Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau, Reiner Ruf, and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net Anmerkungen zur Transkription: ############################## Der vorliegende Text wurde anhand der 1918 erschienenen Neuauflage der Ausgabe von 1781 mglichst originalgetreu wiedergegeben. Ungewhnliche, alte und regionale Schreibweisen (z.B. "eckelhaft", "Hinderlassung", "willt du") wurden beibehalten, ebenso inkonsistente Schreibweisen (z.B. "Ulysses/Ulisses", "bewut/bewust"), sowie alle Abweichungen in Gro- und Kleinschreibung. Die folgenden Stellen wurden korrigiert: # Vorwort: "Dulce est decipere in loco" --> "Dulce est desipere in loco" # S. 2: "Gttern" --> "Gtter" # S. 5: "Stregreife" --> "Stegreife" # S. 7: "Pupurrckchen" --> "Purpurrckchen" # S. 11: "jenern" --> "jenen" # S. 12: "Angen" --> "Augen" # S. 27: "Possenweisser" --> "Possenreisser" # S. 28: doppeltes "und"; eines entfernt # S. 53: "zween Steine" --> "zween Steinen" # S. 74: "schmeicheit" --> "schmeichelt" # S. 90: "jeder" --> "jede" # S. 94: "den Aeneas" --> "dem Aeneas" # S. 101: "Babara" --> "Barbara" # S. 122: "Titil" --> "Titel" # S. 129: "Argonoute" --> "Argonaute" # S. 197: "voll ssses Weins" --> "voll sssen Weins" # S. 207: "einen" --> "einem" Der Orignaltext wurde in Frakturschrift gesetzt; einige Passagen wurden durch Antiquaschrift hervorgehoben. Diese Stellen werden hier mit Unterstrichen gekennzeichnet (_antiqua_). Gesperrte Textstellen stehen zwischen Tilden (~gesperrt~). Die Bcher der Abtei Thelem Zwlfter Band Erasmus / Lob der Narrheit [Illustration] [Illustration: Die Bcherei der Abtei Thelem Herausgegeben von O. J. Bierbaum] [Illustration: ERASME. MORUS. HOLBEIN.] Das Lob der Narrheit aus dem Lateinischen des Erasmus. Berlin und Leipzig, 1781. Bey Georg Jacob Decker, Knigl. Hofbuchdrucker. Mit Kupfern von Holbein, neu erschienen bei Georg Mller zu Mnchen im Jahre 1918 Vorwort Als ein Kind launiger Muse will Erasmus von Rotterdam seine weltberhmte Schrift ~Das Lob der Narrheit~ beurteilt wissen. In dem Widmungsbriefe an den jngeren, damals (1498) zwanzigjhrigen Thomas Morus, spteren Kanzler Heinrichs VIII. von England, dem ihn gemeinsame humanistische Studien verbanden, erzhlt der Verfasser, wie ihm die Idee zu dem Buche auf dem Heimritt von Welschland gekommen sei. Es ist kein Grund daran zu zweifeln, da dieses populrste Werk des deutschen Humanismus mehr oder minder zufllig koncipiert und mit einer Art spielerischen Vergngens ausgefhrt wurde. Erasmus selber hat wohl nie geahnt, da die geistreiche aber leicht gezimmerte Arbeit, die ihm nichts als ein Ausruhen von ernsten, gelehrten Forschungen bedeutete, seinen internationalen Ruhm fr alle Zeiten begrnden wrde. Das in eleganter Latinitt geschriebene und in alle Kultursprachen bersetzte Werk verdankt seine uere Anregung dem deutschen Narrenschiff des Sebastian Brant, kommt aber geistig aus viel frherer Zeit her, nmlich aus der freieren Sphre des attischen Sptters Lukian, von dem es den feineren Witz, die berlegene Ironie und die aller Didaktik fremde, jeglicher Moralisation abholde weltmnnische Art hat. Hinter dem tollen Wirrwarr menschlichen Treibens, hinter den Mngeln, Schwchen, Fehlern und Untugenden sieht Erasmus die Thorheit als etwas nur Allzumenschliches an. Sie ist ihm dasjenige geistige Element, das dem Erdendasein berhaupt erst Reiz und Wert verleiht. Das Horazische _Dulce est desipere in loco_ ist hier zu einem Prinzip der Weltanschauung erhoben und wird halb im Ernst, halb im Scherz von einer lchelnden Lebensphilosophie als _Vademecum_ fr jeden Erdenpilger gepriesen. Da der geistreiche und seine Thesen mit unzhligen gelehrten Zitaten erhrtende Autor sich dabei nicht immer konsequent bleibt und mitunter wie z. B. in seiner Polemik gegen Kirche und Theologie aus dem Ton und der Rolle eines Lobredners der Thorheit fllt, darf weiter nicht verwunderlich erscheinen. Die vorliegende bersetzung ist mit ausgewhlten Holzschnitten nach den Randzeichnungen von Erasmus Freunde Holbein geziert, die der Meister in ein Exemplar der Frobenschen zu Basel aufbewahrten Ausgabe eingetragen hat. Der Herausgeber [Illustration] Lobrede, welche die Narrheit sich selbst hlt. Was die Sterblichen auch immer von mir schwatzen mgen (ich wei es, meine Herren, ich wei es, in welchem bsen Rufe die Narrheit auch bey den grbsten Narren steht) so bin doch ich es, ich, wie Sie mich hier vor sich stehen sehen, durch deren bermenschliche Kraft den Herzen der Gtter und der Menschen die muntersten Freuden eingeflt werden. Wollen Sie hierber einen Beweis? Hier ist ein berzeugender: Kaum war ich aufgetreten, um in dieser zahlreichen Versammlung eine Rede zu halten, so ward pltzlich jedes Antlitz mit einem neuen und ungewhnlichen Schimmer der Frhlichkeit bergoldet; pltzlich entfaltete sich jede Stirn; im hellsten liebenswrdigsten Lcheln wird mir von allen Orten der holdeste Beyfall zugewinkt. Wo ich meinen Blick hinrichte, sehe ich Gesichter, die mich nicht anderst denken lassen, als jedermann habe sich bey dem Nektar, dem es die Homerischen Gtter bey ihrem Gelache gewi an dem Safte des die Traurigkeit verbannten Ochsenzungenkrautes nicht fehlen lassen, in die beste Laune getrunken: und vorhin sah jeder so finster und grmlich aus, als ob er geradesweges aus einer Eremitenzelle zurckkomme. Wie wenn die Sonne am frhen Morgen ihr goldschnes Antlitz der Erde zuwendet; wie wenn nach dem rauhen Winter der neue Frhling mit seinem belebenden Hauche kommt: jugendlich glnzt das Antlitz der ganzen Natur; Farbe, Anzug, alles hat sich verjngt: also, meine Herren, hat sich auch auf ihren Angesichtern, sobald sie einen Blick auf mich gerichtet hatten, alles gendert. Groe Redner! schwarze Sorgen wollt ihr aus den Herzen der Zuhrer verbannen; und wie betreibt ihr's? in einer viele Nchte hindurch abgezirkelten langweiligen Rede arbeitet ihr oft vergeblich daran. Schmet euch! Sehet, mit einem einzelnen Blicke hab ichs zu Stande gebracht! Warum ich heute in einem so ungewhnlichen Aufputze erscheine? Sie werden es sogleich vernehmen, meine Herren, wenn es ihnen nicht zu beschwerlich ist, mir ein geneigtes Ohr zu gnnen; aber bey Leibe ja nicht ein solches, das Sie den ehrwrdigen Kanzelrednern zuwenden, sondern ein solches, das Marktschreyern, Possenspielern und Lustigmachern immer offen steht; ein solches, wie ehedem unser Midas dem Pan ein stattliches Paar zuwendete. Mich hat die Laune angewandelt, mich Ihnen fr eine Weile als Sophistin zu weisen; nicht von der Art jener, die in unsern Zeiten der Schuljugend einige Armselichkeiten ngstlich einbluen und dabey lrmend ein mehr als weibisches Gekeif ergellen lassen. Ich werde jenen Alten nachahmen, die sich, um dem mir so verhaten Namen der Weisen klglich auszuweichen, Sophisten nannten. Sie bernahmen es, das Lob der Gtter und der Helden herauszustreichen. Man halte sich also in Bereitschaft, eine Lobrede anzuhren; nicht auf einen Herkules, einen Solon, sondern auf mich, d. i. auf die Narrheit. Ich mache mir nicht das geringste daraus, wenn jene Weisen jeden, der sich selbst lobt, fr einen Narren und Unverschmten ausschreyen. Nrrisch so viel sie wollen, wenn sie nur eingestehen, da es dem Charakter angemessen sey. Und was knnte sich fr die Narrheit besser schicken, als ihr Lob selbst auszuposaunen, und nach ihrer eigenen Pfeife zu tanzen? Wer wird mich natrlicher schildern, als ich es selbst thun kann? Wer steht in genauerer Bekanntschaft mit mir, als ich? O ja, man wird mir eingestehen, da ich mich noch bescheidener betrage, als der Haufe der Groen und Weisen, welche bey einer verkehrten Schamhaftigkeit, einen fuchsschwnzerischen Schwtzer, oder einen windichten Dichter mit baarem Gelde dingen, um aus seinem Munde ihr eigenes Lob anhren zu knnen; das ist eitele Lgen: und dann steht der Schamprahler da wie der Pfau, der mit dem ausgebreiteten Schweife stolziert, den Kamm hochtragend. Der unverschmte Schmeichler vergleicht den Taugenichts mit den Gttern; er streicht ihn als das vollkommenste Tugendmuster heraus und wei doch, da derselbe himmelweit davon entfernt sey; er verziert eine kleine Krhe mit fremden Federn; wascht einen Moren; macht aus einer Mcke einen Elephanten. O ich, ich folge dem gemeinen Sprchworte; wenn niemand mich loben will, so lob ich mich selbst. [Illustration] Verwundern mu ich mich ber das Betragen der Sterblichen. Ists Undankbarkeit? ists Trgheit? Sie machen mir alle den Hof; meine Wohlthtigkeit gegen sie erwecket in ihnen vieles Vergngen: doch ist seit so vielen Jahrhunderten noch niemand aufgetreten, der aus Erkenntlichkeit das Lob der Narrheit feyerlich angestimmt htte; und doch schonte man in Herausstreichung eines Bustiris, eines Phalaris, des viertgigen Fiebers, eines Kahlkopfs, oder was dergleichen tolles Zeug mehr seyn mag, weder der Nachtlampe, noch dem Schlafe. Eine unausgearbeitete und im Stegreife gehaltene, dewegen aber um so viel natrlichere und der Wahrheit angemessenere Rede werden Sie von mir hren. Bilden Sie sich ja nicht ein, ich sage dieses nach der Weise gemeiner Redner, um dadurch meinen Geistesfhigkeiten Bewunderung zu erknsteln. Diese haben sich etwa bey Verfertigung einer Rede dreyig Jahre hindurch erschwitzt, wenn es ja nicht gar eine zusammengeborgte Waare ist: und doch behaupten sie mit einem tapfern Eidschwure, sie haben sie inner drey Tagen spielend zu Papier gebracht. Meine Sache aber ist es, alles gerade heraus zu sagen, wie es mir auf die Zunge springt. Man erwarte nicht, da ich mich, nach der Weise der Alletagsredner, bey einer kunstmigen Beschreibung meiner selbst oder wohl gar bey einer kopfbrechenden Eintheilung meines Gegenstandes, verweilen werde. Beydes wrde fr mich sehr unschicklich seyn. Wie! ich sollte mir selbst Schranken setzen, mir, deren Herrschaft sich ber die ganze weite Welt erstreckt? Ich sollte da pedantisch trennen und theilen, wo alle Vlker in ihrer Berechnung bereinstimmen? Wozu wrde es dienen, ein wrkliches Schattenbild von mir hier aufzustellen, da man mich selbst mit Augen sehen kann? Ich mache Sie, meine Herren, zu Augenzeugen: bin ich nicht die chte Austheilerinn alles Guten, die man in der ganzen Welt die Narrheit zu nennen gewohnt ist? O ja, ich Nrrinn htte dieses zu sagen nicht nthig gehabt. Aus meinem Antlitze lt sichs sehen, auf meiner Stirn lesen, was ich im Schilde fhre. Wenn mich jemand fr die Minerva ausgeben wollte, fr die Gttinn der Weisheit, so wrde er widerlegt seyn, so bald man mir ins Angesicht she. In diesem, wenn ich auch den Mund nicht aufthue, ist meine Gemthsart nach dem wahren Leben geschildert. Ich bediene mich keiner Schminke; wie ich von innen bin, zeig ich mich von aussen; ich bin mir immer so gleich, da man mich auch an denen nicht verkennen kann, die sich unter der Larve der Weisheit fr hochweise Mnner ausgeben; Affen, die im Purpurrckchen einher strotzen; Esel, die in einer Lwenhaut umher traben: wenn sie sich auch noch so listig verstellen, so verrathen doch die hervorragenden Oerchen ihren Midas. In Wahrheit, das sind undankbare Geschpfe: sie sind unstreitig unsre Zunftgenossen, und schmen sich doch ffentlich unsern Nahmen anzunehmen; ja sie schimpfen auf die, welche von sich ein ehrlicheres Bekenntni ablegen. Da sie wirklich Erznarren sind; und doch fr weiser als ein Thales wollen angesehen werden: knnen wir sie nicht mit allem Rechte Nrrisch-Weise nennen? Es scheint, da sie diesorts unsern heutigen Rednern nacheifern, die sich bald gar fr Gtter halten, wenn sie die Leute bereden knnen, da sie, gleich den Blutsaugern, zweyzngig seyen; sie sehen sich fr Helden an, wenn sie eine lateinische Rede mit einigen griechischen Wrtern durchspicken, und also eine unschickliche Mosaikarbeit zu Markte bringen knnen. Und wenn es ihnen an auslndischen Wrtern fehlt, so scharren sie aus verschimmelten Schriften etliche veraltete Wrter hervor, mit denen sie dem Leser einen Dunst vor die Augen zaubern: dadurch setzen sie sich in die Gunst derer, die sich darauf verstehen; die brigen werden um so viel tiefer in Verwunderung gesetzt, je unwissender sie sind. Auch dieses macht einen schnen Theil unsrer Wonne aus, da wir uns durch das, so von weitem kmmt, am meisten rhren lassen. Die, welchen es an Ehrfurcht nicht fehlt, lcheln ihren Beyfall zu, und bewegen geheimnivoll, gleich den Esel, die Ohren, damit man denke, sie seyen mit der Sache tief bekannt; ja, sprachen sie scharfsinnig: die Sache verhlt sich wirklich so, wie sie sich verhlt. Ich lenke wieder ein. Sie wissen also meinen Namen, Sie, meine Herren! Welchen Ehrentittel soll ich Ihnen beylegen? Das Wort Erznarren wird Ihnen wohl nicht zuwider seyn; mit einem schicklichern wei die Gttin der Narrheit ihre Verehrer, die mit ihren Geheimnissen vertraulich bekannt sind, nicht zu bezeichnen. Weil aber meine Abkunft eben nicht vielen bewust seyn wird, so will ich solches unter dem guten Beystande der Musen zu erfnen trachten. Nicht Chaos, Orkus, Saturn, Jupiter, war mein Vater, noch irgend einer der veralteten und ausgedienten hausgrunzerischen Gttergreisen: Plutus hie er; dieser, und dieser allein (trotz dem Hesiodus, dem Homerus, und dem Jupiter selbst) war der Vater der Menschen und Gtter; Plutus, auf dessen Wink auch jetzt noch, wie vor Zeiten, alles, was heilig und unheilig ist, unter einander gemengt wird. Krieg, Friede, Reiche, Rathsversammlungen, Gerichtspltze, Landtge, Ehen, Bndnisse, Vertrge, Gesetze, Knste, das Scherzhafte; das Ernsthafte (o an Athem gebrichts mir!) kurz alle ffentlichen und besonderen Angelegenheiten der Sterblichen, richten sich nach seiner Willkhr. Ohne sein Zuthun wrde das ganze poetische Gttervolk, (ich will freyer von der Brust weg reden) wrden selbst die Gtter der ersten Classe entweder gar nicht seyn, oder doch gewi am huslichen Tisch ihr Leben sehr sparsam durchbringen mssen. Dem, ber den er zrnt, wird selbst Pallas kmmerlich zu helfen wissen. Der, den er begnstigt, wird er mit dem obersten Jupiter, und seinem Tonnerkeile, sicher aufnehmen knnen. Eines solchen Vaters hab ich mich zu rhmen. Er erzeugte mich, nicht aus seinem Gehirne, wie Jupiter jene saure und scheuliche Minerva, sondern mit der jugendlichen Neotes, der schnsten und muntersten Nymphe. Er war mit ihr nicht im traurigen Bande des Ehestandes verstricket; ich ward nicht wie jener Vulkan, der hinkende Schmidt, gebohren; ich bin eine Tochter der freyen und freudigen Liebe. Mein Vater war nicht (irren Sie sich nicht, meine Herren!) jener aristophanische Plutus, der abgelebte, halbblinde; nein munter war er noch, in der Blthe der jugendlichen Hitze; ja, nicht nur der jugendlichen, sondern auch der durch den Nektar entzndeten, den er damals an einem Freudenfeste der Gtter reichlich geschlrft hatte. Wollen Sie auch meinen Geburtsort wissen? O ja, heut zu Tage kmmt es in Absicht auf den Adel vieles darauf an, wo man in der Wiege zuerst geschrien habe. Ich ward nicht in der schwimmenden Insel Delos geboren; nicht in dem wogenreichen Meere; nicht in einer verborgenen Hle; sondern in jenen beglckten schlarafischen Inseln, wo alles ungeset und unbepflgt hervor sprudelt; da wei man nichts von Arbeiten, vom Altern, von Krankheiten. Goldwurzeln, Pappeln, Zwiebeln, Feigbohnen, Erbsen, oder andre dergleichen Aermlichkeiten verstellen da die Felder nicht; dem Auge und Geruche schimmern, und duften von allen Seiten her Amaranten, Rosen, Majoran, Violen, Hyacinthen, entgegen; man glaubt, in dem Garten des Adonis zu seyn. In einer solchen wonnevollen Gegend gebohren, fieng ich das Leben nicht mit Weynen an; schmeichelnd lchelte ich, kleine Nrrinn, meiner Mutter sogleich ins Angesicht. Den saturnischen Jupiter beneide ich nicht, da er eine Ziege zur Amme hatte. Zwo drollichte Nmphen reichten mir ihre Brste dar: die taumelnde Methe, Tochter des Bachus; und die sorglose Apdia, Tochter des Pans. Beyde befinden sich hier in der Gesellschaft meiner Gefehrten und Aufwrterinnen. Ich soll sie bey ihren Namen nennen? Gut, hier sind sie! Diese, die ihre Stirn hoch trgt, ist die sich selbst liebende Philautia. Diese mit ihren zulchelnden Augen, beyfallklatschenden Hnden ist die schmeichelnde Kolakia. Diese halbschlafende, die man bereits trumend glauben sollte, ist die vergeliche Lethe. Diese, die sich auf ihre Elenbogen steuert, und die Hnde gefaltet hlt, ist die arbeitscheuende Misoponia. Diese mit Rosenkrnzen umschlungen, Wolgerche duftend, ist die wollstige Edone. Diese mit ihren unstet umherschweifenden Augen, ist die wahnsinnige Anoia. Diese mit der glatten Haut, deren ganzer Krper sich sowohl genhrt zeigt, ist die verzrtelte Tryphe. Unter diesen Mdchen sind auch zween Gtter zu sehen. Der Eine ist der sich bey jugendlichen Trinkgelagen munter hervorthuende Komus; der Andere der sich dann in den tiefsten Schlaf versterbende Nagretos-Hypnos. Mit dem Beystande dieser meiner getreuen Bedienten unterwerf ich alles meiner Herrschaft, und Monarchen selbst ertheil ich meine Befehle. [Illustration] Ich habe nun von meiner Abkunft, meiner Auferziehung, und meinem Gefolge, Nachricht gegeben. Damit niemand meyne, ich bediene mich ohne Grund des Tittels einer Gttinn, will ich zeigen, wie viel Gutes ich an Gttern und Menschen thue, und wie weit sich meine gttliche Macht erstrecke. Man ffne die Ohren! Jemand hat die nicht unschickliche Anmerkung gemacht: um ein Gott zu seyn, msse man den Menschen Wohlthaten erweisen. Man hat der Zunft der Gtter mit Recht jene einverleibt, welche die Menschen ber den Gebrauch des Weines, des Getreides, und andre Lebensbedrfnisse von dieser Art unterrichtet haben. Wo htte man das Recht her, mich nicht fr das Alpha aller Gtter zu halten, mich, welcher einzig jedermann alles und jedes zu verdanken hat? Zuerst, was kann angenehmer, was kstlicher seyn, als das Leben an sich selbst? Und von wem anders, als von mir, hat man den Anfang desselben erhalten? Nicht die Lanze der aus dem strksten der Vter gebohrnen Pallas, nicht der Schild des wolkensammelnden Jupiters, hat einen Einflu in die Zeugung und Fortpflanzung des Menschengeschlechtes. Noch mehr; selbst der Vater der Gtter, der Knig der Menschen, dessen Wink den ganzen Olympus zittern macht, mu seinen dreygespitzten Donnerkeil weglegen samt seiner titanischen Mine, mit welcher er, nach seinem Belieben, allen Gttern einen Schrecken einjagt; nach der armseligen Weise des Schauspielers mu er einen andern Charakter annehmen, wenn er das thun will, das er zuweilen thut; das ist, wenn er zum Vater eines kleinen Jupiters werden will. Auf die nchste Stelle nach den Gttern machen die Stoiker Anspruch. Gebt mir einen solchen! Und wenn er auch tausendmal ein Stoiker ist, so mu er mir, wo nicht den Bart, dieses Merkmahl der Weisheit, wenn er ihn auch gleich so gro als der Bock hat, doch gewi seine Gravitt, weglegen; seine Stirn mu sich entfalten; er mu sich seiner demantfesten Grundstze entschlagen; er mu ein wenig faseln und den Narren spielen; kurz, mich, mich, sag ich, mu der weise Mann zu Hlfe rufen, wenn er zum Vater werden will. Warum soll ich nicht nach meiner Weise, offenherzig schwatzen? Man sage mir: ists das Haupt, das Antlitz, die Brust, die Hand, das Ohr, irgend eines der fr ehrhaft gehaltenen Kleider, die zur Zeugung der Gtter und Menschen erfordert werden? Mich deucht es nicht; es ist etwas so nrrisches und Lcherliches, da Sie, meine Herren und Damen, wenn ich es nennen sollte, sich des Lachens nicht enthalten wrden, dem man diese Ehre zuerkennen mu. Dieses ist weit richtiger, als jener pythagorische Quaternio, die heilige Quelle, aus welcher Alles das Leben schpft. Wo ist der Mann, der dem ehelichen Kapzaume sein Maul darreichen wrde, wenn er vorher (wie jene weisen Leute zu thun gewohnt sind) allen Jammer des Ehestandes erwogen htte? Welche Frau wrde zur vertrauten Unterhaltung mit dem Manne sich entschlieen, wenn ihr ein Gedanke an die gefhrliche Geburtsarbeit und das verdrliche Ammengeschft kme? Da Sie also, meine Herren, ihr Leben dem Ehestande, und diesen der Anoia, meinem hirnlosen Aufwartsmdchen, zu verdanken haben, so ist es Ihnen leicht auszurechnen, in welcher tiefen Schuld Sie bey mir stehen. Die, welche einmal in dieser Noth gewesen ist, wrde sich nicht wieder darin wagen, wenn sie sich nur an meine Gefhrtinn, die vergeliche Lethe, gehalten htte. Venus selbst (Lucrez mag sagen, was er will!) wirds nicht leugnen, da es ohne meine Hinzukunft um ihre ganze Kraft etwas ohnmchtiges und unntzes seyn wrde. Mein Spielwerke mag auch noch so taumelnd und lcherlich seyn, so entstanden doch aus ihm jene steifen Philosophen, an deren Stelle sich jetzt die befinden, die man Mnche zu nennen pflegt; in Purpur gekleidete Knige, fromme Priester, und dreymal allerheiligste Pbste; ja die ganze Zunft der poetischen Gtter, so zahlreich, da der Olymp (dessen Raum eben so klein nicht ist) sie kaum fassen kann. Ich wrde mit mir selbst nicht zufrieden seyn, wenn man nur blo die Quelle und Pflanzschule des Lebens mir zu verdanken htte; ich will zeigen, da auch alle Bequemlichkeiten des Lebens von mir herkommen. Was ist dieses Leben, verdient es auch nur den Namen des Lebens, wenn man das Vergngen davon wegnimmt? O ja! Sie, meine Herren, klatschen mir Ihren Beyfall zu! ich wute es wohl, da niemand unter Ihnen so weise ist, oder so nrrisch, nein, so weise, da er solche Gedanken hegen sollte. Selbst die Stoiker verachten die Wollust nicht, ob sie sich gleich aufs geflissenste verstellen, und sie ffentlich mit tausenderley Schimpfnamen belegen; die Tckmusler, nur um andere davon wegzuscheuhen, und sich eines desto grern Theiles derselben zu versichern. Aber beym Jupiter fordere ich sie auf, diese Heuchler, mir zu sagen, welcher Theil des Lebens nicht traurig, unlustig, eckelhaft, abgeschmackt, lstig wre, wenn ich nicht dabey fr Salz und Gewrze sorgte? Den Sophokles (Und wer ist im Stande diesen Mann genug zu loben?) kann ich hierber zum unverwerflichen Zeugen auffhren, indem er, um mir Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ausrief: Weg mit Weisheit, wenn man sich des Lebens recht erfreuen will! Wir wollen eines nach dem andern beherzigen. Wer wei nicht, da die erste Scene der Kindheit die freudigste und angenehmste ist? Was befindet sich in den Kindern, das uns auffordert, sie zu kssen, zu umarmen, ihnen zu schmeicheln? das die Hand des rohsten Feindes nthigt, sie aus jeder Noth zu retten? Anderes ist es nichts, als dieses. Die vorsichtige Natur hat sich Mhe gegeben, die Suglinge mit der Gabe nrrischer Schmeicheleyen zu versehen, damit sie mit einer angenehmen Art von Ersatze die Arbeit der sie Besorgenden erwiedern, und zugleich ihnen fernere Mhwaltungen scherzhaft abbetteln. Wenn sie die kindlichen Jahren mit den jugendlichen vertauschet haben, so versichern sie sich der Huld jedermanns; man liebt sie; ereifert sich, ihnen ntzlich zu seyn; springt ihnen bey allen Anlssen dienstfertig bey. Und wer hat sie mit einem solchen herzengewinnenden Wesen versehen? Niemand als ich. Weil ich ihnen meine Huld schenke, so sind sie noch fern von aller Weisheit, und folglich von allem Grame. Sobald sie zu mehrern Jahren gelangen, und beym Unterricht und dem Umgange mit der Welt, den verwnschen Weg der mnnlichen Weisheit betreten (ich will eine Erzlgnerinn seyn, wenn ich nicht die Wahrheit rede!) so ist es um die Blte ihres aufgehellten Wesens geschehen; ihre Munterkeit fllt ins Trge; ihr artiges Betragen sinkt ins Frostige; die Lebhaftigkeit erstirbt. Je weiter der Mensch sich von mir entfernt, desto minder erfreut er sich des Lebens; und endlich wird er zum mrrischen Greisen, der nicht nur andern, sondern auch sich selbst zur Last fllt. O ja, keinem Sterblichen wrde dann sein Zustand ertrglich seyn, wenn ich nicht mich seiner so vielen Mhseligkeiten erbarmend, ihm zum Beystand eilte. Wenn die poetischen Gtter jemanden sehen, der zu Grunde gehen will, so kommen sie ihm mit einer Verwandlung zu Hlfe: ich, wenn ich jemanden erblike, der bald reif zur Baare geworden, ruf ihn, so viel mglich ist, wieder in die Kindheit zurck; wie man dann von der zweyten Kindheit derselben vieles zu reden pflegt. Wie ich sie verwandle? Man soll es hren. Zur Quelle meines Flusses Lethe (er entspringt in den Inseln der Glckseligkeit, und von ihm rinnt nur ein kleines Bchlein in die unterirdischen Gegenden) fhr ich sie; und sobald sie sich bey diesem das Vergessen zeugenden Getrnk erlabet haben, wird das Gemth allmhlig seines Grams entladen, und vergngt stehen sie da. -- Aber, sie schwatzen ja ganz nrrisches Zeug? -- Es sey so! Eben dieses heit ja, wieder jung werden; gerade so mu man plaudern, wenn man Kind heissen will: wirklich ihr unweises Tndeln bringt Ergtzen. Ein Junge, aus dem die Weisheit des Mannes hervorstrotzt: o das ist in Wahrheit ein Migeschpf! Ueberwitz zeugt Ekel. Anbey, wer knnt es ausstehen, einen Greisen, der bey seinem langen Erfahrungskram alles mit Sprchen durchwrzte, die er mit Anspannung aller seiner scharfen Beurtheilungskrfte zusammengedrechselt htte, zum alltglichen Gefehrten zu haben? Weil ich gtig bin, mach ich den Alten zum Narren, der ber alle die elenden Sorgen hinausgesetzt ist, mit denen der Weise sich ermartert. Er ist kein unlustiger Tischgefehrte; lt sich das Zutrinken wohl schmecken; das Leben hngt ihm nicht mehr, wie manchem, als eine Last an; etwann wandert er wieder in die Schule zurck, darinn man sich Einsicht in die Anfangsgrnde der Liebe verschaft; ein Zustand, darinn er unglcklich seyn wrde, wenn er sich noch unter der Herrschaft der Weisheit befnde; bey seinen Freunden ist er ein willkommener und zu Freuden aufgelegter Gast. Aus dem Munde des alten Nestors (beym Homer finden wir es) flossen honigssse Reden, indem aus dem Munde des Achilles nichts als Bitterkeiten hervorsprudelten. Und bey eben diesem Dichter sitzen Greisen auf den Mauern der Stadt, und ertndeln sich in blumichten Wortspielen. In diesem Gesichtspunkt ist die zweyte Jugend der ersten vorzuziehen, die zwar ein Vergngen verschaft, doch ein noch zu kindisches; dem es an der vornehmsten Belustigung des Lebens fehlt, an der unermdeten Schwatzhaftigkeit. Hiezu kmmt, da Alte stets an den Kindern, Kinder an den Alten, Vergngen finden: Gleich und gleich gesellt sich gern. Alles stimmt bey diesen berein; ausser da der Runzlichte mehr Geburtsfeste gefeyert hat. Sonst ist alles gleich: weisse Haare, zahnloser Mund, nach der Erde sich bkender Leib, Begierde nach Milchspeisen, Stammeln, Plaudern, Possen, Vergelichkeit, Unbesonnenheit, kurz, alles. Je lter der Mensch wird, desto nher kmmt er wieder der Kindheit, bis er auf eine recht kindische Weise, ohne des Lebens berdrssig zu seyn, ohne den Tod zu frchten, aus dem Leben heraus watschelt. Es gehe nun, wer dazu Lust hat, und vergleiche das, dadurch ich die Menschen beglcke, mit den Verwandlungen, die das Werk der brigen Gtter waren. Was diese manchmal im auffahrenden Zorne thun, o darber will ich kein Wort verlieren! Was thun sie aber gegen ihre trautesten Lieblinge? Sie verwandeln sie in einen Baum, einen Vogel, eine Grille, oder wohl gar eine Schlange: als ob eine solche Vernderung und das zu Grunde gehen, nicht die nmliche Sache wre. Ich aber, ich stelle den gleichen Menschen wieder in die besten und glcklichsten Umstnde seines Lebens. Wenn die Sterblichen sich durchgehends alles Umganges mit der Weisheit entschlagen, und ihr Leben einzig bey mir zubringen wollten, so wrde das, was man das Veralten nennt, ihnen immer unbekannt bleiben, und in steter Jugend wrden sie beglckt seyn. Sehen Sie mir doch einmal jene Murrkpfe! Philosophisches Grbeln, oder das Betreiben ernsthafter und schwerflliger Geschfte, hat sie, ehe sie noch recht Jnglinge waren, zu Greisen verhudelt; Besorgnisse, stete und scharfe Gedankenanstrengung, haben ihre Geisteskrfte, ihre Lebenssfte, nach und nach erschpft. Sehen Sie dort meine tollen Lieblingsshne: o wie wohl ausgefttert sind sie nicht! ihre Haut, wie glnzend, wie gespannt! nein, die besten Eichwlder Akarnaniens htten keine so drolichten Ferkelsgeschpfe aufzuweisen gehabt. Gewi sie wrden vor allen und jeden Altersbeschwerden ein fr allemal gesichert bleiben, wenn sie sich nur stets vor jedem Angriffe der Weisheitsseuche geflissentlich bewahren wollten. O da sich doch in des Menschen Leben Dinge einschleichen mssen, die ihm