Produced by Jens Sadowski KLAGEN EINES KNABEN VON CARL EHRENSTEIN LEIPZIG KURT WOLFF VERLAG 1916 Sechster Band der Bcherei Der jngste Tag. Zweite Auflage COPYRIGHT 1916 BY KURT WOLFF VERLAG LEIPZIG GEDRUCKT BEI E. HABERLAND IN LEIPZIG-R. MEINEM BRUDER ALBERT Und hundert Jahre nach dem Tode dessen, der kein Erlser war, kam ich in den Krper eines anderen Menschen. Der Trger meines Krpers wurde Caj Rolo genannt. Er war in Sklaverei zur Sklaverei geboren. Von Geburt an bis zum Tode kannte er nur Heulen und Zhneklappern. Mutter schlug ihn, Vater auch. Aufseher stie ihn. Kinder warfen ihn her und hin. Hunde bissen ihn, und traurig fragte er sich immer: Warum? Als er so gro wie ein Spaten war, mute er einem solchen dienen. Bevor noch Sonne schien, und lange nachdem sie erloschen war, ununterbrochen, hindurch den langen Zeitraum eines Tages und einer halben Nacht, mute er das Werkzeug bedienen. Und oft schlug ihn da der Spaten auch. Einst, als er wieder von allen geschlagen war, weinte der Knabe und dachte zu sich: Soll ich Armer denn zeit meines Lebens, da ich in Sklaverei geboren wurde, Sklave sein, gekrnkt werden von Menschen, Tieren, Dingen? Soll nie Sonne mich ruhend sehen, nie Freuden und Mdchen mich freuen? Soll ich ewig arbeiten und nie leben? Kann ich das Leben nicht finden, so will ich den Tod suchen! Der Knabe ging aber aus, das Leben zu finden, -- nicht den Tod zu suchen, doch kam er an ein weites Wasser, und da setzte er ber -- das Leben . . . Ich flog ber das Wasser. Lange schwebte ich mit Vgeln in der Luft, bis ich mich hinablie, in dem Krper eines befruchteten Weibes zu landen. Menschen kamen und tteten im Namen dessen, dessen Namen sie geraubt, und dessen Worte: Fget eurem Nchsten nicht bles zu! sie nicht erhrt hatten, das Weib . . . Ich entging der Frucht und flog in ein fernes Meer zum Lande der schwarzen Menschen. Dort fand ich Leute vor, die sich Missionre der groen Seele nannten, die aber Missionre nur des eigenen Leibes waren. Sie verwirrten die Seelen der Eingeborenen, verwsteten ihre Krper und Lnder. Ich war in den Krper eines Negers gekommen. Chwala nannte ihn die Mutter, als sie ihn sah. Sie liebte ihn und tat ihm Gutes. Kamen die Weien zu dieser Familie. Den Vater vergifteten sie mit heiem Wasser, der Mutter zerschmetterten sie den Kopf mit einem eisernen Kreuz, die Schwestern fesselten sie und nahmen sie in ihre Huser, und Chwala und seinen jungen Brdern zerschnitten sie die Sehnen im Knie und warfen sie in die Bergwerke zur Arbeit. In dauernder Nacht, unter der Erde, mute Chwala graben. Faules Wasser bekam er zu trinken, faule berbleibsel zu essen. Manchmal, wenn die Aufseher besonders stark mit dem heien Wasser gefllt waren, bekam er nichts als Faustschlge. Seine Wunden im Knie eiterten. Eiter fra Fleisch und Knochen. Der Krper war aber stark und starb nicht. Ein Aufseher war ber Chwala sehr erbost. In einer Nacht verlangte er von ihm, er mge ihm die Fe kssen. Chwala stand auf und stolperte. Da schlug ihn der Aufseher mit dem Eisenknauf seiner Peitsche auf die Schlfe, in das Hirn hinein. Chwala fiel hin, und der Tod kam zu ihm . . . Wieder flog ich auf, flog ber weites, weites Wasser und kam zu einem noch nicht von Weien bedreckten Lande. Ich kam zu einem hohen Volke. Sie liebten die Sonne und den Frieden. Putamajo hie meine Trgerin. Und wieder kamen jene, die sich Diener nennen und machten sich das Volk zum Diener. Raubend vernichteten sie Volk und Land. Mit Putamajos Krper belustigten sie sich, bis er verging . . . Ich fliege weiter, komme an jemandem vorbei. Blut quillt ihm aus den Seiten, Trnen aus den Augen, und ob der Schmerzen seiner Seele weint er und sagt: Ich habe noch umsonst gelebt und gelitten. Ich aber hre das Wort: noch -- und nehme es mit mir im Fluge . . . Ich fliege. Weit? Ich will nicht mehr wandern, will ruhen. Wird einer mden Seele bald eine weie Taube von einer emporgekommenen Erde berichten? Ist noch immer schlechtes Wasser ber der Erde? Schreit niemand: Land! Land!? Ich will nicht mehr wandern, will ruhen. * * * * * An einem Teiche ging ich vorbei, in dem schwammen Enten und quakten. Sie schienen mit dieser ihrer Beschftigung zufrieden zu sein, denn ihr Quaken klang gesttigt. Manchmal kam jemand, ttete eine Ente und a sie, und die Ente schwamm nicht mehr und lie auch das Quaken sein, und schien auch mit ihrer jetzigen Beschftigungslosigkeit zufrieden zu sein, denn ihr Nichtquaken kam aus sattem Magen und klang mir gesttigt . . . Ein Land ging ich entlang, in dem waren Menschen und quakten. Sie schienen mit dieser ihrer Beschftigung zufrieden zu sein, denn ihr Quaken kam aus vollem Magen und klang gesttigt. Manchmal kam jemand, ein Tod, ttete einen Menschen und a ihn. Der Mensch lie dann das Quaken sein und war auch damit zufrieden, denn sein Quaken der Ruhe klang mir gesttigt . . . Heute werde ich an den Teich gehen und die Enten fragen, warum sie schwimmen, quaken und zufrieden sind. Heute werde ich in das Land gehen und die Menschen fragen, warum sie sind, quaken und zufrieden sind. Heute werde ich zum Tod gehen und ihn fragen, warum er ist, Dinge ttet, sie it und dann zufrieden rlpst. Heute werde ich den Schreiber dieser Worte fragen, warum er lebt, quakt und unzufrieden ist . . . Und sie alle werden mir sagen: Wir quaken, weil wir quaken. Wir sind, weil wir sind. Wir quaken, solange wir sind, sind wir nicht mehr, so lassen wir es sein. Zufrieden oder unzufrieden quaken wir, sind wir, weil es uns so gefllt und gut dnkt. Qua, qua . . . . . . * * * * * Mich schmerzt mein Kopf, mein Krper ist mde, ich mchte mich auf den Boden fallen lassen und aufhren, mich aufrecht zu erhalten. Doch ich darf es nicht, der Lehrer scheint mit mir sprechen zu wollen, ich mu Aufmerken