Produced by Norbert H. Langkau, Heike Leichsenring and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net Anmerkungen zur Transkription: Offensichtliche Interpunktionsfehler wurden berichtigt. Eine Liste der sonstigen Berichtigungen am Text finden Sie am Ende des Dokuments. Mit _ umschlossene Texte sind im Original in einer anderen Schriftart (Antiqua) als der Haupttext (Fraktur) gedruckt. Rmische Zahlen wurden nicht hervorgehoben. Einfache Anfhrungszeichen werden als Apostrophe (') wiedergegeben, doppelte Anfhrungszeichen mit Guillemets (). Im Original ist jeweils der erste Buchstabe eines Kapitels mit einem Bild dargestellt. Diese reine Textversion verzichtet auf die Wiedergabe dieser unbeschrifteten Illustrationen. Neben den normalen Gedankenwechseln innerhalb eines Kapitels (die als Reihe von fnf Sternchen wiedergegeben sind), gibt es auch einen Gedankenwechsel, der im Original aus einem weiten Abstand zwischen zwei Abstzen besteht und im Folgenden als Reihe von drei Sternchen dargestellt ist. * * * * * Georg Engel Claus Strtebecker Roman in zwei Bnden Dreizehnte Auflage Union Deutsche Verlagsgesellschaft Stuttgart / Berlin / Leipzig Alle Rechte, insbesondere das der bersetzung, vorbehalten Copyright 1920 by Grethlein & Co. G.m.b.H. in Leipzig / Buchschmuck nach Entwrfen von Herbert Hauschild in Leipzig / Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Claus Strtebecker Erster Band -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Das erste Buch [Illustration] -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Sinnspruch Geschichten und Geschichte wachsen und wechseln im Entstehen Fontane I. Sommerabend. -- ber die Buchenwipfel droben auf den Dnenhhen fhrt ein Rauschen. In langer Kette wlzt sich das bewegliche Gold der Sonne durch die aufgescheuchten Zweige. Und zwischen den grauen Stmmen steht bla und aufrecht das Schweigen und starrt mit seinen unbeweglichen Zgen auf die tanzende See. Das Meer aber spricht, seine Augen sind bald tiefblau, bald purpurn, und wild blitzen sie, wenn das Element herberruft zu den Kreidefelsen, die sich dicht unter die Wlder schmiegen wie ein weies Knie unter ein grnes Gewand. Was das Meer ruft, das versteht niemand. Denn nur selten horcht ein menschliches Ohr in den Wind, obwohl es manchmal von dort klingt, als donnere von drauen eine Forderung herber oder ein vergessener Schrei aus fernen Zeiten. Doch zu deuten vermag man die Sprache des Wassers nicht. Und dann liegt der ungeheure Spiegel wieder still. Das Abbild des einzelnen strahlt er niemals wieder, so tief man sich auch beugt, aber die Bewegungen des Himmels malt er ab, der goldne und der silberne Wagen rollen ber seine Scheibe, die Zeiten huschen ber ihn hinweg und ein Kranz von Vlkern fat ihn ein. Sommerabend. Und in der Rste des Tages, gerade als der purpurne Ball sich im Wasser khlt, da steigt eine andchtige Stunde herauf. Da stockt der Tanz der Zeiten ber dem Meer, der Zug der Vlker wallt deutlicher, und die Vergangenheit schickt vom Rande des Horizontes ihr Schattenschiff an die Gestade der Lebendigen. Ich stehe am Ufer und sehe die Scharen aus dem Fahrzeug an mir vorberquillen. Sie tragen meine Zge, sie reden meine Sprache, es sind Menschen, die nicht tot sind, denn der Mensch stirbt nicht auf Erden, weil sein Geschick dauert. Unvermutet bin ich selbst in den Segler der Schatten gestiegen, und ich fhle, wie ich zurckgleite in den Nebel der Jahrhunderte. Oder vorwrts? Von den Ksten der Vergangenheit zu den Gestaden der Gegenwart schwimmt das Schiff unaufhrlich hin und wieder. Es trgt, was lebend ist von den Toten, und trgt das Tote fort zu den Gewesenen. Und dann gelangt es an einen Strich, wo man die Stimmen von beiden Ksten unterscheidet, wo sie sich mischen und ergnzen. Horcht! Lat uns lauschen! * * * * * Dort, wo jetzt Sanitz seine terrassenfrmig ansteigenden, weien Villen ber der Westbucht von Rgen erhebt, da trumte zum Ausgang des vierzehnten Jahrhunderts tiefe Ruhe in den waldgekrnten Schluchten. Eine Ansiedlung gab es noch nicht, und der Kstenstrich fhrte nach der Ansicht grblerischer Cisterziensermnche aus dem nahen Kloster nur deshalb seinen Namen, weil Graf Harro von Cona ein paar seiner Sassen, die man auch Leibeigne nennen konnte, dort in eine elende Bretterhtte behaust hatte, damit sie ihm von nun an fleiig den seltenen Seelachs fingen. Einen Lohn erhielten die unfreien Fischer dafr nicht, sie durften sich den Zehnten ihres Fangs behalten, das brige aber muten sie mit einem Strandvogt abrechnen, der mit Zahlen und Peitsche wohl umzugehen wute. Eine besondere Vergnstigung bestand darin, da es den Sassen vergnnt war, auch am Sonntag zu fischen. Allein die Beute war des Klosters, denn Graf Harro galt als ein frommer Mann und legte Wert darauf, seinen Lachs hufig in Gesellschaft des Abtes zu verspeisen. Wenn dann der geistliche Herr hie und da an den Hof des Herzogs von Wolgast ritt, dann lie der Gottesmann wohl auch unauffllig etwas von den Wnschen des Conaer Grafen fallen, und so bezahlte sich der Lachs, und die armen Fischer arbeiteten heimlich und ohne da sie es ahnten, an der Gre ihres Herrn mit. Freilich, sonder Bewutsein. Denn in der gebrechlichen Htte lebte man dahin ohne Kenntnis von den Dingen der Welt. Man stand auf, fuhr aufs Meer und warf sich abends auf die Schilfstreu, gleich einem Werkzeug, das nach dem Gebrauch wieder in die Ecke gestellt wird. Das gleichmige Schweigen aber, das sich die Bewohner der Htte einander vererbten, es schrieb sich dennoch her von einem Ereignis, vor dem die Sassen eben auf Zeiten hinaus verstummt waren. Etwa um 1366 hatte es sich zugetragen. Der Platz in der Htte war durch Todesfall wieder einmal erledigt. Da wurde in den Bretterbau ein Sasse gesetzt namens Claus Beckera. Als der Vogt ihn hineinfhrte, da lachte der grfliche Beamte und meinte: Nimm dich in acht, Claus, da du das Querhlzlein nicht schdigst. Und diese Warnung galt mit Recht, denn der neue Bewohner mute sich tief bcken, bevor er die Schwelle berschritt. Zu riesenhaft ragte er an Wuchs und Gliedern, und ein langer fuchsroter Wirrbart hing ihm bis auf den Leib. Wer ihn nicht genauer kannte, der mochte ihn infolge der Haarwildnis fr einen gereiften Mann schtzen. Er zhlte aber erst fnfundzwanzig Jahre und war ein harmloser, gutmtiger Bursche, kundig des Legens und Knpfens der Netze, und ein Meister mit der Axt. Bald fing er auch an, allerlei Gert damit zu schaffen. Er baute einen hlzernen Stall fr ein paar Ziegen, er wlbte ber dem offenen Ziegelherd einen Rauchfang mit einem Abzug, ja eines Tages begann er sogar die lehmige Erde zu bahnen und legte Dielen. Alles, als wenn er geahnt htte, was ihm bevorstand. So war der Herbst hereingebrochen. Durch die Wlder der Hhen wogte es, ein Knarren und chzen klagte um die Htte auf ihrem einsamen Hgel, und die Seegrser auf dem gelben Sand pfiffen und schwirrten, als ob die Sichel auf einem Stein geschliffen wrde. Unten strzten die Schumer schmetternd gegen die gewaltigen Steine, jedoch Claus Beckera merkte nichts von diesem ewigen Streit, denn eine finstere Nacht wlbte sich ber der Leere, und er selbst hockte geruhsam in seinem breiten Armstuhl, den er erst vor kurzem aus rohem Eichenholz gezimmert, und beim Schein eines qualmenden Buchenfeuers auf dem Herd rieb er eifrig an einem eisernen Widerhaken, wie er zum Aalstechen benutzt wurde. Sein roter Bart glnzte gleich einer feurigen Welle. Dazu grlte er ein uraltes Schleiferlied: Wetze gut, Dann schnett se gut -- Der Claus, der ist der Sigrun gut. Zwar besa er keinerlei Beziehung zu solch einem Menschenkind, kannte wohl auch kaum die Trgerin eines derartigen Namens, doch der schrfenden Wirkung des Liedes tat dies keinen Abbruch. Das Buchenfeuer puffte, und der Riese rieb mit seinem Stein immer emsiger ber das Eisen, bis blaue Funken unter seinen Hnden hervorspritzten. Da wurde mit klirrender Faust an die Tr geschlagen, zwei-, dreimal, das leichte Holz zitterte, und in der Htte drhnte es wider. Sachte, murmelte Claus, der vor Verwunderung aus seiner gebckten Stellung nicht emporfinden konnte. Wie? Was? Ein Mensch? Er versuchte sich zu sammeln und schttelte in dumpfem Erstaunen den gewaltigen Haarbusch; so was stellte sich hier doch nur selten ein. Mach auf, forderte drauen eine rauhe Stimme, und von neuem regte sich ein kurzes Rasseln. Schwerfllig und ohne sich weiter Rechenschaft darber abzulegen, ob er klug oder vorsichtig handele, schob der Fischer den Querbalken zurck, und sofort schlug das Licht des Herdes nach drauen. Auf dem nassen, sturmgefegten Hgel standen zwei gepanzerte Knechte. Die fhrten zwischen sich ein verwirrtes, zitterndes Geschpf, unentschieden ob Weib oder Mdchen, dessen kurze Rcke flatterten im Wind und die nackten Fe sanken tief in den Sand. Ein blaues Tuch hatte das Wesen um den Kopf gewunden. Hinter ihnen, kaum noch erreicht vom roten Flackerschein, bemerkte der Bewohner der Htte einen Cisterzienser, kenntlich an seinem grauen Gewand. Doch hatte der Mnch seine Kapuze weit ber die Stirn gezogen, wie wenn er Schutz vor dem Unwetter suche oder als ob er sein Antlitz verbergen mchte vor dem, was hier geschah. Inzwischen war der lteste der Eisenbewehrten ber die Schwelle getreten. Dann zeigte er auf die zwei eingestickten blauen Kugeln seines Mantels. Kennst du die? fragte er kurz und bedeutsam. Ratlos nickte der Fischer. Er starrte noch immer von einem zum anderen, betroffen ob des unerklrlichen Aufzugs. Wohl, rang er sich endlich ab, Ihr seid des Grafen. Und der Graf, berichtete der Knecht scharf und schob sich die Sturmhaube aus der Stirn, damit ihn der andere besser verstehen mchte, lt dir sagen ---- Lt mir sagen? echote der Fischer und fing an mit schwerer Zunge zu stammeln, weil des Unmglichen immer mehr wurde. Lt dir sagen, vollendete der Gewappnete finster, whrend er den Schaft seiner Lanze auf die neue Diele stie, dies sei dein Weib. Dies sei ---- Dein Weib. Eine schwere Weile regte sich nichts zwischen den Menschen in der Htte. Man hrte nur die keuchenden Atemzge des Fischers und das Bersten der brennenden Buchenkltze. Einzig die hellblauen Augen lebten in dem versteinten Gesicht des Sassen; die wanderten hilfeflehend und ohne eine Spur von Verstndnis von den Knechten zu dem zerzausten Mdchen, das ebenfalls mit vorgebeugtem Leib und gefalteten Hnden zu lauschen schien, bis sich der Rcken des Riesen allmhlich neigte, als ob man ihm einen Baumstamm auf den Nacken geladen. Pltzlich aber schnellte er empor. Das Blut scho ihm in die erblaten Wangen, und die Rechte tastete nervig nach der Axt neben dem Herde. Jetzt htte vielleicht eine schnelle Gewalttat alles entschieden. Doch ehe noch der schwere Holzstiel emporzutaumeln vermochte, da drngte sich hinter den Knechten die graue Gestalt des Mnches in den Kreis der Hadernden, und eine jugendlich schmerzerfllte Stimme rief: Fge nicht zum Leid noch die Snde! So ernst und mitleidsvoll klang die Mahnung, da der leidenschaftgeschttelte Riese einhielt. Die Axt entsank ihm, und mit beiden Hnden und wankend griff er nach seiner Brust, denn eine Lanzenspitze hatte das dnne Hemd bereits durchschnitten und suchte dort bedrohlich Eingang. Dazu schrie der gepanzerte Knecht: Wenn du leben willst, sei vernnftig. Vernnftig -- vernnftig, gellte es dem berwundenen zwischen die irren, durcheinandergehetzten Sinne. Er wute nicht, sollte er lachen oder brllen. War dies nicht Tollheit? Kehrte sich nicht alles Unterste nach oben? Schaukelte seine Htte nicht auf der tobenden See, ohne da er den Ausgang fand? Oder hatte man ihm vielleicht gar die Zunge herausgeschnitten und verlangte trotzdem, er solle sprechen? Wer half? Wer half? In letzter Not blieben seine Blicke an dem jungen, hereingeschleppten Mdchen haften. Warum? Weil man der Fremden wohl anmerkte, da sie scheu, zitternd und wider ihren Wunsch hier stand, und dann, weil die Dirne, die man mit ihren nackten Fen gewi von weit her bis zu ihm getrieben, gleichfalls ein Sassenkind war wie er, und deshalb gewohnt, nicht nach eigenem Willen zu schalten. Heftig trat er auf sie zu und besah sie. Vor seinem mchtigen Schritt erschrak das Wesen, und in ihre braunen Augen trat ein offenes Flimmern der Angst. Was ist mit dir? herrschte er und ahnte nicht, wie sehr sie sich vor seinen riesigen Armen frchtete und vor den Haarbscheln unter seinem Kinn. Sie kannte, was ein grimmiger Mann vermag. Dann aber faltete sie die Hnde vor der Brust und sagte sanft und in ihr Schicksal ergeben: Mir geht es schlimm. Nichts weiter, allein die wenigen Worte fanden den Weg zum Verstndnis des Riesen. Erstaunt wich er zurck, und tief aus seinem Inneren quoll zum erstenmal ein Bewutsein seines Standes und seiner Lage hervor. So geht es uns allen, murmelte er beinahe betroffen ber die neue Erkenntnis, dazu sind wir geboren. Genug Geschwtz, unterbrach hier der grfliche Knecht ungeduldig und schaute sich hastig nach dem jungen Cisterzienser um, der allem, was sich in der Htte begab, mit gesenktem Haupt gelauscht hatte -- Wir haben noch einen weiten Weg. Beeilt Euch. Da sandte Claus Beckera einen letzten sehnschtigen Blick nach dem Ausgang der Htte. Als er sich jedoch davon berzeugte, da sich die Lanzenspitzen von neuem drohend gegen ihn richteten und wie zu gleicher Zeit ber den Leib der Magd ein ihm unbegreifliches, ja widerwrtiges Beben lief, da entschlo er sich, vor allem sein Leben zu retten, sein nacktes Leben, das einzige kostbare Geschenk seines Gottes! So griff er denn gewaltsam nach der Hand des Weibes, so da es taumelnd an seine Seite gerissen wurde, und in rohem Ausbruch entlud sich endlich seine Wut in vollem Hohn: Munter -- munter, ihr eisernen Wichte, ihr Schnapphhne -- da ich mich doch gegen mein Unheil nicht wehren kann, so macht die Schandhochzeit wenigstens kurz. Erregt trat der Mnch hinter die sinkenden Spiee. Die spielenden Feuer huschten ber sein zuckendes Antlitz. Er malte das Zeichen des Kreuzes in die Luft und sprach mit zitternder Stimme: Mhsal ist das Leben, Duldung das Gebot, Seligkeit das Scheiden. Wandelt in Frieden. Das Weib jedoch hrte auf nichts. Es sah starr in die Flammen des Herdes, die es fortan schren sollte. * * * * * Mhselig kroch seitdem die Zeit dahin. Ein Tag sank arbeitsgebrochen und mde zum anderen, und in der Htte richtete sich das Schweigen ein. Es wohnte dort und lie sich aus dem engen Raum nicht mehr vertreiben. Ja, wenn die junge Frau selbstvergessen einmal versuchte, einen hellen Singsang aufzuschlagen, dann traf sie aus den vergrbelten Augen des Fischers ein seltsam drohender Blick, und sofort brach die Frhlichkeit ab, und die zur Stille Verwiesene schaffte erschreckt und niedergeschlagen an ihrem Tagwerk weiter. Sie wute recht gut, der mrrische Geselle grollte mit ihr, weil man ihm die unwillkommene Dirne aufgedrungen. Und das fand sie auch ganz in Ordnung. Aber manchmal strich sie doch an ihren weien Armen herunter, und ein natrliches Staunen befiel sie, weil der Riese, der so dicht neben ihr lebte, so gar keinen Gefallen an ihr finden wollte. Warum? Was ihr frher widerfahren, ein solches Erlebnis fand sie nicht ungewhnlich. Darein muten sich die Dienenden einmal schicken. Vielen Mgden auf den Hfen der Mchtigen erging es so. Und seit sie den geschtzten Unterschlupf gefunden, glaubte sie mit dem sicheren Bewutsein eines starken Menschen, da es keinen Zweck htte, noch frder an der Vergangenheit zu zerren. Claus Beckera war eben ein ungefger, strrischer Klotz, dem man es nicht leicht recht machen konnte. Aber warte nur, dachte sie mit weiblichem Trotz, auch groe Muse fngt die Katz. Dabei entstand unter ihren flinken und noch merkwrdig zarten Hnden allerlei Brauchbares und Ntzliches, was bis dahin dem rohen Bretterbau gemangelt. So oft Claus von der Seefahrt heimkehrte, entdeckte er stets irgendein neues Stck des Hausrats, ein frisches Linnenhemd, eine geflochtene Strohmatte oder gar ein festgefgtes Bettgestell fr den Eheherrn, alles Dinge, die wie durch Zauber ber Nacht an Stelle von etwas Altem und Verbrauchtem in der Htte gewachsen waren. Natrlich bemerkte der Riese all diese wohnlichen Vernderungen sofort und sonder Hinweis, allein gleichmtig und ohne Dank nahm er sie hin, warf sich auf den neuen, linnenbesponnenen Strohsack und lie seine Gefhrtin nach wie vor auf der Schilfstreu in der Ecke liegen. Aber Hilda, so hie das junge, verschleppte Geschpf, verlangte nichts anderes. Ja, es galt ihr ganz natrlich, da der Fischer nicht einmal ihren Namen zu kennen schien, denn bei den kurzen Wnschen, die er selten an sie richtete, nannte er sie Weib oder Fru. Und darauf gehorchte Hilda und sprang zu ihm, wie ein folgsamer Hund. Doch allmhlich wurden ihre Bewegungen langsamer. Auch darum kmmerte sich Claus nicht, nur wunderte er sich zuweilen, wenn er das braunbezopfte Weib jetzt fter ruhend an der Fensterluke lehnend fand, von wo es dann mit einem unverstndlichen Lcheln und mit groen erwartenden Augen auf den sonnenblitzenden Eisrand der See hinabstarrte. Claus begriff das nicht, rgerte sich auch ber die ungewohnte Versumnis, und als er sie wieder einmal feiernd vor ihrem Ausguck antraf, da fuhr es grob aus ihm heraus, whrend er die groen Lederstiefeln krachend in eine Ecke schleuderte: Was tust du? Sie wurde blutrot, sendete ihm einen halb listigen, halb demtigen Blick zu und stotterte, langsam zum Herd zurckschleichend: Ich sinne. Leicht htte sie auch uern knnen ich trume, denn ihre Gedanken waren jung und wanderlustig und lieen sich in den Verschlag des Schweigens nicht ebenso willig bannen wie ihr Leib. In solchen Stunden erblickte das suchende Weib die dunkle See dort drauen gleich einem gebahnten Tanzplatz, und sie sah sich selbst dort unten mit seidengeschmckten Mnnern herumspringen, die sie herzten, um ihr dann goldene Schaumnzen um den Hals zu hngen. Fegte aber schlielich ein rauhes Wort ihres Gefhrten all den Glanz auseinander, dann seufzte sie tief auf und bemitleidete heimlich den strrischen Gesellen, weil er fr das feine, verborgene Spiel keinen Sinn besa. Und doch -- auch dieser Weg ins Freie sollte der Beladenen eines Tages gestrt werden. Frhlingsstrme pfiffen ber die Dnen, Hilda stand in der offenen Tr und sog gierig das warme Wehen ein, das einen unbestimmten Duft von Veilchen und Tannenharz mit sich fhrte. Hoch oben am Waldesrand traten die jungen Rehe heraus und ugten ber die funkelnde See. Da stieg unten vom Strand ein einzelner Mann den gewundenen Fupfad herauf. Hilda beugte sich sphend vor. Der Ankmmling trug ein weites blaues Wams und derbe Holzschuhe. Im ledernen Grtel steckte ihm eine kurze geflochtene Peitsche, und seine Faust sttzte sich klammernd an einen mannshohen Stab, dessen Spitze in eine kleine silberne Krone auslief. Das war der Strandvogt, eine untersetzte Gestalt mit grauer Schifferkrause und scharfen umfalteten Augen. Wie er sich jetzt schweren knirschenden Schrittes emporwand, mute man wohl erkennen, da sich der Mann fr einen Mchtigen hielt, dessen Faust das kleine zerstreute Leben hier am Strand behten oder auch zertrmmern konnte. Jetzt stand er vor dem jungen Weibe, doch bevor er zu reden anhob, kniff er erst beobachtend das linke Auge zu. Im Grunde genommen wute er bereits, was er zu erkunden strebte. Gott zum Gru, begann er und wies mit seinem Stabe gegen das Dach der Htte, die Sparren gegen die Windseite mssen gedoppelt werden. Vergi das nicht. Sein einziges offenes Auge lief geschftig weiter. Sieh da -- auch ein Ziegenstall. Wieviel sind drin? Drei, erwiderte Hilda mit sich kmpfend, denn sie war sich des Unrechtes bewut. Um eines zu viel, tadelte der Vogt, das Haupt mit der Lederkappe bedchtig wiegend. Nun, man wird Nachsicht haben. Man gnnt dir das gute Fortkommen. Bedeutsam strich er sich ber den graugeringelten Bart und trat gewichtig nher. Augenscheinlich gelangte er erst jetzt zu seiner besonderen Absicht. Wo ist Claus Beckera? Auf See, versetzte Hilde zgernd, wobei sie den Atem anhielt. Ich wei, besttigte der Strandvogt. Vorsichtig blickte er sich um, als ob er einen Lauscher frchte, dann beugte er sich ganz nahe an die Erblate heran. Wann erwartest du deine Stunde? forschte er ernst und dringend. Und als das Weib ihn finster anstarrte und in die Htte zurckwich, um allerlei Abgebrochenes und Verwirrtes zu murmeln, da bedrngte er die Widerspenstige nicht weiter. Es ist gut, meinte er sich aufrichtend und knpfte an der groen Ledertasche unter seinem Grtel herum. Nun hadere nicht, Dirn, man will dir nicht bel. Sieh her -- er langte in die Tasche und wog den Inhalt dann auf der flachen Hand -- dessen zum Zeichen soll ich dir etwas zahlen. Es ist nicht wenig. Vier Silbergulden. Silber? schrie Hilda, die aus ihrer fernen Ecke hervorstrzte und ein warmer Triumph lebte in ihrer Stimme. Jetzt wird sich Claus freuen. Da legte der Vogt die vier Silberlinge breit auf den Tisch. Dann wandte er sich zum Gehen. Indessen ehe er die Schwelle erreichte, stand Hilda schon wieder hinter ihm. Das Geld hatte sie bereits zusammengerafft. Da Claus mir nicht erfhrt von wem, forderte sie schroff. Der Angeredete wandte sich kaum. Von mir nicht, gab er gelassen zurck. Was schiert mich der Bursche? Solange er seinen Fang abliefert, bin ich ihm nicht gram. Damit nickte er steifnackig, stemmte seinen Stab in den Sand und schritt wuchtig den steilen Saumpfad hinab. Hilda starrte ihm finsteren Auges nach, solange sie die silberne Krone blitzen sah. Doch seit dieser Zeit wurde die Einsame nachdenklich und oft schttelte sie sich, als ob sie sich gegen bse Gedanken zu wehren htte. Dann stach es ihr durch den aufgescheuchten Sinn: Wie, wenn man ihr dasjenige, was sie erwartete, zu nehmen trachtete? Stellten die vier Silbergulden nicht vielleicht das Kaufgeld dar? Man erzhlte sich von dem Conaer Herrn doch solche gewaltttigen Geschichten. Und war er nicht auch mit dem jungen Mecklenburger Herzog geritten, als dieser an der Spitze von allerlei Raubgesindel und Landstreichervolk die Heerstraen der Kaufleute von Stralsund unsicher machte? Nach einem solchen Zuge hatte er ihr doch das blaue Kopftuch zugeworfen? Wtend schlug sie mit der Faust gegen die Trpfosten und reckte sich drohend, allein gleich darauf schrak sie zusammen, und trotz der milden Frhlingsluft wurde sie von einem Schauer durchfrstelt. Warte, quoll es dabei ber ihre bebenden Lippen, ich sag's Claus. Der lt sich nichts nehmen. Indessen im nchsten Augenblick stand sie schon wieder erstarrt. Ach du lieber Gott, was schierte denn Claus der fremde Balg? Er kmmerte sich ja nicht einmal um die Mutter, die alles nach seinem Willen tat? Nein, nein, am besten war's wohl, auf der Hut zu bleiben und auch das Geld nicht zu zeigen, um nicht unntigen Fragen des Fischers ausgesetzt zu sein. So nhte sie denn die Silbergulden in ihren Rock ein, und nur manchmal streifte sie ihren Genossen ngstlich und erwartungsvoll, als wnschte sie heimlich von ganzem Herzen, er mchte endlich das Geheimnis entdecken. Aber seitdem war Unrast ber ihr, und sie sang nicht mehr. Immer eilfertiger flogen die Tage an ihr vorber, und immer unsicherer wurde ihr Gang. Eines Nachts kehrte Claus nicht nach Hause zurck. Todmde lehnte Hilda an der offenen Luke und suchte das unerkennbare Grau zu durchdringen. Vergeblich, nichts lste sich ab von dem schwarzen Dunst, in den der Sturm oftmals wie mit einem schweren Sack hineinschlug. Nur in entfesselter Wut lrmte die See, und im Morgendmmer fuhr an den Strandsteinen fast ununterbrochen eine schlngelnde weie Mauer empor. Solange die Dunkelheit whrte, hatte das verngstigte Weib von Zeit zu Zeit einen brennenden Kienspan aus der Fensterhhlung herausgehalten, zum Zeichen fr den auf der tosenden Flche Herumirrenden, damit er nicht ins Weglose getrieben wrde. Doch der wtige Zug hatte das karge Feuerlein jedesmal heihungrig gefressen, und die nackten Arme sowie die offene Brust des Weibes schauderten vor Klte. Jetzt wurde es heller. Dinge und Gertschaften traten in der Htte hervor. Und drauen im Stall begann der Geibock die harte Stirn gegen die Tr zu reiben. Verwirrt, bernchtig blickte sich Hilda in dem engen Raume um. Es fehlte etwas -- es war etwas von seinem Platz genommen, das sich freilich nie gtig und freundlich gezeigt, dem aber doch alles hier eignete. Sogar sie selbst. Und dem man wohl auch Gehorsam und Dank schuldete. Mehr wute sie nicht. Vergessen war ihre eigene Unkraft, verflogen die bleierne Mdigkeit der Glieder; ihrer selbst ungewi ergriff sie einen rohen Ast und wankte halbnackt zum Strand hinunter. Unten ber die sonst so ebene gelbe Flche spielte das Wasser, schwrzliche Seegrasbndel schlngelten sich der Vorwrtswatenden um die Fe, und der Sturm stemmte sich gegen sie wie eine gierige Faust, die ihr die Gewnder vom Leib zu reien strebte. Keuchend kmpfte sich Hilda weiter. An einem jetzt halbversunkenen Pfahl, der gestern noch im Trockenen eingerammt war, scheuerte und zerrte sich ein Boot an zerfasertem Strick. Das war Claus Beckera's zweiter, kleinerer Kahn, und daneben ragte aus der berflutung ein derber Mann in mchtigen Stiefeln auf, abgekehrt, die Lederkappe tief ber die Stirn gezogen. Seine Rechte aber klammerte sich auch jetzt an den kronengeschmckten Stab. Gerade in der Not legte er ihn nicht ab. Hilda erkannte ihn sofort. Vogt, stie sie hervor, er ist drauen. Der Aufseher nickte, sprach jedoch nichts. Nur sein erkennender Blick, den er auf die Erregte heftete, verriet die Meinung, wie dem Weib vielleicht bald Hilfe ntiger sein mchte als dem Verlorenen. Inzwischen hatte sich Hilda hoch auf die Zehen aufgerichtet. Um sich besser zu heben, hatte sie dabei ihre Hnde ganz sonder Achtung auf die Schulter des Vogtes gesttzt. Der schien nichts zu merken. Dann warf sie die Rechte vor. Dort drauen das Schwarze, wies sie. Ein Baumstamm, belehrte der andere. Ich sehe ihn schon lange. Und halb trstend setzte er noch hinzu: Wir haben Seewind. Wenn er noch lebt, wird es ihn hereinwerfen. -- Auch so, kaute er mit geschlossenem Munde. Damit wandte er sich ab und schritt langsam die Dnen empor. Dort wollte er noch einmal Ausschau halten. Drauen, hinter den rollenden Bergen schaukelte das lngliche, schwarze Ding auf und ab. Und wenn die Zurckgebliebene ihr Sehvermgen aufs uerste anstrengte, dann glaubte ihre aufgescheuchte Einbildung einen dunklen Kopf und eine greifende Faust zu erkennen. Die drohte oder winkte zu ihr herber. Da hielt sie sich nicht lnger. Ihr Mitleid war strker als ihre Schwche. Ungestm bckte sie sich, so schwer es ihr fiel, lste die hnfene Schnur und kletterte in das regengefllte Boot hinein. Ihr Glaube half ihr, denn der Kahn befand sich an der Stelle einer Strmung, so da das Schiff mit einer Kraft und Stetigkeit hinausgetrieben wurde, als wren unsichtbare Segel an den fehlenden Mast gesetzt. Hochauf spritzte die Dnung, und das zerbrechliche Gert seufzte in Schmerz und Jammer. Stieren Auges hockte das Weib auf dem morschen Brett, das Haupt unvernderlich nach dem herumgeschleuderten, schwarzen Sarg gerichtet. Jetzt -- und jetzt -- da tauchte sie wieder vor ihr auf, die Faust, die sie halb im Traum vor sich geschaut. Mit einer wilden Bewegung warf sich das Weib lang in den Kahn und griff nach den krallenden Fingern. Ein wster Kampf hob an. Der Verfallene dort unten war wohl schon der Tiefe verschrieben, denn er wehrte und strubte sich, bis eine sich blhende Woge den schweren Krper pltzlich unter einem Schwall in den rettenden Nachen strzte. Einen Augenblick wurden die Planken berschumt und begraben, dann hoben sie sich wieder, kreiselten irre herum, und die rollenden Wasser trieben das Schifflein vor sich her, gleich einem geprgelten Hund. Dster reckte sich das Land empor, und hoch oben gegen den verhngten Himmel zeichnete sich die Gestalt eines Mannes ab, der staunend das Begebnis verfolgte. * * * * * Der Vogt hatte den Schiffbrchigen in die Htte getragen. Der mchtige Krper ruhte jetzt auf dem Bettgestell und rang mit dem Tode. Und in der Ecke auf der Schilfstreu erwachte zur selben Stunde ein neues Leben. Hilda hatte einen Sohn geboren. Ein langes, schmchtiges Knblein. Es schrie nicht, sondern hatte die Fuste geballt, und die schwarzen, nchtigen Augen hielt es fordernd ins Leere gerichtet. Nein, nicht ins Leere. Am Fuende der Streu hing die Axt an der Wand. Spter erinnerte sich die Mutter, da ihr Sohn zur Stunde seines Eintritts unausgesetzt die Schrfe des Beils betrachtet. Vom Vogt war aus dem Kloster einer der Cisterzienser geholt worden. Der schaffte nun kundig um die drei Unmchtigen herum. Zu jener Zeit erfllten die Klosterleute, gleichviel ob jung oder alt, willig die Pflichten des Arztes und der Wehmutter, und die Gepflegten glaubten, es msse so sein. Bruder Franziskus war zudem derselbe, der in jener von Hilda unvergessenen Nacht den erzwungenen Bund gesegnet hatte, jetzt tat er sein uerstes, um die bedrohte Gemeinschaft zu erhalten. Bald flte er dem hingestreckten Fischer scharfe, seltsam duftende Tropfen ein, die er in einem venezianisch geschliffenen Bchslein aus seiner Kutte zog, bald pustete er unter die Flamme des Herdes, um der Wchnerin einen warmen Trank zu bieten; ja, er reinigte den Neugeborenen sogar im ersten lauen Bade. Dabei glitt ein wohlgeflliges Lcheln ber das ernsthaft jugendliche Antlitz des Bruders, und whrend seine Rechte zart ber die weichen Glieder des Kleinen strich, sprach er mit der Bestimmtheit des Erfahrenen: Ein edler Bau. Wie nach den Maen der alten Meister. Mge der Unerforschliche dies Kindlein zum Guten bilden. Hilda hrte es auf ihrer Schilfstreu. Und zum erstenmal zuckte es wie Stolz um ihre Lippen, da sie daran dachte, welch adligem Ursprung der Sugling seinem Blute nach entstammte. Zugleich aber heftete sie einen erschreckten Blick auf das Bettgestell, wo sich der gewaltige Krper ihres Eheherrn zu regen begann. Sofort griff sie hastig nach den eingenhten Silbergulden. Ja, ja, das war das Mittel, um sich gegebenen Falles von jedem Tadel loskaufen zu knnen. Allein sonderbar -- so schwer sie auch die nderung begriff -- es traf sie kein lauter Vorwurf mehr. Noch ehe Claus auf seinen zerschlagenen Beinen hin- und herzukriechen vermochte, hatte der Mnch dem Entkrfteten kurz den Hergang seiner Rettung erzhlt. Stumpf, in sich gesunken, hockte der Fischer dabei auf seinem Lager und lie nur ab und zu einen forschenden Blick ber das Neugeborene gleiten. Weder bedankte er sich, noch gab er sonst eine Erkenntlichkeit kund. Auch berlie er nach wie vor alle Hilfeleistung fr sein Weib dem Bruder Franziskus. Und doch -- es kam vor, da er zuweilen die Milch der Gei in einem Holzschaff dicht neben der Streu der jungen Mutter niedergleiten lie. Keiner wute zu welchem Zweck, und man konnte doch annehmen, da der Trank fr Hilda und ihr Kind bestimmt sei. Ein andermal freilich begab sich, was der glcklichen Frau anzeigte, nun sei der Damm von Groll und belwollen vielleicht fr immer gebrochen. Eines Abends blieb der Mnch vor dem Aufbruch gedankenvoll an der Streu des Kleinen stehen, und whrend er ihn seiner Gewohnheit gem zum Abschied segnete, sprach er bestimmt: Nun ist es Zeit. Morgen wollen wir das Kind in das Kloster tragen, die Taufe zu empfangen. Wie soll es heien? Hierauf regte sich Hilda nicht. Sie kehrte ihr Haupt vielmehr der Wand zu und kratzte ungeduldig mit den Ngeln gegen die Holzbohlen. Alles, um den ungestmen Wunsch ihres Herzens zu betuben. Statt ihrer jedoch erhob sich der Fischer von seinem Sitz neben dem Herd, tastete sich schwerfllig nach der Streu des Suglings zurecht, und nachdem er in das schmale Gesicht, neugierig und kopfschttelnd wie stets, herabgeschaut, da brach es pltzlich brummend und drohend aus ihm heraus, als htte er sich gegen einen Angriff zu wehren: Das Knblein heit wie ich, nicht anders. Claus soll es heien. Da nickte der Mnch mit einem stillen Lcheln, das liegende Weib jedoch hob ungestm den Arm und versuchte glcklich auf der brtigen Wange des Riesen herumzustreicheln. Unschlssig und verletzt schttelte er sie ab. Aber als nach der Taufe die junge Frau wieder in der Htte auf und ab wirkte, da hrte sie drauen vor dem Gebu ihren Eheherrn singen. Das war noch nicht. Auf leichten Sohlen schlich sie hinzu, um zu lauschen. Im Sonnenschein sa Claus und schliff seine Axt am Feuerstein. Dazu summte er behaglich in das Spritzen der Funken hinein: Wetze gut, Dann schnett se gut, Der Claus, der ist der Hilda gut. Er wute sonst keinen Namen. Es hatte nichts weiter zu bedeuten. II. Goldgrne Schatten spielten um die Buchenwipfel hoch ber der roten Klostermauer. Auf einer der verfallenen Grasstufen, die in breiten, unkrautbewachsenen Abstnden zu der schmalen Eingangspforte hinaufleiteten, hatte sich ein einsamer Bruder hingelagert. Achtsam trug er in einer Falte seiner Kutte ein paar Brosamen weien Hirsekuchens verborgen, und nun streute er die Krumen in weitem Bogen den Finken, Meisen und Amseln des Waldes hin, die in einiger Entfernung hochaufhuschend nach den leckeren Bissen pickten. Noch hatte der Einsame seine gefiederten Freunde nicht allzulange gefttert, als der Schwarm pltzlich schwirrend und rauschend auf die untersten Zweige der Buche abzog, stutzend vor eiligen Schritten, die den Waldpfad heraufklangen. Der Klosterbruder hob das Haupt. Der Tritt, dieses hastige, sprunghafte Ausgreifen deuchte ihm bekannt. Seit sechzehn Jahren fast hatte er ihm prfend und abschtzend gelauscht. Und jetzt -- aus dem schwarzgrnen Bogengang strmte es hervor. Ja, Pater Franziskus kannte jene schlanke, geschmeidige Knabengestalt in dem weien Linnenkittel, oft hatte er die wohlabgemessene Form dieser Knie und Waden in ihrer braungesonnten Nacktheit bewundert, mit heimlichem Schrecken aber fast immer in die schwarzen begehrlichen Augen hineingeschaut, die wie zwei flimmernde Abgrnde in dem schmalen Jugendantlitz brannten, ewig bereit, Nahes und Fernes zu verschlingen. Immer aufgetan zu neuer Forderung. Niemals zu mde, um zu suchen und zu fassen. Davor war dem Mnch nicht selten ein drckendes Befremden aufgestiegen, denn diese rastlos einschlrfenden Augen widersetzten sich allzusehr dem geduckten Dasein eines Sassenkindes. Ebenso wie die braunen Wellen des Haupthaares das Gebot der kurzen Schur leichtfertig miachteten. In weiten, glatten Sprngen setzte der weie Schatten durch den Wald. Daher kam es, da seine Gefhrtin, ein etwa vierzehnjhriges Mdchen, dem sein rotes Rckchen hindernd um die entblten Beine wirbelte, eine geraume Strecke hinter dem Buben zurckblieb. In den Kranz der blonden Zpfe, die das Kind dichtgeflochten und eng um das Haupt trug, waren bluliche und rtliche Muscheln gesteckt, und so erhielt die Kleine ein fremdartiges und wildes Aussehen. Zu dem sanften Gesicht wollte der absonderliche Schmuck keineswegs passen. Auch zgerte die jetzt ruhiger Schreitende und griff sich ein paarmal verstohlen in die Flechten, in sichtlicher Furcht, wie man das blitzende Stirnband an der Klostermauer beurteilen wrde. In der Tat war der ungewohnte Zierat das erste, was dem Bruder, whrend er sich auf seiner Grasstufe ein wenig aufrichtete, strend ins Auge fiel. Halb unwillig ri der Ruhende ein paar Halme aus, bevor er mit einer raschen Kopfbewegung nach den Muscheln wies: Wozu das, Anna? Was soll der Putz? Kaum war die Mibilligung gefallen, als ein tiefes Rot ber die Wangen der Getadelten ging, ihre blauen Augen drehten sich ngstlich, und unwillkrlich falteten sich ihre Hnde vor der Brust. Dazu warf sie dem Knaben im weien Kittel einen jhen Blick zu, als wre dieser der Herr, von dem sie und ihr Schicksal abhingen. Der lie sie auch nicht im Stich. Ich hab's ihr hineingesteckt, sagte er lachend, und seine Augen weideten sich wohlgefllig an seinem Werk, als mchten sie sich von dem blaufeuchten Glanz der Muscheln nicht trennen. Dazu strafften sich die schlanken Beine, die er schon frher gespreizt aufgestemmt hielt, noch etwas fester in den Sehnen, und der ganze Bursche sah unbekmmert und keck aus, wie wenn nach seinem Wohlgefallen sich Regen und Sonnenschein zu richten htten. Unbehaglich bemerkte es der Mnch. Gerade dieses Aufbegehren einer unbndigen Natur suchte er zum Heile des Knaben zu unterdrcken. Der Fischerssohn, dem er anhing, mute gegen sein Blut geschtzt werden. Das war's. Dazu gehrte, da man seine Unwissenheit nicht allzusehr erhellte. Auch durfte er nicht ber seinen Stand hinauswachsen oder gar, wie er es liebte, seine Gedanken fabulierend ins Weite schweifen lassen. Das Meer verlockte zu derartigen Nebelfahrten. Aber solches Entgleiten war einem Sassenkind nicht gnstig -- jedenfalls in solcher Jugend nicht. Nimm der Dirne die Torheit aus den Haaren, befahl er darum hart. Claus Beckera rhrte sich nicht. Nur seine Augen blitzten hartnckig auf, und seine Rechte vollfhrte eine unglubige, fortschleudernde Bewegung, als knnte er damit die unbegreifliche und ihm unklug dnkende Abneigung des Klosterbruders zerstreuen. Es sieht gut aus, beharrte er noch immer in Bewunderung vor dem fremden Glanz. Es sind Maimuscheln. Die Gnadenbilder in der Klosterkirche und die Fruleins auf dem Schlo tragen auch solch bunte Steine. Eben darum ziemt sich der Tand nicht fr Anna Knuth, die Tochter der Strohflechterin, belehrte Bruder Franziskus ruhig und streckte die Hand nach dem abenteuerlichen Schmuck aus, wobei er sich stellte, als bemerke er das heftige Zusammenzucken des wilden Jungen nicht. Es sind Unterschiede in die Welt gesetzt. Sie stammen von Gott. Er zerpflckte jetzt die Muschelschnur zwischen den Fingern, und da er wahrnahm, wie sein halbwchsiger Freund, um den er sich sorgte, die rote Unterlippe nagte, fuhr er begtigend fort: Schau um dich, Nikolaus, schau auf den Wald. Hier blht der Haselstamm und wird nur ein Strauch. Daneben aber die Buche wchst ber zwanzig Ellen. Und machen doch zusammen den schattigen Wald aus und mssen sich dulden. So geht es auch bei den Menschen. Eine Weile raschelte der Wind durch die Zweige. Dann lachte der Knabe mit einem Male hell auf. Was hast du? fragte Franziskus verwundert. Heftig reckte sich der im weien Kittel. Ein Zug von Vorwitz und frhreifer Spottsucht lief ber sein schmales Antlitz, als er nun die Rechte bestimmt vorwarf. Da sieh, Geweihter, rief er selbstsicher, denn er gebrauchte hufig fr den Mnch die ehrfrchtige Bezeichnung seiner Mutter, den Hasel- und den Buchbaum hier. Ob die einander gleichen? Nein, murmelte der Cisterzienser noch im Ungewissen, sie gleichen einander nicht. Sie sind von verschiedener Art. Aber die Menschen, die gleichen einander, vollendete der Knabe jetzt rechthaberisch, tat einen Luftsprung und warf seiner Begleiterin einen Blick des Schutzes zu. Du hast selbst gesagt, wir wren alle nach dem Bild Gottvaters gemacht. Da brach der Mnch verstimmt und finster das aussichtslose Gesprch ab. Zumal er auffangen mute, wie das kleine Mdchen ob der Keckheit des Burschen verstohlen zu lcheln anhob. Es wre dir besser, brummte er aufgebracht, indem er sich ratlos mit beiden Handflchen die ergrauten Schlfenhaare zurckstrich, dein Vater htte dir fter mit dem Grtelriemen den Rcken gewalkt. Als des Vaters Erwhnung geschah, wich das vorlaute Wesen des Knaben gedankenschnell. Kleinlaut senkte er das Haupt und scharrte mit dem nackten Fu ber den Moosboden. Vater rhrt mich nicht an, meldete er nachdenklich. Er sitzt den ganzen Tag auf der Dne und sonnt sich. Jetzt fuhr der Bruder mitleidsvoll ber das wellige Gelock des Burschen. Sein Groll war verschwunden. Die Erinnerung an ein ehrenhaft mhselig Leben hielt ihn gefangen. In deinem Vater sitzt die zehrende Sucht, sprach er leise, der Frhling ist fr ihn ein gefhrlich Ding. Und was tust du, sein Los zu erleichtern, Nikolaus? Ich?-- Der Gefragte blickte suchend umher. Endlich schienen die scharfen Augen etwas erwischt zu haben, als sie rckschweifend einen schmalen Ausschnitt des durch die Stmme schimmernden Meeres entdeckten. Ich fahre hinaus und lege seine Netze, verteidigte er sich erwartungsvoll, denn er wollte gelobt werden. Ich bringe mehr heim als er. Manchmal bin ich die ganze Nacht fort. Und ein fein Segel hab' ich gemacht aus rotem Packtuch, setzte er befriedigt hinzu, und kann den Wind vor- und rckwrts abfangen. Davon hat der Vater nichts verstanden. Das ist ein neu und gut Ding. Und Mhe hat es gekostet. Dich nicht, versetzte der Mnch unbeirrt, wobei er versuchte, den irrlichternden Strahl der schwarzen Augen auszuhalten. Lge nicht, Bursche. Dir ist es eine Lust, auf dem Wasser zu liegen und dich mit dem Wind herumzuschlagen. Du dnkst dich dann besser als andere Menschenkinder. Dort drauen fngst du auch die grilligen Gedanken, die dir nicht taugen. Sage, was fhrt dich heute her? Jetzt trat der Knabe nher und kte zrtlich die feine weie Kutte des Mnches. Ein Staatskleid der Brder, das nur bei besonderen Anlssen getragen wurde. Mir war bange nach dir, Geweihter, brach es inbrnstig aus ihm heraus, und er streichelte verstohlen das Tuch des faltenreichen Gewandes. Es qult mich oft eine Unruhe, wenn ich dich nicht nach diesem oder jenem fragen kann. Denn du weit alles, was mir fehlt. Da verbarg Pater Franziskus ein halbes Lcheln. Du Tor, wies er bescheiden die bertriebene Meinung ab, ich wei nicht einmal, was deine Gespielin dort zwischen den beiden Binsendeckeln trgt. Was ist's? Ja, das rtst du nicht, schrie Nikolaus Beckera, pltzlich wieder in seine wilde Heftigkeit zurckfahrend, und dabei strzte er auf das Mdchen zu und ri ihr ohne weiteres das grne Geflecht aus den Hnden. Gib her -- ein wunderlich Tier, stammelte er atemlos und brach die Deckel auseinander. Dergleichen gibt es sonst nicht in unserem Wasser. Und dir gehrt es, Geweihter, dir allein. Eine ungeheure Scholle kam zum Vorschein, dunkelgrau mit roten Punkten und wohl anderthalb Fu im Durchma. Der Fisch glnzte perlmutterfarbig in der Sonne. Bewundernd standen die drei um den seltenen Fang herum, und die Kinder lachten vor Freude, als der Pater mit Kennermiene den Finger spitz in den Rcken der Scholle setzte, um wohlgefllig das Fleisch des Tieres auf seine Festigkeit hin zu prfen. Ein herrlich Stck, gestand der Bruder selbstvergessen und klopfte dem Spender dankbar die Wange. Allein unvermutet hielt er inne, ein feindlicher Gedanke schien seine offene Lust zu hemmen. Was gibt's? rief der Junge erschreckt. Der Bruder ma ihn prfend von oben bis unten. Hat der Vogt deinen Fang gesehen? Jetzt zuckte das kleine Mdchen, wie von einem Streich getroffen, zurck und sprang Schutz suchend hinter den nchsten Baumstamm. Claus Beckera aber wurde seltsam bleich. Dann begannen seine schlanken Glieder vor Zorn oder vor Scham zu zittern. Etwas Haerflltes, von Leidenschaft berwltigtes brodelte aus seinen schwarzen Augen. Der Vogt wei von nichts, widersprach er hart und schob die Faust geballt von sich. Ich hab' das Tier die ganze Nacht ber zwischen den Strandsteinen versteckt. Kopfschttelnd wies der Mnch das Geschenk von sich, auch entsetzte er sich heimlich darber, wie wenig sein Zgling zu Bescheidenheit und zu geduldigem Dienst zu lenken wre. Weit du nicht, ermahnte er heftig und hob drohend den Finger, da all dein Fang dem Grafen eignet? Was soll ich mit dem entwendeten Gut? Essen, schrie Claus, der noch immer zitterte und bebte. Und wie tckische Pfeile schnellten die Worte von ihm: Der Graf hat satt. Wie kann er uns das nehmen, was wir fangen? Gehrt ihm die See? Wem gehrt sie sonst? Dem, der auf ihr segelt und Netze legt, eiferte der Knabe ohne jedes Besinnen. Schmetternd warf er den Fisch auf den Waldboden und machte Miene, ihn mit seinen nackten Fen zu zerstampfen. Claus, rief das kleine Mdchen hinter seinem Baum um Erbarmen flehend. Jetzt sprang auch der Bruder hinzu, bckte sich und ri den Flossentrger an sich. Dunkelrot war das weie Gesicht des Mnches bergossen. Es blieb unentschieden, ob vor Anstrengung oder weil er den feinen Mund des Fischerssohnes in befriedigtem Triumph lcheln sah. Unsinniger, zrnte er in ehrlichem Unwillen, Gottes gedeihliche Gabe vernichten? Oh, ich sehe, ich bin zu schwach gegen den bsen Geist, der in dir wohnt. Geh mir aus den Augen und kehre so bald nicht wieder. Einen Augenblick blieb es still zwischen den dreien, dann wandte sich Pater Franziskus, den Fisch noch immer in den flachen Hnden, und stieg mit weiten Schritten die Grasstufen in die Hhe. Bald mute er das kaum mannshohe Pfrtlein in der Mauer erreicht haben. Da geschah etwas Unerwartetes. Ebensoschnell wie Claus Beckera in Zorn und Wut hineingerast war, so erfate ihn jetzt eine verzweifelte Reue. Urpltzlich fllten sich seine funkelnden Augen mit Trnen und unbekmmert darum, ob seine kleine Gefhrtin sein Handeln begriffe, strzte er auf die unterste Stufe nieder, wo er die Arme wild emporwarf, als knnte er so den Entweichenden zurckhalten. Tu das nicht, Geweihter, schluckte er schmerzzerrissen. Ich hab' dich lieb. Und wer soll mir die Hand auf die Stirn legen, wenn mich die Schmerzen qulen, die mich blind machen? Nein, tu das nicht, Geweihter -- tu das nicht. Noch zitterte die Klage dieses wahrhaftigen Knabenschmerzes unter den sonnenstillen Bumen, noch hatte sich der leichtgerhrte Bruder nicht vllig gewandt, da klang in der Schwrze des Waldes ein Horn. Zugleich hrte man den Hufschlag der Rosse. Einen Augenblick wurzelten die drei auf der grnen Lichtung fest. Dann geriet Leben in den Mnch, und whrend er die Scholle eilfertig auf einen Mauervorsprung zu betten suchte, segnete er Gott im stillen fr die gelegene Unterbrechung. Wohlttig enthob sie ihn der begehrten Vershnung mit dem aufgeregten Knaben. Sie kommen, rief er dem verblfften Fischer zu, der ohnehin alles, was bis dahin geschehen, lngst vergessen hatte. Ungestm war er aufgesprungen, um nun, fiebernd vor Neugier, das dicke Gehlz zu durchdringen. Vier -- fnf -- zehn Pferde, zhlte er, sieh -- sieh, Anna, Stahlpanzer und seidene Mntel. Dnische Herren, berichtete der Bruder erregt und strich sich die weie Kutte glatt, reiten auf Tagfahrt nach Stralsund und nehmen zur Nacht hier Obdach. Gespannt drngten sich die Kinder an beide Seiten ihres Freundes. Kaum konnte er sich ihrer erwehren. Dnen? stammelte Claus zweifelhaft. Denn er vermochte nicht mit Sicherheit anzugeben, wo jene Vlkerschaft sehaft wre. Was treiben die in Stralsund? Doch der Mnch schttelte ihn ab, ohne den stets regen Eifer des Wibegierigen befriedigen zu wollen. Wozu brauchst du das erfahren, Claus? weigerte er sich vorsichtig. Was kmmern dich die Hndel von Knigen und Herren? Diesmal zwar handelt es sich um eine gerechte Sache, setzte er mehr fr sich hinzu, gilt es doch, die Horde der gesetzlosen Schuimer zu vertilgen. Da packte ihn der Knabe heftig am Kleid. Was sind Schuimer? drngte er ungebrdig. Sag es mir. Der Mnch erschrak. Gar zu wild brannten die dunklen Knabenaugen in die seinen. Das geheimnisvolle Wort, das im Volk fr die unter der schwarzen Flagge Herumstreifenden umging, schien in der unbeherrschten Seele ein Feuer entzndet zu haben. Wieder rettete der Pater seine Verlegenheit hinter strenge Abweisung. Schweig, befahl er. Was schiert sich ein Sasse, der von der Herrschaft gut gehalten wird, um die von jedem Ehrsamen gemiedene Brut der Friedlosen? Danke Gott im stillen dafr -- der du ein nhrend Gewerbe und einen sicheren Platz hast -- da die Frsten und Stdtischen dem wsten Drang ein Ende machen wollen. Merk' dir, Bursche, solange das Gelichter nicht von der See fortgefegt wird, so lange kannst du, wenn du ehrlich bist, unter deinem Dach nicht ruhig schlafen. Schon wurden die buntgeschirrten Rosse unter den Stmmen sichtbar. So blieb Pater Franziskus nur noch Zeit, die Kinder beiseite zu schieben und den wesenlos Gaffenden gutmtig zuzuflstern: Schaut auf die Vordersten. Ja, die Beiden. Das sind die Gesandten der Knigin. Der Drost Reichshofmeister Henning von Putbus. Und der Hauptmann Konrad von Moltke. Gar stolze und mchtige Herren. Mit weit aufgerissenen Augen verfolgte Claus Beckera nun das sich entwickelnde farbige Bild. Er merkte nicht einmal, wie er dabei krampfhaft die Hand seiner kleinen Gefhrtin ergriffen hatte. So bergewaltig, so betrend wirkte auf ihn der goldige Glanz der Groen. Allmhlich spann sich ein feines, unwirkliches Netz vor seine hinstarrenden Blicke, und er zuckte beinahe schmerzhaft zusammen, sobald aus dem Gewebe ein besonders greller Blitz auf ihn zuscho. Da-- Trat aus der Pforte ber den Grasstufen nicht der Abt mit seinem Prior hervor? Beides hinfllige Greise. In seinem schneeweien Gewand, das goldene Kreuz klappernd auf den drren Gliedern, trippelte das Mnnchen, achtsam auf jedem Absatz die Schleppe hebend, auf den ersten der Reiter zu, um endlich dem Reichshofmeister mit zitternder Hand einen silbernen Pokal entgegen zu reichen. Auf breitem Gaul sa der Drost zurckgelehnt, die berlangen Beine gewaltig gespreizt, denn die flickenreiche Zaddeltracht beengte den hochaufgeschossenen Mann. Zwiefltig war das Staatskleid zusammengesetzt, auf der linken Seite rot, auf der rechten gelb, whrend Arme und Beine umgekehrt bekleidet waren. Dazu sa ihm eine ungeheure blaue Wulsthaube auf dem verkerbten Haupt, von der ihm noch eine riesige blaue Fahne fast bis an die Knie hinunterflo. Man sah ihm an, der lange Ritt hatte ihm hei gemacht, denn er schob luftschpfend an dem schwarzen Ledergrtel unterhalb seiner schmalen Hften herum, und wenn die tiefliegenden lauernden Augen nicht widersprochen htten, so htte man den Reichshofmeister der Knigin Margaretha fr einen abgedienten und eitlen Hfling halten knnen. Aber die Augen wohnten ihm unter graustruppigen Brauen wie der Fuchs in seinem Bau. Aufmerksam, sprungbereit. Und ber die verschrumpfte Stirn flog manchmal ein erhellender Blitz. Nicht umsonst ging die Sage, diese vermorschte, im Winde schwankende Leiter htte die Sprossen geboten, auf denen die zierlichen Fe seiner Knigin bis in die kltesten Hhen der Staatskunst emporgeklettert wren. Doch die Sage fgte ihm Unrecht zu, denn er selbst hatte in dem frstlichen Frauengemach erst die unmerklichen Windungen und herzenskhlen Methoden gelernt, die die nordische Welt jetzt in Spannung hielten. Von ganz anderer Art war sein Gefhrte, der dicht neben ihm seinem gescheckten Schimmel wuchtig den schweienden Hals klopfte. In einem verregneten Lederkoller hockte der Hauptmann Konrad von Moltke auf seinem abgetriebenen sehnigen Gaul. Sein linkes, von einem grnen Strumpf umspanntes Bein hatte er lssig in die Hhe gezogen, so da er den Arm darauf sttzen konnte. Und auf diesem ruhte wieder der vllig kahle, in der Sonne glnzende Schdel, unter dem eine krumme Geiernase rauflustig und hochmtig in die Welt stach. Die eiserne Sturmhaube, die den beinernen Totenkopf wohl allzusehr drcken mochte, hing ihm schaukelnd vom Sattel, und die rot verschwollenen Augenlider blieben hartnckig geschlossen, vielleicht vor Mdigkeit, vielleicht aus Abneigung gegen das Mnchsgesindel, dem seine Herrin so auffallende Bevorzugung erwies. Man munkelte da allerlei. Der verkniffene Mund des Dnen jedoch redete laut von Geiz und Beutesucht. Er sieht aus wie der Seeadler, wenn man ihm die Federn ausgerupft hat, dachte Claus Beckera staunend, ohne den gierigen Blick von dem Knochenmann abwenden zu knnen. Inzwischen hatte sich die hinfllige Kinderfigur des Abtes auf den Zehen aufgerichtet. ngstlich vor dem scharrenden Braunen ausweichend, reichte er dem Reichshofmeister seinen Becher dar. Das Mnnchen, dem ein paar einzelne graue Locken verloren um die Stirn flatterten, machte unverkennbar den Eindruck, als ob er sich hinter seinen Pergamentrollen wohler fhle als bei dieser ungewohnten Staatshandlung. Herr Henning von Putbus, lispelte er ohne Mark und kaum hrbar, Reichshofmeister und Drost der gromchtigen -- ---- Hier klatschte der Knochenmann seinem Gaul hchst wuchtig gegen den Hals und kniff seine Lider immer unbegreiflicher zusammen. Der Abt verwirrte sich. Der Herr fhrte Euch zum Segen an die deutsche Kste, stotterte er verlegen und begann mit dem Becher hin und her zu zittern. Er fhrte Euch an die Kste -- ja -- und mge die Tagfahrt zu Stralsund Euren Wnschen entsprechen. Hflich streckte der Hagere seine Beine noch steifer von sich, ergriff den Becher und verneigte sich so geschmeidig, wie man von dem vertrockneten Gerst in dem Geckengewand kaum erwarten konnte. Da der redliche Abscheu Eures Ordens gegen die Vergewaltiger der See bekannt ist, sprach er ziemlich unbeteiligt, so werden Eure Gebete mit uns sein. Ich wei -- ich wei. Er fhrte den Pokal oberflchlich und ohne zu nippen an seinen Mund. Sein Nachbar jedoch, der Hauptmann von Moltke, ri ihm ungeduldig den Pokal, bevor er noch dazu aufgefordert wurde, aus der Hand, tat einen tiefen Blick hinein und strzte das Getrnk gierig hinunter. Der Kriegsmann mochte durstig sein. Allein unvermutet hielt er inne, und whrend er bse die verschwollenen Augen aufri, go er gereizt den Rest auf die Erde. Gemischt, knurrte er, und seine Stimme klang, wie wenn man Scherben gegeneinander reibt. Himmel und Hlle -- ich ---- In diesem Augenblick schlug erneutes Pferdegetrappel aus dem Wald heraus, der Reiter verschluckte das weitere, hob die abschreckend drre Hand und schwenkte sie dem neuen Ankmmling entgegen. He, Cona, krhte er immer in demselben bitteren, menschenverachtenden Ton, meiner Seel, Ihr standet gut im Futter, seit wir uns zuletzt begegneten. Wit Ihr noch auf der Tagfahrt zu Wismar? Man sagt, Liebwertester, Ihr httet ber See recht eintrgliche Geschfte betrieben. Und kenntet die Schliche der Schuimer aus Erfahrung. Es mute eine besonders giftige Anspielung in jener Anrede liegen, denn der Reichshofmeister, der pltzlich noch fahler aussah als gewhnlich, hob abwehrend die Rechte, schpfte vergeblich Luft und versuchte, sein Unbehagen hinter einem begrenden Lcheln zu verbergen. Er brachte es jedoch nur zu einem Grinsen, zumal er wahrnahm, wie der Graf von Cona, der nun in der Abendsonne dicht neben seinem jungen Sohne mitten auf der Lichtung hielt, verrgert und beschmt das feiste Vollmondgesicht verzog. Sphend blinzelte der so Wohlgenhrte im Kreise umher, ob auch die Mnche den beienden Spott verstanden htten. Dann strich er mit der fleischigen Hand ber den halblangen blauen Tappert, der ihn schlafrockartig umhllte, und stie endlich kurzatmig, nach Art der Dicken hervor: Seid gegrt, Ihr Herren. Auch du, Moltke. Immer munter. Immer gelenkig. Wollen absteigen und das Nachtmahl einnehmen, das der Herr Abt fr uns gerstet. Aus leerem Magen steigt zudem allerlei verwirrtes Zeug. Und wenn es Euch wirklich Ernst gegen die Freibeuter ist, die ja manchem ein verstecktes Pltzchen gut zu bezahlen wuten -- nicht wahr, nicht wahr, so ist es doch? -- dann werden wir morgen in Stralsund weiter sehen. Werden sehen, wo unser Vorteil liegt. Und nun zu Tisch, liebe Herren. Schwerfllig und chzend schwang er das rechte Bein vom Ro. Allein durch die weitausladende Bewegung des unfrmlichen Krpers mochte der drre unruhige Gaul des Dnenhauptmanns gereizt werden. Mit einem schrillen Wiehern stieg das Tier kerzengerade in die Hhe. Ringsum wurde ein einziger Schrei laut. Doch ohne Zgern schlossen sich die sehnigen Beine des Kriegers um den Leib seiner Schecke zusammen. Ja, er rhrte sich kaum, so fest sa er im Sattel. Zu gleicher Zeit aber sah man, wie der Knabe im weien Kittel hochauf in den Zgeln des Schimmels hing. Die kleinen Fuste rissen erbarmungslos am Maulbgel des Tieres. La los, krhte der Dne ungehalten und fletschte die stockigen Zhne. Da war das Pferd schon zur Erde gebracht. Und der Helfer stand nun, keineswegs befangen, sondern die Hnde stolz in die Hften gesetzt, geschwellt von einem rauschenden Kraftgefhl, mitten in dem ihn umgaffenden Kreis. Wieder merkte er es kaum, da seine Gefhrtin auf ihn zugestrzt war, um ihm ngstlich Brust und Glieder zu befhlen. Unsinn, schimpfte der Hauptmann mifllig. _Ragazzaccio maledetto_! vervollstndigte er seinen Fluch auf welsche Art, denn er hatte sich seinen ersten Kriegsruhm in den italienischen Stdtekriegen erworben. Gezwungen nestelte er an seiner Ledertasche, um dem Buben ein paar Scheidemnzen zuzuwerfen, doch einer besseren Einsicht folgend unterlie er diese Spende wieder auf halbem Wege. Wer ist der Bursche? fragte statt seiner der Graf von Cona, der inzwischen auf krummen Beinen neben dem gleichfalls abgestiegenen Reichshofmeister stand. Und da er den einfachen linnenen Kittel und daneben den prchtigen Wuchs des Knaben nicht recht zusammenzureimen wute, setzte er dringlich hinzu, denn die nahe Tafel lockte den immer Hungrigen: Schnell, schnell, wer ist es? Gbe einen stattlichen Knecht. Eine Stille entstand. Bis das Schweigen von der Stimme des Bruder Franziskus unterbrochen wurde. Einem unwiderstehlichen Trieb folgend, hatte sich der Pater vor die Kinder aufgepflanzt. Jetzt gab er besorgt die Auskunft: Es ist der Sohn des Fischers Claus Beckera. Das ist ein lauer Hund, stotterte der Dicke, der im ersten Augenblick seine unangenehme berraschung nicht meistern konnte. Sorgt schlecht fr uns. Und sein Doppelkinn unter dem Kragen des blauen Tappert weit hervorschiebend, begann er vor Verlegenheit zu poltern: Wozu treibt sich der Sasse hier herum? In das Antlitz des Jungen war Hitze gestiegen, bse zerrten die dunklen Augen an dem blauen Faltenrock herum. Mein Vater ---- schrie er. Da wurde er von dem Mnch zurckgerissen. Zugleich fhlte er, wie ihm die Lippen fest verschlossen wurden. Er hat eine Sternscholle fr die Tafel gebracht, erklrte der Bruder ruhig und zeigte nach dem Mauervorsprung, auf dem der Riesenfisch in der Abendsonne glitzerte. Neugierig wandte sich der Graf. Mochte es nun sein, da ihn der Anblick des mchtigen Fanges vershnte, oder war er sonst froh, der lstigen Begegnung berhoben zu sein, gemtlich schob er seinen Arm unter den des Reichshofmeisters und zog ihn mit sich. Man speist gut bei den Brdern, schmatzte er mit breitem Lachen. Wer wei, welche berraschung unser wartet. Kommt, Herr Drost, ihr Herren kommt. Man soll den Koch nicht warten lassen. So zogen die Gste, gefhrt von den Mnchen, durch die enge Pforte ber den Grasstufen. Die Knechte leiteten die Pferde um die Mauer herum in die Stlle, und bald lag die Lichtung in Einsamkeit. Nur ein einzelner Reiter war zurckgeblieben. Auffllig zgerte er mit dem Absitzen, lenkte seinen Rappen vielmehr spielerisch hin und her, bis der Junggraf Malte von Cona seinen Entschlu gefat haben mute. Mit einem Sprung setzte sein Pferd hinter den bereits heimkehrenden Kindern her, und whrend die Jungmnnerfaust keck und ohne Umstnde in die Haarflechten des aufschreienden Mdchens griff, rief er wie zur Beruhigung mit einem zugleich harmlosen und gebieterischen Lachen, denn das Ganze sollte nach der Sitte der Zeit einen Scherz darstellen. Dirn, versteh Spa, wo kommst du her? Die Kleine starrte ihn mit blauen Augen flehentlich an und begann vor dem vornehmen Herrn zu zittern. La ab, Herr, stammelte auch Bruder Franziskus in aufsteigender Emprung, es ist noch ein Kind. Doch der Jngling warf dem Mnch nur einen verchtlichen Blick zu, es kmmerte den Geschorenen nichts, mit wem der Grundherr seine Belustigung auf offener Strae treiben wollte. Doch verwunderlich dnkte es den Reiter, auf welche Weise der Fischerknecht den gndigen Scherz aufnahm. Atemlos lehnte der weie Kittel an einer mchtigen Buche, von wo der Knabe zuvrderst ohne genaue Erkenntnis des Vorganges die bunte Pracht des Adligen in unruhiger Gier verschlang. Die berlangen Schnbel der rosa Strmpfe, die enggeprete rote Schecke des Wamses und darber den kurzen gelben Kragen, der mit blitzenden Gold- und Silberstcken besetzt war. Und doch -- die Faust des Burschen ri und zerrte dabei auf eine sonderliche Art an einem stmmigen Ast herum. Wollte der Lmmel etwa die schuldige Ehrfurcht vergessen? Unglubig und geringschtzend zuckte der Junker die Achsel, dann lie er seinen Blick von neuem hartnckig ber die feine Gestalt der Dirne laufen, die sein Anruf so vllig der Sprache beraubt hatte. Komm zu dir, Rotrckchen, meinte er ungeduldig, obwohl er beifllig genug auf die nackten Fe des Kindes herabschaute. Wo kommst du her? Bist du die Schwester des Sassen da? Noch immer hielt er das Ganze fr einen ihm ziemenden Scherz und wunderte sich nur, warum das Mdchen so sehr in Zittern und Beben versank. Nein, flsterte sie und senkte das Haupt, ich bin Anna Knuth. Und meiner Mutter Schwestertochter, sprach Claus hart dazwischen. Er hatte den Ast herabgerissen und trat nun, auf alles vorbereitet, nher. Dabei schauerten seine Glieder dennoch wie im Frost, denn die vererbte Achtung bumte sich gegen die Gier, ein Abenteuer zu erleben. Rastlos schwankte die Zufallswaffe in seiner gekrampften Faust. Er wute selbst nicht, wogegen er kmpfen sollte. Du bist nicht gefragt, schleuderte ihm der Junggraf unwillig entgegen, wobei er herrisch die Rechte vorwarf, als wolle er die nahende, die unbegreifliche Auflehnung an ihren Platz bannen. Gleich packst du dich von dannen, Tlpel. Der im weien Kittel rhrte sich nicht. Nur der Buchenast hrte auf zu zittern, ja, das Holz gewann von Minute zu Minute eine immer straffere Spannung. Eine Weile verharrten die drei Gestalten bewegungslos, wie in der Tiefe eines Traumes. Selbst das Pferd stand gepret unter dem einfangenden Druck. Da vermochte sich der Cisterzienser in seiner Herzensangst am frhesten aus der Lhmung emporzuraffen. Kaltbltig schritt er, als wre nichts Erhebliches geschehen, bis dicht an die Flanke des Rosses heran, um dort dem Tier kosend ber den Hals zu klopfen. Mit groen Augen verfolgten die Jungen, die Aufgeregten, sein Tun. Ja, es sind Annerbulkenkinder[*], sprach er im weichen Dialekt der Gegend, und keine Hast, keine Unruhe verrieten in dem ebenen Antlitz, wie sehr er mit der berlegenheit des Alters bemht war, die aufgepeitschten Sinne der anderen zu besnftigen. Anna Knuths Vater ist ertrunken. Man sagt, die Schuimer htten ihn ins Meer geworfen. Da hat sich ihre Mutter nun ein Httlein dicht neben den Beckeras errichtet, und Mutter und Tochter nhren sich recht und redlich vom Mattenflechten. Ein mhselig Gewerbe, Herr, das die Finger zerschneidet. [*] Vetter und Base. Weisend hob er den Arm der Kleinen empor, und der Graf bemerkte nun verdutzt, wie die Hand der Blonden von schwrzlichen Kerben durchfurcht war. Das lenkte seine unberlegte Begehrlichkeit wohlttig ab. Sofort suchte er nach Art der groen Herren das Leid der Armen durch ein Almosen zu lindern. Warum sagtest du das nicht gleich, dummes Gr, tadelte er wohlwollend, whrend er ungestm an einer Silbermnze seines gelben Kragens herumdrehte. Matten? Gut, da magst du die weichsten von deinem Geflecht auf unseren Hof bringen. Mein Hund soll darauf liegen. Und hier, Rotrckchen, hier hast du deinen Lohn im voraus. Lachend, mit einer freigebigen Gebrde schleuderte er den abgerissenen Knopf dem Mdchen vor die Fe. Und ehe die drei Zurckgebliebenen sich noch besinnen konnten, hatte der gewandte Reiter seinen Gaul zur Seite geworfen und sprengte nun um die Mauer herum dem Stalle zu. Eilt nach Hause, drngte der Bruder die beiden Kinder, die bestrzt auf das sich entfernende Klingeln der silbernen und goldenen Mnzen lauschten. Geht -- geht rasch, der Mann will euch nicht wohl. III. Sie saen in der Htte der Beckeras zum kargen Nachtmahl vereint. Die Alten hatten ihren Hunger bereits gestillt und hockten ausruhend am Herd, von wo ein verglimmender Kienspan leuchtete. Zu ihnen hatte sich Anna Knuths Mutter gesellt, ein hageres, frh ergrautes Weib mit unzhligen Sommersprossen im abgemagerten Antlitz. Arbeitsverbittert sah sie aus, und vor der hereinstrmenden Khle des Meeres frstelte die Abgezehrte hufig zusammen. Kalt -- immer kalt, schttelte sie sich. Dann hob sie den gespendeten Silberknopf von ihrem Scho, um ihn beinahe unglubig gegen den ungewissen Lichtschein zu kehren. Warum er das wohl geschenkt? suchte sie in fruchtlosen Zweifeln zu ergrnden; als aber die Hausfrau, die prall und rund, voll gesparter, selbstbewuter Kraft ihr gegenberlehnte, eine heftige Bewegung gegen die Esse ausfhrte, wie wenn sie das Wertstck am liebsten in die Flammen schleudern mchte, denn Hilda kannte die Aufmerksamkeiten der Herren, da schttelte die Mattenflechterin mde das Haupt. Nicht doch -- nicht doch, wehrte sie sich gegen diesen Gedanken ihrer gewaltttigen Schwester. Wie kme ich wohl je wieder zu solch einem Schatz? Morgen segle ich nach Stralsund und kaufe fr uns Decken. Die Hauptsache ist, da wir es warm haben. Ja, ja, hbsch warm, murmelte der alte Claus Beckera und zog seine allmhlich spindeldrr gewordenen Beine bis tief unter seinen Sitz, da der Husten, der nicht zum Ausbruch kommen wollte, seinen ausgemergelten Leib wieder verkrmmte. Mit uerster Kraft rang er danach, das laute Bellen zu verhindern. Nicht eigentlich, um seine Umgebung nicht zu erschrecken, denn der kranke Riese war noch immer nicht zart und nachgiebig geworden. Nein, er mochte nur nicht die Augen des Weibes so gro und erkennend auf sich gerichtet fhlen. Das Weib wute alles, sie war klug und lie sich nicht tuschen. Ja, der Fischer glaubte, sie lese ihm Zeit und Stunde des Kommenden ganz sicher von der Stirn. Und dagegen strubte er sich. Es war wohl noch gar nicht so schlimm, und er wollte einmal sehen, wer zher war, er oder die Augen von ihr. So strich er sich scheinbar aufgerumt ber die Welle des roten Bartes, der jetzt doppelt scharf gegen die vergilbten, eingefallenen Wangen abstach, und gegen den Tisch gewandt richtete er die wohlwollende Ermahnung an seinen Sohn: I, Jnging, i. Der Knabe trumte vor der rohen Platte, hielt das Haupt aufgesttzt, und nur ab und zu fhrte er den Holzlffel ungewi und willensunmchtig in den Napf mit dem warmen Hirsebrei. Seine sonst so blitzenden Augen aber hatten sich verschleiert, wie nach innen gerichtet schienen sie Bilder und Vorstellungen zu verfolgen, die auf dem Grund seiner Seele dahinstiebten. Unwillig zuckten seine Lippen oft, als knne er das Fliehende weder erkennen noch festhalten. Betroffen beobachteten seine Angehrigen das an dem immer Unruhigen befremdliche Wesen. I, Claus, bat die kleine Anna Knuth, die dem Versunkenen gegenber sa, wobei sie ebenfalls versumte, ihren Lffel gegen den Napf zu lenken, denn ihr Gemt nahm willigen Anteil an dem vlligen Verstummen ihres Gefhrten. Wir sind lange gelaufen -- du bist mde. Doch auch diese warme Bitte erreichte den in Fremdes Hinabgetauchten nicht. Offenbar hatte er die sanfte, demtige Stimme gar nicht vernommen. ber die Schulter seiner Freundin hinweg starrte er immer ausdrucksloser durch die offene Luke der Htte, dorthin, wo das letzte Abendrot fern auf den Wassern schaukelte. Langsam stieg die blaue Wand der Nacht ber die Rnder der See. Und zugleich verfinsterte sich auch die Stirn des Trumenden immer aufflliger. Willst du wohl antworten, wenn man dich fragt? drohte Hilda, seine Mutter, ungeduldig. Heftig war sie hinter den Schemel des Sohnes getreten. Nun lie sie ihre Hand klatschend auf den Nacken des Abgewandten niederfallen. Ihre lebhafte, tatbereite Natur strubte sich gegen solch ein zweckloses und unheimliches Hindmmern. Was hatte der groe, krftige Bursche in sich hinein zu horchen, anstatt seinem arbeitsunfhigen Vater hilfreich zur Seite zu stehen? Verlangte doch der Vogt nach wie vor den vollwichtigen Fang. Junge, willst du wohl? Mutter, unterbrach der kranke Riese erschreckt, indem er abermals gegen den gefhrlichen Hustenreiz ankmpfte, und dabei versuchte er, sich zu erheben, was ihm aber nicht sofort gelang. La -- la den Jungen. Wer wei, was er hat. Er trgt Gedanken in seinem Kopf. Und Gedanken kann man nicht immer verstehen. Hieraus war zu entnehmen, was Hilda lngst wute, da der alte Beckera in scheuer Achtung vor der wilden trotzigen Art seines Sohnes dahinlebte, da er aber geradezu in Aberglauben und Bewunderung versank, sobald sein Pflegling merkwrdige Fragen und Ansichten uerte, wie sie der Rotbart in seinem einfrmigen Gewerbe niemals fr mglich gehalten. Je weniger der Plumpe ein derartiges hitziges Arbeiten des Hirns begriff, desto rckhaltloser fhlte er sich heimlich geschmeichelt, weil solches an seinem eigenen Sassenherde geschah. La ihn, Mutting, la, wer wei? Ih, was hier, wer wei? schalt Hilda. Was ntzt das? Sie schlug noch einmal zu. Mit einem Sprung war der Knabe auf den Fen. Der zweite Hieb hatte ihn geweckt. Der Napf auf dem Tisch zitterte vor dem ungestmen Auffahren, selbst der Kienspan auf dem Herd schickte seine Flamme in dem Luftzug rauchend zur Hhe. Was ist? ermannte sich der Bursche, und seine Blicke umfingen seine Angehrigen so dunkel und fremd, da alle merkten, sein Krper sei eben erst, wie ein Stein aus Himmelshhen, unter sie gefallen. Staunend, mit weit aufgerissenen Augen betrachtete ihn der alte Beckera, sein harmloses Gemt bckte sich tief vor diesem vornehmen Entrcktsein in eine andere Welt. Abwehrend hob er wiederum die abgezehrte, faltenreiche Faust. La, murmelte er noch einmal, kaum hrbar. Die Mutter aber wnschte ihren Jungen aus seinem zwecklosen Hindmmern aufzujagen. Fehlt dir was? forschte sie barsch, whrend sie ihm ohne weiteres den Holznapf fortnahm, denn die Ziegen konnten noch recht gut von den Resten gesttigt werden. Wozu hockst du hier und glotzt vor dich hin? Heftig schttelte sich der junge Claus, dann sprang er an die offene Luke und trotz der feuchten Abendluft ri er sich den weien Kittel vorn am Hals auseinander, bis ihm der Zugwind ber die nackte Brust splte. Kalt, frstelte die Mattenflechterin in ihrer Ecke wehleidig zusammen. Auch der alte Fischer hustete unvorsichtig. Zu warm, viel zu warm, wehrte sich der Knabe. Pltzlich aber warf er das braune Lockenhaar ungestm zurck und fhrte mit geballter Faust einen besinnungslosen Hieb gegen die Bohlen des Fensters. In Wut und strmischer Auflehnung entlud sich, was in seinem schwelenden Hinbrten bedrohlich gegen ihn aufgestanden war. Wir wissen hier von nichts, schrie er in bitterem Zorn, und seine funkelnden Augen klagten alle Anwesenden der Reihe nach eines unshnbaren Verbrechens an, wir wissen nichts von dem, was drauen geschieht. Verstndnislos maen sich die anderen. Allein, wenn sie auch nicht begriffen, wonach diese entfesselte und von einem flchtigen Lichtstrahl geblendete Seele schrie, die unverbildeten Menschen fhlten doch, da sich hier etwas Ungewohntes und in seiner Anmaung Gefhrliches rege, etwas Aufstndisches, Unbotmiges, das mit den Fusten gegen den Kfig der Unmndigkeit und des Elends zu hmmern begann. Und das erfllte sie mit Abneigung und Mitrauen. Die geduckten Nacken hatten ja lngst verlernt, sich zu recken, und weil sie zu tief in Abhngigkeit gebeugt waren, so hielten sie es beinahe fr eine Wohltat, die unwissenden Hupter nicht mehr dorthin erheben zu brauchen, wo in der Hhe die Blitze zuckten. Gott bewahre uns vor Ungemach. Unwillkrlich falteten sich ihre Hnde. Und nur der kranke Riese atmete ein paarmal mhsam auf, aber als er sich zu einer kleinlauten Frage anschickte, da bebte doch etwas von zurckgedrngter Genugtuung in seiner gebrochenen und heiseren Stimme, denn ihm kam es vor, als wenn seine Htte durch all dies sehr geehrt und begnadet wrde. Gott wahre uns vor Ungemach. Was wissen wir nicht, Jnging? rusperte er sich demtig und klammerte sich mit beiden Fusten an das Lehnbrett seines Schemels, um aufrecht sitzen zu knnen. Was wissen wir nicht? Da bi der Angeredete in seine Unterlippe und zugleich rttelte er, von neuer Besessenheit befallen, an der Umfassung der Luke, als msse er sich durchaus einen verbreiterten Ausblick schaffen. Dazu tobte er voller Verachtung gegen die Dumpfheit, die ihn hier umgab. Wit ihr, da ein paar Meilen von uns zu Stralsund eine Tagfahrt gehalten wird? Was ist eine Tagfahrt? Der alte Fischer ri an seinem langmhnigen Bart, die Brust drohte ihm stillzustehen, und durch sein blondgraues Struwelhaar drang ihm der Schwei. Vor berraschung verging ihm vllig das Denken. Alle guten Geister, um was kmmerte sich die junge Brut? Groe Herrensache, vermochte er endlich seiner Atemnot abzuringen, sie reden da. Sein Pflegling trat ihm nher. Von was reden sie da? forderte er begierig. Den Alten umwirrte jetzt vollkommene Betubung. Noch nie war so etwas Unntiges von ihm verlangt worden. Und nun gar von dem angenommenen Sohne. Und doch ergriff ihn die ungewisse Ahnung, in diesem Drngen wehe eine kstliche Luft, nach der er sich schon lange gesehnt, weil sich in ihr atmen liee. Ja atmen, atmen, denn das Ersticken nahte wohl bald. Hohl sthnte er auf, dann keuchte er hervor: Sie reden da von uns, und was man uns nehmen soll, damit wir steuern. Es klang wie das Heulen eines gemihandelten Hundes. Alte Erinnerungen von Zwang und Demtigung richteten sich in dem Gestammel empor. Und bei diesen aufreizenden Lauten beugte sich ihm der Sohn lauernd entgegen, und seine Augen drohten unheilverkndend in der Htte umher, als suchten sie jetzt schon den Eindringling, der da kommen sollte, um erpretes Gut zu verlangen. Gott schtze uns vor Ungemach. Welcher Geist war zur bsen Stunde in das junge Blut gefahren! Sie reden da von uns? Und fragen uns nicht? rang es sich wie von selbst aus dem erwachenden Bewutsein ab. Sind wir denn Steine? Der alte Claus zitterte vor Angst. Ganz unvermittelt schmte er sich, weil er sich von dem Unbekannten soweit verleiten lie. La, mein Jnging, la, wir verstehen das nicht. Eben, wir verstehen das nicht, zischte der Knabe. Ratlos schlug er sich mit der Faust vor die Stirn. Vom Herd erhob sich eine schrille Stimme. Dort stie Hilda die Feuerzange wtend unter ihre Tpfe. In Scherben klirrte ein Napf auf den Ziegelestrich. Was ist das fr ein Zeug? zeterte sie in ihrer Befrchtung, rchende Herrenhnde knnten sich an ihrem lebenden Schatz vergreifen. Hab' ich dich dazu aufgefttert, damit du hier allerhand Unkraut sst? Meinst du, wir knnten vom Wortefangen leben? Gleich schere dich dort hinaus, wohin du gehrst. Oder willst du abwarten, bis dir die Peitsche des Vogts Beine macht? So laut ihre Stimme auch gellte, der schlanke Bursche wandte den Blick auf die eifernde Frau, aber ihre Vorwrfe glitten von ihm ab, als wren seine Ohren noch immer fr die Dinge des Alltags und der einfrmigen Gewohnheit verstopft. Aufrecht stand er da, pltzlich ein Fremder unter diesen kleinen furchtsamen Sassen, von der Zaubergerte einer Erkenntnis berhrt, die er nicht zu bewltigen vermochte; und nur als durch seine Trume das Wort Peitsche hindurchpfiff, da zuckte ein kurzer Schauer ber seinen Nacken, und seine Hnde zitterten widerstrebend nach rckwrts. Gleich darauf jedoch war auch diese Schwche abgeschttelt und er konnte geschmeidig bis dicht an den Sitz des Alten herangleiten, um dem aufhorchenden Fischer von neuem zuzuflstern: Sag' mir, was sind Schuimer? Oh, oh, winselte Anna Knuths Mutter klglich, und zu gleicher Zeit nestelte sie aufgescheucht den silbernen Knopf in einen Schlitz ihres Rockes. Bse Menschen, Claus, glaub mir, bse Menschen. Sie segeln in ihren Raubschiffen, sie plndern das Gut der Reichen und morden die Armen. Ich kenne sie. Versaufen und verschlemmen in einem Tag, was wir des Jahres zusammengescharrt. Seid still, stie Hilda an ihrem Herd hervor. Leichenbla war sie geworden, seit ihre Sorge um ihren Einzigen sich an einen bestimmten Begriff klammern konnte. Sprich ein Ave, mein Jnging. Ein frommer Christenmensch darf die Rotte nicht kennen. Ave Maria, heilige Mutter ---- sprach die kleine Anna folgsam vor sich hin. Auch ihr Gespiele faltete unwillkrlich die Hnde, denn der Wunsch der Mutter galt dem Aufgestrten immer noch als ein unabwendbares Gebot. Dennoch hinderte ihn die Bewegung nicht, seinem Vater abermals zuzuraunen: Wer aber hat die Mnner so weit gebracht? Ja, wer? murmelte der Fischer betubt. Pltzlich aber fate er den Kopf des Sohnes in beide Hnde, und sein Leid und seine Krankheit und die Bedrngnis eines ganzen Lebens vom Grund seiner Seele auffegend, schrie er unvermutet in irrem Geheul: Die Not, mein Jnging, ich mein' die Not. Ja, die Not, sprachen die anderen jetzt gepackt und gleichfrmig vor sich hin. Da war der fesselnde Bann von dem Knaben gewichen. Ungehindert und in der Lust sich zu befreien, brannte es hemmungslos aus ihm weiter: Und wer gibt den Herren seidene Kleider und uns Lumpen? Wer gibt ihnen Gold und Edelsteine und uns die Peitsche? Und wer gibt ihnen die fremden Sprachen, die wir nicht verstehen, und uns -- und uns die Dummheit? Ja, wer, wer? wiederholten die anderen geistesabwesend. Die armen Menschen hockten da, als seien sie mit Ngeln an ihre Sitze geheftet und mten es dulden, da ihre Zungen die Eingebungen eines fernen Geistes nachfften. Endlich -- endlich entri sich Hilda jener lhmenden Verzweiflung. Mit einem Sprung war sie bei ihrem Kinde, das sie der Macht des Teufels entreien zu mssen whnte, ein Schlag ihrer geballten Faust schmetterte mitten in sein weiches, fieberndes Antlitz. Mutter! Da ri sie ihn an seinen langen Haaren und schleifte ihn fast bis zur Schwelle der Kate. Gleich packst du dich in dein Boot, schumte sie in bertriebener Wut, obgleich eine unnennbare Angst ihr die Seele zudrckte. Geh -- geh, Miggnger und Maulaffen brauchen wir hier nicht. Bring lieber was Tchtiges heim, damit wir Ruhe haben vor dem Vogt. Und gnade dir Gott, wenn du jemals wieder dein Maul auftust ber Dinge, die uns nichts angehen. Ohne jeden bergang fiel sie dem schon in die Nacht Geschobenen um den Hals, klammerte ihre Arme fest um seinen Nacken, und zum erstenmal hrte der berwltigte Sohn seine Mutter betteln und sthnen: Tu's nicht, mein liebes Kind -- schlag' dir solche Gedanken aus dem Kopf. Taugen nichts fr arme Leut' -- richten dich und uns zugrunde. Sieh, die Herren sind nun einmal in Samt und Seide geboren und leiden nichts anderes. Geh -- sei wieder mein lieber, guter Junge -- geh, geh! Gewaltsam drngte sie den Zgernden, der in heier, geweckter Zrtlichkeit ihren Mund suchte, von sich und wute nicht, da sie ihn seinem Schicksal entgegentrieb. * * * * * Noch befangen von all dem Widerspruchsvollen glitt Claus die Dnen hinab; aber je klter ihm der scharfe Seewind um die Ohren strich, desto klarer erholten sich seine lebhaften Sinne, und kaum sprten seine Fe den feuchten Strand unter sich, da hatte das bewegliche und stets nach Neuem schweifende Gemt des Knaben bereits den Streit mit den Seinen vergessen. Krftig zog er sich den Ledergrtel enger und horchte im Schreiten auf das unheimliche Schreien der wilden Schwne. Jetzt eine Armbrust, wie sie den Herren eignet, dachte er, und ein paar stattliche Federn fr die Kappe sollten mir nicht fehlen. Die Nacht und die graue Leere, die sich wie ein offenes Tor auftat, schreckten und hinderten ihn so wenig, da seine Augen vielmehr anfingen, halb im Spiel den Schimmer der weien Strandwellen von dem Gefieder der belauschten Vgel zu unterscheiden. Sie kmpfen da drauen, urteilte er gespannt, und stoen einander gegenseitig die Brust ein. Und dann scho es ihm durch den Kopf, ob es nicht mglich sei, sich solch ein knigliches Tier zu zhmen. Noch niemand hatte das zwar versucht. Es mochte wohl schwer halten. Aber sein nach Pracht und Glanz ewig drstendes Herz wurde von dieser Idee vllig bestrickt. Beinahe verga er bereits die Jagd nach den unsichtbaren Geschpfen. Man mte gegen den Wind heranschleichen ---- murmelte Claus, und dann ---- Da stutzte er. Dicht neben dem Pfahl, an dem sein Boot angebunden lag, erhob sich eine dunkle Gestalt. Der breite, untersetzte Mann mute bis dahin auf dem Bordrand gesessen haben, jetzt wendete er sich voll dem Ankmmling entgegen, und durch die Nacht schimmerte zuvrderst eine gewaltige Schdelplatte. Auch wenn die schwere, wuchtige Figur noch tiefer von Finsternis bedeckt gewesen wre, dieses beinerne Dach, gegen das sich rechts und links zwei dicke graue Haarwlste abbuschten, wrde den Besitzer verraten haben. Zudem stand niemand so herrisch auf gespreizten Beinen wie der Vogt. Schweigsam musterte der Sechziger den Fischer, denn auch seinen Blicken bot die Dunkelheit kein Hindernis, und erst nachdem er ein paarmal ber die kurze, vermottete Bartkrause gestrichen, spuckte er hart und abfllig, wie es in seiner Art lag: Der Mond steigt schon. Warum kommst du so spt? Ich? Ja, dich meine ich, wen sonst? Oh, da war es abermals. Claus Beckera kniff die Fuste zusammen, bis die Ngel ihm ins Fleisch schnitten. Und doch erzhlten seine mhsam zurckgepreten Atemzge ganz deutlich davon, welche Anstrengung es ihn kostete, um seinen unzhmbaren Ha gegen den ewigen Zwang hinunterzuwrgen. Knirschend vor berwindung bckte er sich, und seine Hnde rissen viel heftiger an den Stricken des Bootes herum, als ntig gewesen wre, um die Knoten zu lsen. Dabei stie er hinter zusammengebissenen Zhnen hervor, da er ein Segel besitze und deshalb viel schneller die Fahrt zurcklegen knne, als es selbst der Vogt mit seinen plumpen Rudern vermchte. Und berdies -- allein das weitere verlor sich. Schon stemmte er die Schultern gegen den Kahn, und unbekmmert um den Beobachter begann er das Schifflein zwischen den groen Steinen hindurchzuschieben. Aufmerksam hrte der Vogt zu. Endlich jedoch nickte er wie in galligem Vergngen ber die Kraft des Jungen, dann uerte er mit seiner markigen Gelassenheit: Schn, du wirst dein Segel ntig haben, denn ihr seid im Rckstand. Lange warte ich nicht mehr. Claus Beckera schob, er schob, als ob er den Strand von den Wldern und Bergen losreien wollte. Ruhig lie es der Vogt geschehen. Als aber der Bug des Schiffes gerade in das Wasser hinabtauchen wollte, da schlenderte er pltzlich nher und legte seine Faust hemmend auf den Bordrand. Ruckartig fuhr der Bursche empor. Was gibt's? drohte er gepret, und jetzt konnte er es nicht mehr hindern, da sich das Weie seiner Augpfel unheimlich zu drehen begann. Wozu hltst du mich, Vogt? Voll dumpfer Warnung durchschnitt es die Nacht, der salzige Wind fhrte frmlich die Vorahnung einer Gewalttat, den Ruch eines aufschnellenden Raubtiersprunges, mit sich; doch den Machthaber schien diese sich windende Bosheit mehr zu ergtzen. Fast wohlwollend knurrte er: Kuck, Shnlein, deine Lichter funkeln wie faules Holz. Wollen sehen, ob man sie zu was Ntzlichem brauchen kann. Er warf den Arm vor und wies seitwrts gegen das Meer. Pa auf, was siehst du da? Von dem Ernst des Mannes getroffen, kehrte sich Claus berrascht der angedeuteten Richtung zu, heimlich geschmeichelt, weil der Gefrchtete offenbar seine Hilfe in Anspruch zu nehmen gedachte. Nun? forschte der Alte nach einer Pause. Merkwrdig, der Junge beugte sich ber das Boot und starrte hinaus. Zu seiner Linken, dort, wo der Umschwung der Wlder dunkel und schwarz zur Stubnitz abbog, glomm ein schmaler Feuerstreifen auf dem Gewsser. Eine schaukelnde rote Lache wiegte es sich, immer wieder von der ebbenden Flut zerrissen und ebensooft von neuem zu einem losen, blitzenden Flie gesammelt. Auffllig stach der Schein von den blassen, silbernen Rillen ab, die weit hinten am Horizont der heraufgleitende Mond in das Wasser furchte. Was konnte das bedeuten? Gepackt strengte Claus Beckera sein Sehvermgen aufs uerste an, lngst war er auf die umsplten Strandsteine gesprungen, und nun suchte er dort drauen, suchte, ob vielleicht ein Schiff mit entzndeten Pechfackeln seines Weges glitte. Doch der Vogt lehnte brummig eine solche Vermutung ab. Seit drei Nchten fahnde er vergeblich den Strich entlang. Auch dort oben auf der Freiplatte von Stubbenkammer htte er nachgeforscht. Umsonst -- auer ein paar Rehen nichts Besonderes! Und doch, wie zum Hohn flimmere die verwnschte rote Haut auf dem Wasser. Verrgert kehrte sich der Alte ab, als mchte er das ffende Feuerspiel nicht lnger betrachten. Sieh zu, Shnlein, meinte er zum Abschied, und es klang wieder recht giftig und berlegen, ob du klger bist als wir anderen. Hltst dich ja ohnehin fr einen stattlichen Hecht. Am Ende glckt dir der Fang. Wird dir gewi greren Spa bereiten, als Heringe ziehen und Flundern. Aber gib acht, setzte er noch im Fortgehen hinzu und hob warnend den kronengeschmckten Stab, da du nicht in eine Falle gertst! Wer wei? Die Rotte mchte vielleicht den Herren zu Stralsund was zum Raten aufgeben. Und schon auer Hrweite lachte er kurz in sich hinein: Wer kriegt heraus, wo die Freunde des armen Mannes gern gesehen werden? Es ist Becherspiel. In demselben Augenblick setzte Claus Beckera von seinem Stein mit einem weiten Sprung in das Boot. Hochauf peitschte der Schaum, und der Wind trieb ein helles Jauchzen herber. Es steckt ander Blut in ihm, dachte der Vogt, als in dem faulen Bauch. Bauernblut, Sassenblut, das Blut des armen Mannes. Die Augen des Jungen glhen, wie wenn eine Htte brennt. Man wird ihm fter eins auf den Kopf geben mssen. -- Schade, mag ihn gern leiden. * * * * * Es war zur gleichen Stunde, als die beiden dnischen Groen im Gastzimmer des Klosters ihre Betten aufsuchten. Der Reichshofmeister Henning von Putbus sa bereits entkleidet auf dem breiten Pfhl, und seine nackten Beine sahen so elend mager und abgezehrt aus, da der Hauptmann Konrad Moltke, der nach einem reichlichen Trunk mit der lleuchte in der Hand in dem kahlen Raum herumtaumelte, um einen Nagel fr seinen Lederkoller zu finden, von Zeit zu Zeit in ein heiseres Kichern des Abscheus ausbrach. Als aber der Drost whrend seines tiefen Grbelns sich noch eine spitze Nachtmtze ber den langen Schdel zog, da kannte das Vergngen des halb Berauschten keine Grenzen. Bellissimo, lallte er und hielt seinem Gefhrten die zinnerne Lampe fast unter die Nase, damit er ihn besser betrachten knne. Man tut Euch Unrecht, Drost; auf mein Schwert, bitteres Unrecht, Drostlein. Ich wei es jetzt -- Ihr bezaubert unsere erhabene Knigin durch die Schlagfertigkeit Eures Witzes -- sagt nichts, ich bezeuge es. Ja, wenn Ihr noch ein Pfaff wret, solch ein weicher, niedlicher, dann, dann ---- Krampfhaft schluckte er ein paarmal, und die Erinnerung an die eben genossenen Tafelfreuden stie wieder empfindlich gegen sein schwankes Hirn. Gut, gut, gab er den neuen Eindrcken nach und sank, immer die Leuchte zwischen den Fingern drehend, mitten in dem Zimmer auf einen geflochtenen Stuhl nieder. Es kommen jetzt reiche Zeiten. Wir brauchen nur -- brauchen nur den Schuimern all die hbschen Dinge aus den Taschen zu ziehen, die sie gar fleiig zusammengekratzt, und Ihr knnt Euch Margretlein in einem seidenen Hemd vorstellen. Meiner Seel ---- Steht auf und seht zu, ob wir nicht behorcht sind? sagte der Drost einsilbig statt einer Antwort. Behorcht? fuhr der Krieger etwas ernchterter empor und tastete sich beleidigt an die Stelle, wo frher sein Wehrgehenke befestigt war -- Ihr meint die Kutten? Ih, da soll doch gleich ein Mordsdonner ---- Schwerfllig wankte er bis zu dem engen Pfrtlein und lugte hinaus. Allein seinem trben Blick enthllte sich nichts als ein dnischer Knecht, der am Ende des schmalen Ganges unter einem Bogenfenster die Wache hielt. Undeutlich glitzerte das Mondlicht auf seinem Kettenhemd. Knallend warf der Hauptmann die Tr ins Schlo. Dann frstelte er zusammen. Nichts, stellte er ermdet fest und schaute wieder verglast auf den langen Menschen unter der Zipfelmtze. Habe ihnen einen unserer Spiee in den Weg gestellt. Was sonst? Was sonst? Behutsam war der Drost unterdessen ins Bett gekrochen, und whrend er nun den Schlafsack ber sich zog, der fr die unmige Lnge dieser Gliedmaen keineswegs ausreichte, da blinzelte er zu seinem wieder hingesunkenen Gefhrten hinber und schien zu prfen, ob die glhende Geiernase noch ein Trpfchen Vernunft zu wittern imstande wre. Solltet Ihr mich verstehen, sprach er endlich mit seiner leisen, salbungsvollen Stimme, dann rate ich Euch, Herr Hauptmann, versprecht morgen den Hansischen und denen vom preuischen Orden und namentlich den mitrauischen Stdtern, was unter dem Himmel Raum hat. Wir Dnen schicken Schiffe, da man die See nicht mehr wahrnimmt, und Wppner, soviel als Sterne um den Mond wandern. Greift tief in den Beutel unserer guten Absichten und seid nicht sparsam. Der auf dem Strohstuhl hielt sich die Hand hinter das Ohr, damit er kein Wort verliere, und der runde glnzende Schdel begann lebhaft zu nicken. Die Aussicht auf die nahe Beute vertrieb dem Habschtigen sogar den Weindmmer ein wenig. Recht, recht, stimmte er gierig zu. Wir tonnen die Schuimer. Ihr wit, meine Erfindung. Wir stecken sie in Fsser, den Kopf nach drauen, und lassen sie schwimmen. Gute Ware, an der sich redlich verdienen lt. Da zog Herr Henning von Putbus die Nachtmtze vllig herab und kehrte sich der Wand zu. Ich sehe, Ihr versteht mich nicht, meinte er gelassen. Lscht das Licht und schlaft Euch aus. Und noch eins, Liebwerter, habt die Gewogenheit und wollet nicht schnarchen. Morgen mehr. Der Hauptmann aber zerrte seine niedrigen Lederstiefel ab und knallte sie bse gegen die Wand. * * * * * Mitten in der Nacht erlosch die feurige Lache auf dem Meere. Pltzlich und unvorhergesehen, als htte ein Riesenfu den Brand zertreten. In dem Boot aber, das dicht umwlkt an den Strand glitt, da flsterte eine feine Wisperstimme: La uns den Zufall anbeten, schner Knabe. Frwahr, eine mchtige Gottheit. Sollte auf dieser lieblichen Insel oder in dem Palaste deiner Vter mein Glck eine erfreuliche Wendung nehmen, dann gelobe ich den wechselnden Horen hundert Ochsen. Du staunst, schner Fischer? Warum? Weil du mich in Lumpen erblickst. La dir bedeuten, die Kinder des Zufalls spielen heute mit Bettlerpfennigen und morgen mit Szeptern und Kronen. Pah, ich schlief schon in den Betten eines Knigs. Wer bist du? atmete Claus fast unhrbar. Angeschmiedet hing er an seinen Rudern und wagte kaum durch eine Bewegung die Rede seines Gastes zu unterbrechen. Und als es von neuem fein und wisperstimmig aus dem milchigen Schwaden heraustnte, da mute sich der Bursche besinnen, ob jetzt ein Mann oder ein Weib sprche. Wer ich bin? lachte es zierlich, und eine zarte weie Hand glitt fr einen Augenblick aus dem Nebel. Wenn du _Magister probandus_ des Kollegiums zu Paris wrest, du Holder, du httest keine schwierigere Aufgabe ersinnen knnen. Doch immerhin, la uns untersuchen. Laut _Testimonium logicum_ ist das 'ich' von dem 'bin' abhngig. Prfen wir hingegen die Frage nach _jure praesente_, dann, mein schner Telemach, dann wre ich Strandgut, von dir gefunden und nach Gutdnken zu verwenden. Darum gestatte mir, das Examen mit der Gegenfrage zu schlieen: Was gedenkst du mit mir Hungrigem zu beginnen? Claus Beckera rhrte sich nicht. Sprachlos, kaum einen erstickten Laut in der Kehle, starrte er zu der feingliedrigen Gestalt hinber, und nur wenn sich die Wolle des Nebels ein wenig zerfaserte, dann wagte sein scheuer Blick ber das zerrissene braune Schifferwams des Fremden zu streifen, der so unverstndliche Dinge vorbrachte. Glhende Neugier peinigte ihn, ob jene beschmutzten Lumpen wirklich einen Mann verbargen. Wei Gott, das war zweifelhaft. Gar zu weich und zrtlich zeichneten sich mdchenhafte Glieder unter den Fetzen ab, und man brauchte nur die an einigen Stellen der Ble hervorglnzende weie Haut zu betrachten oder die langen gelben Haare, die ein schmales bartloses Antlitz einschlossen, um von neuem der Unsicherheit zu verfallen. Und dann noch eins. Wie kam der Landstreicher zu der dicken goldenen Kette um seinen entblten Hals? Wie zu dem kstlichen Schlangenreif um die rechte Handfessel? Nein, nein, Claus regte sich nicht, denn die Unsicherheit betubte ihn. Hatte er womglich ein Weib in der Hhle zwischen den Kreidefelsen gefunden? Mit einem vieldeutigen Lcheln nahm der Fremde diese heimliche Untersuchung auf, dann aber schien ihn Ungeduld anzuwandeln, und pltzlich, als ob ihm daran lge, sich ein fr allemal zu offenbaren, ri er sich hastig die enganschlieende lederne Kappe vom Haupt. Zu gleicher Zeit jedoch sprang er zur Hhe und raffte einen langen, verkorbten Hieber an sich, wie er wohl nur in Welschland gebraucht wurde. Was war das? Der Fischerjunge fiel beinahe rcklings in den Stern seines Bootes. Diese ungestme, krftige Bewegung, die das Fahrzeug, obschon es bereits zwischen den Steinen eingeklemmt lag, zum Zittern brachte -- und dann vor allen Dingen die breite blutige Narbe auf der Stirn des Fremden, sie warfen alle Vermutungen des Unerfahrenen ber den Haufen. Gott bewahre, nun stand es fest -- vor ihm, auf den Hieber gesttzt, wiegte sich trotz allem ein Mann und offenbar kein ungefhrlicher, denn unter den sanften Brauen des Fremden begann ein mitrauisches, unstetes Flackern aufzuleben. Und jetzt, jetzt bemerkte Claus erst, sein Gast besa doppelfarbige Augen, ein blaues und ein schwarzes, wodurch eine unheimliche Zwiespltigkeit hervorgerufen wurde. Denn whrend der blaue Stern unverndert lachte, schien aus dem dunklen eine drohend ernste Frage auf den Sitzenden herniederzublitzen. Hre, mein Tubchen, sprach der Fremde nachdrcklich, und auch das feine Wispern war aus seiner Stimme verschwunden, ich habe dir die _opinio vulgi_, die Treuherzigkeit des gemeinen Haufens, geglaubt, als ich aus meiner Zurckgezogenheit in deinen Kahn sprang. Ich habe nicht angenommen, da du ein Fuchs bist, der einem hinten herum in die Beine fhrt. Solltest du aber trotzdem einen derartigen Scherz planen, dann, mein Prinz, wrde ich sehr gegen meinen Willen die Leitung dieses Kahnes bernehmen mssen, denn ich verstehe mich, wie ich dir schon andeutete, gar nicht bel auf das Rudern, und wir wrden auffallend rasch in den acherontischen Gewssern anlangen. Begreifst du mich? Schlank, mdchenhaft hing die biegsame Figur, die fast um einen Kopf geringer war als die von Claus Beckera, an ihrer auslndischen Waffe, aber ber das blasse, bartlose Antlitz lief zugleich ein so verbissener, warnender Zug, die gepflegte Rechte zuckte so bedeutsam an der dicken goldenen Kette, da Claus, er wute selbst nicht warum, von dem Gedanken gestochen wurde, man knnte dies Zierstck wohl auch dazu verwenden, jemandem den Hals abzuschnren. Allein der Junge frchtete sich nicht, keck flog er empor, und als er sich jetzt, um ein Haupt berragend, neben dem Fremden aufreckte, da leuchtete ihm von der Stirn stolz und rein der Helferwille der Jugend. Betroffen mute der Landstreicher die unwillkrlich edle Art seines Fhrmanns anerkennen, und whrend er seine zwiespltigen Augen eindringlich auf dem anderen ruhen lie, drehte er nachdenklich und prfend an seinen gelben Haaren. Er schien kein geringer Menschenkenner zu sein. Du kommst nur zu gemeinen Leuten, sprach Nikolaus mit Aufgebot seiner hellen Vernunft, damit das Abenteuer nicht vollkommen Herr ber ihn wrde, und deine schnen Worte gefallen mir wohl, obwohl ich sie nicht verstehe, denn mein Verstand ist ungelehrt. Hier schwankte seine Stimme zwar ein wenig und seine Fuste wollten sich ballen, doch sofort gewann sein frisches Wesen wieder die Oberhand. Ja, er konnte seinen Gast jetzt sogar freimtig anlcheln. Wenn es aber wirklich deine Absicht ist, bei uns eine Weile als Fischerknecht zu bleiben, weil du dich, wie du sagst, vor den Nachstellungen der Reichen und Mchtigen verkriechen mut -- wenn das alles wahr ist, dann will ich meinen Vater wohl dahin bringen. Denn, kuck, Fremder, du gefllst mir, und da wir selbst bedrckte und gepeinigte Leute sind, so kennen wir Hunger und Peitsche zu gut, als da wir Verfolgten und Bettlern nicht gern weiterhelfen sollten. Nur eines -- und er wandte sich mit der ganzen Offenheit eines um Freundschaft Werbenden an den kleinen strohblonden Mann und streckte ihm die Hand entgegen, sage mir, du meinst es doch redlich? ber den Nebeln war rot und blendend ein schmaler Abschnitt der Frhsonne in die Hhe gebrochen. Davon rnderten sich die schwarzen Wolken, und ein sengender Strahl spielte in das Boot hinein. Doch