eine Percke ab mit einem Zeichen innen. Drei Tage darauf meuterte ein Regiment in der Aube. Gordon wurde verhaftet. Di Conti schlug zu. * * * Als sie den Boulevard heraufkam, stand, die Hnde ber den Augen, Raffaeli an der Ecke. Sie nickte. Er verschwand. Um zehn Uhr betrat sie das Cafe Rue Guijas. Drckte sich bis zur Wand, schob die Achsel vor. Vier Frauen standen am Schieapparat, zielten, schnellten den Hebel, schossen fr einen Sou die Freimarke zum Caf fr vier. Sie gelangte ans Bfett, ein Mann stieg vom hohen Stuhl. Sie kletterte, der Neger im Hufeisen lie eine Tasse in der Schiene gleiten, ein Porzellan mit Gebck, erhaschte sie mit einem Schielblick, schob einen Brief nach. Sie hatte Rte an den Schlfen. Sah fest nach dem Eingang. Whrend Mdchen an den Wnden hingen, sangen, plrrten, Queues das Billard umkreuzten, trieb trotz der Frhe eine Unterschicht herein, breitete sich aus, fllte heftiger, ein Zittern durchlief die Krper der Gruppen. Sie drngte weiter. Auf der Erde wieder wand sie sich herum auf dem Absatz. Der Ire stie sie zur Seite, brach sich zum Apparat durch, griff den Studenten am Apparat, der, eingeschossen, gewann, an seine Brust, stemmte ihn hoch, warf ihn hinaus. Sie sagte etwas, fast laut. Ein Mann nickte. Ein Mann sah sie fragend an. Sie gab ihm einen Zettel. Sie hrte Worte, helle, gedmpfte, zischten vorbei, schlugen vorber. Eine Gruppe lste sich, ward um sie ein Kreis. Sie kniff die Augen zusammen, sah in die Hhe. Stie ein Weib an, versehens, neigte rasch den Kopf, beglckte eine Sekunde mit den Augen. Hob rasch die Lider, schlo sie fest, ffnete gro und sah dasselbe in dem Gesicht eines groen Mannes. Sie durchdrckte die Welle, die auch um die Dominotische schon brauste. Mimis saen, setzten, bauten, die sie nicht kannte. Wie von St. Denis hierher die Kette heraufschwang, ihr Gefhl fate, der Rachen aufbrach, schlang, wtete in diesem Fleisch, glomm Stolz in ihrem Auge. Sicher ging sie vorber. Etwas schwankte von ihr wie Trost fest um den Tisch. Ihre Hnde berhrten Hften. Eine Stimme drehte sich ihr zu, ohne Ton, heiser wie Blech. Der Mund war noch schn: Ly. Es bohrte hinter den glasigen Augen, fate es nicht, schluchzte in der Gurgel. Das Hirn fate das Gefhl nicht, sie heulte auf, erkannte Daisy nicht genau, wute nur dies und dies und die, nichts Eindeutiges, bckte sich: Gib mir zehn Sous. Sie gab. In der Bewegung der Hand erfllte sie das Geben ganz zu Glck. Trat aus ihr hinaus, sie fhlte, da in diesen Tag ihr Leben Flle und Bedeutung erhielt. Zwei Mnner hielten sie an, einer kte ihre Hand. Sie hrte, whrend er sprach, Lys Stimme dahinter: Combien . . .? Trapez mit dir -- Sau von Geiz . . . Bleich vor Angst ein Preue vor ihr, sie steigerte ihn ber die Taxe. Sie lste sich, schon war sie darber. Nichts drckte sie mehr. Glhend flog es auf in ihr. Am letzten Tisch verwirrte sich ihr Auge in einen Glanz. Le Beau stand gegen die Wand, ein Mann neben ihm, der auf sie zeigte. Durch Gedrnge und Stimmen hielt ihr Atem, ihr Sichsehen fest. Das Gefhl flo, sie wute, es wrde sie immer verbinden bis in den Tod. Das erste Erleben des Blutes hielt sie zusammen, nichts wischte das weg, keine Tiefe. Ein Trauring lag um seinen Finger. Ruiniert. Sein Auge war voll Geist, stolz. ber den Plafond strich es aus Jahren: Autos, Feste, das Haus des Boulevard Raspail . . . es lag zurck wie tot. Sein Blick tastete atemlos nach ihr, miverstand die Pause, die sie ihm gnnte, bog eine Frage aus ihr heraus. Der Punkt, den sie festhielt, war der Eingang. Dorther fllte es sich mit einem Ma reifer und bermtiger Freude. Bleich sah er die Linie der Nase, zog die Luft nach, die sie zurcklie, ging mit dem Detektiv hinaus. Er hatte sie gesehen. Abgewandt, ihm gehrig, hoffnungslos. Sie aber, entzndet weit und hoch ber ihm und seinem Lebenskreis, durchbrach die Barrikade von vier Mnnern, deren Leiber alles abhielten. Sie kam durch. Ein luftleerer Raum kam, ein Stern von Sthlen. Sie stellte sich daneben, kam endlich mit dem Rcken an die Wand. Da begann ein Wirbel von der Tr her durch die Menge durchzufluten. Der Raum zitterte, die Luft kam ins Wogen, die Masse brach nicht. Eine Kette schob vorbei zu den Nischen, eh der Kern sichtbar ward. Sie wurde gegen die Wand geschttelt. Fester sog sie sich an dem Eingang fest, mehr glhte ihr Auge dorthin, ihr Leib streckte sich unmerklich in diese Richtung. Dabei drehte die abgeschobene Kette neben ihr um, es gab freieren Raum, im Vorbeihuschen sah sie einen Augenblick Philippes Gesicht. Zum erstenmal grten sie gegeneinander wieder. Da sie nicht mit Worten dastand, unter denen sie litt, sondern wie an keinem Tage heute zur Hhe getrieben, entflammt, kam einen Augenblick Triumph in ihren Mund. Doch sie hielt ihn nicht. Wurde sanfter in den Lippen. Was sie erfllte, gab ihrem Hochmut Duldung fr ihn. Er hatte sie schauen gelernt, die Liebe gezeigt. Sie sah ihn abgeglitten von der steileren Aufgabe, rechnete nicht mit ihm, der sich lchelnd nach innen hinein abwandte . . . Schon lste sich ihr Auge hiervon. Im Vorderteil hob sich Tumult. Die Mitte drehte sich in einer Spirale, durchdrang sich. Aus der Eingangstr kamen Kommandos. Sie reckte sich ganz hoch. Bestimmungen erschollen. Parolen. Ein Schild schwankte. Meerhaft wogte die Gruppe. Noch hher, unbedingter wuchs sie in die Richtung. Husernamen kamen herber, scharf die Straenreihen. Arme hoben sich. Die Masse zuckte auf, ri, ein Gang wlbte sich. Langsam trat ein hlicher kleiner schwarzer Mann heraus, es traf sie das Auge Di Contis. In ihrer Hand lag der Brief. Er las nicht, nickte, sprach schon zur Seite. Nur wie er zur Uhr, hastig und scharf, sah, bewies ihr, wie heftig er sie erwarte. Sie ging. St. Sulpice schlug halb zwlf. Quetschte sich durch die Haufen, eilte, bog in Rue Monsieur Le Prince. An der Ecke kam in das Fliegende, Stolze in ihr eine Traurigkeit, die ihr Gesicht rtete. Sie ging durch den sonnenleeren Garten, durch die Wolke Karbol. Stand an Renes Bett. Die Schwester beugte sich darber, nahm ein Tuch weg. Das Gesicht im Krampf zerrissen, in der Mitte eine Hhle, aus der pilzig Fleisch wucherte. Die Lider fielen Daisy, sie suchte einen Ton. Fand keinen Ton. Die Schwester suchte Rene zu wecken. Unmglich seit Tagen. Sie atmete, stank, sprach nicht mehr. Drei Jahre spannten sich von dem Gesicht zu dem ihren. Wie sie sich bckte, blitzte der Glanz vor ihrem Auge, mit dem, unvergleichlich und bezaubernd in der Schnheit der Beine, Rene die Hfttnze in Genf gewiegt. Sie sah das andere nicht mehr, bog sich tiefer, mit dem Mund zum Ohr: Es wird gut sein, Geduld. Malte, schilderte, versprach, hrte nicht auf mit der Trstung. Aber Rene hrte nichts, sperrte rchelnd den Mund kreisrund, roch nach fauligem Gewebe. Sie sprach weiter, sah verzerrt pltzlich das Gesicht, schwieg langsam, drehte um. An der Tr hielt eine Hand ihren Rock, aus dem Kopf eines jungen Mdchens traf sie ein verzweifelter Ausdruck: Zu mir? Zwei Augen kehrten starr enttuscht, zur Decke zurck. Es traf, verwundete Daisy nicht. Schatten fielen aus den feuchten dumpfen Gassen, in Lcken glitzerte gewitterig die Sonne. Sie sprte das Stck Schuld, das, neben der Welt, sie an diesem Kadaver trug, aber wie alles Elend dieses Tages lste es Freude in ihr, trieb in ihr hinauf, denn sie empfand es als Ende. Von hier begann das Glck. Freude ging ber ihre Zunge, Verantwortung und Glaube machten eine Sicherheit in ihr, die undurchdringlich ward. Gordon befreit, Kasernen gestrzt, europische Mauern gesprengt . . . neue Beziehungen trafen von Herz zu Herz. Es kam als Strom, sie empfand Contis Herz. Sie empfand, wie er sie besa und erhob. Eilte, fing alles Unglck ein, nahm es mit, verarbeitete es . . . nichts konnte es antun ihrer Entzckung. Keine schne Taube wrde sinnlos zerstrt, kein Scho zertrmmert, kein Wahnsinn herrschte, tat Unrecht, verdarb, sie kmpfte sich weiter auf den Boulevard, traumhaft befestigt in klarer Ruhe, machte Bogen. Die Straen hingen voll Gedrnge. Um Eins kam sie Rue Guijas, sprang in einen Wagen. Sie hrte Erfolg. Streiks im Borinage, in Brest, in Perpignan, auf der Loire. Unruhen in Bordeaux. Eine rote Fahne auf Marseille. Sympathieausstand in Mailand. Meuterei in der Dauphine. Sie bckte sich, legte die Stirn auf das Hebelrad, nickte, kte Contis Hand. Um Zwei begann die Demonstration. Der Verkehr stockte. Um halb Drei sperrte Gendarmerie die Eingnge der Seitenstraen. Die Seitenstraen standen gepfropft mit Menschen. Der Boulevard stand kilometerweit schwarz. Fahnen zeigten die Kolonnen. Plakate riefen das Volk auf. Eine dnne Kette Polizei stand zwischen der wogenden Masse des Boulevard und dem Druck der Nebengassen. Um drei brach die Masse los. In der ersten Reihe Gordons Bild. Malerei gegen die Legion. Hinter den Fhrern mit Schrpen Di Conti. Der Zug schwankte, zog langsam zum Montparnasse, machte eine Schleife, stand um Vier wieder am Observatoire, eine Lawine. Um dreiviertel Vier waren die Hute gerissen, die Gendarmerie berschritten. Alle Seitenstraen mit hermetischem Druck in den Boulevard hineingeplatzt. Die Masse brodelte an der Spitze. Einer sprang vor, reckte etwas, immer hher. Es scho los. Alte Gesichter kamen, junge kamen, Weiber. Straenbahnwagen, hunderte, hintereinander, best. Automobile dazwischen. Ohne Musik. Schritte gingen in dem Boulevard, vereinigten sich, gaben einen einzigen Ton, der sich band, hallte, brauste. Die hellen Normannen, ehemalige dunkle Soldaten, die Kokotten der Hallen, Apachen mit Tchern, Araber, Studenten des Quartiers gingen in dem sausenden Ton. Er ward dumpfer in der Tiefe, schlug hinauf die Huser. Die Strae vor dem Zug war ausgestorben, glhte. Vor dem Zug schlossen sich die Fenster, Lden der Verkaufshuser rasten herunter. Die Kolonnen drngten sich, verbogen sich, kreuzten Rue Monsieur Le Prince, Rue Guijas, Rue des Etrangers. Aus den Gassen bohrten Keile herein. Ein Knabe von einem Baum schrie: Es lebe die Freiheit. Eine Lawine kam vom Luxembourg. Der Zug stockte, verdunkelte in der Gedrngtheit, lste sich ein wenig, ballte sich tiefer zusammen. Verfing sich in sich selbst, hing wie ein Haken im eigenen Fleisch. Sie brllten sich zu: dein Kopf, deine Hand, die Schulter. Hand hing so dicht an Hand, da sie sie nicht rhrten. Eine Wolke Schwei brach aus. Zwei groe Fahnen flaggten ber sieben Etagen herunter. Sie lasen die Inschrift, eine donnernde Stimme rief ber den leeren Raum die Strae herauf etwas, das die erste Woge traf, sie bumte. Die Huser zitterten unter dem Druck, in oberen Stcken klirrten die Scheiben. Die Fahnen hingen starr herunter, erregten, die Stimme ward lauter. Da brach die Masse, fast schreiend, schwankte, mute nach vorwrts, dehnte sich auf die Seite, da der Stein an den Hften knirschte, bewegte sich, flutete. Laternen standen, Bume im Weg. Eine Sekunde zitterte die Barriere. Dann gingen die Kolonnen als Flu, strmten, unwiderstehlich. In ihrer Mitte hoch, vor den Wagen, den Autos, schwankten die Laternen, Bume. Reiend go es sich auf die Place St. Michel, fllte sie voll und rund. Di Conti sprach. Die Khle war gerissen, die Flamme schlug vom Denkmalrand. Der Donner machte das gefllte Platzbassin totstill. Er bckte sich wie ein Ringer, stie den Arm zum Kreis, zwang die Stille noch tiefer herunter. Sprach. Formte im Reden die Gesichter unten, zerrte sie auseinander, wischte sie aus, entleerte sie. Ri sie rasend hinauf, verklrte sie langsam, fllte begeistert an. Zog die Reihen, sanft einander verschmolzen, dichter heran. Wuchs. Stieg hher, stand am oberen Rand des Denkmals, bog den Nacken zurck, rang einen Augenblick die Hnde, entfaltete sich mit einer ungeheueren Bewegung, zog die Masse mit auf, warf sie auf, ber sich ihre Herzen, stemmte sie hher, fabelhaft sich entfaltend, hoch die Arme geschleudert, wankte und wuchs mit der Last, die er hielt. Sprach. Ging auf der schmalen Leiste des Bassins hin und her, atmete wie ein Pferd, zog die Menge im Krampf zusammen, quetschte sie aus, hieb das Bittere in ihre Visagen, machte Drohung, bestrzte Wut aus den Mulern, donnerte, roch den Zorn aufgeballt. Fate rckwrts, packte hinter sich den Kopf der Chimre mit beiden Fusten, fiel nach vorn, schrg, kam nher, tief herunter mit dem Gesicht gegen die Masse, war fast bei ihnen. Einigte sie in eine atemlose Pause. Sprach. Warf die Drohung aus den Augen. Scheinwerfer zuckten die Stze. Sprach. Sie drangen in die Herzen. Sprach. Sie drangen durch die Kleider, die Hemden, die Rcke, trieben in die Pulse, gaben sich von Leib zu Leib. Das Blut bekam eine Bahn, einzige Wrme, gleichen Schlag. Flo den Boulevard hinauf, lste, machte Spiralen, schlug aus, blhte aus jeder Haut. Die Lawine brach los, Ste kamen herunter, keilten gewaltig, drngten den Platz ab bis zum Kordon. Dort stemmte es sich zurck. Conti sprach. Die neue Woge wlzte heran, erstarrte. Sprach. Die Hnde Schallbecher vor dem Mund. Erreichte grere Distanz, durchma mehr Menschen. Es rollte herunter vom Montparnasse. Daisy hielt mit beiden Armen am Sockelstein sich, die Beine wurden mitgerissen, der Leib drehte sich, die Augen kamen zum Himmel. Sie