eine durchgehende Glckseligkeit neidisch abzustehlen trachten! Zum Ueberflusse kann ich mich auf eine alte Sache berufen, wer zufolge die Narrheit das sicherste Mittel ist, die Jugend in ihrem schnellen Laufe aufzuhalten, und das unbeliebige Alter weit wegzutreiben. Den Brabantern sagt man nicht ohne Grund nach, da das Alter andere Leute klug mache, so gerathen diese, je mehr sie an Jahren zunehmen, in desto grere Narrheiten: und wirklich ist dieses unter allen Vlkern dasjenige, welches im gemeinen Umgange das frhlichste ist, und an dem sich von dem nrrischen Wesen alter Leute am wenigsten finden lt. Man kann ihnen disorts ihre Nachbaren, meine Hollnder, an die Seite setzen, die sich so eifrig fr meine Anhnger dargeben, da sie sich ein Recht auf den Ehrentitel der Narren erworben haben; nicht nur schmen sie sich nicht, dieses von sich zu gestehen, sondern sie sind sogar stolz darauf. So gehet denn nun, schwindlichte Sterbliche, um eine Medea, Circe, Venus, Aurora, und ich wei nicht was fr einen Zauberbrunnen aufzusuchen, da man sich wieder jung machen knne: ich, ich allein, bin im Stande dieses zu bewirken, und ich thue es auch. Ich besitze den Wundersaft, vermittelst welchem Memnos Tochter die Jugend Tithons, ihres Ahnen, verlngert hat. Ich bin jene Venus, die den alten Phaon wieder so jung machte, da Sapho sterblich in ihn verliebt wurde. Ich (wenn irgend jemand) bin im Besitze der Kruter, der Zaubermittel, des Brunnens, der nicht nur die verflogene Zeit der Jugend wieder zurck bringt, sondern sie auch (welches unvergleichlich besser ist) fr das ganze Leben dauerhaft befestigt. Nun denn ja, meine Herrn, Sie werden alle meinen Ausspruch unterschreiben: es giebt nichts liebenswrdiges, als die Jugend, nichts abscheulichers als das Alter. Gut! Sie sehen also, in welcher Schuld sie bey mir stehen; bey mir, die ich ein so grosses Gut gewhre, ein so grosses Uebel verbanne. Was halt ich mich so lange bey Sterblichen auf? Lasset den ganzen Himmel durch die Musterung gehen; und man sage mir den Namen, den ich fhre, mit einem Hohngelchter ins Angesicht hinein, wenn sich nicht jede Gottheit als etwas widerliches und verchtliches darstellen wrde, sobald ich sie meines Einflusses berauben sollte. Warum zeigt sich Bacchus als ein blondhaarichter Jngling? Weil er bey der Nectarfeuchte, Gastereyen, Tnzen, Spielen, sein ganzes Leben zubringt, und mit der Pallas nicht den geringsten Umgang hat; er, dem kein Gedanke kmmt, sich fr einen Weisen auszugeben; der sich freut, wenn man ihn mit Aeffereyen und drollichten Scherzen verehrt; der sich nicht rgert, wenn man ihn einen Stocknarren nennt; wenn er an der Thr seines Tempels sitzt, und ein muthwilliger Bauernlmmel ihm das Antlitz mit Most und reifen Feigen beschmiert. Mit welchen Spottnamen hat nicht die alte Komdie ihn belegt! O des abgeschmackten Gottes (hie es) man kann ihm den Ort anriechen, aus dem er gebohren worden! Aber bey allem dem, wer wollte nicht lieber dieser abgeschmackte Thor seyn, der immer lustig ist, immer jugendlich-munter, immer Spiel und Wollust mit sich bringend, als Jupiter mit den schiefen Zornblicken, die jedermann Furcht einjagen; oder Pan, bey dessen sauerm Grunzen man bald selbst zum nrrischen Schreckbilde werden knnte; oder Vulkan, der mit Aschen und Schmutz verziert aus seiner rauchigen Werksttte hervorhinkt; oder auch die schielende Pallas selbst, die zu nichts taugt, als mit ihrem Medusenkopf und ihrer Lanze den Leuten einen Schrecken einzujagen. Warum bleibt Amor immer ein Junge? warum? blos weil er ein Possenreisser ist, und nichts thut und denkt, das man auch nur einem Scheine von Ueberlegung zuschreiben knnte. Wie kmmts, da man die goldschne Venus stets mit ihrer Frhlingsmine sieht? Sie steht mit mir in Verwandtschaft; die Farbe meines Vaters glht auf ihrem Antlitze: daher Homer sie die goldene Gttinn nennt; auch lacht sie bestndig, wenn Dichter und die ihnen nacheifernden Bildhauer Glauben verdienen. Welche Gottheit ward von den Rmern andchtiger verehrt, als Flora, die Mutter aller Wollste? Wie steht es um das Thun und Lassen der sauern Gtter? Wenn man sich darber bey dem Homer und den brigen Dichtern, Raths erholt, so zeigt sichs, da es selbst ihnen an nichts weniger fehle, als an Narrheit. Was wrd es helfen, die Thaten der Andern weitlufig zu erzehlen, da alle Welt von der Verliebtheit und den Narrentheidungen Jupiters, des Donnergottes, nur zu vieles zu sagen hat? Die strenge Diana, die auf ihren bestndigen Jagdschwrmereyen ihres Geschlechts vergiet, wie jmmerlich hat sie sich nicht in ihren Endymion verliebt? Doch mir wr es lieber, wenn die Gtter sich ihre Geschichte von dem Momus wollten erzehlen lassen, der sie ihnen ehedem oft vorgepredigt hat: aber neulich strzten sie ihn im Zorne, samt der keifenden Ate, auf die Erde hinab, weil er, der Verdrliche, neidisch auf das Glck der Gtter, ihnen mit seiner Weisheit stets in den Ohren lag; kein Sterblicher wrdigt ihn, ihn unter Dach zu nehmen; und noch weniger findet er einen Eingang an den Hfen der Frsten, wo mein Folgemdchen, die schmeichelnde Kolakia, in der grsten Achtung steht; und mit ihr stimmt Momus so wenig berein, als der Wolf mit dem Lamme. [Illustration] Also haben die Gtter sich von dem Momus los gemacht; und jetzt knnen sie, von jedem Sittenrichter befreyt, frey und lustig den Narren spielen. Priapus, ehedem ein Feigenklotz, was bringt er jetzt nicht fr Scherze hervor! Merkur, mit seinen Diebereyen und Taschenspielerstreichen setzt alles ins Lachen. Selbst Vulkan spielt im Gelache der Gtter den Stocknarren, und lts am Herumhinken, an Spttereyen, an lcherlichen Sprchen nicht fehlen, die Trinkgesellschaft bey guter Laune zu erhalten. Sogar Silen, der alte Verliebte, hpft im lndlichen Tanze mit dem Polyphem und den barfssigen Nymphen, wacker umher. Satyren ertanzen sich mit ihren Bocksspringen. Pan, mit einem ungesalzenen Liedchen, bringt alles ins Lautlachen: lieber hrt man ihn, als die Musen; besonders wenn der Nektar anfngt in den Kopf hinaufzudnsten. O was knnte ich hier fr herrliche Dinge von der Wirthschaft der sich sattgenektarisirten Gtter sagen! Da, da gehts (beym Herkules schwr ich!) so nrrisch her, da ich, ich selbst, mich zuweilen des Lachens nicht erwehren kann. Doch besser ists, ich lege, gleich dem Harpokrates, den Finger auf den Mund; leicht knnte sonst ein corycisch-auflaurender Gott zuhorchen, wenn ich Dinge erzehlte, die selbst dem Momus nicht unbestraft entwischet sind. Es ist Zeit, da ich, nach homerischer Weise von den Himmelsbewohnern, zu den Kindern der Erde herabschlndre. Ach da, werden wir sehen, da sich nichts freudiges und glckliches befinde, das nicht mein Geschenk ist. Sie sehen meine Herren, wie vorsichtig die Natur, die Mutter und Schpferinn des Menschengeschlechts, alles mit Narrheit durchwrzt hat! Die Stoiker, die es in der Kunst des Beschreibens weit gebracht haben, sagen: sich durch die Vernunft fhren lassen, sey Weisheit; Narrheit sey es, wenn man sich nach der Willkhr der Leidenschaften richte. Nun, damit das Leben der Menschen nicht etwas ganz trauriges und finsteres seyn msse, hat Jupiter in ein Pfund von Leidenschaften kaum eine Unze von Vernunft gemengt; die Vernunft hat er in einen kleinen Winkel des Kopfes gebannt, und den ganzen Leib den regen Leidenschaften zum Taumelplatz angewiesen. Der Vernunft hat er zween der heftigen Tyrannen entgegen gesetzt; den Zorn, der seine Herrschaft in der Burg und der Quelle des Lebens hat, in dem Herzen; und die Lsternheit, die in der Gegend des Unterleibes alles zum Gehorsam nthigt. Was die Vernunft wider diese zween Feinde vermge, zeigt sich zureichend aus dem gemeinen Betragen der Menschen; sie schreyt sich heischer, um ihnen ihre Tugendsprchgen einzupredigen; aber um den Zgel ihrer Kniginn bekmmern sie sich wenig, und treiben die Widerspenstigkeit so weit, da endlich die mde Frstin sich zum Nachgeben gezwungen sieht, und sich alles gefallen lt. Weil der Mann zur Betreibung der Geschfte gebohren ist, so mute ihm von der Unze der Vernunft etwas mehrers eingepfropft werden. Damit auch dieses richtig angeordnet werde, ward ich, wie ber alles andere, zu Rath gezogen; und ich that einen Vorschlag, der meiner wrdig war: man soll ihm ein Weib zugesellen; ein nrrisches und schwindlichtes Thier, aber zugleich ein holdes und lcherliches; ein Hausmittel, welches das Dstere des mnnlichen Scharfsinns durch eigenthmliche Narrheit zu wrzen, und zu versssen im Stande ist. Plato der im Zweifel zu seyn scheint, ob das Weib zu den vernnftigen oder zu den vernunftlosen Thieren zu ordnen sey, wollte dadurch blos die grosse Narrheit dieses Geschlechtes andeuten. Wenn ein Weib Anspruch auf Weisheit macht, so erweist sie sich als eine doppelte Nrrinn; sie will gerade wider den Strom schwimmen: wer sich auf eine naturwidrige Weise mit der Schminke der Tugend beschmiert, und seiner Gemthsart Gewalt anthut, der verdoppelt seinen Fehler. Bey den Griechen hie es: der Affe bleibt ein Affe, wenn er gleich in der Purpurjacke einherschwanzt: also bleibt ein Weib ein Weib, das ist eine Nrrinn, was sie auch immer fr eine Rolle spielt. Nein, meine Damen, so nrrisch wird wohl keine unter Ihnen seyn, dewegen bse auf mich zu werden, da ich, selbst ein Weib, die Erznrrinn, Ihnen Narrheit beymesse. Wenn es Ihnen beliebt, die Sache genau zu erwgen, so werden Sie mir, der Narrheit, es danken, da ich Sie weit glcklicher gemacht habe, als die Mnner es seyn knnen. [Illustration] Ohne mich besssen die Weiber jene reizende Schnheit nicht, die sie mit Recht allen Dingen vorziehen, und vermittelst welcher sie selbst ber Tyrannen tyrannisieren. Etwas wegschreckendes in der Mine, die faltige Haut, das Bartgestrauche, das greisenmssige frostige Wesen, wem hat der Mann dieses Lumpenzeug zu verdanken, als der bsen Klugheit? Die Wangen der Weiber hingegen sind immer glatt; fein ist stets ihre Stimme, weich ihre Haut, als ob sie sich einer immerdaurenden Jugend versichert htten. Was wnschen sie sich in diesem Leben anders, als den lieben Mnnern recht wohl zu gefallen? Diesen Endzwecke haben sie bey ihrem Aufputzen, ihrem Schminken, ihrem Baden, ihrem Haarkruseln, allen den Knsteleyen, durch die sie ihre Gesichtszge ordnen, ihre Liebugeln, und so weiter. Wie! preisen sie sich denn wirklich den Mnnern durch irgend etwas nachdrcklicher an, als durch die Narrheit? Was ists, da diese den Weibern nicht erlauben? und, haben sie dabey andere Absichten, als die Befriedigung ihrer dringenden Begierden? Wirklich finden sie ihr Vergngen an nichts, als an der Narrheit. Man wird einsehen, da diese Bemerkung sich ganz auf die Wahrheit grnde, sobald man bey sich berlegt, wie viele Thorheiten der Mann dem Weibe vorplaudere welche Possen er treibe, so oft er sich vorgenommen hat, sein Vergngen bey ihr zu bewirthen. Ich habe die Quelle der ersten und vornehmsten Freuden des Lebens aufgedeckt. Ja, es fehlt an einigen nicht, die man eben so weibisch nicht nennen kann; es sind alte durstige Brder, welche die hchste Wollust beym Weine finden. Ob sichs eine gute Mahlzeit thun lasse, wo Weiber davon ausgeschlossen sind, ist eine Frage, deren Entscheidung ich andern berlasse. Gewi ist dieses: jedem Orte fehlt es am Gewrze, an Munterkeit, wo man der Narrheit den Eingang versperrt hat; wenn keiner der Gesellschafter ein wirklicher Narr ist, oder sich als einen Narren zu bezeigen das Geschick hat, so lt man einen mit Gelde gedungenen Lustigmacher kommen, oder einen lcherlichen Schmarotzer, um durch seine lustigen, das ist, nrrischen Schwnke das dstere Schweigen, oder die Traurigkeit, von der Tafel zu verbannen; denn, wozu wrd' es dienen, mit so vielen Niedlichkeiten und Leckerbissen den Bauch zu beladen, wenn man nicht Augen, Ohren, und das ganze Gemth bey Lachen, Scherzen, und artigen Einfllen gastierte? [Illustration] Nun bin ich es, ich einzig, die verdient, die Erfinderinn solcher Tafelherrlichkeiten betitelt zu werden. Auch die brigen feyerlichen Spiele solcher Gelage; zum Exempel, durch das Loos einen Tafelknig whlen, das Wrfelspiel, eine Gesundheit im Ringe herum trinken, ein Liedchen dabey anstimmen, mit einem Myrtenzweige in der Hand wechselweise singen, tanzen, springen, und so weiter. Das sind Dinge, die nicht von den sieben Weisen Griechenlandes erfunden worden, sondern von mir, da ich mir das Wohlseyn des menschlichen Geschlechtes angelegen seyn lasse. Je mehr Narrheit in solche Dinge gemischt ist, desto heilsamer sind sie fr das Leben der Sterblichen, welches, wenn es traurig ist, den Namen des Lebens nicht verdient; und traurig mu es werden, wenn man es nicht vermittelst solcher heilsamen Gaukeleyen vor dem Ueberdrusse sicher stellt. Vielleicht aber giebt es Leute, bey denen diese Art von Wollust keinen Werth hat, weil sie sich mit lieben Freunden und Bekannten begngen. Die Freundschaft fr sich schon (sagen sie) ist allem andern vorzuziehen; ist eben so unentbehrlich, als Luft, Feuer, Wasser, es immer seyn mgen; sie fhrt so viele Freuden bey sich, da, sie verbannen eben so viel wre, als die Sonne verbannen; sie ist etwas so Tugendhaftes (man htte ihr wohl ein besseres Lob beylegen knnen) da selbst die Philosophen keinen Anstand finden, sie zum hchsten Gute zu rechnen. Wie aber, wenn ich zeigen knnte, da es auch bey dieser herrlichen Sache alles auf mich ankomme? Wolan, ich will es thun; und zwar nicht durch krumme verfngliche Trugschlsse, sondern so ehrlich-einfltig, da jeder, der auch nur seiner Nase nachzugehen im Stande ist, die Sache mit Hnden wird greifen knnen. Aufgehorcht! Wenn man bey den Fehlern des Freundes die Augen schliet, sie nicht sehen will, sie liebenswrdig findet, etwann auch seine grossen Laster als liebenswrdige Tugenden herausstreicht: ist man da nicht auf dem geraden Wege zur Narrheit? Sehet doch diesen, der die Warze kt, die seine Geliebte mit auf die Welt gebracht hat; jenen, der seines Mdchens ranzichten Athem balsamisch findet; dort den ber die schielenden Augen seines Shnchens entzckten Vater. Ists nicht pur-lautere Narrheit? Ja, man schreie so lange man will, da es Narrheit sey: diese Narrheit einzig ist im Stande, Freundschaft zu stiften, und dauerhaft zu machen. Ich rede von den Sterblichen, von denen keiner ohne seine Fehler auf die Welt kmmt; wer die wenigsten hat, ist der beste. Wenn sich zu jenen weisen Philosophen, die sich Gtter zu seyn trumen, je eine Freundschaft naht, so ists eine strrische und freudenlose; und auch dieser sind nur die wenigsten fhig; ich sage mit Fleisse nicht alle: der grste Theil der Menschen spielt den Narren; ja, keinen wird man finden; der nicht auf vielerley Weise faselt; nun sind nur die, welche einander hnlich sind, der vertrauten Freundschaft fhig. Gesetzt es ereigne sich etwann unter diesen Sauertpfen, da einer dem andern sein Wohlwollen bezeige, so wirds doch von keiner langen Dauer seyn: kein Adler, kein Drache, ist so scharfschtig, als sie es bey den Fehlern ihrer Freunde sind; die ihrigen knnen sie nicht sehen, denn die Schlaukpfe haben sie in den Sacke hinten auf ihren Schultern gelegt. Da nun kein Mensch so verstndig ist, da er nicht seine groen Fehler htte; da sie an Jahren und Neigungen so verschieden; solchem Straucheln, solchen Ausschweifungen, solchen Zufllen des sterblichen Lebens unterworfen sind: wie knnte die freudige Freundschaft sich bey diesen spitzugigen Aussphren auch nur eine Stunde lang verweilen, wenn sich nicht die gesittete und gutmuthige Narrheit zugleich mit ihr einstellte? Und wie! ist nicht Cupido der Uhrheber und Vater aller Vertraulichkeit, starrblind, so da er leicht das Hliche fr das Schne ergreift? Schmen Sie sich nicht, meine Herren, die Wahrheit zu gestehen: hat der lose Vogel nicht auch Sie so bethrt, da jeder das Seine schn findet; da der Kahlkopf in sein Mtterchen, wie der Gelbschnabel in sein Ppchen vernarrt ist? O aller Orten findet mans so, und belacht es! aber gerade diese Lcherlichkeiten sind das Kitt und die Bnder der herzerquickenden Gesellschaft. [Illustration] Was von der Freundschaft gesagt worden, das lt sich noch fglicher vom Ehestande denken, dem fr Zeitlebens dauernden Freundschaftsbande. O ihr unsterbliche Gtter! wie wrde nicht alles von Ehescheidungen, oder auch noch schlimmern Dingen, aller Orten wimmeln, wenn nicht Schmeicheley, Scherz, geflliger Leichtsinn, Irrung, Verstellung, meine ganze Scharwache, den Hausfrieden zwischen Mann und Weib untersttzen, und nhrten? Zum Henker! wie dnne wrden die Ehen geset werden, wenn der Herr Brutigam klglich nachsphrte, in was fr Spiele sein verschlecket-schamhaft aber naseweises Jngferchen schon lange vor dem hochzeitlichen Leben, sich eingelassen habe? und wie manches schon geknpfte Band wrde zerreissen, wenn nicht (Dank sey es der Nachlssigkeit oder Tummheit des Herrn Gemahls!) vieles von dem Thun und Lassen des lieben Weibchens verborgen bliebe? [Illustration] Freylich schreibt man alles dieses mit Rechte der Narrheit zu; diese aber betreibts inzwischen so, da der Mann sich des Weibes erfreut, das Weib des Mannes, und die Eintracht sich im friedlichen Hause befestigt. Hahnrey, und was dergleichen Wrterchen mehr sein mgen, ruft hier und da ein Hohnlacher; thut nicht das gute Weibchen wohl, da sie darber Thrnen vergiet; und der gutherzige Hrnertrger, da er in bester trstender Laune sie ihr von den Wangen wegkt? O wie weit seliger ists, sich hier also irren, als im Taumel der Eifersucht sich selbst aufzehren, und ein Trauerspiel aller Orten verbreiten? Kurz, ohne mich kann keine Gesellschaft, keine Vertraulichkeit munter oder standhaft seyn; unertrglich wird der Frst dem Volke, der Knecht dem Herrn, die Magd der Frau, der Schler dem Lehrer, der Freund dem Freunde, die Frau dem Manne, der Verkufer dem Kufer, ein Tischgefehrte dem andern, wenn sie nicht wechselweise irren, klglich durch die Finger sehen, und sich mit tollen Honigwrterchen abspeisen. Ja, meine Herren, Sie halten was ich bisher gesagt, fr wichtige Dinge; aber Geduld, Sie werden noch wichtigere hren! [Illustration] Kann der jemanden lieben, der sich selbst hat? der mit Andern eintrchtig seyn, der sich selbst in den Haaren liegt? der jemanden Freude machen, der sich selbst zur Last und zum Ueberdrusse lebt? Niemand wirds behaupten, als der, welcher nrrischer als die Narrheit ist. In Wahrheit, wo man mich auf die Strasse hinaussperrt, wird jeder dem andern unertrglich, stinkt sich selbst an, fat Eckel ab allem dem seinigen, hat keinen verhatern Feind als sich selbst. Stiefmtterlich whlt oft die Natur in den Kpfen der Sterblichen, sonderlich den besten, so da ihnen das Ihrige mifllt; und das Fremde bewundern sie; dann wird alles geschndet, geht alles zu Grunde, dadurch sonst das Leben bereichert, und geschmckt wird. Wozu ntzt die Schnheit, das edelste Geschenck der unsterblichen Gtter, wenn sie garstig befleckt wird? Wozu die Jugend, wenn des Alters ghrender Gram sie angestecket hat? Was wirst du bey dem beglcktesten Leben zu Hause und draussen mit Anstndigkeit thun (und auf diese kmmt hauptschlich alles an) wenn dir nicht die sich selbst liebende Philautia, die ich billig als meine leibliche Schwester verehre, mit ihrer Geschicklichkeit beysteht? O tapfer vertheidigt sie durchgehends meine Sache! Nun, was kannst du nrrischers thun, als dir selbst gefallen? dich selbst bewundern? Was schnes, holdes, einnehmendes, kannst du zu Stande bringen, wenn du mivergngt mit dir selbst bist? Wenn du dieses Gewrze des Lebens wegschafst, so steht der Redner mit seinem Gewsche frostig da; nur hhnisches Mitleiden ertrillert sich der Tonknstler; der sich mde erarbeitende Schauspieler wird ausgepfiffen; zum Gelchter wird der Dichter samt seinen Musen; der Mahler erpinselt sich Verachtung; bey seinen Lebenspillen hungert der Arzt sich zu Tode; wenn du dich schn wie Nireus zu seyn dnkst, jugendlich wie Phaon, weise wie Minerva, so wird man dich fr garstig halten wie Thersites war, veraltet wie Nestor, tumm wie ein Schwein. Ja, unumgnglich nthig ists, da jeder sich schmeichle, und sich selbst mit einem Beyfllchen anpreise, wenn er sich bey andern in Gunst schwingen will. Endlich, da die Glckseligkeit hauptschlich darum besteht, da du wirklich nichts anders seyn willst, als was du bist, so hast du dich mit der Grundregel meiner Philautia bekannt zu machen, die also lautet: Niemand werde seines Looses berdrssig, seines Witzes, seiner Abkunft, seines Vaterlandes, seiner Auferziehung. Der Irrlnder wnsche sich nicht ein Italiner zu seyn, der Thracier ein Athenienser, der Scythe ein Brger des gesegneten Schlarafenlandes. Herrlicher Kunstgriff der Natur, der so verschiedene Dinge ins gleiche Gleis bringt! Wo sie bey ihrer Gabenaustheilung etwas krglich zu Werke gegangen, lt sie den Abgang durch die Philautia ersetzen -- nur den Abgang? -- Ich rede wie eine wirkliche Nrrin, sie theilt auf diese Weise ihr herrlichstes Geschenke mit. Ich darf wohl sagen: ohne meinen Antrieb geschicht keine edle That; wo schne Knste betrieben werden, preisen sie mich als ihre Erfinderinn. Mu man sich nicht an den Krieg wenden, wenn man belobte Heldenthaten in ihrem Elemente finden mchte? Nun, was kann wohl nrrischer seyn, als um einer Ursache willen, die man selbst nicht anzugeben wei, sich in einen Streit einlassen, bey dem man beiderseits mehr Bses als Gutes einzuerndten hat? Von dem, der da mit seiner Haut bezahlt, krht kein Hahn nicht. Wenn die beyden Heere in Schlachtordnung gegen einander stehen, und die Hrner im frischern Tone zum Angriffe geblasen haben: wozu taugen dann jene Shne der Weisheit, durch Nachgrblen erschpft, beym dnnen und kalten Geblte kaum den Athem zu ziehen vermgend? Solcher ist man da benthigt, derer Adern vom dicken und fetten Geblte strotzen; desto khner, um so viel unverstndiger sie sind. Oder will man sich mit Fleisse einen Demosthenes zum Soldaten whlen? Kaum kam der Feind ihm ins Gesicht, so warf er, nach dem Rathe des Archilochus, herzhaft den Schild weg; unter dem Hasenpanier sah man den feigen Soldaten an dem weisen Redner. Auf Klugheit, heits, kmmt im Kriege vieles an. O ja, an einem Feldherren; aber auf eine kriegerische, nicht eine philosophische! Mit Schmarotzern, Hurenjgern, Strassenrubern, Meuchelmrdern, Bauernkltzen, Tummkpfen, Bankerottierern, und dergleichen Abschaume des Menschengeschlechtes, nicht mit bey der Nachtlampe verrauchten Philosophen, werden solche herrlichen Ding erfochten. Sokrates, der nach dem eben nicht weisen Ausspruche des Apollo einzige Weise, kann zum Gewhrsmanne dienen. Er unterfieng sich, etwas, ich wei nicht was, ffentlich zu betreiben; und unter dem Hohngelchter der ganzen Versammlung schlich er sich vom Rednerstuhle weg. Und doch war der Mann nicht Narrs genug, sich mit dem Titel des Weisen zu brsten; er gab ihn dem Gotte zurck; er hielt dafr, ein Weiser solle sich in die Verwaltung des gemeinen Wesens nicht mengen; nur htte er noch hinzusetzen sollen: jeder, der seinen Platz in der Zunft der Menschen behaupten wolle, msse sich der Weisheit enthalten. Anbey, hatte er es nicht blos der Weisheit zu verdanken, da er verklagt worden; und sich den Schirlingsbecher whlen mute? Ueber Wolken und Hirngespinste philosophierend, einen Flohfu messend, das Mckensumsen bewundernd, verga er, Dinge zu erlernen, die zum gemeinen Leben unentbehrlich sind. [Illustration] Zum Schutzredner seines sich in Lebensgefahr befindenden Lehrers wirft sich der Schler Plato auf. Ein mannhafter Vertheidiger! weil ein Gerusch entsteht, verstummt er, ehe er von seinem ersten Satze die Hlfte herausgemartert hatte. Und was soll ich vom Theophrast sagen? Kaum hatte er eine Rede angefangen, so blieb er mit offenem Munde stehen, als ob ein Wolf ihm in die Quer gekommen wre. Wie wrde der Mann den Soldaten Muth zur Schlacht gemacht haben! Isokrates war zu furchtsam, als da er es jemals gewagt htte, den Mund aufzuthun. Cicero, der Vater der rmischen Beredsamkeit, fieng seine Reden, gleich einen gluchsenden Schuljungen, mit einem unangenehmen Stammeln an; Fabius ist so gut, da er behauptet, daraus erkenne man einen verstndigen die Gefahr einsehenden Redner; er htte besser gethan, rund und ehrlich heraus zu sagen: zur schicklichen Betreibung ffentlicher Geschfte tauge die Weisheit nicht. Was wrden Leute, die vor Furcht halb todt sind, wenn sie sich blos in ein Wortgefecht einlassen sollen, da ausrichten, wo man die Sache mit dem Schwerdt ausfechten mu? Nun gehe man, und erhebe den berhmten Ausspruch des Plato bis in den Himmel: Beglckt wre das Land, wo Philosophen herrschten, oder Beherrscher zu Philosophen wrden. Wenn man die Geschichtsschreiber zu Rathe zieht, so zeigt sichs, da es nirgends schlimmer zugegangen, als wo die Herrschaft einem Philosophosten oder Buchgelehrten zu Theile geworden. Man kann sich hier kecklich auf die Catonen berufen: durch wahnsinnige Anklagen strte der Eine die Ruhe der Republik; und der Andere richtete die Freyheit derselben zu Grunde, indem er sie allzuweislich vertheidigte. Man denke sich hier auch den Brutus, Cassius, die Gracchen, und selbst den Cicero, welcher der rmischen Republik zu einer eben so schdlichen Pest ward, als Demosthenes der atheniensischen. Gesetzt, Marcus Antoninus sey ein guter Kaiser gewesen; bin ich dewegen genthigt, meinen Satz aufzugeben? gewi nicht: eben dewegen, weil er ein Philosoph war, wird er seinen Unterthanen lstig und verhat. Ja, gesetzt er sey fr sich gut gewesen, so fgte er doch durch Hinderlassung seines Sohnes dem Reiche einen weit grssern Schaden zu, als er ihm durch seine Regierung ntzlich gewesen. Solche weisen Leute sind, wie in allen brigen Dingen, also besonders im Kinderzeugen, hchst unglcklich; und dieses, wie mich deucht, hat die Natur vorsichtig geordnet, damit diese Seuche der Weisheit unter den Sterblichen nicht zu viel um sich fasse. So wissen wir von dem Cicero, da er einen aus der Art geschlagenen Sohn gehabt hat; und von den Kindern des weisen Sokrates hat man die feine Anmerkung gemacht, sie seyen der Mutter hnlicher als dem Vater; das ist, Narren gewesen. Es wrde noch alles zu ertragen seyn, wenn diese Philosophen gleich zur Verwaltung der ffentlichen Geschfte so ungeschickt wren, als der Esel zum Lautenschlagen; insofern sie nur nicht auch zur Betreibung der Angelegenheiten des gemeinen Lebens eben so schief befunden wrden. Bitte einen Weisen zu Gaste; er wird durch ein dsteres Schweigen, oder durch ein lstiges Frgeln, die Freude der Gesellschaft stren. Fordere ihn zum Tanz auf; er wird so flink als ein Camel umher tramplen. Nimm ihn zu einem ffentlichen Schauspiele mit; sein Gesicht wird die Zuschauer ihres Vergngens berauben; der weise Cato, der seine feyerliche Mine nicht ablegen will, wird genthigt werden, die Bhne zu verlassen. Er kmmt in eine Gesellschaft, und alles verblat, als ob ein Wolf sich htte sehen lassen. Wo es zu thun ist, um etwas zu kaufen, um einen Handel zu treffen, kurz, um etwas vorzunehmen, ohne welches man im gemeinen Leben nicht bestehen kann, da wird man diesen Weisen ehender fr einen Klotz als fr einen Menschen ansehen. Also kann er sich, dem Vaterlande, den Seinigen, zu nichts dienen, weil die gemeinsten Dinge, Meynungen, Einrichtungen, ihm ganz spanische Drfer sind. Bey den Unternehmungen der Sterblichen ist alles voll Thorheit: Narren unterhalten sich mit Narren. Dem, der sich allen widersetzen will, mcht ich den Rath erteilen, in die Fustapfen Timons zu treten, in eine Einde zu wandern, und sich da seiner Weisheit satt zu erfreuen. Ich lenke wieder ein. Welche Macht hat stein- und eichenharte rohe Menschen ins gesellschaftliche Leben vereint? Die Schmeicheley. Sie wird durch die Leyer des Amphion und des Orpheus angedeutet. Was hat das rmische Volk, da es unter sich aufs usserste zerfallen war, wieder eintrchtig gemacht? Wars eine philosophische Rede? nichts weniger: es war die lcherliche und kindische Fabel von dem Bauche und den brigen Gliedern. Ein gleiches Wunder that Themistokles durch die Fabel von dem Fuchsen und dem Igel. Welche Rede eines Weisen htte so vieles vermocht, als jenes erdichtete Rehe des Sertorius? als die beiden Hunde jenes lacedmonischen Gesetzgebers? als die lcherliche Erdichtung von den ausgeraufenen Haaren des Pferdeschweifes? Um nichts von dem Minus zu reden, und von dem Numa, welche den nrrischen Pbel durch