den Strohblonden schien die unerwartete Helligkeit zu stren, ungewi scheuerte er sich hin und her, und whrend er sich ungemtlich in seine Lumpen hllte, da warf er erst noch einen sphenden Blick auf die menschenleere Kste, bevor er endlich mit raschem Griff die dargebotene Rechte des Knaben an sich ri. Aber die zarten Finger preten, da Claus htte schreien mgen. Komm Kleiner, sprach es wieder mit einer kosenden Mdchenstimme, du verstehst dein Handwerk, bist ein Menschenfischer, wie ihn der Gtze von Rom nicht besser brauchen knnte. Und willst du ein Zeichen dafr, wie sehr du meine arme Seele geangelt hast -- hier -- hier-- Ohne Besinnen sprengte er die goldene Kette vom Halse und drckte sie gemeinsam mit dem Hieber seinem Fhrer in den Arm. Gib mir ein Stck Brot dafr, ser Telemach. Aber schnell, schnell, denn mich lstet nach einer Streu im Winkel des Stalles. Wohlwollend, fast zrtlich streichelte er dem verdutzten Jungen die Wange, dann duckte sich der Kleine und fuhr wie ein Wind an den Strand der Sassen. IV. Es war eine lange Beratung erforderlich, bevor die Beckeras den Fremden zu dauerndem Dienst in ihrer Behausung duldeten. Zu verschiedenen Malen zogen sie, laut streitend, vor den Ziegenstall, wo der Ankmmling sich wie ein Igel in einer Ecke zusammengerollt hatte. Denn ein Landstreicher, der goldene Ketten verschenken konnte, erregte der Hausmutter unstillbaren Argwohn. Und dennoch schwieg sie und blickte mit mtterlicher Teilnahme auf die zierliche Puppe hinab, die, das Haupt mit den wirren blonden Haaren auf den Arm gebettet, einem arglosen Schlummer verfallen war. Zwar ihren Haupteinwand lie sich die Kluge nicht rauben. Das Schmuckstck, das der Kleine sicherlich nicht auf ehrliche Weise erworben, das stopfte sie ihm gleich bei ihrem ersten gemeinschaftlichen Besuch hastig und abgeneigt unter das Heulager, und ihre Zge verfinsterten sich, als sie dabei bemerken mute, wie sehnschtig ihr Sohn das Verschwinden der Schnur verfolgte. Teufelsgold, sagte sie hart. Fngt Seelen. Ich kenn' das. Krftig sttzte sie sich auf die offene Stalltr, und ihr Argwohn flog zu ihrem Eheherrn hinber, ob der wohl das rasche Wort verstanden haben knnte. Allein der kranke Riese hatte sich lngst entwhnt, seinem Weibe nachzusphen. Auch beschftigten ihn seine eigenen Vermutungen viel zu grndlich, woher sich der Fremde wohl die blutige Narbe ber der Stirn geholt haben knnte. Zu jener Zeit redeten solche Schrammen mit der Stimme unserer Zeitungen, anregend, jede ungebte Vorstellung beflgelnd, und so kam es, da auch dem groen, schlank gewachsenen Jungen die heimliche Parteinahme fr den Fremdling beide Wangen frbte. Das Herumtasten, das Rtseln an einem bereits beneideten Leben, das trieb seine Einbildungskraft ber Stock und Stein, durch Heldentum und undeutliches Verbrechen. Es war eine Stunde des Erwachens. Tief seufzte er auf, als seine dunklen Augen sich, durch ein Wort seiner Mutter aufgescheucht, von dem Hingestreckten trennen muten. Mann, forderte Hilda von ihrem Eheherrn, was denkst du? Da besah sich der alte Claus Beckera nochmals eingehend den Hieber, den er frsorglich an sich genommen, wog das feine, biegsame Eisen und darber den merkwrdig verstelten Korb am Griff -- ein Stck, wie es im Norden, allwo breite gerade Schwerter geschmiedet wurden, nirgends im Gebrauch war, und dann schttelte der Kranke von neuem nachdenklich das Haupt. Mutting, flsterte er mit offenem Munde, da sich seinem dumpfen Verstande die Herkunft und das Wesen des winzigen Kerlchens immer dunkler verschleierte, Mutting, meinte er und hob unsicher die Waffe, er mu wohl von weit herkommen. Und da ihn der Junge in der Spalte zwischen den Felsen gefunden -- meiner Treu, ich wut' gar nicht, da sich dahinter solch eine weite Hhle auftut -- ja, da mcht man wohl denken, da der Mensch Grund hat, sich zu verstecken. Schnurrig -- ist noch so jung, setzte er wrmer hinzu. Nicht lter als ich, fiel hier der Sohn lebhaft ein, der schon dafr zu kmpfen bereit war, an dem Schlfer einen Genossen gefunden zu haben. Doch das Weib bog sich weit ber die Stalltr, um dem Umstrittenen noch einmal grndlich das schmale Antlitz zu durchmustern. Dabei fielen der Kundigen die vielen scharfen Fltchen um den Mund des Fremden auf, und daneben entdeckte sie, wie genuschtig und verchtlich sich sogar im Schlummer die Lippen und Nstern dieses angeblichen Knbchens wlbten. Nein, die Hausfrau richtete sich auf und entschied bestimmt, der hat schon viel durchgemacht. Mag sich in Kot und auf Seide gewlzt haben. Und zhlt wohl so beilufig gegen dreiunddreiig Jahr. Das wre, murmelte der alte Claus verdutzt und glttete sich verlegen den Bart. Aber gleich darauf sammelte er seinen Glauben zu der Meinung, die schon lange in dem Stillen nistete: Kuck, Hilda, es sind wilde Zeiten, die werfen den Menschen hin und her. Ich merk's an mir, es ist eine Unruhe ber die Armen gekommen, so da keiner mehr wei, wo er seinen Platz hat. Deshalb, Mutting, mein' ich, wer ein Haus hat und Weib und Kind, der soll solch Friedlosen nicht wegjagen, sondern festhalten, so er anwachsen will. Denn der Wind treibt uns alle. Heute mich, morgen dich. Wer kann wissen, wann wir selbst ausgerissen werden? Da schwiegen die Streitenden und sphten ngstlich ber sich in den hellen Tag. * * * * * Als aber gegen Mittag das zierliche Knbchen fein und sittsam am Tische der Sassen in der Htte sa, als es die wohlgeformten Beine hbsch rcksichtsvoll unter den Schemel zog, damit der ohnehin schmale Raum nicht unntig verengt wrde, als der blonde Gast nicht, wie die anderen, mit der Faust in die dampfende Schssel voll Brot- und Ksesuppe langte, um seinen Anteil zu erwischen, sondern aus seinen Lumpen ein zinkiges Holzstbchen hervorzog, womit er die Bissen suberlich aufspiete, und wie der Fremdling vor allen Dingen mit seiner wohllautenden kosenden Stimme bescheidentlich und hchst verstndlich -- ja ganz in der Sprache des buerlichen Mannes -- die alten Beckeras ber Herkunft, Stand und fernere Absichten belehrte, da zerstreuten sich allmhlich die Bedenken der mitrauischen Husler, und ihr harmloser Sinn merkte gar nicht, auf welch feine und schmeichelnde Art ihr Widerstreben in seidene Fden eingesponnen wurde. Wie wute das kleine Kerlchen aber auch zu erzhlen, wie rollten unter seinen Worten dichte Wolkenschleier in die Hhe, hinter denen die Ksten ferner Lnder auftauchten, und Schlsser und Stdte und Hndel und Getriebe der Welt. Wo hatte er sich berall umgetan, in welch verschiedene Geschfte und Gewerbe seine sanften Kinderhnde gesteckt; und hauptschlich, wie lebendig er Geschehenes und Gesehenes zu formen wute, um es gegenwrtig auf die Diele der Sassenkammer hinzuzaubern, bald durch eine Bewegung, bald durch nachahmendes Spiel, das zog ihm seine Zuhrer willfhrig entgegen. Und mit einem kaum sichtbaren Lcheln trieb er die gewonnenen Seelen vor sich her. Nur der junge Claus Beckera, der mit verkrampften Hnden und keuchender Brust lauschend neben dem Stuhl des Fremden hing, als ob ihm der geistige Lauf noch immer nicht schnell genug ginge, ihm zitterten mitten durch seine leidenschaftliche Bewunderung hie und da die Einwrfe einer khlen Vernunft hindurch, und dann kam ihm zwischen all dem bunten Maskenspiel der Einwand, warum wohl der Ankmmling zwei voneinander so grndlich verschiedene Sprachen redete. Denn das merkte der achtsame Scharfsinn des Jungen sofort, die Weise des Zierlichen klang anders, seitdem er sich an die Alten wendete. Einfach, schlicht, bauernmig, all der vornehme und unverstndliche Putz fehlte, durch den er vorhin seinen Fhrmann im Kahn so sehr gefesselt und geblendet hatte. Und der junge Claus erriet mit Widerstreben, da der Angesplte offenbar einen gewichtigen Teil seines Wesens zu verdunkeln strebte, als ob gerade dasjenige Gefahr brchte, was dem nach Wissen gequlten Buben so kstlich und erstrebenswert erschien. Deshalb prete der Junge auch widerwillig den Mund zusammen, und die Angaben des Fremden, die er jetzt auf Forderung der Alten ber sein bisheriges Treiben machte, sie glitten belanglos und unwahrscheinlich an dem Aufgestrten vorber. Nein, nein, schon jetzt beschlo er, er wollte binnen kurzem eine vertraute Stunde wahrnehmen, um den gewandten Taschenspieler hrter zu prfen. So wappnete sich Claus denn mit einer knstlichen Gleichgltigkeit, und doch, kaum hatte der strohblonde Mensch in seiner mitreienden Lebhaftigkeit die Geschichte seiner Fahrten begonnen, da summte es dem jngsten der Zuhrer auch schon vor den Ohren, und siehe da, ganz gegen seinen Willen schleppte ihn der starke, fremde Strom von dannen. Und es handelte sich doch nur um eine Begebenheit, absichtlich einfach und alltglich ersonnen. Nichts fr ungut, hrte der Sohn den alten Beckera tasten, denn der Riese schmte sich, seine Wohltat an Bedingungen zu knpfen. Wie magst du dich heien, Mann? Der Kleine zupfte an seinen gelben Haaren und lchelte unschuldig. Eine Erinnerung an seine Kindheit schien ihn zu haschen. Heino Wichmann, erwiderte er, sich leichthin verbeugend, was er jedoch mitten in der Bewegung unterdrckte. Meine Wiege hing in Hamburg zwischen zwei Lederriemen. Da streichelte der junge Claus unwillkrlich ber den Schemel seines Gastes. Er wute selbst nicht warum, aber aus dem Namen des Kleinen musizierte es auf, wie von Fltenspiel auf einer Kirme. Heino, flsterte er fast zrtlich. Die Mutter jedoch schlug abwehrend mit der flachen Hand ber den Tisch. Und dein Vater? fragte sie lauernd. Heino Wichmann schlo das schwarze Auge. Er glich gnzlich einem guten sanften Kinde, als er nun ehrfrchtig vorbrachte: Ich brauche euch nichts zu verbergen. Mein Vater war ein znftiger Sattler, und ich selbst hatte schon in seiner Werkstatt auf dem Mnkedamm mein Gesellenstck gefertigt, einen Kutschbock fr den Herrn Alderman Tschokke, als mich der Rat mit anderer Jungmannschaft aushob, damit wir als hansische Besatzung drben nach dem dnischen Schonen in das feste Schlo Helsingborg gelegt wrden. Dnemark, atmete der alte Claus still vor sich hin und hob witternd die Nase gegen die Fensterluke, hinter der sich der blaue Strich des Meeres hob und senkte. Fr ihn lag das Nachbargestade unmebar fern hinter den schaukelnden Glashgeln. Schonen? Helsingborg, so weit? dachte er kopfschttelnd. Sein Sohn aber fhlte sich vom Erdboden aufgehoben. Waren doch an ihm erst gestern die Sendlinge einer bunten, kaum begreifbaren Gemeinschaft vorbergezogen, die seidenen Fahnen ihrer Gewandung hatten ihn gestreift, halb verstandene aufregende Andeutungen sein grendes Hirn getroffen, jetzt drngte es den auf dem Gewoge der Unwissenheit wtend Herumgeworfenen, sich irgendwo anzuklammern. Wundersam bedrngt spannte er den braunen Lockenkopf in beide Hnde, und whrend er bohrend vor sich hinstarrte, lste es sich wie die Hlle eines inneren Traumes von ihm ab: Dort herrscht ein Weib. Wie war's doch? -- Margareta. Der Ausruf klang wie das Sehnen eines Eingekerkerten, wie der Hilfeschrei eines Unfreien, der in einer Grube hockt und den Himmel um Licht anfleht, und sofort richteten sich auch die Hupter der Seinen unheimlich berhrt und abmahnend gegen den in inneres Schauen Verlorenen. Was sollte das? Woher kam dem Ungelehrten diese Kunde? Und konnte dem Sassensohne der Drang nach so gewaltigen Dingen nicht Unsegen stiften? Denn darauf kam fr sie alles an. Man wollte doch ungestrt leben! Auch ber das halbgeschlossene schwarze Auge des Gastes war bei dem unerwarteten Einwurf ein kurzes Zucken gelaufen, dann jedoch bewegte er gleichgltig die schmalen Schultern, und als wre nichts besonders Aufflliges geschehen, fuhr er ruhig in seiner bescheidenen Schilderung fort. Ja, ja, Margareta, nickte er, sich schwierig besinnend. Ich meine, so heit die Wittib. Hat ein kleines zartes Bblein, fr das sie die Herrschaft in acht nimmt. Mag sie. Was schiert uns Geringe die Plackerei der Groen? Wenn wir nur unsere Lhnung pnktlich erhalten und sonst in Ruhe unser Brot essen knnen. Ja, stimmte Hilda zum erstenmal gierig zu, das ist das Rechte. Den alten Claus dagegen zog es aus dem Allgemeinen zu etwas Nherem. Nun, hstelte er gespannt, habt ihr Hansischen pnktlich eure Lhnung erhalten? Habt ihr in Ruhe euer Brot gegessen? Jetzt hob auch der junge Claus das Haupt, und aus seinen schwarzen Augen zngelten ungestme Flammen nach Abenteuer und Erlebnis. Wie war's? stammelte er. Unruhig, lrmvoll, sagte der Kleine und faltete die Hnde auf dem Tisch wie ein artiges Kind, das eine Geschichte wiedergeben soll. Ihr knnt euch denken, die Frau hat viele Widersacher innen und auen. Ist eben doch ein Spinnrocken, dem sich der Schnauzbart ungern beugt. In der Nhe streckt, wie man sagt, der drre Schwedenknig Albrecht die Finger nach dem saftigen Erbe und treibt seinen ausgehungerten Spott ber den Unterrock und die Kunkel. Da knnt ihr in jeder Schenke hren, wie er erst jngstens der 'Dirne der Pfaffen' -- also schimpft er die Regentin -- feierlich Schere und Fingerhut berreichen lie nebst einem Wetzstein, damit sie ihre Nadeln daran schrfe. Und innen da schreien die Krmer darber, weil sie uns Hansische in Helsingborg, Falsterbo und Ikanr einliegen lie, denn wir Deutschen, heulen sie, nhmen ihnen den Markt. So kommt es dann oftmals zu Auflufen, und bei einer solchen Zusammenrottung, seht ihr, da zeichnete mir ein vorlauter Schwertfeger seine Zunftmarke auf die Stirn. Hier lachte der Strohblonde wie ber einen wohlgelungenen Streich, wickelte sich die gelben Haare spielend um den Finger und lie die wohlgeformten Beine vergngt schaukeln. Und du? stotterte Nikolaus erwartungsvoll, denn seine verehrungsheie Hingabe an den Fremden verlangte dringend von Gegenwehr und scharfer Vergeltung zu hren. Was tatest du? Ich? Erst ma der Kleine die alten Beckeras, in deren stumpfen Gesichtern sich schweigend der Abscheu vor Brgerkampf und Sldnerbergriff malte, dann hob er ebenfalls abgeneigt die Achseln, um sofort in seiner leisen, unschuldigen Art zu hauchen: Mir liegt nichts an dererlei Ehrenschuld. Daran drft ihr nicht glauben. Gott bewahre, ich bin ein Brgersohn und will nur hoffen, da dem Ehrsamen der kleine Hautritz gut bekommen sei. Und damit er nicht tiefer in diesen Punkt verstrickt wrde, begann er emsig auf der rohen Tischplatte hin und her zu zeichnen, als ob er das folgende schriftlich niederzulegen htte. Wie es aber so geht, ihr guten Leute, es erhob sich trotzdem ein wildes Geschrei bei den Dnischen, und schlielich waren unsere Hauptleute um des lieben Friedens willen gezwungen, etliche ihrer Leute von sich zu tun. Darunter wunderbarerweise auch mich, Heino Wichmann. Heino, wiederholte hier der junge Claus abermals von Liebe getroffen und legte seinem Gaste zrtlich die Rechte auf die Schulter. Gepackt wandte jetzt auch der Kleine dem glhenden Jungen sein schmales Antlitz zu, seine beiden Augen ffneten sich weit und zogen frmlich die flatternde Seele des Unbehteten an sich. Das geschah aufblitzend, schnell, wie ein einfallender Lichtstrahl. Die alten Beckeras merkten nichts von dem geschlossenen Bund, weil sich ihren Werktagsblicken nur enthllte, wie das Kerlchen emsig auf den Tisch hmmerte, gleich jemandem, der das Wichtigste rasch vorzubringen wnscht. Es lag gerade eine Freibeuter-Kogge unterhalb Helsingborg, bemhte er sich, unauffllig vorberzugleiten, und man konnte meinen, jemand, der eine dnne Eisdecke unter sich brechen sprt, wage hastig prfende Sprnge dem Lande zu. Ein mchtiges Schiff, wollte er fortfahren, das dort Handel trieb. Dorthin brachte man uns. Allein mitten in den flchtenden Stzen fand er sich festgehalten, gepackt von sechs ngstlich zitternden Augen, die sich wie eine Kette ber seinen Weg spannten. Zugleich flsterten und schrien heisere Stimmen, in Beklemmung und Schrecken, durcheinander. Wohin brachte man dich, Unglcklicher? -- Wohin? Gott, auf ein Fahrzeug der Schuimer, der Schwarzflaggen, oder wie man sie sonst nennt, huschte der Kleine mit dem Ton der Gleichgltigkeit weiter, obwohl seine Finger ihr Spiel auf der Tischplatte viel unruhiger fortsetzten. Sie werden ja berall gern geduldet, die Freunde des armen Mannes, weil sie fr jedermann eine Zuflucht in der Not sind, und hauptschlich, da sie fr billiges Geld sonst unerschwingliche Dinge ins Land bringen. Gewrz und Tuche, Bier und Rauchwerk. Nicht wahr, so meint man doch? Zudem, meine Freunde, wurde der Seeadler von einem Gewaltigen der Schuimer kommandiert, der groes Ansehen weit umher geno. Kurz, dieser Kapitn sollte uns Verwundete um Schiffsdienst und ohne Fhrgeld heimfhren. So hatte es Frau Margareta verabredet, denn sie tut ihren Beutel fr abgediente Leute nicht eben weit auf. Aber seht, ihr Lieben, auf der Heimreise unter den schnen roten Segeln, bei dem leichten Verdienst und mitten zwischen den freien Menschen, denen alles gehrt und die berall ihre Heimat haben, da fing sich der Hauptmann ohne groe Mhe meine Genossen ein, einen nach dem anderen, da wurden sie 'Gottes Freund und aller Welt Feind,' wie ihr gotteslsterlicher Eid lautet, und nur ich ---- Und nur du? lallte der junge Claus aus seinem wachen, dsterlodernden Traum heraus und packte den Erzhler ungestm an der Brust, als ob er ihn hindern wollte, von dem gespenstisch mitten durch die Stube rauschenden Schiffe zu entwischen. Der andere schttelte ihn berraschend krftig ab. La mich, wehrte er sich. Mein Leben riecht nach Leder und Pfriem. Mich zieht es nach einem warmen Ofen und friedfertigen Tagen. Wo ich die finde, da wohnt mein Heiland. Deshalb, mein Bblein, siehst du, sprang ich eines Nachts, gerade als die Schuimer hier dicht vor der Kste unter Wind lagen, denn sie lauerten auf das Schiff der dnischen Gesandten -- aus diesem Grund sprang ich in Gottes und aller Heiligen Namen ber Bord, bekam den Fels zu packen, kletterte in die Hhle, und von dort hast du mich hervorgezogen. Dank sei dir und allen ehrlichen Menschen. Und jetzt -- geschmeidig glitt er von dem viel zu hohen Stuhl herunter, und aus den wiegenden Schritten, mit denen er sich aalglatt durch den engen Raum wand, wurde allmhlich ein munterer Tanz. Es zuckte und sprang in allen Sehnen des Kleinen, die langen gelben Haare flatterten ihm wirr um die Schlfen, und den verstndnislos hinschauenden Huslern kam es vor, als ob auch die ungleichen Augensterne des Fremden in dem blassen Angesicht mithpften. Jetzt, schmeichelte er und streckte die Arme, so da sich ganz unerwartet ein paar derbe, harte Muskeln unter seinen Lumpen zeigten, jetzt will ich euch weisen, wie man als Ruderknecht das Meer schlgt. Seht so -- so, mit solch langen Strichen, wie man eine schne Wange streichelt. Und dann die Fische. Ich kenne den Pfiff eines Bacchanten. Auf das Liedlein strecken sie halb toll die grnen Schnauzen aus dem Wasser. Oh, lat mich nur machen. Pltzlich hielt Heino Wichmann auf seinem Weg inne, als besnne er sich, da er vor den armen Sassen vielleicht allzu wunderliche Dinge geuert. Doch die Beckeras blieben angeschmiedet an ihren Pltzen, in wesenlosem Hinbrten darber, wie solch grelle, blitzende Heiterkeit sich in ihrer dunklen Bohlenkammer entladen knnte. Und nur die Seele des alten Claus ri und zerrte an dem Widerhaken, an dem sie sich in dumpfer Gefgigkeit wand, denn von all den schmackhaften Kdern war ihm eine Lockspeise zwischen den Zhnen aufgequollen, bis er sie nicht mehr herunterwrgen konnte. Halb murmelnd, in unbestimmter, ferner Ahnung stieg es aus seiner trockenen Kehle, dazu hielt er die Beine weit von sich gestreckt, gleichsam zum Schutz gegen die erwartete Antwort. Nichts fr ungut, Wichmann, wie sagst du doch -- ich meine blo -- wie hie der Kapitn, der dich brachte? Kaum war das gleichgltige Wort verklungen, da war es mit dem Hpfen und Springen des Kleinen vorbei. Eingefangen wurzelte er in einer Sonnenlache auf dem Fuboden fest, die unruhigen Augen begannen wieder von einem zum anderen zu huschen, und die Stimme verfiel von neuem in das harmlose Kinderwispern, als er nach einigem Zgern erwiderte: Ich sagte schon, es war ein Ansehnlicher unter den Freibeutern. Gdeke Michael. Gdeke? -- Gdeke-Michael? wiederholten die drei, langsam in die nchtige Kluft ihres Gedchtnisses hinabsteigend. Eine Weile herrschte Stille, jeder horchte in den dunklen Schacht hinunter, gespannt, angestrengt, ob nicht dem Laut ein Echo heraufschalle, bis endlich vor dem kranken Fischer etwas Gestaltloses, mit Schrecken Bekleidetes emportappte. La mich -- la mich -- hab' doch schon mal gehrt -- Singsang -- wie war's noch? Noch gelber stach das Antlitz des Leidenden unter dem wirren Bart hervor, da er mit Mhe die einzelnen Fetzen zusammensuchte. Scheu, verstohlen summte er vor sich hin: Der Gdeke, Gdeke Michael. Der fhrt auf dem Schwarzschiff allein den Befehl. Da strzte es aus dem Kleinen wie gezogen hervor, unbekmmert darum, was weiter daraus entstehen knnte: Seine Brust ist wohl eine Elle breit, Den Bedrftigen schenkt er Speise und Kleid -- Mutter und Sohn aber steckten die Kpfe zusammen, sie schrnkten ihre Hnde fest ineinander, und der Atem hrte ihnen auf zu wehen, als die anderen nun lauter anstimmten: Und tragt ihr Armen am Leben schwer -- Das Recht und die Freiheit wohnt auf dem Meer. Dort richtet die Reichen an Leib und Seel' Der Gdeke -- Gdeke Michael. * * * Viele Tage strahlten aus dem Meer und sanken erloschen wieder dahin zurck. Die Jahreszeiten stiegen auf Schneeschauern und Sonnenwolken an die Kste, gleich fremden Eroberern, die sich dann tief im Lande verlieren, und aus Heino Wichmann, dem mdchenhaften Knblein, dem blondhaarumflatterten Geheimnis, war etwas Alltgliches geworden. Ein Ruderknecht, der seinen Seedienst willig verrichtete und von den Katenleuten nicht geschont wurde. Selbst dem Vogt, der sich bald nach der Ankunft des Fremdlings hartnckig nach dem Woher und Wohin erkundigt hatte, leuchtete es ein, da dieses zierliche Geschpf fr die Ruderbank geboren sein msse, und er lobte heimlich die geschmeidige Gewandtheit, die der Kleine in der Fhrung eines Bootes an den Tag legte. Ja, sogar der auffallende Drang des Fremden, immer wieder zur Tag- und Nachtzeit in die Wogen hinauszuschneiden, er wurde schlielich von seinen neuen Genossen als der selbstverstndliche Trieb eines dem Handwerk mit ganzer Seele Hingegebenen erachtet. Worber man sich jedoch stets von neuem wunderte, das war die unermdliche Zhigkeit, jene aus allen Gliedern des Kleinen rastlos quellende Frische, die an keinem Ding vorbeiglitt, die von jedem etwas wute und sich berall zu bettigen strebte. Heino Wichmann vermochte der Hausfrau hchst merkwrdige Aufschlsse ber Kochkunst und schmackhafte Gerichte zu erteilen, von denen die unverbildete Seele Hildas nicht nur bisher kein Sterbenswort geahnt hatte, sondern die ihre harmlose Rauheit zuerst auch als etwas beinahe Schdliches einschtzte. Aber mit der Zeit wurden auf dem Herde unter dem Rauchfang doch allerlei Versuche unternommen, und whrend der kleine Strohblonde mit verschmitztem Lcheln die verschiedenartigsten Kruter und Wurzeln in den groen Kessel schleuderte, da zog von fern der se Duft einer etwas milderen Lebensfhrung unter das Strohdach. Man schleckerte und schmatzte und erfuhr zu nicht geringem Befremden, wie kstliche Erfindungen zu Padua, in Wien oder gar zu Paris die Kche groer Herren aus Pilzen, aus Schaltieren und gedrrtem Fischfleisch ersonnen htten. Wunderlich! Heino Wichmann war weit herum gewesen. Seine doppelfarbigen Augen hatten selbst auf das Geringste Obacht gegeben. Hilda begann, ihm abzulernen. Nur zum Spiel, allmhlich aber wurde eine Sucht daraus. Auch mit dem alten Claus Beckera ging eine Vernderung vor, seit der wirblige Gesell in seiner Nhe weilte. Bisher war der Riese verfallen, still, selbstverstndlich und unablssig, wie der Wartturm einer zerstrten Feste, aus dessen Gemuer Tag fr Tag gewichtige Feldsteine herabbrckeln. Was ntzte es, laute Klage ber die erbrmliche Schwche zu fhren? Viel besser war es, die Fuste zu ballen, die Zhne zusammenzubeien und selbst dem Bruder Franziskus, der ab und zu den schmerzenden Rcken des Kranken mit dem weien Saft des Bilsenkrautes einzureiben suchte, eine tuschende Behaglichkeit vorzuspiegeln. Der Mrtel aber sprang weiter auseinander, und der Turm neigte sich tiefer zum Fall. Nun aber wurde es anders. Gott mochte wissen, wieso Heino Wichmann einen Blick in die Heilkunde seiner Zeit geworfen hatte. Fragte man ihn danach, so schlenkerte er mit den feinen Hnden und murmelte etwas von den Meistern der Physika und der Erztney, was niemand um ihn herum begriff. Was man jedoch nicht leugnen konnte, das war die Wirksamkeit jener Mittel, die er mit seiner sprunghaft lachenden berredung bei dem Kranken anwandte. Sprachlos standen die Husler hinter dem ewig Zappligen, sobald er den berwundenen Riesen halb entkleidet in den sonnenwiderstrahlenden Dnensand bettete, wo er den mchtigen Krper dann mit seinen zarten Kinderhnden kreiselnd und wrmend bestrich. Und siehe da, auf ein paar Stunden wichen die schweren Erstickungsanflle von dem Alten, und der Leidende vermochte sich aufzurichten, um gierig die khle Seeluft einzusaugen. Als aber der Herbst seine dunklen Hagelschwrme gegen die Htte warf und der Hustenkrampf die Lungen des Riesen zu zerpressen anfing, da versuchte der Strohblonde sein Meisterstck. Eines Mittags brachte er nmlich aus dem Wald zwei schwarze, schneckengleiche Wrmer mit. Die hielt er zwischen zusammengeballten Fusten und sie muten so dem sich krftig strubenden Hausherrn ihre Saugrssel auf die nackte Brust setzen. Langsam fllten sich die schreckhaften Leiber mit dem fieberheien Blut, und vor den Augen der erstaunten Angehrigen dehnten sich die verkrampften Glieder des Vaters, und ein befreiter Seufzer der Entspannung tnte durch die Htte. Fast eine Woche lang war der gefrchtete Anfall beschworen. So wechselten Wei und Grn unter den Rndern des hohen Kstenwaldes, die Tage strichen dahin gleich einer Rebhhnerhusche, einer hinter dem anderen, und Heino Wichmann fing sich jeden einzelnen ein, um ihm vor den Augen der Husler sein besonderes Kennzeichen aufzudrcken. Immer geschah etwas. Die Zeit bildete fr die einsamen Strandsassen keine gestaltlose Masse mehr, sondern die Unruhe des neuen Ruderknechtes trennte sogar die einzelnen Stunden scharf voneinander ab. In jenen Monaten war es, da in den jungen Nikolaus ein unbegreifliches Wachstum geriet. Der schlanke Leib des Burschen scho sprunghaft in die Hhe, bald berragte sein braunes Lockenhaupt um eine Spanne das sich duckende des Vaters, seine Haltung erhielt etwas Gestrafftes, ja Knigliches, sein Gang etwas Anmutiges und zugleich Herausforderndes, und seine Augen konnten pltzlich neben dem wilden Umherflackern einen schwrmerischen Glanz bergen, der ber die Dinge dieser Welt hinauszuschweifen schien und etwas von dem unbewegten Flug eines trumenden Adlers an sich hatte. Und der arme, von unruhigen Geistern geplagte Sassensohn badete sich wirklich in den Breiten eines neuen Lichtes. Heino Wichmann! Heino Wichmann war fr den wilden durstigen Jungen ein Zauberer, der die schmale Kinderhand nur emporzuwerfen brauchte, damit Sterne und Mond stillstanden und auf den Winden von allen Weltteilen her das Wissen Salomos herbeigeflogen kam. Wenn sich die beiden Unzertrennlichen in dem plumpen Kahn unter dem roten Segel wiegten oder wenn sie im Abendrot hoch oben auf den Hngen der Dnen lagen, dann schwand wie von selbst die lcherliche Maskierung des angeblichen Ruderknechtes, die buerliche Sprache tauchte unter, und aus dem braunen Lumpen trat ein anderer hervor. Derselbe, der einst die goldene Kette und den welschen Hieber getragen, derselbe, der mit seiner hauchenden Mdchenstimme spttische Gelehrsamkeit von sich schleuderte und fr den es weder Unergrndetes noch scheue Ehrfurcht vor etwas Geschaffenem gab. In solchen Stunden der Mitteilung konnte man deutlich merken, wie auch fr das kleine Kerlchen jenes unbndige Ausgeschpftwerden ein nicht zu entbehrendes Lebensbedrfnis bildete, ja, da er sich trotz seines wegwerfenden Lchelns voll Eitelkeit und Stolz in sich selber spiegelte, sobald sein Zgling sich ber ihn beugte gleich ber einen tiefen Brunnen, in den man ungestm Eimer auf Eimer herablt. Da kam dann quellend und perlend Trank um Trank hervor, klar und schlammig, unverdaulich und heilsam, als ob in diesen Brunnen alle Quellen der Erde mndeten. Von dem nchsten fing es an. Claus erfuhr, in welchem Volk er lebte, wie sich die Stnde und mter teilten, wo Unrecht und Bedrckung anhob und worin sich sein Stamm von den anderen groen Menschengemeinschaften unterschied. Von da gelangten sie ganz von selbst auf Ausdruck und Redeweise der Lnder, die Musik der welschen Sprachen, die Heino Wichmann vollkommen beherrschte, klang vor dem entzckten Knaben auf und er lernte auch _latina lingua_ verehren, die Urmutter dieser Laute, und in verhaltener Begeisterung schaute er in das Sein und Treiben jener untergegangenen Geschlechter hinab, die mit diesen Lauten der alten Welt ihre Gesetze vorgeschrieben. Helden und Weise zogen vorber, Religionsstifter und Abtrnnige, und ohne da der Wissensdurstige es ahnte, wurden von dem tzend scharfen Erzhler Menschen und Dinge alle zu dem einen Ziele gelenkt, wie sie nmlich der Befreiung und Entbrdung der nach Licht und Brot ringenden Armen und Elenden gedient htten. Denn dieses kleine strohblonde Zwerglein sah, ohne jemals erregt zu werden, und obwohl es selbst sich keinen erlangbaren Genu entgehen lie, berall seufzende Scharen der Sklaverei um sich her, viele Millionen gefesselter und gestriemter Unfreier, von denen er verkndete, da sie nie sterben wrden. Und wahrhaft schneidend und frchterlich klang sein feines Gelchter, so oft er im Gegensatz zu allem Herkommen die gepriesenen Bringer des Heils und der Ordnung, den Kaiser, der doch den Landfrieden befohlen, den Papst, der doch den Verngstigten die Vergebung der Snden reichte, ja, sogar den Heiland, der die lichte Halle des Himmels geffnet, fr die schlimmsten Vergewaltiger und Bedrcker der in Dummheit blkenden Erde erklrte. Entrckt, von aller Gegenwart fortgeschwungen, krallte sich dann Claus in den mtterlichen Sandboden, sein Atem scho, als ob er Mauern niederbrechen mte, in seinen starren Augen zngelte der niedergehaltene Glast von Blut, Einscherung und Gewalttat, und doch bebten alle seine Glieder im Frost der Angst, und das kalte Fieber des Zweifels und der Unentschlossenheit stie den Unreifen doch immer zurck in die Schranken des Brauches und des Herkommens. In solchen Augenblicken der Qual und des glhenden Wunsches packte er seinen Verfhrer oft an der Brust und schttelte den Kleinen, als ob er ihm das Herz aus dem Leibe schleudern wollte, dazu schreiend: Was bleibt uns? Heino, um aller Heiligen willen, sag an, was mu uns allen werden? Was? Denn der suchende Verstand des Jungen wollte einen Weg finden zwischen Gestern und Morgen, eine Brcke, die ber das Gewitter fortleitete. Heino Wichmann aber lie sich, unberhrt von diesem Ausbruch, in das weiche Dnenlager zurckgleiten, lchelte mit seinen bartlosen Lippen gegen das in den Himmel flchtende Abendrot und lispelte kaltbltig und grausam: Wer kennt die Medizin fr alle? Aber fr mich und dich, Bblein, ist am besten ein seidener Pfhl, eine glatte Dirne darauf, und saufen und prassen bis in den achten Tag. Da heftete Nikolaus einen verlschenden Blick auf den sich genieerisch dehnenden Kleinen, warf das Haupt gegen die dunkle See und saugte in Verzweiflung an den ewig trnkenden Strmen. Ekel, unerkanntes Mitleid mit einer zu erlsenden Welt, und das rasende Verlangen, sich zu verschwenden, stritten in der sich weitenden Seele. * * * * * Es kam eine Stunde, da der Hochmut des Knaben es nicht mehr lnger duldete, von dem Genossen noch fernerhin in Unkenntnis und Tuschung gehalten zu werden. Ganz frh an einem tauperlenden Herbstmorgen war es. Die Sonne rollte eben aus ihren verhngten Schleiern durch das dunkelblaue zackige Gewlbe. Weit ber dem Schlaf der See bten die schwarzen Streifen der Stare schon fr den kommenden Abzug. Und hoch oben an dem hallenden Rand des Kstenwaldes klang die Axt. Dort hieb der junge Claus ein paar schlanke Eichenstmme nieder, denn sie sollten ihm zu neuen Ruderstangen dienen. Aber mitten in der Arbeit schleuderte Claus die Axt auf den Waldboden, schnellte empor, und whrend er sich die Fuste in die Weichen setzte, forderte er drhnend, ohne bergang noch Einleitung: Genug Verstellung. Du bist kein Ruderknecht, Heino. Du bist keiner. Woher kme dir sonst all die Gelahrtheit? Nun schnell und ohne Windbeutelei, wie steht's um dich? Leicht htte ein anderer ob des ungewohnten Tons auer Fassung geraten knnen. Der kleine Strohblonde jedoch, der gerade faulenzend vor einer gewaltigen Buche stand, um dort voll Spannung der Zimmerarbeit eines Spechtes zu folgen, er hpfte selbst wie ein wippender Fink herum, tnzelte ohne jede Verlegenheit auf seinen Zgling zu, um ihm dort von unten herauf einen leisen Backenstreich zu versetzen. Kluges Nschen, wisperte er voller Befriedigung, gut, gut, Bblein, ist auch Zeit, da du endlich aus den Eierschalen schlpfst. Aber nun zieh die Kappe, mein Freund, denn du stehst vor etwas Frtrefflichem. Weit du, was ein Bacchant ist? Vor dem Glanz jenes Titels wich der Fischerjunge zurck, und doch fiel ihm ein, wie oft jene Lehrbuben und Handlanger der Wissenschaft hungernd und bettelnd durch die Drfer und kleinen Stdte der Insel strichen, ja, da sie um Geld und Brot vor den Tren der Unfreien sangen. Das Wissen war damals noch dem Elend verschwistert, und mancher Knecht tauschte nicht mit dem drren Gerippe, das auf einer Lehrkanzel stand. Dennoch sagte er voll Ehrfurcht: Bist du solch einer? Noch mehr, Liebster, noch viel mehr. Ich wollte erst die Raupe an dir vorberkriechen lassen, damit dich der Sonnenflug des Schmetterlings nicht blende. Aber jetzt entzcke dich, mein Freund, ziehe deine Schuhe aus, wenn du es hrst, denn ich ward als etwas zugleich Kostbares und daneben Zerbrechliches in den Schrein der Menschheit gestellt. Fasse dich, Holder, und gerate nicht auer dir, denn sieh, ich bin Magister, der Magister Heino Wichmann, versehen von den drei Universitten Padua, Wien und Paris mit einem versiegelten Lehrbrief, und hosianna, ich verkaufe ihn dir fr ein Paar wollene Strmpfe, denn durch die meinen lugen klglich die Zehen. Da ri Claus entgeistert die Kappe herunter und verneigte sich so tief vor dem Mnnlein in Lumpen, wie er es bis jetzt nur vor dem Abt des Klosters ber sich gewonnen. Wirre Vorstellungen und ein tanzender Himmel waren ber ihm. Ein Gelahrter, ein Hochgelahrter hauste unter dem Stroh und den Schindeln der Sassen. Alle Barmherzigkeit, er fhrte das Ruder und fing Fische und lie sich von den unwissenden Alten ausschimpfen. Und dabei war das kleine strohblonde Kerlchen einer von den Auserwhlten, die zwar hungerten und froren und von Handwerkern und Btteln herumgestoen werden durften, die aber doch in die sieben Tagewerke so tief hineingeguckt hatten, da ihr belebendes Wort ferne Grber ffnete und nahe Kaiser erblassen lie. Betubt, hingerissen vor Dankbarkeit und Ehrfurcht wollte der Junge auf das winzige Menschenkind zustrzen, aber wie nun sein schlanker Leib den anderen so gewaltig berragte, da meldete sich pltzlich etwas von der berlegenheit des krperlich Strkeren, und statt der glhenden Zrtlichkeit, die er noch eben auszuteilen gedachte, fing Claus vielmehr mitrauisch an, nach den Lebensumstnden des Kleinen zu forschen. Warum ein Magister keinen Sitz unter seinen Genossen habe, was ihn fortgetrieben und aus welchem Grund er sich nun schon so lange bei armen einsamen Leuten verdingt? Das mute er ergrnden, daran klammerte er sich fest. Beineschlenkernd hockte Heino Wichmann zusammengekrmmt auf dem gefllten Eichenstamm, grinste seinem aufgeregten Zgling spttisch und erkennend ins Gesicht und wickelte sich gelassen die gelben Haare um den Finger. Endlich hauchte er gefllig und doch kalt, wie immer: Streng dich nicht an, Bblein. Der Mensch ist ein Trank, von dem man hchstens fnf bis sechs Tropfen genieen soll. Mehr ist schdlich. Aber weil du mir die Narbe ber meiner Stirn so aufmerksam belauerst, so magst du erfahren, wo mir diese rote Fahne zuerst aufgezogen wurde. Er rckte zur Seite. Komm, setze dich neben mich und dann lerne an mir das Exempel, da es weichlich und dumm ist, wenn der Mensch nach etwas Sehnsucht zeigt, was der Fresser Chronos lngst verschluckt hat. Durch einen festen Griff fhlte sich Claus herabgezerrt, dann schlang er die Arme strmisch um den lchelnden Kleinen und horchte, als ob es um sein Leben ginge. Wo er sich berall herumgetrieben, das entdeckte der Erzhler nicht, warum er die gelehrten Schulen verlassen, darber glitt er hinweg. Nur bei einem Punkt blieb er ausmalend stehen. Mitten aus einem tollen, klirrenden Taumel mute ihn pltzlich eine Begier, ein Heimweh, ein Unbegreifliches, nach den Bcherhockern ergriffen haben, nach rauchenden llmpchen, die in kalten Kammern ber alten Schreibheften dmmerten, nach den raufenden, zechenden und lernenden Bacchanten, nach dem Disput streitender Dozenten und nach den dunklen Bogenhallen, wo aus lchrigen und verschlissenen Professorenpelzen die Weisheit fr hungrige Hrer flo. Eine fferei, urteilte Heino Wichmann grimmig. Aus seinen vorsichtigen Andeutungen ging auerdem hervor, da der ehemalige Magister sich erst einem widerstrebenden und hohnlachenden Kreise heimlich entziehen mute, bevor er seinen drngenden Plan zur Tat reifen lassen konnte. Aus welcher Stadt er entwichen, aus wie gearteten Verhltnissen, das warf der Strohblonde mit einer abweisenden Handbewegung beiseite. Genug, eines Tages tauchte er unvermutet in Stralsund auf. Und dort? drngte Claus, immer enger an den Freund sich schlieend. Dort war eine Schule von Bacchantenschtzen versammelt. In einer Bodenkammer ber einer Sattlerei hockten sie beieinander, und um den Preis eines geordneten Vortrages stahlen und bettelten die Buben fr ihren Magister zusammen, was sie unbemerkt die krummen Treppen hinaufschleppen konnten. So ging es eine Weile auch ohne den Verkauf der goldenen Kette, die der Kleine aus nicht nher zu errternden Grnden dem Tageslicht keineswegs aussetzen mochte. Und schon fate der Haufe den Entschlu, sich gemeinsam nach Halle durchzuschlagen, wo der berhmte Doktor Pelicanus die Grammatik lesen sollte, als ---- Ja, Bbchen, lchelte Heino Wichmann gnnerhaft, wobei er die gespreizten Finger in das nicht mehr wrmende Sonnenlicht hielt, aber dann, liebe Unschuld, dann kam der Winter. Hast du schon einmal gefroren, Cluslein? Ich denke wohl, versetzte der Knabe mit weit aufgerissenen, verstndnislosen Augen. Der Kleine nickte wegwerfend. Ja, meinte er geringschtzig, wie der Nordwind so einem von deiner Art ein wenig die spitzen Ngel ber den Leib ritzt. Aber was es heit, wenn die Zunge hinter den Zhnen vereist, oder sobald man halbtot in seinem Bodenwinkel kauert, wo das Denken allmhlich in dem klappernden Gebein erstarrt, davon ward deiner Mutter Sohn nichts kund. Nicht wahr? Ich sage dir, da fhrt man allerlei verrckte Tnze auf, ja, man vergit sich sogar so weit, zu beten, zu wimmern um einen einzigen Holzspan fr den leeren Ofen. Kuck, so ging es mir. Mein Verschlag lag der roten Marienkirche gerade gegenber, und durch die Lappen meines Fensters konnte ich den heiligen Johannes auf seinem Postament stehen sehen. Der fror weder in seinem weien und blauen berwurf, noch brauchte er von einem Fu auf den anderen zu hpfen. Da schrie ich ihn an, er solle ein Wunder tun; aber als er vornehm gegen mich Lumpen blieb und sich nicht rhrte, sieh, da packte mich die Wut, denn ich schmte mich fr den herzlosen Holzheiligen und ich beschlo, den Apostel zu seiner Pflicht zu zwingen. In einer Nacht, wo es weie Strmpfe durch die Straen schneite, schlich ich hinber -- und dann eine Stunde spter, oh, da hatte sich Sankt Johann schon meines Ofens erbarmt, und himmlische Glut umfing meine Glieder. Kstlich -- kstlich, der Heilige hatte ein warmes Herz fr mich Bresthaften. Du -- du hast mit ihm eingeheizt? stotterte Claus. Ein Schaudern wollte ihn berrieseln, und in verschmter Bewegung bekreuzigte er sich die Stirn. Und dabei packte den Mitgerissenen doch eine uneingestandene Lust an dem Niederbrechen alles Herkmmlichen, und jener heimliche Aufruhr, der stets von dem Strohblonden ausging, er zwang ihn immer widerstandsloser in die Gefolgschaft dieses aufreizenden Lehrers. Darum rechtete er auch nicht lnger mit dem Wicht, sondern zeigte nur stumm und hartnckig gegen die Narbe des anderen. Ach so, erinnerte sich Heino Wichmann bereitwillig, du hast recht. Dies da oben zog den Schlustrich unter meinen Rckfall in die Gelahrtheit. -- Mein Hauswirt, der Sattler, roch den Brand, er war nicht einverstanden mit Sankt Johannis Einkehr bei mir, und so rckten nicht allein seine Gesellen und Nachbarn mit Kntteln und Hellebarden gegen mich aus, sondern auch die Stadtwache glaubte, einen seltenen Vogel an mir erwischt zu haben. Oh Zeus -- der Kleine wiegte auf seinem Eichenstamm trumerisch das feine Haupt -- es wurde ein wundervoller Handel zwischen den Sankt Johannis-Rittern und meinen Buben. Allein, was ntzte uns die schnste lateinische Strategie? Pfui Teufel, zuletzt mute ich zum Fenster hinausspringen, ekelhaft, zum Hinterfenster hinaus, in einen Kehrichthaufen. Behngt mit meiner gldenen Kette und bewehrt mit dem schlanken Ravenneser Hieber stak ich stundenlang im Unrat. Lerne daraus, wie aller Glanz und jede Wrde der Erde in der Stunde der Not gern zu Gestank und Kot hinabsteigt. Wobei nicht jedem ein reinigend Bad darauf wird wie mir, der ich zu Nacht auf einem Balken rittlings den schmalen Sund durchschwamm. Was dann weiter geschah -- wollte der Kleine gleichmtig schlieen und strich sich prfend ber seine durchlcherten Schuhe, aber pltzlich bettete er in heftiger Spannung die Hand ber die Augen, weil tief unter ihnen, am nahen Strand, etwas Weies, Glitzerndes, Lebensvolles gegen Sonne und Meer aufleuchtete. -- Was weiter geschah, fuhr der Kleine hastig und bebend fort, das weit du, und sieh, zum Dank zeige ich dir jetzt die einzig vernnftige Gabe deines Gottes, die edelste und doch nie sttigende Speise, die nicht lediglich fr den Gaumen der Reichen ausgespart blieb -- kurz, ich zeige deinen blden Augen die schumige, die hftenprangende Aphrodite. Er warf die zitternde Hand weit vor, und um seinen glatten Mund spielte der unbeherrschteste Zug von Wollust und schonungsloser Sinnengier. Katzenhaft, leise kichernd, glitt er bis an den freien Rand des Hanges. Allein ein rascher Griff des Knaben warf ihn unsanft zurck. Totenbla, taumelnd, im Innersten seiner bereits zerrtteten Seele aufgewhlt, schwankte der groe Bursche vor dem Erstaunten auf und ab. Was er von sich abwehren wollte, das wute der Halberwachsene nicht, aber seine schon von Strmen bedrngte Scham tobte noch einmal in Wut und Grauen gegen das Geheimnis, zu dessen Entschleierung ihm bisher der Mut gemangelt. Du sollst nicht, zeterte er besessen und grub seine Blicke angestrengt in das Laub des Waldbodens, das ist Anna Knuth, die ---- Narr, versetzte Heino Wichmann scharf und schttelte die Faust ab. Der Name fllt mit dem Gewand. Geh zum Spinnrocken deiner Mutter! Da verga Claus, da er hier trotz allem mit dem Wohltter rang, der ihn aus Nacht in den Tag gefhrt, besinnungslos, Funken vor den Blicken, hob er die Faust, um dann -- wie eine Bildsule der Ratlosigkeit zu erstarren. Ein freches, hhnisches, gewaltttiges Lachen schmetterte ihm entgegen, lhmte ihm den Arm und grub ihn wie einen Pfahl in den Boden ein. Schon jetzt erkannte der Gebndigte, welche schreckhaften, unheimlich aufspringenden Krfte in dem Leib dieses bartlosen Kindes verborgen fluteten. Sthnend, von einem haltlosen Schluchzen geschttelt, wodurch das Vergngen des Kleinen aber nur noch gesteigert wurde, und dabei selbst unter den Peitschenhieben eines unsichtbaren Peinigers, so mute der Fischersohn mit ansehen, wie der Strohblonde, auf dem Bauche liegend, alle Wonnen des Lichtes in sich einschlrfte, und Abscheu und tiefer Schmerz um die entschwirrende Reinheit entluden sich bei Claus in einem wilden Trnensturz. Unbewut weinte er um die in Snden lachende Menschheit. Frommes Schflein, spottete Heino Wichmann ber die Schulter zurck. Wir wollen dir ein Glckchen um den Hals hngen. V. Kalte, winddurchsauste Nacht senkte sich ber den Landflecken Bergen. In dem elenden Orte, der zwei bis drei Wegstunden von dem Sassensitze entfernt auf der hchsten Erhebung der Insel kauerte, war Kirmes abgehalten worden. Zudem hatten sich Gaukler gezeigt, die vom Hofe des Wolgaster Herzogs zurck wanderten, hinten auf dem Ringelplatz hatten Rotuscher die Gelegenheit bentzt, ihr Vieh zum Verkauf anzubinden, und die herbeigeeilten Fischer und Bauern versumten nicht die seltene Gelegenheit zu Spiel und Feier. Noch jetzt, nach Einbruch der Dunkelheit trieben grlende und trunkene Haufen ihre grobe Kurzweil, ja, durch das Heulen des Sturmes schrillten lauter und ohrenbetubender als vorher die Posaunen, Flten und Trommeln der Wandermusikanten und Gaukler, denn diese leichten Vgel marschierten tanzend und springend an der Spitze einer Rotte, die sich eben begeistert und freudentoll zum Hhepunkt allen Vergngens anschickte -- zum Rauchspiel. Man hatte gottlob einen verwachsenen, halbnackten Bettler dabei erwischt, wie er ein Huhn unter seinen Lumpen verschwinden lassen wollte, und jetzt jagte man den Armseligen, der nur mhsam an seiner Krcke sowie auf einem Holzbein daherhumpelte, mit Ruten- und Stockhieben nach dem Schtting. Als man in dieser ehemaligen Rucherkammer angelangt war, entzndeten junge Burschen, denen das Amt als Auszeichnung berwiesen sein mochte, das auf den Fliesen der Htte aufgeschichtete Laubwerk; der Hhnerdieb wurde an einem Querbalken bis unter das Dach des Raumes emporgezogen, und nun knisterten die brennenden Zweige, dicker Qualm wlzte sich an den Wnden hinauf, und es war spahaft zu beobachten, wie das Opfer nieste und hustete und durch allerlei Verrenkungen gegen das Ersticken ankmpfte. Kuck, Fiek, meinte ein junger Bauer zu seiner andchtig emporstarrenden Braut, das Luder hat ein Loch im Strumpf. Ich will ihn ein wenig an den Zehen kitzeln. Dsterrot, in langen blutigen Streifen fiel der Widerschein des Feuers durch die Ritzen der Htte auf die Strae. An der fensterlosen Kalkwand des benachbarten Huschens lehnten zwei Gestalten in unbeteiligter Ruhe. Ihre braune Fischertracht und die derben Tuchkappen unterschieden sie keineswegs von dem sich drngenden Menschenknuel. Nur wer sie genauer musterte, konnte trotz der Dunkelheit in ihren blassen Gesichtern lesen, wie wenig sie von der allgemeinen Lustbarkeit angesteckt waren. Spttisch grinste der Kleinere auf das rohe Getmmel, und wenn die Schreie des Gerucherten lauter herausdrangen, dann zuckte sein schlanker Gefhrte vor Unmut oder Mitleid zusammen und konnte nur durch den festen Griff des anderen davon abgehalten werden, ber den abstrzenden Weg in der Nacht zu verschwinden. Um sie herum war Streit, Gelchter und Aufregung. Der Gott der ehrbaren deutschen Lust gnnte seinen Glubigen neue Freude. Unter der Linde, die vor dem Rauchhaus ihre nackten ste im Winde knarren und sthnen lie, zeterte der Bader des Ortes wtend auf einen Tabulettkrmer ein, weil ihn der Hausierer angeblich mit einem stumpfen Schermesser betrogen. Jauchzend stie der breite Haufe die beiden Widersacher gegeneinander, reizte sie zu immer heftigeren Ttlichkeiten und fiel schlielich ber den ortsfremden Krmer her, um ihn zur Shnung seines Vergehens zu dem beliebten 'Rasieren' zu zwingen. Auf einem Fuknorren der Linde hockend und von zahllosen Fusten festgehalten, mute es sich der Gerichtete gefallen lassen, bei Fackelschein von dem gereizten Bartkratzer nach strengen Regeln der Zunft eingeseift zu werden. Aber statt Schaum ward ihm Unflat ins Gesicht geschmiert, und als Messer diente eine schartige Sichel, die ihr Werk mit Kratzen und Gerusch verrichtete. Tosender Beifall bertnte das chzen des Geschundenen, und die Nacht verschlang den tanzenden Wirbel, der um die Linde herum tollte. Komm, frstelte Claus, indem er sich gewaltsam losri, wir wollen heim. Schrzenband, spottete der andere und lehnte ruhig weiter an der kahlen Wand, behagt es dir nicht bei den Deinen? Der Junge verzog die Stirn, wie immer, sobald seinem Willen ein anderer entgegengesetzt wurde, dann jedoch kratzte er aufbrausend gegen die Mauer. Warum qulen sie sich? warf er verstrt hin. Weshalb halten sie nicht Eintracht untereinander, da sie doch alle arme Schcher sind? Warum? Ein bissiges Kichern antwortete auf diesen Notruf eines grbelnden Gewissens, und whrend der Kleine pfeifend die Hnde in seinen Ledergrtel schob, schien er sich innerlich ber die Bedrngnis seines Schlers zu ergtzen. Bist zu viel zu den Pfaffen gelaufen, gnnte er ihm endlich. Weit du nicht, da Priester und Herren nur so lange auf dem Buckel des Haufens da zu reiten vermgen, als er roh und unbelehrt bleibt? Wenn der abgetriebene Gaul schreiben und lesen knnte wie du, dann wrde er leicht um sich schlagen und frchterlich werden. Was wrde er dann tun, Heino? flsterte der junge Mensch unruhig. Es feuerte vor ihm aus der Erde. Nebelhafte Gebilde stiegen pltzlich aus dem kotigen Boden der Landstrae vor dem Erschauernden auf. Das Heil und der Segen, die dieser fiebernde Knabe nicht fr sich, sondern fr kommende Geschlechter traumhaft in sich trug, sie zogen in wirren Gestalten, preisend und betend ber eine grne Flur an ihm vorber. Weihrauchfsser schaute er, Baldachine, Wagen beladen mit Brot, Korn und Wein. Aber an der Spitze des Zuges erblickte er einen Hochgewachsenen, geschmckt mit allen Zeichen des Glcks, frstlich in Gold und Purpur gekleidet -- das war er selbst. Nahe unter der Linde tobten die dunklen Schatten immer zgelloser, aus dem Schtting trug man den halbohnmchtigen Bettler gerade zur Erholung ins Freie, doch Claus Beckera durchstie mit seinen Blicken jene taumelnde Menge und schritt geisterhaft durch sie hindurch ins Weite. Was wrde der befreite Haufe tun? murmelte er von neuem. Mit einbohrendem Verstndnis und doch beinahe belustigt hatte Heino Wichmann das Versinken seines Schutzbefohlenen beobachtet, jetzt rttelte er ihn derb an der Schulter, denn der genieerische Sinn des Kleinen verachtete nichts so sehr als das Vergessen von Zeit und Gegenwart. Was wei ich? stie er spitz zwischen den Zhnen hervor. Vielleicht wrden deine wackeren Landsleute, wenn man sie aufweckte, auf den Einfall geraten, anstatt Schweine und Khe einmal das sanfte Fell von Grfinnen und Herzoginnen zu streicheln. Oder sie knnten darauf bestehen, das herrschaftliche Land nach einer neuen Ordnung zu vermessen; am Ende aber begngen sie sich auch damit, den roten Hahn fliegen zu lassen. Was willst du? Das ist ein schnelles und munteres Tier. Halt ein -- so nicht -- so nicht, stammelte Claus aus seinen hohen Himmeln herabgeschleudert und warf entsetzt beide Hnde vor. Ohne bergang entdeckte der Fischersohn pltzlich wieder die betrunkenen Bauern um sich her, und eine unnennbare Sehnsucht befiel ihn nach der Einsamkeit des Meeres, nach Vater und Mutter und nach seinen schnen, schimmernden Gedanken. Komm, rief er inbrnstig, la uns gehen. Allein den Magister verdro das vornehme Absondern seines Zglings. Mchtig stachelte es seine Eigenliebe, weil die Unverdorbenheit des Jngeren sich noch standhaft weigerte, jenes leichtsinnige Lotterdasein anzubeten, wie es der Kleine ohne Scham noch Reue fr den einzigen Trost, fr die allein lindernde Salbe einer sinnlos in die Welt geschleuderten und sich nun in Knechtschaft und Zwang verzehrenden Menschheit erkannt hatte. Wie kam der Bursche dazu, etwas Besseres erstreben zu wollen als Buhlschaft, Prasserei und Rausch? Soviel Anmaung eines Unmndigen durfte nicht geduldet werden. Mit beiden Hnden umklammerte der Strohblonde daher den Arm des Unschlssigen und ri ihn mit sich. Wohin gehst du, Heino? Ins Himmelreich, Bbchen. Heino, ich traue dir nicht. Er wollte sich loszerren. Doch den Kleinen berwltigte die Wut, heftig krallte er sich in den anderen ein und schrie mit einer Stimme, die nichts mehr von Mdchenhaftigkeit an sich hatte: Pfui Teufel, zieh dir ein Jungfernhemd an. Wer wird dir frder noch die Beinlinge glauben? Schmach und Schande! Meinst du, die Welt brauche Mnner, die aus einem Rosentopf wachsen? Da hatte er den Leichtbeleidigten, Ehrschtigen soweit, wie er beabsichtigte. Als ob ihm ein Peitschenhieb rund um den Rcken geknallt wre, so bumte sich Claus auf. Nichts mehr von Besinnung war in ihm. In diesem Augenblick wre er ber die Leichen von Vater und Mutter fortgesprungen, nur um den brennenden Schimpf zu widerlegen. Aber noch mehr geielten den Atemlosen die Furcht und das Grauen vor dem Verlust von etwas Kostbaren. Was kann das sein? durchstrmte es ihn noch, als ihn Heino Wichmann hinter sich her um die Ecke der kahlen Mauer herumzog. Er wute es ganz gut und wehrte sich doch voller Schrecken gegen seine eigene Erkenntnis. Heulend warf sich den beiden Vorwrtstappenden der Wind entgegen, aus ihrer nahen Htte klfften zwei bsartige Hunde, und ein langer gelber Lichtstreifen zeigte den spten Gsten eine erleuchtete Kammer an. Hier lt sich's wohl sein, bestimmte Heino beinahe herrisch. Dann schlug er ein paarmal gewaltsam gegen die Bohlen der Holztr. Macht auf, Menscher! Es gibt frnehme Leute. * * * * * Eia, rief eine helle Stimme, als die beiden Ankmmlinge eintraten. Eine blaue Wolke von Kiendampf wlzte sich ihnen entgegen. Hinten aus dem umnebelten Ziegelherd tanzten fr die Nacht bereits unruhige Flammen, und in ihrem springenden Flackerlicht richtete sich mitten von dem Estrich, wo sie bisher gelegen, eine junge Dirne bis zur Brusthhe empor, sttzte sich auf die Ellbogen und lie ihre neugierigen grnblauen Augen musternd auf den beiden Mnnern ruhen. Allein bald mute sie einzig von der unberhrten Schnheit des groen schlanken Burschen gefesselt werden, von seiner deutlich bemerkbaren Scheu und Unruhe, denn sie lie eine gelbe Katze, mit der sie bis dahin offenbar zur Ergtzung der Gste eine kosende Neckerei getrieben, von ihrem Scho herabspringen, setzte sich auf der Diele zurecht und wiederholte mit allen Zeichen der Befriedigung noch einmal: Eia. Becke, ermahnte eine rauhe Weibsstimme, deren riesenhafte starkknochige Besitzerin neben dem Herd hockte, wo sie unausgesetzt eine Holzkelle in dem Kupferkessel herumwandern lie, wie oft mu ich dir sagen, du sollst nicht herumliegen und faulenzen, wenn gute Herren kommen? Bei Gott, ich dresche dir noch den Buckel voll. Haltet Euer Maul, widersprach das Mdchen vllig ungerhrt und streckte der Wirtin sogar die Zunge entgegen. Hat Euch der Stadtschreiber nicht erst neulich bedeutet, da der Rat mich nicht missen will? Wer seid Ihr ohne mich, Ihr garstige Hexe? Nun, mein Pppchen, schluckte das Weib am Herd und schlug sich mit der Linken auf die gewaltige Brust, als ob sie dort ihren ssauren Grimm einmauern mte, zumal ihre brigen Gste, die unter einer tiefen Wandeinbuchtung saen, bereits aufmerksam zu werden begannen. Es freut mich weidlich, weil dir der Rat so wohlgewogen ist. Mut aber auch hbsch auf dich aufpassen, damit es lange dauert. Und nun, mein Engel, steh auf und erkundige dich, was den Herren willkommen sei? Ein Krug Met? Oder Mostwein? Oder ein heies Sppchen? Oder gar etwas anderes? Wir werden es an nichts fehlen lassen. Damit zwinkerte Frau Sibba, die Wirtin, mit ihren blau unterlaufenen Augen, die gerade noch hinter dem schmutzigen Kopftuch hervorglotzten, nach einer kleinen Nebenkammer, in der Claus nichts als ein zerwhltes Strohsacklager wahrnahm. Von der Decke schaukelte eine trbe lleuchte in einem halbzerbrochenen Scherben herunter, und ganz im Gegensatz zu all der Drftigkeit war ber das Fuende des Bettgestells ein rotseidener Fetzen mit eingewirkten Goldfiguren geworfen. Ein sichtliches Zeichen dafr, wie dankbar irgendein unsteter Seemann von hier geschieden. Steh auf, mein Tubchen, ermunterte die Wirtin nochmals mit ihrer harten Knechtsstimme, denn die stumme Verzauberung der am Boden gefesselten, zottelhaarigen Becke dnkte ihr zu viel Ehre fr zwei armselig gekleidete Fischer. Was konnten solche Netzflicker auch anderes als ein paar erbrmliche Pfennige in ihren Ledertaschen bergen? Wie hoch stieg indessen das Befremden der Hausmutter, als der kleine strohblonde Ankmmling mit einer zwischen Frechheit und Herablassung schwankenden Gebrde, wie wenn das Haus und die Kammer, die Weiber und die Atzung sein unbestreitbares Eigentum wren, sich zu der liegenden Dirne niederwarf, um sie dort vertraulich zu umschlingen und der berraschten einen Ku auf den entblten Busen zu pressen. Wonnige, schrie Heino Wichmann schallend durch den gedrckten Raum, Wonnige. Die Gste unter dem Mauervorsprung meckerten und klopften mit den Zinnkrgen ihren Beifall auf den Tisch. Die Dirne jedoch schlug lssig nach der tastenden Hand des Frechen, obwohl die Entrcktheit von ihr so wenig gewichen war, da sie noch immer wortlos auf dem Estrich kniete. Aber whrend sie sich die Haare zurckschob, saugten sich ihre glnzenden Augen auffordernd und hungrig an dem blassen Antlitz des erstarrten Burschen fest. Gerade seine unglubigen, kindlich verstrten Zge schienen ihr Mitleid zu erregen, denn die gemalten Lippen der Becke bewegten sich, als ob sie diesem eigenartigen Besucher Trost zusprechen wollte. Fein's Bbchen, murmelte sie unhrbar. Da klammerte der Magister seinen Arm um den Hals des Mdchens, zwinkerte nur ihr verstndlich nach seinem Begleiter hinber und flsterte der jetzt zur Aufmerksamkeit Gezwungenen etwas ins Ohr. Das mute ihr glatt und lockend eingehen, lachend sprang sie empor, schob sich mit einem verstohlen wiegenden Gang bis zur Schwelle, wo sie dann pltzlich und unvermutet nach der Hand des unentschlossenen Gastes griff. Starke, pulsende Schlge hmmerten aus der weichen runden Frauenhand in die schreckgebundenen Glieder des Knaben hinber, und doch -- so unbndig wtete der letzte Kampf in dem zum Niederbruch Bestimmten, da Claus noch in diesem Augenblick jhzornig die Faust hob, schwankend, ob er nicht die wohltuende und doch so peinigende Zrtlichkeit mit einem Hieb in das rotwangige Gesicht vergelten sollte. Wirklich, schon spannte er den Arm. Die Becke aber drngte sich noch dichter an ihn heran, berstrich ihn von unten herauf mit ihren blaugrnen Augen und sprach kosend: Komm -- du Schner. Da stand er ganz still und horchte in schmerzlichem Erstaunen auf solche nie gehrten Laute. Und whrend die Becke seine Reglosigkeit benutzte, um ihm schmeichlerisch die flaumige Wange zu streicheln, bis sie es endlich sogar versuchte, ihren Arm um seinen Nacken zu schmiegen, da meinte der Verwandelte ganz deutlich einen Strom zu spren, der sein frheres Bild und seine lichte Vergangenheit mit sich forttrug. Dsteren, verzweifelten Blickes verfolgte der Fischersohn das Forttreiben seiner verlorenen Wesenheit. Ja, noch unter dem hhnischen Gekicher des am Boden hockenden Magisters htte er am liebsten vor Jammer laut aufheulen mgen. Allein der Strom lie ihn nicht mehr auftauchen. Pltzlich empfand er spitze Zhne an seinem Ohr. Auf einen ungeduldigen Wink des Strohblonden war die Dirne gewandt an dem Fischer in die Hhe gesprungen, jetzt trug er die vollen Weibsglieder rittlings auf seinen Armen, und rechts und links trafen ihn die raschen schmerzhaften Bisse. Die fraen den letzten Rest seiner Gegenwehr hinweg. Ein wilder, unnatrlicher Schrei der Entfesselung war es, der aus der Kehle des Burschen raste. Selbst Heino Wichmann horchte berrascht auf, als dieses gellend grausame Signal von etwas Neuem, bisher Unerhrtem aus der Brust seines so schwer zu brechenden Zglings herberschmetterte. Gleich darauf jedoch schttelte der Kleine leichtmtig, wie stets, den sich leise regenden Zweifel ab, und sein heller Diskant berschrillte sogar noch das wste Toben der anderen, als er jetzt vor Begeisterung mit den Fen auf dem Estrich trommelte, weil er wahrnahm, wie Claus von Glut bersiedet seine Last an den Tisch schleppte. Dort warf er das Mdchen, dessen Arme sich nicht von seinem Halse lsen wollten, mit einem Krach auf die Platte. Ringsum spritzte es aus Kannen und Bechern! Die Becke aber lehnte schnell ihre Wange an die ihres Ritters, versetzte ihm verliebt einen Nasenstber und flsterte erregt, jedoch von den anderen ungehrt: Jetzt nicht, Lieber. Aber bleib hier. Ich zeig dir was. Damit sprang sie von dem Tisch herab. Es war ein Bild, wie es spter die nordischen Maler aus dunklem Hintergrund herausleuchten lieen, sobald ihnen des Daseins derbe, berschumende Lust aus keckem Pinsel flo. Aber damals strahlte ber der Kunst ein strenger, heiliger Himmel, und auch in der Wirklichkeit versteckten sich solcherlei Begebenheiten noch verstohlen in den finsteren Ecken bel beleumundeter Schlupfwinkel. Der Magister hatte sich inzwischen in die Hhe gefunden. Jetzt ri er sich die Kappe vom Haupt, da ihm die langen gelben Haarstrhne wirr auf die Schulter fielen, und schleuderte die Kopfbedeckung in die Luft. Lat uns das hochzeitliche Paar in Wein segnen, piepste er mit seinem tollen Sperlingsgezwitscher. Ersufen wir in der Trauben Blut all die verruchte Plackerei. Riecht ihr es nicht? In Frau Sibbas edlem Haus verbirgt sich die Freiheit. Greift sie, ihr Schindluder, ihr findet sie sonst nirgends. Greift sie, schrie auch Claus Beckeras besessene Stimme. Flchtig erschrak der Bube, als er sich selbst hrte, als das Fremde wie mit einer klirrenden Schere in seinen Gedanken herumschnitt, allein gleich darauf strzte er umnebelt der entwischten Dirne nach. Die schaffte gerade am Herd, als er nach ihr tastete. Bissig schlug sie ihm auf die Rechte, funkelte ihn an, denn dies Gebaren des Gesellen war ihr nicht fremd, und herrschte hochmtig: Jetzt nicht, du unflgges Huhn. Ich hab's dir gesagt. Und abermals stand Claus behext, horchte verwundert auf und schttelte das schmale Haupt. Unwirsch hatte bis jetzt die Wirtin das Treiben der beiden Fremden gelten lassen, jetzt endlich ri ihr die Geduld. Mit einem rgerlichen Gehstel erhob sie sich von ihrem Herdsitz, und siehe da, als sie stand, streckte sie sich empor wie ein langer Pfahl, auf dessen oberer Kante schmutziger Schnee liegt. Langen Schrittes fuhr Frau Sibba sodann auf den Magister zu, wobei sie es fr angebracht hielt, dem kleinen, scheinbar so ungefhrlichen Kerlchen ohne weiteres mit der Knochenhand in den halboffenen Kragen zu greifen. Wie steht es mit der Zeche? wollte sie gerade zwischen ihren Zahnlcken liebevoll hervorpfeifen, da pluderte sich ihr Faltenrock kreisrund in die Hhe, und die von ihm bekleideten Glieder flogen, gleichsam geschleudert, auf den Holzhaufen hinter den Herd zurck. Wie es geschehen, das konnte sich keiner erklren, da alles durcheinander lrmte, aber sobald man durch den aufgestrten Kienqualm wieder hindurchschauen konnte, da tanzte der Strohblonde wie von Sinnen mitten in der Schenke herum, whrend er ein abgerissenes Glied seiner Goldkette hoch ber dem Gelbkopf schwang. Dazu fltete Heino Wichmann, sich freundlich nach allen Seiten verbeugend, mit seinen sesten Tnen, ob man ihn vielleicht auch jetzt noch daran hindern wolle, die hier versammelte Hundeheit durch Wein und Liebe von ihren Stricken abzubinden? Durch Wein und Liebe, wiederholte Claus sinnlos und versank vllig in die vor ihm geffnete Grube von Qualm und Glut. Die Becke wischte an ihm vorber und kte ihn anfeuernd auf den Nacken. Das alles verschwamm vor dem schon Nchtern-Berauschten und drehte ihn nur noch hilfloser in den kreisenden Wirbel. Was dann geschah, das tanzte vor ihm auf und ab. Bald hoch flackernd, bald zusammenstrzend wie die blauen Flammen des Herdes. Er sah sich im engen Drang auf die Bank vor den Tisch geschoben, und aus dem Zinnkrug duftete ihm grender Met entgegen. Er leerte den Becher mehrmals, und seine Sinne gaukelten fortan wie Schmetterlinge ber dem sen Trunk. Warum konnte er diesen oder jenen Gedanken nicht mehr festhalten? Aufgescheucht versuchte er es, aber es gelang ihm um keinen Preis. Statt dessen mute er den Gngen der Becke nachspren, die den Gsten immer von neuem das Trinkgeschirr auffllte, es zog ihn, in ngstlicher Neugier ihren kurzen Rock zu streifen, ja einmal brllte er drohend auf, als die Dirne sich verweilend auf die Knie eines alten, kahlkpfigen Mannes niederlie, dessen feiner blauer Brgerrock keineswegs hierher zu gehren schien. Was schiert dich, Bbchen? hrte er zwar gleich darauf die Aufwrterin lachen. Unhrbar war sie herangeschlichen, jetzt beugte sie sich ber den Vernunftberaubten und ihre Augen funkelten, als sie merkte, wie Reife und Knabenschaft in ihm Wrfel spielten. Da umklammerte er erbittert die von Met und Hitze dampfenden Weibsarme, und schwankend zwischen Wut, abgrndiger Verachtung und sthnender Besessenheit bettete er sein Haupt an ihre Brust. Dummkopf, strubte sich die Eingefangene, du reit mir ja das Hemd. Aber es klang doch keuchend, und nur schwerfllig entzog sie sich. Entzckt ber dieses schwindelhafte Werben hatte sich Heino Wichmann auf den Tisch geschwungen. Hier prete sich das berauschte Kerlchen, obwohl seine zwiefarbigen Augen noch immer so frostig wie frher blinkten, die Rechte aufs Herz und sang mit seiner bohrenden Stimme einen Kehrreim, welcher zur Zeit der fatalen Mnzverhltnisse unter dem zur Verzweiflung getriebenen Volke durch Dorf und Stadt lief: Dirn im Bett und Wenzels[*] Geld-- [*] Knig Wenzel von Bhmen. Und sofort wieherte der Chor zur Antwort: Was ist falscher auf der Welt? Ihr seid ein Spavogel, Kleiner, sagte die Becke durchaus nicht beleidigt. Der Snger aber strich ihr gnnerhaft ber die Zottelhaare. Und du, ein schner, fetter Bissen, Herzlein, entgegnete er berlegen, jedennoch, ich gnne dir alles Gute. Quirlende Pfiffe, die aus der Ecke schrillten, belohnten jenen anzglichen Witz. Und wieder tanzten vor Claus die blauen Flmmchen, und die Schmetterlinge ber dem Met taumelten schwer und flugtrunken ------ Nach einer Weile ging die Becke und schlug in der Nebenkammer, fter ber die Schulter zurcksphend, das zerwhlte Lager zurecht. Diese Pause bentzten die buerlichen Zecher zu Flchen und Verwnschungen ber die gotteszerrissene Zeit. Da war zuerst der feine blaue Ratsherrnrock. Am Tage hatte der nackenfette, ewig schmunzelnde Glatzkopf die Stadtwage, sowie Recht und Sitte wahrzunehmen. Aber da ihm zu Hause ein znkisch Weib eignete, das ihn schlug, so verargte es ihm keiner, wenn er abends Frau Sibba und die Becke besuchte. Er galt als Stammgast, und allerlei Vorrechte wurden ihm eingerumt. Deshalb war er auch der einzige, der zufrieden und stillbehaglich in seinen Krug blinzelte. Ganz anders die Bauern, deren fnf bis sechs in galgenfrhlicher Verbitterung hinter ihren Tpfen lagerten. Zwischen den haarigen Kerlen schwelte es wie die Lust zur Verschwrung. Denn der Conaer Graf hatte, da er mit der Stadt Bergen im Streit lag, einfach die umliegenden Hufen besetzt, und jetzt fhrte sein Tro Vieh und Getreide des Landmannes fort als Wehrgeld fr den Zug gegen die Freibeuter, so hie es. Es verstt gegen das gemeine Huferecht, sthnten die Gepfndeten, und drohend schrien sie den Ratsherrn an. Gibt's denn kein Recht? -- Gott verdamm mich, gibt's kein Recht? Der Dicke jedoch zuckte die Achseln und schwieg. Er wute, wie wenig gegen Spiee und Armbrste ein Pergamentfetzen etwas ausrichtete. Mit weit aufgestemmten Armen lag Claus ber die Tischplatte geworfen, sein glhend Antlitz hatte er auf beide Fuste gesttzt; und das Klagen und Jammern der Landleute flo in die Adern des Jungen hinein wie zischendes Blei. Es zerstach ihm das Hirn, es zerri ihm die Augen, so da vorbergehend sogar das Bild der ppigen Dirne aus ihnen herausstrzte; das unverstandene Drngen und Jagen des Burschen nach vom Himmel strmendem Segen, nach einem Wohlstand, der jedem gleichmig die Hand reichte, ber welche kmmerliche Scholle er auch schritt, diese gierige Sehnsucht, die sich so ungleiche Schwingen geborgt hatte, die eine von den demtigen Lehren des Pater Franziskus, die andere von den stachelnden Einflsterungen des kleinen Magisters, jetzt rissen ihn die starken Fittiche ber seine irdische Besessenheit hinaus. Drinnen in der Kammer walkte die Becke das Bett krftiger, Claus Beckera jedoch berhrte die aufreizende Hantierung, denn Zorn und Mitleid hatten ihn lngst an diese entrechteten Bauern gekettet, deren Plage ihm widersinnnig und unmenschlich erschien. Es war eine geschnrte, drohende Unruhe in seiner Stimme, als er sich jetzt flsternd erkundigte, ob sich denn keiner der Vergewaltigten gegen das schreiende Unrecht zur Wehr gesetzt? Da warfen die Landleute scheue, betretene Blicke auf den unreifen Buben, aber endlich steckten sie die Hupter zusammen und wiesen mit Fingern auf einen untersetzten Mann am Ende der Bank. Der sa in seinem braunen Bauerngewand in sich versunken da, ber den violetten Halskragen, der ihm das gefurchte Antlitz zum Teil verhllte, war noch ein unscheinbarer Tellerhut gedrckt, allein selbst durch diese Vermummung hindurch hatte Claus aufgefangen, wie der Mann, so oft er sich unbeobachtet whnte, zuweilen schwer vor sich hinseufzte. Bald griff der Einsame tastend nach dem kurzen Schwert an seiner Seite und von dort wieder unsicher nach dem Stiel einer Axt, die er zwischen seine Knie gelehnt hatte. Kaum aber bemerkte der Grbler die auf ihn gerichtete Aufmerksamkeit, als er zusammenschrak und der Wirtin heftig winkte, er wolle seine Zeche bezahlen. Tummle dich, Weib, drngte er, indem er sich mitrauisch in den Ecken umsah, bis sein unsteter Blick endlich auf einem zusammengeduckten Sprenkelbart haften blieb, auf einem schmutzigen Juden, der in seinem gelben Schandrock und der roten Zwangskappe mde auf einem Holzblock neben dem Eingang hockte, wo er von allen bersehen, gleich einem Stck Niemand, ruhig ein Npfchen Suppe schlrfte. Der Mann mit der Axt jedoch schrie hmisch auf und schlug sich, wie in nagendem Grimm, den flachen Hut tiefer ber das Haupttuch. Fr den da, fr den verfluchten Juden bezahle ich mit, rief er schneidend, whrend die tiefen Furchen in seinem braunen Sorgenantlitz zuckten. Komm, Mauschel, bist der richtige Gesell fr mich. Leck deine Schssel leer, und dann fort. Was ist mit dem Hebraicus? unterbrach Heino Wichmann von seinem Tischplatz aus sprend. Die feinen Nasenlcher des Kleinen witterten dabei wie die eines Jagdhundes, und sein ungleiches Augenpaar sprang die beiden Weggenossen so lauernd und zerfleischend an, da jeder von ihnen unwillkrlich nach seinen Habseligkeiten griff. Was soll sein? stammelte der Jude, indem er sich mhsam emporraffte. Ich wandere. Ja, und ich will dir auch sagen, warum, kreischte die Sibba und ri ihm die Schale aus der Hand. In Potthagen, wo du wohnst, da hat das groe Sterben schon wieder angehoben. Und was steckt dahinter? Ihr Krummnasen, ihr Herrgottsmrder habt die Brunnen vergiftet. Ist es etwa nicht wahr? Man sollte dich totschlagen, du garstiges Gewrm. Ein einziger, ein heulender Schrei kam von den gereizten Bauern. Geballte Fuste fuchtelten in der Luft, und ein schwerer Steinkrug flog schmetternd gegen die Brust des Verhaten. Welch eine Wollust, sein eigenes Leid abwlzen zu knnen. Sthnend sank der Jude auf seinem Platz zusammen, und erst nach einer Weile vermochte er hervorzukeuchen: Gestern ist mein eigen Weib und mein Sohn verrchelt. Glaubt ihr ----? Er murmelte etwas Unverstndliches. Doch der Abscheu der Landleute tobte weiter. Stot ihn ins Feuer, den Mauschel, soll er uns vielleicht den schwarzen Gevatter an den Hals hetzen? Polternd sprangen die Mnner hinter dem Tisch in die Hhe, ein fluchendes Getmmel umzngelte alsbald das Opfer ihrer Wut, und der Angehrige eines aus den Reihen der Menschheit verwiesenen Stammes lie seine schwarzen Augen unglubig und doch bereits auf alles gefat von einem der Bedrnger zum anderen rollen. Allein nirgends ersphte er Gnade, berall nur sinnlose Fremdheit und schumenden Ha. Da -- beinahe im letzten Augenblick -- was war das? Da setzte etwas Wirbliges, Zappelndes, Strohblondes mit einem katzenhaften Sprung von dem Tisch bis dicht vor den Angegriffenen hin, ein helles Gelchter wurde aufgeschlagen, und merkwrdig, die kleine Kinderfigur schien pltzlich biegsam, wuchtig, stahlhart, wie eine gute Klinge, die sich zum Hieb erhoben. Im gleichen Moment freilich war auch Claus Beckera in das Gewhl geschossen. Ihn leitete kein besonderes Mitgefhl fr diesen umstellten Juden, nur das strmische Weh fr alle Unterdrckten uerte sich rckhaltlos auch hier. Es war eine wundervolle Bewegung, als sich jetzt die berragende Gestalt schutzbereit vorwarf, halb geschmeidig, halb gebieterisch. Dazu flammten die schwarzen Augen in einem dunklen, bannenden Feuer, und die metallische Stimme fllte das ganze Haus mit solch fortreienden Wirbeln einer geschlagenen Trommel, da selbst die Becke, die neugierig am Pfosten der Kammer lehnte, ihren Nacken von einem eigenartigen Schauder berkruselt fhlte. Weh dem Armen, schleuderte der zum erstenmal in eine wache Geisterwelt Entrckte seinen Angreifern entgegen, weh dem Armen, der einen anderen Elenden entheiligt. Die Bauern sahen sich an, verstanden nicht und wichen vor der drohend gereckten Faust zurck. Eine Stille, ein Verstummen fiel in den Tumult, um gleich darauf durch ein quirlendes, sich berschlagendes Gelchter abgelst zu werden. Hrt -- hrt den Buprediger, schttelte sich Heino Wichmann, und sein Lachen legte sich wie ein Wall vor den Juden. Meint man nicht, das Bbchen mchte gleich Messe singen? Ja, das Pfaffendienern, das Kutten- und Pantoffellecken ist ein gut Ding. Aber nun verstattet auch mir ein Wrtlein, ihr Heufresser. Was sagt er? murmelten die Bauern, die es nicht begriffen, wie ein Zwerg es wagen knnte, sie zu beschimpfen. Ich sage, fuhr der Kleine in ungetrbter Ruhe fort, whrend er gelassen vor dem Hebrer auf und ab wanderte, da ihr ein Querholz vor der Stirn tragt und Ochsen seid. Die Bauern rhrten sich nicht und horchten. Selbst die Becke, die nur das Bild des glhenden Knaben verschlang, beugte sich vor. Ich dachte, ihr wolltet Edelwild jagen? sprach der Magister schneidend weiter, und in seinen Augen funkelte eine aufreizende Flamme von Bosheit und verfhrerischem Aufruhr. Ein Kesseltreiben gegen den zweibeinigen Schdling!? Oder meint ihr, diejenige Meute sei die beste, die sich selbst zerfleischt? Noch nie hatte Claus die aufwhlende Gewalt des Kleinen auf eine erregte Schar verzweifelter Mnner berspringen sehen, jetzt fhlte er selbst, wie die glhende Aufreizung ihm den Atem stocken lie und da er im Moment nichts anderes war als ein zitterndes Blatt an einem Strauch, den der Wind zaust. Bltter, bewutlos vom Sturm geschttelte, raunende Bltter wurden auch die brigen. Die Brste dehnten sich, die wilden Augen richteten sich starr auf den einen, von dem eine unbegreifliche Losung auszugehen schien, selbst der Jude verga die ihm nahe Gefahr, denn taumelnd richtete er sich auf und ergriff seinen Ranzen. Wohin gehst du? forschte Heino Wichmann unvermittelt wieder mit seiner weichen Mdchenstimme. Ich wandere, versetzte der Gefragte hartnckig. Ja, wir wandern, wiederholte nun auch der Mann mit der Axt, der bisher wie im Traum gelauscht hatte. Komm, Bruder. Allein ehe die beiden sich noch aus dem erstarrten Kreise lsen konnten, stand der Kleine pltzlich zwischen ihnen, und leise und doch mit unentrinnbarer Eindringlichkeit sagte er: Den einzigen, der dir die Flecken von der Axt fortwaschen kann, den findest du jetzt nicht. Der ist weit. Der Bauer wich einen Schritt zurck, stammelnd fragte er: Wer ist das? Wer? Heino streckte ihm die Rechte entgegen, in die der andere, wie gezogen, einschlug. Wer? flsterte der Kleine noch einmal. Und kaum verstndlich, hinter Schauern von Anbetung und Geheimnis verborgen, hauchte er ihm ins Ohr: Der Gdeke -- Gdeke Michael, Der fhrt auf dem Schwarzschiff allein den Befehl. Eine Woge mute in das Haus der Sibba geschlagen sein, die alles, was bis dahin aufrecht stand, unter sich begrub. Aus dem Strudel schlang es sich herauf wie die Stimmen von Ertrinkenden. Ein allgemeines brausendes Gebet, das brnstig durch das Dach gegen den Himmel stieg: Seine Brust ist wohl eine Elle breit, Den Bedrftigen schenkt er Speise und Kleid! Noch heulte der Sturm, da geschah etwas Ungeahntes. Lallend, trunken von der Gewiheit, in eine Gemeinschaft eingeschlossen zu sein, so hatte der Hebrer die Axt an sich gerissen. Jetzt taumelte er auf den Holzblock, schwang die Waffe fieberhaft ber die vielen Kpfe und besessen von einem starren, fanatischen Wahne kreischte er gellend: Und tragt ihr Armen am Leben schwer, Das Recht und die Freiheit wohnt auf dem Meer. Und wieder erscholl es ihm zur Antwort, ernsthaft, schwer, feierlich, wie das Responsorium in der Kirche: Dort richtet die Reichen an Leib und Seel, Der Gdeke -- Gdeke Michael. Aber das letzte klang schon auf der Landstrae. Der Schwarm hatte sich, einer inneren Macht folgend, ins Freie ergossen. Alles, was sich ihm widersetzte, war fortgebrochen, nur die Becke und Claus befanden sich allein unter dem niedrigen Dach; beide angewurzelt, die Trmmer eines langsam sich fortspinnenden Traumes. Komm, ermunterte endlich das Mdchen und streckte verstohlen die runde Hand nach dem Versunkenen aus. Allein schon die Berhrung machte es lechzend und unsicher. Je lnger sie mit dem schlanken, gnzlich inneren Liedern lauschenden Burschen allein blieb, desto mehr durchschlug sie das Bewutsein, dieser groe, stolze, widerwillige Junge mit den brennend schwarzen Augen, er gehrte nicht in das Geschlecht der sich am Boden wlzenden, viehischen Genlinge, die bis jetzt ihren Leib geplndert und verhhnt hatten. In diesem wohnte noch eine verzweifelte Scham, eine gierige Andacht, die zugleich beten und doch das Muttergottesbild zerschlagen wollte. Und das lockte die Dirne ber die gewohnten Grenzen hinaus, bis sie weich und nachgiebig wurde. Komm, bat sie dringend, du kannst nach deinem Willen tun. Es war eine heie, betrte Menschenstimme, von der Claus aus seinen himmlischen Grten hinweggejagt wurde. Wild, schmerzlich fuhr er auf. Was willst du? stammelte er entsetzt, angewidert, denn in den brauenden Kiennebeln sah er, wie die entfesselte Brunst sich ihm gewohnheitsmig nherte. Nein, das nicht. Alles, was von Demut gegen seine Mutter in ihm lebte, alles, was er Feindliches in seinem eigenen Geschlecht barg, es emprte sich, und mit einem wuchtigen Sto schleuderte er die Hingebungbereite vor sich nieder auf den Estrich. Ihren dumpfen Fall hrte er noch, dann befand er sich im Freien. Drauen Dunkelheit, feuchte, pfadlose Nacht. Aus den Erlen und Pappeln der Landstrae schwirrte es, feiner Sprhregen stubte den abschssigen Weg herauf, und vor den Fen des Flchtenden seufzte der aufgeweichte Lehm der Landstrae. Wohin fhrte der Pfad? Claus wute es nicht. Entschlulos blieb er stehen, bot die Fieberstirn den khlen Tropfen und lauschte. Von der Hhe zngelte ihm noch ein Feuerstreif aus den Fenstern des Huschens nach, das er eben verlassen, und ganz weit, jenseits des Absturzes, wirbelten zerstckte Fetzen des sich entfernenden Bauerngesanges. Ja, das wollte er festhalten, daran wnschte er sich zu klammern. Aber whrend der Einsame versuchte, die bekannten Strophen aus keuchender Brust aufsteigen zu lassen, da verwirrte er sich. Vergessen, vergessen waren die Worte und Bilder, die er bis jetzt aufgebaut und errichtet. Dafr -- er blickte sich wie gehetzt in der Finsternis um -- dafr leuchteten berall aus den Schatten heraus weie Arme, die ihn einfingen, und eine ppige Brust atmete, die ihn erdrckte. Er wollte sich wehren, er schrie wie ein Unsinniger, allein das weie Gewoge erstickte ihn und kehrte ihn um. Vergebens, umsonst, getragen von flatternden Fittichen scho er zurck -- sprengte die Tr und sank wortlos der jauchzenden Dirne in die Arme. ber dem Hause der Sibba erlosch das Sternbild des Jupiter. VI. Ist erst das Eis gebrochen, dann spritzt der trbe Gischt des Meeres gewaltsam hervor, und man meint, die wallende Flut schleppe berhaupt nichts anderes mehr als Unrat. Von dieser Zeit an kehrte Claus hufiger und hufiger in der Htte der Sibba ein. Mochte ihn auch am Tage, wenn die helle Sonne der Kste sein Tun bestrahlte, der Ekel und der Abscheu vor dem wilden Zwang qulen, der ihn an einem schneidenden Seil ber die Berge zog, in der Nacht schnrte ihm die schmerzhafte Umstrickung alle Glieder zusammen und ri den Unbndigen von dannen. Willig wurde er von seinem hohnlchelnden Lehrmeister mit einem Ring der goldenen Kette nach dem anderen ausgestattet, und Heino Wichmann versumte nicht whrend der Tagesarbeit seinem verbissen vor sich hinschaffenden Zgling einzuprgen, wie es im Altertum ganze Schulen der Weltweisheit gegeben, die im Genu, in Schwelgerei und besinnungslosem Auskosten die einzige Gewinnmglichkeit gegen den berall herumschnuppernden Tod gesehen. Sieh, Bbchen, pflegte dann der Kleine zu uern, whrend die beiden Genossen im Boot den brauenden Morgennebel durchschnitten, der letzte Tropfen im Weinkrug ist es, der letzte, den die lechzende Zunge auf sich herablockt, gerade ihn begren wir als den heien Boten aus einer berseligen, tanzenden Welt. Bei diesem letzten kmpft bereits die Wehmut des Abschieds mit der Hoffnung auf neue Labe. Oder meinst du, das Schwein habe einen anderen Grund, sich beim Scharren nach der letzten im Erdreich versteckten Eichel den Rssel blutig zu reien? Solchen Einflsterungen gegenber, obwohl sie ihn mit der Schrfe eines Rutenhiebes trafen, blieb der hochgewachsene Junge, dessen Wangen schmler und blasser wurden und dessen Brandaugen jetzt hufig voll selbstqulerischer Verzweiflung glimmten, stumm und taub. Und der strohblonde Magister begann zu wittern, da sein Geschpf die aufreizende Absicht unter seinen Stachelreden zu merken anfing. Dazu bumten sich der Hochmut und das herrische Wesen des Fischersohnes immer gebieterischer, und es kam jetzt oft in dem Katenhause der Beckeras zu Streit und Widerreden. Der Sohn bat nicht mehr, er forderte. Auch uerte er zuweilen bei geringen Anlssen Gedanken und Meinungen, die bewiesen, wie hoch die Grung in seiner Brust bereits gestiegen war. Eines Tages sa der Bruder Franziskus am Herde der Htte. Er kam, wie er bekundete, im Auftrage seines Klosters, um bei den Fischersleuten eine wirtschaftliche Bestellung auszurichten. Im Grunde aber war er von Mutter Hilda herbeigerufen, die die Sorge um ihren, wie sie meinte, verirrten Einzigen nicht mehr ruhen lie. Treibende Angst beschattete sie jetzt fast stndlich, in ihrem Kinde seien die bsen Lste seines eigentlichen Erzeugers aufgewacht, seine Genu- und Raubsucht, die wilde Gier nach Unterdrckung Schwcherer und das kalte Verachten von Recht und Sittsamkeit. Ihre Brust bebte, wenn sie daran dachte, da sie selbst ja nur gezwungen dieses fremde und doch geliebte Reis empfangen, und die Schrfe des Mutterauges nahm auch wahr, wie in ihrem Sohn pltzlich die Erkenntnis des werdenden Mannes aufgepeitscht war und wie sich Scham und Verachtung vor jenem Wissen in ihm stritten. Ein kalter Novemberabend frstelte ber der Htte. Am Buchenfeuer sa der Mnch, und neben ihm, in Decken eingehllt, hing der Hausherr, halb liegend in seinem Armstuhl, und rchelte unter einem pfeifenden Gerusch die warme Feuerluft ein, die seine wunde Brust doch immer wieder zu einem langen Husten reizte. In einer beschatteten Ecke, in die er absichtlich gerckt war, wetzte Claus mit einem Stein den Aalspeer, whrend Hilda vor ihrem Gaste stand, die Hnde demtig ber der Brust gekreuzt, als wre sie bereit, jedes Wort ihres geistlichen Fhrers gleich einer Predigt von der Kanzel herab auf sich wirken zu lassen. Drauen umarmte Nordsturm die Htte und keuchte begehrlich um das geschttelte Dach. Dadurch wurde es aber nur noch heimlicher in dem Raum. Und in dem Wohlgefhl ber den warmen Platz verga der Pater sogar, da weit hinter seinem Rcken der kleine strohblonde Zwerg auf einem Brett unter dem Rauchfang hockte, sichtlich bemht, in der rtlichen Schwrze der Hhlung so weit wie mglich zu verschwinden. Der Magister war auch der einzige, der mit spttischem Grinsen bemerkte, wie den jungen Claus bei seiner Arbeit mehr und mehr eine fliegende Unruhe stachelte, und er wute auch, was seinen Zgling an brennenden Seilen von hier fortzog. Darber freute er sich. Inzwischen lief das Gesprch ehrbar hin und wider. Es wickelte sich meistens so ab, da die alten Fischersleute ihrem Beichtiger diese und jene wichtige Frage des Alltags unterbreiteten, um sich dann seinen Aussprchen und Entscheidungen mit unbedingter Zustimmung zu unterwerfen. So hstelte der Kranke seinem Gast auch dasjenige vor, was in den letzten Tagen dem schon in Gleichgltigkeit sich verlierenden Geist des Leidenden jhlings ein sengendes Mal aufgedrckt hatte. Man denke nur, der Vogt hatte im Auftrage des Grafen den Wehrpfennig gegen die Freibeuter einziehen wollen, da er jedoch bei den Beckeras nicht gengend Mnzgeld gefunden, so habe er den Ziegenstall geffnet und eines der Tiere, die beste Milchgeberin, gepfndet und fortgetrieben. Als der hinfllige Riese sich an diesen Raub erinnerte, da wurde der ehemals so mchtige Krper von einer Wut geschttelt, da der Armstuhl unter ihm zitterte. Der Schwei tropfte dem Aufgeregten in den grauroten Bart, whrend er halb lallend fortfuhr: Schmach -- da lag ich -- da lag ich -- und konnt' ich mich wohl rhren? Nein, ich schrie nur immer, immer nach Gott und den Heiligen. Auch die Ziege schrie -- aber was ntzt ein Bresthafter, dem das Wasser zudem in den Knien gurgelt -- denn so hoch steht es bei mir schon -- Der Alte warf sich herum und nickte in die Ecke hinein, wo sein Sohn heftiger an seinem Spie rieb, dann keuchte er dankbar: Nachmittags aber kam Claus, der Junge kam von der See, und da wurd's anders. Der lief dem Vogt nach und brachte unsere Ziege zurck. -- Wir haben sie wieder, Geweihter, schlo er erleichtert und hauchte sich in die erstarrten Hnde. Wie geschah das? fragte der Pater nachdrcklich. Hab' sie ausgelst, erwiderte Claus leichthin. Mit wessen Gelde? Hab' es mir geliehen. Von wem? Von einem Freunde, vollendete der Bursche trotzig, konnte es aber doch nicht hindern, da sein Blick wie im Einverstndnis zu dem Strohblonden auf dem Herd hinberflog. Der rckte sich noch tiefer gegen die Wand des Rauchfangs. Der Mnch schttelte sinnend das Haupt. Dann sagte er mit seiner gtigen Stimme, die empfngliche Gemter wie dasjenige Hildas sanft stimmte, gleich einem lindernden Fiebermittel: Ihr guten Leute, hadert nicht. Es gilt allerwegen Opfer bringen, ein jeder nach seiner Kraft, wenn wir in der gttlichen Wage das Recht sinken sehen gegen das Unrecht und die Ordnung gegen die Zuchtlosigkeit. Darum steht auch geschrieben, 'Gebt dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist'. Eingehllt in den roten Feuerschein wie in den Mantel des Elia und selbst innig von seiner Lehre berzeugt, so urteilte der Mnch, und die alten Fischersleute sahen sein Wort in ihrer Htte aufwachsen wie eine Wunderblume, deren fremden Glanz sie nicht begriffen. Da -- entsetzlich -- die Husler fuhren zusammen, sie trauten ihren Ohren nicht -- da lachte etwas wider alle Ehrfurcht laut und zuchtlos mitten in die frommen Stze hinein, und in der Ecke stie der junge Nikolaus seinen Speer aufrecht in den Estrich, so da das Eisen zitterte und summte. Was gibt's? murmelte der Vater, dem vor Schreck die Sprache verging, whrend er sich mhselig aufzurichten suchte. Warum lachst du? Der Sohn schttelte krftig an dem schlanken Schaft, und durchaus nicht eingeschchtert, warf er blitzenden Auges zu dem Pater hinber: Von wem stammen die trichten Stze? Tricht? Vor dem Bruder Franziskus wurde es dunkel. Das Grauenvolle dieser Unbotmigkeit gegen den Himmel zertrmmerte ihm mit einem Keulenhieb das kluge Verstndnis, das der Geistliche sonst seiner Umwelt und besonders der Jugend entgegenbrachte. Unmglich schien es ihm, da solch ein Frevel in einem menschlichen Hirn grogeworden sein sollte, unfalich, da es gerade jener ihm lieb gewordene Bube war, der ihn uerte. Gelhmt, seiner selbst nicht mchtig, antwortete er, um dabei doch zu empfinden, da seine Worte ihm von selbst entliefen, ohne Hemmung, wie der Faden eines Knuels, mit dem eine Katze spielt. Nikolaus, verwahrte er sich voll Trauer und so leise, als ob er zu sich selbst sprche, der Allmchtige nehme die Anfechtung von dir. Es ist unser Herr und Heiland selber, mein Kind, der diese Botschaft verkndete. Jetzt wandte sich auch die Mutter um. Ihre vorwurfsvollen Augen sowie die entsetzt vorgestreckten Hnde bewiesen, sie erwarte, ihr Sohn wrde von dieser Belehrung gefllt in die Knie sinken. Allein, was entdeckte sie? Um die Lippen des Jungen flog nur ein berheblich grausamer Schein, und nachdem er sich noch durch einen schnellen Blick des Beifalls seines zierlichen Meisters versichert hatte, holte er zu einem neuen, noch respektloseren Hieb aus. Hat der Heiland das selbst geschrieben? forschte er unglubig. Ehrlich schttelte der Bruder das feine Haupt. An den ergrauten Schlfenhaaren perlte ihm der Schwei. Der Heiland schrieb nicht, bekannte er, und wieder entfuhr ihm die Antwort gegen seinen Willen, wie ein Hund, der von einem Mchtigeren gelockt wird. Seine Lehre ging durch viele Hnde. Dann taugt sie auch nicht mehr fr eine spte Zeit, bestimmte der Junge nun fest und mit furchtbarer berzeugung, abgestandenes Wasser macht krank. Nikolaus, jammerte die Mutter, und in ihrem berwltigenden Grauen meinte sie, in der Ecke hocke ein hllischer Dmon, der mit seinem schwarzen Spie gegen ihr Herz und das innerste Gefge der Welt ziele. Und doch, der Dmon war noch immer schn und herrlich. Auch der Vater stie jetzt ein wundes, banges Rcheln aus. Und nur der Mnch lehnte schweigend und starr auf seinem Stuhl, denn der Fels seines Glaubens wuchs unter ihm, so da die wilden Strudel ihn nicht erreichten. Sndige weiter, Korah, sprach er fest. Von den Feuern des Kamins jedoch tnte ein spttisches Kichern, und dadurch gereizt, brach es aus dem Abtrnnigen ohne jede Rcksicht hervor, die Leidenschaft zu herrschen und andere nach seiner berzeugung zu formen, schlug Flammen: Ist Gott reich oder arm? Reich, entgegnete der Geistliche schwach. Ist der Kaiser reich oder arm? Gott helfe dir -- reich, flsterte der Priester gezwungen. Da ri Claus seinen Spie aus dem Estrich, streckte das Eisen dem Mnch starr entgegen, und whrend sein vorgeschobenes Haupt von der Glut des Herdes erreicht wurde, rief er mit dsterem Grimm und funkelnden Auges: So soll Gott endlich ablassen, zu fordern und zu plagen; und der reiche Kaiser mge den Armen geben, was der Armen ist. Eine Weile regte sich nichts nach dieser haerfllten Emprung. Die alten Beckeras schlossen nur aus dem aufwhlenden, zerfleischenden Ton, da ihr Sohn, ihr einziges, liebes Kind, bei dem Versuch an den Ketten zu rtteln, an denen die Erde vom Himmel herabhing, in die kalte, finstere Tiefe der Verdammten gestrzt sein msse. Auch das erfaten sie nicht genau, und doch zog es die armen Leute mit zwingender Gewalt, dem Verlorenen die machtlosen Hnde in den Hllenspalt nachzustrecken. Noch blickten sie sich ratlos an, suchten Trost in ihren von keinem Verstndnis erleuchteten Werktagsgesichtern, da erhob sich Bruder Franziskus in schwerer Fassung von seinem Sitz, und whrend er sich eng und abschlieend in seine Kutte hllte, schritt er gebckt und vor sich hinstarrend bis zur Schwelle. Hier aber minderte er seinen Schritt, und in das Holz der Bohlentr hinein sprach das zarte Mnnchen nach hartem Kampfe: Rufe mich, Claus, wenn die Not des Verlassenen dich zwingt. Der Erlser wohnt auch in denen, die ihn verlstern. Du wirst es merken. Dann war er wie ein grauer Schatten entwichen. Und in der Htte bangte das Schweigen. * * * * * Aber die frommen Augen des Zisterziensers hatten klar genug in die zuckende Seele dieses ringenden Menschenkindes geschaut, denn etwas von der heilschtigen Allbarmherzigkeit des Christenheitsstifters pochte wirklich schmerzhaft in jedem Pulsschlag des Knaben. Und das, was den Mnch abstie, war einzig in jener lodernden Verranntheit zu suchen, die da begehrte, der Ausgleich und die Verherrlichung der Geplagten und Gepeinigten auf dieser Erde sollte sogleich, ja im nchsten Augenblick, womglich durch wilde, durch niederbrechende Gewalt bewirkt werden. In den Fiebertrumen des Grenden hob sich immer mahnender eine gepanzerte, goldglnzende Faust -- die seine -- die das Jammerdasein zurechtrckte, und seine Nchte wurden bestndig durch die Qual gestrt, ob er, der Schmutzbefleckte, Sinnenlustverzehrte, auch wirklich das Flammenschwert in die besudelten Hnde nehmen drfe. In solcher funkelnden Finsternis, wenn vor seinen weitgeffneten Augen der alte Claus Beckera, die Mutter, sowie Anna Knuth in goldverschnrten Purpurgewndern stolzierten, da weckte er hufig den neben ihn gelagerten Magister, um in nicht mehr ertrglichen Zweifeln zu flstern: Mu es denn ein Reiner sein, der die Herrlichkeit auf die Erde bringt? Allein den genieerischen Zwerg emprte derartig ernsthafter Zwiespalt, weil sein flatterhaftes Gemt nie aufrichtig an eine Selbstprfung gedacht hatte, und deshalb schlug er schlaftrunken nach der Hand des Freundes, rgerlich dazu raunend: La mich in Frieden, du Gebetschemel! Wer den leeren Buchen etwas zu fressen bringt, braucht die Schssel nicht erst zu putzen. Und nun schnarche und trume von dem Busen der Becke. Doch Claus trumte nicht mehr von dem Leib, der ihn, oder den er sich unterjocht hatte, er beutete ihn nur raubgierig aus, wie der Goldgrber, der irrsinnig in der Grube nach dem letzten Gefunkel fahndet, und der Magister ahnte nicht, da sein Zgling durch Ekel und berdru bereits in jenes vergitterte Herrenbewutsein gejagt sei, das auch hinter dem weien Kleid der schamhaftesten Frau die Dirne wittert. Ja, der Irregefhrte wagte bald nicht mehr, seine Mutter und die zur Jungfrau erblhte Anna Knuth gutglubig zu betrachten, so wenig wute er, was er hinter ihnen vermuten sollte. Dunkel und dmmriger wlzten sich Winternebel herauf, und an ihre graue Wand schrieb bereits eine Gespensterfaust unverstndliche Zeichen des Kommenden. Schicksalsstunde brach an. Es war an einem nakalten Novembernachmittag. Aus dem Dunst grupelte es in schrgen Linien herab, davon wurde der Rauch des Schornsteins qualmig um die Htte herumgedrckt, und das Meer zischte glasige Eisstckchen gegen die Strandsteine. Um diese Stunde bedeckte sich Claus, whrend der Vater schlief und die Mutter geruschvoll mit den Tpfen des Herdes lrmte, wie in zorniger Verbitterung mit seiner Lederkappe, hllte sich hastig in sein Seehundswams und schlpfte unbemerkt aus der Kate hinaus. Als er den weichen Hagelschlag um sich sprte, atmete er gierig und doch verstohlen die feuchte Luft ein, gleich einem Dieb, der sich auf schlimmer Bahn befindet. Wute doch der Bursche, da der zehnfach verabscheute Weg wieder sein Maul gegen ihn ffnete, um den Wanderer mitleidslos zu verschlingen. Seit einer Woche fhrte er den heiesten Kampf gegen seinen Hunger, gegen die abscheuliche Wonne, ein anderes Geschpf zu entwrdigen und dadurch doch in beglckter Dienstbarkeit zu halten, aber jetzt, jetzt waren alle Widerstnde in ihm mit einem Mal erschpft und gebrochen. In langen Sprngen hetzte er von den Dnen zum Strand herab -- und richtig -- dort unten schob Heino Wichmann das Boot gerade zwischen den Steinen hervor. Dumpf, in abgehackten, mrrischen Worten begehrte der Bursche von seinem Lehrer, er mge heute das Netzelegen allein besorgen, weil er