Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net. +--------------------------------------------------------------+ | | | Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Textauszeichnungen | | wurden folgendermaen gekennzeichnet: | | | | Sperrung: #gesperrter Text# | | Antiquaschrift: _Antiquatext_ | | | +--------------------------------------------------------------+ Der Widerspenstigen Zhmung von Karl Ettlinger (Karlchen) 1919 Georg Mller Verlag Mnchen Ich will es lieber gleich sagen, da es sich ja doch im Laufe der Geschichte herausstellt: Frau Borges war ein Drache. Keiner von den Drachen, die einen Goldschatz oder eine Jungfrau bewachen und die dadurch immerhin noch etwas Sympathisches haben, -- nein, sie war ein Drache ohne jede hhere Mission, ein Drache, dessen einziger Lebenszweck darin bestand, ihrem Gatten das Dasein zu versauern. Ihr habt gewi schon den Drachen Fafner auf der Bhne gesehen? O was ist das fr ein gemtlicher Drache! Er bewegt sich ein bissel auf der Drehscheibe, schlgt ein bichen mit dem Schwanz um sich und speit ein bichen Feuer. Er kann an Frau Borges nicht tippen. Die fhrt herum wie auf hundert Drehscheiben, schlgt um sich wie mit hundert Schwnzen, und mit ihrer Zunge versengt sie mehr gute Rufe als der Dilettant Fafner Grser und Kruter. Obendrein wird der Fafner, gottlob, von Siegfried #erschlagen#. Er stirbt bekanntlich an den Stabreimen, mit denen Siegfried ihn mihandelt, und von denen der berhmteste lautet: Eine zierliche Fresse zeigst Du mir da! Das htte einmal Herr Borges zu #seinem# Drachen sagen sollen! So viel Drachenschwnze gibt es gar nicht! Und Herr Borges war berdies alles andere eher als ein Siegfried. Nie wre er auf den Gedanken gekommen, im Walde wilde Bren zu fangen (was ihm im Offenbacher Stadtwald auch schwerlich gelungen wre), er schlug keine Ambosse entzwei, schmiedete kein Notung, und das Frchten brauchte ihm nicht erst von einer Brnhilde gelehrt zu werden. Das Einzige, was Adolf aus dem Geschlechte Borges mit Siegfried aus dem Geschlechte Wlsungen gemein hatte, waren die treuherzigen blauen Augen. Er sah mit diesen Augen so kindlich unschuldig in die Welt, da sich jede Mcke sagte: Der kann Dir nichts zu leid tun!, und sich auf seine Nase setzte. Er war einer von den Gerechten, die viel zu leiden haben, denn ein gutes Herz ist wie ein rosiger Apfel, der in stiller Pracht am Baume hngt, -- und nach dem deshalb alle bsen Buben mit Steinen werfen. Die Statistik, die der Erzengel Gabriel im Auftrag des lieben Gottes fhrt, hat nachgewiesen, da es auf Erden bedeutend mehr #bse# Buben gibt als gute. Und ich kann deshalb meinen Mitmenschen nur den wohlgemeinten Rat geben: Wenn Du ein gutes Herz hast, so halte es geheim wie einen Leberfleck, denn sonst prasselt es von allen Seiten Steine auf Dich! Auf das Heiligsein steht noch immer die Todesstrafe, und die Gutherzigen werden noch immer mit Pfeilen beschossen wie Sebastian, gesteinigt wie Stephanus oder gerstet wie Laurentius. Das hatte auch Adolf Borges in den fnfzig Jahren seines Lebens reichlich erfahren mssen. Fast dreiig Jahre war er Ausgeher in dem groen Konfektionsgeschft von Feldmann und Schrder in der Schlostrae. Er hatte das Wachsen des Hauses miterlebt, -- die Firma war emporgeblht, und er selbst war dabei verwelkt. Nur seine treuherzigen blauen Augen blhten noch immer aus seinem welken Gesichtchen hervor wie zwei groe Glockenblumen, beschattet von dem Gestruch der Kommis und den mchtigen beiden Stmmen der Geschftsinhaber. Adolf erinnerte sich noch genau, wie das alte Haus umgebaut worden war, um Raum zu schaffen fr die zwei groen Schaufenster. Damals waren die alten Holzpuppen, die bisher als Modellstnder gedient hatten, durch pausbckige Wachsfiguren ersetzt worden. Die Holzpuppen hatte er auf den Speicher tragen mssen, und er fhlte dabei eine wehmtige Verwandtschaft mit diesen leblosen Dingern. Was bistde #mehr# wie so e Holzbubb? sagte er zu sich. Genau so, wie ich jedz Euch enufftrag uff de Speicher, so wern se aach #mich# eines Dags enaustrage uff de groe Menschespeicher, unn es werd kaa Hahn nach merr krhe unn kaa Hund nach merr belle! Unn an mei Schdell werd aach so ebbes Neues, Pausbckiges komme, unn die Welt dreht sich weider unn werd regiert von der ahle Drehkrankheit, unn wann emal erjend e ahler Geschftsfreund frgt: >Herr Feldmann, hawwe Se net emal so en klaane Auslufer gehabbt, de Adolf?<, werd der Herr Feldmann antworte: >De Adolf Borges? Der is schonn lngst dod! No, es is net besonnersch viel an em verlore!< Und er erinnerte sich daran, wie die Petroleumlampen waren durch Gaslster ersetzt worden, und spter die Gaslster durch groe Bogenlampen. Immer heller war es um ihn geworden, immer herrlicher und grer, und er selber kam sich immer kleiner vor. Er erinnerte sich auch der vielen Angestellten, die im Laufe der Jahre in das Geschft eingetreten und wieder ausgetreten waren, teils freiwillig, teils unfreiwillig. Da war der Herr Bernheim gewesen, der ihm immer nachmittags eines von seinen Butterbrtern zur Vesper geschenkt hatte: Adolf, hastde Hunger? Komm her unn fre! Und er hatte ihm eines Tags zur groen Heiterkeit des ganzen Personals erwidert: Herr Bernheim, ich dank Ihne aach schee! Basse Se uff: wann Se emal in de Himmel komme, dann steht der Petrus drowwe unn hat de Mond als Pannekuche in der rechte Hand unn sggt: >Bernheim, du warst e guder Mensch, -- komm her unn fre! Und er hatte nicht verstanden, was es da zu lachen gab. Da war ferner der Herr Meier gewesen, dem er jeden Abend beim Geschftsschlu den Rock hatte ausbrsten und die Stiefel blankreiben mssen; denn der Herr Meier hielt sich fr sehr schn und lchelte auf der Strae den Mdchen zu, und wenn ihn ein Kollege fragte: Herr Meier, wo waren Sie gestern abend?, dann grinste er, da die abstehenden Ohren wackelten, und flsterte: Geschftsgeheimnis! Aber schn war's! Des Herrn Meier Spezialitt war das Bedienen der jungen Mtter gewesen, die ihren Buben Schulanzge kauften; auf die strzte er zu und schwnzelte um sie herum und gebrauchte fnfzehnmal in einem Satz die Anrede Gndige Frau und schwatzte ihnen die ltesten Anzge auf. Und wenn sie wieder aus dem Geschft drauen waren, sagte er stolz: Adolf, haben Sie den Blick gesehen? Den Blick? Adolf, ich sag' Ihnen, wenn ich #wollt#', -- aber ich will net! Und der alte Adolf Borges dachte sich, indem er den verkauften Ladenhter einwickelte: Merr sollt em aach als emal de #Schnawwel# mit erer Berscht abreiwe! Awwer mit erer #Drahtberscht#! Man sieht aus diesen Randglossen, da Adolf Borges keineswegs ein Dummkopf war. O nein, er war ein kluges Mnnlein, aber seine Klugheit war schchtern wie ein Tanzstundenjngling; sie getraute sich nicht, die schne Dame Lebensfreude zu engagieren, aus lauter Angst, ihr auf den Fu zu treten, und so kam es, da die schne Dame Lebensfreude auch ihn nie engagierte, wenn die guten Feen gerade Damenwahl hatten. Adolf Borges brachte es zu nichts auf der Welt und blieb Auslufer bei Feldmann & Schrder in der Schlostrae zu Offenbach am Main. Er schnrte Pakete und besorgte Gnge, er staubte die Pulte ab und reinigte die Tintenfsser. Und jedesmal, wenn er dem ekligen Kassierer das Tintenfa auffllte, machte er drei Kreuze darber und bei jedem Kreuz murmelte er: Hunnert Rechefehler solle drin sei, in dere schwarz Brieh! Denn ein ganz kleines bichen boshaft konnte er auch sein, -- trotz seiner Glockenblumenaugen. Eigentlich war es wunderlich, da er, der Gatte Katharinas, nicht #mehr# Bosheit besa. Ein besseres Vorbild konnte es doch unmglich geben. Oh, wie ungerecht ist das Schicksal! Katharina, -- das wre so die richtige Gattin fr einen Franz Moor gewesen! Auch Richard der Dritte htte sie getrost freien knnen, stammte sie doch aus dem uralten Adelsgeschlecht der Xantippen. Und nun mute gerade der arme, kleine Adolf an sie geraten! Wahrlich, das Schicksal ist der gemeingefhrlichste Geisteskranke, der unentmndigt herumluft, und schon lngst gehrte es unter Kuratel gestellt. Wre das Schicksal nicht rettungslos blind, niemals htte es die Glockenblumen in Adolfs Augen und die Disteln in Katharinas Augen kreuzen knnen. Katharina, -- ich habe sie bereits mit Fafner verglichen. Aber wirft Fafner mit Suppentellern? Steht er mit dem Kehrbesen oder dem Schrhaken hinter der Tre, wenn Alberich abends nach Hause kommt? Schreit Fafner den Siegfried an: Du hast iwwerhaapt nix zu sage!! ffnete Fafner Briefe, die ihn nichts angingen? Sang er ewig die Litanei: O Gott, o Gott, wie konnt ich nor so dumm sei', Dich zu heierate!! Prinze unn Korferschte htt' ich hawwe knne!! Unn so en Schlappschwanz mu ich nemme! O Gott, ich unglicklich Fraa! Man sehe in der Partitur nach, Siegfried, 2. Akt, ob Fafner so etwas singt. Nein, er tut es nicht. In der Urzeit waren die Drachen offenbar noch harmloseren Gemts, und wenn der Drache, den der heilige Georg erlegte, nicht #mehr# hnlichkeit mit Katharina hatte als Fafner, dann sollte man wirklich nicht so viel Aufhebens von der ganzen Affre machen. Der alte Plato wei in seinem Gastmahl zu berichten, da Mann und Weib ursprnglich ein einziges zusammengewachsenes Wesen gewesen seien, das durch irgendeine Macht halbiert wurde, und da sich die beiden Hlften nun ewig in Sehnsucht wieder zu vereinigen suchen. Beruht diese Fabel auf Wahrheit, dann wollen wir Gott danken, da die andere Hlfte Katharinas offenbar verloren gegangen ist! Nun, da sie mit Adolf Borges zusammengewachsen war, glich diese Ehe einem jener lustigen Tierbilder, auf denen bermtige Zeichner einen Elefanten mit Entenfen ausstatten oder einem Storch einen Nashornkopf aufsetzen. Es gibt Ehen, die gleichen einem geruhigen Biedermeierpostwagen; hbsch langsam gleiten sie dahin, lassen sich Zeit, alle Schnheiten ringsum zu bewundern, auf dem Bock sitzt der Ehemann neben der Gattin und blst Trara, und die ganze Postkutsche ist voll Kinderchen. Er blst nicht immer ganz harmonisch, der Herr Ehemann, manchmal giekst das Posthorn schauerlich, -- macht nichts, die verzckte Gattin behauptet dennoch: Mnne, so wie Du blst keiner! Andere, modernere Ehen gleichen einem _D_-Zug; der Ehemann steht als abgehetzter, unermdlicher Fhrer auf der Lokomotive, hat keine Muse, sich die Schnheit ringsum zu betrachten, denn die Rder rattern unaufhrlich den einfrmigen Rhythmus Pflicht -- Pflicht -- Pflicht! In einem Abteil erster Klasse sitzt derweil die Gattin, raucht eine Zigarette nach der andern, betrachtet sich zwischendurch in einem Handspiegelchen und seufzt: Gott, ist die Fahrt langweilig! Und der abgehetzte Lokomotivfhrer kann mitunter von Glck sagen, wenn er den ehelichen _D_-Zug glcklich an die irdische Endstation gebracht hat, ohne da unterwegs irgendein eleganter Herr in das Abteil erster Klasse eingestiegen ist, um die Fahrt unterhaltsamer zu machen. Andere Ehen wiederum lieen sich mit einer elektrischen Straenbahn vergleichen, in der man vor lauter Klingeln und Hasten sein eigenes Wort nicht versteht, und wo Wagenfhrer und Schaffnerin nach schwerer Tagesarbeit nur den einen Wunsch haben: sich einigermaen gut satt zu essen und gesund auszuschlafen. So lassen sich die verschieden gearteten Ehen mit den verschieden gearteten Fahrzeugen vergleichen, und wer Lust hat, mag die Bilderreihe zu Tode hetzen. Adolfs Ehe glich einem Schubkarren. Im Schweie seines Angesichtes drckte er ihn seine steinige, staubige Lebensstrae, und oben auf dem Schubkarren sa Frau Katharina, eine derbe Peitsche in der Hand, und wenn der arme Adolf einmal eine Schnaufpause machen wollte, pfiff ihm die Geiel um die Ohren, und er hrte eine kreischende Stimme: Prinze unn Korferschte htt' ich heierate knne! O Gott, ich unglicklich Fraa!! Das war eine der zahlreichen bertreibungen, derer sich Katharina in den durchaus einseitigen Aussprachen mit ihrem Ehemann zu bedienen pflegte. Selbst dem entthrontesten Prinzen wre es niemals eingefallen, um die Hand der Drechslermeisterstochter Katharina Bindegerst anzuhalten. Aber wir wollen gerecht sein und ihr diese bertreibung nicht zu dick ankreiden. bertreiben ist seit der Urzeit ein Reservatrecht der Frauen, der holden wie der unholden. Als Eva gerade eine Minute lang erschaffen war, und Adam aus seinem verhngnisvollen Schlafe erwachte, war Evas erstes irdisches Wort: Nun warte ich schon eine #Ewigkeit#! Und als sich Adam nun erhob, um das Naturwunder nher zu begucken, und als er es vorsichtig betastete, da fuhr Eva auf: Habe ich Dir nicht #schon hundertmal# gesagt, Du sollst mich nicht anrhren?! Damals bekam Adam einen Heidenschreck. Und dieser Schreck hat sich vererbt von Generation zu Generation. Jeder junge Ehemann kriegt ihn von Neuem, an jenem Tage, an dem seine Gattin zum ersten Male mit ihm zankt, ohne da er wei, warum. Und jeder Ehemann benimmt sich alsdann genau so paradiesisch tricht und nachgiebig wie unser Urahn Adam und heftet somit selbst den letzten Stich an dem Riesenpantoffel, von dem in der Schpfungsgeschichte nichts steht, und der sich gleichfalls von Generation zu Generation vererbt, -- und zwar in der #weiblichen# Linie. Adolf Borges machte es um kein Haar besser. Er war ja schon von Natur stets gar schchtern gegen das weibliche Geschlecht gewesen. E Fraa is sicher was Scheenes, sagte er sich als junger Mann, awwer ich will's gar net so schee hawwe! Die Fraue sin wie Heckerscher, wunnerliebliche Blmercher, die sich um de Mann ranke unn en schmicke unn verscheenern, -- awwer ich habb kaa Talent zum Blummestnner! Wann sich so e Heckersche um mich rankt, dann komme doch blo die Wespe unn die Biene unn die Hummele unn steche mich, -- naa, ich bleib liewer leddig! Man hat das weibliche Geschlecht nicht mit Unrecht die Sonne dieses Daseins genannt. Aber Adolf Borges hatte von jung auf eine unberwindliche Angst vor dem Sonnenstich. Wenn er nur von ferne so eine liebliche Sonne aufgehen sah, spannte er sogleich abwehrend seinen aus Sophismen gewobenen Sonnenschirm auf. Gehstde mit danze, Adolf? frugen ihn Sonntags seine Bekannten und Kollegen. Ich hipp net, ich bin kaa Laubfrosch! erwiderte Adolf, denn jeder Tanzboden dnkte ihn mehr oder weniger ein Blocksberg. Seine Freunde fuhren grberes Geschtz auf. Adolf, die dick' Anna, die Kchin von Schmidts in der Krummga, hat sich nach Derr erkunnigt! Ob De net nchste Sonndag nach der Goedheeruh kmst? Se htt Derr was zu sage! -- No?? En scheene Gru an die dick Anna, unn ich wr net neugierig! Unn se soll merr mit ihrer Goedheeruh mei Borgesruh lasse! sagte er und blieb des Sonntags zu Hause. Oder er bummelte allein im Stadtwald und am Mainufer umher, sah die schweren Mainkhne und Fle ziehen, sah die leichten Amseln schwirren und die drolligen Eidechsen huschen. Und empfing dabei mancherlei Schnes, was der liebe Gott nur an einsame Spaziergnger zu verschenken pflegt. Einmal fand er ein Vogelnest mit vier Eierchen. Nachdenklich stand er davor, wiegte den Kopf und sann: Vier Kinner uff aamol, -- naa, ich bleib leddig! Ein andermal setzte er sich im Walde ermdet nieder, legte den Kopf auf einen kleinen Hgel, der sich alsbald als Ameisenhaufen entpuppte. So is des ganze Lewe! sprach er und erhob sich betrbt. E Ameisehaufe! Unn da soll merr seine Eltern noch dankbar sei', da se ein in so was eneisetze! Und er griff sich melancholisch in den Kragen, um die hurtigen Tierchen, die seinen Hals als Tanzplatz benutzten, zu entfernen. Selten leistete er sich den Genu, des Abends in einer Kneipe zu einem Glas Bier oder einem Schoppen pfelwein einzukehren. Friedlich schichtete er daheim in der Waschtischschublade die kleinen Ersparnisse aus seinem bescheidenen Lohn und aus den Trinkgeldern, die er hie und da bei Besorgungen erhielt, zu einem Berg. Es war kein Himalaja, es war gleichfalls nur ein Ameisenhufchen, aber er hoffte, ihn mit der Zeit zu einem kleinen Hgel anschwellen zu sehen, von dem aus er in den Zeiten des Alters und der Gebrechlichkeit die Welt mit gengsamem Lcheln zu betrachten gedachte. Und das wre ihm vielleicht auch gelungen, htte das Schicksal nicht mit ihm einen grausamen Scherz vorgehabt und ihn als Untermieter in die Wohnung des Drechslermeisters Bindegerst gefhrt. Er war damals zweiundvierzig Jahre alt, und sein Herz zhlte somit bereits zu jenen Zielscheiben, denen gegenber es sich der kleine Gott Cupido erst dreimal berlegt, ehe er noch einen Pfeil daran wagt. Entschliet er sich aber dann doch dazu, so nimmt er keinen von den kleinen goldenen Pfeilen, die so s schmerzen, sondern er schnitzt sich einen groen, plumpen Kloben zurecht, mit scharfen Widerhaken, und versieht dieses vermaledeite Gescho, damit es auch recht zielsicher schwirre, noch eigens mit einem Propeller aus riesigen Eselsohren. An jenem ersten Mrz, als Adolf Borges mit seinem Handkfferchen die Stiege emporschlenderte, um bei dem Drechslermeister das vermietbare Dachzimmerchen zu besichtigen, spielte gerade ein Orgelmann im Hof den populren Rheinlnder: Katharinchen mit dem Selleriekopp, _Allez_ hopphopphopp! _Allez_ hopphopphopp! Diesen Drehorgler hatte der hohe Schutzgeist der Junggesellen eigens in den Hof gestellt, um Adolf eine letzte Warnung zukommen zu lassen. Da aber Adolf niemals einen Tanzboden besucht hatte und daher diesen Rheinlnder nicht kannte, und da er andrerseits nicht wissen konnte, da der Drechslermeister eine Tochter Katharina besa, fruchtete die Warnung leider nichts. Gu'n Nachmiddag! empfing ihn der alte Bindegerst freundlich. Neun Mark dht des Zimmerche koste! Mit Kaffee zeh' fuffzig! Es is e ruhig Zimmerche! Nor dhun als bei Nacht die Katze so kreische! No, da misse Se halt mit'm Bandoffel danach schmeie! Des knne se net verdrage! -- Was hawwe Se dann for en Beruf? Auslufer bei Feldmann & Schrder in der Schlostra! E foi Haus! bekrftigte Vater Bindegerst. E erstklassig Firma! Ich bin aach schonn emal bei're ereigefalle mit eme Aaazug! Wie lang sin Se dann schonn bei dene Leut? Zweiunzwanzig Jahr! seufzte Adolf. Des is e Embfehlung! schmunzelte Bindegerst. Des is e Embfehlung, wann's e Aagestellter so lang mit'm Brinzibal aushlt! -- Sin Sie eigentlich e Offebcher odder e Frankforder? E Frankforder wr' ich! Ich aach! Unn da sin Se nach Offebach ausgewannert? Ja, ich bin ausgewannert. Amerika war merr zu weit, da bin ich nach Offebach. Ich aach. No, steihe merr emal enuff in des Zimmerche! Se misse Ihne am Stiegegelnner festhalte, die Trepp is e bissi wackelig! Adolf sah sich das Zimmer an und behielt es. Er war ja so bescheiden in seinen Ansprchen, die Gabe des Widerspruchs war ihm versagt, und wenn der letzte Teil der Treppe sogar #vllig# gefehlt htte, und Herr Bindegerst htte gesagt: Se misse, um in Ihr Zimmerche zu komme, jedesmal en Rieseaufschwung mache!, er htte auch in diesem Falle nicht die Energie gefunden, nein zu sagen. Und berhaupt war es Adolf ziemlich gleichgltig, wie er wohnte. Was kimmt's dadruff aa? sagte er sich. Ich habb schonn Su geguckt, die hawwe in Stll gewohnt mit Borzellankachele, -- no, am Schlu sin se #doch# geschlacht' worn! Unn wann der Herr Feldmann unn der dick Herr Schrder ihr Haus noch e dutzendmal umbaue lasse unn dhun so viel Bogelampe enei wie in de Frankforder Haaptbahnhof, deshalb bleiwe