fabelhafte Erfindungen nach ihrem Willen lenkten: durch solche Possen lt sich dieses grosse und mchtige Thier, etwas aufbinden. [Illustration] [Illustration] Welche Stadt hat jemals die Gesetze und Aussprche eines Plato, Aristoteles, Sokrates, angenommen? was hat die Decier beredet, sich von freyen Stcken den unterirdischen Gttern aufzuopfern? was hat den Quintus Curtius in die Grube gezogen? was anders, als die eitele Ruhmsucht, eine sanft-lockende Sirene, die von jenen Weisen so sehr verabscheuet wird? was kann nrrischer seyn, sprechen sie, als da der, welcher sich um ein Amt bewirbt, im weissen Rckchen demthig dem Pbel schmeichelt? da man sich die Gunst desselben durch ein Korngeschenk erkauft? dem Hndeklatschen so vieler Narren nachjagt? im Zujauchzen desselben seine Wonne findet? im Triumphe sich von ihm gleich einer Bildsule angaffen lt? in Erzt gegossen auf dem Markte steht? andre Namen und Beynamen annimmt? einem menschlichen Taugenichts gttliche Ehre erweit? mit ffentlichem Geprnge tyrannische Schandbuben in die Classe der Gtter erhebt? O gewi, Narrheit ist dieses, zu deren verdienten Belachung ein einziger Demokritus nicht zureichend wre! Wer leugnet es? Und doch ists die Quelle groer Heldenthaten, die von Rednern bis in den Himmel erhoben werden. [Illustration] Narrheit zeugt Stdte, Reiche, Obrigkeiten, Religionen, Raths- und Gerichtsversammlungen; und das menschliche Leben ist blos ein Narrenspiel. Wenn die Rede von Knsten und Wissenschaften ist: was hat die Menschen aufgemuntert, so herrliche Dinge (wie man sie dafr auszuposaunen pflegt) zu ersinnen, und auf die Nachwelt zu bringen? war es nicht die Ruhmsucht? In so vielen durchwachten Nchten, unter so vielem Schweisse, haben sie, die Erznarren, sich, ich wei nicht, was fr einen durch und durch unntzen Ruhm ausgehecket. Indessen haben Sie, meine Herren, der Narrheit bereits so viele herrliche Bequemlichkeiten des Lebens zu verdanken; und, was dabey noch weit das angenehmste ist, Sie machen sich der Narrheit Anderer zu Nutzen. Nachdem ich also das Lob meiner Strke und meines Fleisses befestigt habe, wird es schicklich seyn, da ich auch meiner Klugheit das gleiche Recht widerfahren lasse. So willt du dann (ruft mir, wie mich deucht, jemand entgegen) Feuer und Wasser zusammen paaren? Auch dieses hoff ich zu Stande zu bringen, wenn man nur fortfahren wird, achtsam aufzuhorchen. Ists nicht Klugheit, wenn man sich die Dinge zu Nutzen macht? Nun, welches wird wohl der kluge Mann seyn? der Weise? der zu schamhaft oder zu furchtsam ist, sich an eine Sache zu wagen; oder der Narr, den weder Scham, die er nicht hat, noch Gefahr, die er nicht erwgt, von irgend einer Unternehmung abschreckt? Der Weise nimmt seine Zuflucht zu verschimmelten Bchern, und fllt sich daraus den Kopf mit schalen Spitzfindigkeiten; der Narr, der sich hurtig an die Sache selbst macht, sammelt sich daraus, wenn ich mich nicht grblich irre, chte Klugheit. Es scheint auch Homer, so blind er war, habe dieses eingesehen, da er sagt: Bey der That gelangt der Narr zur Einsicht. Wo es um Einsicht der Dinge zu thun ist, mu man zween Steinen des Anstossens ausweichen: die Schamhaftigkeit, die den Geist benebelt; und die Furcht, welche durch Vorspieglung der Gefahr, Unthtigkeit einpfropft. Gromthig scheucht die Narrheit diese Popanzen weg. Wenige Sterbliche sehen es ein, wie bald der unverschmte Waghals sein Glck machen knne. Gefllt Ihnen, meine Herren, jene Klugheit besser, die in Beurtheilung der Dinge besteht? Hren Sie doch einmal, welch eine seltsame Sache es um diese Klugheit derer sey, die sie in ihrer Weisheitsbude feil bieten! Erstlich ist bekannt, da alle menschliche Dinge, gleich den Silenen des Alcibiades, von innen ein anderes Gesicht haben, als von aussen: man sieht den Tod, und findet das Leben; man sieht das Leben, und findet den Tod; das schne ist hlich, das reiche arm, das schndliche herrlich, das gelehrte ungelehrt, das starke schwach, das edle unedel, das frliche traurig, das glckliche unglcklich, das freundliche unfreundlich, das heilsame schdlich; kurz, ffne den Silen, so wirst alles verkehrt finden. Rede ich aber nicht einigen zu philosophisch? Gut! ich wills ganz plump heraus sagen. Einen Knig stellt man sich als einen reichen und mchtigen Herrn vor; wenn aber nichts Gutes in seiner Seele ist, und er sich an nichts sttigen kann, so ist er gewi blutarm; und wenn er sich vielen Lastern ergeben hat, so ist er ein schnder Sclave. Also lie es sich ber alles und jedes philosophiren; wir haben aber mehrere Beyspiele nicht nthig. Wozu soll alles dieses dienen? -- Man hr es! Wenn jemand sich unterstnde, den Schauspielern ihre Larven wegzunehmen, und den Zuschauern die wahren und natrlichen Gesichter zu zeigen: wrde dieser Unbesonnene nicht das ganze Spiel verderben? wrde er nicht verdienen, da man ihn als einen Rasenden mit Steinen von der Bhne wegtreibe? Indessen wrde sich alles in einer neuen Gestalt gezeigt haben: das Weib als einen Mann, der Jngling als einen Greisen, der Knig als einen Bettler, Jupiter als ein Menschengesicht. Wenn man den Irrthum wegnimmt, so setzt man alles in Verwirrung; die Verstellung mu die Augen der Zuschauer bezaubern. Nun, was ist das ganze Leben der Sterblichen anders als eine Comdie? Jeder spielt seine Rolle, eine ganz andere Person vorstellend, als er eigendlich ist, bis er von der Bhne abtreten mu; und etwann zeigt sich der nmliche Schauspieler in verschiedener Tracht: als Knig sa er auf dem Thron; und nachwerts tritt er im zerlumpten Sclavenkittel auf. Ja, dieses ist alles nur Schattenwerk: aber, spielt sich dann die grosse Comdie des Lebens auf eine andere Weise? Ich stelle mir vor: ein wie vom Himmel gefallener Weiser trete pltzlich auf, und schreie: der, den man als einen grossen Herrn halbgttlich verehre, sey nicht einmal ein Mensch, weil er sich viehisch durch seine Lste leiten lasse; er sey nichts als ein verachtungswrdiger Sclave, weil er sich freywillig so vielen und so schndlichen Herren als einen Knecht dargebe. Er sieht jemanden, der ber das Absterben seines Vaters weinet, und heit ihn lachen, weil sein Vater endlich zu leben angefangen habe, da dieses gegenwrtige Leben nichts als ein Tod sey. Er begegnet einem Junker, der sich seiner edlen Abkunft rhmt, und betitelt ihn einen ehrlosen Bankert, weil er weit von dem Pfade der Tugend gewichen, der einigen Quelle des Adels. Auf gleichen Schlag behandelt mein Weiser jeden, der ihm aufstt. Aber was erbeutet er anders, als da man ihn gleich einem zum Tollhause reifen Rasenden ansieht? Nichts ist nrrischer, als eine zur Unzeit angebrachte Weisheit; nichts unkluger, als eine verkehrte Klugheit. Der betrgt sich schief, der sich nicht nach der gegenwrtigen Lage der Dinge einrichtet; nicht auf den Marktpreis achtet; sich nicht des Tischgesetzes erinnert: Thue Bescheid, oder packe dich; nicht will, da das Spiel ein Spiel sey. Der Kluge hingegen denket: da ich ein sterblicher Mensch bin, so will ich mich nicht bestreben, bermenschlich weise zu seyn; ich will mich gern nach andern Leuten einrichten, und auch etwann aus Hflichkeit einen Weg mit ihnen gehen, den ich sonst fr mich nicht gehen wrde. Ist eben dieses nicht Narrheit? O ja, ihr weisen Mnner! doch solltet ihr mir dagegen eingestehen, dieses heisse: seine Rolle in der Welt spielen. Uebrigens -- o ihr unsterbliche Gtter, soll ich reden? soll ich schweigen? Warum sollt ich es nicht frey heraus sagen, da es die pur-lautere Wahrheit ist? Vielleicht aber ists das beste, da ich bey einer so wichtigen Sache die Musen von ihrem Helikon hinunterrufe, sie, die von den Dichtern oft um einer Schnakerey willen herabgeranzt werden. So stehet mir denn fr eine Weile bey, ihr Tchter Jupiters, bis ichs bewiesen habe, jene glnzende Weisheit, die hochberhmte Burg der Glckseligkeit, werde nur denen aufgeschlossen, die sich ihr unter dem Schutze der Narrheit nheren. Erstlich ist es eine ausgemachte Sache, da alle Leidenschaften sich unter der Botmigkeit der Narrheit befinden; denn der Unterschied zwischen einem Narren und einem Weisen ist dieser: jener richtet sich nach den Leidenschaften, dieser nach der Vernunft. Daher schaffen die Stoiker alle Beunruhigungen, als so viele Seuchen, aus ihrem Weisen weg; und doch (sagen die Peripatetiker) vertreten diese Leidenschaften die Stelle der Pdadogen bey denen, die sich Mhe geben, in den Port der Weisheit einzulaufen; ja sie dienen bey allen Tugendpflichten zu Sporen und Peitschen, dadurch wir zum rechtschaffenen Betragen angetrieben werden. Doch wendet hier Seneca, der Erzstoiker, so vieles ein, als er immer auftreiben kann, um den Weisen von jeder Leidenschaft loszuhalftern. Indem er aber dieses thut, rottet er den ganzen Menschen aus, den er zu einer Art einer Gottheit umschaft, die nie gewesen ist, und nie seyn wird; oder damit ichs noch deutlicher sage, er meisselt ihn zu einem marmornen Menschenbilde, tumm, ohne Menschenverstand. O immer, ich mag es von Herzen wohl leiden; mgen sich solche Knstler ihres Weisen unbeneidet erfreuen, und mit ihm Platons Stadt oder das Gebiet der Ideen oder des Tantalus Grten bewohnen! Wer eilt nicht schauernd von einem solchen Menschen weg, wie von einem Ungeheuer, einem Gespenste! Alle Sinne der Natur sind nicht im Stande, einen Eindruck in ihn zu machen; er ist ohne Leidenschaften; fr die Liebe, das Mitleiden, ist er so unempfindlich als ein Kieselstein, als ein Felsenstck; nichts entgeht ihm; nirgends schiet er fehl; mit Luchsenaugen durchschaut er alles; nach Richtschnur und Bleywaag beurtheilt er alles auf das pnktlichste; fr nichts hat er Nachsicht; mit nichts ist er zufrieden, als mit sich; er allein ist reich, gesund, ein Knig, frey; er allein ist alles, aber auch blos nach seinem allerliebsten Urtheile; er, der keinen Freund begehrt, hat auch keinen; er, macht sich kein Bedenken, die Gtter selbst zum Henker zu schicken; er, der alles, was in der Welt vorgeht, als Wahnsinn verdammt, und verlacht. Nun, ein solches Thier ist der, den man uns als das Meisterstck der Weisheit anpreist. Wenn es auf die Wahrheit der Stimmen ankme, welche Stadt wrd ihn zu ihrem Brgermeister whlen? welches Kriegsheer wrde sich ihn zum Feldherrn wnschen? welcher Frau wrd ein solcher Mann, welchem Wirth ein solcher Gast, welchem Bedienten ein solcher Herr, ertrglich seyn? Man wrde lieber mitten aus dem nrrischsten Pbel einen Narren whlen, um Narren zu befehlen, das ist den meisten; sein Weib wrd' an ihm einen geflligen Mann finden; seine Freunde wrden sich seiner erfreuen; er wrd einem Tische Ehre machen; die Gesellschaft wrd ihm das Lob beylegen: er fhre sich durchgehends als Mensch auf. Aber schon lange fhl ich einen Ekel, so viele Worte an Weisen Leuten zu verlieren. Ich sehe mich nach andern Gegenstnden um. Bilden Sie sich ein, meine Herren, da Sie auf jener Hochwarte stehen, auf welche die Dichter den Jupiter hingepflanzt haben. Sehen Sie allen den Jammer, mit dem sich des Menschenleben zu erkmpfen hat. Elend, garstig, steht es um seine Geburt; um die Auferziehung ists Holzhackersarbeit; tausenderley Gefahren belagern seine Kindheit; durch die jugendlichen Jahre mu er sich hindurchschwitzen; ihn beugt die Last des Alters; und der Tod ist ihm ein verdrlicher Bothe. Mit ganzen Heeren von Krankheiten ist er umgeben; unzhlbaren Zufllen ist er blosgesetzt; Widrigkeiten von allen Arten; bald alles, das er geniet, ist mit Galle verdorben. Ich mchte nicht einmal von dem vielen Uebel reden, das die Menschen sich einander selbst zuziehen: Armuth, Gefngni, Schande, Schmach, Streithndel, Betrgereyen. O lieber wollt ich die Sandkrner am Meere zhlen! Durch welche Verbrechen haben die Menschen sich solche Strafen zugezogen? welcher Gott hat sie in seinem Zorne verdammt, unter solchen Jammer gebohren zu werden? Nein, meine Herren, noch ist es mir nicht verstattet, Ihnen hierber Nachricht zu ertheilen. Wer aber diese Dinge genau durchdenkt, wird er nicht dem erbarmungswrdigen Entschlusse der Milesischen Tchter seinen Beyfall gewhren? Welches aber sind die berhmtesten von denen, die, ihres Lebens berdrssig, dem Tod entgegengeeilt sind? Waren es nicht die Benachbarten der Weisheit? Unter diesen (um jetzt eines Diogenes, Xenokrates, Cato, Cassius, Brutus, nicht zu gedenken) war jener Chiron, dem die Wahl gegeben worden, unsterblich zu seyn, und der den Tod whlte. Man sieht leicht, was daraus entstehen wrde, wenn alle Menschen Weise wren: man wrde sich um neuen Leimen, und um einen andern schpferischen Prometheus, umsehen mssen. Ich aber, die ich mich schicklich der Unwissenheit oder Unbedachtsamkeit der Menschen zu bedienen wei, etwann sie das Uebel vergessen mache, Hoffnung auf Gutes einstreue, oder auch etwas von ssser Wollust einmische, komme diesem grossen Unfuge zu Hlfe; so da die Leute auch dennoch nicht das Leben mde sind, wenn die Parzen bereits abgesponnen haben, und das Leben seit langem mit dem Abschiednehmen den Anfang gemacht hat; je weniger Ursache sie haben, im Leben zu bleiben, desto tiefer sind sie in das Leben verliebt; desto weiter entfernt, seiner berdrssig zu werden. Mir hat man es zu verdanken, da man hin und wieder Greisen sieht, alt wie Nestor, die zwar bald nicht mehr Menschen gleich sehen, stammeln, aberwitzig sind, grau, zahn-, haarlos, gebcket, runzlicht, stinkend, lendenlahm, aber sich des Lebens doch so sehr freuen, noch so kindisch tndeln, da der Eine sein graues Haarnest schwarz frbt, und der Andere seine Glatze unter falsches Haar versteckt; dieser sich solcher Zhne bedient, die er einem seiner Anverwandten aus dem Schweinstalle abgeborgt hat; jener in ein Mdchen so jmmerlich verliebt ist, da kein junger Laffe den Narren so weit treiben knnte. Da ein Steinalter, der an der Grube herumkriecht, und zur Todtenbaar vorbereitet ist, ein junges Tchterchen, das blutarm ist, und Andern zu Diensten stehen wird, zur Ehe nehme, ist etwas so wenig ungewhnliches, da es zur rhmlichen Mode geworden. Noch herzbrechender ists, wenn man ein altes Mtterchen sieht, die schon lange dem Tod entgegengelebt hat, und so geripphaft aussieht, da man meynen sollte, sie komme gerad aus dem Reiche der Todten zurck, aber das Lob des Lebens noch immer herausstreicht, und einen armen Phaon reichlich bezahlt, um ihr durch seine geheimen Knste die Lebensliebe fleiig einzupropfen: an Schminke lt sies nicht fehlen, ihr Gesicht zu verstecken; vom Spiegel ist sie nicht wegzubringen; sie erarbeitet sich, was an ihrem Leibe das Alter verrth, bestmglichst auszureuten; da steht sie leider im allzutief ausgeschnittenen Wamste; in ein verliebtes Liedchen brummt ihr kollernde Stimme; da sitzt sie beym Gesundheittrinken; mischt sich unter die tanzenden Reigen der Mchden; krazet Liebesbriefe. Freylich rufen die lachenden Sptter, hier die Wahrheit, da es alles erznrrisch sey; aber inzwischen gefllt sie sich selbst, schwimmt in einem Wollustsmeere, und, Dank hat sie mir, ist beglckt. Ja freylich, lcherlich machen sich diese Leute. Ihr aber, die ihr diese weise Anmerkung ausgebrtet habt, berleget es reiflich: ists nicht besser, bey einer solchen Narrheit wonnevoll leben, als verzweiflungsvoll sich nach einem Balken, Nagel, und Strick umsehen? Da der Pbel dergleichen Dinge fr schndlich halte, das macht meinen Narren keinen Kummer: sie fhlen dieses Uebel nicht; oder, wenn sie es fhlen, so achten sie es wenig. Wenn ein Stein ihnen auf den Kopf fiele, ja, dann wrden sie das Uebel fhlen; aber Scham, Schande, Schimpf, Schmhungen, sind nur da schdlich, wo man sie als schdlich ansieht; Fhllosigkeit setzt ber das Uebel hinaus. Wenn gleich das ganze Volk dich auszischt, so bleibst du doch unverletzt, so lange du dir selbst Beyfall zuklatschest; und diese Kunst lernt sich blos in der Schule der Narrheit. Eben dieses (krchzen mir Philosophen entgegen) ist ein Elend, wenn man in den Stricken der Narrheit als ein Tummkopf umherirrt. O nein, eben das heit, ein Mensch seyn; und anbey, was plaudert ihr hier vom Elendseyn; seyd ihr nicht selbst gerade so gebohren, unterrichtet, auferzogen? ists nicht das gemeine Loos allen Menschen? Nichts ist elend, das sich in seinem natrlichen Zustande befindet; sonst mte man das Loos des Menschen beweinen, der nicht mit den Vgeln fliegen, nicht mit dem brigen Viehe auf vier Fssen laufen, sich nicht mit den Hrnern ochsenmig vertheidigen kann. Mit gleichem Rechte mte man das schnste Pferd unglcklich nennen, weil es nicht in der Grammatik unterrichtet worden, und man es nicht mit Pasteten bewirthet; elend wrd es um den Ochsen stehen, weil er nicht auf den Fechtboden gegangen ist. Wie demnach das ungrammatikalische Pferd nicht unglcklich ist, so ists auch der nrrische Mensch nicht: beide befinden sich ja in ihrem natrlichen Zustande. Der Mensch (erwiedern die verdrehten Feinschwtzer) hat das besondere Vorrecht, sich in Wissenschaften umzusehen, und vermittelst derselben kann er durch Scharfsinn das erlangen, das die Natur ihm versagt hat. O wo bleibt die Wahrscheinlichkeit? Die Natur, die bey Mcken, beym Grase, bey Blumen, so wachsam war, schlummerte gewi, da die Reihe an den Menschen kam, nicht so ein, da sie jene Wissenschaft htte zu Hilfe rufen mssen, die Theut, der dem Menschengeschlecht so abholde Genius, zum Verderben derselben ausgesonnen hat, indem sie nicht nur zur Glckseligkeit des Menschen nichts beytragen, sondern derselben sogar sehr hinderlich sind; wie beym Plato der scharfsichtige Knig Thamus, in Absicht auf die Erfindung der Buchstaben, sehr richtig bemerkt hat. Wissenschaften schlichen sich gleich den brigen ansteckenden Seuchen des menschlichen Lebens in der Welt ein; sie hatten eben die Erfindung, von denen alle Schandthaten herkommen, nmlich die Dmonen, das ist, Vielwisser. Die Menschen lebten in den ersten goldenen Zeiten ohne Wissenschaften, und folgten blos dem Naturtrieb. Wozu htte die Grammatik dienen sollen, da man nur eine Sprache redte, und dabey keinen andern Zweck hatte, als einander zu verstehen? Unntz waren die Redner, weil niemand den Andern vor Gerichte zog. Gesetzverstndige wrden mssige Leute da gewesen seyn, wo man nichts von Sittenverderbni wute, dieser Quelle guter Gesetze. Zu fromm war man, als da man, mit ruchloser Neugier, den Geheimnissen der Natur, dem Maae, den Bewegungen, und den Wirkungen der Gestirne, und den verborgenen Ursachen der Dinge, nachgesphrt htte; man wrd es fr ein strafwrdiges Verbrechen gehalten haben, wenn ein sterblicher Mensch ber seine Grnze hinaus nach Weisheit gefrefelt htte; nachzuforschen, was sich ber dem Himmel hinausbefinde -- o ein solcher Wahnsinn wre damals niemanden zu Sinne gekommen! Nach und nach verlohr sich die Reinigkeit des goldenen Zeitalters. Schadenfrohe Geister (wie gesagt) erfanden Knste, wenige noch, und von wenigen angenommen. Der Aberglaube der Chalder und der Griechen schwindlichter Leichtsinn erfanden nachwrts eine Menge chte Geistesplagen; schon die Grammatik fr sich wre zureichend, den Menschen sein ganzes Leben hindurch auf der Folterbank zu martern. Unter diesen Knsten und Wissenschaften hlt man die fr die schtzbarsten, die mit dem gemeinen Menschenverstande, das ist, mit der Narrheit, am besten bereinstimmen. Die Theologen fressen sich vor Hunger Ngel weg; die halberfrohernen Naturforscher hauchen sich in die Finger; ber Astrologen lacht man; Vernunftlehrer lt man nach dem Winde haschen; aber vor dem Arzte sieht man alles die Segel streichen; je ungelehrter, verwgener, unbedachtsamer er ist, desto hher ist er bey Frsten und reichen Leuten angeschrieben. Die Arzeneykunst, wie sie heut zu Tage von vielen getrieben wird, ist geschwtzige Fuchsschwnzerey. Nach diesen kommen die Gesetzknstler. Vielleicht htte ich ihnen den ersten Platz einrumen sollen. Sie betreiben, wenn man doch der ganzen Zunft der hhnischen Philosophen Glauben zustellen will (denn in den Handel mcht ich mich nicht mengen) einen Eselsberuf. Und doch richtet sich alles, grosses und kleines, nach dem Gutdnken dieser Esel; ihnen fallen grosse Landgter zu, alldieweil der Theolog, der alle Schrnke der Gottesgelehrtheit durchstnkert hat, an harten Bohnen sich mde beit, und sich mit Wanzen und Lusen erfechten mu. Ja, je nher eine Kunst mit der Narrheit in Verwandtschaft steht, desto mehr hat man sich von ihr zu versprechen. Die Beglcktesten sind also die, denen es vergnnet ist, mit keiner der Wissenschaften Verkehr zu haben, und blos der Natur zu folgen, die nie auf Abwege verleitet, so lange man nicht die Schranken, die den Sterblichen gesetzt sind, berspringen will. Die Natur verabscheut jede Schminke; lustig wchst das hervor, das durch keine Kunst verdorben worden. Sehen Sie nicht, meine Herren, da es um alle brigen Thiere herrlich steht, die von Wissenschaften keinen Begriff, und blos die Natur zur Hofmeisterinn haben? Was ist glcklicher, wunderbarer, als die Bienen? Bey wenigen krperlichen Sinnen erweisen sie sich als unvergleichliche Baumeister; noch kein Philosoph hat gleich ihnen eine Republik errichtet. Das Pferd, dessen Sinne etwas Gemeines mit den menschlichen haben, und das sich verleiten lie, zum Hausgenossen des Menschen zu werden, mute Antheil an den menschlichen Jammer nehmen: denn nicht selten, wenn es sich in dem Weltlaufe schmt, berwunden zu werden, luft es sich bauchschlgig aus dem Athem; und wenn es sich in der Schlacht um den Triumph erkmpft, wird es durchbohrt, und mu mit samt dem Reuter in den Staub beissen. Und noch hab ich nichts von rauchen Gebien und Zhnen gesagt, scharfen Sporen, Stallkerker, Peitschen, Banden, Halftern, schwerem Reuter, kurz, allen den jmmerlichen Folgen der Knechtschaft, denen es sich von freyen Stcken berlie, weil es heldenschtig (grossen Kriegern nachahmend) dieses fr das beste (aber freylich hoch zu stehen gekommene) Mittel hielt, den Hirschen, welchen es nicht leiden konnte, von der Weide zu treiben. O wie weit glcklicher ist das Leben der Mcken und Vgel, die dem blosen Naturtriebe folgen, und nichts als die menschliche Arglist zu frchten haben! Wenn die Vgel eingebauret, sich von Menschen im Pfeifen und Schwatzen unterrichten lassen, o wie bald ist nicht ihre natrliche Munterkeit entartet! In allwege wird das Werk der Natur durch die Schminke der Kunst geschndet. Alles mein Lob bersteigt jener pythagorische Hahn. Er war alles: Philosoph, Mann, Weib, Knig, Unterthan, Fisch, Pferd, Frosch, und wie ich glaube, sogar auch Pfifferling; nach seinem Ausspruche ist der Mensch das elendeste unter allen Thieren, weil er allein (da alle brigen mit den Schranken, darein die Natur sie gesetzt hat, herrlich zufrieden sind) sich inner seinen Grnzen nicht halten will; auch zieht er unter den Menschen einen Tummkopf dem Gelehrten und Mchtigen weit vor. Auch Gryllus war ungemein viel weiser, als der verschmitzte Ulysses, weil er lieber im Stalle grunzen, als mit diesem, ich wei nicht, wie manches gefhrliche Abentheuer aufsuchen wollte. In dieser Meynung scheint mir auch Homer gewesen zu seyn, der Vater schnakichter Fabeln: oft nennt er die Menschen berhaupt arbeitselige Tropfen; und besonders betitelt er den Ulisses, den er als ein Muster eines weisen Mannes aufstellt, den Elenden und Unglcklichen; Titel, mit welchen er nie einen Paris, Ajax, Achilles, beehrt. Und warum? weil jener Krbler sich in allem nach dem Rathe der Pallas richtete, und zu weise war, sich vom Naturweg zu weit entfernend. Ja, unter den Sterblichen weichen keine von der Glckseligkeit weiter ab, als die, welche sich mit der Weisheit abgeben: zu Menschen sind sie gebohren, die Tollkpfe vergessen aber ihres Standes; wollen gleich den unsterblichen Gttern leben; kndigen, nach dem Beyspiele der Himmelsstrmer, mit Wissenschaftswaffen versehen, der Natur den Krieg an. Hingegen wird wohl das Elend derer das kleinste seyn, die an Gesinnung und Narrheit den Thieren am nchsten kommen und sich an nichts wagen, das dem Menschen zu schwer seyn mu. Wir wollen doch sehen, ob wir dieses nicht, ohne stoische Knsteley, in einem handgreiflichen Beispiele, an den Tag legen knnen. Nun (ich nehme hierber die unsterblichen Gtter zu Schiedsrichtern): kann was glcklichers seyn, als der Zustand jener, die man Schalksnarren nennet, Stocknarren, hirnlose Krautskpfe, oder was dergleichen Beynahmen sonst seyn mgen, die ich fr die schnsten Ehrentitel erkenne? Ich will etwas sagen, das dem ersten Anschein nach nrrisch und abgeschmackt ist, sich aber als die Wahrheit selbst anpreist. Meine gepriesenen Helden wissen erstlich nichts von Todesfurcht, einer Sache, die (beym Jupiter will ichs beschwren) kein kleines Uebel ist. Sie wissen nichts von der Folterbande des Gewissens. Die Fabeln von Erscheinung unterirdischer Geister jagen ihnen keinen Schrecken ein. Sie frchten sich nicht vor Gespenstern und Poldergeistern. Weder kommendes Unglck, noch zauderndes Glck, macht ihnen den Kopf toll. Kurz, tausenderley Sorgen, denen dieses Leben blosgesetzt ist, nagen nicht an ihrem Herzen. Scham, Scheu, Ehrfurcht, Neid, Liebe, machen keinen Eindruck auf sie. Selbst die Theologen werden sagen, je nher man dem Unverstande vernunftloser Thiere komme, desto weniger sndige man. Nun erwg es einmal bey dir selbst, nrrischer Weiser! mit tausenderley Geistesgrame marterst du dich Tag und Nacht; trag alle Beschwerden deines Lebens wie in einen Haufen zusammen; sieh dann, wie von manchem Uebel ich meine Tummkpfe sicher gestellt habe. Immer sind sie frhlich; spielen, singen, lachen; wo sie hinkommen, theilen sie jedermann Wonne mit; alles scherzt, spielt, lacht mit ihnen. Ists nicht gerade so, als ob die huldreichen Gtter sie aus keiner andern Ursache in die Welt gesetzt htten, als um das Dstere des menschlichen Lebens aufzuhellen? der Schwermuth zum Gegengifte zu dienen? Sie (da sonst jeder nur gewisse Leute begnstigt) erwerben sich jedermanns Zuneigung; allerorten werden sie gesucht, gespeiset; man schmeichelt ihnen; eilt ihnen, wenn sie sich in Gefahr befinden, zu Hlfe; ungestraft lt man sie alles sagen und thun; niemand trachtet ihnen zu schaden; selbst die Thiere, wie ihre Unschuld fhlend, gehen ihnen aus dem Wege. Sie sind wie den Gttern geheiligt, und besonders mir; mit Recht allso hlt jedermann sie in Ehren. [Illustration] Frsten und Knigen sind sie vorzglich lieb und werth; so, da einige derselben ohne sie nicht essen, nirgends hingehen, nicht eine Stunde ausdauern knnen; ja sie ziehen sie ihren Weisen und sauern Rthen, derer sie doch auch einige Ehrenthalben mit Speise und Lohn versehen, weit vor. Und warum thun sie es? Die Ursache ist leicht gefunden, und eben so wunderbar nicht: diese Weisen tischen den Frsten nur traurige Dinge auf; sich auf ihre Gelehrtheit verlassend, scheuen sie sich etwann nicht, zarte Ohren mit der beissenden Wahrheit zu martern; die Narren hingegen bringen anders nichts zu Markte, als Dinge, dadurch die Frsten sich weit sicherer als durch irgend was anders das Herz abstehlen lassen: Scherz, Schwnke, die das wonnevollste Lachen zeugen. Man bemerke auch diese grosse Gabe der Narren: nur durch sie hrt man die pur lautere Wahrheit. Nun, was ist lobenswrdiger, als die Wahrheit? Wenn man dem Alcibiades beym Plato glauben will, so reden Wein und Kinder die Wahrheit; wirklich aber gehrt dieses Lob mir ganz zu. Euripides sah es wohl ein, da er sagte, Narren reden nrrisch. Was der Narr im Herzen hat, kann man auf seinem Gesichte lesen, und in seinen Reden hren. Die Weisen hingegen haben zwo Zungen (wie eben dieser Euripides bemerkt) mit der einen reden sie die Wahrheit, und mit der andern so, wie es Zeit und Umstnde erheischen; das schwarze machen sie wei; aus demselben Munde kmmt kalt und warm; und sie reden nicht frey von der Brust weg. Frsten mgen auch so glcklich seyn, so halt ich sie doch darinn fr hchst unglcklich, da sie niemanden haben, von dem sie die Wahrheit hren knnten, und gezwungen sind, sich Schmeichler statt Freunden zu whlen. Aber (heit es etwann) den Ohren der Frsten eckelt von der Wahrheit; dewegen scheuchen sie jene Weisen von sich weg; sie frchten, ein Freymaul mcht auftreten, um ihnen ihre Freuden durch die bittere Wahrheit zu verderben. O ja, so verhlt sich die Sache; Knige mgen die Wahrheit nicht wohl leiden. Aber, hierber thun meine Narren sich hervor: aus ihrem Munde hrt man nicht nur die Wahrheit, sondern sogar auch die offenbarsten Schmhungen, mit