markieren, und deshalb nicke ich des fteren mit dem Kopf und lchle, als wre das, wovon der Lehrer spricht, mir sehr einleuchtend und als wrde ich ihm groes Interesse entgegenbringen. Gut ist es, da ich dabei nicht direkt auf den Lehrer schaue, die Leere und Starre meiner Augen mte dem Lehrer sagen, da mein Lcheln eine Lge ist. Doch wei ich, im Notfalle knnte ich auch meine Augen aus ihrer Starre reien, mit ihnen lcheln, mit ihnen lgen. Es scheint, der Lehrer will es, er spricht mich an. Ich mu seine Worte erst in meinem Hirn aufnehmen, denn sinnlose Laute hrt bisher nur mein Ohr. Es ist mir endlich geglckt, und schon sagt mir mein hilfreicher Nachbar, was der Lehrer zu hren wnscht. Gut, da der Lehrer schon von mir ablt, sonst htte ich ihn noch gefragt -- was die ganze Zeit mich schon bedrckt -- wozu das alles ist, wozu ich im Trauerspiel Schule, dessen Dauer ohne erlsendes Ende zu sein scheint, mitspielen mu, weshalb das Stck berhaupt aufgefhrt wird, und warum es durch so viele tote Saisons geschleppt wird. Doch ich wei, nie werde ich den Lehrer fragen, denn aufschreiend wrde ich ihm auf seine Lgenantwort antworten: Non vitae, sed scholae discimus!!! Er wrde das aber nicht verstehen, wie auch, wenn ich ihm sagen wrde, da die Schule und das Leben, beides, Lgen sind. Unverstndig wrde mein Verstand seinem Unverstand scheinen, deshalb unterlasse ich alles Sprechen und lebe weiter in der Schule, wie ich im Leben weiterleben werde, eben weil ich noch nicht tot bin. * * * * * Er war Repetent. Ich hatte Nachprfung gehabt. Wir gefielen einander und wurden Freunde. Gegenseitig schrieben wir die Schularbeiten von einander ab, machten uns auf Fehler aufmerksam. Doch bei der lateinischen Schularbeit zeigte er mir einen Fehler nicht, und als er die bessere Note bekam, lchelte er. Zur Strafe dafr, da er mir die Freundschaft beschmutzt hatte, beschmutzte ich ihm das Lineal. Er verlangte, da ich es reinige, ich tat es nicht. Schulrecht und Schlerstolz hatte ich. Und als er mir mit Klage beim Lehrer drohte, sagte ich ihm verchtlich, er mge nach seinem Belieben verfahren, ich mge ihn nicht mehr. Ich wandte mich von ihm ab und meiner Beschftigung zu, verfolgte Harun al Raschid durch tausendundeine Nacht. Der Verrter an meiner ersten Freundschaft zeigte mich und meine Tat dem Lehrer an. Solche Schandtat verstand ich nicht und nahm das Urteil des Lehrers wortlos entgegen. Der Lehrer htte mich doch nicht verstanden, wenn ich ihn ber Schulrecht belehrt htte. Nach dieser Affre sandte mir der Judas einen Unterfreund und bot mir neuerdings seine Freundschaft an. Ich wies sie ab. Und wandelte allein, ber dieses Vorgehen meines Freundes a. D. nachdenkend. Und dieser Schurke lie eine schurkische Rachetat folgen. Am nchsten Morgen stand er auf und sagte dem Lehrer, sein Reizeug fehle ihm, noch vor dem Unterricht htte er es besessen, wie Augenzeugen bezeugen knnten. Und er wandte den Verdacht, ihm das Reizeug gestohlen zu haben, auf mich, und der Lehrer, der mir nicht gefiel, und dem ich deshalb nicht gefiel, gab ihm recht und sagte zu mir: Sie scheinen der Dieb zu sein! Der Lehrer hatte die Angelegenheit vorher nicht geprft, mich nicht sprechen lassen. Dieb hie er mich vor der ganzen Klasse, Dieb echoten die Schler, und der Verrter grinste mich an. Ohne Trne, weinend, fiel ich in die Bank . . . * * * * * Ich sitze vor der Uhr und starre sie an. Das ist meine tgliche Beschftigung. Ihr werdet sagen, das sei eine nutzlose Beschftigung. O nein, das ist nicht wahr, denn ich werde dafr bezahlt. Ja, etwas eintnig ist sie, da die Uhr nur eine Gangart hat, in der sie seit ihrer Erschaffung geht und in immer gleicher Tonlage und Tonart zu mir spricht. Aber das macht mir nun nichts mehr. Ich habe mich damit abgefunden, d. h. ich mute, denn wrde ich mit meiner Beschftigung nicht zufrieden sein, so wrde man mir sie nehmen, ich wrde nichts bezahlt bekommen, knnte nicht weiter leben und arbeiten, um zu arbeiten. Es ist nmlich jetzt so schwer, Arbeit zu finden, alle Arbeiten sind vergeben. Die Mondanstarrer brauchen keinen neuen, und auch bei den Auf-die-Erde-Spuckern sind alle Posten besetzt. Deshalb trachte ich, meinen Vorgesetzten keinen Anla zur Klage zu geben und starre die Uhr gut an. Ich glaube, niemand kann das so gut wie ich. Manchmal, um mich ein wenig zu unterhalten, folge ich den Sekunden- und Minutenzeigern mit meinen Zeigefingern, obwohl das sehr strenge verboten ist. Doch ich wurde noch nie auf diesen Abwegen betroffen, denn, kommt jemand zu mir in meine Zelle, so gebe ich, bevor er noch bei mir ist, schon wenn ich das geringste Gerusch von Tritten hre, schnell die Finger von der Uhr und starre sie vorgeschriebenermaen bewegungslos an. Doch immer, wenn ich meine Finger denen der Uhr folgen lasse, schaut sie mich spottend an, denn sie wei, da meine Finger nicht soviel aushalten knnen wie ihre und da ich meine Finger bald fallen lassen werde. Auch meine Augen halten nicht soviel wie die Uhr aus, mde fallen mir oft die Lider ber meine Augen. Doch sofort reie ich die Lider empor, und meine Augen starren die Uhr an, denn ich will meine Pflicht erfllen und will nicht die Leute, die mich bezahlen, betrgen, indem ich ihnen fr ihr Geld nicht den vereinbarten Gegenwert leiste. Eigentlich: wozu ich die Uhr anstarren mu, wei ich nicht. Aber dies wei mein Herr. Denn er spricht sehr gro davon, und ich ahne, auch ich werde bald meine Arbeit verstehen und zu wrdigen wissen. Sagte mir doch gestern der Herr, wenn ich grer sein werde, wrde ich all dies verstehen, und bis dahin erflle ich getreulich meine Pflicht, worob mich mein Herr auch lobt und liebt. Und ich warte, da meine Jahre kommen, mich lter und grer machen, mir das Verstndnis fr Arbeit und