se #doch# zwaa Rindviecher! Und er fhlte sich zunchst ganz wohl im neuen Heim. Wenn auch das Zimmerchen nichts enthielt als ein einigermaen ertrgliches Bett, einen morschen Spiegelschrank, in dem ein falscher Schlssel steckte, eine arg baufllige Waschkommode -- (Se kriehe evenduell emal e annerne, hatte Herr Bindegerst gegen seine eigene berzeugung behauptet) -- einen durchgesessenen Stuhl und einen Tisch, der, sobald man sich auf ihn sttzte, von selbst Rheinlnder zu tanzen anfing, es war doch so lauschig still des Abends da droben, und wenn man den Kopf zum Dachfenster hinausstreckte, sah man unten die Menschen wie kleine Kfer umherkrabbeln. Und das erschien Adolf sehr possierlich. Wie klaa misse se erscht dem liewe Gott vom Himmel aus vorkomme! meinte er. Da kann er freilich kaan Brinzibal vom Auslufer unnerscheide, unn kaan Rothschild von eme Schnorrer! Ich glaab werklich, es is gar net so schwer, die Mensche gerecht zu beorteile, -- merr mu nor weit genuch eweck sei! Und des Nachts schien der Mond in das Zimmerchen, der so viel demokratischer ist als die Sonne. Denn, wenn dich die Sonne ansieht, so mut du ehrfurchtsvoll, geblendet die Augen schlieen; den Mond aber kannst du ohne Zwinkern frhlich und freundlich begren wie deinesgleichen. Man hat nur noch kein gengend groes Fernrohr gebaut, sonst knnte man deutlich sehen, wie der Mann im Mond jeden Gru erwidert; jedesmal unterbricht er die Arbeit des Holzhackens und zieht seine Mtze, denn er hackt ja das Holz nicht fr eigene Rechnung, und deshalb eilt es ihm nicht so. Freilich, wie die Sonne ihren Sonnenstich austeilt, so gibt es auch den Mondstich. Aber den kriegen nur die lyrischen Dichter. Und dann hlt sich der Mann im Mond mit beiden Hnden die Ohren zu. In solchen mondhellen Nchten erhuben auch die von Vater Bindegerst bereits angekndigten Katzen ihre Stimmen. Ganze Sinfonie-Konzerte fhrten sie auf. Adolf htte ein ganzes Schuhwarenlager nach ihnen werfen knnen, es htte sie nicht gestrt. Im Gegenteil: kam ein Pantoffel geflogen, so faten sie das als Beifallsbezeugung, als eine Art ledernen Lorbeerkranz auf und gaben noch ein mindestens fnfteiliges Tongemlde zu. Herr Bindegerst, des soll der Deiwel aushalte, des Katzekonzert! beklagte sich Adolf einmal, als er die ganze Nacht kein Auge hatte schlieen knnen. Was hawwe die Viecher dann blo? Die Lieb'! erklrte der Drechslermeister als weltweiser Mann. Glaawe Se, die Mensche gewwe #scheenere# Tn' von sich, wann se verlibbt sin? Die Lieb is halt so musikalisch! Adolf, der ja die Liebe nicht aus eigener Erfahrung kennen gelernt hatte, gab sich mit dieser Erklrung zufrieden. Aber schon wurden die Saiten gestimmt, um auch ihn musikalisch zu machen. Und das Instrument, nach dem er tanzen lernen sollte, hie Katharina. Allmorgendlich um halb sieben Uhr brachte sie ihm den Kaffee hinauf. Sie stand zu diesem Zweck schon um sechs Uhr auf, wusch sich, indem sie mit dem feuchten Waschlappen ein paarmal das spitze Vorgebirge ihrer Nase umsegelte, kmmte ihr Haar, wobei man nicht an die Loreley zu denken braucht, und legte es sich in Strhnen um den Hinterkopf. Dann schlpften ihre drren Glieder in einen oft geflickten Unterrock, ihre behenden knochigen Arme fuhren heftig in eine Flanellbluse wie der Teufel in die Sauherde, der Oberrock wurde ber das Haupt gestlpt, und dann begann der Bauchtanz, den die Frauen auffhren mssen, bis endlich smtliche Rckenknpfe geschlossen sind. Zuletzt schlupfte sie in die Strmpfe und in die Schlappen. Begehrenswert war Katharina nicht; das fanden alle, die sie kannten, mit einer einzigen Ausnahme. Und die hie Katharina Bindegerst. Lichtenberg hat unrecht, wenn er behauptet: wenn ein Affe in den Spiegel sieht, kann kein Apostel herausschauen. Man frage nur den Affen! Gu'n Morsche, Herr Borges! lchelte Katharina so zauberhaft, als es ihr mglich war. Gu'n Gugurruru-Morsche, Frulein Binde-schtscht-ssgstgerst! entgegnete Adolf, der gerade beim Gurgeln und Zhneputzen war. Ach Gott, Ihne fehlt ja hinne 'n Knopp! schrie Katharina auf. Das hatte Adolf noch nicht bemerkt. Und er hatte es nicht bemerken #knnen#, da in Wirklichkeit an seiner Hose nicht der geringste Knopf fehlte. Aber darauf kam es der Offenbcher Circe auch gar nicht an; schon hatte sie Nadel und Faden gezckt und markierte auf Adolfs Kehrseite das Annhen eines Knopfes. Und obwohl er in dieser Situation unmglich ihr Gesicht sehen konnte, lchelte sie dabei unausgesetzt verfhrerisch. Ob sie ihn liebte? -- Nein. Sie war berhaupt keiner Liebe fhig. Da ein altes Holz Blten treibt, das kommt nur im Tannhuser vor, und auch da ganz am Schlu des letzten Aktes, so da man nicht nachprfen kann, wie lange die Blte vorhlt. Wohl hatte auch Katharina, wie alle Mdchen, eine Zeit gehabt, in der sie von jener naturwidrigen Art Ehe trumte, die zu neunzig Prozent aus Liebkosungen besteht, und in der man von Kssen und Anschmachten satt wird. Aber lngst hatte die Flut der Jahre dieses glckhafte Schifflein verschlungen. Nun war sie praktisch geworden, praktisch wie ein Sklavenhndler, und sah im Manne nur eine Versorgungsanstalt. Eine Rentenversicherung, der keine Kontrolle erlaubt ist und die obendrein bei der Auszahlung jedes Betrages einen Kniefall zu machen hat. Ein pensionsberechtigter Zwerg Nase wre ihr als Gatte sympathischer gewesen als der Apoll von Belvedere, von dem es ungewi ist, ob er eine Frau ernhren konnte. Ach, die so nchternen, trockenen Eheparagraphen des Brgerlichen Gesetzbuches erscheinen wie ein Hohelied auf die Liebe, verglichen mit den Eheanschauungen eines Mdchens, das erst einmal angefangen hat, praktisch zu denken! Danke schee! sagte Adolf Borges, als Katharina mit dem Festnhen des ohnehin bereits festgenhten Knopfes fertig war. Haww ich Ihne aach net gestoche? fltete Katharina und warf ihm einen Blick zu, bei dessen Empfang der frher erwhnte Herr Meier stolz gefragt htte: Adolf, haben Sie den Blick gesehen? Den Blick? Ich sag Ihnen, Adolf, wenn ich #wollt#' -- aber ich will net! Adolf war kein Meier. Er bemerkte den Blick berhaupt nicht. Noch stimmten die Saiten, nach deren Klang er das Tanzen lernen sollte, nicht genau, aber nur noch um kleine Schwankungen waren die Quinten unrein, und schon probierte Katharina leise, pizzikato, ob sie das Spiel wohl beginnen knne. Sie hatte das Tablett mit dem Kaffee auf den Tisch gestellt, doch nun fand sie, da es nicht gut stnde. Whrend ihr Dachzimmerherr den Schlips umband und die Jacke anzog, rckte sie an dem Tablett herum und stellte die inzwischen kalt gewordene Tasse Kaffee und das Butterbrtchen recht handlich hin. Dabei schwnzelte sie geziert um den Tisch und lie durch ein paar kokette Drehungen ihren gewitterfarbenen Rock ein wenig blhen, so da der Regenbogen ihres oftgeflickten Unterrocks sichtbar ward. Aber auch an dieser Naturerscheinung ging Adolf achtlos vorber. Da lie sie ihn denn allein, stieg die Treppe hinunter und seufzte: Merr hat's net leicht! Adolf schlrfte den kalten Kaffee, griff, noch mit beiden Backen kauend, nach seiner Mtze, machte sich auf den Weg zu Herrn Feldmann, um die Geschftsschlssel zu holen, begab sich in die Schlostrae, ffnete, zog die Rollden hoch und begann die eintnige Arbeit des Aufwischens und Abstaubens. Und seufzte: Der liewe Gott htt' aach gescheider die Welt in #aam# Dag erschaffe unn dann #sechs# Dg geruht, schdatt umgekehrt! Dann htte merr sechs Sonndg in der Woch! Er war noch mitten in den Aufrumungsarbeiten, da kamen schon die ersten, pnktlichsten Angestellten, und der Brieftrger kam und gab die Post ab, und die Kommis suchten schnell die Privatbriefe und jene Briefe heraus, die wegen falscher Adresse zurckgekommen waren, und zuletzt kam der Herr Feldmann, und kaum war er da, da fing er auch schon an zu schimpfen und einem Kommis zu versichern: Zum Schlafe haww ich Se net angaschiert! Schlafe kann ich selwer for mei Geld! Und das ganze Personal dachte: Dht er's nor! Und ganz zuletzt kamen die Herren Lehrlinge und behaupteten, ihre Uhren gingen nach. Und Adolf Borges spielte das einfrmige Rondo seiner Tagesarbeit, ein gar langweiliges Rondo, in dem die beiden Themen Pakete schnren und Gnge besorgen ewig wiederkehrten; nur die Begleitstimmen zu diesen beiden Melodien boten ein wenig Abwechslung, denn wenn er beim Paketschnren war, schrie der nervse Herr Feldmann: E halb Jahrhunnert sin Se jetz bei merr unn hawwe's immer noch net gelernt!, und wenn er von einem Besorgungsgang zurckkam, spttelte der gemtlicher veranlagte, dicke Herr Schrder: Es is nor liewenswerdig von Ihne, da Se iwwerhaapts noch zurickkomme! An Ihrer Stell wr' ich iwwer Nacht gebliwwe! Und Adolf dachte sich: Grad wie nachts die Katze kreische se! Schad, da merr kaan Bandoffel nach 'ne werfe derf! -- Ich mu noch einmal auf den Drachen Fafner zu sprechen kommen. Der Leser wird bereits bemerkt haben, da ich eine Schwche fr dieses Vieh besitze. In der Tat, ich habe ihn in mein Herz geschlossen und ich bedaure nur, da man ihn nicht herausklatschen darf wie eine italienische Opernprimadonna, auf da er _da capo_ singe. Er ist der bestdisziplinierte Drache, den ich kenne. Geduldig liegt er in seiner Hhle und wartet auf sein Opfer. Wer ihn nicht aufsucht, den frit er nicht. Ganz anders Katharina. Sie hatte sich ihr Opfer ausgesucht, aus der reichhaltigen mnnlichen Speisekarte hatte sie gerade das Gericht Adolf Borges gewhlt, sie hatte ihn sich bei dem Oberkellner Zukunft bestellt, und sie bestand mit aller Hartnckigkeit darauf, ihn vorgesetzt zu bekommen. Eines Abends klopfte es pltzlich an die Tre des Dachzimmerchens. Erei'! rief Adolf verwundert. Und herein trat Katharina und sprach mit einem Lcheln, das sie fr sehr liebreich hielt: Der Vadder lt Ihne sage, ob Se net uff e Glsi Bier bei en erunnerkomme dhte? Sie hatte eine frischgewaschene weie Bluse angezogen, die sie mit Parfm von dem Friseur gegenber besprengt hatte. Es war das erste mal in ihrem Leben, da sie Parfm gekauft hatte, und der Figaro von nebenan, der blondgelockte Herr Hippenstiel, der wie alle seine Fachgenossen ein Schlaukopf war, hatte gleich etwas geahnt und diskret gefragt: Derf merr graduliere? Worauf Katharina feuerrot wurde und hauchte: Sie knne aan werklich in Verlegeheit bringe, Herr Hippestiel! Zwei Tropfen solle sie nehmen, das genge vollauf, hatte Herr Hippenstiel sie belehrt. Aber Katharina machte es wie die Patientinnen, denen der Arzt fnf Tropfen einer Medizin verordnet hat, und die sich sagen: Wenn schon fnf Tropfen gut tun, wie mssen da erst zehn Tropfen helfen! Sie hatte sich gleich das halbe Flschchen der ligen Flssigkeit auf die Bluse geschttet und sie fand, da sie nun sehr gut roch. Auch Adolf fand das, denn er sagte: Frulein Bindegerst, Se rieche wie e Gewchshaus! Eigentlich hatte er wenig Lust, der Biereinladung Folge zu leisten. Allein seine Schchternheit sagte ihm, es sei doch zu unhflich, abzulehnen, und so meinte er: Ich mach merr zwar Awends nix aus Bier, aber no, ich wer' net gleich draa sterwe! Und Katharina flsterte holdselig: Sie sin iwwerhaapts so solid, Herr Borges! So'n solide Mann haww ich noch kaan kenne gelernt! Ach, Herr Borges! Und dabei seufzte sie so tief, da das ganze Gewchshaus sich zu heben und senken anfing. -- Des is recht, Herr Borges, da Se uff'n Schluck Lagerbier komme! begrte Vater Bindegerst ihn und lud ihn zum Sitzen ein. Ich habb merrsch schonn oft gedenkt: was dhut der Mensch eigentlich so allaans da drowwe in sei'm Leuchttorm? Es is net gut, da der Mensch allaans sei, haat's in der Biwel. Ich habb lang net mehr drin gelese, ich les liewer Detektivgeschichte, awwer es is e wahr Wort. Wisse Se, wenn ich kaa Gesellschaft habb, dann komm ich ins Denke, unn wannn ich erscht emal ins Denke komm, dann kimmt nix Gescheides dabei eraus! No, Prost, Herr Borges! Adolf hob seinen Krug und stie mit dem Drechslermeister an. Katharina hatte ihm das Bier eingeschenkt, in den schnsten Krug des kleinen Haushalts. Es war ein recht schmucker Krug, die selige Frau Bindegerst hatte ihn vor vielen Jahren ihrem Eheherrn geschenkt, erstens weil er Geburtstag gehabt hatte, und zweitens weil gerade in dem Porzellangeschft Ausverkauf gewesen war. Eine alte Ritterburg war auf den Krug gemalt, an deren Portal ein Ritter Trompete blies. Man htte ihn unbedingt fr den Trompeter von Sckingen halten mssen, htte nicht in goldenen Buchstaben darunter gestanden: Stolzenfels am Rhein. Auch Katharina stie mit an, und sie hauchte dabei: Prost! Es klang wie das Piepsen eines Kanarienvogels, denn sie war, wie alle Frauen, eine Verwandlungsknstlerin. Noch hatte sie auf das Grammophon ihres Antlitzes die schmachtende Platte O knnt ich noch einmal so lieben aufgelegt, -- aber die Radauplatte Tararabumdieh! lag schon bereit. Vater Bindegerst sa auf dem Sofa, ihm gegenber sa Adolf auf einem Stuhl, und auf dem Nachbarstuhl blhte das Gewchshaus Katharina. Zunchst war noch ein halber Meter Distanz zwischen ihnen, aber der Zwischenraum verringerte sich im Laufe des Abends, obwohl Adolf kein Millimeterchen von seinem Platz rckte. Zunchst schickte sie ihre linke Fuspitze als Patrouille aus. Die Fuspitze sondierte das Gelnde, fand es vom Feinde frei, und rckte vorsichtig weiter vor, bis sie ihr Ziel, die Borgessche Fuspitze, erreicht hatte. Entschuldige Se, Fraulein Katherina! sagte Adolf und zog seinen Fu zurck. Katharina errtete, aber innerlich hatte sie sich vorgenommen: Wenn ich ihm erst die kleine Zehe reiche, mu er das ganze Bein nehmen! Des ganze menschliche Lewe is e Gemeinheit! philosophierte Vater Bindegerst, der ins Denken zu kommen schien, denn er redete viel Unsinn. Und er fing an zu politisieren und auseinanderzusetzen, wie ungerecht es auf der Welt im allgemeinen, und in Offenbach im besonderen zuginge. Es war eine lange Rede, die er hielt, es ging ihm weder der Atem noch das Lagerbier aus, und er schlo mit der berzeugenden Wendung: Unnn woher kimmt des alls? -- Weil des ganze Lewe e Gemeinheit is! Entschuldige Se, Frulein Katherina! sagte Adolf und zog sein Knie zurck, denn Katharina war mit ihrem Knie an das seine gekommen. Nachdem die Patrouille Fuspitze zum Truppenteil zurckgekehrt war, hatte Katharina nmlich beschlossen, eine strkere Patrouille auszuschicken. Auch diese Patrouille wurde zurckgezogen, und die ganze Kompagnie begann nun zu manvrieren, indem sie mit ihrem Stuhl zu rutschen anfing. Vater Bindegerst trug die Hauptkosten der Unterhaltung. Diese Kosten trgt man ja gerne, denn sie sind billig. Es fiel ihm durchaus nicht auf, da sein Gast nur hie und da eine kurze verlegene Zwischenbemerkung machte, denn der Drechslermeister gab sich die meisten Antworten selbst und fand daher diese Antworten sehr treffend. Sein Zimmerherr ward ihm von Viertelstunde zu Viertelstunde sympathischer, er beschlo, ihn fters einzuladen. Gibt es doch fr geschwtzige Menschen nichts Angenehmeres als ein Zwiegesprch, bei dem nur einer redet. Er erzhlte nun von seinem Geschft und lobte dabei, wie landesblich, die gute, alte Zeit. Ja, frieher, sagte er, frieher, da war des Geschftslewe noch reell! Hier die Waar, hier's Geld! Awwer heut! Heut sollstde Kredit gewwe, bis De schwarz werst, heut nemme Derr die Leut de halwe Lade mit unn sage: Schicke Se merr die Rechnung! Unn wannsde se mahnst, sin se net dahaam! Merkwerdig: wannsde ihne die Waar' schickst, da sin se all dahaam, awwer wannsde Dei Geld hawwe willst, dann mache se grad en Besuch odder se sin in die Sommerfrisch odder se hawwe'n Trauerfall unn die ganz Familie erbt ebbes, -- blo Du kriehst nix! Entschuldige Se, Frulein Katherina! sagte Adolf, denn sie lehnte ihren Arm an den seinen. Sie sa jetzt ganz dicht neben ihm, und ihm war, als se er mitten in einem Gewchshaus. Es war recht schwl in dem Gewchshaus, die Luft fing an, ihn leise zu benebeln. Er zog seinen Arm nicht zurck; es tat ihm wohl, sich von den Zweigen dieses Gewchshauses fast unmerklich streicheln zu lassen. Das war so sanft und weich, da er gar nicht merkte, da hier Disteln statt Rosen wuchsen. Er hob jetzt seine Augen und besah sich die Botanik nher, und das Pflanzenreich gefiel ihm nicht so bel. Machte doch die falsche Katharina ihre schnsten Vergimeinnichtaugen und zog ihr sestes Lilienmulchen, so da man wirklich nicht mehr sehen konnte, #was# fr eine Pflanze sie in Wirklichkeit war. Er fhlte sich im Palmengarten und merkte nicht, da er im Zoologischen war. Kttche, hol de Quetschekuche von heut Middag! befahl der Vater. Der Herr Borges werd Abbeditt hawwe! Ach nein, der Herr Borges hatte jetzt gar keinen Appetit. Der Magen erschien ihm jetzt als der prosaischste Krperteil, den Gott geschaffen hat. Er hatte ein ganz unbestimmbares Gefhl, so ein Mittelding zwischen Lachen und Weinen, Wonne und Schmerz, und wenn ihn jetzt ein Kassenarzt gefragt htte: Herr Borges, wo tut's Ihnen weh? -- er htte es beim besten Willen nicht sagen knnen. Er empfand nur, als Katharina hinausgegangen war, um den Zwetschenkuchenrest zu holen, pltzlich eine tiefe Leere neben sich, und es kam ihm so vor, als sei die Temperatur im Zimmer pltzlich um zehn Grad gesunken. So ungefhr war ihm zu Mute wie damals, als er den Kopf in den Ameisenhaufen gelegt hatte. Die Ameisen kribbelten und bissen, aber als Katharina wieder ins Zimmer trat, da verwandelten sich die Ameisen in lauter kleine, goldige Leuchtkferchen und huschten im Zimmer umher und schwirrten ihm um die Nase, und es ward so hell, da er fast ausgerufen htte: Gott, was e Pracht! Die Sonn is uffgange! E guter Quetschekuche is des, Herr Borges! versicherte der Gastgeber. Da knne Se weit laafe, bis Se so aan finne! Des Rezept schdammt noch von maaner selig Fraa! Unn von der hat's Kttche die Kochkunst geerbt. Koche kann des Mdche wie e junger Gott! Die macht Ihne aus Dreck de scheenste Pudding! No, fresse Se, -- unn Se wern merr Recht gewwe! Ein gewhnlicher Sterblicher htte bei diesen Worten beide Ohren gespitzt. Denn die Liebe des Mannes geht durch den Magen, und ich bin berzeugt, Zeus wre der solideste Ehemann gewesen, htte ihm Hera nicht immer Nektar und Ambrosia vorgesetzt. Aber Adolf Borges war kein gewhnlicher Sterblicher. Dieser kleine Konfektionsgeschftsauslaufer war ein Gefhlsmensch, und diese Menschengattung ist unter den Sterblichen in der verschwindenden Minderheit. Wenn sie einen hohlen Zahn haben, ja, dann sind sie alle Gefhlsmenschen, aber viel weiter reicht ihr Gefhl nicht. Der Kauf des Parfms lohnte sich fr Katharina. Der Schwerenter Hippenstiel hatte sie nicht betrogen. Adolf atmete den sen Duft mit unbewutem Wohlbehagen und htte es unter keinen Umstnden geglaubt, da er selbst fr zwei Mark fnfzig htte ganz genau so gut riechen knnen. Ach, die Liebe verleiht dem Menschen Schwingen, die ihn emportragen ber alles Alltagsungemach, die Erde entschwindet dem Blick, der Knig vergit seinen Palast, der Bettler seine Htte, der Feinschmecker seinen Quetschekuche; im reinen ther schwimmt er und atmet die wonnigen Dfte, die es bei keinem Hippenstiel zu kaufen gibt. Schon fhlte Adolf die Flgel auf seinem Rcken knospen. Er sprte das Bedrfnis, sich den Buckel zu kratzen, aber des schickt sich doch net! Fresse Se, Herr Borges! ermunterte