Produced by Jens Sadowski Albert Ehrenstein Tubutsch 2. Auflage Verlegt bei Georg Mller Mnchen und Leipzig 1914 Copyright by Georg Mller, Mnchen-Leipzig Mein Name ist Tubutsch, Karl Tubutsch. Ich erwhne das nur deswegen, weil ich auer meinem Namen nur wenige Dinge besitze . . . Es ist nicht die Melancholie und Bitterkeit des Herbstes, nicht die Vollendung einer greren Arbeit, nicht die Benommenheit des aus langer, schwerer Krankheit dumpf Erwachenden, ich verstehe berhaupt nicht, wie ich in diesen Zustand versunken bin. Um mich, in mir herrscht die Leere, die de, ich bin ausgehhlt und wei nicht wovon. Wer oder was dies Grauenvolle heraufgerufen hat: der groe anonyme Zauberer, der Reflex eines Spiegels, das Fallen der Feder eines Vogels, das Lachen eines Kindes, der Tod zweier Fliegen: danach zu forschen, ja auch nur forschen zu wollen, ist vergeblich, tricht wie alles Fahnden nach einer Ursache auf dieser Welt. Ich sehe nur die Wirkung und Folge. Da meine Seele das Gleichgewicht verloren hat, etwas in ihr geknickt, gebrochen ist, ein Versiegen der inneren Quellen ist zu konstatieren. Den Grund davon, den Grund meines Falles vermag ich nicht einmal zu ahnen, das Schlimmste: ich sehe nichts, wodurch in meiner trostlosen Lage eine wenn auch noch so geringe nderung eintreten knnte. Weil eben die Leere in mir eine vollstndige, sozusagen planmige ist bei dem beklagenswerten Fehlen irgendwelcher chaotischer Elemente. Die Tage gleiten dahin, die Wochen, die Monate. Nein, nein! nur die Tage. Ich glaube nicht, da es Wochen, Monate und Jahre gibt, es sind immer wieder nur Tage, Tage, die ineinanderstrzen, die ich nicht durch irgendein Erlebnis zu halten vermag. * * * Wenn man mich fragte, was ich gestern erlebt habe, meine Antwort wre: Gestern? Gestern ist mir ein Schuhschnrl gerissen. Vor Jahren, ri mir ein Schuhschnrl, fiel ein Knopf ab, war ich wtend, erfand einen eigenen Teufel, der diesem Ressort vorstand, und gab ihm sogar einen Namen. Gorymaaz, wenn ich mich recht entsinne. Reit mir heute unterwegs ein Schuhschnrl, danke ich Gott. Denn nun darf ich mit einiger Berechtigung in ein Geschft treten, Schuhschnrln verlangen, die Frage, was ich noch wolle, mit: Nichts! beantworten, an der Kasse zahlen und mich entfernen. Oder aber: ich kaufe einem der unerbittlich: Vier Stck fnf Kreuzer! schreienden Knaben seine Ware ab und werde von mehreren Leuten als Wohltter angestaunt. Auf jeden Fall vergehen dadurch etliche Minuten, und das ist auch etwas! Man sage nicht, ich sei wohl besonders geschickt darin, Langeweile zu empfinden. Das ist nicht richtig. Ich habe von jeher die auerordentliche Fhigkeit besessen, ich war von jeher mit dem Talent dotiert, die Zeit zu vertreiben, unter allen denkbaren Beschftigungen die exotischeste ausfindig zu machen. Beweis dessen: als ich unlngst in die Gansterergasse gehen sollte, trat ich auskunftheischend an einen Wachmann heran, obwohl mir die Lage des genannten Straenzuges unbekannt war. Da nun machte ich eine wichtige Entdeckung, die mir geeignet erscheint, mehrere Weltgesetze zu erschttern. Der Wachmann roch nach Rosenparfm. Man bedenke: ein parfmierter Wachmann. Welch eine contradictio in adjecto! Im ersten Augenblicke traute ich meiner Nase nicht. Zweifel an der Echtheit des Sicherheitsmannes stiegen in mir empor. Vielleicht hatte ein geriebener Verbrecher, um den Nachforschungen zu entrinnen, ein Usurpator sich in die Uniform eines Polizisten gehllt. Erst die Auskunft berzeugte mich von seiner Echtheit. So delphisch war sie. Jetzt galt es herauszubekommen, ob vielleicht alle Sicherheitsleute -- etwa infolge einer neuen Verordnung -- Wohlgerche zu verbreiten hatten oder ob der eine mit dieser Eigenschaft allein stand und damit sozusagen auf eigene Verantwortung handelte. Ohne Murren unterzog ich mich der weitlufigen Aufgabe. Eine Dissertation, oder noch besser, ein Essay: Von den Wachleuten und ihren Gerchen schwebte mir vor . . . Polizist um Polizist ward beschnuppert, zwar kein zweiter Schandfleck seines Standes gefunden, immerhin aber festgestellt, da kein einziger einen englisch gestutzten Schnurrbart besa. Eine Beobachtung, die sich an hnlicher Bedeutung fr die Wissenschaft nur mit einer anderen messen kann, die zu machen mir vor kurzem nach unsglicher Mhe gelang. Nmlich: da kein einziges Sugetier grn gefrbt ist. Ob jener Polizist durch ein Dienstmdchen oder anderweitig-eigenes Verschulden zu seinem Geruche kam, dies festzustellen, mangelte mir der Mut. Und aus der Abhandlung De odoribuz polyporum wurde nichts. Ich traute mich nicht, ihn zu fragen. Weil ein Sicherheitsmann, der nach Rosen roch, ein so auerordentlicher Sicherheitsmann, wenn nicht den Raskolnikow, so doch ganz gut Schuld und Shne gelesen haben konnte. Und wissend, welch spannenden Kitzel es manchem Verbrecher bereite, sich zu martern und die Behrden zu eludieren, mich dann einfach als einen den Schauplatz seines Frevels frivol umkreisenden Missetter verhaftete. Und mir das Gestndnis, das beschmende Gestndnis meiner Unschuld bevorstand. hnliche Feigheit, wie dem Wachmann gegenber, verhinderte mich auch, andere Rtsel vllig zu lsen, die zu wittern, denen nachzugehen mir einzige Beschftigung und Lebensinhalt ist. Auf meinen Streifgngen kam ich oft an einer Gemsefrau vorbei, einem Weibe mittleren Alters von ordinrem Aussehen und realistischer Ausdrucksweise. Sie fhrt hauptschlich grne Erbsen. Eine Kunde, die von diesem Artikel gekostet hatte, dann aber achselzuckend fortging, ohne zu kaufen, erhielt von ihr Titel, die denen irgendeines orientalischen Herrschers weder an Berechtigung noch an Mannigfaltigkeit nachstanden. Aber ein alter Spatz nascht tglich ungestraft, nie verscheucht von den Erbsen, pickt die Schoten an und schmaust die Krner. Und noch nie hatte ich die Courage, die Grnzeughndlerin zu fragen, ob sie vielleicht Witwe sei. Denn der Gedanke ist nicht von der Hand zu weisen: der Spatz ist niemand anderer als ihr verstorbener Gatte, der sie besuchen kommt und -- o ahnungsvolles Unterbewutsein -- von ihr gefttert wird! Infolge meiner Schchternheit werde ich niemals Klarheit darber erringen. Ebensowenig ber das Schild eines Schusters. Engelbert Kokoschnigg, brgerlicher Schuhmachermeister zu den zwei Lwen. Gegrndet 1891. Weltrtsel sind schwer zu lsen. Wochenlang zermarterte ich mir vergebens den Kopf, warum wohl der ehrsame Handwerker dieses doch nur einem Wirt zustehende Schild fhrte. Sollte durch diesen bergriff die vermutlich mit der Geschftsgrndung zusammenfallende Eheschlieung verherrlicht werden und einer der brllenden Lwen die Schusterin sein? Oder war in jenem Jahre ein Dompteur von Weltruf in Wien gewesen, in den Strudel seiner Berhmtheit auch diese Brgersleute reiend? Wenn ich diesem unertrglichen Dilemma ein Ende machen, den Meister selbst ungestraft interviewen wollte, mte ich mir unbedingt bei ihm ein Paar Schuhe machen lassen. Und das wre wiederum, abgesehen von meinem immer chronischer werdenden Mangel an gebruchlichen Zahlungsmitteln, schwarzer Verrat an meinem Leibschuster, dem alten Peter Kekrewischy, der mir schon so oft mit seinen Erzhlungen die Zeit vertrieben hat. Gut, er und seine Werke sind etwas altvterisch, er grt noch: Mein Kompliment!, und wenn ich etwas von ihm haben will, sagt er: Ja, mein Herzerl! Aber er ist gtig wie der Kanarienvogel, der in seiner Kokosnuschale uns lauscht, mit seinem Gesang unterbricht