sah Di Conti, lchelte, fate wieder Fu. Der Druck der Dreikilometersule platzte den Pfropfen, schmi viertausend gegen die Seine. Conti sprach. Warf sich in die neue Welle, inbrnstig, verzehrte die Kraft, warb, zerfetzte, diktierte, snftete, ri die Herzen pltzlich steil, unnachahmlich erschtternd, hoch, ber sich mit beispiellos schmerzendem Ruck. Die Sule stie weiter vom Boulevard herunter, warf, scho die Menge vom Platz, strzte sie gegen die Massen vor dem Kordon, Bume, Laternen kamen ber den Kolonnen gegen die Seine an. Stieen den Druck unaufhaltsam weiter. Gegen den Kordon Gendarmerie. Er verschwand unter ihren Fen. Das Ufer herauf, rechts, links, ritten Krassiere, Haarschwnze vom Kupferhelm auf dem Rcken tanzend, Karabiner auf dem Schenkel, warfen sich vor die Brcke, bewachten vor der Emeute des linken das rechte Ufer, das Herz der Stadt, Boulevards der Bourgeoisie. Die Wellen kamen, gedrngt, gedrckt, spieen heftiger an, schlugen wider die Gule. Sie riefen: Camarades, Freiheit, Hunde, Hunde. Sie sahen in die kleinen dunklen Lcher, auf das Metall der Drcker. Der Sto in ihrem Rcken strzte sie in Massen gegen die Pferdekpfe. Ein Pflasterstein flog. Es knallte. Steine stoben durch das Licht, sausten. Eine dnne Stimme rief: Tirez. Die Krassiere zitterten, die dunklen Lcher hoben sich ber den Schenkeln hher, steiler, feuerten in die Luft. Vom Blut der Strmenden ging es hinber auf die anderen, durchdrang sie, sugte sie. Die dnne Stimme schrie wie ein Triller. Ein Mann gab einem Soldaten die Hand. Die Sule stie durch, ein ungeheurer Schrei. Krper an Krper gedrngt, Soldaten, Arbeiter, hatten einen Sinn nur, eine Richtung, gleichen Herzschlag. Ein spitzes Winseln, sie steckten brennende Zigarren dem Gaul unter den Schwanz, der Unteroffizier zeigte ein kalkweies Gesicht, das Tier klatschte hinunter ins Wasser. Gule zerstampft. Fraternisierend strudelte die Masse, wlzte ber die kupferrote Abendbrcke in die Stadt. Vom Brunnen fiel Di Conti, einen Schu in der Weiche. Von der unteren Seineseite durchstach eine Kompagnie von hinten enge Gassen, kam seitlings auf den Platz, trieb einen Keil in die dnne Masse. Weg du, schrie ein roter Bart. Eine Frau hielt vor Schmerz bla die Hand zwischen die Knie. Die Masse flo in den Brckenstrudel, abgelenkt, gerissen. Das Denkmal ward umzingelt. Di Conti aufgehoben . . . hinter Bajonetten gesichert. Daisy warf sich auf ihn. Sie schlugen ihr eine Koppel auf den Kopf. Sie konnte die Hand nicht rhren, lie nicht nach, bi sich in seinen Rock. Ein Druck kam auf ihren Kopf, das Gesicht von ihr ward schwarz, noch einmal flsterte sie: Conti --. Die Masse begriff, schumte auf, warf sich herber, gegen den neuen Kordon, feuerte ihn zurck, Daisy ward zurckgetragen. Conti schleppten Soldaten durch die Gassen in die Mtrohalle. Zu spt. Aber er lebte. Zwei Tage war Daisy irrsinnig. Dann empfing sie. Khl, Dame, Freunde nahmen ihre Hand: Wir werden ihn befreien. Deputierte sprachen: Wir werden ihn befreien. Der Schlag der Masse pulste herauf zu ihr: Wir werden ihn befreien. Sie hrte, die Verwundung wr leicht . . . Ihm werde des Volkes Stimme dauernder Ruhm. Sie reckte sich, steif, ging zurck, lachte. Ruhm? Bot man so Geringes? Glaubte jemand, dies sei ein Wort fr dies Gef? Ma fr diese Tat? Dies Geschenk fr Narren und Kinder wagte Geschwtzigkeit hinzugeben fr Blut? Behngte diese Maske ihn nicht zum Komdianten . . . stand sein Gesicht doch, das schlicht nur dem Ganzen wirkte, brllend und wie aus Marmor vor dem Gewissen der Macht. Sie winkte ab, ging auf und nieder, steckte die Hnde in die Taschen, die Augen im Dreieck. Ein eisgrauer Glanz kam aus dem Blick. Hinab mit Geschwtz und Trauer. Eins war zu tun, das Ziel erreichen, die Leistung verdoppeln, Angriff steiler schrauben, unbedingter sich mhen. Di Conti mute frei sein. Hierfr war zuerst zu leben. Sie nahm es auf sich. Allein. Ging einen festen graden Weg. Die Lichtflut stie Breschen ins Dunkel. Die Seine flo glsern unten. Sie sah einen Schatten, er lste sich von der Pforte und glitt an ihr vorbei. Sie drckte ihre Hand fest in seine, das Papier knitterte. Ein Wachtraum im Keller sprang auf, dreigezackt brannte ein grnes Gaslicht schmetternd gegen den Kalk. Sie legte ihre Hand auf den Tisch. Als sie sie zurckzog, blieb etwas. Sie trat in das Bro ihrer Gesandtschaft. Sie ging durch drei Rume. Ihre Karte lief vor ihr. Fnf Minuten sprach sie mit einem eleganten Herrn mit exotisch flimmernden Augen. Sie gab ein Telegramm auf an ihren Vater. Darauf gab ihr der Herr seine Karte mit einigen Worten. Damit fuhr sie die Champs Elyses hinunter, Bume streichelten die Luft, Helligkeit und Se wob in den Zweigen. Sie fuhr darunter hin, unbeteiligt. In einer Schleife glitt der Wagen ins Riesenbassin der Concorde . . . der Wagen glitt, bog, hielt. ber die Teppichstufen des Ministeriums. Aufgehalten, mit der Karte durchbrechend, gehemmt, vor Achselzucken, lchelnd, die Karte vor sich . . . sie stand in einem Salon. Ein schner Mann im schwarzen Schnurrbart, der elegisch das Kinn rahmte, trat ein, stutzte. Sie ging mit raschen Schritten an den Tisch, legte ein Bndel in perlgeschmcktem Etui auf die Kante. Sein Blick leckte nach ihrem Hals, zgerte, fiel auf den Tisch, er verneigte sich, stie eine Tr auf. Ein grerer Salon. In der Mitte eine Jungfrau, die auf einem Brabanter ritt. Die blaue Seide der Wnde, der geschwungenen Sthle verwirrte, sie lernte die Teppichmuster, sagte immer ein Wort, ein Wort, ein Wort. Eine Stunde. Ein grauer schmaler Herr trat ein, hinkte, ein Monokel an schwarzer Schnur flog ins Auge. Er war nicht gro, kam langsam nher, ugte, bis er genau sie sah, schob mit drei Fingern einen Lehnstuhl zurecht, indem er ihn kaum berhrte. In seiner mageren Hand spielte ihre Karte, er las, sah ihr mitten ins Gesicht. Blut scho ihr auf unter dem jhen Anprall. Er sah auf die Erde neben seinem Schuh: Auslnder? . . . Italiener . . . in der Tat. Sie sah nur seine Brauen. Er notierte den Namen, flsterte ihn nochmals, stand auf, ging ans Fenster, trommelte mit den Fingerspitzen ans Glas, murmelte, sah auf ein knallendes Buchenholz im Kamin zerstreut. Die Lippen Daisys saen wie Tiere aufeinander, die Brauen seidenschmiegsam ineinander sich wlbend. Er trat zurck. Ein drittes Gesicht sprach mit ihr, die Stimme schlrfte etwas, stie an die Zunge, die Handbewegung voll zarter Hflichkeit. Er fhrte immer, sie folgte. Lauernd. Erschreckt. Er blieb gleich. Kanadische Jagd, die Quadrille Fribaurts, er kannte es. Versailles wuchs zwischen seiner Geste, schmeichlerisch, mit Mrzwind. Eine Fahrt ber St. Malo. Er neigte das Kinn: da die Oper Ballette belebe, welcher Zug. Er stand auf, ging zum Fenster, elastisch in dem Knie, hinkte nicht -- ob ihr Wagen warte, Pelze darin seien. Setzte sich wieder, ruhig, besorgt. Sie wartete, faltete die Lippen, da es kme. Er spielte, lauerte, fhrte herauf, hinunter, eilte, pausierte, sie sah sein Gesicht nicht. Seine Grazie schmeichelte sich in ihre Haut. Pltzlich schlug er die weie Hand, die nicht welk war, la gegen das Knie, der Kopf fuhr auf, sein Blick prallte ihr wieder ins Gesicht. Sie stand auf. Er hob sich halb: Wann darf ich den Wagen senden? Sie knotete die Hnde: Neun Uhr. Er lutete, als sie sich schon wandte, ein kakadufarbener Page ffnete geruschlos eine Tapetentr. Vierundzwanzig Stunden vorher speiste Conti, verdrehte die Iris, schwankte, bekam Klte in die Finger, Blei in die Knie, verzerrte die Zhne ber die Regie der dritten Republik, die selbst die Einrichtungen der Kche pragmatisch ordnete. Als Daisy morgens heimkam, war Di Conti tot. Sie kam hin mit einem Gehenlassen der Glieder, das alles hinter sich hat, abgeschttelt, selbst ohne Erkenntnis und Bedeutung des Opfers, innerlich lediglich gerichtet auf das Ziel. Sie bog die Lippen tiefer, versteinte an den Schlfen, zwischen Wange und Mund. Was konnte noch kommen? Ein Telegramm Fidleys: Pa tot. Sie legte das Papier auseinander, legte es zu dem anderen, frhstckte, badete, lie sich massieren. Fuhr in den Luxembourg, fuhr zurck. Am Abend in die Oper, Verdi rauschte, Sommerhimmel erbrausten, sie speiste, schlief. Stand auf am Morgen. Nichts war zu schlagen. Je mehr sie sprte, was sie verlor, um so ungeheuerlicher fhlte sie aus sich brechen das Bewutsein der Strke und der Sammlung. Allein nun empfand sie, wie gefllt und selbst sie war, voll, traubenhaft geschwellt, ausbiegend aus ihr mit einer Glut, die sie erblate. Di Conti war in ihr, mehr heute als je. Geballter als im Menschlichen. Unverlierbar. Vermchtnis besa sie, beherrschte und durchtrieb sie unausdenkbar an Berufung. Sie ging gestrkt, wunderbar entzgelt. Eine Ruhe umgab sie, die den Schmelz der sehnigen Schenkel und das flimmernde Spiel der Hften unter der kleinen Brust begehrenswerter, zarter heraushob. Sie verlor kein Glck. Sie besa sein Werk. * * * Pa tot. Fidleys Telegramme, Weisungen stubten. Es geschah am Horizont. Syg einem Mann gefolgt. Es geschah in der Ferne. Ihr Mittelpunkt blieb unerregt. Der Krper hielt stand. Der Geist sah manchmal Bilder. Raffaelis Bruder, Arzt, sagte, wnschte, befahl Erholung. Sie machte eine kindliche Gebrde. Er verstand. Sie wurde klug verfhrt. Sie fuhr mit Briefen, Papieren Contis zu Freunden nach Kopenhagen. Der Platz der Zusammenkunft war leer. Die Fahrt im Zug war dumpf, ausgespieen fuhr sie, allein, dennoch voll Glut. Sie mute weiter nach Christiania. Nach zwei Tagen stand sie am Hafen, traf Fribaurt nach einer schmerzlichen Sitzung. Er fuhr mit der Segelyacht nach einem ungewissen nrdlichen Punkt. Sie nahm es sofort. Ich komme mit. Die Tage fllten sich mit dem und jenem, Ungenauem, doch ungeheuer in der Berhrung mit schrankenloser Natur, Menschen, deren Geist abgewandt war, mit denen der eigene sich schn traf beim Rauchen, dem Reffen der Leinen, Hinaussehen auf glatte See bis zu entfernten Dampferwolken. Inseln kamen. Riffe trmten sich wie steigende Esel. Gedrrte Fische hingen an den Felswnden, wie sie die Ufer hinausfuhren. Granit, Urblasen erstarrt, schaukelte bunte, rote, grne Huser wie Spielzeug. Auf den Klippen saen Rypen: ka . . . bauh. Schneehhner: j . . . ak -- j . . . ak. Es rauschte. Ein Kreis mit heien Wallungen bumte um sie. Sie badeten in einem Fjord, abends ward das Wasser papageirot. Jerkins, Christianias grter Jger, stie auf ein Signal mit der Kupfertrompete dazu. Kam mit Schneeschuhen aus dem Gebirge. Stunden, ehe er einlief, sahen sie ihn im Glas oben wie ein metallenes Insekt flitzen in Stemmbogen und Telemarks. Ein Tal kam aus den Felsen gegen das Meer geflossen, grn, schwrmerisch. Sie bernachteten im Dorf. Am Ende, eingekeilt, schon zur Ebene zu, hing ber Sandwsten ein weies, Licht schleuderndes Haus. Jerkins fhrte im Bogen heran, sein Finger berschrieb die Gegend: Nrdliche Lepra. Der Kreis war verseucht. Er zuckte die Achseln unwillig, sah Daisy ins Gesicht, fhrte sie dennoch heran. Zerfressene Gesichter sahen aus den Fenstern: Hten Sie sich. Ein Schrei. Sie gingen zurck, warfen den Fock aus. Das Morgenwasser zischelte . . . Die Nordsee leckte gierig, blau an Lee. Die Windtrommel sa in dem Segel, schmetterte. Geh in meine Kajte. Der Schiffsjunge schlo die entzndeten Augen, kroch in die Kabine und schlief sich aus. Sie lag unter dem Segeldach und gab statt seiner acht. Das Steuer war angebunden, die Luft ging ganz stt. Die Lappin wurde aufs vordere Verdeck gerufen. Die Sonne malte auf den Holzplanken. Fribaurt und Jerkins lagen auf dem Bauch. Das Weib mute sich legen, ugte schielend mit schrgen grnen Augen nach Daisy. Sie spielten Karten, lernten die Lappin zum siebentenmal an, schlugen Atouts auf den Boden, das Weib lauerte, bekam einen Rippensto, zuckte, legte klatschend mit fetter Hand ihre Karte nach. Die Segel schlappten pltzlich, klatschten hohl hin und zurck zum Grobaum . . . eine Musik umschwirrte sie . . . eine Wolke Papageitaucher, die wie Rypen zirpten, flog eilig nach dem Land. Jerkins scho, auf dem Rcken liegend, eine Mve, die hinter ihnen her war, fischte sie herein, zog ihr, die schrie, Kopf und Atlas ein wenig auseinander. Vorbei. Er fuhr mit der Hand in den orangegelben Flaum und lie die Federn einzeln zu Daisy fliegen. Schne Frau von der Seefahrt. Fribaurt sang mit dunklem Bariton. Der schaukelnde Wind lie nach, das Meer ward tierisch faul, eine Brise kam, schwand. Sie lagen still. Welche Harmonie, ghnte Fribaurt, stie einen Pfiff aus, hielt die Shagpfeife in der Hand und warf die Karten auf, wir haben malose Zeit, meine Freunde. Das Segel aufgerefft, die Lappin in Hosen an der Gaffel mit klebriger Behendigkeit . . . der Tag stand still. Fribaurt band ein rotes Tuch um den Kopf. Jerkins hob das Weib hoch, legte es wieder auf den Bauch. Dann bluffte er wie toll, verlor einen Haufen Geld und lachte, bei jedem Verlust aus Vergngen. Fribaurt lchelte ein Diplomatengesicht: Zu grob. Er legte auf: Street. Die anderen warfen zusammen, zuckten die Achseln. Pltzlich schob Jerkins auseinander, runzelte die Stirn, griff hinber, legte die Karten der Lappin nebeneinander: Zu frh . . . zu schick . . . er bog sich vor Lachen ber Fribaurt. Umgewendet: Die Sau . . . die Sau . . . Die Lappin kroch ein Stck davon aus Angst auf dem Leib. Was hat sie? Jerkins hob die Hand von der Kartenflte. Sie wlzten sich zu zweit: Royal Fluch. Fribaurt zur Lappin geneigt: Se Freundin, welch verschwenderische Tollkhnheit des Glckes . . . Jerkins teilte aus, schaute zu Daisy: Die phantastische Quote . . . und hat es nicht gewut. Weibrstig hing eine Brise vor dem Meer. Geigen im Baum, ein dunkler Frhstrich vor ihr her wirbelte das Meer mit einem blulichen Schatten, der Bogen sauste heran. Jerkins sprang auf, leierte am Groschot, die Lappin lie das Segel zwischen zwei Tauen herab, Jerkins wickelte, machte einen Schifferknoten mit den Daumen, das Segel wechselte, flog hinaus . . . der Sto kam und erzitterte jeden Nagel, Fribaurt schmi das Ruder herum, tnzelnd lief das Boot, sie kamen dem Ufer nher, die Gaffel wechselte . . . nun fuhren sie in der Windschwankung parallel. Das Ufer neben ihnen, ein hoher Damm, scharf vor den Himmel gelegt. Auf ihm fuhr in gleicher Linie wie sie ein Pferd. Es zog ein Karreol, flach und gro wie ein Kanoe. Drin sa ein Mann. Sie fuhren nebeneinander. Fribaurt deutete mit der Spitze der Pfeife nach ihm. Der Wind zog strker. Die Blase des Segels neigte sich schaumig gegen das Wasser. In silbernem Regenbogen hing eine Springwelle an Lee. Sie starrten hinber. Es war, als bewege sich keines, nicht sie, nicht das Pferd, . . . als blieben sie festgehaftet wie Brennpunkte in dieser Ovalen von Himmel und See. Fribaurt zog die Augen zu Schlitzen zusammen. Jerkins, die Hnde vor dem Mund, die Brust aufgesogen wie ein Schwamm: Hall . . . lo . . . o! Sein Organ schlug den Wind mitten durch und traf drben auf. Der Wall schickte vier Echos herber. Keine Antwort von dem Mann. Jerkins quoll blau am Hals: Hallo . . . y . . . lo! Eine Pause zitterte, die dnnen Echos quirlten . . . dann kam die Antwort, kalt: Holla! Jerkins stand am Grobaum, klemmte die Wange ans Holz. Haltet Ihr die Wette nach Aarvik? Sie lauschten. Dann eine schneidende helle Stimme: Am Arsch. Sein Pferd sprang ber eine Wolke, Staub ringelte sich in einer umgelegten Sule hinter ihm. Der Damm bog landeinwrts, eine rtliche Spirale. Daisy verstand nicht, was er norwegisch rief. Sie sah nach Jerkins. Er machte ein verschlossenes Gesicht. Der Schiffsjunge fletschte ein Grinsen von Ohr zu Ohr. Daran verstand Fribaurt die Antwort. Sein Schnurrbart zuckte, er wandte sich zu Daisy und lobte die Farbe der Mvenfedern. Jerkins warf das Ruder herum, halste, das Ufer zog sich tief zurck . . . um eine Halbinsel, einen kleinen Fjord. Der Berg hob sich von zwei Seiten. Auf der jenseitigen mitten in der Spirale peitschte der Fahrer sein Pferd, am Ende des anderen Abfalls lag unten Aarvik. Sie warfen Anker, gingen im Beiboot ans Land. Ein helles Wirtshaus mit einem Garten, die Terrasse mit Bumen, dahinter die Ebene vom Morgen . . . die flimmerte . . . unten am Flu mit roten Dchern Aarvik . . . idyllisch unter dem Berg. Auf seiner Spitze hob sich eine Flamme Staub, das Pferd kulminierte, die Karriole kam in die Schleifen des ihnen zugewandten abfallenden Teils, verschwand in einer Schlinge. Nach einer Viertelstunde klapperte sie an hinter dem Haus. Ein Schock Matrosen lungerte um die Kneipe, graue Zipfelmtzen im Nacken. Der Wirt schmi sie heraus. Sie drngten nach. Einer stie mit dem Knie einer Magd in den Hintern, sie schrie: Dumme Schicksen. Der Wirt zeigte auf ein Holzbrett, sie schttelten die Fuste. Er nahm es herunter, hielt es sich vor den Bauch. Ein kleines Fa, schrieen sie, wir scheien auf das Verbot. Dd og Pine . . . mit Knie und Faust drckte sie der Wirt die Steintreppe runter. Sie maulten, einer zog den Wirt an einem Westenknopf neben sein rothaariges Gesicht und flsterte in sein Ohr. Der Wirt brllte auf, stie ihn in den Magen, da er wie ein Messer einknickte. Kotzt Lumpen, seine Zunge hing raus vor Wut, er trat dem Mann auf die Schenkel, der sich verkroch. Da fuhr die Karriole auf den Hof. Sie sahen den Aussteigenden nur vom Rcken. Er schrie durch den Radau, seine Matrosen rieben sich die Hnde an den Hosen. Er rief nach dem Weg ber die Brcke. Abgerissen. Wieder gab es einen kurzen Krach, da die Matrosen sich beschwerten. Der Wirt dienerte. Zwei der Leute schirrten den Gaul aus. Der Geprgelte ri pltzlich dem Wirt die Hosen auf die Knie. Had djvelen . . . ich schlag dir in die Fresse. Die Matrosen grhlten, steckten die Hnde in die Taschen und johlten, bewegten sich mit den Hften vor und zurck. Ein Fa rumpelte. Der Fremde winkte, die Matrosen kicherten und verrollten sich langsam. Der Wirt verzog das Maul, stellte das Brett zur Seite, schielte giftig zu den Abtrollenden. Der Fremde warf seine Gamaschen einer Magd zu. Hafer . . . mir ein Bett . . . Der Gaul hob den Schwanz und strich einen groen Furz. Die Matrosen quakten herber, schlugen sich die Schenkel vor Lachen. Der Fremde sprang ins Haus. Jerkins schlenderte, die Hnde in den Taschen, ins Haus, kam zurck. Wer? fragte Fribaurt. Sven Mair. Daisy bog sich zu Fribaurt: Wer ist Sven Mair? Fribaurt lchelte mit dem Schnurrbart, strich seine Hand mit der anderen: Jerkins Feind. Die Zimmer lagen nach der Seite des Flusses. Eine lange Nacht voll Gerusche. Die Hunde bellten, wurden pltzlich still. Aus dem Bootshaus soffen die Matrosen in die Gegend, sangen, rollten langsam in ihre Kabinen. Kurz die Stimme des Fremden unter seinen Leuten, dann Stille wie Blei. Das Meer stand in uferlosem Schweigen. Die Felsen khl und geheimnisvoll ber dem Wasser, panische Stille . . . sie schlo unter ihrem Druck die Augen. Stunden gingen. Schlaf und Wachsein verschwebten in einander. Pltzlich ri sie wilder Spektakel auf. Sie eilte ans Fenster. Zwei Karriolen rollten vor das Haus. Die Nacht war wei. Kupfriger Schein spann ber die Landschaft. Drei Burschen blkten die Zhne, schrieen: Sven. Schritte gingen ber ihr, die Gesichter schauten hinauf. Ein Pfiff, ein gedmpfter Ruf von oben: Skideriks. Sie grinsten nach oben. Ihre Nasen, ihre Ohren, die Farbe der Augen -- alles sichtbar. Angelgerte auf den Wagen, die Pferde bissen schaumkauend auf dem Eisen. Sven . . . Da trat er heraus aus der Tr unter ihr, ein Schatten lief vor ihm rasch ber den blulichen Boden. Er hatte Lachszeug ber der Schulter, schmi es in seine Karriole, krempte die Hosenbeine bis zum Bauch, nahm zwei Pferde, trieb sie in den Flu. Schreiend warfen die aus den anderen Karriolen sich auf die Gule. Der Fremde drehte sich um, sah nach dem dritten Gaul, bis an die Knie im Wasser. In der Helligkeit sah sie sein Gesicht. Da wuchs aus der Nacht der Schlag, hieb besinnungslos in sie, strzte wie eine Feuersbrunst zum Herz: _Dies Gesicht hnelte Caspare Symes._ Sie ging vom Fenster zurck, fiel mit dem Rcken auf das Bett, hrte Pferdegepltscher im Wasser, zwei Rufe, bleierne Stille. Im Plafond ber sich sah sie das Gesicht. Sie warf sich herum. Eingebrannt im Boden glhte es sie an. Sie starrte durchs Fenster. Es fllte den Rahmen, peitschte sie auf. Erschpft sank sie in die Kissen, schlo die Augen. Da stand es innen in den Lidern mit einer Zrtlichkeit des tiefsten Schmerzes und sah durch die Iris ihr in die Brust. Ihr Herz zog sich zusammen. Stunden, die sie lag. Kmpfte mit dem Kopf. Derselbe Ausdruck in seinen Zgen mit dem Unbekannten, der im Traum ihren Bauch umschlungen in der Nacht Le Beaus, im Traum des Hotels neben Rene. Mit tdlicher Schrfe ri ihr Dasein herauf, sie erkannte die Rechenschaft ber ihr eigenes Lebens, die er brachte, kannte, forderte, ungestm. Er schlug als Zentrum in den Kreis, den sie gelebt. Kein Leid, das sie gelitten, ohne da es bestimmt war fr dies. Keine Sehnsucht, keine Handlung, die nicht zielte in diesen magischen Punkt. Er hob sich, als sie am entferntesten schien, und wie von einem Wellenbrecher rauschte ihr Leben davor zurck. Nichts blieb auer ihm fr sie: Dinge eitel, Menschen verworfen. Das Meiste umsonst getan. Hllischer Schmerz verzehrte ihr Auge, ihr Blut. So unerbittlich klar stand in dem Kontur das Glck, Bestimmung des Leibes, der Sehnsucht unerfllbar, nicht erfllt seither, . . . sie schrie um Gerechtigkeit, starr, ohne die Glieder zu bewegen, wandte sich an Gott, wandte sich ab, verzweifelte. Der Schmerz ward so tief, da sie ihn nicht mehr ertrug, glaubte, sie sterbe. Da drehte er um und erfllte sie mit Seligkeit, die alles an sich rief, was sie erduldet. Langsam wuchs sie aus dem Zweifel, berwand ihre Sehnsucht, sah weit vor sich die Aufgabe, das Gestreckte, Winkende, Rufende, was sie grer fllte. Und je mehr es in ihr glhte und Di Contis Glaube und Ziel sich erhellte auf einer Seite, sank der Kopf auf der anderen, das Spiel der Wage ging hinab. Wohl lag zwischen dem Kopf und allem Geschehen eine Kluft, die nichts berbrckte: nur ihr Blut. Sie gab es. Litt. Gab es hinber in das Unbedingtere, gab sich auf und ganz in die Aufgabe. Verzichtete. Sah zum ersten Male das Unbeschreiblichste, erkannte, am Nichtgewesen, an allem, was sie versumte, ihr groes Glck. Gab es auf, lie es. Legte den Kopf weinend in die Hnde. Entsagte. Aus Di Contis Atem kam die Befreiung, lsend, hart, aber tief. Das Silber zitterte heller. Sie lag, die Augen wie Stein. Dann stand sie auf, als ein Boot unten vorbeifuhr. Ging hinaus ber die Schwelle. Die Arme standen etwas ab. Die Sonne kam. Eine Fahne wehte, das Georgskreuz, schon vorber. Welch unendliche Khle des Sommermorgens. Welche Frische des Blaues. Sie ging weiter. Der Staub ward rtlich. Die Riffe des Kessels ballten sich dunkel, unerreicht noch vom Licht. Sie ging. Gezackte Wolken am Horizont . . . Mvenflgel in Spiralen hoch sich schleudernd . . . die Eidern weich geschaukelt in der Bucht -- -- -- der Tag stieg, wlbte Licht. Aus der Wiese kam ein Gaul auf sie zugelaufen, hielt, hob das rosane frische Maul, legte es auf ihre Schulter. Lief davon. Das Kupferbergwerk glhte aus dem Fels. Sand . . . Sonne leckte darauf . . . die Ebene kam. Oben das spitze Tal. Sie ging hindurch. Fahlweies Licht prallte ihr entgegen. Sie stand vor dem Haus wieder, von der anderen Seite, das, ein Nabel, zwischen der Ebene und dem Gebirge lag. Aus einem oberen Fenster sah ein blauzerquollenes Gesicht. Ungetrbt durch Schmerz wehte es rein in ihr auf, durch sie hin. Die Liebe quoll verdichteter in ihr. Sie schlug die Augen auf. Mit unerbittlich weichen Buchstaben stand ber dem Eingang vor dem Himmel geschrieben: Hilfe den Menschen. Eine grelle Stimme: Was wollen Sie? Hinein. Der fnfte Abschnitt Die zwanzigste Schssel . . . sie hing das Tuch an den Stnder, go den Zuber aus, stlpte die letzte auf die Neunzehn. -- Durst. Sie brachte Wasser an ein Bett. Sie schaukelte den Zuber in die Badewanne, lie heies Wasser einlaufen, nahm Soda, griff in Schmierseife, schlug Schaum mit einer Brste. Nun kamen die Npfe. Mit einem Zangenpinsel fuhr sie in den Hals der Urinenten, bog den Draht, schabte den Kalk innen ab. Das Wasser sprudelte. Sie wusch den Nachtstuhl aus. Die Tr weit offen . . . es dampfte nach Kaffee. Sie schaukelte das Wasser in die Wanne, wusch die Wanne aus mit Seife und Sand, schaukelte den Zuber mit den Henkeln auf der Wanne unter den Hahn. Neues heies Wasser . . . es lief nicht mehr. Sie schob den Schalter langsam herum und hielt ein Streichholz daran. Der schmale Gasofen an der Wand spie nach unten Ru, nach oben die blaue Flamme, es donnerte. Sie sprang in die Flamme, schob den Schalter zurck. Langsamer ffnen, sagte eine Stimme hinter ihr. Sie ffnete langsam, entzndete das Holz. Der Ofen explodierte. Langsamer sage ich . . . Ihr ruiges Gesicht sah um. Langsam ffnete sie, die Stichflamme scho in das Zimmer, das Gas knatterte irrsinnig, an der Decke das Licht losch aus. Schreiben Sie auf: der Ofen wird repariert. Sie nahm ihr Buch, notierte es. Es stand zum drittenmal mit Blei geschrieben. Jedesmal untereinander. Der Ofen wurde nicht repariert. Die Tre fiel hinter dem Arzt. In der Dmmerung wusch sie die Becken im kalten Wasser. Dann trug sie Brste, Pinsel, Stuhl hinaus. Auf dem Gang standen Sechs vor einem Tisch in Hemden und wuschen sich Hals und Brust. Meine Zahnbrste. Schlappmaul . . . meine. Ein Rippensto . . . sie torkelten im Korridor. Lat mich durch. Sofort wichen sie zur Seite. Das Klosett verschlossen: nicht in Ruhe einmal scheien . . . Sie wartete ruhig. Sie bckte sich unter den Tisch. Deine Zahnbrste -- -- -- Der Mann winselte. Im Klosett keifte es. In hngenden Hosen erschien er dann in der Tr, ungekmmt, rieb sich die Augen mrrisch. Als er sie sah, ging er auf die Seite, wich ihr aus, senkte den Blick. Falle nicht, sagte sie, der Boden ist na. Die sich wuschen, tuschelten nur noch miteinander, Mund an Ohr. Sie machte das Fenster auf im Klosett, zog die Wassersplung, wusch den Boden auf, rieb das Porzellan glatt. Der Schnee drauen schimmerte frostig. Sie schlo das Fenster. Ihr Name flatterte zweimal im Flur. Sie stand neben einem Bett. Sie nahm zwei Beine, hob sie hoch. Die dicke Schwester, die den Kopf hielt, schrie den Mann an mit drohendem Ba, die andere band ihm