andere Dinge geben. * * * * * Mein Wecker schrillt mir in die Ohren. Mein Tag fllt mich an. Ins Gefngnis. Arbeite, Sklave! Ich der Herr, peitsche dich mit Befehlen. Du bist meine Hur fr Dirnenmonatslohn. Sklave, sklave mehr! Schneller, sonst gibt es Peitsche! Hier nimm deinen Lohn! Leck mir die Hand! Sklave schufte! Schneller! Diese Bcher auf deinen Kopf! Schleppe sie den Tag! Hre Sklave, ich bin auch in der Nacht dein Herrdmon! Trage sie nachts in deine Trume auch! Ich sitze auf deinem Bauch. Ich rauche dich an. Drossle und presse dich. Fresse dich. Bei lebendem Leben. Sthnst du Sklave? Mein Fu ist auf deinem Kopf. Ich reie dich nieder an deinem Schopf. Werfe und schlage dich. Denn du bist mein Sklave. Mir verkauft frs tgliche Brot. Um Schandenlohn. Ich gebe dir auch Hohn. Brichst du zusammen, werfe ich dich fort. In den Ab-Ort des Lebens. In den Arbeitstod. Nicht in den wirklichen, Trichter. Nein. Weiter renne du dann, aber als kranker Hund in der Mhle deines Lebens, das du mir verkauft hast. Weiter gehe in deiner Krankheit. In die Arbeit. Du entkommst mir nicht aus dem Gefngnis. Flchtest du fr kurze Zeit, grre Last werfe ich auf dich. Langsam werde ich dein Licht ausblasen. Und entznden werde ich es mit der Peitsche. Sklave! sklave! * * * * * Gefangen bin ich, kann nicht entkommen, wo ich mich auch hinwende, sind Tage. Enteile ich vorwrts, laufe ich hintwrts, ich komme zu Tagen. Sie lassen mich nicht aus, eingekerkert bin ich von ihnen, von allen Seiten. Bleibe ich ruhig, bewege ich mich nirgendhin, es hilft mir nichts, die Tage kommen ber mich. Ein bser Zauberer, dem etwas angetan zu haben ich mich nicht entsinne, mu mich verflucht, zu ewigen Tagen verdammt haben. Die Tage, sie sind ohne Unterschied, sie gleichen einander, wie ein Tag dem andern. Ich kann sie nicht voneinander unterscheiden, auseinander halten, sie sind Meer, das keinen Rand hat, Raum ohne Ende, greifen ineinander, keine Marke zu merken, zu erkennen. In diese Tage bin ich gesetzt, kann nicht aus ihnen. Es wird mich nicht von ihnen erretten, wenn ich vielleicht nicht mehr wissen werde, da ich bin, der ich bin, wenn ich tot sein werde, wenn ich in andere Formen umgeformt werde. Der Kerker der Tage, der Kerker der Zeiten und Rume wird weiter bestehen, ewig sein. Denn es ist keine Aussicht dafr vorhanden, da jemand kme und Zeit und Raum vernichte, tte. * * * * * Einmal, ja, da mu es doch ganz anders gewesen sein als jetzt. Ich erinnere mich. Die Lampe brannte hell, der Ofen war warm und im Zimmer war eine zufriedene, gesttigte Stimmung. Der Vater kam lchelnd ins Zimmer, es war abends, er kam aus der Fabrik, in der tagsber er gearbeitet hatte. Die Mutter empfing ihn mit guten Worten, und auch die andern begrten ihn freudig. Im Zimmer war es wohnlich, ein runder Tisch, ein Teppich darunter, Gardinen vor den Fenstern . . . Und neben der Mutter war eine Wiege, und in der Wiege, da war ich. Und damals, als ich noch in der Wiege lag, da war eben alles anders als jetzt. Jetzt ist es dunkel im Zimmer, keine Wrme ist darinnen und keine Wohnlichkeit. Finster ist der Vater, kommt er nach Hause, und finstre Worte bekommt er. Friede ging von denen im Zimmer, und Ha kam zu ihnen. Und mir ist es kalt, so kalt. Ich bin nicht mehr in der Wiege. Halberwachsen bin ich, und soll verdienen. Und dieses ist mein Tod, denn als ich in der Wiege war, da wiegten mich andre Worte und Trume als: Verdienen, Dienen. Und als ich noch ein Embryo war, da dachte ich nicht daran, da ich geboren werden wrde, um zu dienen, und nicht um zu leben. Und jetzt, da ich erwachsen bin, bin ich noch weniger als zuvor gesinnt zu dienen, Herr will ich sein. * * * * * Ich warte auf Dinge. Und sie ereignen sich nicht. Ich wei nicht, was fr Dinge sich da ereignen sollen. Aber ich warte. Will mir nicht sagen, da es nutzlos sei, zu warten. Kein Ereignis gab mir ein Stelldichein. Und deshalb wird keines kommen. Leer luft mein Leben. Ohne Inhalt. Warum werfe ich es nicht wie ein inhaltloses Buch von mir? Warum gehe ich nicht aus dem Theater, da mir das Stck nicht gefllt? Es ist in mir die Furcht des Tieres vor dem Tode. Das frchtet das Unbekannte. Und hngt an dem Bekannten. Trotzdem, da dies Bekannte das Schlechteste des zu Denkenden ist, und das Unbekannte nur besser sein kann. Und das Tier sthnt in mir. Ich kann ihm nicht helfen. Es will mit dem Leben ringen. Doch das stellt sich ihm nicht, und der Tod sich nicht mir. Das Tier in mir will leben. Und kein Leben wird ihm gegeben. Ohnmchtig schlafft es durchs Leben. Und neben dem Tier gehe ich einher. Es aber ist mein Treiber. Es treibt mich schlecht. Es treibt mich allein. Und der Trieb ist fr zwei. Ich will ein zweites Tier. Will Wrme, Sonne. Ein Mdchen. Doch die Dinge wollen nicht mich. Und so mu ich warten. * * * * * Mdchen, du, ich liebe dich. Sagen werde ich es dir nie, denn zu groe Trauer gebar dir Liebe schon, und du wrdest meiner Liebe nicht glauben, wrdest nicht glauben, da ich nur Mensch bin und da mein Tier tot ist. Wie geschah es, liebes Kind, da dich Tierfeuer schon einmal sengte und du trotzdem nochmals dem Feuer zu nahe kamst? Wolltest du, da du schon unten warst, unten bleiben? Waren dir schon alle Dinge nebenschlich, so sich mit dir ereigneten? Warum lieest du die Befleckung deines Krpers zu? Sicherlich fandest du sie angenehm, wutest noch nicht um das Erwachen zum hlichen Leben. So geschah es, da du aus dir Nichtgewesenem Wesenheit gabst. Nicht lieb wars dir, und trotzdem: nochmals httest du, wre es wohlweislich nicht verhindert worden, unempfindlichem Nichtlebendem zum Lebenstod verholfen. Warum ereigneten sich diese Dinge? Lieest du dich denn vom Zeuger deiner Qualen gerne zu weiteren drngen? Wolltest du ihm sagen und zeigen: Sieh! welche Schmerzen du mir zufgst, und sieh: ich ertrage sie! Wolltest du ihn so deinen Schmerz fhlen lassen? Auf alle meine Fragen wird mir wahrscheinlich nicht Antwort werden, denn wir werden einander wohl nie mehr sehen. Du Licht, das mir von ferne leuchtet, und so mir nicht leuchtet, o, la doch dich und deine Strahlen nher zu mir kommen, auf da mir Wrme werde. Warum ist wohl meine Liebe zu dir, Mdchen? Weil du mir wie eine Jdin schienst, die ich in England sah, mit rotem Haar, oder weil mein Auge Ruhe fand an deinem, und an der Stille deines Krpers? Ich wei nicht, warum meine Liebe ist, aber sie ist. Nur eines gibt Schmerz meiner Liebe, da du vielleicht sie nicht willst. Und ich will dich nicht beleidigen durch das Anbieten meiner Liebe. Und da ich dir nicht meine Liebe sagen werde, so werde ich ohne deine sein, die du mir aber vielleicht auch nicht geben wrdest, wenn ich dir meine Liebe sagen wrde. So ist mein Leben, aussichtslos. Zu ewigem Nichtsprechen bin ich verurteilt. Und es gibt keinen Richter, an den ich mich wegen ungerechten Rachspruchs wenden kann, denn der Richter, der beim jngsten Gericht amtieren und sich rchen wird, der ist bis dahin still und tot. Und auch mein Leben kann nicht seinen Spruch erwarten, denn dann wird es tot sein, wie jetzt Gott. * * * * * Regen, Wind, Sturm, ihr seid mir lieb . . . . Im Sturme kletterte ich auf die hohe Fhre und lie mich auf ihrem hchsten Aste nieder, und lie mich wiegen und werfen vom Sturm. Der Wind sauste durch den Wald ber die Wiese zu mir auf die Anhhe, und ich, auf der Fhre stehend, sang und schrie im Sturm . . . . Ich war Herrscher. Auf einem Schiff. Ich kmpfte mit dem Feind. Ich besiegte alle. Der Sturm hrte auf. Die Sonne gab schne Wrme. Die Ameisen zogen wieder den Baum auf und ab. In ihre Hhlungen. Ich sah ihnen lange zu. Ich stieg vom Baum, ging zu einem der Bergwerke der Ameisen. Der Duft der Ameisen, der feuchten Wiese, des Waldes und des nassen Heues war mir angenehm. Nachdem ich den Ameisen, den kleinen, schwarzen, zugesehen, ging ich zum Ameisenbergwerk der roten. Bald waren die Roten und Schwarzen im Kampf. Ich war die Ursache der Vlkerschlacht. Ein Heerfhrer der Schwarzen schrie unaufhrlich: Rettet die Ungeborenen, die Zukunft! Mir ward dies bald zu eintnig, und zwei Ameisenvlker wurden ausgerottet. Dann ging ich auf die Wiese und trumte vom Mdchen meiner Trume. Ich bin mit ihr zusammen. Ich spreche zu ihr. Und sie ist mir gut . . . Ich steuere ein starkes Schiff im groen Meer. Sie sitzt vor mir in langen Gewndern, und ihre Augen leuchten schn zu mir . . . Friede habe ich, Freude, Lilith . . . Lilith, darf ich mit dir sprechen und dir sagen, da ich dich liebe? . . . Keine Antwort werde ich erhalten, denn ich werde nicht fragen, wissend und frchtend, da du mich ablehnen wrdest . . . Und so werde ich dir nie sagen knnen, wie wert du mir bist, da du das Mdchen meiner Trume und meines Denkens bist, da ich seit den Tagnchten meiner Kindheit immer deiner gedacht, da ich die Augenblicke, da ich dich gesehen habe, aufbewahre und sie mir immer hervorhole, um schn von dir zu trumen, da du der Anfangsgedanke meiner Trume bist, da der Gedanke an dich vielleicht mein letzter sein wird . . . . Dies alles werde ich dir nicht sagen, denn du wrdest es mir nicht glauben . . . . So werde ich von dir nur immer trumen, denn ich werde nie mit dir sprechen . . . . Trumen, trumen. Mein Leben ist trumen, mein Trumen mein Glck . . . . Und mein Leben ist tot. Du wirst mir nicht helfen, denn du wirst niemals wissen um meine Not . . . . Ich hungere nach deiner Liebe. Und ich werde verhungern, denn ich werde nicht betteln. Ich kann mich nicht beugen und bitten. Das Nein frchtend. Und ich wte mich nicht zu benehmen, abgelehnt . . . Ohne Denken wrde ich vor dir stehen, dumm und lcherlich . . . Ich will keine Niederlage, deshalb keinen Kampf. Du unterschtzest und geringschtzest mich sicherlich als Gegner. Und so kann ich dir nicht sagen, da ich der Strkere bin . . . Nur im Traum. * * * * * Lilith! Ich gre dich, aber den Hut nehme ich nicht ab, so wirst du nicht wissen, da ich dich gre. Und du staunst, wie auch darber, da ich mich trotzdem neben dich setze und nicht mit dir spreche. Weit du noch, wie vor vielen Jahren, als wir wie heute in der Elektrischen fuhren, ich, da du mich nicht sahst, dich berhrte, grte und dann mit dir nichts sprach, weil meine Zunge dumm ist. Wie du schnell auf dem Eise warst und ich immer auf dem Boden. Aber Schnurspringen konnte ich besser als du. Du hast mich Bier holen gesehen und Einkufe mit der Markttasche besorgen. Wie fuhr ich auf dem Velozipedkarussell so schnell -- und du lachtest. Und als ich abstieg, bemerkte ich, da die Sohle meines Schuhes im Begriffe war, ihn zu verlassen, getrennt von ihm leben wollte, und rchender Richter war ich. Uns hatte sie entzweit, in meinem Jhzorn tat ich mit ihr und dem Schuh desgleichen. -- Es irrt der Mensch, solang' er richtet! Deiner Puppe brach ich lachend den Kopf ab, und als du weintest, da, nein, ich will mich an meinen Gefhlsausdruck nicht erinnern, an mich verfrbende Ereignisse. Ich kenne dich nicht, dein Denken und Dichten. In einem anderen Hause wohnst du, und nur manchmal kamst du in unsern Hof und da verkroch ich mich oft und spielte nicht mit dir. Ich kenne blo deinen Namen, der mir Fetisch ist, und ich liebe dich, weil ich von meiner Kindheit an von dir geliebt sein wollte. Ich bin schwerkrank, morgen werde ich operiert werden. Lilith, Todesengel, komm, ksse mich. * * * * * Einziges Mdchen meiner Kindheit, der wenigen Spiele, die wir selten gespielt, Zeugin meiner Scheu und Furchtsamkeit, ich sah dich heute, und wann werde ich dir wieder begegnen und dir sagen knnen, da du mich lieben