Vergngen an; Dinge, die dem Weisen, wenn er sie hervorgebracht htte, den Hals wrden gebrochen haben. O um die Wahrheit ist es etwas vortrefliches! sie belustigt, wenn nichts Beleidigendes eingemischt ist: aber das ist auch eine Gabe, die von den Gttern nur den Narren zugetheilt worden. Weiber, die von der Natur einen Hang zum Vergngen und zu lustigen Zeitvertreiben haben, pflegen sich, bald aus den nmlichen Ursachen, an diese Art von Menschen zu halten. O wer kann alles wissen, was sie mit denselben fr Possen treiben; oder wie allzuernsthaft es zuweilen dabey zugeht! Nein, nein, alles ist nur Scherz, nur Spiel gewesen. Ja, das schne Geschlecht versteht die Kunst aus dem Grunde, jeden Schritt und Tritt auf das sinnreichste zu beschnen. Wir kommen wieder auf die Glckseligkeit der Narren. Nachdem sie ihr Leben frhlich durchgebracht haben, ohne Furcht und Gefhl des Todes, wandern sie gerades Wegs nach den elysischen Feldern, um ihre frommen und sorgenlosen Seelen an den Zeitvertreiben derselben Theil nehmen zu lassen. Kommen Sie nun, meine Herren, um das Loos eines Weisen, welchen Sie immer wollen, mit dem Loose dieses Narren zu vergleichen. Stellen sie sich ein rechtes Muster der Weisheit vor, einen Menschen, der seine Knaben- und Jnglingsjahre bey Erlernung der Wissenschaften durchgebracht, und den holdesten Theil des Lebens an schlaflose Nchte, Sorgen und Schwei verschwendet hat; auch sein ganzes briges Leben hindurch erlaubt er sich nicht, einen Bissen von Wollust zu kosten; immer ist er filzig, arm, traurig, strrisch, feindselig und hart gegen sich, andern verhat und unertrglich, bla, mager, krnkelnd, triefugig, abgemrkelt, vor der Zeit grau, und aus diesem Leben wegeilend. Doch was liegt daran, wann ein solcher sterbe, der eigentlich nie gelebt hat? Wie gefllt Ihnen, meine Herren, dieses Bild des Weisen? verdient er nicht, da man sich sterblich in ihn verliebe? Schon betubt mich wieder das Widerbefzen des stoischen Froschengequkes. Wahnsinnig seyn (schreien sie) ist ja das elendeste Ding von der Welt; nun kmmt die wirkliche Narrheit dem Wahnsinn sehr nahe, wenn sie je nicht der Wahnsinn selbst ist; denn was heit wahnsinnig seyn anders, als, nicht bey Verstande seyn? Aber, dieses heit wohl recht fehlgeschossen. Dieses Schlugeplauder wollen wir, unter dem Beystande der Musen, bald verdunstet sehen. Haben die Mckenfnger nie gelesen, wie Sokrates beym Plato zwischen Venus und Venus und zwischen Cupido und Cupido, einen Unterschied macht? also htten auch sie Wahnsinn von Wahnsinn unterschieden, wenn es ihnen darum zu thun wre, nicht selbst fr wahnsinnig gehalten zu werden. Nicht jeder Wahnsinn ist etwas schdliches und schimpfliches; sonst wrde Horaz nicht von einem liebenswrdigen reden; Plato htte nicht die Wuth der Dichter, der Wahrsager, und Verliebten, zu dem gerechnet, das zum Wohlseyn des menschlichen Lebens das meiste beytrgt; und jene Wahrsagerinn beym Virgil scheut sich nicht, dem arbeitsamen Aeneas einen gewissen wahnsinnigen Flei zuzuschreiben. Es giebt also zwo Arten des Wahnsinnes: die Eine kmmt aus der Hlle von den grausamstrafenden Furien; sie senden etwann ihre Schlangenbrut, den wtenden Kriegsdurst, die unersttliche Goldbegierde, die verruchteste und abscheulichste Lsternheit, Vatermord, Blutschande, oder irgend eine Pest von dieser Art, in die Brust der Sterblichen, wenn sie das sich einer Verschuldung bewute Gemth mit ihren Schrecknissen martern wollen. Die andere Art des Wahnsinns ist von einer ganz verschiedenen Natur; sie kmmt von mir, und fr die Menschen knnte nichts wnschenswrdiger seyn. Dieses ereignet sich, wenn ein gewisser glcklicher Irrthum des Verstandes das Gemth von ngstlichen Sorgen befreyt und es mit vielerlei Wollust segnet. Cicero schrieb an den Atticus, er wnsche sich von den Gttern eine solche Verstandslosigkeit und wrde sie als ein grosses Geschenke ansehen, weil er dann bey allen seinen Verdrlichkeiten fhllos seyn wrde. Jener Argiver befand sich dabey sehr wohl. In seinem Wahnsinne sa er ganze Tage hindurch einzig auf dem Schauplatze, lachte, klatschte Beyfall, war ganz Freude, in dem Wahne, er sehe die Vorstellung eines herrlichen Schauspiels; und es war doch alles nichts an der Sache; alle brigen Lebenspflichten befolgt er auf das beste; frhlich war er bey seinen Freunden, die ihn liebten; artig betrug er sich gegen seine Frau: seinen Knechten konnt er durch die Finger sehen, und er berlie sich dem Zorne nicht, wenn gleich einer derselben sich an einer Flasche vergriffen hatte. Seine Anverwandten veranstalteten es, da seine Krankheit durch dienliche Arzeneymittel gehoben ward. Da er wieder ganz zu sich selbst gekommen war, hudelte er seine Freunde also aus: Beym Henker! ihr, meine Freunde, habt mich umgebracht; habt mir nicht geholfen; mich meines Vergngens beraubt; mich mit Gewalt dem mich beglckenden Irrthum entzogen. Er hatte recht; sie schossen fehl, und waren der Niewurze mehr als er benthigt; sie, die auf den unglcklichen Einfall gerathen, einen so glcklichen und erfreulichen Wahnsinn, als ob er eine Krankheit gewesen wre, durch Ausfhrungsmittel abzutreiben. Ich habe es noch nicht entschieden, ob man durch den Irrthum der Sinne, oder den Irrthum des Verstandes, zum Wahnsinnigen werde. Wenn ein Bldsichtiger ein Maulthier fr einen Esel ansieht, oder jemand ein armseliges Gereime als ein gelehrtes Gedicht bewundert, so mu man ihn nicht sogleich fr wahnsinnig halten. Wenn aber jemand sich nicht nur durch die Sinne, sondern auch die Einbildungskraft, tuschen lt, und zwar auf eine ganz ungewhnliche Weise und immer, so mu man ihn fr einen Nachbar des Wahnsinns erkennen; wie wenn er so oft er einen Esel schreien hrt, sich einbildet, er hre vortreffliche Snger; oder wenn er, ein blutarmer Schlucker, sich in den Kopf gesetzt hat, er sey der lydische Knig Crsus. Wenn diese Art von Narrheit (und bald allemal thut sie es) einen Hang zur Wollust hat, so zeugt sie kein geringes Vergngen; so wohl bey denen, die damit behaftet sind, als auch bey denen, die ihn bemerken und doch davon nicht angesteckt sind. Und diese Art von Wahnsinne erstreckt sich weiter, als man gemeiniglich dafr hlt. Auch lacht ein Wahnsinniger ber den Andern, und jeder teilt dem Andern etwas von seiner Wonne mit. Nicht selten lacht der grssere Narr weit heftiger ber den kleinen, als dieser ber jenen. Hren Sie, meine Herren, hierber den Ausspruch der Narrheit: Auf wie mehrere Arten des Wahnsinns der Mensch verfllt, um so viel glcklicher ist er; wenn er dabey nur in dem von mir bezeichneten Gleise bleibt. Doch hat man sich hierber um so viel weniger zu beklagen, da dasselbe so ausgedehnt ist, da ich wirklich nicht wei, ob sich unter allen Sterblichen ein einziger finden lasse, der immer weise ist, und sich von aller und jeder Art des Wahnsinns frey befindet. Nur ist hiebey dieses zu bemerken: Wer einen Krbi sieht, und ihn fr ein Frauenzimmer hlt, wird wahnsinnig genennt; und zwar darum, weil nur wenige in diesen Zustand gerathen. Wenn aber jemand schwrt, seine Frau, die er mit vielen gemein hat, sey keuscher als Penelope, und sich hierber, in seinem glcklichen Irrthume, was rechtes zu gute thut, so mu niemand ihn wahnsinnig nennen. Warum? weil man ja sieht, da dieses das gemeine Schicksal der guten Mnner ist. In die gleiche Classe gehren die, welche alles verachten, das nicht Jagd ist; und behaupten, sie empfinden in sich eine unbeschreibliche Wollust, so oft sie das heulende Gebrlle der Hrner und Hunde hren. Haben sie nicht etwann auch ihre Geruchskrfte so verfeinert, da es ihnen deucht, der Hundsstall sey mit Zibeth durchduftet. Welches ssse Vergngen, wenn es um die Zerreissung des Wildes zu thun ist! Bey Ochsen, Hmmeln, berlt man diese Arbeit dem niedern Pbel; hier darf nur der Junker Hand anlegen; mit entbltem Haupte, gebogenen Knien, dem dazu gewiedmeten Waidemesser (sich hier eines gemeinen bedienen, wrde strafwrdiges Verbrechen seyn) mit gewissen Geberden, trennt er gewisse Glieder, in einer gewissen Ordnung, religionsmig ab. Die umherstehende Gesellschaft, tief stillschweigend, verwundert sich inzwischen darber, wie ber etwas ganz neues, ob sie gleich solchem Schauspiele mehr als tausendmal beywohnte. Wer das Glck hat, etwas von dem Thiere zu kosten, der glaubt, da er dadurch im Adel eine Stuffe hher gestiegen sey. Und doch gewinnen sie durch das geflissene Verfolgen des Wildes, und das Essen von demselben, anders nichts, als da sie, ein knigliches Leben zu fhren vermgend, bald selbst in wilde Thiere ausarten. Mit diesen haben jene viel hnliches, die, durch unersttliche Bausucht hingerissen, das Runde viereckig, und das Viereckige rund machen. Sie wissen weder von Ziel noch Maa, bis sie in die tiefe Armuth versunken, weder ein Haus noch etwas zu beissen, und brechen haben. Und bleibt ihnen denn gar nichts brig? O ja; das Angedenken, da sie einige Jahre in grosser Wollust vertrumt haben. [Illustration] Diesen kommen, meiner Einsicht nach, jene sehr nahe, die sich unterfangen, durch neue und geheime Knste, die Natur der Dinge zu ndern, und zu Wasser und Land ich wei nicht was fr einer fnften Kraft nachjagen. Diese weiden sich so kniglich mit der sssen Hoffnung: da sie weder Mhe noch Unkosten bereuen; mit wunderbarem Scharfsinn ergrbeln sie sich immer etwas neues, um sich zu tuschen und sanft einzuwiegen, bis sie von allem so entblst sind, da sie ihren Tigel kalt und leer mssen stehen lassen. Doch setzen sie ihre schmeichelnden Trume fort, und muntern Andere so viel mglich zu einer gleichen Wonne auf. Wenn sie endlich von aller und jeder Hoffnung verlassen sind, so schpfen sie aus dem Sprchgen nach grossen Dingen gestrebt zu haben, ist Ruhms genug einen unvergleichlichen Trost. Und dann schmhlen sie erbaulich auf die Krze des Lebens, die so grosse Unternehmungen neidisch vereitle. Noch steh ich im Zweifel, ob ich die Spieler fr meine Zunftgenossen erkennen solle. Doch ists nrrisch und lcherlich genug, zu sehen, wie Einigen, so oft sie die Wrfel fallen hren, das Herz im Leibe hpft und bebt. Wenn sie, durch die Hoffnung auf Sieg stets genarret, an der Spielklippe (kaum haben ehedem an dem lakonischen Vorgebrge Malea so viele gestrandet) Schiffbruch gelitten haben, und kmmerlich mit der Haut entronnen sind, so betrgen sie ehender sonst jedermann, als den Sieger, um ja Bidermnner zu bleiben. Was ist von jenen halbblinden Grauschdeln zu sagen, die zum Spielen ihre Augen mit Glsern bewaffnen mssen? Von denen, welchen das gerechtigkeitliebende Chiragra die Finger gelhmt hat, die Andre bestellen, in ihrem Namen die Wrfel zu werfen? Ein feiner Gespa wr es freilich, wenn nur dieses Spiel sich nicht oft in Wuth verwandelte, und dann eine Sache fr die Furien wrde, nicht fr mich. [Illustration] Hier aber kommen Leute meines Gelichters: Wunderdinge, teuschende Lgen, zu hren oder zu erzhlen, macht ihre Freude aus. Unersttlich sind sie bei solchen Fabeleyen, wenn man von Gespenstern, Poltergeistern und tausenderley dergleichen Teufeleyen redet, die, je weiter sie sich von der Wahrheit entfernen, desto gieriger geglaubt werden, und desto nachdrcklicher die Ohren jcken machen. Und diese herrlichen Dinge dienen nicht nur zum Zeitvertreibe, sondern sind auch sehr eintrglich: man frage gewisse Schwarzrcke. [Illustration] In einer nahen Verwandschaft mit diesen stehen jene, die sich eine zwar nrrische aber doch lustige Sparre in den Kopf gesetzt haben, nmlich, wer auf einen hlzernen oder gemahlten polyphemusmigen Christoph die Augen richte, werde selbiges Tages nicht ersufen; oder, wer bey einer geschnitzten Barbara mit vorgeschriebenen Worten seinen Gru abstatte, werde unbeschdigt aus der Schlacht kommen; oder, wer an gewissen Tagen, mit gewissen Wachskerzen, und gewissen kleinen Sprchen, den Erasmus besuche, werde in kurzen reich werden. Sie haben ihren Georg, wie die Heiden ihren Herkules und Hippolytus hatten; mit Spangen und Bullen ist sein Pferd auf das andchtigste geziert; wenig fehlts, da sie es anbeten; von Zeit zu Zeit macht man sich bey dem Ritter mit einem Geschenkchen beliebt: und, wenn man bey seiner ehernern Bickelhaube schwrt, dnkt man sich was Grosses zu seyn. Was soll ich von jenen sagen, welche sich bey erdichteten Ablaversicherungen ihrer Verbrechen fein gtlich thun, und die Zeitrume, Jahrhunderte, Jahre, Monate, Tage, Stunden des Fegfeuers, nach der Sanduhr angeben, oder geometrisch und auf eine ganz zuverlige Weise abmessen? Oder von jenen, die sich auf ein magisches Zedelein oder Gebetlein verlassen, das ein frommer Betrger in einer wunderlichen oder eigenntzigen Laune ausgesonnen hat, und die sich daraus ich wei nicht was fr Herrlichkeiten versprechen: Reichthmer, Ehrenstellen, Wollste, Niedlichkeiten, stete Gesundheit, langes Leben, munteres Alter, und endlich in dem Himmel einen recht ausgezeichneten Platz, den sie doch erst so spt als mglich zu beziehen gedenken; das ist, wenn die Wollste dieses Lebens, an die sie sich mit allen Krften halten, ihnen doch endlich entwischen: dann wollen sie sichs gefallen lassen, an den Freuden der Himmelsbewohner Theil zu nehmen. [Illustration] Mich deucht, ich sehe, wie ein Krmer, Soldat, Richter hier vermittelst eines kleinen aus seinem ganzen zusammengeraubten Vermgen genommenen Stckchen Gelds den Schandpful seines ganzen Lebens ein fr allemal auszureinigen glaubt, so viele Meineide, Schandthaten, Trunkenheiten, Geznke, Mrdereyen, Teuschereyen, Treulosigkeiten, Verrthereyen: alles, denkt er, sey jetzt losgekauft, und so gut losgekauft, da er nun auf der Lasterbahn getrost fortgehen knne. Giebt es wohl nrrischere, da ist glcklichere Leute, als die, welche darum, weil sie tglich sieben Verse aus den Psalmen daher sagen, sich die hchste Glckseligkeit als etwas unfehlbares versprechen? Man glaubt, ein gewisser spahafter Dmon, der mehr prahlerisch als schlau gewesen, habe dem ihn teuschenden Bernhard diese Verse gewiesen. Und solche Dinge, die so nrrisch sind, da ich beynahe selbst mich ihrer schme, finden Beyfall, und zwar nicht nur bey dem Pbel, sondern auch bey Leuten, die so vieles von Religion schwatzen, da man bey ihnen einen ganz andern Witz vermuthen sollte. Liesse sich hier nicht auch von dem reden, da jede Gegend ihren besondern Schutzheiligen hat; und da jedem Heiligen sein eigenes Geschft, und seine eigene Verehrungsart, angewiesen ist: der eine hlft bey Zahnschmerzen; der andere springt den Gebhrenden bey; ein dritter verschaft dies gestohlene wieder; ein vierter lt den Seefahrer eine beglckte Reise machen; ein fnfter bewacht die Heerde, und so weiter, denn alles daher zu zhlen, wrde zu weit fhren. Es giebt Heilige, welche fr sich allein vieles zu Stande bringen knnen; besonders die jungfruliche Gottesgebhrerinn, deren der gemeine Mann bald mehrers zuschreibt, als dem Sohne. Was ist alles, das die Menschen sich von dergleichen Heiligen erbeten, anders als Thorheit? Wohlan! unter so vielen Gedchtnitafeln, mit welchen man die Wnde und Gewlber der Tempel gelbdsmig dick behangen findet, hat man je eine gesehen, die aus Dankbarkeit von jemanden dahin verehret worden, der durch ein Wunder der Narrheit entflohen, oder auch nur um ein Haar weiser geworden ist? Einer hat sich glcklich durch Schwimmen gerettet; ein Anderer ward durch den hohlen Leib gestochen, und ist noch bey Leben; ein Anderer ist, indem die brigen fochten, glcklich und tapfer durch die Flucht entronnen; ein Anderer kam an den Galgen, durch Kraft eines die Diebe begnstigenden Heiligen zerri der Strick, und nun fhrt er im Liebeswerke fort, diejenigen zu erleichtern, welche durch zu vieles Geld beschwert sind; ein Anderer durchbrach die Mauer des Kerkers, und ist in Freyheit; ein Anderer ist, zum grossen Verdrusse des Arztes, das Fieber bald losgeworden; einem Andern ward ein vergifter Trank gegeben; er verursachte aber den Tod nicht, sondern half glcklich einer Verstopfung ab; nur machts seiner guten Ehefrau wenig Freude, und sie rgert sich ber ihre vergebliche Mhe und Unkosten; ein Anderer schmi mit dem Wagen um, ritt aber mit den Pferden gesund nach Hause; auf einen Andern fiel der Schutt einer einstrzenden Mauer, schlug ihn aber nicht todt; ein Anderer, der mit einer Frau tndelte, ward von dem Manne derselben berrascht, log sich aber durch einen listigen Einfall los. Niemand bezeigt sich dafr dankbar, da er von der Narrheit befreit worden. O meine Herren! wenig Verstand haben, ist etwas so angenehmes, da die Sterblichen sich ehender alles verbten, als die Narrheit. Aber warum sollt ich mich auf das Meer des Aberglaubens hinauswagen? Wenn ich gleich hundert Zungen htte, hundert Muler, eine eiserne Stimme, so wrd ich doch nicht alle Gestalten der Thorheit entwickeln, alle Namen der Narrheit durchlaufen knnen. In dem Leben der Christen, ist durchgehends alles von Wahnsinn vollgepfropft; und die Herren im schwarzen Kleide begngen sich nicht nur, es so gehen zu lassen, sondern tragen auch noch das Ihrige wacker dazu bey; wohl wissend, da sich dabey allemal ihre Rechnung werde finden lassen. Ein Weiser, der mir von Herzen mifllt, wirft sich zum ungebetenen Prediger auf, und spricht so, wie die Sache an sich selbst ist: Du wirst kein bses Ende nehmen, wenn du gut lebst; deine Snden werden dir vergeben werden, wenn du, der du die Sache mit einem stckchen Gelds richtig machen willt, dein gethanes Bse verabscheust, weinest, wachest, betest, fastest, und dein ganzes Thun und Lassen nderst; der Heilige wird dir gewogen seyn, wenn du seinem Leben nacheiferst. O meine Herren! wenn dieser Weise Ihnen mit dergleichen Geplauder in den Ohren liegt, bewaffnen sie sich wohl, wenn es Ihnen um Ihre Gemthsruhe zu thun ist. In diese Zunft gehren auch die, welche bey guter Gesundheit pnktlich verordnen, mit welchem Geprnge ihre Leiche solle bestattet werden; sie bestimmen die Zahl der Fackeln, der Leidtragenden, der Snger, der Lohnheuler; gerad als sie selbst noch Augenzeugen dieses Schauspieles seyn wrden; oder als ob es ein Schandflecke fr den Verstorbenen wre, wenn man seinen Leichnahm nicht prchtig einscharrte; sie sind damit so beschftigt, als ob sie, gleich den Aedilen im alten Rom, das Volk mit Schauspielen und Mahlzeiten versehen mten. Ob ich gleich eile, so viel mir mglich ist, so kann ich doch jene nicht bergehen, die zwar vor dem niedersten Schuflicker nichts voraus haben, und sich doch auf den blossen Titel des Adels ich wei nicht was Wundergrosses einbilden. Der Eine will von dem Aeneas abstammen; der Andere von dem Brutus: und ein Dritter von dem Knig Arthur. Sie hngen prahlerisch allerorten geschnitzt und gemahlte Bilder ihrer Ahnen auf; sie berufen sich auf derselben Namen und Beynamen, und sind selbst stummen Bildsulen hnlich; noch weniger werth, als die Thiere, die ihren Wappen zu Schildhaltern dienen. Doch fhren sie, dank sey es ihrer holden Selbstliebe, ein ganz glckliches Leben; und an ebenso grossen Narren fehlts nicht, die diese Art von edlen Thieren fr halbe Gtter ansehen. [Illustration] Warum red ich aber nur von einer oder der andern Art von Narren! die Selbstliebe zaubert ja allerorten auf tausenderley wunderbare Weise dergleichen recht glckliche Geschpfe hervor. Etwann sieht man einen, mit dem die Natur es noch wohl gemeinet htte, wenn er von ihr blos mit einem Affengesichte wre begabet worden, und er deucht sich schner zu seyn, als Nireus es beym Homer ist. Ein Anderer, so bald er vermittelst seines Zirkels zwo oder drey Linien ziehen kann, glaubt, da er es mit dem Euklides aufnehmen knnte. Hier ist einer, der sich zur Musik so gut schickt, wie der Esel zur Harfe; doch glaubt er sich im Stande zu seyn, mit einem Hermogenes in die Wette zu singen, ob man gleich das Gekrhe des die Hnne betretenden Hahnes musikalischer findet, als sein Gekrchze. [Illustration] Lustig ists, wenn man auf das Betragen einer andern Art von Wahnsinnigen acht hat: aller der Gaben und Geschicklichkeiten, die ihre Bedienten besitzen, rhmen sie sich, als ob es die ihrigen wren. Hieher gehrt jener glckliche Reiche beym Seneca: wenn er ein Geschichtchen erzhlen wollte, hatt er immer Knechte zur Seiten, die ihm die Namen einflsterten; er war von einer so schwchlichen Leibesbeschaffenheit, da es leicht gewesen wr, ihn zu Boden zu hauchen; und doch beredet er sich, im Stande zu seyn, sich in den Streit der Klopffechter zu mischen; denn er hatte ja zu Hause starke Bengels, denen er Mu und Brod gab. Es wrde sich der Mhe nicht lohnen, wenn ich viele Worte ber die verlieren wollte, die von Knsten und Wissenschaften Profession machen. Sie besitzen eine besondere Selbstliebe: ehender thun sie verzicht auf ihr ganzes vterliches Erbgtchen, als auf ein Frchtchen ihres Genies. Schauspieler, Musicanten, Redner, Poeten, lieben sich selbst um so viel heftiger, um so viel ungelehrter sie sind. Was auch noch so abgeschmackt ist, findet immer einen Gaumen, dem es behagt; es giebt Leute, denen selbst das Hliche sich anpreist: denn (wie oft soll man es noch sagen) die meisten Menschen sind Narren. Also darf man nur recht unwissend seyn, um sich selbst herrlich zu gefallen, und von vielen bewundert zu werden. Einfltig mte man seyn, wenn man der sogenannten wahren Gelehrtheit nachwerben wollte: dieses wrde hoch zu stehen kommen: und was wrde die Ausbeute seyn? schchtern und menschenscheu wrde man werden, und bald aller Welt mifallen. [Illustration] Wie die Natur einzelne Menschen behandelt, so behandelt sie auch ganze Vlkerschaften; jeder hat sie ihre besondere Eigenliebe eingeimpft. Die Britten machen hauptschlich Anspruch auf eine schne Leibesgestalt, die Musik, und eine niedlich besetzte Tafel. Die Schotten schmeicheln sich mit Adel, kniglicher Abkunft, und scharfsinniger Disputierkunst. Die Franzosen behaupten, eine gute Lebensart msse man bey ihnen erlernen; besonders aber in Paris die Theologie. Die Italiner brsten sich auf ihre Gelehrtheit und Beredsamkeit; und daher schmeicheln sie sich, da sie einzig nicht Barbaren seyn; insonderheit maaen sich die Rmer dieser Glckseligkeit an; sie wiegen sich zum sssen Traum ein, da sie noch im alten Rom leben. Die Venetianer triumphieren wegen ihrem Adel. Die Griechen prahlen, sie seyen die Erfinder der Knste und Wissenschaften, und behngen sich mit den Titeln ihrer alten berhmten Helden. Die Trken, samt allen dem brigen Barbarengeschmeisse, schreien, die chte Religion lasse sich nur bey ihnen finden; und sie lachen hhnisch ber Christen, als Aberglubige. Gtlich thun die Jden sich noch heut zu Tage mit der Erwartung des Messias, und sind dabey so standhaft, als sie es in Bewahrung der Schriften ihres Moses sind. Die Spanier wollen die berhmtesten Kriegsleute seyn. Die Germanier spiegeln ihre groen Krper und ihre Bekanntschaft mit magischen Knsten. Wir wollen nicht weiter gehen. Es liegt am Tage, wie viele Wollust die Eigenliebe allen und jeden Sterblichen verschaffe. Sie hat eine Gesellschafterinn, die Schmeicheley. Wirklich, wenn man sich der Eigenliebe ergiebt, was thut man anders, als da man sich selbst schmeichelt; da man sich selbst eben die Geflligkeit erweist, mit welcher man sich zuweilen in die Gunst Anderer setzt. Heut zu Tag ist freylich die Schmeicheley in einen bsen Ruf gekommen; aber bey wem? bey Leuten, die mehr auf die Wrter sehen, als auf die Dinge selbst. Sie stehen in dem Wahne, Ehrlichkeit knne mit Schmeicheley nicht wohl bestehen. Damit sie lernen mgen, wie grblich sie sich irren, sollte man sie bey vernunftlosen Thieren zu Schule schicken: Was ist schmeichelhafter als der Hund? und was ist zugleich getreuer als er? was ists, das sich mit Possirlichkeiten geflliger machen kann, als das Eichhrnchen? und doch ists ein Freund des Menschen. Sind etwann Lwen, Tiger, Panterthiere, groe Menschenfreunde, weil sie sich nicht einschmeicheln? [Illustration] O ja, es giebt eine sehr schdliche Schmeicheley, durch welche zuweilen ein Treuloser, oder ein Sptter, einen Einfltigen ins Verderben zu locken trachtet. Die meinige hingegen entspringt aus einer gewissen Gutmthigkeit und Aufrichtigkeit; sie kmmt der Tugend weit nher, als ein gewisses rauhes, mrrisches, unschickliches, und schwerflliges Wesen; sie flt den Niedergeschlagenen einen Muth ein, trstet die Traurenden, muntert die Trgen auf, macht die Tummen munter, erleichtert die Kranken, besnftigt die Wtenden, stellt die Liebe wieder her, macht die Persnlichkeit dauerhaft, locket die Jugend zum lernen an, belustigt die Alten, ermahnt und unterrichtet die Frsten auf eine glimpfliche Weise, indem sie dieselben blos zu loben scheint; kurz, sie bringts zu Stande, da jeder sich seiner mehr freut, und sich selbst mehr liebt; und dieses macht bey der Glckseligkeit gewi die Hauptsache aus. Was kann dienstfertiger seyn, als wenn zween Esel wechselweise einander kratzen? Ich habe nicht nthig, erst zu sagen, da ein solches Betragen einen grossen Theil der gelobten Beredsamkeit ausmacht, einen grssern der Arzeneykunst, und den grsten der Dichtkunst; da in derselben auch alles bestehe, was das gesellschaftliche Leben aufs lieblichste durchwrzen kann. Aber betrogen werden (sagen die Weisen) ist ja ein grosses Elend. Nicht betrogen werden (sag ich) ist das allergrste. Man kann nicht rger ausschweifen, als wenn man sich in Kopf setzt, die Glckseligkeit des Menschen besteh in den Dingen selbst. Vom Wahne hngt sie ab; denn in dem menschlichen Wesen ist alles so dunkel, einander so entgegengesetzt, da nichts sich deutlich wissen lt; wie meine Akademiker es sehr richtig bemerkt haben; und hierinn erwiesen sie sich gewi nicht als stolze Philosophen. Wenn sich auch je etwas wissen lt, so benimmt es nicht selten dem Leben seine Freude. Der Mensch ist einmal so: Schminke ist ihm reizender als Wahrheit. Wenn sich jemand hievon durch eine deutliche und handgreifliche Erfahrung berzeugen will, so stell er sich nur unter einen Predigtstuhl, und sehe, wie alles (sobald darauf etwas Ernsthaftes verhandelt wird) schlft, ghnt, hustet, sich schneizt, vor Eckel erblat; wenn hingegen der Kanzelschreier (ich irre mich, Redner wollte ich sagen) nach Gewohnheit ein altes Weibermrlein anfngt, erwacht alles, richtet sich auf, spitzt gierig die Ohren. Und wenn die Rede auf einen Heiligen kmmt, von dem mehr dichterisches und heldenmiges zu erwarten steht, zum Exempel, einen Georg, einen Christoph, eine Barbara, o dann ist man mit einer grssern Andacht bereit, als wenn man nur mit einem Petrus und Paulus, oder auch Christus, unterhalten wird! Aber hier ist davon die Rede nicht. Vermittelst des Wahnes lt sichs, ohne so grossen Aufwand zur Glckseligkeit kommen. Was die Dinge selbst betrift, so hat man oft grosse Mhe, sich auch nur die geringsten derselben anzuschaffen: man denke nur, was fr Schwei schon die Grammatik ausgetrieben hat. Zum Wahne, die zur Glckseligkeit noch weit mehr beytrgt, gelangt man sehr leicht. Dort ist einer, dem seine faulen Fische, von welchen ein Anderer die Nase zuhlt, recht kniglich schmecken; gewi ist er dabey glcklich; und dieses wre da nicht, wenn man ihm den kstlich-bereiteten und frischen Strfisch, vor dem ihm aber eckelt, aufgetischt htte. Jemand hat eine von Herzen hliche Frau, findet sie aber schn wie Venus; ists ihm nicht einerley, ob sie ist, wie sie ist, oder ein Muster der Schnheit wre. Jener hat eine Tafel, darauf ein elendes Geschmire ist, hlt sie aber fr die Arbeit eines Apelles oder Zeuxis, und kann sie nicht genug bewundern; ist er nicht glcklicher, als ein Anderer, der wirklich ein Stck von der Hand dieser Knstler mit schwerem Geld erkauft hat, aber dabey kein so grosses Vergngen in sich fhlt. Ich kenne einen Menschen, der die Ehre hat, mein Namensverwandter zu seyn; er verehrte seiner Braut etliche falsche Demante, und beredete sie (das Bereden verstand er meisterhaft) sie seyen nicht nur cht, sondern auch von einem unschtzbaren Werthe. Man sage mir einmal, was gieng dem Mdchen ab? sie weidete an den Glschen Augen und Herz, als ob sie einen grossen Schatz in ihrem Besitze htte. Inzwischen hatte der Mann sich einen grossen Aufwand erspahrt, und machte sich des Irrthums seines Weibchens zu Nutze; sie war ihm um kein Haar weniger verbunden, als ob er ihr das allerkostbarste geschenkt htte. Plato dichtet: in einer Hhle sitzen Leute, welche nur die Schattenbilder verschiedener Dinge sehen, und bewundern; sie verlangen weiter nichts, und