die Hnde fest. Der Schwren auf seiner Weiche juckte ihn so, da er nun hpfte im Bett. Die Dicke gab ihm Kaffee in den Mund, das Brot. Sie fuhren die Betten in die Ecke. Achtzehn. Die freie Seite kehrten sie, wanden Lumpen um die Besen, wuschen auf, lieen trocknen, fuhren die Betten herber, bewltigten die andere Seite. Daisy . . . Bittender Ruf. Sie ging mit. Naga hing in ihrem Arm. Sie gingen ber zwei Korridore in den hheren Stock. Bist du mde? Die Brust der kleinen festen Schwester schmiegte sich an ihren Arm. In dem Zimmer standen zwei Kolonnen Betten, alle belegt. Die Luft roch scharf nach nassem Tuch. Groe Scheiben gingen ins Land. Aus jedem Bett ragte ein Bein, ein Arm . . . und lag in einem Gef mit Wasser. Naga hielt Bein um Bein, Arm um Arm. Daisy trug die Wannen hinaus, leerte sie von eitrigem Gerinnsel, scheuerte sie, fllte sie neu. Das siebente Bett . . . ein junger Mann warf sich im Fieber herum -- -- -- Ja, wir werden deiner Mutter schreiben. Das elfte Bett . . . die Fieberkurve gestiegen -- sie machte ein Kreuz auf das Brett, drckte auf einen Knopf. Der Kranke kannte die Bewegung, begann zu winseln, das Bein blau, geschwollen . . . er warf sich knirschend herum. Sie drckte wieder auf den Knopf. Jeder kannte die Bewegung. Nur ein kleiner Schnitt. Er lchelte unglubig, sie nickte. Ihr Name auf der Treppe. Sie trug mit der groen breiten Schwester Mann auf Mann ins Bad. Sie hielt sie unter den Armen, die andere an den Kncheln. Im Bad stand ein Schemel. Darauf lag wechselnd ein verbundenes Bein, ein Knie, ein Arm. Einer lag darbergekrmmt auf der Seite. Sie wuschen die Leute ab mit Seife und dicken Brsten. Sie hoben sie heraus auf den Stuhl, trockneten sie mit den Fingerspitzen ab: Du hast Naga geholfen. Sie nickte. Sie soll es nicht tun, wenn sie der Aufgabe nicht gewachsen ist. Ich habe nichts versumt. Sie trugen einen anderen herein. Als sie schruppten, ging die Haut ihm ab wie einer Schlange. Er hatte sich gekratzt, Du Schwein . . . Er sah die groe Schwester an, er sprach kein Wort. Daisy rieb vier Leuten den Rcken, die Schenkel ab mit Spiritus, gab Puder darauf, ging zu Nagas Station, setzte sich zu dem Fiebernden, horchte, sprach, schrieb . . .: Liebe Mutter -- -- -- ich bin nicht schuld . . . Sie a zu Mittag, ging vor das Haus auf einen Liegestuhl, deckte sich zu und schlo die Augen. Die Sonne brannte auf den Schnee und frbte ihr Gesicht. Sie lie die Glieder sich lsen, Mdigkeit flo an ihr herab, halb schlafend flog ein Zug zufriedenen Liegens ihr an den Mund. Sie stand neben dem Arzt. Ein neuer Kranker ward eingeliefert, ein junger Prediger, der entsetzt in die Brille des Arztes stierte: Sie werden gut tun, sich damit auseinanderzusetzen, da Sie hier bleiben. Die Welt drauen ist vorbei. Sie werden hier sterben. Wenn Sie so denken, werden Sie ruhiger leben, weil Sie ein kluger Mensch sind. Sie ging still mit dem Arzt hinaus, trat von dem Flur in das Nebenzimmer. Ein Raum dick voll Rauch. Gesichter schwankten mit Brten zerflieend in der geballten Luft . . . deutsche Matrosen mit Scharbock von Grnland. Die leichte Abteilung, nichts gegen die Tragdie drben. Gesang: Isch un du Mir hawwe uns so gern un leck'st de misch bei Dag am Arsch da brauchst de kei Laddern. Sie stand auf dem Sims, wusch mit Petroleum das Lambris, wusch das Fenster. Sie zog ein Spinnweb aus der Ecke. Sie kehrte die Asche der Zigarren am Boden zusammen, unter der Heizung jagte sie Flocken, putzte das Messing der Klinken. Immer ein freier Raum um sie. Immer der fremde Gesang. Die Mnner kaum sichtbar in dem Qualm: Isch un du mir hawwe uns so gern un leck'st de misch bei Nacht am Arsch da scheine der die Schdern. Sie ging auf den Zehen an das Bett des Geistlichen. Sein Auge sah starr, gebrochen vor Melancholie in die Ecke. Er sprte nichts wie die Vernichtung. Hier Ende seines Lebens. Aufgezogen von einer schnen Frau, seiner Mutter, hier nun verfaulen. Unmglich zu fassen, das konnte nicht sein, seine guten Glieder . . . dieser Mund, der schne und tapfere Dinge sagte . . . wenn Gott war, so war dies unbegreiflich . . . ein schwaches Lcheln -- er glaubte es nicht -- . . . als die Lippen anschwollen, starrte er vor sich hin. Fassungslos dies groe Ungeheure vor sich, sein Geist zu enge ffnung, als da so Maloses sich in ihn schon so rasch ergsse. Zu klein sein Hirn fr solchen ungeahnten Gott. Acht Tage lag er steif. Dann fra ihn das Neue, indem es ihn an sich gewhnte. Da gab er sich Wochen der Wut und der Anklage. Der Ausschnitt seines Zimmers, das Stck kmmerliche Landschaft ward ihm die Welt. Der Mond, entsetzlich aufsteigend . . . er wrde ihn nie mehr sehen von anderem Ort, die Blumengerche, der Dampf der regenbeschwerten Erde . . . ein Bauernmdchen, das vorbeiging . . . nichts zu halten, in die Ferne gerckt, nie zu berhren und zu haben . . . welches Schicksal. An das Fenster treten, dies alles inbrnstig sehen, nie haben werden, mit aller Wildheit begehren, kein Gott, der es ihm in die Hnde geben wrde . . . warum diese Grausamkeit . . . warum ihm . . . -- -- Jahre stiegen auf in dem Fensterbogen, entfalteten sich, zeigten jede Sekunde mit einer Eindringlichkeit, die die Augen schmerzte . . . Spiele der Jugend . . . eine schmale Frau trat an sein Bett, ein Garten abends . . . er hielt es nicht mehr . . . schrie. Daisy kam, stellte Wasser neben ihn, rckte einen Stuhl zurecht, legte Bcher darauf -- und ging. Er folgte ihr mit dem Blick, bog ihn zu dem Fenster. Da stand seine Jugend. Wie war es zu tragen . . . Nun litt er mit geschlossenem Gesicht. Als der Pendel durchschwang, der Kern des Leides durchlitten war, lste es sich in schmerzliche Seligkeit, er begann beim Abebben des Zorns eines Nachts zu weinen. Hell wie ein Kind. Das ganze Haus hrte ihn. Nach Wochen sagte er zu Daisy: Wenn ich begreife, da ein Krper wie meiner verfault -- -- wie soll ich fassen, da Sie in einer Arbeit wie dieser leben knnen. Da sah er ihren Blick zum erstenmal, der mehr Abgeschlossenes hatte mit den Dingen wie der seine, fuhr hoch. Was wundert Sie? fragte Daisy. Da begann sein Blick an ihrem sich zu erstaunen und zu krftigen. Ihm schien Sterben nicht mehr schwer von dieser Sekunde. Sein Auge folgte dieser Schwester, wo es sie sah. Der Arzt nahm sie mit in sein Kabinett: Sie werden mir operieren helfen. Sie sind ohne Laune, ruhig. Die groe Schwester hate sie von diesem Tag. Sie hetzte einen Saal auf. Nachts auf dem Korridor umarmte sie einer von hinten, fiel unter ihrer Parade schreiend zurck. Licht fiel auf sein Gesicht: Ich sage es diesmal nicht dem Arzt. Er verkroch sich. Auf diesen Mann konnte sie sich verlassen von nun ab, unbedingt. Sie hatte das Zimmer ber dem Operationsraum, eine Glaswand trennte diesen in Manneshhe von ihr. Sie sah nachts einen Schatten, der die Instrumente beschmutzte und zerwhlte. Sie stand frh auf und ordnete es wie neu. Es kam eine alte Frau, sa an dem Bett des Fiebernden: Ist das mein Sohn? Ihr Sohn. Das ist ungeheuerlich. Der Klo verdrehte die Augen, flsterte, schlug die roten Deckel zurck, die, ohne Lider, nur im engen Schlitz sich noch ffneten. Das ist ungeheuerlich. Das ist nicht mein Sohn. Das soll ein Mensch sein . . . Warum erschlgt man das nicht. Ist das Gottes Gte? . . . Mein Sohn, den ich auf die Steuerschule schickte . . . Haben Sie den Mut, es leicht zu nehmen. Sind sie wahnsinnig, Schwester? So haben sie -- zum mindesten -- soviel Liebe, tapfer zu sein. Die Frau blieb starr unter dieser pltzlich harten Stimme, neigte den Kopf. Daisy legte ein nasses Tuch auf die Augen des Kranken, wischte sie aus und ging. Sie ging durch den Flur. Auf der Schwelle saen Zwei und droschen Karten: Mitspielen . . . Verschmitzte Gesichter. Sie lachte hell: Ihr Dorsche . . . Tief befriedigt brllten die Zwei in sich hinein. Im Garten der Frhling. Grn berall leuchtend . . . Eine Amsel schlug an, hob den silbernen Lauf und bog ihn elegisch in die Hhe. Daisy wiederholte. Die Amsel pfiff die Lufe zarter und inniger zurck. Die Uhr schlug. In einem weien Zimmer allein stand eine Wanne. Der Zigeuner darin schlief, die Arme auf den Rndern aufgesttzt. Sie band das Wachstuch weg, legte eine Glocke mit einem Rohr in das Wasser, sog an dem Schlauch, hing das Ende in einen Eimer, lie Eimer auf Eimer heraus. Dann wusch sie mit Spiritus und Watte den Krper ab, immer im Bogen um die offenen Stellen. Sie nahm die Fe, rieb sie mit ther aus und gab gelbe Vaseline darauf. Sie waren im Wasser wie Hirne geworden, wei, tief gefurcht. Dann trug sie die Eimer heies Wasser in die Wanne. Der Kranke lie seinen Urin hinein. Sie setzte die Glocke an, leerte aus, go wieder neues Wasser ein. Eine Stunde. Der Kranke sah zu, folgte jeder ihrer Bewegungen katzenhaft. Ein Pfarrer kam, wandte sich zu ihm, allein er schlo die Augen, als schlafe er. Als Daisy fertig war, grinste er und gab seinen Darm in das frische Wasser; Daisy sog das Wasser heraus, gab wieder neues zu. Wohlttiger Besuch kam aus der Stadt. Der Zigeuner zog das Wachstuch weg und zeigte, um zu greren Geschenken zu rhren, seinen zerfleischten Krper. Die Dame schluckte, bergab sich noch im Zimmer und eilte hinaus. Daisy zog das Erbrochene auf, der Zigeuner warf wtende Blicke. Sie mit mich falsch, sagte er dem Arzt. So . . ., sagte er und zog den Mund herunter. Der Zigeuner sah zur Seite. Scheien, rief er. Sie lie das Wasser aus, zog den Gummiring unter ihm weg, schob den Stechnapf hinein. Es war eine Lge. Sie gab ihm neues Wasser. Er lie den Arzt holen. Sie petze ihn . . . Du Schwein, sagte der Arzt und schlug ihn aufs Ohr. Zwei Tage darauf vertraute er der groen Schwester an, indem er weinte und sie zu Fragen zwang, er sei traurig, Daisy speise ihm sein Essen. Sie meldete es, der Pflicht folgend, dem Arzt. Wie knnen Sie . . .? Sie sagte gegen sein Brausen: Das Statut. Der Arzt untersuchte und gab dem Zigeuner wegen Verleumdung einen Tag Hunger. An diesem Tag speiste ihn Daisy mit ihrem Essen. Bei der Morgenvisite zeigte er es an. Seine Stimme lauerte auf den Verweis. Der Arzt tat ihm nicht den Gefallen, sondern bestrafte die Bosheit mit zwei Tage Hunger. Es wird durchgefhrt. Ein Blick in die Runde. Die Tr fiel zu. Daisy folgte, setzte sich fr ihn ein: Warum? Zwei Brillenglser funkelten sie an. Sie lehnte an den Tisch: Er wird sein Leben im Wasser liegen. Sein Ha gegen alles andere ist natrlich. Aber -- Strafe wird ihn nie bessern. Nein, sagte der Arzt das ist nicht meine Sache . . . aber die Autoritt wird gewahrt. In diesen zwei Tagen lie Daisy von Naga sich vertreten, tauschte mit ihr die Station. Sie wohnte in Nagas Zimmer. Ein Gartenbusch lehnte herein. Die Blumenterrasse dahinter schwoll herein, der Rasen roch. Morgens die Luft blau und gold, Vgel darin, die unsichtbar sangen. Im Garten Naga, in den Hften gebeugt. Eine Eidechse lief ber den Kies, grn, glatt, rollte sich ber einen heien Stein, hob die Augen, zngelte herauf, lief weiter. Naga bckte sich, huschte rasch, geschmeidig die Hand darauf, hob die Faust, aus der oben der toderschreckte Tierkopf, unten steif der Schwanz heraussah, federte den schlanken Krper herum . . . ein Gesicht fassungslos aufgegangen in der Freude. Bleib, sagte Daisy, ging hinauf auf ihre Station, besorgte das Ntige auf der Nagas, die hinter einem Busch sa, Wolken ansah, die aus dem Meer stiegen. Zwei Mnner kamen durch den Garten. Sie wiesen ihre Papiere. Sie kamen von einem spanischen Segler. Scharbockabteilung. In vier Wochen kommt Ihr wieder raus. Naga fhrte sie hinauf. Sie wurden ausgekleidet, gebadet, geruchert, frisch gekleidet. Naga berwachte es. In der Nacht wiegte ein Gemurmel, lange halb undeutlich, als striche Wind mit Bumen. Dann schwoll die Bewegung, die Wnde des Gebudes gaben sie weiter, echoten leis, knaxten. Stimmen schwebten hindurch, mischten sich. Pltzlich sang einer heiser und laut. Naga ging dem Gerusch nach, blitzte mit der Laterne auf leere Betten, kam durch Tr und Tren nher. Sie stand vor dem Operationssaal. Den Schlssel vergessen abzuziehen . . . sie erbleichte. Coo, rief der eine Spanier und warf seinen Mantel auf den Tisch. Links lagen Flaschen auf dem Boden. Eingeschmuggelt . . . zu wenig Achtung auf ihre Mntel . . . der Garten. Sie ging hinein, rasch, fest. Die Fenster waren geffnet, die Bettcher hingen als Flaggen hinaus. Patienten der Lepra mit Flaschen am Mund, taumelnd, in der Hand . . . die Spanier tanzend und krhend eine Orgie . . . Naga stand stumm eine Sekunde, verzog den Mund zum Weinen und ging starr auf den Spanier zu, ri an der Flasche, da ging der Schwarze in das Knie, zupfte mit kurzen Rucken an ihrem Rock, er fiel nieder, er prete den Kopf an ihre Knie. Entsetzt fhlte sie den Druck, schon nach der Tr . . . Geheul . . . versperrt der Ausgang. Sie sah die Leine, hing sich daran, schellte Alarm, ri die Schnur ab . . . die Patienten machten Jagd, sthnten ihr nach . . . um den Operationstisch. -- -- Da schnitt eine Stimme herein. Das Licht wurde dreifach, ein Reflektor glhte aus der offenen Tr. Weit geffnet schrie der Mund des hereinkommenden Arztes. Sie wurde