Meister Bindegerst. Und auch Katharina lud ein: Fresse Se, Herr Borges, -- odder derf ich #Herr Adolf# zu Ihne sage? Und um jede Antwort abzuschneiden, schob sie ihm ein groes Stck Kuchen in den Mund. Und htten statt der sen blauen Zwetschen dicke Rhizinuspillen auf dem Hefenteig gelegen, Adolf htte dennoch die Gabe mit allen Zeichen des Entzckens geschluckt. In dieser Nacht schlief der arme Adolf sehr unruhig. Er trumte von einem Gewchshaus, darin dufteten die herrlichsten Blten und zwitscherten die wunderlichsten Vgel. Adler sangen wie Nachtigallen, und auf einem Rosenzweig schaukelte sich eine Gans und fltete kwiwitt, kwiwitt. Und mitten in dem Gewchshaus wuchs ein groer Baum, das war der Quetschekuchebaum, und wie im Aschenbrdel lie dieser Baum mit sich reden, und Herr Bindegerst stand davor und sang: Bumche, rttel Dich unn schttel Dich, Werf Quetschekuche iwwer mich! Und es erschien ihm der Trompeter aus Stolzenfels am Rhein, mit einer Pfauenfeder am Hut und frischgeputzten Stulpenstiefeln, und blies auf seinem Horn ein herzerweichendes Solo, bis sich das Burgfenster ffnete und Katharina heraussah und mit einem Putzlumpen winkte und fragte: Herr Trompeter, derf ich zu Ihne #Herr Adolf# sage? Da blies der Trompeter ein so begeistertes Fortissimo, da Adolf erschrocken aus dem Bett hochfuhr. Er hrte noch im Wachwerden das schmelzende Lied, -- nur war es kein Trompetensolo, sondern es waren die verfluchten Katzeviecher, die gerade wieder einmal Sinfoniekonzert hatten. Der Mann im Mond aber schttelte den Kopf und meinte: Schon wieder einer! Immer das Gleiche! Hoffentlich kommt mir keine Mondfinsternis dazwischen, damit ich sehn kann, wie die Geschichte ausgeht! Und nun begann fr Adolf jener Lebensabschnitt, den Schiller als der ersten Liebe goldene Zeit bezeichnet, wobei er freilich schwerlich an einen Zweiundvierzigjhrigen Offenbacher Auslufer gedacht haben wird. Adolfs welkes Herz erblhte, und er geriet somit in jenen seltsamen Zustand, dem gegenber selbst die erfahrensten rzte ratlos sind, und den nur die groen #Menschheitsrzte# beschreiben knnen: nmlich die Dichter. Die Liebe ist jener mrchenhafte Fortunatussckel, aus dem man unendlich schpfen kann, ohne ihn je zu leeren. In einer Mrchenwelt taumelt der Verliebte, und in dieser Mrchenwelt war Adolf Borges der verwunschene Prinz, den eine bse Hexe dazu verdammt hatte, unter Miachtung seiner hohen Abkunft bei Feldmann & Schrder Pulte abzustauben und Pakete zu schnren. Woher sollten es die Herren Feldmann und Schrder wissen, da sie einen leibhaftigen Prinzen beschftigten? Adolf, Se sin e Kamel! sagte Herr Feldmann. Und Adolf dachte sich: Wann des Kamel nor #glicklich# is! Adolf, Se sin e Rindviech! versicherte der dicke Herr Schrder. Und Adolf lchelte: O selig, o selig, ein Rindviech zu sein! Wie alle Verliebten fing auch er an, kindisch zu werden und selige Nrrischkeiten zu treiben, und so erwischten ihn die Putzfrauen der Firma eines Morgens dabei, wie er vor einer Modellfigur auf den Knieen lag und indem er sie mit dem Federbesen abstaubte, verzckt flsterte: Bistde kitzlich, mei Zuckerschnutche? Ach, Kttche, was bistde for e sie Oos! Und weil die Putzfrauen ebensowenig wie die Chefs wuten, da sie es mit einem verzauberten Prinzen zu tun hatten, hielten sie sich die Buche vor Lachen, und -- klatsch -- hatte Adolf einen nassen Putzlumpen auf dem Buckel. Abends, nach acht Uhr, aber, wenn er von der Post zurckgekommen war und die Rollden herabgelassen hatte, wich der schlimme Zauber von ihm, er war nicht mehr das scheppe Adolfche, wie ihn der eklige Kassierer nannte, sondern Prinz Adolf der Liebeglhende von Trumershausen, und Seine Durchlaucht geruhten nach dero Mrchenschlo zu wandeln, welchselbiges dicht unter dem Dach lag. Der alte wackelige Stuhl war der Thronsessel, der Schrank mit dem kaputenen Schlssel, die Schatzkammer, in der als funkelndes Geschmeide seine Sonntagshose hing. Und vom Dachfenster aus hatte der Prinz die herrlichste Aussicht auf sein Reich; da wimmelten seine Untertanen, und jeden, den er mit einem Liebchen am Arme spazieren sah, ernannte er zu seinem Pagen. Hrte er aber jemanden das schne Lied Du bist verrckt, mein Kind singen, so sagte er mit gutmtiger Selbstironie: Des is mei Nationalhymne! Oh, S. Durchlaucht Prinz Adolf hatten einen groen Hofstaat! Der Kassierer, der ihm allmonatlich seinen Gehalt auszahlte, war sein Finanzminister, der Herr Schrder war sein Zeremonienmeister, der Schutzmann unten an der Ecke seine Leibgarde, der Lehrling sein Hofnarr und die Aufwaschweiber seine Hofdamen. Ein Stockwerk unter ihm aber, da war das Allerkstlichste: da residierte Prinzessin Katharina, die Mrchenfee, die er zu erlsen hatte. Es ist im Mrchenreich blich, da ein Prinz, ehe er die Hand der Holdseligsten erringt, erst einige Drachen ins bessere Jenseits befrdert, -- in #diesem# Mrchen begab es sich leider, da der kurzsichtige Held nicht die Prinzessin, sondern den Drachen selbst freite. Oft des Abends sahen nun die Mainnixen den kleinen Adolf mit Katharina am Ufer auf und ab wandeln, sie kicherten zwischen den groen Khnen hervor und zhlten die Ksse nach. Es gingen dort viele verliebte Prchen spazieren, aber auf unser Duo hatten es die Nixenfrechdchse ganz besonders abgesehen. Denn in der Maingegend haben auch die Elementargeister Sinn fr Humor. Und wie oft wisperten sich im Offenbacher Stadtwald die Strucher und Bsche verschmitzte Randbemerkungen zu, bis eine uralte Tanne sie zurechtwies: Still, klaa Gezppel! Is ja doch blo der griene Neid von Euch! Denn in der Offenbacher Gegend sprechen auch die Vegetabilien Dialekt. Katharina war bei diesen Abendwanderungen viel zu folgsam, schweigsam und nachgiebig, als da diese Tugenden htten echt sein knnen. Wenn der kleine Adolf zu schwrmen anfing: Kttche, lieb Kttche, guck nor de Mond! Is es net, als ob er extra als Latern hiegehenkt war, damit ich Dei sie Schnutt besser find? dann entgegnete sie zrtlich: Ach ja, Adolfche, der Mond!! Und dachte sich heimlich: Also mondschtig is er #aach#! No wart nor, ich wer' Derr die Posse schonn ausdreiwe! Und wenn er im dunklen Stadtwald fantasierte: Kttche, wann jedz e Ruwer kam, verteidige dht ich Dich bis zum letzte Blutsdroppe!, dann schmiegte sie sich dicht an ihn und hauchte: Ich waa es, Adolf! Und dachte bei sich: Ich mcht net gucke, wiesde laafe dhtst! Von diesen Gedanken Katharinas ahnte der harmlose Verliebte nichts. Wohl war er in seiner Liebe ein Prinz, ja sogar ein Knig, -- aber nur ein Knig auf dem Schachbrett, und Katharina war die Knigin, die ihn matt setzen sollte. Die Ksse, mit denen sie die seinen erwiderte, waren zher Leim, und an diesem Leim blieb das harmlose Vgelchen Borges hngen. Vater Bindegerst sah die Entwicklung der Dinge mit stillem Vergngen. Adolf war ihm lieb und wert, aber noch lieber war ihm der Gedanke, seine znkische, bsartige Tochter auf gute Art los zu werden. Er, der seit dem Tode seiner Frau unter #Katharinas# derbem Pantoffel stand, trumte in Gedanken von einer neuen Junggesellenzeit, in der er viel Versumtes nachzuholen gedachte. Er redete Adolf nicht zu, aber er warnte ihn auch nicht, zumal ihm die Erfahrung hinreichend bewiesen hatte, da man leichter einem Nilpferd das Ballettanzen beibringt, als einem Verliebten die Wahrheit ber seine Angebetete. Es bestand zwischen Vater und Tochter ein stillschweigendes bereinkommen, dieser Angelegenheit ungehemmten Lauf zu lassen. Drohte, wie so oft, ein lrmender Streit zwischen Vater und Tochter auszubrechen, und fing Katharina nach ihrer Gewohnheit in den hchsten Fisteltnen zu keifen und zu schreien an, dann hob Papa Bindegerst nur mahnend seinen Finger und deutete nach oben und flsterte: Pst! #Er# knnt's hrn! und sofort ging Katharina zum zartesten Pianissimo ber. Wobei ihr Talent anerkannt werden mu, auch im leisesten Tonfall die haarstrubendsten Bosheiten und Beschimpfungen von sich zu geben. Und so kam denn der groe Tag, an dem Adolf in aller Form um seiner Erwhlten Hand anhielt. Er warf sich zu diesem Zweck in den schwarzen Sonntagsanzug, ergriff den Zylinder, und es ging ihm einen Augenblick durch den Kopf: Es is doch merkwerdig, da der Mensch zor Brautschau genau deselwe Aazug aazieht, wie wann er zor'rer Beerdigung geht! Und setzte tiefsinnig hinzu: Besonnersch, wann er nor aan Aazug hat! Auch Vater Bindegerst hatte sich in sein Feiertagsgewand gehllt, und Katharina prangte wieder in ihrer weien Bluse. Die Bluse war nicht mehr ganz so bltenwei wie damals, als sie den ersten Angriff unternommen hatte: in der Taillengegend zeigte sie deutliche Fingerabdrcke von Adolfs Hnden. Und nun saen sich die beiden Mnner gegenber, whrend Katharina im Nebenzimmer auf des Vaters Ruf wartete, wie die Kinder bei der Weihnachtsbescherung auf das Klingelzeichen, und Adolf drehte verlegen seinen Zylinder in der Hand und wute nicht, wie beginnen. Und dachte: Genau so sitzt der liewe Gott uff seim Thronsessel unn dhut die Erd' zwische seine Hnd drehe, unn iwwerall, wo er se mit seine Fingerspitze beriehrt, werd's Friehling unn die Blumme sprosse! Unn manchmal werft er die Erd' wie e Gummiball in die Luft unn fngt se widder uff, unn wann er se emal falle lt, dann krieht die ganz Erdeherrlichkeit die Krnk, unn all die Huser borzele zusamme, unn dene Herrn Feldmann unn Schrder ihr Geschftshaus aach, unn der dick Herr Schrder werd in de Trimmer erumfuhrwerke unn werd kreische: Adolf, was schdehn Se da unn halte Maulaffe feil? Nemme Se die Schipp unn de Besem unn kehrn Se de Dreck eweck! Und endlich hatte Adolf den Zylinder genug in der Hand gedreht, er raffte sich auf und stotterte: Herr Bindegerst, ich waa net, ob Se vielleicht bemerkt hawwe.... Und Vater Bindegerst unterbrach wrdevoll: Jawohl, Herr Borges, ich #habb# bemerkt! Da wurde es ihm schon bedeutend leichter ums Herz, und er fuhr fort: Se hawwe neemlich e Dochter, Herr Bindegerst.... Jawohl, ich #habb# e Dochter! besttigte Herr Bindegerst. Unn Ihne Ihr Dochter ... se is nmlich so e gut Mdche, unn so e Engelche.... Jawohl, se #is# e Engelche! bekrftigte Herr Bindegerst. Und dachte: Wen die Gtter verderwe wolle, den strafe se mit Blindheit. Unn Ihne Ihr Frulein Dochter unn ich ... indem ich'r nmlich in der ledzte Zeit nahgetrete bin... Oho! sagte Vater Bindegerst. Was mu ich heern? #Wie# nah sin Se err getrete? Da kam die Weihe des Augenblicks ber den kleinen Schwrmer Adolf und er rief: So nah, da ich ihr Herz deutlich habb schlage heern, unn des goldig Herzche hat als gebumbert: Adolfche! Mei Adolfche! hat's gebumbert, unn #mei# Herz hat #mit#gebumbert: Kttche, mei Silwerkttche, unn wege dere Bumberei bin ich heut da, unn sag Ihne: Lasse Se dere Bumberei de kerchliche Sege gewwe! Ich bin kaa Milljonr, ich kann Ihne Ihrer Dochter kaa Audomobil kaafe, awwer Trambahn fahrn lasse kann ich se, unn satt zu esse werd se hawwe, unn gucke Se sich emal mei Hnd aa: uff dene Hnd wer' ich se drage. Es sin solide, krftige Hnd, unn Ihne Ihr Dochter werd gut druff sitze! Herr Bindegerst, Se knne zwaa Mensche glicklich mache, -- sage Se Ja! Vater Bindegerst war ganz paff ber die Beredsamkeit seines Schwiegersohnes und er dachte sich: Des werstde Derr aach noch abgewhne! laut aber sagte er: Se wisse net, was Se verlange! Awwer, wann's Kttche nix dagege hat, mein Sege hawwe Se! Nor aans sag ich Ihne: Se misse aus'm Haus ziehe! Ich kann kaa jung Liewesprche um mich braache! Und er rief: Kttche, komm emal erei! Der Herr Borges is da unn mu so needig emal heierate! Und wenige Sekunden spter lag Katharina in seinen Armen und Adolf glaubte, die ganze Welt erobert zu haben. Drunten im Hof aber spielte wieder der Orgelmann: Katharinchen mit dem Selleriekopp, _Allez_ hopphopphopp! _Allez_ hopphopphopp! In dieser Nacht gab es in dem Hause in drei verschiedenen Zimmern drei glckliche Menschen: In seiner Dachkammer sa Adolf und jauchzte: Ich habb se! Ich habb se! Unn wann der Herr Feldmann hunnertmal Recht htt unn ich wr e Kamel, so gescheit war ich doch, da ich merr des scheenste Kamelweibche geholt habb, was es iwwerhaapts uff dere Welt gibbt! Und in ihrem Bett lag Katharina und schmunzelte mit funkelnden Augen: Ich habb'n! Fest haww ich'n! No, wart nor! Und vor dem Krug mit dem Trompeter von Stolzenfels am Rhein sa der alte Bindegerst und rieb sich die Hnde und lachte in sich hinein: Se hawwe sich! Ich bin se los! Und nach einer Weile: Ich htt's net glaabt, da se noch aan krieht! Und wieder nach einer Weile: Arm Adolfche! Du werst Aage mache! .... Acht Tage spter trat Adolf vor Herrn Schrder, an den sich die Angestellten mit ihren Bitten lieber wandten als an Herrn Feldmann, und sagte: Herr Schrder, ich dht um acht Dg Urlaub bitte, ich mcht uff die Hochzeitsreis'! Und der dicke Herr Schrder sah ihn erschrocken an: Sin Se meschugge? Aber als er Adolfs glckstrahlende Augen sah, dmpfte er die Stimme und meinte vterlich: Es is zwar net schee von Ihne, da Se grad #mitte in der Saison# ans Heierate denke, awwer, no, wern Se glicklich! Se knne aach #zeh#' Dag bleiwe! Unn was des Hochzeitsgeschenk betrifft, -- ich wer' mit meim Kompanjon redde! Und im ganzen Geschft steckten sie die Kpfe zusammen, und die mnnlichen Angestellten sagten: Merr wolle zusammelege unn em 'n Wecker kaafe, sonst schlaft er in der Hochzeitsnacht ei'! Und die Damen sagten: Wie mu die ausgucke, die #den# genomme hat! Denn der Mensch ist ein edles Wesen und freut sich darber, wenn sein Nchster glcklich ist. Und dann kam die Trauung und eines Montags Morgen geleitete Vater Bindegerst das frischgebackene Ehepaar zum Bahnhof, um es zwecks Hochzeitsreise der Eisenbahn anzuvertrauen. Der schne Odenwald war das Reiseziel, und der glckliche Adolf stand in Gedanken bereits auf dem Gipfel des Melibokus und zeigte seiner zarten Gattin die Welt und sagte: Guck, Kttche, des alles geheert uns! Wann's aach net unser Eigedum is, merr hawwe doch e Hypothek druff, e Herzenshypothek! Unn die Wlder misse uns ihrn Duft unn ihr Anemone als Hypothekezinse gewwe, unn die Quelle ihr Rausche unn ihrn silwerige Glanz, unn die Vgelcher ihrn Gesang. Guck, lieb Kttche, des Alles, was de guckst, haww ich Derr mit in die Eh' gebracht! Die Nadur, die is e gro' Sparkass', viel greeer wie die Offebcher Stdtisch' Sparkass', unn noch dausendmal sicherer. Und wann merr emal in Not komme dhte, in #Seelennot# maan ich, dann gehn merr eifach enaus in die Nadur unn hewe in dere Sparkass' en Poste Erquickung unn Trost ab, -- unn wann merr aach noch so viel abhewe, #des# Guthawe nemmt kaa End! Solche Trumereien pflegten dem kleinen Adolf schon von Kindsbeinen an nicht gut zu bekommen, und auch diesmal fhrten sie einen unerwnschten Zwischenfall herbei. Er stolperte nmlich beim Besteigen des Kupees, und das Kfferchen polterte auf den Bahnsteig zurck. Kannstde net achtbasse, dappischer Olwel?! fuhr ihn Katharina heftig an. Net emal e Handtasch' kann der dumm Mensch drage! Tieferschrocken sah Adolf sie an. Und blickte in zwei Katzenaugen, die hhnisch und unheilkndend funkelten. Da senkte er den Kopf. Der alte Bindegerst aber dachte: Es geht schonn los! Se fngt schonn aa! -- No, viel Vergniege!! Whrend Adolf das Kfferchen, das aufgegangen und seinen Inhalt auf den Bahnsteig verstreut hatte, zusammenraffte, machte sich Katharina im Innern des Abteils zu schaffen. Sie nahm den Herrenhut, mit dem der eine Ecksitz belegt war, und warf ihn mit energischer Geste ins Gepcknetz. Dann setzte sie sich selbst auf den Platz. Und als kurz vor der Abfahrt des Zuges ein lterer Herr einstieg und verwundert bemerkte: Diesen Platz hatte ich mit meinem Hut belegt!, erhielt er mit bsartiger Betonung die Antwort: Dann htte Se Ihrn Deckel uff den Blatz, unn net da owwe hie lege solle! Adolf hielt es fr seine Pflicht, seiner Frau beizuspringen, und betonte, der Platz sei allerdings unbelegt gewesen. Es war ihm nicht wohl bei dieser Lge. Aber Katharina hatte keinen Sinn fr solche ritterliche Beihilfe. Halt Dei Maul! herrschte sie ihn gereizt an. Ich wer' mit dem Herrche da schonn allaans fertich! Da bin ich schonn mit ganz annern Leut fertich worn! Der Herr lchelte und schwieg. Und auch Adolf schwieg. Aber er lchelte nicht dabei. In seinen Kinderaugen standen zwei groe Trnen. Und dann pfiff die Lokomotive, und der Zug fuhr ab. Vater Bindegerst winkte noch einmal kurz mit der Hand, dann drehte er sich um und ging heim. Das Gewissen schlug ihm, er verfiel in Selbstvorwrfe und indem er die Bahnsteigkarte abgab, murmelte er, zum Erstaunen des Schaffners: Ich htt's #doch# net dhun solle! Katharina schmiegte sich trotzig in den Eckplatz, starrte die Decke an und schmollte. Denn dies ist die Universalwaffe aller Frauen, die im Unrecht sind. Mit diesem Zug fuhr Adolf Borges direkt in die Hlle. Vater Bindegerst sa einsam in seiner Werkstatt und drechselte an einem Spazierstock. Es sollte ein kleines Kunstwerk werden: den Griff bildete ein Affenkopf mit fletschenden Zhnen, und gerade war Meister Bindegerst dabei, in diesen Kopf die braungelben Glasaugen einzusetzen. Unser Meister fhlte sich mehr als Knstler denn als Zoologe, und so ist es begreiflich, da man den Affenkopf auch recht gut fr einen Kaninchenschdel oder eine Bulldogge halten konnte; ja, der geschmackvolle Kufer dieses Spazierstockes uerte sogar, als er ihn erstand: Schad, da der Rehbock kaa Geweih hat! Vier Tage schon war Bindegerst nun Junggeselle. Das junge Paar hatte noch nichts von sich hren lassen, und er war darber keineswegs erstaunt. Kannte er doch sein holdes Tchterlein viel zu gut, als da er htte befrchten knnen, sie werde die Verschwendung einer Ansichtspostkarte an ihn dulden. Katharina war geizig. Noch viel geiziger, als es die Natur bei der Verteilung weiblicher Reize gegen sie gewesen war. Der liebe Gott und der Teufel sind scharfe Konkurrenten, und hat der liebe Gott den Adam nach seinem Ebenbilde geschaffen, so lie es sich der Teufel nicht nehmen, manche Eva nach dem seinigen zu bilden. In der Person Katharinas war ihm ein Prachtexemplar gelungen, und alle in der Hlle schmorenden Kunstkritiker (und das waren nicht wenige) stimmten darin berein, er habe zu Katharina seine eigene Gromutter als Modell genommen. Bindegerst nutzte die Abwesenheit seiner Tochter nach Krften aus. Er lie an dem Glaslster seiner Werkstatt smtliche Flammen brennen, denn nun war ja niemand da, der sie ihm bis auf eine vor der Nase ausschraubte und dabei keifte: Du findst wohl Dei Geld uff der Gass'? Odder bistde vielleicht an dere Gasgesellschaft #bedeiligt#?! Ei, ich dht merr an Deiner Stell noch e Petroliumlamp uff de #Hinnern# binde, da die Illumination fertich is! Gott sei Dank, jetzt war niemand da, der so etwas sagte. Und er konnte jetzt auch, wie Hans Sachs in den Meistersingern, zu seiner Arbeit sein Lieblingslied singen, ohne da sich pltzlich ein bissiger Kopf in der Tre zeigte und ihn anschrie: Hr uff mit dem Gegrhl! Sonst laaft die Milch zusamme! Und Meister Bindegerst sang doch so schn! Nur konnte man bei seinem Lied, wie bei dem Affenkopf des Spazierstocks, nicht recht unterscheiden, was es eigentlich vorstellen sollte! Dafr aber sang er stets fortissimo. Denn was ein richtiger