selbst -- weil -- kurz, gegen Morgen wrde er wieder daheim sein. Und seltsam -- ganz ohne das gewohnte spttische Grinsen, nickte diesmal der Kleine rasch und einverstanden, ja, es schien beinahe, als kme es ihm nicht ungelegen, allein und unbeobachtet die Meerfahrt unternehmen zu knnen. Eilfertig trug er dem Aufbrechenden Gre auf, pries ihn glcklich, mitten im Winter runde pfelchen vom Baume schtteln zu drfen -- alles gleichgltig und ohne Anteilnahme -- und wendete sich dann wieder doppelt emsig seinem Kahn zu. Aber Claus zgerte noch eine Weile. Denn fr eine kurze Frist befreite sich der scharfe Verstand des Jungen von den ppigen Bildern, die ihn blind machten, und ahnungsvoll durchfuhr ihn die Erkenntnis, wie sehr sich in den letzten Tagen das Wesen des Kleinen verndert habe. Merkwrdig, ber Heino Wichmann hatte eine treibende Unruhe Kraft gewonnen; Claus erinnerte sich, da sein Freund jetzt nchtelang herumstreife, namentlich auf den Hhen der Insel, ja, der Fischersohn rief sich zurck, wie er den Magister an einem der verwichenen Abende heimlich auf einem ins Meer vorspringenden Steinhaufen beobachtet hatte, wo der Strohblonde ein unbegreifliches Feuerspiel getrieben. Er hatte dort ein Reisigbndel entzndet, und zur Verwunderung des Zuschauers wurden die brennenden ste einer nach dem anderen von dem Einsamen in die Abendluft geschleudert. Was bedeutete das? Sollte hier irgend jemandem ein Zeichen gegeben werden? Als Claus ihn angerufen, war der Kleine erschrocken. Was treibst du da? hatte der Junge gerufen. Allein statt einer Antwort hatte der Aufgestrte den glimmenden Bund ins Wasser gestoen, die Achseln gezuckt und verrgert zurckgegeben: Meinst du, da ich es hier noch lange vor Langeweile aushalte? So stre mich wenigstens nicht, wenn ich die dummen Fische anmutig ergtze. Damit war er von den Steinen herabgesprungen und hatte sich wortlos in die Htte getrollt. In seinem Zgling aber nistete seitdem der Verdacht, Heino Wichmann, dieses ihm unentbehrliche Gef krausesten Wissens, dieser Galgenstrick, in dem die gemeinsten und liebenswrdigsten Eigenschaften bunt durcheinander wirbelten, ach, dieser unstete Wandervogel spanne gewi bereits die Schwingen zum Flug ins Unbegrenzte. Und darber verzehrte sich das Herz des anhnglichen Jungen, das neidisch nichts zu opfern vermochte, wovon es erst einmal Besitz ergriffen. Sollte er nun vielleicht allein zurckbleiben, um abermals zwischen den alten Leuten in Dumpfheit und Knechtschaft zu versinken? Stunden waren bereits seit dem Zusammentreffen verflossen, nach zgellos verbraustem Verschwenden hing Claus ernchtert und voll Selbstverachtung auf dem elenden Bettgestell in der Kammer der Becke, und das Gefhl des Ausgestoenen, des ohne Zweck noch Richtung zum Gemeinen Verurteilten belud ihn mit solchen Gewissensngsten, da er den Kopf in beide Hnde sttzte und vergraben vor sich hinstarrte. Was sollte nun folgen? Wenn Heino Wichmann wirklich eines Morgens verschwunden war, wrde dieses elende Weib dann nicht die einzige sein, die ihn ber die aussichtslos, ewig gleichbleibende Fron eines Unfreien hinwegtuschte? Also nur der Ekel oder die grelle Verwstung blieben ihm brig, wenn er die Qual eines an seine Scholle gefesselten Knechtes vergessen wollte! Fort? Flucht? Ja, wenn nur ein Sasse nicht zu jeder Bewegung der Zustimmung seines Herrn bedurft htte. Warum war er hierzu verdammt? Gerade er? Und gab es hier nicht noch unzhlige andere, die diesem Fluch verfallen waren? Mit einem heftigen Ruck fuhr er in die Hhe, und so dster und drohend funkelten seine Augen, da die Becke, die trllernd und hochmtig vor ihm auf und ab tnzelte, befremdet innehielt. Sobald ihr die Selbstbesinnung wiederkehrte, lchelte sie eigentlich ber den unreifen Wildling, ja, sein grendes Wesen sowie das bunte Gefieder seines Geistes reizte die Denkfaule auerhalb seiner Umarmungen hchstens zu Spott und Verhhnung. Geh nach Hause, Bblein, meinte die Dirne deshalb berlegen und schnippte mit dem Finger gegen ihre vollen Lippen, damit du deine Mutter nicht strst. Auch meine Alte knnte aufhren zu schnarchen, wenn du die Tr wieder so zuknallst. Geruschlos ffnete das Mdchen den Verschlu der Kammer, um in das Schenkzimmer zu sphen. Allein dort drauen schwebte alles im Halbdunkel, von dem Tisch flackerte nur eine trbe lleuchte, und am Herd zusammengesunken schlief ein buckliger Querpfeifer, der am Abend vorher den Gsten seine Stckchen aufgespielt. Jetzt ruhte sein pockennarbiges Haupt auf der Herdplatte. Du kannst gehen, riet die Becke noch einmal, nachdem sie sich von dem freien Ausgang berzeugt. Allein wie stockte mit einem Male ihr herablassender Ton, als ihr gleichgltiger Blick sich jetzt unvermutet mit dem ihres Besuchers verfing. Gebannt blieb sie an der Schwelle, und ihre zitternde Hand nestelte unwillkrlich das Linnen an ihrem Halse enger zusammen. Was siehst du mich so an? stammelte sie ziellos und in aufspringender Feigheit. Ich habe dir nichts getan. Wie sehe ich dich denn an? forschte Claus, den selbst, gleich einem Ertappten, ein kalter Schrecken aus seinen Gedanken gescheucht hatte. Das vollbusige Weib jedoch zitterte noch immer. Man mchte fast meinen, suchte sie ihre Unruhe hinter einem frechen Lcheln zu verstecken, obwohl ihre frstelnden Wangen sie Lgen straften, man mchte fast meinen, du wolltest mir an die Kehle. Es sollte wie ein Scherz klingen, auch reckte das Mdchen alle Glieder, als wollte sie die Macht herbeirufen, die ihr noch stets geholfen. Allein das ernste Antlitz des Jungen und vor allem seine vernichtenden Augen, sie lieen ihr das sichere Selbstgefhl der Verworfenheit nicht mehr zurckkehren. Und dann -- hrte sie denn richtig? Wurde sie nicht vielleicht doch durch einen brenzlichen Spuk getuscht? Nein, nein, jetzt -- es sprang ihr in die entsetzten Augen, der verwnschte Bursche dort griff wirklich in das Gewhl der Betten, prete den Strohsack unbarmherzig zusammen und flsterte heiser vor innerer Entwrdigung: Hre, Becke, es wre fr uns beide besser gewesen, wenn ich dich vorhin in den Kissen erwrgt htte. Sie schrie nicht auf, sie bebte auch nicht lnger, nein, vor dieser wilden Drohung, deren innere Wahrheit die Erfahrene nicht einen Moment bezweifelte, gewann die Dirne vielmehr ihren alten, rohen bermut zurck. Auch fiel ihr ein, da sie ja nur zu rufen brauche, um den Schlfer dort drinnen herbeizuwinken. Finster straffte sie die Arme. Dann setzte sie sich ihrem Gast gegenber auf ein Klappbrett, das sie aus der hlzernen Wand herablie. So nahe befanden sich die beiden, deren Blut pltzlich verzweifelte Feindschaft vergiftete, da sich ihre Knie beinahe berhrten. Dann stie die Becke mrrisch und doch von einem lichteren Strahl getroffen hervor: Ttst auch was Recht's, ein Mensch, wie mich, umzubringen. Es mochte wohl die dumpfe Nachdenklichkeit in dieser Anklage sein, die den Burschen umstimmte. Herrisch bewegte er die feingeformte Hand, als ob er das Wort nicht gestaltet hren mchte, dann blickte er sich verwundert im Kreise um. Zum ersten Male musterte er entzaubert den kahlen Hausrat, das elende, zerfetzte Lager, die grnschimmlige Feuchtigkeit der Wnde sowie die qualmige Leuchte zu seinen Hupten. Auch die geschminkten Wangen der Becke stachen ihm grell entgegen. Wie vor etwas Unbegreiflichem schttelte Claus den Kopf, dann strich er sich schwer atmend die Locken aus der Stirn. Als aber sein Blick notgedrungen ber seine zusammengesunkene, vor sich hingrbelnde Gefhrtin streifen mute, da packte ihn das Zermalmende dieser Stille mit verzweifelter Macht. Sprich was! herrschte er so bedrohlich, da die Becke emporwankte. Was soll ich schon wieder sprechen? versetzte sie mrrisch. Der Junge wrgte die Hnde umeinander, da er sonst fr sein Begehren kaum einen Ausdruck fand. Wie du so -- so eine geworden bist? platzte er endlich in grimmiger Pein heraus. Wie du so eine geworden bist? Da starrte die Dirne ihren Bedrnger sprachlos an, denn gerade seine zarte Anbetung hatte sie bisher zum Erbarmen gegen dieses halbe Kind gezwungen. Unmutig entblte sie ihre Zhne, als enthielte sie sich kaum, durch einen unvermuteten Bi sein Gesicht zu zerhacken. Aber allmhlich schwand die Feindseligkeit aus ihren grnblauen Augen, und sie brach in ein rohes Gelchter aus. Bist mir ein rechter neugieriger Spatz, spottete sie unsicher, aber dabei klang doch eine grobe Verwunderung in ihrer Stimme mit. Potz Marter, ich fra wahrhaftig selbst von dem alten Zeug. Willst es wirklich wissen? Gib acht, Bblein, hier kannst du was lernen! Mit einem hhnischen Lcheln lehnte sie sich zurck, krampfte die Hnde in ihrem Scho und dann schleuderte sie ihm ihre Dirnengeschichte ins Gesicht, abgehackt, boshaft, anmaend, als wr's eine lcherliche berschtzung von solch einem Knblein, jemals die Wege ihrer Zunft berschauen zu wollen. Ja, du Milchbrei, was zehn Muler bei einem armen Hufenbauern fressen, davon hat dir deine Mutter hinter dem Ofen gewi nichts erzhlt? Sieh, ich bin solch ein Maulwerk! Auf unserem ckerlein verhungerte gerade eine einzige Kuh, aber was half's? Der Fetzen Land ist noch nicht lumpig genug, der Edelmann aus der Nachbarschaft mu noch sein gndiges Auge darauf werfen. Da wird denn die Gegend voll geschrien von Raub, Diebstahl und Einbruch, bis das Buerlein eines Tages im Turm des Junkers seine eigenen Knochen annagt. Kaum lt man freilich das Gerippe frei, so luft es vor das Gericht des Herzogs von Wolgast. Die zehn Muler wollen nun einmal gestopft sein, und irgendwo wird das Recht sitzen! Nicht wahr, es kann doch nicht aus der Welt fortgelaufen sein? Zwei Jahre dauert der Streit, zwei Jahre, bis einem die Augen vor Heulen und Angst blind geworden sind. Dann, horch, dann haben die Amtleute, Schreiber, Ratsherren und Vgte den Rest des ckerchens aufgefressen. Heidi, da steht man nun nackt und blo auf der Strae, und die Nachbarn werfen einem die Tr vor der Nase zu. Was nun, Cluslein, was nun? Ich will es dir sagen. Wozu hat man den gndigen Herren ihr Handwerk abgelernt? Man wird es eben auch einmal versuchen. In Wolgast gibt es einen reichen Bcker, ich selbst hab' die Gelegenheit ausgekundschaftet, der erhielt zur Nachtzeit unseren Besuch -- und dann-- Die Becke greint und beit sich in die Finger, allein ihre gemalten Lippen beben jetzt doch wie im Frost. Diesmal whrte der Proze nur kurz, schluckt sie und reibt sich in unnatrlicher Emsigkeit die Hnde, nach acht Tagen stand ich mit meinem Vater schon unter dem Galgen. Eh' sie ihn aber hinaufzogen, oh, das tat wohl, da schrie er mir ber alles Volk hinweg noch zu: 'Der Himmel hat Groes mit uns vor. Sieh, Dirn, ich lern auf meine alten Tage noch in der Luft tanzen, und du, mein' Tochter -- freue dich, du wirst eine Hur'. Und merk dir's Bblein, das letzte Wort eines Vaters soll man nicht zuschanden machen. Damit erhob sich die Erzhlerin, wandte ihrem Besuch den Rcken und kratzte wie unsinnig an der Wand herum. Pltzlich aber schnellte sie zurck, und indem sie die Arme fest um seinen Hals schnrte, bedeckte sie das Gesicht des Erstarrten mit unbndigen Kssen. Komm, Bblein, girrte sie voll gemeiner Angst, als ob Bttel und Todesreiter ihr abermals auf den Fersen wren, wozu ntzen deine Narreteien? Die Hauptsache ist, da man jung ist. Jung. Horch, unsere Herzen! Hpfen sie nicht wie die Lmmlein gegeneinander? Komm, gib mir Geld, meine alte Hexe hat dir ja wieder ein hbsches Smmchen gewechselt, und dann braue ich dir da drinnen einen Met, und wir trinken bis uns Flgel wachsen. Munter, Bbchen, ksse mich und bleib bei mir. Berauscht und zugleich verngstigt vor seinem starren Gesicht klammerte sie sich an ihn. Was ist dir? murmelte sie abermals, als sie merkte, da ihre Glut nicht auf ihn bersprang. Dann sank sie erschpft wie ein Klumpen schweren Holzes vor ihm zusammen. Claus aber stand neben ihr, keiner Bewegung mchtig. Und obwohl seine Glieder zitterten und bebten, so hatte die Dirne doch recht gesehen, als sie sprte, da ihr Gast nicht mehr bei ihr weilte. Unglubig, halb erstickt sah er hinter dem seufzenden Scherben zu seinen Fen die vergewaltigte Menschheit. Und er konnte es nicht fassen, da dies alles seine Brder und Schwestern wren. Verfaulte Scharen quollen aus den Trmen der Edlen, voreingenommene Richter schanzten das Recht dem seidenen Kittel zu, und berall aus der Erde wuchsen Galgen hervor, die liefen hinter den Armen und Elenden her, dazu kreischend: Freut euch, ihr lernt auf euer Alter in der Luft tanzen, und oh Wonne, eure Tchter werden Huren! Nein, nein, das war nicht die Welt, die der Pater oder der Vogt verkndigten. Die nicht! Als Claus endlich die Augen aufschlug, da meinte er, aus der elenden Leuchte zu seinen Hupten zischten Blitzstrahlen herab, deren schwefliges Licht ihn blende und versenge. Seine Kleider fingen an, ihm auf dem Leibe zu brennen, und ber alles hinweg packte den berreizten die grenzenlose Furcht, was er, der Frevler, getan habe, um den wtenden Reigen der Galgen einzufangen? Umgekehrt, umgekehrt -- er hatte sich ja ber eine der Verlorenen geworfen, um sie bis auf die Haut auszurauben und zu plndern. Inzwischen war die Schwche von der Dirne gewichen. Brummig richtete sie sich auf. Mach, da du fortkommst, du Lappen. Wozu stierst du mich an? Da vermochte Claus das kalte Entsetzen, das ihn erfat hatte, nicht mehr lnger zu zhmen. Unbewut, ob es aus Mitleid oder aus der Sucht geschah, sich loszukaufen von dem Schuldspruch, der ber die Erde gegen ihn gellte, schttelte der Bursche mit fiebrigen Hnden einen Regen von Silber- und Kupfermnzen ber die Zottelhaare der Kauernden aus, und so von Grund war der Flchtling aufgewhlt, da er beim Durchfliegen des Schenkzimmers sogar dem verschlafenen Querpfeifer den Rest des Geldes wie zur Abwehr gegen den Leib schleuderte. Auch der war ja ein Gepeinigter, der zur Nachtzeit auf den Landstraen fror und sein Elend aus den fnf Windlchern herausquirlte. Fort, nur fort von hier, um nie mehr der Wahrheit in ihr grinsendes Antlitz zu schauen. Der Querpfeifer aber sprang hurtig hinter den rollenden Mnzen her und wurde stark in der berzeugung, da er es hier mit einem vornehmen Schwelger zu schaffen haben msse. Dankbar raffte der Bucklige sein Instrument an sich und strzte dem wunderlichen jungen Herrn nach, entschlossen, dem so unvernnftig Davonstrmenden den Weg durch seine Kunst angenehm zu krzen. Drauen tauchte ab und zu die Gestalt in dem Seehundswams aus den Morgendnsten auf, und der Pfeifer keuchte auf dem abschssigen Pfad hinterdrein, stolpernd und fallend, whrend sein Instrument seltsam hohe, zerrissene Tne von sich quiekte. Aber allmhlich verlor der Verfolger sein Ziel aus den Augen, und an einer Wegbiegung blieb er stehen, verschnaufte sich und streichelte wohlgefllig sein Querholz, das ihm so hohe Ehren eingetragen. VII. Der Mond verglomm in seinem feuchtblassen Hof, als Claus aus dem toten Gest des Sassenwaldes auf die Hhe der Dnen heraustrat. Unten strich ein krftiger Wind ber Strand und Meer, so da der Dunst hinweggefegt und eine weite Aussicht fr den Ankmmling erffnet wurde. Schwarz und finster wogte die schwellende Flche vom Rande des Horizontes, und ihre dunklen Hgel wandelten schrg in schwermtigen Reihen der fernen Bucht von Binz entgegen. Dazu glitt von berall her ein nie abreiendes Summen ber die Bahn, als ob im Morgengrauen verschlagene Bienenschwrme den Heimweg suchten. Und doch, dort unten tagte es, und der Spuk der grauen Buchenstmme war berwunden. Endlich! Der Heimgekehrte, bernchtige wandte sich noch einmal nach dem kalten, nebelhauchenden Gehlz zurck, um unglubig zu ergrnden, ob wirklich all die wirren Gestalten, die ihn bisher begleitet, dort hinten zwischen den triefenden Struchern vom Boden eingeschluckt seien. Aber nichts rhrte sich mehr, und es war wohl nur seine verzweifelte Erinnerungsgabe, wenn ihm noch immer spitze, halb irrsinnige Tne durchs Gehr schnitten. Es klang wie das Weinen eines geplagten Kindes. Claus schttelte sich und spritzte die Regentropfen von der Stirn. Dann trat er weiter hinaus, und seine Augen tranken durstig das stille groe Bild. Ja, dort drauen, murmelte er wunschbeflgelt, dort drauen! Die uralte Vorstellung der Kstenbewohner befiel ihn, der silberne Ring, der die bewohnte Erde umgrtete, er bese auch zugleich die Kraft, alles Ungemach, alles Leid der Sterblichen in Freiheit und Vergessen aufzulsen. Und er wute noch nicht, da alle Wasser der Ozeane nicht gengen wrden, um die Brandmale zu khlen, die seine zarte Seele heute nacht empfangen. Der Wind knisterte um ihn wie Fahnenrauschen, und das Meer sang unter ihm sein tausendstimmiges Schlachtlied, das ri den Leichtentflammten fort. Beide Hnde warf er empor und schrie zur Antwort hinunter: Ich will -- ich will. Was er freilich damit in heiliger Entschlossenheit beschwor, wer knnte es angeben? Und doch -- es war sein Bndnis mit dem Weltwillen. Und der Weltwille gebiert die Tat. Und die Tat allein ndert das Geschaffene. In dem unerklrlichen Gefhl der unverdienten Entshnung schickte er sich zum Abstieg an. Da wurde er noch einmal aus seinen goldigen Wolken herabgerissen. Tief unter ihm, dort, wo zwischen den beiden vorspringenden Hgeln das Huschen der Mattenflechterin Knuth eingeklemmt lag, dort bewegten sich trotz der frhen Morgenstunde ein paar unerkennbare schwarze Punkte. Es sah aus, als ob hungrige Krhen um einen Bissen Fleisch stritten. Claus stutzte. Das waren doch Menschen? Was suchte das Gezcht dort? Gerade an jener einsamen Stelle? Und in langen Sprngen setzte der mitrauisch Gewordene von den Dnen herab. ------ Fast im gleichen Augenblick trafen sich drei Mnner vor der windschiefen Pforte der Mattenflechterkate, die sonst nur fr Eingeweihte sichtbar, wie ein groer brauner Pilz zwischen dem Gerll herabhing. Vom Strand aus war es der Vogt, der mit schwerer Faust und lautem Gepolter gegen die Tr schlug, whrend ber den Dnenweg, kaum einen Gedanken spter, ein pelzgekleideter Jgersmann mit seinem Knecht um die Ecke der elenden Siedelung bog. Unmittelbar vor dem Eingang stieen sie aufeinander. berrascht, verdrielich schob sich der vorderste der Schtzen die grne Schute aus der Stirn und fuhr den Vogt an, als wre dieser soeben auf einer berschreitung seiner Befugnisse ertappt worden. Aber zugleich sprhte dem Jger verrterisch eine Welle der Verlegenheit ber die Wangen. He, was gibt's? rief er, durchaus nicht ber die Begegnung erfreut. Langsam zog der Vogt die Lederkappe vom kahlen Schdel. Ich bin's, Junker, erklrte er ohne sonderliche Furcht. Laut rentmeisterlicher Verfgung mu ich ---- Allein ehe der Satz zu Ende gelangte, wurde von innen der Querbalken zurckgeschoben, und sphend, kaum notdrftig bekleidet, beugte sich Anna Knuth ber die Schwelle. Vor dem Morgennebel verzog das Mdchen ihre nur durch ein Linnenhemd geschtzten Schultern, und unter dem kurzen Rock frstelten die nackten Fe. Ihre reichen, blonden Haare fielen ihr noch ungeordnet weit ber den Rcken. Statt einer Anrede legte sie nur bittend den Finger vor die Lippen, zum Zeichen, da vor allem die Ruhe nicht gestrt werden mge; dann glitten ihre noch immer kindlichen Augen scheu und bittend zu dem Grafen hinber, und ihre ganze Gestalt begann zu zittern wie ein Tier, das den Schlachthieb erwartet. Die Bewegung erzhlte von unentrinnbarer Armut, von Verfolgung und Umstricktwerden und dem jammervollen Elend des nahen Erliegens. So sprechend war die Gebrde, da selbst dem Junker von Cona ein unnatrliches Lachen entfloh. Da bin ich, rief er gepret, obwohl der Gru munter klingen sollte, und ohne da der Jger begriff, wie ein Aufmerksamer leicht das abgekartete Einverstndnis hinter diesem Ausruf entdecken knnte. Eine Weile blickte daher auch der Vogt schweigsam von einem zum anderen, dann jedoch verzog er die struppigen Augenbrauen, zuckte die Achseln und wandte seine wuchtige Bedrngergestalt wiederum dem Mdchen zu. Ja, das hilft nichts, beharrte er, die Frist ist abgelaufen. Wie steht's? Auf die brummige Forderung lief ein erneuter Schauder um die Schultern der Gemahnten, die Farben auf ihren Wangen wechselten, und whrend sie halb willenlos in die Htte zurckwies, stotterte sie, um doch irgend etwas zu erwidern: Wahr und wahrhaftig, Mutter liegt krank. Der Vogt griff sich an die Bartkrause, er schien an die Ehrlichkeit des Einwandes zu glauben. Ich wei, gab er zu, wo fehlt's? Jetzt hielt sich die Blonde an dem Pfosten fest. Das Feuer schlgt ihr aus, stammelte sie, von der Aussicht getuscht, ihr Ungemach knne ihr vielleicht doch Mitleid werben. Sieht und hrt nichts. Schlimm, murmelte der Vogt, die schwarzen Nebel sind schuld. Aber gleich darauf schlug er an seine Ledertasche, und in Ausbung seines harten Berufes fragte er weiter: Hat sie dir den Wehrpfennig ausgehndigt? Da ri die Kleine ihre blauen Augen weit auf, und berzeugt, da ihr jetzt die letzte Hoffnung schwinde, lie sie den erhobenen Arm sinken, um zerknirscht und auf alles vorbereitet den Kopf zu schtteln. Sie sah aus wie ein eben gefangener Vogel, der kampflos und betubt durch die Stbe blinzelt. Ja, dann hilft das nichts, entschied der Vogt, und nach einer Weile knurrig, kannst du dir's nicht von den Beckeras leihen? Noch war es ungewi, ob das Mdchen in seiner Verstndnislosigkeit den ihm hingeworfenen Faden aufzuraffen vermge, als etwas Rasches, Unerwartetes geschah. Mifllig hatte der junge Graf schon lange diesen Verhandlungen gelauscht, wobei er von Zeit zu Zeit seinen beiden dnischen Doggen, die ihn schlangenhaft umstrichen, zum Scherz die Kpfe zusammenstie. Jetzt aber schob sich Malte Cona ungeduldig an das Mdchen heran, ganz dicht und eng, so da der schmale Trspalt fr die beiden Krper fast nicht mehr ausreichte, und es war wirklich kaum wahrnehmbar, wie nun der Jger seiner Nachbarin, die seine Hilfe nicht im geringsten untersttzte, geschickt hinter ihrem Rock ein kleines Lederbeutelchen in die Hand spielte. Kaum sprte die Tochter der Mattenflechterin freilich den prallen Gegenstand zwischen ihren Fingern, als eine auffllige Vernderung mit ihr vorging. Ihr ganzes Gesicht wurde so wei und eben wie Leinen auf der Bleiche, die Fe versagten ihr den Dienst, und ihre vorher noch so klaren Augen senkten sich matt und schuldbewut auf das Riedgras vor der Schwelle. Einem fremden Willen untertnig, vllig ohne eigenen Trieb streckte sie dem Vogt das Empfangene entgegen. Hier, murmelte sie tonlos. Und dann pltzlich, als ob sie etwas zwnge, sich des Geldes schnell wieder zu entuern: Da -- da -- nimm. Zu deutlich redete der Vorgang, als da er miverstanden werden konnte. Wieder lie der Vogt seine Blicke prfend von einem zum anderen gleiten. Dann aber nahm er den Beutel langsam in Empfang, um bedchtig und ohne Eile den Inhalt zu berzhlen. Es ist zu viel, stellte er endlich fest. So behalt den Bettel, rief der junge Graf grimmig. Der Vogt jedoch blieb undurchdringlich wie stets. Die Knuths haben nichts zu verschenken, meinte er gelassen, whrend er dem Mdchen den berrest bereits zurckreichte, und rtselhaft setzte er noch hinzu: Ihr wit vielleicht nicht, Geld kehrt bei armen Leuten gar selten ein. Damit begann der struppige Mann umstndlich seine Ledertasche aufzubinden und schien nicht bel Lust zu verspren, auch bei dem, was nun folgen sollte, den Zeugen abzugeben. Allein der Junker, den die feuchte Klte immer schneidender umwitterte und der durch die Nhe des demtigen, zitternden Geschpfes daran erinnert wurde, da er zur Jagd erschienen wre, zur Menschenjagd, er beschlo all den unntigen, schon seit Monaten ertragenen Hemmnissen durch ein Herrenwort ein Ende zu bereiten. Komm Dirn, forderte er bedenkenlos und doch mit einer Art gutmtiger Frische, ich will dir Ehre antun. Gib mir dort drinnen einen Schluck Heies, und ich werde dich loben. Hier ri der Vogt gewaltsam die Senkel seiner Tasche zusammen und brach in einen schweren Wolfshusten aus. Das Mdchen jedoch, ohne auf die Anwesenheit des anderen noch weiter Bedacht zu nehmen, spannte beide Arme gegen die Pfosten der Tr, so da der Eingang gewehrt wurde, und indem sie ihre hellen Augen an den stattlichen Menschen hing, rief sie in hoher Angst, aber zugleich auch wie in wirrer andringender Neigung: Bedenkt, Herr, das knnt Ihr nicht wollen. Meine Mutter -- sie sieht und hrt nichts. Da lachte der Jger halb vor Trotz und halb vor Scham, weil ihn ein Dirnlein von ihrer Schwelle treiben wollte. Hastig umspannte er ihren Arm und drckte ihn zur Seite. Mach keine Mnnlein, redete er ihr zu, was braucht mich die Alte zu sehen, wenn ich bei dir bin? Schon setzte er seinen Fu auf die Schwelle. Das schwache Geschpf aber, im Gefhl, wie es jetzt von jeder ueren und inneren Hilfe verlassen wrde, lehnte beide Fuste gegen seine Brust und hauchte ohne Widerstand noch Zorn: Habt Erbarmen, lieber Herr, habt Erbarmen. Wre jetzt ihr Bedrnger mit ihr allein gewesen, vielleicht htte er scheltend und schimpfend von ihr abgelassen, denn die schlichte Sauberkeit ihrer Magdschaft verfehlte nicht ganz ihren Eindruck auf sein herrisches und nur arg verwhntes Gemt. Allein zum Unglck sahen die beiden Fremden dem Spiele zu, wie konnte da der Grafensohn die Zurckweisung einer solchen Katendirne hinnehmen? Spttisch verzog er die vollen Lippen und stie einen gellenden Pfiff aus, so da die beiden Tiere hoch an ihm in die Hhe strebten. Vogt, rief er mit seinen dunkel sprhenden Augen, die in ihrem Jhzorn denen von Claus Beckera so sehr glichen, wie ist das? Gehren hier nicht lngst ein paar Fischerknechte her? Wie wre es, wenn wir das Nest ausrumten und die Weiber auf den Hof brchten? Die Drohung war wohl nur darauf berechnet, das Struben der Blonden vollends zu berwinden, auf den Vogt blieb sie jedenfalls ohne Wirkung. Ruhig schlo der breitschultrige Mann seine Tasche, packte seinen Kronenstab fester und schttelte endlich bestimmt das wuchtige Haupt. Dazu habe ich keinen Auftrag, lehnte er die Zumutung ohne eine Spur von Entgegenkommen ab. Ich tue, was meines Amtes, nicht mehr. Nun, dann pack dich, befahl der Jger dunkelrot und gereizt. Gut, Herr, gut, das kann ich tun, stimmte der Vogt immer mit derselben Bedchtigkeit zu, warum nicht? Gehabt Euch wohl. Ehrbar, als wre nichts weiter geschehen, lftete er seine Kappe und strebte dann weiten Schrittes den Dnen entgegen. Allein, kaum hatte er den Saum der Weidenbsche erreicht, so lie er sich auf eine Sandwelle niedergleiten und duckte seinen ungefgen Leib vorsichtig hinter die brig gebliebenen braunrostigen Bltter der Ruten. Potz Velten, dachte er bei sich, die Art meint immer, sie sei allein auf der Welt. Wie lange lt man sie wohl noch den Rahm von der Milch schpfen? Damit stie er seinen Stab in den Boden und lauerte. Vor der Katenhtte jedoch hatte unterdessen die Sucht des Besitzergreifens den Streit entschieden. Zwischen Bitte und Befehl war der Jger in den halbdmmrigen Raum gedrungen, ja, er mochte es nicht einmal hindern, da seine beiden Doggen ihm schnuppernd voranliefen. Jetzt sprten sie in der dsteren Engnis umher, bis die Tiere pltzlich, wie auf einen Schlag, vor einem traurigen Bettgestell Halt machten. Lechzend wiesen sie ihre roten Zungen einem wchsernen Menschenbilde entgegen, das mit geschlossenen Augen und wehenden Atems tief in einem groben Strohsack eingekratzt lag. Es war ein schreckhafter Anblick, als der Eindringling zuerst dieses fieberzuckende Menschenhufchen gewahrte, und vor den schwarzen Hhlen der Wangen und der spitz hervorstoenden Nase wich der Unvorbereitete zuvrderst zurck. Gott gebe Euch einen guten Tag, Frau, ermannte er sich allmhlich zu einem Gru, wobei er nichtsdestoweniger die unerbetene Zeugin seiner tollen Leidenschaft nach Krften verwnschte. Wie geht's? -- Was treibt Ihr? Allein aus der Lade drang keine Antwort; nur ein rasches Keuchen vermischte sich mit dem Lechzen der Hunde, und statt der Hingestreckten erteilte endlich die Tochter die Auskunft. Am Kopfende des Bettes stand sie, und whrend Haupt und Arme ihr schlaff herabhingen, sagte sie leer und geistesfern: Sie wei von nichts. Teufel ja, nickte der Junker. Ungemtlich und von der drckenden Stickluft unter dem niedrigen Geblk benommen, lie der junge Mensch einen raschen Blick ber das kahle Elend seiner Umgebung wandern, ber die Holzwnde voll Rauch und Spalten, ber den geringen Hausrat, und sein Geruchsinn emprte sich heftig gegen den Dunst eines Haufens von Binsen, der wohl in besseren Tagen zum Knpfen der Matten benutzt werden sollte. Jetzt lag er zum Trocknen geschichtet auf dem Fachwerk unter der Decke. In all dieser hoffnungslosen Armut gab es nur einen Schimmer, eine Helligkeit, so dnkte es wenigstens den immer heftiger Gespannten, die strmten von den langen Flechten des Mdchens aus. Weiblond glommen sie durch den Dmmer, gleich einem feingesponnenen Netz jungen Flachses, und an jene seidigen Fden klammerte sich jetzt der unbeherrschte Wille des vornehmen Gastes fest. Unruhig lie er sich auf den einzigen Stuhl am Tisch nieder, und da er seine Befangenheit vor dem Wachsbild in dem nahen Bett doch nicht ganz bezwingen konnte, so versuchte er seine Absichten vor den verdorrten Ohren der Lauscherin wenigstens mglichst zu verbergen. Komm her, Dirn, flsterte er. Folgsam schob sich die Angerufene heran, man merkte kaum, da sie dabei die Fe bewegte. Dann stand sie dicht neben dem Jger. Eifrig griff er nach ihrer Hand. Kuck, murmelte er eindringlich und legte ihre Finger auf sein Herz, wie es klopft! Du hast es mir angetan. Als das Mdchen jedoch verngstet den Kopf schttelte, fuhr er berstrzt fort: Frcht' dich nicht, du dumme Trin', es soll dir fortan besser werden. Hast ja nicht einmal ein Bett! -- Sag, wo schlfst du eigentlich, du bleiche Leinwand? Dort, Herr. Sie wies auf den Schragen der Kranken. Da? Bei dem Gedanken, da dieser jugendlich warme Leib allabendlich seine Ruhe neben dem grauenerregenden Gerippe suchen sollte, fuhr ein sichtbares Frsteln ber den Hals des Mannes. berredend legte er den Arm um ihre Hfte, aber kaum sprte er die schlanke, sich leise gegen ihn strubende Biegung des Leibes, da stieg eine heie Woge von Begehren bis ber seine Stirn und in ihren roten Wirbeln sank er unter. Dirn -- verfluchte, stie er in einer inbrnstigen, unvernnftigen Hitze hervor. Und whrend er die Blonde zu sich auf den Stuhl zwang, da kmmerte er sich den Teufel weder um die kurzen Atemzge, die dort in der Ecke den Strohsack im Schaukeln hielten, noch um die hlzerne Starrheit jener Glieder, die er jetzt durchaus zu biegen und zu brechen strebte. Nur Glut brodelte in ihm und die planlose Verworrenheit des Ergreifens. Goldfuchs, stotterte er bei dem heien Ringen, komm, sperr' dich nicht. Seit Monden bin ich hinter dir her -- ja, ja, du weit es ganz gut. Du bringst mich schier von Sinnen. Oder sag', Dirn, sag', bin ich dir etwa zuwider? Sie lag schon in seinen Armen, schreckverwirrt, atemberaubt, aber dicht vor seinem Munde bat sie noch immer mit dem rhrenden Bewutsein der Verlorenen: Herr, es taugt mir nicht, darum zu wissen. Schont meiner. Da hrte er aus ihrem Erlschen das Bekenntnis heraus. Jauchzend unter einem hellen Lachen raffte er sie ganz an sich, und in der lebenerschtternden Verschmelzung eines Kusses entschwand ihnen fr die Dauer eines fallenden Regentropfens alle Wesenheit. Gleich zwei beseligten Bienen, die selbst der Sturm nicht auseinandertreibt, hingen sie in einer unwirklichen, blauen, golddurchzitterten Luft, und das einzige, was die Zeit unter ihnen ma, war der hmmernde Hufschlag ihres Blutes. Aber dort auf dem Schragen? ffneten sich nicht ein paar glanzlose Augen? Der tote Silberschein eines geschlagenen Fisches konnte nicht entseelter zu ihnen herberglotzen, und so eifrig auch der Betrte sein Haupt hinter den Schultern des Mdchens versteckte, das blinde Metall jenes Blickes schmolz durch die lebende Hlle hindurch. Dirn, nun hab dich nicht lnger. Die Alte tut dir nichts. Am Fuboden schnupperten die beiden Doggen lebhafter, sie wurden unruhig, schlugen an und prallten dann vor dem Ansturm des Tageslichtes zurck, das zu der geffneten Holztr hereinscho. Eine hohe, dunkle Gestalt zeichnete sich schwarz gegen die Helligkeit ab. Da rang sich zum erstenmal ein Laut von den Lippen, die aus Furcht vor dem Junker, aus Scheu vor seinem fremden Glanz und versiegelt von seiner strmischen Zrtlichkeit bisher der Stummheit verfallen waren. Ein Schrei gellte gegen die Decke und wurde von dem Querbalken zurckgeworfen: Claus! Dann wurde es wieder still. ngstlich, betrend still. Man hrte nur, wie das Rcheln der Kranken durch den Raum sgte. Endlich raffte sich der Junker auf, langsam, unsicher, denn ihn verwirrte nicht nur der Anblick des Mdchens, das beide Hnde vor ihr Antlitz geschlagen hielt, nein, auch die unselige Scham des Ertappten, in seinen brennendsten Wnschen Gehinderten fra bissig an seinem Hochmut. Dazu emprte ihn immer wilder das rtselhafte Schweigen dieses vermaledeiten Sassentlpels, der bleich und atemlos vor ihm stand, als htte sein zuckendes Maul einen Richterspruch zu fllen. Was soll's? fuhr pltzlich der Jger in die Hhe und ri mit einem Griff seine Armbrust an sich. Weshalb arbeitest du nicht, du Flegel? Was hast du hier herumzulungern? Weit du nicht, was dir gebhrt? Ja, der groe, schlanke Bursche wute wirklich nicht mehr, welchen Platz er in der Welt einnahm. In diesem Augenblick empfand er nichts als das ungeheure qualmige Zusammenbrechen all seiner kindlichen Trume, die so lange und zrtlich von seinen Eltern und dem guten Mnch genhrt und behtet waren. Nichts -- nichts -- die Trume hatte ein Lgner so bunt und herrlich angestrichen, auf der Erde tobte lediglich Gewalt, und nur Gewalt konnte das rasende Wten der Mchtigen brechen. In die weit aufgerissenen Augen des Jungen sprang ein merkwrdiges Wandern und Schielen, und obgleich der lange Leib sich kaum bewegte, so bemerkte sein Gegner doch mit Grauen, wie die Finger des Burschen wie im Krampf sich ffneten und wieder schlossen. Gespenster, schwarze, verzerrte Fratzen tanzten um ihn her. Was aus der verruchten Nacht gegen ihn angesprungen war, das drehte sich jetzt heulend um ihn im Kreise. Geschminkte, an Leib und Seele entmenschte Dirnen zausten ihn an den Haaren, taumelnde Galgen fielen ber ihn her, entrechtetes, in Hungertrmen vertiertes Volk spie ihn an, und die zu Lust und Nutzen der Macht Gehenkten, sie schleuderten ihre Stricke um seinen Hals und schnrten ihm die Luft ab. Kein Atemzug schlich ihm mehr aus der zerpreten Kehle, nur ein heiseres Wimmern ri sich mhsam aus der wunden Brust. Erde, Erde, wo ist ein sicherer Halt vor Entwrdigung und Schande? Wo eine Zuflucht fr die Gequlten? Wo ein Richter fr die Peiniger und Erbarmungslosen? Nirgends, nirgends. Zerbrach, verwstete man nicht hier vor seinen sehenden Augen ein stilles, reines, heiliges Gef, aus keinem anderen Grunde, als weil es einem Schwelger gefiel, bereits am grauen Morgen ein Fest zu feiern? Hier wollte ein gekitzelter Gaumen sich Speise bereiten aus Claus' eigenem Fleisch, aus Claus' eigenem Blut. Vieh, brllte der aus seinen Fieberwirbeln Hervortaumelnde und sprang besinnungslos hinzu. Der Jger war hinter den Tisch gewichen, nun flog die Armbrust an seine Schulter. Knecht, zischte er in berschumender, haverzehrter Wut, dir wird ein eigener Galgen gesetzt. Freilich, ein eigener Galgen, ich wei, ich wei, damit ich doch hbsch jung in der Luft tanzen lerne. Und unsere Schwestern und Tchter -- oh Wonne -- sie werden Huren? Ein Satz -- etwas Schwarzes fuhr ber den Tisch, Bgel und Kolben der Waffe schwankten einen Gedanken lang in der Luft, formlos, bald oben, bald unten, dann ein Schlag, ein dumpfes, weichliches Gerusch, und beide Arme hebend brach der Graf unter den vier Fen der Platte zusammen. Nicht lange. Als der Vergewaltigte unter seinem Tisch mit summenden Ohren und verprgeltem Bewutsein hervorkroch, da meinte er weit hinten durch die geffnete Tr seinen Bndiger wahrzunehmen, wie er in weiten Stzen am Strande dahinfuhr. ber die Schulter hatte sich der Bursche die Dirne geworfen, jene willige Dirne, die dem Gelst des Grundherrn doch nur aus Bosheit, aus Abgunst geraubt war, und ohne durch die Last behindert zu sein, schien der Strolch, der Aufrhrer, auf den doch schon nach Fug und Recht das eiserne Halsband, die Stachelschraube oder der Galgen warteten, dem Schutz seiner heimatlichen Htte zuzufliegen. Das durfte nicht sein. Auf allen vieren schleppte sich der Gedemtigte bis zur Schwelle, aber whrend er hier auf die Brust niederstrzte, so da seine Lippen das Riedgras kten, quoll es in ohnmchtiger Raserei aus ihm hervor: Heda, Thor, Freya, packt an -- packt an-- Und sich noch einmal nach dem Schtzen herumwlzend, der seinem Gebieter beispringen wollte, chzte er sinnlos: Schie -- schie, du Schuft, wenn du den Mordbuben nicht triffst, schmeckst du die Peitsche! Himmel und Hlle, leg' an, und wenn du den Heiland mitten durch die Brust spieen solltest. Zerrissen, zerstckt wurden Claus all jene Flche durch den feuchten Wind nachgetragen, und alsbald sprte er auch das Hetzen der Hunde ber den nassen Sand. Weiter, weiter. In ihm nebelte nur der eine Plan, diese zur Entwrdigung Bestimmte, die bei vollem Bewutsein und doch steif und kalt gleich einem Stein aus seinen Armen ragte, der Gier ihres Peinigers zu entziehen. Die knftigen Mtter der Armen brauchten nicht berall entweiht zu werden. Eine einzige--, stammelte er keuchend, eine einzige mu bewahrt werden. Eine einzige nur. Er wute nicht mehr, was er bettelte, denn seine eigene Schande und Bedrckung, sie mischten sich mit dem Schicksal seiner Verwandten. Und so wunderte er sich auch kaum, weil ihm keine Antwort zuteil wurde. Weiter -- weiter! Da waren auch die beiden Doggen schon nah auf seinen Fersen. Leib an Leib peitschten die Bestien ber den aufspritzenden Sand, und der heie Dampf, den sie ausschnaubten, puffte stoweise in den dicken Nebel. Einen gellenden Ruf stie der Flchtende aus, allein seinen ungestmen Lauf setzte er in wilderen Sprngen fort. Eine einzige nur, murmelte er noch einmal Es zischte etwas. Ein warmer Regen sprhte ber den Lufer. Und das Steinbild zuckte und wankte ein wenig in seinen Armen. Anna, schrie er und schttelte sie. Da fiel ihm die Last dumpf und drhnend zu Boden. Und jetzt erst, jetzt entdeckte er den Pfeil, der Hals und Nacken des Opfers durchfiedert hatte. Darauf versank die ganze Gegend eine Weile in Lautlosigkeit, als ob Mensch, Erde und Meer einen letzten Herzschlag erlauschen wollten. Unten auf dem durchweichten Sand reckte sich das Mdchen, es schlug die Augen verwundert gegen den grauen Himmel auf, schttelte ganz sacht und ohne Begreifen ihr Haupt -- und legte sich zur Ruhe. Entgeistert starrte Claus in das sich verfrbende Antlitz hinab, und whrenddessen rannen ihm statt Trnen die warmen Blutstropfen ber Stirn und Wangen bis in den schreckgebannten Mund. Und dennoch -- der salzige Trank aus dem Kelch des bittersten Leides, das ihm das blinde Walten des Lebens bis jetzt zum Kosten gereicht, er weckte in dem Burschen an Stelle von Entsetzen und Ergebung vielmehr unbndigsten, gebieterischsten Drang zum Dasein. Der Tropfen Blut, die letzte Labe, die ihm die Heimat bot, er flo ihm glhend und sengend durch Hirn und Herz und begann dort von nun an die Welt zu bespiegeln, in rotem Rahmen und doch eisig und unerbittlich klar! Er sah vor sich ein neu hingestrecktes Opfer der Willkr, den Pfeil in der Kehle und die offenen Augen Auskunft heischend gegen den Himmel gerichtet, er urteilte, da die beiden Hunde nur noch ganz kurze Zeit die Schlferin auf dem Sand umkreisen wrden, und er ersphte, wie der Schtze des Grafen und hinter jenem, unwillig zwar und doch gezwungen, der Vogt in weiten Stzen auf ihn einstrmten. Da wute er, da der Zeiger seiner Sonnenuhr auf Leben wies und noch nicht, noch lange nicht auf Untergang und Ausgelschtwerden. Ein dsterer, beteuernder Blick war es, mit dem er von der Toten schied, der ersten, die ihm das Menschheitsmeer vor die Fe gesplt, ein zweiter, lngerer flog ber die Dnenberge zu der Htte empor, aus deren Schornstein ein friedlicher Rauch kruselte. Dann wandte er sich jh und versuchte das Unerwartete. Ein wilder Sprung zur See, die grau und verschleiert auf ihn zukroch, unter seinen Fen splitterte die dnne Eisdecke, bis zu den Knien sank er ein, dann setzte er abermals in die Hhe, gewann fr ein paar Schritte das gefrorene Feld, bis er von neuem in dem berstenden Glas verschwand. Aber gleich darauf hatte der Vorwrtsdrngende das offene Wasser erreicht und weit ausholend warf sich der gebte Schwimmer hinein. Seine Lebensflamme brannte so stark, da sie die lhmende Klte des Elements berwand. Auch hatte er sich den Wogen nicht planlos anvertraut, denn von seinen scharfen Augen war lngst ein kleines rotes Segel erspht worden, das voll geblht gegen den Strand strmte. Heino Wichmann! Ja, dort hinten, gegen die schwarze Wand des Wassers, dort flatterten die blonden Haare des Kleinen im Wind, geduckt hockte der Meister der Schiffahrt am Steuer, und whrend das bersplte Haupt des Flchtenden ab und zu hoch aus den rollenden Fluten auftauchte, da summte ihm die Stimme der Hoffnung zu: Er sieht dich -- noch einen Schlag, und noch einen -- er sieht dich. Hinter ihm heulten die Hunde und jagten fangbegierig ber die noch ungebrochene Flche, rauhe Stimmen schrien, ein Pfeil sauste ber den Schwimmer hinweg und schnitt unhrbar in die Wellen -- der Atemlose, vom Kampf bereits Verwirrte schickte dem Todesboten nur ein wildes, verchtliches Lcheln nach. Oh, dieses Herumgeschleudertwerden zwischen Vernichtung und Gelingen, das fhlte der bereits in Wesenlosigkeit Fortgleitende, es bildete das Hchste und Kstlichste, was ihm aus des Lebens Abgrund gereicht werden konnte. Es blitzte wie ein heller Edelstein. Es lohnte sich, danach zu greifen oder im Werben darum zu vergehen. Um ihn begann die eisige Flut mit tausend Stimmen zu singen, und whrend sein Krper sich immer tiefer hinabgrub, da unterschied er noch die Worte des groartigen Liedes, das ihm den Schlummer und die Schmerzlosigkeit brachte. Sie sangen alle zusammen, die sein Dasein jemals umstanden, Pater Franziskus und die Becke, der Vater und Anna Knuth, der junge Graf und die Mutter, Heino Wichmann und all die vielen Bauern, ja selbst der Jude wirbelte das blitzende Beil um sein Haupt und fiel ein in den gewaltigen Chor, der da trotz allem Leid die unverwstliche Schnheit von Sonne, Erde und Meer pries und die Feiertglichkeit jedes wilden, unruhigen Geschehens. Claus gurgelte, noch aus der Tiefe wollte er einstimmen in dies allgemeine Lob, da sprte er, wie er ohne sein Zutun stieg und stieg, sttigende Luft drang zu ihm, durch die Schwrze brach Licht und ffnete ihm die Augen, und weit vor ihm dehnte sich die Freiheit des Unbegrenzten. * * * * * Er lag im Kahn, und ber ihn beugte sich Heino Wichmann. Das Segel war herumgeworfen, das Bugspriet zeigte gegen die offene See. Hinter ihnen schrumpfte die Kste immer dnner zu einem langen schwarzen Arm zusammen, der liebevoll das dunkle Schwellen an sich zog. Kaum unterschied man noch die hchsten Erhebungen der Insel mit ihren finsteren Waldkronen. Mhsam raffte sich Claus bis zur halben Hhe empor und schickte einen mden Blick aus. Seine Glieder waren noch von seinem Willen und seinem Bewutsein getrennt, und aus seinen Kleidern flo stromweise das Wasser. Heino, seufzte er, indem sein Herz dem weiten, weiten von Qualm und Nebel erfllten Raum unruhig entgegenschlug, wohin fhrst du mich? Wohin? Der andere streifte den daniederliegenden Gefhrten mit seinem seltsamen Augenspiel, dann brach er in sein gewhnliches Kichern aus. He, Bbchen, meinte er, welch eine kitzliche Frage! Wohin geht der Mensch, wenn er einen Fu aus der Tr setzt? Weit du das? Ich wei es nicht, denn der Weg kommt meistens auf den Wanderer zu. Aber ngstige dich nicht, ich glaube sagen zu knnen, ich fhre dich deine Strae. Dabei stie der kleine Strohblonde wie zufllig mit dem Fu gegen etwas Klirrendes. Und siehe da, es war der Ravenneser Hieber, den er bei seiner Ankunft getragen, und neben jenem ringelten sich die Reste der ehemaligen Goldkette. Und jetzt -- jetzt entdeckte Claus auch, da unter der Steuerbank ein kleiner Flechtkorb verborgen stand, der Brot und Milch enthielt. Es war augenscheinlich, hier an Bord war alles fr eine lngere Fahrt vorbereitet. Heino, rang der Liegende seiner Schwche ab, du wolltest dich von uns fortstehlen? Der Angeredete griff fester in das Steuer und verglich die Spitze des Bugspriets mit dem Silberband des Mondes, dessen Phantom noch am Tage durch den Seequalm dmmerte. Dann erst wies er ausweichend und in seiner spitzfindigen Art den erhobenen Vorwurf zurck. Sei still, Bblein, was heute geschieht, braucht morgen nicht zu geschehen. Mich dnkt, es lief fr dich nicht bel ab, weil ich meine Tage hier fr erfllt hielt. Aber nun verknde auch du mir, warum man dich mit Hunden vom Strand deiner Vter hetzte? Nicht wahr, du frommes Kind, das ist dir doch geschehen? Da kroch Claus bis zur Steuerbank heran, und seine Arme leidenschaftlich um das Knie seines Lehrers schlingend, lie er unter Trnen und Verwnschungen, unter Ha und Zweifeln alles aus sich herauspulsen, was die letzte Vergangenheit ihm an Traum und feindlicher, unbegreiflicher Wirklichkeit entgegengeschickt. Es wurde das berstrmende Bekenntnis eines Erdenlufers, der sich mit deutlich gefhlten Schwingen zum Himmel heben will und jetzt vor Schmerz aufheult, weil die geballte Kugel des Lehms, des Schmutzes und des Kotes an seinen Fen klebt. Sag mir, Heino Wichmann, flehte er zum Schlu inbrnstig, whrend er den Magister mit beiden Fusten beinahe von seinem Sitz hob, wer -- wer gab diesen Ungerechten, diesen Blutsaugern, Peinigern und Landschluckern jene frchterliche Gewalt? Wer beugte ihnen diese Tausende demtiger Nacken unter die Fe, wer -- wer? Mit herb verzerrtem Munde schaute der Steuermann auf den in wilden zuckenden Feuern Verglhenden hinab. Wer? wiederholte er, und in seinen zwiefarbigen Augen funkelte etwas wie die Befriedigung ber ein endlich erreichtes Ziel. Wer ihnen das alles gab, mein Cluslein? -- Ihr Wille. Und wir? stammelte der Junge in Enttuschung zurcksinkend. Gib auch uns eine Hoffnung! Wir? Wir suchen nach unserem Willen. Suchen? Aber wenn wir ihn gefunden haben, sagte der Kleine unheimlich leuchtend, dann werde ich mir im Papstornat des Kaisers Tochter zur Buhlschaft laden, und du, Bbchen, magst meinetwegen auf dem Sinai stehen, um neue Gesetze in die Tafeln zu graben. So fuhren sie noch manche Stunde in das Meer hinaus. Der Magister das Steuer in seinen feinen Hnden, und auf die Schulter des Freundes gesttzt der Junge, das Haupt unabnderlich dorthin zurckgewandt, wo nur noch der sich niederwlbende Horizont die Kste verriet. Lngst war sie hinter den ruhig tanzenden Wellen versunken, und doch zauberte sich der Sassensohn unaufhrlich das kleine Stckchen gelben Sandes vor und auf ihn hingelagert das tote Mdchen, dessen offene Augen auch jetzt noch verstndnislos auf Leben und Vergehen zurckblickten. Abermals schlug ihm das Herz wie eine Trommel, die zum Kampf fordert. Allmhlich sank der Tag, die Wogen wanderten breiter daher und ihre Hgel bedeckten sich im Widerspiel des Mondes mit tausend unruhigen Silberameisen. Gegen das Bugspriet aber schwoll das Ungewisse, der Dunst, das Geisterreich des Nebels tat sich auf. Da -- gerade als Claus an Gefahr zu glauben begann, da nahm er wahr, wie sein zwerghafter Gefhrte pltzlich gegen alle Regel das Steuer freilie; im nchsten Augenblick war das Segel herabgerissen, und dann -- in dem Tor der Dmmerung spielten verwunderliche Zeichen auf und ab. Ein rotes Licht tanzte hervor, ein grnes scho darber hinweg, eine seltsame Zwiesprache huschender Feuerchen wurde daraus. Und ehe der schreckgebannte Zuschauer seinen Gefhrten noch anrufen konnte, da hatte der Magister hastig in seinen Grtel gegriffen, und gleich darauf schwang sich schrill und gellend ein nie gehrter Pfeifentriller ber die Flut. Der weckte in dem Qualm einen hnlichen Laut. Nur vielstimmig, verzehnfacht kam es ber die Flche geschwirrt, und nun schwoll auch schwarz und turmhoch die ungeheure Brust heran, aus deren Tiefen dieses unheimliche Gekicher ausgestoen wurde. Unvermittelt starrten zwei sonnengroe Augen auf die Meerfahrer nieder, rot und grn, eine breite Treppe fiel an dem hohen Bau herab, und wie im Traum fhlte sich Claus von den willensstarken Fingern seines Fhrers ber die Stufen gezerrt. An Bord des Schiffes -- eines drei Stock hohen, wie es der Junge vordem niemals geschaut -- wurde es hell. Eine Laterne wurde ihnen vor das Gesicht gehalten, ein Schwarm brtiger, verwegener Gesellen umdrngte die Fremden, und eine starke Stimme schrie nicht eben freundlich: He, ihr Vgel, wer hat euch unseren Pfiff beigebracht? Du bist ein Kalb, Zeiso Ulbrecht aus Wismar, erwiderte der Magister seelenruhig und versetzte dem Laternentrger eine schallende Maulschelle, kennst du jetzt meine Handschrift? Ein Tumult entstand, aber gerade der Gezchtigte wehrte mit Armen und Fen die hinzuspringenden Seeleute ab und brllte halb toll vor Freude: Jungens, Jungens, Mord und Hagel, das Zwerglein ist wieder da, die Brandfackel von Hamburg, der lateinische Hieber. Seht ihr nicht die goldenen Jungfernhaare? Jungens, Jungens, wie werden jetzt die Goldstcke wieder springen. Viktoria fr den Hauptmann Wichmann! Heil dem lateinischen Hieber -- Viktoria fr den Hauptmann Wichmann! Es ist gut, nickte der Kleine gelassen, und jetzt fhrt mich zum Admiral. In dem Kreise aber regte sich kleinlauter Widerspruch. Er hlt Kriegsrat, hie es. Da gehre ich hin, bestimmte der Magister stolz, und sich zu seinem Begleiter zurckwendend, dessen Antlitz bei den letzten Enthllungen bleich, wie nie zuvor, durch die Nacht starrte, sagte er beinahe mitleidig: Fasse dich, Cluslein, du befindest dich auf der anderen Seite der Welt. Dort das anfnglich Gute zum Schlechten verzerrt, hier das ursprnglich Schlechte frs Gute eingesetzt. Narretei und Wahn, hben und drben. Nur eines haben wir vor den anderen voraus: wir sind vorlufig noch die Schwachen und Ausgestoenen, aber aus ihnen geht allemal das Heilige hervor! Komm, Bbchen, ich fhre dich jetzt zu einem gar groen Herren -- Gdeke Michael. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Das zweite Buch [Illustration] -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- I. Es war um das Ostererwachen. Das Jahrhundert -- das vierzehnte, da der Stern ber Bethlehem geleuchtet -- vertrpfelte, und fast dreizehnmal war Winter vom Sommer bergrnt worden, seitdem der alte Beckera in seiner kahlen Htte auf der Sasseninsel bangsam die Hnde ber der wunden Brust verkrampft, dazu rchelnd: Mutting, es hilft nichts, unser Einziger ist dahin. Pa auf, bald fallen meine Augen mir zu, und sie werden ihn nicht wieder erblicken. Es war Osterzeit. ber Kopenhagen stieg eine flammende Sonne auf, die hllte die damals noch kleine Stadt mit ihren verstreuten spitzen Kirchtrmen in einen flieenden Purpurmantel. berall, an den Firsten der niedrigen Holzhuser wie von den Masten der Flotte, die verankert auf der Reede lag, rollte das Licht in langen roten Fahnen herab, so da es aussah, als ob die Gottheit selbst ein Fest schmcken wolle. Und Gottheit und Menschen in dieser ruhenden Stadt begingen wirklich einen Feiertag, ohne da die noch schlafumstrickten Bewohner es ahnten, denn Friede neigte sich sacht zur Erde, Friede nach einer mrderischen, rauberfllten, unsicheren Zeit, und die Sonne, die da ihr Rubinendiadem hoch in den Osterhimmel hob, sie wollte damit das Haupt des neu erstandenen nordischen Reiches krnen! Das Menschenhaupt aber, das die drei Kronen tragen sollte, es eignete einem Weibe. Knigin Margareta von Dnemark, Norwegen und nun auch von Schweden stand unter der Fensternische ihres Arbeitsgemaches, und von diesem Lugaus ihres Schlchens, das sich ehemals nicht weit von der langen Linie erhob, jetzt aber lngst von der Zeit hinweggezehrt ist, schickte sie schon geraume Weile ihre Blicke nach den sonnenroten Masten der Kriegskoggen hinaus, die sich dort auf der weiten Flche schaukelten, wie in einem Becken voll glutroten Weines. Regungslos verharrte die schlanke und doch imposante und krftig aufgerichtete Gestalt der zweiundvierzigjhrigen Frau neben dem zur Seite geschobenen Vorhang, und man htte meinen knnen, die Regentin, die Freundin alles geistlichen Werkes, gbe sich einer andchtigen Osterstimmung hin. Allein weder auf der merkwrdig hohen Stirn unter den dunklen, welligen Haaren, die nur ganz verhuschend, kaum merklich, von einem blitzenden Silberstaub bestreut schienen, noch in ihren groen rostbraunen Augen, deren Schrfe und berlegener Spott Schrecken einjagen konnten, regte sich auch nur eine Spur von hingebender Schwrmerei. Nein, unter der schmalen, leicht gebogenen Nase Margaretens wrde sich vielmehr sofort der ihr eigene geringschtzige Zug belebt haben, wenn man ihr derartiges im Ernst zugetraut htte. Denn der Heihunger, mit dem sie sich auf das Studium der Bibel, der Kirchenvter und der ihr erlangbaren Schriften der Mnche warf, bildete nur einen Teil des sie beherrschenden Dranges nach Macht und Geltung und konnte am nchsten Tage womglich schon abgelst sein durch den ebenso versengenden Eifer nach den Gesetzen der Ackerwirtschaft oder den Schnheitsmitteln griechischer Hetren. Alles Erlernbare war von dieser Frau auf sich herbeigerafft worden. In alle Fden, die still durch die Welt strichen, hatte sie bedenkenlos ihre schmale Hand gestreckt. Mit allen Gelehrten, Knstlern, Staatsleuten ihres Jahrhunderts stand sie in Briefwechsel. Nicht etwa, weil eine heie, innere Anteilnahme sie trieb, sondern nur, um sich immer von neuem zu rsten gegen die Feinde ihres Geschlechtes. Diesem Hang entsprang auch die lchelnde Hingabe ihres noch immer prangenden Leibes an bedeutende, wenn auch vielleicht alte und hliche Mnner ihrer Lande. Meinte doch der spttische Aberglaube der Frstin, in solchen Nchten die Fhigkeiten der ihr Gesellten auf magische Weise einschlrfen zu knnen. Oder sie errechnete wohl auch nur ganz khl und nchtern, da ihr die also Beschenkten von nun an zu schweigender Knechtschaft verfallen seien. Kein wrmerer Herzschlag pulste den von ihr Erwhlten entgegen, nur ihre sicher einfangende, perlende und scheinbar so offen quillende Liebenswrdigkeit spann sich fort und fort und verdeckte den Mindereingeweihten die gefhrliche Zwiespltigkeit der ihnen so angenehm flieenden Rede. In jener Kunst jedoch hatte Margareta einen derartigen Grad von Vollkommenheit erreicht, da sie manchmal beinahe selbst versucht war, das von ihr glnzend und leicht in die Luft Gemalte fr krperhafte Gestaltung zu nehmen. Nur ein Mann lebte, der beim ersten Wort, ja, schon am weichen, wohlklingenden Tonfall seiner Herrin erkannte, wann die Regentin die Pfade der Gradheit zu verlassen gedachte. Und obwohl das bartlose, durchfurchte, mopsnasige Antlitz des Drosten Henning von Putbus jene Kenntnis nicht durch ein Wimperzucken verriet, so empfand Margareta mit ihrem seherischen Blick doch ganz genau, wie sehr sie sowohl als ihre schnen Wortgespinste hier von ein paar trben, erloschenen und hufig trnenden Fuchsaugen durchschaut wurden. Aber gerade dieses gegenseitige Wissen um ihre tiefsten Meinungen verband die beiden Menschen zu einer gemeinsam hohen Bewunderung fr ihre Klugheit. Es war das Bndnis eines Fuchses und einer Lwin, die sich gegenseitig um ihre Schliche und Pfiffe beneideten. Auch heute verharrte der Reichshofmeister wegen des frhen Morgenbesuches in respektvollem Schweigen am Eingang unter dem Spitzbogen. Zwar bestand fr ihn nicht der mindeste Zweifel, da seine Gebieterin, der er ja auerdem durch einen Trwchter gemeldet war, sein Erscheinen lngst bemerkt htte, aber er gnnte ihr gleichwohl den Triumph, ihren ersten Ratgeber so lange harren zu lassen, bis es ihr gefllig sein wrde, das tiefe Nachdenken, das sie ihm zeigte, von sich abzuschtteln. Margareta lehnte ihren Arm an den Bogen des Fensters und trank hingegeben das Spiel der Masten in sich ein, die sich von den roten Wassern her gegen sie neigten. Unterdessen beschftigte sich der berlange, grausig drre und schon greisenhaft zitternde Kanzler damit, sein schreiend buntes Prachtkleid zurechtzustreichen, ja, er schien groen Wert darauf zu legen, da die gewaltigen offenen rmel, die ihm fast bis auf die Knie herabhingen, auch nicht eine einzige Falte wrfen. Mitleid fast konnte es erregen, wie unbarmherzig eng das Klappergebein bis ber die schmalen Hften in seine himmelblaue, mit Silberornamenten bestickte Schecke eingepret war, und die gelben Beinlinge mit ihren berlangen Schnbelstrmpfen offenbarten geradezu grausam die ausgezehrte Magerkeit ihres Trgers. Dennoch htte der greise Drrling um keinen Preis die bel empfundene Unbequemlichkeit missen mgen. Denn dieser reiche und mchtige Mann geizte im stillen danach, dem farbenfrohen Sinn seiner Gebieterin einen Blick des Staunens abzulocken. Ihrer modelsternen Laune zuliebe spielte das morsche Gerst den Gecken. Jetzt wandte sich endlich Frau Margareta zurck, und sofort begann um ihren etwas breiten, aber sehr ausdrucksvollen Mund ein liebenswrdiges, huldvolles Lcheln zu gleiten. Rasch schritt sie auf den tief zusammenknickenden Drosten zu und streckte ihm die Hand entgegen. Gewonnen fhrte der Greis die schmalen Finger an seine geborstenen welken Lippen. Auch die Knigin trug ein ganz enges, ihre Gestalt fest zusammenschnrendes Gewand von dunkelgrner Farbe, das eben erst aus dem Sden fr sie angekommen war und namentlich die Brste prall umschlo. Man nannte es das Gefngnis, jedoch die Frstin bewegte sich in ihm frei und anmutig. Als sie den Arm hob, zitterten zwei lange goldene Troddeln bis auf den Erdboden hinab. Verzeiht, begrte Margareta den Greis, ich merkte Euch nicht. Warum habt Ihr Euch nicht kundgetan? Der Reichshofmeister pflanzte sein mildes, vterliches Lcheln auf. Ich wollte den Blick meiner kniglichen Frau nicht unntig von dem Bild der schnen Freibeuterflotte dort drauen ablenken, sprach er in sanfter Ergebenheit. Und wie fortgerissen von einem unerhrten Begebnis, keuchte und hstelte er atemlos weiter: Ja, seht nur, seht, sechzehn kriegsstarke Koggen. Auch die neuen Lederschlangen fhren sie an Bord. Und diese schlimmsten unserer Gegner sind gekommen, um Schwedens neuer Majestt zu huldigen. Seine schwache Stimme brach, und die Erregung, die er heraufbeschwor, lie ihm merklich die Knie zittern. Setzt Euch, befahl Margareta schonend, denn in diesem Augenblick fiel dem krftigen Weibe der trichte Widerspruch zwischen der Schwche ihres Kanzlers und seiner putzschtigen Maske auf. Als sich der Drost weigern wollte, tanzte ein vieldeutiger Funke in den groen Augen der Frau. Sie war es gewohnt, mit den Narrheiten auch der Klugen zu rechnen. Setzt Euch, Henning, forderte sie nachsichtig, rckte selbst einen der hohen Sthle von ihrem Arbeitstisch fort und nickte, da der Drost sachte hineinsank. Setzt Euch, mein Freund, Ihr habt lange genug vor mir gestanden, da es noch gefhrlich war, sich vor Spindel und Fingerhut zu stellen. Die Regentin hatte oft Anflle einer berwallenden Dankbarkeit, und so strich sie auch jetzt sanft und kosend ber die pergamentene Wange ihres ersten Vasallen. Herr Henning von Putbus aber schlo die Augen und war fr diesen Augenblick berzeugt, da seine Treue und Ergebenheit reichlich aufgewogen seien. Auch da die schne Frau ihn so traulich beim Vornamen nannte, weckte ihm alte unerfllte Erinnerungen. Hier in Margaretas Arbeitsgemach sa der gerissene Staatsmann oft und spann wie ein verliebter Kater. Dabei bersah er es freilich heute, wie in seiner frstelnden Rechten ein umfangreiches Pergament zu rascheln begann, von dem schon an Schnren die groen Staatssiegel schaukelten. Margareta aber bemerkte es, und da sie keine Freundin von langatmigen Kabinettsvortrgen war, sondern ihre wohlklingenden Worte lieber auf andere wirken lie, so bettete sie ihre Hnde auf den Rcken und kreuzte nach ihrer Gewohnheit mit gemessenen Schritten den kleinen teppichbehngten Raum. Ja, lie sie ihre dunkle Stimme ertnen, der Allmchtige hat uns Gnade erwiesen. Nach sieben Jahren voll Streit und Elend endlich ein Ziel. Die schwedischen Edlen fr uns gewonnen, ihr verspielter Knig, der selbst unsere weibliche Ehre nicht geschont -- hier warf sie im Vorberwandeln ihrem Hrer einen sphenden Blick zu, da das Gespenst im Seidenwams jedoch noch immer wie schlafend hockte, sprach sie beruhigt weiter -- Gott verzeihe es ihm, er entstammt meiner leiblichen Sippe, und ich folgte nur Eurem Wunsch, Drost, da wir ihn so lange im Turm zu Lindholm bewahrten. Ist es so? Es ist so, murmelte der Kanzler geschlossenen Auges. Ihr wart stets streng und unnachsichtig in meinem Dienst, setzte die Knigin ihren Gang fort. Ich danke Euch. Aber jetzt wollen wir Gnade ben. Er mag ausgehen, der unselige Mann, und mit ihm sein Bube, der Erbe jener von mir gestickten Narrenkappe und seiner franzsischen Dirnenpest. Auch diesmal zuckte der Kanzler keineswegs. Zu sehr war er an die unerhrte Offenheit gewhnt, mit der die Witib von Dnemark gerade in Gegenwart von Mnnern an die verschwiegensten Dinge zu rhren liebte. Jener Freimut bildete eben eines der Mittel, durch die Margareta ihre Hrer zu verblffen suchte. Pltzlich jedoch blieb die Knigin vor ihrem Ratgeber stehen und setzte die Hnde in die Seiten. Und wie brgen die Friedensboten von Falsterbo fr ihren Schtzling? forschte sie geschftlich, denn abgerechnet unserer verwandtschaftlichen Nachsicht brauchen wir eine festere Sicherung, als sie uns der Wankelmut des entthronten Unruhestifters bieten knnte. Der Drost zeigte mit zitternder Hand auf eine Stelle des ausgebreiteten Pergaments. Dafr habe ich gesorgt, wies er, whrend er befriedigt mit dem Kopfe schaukelte, die Hansischen verpflichten sich fr ihren Verbndeten zu einer Zahlung von 60000 Pfund Silber oder sind bereit, Schlo und Gebiet von Stockholm nach drei Jahren in die Gewalt Eurer Majestt zu berliefern. Oh Stockholm, rief die Regentin heftig, und eine rasche Rte flutete in ihre Wangen, wenn dort drauen das rechtlose Piratenvolk diese herrliche Stadt nicht durch viele Jahre mit allem Ntigen versehen htte, wir brauchten heute nicht mit den hansischen Krmern um Bedingungen zu feilschen. Sagt, wieviel boten sie noch? Sechzigtausend Pfund Silber, schmunzelte der Drost, schnalzte mit der Zunge und rieb sich die Hnde. Und Albrecht? fragte Margareta hastig, und die Gehssigkeit der beleidigten Frau schlug in ihr durch, wohin trgt er seine Narrenkappe? Seine Verwandten rumen ihm in Mecklenburg einen Ruhesitz ein. Dort kann er weiter Pppchen aus Brotteig kneten, wie er es im Turm von Lindholm gelernt hat. Das ist der Friede, entschied Margareta ohne weiteres, gebt her, ich unterschreibe! Beide Arme spreizte sie weit aus, ihre prallen Brste rundeten sich unter dem engen Gewand, und der Drost sperrte seine triefenden Augen auf und staunte seine Herrin an wie ein wundersam Gebild. Gebt her! Sie lie sich auf dem berdachten Stuhl hinter dem Eichentisch nieder, ri die Schwanenfeder an sich und setzte in einem einzigen Zug ihren Namen unter das Dokument. Eine Weile blieb es still in dem kleinen Gemach, die Weihe eines bedeutsamen Augenblicks fllte den Raum. Nicht lange. Wie trumend hatte die Knigin mit einem winzigen Hammer auf eine Silberplatte geschlagen, und nachdem auf den hellen Ton hin ein Wappenknecht eingetreten war, befahl sie halblaut mit der verschleierten Stimme einer glubig Entrckten: Meldet's den Kirchen. Es sollen alsbald alle Glocken gelutet werden. Der dreieinige Gott hat uns und unserem darbenden Volke Frieden beschert. Sanft verschlang sie die Hnde auf dem Tisch und wartete, bis der Wchter das Zimmer verlassen. Dann aber lehnte sie ihre geschmeidige Gestalt voll aufatmend an die steile Wand des Thronstuhles zurck und hob ihre scharfen Augen zu den Schnitzereien der Bedachung. Norwegen und Dnemark, flsterte sie mit der tiefen Versenkung eines Schpfers, Drost, lat von morgen auch das Wappen Schwedens ber mir sein. Unsere Stimme wird fortan fr ein groes, geeintes Reich gehrt werden. Ehe jedoch der alte Mann noch sein Verstndnis fr das erhabene Wesen seiner Herrin bezeugen konnte, da geschah etwas Merkwrdiges. Das Haupt der Frstin sank langsam zur Seite, bis es an der Schulter des dicht neben ihr sitzenden Greises einen Halt gefunden. Und doch merkte der also Geehrte trotz seines Zitterns sofort, da Margareta keine Zrtlichkeit spenden wollte, sondern wie sie jetzt wirklich, aus Zwang und Besessenheit heraus handelte. Halb gezogen streckte sie ihren vollen Arm nach den Masten aus, von denen die schwarzen Wimpel flatterten. Sieh, mein Freund, raunte sie, ganz als ob sie zu einem gegenwrtigen Traumbild sprche, das eben erst aus ihrem eigenen Hauch entstanden, sieh dorthin! Meinst du nicht, da an uns noch ein hherer Ruf ergehen knnte? Wie sagt die Heilige Schrift? 'Stecke deine Zelte weiter.' Dort drauen schaukelt ein Schwert auf den Wassern. Und unsere See spielt um Engelland, Hispanien und Friesland. Ob es Snde wre, nach der Waffe zu greifen, die der Herr uns mit Wind und Fluten entgegentrieb? Ihre groen lebendigen Augen weiteten sich berirdisch, ihre Lippen murmelten unhrbar weiter, und ihr Atem stand auf einmal still. Diesmal handelte es sich gewilich nicht um Tuschung, denn der schne Krper des Weibes lag so gebannt, als ob ihr innerster unstillbarer Wunsch aus ihr hervorgetreten sei und sie hielte jetzt Zwiesprache mit ihrem leibhaften Dmon. Der Drost aber zuckte wehleidig zusammen; nicht nur, da sein morsches Knochengerst nicht lnger die angenehme Last des ruhenden Frauenkopfes zu tragen imstande war, sondern weil ihn der trockene Glaube plagte, da Frau Margareta nur immer dann so hoch in den Himmel entrckt wurde, wenn es galt, hchst irdische Geschfte als von oben empfangen darzustellen. Deshalb meinte er auch recht nchtern, indem er jede bersinnliche Sphre als zeitraubend beiseite schob: Die Freibeuter wissen ganz genau, was sie wert sind. Es sind ungeduldige, hoffrtige Gesellen darunter. Man wird sie nicht allzulange warten lassen drfen. Kaum hatte das nickende Gerippe in dem blauseidenen Wams dies geuert, als seine Ansicht auch sofort durch ein ueres Begebnis besttigt wurde. Von den Schiffen krachte ein Schlag herber, eine Dampfwolke ballte sich, und von dem ungewohnten, nie gehrten Knall aufgeschreckt, sprang die Knigin pltzlich empor, verga ihre eben noch gesprte Erweckung und bewegte sich heftig, ohne irgendwelche Gemessenheit dem kleinen Fenster zu. Drauen schwelte noch die graue Dampfwolke um die Schiffe. Was ist das? erkundigte sich Margareta jugendlich ungestm. Um den verrunzelt eingefallenen Mund des Drosten spielte ein behagliches Lcheln. Es befriedigte den Alten, seine Herrin einmal auer Fassung zu sehen. Darum antwortete er gemchlich: Das, hohe Frau, sind die drei Lederschlangen von der Agile, dem Admiralsschiff des Strtebecker. Habt acht, er ist ein Frst unter den Seinen, unermelich reich und von wilder, verwegener Gemtsart. Ihr wit wohl, was das Volk von ihm singt? Ich erinnere mich, sagte die Regentin und blickte suchend zu Boden. Eine dumme, trichte Reimerei. Plump und roh wie alle Bauernpoesie. 'Vom Mast die schwarzen Flaggen wehn -- Claus Strtebecker ist Kapitn. Es pfeift der Wind, es schumt die Flut, Der Degen kreist, es spritzt das Blut. Kein Unrecht erbt sich lnger fort, Komm, feine Dirn, zu mir an Bord. Wir mssen unter Segel gehn -- Claus Strtebecker ist Kapitn.' Lacht nicht, schlo die Frstin und verzog verweisend die Brauen, und doch entdeckte der scheinbar so mde Drost, wie Margareta ein paarmal unbeherrscht ihre Zunge ber die Lippen wetzte. Weshalb rhmt man den schweifenden Raubgesellen gleich einem Helden? Besitzt das Volk keine wrdigeren Heroen? Die Knigin schien ernsthaft verletzt, daher war es wohl nur Zufall, da sie sich dabei prfend den schweren Stoff ber ihrer Hfte glttete. Der Kanzler aber beugte sich zustimmend vor, er wickelte die langen gelben Beine wurmhaft umeinander und rollte zugleich das Staatsdokument zusammen. Verzeiht, Herrin, versuchte er die Verstimmte vorsichtig zu belehren, wer lange lebt, der wei, wie Recht und Unrecht, Gewalttat und Heldenstck keine eigentliche Farbe strahlen. Vielmehr kommt es immer darauf an, woher das Licht auf sie fllt. Und was zudem diese Haufen da drauen angeht, so besitzen sie Freibriefe von Rostock und Wismar, sind daher als kriegfhrende Macht anerkannt. Meint Ihr wohl, die Condottieri Eurer italienischen Vettern mit ihrem zusammengelaufenen Gesindel seien besser? Auch halten ihre Admirale Strtebecker und Gdeke Michael unerbittliche Manneszucht und haben sich berdies den Titel 'Mehrer des Rechts' zugelegt. Auch das noch, zrnte die Frstin und vollfhrte eine hochmtige Handbewegung. Wit Ihr vielleicht auch, Herr Henning von Putbus, woher die Hauptleute jene gttliche Bestallung erlangt haben? Das Unterste war in der Frau gereizt, ihr tief verborgener Stolz auf ihre uralte Heldenabstammung; die Tochter Waldemar Attertags reckte sich, von der hohen Stirn leuchtete ihr eine unbeschreibliche Abgeschlossenheit. Da nestelte sich das drre Gerippe mhsam zusammen, wankte und schwankte auf seine Gebieterin zu, und es lag die merkwrdige, beinahe hmische Furchtlosigkeit eines beralten, dem Tod bereits Befreundeten in seiner blechernen Stimme, als er der hchsten irdischen Gewalt fast warnend ins Ohr hauchte: Gttliche Bestallung, Margareta? Kindlein, Kindlein, hat man die Hand schon gesehen, die Euch eine solche aus den Wolken herabreicht? Nun wohl, es gengt, wenn Ihr Erwhlte sie sprt. Aber es gibt noch eine andere Bestallung. Die wird vernommen, die schreit nach Brot, bumt sich gegen Druck, seufzt mit Knechten und Leibeigenen ---- Hr auf, rief die Knigin betroffen, die pltzlich wieder vllig der Erde gehrte und ganz genau begriff, da sie ein armes, ausgesaugtes Volk zu leiten htte, Brger und Bauern, die noch vor ein paar Jahrzehnten aus angeborener, verbitterter Gemtsart nichts als schwarze Trauerkleider getragen. Schnell, Herr Henning, welchen der Condottieri wollt Ihr mir bringen? Meidet den Michael, riet der Reichshofmeister bestimmt, und ber sein verschrumpftes Antlitz breitete sich der Abglanz von List und Weltkenntnis, lat ihn beiseite. Ein khler, wortkarger Mann -- ein Rechner und berlegter, der nie eine Dummheit begeht. Solche Menschen taugen nicht fr Frauenberredung. Whlt den anderen, whlt den Strtebecker. Was ist das fr einer? fragte die Knigin unbefangen. Die beweglichen blauen Augen des Kanzlers tasteten noch einmal ber die aufgerichtete Frauengestalt. Ein Flackerfeuer, entschied er sich endlich. Alles an ihm ist Glanz, Pracht, Abenteuer und berraschung. Die Einbildung seiner Leute hngt an ihm. Und was gilt's, in seinem eigenen Hirn strahlt bestndig ein Regenbogen. Wer wei, eine knigliche Frau wie Ihr knnte ihn weit verlocken. Um den breiten Mund Margaretas wollte ihr einfangendes Lcheln gleiten, da begannen aus der Stadt auf einmal dunkle und helle Glockenwogen zu schwingen, und im gleichen Augenblick senkte die Frstin ihren Blick auf den Estrich, faltete die Hnde und entschied ruhig: Nun wohlan, Euer Wille geschehe. Morgen nach der Messe wollen wir den Hauptmann empfangen. Sorgt fr ein wrdig Geleit. Und verget nicht, wie Eure Freundin wieder einmal eine Stunde der Demtigung auf sich nimmt. -- Geht! * * * * * In der Admiralskajte auf der Agile ging es hoch her. Der Frst des schweifenden Volkes gab dort seinen berhmten oder berchtigten Umtrunk, und der Reichshofmeister, der gekommen war, um die Einladung seiner Knigin zu berbringen, mute immer von neuem an sich halten, damit er nicht dem fremdartigen Zauber der Umgebung unterliege. War das etwa einer der engen, dumpfigen Ksten, die sonst tief unten im Bauche auch der gerumigsten Schiffe zur Behausung von Menschen benutzt wurden? Nein, bei allen Heiligen, hier hatte ein khner, ausschweifender, berauschter Sinn aus allen Winkeln der Erde das Erlesenste zusammengetragen, damit es fortan dem Ergtzen, der Wollust und der prunkschtigen Ruhmbegierde eines ungebndigten Geistes diene. Noch einmal vor seinem Aufbruch, dem er lngst begehrlich zudrngte, musterte der drre alte Mann, der auf seinem hohen, brokatgepolsterten Stuhl, schwchlich zur Seite geneigt, mehr hing als sa, all den verschwendertollen Reichtum dieses kleinen, durchaus nicht niedrigen Saales. Und der selbst begterte und verwhnte Adlige mute sich zwingen, von all jenen bunten Teppichen, kstlichen Schrnken, Truhen und blitzendem Gold- und Silbergert sich wieder zurckzufinden zu den fnf Mnnern, mit denen er an dem festen Tisch den Abendtrunk teilte. Es hielt schwer, sich eines nchternen Endzwecks bewut zu bleiben. Grnblaue, flmische Wirkereien stellten an den Wnden das Leben des Achill dar, und berall, wo sie zurckgeschoben waren, drngte sich wuchtiges Tafelwerk hervor, regelmig und erhaben in Felder eingeteilt und wuchtig aus dem dunklen Grunde herausgearbeitet. Ruhebetten und golddurchwirkte Kissen in allen Ecken; und mitten von der Decke schaukelte eine mchtige Eisenlaterne, in deren Hornblenden anmutiges Nymphenspiel geschnitten war. Verschwommen und dmmernd fiel der gelbe Schein aus der Hhe herab. Das Besondere aber verliehen diesem frstlichen Raum die vier bunten Fackelstandarten, die an den Enden der Eichentafel angeschraubt waren. Hell und blitzend funkelte hier das Licht der llmpchen aus den seltenen venezianischen Glsern heraus und streute kringelnde, unbestimmte Farbenflecke auf die ungleichen Zecher. Dazu hpfte vom Verdeck des Schiffes eine feine Musik ber die Stufen der breiten Treppe, denn die Fltenblser und Harfenisten der Freibeuter begleiteten von oben her die Freuden ihrer Gebieter unermdlich mit Tanz und Reigenspiel. So hatte es der junge, schne, stets alle Sinne blendende Admiral gewollt, und deshalb betete das schweifende Volk ihn an, mehr wie jeden anderen, weil er die lichte Vollendung bildete ihres eigenen, aus allem Herkmmlichen herausgefallenen, auf- und abschwankenden Abenteurerdaseins. Nimmer konnte der Drost seine Aufmerksamkeit ablenken von der hohen geschmeidigen Gestalt des Wirtes. Wie der etwa dreiigjhrige, von schwellender Gesundheit durchflutete Mann ihm in dem rotseidenen Prachtwams gegenberlehnte, die linke Hand spielerisch auf einen winzigen Dolch gesttzt, whrend die rechte in malender Bewegung von Zeit zu Zeit seine meist leidenschaftlich hervorgestoenen Stze begleitete, da mute sich der abschtzende Beobachter gestehen, da Sage und Gercht die Anmut, ja, den Zauber dieses gefhrlichen Seelenfngers eher unterschtzt htten. Die flammend schwarzen Augen sprhten jedem Genossen eine heitere unbekmmerte Wrme ins Herz, auf der hohen Stirn wechselte bald ein unnahbarer Stolz mit blitzender Gedankenarbeit, und das braune Lockenhaar zitterte oft, wenn die eigene Bewegung den Admiral fortri. Ob dieser strahlende, selbstbewute Condottiere, dem die Natur bereits einen unsichtbaren Frstenhut auf das Haupt gedrckt, nicht doch ein gar zu berlegener Gegner fr das leicht entzndete Weib in dem Schlo da droben ist? dachte der Drost, mit sich kmpfend. Und wieder schob er den Becher unberhrt von sich und machte Miene, das schon zu lang fortgesetzte Gelage zu endigen. Sein Gastgeber aber fing jene Gebrde unglubig auf und winkte lebhaft abwehrend mit beiden Hnden. Nichts da, hochedler Herr, widerstrebte er mit einer leichten Verneigung, und seine Stimme lachte und lockte, als ob er zu einem schnen Weibe oder mindestens zu einem geschtzten und verehrten Lehrer sprche. Ihr tatet meinem Weine bisher wenig Ehre an. Mustert ihn besser. Gesteht, glitzert er nicht in seinem silbernen Grund, als ob wir ein Stck Sonne aus Eurem Meere aufgefischt htten? Es ist Ingelheimer, Herr Drost, und man sagt, Carolus Magnus habe die ersten Reben gepflanzt. Kommt, der Geist des groen deutschen Mannes ist mir nicht zu schade, das Wohl Eurer kniglichen Frau zu feiern. Recht -- nicht zu schade -- wollte auch geraten haben! schluckte der Kriegsoberst Konrad von Moltke und rieb sich emsig seine glhende Hakennase, da er in ihr bereits ein verdchtiges Jucken sprte. Er war von dem Kanzler mitgebracht worden, um dem Strtebecker bei dessen berchtigten Trinkgelagen Widerpart zu leisten. Gebt her, Schelme! -- Ingelheimer -- Carolus Magnus soll leben. Wir danken, fiel hier der Kanzler, erschreckt ber die Grobheit des Kriegsmannes ein und rckte sich mit einem leisen Seufzer zurecht, um an dem Becher mit dem vielgepriesenen Wein zu nippen. Innerlich jedoch war ihm jede Zecherei ein Greuel, da sie sein Gallenleiden bissig aufregte. Daher sammelte er sich und sprach berlegt und zu seinem Zwecke weiter: Unsere erhabene Majestt von Dnemark schtzt die Herren sehr. Bei dieser Stelle lchelte der junge Admiral in dem roten Wams beraus hflich. Zugleich aber fuhr sein dunkles Auge blitzschnell und Einverstndnis heischend ber die wettergebrunten Gesichter seiner Genossen, bis es haften blieb an dem schmalen, feinen Jungfrauenantlitz des Hauptmanns Wichmann. Der hatte sein Kinn auf einen langen Hieber gesttzt, und der Schimmer der Laternen glttete ihm weich die seidigen Blondhaare. Allein, wer genauer zusah, der merkte, wie dem Zwerglein inzwischen die Schlfen ergraut waren und wie ihm auch in die Stirn eine Silberlocke hing, gerade ber der breiten Narbe. Niedertrchtig zuckte es ihm in den zwiefarbigen Augen, als er auf die sanfte Einleitung des Kanzlers ebenso friedfertig, und ohne seine Lage im geringsten zu wechseln, gleich einem artigen Kinde erwiderte: _Sapienti sat_, Herr Reichshofmeister. Wir sind berzeugt, da Frau Margareta uns sehr gewogen sein mu. Wie ja ein gro Gemt stets dem gefhrlichen Gegner huldigt. Man denke nur an die Troer und Griechen, die sich auch liebreich bei Gesandtschaften bewirteten. Nicht wahr? Zudem, schlo der Kleine milde, wandelt Frau Margareta vor aller Augen in den Spuren des Christus und deshalb bietet sie auch die linke Wange zum Backenstreich, obschon die rechte bereits geschlagen wurde. Nun, Ihr irrt Euch, wollte der alte Hofmann seinen gerechten Unwillen ber die Frechheit dieses ausgerissenen Magisters bezwingen, da mischte sich zum offenen Entsetzen des Kanzlers eine grelle, kreischende Stimme in den bereits unterirdisch zischenden Disput, und der Kriegsoberst Moltke bellte durch seinen grnen Weinnebel hindurch, gleich einem bissigen Dorfkter: Wer redet hier von Backenstreich? Will jemand Margretlein an den holdseligen Leib? Er melde sich. -- Ich sage, er melde sich. Da jedoch niemand der Aufforderung Folge leistete, so schlug sich der Betrunkene vllig verworren auf sein hellrot feuerndes Beindach und brodelte halb klagend: Ihr Hundeshne, ihr Spitzbuben -- ich wollte euch ja lieber ---- Die Schdel einschlagen, ergnzte Hauptmann Wichmann sanft. Hier folgte das ruhige berlegene Lachen eines einzelnen Mannes, und es wurde doppelt wirksam, weil die anderen halb gespannt und halb verlegen die Unterhaltung eingestellt hatten, whrend dem Kanzler der helle Angstschwei aus der verschrumpften Greisenstirn perlte. Der Mann aber, der so gelassen sein Verstndnis fr die geheime Sehnsucht des dnischen Kriegsobersten bekundete, er sa dem Trunkenen auf einem derben Schemel gerade gegenber und hie Gottfried Michaelis oder im Volksmund Gdeke Michael. Wie er der einzige war von seinen Gefhrten, der zum Empfang der vornehmen Gste kein Prachtgewand angelegt, sondern gleichgltig das braune Lederwams seines Berufes trug, so hatte er auch bis jetzt in einem kargen, beobachtenden Schweigen verharrt. Keine Bewegung strte die Ruhe seiner breitbrstigen Gestalt, und in seinem ehernen, dsterblond umrahmten Antlitz zeigte sich weder Teilnahme noch Abwesenheit. Etwas streng Abgeschlossenes beherrschte diesen Menschen, und der Kanzler erriet sofort, da der Schweigsame nur seinen eigenen Gestirnen zu folgen gewohnt sei. Nun lste der Krftige die Verlegenheit auf eine ungeknstelte und natrliche Art. Ohne Mhe hob er die gewaltige Silberkanne, seinem Gegenber neuen Trunk einzugieen. Ihr habt recht, Herr, stimmte er dabei im Ton eines redlichen Zeugen zu. Welcher Fisch lernt auf sein Alter noch in Milch schwimmen? Als wir bei Wisby aufeinander stieen, da haben wir uns besser verstanden. _Ecco_, erwiderte der Totenschdel, ri seine Fischaugen auf, und eine schwefelnde Erinnerung berkam ihn, _diavolo barbuto_, damals, Herr, hab ich Euch eine Fracht Bier und zwei Last Weizen genommen. Gut -- gut -- Herr, freut mich, da Ihr endlich das Maul auseinander bringt. Wann treffen wir uns wieder, Herr? Schwankend streckte er dem Ledernen die Rechte ber den Tisch. Der schttelte sie ihm derb. Wartet, versicherte er kaltbltig. Die stillen Tage gehen vorber. Friede ist ein flchtig Wort. Wahr -- wahr, jammerte es vom unteren Ende der Tafel aus einer dumpfen, zerknirschten Kehle, und ein paar fleischige Hnde begannen die Perlen eines Rosenkranzes krampfhaft gegeneinander zu werfen. Friede halten nur die unschuldigen Engelein. Oh, du wonnige Jungfrau, oh, Ihr gebenedeiten Nothelfer, warum mute ich den frommen Bischof Tordo von Strangns nackt in den Schnee jagen? Oh, die Kreatur ist bse von Grund aus. Ein aufgeschwemmter, stiernackiger Graukopf war es, der so gewohnheitsmig seine angebliche Qual herleierte. Gemeinheit wohnte in seinen plumpen, verschwollenen Zgen, und seine leeren blauen Augen zwinkerten unter den struppig herabhngenden Haaren oft in scheuer Hochachtung zu seinen Genossen hinber, als wenn er nicht verstnde, wie er bei seiner Unbildung und Buerlichkeit unter die glnzenden Anfhrer geraten sei. Dies war auch schwer zu begreifen, denn Hauptmann Wichbold stellte nichts anderes vor als einen gewhnlichen Buschklepper, einen Strauchdieb, dem kein Verbrechen zu abschreckend, kein Diebstahl zu gering galt, vorausgesetzt, da er hinterher seine jammervolle Seele durch ein paar hundert Paternoster beruhigen konnte. Kunstgerecht schnitt er jede Kehle ab, indem er dabei seinem Schutzpatron gebhrenden Anteil gelobte. Darum wurde der wehleidige und zugleich heimtckische Patron von seinen Gefhrten und namentlich von den beiden Admiralen auch nur mit uerstem Widerstreben geduldet; allein der wste Mensch war ihnen nun einmal von dem groen Haufen gestellt worden, halb als Beobachter, weil die dunkle Masse den politischen Plnen ihrer Befehlshaber nicht vllig traute, und halb als Hemmnis und Bleigewicht, um die hochfliegenden Plne der Fhrer immer wieder auf sein eigenes erbrmliches Raubgelst zu erniedrigen. Schon seine Gegenwart gereichte den anderen, gerade wenn sie sich am hochgestimmtesten als Bildner einer neuen Weltordnung fhlen wollten, zur dsteren Mahnung, auf welchen Grundsteinen sie die Halle ihres Gerichts zu erbauen strebten. Oh, des Elends, heulte der aufgeschwemmte Wichbold noch einmal in seinen Becher hinein, die wir nicht Ruhe noch Gesetz halten knnen. Seine Kranzkugeln klapperten wie knirschende Zhne aufeinander. Bei alledem wurde dem Reichshofmeister himmelangst. Er hatte wohl die Einladung seiner Herrin berbracht und in allerlei seinen Andeutungen durchschimmern lassen, wie die Frstin namentlich an dem Besuch des Strtebecker Gefallen finden wrde. Allein bis jetzt hatte er weder von den anderen, noch von dem jungen Admiral irgendeine bindende Zusage erhalten, und allmhlich gewann der feinfhlige Alte den Eindruck, als ob sich die Befehlshaber dieser gewaltigen Seemacht von dem eben geschlossenen Frieden durchaus keinen besonderen Vorteil versprchen. Auch darber hinaus witterte er einen ihm noch verborgenen Widerstand gegen die Verhandlungsplne seiner Knigin. Hier galt es, den Zaudernden rasch und reizvoll glhende Zauberfrchte vor die Augen zu malen. Schmatzend, als ob er etwas Kstliches auf der Zunge spre, begann er von neuem zu schmeicheln: Die Knigin hat mit Wohlgefallen die groe Flotte der freien Beherrscher des Meeres betrachtet. Margretlein, lallte hier Kriegsoberst von Moltke besttigend dazwischen, der nach Art der Trunkenen sich zu strengster Deutlichkeit verpflichtet whnte. Als Antwort strich Gdeke Michael an seinem Lederwams herunter. Das freut uns, erwiderte er mit seiner undurchdringlichen Miene. Wir haben ihr zu Ehren ein Geschtz gelst. Sonst kommen wir, um Euren Gefangenen, den Knig Albrecht, abzuholen. Das war nun wieder ein anstig Kapitel. Gar zu leicht konnte die Erinnerung an den eben erst abgeschlossenen Waffengang aufleben, auch sonst schtzte der Kanzler keineswegs das Gedchtnis der sieben mageren Jahre im Turm zu Lindholm, deshalb zuckte er kaum merklich die Achsel und sprach mitleidig weiter: Wie gnne ich ihm seinen Ruhesitz in Mecklenburg. Der arme, schwache, redselige Mann. Ihn hat das schmerzlichste Los getroffen. Nicht einmal Euch, seine treuesten Freunde, konnte er belohnen. Wir brauchen ihn nicht, rief hier Claus Strtebecker frhlich, der bis dahin leicht zurckgelehnt all die vergeblichen Bemhungen des alten Fuchses mit seinem feinen, erkennenden Lcheln begleitet hatte. Bemht Euch auf das Verdeck der 'Agile', hochedler Herr, und Eure Erlaucht knnen leicht meine Mannschaft singen hren. Und der Admiral sang selbst: Die Schwarzflaggen laufen in Wind und Wettern, Sie stehen in keines Menschen Sold, Sie fahren aus auf Pech und Brettern Und kehren heim auf eitel Gold. Vortrefflich, auf eitel Gold -- freilich-- Das drre Gerippe stutzte. Es befremdete ihn hchlich, auch diesen jungen, von frstlichem Anstand geleiteten Seehelden so obenhin ber Raub und Brandschatzung urteilen zu hren. Denn seine nicht geringe Menschenkenntnis suchte hinter jener hohen, wetterleuchtenden Stirn noch eine andere, eine hhere Weltauffassung. Trotzdem ging er auf den leichtsinnigen Ton ein. Freilich, grinste er aus dem Gewirr seiner Furchen heraus, whrend er seinen Blick all die auffallende Pracht noch einmal kosten lie, man sieht's. Es verbirgt sich nicht. Nur schade, schnellte er einen bsen Pfeil mglichst harmlos hinterdrein, Eure Freibriefe erlschen mit dem geschlossenen Frieden. Unser Recht beruht nicht auf Schreibwerk, beharrte Gdeke Michael fest. Auf was sonst, wenn es Euch beliebt? griff der Drost diesmal schnell nach. Da loderte es auch in den schwarzen Augen des Strtebecker grell auf. Ein Windsto von Wildheit fuhr ber das eben noch so strahlende Antlitz. Es war, als ob ein Blitz in einen Garten geschlagen htte. Auf dem Unrecht der anderen, rief er hell. Wem gehrte die Stimme, die jedem Lauscher das Innerste erwhlte? Die Drommete eines fernen, hellseherisch verkndeten Gerichts schmetterte aus dieser Inbrunst. Und siehe da, die wenigen Worte klammerten sich wie ein Ring um den kleinen Kreis. Selbst der Trunkene horchte auf. Dem Kanzler aber wurde unheimlich. Das bengstigende Vorgefhl, in eine rtselhafte, noch nicht entschleierte Entwickelung geworfen zu sein, ergriff den Alten pltzlich, ja, seine aufgejagten Greisensinne wurden unvermutet durch die Vorstellung gepeinigt, er sei dazu verurteilt, wider seinen Willen das Brodeln des ehernen, von grauen Mchten gehteten Kessels zu belauschen, in dem Weltwenden und Vlkerschicksale gleich platzenden Blasen durcheinander tanzten. Nein, dazu war er schon zu alt, dergleichen mochten seine triefenden Augen nicht mehr schauen. Frstelnd schttelte sich das Gerippe und dankte Gott im stillen, als es zu bemerken glaubte, wie die Zge des jungen Admirals gleich darauf wieder von der alten Heiterkeit erhellt wurden. Seufzend und mit einem letzten Versuch zog der unermdliche Hofmann eine neue Saite auf seine vieltnige Geige. Ich will die Herren weder berreden noch bestimmen, sagte er, ganz als ehrlicher Freund und Berater, da sei Gott vor. Aber mein Herz bedrckt es gleichwohl, wenn ich ermesse, zu welch wertvollen Leistungen ein solch herrliches Werkzeug erkoren sein knnte, sobald es einem sicheren Gesetz oder einer anerkannten Macht dienstbar wre. Erspart Euch das, weigerte sich hier Gdeke Michael streng, und aus seinen eisenblauen Augen traf den Alten ein finsterer Blick. Wir folgen trotz alledem einem Gesetz. Einem so unerbittlichen, da Ihr die einzelnen Artikel nicht ertragen wrdet. Der Drost nickte wehleidig. Mag sein, redete er halb in Angst und doch von seiner Aufgabe beherrscht weiter, allein die Umwelt und die gewordenen Verhltnisse, auf denen allein ein gutes Gewissen sorgenlos ruhen kann-- Alter Herr, sang Euch die Amme dies spaige Mrchen? scho das blonde Zwerglein bissig dazwischen. Mhsam berhrte der Drost auch diesen Einwurf, um unter immer strkerem Unbehagen fortzufahren: Ihr werdet nicht leugnen, das Bestehende kann sich in Eure Sitten nicht recht hineindenken. Dazu hngt es zu fest an erprobten alten Geboten, die ihm allerlei Unersetzliches verbrgen. Der junge Admiral schnitt mit der Hand durch die Luft. Erbe und Besitz, Truhenschatz und Pergamentvorrechte, adlige Bettpaarung und Gotteswort fr die Armen, half er mit seiner verwirrenden Liebenswrdigkeit ein. Davon wollt Ihr sprechen, nicht wahr? Es klang beinahe gutmtig. Das auch -- gewi -- das ist fr den Brger der Ausgangspunkt vieles Guten. Allein ich dachte auch an etwas Hheres. Verzeiht mir -- aber wie schwer mu auf euch allein des heiligen Vaters Fluch und Bann drcken!? Noch war das Bedenken nicht ganz erhoben, als der Kanzler sich auch schon vllig verstndnislos umblicken mute. Ein schallendes Gelchter wlzte sich um die Tafel, und nur der dicke Wichbold schlug weinend vor Gram und Trunk seine fleischigen Hnde zusammen, dazu sthnend: Oh, ihr vermaledeites, heilloses Volk -- lacht nicht, lacht nicht ber Pein und Fegefeuer! Warum mute ich den Bischof Tordo von Strangns an den Seen von Stockholm niederwerfen? Bis aufs Hemd hab' ich den heiligen Mann ausgezogen. Ein kostbar seiden Hemd, wie es die Frauen tragen! Und jetzt, alter Mann, jetzt verzehrt der Frost meine eigene Seele. Ich klappere mitten im Sonnenschein, denn ich allein bin schuld, da sich uns keine Kirchentr mehr ffnet. Ach, ich verirrte, armselige Kreatur, ich! Sein dickes Heulen und Schmatzen verlor sich in dem Schlund des Bechers. Voller Abscheu, verchtlich sprang der junge Admiral zur Hhe. Aber noch immer wetterte ein Abglanz des wilden Lachens um seinen feinen Mund. Habt Nachsicht, entschuldigte er sich endlich vor seinem verblfften Gast und schlang den Arm gefllig um eine der Fackelstandarten. Ich wei, ich htte mir eher die Zunge abbeien mssen, als solch einen verehrten Gnner durch unziemliches Lachen zu verletzen. Doch Ihr konntet nicht wissen, da fr uns gerade der rmische Baalspfaffe zu jenen betrglichen Gauklern gehrt, in deren dunklen, die Welt verngstigenden Nebel wir unser rotes Fackellicht stoen wollen. Alter Mann, sei ehrlich -- meinst du wirklich, Vllerei, Lakenspe, Mord, mterschacher und das durch Seelenverngstigung erlistete Scherflein der Witwe berechtigten zu dem schwindelnden Anspruch auf Priestervergottung? He, da seid Ihr gerade unter die Henker solch alter Lgen geraten. Er rttelte an dem Schaft der Laterne, und seine breite Brust dehnte sich unter der rotseidenen Hlle, als er heftig hervorstie: Ist's noch nicht genug, an der mden Schwchlingslehre selbst? Unsere Schuld und Fehle, das Eigenste, Heimlichste der Kreatur, einem anderen aufbrden, nicht wahr, so gefllt's Euch? Das nenne ich mir gar eine tapfere Kunst. Geht, seid Ihr fromm, warum sucht Ihr nicht Euren noch immer unbekannten Gott? Vielleicht, da er Euch eines Tages begegne. Mitten in einer Sauferei oder im Bett einer Hure. Aber was tut Ihr? Ihr schlagt mit Keulen nach dem Geist, der von ihm strmt, weil er sich berall gegen Euch auflehnt. Geht -- geht, faulende Grber, geschminkte Heuchler. Claus Strtebecker wandte sich und schritt hochaufgerichtet durch den weiten Raum, bis dahin, wo an der getfelten Wandung bereits dunkle Schatten auf und nieder schwebten. Leicht konnte man meinen, da der Gastgeber hiermit die Tafel aufhbe. So fate es wenigstens der dnische Reichshofmeister auf. Der Unterkiefer war ihm herabgesunken, der alte Mann konnte sein Staunen ber die emprerische Khnheit der eben vernommenen Ansichten noch immer nicht migen. Zwar dachten zu jener Zeit viele erleuchtete Kpfe hnlich, aber der Aufruhr wagte sich gegen die feile Kirche vorerst nur in den Studierstuben hervor. Langsam schob der Drost seinen Stuhl vom Tisch und raffte seine lange Gestalt in die Hhe. Niederdrckend beschlich ihn dabei der rger, und er hing ihm frmlich an seinen schlaffen Wangen nieder, weil ihm, auf die ehrende Einladung seiner Frstin, keine freundlichere Bereitwilligkeit gezeigt worden war. Ja, da er im Grunde kaum mit halben Worten abgespeist, gleich einem aufdringlichen Zwischentrger wieder ans Land zurckgeschickt wrde. Jedoch -- um alles -- nichts zeigen, nichts merken lassen. Auf seinen Wink hing ihm ein aufwartender Bursche seinen schwarzen Mantel um, und nachdem von dem Buben auch noch der Kriegsoberst Konrad von Moltke seinem Schemel entrissen war, was freilich nicht ohne allerlei Faustschlge ablief, da schickte sich der drre Drost uerlich unverndert, zu innerst jedoch verletzt und beleidigt, zum endgltigen Abschied an. Habt Dank, knickte er gegen die schweigende Runde zusammen, obwohl sein Blick noch immer die abgewandte Gestalt des jungen Admirals suchte. Ihr habt uns aufgenommen, wie es eurer Macht und eurem Wohlstand geziemt. Mein Zweck, euch kennen zu lernen, ihr Herren, ist damit erfllt. Auch werde ich reinen Mund halten ber das, was ihr mir des Frderen ber eure Feindschaften und Widersetzlichkeit enthllt. Zudem, ich bin ein guter Christ und habe die gefhrlichen Schwarmschriften des Oxforder Professors[*] nicht so grndlich studiert wie ihr-- [*] Wiklif, ein Vorlufer von Hus und Luther. He, hochedler Herr, sumt noch, ich zeigte Euch gern lieblichere Schreibereien, unterbrach aus der fernen Ecke die lachende Stimme des Admirals. Und ohne sich an die Einwilligung seines Gastes zu kehren, schleuderte der schlanke Befehlshaber mutwillig aus einer gerumigen Truhe ein mit Leder und bunten Steinen besetztes Buch nach dem anderen auf den Teppich. Seht, wrzigstes, rmisches Gewchs. Ihr mt wissen, ich ward der Erbe des Bischofs von Strangns, den unser lieber Genosse so trostlos beweint, obwohl er ein Wucherer und Leuteschinder war. Und was las die demtige Stola? Ein guter samthutiger Geschmack, kann ich Euch versichern. Hier, Liebeslieder des Petrarca an Donna Laura. Ein vollbusiges, olivfarbenes Weib, Euer Erlaucht. Etwas fr stille, verschwiegene Leute. Und dort noch besser -- Geschichten des Boccaccio an Fiametta. Oh, geniet das, da knistern alle Bettpfosten, da fliegen Euch die Frauenzimmer scharenweise in die krachenden Arme, da speien die Ehestuben und Gesindekammern ihre Kstlichkeiten aus. Und die Mnchskutten flattern dazu im Takt. Nehmt, nehmt, Herr -- dieser Deckel sei mein Gastgeschenk. Ihr mt Euch darin unterrichten, denn Ihr seid der Dienstmann einer Frau. Versteint, sprachlos stand der Drost, seine triefenden Augen wlbten sich vor Angst und quollen ihm aus den Hhlen, da er die Schrift sich gewaltsam in die Finger gedrckt fhlte. Der Admiral aber legte ihm sanft die Hand auf die Schulter, blitzte ihn mit seinen schwarzen Augen an und sagte trstlich: Haltet mich nicht fr verwirrt, hochedler Herr, ich wollte Euch nur weisen, wie wir schweifenden Leute auch die Strmungen auf dem Lande kennen. So mag ich Euch auch nicht lnger ngsten. Meldet mithin Margareta meine Ehrfurcht, und morgen nach der Messe will ich vor ihr erscheinen. Und bedeutsam und pltzlich in eine andere bisher sorgsam verschleierte Gedankenwelt zurcktauchend, setzte der Admiral geschlossenen Auges hinzu: Gebe ihr Stern, da sie mich verstehe. Er wachte auf, blickte wie