sollst, da ich bei dir Frieden suche, meinen Kopf an dir ruhen lassen will, du mich kssen sollst und zu mir sprechen! Meine geliebten Sterne in schwarzer Nacht ber uns! oder am Meeresstrand im Sand, von den tnenden Wogen nicht berhrt, allein mit dir! Und ich werde zu dir weinen und du wirst mich liebkosen, und wirst mir Mutter sein, denn meine Mutter war es nicht. Freude, Liebe kenne ich nicht. Und ich bin doch so gut, Gott liebte mich, das wei ich, und er war der einzige. Wirst du es nun sein? Denn ihn habe ich abgesetzt. Er ist Gottgeist und ich verlange nach Menschkrper. Aber ich wei, mein Wille wird nicht geschehen, wie berall auf Erden, mein Wunsch wird Traum bleiben, ohne dich werde ich das Leben sein lassen, ohne Leben und Lieben sterben. * * * * * Flieht eine Krhe und schreit: Kahl, kalt, Tod. . . . Ein nackter Baum ist in meinem Garten. Die Winterkrankheit kam ber ihn, und bar seiner grnen Kleidung schauert er im Winde. Mein Garten ist leer, und ihn friert. Eine Krhe flieht vor ihm und ber ihn und schreit: Kahl, kahl. Auf dem Baume ein leerer, umgestlpter Handschuh. Einst scheint er einem Mdchen gehrt zu haben, im Sommer drfte er zum Baume geflogen sein. Baum, Garten, Krhe, sie wissen von einem Frhling, einem Sommer, einem Herbst. Sie wissen im Winter: Sommer wird sein. Der Handschuh wei von einem Sommer, einem Mdchen. Und ich, ich wei nur von einem Winter. Der dauert nun schon mein ganzes Leben. Kein Frhling kommt, keinen Frhling, keine Jugend hatte ich, kein Sommer wird mir werden. Kalt, kalt, krht es um mich. Ich bin im kahlkalten Zimmer, bin leer und umgestlpt, Handschuh auf dem Baume. Doch in sein Sein griff ein Mdchen ein, warf sie ihn auch fort, so wei er doch von einem Mdchen, dem er gehrte, das ihm ward. Ich aber wei von keinem Mdchen, keines griff in mein leeres Leben ein, keines brachte mir Sommer, Sonne, nein, sie lassen mich alle dem kalten Winter, lassen mich frieren im Leben, allein sein. Auer meinem Winter kenne ich noch eins: einen Namen. Lilith, er ist der Name eines Mdchens und eines Engels. Das Mdchen ist das Mdchen meiner Mrchen und Trume, der Engel Todesengel. Wenn es mir zu kalt ist, sage ich mir den Namen des Mdchens und trume mir ein Mrchen. Das Mrchen wrmt mich ein wenig. Wird es aber in meinem Winter zu kalt werden, so da Blut in meinem Thermometer gefriert, wird kein Mrchenmdchen mich aus der Klte erlsen. Wird ein Engel kommen, Lilith, der Tod, mich befreien aus meiner kalten Nacht. Der Winter wird zwar vorber sein, aber keine andere Zeit wird mir sein. Nichts wird mehr sein, kein Winter, kein Mrchen, kein Mdchen, kein Engel, kein Tod. Flieht eine Krhe und schreit: Kahl, kalt, Tod. * * * * * Mir als Abstmmling alter Priesterfamilie verbeut es das Gebot, mich dem Acker Gottes, in den diesseitige Frchte fr jenseitige Blte gepflanzt werden, zu nhern oder auf ihm zu weilen. Nicht des Verbotes halber war ich gern dort, sondern weil der Friede des Ortes auch mir Frieden gab, Frieden mit mir. Ich lag dort im Grase neben zwei Grbern. Sah zur Sonne, gedeckt durch ein Tuch, und schaute die schnsten Farbenwunder. Wirkliche Pegasusse, geflgelte Heupferde lieen Musik aus sich ertnen. Grillen vertrieben mir mit ihren Tnen meine Grillen. Bienen flogen zu Disteln, Schmetterlinge schwrmten. Kein Mensch strte, die Tiere freuten mich. Und ich war voll Ruhe und Friedens mit mir. Hie und da lagen Grasbschel auf den Steinen der Grber, aber immer und berall konnte das Auge, nach und nach, graue Grabschnecken von den grauen Steinen unterscheiden . . . Im Grabe, neben dem ich lag, war seit geraumer Zeit ein Mdchen gefangen. Ich hatte es einst, da es noch vom Leben gefangen war, beleidigt. Es kam einmal in meinen Garten, Wind hatte ihm ein schnes Tchlein, Kleid einer Puppe, zu mir vertrieben. Mdchen verlangte das Tchlein von mir, zaghaft. Ich hob das Tchlein von der Erde, unrein wie es war, und warf es auf das Mdchen, sein Haar beschmutzend. Traurig sah das Mdchen auf mich ob meiner Untat, traurig ging es von mir, ohne Wort, und des Mdchens Augen sagten mir, da sein Mund sich mir geffnet und zu mir gesprochen htte, wr ich nicht so bs gewesen . . . Ihre klagenden Augen erschienen mir wieder. Ich sah sie, durch Glas hindurch, das auf ihnen lag. Einen Einschnitt hatte sie auf der Stirne, einen auf ihrer Brust. Damit die Seele aus ihr knne, glaube ich, wurde so ihr Krper verletzt. Weshalb aber Glas ihre Augen deckte, wei ich nicht. Vielleicht auch, da ich Glas und Schnitte sah, die nicht vorhanden waren. Leute, die ein Recht auf das kleine Mdchen zu besitzen whnten, wlzten sich und heulten vor dem Mdchen, das traurig dalag auf der Bahre, vor seinem Grabe. Ein Rabe krchzte ber die Menschen und floh den Friedhof, dessen Ruhe durch unruhige, lebende Menschen gestrt war. Lange Zeit nachher, als schon keine Spuren der Menschen mehr am Orte des Nichtseins zu entdecken waren, ging ich hin und bat das Mdchen, mir die Untat zu verzeihen. Ich opferte ihr, sie zu vershnen, meine Gedanken und Worte. Und ich glaube, sie nahm das Opfer an, selten lasse ich mir ihr trauriges Gesicht, ihre trauernden Augen erscheinen. * * * * * Weite Ebene, ruhig wie See, wenn Wind nicht weht, ist. Tag ist tot. Nacht lebt. Knabe ohne Schlaf traumwebt. Mdchen zu ihm kommt. Legt Krper zu Krper. Knabe weint: Du bist gut. Liegen und trumen. Gedanken: Sterne sind schn, wie Wunder herrlich. Ruhe ist gro. Knabe: Mdchen, bist du fraulich schon, oder noch jungfrulich? Bist du Frau: Deinen Krper, Wunder will ich schauen. Bist du jungfrulich: Heiliger Tempel bist du, den ich anbeten will. Knabe wacht auf. Klte und Tod. Ich habe dich oft gesehen und mit dir gesprochen. Habe von dir deinen Krper verlangt. Aber du sagtest immer: Nein. Ich verstand