Musiker ist, der ist nicht zimperlich. Vor allem aber konnte sich der unbeaufsichtigte Herr Papa jetzt einmal grndlich seiner heimlichen Geliebten widmen. Ja, Vater Bindegerst hatte eine stille Liebe. Nicht etwa, wie schlechte Menschen vermuten werden, ein weibliches Wesen, -- o nein, seine Geliebte war keines der Geschpfe, die unsere Liebe so oft mit Undank lohnen, die einen Herkules an den Spinnrocken demtigen, einem Simson die Haare schneiden und als Honorar fr ein bichen Schleiertanz einen Heiligenkopf fordern, nein, seine Geliebte war jenes Wesen, das noch keinen Anbeter unerhrt gelassen hat und dem dennoch jeder Liebhaber dauernd treu bleibt: seine Geliebte war der Alkohol. Was fr eine musterhafte Geliebte ist doch der Schnaps! Sie beansprucht keine neuen Rckchen, Blusen und Spitzenhemdchen, sie ist jahrein, jahraus mit dem schlichten Gewande einer alten Glasflasche zufrieden. Sie beansprucht nicht, ins Theater, Kino und Kabarett gefhrt zu werden, sie begngt sich mit dem dunklen Pltzchen unter einer Drechslerbank. Sie sucht sich keine modernen Hte aus und lt dir die schreckenerregende Rechnung schicken, nein, sie trgt im Frhling, Sommer, Herbst und Winter denselben abgebrochenen Korkstopfen. Und berkommt dich die Stunde der Zrtlichkeit und du kneifst sie zur Einleitung in die Wangen, so murrt sie niemals: La mich! Ich bin jetzt nicht aufgelegt!, sondern sie lchelt dich, verfhrerisch wie immer, an: Trinke merr noch e Trppche! Herr Drechslermeister Bindegerst war nicht der Joseph, einer solchen Verfhrungskunst zu widerstehen. Alle Viertelstunde hrte er es unter der Drechslerbank hervorkichern, und galant und ritterlich fate er alsdann die Geliebte um die glatte Taille, hob sie ans Tageslicht oder ans Gaslicht, drckte auf ihren Hals seine trockenen Lippen, wischte sich nach einem langen, langen Ku mit dem Handrcken den Schnabel und stellte fest: Es schmeckt scheulich, awwer 's is nahrhaft! Der Mensch is e Maschin unn mu von Zeit zu Zeit gelt wern! No, le merr noch e Trppche! ... Seine Hoffnung, das neue Ehepaar dauernd ausquartieren zu knnen und Alleinherrscher im Hause zu werden, hatte sich freilich nicht erfllt. Wohl hatte Adolf, der Nachgiebige, dem Vorschlag beigestimmt, aber Katharina hatte hhnisch erklrt: Nix do! Die Wohnung nemme #mir#! Unn du ziehst enuff ins Dachstibbche! Und mit gewohnter Tatkraft hatte sie sogleich mit dem Umrumen begonnen. Sie brauchte dazu keinen Dienstmann, ihre robusten Arme bewltigten die schwersten Kisten und Ksten mhelos. Adolfs Habseligkeiten wanderten treppabwrts in die kleine Dreizimmerwohnung, und des Vaters kleine Schtze stiegen hinauf in den Giebel. Bei dieser gnstigen Gelegenheit unterzog sie das Eigentum ihres Papas einer grndlichen Musterung, und sie machte dabei allerhand berraschende Entdeckungen. Nicht nur stie sie zu ihrer Wut in einer Westentasche auf zwei Kinobillets, die fr den gleichen Tag gltig waren und auf zwei nebeneinander gelegene Pltze lauteten, sondern sie fand auch die kleine Bibliothek, die sich der verschwenderische alte Esel zugelegt hatte. Um ihn nicht in falschen Verdacht zu bringen, sei festgestellt, da diese Bcherei nur aus drei Werken bestand, nmlich: Der bayrische Hiasl, Das Geschlechtsleben des Menschen und Was mu der Jngling vor der Ehe wissen? Und noch etwas anderes fand sie: einen Mahnbrief der Firma, die ihm das Holz fr seine Drechslerarbeiten lieferte. Wann sie endlich ihr Geld bekommen werde, frug sie an und drohte in unerquicklichen Wendungen mit einer Klage. Im ersten Augenblick dachte Katharina, die niemals sprachlose, daran, ihrem Vater eine Szene zu machen, eine jener Szenen, die sich bei ihr zu einem fnfaktigen Monolog auszuwachsen pflegten und beim geringsten Widerspruch sogar zu einer Trilogie anschwollen. Aber sie befrchtete eine Trbung ihres Brautstandes, denn die weibliche Zungenfertigkeit ist etwas, was der Jngling #nicht# vor der Ehe zu wissen braucht. Sie begngte sich daher damit, in groen Bleistiftzgen unter den Brief zu schreiben: Gelesen. Katharina. Dann legte sie ihn wieder in die Schublade, in der sie ihn gefunden hatte. Das gengte. Nun wrde der Vater schon merken, da sie eine neue Waffe gegen ihn besa, und sein Verhalten danach einrichten. Hierin tuschte sie sich allerdings. Der alte Snder empfand keineswegs das Bedrfnis, den Mahnbrief wiederholt zu lesen, und lie ihn ruhig in der Schublade schlummern, bis ihn die Muse fraen. So war es gekommen, da Vater Bindegerst sein eigener Zimmerherr wurde. Er hatte damals, als er Adolf die Dachhhle anpries, viel Gutes von der Behausung da droben zu erzhlen gewut und sie e schee Zimmerche genannt, -- nun, da er selbst darin wohnen mute, fand er, da sie ein Saustall ersten Ranges sei. Ihm mangelte die edle Selbstbescheidung seines Schwiegersohnes, er versprte nicht die geringste Lust, seinen Kopf zum Dachfenster hinauszustrecken und an den Anblick der kleinen Menschlein da unten philosophierende, lchelnde Betrachtungen zu knpfen. Er benutzte das Fenster lediglich dazu, manchmal hchst unbekmmert hinauszuspucken. Fr den Mondschein hatte er gar nichts brig, und den musikalischen Katzen konnte ein so hervorragender Snger wie er, schon aus knstlerischem Grundsatz nicht wohlgesinnt sein. Wann nor der Blitz die ganz Bud' zusammehaage wollt'! dachte er, wenn er in dem wackeligen Bett lag. Nchstens quardiert mich mei liewenswerdig Dochter noch in eme #Luftballon# ei'! Odder se zieht merr e Schnor dorch die Nos unn lt mich als Drache steie! Die Krnk soll se kriehe! Awwer gleich!! Nun, Gott sei Dank, jetzt hatte er vorerst seine Ruhe vor dem vermaledeiten Familienglck! Gerade hatte Bindegerst in seiner festlich beleuchteten Werkstatt wieder traute Zwiesprache mit seiner heimlichen Geliebten gehalten und wischte sich den Schnabel ab, um seiner schnapsologischen Ernhrungstheorie Ausdruck zu geben, als es leise an die Tre klopfte. Erei, wer draue is! rief er. Und herein schlich die klgliche Gestalt seines Schwiegersohns. Quer ber der Stirne prangte eine breite Kratzwunde und sein rechtes Auge war merkwrdig verschwollen. Mit gesenktem Kopf blieb er in der Tre stehen. Erstaunt sah Bindegerst von seiner Arbeit auf und gab heimlich mit dem Fu seiner stillen Liebe einen Tritt, damit sie tiefer unter die Drechslerbank schlupfe. Ich bin widder da! seufzte Adolf tonlos. Ich guck's! besttigte der Alte, und ein boshaftes Lcheln spielte um seine Mundwinkel. Er bedurfte keiner Erluterung, er erriet alles. Nicht ohne Spott frug er: Unn wo is dann 's Kttche? Hilflos zuckte Adolf die Achseln. Ein Engel ging durchs Zimmer, -- eine in dieser Behausung hchst ungewohnte Erscheinung. Bindegerst wartete, ob sein Schwiegersohn nicht anfangen wrde, die Geschichte seiner unterbrochenen Hochzeitsreise zu erzhlen. Aber Adolf schien vllig geistesabwesend. Er empfand nicht einmal das Beschmende seiner tragikomischen Lage; nur traurig war ihm zu Mute, traurig wie einem Kind, dem ein bser Hund die Lieblingspuppe entrissen hat und in Fetzen beit. Beinahe leid tat er seinem Schwiegervater. No, komm nor her! sagte Bindegerst schlielich. Vor #mir# braachstde kaa Angst zu hawwe: ich kratz net! Unn scheniern braachstde Dich #aach# net: die Handschrift is aach schonn uff #mei'm# Kopp zu lese gewese! Wann aach net mit so groe Aafangsbuchstawe! -- Wie is'n des komme? Adolf machte eine mde, abwehrende Handbewegung. Er wollte nicht darber sprechen. Er htte auch gar nicht so genau sagen knnen, wie sich die Unglcksszene entwickelt hatte. Mit einem ganz unbedeutenden Wortwechsel war es angegangen, er hatte die Unvorsichtigkeit besessen, in einer nebenschlichen Angelegenheit anderer Ansicht zu sein als das ihm angetraute Turteltubchen, und pltzlich sah er sich einer tobenden Furie gegenber und hrte zum ersten Mal den Aufschrei: Prinze unn Korferschte htt' ich heierate knne, unn Dich Schlappschwanz mu ich nemme!! Und ehe er noch dazu kam, einzulenken, die grundlos Erregte zu beruhigen, und alles, was er gar nicht gesagt hatte, zurckzunehmen und um Verzeihung zu bitten, sprte er schon zehn Fingerngel im Gesicht. Als er die Augen, seine erschrockenen blauen Kinderaugen, wieder ffnete, war Katharina verschwunden. Da war er traurig zum Bahnhof gewankt und hatte sich eine Fahrkarte nach Offenbach gelst. Mit dem Wirt hatte er nicht erst abzurechnen brauchen, denn die Kasse fhrte Katharina. Whrend der ganzen Eisenbahnfahrt hatte er zum Fenster hinausgestarrt, aber er hatte nichts gesehen von den Drfern, Stdten, Wiesen, Wldern und Bergen, die vorbeihuschten. Wie ein Fiebernder das Buch, das aufgeschlagen auf seiner Bettdecke liegt, liest, ohne da die gedruckten Buchstaben sich seinem wirren Geiste zu Worten und Stzen verbinden, so starrte er in das weitaufgeschlagene Bilderbuch der Natur und ward sich keines Schauens bewut. Ein Riesenspielzeug war die weite Landschaft, aufgestellt von der tppischen Hand eines Gigantenjungen, und ein hmischer Kobold blies nun das schne Spielzeug mit dicken Backen um, so da es in tollem Wirbel an dem Eisenbahnzug vorbeisauste. Ein Traumwandler, ging Adolf durch die Straen Offenbachs, instinktiv den Weg nach Hause findend, und nur einmal, in der Nhe der Schlostrae, war er zu dem erschreckten Gedanken erwacht: Wann Dich nor niemand aus'm Geschft guckt! Was dhte die sonst denke! Und schnell war er in eine Seitengasse eingebogen. Und nun stand er in seiner Wohnung, die ihm mit einem Mal so fremd vorkam, und wurde von einer unbeschreiblichen Sehnsucht zerrissen, sich an eine mitfhlende Brust zu werfen, um sich den Schmerz von der Seele zu weinen. Aber der alte Bindegerst mit seiner heimlichen Geliebten war dazu nicht die geeignete Persnlichkeit. Das empfand der arme Adolf nur allzu deutlich. Und so harrte er in der Tre, mit den Trnen kmpfend, und ihm war, eine eherne Faust wrge ihm die Gurgel. Mach wenigstens die Dhr zu! forderte ihn Bindegerst auf und wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Zugluft is net gut for so'n Schwerverwundete! Mechanisch gehorchte Adolf Borges und trat neben ihn an die Drechslerbank, stumpf seinem Beginnen zuschauend. Vater Bindegerst war mit dem Einsetzen der Glasaugen fertig, er gab jetzt seinem Meisterwerk den letzten Glanz, indem er den Affenkopf mit Sandpapier abrieb. Er lie sich Zeit dazu, und als er die Arbeit fr vollendet hielt, hob er stolz den Spazierstock seinem Schwiegersohn unter die Nase und frug selbstbewut: No, for was for e Viech hltstde des? Dabei fiel sein Blick in Adolfs Augen und entrstet fuhr er fort: Bistde iwwergeschnappt? Ich glaab gar, Du willst flenne? Bistde e Mannsbild odder bistde e Schulbub, dem der Vadder 's Loch versohlt hat? Waastde, was #ich# an deiner Stell dht? Adolf wute es nicht. Und deshalb belehrte ihn der alte Bindegerst, der sich dank der Abwesenheit seiner Tochter und durch den eingehenden Umgang mit seiner stillen Geliebten in sehr heldenhafter Stimmung befand, weiter: Soll ich Derrsch sage? -- Ba emal uff! Und er lie den Spazierstock mit dem Affen-Kaninchen-Bulldoggen-Rehbockkopf sausend durch die Luft pfeifen. Verschdehstde 's? Bedappelstde 's? #So# mutde 's mache! Mobilisier Dich, Adolf! Des is die aanzig vernimftig Nadurheilmethod! Haag se, da die Lappe fliehe! Mein Sege hastde derrzu! Gebb'r die Prichel zurck, net mit fimf Prozent, net mit zeh Prozent, sonnern verdreifach'r des Kapital! Verklopp se, bis ihr Buckel schillert wie e Regeboge! Sonst kriehstde Dei Lebtag in Deiner Eh' kaan Sonneschei! Und er begann eine Schimpfrede auf seine Tochter, eine Racherede, wie sie selbst der selige Cato senior in seinen besten Stunden nicht gegen Karthago zusammengebracht hat, er lie kein gutes Haar an Katharina, nicht einmal ihren Quetschekuche lie er mehr gelten, und er schlo seine Predigt mit der, durch einen Faustschlag auf die Drechslerbank unterstrichenen Pointe: Httstde liewer dem Deiwel sei Gromudder geheierat' statt dem Satansweib! Ihr ganz Mudder is se! Die war grad so aane! Gott, was ich mit der Fraa ausgestanne habb! No, der Deiwel habb se selig! Adolf Borges verstand von diesem ganzen Vortrag kein Wort. Seine feuchten Kinderaugen starrten unverwandt auf den Fuboden, als erwarte er, da jeden Augenblick aus einer Ritze des Fubodens ein Zwerg hervorschlpfen msse, ein weibrtiger, greiser Mrchenzwerg mit einem goldenen Krnlein auf dem Kopf, um zu sprechen: Adolf, das alles ist gar nicht Wirklichkeit! Hokuspokus tickeltackel, geh hinauf ins Schlafzimmer, dort wirst Du Dein liebes Weibchen im Bett finden, die schon lange auf Dich wartet, um Dich abzukssen! Aber kein Zwerglein kam hervorgekrochen, und als Adolf endlich in das Schlafzimmer ging, da war es leer, und ach, so still. Ein einziges Mal regte sich etwas, aber das war nicht im Schlafzimmer, sondern ein Stockwerk tiefer: Vater Bindegerst hatte im Schwips seine Schnapsflasche fallen lassen und war gegen die Drechslerbank getaumelt. Am nchsten Vormittag traf Katharina ein. Sie tat, als sei gar nichts vorgefallen, stellte das Handkfferchen auf den Vorplatzschrank, legte Hut und Mantel ab, schlpfte in einen alten Rock und begann in der Kche zu wirtschaften. Adolf war schon frhzeitig aufgestanden, er sa zerknirscht im Wohnzimmer, nachdenkend darber, mit welchem Kitt er seine in die Brche gegangene Ehe wieder zusammenheften knne. Ach Gott, sagte er sich bekmmert, was hilft des jedz alls? Unn wann ich se mit der zhste Zrtlichkeit zusammebabb, so hat #doch# en Sprung unn bleibt invalid! Ich habb merr die Eh' vorgestellt wie en wunnerscheene Borzellandeller, von dem ich mit meim Kttche nix wie lauder Sieigkeite fresse wollt', -- unnn jedz is der Deller kapores, unn e Eck is abgestumbt, unn merr derf'n vor fremde Leut gar net mehr gucke lasse! Unn die Sieigkeite, -- ach, ich glaab als, 's werd nix wie Handks, unn Handks e ich gar net gern... Pltzlich war es ihm, als hre er in der Kche Jemanden hantieren. Ein freudiger Schreck elektrisierte ihn, er sprang auf und eilte hinaus. Da stand Katharina am Herd und rhrte einen brodelnden Kochtopf. Kttche! frohlockte er, glckselig, sie wieder zu sehen, mei lieb Kttche, wannstde wit, was ich for Angst um Dich gehabbt habb! Bistde dann gut gefahrn? Willstde Dich net e bissi umlege? Du werst mied sei'! Aber Katharina wrdigte ihren Gatten keiner Antwort. Mit einem verchtlichen Seitenblick auf ihn rhrte sie weiter den Kochtopf. Willstde merr net wenigstens Gu'n Morsche sage? bat Adolf. Gu'n Morsche, Hansworscht! sagte Katharina. Aber nicht scherzhaft, sondern bissig und gehssig, in einem Tonfall, der keine Fortsetzung des Gesprchs zulie. Da schlich Adolf geknickt wieder ins Wohnzimmer. Was habb ich'r nor gedhaa? jammerte er vor sich hin. Ich habb'r doch kaa aanzig bees Wrtche gewwe! -- No ja, ich bin kaa Kavalier, ich kann kaa so scheene Sprch mache wie die nowle Leut, ich kann kaa Affednz uffiehrn unn erumhippe wie die Judde ums goldene Kalb, -- awwer des hat se doch #vorher# gewit! Unn da ich se lieb habb, des #mu# se doch spiern! Ich habb's doch #aach# gespiert, wie se merr uff de Kopp gehaage hat! Unn die Lieb is doch, waa Gott, e dausendmal strker Instrument als wie e Faust! Unn ich maan als, so e werklich Lieb als wie die meinigt, die #mu# se doch merke! Wann merr in so e Menscheherz ereiruft: Ich lieb Dich!, dann kann doch des Echo net zurickrufe: Steih merr de Buckel enuff! Des wr doch gege die ganz Nadurgeschicht! Awwer vielleicht habb ich se #doch# beleidigt, unn waa es gar net? Vielleicht is merr doch erjend so e Wrtche erausgerutscht, was ich besser erunnergeschluckt htt, unn was err weh gedhaa hat? Der Mensch babbelt ja soviel dumm Zeug, unn aach der Keenig Salomo hat gewi in seim Lewe 'n ganze Haufe Stu geredt, -- es steht blo net in der Biwel drin. Awwer was kann ich'r blo Verkehrtes gesacht hawwe? Er sann und sann und kam zu keinem Ergebnis. Er trat vor den Spiegel und betrachtete wehmtig seine Kratzwunde an der Stirn und das verschwollene Auge und flsterte: Schee guck ich aus! Wunnerschee! Wann des so weitergeht, la ich mich bei meiner silwerne Hochzeit in Spiritus setze! Und da Katharina nicht zu ihm hereinkam, tappte er die Treppe hinunter in die Werkstatt seines Schwiegervaters und meldete: Gu'n Morsche, Vadder! Unn se wr' widder da! E Erdbewe wr merr liewer! sagte Bindegerst. Aber Adolf wunderte sich schon nicht mehr ber diese liebenswrdige vterliche uerung. Er hockte sich auf einen Schemel, sttzte den Kopf in die Hnde und frug erschpft: Is se immer so? Immer! besttigte der Alte. Immer! Nor manchmal net! Manchmal is se noch schlimmer. Bis jedz hastde se nor Schottisch danze sehe, awwer ba emal uff, wann se erscht Galopp danzt! Da kannstde Dei blau Wunner erlewe! Des Rezept zu dem Danz hat se von ihrer selig Mudder geerbt, grad wie des Rezept zum Quetschekuche! Ich sag Derrsch, Adolf, des Lewe is e Gemeinheit! E gro Gemeinheit! Zeit wrsch, da e neue Sintflut komme dht, awwer #ohne# Arche Noah! Vier Woche sollt's nix als wie Schnaps regne, da merr all drin versaufe, -- des wr wenigstens e scheener Dod! Es entstand eine Pause, die Bindegerst dazu benutzte, seiner stillen Geliebten zuzusprechen. Er genierte sich jetzt gar nicht mehr vor seinem Schwiegersohn. Warum hastde merr dann des net frieher gesacht? sthnte Adolf. Bindegerst lachte drhnend. Warum ich Derr des net frieher gesacht habb? -- Guck Derr emal den ahle Schrank in der Eck aa! Des Schlo is kabutt, unn in der Rickwand is e Mordsri, ich habb'n blo e bissi zugebabbt. Wann jedz e Kundschaft km unn wollt den Bawel kaafe, maanstde, ich wer' sage: Lasse Se die Finger dervoo! Der Schrank is de Transbort net wert! Maanstde, ich bin so meschugge? Naa, mei Liewer! Aapreise wer' ich'm de Schrank unn hunnert Jahr Garandie geww ich'm, dem Olwel! Unn so mach ich's mit #alle# Mwel, -- aach mit de lewennige! Braach ich mit #fremde# Aage zu gucke? Ich guck mit meine eigne nix! Da fhlte Adolf Borges, da er auch von seinem Schwiegervater verlassen war. Das Herz krampfte sich ihm zusammen und er hatte ein bitteres Wort auf der Zunge. Aber noch ehe er es aussprechen konnte, kreischte eine Stimme von oben: Macht, da'r enuffkimmt! Der Kaffee is fertich! Es war Katharina, deren Ahnungsvermgen ihr gesagt hatte, da sie es nicht zu einem Bndnis der beiden Mnner kommen lassen drfe, und da es unklug sei, sie zu lange allein beisammen zu lassen. Ein schweigsames Frhstck war es. Keines wollte ein Wort sprechen. Nur der alte Bindegerst bemerkte einmal zwischen zwei Schlucken Kaffee: Im Odewald soll's frieher Hexe gewwe hawwe! Da warf ihm Katharina einen bitterbsen Blick zu. Erst kaute sie den Bissen fertig, den sie im Mund hatte, dann erwiderte sie: Unn in Offebach, da gibbts sogar heut noch Rindviecher! Jede dieser Bosheiten Katharinas, auch wenn sie nicht gegen ihn selbst gerichtet war, verwundete Adolf wie ein Schlangenbi. Er konnte es begreifen, da ein Mensch in pltzlicher Erregung sich verga, schrie und tobte, wie das zuweilen der dicke Herr Schrder tat, wenn er seinen nervsen Tag hatte, aber unfabar war ihm diese sich ewig gleichbleibende, kaltbltige Bosheit. Wie konnte ein Mensch so bis zum Rande vollgeladen sein mit Tcke und Streitsucht? Und gar ein weibliches