ohnmchtig. Schwestern, Gehilfen drangen herein. Der Spanier ward gefesselt, ein Leprser in die Zwangsjacke gesteckt, er schumte. Still hinber; zwei kurze Befehle: Me caco de la puedra y jodida alma de la grandissima puda madre qu te caco . . . Ein steiler Arm hob sich kurz vor Daisy, die ihn unter dem Tisch entdeckte. Hinaus . . . Einen Augenblick stand ein Kreis noch erregt plaudernd um den Arzt, der sich in Sublimat wusch. Dann gingen Tren. Als alles still war, ffnete sich leis Daisys Tr. Naga kam, schmiegte sich auf dem Bett an sie: Ich kann nicht mehr . . . Es war dunkel: Wie lange hast du Kontrakt? Oktober. Geh sofort. Doch Augen kamen ihr im Kissen entgegen, die getrstet werden wollten, gehalten, die noch nicht gehen wollten: Aber du kannst es doch. Arbeitest du nicht wie Vier. Hast du nicht Kraft, alle Sehnsucht zu verdrngen. Hast du dazu nicht mehr gesehen, erlebt wie wir? Sie zog sie neben sich: Der Wille gengt nicht. Nichts wird vom Ende aus begonnen. Geh, lebe. Kommst du nicht wieder, fandest du Gegebeneres fr dein Schicksal. Kommst du wieder, ist nichts so entsetzlich, du trgest es nicht mit einem Lcheln. Nagas verweintes Gesicht suchte auf dem Kissen nach ihrem. Trnen an ihrem Mund. Schluchzen . . . was sollte dies Kind hier. Erst hindurch durch das andere . . . was das Leben zrtlich und schn macht. Geh. Naga ging schlafen. Die Nacht darauf hatte Daisy Wache bei dem Zigeuner. Er stellte sich fiebrig, damit sie nicht zum Schlafen komme. Es klirrte im Nebenraum. Daisy ging hinein, schlo die Tr hinter sich, reichte Pakete hinaus, ein Ku mit Trnen, die im Mund blieben. Mut, geflstert ein heies Wort zurck, kaum verstndlich vor Weinen. Das Fenster geschlossen . . . zurck zu dem Zigeuner . . . auch dies vorber. Naga wrde nun fehlen. Kein Lcheln mehr im Hause sein. Der Zigeuner fluchte. Sie lchelte, einzige Antwort. Bosheit verzerrte sein Gesicht, er klotzte wie ein Neger. Sie hatte ihn kurz verlassen . . . er beschimpfte sie. Sie hatte Unrecht, ihn eine Sekunde zu verlassen, sie nahm seinen Vorwurf hin: Du hast recht. Unbeugsam blieb ihr Mund durch seine Tcke. Er kam in Raserei, gab ihr jeden Fluch seiner Jugend. Schlaf, sagte sie mild. Er spie ihr in das Gesicht. Du Armer. Sie setzte sich in eine Ecke. Dunkel nun im Raum, halb licht vom Morgen. Ganz allein in der Nacht ihr Wachen . . . unendliche Stille ausgegossen in ihr. Die Fenstergardinen schwankten . . . Di Contis Atem ging mit dem Wind durch den Raum. Die Liebe ging auf in ihrem Gesicht. Sie sa bis tief in den Morgen. Die Sonne kam wei aus dem Meer. Das Wasser ward spiegelig grau mit einem dunklen Rand. Der Sommer auf der Hhe . . . das Wasser stank faulig. Die Hitze lag kreiselnd am Himmel. Sand, Meer, Gebirge: eine Ebene erstickendster Trockenheit, von der ein giftiger Hauch am Mittag gegen das Haus fiel. Aus heiem Bett, schlaflos, fiel sie morgens, die Nerven zitternd, in den Operationsraum . . . Puls halten, Apparate reichen . . . sie hielt an einer Zange ein Bein. Zwei Finger des Arztes bohrten im Fleisch, suchten einen Knochen. Da ri der Gummi des Handschuhs. ther, schrie der Arzt. Hier. Er ri den Stpsel ab, leerte es ber die Hand, sthnte auf. Jod . . ., schrie er, die Augen quollen. Schlafsenkel . . . Gans . . . ist das Jod? Schon verbanden ihn andere. ber dem Waschbecken knurrte er weiter. Vor dem Weggehen warf er ihr einen wtenden Blick zu. Unter den anderen stehend nickte sie mit dem Kopf. Was war das Unrecht? Htte sie nicht wissen mssen, da er irrte, klger sein wie er in der Stunde der Not . . . auch dies. War es ein Unrecht . . . sie nahm es mit in den Dienst. Es reichte nicht an ihre Ruhe. Zwanzigmal das Wasser leeren . . . Gestank. Das eitrige Wasser faulte unter der Hand. Geruch von Brake und Schlachthaus auf den Korridoren, Schwei in den Krankenrumen . . . ein satanischer Sommer. Die Fenster, weit ausgehngt, lauerten auf Zugluft. Aus den Poren der Mauer kam Hitze. Die Kranken badeten in ihrem Schwei, der sie anfra. Die offenen Schenkel wurden brandig. Die Gurgeln wurden trocken, krchzten. Einmal begann einer zu schreien, besinnungslos. Sie stand neben ihm, gab ihm Packungen. Sie kam zu dem Fiebernden: Nimm dir Wasser. Er hob den Hals, konnte sie nicht ansehen, die umschlossenen, nie mehr zu ffnenden Augen winselten Dankbarkeit. Sie spritzte mit einer Blumenfontne Wasser ohne Pause in die Luft. Dnner Regen kam aromatisch nieder, Trost einer Sekunde. Ein Atemzug Glck . . . vorbei. Durch das Zimmer fliegend, sah sie das glanzlose Auge des jungen Priesters. Erstaunt: Auch Sie . . . Er schttelte den Kopf, kein Kleinmut, er lchelte, solches fiel schwerer ab, was ihm menschliche Gewhnung gelernt, zu schtzen, dies: Der Geruch. Ihr linkes Augenlid senkte sich kurz. Sie brachte eine Flasche Eau de Cologne. Er entkorkte die Flasche, roch sie, Trnen schon in den Augen: dies war die Welt. Er drehte sich um. Am Ende bei ihrem Vorbeigehen senkte sich ein maulender struppiger Banditenkopf gebndigt. Ein Gewitter kommt, sagte sie, mit dem Leinentuch wehend zum anderen Ende, den Abend wird es frisch vom Meer. Im Nebenzimmer, wie Fledermuse ausgetrocknet, hockten die Matrosen, sangen nicht mehr, Hunde mit trockenen Schnauzen. Lchelnd: Geduld, Struppige . . . Wind. Sie bekamen Ausdruck in die Blickwinkel, schielten sich an, stieen die Ellenbogen sich in die Seiten, grinsten, schaukelten auf den Sthlen. Geduld, sie wehte zeigend mit dem Tuch nach dem Himmel. Alle sahen hin, alle in Spannung, sahen nach einer Wolke. Der ganze Saal sammelte sich nach dem Himmel, lag auf der Lauer. Sie stand im Zimmer: Mut. Der Glaube trat aus ihr heraus. Trat in zwanzig Halbverweste. Vierzig Augen sahen auf sie, traten in sie ein mit ihrer Hoffnung, klammerten sich an sie, schauten glubig, mit ihrem Mut gestrkt, nach der Erlsung. Rochen nicht mehr ihren Eiter, sprten nicht mehr Schwei, der ihr Geschwr bi. Keiner, der haderte, niemandes Schmerzruf . . . ganz verhaltene Stille. Der Glaube von zwanzig Unglcklichen ballte sich heftiger als von tausend anderen, der Glaube von zwanzig Unglcklichen stand in dem Zimmer, wuchs in den Rumen. In allen Zimmern stand er auf. Bald das Ende der Qual, bald Wind und Mut, weiter das andere zu tragen. Ein kleiner Windhauch nur . . . welch ein Trost. Die Zimmer verbanden sich mit einer Schicht Vertrauen, die frher nicht herrschte. Die einzelnen kamen sich nher, fhlten sich als Genossen, lachten sich zu. Die Deutschen sangen wieder. Freude stand ber den Betten. Dank. Sie rief zurck: Mut. Der Tag vorber, die Nacht rot vor Hitze, der Morgen graublau, entsetzliche Last. Durch die Zimmer gehen, immer ein Lcheln. Hinaussehen zum Horizont. Die, die nachts nicht geschlafen, die halb irrsinnig waren vor Schmerzen, alle, die beginnen wollten zu lstern . . . alle einigten sich an diesem Lcheln, unternahmen nichts, wurden still, sahen hinaus auf den Horizont. Sie beruhigte, entflammte still, flsternd von Ohr zu Ohr, wenn sie sich bckte: Geduld . . . es kommt. Der Glaube wuchs in den Zimmern, heftiger, tiefer . . . der Glaube der vierzig Augen stieg, die anderen glaubten, wuchs in die Rume, ballte sich den Tag . . . die ganze Nacht. Schaum am nchsten Morgen am Meer, am Mittag die lhmendste Stille. Gegen Abend wuchs ein Segel, scho in den Himmel wie ein Gaul, bumte, ri in einem Rad den Himmel als Strudel in sich . . . Blitze zuckten flatternd, irr . . . Khlung kam. Die Augen geschlossen . . . die Hingabe erhob sich zu ihr, aller Gefhl: Dank. Wofr . . .? Sie starrte hinaus. Ein Wagen traf ein. Ein Brief. * * * Das Verhngte lockte. Das Elend des Einzelnen, der ihr Blut berhrt, ri sie von dem, was sie hielt. Der Brief hatte nichts von Gewalt, viel Unterwerfung. Ihr Herz rhrte sich ihm zu. Sie unterbrach, reiste drei Tage, fuhr eine Mauer unter Oliven, hrte das Meer, traf in dem Park vor einem kleinen einstckigen Schlo Stefan, den sie tdlich getroffen glaubte, er wandte sich um, warf eine Bananenscheibe weg, kam ber den Rasen. Sie erstarrte, wandte halb um, voll Schmerz und Wut. Hrte seine Stimme. Er log nicht, sie kam nicht umsonst. Sie kannte sein Leben, das zwang, niederhielt, bebenden Boden mit den Beinen feststampfte, sieben Balken im Schweben hielt. Er hatte Minen um sich gelegt. Flog eine, sauste er mit. Er hatte genug, lie sie fliegen. Es reizte ihn nichts mehr. Er lebte allein seit langem. Er wollte sie sehen, ehe er verreckte. Ihr Herz war festgebohrt. Es gengte nicht. Sie drehte ganz. Seine Stimme holte sie ein. Das Raubliebende besa einen Klang, der sie bannte: Nimmst du mir den Rest Erlsung? Sie sah das Zerrissene seines Lebens darin, das nun der Erfllung nahe war. Schicksal, vom Tag, wo sie zuerst ihn sah, hineingeschrieben in jede Falte des Gesichts, erfuhr unerbittlich seine Bestimmung. Wie diese Fahrt seines Blutes nun landete in Reue, sich selbst verwarf, und das Starke sich hinschmi und bat, ergriff sie mit Rhrung, die alles hinberneigte zu ihm, zagend und nicht ohne Befremden, doch bezaubert: Gehen wir hinein. Sie stellte ihr Leben unter seines, trug im Unbewuten die Last, fhlte seinen Schmerz, seine Seligkeit, sah die Grenze, die bald alles schlo, kannte sie nicht, roch die Katastrophe, bumte sich vor ihr, legte in ihn hinein, was ihm das Letzte klar machte, beruhigend, sicher, Aufflug und Klarheit. Sie ritt sich die Schenkel wund, er sandte Reithosen und Salbe. Sie rieb sich die langen schlanken Beine. Durch Gras, durch Fliederhecken, ein Bogen. Ein verfallener Tempel, ein kupferner Mond darauf, Lusthaus der Frauen des passierten Jahrhunderts. Dahinter fielen Terrassen. Vor den tiefen Fenstern des Schlosses tauchten Tritone auf, warfen Wasserlanzen, bliesen aus Hrnern in den blauen Abend. Sie ging zurck, zog sich ins Zimmer, speiste, schlief, suchte ihn morgens. Er sa ber Papieren, schrieb. Sie wich zurck. Er sah den Schatten, fuhr herum: Du strst nicht. Nie. Das Geschriebene flog vom Tisch. Doch. Sie wollte gegen seinen Willen, ihm es leicht machen, wandte sich. Er, ihr sich hingebend, wute nichts anderes: Bleib. Sie blieb. Die Luft ward silberblau. Blten rochen herber in der Nacht. Im glsernen Bauch des Sommers stand noch der Frhling mit Kastanie und Flieder. Es rauschte Tag auf Tag ber die Hngematte. Morgens beim Frhstck frug Stefan: Reiten wir? Sie nickte. Kein Vorschlag, den sie nicht annahm. Nach einem Galopp schon sah er die dunklen Ringe unter ihrem Auge, verstand sie, ihre Woche, verlangte, da sie sofort absteige: Welch ein Irrsinn . . . Doch sie log. Wozu Sorge noch mehr ihm geben, diese Stunden vergllen. Lchelnd: Du irrst. Weiterreiten unter Schmerzen. Reden mit frischen Lippen. Seine Schlfe lief dick an vor Qual. Sie stand am Morgen frh auf, ffnete die Tr ihres Zimmers, ging hinaus auf den Rasen, die hohe Mauer entlang. Der Morgen, dunkelrot, verfhrte mit Pracht, sie ging um das Moorstck mit den dunklen Blumen, bog um den Pavillon. Sie stand unter den Palmen, kam zurck auf die Terrasse. An dem Rondell setzte ein Schmetterling sich auf ihre Achsel. Sie drehte sich herum, da trat Stefan hinter einer Figur vor. So frh? sagte er, der spt aufstand. Nicht sehr! sagte sie, verschwieg den Weg, den er ihr ansah. Zwischen den Oliven stand die Sonne hell, klar. Der Horizont gewlbt, kreisrund und sthlern, s die Luft darunter, schwrmerisch die Verzckung des Abends. Eine Lampe auf der Terrasse . . . der samtene Rasen blau in der Dmmerung. Eine Syrinx flog ber die Mauer. Sie stand auf, mde. Er begleitete sie bis an ihr Zimmer. Sie drehte sich halb um . . . er folgte nicht. Sie lag die Nacht wach, in gelber Gardine schwamm der Mond. Das Silber der Stutzuhr im Dunkeln . . . Bilder entblter Damen, degentragender Herren steif an den Wnden, undeutlich im Dunkel . . . ein Spiegel glomm tiefer und ungrndiger in seinen matten Glanz hinein auf dem Toilettetisch . . . kein Gerusch. Kein Vogel. Sie horchte auf Laute. Still und abenteuerlich der Park. Sie wartete. Den Morgen blieb sie lange liegen, wartete auf die Stunde seines Aufstehens. Als sie hinauskam, sah sie ihn ber die Terrasse herkommen. Sie errtete. So frh? Er sah auf seine verstaubten Schuhe. Nicht sehr! Ein weier Blitz setzte ber ihre Hngematte am Mittag, scho ber das Rondell, flitzte in den Mittelpavillon. Sie sprang ihm nach. Nach links war der Flgel geschlossen, nach rechts folgten Rume, groe Zimmer, vorber im Lauf bemalte Wnde, goldene Rebstcke, japanische Tapeten, Mosaike, silberne Leuchter . . . die Fenster gingen bis zu dem Rasen . . . da stand Stefan neben einer kleinen Fontne mitten im Zimmer. Auf seine Schultern hatte ein weier Windhund die Pfoten gelegt, seine Hand fuhr an dem geschmeidig zitternden Rcken herunter. Er sah ihr Gesicht in der Portiere, ging ungestm auf sie zu, unterdrckte eine Wallung: Nimm den Hund. Ich gab ihn weg, weil ich zu sehr ihn verzog. Heute kam er zurck --. Ach, sagte sie, nein, ich bitte dich, ihn zu behalten. Er liebte ihn, wie konnte sie ihn nehmen! Blieb fest Beim Abendspeisen sah sie, da er litt. Sie hatte ihn abgewiesen, um ihn zu freuen. Verzeih, sagte sie an der Schwelle ihrer Tr, berhrte