erstaunt auf seine lauernden Gefhrten, wechselte den Ton und rief laut: Gehabt Euch wohl, hochedler Herr, und sorgt nicht um Euren Abzug. Den Kriegsobersten lasse ich die Treppe hinauftragen. II. Das Glckchen der Kapelle lutete noch sacht, da knarrte das Tor in der roten Schlomauer, und ber den hlzernen Pfad der Brcke bewegte sich ein Zug von unerhrter, einzigartiger Pracht. Drauen vor den Wllen blieb ein dichter Schwarm zusammengelaufenen Volkes zurck, der winkte dem einziehenden Freibeuterfrsten mit Tchern und hocherhobenen Hnden unermdlich seine Gre nach. Denn das arme Volk liebte jene streifenden Gesellen, von denen es um billigen Preis Lebensmittel, Kleidung und Zierat aus fremden Lndern einhandelte. Und es billigte auch das seltsame Freigericht der Seefahrer, weil der bermut seiner Groen davor zitterte. In einer rechtlosen Zeit bildeten diese Urteile ein letztes mrchenhaftes Wunder, beinahe wie die Trstungen der Religion. Im Schlohof glitzerte es. Den Sonnenstrahlen sprangen Lichtfunken aus einem Goldharnisch entgegen. Kein rechtmiger Vlkerhirt, noch weniger ein Untertan hatte jemals in solchem, an Wahnwitz streifenden Glanz diese Sttte betreten. Hinter ihrem Fenster beugte sich Knigin Margareta vor. Obschon sie bereit war, etwas Auerordentliches zu erleben, so lieen die Schnheit des wilden Prunkes sowie die ragende Wrde und die schlanke Stattlichkeit des bestaunten Besuchers ihre Spottlust zuvrderst verstummen. Langsam und wie um einen dort hngenden Traum abzustreifen, fuhr sich die Frau ber die ganz von Licht und Blitz erfllten Augen, und ihre Stimme klang weniger klar als sonst, da sie sich zu ihrer mdchenhaften Gefhrtin kehrte, die allein mit ihr den engen Raum des Arbeitszimmers teilte. Es war die einzige Hofdame, die die Frstin sich ebenbrtig whnte, denn Grfin Linda von Ingerland entstammte einem norwegischen Urgeschlecht, von dem schon die Lieder der Edda sangen. Gott Thor selbst hatte ihrer Sippe einen roten Hammer als Zeichen seiner Gunst in die Schwelle geschlagen. Sieh dort, meine Tochter, wies die Regentin unsicher, und es schien, als ob sie sich durch Menschenworte selbst zur Besinnung bringen mchte, der kurze purpurblaue Waffenrock. Wie er von Gold starrt! Und welche Knigsgestalt, zgerte sie weiter. Ich sah nur einmal einen Mann in gleicher Rstung, Knig Wenzel zu Prag. Aber der war kurz und dick, besann sich ihr abschtzendes Urteil sofort. Doch das blonde Mdchen wurde von keiner Neugier erregt. Frostig, abweisend griff es nach einem langen schwarzen Kreuz, das ber seiner weien Gewandung nonnenhaft herabhing. Die Bewegung schien geeignet, einen nahenden Spuk zu vertreiben. Was kmmert es uns, entgegnete sie, wie eingehllt in das starre Leichenhemd einer Heiligen, woher der unselige Mensch seinen Schmuck geraubt hat? Nicht so. Die Frstin hob ihr kluges Haupt. Sie war nicht lnger einverstanden mit dieser herben Verurteilung, seit ihr mannslsterner Blick auf dem strahlenden und blitzenden Seefahrer dort unten geruht. Jener kam vielleicht, um ihre Macht zu mehren, und dann war es in ihre Hand gegeben, Snde in Tugend, Verbrechen in Staatsnotwendigkeit zu kehren. Nicht so, mein liebes Kind, belehrte sie nachdenklich, jedoch mit ihrem gtigen Lcheln, dein frommer Abscheu fhrt dich zu weit. berhaupt, gib acht, da sich deine Himmelssehnsucht mehr mit Demut nach unten mische. Die Frstin hatte vielleicht schon vergessen, was sie eben geuert, denn ihre ganze Aufmerksamkeit war auf drei riesige Matrosen gerichtet, die hinter ihrem Gebieter eine breite, ganz in einen Teppich gehllte Tafel auf ihren Schultern schleppten. Womglich ein Gastgeschenk, riet Margareta zwischen Spott und Begierde. ber die Wangen ihrer Dame jedoch hatte der Vorwurf eine flchtige Rte gejagt. Du tust mir Unrecht, Knigin, verteidigte sie sich in stolzer Haltung, mein Sinn steht, wie du weit, nach dem Kloster. Das Erdenleid mit seinem Weh und seiner Ungerechtigkeit jagt mich von hinnen. Auf den Treppen knirschten Tritte. Das leise Klingen einer Rstung zitterte hindurch. Gut -- gut, wandte sich Margareta hastig zurck und strich prfend an ihrem engen grnen Kleid herunter, darber, meine Linda, sprechen wir, wenn du mannbar geworden. Und jetzt -- ich will dir nicht zumuten, eine Luft mit einem von dir Verachteten zu atmen. Du bleibst nur bis zu seinem Eintritt, damit ich nicht unbegleitet erscheine. Dann -- sie lehnte sich erwartend an den Tisch -- will ich allein sein, und niemand soll unsere Zwiesprach stren. Verstummt verneigte sich die Hofdame. Der Vorhang teilte sich, und ein blauberockter Wppner trat ein. Breitbeinig meldete er: Nikolaus Strtebecker, Knigin, bittet um deine Gunst. Er nennt sich Admiral und Mehrer des Rechts. Eine Sekunde wollte ein bitteres Lcheln um den breiten Mund der Regentin fliegen, fast verlegen streifte sie die unbewegliche Gestalt ihrer Hofdame, dann jedoch entschnrten sich ihre Brauen, und herablassend nickte sie: Er ist willkommen. Gleich darauf stand der Admiral den beiden Frauen gegenber. Ein Goldschimmer ging von ihm aus, ein Hauch von Jugend und Khnheit umspielte den Hochaufgerichteten, und in dem dumpfen Gemach verbreitete sich etwas von der Freiheit und Majestt des Meeres. Unwillkrlich verlor die Knigin das Gezwungene ihrer angenommenen Herrschergebrde, sie mute sich jetzt wirklich krftig auf den Tisch sttzen, denn ihr war, als sei noch niemals ein solch Ungebrochener, deutlich von einem sichtbaren Stern Geleiteter vor sie getreten. Wortlos, ohne Zeichen, ohne Gru fuhr sie fort, ihren Gast, der sie mit seinen braunen Locken weit ber ein Haupt berragte, zu betrachten, seinen purpurblauen, von den Hften an abgeschrgten Waffenrock, die goldgestickten Lwen darauf und den hohen Goldhelm in seiner Rechten, und erst, als sich der Admiral leicht und mit natrlicher Ehrfurcht vor ihr verneigte, gewann ihr breiter Mund das ihm gelufige Lcheln zurck. Halb abwehrend holte sie aus sich heraus: Du bist willkommen, Nikolaus Strtebecker. Vllig war ihr dabei entglitten, da sie diesen gefhrlichen Freibeuter als Admiral anreden wollte, auch verga sie, ihm nach ihrer Absicht gndig die Hand zu reichen, so rckhaltlos war sie von einem kindlichen Staunen erfllt. Nur eines bemerkte sie mit den unfehlbaren Sinnen der Frau, da nmlich ihre Hofdame, die sich nach der Verabredung jetzt entfernen sollte, ungehorsam oder gezwungen mit ihrem weien, hochmtigen Antlitz an ihrem Platz verharrte. Das blonde Mdchen hatte das schwarze Kreuz fest an ihre Brust gedrckt wie zur Gegenwehr gegen eine bse und sndhafte Macht. Allein auch Margareta hatte noch immer nicht das Bewutsein ihrer Erdenhoheit zurckerlangt, sondern sie stand befriedigt als Zuschauerin eines nicht alltglichen Schauspiels. Inzwischen waren die so ungleichen Frauen auch von dem Admiral gemustert worden. Ein kurzer, scharfer, durchaus nicht verschmter Blick hatte das blonde Frulein abgeschtzt, der Blick eines bermtigen, der eine Ware rasch und ohne Umstnde einzuhandeln gewohnt ist. Lnger und prfender blieben die dunklen Augen an der Frstin hngen. Alles ohne knechtische Demut, sondern wie der Trger eines neuen, die Welt verndernden Gesetzes. Als aber die Stille beharrlich anhielt, da regte sich der Seefahrer entschlossen, so da die langen Sporen an seinen goldgeringelten Schuhen einen scharfen Ton gaben. Ohne Erlaubnis abzuwarten, erteilte er seinen Dienern, die noch unter dem Vorhang harrten, einen gebieterischen Wink. Sofort wurde die noch verhllte Tafel an eine leere Wand des Zimmers gelehnt. Dann verschwanden die Trger. Erhabene Frau, begann nun der Strtebecker mit einer so hellen, schmeichelnden Wrme, da es Margareta vorkam, als wenn die umgebende Luft ihren Hals mit weichen Hnden zu streicheln anhbe. Wohlig berlie sich die Frau jenem ungewohnten Schauer, Grfin Linda jedoch schreckte zusammen, und ihre Zge nahmen pltzlich den Ausdruck einer bestrzten Feindseligkeit an. Erhabene Frau, erklrte der Gast leicht gegen die Tafel weisend, wer wagte ohne Frsprach noch Geleit vor eine Frstin zu treten, die von dem bewundernden Urteil ihrer Zeit die 'Semiramis des Nordens' genannt wird? Aber, oh Knigin, mein Geleitsmann spricht nicht so laut und vernehmlich zu den Gekrnten als vielmehr sanft und bittend zu denen, die warmen, mitleidsvollen Herzens sind, und besonders zu euch, ihr milden, erbarmenden Frauen. Schau her, du kennst ihn. Ein rascher Griff in den Teppich, die Hlle fiel. War es ein Ausruf des Staunens oder des gottseligen Entzckens, der den beiden berraschten das Herz sprengte? Vor ihnen, in einen geschnitzten Spitzbogen eingefat, milde aus einer ppigen Goldwand herausgewachsen, da hing der Erlser an seinem Kreuz. Und unter der leicht geneigten Stirn suchten zwei tiefe schwarze Augen weit ber die gemalten Zeugen, aber auch ber die lebenden Beschauer hinweg ernst und dringend nach etwas Unauffindbarem! Die Augen wurden grer und ffneten sich immer weiter, je lnger man ihre Frage aushielt. Rechts von dem Pfahl kniete eine Schar anbetender Mnche in faltenreichen, bla leuchtenden Kutten. Jeder den Heiligenschein um das inbrnstige Haupt. Die gttliche Mutter kauerte vor dem Marterholz, sie hielt das Fubrett umklammert und drckte ihre Lippen, unsgliches Leid verkndend, auf die blutigen Male. Auf der linken Seite trauerten die Jnger, angetan mit lichten blauen und roten Gewndern, und den Heiland selbst umschwebten in dem Goldhimmel kindliche Engelsgestalten, deren Leiber der Maler, um das Unirdische anzudeuten, von der Mitte an in Rauch und Wolken aufgelst hatte. So aufreizend und betrend wirkte das Ganze, da die Frauen ein haltloses Zittern befiel. Zum ersten Mal durchschlug jene nordischen Menschen das Wunder der Kunst, denn statt der gewohnten leblosen Gliederpuppen offenbarte sich ihnen Sterbliches und Gttliches, eingetaucht in die Qual und das Heilige des Alltags. Und diese Erhabenheit spendete ein Seeruber? Die Knigin wankte. Sie war leichenbla geworden. Die mahnenden Augen hatten ihr Herz geffnet, und in ihrem wallenden Blut brannte die Frage weiter, die der Menschensohn dort vom Kreuz in aller Einfalt an sie richtete: Glaubst du mir wirklich? Wer? -- Wer hat das geschaffen? stammelte die Regentin und warf, wie abwehrend, die Hnde vor. Aufmerksam stand der Admiral neben der Tafel. Auch ihn erregte das strmische Drngen des Knstlers nach Wahrheit und Beseelung. Aber er war mit dem Eindruck zufrieden. Mit einer bezeichnenden Handbewegung erwiderte er: Du siehst, oh Knigin, dies hat ein aufrhrerischer Geist gebildet. Meister Giotto di Bondone zu Florenz, der sich auch nicht um altberlieferte Satzungen scherte, sondern das Stckwerk und die Stmperei aller menschlichen Dinge kannte. Wo schaust du hier selige Verheiung? Verheien ist uns allein Qual und Selbstbefreiung. Dort nur winkt unsere Auferstehung, Knigin. Und erkennend, da er bei der groen Bestrzung, die er erregte, noch mehr wagen knne, setzte er mit bewuter Grausamkeit hinzu: Du sollst wissen, ich selbst nahm dieses Bild aus einem sienesischen Kirchlein, das mir das dankbare italische Landvolk ffnete. Langsam lie Margareta bei diesem Gestndnis ihre Hand sinken. Sie starrte den khnen Sprecher an. Alles um sie herum war ihr verwirrt. Pltzlich jedoch berraschte sie die Scham, weil ihr Niederbruch auch von einem anderen Weibe erlebt wrde. Und von diesen widerspruchsvollen Empfindungen bestrmt, kehrte sie sich heftig gegen ihre Begleiterin. Verdeckt und erzrnt klang, was sie vorbrachte. Was ist das? Seid Ihr noch da, Grfin? Wir danken Euch. Aber nunmehr bedrfen wir Eures Beistandes nicht lnger. Ihr seid beurlaubt. Und mit einer hfischen Handbewegung sprach sie die Entlassung aus. Seltsam, in der stolzen Edelingstochter bumte sich kein Widerspruch gegen die ungewohnte Behandlung. Ja, sie schien den Tadel kaum zu begreifen. Und doch -- hinter der ruhigen weien Stirn regte es sich um so wirbelnder, in den groen blauen Augen erfror ein offenes Grauen, denn das letzte, woran sich diese Einsame klammerte, drohte zusammenzustrzen. Wie? Ein Unseliger, Gechteter, tausendfach Gebrandmarkter bekannte hier frechen Tempelraub, und er stand doch in Gold und Seide gehllt, bermtig und herrisch und dazu verwhnt und gekost von den huldvollen Blicken einer Frstin? Die wunderreinste Offenbarung wurde durch beschmutzte Hnde gespendet, und zugleich das Tiefste und Ewigste der Lehre von grausamer Verachtung erschlagen? Die Verheiung wurde vom Himmel gezerrt, der letzte Trost aller Verlassenen? Nimmermehr -- das durften aufrechte Bekenner nicht dulden. Aus der Bahn gerissen, jedoch noch bis zuletzt bestrebt, ihre gefate, ablehnende Haltung zu wahren, so schritt das frierende Geschpf nach einer Verneigung dem Vorhang zu. Indes ihre Prfung war noch nicht erschpft, noch rger sollte sie versucht werden. Ihr mute es ein bser Blick angetan haben, denn unvermutet schlug es in sie ein, als ob die schwarzen, feurigen, ergrndenden Gtteraugen ganz in der Nhe auf ihr ruhten. Sie waren da, sie drngten sich an sie. Ihr weies Gewand fhlte sich von ihnen durchbrochen, ihr Krper von ihnen angetastet, und jetzt, jetzt merkte es die Aufgestrte erst, der Mann in dem blauen Frstenrock, der Seeruber, der Gesetzesverchter, in ihm leuchteten jene heilig-unheiligen Erdensohnaugen nur schamlos und gemein auf sie nieder. Da verkmmerte ihre Selbstbeherrschung, verwundet raffte sie ihre lange Gewandung an sich, brach durch den Vorhang und stand jenseits der Schwelle, sich selbst unbekannt und entfremdet. Geheime Vorstze gewannen Macht ber ihr Denken. Auch sie glich einem geraubten Heiligenbild. Der Vorhang zitterte in ihrer sttzenden, entschlulosen Hand. * * * * * Jetzt sind wir allein, sprach Margareta bedeutungsvoll, und darum la mich dein Geschenk verehren. Demtig kniete sie nieder und versank vor der Tafel in ein unhrbar Gebet. Die schmiegsamen grnen Linien des Weibes lagen vor dem Bild hingegossen wie frischer, wlbiger Rasen. So sehr hatte die Menschenkennerin ihre Beherrschung wiedergewonnen, da selbst der scharfsichtige junge Admiral zweifeln konnte, ob sich hier Echtes uere oder der gewohnte Drang zur Darstellung. Allein um die Lippen des Seefahrers regte sich doch ein verborgenes Lcheln. Die Knigin mute es ahnen, denn sie erhob sich rasch. Ich danke dir, Admiral, sagte sie herzlich und reichte ihrem Besucher die Hand. Es war eine weiche, bannende Frauenhand, und in der Umspannung bebten die starken Krfte des Willens und der Unterjochung. Der Strtebecker aber stand frhlich vor ihr, ungebrochen und sie um ein Haupt berragend. Da erkannte Margareta mit Bedauern, da es Zeit sei, diesem Willensmchtigen vorerst kleinliche Gelste zu opfern. Voll Wrde und mit einer freien Anmut lie sie sich auf ihrem hohen Sitz nieder. Ihr scharfes Antlitz nahm dabei etwas Festliches an. Setzen wir uns, forderte sie, auch du, Nikolaus Strtebecker, la dich nieder. Hier, neben mir. Und dann will ich dir verknden, warum sich meine Gedanken schon lange mit dir beschftigten. Allein Claus Strtebecker rhrte sich nicht. Unanfechtbar sicher klang es von dem Aufgerichteten zurck: Ich kenne deine Gedanken, Knigin. Und du brauchst mir nichts zu verknden. Was war das? Margareta zuckte getroffen zusammen. Was weit du von mir? herrschte sie den Mann an, der sie so mhelos entgttlichen wollte. Unerschrocken und seinen dunklen Blick fest in den ihren verstrickt, entgegnete der Admiral: Ich wei, da du ein Reich in Not und Kummer zusammengerafft hast. Aber auch der Dieb, der ber die Mauer steigt, erduldet Schmerz und Plage. Jetzt willst du herrschen, wie vor dir zahllose deinesgleichen, Berufene und Unberufene, ihre Gewalt zrtlich hegten. Und deshalb mut du deine Krone tglich waschen mit Gotteswort, mit dem Schwei der Namenlosen, mit List, Trnen und Blut, damit sie den Deinen die Augen blende. Was wagst du? hauchte das Weib. Nichts wage ich, denn weil du dich unaufhrlich selbst krnen mut, so liegt es dir ob, jeden glnzenden Stein von der Strae in dein Diadem aufzulesen. Und solch ein Stein bin ich. Eine Pause entstand, verstrt klammerte sich die Regentin an beide Armlehnen, und es war fast, als versuchte sie, ihren Leib rchend gegen ihren Bedrnger emporzurichten. Noch war es ihr unentschieden, ob sie Strafe oder Verachtung gegen das Niegehrte aufbieten sollte. Und sie selbst erschrak, als ihr aus dem tosenden Wirbel zuerst nichts als die bangsam demtige Klage aufstieg: Mann, siehst du nicht, da ich ein Weib bin? Noch nie stand ein solch Ehrfurchtloser vor mir. Ich wei nicht, was mich abhlt, dich zu zchtigen. Ich aber wei es, sagte jetzt der Strtebecker, jeden Widerspruch dmpfend, indem er auf sie zuschritt. Die Sporen an seinen Ringelschuhen wisperten und kicherten aufreizend mit. Verstell dich nicht, Frstin. Dich lhmt zur Stunde der volle Aufruhr deines Herzens. Zum erstenmal blickst du hinber aus dem blutigen, waffenstarrenden Ring deines vermeintlichen Rechtes, in den bereits heranschwellenden Kreis der angeblich Rechtlosen. Dort herrschst du, hier gebiete ich. Tausende verbluten und verrcheln unter deinem Urteil, da sie deinen Erwartungen oder deinem Nutzen nicht entsprechen. Aber schau dafr auch meine Fuste. Sie dampfen vom Blute gerade deiner Ergebensten, weil sie es sind, die wiederum meinen Hoffnungen ein Hindernis bereiten. Wer von uns beiden ist der beltter? Willst du es entscheiden? Du mchtest deinen Herrgott am Barte fr dich aus den Wolken zerren! Vergebens, denn dein Gott hat zahllose Male die Emprer gesegnet. Dort der Gekreuzigte, an den du dich angstvoll drngst, war er nicht der Aufrhrer frchterlichster? Und du willst entscheiden? Du, deren verstopftes Ohr nicht einmal vernimmt, wie unter der dnnen Decke deiner Fe bereits Tausende meiner Stimmen schreien und heulen und winseln? Schonungslos fllte der helle Klang den engen Raum, die Glut einer verzehrenden berzeugung wehte das halbbetubte Weib an, alle ihre Gedanken wandten sich zur Flucht vor dem frchterlichen Eroberer, der mit Ruberfusten an ihr bisher so geschontes Bewutsein hmmerte. Aber -- oh Wunder -- gerade aus ihrer natrlichen Todesangst, aus der Furcht vor persnlicher Vernichtung oder Schmach, da erhob sich wie der weie Felsen aus dem berschumenden Gischt das Eigenste dieser Frau, das Gefhl ihrer kniglichen Einsamkeit. Und gewohnt, jede Hilfe, jede Rettung aus ihrer herrschschtigen Seele zu holen, berrauschte sie ein Schauer widerspruchsvollen Ergtzens an der nahen Gefahr. Wie von ungefhr versprte sie sogar das Lockende jener gewaltttigen, grausamen Mnnlichkeit. Nur eines glitt an ihr vorber, und dies war gerade das Neue, das sie aufgefangen, das dumpfe Brausen der dunklen, wilden Gestalten, die der seltsame Mensch eben vor ihr beschworen. In dumpfem Murren erstarb ihr der unheimliche Laut hinter einem wohlverwahrten, eisernen Tor, zu dem ihr jeder Schlssel fehlte. Aber stattlich richtete sie sich auf, bis sie in voller Hhe von ihrem Herrensitz ragte. Als sie den Arm ausstreckte, blitzten die goldenen Schnre im Sonnenschein bis auf den Boden. Nimm dich in acht! warnte sie schneidend und zugleich griff ihre sinkende Hand nach einem winzigen Hmmerchen. Besinn dich, wo du stehst. Ein Schlag auf diese Platte, und meine Gewappneten wrden dich lehren, wer von uns beiden im Namen des Ewigen richten darf. Da stie der Strtebecker ein kurzes herausforderndes Lachen aus. Weit du kein anderes Lied? zuckte er geringschtzig die Achseln. Komm zu mir auf die Agile, und es wrde dir vielleicht nicht anders entgegenschallen. Aber -- und er schlug wuchtig auf seine Brust -- diesmal wird es nicht gesungen. Woraus schliet du das? Es geschieht mir nichts, Knigin, beharrte der Seemann unabnderlich, denn ich war nicht so tricht, dir mehr zu trauen als meiner Gewalt. Bedeutsam wies er nach dem Fenster. Margareta folgte der Bewegung, und fern auf der Reede schwollen ihr die schwarzen Rmpfe der Freibeuterkoggen entgegen, und da sie diese schrfer betrachtete, fielen der Argwhnischen mehrere dunkle Riesenaugen auf, die drohend und lauernd zu ihr herberstarrten. Der Admiral lchelte eigentmlich, da versuchte auch die Regentin ein gleiches Zeichen der Gemtsruhe zu geben, obwohl ihr die Heiterkeit nur wie ein bleierner Schein um die Lippen irrte. Und doch -- dort drauen diese schlanken Masten, sie waren es ja, an denen all ihr Ehrgeiz hing. ber die schaukelnden Planken dort konnte sie stolz und sieghaft, beneidet und bewundert ins Weite schreiten, durch die Jahrhunderte und an ferne Ksten. Und gezogen von ihrer eigenen Leidenschaft lief das Weib fast willenlos an den Ausguck. Als sie sich zurckwandte, da flimmerte mit einem Male wieder das ganze Netzwerk ihrer seeleneinfangenden Knste in ihren scharfen Zgen. Und ihre groen rostbraunen Augen dmmerten dazu fraulich und verzeihend. Wunderlicher Mann, stellte sie sich dicht vor ihren Gast und sie legte ihm leicht die Hand auf die Brust, als wenn sie das strmische Herz darunter besnftigen msse. Was streiten wir uns? Da du meine Absichten kennst, so nenne deinen Preis. Und bei meiner Ehre, ich will weder knausern noch feilschen. Denn, Claus Strtebecker, obschon du mir unsanft genug in meinen Frstenzierat fuhrst -- ich finde dennoch Wohlgefallen an dir und deiner brausenden Art. Und ich bin keine Undankbare! Sanft schmiegte die Frau auch noch die andere Hand auf die Goldlwen des blauen Wappenrockes, und es gefiel ihr, wie der mchtige Atemzug des Seefahrers ihre Finger gleiten und schwellen lie. Eine kurze Weile betrachteten beide einander, keiner dieser Stolzen betroffen oder bedrckt ber die groe Nhe ihrer Leiber. Aber whrend das Weib allmhlich mit lebhaften Nstern den kecken Sturm des Fremden einzuatmen begann, da streifte ihr Gegner jede Lust nach Abenteuer und Rausch fast vollstndig von sich. Gerade das berlegene Wesen der Frstin, ihre herablassenden Augen und dabei doch das verstohlene Spiel ihrer Hnde belehrten ihn, da er gekommen sei, um ihre hochmtige, ungerechte Welt aus den Angeln zu stoen. Und kaum gedacht, gab es schon kein Zaudern mehr fr den Entschlossenen. Noch einen halben Schritt machte er auf sie zu, und so nahe hingen sie nun zusammen, als ob sie sich umfangen oder einander das Verborgenste zuflstern wollten. Erwartend, verschmitzt hob Margareta das Haupt. Knigin, stie pltzlich der Strtebecker strmisch heraus, und auf seinen dunklen Wangen brannte die Erregung des Augenblicks. Eine ungeheure Erwartung hatte ihn gepackt, ein wildes Sehnen nach Angriff. Du fragst nach meinem Preis?! Erwarte nichts Geringes, dich selbst verlange ich mit Leib und Leben! Margareta wich nicht, denn sie war ja auf etwas hnliches gefat. Genieend schlo sie die Augen, und es war fast, als ob sie leise genickt htte. Das Wste und Tolle dieser Werbung bestrkte sie nur in dem sie umspinnenden Miverstndnis. Verdinge dich mir, verhie sie mit ihrer glatten, berredenden Anmut, und zugleich griff sie zum Zeichen des Bndnisses nach der behandschuhten Rechten des Mannes, verdinge dich mir mit deinen Schiffen, deinen Lederschlangen und all deinen Gesellen, und welcher deiner Wnsche sollte dir unerfllt bleiben? Und da sie zu spren glaubte, wie die Finger ihres Gefhrten schwer und nicht so willfhrig, wie sie erwartet, in den ihren ruhten, lockte sie heibltiger weiter: Gib dich mir, Nikolaus Strtebecker, und sieh, ich will die Rechtlosigkeit, die dich qult, von dir und den Deinen nehmen, keines Richters Hand soll deine Taten nachblttern drfen, und dich selbst will ich stellen als Dnemarks Seeobersten auf die erste Stufe meines Thrones. Graf von Gotland sollst du heien, und es soll mir keiner nher sein als du -- keiner! Das gengt mir nicht, sagte der Seemann dumpf, und mit einer harten Bewegung setzte er hinzu, noch ahnst du nicht, Knigin, da ich nichts fr mich selbst fordere. Nichts fr dich? wiederholte Margareta enttuscht, und ohne Begreifen stach ihr scharfer Blick von nun an in dem drohend schwrmerischen Antlitz ihres Gastes umher. In schroffem bergang fing der wilde Mensch wieder an, ihr unheimlich zu werden. So nenne deine Bedingungen, rief sie beleidigt, whrend sie ihm ihre Hand entzog. Bei solchem Handel gelten keine Geheimnisse. Der Strtebecker aber reckte sich, und mit ausgestrecktem Arm auf die Tafel des Giotto weisend, brach er von neuem in sein rcksichtsloses Gelchter aus. Meinst du wirklich, oh Knigin, da ich dir den da nur zum Beschauen brachte? Du irrst; weil er der einzige ist, der auf der weiten Erde mein Geheimnis erfassen knnte, wenn er nmlich lebte, darum lehnt er an der Mauer. Weil das sanfte Lmmlein nur halbe Arbeit leistete, deshalb stehe ich vor dir. Weil er sich frchtete, Waffen anzulegen, deshalb trage ich sie an seiner Statt. Aber sei gewi, wenn er mich hrte, er wrde herabsteigen und mir folgen. Lstere nicht, rief Margareta ehrlich erblat, ihr grauste vor der mrderischen Wut gegen das groe Unbestimmte, vor dem sie sich selbst aberglubisch oder doch beinahe berzeugt neigte. Und ihr Herz klopfte auch widerwillig gegen jenes Neue, das ihr der Frevler dort anvertrauen wollte. Komm zu Ende, mahnte sie ihn daher ungeduldig, und sie schritt hinter den Tisch, wo sie sich gebieterisch aufsttzte. Ihre Mienen trugen jetzt deutlich den Ausdruck der Verschlossenheit und der Krnkung. Endige, damit ich erwge, wie sich mein Vorteil mit dem deinen vertrgt. Claus Strtebecker trat an das andere Ende der Tafel. Dann schlug er leicht auf die eichene Platte. Jetzt sprichst du endlich, verurteilte er mit verhaltenem Tadel, wie es dich deine Welt gelehrt. Dein Vorteil -- mein Vorteil -- Knigin, und du fragst gar nicht, woher die Stimme dringt, die sich jetzt in nie wiederkehrender Stunde an dein Ohr wendet? Ich wei, woher sie stammt, schnitt die Knigin hhnisch dazwischen. Meinst du, ich htte mich nicht vorher ber dich belehren lassen, du trichter Mann? Ein Bankert bist du, stie sie verbissen hervor. Edelingsblut und Knechtsblut streiten in deinen Adern. Aber die Abstammung von den Unfreien sitzt dir tiefer, da du dich nicht scheust, mit einer Schar von Dieben und Mrdern den Richter gegen unser besseres Blut zu spielen. Oh, es tat ihr wohl, als sie die Beschimpfung gegen den schnen, frstlich geschmckten Mann geschleudert hatte, erst jetzt glaubte sie sich wieder im Besitz ihrer Hoheit und Macht zu befinden, da sie das tdlich erblate Antlitz ihres Gegners von einer wilden Verzerrung zerrissen sah. Und sie htte es bejubelt, wenn sich noch in diesem Augenblick der Freibeuter zu irgendeinem schamlosen Ausbruch gegen sie htte hinreien lassen. Erwartend hielt sie schon das Hmmerchen in der Hand. Allein nur in den dunklen Augen ihres Gastes stubte es wst auseinander, seine hohe Gestalt jedoch klammerte sich mit beiden Fusten an den Tisch, um in erschtternder Bndigung und fast flsternd die bittere Entgegnung zu finden. Aber die Mrder und Diebe des Bankerts mchtest du gern fr dich rauben und stehlen lassen? Und ihren Anfhrer kannst du zum Grafen von Gotland erhhen? Die Frstin schwieg. Hierauf wute sie keine Antwort. Weib, kochte es in der bebenden Brust des Herausgeforderten weiter, und er schttelte den schweren Tisch, als ob es sich um ein Spielzeug handele. Diebe und Mrder sagst du? Merke dir, was du jetzt erfahren wirst. Es ist nicht mehr und nicht weniger, als was dein Gekreuzigter zu sagen verga. Diebe und Mrder sind wir alle. Alle, hrst du? Nur, da ich und die Meinen uns immer nur Schrammen und Wunden stehlen, du hingegen mit den Deinen die leckeren Gerichte von der Tafel trgst. Glaubst du, es mache mir Freude, unter den dunklen Seenchten dahinzufahren, um das zu richten, was sich doch nimmer ausrotten lt? Erkennst du das endlich? fuhr die gespannt Lauschende triumphierend dazwischen, denn es freute sie, da sie etwas wie Zerknirschung in dem Freibeuter zu wittern glaubte. Unausrottbar, Knigin, ist der Hang der Glcklichen zur Unterdrckung, Plage und Entrechtung von uns Armen, sprach der Seeruber ganz ruhig weiter, und seine schwarzen Augen richteten sich ber die Regentin hinweg auf die leere Wand, als wenn dort all die Elenden litten und strben, die er in seinem schweifenden Dasein hatte niederbrechen und verenden sehen. Unaustilgbar dafr aber auch der Ha, der Neid, die fressende Mordlust, die Zerstrungswut der Gemihandelten. Dies ist das Natrliche. Und daran ndert weder deine Gnade etwas, noch das dunkle Gericht, das mit mir ber die Fluten jagt. Das hast du erkannt? zuckte die Knigin empor. Noch nie war die Aufmerksamkeit der klugen Haushlterin auf etwas hnliches gelenkt worden, obwohl ihr Zeitalter doch von den Verwnschungen und Aufstandsversuchen der Geringen und Bedrckten widerhallte. Man hatte sie eben niedergeschlagen, wie man ein bissiges, unvernnftiges Tier fesselt. Jetzt wurde das Weib von der sonderbaren Ahnung ergriffen, da hinter dem Toben der Bestie im Stall sich am Ende doch eine eigene Sprache verberge. Und deshalb suchte sie nach Weiberart zuvrderst ihre aufspringende Neugierde zu befriedigen. Und wem gibst du an dem ewigen Kampf die Schuld? erkundete sie beflissen. Der Strtebecker erkannte ihre Spannung, mit frechem Lcheln gab er zurck: Deinem Gott! Mann, rase nicht! Ich rase nicht, ich leugne nur deinen Gott, weil er seinen angeblichen Sohn zu spt auf die Erde sandte. Wre er im Anfang erschienen, damals, als sich die Haufen der Menschen zuerst zur Gemeinschaft zusammenrotteten, glaube mir, Weib, unsere Sache wre nicht so elend geworden. Darum also handelte es sich? Als der Knigin diese Anklage zugeschleudert wurde, verzog sie ein wenig wegwerfend den breiten Mund. Der Mann da vor ihr hatte offenbar zu viel gesonnen und gegrbelt, das lange vergoldete Schwert, das an seiner Linken funkelte, bildete wohl gar nicht das rechte Werkzeug fr den Schwrmer. Ganz unvermittelt verlor die tatkrftige Rechnerin die letzte Furcht vor ihrem Gast. Mit dem Anschein der Ermdung lie sie sich auf ihrem erhhten Sitz hinter dem Tisch nieder, um lssig, fast berdrssig hinzuwerfen: Wohlan, da es fr eine nderung zu spt ist, warum gibst du dich mit fruchtlosen Wnschen ab? Ich wei bessere Arbeit fr dich. La dich anwerben, Strtebecker. Es ist nicht zu spt. Wie? Wer sprach hier? Ging es wirklich wie junges Erwachen durch den Raum? Margareta erschrak bis ins Innerste. Der Seeruber hatte beide Armlehnen ihres Stuhles umklammert, nun beugte er sich ber sie, als ob er sie gefangen nehmen wollte. Sie wute nicht mehr, ob sie ihm seine Worte vom Munde ablas oder ob sie ihr aus den wilden, glhenden Augen bleiflssig entgegenschmolzen? Knigin, stie sie sein heier Atem, die Zeit ist da. Du stehst vor deiner Entscheidung. Aber knftige Geschlechter werden dich dafr anbeten. Was willst du? murmelte das Weib entsetzt, whrend sie sich immer tiefer in ihren Stuhl verkroch. Und ihre Hnde vorstreckend, stammelte sie unwillkrlich: Tu mir nichts. Das dunkle Gesicht ruhte unverndert ber ihr. Du bist sicher, Knigin, denn du wirst ja die in Ha und Neid, in Brudermord und Unrecht, in Hochmut und Verleumdung eiternde Erde endlich reinigen! Kain wirst du verjagen und damit das siebente Tagewerk schaffen. La mich, du fieberst. Ich verstehe dich nicht. Doch, doch, du bist das Werkzeug, weil ich dir jetzt mein Geheimnis preisgebe. Mein Werkzeug wirst du sein. Hre! Deutliche Zeichen wallen durch die Welt. Was treibt die Geielbrder zu ihrer blutigen Selbstpeinigung durch deine Stdte? Zu welchem Ziel schwrmen die Scharen halbnackter Kinder durch die Felder und fallen wie Heuschrecken ber die Frucht? Welcher Wahnsinn, welche zitternde Unrast jagen Knechte und Herren von dir fort gen Sonnenaufgang? Ein ungeheures Suchen hat sie ergriffen, denn sie alle fhlen, da die Erde den whlenden Ekel nicht mehr lnger ertrgt. Ein anderes will sich gebren. Nun stehe auf, Knigin, rufe die Menschheit endlich, endlich nach jahrtausendelangem Irrtum zu neuem Schpfungsmorgen zusammen. Sieh, um mich her habe ich die Unbndigsten der Ausgestoenen und Verlassenen gesammelt. Ihr Atem ist Ha, ihr Wort ist Neid, ihre Sehnsucht ist Mord. Diese Verzweifelten lade von ihren unsicheren Pfaden ans Land, in ein Land der Verheiung. Ungezhlte Hufen liegen dir ungentzt, la sie mich in gleiche Lose fr die neuen, fr die erstaunten Menschen einteilen, la mich ihnen verknden, da Pflug und Egge, Stier und Ro fortan ihrem groen, glcklichen Bunde gemeinsam gehren, la sie sich selbst richten und schtzen, wo es nichts mehr zu richten und zu schtzen geben wird, denn dann, oh Knigin, aber auch nur dann wird den Beseligten die Gttergewiheit aufgehen, da hoch und niedrig verschwand, weil der Mensch, der ursprnglich gute und reine Mensch, wieder an seinem unschuldigen Anfang angelangt ist. Das will ich vollenden, das mu sich vollenden, horch, brutlich schmckt sich schon die Erde zum Bund mit dem frohen Menschen. In ein markerschtterndes Jauchzen wandelte sich das letzte, der junge Seefahrer stand da, angestrahlt von der Rte des Morgens, wie er Erwhlten nur einmal aufzugehen pflegt. Die Rechte herumgeworfen zu dem Knauf des Schwertes, als gelte es nur noch, eine Schar Siegestrunkener, Begeisterter jenen kurzen Weg zu fhren, den seine sengenden Augen frmlich aus dem Nebel hervorlockten. Margaretas Zge jedoch hatten sich verzerrt, feindlich ffnete sich ihr breiter Mund, ihre groen Zhne schoben sich vor zum Bi gegen einen ihr Gesicht umwindenden Faden. Nur eins hatte sie erfat, aber dies mit der ganzen Schlauheit des Weibes wie der Machthaberin, nmlich da der Boden unter ihr wanke, weil der von einem Wahnwitzigen verkndete Bund ihrer und ihresgleichen nicht mehr bedrfe. Vergessen war ihr ursprnglicher Plan, hingemht von der Schrfe ihrer eigenschtigen Ansprche, die Unmglichkeit eigenen Entsagens entfachte ihr nichts als einen bitteren giftigen Ha. Kaum sah sie daher ihren Sitz freigegeben, als sie emporsprang, um sich gleich darauf des kleinen Hammers zu bemchtigen. Mit einer scharfen tzenden Ruhe sprach sie sodann: Sage mir, Claus Strtebecker, sind deine Spiegesellen bereits von dir eingeweiht? Vor dem Hohn der Anrede erwachte der Admiral; trotzig setzte er seinen gewappneten Fu auf die Stufe des Sitzes und lie die Rechte nicht von der Waffe. Knigin, warnte er grollend, das, was mir die Nacht und das Elend in langen Jahren anvertrauten, das wissen nur du und ich. Die Knigin erkltete sich immer mehr. Und mit einer Bande von Dieben und Rubern willst du die ewige Gerechtigkeit begrnden? Der Freibeuter entfrbte sich. Wild schrie er hinaus: Auch Rom wurde von Dieben und Rubern geschaffen. Aber Verantwortung, Arbeit und Gemeinsamkeit, das sind die Bausteine eines edleren Geschlechtes. Und wenn sich meine brigen Lande von der Emprung anstecken lieen? Wenn sie anfingen, das lang Erworbene anzugreifen, die mter zu verjagen, den Gesetzen Hohn zu sprechen? Meinst du, das Blut der Zufriedenen sei weniger heilig als der Fiebersaft der Mordbrenner? Weib, deine Augen deckt Blindheit, tobte nun der Strtebecker auer sich. Schaum trat ihm vor die Lippen, drohend schttelte er die Faust. Du siehst nicht, da du dich selbst nur von Raub und Diebstahl mstest. Die groe Hure bist du, die sich dem Golde hingibt. Und du bist ein Feind des Menschengeschlechtes, sagte Margareta unbewegt. Ich bereue, da ich dir mein Antlitz zeigte. Hebe dich von mir. Und fortan sei Feindschaft zwischen uns, bis du ausgerottet bist. Da stie der Admiral sein helles, schmetterndes Gelchter aus, dann aber verbeugte er sich pltzlich tief. Es sitzt wieder einmal eine Leiche auf dem Thron, wies er mit ausgestreckter Hand, es wscht wieder einmal ein Lauer seine Hnde in Unschuld. Aber bei den Schwren und Lumpen der Bettler sei's geschworen, ich will fr ein kniglich Begrbnis sorgen. Kein weiterer Abschied. Er ri den Vorhang auseinander und trat hinaus. Da -- dicht hinter den Falten stand es, wie ein weies Bild. Eine schneekalte Wolke stand dort, in der es bebte und blitzte. Ein paar wirre, von frommem Wahnsinn geblendete Augen irrten hinter dem strmisch Enteilenden her. Der stutzte, irgendwo mute er eine hnlich behtete Puppe des Wohllebens schon einmal erschaut haben, und frech und unverschmt winkte er ihr zu, bevor er die enge hlzerne Treppe hinuntersprang. Aber auch die Knigin hatte hinter dem geffneten Teppich etwas Fremdes entdeckt. Heftig erzrnt, noch geschttelt von den umwlzenden Eindrcken des eben Vergangenen, teilte die Regentin mit einem Ri den Vorhang, um dann sprachlos auf der Schwelle anzuwurzeln. Was ist das? rief Margareta bebend vor unterdrckter Wut, indem eine fahle Blsse ber ihre Wangen zog, denn die niederschmetternde Gewiheit sprang sie an, da der Ausgang ihres zweifelhaften Ringens nun nicht mehr der Vergessenheit anheimfallen wrde. Grfin Linda, ich merke, Ihr vertragt nicht die Luft des Palastes. Wir sind um Eure Gesundheit besorgt. Verlat auf der Stelle die Stadt und wartet ab, was ich weiter zu Eurer Heilung beschlieen werde. Keine Widerrede -- geht -- ich mag Euch nicht lnger. Und nachdem die weie Wolke Schritt vor Schritt, traumwandelnd, hinter der schmalen Pforte verschwunden war, da strzte die Knigin zurck und hieb besinnungslos auf die silberne Platte. Schafft den Kanzler zur Stelle, herrschte sie den eintretenden Wppner an. Es klang mehr wie ein bsartiges Kreischen. Mit beiden Armen lag sie ber den Tisch gebettet, verworren kratzten ihre Ngel auf der Platte herum, als das buntgeschmckte Gerippe ihres Ratgebers endlich vor sie schlich. Sie hob nicht das gesenkte Haupt, ohne Gru, jedoch begleitet von einem widerspruchsvollen, unbegreiflichen Lcheln stie sie hervor: Sammelt Friedensschiffe, Ihr selbst und alle Edlen rstet Wppner. Stiftet einen Bund der Hansischen, schreibt an den Hochmeister von Preuen, keine Ruhe bei Tag und Nacht, bis die Seepest vertilgt ist. Dies ist unsere Bestimmung, wie eine beiende Fliege sticht sie uns in die Augen. Und voll Entsetzen sah der betroffene alte Mann, wie der schne Busen seiner Herrin mitten unter einem hmischen Lachen von krampfhaftem Schluchzen geschttelt wurde. III. Es war an demselben Abend. Auf Burg Ingerlyst an der schmalsten Stelle des Oeresund, eine gute Rittstunde von Kopenhagen entfernt, sa Grfin Linda in der Ausbuchtung ihres niedrigen, ganz aus dunklem Kiefernholz gezimmerten Saales und grbelte verloren und weit entrckt auf das Anprallen der dampfenden Schaumketten hinab. Ein ununterbrochenes dumpfes Donnern stieg zu ihr auf, und hinter dem pfeifenden Seewind zitterten die Lichter von der jenseitigen schwedischen Kste. Das stille, blonde Mdchen weilte nicht allein. Ihr gegenber auf der zweiten Seitenbank lehnte ein untersetzter, derbschrtiger Mann, dessen berlegtes bartloses Antlitz sich kantig aus dem Otterkragen seines schwarzen Reisemantels abhob, da Herr Nikolaus Tschokke, der junge, neugewhlte Brgermeister von Hamburg, noch in dieser Stunde zu Schiff nach Falsterbo zurckzukehren gedachte, wo der Friede unterzeichnet werden sollte. Und er hatte nur deshalb immer von neuem gezgert, seinen Besuch endgltig abzubrechen, weil er bisher diesem stolzen weien Jungfrauenantlitz gegenber nicht den rechten Mut gefunden, dasjenige zu enthllen, was ihn in Wahrheit hierher getrieben. Auch beengte ihn nicht allein der seltsam abwesende Schein, der bisweilen ber den stahlblauen Augen des Mdchens hing, sondern er fhlte sich auch beeintrchtigt durch die Gegenwart eines Zeugen. Am anderen Ende des kahlen Saales nmlich sa dicht vor dem hohen Steinkamin ein geistlicher Mann in einer braunen Reisekutte, und von Zeit zu Zeit streckte sich dort eine feine weie Hand den brennenden Buchenkltzen entgegen, die den Schauer des khlen Frhlingsabends vergeblich zu mildern suchten. Unrastig pustete oft ein Windsto durch den Rauchfang herunter, und dann hstelte der Abt Franziskus vom Rgener Kloster Cona kurz und gestrt, um sich gleich darauf doppelt emsig der vorgeschriebenen Andacht hinzugeben, die er aus einem kleinen geschriebenen Brevier vor sich hin psalmodierte. Die bte des Conaer Klosters gehrten seit alters zu den Gastfreunden auf Ingerlyst, und dieser, der gleichfalls von Falsterbo herbergekommen, hatte zudem um ein Nachtlager gebeten, weil er am morgigen Tage der Ehre teilhaftig werden sollte, der Knigin vorgestellt zu werden. Friedsam hing die feine, schmiegsame Gestalt in ihrem Armstuhl, versenkt in Andacht, trocken und steif knisterten die harten Seiten des Bchleins, sobald sie umgewandt wurden, und gerade dadurch war Herr Nikolaus Tschokke allmhlich in seiner khlen, kalkulierenden berzeugung bestrkt worden, da er aus jener Entfernung wohl keinen Lauscher zu frchten habe. Auch hatte den jungen, weltkundigen Brgermeister ein Blick auf die weigedeckte Tafel in der Mitte des Saales darber belehrt, da man die Zeit der Schloherrin nicht ungebhrlich in Anspruch nehmen drfe. So hatte er denn ein paarmal an der schmalen Stehampel gerckt, deren niedriges lflmmchen zwischen ihnen schwankte, um endlich wrdig und gemessen, ganz so, wie er es sich auf der langen Fahrt berlegt, seine Schicksalsfrage in Ehrbarkeit und redlichem Selbstbewutsein an das schne blonde Weib zu stellen. Nun wartete er voll Ruhe und Anstand auf ihren Bescheid, und das kantige Brgergesicht mit der krftigen Hakennase htete sich, irgendeine Bewegung zu verraten, obwohl es ihn Wunder nahm, da die Blonde ihre Augen auf ihn richtete wie auf ein fremdes, ihr unverstndliches Wesen. Weit ausholend hatte der Patrizier ihre beiderseitigen Beziehungen zueinander abgewogen. Und durch Linda lief ein Schauer der Erinnerung, als nun jene Begebenheiten, die sie stets lebendig umstanden, in der Schilderung des Kaufherrn ein so sachlich aufgezeichnetes Geprge annahmen. Es durchfrstelte sie, weil sie ihr Schicksal, losgelst von sich, bei einem Fremden gebucht fand. Trocken und ohne Umschweife, wie aus einer Chronik, hatte ihr der Hamburger das Verbluten und Zersplittern ihres Geschlechtes geschildert. Ein harter, unbeugsamer Stamm, in nordischer Blutrache und Familienfehde verwildert und von seinen eigenen Knigen hufig als Emprer an den Block gefhrt. In roten Strmen verbrauste allmhlich die Lebenskraft der unbndigen Sippe, bis sich bei den letzten zwei Grafen von Ingerland, bei Lindas Brdern, die bse Erbschaft nur noch in Landhunger und wster Raubsucht verlor. Ein schreckhaftes Bild aus Feuerlrm und glimmender Asche stieg vor der Lauschenden auf. Ihre Brder hatten sich nicht gescheut, die eigene Mutter, die mit der unmndigen Tochter zurckgeblieben, auf ihrem nordischen Witwensitze bewaffnet zu berfallen, ja, den beiden rohen Wichten, die mit ihrem Christentum nur Spott trieben, wre wahrscheinlich das untilgbarste Verbrechen nicht erspart geblieben, htte nicht ein hansischer Gastfreund die beiden Frauen in grausiger, branddurchlohter Nacht schnell entschlossen auf seinem Handelsschiff geborgen. Freundlich fhrte der Retter die Verarmten in sein stattlich Haus nach Hamburg, und hier unter dem Schutz des ehrsamen, herzenswarmen Aldermann Hinrich Tschokke, des Vaters des Brgermeisters, erwachte die kleine Flchtige erst zum Bewutsein einer brgerlich behteten Lage. Fast unglubig sah sie die regelmige Arbeit in den dmmerigen Kontoren des Hauses, denn Herrn Hinrich eignete die blhendste Brauerei der Handelsstadt. Mit groen Augen verfolgten die Frauen aus den niedrigen vergitterten Fenstern die bunten Umzge der Znfte und Kaufmannschaft, und sie lernten auch etwas von dem Stolz verstehen, mit dem die Hupter der regierenden Familien die Angelegenheiten ihres Gemeinwesens ordneten. Und doch -- die Seele der Heranwachsenden blieb dem Anprall des frischen, ttigen Lebens um sie herum verschlossen. Im Kern ihrer fest gefalteten Blte nistete zu sehr das Entsetzen, das wie ein Wurm in ihre Kindheit gekrochen, und ihr banges Gemt lste sich nicht von dem frhen Eindruck, da Ungerechtigkeit und Gewalttat alle Macht auf Erden an sich gerissen, und wie der einzelne schutzlos umherirre, um sehnschtig nach einem Retter auszusphen. Ein krankhaftes Mitleid mit den Bresthaften, Armen und Beladenen hatte das schweigsame Kind ergriffen, und ihre schnsten Stunden nahten, wenn sich an Feiertagen unter dem mchtigen Ahorn auf dem Hofe des Handelshauses die Kranken und Bettler um den dort sitzenden Aldermann versammelten, um Speise und kleine Geldgaben zu empfangen. Dann war es Sitte geworden, da Linda selbst die irdenen Npfe herumreichte, und nur in diesen Augenblicken erhellte sich ihr weies, vergrmtes Antlitz zu einem beseligten Lcheln, und der junge Nikolaus, der Sohn des Hauses, fand dann, da die fremde Adelstochter mit ihren blonden Flechten unter dem Lumpenvolk ein mildes Licht verbreite, gleich einem schnen Bernsteinschmuck. Als Fnfzehnjhrige war sie endlich, nachdem in der Schlacht von Fallkipping Lindas beide Brder als Aufstndige gegen die Knigin ein wildes Ende gefunden hatten, aus dem deutschen Hause geschieden. Jetzt hielt es nmlich die kluge Margareta fr angebracht, die Verwaisten mtterlich zu betreuen. Fr die eingezogenen norwegischen Gter des Hauses wurde ihnen Burg und Herrschaft Ingerlyst eingerumt, und hier, dicht unter den Augen der Knigin, sa nun nach dem Tode der Mutter der letzte Spro des dahingewelkten Geschlechtes, weltscheu und abgeschieden als Hofdame der Regentin. Aber heimlich verlangte ihr verwundetes Innenleben noch inniger als frher nach dem unauffindbaren Trost gegen die tglich sich offenbarende Miachtung von Recht und Sitte, und fast verletzt wies sie den Gedanken von sich, etwa durch eine Vermhlung mit einem rauhen, erwerbschtigen Gebieter noch tiefer in die Hndel und Ungerechtigkeiten dieser Welt verstrickt zu werden. Nher und nher rckte ihren sehnenden Blicken die Klosterpforte mit dmmernden Schatten, und ihr Fu schritt jener Grenzschwelle immer willfhriger entgegen. Bis heute. Da -- war es mglich? -- Heute hatte ihr traumbefangener Tritt zum erstenmal gestockt, gezgert. Welch eine heiligwste Vision, welch eine wetterleuchtende Wolke hatte ihr ganzes Denken und den noch kurzen Weg umnebelt? War es Wirklichkeit, oder hatte ihr bang verschlossenes Gemt selbst jene unheimlich blutige Gnadengestalt geboren? Nein, nein, whrend sie hier sa, um fast gedankenlos auf die ihr unbegreifliche Bitte des Hamburger Jugendfreundes zu achten, da begann unten aus dem Gedrhn der Strandwellen von neuem diese heie, markdurchzitternde Stimme zu sprechen, und bald wurde fr die Lauschende ein Ruf daraus, der ber die Welt hinhallte, um herrisch von tauben und verstockten Seelen Erbarmen fr Millionen Geknechteter zu heischen. Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Phariser. Aber bei jedem Wort pfiff gleichzeitig ein Schwertstreich durch die Luft, und das hhnische Gelchter des Rubers und Mordbrenners mischte sich drein. Eine unschuldige befreite Welt wollte auftauchen aus einem kreisenden Meer von Blut. Ihre Sinne verwirrten sich, ihr ganzes Wesen neigte sich entgeistert ber einen Abgrund von Hllenfeuer und Himmelslicht. Und whrend sie sich irgendwo festzuklammern suchte, drang mit grter Klarheit die Werbung des ehrsamen Brgers an ihr Ohr, in dessen wohlbestelltem Hause Ruhe und Sicherheit wohnten, und sie mute doch mit Schrecken auf das Klopfen ihres aufgescheuchten Herzens hren, das sich in altererbtem Edelingshochmut vor der Versorgung in dem Krmerkontor strubte. Wie um Schonung flehend schlug sie ihre groen blauen Augen gegen den Mann in der schwarzen Ratsherrntracht auf. Herr Nikolaus Tschokke jedoch hatte inzwischen hinter dem flackernden Lichtlein der Stehampel aufmerksam die Vernderung in den Zgen der jungen Freundin geprft. Auch er hatte sich noch einmal wiederholt, was in langen Beratungen mit seinem Vater sorgsam erwogen war, wie wichtig nmlich die Verbindung mit dem uralten Grafenstamm fr die aufstrebende Patrizierfamilie werden knnte. Die Tschokkes gehrten nicht zu den ritterbrtigen Geschlechtern der Stadt, sondern, da sie durch Reichtum und Handelsunternehmung heraufgekommen waren, so mute es ihnen ntzlich werden, sich von auen ihre Ansprche besttigen zu lassen. Dazu aber eignete sich nach der Meinung des greisen Aldermann keine besser als Grfin Linda von Ingerland, da sie nur mitrauisch beargwhnt neben der dnischen Usurpatorin leben durfte und zudem durch die Bande der Dankbarkeit an die frhe Zuflucht ihrer Jugend geknpft war. Als aber jetzt das in der Zugluft wehende Licht das stolze weie Antlitz des Mdchens bestrahlte, da fhlte der Brgermeister wieder mit Verwunderung die einstige Ehrfurcht vor der fremdartigen Edelingstochter. Ich wollte Euch nicht erschrecken, lenkte er endlich ungewi seinem Ziele entgegen. Ihr solltet nur wissen, wie weit das alte Haus am Mnkedamm seine Tore fr Euch ffnen wrde. Es hat jetzt eine gar lustige Malerei vom Giebel bis zur Einfahrt erhalten, setzte er lobend hinzu, Schalksnarren und Engelein tanzen um ein Bierfa. Und was mich und die Meinen angeht, so hat die Zeit Euer Angedenken nicht verwischt. Nur eines hat sich verndert -- er rckte sich jetzt bedachtsam zurecht, und zugleich schlug er den Mantel zurck, damit sich die schwarze Ratsherrntracht mit den ziegelroten Aufschlgen deutlicher offenbare -- ich nehme nunmehr, wie Ihr seht, in dem Stadthaus den ersten Sitz ein, und ich darf wohl sagen, es mchte mancher Frst fr die, so ihm lieb sind, weniger sorgen knnen als ich. Wollt auch dies bedenken, Grfin Linda, denn die Zeiten sind rechtlos und unsicher, und die Ordnung gedeiht fast nur noch hinter sorgsam behteten Stadtmauern. Als er das letzte vorbrachte, da drang zwischen die klare Vorbereitung doch eine raschere Wrme hindurch, denn das blasse Mdchenantlitz in seiner Scheu und Ratlosigkeit hatte das Mannesbewutsein des festen Brgers erregt, und so wagte er es, ohne weiter an den Zeugen zu denken, seine Rechte auf die schmale Wachshand zu betten, die sich gerade gegen die Ampel ausstreckte. Die khlen Finger blieben auch ruhig in den seinen, das kornblonde Haupt jedoch wandte sich, wie gezogen, der Nacht entgegen, und jetzt merkte ihr Gastfreund erst, wie emsig das junge Weib das wste Tosen der Wasser zu entrtseln strebte. Schlag auf Schlag krachte die Brandung auf den flachen Strand, und Linda zitterte, ob auch ihr Gefhrte die gewaltige Stimme vernehme, die von unten herauf brllte: Horch, brutlich schmckt sich schon die Erde zum Bunde mit dem frohen Menschen. Dann Stille -- und darauf wieder das grliche aufrhrerische Gelchter. Nein, nein, dort drauen lauerten Verbrechen und Wahnsinn, und hier -- hier drinnen? Wie zur Flucht bereit zog sie ihre Hand zurck, und whrend sie sich verstrt gegen das Fenster kehrte, gab ihr das Entsetzen ber sich selbst das Nchstliegende ein. Ihr wit ja nicht---- Was? Ich -- ich habe schon gewhlt. Grfin? So wenig hatte der Kaufherr mit einer solchen Mglichkeit gerechnet, da ihm zuvrderst der Sinn ihrer Weigerung verschleiert blieb. Aufrecht verharrte er vor ihr auf seiner Bank. Die Blonde aber tastete nach dem Kreuz, das ihr noch immer ber ihre weie Gewandung herabhing, und hob es empor, ihrem Freunde zur Erklrung, sich selbst aber als einen Wegweiser aus Tumult und fratzenhaftem Taumel. Hier -- hier, klammerte sie sich an das Stckchen Holz fest, als ob es ihr immer merklicher zu einem harten Balken aufwchse, hinter dem sie sich verstecken knnte, hierhin lat mich gehen. Ich tauge nicht in Eure Welt. Und nicht in die eines anderen. Keinem wrde ich behilflich sein knnen und ihm ntzen. Denn Nikolaus, Ihr mgt es wissen, ich frchte mich vor den Menschen, da sie nichts als bles sinnen und keiner dem anderen zu Freude und Wohltat bereit ist. Keiner? Sie stockte. Denn aus der Nacht schlug wieder die dumpfe Trommel den Strandsaum entlang, und im Wirbel prallte es gegen die Hausmauern. Horch, brutlich schmckt sich schon die Erde zum Bund mit dem frohen Menschen. Da entfrbte sich die Verwirrte, und das Kreuz fiel ihr in den Scho. Langsam gab der Brgermeister seinen Sitz auf. Ungern war ihm die Erkenntnis aufgegangen, da weiteres Drngen seinem Wunsche nur schaden msse, weil er es hier mit einem verschlossenen Gemt zu schaffen habe, das am Leben blutete. Die Wunde mute erst heilen, bevor sich neues Vertrauen entfalten knnte. Und obwohl es ihm vorkam, als ob er jetzt einen Verlust erleide, wie er ihn noch nie in seinen Lederbchern zu verzeichnen gehabt, so griff er doch mitleidig nach der Hand der Verstummten, in der redlichen Absicht, den Eindruck seiner pltzlichen Werbung nach Mglichkeit wieder zu verwischen. Ich wollte Euch nicht erschrecken, Grfin Linda, beruhigte er freundlich, Ihr solltet nur erfahren, wo Euch stets eine Heimat bereitet ist. So will ich Euch auch nicht weiter drngen, denn wir beide sind noch jung und werden uns nach dem, was ich Euch jetzt erffnete, schwerlich vergessen. Das hoffe ich. Was aber Euren Entschlu betrifft, so sollt Ihr mir versprechen, da Ihr Euch eine Frist gnnt, bis ich in Tag und Jahr abermals vor Euch trete. Denn mein Weg und mein Wille fhren mich wieder zu Euch, und die Zeit ist ein kundiger Arzt und ein gtiger Frsprach. Damit drckte er die khlen Finger heier, als er es selbst geahnt, und schritt mit seinem nachdrcklichen Gang ber die knarrenden Dielen des Saales, um sich von dem Abt zu verabschieden. Der hatte sein Buch sinken lassen, und seine tiefliegenden klugen Augen hingen schon seit geraumer Zeit an den beiden jungen Menschen. Ehe jedoch der Aufbrechende den Sessel des Mnchs erreicht hatte, stockte der Brgermeister wie von einer Eingebung befallen. Noch eins, erinnerte er sich in seiner bestimmten Weise, ist Eure Dienerschaft zuverlssig, Linda? Das Mdchen stand schon an dem weigedeckten Tisch, jetzt mute es ber die unerwartete Frage lcheln. Ich halte nur eine Schaffnerin, gab sie kopfschttelnd zurck, wenige Mgde und Knechte, und hier diesen verwaisten Knaben aus unserem Kirchspiel, fgte sie deutend hinzu, denn ein schner schlanker, etwa siebzehnjhriger Bursche in der kleidsamen schwarzen Dnengewandung war eben eingetreten, um die Tafel mit allerlei Geschirr zu bestellen. Und diesen wenigen versage ich nichts, was ich mir selbst gewhre, sprach die Herrin ruhig weiter, nicht wahr, Heinrich? Es lag so viel mtterliches Wohlwollen in ihrer Aufforderung, da es nicht verwunderlich war, wenn dem Jungen die Wangen zu brennen begannen. Er warf einen jugendlich schwrmenden Blick auf seine Gebieterin und nickte verschmt, bevor er sich entfernte. Jetzt mischte sich auch der Abt in das Gesprch. Weshalb fragt Ihr, Herr Nikolaus Tschokke? wandte er sich gespannt an den Brgermeister. Euer Blick ist nicht frei von Sorge. Der Hamburger streifte sich die schweren Handschuhe auf und prfte unwillkrlich den kurzen Dolch, der ihm am Ledergrtel hing. Ich sorge mich auch, rang er sich endlich vorsichtig ab, und heimlich umfate er abermals das Bild des blonden Fruleins dort an dem Tisch. Und deshalb bestelle ich eine Bitte an Euch, hochwrdiger Herr. Ihr wit, die Gegend hier ist noch unbefriedet. Und wir haben durch Kundschafter in Erfahrung gebracht, da die Freibeuterflotte gegen Mittag ganz unerwartet Segel setzte und aus dem Hafen verschwand. Wohin, wei niemand. Er strich sich unsicher ber das glatte Kinn. Nie habe ich die Vorliebe einzelner unserer hansischen Bundesgenossen fr dieses schandbare, gesetzlose Volk geteilt, fuhr er hastiger fort, und ich werde nicht eher ruhig sein, als bis der schwarze Fleck von unserer Oster See getilgt ist. In Euch aber dringe ich, Hochwrden, nehmt das Frulein morgen mit Euch in die Stadt hinein, wo es am Knigshofe sicherer ist als hier in dieser flachen, menschenleeren Einsamkeit. Noch hatte er nicht geendet, als dem Eifrigen auffiel, wie erregend sein Vorschlag auf das von ihm umsorgte Mdchen wirkte. Unruhig heftete sie die Augen auf das weie Linnen, als ob sie angestrengt dort etwas suche, kmpfte mehrfach eine rasch aufsteigende Antwort nieder, bis sie sich endlich zu der Mitteilung entschlo: Ich danke Euch, Nikolaus, aber ich darf Burg Ingerlyst nicht verlassen. Die Knigin gerade verwies mich hierher. Und auf den fragenden Blick ihres Jugendfreundes bekannte sie mit ihrer gewohnten bedingungslosen Ehrlichkeit: Ich habe mich einer Verfehlung in ihren Diensten schuldig gemacht. Ihr? Linda nickte, entgegnete jedoch nichts mehr, denn abermals glaubte sie, da Wellen von Scham und Entsetzen gegen sie anstrzten. Der Brgermeister indessen forschte nicht weiter. Nun gut, Vater Franziskus, beschied er sich, dann gebraucht bei Hof Euer Ansehen, damit eine Besatzung hierher gelegt werde. Tut Euer mglichstes, denn solange die Schwarzflaggen in der Nhe wehen, wlzen sich Gesetz und Billigkeit im Kote, und der gemeine Verstand ermit den frechen Umsturz alles Bestehenden nicht lnger. Eure Hand, ich verlasse mich auf Euch. Das drft Ihr, stimmte der Abt bereitwillig zu. Und nun, Herr Nikolaus Tschokke, nehmt meinen Segen, den ich fr jeden Redlichen habe. Wind und Wetter seien Euch gnstig, und mgen sich die besten Wnsche Eures Lebens erfllen. Der Brgermeister heftete einen raschen, prfenden Blick auf das feine, durchgeistigte Antlitz, als er aber in den abgeklrten Zgen nichts als das reinste, gtigste Verstehen las, da ri er sich schnell los, verbeugte sich noch einmal nach der steifen Sitte der Zeit vor dem Frulein, und ohne auch nur noch eine Falte ihres weien Kleides berhrt zu haben, schied er mit seinem festen, lauten Tritt aus dem Saal. * * * * * Die Flamme der Stehampel zuckte, stieg und fiel. Sie war im Verenden. Dafr schickte ber den beiden Zurckgebliebenen der eiserne Kranz des Rundreifens das tnzelnde Licht seiner Unschlittkerzen aus, wodurch die Nacktheit der gederten Kiefernwandung noch deutlicher hervortrat. Auf dem Vorsprung des Kamins lie eine Sanduhr ihren bunten Staub rinnen und erinnerte die halblaut Plaudernden an das rasche Enteilen der Zeit. Grfin Linda und der geistliche Herr hatten ihre Abendmahlzeit beendigt, allein der Zisterzienser Abt machte noch keinerlei Miene, sein Lager aufzusuchen, vielmehr gab er sich Mhe, seine aufmerksame, wenn auch stille und nachdenkliche Wirtin auf eine feine und anregende Weise zu unterhalten. Leicht konnte die Zuhrerin da merken, welch ein vorurteilsloser und gerechter Geist sich hier ber die Unbilden und Streitigkeiten ihrer Zeit verbreitete. Wie von ungefhr war ihr Gast so auf die Aufsehen erregenden Schriften des Oxforder Professors Wiklif gelangt, die dem kirchlichen Unwesen so khn zuleibe rckten, und jetzt schien es, als ob der Erzhlende mit einer besonderen Absicht lnger bei den Angriffen des Englnders gegen die Klosterzucht zu verweilen gedchte. Spielend drehte er den Stiel seines silbernen Weinkelches zwischen den Fingern, whrend er gesenkten Hauptes, aber doch mit aufflliger Betonung hinwarf: Siehst du, liebe Tochter, wenn wir offen sind, so werden wir fast immer in den Anklagen und Schmhungen sogar eines Aufrhrers etwas finden, das uns stutzen lt. So will mir das massenhafte Flchten der sogenannten Weltmden in die Zelle niemals gefallen. Ist doch die Welt selbst in unzhlige Zellen geteilt, und der Mensch dazu da, die rechte fr sich zu ffnen, damit er seinen Anteil an dem erlangbaren Friedensschatz empfange. Glaube mir, er quillt da und dort reicher, als jene frhzeitig Besiegten sich trumen lassen. Ist doch das Leben ein ebenso kstliches Geschenk wie der Tod. Und das Licht ein heiligeres als das Dunkel. Linda lehnte sich in ihren Armstuhl zurck und verfolgte trumerisch ber die Schulter des Mnchs hinweg das Versickern des bunten Sandes in der Uhr. Sehr klar empfand sie, der Abt billige ihre eigene Sehnsucht, in die Stille zu entweichen, keineswegs, ja, wie er ein Aushalten und Bestehen aller Gefahren geradezu fr wrdiger erachte. Und doch, sie fhlte, wie ihre Natur dem Hang nach Aufhren immer inbrnstiger nachgab, da gerade jetzt etwas in ihr ins Schwanken geraten war, das sich nicht wieder ins Gleichgewicht bringen lie. Frstelnd wandte sie sich und lauschte von neuem auf den hohlen Trommelschlag lngs der Kste. Als sich aber die gefrchtete Stimme nicht mehr vernehmen lie, strzte sie sich beinahe flchtend in das rettende Gesprch zurck. Hochwrdiger Vater, tastete sie vorsichtig, denn das Herz schlug ihr, da sie sich mit jedem Wort vor dem Klugen zu verraten whnte, Ihr meintet vorhin, da man auch auf das Drohen und Wten von Aufrhrern und Emprern lauschen solle. Sagt mir, glaubt Ihr wirklich, solche Ausgestoenen und Verdammten, die die Welt mit Greueln fllen, sie knnten jemals zum Guten gesendet sein? Abt Franziskus setzte seinen Becher nieder, und seine sprechenden Augen schienen tiefer in seine Gefhrtin einzudringen, als ihr angenehm war. Dann fragte er bestimmt: Sage mir, mein Kind, denkst du an einen Lebenden? Da zuckte wieder diese schreckliche Angst in ihr auf, von der sie verzehrt wurde. Erblassend senkte sie das blonde Haupt, und whrend sie emsig auf dem weien Linnen herumstrich, da suchte die Grfin sich der drohenden Beichte durch eine Ausflucht zu entziehen. Die Erde ist jetzt voll von Gewalttat und Umsturz, wich sie unsicher aus, man wei oft nicht mehr, welchen Pfad man whlen soll? Der Mnch nickte sacht. Er strebte, diese verstrte Seele zu snftigen. Wohl, meine Tochter, stimmte er mit seiner milden, trstlichen Stimme zu. Aber alle Pfade, die der Mensch schreitet, sind Gottes Wege. Darin besteht eben das Wundersame dieses uns geschenkten Lebens, da sein Teppich so bunt und voller Farben prangt. Der Ewige verkndet seinen Willen nicht nur aus eines einzigen Menschen Mund, sondern gerade im Widerstreit der vielen feindlichen Stimmen will er sich offenbaren. Wer von uns schwankem Rohrgeschlecht darf behaupten, ich allein habe die Wahrheit? 'Wo ist Wahrheit?' fragte Pilatus noch immer. Sinnend senkte der Mnch sein Haupt auf die Brust, rckte seinen Armsessel herum, und die ersterbende Glut des Kamins warf Flammenspritzer auf die sich stark verbreitende Tonsur des Alten und erreichte auch seine noch dunkelblonden Haarbschel. Sieh, verlor er sich in das Springen und Laufen der Funken zu seinen Fen, auf meiner Heimatinsel Rgen da kannte ich vor mehr als einem Jahrzehnt einen Knaben, ein Kind adliger Gewalt, dem gro Unrecht geschehen. Dieser taumelte wie trunken zwischen Hlle und Himmel, als sei er ein Spiegelbild oder der Schatten der ganzen leidenden Menschheit. Und ich wei, er rang redlich mit seiner dsteren, grimmigen, lechzenden Leidenschaft nach Wahrheit und Segen, nicht fr sich, sondern fr die vom Leben Vergessenen und Verfluchten. Aber dann -- ehe er das gefunden, was nur einem vorausschauenden Gott beschieden sein kann, verschlang den Ungersteten, Unvorbereiteten bereits die Woge der tollen Zeit, und nur ein Gercht meldete noch von ihm, da er ein Mchtiger unter den Gesetzlosen und Ausgestoenen geworden sei. Ich habe ihn lieb gehabt, und liebend gedenke ich heute noch seiner, weil ich ahne, da er selbst in seiner jetzigen Gestalt ruhelos, wenn auch auf wirren, verworrenen Pfaden dem Wolkengebild der Wahrheit nachjagt. Wo ist Wahrheit? Wehmtig lchelnd schwieg der Abt und streckte seine feinen durchsichtigen Hnde nher gegen das Feuer aus. So gewahrte er nicht, da seine Gefhrtin von seiner Erinnerung getroffen war, als habe sie eine Faust vor die Brust geschlagen. Atemlos und vllig unvermgend, den Sturm, der sie rttelte, noch lnger zu bestehen, hing das blasse Weib ihre erschreckten Augen an den Mnch und gab sich keine Mhe mehr, sich zu verstellen. War das der Strtebecker? fgte sie mhsam aneinander. Der geistliche Herr aber, ohne sich scheinbar ber den verdchtigen Ton zu wundern oder an dem Zusammenhang deuteln zu wollen, schttelte leise das Haupt. Ich wei es nicht. Mein junger Freund fhrte wohl einen hnlichen Namen, aber vieles, was man von dem Freibeuterfhrer im Volke erzhlt, widerspricht doch gar zu sehr meinem jugendlichen Bilde. Zum Beispiel seine ausschweifende Trunksucht oder die kalte Gleichgltigkeit gegen Rechte und Leben einzelner. Nein, nein, diese helle Jnglingsgestalt habe ich, so wie sie war, in meinem Gemt bestattet und einen Segen darber gesprochen. Gebe Gott, da aus der Gruft nicht ein anderer Mann auferstehe. Damit versank der Mnch in erneutes Grbeln und lie Linda Zeit, sich notdrftig zu fassen. Unruhig blickte sich die Grfin in dem kahlen Raume um, sie zhlte die Windste, die um die Mauern heulten, und als irgendwo auf den Fluren ein Tritt laut wurde, da ertappte sie sich dabei, wie sie alle Verstecke und Schlupfwinkel des alten Meerkastells durchstberte, um sich womglich dort zu verbergen. Ihr ererbter, nordischer Wikingermut war gnzlich von ihr gewichen. Pltzlich erhob sie sich. Ihre Brust ging schneller als sonst. Auch ihr Gast wurde aufmerksam. Ich wnschte, ich knnte Euch morgen in die Stadt folgen, hochwrdiger Vater, berwand das Mdchen einen sie berfliegenden Schauer und dabei schritt sie in die Ausbuchtung, wo sie die kleine Ampel an sich zog. In dem finsteren Gemuer hier ist's schlimm. berall springen Gestalten aus den Wnden, die mir zurufen, ohne da ich darauf eine Antwort wte. Es sind Ausgeburten der Einsamkeit, und ich habe keine Hilfe gegen sie als Schlaf und Gebet. Und ein heiteres, ttiges Frauenwerk, wie es den Mttern ziemt, schaltete der Abt sanft ein, der geruschlos seinen Sitz verlassen hatte und nun teilnehmend vor ihr stand. Sachte hob er die Rechte gegen das mde Licht, so da das rinnende Blut in seinen Fingern zu schimmern begann. Alte Hausweisheit, erinnerte er mahnend. Sorge fr Gatten und Nachkommenschaft erschliet den Jungweibern ihre eigene Seele. Alles davor ist Traum und Umweg. Aber nun -- ich will mir nicht mehr von dir anmaen, als du mir selbst gibst -- nun sei Friede ber dir diese Nacht. Er wandte sich, und die Grfin folgte ihm, die Leuchte in der erhobenen Rechten. Vor den Schreitenden glitten schwarze Schatten ber die rohen Kiefernwnde, aus dem Holz beugten sich undeutliche, verzerrte Gebilde und griffen nach ihnen. Der Mnch ffnete gerade die Pforte, als die beiden wie auf Verabredung inne hielten. Jeder las in den Zgen des Gefhrten, ob auch der andere diesen hellen Schrei aufgefangen, jenes hemmungslos tierische Kreischen, das aus dem Pfeifen des Windes mit schriller Verzweiflung herausgellte, um gleich darauf wieder in dem langgezogenen Winseln zu verschwinden. Linda zitterte und doch lchelte sie matt. Eulen, erklrte sie, sie horsten oben auf den Trmen und fliegen jetzt aus. Es sind meine Haustiere, wollte sie noch mit trbem Spott hinzusetzen, ohne sich doch selbst dem Glauben an ihre Worte hingeben zu knnen. In diesem Augenblick donnerte durch das Gebude ein kurzes, scharfes Krachen. Ein Schlag schien die Steine aus den Mauern zu reien, die Dielen wankten, selbst auf dem Tisch klirrte das Metallgeschirr einen singenden Ton. Unglubig, verngstet hielt sich der Mnch an dem Pfosten zwischen Saal und dunklem Gang fest, sein verblates Antlitz aber war der Grfin zugekehrt, als erhoffe er auch fr dieses herzumwendende Toben eine trstliche Deutung. Und Linda, obwohl ihr Herz in der Erwartung nahen Unheils wie zwischen Eisstcken geschichtet lag, sprach in unnatrlicher Ruhe: Der Sturm sprengt die Torangeln. Aber da du hier bist, Vater, wird Gott bei uns sein. So standen sie eine Weile, und da sich nichts weiter rhrte, so begannen sie einander ihren Kleinmut fortzulcheln. Aber seltsam, warum verharrten sie noch immer, um auf einen einzelnen Schritt zu lauschen, der sich langsam, schwer und wuchtig in den langen Gngen vor dem Saal verkndete? Es war natrlich einer der Knechte, der das Licht zu lschen kam. Nur htte er schneller nahen knnen, dienstfertiger; gleichviel -- -- -- worauf warteten sie noch? Gemessen drehte sich die groe Eingangstr in ihren Angeln, und dann -- in dem Saal wurde es still, als ob der Tod eingetreten wre. Wirklichkeit und Wahnsinn tanzten miteinander. Keiner wagte, auch nur durch einen Luftzug zu verraten, da hier noch Sinn fr die gewhnliche Ordnung der Dinge atmete. Auf der Schwelle ragte ein bergroer Mensch, in einen nassen, schwarzen Mantel gehllt, die Lederkappe zerbeult in die Stirn gedrckt. Gleichgltig schickte der Eindringling einen raschen Blick in dem Raum umher, dann schritt er ohne Eile, wie ein Bewohner des Hauses, auf die Tafel zu, schleuderte Mantel und Mtze mitten auf den Estrich und warf sich selbst in einen der leeren Sessel. Den Tisch, der ihn beengte, stie er krachend mit dem Fu beiseite. Schafft Wein und Speise, befahl er den beiden Leblosen, und als sich die Gebannten nicht regten, stie er ein kurzes Gelchter aus, ein helles, wohlklingendes Lachen, und winkte lssig. Ihr da, zeigt frhliche Gesichter -- was steht ihr und haltet Maulaffen feil? -- Eilt euch, ihr seid geladen! Da rann Leben in die beiden Entsetzensstarren zurck, fieberndes, beiendes Blut, und whrend die Hausherrin sich gegen den Pfosten lehnte, um die Hand gegen die Erscheinung auszustrecken, als htte sie dadurch die Macht, diesen wahnwitzigen, wohl nur aus vergifteten Gedanken aufgestiegenen Spuk wieder zu verscheuchen, da wankte der Abt etwas weiter in den Saal hinein, entschlossen, seine geistliche Wrde gegen den Niederbruch aller Sitte zu setzen. Wer bist du? rief er, indem er sein Zittern berwand. Im Namen Gottes und seiner unverbrchlichen Gebote frage ich dich, was du vorhast und wer du bist? Die Stimme verstrkte sich, je krftiger der Sprecher den Widerhall von den Wnden zurckempfing. Auf den hochgewachsenen, schlanken Eindringling jedoch schien sie jede Wirkung zu verfehlen. Das Bellen eines kleinen Hndchens htte ihn nicht weniger behelligen knnen. Der Schein der Unschlittkerzen von dem Rundreifen umflackerte ihn, wie er jetzt den ungeheuren Weinhumpen an sich ri, um ihn ohne Umstnde mit beiden Fusten an seine erhobenen Lippen zu fhren. Durstig schluckte er den brig gebliebenen Trank, es war eher ein Strzen zu nennen, nur da sich zuweilen in der geleerten Hhlung dumpf und kollernd sein spttisches Gelchter fortsetzte. Der feierliche Anruf des Conaer Abtes schien ihn hchlich zu ergtzen. Still, keine Predigt, Braunrock, atmete er endlich auf, whrend er das schwere Gert auf den Tisch krachen lie, und dabei schob er sich, zu neuen Taten bereit, die Lederjacke zurck, so da weite rotseidene rmel zum Vorschein kamen. Gib Ruhe. -- Wer soll ich sein? Ein Mensch bin ich, also ein armselig Ding, das von Gott kaum eine Spur und vom Teufel eine reiche Erbschaft miterhielt. Er lehnte sich zurck und trommelte mit beiden Fusten auf dem Linnen herum. Mchtest aber lieber nach Stand und Namen herumkramen?! Komm, trink mit mir und denk inzwischen einen Witz aus, warum deiner Kumpanei der gemeine Mensch in seiner Armut und Nacktheit einen solchen Schrecken einjagt, du Nachfolger Christi. Ohne eine Antwort abzuwarten, rckte der Fremde ungeduldig an den leeren Schsseln, blickte hinein, dann wandte er sich und schrie ein paar Namen gegen den Eingang, als ob er eine eigene Dienerschaft mitgebracht htte. Drauen wurde es lebhaft, man hrte eilige Tritte in den Gngen, und von unten aus den gewlbten Hallen drang undeutlich Frauenkreischen und das Gerusch von Waffen. Wird hier gemordet? zitterte Vater Franziskus. Der andere horchte gespannt und schnrte die Augenbrauen ber den schwarzen Sternen fester zusammen. Blutvergieen, tadelte er endlich zurcksinkend, ist ein tricht und unntzlich Geschft. Vernichtet und heilt nicht. Aber warum wehrt sich euer Geiz auch so hartnckig dagegen, wenn wir daran gehen, in das Erbgut von Mutter Erde nachtrglich ein wenig Ordnung zu bringen? Mensch, entsetzlicher, rief der Mnch, jetzt all seinen Mut zusammenraffend, da er merkte, wie in dem schmalen, edelgebildeten Antlitz des Fremden sich ein grblerischer Zug einzeichnete. Was ersinnst du lgnerische Ausflchte fr Raub und Diebstahl? Der in dem Lederwams schttelte sich leicht, als wenn ihn frstele, trotzdem warf er pltzlich auch noch die berjacke auf den Estrich und sa nun da in seiner rotseidenen Schecke, eine goldene Kette ber der breiten Brust. Den braunlockigen Kopf sttzte er nachdenklich in beide Hnde. Keife nicht, Kutte, brachte er nach einer Weile versonnen hervor, und es war, als ob er mehr mit sich selbst sprche. Fr dieselben Streiche hast du geflennt und Gebete gejammert, wenn sie von euch und euren Trabanten herrhrten. Er strich ber die hohe Stirn und schttelte sich wieder. Aber darin geb ich dir recht, 's ist kein Sinn und Verstand dabei, die hbschen Goldstcke nur etwas schneller von einer Hand in die andere rollen zu lassen, wenn sie zu nichts anderem verwendet werden als zum Saufen, Huren und Prassen. Zwar auch dies ist ein gut Ding. Wuchtig schlug er mit der Faust auf den Tisch, da die zinnernen Schsseln in die Hhe sprangen. Komm, bring die Dirne da mit, sie hat einen ranken Leib, und dann trinken wir uns einen Rausch darauf, da Gott oder der Teufel eine feinere Lebensweise fr ihre zweibeinigen Ebenbilder ersinnen. Was gibst du mir, wenn der Gedanke schon unterwegs ist? Vielleicht wlzt er sich bereits im Hirn eines beltters. Denn halleluja, der Gedanke wenigstens braucht kein edel Haus, er wohnt berall! Gerade wollte sich der Rotseidene wieder herumwerfen, um sich zu berzeugen, ob seinen herausgeschrienen Befehlen endlich Folge geleistet wrde, da brach die Eingangstr auseinander, und vor den fassungslosen Blicken der Hausherrin und ihres Gastes quoll ein Schwarm derber, wettergebrunter Seeleute herein. Alte und junge Mnner, verdchtig anzuschauen mit ihren narbenzerrissenen Gesichtern voll Auflehnung und Zuchtlosigkeit, und alle Arme beladen mit der Ausbeute ihres wilden Handwerks. Die einen schleppten Linnenballen und silbernes Gert mit sich, die anderen schleuderten jauchzend Schinken oder Schsseln voll gerucherter Fische auf den Tisch, ja, ein paar junge Burschen rollten sogar ein verschimmeltes Weinfa herein, schlugen den Spund heraus und begannen unter Flchen und rohen Scherzen eine Kanne um die andere mit dem roten Saft zu fllen. Klatschend strzte das kstliche Na auf die sauberen Dielen. Es sah aus, als wre die fessellose, an keinen Befehl gebundene Gesellschaft bereit, den Rausch ihres so leicht erworbenen Besitzes sogleich an Ort und Stelle auszukosten. Kaum aber hatten die ersten Tropfen des starken Weines ihre Lippen benetzt, da wurden sie alle von einem Freudentaumel erfat, die letzte Zurckhaltung ging unter. Genieen, schlrfen, fressen und saufen schien ihr einziger Zweck. Wo sie gingen und standen, fielen sie auf dem Estrich nieder, hieben die Becher gegeneinander, grlten, lachten und zankten, und mitten aus dem wsten Braus fingen sie an, ihre Zunftlieder zu heulen. Gierige Blicke und geschwungene Humpen richteten sich gegen das Weib, das matt und mde, geschlossenen Auges an dem fernen Pfosten lehnte. Heiser brllten die rauhen Kehlen: Schlagt den Prassern die Ksten ein, Stehlt ihr Silber, sauft ihren Wein; In die weichen leinenen Kissen Ihre blassen Mdel gerissen. Kehrt sie um, die morsche Welt, Bis kein Groschen heraus mehr fllt! Wer's nicht tut, der ist nicht wert, Da er rschlings zur Hlle fhrt. Die Jauchzer berschlugen sich, schrille Pfiffe gellten durch den Raum, die Begeisterten wlzten sich auf den Dielen, rissen und zerrten sich gegenseitig an den Frauengewndern, die viele von ihnen verkehrt ber die Schulter geworfen hatten, und ble Reden flogen zu den beiden Menschen aus einer anderen Welt herber: Da, sieh den Glatzkopf und die Lustdirne! Ja, solch ein muffiges Gebetbuch wei sich den rechten Platz. Aber pa auf, wie sie tanzen, wenn wir hier anznden. Ein grausig Gelchter wurde aufgeschlagen, dann spritzte es wieder aus dem Fa, und der Wein klatschte auf die Erde. In all den Lrm hatte der Hauptmann, zu dessen Fen sich der Knuel verschlang, mit einem sonderbaren, erfrorenen Lcheln hineingeschaut. Nun aber schttelte er sich erwachend, wie jemand, der angespritzten Kot von sich abschleudert, und um seinen herrischen Mund irrte ein Zug von Grausamkeit und Hohn. Ja, das sind meine lieben Kinder, an denen ich meine Freude habe, sagte er mit einer biblischen Anspielung und dabei bewegte er die Hand, als ob er die Rotte in ihrer Gesamtheit vorstellen wollte. Sie geben sich nicht anders, als sie sind. Lug und Trug kennen sie nicht. Und als er das ungemessene Entsetzen, den Ekel und den Abscheu in den Augen seiner beiden Gefangenen las, stie er trotzig und voll grimmiger Rechthaberei hervor: Folglich sind sie echt. Wer kann das in dieser falschen Welt von sich behaupten? He? Pltzlich ri sich der Sitzende herum, bckte sich und packte den vordersten der Gesellen unsanft an der Brust. Ein Zug, und der Stiernackige war auf die Beine gebracht. Da unterbrachen auch die anderen ihr Schlemmen, und es wurde so still und lautlos, wie es vorher wst und unbndig gewesen. Wulf Wulflam, herrschte der Anfhrer scharf, was habe ich dir befohlen? Der herkulische Bootsmann wurde verlegen, er kratzte sich in seiner rotbraunen Schifferkrause und suchte sich, wie ein Schler vor dem Lehrer, auf seine Aufgabe zu besinnen. Du sagtest, Admiral -- -- du sagtest---- Was Mensch? Wir sollten Gold und Silber von hier zu Schiff bringen. Mehr nicht. Mehr nicht! Nun wohlan, das ist deutlich. Aber, Wulf Wulflam, und er zerrte ihn heftiger an der Brust, lauert hinter deiner Fratze nicht noch ein ander Gelst? He? Ungewi starrte ihn der Schiffer an, allmhlich erstarb sein Grinsen, und seine anfngliche Sicherheit ging in Scheu und Unterwrfigkeit ber. Auch seine Genossen hielten kleinlaut mit ihrem Toben inne, scharrend erhoben sich die Seeleute und rotteten sich verstohlen um ihren Bootsmann zusammen. Lauschend streckten sie die Kpfe vor, als gbe es nichts so Wichtiges, als das winzigste Wort ihres Fhrers aufzufangen. Herr, suchte sich der Bootsmann in verlegenem Trotz zu verteidigen, wir dachten -- wir meinten-- und unwirsch polterte er heraus: der alte Kasten hier wre auch lngst reif fr den Teufel und zum Ausruchern. Weiter kam er nicht. Eine Blutwelle schnellte bis in die Stirn des Admirals, mit einem erbitterten Griff zuckte er nach seinem Dolch, ri ihn vom Grtel und prete das haarscharfe Messer dem Erschrockenen gerade auf die Kehle. Ein lauter Schrei entfuhr den anderen, aber auch Linda und ihr Gast klammerten betubt, schutzsuchend ihre Hnde umeinander. Du rudiger Hund, keuchte der Rotseidene mit einer jedes Ma berlodernden Wildheit. Meinst du, du seist der erste, den ich von meinen Kindern still gemacht? Wir stehlen nicht, wir sammeln einen Schatz. Zu welchem Zweck, wei ich allein. Und wehe dem -- einen Strick am hchsten Mast fr den, der meine Plne strt. Hast du es dir gemerkt? Wohl, Herr, stotterte der Bootsmann bezwungen. Ein Murmeln erhob sich unter der Schar, das Verborgene, Geheimnisvolle, das hier angedeutet wurde, oder der unerbittliche Zwang, der von diesem einen ausging, er schlo die Ausgestoenen wieder zu einem willigen Bund. Das dunkle Gefhl ihrer Sendung packte sie abermals. Der Admiral aber winkte heftig mit der Hand, als htte er schon zu lange mit dem Haufen geschwatzt. Fort -- tut, was euch geheien -- und mit dem Morgengrauen sind wir von hinnen. Da schob sich die Rotte lrmend, in berstrztem Gedrnge zur Tr hinaus, jeder froh, der Gesellschaft dieses einsamen Menschen dort drinnen berhoben zu sein. Hinter ihnen blieb nichts als die leis aufgewirbelten Stubchen, die blau und durchsichtig zu den Lichtern emporstiegen. Der Verlassene jedoch reckte die Arme, schttelte nach seiner Gewohnheit das eben Vergangene unbegreiflich schnell ab, und nachdem er die lockigen Haare leichtsinnig in den Nacken geworfen, beugte er sich hungrig ber die ihm vorgesetzten Schsseln. Hastig und doch ganz mit den Gebrden eines groen Herrn begann er zu tafeln. Dabei verga er fr eine Weile vllig der beiden Zuschauer, die an der fernen Wand, eng aneinander geschmiegt, unter Grauen und Schrecken beobachten muten, wie oft der gewaltige Weinhumpen an die Lippen des Fremden stieg. Von Zeit zu Zeit wandte sich der Seefahrer und lie neuen Trank in die Kanne laufen. Allein bei einer dieser Bewegungen muten dem Eindringling endlich die zwei Schatten dort drben an der Kiefernwand auffallen, denn er lie das Weingef sinken und richtete seine schwarzen Augen mehr verwundert als in irgendeiner feindlichen Absicht auf die unfreiwilligen Zeugen seines Schmauses. Die verzerrte Bestrzung in ihren Gesichtern, die qulende Angst, mit der sie ihr Schicksal erwarteten, schienen den Zecher zu stren. Unvermutet sprang er auf, so da alles auf der Tafel zitterte, und whrend er rasch auf die ihm Preisgegebenen zuschritt, empfanden diese trotz ihrer wachsenden Not das Wunder, wie geschmeidig und unangefochten der Seefahrer auch nach jenem unerhrten Trunk seinen Gang beherrschte. Kein Rausch hatte ihn unterjocht, nur die dunklen Augen waren unnatrlich erweitert und sprhten und blitzten, als ob sie in Brand geraten wren. Jetzt stand der Hochgewachsene dicht vor ihnen, setzte die Hnde in die Seiten und schlug endlich ein kurzes Gelchter auf. Kommt, ihr beiden Lmmer, lud er sie ein, nehmt das Ding wie es ist, und steht nicht wie die armen Schindluder vor dem Henkerkarren. Mu denn Donnerwetter und Gewitter immer nur von oben kommen? Es kracht auch einmal von unten, wie euch der Feuerberg auf Island lehren sollte. Und die Anwohner glauben dann, es gbe ein fruchtreich Jahr. Spielend fate er den Mnch an der Kutte. berdies, Hochwrdiger, wie schrieb dein Freund, der Rechtsbeuger Cicero? '_Varietas delectat_,' und ich setze hinzu: 'Der Teufel dachte ebenso, da er Buttermilch mit der Mistgabel a'. Dringender zerrte er den Geistlichen an seinem Faltenrock, denn er wollte ihn zwingen, ihm an den Tisch zu folgen; der aber wich schtzend vor die Grfin zurck und schlug pltzlich beide Hnde zusammen. Ein entgeisterter, verzweifelter Blick des Erkennens brach aus den guten Augen des Alten. Barmherzigkeit, flsterte er schwach. Claus -- Claus Beckera. Du bist's, verbirg dich nicht. Auferstanden aus dem Grabe als blutige Geiel. Als ein vergiftet Saatkorn, von dem die Menschen sterben. Mann -- Knabe -- deine Eltern, deine Mutter -- deine Jugend-- Im Saale wurde es still. So still, da man den feinen Streusand auf dem Estrich unter den Fen der drei Menschen knirschen hrte. Schweigend, unbeweglich stand der Strtebecker dem Mnche zugekehrt, und man htte glauben knnen, da er gelhmt, erschttert sei durch das Auftauchen jener lngst entschwundenen Gestalt. Allein kein Anzeichen kndete dies. Weder reichte er dem so unvermutet gefundenen Freunde die Hand, noch hie er ihn sonst durch ein freundlich Wort willkommen. Nein, er starrte nur unverwandt in die greisen Zge, bis endlich ein tiefer Atemzug verriet, da er aus Erinnerung und Abwesenheit zurckgekehrt sei. Es ist gut, Alter, wnschte er halb im Ton des Befehls. Ich will dich nicht krnken, aber ich kenne dich nicht. Dich nicht, dein Vaterland nicht und vor allem nicht eure Gesetze. Claus. Still, nur in einem trafst du das Rechte. Auferstanden aus dem Grabe, zu einer neuen Sonne, deren Wrme du nicht mehr fhlen kannst. Ohne eine Antwort abzuwarten, tat er einen starken Schritt auf die Grfin zu und hob ihr Haupt gewaltsam am Kinn in die Hhe. Die Zusammengesunkenheit des Mdchens schien seinen Hohn zu reizen. Warum zitterst du, Weib? fragte er scharf. Sprbarer fate er sie an, um sie heftig ins Bewutsein zu rtteln. Du siehst aus wie eine Heilige, rief er wild, sich ber sie beugend, und deine Hand krampft sich um ein Kreuz. Flennst du vielleicht darber, weil dein Hab und Gut sich zu Speise und Trank wandeln sollen fr die, so nicht rein und wohlbekleidet sind wie du, Gottselige? Da geschah etwas Seltsames. Weit ffneten sich die blauen Augen des von einem schweren Traum befangenen Mdchens. Abwehrend streckte sie die Hnde aus, als wollte sie das Grauen von sich fernhalten, allein, whrend sich ihr Krper in Erdenqual strubte, da faltete eine bezwingende, eine ihr ganzes Dasein heiligende Macht ihre Finger zusammen, und ber ihre Lippen drngten sich Worte der Demut und des beseligten Gehorsams, wie sie hnliche niemals vor Altar noch Betstuhl gefunden. Nimm, was mein ist, hauchte sie mit bangem entgeistertem Lcheln. Da du gekommen bist, die Erde zu reinigen, so geschehe dein Wille. Meine Tochter, rief der Mnch ber diese fromme Anbetung entsetzt dazwischen und griff sich verzweifelt an das betubte Haupt, du lsterst, du gute Seele. Erwache! In deine Augen spritzt die goldglitzernde Schlange ihr Gift. Die Verfhrung, die selbst getuschte, schaut dir ins Antlitz. Der Strtebecker prete pltzlich die Hand des Alten, da der Abt laut aufschrie. Schwatze nicht, grauer Lgner! fuhr er ihn an. Meinst du, mein Wein wrde schlechter, weil er in einem Mistkbel gereicht wird? Allein das Weib, um das der Streit ging, vernahm nichts weiter. In roten Blitzen hatte sich ihr die Vision offenbart, nach der ihre Verlassenheit Tag und Nacht gebangt. Er war da, der Ersehnte war erschienen. Ein herrlicher Mann, blutig und gebieterisch zugleich, beugte sich zu ihr herab, eine rote Wolke umschwebte ihn, und tief unter ihm hoben sich aus dem Morgengrauen tausend und abertausend Hnde, die lobpreisend nach ihm verlangten. Damit sank ihr Bewutsein in die Knie. Nur verlschend empfand sie noch, da sie aufgefangen wurde und geborgen war. Claus Strtebecker hielt den Leib der Hingestreckten in seinen Armen. Ein Blatt, das auf ihn herabgeweht war, konnte ihn nicht lastender beschweren. Aber gespannt, fieberig, hingenommen starrte er jetzt auf diese erste Seele, die er von den Zinnen der Menschheit gebrochen und die sich doch zu ihm bekannt. In halbem Verstndnis nur streichelte er ihr das blonde Haar aus den Schlfen und wandte sich erst unwillig ab, als er sich unvermutet am Arm gehindert fhlte. Was willst du? wies er den Mnch zurck, der sich noch einmal an ihn gedrngt hatte, um jetzt eine schwache Bewegung zu vollfhren, als wolle er die Willenlose von ihm empfangen. Was willst du? Claus, bat Pater Franziskus, am ganzen Leibe bebend, ich will dir vergeben. Ich will annehmen, da meine Zeit und die deine einander nicht verstehen knnen. Aber hier, gegen diese Unmchtige la mich meine Pflicht erfllen, wie ich sie gelernt habe. Hier weiche vor meinem Amt, und ich will dich trotz allem, wie vor Zeiten, segnen. Es war eine Stimme, die vor Seelenangst und Gte brach, aber der, den sie erweichen sollte, schttelte hastig und finster das dunkle Haupt. Die ist mein, widerstrebte er auflodernd. Um Seelen wird nicht geschachert. Claus, im Namen ------ Der Abt taumelte und vermochte kaum noch die Rechte zu erheben. Unglcklicher Mensch, denke daran, was deiner Mutter geschah. Da wirbelte ein schneidendes Gelchter aus der Brust des Seefahrers, mit einem rcksichtslosen Sto befreite er sich von dem Alten, und whrend er seine Last fester an sich raffte, schritt er rasch und sicher bis zu dem dunklen Gang, wo er die Tr drhnend hinter sich ins Schlo warf. Dann drehte er auch noch den ungefgen Schlssel herum. Gleich darauf hallten schwere Tritte auf dem gewundenen endlos laufenden Flur. Nur ab und zu brach durch ein Bogenfenster wolkiges Mondlicht ber die Steinfliesen, und dann konnte der Trger diese und jene Wendeltreppe unterscheiden, die mit rohem Gelndergeblk in ein oberes Stockwerk leitete. Wiederholt hatte der Gewaltttige Vorhnge zurckgeschlagen oder eine schwere Tr geffnet, doch immer mute er in der Dunkelheit einen der kahlen Wohnrume erkennen, wie sie solch alten Kastellen eigen. Allmhlich aber begann er sich mit den Herzschlgen des stillen Wesens, das er an sich prete, eins zu fhlen. Eng und warm ruhte es an seiner Brust, nicht mehr als unnahbare, frostige Heilige, sondern weich und biegsam, hnlich den unzhligen anderen, die der Unbndige nur geschaffen whnte, um seinen Krperdurst zu stillen. Aber hier war doch etwas anderes. Mit seinen untrglichen Nerven sprte er, da dieses hochgeborene, verschlossene, vor allem Unsauberen schaudernde Geschpf im Innern des Menschen, der ihr gewi ein Ruber, ein frecher Wegelagerer sein mute, die goldene Flamme blitzen sah, wie sie einst auf den Altren gelodert. Und dieses Feuer wollte doch aus Kot und Unrat hinauf zur Gottheit, als ein Notschrei, als eine Anklage, als ein Signal! War sie nicht vor jenem Brand verstehend, beseligt dahingesunken? So etwas hatte der Verwhnte, der doch befehlen durfte, der Gesetze umstie und verborgene Wnsche losband, noch nie in seinen Armen gehalten. Ein Eigentum, unlslicher als jedes andere. Erworben, geknechtet ohne Blut noch Schwert! Unsicherer wurde sein Schritt, schwerer seine Brde, summend hrte er das vom Wein und Siegerbewutsein aufgepeitschte Blut in allen Adern rauschen, und nicht gewohnt, seinem Willen ein Hemmnis entgegenzusetzen, ri seine Rechte den dnnen Schleier vom Hals seiner Last, und sein Haupt bettete sich suchend auf die khle Brust seines Opfers. Mein bist du, murmelte er, whrend er verworren auf den regelmigen Herzschlag lauschte. Mein. Deine Welt ist mein. Was kannst du besseres verlangen, als einzugehen in das, was du erkannt hast? Da stand er auch schon vor einer starken Bohlentr, er stie sie auf, und vom hohen Kamin beleuchtete eine einsame Kerze das starke sechsfige Bett, einen Himmel darber und einen schmalen, mannshohen Stuhl daneben. Und bedenkenlos, freudegeschwellt brach der Strtebecker in den Frieden dieses nie entweihten Raumes. IV. Sie lag entblt auf ihrem langen breiten Lager, und der Wind der Morgendmmerung, der die Lden aufgestoen und nun durch die engvergitterten, scheibenlosen Fenster hindurchstrich, er lie ihre Glieder unter der dnnen Linnendecke frsteln. Empfindlich zog sie die Hlle bis zum Hals, und die Blicke der Erwachten wanderten ruhelos an der glatt gespannten Flche des Betthimmels, als ob dort etwas geschrieben stnde, auf das sie sich besinnen mte. Aber gelhmt, verworren, zerwhlt versagten ihre Gedanken jede Selbstbesinnung oder Erkenntnis, und trotz aller Anstrengung wute die Hingestreckte nichts weiter von sich, als da ihr ein wster, zackiger Felsstein auf die Brust geschmettert sei, und wie sie zu matt wre, um sich der Wucht zu entwinden. Vor ihr auf dem Strohteppich atmete etwas, und als sie sich mhsam wandte, erkannte sie ihr schlankes Windspiel, das sich wohl gegen Morgen zu ihr gestohlen haben mute. Das Hndchen lag, den Kopf zwischen den Pfoten, und ugte ber seinem erzenen Halsband achtsam zu ihr herauf. Da streckte sie die Hand aus und wollte das Tier anrufen; allein seltsam, sie vermochte sich nicht an den Namen ihres Begleiters zu erinnern, und in der Qual, ihr eigenes Wesen verloren zu haben, sank sie wieder zurck, eine Fremde, Unbekannte in ihrem eigensten, heimlichsten Bezirk. Drauen, auf dem Ahornbaum, begannen ein paar Meisen zu zwitschern. Sonst bedeutete dies den Weckruf des Morgens, denn auf Ingerlyst erhoben sich Herrin und Knechte mit der Sonne, heute jedoch blieb alles unverndert still, das Vieh brllte nicht in den Stllen, und die Holzschuhe des Gesindes klapperten weder auf dem Hof noch in den Burggngen. Auch die Zeit schien sich gewandelt zu haben, auch sie starrte leer und ausgeplndert, gleich der Gebieterin hier auf ihrem kalten Lager. Geduldig bettete sich die Verlassene auf ihren Arm, lauschte angstvoll auf die zuckenden Schlge ihres Herzens und wartete, ob der Bann noch einmal von ihr genommen werden knnte. So htte sie vielleicht noch lange hingedmmert, verstoen von ihrer Vergangenheit und nicht fhig, den Wirbel vor der Gegenwart zu durchbrechen, wenn sich nicht ein leises Ticken gemeldet htte, das vom Holzwurm herrhrte. Ihr gegenber ber dem schmalen Kamin war bis unter die Tafeldecke ein altes, wuchtiges Holzkreuz eingelassen, und in dem braunen Geblk bohrte und pochte es manchmal, als wre selbst das heilige Symbol vor Zermrbung und Vergnglichkeit nicht sicher. Richtig, richtig, Linda raffte sich auf, denn sie meinte sich jetzt zu besinnen, da sie jeden Morgen noch vom Lager aus ihre Arme zu jenem gewaltigen Stamm erhoben habe. Ja, ja, gewi, allerlei kleine Bitten und Wnsche bedrckten stets ihr Herz. Und dann die eine groe Sehnsucht nach Reinheit und Stille. Aber als sie nun nackt, entblt, frierend auf ihren Kissen kniete, da erstarb ihr pltzlich die volle Bewegung, ber ihr blasses Antlitz zog starres Entsetzen, und wie von einem Blitzstrahl getroffen, strzte sie rcklings auf ihr Linnen. Ein Wunder -- ein Wunder -- vor ihren weit aufgerissenen Augen spielte sich das Herzlhmende ab. Ein fremdes Haupt erschien an dem Querholz, ein braunes Lockenhaupt, mit Lippen, rot von Kssen, und wilde, schwarze Augen gierten ber ihren Leib. Und jetzt wand sie sich mit einemmal in einem Feuermeer, das sie verzehrte. Gnade, Erbarmen! Allein der Brand der Erkenntnis berheulte alle frheren Begriffe. Zu Hilfe -- die Welt war eingebrochen! Das Erdrund taumelte und schttelte alles Lebende durcheinander. Der Heiland des Schmerzes von seinem Holz gezerrt, und an seiner Stelle lachte ein Unbndiger voll Grausamkeit, Kraft und Willensstrke. Schwarz war wei, Verbrechen Tugend, Sitte Torheit, Entsagung Wahnsinn; sieh da -- sieh dort, eine unwiderstehliche Faust packte das fliehende Glck, das sonst niemand halten konnte, und knechtete es seinen Anhngern. Allen! Auch dir -- auch dir -- das Glck! Sie wollte schreien, aber sie fhlte, wie sie in unsichtbaren Armen verging, alle Glieder spannte sie zu Kampf und Widerstand, sie bi, sie wrgte, aber in der Unterjochung sank sie hin, erlst von aller Erdenschwere, eine Freie im Angesicht der Natur. * * * * * Als sie erwachte, war der Rausch verflogen. Sie fand sich wieder, wie sie trnenlos auf ihrem Lager hockte, um mit ausgehhlten, erfrorenen Augen zu beobachten, wie sich die Bltter des Ahornbaums vor ihrem Fenster in Morgenrte kleideten. Drinnen in der kleinen Kemenate webten noch die unerwrmten Schatten, und jedes der sprlichen Gertschaften schien zu frsteln, zu zittern und zu schaudern. Stumpf, teilnahmlos warf sich das blonde Weib die gewohnten Hllen ber, und je bekanntere Dinge sie ergriff, ein desto trberes Erstaunen beschlich sie, da sie sich bewege oder warum berhaupt noch Leben in ihr walte? Unbegreiflich, gar nicht mebar, sie war doch gemordet, ihr Name verschwunden von der Tafel, wo die Reinen und Ehrbaren verzeichnet standen, eine unbarmherzige Ruberfaust hatte die Zge fortgewischt, aus keinem anderen Grunde, als weil sie eben seine Beute geworden. Sie, ihre Diener, ihr Hab und Gut, ihr Heim und alles, was sie frher geliebt hatte. Eine kurze, ungestme Lust hatte gengt, um aus einer Aufrechten eine geduckte Verworfene zu formen, beladen mit unaustilgbarer Schande, und nur noch dazu bestimmt, vor ihrem eigenen Ekel in ein geruschloses Ende zu flchten. Das war das wirkliche Dasein, so verkndete es sich, ein Tier wurde von dem anderen gefressen, ohne Gte noch Gnade, und alles, was darber hinaus geredet wurde von umfassender Bruderliebe unter den wilden Geschpfen, groer Gott, es war nichts als Staub, Wind und schwrmender Wahn. Ein Tier wurde von dem anderen gefressen. Hilfe -- Hilfe! -- An welch lcherliche Narreteien hatte sie denn frher geglaubt? In der unermelichen Angst, da ihr bald auch noch das letzte, der klare Verstand geraubt werden mte, griff sich die nun Aufgerichtete an beide Schlfen. Ihre auseinanderspringenden Gedanken wollten sich an irgend etwas klammern, an ein lebendes Wesen, das ihren Sturz begriffe, an ein Herz, von dem sich liebevoll scheiden lasse. Sie mute doch irgendwo festhaften? Oder war sie schon immer wie ein drres Blatt durchs Leere gewirbelt? Aber wohin ihre Verzweiflung auch jagte, immer fand sie sich allein vor dem groen braunen Kreuz wieder, um das ihre Rechte sich krampfte, weil ihre Knie vor Schwche zitterten. Das Kreuz -- das Kreuz! Eine frchterliche Pause des Wartens entstand. Fordernd, dringend tasteten ihre erweiterten Augen an dem toten Holze hin und her, und je mehr Zeit ergebnislos