sind treflich mit ihrem Zustande zufrieden. Nun, was hat der Weise, der sich aus der Hhle heraus schleicht, und das Wesentliche jener Bilder angafft, vor jenen voraus? Wenn der Schuflicker Mycillus, von dem uns Lucian eine Erzehlung macht, und der sich im Traume ein reicher Mann zu seyn einbildete, stets so getrumt htte, so wird er keine Ursache gehabt haben, sich ein anderes Glck zu wnschen. Zwischen Narren und Weisen ist also hhstens dieses der Unterschied, da jene die glcklichern sind; denn, ihre Glckseligkeit kmmt sie hher nicht zu stehen, als da sie dieselbe mit einem kleinen Gedanken erkaufen; und anbey leben sie in einer grossen Gesellschaft; ein herrlicher Vortheil! denn nichts ist so gut, da es Vergngen macht, wenn man es einzig fr sich haben mu. Der Weisen giebt es sehr wenig; und noch nicht ausgemacht ists, ob sich wirklich einer finden lasse. Griechenland zhlt, inner vielen Jahrhunderten, ihrer sieben; aber, beym Herkules sey es geschworen! wenn man die Sache genauer erforschen will, so will ich des Todes seyn, wenn man nur die Hlfte, nur den Drittel eines Weisen findet. Unter den vielen Dingen, durch die Bachus sich sein Lob verdient, ist hauptschlich dieses, da er aus dem Gemthe die Sorgen wegschwemme; es dauert aber nur eine kleine Weile; denn kaum ich das Ruschlein ausgeschlafen, so stellt sich der Gram ber Hals und Kopf wieder ein. Mit der Wohlthat, durch die ich segne, hat es eine ganz andere Beschaffenheit: durch eine gewisse stete Berauschung, die man sich ohne Entgeld anschaft, setz ich das Gemth in immerwhrende Wonne. Man wird mir keinen der Sterblichen aufweisen knnen, der nicht dieses oder jenes meiner Freygebigkeit zu verdanken htte; da andere Gottheiten ihre Gaben nur diesen oder jenen auf eine parteyische Weise zutheilen. Bachus lt nicht allerorten den edlen und angenehmen Wein wachsen, der die Sorgen verjagt, und dabey man sich in ssser Hoffnung zum reichen Manne trinkt. Nur selten macht Venus schn, und Merkur noch seltener zum beredten Manne. Herkules ist sehr sparsam, wenn es aufs Reichmachen ankmmt. Der homerische Jupiter setzt nicht jedermann auf den Thron. Oft gewhrt Mars keinem der streitenden Heere den Sieg. Schon ein mancher ist mit einem langen Gesichte von dem Dreyfusse des Apollo weggeschlichen. Der saturnische Jupiter donnert oft. Phbus schiet zuweilen pestilenzialische Pfeile. Neptun verschlingt mehr Menschen, als er rettet. Wenn ich hier von einem Afterjupiter, einem Pluto, einer schadenfrohen Ate, und andern dergleichen Rache- und Krankheitsstiftern, reden wollte, so wrde man nicht Gtter an ihnen erkennen, sondern Henker. Ich einzig, die Narrheit, bin eine so gute Nrrinn, da ich bereitwillig mit meinen Wohlthaten jedermann zu Diensten stehe. Man hat nicht nthig, mich durch Gelbde zu bestechen; ich erzrne mich nicht; begehre kein Ausshnungsopfer, wenn man sich bey meiner Verehrung in dieser oder jener Ceremonie verfehlt hat; bringe nicht Himmel und Erden in Verwirrung, wenn man die brigen Gtter zu Gaste bittet, mich aber zu Hause sitzen lt, wo mir kein Opferdunst mit seinen Wolgerchen in die Nase steigen kann. Um die brigen Gtter ist es etwas so mrrisches, da es bald besser und sicherer ist, man lasse sie in Ruhe das seyn, was sie sind, als da man trachte, sich bey ihnen einzuschmeicheln. Es steht um sie beynahe, wie um Leute, die so wunderlich und ber jede Kleinigkeit so empfindlich sind, da es behaglicher ist, keinen Umgang mit ihnen zu haben, als sich mit ihnen bekannt zu machen. [Illustration] Aber niemand (heit es) opfert der Narrheit, oder errichtet ihr einen Tempel. O ja (ich habe hierber bereits mein Herz ausgeschttet) ber eine solche Undankbarkeit verwundere ich mich ein wenig; doch deut ich es, nach der mir angebohrnen Gutmthigkeit aufs beste aus; und im Grunde: warum sollt ich nach solchen Ehrerweisungen lstern seyn? was soll mir ein Krnchen Weihrauchs, etwas Gebackenes, ein Bock, ein Schwein? Alle Sterblichen dienen mir ja allerorten auf eine Weise, von welcher selbst die Theologen sagen, da sie weit die vorzglichste sey. Nein, nein, ich beneide die Diana nicht, da man ihr Menschenblut zum Vershnopfer darbringt; ich glaube, da ich aufs andchtigste verehrt werde; wenn man mich (und allerorten, und von jedermann, geschieht es ja) ins Herz aufnimmt, und sich in allem Thun und Lassen nach meiner Anweisung einrichtet. Auch bey den Christen findet sichs ziemlich selten, da sie auf eine solche Weise ihre Heiligen verehren. Wie gro ist nicht die Menge derer, welche der jungfrulichen Gottgebhrerinn eine Wachskerze anznden, und das am hellen Mittage, da sie ganz unntz ist! Hingegen, wie wenige derer, die ihr durch ein keusches und sittsames Leben, und durch Liebe zu himmlischen Dingen, nachzueifern trachten! Und doch wre dieses der chteste sich auch den Himmelsbewohnern anpreisende Gottesdienst. Ferner, warum sollte mir nach einem Tempel verlangen, da mir (wenn ich mich nicht irre) die ganze Welt zum schnsten dient? So lange noch Menschen sind, wirds mir an Verehrern nicht fehlen. Eine solche Nrrinn bin ich nicht, da ich nach steinernen und mit Farben berschmierten Bildern lstern seyn sollte; solche Dinge sind blos Abhaltungen von einer chten Verehrung, indem Leute, die nichts als Fleisch und Blut sind, die Zeichen fr die Heiligen selbst nehmen und anbeten; und dann geht es uns wie denen, die durch ihre eigenen Statthalter vertrieben werden. Ich halte dafr, mir seyen eben so viele Bildsulen errichtet, als es Sterbliche giebt, die, wenn sie es auch selbst nicht meynen, lebhafte Bilder von mir sind. Ich beneide die brigen Gtter nicht, wenn die Einen in diesem, und die Andern in jenem Winkel der Welt, und zwar an gesetzten Tagen angebetet werden: zum Exempel Phbus in Rhodus, Venus in Cypern, Juno in Argos, Minerva in Athen, Jupiter auf dem Olymp, Neptun zu Tarent, Priapus in Lampsokus; die ganze Welt wird stets fortfahren, mir weit treflichere Opfer darzubringen. [Illustration] Es knnte das Ansehen haben, ich sey verwgen genug, die Wahrheit vorbey zu gehen. Lasset uns aber das Leben der Menschen etwas nher betrachten, um an den Tag zu bringen, wie vieles die Menschen, vom hchsten Range bis zum niedersten, mir zu verdanken haben, und wie hoch sie mich auch wirklich schtzen. Wir wollen nicht das ganze Leben eines jeden durchgehen, welches viel zu weit fhren wrde, sondern nur das Leben der vornehmsten berhren, wo es dann leicht seyn wird, den Schlu auch auf die brigen zu machen. Was den gemeinen Pbel betrift, so steht er augenscheinlich auf meinen Seiten: er zeigt sich allerorten in so vielerley Gestalten der Narrheit, tglich sinnt er diesorts so viele neue Moden aus, da tausend Demokritusse nicht zureichend wren, sie gebhrend zu belachen; und noch ein Demokritus wre nthig, um ber diese tausend zu lachen. Man wrde keinen Glauben finden, wenn man es sagen sollte, wie lustig sich tglich die Gtter ber die Menschengeschpfe machen. Die Gtter bringen ihre nchteren vormittgigen Stunden damit zu, da sie zankschtigen Menschen, die sich bey ihnen Raths erholen, Verhr ertheilen, und auf die Gelbde horchen, die man an sie richtet; wenn einmal der Nektar ihnen in den Kopf gestiegen ist, und sie zu nichts Ernsthaftem mehr aufgelegt sind, so setzen sie sich auf das usserste Vorgebrg des Himmels, und begaffen mit ausgestrecktem Halse das Thun und Lassen der Menschen. Von einem angenehmern Schauspiele wissen sie nichts. O welch eine Schaubhne, auf welcher sich so vielerley Narren drngen! Auch ich setze mich zuweilen in den Kreis der poetischen Gtter. [Illustration] Dieser ist sterblich in ein Mdchen verliebt; und wie weniger er geliebt wird, desto rasender liebt er. Jener vermhlt sich mit der Morgengabe, nicht mit der Tochter. Dieser fhrt gefllig seine Gemahlinn einem Andern selbst zu. Jener bewacht sie aus Eifersucht wie ein zweyter Argus. O welche thrichte Dinge sagt und thut nicht dieser in seiner Trauer! Leute, die besser nicht sind als Possenreisser, bezahlt er, um das Trauerspiel stattlich auszufhren. Jener weint beym Grabe seiner Stiefmutter. Dieser jagt alles, was er immer aufbringen kann, durch die Gurgel, um ja bald verhungern zu mssen. Jenem behagt nichts besser, als schlafen, und nichts thun. Es giebt Leute, die in Betreibung der Geschfte Andere schwitzen und keichen, indem sie die ihrigen vernachlssigen. Es giebt Andere, die Geld aufnehmen, um ihre Schulden abtragen zu knnen; beym fremden Gelde dnken sie sich so lange reich zu seyn, bis sie ihren ganzen brigen Bettel den Glubigern berlassen mssen. Es fehlt an solchen nicht, die alles vollauf haben, und arm leben, um ihren Erben Reichthmer zu hinterlassen. Um eines kleinen und ungewissen Gewinnes willen durchfhrt Einer alle Meere, sein mit keinem Gelde zu ersetzendes Leben den Wellen und Winden anvertrauend. Ein Anderer will lieber sein Glck im Kriege suchen, als zu Hause sicher, ruhig, und gemchlich leben. Man glaubt, der leichteste Weg, reich zu werden, sey, sich bey kinderlosen Alten einzuschmeicheln; oder bey einem steinreichen Mtterchen, Hahn im Korbe zu seyn. Beide machen, da die auf sie achthabenden Gtter von Herzen lachen, wenn sie in eben den Stricken, die sie Andern legen, selbst gefangen werden. Es giebt eine recht nrrische und schndliche Art von Kaufleuten, die sich mit schndlichen Dingen, und auf eine schndliche Weise abgeben: lgen, schwren, stehlen, betrgen, bersetzen, sind bey ihnen etwas gewhnliches; und doch strauben sie sich so, als ob ihnen durchgehends der Vorrang gebhre, weil sich ihre Geldksten wohl bespickt befinden. Auch im geistlichen Stande fehlt es ihnen an Schmeichlern nicht, von denen sie bewundert und als hochachtungswrdige Leute gepriesen werden, nur damit sie ihnen etwas weniges von dem mit Unrecht erworbenen Vermgen zufliessen lassen. Einigen von der Sorte des Pythagoras scheint alles so sehr theil und gemein zu seyn, da sie alles, was von Andern nicht auf das sorgfltigste verwahrt wird, als ob es ihr rechtmiges Erbgut wre, an sich ziehen. Es giebt deren, die nur in ihren Wnschen und Hoffnungen reich sind; sie lassen sich recht angenehme Dinge trumen, und stehen in dem Wahne, zur Glckseligkeit werde weiter nichts erfordert. Einige haben das Vergngen, da man sie fr reiche Leute hlt; und zu Hause knnen sie sich kmmerlich des Hungers erwehren. Dieser lt es an nichts fehlen, das Seinige recht geschwind durchzubringen; jener vermehrt es mit Recht und Unrecht. Der Eine durchluft alle Strassen, um sich Stimmen zu einem Amte zu erbettlen; der Andere lebt zufrieden, indem er in seinem Ofenwinkel verrostet. Viele verwickelen sich in Rechtshndel, die kein Ende nehmen, und bemhen sich beyderseits wie um die Wette, einen zgernden Richter und schelmischen Frsprecher, reich zu machen. Dieser sinnt immer auf Neuerungen; jener geht stets mit grossen Entwrfen schwanger. Dort ist einer, der nach Jerusalem, Rom, Compostell, wo er keine Geschfte hat, als Pilger zieht, und inzwischen Weib und Kinder zu Hause darben lt. [Illustration] Wenn Sie, meine Herren, (gleich dem Menippus beym Lucian) das unzhlbare Gewirre der Sterblichen vom Monde herab sehen knnten, so wrd es Sie dnken, Sie sehen Heere von Mcken oder Schnaken, die sich unter einander erzanken, bekriegen, belauren, berauben, spielen, Muthwillen treiben, gebohren werden, fallen, sterben. Es ist nicht zu ersagen noch zu erglauben, wie viel verwirrtes Gezeug und Unheil ein so kleines und hinflliges Thierchen stifte. Etwann reit ein kleiner Kriegs- oder Pestssturm auf einmal bey vielen tausenden hin. Ich wrde aber eine Erznrrinn seyn und wrdig, da Demokritus sein ganzes Lachen ber mich ausschtte, wenn ich fortfahren wrde, allen Pbelswahnsinn in seinen so vielen Gestalten daher zu zhlen. Ich werde mich an die halten, von denen man glaubt, da sie alle Weisheit verschlungen haben: An der Spitze treten die Grammatiker auf, ein pedantisches Vlkchen; elender knnt es um sie nicht stehen, und die Gtter selbst wrden sie anfeinden, wenn nicht ich ihren Jammer mit einer angenehmen Art von Wahnsinne gemildert htte. Griechen haben ein Sprchwort von fnf Plagen, hier aber findet man bey tausenden: Hunger und Durst martert sie; beschmutzt, bestaubt, sitzen sie in ihren Schulen, Jammerlchern, rechten Zuchthusern; bey den Folterbnken, unter einer Heerde von Buben, werden sie bey der Arbeit eselsgrau, durch Geschrey betubt, durch Hitze und Gestank ausgedrrt; und doch (Dank haben sie mir) dnken sie sich die Ersten unter den Menschen zu seyn. Sie geniessen einer rechten Herzenslust, wenn sie mit ihrem Tyrannengesichte, ihrer Donnerstimme, dem bebenden Huflein einen Schrecken einjagen knnen; mit Stcken und Ruthen dreschen sie auf die armen Jungen zu; und indem sie nach Willkhr auf vielerley Weise wten, geht es ihnen wie dem Esel in der Lwenhaut. [Illustration] Ihr schmutziger Unrath deucht sie Reinlichkeit zu seyn; ihre Nase haben sie zum Wohlgeruche des Gestanks gewhnt; in ihrer jmmerlichen Sclaverey dnken sie sich Knige zu seyn; und ihre Tyrannenmonarchie wrden sie nicht mit der Herrschaft eines Phalaris oder Dionisius vertauschen. Noch beglckter macht sie ihre seltsame Ueberzeugung, da sie grundgelehrte Mnner seyen. Alldieweil sie den Schuljungen lauter Wahnsinn einbluen, denken sie Wunder, wie weit sie sich ber einem Palmon, einen Donat, hinaufgeschwungen haben. Und ich wei nicht durch welche Zauberknste sie es zu Stande gebracht haben, da sie nrrischen Mttern und tummen Vtern gerade so verkommen, wie sie sich selbst zu seyn glauben. Wollust ists fr einen solchen, wenn er in einem halbvermoderten Buche etliche veraltete Wrter erstnkert, oder ein Stck von einem mit verstmmelten Buchstaben bezeichneten Stein hervorgegraben hat; o Jupiter! wie hpft er nicht vor Freude! welcher Triumph! welches Lobgewsch! als ob er Afrika besiegt, oder Babilon erobert htte. Wenn sie ihre frostigen und abgeschmackten Verslein allerorten spiegeln und Bewunderer finden, so zweifeln sie nicht, Virgils Seele sey mit Haut und Haar in ihren Leib gefahren. Lustiger ist nichts, als wenn sie sich unter einander loben, bewundern, krazen. Wenn der Eine sich an einem Wrtchen verstossen und ein Scharfsichtiger es von ungefehr entdeckt hat; o Herkules! welch eine Trauerscene ffnet sich! welches Gekeife, welche Spottnamen, welche Beschimpfungen! Alle Grammatiker sollen mir ber den Nacken kommen; wenn ich nicht die runde Wahrheit erzehle: Ich kenne einen Tausendknstler, Griechen, Lateiner, Mathematiker, Philosophen, Arzt, und das alles im hchsten Grad; er ist schon sechzig Jahr alt; seit mehr als zwanzig Jahren ereselt und ermartet er sich, alle brigen Geschfte hindansetztend, mit der Grammatik; er wrde sich fr ein rechtes Glckskind halten, wenn es ihm so lange zu leben verstattet wrde, bis er es bey sich festgesetzt htte, wie man die acht Theile der Rede von einander unterscheiden msse; eine Sache, ber die sich bisher kein Grieche und kein Rmer zuversichtlich erklret habe. Er scheut sich nicht, den grausamsten Krieg anzufangen, wenn jemand das Beywort an die Stelle setzt, wo sich das Fgwort befinden sollte. Da es so viele Gramatiken als Grammatiker giebt, ja noch mehr (denn mein Freund Aldus schrieb ihrer fnf) so lt unser Held doch keine vorbey, wenn sie auch noch so barbarisch und kopfbrechend geschrieben ist, ohne sie aufs genauste zu durchwhlen; neidisch auf einen jeden, der sich auch auf die widersinnigste Weise an eine solche Arbeit gewaget hat, in der herzabnagenden Furcht, es mchte jemand ihm dieses Ehrenkrnzlein ablaufen und ihm die Arbeit so vieler Jahre schnden. Bey Ihnen, meine Herren, steht es, dieses Wahnsinn zu nennen oder aber Narrheit: mir liegt wenig daran, wenn man mir nur eingesteht, meiner Gte und Gnade sey es zuzuschreiben, da dieser, der sonst das elendeste unter allen Viehe seyn wrde, sich auf eine solche Stuffe der Glckseligkeit schwinge, da er sein Loos auch mit keinem persischen Knige vertauschen wrde. So sehr sind die Dichter mir nicht verpflichtet, ob sie gleich unstreitig von meiner Zunft sind; sie, denen, wie den Mahlern alles erlaubt ist; deren Bemhung keinen andern Zweck hat, als die Ohren der Narren durch possenhafte Schwnke und lcherliche Fabeln, zu kitzlen. Und dennoch ist es zum Erstaunen, was fr grosse Dinge sie auf diesen Wind bauen: weniger nicht, als da sie sich und Andern die Unsterblichkeit und ein wonnevolles Gtterleben herzhaft versprechen. Mit der Eigenliebe und der Schmeicheley leben sie vorzglich vertraut; unter allen Sterblichen ist niemand, der mich mit mehrerer Einfalt und Standhaftigkeit verehrt. Die Redner treten freilich ein wenig aus dem Gleise, und spielen mit den Philosophen unter dem Htchen; doch sind sie auch von meiner Parthey. Wo der Beweis sey? Ich knnte vieles anfhren, man merke aber nur dieses: unter andern Possen haben sie vieles und unanstndlich von der Kunst zu scherzen geschrieben. Der, (er mag seyn wer er will) welcher die Redekunst geschrieben und dem Herennius zugeeignet hat, zhlt die Narrheit selbst unter die verschiedenen Arten des Scherzes. Quintilian, den die Redner fr ihren Vortnzer erkennen, schrieb vom Lachen ein ellenlanges Capitel. Diese Schriftsteller schreiben der Narrheit eine so grosse Kraft zu, da sie oft das, was sich durch keine Vernunftgrnde wegrumen liesse, durch ein Lachen in die Flucht treiben. Man wird es mir doch nicht streitig machen wollen, durch kunstreiche Schwnke ein Gelchter erwecken, gehre zu den Gaben der Narrheit. Dieses Gelichters sind auch die, welche sich durch Bcherschreiben einen unsterblichen Ruhm erhaschen wollen. Sie sind mir alle sehr stark in der Dinte; hauptschlich die, welche das Papier mit nichts als Lappereyen berschmieren. Was die betrift, welche nach dem Urtheile einiger weniger Gelehrten gelehrt schreiben, so scheinen sie mir nicht so fast glcklich zu seyn, als aber erbarmungswrdig, wenn sie es gleich auf den Entscheid eines Persius oder Clius wollen ankommen lassen; denn sie marteren sich selbst bestndig; sie flicken hierzu, ndern, streichen weg, setzen wieder hin, wiederholen, wrmen auf, erholen sich Raths, haltens neun oder zehen Jahre zurck, sind nie mit sich selbst zufrieden; eine nichtswerthe Belohnung, das Lob einiger wenigen, erkaufen sie theuer, viele Nchte hindurch sich des Schlafes beraubend, des angenehmsten Dinges von der Welt; bey vielem Schwei und Grame, ist ihr Verlust gro; ihre Gesundheit wird vergeudet; die Schnheit geht zu Grunde; sie werden triefugig, wo nicht gar blind; ziehen sich Armuth und Neid zu, finden nirgends einen Eingang zum Vergngen, altern und sterben vor der Zeit, und so weiter. Ein solcher Weiser meynt, alles dieses Uebel werde ihm reichlich dadurch ersetzt, da hier oder da ein Blinzer ihn seines Beyfalls gewhrt. Weit glcklicher ist ein Schriftsteller, der sich bey seinen Trumereyen an mich hlt; er darf sich den schalen Kopf nicht zerbrechen; wie es ihm einfllt, in die Feder schiet, trumt, setzt er es sogleich auf; es geht dabey nichts verlohren, als ein wenig Papier; er ist des Erfolgs versichert: je possenhaftere Possen er schreibt, von desto mehrern, das ist allen Narren und Tummkpfen, erhlt es Beyfall. Es kostet ja keine Mhe, drei oder vier Gelehrten (gesetzt da sie es lesen) zu verachten. Der Ausspruch so wenig Weiser gilt, bey einem so unzhlbaren Haufen der Widersprecher, so viel als nichts. Auch die verstehen die Sache besser, die eine fremde Arbeit fr die ihrige ausgeben; den Ruhm, um den Andern mit grosser Mhe gearbeitet haben, ziehen sie leicht an sich; ja, eines gelehrten Diebstahls wird man sie anklagen; das aber, darauf sie sich verlassen, ist dieses: sie werden sich wenigstens bis dahin die Sache zu Nutze machen. Es ist der Mhe werth, Acht darauf zu haben, wie vieles diese sich darauf zu Gute thun, wenn man sie auf den Strassen lobt, im Gedrnge mit Fingern auf sie weist, und spricht: sehet, dort geht der grundgelehrte Mann! Auf den Lden der Buchhndler stehen ihre Werke feil; auf den Titelblttern liest man ihre auf verschiedene Weise verknstelten Namen, die ein ganz fremdes und magisches Ansehen haben. Und diese Namen, o Himmel, was sind sie anders, als Namen? Anbey sind sie in dieser grossen weiten Welt nur sehr wenigen bekannt; und noch von weit wenigern werden sie gelobt: denn auch bey den Ungelehrten hat jeder seinen eigenen Geschmack. Nicht selten sind diese Namen erdichtet, oder aus den Schriften der Alten an Kindesstatt angenommen. Der eine nennt sich Telemachus, ein anderer Stelenus, ein dritter Laentes, ein vierter Polykratus, ein fnfter Thrasymachus, und so weiter. Mit eben so gutem Fuge knnten sie ihr Buch Cameleon betitlen, oder Krautskopf, oder A oder B oder C, und so weiter. Das Artigste ist, wenn sie sich unter einander, die Narren und Dummkpfe, in ihren Briefen und Versen panegyrisieren. Dieser nennt jenen seinen Alcus, und bekmmt zur Dankbarkeit den Titel Callimachus. Sie, mein Herr, spricht Einer, sind beredter als Cicero; und Sie, erwiedert der Andere, sind gelehrter als Plato. Etwann fordert man einen Gegner zum Kampf heraus, um sich durch einen Klopffechterstreich einen noch grssern Ruhm zu erwerben: dann wankt der gaffende Pbel, unentschlssig, welcher Seiten er Beyfall zujauchzen wolle; bis da es heit, jeder der beiden Streiter habe den Sieg erfochten, und beiden wird die Ehre des Triumphes zuerkannt. Hier lachen die Weisen als ber eine Erznarrheit. So mag es seyn; niemand leugnet es: inzwischen aber verdanken es die Streiter mir, da sie ein vergngtes Leben haben, und ihre Triumphe mit keinem der Scipionen vertauschen wollen. Auch die Gelehrten, die hierber recht von Herzen lachen und sich an dem Wahnsinne Anderer belustigen, sind mir vieles schuldig und werden es nicht leugnen, wenn sie ja nicht die Undankbarkeit bis ins Unverschmte treiben wollen. Die Rechtsgelehrten wollen allen Andern den Rang ablaufen. Das ist ein Vlkchen, das vor allem austreflich mit sich selbst zufrieden ist. Wenn man sich einen Begriff von ihrer Arbeit machen will, so mache man sich mit den Bemhungen des Sistyphus, und dem Erfolge derselben bekannt. In einem Athemzuge stoppeln sie viele hundert Gesetze zusammen. Gehren sie auch zur Sache? Davon ist die Frage nicht. Wenn nur Kunstwrter auf Kunstwrter, Meynungen auf Meynungen, gehuft stehen; und die Leute wunder denken, welch eine riesenmssige Arbeit diese Herren zu Stande gebracht haben: denn das, dabey man wie ein Pferd arbeiten mu, das mu ja nothwendig etwas vortrefliches seyn! Bemerken wir jetzt die Logiker und Sophisten, Leute, die geschwtziger sind, als die Dodonischen Kessel. Man whle unter den plauderhaftesten Weibern zwanzig aus; jeder unsrer Helden wird es mit ihnen allen aufnehmen. Doch wrden sie noch glcklicher seyn, wenn sie weiter nichts als eine gelufige Zunge htten; leider haben sie zu viel Galle, und sie erkmpfen sich um den Schatten mit einer solchen Heftigkeit, da mehrentheils ber dem Gekeife die Wahrheit verlohren geht. Doch macht die Eigenliebe auch sie glcklich; mit ein paar Syllogismen versehen, finden sie keinen Anstand, ber jede Sache mit jedermann handgemein zu werden. Eigensinn macht sie unberwindlich, wenn sie auch gleich einen Stentor zum Gegner haben. Auf diese kommen die durch Bart und Mantel ehrwrdig-gemachte Philosophen, die sich fr die einzigen Weisen ausgeben, da alle brigen Sterblichen blos ein Schatten der Menschheit sind, ein Auskericht der Schpfung. Allerliebst schwrmen sie, wenn sie unzhlbare Welten bauen: das Maa der Sonne, des Mondes, der Sternen, der Weltkreise, bis auf die Breite eines Haares angeben; die Ursachen der Blitze, Winde, Finsternisse, und aller unerklrbarer Dinge, bestimmen; nirgends so wenig einen Anstand findend, als ob sie die Geheimrthe der Natur, der Baumeisterinn der Dinge, gewesen, und gerad aus dem Rathe der Gtter zu uns herabgekommen wren. Inzwischen helfen sie der Natur, mit ihren Muthmassungen, zu einem recht herzlichen Lachen. Da sie nichts verstehen, ist schon dieses ein zureichender Beweis: ber jedes Ding gerathen sie sich so in die Haare, da sie nicht aus einander zu reissen sind. Ob sie gleich nichts wissen, geben sie sich doch fr allwissend aus. Ihnen selbst sind sie fremd. Sie sehen die Grube nicht, den Stein nicht, darauf sie gerade zugehen; entweder weil sie bldsichtig sind, oder weil sie ihren Geist an das Umherschweifen gewhnt haben; und doch prahlen sie, da sie Ideen, Universalien, getrennte Formen, die ersten Stoffe, Quidditten, Ecceitten, sehen, das alles so berfeine Dinge sind, da ich wohl sagen darf: auch Luchsenaugen seyen zu stumpf dazu. Nie aber verachten sie den unheiligen Pbel mehr, als wenn sie mit Dreyangeln, Vierecken, Zirkeln, und dergleichen mathematischen Figuren, die in einander verschlungen, verlabyrinthisiert, und mit wie in verschiedene Schlachtordnungen gestellten Buchstaben durchspickt sind, den Ungelehrten einen blauen Dunst vor die Augen machen. Und in diese Classe gehren auch die, welche, um knftige Dinge vorher zu sagen, die Gestirne zu Rathe ziehen, und mehr als magische Wunder versprechen; auch so glcklich sind, Menschen zu finden, die ihnen tummen Glauben zustellen. Vielleicht wrd ich am besten thun, wenn ich bey den Theologen stillschweigend vorber gienge, und diese Seite ganz und gar nicht berhrte. Diese Art von Menschen trgt den Kopf gewaltig hoch, und ist ungemein reizbar; ich laufe Gefahr, da sie mit tausenderley Folgerungen auf mich losstrmen; und mir bleibt dann anders nichts brig, als zu palinodisieren, wenn ich nicht fr eine Erzketzerinn will ausgeschrien werden. Wenn sie jemanden auch nur ein wenig ungnstig sind, so sind sie gleich bereit, ihm mit einem Bannstrahle einen Schrecken einzujagen. Freylich sind sie unter allen Menschen die, welchen es am widerlichsten vorkmmt, mich fr ihre Wohlthterinn zu erkennen; und doch sind sie auch aus verschiedenen nicht unwichtigen Ursachen in meiner Schuld: die Eigenliebe, die sich in meinen Diensten befindet, versetzt sie wie in den dritten Himmel, wo sie alle brigen Sterblichen, als so viele auf der Erden kriechende Thiere, von ihrer Hhe herab verachten, und beynahe bemitleiden. Mit einem ungeheuern Heer von magisterialischen Definitionen, Conclusionen, Corollarien, expliciten und impliciten Propositionen, sind sie rund umschanzt; so vielerley Ausflchte stehen ihnen bereit, da es auch einem Vulkan unmglich seyn wrde, sie zu verstricken; immer bahnt eine Distinction ihnen den Ausweg; auch ist dieses das beste Mittel jeden Knoten zu durchschneiden; schrfer und hurtiger, als jene Art, mit welcher der Richter in Teredos dem, der den Proce verlohren hatte, den Kopf zu zerspalten pflegte; und zu diesem Ende haben sie sich mit neuausgedachten Wrtern reichlich versehen; Redensarten, die Schauer einjagen. Verborgene Geheimnisse erklren sie nach ihrem Gutdnken: auf welche Weise die Welt erschaffen und eingerichtet worden; durch welche Canle sich jene Sndenseuche in die Nachkommenschaft ergossen habe; wie, in welchem Maasse, in welchem Zeitpunkte, Christus in dem Leibe der Jungfrau vollendet worden; wie sich im Abendmahle Accidentien ohne Behausung beherbergt befinden. Doch dieses sind nur gemeine und ausgentzte Dinge. Es giebt andere, die verdienen von grossen und hocherleuchteten Theologen fein behandelt zu werden; wenn diese vorkommen, dann wacht man erst recht auf; zum Exempel: hat Gott einen Zeitpunkt nthig, wenn er etwas hervorbringt? giebts in Christo verschiedene Sohnschaften? lt sichs sagen, Gott der Vater hat den Sohn? htte Gott sich mit einem Weibe vereinen knnen, mit dem Satan, mit einem Esel, mit einer Pflanze, mit einem Steine? wie htte in einem solchen Falle die Pflanze predigen, Wunder thun, ans Kreuz geheftet werden knnen? was wrde Petrus eingesegnet haben, wenn er zu eben der Zeit eingesegnet htte, in welcher Christi Leib am Kreuze hieng? htte man alsdann Christum einen Menschen nennen knnen? wird es nach der Auferstehung erlaubt seyn, zu essen, und zu trinken? O diesen Herren liegt vieles daran, sich zum voraus und in Ewigkeit hinein vor Hunger und Durste zu bewahren! Solcher fein gesponner Possen giebt es eine unzhlbare Menge. Es fehlt ihnen an noch weit feinern nicht: von Zeitpunkten bey gttlichen Zeugungen; von Notionen, Relationen, Formalitten, Quidditten, Ecceidten; Dingen, die selbst der Argonaute Lynceus, der durch eine