und sich dann durch einen zuckerwrts gefhrten Schnabelhieb belohnt. Und die Reden des Schusters sind auch wie ein Gesang, wie ein leiser Gesang der Resignation. In Klausenburg ist er geboren, das Untergymnasium hat er dort absolviert, war der beste Schler, dann ist ihm der Vater gestorben, und der Vormund, ein Fleischhacker, hat ihn nicht weiterstudieren lassen. In den Ferien mute der Knabe in der Fleischbank mithelfen, und als er dann zum Gymnasialdirektor ging, wollte ihn der nicht aufnehmen, weil die Mitschler einen, der Fleisch ausgetragen hatte, ewig hnseln wrden und auch die Anstalt das Dekorum zu wahren habe . . . Der Vormund hat ihn dann zu einem Schuster in die Lehre gegeben, weil die Fleischerburschen ein Gymnasiasterl nicht unter sich dulden wollten und ihm selbst der Beruf viel zu ekelhaft gewesen sei. Gar das Blutvergieen! Aber im Jahre 48, wie die Klausenburger auch ihren Rummel haben muten, htte er doch tchtig mitgetan, allerdings bei der Musikbande. Ein Mitschler, der schlechtere Noten hatte als er, wurde Direktor der Wiener Sternwarte, und ein paar Schritte von ihr entfernt, sitzt in einem pappriechenden, finsteren Kammerl ein Mann, dessen Frau bedienen geht, dessen einzige Tochter in Agram verheiratet ist, ein Mann, zu alt, zu sanft, zu arm, um sich einen Gehilfen halten zu knnen, ein Mann, der nach vielem Bitten froh sein mu, wenn ihm die Kunden seiner langsamen Arbeit wegen nicht weitergehen. Jetzt hat ihm brigens die Frau einen kleinen Nebendienst verschafft. Tglich sehe ich den schwachen Mann mit seinen zitternden Hnden eine Gelhmte spazieren fahren. Dafr kriegt er etwas Kleingeld und darf sich dann am Sonntag nicht etwa ein Glschen Wein gnnen, nein! aus der Bibliothek der Gelhmten ein Buch aussuchen und die halbblinden Augen durch den kleinen Druck ganz zugrunde richten, whrend ein anderer: Hofrat, Baron, Komtur des Franz-Josef-Ordens etc. dafr bezahlt wird, da er die ewigen Sterne auf die Erde herabzieht, in einem leibhaftigen Fiaker fhrt, geradezu in Saus und Braus lebt -- aus keinem anderen Grunde, als weil er keinen Vormund besa, der Fleischhauer war. Dies ist mein einziger Verkehr, ein alter Schuster und, richtig! noch ein zugrunde gegangener Huterer an dem nichts bemerkenswert ist, auer da er mit dem Kaiser Max nach Mexiko geriet. Er wei von diesem Lande sonst nichts zu sagen, als da es dort sehr hei war. Nichtsdestoweniger ist er in meinen Augen ein Mann von Bedeutung, ich habe keinen in meiner Bekanntschaft, der weiter herumgekommen wre als er . . . und etwas Exotisches weht um ihn, wenn er sagt: Ja, in Veracruz! und ich ihn pflichtgem frage, was es denn an diesem Orte gegeben habe, und er dann seinen einzigen Witz macht: Ja, in Veracruz, da hams keinen so guten Sliwowitz g'habt wie hier. . . . Ich bin gehalten, darber zu lachen, darf es mir mit ihm nicht verderben. Er ist Armenrat, und vielleicht setzt er es doch endlich durch, da ich Wiener Brger werde. Ich knnte die kleine Pfrnde dereinst gut brauchen . . . Einen Bekannten hatte ich noch, einen o-beinigen Doctor philosophiae, der vor lauter Flei auch den Abiturientenkurs der Exportakademie absolviert hat und unglaublich viel Sprachen kann. Er heit Schmecker, ist bei der Zentralbank in Kondition, strebert was Zeug hlt und gnnt sich keinen Urlaub. Ich meinte deswegen einmal zu seiner Glatze: Ja, mein Lieber, es hat auch seine Schattenseiten, wenn man als Bankdirektor enden will. Bankdirektor mu der wirklich werden, aber das Enden hat ihm die Freude im vorhinein versalzen, und wenn er mich von weitem sieht, komm' ich nher, schaut er weg. Frher besa ich auch einen entfernten Verwandten, den Agenten Norbert Schigut. Einmal traf er mich unangemeldet auf der Strae und teilte mir ohne jede Aufforderung -- offenbar wollte er allen Gerchten zuvorkommen -- in einem triumphierenden Tone mit, seine Frau sei ihm zwar unlngst durchgegangen, bald aber wieder reuig zu ihm zurckgekehrt. Ich sagte, das komme oft vor. Auch ich htte zuerst mit Stahlfedern geschrieben, sei dann zur Fllfeder bergegangen, um enttuscht wieder auf die Stahlfeder zurckzugreifen, ohne deswegen die Hoffnung aufzugeben, dereinst in den Besitz einer Schreibmaschine zu gelangen. Er erwiderte arglos, das htte wohl in der schlechten Qualitt der Fllfeder seine Ursache gehabt und trfe es sich direkt ausgezeichnet, da er gerade jetzt die Vertretung einer erstklassigen amerikanischen Fllfedermarke besitze. Ich bekam einen unendlichen Lachkrampf, berlegte noch, ob ich mir nicht ein Bisserl von dem Lachen einwickeln und fr die Tage der Trostlosigkeit aufheben solle. Da ging auch schon der komische Mensch fort, beleidigt, als htte ich ihn durch mein Gelchter in seiner -- kaufmnnischen Ehre angreifen wollen. Seitdem sind wir nicht mehr verwandt. Allein irre ich in der groen Stadt umher. Niemand schenkt mir Beachtung. Hchstens hie und da ein auf dem Dache eines vorbeifahrenden Geschftswagens ngstlich herumlaufender Pintscher, der bellt mich an. Ich htte oft Lust, zurckzubellen. Leider verbietet das der Anstand. Man mu das Dekorum wahren. Und so kann ich auch zu diesem Pintscher nicht in nhere Beziehungen treten. * * * Frher habe ich geschrieben. Aber als ich das letztemal einen Blick ins Tintenfa warf, lagen darin zwei Fliegen. Ertrunken. Was da vorgefallen war, ein Doppelselbstmord aus Liebe . . . oder ein Absturz in den Glasbergen infolge ins Rollen geratener Staubkrner . . . das lie sich nicht mehr eruieren. Das Wort: Ruhm zerbarst mir; wer wei, was diese Fliegen fr ihr Volk gewesen waren! Ein Grauen berkam mich, es abzuschtteln ging ich ins Freie, geriet in die Nhe der Kahlenbergbahn und sah -- neben dem einem Bahnbediensteten gehrigen rmlichen Hause -- auf einem Misthaufen einen alten und einen jungen Hahn miteinander um die Weltherrschaft kmpfen. Ganz hingenommen von diesem Ereignisse ging ich heim, und wunderte mich am nchsten Morgen sehr, in keiner Zeitung die kleinste Notiz ber diesen Gigantenkampf um die Hegemonie auf dem Dngerhaufen zu finden. Gar die Nachricht von dem erschtternden Ableben der beiden Fliegen drfte berall erst nach Schlu des Blattes eingetroffen sein. Die zwei Hhne hatten ihren Kampf mit dem Aufgebot aller Krfte gefhrt, es war keiner jener betrgerischen Schauringkmpfe gewesen, alles war gewi ehrlich zugegangen, und doch kein Wort! Vielleicht ebendeswegen . . . Sohin htte eigentlich fr mich die Verpflichtung bestanden, alle Bltter der Welt zu berichtigen. Aber bei dem diametralen Gegensatze der Weltanschauungen, der mich von den Herausgebern mehr oder minder illustrierter Publikumsbltter trennt, bei der Verschiedenheit der Dinge, die sie und ich wichtig zu nehmen organisiert sind, war es ziemlich fraglich, ob ich mit meiner Ansicht durchdringen wrde. Ja, wenn die abgestrzten Fliegen Besitzer eines Powidlbergwerkes gewesen wren und Pollak von Parna geheien htten, die Hhne . . . der sterreichische Vorkmpfer, Schachmeister Papabile, und der andere der prsumtive champion of the world . . . dann htte man sich nicht auf die Strae wagen knnen, ohne bei jedem zweiten Schritt aus dem Hinterhalte der Trafikauflagen hervor von den Alltagsgesichtern dieser Heroen angeglotzt zu werden. Aber bleiben wir lieber unter uns und erledigen wir unsere Angelegenheiten selbst. Bezglich der Hhne konnte ich ja nichts mehr veranlassen, es wre auch mir, dem Autor, ferngelegen, etwa Partei zu nehmen und gewaltsam