verstrich, desto verchtlicher begannen ihre getuschten Lippen zu zucken. Dort oben regte sich nichts. Derjenige, der ihr frher an dem Querholz oft in verzckten Stunden erschienen war, dem sie sich geweiht und dessen Gte sie sich bald ganz ergeben wollte, er hatte tatenlos, schwchlich zugeschaut, wie Leib und Seele seiner Jngerin zu seinen Fen verheert und besudelt wurden. Von einem anderen, der gleichfalls zu den Armen und Beladenen herniederzusteigen meinte, nur, da er seinen Weg mit Blut bego und da der Pesthauch aller verdammten Laster ihn umwlkte. Wie gestoen fuhr die Gehetzte herum, grub ihre Blicke unglubig in das zerwhlte Lager und strich dann ruhelos an den Wnden herum, gleich einem Tier, das einen Ausweg aus unbersteiglichen Mauern sucht. Und sie fahndete auch nach etwas -- der giftige Atem der Nacht mute sie benebelt haben -- denn sie suchte fieberhaft, rastlos nach einer Erklrung fr ihren grausigen Niederbruch, nach einer Auflsung des Rtsels, warum ihr Krper den geistigen Tod auch nur um eine Sekunde berdauert habe? Vielleicht hatte der groe, schne, gewaltttige Mann ihre Seele mit Zrtlichkeit umstrickt, vielleicht ihr Gemt drstend, berredend zu seinem Werk herbergelockt, das wie eine blutrote Erdensonne hinter ihm stand? Nichts -- nichts, alles Ausrede und Wahn! Ihre Ehrlichkeit gestand sich etwas anderes. ber ihr hatte sich ein Gewitter ausgetobt, in dessen kalte Blitze sie offenen Auges, betubt, entgeistert, demtig und duldend hineingeschaut. Und jetzt war die Wetterwolke vorbergezogen und hatte gleichgltig die geknickte Flur hinterlassen. Prfend fuhr Linda an ihren Gliedern herab, und jetzt erlangte sie endlich die ersehnte Gewiheit. Alles tot, gebrochen, leblos, ihr blieb nur noch brig, den Leichnam einzusargen. Das war ihr Ziel, ihr letztes. Es stimmte im Grunde mit ihren Kindheitswnschen zusammen, die von je nach Aufhren und Verstummen gelangt hatten. Mit fliegender Hand warf sie noch ihr zerdrcktes Gewand ber und schlich auf den morgengrauenden Gang hinaus. Nicht einmal Zeit hatte sie sich genommen, die Lederschuhe anzulegen. Doch ihr abgeirrtes Bewutsein empfand die Klte der Steinfliesen nicht mehr. Mit sttzender Hand hielt sie sich an den Wnden, und so schwankte sie ein paar der gewundenen Treppen hinab. berall offene Tren, sonst Stille und Lautlosigkeit. Einmal stutzte sie. Von fern konnte sie in den groen Saal hineinlugen, in dem sich gestern abend das wste Zechgelage abgespielt, und eine flchtige Sekunde klammerte sich eine jhe Hoffnung an ihr fest, ob der Abt, der mildherzige, verzeihende Christenlehrer, vielleicht noch zwischen jenen Mauern ihrer harre. Gleich darauf freilich zuckte sie schuldbewut zusammen, und wenn der weite Raum auch nicht so menschenleer und unrastig geghnt htte, die abgrndige Scham wrde sie gerade vor dem Angesicht des Priesters in besinnungsloser Flucht vorbeigetrieben haben. Nein, nein, nur keinem Genossen des Gestern mehr in die Augen schauen mssen, nur schnell und unbemerkt irgendwo den Sprung in die fegenden Hllenflammen wagen, damit die Lohe vielleicht die grliche Unsauberkeit lutern knnte. Selbst jetzt, wo ihr Erdenweilen kaum noch nach Augenblicken zu bemessen war, da prete ihr die Scham, eine ganz unausdenkbare, umwhlende Scham, beide Hnde vor das Antlitz, und ein winselndes Sthnen entrang sich ihrer Brust. Oh, nur dieser berwltigenden, giftigen Verachtung entfliehen, die wie ein Regen berall auf sie herniederfiel; nur schnell diesem letzten, heilsamen Entschlu zustreben, bevor das unschuldige Licht des Tages den fr die Befleckte so wohlttigen Dmmer zerstreute. Weiter, weiter, die Treppen liefen an ihr vorber, die Hoftr war nur angelehnt, und als sie sich ber den Wirtschaftsplatz drckte, da drngte es sich ihr auf, da auch hier alles Leben erstorben sei. Nirgends mehr ein Stck Vieh, weder im Stall noch an der Trnke ein Knecht, de und ungenutzt lag das alte Gemuer, und nur der Wind knarrte ab und zu mit den offenen Tren. Allein gerade jene gespenstische Verlassenheit ntigte dem Schatten, der hier vorberstrich, ein mattes Wohlgefallen ab. Kein Auge, das sie in ihrer frheren Reinheit gekannt, durfte sich fragend an sie heften, ungestrt lie man das namenlose, geschndete Geschpf seines Weges ziehen. Er fhrte sie nicht mehr weit. An der hinteren Umwallung waren in schrgem Anstieg ein paar Stufen in die Mauer gehauen. Sonst hatte die verwhnte Herrin niemals diesen Katzentritt benutzt, nun kroch sie bedenkenlos hinauf und beachtete es nicht einmal, da ihr das Mrtelwerk die nackten Fe zerschnitt. Keuchend, schwankend langte sie auf der Mauerkrnung an. Und sofort fuhr der Seewind in ihr Gewand und stubte es auseinander. Ein letzter, vor Vernichtungstrieb bereits trber Blick belehrte sie, da sie an der rechten Stelle angelangt sei. Unter ihr zog der Burggraben seinen grnen, fauligen Linsenteppich, bleierner Dunst brach aus ihm empor und spielte mit den Schatten, die eine Reihe uralter Kastanienbume vom jenseitigen Bord ber den starren Tmpel warf. Heiseres Froschgequake klapperte aus dem Nebel, und manchmal huschte es im Sprung ber die Flche, und die grnen Kugeln strudelten dann im engen Kreis auseinander. Ja, sicherlich, hier ffnete sich das abschssige Tor, hier konnte ein Wanderer eingehen, der fr Vergessenheit und spurlose Entrckung das Letzte, uerste zu zahlen bereit war. Linda griff nach einem Tollkirschenzweig, der in dem Gerll wurzelte, und whrend ihre Fe bereits den Halt lsten, da summte ihr noch wohlttig die Erinnerung durch die Sinne, da schon zur Zeit der Fehden gepanzerte Reiter mit Ro und Speer dort unten von smaragdgrnen Armen ins Bodenlose gezogen worden seien. Es mute ein langes, traumhaftes Sinken werden, und dann wrde es sein, als ob eine ungeheure Faust glttend ber eine Unebenheit dahingestrichen wre. Schon strauchelte sie, schon spannte sich die Tollkirschengerte zum Zerreien. Aber es war anders ber sie beschlossen. Kein erschreckter Menschenschrei strte sie, kein schtzender Mnnerarm fing sie auf, nein, es war nur das Leben selbst in seiner berredenden Strke, das auf sie zuschritt, um die Betroffene ein paar Spannen weiter als bisher in seine schimmernde Vielgestaltigkeit blicken zu lassen. Das Rad, das so lange einfrmig gelaufen war und nun stockte, es empfing pltzlich einen unbegreiflichen Antrieb nach der entgegengesetzten Richtung. Hinter den Kastanienbumen brauste ein Windsto, ein langes Summen whlte sich ber das Meer, und dieser seltsame Ruf schleppte die Aufmerksamkeit der Verlorenen gebieterisch und zwangsweise mit sich. Sieh dort, welch ein Bild? Auf der Seehhe, abgehoben von dem blauen Strich der aus milchigen Schwaden auftauchenden schwedischen Kste, schwoll der dunkle Leib eines Schiffes. Gewaltig, von nie geschauten Formen, lag es in dem blauschwarzen Teppich, widerstand sogar dem leisen Schaukeln der Flche und stie zwei riesenhafte Masten in den matten Silberhimmel. Und jetzt, wehten nicht auch von der diesseitigen Kste undeutliche Stimmen herauf? In den feuchten Sand hatte sich eine Snyke, ein groes, weitgebuchtetes Boot, eingebohrt, und Linda, die sich noch immer an ihren Zweig klammerte, fing auf, wie dort von winzigen schwarzen Gestalten allerlei Vorrat ber die Planken verladen wurde. Oh, jetzt wute sie es, dies Besitztum dort unten war ihr eigenes Gut, das vergewaltigt wurde, ebenso wie es ihr selbst geschehen, und auf dem Schiff dort hinten thronte ihr Vernichter und spann seine umwlzenden Plne. Willenlos lie sie die Gerte fahren, strich sich die Haare aus der Stirn und lehnte sich mit einem tiefen Aufatmen zurck, als wenn sie auf unbegreifliche Weise einen Arm gefunden htte, der ihr eine Sttze gewhren msse. Was war ihr denn nur in diesem flchtigen Augenblick widerfahren? Welch seltsame, berlegene Ruhe strmte in sie ber? Woher pltzlich diese Wandlung, die ein und dasselbe Wesen so vllig teilte, da das Jetzt das Vorher nicht mehr begriff? Unwillkrlich beugte Linda sich herab, um angestrengt zu sphen, ob dort unter ihr nicht doch etwas verschlungen worden sei, was sie kurz vorher noch im berma seelischer Zerrttung vor dem Morgen verstecken wollte. Jetzt stieg der rote Triumphzug herauf, schlug breite Brcken ber das Meer bis zu dem fernen Schiff, und aus dem Wind rauschte eine aufreizende Stimme. Die sprach: Was stehst du und frchtest dich? Wandle ber mich fort, denn dort ist dein Weg. Entschlossen richtete sich die Verlassene empor, mit einer Entschiedenheit, die ihr frher niemals eigen gewesen, und sah erstaunt, fast gierig in den sich weitenden und breitenden Tag. Trotz der roten Verklrung zeichneten sich Nhe und Ferne in glasheller Klarheit ab; die blau und rot geschichteten Linien des Horizontes, die schwarze Wlbung des Schiffes, das steile Ragen seiner Masten, das kurze Schwellen der schaumlosen Wogen, das Erschauern der Flche unter dem Wind, das schrge Schieen einer Mwenschar, alles erfllte sich mit Licht und Wahrheit, es verkndete sich so wirklich und voll Absicht, da die Zeugin jener Dinge bestrzt und beinahe hungrig diese klare, fernsichtige, hllenlose Welt an sich zog. So hatte sie es nie geschaut. Und dabei versank ihr das nchste. Sie selbst entglitt sich. Das, was sie gewesen, war zertreten. Ob jene Vernichtung berechtigt, schlimm oder gut schien, darber grbelte sie nicht lnger. Was lag wohl daran, ob ein einzelner in dieser kmpfenden Welt rein oder besudelt einherging? Ob er heute Frstenschmuck oder morgen Lumpen trug? Und ob derjenige, der dies alles gewollt und verschuldet, als ein Elender, Verstoener gebrandmarkt oder als sieghafter Emprer dafr gefeiert wurde? Was lag an diesem oder jenem, mochte er noch so frchterlich wten? Aber -- und die Erkenntnis einer neuen, sie vllig berwltigenden Offenbarung leuchtete in die fernsten Winkel ihrer wie von Spinnweben sich befreienden Seele -- hilf Himmel, dort hinten das gewaltige Schiff fhrte ja eine kstliche, noch nie an die Welt verschenkte Ladung! Linda mute sich wieder an das Tollkirschengestrpp lehnen, denn ihr Herz klopfte zum Zerspringen, und ein sehnschtiges Verlangen berglnzte ihr totenblasses, vernichtetes Antlitz. Wie war denn das? Das Schiff schwamm ja nicht allein auf den Wassern, es durchsegelte die Luft und fuhr durch Stdte, Drfer und Geister, weil es von dem Herzblut der Armen und Verlassenen getragen wurde. Es war eine Erlserbarke und verschlo den Gedanken eines Menschengottes, gewoben aus Mitleid und Kraft. Hilf Himmel! Die Erde mute bald auftauchen aus der Sndflut ewigen Jammers, der Unsegen und die Ungerechtigkeit vertrieben werden, aus Haerfllten und Mordgierigen sollten die sanften Triebe wieder aufblhen, die der Ewige im Anfang in sie gepflanzt, und um alles Lebende sich ein weiches, goldglitzerndes Band schlingen, das Herz an Herzen schlo. Wer es auch verkndete, der Wille war berirdisch. Er blendete ihr die Augen. Diesem Gedanken war sie geopfert worden, als die Angehrige einer Versippung, die ihn nicht mehr fassen konnte, doch deshalb gehrte sie auch jenem Gedanken. Er war das einzige Besitztum, das ihr geblieben, und darum durfte sie nicht untergehen, bevor sie nicht einen Strahl der Erfllung aufgefangen. Hilf Himmel! Sie war hingemordet und neu geboren, geschndet und gleichzeitig getauft in dem lodernden Geist, der dort drauen ber die Wasser glhte, und mit einem trunkenen Schrei lste sie sich von der Mauer und taumelte ber die Stufen in den Burghof zurck, das Eigentum einer fremden, sie unterjochenden Gewalt. * * * * * In dem leeren Kastell wurden Tren auf- und zugeschlagen, eine fieberische Hand suchte, ri an sich und fand, und eine kurze Weile spter sahen die Mnner an dem Boot, da man es gerade tiefer in die Flut hinabdrckte, wie sich ihnen ein junger, schlanker Bursche in der schwarzen Dnentracht nherte. Kuck, zeigte der Bootsmann Wulf Wulflam und schob seinen schweiigen Stiernacken vor, da kommt einer, ist nicht ausgekniffen! Was mag das Kindlein wollen? Auch die anderen Matrosen hielten breitbeinig in ihrer Arbeit inne, stemmten die Fuste in die Seiten und wunderten sich, woher wohl der blasse blonde Fant den Mut aufgebracht, sich so zutraulich ihrer Rotte zu berliefern, die mit Sphern und Kundschaftern nicht gerade viel Federlesens zu machen pflegte. Potz Marter, witterten ein paar der ausgepichten Sprnasen. Kuckt, die Hften und das Beinwerk. Gebt Achtung, da stimmt was nicht. Und da meckerte auch schon der Bootsmann aus vollem Halse, kniff die Augen zusammen und legte seinen schweren Arm prfend um die Schulter des Ankmmlings. Bist ein Brschlein, Feintrauter? schmunzelte er. Oder ein Jngferlein? Sag mir's ins Ohr. Was willst du? Der Bursche wurde noch um einen Grad bleicher, aber er nahm sich zusammen und zwang seine sanfte Stimme zur Festigkeit, als er erwiderte: Wenn du ein Mensch bist, so leite mich zu deinem Herrn. Ich will bei euch bleiben und mit euch ziehen. Viel Ehre, wahrhaftig. Der untersetzte Kerl vollfhrte eine spahafte Verneigung, dann zwinkerte er noch unverschmter mit seinen verschwollenen Augen, winkte jedoch mit beiden Fusten seine hhnenden Gefhrten zur Ruhe. Halt's Maul, Gesindel. Siehst du nicht, da ein frnehmer Junker sich zu uns herablt? Eia, welch feines Tuch und welch ein geschorenes Krgelchen! Er leckte sich die wulstigen Lippen und schlrfte vor Wonne. Potz Belten, und wie gerade und voll sich die hbschen Beine runden! Traun', wer mchte sich nicht solch einen holden Schatz zum Freund wnschen? Sprend, tapsig lie er die Hand an der Weiche des jungen Dnen herabgleiten und begriff es wohl selbst kaum, wieso ihn ein verzweifelter Sto dieser kleinen, kraftlosen Jungenhand so berraschend zurckschleuderte. Aber whrend der Ungeschickte unter dem schadenfrohen Gewieher seiner Gesellen bis an den Bordrand stolperte, wo er endlich einen Halt fand, wirkte der versteinerte Ernst in den Zgen des Knaben doch so wunderlich auf den Seemann ein, da er mrrisch von seinen unangebrachten Scherzen ablie. Weit du auch, Milchbart, brummte er warnend, wobei sein Blick noch einmal die weichen Formen des Fremden betastete, was geschieht, wenn du keine Gnade bei uns findest? Dann wirst du kopfber ins Meer gestrzt. Denn nur die Stummen halten reinen Mund. Das schreckt mich nicht, entgegnete der Dne mit einer seltsam bangen Stimme. Ich habe keinen Namen, keine Heimat und keine Ehre. Der Bootsmann fuhr auf, um ihn herum waren die Leute still geworden. Steig ein, murmelte er nachdenklich, dann gehrst du vielleicht zu uns. Solchen Burschen haben wir schon geholfen. Hilfreich bot er dem Knaben die Hand, wenige Augenblicke spter knirschte das Boot in die Fluten hinaus, hinter seinem Kiel schrumpfte die menschenleere Kste, und nur das ausgeplnderte Kastell hob sich schrfer ber die Gegend, als wenn es aus seiner Starrheit erwache, um ein rchendes Leben zu gewinnen. * * * * * Unter dem mchtigen Kriegsaufbau am Heck stiegen sie eine breite Treppe hinunter. Dann hob sich ihnen eine eisenbeschlagene Tr entgegen, und davor stand ein brtiger Matrose, den Spie aufgerichtet, die Linke auf ein kurzes Schwert gesttzt. Er hielt die Wacht. La das Brschlein ein, Tielo, vermittelte der Bootsmann, der hier zgerte. Mich dnkt, Claus kennt es schon, wollte er zweideutig hinzusetzen, aber von einem dieser erdenfernen, unglcklichen Blicke getroffen, verbesserte er sich und polterte ungeduldig heraus: La es ein. Es wird Claus Spa machen. Geh, Brschlein. Vorsichtig ffnete er die Flgel nach innen, der Tag schwand zurck, und eine bluliche Dmmerung empfing die Eintretende in dem tiefen, langgestreckten Raum. Beruhigtes, sattes Morgenlicht flo durch zwei kreisrunde Lcher, deren Bretterverschlge zurckgezogen waren, und die blaue Abspiegelung der See verlieh dem teppichbelegten, frstlich geschmckten Saal etwas Khles und Frstelndes. Aber es war nicht diese Wahrnehmung allein, die dem blonden Weibe in Knabentracht, das doch von ihrem Dmon unerbittlich hierher getrieben worden war, das Herz erstarren lie, nein, als es nicht weit von sich, dicht unter der einen Fensterffnung, einen berlebensgroen Mann auf seinem Ruhebett lagern sah, den Frevler, der es hartherzig zertrmmert hatte, da bumte sich sein besudeltes Magdtum in seiner ganzen Qual und Zerrissenheit auf, Leichenblsse bedeckte es, und wie ein schwerer Stein brach es in die Knie, um starr und sprachlos liegen zu bleiben. Im selben Augenblick wurde jedoch auch der Ruhende durch den dumpfen Fall aufgeschreckt. Unwillig ber die Strung wandte er seine Aufmerksamkeit von einer in rohen Strichen gezeichneten Seekarte ab, die ihm gegenber an der Wand angebracht war. Aber kaum hatte er sich halb emporgerichtet, da krampfte er in jhem Erkennen eines der Kissen zusammen und eine hitzige Welle spritzte ihm ins Antlitz. Das Bild des knienden Wesens offenbarte sich ihm so berraschend und unglaubwrdig, es warf ihm seinen eigenen Frevel so wild ins Antlitz, da er zuvrderst seine herrische Sicherheit einbte, und ein widerspruchsvoller Grimm gegen die Mahnerin seine Brauen zusammenschnrte. Was willst du? drohte er in ersticktem Zorn. Wer lie dich ein? Keine Gte verkndete sich in den heftig hervorgestoenen Worten, nicht ein Schatten von Reue, nur der verletzte bermut eines jede Verantwortung Verschmhenden tobte sich hier aus. Aber gerade diese helle, schneidende Stimme ri Linda aus ihrer demtigen Stellung empor. Wie ein Pfeil fuhr es ihr durch den Sinn, da der Mann auf dem Lager ein bedenkenloser beltter sei, da er nichts Heiliges an sich trage als seinen fremdartigen, erlsenden, umwlzenden Gedanken, und da auch dieser nur durch ein unerklrliches Wunder gerade in seine kalte, spiegelglatte Schale verschwendet sei. Und fieberisch getrieben, sich wenigstens das letzte zu retten, was ihr noch von Hoffnung, Himmel und Jenseits briggeblieben, sich nicht ausschlieen zu lassen von jener Gnadenfreistatt, die hier allen armen Seelen gepredigt wurde, erhob sie sich und trat dem Gefrchteten stockenden Schrittes entgegen. Ihre blauen Augen drngten sich suchend, flehend, jeden Widerspruch von vornherein fortstreichelnd, in die seinen. Du hast mir alles genommen, Claus Strtebecker, selbst den Winkel, wo ich mich verbergen kann, sagte sie mit einem unausweichlichen, bebenden Ernst, von dem sogar ihr Zuhrer gebndigt wurde. Du hast mich gettet, obwohl ich dir nichts bles sann, da ich dich zuvor kaum zweimal geschaut. Aber sieh, das, was besser ist als du, dein Werk, diese letzte Zuflucht der Gemihandelten und Niedergebrochenen, sie kannst du auch mir nicht verschlieen. Der Heiland spricht nicht mehr zu mir. Aber in deiner Hand leuchtet ein Licht, das mich beseligt. La mich dir dienen, Claus Strtebecker, la mich dir dienen, damit ich den Tag schaue, wo du das Licht zu den Unglcklichen trgst. Denn dies ist der Tag der Auferstehung. In ihrer Stimme demtigte sich die ganze Zerbrochenheit eines jmmerlich zugerichteten Wesens, aber zugleich griffen aus jedem Wort zwei flehende Hnde in letzter Angst nach einem schwanken Lichtstrahl, als ob er zwischen ihren Fingern zu einem rettenden Seil werden knnte. Der Mann jedoch, ihr Verderber und Zerstrer, von dem ihre hingenommenen, betubten Augen meinten, da ihm das weisende Licht in der Rechten flackere, er sprang finster auf, und whrend er ungehalten das Haupt schttelte, da stritten sich in ihm niederdrckende Verlegenheit mit der peinlichen Abneigung, seinem lebendig gewordenen Frevel Rede und Antwort stehen zu mssen. Dergleichen war der selbstherrliche Genieer nicht gewohnt. Alle Weiber waren doch nur dazu geschaffen, damit sie auf weichen Kissen der darbenden Lust Genge tten. Was verschlug es, ob sie unter geschwungenen Weihrauchfssern hingenommen wurden, im Taumel des Weines oder einer berrauschenden Siegerlaune? Nein, nein, den unbequemen Vorwurf wollte er nicht an seiner Seite dulden. Weib, klang es scharf und hitzig von seinen Lippen. Du trumst. -- Das Freibeuterschiff ist kein Platz fr Frauentrnen. Hier fliet Blut. Nicht zum Scherz nennen wir uns 'aller Welt Feind'. Allein Linda senkte nicht ihren ernsten Blick. Ich wei, entgegnete sie ohne Zaudern, du bist ein Feind der verdorbenen Welt. Jedoch, Claus Strtebecker, auch ich habe meine alte Welt abgestreift. Und du darfst es mir glauben, ich will nicht ruhen noch rasten, bis ich, gleich euch Mnnern, nur noch das Flammenzeichen vor mir schaue, auf das ihr zufahrt. Weib, Weib, unterbrach hier der Admiral mahnend und unglubig, und doch geschah es nur, um zu verbergen, wie sehr er von der sehnschtigen Hingabe dieses fremden Geschpfes getroffen wurde. Unruhig durchma er den weiten Raum, bis er pltzlich hart vor dem dnischen Knaben stehn blieb. In seinem schmalen Antlitz zuckte jene wilde Entschlossenheit, die stets seine Zge spannte, wenn es zu Streit und Kampf ging. Weib, drohte er sonder Rcksicht noch Scham. Was verstecken wir uns voreinander? Dir ist bel von mir mitgespielt worden. Und ich wei nicht einmal, was mich dazu trieb. Ob nur der Weindunst oder die Freude daran, deiner Patronin einen Streich zu versetzen. Aber jetzt tusche dich nicht. In mir gibt es keine Bereitwilligkeit, das Begangene wieder gutzumachen. Totenbla warf der Knabe die Hand vor, allein seine Finger wurden von dem Seemann ergriffen und beiseite gepret. Mein Leben wird kurz sein, hastete er weiter, und ich will es mir nicht durch deinesgleichen mindern lassen. Zahlreich schlpft ihr durch meine Hnde, was seid ihr mir? Aufgebracht, erzrnt stand der Hochgewachsene vor ihr, als sei er es, der grimme und berechtigte Vorwrfe ber die Zudringliche ausschtten drfe, weil eine Fremde sich unterfinge, sein Dasein zu beladen oder dem Ungebundenen eine Richtung weisen zu wollen. Dazu hielt er noch immer die Hand des Knaben in der seinen und umspannte sie, da die Blonde einen leisen Wehruf nicht unterdrcken konnte. Und doch, die verletzende Offenheit des wilden Menschen, die das klgliche Schicksal einer Vernichteten erst in seiner ganzen kargen Armut enthllte, gerade diese schonungslose Roheit, sie lie die Edelingstochter einen Rest ihres alten angeborenen Stolzes wiederfinden, das Bewutsein ihrer geraden, rechtlichen Art. Was sprichst du von anderen Weibern? beharrte sie fest. Begreifst du nicht, da du mich fr immer hinweggelscht hast? Sei gewi, niemals werde ich dich an mein Wesen erinnern, aber auch nicht dulden, wenn es im Gedchtnis anderer wieder auflebt. Zudem in der Stunde der Gefahr bietet das weite Meer ringsum fr jeden Mutigen eine Freistatt. Ruhig entzog sie dem Admiral ihre Hand und lftete die Kappe von ihrem Haupt. Und jetzt bemerkte der Erstaunte erst, wie ihre Haare kurz abgeschnitten waren, gleich denen eines Knaben. Kopfschttelnd, mit einem halben Lcheln ber die Zhigkeit ihres Willens trat der Strtebecker zurck. Sein Gast aber sprach mit unvermindertem Nachdruck weiter: Darum, noch einmal, Claus Strtebecker, dulde mich. Denn mir ist es, als ob mein Leben erst enden knnte, nachdem ich das Glck der vielen Tausende geschaut habe, um derentwillen du geboren bist. Es lag ein solcher fernseherischer Glaube in dieser Bitte, da er jedem anderen an die Seele gerhrt htte. -- Claus Strtebecker indessen begann pltzlich zu lachen, streckte sich auf das Lager, und indem er bequem das Haupt aufsttzte, warf er hin: Sage mir, wie heit du, Bblein? Obwohl sie alle Kraft aufbot, errtete doch die Gefragte. Linda, entgegnete sie, an sich herabschauend. Gut, lobte der Admiral und betrachtete neugierig die ranke Gestalt, so will ich dich Licinius taufen. Und auf ihren verstndnislosen Ausdruck setzte er angeregt hinzu: Merke dir, dein neuer Schutzpatron war im alten Rom einer von jenen, denen weder Suppe noch Braten schmecken wollte, solange die Hungrigen in ihren Pesthhlen verfaulte Tiberfische fressen muten. In dir sitzt von dem Mann etwas, das ich gern habe. Und nun suche dir hier ein Loch zur Behausung. Was schiert es mich? Es waren schon viele Weiber auf dem Schiff. Du magst bleiben, solange deine Grille zirpt oder es dir sonst Spa bereitet. -- Geh, Licinius. Ende des ersten Bandes. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Claus Strtebecker Zweiter Band -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Das dritte Buch [Illustration] -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- I. Von ihrem roten Gefieder getragen, glitt die Agile durch Tag und Nacht. Geschmeidig, zuverlssig, wie ein nimmermder Lufer rannte das Schiff ber die blaue Ebene, und sein Erbauer mute einen eigenen Zauber in den Kiel gesenkt haben, denn es war befhigt, durch eine unscheinbare Schwenkung mhelos den Zusammenrottungen grerer Flotteneinheiten zu entgehen, wie sie sich jetzt auffllig oft auf der Ostersee zu zeigen begannen. ber die Wasser mute bereits das Gercht von der Untat auf Ingerlyst schwirren. Mehrfach am Tage wurde die Kogge von allerlei Schiffsgemeinschaften angerufen. Dann bemerkte Linda, die in ihrer schwarzen Knabengewandung hinter dem hohen Bord lehnte, um in das ihr unbekannte Fluten und Schwellen des Seeverkehrs zu starren, wie unter die Freibeuter eine wilde Bewegung geriet. Dunkle Haufen rotteten sich auf den Kriegsaufbauten ber dem Bug oder hinten ber Steuerbord zusammen, verborgen spannten sich die Armbrste, die Geschtzbedienung trat unten im Raum hinter die drei Lederschlangen, und whrend unheimliche Ruhe herrschte, kletterte gewhnlich der Bootsmann Wulf Wulflam in den mannshohen Mastkorb, um von dort faustdicke Lgen auf die Wibegierigen hinabzuschleudern. Bald nannte er sein Schiff Roi de France, bald Die Perle von Brgge, und die Flaggen, die er aus Leibeskrften schwenkte, nahmen ebenso phantastische Farben an wie seine Ausknfte ber Ziel und Ladung des Seglers. Rckten darauf die fremden Schiffer mitrauisch und unbefriedigt nher, dann fing mit einemmal die Erfindung des Strtebecker an zu spielen. Eine Hebevorrichtung trug die Lederschlangen mitsamt den Bombardierern auf den Aufbau ber dem Bug, und der Donnergru aus den drei Mulern vertrieb den Neugierigen weitere Fragen. Um Linda herum aber gellte der hllische Triumph der Freibeuter. Bei solcherlei unbedeutenden Scharmtzeln pflegte sich der Admiral fast niemals zu zeigen. So oft der Blick des Knaben ihn suchte, immer mute er sich berzeugen, da der Befehlshaber den Seinen unsichtbar das stolze Fahrzeug lenkte. Fremd und hochmtig vermied er die Gemeinschaft mit dem Seevolk, und Linda entdeckte, da dieser Schwarzflaggenfrst einen Wall um sich gezogen hatte, ber den keiner seiner Untergebenen hinberzuschauen wagte. Dafr raunten sie sich ber ihn allerlei geheimnisvolle Geschichten ins Ohr. Der Aberglaube der Schiffer spann bereits bunte Fden um den Lebenden. Da er eine Hexensalbe besitze, die ihn schusicher mache, das brauchte nicht einmal der halbwchsige Schiffsjunge zu versichern. Viele hatten sie selbst gesehen. Bei Mondenwechsel bestrich sich der Herr mit ihr den nackten Leib. Und dann wurde er wieder jung und schn, der scharfe Zug um seinen herrischen Mund verschwand, und in sein Lachen fuhr jener silberne Klang, der die Herzen betrte. Ferner -- ihr wit es wohl -- sieben Hhlen eignen ihm in aller Herren Lnder. Von unten bis oben vollgestopft mit den herrlichsten Kostbarkeiten. Er ist der reichste Mann der Erde. Hat er doch einmal gewettet, er knne die Ostersee durch eine goldene Kette in zwei gleiche Teile scheiden! Aber was bedeuten solche Nebendinge? Die Hauptsache bleibt, der wilde Claus steht in Beziehungen zur Geisterwelt. Er hat einen Pakt. Und das ist gut fr die Schwarzflaggen, darauf bauen sie. Ein graues Mnnchen, ein Rauch, fhrt manchmal zu Claus herab; dann verschliet sich der Admiral einen Tag und eine Nacht in seine Kajte, selbst der wachthabende Matrose mu abziehen, und mit Grauen hrt man zuweilen auf dem Verdeck, wie der Strtebecker sthnt und chzt, weil er mit dem Kobold ringt, um ihm die Zukunft zu entlocken. Erscheint der Anfhrer am nchsten Morgen wieder auf Deck, so sieht er totenbla aus, die schwarzen Augen stehen ihm wie zwei glanzlose Brunnen, denn in ihnen hat sich die Zukunft gespiegelt, und sie knnen sich an das Licht der Erde nicht so schnell gewhnen. Angstvoll stiebt in solcher Stunde das Schiffsvolk vor dem Gezeichneten auseinander, ein weiter Umkreis bildet sich um ihn, und wen er anruft, der zittert und bekreuzigt sich heimlich. Nur das Hechtkreuz, das man auf der bloen Brust trgt, schtzt vor dem leeren, erfrorenen Blick. Wer kann aber auch wissen, mit wem der Geisterbanner die Nacht verbrachte? Es braucht durchaus kein ehrlicher Christenalp zu sein. Vielleicht war's der Teufel Odin, der ja gleichfalls um die Zukunft wei und noch lange nicht tot ist. Brand und Not, das Christentum gilt nicht immer! * * * * * Es traf sich, da sich der forschende Blick Lindas in solcher Stunde der Einsamkeit mit dem des Anfhrers verfing. Aufgerichtet lehnte der Strtebecker am Hauptmast, flatternd wehten ihm die braunen Haare um die Stirn, aber whrend seine sonst so blitzenden Augen wie geblendet mit der Weite stritten, da dmmerte eine derartige Blsse auf seinen Wangen, da das Mdchen, von einem pltzlichen Mitleid erfat, auf ihn zutrat. Sie wagte, was noch kein anderer sich unterfangen. Bist du krank? fragte sie hastig. Es war das erste Wort, das sie nach jenem Zusammentreffen in der Kajte mit ihm gewechselt. Allein ihre Barmherzigkeit fand keine gnstige Sttte. Wie von einem Stich getroffen fuhr der Admiral empor, und ein abgeneigter, widerwilliger Zug grub sich um seinen Mund, da er sie kaltherzig von sich wies. Torheit, herrschte er sie an, um was kmmerst du dich? Wir brauchen hier keine Quacksalber. Scher dich an deine Stricknadeln. Dazu streifte sie ein Blick voller Fremdheit und Geringschtzung, der ihr bewies, wie berflssig ihre Gegenwart von dem Befehlshaber noch immer gewertet wurde. Eine Last, ein Vorwurf blieb sie ihm, deren erzwungene Duldung er sich wohl selbst nicht verzieh. Und doch war Licin, wie der Knabe allmhlich auch seitens der Mannschaft genannt wurde, von dem schmunzelnden Schiffsvolk dazu ausersehen, fr die persnlichen Bedrfnisse des Admirals zu sorgen. Ohne da es der Strtebecker sonderlich bemerkte, wurde sein frstlicher Hausrat von ihrem geflligen Geschmack in Ordnung gehalten, ja, gleich einem Edelknaben trug sie dem Gebieter tglich sein Mahl auf. Dafr lohnte ihr wohl manchmal ein lssiger Wink, doch duldete Claus ihre Gesellschaft nie lnger, als ihr Dienst unbedingt erforderte. Schweigend, gestrt sah er den schlanken Knaben bei sich eintreten, und es geschah fast immer, da er ihm mitten im Werk ein ungeduldiges Zeichen gab, sich zurckzuziehen. So flog die Agile, von dem Willen ihres verborgenen Lenkers angetrieben, ihrem Ziel entgegen, und schon begann die Mannschaft zu munkeln, da der Admiral die Stadt Wisby auf Gotland zum Ankerplatz bestimmt habe, jenes ehemalige weltbekannte Handelsemporium, das die Freibeuter seit geraumer Zeit durch einen Handstreich in ihre Gewalt gebracht. Dort, so versicherten einige besonders Kundige, sollte sich etwas ganz Ungewhnliches ereignen. Doch worin diese berraschung bestehen knnte, darber gingen die Meinungen weit auseinander; vielleicht handelte es sich um erneute Feindseligkeit gegen die Flotte der Knigin, vielleicht winkte der unglcklichen Stadt abermalige Brandschatzung, denn der Admiral besa keinen Vertrauten fr seine Plne. Allein, bevor das Schiff noch seine Anker im sicheren Hafen barg, da sollte Linda begreifen lernen, welch blutigem Handwerk sie das Glck kommender Geschlechter anvertraut whnte. Eines Nachts lag sie in ihrem Verschlag unter dem Steuerbordaufbau, den man ihr als besonders luftig angewiesen, und ein wilder Traum hatte seine haarigen Arme um ihre Hften geschlagen. An die Schiffswand pltscherten dazu die Wogen, wie ferner Gesang. Da wurde heftig an die Bretter des Verschlages gehmmert, und als sie angstvoll und noch in halber Betubung auffuhr, da hrte sie die rauhe Stimme ihres Nachbarn Wulf Wulflam durch die Ritzen hindurch, sie solle sich ankleiden, es sei nicht geheuer! Schon gellten in ihre sich mhsam zurechtfindenden Gedanken von allen Seiten schrille Pfeifentriller hinein. Ehe sie in ihrem Taumel die Gewandung aufstreifen konnte, merkte die Betroffene bereits, wie sich von Minute zu Minute der Lauf der Agile verminderte, und ber ihrem Haupte vernahm sie die dumpfen Tritte vieler Mnner. Notdrftig bekleidet entstrzte sie ihrer Kammer. ber der See graute gerade der Morgen. Ein ungeheurer, bleierner Schatten lag dem Admiralsschiff dicht zur Seite, unbeweglich aufgebaut, als ob das eigene Spiegelbild des Seglers aus den Wassern aufgetaucht sei. Auch von dort drben quirlte und rasselte es, und an den nebelhaften Masten kletterten dunkle Punkte empor, fr den hinstarrenden Knaben riesenhafte Spinnen, die dicke Stricke zu einem unheimlichen Netz verknpften. Woher aber drang diese markerschtternde, bermenschliche Stimme durch die Lfte? Der unter die Freibeuter Verschlagene hatte noch nie die Laute einer Sprachdrommete aus nchster Nhe aufgefangen, jetzt glaubte seine zitternde Seele, nur aus der Brust eines menschlichen Ungeheuers knnten solche schreckhaft verstrkten Tne ausgestoen werden. Und doch, durchdringend verstndlich klang es, was die geisterhafte Stimme durch den Seequalm drhnte, und obwohl jede einzelne Silbe gleich einem Schlag gegen das Ohr des Knaben hmmerte, so verstand er doch recht gut, wie von dort drben in franzsischer Sprache gefordert wurde, der verdchtige Segler mge sofort beilegen, um sich einer Untersuchung seitens des Le Connetable zu fgen. Hier nahte ein Unheil, das empfand Linda an dem unbeherrschten Beben ihrer Glieder, Untergang und Henkerschande schttelten bereits ihre Hupter, und trotzdem starrte sie in fieberhafter Spannung auf den gewaltigen Schatten, der immer wuchtiger die Morgennebel zerteilte. Um sie herum regte sich nichts, alles stand gebannt auf Posten, kaum ein Flstern schlich unter der Mannschaft der Agile umher. Da -- mitten aus der gepreten Stille schwang sich pltzlich jene Stahlstimme empor, die allen wie ein glhender Trunk durch die Adern schnitt, und sofort erleichterte ein einziges Aufatmen die Brust des bedrohten Schiffes. Da -- dort -- der Admiral -- Claus -- der Strtebecker lehnte am Hauptmast seines Fahrzeuges, und als ihn seine Gesellen gewahrten, den einzelnen Mann, das feine Linnenhemd offen ber der nackten Brust, die derben ledernen Schifferhosen eng um die Knchel geschnrt, den langen Hieber aber in den verschrnkten Armen, da vergaen sie die noch eben gebte Vorsicht, und ein toller Jubelruf brauste in den khlen Wind, der spttisch mit den Locken ihres Fhrers zauste. Der Strtebecker ergriff ein Sprachrohr. Connetable heit du? rief er gleichfalls durch das Mundstck. _Mort de Dieu_, seit wann kriechen die Seidenwrmer von Lyon in unsere Tpfe? Hat Charles, euer geistesverwirrter Knig[*] Leibweh bekommen, da er meint, die Schiffe der Ostersee stnden ihm offen wie sein Nachtstuhl? [*] Karl VI. von Frankreich. Darauf von drben: Klrt eure Ladung. Zeigt die Briefe eurer Patrone. Darauf der Strtebecker: Knurrt's euch im Magen, ha, ha, dann fret den Mrtel eurer Bastille. Drstet euch aber, so leckt den Panzerschuh eurer Peiniger. Erbrmlich, geknechtet Volk, wie mat du dir Richterspruch an ber windfreie Leute? Darauf von drben: Wir haben Kriegsgert. Nenn' deinen Namen, Mensch, sonst hngst du in Frist eines Atemzuges mitsamt deiner Mannschaft. Darauf der Strtebecker mit einem gellenden Lachen: Meines Namens lstet euch? _Cachez vous sous les lits de vos bien-aimes._[*] Seidene Hschen, ihr werdet schmutzig werden, wenn ihr meinen Namen hrt. Es liegt etwas drin, um den Durchfall zu kriegen. [*] Schert euch unter die Betten eurer Liebsten! Bist du etwa der Strtebecker? Noch war die Frage nicht verhallt, da brach die Mannschaft der Agile in ein trotziges Kampfgeschrei aus, denn schon der Name ihres Helden trieb ihr das Blut ungestmer durch die Adern. Zugleich aber sah Linda, die vor Erregung ihrer selbst nicht mehr mchtig war, wie die berlebensgroe Gestalt des Admirals, jede Vorsicht vergessend, auf den Bugaufbau hinaufflog, um dort, scharf gerndert von dem ersten Morgenrot, seinen Hieber gegen die fremde Kogge zu schwingen. Eine solche Gewalt ging von dem halbnackten Menschen aus, da auf beiden Seiten sofort eine erzwungene Stille eintrat. Franzosen, schmetterte die helle Stimme, ja, der Strtebecker spricht zu euch. Meine Flagge ist schwarz, weil ich um das Leid der geknebelten Erdvlker traure. Was seid ihr anderes als wir -- zertretene Halme unter dem Eisenschuh eurer Unterdrcker!? Die Ebenen zwischen Loire und Somme -- wir wissen es wohl -- liegen verdet, eure Stdte wurden durch Hunger und Pest entvlkert, eure Bauern leben als Ruber in den Wldern, damit die Seidenwmser behaglich in eurem Schwei baden knnen! Sperrt eure Augen auf und seht mich an. Ich bin gekommen, um den Fluch der Vlkertrennung fortzuwischen. Wenn ihr Mitleid empfindet mit euren Kindern und Enkeln, oh, dann kommt zu mir, ihr armen, blutig geschundenen Tiere, kommt zu den gleich Elenden, auf da wir zusammen das Reich der Gotteskinder begrnden. Brder, denn das sind alle Gemihandelten und Geplagten, zerbrecht die gepinselten Lgen eurer Schlagbume, das menschliche Herz kennt keine Grenzen, und wenn ihr mich liebt, wie ich euch, frisch, dann bindet eure Patrone an die Masten und folgt mir nach Wisby. Dort, mgt ihr wissen, dort sollen die Ngel der Armen aus der Erde scharren, was man euch jahrtausendelang begrub -- Gerechtigkeit. Es war wieder, als ob der Mensch dort oben vllig allein Zwiesprache hielt mit der Sonne oder dem Meere. So herausgehoben ragte er in das Grenzenlose hinauf. Hunderte von Augen hoben sich ihm inbrnstig entgegen. Hunderte von Herzen schlugen unwillkrlich heier, obwohl ihr enger, unbelehrter Verstand diesen vorausgeeilten Geist nicht begriff. Nur vor dem blonden Dnenknaben zerflo die Gefahr, ja die Planken des Schiffes schwanden ihm unter den Fen, denn er allein nahm wahr, wie die riesige Gestalt dort oben in die Glorie des Morgens hinaufwuchs, er allein ahnte etwas von der glhenden Aufrichtigkeit der Verkndung, und ein ungeheures Glcksgefhl berwltigte die ergriffene Seele und trug sie verbrdert bis zu den Fen dieses Sehers. Was machte es, da sich vielleicht bald Untergang und Tod auf den Wogen heranwlzten, was galt noch ihre eigene Schmach und Verelendung, seit sie die Gewiheit erlangt hatte, da sie in die Gefolgschaft eines Schicksalgesandten aufgenommen sei, ber dem sich jetzt schon das Tor der Zukunft in Firmamenthhe wlbte? Der dort oben war aus dem Geschlecht des entschwundenen Christus, aber statt des Hirtenstabes schwang er ein Schwert, in dem die Strahlen der Morgensonne vielfarbig widerblitzten. Ein hartes Gerusch knarrte in die Schwrmerei der Hingerissenen hinein. Eine Bordschwelle des Connetable war pltzlich zurckgeschoben worden, und zwischen den Mulern von zwei riesigen Eisenschlangen zeigte sich die zierliche Gestalt des franzsischen Kapitns. Ein vornehm gekleideter Herr war es, mit einem schwarzen Spitzbart, und der Fremde rief scharf und abgehackt herber: Hr auf mit deinem Gewsch, deutscher Dieb und Galgenvogel. Wir kennen das verlogene Gefasel, durch das du deine Bberei bemnteln mchtest. Nur noch eines, bevor wir dich henken. Der Knigin Margareta erhabene Majestt hat 50 Goldglden auf dein vogelfreies Haupt gesetzt. Du weit warum, Mdchenruber. Und deshalb magst du entschuldigen, warum ich, obgleich ein Edler von Armagnac, mich so weit erniedere, das Kopfgeld an dir verdienen zu wollen. Zwei dstere Glimmkfer krochen whrend der letzten Worte auf die Schlangen, im nchsten Augenblick brach Feuerodem aus ihren Rachen, zwei unfrmige Steinkugeln donnerten auf das Deck der Agile, rissen den jenseitigen Bord in Stcke, und auf der weit auseinandergefegten Gasse wlzten sich eine Anzahl zerrissener Leiber. Blut spritzte um den Mast, dann ein Sto, die Rippen des verwundeten Schiffes sthnten, ein Schwarm von Flugbolzen zischte unter die schreienden Freibeuter, und ber die Enterbrcken strzte es heran, ein Gewoge wtender, verzerrter Gesichter, ein Busch gebeugter Spiee streckte sich wie unter niedermhendem Wind, und zwischen den Hmmern der blutigen Walkmhle stieg der widerliche Ruch des Mordes gen Himmel. Wo sich Linda befand, das wute sie von jetzt an nicht mehr. Mitten in dem wsten Gedrnge wurde sie vorwrts geschoben, ein Schlag traf ihre Brust, krampfhaft gekrmmte Finger krallten sich im Fallen in ihre Locken, Gekreisch und Gebrll lhmten ihr Gehr, nur eines vermochten ihre entgeisterten Sinne festzuhalten, das goldige Schwertgeflimmer auf dem Bugaufbau. Merkwrdig, dort oben lachte etwas, ein frchterliches, brennendes Gelchter, das die Nchternsten umwerfen und toll machen konnte. Ein regelmiger Blitzkreis trug sich dort langsam vor, und in jenen sprhenden Reifen wurde alles eingesogen, Freund und Feind, als ob trunkenen Motten befohlen wre, sich in jenen Feuerstrudel zu strzen. Noch ein paar taumelnde Schritte, immer nher, immer berzeugter und verwegener tnte das seltsame Lachen, dann ein gelles Aufkreischen der Angst, wie es Tiere vor dem Schlachten ausstoen, und scharf von einem Messer zerschnitten, sprang der Faden des Bewutseins in dem gepeinigten Mdchenhirn auseinander. * * * * * Wurde ihre Wange gestreichelt? Oder zupfte man wirklich an ihren Haaren? Deutlicher sprte sie freilich, da jemand an ihrem Brustlatz rttelte, aber schlielich war es doch wieder das gleiche, unerklrliche Lachen, durch das sie pltzlich und wie mit heftigem Griff in bekannte Rume zurckgerissen wurde. Verwundert schlug Linda die Augen auf. Ringsum ungetrbte Ruhe, bluliche und goldene Lichtrinnen wallten langsam ber die Teppiche, und ber sie, die schwach auf einem Schemel an der Kajtenwand lehnte, beugte sich der riesenhafte Gebieter. Gerade zauste er wieder an ihren Locken, aber es war nicht bse gemeint, denn als er merkte, da sich das Blau in ihren Augen belebte, klopfte er dem Knaben lebhaft auf die Schulter. Gott zum Gru, junger Kriegsheld, tnte es der Erwachenden hell in die Ohren. Nun, was treibst du, Licinius? Hast du genug, mein Bbchen? Schnell, dir widerfhrt gro Heil. Blinzele durch den Ausguck. Eben packen wir die berlebenden vom Connetable in ein paar Snyken und schicken sie deiner Knigin als Morgengru ans Bett. Ha, ha, die Dame wei, wie man solch flinke Gesellen verwendet. Darum hurtig, besinn dich nicht lange, spring zu ihnen. Und morgen hast du bei Honigseim und Wrzkuchen all den blutigen Graus vergessen! Nimm Rat an, Kleiner, ich meine es ehrlich. Hastig streckte der Admiral den Arm nach der Treppe aus, er schien den Abschied sogleich ohne Rhrung noch Zeitverlust zu erwarten. Der Knabe jedoch erhob sich auf zitternde Fe und starrte dem Befehlshaber mit kaum verhehltem Entsetzen ins Antlitz. Das war nicht mehr das edelgebildete Gesicht, das er kannte. Blut flo dem Strtebecker stromweise ber die Stirn und verwandelte die stolzen Zge in eine rote Maske. Ein Rinnsal sickerte auch ber die gelftete Brust des Mannes, und unter dem Linnen des linken Armes quoll es unaufhaltsam hervor und zog in klebrigen Streifen ber die Schifferhose. Da wurde Linda von einer unnennbaren Furcht ergriffen. Es kostet dich das Leben, schrie sie schrill und in jher Verzweiflung auf. Ja, ja, das war's, das Leben dieses Menschen konnte vorzeitig enden. Aber es mute ja erst unvergngliche Wurzeln strecken, es mute hher, weit hher wie andere Bume emporschieen, um durch Einengung und Schatten hindurch tausend grne Bltter zum Himmel zu tragen. Auch ihr Leben zitterte an seinem Stamm als solch ein schwirrendes Blatt und bebte jetzt vor Angst, herabgerissen zu werden. Es kostet dich das Leben. Der Strtebecker schnrte unwillig die Augenbrauen zusammen, die leidenschaftliche Anteilnahme behagte ihm nicht, sie erinnerte ihn an etwas, das er bereits vergessen glaubte. Torheit, entzog er sich ihrer tastenden Hand. Was soll das Geplrr ber den lumpigen Aderla? Aber von dir, Licinius, heische ich Antwort. Willst du mit den Franzosen hinber oder nicht? Der Knabe antwortete nicht. Er schttelte nur bestimmt das Haupt. Allein in dieser Bewegung bekundete sich eine Entschlossenheit, die nur durch den Tod zu brechen war. Dann bleib, zum Teufel, schrie der Strtebecker ingrimmig und enttuscht. Das Haupt zurckgeworfen, die blutende Linke in die Weiche gestemmt, wie es sonst seine Gewohnheit war, durchma der Verwundete heftig den langen Raum. In seinen Bewegungen fieberte wieder einmal etwas Fegendes, Zerstrungslustiges, und sein Jhzorn strmte vollends zur Hhe, als er jetzt ohne rechte Absicht einen der bunten Laternenpfhle des Tisches umklammerte; klirrend brach eines der kunstreichen Glser aus seiner Fassung, und whrend es auf der Tischplatte zersplitterte, wich Claus verwundert zurck, bis er endlich in ein beschmtes Lachen ausbrach. Das Ungezgelte, Knabenhafte seiner Natur verlie ihn nicht bis an sein Ende. Doch seine Wildheit hatte sich immerhin entladen, und so trat er wieder etwas gemigter vor den Knaben auf dem Schemel hin, um abermals seine Rechte auf die Schulter des Sitzenden zu betten. Dann sag mir wenigstens, du halsstarrige Krte, fuhr er ihn an, sag es mir, damit ich es mir endlich merke, was suchst du eigentlich hier? Hab' ich doch nimmer gehrt, da es den Schnrleibern Spa bereitet, Blut zu riechen. Oder lstet es dich vielleicht nur, mich hngen zu sehen? Er prete die weiche Frauenschulter etwas strker. Dann la dir bedeuten, Junker, der Leichnam des Prahlers, der dir das vorhin versprach, er fhrt eben mit zwei Steinen beladen zur Tiefe. Auf dieses Fest wirst du bis zum nchstenmal harren mssen. La mich auf etwas anderes warten, sprach Linda still und erschpft. Ergeben faltete sie die Hnde im Scho, und ihre blauen Augen fllten sich wieder mit innigster Glubigkeit. Es war jener hingenommene, bedingungslose Ausdruck, der den blutigen Mann schon einmal in Schrecken versetzt hatte. Ein unerklrlich Frsteln fate ihn auch diesmal, er wich zurck. So sprich, was ist das fr ein Wunder? Da erhob sich Linda. Es ist das Wunder, sprach sie ganz leise und voll trumerischer Gewiheit, das du uns Unglcklichen versprachst. Aber eile, Claus Strtebecker, da ich mich nicht mehr lange zu sehnen brauche. Da schttelte der Strtebecker befremdet und verstndnislos das Haupt. Es war noch nicht die Zeit, da Mnner die Mitarbeit der Frauen erwnschten, und so drngte sich dem Freibeuter dieses heie Verlangen zuvrderst als eine unwillkommene Einmischung auf, geeignet, seine strmischen Zeugergedanken, die bis jetzt nur gleich einem Zug brennender Vgel durch die allgemeine Nacht strichen, einzufangen und zu zhmen. Lange starrte er den bebenden Knaben an, dann stie er endlich ein gepretes Lachen aus und brach das Gesprch ohne weiteres ab. Gut, gut, endigte er, das ist Mnnerwerk. Warte meinethalben. Aber jetzt komm, Kleiner, damit du etwas verrichtest, was dir besser ziemt. Wuchtig warf er sich auf sein Ruhebett, ri das Hemd ber seiner Brust auseinander und drckte die Rnder der frisch empfangenen Wunde ohne groe Umstnde fest aneinander. Mutig, Licinius, rief er, scheure den Unrat fort. Auf euren Burgen bt ihr ja die heimliche Kunst. Nun zeig, was du gelernt hast. Und der Knabe fuhr auf, als ob er zu Fest und Feiertag gerufen wre. Glhend vor Diensteifer strzte er davon, kehrte jedoch gleich darauf mit einer Schssel voll kalten Wassers zurck, und als er dann, ber den Hingestreckten gebeugt, in seiner Hast einen brauchbaren Linnenstreifen vermite, ffnete er ohne Bedenken sein Wams und ri von seinem eigenen Hemd entschlossen einen langen Fetzen herab. Seidig leuchtete die Frauenbrust unter der dunklen Gewandung, und in den Augen des Strtebeckers entzndete sich blitzartig jenes zngelnde Feuer, das schon einmal in der Nacht des Niederbruchs ber ihr geleuchtet. Ungestm griff er nach beiden Armen seines Opfers, aber siehe da -- als das schmerzliche Sthnen der Gefesselten an sein Ohr schlug, da lief ein dsterer Schein der Selbstverachtung ber seine gespannten Zge, freiwillig gab er die Gepackte frei, und nun sthnte er selbst auf und warf sich gebndigt zurck. Bleib, bleib, murmelte er, vertrag dich mit dem bsen Geist, der in mir haust. Beim ewigen Leid, ich wnschte manchmal selbst, es flsse Milch durch meine Rhren und ich htte gelernt, weie Lmmer zu weiden. Bleib, ich tu dir frder nichts. Er streckte sich aus, schlo die Augen und wartete scheinbar unbeteiligt ab, bis Licinius mit zitternder Hand sein mildherzig Werk vollendet. Erst da er sprte, wie eine Decke wrmend ber ihn gebreitet wurde, fuhr er auf und schob die Hlle entschieden zurck. Schonend strich er sodann ber die Locken seines Gefhrten. Armer Bursch, sagte er gutmtig, armer Bursch, ich wollte, wir wren auf andere Art Freunde geworden. Und als er gewahrte, welche Blsse seinen Pfleger befiel, versetzte er ihm einen spttischen Schlag auf die Wange und rief ermunternd: La gut sein, Licinius. Dem Tier sind ein paar Unzen Blut abgezapft, jetzt beit es fr eine Weile nicht und geht nicht auf Raub. Lache, lache, mein Knblein, dann aber bring eiligst den Weinkrug und la uns trinken! II. Bis dahin hatte die Agile allein das blaue Feld der Ostersee gepflgt, einzig gefolgt von dem Connetable, der von den Schuimern besetzt worden war. In den letzten Tagen jedoch tauchten von allen Seiten Schwarzflaggen auf, allmhlich wurde ein dichter Schwarm daraus, der sich gleich einem langen Starzug um die Admiralskogge zusammenschlo. Je stattlicher aber sich seine Flotte verstrkte, je zahlreicher spitze Pfeifentriller oder emporschieende Wimpel die sich einordnenden Genossen begrten, eine desto aufflligere Unruhe zeigte der Mann, auf dessen Wink all diese Kiele ihrem Ziel zustrebten. Innere Rastlosigkeit trieb den Strtebecker umher. Bald mute ihm Licinius, den er jetzt ebensooft herbeirief, wie er ihn frher verjagt hatte, beim Schachspiel in der Kajte Gesellschaft leisten, bald zog er den Knaben, nachdem er die Figuren mitten im Kampf ungeduldig durcheinander geworfen, auf das Deck hinauf, wo er weit vorn am Bugspriet durch Nacht und Morgennebel hindurchsphte, ob die gotlndische Kste sich noch immer nicht vom Horizont trennen wollte. Wisby, die sagenhaft herrliche Stadt, jetzt durch Raub und rohe Volkswut ein menschenleerer Trmmerhaufe, schien den Einsamen auf zauberische Weise anzulocken. Vielleicht weil ihn die Ahnung qulte, da ihn dort das Schicksal mit fesselnden Armen umschlingen wrde. Verschwenderisch hatte er bis jetzt mit Gold und Schtzen jeden Lumpen beworfen, der sich seinem Trotz als ein besonders Gemihandelter vorzustellen vermochte, jetzt aber nahte die Stunde, wo er mehr austeilen sollte. Sein Eigenstes. Die Summe seiner heimlich geliebkosten Gedanken. Und dann die Unsicherheit! Wie, wenn das zusammengelaufene Volk, das ihm diente, Verbrecher, Diebe und Mrder, Juden und Heiden, Polen, Deutsche, Franzosen und Englnder, die kein anderes Vaterland kannten als die Planken zu ihren Fen, zumal wenn die Segel sie mglichst weit von Rad und Galgen entfernten, wie, wenn diese raubschtigen, verwilderten Horden das Unrecht, durch das sie zu einem namenlosen Menschenbrei zerstampft waren, dennoch weit weniger schmerzlich empfanden als ihr Anfhrer, in dem ihre menschliche Schmach wie eine Eiterwunde fra? Konnte in solchen, von allem Herkmmlichen getrennten Gesellen die Gier nach Genu und Ungebundenheit nicht heier lodern als die Freude an der Mglichkeit, jene Welt, die sie verstoen, durch ein nie geschautes Beispiel zu beschmen? Was geschah, wenn sich der Haufe schon zu roh und verwhnt zeigte, um zu einer regelmigen Arbeit zurckzukehren? Zwang? Das war nicht das Rechte! Dazu hatte ihn in seinen Trumen schon zu hufig der Jubel umbrandet, den allein die Verkndung, die Preisgabe seiner weltverndernden Plne in den Beschenkten entfesseln sollte! Wie stand es nun in Wirklichkeit um die neuen Rmer, mit denen die reingewaschene Erde besiedelt werden mute? Der hhnische Einwurf der Knigin fiel ihm ein: Und mit einer Bande von Rubern und Dieben willst du die ewige Gerechtigkeit begrnden? Und whrend er auf der Seekarte zum hundertsten Male den Ankerplatz von Wisby aufsuchte, klopfte ihm das Herz vor Verwunderung, da er bis jetzt nur sich selbst, das Haupt des hellen Gedankens, gesehen, indes ihm die Glieder, die doch das Gedachte erleben sollten, in einem gleichgltigen Dunkel verschwanden. Was brtete die Masse? Und weshalb hielt er sie von sich fern? He, Licinius, unterbrach er in einem solchen Augenblick des Erschreckens seinen Gefhrten, der ihm bis jetzt unbeachtet und folgsam aus dem Petrarca vorgelesen, in die Ecke mit der Eselshaut! Der Tagedieb von Italiener ist ein Narr, weil er die Weiber beschnffelt, nur der Mann ist die lebendige Erde. Komm, du unbelehrtes Kind, damit ich dir eine Handvoll unserer knftigen Werkleute zeige. Hastig griff er dem Knaben unter den Arm, zog ihn widerstandslos die breite Treppe hinauf, und was er sich nur selten abgewonnen, er mischte sich unter sein Schiffsvolk, redete es leutselig an und begann, die Betroffenen nach Vergangenheit und Heimat zu befragen. Alles unter dem Vorwand, seinen zarten Gefhrten unterrichten zu mssen. Da ffnete sich denn manches Schicksal bis zum Grund. Mit bangem Schauder sah der Knabe, wie sich hier Snde und Gegensnde zum Knuel verstrickten. Da war zuerst der Steuermann Ldecke Roloff. Ein herkulischer Mann mit einem blonden Strohdach, das ihm wirr ber die Augen hing. Aber auch so irrte der Blick des Schiffslenkers scheu und schielend zur Seite, als widere ihn das Antlitz jedes Mitgeschpfes an, und nur in den Stunden vor Kampf und Streit taten sich diese verkehrten Sterne lechzend auf, und ein Blutreifen umschlo sie, gleich dem eines tobschtigen Hundes. Der Mann hatte in seiner mecklenburgischen Heimat tanzen mssen. Tanzen? Jawohl, nicht freiwillig. Es bestand nmlich auf dem flachen Lande die ehrbare und fromme Sitte, sobald die Gutsfrau ihren Leib gesegnet fhlte, dann muten die leibeigenen Bauern zu ihrer Ergtzung um den Dorfteich tanzen. Die Weiber rutschten auf bloen Knien, die Mnner aber tollten und sprangen halb nackt mit ihrem Nachwuchs an der Hand, ohne Rast, ohne Aufhren, bis sich ihnen ein Quirl im Gehirn drehte. Ldecke Roloff jedoch war ein Spielverderber. Als er sah, wie sein Weib bei dieser Belustigung ohnmchtig liegen blieb und Marik, sein Tchterchen, unter Zuckungen in den Teich fiel, da hatte der rasende Tnzer die adlige Zuschauerin erwrgt und dem Gutsherrn seinen Dolch durchs Genick gestoen. Am selben Abend gab's zu dem Tanz berdies noch ein Feuerwerk, das Schlo brannte ab. Seitdem war dem Flchtling ein bs Erbteil geblieben. Wenn irgendwo die Stunde zu Kampf und Rache schlug, dann mute Ldecke tanzen. Hopsend und springend drehte sich der Wtende in den Streit, und in dem wahnsinnigen Reigen fiel er seine Opfer noch immer mit bloen Fusten an, um sie brllend zu erwrgen. Als Linda jene Geschichte hrte, bedeckte sich ihr die heitere See mit Nacht, Claus Strtebecker aber strich sich die Haare aus der Stirn, denn er wute nicht, ob er des Mannes sicher sei. Da war der schmchtige Arnold Frowein ein ganz anderer Kerl. Immer grinsend, immer lchelnd, was vielleicht daher rhrte, weil ihm das geistliche Gericht auf dem Streckbett einmal alle Zhne gezogen, immer einen um den anderen. Weshalb wollte der verstockte Rechthaber aber auch nicht eingestehen, was er ber die Besuche Urians bei seinem Weibe wute? Die Nachbarinnen hatten doch nicht umsonst eines Morgens den ungeheuren schwarzen Kater auf dem Bette seiner Lisbeth schlafend gefunden? Und anders lie es sich auch nicht erklren, warum ein armer Tpfer zu einigem Wohlstand gelangte, und wieso in den bleichen Milchwangen der Dirn nie ein lebendiger Blutstropfen gerollt. Aber schlielich hatte das Recht triumphiert. Punkt fr Punkt stand es bezeugt in den geistlichen Akten, wie oft Meister Urian knisternd aufs Bett gesprungen, und nicht minder war entdeckt, in welcher Art er seine Wollust befriedigt. Es war alles wissenschaftlich begrndet! Und nur eines blieb merkwrdig. In Meister Frowein mute sich selbst etwas Katzenhaftes eingeschlichen haben. Gar zu biegsam schlich er an den Wnden entlang, immer schnurrend, immer schmeichelnd, und es war wohl nur ein Gercht, da er im Gefecht mitunter aus geduckter Stellung einen Satz tat, um dem Gegner mit zahnlosem Maul an den Hals zu fahren. Ungeduldiger, rastloser rhrte der Admiral in dem Menschenbrei herum. Er suchte. Er fahndete nach Brgertugend und Brgersehnsucht! Wie tief lagen diese so selbstverstndlichen Dinge wohl versteckt? Der nchste! Ein himmelblauugiger, rotmhniger, wster Bursche, denn obwohl sich Patrik O'Shallo in den weichen Urlauten der grnen Irin ausdrckte, so war er doch gefrchtet als streitschtiger Znker, aber noch mehr verschrien als Anfhrer bei jeder malosen Ausschweifung. Weiber, Wrfelspiel, Rauferei und Beute waren die vier Stichworte seines rasenden Verbrausens. Und doch mutete es seine Genossen manchmal wunderlich an, wenn dieser nimmersatte Schlemmer zuweilen, wie aus fernem, vergessenem Traum, fremdartige Psalmen vor sich hinmurmelte. Sie wuten nicht, da Patrik O'Shallo, das ledige Kind einer begterten Wollweberstochter aus Dublin, von erschreckten Verwandten frhzeitig in die Zelle eines der Irinsklster gesteckt worden war, damit er durch Hunger und Geielungen die heimliche Verfehlung seiner Mutter abbe. Eines Tages aber, als er gerade vom Flu fr die Kche Holz schleppen sollte, hatte eine Flerin den Buben in ihre schwimmende Strohschtte kriechen lassen, und seitdem wute das abgezehrte Gebein, wie hell der Tag schimmern und wie betrend ein Frauenleib strotzen konnte. Heia, jetzt fra er die Sonne und soff die Weiber, und seine grte Belustigung bestand darin, Nonnenklster wie Vogelnester auszunehmen, und die in die Kirche zusammengetriebenen Schwestern nach allerlei Wollust zu unfltigen Liedern zu zwingen. Auch diesen nimmermden Glubiger des Genusses musterte der Admiral mit bedenklichem Kopfschtteln, und ein zweifelhaftes Lcheln mischte sich in seinen herablassenden Gru, als er sich von ihm trennte. Da, Licinius, betrachte dir zum Schlu die Krummnase genau. Womglich haben seine Vorfahren schon mit dem Heiland um Sge und Hobel gefeilscht. Sahst du jemals solche verzweifelten Hebreraugen? Der Admiral htte noch hinzufgen knnen, da der Jude ein alter Bekannter von ihm sei. Denn der graulockige Isaak war derselbe unglckliche Verfolgte, den er als Knabe im Hause der Sibba aus den Hnden aberglubischer Bauern befreit. Jetzt war der immer in sich gekehrte, demtige Menschenscherben der grausamste, unerbittlichste Wrger unter dem Schiffsvolk geworden. Zum Zeichen seines sich immer neu gebrenden Rachegelstes hatte er den gelben Judenfleck auf das Schifferwams genht, und je mehr ihn die Freibeuter darob verhhnten, desto zrtlicher streichelte Isaak oft den Schandfleck. Aber in dem Hebrer lebte auch eine unheimliche, vergtternde Liebe. Sobald der Admiral in seine Nhe kam, dann begannen die schwarzen Augen Isaaks die alte, tausendjhrige Sehnsucht zu strahlen. Er glaubte. Er glaubte unverbrchlich an den Messias, der die stinkende Erde von Verfolgung und Menschenha erlsen wrde. Und nach den Sagen seines Stammes wrde der Gesandte Jehovas kein Lmmlein und kein Schriftgelehrter sein, sondern ein Gersteter, in dessen Rechter ein goldenes Schwert ber die Erde funkelte. Wer war's? Claus Strtebecker war's, der Schimmernde, berlebensgroe, der Liebreiche und Befreier, er war es. Kein Zweifel! Der alte Jude stand als der einzige auf den Planken, der das neue Reich im Herzen trug. Am Abend desselben Tages lag der Admiral in seiner Kajte und zechte singend und lachend den italienischen Wein, auf dessen Flut es wie von Glhkfern schwrmte. Auch auf Deck schwirrte und jauchzte es, dort grlten die Freibeuter zum Klang der Instrumente ihre wilden Lieder, denn es war eine laue, windstille Nacht, und die Agile pltscherte kaum noch ihren Pfad. Horch, warf sich der Strtebecker zu dem Knaben herum, der mde und schon vom Schlaf bezwungen den Unmigen bediente. Ermuntere dich, Bblein. Du mut lernen, die Nacht zum Tage zu kehren. Auf, flstere mir ins Ohr, mein Blasser, wie gefallen dir meine Kinder? Meinst du nicht, es seien Hengste, die sich gerade nur vom Teufel reiten lassen? Da erwachte Linda, raffte sich zusammen, und ein leidvoller Blick streifte den Gebieter, denn seine wste Freude an Trunk und Prasserei schmerzte die ewig Grbelnde. Wer den heiligen Gedanken trgt, erwiderte sie mit leisem Vorwurf, was braucht der die Menge? -- Sie erwartet ihn an jeder Ecke, und mich dnkt, sie zieht stets hinter dem Einsamen her. Sonderbar, das Wort bte eine unerwartete Wirkung auf den lssig auf seinem Stuhl hngenden Zecher aus. Kaum war es gefallen, da sprang der Strtebecker strmisch in die Hhe, das sonnige Strahlen leuchtete unvermutet wieder von seinen Zgen, und ohne Besinnen ri er den Knaben an sich, um ihn jauchzend an seine Brust zu pressen. Er sprte nicht, da es ein Frauenherz war, das aufgepeitscht gegen das seine hmmerte. Gesegneter, jubelte er und hob seine Last hoch in die Hhe. Du hast recht. Topp, die Einsamen gelten allein. Brauchte Atlas vielleicht eine Hilfe, als er den Himmel trug? Komm, sei gepriesen, du kluger Wicht. Und er kte seinem Gefhrten ungestm das blonde Haar. Der Knabe aber wand sich beschmt aus seinen Armen, er wagte die Augen nicht vom Boden zu erheben, und ein langes Zittern lief ber die schlanken Glieder. * * * * * In der darauffolgenden Nachtwache war vom Mastkorb Land ausgerufen worden, und die Agile hatte einen Gast aufgenommen. Auf der Hhe von Wisby, schon unter den Lichtern der Stadt, war der Hauptmann Wichmann zu den Schiffen des Admirals gestoen, und jetzt hockte der strohblonde Zwerg seinem einstigen Zgling an dem Prunktisch gegenber, vor ihm brach die Tafel fast unter der Wucht von silbernem und goldenem Gert, und doch streckten die beiden Freibeuter ihre Hnde nicht nach Speise und Trank aus, sondern ihre Mienen belauerten einander, ihre flackernden Augen berfielen sich gegenseitig, wie wenn jeder die heimliche Schwche des anderen ersphen und begleichen mte. Gar verborgen betrieben sie die Unterredung, niemand durfte die Anfhrer bedienen, einsam, erhitzt saen Erzhler und Lauscher unter den brennenden Laternen, selbst Licinius weilte hinter der geschlossenen Kajtentr bei dem wachthabenden Posten, um mit Herzklopfen darauf zu harren, ob ihn bald ein Ruf erreichen wrde. Endlich hatte der Admiral geschlossen. Seine Rede, anfnglich khl und berlegt, war immer hher und hher gestiegen, wie jemand, der Sprosse um Sprosse auf einer Leiter emporklimmt. Zuletzt wehte diese siedende Glut hoch ber dem Haupt seines Zuhrers hinweg. Der krmmte sich in seiner schwarzen Gewandung auf einem Schemel, und indem er das weiche Frauenkinn auf den Hieber gesttzt hielt, glitzerte es aus seinen zwiefarbigen Augen bald vor Spott, bald vor Erstaunen, und sein Hndchen wickelte sich dabei eifrig in eine der Haarstrhnen fest. Zum Schlu ertrug sein Schler die erknstelte Beherrschung nicht lnger. Rcksichtslos warf er das Geschirr beiseite und beugte sich weit ber den Tisch. Unter der rotseidenen Schecke arbeitete die Brust so heftig, da die Ringe der Halskette ein metallisches Gerusch hren lieen. Nun, Magister, rief er in schlecht verhehlter Spannung, warum kostest du, als htte ich dir die tgliche Milch in den Napf gegossen? Hast du vielleicht bei deinen Professoren schon hnliches geschleckert? Der Zwerg schlo die Augen und wiegte leise das gelbe Haupt. Es schien ihm Spa zu bereiten, den Entdeckerstolz des anderen zu qulen. Doch, Geliebter, hauchte er mit seiner Mdchenstimme, das Jubeljahr der Hebrer und die Ackergesetze der Gracchen waren schon da. Auch in den Wldern der Germanen trug sich beinahe das gleiche zu. Du bist weit zurckgegangen. Zurck? schrie der Strtebecker verletzt. Jh fuhr er in die Hhe, als berwltigte den Riesen die Lust, den Tisch samt dem Gast umzustrzen. Dann jedoch schlug er ein hochmtiges Gelchter an, ri den Weinkrug heftig an sich und leerte ihn in einem langen, begehrlichen Zuge. Ziere dich nicht, stie er in greller Lustigkeit hervor. Was gibt's weiter zu benagen? Er warf sich auf den Tisch, dicht neben den Kleinen, und schlug seinen Gast auf die Schulter, da es hohl durch den Raum hallte. Doch der Strohblonde wankte nicht auf seinem Schemel, unerschttert hatte er den Sto ausgehalten und dadurch dem Admiral von neuem bewiesen, da er mit keinem gewhnlichen Manne streite. Jetzt sammelte sich auf den regelmigen Gemmenzgen des Hauptmannes ein versonnenes, ein wenig bsartiges Lcheln. Er klopfte seinem ehemaligen Zgling auf den grauen Beinling, als gelte es vor allen Dingen abzuwiegeln und zu besnftigen. Geliebter, wisperte er voll zrtlicher Bissigkeit, und dabei hpften in den doppelfarbigen Augen die frechsten Teufel herum, ich bin nur ein schbiger Tropf, der Zeit bedarf, um sich an solch beschmende Gre zu gewhnen. Aber siehe, nun bin ich deinen Spuren nachgeschlichen, und mein Herz zittert vor Freude, weil es dich fassen kann. Der Strtebecker griff nach dem Weinhumpen und hieb ihn dem Genossen hart ber den Kopf. Narr, sagte er ruhig, achte mich oder ich zerschmettere dir den Schdel. Spter, entgegnete der andere freundlich, ohne von seinen Liebkosungen abzustehen, erst la dir von meiner Narrheit bedeuten, da sie einen groen Vorsprung fr dich wittert. Welchen? Bedchtig lehnte sich der Kleine zurck und malte mit seinem Hieber auf den Boden. Die Freude am Zergliedern und Disputieren schien den einstigen Bakkalaureus mchtig eingefangen zu haben. Die Staaten sind lockerer geworden, murmelte er vergraben. Die Reiche sind zermorscht. Hunger und Elend sitzen zwischen dem Mrtel ---- Ein Faustdruck kann ihren jmmerlichen Bau zerquetschen, schaltete hier der Admiral ein und durchma einmal weiten Schrittes den Saal. Nur die Menge-- und er blieb stehen und zerrte an seiner Kette. Wird sie mit mir ziehen? Sie wird. Die Fahne des ewigen Glcks auf dem Neubau lockt sie an. Halt das Maul, schrie der Strtebecker dunkelrot vor Zorn, und seine wilden Augen brauten Unheil. Er lehnte gerade an einen Wandteppich und raffte nun das Gewebe um sich zusammen, als ob ihn frstele. Packt euch zum Teufel, ihr Gehirnkrhen, was liegt daran, ob ihr meiner Seele nachfliegen wollt oder nicht? Ehrfurcht brauche ich, demtige Nacken, Gehorsam. Gut, gut, das brauchst du, du Herrlicher, aber ich ziehe mit dir. Du? Noch hielt der Zweifel den Admiral befangen, gleichwohl strzte er auf den Sitz des Kleinen zu und schttelte den halb Emporgezogenen wtend an der Brust. Wenn du nicht an mich glaubst ---- schrie er dem Zwerg ins Gesicht. Heino Wichmann, du weit, von allen sind mir die Halben und Lauen am meisten verhat. Damit schleuderte er das strohblonde Bndel gewaltsam hin und her, als knnte er ihm die gewnschte Antwort abpressen, und sein Grimm stieg, als er die Zhigkeit dieser grinsenden Maske erkannte. Bereits war ein nahes, gefhrliches Ringen aus der freundschaftlichen Unterhaltung geworden. Da entglitt ihm der Magister geschickt, schpfte Atem, und nachdem er wie ein spielend Kind auf den Tisch gehpft, lie er gemchlich die Beine herabschlenkern. Sei ruhig, schmeichelte er, dein treuer Lehrer verlt dich nicht. Sa ich nicht in Paris monatelang in einer Goldmacherhhle, um zu warten, ob der Sud aus Ton und dreizehn Erdkrutern den kniglichen Leuen[*] ergebe? Ha, und ich sollte mir nicht fr meinen Liebling abermals die Kchenschrze umbinden? Pa auf, es glckt dir, es glckt, sofern du es nur fleiig mit den Weibern hltst. [*] Das Gold. Angeekelt wurzelte der Strtebecker fest. Mit den Weibern? wiederholte er, wie von Eimern kalten Wassers bergossen; und unwillkrlich mute er nach der geschlossenen Tr sphen. Wo knnen mir die Dirnen helfen? Wo sie dir stets geholfen haben. Schlepp sie zu Hunderten zusammen und achte darauf, da sie dir lauter Claus Strtebecker gebren. Dann wirst du ein Frst im neuen Reiche sein. Da fegte Claus mit der Hand durch die erhitzte Luft, als knnte seine Faust vom Himmel eine lastende Wolke herabreien, und ein unmiges und doch nicht ganz freies Gelchter erleichterte ihm die Brust. Schneidend hatte sein Verstand erfat, wie um den von giftigen Zweifeln zerfressenen Magister nur noch das Unkraut der Erde wucherte. Armselig glcklos Gemt, rief er voll aufrichtigen Erbarmens. He, Licinius, wo steckst du? Bring roten Falerner, es gilt, eine matte Seele zu berauschen, auf da die Fledermaus sich wieder ans Licht traue. Und als Licinius, der diesen Ruf ersehnt, willfhrig herbeieilte, um die Befehle seines Herrn zu erfllen, da zog ihn der Strtebecker an sich und streichelte dem Knaben, der sich gezwungen an ihn lehnte, brderlich die Wange. Hast wieder die Nacht durchschwrmen mssen, mein bleicher Freund? fragte er teilnahmsvoll. Geh, zeig mir deine Augen, ob noch die reine andchtige Flamme in ihnen brennt? Und ohne auf das vieldeutige Grinsen des Strohblonden zu achten, fhrte er das Kinn des Knaben empor, bis er endlich gefunden zu haben glaubte, was er suchte. Dann jedoch schmetterte seinen Gefhrten das ihm eigene glckselige Jauchzen entgegen. Freu dich, Licinius, schrie er, beim Zeus, du kannst fliegen. Knnt ich dich doch als eine weie Taube aufsteigen lassen! Aber nun setze dich zu mir und sage, wie gefllt dir dies kleine strohblonde Kerlchen, das aus dem Schmutz der Erde nicht herauskann? ber die gespannten Zge des Hauptmanns lief ein begehrlicher Schein. Schner Knabe, wisperte er, welche glcklichen Eltern haben dich geboren? Du bist ein anmutig Kind. Allein im Sprechen schien ihm hei geworden zu sein, denn er sprang auf, um eine der Schiffsluken zu ffnen. Und pltzlich schwiegen die drei. Drben zuckten die Lichter von Wisby. * * * * * Die tote Stadt regte sich. Ihr prchtig geschmckter Leichnam erhob sich und wandelte. Unvermutet begannen die steinernen Adern zu zucken und zu pochen. Von den sechzehn verdeten Kirchen, von den sieben zerbrckelnden Toren lste sich das Schweigen und schwebte als ein graues Spinngeweb ber die See. Durch die gestern noch leeren Gassen von Wisby, in denen jeder Schritt widerhallte, wo verhungernde Hunde das Gras zwischen den Pflastersteinen rupften, schob sich der Braus der Volkshaufen. Kopf drngte sich an Kopf, Schulter rieb sich an Schulter, das scharrende Gerusch ngelbeschlagener Schuhe mischte sich mit dem Gewirr einander verschlingender Stimmen, und das erste Morgenrot, das die kunstreich bemalten Holzhuser anglhte, es rann allmhlich auch auf die zusammengeballten Freibeuter herab, so da aus der Masse zuweilen Gesichter und Hnde aufblitzten. Unaufhaltsam wlzte sich die Menge, einem vorbestimmten Gebote folgend, aus den niedrigen Gassen hinter der Seeumwallung dem hochgelegenen Marktplatz zu. Und je hher sie stieg, desto mehr entstrebte sie dem Dmmer und desto heller wurden ihre vielfarbigen Ringel vom Licht getroffen. Auch Sprache gewann das Ungeheuer. Oft hrte man es aus seinem Rachen branden: Wo, wo ist der Strtebecker? -- -- Gott zum Gru, seid ihr nicht vom Gdeke Michael? -- Wir sind Wichmannsche. -- Verfluchte Hunde, habt ihr uns hier in den bunten Ksten was brig gelassen? -- Heda, du Braune, schaff' Platz im Bett, ich steig zu dir. An der leeren Kurie ging es vorber, durch niedrige Laubenhallen schob man sich, hinter denen einst mchtige Kaufherren ihre Kontore und Warenlager hielten. Jetzt lauschte manch neugierig Ohr vergebens auf das Knistern der Federn oder auf das Rollen der Fsser. Ach nein, da htte man frher kommen mssen. Schon vor etwa dreiig Jahren hatte der geruschlose Abzug des Handels begonnen. Damals, als der Dnenknig Waldemar Attertag mhelos das kstliche Nest ausgenommen. Aber erst der Handstreich der Freibeuter hatte dem siechenden Gemeinwesen den Rest gegeben. Von dem Augenblick an, da die trunkene Freiheit die Stadtgesetze den Flammen berliefert, die verhate Ordnung mit Fen getreten und jauchzend die allgemeine Willkr verkndet hatte, jenes hei ersehnte Losungswort aller Geknebelten und Unterdrckten, die nur einmal im Leben das Herrengefhl genieen wollten, seitdem war der steinerne Krper von der Leichenstarre ergriffen. Von da an bedeutete Wisby nichts anderes mehr als einen Stapelplatz fr geraubtes Gut, lichtscheue, heimliche Geschfte wurden hier betrieben, wochenlang tnte kein Laut in den verlassenen Straen, bis sie pltzlich wieder einmal aufgellen konnten von Hndlergeznk, Dirnenkreischen, Schifferflchen und den malosen Feiern der Wollust, die ein festes Bett unter sich sprte. Aber trotz alledem hingen noch Fetzen ehemaligen Reichtums an dem Gerippe der verwesenden Stadt, und noch immer strahlte zuweilen ein liebliches Grinsen aus dem steinernen Schdel. Dicht am Markt, in den Fenstern der Herberge zum silbernen Bischof, chzten die Holzrahmen unter der Last der Neugierigen. Zumeist waren es Dirnen aus aller Herren Lnder, die sich stets einstellten, sobald die jetzigen Herren des Platzes ihr blutiges Gold verjubeln wollten. Aber auch Krmer und waghalsige Kaufherren scheuten das Abenteuer nicht, denn nirgendwo in der Welt lie sich schneller und wohlfeiler Verdienst erjagen, als an diesem leicht verderblichen Raubgut. Unten in der stickigen Gaststube sa Licinius auf der Ofenbank. Andere hielten gerade Wsche. Die beiden Geschlechter unbedenklich nebeneinander. Zwei Schsseln waren zu dem Zweck auf Schemel gestellt, und man nahm es nicht so genau, wenn der neue Reinigungsbedrftige noch das alte Wasser vorfand. Derweil rekelten sich auf den Holzbnken einige Schlfer umher, wieder andere schlrften bereits ihren dickflssigen Mehlbrei, und auf der Diele hockten ein Dudelsackpfeifer und eine Fltenblserin und lieen zu ihrer gellenden Musik ein gezhmtes ffchen zwischen sich tanzen. Niemand nahm Ansto an dem bunten Durcheinander, weder an der schlechten Luft, noch an dem wimmelnden Ungeziefer, denn damals gab es noch keine nach Stnden eingeteilten Wirtshuser, und der Frst wohnte dort ebenso wie der Bettler. Der Knabe auf der Ofenbank verschrnkte die Arme ber der Brust und lie sein helles Haupt an die Kalkwand sinken. Aber es war nicht Mdigkeit, die ihm die Augen zudrckte, obwohl er die Nacht schlummerlos in dieser belriechenden Hlle verbracht, nein, es bedeutete vielmehr einen Augenblick der Nachgiebigkeit gegen die wilde Flucht, die an seinem inneren Schauen vorberstiebte. Hier entschied sich's. Heute wrfelte ihr gotterfllter Spieler um seine eigene Seligkeit, aber noch viel mehr um diejenige, die dauern sollte, solange Menschen auf Erden lebten. Ob das zu erreichen war? Rascher wehte der Atem des Grbelnden, unbeherrschter zuckten seine Lippen, ein prunkendes, verfhrerisches Bild trat vor seine Seele. Whrend er hier sa, um mit immer steigender Bedrckung auf das Pltschern der sich Reinigenden zu horchen, auf ihre derben Scherze, auf das Schlrfen der Trinker, sowie auf das Quken des tanzenden Affen, da zog es den Trumer fort -- es ri ihn auf den Markt. Dort drauen, durch die ausweichenden Haufen schritt der Strtebecker. ber alles Volk hinweg ragte das schmale Haupt unter dem Goldhelm, die gestickten Wappenlwen schimmerten auf dem blauen Frstenrock, und als er sich zu der Menge umwandte, da kam der Bann ber die Tausende, genau so, wie er den einzelnen hier unterjochte auf der schmutzigen Ofenbank. Begannen nicht auch markige Glockentne zu schwingen? ngstlich fuhr der Knabe in die Wirklichkeit. Jetzt lauschte er, lauschte mit dem Aufgebot aller Sinne. Nein, es war keine Tuschung. Dort drauen hatte sich das Meer der Stimmen beruhigt, eine atemraubende Stille legte sich ber das Gewoge, und was nur ersonnen war, es geschah. Ganz aus der Nhe donnerten Glockenklnge gegen das zitternde Gebude. Auch unter den Herbergsgsten erstarb jeder Laut, fr einen Herzschlag erstarrte alles, um eine Deutung fr den Vorgang zu gewinnen, dann aber bumte sich der Schwall gegen den Ausgang, die Treppen knarrten und wirre Rufe verknuelten sich: Der Strtebecker -- der Strtebecker. Polternd stob man auseinander, um den merkwrdigen Augenblick nicht zu versumen. Licinius griff sich ans Herz, er wankte auf seiner Bank. Die Entscheidung fiel. Jetzt ein Gebet, ein Notgebet; allein die Worte wollten sich zu keinem Sinn mehr verflechten. Statt dessen brodelten aus dem kochenden Fieber immer dieselben inbrnstigen Silben hervor, die er selbst nicht begriff. Erlsung. Wem galt dieser Wunsch? Drauen verschwang das letzte Beben der Glocken. Da fhlte Licinius, der noch immer kraftlos gegen die Mauer lehnte, wie sich eine sprende Hand in die seine schob. Erschreckt beugte er sich vor. Zwischen seinen Knien hatte sich der halbnackte Leib der Fltenblserin aufgerichtet, jetzt streichelte die Dirne ihm vorsichtig das Knie. Feins Bbchen, schmeichelte sie mit einer glatten, liebegewohnten Stimme, was hast du fr ein zartes Gestell? Komm, drauen heckt der Strtebecker etwas Nagelneues aus. Wer wei, wie voll der groschnuzige Kerl wieder die Taschen trgt. Ich kenn ihn. Der feilscht nicht lange um Kissen- und Bettpreis. Komm, will ihn dir weisen. Und ohne sich darum zu kmmern, in welches Taumeln ihr Begleiter verfiel, packte das fahrende Weib die ihr berlassenen Finger und zog den Willenlosen unter spttischen Ermahnungen die Treppe hinauf. Munter, munter -- hast wohl schon am frhen Morgen Met getrunken? Hier noch eine Stufe! So, und jetzt zum Fenster. Mach Platz, Aaszeug, damit der Junker sehen kann. Pltzlich kauerte Linda, eingekeilt in den Drang von Dirnen, Spamachern, Wechslern und lichtscheuen Handelsleuten in der offenen Fensterhhlung, und whrend ihre Gnnerin schtzend den Arm um ihre Hften schlang, da muten die Ohren der Halbbetubten das unsaubere Gewsch der Nachbarinnen ertragen. Ihren Augen aber bereitete sich zu gleicher Zeit das groe heilige Fest. Unter ihr Kopf an Kopf. Ein Menschensee. Er wogte nicht, er stand ganz still, schwarz und rtlich berlaufen, wie Landseen starren, wenn sich die Spannung des Gewitters in ihnen birgt. Aus allen Fenstern ein Geriesel unerkennbarer Gliedmaen, bunter Tcher, gefangener Augen, dnne Rinnsale, die in das groe Becken hinabflossen. Selbst die Morgenrte hing still an den Mauern. Sie lauschte. Ja, ein Gott zugekehrtes Schweigen schien ber die Welt gekommen, so gewaltig, da Linda erschauerte, als dieses bedingungslose und doch mit Unglauben und Entsetzen gemischte Lauschen auch ihre vorbereitete Seele ergriff. Zitternd, atemlos neigte sich ihr Leib aus dem Fensterrahmen, und sie merkte es gar nicht, wie sie von dem Arm der Dirne dabei fester umschlossen wurde, whrend ein Paar heie Lippen ihr ins Ohr tuschelten: Dort drben, Trauter, auf den Stufen, der Groe im blauen Wappenrock, ja, das ist der Strtebecker. Sieh nur, wie die Affen ihm zuhren. Pah, ich kenn' den Saufaus! Hudelt uns Weiber herum, als wren wir Werg und Flicken. -- Du bist mir lieber. Eine brennende Wange schmiegte sich an eine kalt durchfrstelte, und Linda duldete es, so krperlos hing sie hier in dem Gedrnge. Ihr innerstes Selbst aber, ihr hingebungsbereites, blutig gequltes Sehnen, es hatte sich lngst von ihr gelst und schritt nun ber die vielen Kpfe hinweg den hellen Tnen entgegen, die unter dem gerippten Portal des Bischofspalastes sich hell und markig aufschwangen. Alles andere ging fr sie unter. Linda sah nur das edle, herrschgewohnte Antlitz, berhaucht von einem im tiefsten glhenden Feuer. Seine Worte verstand sie nicht. Wozu auch? Sie begriff dennoch jede Biegung, jede neue Begrndung dieses noch nie vor Menschenohren entwickelten Bekenntnisses. Unten ging ein ingrimmiges Sthnen durch die Masse. Der frstliche Verknder dort auf den Stufen mute seinem Volk wohl die Verfolgung und die Schmach seiner bisherigen Lage geschildert haben. Nun aber hoben sich die Hupter begieriger, man drngte sich nher, denn der Admiral warf den Arm vor, als deutete er seinen Schiffern eine bisher noch nie gesegelte Fahrt. Der Blonden stockte der Atem. Sie wute es ja. Nun tauchte vor den Geschundenen und Gequlten, vor dem Auswurf alles Lebens das gelobte Land auf, nun wurden sie von einer Riesenfaust aus dem stinkenden Schlamm gezogen, und vor ihnen breitete sich eine saubere Erde, damit sie fortan in unangefochtener, unschuldiger Gemeinschaft auf ihr wohnen sollten. Ruhe -- Ruhe, Linda prete die Hnde auf das hmmernde Herz. Hier ffnete sich die steile ungewohnte Strae! Wrde das verdammte Geschlecht noch jung und hoffnungsstark genug sein, um sie berzeugt wandeln zu knnen? Oder hielt seine Verderbnis es bereits bei dem unheiligen Rachegeschft fest? Noch regte sich nichts. Keine Welle lief ber den Menschensee. Und so tief sich auch Linda beugte, ihre brennenden Augen nahmen weder Hohn noch Widerwillen, aber auch keine jauchzende Zustimmung wahr. In erstarrtem Schweigen stand die Flut, nur auf ihren Grnden wlzte es sich zuweilen, wie ein langes, banges Whlen. Horch, sagte die schwarze Dirne neben Licinius, was faselt der Strtebecker? Will er Gold unter uns werfen? Aufgeregt nestelte sich die Fltenblserin los, verlie den Knaben ohne weiteres, und bald hockte sie ganz vorn in der Hhlung, wo sie die nackten Beine frech herabschlenkern lie. Siehe, unter dem altersgrauen Portal des Bischofspalastes geriet ein merkwrdiges Wachsen in die ohnehin schon ragende Gestalt des Einsamen. ber sich selbst hinaus reckten sich seine Glieder, eine menschliche Pappel, die kein Ende fr ihr Aufwrtsstreben finden wollte, und seine letzten Worte schleuderte er hinaus, selbstbewut, gewappnet, fordernd, gleich steigenden Lerchen, die sich trotzig jedem Pfeil aussetzen. Und jetzt? Was geschah jetzt? In der gewaltttigen berzeugung seiner Natur ballte der Gereizte weit vorgeworfen seine Faust und schttelte sie, nicht nur gegen die starre Masse, die sich nicht wecken lassen wollte, sondern am meisten gegen den untersetzten Mann in der ledernen Schiffertracht, der kalt und unbeweglich eine Stufe unter ihm harrte. Gdeke Michael. Das letzte aber, was man vom Strtebecker vernahm, war ein ungeheures, vermessenes, ihn wahrhaft schttelndes Gelchter. Die Menge stand verbissen in Taubheit. Ungewi brtete sie vor sich hin. Trge verfolgte sie allein aus tausend Augen die geballte Faust ihres Fhrers, denn jene Rechte wurde eben vom Sonnenlicht gefrbt, so da aus dem Siegelring des Admirals ein schmales rotes Blitzen aufstieg. Ein Feuerstrudel tanzte auf seiner Hand. Die Menge rhrte sich nicht. Da pltzlich -- ungewi aus welchem Grunde -- schrillte ein Kreischen ber den Markt. Ungebrdig -- vielleicht vor Langerweile, hatte die Dirne in der Fensterhhlung des silbernen Bischofs ihr Brusttuch von sich gerissen, dadurch entblten sich ihre Schultern vollends, und nun schwenkte sie den Lappen unter Geschrei und Gelchter ungestm in der stillen Luft. Als htte es nur auf dieses Zeichen gewartet, brach endlich das lang gestaute Gewitter ber dem Menschensee los. Ein Donnerschlag antwortete, ein Brausen warf die schweren Wogen gegeneinander, ein Orkan von Stimmen wtete, tausend schwielige Hnde griffen in die Morgenrte, als wre es jetzt mglich, die vorberrollende Sonne festzuhalten, und durchzuckt von krampfigen Erschtterungen schwoll die brllende Menge dem Portal entgegen. Wollte sie den Einzelnen dort oben, der in tiefes Staunen versenkt war, kssen? Wollte sie ihn ermorden? Keiner Bewegung mchtig, mit geschlossenen Augen sa Licinius und horchte. All die verworrenen Stimmen, die unter Heulen und Toben etwas zu ersticken suchten, das den feinen Ohren des Knaben ein Vlkerschluchzen deuchte, das blasse reglose Menschenkind beherbergte seit Wochen all jenes Sieden, berquillen und Staunen in seiner eigenen Brust. Aber jetzt, da das Unbegreifliche, in trben Stunden hufig Angezweifelte sich der Erfllung entgegenneigte, da Ausgestoene und Verworfene sich fr fhig hielten, ihre Verdammnis durch Arbeit und Brudersinn zu lsen, da sie die Macht sprten, das ursprngliche Gute in sich anzubeten, um es weiter und weiter in Menschenfurchen zu streuen, da schauerte Licinius, denn er fhlte sich von unbarmherzigen Fusten emporgerissen, und ein herrischer Mund kte wie schon oft seinen Scheitel. Erlsung durch Menschenhilfe, ein Neuanfang, eine Wiedergeburt schon auf Erden, Gesegneter, oh Gesegneter, der diese Quelle des Heils unter dem unttigen, pesthauchenden Himmel erschlossen. O du, Geliebter -- Gesegneter -- Einziger! Aufschluchzend prete der Knabe beide Hnde vor sein Antlitz, und whrend unten des Jauchzens kein Ende war, rieselten ihm Schmerz- und Danktrnen reichlich ber die Wangen. Kuck, wie der Dummkopf heult, spottete die Fltenblserin und stie ihn whrend des Vorberschreitens mit dem Fu in die Seite. Auf dem Markt hrte man jetzt eine andere Stimme. An der Stelle, wo bisher der Strtebecker sich gezeigt, stand nun der Mann in der ledernen Schiffertracht. Kurze, fortschleudernde Handbewegungen deuteten an, da er mit hartem Wirklichkeitssinn das einri, was eben in die Luft gebaut war. Allein der Triumph des anderen berheulte ihn. Das Volk kehrte jauchzend der nchternen Vernunft den Rcken, um jenem nachzustrmen, der ihm soeben das Herrlichste, nie mehr Erwartete versprochen, die Rckkunft in Sorglosigkeit, Brgertum und Menschenachtung. Immer huldigender prallten die Haufen gegen den aufgerichtet Schreitenden an, sie kten ihm den Mantel, sie warfen sich vor ihm nieder, sie schrien verzckt seinen Namen, und dennoch blieb stets ein Raum zwischen dem im blauen Wappenrock und den Namenlosen gewahrt, denn die unsichtbare Mauer zwischen dem Schpfer und den Empfangenden lie sich auch hier nicht berklettern. Vor der Tr des silbernen Bischofs wandte sich der Gefeierte noch einmal zurck. Tut euch gtlich, warf er hin, in allen Schnken fliet heute roter und weier Freiwein, an jeder Straenecke lasse ich einen Mastochsen fr euch braten. So nehmen wir von dem Raubgut Abschied. Gebrll stieg zum Himmel, dann knarrten die Treppenstufen, und der wohlbekannte federnde Tritt verkndete sich. Aber wie anders kehrte Claus Strtebecker zurck, als der hochgestimmte Licinius ihn erwartet hatte! Erhitzt, mit funkelnden Augen, an jeder Hand eine Dirne mit sich schleppend, so strmte der prchtig Geschmckte herein. Als er seines Begleiters ansichtig wurde, da stie er die beiden Weiber von sich, und trunken von seinem Erfolg, schlo er den Knaben in die Arme und hob die zarte Gestalt spielend empor. Blondkopf, lste es sich aus der mchtigen Brust, hast du's gehrt? -- Was strubst du dich? Was starrst du mich so an? Ja, es macht hei, wenn der Atem der Zwiebelfresser bel um einen duftet! Gib Achtung, ich hab' etwas fr dich. Lauf zum Michael, er wohnt in der Kurie, und lad' ihn fr heute nacht auf die Agile. Spring, Kleiner, ich mu ihn haben! Schnell, dies taugt nicht fr dich. Damit griff er wieder nach den beiden Weibern, und whrend er sich die Fltenspielerin ber die Schulter warf, da erreichte es den davonstrmenden Licinius noch, wie die helle, sieggewohnte Stimme sich in unmigem Lrmen berschlug: Heda, ihr Venus-Tubchen, jetzt ins Bad! Wollen uns khlen! Seid gerade der richtige Teufelsschnee dazu. Hurtig! Und als ob er vom Bsen verfolgt wrde, strzte der Knabe durch die Straen. III. Bses Wetter herrschte ber der Agile. Nicht, als ob Wind und Wogen den Segler zum Streit herausgefordert htten, denn der Himmel lachte im hellsten Gold und die Flut breitete sich als ein blauer Acker vor dem Meerwanderer aus. Nein, es war die schlechte Laune des Admirals, die immer schwer auf dem Schiffsvolk lastete, sobald das Unvermgen besonnenen Wartens die Herrschaft ber den Lebhaften erlangt hatte. Die Tat, auch die aussichtsloseste, schlo er jauchzend in seine Arme, das Hinbrten jedoch, das Minute an Minute Reihen ertrug er nicht, und mitten aus der erzwungenen Ruhe scho er manchmal empor, entschlossen, durch irgendeinen heftigen Wurf den Zaun, von dem er sich eingeengt whnte, zu zerschmettern. In solcher Lage aber befand sich der Sieger von Wisby nach seiner Meinung gerade jetzt. Die Tage wollten sich fr ihn nimmermehr vom Firmament lsen, und keine noch so drohend emporgereckte Faust beschleunigte ihre Fahrt. Unertrglich, nicht wert zu leben! An der Galerie, die ganz hinten am Heck zu Fen des gewaltigen Aufbaues den Abschlu des Schiffes bildete, schritt der Strtebecker eines Morgens rastlos auf und nieder. Das Haar flatterte ihm um die Stirn, und seine schwarzen Augen sphten ber die eingefurchte Kiellinie zurck auf den Weg, den er gekommen. Hinter ihm war die tote Stadt lngst versunken, das letzte Goldkreuz ihrer Kirchen hatte sich in Dunst aufgelst, und das einzige, was sich auf der Flche abzeichnete, waren die zwerghaften Umrisse von zehn schwarzen Freibeuterschiffen, die im weiten Umkreis dem Kurs der Agile folgten. Nur zehn? Wohin hatte sich der brige Teil, der noch vor kurzem so stattlichen Flotte verloren? Und weshalb befand sich Gdeke Michael nicht in der Gesellschaft seines Freundes? Wo blieben der Magister und der fromme Saufbruder Wichbold? Und noch eins! Den Kundigen war es schon seit geraumer Zeit aufgefallen, da man die dnischen Gewsser verlassen und auf der Hhe der deutschen Kste kreuzte. Sprte der Admiral pltzlich Sehnsucht nach Heimat und Sippe, die er stets hoffrtig verleugnet? Niemand erfuhr es, und unentwegt hielten sich die Schwarzflaggen auf derselben Meerstrae. An klaren Tagen konnte man aus den Mastkrben bereits die blauen Linien von Rgen dmmern sehen, allein kein Nherrcken gab es, sondern man harrte. Enttuscht lehnte sich Claus Strtebecker an die Wand des Aufbaus, kreuzte die Arme ber der Brust und schickte noch einmal einen hoffnungslos finsteren Blick ber die lachende Ferne. Nichts! Das, was er erwartete, die roten Segel, die in der Nacht seine Trume teilten, sie wollten sich nicht zeigen. Ich mchte lieber, sprach er endlich hhnisch zu dem Knaben Licinius herunter, der mit einer Schreibarbeit beschftigt zu den Fen des Admirals hockte, der dicke Wichbold schwmme als ein unfrmig Bauchgebirge an uns vorber, als da mich der wste Saufaus noch lnger narrte. Acht Tage! Knnte ich doch mit dem Wind dem widrigen Kerl meinen Namen in die Ohren heulen, ich-- Mitten im Satz schleuderte er jedoch alles weitere von sich, um sich unvermutet zu seinem Gefhrten herabzubeugen, denn das Schweigen des Knaben verdro den Heftigen. Was bedeutet dein ewiges Gekritzel? rief er hastig. Was treibst du, Bursche? Folgsam schlo der Angeredete seine Wachstafel, allein seine Augen suchten fortgesetzt den Boden, als er still erwiderte: Ich tue, was du mich geheien. Ich? Pltzlich lachte der Riese und fuhr dem Blonden vershnt ber die Locken. Er besann sich. Damals, als er zur Nacht von Wisby auf sein Schiff zurckkehrte, war ihm zum erstenmal der Einfall aufgestiegen, es sei ratsam, vor Mit- und Nachwelt jene Begebenheiten aufzuzeichnen, die sein seltsam Vorhaben gefrdert oder gehindert htten. Denn ohne da sich der Sorglose ganz klar darber wurde, hatte ihn ein drngendes Verantwortungsgefhl gegenber seinen eigenen Plnen erfat, so da er meinte, sie mten in ihrer Ursprnglichkeit erhalten werden, auch wenn er nicht mehr atme. Geh, Bbchen, hatte er sofort seinen Gefhrten angepackt, da Licinius in jener Nacht auffallend wortlos und sonder Teilnahme neben dem innerlich Berauschten einherging. Du hast ein rein Herz. Zeichne auf, was du hier ersphst. Mag dein sanft Gemt einst fr mich zeugen wider Trug und Migunst. Und so hatte der Knabe in all seiner bedingungslosen Schwrmerei und heimlichen Trauer zur Schreibtafel gegriffen. Heute entdeckte nun der Seefahrer ganz unvermittelt, nachdem er endlich seinem verbitterten Warten entrissen war, was sich lngst in seiner Gegenwart entwickelt, und sofort entwendete er dem Knaben die Tafel vom Scho, um sie in starker Spannung zu berfliegen. Er lehnte noch immer am Aufbau, aber bevor er zu blttern begann, warf er dem Blonden erst noch einen merkwrdig fragenden Blick zu. Der hielt das blitzende Augenpaar gefat aus, wie jemand, der mit sich und seinem Urteil im reinen ist. Da schlug der Strtebecker das Buch auf. Nun gut, Licinius, meinte er neugierig, la sehen, was ein sauberer Spiegel zu melden wei? Klangvoll fing er an zu lesen: Dies schreibe ich der Wahrheit zuliebe, und auf da mir selbst einst vergeben werde ------ Der Strtebecker hat auf dem Markt zu Wisby alles Volk zu sich bekehrt. Bis auf die wenigen um Gdeke Michael. Dies ist ein Schade, denn es sind gar wackere Schiffer und in guter Zucht. Die anderen aber streckten die Hnde zu ihm wie zu einem Gott aus der Hhe, sie kten ihm den Mantel, einige lieen ihn ber sich wegschreiten, und ich habe etliche Narbengesichter weinen gesehen gleich den Kindern. Niemals zuvor wurde aber auch Verlassenen dergleichen verheien, und unser Herz quoll ber vor Dank und Sehnsucht. Am Abend kehrte der Strtebecker heim auf die 'Agile'. Seinem blauen Prunkrock war bse mitgespielt, und er selbst gebrdete sich hitzig und voll Unrast, so da man htte frchten knnen, er habe seinen Stern in bler Gesellschaft verloren!-- Bei dieser Stelle fuhr der Lesende erstaunt herum, strich sich ber die Stirn und schlug dann auf die Wachstafel. Was hast du hier geschrieben, Fant? rief er nicht ganz sicher. Dann aber fate er sich. Tricht Kind, weit du nicht, da des Menschen Gebein aus Ton und Erde gemacht wurde? Es kann den Funken nicht immer vertragen! Ich will den Satz tilgen, versetzte der Knabe sanft. Nein, mag er bleiben, bestimmte der Admiral nach einer Weile und versuchte zu lachen. Er meint es redlich. Gehen wir weiter. -- -- Zur Nacht kam der Gdeke Michael an Bord. Mein Herr hatte ihn durch mich bescheiden lassen. Wir saen zu dritt in der Kajte. Der Michael hatte ein ernst und undurchdringlich Gesicht, und verschlossen war sein ganz Wesen. Es schien mir aber dennoch, da seine Augen voll Trauer und Teilnahme an dem Strtebecker hingen. Da griff ihn mein Herr gleich scharf an und sprach: 'Gdeke, warum hast du dich heute wider mich gewendet?' 'Darum,' sprach er, 'weil du ber die Wolken fliegst, und der Armen Sach' auf Erden ausgefochten wird.' Der Strtebecker hielt an sich und erwiderte: 'Weit du denn nicht, da ich darauf bin, ihnen ein Asyl zu ffnen?' Der andere zuckte die Achseln und sprach: 'Wie willst du wohl dazu kommen? Auf den Schiffen sind wir stark, aber zu Land ein verloren Huflein. Mit so geringer Macht wird nicht einmal ein Acker gewonnen.' Da lachte der Strtebecker hell auf und sagte: 'Potz Marter, du denkst nur immer an Schdelspalten. Ich aber will mein Land in gutem Frieden mit Gold und Silber einhandeln.' Darauf schwieg der Gdeke Michael eine Weile und bedachte sich, dann fragte er, wer solch ein Land wohl freiwillig verkaufen wrde? Als er nun hrte, da mein Herr schon den Hauptmann Heino Wichmann auf Kundschaft zu den Friesen gesendet htte, da die Groen dieser Stmme aus Geldgier sogar ihre eigenen Weiber preisgben, da schttelte er den Kopf und fragte zum Schlu: 'Und woher willst du eine solche Menge Goldes nehmen, wie sie gewilich von dir fordern werden?' Da zgerte der Strtebecker ein weniges, und es war, als ob er sich schme, dann aber schttelte er es ab und meinte kecklich: 'Ich wei eine Stadt in Norwegen. Die hat sich seit alters her gemstet, so da sie schier erstickt vor Wohlleben und berflu. Auch die Hansischen halten dort ihre Kontore und nagen gleich den Ratten am Speck der Eingeborenen. Dorthin will ich den dicken Wichbold mit zwanzig Koggen senden, damit er den feisten Wanst mit Tribut und Steuer zur Ader lasse.' Kaum hatte der Michael dies vernommen, da sprang er auf, stie den Tisch von sich und schrie, whrend die Zornader ihm schwoll: 'Ist der Wichbold schon fort?' Und als mein Herr besttigt hatte, die Koggen wren schon seit Mondaufgang unter Segel, da geriet der Michael auer sich, hieb auf die Tischplatte und verschwor und verma sich; ganz rot war er im Gesicht, als er hervortobte: 'Wehe, du hast unsere Sache erwrgt und ins Grab geworfen.' 