Mauer hindurch sehen konnte, nie wrde entdeckt haben; denn hier mu man durch die dickste Finsterni hindurch das sehen, was nirgends ist. Hieher gehren auch ihre Moralstze, die so seltsam sind, da die paradoxesten Behauptungen der Stoiker, in Vergleichung mit denselben, eine gemeine und Alletagswaare scheinen wrde; zum Exempel es sey ein kleineres Verbrechen, tausend Menschen todt schlagen, als auch nur einmal einem Armen am Sonntage den Schuh flicken; man solle ehender die ganze Welt mit aller ihrer Zubehrde zu Grunde gehen lassen, als nur die allerkleinste und nichtsbedeutendste Unwahrheit sagen. Diese so feinen Feinigkeiten werden durch eine Menge von scholastischen Rnken noch mehr befeinert; so da man sich ehender aus allen Labyrinthen heraus finden knnte, als aus dem Gewirre der Realisten, Nominalisten, Thomisten, Albertisten, Occanisten, Scotisten, wer mchte sie alle nennen? dieses sind nur die vornehmsten: Hier ist alles so voll von Gelehrtheit, von Schwrigkeit, da ich wirklich glaube, die Apostel mten mit einem ganz andern Geiste versehen seyn als dem, der sie ehedem belebte, wenn sie gezwungen wren, ber diese Dinge mit diesem neuen Geschlechte von Theologen handgemein zu werden. Dem Paulus hat es an Glauben nicht gefehlt, wenn er aber sagt: der Glaube sey eine Zuversicht dessen, das man hofft, und nicht zweifelt an dem, das man nicht sieht, so hat er ihn nicht magistraliter definiert. Er erwie sich auf eine vortrefliche Weise liebreich, aber bey seiner Beschreibung und Eintheilung der Liebe, in dem dreizehnten Capitel seines ersten Briefs an die Corinther, verrth er wenig Logik. Die Apostel bezeigten sich bey Einsegnung des Abendmahls andchtig und fromm; wenn man sie aber gefragt htte, was sich bey dem Anfang und Fortgange des Erfolgs der Einsegnung ereigne; wie es mit der Transsubstantiation beschaffen sey; wie der nmliche Krper an verschiedenen Orten seyn knne; mit welchem Unterschiede der Leib Christi im Himmel, am Kreuze, im Abendmahle gewesen sey; in welchem Zeitpunkte die Transsubstantiation vorgehe, da die Einsegnung durch Sylben und Worte geschieht, die sich nur nach und nach aussprechen lassen: o so wrden sie wohl nicht so scharfsinnig geantwortet haben, wie die Scotisten es heut zu Tage thun. Die Apostel kannten die Mutter Jesu, aber welcher von ihnen hat es so philosophisch demonstriert, wie sie vor Adams Fehler bewahrt worden, als unsre Theologen es thun? Petrus empfieng die Schlssel, und empfieng sie von dem, der sie keinem Unwrdigen anvertrauen wrde: und doch wei ich nicht, ob er es verstanden habe (gewi ussert er nirgends eine solche Spitzfindigkeit) wie auch der, indem sich keine Erkenntni befindet, den Schlssel der Erkenntni habe. Sie tauften allerorten, und lehrten doch nirgends, welches die frmliche, materielle, wirksame, und endzweckliche Ursache der Taufe sey; auch thun sie keine Meldung von einem auslschlichen und unauslschlichen Charakter. Sie beteten an, aber im Geiste, und befolgten blos die evangelische Anweisung. Gott ist ein Geist, und die, so ihn anbeten, mssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten. Es zeigt sich aber nicht, es sey ihnen damals geoffenbaret worden, man msse das an der Wand mit einer Kohle gezeichnete Bildchen mit der nmlichen Anbetung wie Christum selbst anbeten, wenn er nur mit zween emporgestrebten Fingern gezeichnet sey, mit langem Haare, und mit Strahlen sowohl auf dem Wirbel, als auch an beiden Schlfen. Nein, niemand kann zu solchen Einsichten gelangen, der nicht sechs und dreiig Jahre lang die aristotelische und scotistische Physik und Metaphysik durchgeschwitzt hat. Die Apostel schrfen die Lehre von der Gnade ein, nirgends aber zeigen sie den Unterschied zwischen der aus Gnade gegebenen Gnade, und der begnadigenden Gnade. Sie vermahnen zu guten Werken; unterscheiden aber nicht zwischen einem wirkenden Werke, und einem gewirkten. Sie schrfen oft die Liebe ein, unterscheiden aber nicht zwischen der eingeflten, und der erlangten; auch zeigen sie nicht, ob diese Tugend etwas Zuflliges sey, oder etwas Wesentliches; etwas Erschaffenes, oder etwas Unerschaffenes. Sie verabscheuen die Snde; ich will aber sterben, wenn sie es kunstmig htten bestimmen knnen, was das sey, was wir Snde nennen, insofern sie etwann nicht von dem Geiste der Scotisten dessen belehrt worden. Man wird mich nie dahin bringen knnen, da ich glaube, Paulus (man mache von der Gelehrtheit desselben einen Schlu auf die brigen) wrde so oft wider spitzfindige Fragen, Znkereyen, Wortkriege, geredet haben, wenn er mit allen jenen feinen Dingen bekannt gewesen wre; insonderheit, wenn man das rohe und burische Geznke seiner Zeiten mit den mehr als chrysippischen Feinheiten unsrer grossen Meister vergleichen will. Doch mu man auch ihre grosse Bescheidenheit zu rhmen nicht vergessen: wenn sie in den Schriften der Apostel etwas nachlssiges finden, das vor Meister und Gesellen nicht bestehen kann, so fahren sie nicht gleich mit der Verdammung zu, sondern legen es auf das beste aus; und dieses ist die Ehre, die sie theils dem Alterthume, theils dem apostolischen Namen erweisen. Und gewi wrde es nicht billig seyn, so grosse Dinge von ihnen zu fordern, ber welche ihr Lehrer nie auch nur ein Wrtchen mit ihnen verlohren hat. [Illustration] Wenn sie beym Chrysostomus, Basilius, Hieronymus, etwas dergleichen antreffen, so sprechen sie ohne Umschweif: dieses hat man nicht angenommen. Jene Alten haben die heidnischen Philosophen und die Juden widerlegt; Leute, denen es von Natur an Hartnckigkeit nicht fehlte; sie thaten es aber mehr durch Leben und Wunder, als durch Syllogismen; und die Leute, die bekehrt wurden, waren ehrlich-einfltige Leute, die mit Anspannung alles ihres Witzes nicht im Stande gewesen wren, ein einziges Quodlibet des Scotus zu verstehen. Nun aber, wo ist ein Heid, ein Ketzer, welcher vor so feinen Subtilitten nicht sogleich die Waffen strecken mte? Es sey denn, da er, der Tummkopf, es nicht fassen konnte; oder unverschmt genug wre, es auszuzischen; oder sich mit hnlichen Waffen und Fallstricken versehen htte, so da man im Treffen keinen Vortheil vor einander haben wrde; wie wenn zween Zauberer einander beym Kopfe kriegen; oder wenn jeder ein Zauberschwerdt hat: da wrde die Sache so wenig zu Ende kommen, als das Gewebe der klugen Frau Penelope. Wenn die Christen (ich rede nach meiner Einsicht) weise wren, so wrden sie anstatt jener Scharen von schwerflligen Soldaten, derer man sich seit langem aber nicht mit dem besten Erfolge bedient, lrmende Scotisten, hartnckige Occanisten, unberwindliche Albertisten, mit dem ganzen Geschleppe der Sophisten, wider Trken und Saracenen senden; man wrde (ich zweifle nicht daran) das allerlustigste Gefechte sehen, und einen noch nie gesehenen Sieg. Wo sollte sich eine so kalte Seele finden lassen, die nicht bey der Glut solcher Mnner in Flammen gerathen mte? der allertrgste wrde dadurch zur Hurtigkeit angespannt werden; dem Scharfsichtigsten wrde hier Staub in die Augen geworfen werden. Mich deucht bald, ich scheine euch dieses alles nur im Scherze gesagt zu haben. Kein wunder! es giebt ja auch unter den Theologen, den gelehrtesten, solche, denen vor dergleichen elenden (das ist ihr Wort) theologischen Spitzfindigkeiten eckelt. Es giebt derer, die es als eine Gotteslsterung verabscheuen und es fr die hchste Ruchlosigkeit halten, wenn man von so geheimen Dingen, die ehender anzubeten als zu erklren sind, mit einem so unausgesphlten Munde redet; sich darber mit unheiligen von Heiden ausgesonnenen Grbeleyen erzankt; alles stolz erklrt; und die Majestt der gttlichen Theologie mit einem frostigen und unsaubern Wrtergemische beschmutzt. [Illustration] Indessen sind sie aufs herrlichste mit sich selbst zufrieden, und klatschen sich Beyfall; mit diesen allerliebsten Kindereyen Tag und Nacht beschftigt, finden sie die geringste Zeit nicht, nur einmal das Evangelium, oder die paulinischen Briefe, aufzuschlagen. Unter diesen Schulrmlichkeiten bereden sie sich, da sie die ganze Kirche, die sonst einsinken mte, mit ihren Syllogismensttzen gerade so aufrecht erhalten, wie der Himmel bey den Dichtern sich auf die Schultern des Atlas steuert. Wie glckselig dnken sie sich nicht auch dann zu seyn, wenn sie Schriftstellen, wie ein Stck Wachs, nach Willkhr bilden und ndern! Wenn diesen ihren Entscheidungen die Unterschrift einiger Scholastiker beygefgt ist, so sehen sie dieselben fr ehrwrdiger an, als Solons Gesetze; sie ziehen sie den pbstlichen Decreten vor; sie, als Censoren der Welt, wollen jedermann einen Wiederruf abzwingen, der sich fr etwas erklret hat, das mit ihren mittelbaren und unmittelbaren Folgerungen nicht haarklein bereinstimmt; mit einer schnarrenden Orakelstimme sprachen sie: dieser Satz ist rgerlich; dieser vergreift sich an der Ehrbarkeit; dieser riecht nach Ketzerey; dieser klingt nicht gut. Also lsset man weder die Tauf noch das Evangelium, weder Paulus noch Petrus, weder Hieronymus noch Augustinus, ja den so sehr aristotelesierenden Thomas selbst nicht fr christlich gelten, wenn es den Herren Baccalauren nicht einleuchten will: denn ohne ihre Feinheiten lt sich kein gesundes Urtheil fllen. In der That, wer wrde es haben fhlen knnen, da der kein Christ sey, der sagen wrde; die beiden Stze: du, Nachttopf, stinkst, und, der Nachttopf stinkt; ferner, in Hafen sdets, und, der Hafen sdet, lassen sich beide sagen wenn er nicht bey diesen Weisen zur Schule gegangen wre. Wer wrde die Kirche von solchen Irrthumsfinsternissen befreyt haben, die man nirgends auch nur einmal gelesen htte, wenn diese Herren nicht so gut gewesen wren, sie mit angehngten grossen Insiglen an das Taglicht kommen zu lassen? Aber, sind sie nicht eben hiedurch fr erzglckliche Geschpfe zu erkennen? Alles, was sich in den unterirdischen Gegenden zutrgt, beschreiben sie so mit den kleinsten Umstnden, als ob sie in selbiger Republik viele Jahre zugebracht htten. Nach Willkhr bauen sie einen neuen Himmel ber den andern; und lassen es zuletzt an dem weiten und schnen Empyreum nicht fehlen, damit es den beglckten Seelen an Raume nicht gebreche, sich zu ergehen, ihre festlichen Mahlzeiten zu halten, oder den Ball zu schlagen. [Illustration] Mit diesen und tausend dergleichen Schnakereyen haben sie den Kopf so vollgestopft, da ich glaube, Jupiters mit der Pallas beschwngertes Gehirne sey nicht ausgespannter gewesen, da er die Art des Vulkans um Hlfe anrief. Kein Wunder also, da sie in ihren ffentlichen Disputationen den Kopf mit so vielen Binden auf das sorgfltigste umschlungen haben; denn ohne dieses wrde er augenblicklich zerplatzen. Auch dieses macht zuweilen selbst mich zu lachen. Erst alsdann dnken sie sich recht grosse Theologen zu seyn, wenn sie eine garstige rothwelsche Sprache plaudern, und alles so durch einander hudeln knnen, da nur ein ganz zerrtteter Kopf darinnen Verstand finden kann; denn, fr einen Scharfsinnigen wr es ja ein ewiger Schimpf, wenn der Pbel ihn verstehen knnte! Die Wrde des Theologen mte sich zu tief erniedrigen, wenn er sich unter die Gesetze der Grammatiker zwingen liesse. Wunderbare Majestt dieser Mnner! sie machen einen Anspruch auf das Vorrecht, fehlerhaft zu reden. Und doch findet sich auch mancher Schuflicker im Besitze desselben. Endlich dnken sie sich erhaben wie Gtter zu seyn, wenn man sie mit einer ehrfurchtsvollen Mine, als Magister grt; ein Titel, in welchem sie etwas so Grosses zu stecken glauben, als in dem bey den Juden fr unaussprechlich gehaltenen Namen von vier Buchstaben. Ein Todesverbrechen, sagen sie, wrde man begehen, wenn man _MAGISTER NOSTER_ anderst als mit grossen Buchstaben schriebe; und auch dann, wenn man das letztere Wort dem erstern vorhersetzte, wrd es um die ganze theologische Majestt erbrmlich stehen. Bald eben so glcklich als diese sind jene, die sich Religiosen und Mnche zu nennen pflegen, und beydes falsch; ein grosser Theil von ihnen wei von der Religion so viel als nichts; und Mnche, da ist in der Einsamkeit Lebende, sind sie eben so wenig, weil wir uns in allen Strassen an sie stossen. O ja, die elendesten Tropfe wrden sie seyn, wenn ich ihnen nicht auf vielerley Weise zu Hlfe kme. Diese Art von Menschen wird gemeiniglich so verabscheut, da man es fr ein bses Zeichen hlt, wenn man von ungefehr einem dieser Unglcksvgel begegnet; ich aber mache, da sie grosse Dinge von sich selbst denken. Sie halten es fr den Gipfel der Frmmigkeit, wenn sie so ungelehrt sind, da sie auch nicht einmal lesen knnen. Wenn sie ihre vorgezhlten und nicht verstandenen Psalmen mit ihrer Eselsstimm in den Tempeln herauskrchzen, so glauben sie dem Huflein der Frommen die Ohren mit einem Wollustsgefhle zu kitzeln. Einige von ihnen spiegeln aus Habsucht ihre schmutzige Betteley; vor den Thren brllen sie um Brod; Gasthuser, Reisewagen, Schiffe, alles wird von ihnen angeranzt, wenn auch gleich den brigen Bettlern noch so vieles dadurch abgestohlen wird. Also pflegen diese holden Geschpfe durch ihr garstiges, tummes, burisches, unverschmtes Wesen, uns das Muster der Apostel vorzulgen. Recht zum lachen ists, wie sie alles auf die vorgeschriebene Weise einrichten; kein Mathematiker knnt es genauer auszirkeln; das geringste Versehen wrde Todsnde seyn: wie viele Knoten am Schue seyn mssen; von welcher Farbe der Gurt, von welchem Schnitte das Kleid, von welchem Stoffe, wie viele Strohhalme breit, der Grtel; wie gestaltet, wie viele Scheffel haltend, die Kappe; wie viel Finger breit die Blasse; und wie viele Stunden der Schlaf dauern msse. Wer sieht nicht, wie unschicklich bey einer so grossen Verschiedenheit des Leibes und auch des Gemths, eine solche Gleichheit sey? Und doch sind es solche rmliche Possen, um derentwillen sie nicht nur Andere weit unter sich herabsetzen, sondern auch einander selbst verachten; sie die auf den Besitz einer apostolischen Liebe prahlen, machen sich kein Bedenken, wegen einem anderst gegrteten Kleide, einer etwas brunern Farbe, den blutigsten Unfug zu stiften. Einige derselben sind so streng religios, da sie das feine Hemd unter dem hrenen Rocke ja nicht sehen lassen; andere hingegen tragen den Leinwand ber der Wolle. Einige wollten viel lieber das giftigste Kraut in die Hnde nehmen, als ein Stck Gelds berhren; und doch haben sie keinen Abscheu vor dem Weine, noch von dem Betasten eines Weibes. Es lt sich nicht genug sagen, wie vielen Flei sie alle anwenden, sich in allem von einander zu unterscheiden. Es liegt ihnen nichts daran, Christo ungleich zu seyn, wenn sie nur auch unter einander ungleich sind. Stricktrger nennen sie sich, Coleten, Minoriten, Minimen, Bullisten, Benedictiner, Bernhardiner, Brigittenser, Augustiner, Wilhelminer, Jacobiten; als ob es zu gering wre, sich Christen zu nennen. [Illustration] Viele von ihnen zhlen so sehr auf Ceremonien und armselige Legenden, da sie glauben, der Himmel fr sich sey nicht im Stande, so verdienstvolle Leute zureichend zu belohnen; sie denken nicht daran, da Christus auf alles dieses nicht achte, und von den Menschen nur die Beobachtung seines grossen Gebotes fordere, das sich auf die Liebe bezieht. Am Gerichtstage wird der Eine mit seinem aufgedunsenen Bauche prahlen, den man einen vollgestopften Fischkasten nennen knnte; ein Anderer wird von hundert Scheffeln herausgeschriener Psalmen schwatzen; ein Anderer wird Myriaden von Festtgen daher zhlen, und wie oft er, des Tags nur einmal essend, den Magen bald bis zum zerplatzen angefllt habe; ein Anderer wird einen solchen Haufen von Ceremonien daher schleppen, da man sie auch in sieben Lastschiffe nicht zusammendrngen knnte; ein Anderer wird sich rhmen, er habe sechzig Jahre lang nie ein Stck Gelds anderst als mit Bffelhandschuen berhrt; ein Anderer wird in einer so garstig beschmutzten Mtze einherstrotzen, da auch ein Bootsknecht lieber die Ohren abfrieren als sie mit derselben wider den Frost schtzen wrde; ein Anderer wird erzehlen, da er seit mehr als fnfzig Jahren sein Leben, gleich einem Pfifferlinge, stets am gleichen Orte zugebracht habe; ein Anderer wird sich auf seiner durch stetes Singen heischer gewordene Stimme berufen; ein Anderer wird erweisen, da er sich durch sein einsames Leben die Schlafsucht zugezogen habe; ein Anderer wird seine durch stetes Schweigen starrgewordene Zunge hervorstrecken. Christus, um diesem sonst nie zu Ende kommenden Geprahle abzuhelfen, wird fragen, woher dieses neue Judengeschmei entstanden sey? Nur ein einziges Gesetze, wird er sagen, erkenne ich fr das meinige; und nur von diesem hr ich nichts; ehedem versprach ich deutlich, ohne es in Parabeln zu hllen, mein vterliches Erbe, nicht dieser oder jener Kappe, diesem oder jenem Gebetlein, noch dem Fasten, sondern der Liebthtigkeit; ich kenne die nicht, die von ihren Thaten zu gro denken; diese, die das Ansehen haben wollen, als ob sie mich an Heiligkeit bertrfen, mgen, wenn es ihnen beliebt, den Himmel der Abraxasianer beziehen; oder sich von denen, deren Legenden sie meinen Geboten vorgezogen haben, einen neuen Himmel erbauen lassen. Wenn sie dieses hren und sehen werden, da man Matrosen und Fuhrknechte ihnen vorziehe, o stellen Sie meine Herren, sichs einmal vor, mit welchen langen Gesichtern werden die Tropfen einander anstarren! Inzwischen sind sie bey ihrer Hoffnung glcklich, mit welcher sie von meiner Gutmthigkeit ausgerstet worden. Wenn diese Geschpfe gleich von der Republik ausgeschlossen sind, so hat man sie doch nicht zu verachten; sonderlich die Bettelmnche: denn die Beicht hat sie mit den Geheimnissen eines jeden bekannt gemacht. Freylich halten sie es nicht fr erlaubt, aus der Schule zu schwatzen; aber, was geschieht nicht, wenn man ein Glas Wein zu viel im Kopfe hat, und zur Ergtzung etwas Lustiges auf die Bahn bringen will? dann aber tragen sie die Sache nur rthselhaft vor und verschweigen die eigentlichen Namen. Wenn jemand hier in das Hornissennest sticht, so wissen sie sich in der ersten besten Predigt redlich zu rchen; durch gewisse Umstnde wissen sie ihren Feind auf eine so versteckte Weise zu schildern, da nur die ihn nicht erkennen, die ganz und gar nichts begreifen knnen. Ihr Gebelle nimmt kein Ende, bis man zu dem Mittel des Eneas greift, der dem Cerberus etwas zum Fressen in den Rachen warf. Nein, meine Herren, bey keinem Schauspieler, keinem Marktschreyer wrden Sie stehen bleiben, wenn Sie einen solchen Prediger auftreten sehen. Freilich giebts da possierliche Rednersprnge; sie sind alle den Regeln der Muster in dieser Kunst auf das lieblichste nachgeahmt. O meine Herren! merken Sie dann wohl auf jede Geberde; wie schicklich ndern die Leute nicht ihre Stimme! ihre Rede ist Gesang; alles an ihnen regt und bewegt sich; niemand versteht besser die Kunst, Gesichter zu schneiden und mit dem durchdringendsten Geschreye die Gewlker erschallen zu machen. Und diese Rednerkunst pflanzt sich als ein Geheimni durch die Ueberlieferung von einem Klosterbruder auf den andern fort. Mir freylich, einem Weibe ist die Einsicht in solche Dinge nicht verstattet; ich kann also davon nur so viel sagen, als ich durch Muthmaassung erhaschen knnte. [Illustration] Sie vergessen nie, eine Anrufung vorher zu schicken; ein Kunstgriff, den sie den Dichtern abgeborgt haben. Hierauf, wenn sie zum Exempel von der Liebe reden wollen, bringen sie den egyptischen Nilflu in den Eingang. Wenn sie von dem Geheimnisse des Kreuzes zu reden haben, so lassen sie den Drachen von Babel feyerlich auftreten. Eine Fastenpredigt lt zuerst die zwlf himmlische Zeichen in ihrer Ordnung vor dem Gesichte der Zuhrer vorbey ziehen. Bey einer Glaubenspredigt mu ihnen die Quadratur des Zirkels den Eingang erffnen. Ich habe einen Erznarren (ich irre mich; einen Erzgelehrten wollte ich sagen) gehrt, der in einer weltberhmten Predigt an Erklrung des Geheimnisses der gttlichen Dreyeinigkeit arbeitete; um seine ungemeine Gelehrtheit auszukramen und theologischen Ohren ein Vergngen zu verschaffen, schlug er einen nagelneuen Weg ein: er sprach von Buchstaben, Sylben, Redetheilen, der Uebereinstimmung des Nennworts mit dem Zeitworte, des Hauptworts mit dem Beyworte. Alles war erstaunt und bewunderungsvoll; und Einige murmelten zwischen den Zhnen: was wird zuletzt aus dem verzweifelten Zeuge werden? Endlich leitete er es so ein, da er in den ersten Grundstzen der Grammatik das Bild der Dreyeinigkeit den Zuhrern so natrlich vor Augen legte, da man jeden Mathematiker Trotz bieten knnte, es lebhafter in den Staub zu kritzlen. In Verfertigung dieser Rede durchschwitzte der superlative Theolog ganze acht Monate, und so, da keine Schrmaus stockblinder seyn kann, als er es heutiges Tages ist: die Geistesspitze zerkratzt ihm die Augenschrfe so ganz erbrmlich. Doch hlt der Mann seine Blindheit fr keinen Verlust und findet, da er einen so grossen Ruhm um einen Spottpreis eingewuchert habe. Ich hrte auch einen andern achtzigjhrigen Graubart, der so ganz Theolog war, da man darauf geschworen htte, der leibhafte Scotus sey in ihm auferstanden. Um das Geheimni des Namens Jesu zu erklren, bewie er mit bewunderungswrdiger Scharfsinnigkeit, da alles, was sich von ihm sagen lasse, bereits schon in den Buchstaben verborgen liege. Weil das Wort nur drey Endungen habe, so sey dieses eine augenscheinliche Darlegung der gttlichen Dreyeinigkeit. Ferner, in den drey Endungen dieses Namens (nmlich Jesus, Jesum, und Jesu) seyen die drey letzten Buchstaben: S, M, und U; hierin liege das unaussprechliche Geheimni; er sey Summus, Medius, und Ultimus; der Anfang, die Mitte, und das Ende. Noch war ein viel verworreneres Geheimni, als es irgend ein mathematisches Problem seyn knnte, zu entwicklen: Er zeigte, wie das aus fnf Buchstaben bestehende Wort Jesus durch den mittlern, ein S, in zween gleiche Theile getrennt werde; nun werde bey den Hebrern dieser Buchstabe Syu genannt; und Syu bedeute (wenn ich nicht unrecht habe) in der schottlndischen Sprache so viel als Snde; folglich sey es sonnenklar, Jesus sey der, welcher die Snden der Welt wegnehme. Ein so nagelneuer Eingang zeugte bey jedermann, insonderheit den Theologen, eine so staunende Bewunderung, da man bald htte denken sollen, sie seyen gleich der Niobe zu Steine geworden; mir aber war es beynahe wie dem Priapus gegangen, als er den nchtlichen Gebruchen der Canidia und Sagana zusah; da war es ihm nicht mehr wie ehedem, als er noch ein feigenbumener Klotz gewesen; nun konnt er erschrecken; die Wirkung des Schreckens aber schall und roch, zu seinem Glcke, den bsen Weibern so wirksam in Ohren und Nasen, da sie ber Hals und Kopf die Flucht ergriffen. Ueber einen solchen Erfolg ist sich nicht zu verwundern; denn, bey Griechen und Rmern, einem Demosthenes oder Cicero, wrde man sich vergeblich nach einem solchen Einschmeichlungseingange umsehen. Eine sich von der Sache entfernende Vorrede hielten sie fr einen Fehlschlu. Wirklich auch lehrt die Natur ganz andere Dinge; sogar ein Schweinshirt, der bey der Natur zu Schule gegangen ist, macht so wenig Umschweife, da er lieber sogleich mit der Thr ins Haus fallen will. Diese Gelehrten hingegen halten ihr Prambulieren alsdann erst fr feinrhetorisch, wenn es mit dem Gegenstande ihrer Rede nicht in der geringsten Verwandschaft steht, und die Zuhrer einander zuflstern: wo wird der Kerl zuletzt noch hingerathen? [Illustration] Drittens berhren sie nur wie beylufig und obenhin, gleichsam nur erzehlungsweise, etwas aus dem Evangelium; und doch wr es ihre Pflicht gewesen, sich einzig bey der Erklrung desselben aufzuhalten. Viertens fangen sie wieder eine ganz andere Rolle an, und nehmen eine Theologalfrage vor die Hand, die sich auf das vorhergehende so schicklich wie eine Faust auf das Auge reimt; denn auch dieses halten sie fr kunstmssig. Nun fngt der Theolog sich erst recht zu brsten an; er betubt die Ohren der Zuhrer mit seinen solennen, subtilen, subtilsten, seraphischen, heiligen, irrefragablen Lehrern, und was dergleichen prchtige Tne mehr seyn mgen. Darauf prahlen sie ihre Syllogismen, Vorderstze, Hinderstze, Folgerungen, Corollarien, frostige Voraussetzungen, und mehr als scholastische Possen, dem tummen Pbel vor. Nun ists noch um den fnften Aufzug zu thun, in dem man sich als einen ganzen Meister dargeben mu. Hier ziehen sie ein nrrisches und tummes Mrchen, ich wei nicht aus was fr einem Historienspiegel oder aus Abentheuern der Rmer hervor, das sie sodann allegorisch, tropologisch, und anagogisch behandeln. Und auf diese Weise bringen sie ein Wundergeschpfe zu Stande, das weit lustiger anzusehen ist, als jenes, welches Horaz, gleich anfangs seiner Dichtkunst, vorzuspiegeln getrachtet hat. Weil sie, ich wei nicht von wem, gehrt haben, man msse die Rede sanft und ohne Geschrey anfangen, so sind sie anfangs so leise, da sie sich selbst nicht hren; als ob sie Dinge sagen mten, die niemand verstehen drfe. Man hat ihnen etwann gesagt, um die Leidenschaften rege zu machen, seyen Ausrfe ein vortrefliches Mittel; sie daher, alldieweil sie ganz sanft reden, erheben unversehens die Stimme zu einem ganz rasenden Geschreye, wo sie es doch nicht im geringsten nthig htten. Man wrde einen Eid ablegen, da der Mensch, der nur schreyt, damit er schreye, der Nwurze benthigt wre. [Illustration] Sie haben gehrt, mit dem Fortgange der Rede msse die Stimme sich erheben; nun, beym Anfange jedes Theiles der Rede sind sie ziemlich gelassen; bald aber fngt die Stimme gewaltig zu lermen an, wenn sie auch die frostigsten Dinge von der Welt sagen; und allemal beym Ende sinken sie so, da man meynen sollte, von Athem sey nichts mehr in ihnen. Endlich haben sie bey den Redeknstlern gelernt, da auch das Lachenmachen eine Kunst sey; sie sind daher auch beflissen, etwas Scherzhaftes einzumischen; aber, o huldreiche Venus! wie grazienmig, wie schicklich! ists nicht gerade so, wie da der Esel sich als Lautenschlager hervorthun wollte. Ja, beissig sind sie etwann auch; doch so, da sie mehr kitzeln, als verwunden; wenn sie sich recht Mhe geben, frey von der Brust zu reden, so erweisen sie sich als leibhafte Schmeichler. Kurz, ihr ganzes Betragen ist so, da man schwren sollte, sie haben Marktschreyer zum Muster gewhlt, knnen aber dasselbe bey weitem nicht erreichen; doch sind sie in gewissem Verstande einander so hnlich, da niemand zweifelt, diese haben von jenen, oder jene von diesen, die Redekunst erlernt. [Illustration] Bey allem dem mssen sie mir es verdanken, da sie Zuhrer haben, die glauben, sie besitzen an ihnen mehr, als sie an einem Demosthenes oder Cicero wrden besessen haben. Hieher gehren insonderheit Krmer und Weiber, denen die gedachten Redner vorzglich die Ohren zu kitzlen trachten; denn die Erstern lassen ihnen etwann, fr das besnftigende Schmeicheln, etwas weniges von ihrem zusammenbetrogenen Vermgen zukommen; und die Letztern sind, unter vielen andern Ursachen, diesem Orden besonders darum gewogen, weil sie den Grollen, den sie wider ihre Ehemnner haben, in den Schoo desselben auszuschtten pflegen. Man mte also blind seyn, wenn man nicht she, wie tief diese Art von Menschen bey mir in der Schuld sey, da sie durch kleine Zeremonien, lcherliche Possen, und kein kleines Geschrey, die Sterblichen gewissermaen beherrschen und sich mehr als ein Paulus und Antonius zu seyn einbilden. Genug aber von diesen Marktschreyern, die meine Wohlthaten so undankbar verkennen, und sich auf eine ruchlose Weise fr fromm ausprahlen. Es hat mich schon seit langem gelstet, etwas von Knigen und Hofleuten, die sich offenherzig fr meine Verehrer angeben, nach Recht und Billigkeit zu berhren. Wenn sie auch nur eine halbe Unze gesunden Menschenverstandes htten: was knnte traurigers und fliehenswrdigers seyn, als ihr Loos? Nein, derjenige wird sich gewi nicht durch Meineid und Vatermord auf einen Thron schwingen wollen, der bey sich erwogen hat, welch eine Last auf den Schultern dessen liege, der die Rolle eines Frsten ehrlich zu spielen gedenkt. Wer am Steuerruder sitzt, hat fr das Allgemeine nicht das Eigenthmliche zu sorgen; auf jenes mu er alle seine Gedanken wenden; von Gesetzen, die er selbst gegeben hat, und die er handhaben mu, nicht eines Fingers breit abweichen; auf alles Thun und Lassen der Beamten und Richter ein wachsames Auge haben; denken, die Augen Aller seyen auf ihn gerichtet, wie auf ein gnstiges Gestirn; durch ein schuldloses