in den Gang der Schlacht einzugreifen. Ebenso fern wie etwa den Schlummer der zwei ins bittere Tintenfa des Todes gefallenen Fliegen durch eine Exhumierung und darauffolgende Feuerbestattung zu entweihen . . . . Ich belie sie an dem Ort, wohin sie das Schicksal geworfen. Angesichts des eben geschilderten Unbekanntbleibens khnster Heldentaten wird niemanden mein gerechter Entschlu berraschen: alles, was ich in Hinkunft noch aufzuzeichnen habe, um es sozusagen noch vergnglicher zu machen, mit Bleistift niederzuschreiben. Eher kann man mir Selbstsucht nachweisen in meinem piettvollen Vorgehen den Fliegen gegenber. Denn was kann besser zu meiner Stimmung passen als der fr andere, robuster Geartete vielleicht gar nicht wahrnehmbare Geruch ihrer Verwesung? Jetzt habe ich einen Anlauf genommen und mir ein Straenverzeichnis gekauft. Ich htte das schon frher tun sollen. Leute wie ich, deren Schwerpunkt auer ihrem Selbst liegt, irgendwo im Universum . . . jedem Eindruck hingegeben sind wie Wachs die mssen ihr Sensorium unaufhrlich fttern, und sei es mit Geschftsschildern, um ber die ghnende Leere hinwegzukommen. Ich reise im Kleinen. Tirol ist ein schnes Land, aber es werden dort bald die Baedeker auf den Bumen wachsen, und die meisten gar reisen, indem sie ihr Milieu mitnehmen . . . in Form ihrer Verwandten und Freunde. berhaupt ist es ganz gleichgltig, wohin wir reisen: wir gehen ja mit. Knnen uns nicht zu Hause lassen. Diese Art zu reisen behagt mir nicht. Wenn schon, dann aber in die Zeit. Ich mchte einen Herrn aus dem vierzehnten Jahrhundert sprechen, ich mchte dem Herrn Menemptar meine Aufwartung machen, dem altgyptischen Dichter, vokalgewaltigen Lyriker, weltberhmten Verfasser des Hymnenzyklus An das Nilkrokodil, bin aber leider so sehr auer aller Form, da ich durch keine Vision oder Halluzination den Wackern vor mich zwingen kann. Techniker! her mit der Zeitbahn. Nein, bevor nicht ein Kondukteur, mit dem Globus an der Uhrkette, Cambrium! Aussteigen! ruft, frher tu ich nicht mit. Oh, auch dann nicht, denn kaum so etwas existiert, ist auch der Herr Pollak dabei und lt im Cambrium seine Butterbrotpapiere liegen. Und das hat es wirklich nicht verdient. Ich sehe schon, es ist besser, ich gehe hier spazieren, auf der Linzer Strae, weil das die zweitlngste Gasse von Wien ist . . . Ich mchte auch die zweitlngste Gasse von Wien sein . . . mir wre dann leichter. Was es zu sehen gibt? Nicht viel. Neben einem Laden, in dem Regenschirme feilgehalten werden, steht ein Literaturverschlei, Papierstreifen posaunen den Ruhm des Buches der letzten Tage, nebenan andere das endliche Eintreffen der neuen Heringe. Die einen mgen das eine geniale Einrichtung der nichtorientalischen Grostadt nennen, die brigen, Lndlichen, ber diese Unordnung verrckt werden. Ich aber wei nicht, welches die Regenschirme, welches die Bcher und welches die Heringe sind: vor meinen Augen verschwimmen alle Unterschiede, sie werden mir zu minimal, als da ich in den scheinbar so diversen Gegenstnden mehr als geringfgige Abstufungen ein und derselben Materie zu erblicken vermochte . . . Abstufungen, die ewig wiederkehren, whrend blo die menschliche Ausdrucksweise wechselt. Denn sage ich, ein Buch aus der Hand legend: Diesen Hut mu ich schon irgendwo gesehen haben, oder bringt mich das Verzehren eines falschen Hasenbratens auf die Idee, da ich es hier mit einem Modetalent zu tun habe, das solcher Anschauungsart begrifflich und stofflich zugrundeliegende ist und bleibt ein und dasselbe, sonst wre sie unmglich. Man glaubt, ich sei paradox? Ich habe blo von einem Betrunkenen gelernt. Es war Abend, ich ging die Linzer Strae retour, um mir die Huser auch in umgekehrter Reihenfolge zu merken, da stolperte eine schwankende Gestalt auf mich zu und fragte: Wo san mer denn doda? Ich antwortete, wir befnden uns auf der derzeit zweitlngsten Gasse Wiens, auf der Linzer Strae. D gibt's ja gar net, scholl es zurck. Sie haben gewi zuviel Schopenhauer konsumiert, guter Mann? Da schneiden S' Eahna aber grndli, ds war Zbinger Riesling, berichtigte der weinnasige Unbekannte . . . und ich sann darber nach, ob nicht vielleicht auch Schopenhauer, von Dionysos hinweggerafft, auf seine berhmte Theorie gekommen sei. hnlich wie ihn angeblich Lord Byron, ihm vorgezogen, zum Weiberfeind gemacht haben soll. Die Theorie des Betrunkenen hatte etwas fr sich, denn wirklich: nahm man der Linzer Strae die Zeit weg, dann blieb nichts brig als Materie, die sich hie und da den Spa erlaubte, sich aus dem Cambrium in die zweitlngste Gasse Wiens zu verwandeln . . . Wo san ma denn jetzt? fragte eine mhsame Stimme. Auf der Linzer Strae, rgerte ich mich. Scho wieder! war die Antwort . . . man mute vermutlich herben Weines voll sein, um das Gesetz von der ewigen Wiederkehr des Gleichen zu entdecken. Weiser und Wahnsinniger, Wahnsinniger und Trunkener -- wo ist da der Unterschied? Ist es mit der Weisheit der groen Philosophen nicht so weit her, jener Bazillus, der Weisheit erregt, am Ende nicht sonderlich verschieden von anderen, nicht so renommierten? Oder sind die orphischen Urworte der Herren nur um so wahrer, weil sie sich jeden Augenblick aus dem durch nichts gehemmten Unterbewutsein eines vom Weine Entrckten ergieen konnten? . . . Der groe Unbekannte machte Halt und versuchte eine Laterne am Umfallen zu verhindern . . . ich Tor ging weiter! Spter allerdings bedauerte ich es, mich nicht mit ihm in ein lehrreiches Gesprch eingelassen zu haben, um, wenigstens! zu erfahren, wieso er auf die Vermutung gekommen sei, die Linzer Strae existiere nicht. Damals, erfllt von der Freude, von jemandem eines Gesprches gewrdigt worden zu sein, Freude ber dies fr meine Verhltnisse groe Erlebnis, ging ich mit schnellen Schritten heimwrts . . . vielleicht aus Furcht, von einem Wachmann bei dem Betrunkenen ertappt und als Dieb verhaftet zu werden. Kein Policeman erschien. Aus Vorsicht. Denn es strolchten Plattenbrder herum, streiften mich nicht ganz rcksichtsvoll, und da der Abend so von Abenteuern gestrotzt, hatte ich mich sogar mit dem Gedanken eines nchtlichen berfalls befreundet und war bereits entschlossen, dem nchsten Bedrohlichen zuvorzukommen und ihm aus freien Stcken meine Geldbrse und Uhr entgegenzuhalten, mit dem Wunsche, er mge sich frderhin ihrer bedienen . . . Es wre mir nicht leicht gefallen, mich von meiner Uhr zu trennen, der Quelle unzhliger kleiner Lustbarkeiten. Denn wie oft habe ich in einem Park, wenn es mir zu ermdend wurde, einen der alten Herrn zu beobachten, welche den ball- oder diabolospielenden Kindern zusehen . . . die Zeit zu gerinnen begann und in die Ewigkeit zu kreisen schien, wie oft habe ich mich da einem der Knaben genhert und ihm zugeredet: Mchten Sie nicht die Gte haben, mich zu fragen, wieviel Uhr es ist? . . . Ich glaube, man kann die Hflichkeit unmglich weiter treiben. Die alten Herren wenigstens drckten durch Stockbewegungen ihr Befremden aus, aber ihr Betragen kmmerte mich nicht, sie waren ja meine Konkurrenten, was das Zeitbieten anlangt . . . und wenn mir ein mutiger Knabe meine Bitte gewhrte, was ja manchmal geschah . . . dann lie ich den Deckel springen und gab chronometrisch genau an, wie weit der Tag vorgeschritten war . . . und mein Vergngen darber war nicht geringer als das eines Gefirmten, der zum erstenmal als Zeitknder funktioniert . . . Es lt sich daher begreifen, wie ungern ich die Uhr