Wesen? Die wenigen Frauen, die er, der Frauenfremde, bisher hatte beobachten knnen, waren alle ganz anders gewesen. Da waren die Geschftsfruleins, kleine Kcken, die sorglos-heiter herumpiepsten und in dem groen Hof des Lebens nach Liebschaften pickten; da waren die Gattinnen seiner Chefs, solide gutgenudelte Hennen, die wrdevoll gackerten und herablassend mit dem Kopf zu nicken verstanden; da waren die Damen der Kundschaft, Federvieh von allen Sorten, jeden Alters und jeder Rasse, -- aber so ein giftgeschwollener Truthahn wie Katharina war ihm noch nie unter die Augen gekommen. Als das Frhstck abgerumt war und er wieder allein im Zimmer sa, grbelte er von neuem ber sein Schicksal nach. Und mit der kindlichen Gutmtigkeit, die ihn fr jede menschliche Schlechtigkeit eine Entschuldigung suchen lie, redete er sich ein: Vielleicht kann se gar nix dafor, da se so is? Ihr Mudder soll ja e bees Reibeise' gewese sei', unn iwwer ihrn Vadder geht merr aach allmhlich e Petroliumlamp uff! Wie htt des arm Mdche da annerschter wern knne? In eme Eisschrank kann kaa Veilche gedeihe. Wer waa, wie se mei Kttche mit Schmi unn Schenne uffgezoge hawwe! Unn jetz hlt se die ganz Welt for e Generalversammlung von Verbrecher und Bsewichter. Ich mu recht lieb zu err sei unn recht gut, dann werd se sich gewi nnern. Geduld mu ich hawwe, da se Vertraue zu merr krieht! Unn wann se erscht merkt, ich maan's werklich gut mit err, ich will se net ausnitze, dann werd zuerscht e Wandlung mit ihrm #Herzche# vor sich gehe, unn dann, so Gott will, aach e Wandlung mit ihr'm #Schnawwel#! Und er begann sogleich, einen Versuch auf diesem Wege zu machen; leise schlich er in die Kche hinaus, trippelte auf den Zehenspitzen von hinten an Katharina heran und drckte blitzschnell einen Ku auf ihren Nacken. Ein heftiger Ellbogensto in die Magengegend war die Antwort. Du bist wohl net bei Trost? Was soll dann des haae? Scher dich zum Deiwel, Faulenzer! Dieses Wort verletzte Adolf Borges tief. Faulenzer hatte ihn noch niemand genannt. Da ihn Herr Feldmann und der eklige Kassierer mit allerhand Kosenamen aus Brehms Tierleben belegten, war er gewohnt, aber Faulheit, -- nein, dieses Laster hatte ihm noch niemand vorgeworfen. Hatte er nicht sein Leben lang geschafft wie ein Packesel? Und jetzt sagte seine eigene Frau ... Ja, glotz mich nor aa! schrie Katharina. Du hast mich wohl noch net richtich beguckt? Soll ich Derr e Fodografie schenke? -- Jawohl, e Fauldier bistde! Was gehstde net in Dei Geschft? Awwer Kttche, verteidigte sich Adolf, awwer Kttche, ich habb doch noch fimf Dg Urlaub! Was solle se dann von merr denke, wann ich mitte in meiner Hochzeitsreis zurickkomm! Die wern schonn sowieso wisse, was se von Derr zu denke hawwe! Bildste Derr vielleicht ei', ich will Dich die fimf Dg hier erumlungern hawwe? Zum Nixdhun haww ich Dich net geheierat! Und pltzlich im Ton umschlagend fing sie an zu jammern: O Gott, ich unglicklich Fraa! Prinze unn Korferschte htt ich hawwe knne, unn so en Schlappschwanz, so'n draurige, mu ich nemme! Adolf wartete nicht, bis der Ton zum zweiten Mal umschlug und wieder die keifende Roheit zum Vorschein kam. Er ging hinaus, setzte seine Mtze auf und lief ins Geschft. Und als er vor dem Geschftshaus stand und in die groen Schaufenster blickte, in denen die Modellpuppen standen, die er so oft abgestaubt hatte, da war ihm, als sei dieses Haus seine eigentliche Heimat, als sei #hier# seine Familie, und sein Heim bei Katharina sei nur eine Schlafsttte, in der er aus Mitleid geduldet wurde. Er ward beinahe gutgelaunt, als er vor den erstaunten Herrn Schrder hintrat, um sich zurck zu melden. Er freute sich auf die erlsende Arbeit. Und es ging ihm durch den Kopf: Die Arweit is doch des wahre Baradies! Unn die ganz Geschicht mit dem Ebbelbaam, die glaaw ich iwwerhaapts net! Die Sach werd ganz annerschter gewese sei'. Der Adam-selig hat sich aafach #gelangweilt# in dem baradiesische Palmegarte unn hat zum liewe Gott gesacht: Mensch, hat'r zum liewe Gott gesacht, Mensch, ich komm um vor Langweil! Schmei mich enaus aus dem Garte, odder ich vertrampel Derr 's Gras! Unn weil der liewe Gott e gescheider Mann is, hat er erwiddert: Adamche, ich will Derr e Uniwersalmedizin erfinne gege die Langweil unn gege jeddes Unbehage unn jedde Unzufriddenheit! Unn er hat die #Arweit# erfunne. Unn da war die Schpfung erscht richtich fertich! No?? sagte Herr Schrder. No, schonn widder zurick? Was is dann? Ach, wisse Se, meinte Adolf verlegen, es war so schleecht Wetter, da bin ich liewer widder haam! Hm! machte Herr Schrder bedenklich. Hm ... ich habb immer gemaant, bei Regewetter liebt sich's am scheenste! Aber weil der dicke Herr Schrder mit Recht fand, Adolfs Privatangelegenheiten gingen ihn eigentlich nichts an, forschte er nicht weiter. Weniger zartfhlend waren die Angestellten der Firma. Sie kicherten, als sie das scheppe Adolfche wieder auftauchen sahen, sie machten Witze, da die Damen rot wurden, und der erste Reisende stichelte, mit einer Anspielung auf Adolfs Stirnwunde: Merr sollt dem Odewald widder emal die Fingerngel schneide! Maane Se net aach? Der eklige Kassierer aber grinste: E schee Aussicht misse Se gehabbt hawwe vom Melibokus! Ihr Aag is #jedz# noch ganz geschwolle! An diesen schmerzhaften Stichelreden beteiligte sich nur ein einziges Mitglied der Firma nicht, der zweite Buchhalter Heinrich Baldrian. Das war berhaupt ein eigentmliches Mnnlein, eines von den Menschenkindern, denen das Leben so ziemlich alles schuldig geblieben ist, und die dennoch mit einer Miene herumlaufen, als seien sie selbst jedermann etwas schuldig. Dieses alte Buchhalterchen war ein unglckseliges Geschpf, ein Kunstenthusiast, dessen Talent zu seinem groen Schmerz nicht ausreichte, selbstschpferisch zu sein. Er hatte in seinen jungen Jahren dicke Hefte voll Gedichte geschrieben, ja sogar Dramen verfat, und hatte wohl auch eine Zeitlang, ermuntert durch den Beifall kritikloser Freunde, an sich geglaubt wie der Schneider von Ulm an seine Flgel. Bis ihm mit zunehmendem Alter die Erkenntnis dmmerte, da er in den Grten der Poesie auf geliehenen Stelzen herumstolperte. Da hatte er seine smtlichen Werke verbrannt. Aber seine groe Sehnsucht hatte er nicht mitverbrennen knnen. Heinrich Baldrian war ein einsamer Mensch geworden; stolz und unglcklich zugleich in seiner Einsamkeit. Das Wissen, das er sich durch fieberhaftes Lesen angeeignet hatte, die stille Wrde, die die Beschftigung mit ewiger Kunst dem Jnger verleiht, lieen ihn die Beteiligung an den billigen Spen der brigen Angestellten verschmhen; Adolf Borges war einer der wenigen Menschen, in denen er verwandte Anlagen zu ahnen glaubte. Von dem aber trennte ihn die tiefe Kluft des Bildungsunterschiedes. Er mute sich damit begngen, dem scheppe Adolfche stets ein freundliches Benehmen zu zeigen und im unvermeidlichen geschftlichen Umgang ihm jene kleinen Hflichkeiten des Herzens zu beweisen, die so wohl tun. Adolf kmmerte sich nicht um die Sptteleien, die ihn empfingen. Mit einer wahren Wollust strzte er sich in seine Arbeit. Noch nie war ihm das Paketschnren so kstlich erschienen. Ihm war zumute wie einem verlaufenen Hund, der wieder heimgefunden hat. Und als er bei der Arbeit in einem der hohen Wandspiegel zufllig seine Kratzwunde erblickte, lchelte er vor sich hin: Guck emal: e Kron haww ich aach! Mit zwaa Zinke! Der aa Zinke is schonn fast verheilt! Wie weit's der Mensch doch bringe kann! Und als ihn Herr Feldmann zum ersten Male wieder ein Kamel nannte, da war ihm wie einem aus der Fremde Heimgekehrten, der zum ersten Mal die Muttersprache wieder hrt. Alles uff der Welt is Gewohnheit! sagte er sich. Unn ich wer' mich schonn aach am Kttche sei Grobheite geweehne! Ich habb mich ja aach an des Gekrisch von dene Katze geweehnt! Unn wer waa: vielleicht is es beim Kttche gradso wie bei de Katze, unn se kreischt blo #aus Lieb# so? -- Gewohnheit is alles, unn ich bin iwwerzeigt: wann der Mensch mit Zahnweh uff die Welt km', dht 'r se gar net spiern, sonnern er km' sich krank vor, wann er emal #kaa# Zahnweh htt'! Einige Tage spter erlebte Adolf Borges eine neue eheliche berraschung. Als er abends aus dem Geschft heimkam, empfing ihn Katharina mit der kurzen, aber vielsagenden Frage: No?? Was is, lieb Kttche? fragte Adolf. Wannsde noch emal Lieb Kttche sagst, haag ich Derr 'n Kochlffel uff die Schnut! gab Katharina diese Zrtlichkeit zurck. Des dumm Gebabbel mecht mich ganz nervs! Nchsdens kimmstde noch mit Glacehandschuh unn Frack in die Kich! Des misse ja schee iwwerspannte Weiwer gewese sei', mit dene Du Dich frieher erumgedriwwe hast! Awwer Kttche, ich schwr Derrsch: Du bist des erscht weiblich Wese, des wo -- Halt's Maul! Heut is doch Gehaltsdag gewese? Wo is 's Geld? Awwer Kttche, -- Gebb's Geld eraus! Maanstde vielleicht, ich kann von der #Luft# wertschafte? Mach kaa lange Umschdnd, des kann ich net verdrage! Adolf sah ein, da sie nicht von der Luft wirtschaften knne. Widerspruchslos zog er seine Geldbrse hervor und zhlte den Inhalt auf den Tisch. Is des alles? Ja! Mehr haww ich net! For so en schwige Gehalt dht ich dene was peife! S' is zum Haar-Ausroppe! Prinze unn Korferschte htt' ich heierate knne! -- Da sin fimf Mark, des mu lange! Merk Derrsch! So hnlich mu es den Kaufleuten im 16. Jahrhundert zu Mute gewesen sein, wenn Herr Gtz von Berlichingen oder ein anderer Raubritter sie auf der Landstrae ausplnderte. Aber lange hielt die Bitterkeit bei Adolf Borges nicht an. Er war ja eine der harmlosen Seelen, die sogar zu einem Raubritter gesagt htten: Von Ihr'm Standpunkt hawwe Se recht! Entschuldige Se nor, da ich net mehr bei merr habb! Knnte Se merr vielleicht sage, Herr Raubridder, wie ich am schnellste widder haamkomm? Des Kttche hat vielleicht ganz recht, dachte er. Sparsamkeit is e Dugend. Vielleicht is des Geld bei ihr besser uffgehowwe wie bei mir. Es is ja aach als Mann mei Plicht unn Schuldigkeit, da ich se ernhr. Dadafor soll ich aach ihr Herr sei'! Aber unbehaglich war es doch, nicht mehr frei ber seine Einnahmen verfgen zu knnen und ber jeden Pfennig Rechenschaft ablegen zu mssen. Fnf Mark, -- das reichte ja kaum, das Flschchen Bier zum Frhstck und zur Vesper zu bezahlen. Fnf Mark, damit konnte er doch unmglich seine kleinen Ausgaben bestreiten. Wie wrde das werden, wenn er einmal eine neue Mtze brauchte oder einen neuen Hosentrger? Sollte er dann Katharina um Geld bitten? Um das Geld, das er selbst verdient hatte? Er nahm sich vor, nur einen Teil der Trinkgelder, die er hie und da bekam, an Katharina abzuliefern und den Rest fr sich zu behalten. Die ganzen Betrge seinem kleinen Geheimfond einzuverleiben, htte ihm sein Gewissen nie erlaubt. Wie eine Unterschlagung wre ihm das erschienen. Und dann hatte er ja auf der Sparkasse noch etwas ber viertausend Mark stehen. Katharina wute wohl darum, aber es wurde nie davon gesprochen, so wenig, wie je von einer Mitgift die Rede gewesen war. Und doch kam im dritten Jahre seiner Schmerzensehe die Rede auf diese Ersparnisse: der alte Bindegerst war es, der sich pltzlich lebhaft fr das Sparkassenguthaben Adolfs interessierte. Ihm bekam die Ehe seines Schwiegersohnes ausgezeichnet. Einen besseren Blitzableiter fr die huslichen Gewitter hatte er sich gar nicht wnschen knnen. Mit einer gewissen inneren Befriedigung sah er mit an, wie sich alle die Donnerwetter und Hagelschlge, denen bisher er selbst preisgegeben gewesen war, auf Adolfs Haupt entluden, whrend er im Trockenen sa. Er machte sich sogar das Vergngen, heimlich ein bichen zu hetzen, indem er einerseits Katharinas Ansprche aufstachelte, andrerseits seinem Schwiegersohn soufflierte: La Derr nix gefalle! Mach en Stormaagriff! Soll ich merr e Trombet' kaafe unn zor Attack blose? Mensch, du blamierst unser ganz Geschlecht! Da Katharina nicht viel Zeit und Lust fand, sich um den Alten zu kmmern, wurde er geradezu bermtig. Eines Tages heftete er an die Treppentre seiner Werkstatt ein Plakat: Weibern ist der Eintritt strengstens verboten! Und amsierte sich kniglich, als Katharina diesen, auf sie gemnzten Zettel wtend in tausend Fetzen ri. Aber wenn er der Knechtschaft seiner Tochter entronnen war, so war er dafr um so schimpflicher unter eine andere Tyrannei geraten: unter die Knute seiner stillen Geliebten. Er trank nicht mehr, er soff. Er feierte an seiner Drechslerbank und oben im Dachstbchen stille Gelage, trank dem Mann im Monde und den Katzen zu und hielt mit sich selbst Volksversammlungen ab, in denen er das Thema: Das Leben ist eine Gemeinheit! von allen Seiten beleuchtete. berkam ihn der Weltschmerz, so sang er mit den Katzen Duette, die erst ein Ende nahmen, wenn zwei Fuste an die Tre donnerten und die bissigste Katze des Hauses schrie: Willstde Dei Maul halte, ahl Volleul! Schmstde Dich net vor der Nachbarschaft? Dann versicherte Bindegerst, die Nachbarschaft knne ihn sonst etwas. Aber er stellte seinen Meistersang ein. Ich glaab, Du riechst nach Schnaps? sagte einmal Adolf seinem Schwiegervater. Hastde gedenkt, ich wer' nach Veilcher rieche? erwiderte Bindegerst. Wann Derr mei Duft net bat, httstde halt in e Bodanisierbchs heierate solle, statt in unser Familje! Steck Dei Nos net in mein Privatgeruch, des bitt ich merr aus! Und Adolf hatte, wie immer, geschwiegen. Bindegersts Hnde waren jetzt fters #unter# als #ber# der Drechslerbank. Und die Affenkpfe seiner Spazierstcke nahmen immer seltsamere Formen an. Die Glasaugen saen jetzt mitunter an Stellen, an denen ein Naturforscher weit eher die Ohren vermutet htte, und sein letztes Meisterwerk besa sogar wie weiland Polyphem nur ein einziges Auge mitten auf der Stirn. Fr solche Migeburten von Spazierstcken fanden sich begreiflicherweise wenig Kufer, und dies war der Grund, weshalb sich Bindegerst pltzlich fr Adolfs Sparkassenbuch zu interessieren begann. Schon beim Abendessen hatte Bindegerst mit Adolf zu fueln angefangen. Nicht zrtlich und kosend, sondern mit Offenbcher Derbheit. Er trat ihm wider das Schienbein, da sein Schwiegersohn smtliche Engel im Himmel und smtliche Teufel in der Hlle gleichzeitig _fortissimo_ singen hrte. Und als Katharina einen Augenblick hinausgegangen war, um eine neue Schssel Kartoffeln zu holen, flsterte er geschwind: Adolf, komm nachher emal enuff in die Dachstubb, ich habb mit Derr zu redde! Whren Katharina das Geschirr absplte, schlich Adolf hinauf. Was is dann, Vadder? Hock dich emal uffs Bett! Da sitzstde weich unn fllst net so leicht um! Es wurde Adolf unbehaglich. Was konnte sein Schwiegervater von ihm wollen? Bindegerst machte ein so feierliches Gesicht. Sicherlich hatte er keine erfreuliche Mitteilung in Bereitschaft. Wannstde Dich vielleicht erst emal strke willst? frug der Alte und hielt ihm die Schnapsflasche hin. Ich sauf kaan Schnaps, Vadder! Weilsde net waat, was gut is! Schnaps is gut for die Cholera, secht e ahl Sprichwort. Ich will net draa schuld sei', wann e neu Epidemie ausbricht! Er hob die Flasche und labte sich. Wischte sich den Mund und zog aus der rechten Hosentasche ein zerknittertes Papier. Hockstde gut? -- Dann les emal! Adolf entfaltete den Wisch, strich ihn glatt und las. Es war eine gerichtliche Vorladung. Gast & Co. gegen Konrad Bindegerst wegen Forderung. E Gemeinheit! erwiderte Bindegerst Adolfs fragenden Blick. Des ganz menschlich Lewe is e Gemeinheit! Wege lumbige dreidausendfimfhunnert Mark verklagt aan die Lumbegesellschaft! Da gibbts Barone, die hawwe e Milljon Schulde unn kaa Mensch verklagt se! Awwer der Middelstand, der mu ja immer draa glaawe! Uff uns solide Berjersleut, da reit' ja der Staat erum wie e dressierter Aff uff'me Kamel! Und er hielt eine lange Entrstungsrede ber die unerhrten Zustnde, die nach seiner Ansicht in Mitteleuropa, und zwar #nur# in Mitteleuropa herrschten. Ja, Vadder, bistde dann des viele Geld #schuldig#? #Nadierlich# bin ich's schuldig! Maanstde, die verklage mich aus Jux? Merr hawwe doch kaa Fastnacht! Freilich bin ich's ihne schuldig, dere Saubagasch! For Holzlieferunge! Dann mutde's aach zahle! entschied Adolf. Bindegerst beguckte ihn spttisch. Merr knnt glaawe, Du httst studiert! Du reddst wie e Amtsrichter! Awwer zahl emal, wannsde kaa Geld hast! Kann ich hexe? Hokuspokus, da is e Milljard? Kann ich merr Goldsticker aus der Nos ziehe, odder Dausendmarkschei aus 'me ahle Zylinner? -- Ich habb 'n Dalles, den knnt merr for Geld gucke lasse! Pleite bin ich! Unn da verklagt mich die Saubande uff so en Haufe Geld! Kaum zwaa Jahr bin ich'r des bissi Geld schuldig, kaum siwwe Mal hawwe se mich gemahnt, unn gleich wern se so ricksichtslos! Adolf dachte nach. Das war ja eine schne berraschung. Er hatte seinen Schwiegervater nie reich geschtzt, er hatte nie auf eine Erbschaft spekuliert, aber er hatte es als Selbstverstndlichkeit betrachtet, da die Drechslerei gut ging und ihren Mann ernhrte. Nie hatte er wahrgenommen, da seinen Schwiegervater Schulden bedrckten, -- und nun pltzlich diese Erffnung. Ja, wie is dann des nor meeglich? stotterte er. Bei Gott is kaa Ding unmeeglich! gab Bindegerst mit Wrde zurck. Schuldemache is e ganz aafach Sach: du braachst blo nix zu bezhle! Des annner kimmt dann ganz von selwer! Es entstand eine Pause. Der Alte beobachtete seinen Schwiegersohn mit verschmitzten, lauernden Augen. Wart nor, dachte er, wart nor, ich krieh Dich schonn draa! Waa es des Kttche? frug Adolf nach einer Weile. Kaan Dunst! Dht se sonst so ruhig des Gescherr sple? En Schlagaafall dht se kriehe, -- des haat: #sie# krieht de Aafall, unn #mir# kriehe die Schlg! Nix waa se, unn se #derf# aach nix wisse! Naa, se derf nix wisse! echote Adolf. Er hatte es sich zur Pflicht gemacht, alle Unannehmlichkeiten, alle Aufregungen von Kthchen fernzuhalten. Bindegerst schmunzelte. Das Gesprch nahm ganz die Wendung, die er ihm zu geben beabsichtigt hatte. Oh, er war ein Schlaufuchs, und Adolf ein gutmtiger Narr! Er nahm ein bekmmertes Gesicht an und klagte: Awwer se werd's halt #doch# erfahrn! Wann erscht der Gerichtsvollzieher kimmt unn fngt aa, unser Mwel als Briefmarke-Album zu benitze, dann merkt se's! Er seufzte und beobachtete listig die Wirkung seiner Worte. Wann se nor net krank werd von dem Schrecke! fgte er hinzu. Se #derf# nix erfahrn! sagte Adolf geknickt. Unner kaane Umstnd derf se ebbes erfahrn! Ja, des sag ich ja aach! Awwer wie soll ich's verhinnern, Herr Rechtsgelehrter? -- Guck, Adolf, ich steh ja gar net so schlecht, -- mei Geschft is unner Brieder immer noch en Batze wert, -- no, unn mei Husi hat aach noch sein Wert, wann merr die Hipotheke abzieht, -- ich brucht halt nor en Mensch, der merr uff die Sicherheit hie so momendan vierdausend Mark bumbe dht! Er machte wieder eine Effektpause. Ganz dicht stand er nun vor seinem Schwiegersohn und sah ihm scharf in die Augen, whrend er sagte: Dhtst #Du# merr kaan wisse, der wo merr so vierdausend Emmcher leihe knnt? Adolf erhob sich vom Bett und begann im Zimmer auf und ab zu wandeln. Viertausend Mark, dachte er. So viel hatte er gerade auf der Sparkasse... Und schlielich war es doch sein Schwiegervater... Den konnte er doch nicht in der Patsche sitzen lassen... Und das Entsetzen, das er