nie, weshalb du nicht einwilligtest. Bin ich denn hlich, dumm, nicht verlangenswert? Ach so! da ich dich verlange, weisest du mich zurck. Was du haben kannst, willst du nicht. Und htte ich dir gezeigt, da ich dich nicht will, du wrdest gewut haben, da ich Trauben, die ich nicht gekostet, sauer wei. Oder wrdest, da ich dir dann nicht mehr begegnet wre, mich bald vergessen haben. Und ich bin ja auch nicht der einzige, der dich begehrt. Du findest das Geschlecht unschn, willst Mdchen bleiben. Aber ich wei, du wirst heiraten. Einen Geistproleten, Geldbesitzer. Und ich, der ich ein armer Geisteskapitalist bin, werde dich nicht kaufen knnen. Nur ein goldbeladenes Kamel zieht durchs hr ins Himmelreich ein. Wenn ich deinen Namen hrte, mein Herz, das schmerzte mich, der Hals war zugepret, und ich, ich schmhte dich. Weil ich dich nicht kssen darf und kann, mu ich dich schlagen, hassen. Aber ich will dich nicht hassen, ich will dir meine Liebe zeigen. Und da du mich nicht lt, verpanzere ich mich in mir, hohnlchle. Und glaube, ich werde nie mehr lieben knnen. Da man mir meine Liebe immer aufs neue zertrat, ri ich sie aus mir, verschlo die Wunde mit Eis und Eisen. Kann nicht sagen: Ich liebe dich, denn ich glaube es nicht mehr. Liebe, Leben und Glas, wie schwer bricht das. Und ihr, die ihr mich gebrochen, an euch, an euch werde ich mich rchen. Rchender Richter werde ich sein, Schrill wie Klavier, das zerstrt, so grell schreit meine Liebe nun. Ich hasse, mein Gesicht ist verzerrt, meine Zhne knirschen . . . Gott war es, der aus Luzifer Satan schuf . . . . * * * * * Merkwrdig ist es, eigentlich: Immer schreie ich nach einem Mdchen, nach einem Tod, und verlange diese Dinge, obwohl ich mir diese Dinge doch, ohne nach ihnen zu schreien, einfach nehmen knnte, ohne ein Wort darber zu verlieren. Und deshalb deucht mir, da es mir eigentlich nicht um diese Gegenstnde zu tun ist, sondern da mir das Schreien darnach behagt, Mittel mir Zweck geworden. Denn wollte ich wirklich Mdchen, Tode, ich knnte doch zu einem Mdchen gehen und fr geringes Geld geringes Mdchen eine kleine Dauer haben. Ist es die zu kurze Zeit des Besitzes, was mich davon abhlt, knnte mich ja die Dauer eines Todes, die von unbegrenzter Zeit ist, entschdigen. Nein, es scheint, ich will es umgekehrt: Mdchen fr unbeschrnkte Zeiten, Tode fr begrenzte. Doch glaube ich nicht, da die Dinge, dem Gesetz der Trgheit folgend, meines Willens wegen aus ihrer Bahn weichen werden in die, welche ich ihnen vorschreibe. Und so werde ich auch des Ferneren schreien: Ein Mdchen, einen Tod. Man achte darauf, da ich Mdchen vor Tod schreie, denn ich knnte ja auch ungestrt umgekehrt schreien, aber ich brlle das nur so, weil ich auch sonst, um den Kellner mit den Speisen an mich zu locken, schreie: Kellner, zahlen! Doch auch durch diesen Kniff konnte ich bis jetzt noch keinen Kellner, kein Essen kdern . . . * * * * * Schmerzen fhle ich. Und die Schmerzen freuen mich. Wenn Schmerz zu meinem Herzen kommt, mich sticht, erhoffe ich den letzten Stich. Doch der Tod will mich nicht einstechen. Ich scheine ihm zu wertlos . . . Der Tod spielt mit mir Schach. Ich gab ihm die Dame vor. Und noch immer will er mich nicht matt machen. Und davon bin ich matt. Will die Partie aufgeben. Er nimmt aber nicht an. Will der Tod mich leben lassen, wo das Leben mich nicht leben lt? Gibt mir der, von dem ich nichts will? Ja. Denn so ist es immer. Da ich das Leben will, will es mich nicht. Vor den Toren, zwischen den Toren zweier Hllen bin ich, und kein Teufel lt mich ein. Ich bitte Gott, der Teufel mge mich erhren. Doch beide sind taub. Beleidigt, irgend einer Tat wegen, die ich nicht mehr wei. So ward ich aus allen Hllen der Welten ausgeschlossen. Fr die Dauer meiner Spielzeit. * * * * * Der Tod kommt auf einen Markt. Er gleicht einem Hausierer mit seinem Kram und spricht wie ein solcher. Billige Tode, noch nie dagewesene, sensationelle Tode. Bei mir bekommen Sie jeden Tod. Prompte und reelle Bedienung. Ich bin ohne Konkurrenz. Bei mir sterben Sie garantiert gut. Was haben Sie davon, wenn Sie sich teures Leben, teure Krankheiten anschauen? Das kostet Sie nur viel Geld. Heben Sie sich doch lieber das Geld und das Leben fr den Tod auf. Ich wei berhaupt nicht, weshalb, wozu und wieso Sie leben. Das Leben ist eine schlechte Gewohnheit. Hren Sie mir doch mit dem Leben auf. Glauben Sie, es macht gar so einen schnen Eindruck, wenn Sie unaufhrlich sich oder andern in der Nase bohren? Ich sage Ihnen, das schnste und beste Weihnachts- oder Geburtstagsgeschenk ist z. B. so ein Revolver. Sehr billig, und ein uerst amsantes Gesellschaftsspiel fr sechs Personen. Hier habe ich auch etwas fr grere Gesellschaften: einen Krieg mit drei Schlachten tglich. Kaufen Sie, kaufen Sie. Kaufen Sie nicht heut', so morgen. Ich warte. Ich habe immer Zeit. Wenn Sie mich brauchen: -- Karte gengt, komme sofort. Der Tod geht weiter, immerwhrend, seine Waren preisend und ausrufend. * * * * * Klte dringt auf mich von allen Seiten ein. Schliet mich ein und will mich erdrcken. Ich verkrieche mich in mich hinein, wie eine angegriffene Schnecke in ihr Haus. Doch ich wei: nutzlos ist es. Und ich frchte den Augenblick, da ich aus mir treten, die kraftlose Verschanzung aufgeben werde, und mich, aufschreiend vor innerem, wesenlosem Weh, der Klte preisgeben werde. Ohnmchtig werde ich zusammensinken. Klte wird wie ein Vampyr Wrme, Leben aus mir saugen und mich leblos lassen. Wozu wurde ich in den Kampf gesetzt? Nutzlos mu ich Kampf-Hasser kmpfen und fallen. Im Tode lallen: Wozu? Wozu kriech' ich weiter? Warum? Warum la' ich mich nicht fallen? In den unbekannten Abgrund, ihn zu ergrnden? Den grundlosen Grund des Lebens zu finden. Und ich falle. Bin auf dem