weitergegeben htte, einen fr den Betrieb meines Geschftes unumgnglich ntigen Gegenstand . . . Mglich, da die Strolche justament nicht wollten; vorbeifahrende Straenpflge und ihre Lenker, in deren Nhe ich mich hielt, brachten mich in Sicherheit und berhoben mich der Ausfhrung meines Planes . . . Wenn einmal ein Tag ereignisreich anfngt, nimmt er gewhnlich einen nicht minder lebhaften Verlauf: Kanalrumer hoben die Gitter aus und schickten sich herkulisch an, in die Unterwelt hinabzusteigen. Bei ihrem Anblick brach in mir eine alte Wunde auf, die unstillbare Sehnsucht ward in mir wach, Kanalrumersgattin zu sein. Die meisten anderen Frauen ehebrechen des Tages, sie aber knnen -- ohne Gefahr zu laufen, ertappt zu werden -- diesem ihrem Berufe des Nachts nachgehen. Ich empfehle dieses Thema der Beachtung unserer Dramatiker, berlasse es ihnen gromtig. Wie ich auch sonst die heimische Industrie zu untersttzen gesonnen bin . . . . Nein, der Hausmeister, der mich so lang warten lt, soll nicht mehr ber mich zu klagen haben. Als er seinerzeit auf meinem Meldezettel unter der Rubrik Religion: Griechisch-paradox, unter Beschftigung las: Ich strebe eine kleine Anstellung beim Chorus mysticus an, soll er in die Worte ausgebrochen sein: A so a Kampl hat im Dreirsselhaus, was i und meine Frau denken, no nie net gwohnt. Er soll nicht zu reden haben. Ich will mich mittels des Straenverzeichnisses ernstlich, gewissenhaft auf die Fiakerprfung vorbereiten. Oder noch besser: ich gedenke unter die Erfinder zu gehen. Was ich erfunden habe? Ich werde mir mein Tintenfa als Fliegenfnger patentieren lassen. Ich teilte die mit mir vorgegangene Wandlung sofort dem Hausmeister mit. Er sah mich verschlafen und unsicher an, nach Erhalt des Sperrsechserls wnschte er mir sogar: Gute Nacht!, und holperte auf seinen Schlapfen bettwrts. Aber auf seiner Denkerstirn stand geschrieben: Was san S? Schlafens eahna erst eahnern Rausch aus! . . . Erfinder? Das schliet nicht aus, da ich mich vielleicht schon morgen in die Kleidung eines Cabkutschers oder eines Karfiolslowaken hlle, die Bekanntschaft einer Kanalrumerin zu machen trachte, und ihre eheliche Treue einer Probe unterziehe . . . . Nein, das werde ich nicht tun, ich fhle nicht mehr die Kraft dazu in mir. Der zweifelnde Blick des Hausmeisters hat meine ganze Energie hinweggenommen! Und als ich im Schein des zusammensinkenden Wachsstengels aus der Visitkarte, die auf der Tr meines Kabinetts mit separiertem Eingang prangt, ersah, da ich der Herr Karl Tubutsch war, da sagte ich leise, niedergeschmettert, nichts als: Scho wieder! . . . . * * * Oft in der Nacht fahre ich auf. Was ist? Nichts, nichts! Will denn niemand bei mir einbrechen? Alles ist vorausberechnet. Oh, ich mchte nicht der sein, der bei mir einbricht. Abgesehen davon, da -- meinen Stiefelknecht Philipp und vielleicht noch ein Straenverzeichnis ausgenommen -- bei mir nichts zu holen ist, ich gestehe es offen und ehrlich: ich kenne den Betreffenden zwar nicht im geringsten, aber ich habe es auf den Tod des armen Teufels angelegt. Das Federmesser liegt gezckt, mordbereit auf dem Nachtkastel. Philipp, der Stiefelknecht, wacht wurfgerecht darunter . . . will denn niemand bei mir einbrechen . . . ich sehne mich nach einem Mrder. Wenn ich wenigstens Zahnschmerzen htte. Ich knnte dann dreimal Abracadabra sagen, auch das heilige Wort Zip-zip drfte die gleiche magische Wirkung haben . . . und wenn es mit den Schmerzen selbst dann nicht besser wrde, mchte ich keineswegs zum Zahnarzt gehen, nein, die Schmerzen hegen und pflegen, sie nie erlschen lassen, immer wieder wachrufen. Es wre doch wenigstens ein Gefhl! Aber meine Gesundheit ist unerschtterlich. Da irgendein Leid seine Krallen in mich schlge! . . . Nur die andern, die Nachbarn haben dies wenig gewrdigte Glck. Hier im Haus wohnt ein behbiges Ehepaar, beide verdienen hbsch, sie ist erste Verkuferin in einem groen Modewarenhaus, er Oberpostkontrollor, sie haben ein einziges Kind und lassen sich nichts abgehen. Unlngst ist ihm der Vater gestorben, den er schon zwanzig Jahre bei sich wohnen hatte. Es war in den Ferien, die Leute htten also Zeit gehabt. Und diese Unmenschen beraumen das Begrbnis fr den Vormittag an, stehen in aller Frh auf, damit sie vor halb acht Uhr mit der Elektrischen um sechs Kreuzer auf den Zentralfriedhof fahren knnen! Wenn mir wer gestorben wre, den rechtschaffen zu betrauern ich so Ursache htte, ich htte mir zumindest einen Fiaker spendiert. Aber so ist es: den Menschen, die nicht trauern wollen, sterben die Verwandten . . . mir jedoch . . . ich darf nichts erleben, bin sozusagen ein Mensch, der in der Luft steht . . . Sechs Kinder sitzen friedlich und brotessend rund herum um einen der Pflasterung beflissenen Straenarbeiter, drei rechts, drei links, und staunen seinem Werke zu; ich mchte mich auch daneben hinsetzen, schon um die darber entstehende Verwunderung und Verlegenheit des lieben Straenrumers zu genieen. Unmglich. Bei dem heutigen Stande der rztlichen Wissenschaft wrde man mir gewi meine wirklich bescheidenen Freuden durch eine kleine Internierung stren . . . . * * * Ich nehme mein Diner tglich in einer Wrstlerei ein. Es kommen immer so ziemlich dieselben scharfgeschnittenen Gesichter hin, Kommis, gehetzt und eine Zigarette im Mund, hastige Modistinnen, die nicht einmal so viel Zeit haben, ein Sacktuch fallen zu lassen, wenn es ntig ist . . . arme alte Leute, Reisende oder Fremde, von denen irgendein Krperteil etwas im Krankenhaus zu tun hat . . . es kennen mich fast alle Besucher schon . . . bis auf den buckligen Hausierer, der hie und da durchgeht und Zndhlzelschachteln, Bleistifte, Manschettenknpfe, Briefpapier und Hosenspanner an den Tischen herumbietet. Wie gesagt, die Menschen kennen mich, aber wrde es auch nur einem Mitglied dieser egoistischen Gesellschaft einfallen, mich zu fragen, warum ich in roten Glachandschuhen esse? Und ich esse doch blo deshalb in Handschuhen, damit man mich nach dem Grund dieser Handlungsweise fragt und ich dann antworten kann: Ich pflege mir in der Zerstreutheit die Ngel zu beien und damit das nicht geschieht, und sie ruhig wachsen und der Vollendung entgegenreifen knnen, trage ich Handschuh! Ich habe mir die Glachandschuh vergebens gekauft. Sie halten mich entweder fr zu verrckt oder fr zu fein, als da sie es wagen wrden, mich anzusprechen . . . Niemand forscht mich aus, nicht einmal Thekla, die bleiche, schwarzlockige Kellnerin, die mich tglich fragt, ob ich Gurken, Senf oder Krenn zu den Wrsteln haben wolle . . . . Thekla, der ich immer drei Kreuzer hinschiebe, nicht einmal sie erleichtert mein Gemt durch eine so naheliegende Frage, obgleich sie doch gewissermaen dazu verpflichtet wre. * * * Ich frchte, das wird noch einmal traurig mit mir enden. Ich gleite in immer zweideutigere Sphren hinab. Gewi: Leute, die mit moral insanity begnadet sind, Verbrecher, von dem groen Kannibalen Napoleon angefangen bis zu dem unsterreichisch aggressiven kleinen Kind, das eine serbische Zwetschge stiehlt und, von dem Shnchen des Greislers verfolgt, zuerst Mutter! ruft, dann aber, jedenfalls die Beute zu sichern, sie in den Mund steckt: sie alle sind von der Natur mit Recht begnstigte Wesen, meist mit Gewissensmangel und jede Reue ausschlieender Gedchtnisschwche gepanzert. Auch das, was darwinferner Schwachsinn den Materialismus unserer Zeit nennt, der Amerikanismus, die