Betragen knne er das Wohlseyn der Menschen ungemein befrdern; oder durch eine widrige Auffhrung gleichsam zu einem verderblichen Cometen werden; wenn andere Leute Fehler begehen, so haben sie nicht so empfindliche und ausgebreitete Folgen; wenn der Frst auch nur ein wenig von dem guten Weg abweiche, so schleiche sich sogleich eine Sittenpest in die Herzen vieler Menschen ein; die Glcksumstnde eines Frsten fhren vieles bey sich, das geschickt ist, vom Guten wegzulocken; zum Exempel Wollust, Freyheit, Schmeicheley, Ueppigkeit; er knne nicht genug arbeiten, nicht zu sorgfltig wachen, um nicht irgendwo von seiner Pflicht weggeteuscht zu werden; endlich (um von Hinderlist, Ha, Furcht, Gefahr, nichts zu reden) er habe einen Knig ber sich, der in kurzem Rechenschaft ber jeden seiner Fehltritte von ihm fordern werde; und dieses um so viel schrfer, je grsser die ihm anvertraute Herrschaft gewesen. Ja, wenn der Frst dieses, und vieles dergleichen bey sich erwgen wollte (und erwgen wrd er es, wenn er weise wre) so wrden ihm wohl weder Schlaf noch Speise schmecken. Nun aber, Dank sey mir, berlassen die Frsten alle diese Sorgen den Gttern, thun sich gtlich und gnnen nur denen das Ohr, die es verstehen, ihnen angenehme Dinge vorzuplaudern, damit sich ja nichts von Bekmmerni in ihr Gemth einschleichen mge. Sie bereden sich, alle Obliegenheiten eines Frsten redlich erfllt zu haben, wenn sie fleiig auf die Jagd reiten; stattliche Pferde halten; obrigkeitliche Stellen und Statthalterschaften theuer verkaufen; tglich neue Handgriffe aussinnen, das Vermgen der Unterthanen zu schmlern, und in ihren Schatz zusammenzuscharren; dabey aber schtzen sie verschiedene Dinge vor, um dadurch der ungerechtesten Sache einen Schein von Billigkeit zu geben; mit vielem Fleisse mengen sie etwas schmeichlendes ein, um ja das Herz des Volkes nicht ganz zu verlieren. Stellen Sie sich, meine Herren, einen Menschen vor (denn zuweilen wird es so ungefehr eintreffen) der von den Gesetzen so viel als nichts versteht, beynahe ein geschworner Feind des gemeinen Besten ist, blos auf seine Gemchlichkeiten sieht, Wollsten ergeben ist, Gelehrtheit, Freyheit und Wahrheit hat, an nichts weniger als an die Wohlfahrt des gemeinen Wesens denkt, alles nach seiner Lsternheit und seinem Eigennutzen abmit; hngen Sie ihm dann eine goldene Kette um, das Zeichen der bereinstimmung zusammenhngender Tugenden; setzen Sie ihm eine mit Edelsteinen bereicherte Kron auf, die ihn erinnern soll, er msse an allen Heldentugenden jedermann bertreffen; versehen Sie ihn mit einem Zepter, dem Merkmahle der Gerechtigkeit und einer wider alle Bestechungen bewaffneten Seele; kleiden sie ihn endlich in Purpur, um anzudeuten, da er fr das Wohlseyn des Volkes eine inbrnstige Liebe habe. Wenn der Frst solche Verzierungen mit seinem Leben zusammenhalten wollte, so deucht mich, er wrde sich seines Putzes schmen, und frchten, ein naseweiser Dollmetsch mchte dieses Theatergeprnge spttisch ins Gelchter ziehen. Was soll ich von den vornehmen Hofschranzen sagen? gemeiniglich ist nichts abhnglichers, knechtischers, abgeschmackteres, niedertrchtigeres zu finden, und doch bereden sie sich, da ihnen nichts beykomme. Ja, in einer einzigen Sache sind sie beraus bescheiden: zufrieden, da sie Geld, Edelgesteine, Purpur, und die brigen Zeichen der Tugenden und der Weisheit an ihrem Leib umherschleppen knnen, lassen sie sichs gromthig gefallen, da Andere die bezeichneten Dinge sich anschaffen. Sie glauben sich berglcklich zu seyn, da sie den Knig ihren Herren nennen drfen; da sie gelernet haben, ihn mit ein paar Worten sinnreich anzureden; da sie es verstehen, wo die Titel, Eure Knigliche Hoheit, Eure Majestt, und so weiter schicklich anzubringen seyn; da sie das Gesicht in verschiedene Falten legen, und eine Schmeicheley artig anbringen knnen. Dieses, dieses sind die Knste eines Edelmannes, eines Hofmannes. Wenn man ihr briges Leben genauer beym Lichte betrachtet, so findet man sie noch schpsenmssiger, als es ehedem die Phacier waren, oder die Freywerber der Penelope, oder -- wenn Sie, meine Herren, noch mehrere wissen wollen, so schlagen Sie den Horaz nach, denn eben gefllts mir nicht, sein Echo zu spielen. Der vornehme Mann schlft bis gegen Mittag. Beym Aufstehen kmmt der wohlbezahlte Caplan, und thut geschwind das, dazu er amtsmssig gedungen ist. Dann zum Frhstcke. Bald darauf zum Mittagsmahle. Hierauf Karten, Wrfel, Possenspiele, Stocknarren, Spttereyen, liebes Frauenzimmer. Etwas zum Abendbrode. Darauf zur Nachtmalzeit. Auch beym Nachtische giebts Abwechslungen. Also, ohne sich das Leben abzugrmen, verstreichen Stunden, Tage, Monate, Jahre, Jahrhunderte. Mir selbst ist es zuweilen so, als ob ich mich mit Vergngen vollgepropft htte, wenn ich diesem Hochleben zugeschaut habe. Jede der Nymphen meynt, den Gttern um so viel nher zu seyn, je lnger die Schleppe ihres Rockes ist; die Hofleute zerstossen sich die Ellbgen gewaltig, um dem Frsten nher zu kommen, und fr den grssern Gnstling angesehen zu seyn. Jeder schmeichelt sich um so viel mehr, je gewichtiger seine Halskette ist; als ob er nicht nur seinen Reichthum sondern auch seine Strke zugleich aufzuweisen htte. Das Betragen der Frsten hat schon seit langem, Pbste, Cardinle und Bischffe, zu unermdeten Nacheiferern; und bald haben diese jenen den Vorzug abgelaufen. Was bedeutet das schneeweise Gewand? Ein durchgehends schuldloses Leben. Was die zweyhrnichte Inful? ein Band vereint die beyden Spitzen, und bezeichnet die Einsicht in das Alte und Neue Testament. Was die Handschue? die reine und vor aller irdischen Verunreinigung gesicherte Ausspendung der Sacramente. Was der Hirtenstab? rathsame Besorgung der anvertrauten Heerde. Was das vorhergetragene Kreuz? den Sieg ber alle menschlichen Leidenschaften. Wer dieses, und vieles dergleichen bey sich erwgen wollte, der wrde ein betrbtes und grmliches Leben fhren? Aber herrlich haben sie die Sache eingerichtet: sie weiden sich selbst. Die Sorge fr die Schafe empfehlen sie Christo, oder berlassen sie ihren Stellvertretern. Nicht einmal an ihren Titel denken sie; er wrde sie an die Arbeit, Sorge, Bekmmerni eines Bischoffs erinnern. Ja, wenn es um Geldsammlen zu thun ist, dann erinnern sie sich, Bischoff bedeute einen Aufseher, und sie haben die Augen ganz offen. Die Cardinle sollten freylich denken: wir sind an die Stelle der Apostel gekommen; was sie thaten, wird auch von uns gefordert; wir sind nicht die Herren der geistlichen Gaben, sondern nur die Verwalter derselben; in kurzem werden wir darber die genauste Rechenschaft abzulegen haben; was bedeutet unser weisses Gewand? die hchste und erhabenste Unschuld des Lebens. Was der Purpur darunter? die inbrnstige Liebe gegen Gott. Was der so weite Obermantel, da er das ganze Maulthier Seiner Eminenz bedecket, ja ein Kameel, bedecken knnte? eine weit ausgedehnte Liebe, die sich jedermanns annimmt; lehrt, ermahnt, bestraft, erinnert, Streitigkeiten schlichtet, ruchlosen Frsten widersteht, und willig nicht nur Reichthmer, sondern das Blut selbst zum Besten des Christenvolkes aufopfert. Aber wozu solche Reichthmer fr Statthalter der armen Apostel? Ja, wenn sie diese Dinge bedenken wollten, so wrden sie sich keine Mhe geben, diese Wrde zu erhalten; oder sie wrden sich ihrer mit Freuden entschlagen; oder sie wrden nach der Weise der alten Apostel ein ganz arbeitsames und sorgenvolles Leben fhren. Wenn die Ppste, Christi Statthalter, seinem Leben nachzueifern trachteten, nmlich seiner Armuth, seinen Arbeiten, seiner Lehre, seinem Kreuze, seiner Verachtung des Lebens; wenn sie auch nur an den Namen Pabst, da ist, Vater, oder an den Beynamen Allerheilichster, dchten: was wrde dann auf Erden traurigers seyn? wer wrde sein Vermgen zur Erkaufung dieser Stelle anwenden? wer wrde Schwerdt, Gift, und jede Gewaltthat hervorsuchen, um sich auf der erkauften Stelle zu behaupten? wie viele Bequemlichkeiten wrden wegfallen, wenn sie einmal der Weisheit Gehr geben! Der Weisheit, sage ich? Ja, wenn sie auch nur ein Krnlein des von Jesu gelobten Salzes in sich htten! So viele Reichthmer, Ehren, Herrschaft, Siege, Pflichten, Verwaltungen, Zlle, Ablsse, Pferde, Maulthiere, Trabanten, Wollste, Ergtzlichkeiten. O welch einen Reichthum von Herrlichkeiten hab ich in wenige Worte zusammengefat! einen ganzen Jahrmarkt, eine ganze Erndte! An die Stelle dieser Dinge wrden schlaflose Nchte kommen, Fasten, Thrnen, Gebete, Predigten, Tiefsinnigkeiten, Seufzen, und tausenderley dergleichen jmmerliche Arbeiten. Hiezu kommen so viele Schreiber, Copisten, Notre, Advocaten, Promotoren, Secretre, Eseltreiber, Rokamme, Schmarotzer, Unterhndler, Gelegenheitmacher; und ich htte bald noch etwas schndlichers hinzugesetzt, wenn ich nicht die Ohren schonen wollte. Kurz, eine so grosse Menge von Menschen, die dem Sitze zu Rom zur Last fllt (nein, ich irre mich, Ehre macht) wrde sich des Hungers nicht verwehren knnen. Ja, unmenschlich, abscheulich wre dieses; aber noch weit verruchter, wenn man sogar die bersten Frsten der Kirche, diese wahren Lichter der Welt, an den Bettelstab bringen wollte. Jetzt aber wird alles, was nur ein wenig mhsam ist, einem Petrus und Paulus berlassen, die dazu Zeit und Musse genug haben. Was prchtig und angenehm ist, behlt man weislich fr sich selbst. Also geschieht es durch meine Vermittlung, da bald keine Art von Menschen weichlicher lebt, unbekmmerter. Sie glauben, ihrer Christenpflicht vollkommen zu entsprechen, wenn sie in einem mystischen und beynahe theatralischen Aufputze, mit Ceremonien, mit Titeln, die alles was heilig ist, in sich schliessen, und mit Segnen und Verwnschen, Bischoffe spielen. Wunder thun ist etwas veraltetes, und den heutigen Zeiten ganz und gar nicht angemessen; das Volk lehren, ist knechtische Arbeit; die Schrift erklren, schulfchsisch; beten, Zeitverschwendung; weinen, elend und weibisch; arm seyn, schndlich; sich besiegen lassen, schimpflich, und dem unanstndig, der kaum die grsten Knige zum heiligen Fukusse lt; sterben, unangenehm; sich ans Kreuz schlagen lassen, ein Schandfleck. Es bleiben ihnen keine andern Waffen und sanfte Segnungen brig, als die, deren Paulus (Rm. 16. 18.) Meldung thut; und mit denselben sind sie gewi sehr freygebig: Interdictionen, Suspensionen, Aggravationen, Anathematisationen, Verdammungsgemhlde, und der entsetzliche Bannstrahl, der schon einig ein Stand ist, die Seelen der Sterblichen mit einem Winke bis in die unterste Hlle zu strzen. [Illustration] Die in Christo allerheiligsten Vter, und Statthalter Christi, schiessen solche Pfeile wider niemanden schrfer los, als wider die, welche sich durch den Teufel verleiten lassen, das Patrimonium des Petrus zu schmlern. Dieser Apostel sagt im Evangelium: Wir haben alles verlassen, und sind dir nachgefolgt und doch nennt man Landgter, Stdte, Zlle, Schtze, Herrschaften, das Patrimonium desselben. Um solcher Dinge willen ergreift sie der Eifer Christi; mit Feuer und Schwerdt vertheidigen sie den Besitz derselben, wenn gleich noch so viel Christenblut darber vergossen wird; dann erst glauben sie, da sie die Kirche, die Braut Christi, apostolisch vertheidigt haben, wenn die sogenannten Feinde tapfer abgetrieben worden. Als ob es schdlichere Feinde der Kirche gebe, als gottlose Pbste, die durch ihr Stillschweigen Christum lassen zernichtet werden, ihn durch eigenntzige Gesetze binden, durch erzwungene Auslegungen schnden, durch ein vergiftendes Leben tdten. Durch Blut wird die christliche Kirche gezeugt, befestigt, ausgebreitet; jetzt; als ob kein Christus mehr wre, der die Seinen auf seine Weise beschtzen knnte, wird seine Sache durch das Schwerdt betrieben. Um den Krieg ist es etwas so unmenschliches, da man ihn den wilden Thieren berlassen sollte; nach der Meynung der Dichter ist er ein Geschenk der Furien; er ist eine solche Pest, da die Sitten dadurch ganz und gar verdorben werden; etwas so ungerechtes, da er durch die schlimmsten Straenruber am besten betrieben wird; so ruchloses, da er mit Christo nicht in der geringsten Gemeinschaft steht: doch setzt man alles brige hindan, und betreibt nur diesen. Man sieht Graukpfe, die sich hier jugendlich-munter erweisen, keinen Aufwand sich dauern lassen, durch kein Arbeiten ermdet, durch nichts abgeschreckt werden, wenn es zu thun ist, die Religion, den Frieden, alle Menschlichkeit, in die usserste Zerrttung zu setzen. Es fehlt auch an gelehrten Fuchsschwnzern nicht, die diese handgreifliche Tobsucht, Eifer, Frmmigkeit, Tapferkeit nennen. Sie haben einen Weg ausgedacht, auf dem man dem Bruder den Dolchen durch das Herz jagen kann, ohne sich an dem Gebote Christi von der Nchstenliebe zu vergreifen. Ich bin noch nicht mit mir einig, ob einige deutsche Bischffe hier gelernt oder gelehrt haben, ganz geradezu Gottesdienst, Segen, und andere dergleichen Ceremonien, an einen Nagel hngend, vllige Satrapen zu spielen; so, da sie es bald an einem Bischoffe fr Feigheit und Unanstndigkeit halten, irgendwo sonst, als in einer Schlacht, Gott die tapfere Seele zu bergeben. Gemeine Priester wrden sichs zur Snde rechnen, von der Heiligkeit ihrer Prlaten abzuarten. O man sehe, wie kriegerisch sie die Rechte der Zehnten mit Schwerd, und Spie, und Steinen, und allen Arten von Kriegsgerthe vertheidigen! Vortreflich scharf sind ihre Augen, wenn es zu thun ist, aus alten Schriften etwas heraus zu grblen, dadurch sie dem armen Pbel einen Schrecken einjagen, und darthun knnen, da ihnen noch mehr als nur der Zehnden gebhre; inzwischen haben sie es ganz vergessen, wie vieles man hin und wieder von ihren Pflichten gegen die Lgen lese; und doch sollte wenigstens ihr beschorner Scheitel sie erinnern, ein Priester msse von allen Lsten dieser Welt frey seyn, und blos himmlischen Dingen nachsinnen. Die allerliebsten Mnnerchen sprachen, sie haben sich ihrer Amtspflicht redlich entladen, wenn sie ihre Gebeterchen so herausgemurmelt haben, das ich mich ich wei nicht zu was verwundern sollte, wenn irgend ein Gott es hrt, oder versteht; denn sie selbst hren und verstehen es kaum, wenn sie es aus dem Maule herausdrngen. Doch stimmen Priester und Layen diesorts berein: wenn es um Einerndten zu thun ist, so ist alles ungemein wachsam, und die dahin gehrenden Gesetze sind jedermann bekannt; wenn sich aber etwas Lstiges zeigt, o da wirft Einer es weislich auf die Schultern des Andern; man sollte meynen, beym Ballspiele zu seyn. Wie Frsten die Regierungssachen ihren Rthen, und diese wieder den Unterbeamten, bertragen: so berlassen die grossen Cleriker, aus Bescheidenheit, den Flei der Gottseligkeit ganz dem gemeinen Manne; dieser sendet ihn an die sogenannten Geistlichen, als ob er mit den geistlichen Geschften nichts zu thun und durch das Taufgelbd zu nichts dergleichen verpflichtet wre; die sogenannten Secularpriester whlen (als ob sie sich nicht Christo sondern der Welt gewidmet htten) diese Last auf die Regularen; die Regularen auf die Mnche; die strengern mssen sie von den weniger strengen annehmen; alles fllt zuletzt auf die Bettelmnche; doch wissen auch diese es auf die Cartheuser zu schieben, bey welchen einzig die Frmmigkeit begraben liegt; denn wirklich liegt sie da so verborgen, da schwerlich jemand sich wird rhmen knnen, etwas davon gesehen zu haben. Also weihen Pbste, die in der Gelderndte unermdet sind, jene allzu apostolischen Arbeiten an die Bettelbrder, diese wieder an solche, welche den Schafen alle Wolle abscheren. Doch, hieher gehrts nicht, das Leben der Pbste und Priester durch die Musterung gehen zu lassen; man wrde sonst denken, es sey mir um eine Satire, und nicht um eine Lobrede zu thun; und man wrde auf den Argwohn gerathen, ich wolle gute Frsten durch die Hechel ziehen, indem ich bse lobe. Ich habe aus keiner andern Ursache auf diese Dinge gedeutet, als da man es desto deutlicher einsehen mge, kein Sterblicher knne ein wonnevolles Leben fhren, so lang er nicht zu meinem Dienst eingeweiht ist, und in meiner Gunst steht. Denn, wie solle dieses mglich seyn, da selbst die rhamnusische Gttinn, die Beglckerinn aller menschlichen Dinge, mit mir so sehr unter dergleichen Decke liegt, da sie sich jenen Weisen stets im hchsten Grade feindselig erwiesen, und hingegen den Narren auch im Schlaf alles Gute zugeschanzet hat. Ihnen, meine Herren, wird jener Timotheus bekannt seyn, der atheniensische Feldherr, den man das Glckkind zu nennen pflegte; von ihm kmmt das Sprchwort her: dem schlafenden Fischer hpfen die Fische ins Garn und: ihn begnstigt die Eule der Minerva von dem Weisen hingegen heits erst unter einem bsen Planeten gebohren; immer reutet er ein stolperndes Pferd; sein Gold ist Flitterwaare. Doch, genug gesprchwrtelt; man mchte sonst glauben, ich habe den Adagienkasten meines Erasmus geplndert. [Illustration] Ich lenke wieder ein. Die Gttinn des Glcks liebt die Schwindelkpfe, die Tollkhnen, die alles aufs Spiel setzen. Die Weisheit macht schchtern; daher sieht man, wie die Weisen mit der Armuth kmpfen, den Magen voll Hungers, und den Kopf voll Winds haben, und ein verachtetes unberhmtes, verhates Leben fhren. Den Narren regnet das Geld zu; sie sitzen am Steuerruder; alles ist blhend bey ihnen. Wenn es einmal ein Glck ist, grossen Frsten zu gefallen, und unter meinen Gnstlingen, den mit Edelgesteinen behangenen Erdengttern, seinen Wandel zu fhren: was kann unntzers seyn, was von diesen Menschengeschpfen mehr verabscheutes, als die Weisheit? Wenn es um Reichthmer zu thun ist, wie wird es um den Gewinn des sich auf der Weisheitsjagd vertndelnden Kaufmannes stehen! wenn ein Meineid ihm ein Stein des Anstosses ist? wenn er, auf einer Lge ertapt, roth wird? wenn er sich um die Gewissensgrbeleyen der Weisen, ber Diebstal und Wucher, nur ein Haar bekmmert. Wer sich nach den Ehrenstellen und Gtern der Kirche bestrebt, mu sich der Weisheit hurtig entschlagen, sonst wird jeder Esel, jeder Bffel, ihn berlaufen. Wenn Sie, meine Herren, eine Neigung zur Wollust haben, so lassen Sie sich berichten, da ein Mdchen (ein solches wird Ihnen wohl im Kopfe stecken) einem Narren von ganzem Herzen gewogen ist, und den Weisen wie einen Scorpion verabscheut und flieht. Wenn es Ihnen um ein lustiges Leben zu thun ist, o so lassen Sie sich ja keinen Weisen mehr kommen, und whlen Sie sich lieber den ersten den besten Tummkopf zum Gefehrten. Kurz, wohin man sich immer wendet, an Pbste, Frsten, Richter, Obrigkeiten, Freunde, Feinde, Hohe, Niedere, alles richtet sich nach dem Gelde. Freylich verachtet der Weise das Geld; aber, es lt sich auch recht angelegen seyn, ihn zu fliehen. [Illustration] Ja, meine Herren, wenn man einmal anfngt, mich zu loben, so verliert man Maa und Ziel; und doch mu jede Rede einmal zu Ende gehen. Auch ich werde zu reden aufhren, aber dann erst, wenn ich mit wenigem werde gezeigt haben, es fehle nicht an grossen Schriftstellern, die mich durch Feder und Leben berhmt gemacht haben; sonst wrd ich blos eine arme Nrrinn zu seyn scheinen, die niemanden als sich gefllt; auch wrden die Herren Gesetzdrechsler es mir zur Schande rechnen, da ich nicht citiere. Nun denn, nach ihrem Beyspiele will in das Kreuz und in die Quer citieren. Erstlich hab ich wei nicht wo gelesen, wo es am Wesentlichen fehle, sey das Scheinbarste das beste. Auch der Schuljugend selbst pflegt man es einzuschrfen, gelegentlich den Narren zu spielen, sey grosse Weisheit. Schon hieraus wird man den Schlu ziehen knnen, um die Narrheit msse es etwas vortrefliches seyn, weil auch ihr tuschender Schatte, und ihre blosse Nachahmung, von den Gelehrten so sehr herausgestrichen wird. Horaz, der sich selbst ein fettes und glnzendes Schwein aus Epikurs Heerden betittelt, sagts recht ehrlich heraus, in die Weisheit msse sich Narrheit mischen, nur htt er der Narrheit nicht das Lumpenwrtchen kurzdaurend vorhersetzen sollen. Eben dieser sagt auch, schicklich den Narren zu treiben, macht Vergngen; und besser ists, ein Narr und Tlpel zu scheinen, als Weise zu seyn, und ausgezischt zu werden. Homer trachtet seinen Telemach wo mglich bis in den Himmel zu erheben, und doch nennt er ihnen zuweilen einen nrrischen Jungen; und ein gutes Zeichen fr jeden ist es, den die Dichter mit diesem Beynamen beehren. Was enthlt die heilige Ilias anders, als den Zorn nrrischer Knige und Vlker? Cicero redet mein Lob frey heraus, da er sagt die Welt ist ganz mit Narren bevlkert. Und wer wei nicht, da jedes Gute um soviel vortreflicher sey, um so viel ausgedehnter es ist? Vielleicht stehen diese Schriftsteller bey den Christen in schlechten Rufe; ich will daher, wenn man es fr gut findet, mein Lob auch auf Stellen der heiligen Schrift steuern oder grnden. Euch aber, ihr Herren Theologen, mu ich zuvor in Demuth um Erlaubni dazu bitten; und weil ich ein schweres Werk beginne, und es vielleicht ein Verbrechen wre, die Musen von ihrem Helikon, eine so weite Strecke, zum zweytenmale herab zu bemhen, insonderheit da ihnen mein Gegenstand etwas fremd seyn mchte: so wirds vielleicht vertrglicher seyn, da mitlerweil, alldieweil ich die Rolle eines Theologen spiele, und mich durch so drnichte Wege hindurchreisse, die Seele des Scotus, spitziger als ein Igel oder Stachelschwein, in meine Brust wandere, aber sich bald wieder wegdrolle, wohin es ihr dann belieben wird, wenn es auch auf den Rabenstein seyn sollte. Mcht ich mein Gesicht ndern, und mich recht theologisch aufstutzen knnen! Ich frchte aber anbey auch, man werde mich eines Diebstals beschuldigen, da ich so vieles theologisches Zeug aus meiner Ficke hervorziehend, die Schrnke der grundgelehrten Mnner heimlich geplndert habe. Man hat sich aber nicht gro zu verwundern, wenn ich in meinem langen und genauen Umgange mit den Theologen, etwas erhascht habe; dann hat nicht auch jener Holzbock, der Gott Priapus, beym Lesen seines Herrn und Meisters, einige griechische Wrter bemerkt und im Gedchtnisse behalten? und Lucians Hahn, der lange unter den Menschen lebte, hat er nicht auch wie ein Mensch geplaudert? Wohlan denn; Glck zum Unternehmen! Der Prediger schreibt im ersten Capitel: die Zahl der Narren ist unendlich. Nun, sollte die unendliche Zahl nicht alle Sterblichen in sich schliessen; ausser einige wenige; aber, wer ist so glcklich gewesen, diese zu sehen? Noch offenherziger sagt Jeremias im zehnten Capitel, die Sache heraus: durch ihre Weisheit sind alle Menschen zu Narren geworden. Gott einzig legt er Weisheit bey, und wirft den Menschen berhaupt die Narrheit zum Erbtheile hin. Kurz vorher hatte er gesagt der Mensch rhme sich nicht in seiner Weisheit. Warum, ehrlicher Jeremia, soll der Mensch sich nicht in seiner Weisheit rhmen? Auf diese Frage wrd er anders nichts sagen, als: weil er keine Weisheit besitzt. Ich komme wieder auf den Prediger. Da er ausruft: Eitelkeit der Eitelkeiten; alles ist eitel, so wird wohl niemand glauben, da er dadurch etwas anders habe andeuten wollen, als was bereits gesagt worden: das menschliche Leben sey ein bloses Narrenspiel. Dieses legt dem auf mich verfertigten und bereits angefhrten Lobspruche des Cicero seine Strke bey: es wimmle alles von Narren. Wenn jener weise Mann ferner sagt: der Narr ndert sich wie der Mond, der Weise bleibt wie die Sonne was sagt er dadurch anders, als: das ganze Menschengeschlecht sey nrrisch, und Gott allein gebhre der Titel eines Weisen? denn, durch den Mond versteht man die menschliche Natur; durch die Sonne hingegen Gott, die Quelle alles Lichtes. Christus stimmt in dem Evangelium diesem bey, da er sagt, man msse Gott allein gut nennen; nun, wenn jeder Unweise ein Narr, jeder Gute aber ein Weiser ist, wie die Stoiker lehren, so folgt nothwendig, da alle Sterblichen nrrisch sind. [Illustration] Salomon sagt im fnfzehnten Capitel seiner Sprche: die Narrheit macht dem Narren Freude; er gesteht es also rund heraus, ohne die Narrheit habe dieses Leben nichts angenehmes. Hieher gehrt auch dieses: wo viele Weisheit ist, da ist viel Schmerzen; und wo viel Verstand ist, grmt man sich sehr. Eben hievon redet auch dieser vortrefliche Prediger, im siebenden Capitel: das Herz der Weisen ist bey der Traurigkeit; das Herz der Narren bey der Freude. Es war ihm nicht genug, da er sich mit der Weisheit bekannt machte, nein, er wollte zugleich mich kennen. Wer mir auf mein Wort nicht glauben will, der hre seine Worte des ersten Capitels: ich habe mein Herz darauf gesetzt, zu wissen was Klugheit und Lehre, was Irrthmer und Narrheit seyen. Hier ist zu bemerken, da er aus Ehrerbietung fr die Narrheit sie zuletzt genennet hat; denn der Prediger schreibt (und bekanntermaassen ist dieses die Predigerweise) der, welcher an Wrde der erste ist, solle die letzte Stelle einnehmen; und hiemit stimmt das evangelische Gebot berein. Da die Narrheit der Weisheit vorzuziehen sey, sagt auch deutlich jener Ecclesiasticus, wer er immer gewesen, in seinem vier und vierzigsten Capitel. Doch nein, meine Herren, ich werde seine Worte nicht ehender anfhren, als bis Sie mir (beym Herkules sey es geschworen) gewisse Einleitungsfragen, wie es beym Plato die machen, welche sich mit dem Socrates unterreden, richtig beantwortet haben. Nun, schickt sichs besser, etwas seltenes und kostbares zu verbergen, als etwas gemeines und geringes? Wie! Sie schweigen? Gut! wenn Sie gleich musestill da stehen, so soll das Sprchwort der Griechen fr Sie antworten: Den irdenen Wasserkrug lt man an der Thr stehen. Nein, niemand versndige sich durch Verspottung dieses Sprchworts; wir finden es bey dem von unsern Meistern gttlich verehrten Aristoteles. Wrde, meine Herren, einer von Ihnen Narrs genug seyn, seine Edelgesteine und sein Geld auf die Strasse hinaus zu legen? Im innersten Zimmer, in den geheimsten Winkeln eiserner Ksten, werden Sie es verschlssen; was Sie ffentlich liegen lassen, mu wirklich ein Quark seyn. Wenn man also das Kostbare verschliet, und das Schlechte ffentlich liegen lt: folgt nicht deutlich, die Weisheit, die er zu verbergen verbietet? Nun mge man seine eigenen Worte hren. Der Mensch, der seine Narrheit verbirgt, ist besser, als der Mensch, der seine Weisheit verbirgt. Die heiligen Bcher schreiben auch der Narrheit ein aufrichtiges Gemth zu, alldieweil der Weise meynt, da niemand ihm zu vergleichen sey. Einmal versteh ich es so, was der Prediger im zehnten Capitel sagt. Wenn der Narr auf der Strasse geht, so glaubt er, weil er nrrisch ist, jeder, der ihm begegnet, sey ein Narr. O welche Redlichkeit! er achtet jeden so gut als sich; er, da jedermann hohe Gedanken an sich selbst hat, theilt seinen Ruhm mit jedermann. Ein so grosser Knig schmte sich auch dieses Beynamens nicht, da er im dreiigsten Capitel sagt: Ich bin der Nrrischste unter den Menschen. Und auch Paulus, der Heidenlehrer, bezeugt in seinem Brief an die Corinther, da er sich den Titel eines Narren sehr wohl gefallen lasse: als ein Narr (spricht er) sag ich es; mehr als irgend ein anderer als ob er sichs zur Schande rechnete, an Narrheit bertroffen zu werden. Freylich widersprechen mir einige Nasenweise, die sich mit ihrem Griechischen brsten, die heut zu Tage, recht krhenmig, die Augen so vieler Theologen auspicken, und ihren Auslegungsquark Andern aufdringen wollen; und hier kann mein Erasmus (den ich oft aus Hochachtung nenne) Anspruch, wo nicht auf die erste doch auf die zweyte Stelle machen. Ja (rufen sie), sich so auf die angefhrte Stelle zu beziehen, lie sich wirklich von niemanden als von der Narrheit erwarten; der Apostel hatte was ganz anders im Sinn, als ihm hier angetrumt wird; in diesen Worten ist es ihm nicht darum zu thun, da man ihn fr nrrischer als Andere halten solle, sondern er sagt: sie sind Diener Christi, und auch ich bin es; und sich gleichsam rhmend, da er den brigen nicht nur gleich sey, sondern sie diesorts noch bertreffe, setzt er hinzu, noch mehr als sie. Damit man aber nicht denken mge, er sage dieses aus Stolze, verwahrt er sich durch den Zusatz, er habe thricht geredet. Als ein Unweiser (spricht er) sag ich es, denn bekanntermaen haben die Narren das Vorrecht, Dinge zu reden, an denen man sich aus ihrem Munde nicht rgert. Was Paulus, da er das obige geschrieben, bey sich gedacht habe, berla ich diesen Herren, es auszufechten. Ich trete in die Futapfen der grossen, fetten, dicken und den meisten Beyfall erhaltenden Theologen; denn (beym Jupiter!) ein grosser Theil der Lehrer