Katharina ersparte... Wenn der Gerichtsvollzieher ins Haus kme!... Und eine Sicherheit bot ja das Geschft schlielich auch... Er dachte in diesem Augenblick nicht daran, wie mhsam er seine Ersparnisse gemacht hatte, wieviel Jahre seines armen Lebens er dafr gefrohnt hatte, wie er sich jedes Vergngen versagt hatte, um nur pnktlich den programmigen kleinen Betrag am Sparkassenschalter abliefern zu knnen. Er dachte nicht daran, da er auch jetzt noch sich nicht die kleinste Extraausgabe leistete, whrend Bindegerst in schnapsfrhlichem Faulenzertum dahindste. Er sah nur, da er hier helfen konnte, und je mehr er darber nachdachte, desto klarer erschien es ihm eine ganz einfache Pflicht, dem Alten seine Ersparnisse anzubieten. Bindegerst lie ihm Zeit. Er sagte sich, da er jetzt die Gedankengnge Adolfs nicht stren durfte. Da laaft er hie unn her, kicherte er in sich hinein, unn bildt sich ei', er dht sich de Fall iwwerlege! Dabei laaft er nor in dem Kfig erum, den ich 'm mit meim Gebabbel gebaut habb! Unn was'r sich in seim dumme Kopp zusammereimt, des is all grad so, als ob #ich#'s em in die Fedder diktiert htt! Adolf, was bistde e Olwel! Ach ja, Adolf #war# ein Olwel. Denn alle guten Menschen sind Olwel. Ein gutes Herz ist eine klare, reine Quelle, -- aber aus einer Quelle trinken nicht nur die frhlichen Wanderer, nicht nur die lieben Singvglein, sondern auch die raublsternen Marder sttigen sich darin, und jedes vorbeitrampelnde Schwein steckt seinen Rssel hinein. Es ist nicht wahr, da man durch Schaden klug wird. Durch Schaden wird man hchstens #schlecht#. Und es gibt so gutmtige Olwels, da sie durch Schaden immer dummer statt klger werden, weil sie nie auf Dank gerechnet haben, sondern in dem Bewutsein, etwas Gutes zu tun, eine Belohnung empfinden, die kein Schaden mindern kann. Und so ein Olwel war auch Adolf Borges. Ich waa aan', der wo Derr des Geld bumbe kann! sagte er und freute sich seines Entschlusses. Adolf Borges haat er, unn morje gehn merr zusamme uff die Sparka! Awwer naa! sagte Bindegerst. Des kann ich doch net verlange! Des kann ich gar net aanemme! Warum dann net? sagte Adolf und war beinahe beleidigt. Es bleibt doch in der Familje! Erbt halt emal der Vadder vom Sohn, statt umgekehrt! Awwer des mutde merr wenigstens zugewwe: ich habb Dich net drum #gebete#, sagte Bindegerst. #Nadierlich# hastde mich net drum gebete! lchelte Adolf herzlich. Ich dhu's aus merr selwer! Unn ich dhu's gern! Und der alte Bindegerst dachte: Der is noch viel dmmer, wie ich geglaabt habb! Schad, da er net #achtdausend# hat! Er streckte ihm die Hand hin: Adolf, des verge ich Derr net! Adolf, wannsde emal en Mensch braachst, der for Dich dorchs Feuer geht, dann braachstde merr nor zu telefoniere! Und Adolf war ganz gerhrt. Jedz mu ich awwer widder erunner bei's Kttche! Unn gell, Dei Fraa braacht nix davoo zu wisse! Naa, se erfeehrt nix! -- Wann se mich awwer freegt, was merr so lang da owwe gebabbelt hawwe? Dann sagstde eifach ... dann sagstde halt ... ach was, es werd Derr schonn e Ausredd eifalle! Du bist ja verheierat'! Adolf bedurfte keiner Ausrede. Als er herunterkam, lag Katharina schon schlafend im Bett. Sie sah in ihrer knochigen Drre, mit dem unfrisierten Haar, mit dem schnarchend halbgeffneten Mund und den gelbbraunen Zhnen abstoend hlich aus. Aber Adolf betrachtete sie mit gerhrter Zrtlichkeit. Wie e Engelche leiht se da! murmelte er. So friedlich! Vielleicht fliegt se jedz grad im Draum im Himmel erum odder se bckt for die Heilige Quetschekuche! Se is doch e gudes Weib. Heut hat se mich nor zwaamal en Saukerl genennt. Se bessert sich schonn. Langsam, awwer sicher. Und er zog sich behutsam aus, um sie nicht zu wecken, und schlief in dem Bewutsein einer guten Tat zufrieden ein. Das Engelchen Katharina aber entwickelte sich immer offenkundiger zum Fafner. Sie htte auf jedem Drachenwettbewerb den ersten Preis ergattert. Ich mag es meiner Schreibmaschine gar nicht zumuten, all die Schikanen, die Katharina ersann, aufzuzeichnen. Es gengt zu sagen: gegen sie war Edison als Erfinder ein Waisenknabe. An einem Samstag Mittag wandte sich Heinrich Baldrian, der Buchhalter, an Adolf mit der Frage: Adolf, wollen Se morgen ins Theater? Wieso, Herr Baldrian? Weil ich zwei Billette hab. Aber es is mir was dazwischen gekommen. Vielleicht gehn Sie mit Ihrer Frau hin? Ei, mit Vergniege! Ich dank Ihne aach schee, Herr Baldrian! Bitte, bitte! -- Auf dem Nachhauseweg malte sich Adolf aus, wie Kthchen sich freuen werde. Vielleicht geht se mit'm Vadder 'rei? dachte er. Ich dht's zwar gern selwer gucke, awwer dem ahle Bindegerst mecht's sicher noch viel mehr Spa wie mir! -- Dheader, -- Gott, wie lang bin ich in kaam Dheader mehr gewese! Ich kann doch'm Kttche werklich gar nix biete! Annern Madamme, die hocke jed' Woch e baar Mal im Dheader unn kenne die Snger unn Schauspieler schonn von weitem an der Nos. Ja, 's is doch was Scheenes um die Bildung! -- Ich freu mich uff'm Kttche sei Gesicht! Aber diese Freude war verfrht. Ich geh in kaa Dheader! fauchte Katharina. Ich habb dahaam Dheader genuch! Mich indressiert der Stu net! So benutzten denn Adolf und Bindegerst die Karten. Bindegerst machte sich hochfein. Er schien sich den Knig David zum Vorbild genommen zu haben, von dem zweimal geschrieben steht und sie salbten ihm das Haupt, er lie sich von Herrn Hippenstiel eine geradezu feudale Frisur zurechtkleben, zog den schwarzen Gehrock an und tanzte reichlich eine halbe Stunde vor dem Spiegel, ehe er mit sich zufrieden war. Der Widerspenstigen Zhmung wurde gegeben. Des mu in Amerika spiele, sagte Bindegerst beim Lesen des Theaterzettels. Nor in Amerika hawwe die Leut so verrickte Name'! Vincentio, Lucentio, Petruchio, -- so haat in ganz Offebach kaa Mensch! Pltzlich fing er an zu lachen. Da, les emal: Katharina, die Widerspenstige, Baptistas Tochter. Gut, da merr's Kttche dahaam gelasse hawwe! Die htt sich am End' noch bedroffe gefiehlt! -- Du, ich bin neugierig, ob die mit #unserm# Kttche konkurriern kann? Auch Adolf mute lcheln. Adolf, des is sicher e lehrreich Stick! Adolf, da haat's die Ohrn spitze! Des hat sicher e #Verheierater# geschriwwe! Sie hatten zwei gute Pltze im ersten Rang, inmitten vornehmer Leute. Bindegerst fhlte sich infolgedessen als Aristokrat, dem kleinen Adolf aber war in dieser noblen Umgebung nicht sonderlich wohl. Er htte lieber auf der Galerie gesessen, unter seinesgleichen. Ich komm merr vor, wie e Kchin, die ihrer Gndige ihr Schleppekleid aagezoge hat. Da schwebt se drin erum unn dnzelt wie e Wackelpudding, awwer wann se de Schnawwel uffmecht, schmeckt's wie Kardoffelschale. Doch bald lie ihn das Stck das Publikum vergessen. Das Kthchen auf der Bhne war ein schlimmes Frauenzimmer, das sah er gleich. Aber ihr Vater war wenigstens so ehrlich, es den Freiern im voraus zu sagen. Der pries seine bse Tochter nicht als Quetschenkuchenvirtuosin an, wie Bindegerst. Er warnte Heiratslustige. Und dennoch hielt Petruchio um ihre Hand an. Herrgott, gibt's mutige Menschen! Eines freute Adolf: es wuchsen also auch in den vornehmen, reichen Kreisen weibliche Teufel! Nicht nur unter den Proletariern. Das Schicksal ist doch nicht so ungerecht, wie man ihm nachsagt. Die hhere Tchterbildung tut's also doch nicht! Er schmunzelte. Bindegerst stie ihn wiederholt mit dem Ellbogen an. Jedes Mal, wenn die Bhnen-Katharina eine bsartige Antwort gab, oder von ihrer Strrigkeit die Rede war, versetzte er dem Schwiegersohn einen Rippensto und flsterte: Wie dahaam! Am lieblichsten zeigte sich Katharina im zweiten Akt. Gleich in der ersten Szene prgelte sie, ohne Ursache, ihre sanfte Schwester Bianka. Wie dahaam! zischelte Bindegerst und schlug sich vor Freude aufs Knie. Drei Minuten spter haute sie dem Musiklehrer die Laute am Kopf entzwei. Die is groartig! jauchzte Bindegerst. Ganz wie dahaam! So e Kanallje! Psssst! machten die Umsitzenden. Adolf kmmerte sich wenig um Katharinas Bswilligkeiten, ihn interessierte weit mehr Petruchios Stellungnahme. Mit beiflligem Kopfnicken vernahm er dessen Rezept: Schmlt sie, so sag' ich ihr ins Angesicht, Sie singe lieblich, gleich der Nachtigall. Blickt sie mit Wut, sag' ich, sie schaut so klar Wie Morgenrosen, frisch vom Tau gewaschen. Ja, das war auch seine Ansicht: nur mit Gte ist etwas zu erreichen. So wollte auch er es halten. Aber -- o weh! -- schon beim nchsten Zusammentreffen erntete Petruchio eine Backpfeife, die aus dem Vorrat des #Offenbacher# Kthchens htte stammen knnen. Ganz wie dahaam! jubelte der Drechslermeister. In des Stick mu 's Kttche erei! Unn wann's hunnert Dhaler kost'! Trotz der Ohrfeige erklrte Petruchio die Widerspenstige fr seine Verlobte. Im dritten Akt aber begann er die Pferdekur. Bindegerst geriet auer sich vor Entzcken, als Petruchio absichtlich zu spt und zerlumpt zur Trauung erschien, in der Kirche wie ein Roknecht fluchte, dem Priester auf die Frage, ob er Katharina heiraten wollte, mit einem gebrllten Zum Donnerwetter, ja! antwortete, dem Kster den Weinbecher ins Gesicht warf, seine Braut in der Kirche laut abschmatzte, kurz die Widerspenstige auf jede erdenkliche Weise demtigte. So mutde's mache! rief der Drechslermeister. Des is mei Mann! Der krieht se klaa! Ba uff, er krieht se klaa, des Oos! Die Logenbesucher begannen, sich ber den Begeisterten zu belustigen. Aber Bindegerst lie sich nicht stren. Des mit' merr bei jedder Hochzeit gewwe, des Stick! schwrmte er in der Pause. Des is mehr wert wie die scheenst Preddigt! Des is aus'm Lewe gegriffe! Wannn's aach in Amerika spielt! Er zog im Foyer die Schnapsflasche aus dem Gehrock und labte sich. Nemm Derr e Beispiel, hetzte er. Adolf, mach's wie der Amerikaner! Ich garandier Derr for de Erfolg! Ich habb Derrsch schonn emal gesacht: haag se, da die Lappe fliehe! Und als im vierten Akte Petruchio sein Kthchen durch Hunger und Grobheit vollends zhmte, als sie in ihm ihren Meister erkannte, sich aufs Bitten verlegte und zuletzt so muschenklein ward, da sie auf Petruchios Befehl die Sonne fr den Mond, einen Mann fr ein Weib erklrte, da kannte Bindegersts Wonne keine Grenzen mehr. Adolf, wannsde kaa Hansworscht bist, mechstde's gradso! Adolf, ich guck Dich net mehr aa, wannsde's net gradso mechst! Adolf war durch das Theaterstck nachdenklich gestimmt worden. Hatte Petruchio Recht? Mute der Dichter mit dem seltsamen Namen die Frauen nicht besser kennen als er? Sollte er dem Rat Bindegersts, der unablssig auf dem Heimweg in ihn hineinredete, folgen? Ja, er wollte es versuchen. Auch wenn es bitter weh tat. Er beschlo, Petruchios Vorbild nachzuahmen. An einer Straenecke verabschiedete sich sein Schwiegervater. Ich geh noch e Schppche drinke! Unn morje frieh geht die Dressur los! Adolf, sei e Mann! Er verschwand in einer Seitengasse, die sich nicht des besten Rufes erfreute. ... Adolf Borges schlo in dieser Nacht kein Auge. Grob sein sollte er, wie ein Wterich auftreten, -- wie schwer das sein mute! Schreien sollte er, -- er, der Sanftmtige. Und gar schlagen. Ach Gott! Ach Gott! Am liebsten wre er mitten in der Nacht zu dem Schauspieler gelaufen und htte sich Unterricht geben lassen. Wie wrde Kthchen erschrecken! Von dieser Seite kannte sie ihn doch gar nicht! Weinen wrde sie, gerade wie die Widerspenstige in dem Theaterstck, -- und er konnte doch Niemanden weinen sehen! Oh, welch furchtbare Aufgabe! Aber es mute sein. Er konnte sich doch nicht vor Bindegerst lcherlich machen und seinen Vorsatz wieder aufgeben? Und vielleicht half die bittere Medizin tatschlich? Am nchsten Morgen erschien Bindegerst ungewohnt pnktlich zum Kaffee. Whrend Katharina das braune Getrnk aus der Kche holte, zwinkerte er dem Schwiegersohn vielsagend zu. Sei stark! bedeutete dieser Blick. Adolf, jetzt gilt's! Und Adolf bemhte sich, stark zu sein. Kaum hatte er einen Schluck getrunken, so setzte er die Tasse energisch ab und behauptete: Des soll Kaffee sei'? E Gesff is des! Bindegerst sekundierte: E Drecksbrieh' is es, awwer kaa Kaffee! Katharina war erstaunt. Sieh mal an! dachte sie. Und laut sagte sie: Ei, lat' s doch stehn, wann's Euch net schmeckt! Mir is des schnubbe! Awwer #mir# is es net schnubbe! begehrte Adolf auf und wunderte sich ber sich selbst. Ich verlang 'n #ordentliche# Kaffee! Unn ich verlang aach en ornliche Kaffee! echote Bindegerst. Zum Donnerwedder noch emal! Kthchens Erstaunen wuchs. Ihr seid wohl verrickt, Ihr Zwaa? Ihr seid scheint's im Dheater iwwergeschnappt? Mir sin noch lang net so meschugge wie Du! trumpfte Adolf, der allmhlich in Schwung kam. Noch lang net! besttigte Bindegerst. Unn so e Gesff kimmt merr net mehr uff'n Disch! erklrte Adolf. Und wie er es bei Petruchio gesehen hatte, packte er die Tasse und feuerte sie in die Zimmerecke, da die Scherben flogen. Er hatte erwartet, da Kthchen nun in Trnen ausbrechen, da sie um das schbe Geschirr jammern werde. Aber es kam ganz, ganz anders. Da is noch #mehr# Platz! sagte Katharina seelenruhig und schmi Kaffeekanne, Milchkanne, Zuckerdose und ihre eigene Tasse gegen die Wand. Dann ging sie hinaus, kam mit einem Arm voll Tellern wieder. So, des knne merr zum Iwwrige lege! Und knax, holterdipolter, prasselten die Teller auf den Boden. Dann kamen die Glser an die Reihe. Und zuletzt hauchte der Ritter von Stolzenfels am Rhein sein Dasein aus. Seid'r jedz zufride? frug Katharina. Adolf und Bindegerst sahen sich an. Ich wer' an mei Arweit gehe! sagte Bindegerst kleinlaut. Unn ich mu ins Geschft! fgte Adolf hinzu. Unn mir knnt'r de Buckel erunnerrutsche! schlo Katharina das Frhstck. Mittags wartete Adolf vergebens aufs Essen. Halb zwei Uhr war es schon geworden, um zwei mute er im Geschft sein, und noch immer hatte Kthchen nicht angerichtet. Er schlich in die Kche. Kriehe merr dann heut nix zu esse? Wodruff? Hastde Deller mitgebracht? Ich habb kaa, die sin all' kabutt. Adolf kratzte sich hinter'm Ohr. Da haww ich ganz draa vergesse, stotterte er. Heut Awend bring ich welche mit! Awwer vorher fegstde die Scherwe uff! befahl Katharina. Sie band ihm die Kchenschrze um, drckte ihm Besen und Schaufel in die Hand. Marsch, erei, unn uffgekehrt! Und der kleine Adolf kehrte demtig die Scherben zusammen. Bindegerst sah ihm zu und sprach: Adolf, Du hast Dei Sach' gut gemacht, awwer gege #hchere Mchte# kann der Mensch nix mache! Sei widder gut, Kttche! bat Adolf abends. Ich waa selwer net, was ich heut morje gehabbt habb. Gebb merr en Ku! Aber Kthchen drehte ihm den Rcken. Merr sin noch lang net fertich miteinanner, mei Liewer! Ich guck, da Samftmut bei Dir nix nitzt, -- gut, ich kann aach annerschter sei'! Und sie war fortan so annerschter, da Adolf auf die Frage des Herrn Baldrian, wie ihm das Stck gefallen habe, antwortete: Gespielt hawwe se's ganz schee, -- awwer des Stick daugt nix! Ganz unwahrscheinlich, Herr Baldrian! E echt amerikanischer Schwindel! Gar viele Liebesprchen, solche mit und solche ohne standesamtliche Ambitionen, hatte der Mann im Mond beobachtet, seit er den scheppen Adolf hatte in die Falle gehen sehen, in der ein so magerer Kder hing. Nun hatte er ihn lngst aus den Augen verloren. An einem Winterabend aber, als die Luft klar war wie geschliffenes Glas, fielen die Blicke des himmlischen Holzarbeiters wieder einmal in das Dachfensterchen und blieben erstaunt an dem Bilde haften, das sich bot: Vater Bindegerst hatte das Ohr an die Tre gelegt und lauschte grinsend dem Lrm, der aus dem unteren Stockwerk scholl. Se kloppt em de Aazug, ohne da er'n ausgezoge hat! schmunzelte er. Jeder Schlag en Treffer! Ich kann de Adolf net verstehe! So e Eh' htt ich schonn hunnertmal gekinnigt. Awwer so is des Lewe: e Gemeinheit von hinne bis vorne! Von owwe bis unne. -- Ui, schonn widder! Adolf, Adolf, ich lie merr de Buckel vernickele an Deiner Stell!... Er zog den Kopf schnell zurck, denn er hatte unten die Tre gehen hren, setzte sich an den Tisch und zndete behaglich eine Pfeife an. Schlrfende Schritte kamen die Treppe herauf. Adolf trat ein. Hat se widder ihrn elektrische Dag? erkundigte sich Bindegerst und schnitt ein teilnehmendes Gesicht. Adolf lie sich aufs Bett fallen. Ich halt's net mehr aus, Vadder! sthnte er. Kaa friddlich Minut haww ich mehr! Der Sultan hlt's mit vierhunnert Weiwer aus, sprach sein Schwiegervater groartig, unn Du willst net emal die aa aushalte?? -- Mach Derr nix draus, Adolf, du waat doch, wie se is! Aber diesmal war Adolfs Seele zu tief verwundet, als da sich der Schmerz htte durch solch schwache Narkotika besnftigen lassen. Ich wollt', ich wr dod! sagte er. Vier Schuh unner der Erd', -- ich glaab, da is's Lewe am scheenste! Da is so still, die Werm unn die Maulwerf sin kaa bissi nervs, unn was vier Schuh #iwwer# merr bassiert, davoo heer unn seh ich nix mehr... Blo die Sterncher, die leuchte dorch die Erd' dorch, unn dorch de Sargdeckel, unn ich guck se trotz meine geschlossene Aage, unn ihr Schei' mecht merr warm wie die best Zentralheizung. An en Dodedanz, nachts von zwelf bis um aans, waatde Vadder, dadraa glaaw ich net. Die Hopserei dht mich aach nix nitze. Ich kann ja gar net danze. Awwer da alsemal so e Zwerg, so e Gnom kimmt, glaaw ich, unn hebt de Sargdeckel uff unn guckt neugierig erei, -- awwer ich stell mich, als ob ich nix merke dht, dann ich habb kaa Lust zu babbele. Ich habb im Lewe genuch dumm Zeug geheert. -- Gell, Vadder, Du dhust merrsch verspreche, da De merr Watt in die Ohrn stobbst, wann ich dod bin? Bindegerst sah ihn erstaunt an. Was sein Schwiegersohn fr komische Gedankenspaziergnge unternahm! Er selbst hatte ja auch manchmal Halluzinationen, nmlich wenn er seiner Geliebten zu eifrig zugesprochen hatte, aber so verrcktes Zeug kam ihm nicht in den Sinn. Ihm erschien hchstens ein Riese und trommelte ihm mit einer Keule auf den Schdel, und wenn er sich dann aufrichtete, sah er, da er im Suff mit dem Kopf wider die Drechslerbank geschlagen war, und so lsten seine Visionen sich stets natrlich und logisch. Aber was sein Schwiegersohn in der letzten Zeit mitunter phantasierte, das grenzte ja an helle Verrcktheit. Es schlgt sich bei em uffs Gehirn! dachte er und beschlo, dem Gesprch wieder eine reale Wendung zu geben. Was war dann los? Was hat se dann gehabbt? Was se jedz #immer# hat! Se hat doch jedz die fix Idee: ich mit mehr verdiene! Da leiht se merr derrmit in de Ohrn, des is ihr Leibtrompetestick, wo se merr von frieh bis in die Nacht enei vorblst! Des geht wie e Uhrwerk -- Unn wannsde widdersprichst, dann fngt die Uhr aa zu #schlage#! ergnzte Bindegerst. Adolf wischte sich mit der Hand ber die Augen. Wann ich nor wisse dht, ob se mich iwwerhaapts noch lieb hat? Guckstde, Vadder, des frit an merr unn lt merr kaa Ruh! Ich dht merr ja gern alles gefalle lasse, -- was zwische meine vier Wnd vorgeht, des guckt ja Niemand --. Maantswege kratzt se merr die Aage aus, awwer #aus Lieb# mu se kratze! Ach Vadder, manchmal, da is merrsch grad, als ob se mich #hasse# dht, als ob se mich net ausstehn knnt, als ob ich'r zuwidder wr wie Rizinusl, unn des mecht mich noch ganz krank! Er schwieg verzweifelt. Der Alte legte die Pfeife weg, nahm die Flasche unter dem Tisch hervor und strkte sich durch einen langen Schluck zu der