bewunderungswrdigen Trustlwen, sie sind moralisch berechtigt wie die Verzehrung von Ochsen, wie die Existenz von Kamelreitern beim Vorhandensein von Reitkamelen. Was man aber nicht zu rechtfertigen vermag, ist: anderen Leuten die kostbare Zeit stehlen und Unheil stiften, ohne selbst daraus Nutzen zu ziehen. Aus langer Weile, um unter Menschen zu kommen und sie kennen zu lernen, bin ich zu Prinzipalen hinaufgegangen, die annonciert hatten . . . mich vorstellen als Hausknecht, Mittelschullehrer, Buchhalter, Graveur, Korrespondent, Hofmeister, Kammerdiener usw. Und nach langem unklaren Hin- und Herreden, bis die Leute ganz verwirrt waren, empfahl ich mich stets mit den Worten, ich wolle es mir berlegen, und eventuell ein zweites Mal vorsprechen. Ein Nachsichtiger knnte das vielleicht noch einen relativ harmlosen Ulk heien. Verwerflicher, boshafter, heimtckischer ist es schon, wenn sich einer absichtlich auf gewissen den Liebespaaren geweihten Banken niederlt, nichts dergleichen tut, wenn es noch hell ist, Zeitung liest und die Verzweifelnden zum Aufbruch ntigt . . . bei der geringen Anzahl der Sitzgelegenheiten gleicherweise gehat von den tschechischen Ammen, die sich nur auf den Bnken des Kaiser-Wilhelm-Rings schwngern lassen . . . von den langen Bosniaken des Votivparkes wie von den Deutschmeistern der Augartenanlagen gefrchtet, dieses Spiel bis tief in die Nacht hinein fortsetzt. Angeblich um Daten zu sammeln fr eine Statistik ber die Zeit, die zwischen dem ersten Ku und der Umarmungspremiere verluft . . . Man wird fragen, warum ich nicht diese schalen Vergngungen sein lie und mir nicht selber etwas leichteren Zeitvertreib gnnte? Hat es schon sein Vorteilhaftes, Besitzer eines Hundes zu sein, wegen der Flle damit verbundener zeitverzehrender Beschftigungen, wie weit werden diese simplen und harmlosen Gensse, die ein armseliges Tier zu gewhren vermag, durch jene berstrahlt, welche die Gesellschaft eines Weibchens verschafft. Ich wende ein: wenn selbst ein homerischer Held satt wird des Schlafes sogar und der Liebe, auch des Gesanges und frhlichen Reigentanzes, was fr Gefhle und Mdigkeiten soll da erst unsereiner zu registrieren haben? Noch gellen mir in den Ohren die in den Momenten der Verzckung hervorgestoenen: Ah, Oh, Jessas und Hast du mich auch wirklich lieb der Wienerinnen -- wenn es Lyrikerinnen sind, sagen sie vermutlich: Tandaradei! . . . Die Jaj, Joj und Juj der Ungarinnen, ich hre sie, auch wenn ich mir die Ohren zuhalte. Die Berlinerin himmelt: Schmeckt schn! Die einzigen, die nichts redeten, waren die Zigeunerinnen; aber man tat gut daran, wenn man sich ihnen in Liebe nahte, die Uhr zuhause zu lassen . . . und konnte dann noch von Glck reden, wenn Trntire und Chnarpe-diches einen nicht als Vater ihrer Kinder angaben, die von Rechts wegen dem ganzen Offizierskorps der nchsten Garnison htten hnlich sehen sollen . . . Ja, noch eine war so vernnftig gewesen, zu schweigen . . . Marischa, die Frau des Dorfrichters von Popudjin. Sie liebte, wie sie sich einen Riegel Brot abschnitt. Alle ihre Bewegungen waren von einer maschinenmigen Sicherheit. Unvergelich wird es mir bleiben, wie wir uns zum erstenmal fanden. Es war am Morgen nach ihrer Hochzeit, von der ich nichts wute, sie, mir unbekannt, mhte auf taufeuchter Wiese, im Vorwrtsgehen sich in den Hften wiegend . . . die kurzen, ihre Waden freilassenden Rcke kamen nie aus dem Schwung . . . ich schlenderte vorbei und konnte es nicht unterlassen, mich zu ihr zu neigen und dem schnen, frischen Weib blhende Wangen und Kinn zu streicheln. Sie wurde rot, wehrte mir aber nicht: der Tod stand hinter mir, der Bauer mit der Sense. Doch ich hatte gerade noch die Geistesgegenwart, zu sagen: Frau, also ich darf mir heut nachmittag die Maulbeeren in ihrem Weingebirge selbst holen? Der Bauer glotzte wie ein Ochse. Sie, sich noch tiefer bckend, als wolle sie mir etwas auf den Boden Gefallenes suchen helfen, bejahte, und am Nachmittag waren im Weinberg nicht blo die Maulbeeren anwesend . . . Und wenn ihr Mann und ihre Mutter auf der Wallfahrt weg waren nach Sassin, dann lie sie mich's wissen, und ich schlich zu der Stallduftenden ins Zimmer, dann in der Dunkelheit, im Hof mich in acht nehmend vor dem Dngerhaufen rechts und der Jauche links, nach Hause -- die gefahrvolle Liebe zwischen Jehangir Mirza und der Maasumeh Sultan Begum zu besingen . . . Die Begeisterung aber mute bald erlahmen an dem niederdrckenden Widerstreit kleinlicher Schicksale mit ungeheuren Gefhlen und Vorstellungen; es ist ja auch konomisch auf die Dauer unmglich, Ambrosia zu fabrizieren, whrend man selbst Kot fressen mu . . . Auerdem die unglckliche Begabung, selbst bei dem geliebtesten Weibe das Skelett zu sehen, wodurch wohl die Umarmung ein oder das andere Mal schluchzender werden kann, schlielich aber maloses Grauen mich vom Weibe scheiden mute . . . Man gehe mir mit der Liebe! Eher mchte ich mir einen Hund halten. Die Hausmeisterin, kinderlos, hat einen, den ich hochschtze. Junger Zwergbulldogg, hlt im Hof Cercle unter den Kindern; wenn sie ihm Rben, Kalbsleber oder Wrsteln bringen, hrt er auf die Namen Schnudi, Puffi, Bubi und noch einige andere. Will wer blo schn tun mit ihm, ignoriert der Yankee alle Zurufe, wird man zudringlicher und ist man etwa eine alte Witwe, die ein Rosamascherl an seinem Hals befestigen mchte, knurrt er Warnung und schnappt zu. Seine unbegrenzte Reaktionsfhigkeit, sein jugendfrisch-stiermiges Zufahren auf jedes ihm vorgehaltene Taschentuch oder Papier, nicht zum letzten seine vorbildliche Selbstgengsamkeit haben ihn zu meinem Ideal gemacht. Er vermag es, stundenlang dazuliegen und ohne jede Spur von langer Weile ein und denselben Knochen zu hypnotisieren, empfindet kein Bedrfnis nach irgendeiner Wandlung, kein Lehrer sagt ihm ironisch: Sie werden es noch weit bringen, er wei es so tief, da es ihm gar nicht mehr zum Bewutsein kommt: niemand kann es weiter bringen als zu sich! Ich jedoch mu, wenn es mir zu fad wird, Ich zu sein, notgedrungen ein anderer werden. Gewhnlich bin ich Marius und sitze auf den Ruinen von Karthago; manchmal aber bin ich der Echsenklumm, unterhalte Beziehungen zu einer Opernsngerin, gewhre dem Chefredakteur Armand Schigut bereitwilligst ein Interview ber den Handelsvertrag mit Monaco, verbiete meinem Kammerdiener Dominik -- dargestellt durch den Stiefelknecht Philipp -- jemanden vorzulassen, die Baronin Zahnstein ausgenommen . . . und kaum mir das ewige Durchlaucht hin, Durchlaucht her auf die Nerven geht, werde ich eine gefeierte Diva, haue meinem nichtswrdigen Direktor, dem ich das schon lange gewnscht hab, eine herunter oder appliziere ihm einen Sessel. Um mich von dieser ungewohnten Anstrengung zu erholen, wollte ich gerade der Dichter Konrad Seltenhammer werden und im Cafe Symbol schweigend eine Zigarette rauchen. Als mich der Stiefelknecht unterbrach. Er hatte es satt, immer die Diener, Direktoren, Ruinen von Karthago, Zigaretten darzustellen, sehnte sich danach, auch einmal Frst, Heroine, dramatischer Schriftsteller zu sein. Stiefel, . . . sagte ich zu ihm, Stiefel! Hochmut kommt vor dem Fall. Meister, sagte er, Meister! Ich bin kein gewhnlicher Stiefelknecht! Das ist selbstverstndlich. Ein Stiefelzieher, der in meinen Diensten steht, ist eo ipso mehr kein gewhnlicher Stiefelzieher. Ich meinte es nicht so. In deinen Fasern stockt Gtterblut? Bist du eine verzauberte