'Gdeke,' unterbrach der Strtebecker, und ich glaubte, er ersticke, 'nimm dich in acht! Mich hat noch niemand beschimpfen drfen.' Bevor aber noch ein Unglck geschehen, da hatte der Michael sich selbst an der Brust gepackt und nun wrgte und rang er gar erschrecklich, bis er endlich in seiner gewohnten Weise hervorbringen konnte: 'Ich kenn' deine Stadt. Heit sie nicht Bergen?' 'Du sagst es,' erwiderte mein Herr. 'Und ich kenne auch den dicken Wichbold,' entfuhr es dem anderen, 'diesen Wegelagerer und stinkenden Weihrauchkessel. Gib acht, in der Linken sein Gebetbuch und in der Rechten ein Bund brennenden Wergs wird er die Bergener rsten, nachdem er ihnen zuvor das letzte Kissen aus dem Bett gezogen. Weit du auch, was daraus entsteht? Die Dnischen und die Hansen werden gemeinsam ber uns kommen und um so lieber, als die Schiffe des preuischen Ordens jetzt schon gen Wisby unterwegs sind. Zweifle nicht, dies mu die Schwarzflaggen zu Fetzen zerreien.' Als mein Herr so die nahe Gefahr verkndet hrte, da wuchs er in die Hhe, gerade wie damals, da die Steinkugeln des Connetable unser Deck zertrmmerten; schweigend schritt er in eine Ecke, holte von dort seinen langen Hieber hervor und streckte die Waffe gerade vor sich hin. 'Hre, Gdeke,' sagte er, und es konnte ihm keiner von uns in die Augen schauen, so grimmig flackerten sie, 'so wenig ich ber dies Eisen springen kann, whrend ich es in meiner Faust halte, so wenig wird dies alles geschehen. Meint der Wichbold etwa, ich wre ein Hndchen, das im Scho einer Dame schmeichelt? Er wei, so auch nur einem Bergener ein Haar gekrmmt wird, so will ich ihn selbst schnden, da kein Weihwasser mehr das Mal von seinem Pockenfra abwscht. Sei sicher, die Furcht wird ihm raten!' Damit warf mein Herr den Hieber von sich, holte tief Atem und seufzte. Nachher sprach er mit einer treuherzigen und traurigen Stimme: 'Aber dies ist nicht das schlimme. Das schlimme ist etwas anderes.' Er legte dem anderen die Hand auf die Schulter. 'Ist es wahr, Gdeke, da du von mir gehen willst?' 'Ja,' rang sich der Michael langsam ab. 'Meine Zeit ist gekommen.' 'Gdeke,' rief nun mein Herr, 'bist du des Raubens und Stehlens noch nicht satt?' ber das Gesicht des Michael lief eine Rte. 'Ich habe mein' Tag nichts fr mich genommen,' rechtfertigte er sich rasch. 'Aber es mu einer da sein, der fr die Geknechteten und Geschundenen als ein Racheengel daherfhrt. Was wrde, wenn die Mchtigen nicht mehr vor dem Wrger schauderten?' Der Strtebecker nickte und sah vor sich nieder. 'Und von dem Wiederanfang hltst du nichts?' fragte er. 'Ich bin ein Kriegsmann,' zuckte der Michael die Achsel. 'Wir haben am Kreuz gestanden und den Herrn vergeblich verrcheln gesehen. Seitdem wei ich, da Blut um Blut gefordert werden mu.' 'So gehe,' fuhr der Strtebecker heftig auf, 'und wir wollen warten, wer unserer Sache besser ntzt?' 'Dies geschehe,' sprach der andere kalt und wandte sich. So wren die beiden alten Genossen schier unvershnt voneinander geschieden, wenn nicht der Strtebecker dem Michael mit einem Sprung nachgesetzt wre, gerade, als jener die Treppe erreichte. Aber auch der Michael kehrte zu gleicher Zeit um und streckte meinem Herrn beide Hnde entgegen. 'Bruder,' rief der Strtebecker in einem Ton, wie ich es bis dahin noch nie von ihm gehrt. Auch dem anderen schien das Wort durch und durch zu gehen, denn er fhrte die Hnde des Freundes gegen seine Brust und sah ihn lange an. Dann sprach er: 'Claus, seit du als Halbflgger zu mir kamst, hast du ein reiner Licht ber mein Handwerk fallen lassen als je vorher. Das will ich dir nimmer vergessen. Darum kann ich auch in der Ferne nicht aufhren, auf dich zu achten. Geht es dir aber bel, so sende mir unsere Schwarzflagge und hnge deinen Siegelring daran. Daraufhin will ich meinen Kopf fr dich wagen, wie bis auf diesen Tag. Und nun frisch, Claus, tue, was dein Herz dich lehrt und was ich nicht mit dir tun kann.' Darauf umarmten sich die beiden Mnner und gingen auseinander. ------ Hier schlo der Admiral das Buch, lste sich ein wenig von der Wand des Aufbaus, und sein Blick glitt abgekehrt zu der Kielfurche hinunter, die sich wirbelnd in der Weite verlor. Die Bilder aber, die sein Schreiber entrollt, gaben ihn noch nicht frei, sie fingen ihn vielmehr in einen dichtbevlkerten Kfig ein, aus dem es kein Entspringen gab. Nein, das nicht! Was sollte der Verkehr mit Schatten? Gewaltsam schttelte sich der Entrckte, um, wie zur Rettung, abermals nach der Tafel zu greifen. Siehe da! Waren da nicht in kleinerer Schrift ein paar Zeilen eines Nachtrags hingesetzt? Claus beugte sich, um sie zu entziffern. Und whrend des Ausdeutens kam dem Lesenden der Argwohn, als habe der Schreiber absichtlich seine Zeichen krauser und undeutlicher gehalten als bisher. Da stand: Dies schreibe ich fr mich allein! Als der Michael gegangen war, da stand mein Herr aus Stein gehauen, als wre er aus der Welt ausgestoen und verbannt. Aber dem war nicht so! Wer ihn recht betrachtete, der merkte wohl, da ihm whrend dieses ganzen Streites ein weies Licht auf der Stirn geleuchtet, so da man htte vor ihm niederknien mgen, um ihn anzurufen: 'Nimm mich mit dir, wohin du dich auch wendest.' Deshalb wei ich, unser Heil ist nur in den Spuren dieses Einen. Denn er sucht das Gute. Und ob es sich auch tief versteckt, es ist nicht aus der Welt. Mgen wir alle es schauen vor unserem Ende! Tief aufatmend fgte der Strtebecker die Wachsplatten zusammen, schlang die Bnder um die Holzhlle und reichte Licinius, der sich inzwischen erhoben, die Tafeln zurck. Auf dem engen Raum hinter der Galerie standen sie dicht nebeneinander, ein Ausweichen war nicht mglich. Gern htte der Knabe erfahren, ob der Admiral mit der Schreibarbeit zufrieden sei, allein dieser hatte sich abgekehrt, so da seine Gesichtszge dem Blonden verborgen blieben. Da versuchte Licinius dem Seemann die Hand bescheiden auf den Arm zu legen. Kaum aber sprte dieser den Druck, da fuhr er zum Schrecken seines Gefhrten mit einem Sprung herum -- dann ein Augenblick des Erstarrens, und in den Blonden schlug es ein, da dies nicht mehr derselbe sei, der noch soeben hhnisch, ungeduldig, verbittert nach seinem Schicksal ausgespht. Nein, wild, hingerissen, ber alle Grenzen geschleudert, so stand der leuchtende Mensch vor dem Fassungslosen, der solch jhen Wechsel nicht gleich begriff, dann ein selbstverstndliches Zupacken, in irrem Schwindel fhlte Linda ihre Glieder emporgeworfen, und dann lag sie wie in einer mchtigen Wiege, und das edle und doch so frchterliche Antlitz ihres Bezwingers beugte sich nah und nher auf die Zitternde nieder. Knabe -- Weib -- was bist du eigentlich? jauchzte ihr eine heie, verzehrende Stimme ins Ohr. Du Stern, der mir vom Himmel herabfiel, was soll die Vermummung? Da sprang ber der Hingestreckten das blaue Gewlbe auseinander, Entsetzen und Verzckung strzten zugleich auf sie herab, voll Schauder warf sie die Hand gegen die sndhaften Augen, allein der erhobene Arm brach kraftlos auf halbem Wege zusammen, und nichts als eine lchelnde Starrheit war dem erschreckten Bedrnger preisgegeben. Als ihn dies gnzliche Verstummen erreichte, da kehrte dem Betroffenen die Besinnung zurck. Eine bittere Verachtung verzerrte pltzlich seinen Mund, schtzend packte er seine Last fester, und zum erstenmal warf er einen scheuen Blick um sich, ob auch die Mannschaft nichts von seiner Verlegenheit erkundet. Allein, da hinter dem hohen Aufbau keine berraschung zu besorgen war, so ffnete der Strtebecker entschlossen die schmale Hinterpforte, und gleich einem Einbrecher schlich er tief gebckt in die groe dunkle Kammer. Ein Lichtstreif verriet ihm die Lagerstreu seines Gefhrten. Nur Stroh und Schilf sowie eine rauhe Decke dienten hier zu Rast und Schlummer, und eine heimliche, nie empfundene Bedrckung belehrten den Eingedrungenen ganz unerwartet, welcher Drftigkeit das verwhnte Geschpf, das er jetzt so behutsam auf den Armen trug, sich hier habe anpassen mssen. Und weshalb? Weil sie, die Gemihandelte, unverrckbar und felsenfest an seinen Stern glaubte. Ein heier, dankbarer Blick streifte das totenhnliche Antlitz, und whrend er den fhllosen Krper sanft auf die Streu gleiten lie, da regte sich in dem Prachtliebenden, stets zu jeder Verschwendung Bereiten, ein unzhmbarer Ha gegen die rmlichkeit dieses Lagers. Wie? Er selbst whlte im Golde, und seine Nchsten sollten darben? Das konnte ihm nur Schande eintragen, solches berichteten auch die Lieder keineswegs, die man im Volke von ihm sang. Wulf Wulflam, befahl er eine Weile spter, als er ber Deck schritt, seinem Bootsmann, wir haben noch die Schlaftruhe des Bischofs von Strngns an Bord. Der Pfaffe faulenzte auf seidenen Kissen und unter einer Purpurdecke. Schnell, schaffe den Plunder zu Licinius in die Kammer! Das Bblein braucht sich die Knie nicht wund zu scheuern. Vergnglich wollte der Schiffer Beifall grinsen, allein ein Blick auf das hochmtige Gesicht seines Herrn lie es ihm doch geraten erscheinen, lieber die Kappe zu lften, um sich dann wortlos an seine Arbeit zu trollen. Er wute aus Erfahrung, wie wenig fr Einverstndnis und Vertraulichkeit von diesem Seetyrannen in gleicher Mnze eingewechselt wurde! * * * * * Tag und Nacht war verstrichen, und in seiner Kajte streifte der Strtebecker ruhelos auf und nieder. Zuweilen hrte man auf Deck, wie unten ein harter Faustschlag gegen die Holzwnde drhnte. Zwiefach harrte der Admiral. Auf die roten Segel, die nicht aus dem Horizont brechen wollten -- und ein heftiger Zorn peinigte ihn daneben, weil ihm sein Knabe heute zum erstenmal nicht bei Tisch aufgewartet. Was sollte das? Auflehnung? Der Gereizte blieb stehen, und ein verstndnisloser Blick streifte die lederne Peitsche an der Wand. Er wute nicht, was er wnschte. Gleich darauf zwar brach er in Hohn ber sich selbst aus, und er verspottete sich, weil in dieser unertrglichen Spannung Weiberkram seine Gedanken beeintrchtigen konnte. Angestrengt sann er eine Weile nach und horchte, ob sich kein weicher Tritt melde. Als sich jedoch nichts regte, spritzte ihm die Wut verschrft in die Stirn und doppelt besessen strzte er an die Schiffsluke, um in ohnmchtiger Verzweiflung ber die schwanke Ebene zu sphen. Nichts -- nichts -- bei den fnf Wunden, nicht der Schatten eines Kfers lie sich entdecken, und mit schmerzenden Augen taumelte der Unbndige zurck und raufte sich sthnend das Haar. Zwanzig seiner mchtigsten Schiffe, der Kern der gesamten Schwarzflaggen, sie waren verschollen, er hatte sie unter die Hand eines gewissenlosen Henkersknechtes gegeben, und nun bohrte in ihm die immer spitzere Erkenntnis, da auf diesen Planken alle Hoffnung der Armen und Elenden verladen war, zu deren Wortfhrer er sich aufgeworfen. Welch ein Hohngelchter wrde rings um die Ksten schallen, wenn man erst erfuhr, da diese gefrchtete Waffe vielleicht von einem seiner eigenen Genossen gestohlen war? Lhmend stieg ihm die Befrchtung des Gdeke Michael auf, und zu stolz und herrschschtig, um den geringsten Vorwurf zu erdulden, begann seine Tobsucht nach irgendeinem Opfer Ausschau zu halten. Warum kroch dieser blonde Trster nicht wie sonst gleich einem demtigen Hndchen zu seinen Fen? Das durfte der Herr doch verlangen!? Und wieder haftete sein verwirrter Blick an der Lederpeitsche, und seine Rechte streckte sich krampfgeschttelt nach ihr aus. Da -- mit einemmal, welch ein singender, langgezogener Ruf aus den Himmeln? Der Strtebecker schnellte in die Hhe, und so sehr hatten sich alle seine Sinne in eine einzige Erwartung verzogen, da er die Gestalt nicht unterschied, die jetzt in die taghelle ffnung der Tr drang. Herr, jubelte Licinius, wie immer ein Bote des Glcks, der Wichbold! Da wurde ihm noch einmal der Freispruch von unertrglichen Foltern vergnnt, die Entkettung von irgend etwas Wildem, Bsartigem, das schon Gestalt gewonnen. Beide Arme warf der Strtebecker auseinander und strzte auf den Ersehnten zu, als wollte er abermals die feinen, schlanken Glieder im berma des Entzckens an sich pressen. Aber der gewaltige Zug, der ber ihm war, sprengte ihn weiter. Nur die Hand des Knaben umklammerte er, und ohne sich frder um ihn zu kmmern, ri er den Blonden widerstandslos hinter sich her auf Deck. Oben ein glasheller Sommertag und unter ihm das seidige Wallen des blauen Meeres. Jedoch der Besessene blieb blind fr die gewohnte Pracht, ihn trieb einzig die lodernde Wut seines Wesens an, sein aberglubisch verehrtes Glck allein und weit ber den Huptern der anderen auskosten und ermessen zu drfen. Niemals hatte er sich dazu hergegeben, heute strmte er unempfindlich gegen seine Wrde ber die Strickleitern empor, und bald entdeckte ihn die erstaunte Mannschaft, wie er hoch oben in der rot gestrichenen Masttonne sich weit ber den Bgel warf, um die ungeschtzten Augen frech und durstig in die Sonne zu bohren. Ja, von dorther schwamm sein Glck; mit rot glitzernden Funken war die Strae gepflastert, ber die es langsam einherzog, wenn man auch bis jetzt nichts weiter als eine sich immer vergrernde Anzahl schwarzer Flaggen unterschied, die scheinbar von unsichtbaren Hnden durch die Wolken getragen wurden. Da wartete der Strtebecker nicht lnger ab, bis sich auch der Rumpf jener Schiffe zu zeigen begann, er fragte sich in seinem Taumel auch nicht, warum der Leib der Koggen gar so dnn und linienhaft am Horizont haftete, mitten in der lauen Luft wurde die riesige Gestalt dort oben von einem bernatrlichen Sturm geschttelt, und mit einem ins Unermessene langenden Griff zerrte er die Schwarzflagge von der Wimpelstange und nun schwenkte er sie in langen atemlosen Windungen durch den goldspinnenden ther, bis das dunkle Tuch selbst von Feuer und Brand erfat schien. Er grte sein Glck, er grte das Heil der Unzhligen, von dem er meinte, da es ihm jetzt unwiderruflich in die Hnde gegeben sei. Da brandete auch unter dem Schiffsvolk der lang gesparte Beifall empor. Linda, die fast unkrperlich zwischen den schreienden, winkenden, durcheinander wimmelnden Mnnern umherirrte, denn ihr Blick kletterte ber alle hinweg dem trunkenen Fahnenschwinger in die Lfte nach, sie fing dennoch auf, wie der Jude Isaak den kleinen zahnlosen Arnold Frowein an den Katzenpftchen packte, dazu inbrnstig murmelnd: Glaubst du nun, Bruder, da sie da sind? Wer? miaute der ehemalige Tpfer, der sein gezwungenes Grinsen nicht lassen konnte. Das neue Reich. Der Messias! Mag sein, zischte der andere, und in seinen Augen entzndete sich ein grnlicher Brand. Aber die Katzen mssen erwrgt werden, damit Urian sich nicht in dem neuen Reich Kinder zeuge. Und auf das Streckbett soll man spannen, was sich Richter nennt! -- Meinst du nicht, Freundlein? Der Jude sah ihn starr an, dann lie er die kratzenden Ngel fahren und grbelte bange in sich hinein: La, dort ist Freundschaft -- wo sonst? Inzwischen war der Strtebecker geschmeidig an den Wanten herabgeglitten, nun bildete sich eine schweigende, atemlose Menschengasse, durch die er hindurchschritt. Noch immer hing ein Leuchten, ein Jubel an dem Riesen. Komm, Licinius, befahl er, als er den Knaben erreicht hatte, hilf mich schmcken. Die Spielleute sollen sich bereit halten. Wir wollen dem Wichbold ein Bankett geben, wie sich's Silen und Bacchus nimmer ertrumt haben. Tummle dich, Kleiner, da er uns nicht berrasche! * * * * * Allein der Wichbold kam nicht. Lngst schimmerte die Kajte der Agile in ihren satten Farben, wie zum Hohn sandten die Spielleute ihre Weisen in den sinkenden Tag, und in seinem roten Prachtwams sa der Admiral bla und verstrt unter den brennenden Laternen und lie sich von Licinius einen Becher nach dem anderen fllen. Der Erwartete stellte sich nicht ein! Durch die offenen Luken sah man, wie sich ber die Flut grauer Schaum wlzte, allmhlich liefen die Mondkfer ber die tanzenden Hgel hinweg, das Gesumme der Nacht meldete sich. Endlich ertrug der Strtebecker die getuschte Erwartung nicht lnger. Geruschvoll sprang er auf, und so sprechend war die Gebrde, mit der seine Rechte in die leere Luft griff, da ihm Licinius ohne weitere Frage den schwarzen Mantel um die Schultern hing. Achtlos nickte der Admiral, dann stieg er schweren Trittes die Treppe hinauf, und kaum hatte er auf Deck die Bordschwelle erreicht, so schrillte jener Pfeifentriller ber See, der eine der begleitenden Snyken herbeirief. Gleich darauf schwang sich die hohe Gestalt unter die Ruderknechte des Bootes. Bevor er jedoch die Weisung zum Aufbruch erteilte, warf er noch einmal das Haupt herum, denn er vermite etwas. Oben an der Bordschwelle lehnte Licinius, um schweigend der Abfahrt beizuwohnen. Da hatte der Riese gefunden, was ihm fehlte. Spring herab, hie er den Knaben. Und als dieser zgerte, noch einmal ungeduldiger: Springe, dir widerfhrt nichts. Da erstarb das Widerstreben in dem Erblaten, folgsam schlo er die Augen, und ohne einen Laut von sich zu geben, lie er sich durch die Bordlcke in die Schwrze fallen. Allein er berhrte den Boden nicht, denn in heftigem Anprall strzte er dem Strtebecker in die geffneten Arme. Recht, murmelte der und setzte seinen Gefhrten sorgsam neben sich auf die Ruderbank. Nun zum Wichbold. Rauschend verlor sich das Boot im Dunklen. Am Nachthimmel hing bereits der Mond, als die Snyke in die Linie der Wichboldschen Schiffe einfuhr. Diesmal aber mute es auch dem Unbefangensten auffallen, wie tief und schwer beladen die Fahrzeuge im Wasser lagen, augenscheinlich hatten die Ungeheuer ber jedes Begreifen hinaus von dem Hab und Gut, um das aller Streit in dieser Welt geht, in sich eingewrgt. Besonders war es die goldene Biene, die Fhrerkogge des Wichbold, die unbeweglich herabgedrckt in den schwarzen Wassern lag, und als ihre Besatzung von den Bootsleuten angerufen wurde, da antwortete zunchst ein dumpfes, bleiernes Schweigen. Leblos, oder von dickem Schlaf umhllt, ruhte die Biene auf der Flut. Jetzt stie das Boot an die Wandung, und zu gleicher Zeit richtete sich der Strtebecker sonderbar schwerfllig unter seiner Schar auf und fhrte mit dem Ruder einen harten Schlag gegen die Planken. Wichbold, schrie er. Es klang beinahe ngstlich. Auf der Kogge gab sich noch immer kein Laut kund, doch an den Masten glitten wenigstens ein paar Laternen in die Hhe, und eine Strickleiter fiel mit Gepolter ber Bord. Wortlos schwang sich der Strtebecker hinauf, ungeheien kletterte Licinius ihm nach. Auf dem Deck der Biene stand die Mannschaft Kopf an Kopf, eine dunkle, nicht unterscheidbare Masse. Aber merkwrdig, kein Ruf hie den sonst so gefrchteten Fhrer willkommen, schweigend, verlegen wich die Menge vor dem einzelnen Mann auseinander, bis ganz hinten am Mast eine aufgeschwemmte, unfrmige Gestalt sichtbar wurde. Die sank, wie ein baufllig Weinfa, vor dem noch Fernen zusammen, und man konnte fast annehmen, sie wolle zur Begrung in die Knie brechen. Alle Heiligen, gurgelte es tonlos aus dem Zober. Du, mein gesegneter Freund. Irre fuchtelten ein paar fleischige Hnde dazu in der Luft. Allein trotz dieses demtigen Empfanges rhrte sich der Ankmmling nicht, starr aufgerichtet verharrte er in der Menschengasse, und nur die vom Laternenschein grnlich getroffenen Augen des Admirals wanderten unglubig, ja, wie von aufsteigendem Irrsinn entzndet, ber die merkwrdige Beute der Biene. Da lagen freilich Kostbarkeiten aufgestapelt, die man sonst nicht oft beieinander findet. Truhen waren ber Truhen geschichtet, die meisten halboffen, so da Gold- und Silbergeschirr, kupferne Ampeln, eiserne Lichtreifen, Holzschnitzereien, bunt bemalte Wappen und Gildenschilder, riesige Deckelkrge sowie Fetzen unordentlich hineingepreter Teppiche aus ihnen hervorlugten. Etwas weiter trmten sich verschimmelte Wein- und Bierfsser bereinander, ungeheure Ballen unverarbeiteter Tuch- und Leinenstoffe hoben sich bis zur halben Hhe der Masten, da standen Pferde und Khe angebunden, dort verschlangen sich Betten, seidene Frauenkleider, Schuhzeug und allerlei Gewaffen zu einem unerkennbaren Haufen, und ganz hinten auf dem Aufbau beugte sich inmitten eines wsten Reigens von Weihrauchkesseln, Messegewndern und Stolastickereien, Opferschalen und Prozessionsfahnen eine berlebensgroe Mutter Gottes wehklagend zur Erde nieder, obwohl nichts anderes vor ihr lag als ein Sto scharf duftender Lederhute. Erst allmhlich schwamm dieses tolle Durcheinander aus dem undeutlichen Laternenlicht hervor, und je brtender der Strtebecker auf jedes einzelne Stck hinstierte, desto qualvoller breitete sich unter der Mannschaft diese unbeschreibliche Strafe des Schweigens aus. Einzelne wischten sich mit groben Fusten den Schwei von der Stirn. Herr, Herr, jammerte von seinem Mast aus der dicke Wichbold und schlug, whrend er ein paar Schritte vorwrts wankte, schallend die Hnde zusammen. Dies ist nicht mein Werk. Beileibe nicht. Wie es wohlgetan ist, den Ungerechten von ihrem berflu zu helfen, damit er unter die Armen verteilt werde, so ist dies hier eine Versuchung vom Herrn der Finsternis -- nicht ich -- nicht ich -- so wahr ich will selig werden. Noch immer tasteten die Blicke des Strtebecker umher, taub und unempfindlich schien er, und so fate der schwammige Buschklepper den Mut, wieder einen Schritt nher zu rcken. Verzeihung heischend beugte er sein graulockiges Haupt, wobei er sich selbst voller Anklagen die Brust schlug. Ach, du mein gesegneter Freund, bettelte er, sprich zu mir. Wolle dich berwinden! Ich wei, du denkst ungndig, aber was sind wir armen Sterblichen anderes als Luse am Leib eines Hitzigen! Ein Schlag, und hin! Wie habe ich deinen Befehl befolgt -- ich lernte ihn auswendig, ich konnte ihn auf dem Ngelein[*] gleich einem Paternoster, ich sprach ihn voll Ehrfurcht aus, nicht anders als den gebenedeiten Namen unserer lieben Frau. Und siehe, ihr Segen ruhte ber mir Unglcklichen, denn alles war schon in guter Ordnung. Das Abkommen mit den frommen Brgern von Bergen, der Tribut auf dem Tisch des Rathauses, auch dein Siegel hing bereits unter dem Pergament -- da -- oh ber die Tcke des Schwarzen -- da warf eine Hure im Zank ein brennendes Scheit gegen eines meiner Kinder -- und -- und -- deine Klugheit errt -- die hlzernen Huser -- kein Lftchen -- ach und weh, die Hitze-- [*] Luther sagt: Die heilige Schrift auswendig und auf dem Ngelein knnen. Er raffte seinen Rosenkranz empor und warf die Holzperlen in jher Flucht gegeneinander. Nicht mein Werk, stammelte er, nicht mein Werk. Woran aber hafteten die Blicke des Strtebecker whrend dieser langen Rede so fest, da sie sich von dem seltsamen Ding nicht mehr trennen mochten? Mitten aus dem Wust hing an dem kupfernen Reifen eines Torringes ein hlzerner Amselkfig herab, und ein schwarzes Tierchen sprang ngstlich und ungefttert zwischen den Stben hin und wider, wobei es hufig einen schrillen Pfiff ausstie. Gott allein mochte wissen, aus welch behteter Ruhe das zahme Geschpf herausgerissen war? Schtzend, ungewi, streckte der Admiral die Hand gegen diesen winzigen Zeugen ungeheuerlicher Greuel aus, allein pltzlich wandelte sich der anfnglich so harmlose Griff, die Finger des verstummten Riesen spreizten sich, ein Aufrecken, und er hatte die schwere eiserne Laterne von der nchsten Mastleine gerissen, und dann -- ehe sich noch die betubte Mannschaft dazwischen zu werfen wagte, da schmetterte das unfrmige Gert auf den Schdel des versteinerten Wichbold nieder, Flammen und Blut spritzten gemeinsam herum, und wie ein abgesgter Baum rollte der Wanst dem Angreifer vor die Fe. Doch der Gestrzte war nicht gettet. Obwohl ihm rotes Gerinsel dick und schwammig ber die Stirn rann, so behielt der Gezeichnete dennoch die Kraft, in jmmerlicher Unterwrfigkeit auf seinen Bndiger zuzukriechen, um ganz nahe die Knie des noch immer Schweigenden zu umschlingen. Wehe mir, rchelte er kaum noch verstndlich. Warum befleckst du dich an mir Unseligen? Nackt im Schnee der fromme Bischof von Strngns, im Feuer die Mtter und holdseligen Mgdelein von Bergen, im Schutt die Hostien -- berall Todsnde rings um mich Gutwilligen, wehe, wehe, vor wem soll ich frder noch bestehen? Sein aufgedunsenes Pockengesicht verzerrte sich und wurde bleich, mit aufgesperrtem Mund schlug er zu Boden. Da lief ein bser Zug ber das schmale Antlitz des Admirals, einen Futritt versetzte er dem schwammigen Krper in die Seite, und whrend er sich tiefer in seinen Mantel wickelte, als ob ihn frstele, da hob er das Haupt gegen die unmutig anrckenden Freibeuter. Aber vor dem wilden Blick des Gebieters stockte der Schwarm. Starr, geduckt standen die Mnner um den Befehlshaber, wie immer bereit, sich der Gewalt dieses Mchtigen, Unbegreiflichen zu berliefern. Noch einmal stie der Strtebecker voll Verachtung gegen den aufgetriebenen Leib des Liegenden, dann sprach er mit seiner schneidenden Stimme: Wahrlich, ich tat gro Unrecht, weil ich dies Fa nicht vllig leck schlug. Er hat euren Anfang mit Unflat beschmiert, so da man unser neues Haus einen Schweinekoben schelten wird. Nun wohl, so wollen wir dennoch auf Schmutz und Morast bauen, denn auf Erden, merk' ich, ist kein anderer Grund zu finden. Er wandte sich und nickte kurz. Zieht euch nah an die Agile. Wenn der Wichmann von seiner Kundschaft heim ist, so gebe ich euch meinen Willen kund! Und nun leuchtet! Damit stieg er als erster ber Bord, und sofort vermischte sich die riesige Gestalt mit der Nacht. IV. Hret weiter, Herr Nikolaus Tschokke, erinnerte Knigin Margareta von Dnemark, und es schien der Erhitzten in ihrer Hingenommenheit nicht aufzufallen, wie der Gast in seiner schwarzen Ratsherrntracht unbewegt ihr gegenber in dem Armstuhl lehnte, ohne auch nur durch ein eingestreutes Wort seinen Abscheu vor der so ausdrucksvoll beschriebenen Brandstiftung zu bekunden. Die Frstin aber hatte sich vllig vergessen, sie hielt das Haupt in beide Hnde gesttzt, und ihre blitzenden Augen verfolgten das Buchstabengewimmel auf dem Pergament, als starre sie leibhaftig von einem hohen Turm in die brennende Holzstadt hinunter, auf die verqualmten Gassen, auf lichterloh flammende Menschenbndel und auf den Zusammenbruch altehrwrdiger Gotteshuser. Deutlich, erregend, grauenhaft schlug der Herabgebeugten das Gellen der Verzweiflung entgegen, und ihr leidenschaftliches Herz wand sich vor Zorn und Ingrimm, da sie das hhnische Gelchter der Beutejger zu vernehmen glaubte. Je wesenhafter sie selbst in der verkohlenden Stadt umherzuirren whnte, desto unverkennbarer begegnete ihr an jeder Sttte sinnloser Zerstrung jener berlebensgroe Geselle, der der rechtmigen Besitzerin hhnisch ins Gesicht wieherte, und mit kaltem Entsetzen mute sie beobachten, wie dem beltter das Blut rauchend vom blauen Frstenrock troff, wobei er voll beienden Spottes auf sie, die Machtlose, deutete, als wrde all der Mord und Graus nur ihr zur Schande und Entwrdigung verbt. Damit also begann die neue, die so viel gepriesene Weltordnung, deren inbrnstige Verkndung sie doch manchmal den Schlaf kostete? Die Finger der Verletzten krmmten sich, Rat heischend sah sie auf ihre beiden Vasallen, die eine Stufe unter ihr zu ihrer Rechten Platz genommen. Aber das Gerippe von Reichskanzler zitterte frierend in der Hhlung des Stuhls, nur ab und zu ber die Goldmnzen seines Prunkgewandes putzend. Der Kriegsoberste von Moltke dagegen drehte seinen Totenschdel hufig nach einer herumsummenden Fliege, denn es reizte ihn, das schwarze Geschmei unbemerkt zerquetschen zu drfen. Margareta richtete ihren wandernden Blick wieder auf den Brger. Warum nahm dies kantige Hndlergesicht an ihrem gemeinsamen Leid so wenig Anteil? Herr Nikolaus Tschokke, beugte sie sich ber den Tisch, entschlossen den anderen zu versuchen, es ist mit euch bergischen Hansebrdern zu Ende. Der Strtebecker hat euch Kontorsche ausgeruchert gleich den Heringen im Schtting. Es ist zu Ende. Allein wie enttuscht zuckte sie zurck, als ihr Gast ohne sonderliche Erregung erwiderte: Knigin, es wird Euch gewi freuen, besseres zu erfahren. Von unseren zweiundzwanzig Giebeln ist nur einer der Feuersbrunst erlegen. Die anderen wurden hinter den Holzmauern von unseren Kaufmannsgesellen verteidigt. Ah, und nun meint ihr Kontorschen, ihr brauchtet euch nicht frder an dem Giftstreuen gegen den tollen Hund zu beteiligen? Der Brgermeister schwieg. Rauschend erhob sie sich. Geschmeidig stieg sie von dem Podest herab, und siehe da, es war nicht mehr die Frstin, die zwischen sich und anderen Schranken zog, nein, ganz unvermutet entzauberte sie sich, so da jetzt nur noch zu aller Bestrzung ein bsartig gereiztes Weib durch die Zelle strich, das nach nichts anderem zngelte, als dem Gegner auf eine niedertrchtige Art das Herz aus dem Busen zu reien. Mit einer merkwrdig ungezgelten Wiegebewegung glitt sie bis dicht vor ihn hin, um ihm ganz nah ins Gesicht zu schleudern: Meint Ihr, Herr Nikolaus Tschokke, der Strtebecker habe sich solange besonnen, bevor er auf Burg Ingerlyst einstieg? Ihr wit doch, der Mordbrenner mit sieben Fu und zieht erst die Weiber aus dem Bett, ehe er sich die Taschen vollstopft? Wie ist mir denn? Der Conaer Abt erzhlte doch, der Galgenvogel habe auch Euer knftig Nest beschmutzt? Es war die nackteste Absicht, den Vorsichtigen zu krnken oder ihn vielleicht gar zu sinnlosen Gestndnissen zu reizen. Selbst die beiden dnischen Groen, obwohl ihnen die Vorliebe der Frau fr unbegreifliche Zoten bekannt war, schttelten erstaunt die Kpfe. Dem Hamburger jedoch hatte es zuerst das Haupt auf die Brust gepret. Jetzt aber richtete er es entschlossen auf, und aus seinen blauen Augen wie aus der festen Stimme des Mannes schlug der Regentin eine unbeirrbare Geradheit entgegen. Der Conaer Abt, Herrin, entgegnete er ohne jedes Zaudern, wird Euch auch gemeldet haben, da eine hhere Hand meine Rechnung durchstrich. Grfin Linda ist tot und verschollen, Knigin. Ihr irrt, mein Freund. Die braunen ausdrucksvollen Augen des Weibes berschatteten sich so mitleidig, wie wenn es ihr wirklich ernst wre, dem Tod ein schon gezeichnetes Opfer zu entreien. Um ihren Besuch aber krachte die Erde. Jetzt verlor er jede Vorsicht. Was wit Ihr von ihr? Da sprudelte es in Margaretas ausfhrlich malender Schilderungskunst hervor, wie sich der Seeruber die Ohnmchtige ber die Schulter geworfen, um sie in schlimmer Absicht von dannen zu tragen. Und in der unehrlichen Vornahme, zu trsten oder zu entschuldigen, setzte sie hinzu: Sie konnte sich nicht wehren. Er mit sieben Fu. In dem Antlitz des Brgermeisters stritt sich die grnliche Blsse des Todes mit der eigenen unrchbaren Entwrdigung. Ein Paar kreisrunde Blutkugeln erschienen auf seinen Backenknochen, bevor er heiser hervorstie: Aber seitdem hat die Unglckliche, wie nicht anders zu erwarten, die Erde verlassen. Am jngsten Tag wird auch ihr Gerechtigkeit widerfahren. Die Knigin schttelte das Haupt. Herr Nikolaus Tschokke, hier tuscht Ihr Euch abermals. Sprend hielt sie das Antlitz ein wenig geneigt und zuckte jetzt fast feindselig die Achsel. Sie begriff im Grunde den Reiz nicht, den das frmmelnde Nonnengesicht ihrer frheren Hofdame auf den nchternen Stadtbrger ausbte. Noch weniger freilich vermochte sie zu ermessen, welch' verdorbene Lust den Heiland aller Mordbrenner gerade zu jener Himmelsbraut gefhrt haben mochte. Und in dieser Stimmung verkndete sie rcksichtslos, was ihr selbst von den Flchtlingen des Connetable ber den Aufenthalt des Mdchens auf dem Seeruberschiff zugetragen worden war. Ihr sollt alles erfahren. In Mnnerkleidern, in engen Beinlingen und in der gepreten Schecke geht sie dort unter den Vitalianern herum. Sie wartet dem Unhold bei Tisch auf, und er herzt und streichelt sie dafr. Was wei ich, was er ihr sonst noch erweist? So wenig vermochte die Knigin bei den letzten Worten eine Art ferner, sie qulender Eifersucht zu unterdrcken, da sogar ihr hindmmernder Kanzler vieldeutig die Lippen spitzte. Der Mann aber, auf den die niedertrchtige Schilderung allein wirken sollte, er blieb zuvrderst ganz still. Endlich brach es aus Herrn Nikolaus Tschokke starr, trotzig, berzeugt hervor: Dies ist nicht Grfin Linda. Wer sonst? Kenn' ich alle Dirnen auf der 'Agile'? Aber Linda ist es nicht. Knnt Ihr meinen, Knigin, eine nur dem Himmelslicht sich ffnende Seele, sie knnte pltzlich zu einem Pfuhl zerflieen? Doch, doch. Margareta sprach diesmal mehr zu sich selbst. Sie hatte die Hnde auf dem Rcken gebettet und schritt, nur mit sich beschftigt, im Zimmer auf und nieder. Deshalb klang auch wahrer, was sie in die Tiefe ihrer eigenen Brust hinabsandte. Doch, doch, lehrt mich die stirnkhlen, schoheien Weiber kennen?! Die da stehen sind andere, als da auf weichem Pfhl liegen. Tag und Nacht wechseln schnell unter unseren Zpfen. Seht, murmelte der Brgermeister verworren. Eine geraume Zeit verstrich in tiefem Schweigen. Dann tat der Hamburger einen schmerzlichen Atemzug und griff sich an den kurzen Dolch seines Wehrgehnges. Gebt mir ein Dokument des Vertrages mit, wandte er sich rauh an den Kanzler, der sich vor berraschung nicht zu erheben vermochte. Und sollte ich auch von dem mir lieb gewordenen Amt scheiden mssen, ich will durchsetzen, was Ihr von mir verlangt. Im Frhjahr seht Ihr mich wieder! Gewappnet. Versumt nichts, meidet lieber den Schlaf und die Kost, als da Ihr in diesem Ding lssig seid. Und nun lat mich an mein Werk gehen, Knigin. Er beugte sich ber die ihm dargereichte Hand, schlug den Vorhang zurck und schied. Die drei anderen blickten ihm nach, als ob sich ein gewhnlicher Mensch in eine Traumgestalt verlre. * * * * * Mit brennenden Augen sphten die Freibeuter durch Luft und Erde, ob ihr Kundschafter nicht endlich heimkehre. Wie lange wartete wohl Josua auf die Boten aus dem gelobten Lande? fragte der Strtebecker seinen Knaben, mit dem er lang ausgestreckt unter dem Sonnensegel des Bugaufbaues lag. Sie spielten Wrfel, allein ihre Gedanken fanden in dem ledernen Becher keine Herberge. Seit dem Streit mit dem Wichbold war der Riese wortkarg geworden. Sein Stolz schien eine eiternde Wunde empfangen zu haben. Nur der Wein, wenn er Gewalt ber den schwer zu Brechenden erlangte, schrie manchmal mit fremden, prahlerischen und drohenden Zungen aus dem Entfesselten heraus. Aber selbst dann entdeckte Licinius in den glhenden Augen des Wilden noch das ernste Bild der Gottheit, das durch ihn ber die Erde rufen wollte. Um die beiden Lagernden herum hingen aus wolkenlosem Himmel jene kaum wahrnehmbaren Silbergespinste herab, mit denen Uranos das Meer an sich zu knpfen und zu snftigen sucht. Es war Herbst geworden. Die See rollte rote Wogen gegen die fernen weien Kreidefelsen, und ber ihnen auf den Erhebungen der Insel meinte das Auge des Seefahrers das Sausen und Wiegen der schwarzgrnen Wipfel zu spren, so oft uralter Runenzauber in ihrem Schoe whlt. Wohl lie der Strtebecker ab und zu die beinernen Ritter springen, aber er wandte keinen Blick nach ihnen, seine Seele war an etwas Frheres geknpft. Wie lange warten wir nun auf den Wichmann? fragte er zurcksinkend. Es geht bald in den zweiten Mond, Herr, zgerte der Knabe. Der Strtebecker streckte sich lang aus und prete die geballte Faust schwer auf seine Brust. Dann sprach er langsam: Ich sage dir, Licin, wenn der jdische General so lange htte lauern mssen, wer wei, ob sein Tatwille nicht gebrochen wre. Das Warten hat zwei eiserne Arme, komm, ich wollte, mich umfinge Weicheres. Als sich jedoch neben ihm nichts rhrte, schwieg der Riese eine geraume Weile, bis er endlich die Hand des Knaben suchte, um sich die Finger des Gefhrten gewaltsam und wie zur Khlung auf die geschlossenen Wimpern zu betten. Und wieder nach langer Zeit forschte er, als ob ihn ein Traum beschftige. Sage mir, Bursche, was blickst du so aufmerksam auf die Dnen, seitwrts von der Felsenschlucht? Der Liegende warf den Arm vor und zeigte auf die ferne, strichfeine Kste. Merkst du dort eine hlzerne Htte? Und daneben den Stall fr die Ziegen? Nichts schaue ich, Herr, entgegnete der andere verwundert. Doch, du gibst dir nur keine Mhe. Rauch ringelt aus dem Schlot. Und in dem Riedgras vor der Schwelle steht ------ Wer? wagte Licinius zu unterbrechen. Ich selbst, fuhr der Strtebecker pltzlich ungestm in die Hhe, packte seinen Gefhrten an der Brust und schttelte ihn unter einem rauhen, abwehrenden Gelchter. Ganz nahe brannte das wilde Gesicht des Freibeuters vor den sanften erschreckten Augen des ihm Preisgegebenen. Torheit, rief der Aufgestrte geringschtzig, es sind Schatten. -- Was kmmert es mich, ob man dort drben frit oder modert? Will mich nicht durch Weihwasser oder welke Ksse von meinem Weg treiben lassen. Hingenommen, verngstigt durch die kaum verstndliche Drohung, aber auch bezwungen und aufgelst von dem schreckhaften Zauber des Menschen, so lag Licinius vor dem Gebieter auf den Knien und schaute zu ihm auf. Jetzt aber flsterte er ganz leise und doch voll Ergebenheit: Wer, Herr, kann dich ablenken oder abziehen? Dein Weg fhrt ber die Wolken. Es klang so aus einer zur Gewiheit erhobenen Seele, da es den gespannt Lauschenden wie ein scharfer Trank durchfuhr. Diesen geistigen Wein bedurfte er, er konnte ihn nicht mehr missen. Einen weithin hallenden Ruf stie er aus, dann aber beugte sich der Riese strmisch herab, umfing den Knienden, und indem er den schlanken Leib sttzte, zauste er bermtig und in vollem Triumph in den Locken des Knaben herum. Recht, Bbchen, findest immer einen guten Spruch! Hab schon den besten Fang an dir getan! Nun aber la das Heulen um alte Weiber. Wollen lieber sehen, wessen Glck besser gelaunt ist? Damit warf sich der Admiral von neuem neben Licinius auf den Teppich und begann mit einer unrastigen Gebrde den Wrfelbecher zu strzen. Hastig ri er dabei seine Grteltasche auf und schttete einen Haufen Goldes zwischen sich und den Freund. Da, Schelm, dies setz' ich gegen dich. Mcht' dich gern vollends um Hab und Gut bringen. Und als ihn sein Gefhrte kleinlaut bedeutete, da ihm ja nichts mehr an Gold und Besitz eigne, da schlug der andere eine vieldeutige Lache auf und meinte: Flunkere nicht, Pppchen, es liee sich dir wohl noch manch Gutes abgewinnen. Da senkte Licinius pltzlich betroffen die Augen, zitterte und bettete unerwartet beide Hnde ber den Becher. Was soll das? rief sein Herr rgerlich ber die Strung, konnte es aber doch nicht verhindern, da sein Knabe wie in Angst und Not in das eben verlassene Gesprch zurcklenkte. Herr, brach er mit einmal hilflos ab, ich verbarg dir etwas. Heute morgen wiesen sich zwei Schiffsleute deine Heimat auf Sanitz. Und der eine meinte, du suchtest nur deshalb nicht nach den Deinen auf der Insel, weil sie arm und elend wren. Jetzt sprang der Riese empor und schob seinen Gefhrten heftig mit der flachen Hand von sich. Dulde dies nicht, bat Licinius noch einmal. Warum sollst du Trster gerade deine Nchsten verachten? Unterdessen war der Strtebecker bis zu dem eingebauten Bugspriet geschritten, dort, wo die Riesenlaterne als erstes Wahrzeichen des Schiffes bei Nacht ins Meer leuchtete. Hier stand er abgewandt, nagte verdrossen die Lippen und schleuderte zuweilen die Rechte von sich, als ob er irgend etwas Verbrauchtes ins Wasser wrfe. Endlich rief er schneidend ber seine Schulter zurck: Da es in euren Hirnen nicht anders wachsen will als die Kohlkpfe, in langen, geraden Furchen. So will ich euch denn zeigen, wer meine Nchsten sind? Ob ihr, die ihr an dem Henkerstuhl vorbei mit mir ins Ungewisse zieht, oder jene, die sich unter ihren Schlafscken vor mir verstecken! Bei Sonnenuntergang halte dich bereit. Toren und Strohwische, brach er pltzlich anklagend aus, mchtet gern fliegen und klebt wie Lehm an den alten Nestern. * * * * * Sie bckten sich tief, als der prunkhaft geschmckte Mann in der grauen Dmmerung an ihnen vorberwandelte. Da und dort standen die unfreien Sassen auf dem den Strand, denn von weit hinter den Bergen liefen sie schon seit Wochen herbei, um ihre schreckstarre Sehnsucht an den fernen Schatten der Gleichebeuterschiffe zu weiden. Zwar die dort drauen waren Satansgelichter! Das Kloster predigte es, der Vogt besttigte es, die Gottverfluchten wollten die Welt an allen vier Ecken anznden. Um mehr handelte es sich nicht. Dumm und verstndnislos hatten die Sassen dazu genickt. Aber als jetzt der beltter geschmeidig an ihnen vorberstrich, der Unheimliche, Glnzende, Sagenumsponnene, vor dessen unmittelbarer Gewalt der Abt, der Graf, ja sogar die kleine Herrscherhoheit des Herzogs von Wolgast verblich, da klopfte den Benommenen das Herz bis in die Zhne, da gurgelten ihnen Wut, Erkenntnis, Hingerissenheit durch die Kehlen, da schlug es ihnen den Rcken ein, und sie brachen vor dem Traumbild ihrer mden Seelen in den Staub. Du -- du, stammelten sie mit hoch erhobenen Armen. Selbst der Vogt, jetzt ein gichtgekrmmter, hundebissiger Siebziger, an dessen Schlfen nur noch ein paar zerzauste Weistrhnen flatterten, er lie mit offenem zahnlosen Munde das Wunder an sich vorbergleiten und hielt sich mhsam an dem kronengeschmckten Stab aufrecht. Der Strtebecker aber erkannte ihn sofort. Er ma ihn mit einem mitleidigen Blick. Lebst du? fragte er. Selbstbewut nickte der Alte, versuchte sich zu recken und bohrte seinen Stock tiefer in die Nsse. Pltzlich bellte er heftig: Es ist verwehrt, an dieser Stelle zu landen. Da brach der Strtebecker in ein geradezu unbndiges Gelchter aus, selbst der Vogt verfiel vor all den Zeugen in eine unentrinnbare Verlegenheit, und am ganzen Strand heulte und wtete ein einziges tobendes Brllen. Welch ein frischer Wind, welch ein Wirbeln unter dem jahrhundertealten Staub der Verordnungen. Endlich bezwang sich der Gleichebeuter. Er ri seinem Buben ein Beutelchen aus der Hand. Das warf er dem Knurrenden dicht vor die Fe. Mag dich gern leiden, Klotz, gestand er. Dann zeigte er auf die Dnen. Und dort oben? forschte er heimlich. Lebt, kam es aus dem Munde des Vogts einsilbig und ohne Dank. Wohlan, so kmmere dich nicht weiter um mich. Ungeduldiger als bisher schlang er seinen Arm unter den des Knaben und zog diesen den Dnenpfad in die Hhe. Allein kaum nach ein paar Schritten hielt er inne, um sich nochmals zurckzuwenden. Kehre ich wieder, rief er mit seiner hellen schmeichelnden Stimme, die ihm so oft aller Herzen gewann, dann, Vogt, will ich nicht mehr die Hafengerechtsame verletzen. Ich bin nicht gekommen, um vernnftige Ordnung zu stren. Mchte sie euch gerne bringen. Hrt ihr, in meines Herzens Schale bringen. Und nun, bleibt jung. Da huldigten unten die Unfreien und warfen dem Menschenfischer die Mtzen nach. Der Vogt jedoch schwang in schiefen Wendungen seinen Stock gegen die Menge, keifend: Packt euch -- was lungert ihr mig herum? Wir wissen nicht, wer der vornehme Herr war -- keiner stre ihn auf seinen Pfaden. * * * * * Das verrunzelte Fischerweib trat auf die Schwelle der Kate und schwang einen brennenden Kienspan gegen die Dunkelheit. Fest stemmten sich ihre derben, nackten Fe in den Sand, und ihre mitrauischen blauen Augen weiteten sich, als hinter dem Vorhang von Kienrauch und feuchtem Seenebel zwei fremde Gestalten auftauchten. Undeutlich leuchtete es drauen von Gold und Seide. Seltsam -- seltsam -- die Alte strich sich ber das glatt gescheitelte weie Haar und wich vor Bewunderung unwillkrlich zur Seite. -- Wie lange Zeit mochte wohl verstrichen sein, seit sich ihr -- der Jungen, der die Mannsbilder so hitzig nachstellten -- ein hnlich Blitzender genhert hatte? Vorbei -- das war lngst vergessene Bitternis. Allein die Art Herren brachte den Geringen nichts Gutes ins Haus! Und was hatte dieser da, der sich unter dem Eingang wohl gar noch tiefer bcken mute, als es einst von ihrem Verstorbenen geschah, was hatte dieser so befehlshaberisch und sicher in ihre Htte zu dringen? Pltzlich lie Mutter Hilda die Leuchte fallen, so da sie erlosch. Obwohl Himmel und Meer wie eine schwarze Grube unter ihr ghnten, so waren vor ihrem geistigen Auge dennoch die Umrisse der Gleichebeuterschiffe aufgestiegen. Dann hrte sie das geheimnisvolle Raunen der Nachbarn, sie fing auf, wie man mit Fingern auf sie wies -- und mit einemmal sprte sie, wie eine drohende Hand ihr Herz festhielt, bis es ihr nichts mehr vermittelte. Weder Freude noch Scham, weder Hinneigung noch Grauen. Nichts redete in ihr als jene kalte, rauhe Stimme, die da fragte: Was will der Fremde? Die Falten auf der Stirn zog es ihr kraus, ungerhrt konnte sie in die Htte zurcktreten, dem Unbekannten nach, wie jemand, der sein Hausrecht wahren will. Aber als nun die Frhgealterte im Schein des Herdfeuers unter dem Mantel ihres Besuchers die Frstenkette blinken sah, als ihr abgeneigtes, strenges Antlitz von den schwarzen, lebhaften, herrschgewohnten Augen festgehalten und angezogen wurde, da wankten ihr die Beine unter dem Leib, und die Gewohnheit, sich stumm vor allem zu bcken, was mit dem Anspruch der Macht unter die Geringen trat, es zog ihr den noch eben straffen Rcken furchtsam vornber. Verehrungsvoll wand sie die starkgederten Hnde umeinander. Kennst du mich? entglitt es dem Strtebecker, der vor der Esse stand, wo er gegen die lhmende Wirkung des Vergangenen ankmpfte. Was sollt ich nicht? murmelte die Weihaarige, sich vorsichtig zurckziehend, und dabei bekreuzigte sie sich stumpf. Ihr Sohn tat einen starken Schritt gegen sie, die Htte drhnte von seinem Gang. Gib mir die Hand, forderte er strmischer, als er ahnte. Die Fischerfrau sah an dem groen, herrlichen Menschen in die Hhe, dann schttelte sie in ringender Verstndnislosigkeit das Haupt und versteckte ihre Finger hinter der groben Schrze. Wir sind arme Leute, murmelte sie. Ihr Bedrnger jedoch fing ihre Rechte gewaltsam ein und prete sie, bis die Alte wimmerte. Freu dich, drngte er, als knnte er sogar Wrme und Neigung befehlen. Wieder jener verzweifelte Blick der Leere und dann unter Scheu und Zgern: Ich wei nicht mehr, wie es tut. Da quoll sie endlich hervor, die herabgewrgte Wut einer Vergessenen, da entlud sich das dumpfe Leid, keinen Anteil zu haben an dem, was der Leib in Schmerzen gebar. Und doch, der kluge Menschenverstand des Fischerweibes bedeutete ihm sogar noch zu dieser Frist, da dies alles nach der Ordnung der Dinge wre, weil der Fischerkittel niemals erhorchen knne, wie es unter dem Herrenwams hmmere, weil die Engnis der Sassenhtte unmglich das Gedrnge der Welt zu erfassen vermge, und nicht zuletzt, weil die Jugend von jeher vom Alter fortstrebe wie Strche und Stare, wenn sie die Klte spren. Alles lngst ganz vernnftig berlegt. Aber jetzt, wo ihr das Fremde nahe gerckt war, da wehrte sie sich erbittert gegen ihr Geschick und schttelte hartnckig den Kopf. In der Stille, die sich einschlich, stand der Heimgekehrte verfinstert neben der Esse. Und siehe da, er hatte seinen Knaben an die Hand genommen, als msse er jemand nahe wissen, der sich zu ihm rechnete, einen Brger aus jener Welt, die noch ungeschaffen hinter Kreisen tanzenden Lichtes schlummerte. Auch die Alte blickte forschend auf das hellglnzende Haar des Jnglings, auf die biegsame Gestalt und auf die ausladende Weichheit der Hften. Abermals wiegte sie argwhnisch das Haupt. ber die Wangen des jungen Dnen aber scho eine feurige Glut. Sie rhrte nicht von den brennenden Buchenkltzen des Herdes her. Es war das erstemal, da Linda, seit ihrem tiefen Fall, wieder einem ehrbaren Weibe gegenberstand. Sie fror. Da rhrte sich ihr Herr. Das Leuchten war aus seinen Zgen entwichen, dafr beherrschte ihn gnzlich jenes kurze, rcksichtslose Zugreifen, das die meisten Dinge kaum einer Prfung fr wert erachtete. Was weit du von mir? warf er der Alten hart und sachlich zu. Die stand und verfolgte aufmerksam, wie der Riese den schwarzen Mantel ber den Tisch schleuderte. Es schien also, als wollte ihr Sohn noch lnger weilen. Um die geschlossenen Lippen des Weibes zuckte es. Die Leute sprechen viel, berwand sie sich endlich. Was? forderte der Strtebecker allmhlich gereizt ob ihrer sprechfaulen Strrigkeit. Da geriet etwas mehr Leben in die Erstarrte. Gerader richtete sie sich auf, bis sie endlich gestrafft vor dem Wartenden stand, wie in alten Tagen, sobald ihr hitzig Wort oder ihre strafende Hand irgendeine Verfehlung an dem schwer lenkbaren Jungen shnen wollte. Ist es wahr, erkundigte sie sich schon mit zitterndem Abscheu in der Stimme, da du die groe Stadt Bergen verbrannt hast? War es das Aufflackern des Feuers allein, in das der Freibeuter eben mit aller Wucht die Zange hineinstie, wodurch seine khnen Zge so grlich verzerrt wurden? Einen wilden Blick des Einverstndnisses, des Hohnes, der ohnmchtigen Raserei warf er seinem bebenden Licinius zu, dann lie er sich auf die Herdbank sinken und ri sich gewaltsam ein hmisches Lachen aus der Brust. Wahr, rief er in widersinniger Freude ber das Entsetzen, das er entfesselte, was weiter? Die Fackeln, die die Welt erleuchten, riechen oft nach Menschenfett! Ach du Barmherziger, vergib uns unsere Snden, sthnte die Mutter geistesabwesend und schlug im Jammer um eine untergegangene Menschheit beide Hnde vor ihr Gesicht. Jedoch nicht lange, denn gleich darauf schreckte sie auf, um geschftig ihre Finger unter dem Brusttuch zu verbergen. Alle ihre Bewegungen malten deutlich die Angst, auch sie knnte irgendwie durch Asche, Blut und Unrat besudelt worden sein. Was willst du? wehrte ihr Sohn den stummen, unbequemen Angriff ab. Gib uns was zu zehren. Die Fischerfrau hrte nicht, sie streckte vielmehr den Arm gegen die Fensterluke, als knnte sie durch sie hindurch auf die verbrannte Stadt deuten, denn die verkohlten Sparren zeichneten sich fr sie zackig gegen die Nacht ab. Bin nur dumm und ungelehrt, beharrte sie mit dem Starrsinn des Bauernmenschen, deshalb sage mir, warum du das verbt hast. Da griff sich der Strtebecker an die Kehle, als knnte er in diesem dumpfen Loch keinen einzigen freien Atemzug mehr gewinnen, ein Ringen war's, das den Krmpfen des alten Claus Beckera hnelte, dann aber ri er sich pltzlich in Wut die Goldkette vom Halse und schleuderte sie mitten auf den Ziegelboden, da sich ein sprungartiges Reien und Klirren erhob. Nimm, schrie er in der verworrenen Meinung, sich loskaufen oder den unbegreiflich drohenden Mund des Weibes schlieen zu knnen. Was gehe ich dich an? Aber es ist nicht wahr, da nur von weien Lmmern das Gute in die Welt gebracht wird. Schau mich an, saufe das Blut fuderweis und will doch hoch hinaus. Weib, Kain und Judas waren gar groe Herren. Die Befreiung geht oft durch das bel. Weit streckte er die Fe von sich, sttzte die Fuste hinter sich auf die Bank und horchte in Qual und Fieber darauf, ob diese Alte nicht doch, wie alle anderen, vor ihm zusammenbrechen wrde. Mutter Hilda aber schritt schweigend an den Tisch, dort zog sie ernsthaft ein langes Kreuz in die Luft und sprach beschwrend: Ich will meine Htte scheuern, wenn du geschieden bist. -- Nur noch eines, damit ich doch sicher wei, von wem du stammst? -- Bist du's, der wehrlosen Weibern Gewalt zufgt? Dicht neben der Esse entfrbte sich das Antlitz des jungen Dnen, er versuchte mit erhobenen Hnden den Feldstein abzuhalten, der ihm wuchtig gegen die zarte Brust flog, allein er brachte es nur zu einem unverstndlichen Flstern. Mhsam, taumelnd wollte er sich gegen die weihaarige Richterin schleppen, jedoch bevor er noch eine einzige Bewegung ausfhren konnte, da pfiff ein kalter Wind zur Tr hinein, und auf der Schwelle erschien eine zierliche Gestalt, die verbeugte sich artig und schwenkte in bertriebener Hflichkeit die Kappe. Heino, jauchzte der Strtebecker, sprang unglubig von seinem Sitz und dabei griff er mit den Armen in die Luft wie ein Schwimmer, der mit ein paar letzten verzweifelten Sten schweres, fauliges Sumpfwasser zu durchbrechen sucht. Vergessen war das zermrbende Ringen, der abscheuliche Kampf gegen das, was einst nahe seinem Herzen wuchs, abgestreift, als lcherlich erkannt das Anrennen gegen die brckelnden Ruinen einer dummen, verfrmmelten Zeit. Sturmwind sauste zur Tr herein, er wrde die wankenden Mauerreste von selbst umwerfen, Sturm jagte die Lappen und den dicken Qualm in der Htte auseinander, und der dort an der Schwelle, der die Windsbraut hereinlie, er war nur einer seiner ausgeschickten Gedanken, die von nun an das verrunzelte Antlitz des Geschaffenen verjngen und veredeln sollten. Heino, schrie er seiner selbst nicht mchtig und packte seinen Kundschafter an der Schulter, da der Kleine wankte. Sendling meiner liebsten Hoffnung, bringst du mir und dir und all den Verschmachteten die Vernunft, die Ruhe und den Frieden? Werden wir Brder sein? Oder mssen wir einander weiter morden? In der Htte verflog der Atem des Lebens, selbst das strohblonde Kerlchen rang unter den Fusten des Zitternden nach Fassung. Und seine schrille Stimme drang allen Hrern durch Mark und Bein, als sie sich spitz und schneidend aufschwang: Dein Wille und dein Name haben gesiegt, Claus Strtebecker. Die Edelinge der Friesen wollen mit dir handeln um Land und Niederlassung. Deine Hoffnung erfllt sich, das Tor springt auf, du kannst einziehen als der Frst der Hungernden und dein Reich der Brder begrnden. Einen Augenblick verstummte der frstliche Mensch, eingehllt in eine goldene Wolke, ernsthaft und doch beinahe kindlich in einen fernen Feiertag lauschend. Doch schnell und fast ohne bergang griffen die Dinge des Tages nach dem fr die Erde Geborenen. Das frostige Elend der Htte, die zersprungenen Ziegel des Estrichs und am meisten die dumpfe Verstndnislosigkeit in den zerwhlten Zgen seiner Erzeugerin, sie rissen ihn aus dem Tanz der Lfte und offenbarten ihm klar und streng, da von jetzt an nur nchterne Werkzeuge wie Spaten und Pflug, den ersehnten Schatz aus den Schollen schrfen wrden. Ungestm warf er sich den Mantel um, dann blickte er noch einmal aufmerksam in der trbe verqualmten Engnis umher, bis er ruhig und gelassen vor Mutter Hilda treten konnte. Wir gehen zu Schiff, nahm er von ihr Abschied. Lebe wohl, Weib. Entweder du und deinesgleichen ziehet mir eines Tages nach, oder deine sndige Frucht mag im Gedchtnis der Menschen faulen! Die Htte stand leer, in Sturm und Nacht waren die Gespenster des Aufruhrs verschwunden. Da stie Mutter Hilda nach einigem Besinnen einen Eimer Wasser um und begann, wie sie versprochen, die Stelle, wo ihr Einziger gestanden, zu scheuern! -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Das vierte Buch [Illustration] -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- I. Wer seid ihr, ihr glatten Dirnen? staunte der Strtebecker das glitzernde Frauenvolk an. In der einsamen Ley-Bucht schlich die Agile vorsichtig zwischen den grnen Watten hindurch, die der Einfahrt von Marienhafen an der ostfriesischen Kste vorgelagert sind. Schon konnte der verlangende Blick des Schiffslenkers, denn der Admiral stand selbst am Heck, die braunmoosigen Dcher des kleinen Hafenortes aus den Marschen emporwachsen sehen, schon luteten von rechts und links die Glocken der weidenden Khe ber die schmale Fahrtrinne, da wurde die Agile von diesen bermtigen, Kurzweil suchenden Schwimmerinnen umzingelt, eingefangen und umtanzt. Rudernde Arme schnitten durch die Flut, helle Leiber blitzten, ein jauchzender Reigen bildete sich, und siehe da, tief unten, auf das ungefge Steuerschwert hob sich bis zur Brusthhe die Anfhrerin der Rotte, und ein feuchter Spritzer aus ihrer Hand flog dem Strtebecker ins Gesicht. Der Gleichebeuter jedoch war schon vorher geblendet. Die kecken braunen Augen unter den nassen Goldflechten, das Wunder der Nacktheit betrten ihn, so da er in seiner glcklichen Habsucht fr einen Herzschlag sich, seinen Zweck und den Sinn seiner ernsten Fahrt verga. Vllig behext warf er sich ber die Brstung der Galerie, ganz an den unmglichen Versuch verloren, aus dieser Hhe den Seespuk fr sich einzufangen. Da lachte es frisch von unten herauf, weie Zhne enthllten sich, und eine unerschrockene Stimme rief: Bist du nicht der Strtebecker? Der Schuimer, der hier ein ganz Land stehlen will? Der bin ich, gab der Admiral schwer atmend zur Antwort, denn von der tiefen Beugung war ihm das Blut gewaltsam in Stirn und Wangen gerollt. Warum aber lt du dich nicht fischen? -- Wer bist du? Ich? hhnte es von unten und zugleich lie es sich von dem Brett herabfallen. Hier wirst du nichts fangen, Gleichebeuter. Ich bin Eala, frya fresena. Es war das Losungswort der alten freiheitsdurstigen Gaue, in die der Strtebecker eben einfuhr. Im nchsten Augenblick huschten und ruderten die Mdchen schon von allen Seiten dem Schiffsungetm aus der Nhe, und bald hatte ein hohes Binsengestrpp, das auf einer Landzunge weit in die Bucht hineinschnitt, den Schwarm jeder Verfolgung entzogen. Wohlig reckte sich der Strtebecker, kam zu sich, und da ihm zuerst sein Knabe in die Augen fiel, der dster und von ihm abgekehrt weit ber die sich neigenden und schwirrenden Wiesen starrte, so schlug er ihm derb auf die Schulter und rief noch ganz erfllt von dem unerwarteten Gru: Welch schnes Land! Welche Freuden erwarten uns hier! -- Geh, fange keine Grillen, Licin! La uns das freundliche Vorzeichen vielmehr annehmen. Wie sagte das Ding? Eala, frya fresena! Und er breitete in der weichen Herbstsonne beide Arme aus, als ob seine Brust und die nher rckenden Weiden miteinander kosen sollten. Warum aber konnte sich der Knabe seiner schweigsamen Versunkenheit nicht entreien? In ihm zitterte etwas, wie wenn ein feines Glas einen Sprung erhlt. Enttuscht, bla, verngstigt hatte er das nackte Treiben um das einfahrende Schiff beobachtet. Und sein sehnschtiger Glaube strubte sich erbittert gegen den Widerspruch zwischen der Heiligkeit seiner Erwartungen und dem leichtfertigen Schauspiel, das hier ihren frommen Einzug begleitete. Zum erstenmal, seit das sich entfremdete Weib dem gepanzerten Heiland folgte, wie Linda ihren Bezwinger ergebungsvoll getauft hatte, wurde sein Bild durch Vorstellungen ihres frheren Daseins verdrngt. Weit ffneten sich ihre Augen fr etwas Altgewohntes und doch lngst Entfremdetes. ber die saftigen Wiesen der Marschen sah sie hinter einer Schmetterlingswolke einen Wanderer ziehen. Er trug weies Gewand, dunkle Locken fielen ihm tief ber die Schultern, hnlich wie sie es auf dem Bilde des Giotto geschaut, und der Mann streckte seine Hnde ber die Hupter von Krppeln und Bresthaften aus, die am Wege auf ihn lauerten. Nur ganz hinten, im Wesenlosen des feuchten Brodems, folgte ihm eine Schar zaghafter Frauen. Toller gaukelten die Falter, die Erscheinung verging und kehrte zurck. Verstrahlte und leuchtete wieder auf. Was bedeutete das? Linda zitterte und schlo die Augen. Furcht hinderte sie, noch mehr wahrzunehmen. Eile, Licinius, schrie der Strtebecker, der weiten Schrittes ber Deck wandelte, dazwischen. La der Mannschaft Wein austeilen. Und du selbst fliege zu mir, mein Bblein, damit wir uns gtlich tun. Der Turm an der Hafenmndung rckte heran, Boote begannen das Fahrzeug zu umkreisen, der Lrm der Werksttten und der Arbeit meldete sich, und die Agile warf Anker. * * * * * Bis in den spten Nachmittag hinein stie die Brust der mchtigen Fhrerkogge ein einziges Jauchzen aus. Angefeuert vom Wein, berauscht durch die gar nicht fabare Aussicht auf unangefochtenes Brgerleben, jubelte, sang und pfiff die Mannschaft, sie suberte und wusch sich, als ob es zum Tanz ginge. Ja, der Ire Patrick O'Shallo, der mit fnf der schmucksten Burschen auserwhlt war, die schweren Geschenktruhen in das nahe Huptlingsschlo zu schaffen, er lie sich von dem Hebrer Isaak einen metallenen Spiegel vorhalten und kmmte in inniger Befriedigung sein langes gelbes Haar. Zum Schlu steckte er sogar ein Heidekrautbschel, das ihm von einer kleinen rotrckigen Friesendirn ber Bord zugeworfen war, an die lederne Kappe, und whrend er vor geschmeichelter Eitelkeit einen Luftsprung tat, bi er dem Juden zrtlich in die Wange. Jetzt freie ich, flsterte er hingerissen, und gib acht, Mauschel, wie oft du bei mir Gevatter stehen wirst. Aus den Augen des alten Juden aber antwortete ein Fieber. Inbrnstig, mit einem unheimlichen Verlangen verschlang er das nahe Land, und zuweilen blickte er fassungslos in den goldroten Abendduft, als wre dies ein anderer Himmel, wie er sich sonst nirgendwo ber Menschen und Ansiedlungen ausspanne. Auch in der Admiralskabine hallte es von Frohlocken und Liedern wider. Dort lie sich der Strtebecker von seinem Knaben sorgsam Stck fr Stck seines blauen Prunkgewandes anlegen. Und obwohl er dabei oftmals die Vertrge durchstberte, die vom Hauptmann Wichmann sauber aufgesetzt waren, so behielt er doch immer noch Zeit, seinem sanften Helfer bermtig das Haar zu zausen oder ihm sogar einen neckischen Backenstreich zu versetzen. Keineswegs merkte er dabei, da es ein Weib sei, das er in Verwirrung bringen knnte, und auch Licinius versah seinen Dienst in einer glcklichen Ferne und schreckte nur zuweilen empor, wenn ihm sein Gebieter die Hand um die Kehle legte, dazu beteuernd: Bblein, dir soll es gut werden. Magst du beten, wohlan, ich will dir eine Kirche bauen. Willst du jagen, du sollst Hunde und Falken haben. Nur lache und sei vergngt. Wie jetzt. Und auf den Lippen des stets Bereiten erschien ein folgsames Lcheln. Ja, in dieser ersten Stunde war die Agile in den offenen Himmel eingelaufen. Die Flut strmte schon mit dem licht aufsteigenden Monde in den Hafen zurck, als vor dem auf Deck wartenden Admiral zwei Reisige der Huptlingswitwe Flke then Broke erschienen. Sie brachten ihm den Geleitbrief zum Ritt nach der von ihrer Warfe[*] dster und schwer herabdrohenden Steinburg, und die beiden Kerle in ihren langen pelzbesetzten Rcken und den rhrenartigen schwarzen Filzhten sttzten sich im Gefhl ihrer altererbten Freiheit furchtlos vor dem mchtigen Seebeherrscher auf ihre Spiee, ohne auch nur im geringsten Miene zu machen, ihre Hupter zum Gru zu entblen. [*] Hgelerhhung. Die Flke gibt dich in unseren Schutz, meldeten sie in ihrer kargen breiten Sprache. Aufmerksam ma der Strtebecker die beiden Hochgewachsenen. Das ganze Volk in seinem sicheren Kraftbewutsein schtzte er nach diesen ersten Boten ab, und ein heies Wohlgefallen berkam ihn, als er daran dachte, welche ruhige Wrde, welche natrliche Selbstachtung die Freiheit verlieh. Ganz in der Nhe winkte wohl doch das Land der Menschen. Wir nehmen den Schutz der Flke an, sprach er deshalb mit weniger Spott, als er beabsichtigte. Kommt, Burschen. Vielleicht hatten die Reisigen einen schweifenden Seeruber zu finden gemeint, einen Angehrigen jener Friedlosen, mit denen man wenig Umstnde machte, die frstliche Weise dieses Mannes jedoch brachte sie auer Fassung. Vor ihre Fe rollten ein paar Goldstcke. Der Admiral, nachdem er sich zum Gehen gewendet, hatte sie ihnen hingeworfen, wie man Hunden den Fra streut. Bereitwillig bckten sich die Spietrger und sammelten den ungewohnten Schatz auf, denn auf ihrer mhsam dem Meer abgerungenen Scholle griff man gierig nach Besitz und Wohlstand. Betroffen hrten sie mit an, wie die groe Trommel geschlagen wurde, als der Gleichebeuterfrst, gefolgt von seinem Knaben, ber die breite Treppe das Schiff verlie, und sie erschraken mit den anderen Matrosen, da sie wahrnahmen, wie die riesige Gestalt des Anfhrers gleich beim ersten Schritt aufs Land der Lnge nach niederstrzte. Was ist dir? erblate Licinius und wollte nach seinem Gebieter greifen. Der aber wandte ihm sein lachendes Haupt entgegen, sprang auf und reichte ihm eine Krume der eben beschrittenen Erde. Tor, flsterte er dem Schreckgebannten zu, merkst du nicht, ich ffe den Makedonen Alexander nach? Ich eigne mir dies Land an. Und dir gebe ich es, du Reiner. Und in sich gekehrter setzte er hinzu: Mir ist, als wrde ich es behalten, so lange du neben mir wandelst. Alles Blut strmte dem Blonden zum Herzen, schreckhaft frbten sich seine Wangen, aber ber dem Abendgold des Himmels sangen fr ihn doch wieder jene seligen Scharen, die schon so oft um das dunkle, eigenwillige Herrscherhaupt musiziert hatten. Und vertrauter, inniger schmiegte sich der Verstummte seinem Gebieter whrend des Schreitens an. Nicht lange. Dicht neben dem Flu wurde von einem dritten Knecht ein starker Schimmel gehalten, von jener wohlgenhrten Art, wie sie das Brokmerland damals zchtete. Mhne und Schwanz waren von langen bunten Bndern durchflochten, die fast bis auf die Erde hingen, und ein goldenes Blech lag dem Tier dicht um die Stirn. Eia, rief der Strtebecker wohlgelaunt, whrend er sich in den Sattel schwang, Frau Flke wei, wie man artig schenkt. Da lachten die Knechte und raunten untereinander. Bis einer von ihnen sich die schwarze Filzrhre aus der Stirn schob, um sich zu der Auskunft zu bequemen: Schlecht kennt Ihr die Flke, Herr. Noch nie hat sie etwas verschenkt. All ihr Vieh wrde hungern, wenn wir es nicht heimlich ftterten. So ist auch dies Ro hier nur geliehen. Potz Velten, rief der Reiter, der inzwischen sein Tier angetrieben hatte, so will ich ihr die Mhre in Silber aufwiegen. Gehrt mir doch fr immer, was mir einmal gedient. Der Knabe, der den Zgel gefat hatte und nun neben dem Schimmel herschritt, hob versonnen den Blick zu seinem Herrn. So zogen sie ber die einsamen Wiesenpfade der Burg entgegen. * * * * * Auf dem Kastell der Brokes knisterten an den Wnden des langen Saales die Leuchtfackeln. Der Raum war so niedrig, da ein hochgewachsener Mann, wenn er sich aufreckte, wohl die schmucklosen Bohlen der Fichtendecke htte fassen knnen. Manchmal knackten dort oben die von der Kaminhitze ausgedrrten Bretter, als ob jeden Augenblick ein neuer Ri das Holzgefge sprengen wollte. Ein Frsteln wehte durch die schlecht erleuchtete Halle. Nur mhsam konnte ein Fremder die im Flackerlicht wechselnden Gesichter der Huptlinge erkennen, die sich hier auf einen Wink der Flke zur Beratung zusammengefunden hatten. Wohl waren smtliche dieser kleinen Burgherren seit Geschlechtern durch bittere Erbfehde, Blutrache und Zerwrfnis voneinander getrennt, allein ihre Gier nach Vorteil und Gewinn fra dennoch hitziger als selbst der alte Ha. Gebot doch auch der gute, nachbarliche Neid, da man den Brokes keinen besonderen Nutzen gnnte, zumal der blutlosen, brandroten Flke nicht, der man wie einem gefhrlichen Gespenst den Namen der Quade, das heit der Bsen, zugelegt hatte. Wahrlich, niemand konnte es den Edelingen von Dornum, Norden und Faldern verargen, wenn sie lieber auf Mord und Brand ausritten, ehe sie auch nur eine Stunde der heimtckisch lchelnden Quade Flke gegenbersitzen mochten, der Witwe des tollen Occo, von dem sie berdies alle, Freund und Feind, ohne Unterschied betrogen, verprgelt und an Land und Leuten geschdigt waren. Aber die Quade Flke war schlimmer. Man brauchte nur den braungesonnten Propst Hisko van Emden zu fragen, der heute gleichfalls mit den anderen Gsten auf einer langen Bank an der rechten Seite des Saales lagerte, whrend die Flke mit ihrer Tochter auf einer erhhten Estrade an der Mittelwand Platz genommen, der wute Bescheid, woher der Menschenha der Hausherrin sowie ihr Vergngen am restlos Bsen ihren Ursprung ableiteten. Vor dreiig Jahren schier hatte der Pfaff, obwohl er zu jener Zeit von geistlichen Dingen fast noch weniger verstand als heute, den tollen Occo und seine Braut in diesem selben Saale zusammengegeben. Und damals eben geschah das Unerhrte. Auf die gewohnheitsmig hergeleierte Frage nmlich, ob das Weib willig sei, fortan mit dem ehrsamen Ritter einen Leib und eine Seele bilden zu wollen, da hatte sich die blasse Braut endlich unter ihrem friesischen Brustschild geregt, um pltzlich ein schneidendes Nein hervorzustoen. Gleich darauf freilich knallte es durch den Saal. Der Brutigam hatte seiner Verlobten eine Maulschelle geschlagen, da die Betubte ihren silbernen Hauptschmuck verlor. Eilig war dann die halb Ohnmchtige getraut worden, wenn auch der in Aufruhr geratene Hochzeitsschwarm genau wute, warum die Braut sich noch zur letzten Frist so verzweifelt gestrubt hatte. Lag doch zur nmlichen Stunde in einem Turmloch die Lieblingsmagd des jungen Eheherrn, die er nicht von sich lassen mochte, in den letzten Wehen, und als unten zur Mitternacht die Burgfrau von einem Bezechten aufs Hochzeitslager gestoen wurde, schrie auf dem Turm bereits ein Bastard. Seitdem war die brandrote Teufelsschnheit der neuen then Broke von dem wilden Occo unzhligemal gemihandelt und verwstet worden, und so oft sich zur Nachtzeit auf der Burg bis in die sptesten Jahre hinein ein Kreischen und Wimmern vernehmen lie, dann lachten die Umwohner und sagten: Herr Occo geht auf die Freite. Nun aber war der Kraftstrotzende schon lange still geworden. Zu Aurich moderte er unter einem gesprengten Wachtturm, denn in einer der Fehden hatte er seinen letzten Gang getan. Die Leute in Marienhafen aber erzhlten, da sich auf die Kunde seines Endes die Fenster der Brokeburg festlich erleuchteten und wie man eine wste Frauenstimme in greulichem Jubel bis in den Morgen htte singen hren. An dieses Nest einer hornigen Krte, die ihre ganze Seligkeit darin fand, ein zehrendes Gift in sich zu sammeln, klopfte an dem windigen Herbstabend des Jahres 1399 der Strtebecker, ein Mensch, der wie eine Sonne ber dem Glck von Unzhligen aufgehen wollte. Er trat herein, den Arm um die Schulter seines Knaben geschlungen, gefolgt von den beiden Spieknechten, und als der Riese in dem blauen Frstenwams, leuchtend vor Gold und Selbstbewutsein, in dem halbdunklen Saale stand, da verstummte auf einen Schlag das laute Geznk der Junker, und ber ihre Hupter hinweg fuhr ein heller, silberkehliger Ruf. Ein Gru, so frisch und bermtig, wie er dem gefhrlichen Gast ursprnglich kaum zugedacht war. Wer konnte in diesem Kreise so unbedacht sein Wohlgefallen uern? Es war eine Frauenstimme. Sprend, witternd rckte die Flke auf ihrem erhhten Sitz zur Seite. Griesgrmig musterte sie ihre schne Tochter Occa, die sich eben derart auffllig vergessen. Aber als die Alte zu ihrem Erstaunen auffing, wie die Goldblonde neben ihr fortgesetzt ihr feines, von einem roten Haarnetz umspanntes Haupt zu neuen Gren gegen den Fremden neigte, fast als ob sie einen lngst Bekannten auf sich aufmerksam machen mte, da ging ein befriedigtes Greinen ber das blutleere Antlitz der Quade, und in der berzeugung, da sich hier vielleicht Unheil, Verirrung und Snde unter der heibltigen Jugend entspinne, wickelte sie ihren drren, stockartig aufgerichteten Leib fester in das verschossene graue Fltelkleid, um den Gleichebeuter mit einer harten Mnnerstimme anzuherrschen: Mach's kurz. Was willst du? Damit zog sie unter ihrer gelben Lederkappe ein graurotes Haargezottel hervor, drehte es sich fest um den Finger, schlug ein Bein ber das andere und wartete. Der Strtebecker aber starrte sie fast mitleidig an. Nach den Schilderungen des Hauptmanns Wichmann hatte er auf dem Regentenstuhl des Brokmerlandes ein gefhrlich Wesen vermutet, eine ansteckende Krankheit, der man ausweichen mute. Diese armselig gekleidete Auszehrung dagegen, aus deren erschreckend verkmmertem Antlitz nur ein Paar merkwrdig blutige Lippen hervorstachen, sie schien hchstens einem Bettelweib vergleichbar, das verbittert nach Almosen schielte. Aber sieh dort -- neben dem Gerippe? Beim Zeus, wie kam dies liebreizende Gebilde neben das Klapperbein? Welche kaum erwachte Jugend, welch ein ungesttigtes Locken in den braunen Schelmenaugen, und vor allem welch ein wohliges, ungescheutes Darbieten hinter dem weiten Brustausschnitt. Wahrlich, hier wollte ein goldroter Apfel vom Baume fallen. Ungeduldig tat die Flke ihre brandigen Lippen auf. Wir warten, fingerte sie auf ihrem Faltenrock vorwurfsvoll herum. Sage, Gleichebeuter, willst du hier noch lnger Maulaffen feilhalten? Offenbare kurz, was dich herfhrt. Da trennte sich der Freibeuter von seinem Gefhrten, reichte ihm den schweren Helm, so da sein braunes Gelock sichtbar wurde, und anstatt sich vor der Brokmer Herrin zu verbeugen, lachte ihr der Zgellose jetzt gerade ins Gesicht. Es war der rechte Ton fr die derben, ungeleckten Burgtyrannen. Schadenfroh traten sie nher. Auch die schne Occa beugte sich weiter vor, damit ihr jetzt keine Bewegung des Fremden entginge. Du bist bei Laune, Frau Flke, spottete der Strtebecker von unten herauf, indem er einen Fu krftig auf die Stufe stellte. Was kmmert es mich, ob die Junker wissen, da du mit meinem Abgesandten lngst einen Vertrag aufsetztest? Wozu hast du mich sonst eingeladen, da ich doch nicht um Botenlohn durch die Welt laufe? Htte der Umstrzler durch eine Feuerwaffe die mrbe Decke zum Einstrzen gebracht, nicht drohender und wilder htte das Geschrei unter den Edelingen umherfahren knnen. Der Argwohn, die schlaue Flke knne von dem fetten Braten bereits das Hauptstck abgeschnitten haben, erregte die eigenntzigen Mnner zu hchstem Zorn. Ei, sieh da, du heilloses Weib, so sprang der junge Folkmar Allena wtend auf die Estrade, um der Hausherrin beinahe die Faust unter die Nase zu setzen, auf welchen Schleichwegen bist du wieder betroffen? Hat dein Gespons noch nicht genug Raub heimgebracht? Oder meinst du, wir anderen errieten deine Pfiffe und Schliche nicht? Die Quade aber blieb stockgerade sitzen; verchtlich schlug sie nur mit der Hand nach dem Erhitzten, wie wenn sie eine aufdringliche Fliege scheuchen mte. Spare deinen Witz, Folkmar Allena, riet sie starr und bissig. Verschleudere ihn nicht, mein Brschlein, so tricht wie dein Hausgut. Du wirst ihn heute noch brauchen. Es mute eine treffsichere Bosheit in dieser Abwehr enthalten sein, denn der schlanke Junker stotterte pltzlich vor Verlegenheit, whrend seine Genossen ein helles Gelchter aufschlugen. Wute man doch allgemein, da Folkmar Allena zu jenem Schwarm berckter und zu jeder Torheit entschlossener Mnner gehrte, die hinter der goldblonden jungverheirateten Occa herpirschten wie hinter einem flchtigen Wild. Bestrzt, mit einem vorwurfsvollen Blick auf die Schne, die heute von ihm nicht viel zu merken schien, drngte sich der Allena in die Schar der laut verhandelnden Edelinge zurck. Statt seiner aber lste sich jetzt eine andere Gestalt aus ihrem Kreis. Ein starker, schwerflliger Mann im ledernen Jgerwams, ber das er jedoch merkwrdigerweise ein zerdrcktes Bischofsmntelchen geworfen hatte. Ein pfiffiges Lachen auf den braungesonnten, bartlosen Landwirtszgen, hinkte er heran, da er auf der Sauhatz soeben erst einen schmerzhaften Sturz getan, und legte nun dem Strtebecker vertraulich die Hand auf die Schulter. Wie nebenher versuchte er sodann mit der anderen das Zeichen des Segens zu spenden. Allein, da der Seefahrer ablehnend auswich, beschwichtigte Propst Hisko van Emden die Abneigung des Fremden ganz gemtlich, indem er selbst eine wegwerfende Geste ausfhrte. _Salve Care_, begann er mit einem belegten Trinkerba, denn dieser emsige Landwirt liebte es, gleich bei der ersten Bekanntschaft die wenigen lateinischen Brocken, die er irgendwo aufgelesen, wieder zu verausgaben. Willkommen, Claus Strtebecker. Bist ein toller Christ. Gib mir deine Hand. Hab mich immer ber deine Streiche gefreut. Bei der heiligen Dreifaltigkeit, es tut wohl, da endlich eine starke Seemacht in unsere Hfen einluft. Htet euch, schnarrte der steife hochmtige Enno von Norden dazwischen, der seine Umgebung durch eine beschrnkte Frmmigkeit peinigte, und er pfiff seine Worte beinahe durch eine dummgerade Nase: Denkt an die Suppe, die er den Bergenern angebrht! Wie wollt ihr euch schtzen, wenn euch von dem Seedieb das gleiche widerfhre? Vermaledeit, das wre uns ein sauberer Gast, stimmten ein paar der kleinen Burgherren zu, denn die kriegsgebten Scharen des Schuimers erregten in ihnen ein Grauen. Wer brgt fr den Brandstifter? eiferten sie, stampften mit ihren schweren Holzschuhen auf den Estrich und spien breitbeinig vor sich nieder auf den Holzboden. Wer hat hier heimliche Vertrge mit ihm geschlossen? Da warf der Propst die fleischigen Hnde in die Hhe. Ihr _boves malefici_, sprudelte er, indem ihm vor Aufregung der Bauch ber den Grtel quoll, und dabei schttelte der wuchtige Jger den Wulst seines ihm ber die Stirn fallenden ungekmmten Haares erbost hin und her. Strtebecker, mein edler Freund, warf er ber seine schmatzenden Genieerlippen, du siehst, _tot homines, tot sententiae_ -- soviel Menschen, soviel Meinungen. Halte dich daher an mich. Ich sehe dich an mit den Augen der verstehenden Weltkirche. Jawohl, hol mich der Teufel, das tue ich. Und meine kluge Freundin, die Flke, denkt gerade so. Hast den Bergenern eingeheizt? _Habeat sibi_ -- meinetwegen -- vielleicht warst du ein Werkzeug der Gerechtigkeit. Was wissen wir von so fernen Dingen? Hierher, nach Friesland, kommst du dagegen mit wohlgefllten Truhen -- wir werden schon auf dich aufpassen -- kommst um _commercium et connubium_. Erffne mir daher, mein lieber Sohn, was bietest du uns? Denn die Freundschaft der Menschen will erworben werden? Beim Schinder, sprang der wilde Folkmar Allena mit geballten Fusten wieder hervor, mchten die Fetthlse wieder alles allein in ihren Schlund schtten? Der Schuimer soll endlich das Maul auftun! Was glotzt er uns an, als wren wir seine Schalksnarren? Gebt Ruhe, tnte hier pltzlich die grobe Mnnerstimme der Flke. Der verworrene Tumult legte sich, allen war dieser kratzende Ton in die Glieder gefahren. Zusammengeduckt, grau und unscheinbar hockte die Krte bewegungslos auf ihrem Regentensitz, nur ihre brandigroten Augen liefen befriedigt von einem zum anderen, da es schlielich mehr Genu versprach, wenn man von dem riesigen Menschen erst jeden Vorteil erprete, bevor man ihn aushhlte und niederstrzte. Tritt nher, Strtebecker, befahl sie deshalb unbewegt und legte die Hand hinter das rechte Ohr, das wchsern unter dem Ausschnitt der gelben Kappe hervorstach. Tritt nher, damit ich dich jetzt vernnftig und vor aller Welt nach deinen Absichten befrage. _Recte_, rieb sich Propst Hisko eifrig die Hnde und humpelte, um den anderen ein Beispiel zu geben, unverzglich auf die lange Bank zurck. Folgt der Quade, ihr edlen Herren, sie ist eine kluge Frau. Geruschvoll, mit ihren Holzschuhen stampfend zogen die Junker auf ihre Sitze, rekelten sich, jeder nach seiner Weise, auf das glatt gescheuerte Brett, die einen rittlings, die anderen, indem sie beide Beine weit in den Saal streckten, bis von allen Seiten ein Rufen durch ihre Reihen ging: Macht ein Ende, damit wir zum Nachtimbi kommen. Giftigs greinte die Quade. Sie wute, wie schmal es bei ihr zuging. Auch war es ein entzckendes Vergngen, wie spttisch und hochmtig der Mensch in dem blauen Wappenrock bisher ihre lieben Nachbarn behandelt hatte. Nur durch eines wurde sie selbst in Verlegenheit gesetzt. Warum mochte wohl der Fremde seine groen schwarzen Augen so begehrlich ber das Haupt der Flke hinweg auf die hintersten Deckenbohlen des Saales richten? Flammend, schwrmerisch zngelte es dann aus den unheimlichen branderfllten Sternen, und so zwingend war die Kraft dieses Blickes, da sich die Hausherrin nach vergeblichem Widerstand selbst umwenden mute, um verstndnislos die geborstenen Balken am Saalende zu mustern. Nichts! Nur ein paar lange Spinnweben schaukelten dort, getrieben von der Flamme der Fackeln. Seltsam, was suchte der mchtige Geselle dort, warum vergaffte er sich nicht lieber in ihre lsterne Tochter? Dort hinten aber in Dmmer und Dunkelheit tanzten die ungestmen Wnsche des herumgetriebenen Mannes. Wuchtig fhlte er seine Pulse hmmern, schmerzhaft fast dehnte sich die breite Brust, denn er stand nur noch einen Schritt vom Ziel. Dort oben drngte sich ein Getmmel unwesenhafter, gebckter, gestriemter Leiber, schwielige Fuste streckten sich nach ihm aus, heisere, gequlte Stimmen riefen ihm zu, lauter und lauter, ohne sich bertnen zu lassen: Gib uns -- gib uns, was uns gebhrt. Unwillig warf der Riese die Hand gegen den Raum, denn selbst von seinen Hirngespinsten war der Herrschschtige nicht gewohnt, sich drngen zu lassen. Dann aber schttelte er aufatmend die Schatten von sich und trat dicht vor den Stuhl der Flke hin. Was willst du wissen? rief er ohne Rcksicht. Denn beim Henker, es fehlt nur noch, da ihr mir ein Armsnderbnklein hinsetzt. Friede, Friede, mein Sohn, murmelte der Propst besorgt und kreiselte auf seinem schmerzenden Knie herum. So sage mir zuerst, begann die Flke, sich auf ihr bergeschlagenes Bein sttzend, warum liefst du allein und ungeleitet in unseren Hafen? Wo blieben deine Genossen? Der Wichmann, der Michael und der Wichbold? Und wo liegen deine brigen Schiffe? Da lachte der Strtebecker und schlug sich auf die Brust. Alte, gab er getrost zur Antwort, der Fuchs ist dir zu schlau. Die Meinen werden kommen, sobald ihr mir diesen Fetzen mit Eid und Siegel behngt habt. _Bene optime_, lobte der Propst voller Bewunderung und blickte sich, Beifall heischend, im Kreise um. Allein unter den Hrern entstand von neuem drohendes Geznk. Still, verwies die Flke, die sich nicht rhrte, dies verstehe ich, Strtebecker. Doch nun das Wichtigste. Du willst Land von uns erwerben. Gesetzt, wir wollten dir willfhrig sein, was gedenkst du mit den Gtern zu beginnen? Jetzt sprangen die Edelinge wieder von ihren Sitzen, denn der Kern der Verhandlungen schlte sich blo. Er soll gleichmig von uns kaufen, schrien sie. Darauf kommt es nicht an, sprach die Flke in den Lrm hinein. Doch -- doch. Achtet auf die Quade, schimpfte der wilde Allena, die Hexe betrgt uns. Was willst du mit den vielen Jochen anfangen? wiederholte die Hausherrin kaltbltig. Mit einem Satz sprang der Strtebecker zu ihr in die Hhe, und whrend er heftig an der Lehne ihres Sitzes rttelte, da quollen hinten aus dem Pechqualm abermals die ungezhlten Scharen hervor, Kopf an Kopf, Hand in Hand, tausend unglckliche Augen starrten ihn an, und aus dem Geistersturm schallte es: Du Menschensohn, du Sohn armer Leute, jetzt gib uns Brot und Kleider und ein Menschenlos. Ungestme, ihn schttelnde Wut packte den Besessenen, jener nicht zu bndigende Zorn gegen die Unterdrcker und Mchtigen, die nach seiner Meinung das Elend in der Welt festhielten, damit es ihnen Vorteil brchte. Da strzte fast gegen seinen Willen die Schranke vor seinen mitrauisch behteten Schtzen zusammen, zu Streit und Angriff streckte sich der Riese, und als wirbelnde Wurfgeschosse schleuderte er seine geistigen Kleinodien wtend, hohnlachend unter seine betroffenen Zuhrer. Freiheit mute wohl sein schumender Mund gebrllt haben, gleiche Landteilung, aus der Mitte der Gemeinschaft geborenes, allen erlangbares Recht, und vor allem, ihr Schinder, ihr Landjger, ihr Hndler mit Menschenfleisch, die Glckseligkeit einer beruhigten Brderschar. Blind rasten Traum und Wirklichkeit um sein Haupt, er schrie und tobte gegen die von der Decke stierenden Hungergesichter sowie gegen jene breitbeinig ihn umdrngenden Zwingherren. Doch nur zwei Frauen empfanden in dieser Versammlung erdgebundener, habschtiger Menschen die Schnheit, die aus der Vermischung von streitbarer Tatkraft und wilder Schwrmerei ber den Einsamen ausgegossen wurde. Die eine im Knabengewand faltete krampfhaft ihre Hnde um den Goldhelm, den sie fr ihren Gebieter bewahrte, und prete ihre Brust gegen das Metall, als msse sie ihr glhend Herz fr immer in die unempfindliche Hrte einschmelzen. Die andere, die gesndere und blhendere, lehnte genieend ihr Haupt unter dem roten Haarnetz zurck, ein glhend Schlnglein, lief ihre Zunge zwischen den Lippen, und ihr schlanker, ungekhlter Leib hob sich ahnungsvoll und gewi dem Glnzenden entgegen. Auch sie hungerte nach Besitz und Gewinn, doch sie wollte dabei unendlich viel mehr einhandeln als selbst ihre geizige Mutter, sie wollte die heimliche unbekannte Lust der Hingebung und dafr die Macht ber den ganzen Mann. Wie aber wirkte das tolle herausfordernde Gestammel, der nie vorher vernommene Schrei nach Selbstbescheiden und Einordnung auf die besitzstolzen Huptlinge? Zuerst suchten die Grundherren, die eben drauf und dran waren, jene tlpelhafte Freiheit ihrer eigenen ortsangesessenen Bauern durch allerlei listige Knste, wie Borg, Auskauf und Pfndung, in straffe Gefolgschaft zu verwandeln, zuerst suchten sie ihre eigene vollstndige Begriffsarmut auch den anderen von den offenen Mulern abzulesen. Wie? Was? Faselei! -- Was wollte der Hundsfott, der fahrende Sonnenbruder, der gestern noch den Leuten die Taschen abschnitt, wo er nur konnte? Gleichen Besitz? Der ungewaschene Haufe sollte keine Edelinge mehr ber sich tragen? Hast du's gehrt, Allena? Welche Bberei versteckt der Galgenvogel wohl dahinter? Meint die Schwarzflagge etwa, hier Schindluder mit uns treiben zu knnen? Und die erste Verblffung lste sich in ein schallendes Gelchter. Sie schlugen sich die Seiten, stieen einander in die Rippen, blinzelten sich aus sonnengebrunten Bauerngesichtern verschmitzt ihr Einverstndnis zu, trampelten mit den Holzschuhen, ja selbst Hisko, der Propst, der in den Marschen ein Muster der Wirtschaft abgab, er humpelte schluckend hinter den verrckten Gleichebeuter und hieb ihm dort auf die Schulter, da es krachte. Geliebter Freund, platzte es ber die dicken Lippen, welch ein windiges Schiffermrchen hast du uns hier soeben aufgetischt? Nicht wahr, Flke, was meinst du? Ja, wir sind einfltig, _animae stultae, piaeque_, aber man darf uns doch nicht gar zu sehr unter dem Preis einschtzen! Du willst fr dich selbst nichts? Alles fr die Deinen? ---- Unten die Junker wieherten vor Vergngen und Besserwissen. Nun gut, gut, keuchte Hisko kurzatmig weiter, zog das Bischofsmntelchen vor und schneuzte sich damit die Nase, du kennst die Gauklerkniffe, hast den steifen Bcken, den Hamburgern, manch Fa und manchen Ballen damit abgejagt. Aber jetzt sprich, mein Shnlein, was du etwa noch im Ernste fr deine Sache anfhren magst? Ha -- ha -- im Ernst? So lange hatte der im blauen Wappenrock, erwacht, ernchtert mit unheimlich rollenden Augen auf die blonden Mnner herabgeschaut, die sich vor Heiterkeit und hochmtig geliebkostem Unverstand frmlich blhten. Jetzt aber berwand der Seefahrer jenes innerliche, ihn fast zerschneidende Gelchter, das nicht zum Ausbruch kommen wollte, mit einem Griff ri er die groe Hornpfeife an den Mund, und schrill, spitz, gellend fuhr das vibrierende Signal durch die Halle. Aufgescheucht schlugen die Friesen ihre langen Rcke zurck und griffen verdutzt an ihre kurzen Schwerter, selbst die Flke rckte ungemtlich auf ihrem Sitz. Doch es war auf keinen tollkhnen berfall abgesehen. Nur die Saaltr ffnete sich, und schallenden Schrittes trugen sechs Gleichebeuter eine gewlbte Truhe herein. Da lste sich die Spannung der Edelinge in einem lauten Freudenschrei, ihre Augen begannen pltzlich verstndnisinnig zu blitzen. Keiner nahm es dem fremden Seefahrer, der so unermeliche Schtze mit sich fhrte, im geringsten mehr bel, als der Riese sich pltzlich unter Pffen und Sten eine Gasse durch ihr Gedrnge bahnte. Ob auch einer von ihnen rechts taumelte, der andere zur Linken flog, wer von ihnen scherte sich noch um die ungemessene Verachtung, den fast wahnwitzigen Hohn, mit dem der Strtebecker jetzt den Deckel der Kiste zurckschlug. Frisch, tummelt euch, schrie er in einer grlichen Vertraulichkeit, die zu jeder anderen Stunde den Hrern htte das Blut in den Adern gefrieren lassen. Munter, ihr Edelen, ihr werdet mich gleich besser verstehen. Hier liegen meine Grnde, meine Plne, meine Aufzeichnungen! Flandrisches Laken! Wie? Was? Mit der Elle? Torheit, ich messe meine Absichten mit dem Spie! Sind gar klar und vollwichtig! Und der Tolle ri einem der Knechte die Lanze aus der Hand und begann in langen schwebenden Wendungen die weien Wolken auf den Estrich zu schleudern. Hier Erklrungen fr den Herrn Propst, hier ein anmutig Geheimvertrglein fr die Frau Flke -- -- sachte, sachte, der Allena und der Rstringen werden nicht vergessen! Eine Weile rieselte das feine Gewebe, knisterte und rauschte, gleich groen Schlangen hpfte es aus dem Nest. Bald freilich ward dem Schuimer sein Mawerk berdrssig. In hohem Bogen warf er den ganzen Ballen unter die Edelinge, und gleich darauf sauste die Lanze hinterdrein. Die Junker aber balgten sich um den kostbaren Stoff. Jeder stie halb im Scherz, halb im Ernst seinen Nachbarn beiseite, um mglichst frh an die Reichtum sprudelnde Quelle zu gelangen, und man ertrug es nur mit Ungeduld, als Propst Hisko auf den unschuldigen Einfall geriet, sich wie ein Kreisel in dem Gewebe einwickeln zu lassen. Gewandter drehte sich der dicke Landwirt, als es sein verletztes Knie irgendwie vermuten lie. Der Riese jedoch hatte sich, angetrieben von der hllischen Flamme der Versuchung, von neuem ber die Truhe gestrzt, und nun schleuderte er besinnungslos Gold, Silber, Brokate, Ringe, Armbnder, Seiden- und Megewnder unter die geblendeten fassungsberaubten Friesen. Mir -- mir, kreischte die Flke, die ihre Habgier nicht mehr lnger bezwang und pltzlich mit ausgebreiteten Fngen, wie ein Habicht, von ihrem Sitz herabscho. Sollen Hiskos feiste Mgde etwa gleich uns Edelfrauen Ringe und Ketten tragen? Damit krallte sie ihre spitzen Finger in die Wand der Truhe, beugte sich hinber und schickte sich eben an, rabenlstern auf das Geschmeide hinabzustoen. Allein sie gelangte nicht mehr dazu. Es geschah etwas, was selbst den rohen unbesinnlichen Huptlingen in seiner grausigen Verrcktheit den Atem benahm. Mit beiden Armen nmlich wurde das graue Gerippe von dem Seefahrer eingefangen. Und geschttelt von dem unheimlichen Spa, diese zitternde Habgier dicht vor dem Ziel verdursten zu lassen, drckte der Strtebecker seine Wange zrtlich verliebt an das steife Pergament der Quade, und dann kte er sie schallend auf das blutige Krtenmaul und die furchige Stirn. Da entsetzte sich selbst Propst Hisko van Emden, der doch in mancher Wein- und Mnnerschlacht seinen Mann gestanden, stolperte ber die Leinwand und fiel mitten in den Saal. Der Strtebecker aber lrmte und tobte whrend dieser erzwungenen Liebkosungen immer wster und wahnwitziger. O du wonniges Weib, o, du Weinberg mit quillenden Beeren, was knnte ich dir nicht alles zuliebe tun. O, du Gebenedeite unter den Frauen, la mich dir selbst das Hemdlein von Seide oder Brokat anmessen. Und obwohl die Flke zischend und fauchend mit ihren mageren Armen und Beinen um sich schlug, der Besessene herzte und liebkoste das abscheuliche Gespenst nur um so wolfshungriger. O, du fruchtreicher Regen, schrie er ihr ins Gesicht, o, du Wunder des Brokmerlandes, wie preise ich mich selig, weil ich einen festen Bund mit dir schlo. Du sollst sehen, niemals gehe ich von dir, niemals verlasse ich dich! So raste und wtete der unbezhmbare Mensch, und um ihn her quirlte Grauen, Abscheu und roher Beifall brodelnd durcheinander. Bis sich endlich die wste Geistesstrung auch auf die Zuschauer bertrug. Mit einemmal hatten sich die blonden Mnner an den Hnden gefat, und nun tanzten sie im Kreis um das wunderliche Paar inmitten der Ballen flandrischen Lakens und der offenen Truhe herum, dazu jauchzend: Wohl -- wohl, der Strtebecker soll bleiben. Die Vertrge gelten. Soll der Quade Flke einen Sohn zeugen. Heia -- hussa -- horrido! Und auf dem Estrich hockte noch immer der Propst, und whrend er sich verwirrt den Reigen zu erklren suchte, murmelte er von Zeit zu Zeit: _Absolvo te._ Doch er wute nicht mehr, was dies bedeute. II. ber die braunrote Heide trabte ein Reiter auf seinem prchtig geschirrten Schimmel. Schwer schlugen die Hufe des Rosses auf den unbersehbaren, farbenfrohen Teppich. Wie von einem leichtsinnigen Weib war das lustige Tuch zwischen dem grauen Schlick der Marschen und der schwarzen Erde lteren Ackerlandes hingeworfen. Eine helle Herbstsonne leuchtete glsern vom Himmel, und der erste Frhwind sprhte zuweilen bunte Tropfen von den Krutern. Dem Tier aber ward keine leichte Brde, denn sein Lenker hatte einen Knaben vor sich auf den Sattel genommen. Den hielt er fest mit der Linken umfangen, und whrend er den Gaul allein mit den Schenkeln steuerte, zeigte die Rechte unaufhrlich auf Nhe und Weite. Jeder Tmpel mit Torf oder Moorgrund, jede einschieende Wiese wurde mit hellem Jubel, mit freudeerflltem Stolz begrt. Sperr deine blauen Augen ja weit auf, mein Bblein, lud der Strtebecker triumphierend ein und dabei drckte er seinen Gefhrten ohne weiteres an seine weit geschwellte Brust, ja, er herzte sogar strmisch das vor ihm flatternde blonde Haar, weil er in diesem Augenblick nichts neben sich dulden konnte, was nicht bedingungslos seiner Macht unterworfen war. Sieh, da und dort, vor uns, neben uns, alles mein, dein, uns allen. Und berauscht von dem ungeheuerlichsten Erfolge, trunken von der Vorstellung, da auf diesem morgenfrischen Boden Menschheitswende wachsen sollte, so grundsprengend, so segenschwer, so planvoll, wie es vorher auf deutscher Erde weder von Carolus Magnus, dem Ordnungsstifter, noch spter von Priestern oder Laien geahnt war, da lie der von Schpferlust Beseligte seinen Begleiter zur Seite sinken, warf sich ber ihn und prete seine Lippen durstig auf den Frauenmund. Was er hier liebkoste, das verschwamm ihm. Er kte seinen eigenen Gedanken, der in der Frauenbrust wie in einem Tempel fr ihn bewahrt lag, er umfing in jenem Leib, der sich zu ihm bekannte, gewissermaen die Erfllung und Vollendung seines Traums. Und diesmal widerstrebte ihm Linda nicht. Selbstvergessen, verklrt, ganz und gar eins mit dem Willensmchtigen, blickte sie mit groen, grenden Augen zu ihm empor, und in ihrem Kinderlcheln prgte sich die berzeugung, da alle Schmach, alle Schande in dem Feueratem, in dem brausenden Wehen des Werkes gelutert und von ihr genommen sei. Ein segenspendender Gott hatte sie befruchtet, und sie diente ihm dafr und empfing zum Lohn die Gnade des Schauens. Eine Entzckung durchrieselte sie, und aufgehoben von einem Wirbel unvorstellbaren Empfindens, unterfing sie sich dessen, was sie nie vorher gewagt, schchtern schlang sie beide Arme um den zu ihr geneigten Mnnernacken und hielt ihn fest. Selbst den wilden Mann beschlich ein fernes Verstndnis fr die opfervolle Gabe, die ihm hier gereicht wurde. O, du blondes Gold, entlud er sich in frohem bermut, wie freue ich mich deiner! An dir klebt kein Unrat, bist nicht durch der Krmer Hnde gewandert, und man kann sich leicht die Seligkeit um dich kaufen. Noch einmal vernahm die kferdurchsummte Heide neben dem regelmigen Hufschlag das helle Jauchzen befriedigten Siegerglckes, und die Heideeinsamkeit legte sich trstend um ein aufgestrtes Frauenherz. So zogen sie frba, an dunklen Torfmooren und weiten Strecken gelben Flugsandes vorber, und so lange die silberne Morgenstille mit ihnen wanderte, waren die Einsamen nicht nur eng aneinander gebunden durch das gemeinsame Drngen nach einem frommen, kindlichen Zeitalter, sondern auch das geheimnisvolle Weben zwischen Mann und Weib spann seine heien Fden um sie. Immer wieder, wenn das Hochgefhl seiner Sendung dem Reiter die Brust sprengen wollte, dann warf er sich gegen die schlanken Frauenglieder, und mit Herzklopfen und entzckter Duldung vernahm Linda all die Tollheiten und unbndigen Neckereien, die er ihr zuflsterte. Wo war ihre Nonnensehnsucht geblieben? Aus einer moorigen Senkung waren sie eben aufgetaucht, als ein Wiehern ihres Schimmels die Versunkenen weckte. Heftig schleuderte das Tier den Kopf. Ein weiter offener Wiesenplan dehnte sich vor ihnen, verschiedene Wege schlngelten sich ber die Grasebene, und an einer Kreuzung dampfte eine Staubwolke. Holla, rief der Strtebecker, froh, den ihm bereits eintnigen Schleckereien entzogen zu sein, und bettete die Hand ber die Augen. Schau, ein Trupp von Reisigen. La uns sehen, wen sie schon so frh geleiten? Und sofort setzte er dem mden Gaul die Sporen ein, keuchend und schnaufend trabte der Schimmel dem Kreuzweg entgegen. Vor ein