will lieber mit diesen irre gehen, als mit jenen griechischen, lateinischen, und hebrischen Dreyznglern den richtigen Weg einschlagen. Auf ihre Reden achtet man so wenig als auf ein Krhengewsche; insonderheit da ein ruhmvoller Theolog[1] (dessen Namen ich mit Vorbedacht verschweige, damit nicht eine griechische Krhe das der Esel bey der Leyer spttisch ausrufe) diese Stelle theologisch-meisterhaft erklrt. Mit den Worten als ein Unweiser sag ich es; ich bin es mehr als sie fngt er ein neues Capitel an; und mit einem dialectischen Meisterzuge fgt er einen neuen Abschnitt bey; und dieses auf folgende Weise, dabey ich seine eigenen Worte nicht nur formaliter sondern auch materialiter anfhren will: Als ein Unweiser sag ich es, da ist wenn ich euch als Narr vorkomme, indem ich mich den falschen Aposteln an die Seite setze, so werdet ihr mich noch fr nrrischer halten, da ich ihnen den Weg ablaufe. Aber bald darauf fllt der gute Mann, der kein eisenmssiges Gedchtni haben mu, auf etwas ganz anders. Aber, was hab ich nthig mich ngstlich auf ein einzelnes Beispiel zu berufen? Die Theologen haben sich ja augenscheinlich das Recht verschaft, den Himmel, da ist die heilige Schrift, wie der Schuster das Leder auszudehnen. Beym Paulus widersprechen sich gewisse Worte der Schrift, die sich an den Stellen, daraus sie gezogen sind, nicht widersprechen; wenn man den fnfzngigen (griechisch, lateinisch, hebrisch, chaldisch, und Dalmatisch redenden) Hieronymus Glauben zustellen kann. Zum Exempel, der Apostel sah in Athen die Aufschrift eines Altars; er verdreht sie zum Behufe des christlichen Glaubens; indem er alles das weglt, was seiner Sache htte nachtheilig seyn knnen, und nur diese Worte dem unbekannten Gott und zwar auch gendert, anfhrt; die ganze Aufschrift lautete also: Den Gttern von Asia, Europa und Afrika, den unbekannten und fremden Gttern. Nach diesem Beyspiele, wie mich deucht, richten sich unsre heutige Theologen; hier und da klauben sie vier oder fnf Wrtchen zusammen, und auch diese, wenn es nthig ist, drehen sie so lang herum, bis sie dabey ihren Vortheil finden, wenn gleich das Vorhergehende und Folgende nichts dazu hlft, oder ihm wohl gar gerade widerspricht. Dieses thun sie mit einer so glcklichen Unverschmtheit, da oft die Rechtsgelehrten auf die Theologen eiferschtig werden. Worinn sollt es ihnen jetzt nicht gelingen? Jener grosse Theolog (bald htt ich ihn wieder genannt, wenn der Esel bey der Leyer mich nicht nochmals abgeschreckt htte) hat ja aus einigen Worten des Lucas eine Meynung herausgeleiert, die mit dem Sinne Christi so vertrglich ist, wie das Feuer mit dem Wasser. Da sich die usserste Gefahr nherte, eine Zeit, in welcher getreue Anhnger sich am geflissensten erweisen, ihren Gnnern beyzustehen, und nach bestem Vermgen auf ihrer Seiten zu streiten, da fragte Christus seine Jnger, die er lehren wollte, sich auf keine solche usserlichen Vertheidigungsmittel zu verlassen, ob sie je an etwas Mangel gehabt haben, da er sie ohne Reisegeld ausgesandt hatte; da sie weder mit Schuhen zur Vertheidigung wider Dornen und Steine, noch mit einem Reisesack und Nahrungsmittel zur Abtreibung des Hungers versehen gewesen. Nein, sagten sie, nie hatten wir Mangel. Jetzt aber, sprach er, wer einen Beutel und Sacke hat, nehm ihn; und wer kein Schwerdt hat, kaufe eines, wenn er gleich dewegen seinen Rock verkaufen mte. Da Christus stets die Sanftmuth, Vertrglichkeit und Verachtung des Lebens einschrfte, so ist hier seine Meynung nicht schwer zu finden; nmlich, um seine Gesandten jetzt noch mehr zu entwaffnen, sagt er ihnen, sie sollen sich nicht nur der Schue und des Sackes entschlagen, sondern auch den Rock wegwerfen, um das evangelische Geschft desto hurtiger und ungehinderter betreiben zu knnen; sie sollen sich nichts anschaffen, als ein Schwerdt; nicht ein solches, mit welchem Ruber und Mrder zu wrgen pflegen, sondern das Schwerdt des Geistes, das bis in das Innerste der Seele dringt, und daraus alle Leidenschaften so ausrottet, da nichts als Frmmigkeit in dem Herzen herrscht. Man sehe aber, wie jener Theolog die Sache zu verdrehen wei: das Schwerdt erklrt er fr die Vertheidigung gegen die Verfolgung; durch den Sack versteht er einen zureichenden Vorrath von Lebensmitteln; als ob Christus seine Meynung ndernd, weil es das Ansehen haben knnte, er habe seine Gesandten nicht stattlich genug ausgerstet, ber seine vorige Anordnung einen Widerruf thue. Also htte er seiner vorigen Aussprche vergessen: sie werden selig seyn, wenn man sie schmhe, schimpfe, peinige; sie sollen den Bsen nicht widerstehen; denn die sanftmthigen seyen selig, nicht die trotzigen; sie sollen die Vgel und die Lilien zum Beyspiele nehmen; jetzt sollen sie sich wohl hten, die Reise ohne Schwerdt anzutreten; ehender sollen sie ihre Kleider verkaufen. Wie er also meynt, da unter dem Worte Schwerdt alles verstanden werde, das zur Abtreibung eines feindlichen Angriffes dienlich seyn kann: also versteht er durch Beutel und Sack alle Lebensbedrfni. Also versteht dieser Dolmetscher des Geistes Gottes die Apostel mit Ober- und Untergewehr, um soldatenmig den Gekreuzigten zu predigen; auch lt er es ihnen an Reisegepcke und Mundproviant nicht fehlen, damit sie nicht genthigt seyen, auch das schlechteste Gasthaus mit hungerndem Magen zu verlassen. Der Mann lt sichs auch nicht anfechten, da auf den Befehl, ein Schwerdt zu kaufen, bald ein anderer erfolgte, der das Schwerdt einstecken hie; auch da es nie erhrt worden, da die Apostel sich wider Angriffe der Heiligen des Schwerdtes und Schildes bedient haben; etwas, das sie ohne Zweifel gethan htten, wenn ihnen dazu ein Befehl wre gegeben worden. Ein Anderer[2], den ich aus Hochachtung nicht nenne, und der ein sehr berhmter Mann ist, macht aus den bey dem Habakuk vorkommenden Huten, das ist Gezelten der Midianiten, die Haut des lebendiggeschundenen Bartholemus. Neulich wohnt ich, wie ich es oft thue, einer theologischen Disputation bey; jemand kam mit der Frage angestochen, auf welche Schriftstelle sichs grnde, da man einen Ketzer ehender durch Feuer und Schwerdt als durch Vernunftgrnde besiegen msse. Ein saurer Graukopf, an dem schon die germpfte Stirn den Theologen verrieth, schrie auf eine hmische Weise, dieses Gesetz hat ja Paulus gegeben, da er sprach: einen ketzerischen Menschen meide, nachdem du ihn etlichemal ermahnet hast. Nachdem er diese Worte mit grossem Nachdrucke verschiedenemal wiederholet hatte, und jedermann im Zweifel war, was sich doch in des Mannes Kopfe msse zugetragen haben, lie er sichs endlich gefallen, sich nher zu erklren. Um diese seine Erklrung zu verstehen, mssen Sie meine Herren wissen, da der Mann latein geredet habe, und, meide in dieser Sprache heisse _devita_; nun spaltete der verschmitzte Mann dieses Wort, und schrie: heit es nicht ausdrcklich _de vita_ aus dem Leben weg und ists nicht klar, da man die Ketzer verbrennen und die Asche in die Luft streuen msse? Einige lachten; doch fehlt es auch an solchen nicht, denen diese Erklrung recht theologisch zu seyn schien. Weil sich aber doch noch Unglubige finden lassen, lie sichs unser unbesiegbare Held gefallen, den Knoten mit einmal zu zerschneiden, indem er sprach: Merket auf; es steht geschrieben, einen Maleficanten soll man nicht leben lassen; nun ist jeder Ketzer ein Maleficant; und folglich, und so weiter. Alle Anwesenden bewunderten des Mannes Scharfsinn, und fielen seiner Meynung mit Haut und Haaren bey; keinem trumte auch nur, da das Gesetz von Zauberern rede, die hier durch Maleficanten verstanden werden; sonst mte man auch jeden Hurer und Trunkenbold, die ja auch Maleficanten oder Uebelthter sind, mit dem Tode bestrafen. Bin ich aber nicht nrrisch, da ich mich bey Dingen verweile, deren es so unzhlbar giebt, da sie in den tausend von dem Chrysippus und dem Didymus geschriebenen Bnden nicht Raum finden knnten. Nur dieses mcht ich mir ausgebeten haben: da man es jenen Meistergelehrten nicht bel nimmt, wenn sie zuweilen einen Fehlschlu thun, so hoff ich, man werde fr mich auch, deren theologische Einsichten noch auf sehr schwachen Fssen stehen, Nachsicht haben, wenn ich nicht alles haarklein abgezirkelt habe. Endlich komm ich wieder auf den Paulus. Indem er von sich selbst redet, spricht er: Ihr pfleget die Thoren mit Geduld zu ertragen -- nehmet auch mich als einen Thoren an -- ich rede nicht nach Gott, sondern wie in Thorheit -- wir sind Narren um Christi Willen. Man hat gehrt, wie der grosse Mann zum Lobredner der Narrheit wird. Ja, ffentlich fordert er zur Narrheit auf, als zu der nothwendigsten und heilsamsten Sache:Wer unter euch weise zu seyn scheint, der werde ein Narr, damit er weise werde. Beym Lucas werden zween Jnger, zu denen Jesus sich auf dem Wege gesellt, von ihm Narren genennt. Noch mehr verwundere ich mich darber, da Paulus das Herz hat, Gott selbst etwas von Narrheit zuzuschreiben: Gottes Narrheit ist besser als der Menschen Weisheit. Der Ausleger Origines will nicht, da man diese Narrheit der Meynung der Menschen beylege; wie auch nicht die Stelle das Wort des Kreuzes ist Narrheit bey denen, die verlohren gehen. Warum bemhe ich mich aber, die Sache ngstlich durch so viele Zeugnisse zu untersttzen? In den mystischen Psalmen sagt Christus gerade heraus zum Vater: Dir ist meine Thorheit bekannt. Es geschicht nicht von ungefehr, da Gott an den Narren ein so herzliches Wohlgefallen hat; die Ursache wird wohl diese seyn: Bey den grsten Frsten sind die, welche allzuklug und scharfsichtig sind, verdchtig und verhat; also traute Csar dem Brutus und Cassius nicht, setzte aber kein Mitrauen in den nassen Bruder Antonius; Nero konnte den Seneca nicht leiden; Dionysius den Plato nicht. Hingegen machen ihnen die Dickkpfichten und Unweisen ein grosses Vergngen. Gleicherweise verabscheut und verdammt Christus durchgehends jene Weisen, die sich auf ihre Klugheit was grosses einbilden. Paulus giebt es deutlich zu verstehen, wenn er sagt: was nrrisch vor der Welt ist, das hat Gott gewhlt -- es hat Gott gefallen, durch Narrheit die Welt zu erhalten; die Welt, die durch Weisheit nicht zu verbessern war. Ja, Gott selbst spricht durch den Mund des Propheten: ich will die Weisheit der Weisen verderben, und die Klugheit der Klugen zernichten. Auch hat Christus Gott gedankt, da er das Geheimni des Heils den Weisen verborgen, und den Unmndigen (nach der Kraft der Grundsprache, den Narren) geoffenbaret habe, die er den Weisen entgegensetzt. Hieher gehrt auch, da Christus in dem Evangelium durchgehends, den Pharisern, Schriftgelehrten und Gesetzerklren, den Krieg ankndigt, und hingegen den ungelehrten Pbel in seinen Schutz nimmt; denn das wehe euch Schriftgelehrten Pharisern wird zuletzt anders nichts sagen wollen, als wehe euch Weisen. Kindern, Weibern, Fischern, war er vorzglich gewogen. Unter den Thieren gefielen ihm die vorzglich, welche von der Klugheit des Fuchses am weitesten entfernt sind. Er whlte sich einen Esel bey seinem Einzuge, und htte sich, wenn es ihm beliebt htte, eben so sicher dazu eines Lwen bedienen knnen. Der heilige Geist kam in der Gestalt einer Taube herab, nicht eines Adlers oder Geiers. Ferner nimmt die heilige Schrift oft Gleichnisse von Hirschen, Rehen und Lmmern her. Die zur Unsterblichkeit Auserwhlten werden Schafe genannt; nun giebts nichts dmmers als dieses Thier; und schon beym Aristoteles steht ein Schafskopf in keinem grossen Ruhme. Christus schmt sich nicht, fr den Hirten einer solchen Heerde gehalten zu werden; und Johannes bezeugt, da es ihm gefallen habe, wenn man ihn ein Lamm nennte siehe das Lamm Gottes. Und so wird er im Buche der Offenbarung oft betitelt. Was heit alles dieses anders, als die Menschen, auch die Frommen, seyen Narren? Christus, um der Narrheit der Sterblichen zu Hlfe zu kommen, da er die Weisheit des Vaters war, habe selbst etwas von dieser Art mit des Menschen Natur angenommen, da er in seinen Geberden als ein Mensch erfunden worden? so wie er auch um der Snde abzuhelfen, zur Snde geworden; und abhelfen wollte er ihr blos durch die Thorheit des Kreuzes; sich auch nur tummer und ungelehrter Apostel bedienend, denen er fleisig Narrheit empfiehlt, sie von der Weisheit abschreckend, indem er ihnen Kinder, Lilien, Senfkrner, Sperlinge, zum Muster der Nachahmung anpreist; tumme und verstandlose Geschpfe, die blos durch den natrlichen Instinkt, ohne Kunst und Sorge fortdauern. Er will, da sie sich nicht darum bekmmern sollen, was sie von den Grossen der Welt reden wollen; er verbietet ihnen, den Zeiten und ihren Vernderungen nachzuforschen, damit sie sich in nichts auf eigene Klugheit sondern ganz auf ihn verlassen mgen. Gott, der Baumeister der Welt, verbietet den ersten Menschen, von dem Baume der Erkenntni nur das geringste zu kosten; gerade, als ob dieses fr die Glckseligkeit ein Gift wre. Paulus spricht deutlich, da das Wissen etwas aufblhendes und schdliches sey. Bernhardus, wenn ich mich nicht irre, nahm ihn zum Muster, da er den Berg, den Lucifer nach einer Meinung zu seinem Wohnsitze gewhlt, den Berg der Erkenntni nennt. Vielleicht verdient auch dieses zum Beweise angefhrt zu werden, da die Narrheit bey den Himmelsbewohnern in Gunst stehe: man beruft sich auf sie, wenn man Verzeihung wegen einen Fehler erhalten will; der Weise wei wohl, da er nicht Vergebung finde, wenn er etwas verfehlt hat; und was thut er in solchem Falle? er giebt vor, da er sich gleich einem Narren betragen habe. Wenn Aaron (wenn ich mich recht erinnere, im vierten Buche des Moses) die Snde seines Weibes abbittet, so spricht er: ich bitte dich, mein Herr, rechne uns diese Snde nicht zu, die wir thricht begangen haben. Auch Saul bittet den David also um Vergebung: es liegt ja klar am Tage, da ich thricht gehandelt habe. David selbst trachtet sich also bey Gott einzuschmeicheln: ich bitte dich, Herr, nimm das Verbrechen von deinem Knechte weg, denn wir haben thricht gethan, als ob er keine Vergebung htte erhalten knnen, wenn er nicht Narrheit und Unwissenheit vorgeschtzt htte. [Illustration] Das berzeugendeste ist dieses: da Christus am Kreuze fr seine Feinde bath, sprach er: Vater, vergieb ihnen, denn sie wissen nicht was sie thun. Ihre Unklugheit hlt er fr ihre beste Entschuldigung. Also schrieb Paulus an den Timotheus: Gott erwie sich mir barmherzig, weil ich es im Unglauben unwissend that. Was heit das unwissend anders, als er habe es aus Narrheit und nicht aus Bosheit gethan? Und sieht man hier nicht zugleich, nur unter dem Schutze der Narrheit sey ihm Barmherzigkeit wiederfahren? Auch dient hieher die Stelle (ich fhre sie aus Vergelichkeit etwas spt an) des mystischen Psalmdichters: Gedenke nicht der Uebertretungen meiner Jugend und meiner Unwissenheiten. Haben Sie es bemerkt, meine Herren, da er seine Jugend vorschtzt, die mich zur steten Gefehrtinn hat, und seine Unwissenheiten, wo die gebrauchte mehrere Zahl die Grsse seiner Thorheit andeutet. Damit ich mich nicht ins Unendliche vertiefe, will ich nur berhaupt dieses sagen: Es scheint wirklich, die christliche Religion stehe mit der Narrheit in einer Art von Verwandtschaft und vertrage sich mit der Weisheit ganz und gar nicht. Wie! man verlangt Beweise hierber? Hier sind sie: Erstlich; Kinder, Greisen, Weiber, Bldsinnige, haben vorzglich ein Vergngen an Kirchlichen Gebruchen und Ceremonien; sie drngen sich stets am nchsten zu den Altren; und zwar blos durch einen Naturtrieb. Anbey waren die ersten Stifter der Religion wunderbare Freunde der Einfalt und geschworne Feinde der Gelehrtheit. Endlich giebt es keine tmmere Stocknarren, als die, in denen die Flamme der christlichen Frmmigkeit lichterloh brennet; sie werfen ihr Geld reichlich aus, achten keine Beschimpfung, lassen sich betrgen, machen keinen Unterschied zwischen Freunden und Feinden, verabscheuen die Wollust, msten sich mit Fasten, Wachen, Weinen, Arbeiten, Grmmungen; sind des Lebens berdrssig, wnschen sich nichts als den Tod; kurz, es scheint, selbst der gemeine Menschenverstand knne keinen Eindruck mehr in sie machen; es ist, als ob sich ihr Geist um eine andere Herberge umgesehen, und seinen Leib verlassen habe. Und was ist dieses anders als Wahnsinn? Nein, es ist sich eben nicht gro darber zu verwundern, da es schien, die Apostel seyen voll sssen Weins; und da es den Richter Festus deuchte, Paulus rase. Da es mir einmal geglckt ist, mich, gleich jenem Esel, in der Lwenhaut sehen zu lassen, so will ich es wagen, auch dieses zu behaupten; die Glckseligkeit der Christen, um die sie sich so mhsam bearbeiten, ist anders nichts, als eine Art von Wahnsinn und Narrheit. Nein, meine Herren, bey den Worten mssen sie sich nicht aufhalten, sondern die Sache selbst erwgen. Die Christen, die in vielen Stcken mit den Platonikern bereinstimmen, behaupten, die Seele sey mit Banden des Krpers gefesselt, und werde durch die Schwere desselben gehindert, sich zur Betrachtung und zum Genusse des Wahren hinaufzuschwingen. Daher beschreibt Plato die Philosophie als eine Betrachtung des Todes, weil sie die Seele von sichtbaren und krperlichen Dingen entfernt; etwas, das sie mit dem Tode gemein hat. So lange die Seele sich der Werkzeuge des Leibes richtig bedient, ist sie gesund zu nennen; wenn sie aber, die Bande zerreissend, sich nach Freyheit bestrebt, und auf Flucht aus dem Kerker denkt, nennt man es Wahnsinn. Und doch sehen wir zuweilen, da diese Art von Menschen knftige Dinge vorhersagt, Sprachen und Wissenschaften besitzt, die sie vorhin nicht erlernet hatte, und durchgehends etwas Gttliches ussert. Ohne Zweifel kmmt dieses daher, da die von der Knechtschaft des Leibes etwas freyere Seele anfngt, sich ihrer angebohrnen Strke zu bedienen. Und eben dieses halte ich auch fr die Ursache, da Sterbende zuweilen wie Begeisterte reden. Wenn eine bertriebene Frmmigkeit hieran schuld hat, so ists vielleicht eine andere Art von Wahnsinne, doch jenem so nahe verwandt, da die wenigsten Menschen den Unterschied einsehen; insonderheit da die Zahl derer sehr klein ist, die sich in allen Theilen ihres Lebens von den brigen Menschen unterscheiden. Plato soll uns helfen, sie zu beschreiben: Menschen befinden sich in einer Hle eingeschlossen, da sie nichts als den Schatten der Dinge sehen; einer von ihnen hat sich daraus durch die Flucht gerettet; er kmmt wieder zu ihnen und spricht, er habe wirkliche Dinge gesehen; sie befinden sich in einem gewaltigen Irrthume, da sie glauben, es gebe nichts ausser den elenden Schatten; dieser Weise hat Mitleiden mit dem Wahnsinne der sich so sehr Irrenden; sie aber lachen ber ihn, als ber einen Bldsinnigen, und stossen ihn von sich. Also bewundert der Pbel die krperlichen Dinge am meisten, und glaubt, da es keine andern gebe. Fromme hingegen verachten das, welches dem Krper am nchsten kmmt, am meisten, und werden ganz zur Betrachtung unsichtbarer Dinge hingerissen. Jene ziehen die Reichthmer allem vor; dann denken sie auf die Gemchlichkeit des Leibes; und die Seele mu sich mit der letzten Sorge behelfen; ja die meisten glauben nicht einmal eine Seele: denn sie lt sich ja nicht sehen! Diese hingegen steuern sich zuerst ganz auf Gott selbst, das einfltigste unter allen Wesen; nach diesem sehen sie auf das, was demselben am nchsten kmmt, auf ihre Seele; auf den Leib wenden sie keine Sorge; und das Geld verachten und fliehen sie, als ob es Koth wre. Wenn sie sich je mit etwas dergleichen abgeben mssen, so thun sie es als eine schwere Arbeit mit Widerwillen; sie habens, als htten sies nicht; besitzens, als besssen sies nicht. Durchgehends sind sie auch noch auf vielerley Weise von einander verschieden. Ja, alle Sinnen sind dem Leibe anverwandt; doch sind einige derselben grber, als das Gefhl, das Gehr, das Gesicht, der Geruch, der Geschmack; andere sind von dem Krper entfernter, als das Gedchtni, der Verstand, der Wille. Da, wo die Seele sich am meisten an etwas tastet, ist sie am strksten. Weil die Frommen alle ihre Seelenkrfte dem widmen, das sich von den grbern Sinnen am weitesten entfernt, so sind sie hier wie tumm und betubt. Mit dem Pbel verhlt sich die Sache gerade verkehrt. Haben wir nicht von einigen Gottesgelehrten gehrt, da sie in ihrer Zerstreuung Oel anstatt Wein getrunken haben? Unter den Leidenschaften der Seele haben einige mit dem groben Krper mehrere Gemeinschaft; zum Exempel die Lsternheit der Wollust, die Begierde zum Essen und Schlafen, der Zorn, der Stolz, der Neid; mit diesen sind die Frommen in steten Kriege verflochten; die Irdischgesinnten hingegen meynen, da sichs ohne dieselbe nicht leben lasse. Es giebt Leidenschaften von einer mittlern Natur; sie sind gleichsam etwas natrliches; zum Exempel Liebe gegen das Vaterland, gegen die Kinder, die Aeltern, die Freunde. Der gemeine Mann rumt denselben etwas ein; jene aber trachten auch diese Leidenschaften aus der Seele zu verbannen; wenigstens sich ihrer nur dann zu bedienen, wenn sie sich in den hchsten Grad der geistigen Tugend verfeinert haben; so da sie jetzt zwar den Vater lieben, aber nicht als Vater, denn dieser hat ja nichts als den Leib gezeigt (ja ihn hat man eigentlich Gott zu verdanken) sondern als einen rechtschaffenen Mann, aus welchem das Bild jenes obersten Geistes hervorleuchtet, der allein das Hchste Gut zu nennen ist, und ausser welchem nichts liebens- und wnschenswrdig seyn kann. Eben dieser Richtschnur bedienen sie sich auch bey allen brigen Lebenspflichten; so da sie allerorten das Sichtbare, wo nicht ganz verachten, doch weit geringer als das Unsichtbare schtzen. Sie sagen, da sich auch in den Sacramenten und in den brigen gottesdienstlichen Handlungen Krper und Geist finden lassen. Beym Fasten zum Exempel halten sie nicht vieles darauf, wenn man sich nur von dem Fleischessen und der Nachtmahlzeit enthlt, (etwas, das der gemeine Mann fr ein vollkommenes Fasten hlt) wenn man nicht zugleich auch den Neigungen etwas entzieht; wenn man nicht dem Zorne oder dem Stolze, weniger als sonst erlaubt; wenn nicht die sich jetzt durch das Krperliche weniger beschwerte Seele Mhe anwendet, zum Geschmack und Genusse himmlischer Gter zu gelangen. Beym heiligen Abendmahle (sprechen sie) ist das ceremonialische nicht zu verachten, doch ist es an sich selbst wenig ntzlich, etwann schdlich, wenn nicht das geistliche hinzukmmt, nmlich, was durch die sichtbaren Zeichen vorgebildet wird; und vorgebildet wird der Tod Christi, dem die Menschen durch Bezwingung, Tdtung und gleichsam Begrabung der Neigungen des Leibes nachahmen mssen, um zu einem erneuerten Leben zu auferstehen, und sich mit ihm und untereinander zu vereinigen. Also betrgt sich und also denkt jener Fromme. Hingegen glaubt der Gemeine Mann, da die Religion anders nichts fordere, als sich bey den Altren einzufinden, sich zu denselben zu drngen, den Schall der Stimmen zu hren, und andere dergleichen kleine Ceremonien zu sehen. Und nicht nur in denen Dingen, die ich Beyspielsweise angefhrt habe, sondern durchsgehends in allem Thun und Lassen, flieht der Fromme von dem Krperlichen zum Ewigen, unsichtbaren und geistlichen. Weil sich zwischen diesen Leuten durchgehends ein so grosser Unterschied befindet, so kmmt jeder dem andern als wahnsinnig vor. Doch lt sich (wenigstens nach meiner Meynung) dieses Wort richtiger den Frommen beylegen, als den andern. Und dieses wird sich deutlicher einsehen lassen, wenn ich meinem Versprechen nach, krzlich werde dargethan haben, jene unendliche Belohnung sey anders nichts, als eine Art von Wahnsinne. Sie, meine Herren, mssen wissen, da es dem Plato schon damals etwas dergleichen getrumet habe, da er schrieb, die Wuth der Liebenden sey unter allen andern die glcklichste. Wer durch und durch verliebt ist, lebt nicht mehr in sich, sondern in dem Geliebten; und je mehr er sich von sich selbst entfernt und sich dorthin wendet, desto mehr wchst seine Freude. Wenn die Seele darauf umgeht, aus ihrem Leibe zu ziehen, und sich ihrer krperlichen Werkzeuge nicht richtig bedient, so legte man diesem ohne Zweifel mit Grunde den Namen der Wuth bey. Was wrden sonst die gewhnlichen Redensarten sagen wollen, er ist nicht bey sich; kehre in dich selbst zurck; er ist wieder zu sich gekommen? Ferner, je unumschrnkter die Liebe ist, desto grsser und glcklicher ist die Wuth. Wie wird es demnach mit jenem Leben der Himmelsbewohner beschaffen seyn, nach welchem fromme Seelen so inbrnstig seufzen? Mit siegreicher Strke ausgerstet, wird der Geist den Krper verschlingen; und schwer wird ihm solches nicht fallen: er ist bereits schon wie in seinem Reiche; und schon in vorigen Leben hat er den Krper zu einer solchen Verwandlung gereinigt und verfeinert. Hernach wird die Seele von jenem hchsten unendlichstrkern Geiste auf eine wunderbare Weise verschlungen werden. Der ganze Mensch wird dann ausser sich selbst seyn, nur dadurch beglckt, da er ausser sich selbst gesetzt ist, und sich durch jenes hchste alles an sich ziehende Gut unaussprechlich beseligt befindet. Diese Seligkeit gelangt mithin erst dann zur Vollkommenheit, wenn die Seelen mit ihren vorigen Leibern wieder werden bekleidet, und beide unsterblich seyn; doch, weil das Leben der Frommen anders nichts ist, als eine Betrachtung jenes Lebens, und gleichsam ein Schattenri desselben, so geschieht es, da sie sich hier schon zuweilen bey einem entzckenden Vorschmacke desselben erquicken knnen. Freylich ist dieses nur ein beraus kleines Trpflein, in Vergleichung mit jener Quelle der ewigen Glckseligkeit; doch bertrift es weit alle Wollste des Krpers, gesetzt, da man auch alle Vergngungen aller und jeder Sterblichen in sich vereinigen knnte. So weit besser ist das Geistige als das Krperliche, das Unsichtbare als das Sichtbare. Dieses ists, was ein prophetischer Apostel hierber zu sagen gehabt hat: kein Auge hats gesehen, kein Ohr gehrt, in keines Menschen Herz ists gekommen, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben. Und dieses war Maria Theil, der bey der Vernderung nicht wegfllt, sondern zur Vollkommenheit gelangt. Wer mit einem solchen Gefhle begnadigt worden (nur wenige haben sich dessen zu rhmen) der fhlt in sich etwas, das dem Wahnsinne sehr hnlich ist; er redet Dinge, die nicht zusammenhngen; er redet nicht wie die brigen Menschen; Tne sind es, bey denen sich kein Verstand ussert; in seinem Gesichte zeigen sich etwann die seltsamsten Geberden; bald frhlich, bald niedergeschlagen; weinend, lachend, seufzend; kurz, er ist nicht bey sich selbst; und wenn er wieder nach Hause kmmt, so will er nichts davon wissen, wo er gewesen sey; im Krper oder ausser demselben; ob er gewacht oder geschlafen habe; was er gehrt, gesehen, gesagt, gethan, sind alles Dinge, deren er sich nicht erinnern kann, als nur durch einen Nebel, einen Traum; nur dieses wei er, er sey am glcklichsten gewesen, alldieweil ein solcher Wahnsinn ihn beseligt habe. Seine Genesung beweint er; sein eifrigster Wunsch ist, da ein solcher Wahnsinn ihm ewig mchte zu Theil werden. Und dieses ist ein sehr kleiner Vorschmack der knftigen Glckseligkeit. Doch schon lange hab ich meiner vergessen, und bin aus meinen Schranken gewichen. Wem es scheinen mchte, ich sey in meinen Reden zu frey und zu schwatzhaft gewesen, der erinnere sich, da die Narrheit und ein Weib bisher geplaudert hat. Dennoch bitte ich Sie, meine Herren recht schn, zu bedenken, da man schon bey den alten Griechen gesagt habe, ein Narr rede oft sehr schicklich. Und den unhflichen Einwurf will ich von Ihnen nicht erwarten, die Griechen haben dieses Lob nur einem Narren, nicht aber einer Nrrinn, beygelegt. Ohne Zweifel erwarten Sie, meine Herren, zum Beschlu eine feyerliche Zueignung; in ihren Minen sehe ich es; aber, seyen Sie nicht Erznarren, da Sie sich bereden, ich werde mich alles des von mir herausgeschwatzten Wrterplunders noch erinnern knnen? Die Alten sagten: weg vom Trinkgelage mit dem der nichts vergessen kann! Ich sage: weg aus meinem Hrsaale mit dem, der ein gutes Gedchtni hat! Nun, meine Herren, weltberhmte Anhnger der Narrheit, leben Sie wohl, und wenn Sie mir Ihren Beyfall zugeklatscht haben, so vergessen Sie nicht, auf meine Gesundheit zu trinken. Druck von Mnicke und Jahn in Rudolstadt. Funoten: [Funote 1: _Nicolaus de Lyra._] [Funote 2: _Jordanus._] End of Project Gutenberg's Das Lob der Narrheit, by Desiderius Erasmus License: Share Alike