Prinzessin oder gar jener Stiefelzieher, den Zeus der Hera insinuierte? Das nicht, aber immerhin aus einer alten Familie. Wisse: ich stamme in gerader Linie von dem berhmten Stiefelzieher ab, den Mithridates verschluckte, um seinen Magen gegen alle Gifte zu feien. Der mu seinen Herrn genau so sekiert haben, wie du mich, da er zu dieser Verwendung gekommen ist. Philipp verbat sich alle derartigen Anspielungen auf die Schicksale ebenso verdienstvoller als erlauchter Ahnen. Sonst kndige ich schonungslos. Ohnehin bin ich als Prsident in Aussicht genommen fr den demnchst in Amerika stattfindenden I. Internationalen Stiefelzieherkongre. Roosevelt selbst . . . Roosevelt? Ich meine den Stiefelzieher Roosevelts. Wir nennen ihn Roosevelt, der Krze wegen . . . er hat mich eingeladen zu prsidieren . . . eben wegen meiner Eigenschaft als Nachkomme eines berhmten . . . oder glaubst du, der Stiefelzieher des Herrn Tubutsch . . .? Ja, wie kommst du denn nach Amerika, o Stiefelknecht meiner Seele? Mein Leib, mein schlechter Leib bleibt hier liegen, mein Geist schwingt sich auf, entfliegt, kriecht in einen Leitungsdraht und ist im Nu drben. Frher waren wir schlechter dran, Blitze sind nicht immer zu haben und auf den Vagabunden, den Wind, war kein Verla, der hat uns immer justament dort abgesetzt, wo wir absolut nicht hinwollten . . . am Tanganikasee oder auf den Fidschiinseln . . . wo weit und breit keine verwandte Seele zu treffen war . . . Es schmeichelte mir, mit einem Wesen in Kontakt zu sein, durch das ich dem Prsidenten der Vereinigten Staaten gewissermaen sehr nahe stand, wir schlossen also miteinander einen Pakt, dem nach wir von nun an in den Hauptrollen abwechselten. Er war der Greisler, der: Heut ham mer aber an fein Primsenkas! sagte, ich die Kunde, die achselzuckend ein Stck davon kostete. Dann war wieder ich das Elefantenbaby . . . im Kreise rund herumlaufend . . . und er das Nein! wie lieb! rufende Kind; endlich er der Baumstamm, mit einem Hut auf einem Ast donauabwrts treibend bis ans schwarze Meer, ich der ber ihn fluchend ins Wasser gefallene Ruderer, die Wasserratte, die zwischen den Wurzeln haust oder die das Billett des Baumstammes auf seine Gltigkeit prfende Fischotter. Bis die Unmglichkeit, durch eine wenn auch noch so groe Willensanstrengung mir selbst und den anderen Leuten meine Verwandlung in den Frsten Echsenklumm oder in die Wasserratte auch uerlich wahrnehmbar zu machen, mir die Lust an diesem Spiel verdarb. Philipp!, sagte ich, Komm her. Philipp kam, wenn auch widerstrebend, als schwante ihm Unheil. Ich schlug ihn sorgfltig in braunes Packpapier ein und ging spazieren. Aber niemand der Vorbergehenden wollte mich fragen, was in dem kleinen braunen Paket enthalten sei. Und ich hatte doch schon eine kleine Rede vorbereitet: Meine Damen und Herren! Hier sehen sie durchaus nichts Gewhnliches! Ein sprechender Stiefelzieher! Er stammt ab von dem Stiefelknechte seiner asiatischen Majestt, des Knigs Mithridates von Pontus . . . demnchst wird er dem I. Internationalen Stiefelzieherkongresse prsidieren. Roosevelt selbst . . . Niemand war neugierig und aufdrngen wollte ich mich nicht . . . da ich unbefragt blieb, wre mglicherweise noch zu ertragen gewesen, doch seitdem ich so treulos an ihm gehandelt, seine Geheimnisse zu profanieren gesucht, verstummte Philipp . . . seine Seele war wohl fr immer nach Amerika ausgewandert . . . ich war wieder allein . . . Frher trumte ich vom Ruhm. Er wurde mir nicht zugestellt. Und was blieb, waren Sarkasmen gegen die Glcklicheren. Darin war ich seit jeher gro. Als ich nichts mehr in mir zu zerfressen hatte, zerfra ich andere. Nun bin ich schwcher, milder geworden. Wie gesagt, ich schreibe mit Bleistift. Meine Nahrung ist zart wie die eines Kranken. Einen ganzen Vormittag brachte ich unlngst damit hin, einem General zuzuschauen, der auf der Mariahilfer Strae vor jeder Auslage stehen blieb, ob es nun ein Wschegeschft war oder ein Friseurladen. Es war nach den Manvern. Ich fhlte weder Schadenfreude noch Mitleid; stand blo und sah zu, so lang, bis ich der General war und mich fhig fhlte, die Rolle zu bernehmen, die er des weiteren durchzufhren hatte. Die Art, wie er den Sbel hob, um nicht das Pflaster zu streifen, sonst eine Reflexbewegung, war unsglich traurig . . . . Am nchsten Tag vertiefte ich mich ebensolang in eine Dohle, die vor einem Blumengeschft in der Weihburggasse auf und ab, rastlos auf und ab trippelte. Die gestutzten Flgel, gebrochen, streiften den Schmutz der Pflastersteine. Und hatte einige Tage vorher noch den Stephansturm umkreist oder eine Brigade kommandiert . . . Ich htte sehr gern eine Zusammenkunft zwischen dem General und der Dohle vermittelt. An so groe Unternehmungen aber wage ich mich nicht mehr, seitdem mir die letzte so miglckt ist . . . Ich kam auf meinen Fahrten hufig an einem Gasthaus vorbei, dessen Wirt mit dem Vornamen Dominik heit. Nun ist der Vorname Dominik unter Wirten kein seltener. Warum? Das ist unergrndlich. Dadurch jedoch, da ich so oft an dem Schild dieser Weinstube vorber mute, spannen sich nach und nach Beziehungen zwischen mir und seinem Inhaber. Nicht, da ich den Wirt je gesehen htte, Gott bewahre! derart realer Vorbedingungen bedarf es bei mir nicht . . . Aber als ich eines Tages in den Kalender sah, da fand ich, da gerade sein Namenstag war. Heute solltest du aber doch einmal zu ihm hineinschauen, dachte ich und zog mir die roten Glachandschuhe an. Ich trat ein. Es geschah nichts von dem, was ich erwartet hatte. Ein Mann in einer blauen Schrze, das Abwischtuch auf der Schulter, der Hausknecht, bediente mich. Ich warte und warte, um des Geehrten ansichtig zu werden. Er kommt nicht. berhaupt nichts dergleichen. Ich werde ungeduldig und will schon bald gehen und frage den Hausknecht, wo sein Herr bleibt. Der Kerl zgert mit der Antwort, ich sage es ihm auf den Kopf zu, der Wirt habe vermutlich Brauereizahlungstag und sei ausgerckt. So kam es ans Licht: der Gastwirt war verrterischerweise zu einem Heurigen gefahren, hatte an seinem Ehrentage sich entfernt, um bei einem anderen Wirte, also sozusagen bei sich, zu zechen. Die Vorstellung ist gewi urkomisch und das Sujet eines Niederlnders wrdig: ein Wirt, der bei einem anderen Einkehr hlt. Aber ich hatte Zeit und Geld geopfert und war doch nicht zu jener Erfllung gekommen, die ich ersehnt hatte. Als wollte mich das hhnende Schicksal, das so gern dem Kleinen alles nimmt, um dem Groen noch mehr zu geben, meiner geringen Erlebnisse, des ungeheueren Anblickes eines seinen Namenstag feiernden Wirtes, berauben! Komisch, doch typisch, denn derartige Vorflle wurden wiederholt gegen mich ausgespielt. Vielleicht, um mich des Lebens Unfhigen durch solch feines Positionsspiel herauszuekeln. Ich rede nicht davon, da ich frher, als ich noch Bekannte hatte, sie oft monatelang nicht sah, dann wieder eines Tages sie sich offenbar zu dem Zwecke zusammengetan zu haben schienen, mir durch eifriges Gren zumindest eine Armlhmung zu verursachen. Es gibt bessere Beispiele. Vor Jahren, da ich etwas lebenslustiger war, der erschtternde Tod der zwei Fliegen Pollak sich noch nicht zugetragen hatte und also auch noch nicht mir zum Mahnwort geworden war, mich vor dem Fatum ruhiger zu verhalten, damals hatte ich ber alle Bedenken hinweg einen Anlauf genommen und einen Spazierstock erstanden. Um auf Abenteuer auszuziehen. Ohne Spazierstock