paar Balken, die roh und kunstlos ber eine Binsenniederung gelegt waren, hielt ein Zug berittener Spieknechte. Sie trugen smtlich den blauen Brokmerpfeil an ihren schwarzen Filzrhren und warteten nur darauf, da der elende zweirdrige Reisekarren, wie er zu jenen Zeiten von vornehmen Frauen benutzt wurde, ungefhrdet ber das Balkengestell hinberknarre. Die Dame selbst jedoch, anstatt geduldig auf dem harten Sitzbrett ihres Kfigs auszuharren, hatte lngst den Braunen eines der Knechte bestiegen, denn es war Occa, des tollen Occo Tochter, die, kaum der Aufsicht ihrer Mutter entzogen, ihrer Neigung zu ausgelassenen Streichen verfiel. Rittlings wiegte sie sich im Sattel, und da sie heute das kniefreie rote Friesenrckchen angelegt hatte, so sah der sich nhernde Freibeuter mit Behagen, wie die eng verschnrten Beine der Reiterin geschmeidig und wohlgefgt den Leib ihres Rosses umfingen. Da sprang dem stets erhitzten Weiberjger sofort das Blut in den Adern. Das ungewhnliche Bild junger, zu jeder Verschwendung bereiter Lebenslust berckte ihn, und pltzlich sah er sie weigliedrig auf dem dunklen Fell reiten, Meerwasser trufelte ihr ber Brust und Nacken, und das aufgelste Gold der Haare flatterte ihr feucht um die Schultern. Kein Zweifel, der begehrliche Mann atmete schneller -- er hatte die Schne bei seiner Einfahrt schon so geschaut, wie er sich alle Weiber am liebsten vorstellte. Mit einem Sto schob der Strtebecker seinen Gefhrten zur Seite, um frei und ungehindert den Anblick genieen zu knnen. Und in der eigenschtigen Meinung, da seine Gedanken auch unausgesprochen von jedem verstanden werden mten, schwenkte er heftig seine Kappe zum Gru und schrie hinber: _Courte et bonne_, bist du der Wasserteufel oder nicht? Die schne Occa jedoch verstand. Auch sie wirbelte ihre gelblederne Kopfbedeckung durch die Morgenluft und rief mit heller Stimme zur Antwort: Und du, Schuimer, was bist du fr ein vierbeiniger Reiter? Da beugte sich der Seefahrer noch weiter vor und klopfte, nahe genug herangerckt, Occas Braunem die Halsung. La gut sein, erwiderte er hastig und nur darauf erpicht, das kurze Reitergewand der Blonden zu berhren, dies hier ist mein Diener. Ich gnne dem Zarten gern jede Schonung. Doch nun, du Fisch und seltener Vogel, sage mir, wohin geht die Reise? Langsam lste die Broke-Tochter ihre braunen Augen von dem Knaben, der noch immer durch die Linke seines Herrn vor dem Sturz bewahrt wurde, und da sie mit dem Scharfblick der Frauen wohl gleich das wahre Geschlecht dieses Dieners erraten haben mochte, so glitt ein spitzbbischer Zug ber ihr feines Antlitz und der Zwang berkam sie, den frechen Reiter sogleich bestrafen und peinigen zu mssen. Nun, du Allwissender, entgegnete sie mit strahlendem Spott, da du doch den Umgang mit edlen Frauen zu kennen scheinst, so sage mir, wohin gehrt eine ehrbare Hausfrau rechtmiger, wenn nicht zu ihrem Eheherrn? Der meinige ist, damit du es weit, Luitet van Ne, und ich hoffe, da er meiner alleweil in Sehnsucht gedenkt. Nun, da wollte ich doch ---- fiel der Strtebecker aus allen Himmeln, der ganz offen seinen Grimm darber verriet, weil dieser glatte Vogel aus dem Garn zu hpfen versuchte, nun, da wollte ich doch, der unterste Grund der Hlle ffnete sich ---- Fr wen? lauerte die Goldblonde, innig befriedigt ber die Wirkung ihres Gestndnisses, indem sie sich blinzelnd nach vorn krmmte und dabei ihre Knie immer hher auf den Rcken des Pferdes zog. Der Riese aber hatte seine erste Anfechtung berwunden. Und da -- juchhe -- da hhnte er schon ber seine gewissenhafte Brgerbedenklichkeit. Seit wann machte er denn vor Weihwasser und Sakrament Halt? Bei allen Wonnen des heien Blutes, und wrde diese Occa mitsamt ihrem Hausherrn statt auf dem Karren in ihrem Ehebett durch die Lande rollen, der Wilde schwor sich, er wollte sie dennoch vor den Augen ihres Nutznieers aus den Laken reien. So raste die unstillbare Wut nach Alleinbesitz von allem Schnen und Sinnepeitschenden durch denselben Erlser, der gekommen war, um die Migunst und den ewig regen Neid der anderen zu befrieden. Im Augenblick aber verbeugte er sich geschmeidig im Sattel, schwenkte noch einmal die Kappe und griff ohne weiteres nach den Zgeln von Occas Braunem. So werbe ich denn, sprach der Schalk, bei der Hausfrau des Huptlings van Ne um gute Nachbarschaft. Und ehe noch eine Antwort erteilt werden konnte, warf er die Hand vor. Geh, heie deine schwarzen Filzrhren sich beiseite drcken, denn ich will dir selbst das Geleite geben. berrascht, mit jenem schwebenden Lcheln, das mehr verhie, als es zu halten gesonnen war, und vor allen Dingen brennend vor Neugier, was ihr wohl bei dem Zusammensein mit dem blutigen, sagenumsponnenen Gewaltmenschen bevorstehe, nickte die schne Occa, schon wandte sie sich mit einer kurzen Bitte an ihre Begleiter, als unvermutet das so vielversprechend eingeleitete Abenteuer gestrt wurde. Besorgt um jedes Wort, das nicht der gemeinsamen -- oder noch besser, der ihr allein gehrigen Aufgabe galt, so hatte Linda, noch im Arm ihres Gebieters dem leichtfertigen Geplnkel gelauscht. Und nun? Diese kaum verhllten Scherze hier auf heiligem Boden? Ihr schwindelte, sie wute nicht mehr, was sie trieb. Ach, sie verga sich. Zu ihrem Unheil trat sie aus dem Bann ihres bisherigen bescheidenen Dienens heraus. Herr, kehrte sie sich bebend zurck und legte dem Riesen ihre zitternde Hand auf die Brust, du wolltest-- Gestrt verzog der Strtebecker die Stirn, sein gekrmmter Arm schob die Andrngende von sich. Was wollte ich, Licinius? warnte er, als ob er seinem Gefhrten noch bei rechter Zeit zu Einkehr und Besinnung raten mchte. Was wollte ich? Doch Linda war durch das, was vorausgegangen, durch die wilden Liebkosungen ebenso wie durch die Nhe des ersehnten Zieles zu sehr aus ihrer Bahn geschleudert, als da sie ihr bescheidenes, unaufflliges Wesen nicht vllig verleugnet htte. Herr, mahnte sie mit einer dringenden, beschwrenden Gebrde, wozu willst du hier noch lnger sumen? Vergi nicht, o vergi nicht, da deine Flotte und die knftigen Ansiedler deiner harren. War es die Zurechtweisung, die ihm hier ffentlich erteilt wurde, oder drckte die Gewiheit dem Herrschschtigen ihren Stachel tief ins Blut, da nun auch andere an seine Plne tasten durften? Rot vor Unmut schleuderte er sich herum, und die Bewegung war so gewaltsam, so rcksichtslos, da Licinius ohne weiteres aus dem Sattel geworfen wurde. Kaum vermochte sich der Halbbewutlose noch vor dem Sturz zu bewahren. Aber auch so taumelte er ein paar Schritte ber den Grasboden, bis er endlich an Occas Braunem einen Halt fand. Luftberaubt, an allen Gliedern bebend lehnte er sich hier an den Leib des Tieres. Bube, schrie der Strtebecker in einem schrecklichen Ton, und man sah, wie seine Rechte vergeblich die Lederpeitsche suchte, will das Gesinde seinen eigenen Herrn zu Botengngen heuern? Gleich pack dich und tu selbst, was du so schn beschrieben. Oder, bei allen Furien, ich will dir Beine machen. Schon hatte der Gereizte den Striemer gefunden, und nun knallte er ihn, zur Zchtigung entschlossen, so grausam durch die Luft, da Occa, von einem Schauder ergriffen, sich schtzend ber den Knaben beugen mute. La ab, wehrte sie dem Ergrimmten, dessen in Brand geratene rollende Augen ihr pltzlich Grauen einflten, und bezeichnend setzte sie hinzu: Willst du Wterich etwa dies zarte Gebein zerfleischen? Da hielt der Seefahrer auf halbem Wege inne, aber auch Linda erwachte; einen leeren, weiten, zerrtteten Blick heftete sie auf den Mann, der bisher in einer aufrechten Flamme vor ihr hergezogen, dann schttelte sie stumm das Haupt. Und wie jemand, der fr immer den Weg verloren, strmte sie mit einemmal ber Wiesen und Heide von dannen. Winziger und unkenntlicher wurde der schieende, schwarze Fleck hinter den ginsterbraunen Erdwellen. Htte sie sich nur noch ein einziges Mal umgewandt, sie wrde bemerkt haben, wie der Reiter, der sie eben zchtigen wollte, jhlings die Faust vorwarf, als knnte er seinen Gefhrten mit diesem einen Griff bndigen und wieder an seine Seite zwingen. Allein die Entfernung hatte sich bereits zwischen beide gelegt und verschlang alles. Um die Flchtende kreiste die Ebene in langen, sich jagenden Streifen. Bald wirbelten Moorgrnde auf sie zu, bald tanzten Grben um sie her, dann hpften pltzlich wieder Dornbsche aus dem wild gewordenen Sande, bis schlielich allerhand Wege ihr entgegenstrzten, die sich um die Verirrte stritten. Nach Stunden erst langte ein bestaubter, zerrissener, kotbedeckter Knabe auf dem groen Schiffe im Hafen an. Hohlugig, zusammenhanglos richtete er den Befehl des Herrn an die Mannschaft aus, dann verkroch er sich unter den Aufbau, und auf dem Prunkbett des Bischofs wlzte sich bald darauf ein krampfgeschttelter, fiebernder Haufe. Immer von neuem falteten sich ein Paar blutlose Hnde, damit sie Gedeihen, Segen, Vollendung auf das Werk herabflehten. Auf das Werk -- auf das Werk, das sich von seinem Schpfer trennen wollte. * * * * * Nach mehrstndigem Ritt machten die Broke-Reisigen endlich Rast. Auf den Wunsch ihrer Dame waren sie dem nachfolgenden Paar weit vorausgeritten, so da sie ihre Herrin sowie deren Begleiter fast aus den Augen verloren. Jetzt trnkten sie ihre Rosse aus einem der flachen Heidebche. Die Knechte aber konnten auch deshalb ihre Herrschaft nicht entdecken, weil die beiden, whrend sie ihre Pferde friedlich grasen lieen, sich in eine der vielen Flugsandgruben gelagert hatten, um nun ebenfalls der Ruhe zu pflegen. Trotz des drren Bodens war die Senkung ber und ber mit bunten Wiesenblumen bestanden, und auf dem oberen Rand blhten Ginster und wilder Dorn. Ein verwunschener, heimlicher Platz. Langhin hatte sich der Strtebecker ausgestreckt, wohlig fhlte er unter sich die heie Erde, und da er strker atmete, so war es ihm, als sei es ein Leichtes, auch den blauen Himmel in sich einzuschlrfen. Unter halbgeschlossenen Wimpern blinzelte er zu der unweit sitzenden Occa hinber. Die flocht an einer langen Ringelkette von Marienblumen. Sobald sie jedoch ihre braunen Augen sphend ber den scheinbar Ruhenden hinstreifen lie, dann glitt jedesmal ein spttisches Lcheln um den herrischen Mund des Riesen, denn seine Ungeduld errechnete bereits den Augenblick, wo seine Wnsche sich erfllt haben wrden. Hier an diesem eigens dazu geschaffenen Fleck mute das ihn so oft anspringende Fieber gelscht werden, sonst wre es ja eine Ruchlosigkeit gewesen, seinen treuen Licin durch Peitschengeknall von seiner Seite getrieben zu haben. Als ihm der Knabe einfiel, schlug er die schwarzen Augen hartherzig auf, er schttelte sich, und eine wirre, unklare Rachsucht erfate ihn, als wre der Fall dieser Nahen die schuldige Genugtuung fr die andere. Und ohne sich noch durch irgend etwas hemmen zu lassen, richtete er sich auf und schnellte wie eine groe Schlange zu seiner Gefhrtin hinber. Verwundert verfolgte die sein Treiben. Frchtest du dich nicht? forschte er, als er Occa erreicht hatte, und dabei sttzte er sich mit beiden Armen ber die Zusammensinkende. Du weit doch, was man fr Lieder von mir singt? Ich spate nicht lange mit schnen Frauen, die mir gefallen. Die Broke-Tochter regte sich kaum, und whrend jenes spitzbbische Lcheln ihren Mund verschnte, das ihren Bedrnger immer rger zu Tollheit und Gewalt reizte, da warf sie dem Geneigten lssig ihre Blumenkette um den Hals. Gewilich, du langer Mensch, sprach sie sorglos zu ihm empor, mir geschieht nichts von dir. Doch der Strtebecker hielt sich nur noch mit Mhe. Du mchtest leicht irren, entgegnete er gepret, und es klang wie das dumpfe Murren vor einem Gewitter, was sollte mich hindern? Da geschah das, was den eigenwilligsten und herrschschtigsten aller Mnner mitten im Laufe festhielt. Eine kleine Hand war es, die erst neckisch an der Blumenkette zauste, bis sie ihm unvermutet einen leichten und doch fhlbaren Backenstreich versetzte. Dem Freibeuterfrsten aber schwirrte es vor Augen, tausend zgellose Stimmen schrien in ihm auf, die Zchtigung, und wenn es auch nur eine eingebildete, im Spiel zugefgte war, sie erinnerte ihn an seine Sassenzeit und versetzte den Ungebndigten in Raserei. Mit einemmal fhlte er einen sich windenden Frauenleib in seinen Armen, er wollte ihn schonen, um sich seiner Beute desto ungestrter freuen zu knnen, umsonst, wieselhaft glitt es unter seinen Armen dahin, im nchsten Augenblick schon fuhr von dem Hgelrand, auf den das kurzrckige Weib gesprungen war, ein heller Ruf ber die Ebene. Von fern antworteten die Knechte. Merke dir das, du leichtfertiger Tor, sprach Occa derweil strafend, obwohl ihre blitzenden Augen und ihre rasch schpfende Brust Milderes verhieen. Weit du nicht, da jeder, der einer Friesin Ehre verletzt, dem Tod vor dem Upstalsboom[*] verfllt? Auch wir, du Schuimer, scherzen hier nicht. Zudem -- ich bin eine Frstentochter. Was wrde mit dem neu gekauften Lande und deinen Ansiedlern geschehen, wenn deine Untat ruchbar wrde? Zweifelst du etwa daran, da die Burgherren, meine Freunde und Vettern, froh, einen Anla gefunden zu haben, ber eure kleine Schar herfallen wrden, um die Gefhrlichen wieder zu verjagen? Warum handeltest du auch so unklug, die See zu verlassen, wo du ein Gewaltiger warst, mehr und frstlicher als all die kleinen Tyrannen hier in der Runde? [*] Ein uraltes friesisches Volksgericht. Als die wohlbedachten Worte auf den Gescholtenen herabfielen, da ri der Mantel von Wollust und ppigkeit auseinander, mit dem der Seefahrer dieses junge Weib einzig bekleidet whnte. Denn der Weltkundige erkannte, wie hinter der goldumrahmten Stirn, im Verborgenen zwar und doch schon geformt, Absichten und Plne wuchsen, die seiner Erdumgestaltung feindlich entgegenwirkten. Deutlich erriet der Scharfsichtige, da hier ein feinspinnender Eigennutz am Werke wre, der, wie berall auf der migestalteten Erde, von der Bedrngnis der anderen seinen Vorteil ziehen wollte. Da lachte der Strtebecker ber seine trichte Verblendung und sprang mit einem Satz, geheilt und entladen, wie er glaubte, neben die Reiterin. Die aber achtete seiner frder nicht weiter. Mochte sie durch die Gewohnheit belehrt sein, da es keiner strkeren als Blumenketten bedrfe, um solchen ppigen Jger nach sich zu ziehen, jedenfalls warf sie sich, ohne ihrem Begleiter auch nur noch einen Blick zu gnnen, rittlings auf ihren Braunen und sprengte dann in scharfem Flug voran. Und doch meinte der nachsetzende Freibeuter, der schmale, feine Goldkopf unter der gelben Lederkappe htte ihm einen bestimmten, nicht mizuverstehenden Wink erteilt. Da knallte der Strtebecker whrend der sich jetzt entspinnenden Hetze frhlich, kraftbewut seine Lederpeitsche durch die Luft. Heia, solch eine Pirsch war gerade nach seinem Geschmack. Er wute ja, wonach er strebte. Mochte der flatternde Rotrock da vor ihm nur ruhig whnen, das Narrenseil in der Kinderhand zu halten, was galt ihm, dem Schicksalswender, im Grunde solch ein Bndel lngst bekannter Reizungen? Nur der Fang spannte seine Geister, alle muten sie ihm dienen, die Grenzenlosigkeit, das Abgrndige des Besitzes allein verbrgte ihm in einem dunklen Vorgefhl die Wahrheit seiner Sendung. Tamen,[*] schrie er pltzlich voll strmender Wildheit, whrend der Heidepfad unter ihm drhnte, und er warf beide Arme gegen den Silberhimmel. So lautete der Schildspruch, den sein Lehrer Wichmann ihm einst mit auf den Weg gegeben hatte: Tamen. [*] Lateinisch Dennoch. Da wandte die vorausfliehende Occa zum erstenmal ein wenig das Haupt zur Seite. * * * * * Im Burghof zu Ne erst kehrte sich seine Fhrerin unter dem rohen, viereckigen Hauseingang nach ihrem Gaste um. Komm, sagte sie kurz, damit ich dich leite. Leicht strich sie den Staub von ihrem wamshnlichen Oberrock, dann stieg sie ihm eine dunkle Treppe voran. Sie muten sich in einem turmartigen Gebude befinden, denn die Stufen wanden sich im Kreise und wurden immer enger und ausgetretener. Eine faule, stockige Finsternis quoll ihnen entgegen und beschwerte den Atem. In dem Schuimer aber regte sich sicherste Erwartung. Jeden Augenblick meinte er, eine Hand mte nach der seinen tasten, um dann irgendwo eine Tr aufzustoen, wo ihm jene Gastfreundschaft beschieden sein wrde, auf die er harrte. Allein seine Sinne spannten sich vergebens. Nach wie vor hrte er die leichten, huschenden Tritte ber sich, die Dunkelheit schien sich mit ihnen zu drehen und hauchte eine feuchte Klte aus. Aber da endeten die Stufen, ein ebener Gang oder eine Halle mute erreicht sein, denn pltzlich sprte der Gast seine Fhrerin dicht neben sich. Wiederum strich sie ihm ber das Gesicht und flsterte: Warte! Dann entfernten sich ihre Schritte, und der Fremde stand allein, eingeschlungen von dem Rachen der Schwrze. Einen Augenblick lang beschlich den Einsamen das Bedenken, es knnte ihm hier vielleicht von seiner Wirtin eine Falle gestellt worden sein, ja, den zur Tatlosigkeit Verdammten durchzuckte die Ahnung, die wilde, herrliche Jagd nach allem Unerreichbaren mchte womglich in diesem Moderwinkel ihr Ende gefunden haben. Allein, kaum gedacht, lie ihn sein unerschpfliches Vertrauen auf seinen Stern all solche Einwendungen hinter sich schleudern. Und jetzt -- nein wahrhaftig -- ganz in seiner Nhe, nur gedmpft durch eine verschlossene Tr, fing er ein sonderbares Grunzen auf, wie wenn ein Schwein sich ber dem Futtertrog besonders wohl fhlt, und alsbald gesellte sich das feine Gelchter Occas hinzu. Dem Strtebecker scho das Blut ins Antlitz. Giftig trufelte ihm sein Jhzorn ein, er selbst bte wahrscheinlich den Anla zu dem heimlichen Vergngen seiner Schnen, er, der gefrchtete Schwarzflaggenherrscher, der als Gefoppter, als demtig Wartender vor der Tr einer Listigen lauerte. Mit einem Sprung setzte der Malose in die Finsternis, und richtig, seine geballte Faust traf drhnend auf Holz- und Bretterwerk. Das sollst du mir bezahlen, du Hexe! schrie der Gereizte, keuchend vor Wut und unbekmmert darum, wer ihn etwa hren knnte. Bei den Hrnern des Satans, ich will es dir eintrnken. Das Gewlbe ber ihm warf schallend ein Echo zurck. Da aber stand der Freibeuter geblendet still. Unmerklich war eine niedrige Tr vor ihm aufgeglitten, und der Anblick, der sich ihm jetzt bot, traf den Eindringenden so unerwartet, da er in jhem Wechsel kaum eine rohe Lachlust bezwang. Wahrlich -- und der Strtebecker hieb sich auf die Brust, wie wenn er unbedingt Spuk und Augentrug von sich scheuchen mte, dort drinnen in dem kreisrunden Turmloch, unter allerlei albernen Gerten und verworrenen Metafeln, dazu bestimmt, nach dem Aberwitz der Zeit den Gestirnen ihr Geheimnis zu entlocken, da hockte auf einem niedrigen Dreifu ein Wulst von Speck und Fetten, der sich eben in seinem weiten grnen Tappert mhselig umwandte. Dies war der Huptling Luitet van Ne, ein Mann, den selbst seine besten Freunde das Ferkel nannten. Fragwrdig blieb nmlich seine Menschengestalt. Kleine, triefende Schlitzuglein, eine ungeheuerliche, weit vorstrebende Schnauze sowie ein ebenso heftig zurckfallendes Kinn gaben dem kurzbeinigen Fettklumpen tatschlich etwas vom Borstenvieh. Und es bedurfte fr den Beschauer nicht erst seiner grunzenden Stimme sowie der blonden Stacheln auf dem platten Haupt, um die hnlichkeit unheimlich zu vervollstndigen. Und dies sollte der Gatte der schnen Occa sein? Vorgebeugt verharrte der Strtebecker an der Tr, offenen Mundes, mit dem ganzen beleidigenden Unglauben eines von der Natur Beglckten starrte er bald auf dieses Schaubudenwunder hin, bald suchte er von der Goldblonden eine Erklrung zu erhaschen. Als er jedoch auffing, wie das junge Weib dem behaglich Grunzenden die kurzen Borsten kraute, wobei sie hinter dem Rcken des Dicken dem Freibeuter schnippisch zunickte, da lste sich die ungemessene Verstricktheit des Betroffenen endlich in einem langen wilden Gelchter aus. Sogar Herr Luitet, der eben zur Begrung heranwatschelte, verfiel in ein beiflliges Grunzen, auch die Burgfrau schlo sich von der groen Heiterkeit nicht aus. Um ihre Lippen aber zuckte es wie jemandem, der sich des Endes bewut ist. Kannte sie doch allein den Anfang. Von ihrer eigenen Mutter, der Quade Flke, an dieses gemstete Scheusal verkuppelt, sollte die heitere Lebensfreude der Jungfrulichen wohl nach Absicht ihrer Peinigerin mglichst bald in Trbsal und Elend ersticken. Allein diesmal erwiesen sich die Berechnungen der Quade als trgerisch. Da das Ferkel einzig und allein auf der nchtlichen Sternenwiese graste, so stellte es an seine irdische Begleiterin keinerlei Ansprche, ja, bald geschah es, da Occa mehrfach am Tage in die Turmzelle ihres Gatten emporsprang, um ihm voller Genugtuung die Wnsche und Verlockungen ihrer junkerlichen Anbeter zu offenbaren. Und whrend ihre kleine Hand den behaglich Grunzenden puffte oder ihm spttisch die kurzen Borstenhaare kraute, da konnte man die beiden hufig in ungemessene Heiterkeit ber die genasfhrten Liebhaber ausbrechen hren. Frau Occa hielt sich das Ferkel, wie vornehme Damen ihrer Zeit mancherlei migestaltete Kreatur in ihrer Nhe ftterten, und so hatte sich zwischen den Gatten allmhlich die beide Teile befriedigende Vertraulichkeit guter Geschwister ausgebildet. Auch ber den Seeruber mute dem Klumpen wohl schon vorher eine ausfhrliche Schilderung hinterbracht sein, denn whrend er ihn pustend und schnaufend begrte, blinzelte er aus den schrgen Schlitzuglein beinahe mitleidig an dem Riesen in die Hhe. Fast schien es, als ob der Weise seinen ungewhnlichen Gast bereits im Voraus bedauerte. Dann aber besann sich der Hausherr auf seine dunklen Knste oder vielleicht auch auf das, was man seinem platten Schdel eben erst eingeblasen hatte. Geheimnisvoll wickelte er sich in sein grnes Kleid, um ernsthaft das Haupt zu schtteln. Du berschreitest das Ma, vertraute er endlich seinem Besucher an. Witternd und feucht zitterte dabei sein Rssel. Getroffen, nickte der Strtebecker, der sich noch immer nicht fassen konnte, wobei er allerdings mehr die Burgherrin als den Klumpen im Auge behielt, ich messe sieben Schuh. Das ist es nicht, murmelte das Ferkel abmahnend. Darauf ergriff er eine durch allerlei Striche und Zeichen geteilte Stange und hielt sie schrg gegen den Fremden, so da die Sonne einen schwarzen Strahl ber den Freibeuter malte. Du berschreitest das Ma, wiederholte er hartnckig. Potzblitz, fiel der Strtebecker lebhaft ein, indem er frisch nach der Stange schlug, ich will auch mein Begehren nicht messen, und wenn es bis an den Mond wchse. Rasch wechselte er dabei einen Blick mit Occa, die noch immer hinter der Lehne eines unfrmlichen Stuhles stand, und so frech und gefrig zngelte wieder seine Flamme, da er gar nicht merkte, wie auch dem Ferkel jene geheime Zwiesprache keineswegs entging. Vom bel, verurteilte der Sternendeuter, nunmehr seiner Sache sicher. Jedem ward sein Ma bestimmt. Der Kundige zhlt die Regentropfen. Hre, du bist wohl ein lang aufgeschossener Bursch' und tobst auf der Erde lrmvoll umher, aber weit du denn, was am Himmel fr dich angeschrieben steht? Meiner Seel, beteuerte der Strtebecker, der sich jetzt ungebeten auf eine Ecke des Ziegelherdes niederlie, denn das Geschwtz des Dicken wurde ihm lstig, la mich die Erde zurechtrcken und heie du inzwischen dein Weib, mir einen Morgenimbi auftischen, so will ich dir wohl oder bel den Jupiter, den Saturn und die beiden Dioskuren dazu verkaufen. Verspotte nicht die Ewigwachen, murrte der Klumpen und hielt jetzt seine Stange prfend gegen das Fenster und mitten in das Sonnenlicht hinein. Occa mag dir Hunger und Durst stillen, wie ihr beliebt. Ich wehre ihr nichts. Sie ist frei. Weil alles Geschehen ohnehin aus dem Lichtnebel quillt, der gewogen und gezhlt fr jeden von uns im Unendlichen schwimmt. Occa mag dir das Nachtlager rsten, und du wirst nicht anders handeln, mein Freund, als die Staubkrner es wollen, die gebieterisch ber dir und in dir tanzen. Geh hin und versuche es. Diese Gelassenheit jedoch bermannte sogar den sorglosen Gewaltmenschen. Geruschvoll sprang er vom Herd, und seine Verblffung steigerte sich noch, als ihm der helle Triumph aus den Zgen der Goldblonden entgegensprhte. Mhsam nur fate er sich, und indem er sich neigte, warf er im Trotz und wie zum Abschied hin: Wohlan, Luitet van Ne, so nehme ich deine Gastlichkeit an, und ich will hoffen, da es meinen Staubkrnern unter der Pflege deines Weibes wohlergehen werde. Jeder mu das hoffen, was ihm beschieden ist, sprach das Ferkel dunkel. Ruhig lie der Nekromant seinen Besucher zum Ausgang gelangen, aber gerade als die Reckengestalt sich unter das niedrige Pfrtlein bcken wollte, da scharrte der Klumpen, der sich inzwischen wieder auf den Dreifu niedergezwngt, mit dem Fu ber ein auf der Diele herumliegendes Pergament, so da ein trockenes Rascheln entstand. Nimm dies mit dir, Maberschreiter, Tobender im Kfig, grunzte er gleichgltig, ein Bote unserer lieben Mutter Flke brachte es heute. Vielleicht erkennst du daraus, wie das Unsichtbare auf Erden stets hinter uns hersprengt. Hier, -- er bckte sich und reichte das Blatt unter Keuchen seiner Hausfrau -- es ist nur eine Hornisse aus dem groen Schwarm, schnarchte er schlfrig, in sein Fett versinkend. Was fr ein Fetzen? wandte sich der Strtebecker gebieterisch zurck. Und Occa las. Es war ein Sendschreiben der Hansestdte an die ostfriesischen Huptlinge, eine freundliche Mahnung, die aber viel eher einem dsteren Drohen glich, indem dadurch den Edeljunkern, den Enno, den Abdena, Beninga, Cankena, den Ne, Broke und dem Propst Hisko van Emden auf das gemessenste untersagt wurde, irgendeinen Verkehr mit den Vitalianern, den Gleichebeutern, diesen Schwren und Beulen am Leibe der handeltreibenden Vlker zu unterhalten. Und mit heller Stimme, beinahe jubelnd, verkndigte Occa, whrend ihr der Strtebecker belustigt ber die Schulter schaute, den Schlu: Von allen Gottabtrnnigen, von allen lsterlichen Bsewichtern aber, so jemals die Ruhe, den Frieden und die Ordnung in Stadt und Land gestrt, ist gewilich der Strtebecker der verworfenste und wird der Strafe der Verdammnis nicht entgehen. Sicherlich, das wird er nicht, unterbrach Occa vergngt und versuchte den ihr Nahen an einer seiner Locken zu reien. Dann fuhr sie fort: Es ward uns jedoch kund, da dieser friedlose beltter, nachdem er die Ostersee durch Mord rot gefrbt, auch gestohlen und gebrannt, wo er nur konnte, jetzt unter euch das lgnerische Gercht aussprengt, er wolle eine Bruderschaft aufrichten, derengleichen selbst unserem Seligmacher Jesu Christo nicht gelang. Hier stockte die Goldblonde abermals, bi sich auf die Lippen und schttelte unbefriedigt das Haupt, bis sie endlich aufmerksamer weiterlas: Um diesen neuen Frevel gegen Obrigkeit und schuldige Demut nicht reif werden zu lassen, damit aber auch frder der gemeine Kaufmann sein Handelsgut ungefhrdet ber See bringen mge, sei hiermit den Edlen der Friesen zu ihrem eigenen Nutz und Frommen voll Ernst und schwerer Sorge empfohlen, die Raubgesellen ohne Zgern aus dem Land zu jagen, Burgen und Hfen ihnen zu verschlieen, ihren Anfhrer aber zu greifen und nach peinlichem Gericht gendiglich vom Leben zum Tode zu befrdern. Sollte dies indessen nicht geschehen, so wollen die hansischen Stdte doch all ihre Macht aufbieten, um unter dem Beistand des Himmels dem Schwarmwesen in euren Lndern ein Ziel zu setzen. Unterzeichnet war das Schriftstck Tschokke, erster Aldermann von Hamburg; und das schiffgeschmckte Siegel der Stadt hing darunter. Der Strtebecker spiete das Manifest mit dem Schreisen und warf es ins Feuer. * * * * * Gleich einem Frsten ward der Schuimer auf Burg Ne bewirtet. Occa lie ihm ein wohlduftend Bad richten, Knechte und Mgde bedienten ihn, frisches Linnen ward dem Gast gereicht, und immer hrte der in der Badestube lrmend Singende, wie die Hausfrau nicht weit von der geschlossenen Tr herumstrich. Diese Nhe bestrkte ihn noch in seinen wilden Vorstzen. Allein bald merkte er, wie die glatte Tochter der Quade es mit vieldeutigem Lcheln darauf abgesehen hatte, ihn zu necken und dem Gewaltttigen unter allerlei Schmeichelei und trgerischer Zuvorkommenheit die Hnde zu binden. Ja, manchmal blitzte es in dem Geiste des Riesen geradezu auf, als ob alles nur geschehe, um dem abwesenden Ferkel ein Ergtzen zu bereiten. Occa sa zwar beim Mittagsmahl neben ihrem Gaste an der Herrenseite der Tafel, jedoch der lange Saal war mit so zahlreicher Dienerschaft angefllt, Kche, Mundschenken, Spieknechte liefen ab und zu, da jedes vertrauliche Wort untergehen mute, und der Strtebecker, nachdem er im Unmut Becher auf Becher herabgestrzt, pltzlich aufbegehrte: Du Allerschnste glaubst wohl, ich sei einer der beiden futterneidischen Ppste oder Knig Wenzel, der Hundezchter[*], da du so bunt geschmckte Pfauen vor mir auftragen lt? Und weit doch, wie mein Sinn nach ganz anderer Labe steht. [*] Man erzhlte damals, da Knig Wenzel seine erste Gattin eines Nachts durch seine wilden Hunde zerreien lie. Du knntest auch mehr sein, als du bist, entgegnete die Goldblonde zur Seite rckend. Der Schuimer verstand dies nicht. So la mich aufbrechen, fuhr er wtend vom Stuhl. Bleib', flsterte Occa hinter ihrer Hand. Da vermochte der Begierige sich nicht loszureien. Am Abend gab es auf der Burg Ne ein Gelage. Im Vorbeireiten waren Propst Hisko van Emden sowie Occas sprudelkpfigster Verehrer, der junge Allena, auf der Feste eingekehrt, und nun saen die Mnner in dem langen Saal hinter den Weinkannen beieinander, lieen abwechselnd den unsichtbaren Hausherrn, aber noch fter die um den Durst ihrer Gste so sorglich bemhte Burgfrau leben, und unter klappernden Wrfeln, unter Lrm und Schelmenliedern wuten sie allerlei von den Hndeln des gerade jetzt bedrohlich aus den Fugen brechenden Reiches zu berichten. Weit du schon, Teurer, schlang der Propst weinselig seinen Arm um den Nacken des Seefahrers und brachte seine wulstigen Lippen bis dicht an das Ohr des Gefhrten, wir sind drauf und dran, den Prager Judenschlchter[*] in die Moldau zu werfen. Wir jagen ihn fort. Kann auch in einem Weinfa Bue tun. Gib acht, bald wird der Pflzer[**] auf seinen Stuhl hpfen. Da schlgt fr mutige Degen, wie dich, ein glcklich Stndlein. Wie mancher ritt nicht unter einem Federhut aus und kam mit einer Krone heim. Wie wr's, du Siebenschuhhoch? Wir knnten den Handel selbander schlichten! [*] Knig Wenzel, zu dessen Absetzung schon Vorbereitungen getroffen wurden. [**] Ruprecht, der Gegenkaiser. Mimutig schob der Strtebecker den gar zu Vertraulichen zurck, denn in ihm kochte Grimm, weil er den Allena ihrer belustigt lauschenden Wirtin seine verrckten Gestndnisse zuflstern sah. La das Gefasel, Hochwrdigster, zischte er bse und zerdrckte fast den Silberbecher in seiner Faust, mein Reich ist auf einem weichen Frauenleib, und mein Ehrgeiz sucht Futter fr leere Muler. Als der schne Mann abermals die Hungernden erwhnte, da sandte Occa dem Riesen einen offen feindseligen Blick zu, der Propst aber brach in ein unvernnftig Gelchter aus. Sein Leib hpfte ihm. Er erstickte fast. Schker du, prustete er, indem er dem Freibeuter seine Faust fest in die Rippen setzte, da wir hier in Liebe und Traulichkeit beisammensitzen, so offenbare uns doch, welch ein eintrglich Schelmenstck du hinter deinem wsten Gerede verbirgst? Wei doch jedes Kind, da Reichtum und Vllerei gerade so ewiglich beschlossen sind als Drmeknurren und Hungereingeweide. Der Pfaffe ahnte wohl kaum, wie nichts den Strtebecker so verstrte, so von Grund aus umwhlte als Spott ber jenes nackte Elend, das seine Phantasie sich in grausiger jahrelanger Arbeit als ein dsteres Feld ausgemalt hatte, ber das entblte Menschen auf Nacken und Schultern Steinlasten in eine hoffnungslose Ferne schleppen, whrend den Trgern Arme und Beine bereits verfaulen. Unheimlich erblat sprang der Riese auf, der herrische Mund bebte ihm, da er an seine Jugend dachte, und in jher Wut schlug er nach der Weinkanne, so da sie umstrzend ihren Inhalt ergo. Weh euch, schrie er, wobei er jeden einzelnen seiner Genossen in tdlicher Fremdheit ma, denn in diesem Augenblicke wurde ihm klar, da der Wahrspruch der Schwarzflaggen sein eigenes Schicksal tatschlich bis zum Rand fllte. 'Aller Welt Feind' -- htet euch -- es ist nicht wohlgetan, wenn ihr den bsen Geist in mir gegen euch wachruft, ihr, ihr, die ihr nichts als schmausen und tanzen knnt. Das viele vergossene Blut seines Lebens hpfte vor ihm auf dem Tisch in roten, zuckenden Flmmchen. Es wurde ngstlich still um die Tafel. Und gerade will ich tanzen, meldete sich mit einemmal Occas helle, aufreizende Stimme. Furchtlos, nur darauf erpicht, die Spannung aufs uerste zu steigern, ergriff die Goldblonde unvermutet die umgeworfene Kanne, und sie hhnend gegen den Seefahrer schwingend, begann die Geschmeidige zu aller Erstaunen mitten im Saale einen zierlichen Kreis zu schlingen. Die Augen ihrer Zuschauer vergrerten sich, eine Weile wurde durch den seltenen Anblick jedes Wort und jede Bewegung der Mnner gelhmt. Dies war ja auch nicht der schwerfllige Reigen, wie er sonst im Brokmerland gebt wurde. Nein, der hinstarrende Strtebecker wute allein, da so -- den Krug auf der Schulter, den Leib zurckgeworfen -- nur Knstler der Hellenen einst ihre berauschten Nymphen auf schwarzen Vasen zu bilden pflegten. Da brach pltzlich der tosendste Beifall aus. Der Propst hmmerte mit den Fusten auf den Tisch, der Allena schleuderte seinen Becher durch die Luft, der Strtebecker jedoch, von einem Wirbel in den anderen gejagt, durch listige Berechnung aus Eis in Siedehitze gerissen, und vor allen Dingen unfhig, irgendwo eine Grenze fr sich zu dulden, er machte Miene, den Tisch umzustrzen, um gleichgltig gegen all die Zeugen mit zitternden Fusten sich dieser behenden Beute zu bemchtigen. Sachte, sachte, Freundchen, lallte der Propst und hing gewaltsam seine Wucht an den Bewutlosen. _Amantes, amentes._[*] Schier dich, ich rate dir, um dein Hungerreich und la hier Herrn Luitet, den Tanz und den Wein herrschen. Hrst du? [*] Verliebte -- Verrckte. In diesem Augenblick aber hielt auch Frau Occa inne, atemschpfend stellte sie ihren Krug auf die Erde, verneigte sich dankbar gegen den Propst, und whrend sie ein paar Mgde zu sich winkte, sprach sie mit kaum verhehlter Genugtuung: Es ist Mitternacht, ihr Herren. Suchet jetzt still euer Lager auf, damit ihr meinen Eheherrn nicht strt. Denn sein Tagewerk beginnt erst, wann wir anderen ruhen. Und blitzend vor bermut setzte sie noch hinzu: Und trume jeder von dem, was er wnscht. Nun, Gott verdamm' dich, murrte der Emdener hinter der rasch Entschwindenden her und lockerte bereits seinen Grtel vom Leibe. Soll man denn nicht mal im Traum seine Ruhe finden? Komm, Teurer. Damit wollte der Weinvolle seinen Arm unter den des Seefahrers schieben, der Strtebecker aber stie ihn zurck, da der Betroffene in die Arme des Allena taumelte, und offenen Mundes muten die beiden Zurckbleibenden erleben, wie der Riese ohne Abschied gleich einem Sturmwind aus dem Saale fuhr. Bald darauf verkndete Hufschlag, da ein Reiter trotz Nacht und Pfadlosigkeit seinen Weg suchte. Verdutzt strich sich Propst Hisko ber die niedrige Stirn, dann, nachdem er sich ein wenig besonnen, sagte er ghnend: Heit mit Recht Schuimer, der Kerl. Wer wei, wie lange seine Woge steigt? Wollen doch mit den Hansischen nicht gnzlich brechen, Allena. Vorsicht ist ein sicherer Hhnerstall. * * * * * ber der nchtlichen Heide flimmerte der weite Sternenhimmel, der Meerwind schlich summend durch das kurze Gestrpp, und im Mondlicht wanderte der unmig verlngerte Schatten von Tier und Mensch seitwrts neben dem Trabenden her. Eine angespannte Stille mhte sich, dem Einsamen ihr Geheimnis ins Ohr zu wispern. Aber dem Strtebecker war diese Sprache lang vertraut. Befreit lauschte er dem Atem der Weite, und als er den Erdgeruch sprte, als die feuchten Moornebel um ihn quollen, da brannte in ihm eine unerklrliche Sehnsucht auf, und ein wahnwitziges Gelst packte den Strmischen, sich mit dieser Erde zu vermhlen, tief alle Wurzeln in sie zu strecken, damit er auf ihr blhen knne wie ein Baum. Unsichtbar, sichtbar stiegen vor ihm aus schwarzen, blulich glitzernden Torfgrnden zuknftige Huser und Gehfte auf, er hrte Menschengesang aus der Leere, erkannte das Brummen des gesttigten Viehs, und weit hinten in der Schwrze verlor sich das Sthnen zusammenbrechender Leiber, das bisher in der rasenden Musik seines Lebens stets den Unterton geseufzt hatte. Wie leicht verbrauste doch, was er eben noch der Gier und der Lust abjagen wollte, nur das Ausweiten fr die Unzhligen versprach Dauer, nur alle Leben zugleich gelebt zu haben, das, ja, das allein sttigte, das stillte. Dies war die glcklichste Stunde des Gewaltmenschen. Traum und Erfllung hielt er zu gleichen Teilen in seiner Rechten wie in seiner Linken. Mit einem Ruck zgelte er sein Ro, und sich weit zurckwerfend, so da alle Gestirne ihm standhalten muten, hob er die Faust gegen den brennenden Wirbel, und heiser vor Inbrunst schrie er in die ewig sich vertiefende Gasse hinein: Lauert nur, schielt aus tausend zornigen Augen, ihr knnt mir die Saat nicht mehr aus der Brust reien. Sie soll aufgehen, trotz euch, wider euch! * * * * * Gegen Morgen erst zog er sein Tier hinter sich her auf die Warfe der Brokeburg. Auf einer Steinbank im Hofe hockte die Flke in ihrem grauen Fltelkleid, und ihre Spinnenfinger verfolgten eifrig die breiten Zeilen des Hamburger Manifestes. Kaum wurde sie jedoch des abgetriebenen Reiters ansichtig, da strich ein giftigser Schein ber das blutlose Antlitz der Quade, und sie stopfte das Pergament in ihre Tasche, als ob sie einen kstlichen Schatz vergraben mte. Nun, fragte sie mit ihrer harten Stimme, bringst du mir Gre von Occa, Mann? Der Strtebecker aber antwortete nicht. Sein Blick hatte von der Anhhe den Hafen getroffen, und siehe da -- dort unten in der schmalen Fahrtrinne lag Schiff an Schiff, eine Gasse von Masten hatte sich gebildet, und berall flatterten die schwarzen Wimpel in den frhen Morgen. Wohl, sagte die Flke ohne sich zu rhren, die Deinen sind gekommen. Und hier auf der Burg harrt dein Diener, -- dein Bube, setzte sie sprend hinzu. Noch immer stand der Riese sprachlos neben ihr. Nur seine Brust dehnte sich weiter, hher -- bis zum Zerspringen. Dort unten -- sein Schwert, sein Pflug, sein Werkzeug. Hier oben, die Schale, in die sein Gedanke gegossen war, und weit umher unter dem Frhrot die zukunftsdampfende Erde. Mchtig breitete er die Arme, und trunken vor Glck, im Ton des Brutigams, der endlich die Entschleierte umfngt, jauchzte er: Mein -- mein. III. Weit war schon der Herbst in den Oktober vorgerckt. Aber das Meer trug mit der Flut einen sdlichen Wind gegen die Marschen, der duftete den neuen Ansiedlern seltsam nach fremden Blumen und wrzigen Krutern, und tief unter dem hellen Himmel strich Milde und Wrme dahin. Hungrig ffneten sich die Schollen zur Aufnahme. Eine Viertelmeile etwa von der Brokeburg entfernt pochte emsiger Hammerschlag. Dort hatte sich der Ire Patrick O'Shallo auf einer Wiesenschwellung und hinter ein paar einsamen Pappeln ein flchtig Bretterhaus errichtet. Nur leicht und obenhin mit Moos und Schindeln gedeckt. Denn der streifende Geselle kannte noch nicht die Gewalt des Schneesturms, wenn er ber die schutzlose Ebene fegt. Nun hmmerte der sangesfreudige Bursche rasch und ungeduldig an einem Holzzaun, damit er sein knftig Grtlein schtzen mge. Waren doch Hhner und Ziegen seines Nachbarn, des Hebrers Isaak, bereits hufig in die abgesteckten Beete eingebrochen, und das wollte der leicht erhitzte Ire nicht leiden. Auch sehnte sich der Blonde Tag und Nacht nach Weib und Ehschaft, kurz nach Wesen, die seines Winks gewrtig ihm billig einen Teil der Arbeit abnehmen sollten. Dazu gehrte aber auch, da sein Anwesen, das ihm auf unbegreifliche Weise von der Gte dieses mchtigen Anfhrers zugeteilt war, nicht dem Futritt jedes Strers offen stehe. Und daher gedachte sich Patrick O'Shallo keineswegs mit dem Gartenzaun allein zu begngen, sondern allmhlich sollte die ganze Liegenschaft durch Busch und Hackelwerk abgegrenzt werden. Was er mit seinem sauren Schwei bestellte, dahin brauchte ihm nicht stets der arbeitstolle Jude hineinzutappen, der unheimliche schweigsame Christusmrder, der besessen und wie verfolgt bis in die Nacht hinein pflgte, streute und whlte, wenn er nicht gleich einem Wurm durch die Erde kroch. Merkwrdig, der lustige Bursche wute auch nicht, wie es kam, jedoch er konnte dies unablssige Mhen seines Nachbarn nicht ohne Murren und Zorn mit ansehen. Und seine Vorliebe zu Lust, Spiel oder Feiertag fhlte sich durch das rastlose Wirken des nur auf Zunahme und Erfolg Bedachten zuerst beschmt und dann beleidigt. So hielt er auch jetzt verrgert mit dem Einrammen der Pfhle inne, wischte sich die rotblonden Haare und sttzte sein Kinn ausruhend auf eines der Hlzer. Wahrhaftig, abermals packte ihn der Unmut. Denn nicht weit von seinem Platz sah er den alten Isaak eifrig an einer Rinne graben, die das von ihm bereits umgeworfene Feld entwssern sollte. Da begann Patrick O'Shallo leise Verwnschungen zu murmeln. Natrlich, nun wrde der niedertrchtige Schleicher wieder einen Vorsprung erhalten, denn der Ire hatte an solche Hilfsmittel noch keineswegs gedacht, da er zuerst fr einen reichen Tisch und ein recht wohliges Lager sorgen zu mssen glaubte. Zum Henker, er wollte doch ein junges Weib darauf betten? Und nun? Ha, ha, um den alten eisengrauen Maulwurf dort drben schnupperten noch obendrein ein paar kleine Ferkel herum? Wie kam der Kerl schon wieder zu dem neuen Erwerb? Da sollte doch das bseste Wetter dreinschlagen! Was ntzten schlielich das gleich abgesteckte Land oder die gleich abgezhlten Gulden, wenn der verfluchte Mauschel dort drben keinen Schlaf kannte? Keine Weiber, keinen Trunk, kein Spiel und keinen Feiertag? Womglich wrde er, der krftige, weibverbrannte Geselle, von den Mgden noch verachtet werden, weil er sein Gut nicht ebenso grndlich zu bestellen vermochte wie das graue Schindluder von jenseits!? Dem Iren hing eine rote Wolke vor den Augen. He -- du -- hilf mir, schrie er zu dem Spatenschwinger hinber, denn sein Zorn gab ihm ein, da den Ansiedlern von dem Admiral gegenseitige Hilfeleistung in allen Fllen und bei jeder Gelegenheit befohlen war. Nur nahm es sich Patrick nicht weiter bel, da er zwar jene Untersttzung unausgesetzt von dem Alten beanspruchte, hingegen es regelmig versumte, dem Nachbar etwas hnliches zu erweisen. Wozu auch? Der Sprenkelbart entstammte dem verstoenen Volk, und die Mahnung des Strtebeckers von der Bruderschaft aller Sterblichen, sie konnte unmglich auf den Fremden gemnzt sein. He -- du -- hilf mir, schrie er noch lauter als zuvor. Auf den Anruf hob sich ber der Rinne ein eisengraues Haupt, folgsam wandelte die breite, untersetzte Gestalt des Hebrers heran. Er sttzte sich auf den Spaten, als er den Zaun erreicht hatte. Wo fehlt's? fragte er bereitwillig. Brauchst du Ngel, Freund? Der andere schttelte heftig den Kopf. Seit sie von dem Schiff herunter waren, strte ihn die Vertraulichkeit der Anrede. Sollst mir die Querbalken halten, forderte er ungebrdig, das Gebastel geht mir zu langsam. Verstehend nickte der Alte, und whrend er bereits die lange Leiste ergriff, damit sein Gefhrte die spitzen Stbe an ihr festschlagen knnte, da huschte ein dunkles Lcheln unter seinem angeschneiten Bart hervor. Kannst es auch nicht mehr erwarten, hier Weib und Kind zu sehen? murmelte er gepret. Aber dem Burschen entfiel fast der Hammer. Die Vorstellung, auch der gebckte Fnfziger knnte denselben Trumen nachhngen als er selbst, versetzte ihn in eine namenlose Wut. Willst etwa auch du, Isaak ----? erkundigte er sich stammelnd. Sein Helfer jedoch merkte nichts. Mit aller Wucht umklammerte er sein Brett, und tiefgebckt raunte der Jude sein Gestndnis in die Erde hinein. Doch, doch -- einmal wurden sie mir schon genommen -- der schwarze Tod und Gewalt. Aber man will doch wissen, fr wen man baut. Namentlich wir, flsterte er glhenden Auges, namentlich wir. Da schleuderte Patrick seinen Hammer gegen das Brett und stie auch noch mit dem Fue dagegen. Der Jude erwachte, er wankte. Nun, Gott verdamme dich, entfesselte sich der Ire dunkelrot und spie aus. Warum mut du Beschnittener es hier treiben wie die Kaninchen? Sind nicht genug von euch Krummnasen auf der Welt? Aber du verbst wohl nur die Schachermachei, weil du deinen Nebenmenschen keinen leichten Gewinn gnnst? Und hohnlachend brach er aus: Mir scheint, du hast nicht vergessen, wie der Strtebecker solche durch Tod erledigten Gleichestcke zu neuer Austeilung bestimmt hat? Eben -- eben, ereiferte sich Isaak, der die wahren Beweggrnde des anderen durchaus nicht entrtselte, liebe die Erde, die dir gehrt. Ein eigen Stck Land -- Patrick -- o, ein eigen Stck Land, das mu man vererben auf Kind und Kindeskind. Hier, hier, aus diesen Schollen allein seh' ich es wachsen, mein Recht, meine Gleichheit, meine Bruderschaft. Und deshalb -- er richtete seine schwarzen Augen anbetend gegen die ferne Brokeburg, hnlich wie seine Vorfahren wohl einst ihre Blicke gen Zion erhoben hatten -- deshalb ist der dort oben aus dem Blut des Messias. Ein Quark ist er, tobte jetzt der Ire, dessen Vernunft vllig in Gift und Galle ertrank, weil er sich zu endlosen Mhen verurteilt fand, die er nicht bewltigen mochte. Wozu hlt der Schelm noch eine Menge der Beute in den Schiffen aufgestapelt, anstatt sie so gleich bis zum letzten Heller unter uns zu verteilen? He, ich will Herr sein gleich anderen Herren! He, verstehst du mich? Bruder, stotterte der alte Jude betroffen und hob bekmmert die Hnde, bist du denn nicht Herr auf deinem Boden? Allein der Streitschtige hatte nur noch den einen Wunsch, diesen unbequemen Mahner sowie namentlich den von jenem angebeteten Menschengott niederzuringen und zu besudeln. Vielleicht weil er das Streben und die Andacht der beiden noch nicht begriff. Selbstgefllig steckte er die Hnde in die Taschen, und whrend er seinem Genossen jh den Rcken wandte, schimpfte er unfltig: Meinetwegen fri den geliebten Kot, du demtiger Knecht. Ha, ich sollte nur erst wieder auf den Schiffen stehen, dann wollte ich euch zeigen, wie rasch ich zu Dirnen und Wrfelgeld kommen wollt'. Der Gehrnte soll euch Hirneitrige holen. Damit strzte er wtig in sein Bretterhaus, und bald verriet ein unsinniges Sgen und Klopfen, wie der Wahnwitzige es abermals versuchte, in rasendem, zwecklos verdampftem Bemhen den Hausrat fr das ersehnte Weib zusammenzuschlagen. Der alte Isaak jedoch umspannte seinen Spaten gewaltsamer, und ihn beschwrend gegen die Burg ausreckend, stammelte er fanatisch: Bleib fest, du Sohn Davids, bleib fest. * * * * * In einem der gewlbten Spitzbogenzimmer der Brokefeste durchma derweil der Strtebecker mit seinen weiten, beschwingten Tritten den teppichbehngten Raum, und jedesmal, wenn er den derben Eichentisch erreichte, dann fegte er mit der Faust ber allerlei Feldabmessungen, die auf der Platte mit Kohle verzeichnet standen. Bis er endlich aufatmend zu seinem Gast, dem Propst Hisko van Emden, hinberrief: Die Erde ist verteilt, genug mein heiliger Freund, la uns jetzt den Schmutz des Feldes abwaschen! Mir wenigstens stehen Torf und Moor bereits bis an den Hals. Dafr soll uns aber auch gleich ein Wunder von einem Frankenwein erquicken. Munter, wir wollen dem Bacchus eine Messe zelebrieren. Aufgerumt eilte er bis zur Tr, um einen Befehl herauszurufen. _Laudabiliter_,[*] schmunzelte der Dicke, der enggezwngt in seinem Armstuhl hing und sich nun erwartungsvoll ber die wulstigen Lippen strich. Du hast recht, schner Jngling. _Sine Cere et libero friget Venus[**]._ Allein, pltzlich besann er sich, denn der zweite Gast am Tisch des Admirals, ein ksig gelber, langaufgeschossener Mensch, dem als einziges Zeichen des Lebens nur eine glhende Trinkernase aus dem Gesicht funkelte, er hatte sich eben verstohlen geruspert, so da Probst Hisko aufmerksam wurde. Schwerfllig und ermdet streckte der Dicke beide Beine von sich. Verzeih noch ein Weilchen, Herrlicher, forderte er den rckkehrenden Strtebecker auf, aber da du vor allem ein Vater der Deinen bist, so mut du vor eigener Letzung, so beschwerlich es ist, mit anhren, was dir mein Converse,[***] der Jonkher van Sissinga, ber die Roggensaat anzuvertrauen hat. [*] Lobenswert. [**] Ohne Speise und Trank friert die Liebe. [***] Conversen waren in Friesland Hofmeier und landwirschaftliche Berater der kolonisierenden Klster, ein halbmnchischer Laienstand. Schon wieder? Unmutig verzog der Freibeuter die Brauen. Seine heitere, nach Lebenslust und Freude langende Natur vertrug nur ungern den ewigen Ansturm dieser kleinen zermrbenden Sorgen. Ja, wenn es galt, das groe, strahlende Gesetz in die Luft zu zeichnen, oder sobald es ntig wurde, hinauszureiten, um der fronenden Menge ein hinreiend Beispiel zu geben, dann schlug aus dem Lodernden die Flamme himmelwrts. Das sorgsame Vormerken hingegen, das Gegeneinanderabwiegen und Berechnen alltglich sich wiederholender Wirtschaftsforderungen, das dnkte den Weitausschweifenden kleinlich, und er fluchte oft, warum er sich dazu nicht eine Herde Krmer oder Handelsdiener eingefangen htte. Heraus damit, fuhr er daher den ksigen Jonkher nicht gerade liebreich an. Soll ich aus der Kammer des Herrn Propst etwa noch mehr Roggensaat kaufen? Mich dnkt, ich knnte mit dem vorhandenen bereits das ganze heilige rmische Reich in einen Mehlbrei wandeln. Langt nicht, sagte der Sissinga, ohne sich zu rhren, allein er holte den Satz aus solch dunklen Kellertiefen, da kein Fremder diese drhnende Totenglocke in dem wackligen Gebude vermutet htte. Der Strtebecker schttelte heftig das Haupt, halb ber den unerwarteten Ton, halb im aufspringenden Zorn ber die stets erneute Qulerei der beiden. Langt nicht, fiel in diesem Augenblick auch der Emdener Wanst ein, der die Zeit fr gekommen erachtete, die Veranstaltungen seines Conversen zu untersttzen. Der Riese jedoch, der sich eingeengt sah, ri an seiner rotseidenen Schecke, da alle Nhte krachten und schlug ein bses Gelchter auf. Dann stellte er sich unter das Bogenfenster, von wo er die abgetakelten Schiffe im Hafen berschauen konnte, bis er endlich verchtlich ber die Schulter schleuderte: Macht's kurz! Der rmische Wolf frit am liebsten aus anderer Taschen. Aber bei den dreiig Silberlingen des Judas, ihr Herren, ich schlage ihm auf die Schnauze, sobald er mir gar zu gefrig schnuppert. Die beiden anderen am Tisch verstndigten sich hinter seinem Rcken durch einen raschen Blick. Gleich darauf begann die Totenglocke abermals zu jammern: Du tust uns unrecht, Herrlicher, da du dich vielmehr selbst anklagen solltest. Mu ich dir sagen, die Deinen verstehen nichts von Landwirtschaft? _Recte_, besttigte Hisko, da in ihm die Hitze sowie die berlegenheit des kundigen Ackermannes erwachte, die Buschklepper -- verzeihe -- ich meine die Ansiedler, wissen nicht mit der Wurfschaufel umzugehen. Dadurch streuen sie die Krner nur obenhin in die Furchen, so da es ein Jammer ist. Und der rauhe Wind und die Feldmuse vollenden das brige, ergnzte der Sissinga. Verbissen wandte sich der Strtebecker wieder an den Tisch. Allein kaum hatte er ihn erreicht, so stie er mit dem Fu gegen die Querleisten, da das Holz zitterte und sthnte. Kommt zum Geschft, ihr Edlen, meinte er uerlich gelassen, im Innern aber bereits wtend, weil die beiden Berufsmenschen es wagen durften, ihn ungestraft schrauben und bervorteilen zu wollen. Wo bleibt der Handel? Wie verhlt es sich mit dem Gewinnst? Was wollt ihr in euren Beutel streichen? Vorwurfsvoll schluckte der Jonkher noch ein paarmal, bevor er endlich in seinem ehrbarsten Ba auseinandersetzte, er wte an der hollndischen Kste einen Platz, wo der Strtebecker drei Schiffslasten Roggensaat, und zwar viel wohlfeiler als im Brokmerland einhandeln knnte. Und ich rate aus ehrlichem Gemt ------ Einverstanden, winkte der Admiral ungeduldig mit beiden Hnden, der sich inzwischen auf einen Stuhl geworfen hatte und voll Erleichterung den Ausweg aus diesem zerklfteten Gebiet sich ffnen sah. Wozu das lange Geplrre? Knntest schon lngst beim Wichmann im Hafen sein. Soll sogleich mit drei Schiffen absegeln. Und das Geld-- er schleuderte das Unwillkommenste wie einen Stein von sich -- la dir von Licinius zahlen. Deine Weisheit trifft immer das Rechte, verabschiedete sich der Converse unter einer tiefen Neigung und ging. Der Wirt blieb mit seinem geistlichen Freunde allein. Bald ging das dumpfe Scharren der Weinhumpen ber den Tisch, ja, der Freibeuter, in einem Anfall unbegrndeter und deshalb um so grellerer Heiterkeit, schlug whrend des Zechens einen hellen Singsang an. Doch merkwrdig, es war das alte, tumultuarische und sinnenfreudige Schuimerlied, das die freiesten und sonnigsten Tage des Seehelden begleitet hatte. Vom Mast die schwarzen Flaggen wehn -- Der Strtebecker ist Kapitn. Warm und voll fllte die Stimme des Admirals den gewlbten Raum, das Lied schien ihn auf das Meer zurckzufhren, scharf zeichnete sich in dem schmalen Antlitz die Wollust des Befehlens ab, allein allmhlich verebbten die Strophen immer klangloser, und whrend sie vllig erstarben, lie der Freibeuter die Faust mit dem Becher bis auf die Erde sinken. Ein unsicheres Lcheln irrte um den gebieterischen Mund. Wundersam, sann er gedankenvoll, und in den schwarzen Augen spielte noch die Freude an alten Abenteuern, Ruhm und Waffenklirren. Ich singe, und am Kiel der 'Agile' nisten allmhlich Muscheln und anderes Schalgetier. Er rttelte an dem Tisch, als wollte er sich erwecken. Ein Leben lang bin ich auf diese Kste zugesegelt, sprach er hart und fest, und jetzt bin ich hier. Eine Weile stockte die Unterhaltung der beiden und ging vllig in Stille unter. Friedlich kringelten die Sonnenstrahlen ber die Zeichnungen auf dem Tische. Der geistliche Landwirt aber wute, was dies alles bedeutete. Zu oft hatte er schon Gutsherren beobachtet, die heil und frhlich von Jagd und Kriegszgen gekommen waren, aber Pflug und Sense hatten ihnen die Adern zerschnitten. Bedachtsam strich er sich ber das lederne Jgerwams, drckte die verschwollenen uglein zu, da er seine Kenntnis nicht vorzeitig zu verraten strebte, und indem er sich noch behaglicher ausstreckte, tastete er vorsichtig weiter: Hre, mein Shnlein, auf dem Wege hierher traf ich die schne Occa. Mag sie nicht mitsamt ihrer rosigen Haut. Ist ein ungestillt Eichktzlein, das gern ein gro Tier in seinem Gezweig ergattern mchte. Gib acht. Auf diese Warnung jedoch warf der Admiral hoffrtig den Kopf zur Seite und schlug mit der Hand durch die Luft wie jemand, der ein gespenstisch aus dem Boden wachsendes Schattenbild zerstren mchte. Was ist mit ihr? drngte er abgeneigt und mit solch widerwilliger Gegenwehr, da der schlaue Hisko sogleich merkte, wie oft die Goldblonde schon als ein Alp an den Tagen des Riesen gezehrt haben msse. O, sie lt dich nur in aller Ehrbarkeit befragen, murmelte der Dicke in seinen Krug hinein, wie lange es noch whren mchte, bis du endlich Fortuna fr dich und die Deinen am Schopf gepackt hieltest? Selbst in der Wiedergabe des Dicken klang die Bestellung boshaft genug. Und trotz aller Vorsicht konnte es der Propst nicht vermeiden, da aus seinen verschwollenen uglein gleichfalls ein Strahl mitleidigen Spottes schielte. Allein der Strtebecker war nicht zu tuschen. Lngst hatte sein heller Verstand durchschaut, wie der Unglaube seiner Umgebung ihm am liebsten tglich, stndlich vergiftete Stacheln ins warme Herz gedrckt htte. Dafr freilich spie der Riese nichts so voller Ekel aus wie den lauen Tag- und Nachttrunk dieser Ewignchternen. Krachend warf sich der Seefahrer in seinem Sessel zurck, und nun schwang er seinen Humpen so bertrieben gegen den Gefhrten, da man htte meinen mgen, er wolle das Gert an der nchsten Wand zerschmettern. Komm, la dich noch einmal auffllen, du mein gesegneter Bauch, so berbot er sogar die an ihm gewohnte Wildheit und lachte und drhnte dazu, da dem erschreckten Hrer die Ohren gellten. Eile, du verdienst dir ein Botengeld, Wrdigster, wenn du noch heute der schnen Occa samt ihren Freunden bestellst, in welch vortrefflichem Zustand du mich bei Trunk und Gesang getroffen. An den Wnden der Brokeburg niste bereits der Weinschwamm. Hrst du? Es wird sie freuen, die Liebreichen, ich kenne sie. Und sage ihnen auch, welch merkwrdige Art von Augen mir im Kopfe steckten. Ha -- ha, die vermchten Wachstum und Blte zu schauen, selbst wenn der Schaft noch tief in der Erde schlummere. Begreifst du, Bruderherz, ist solch ein Schalksnarrenstck, wie es die Gaukler auf den Mrkten preisen!? Und zum Schlu, ganz ledern und nebenbei gesprochen -- jed' gut Ding will Weile haben. Und dein Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut. Du verstehst, Freund, der gewhnliche Hafer, wie ihn die Mhren an den Krippen kauen. Mit einem dumpfen Schlag, als habe der Freibeuter schon zu lange an sich gehalten, sauste der Humpen jetzt wirklich gegen die Wand, Scherben polterten an der Mauer nieder und ein wster Regen edlen Weines klatschte auf die beiden herab. Da entsetzte sich der Propst und duckte sich tief. War nicht bs gemeint, wollte er sich schtteln. Allein auch diese kmmerliche Entschuldigung gedieh nicht zu Ende, denn die Tr ward aufgerissen und auf der Schwelle zeigte sich der Knabe des Admirals. Bleicher noch als sonst stach das vergeistigte, jetzt ganz von einer zehrenden Leidenschaft erfllte Antlitz von der schwarzen Dnentracht ab. Licinius, fuhr der Strtebecker empor, denn die Gegenwart dieses Wesens rief ihn stets und wie durch Zwang zu seinen reineren Eingebungen zurck, was bringst du? Auf den Anruf stillte der Jngling das rasche Wallen seiner Brust, nur ganz wenig sttzte er sich an dem Pfosten des Eingangs, bevor er zwischen Emprung und Hilferuf hervorstie: Herr, es ist bles geschehen. Als ich, wie du befahlst, die Lebensmittel zu den Ansiedlern fuhr, da fand ich, da zwei unserer Seeleute, der schmchtige Arnold Frowein und der Stotterer Lubbert Onderdonk, ihr Gleichestck dem Bootsmann Wulf Wulflam verschrieben hatten. Sie sagen, sie wollten lieber eines kundigen Mannes Knecht sein, als noch lnger hungrig und ziellos auf Eigenem sitzen. Herr, Herr, wie ist das zu verstehen? Ei der Tausend, wiegte der alte Propst in behaglicher Anteilnahme das Haupt. _Non omnia possumus omnes._[*] [*] Nicht jeder kann alles. Langsam schritt die aufgerichtete Gestalt des Freibeuters an die Seite des Pfaffen. Geraume Zeit sprach er kein Wort. Auch tuschten sich die beiden Zeugen, wenn sie erwarteten, eine Sturmflut von Zorn und Wildheit wrde nun die letzten Reste der Selbstbeherrschung von dem Zgellosen fortreien. Nein, es war nur jenes bittere, eisigkalte Erbarmen mit menschlicher Verkehrtheit, das sein Antlitz in fahle Blsse tauchte, obwohl er solche Verirrten seit seiner Jugend berall gefunden und mit ihnen gerechnet hatte. Jetzt aber bumten sie sich vor seinem letzten Ziel, vor dem Zweck seiner Sendung. Lastend lie er seine Hand auf die Schulter des Dicken sinken, so da der Propst noch tiefer in den Sessel einbrach, bevor er kurz, abgehackt und voll vernichtender Anklage sprach: Ihr habt redlich gewaltet auf Erden. Meinst du, es ginge noch viel tiefer bergab mit den Ebenbildern Gottes? Jahrhundertelang habt ihr ihnen die Knechtschaft eingelffelt, bis sich jetzt ihr Magen an der Freiheit erbricht. Darum Schande ber euch, weil nun sogar der Arzt jene Gequlten zu ihrer Heilung schlagen und zchtigen mu. Weh euch aber, wehe, sobald der Tag erscheint, an dem ihr selbst den Trank schlingen mt, den ihr gebraut. Ihr werdet daran sterben. Finster winkte er dem Knaben, und Hisko, der sich benommen auf die Fensterbank sttzte, sah mit an, wie Herr und Diener kopfber die Warfe hinabjagten. * * * * * Die Zeit verstrich, Schneeflocken wirbelten ber das flache Land, pralle, gemstete Leiber, die wie weie Vgel ber Felder und Dcher herfielen. Ich wollte, man knnte euch schlachten, sprach der Steuermann Ldeke Roloff, der frierend und beschftigungslos unter den Pfosten seiner bauflligen Schindelhtte lehnte, und er drehte seine verkehrten Augensterne grimmig gegen das Gewimmel. Seit man ihn in seiner mecklenburgischen Heimat zum Ergtzen der Edelfrau zu abscheulichem Tanz gezwungen, mochte der Mann keinerlei Reigen mehr dulden. Kreiselt nicht, dampfte er in die Klte hinaus. Fliegt lieber in meinen Topf und werdet Hhner. Seit zwei Tagen ist der Bube des Admirals -- seine Buhldirne -- wieder nicht mit dem Futter fr Vieh und Mensch dagewesen. Und die friesischen Schwarzrhren in der Nachbarschaft wollen nichts mehr verkaufen. Frchtet zu verhungern, das hartherzige Pack. Er griff sich an die Kehle, denn der Schauder wollte ihm die Zunge lhmen. Wozu hat uns der Strtebecker hierher geschleppt? bohrte er in sich hinein. Was ntzt mir der Haufe Sand, wenn er mich ausmergelt und doch nichts hergeben wird? Tod und Teufel, der Rotseidene auf der Brokeburg ist auch weiter nichts als solch ein Zwingherr. Frit und suft und lt uns tanzen. berall stecken sie. Aber bei allen Nothelfern, man wird's wenden mssen, wenden -- wenden! * * * * * Lngst waren die Schiffe im Hafen vereist, das Brokmerland erstarrte allmhlich unter der schneidenden Klte, und die drftigen Huschen der Ansiedler verkrochen sich im Schnee, wie Bettelbuben unter einem Schaffell. Tagelang kruselte sich aus den versunkenen Essen kein Rauch, denn es wurde schwer und schwerer, den Kolonisten Kost und Unterhalt zuzufhren. Aus der Stille, aus der oft schmerzhaften Todesruhe der Ebene, die zu dem heimlich rauschenden Fieber in seinen Adern einen unertrglichen Gegensatz bildete, rettete sich der Strtebecker an solchen Tagen hufig zu seinen Schiffen im Hafen. Zu der groen hlzernen Herde, zu den geflgelten Rossen, die sich sonst auf seinen Wink munter um ihn getummelt hatten. Nun lagen sie festgefroren, gefangen, beinahe wie er selbst. Dann suchte der Rastlose, jetzt stets von einer bohrenden Sorge Umhergetriebene, in seinen friesischen Schafpelz vermummt, das Admiralschiff auf, wo seit langem der kleine Wichmann ber die sprlichen Wachmannschaften das Kommando fhrte. Seltsam, dieser zurckgelassene Rest seiner alten Schuimer war der einzig zuverlssige Stamm der einst gefrchteten Freibeutermacht geblieben, und er wurde von dem Zwerg ohne groe Worte und wie von selbst in scharfer Manneszucht gehalten. ber den Strtebecker kam whrend solcher Wahrnehmung hufig ein bitteres Wundern. Was geschah hier? Das gewohnte Handwerk, das nachdenkenlose Unterwerfen unter ein eisernes Gesetz, das keine Gnade kannte und den Willen der einzelnen ausschaltete, es schmiedete diese Menschen zu einem brauchbaren Werkzeug, es erfllte sie sogar mit einem ausgeprgten Stolz auf ihren Beruf, whrend die anderen, die Befreiten, die Glcklichen ------? Unmutig, verngstigt schttelte sich der Riese. Er stubte sich natrlich nur die Schneeflocken ab, und doch blickte er sich, whrend er ber die breite Schiffstreppe stieg, mitrauisch um, ob auch kein Spher beobachtete, was er sonst noch etwa von sich abzuschleudern strebte. Durch die hohen Fensterluken der Agile trumte ein weier Widerschein der umlagernden Schneemassen. Dadurch empfingen auch die Wirkereien an den Wnden ein geisterhaft schwebendes Leben. Mitten in dem Prunk dieses frstlichen Raumes lag der kleine Wichmann auf einem Ruhepolster und lie bei dem bekannten federnden Tritt seines Zglings ein paar mchtig geschnitzte Holzdeckel sinken. Es war eine Abschrift des Seneka, auch ein Beutestck aus der Reisebibliothek des Bischofs von Strngns. Eine Weile musterte der Zwerg den hochgewachsenen Besuch, sich langsam aufrichtend, mit seinen zwiefarbigen Augen, denn der andere schaute sich in dem wohlbekannten Saale so heimgekehrt, so besitztrunken um, als ob diese farbenfrohe Schpfung ihm eben erst aus Wunsch und Willen entsprungen wre. Nun, alle neun Musen kssen dich, Magister, so grte der Riese, durch den Anblick erwrmt, seinen ehemaligen Lehrer und schleuderte whrend des Auf- und Niederschreitens den unbequemen Schafpelz auf den Laternentisch. He, sag an, du auserwhlter Genieer, wie nistet sich's in meinem Nest, unter meinen Bchern und bei meinem Wein? Der Kleine dehnte sich behaglich und verschrnkte die Hnde ber dem leicht ergrauten Haar. Ich bin es gewohnt, auf anderer Kosten zu leben, versetzte er, indem er seelenruhig die Tfelung der Decke studierte, nur fehlt mir hier, was auch die Nchte zum Kampf und die Tage vergnglich und eilfertig macht. Es war die alte leichtbltige Weise, die sonst aus dem Lebenssturm des Strtebeckers gewi Bndel von Blitz und Funken geweckt htte. Heute aber zuckte er hoffrtig die Achseln. Und da er gerade vor der Pfanne mit brennendem Torf hielt, durch die der Raum erwrmt wurde, so streckte er die Hnde ber die Glut und murmelte in sich hinein: Speist du noch immer in den Brand und meinst, du wirst ihn lschen? Tor, segne du wenigstens meine Flamme, solange sie noch brennt. Noch nie hatte der Kleine von dem fortreitenden Menschen, ber dem stets Erfllung und Vollendung schwebten, einen Zweifel oder gar eine Klage vernommen. Deshalb wurde der Zwerg durch das unvermutet offenbarte Schwanken des selbstsicheren Fhrers so von Grund aus berrascht, da er katzenhaft aufschnellte, um nun den Abgewandten in hoher Neugier zu durchdringen. Aber es war nicht die besorgte Teilnahme eines Freundes als weit eher die Spannung eines Alchimisten, der gefesselt und angelockt die Entwicklung seiner eigenen Knste abwartet. Ehernes Gef des Weltwillens, sammelte er sich endlich, und seine hohe Knabenstimme tnte so sanft wie je zuvor, verleugne nicht die wonnigste der Lehren deines Meisters. Was raunst du von Tropfen, wo doch nur ein schwellend Bad die Geister des _Homo supra hominem_ --[*] erquicken kann? Mich dnkt, ich htte luten hren, die schne Occa wolle dir dies edelste aller Elixiere reichen!? [*] Des bermenschen. Ein Ausdruck des Seneca. Jetzt rckte der Strtebecker die Glutpfanne geruschvoll hin und her. Verdstert, mit weit aufgerissenen Augen starrte er dabei in den Brand. Bleib mir mit den Kindereien vom Leibe, Heino, forderte er heftig, die Zeit kennt Hheres. Und doch -- will's nicht verschwren, schaff mir den kecken Spatz ins Nest, und er soll eine weiche Daunenstatt finden. Geringschtzig bewegte er die Hand, man sah ihm an, da er nicht zum Scherzen aufgelegt war. Der Magister verzog den weichen Mund: So zahm ist mein Bblein worden? sank er verwundert und ein bichen hhnisch zurck. Wo mangelt's noch? Wollen sich die neuen Erdkle von den Prometheushnden nicht formen lassen? Kaum war dem Zwerg der leichte Spott entglitten, da wandte sich der ber das Feuer geduckte Admiral jhlings herum. In dem gerteten Antlitz sprang eine Glut hin und wider, durch die dunklen Augenhhlen fegte eine Brunst, da der Kleine, der solch tiefen, zermarternden Ernst nie bei seinem Gefhrten vermutet, den Atem anhielt. Schwerfllig erhob sich der Strtebecker, und nachdem er nahe genug an das Ruhepolster geschritten, zog er den Magister mit einem Faustgriff in die Hhe. Auf den Knien lag nun der Wicht vor dem Riesen, und dieser umhllte den strohblonden Schopf des Kleinen erst sanft mit beiden Hnden, bevor er ihm, wie ein Knabe seinem Spielzeug, in zitternder Bewegung das unterste Geheimnis anvertraute: Heino, wollte er flstern, allein es klang scharf, gleich dem Ritzen eines Messers, das in hartem Gewebe auf Widerstand stt, der Lehm, aus dem die Brut werden sollte, ist schon vorher von rohen Fusten verstmpert worden. Hlt schwer, diese Masse zu kneten, wie wir es stets im Sinne trugen. Und dann -- du folgst mir doch Freund? Du lchelst doch nicht? Ich wrde dich erwrgen, wenn du jetzt grinsen knntest -- dann -- wo nehme ich das Messer her, das Beil, die Sge, damit ich dem einen jenes Haupt aufsetze, um das der andere hher ragt? Und die Fe und Hnde, die ich abschneiden mu? Und die vielen Sehnen und Glieder? Hre, Heino, und die schwarzen Sterne des Sprechenden erweiterten sich immer mehr zu groen glanzlosen Sonnen, die ihre eigene Farbe verzehrt hatten, ich meinte, die Freude wrde es wirken. Die Freude am gleichen Besitz, der Jubel ber die Freiheit, sie knnten den alten Geist aus dem Raubtiergezcht austreiben. Den Rost aus ihren Seelen. Neue Menschen wrden neuen Tag gren. Er schttelte das lockige Haupt und kam dabei dem Knienden so nahe, da ihr Atem sich vermischte. Dem ist nicht so, sprach er unterdrckt. Bald wird es sein. Bald. Aber jetzt noch nicht. Wir mssen warten. Diesen Winter noch! Diesen einen nur. Aber warten heit die Strae des Todes. Mein Atem vereist mir auf diesem Weg. Ich mag nicht warten. Ich kann nicht lauern. Deshalb, Bereicherer meiner Jugend, und die hohe Gestalt warf sich neben dem Winzigen nieder und umklammerte seinen Hals, deshalb brauche ich Teilnahme, Untersttzung, ich mu an mich ziehen, was ich besitze ------ Und strmischer als je folgte nun die Auseinandersetzung, die schon oftmals zwischen den beiden Freibeutern ohne Ergebnis zerronnen war. Heute aber warf sich der Admiral mit solch drngender berredung auf seinen alten Gefhrten, da er dem Klugen, ohne es zu wollen, arglos die ganze Bitternis seines Suchens enthllte. Da vernahm es der Magister abermals. Von Anfang an und besonders seit der Landung in Marienhaven hatte der Strtebecker das verwickelte Werk der Ansiedlung allein und selbstherrlich auf seine mchtigen Schultern geladen. Er kaufte das Land, er zahlte die Summen, und die Gter und cker vergab er nach eigenem Gutdnken. Keiner der Waffenbrder fand sich bereit, auch nur ein Geringes der Lasten mit ihm zu teilen. Unter allerlei fadenscheinigen Ausflchten -- er sei kein Landmann oder das Rechnen laufe ihm zuwider, hatte selbst Heino Wichmann von vornherein sein Verbleiben auf dem Admiralschiff betrieben. Und von den anderen Fhrern geno keiner ein gengend Ansehen, als da ihnen der Riese ein Verstndnis fr die Mglichkeit neuer Werdestunde zugetraut htte. Besonders dem fetten Wichbold nicht. Der lag indessen zum Glck, seit ihm der Strtebecker nach dem Brand von Bergen den Schdel so wuchtig zerschlagen, mit dick verbundenem Haupt in der Kajte der Goldenen Biene, und sein Fluchen und Sthnen quoll hufig widerlich aus dem Bauch des Schiffes hervor. So war es wohl auch nur einer der sprunghaften Einflle des Zwerges, wenn er dem Strtebecker gelegentlich unter vieldeutigem Grinsen zutrug, man htte den Kranken zur Nachtzeit auf heimlichen Pfaden ber Land streichen sehen. Mag er, pflegte dann der Riese kaltbltig zu entgegnen. Mag er sich seinen Strick am Lande suchen. Darf meine Hnde an dem Eitrigen nicht frder beschmutzen. Aber du, Heino Wichmann, du, so schlo der Glhende auch heute seine Werbung, und er streichelte dem Zwerglein brderlich die langen gelben Haare, hast einst das verschlossene Hirn des Fischerbuben aufgeriegelt, damit Hochmut und Glanz und dieses rasende Lauschen nach dem gleichen Schlag alles Lebendigen ihren Einzug halten konnten. Und jetzt? -- Will mein Bruder, mein Freund, mein Lehrer dies wollstige Fieber nicht mitfiebern? Will er, ein Hochgelahrter, den Blinden nicht erklren, was das fr ein Licht sei, das jetzt auf ihren Schaufeln brennt? Ja, es auch mir ausdeuten, da es mich manchmal schier verwirrt und blendet? Wer htte diesem von Schnheit und Anmut Gesegneten, dem auch die goldenen Bienen der Beredsamkeit ihren Honig auf die Lippen getragen, wer htte ihm widerstehen knnen? Wahrlich, selbst dem Zwerg schien es schwer zu fallen, als er sich jetzt der Umstrickung des anderen geschmeidig entzog. Allein berlegt und abweisend schttelte er dennoch das Haupt. Dann versetzte er kaltbltig: Nein, Bblein, kann dir nichts ntzen. Bin ein Lump und bleib ein Lump. Bin halt eine von den Bchermotten, so ihr lebelang um das Wort herumkriechen. Kann's wohl aussinnen, aber von der Zunge bis zur Hand ist's weit. Pfui, und der Schwei dnkt mich ein gar saurer Saft. Ja, wenn's dir gelingt, Bruderherz, dann will ich einen Panegyricus auf dich dichten, und wenn's dir zerbricht, dann beweise ich dir gleich darauf, wie man's besser htte machen mssen. Zu was Edlerem tauge ich nicht und grme mich nicht darber. Es mute etwas Ergtzliches in dieser schneidenden Selbstbeurteilung liegen, denn um die Lippen des Hrers kruselte ein beiflliges Lcheln. Ungekrnkt erhob sich der Strtebecker, reckte sich und schritt ein paarmal mit seinen weiten entschlossenen Schritten ber den Teppich. Pltzlich blitzte es ihm von der Stirn. Er warf sich den Schafpelz um und forschte rasch: Erinnerst du dich, Heino, was der Pharao tat, als er die Hebrer fronen lie? Er bleute ihnen weidlich Rcken und Hinterteil, mein Liebling. Aber aus Schwei und Blut wuchsen dennoch die Pyramiden. Wir haben sie gesehen. Weht Ewigkeit um ihre Gipfel! In solcher Luft lt sich's atmen. Will's hnlich versuchen. Er drckte dem Strohblonden krampfhaft die Hand und sprang rasch die Treppe hinauf. Der Kleine aber warf sich aufs Polster, strampelte mit den Fen und krhte wie ein Hahn. * * * * * In der Gegend der Brokeburg wurde gekmpft. Bei vorschreitendem Winter konnten die Freibeuter in ihren leichten, bauflligen Baracken Frost und Hunger nicht lnger ertragen, und da ihre alte Gewohnheit sie auf Raub verwies, so rottete sich eine Schar unter dem hitzigen Iren Patrick O'Shallo zusammen, um den umwohnenden Friesen Mehl, Hhner und Feuerung mit Gewalt abzutrotzen. In einer Winternacht loderte Feuerschein am frostblauen Himmel, Waffen klirrten, das Gekreisch aus dem Schlaf gerissener Weiber mischte sich mit dem Brllen des Viehs und dem Sthnen Verwundeter, und erst die rasenden Streiche des halbbekleidet von der Burg herbeieilenden Admirals trieben die Verzweifelten auseinander. Dem wutschumenden Iren aber hieb der Strtebecker selbst, nachdem er ihn gebunden in den Schlohof geschafft, besinnungslos mit der Peitsche bers Gesicht, einmal, zweimal, und zwang den Blutenden darauf, seinen Raub bis aufs kleinste herauszugeben. Allein, damit war der Streitfall, wie er gefrchtet, keineswegs aus der Welt geschafft. Denn als der Riese, aufgewhlt und vom Blutdunst umnebelt, an der Seite seines Licinius die dunklen Treppen hinauftastete, da wurde ihm von einem Knecht bedeutet, die Flke lade ihn ungesumt vor sich in den groen Saal. Pack dich, knurrte der Strtebecker gereizt, indem er bedrohlich die Faust gegen den Wppner stie. 's ist Schlafenszeit. Warum schnarcht die alte Hexe nicht? Da standen sie bereits vor der doppelt verbohlten Tr, und in einem Anfall hllischer Neugier sprengte sie der Strtebecker vollends auf. Lrmvoll, mit dem Striemer knallend, drang der aufgepeitschte Mann in den dunklen Saal. Nur eine einzige Fackel begann dort eben in ihrem Wandring notdrftig zu glimmen, wobei sie ein paar bluliche Funken herabstreute. Dadurch ballten sich in dem unrastigen Raum ungeheuerliche Schatten zusammen, zuckten auf und warfen sich, wie in einer Gigantenschlacht, bereinander. Sobald aber der Schein die beiden Sessel auf der Estrade erreichte, dann entdeckte man in einem derselben eine weigekleidete Frauengestalt, die einen blauen, mit Goldblech besten Friesenmantel ber sich geworfen hatte, um ihre Ble zu decken. Es war Occa, die erst seit Stunden bei ihrer Mutter zu Gast weilte und die sich nun mit der von ihr stets gegen den Seefahrer gebten Anmut verneigte. Da begann dem Aufgeregten das Herz zu klopfen. Die zuckende Nacht, und in ihr das weie Bild, sie raubten ihm jede Erinnerung an die eben erst verlassene Blutsttte des Aufruhrs. Hallo, -- prete er sich heiser ab, welche Holde ladet mich zu Zwiesprach? Wer bangt sich in dieser Einsamkeit? An der Seitenwand erhob sich ein schlurfendes Gerusch. Ich bin es, polterte die rauhe Mnnerstimme der Flke, und nun erst tauchte die graue Habichtsgestalt bei ihrer ruhelosen Wanderung im Fackellicht auf. Was soll das einfltige Gescherze? Weit du nicht, da dein Raubgesindel unsere Vertrge bricht? Weit du nicht, da es in den Gauen der Allena und Beninga genau so steht? He, Strtebecker, du vergit wohl, da ihr vogelfrei seid? berall an den Ksten lassen die Dnin sowie die Hansen es austrommeln. Du hast dir wohl die Ohren verstopft? Ich werde dich wegjagen, verstehst du mich? -- He, wer bist du eigentlich? Die Fuste in die Seiten gesttzt, die Beine gespreizt, bald das schweigsame Bild auf dem erhhten Stuhl, bald den graurot gefiederten Habicht musternd, so hatte der Riese bis dahin hohnvoll gelauscht. Jetzt aber ri er die Fackel aus ihrem Ring, schwang sie um sein Haupt und zerrte sie dann der Flke bis dicht vor das blutlose Antlitz. Schmerzend begannen der Quade die rotentzndeten Augen zu trufeln, voll ohnmchtigem Grimm hielt sie dem Schuimer stand. Wer ich bin? lrmte dieser nun, da der Schall von einer Ecke in die andere flog. Dein Herr bin ich, Weib. Gib genau acht. Glaubst du, da du ohne meinen Willen lebend aus deinem Modernest ausflattern knntest? Schau meine Fuste, sie haben schon andere Vgel gerupft. Ein Wink an den Wichmann, und unsere Lederschlangen wrden dir berdies ein Grabmal trmen, wie es die Semiramis zu Babylon kaum gefunden. Die Quade sog Atem, sie wollte von neuem zustoen, der Strtebecker jedoch klopfte ihr bereits mit der freien Hand begtigend die Wange, was ihren kmpfenden Aufruhr nur noch mehr verstrkte. Sei ruhig, Huldreiche, nickte er gelassen, du weit, ich schtze dich, und wer kann bestimmen, wie nahe wir uns einst noch treten werden? Er streifte dabei die weie Gestalt in dem Stuhl, die sich nicht rhrte, und fuhr aufgerumt fort: Nun aber meine Taube, rate ich dir, picke gutwillig die goldenen Krner, die ich deinem Hunger streuen will. Werden doch dreiig Pfund Goldes dein Ungemach, wie das deiner Untertanen in eitel Freude kehren. Dicht an der Tr lehnte Licinius und seufzte. Er allein wute, wie bedrohlich bereits der ehemals so stattliche Schatz der Freibeuter zusammenschmolz. Die Flke aber wurde bei diesem Vorschlag durch Zorn und Habgier nach zwei Seiten gerissen. Feindselig reckte sie, zu neuem Streit entschlossen, ihr spitzes Kinn, zu gleicher Zeit jedoch griffen ihre drren Finger bereits nach dem in Aussicht Gestellten, whrend ihre Augen in Rabenlsternheit funkelten. Abgemacht, besiegte endlich der Admiral ihr hartnckig Schweigen. Licinius mag noch zehn Pfund Silbers dazu tun. Was liegt daran? Und nun, komm Traute, betrge den Schlaf nicht frder um seine Rechte, sondern schmcke ihm das Lager. Lachend wandte sich der Freibeuter und reichte seinem Knaben die Fackel, damit er ihnen voranleuchte. Die Flke freilich lie nichts von Besnftigung spren. Frstelnd zerrte sie ihren grauen Flausch um sich zusammen und rief hart hinter dem Abgehenden her: Es ist das letztemal. Dann entwich sie durch ein Seitenpfrtlein. Die anderen stiegen mehrere Treppen in die Hhe und trennten sich endlich auf einem langen, sich schlngelnden Gang. Als der Strtebecker zum Abschied nach Occas Hand greifen wollte, war die Leichtfige bereits in ihre Kammer geschlpft. Auch Licinius entfernte sich, nachdem er dem Gebieter bis an die Schwelle seines Gemaches geleuchtet. Mde entschwebte hinter der Wendung des Ganges allmhlich der Fackelschein. Da reckte sich der Strtebecker und lauschte noch einmal zurck. Ihm war es, als ob eine warme, frhliche Stimme seinen Namen gerufen. Einen heien, kecken, begehrlichen Laut. Sollte ihn das Summen seines eigenen Blutes gefft haben, oder ----? Gespannt, blutwitternd wie ein Raubtier, schlich der Riese auf Zehen bis dahin, wo er Occa verlassen. Ein Druck gegen die schwere Bohlentr, sie gab nach. Aber siehe da -- durch die Dicke der Mauer von dem Holzwerk getrennt, wurde der Raum noch durch eine Reihe sich kreuzender Eisenstangen verschlossen, die wohl einen Durchblick gestatteten, aber jeden unwillkommenen Besuch zurckhielten. Erstaunt beugte sich der Strtebecker vor. Mitten in der kahlen Schlafkammer, nur sprlich von einem niedrigen llmpchen erhellt, fand der unruhige Blick des Seefahrers sofort jene weie Gestalt, die ihn hierher gelockt. Sie hatte den Mantel abgeworfen, und ihre Arme schimmerten den Strahl der Leuchte in einem unbestimmten seidigen Glanze wieder. Ein seltsames Lcheln, halb bnglich, halb voll Neugier, lief um den Mund der Einsamen, als sie nun verfolgte, wie der Eindringling ohne ein weiteres Wort zu verlieren, Schulter und Fuste zwischen die Stangen stemmte, nur von dem einen fast selbstverstndlichen Trieb beherrscht, die Sperre zu zerbrechen. Wer durfte sich auch anmaen, Riegel und Schlsser gegen den Beschlu dieses Erderschtterers drngen zu wollen, der in seinen besten Stunden noch immer berzeugt war, da er das Weltenschicksal auf gestrafften Armen zu den Menschen schleppe? Und jetzt? Occa stie einen unterdrckten Schrei aus. Wirklich, das Eisen bog sich, das Keuchen des Gewaltttigen ging in ein Sthnen ber, aber im gleichen Augenblick sanken ihm auch die Fuste wie abgeschnitten herab, und bersiedet von der Scham der Ergebnislosigkeit, prete er sein Antlitz gegen das Gitter, um wutgeschttelt hindurch zu flstern: Was wolltest du von mir, du, du ----? Ich? Da zuckte Occa schon wieder beruhigt die Achseln. Was htte ich mit dir zu schaffen? gab sie aufreizend zurck. Begib dich sittsam von hinnen, oder bei meiner von dir miachteten Ehre, ich werde den Burgsassen deine Schwche zeigen. Toll gemacht, fhrte der Strtebecker noch einen drhnenden Hieb gegen das Eisen, aber da sich nichts als ein Summen vernehmen lie, so versuchte es der Frauenfnger noch einmal mit List. Reiche mir nur ein wenig deine Hand, schmeichelte er. Doch auch diese Bitte fruchtete nichts, denn Occa schttelte, ohne sich von der Stelle zu rhren, ihr schmales Haupt. Du Geck, sprach sie mitleidslos, meinst du wirklich, eine Frstentochter beuge sich vor solchem Bettlerknig? Was sagst du? taumelte der Schuimer erblat zurck, und jetzt bckte er sich und versuchte, Schaum vor den Lippen, die nahe Vergeltung bereits vor den glhenden Augen, das ganze Gestell aus den Angeln zu heben. Ein langes rostiges chzen wurde hrbar. Allein die Broketochter sprach ohne Zgern weiter: Ja, wenn du noch ein Meerfrst wrest, wie ehemals ---- Was dann? rang der Einbrecher nach Luft. Anfeuernd redete die weie Gestalt zu dem Knienden fort: Wenn du ferner von deiner sndhaften, widergttlichen Armeleute-Tollheit ablassen, dafr aber deine Macht gebrauchen wrdest, um all die kleinen Tyrannen hier zu unterjochen-- Was dann? sthnte der Strtebecker, dem die Brust zersprang. Ich wei es nicht, hielt das Weib listig inne, ich kenne die Zukunft nicht, wie mein Eheherr, fgte es lchelnd hinzu. Ganz nahe war sie an das Gitter gelangt, den Knienden durchschlug die Einbildung, ein paar huschende Finger htten sein Gelock gestreift. Als er jedoch, zum Fang entschlossen, emporschnellte, da entdeckte er nur, wie Occa, nachdem sie das Lmpchen ergriffen, ohne sich umzuwenden, in ihrer Schlafkammer verschwand. Sorgsam hrte er sie noch den Schlssel drehen. Tiefe Nacht waltete um ihn. Sie kochte, sie brodelte, gleich einem Kessel, in den seine Gedanken geworfen waren. Er schrie nicht, er tobte nicht, er tat vielmehr etwas, was er sein Lebtag nicht getan -- er erschlaffte. Beide Hnde schlug er vor das Gesicht und sprach laut durch den hallenden Gang: Soll ich der einzig Sehende unter lauter Blinden sein? Es gelingt mir nichts mehr. Es zerbricht mir alles unter den Hnden. Ich laufe nur meine Bahn, weil mich ein Wind treibt. Leer, ernchtert, schweren Schrittes strebte er seiner Ruhesttte entgegen. Und ihm fiel nicht einmal auf, wie hinter der Windung des Ganges noch immer ein dnner Lichtschimmer ber die Fliesen rann und da sein innerstes Bekenntnis nicht nur an fhllose Mauern verschwendet war. Kaum ein paar Schritte von dem Mden entfernt, dicht hinter der Kehrung, da verweilte Licinius noch immer mitten im Gang. Mit der einen Hand sttzte er sich mhsam an der feuchtkalten Wand, whrend die andere die schwankende Fackel von sich streckte. Etwas Gestaltloses, Schreckenverbreitendes mute vor ihm aufgestiegen sein, denn der Knabe zitterte am ganzen Leibe, und ein Schwindel lie ihn am Boden festhaften, als msse ihn jeder weitere Schritt in einen Abgrund strzen. IV. Die Zeit verbrauste wie Wein in einem Becher! Noch einmal leuchtete sein sprichwrtliches, sein Hexenglck ber dem Strtebecker, und die Mannschaften raunten, der Claus habe wieder Rats mit dem grauen Mnnchen gepflogen. Ein Sommersegen vergldete die Fluren des Brokmerlandes, dergleichen auch die Eingeborenen selten gekannt, und selbst auf den ohne groe Kenntnis und nur oberflchlich bestellten ckern der Ansiedler sprote, dnn zwar, aber doch trchtig, die neue Halmfrucht, als htte ein unterirdisch Feuer ihre Wurzeln erwrmt. Dennoch wurden die Kolonisten der sichtbaren Hoffnung nicht froh. Aus berflu und Vllerei waren sie gekommen, freies, wildes Schwrmen auf dem Meer hatte ihnen leichten Erwerb gesichert und dazu noch die grausame Lust der Vergeltung an jenen Sehaften, im brgerlichen Recht Wohnenden, von denen sie glaubten, da ihr angemates Wohlergehen nur aus einer schweren Versndigung gegen die Armen und Unterdrckten herrhre. Und nun? Drauen hatte man Abwechslung genossen, das wilde Behagen an der rchenden Kraft, den tglich lrmenden Triumph, Keller und Truhen jener Genieer zu leeren, die frher das murrende Begehren der Dunklen und Namenlosen mit Hungertrmen und Folter beantwortet hatten. Solch rasendes Glck schenkten die Wogen. Und nun? Was erwartete die aus aller Sitte Gelsten auf den Fluren? Gott verdamme die hirnverbrannte Schwrmerei eines Tobschtigen, auf dem Lande ruhte nun einmal der Fluch. Was hatte man eingetauscht? Still -- still, zischelte der Ire Patrick O'Shallo einer Rotte von Schnittern zu, mit denen er verdrossen in einer Bodensenkung feierte, denn die Ungebten hatten ihre Sensen zu tief in Steine und Hrten des Ackers geschlagen, so da das Werkzeug wieder einmal schartig und unbrauchbar geworden war. Ich rate euch, lat die herumschnffelnde Buhldirne, das Manns-Weibsbild nichts merken. Ist ebenso besessen wie der wahnwitzige Claus. Aber sagt einmal, wozu sitzen wir hier und ersaufen im Schwei? Was haben wir eingetauscht? Ist der Strtebecker nicht unser Zwingherr, wie keiner je vorher war? Fhrt er nicht wie eine Geiel im Lande umher, schlgt er uns nicht die Buckel blutig und ntigt uns zur Fron, bis uns die Knochen krachen? Wer hat ihm die Gewalt dazu verliehen? He? Habt ihr ihm etwa die Peitsche zu solchem Dienst geflochten? He? Mag ihn nit leiden, murrte ein Frnkischer, der dem beginnenden Bauernmorden in seiner Heimat knapp entwischt war, aber das unselige Gepck des heimlich schwelenden Aufruhrs noch immer auf verkrmmtem Rcken mit sich schleppte. Wozu sollen wir den Zehnten steuern wie daheim? Sagt, er wolle unseren Kindern dafr neue Gter eintauschen. Wolle sich allmhlich ber die Erde verbreiten. Ha, ja, Kindermrle. Die Schwarzrhren geben kein Lot Erde mehr hin, schrien andere. Als die knftige Nachkommenschaft erwhnt wurde, wallte dem Iren das Blut stoweise in die Stirn, halb irrsinnig sprang er auf und hieb mit der Sense durch die heie Luft, wie wenn er einen nahen Bedrnger kpfen msse. Schaut hin, zeterte er, liegen vor uns die Schiffe. So nah, so nah! Wollen wir warten, bis der Bluthund etwa uns alle eingeschaufelt hat? Wei einen, der's uns besser schaffen knnt. Er sah sich geheimnisvoll um. War der dicke Wichbold erst jngst verwichene Nacht bei mir. Ist einer von uns. Und der rt-- Sieh dich fr, warnte ein unterdrckter Ruf. Erschreckt hoben die Schnitter ihre Hupter ber die Erdsenkung. Dumpfer Hufschlag polterte ber die Heide, zwei Reiter, der Strtebecker und sein Knabe, sprengten barhuptig heran. Was faulenzt ihr hier, ihr lsterlich Volk? rief Claus, sein Ro dicht vor dem Abfall an sich reiend, und seine schwarzen Augen sprhten ein bses Feuer. Schmt ihr euch nicht vor den Fleiigen? Hrt ihr nicht, wie die cker mit unzhligen Stimmen nach uns rufen? Braucht ihr stets den Striemer gleich den Stieren? -- Will's euch lehren! Sausend fuhren die Lederriemen umher, den Franken traf's klatschend auf den vorzeitig gekrmmten Rcken. Verngstigt, gebndigt stoben die Schnitter nach allen Seiten auseinander. Die beiden Reiter aber flogen weiter, ausgeschickten Gedanken gleich, die sich einer Welt mitteilen wollten. * * * * * Lind und versonnen ging der Abend ber Land. Zu seinen Fen glitzerte das Abbild der Sterne in den Moorlachen. Um diese Stunde sa der Hebrer Isaak an seinem Herd und briet sich ber dem Rost ein Stck von einer Hammellende. Whrend seiner ruhvollen Arbeit sang der Graulockige in tiefen Kehllauten eines jener fremdartigen, schmerzensreichen Lieder, in denen sein flchtiger Stamm seine Sehnsucht nach den Zelten, Herden und Weinbergen lngst versunkener Heimat klagt. Ab und zu aber lehnte der Snger auch an der offenen Tr, und dann schien sein befriedigter Blick die wohlige Ruhe dieses schlummernden Bodens zu segnen. Das Glck eines Sehaften hing ber ihm. Da lste sich eine Gestalt aus dem Tor der Nacht. Die trat zgernd auf die Schwelle. Erst als der Fremde sich aufrichtete, erkannte der Jude das zuckende Antlitz seines Nachbarn Patrick O'Shallo. Ho, rief Isaak verwundert, was bringst du, Freund? Doch den anderen schien die Antwort zu bedrcken, verwirrt schielte er in die Ecken der vom Herdfeuer sprunghaft berglnzten Htte. Der Geruch des Fleisches lockt mich, entschlo er sich endlich, hab' den Knurrhahn von Magen heut wieder nicht fttern knnen. Der da -- und er zeigte durch die Dunkelheit nach der fernen Brokeburg -- sprengte uns wieder bis in die Nacht in den Feldern herum. Der Jude berhrte den Vorwurf. Dann sitz nieder, lud er den Brtenden ein, und sei mein Gast. Der Ire murmelte etwas, was aber kaum einem Dank glich, und nachdem er sich auf einen Schemel hatte fallen lassen, verschlang er gierig das Fleischstck. Wie kommst du zu dem Bissen? fragte er kauend und mit niedergeschlagenen Augen. Hab' es eingetauscht, schmunzelte der Hebrer, am Herd hantierend. Gegen Eier von meinem Hhnervolk. Und wie kamst du zu den vielen Hhnern? drngte Patrick weiter, indem er ein Beben berwand. Der Jude strich befriedigt den grauen Sprenkelbart, sein sichtbares Gedeihen lie ihn die sonst gebte Zurckhaltung vergessen. Hab' sie gleichfalls eingehandelt von der Brokeburg gegen Anis und Leinsamen aus meinem Wrzgrtlein. Man kennt hierzuland die Kruterzucht nur bel. -- Aber nun i, Freund, setzte er hinzu, als er die Augen seines Genossen grnglimmend auf sich gerichtet fhlte. Unwillkrlich ergriff er einen Holzspan und schrte ihn auf dem Herde, damit es heller wrde. Geqult sah sich der Ire um, er rckte hin und her, als ob er am liebsten von dannen strzen mchte. Was ist dir? erkundigte sich Isaak aufmerksam werdend. In diesem Augenblick drang erst ein Schnaufen und dann ein markiges Brllen aus dem nahen Stall herber. Die Wnde der Htte zitterten davon. Da wurde Patrick O'Shallo noch bleicher als bisher. Sind das die Stiere? stammelte er, unfhig seinen Aufruhr noch lnger zu beherrschen. Sind sie von dem Zugvieh, das man auf der Brokeburg fr uns gekauft hat, damit wir unser Korn in das Dreschlager schaffen? Fast bettelnd hob er seine Hand, denn der Verstrte wollte von sich abhalten, was ihm das zerfressene Gemt noch rger vergiften knnte. Und jetzt begriff auch der Hebrer den Zustand seines Gefhrten. Kurz und verschlossen suchte er den bsen Sinn des Iren von sich abzulenken. La gut sein, beruhigte er, indem er abgewandt in einem Breikessel herumrhrte, man lieh mir die Tiere vor euch anderen, weil meine Garben lange gebunden liegen und weil meine Ernte wider Erwarten reichlich ausfiel. Und meine armseligen Bschel versengen und verdorren derweil. Hab' denselben Boden wie du, kann aber nichts rauswirtschaften. Sogar, wenn ich wollte. In die Augen des Burschen drang wieder jenes merkwrdige Schielen. Angewidert schleuderte er einen Knochen, an dem er noch nagte, in die Ecke. Wirst eine wohlgefllte Scheuer haben, wenn erst die Gazelle des Morgenlandes in dein fruchtbar Bett geschlpft ist, holte er wie in einem heiseren Schluchzen aus sich heraus, wann wird's sein, du maienbltiger Brutigam? Was ficht's dich an? schnitt der Jude verdrossen ab und sah nach der Tr. Dank dem Groen auf der Brokeburg ist jeder Herr in seinen vier Pfhlen. Kann tun und lassen, was mir beliebt. Jetzt sprang Patrick auf und griff sich an die Kehle, um sich wenigstens einen einzigen Atemzug zu schaffen. Ein verstrtes wahnwitziges Gelchter warf er aus: Recht -- recht, sind Freie. Unter Peitsche und Stockprgel, Freie. Heia, geht uns wohl im gelobten Land. Hab' Dank, Isaak, da du mich daran erinnerst. Man soll's nie vergessen. Nie. Hab' Dank. Damit sprang der Gereizte aus der Tr. Sein Wirt wollte ihm die Hand reichen, der Ire aber war schon halsber in den sich hebenden Nebeln verschwunden. Kopfschttelnd legte der Hebrer beide Querbalken vor den geschlossenen Eingang. * * * * * Bis zum Morgengrauen kletterte die Flamme den blassen Sternen entgegen, dann war die Htte ein Aschenhaufe, und der Frhwind fegte verkohlten Staub ber die verloderten Reste der Garben. Gerippe von Mensch und Tier zerfielen in den mtterlichen Boden. An der Spitze einer Schar von Ansiedlern, die den Tollwtigen, mit seiner Tat Prahlenden eingefangen, eilte Licinius, stumm, in innerster Seele zerrttet, vor denjenigen, der die Geschicke so vieler Sterblicher zu ordnen sich unterfangen hatte. Eine rote Frhsonne hatte sich eben aus den Farbenstrudeln des Meeres gelst und berglhte nun den Burghof sowie den Wipfel einer mchtigen Linde mit tiefem, mildem Feuer. Auch um die Stirn des Strtebecker legte sie einen blutigen Reif, denn Claus sa auf der den Baumstamm umgrtenden Steinbank, hatte beide Ellenbogen auf die rohe Tischplatte gesttzt, und nun prfte er unglubig, fremd, verstndnislos die schwarzen Bnder sowie das schwarze Siegel einer Briefrolle, die ihn auf unerklrliche Weise auf dieser Platte erwartet hatte. Niemand wollte sie gebracht haben, keiner wute etwas von der Botschaft. Je fter jedoch der Riese die wenigen ungeschickt geschriebenen Worte des Sendschreibens berflog, desto heftiger wallte ihm das Herz, und desto strmischer wurde sein Wille zerrissen. Da stand mit den groen, wohlbekannten Buchstaben des Gdeke Michael: Mein Bruder! Htte schwerlich vermeint, ich wrde Dich jemals brauchen. Steht aber bel um mein Sach. Hamburger und Dnen, bei denen mir alleweil eine gar fette Rechnung angekreidet, halten mich itzt in der Helgolnder Bucht umzingelt, so eng, da auch nicht ein Muslein aus meinen Schiffen entspringen mag. Leiden zudem Hunger, und der Durst plagt uns. Darum Claus, so Dir noch das Herz fr die alten Freunde schlgt, zgere nicht und tu, was du kannst. Ist ein gar bs Ding, wenn spter die Reu qult. Geht hier eben um Leben und Tod und doch auch um die Sach' des gemeinen Mannes. Und ist mir der Sperling in der Hand noch immer lieber als die Taube auf dem Dach. Bedenke dies wohl, mein Bruder, zumeist aber, da wir Rcher nur ein Kostbares hten, die Treue wider einander. Geschrieben auf der fliegenden Burg zu Mari Himmelfahrt. Gdeke Michael. Einen hallenden Schrei stie der Admiral aus, nachdem er endlich seiner merkwrdigen Betubung entrissen, den ganzen Ernst dieses Schicksalsrufes ermessen hatte. Geschnellt flog er empor und warf ohne Bedenken die Rechte gegen die abgetakelten Schiffe im Hafen, als vermchte sein herrischer Wink allein jene Herde um sich zu sammeln, die Schar Wildvgel, mit denen er ungesumt davonstoen wollte, zu Rettung, zu Hilfe. Allein noch whrend der Wendung seines Hauptes verstrickte sich sein Blick mit der rot angestrahlten Ebene, auf der sich eben das Menschenwirken, die Arbeit zu regen begann, die er selbst zwischen die ungern empfangenden Schollen gesenkt. Jetzt