schwach seinen Arm, sah ber die Schulter. Seine Hand zitternd am Pfosten. Die Tr schlo, er folgte nicht. Blumengeruch toll die Nacht. Schlaflos bei aufgerhrtem Herzen. Wohin trieben solche Konflikte, helfen wollen und verletzen . . . annehmen und gegen das Opferbereite verstoen . . . Leid auf jedem der Wege . . . Brausen der Springbrunnen in der Nacht . . . diese Erquickung. Sie sprang hinaus, lste am Bassin der Tritone die Matinee, tauchte in das Wasser. Eine Wasserrose trug eine Tauperle. Sie stie daran, das Kristall flutete vor Licht, zerbrach, der Himmel ward erschttert von diesem Fall. Die Bsche schlugen auseinander. Stefan im Pyjama, den Ginster auseinanderbiegend, oben ber den Figuren . . sie schlo die Augen zitternd . . . sie sah auf. Stefan war fort. Nichts in seinem Gesicht, das davon sprach den Mittag. Keine Gebrde anders in diesem Kopf. An seiner Ruhe sprte sie die Gespanntheit vor dem Schlag. Sorgen, Trauer, die sein Hirn verwsteten, die Erwartung der ttlichen Minute, vielleicht schon aus dem Wipfel eines Baums gezckt. Blieb er unrhrbar, lief sie heftiger in ihn ein, erschtterte sie seine Haltung unbedingter zu ihm hin. Einmal scho sein Blick unverhllt von der Seite, sie sah ihn im Spiegel. Sofort bndigte er ihn wie ein Tier. Sie sprte, wieviel ihm fehle, was er unterdrcke und wie es ihn fast sprengte, da er sich berwand, sie nicht nahm. Ihr Mitleid erreichte die Tiefe, der blitzhafte Aufri seines Herzens, das demtig solche Kraft berwand, wies sie zu vertiefterer Aufgabe. Sie mute den Himmel ihm schner berrunden, sich unendlicher mit dem Blut unter ihn betten, ganz sich verschenken an das, was sie verschmhte. In der Nacht, als sie schlief, ffnete ein Gewitterwind die nach innen geschliffenen Rundfenster, strzte sich auf sie, schreiend fuhr sie auf, ergriff den Leuchter, rannte los, sah Stefan an einer Portiere, lief in seinen Arm, entsetzt von Schlaf und Schrecken. Sein Arm kam. Entfesseltes schlang um ihre Taille, noch tastend, zag. Dem Zgernden unterzog sie sich, gab sich hinein. Ein seltsamer Ruf, es schwoll heraus, ihr Hemd schwand, ein Mund nahm ihren. Hnde ber ihrem Bauch, die langen Beine fuhr es hinunter. Die Kissen schwollen ber ihr. Lippen zogen ber ihren Leib, kten die Sonne, die um den Nebel lag, alle Strahlen, die rot wurden. An jede Hautpore wuchs die Hand, unverlierbar nahm sie, lie wieder, erfate Neues. Tiefster Schmerz durchjubelte die Hingabe. Daisy. Hell, hingegeben dem Schmerzlichen in der heiseren Frage, ohne Zgern: Ja. Die Hand ber den Hften griff zu, Nebel ri ber den Augen. Haare lagen zerstrt und locker um den Krper, dessen feuchte glnzende Bronze das Kerzenflackern berschwemmte. Sie lag, als er schlief. Sie lchelte ber das Geschenk, das sie ihm gab. Es war das Letzte, was sie konnte. Vom verflossenen Gewitter duftet der Garten herein, durchbricht den Raum. Es war ihr, sie erreiche die verschlossenste Grenze seines Wesens, habe ihn erfllt. Am Morgen ffnete er ihr den versperrten linken Flgel. Ich sparte es auf bis heute. Sie trat ein. * * * Das Wappen hielt sie fest, lang. Sie zndete die Kerze an. Schlug das Buch auf, zerfuhr es mit den Fingern, blickte um mit einem rtselvollen Gesicht. Einen Augenblick trat der Raum hinein. Sie sah nicht die Rebstcke aus Gold. Fontnenwasser kam in die verzehrende perlmutterne Schale. Es kamen gerade Herren, golddunkle Bilder, Damen auf der altjapanischen Tapete und Jger mit demantener Agraffe. Es kam ein Degen. Zersplittert, in den Trmmern gerahmt ein Spiegel mit dem Pistolenschu in der Mitte. Es kam auf dem Tabourett in Wachs mit blauen Adern ein Kopf, eine rechte Hand. Es trat wieder aus ihr hinaus. Sie sah nur das Wappen. Es hielt. Es war das eigene, kam herauf aus den gestrichenen Jahrzehnten, wurzelte unten im Scho der Generation. Ihr Blut griff zu, vermhlte sich. Sa ber holzgeschnittenen Signets. Es kamen ungeschickte, gestammelte Worte. Geschnrkelte Zeichnungen machten den bergang unsicher. Hochmtige Stze kamen, Buchstaben groer Form. Der Wahlspruch schien auf: Wenn ihr mit Mnnern spielt, so wit mit wem . . . Und ist es mit Frauen, um was ihr spielt. -- Aus dem Buch stieg der Saft des Gelebten. Der Raum erhielt Gewalt. Aus den Blttern der Miniaturen quoll der angesammelte Atem der Generationen. Die Farbe der Gewnder bekam Gewalt und blhte. Die Miniaturen platzten unter den Muskeln, die sich reckten. Der Stolz der Frauen sprengte die Taillen und die Sanftmut der Elfenbeinfarben. Die Wangen rteten sich unter dem Puder und glhten, Lider hoben sich schwarz und flammten sie an. Degen und brokatene Mntel zuckten. Ein khnes Auge traf sie wild. Ein Turban erschien mit den Augen der Gazelle darunter in der Galerie der Frauen. Von da ab waren die Kpfe hnlich wie der ihre, wie ihres Vaters. Sie sah den Ahnen, der dies Haus sich baute. Sein Krper war grer und gewandter wie der der anderen. Sein Gesicht glatt und gefurcht von zwei groen leidenschaftlichen Linien. Unter dem Feuer seines Auges fingen die Spiegel des Raumes zu leuchten an, in ihrem verschleierten Glanz begannen weiche Hften der Frauen zu wiegen, braune Torsos schlangen sich dagegen. Atem wilden Genusses rauschte mit Lachen in der Seide. Dies Gesicht fhrte ihr Geschlecht auf den hchsten Punkt ihres Blutes. Sie sah seine Schrift, seine Briefe. Frauenleiber wandten sich ihm zu und strubten sich auf vor ihm. Ehrgeizige Spiele, sehr erleuchtete glserne Sle . . . ein groer Ritt, der ihn mit Ruhm behngte, glitt durch die Luft. An einem heien Abend begann er, dies Schlo zu bauen fr den Sommer und die Zrtlichkeit der Frauen. Er stand davor, als er ankam. Die tiefen Fenster whlten in der wollstigen Nacht. Terrassen bogen sich khl hinunter zwischen dem Taxus und den Hermen. Der Park stand wild voll Duft der Rosen und Jasminen. Fontnen bohrten sprhende Lanzen in die blaue Blumendmmerung. Ein Zimmer war erleuchtet mit vielen Kerzen. Er trat hinein. Am Morgen schrieb er mit vier Sekretren, noch feucht von der Haut der Geliebten. Dann ging die Sonne auf, er erhob sich und weckte sie aus Trumen von ihm. Da jagte er die Tiere. Die Sommer wechselten und fielen hei herunter einer in die Spur des anderen. Da liebte er Dirnen. Er scho die Saue. Das Pferd rannte unter dem Spiel seiner Schenkel. Kerzen blitzten um nchtliche Spiele. Lange Profile hingen wie Glas gegen den Schatten. Die Edelleute naher Hfe schwitzten um seinen Kartenschlag. Da fuhr er in Wagen. Da schlug er Hunde und kte die Ngel ungeliebter Frauen. Ein einsamer Sommer umgab ihn ganz allein. Er wanderte, die Arme ber die Brust gekreuzt, die Wege herauf, die Wege herunter. Seine Augenbrauen schoben sich im Dreieck zueinander. In einem zitronen trockenen Juli sah er auf der Landstrae ein braunes Kind, das in den Himmel lachte und nicht sprach. Er nahm es mit sich. Aus heien Ritten warf er den Krper in das Bassin, das kristallen um ihn schumte. Dumpfe Nchte durchschlief er mit schweiigem Haar. Mit groen Orden, den Degen zum Knie gesenkt, empfing er eine Frstin, den Fu am Schlag. Sie warf ihm Blicke zu durch das Glas ihrer Equipage, die er geschmeichelt nahm. Er diktierte Briefe, Befehle, Politik. Er arbeitete eine Intrige aus, die in London sich kraus gestaltete. -- Dann schlief er allein durch einen ganzen Sommer sich durch, locker in der Kleidung, zufrieden und still das Gesicht . . nichts weiter tuend, als den Himmel ansehen durch den Regenbogen der Tritone . . . Das Buch blieb geschlossen, die Lider stellten sich nach innen. Der Raum trat aus ihr heraus, wie die Fenster sich ffneten alle in den Parkmorgen. Stefan rief herein, sie ging neben ihm. Bltter, Bsche, Esel tanzten vorbei. Sie gingen. Das Ende kannte sie, seine Arbeit, seinen Tod. Es hatte ihre Jugend durchdrungen, ihrem Dasein Luft gegeben, Liebe. Daher kam sie. Das Vorspiel war neu, unwichtig, aber bestimmend. Er ging vor ihr her, die gleiche Kurve unten am Rand des Geschlechts, der gleiche Schnittpunkt fhrte sie wie ihn. Aus dem Knax kam sein Werk. Sein Rausch wurde Sinn, als die Gegenstrmung in seine Sehnsucht sauste. Die Summen zog er aus dem Entsagen. Sie reckte sich, sprte sich mit ihm durchblutet. Er ging vor ihr, war der Vordere, lie ihr ein Vermchtnis. Sie lchelte, sicher genug in sich, aber die Rechtfertigung ihres Daseins aus dieser mystischen Quelle bog sie auf vor Befriedigung. Sie gingen. Luft strmte frischer, die Beeren leuchteten. Sie gingen rascher. Er hatte gelitten, geschafft, die Lippen zerbissen, ausgeschlagen, sie empfand jede seiner Minuten. Das Vermchtnis wuchs. Von Vaudreuils Herzschlag vorwrtsgeschnellt fhlte sie sich getrieben. Fortsetzung seines Handelns kam an sie nach der Pause des Geschlechts, nach der Ruhe. Sie fhrte zurck in die Gemeinschaft, was er restlos erwarb. Er eroberte. Sie half. Das Angehufte veredelte nun. Er schuf Platz fr Menschen, siedelte, schaffte Arbeit. Sie aber befreite, die Sklaven geworden in diesem Beruf. In ihrem Blut sa die Vertrautheit seines Schicksals so, als habe er sie gezeugt, erzogen, seine Adern hinbergefhrt in ihre. Und jeder Tropfen Blut trieb, forderte, verhie Vollendung, Wirkung, aufbumenden Zwang zur Tat. Die neue Kraft, die besttigte, bestrzte sie, machte sie gierig nach Ttigkeit, wenn diese Mission vollendet, die sie noch umfing. Sie neigte sich zur Seite, nahm Stefans Hand. Es wrde vorbergehen. Sie gingen. Das Gefhl durchdrang den Tag, machte Weichheit hingegebener an das Umgebende, das Umgebende tiefer verliebt in sie. Die Riesennelken der Beete brachen auf unter ihrer Berhrung, die Zinnfiguren trugen ihr Lcheln, die Mauern wichen tief vor ihrem Blick in den Himmel. Das Tor fiel auf. Unter den Lerchen flog betubend der Horizont auf. Bienen schossen in dunklen Bogen, die Wiese, die sie berhrte, flammt gelb und zart. Sie gingen, nahmen auf, gaben aus. Liebkosten Rehe, scheuten die Saue auf, lachten sie zurck. Nahmen Pferde an der Ferme, trabten durch die Feigen, um den dreizackigen Wolkenberg, speisten Zwiebel, Butter, Brot, sanken im tiefen Schatten in Schlaf. In die violette Dmmerung ergo sich ihre Ruhe. Kein Wort. Er hielt ihren Halfter, sie gaben die Gule ab. Ein Fasan lief ber den Weg, Pfaue gingen in einer Kette. Die Bume der Allee fielen in rosane Glut. Stefan nahm eine Gttin, hob sie auf die Erde ins Gebsch, stellte Daisy auf den Sockel. Sie senkte die Beine in einer von Anmut so erfllten Bewegung, da ihr Knie seine Stirn traf, dann seinen Mund. Sie sprte ihn, war pltzlich allein. Suchte, rief seinen Namen. Kam an den Pavillon, verwirrte sich in den Gladiolen, lief in der Gartenstrecke, kam an die Lichtung. Die Terrassen hingen beleuchtet. Ein Fest. Die Fenster hell, Springbrunnen fluteten durch die Nacht. Atemlose Stille. Ihr Name kam breit und voll Sehnsucht geworfen. Sie ging hinein in den Namen, besinnungslos. Sie verlie ihn, ging hinaus, sah den roten Mond durch die Pappel schwimmen. Das Wasser. Das Bassin berschumte wei, blulich ihre Haut. Tritone sangen ber ihr. Den breiten Gu eines Lwen fing sie mit der Brust. Die Blumen schwelgten in der heien Luft. Das silberne Fllhorn schumte unter der Sichel. Es berkam sie Sehnsucht, mehr ihm sich noch zu geben, Furcht, etwas zu versumen, Schreck, da das Schicksal niedersause. Sie berlie sich dem Wasser. Langsam kam die Ruhe, die einbezog sie in das Geschehen der Nacht. Im Stillerwerden der Luft ward es klarer in ihr, bis sie den Ausgleich erreichte, wo nichts sie rhrte, alles sie verband. Sie ging hinein, suchte, traf ihn in seinem Schlafzimmer, die Stirn am Fenster, er hatte ihr zugesehen. Sie lchelte. Ihr Blick sah hinter ihm im Kreis der Lampe eine Schale. Sie erbleichte. Zog zwei Kugeln heraus, nickte zu einer, hielt die andere sprachlos ihm auf der offenen Hand entgegen. Ihr Augen sumten sich, wurden klein. Sie frug mit dem Blick. Ihre Lippen trugen den Namen. Heiser sagte er: Le Beau. * * * Befreite er ihn, klappte das Messer, ri die Schlinge, flog die Mine, die ihn erledigte. Er hatte noch kurze Zeit, bis das Schicksal fiel, lebte, die Uhr in der Hand. Solange bedurfte er die Sicherheit gegen jede Mglichkeit. Er hatte Jahre sie gesucht. Paris, Marseille, Kalkutta, Pegu . . . hatte sein Leben umgestlpt, auf sie gerichtet, wurde gut an ihr. Was wog die Ausnahme gegen das Ganze? Nichts. Das Gewaltige seiner nderung umfing sie, als sie verglich, trieb sie zu ihm, unter ihn: Ich bin bei dir. Nachts stand der andere auf, forderte. Sie tat Unrecht, um Liebe zu erweisen. Sie hrte die fadendnne Stutzuhr, sah die Sonne prallen gegen die Rideaux. Wischte die Nacht weg. Aus den mhnigen, windgestrhlten Sonnenblumen trat Stefan. Sie sah ber ihm die Katastrophe. Was galt berlegung vorm Tod. Es flog aus ihr, bedingungslos, hinweg. Sie grbelte den Abend, die Ausnahme drckte sie. Sie ma ihr keinen Sinn zu. In der Nacht wurde sie riesig: Es kam nicht an auf die Gre, nur auf den Sinn. Da sprang durch die Portiere der Windhund, den er ihr geschenkt, weil er ihn liebte, den sie zurckwies aus Rhrung. Der schmale lange Kopf strich an ihrer Wange. Sie hielt, was Gte an Stefan sie fesselte. Kein