geht das nicht. Ebensowenig wie ein Ritter seine um Jungfrauen gefhrten Kmpfe mit Riesen, Zwergen und Drachen ohne Tartsche unternommen htte oder mit einem Sattel, der noch keinen Namen hatte. Ich knpfte eines Sonntags zum ersten und letzten Male die Krawatte mit jener Sorgfalt, wie sie vergleichsweise hchstens die Propheten auf das Grten ihrer Lenden verwendet haben drften, und fuhr mit der Tramway nach Sievering hinaus. Keine kleine Wollust, an den Haltestellen vorbei zu sausen, whrend andere starr bei ihnen stehen bleiben muten. Bei der Billrothstrae stieg leider ein entfernter Bekannter ein, Snob durch und durch, aus der Tasche protzte ihm ein franzsisches Buch, ein Band Balzac. Ich verwies es ihm scherzend, in die freie Natur gebundene Bcher hinauszuschleppen, noch dazu solche, die allgemein getragen wrden, machte ihn darauf aufmerksam, da nur das noch nicht Moderne wahrhaft wert sei, von ihm kolportiert zu werden, er jedoch miverstand meine Absicht und zerrte mich in ein lngeres Gesprch, ber das Ende Balzacs, wie die Sand Musset, Friederike den Goethe betrogen haben solle, und o Idylle von Sesenheim! als Pfarrerstochter selbstredend ein Kind von einem Theologen zur Welt gebracht htte -- das heit, wenn man Lenz und einige franzsische Grenzoffiziere vernachlssigt . . . Wahrheit und Dichtung! Wir sprachen ber das Weib . . . wie jedes mit Vernunft oder Phantasie geschlagene mnnliche oder weibliche Wesen an sich eiferschtig sein und auerdem notwendig von den tierischen Ahnen ererbte Eifersucht leiden msse . . . kamen vom Hundertsten ins Tausendste, und erst als es zu spt war, der Wald uns bereits aufgenommen hatte, tat der Unselige den Mund auf, um mir mitzuteilen, da ich das Wichtigste versumt habe. In der Tramway htte ein fesches junges Mdchen meinen Witzeleien gelauscht, die ganze Zeit hindurch vorlufig ihre Blicke auf mir ruhen lassen, sei auch nachher uns noch ein hbsches Stck gefolgt, schlielich aber, da sie nicht gut mich ansprechen konnte, abgefallen. Vom Weibe -- sprach ich, bis, zwei Schritte entfernt, lachend, sich wiegend und tnzelnd und blhend in seiner Pracht das Leben davonging! . . . Als sollte es daran nicht genug sein, da wir auf engem Pfade einer entgegenkommenden Liebeseinheit ausweichen wollten, stieg mir das Weibchen davon auf den Spazierstock, den ich elegisch nachschleifen lie: der Stock brach -- ein deutlich warnender Wink von oben, den kaum betretenen Steig alsogleich zu verlassen . . . Auf einer Wiese nicht weit davon konnte ein sechzehnjhriges schlankes Frulein, von der Mama begleitet, nichts tun als Herbstzeitlose pflcken. Ich folgte ihrem Beispiele . . . * * * Ich lebe immer in der Erwartung eines Ungeheuerlichen, das da kommen soll, eintreten, einbrechen soll bei mir. Ein Orang-Utan etwa, ein Auerhahn mit glhenden Augen oder am besten ein wtender Stier. Dann aber fllt mir ein, da der ja gar nicht durch die Tr knnte, und ich lasse meine bergroen Hoffnungen sinken . . . Wenn jemand lutet, erscheinen alle Nachbarn bei den Tren, auch ich gehe sofort an die Pforte meines Kabinetts mit separiertem Eingang . . . falls mich einer meiner alten Freunde aufsuchen sollte, bereit, den berzieher umzunehmen und mit ihm spazieren zu gehen oder aber, wenn er es wnscht, ihm die Sehenswrdigkeiten meiner Wohnung zu weisen: meinen Stiefelknecht Philipp und -- mit umflorter Stimme -- die zwei Fliegen Pollak . . . Ungeheures oder doch Angenehmes erwarte ich: wenn ich ffne, hat es meistens nebenan gelutet. Oder aber es ist ein Bettler. Denen gebe ich nichts. Erstens habe ich selber nichts, zweitens, wenn man ihnen etwas gibt, gehen sie sofort weg und lassen einen stehen. Und das ist durchaus nicht meine Absicht . . . Auch andere Leute sind leider so rcksichtslos, luten an, und dann, wenn sie ihre Auskunft haben, gehen sie fort. So letzthin . . . Klingelt es in aller Frh, ich ziehe mich hastig und unvollstndig an, mache auf, stehe im Zug: ein Mann ist drauen, der fragt, ob ich der Herr sei, der das Kristalll bestellt habe? Ein anderer htte fluchend die Tre zugeschlagen, ich bin hflich, antworte unvorsichtigerweise: Nein!, gebe aber nichtsdestoweniger meine Absicht zu erkennen, mich mit ihm in ein Gesprch einzulassen . . . schon wegen der Seltsamkeit seines Metiers. Kristalllaustrger . . . er jedoch dreht sich brsk um, wendet mir den Rcken zu und schreitet die Stiege hinauf . . . und ich mu mich zusammennehmen, da ich nicht bei dieser Gelegenheit infolge all der erlittenen Enttuschungen zusammenbreche . . . * * * Jehangir Mirza sagt: Wie ein unkrperlicher Schatten schwanke ich hin und her, und wenn mich nicht eine Wand untersttzt, falle ich platt zur Erde. Eine Wand sttzt mich nicht. Mir scheint, mir wird auch so etwas passieren wie ein Fall zu Boden . . . Nein, ich halte es nicht mehr aus! Was fesselt mich noch? Schnudi, der kleine Zwergbulldogg, ist nicht mehr. Ein alter Mann mit stechendem Bart, einem Pinkel auf den Schultern . . . Ahasver . . . ist in den Hof gekommen, hat sein Handl gerufen, die Ankunft des Fremden scheint den Hund irritiert zu haben, er fuhr los. Der Hausierer ruft eins, zweimal Marschierst?, der Hund hrt nicht, schnappt nach den Beinen des Eindringlings. Der spuckt ihm dmonisch zwischen die Augen, und der Hund dreht sich wie wahnsinnig im Kreise herum, mit der kurzen Zunge bemht, den Fremdkrper ber der Nase zu entfernen. Es gelingt ihm nicht, der Hausierer geht weg, der Hund dreht sich weiter, seine Augen sehen nichts mehr, sind blind von der rasenden Jagd, Schnudi, Schnudi mit dem Rosamascherl dreht sich weiter, weiter . . . bis er erschossen werden mu . . . Nun habe ich niemand mehr. Einen Einspnnergaul sah ich an, ob er nicht mit mir reden mag . . . Ich wette: er wollte nur nicht mit mir im Gesprche gesehen werden. Mit andern, glaub' ich, htte er nach einiger Anstrengung reden knnen . . . * * * Was hlt mich ab, dem allen ein Ende zu machen, in irgendeinem See oder Tintenfa zur ewigen Ruhe einzugehen oder die Frage zu lsen, welchem irrsinnig gewordenen Gott oder Dmon das Tintenfa gehrt, in dem wir leben und sterben, und wem wieder dieser irrsinnige Gott gehrt? Zu irgendeiner Marischa, und sei sie wer sie sei, jedenfalls zu einer Dirne, Unreinen oder Ehebrecherin zu schleichen, dabei sich in Acht nehmen vor allerhand . . . dem Dngerhaufen rechts und der Jauche links . . um dann daheim die leidvolle Liebe zwischen Jehangir Mirza und der Maasumeh Sultan Begum zu besingen . . . wre das wirklich ein so groes Vergngen, Ambrosia zu fabrizieren, whrend man selbst Kot schlingen mu? Und wenn man ein Dichter wre, man ist noch immer nicht mehr als ein geborener Tierstimmenimitator. Und bist du ein Meister des Wortes, der Worte fand, voll wie das Brllen des Stieres: ein Bettler bist du und lt nachahmend aus dir erschallen die Stimme des ber Pferde herrschenden Frsten und jene des aus einer schwarzen Puppe sich aufwrts, lichtwrts schwingenden Schmetterlings, wenn es nicht gar die Stimme eines andern Dichters ist -- alle Stimmen lt du aus dir erschallen, o Tierstimmenimitator, um die eigene Leere zu bertnen, deinen Mangel an einer eigenen Stimme . . . Was weile ich noch? Ab! bevor ich noch zum gichtbrchigen Schuster werde . . . Wozu noch weiter den entnervenden Widerstreit kleinlicher Schicksale mit ungeheuren Gefhlen und Vorstellungen hinunterwrgen? * * * Das Leben. Was fr ein groes Wort! Ich stelle mir das Leben