Grund. Und es ist kein Grund. Der Abgrund, der ohne Grund ein Abgrund ist, wie jeder Grund hier auf Erden ohne Grund ist, grundlos nimmt er mich nicht in sich auf. * * * * * Die Finger meiner linken Hand bewegten sich auf der Platte des Tisches. Gingen an sein Ende. Stiegen von dort in die Luft, waren rastlos in Bewegung und schrien rastlos: Wir sind die fortschreitenden Finger. Wir sind die Fortgeschrittenen. Wir gehen zur Sonne. Wir kommen zur Zukunft. Wir werden immer weiter schreiten. Die Finger meiner rechten Hand bewegten sich nicht. Schwer lagen sie auf der Platte des Tisches. Und keine Worte kamen von ihnen. Und keine Bewegung. Und ich, ich sah zu. Da die Finger der linken Hand sich bewegten, die der rechten aber nicht, beides war mir gleich, und beides gleich-gltig. Nutz- und zwecklos beides mir. Denn sie werden tot sein, und wrden sie auch immer weiter leben, sich bewegen oder auch nicht, es wre mir dieselbe Gleichgltigkeit fr diese Ereignisse. Doch wnsche ich meinerseits: Das mir Gleichgltige, und das sich gleichbleibende Schauspiel, mge mich nicht mehr lange zum Zuschauer haben, denn meine Augen schmerzen, ich will sie schlieen. * * * * * Whrend des Seins der Tage zweier Jahre sah ich auf meinem Weg ins Schulgefngnis stets ein Mdchen auf der Strae gehen, dem ich meine Liebe geben mute. Denn die Ruhe ihres Antlitzes, wie die ihres ganzen Wesens, nahm mir meine Ruhe und gaben mir die Unruhe, das Leid, die Liebe. Ich traf sie bei der Kirche des Ortes, in die sie verschwand, und ich neidete sie Gott, der mir sie nahm, denn sicherlich, sie gab sich ihm, und deshalb wird sie sich nicht mir geben. Der Krper des Mdchens war in ein blaues Kleid gehllt, und ich nannte sie deshalb, da mir ihr Name unbekannt war, in meinen dichtenden Trumen Blaumdchen. Blaumdchen trug einen Hut, dessen Farbe, wie auch die einer weithin sichtbaren Feder, ebenfalls die blaue war. Und tglich auf meinem Gang zur Schulsklaverei freute mich der Schmerz, Blaumdchen wieder zu sehen. Mich schien sie nie anzusehen, und ich glaube deshalb, da sie von mir nichts wei. Nicht immer wagte ich sie anzusehen, denn manchmal hielt mich eine Scham, deren ich mich schmte, davon ab. Ich wei nicht genau die Farbe ihres Haares. Ich wei nur, da ihr Haar vom Winde zerzaust war. Nachdem ich schon viele Monate Blaumdchen bei der Kirche gesehen hatte, wollte meine Neugier wissen, von wannen das Mdchen zur Kirche komme und wohin sie sich hernach begebe. Und so raffte mich einmal der Entschlu auf, dem Mdchen zu folgen. Und ihre Schritte fhrten uns zu einer Fabrik, von wo sie nach elf Stunden in ein Haus ging, das in einem anderen Viertel des Vorortes lag. Blaumdchen ist also ein braves Bibelkind, betet und arbeitet. Als ich zu diesem Wissen kam, wurde ich aus dem Schulgefngnis in ein berseeisches Geschftsgefngnis deportiert. Blaumdchen aber blieb, und nur in meinen Trumen konnte ich sie sehen, bis ich nach einem Jahre wieder an ihren Ort zurckkam und das Mdchen mir wieder in Wirklichkeit ward. Das heit: sie wurde mir nicht, denn als ich eines Tages meine Scheu und Feigheit berwand und Blaumdchen hflich fragte, ob sie mir erlaube, sie und ihr Denken kennen lernen zu drfen, da verwies sie es mir. Und ich schme mich, da hernach sie mich tglich sehen mute, denn mein Weg in mein neues Gefngnis kreuzte den ihren, einen andern Umweg gibt es nicht als den um das Leben, und diesen werde ich begehen, denn ich will mit meiner Person niemanden in seinen Wegen stren. * * * * * Es lutet. Wer will zu mir? Ich erwarte niemand, Ein Bettler wird es sein, der von mir Armen Dinge verlangen wird, die ich nicht geben kann. Vielleicht jemand, der fragt, wo oder ob hier Herr Meijar wohnt. Sonst wte ich niemand, der es sein knnte, oder etwas von mir mchte. Kein Brieftrger bringt mir Botschaft, denn niemand ist, der mir sie senden knnte. Niemand kann zu mir kommen, niemand von mir etwas wnschen, das ich erfllen knnte, und so werde ich nicht ffnen. Schreie. Ach so: Rauch dringt in mein offenes Fenster. Das Haus wird wohl brennen. Mag es brennen und ich. Leute versuchen die Tr aufzubrechen. Merkwrdig: wie ich lebe, das ist den Leuten gleichgltig, wie ich aber sterbe, nicht. Um mein Leben kmmerte sich niemand, niemand trat bei mir ein, obwohl ich gern geffnet htte, und da nun der Tod zu mir kommen will, verhindern sie ihn am Eintritt. Warum? Der Tod ist doch der einzige Besuch, den ich erwarten kann. Da sind schon Leute. Sie haben mich gerettet. Wozu? Damit ich noch einige Zeit warten soll, bis der Tod mich abholt und zu sich in sein Haus nimmt, ohne da die Leute einen Grund sehen werden, gegen den Tod einzuschreiten, ihn zu verhindern, zu mir zu kommen. Ich werde dann nicht verbrannt sein, sondern nur verhungert. * * * * * Die Tinte ist zur Neige gegangen, ein schmutziger Satz ist am Boden des Tintenfasses brig geblieben. Ich fhle: auch die Tinte in meinem Krper ist zur Neige gegangen, nur ein schmutziger Satz ist briggeblieben. Und der Rest erstarrt. Und meine Finger erstarren. Und meine Augen erstarren. Und keine Hilfe kommt, niemand giebt Tinte in mein Fa, und die Leere im Fa schlgt ihm den Boden aus. Denn den Auendruck kann ich nicht mehr ertragen. Ich falle in mir zusammen, erdrckt von der Leere meines Lebens. * * * * * Er ttete sich nicht, weil er dazu zu tapfer und gewi auch zu feige war. Ihr Kind aber ttete er, weil er es, weil er sie liebte. Das Kind war schn, hlich aber wre sein Leben gewesen, seine nun niemals werdende Zukunft wute er aus den nicht materiellen Gtern der Mutter zu lesen. Und das Kind wre schwere Last der Mutter gewesen, wenn auch liebe, se. So befreite er die Mutter von der Last des Kindes und das Kind von der Last des Lebens. Die Mutter wird ihm zrnen. Das