Gedanke qulte mehr. Im Halbschlaf gegen Morgen fuhr sie auf. Ein Mensch litt um sie. Sie ertrug es nicht. Schleifte den Hund aus dem Nebenzimmer herein. Der Hund gengte nicht mehr. Sie schwankte, ging herum, besah ihr Ohr im Spiegel, pflckte Glyzinen am Fenster, bckte sich, wechselte die Farbe. Stieg die Leiter zum Bad hinauf, drehte ab, kam herunter, atmete, sah in den Park. Legte sich nieder. Erhob sich, packte einige Dinge in einen kleinen Koffer. Ging an die Portiere seines Zimmers, sah ihn schlafen, schwer, fest, Mcken um seinen Kopf. Sein Schicksal, das er kindlich nahm, whlte sie so auf, da sie erbleichte. Als er erwachte, konnte sie nicht vermeiden, vorzutreten. Als er den Arm reckte, war seine Not eine Sekunde so gro, da sie ihn nicht verlie, hineinging wieder in sein Schicksal. Als sie erwachte in seinem Arm, hob sie den Kopf, lauschte, bog die Brust aus seinem Muskel, glitt herunter, sah zurck. Sah nichts mehr als das Unrecht, sah nur den Gefangenen, der litt. Nahm das Gepackte. Hrte einen Wagen in der Nacht rollen. Holte ihn ein. Kam in das Dorf, in die Stadt. Schrieb ein Telegramm, das Le Beau befreite. Hob die Brust, nun atmete sie sicher, sah zurck aus dem Wagen. Konnte nicht anders. Das flog nun in die Luft. Vorbei. Es mute sein -- und getragen werden. Von beiden. * * * Der Wagen kam an eine Barriere, einen Bach, einen Flu. Der Motor stockte. Am Mittag sa sie in der Nische ber einem kleinen See. Die weien Hotelwnde prallten von Sonne . . . Sie denkt: Nun ist Le Beau frei. Er fragt: durch wen? Sieht die Depesche. Wei: durch sie. Macht sich auf. Noch einmal fliegt seine Stunde. Das Auge blitzt vor Geist. Er fragt sich durch, beschftigt Menschen. Er kommt an das Hotel, fordert. Sie will auch ihm dienen, seiner Enttuschung sich unterbreiten, dem Geschlagenen nah sein . . . Ein Raum schiebt sich zwischen sie und den See. Sie schaut durch die geschlossenen Lider. Sie kommt gegangen ber die Terrasse, geht durch das Zimmer des Ahnen, ffnet das Schiebfach, hebt die Kerze hinein. Sieht seinen Kopf, beginnt zu weinen. Eine Stimme aus dem Dunkel: Ist es Sommer? Sie ist tapfer, sagt hell: Ja, Claudius. Sie fhrt mit der Hand ber sein rtliches Haar: Ch . . . mon ami . . . ch . . . doudoux. Er lchelte: Mit Gewalt macht es der andere nie. Sie sagt: Ich befreie dich. Sie kommt mit einem Dolch, versucht das Fenster aufzubrechen. Unmglich. Sie nimmt den Spaten, grbt ein Loch von auen. Da steht Stefan im Fliederrondell, die Brust leuchtet phosphorisch, die Augen geschlossen. Sie strzt in sein Zimmer, er liegt, schlft. Sie beit die Zhne, zurck, stt das Messer ins Schlo, das wie ein Kuhmagen gefchert ist, die Spitze bricht ab. Er ist bleich, lchelte aus dem verwsteten Gesicht. Sie schreit laut: Ich befreie dich. Er lchelt mehr: Das sollst du nicht. Fast in der Ohnmacht fragt sie: Was . . . was kann ich tun? Sie ist auer sich. Sein Auge schliet sich: Denk an mich. Ja. Es gelang. Pappeln gigantisch reckten sich vor bleiernem Himmel, Duft der Syringen lstern auf die Terrassen gestreckt, sie kam aus Gebsch. Traurig? Nein, da du mich liebst. Sie beginnt mit den Drhten, arbeitet eine Stunde, es ist der letzte Plan, in der Pause erschpft: Da du so leidest. Er hebt die an ihren Hnden verkrampften Augen: Leide ich, wenn du mich liebst? Sie beginnt wieder, steif vor Verzweiflung. Sie schafft eine halbe Stunde, Uhren schlagen, der Haken fat, es gelingt die Flucht. Ein Gewitter bricht ber den Wagen, weie geballte Kugel saust berm Himmel. Nun sind sie vereinigt. Sie haben ein Haus. Fischerboote laufen unter ihrem Fenster, Motore berspielen delphinisch die Bucht, der Fjord wird grer, schlgt sich auf. Sie sehen sich an. Wochen, Monate. Sie gibt sich jedem Druck seiner Seele, scheucht das Gewesene, Trauer fllt ab, Stille umgibt sie. Atmet er ruhig, beglckt sie es, streift seine Hand sie, fhlt sie sein Glck. Eine Nacht wartet sie auf ihn. Er kommt nicht, sie wartet die Minuten, Stunden, zhlt die tickende Uhr. Am Morgen erscheint er Sie ruft: Deine Frau? Er winkt ab. Sie ist erledigt, kein Gedanke streift sie. Aber der Schatten grbt sich in ihre Seele. Sie bergeht ihn. Im Unterdrckten wchst er. Sie bekmpft ihn. Sie hat diesen befreit, will ihm Jahre ersetzen, Glck, das er Jahre erstrebt, bereiten. Aber ihr Herz leidet mit der Verstoenen, sieht den Ring im Traum an Claudius Hand vor der Demonstration, schreit im Schlaf. Sie kann nicht leben auf Kosten der Frau. Aber sein Gesicht ist hei, beschwrt sie, fordert Liebe. Sie lchelt, gibt ihm aufmerksamer. Doch er will mehr. Er will das Strmende, nicht das Bewute. Nicht das gut Gegebene, will den freiwilligen Akt. Sie sieht auf ihre leeren Hnde. Sie hat es nicht, verstellt sich, macht, als seien sie gefllt. Allein er sieht ihre leeren Hnde, schreit verzweifelt. Sie hrt den Ton, er reit den Raum weg. Sie hebt die Lider . . . . -- -- Ein Traum erlie ihr, was sie mit Stefan an Partie gespielt, verloren, dasselbe mit Le Beau. Die feinen samtenen Lider senkten sich ber den eisgrauen Blick. Der schmale ovale Kopf hob sich scharf. Schrieb ein Billet, fr den Fall, da er kme, sie suche, das ihn zurcktrieb und ihn anfeuerte zugleich. Du bist elend. Bin ich glcklich? Suche nach Befriedigung wie ich. Um dich wie um mich stehen Ungezhlte. Der Gedanke, da wir da sind, hilft uns beiden. Mehr kann der Einzelne nicht tun. Sie packte, fuhr. Ihre Mission, ihr Abschweifung, war zu Ende. Sie kehrte zurck, der groe Schwung ri sie zu sich. Die beiden, die ihr Blut unvergelich zuerst erregt, fielen aus, schieden, sie hatte geirrt, ins Einzelne sich verwirrt, versagt. Erkannte die magische Grenze der Kraft, die sie zurckzog. Wollte sich nicht verlieren, konnte nicht, apokalyptischer Hure gleich, dem, jenem, diesem, Scho des Mitleids sein, sich verzetteln, sndigen gegen das Ziel. Sie reckte sich, befreit, jeder Verantwortung ledig gegen ihr Leben. Die beiden, die ihr Dasein immer gekreuzt, bis in die Tiefe der Demut durchgelebt ihr Schicksal, strzten zurck. Was blieb: das Werk. Sie fuhr, stieg steiler. Saugte sich voll des Horizonts, der perlgrau vor sie sich schmiedete. War voll Gewinnst bis zum Rand. Trieb ber die Nchsten ihres Bluts, die berwunden, dem Ganzen zu. Wie frei die Bahn vor ihr. Wie geschleudert die Strae gegen den Himmel hinaufgestreckt. Fuhr auf den Scheitel der Chaussee hinauf, fast schwingend. Gestrafft in jeder Muskel der Seele. Sicherer wie jede Sekunde, die sie gelebt. Angezogen auf der Sehne des eigenen Blutes ein Pfeil, der sich zum Losschwung spannte. Fuhr ber den Scheitel der Strae. In der Senkung blieben die beiden: Wegweiser -- -- -- hin zu den Menschen. Da standen Tausende. * * * Sie lie Minsk, kam mit Empfehlungen nach Kiew, sah Contis Liste nach, traf die Zentrale, ward nicht abgewiesen, mitrauisch behandelt, trat in ein offizielles Bro, sah die Taktiken, kam durch politische Korridors hher, sprte den Gegenschlag, entrtselte ihn nicht ganz, fiel vor der letzten Erkenntnis, zog eine Meute Mnner, ber die sie gesprungen, hinter sich her, verschwand. Bedurfte nichts weiter, hatte den Kernpunkt nicht, sprte aber die Maschinerie, das System. Es gengte. Gab es nach Minsk, blieb acht Tage im Sdviertel, schaltete die Organisation nach der offiziellen, verzichtete auf Begleiter. Legte das erste Hebelwerk, pumpte es entgegen, in der gespanntesten Atmosphre der Lnder, der verfolgenden, war im Vorsprung, da die Technik die gleiche, Kenntnis der anderen nur bei ihnen. Glitt die Fden weiter, wechselte Psse. Sah in den Listen nach, machte Abschriften aus Angst, sie zu verlieren, legte die mit Contis Handschrift in den Safe einer Mittelstadt. Folgte der Linie, Tyska legatione, Stockholm, in Upsala eine Verschwrung gegen Lund, tastete tiefer, traf den letzten Zirkel der Jungsozialisten, ma die Spannung zu Wallenberg drben, Undn, Branting auf der Gegenseite. Tauchte in Genua auf, studierte Quarantnen, Auswandererbaracken, Krankenhuser. Erhielt Verstrkung, Staffetten, Abwechslung der Reviere. Spannte ein Seil nach Minsk. Vervollstndigte die Listen, fllte Skizzen aus. Kaufte ein kleines Haus Rue du Purgatoire, Genf, aus Holz, vier Zimmer. Setzte Gordon hinein, beobachtete durch die Zentrale jede Kaserne, jeden Offizier, Stimmung der Eingekleideten, fhrte darber Buch, bohrte, trieb, jagte den Geist, Auflehnung, Umstlpung, Bessern in jede Lcke. Rue St. Jacques hinter der Sorbonne kontrollierte sich die Presse, Gerichte, suchte Menschen auf, setzte sie in Stand, sondierte, suchte, setzte sie ein, entflammte. Fhlte mit neuen Krften die uersten Spitzen radikaler Krfte ab. Schob Raffaeli vor. Trieb weiter, wo Geistiges verkalkte, Soziales verfettete, Unehrliches scharfes Ziel verflschte. Zog die Linie von hben und drben. Sah die Listen nach. Schuf eine Mauer, machte, wurde klar. Scho Druckschriften durch die Netze, Lcher der zementenen Mauer, hrte die Explosion. Sah Bordelle Budapests, Kaschemmen Altonas, Vorhuser Bergens. Tabellen, Plne verquickten sich, es rollte sich mehr rundend ein Ganzes gegen die Hebel. Kam der Schlag, der schleuderte, fuhr es auf, glitt in die neue Form. Sauste die Schaukel herunter, flog die andere auf, schmolz die letzte Etappe des Unglcks, verengte sich die Distanz unter Menschen, erstickte Ungerechtigkeit, irgendwo war Paradies, weiter. Sah vieles, verstand an den Wurzeln Gutes, Gemeines -- alles fuhr in das Bild, das Conti in der Pupille trug von der Welt, das sein Hirn dachte: Umschwung der Erde. Traf im Coup eine Frau, die zu kreien begann, gab ihr ein Papier. Ein Mann sprach sie an, schlicht, sachlich, vornehm, strich ber das schwarze Haar, erbat Mittel fr eine Mission. Sie lchelte, das linke Auge schlo sich. Der Mann erbleichte, begriff ein berlegenes, ohne da er verstand. Sie setzte nur auf den groen Schlag, hielt dicht die Depots zusammen, verbesserte nicht. Wollte ndern. Traf nicht die Haut, wollte das Herz. Gab nicht verschlampter heuchlerischer Wohlttigkeit verlogener Gesellschaft einen Sou, tat nichts in verlorenes versptetes Spiel. Sah in die Listen. Sprte durch die Zeilen das zischende vulkanische Gerusch aufsteigender Krfte. Sie sagten ihr: Wohlfahrt der Massen. Sagten: Erleichterung der Brden. Sie horchte: Bildung des Volkes. Verzog den Mund, hhnisch. Zchtete junges Fleisch, legte nichts mit lcherlicher Gebrde ins Faule. Ein Mann kam, eine Mtze mit Metallschild funkelte in den Hnden. Sie unterzeichnete ein Papier: Administration des Prisons. Empfing ein Paket, als ihr Eigentum bezeichnet. ffnete. Es waren die Haare, die Stefan bei der Flucht in die Berge ihr abschnitt, da sie einem Jngling glich. Er trug sie in seinen Kleidern. Sie kamen zurck. Sie lchelte, nur die Augenecken bebten. Fhrte die Fden in ein Netz, legte es in Raffaelis Hand. Zog neue Linien. Vom Grabe Di Contis drang ungeheure Kraft. Gab Wind in sie, Sturm, nie Pause. Ging in ihre Sprache, ihre Ordnung, ihren Befehl, ihr Unterwerfen. Sein Geist schnellte von ihrer Zunge, trieb hoch, erwhlte, forderte Unbedingtes -- ging in ihrem Bein, entzndete durch ihr Herz. Bauern starrten bld auf die Agierende, lachten sich an breitmulig, gespalten, gingen heim, vergaen es nie. Traf mit ihrem Blick ins Schwankende, vollfhrte die Entscheidung. Stie, wie als Kind die Schlange, Falsches zurck, ri Geeignetes an sich, mit sich hoch. Mnner nahmen den Blick von ihrer Hfte. Jnglinge gaben sich ihr mit einem Ruck vorbehaltlos: nimm. Sah die Listen, lie die Zentren, teilte Kreise, Quadrate, suchte Provinz, begann Kleines, spritzte Agenten aus aufs Land, schuf Agitatoren, die es nicht wuten, lie erkennen, hatte Vertrauensleute, die es nicht ahnten. Warf Summen in die Siedepole, weiglhende Spannung, Ruland, Indien. Blieb im Hintergrund, schaffte, verbarg sich, war kleine Agentin, wute nicht, wann ereignet es sich, wann gewinnt mein Ziel. Sah in die Listen. Es gengte. Fhrte sie. Sie tat das Vermchtnis. Es war genug. Trat in eine Frderation, die kleine Huren erquickte, ihren Bauch ausruhte. Raffaeli schob den Mund schief im Bart: Sie sind eine Frau. Sie schttelte die Haare, lachend, machte die Ausnahme, stellte sich gegen die Polizei der Gesinnung, sah das Bldsinnige wohl ihrer Handlung, in diesem Falle Aussichtslose der Besserung. Tat es dennoch, hatte zu viel hier gesehen, zu sehr selbst erlebt, konnte nicht warten, bis das Leben sich umdrehte, empfand Linderung im Gedanken, es werde gelindert. Belog sich, wute es, sah Raffaeli an, er senkte das Auge. Sie zwang Vertrauen auch im Traum. Blieb sonst eisig. Blieb verborgen, Reisende, spanische Tnzerin, Studentin, Dame. Sah die Listen, folgte der Kurve, sie ging nach aufwrts. Noch nicht die Hhe. Erweiterte das Einzelne, vervollkommnete, verlngerte. Strich durch, verwarf, erneuerte, erhhte. Grndete ein Restaurant Rue Monsieur Le Prince, wo gegen Ausweis Abgemhte ihres Geistes Essen erhielten. Gab Raffaeli das Schlo, bog den Rausch des alten Vaudreuil ein in den Sinn ihrer Existenz. Warf die Schatten der Frauen hinaus. Geschlagene ihres Schlachtfeldes gingen auf den Terrassen. Sie selbst sah es nie mehr. Studierte