als eine Kellnerin vor, die mich fragt, was ich zu den Wrsteln dazu wolle, Senf, Krenn oder Gurken . . . die Kellnerin heit Thekla . . . Beschrnkt sind die Mglichkeiten, immer aber die groen Worte . . . Eine Diskrepanz fr viele. Einst war ich zur Simultanvorstellung eines berhmten Schachspielers geladen. Der Produktionssaal ein dumpfer stickiger Raum voll von Tabakdampf. Pltzlich erschallt der Ruf: Der Meister naht! Wer tritt ein? Wegstehende, dnnschalige Ohren, ein beschrnkt aussehender Mensch in einem abgetragenen Anzug. Das kurze, blaue Rckchen war aber gewi nicht abgetragener als sein Gesicht. Haha! der Meister naht . . . Was erbrigt denn noch zu tun? Nicht viel. Ich hatte frher einmal einen Bekannten, der besa seinerseits wiederum einen Kollegen, mit dem er in die Tertia gegangen war. Dann wurde dieser Kollege meines gewesenen Bekannten seiner Indolenz, seines geringen Bestrebens wegen, noch mehr Ochs zu werden, als er ohnehin war, und dadurch Wohlgefallen zu finden in den Augen der Professoren -- er wurde aus der Schule genommen und in eine Fleischbank oder Schusterwerksttte gesteckt? Nein, zufllig in ein Weingeschft. Er traf einige Wochen nachher am Kai meinen Bekannten -- Waldemar Tibitanzel hie der und machte ungedruckte Gedichte -- und berhmte sich vor ihm, nach so kurzer Lehrzeit schon binnen weniger Minuten hundert Jahre alten Bordeaux herstellen zu knnen. Es ist gewi zu bedauern, da der hoffnungsvolle Jngling traumschnell auch aus dieser Laufbahn glitt. Bei seinem Genie htte er uns gewi in Blde mit einem Bordeaux zu bedienen vermocht, der aus der Ewigkeit stammte, wenn nicht gar aus dem Cambrium. Das tat er aber keineswegs. Der Wandlungsfhige tauchte als Erzengel im Burgtheater auf. Mein Bekannter sah ihn knapp hernach auf dem Graben wieder. Waldemar Tibitanzels Barttracht hielt knstlerisch zwischen Christusbart und Mdchenkinn gleicherweise die Mitte, und ein genauer Beobachter htte die der Wahrheit nahekommende Vermutung ausgesprochen, er sei nicht rasiert. Von den Schnallen seiner Schuhe war die schwarze Politur abgefallen, gelbes Messing kam zum Vorschein, und so auch in der geringfgigsten Kleinigkeit offenbarte sich der desolate Zustand seiner Finanzen und sein sterreichertum. Der Erzengel, scheinbar vertieft in sein eigenes glattrasiertes Gesicht, ignorierte nun schon perfekt den Ungedruckten, der sich tags darauf bitter bei mir beklagte. Und ehe noch eine Woche ins Land gegangen war, starb Waldemar Tibitanzel, mitten in einem Trauerspiel in fnf Aufzgen. Wenn ich morgen den mir unbekannten Weinpantscher und Mimen zur Rechenschaft ziehen werde fr lngst vergangene Sachen, so tue ich das aus sowas wie Solidaritt, kurz es handelt sich hier um rein prinzipielle Dinge . . . und nicht blo um derartige Velleitten . . . Denn ich, mein Gott, selbst frher, als ich noch Knig war und viele Leute auf meinen Gru lauerten, grte ich fr meine Person nicht regelmig. Ich grte einmal doppelt, mit tiefer Verbeugung, das andere Mal in einer Art Willenslhmung gar nicht, und wenn sich die Leute nicht damit zufrieden gaben, die doppelte Portion und die nicht erhaltene zusammenzulegen und auf zweimal zu verteilen, sondern ber mein ungeschlachtes Benehmen brummten, kmmerte ich mich blutwenig um diese Fliegen. Wenn ich morgen meine Sekundanten -- und sollte ich keine anderen finden: meine Schicksalsgenossen und Wahlbrder: den alten Schuster und den Huterer zu dem Erzengel hinaufschicken werde, liegt da ein ganz anderer Fall vor. Ich will sterben und bei dieser Gelegenheit einen zweiten Menschen, den ich in seiner Nichtigkeit erkannt habe, abdrehen, wie man einen giftigen Gashahn abdreht, wie Ahasver den inferioren Zwergbulldogg Schnudi abdrehte . . Sollte ich am Leben bleiben, was ich nicht hoffe, so vermache ich trotzdem meinen Stiefelknecht Philipp und ein gewisses Tintenfa demjenigen, der sich darum meldet; unter mehreren Bewerbern sollen bei sonst gleicher Qualifikation parfmierte Wachleute den Vorzug haben. Bevor ich aber die Kurbeldrehung setze und mich aus der Kurve hinaustragen lasse, an einem Meilenstein zu zerschellen, bevor ich mich aufmache in jenes ferne Land . . . die Rouleaux endgltig fallen und mir die Aussicht auf die Linzer Strae entziehen werden, will ich noch einen Anlauf nehmen und dem auf der Plattform eines Wagens ngstlich herumlaufenden Pintscher Antwort bellen, mit den sechs Kindern um den Straenarbeiter herumsitzen, den Schuster Engelbert Kokoschnigg fragen, warum er das Schild Zu den zwei Lwen fhrt, die Grnzeugfrau, ob sie Witwe ist, und wenn nicht, warum sie den erbsenpickenden Spatzen duldet -- ich neide ihm sein sorgenloses Dasein! Ich werde des Wirtes Dominik ansichtig zu werden versuchen, mich in dem flgellahmen Raben in der Weihburggasse betrachten, und wenn ich in der dazugehrigen Stimmung sein sollte, in einem speziellen Falle eigenohrig die Frage lsen, ob die Lyrikerinnen wirklich Tandaradei sagen. Mehr Freuden gewhrt ja das Leben nicht . . . Man glaubt, ich sei lustig? Ja! Herzzerreiend lustig! Dies alles ist nichts als Galgenhumor. Und Furcht. Scheint mir nmlich das Leben aus derartigen Nichtigkeiten, wie ich sie vorhabe, zusammengesetzt zu sein, wie wenn der Tod mir zum Possen eine adquate Rolle spielen wollte? Mich enttuschte. Der Tod, vormals der Bauer mit der Sense, ein grober Flegel immerhin, aber als solcher eine respektable, durch zahllose Bilder sehenswerter Maler akkreditierte Persnlichkeit, er nimmt in meiner Vorstellung immer komischere Gestalten an. Ich sehe ihn nicht als schwarzen Ritter, er kommt als nahender Meister, oder ein Clown tritt auf, steckt die Zunge heraus, sie wchst ins Unendliche und durchsticht mich . . . ich sehe den Tod als Kondukteur, der meinen Fahrschein einzwickt, fr ausgenutzt erklrt, nicht warten will bis zur nchsten Haltestelle, mich zum Aussteigen drngt . . . mit eines tschechischen Akzentes nicht entbehrenden Worten . . . ich sehe ihn als rohen Jungen, Fledermuse annagelnd, als Laternen auslschenden Studenten, Reichstag auflsenden Minister, und jngst sah ich den Tod gar als Motorfhrer. Dem Wagenfhrer ist es verboten, mit den Fahrgsten zu sprechen. Die bereinstimmung ist auffallend . . . Ich glaube, ich wrde es nicht ertragen, wenn mich auch noch der Tod mit einer Enttuschung abspeist . . . Eine tiefe Apathie und Gleichgltigkeit hat mich befallen, meine Seele ist jedes hheren Aufschwunges unfhig, seit langem vermied ich es, Goethe zu lesen, weil ich mich im tiefsten Innern seiner unwrdig fhlte. Und nun soll mir ein strahlender Tod entgehen, Freund Hein mir zusammenschrumpfen zum Spottbild? Wre das gerecht? Mag dem sein wie ihm wolle, mir bleibt nichts anderes brig, ich werde von dannen gehen, die Erde, dieses Kabinett mit separiertem Ausgang! verlassen, verlassen . . . Was ist denn soviel dabei? Rouleaux fallen . . . man sieht nichts von der Strae . . . Wie ich mich darauf freue! Wozu sich frchten? Ich werde einen Anlauf nehmen und hinberspringen. Oder sollte ich doch bleiben? Allen Leuten geht es gut. In den Auslagen der Greisler stehen Dalmatinerweine. Das war frher nicht. Ich aber besitze ja so gar nichts, nichts was mich im Innersten froh machen knnte. Ich besitze nichts als wie gesagt -- mein Name ist Tubutsch, Karl Tubutsch . . . Druck: Buchgewerbehaus Mller & Sohn, Mnchen End of the Project Gutenberg EBook of Tubutsch, by Albert Ehrenstein License: Share Alike