Kind aber nicht, das wei er, denn er sah, wie ihm das Kind dankbar zulchelte. Mehrere Stunden sa er nun bei der Kindesleiche. Der Mutter versprach er treue Hut, und sein Wort, er hat es gehalten, hat das Kind vor dem Leben behtet. Bald nun mssen sich Dinge ereignen, der Mutter Klagen und Weheschreie wird er hren, die Leute, die sich das Unrecht hiezu nehmen, werden ihn greifen und gefangen nehmen, werden ihn tten oder auch nicht. Er wird zu allem lcheln, wei er doch sein Recht. Nur die Mutter mchte er noch einmal kssen, denn er wird mit ihr vielleicht nie mehr zusammen sein. Die Leiche lchelte ihn an, er beugte sich zu ihr, kte sie und schlief neben ihr ein. Den Schlaf des Gerechten. * * * * * Ich will diesem meinem Leben, das kein Leben ist, ein Ende machen. Selbstmrder will ich nicht werden. Obwohl ich mein Leben morde. Und die mich tten, die anderen, tten, das will ich auch nicht. Weltverbesserer, Antianarchist sein, das will ich auch nicht. Ich will nur mein Leben bessern. Ich will nicht lnger arbeiten, um dadurch in der Lage zu sein, weiter arbeiten zu knnen. Mich widert die Eintnigkeit meiner Tage und Nchte an. Mein Tun und Nichttun ist immer das gleiche. Mein Schlaf, mein Essen, mein Nichtruhen immer dasselbe . . . Doch wenn mein Kopf voll sein wird, wird mein Verstand berlaufen. Und ich komme vielleicht dann in eine Krperbewahranstalt fr Geistlose. Unselig bin ich. Reicher an Geist und werde dann selig werden. Denn mein ist der Umnachteten Asyl. Warum entlaufe ich nicht in einem Anfall von Geistesumtagung meinem Gefngnis: ins Freie? Wann wird mich das Leben in den Tod lassen, da es mich nicht zu sich lt? Wann? Wann werde ich meinen Tod erleben, der mein erstes und letztes Erlebnis sein wird? Wann? Kommt der Tod nicht zu mir, will ich ihm entgegenkommen . . . Ich ging in einen Waffenladen und verlangte einen Revolver mit Patronen, scharf geladen. Dann wnschte ich, ihn auf dem Schiestand einzuschieen. Der Hndler setzte mir ein Ziel. Ich scho versuchsweise nach der Scheibe. Und traf. Ich scho nach dem Hndler. Und traf. Ich habe ihn gettet, um mein totes Leben zu tten. Denn nun werde ich leben. Die Polizei wird nach mir jagen. Ich freue mich. Mein Leben wird nicht mehr de sein. Abwechslung werde ich endlich haben. Vor Gericht gestellt, werde ich anklagen. In ein Gefngnis werde ich kommen. Oder in eine Irrenaufbewahrungsanstalt. Und ich werde meinem alten Leben entgangen sein. Ich werde Ruhe haben und in Ruhe denken knnen. Sollte es mir im Gefngnis nicht behagen, so werde ich mir ein anderes suchen. Denn ich wei: solange ich im Lebens-Gefngnis bin, kann ich nicht frei sein . . . Sie klagen mich an, weil, ich gettet habe. Ich klage euch an. Ihr habt mein Leben gettet. Eure Weltordnung hat mich zum lebenslnglichen Sklavendasein verurteilt. Und ich wollte mich befreien. Und es ist mir geglckt. Denn glaubt nicht, da mir eure Gefngnisse Gefngnisse sind. Ich werde in ihnen kein Arbeitstier sein. Ich werde frei sein. Ich werde keine Arbeit verrichten mssen, die mir fern und fremd ist. Ich werde keinen haben, der sich vor mein Leben setzt. Keinen Vorgesetzten. Keinen Herrn. Doch wei ich, da meine Freiheit im Gefngnis, obwohl sie grer sein wird als in der bisherigen Freiheit, nur eine bedingte ist. Denn solange ich im Leben gefangen bin, kann ich nicht freier Herr sein. Werde nicht mein eigener Herr sein knnen. Andere werden mich immer daran verhindern . . . Wird mein Leben, immer so grau und trb sein, so trb wie meine Kindheit, wie meine ganze Jugend? . . . Meine Jugend hatte keine Jugend . . . Feuer und Flamme wre ich, htte ich eine Flamme . . . Doch alles um mich her ist erloschen. Ich auch. Alles ist kalte, graue Asche. Und ich bin gezwungen zu warten, bis der Tod sie auseinandertreibt . . . Bis Wind kommt und mich in alle Richtungen blst . . . * * * * * Eine hliche, mit vertrockneten Grasbscheln -- die in groen Zwischenrumen stehen, vielmehr halb auf der Erde liegen -- bewachsene ebene Flche dehnt sich entlang eines schmutzigen, tiefen Teiches aus. Beim Wasser sitzt ein krankes Kind. Grind bedeckt seinen Kopf, Ausschlag sein Gesicht, Rippen drohen den mit drrer Haut berzogenen Krper zu zerreien. Aus verklebten Augen schielt das Kind. Die Leiden des Kindes machen mich mitleiden. Die Hlichkeiten der Natur um uns her, die des Kindes und meine, sie lassen mich alles hassen. Ich wnsche, alles Garstige mge vertilgt werden. Alles Leidende, das ohne Hoffnung auf Erlsung leidet, alle, die nicht mehr vom kommenden Wunder etwas erwarten, da sie wissen, da keines kommen wird, und die deshalb auch nicht mehr trumen vom Wunder: alle, die eine hliche Wunde sind, die keine Zeit und kein Leben heilt, sie alle sollen gettet werden. Ihre Wunde soll durch den Tod geheilt werden. Das dachte ich und stie das Kind mit dem Fu ins Wasser. Rcklings fiel es in den Teich, breitete seine Arme aus, schielte aus seinen armen Augen auf mich, und versank stumm. Ich starrte auf das Wasser, auf die Blasen, die zur Oberflche kamen, starrte und sah dann nichts. Dann lie ich mich fallen. Nicht in das Wasser, nein, auf die gesprungene Erde, auf das verdorrte Gras. Meine Augen starrten zum Himmel. Schwarze Wolken fuhren rasend ber dunklen Horizont. Donner krachten. Ein Blitz zerri zerzackend die Luft. Meine Augen starrten ungeblendet in das Wetterleuchten und Blitzen. Ich zog eine halbvolle Flasche aus der Tasche, lie sie fallen, dann ein Messer, lie es fallen, dann zog ich mich zum schmutzigen Wasser, und lie mich fallen . . . Nicht in den Tod . . . Stand auf. Ging weiter. Dem Leben zu. Dem Tode entgangen, gehe ich. Wohin? Ins Unbekannte . . . ENDE End of the Project Gutenberg EBook of Klagen eines Knaben, by Carl Ehrenstein License: Share Alike