Beruhigungsrede, die er jetzt angemessen hielt. Du nemmst's zu schwer! trstete er. Iwwer die Weiwer soll merr iwwerhaapts net so viel nachdenke! Wie se sin, so sin se, -- ich habb se net geschaffe, ich wasch mei Pote in Unschuld. Unn's Kttche, no, wo se doch jedz in dem Zustand is ... Was for e Zustand? frug Adolf Borges mitrauisch. Bindegerst feixte verschmitzt. Awwer verstell Dich doch net, Adolf! Des mutde doch lngst gemerkt hawwe! Ich habb nix gemerkt. #Des# hastde net gemerkt? Ei, in #annerne# Zustnd is se doch ... Adolf war erregt aufgesprungen und ergriff seines Schwiegervaters Hand. Was hastde da gesacht?! No, bring mich nor net um!! Ich kann doch nix dafor! An mir braachstde doch Dein rjer net auszulasse! rjer?? rjer, Du Rindvieh? jubelte Adolf und lachte vor Glck. Is es sicher? Hastde Dich aach net verguckt? Vadder, wann's nor wahr is!! No, heer emal, ich bin doch net farweblind! Se geht doch schonn uff wie Hefeteig! -- Unn des merkt der Schlemihl gar net! In annerne Zustnd! jauchzte Adolf und fing an, in der Stube herumzutanzen. Er war, nach seinem eigenen Gestndnis, in der Kunst Terpsichores ein vollkommener Nichtsknner und doch: selbst die Schwestern Wiesenthal und die Clotilde Derp haben niemals die Freude so berwltigend getanzt wie in diesem Augenblick das scheppe Adolfchen. In annerne Zustnd!! Was e Glick, was e Glick! In annerne Zustnd! Vadder, ich wer' meschugge! Ich mu Derr en Ku gewwe! Odder naa, -- ich mu doch erscht emal nachgucke, ob's aach werklich so is! In annerne Zustnd!! Und er tanzte zur Tre hinaus. Kopfschttelnd sah Bindegerst ihm nach. Jetz wer' ich bald e Gummizell reserwiern lasse misse! dachte er. Hastde schonn so ebbes erlebt! Ich glaab, der schreit noch Hurrah, wann's #Drilling# wern! Adolf Borges sprang die Treppe hinunter, mit jedem Sprung drei Stufen, mit den Hnden gestikulierend und immer wieder jauchzend: In annerne Zustnd! In annerne Zustnd! Als er aber vor der Schlafzimmertre stand und gerade die Klinke herunterdrcken wollte, da fiel ihm ein, da sein Kthchen jetzt nicht in der Laune war, Begeisterungsausbrche in Empfang zu nehmen, er wandte sich zum Kleiderstnder, nahm Hut und Mantel und lief davon. Der Mann im Mond konnte ihn nun nicht mehr beobachten, denn die Erde hatte den dichten Schleier eines Schneegestbers vor ihr Antlitz gezogen. Die dicken Flocken flatterten Adolf ins Gesicht, schmolzen auf Nase und Wangen, besten seinen Mantel mit Sternchen, als wollte der Himmel den kleinen Mann mit unzhligen weien Orden auszeichnen fr das Verdienst der Vaterschaft. Wie alle Leute, die nicht wissen, wohin sie eigentlich wollen, hatte Adolf es sehr eilig. Er strmte durch die Straen, als gelte es, eine Wette zu gewinnen, bis er sich auf der Landstrae nach Frankfurt fand. Da migte er das Tempo und ergab sich, langsameren Schrittes, seinen stillen Betrachtungen. Wie schee is doch die Nadur eigericht': merr denkt an nix beeses, unn uff aamal is e Kind da! Grad als ob's von selwer komme dht, so wie die Blumme unn die Bum! Es gibbt Leut, die lasse sich die deuerste Beete in ihr Grte eneiplanze unn lasse de Grtner dadraa erumkorkse, Gott waa wie lang! Awwer se knne sich uff de Kopp stelle: so e schee Zusammestellung, wie se draue uff de Wiese ganz von selwer werd, bringe se net eraus. Unn wie mit de Blumme, werd's aach mit de Kinner sei'. Die so unverhofft komme, ohne da merr sich vorher die B drum ausreit, des wern die beste! -- Naa, ich mach merr gar kaa Gedanke drum, ob's blond odder schwarz werd, ob's helle oder dunkle Aage hat, ob's e Bub is odder e Mdche. Der Storch is doch kaa Gemiesfraa, da merr mit'm #hannelt#! Awwer blond wr merr schonn am liebste, unn wisse dht ich halt gern, ob's helle Aage hat, -- ach so, ich wollt merr ja kaa Gedanke driwwer mache! Er lchelte in sich hinein und blieb unwillkrlich stehen. Er hrte das feine, silberige Gerusch der fallenden Flocken und dachte: Der liewe Gott streichelt die Erd'. Unn er hat waae Glacehandschuh derrzu aagezoge. Unn er fhrt mit der Hand iwwer die Schneedeck, wie e Mudder iwwer des Wiegedeckche von ihrem Kindche, unn summt Schlaf, Erdche, schlaf! ... Wieder lchelte er. Ich mcht nor wisse, was ich heut habb, da ich heut immer an #Kinner# denk! -- Ach so, ich soll ja selwer aans kriehe! Ich krieh ja Kinner! Und er rief gegen den Sachsenhuser Berg: Heerstde's, ahler Berg, ich krieh Kinner! Ei, Du Spinat unn gehle Riewe unn Quetschebum unn was sonst da drowwe wachse dhut: Kinner kriehe merr! So dhut doch lache, Ihr verrickte Planze, schlagt doch Borzelbum: Kinner gibbt's! Und er fing laut an zu lachen und schnappte im bermut mit dem Mund nach den Schneeflocken wie ein Fisch nach einem Brotbrocken. Und die Telegraphendrhte summten: Annerne Zustnd, Annerne Zustnd, als wrde dieses Ereignis in der ganzen Welt herumdepeschiert. Eine Kirchturmuhr im nahen Oberrad schlug die zehnte Stunde. Der dumpfe Klang weckte Adolf Borges aus seinen frhlichen Trumereien. Wann ich so weider laaf, bin ich morje frieh in Afrika! sagte er sich und machte kehrt. Mit dem Erwachen aus seiner Seligkeit kam ihm auch die nchtliche Klte zum Bewutsein. Er fhlte, da er nasse Fe hatte, und er rieb sich die roten Ohren. Eine Weile trabte er nun still und gesittet auf der Landstrae dahin, gewissermaen schon umstrahlt von Vaterwrde. Dann kam die Freude wieder zum Ausbruch. Er bckte sich, knetete Schneeballen und erffnete ein Bombardement auf Telegraphenpfosten und Bume. Wann ich treff, sagte er sich beim ersten Schneeballwurf, dann werd's e Bub! Geht's danewe, werd's e Mdche! Und beim zweiten Wurf probte er aus, ob die Haare blond oder schwarz, beim dritten, ob die uglein hell oder dunkel werden wrden. Einen blonden Buben mit blauen Augen verhie ihm dieses Orakel, und er war damit sehr zufrieden. Schneebedeckt und durchnt kam er nach Hause. Er schttelte Mantel und Hut vor der Haustre aus und trampelte sich den Schnee von den Stiefeln, um nicht Kthchens Zorn zu erregen. Recht zrtlich wollte er seine Frau begren und sie gleich befragen, ob Vater Bindegersts Behauptung denn auch wirklich wahr sei? Aber dazu kam er gar nicht, denn sobald er das Schlafzimmer betreten hatte, schrie ihn Katharina erbost an, wo er jetzt herkme, und was das fr eine neue Mode sei, mitten in der Nacht heimlich aus dem Haus zu laufen? Einen ganz frchterlichen Krach machte sie, wahrend dessen sich Adolf bekmmert auszog und niedergeschmettert ins Bett kroch. Katharina drehte ihm den Rcken zu, blies das Licht aus und schlief ein, ohne seinen zaghaften Gute-Nacht-Wunsch zu erwidern. Ein gehriger Schnupfen war das erste vterliche Opfer Adolfs. Am nchsten Morgen beim Kaffee hielt er's nicht mehr aus, er mute Gewiheit haben. Er hatte seine Frau genau beim Ankleiden beobachtet, aber er, der Unerfahrene, hatte sich kein Urteil bilden knnen. So blickte er denn, als sie am Frhstckstisch saen, sein Weibchen recht innig an, beugte sich zu ihr hinber und wisperte lchelnd: Is es so weit, lieb Kttche? Mit was? schrillte es grob zurck. Kannstde Dich net so ausdricke, da Dich e vernimftiger Mensch versteht?! Ich maan, lieb Kttche, ... es kimmt merr so vor, als ob ... als wie wann ebbes Klaanes unnerwegs wr! Unn was weider? Also is es so? strahlte Adolf. Is es so? Da stand Katharina rgerlich auf. Ich habb Derrsch doch schonn gesacht! Frag net so dumm! Was is'n weider dabei! Und sie ging in die Kche und schien sehr zornig zu sein. Im ersten Augenblick war Adolf verblfft. Dann sagte er sich: Es kimmt von ihr'm Zustand. Ich wr wahrscheinlich aach net annerschter, wann ich so weit wr! Und dies mute er sich fortan oft sagen. Denn Katharina ward immer unleidlicher und reizbarer. Kein Tag verging ohne Lrmszene. Aber Adolf beklagte sich nicht mehr bei seinem Schwiegervater, er ertrug die geistigen und krperlichen Mihandlungen mit noch geduldigerer Sanftmut als je. Jede Launenhaftigkeit Katharinas war ihm nur ein neuer Beweis des Glckes, das er zu erwarten hatte. Denn jetzt wute er den Zustand seiner Frau und dessen Begleiterscheinungen sachverstndiger zu beurteilen: hatte ihm doch Bindegerst aus seiner dreibndigen Bcherei Das Geschlechtsleben des Menschen zu lesen gegeben. Daraus erfuhr Adolf mancherlei, was ihm bisher unbekannt gewesen. Die wichtigsten Stellen fielen ihm leicht ins Auge, denn die hatte Bindegerst mit Bleistift angestrichen. Und auch einige Randbemerkungen von Bindegersts Hand fanden sich in dem Buch, die bewiesen, da der Alte in Bezug auf das Geschlechtsleben des Menschen hchst menschlich dachte. Bindegerst lie fr einige Zeit das Schnitzen von Affenkpfen sein, er zimmerte ein Kinderbettchen. Den Ausmaen nach schien es fr ein Riesenkind bestimmt zu sein. Es wurde Adolfs Lieblingsbeschftigung, dem Schwiegervater beim Bau dieser kleinen Arche Noah zuzuschauen, und schon sah er im Geiste seinen Stammhalter in dem Bretterkasten zappeln. Er gewhnte sich an, schon jetzt den alten Bindegerst mit Grovadder anzureden, und dieser zeigte sich seinerseits durch die Anrede Herr Babba erkenntlich. Grovadder, maanstde net, merr knnt bei dem Bettche noch so vier Engelskppcher an die Ecke mache? Unn vielleicht aach noch e Oferohr in die Mitt, Herr Babba? spttelte der Meister. Ihn belustigten Adolfs ewige Anregungen zu Verschnerungen des Bettes, und er gefiel sich deshalb darin, ihm die unmglichsten Verzierungen vorzuschlagen. Ich maan als, Herr Babba, merr sollt an dem Bettche en Kleiderhake mit eme Zylinnerhut aabringe! Da der Bub aach griee kann, wann der Dokter zum Impfe kimmt! Maanstde net, Herr Babba, merr sollt en Aschebecher draamache? Odder werd's e Nichtraacher? Katharina rmpfte verchtlich die Nase, wenn sie Brocken solcher Gesprche aufschnappte. Sie schien sich nicht im mindesten auf das Kind zu freuen, sie nahm ihre Schwangerschaft wie eine etwas lstige Selbstverstndlichkeit hin, ber die Worte zu verlieren nicht lohnt. Manchmal mute sie sich, wenn sie das Essen auftrug, pltzlich mit leisem Sthnen setzen. Neigte sich dann Adolf besorgt ber sie, so knurrte sie bse: La mich! Ich kann des dumm Gedhu net verdrage! Kttche, merr wolle in der Kich' esse, dann braachstde des Esse net ereizudrage! Unsinn! Ich bin net krank! Kttche, willstde dich net e bissi umlege? Mei Ruh will ich hawwe! Ich bin net so zimberlich unn faul wie gewisse annern Leut! Fhlte sie Adolfs zrtliche Blicke auf sich ruhen, so drehte sie ihm in spttischer Verachtung den Rcken. Und einmal sagte sie wtend: Jedz haww ich genuch von dem alwerne Erum-Gescherwenzel! Des is des erste unn letzte Kind, was ich krieh! Dadafor wer' ich schonn sorje! Adolf hatte eine Heidenangst vor der Entbindung. Immer wieder las er Das Geschlechtsleben des Menschen, er erkundigte sich eingehend bei Bindegerst, wie es denn seinerzeit zugegangen sei, als Katharina auf die Welt kam. Aber der konnte ihm nur die Auskunft geben: Ich waa es net, ich bin solang spaziere gange! Am fnften Mai wurde Adolf vormittags gegen zehn Uhr in das Privatkontor seiner Chefs gerufen. Adolf, sagte der dicke Herr Schrder, es hat nach Ihne delefoniert, Se solle aageblicklich haamkomme! Da wute Adolf gleich, was los war. Herr Schrder, stammelte er erregt, Herr Schrder, merr kriehe Kinner! #Merr#?? meinte Herr Schrder. Merr? -- Net, da ich wit'! Adolf Borges strmte davon. Er rannte unterwegs eine alte Dame um, aber er hatte keine Zeit, sie um Entschuldigung zu bitten, sondern er fauchte nur im Weitersausen: Ahl Schachtel, kannstde net Blatz mache! Als er zu Hause ankam, war schon alles vorbei. Katharina lag erschpft und bleich im Bett, mit zusammengekniffenen Lippen. Er strzte auf sie zu, sie zu umarmen und zu kssen, aber sie runzelte die Stirn und zog den Kopf zurck. Grovater Bindegerst sa am Bett und sagte: Ich gradulier! Gut is gange! Awwer 's nchste Mal geh' ich widder spaziere! Adolf suchte das Kind. In dem kunstvoll gezimmerten Bettchen lag ein kleines Etwas, das einem gelblichen Affen nicht unhnlich sah. Er wollte es an sich reien, da sagte eine fremde, dicke Frau: Nix da! Se hawwe jedz hier gar nix zu suche! Se knne sich den Bub spter noch genuch betrachte! Den Bub? jubelte Adolf. E Bub is es! Kttche, was e Glick! Er wollte wieder zu Katharinas Bett eilen, niederknien, sie kssen; er stie dabei eine kleine Badewanne um, die am Boden stand, und verursachte eine berschwemmung. Rindviech! hauchte Katharina. Die fremde Frau, die sich offenbar hier als Herrscherin fhlte, packte ihn am rmel und befahl: Jedz mache Se awwer, da Se 'nauskomme! Merr braache jedz Ruh! Da stieg er hinauf in das Dachzimmerchen, ber die Stufen stolpernd, vor deren Unzuverlssigkeit ihn Bindegerst schon beim Mieten des Zimmers gewarnt harte. Er hatte sich die Nase gehrig aufgeschlagen, aber er sprte keinen Schmerz. Er streckte den Kopf zum Dachfensterchen hinaus und brllte: Ich habb 'n Sohn! 'n Sohn haww ich! Aber die Stadt Offenbach nahm keine Notiz von diesem groen Ereignis. Und pltzlich kniete er vor dem Schrank mit dem kaputenen Schlssel nieder, betete ein Gebet, ber dessen Verwirrtheit alle Engel im Himmel hellauf lachten, schttete die ganze Frmmigkeit, die in seinem harmlosen Herzen schlummerte, aus. Ich dank Derr schee, liewer Gott, da es so gut voriwwergange is! Ich wer' mich schonn revanschiern! Ich will so e guder Mensch sei', wie's iwwerhaapt noch kaan gewwe hat! Du werst's schonn gucke! Unn la merr nor des Kttche unn de Bub gesund bleiwe, la liewer #mich# die Cholera kriehe! Was e scheener Bub, liewer Gott! Unn #ich# bin der Vadder! Gell, da guckstde? La en nor was Gescheides wern, liewer Gott, es braacht ja net gleich Brofesser zu sei', awwer so recht e aastnniger Mensch! Unn Geld soll er aach verdiene, denn ohne Moses unn die Prophete, da schweige alle Fleete! Unn sei net bees, liewer Gott, da ich so 'n Stu zusammebet', awwer ich bin ja ganz meschugge vor Freud! Amen. Im Geschft wurde die Nachricht vom Familienzuwachs des scheppen Adolfchens mit groer Heiterkeit aufgenommen. Und wieder machten die mnnlichen Angestellten solche Witze, da die Damen rot wurden. Aber das wurden sie gern. Und der eklige Kassierer sagte: Blo #aans#? No, gewwe Se de Mut net uff, des nchste Mal wern's schonn Zwilling wern! Ibung mecht de Meister. Und der gute Herr Heinrich Baldrian drckte ihm die Hand und sprach in seiner besonnenen Art: Ich gratuliere Ihnen. Aber es ist eine groe Verantwortung, so ein Menschenkind in diese miserable Welt zu setzen. Ich sag's Ihnen offen: #ich# htte nicht das Gewissen dazu. Und der Herr Schrder sagte: E Bub? Mei' Hochachtung! Dichtige Leut hawwe merr im Geschft! No, Se wern jetz allerlei Ausgawe hawwe, -- vom nchste Erschte ab kriehe Se fuffzeh Mark mehr! Und bald ging Alles wieder seinen gewohnten Gang. Katharina war schon nach wenigen Tagen wieder aufgestanden. Ihr Wesen blieb znkisch und bsartig, ihre Streitsucht nahm eher zu als ab. Sie bewies dem Kinde keine Zrtlichkeit, sie betrachtete seine Anwesenheit einfach als eine Vermehrung ihres Arbeitspensums, das sie mit mrrischer Selbstverstndlichkeit erledigte. Sie vernachlssigte das kleine Gustavchen ebensowenig wie sie je ihren Haushalt vernachlssigt hatte, sie erfllte ihre Pflicht, -- aber wer auf dieser Welt nur seine #Pflicht# tut, tut zu wenig. Pflicht ist ein hliches Wort, ein Wort des Zwanges, und erst wenn dieser Begriff aus dem Denkvermgen der Menschen geschwunden sein wird und #dennoch# jedermann seine Pflicht tut, werden wir uns rhmen drfen, Kultur zu besitzen. Adolf empfand tiefschmerzlich die Lieblosigkeit der Mutter. Fr alle seine glcklich-neckenden Fragen, ob der Kleine ihm oder ihr hnlicher she, ob er diesen und jenen Zug von den Borges oder von den Bindegersts geerbt habe, hatte sie nur ein frostiges Achselzucken. Er aber war hemmungslos vernarrt in den Sugling, der nur das Mulchen zu einem Lachen zu verziehen brauchte, um seinen Vater in einen Taumel des Entzckens zu versetzen. Tglich entdeckte er neue Eigenschaften an ihm, ausnahmslos Tugenden und Anzeichen ungewhnlicher Gescheitheit, ber die er zu seinem Kummer nur mit dem #Grovater# plaudern konnte, denn Katharina hatte sich ein fr allemal dieses dumme Geschwtz verbeten. Den Grovater aber konnte der kleine Gustav nicht leiden. Nherte er sich nur dem Bettchen, so fing er an zu schreien, als stnde die schlimmste Mihandlung bevor. Weder Adolf noch Bindegerst konnten sich dieses seltsame Verhalten erklren, und doch war die Lsung des Rtsels so naheliegend: das Bblein konnte einfach den Schnapsgeruch des Alten nicht ertragen. Schrie der Kleine des Nachts, so geriet Adolf in die hchste Aufregung. Er verstand nicht, da Katharina das Plrren Gustavchens kaum beachtete, und er zweifelte in solchen Augenblicken ernstlich daran, da Katharina berhaupt Gefhl bese. Heerstde's net? bat er eines Nachts. Mach doch 's Licht aa unn gebb 'm die Brust! Gebb Du se'm! brummte Kthchen. Die Strenge der Mutter trug brigens gute Frchte, der kleine Schreihals gewhnte sich bald das nchtliche Konzertieren ab. Auch im Geschft erzhlte Adolf von seinem Wunderkind. Er sah nicht die ironischen Blicke, die die Angestellten bei seinen begeisterten Schilderungen austauschten, er hrte aus den scheinbar teilnehmenden Fragen nach Einzelheiten nicht den losen Spott heraus. Er hielt es fr aufrichtiges Interesse, wenn sie ihn ausforschten, wieviel das Gustavchen an Gewicht zugenommen habe, wieviel es getrunken habe, und wie es mit seinem Stuhlgang stnde. Mitten in seiner Arbeit berfielen ihn Zrtlichkeitsanflle, heftigere noch als damals in seiner Brutigamszeit. Hatten ihn damals die Putzfrauen dabei erwischt, wie er vor einer Modellfigur niederkniete, so erwischte ihn jetzt der eklige Kassierer dabei, wie er ein frischgeschnrtes Paket gleich einem Wickelkinde in den Armen wiegte und so tat, als kitzle er's unter dem Kinn: Du-du-du, -- wie lacht das tleine Dustavchen? Das war dem Gestrengen doch zu bunt, er ging zu Herrn Schrder, sich zu beschweren. Herr Schrder, des geht net mehr so weider mit'm Adolf! Der werd ja ganz verrickt! Aber der dicke Herr Schrder gab Denunziationen grundstzlich kein Gehr. Werd er for #Ihr# Geld meschugge, odder for #meins#? -- No also! fertigte er den Angeber ab. Da Adolf sich in seinen Gedanken unausgesetzt mit seinem Kinde beschftigte und im Geiste mit ihm die lieblichsten Gesprche fhrte, passierte es ihm, da er, als ihn Herr Feldmann rief, antwortete: Tleich tomm ich, Herr Feldmann! Tleich! Da wollte der Chef ernstlich bse werden, aber sein dicker Teilhaber besnftigte ihn: Lass'n, Hermann! Merr mu Geduld mit'm hawwe: er hat noch e bissi 's Wochebettfiewer! Adolf erhoffte von dem Kinde eine glcklichere Gestaltung seines Ehelebens, er glaubte fest, dieses Kinderherz msse der paradiesische Boden sein, auf dem sich die Eltern nach so langem Miverstehen finden mten. Ach, und gerade durch das Kind erhielt ihr Zusammenleben den tiefsten, unheilbaren Ri. Ungefhr ein halbes Jahr war Gustavchen alt, als Katharina Sonntags, nach dem Mittagessen, anordnete: Vadder, geh enuff, Dei Middagsschlfche mache, ich habb mit'm Adolf zu redde! Es wurde Adolf unbehaglich bei dieser Ankndigung. Was konnte ihm seine Frau in Abwesenheit des Grovaters zu sagen haben? Heer' emal, sagte Katharina, als sie allein waren, 's werd Zeit, da merr uns emal iwwer's Gustavche klar wern! Gott sei Dank: um das Gustavchen handelte es sich also! Nun, er wrde sich gewi gegen nichts struben, was dem Kinde von Nutzen sein konnte. Katharina trat dicht vor ihn und frug betont: Du hast doch vierdausend Mark uff der Sparkass? Ja, Kttche! antwortete Adolf unsicher und verlegen. Was is damit? Ich habb mich bisher nie drum gekimmert, awwer des Geld mu uff'm Gustav sein Name geschriwwe wern! Merr sin all nor Mensche unn merr kann net wisse, was bassiert. -- Bistde eiverstanne? Adolf wute nicht mehr, was er antworten sollte. Das Geld, ach, das hatte er ja gar nicht mehr. Damit hatte ja Bindegerst seinen Holzlieferanten bezahlt. Aber nun mute das Geld unter allen Umstnden wieder herbeigeschafft werden. Es #mute#. Noch heute wrde er mit Bindegerst reden ... Ich habb gefragt, obsde eiverstanne bist? Nadierlich bin ich's, Kttche. Sein Blick irrte ratlos im Zimmer umher, er konnte Katharina nicht in die Augen sehen. Ein schrecklicher Gedanke durchrieselte ihn: wenn Bindegerst das Geld nicht mehr beschaffen konnte? Der Grovater hatte zwar versprochen gehabt, ihm Haus und Geschft zu verschreiben, aber Adolf war viel zu anstndig gewesen, ihn jemals an diese Verschreibung zu mahnen. Also dann gebb merr des Buch! Adolf Borges wurde kreidebleich. Nun half nichts mehr, jetzt galt es Rede stehen. Kttche, des is ... des is so e Sach! stammelte er und zitterte am ganzen Krper. Des Buch ... des haww ich nmlich ... des haww ich nmlich net mehr. Wa--as?! Des Buch, des haww ich nmlich ... 