die Krankenhuser groer, kleiner Stdte, machte eine Tabelle, zog eine Gleichung, ward nachdenklich. Machte Verzeichnisse, wog ab. Gab unter der Boulmichlaterne einem schmalen Dichter aus Renes Genfer Kabarett zwanzig Francs, traf ihn die Nacht mit Mimis im Absyntherausch, traf ihn wieder Rue Guijas, schlug ihm Geld ab, gab Anweisung auf Brot: Schwrmen Sie, ich bin nicht Pedant. Aber essen Sie, damit Sie tauchen. Raffaeli schluckte, errtete, schlo die Augen zum Schlitz: Verzeihen Sie wegen der Frderation. Sie schlug einen Kreis um das Grab Di Contis, befreite. Sprach mit einem Sergeanten, lie ein Haus reinigen, gab es einem Balten, machte damit eine Kulisse, brachte die Huser an sich, besiedelte sie mit seinen Leuten, armen Menschen. Empfing, lie gehen, erhielt, gab aus. Reiste, erschien wieder, blitzte auf, verscholl, kam mit neuem Plan, dichtete das Netz. Hatte einen Reiz auf Menschen, der unwiderstehlich entzndete, gierig machte, umschlug, die Augen vernderte, das Leben. Ttig machte mit ihr, fortzog, dienend, hochmtig vor Verantwortung. Reiste nrdlich. Zog am Todestag Contis die Liste heraus. Verglich, zeichnete, ging ans Fenster, sah die Maste und Schorne steif nebeneinander, ein Wald gereckt. Schlo die Liste. Legte den Kopf zurck: Fast erreicht, fast erfllt. Gab sich der Ruhe hin, Tage, Wochen. Lebte, gab sich preis dem Hafen, dem ungeheuer Kommenden, Gehenden. Fhlte den Herzschlag des Bodens, Wiegen des Horizonts. Mit den Schiffen ging sie hinaus, kehrte sie voll zurck. Traf ein kleines braunes Kind, das die Antennen eines Dampfers visierte, wo die silbernen Sonnen der drahtlosen Netze blitzten. Nahm es mit, badete es, legte es zu sich, hrte die Nacht wieder Herzschlag an ihrem. Wachte, ward nachdenklich, suchte die Gleichung, die Tabellen. Fuhr hinauf ber Christiania, fahles Licht prallte ihr entgegen. Die Schiebetr des Lazaretts tat sich auf. Sie sprach den Arzt, die Brillenglser standen scharf auf ihr, er prfte, legte beiseite. Sie blieb ein paar Tage. Ihr Zimmer stand leer. Andere Plne umgaben sie, andere Pflichten. Sie blieb dennoch. Sie war nicht drauen ntig, hatte erfllt, was ihre weibliche Kraft konnte: angeschmiegt an die Aufgabe, diese vorwrts getrieben unhemmbar. Sie kleidete sich um, schritt hinunter zum Saal: Ist Naga hier? Nein. Am Morgen trat sie in das Zimmer des Zigeuners. Er starrte schweigend: Durst. Sie brachte Wasser. Er schiffte in die Wanne. Sie schpfte sie aus. Grinsend lie er seinen Darm hinein. Sie legte die Glocke ins Wasser, sog den Schlauch an, lie altes Wasser heraus, neues hinein. Er lallte einen Fluch. Die Zunge gehorchte ihm nicht mehr. Er sprach undeutlich. Sie ging in Nagas Saal. Da sie fehlte. Gut . . . wie schn, das Leben heiter und reizvoll zu nehmen. Der Fiebernde zog an den Lidern. Sie gingen nicht mehr auf. Dunkelheit immer um ihn. Keine Mutter am Bett. Deine Mutter? Tot. Ihre Hand auf seiner Stirn . . . er erkannte sie. Licht ging hoch auf seinem Gesicht. Unruhige Schatten schwankten, wenn sie sie lste. Sie . . . da, des Predigers Auge irrte unstt von ihr zum Fenster. Er sah die Welt hinter ihr, roch sie in der Luft, die sie noch umgab. Ein Bogen schlug sich von ihrer Schulter bers Meer: dort die Welt, unmebar gepret, verfhrerisch, sein Schicksal! Ha kam in seine Augen, brannte auf sie. Sie neigte sich zurck: Glauben Sie es immer schn . . . leicht? Er wollte es nicht hren: Nur dort sein. Sie lchelte: Und dann? . . . . . . . . . . Weiter. Auf und ab die Rume. Blicke gebannt an ihr . . . . . . die Hitze kam. Der Wind ihres Atems brachte Ergebung, Ruhe. Wasser, sie eilte, khlte, verband. Wie leicht das Schwerste zu tragen, stand sie daneben. Welches Glck im Verzweifeln, sah man sie nur fern. Sie teilte aus, schlichtete, sprach zu, freundlich, unbewegt auch durch Trotz, Feindschaft prallte ab, ward Neigung. Die groe Schwester kam in der Tr mit ihr zusammen. Verzeih, sagte sie, neigte den Kopf, da ich deine Instrumente einmal beschmutzte. Schon damals verzieh ich. Die Schwester kte ungeschickt nach ihrer Hand, traf sie nicht, sondern die Klinke. Aus dem Garten ein Zug . . . ein neuer Kranker, den Blick wie ein Fisch, resigniert ohne Kampf -- -- -- unmgliches Dasein. Sie stachelte ihn auf, zeigte ihm tglich das Neue, Buntes, geliebte Landschaft, Bilder von Karussells und Kirmis. Seine Sehnsucht wuchs, stieg, ward tdlich. Als sie vorbei war, gefestigt in dem berwundenen, hatte er Heiterkeit. -- -- -- Sie machte Schaum aus Soda, Schmierseife, heiem Wasser. Tag auf Tag beginnend mit Schssel und Schssel . . . trotz der Hitze sangen die Matrosen: Es kommt Gewitter. Sie sagte es zehnmal, jedesmal mit erneut gesteigerter Kraft. In der Unmglichkeit wuchs der Glaube nur strker, verbreitete sich, trat aus. War das Haus eine Kasematte schmelzenden Bleies in weier Hitze, lauschten schon halb erquickt die Insassen dem Regenfall, den sie versprach. Der Glaube der Mnner stieg, stand in dem Raum wie eine Wolke. Der Blick des Predigers traf sie, erstaunt, ohne Ha. Ich sollte nicht Kraft haben, zu dulden, wo Sie Ungeheures vermgen? Sie schnitt ihm das Fleisch, legte die Messer hin: Wie gering ist das alles. Nachts beim Fllen des Wassers fiel sie ohnmchtig um neben der Wanne des Zigeuners. Sie sah auf, erwacht. Die groe Schwester drckte ihr ein kaltes Wasserkissen auf die Brust, schielte mit den Augen zwinkernd nach der Seite, ein noch nie erblicktes Lcheln um den harten Mund. Der Zigeuner sa in grter Erregung. Er hatte geschrieen, jetzt beruhigte er sich. Als sie allein mit ihm war, stammelte er, Sprechens kaum mehr fhig: Die . . . vorher . . . schlug mich. Er tanzte im Wasser auf und ab. Die Angst, sie zu verlieren, lste ihn. Er schlug in die Hnde: Bitte . . . bitte . . . Dann schwieg er. Der letzte Sieg. Auch diesen halbverfaulten Kretin, der vor Bsem strotzte, berwand sie. In diesem Augenblick fhlte sie verzweifelt, da etwas fehle. Schwer atmend ging sie durch den schwlen Raum. Die Luft vor der Kste war zusammengezogen von silbernen Nebeln. Die Erde, aufgetan, dampfte zarteste Glut. Sie ging, erschrak, ffnete sich mit malosem Entzcken: das Meer. Es lag hinter dem Schleier, schlug gro und dumpf. Ein Vogel flog auf, stob ber den Boden, setzte sich wieder. Sie erreichte ihn. Er flog zur anderen Seite, wischte den Nebel zu groen Strudeln. Rype, rief sie ihm. Ein Hase mit hell leuchtendem Pelz. Der Bach geschliffen, sthlern. Langsam das Rauschen einer schwimmenden Otter wie aus der Ferne. Die Gegend ging heller, von seinem Dunst ins Gespenstische zugezogen. Mven schlugen sich hoch. O Mven. Der Mond fiel platt auf das Wasser. Dunkelblau gemeielt stieg das Meer, ungeheuer gereckt mit metallen gekhlter Wut. Die Mven, hochgerollt, hingen eine unbewegliche Schlange vor dem Himmel. Alles trug ihren demtigen Sieg ihr zu. Am hchsten Triumph sprte sie die Lcke. Es gengte nicht. Das Letzte fehlte. Woher? Sie hatte Sehnsucht, wute nicht wohin. Was Menschliches zu tun war, flammend war es getan. Sie war zufrieden. Nichts strte ihr Treiben. Im Lallen des leprosen Idioten formte sich glhend ein Glck. Hatte entsagt dem Eigenen. Nichts Einzelnes sog, lockte, begehrte. Entwichenes pries nur ihre Unermdlichkeit. Kein Phantastisches, Gewhntes verwirrte. Dennoch fehlt das Letzte, stieg das Sehnschtige unertrglich. Dreieck spannte sich aus den Brauen, ihr eisgrauer Blick streifte das Meer. Ihr Rcken stie an etwas. Ein Baum. Der Saft zog in sie, ihren Leib, die Schenkel, das Herz. Das Meer ward ein Spiegel, scharf, nebellos: Smaragdene Inseln tauchten aus Fchern der Sonne. Abends kamen sie ins Freie. Meer, schrieen sie. Die Sonne sank blutrot ber Herden neuer Inseln. Phalux. Der Ottava rauschte, Fle und Feuer. Warum flog der Krper nicht ber das Segel. Tausend Klver wiegten auf dem Ontario, schliffen trumerisch den Horizont stahlblau . . . . Sie senkte die Lider, hielt die Sehnsucht fest im Innern, sie durchdrang sie mit dem Saft in jeder Pore. Ihr Leib und der Baum hoben sich, ineinandergeflochten, zum schlankesten Instrument der Sehnsucht. Standen im Traumgrau der Landschaft aufgerichtet, eine Flte. Der Klang des Blutes, weich sich hebend, nur nach Getrenntem gierig, war Schmerz des Rohrs nach der Weide, aus der es geformt. Wurde tigerhaft, strzte durch die Gefe, ein Aufschrei: zurck zur Heimat. Der Morgen ging auf. Ein Segelschiff bootete aus. Sie nahm es. Eine Stadt entschwand. Nebel rollten unter der Sonne. Unter braunen Segeln entschwand glhend das Kupferbergwerk in die Klippe. Noch einmal standen die Flaggen starr. Dann fra das Meer mit einem Ruck das Ganze. Stand am Schornstein, ging auf Verdeck mit groen raschen Schritten, schaukelte mit jeder groen Woge, ging hinunter, hinauf, es kam ihr entgegen. Der magische Pol ihrer Jugend streifte ihr zu, je nher sie rckte. Studierte Barometer, Karten, die Lotung. Traf Beamte, frug, sah den Kapitn, lchelte. Wind trug ihr Frische zu. Schaum, vom Bug heraufgeschlagen, legte sich kstlich auf ihre Haut, Schmelz blhte sie hoch. Abends unter der eingeholten Fahne kam es: Sie hatte Kraft verbraucht, ihr Leben hingegeben, Stck fr Stck vergeben, gezahlt im Guten wie im Bsen. Die Spannung blieb wohl, die sie schnellte. Aber erst der Saft der Erde, aus der sie kam, durchdrang sie neu, strebte ihr entgegen. Krftigte sie und machte sie schn, glhend, auf langen Beinen die zarterhaltenen Brste, der wilde Zug um den demtigen Mund, die heien groen Lippen: da sie die Strke habe, ttig und unermdlich wachsend und handelnd zu warten, Di Contis Vermchtnis erfllend, da irgendetwas, Erdbeben, ein Komet, die faulige Erde (geschminkt zwar und kokottenhaft noch lchelnd in ihrer Raserei), durchwhle und strze, da Schicksal sich balle und sie selbst zurckkehre, die Maschine zu entfachen in den groen Kreis der Tat, gespeist aus dem Atem ihrer Jugenderde zu Mut und unentspannbarer Dauer. Ein Mittag scholl. Klippen. Der Lorenzo. Mven in Spiralen durchwlzten die Luft. Kanonen brllten. Der erste Halteplatz kam. Sie raffte die Plaids. Langsam zhlte sie die Koffer, etikettierte, ging ber den Steg ins Boot, ans Land. Das Gepck hufte sich um sie in der Morgendmmerung, noch grau unter Bumen. Ein Park von Wagen scharrte um sie. Hinweg . . . hinweg --, ein Diener stie sie an, rief einen Namen, rief den Namen, rief ihn dreimal. Hinter ihr Kommende drckten, kamen vor sie, verdeckten. Da dienerte ein Neger. Nein. Er lutschte die Zunge zurck, steckte die kleinen Finger in die Ohren, wiegte auf den Beinen. ber ihrer Achsel schwebte etwas, ein Eselmaul schrie, den Hals hoch neben ihrem Ohr. Etwas fiel vor ihr hin, als klatsche ein nasser Fisch auf Stein. Sie bckte sich, fate ihr Paket, sah rasch auf. Ein Schatten blitzte vorber. Sofort schlo sie die Augen, griff namenlos entsetzt an die Brust. Es spielte sich beiend ab unter den geschlossenen Lidern: Ein Mann mit Lichtkonturen machte eine Bewegung, aber er ri nichts heraus, sondern streifte die Hand nach ihr, schob etwas in sie hinein. Eine Beglckung durchfuhr sie, stieg in ihre Haut, in die Warzen der Brust. Sie schwebte. Sein Gesicht war blond, gescheitelt, das eines Skandinaven, die Figur ihres Traumes, ihrer Sehnsucht. Ihre Augen hoben sich, es verschwand, das Erhobene, Blutse blieb. Gepcktrger huften ihre Koffer auf einen Wagen. Sonne stach durch das Grau, brauste mit einer Welle durch die Zweige. Ein Wagen streifte ihre Schulter, schmi sie fast um. Sie drehte unter der Gewalt des Stoes sich um die Achse. Eine rauhe Stimme brllte: Idiot. Sie steckte das Paket in die Manteltasche, wieder blitzte der Schatten, nur hnlicher, sie erbleichte. Zitternd hob sie mit der Hand aus der Tasche die drei achatenen Kugeln. Zurck? Sie dreht sich wild herum. Die Wagen scharren alle, bewegen sich, ein Gewlk unter den Palmen. Eine Lichtung entsteht. Da steht darin Caspare Symes. Neben ihm ein Pferd. Die Kluft ist zu gro -- ihr Herz erstarrt -- zwischen ihm und ihrem Leben. Sie hat berwunden, lngst. Die unbefangenen Gefhle fehlen zu dem, was im Menschlichen ihr am erstrebenswertesten schien. Vorbei. Sie zieht den Mund ein. Als er den Kopf bewegt, hebt sie die Achseln, ein wenig, zuckend. Sie schttelt den Kopf. Nun rast ihr Herz. Da sieht sie erschreckend, da sein Gesicht verndert ist. Di Contis Atem schlgt ihm aus der Haut, sein Geist vom Auge. Seuche, Leidenschaft, Erlebnis haben ihn geschlossen zu unsterblich menschlicher Schnheit. Da erkennt sie in ihrer tiefsten Minute pltzlich: Da dies ihr aufgespart war, damit sie vor eigenem Glck das Grere, Menschliche erst erfahre. Und da sie tapfer gekmpft bis auf die Hhe, schlgt der andere Pol ihres Lebens ins Zentrum, wchst, beglckt, ist da, ist da. Und da sie nicht enttuscht und feig vom Dasein kam, sondern durch grte Bemhung nur der Weisheit nher ein Geringes gekommen, geladen mit Kraft, gegen die Welt zu stoen, sie zu ndern und Contis Hebel aufzuschlagen aus dem nun unfehlbaren Gehuse, wandte sie ihm, der auf sie zuging, kurz und hei die Hand zu: Komm. End of the Project Gutenberg EBook of Die Achatnen Kugeln, by Kasimir Edschmid License: Share Alike