sprote sie, unwillig zwar und widerstrebend, nur seinem harten, zugleich mitleidigen und mitleidslosen Willen gehorchend, zum Licht. Schwer sank ihm der eben erhobene Arm herab, denn die Gedanken dieses Mchtigen fielen sich gegenseitig an, ein inneres Streiten und Ringen erhob sich, zu auflsend und vernichtend, um in der Brust auch eines eisernen Mannes ausgefochten zu werden. Unter einem schmerzlichen Sthnen griff er sich an das Lederwams und schob es hin und her. Einen Ausweg -- einen Ausweg! Freund, Bruder, Wohltter, hrte er, von sich losgelst, seine Stimme ber das trennende Meer rufen. Bist ja ein Teil von mir selbst, kann dich nicht missen, darf nicht dulden, da die Ungraden und Schelme deiner Mannheit die Wage aus der Hand schlagen. Bei allem, was uns heilig dnkt, kannst auf mich zhlen, Gdeke, denn ich will dreinfahren, wuchtig, frhlich, wie du's mich gelehrt hast. All dies beteuerte der Claus von ehemals, der noch nicht gebunden war an eine verpflichtende Aufgabe, sondern durch die Welt geweht wurde, wohin ihn Wind oder Zufall gerade schlugen. Aber in jenes heie Gelbde jauchzte auch die erlste Begeisterung der dort unten auf dem rauhen Boden Fronenden hinein, die er erwhlt hatte, um das bejahrte Erdenleid fr sich und knftige Geschlechter einzuschaufeln, erwhlt, obwohl sie in ihrer Dumpfheit, wie er wohl wute, nichts Kstlicheres ersehnten, als Pflug und Hacke fortschleudern zu drfen, um ihr altes Streiferdasein neu zu beginnen. Wie, wenn er sie selbst auf die gefhrlichen Planken fhrte? Eins blieb gewi, niemals mehr wrde er dann die Unbndigen auf jene verlassenen cker der Mhe und Plage lenken knnen, halbvollendet blieb das Bild, das er mit Blut und Erde gemalt, zermrben wrde es und vergilben und den Beschauern allmhlich ein Abscheu sein. Und der Befehlshaber, dessen Entschlukraft sprichwrtlich war, umklammerte den Stamm der Linde und versuchte ihn mit seiner mchtigen Kraft zu schtteln, als vermchte die Krone guten Rat herabzustreuen. Einen Ausweg -- einen Ausweg! Da zog die Schar der Ansiedler gerade in den Burghof, und der Hinstarrende erkannte, wie ein wster, beschmutzter Bursch in ihrer Mitte gefhrt wurde, die Hnde gebunden, und die spitzen Augen frech, unbotmig und voller Auflehnung gegen den Einsamen unter dem Baum gerichtet. Schwer, wie gezogen, lie sich der Admiral bei dem Anblick auf die Steinbank nieder. Die anderen traten vor ihn. Allen voran Licinius, der sich matt, verstrt, flgellahm vor dem Gebieter niederwarf. Ratlosigkeit sprach sich in der befremdlichen Gebrde aus, doch auch das unerschtterlich Gemeinsame ihres glcksuchenden Fluges. Jetzt waren sie beide zur Erde gestrzt. Den Strtebecker zwar erquickte die Berhrung, denn nur von dieser Welt erprete er alle seine Freuden. Besonnen stopfte er das Pergament in sein Wams, und es war ein eigenes, unheilverkndendes Lcheln, das sein Gesicht vernderte, als Licinius endlich seinen Bericht mit der Klage vollendete: Herr, so hat denn der alte Fluch auch dein Reich der Brder getroffen. Kain hat Abel erschlagen. Warum tatest du das? fragte Claus, nachdem man den Iren bis dicht an den Sitz des Admirals geschleppt hatte, und seine heisere, fast flsternde Stimme erregte den Hrern ein viel nachhaltigeres Grauen, als wenn der Gefrchtete getobt und gewtet htte. Sage mir, warum tatest du das, Patrick? Eignete dir nicht ebensoviel Land wie jedem deiner Gefhrten? Erhieltest du nicht dasselbe Werkzeug, die gleiche Nahrung? Gab ich dir nicht alles, was du brauchtest? Du? gellte der Ire und schlug sich mit den gefesselten Hnden vor die Stirn. Jetzt schon erkannte man, da die Flammen, die er entzndet, in seinem eigenen Hirn weiter knisterten und da es grnliche Funken des Wahnwitzes seien, die er von sich sprhte. Du hier in deinem Schlo? Du in Samt und Seide? Bei Buhldirnen und Vllerei? Du? Du? Mchtest du nicht ein Frst sein? Hast dir die Tollheit nicht allein zu dem Zwecke ausgeklgelt, damit aus unserer Haut ein Purpurmantel fr dich geschneidert wrde? Du Vaterlos -- du Fischerbastard, du geielst uns die Rcken blutig, damit unser Schwei fr dich Wein werde!? Sag, wann hast du jemals selbst die Hacke zur Hand genommen, gesenst oder den Pflug gefhrt? Weit du, was Hunger und Frost ist? Und vor allen Dingen la doch vernehmen, warum du nicht tagaus, tagein in unseren Reihen stehst, um all die Freuden deiner Gaukelei am eigenen Leib zu spren? Halt ein! stammelte der Knabe, der noch immer auf den Knien lag. Darauf der Strtebecker, indem er sich leichenbla an den Tisch klammerte: Offenbare mir, warum du deinen Nachbarn verdarbst? Sann er dir bles? Nein. Beeintrchtigte er dich in deinem Erwerb? Nein. Patrick O'Shallo, deine Zeit whrt nur noch kurz. Warum ttetest du ihn also? Schon bei den letzten Worten war in den beltter eine seltsam zuckende Beweglichkeit geraten, alle Glieder fuhren ihm durcheinander, ein Krampf schien ihm die Knie zu schtteln, und es war ein vllig Sinnloser, der nun die gebundenen Fuste ber sein Haupt schleuderte, whrend er unter seinen Gefhrten herumsprang, als wolle er sie zum letzten uersten Widerstand aufreizen. Warum? -- warum? schrillte er. Soll es hren, das Cluslein, weil er ein Betrger ist, ein Wortefrber, ein Leuteschinder, ein prassender Totengrber. Wollte er uns nicht Zufriedenheit vom Himmel holen? Neidlos Glck? -- Er sprang dicht vor den Seefahrer hin. Rei mich doch auf, du Schelm, und sieh zu, wie meine Galle vor Neid siedet. Armseliger Wicht, wes hast du dich vermessen!? Kannst du vielleicht fr den einen regnen lassen, wenn der andere Sonnenschein braucht? Kannst du mir den Schachergeist Isaaks geben und seinen listigen Verstand? Kannst du mir meinen Hunger teilen, wenn er doppelt so gro ist als der meines Nachbarn? Du Gaukler, du Bsewicht, du selbstzufriedener Narr, du mchtest uns deinem Wahn zuliebe schnitzen, wie aus Holz, und wir sind Menschen -- Menschen -- Menschen. Rings im Kreise war es so still geworden, da man die welken Bltter der Linde zur Erde fallen hrte. Auf den Gesichtern der Ansiedler stand tiefer, gefurchter Ernst. Doch auch der Strtebecker rhrte sich nicht. Hlzern, gelb, leblos sa er auf der Bank, und nur einmal tastete er unter sein Lederwams, um das Schreiben des Gdeke Michael noch sicherer zu verbergen. Rote Schwrze hatte sich vor den Augen des Hellsichtigen geballt, er wute jetzt in seiner Nacht, da er den Freund verlassen msse, den einen, den besten, um dieser vielen, treulosen, unmndigen willen. Geqult, atemberaubt fuhr er mit der Linken gegen seine Kehle, die Rechte hob sich und deutete starr ber sich auf die starken ste des Baumes. Was wollte er? Keiner verstand ihn. Das Schweigen lste sich nicht. Der Strtebecker deutete abermals in seiner unnatrlichen Ruhe. Aber als auch diesmal die Lhmung von den Mnnern nicht weichen wollte, da streckte sich der Anfhrer zu seiner vollen Hhe und bog selbst einen der ste herab. Versteht ihr mich nicht? drohte er noch einmal mit seinem furchtbaren Ernst, und jetzt entstand ein wirres Getmmel; Angst, Grauen, Widerspruch stieen den Schwarm enger zusammen, bebende Hnde regten sich, ein Strick wurde ber den Ast geschleudert, eine Schlinge schwankte ber einem einzigen, schweinassen Haupt, und mitten aus diesem Tumult quirlte die heie, in Todesangst schon brechende Stimme auf, die noch einmal, als drfe sie nichts mehr versumen, all ihren irrsinnigen Ha, lechzend, berstrzt in die vier Winde hinausheulte: Wer ist der Gleisner falschester? Dort steht er, der die Armen zur Schindarbeit verdammt. Der uns einredet, da ein Kuhmist dem Gold hnlich werden knnt'. Der die Elenden und Schwachen durch Lug und Vorspiegelung in Verzweiflung strzt. Der uns nichts gab, sondern uns noch obendrein die Freiheit stahl. Aber dem Teufel sei Dank, dein Sturz ist nahe, du Strtebecker. Der Bse hlt dich schon am Bein, der Henker schwingt bereits das Schwert ber deinem Hals. -- Fahr zur Hlle, du Fluch der Menschheit -- Fluch deiner Todesstunde -- Fluch-- Die Verwnschung erstickte, die Glieder des Iren wurden lang, sein Krper entschwebte in grnes Laub. Den ohnmchtigen Licinius trug der Strtebecker schtzend von dannen. * * * * * Seitdem wanderte der Aufruhr barhuptig und offen unter den Ansiedlern umher. Blutig entlud er sich zuerst vor den Dreschscheunen, als man das Getreide den einzelnen je nach ihrer Leistung abwiegen wollte. Wie kam Wulf Wulflam dazu, zwanzig Scke von dannen zu fahren, whrend man dem Steuermann Ldeke Roloff nur sieben auflud? Sollte der zhneknirschende Tnzer etwa dafr ben, weil sein Gebiet vom Meerwasser durchsalzen war und jeder Pflug an dem scharfen Gerll schartig wurde? Fuste ballten sich, Knttel wurden geschwungen, wie wilde Tiere fuhren sich die Mnner gegenseitig an die Kehlen, und die allgemeine Auflsung wurde nur dadurch verhindert, da ein noch gewaltigerer Feind als Neid und Habgier den wtenden Bruderzwist unterbrach. Das Meer! Schon oft hatte der kundige Landwirt Propst Hisko van Emden whrend gemeinsamer Feldstreifen auf die breiten Deiche hingewiesen, die er und seine Landsleute zum Schutz der Fluren in harter Arbeit aufgeworfen. Die eben erst gewonnenen Landstrecken der Ansiedler dagegen lagen dem Anprall der Wasser hemmungslos ausgesetzt, und eines Nachts, da heulte der Nordost sein schaurig gefriges Kampflied, in wilden Stzen fuhren weimhnige Wlfe ber die Ebene, die zerrissen und verschlangen, was sich ihnen entgegenwarf, und aus den von ihnen umstellten Htten, aus Arbeitsruhe und versunkenem Schlaf gellten Angst und Entsetzen zu einem einzigen Schrei zerrtteter Bestrzung zusammen. Am nchsten Morgen, da sich der erste bleierne Schein aus der Dsternis stahl, da ruhten die cker unter Schlamm begraben, Tangbndel verwesten, wo eben noch Frucht geblht, und Muscheln, Gerll und faulende Fische sproten statt ihrer auf den zerstrudelten Schollen. Jetzt galt es den Menschenarm gegen die Brust des Elementes zu stoen, um neuen Einbruch zu verhten. Mit einer Schar von Knechten, an der Seite seines Licinius, ritt der Strtebecker durch das Land, von Htte zu Htte, von Hof zu Hof, und ob ihn auch berall ergrimmtes Schweigen und gefaltete Stirnen empfingen, die Gegenwart und der einschchternde Anblick des Gefrchteten und nicht zuletzt die noch nicht gnzlich abgebrckelte Gewohnheit, in diesem schnen Menschenbilde den Trger ihrer Hoffnungen zu sehen, sie veranlate die Mnner zu einer letzten verzweifelten Gefolgschaft. Noch einmal vermochte sein Ruf in das Ameisengewimmel Plan und Ordnung zu bringen. Schaufeln wurden geschultert, hoch mit Erdmassen beladene Wagen knirschten ihre Spuren durch die schlechten Wege, Bohlen und Holzschwellen wurden behauen, um auf wunden Schultern an die Kste geschleppt zu werden, und der Grenzstrich zwischen Tag und Nacht verschwand auf einen kurzen, grimmig lachenden Wink des Admirals, wie von selbst aus dem Bewutsein der hungernden, frierenden und verbissen schaffenden Werkleute. Drei Tage ging's. Denn diesmal stand der Strtebecker selbst unter den Seinen, sein wilder, trotziger Weckruf befeuerte sie, und sie vernahmen, wie der Riese, fast bis an die Knie in dem schwammigen Sand versunken, mit immer erneuter Ausdauer Stein auf Stein, Erdhaufen auf Erdhaufen dem grauen Gewoge unter sich entgegentrmte, dazu hhnend und wetternd. Munter, ihr Schuimer, sind wir nicht Shne der alten grauhaarigen Vettel da unten? Und wir sollten dulden, da die bsartige Keiferin uns nochmal in die warme Suppe speit? Schaut, schaut, schon rafft sie ihre schmutzigen Lappen um sich zusammen und kriecht zurck. Noch eins -- und noch eins! -- So ist es recht, Ldeke Roloff! -- He, Licinius, eile, die Flke soll uns heien Wein schicken! Wir wollen der Nordersee Abzug feiern. In einem Wirbel stubte der Sturm die Vermessenheit mit sich gegen das Abendgewlk, und wie in Betubung und Taumel sprengte der tdlich ermdete Knabe von dannen! * * * * * Als er zurckkehrte, fand er nicht mehr dasselbe rastlose Gewimmel, das er verlassen. Einsam hockte sein Herr auf einem umfangreichen Strandstein, dessen Wucht man auf den schon in Leibeshhe ragenden Damm gehoben hatte, um den Massen Schwere und Halt zu leihen. Der Mond, zuweilen aus unsteten Wolken auftauchend, erhellte ab und zu ein geisterhaft Antlitz, und der Grbler lie keinen Blick von dem immer wieder ankochenden und zurckgrabenden Gewoge, als ob seine Seele bereits von dem Schwall berschwemmt und gefangen worden sei. In seiner Hand raschelte das Sendschreiben des Gdeke Michael, obwohl er ihm ebensowenig Aufmerksamkeit schenkte wie den in Rufweite von ihm wirkenden dunklen Gestalten. Ein unbeschreiblich bitteres Lcheln der Scham versteckte sich in den Mundwinkeln des Aufgestrten, da der Knabe schonungsvoll zu ihm trat, nachdenklich bettete er die Finger des Treuen zwischen seine beiden vereisten Hnde, als ob er sich an dem jungen Geblt wrmen wolle. Horch, murmelte er, wie die See grollt und Flche speit. Hat wohl auch ein Gewissen. Oder vielleicht wlzen sich auch die Gedanken Ferner mit ihr heran. Mcht's gern verstehen, obwohl ich die Stimme zu kennen meine. Klingt gar zornig und voll Verdammnis. Langsam zog er den Gefhrten an sich. Sag mir, Trauter, prete er sich ab, wrdest du mich auch verlassen um der Dunklen da hinten? Wrdest du? Seine Arme umstrickten den schlanken Leib, und eine solche Verlassenheit offenbarte sich, da Licinius vor Herzpochen und verzehrendem Helferwillen weder ma noch vernahm, was er erwiderte. Trennen? Von wem sollte er sich scheiden, von dem schon auf die Erde trufelnden Erlsersegen? Oder von seinem Herrn? In strmischen Zweifeln schttelte er seine Locken. Der Strtebecker aber nahm es fr die Verneinung, die er erwartete. Glaub's dir, entgegnete er finster. Welch Reiner wrde dies auch vermgen? Gehrt schon eine steinerne Seele dazu, drin nur ein einzig Gebot eingeschlagen ist. Widermenschlich, unnatrlich, fluchgetrieben sind die, so mit dem Stein beladen sind. Aber komm, la es uns dennoch zu Ende bringen. Damit zog er die Hornpfeife an seine Lippen und gedachte eben das Signal aufschwirren zu lassen, das die Werkleute zu neuen Mhen um ihn sammeln sollte, als Licinius es wagte, sanft und doch hindernd die Hand auf den schon erhobenen Arm des Admirals sinken zu lassen. Herr, mahnte er besorgt, willst du die Mnner nicht schonen? Sieh, sie gleichen ohnehin nur noch abgezehrten Schatten, und die Augen fallen ihnen vor Mdigkeit zu. Noch nie hatte der Knabe einen Befehl seines Gebieters durchkreuzt, deshalb wandte sich der Strtebecker jh und fast unglubig zu ihm herum, allein im nchsten Augenblick horchte er wieder gespannt auf den dunklen Drommetenton der See und schttelte hartnckig das Haupt. Torheit, verwies er, wer mit mir ist, mu besessen sein, wie ich, verrannt, fr alles andere blind, sonst ---- Er lachte hmisch, gleich darauf schrillte der spitze Pfeifentriller ber Land und Meer, der Wind warf ihn hierhin und dorthin. Stille! Dann lauschten die beiden, denn in der Finsternis, in der teilnahmslosen de barg sich eine Beklemmung, unheilschwanger ballte sich etwas in dem Nichts, als ob aus Schwrze und Schweigen das Schicksal sich eine Gestalt formen wollte. Und riesenhaft, zermalmend, unabnderlich kroch es aus der Nacht hervor. Sieh, in langer Zeile wlzte es sich stumm ber den Damm, ein wogender Heerwurm aus ununterscheidbaren Menschenkpfen, bis sich seine hundertfltigen Schuppen eng, unlslich um den Fhrer selbst geringelt hatten. In dem Strtebecker stieg eine Ahnung auf, das Wei seiner Augen verkehrte sich und glitzerte unheimlich in dem laut atmenden Kreise umher. Was rottet ihr euch zusammen, Mnner? schrie er in unterdrckter Vorahnung, da er selbst jetzt noch felsenfest auf das Wunder sowie die Unantastbarkeit seiner eigenen Herrschersendung vertraute. Warum schafft ihr nicht jeder an seinem Platz? Da regte es sich um ihn. Wie, wenn durch seinen Trotz die letzte Klammer erst vollends gelst wre, so drang Leben in den erstarrten Ring, und whrend der markerschtternde grliche Schrei des Aufruhrs, der berwundenen Furcht jene bis jetzt so eng verschnrten Kehlen sprengte, da begann es ber den vielen Kpfen zu sausen, hunderte von Hacken und Schaufeln flogen wtend geschleudert hinaus in die klatschende See, und ein einziges, freches, bertriebenes Gelchter erschtterte die Nacht. Wird nicht mehr geschuftet, du Leuteschinder, so heulte, meckerte und zischte es, und sie griffen nach den Fusten des berrumpelten und hingen sich wie Eisengewichte an ihn, wir wollen feiern und frei sein, wie du. Mag whlen und hacken, wer dazu geboren ist; wir sind streifende Leute und fressen lieber, was andere gebaut haben. Wie hat Patrick gesagt? Aus Kuhmist wird allemal kein Gold. Aus der Menge trat einer hervor. Es war der Tnzer Ldeke Roloff. Schwer sttzte er sich auf seinen Knttel, und durch das berhngende wirre Haardach hefteten sich seine sonst so ungewi flackernden Augen diesmal hohl und verglommen auf den Anfhrer, den man jetzt von seinem frstlichen Sitz herabstoen wollte. Herr, holte der herkulische Schiffer langsam und wie nach sorgfltiger berlegung aus sich hervor. Dein Wille war wohl gut. Aber es ntzt nichts. Es liegt an uns. Wem erst einmal das Brandmal des Unrechts und der Ausgestoenen eingesengt wurde, des Blut ist vergiftet, so da er zu nichts anderem mehr taugt als zum Wrgen, Brennen, und Racheben. Sieh dich um, all diesen schmeckt die Arbeit bitter, denn wir lieben das Leben mit seinen Schmerzen nicht, sondern wollen es eher um und umkehren, damit es ein Ende nimmt. Bevor dies nicht geschehen, bleibt doch berall ein Hoch und Niedrig, wie du uns selbst dafr ein Zeichen bist. Der Sprecher reckte den Hals vor, und in seine Glieder geriet wieder das merkwrdige Verlangen nach Tanz und erzwungenen Sprngen. Leidenschaftlicher fuhr er fort: Deshalb sind wir uns alle einig geworden, alle, alle, da wir uns frder nicht lnger von dir ins Joch spannen lassen mgen. Sondern wir wollen als Schwarzbrder, als schweifend Volk noch heute nacht auf die Schiffe gehen, und du wirst uns fhren, Claus Strtebecker. In dem Haufen begannen pltzlich wste, jauchzende Stimmen zu singen: Vom Mast die schwarzen Flaggen wehn, Heia -- heia. Claus Strtebecker ist Kapitn. Doch mitten in der Melodie schnellte der schmchtige Arnold Frowein mit einem windschiefen Satz aus ihren Reihen, und whrend die tiefen Falten in seinem Antlitz unnatrlicher als je grinsten, da meckerte der ehemalige Tpfer: Weit was Neues, Claus Strtebecker? Hast uns belogen und betrogen! Hast uns den Brief des Gdeke Michael verheimlicht. Wir kennen deine Pfiffe. Wir aber wollen uns zu ihm durchschlagen, um wieder lustig Gericht zu halten. Wir mchten Nacken brechen hren und Brustkrbe verrcheln. Gericht -- Gericht! Und aus dem Haufen schlug es jetzt toll und grlend gegen den Nachthimmel: Dort richtet die Reichen an Leib und Seel, Der Gdeke -- Gdeke Michael. Fhrt ihn fort, befahl der Steuermann Ldeke Roloff, auf den Strtebecker deutend, und haltet ein wachsam Aug' auf ihn. Die Torheit liegt hinter uns. * * * * * Die Trommel scholl wie sonst, als der Zug mit dem Schritt vor Schritt vor sich hinbrtenden Admiral das Deck der Agile betrat. Gleich einem von eisernem Schlummer Befallenen war der Riese bis dahin von dem Gedrnge vorwrts geschoben worden, doch sein auf die Brust gesenktes Haupt schien durch keinen Klang der Auenwelt mehr erreicht zu werden, weil es verbohrt, in die Tiefe lauschend, einzig und allein dem spukhaften Getriebe seines Innern nachsprte. Erst als der Haufe, schon bedrckter und kleinlauter, die Kajtentreppe hinabgestrmt war, als das glitzernde Licht der venezianischen Laternen das blauweie Gewirke der Wnde beseelte, als der blinkende Glanz all der kstlichen Schsseln und Gertschaften mitten aus der Ruhe des Raumes seine spitzen Pfeile gegen die Sinne des Verdmmerten scho, da hob der Riese mit einemmal sein Haupt, blickte sich mit dem schweren Erstaunen eines aus einem Schacht Aufgestiegenen um, und pltzlich empfing sein Bewutsein oder sein Eigenleben einen solchen Ansto, da er die Hnde, die ihn noch immer gefat hielten, mit einem wilden Ruck von sich abschleuderte. In furchtbarem Ernst, die Zornadern hochgeschwollen, straffte er den Arm gegen die Tr. Geht, herrschte er sein Geleit an, das hier auf den Planken sich doch wieder als Matrosen und der Macht dieses Einzigen unterworfen fhlte. Bedrckt wichen sie vor der grlichen Verachtung, die ihnen entgegenschlug, zurck. Ob sie auch den Ausbruch ihres Fhrers nicht verstanden, der Hohn seiner Worte prgelte sie dennoch widerstandslos die Treppe hinauf. Habt Dank, ihr schnen Adamsshne, ihr Edlen, ihr Sauberen, ihr Menschen, raste der Strtebecker hinter ihnen her. Gottlob, ich sehe wieder, was ich sehe, ich rieche, was ich rieche, welche Wollust, die Dinge in ihrer Nacktheit zu begreifen. Geht, wiederholte er heftig, scheuert die Schiffe, bestckt sie, legt Proviant hinein. In acht Tagen mu ich die Kste hinter mir haben. In acht Tagen lngstens! Und dann -- Gleichebeuter -- Gleichebeuter, Seeruber, Rcher, Glckliche. Ha, ha, allen guten Engeln sei Dank fr das passende Wams! Und in die Kloaken alle Gewnder der Verstellung. Es trat Stille ein, das letzte scharrende Gerusch der Entschwindenden war erstorben, der Admiral und sein Knabe standen einander allein unter den geschliffenen Glsern der Laternen gegenber. Unbeobachtet, ungestrt, denn der kleine Wichmann verbrachte diese Nacht wieder bei den Freuden der Marienhavener Tavernen. Umstndlich, als wre dies jetzt das wichtigste Geschft, legte der Heimgekehrte sein Lederwams ab, darauf hngte er seine Kappe sorgsam an einen Nagel, alles Dinge, die er sonst seiner Bedienung berlassen. Zum Schlu betastete er aufmerksam, mit einem hastigen Suchen das offene Linnen ber seiner Brust, bis er endlich auch ber Schultern und Arme seines Knaben strich. Alles ohne sich von der tdlichen Blsse seines Gefhrten abschrecken zu lassen. Dann, wie nach erreichtem Finden, rttelte er den Verstummten und raunte ihm zu: Lehm, Staub, Erde. Deine weie Haut -- Tuschung, mein zierlich Bblein. Merkst du es nicht, wie es darunter quillt und drngt vor Sehnsucht nach dem Unflat? Warum betrgst du dich und mich mit Eingebungen, die deinem Stoff zuwiderlaufen? Lache, Bblein, lache, die Tollen werden wieder sehend und schmen sich ihrer zugeklebten Augen. O, ich mchte meinen Kopf am liebsten in ein Kellerloch stecken. Er unterbrach sich und lauschte. Hrst du, wie sie droben jubilieren und tanzen? Das macht, der Dung will zum Dung, der Mist zum Mist. Allen guten Engeln sei Dank, ich will sie hinwerfen, wo es am fauligsten nach Verwesung dampft! Zucke nicht mit der Lippe, bei Gefahr deines Lebens, Bube, widersprich mir nicht. Ich schwre dir, wo ich noch einen Wahnwitzigen treffe, der da meint, es liee sich auch nur ein Haar auf unserem Schopf in einen Goldfaden wandeln, den Rotuscher hnge ich selbst an die Rahe und reie ihm die Zunge heraus! Mit einem wiehernden, sich berschlagenden Gelchter warf er sich auf sein Ruhelager und streckte sich aus, all die mchtigen Glieder erstarben wie auf einen Schlag in Starrheit, und nur die unruhigen schwarzen Augen wanderten noch unruhig an der Tfelung der Decke umher. Kaum verstndlich, sthnend vor innerem Vorwurf stammelte er vor sich hin: Patrick -- Patrick O'Shallo. Was rufst du den Toten? trat Licinius bebend nher. So jung noch, flsterte der Liegende unbeweglich weiter. Und schon solch ein Kndiger des Herzens. Ich wnschte, er stnde an deiner Stelle, und ich wollte ihn herzen. Wieder wurde es ruhig. Man hrte nur das knirschende Stampfen droben auf Deck. Gleich einer Totenwacht lehnte Licinius am Fuende des Lagers und lie keinen Blick von dem Hingestreckten, der immer mehr in das stehende Blei des Schlafes versank. Und derweil entglitt dem Wchter selbst der Boden unter den Fen. Betubung und Klarheit wechselten in seinem Hirn, denn vor ihm erhob sich die Gewiheit, da dieser Erdengott, der vernichten wollte, um zu erlsen, nun selbst zertrmmert lag, zermalmt von seiner Sendung, die er lsternd und fluchend zurck in die Wolken entschweben lie. Und deshalb all die Geopferten? Die Mtter und Kinder von Bergen? Die Ersuften und Erschlagenen? Die Gehenkten wie Patrick? Und die Verdorbenen wie Linda selbst? Vor ihrem irren Blick wallte ein Leichenzug ber die Erde, der folgte einem braunen Kreuz, dem rohen Holz, das einst in Lindas Schlafkammer eingefgt war, und die Gerippe wiesen alle mit Knochenfingern nach ihr hin, nach ihr, die allein zurckgeblieben war, um eine Grube Unrates zu betreuen. Oder war es dies ppige Polster, auf dem der Mann Vergessenheit suchte? Herr, Herr, schrie sie auf. Doch sie wute nicht mehr, welchen ihrer Gtter sie meinte. Benommen, schon halb entfhrt, entriegelte der Schlfer noch einmal seine Augen. Komm, Lieblicher, murmelte er. Da strzte Linda halb sinnlos vor dem Lager nieder, umschlang den Riesen mit ihren Armen, wie man ein letztes Gut vor dem Untergang zu wahren strebt, und all ihre unendliche Angst vor der verdienten Verdammnis entlud sich herzzerreiend: Herr, entheilige dich nicht. Fliehe vor neuer Gewalttat und verknde irgendwo auf Erden, was dir offenbart wurde. Glaube, glaube, es ist der Geist allein, der das Tote lebendig macht. Ich will dir dienen vom Morgengrauen bis in die Nacht, wozu du mich auch bestimmen magst. Allein Claus war schon zu sehr in den Banden einer dumpfen Entwrdigung, als da er die Opferwilligkeit dieser einzigen Seele, die er je wahrhaft verklrt hatte, anders als mit unglubiger Geringschtzung aufnehmen konnte. Seine Glieder lsten sich immer lockerer, und whrend er kaum noch bewut die blonden Haare des Hingestrzten streichelte, murmelte er, oft unterbrochen und bereits in voller Entrckung: Narr, das Feuer dieses Sterns will gelscht werden. Wer weise ist, errafft noch aus dem Aschenhaufen einen letzten Genu. Trunk -- Weiber -- Raub -- Neckerei mit dem Tode -- das bleibt brig. Herze mich, mein Knblein. Damit versank er. Sein Wchter aber lehnte noch geraume Zeit dicht neben ihm an der Wand, und je lnger er ber Vergangenheit und Zukunft brtete, eine desto herbere Wandlung vollzog sich in dem bleichen Frauenantlitz. Jetzt zeigte es sich, da in jenem Wesen nicht nur das Gttliche des hingerafften Mannes eine Wohnsttte gefunden, sondern wie auch allmhlich die Furchtbarkeit seiner Entschlsse in ihm Wurzel geschlagen hatten. Prfend trat sie nher und versuchte, ob ihr Gebieter noch einmal zu ermuntern wre. Allein der Riese ruhte, ein Bild finsterer Zerklftung. Da sprach sie ihm laut ins Antlitz, als ob er es dennoch vernehmen msse: Du wirst nicht zurckkehren zu den Knechten des Lasters, Claus Strtebecker. In der Unschuld deines Wollens wirst du hingehen. Mge der Himmel dir gndig sein. Eilig bedeckte sie sich mit der Lederkappe des Strtebecker, warf seinen Schafpelz um, und bald glitt ein Boot unauffllig die dunkle Hafenstrae hinab. An der Kogge des Wichbold, des angeblich Kranken, machte es fest. Dort haftete es bis zum Morgengrauen. V. Kapaunen -- Kapaunen mit sem Kuchen gefllt -- bringt mir mehr davon! Und du, Stadtwaibel, vergi nicht den ligen roten Wein, so schmatzte und schnaufte in einer der braungerucherten Kammern des Hamburger Rathauses an einem der letzten Septembertage des Heilsjahres 1402 der dicke Wichbold, und in der Wonne ber die ausgewhlten Leckerbissen, die gebraten und gesotten dicht um ihn herum den Tisch bevlkerten, knpfte er sich ein paar Seitenknpfe seines verschossenen grnen Schifferkittels auf und schuf Raum fr weitere Gensse. Neugierig verschlang er bereits mit den Augen einen der roten Hummern, der auf silberner Schssel liebevoll seine Scheren nach ihm breitete. Gut, gut, belobte er kurzatmig den ihn bedienenden gebckten Stadtwaibel, der whrend dieses ganzen Imbisses ein eigenartiges Grinsen in dem weiten schwarzen Kragen seines Wamses verschwinden lie. Ihr guten Brger von Hamburg wit, was ihr einem frommen Seefahrer schuldig seid. Bei Sankt Paul, soll euer Schade nimmer sein. Will euch redlich vergelten. He, erinnerte er sich, nachdem er wieder einen vollen Gu des dicken Italerweines in sich hineingeschttet, weit du schon, mein Lieber, wo euer Gast heute nacht hausen wird? Wre mir wohlgefllig, wenn ich einen Gebetschemel vorfinden wrde, denn ich habe der heiligen Anna bei gefhrlicher Fahrt eine Nachtwache gelobt. Auf diese Frage des alten Helden versank das Kinn des Waibels abermals tief in die Schwrze seines Kragens, und es dauerte geraume Zeit, bevor er sich auf eine wrdige Antwort besinnen konnte. Ich hrte, bckte er sich, der Rat rste ein eigen Haus fr euch. Verwundert quollen dem Schmausenden die Augen aus dem Kopf. Auf so viel Ehre war er nicht gefat, und betroffen berechnete sein listiger Verstand eine Weile, ob seine Geheimnisse wirklich fr die geizigen Krmer so hoch im Preise stehen knnten. Allein die Kstlichkeit des Mahles, sowie die ganze achtungsvolle Art seiner Aufnahme zerstreuten dem Dicken die aufsteigenden Zweifel bald wieder, so da er sich eben mit gesteigerter Aufnahmefhigkeit an die Vertilgung des Hummers begeben wollte, als ein Gewappneter eintrat. Der stie seine Hellebarde auf den Estrich und meldete: Anjetzo ladet euch der wrdige Brgermeister Tschokke zum Verhr. Nun, nun, zwngte sich der Wichbold, von neuem gestrt, hinter dem Tisch hervor. Was faselst du, Freund? Um ein Verhr handelt es sich nicht, da ich dem Rat gegen freies Geleit eine Unterredung angetragen. Wei nicht, versetzte die Wache barsch. Hinter der Tr schlossen sich dem Zuge noch einige der schwarzen Hellebardiere an, und whrend der Wanderung durch dunkle Gnge und ber windschiefe Treppen, da begannen dem grauhaarigen Snder die alten Kopfwunden zu pochen, und das Herz krampfte sich ihm in feiger Ohnmacht, ob sein Rachegelst ihm nicht doch einen allzu nrrischen Streich gespielt. Allein kaum hatte er den weiten niedrigen Ratssaal betreten, da schpfte er neues Vertrauen, denn an einem grn verhngten Tisch an der Fensterseite sa ein einzelner Mann, der die Stadtknechte durch eine mde Handbewegung abtreten hie. Sie blieben allein. In dem einsamen Raum summte eine Schar Fliegen unter der Decke umher, und durch die vergitterten Fenster drang zuweilen Wagenrollen und das Gerusch einer handeltreibenden Gemeine. Alles schien friedlich, besonders aber der Mensch hinter dem Tisch. ber dem karmoisinfarbigen Kragen seiner schwarzen Ratsgewandung hob sich ein ehemals volles, jetzt faltig gewordenes Haupt, und seltsam, auf die harte Stirn fielen dem noch Unbetagten grauweie Haare. Der Mann mute frhzeitig gealtert sein. Mit einemmal richtete der Wrdentrger ein paar stahlblaue Augen auf den Freibeuter, und in diesem Blick wohnte etwas so Kaltes, Abschtzendes, da den Fettwanst zu frsteln anfing. Auch behagte es ihm wenig, da man ihn nicht zum Sitzen einlud, obwohl man einen mchtigen Lederstuhl hinter ihn geschoben hatte. Wer bist du? hob der Brgermeister ruhig an. Ich? Der Dicke gab sich ein Ansehen. Ich bin der Hauptmann Wichbold, pustete er sich auf, faltete aber zugleich demtig die Hnde ber dem Leib, ein Knecht Gottes, der mit Freibriefen von Rostock und Wismar die gute Stadt Stockholm entsetzte. Zuletzt fhrte ich zu Nutzen des gemeinen Mannes die 'goldene Biene'. Das unbewegte Antlitz des Hamburger Gebietenden vernderte sich nicht im geringsten bei dieser harmlosen Schilderung; gleichgltig in ein paar Pergamenten stbernd, erwiderte er: Ich kenne deine Taten. Du kommst vom Strtebecker. Den Gott verdamme, schaltete hier der Hauptmann ein, indem die roten Narben zwischen seinem grauen Haarwulst aufzuglhen schienen. Mge dieser Leuteverderber ein unrhmlich Ende finden. Was weiter? drngte der Brgermeister, eine groe Schwanenfeder putzend. Jetzt sah der Dicke ein, da er seine Karte spielen msse, wenn er nicht jede Bedeutung oder Wichtigkeit verlieren wollte. In heiliger Entrstung wiegte er deshalb sein plumpes Haupt, und seine aufgeworfenen Lippen zuckten vor innerer Bedrngnis, als er zerknirscht anhob: Euer Wrden, nicht jedem sieht man an, welchem Herrn er dient. Der meine -- gelobt sei sein Name in Ewigkeit -- hat mich nicht umsonst durch Undank und Schmach gewlzt, durch Eiter und Schwren, so da meine Seele bereit ist zu Besserung und Einkehr. Mann, verknde jetzt kurzfertig, was du uns zu hinterbringen gedenkst, sonst ---- Herr, ereiferte sich nun der Wanst gereizt, wobei alles Salbungsvolle ungewollt von ihm abfiel, ich bringe Euch, was mehr ist als Euer Bier, Leder, Erz oder Getreide. Und Ihr werdet es mir gern nach Gebhr lohnen ---- Des sei gewi, lehnte sich der Aldermann bestimmt zurck. Gut, gut -- so liefere ich Euch den Erzfeind Eures Handels und friedlicher Schiffahrt in die Hnde, damit diese Plage des Menschengeschlechts, nachdem ich sie bufertig als solche erkannt, nicht frder durch Prunk, Laster und Hurerei allen Gesetzen Hohn spreche. Als der unselige Lebenswandel des Strtebecker erwhnt wurde, da verfielen die Zge des Mannes hinter dem Tisch zum erstenmal zu einer seltsamen Starrheit. Eine wchserne Leblosigkeit lie sie fr den Augenblick fast durchsichtig erscheinen, und er verdeckte die Augen mit der Rechten, bevor er dem Freibeuter ein Zeichen gab fortzufahren. Dieser ergtzte sich an dem sichtlichen Eindruck, und rasch und kollernd folgte nun sein Vorschlag. Herr, grunzte seine Suferheiserkeit, und die verschwollenen uglein glitzerten dazu, in sptestens vier Tagen macht der Strtebecker in Marienhaven klar, um sich zum Gdeke Michael durchzuschlagen. Aber seine Flotte ist bemoost, zudem nur halb bestckt, seine Mannschaft schwierig, auch die Friesen in seinem Rcken grollen dem wahnwitzigen Schwrmer, da sie sich die verkauften Lndereien gern wieder aneignen mchten. Wenn Ihr die Zeit ntzt, dann knnt Ihr ihn noch zwischen den Inseln abfangen. -- Ich selbst will -- getrieben von meinem Gewissen -- Euch Fhrerdienste leisten -- und dann mgt Ihr den Verknder eines gotteslsterlichen Zeitalters, mgt den Verbreiter aller stinkenden Lste foltern, pfhlen und schmerzhaft zum Tode bringen. Er atmete schwer und befriedigt. Auch Herr Nikolaus Tschokke sttzte sich auf den Tisch und hielt sein ergrautes Haupt eine Weile verdeckt ber seinen Pergamenten. Dann erst uerte er wie nebenbei: Deine Angaben treffen nur halb zu. Der Strtebecker wird nicht zum Gdeke segeln. Mit Verlaub, warum nicht? Weil man die Toten nicht besucht. Das Haupt des Michael verwest schon zwischen den Vierpfhlen auf unserem Grasbrook[*]. [*] Die Richtsttte zu Hamburg. Aller Himmel Gerechtigkeit, stammelte der Freibeuter. Offenen Mundes, grne Fahlheit auf dem schwammigen Fleisch, sank er ohne Einladung in dem groen Lederstuhl zusammen, denn eine dstere Befrchtung fr sich selbst lie ihm die Brust still stehen. Welche Verdienste wrden diese Krmer wohl noch achten, wenn sie es wagten, den mchtigsten Seeherrscher der damaligen Zeit, den Verbndeten von Knigen und reichen Stdten gleich einem gemeinen Straenruber der Schmach und dem Schwerte preiszugeben? Sankt Peter gewhre mir bei der Urstnd ein leichtes Erwachen, sthnte er geistesabwesend, und seine Angst lie den Verwirrten nach Rechtsgrnden suchen, gelten denn keine Freibriefe mehr? Der Michael lag mit Euch in ehrlicher Fehde! Als htte der andere keinerlei Einwand erhoben, so stutzte der Brgermeister kaltbltig weiter an seiner Feder herum, bis er endlich, ohne den Versuch einer Rechtfertigung, den Schwanenkiel fortwarf, um von neuem zu beginnen: Tu mir jetzt kund, wer brgt mir dafr, da deine Angaben der Wahrheit entsprechen? Hast du ein Zeugnis, wie weit man dir und deinesgleichen trauen darf? O, der allerheiligsten Jungfrau sei Dank, jetzt nahte die Rettung. Befreit atmete der Dicke auf, wischte sich die runden Schweitropfen von der Stirn, und whrend er hastig und doch unendlich erleichtert ein dnnes Goldkettlein aus seinem Kittel nestelte, raffte er seinen gebrochenen Krper wieder zuversichtlicher empor. Hier, Euer Wrden, versuchte er vertraulich zu lcheln, obwohl es immer noch eine angestrengte Grimasse blieb, dies gab mir eine gar zarte Dirn fr Euch mit, damit Ihr erkennt, da all meine Worte aus ihrem Munde stammen. Schon lange haust sie bei dem Strtebecker, dieweil er ihr schndlich Gewalt angetan und sie auch jetzt sonder Zucht noch Scham in Mannskleidern mit sich schleppt. Ist gar ein Elend, dies fein Ding zu sehn. -- Hier -- hier -- berzeugt Euch. Mit zitternden Fingern legte er das Kleinod dicht vor den Wrdentrger auf den Tisch. Herr Nikolaus Tschokke aber rhrte sich nicht. Nur von der Seite schickte er einen fast furchtsamen Blick nach dem Schmuckstck aus, um zu prfen, ob wirklich die Schaumnze an dem Kettlein hing, die Linda einst als Kind aus den Hnden seines Vaters empfangen. Und als er die Echtheit des Stckes festgestellt, blieb er unbeweglich sitzen und schlo von neuem die Augen. Nur einmal zuckte seine schon geffnete Hand von dem Schmuck zurck, als ob Befleckung und Krankheit an ihm hafte. Dem Wichbold aber entging die eigenartige Schwche des Mannes nicht. Nun, forschte er selbstbewut, traut Ihr dem Ding da? Das blasse Antlitz mit den geschlossenen Augen nickte. Dann lohnt mir nach Gebhr, heischte der Wichbold jetzt frech, denn die Habsucht verfhrte ihn, und er schlug mit der Faust auf das grne Tuch. Wie wollt Ihr mich bezahlen? Wie du's verdienst, drang pltzlich eine Stimme durch den stillen Raum, die aus dem Himmel zu fallen schien, so wenig traute man dem beherrschten Stadtgebieter eine derartig sthlerne Leidenschaft zu. Was bedeutete das? Stier, mit einem eigentmlichen Schlottern in den Knien schaute sich der Freibeuter um. Ehe er sich noch auf sich selbst besinnen konnte, auf den Ort, wo er weilte, an den hartgeschnitzten Brger, mit dem er einen solch gefhrlichen Streit ausfocht, da war ein bis ins Hirn reichender Blitz durch ihn gefahren, der schleuderte den schwammigen Leib des Schuimers widerstandslos in den Sessel. Er wollte die Hnde ausstrecken, er vermochte es nicht. Er wollte irgend etwas vorbringen, am liebsten ein Flehen um Gnade, statt dessen zwang ihn seine grausige Willenlosigkeit nur zu einem mhsamen Lallen. Der Brgermeister hatte sich erhoben, seine kalten blauen Augen schnitten prfend in die Qual seines Gegners, er winkte, die Scharwache quoll zur Tr herein, und auf ein neues Zeichen des Graukopfes hob sie den Stuhl samt seiner Last in die Hhe und trug die gelhmte, zur Schweigsamkeit verdammte Masse mit sich fort. Eine Weile blickte ihnen der Brgermeister regungslos nach, dann lie er sich nieder, schob das Kettlein weit von sich und fhrte seinen Schwanenkiel kritzelnd ber das Pergament. * * * * * Auf den Schiffen zu Marienhaven klopften inzwischen die Hmmer, Sgen knirschten, fauliges Holz wurde ausgewechselt, die Seiler lieferten neue Taue, und die Weber halfen, die rtlichen Segel auszuflicken. In berraschend kurzer Zeit bekleideten sich die abgetakelten Gerippe mit jener Haut und allen Nerven, welche die toten Meervgel wieder zum Flug befhigten, ja, die springend fieberhafte Ungeduld ihres Fhrers konnte man frmlich in den gewaltigen Holzleibern pochen und schwingen hren. Den Mchtigen aber, dessen Wink sich all diese unbotmigen, nach fesselloser Freiheit trachtenden Gesellen von neuem verschrieben hatten, der Wilde, Zgellose, von dem sie meinten, er allein knne ihre Sehnsucht nach Raub, Vergeltung und schrankenloser Besitznahme aller Gter der Erde gewhrleisten, ihn trieb es in diesen Tagen der Vorbereitung ungestmer und wster denn je umher. Oftmals mute sich Licinius, der aus der Ferne jeden seiner Schritte berwachte, unter zehrenden Trnen bekennen, da die Schmach verflatterter Hoffnungen oder die Scham, vor der Menge unterlegen zu sein, in dem Gebieter nichts anderes ausgelst htte als die Gier, all jenes Strahlende in sich auszulschen, das ihn bisher von den Verderbten unterschied. Nchtelang prate er mit allerlei verkommenem Frauenvolk in den Tavernen des kleinen Fleckens, ja, er veranstaltete sich zur Lust Einbrche und Diebstahl in den Werksttten und Lden der Eingeborenen, um freilich die davon Betroffenen gleich darauf in irrsinniger Freigebigkeit wieder zu entschdigen. Das Frstliche des ehemals so Gottgesegneten uerte sich nur noch in Verschwendung oder in der Sucht, die Verderbnis der Herrschenden zu bertreffen. Kam er dann abgezehrt, mit tiefliegenden, flackernden Augen auf die Agile zurck, dann erfrischte er seinen Geist nicht etwa, wie frher, an dem Studium der Dichter und Philosophen, die er einstens so frhlich durchstbert, sondern er strich, gleich einem gefrigen Wolf, auf Deck umher, um schimpfend und wetternd Fehler und Unterlassungen aufzuspren. Fertig -- fertig, das war das einzige Wort, das er von den fieberhaft Beschftigen erpressen wollte. Dazu schlug und mihandelte er die ergrimmten Matrosen, wozu der Vornehme sonst nimmer seine Hand mibraucht, oder er zwang seine Unterfhrer, daneben aber auch gemeines Volk, zu Zechereien und waghalsigem Kartenspiel, bis die minder Ausdauernden, von seinem Hohngelchter verfolgt, unter den Tisch der prunkhaften Kajte fielen. Es war klar, der Wein dieses Lebens wurde schal und ging in Zersetzung ber. Einmal fragte ihn der kleine Wichmann, der selbst diesen Verfall seines Zglings mit der Aufmerksamkeit eines messenden und vergleichenden Gelehrten beobachtete: Wohlan, Cluslein, zu welch letztem Ziel voll Purpurglut und betrender Klnge willst du uns nunmehr steuern? Das Ende eines jener bermigen Gelage war gerade herangenaht, so da der Riese mit dem ehemaligen Magister nur noch allein hinter der weinbesudelten Tafel lehnte. Aus seinen Grbeleien aufgeschreckt, hob der Strtebecker das Haupt und strich sich die wirren Locken aus der Stirn. Offenbar mute die Frage des Zwerges in einer sehr hnlichen Bahn laufen wie seine eigenen Gedanken, denn der benommene Mensch griff nach der winzigen Hand seines Gefhrten, als wolle er sich berzeugen, ob Fleisch und Bein jene Auskunft von ihm verlange. Dann sprach er, den Kopf gesttzt, mit einem zerrissenen, nach innen dringenden Lcheln: Heino, hast du jemals an das Aufhren dieses ganzen Gewimmels gedacht? Welche Ruhe mu kommen, wenn das Erdherz seinen letzten Schlag tut. Er ri sich die rote Schecke ber der Brust auf, um an sein eigenes Schlagwerk zu greifen. Das hmmerte laut und strmisch. In den Eismrchen unserer Vorfahren, so man auch hierzulande noch erzhlt, fuhr er dann in sich gekehrt fort, luft ein Wolf herum, der die Sonne verschlingt und nicht satt wird, bis er alles Leben gefressen. Ich kenn' nunmehr das Untier, Heino. Es ist dein und mein Geschlecht und heit Mensch. Es strmt nach der Vernichtung. Welch ein Helfer wrde der sein, der ihm den Weg dazu erleuchtet! Bruder, und dabei zerquetschte er fast den Becher in seiner Faust, ich mchte das von Teufeln bewohnte Reich an allen vier Ecken anznden und dann, wie jener Sardanapal, mit Weibern, Suff und Spiel zur Asche fahren. Hinter ihm folgte diesem wtigen Begehren ein unbewachter Seufzer. Der Zecher fuhr herum und begegnete dem bernchtigten Antlitz seines Knaben. Allein der trauervolle Blick verschlimmerte des Seefahrers ble Laune noch um ein Bedeutendes. Dummer Bube, herrschte er ihn an, was starren deine Augen gleich zwei offenen Grbern? Bete den Tag an, schlemme und fge deiner Natur keine Gewalt zu. Willst du, da dich einst die Wrmer verachten, die den Schlu machen? Heia, vergeude, womit du jetzt sparst, und singe Schelmenlieder. So trieb es der Zertrmmerte seinen Nchsten zum rgernis, und je nher der Tag der Abfahrt rckte, desto gieriger fahndete seine Lsternheit danach, dem Lande, das er preisgeben mute, allerlei letzte Gensse zu entlocken. Was fehlte ihm noch? An einem Sptnachmittag bemerkte man von den Schiffen im Hafen, wie der Reisewagen der Huptlingsfrau van Ne langsam die Hhe der Brokeburg hinaufknarrte. Da fuhr der Admiral wie gestochen mitten aus dringenden Anordnungen empor und winkte heftig einen der Schiffsjungen zu sich. Jhe Rte flackerte in seinen Zgen, denn er schmte sich fast, da er gerade dasjenige unvernichtet zurcklassen sollte, was seine Flamme schon so nah umzngelt. Geh, befahl er ohne Rcksicht auf die Umstehenden, zu denen auch Licinius gehrte, melde dem Huptlingsweib, ihr Wunsch sei erfllt. Die Flotte laufe aus. Darum lade sie der Admiral zu einem Abschiedstrunk auf die Agile. Sage, es solle ein ihr wrdiges Fest werden. Ungeduldig warf er dem Boten ein Silberstck zu, dann schrie er dem Davonspringenden noch ber Bord nach: Schone deine Lunge nicht, Bursche. Lobe und rhme mich. Es hat Eile. * * * * * Schweigsam hatte die schne Occa die Botschaft angehrt. Jetzt sa sie an dem Ausguck ihrer Kammer, von wo sie die Lichter der Flotte durch die Dmmerung zucken und blinken sah, und ihr eitler Sinn berlegte, welchen Entschlu sie fassen sollte. Die Einsamkeit tat ihr nicht wohl. Voller Dunkelheit hing der Raum, in dem sie weilte, und nur aus ihrer offenstehenden Schlafkammer schwamm der trbe Schein eines llmpchens herber. Allein die sprlichen Strahlen trugen ihr noch etwas Besonderes herzu. Jetzt, da der Augenblick herannahte, wo der glnzende Freibeuter, der Mann des Zufalls und des Abenteuers in das Ungewisse seiner gefhrlichen Laufbahn hinausgerissen wurde, jetzt, wo man den Sagenumwobenen leicht fr immer verlieren konnte, mit dem ihre Einbildungskraft nicht allein oft gespielt, sondern dessen schicksalsgestaltende Mannheit sie sich bereits durch ihre Knste gefgig gemacht zu haben glaubte, da kam ein bitteres Erinnern, ein Vergleichen ber die Verkaufte, und ihr bisheriges Dasein erschien ihr nicht mehr so spielerisch und harmlos wie frher. Seltsame Gestalten tauchten aus dem matten Schimmer zu ihren Fen. Zuerst glaubte die Verlassene, die flchtigen Lichtflecke formten sich zu einem menschlichen Klumpen, und obwohl ihre Sinne unerschrocken und grobkrnig waren wie die der meisten Frauen ihrer Zeit, so rckte sie doch belstigt zur Seite, als sie der Tuschung unterlag, das Ferkel krche auf sie zu, um sein Borstenhaupt tierisch an ihrem Knie zu reiben. Die dunstige Wrme wurde ihr zuwider. Mach fort, scheuchte sie das allzunahe Phantom und -- erwachte. Offenen Auges sann sie dann weiter in die Nebelluft des versunkenen Tages. Dort drben zwischen den dmmernden Lichtern harrte ihrer jetzt gewi der Riese, denn hinter seiner Einladung -- das wute sie -- lauerte sicherlich der Wunsch, sie endlich in seine Arme zu schlieen, um sie zu unterjochen. Niemals hatte er ein Hehl aus seinem brennenden Verlangen gemacht, ebenso wie sie selbst kaum aufgehrt, durch ein lssiges Versagen sein Gelst zu schren. Versonnen lchelte die Goldblonde und sttzte ihren Arm auf die Mauerplatte. Ein unendliches Wohlgefhl verursachte es ihr, sich dies alles vorzustellen. Ungebrochen war sie noch, und gerade ihre Freiheit sowie die Geschicklichkeit, mit der sie ihr hchstes Gut verteidigte, sie erfllten sie mit einem herben Stolz. Aber whrend ihr jetzt die feuchte Seeluft die Wangen khlte, da begann in ihren Gedanken jener heimlich nagende Ehrgeiz zu schmerzen, den sie von ihrem tollen Vater geerbt, und allerlei weitmaschige Plne von mglicher Gre und knftiger Herrschaft knpften das Netz zwischen ihr und dem Entfernten enger. Wenigstens versuchte die Schwankende, sich jenes unerklrliche Treiben und Drngen in ihrem Blut so auszudeuten. Warum sollte sie nicht die Krfte jenes Unbndigen sich dienstbar machen, der mit Schtzen, Frstentmern und Kronen so unbesorgt spielte wie sie mit den Huldigungen vernarrter Mnner? Warum sollte sie nicht den Fu auf jene Hand setzen, die sie hoch ins Licht heben wollte? Unermelich hoch vielleicht. Drauen in der Welt war man gerade dabei, einen Knig zwischen Schlo und Mauern verhungern zu lassen. Wohin konnte ein Khner, den die Goldfden des Volksliedes schon umspannen, nicht kecken Fues gelangen? Namentlich wenn ein begehrtes Weib ihm List und Tollheit ins Ohr wisperte? Vielleicht war sie berdies schlau genug, selbst jenen Gewaltttigen noch einmal zu migen. Gerade dieses letzte, dieses ungewisse, gefhrliche Spiel reizte, wie sie meinte, ihre Unternehmungslust aufs uerste. Ja, sie war entschlossen, und whrend sie hastig in ihre Schlafkammer eilte, um sich heimlich und einsam anzukleiden, da berfiel sie der ganze, von ihr kaum gekannte Rausch, den ein Weib zu erregen und mitzuteilen vermag. Eine Metallscheibe zeigte ihr ihre Gestalt, und sie geno dabei die Wonne, ein unsichtbares Schwert um ihre Hften gegrtet zu tragen, das auf ihren leisesten Wunsch blutige Gesetze schreiben wrde. In diesem Augenblick umfing sie den Fernen und lehnte ihr Haupt an seine Wange. Sorgsam whlte Occa ihr schnstes rotes Fltelkleid aus Leyden, und als sie es mit geschwinder Hand angelegt, da empfand sie selbst voll Befriedigung, wie der starre Goldschmuck des Gewandes, der sich ber ihrer Brust zu einer Art Sonne verdichtete, den Strahlenkranz des Reichtums um sie schlo. Noch einmal sphte sie vorsichtig aus dem offenen Fenster, allein auf dem dunkelfeuchten Burghof war keine Seele zu ersphen, sie hrte nur, wie die Windsbraut von der Linde Wolken drrer Bltter abtrieb, um darauf mit dem Kehricht tief unten auf den Steinen umherzukichern. Nun galt's! Hurtig warf sich Occa ihren grnen, gleichfalls ber und ber mit Goldblechen besten Mantel um, zog ihn nach der Sitte der Friesinnen ber das Haupt und huschte leichten Fues die Steintreppen hinab. Wie ungewohnt ihr dabei das Herz hmmerte, wie angestrengt ihre Brust atmete, und doch erinnerte sie sich nicht, jemals eine hnliche Lust gekostet zu haben. Weiter, weiter, damit ihr jenes fremdartig beglckende Sehnen nicht etwa noch zuletzt durch irgendein Hindernis gehemmt wrde. Jetzt schlich die dunkle Gestalt bereits ber den Hof, nun drckte sie gegen das Pfrtlein der Mauer. Gottlob, es war offen. Von der Anhhe berschaute die Broketochter noch einmal das nchtige Gefilde. Der Meerwind, der ber das Flachland pfiff, blhte ihren Mantel, die bunten Lichter der Flotte stiegen auf und ab wie ungeheure gebndigte Leuchtkfer. Dies war die Sprache, in der der Strtebecker zu den Seinen redete. Aber pltzlich zog ein eigenartig berlegenes Lcheln um den Mund der Flchtigen, genau so, wie durch die Signale dort unten die Nacht erhellt wurde; wie, wenn der unbeherrschte Mensch, den sie zu versuchen gedachte, sie nicht mehr aus seiner Gewalt entliee, wenn er sie mit sich schleppte? -- O Schmach, ihr Stolz litt es nicht, sich solch einen Niederbruch vorzustellen, und der goldene Stirnreif, den ihr das Abenteuer noch eben entgegengereicht, er erblindete sacht in dem feuchten Nebel der Finsternis. Eben wollte sie ihre Gewandung schrzen, um desto ungestrter wieder den Fahrweg hinaufeilen zu knnen, da stutzte sie, und im ersten Schrecken strzte ihr der Mantel vom Haupt. Hilf Himmel, dicht unter ihr knarrte etwas Ungefges aus der Schwrze hervor, das durchdringende Quietschen trockener Rder meldete sich, und ehe Occa noch den Entschlu fassen konnte, wieder durch das Tor zurckzuschlpfen, wurde ihr Antlitz von dem Flackerschein einer Fackel bermalt. Ein Knecht trat hinter dem Wagen hervor. Der hielt ebenfalls inne, als er seine geschmckte Herrin gewahrte. Unter dem Leinendach aber grunzte wie in Spuk und Traum jene viehische Stimme, vor der ihre Jugend eben noch voll Widerwillen geschaudert hatte. Stumm, unbeweglich mute das schne, fackelbeleuchtete Bild mit ansehen, wie zwei Wppner die gemstete Rundung des Ferkels von dem Gestell herabhoben, watschelnd kroch das Ungeheuer auf sie zu, dann weidete es sich lange an der Pracht und dem Schmuck der Wegbereiten, whrend die schmalen Schweinsuglein fast hmisch dazu glitzerten. Endlich schnaufte der Klumpen so sanft er vermochte: Wohin, mein Trautchen? Zum Strtebecker, brach Occa zornig aus, da sie es verschmhte, vor ihrem Gatten Geheimnisse zu bergen. Recht, nickte der Sternendeuter beifllig, als wenn nicht das geringste an dem Betragen seines Weibes auszusetzen wre, dacht ich mir doch, da ich dich warnen mte. Dabei griff seine schwammige Rechte nach dem Arm der Schnen, schob sich selbst dicht unter ihren Mantel und drngte die noch immer Widerstrebende auf diese Weise mit sich in den Hof. Erst unter dem Hauseingang lste sich der Fettwulst von seiner Begleiterin, um schnaufend gegen den bedeckten Himmel zu weisen. Was schaust du dort oben an dem Bogen des Wechsels? sthnte er bedeutungsvoll, und es sah beinahe grausig aus, wie die fette Ungestalt mit der Sicherheit des Besitzers die Hand gegen das finstere Gewlbe reckte, als wollte er dort droben einen Schrein voll Kostbarkeiten aufschlieen. Doch Occa brachte seiner Wissenschaft nicht die von dem Ferkel gewnschte Verehrung entgegen. Ich sehe nur, da es regnen wird, erwiderte sie spottend und wollte sich abkehren. Der Klumpen aber hielt sie zurck. Leichtfertig Kind, grunzte er, und ich hab' deinetwillen die schmerzhafte Fahrt angetreten. Siehst du nicht, wie das Siebengestirn drohend nah gen Luna rckt? Und wie von der anderen Seite das Gewimmel der Plejaden gegen die Sichel drngt? Das bedeutet Abnahme und Tod eines Mchtigen. bermacht rottet sich zusammen. Mit vierzig Koggen segeln die Hamburger schon in Sicht der Inseln, so da es kein Entrinnen mehr gibt. Wer in Marienhaven morgen Wsche splt, wird sie rotgefrbt herausziehen. Da lehnte sich Occa sprachlos gegen den Torpfosten, aber wunderlich, ihre heie Regung verflchtigte sich berraschend schnell vor dem Heranziehen des Ungemachs oder des Zusammenbruchs, so da es fast nur noch der Schreck ber ihre eigene Verbindung mit dem Gezeichneten war, der ihr ein Zittern einflte. Wer trug dir dies alles zu, Luitet? fragte sie um vieles vertraulicher. Der Dicke streichelte sacht ihren Mantel, bevor er zgernd, aber mit einem schlauen Blinzeln in den Schweinsuglein erwiderte: Lasse mir meine Erkenntnis gern nachprfen, Occa. Bin nicht stolz darauf. Diesmal taten es eine Anzahl von Fischern, die Hisko in Sold hlt. Ja, der Pfaffe hat den Hansen sogar schon einen Unterhndler entgegengeschickt. Als das geschmckte Weib diesen nackten Bericht ber Abfall und nahende Schande berlegte, da berkam es beinahe eine Art Dankbarkeit fr den rechtzeitigen Warner. bermtig, wie sonst, klopfte sie ihm die feiste Wange. Bist doch ein klein kluges, nachdenkliches Vieh, lobte sie ihren Eheherrn und versetzte ihm einen leichten Schlag, der das Ferkel jedoch befriedigt aufbrummen lie. Komm, ist kalt hier. Die Mutter soll dir warmen Wein in den Trog schtten. Schritt vor Schritt zog sie das schwankende Ungeheuer die unbequemen Treppen hinauf. Aber noch whrend des schwierigen Hinaufklimmens hing sich der Klumpen fest unter ihren Arm und schnaufte recht aus Herzensgrund, fast wie ein ehrlicher Beichtiger, der seinem Seelenkind zuredet: Meinst du nicht, Liebe, da dieser Gottversucher mit Recht Pein und Block verdient? Gibt es wohl ein boshafter Beginnen, als die frommen Satzungen von reich und arm umzuwhlen, so da schlielich der Edelingsrock auf deinem schnen Leib nicht mehr gilt als der Bettlerkittel? Komm, komm, rief Occa schaudernd, la uns am warmen Feuer niedersitzen. Und dann wollen wir der Ausgeburt eines Tollwtigen fr immer vergessen. * * * * * Die grnen und roten Lichter zogen fluabwrts. Eine langsam gleitende Bewegung war in die hlzernen Massen geraten, und whrend die Ungetme im Schein ihrer Laternen, schattenhaft nachgebildet und wie flach ber das Land hingeworfen, ihre huschende Wanderung antraten, da schrillte, trillerte und pfiff es von allen Seiten durcheinander, als wenn die groen Vgel nunmehr auch ihre Stimmen wiedergewonnen htten, damit sie sich gegenseitig warnen knnten. Allein es handelte sich um keinerlei Vorsicht, denn dies war der Gesang des Angriffs, des Stoes und des Ausbrechens aus dem Kfig. Zur selben Stunde, da Occas Eheherr ihr die dunklen Sprche des Himmels offenbarte, da standen drei Snykenfhrer,[*] die schon seit Tagen drauen auf offener See Vorpostendienste leisteten, vor ihrem Admiral, und das, was sie meldeten, das war der Ruf des Lebens und des Todes zugleich, das war die ernste unerbittliche Ordnung und das lustige leidenschaftlich whlende Chaos. [*] Befehlshaber leichter Schaluppen. Zwischen ihnen auf den Wellen schwankte die Wage. Der Feind war da. Auf unbegreifliche Weise erschienen. Wie der Dieb in der Nacht. Vierzig kriegsstarke Koggen. Das ganze hansische Aufgebot, vor allem Hamburger, und an ihrer Spitze ein ungefges, plumpes, breitstirniges Schiff, das im Topp die Admiralsflagge gesetzt hatte. Die Bunte Kuh.[*] [*] Es war aus Utrecht gechartert. Es war der Name des Fahrzeuges, der dem Strtebecker zuerst whrend des Kriegsrates in der Kajte ein hmisches, nach Hellebarden und Schwertern klirrendes Gelchter entlockte: Ho, Brder, hieb er sich auf die Brust, welch gutes Omen! Wir wollen das Hamburger Tier erst melken und dann schlachten. Gnne ich doch meinen Kindlein schon lange solche Milch. Und nun -- er wanderte weiten Schrittes durch den hell erleuchteten Raum und zog dabei ein paar der Lukenbretter zurck, um finstere Blicke auf das vorberziehende Land zu heften, nun, Heino, sprich, mein Freund, wie siehst du das Ding sonst an? Der Kleine lehnte am Tisch und sttzte sich auf seinen Hieber. In dem faltenlosen, glatten Kindergesicht stand dunkler Ernst. Da die Krmer mit einer solchen bermacht erscheinen, sagte er bestimmt, beweist mir, da der Michael geliefert ist. Mchten dich doch die Furien erwrgen, unterbrach der Strtebecker hier dunkelrot, denn seit seiner Kindheit hatte sich der Unbndige stets in beleidigter Auflehnung dagegen gestrubt, ohnmchtig gegen ein schwarzes Wetter zu starren. Der Gdeke lebt. Meinen Kopf dafr. Ich sehe ihn, ich hre ihn sprechen. Meinst du, der Satan wrde mir sonst Dietrich und Brecheisen ins Wappen setzen, wenn's nicht der guten Kumpanei wegen geschhe? Wtend schlug er gegen die Schiffswand. Unter den Fhrern erhob sich ein widerstreitendes Gemurmel. Unbeirrt jedoch und khl streichelte sich der Magister das Kinn. Wie dem auch sei, beharrte er, ist jetzt nicht an der Zeit, Claus, sich in den rmischen Triumphmantel zu hllen. Hab' all mein Tag auf die Ehre gepfiffen. Ha, ha, ohne Ehre kann man leben, aber ohne Kopf nimmer. Ich stimme dafr, wir wollen entwischen, solange es noch Zeit ist. Die anderen schwiegen. Auch der Admiral stand wortlos am Ende der Kajte, dort, wo sie sich sanft verjngte. Ohne Absicht hatte er einen dicken Folianten von der Truhe emporgerissen und nagte emsig an der Unterlippe. Jetzt aber warf er den Wlzer polternd zur Erde und richtete sich jh zur Hhe. Habt ihr euch, rief er mit seiner durchdringenden Stimme, die jedem einzelnen einen Messersto in die Brust versetzte, whrend ich euch Wohnsitz und Unschuld geben wollte, nach Blut und Beute gesehnt? Ja, sprachen die Mnner gemeinsam. Und ist's nicht euer einziger Freibrief, da ihr mit Beelzebub Karten zu spielen wagt, ganz gleich, ob der Gehrnte die Bilder in der Klaue hlt und ihr die Nieten? Ja, schrien die Freibeuter berzeugt. Fuhren aber gleich darauf wild durcheinander. Haben selbst einen Trumpf im Spiel, heit Claus Strtebecker. Da glitt ein stolz zerrissener Schein ber das dunkle Antlitz des Riesen, den man frher nicht an ihm gekannt. Habt mir nur die Helmzier abgebrochen, ihr wetterwendisch unbelehrbar Volk, grollte er mehr zu sich selbst, aber gleichviel -- er trennte die Seekarte von der Wand und schleuderte sie auf den Tisch -- will das Kunststck ausfhren, um des Kunststcks selbst willen. Wohlan, Heino, gib dich, wir schlagen morgen. Und jetzt habt mir acht auf ein gar sauber Stcklein von einem Plan. * * * * * Es war tief in der Nacht, als der Admiral in seine Kajte zurckkehrte. Bis dahin hatte er bei Laternenschein jeden Winkel seines Schiffes gemustert, er hatte die Rstkammer besucht, die Winde der drehbaren Geschtze geprft, Leinen und Segel zur Probe gezogen und berall die verwegenen Gesellen, die ihm an ihren Rollen ihre Knste weisen muten, durch ein wildes zndendes Scherzwort in jene bis zum Reien straffe Spannung versetzt, die auf der Agile bisher immer die letzte, unwiderstehlichste Waffe gebildet. Jetzt hatten die Schiffe, schon auerhalb der Inseln, Anker geworfen, Ruhe war vor dem roten Erntetag befohlen, und der Strtebecker selbst betrat mde und in sich gekehrt seine Wohnsttte. Er hatte noch nicht sein Haupt entblt, als der Heimgekehrte mitten auf einem der dicken Teppiche des Fubodens seinen Knaben hingelagert fand, den wohl beim Warten auf seinen Herrn der Schlaf bermannt haben mochte. Gedankenvoll blieb der Strtebecker vor dem friedlichen Bilde stehen, denn die scharfen Lichter aus den venezianischen Glsern enthllten ihm deutlicher als je zuvor, wie hager und abgezehrt die Wangen seines folgsamsten Gesellen eingesunken waren, ja, wie tief die ganze schwrmerische Bildung seiner Zge in Leid eingebettet ruhte. Wahrlich, der Sturz, den diese ihm hingegebene Seele aus einem versprochenen Himmel getan haben mute, er hatte der rmsten gewi fr immer jene Inbrunst geraubt, in der sie wie eine steile Flamme aufstieg und ohne die ihr Dasein zu Asche sank. Die Menschheit hie der groe Tempel, in dem der Glubigen ein Hterinnenamt zugesichert war. Wohin wrde sie sich nun flchten, nachdem offenbar geworden, da die Fratze des Wahnwitzes vor der Tr des angeblichen Heiligtumes grinste? Leise berhrte der Hinabschauende die Weiche des Schlfers mit dem Fu, um sich von der ungestrten Fortdauer des Schlummers zu berzeugen, dann aber verdsterte sich seine Miene, und er sprach dumpf vor sich hin: Zerbrochener Scherben! Deinetwegen knnte ich Reue lernen. Kein morgenrotes Eiland mehr in der Ferne, mein Bblein, nur die Fahrt in den Pfuhl, darber das Fieber tanzt. Dir wre besser, du blasser Traum, du gingest gnzlich in Schlaf ber. Vorsichtig beugte er sich, nahm den schlaff herabhngenden Krper in seine Arme und las eine Weile angestrengt in den gelsten Zgen, die ohne das Licht der Augen nur den Ausdruck versenkter Ruhe wiesen. Aber gerade diese unbeteiligte Ferne schien den Spher zu trsten. Leise lie er seine Last wieder auf die Kissen sinken, blickte noch einmal mit vollem Verlangen auf die Pracht des kostbaren Raumes, dann lschte er selbst das Licht, und bald verkndeten krftige Atemzge von seiner Lagerstatt, da auch dieses unruhige Hirn der Betubung unterlegen sei. Drckendes Schweigen webte in dem weiten Gemach, und nur das regelmige Gewoge der See zhlte in der Finsternis seinen eigenen Herzschlag. Und doch -- es gab hier noch ein ander Hammerwerk, das in einer menschlichen Brust aufgestrt fieberhaft seine enge Kammer zu sprengen drohte. Linda schlief nicht. In den Armen ihres Gebieters war sie aus ihrer schweren Verstrickung erwacht, sie hatte seine dunkle Prophezeiung vernommen, und nun lag sie angehaltenen Atems und suchte kltegeschttelt zu ergrnden, ob sie wirklich das mit sich selbst bekannte und einige Wesen sei, in dessen Brust vom Schicksal Urteil und Vollstreckung zugleich gelegt wren. Drauen schlugen die Wellen unabnderlich an die Planken: Du mut -- du mut, und whrend der Hingestreckten vor dieser Bedrngnis die Zhne gegeneinander bebten, da warf ihr schumendes Hirn allerlei Fetzen jener Verhaltungsmaregeln durcheinander, die ihr von dem scheusligsten aller Verbrecher, dem dicken Wichbold, berkommen. Sieh, du mut erst das tun -- mein schlaues Bblein, und dann mut du jenes -- -- aber vorsichtig, damit er dir nicht deine Sprnge ablauert. Er -- er, das war der Mann, der ohnehin schon den Glanz, den Strahl, das Gold seines Ichs eingebt und nur noch dahinraste, um hinter wilden Lastern seine Niederlage zu verstecken. Kein Messias mehr, sondern ein frecher, sich selbst verspottender Judas! Keine Labe in den Hnden fr die Schmachtenden und Niedergebrochenen, nein, nein, vielmehr ein Gurgelschneider, der in Selbstverzweiflung seinen Opfern wohlzutun glaubte, weil er sie abschlachtete. Der Morgenstern in einen Kothaufen verloren. Nimmer! Linda erhob sich. In ihrer Blsse stand wieder jene unerbittliche Treue zu ihrem Entschlu, die in dem langen Zusammenwirken mit dem Gewaltmenschen ihr Erbteil geworden. Jetzt lauschte sie nicht mehr, keine spitzfindigen Fragen legte sie sich weiter vor, getrieben von einer finsteren Notwendigkeit, furchtlos und berzeugt schlich sie unhrbar die Treppe der Kajte hinauf. Wie hatte es doch der dicke Wichbold gemeint? Immer seine listig heisere Einflsterung im Ohr, strich der Schatten ber Deck, dann wand er sich wieder zwei enge steile Treppen hinab, bis dahin, wo tief im Bauch des Fahrzeuges der rote Schein der Schiffsschmiede glimmte. Vorsichtig ffnete Licinius die ruige Hhle, allein die halbnackte Zyklopenschar, die noch vor wenigen Stunden hier an ihren Amboen Pfeil- und Lanzenspitzen geglht und gehrtet hatte, sie lag jetzt irgendwo in der Schwrze verborgen, und mit der rasselnden Wucht arbeitender Blaseblge entstrmte ihr Atem. Halblaut, prfend rief sie der Schatten an: He, Detlev -- Olav -- Henneke! Als sich jedoch nirgendwo ein Zeichen des Verstndnisses kundgab, da wandte sich der Knabe gegen den verlassenen Herd und schob einen der Schmelztiegel in die noch lebende Glut. Dann bckte er sich und blies seinen eigenen ngstlichen Odem in die mde Asche. Und wieder und wieder versuchte der nchtliche Gast whrend seines Tuns die hingestreckten Schmiede: He, Detlev -- Olav -- Henneke. Umsonst. Keiner von ihnen bemerkte das zitternde Menschenkind, wie es rtlich angestrahlt und doch mit geschlossenen Augen die Ngel zu dem gemeinsamen Sarge go. Kurz darauf wurde ber die Hintergalerie der Agile eine Strickleiter geworfen, derselbe geschmeidige Schatten glitt hinber und an dem ungeheuren Steuer tauchte er hinab von Rippe zu Rippe. Immer tiefer. Dazu pfiff der Wind sein einfrmig Lied, und die Wache im Mastkorb sang sich zum Zeitvertreib eine Weise von Heimkehr und Magdtreu. * * * * * Es war bestimmt, da man durch eine vorgetuschte Flucht gen West die bermacht der Hansen erst auseinander zerren solle, um dann nach einiger Zeit gewendet, die ungefgeren Koggen der Krmer einzeln berfallen und niedersegeln zu knnen. Auf dem Fischmarkt zu Hamburg erzhlte man sich spter vielerlei ber den glckhaften Hergang. Ein regenfeuchter Oktobermorgen war angebrochen. Die Schwarzflaggen unter Fhrung von Wichmanns Goldener Biene waren lngst nach West ausgeschwrmt, nur die Agile lag noch verhaftet an ihren Ketten, ein riesiger Adler, der den Abzug seiner Kchlein decken wollte. Oder reizte es den Strtebecker nur, Schusicherheit fr eine Ladung seiner Steinkugeln zu gewinnen? In Lederwams und Kappe stand er breitbeinig auf dem Bugaufbau, nicht mehr jenes goldene Leuchten im Antlitz, dafr aber von einem verbissenen, frchterlichen Grimm durchwettert, der sich allen mitteilte, die auf diesen Mittelpunkt ihres Schicksals hinstarrten. Jetzt kam der erste Befehl. Schiet, forderte er nach einem scharfen Aussphen, von den ihn umdrngenden Bombardieren. Er sprach ganz ruhig. Die Lunten senkten sich, ein Rollen, und dort drben in der langen hlzernen Zeile begann es Takelwerk und Leinen zu regnen. Gut, meine Kindlein, lobte der Admiral, und das unheimlich niedergehaltene Feuer in seinen Augen stubte etwas hher. Es war nur, um ihnen den Morgenbrei zu wrmen. Er ri sich die Kappe vom Haupt und schwenkte sie hhnisch nach der Gegenseite. Gr Gott, ihr Herren. Die Diebe mit dem Brecheisen gren die Spitzbuben vom Gnsekiel! Gibt's was zu schachern? Haben nur unsere Freiheit, und die ist ein teuer Ding! Damit setzte er die Sprachdrommete an die Lippen: Anker auf. Die Ketten rasselten, die Brust des Schiffes hob und senkte sich, wie ein Schwimmer, der sich die erste Glut khlen will. Schttet Segel aus. Ruhe -- kalt Blut, meine Kinder. Bevor die Krmer drben ihr Leinen mit der Elle gemessen, sind wir davon. Nun die Pinne hart an Steuerbord; lebe wohl, Hamburg! Allein die Agile vollfhrte die gewnschte Schwenkung nicht. Wie von unsichtbaren Geisterfusten gepeitscht, sauste der Renner dem Halbkreis seiner Hscher entgegen. Plagt dich der Bse, Wulf Wulflam? brllte der Strtebecker von seinem erhhten Stand halbtoll ber Deck und schob sich vor ratlosem Erstaunen die Kappe aus der Stirn. Hundsfott, dreh augenblicks gegen den Wind ab, sonst lade ich deinen Kopf in die nchste Lederschlange. Hlle und Graus, was geschieht hier? Inzwischen war der Freibeuter Ldeke Roloff neben den stiernackigen Wulf und seine Gesellen gesprungen, beide Mnner schoben sich gegen den Baum, da ihnen das Blut aus den Wangen spritzte. Doch unverndert tobte die Agile ihre bse Fahrt weiter. Vom Land aus einen steifen Sdwest in den Segeln, so schnitt das Schiff durch die spitzen Wellen, als msse es in wenigen Sprngen sein Ziel erreichen. Herr, keuchte es jetzt zweistimmig vom Heck, geliefert sind wir -- es ist Blei in die Angeln gegossen.[*] [*] Die Sage vermochte sich den Hergang nicht anders zu erklren. brigens war die geschilderte Kriegslist zu jener Zeit eine durchaus bliche. Auch der gefeierte Seeheld Paul Beneke von Danzig benutzte sie etwa um das Jahr 1473. Einen Atemzug lang blieb alles still, das Entsetzen wohnte an Bord. Dann aber wirbelte eine riesige Gestalt vor aller Augen die zwei Stockwerk aus der Luft herab, scho durch die heulende, kreischende Mannschaft hindurch und warf sich gleich darauf mit ihrer ungeheuren, durch Verzweiflung und Grimm verzehnfachten Krperwucht gegen die Pinne. Das Holz chzte und krachte, das Steuer bewegte sich nicht. Jetzt lsten sich die Bande des Gehorsams. Die Schwarzbrder verlieen ihre Posten, die meisten warfen ihre Waffen fort, sie irrten durcheinander gleich den Ameisen, und der Wahnwitz fchelte sie mit seinen Mohnflgeln. Das Unsinnige gewann die Oberhand. Reit die Segel herab. Als ob das verlangsamte Fahrzeug weniger verloren gewesen wre! Flieht -- flieht -- in die Boote! Als ob angesichts des Gegners und bei der rasenden Fahrt die aufgepeitschte Menge in den winzigen Khnen Platz gefunden! Immer hurtiger hetzte der Springer ber die Wogenhgel. Aber gerade in dem Augenblick, da er das ihn bndigende Halfter vllig zerknirschen wollte, da fhlte sich das Ro noch einmal von jener sthlernen Faust gepackt, die es bisher noch immer bezwungen und beruhigt. Hoch auf dem Heckaufbau zeichnete sich in seinem verwitterten Lederkoller der Schwarzflaggenfrst gegen den wolkigen Dunst ab. Um kein Haar anders stand er da als sonst, da er die letzten Befehle zum siegreichen Angriff zu geben gewohnt war. Nur der bsartige Grimm war aus seinen Zgen entwichen, ja, er lchelte jetzt sogar, ein helles, gereinigtes Lcheln, wie es nur die von sich selbst befreiten Sterblichen kennen. Die Gefahr, die drngende Sorge um andere hatte unvermerkt das Beste in diesem Menschen geweckt. Hrt ihr mich, meine Kinder? Ja, Claus, schrien sie hoffnungsvoll. Sie sammelten sich um diesen Klang wie um einen schtzenden Turm. Das Spiel fngt erst an, ihr Schuimer. Schttet Segel aus, bindet Leinen auf, der letzte Fetzen mu fliegen. Segel? Sie glaubten, er rede im Fieber. Ich sage, knpft eure Hemden an die Rahen, ihr Burschen, und fegt durch die Luft. Unter dem Bug gibt's gleich ein Schdelknirschen. Schiet -- schiet! Was weiter geschah, das sauste von der Spule, ruckartig, unpersnlich, gedankenlos, denn all die von Tod und Untergang angegrinsten Menschen, sie hatten ihre eigene berlegung, ihre Glieder, ihr Handeln und Aufhren diesem einen berliefert, und der ri nun an ihren Fden und lenkte seine Figuren, willkrlich, gnadenlos, nur zu dem einen Zweck des Lebens. Alle eigneten sie ihm, bis auf die schwchste und hilfsbedrftigste. Die lehnte an der Bordschwelle, hatte ihre Hnde krampfig ber der Brust ineinander geschoben, aber ihr ungesprochenes Gebet war zum erstenmal nicht mit dem Herrn ihres irdischen Loses, sondern sie rief und flehte zu dem Schicksal, auf da es grer und auch barmherziger walten sollte als jener lebend Tote, der jetzt dort oben den letzten gespenstischen Kampf focht. Sie bereute nichts, sie widerrief nichts, sie fhlte, da Mitleid und Gnade einzig bei ihr wren, die mit ihrer schwachen Hand das Tor des Gemeinen und Verworfenen vor dem sterbenden Messias abschlo. Vor ihren umflorten Augen wandelte sich das flutberstrmte Schiff in eine langhingestreckte, menschenwimmelnde Kirche. Schwrzlicher Himmel wlkte sich ber dem Dom als tiefe unergrndliche Decke, und die Musik des Meeres pfiff und strmte in fernen Orgelweisen einen silbernen Engelsgru. Sie sah nur den einen, dessen bleiches, lockenumflattertes Antlitz schon jetzt hoch droben dem Irdischen entrckt war. Ein Krach! Ein herzumwhlender Sto. Die Hamburger hatten dem unter strkstem Druck daherfliegenden Admiralsschiff einen alten unbrauchbaren Kasten mit der Breitseite entgegengeworfen -- die Agile schnitt ihn mit ihrem Rammsporn auseinander, wie dnnes Glas. Triumph, schrien die berauschten, vom Wunder bereits in eine andere Welt geschleuderten Gleichebeuter, und jeder packte seinen Spie oder die Armbrust nerviger. Ein wildes, tumultuarisches Gebrll stieg zum Himmel. Da schwang schon wieder der schrille, gellende Pfeifentriller des Admirals, die Schwarzflaggentrommel wurde gerhrt -- der alte fortreiende Wirbel zuckte durch die Herzen. Entert, schrie der Strtebecker von seiner Hhe. Er befahl es mehr mit seinen blutig leuchtenden Augen, mit dem hoch erhobenen Hieber, mit der weit ausgestreckten Linken. Aller Welt Feind, antworteten die Vitalianer mit ihrem fanatischen Schlachtruf. Die Brcken rasselten, ein splitterndes Reiben und Knirschen meldete, da sich jetzt zwei der ungeheuren Rmpfe eng nebeneinander geschoben hatten. Die Agile bi in die Wange der Bunten Kuh. Und mitten in diesem Knuel von Lanzenspitzen, zischenden Bolzen, Pulverdampf, herunterbrechenden Spieren und dem Gekreisch Getroffener lehnte Linda noch immer wie unbeteiligt neben dem hohen Bord. An ihr vorber heulten Steinkugeln und rissen das Deck auf, so da der entsetzte Blick in das Eingeweide des Holzleibes irren konnte, dicht neben ihr bauschten sich die unheimlichen, riesenhaften Malereien, mit denen die Hamburger ihre Segel geschmckt hatten. Ein titanischer Schwan blhte sein Gefieder und starrte die Einsame mit roten Augen gefrig an. Dahinter flatterte ein steiler Turm und schleuderte ihr seine Ziegel gegen das Haupt. Doch all das Grauen zog wesenlos ber sie fort, weil sie in den Greuelgestalten nur ihre Helfer erkannte, die sie herbeigerufen hatte, um den verirrten Heiland in sein Grab zu betten. Ein Goldgefunkel blendete ihr die Augen, und sie wute, da dort auf der Enterbrcke die Klinge des Gewaltigen ihre sausenden Kreise zog, sie hrte eine menschliche Fanfare in dem dicken Haufen jedes Ohr wecken: Meine Schuimer, meine Kinder, drauf, drauf, schlagt, spiet, stecht, -- melkt die Gold-Kuh! Und sie lchelte nur matt ber jenen habschtigen Aberwitz. Aber dann kam der Augenblick, wo auch ihr Geist aufgerissen wurde. Ihr Gebet war erhrt. Dumpfe Ste erschtterten kurz nacheinander die Agile. Von zwei Seiten war das berflgelte Schwarzschiff in die Mitte genommen. Fremde Scharen quollen ber Deck. Blutende Mnner sprangen zu Hunderten in die See. Und von der Enterbrcke, wo eben noch der Goldkreis gesummt und gesungen hatte, strzte ein hllisch kreischender Haufe zurck. An seiner Spitze ein Wahnwitziger, der noch immer retten wollte. Licinius, schrie er aus tiefster Brust. Licinius. In seiner Notstunde erinnerte sich der Riese an sein eigenstes Besitztum. Da leuchtete der Knabe beseeligt auf. Ja, der Himmel ffnete sich, ein goldener Lichtweg strahlte gegen das Sterbliche, und eine Heiligenschar trug einen Sarg hinunter. Das gotterfllte Ende war da. Als sich der wirre Knuel gelst hatte, sah man einen blutberstrmten Mann mit dem linken Arm an den Hauptmast gebunden, die Rechte aber fhrte immer noch das Schwert, fegte und bahnte um sich her, und dazu schrie eine in Jammer erstickte Stimme: Wer -- wer hat mir das getan? Sein rollendes, in Irrsinn und Auflehnung brechendes Auge erfate den Getreuesten, heftete sich an ihn und wollte ihn nimmer lassen. Da sank der schne bleiche Knabe mitleidig vor dem Gerichteten in die Knie. Claus Strtebecker, sprach er verklrt, diese Hnde haben dein Steuer angehalten, mit weien Segeln wirst du in die Ewigkeit fahren. Heftig wurde er emporgerissen, und mit hocherhobenen Armen warf sich der Blonde in den Busch zgernder, halbgesenkter Lanzen. Der am Mast lie sein Schwert fallen. Ohne Verstndnis kehrte er seine Augen gen Himmel, ohne Begreifen spiegelte er die verstummte, blutige Menschenschar. Tief sthnte er, und sein Haupt sank ihm auf die Brust. Um ein weniges glich er jenem Anderen, der gleichfalls an ein Holz geheftet, gesprochen hatte: Herr, Herr, warum hast du mich verlassen? * * * * * Am Abend des 19. Oktober 1402 nach Feliciani sprang ein Gaukler durch die winddurchpusteten, regenfeuchten Gassen von Hamburg, und der buntscheckige Narr schlug Purzelbume zum Ergtzen des Haufens, lie seinen Dudelsack ausstrmen und qukte dazu: Hei -- hei! Morgen verschwemmt die gefhrlichste Klippe der Nordsee, Daran gestrandet manch stolzes Schiff, hei -- hei![*] [*] Nach einem alten niederdeutschen Bnkelsngerlied aus Wchters historischem Nachla. Blieb dann stehen und deutete mit seiner Klapper auf die ungefge Haube des Katharinenturmes, von wo die ganze Nacht Lobweisen geblasen wurden. Horcht, krhte er, und er schttelte vor Klte und frhlichem Grusel seine abgezehrten Glieder, pfeifen dem Strtebecker das Schlummerlied. He, Drthe, mchst jetzt bei ihm liegen? Allein der Gefangene, zu dessen letztem Gang die Stadt sich so festlich rstete, er bedurfte weder Gesellschaft noch Aufheiterung. Denn ruhte er zwar auf Stroh in einem lichtlosen Kellerloch unter der Kanzlei, so hockte doch sein Lehrer Wichmann bei ihm auf einem Schemel, und beide zechten bald aus der riesigen Weinkanne, die ihnen der Rat gespendet, bald grlten sie Zoten und Schelmenlieder, da sich die Wache vor dem Gitterfenster ehrlich entsetzte. Ein alter graudurchfurchter Stadtknecht schob deshalb seinen Kopf gegen die engen Eisenstangen, damit er die beiden Gerichteten zu ehrsamerem Wandel anhielte. Bedenkt, ihr Bsewichter, riet er wohlmeinend, wem ihr bald Auskunft erteilen mt. Sollen eure Schandmuler dort droben etwan noch vor Unflat berflieen? Da nahte sich dem Gitter die riesige Gestalt des Strtebecker, und im Licht einer Laterne erschien das hochmtige, wenn auch jetzt totblasse und verwstete Antlitz. Unwillkrlich frstelte es den Stadtsoldaten vor diesem noch immer schrecklichen Bild gestrzter Gre. Du irrst, grauer Rostfleck, antwortete der Seefahrer heiser. Weit du nicht, da wir an der Tafel des Schwarzen obenan sitzen werden? Dort unten ist ewige Freude, Trunk, Hurerei, Fra, Diebesglck und erzielte bervorteilung. Alles, was hier nur halb gelingt. Wer die Welt verstndig umzukehren wei, der gewinnt's! Geh, k deinem Pfaffen den Hintern, vielleicht findest du's. Gott erbarm' es sich, sthnte der Alte. Darauf juchheiten die beiden und pokulierten weiter. Allein je schlfriger es auf dem Gange wurde, je eiliger die Nacht vorrckte, desto mehr verstummte auch der grelle Singsang der Schuimer, und allmhlich erkannte der schildernde Hellebardier nur noch aus dem Rascheln des Strohs, da dort drinnen ein Schlafgemiedener seinen Weg suche. Schon spt war's, als der Strtebecker, nur kmmerlich von dem hereinzitternden Strahl getroffen, vor dem blonden Zwerglein Halt machte. Das pfiff leise vor sich hin und schierte sich um nichts. Heino, schickte der Admiral stockend in die Dunkelheit hinab und holte etwas Versenktes aus sich hervor. Mein Freund, mein Bruder, sprich, wie denkst du dir unsere nchste Reise? Nicht als ob es mir leid wre, aber es plagt mich, ob man Ufer sprt oder nur Fahrt -- Fahrt? Ob man nur Schiff ist, oder auch Steuerer? Aus der Finsternis kicherte es belustigt heraus, dann schlugen ein paar sanfte Finger leicht gegen die Hand des Freundes. Bleibst doch der tolle Bacchantenschtz, der du warst, du stolzer Herkules! Meinst, du mtest berall dabei sein. Schade, da ich dir morgen mittag nicht weisen kann, wie wir einen Strich passieren, wo Bewegung und Stillstand dasselbe sind, wo du verhundertfacht auf weien Lichtschimmeln in die Windrose schieest, whrend doch dein eigentlich Selbst nach deinem Seneka ganz friedlich dort schlummert, wo alle ruhen, die noch ihrer Geburt harren. Der Strtebecker regte sich nicht. Nichts? forschte er nach einer Weile rauh. Nun freilich, gab die feine Knabenstimme bissig zurck: Willst du ewig Umgetriebener etwa die groe Wohltat verketzern? Den Hamburger Pfefferkrmern knnt' es womglich leid um uns werden. Nur eines! Und der Kleine scharrte mit seinem Hker und schien nher zu rcken. Man mu freilich schon hierorts mit dem Nichts seinen Pakt geschlossen haben. Nicht glauben, da von uns etwas zurckbleibt, Unerflltes, Lebenswertes oder gar was von Segen. Trichter Nimmersatt, hier oben redet das Nichts, dort drben schweigt's. Sonst kein Unterschied. Eine Weile verstummte alles, der Strtebecker schob nur an seinem Wams hin und her, als ob es ihm zu eng wrde. Dann aber drckte er dem Kleinen die Hand auf die Schulter und lachte grell auf: So knnen wir denn ohne Sorgen abfahren, Geliebter. Nehmen nichts mit und lassen keine Erben zurck. Wahrlich, ist kein geringer Trost. Damit lie er von dem Kleinen ab, der ruhig weiter zechte und streckte sich der Lnge nach auf seinem Strohlager aus. Um ihn herum drckte die Dunkelheit wie ein Sargdeckel, und der Riese warf ein paarmal die Faust vor, als knnte er den Verschlu lften. Merkwrdig, wie rasch sein Herz ging und wie angestrengt er auf das winzigste Gerusch achtete, das jetzt noch zu ihm drang. Gierig hrte er eine Ratte an der Mauer entlang wischen, und bald zhlte er die Schritte der Wache drauen auf dem Gang. Unvermerkt labte sich dieser Gestalter an dem Getn der Erde. Auch konnte er sich nimmermehr von dem mden Lichtschimmer trennen, der fahl und schmutzig um das Eisengitter sickerte. Er wartete, er wartete ungeduldig, als ob die Welt ihm noch eine Antwort schuldig sei. Und siehe da, die Antwort kam ihm. Geraume Frist mochte er so gelegen haben, er wute genau, da seine Seele nicht vom Schlaf umwlkt sei, da er den heien Blick seiner Augen sprte, die angespannt die schwarzen Striche des Gitters einsaugten. Eben noch war der Schatten des Stadtsoldaten ber sie hinweggeglitten -- da -- der Riese runzelte die Stirn und hielt den Atem an. Da drngte sich ein hustendes grnbleiches Haupt gegen die Stangen, und ein rotgrauer Wirrbart quoll hindurch. Was willst du? murmelte der Wache, ohne sich seiner Lhmung entreien zu knnen. Geh, du Hauch, mich schreckst du nicht. Jedoch das Haupt des alten Claus Beckera wich nicht, es fing vielmehr an, gehstelte Worte zu speien, ganz so, wie er es im Leben gepflegt. Armes Kind, brummte er in seinem hohlen Ba, war dein Unglck, da du zu uns gehrtest, ohne unser zu sein. Seidene Kleider, Ringe, Ketten in der Fischerhtte, Rache am Glanz, Gier nach dem Glanz -- wehe! Das Gesicht nickte und verging. Aber vor dem Gitter war es lebendig geworden, lautlose Scharen wehten vorber, bis sich abermals zwei Hnde in die Stangen einhakten. Funkensprhend flimmerten die Haare der Becke hindurch. Liegst du endlich auf dem Mist, mein Schner? Bin auch dort verfault. Hat kein Hund mit mir Mitleid gesprt, sondern haben in mir gewhlt und geschunden, damit meine Armut das einzige hergeben sollte, was ich besa. Ist so im Leben. Gelt? Lust und Vergngen kmmern sich nicht um das Erbarmen! -- Wehe! Drauen erlosch das Geflimmer, als wre es von dem Laternenschein eingeschluckt, und der Zug der Schatten stob weiter. He, du Menschensohn, kreischte pltzlich eine hitzige Stimme, und in der Hhlung dmmerten die blutlosen Zge des Iren Patrick O'Shallo. Ein Strick schlotterte ihm um den Hals, und die Zunge fiel ihm oft aus den Zhnen. Ist dir nicht der Henker prophezeit? Wer hat sich wie du an der menschlichen Schwche versndigt? Meinst du, das Elend liee sich in eine Form pressen von einem Ehrgeizigen? Du Vergewaltiger schlimmster, du Sufer von unserem Schwei, der Narren oberster fhrst du von hinnen. Zu spt. -- Wehe! Der Strtebecker gedachte sich in seinem Sarge zu rhren, um sich gewaltsam zu erheben, allein er vermochte keinen Finger zu krmmen. Starren Blickes mute er erkennen, wie sich gewichtig ein ander Haupt vor die ffnung rckte. Dsterblond rahmte ein Ringelbart die braunen Wangen ein, und die groen Augen schauten ernst und trauervoll. Verlorener Bruder, hob die markige Stimme des Gdeke Michael an, was hast du fr den Treubruch erkauft? Wem hieltest du dafr dein Wort? Hast die gltigen Gesetze der Menschenbrust verrcken wollen. Aus bse gut machen, aus Neid Hingabe. Und errietst nicht, wie auch die Laster Sinn und Zweck kennen. Verirrter im Nebel, wer bist du, da doch nur ein Strkerer dies alles sondern kann. Wer? suchte der Liegende zu erfassen. Die Zeit -- wehe! Das Phantom lste sich in Klte auf. Mu ich auch dies noch erdulden? rief der Eingekerkerte schmerzlich hinter ihm her. Hat mir all mein Glanz nicht eine einzige Seele erkauft? Fahler Morgenschein kroch schon durch das Gitter, aber aus der Blsse formte sich noch einmal ein fast durchsichtig Bild. Dem liefen Trnen ber die Wangen. Mich, klang es sanft, deinen Knaben. Dafr, Claus Strtebecker, hast du mich befleckt und besudelt. Wehe -- jetzt wei ich, da nur ein Reiner das Unerfllbare denken darf. -- Wehe! Da hatte der Ausgeraubte, um sein Letztes Betrogene endlich den Bann von sich gerissen, schumend sprang er auf, strzte wie ein Toller auf seinen Genossen zu und entwand ihm die Weinkanne, deren Rest er auf einen Zug in sich hinabschwemmte. Was kmmerte es ihn, ob in diesem Augenblick die Stadtknechte hereindrangen, um den Verurteilten ihre seidenen Prunkgewnder zu bringen, da ihnen der Rat fr ihren letzten Gang jene geile Pracht berlassen? Ohne den Schergen auch nur einen Blick zu gnnen, fiel der Losgebundene ber den verwunderten Magister her, und nachdem er den Kleinen hoch emporgerafft, herzte er ihm in voller Raserei Mund und Stirne. O, du Weiser, schrie er gellend und prete den Kopf des Zwerges unlslich an sich, wie unsagbar Kstliches hast du verheien!? Komm, tummle dich, damit wir es um alles nicht versumen. Diese Wlfe, mit denen wir bisher getrottet, knnten uns am Ende beneiden. Er packte einen der Knechte an der Gurgel. Hre, du Wicht, wenn du ein ehrlicher Mann bist, so gehe hinaus und verknde, das Dunkel meine es besser mit den Sehenden als das Licht, die Verwesung ksse uns heier als das Leben im Brautbett, und dein Kot dufte lieblicher als alle Rosenbeete von Schiras. Sie entsetzten sich vor ihm. Doch meinten sie, die Todesfurcht habe dem Snder wohlttig Sinn und Verstand gelockert. Selbst der Magister begriff nicht bis zum Grund, wie erst jetzt an den frstlichen Abenteurer, whrend man ihn in die alte, prunkhafte Tracht hllte, jener unerbittlichste Peiniger heranschlich, nachdem er ihn ein ganz Leben gemieden -- der Ekel vor sich selbst. Aus dem niedrigen Rathauspfrtlein taumelte der frher so Glanzvolle hinaus, ein landflchtiger Frst, der seinen letzten Heller verprat hatte, jetzt aber voll Bettlerstolz nur noch den nichtsnutzigsten Schein zu wahren bestrebt war, obwohl er im Herzen die Schmhungen seiner Verfolger billigte. Da standen sie alle, Mnner und Frauen, ja, die Kindlein hoben sie auf die Schultern, damit sie von dem gewaltigen Seefahrer, dem grausamen Bedrnger ihrer Stadt einen winzigen Schein seines Gewandes erhaschen sollten, sich und ihren Nachfahren zur unvergelichen Weide. Ein Aufzug war's, der mehr einem Fest glich. Voran zogen Trommler und Pfeifer, dann folgte Meister Rosenfeld, der Henker, der grte grinsend nach allen Seiten, als feiere er heute seinen frohen Ehrentag. Durch Hellebardiere eingerahmt, wurden hinter ihm Hauptmann Wichmann und seine Schuimer einhergefhrt. Ungefesselt schritten die Mnner in stattlichen Wmsern und sangen noch immer voll derber Lebenslust und trotziger Auflehnung das Strtebeckerlied. Und seltsam, Knaben und Mgdlein fielen in die Weise ein, denn das unbestimmte Gefhl der Jugend lehrte sie, in jenen Shnen des Abenteuers den Wechsel des Schicksals zu ehren. Als aber zwischen zwei Ratsherren -- weit geschieden von den anderen -- der Mann in dem blauen Wappenrock erschien, da brach der Jubel ab, und ein banges Verstummen der Bewunderung begleitete den hochragenden Wanderer. Noch jetzt lie seine blasse, verwstete Schnheit den Jungfrauen das Herz pochen. Nur ein paar Hndler, Bierbrauer und Lederkrmer, denen er Verlust zugefgt, sie versuchten es, den noch immer hochmtig Blickenden zu hhnen. Sag an, du Prophet Elias, klang es aus ihren Reihen, fhrst du jetzt im gldenen Wagen in dein tausendjhrig Reich? Der Strtebecker verbeugte sich und zeigte den Spttern eine unfltige Gebrde. Ihr wrdet mitfahren knnen, ihr Ewig-Blinden, wenn sich euer Gelichter in dem Gefhrte nicht schon seit Jahrtausenden den Stei verbrannt htte. So schritt er in Frechheit und kaum verhllter Auflsung durch die zurckweichende Menge, und berall, wohin sein brennend ausgehhlter Blick traf, dort segnete man sich und schlug heimlich ein Kreuz. Wahrlich, ein Gezeichneter zog seines Weges. Mit weiten Schritten war er bis an eine Straenkreuzung gelangt, als er unvermutet stockte, so da der ganze Zug gezwungen war, Halt zu machen. Betroffen hob der Geschmckte die Rechte. Was stand dort dicht neben dem unscheinbaren Mnnlein in grauer Mnchsgewandung fr eine Bauernfrau aus der Rgener Gegend? Die hatte ihr Tuch tief ber das Gesicht gezogen, als ob sie sich vor den zahlreichen Fremden schme, aber dem Sohn verriet sie sich dennoch durch ihre bekmmerten unbestechlichen Augen. Was willst du? forschte der Strtebecker unentschieden und zugleich ein wenig zurckweichend. Noch immer demtig vor der Pracht des Verlorenen, machte Mutter Hilda eine hilflose Bewegung, als mchte sie ihre Hand teilnehmend auf die Brust des Riesen betten, zog sie jedoch verschchtert zurck. Fast wie zur Entschuldigung brachte sie dann hervor: Du liebe Not, weil du doch aus meinem Blut bist. Der Riese hob das Haupt. Der Ton klang anders, als all das, was er bisher vernommen. Lag auch etwas darin, was ihn an die Sehnsucht dieser Nacht erinnerte. Lange suchte er in jenen ernsten bekmmerten Lichtern, und siehe, er fand darin all das geduckte Leid, um dessentwillen er einst ausgezogen, um es zu lindern. Und dies Leid whrte ewig? Zgernd nur trennte er sich von dem wortkargen Weibe, und als er nun ihren Begleiter streifte, da geschah etwas Wunderliches. Mitleidig richtete sich Abt Franziskus auf, und jene welke Hand, die schon den Eintritt des Fischerbuben liebreich begrt hatte, obwohl er nach dem Glauben der Zeit doch nur ein Sohn der Erde[*] war, sie zog jetzt schweigsam die Linien des Kreuzes. [*] Hutten nennt noch jene Kinder so, die weder Vater noch Mutter kennen. Der Priester segnete den Scheidenden. Aber der Strtebecker lachte schrill auf. Spar deinen Kram, alter Mann, rief er schneidend, hab gestern erst einen von deiner Kumpanei weggejagt. Wo ich hinfahre, fhrst auch du hin. Glaub mir, wird keiner mehr von dem Fhrmann nach lung und Sakrament gefragt. Damit wollte er grulos frba schreiten, als sich von neuem das Auerordentliche wiederholte. Noch entschiedener reckte der Priester die weie Hand und segnete abermals. Dem Schuimer gab es einen Schlag. Weit du nicht, sprach er finster, indem er sein glhendes Auge jetzt voll auf den Alten richtete, wem du dein Heil spendest? Hast du mich nicht selbst bei Hurerei und Raub betroffen? Ich sage dir, der Leichenhgel, den ich meinem Wahn trmte, er ragt weit hher als der Trauerberg, dem sie mich jetzt zufhren. Weiche darum von mir, damit sich dein Gott nicht entsetze! Und dennoch lie der Mnch nicht von ihm, ja, whrend er ein drittes Mal bedeutungsvoll das Kreuz zog, ffnete er endlich den feinen Mund und sprach ganz sanft und barmherzig: Du Wollender, du Mensch im Tatensturm, ich, ein Christ, segne dich. Sieh, in meiner engen Zelle, dein Leben betrachtend, ging mir endlich sein Sinn auf. Was sich erdumwlzend, gewitterschwl im Reiche der Geister zusammenballt, was sich ohne Hemmung ber Erde und Menschen ausschttet, das, mein Sohn, wirkt der Zeit fast immer zum Unheil, denn Schollen und Sterbliche vertragen nur Tropfen. Du sprichst die Wahrheit, Greis, schrie der Strtebecker gepackt und griff mit beiden Fusten nach dem Kleid des Mnnleins. Sieh, ich bin solch eine Wetterwolke. Jh zerri ich und brachte nichts als Zerstrung und Niederbruch. Da umschlang der Priester den ihm Nahen und kte ihn zrtlich auf beide Wangen. Verwirf dich nicht, du Strmischer, flsterte er ihm zu. Wenn die Flut abschwemmt, dann dringen ber Jahr und Jahr etliche jener Tropfen in tiefere Schichten und erwecken dort ungeahnt Wachstum und Blte. So wirkt ins Ferne, was in der Gegenwart verrauschte und zerflo. Zieh hin in Frieden. Der Gesegnete richtete sich auf. Heller Sonnenschein berglitzerte die feuchte Wegkreuzung, helles goldenes Licht breitete sich in den Zgen des Seefahrers, so fortreiend und strahlend, wie es ihm sein ganzes Leben lang beschert war. Aufatmend blickte er sich um, und er fand, da er all die Menschen, die groen und geringen, die ihn beinahe ehrfrchtig umdrngten, von jeher und bis zuletzt gehegt und geliebt hatte. Da schlug die Verfhrung, die der Zauberer zu wecken vermochte, noch einmal ber alle Schranken des Herkommens. Die Trommler wirbelten, die Pfeifer schmetterten, blonde und braune Mgdlein streuten ihrem Feinde Blumen auf den Weg, und das Volk rauschte um ihn, wie Halme, die sich vor dem Schnitter neigen. Er aber achtete ihrer nicht mehr. Er schritt dahin, heiter, entrckt, ein tatenfroher Vollender, und hinter dem Hgel der Schmerzen empfingen ihn Zukunft und Sage! Ende -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Anmerkungen zur Transkription -- nderungen im Text: Die folgenden Rechtschreib- und Grammatikfehler sowie inkonsistenten Schreibweisen wurden im Text berichtigt (Angabe nach Kontext): -- "Da wandte die vorausfliehende Occa zum erstenmal ein wenig das Haupt zur Seite.": nderung von "vorauffliehende" zu "vorausfliehende" -- "Dazu grlte er ein uraltes Schleiferlied": nderung von "grhlte" zu "grlte" -- "den irrlichternden Strahl der schwarzen Augen": nderung von "irrlichterlierenden" zu "irrlichternden" -- "das Gercht von der Untat auf Ingerlyst": nderung von "Ingerslyst" zu "Ingerlyst" -- "die Wirksamkeit jener Mittel": nderung von "Wirsamkeit" zu "Wirksamkeit" -- "Beeintrchtigte er dich": nderung von "Beintrchtigte" zu "Beeintrchtigte" -- "Ob sie auch den Ausbruch ihres Fhrers nicht verstanden": nderung von "ihrers" zu "ihres" -- "die Antwort kam ihm": nderung von "Anwort" zu "Antwort" -- "in einem venezianisch geschliffenen Bchslein": nderung von "venetianisch" zu "venezianisch" -- "Edelingsblut und Knechtsblut": nderung von "Edling" zu "Edeling" -- "ein seidener Pfhl, eine glatte Dirne darauf": nderung von "ein glatte" zu "eine glatte" -- "ein Schwarm brtiger, verwegener Gesellen": nderung von "verwogen" zu "verwegen" -- "Das Rad, das so lange einfrmig gelaufen war": nderung von "solange" zu "so lange" -- "Wieder jener verzweifelte Blick der Leere und dann unter Scheu und Zgern:" Ersetzung von "." mit ":" -- "Kein Zweifel, der begehrliche Mann atmete schneller": Komma eingefgt -- "knapp entwischt war, aber das unselige Gepck des heimlich schwelenden Aufruhrs": Komma eingefgt -- "Blutig entlud er sich zuerst vor den Dreschscheunen": nderung von "Druschscheunen" zu "Dreschscheunen" Inkonsistente und veraltete Schreibweisen (z.B. Witib/Wittib, gendiglich) wurden beibehalten, sofern nicht ersichtlich Satzfehler vorlagen. End of the Project Gutenberg EBook of Claus Strtebecker, by Georg Engel License: Share Alike