'm Grovadder gewwe ... weil er doch Schulde gehabbt hat ... unn da ... Die Worte blieben ihm im Hals stecken. Er starrte mit groen, ngstlichen Augen sein Weib an. Katharina stand einen Augenblick mit offenem Mund da. Dann brach sie los: Du Lump! Du Schuft! Dadafor haww ich mich abgerackert wie e Dier! Dadafor haww ich jeden Fennich zusammegekratzt unn merr nix, nix, nix gegnnt! Du Schwein, Du! Kinner in die Welt setze unn net sorje dafor! Des bat Derr! Aas! Awwer Kttche ... 's is doch Dei Vadder ... ich konnt doch den ahle Mann unmeeglich sitze lasse ... Den Sufer? Des Schwein, des verdammte? Des sich bei uns dorchfrit unn kaan Fennich dafor bezhlt? Sie lachte schrill auf. Zu #mir# htt' er komme solle! Ich htt'm was annerscht gebumbt! Unn Du Rindviech gibbst unser schee Geld her! Unn frgst mich net! Saukerl! ... Sie schlug die Hnde vors Gesicht und heulte. In langgezogenen, kreischenden Tnen. Schuldbewut stand Adolf neben ihr. Ja, sie hatte recht, er hatte seinen Sohn um das Geld gebracht. Aber damals, als er sich von Bindegerst beschwatzen lie, #hatte# er ja noch gar keinen Sohn! Freilich, er htte dennoch an die Mglichkeit denken sollen ... Katharinas hysterisches Weinen lie ihm das Herzblut gerinnen. Wie gerne, ach wie gerne htte er sie durch Liebkosungen beruhigt, htte er ihr Haar gestreichelt! Aber er traute sich nicht, sie zu berhren. Er wollte ja seinen Leichtsinn wieder gut machen, er wollte den Verlust nach und nach wieder ersetzen: keinen Tropfen Bier wrde er sich mehr gnnen, keinen Pfennig Trinkgeld mehr fr sich behalten. Und nichts, nichts mehr tun, ohne seine Frau zu befragen. Flenn doch net, Kttche! Des dhut merr ja so weh! ... Guck, lieb Kttche, der Grovadder hat merr ja des Haus dafor verschriwwe, unn's Geschft ... Da schttelte sie die Wut von neuem. Des Haus? Des Geschft? Wo kaan rote Batze wert sin? Wo kaa Backstei' mehr davoo ihm geheert? Du dreckiger Hund, Du Vieh ...! Sie wute nicht mehr, was sie schrie. Sie ri das Kind aus dem Bettchen, hob es hoch, rttelte es wild in der Luft: Da, guck Derr Dein Vadder aa! Guck Derr'n aa! Dei Geld hat'r zum Fenster nausgeschmisse, der Lump! Htt er Dich doch gleich hinnerher geschmisse! Des wr des Gescheitste! Das Kind brllte unter den krallenden Griffen Katharinas jmmerlich. Mit einer instinktiven Angstgebrde entri Adolf es ihr, wollte es zurck legen ins Bettchen, aber Katharina strzte auf ihn zu, schlug sinnlos auf ihn ein, -- und er lie den Hagel von Faustschlgen stumpf ber sich ergehen, das kreischende Kind dicht an sich pressend, um es vor den wahllos niederprasselnden Hieben zu schtzen. Schlielich hrte er die Tre knallend zuschlagen, er hob verstrt den Kopf, -- er war allein. Da kte er das Gustavchen, legte es ins Bettchen, blieb bei ihm sitzen. Sei still, Gustavche, flsterte er, danz brav sei', Dustavche! Danz brav is'm Babba sei Liebling! Und mitten in diesen zrtlichen Einlullungsversuchen legte er pltzlich sein Haupt auf den Rand des Kinderbettes und weinte lange. Als das Kind endlich schlief, stieg Adolf hinauf in das Dachzimmer, das seine Zufluchtssttte in allen Leiden geworden zu sein schien, und sprach zu seinem Schwiegervater: Nemm Dei Sach, Grovadder, unn zieh erunner! Von heut ab wohn #ich# widder hier owwe! Und da Bindegerst ihn fragend ansah, fgte er hinzu: Ich will nix weider driwwer redde, awwer 's is besser so! Und Bindegerst fgte sich. Aber er dachte in seinem Innern: Des is der Aafang vom End'! Von dem Sparkassenbuch wurde nicht mehr gesprochen. Katharina fand sich mit dem Verlust als einer gegebenen Tatsache kurz und energisch ab. Aber sie wute sich zu rchen. Sie legte sich eine neue, krnkende Redensart bei, sie gewhnte sich neben der Behauptung, sie habe Prinze unn Korferschte heierate knnen, den hhnischen Ausruf an: Merr knne's uns ja leiste! Merr hawwe ja's Geld zum Nauswerfe! Hatte sie frher jede Mnze dreimal in der Hand gedreht, ehe sie sich zum Ausgeben entschlo, so schien sie jetzt das Sparen fr die grte Torheit zu halten. Sie kaufte sich allerhand nichtigen Tand, holte sich bei dem blondgelockten Herrn Hippenstiel Parfms und Haarpfeiler, fuhr bei ihren Wirtschaftsbesorgungen die kleinsten Strecken mit der Elektrischen und rieb alle diese kleinen Verschwendereien Adolf mit dem Hinweis unter die Nase: Merr hawwe's ja! Leut wie mir! Jeden Sonntag, nach dem Mittagessen, begann sie zu sticheln: Fahr doch e bissi in die Umgegend, Adolf! Ich bin froh, wann ich Dich net guck. Unn die Koste spiele doch kaa Roll bei uns! Merr hawwe's doch! Leut, die's Geld gleich dausendmarkweis verschenke! Adolf ertrug alle diese Niedertrchtigkeiten widerspruchslos. Nur manchmal seufzte er tief, strich sich mit der Hand durch die Haare und starrte vor sich hin, aber keine Klage kam ber seine Lippen. Noch immer gab er den Versuch nicht auf, seine Frau durch unerschtterliche Geduld zu zhmen. Nicht aus Trotz war er in das Dachzimmerchen gezogen, sondern weil er zu der schmerzlichen Einsicht gelangt war, da sein Anblick auf Katharina aufreizend wirkte. Wann se mich weniger guckt, sagte er sich, wern sich ihr Nerve beruhige! Es leiht ja blo an de Nerve, -- 's Herz is net schlecht. #Sie# kann ja doch schlielich nix dafor, da ich zu arm bin, um se in e Nervebad zu schicke, wie's die reiche Leut mit ihre beese Weiwer mache. Unn lder werd se ja aach mit der Zeit, unn des Alter, des is die best Massag' for nerwse Leut. Mit'm erschte Schnorrbarthrche werd der Jingling meschugge, unn mit'm erschte #graue# Hrche wern die Weiwer vernimftig. Wann merr lder werd, da kimmt aam so vieles ganz wurscht vor, wo merr sich frieher driwwer uffgeregt hat, merr werd viel stiller unn verdrglicher, es is, als ob uff'm Weg zum Dod unnerwegs uff beide Seite Ruhebnkcher uffgestellt wr'n: Da, ruh Dich e bissi ab unn geweehn' Dich langsam an de ewige Dauerschlaf! Tckischer als die neue Redensart war das zweite Mittel Katharinas, ihre Rache zu khlen: sie hielt geflissentlich das Kind von seinem Vater fern. Sie tat so, als habe er berhaupt keinen Anspruch auf das Kind, sie erstattete ihm nie Bericht, was das Kind whrend seiner Abwesenheit getan hatte, sie lobte es nicht und tadelte es nicht. Selbst die Ankunft des ersten Zhnchens, die doch in allen Familien als festliches Ereignis betrachtet wird, berging sie mit Stillschweigen. Hatte Adolf den Jungen auf dem Scho, sich an ihm zu erfreuen, so fand sie nach wenigen Minuten einen Vorwand, ihm das Kind wegzunehmen. Aber ihre Taktik, das Kind systematisch dem Vater zu entfremden, blieb erfolglos. Kinder sind Menschenkenner. Das kleine Gustavchen zeigte eine unverkennbare, unbeirrbare Vorliebe fr seinen Papa. Sobald er das Zimmer betrat, fing es an zu lachen, streckte die rmchen nach ihm aus, wollte gettschelt sein. Ja, der kleine Wurm wute ganz genau die Zeit, wann Adolf mittags und abends aus dem Geschft kam, und fing schon eine Weile zuvor an, unruhig zu werden und mit Gesten nach seinem Vater zu verlangen. Dann warf Katharina dem Kind einen bitterbsen Blick zu. Adolf kam nur noch zu den Mahlzeiten herunter ins gemeinsame Wohnzimmer. Den grten Teil seiner freien Zeit verbrachte er in dem Dachstbchen, und es war, als sei er wieder wie ehemals der mblierte Herr und nicht der Gatte, der Ernhrer der Familie. Nun sa er wieder manche Stunde am Dachfensterchen und erneuerte die Beziehungen zum Mann im Mond. Er sah wieder von seiner hohen Warte herab die Menschlein wie kleine Kfer in den Straen krabbeln, aber er ernannte sie nicht mehr zu Pagen seines Mrchenhofstaates. Manchmal berwltigte ihn schmerzende Bitterkeit, und er dachte: Ich wollt, ich htt e gro Insektepulverspritz, so gro wie e Kanon, damit ich euch Kwwer da drunne beweise knnt, was ich for e Menschefreund bin! Das Schneeball-Orakel hatte richtig prophezeit: Gustav wuchs heran zu einem blonden Bblein, seine blauen Augen wurden denen des Vaters immer hnlicher. Er lernte laufen und drollig plappern. Einer der ersten Stze seines Sprachschatzes war die selbstgebildete Beschwerde: Mama bees! Nur allzu deutlich zeigte es sich, da das Kind seine Mutter frchtete; es beobachtete beim Spielen jede Bewegung Katharinas, als erwarte es jeden Augenblick Schelte oder Schlge. Fr Adolf Borges wurde das Kind eine Art Fetisch. Er trieb eine abgttische Verehrung mit ihm, einen Gottesdienst, dessen Zeremoniell in der Hauptsache darin bestand, auf allen Vieren vor ihm herumzurutschen und dabei zu krhen, zu bellen, zu miauen. Mach nor Dei Hose kabutt! geiferte Katharina. Mach se nor hie! Merr knne's uns ja leiste! Merr hawwe's ja! Bei seinen Geschftsgngen machte Adolf, wenn es irgend mglich war, einen kleinen Umweg, um schnell einen Augenblick in die Wohnung hinaufspringen und sein Kind sehen zu knnen. Das trug ihm dann zwei Rffel ein, einen von Katharina und einen von Herrn Feldmann, -- aber was lag daran? Er gewhnte sich allerlei Fertigkeiten an, dem Kleinen damit eine Freude zu bereiten: er lernte aus Zeitungspapier Schiffe und Helme bauen, aus Lappen, die er sich im Geschft von den Flickmamsells schenken lie, mit der Schere Tiere und Menschen schnitzeln, aus Holzstckchen Bausteine zimmern. Mit gespannten Augen und glhenden Bckchen sah Gustav ihm zu, neugierig, was es werde, und lispelte, mit der Zunge leise anstoend: Was mach'n Du da? Und dieses Was mach'n Du da?? beseligte Adolf stets von neuem. Dieses freudige, dankbare, wibegierige Was mach'n Du da?? lag ihm Tag und Nacht wie eine se Melodie in den Ohren, ward ihm zum geflgelten Wort. Was mach'n Du da?? lispelte er Bindegerst zu, wenn dieser seine Schnapsflasche an den Mund setzte. Und dann lachten sie Beide Trnen. Was mach'n Du da?? sagte er, wenn der Gasmann kam und den Gasometer ablas. Und wenn des Nachts die Katzen ihre Gesangsproben abhielten, steckte er den Kopf zum Fenster hinaus und schmunzelte: Was mach'n Du da, ahl Katzeviech? Willstde still sei'! Wo dht'n des hiefhrn, wann #mir Mensche# bei der Lieb so e Geschrei mache wollte?! In den ersten Monaten der Ehe hatten Katharina und er an den Sonntagnachmittagen zuweilen kleine Spaziergnge in den Stadtwald oder in eine der benachbarten Ortschaften unternommen. Bald aber hatte sie keinen Gefallen mehr an diesen Ausflgen gefunden. In der Regel sa sie Sonntag mittags zu Hause und bastelte an irgendeiner Handarbeit, whrend Adolf allein in der Stadt und der Umgegend herumbummelte. Das Heranwachsen des kleinen Zappelphilipps, der nicht den ganzen Tag stillsitzen mochte, machte eine nderung des Sonntagprogramms notwendig. Bindegerst nahm die Angelegenheit in die Hand, indem er einfach bei einer gnstigen Gelegenheit erklrte: Adolf, mach's Gustavche fertich! Die Sonn' scheint, merr wolle e bissi Luft schnappe! Katharina stutzte. Dann sagte sie: Schert Euch zum Deiwel! Sie hatte offenbar ihren Plan, das Kind dem Vater zu entfremden, als aussichtslos aufgegeben und begngte sich damit, Vater und Kind mit erprobter Technik #einzeln# zu qulen. Fortan trippelte Gustavchen Sonntag mittags, rechts und links von schwieligen Mnnerhnden gefhrt, durch die Stadt und ins Freie. Sein Vater erklrte ihm alle die tausend Wunder und Neuigkeiten, die sich den Kinderaugen bieten, die Denkmler, Kirchtrme, Bume, Blumen, Wiesen, Quellen, den Main mit seinen Schiffen, den Himmel mit der Sonne, den Wolken, dem Mond und den Sternen, die elektrische Straenbahn, die Eisenbahnen, die Hunde, Katzen, Vgelchen. Oh, wie viel gab es zu sehen in der Welt! Welche Schtze offenbarte allein das Schaufenster des Herrn Hippenstiel! Die zahlreichen Flschchen, Kmme, Brsten, die Bartbindenplakate mit den unmenschlich schneidigen Mnnerbildnissen, die Zahnwasserplakate mit den sen Grisettenkpfchen, und -- o Wunder! -- da hingen auch Zpfe, an denen gar kein Mensch wuchs! Adolf, der zu Hause so schweigsam war, redete auf diesen Spaziergngen zu Bindegersts Erstaunen wie ein Buch. Und gab es nichts mehr zu erklren, dann erzhlte er dem Gustavchen Geschichten, gelesene und improvisierte, was ihm gerade in den Kopf kam. Was in diesen Geschichten alles zusammengehext und zusammengezaubert wurde, das war selbst fr eine Mrchenwelt zu bunt. Wurde Gustav mde, so trug sein Vater ihn auf den Armen, oder die kleine Karawane setzte sich zum Ausruhen auf eine Bank. Whrend einer solchen Ruhepause sagte Bindegerst einmal pltzlich, indem er Adolfs Hand ergriff: Adolf, -- mich drickt ebbes! Des war damals net schee von merr mit dene vierdausend Mark ... Ich htt's net dhun gesollt .... awwer 's Wasser is merr an der Gorjel gestanne ... Ergriffen, gerhrt von dieser Selbstanklage schttelte der berraschte Adolf wehmtig den Kopf und lchelte vershnlich: La gut sei', Grovadder! 's is net mehr zu nnern! Awwer leid dhut merrsch! No, vielleicht kimmt doch emal e Gelegeheit, wo ich mich erkenntlich zeige kann! Vielleicht! Redde merr net driwwer, Grovadder! Ich war Derr nie bees deswege! Werklich net! schnitt Adolf das Gesprch ab. Aber es war ihm so vorgekommen, als verschwiege ihm sein Schwiegervater irgend etwas, als sei die Selbstanklage eigentlich die Einleitung zu einer Selbstentschuldigung wegen irgend eines ganz anderen, ihm noch unbekannten Unrechts gewesen. Und er war auf dem Heimweg sehr nachdenklich und kpfte zerstreut Blumen und Pilze, so da ihn Gustav wiederholt fragen mute: Babba, -- was mach'n Du da?? * * * * * Die nchsten Jahre in Adolfs Leben leierten sich ab wie ein Drehorgellied. Die Jahreszeiten fhrten die ewigen Kmpfe miteinander auf, alljhrlich feierte der Frhling seine Auferstehung, um von neuem gekreuzigt zu werden. Die alte Tante Klio, die ja auch mit der Zeit moderner geworden ist, tippte gleichmtig auf ihrer Schreibmaschine Weltgeschichte. Und wie alle Schreibmaschinendamen tippte auch sie gelegentlich daneben, und daraus entstand mancherlei Unangenehmes fr die Menschheit. So hatte sie bei der Eintragung von Adolfs Eheschlieung den Namen Katharina mit lauter groen Buchstaben, den Namen Adolf aber mit kleinem Anfangsbuchstaben getippt, und daher stammte das ganze Unglck der Borgesschen Ehe. Gustav war sechs Jahre alt, in einigen Wochen sollte er in die Volksschule kommen. Gott sei Dank, da es endlich e Ruh gibbt im Haus! sagte Katharina. Es is schonn net mehr auszuhalte mit dem miserawele Bub! Da erschien an einem Dienstag vormittag Herr Bindegerst aufgeregt im Hause Feldmann & Schrder und verlangte nach seinem Schwiegersohn. Adolf, komm gleich, der Bub is krank! Adolf Borges lie das Paket, an dem er herumschnrte, fallen und rannte zu Herrn Schrder. Ich mu haam, Herr Schrder ... mei Bub, der Gustav ... er is krank, Herr Schrder. Und dabei liefen ihm schon die Trnen ber die Wangen. No, 's werd net gleich so schlimm sei', Adolf! trstete der dicke Chef. Gehe Se nor! -- Ja, Kinner mache Sorje, ich kann aach e Lied dervoo singe, ich habb aach so e Kollektion von Stickerer sechse. Mit Schmerze wern se geborn, mit Schmerze wern se grogezoge, unn mit Schmerze nemmt merr spter de Dank dafor in Empfang! Gehe Se haam! Unn ich empfehl Ihne de Dokter Grienebaum, des is e dichtiger Arzt unn net so deuer! Unterwegs erstattete Bindegerst bruchstckweise Bericht. Das Kind hatte schon in der Nacht gefiebert, und morgens hatte es keinen Kaffee trinken wollen. Ich habb Derrsch net gesacht, da De Dich net uffregst! Und dann hatte es gehustet, ber Halsweh geklagt, und nun lag es im Fieber und chzte und erkannte Niemanden. Und wimmerte bestndig in seiner Bewutlosigkeit: Babba, was mach'n Du da?? Laaf doch net so, Adolf! Ich komm ja net mit! pustete der alte Bindegerst. Ein fremder junger Herr, mit einem koketten Schnurrbrtchen und einem goldgerahmten Zwicker, stand an Gustavs Bett und fhlte den Puls. Er ffnete mit sanfter Gewalt den Mund des fiebernden Kindes, sah in den Hals, zog ihm das Hemd herab, beklopfte Brust und Rcken. Katharina sa am Fuende des Bettes und harrte des Ergebnisses der Untersuchung. Ihr war keine Erregung anzusehen, sachlich wie eine bezahlte Krankenpflegerin verfolgte sie die Manahmen des Arztes. Adolf hingegen konnte seine Aufregung nicht zgeln, er trat von einem Bein aufs andere, seine Augen hingen mit unendlich rhrendem, verzweifeltem Hilfeflehen am Munde des Arztes, die Untersuchung schien eine Ewigkeit zu dauern. Der Doktor deckte den Kranken wieder zu. Es ist ernst, sagte er. Zumal das Kind unterernhrt ist. Wie alt ist der Junge? Adolf konnte nicht antworten. Er mute sich an einen Stuhl klammern, um Haltung zu bewahren. Sechs Jahr', Herr Dokter! sagte Katharina mit sicherer Hrte. War er schon fters krank? Nein, Herr Dokter. Das Herz ist schwach. Der Blick des Arztes fiel zufllig in den Spiegel ber dem Sofa, er drehte selbstgefllig die Spitzen seines Schnurrbrtchens, rckte den Kneifer zurecht. Ein lautes Schluchzen veranlate ihn, den Kopf zu wenden. Na, Herr Borges, man braucht die Hoffnung noch nicht aufzugeben. Kinder sind manchmal berraschend widerstandsfhig. Allerdings -- Er trat wieder zum Bett, warf noch einen kurzen Blick auf das Kind. Sie scheinen sehr an dem Jungen zu hngen, Herr Borges? Adolf nickte. Es ist wohl Ihr Einziger? Adolf sank an dem Bett auf die Knie, ergriff das herabhngende, fiebernde Hndchen und bedeckte es mit Kssen. Tja, sagte der Arzt, tja ...! Er wartete einen Augenblick, sah ungeduldig auf die Taschenuhr. Ich wrde Ihnen empfehlen, den Kleinen ins Spital bringen zu lassen. Er hat dort doch eine bessere Pflege. Es ist auch nicht sonderlich gut geheizt bei Ihnen. -- Ich werde nachher an die Sanittskolonne telephonieren. Einstweilen knnen Sie ihm ja diese Tropfen geben. Er schrieb ein Rezept und gab es Adolf, der es hastig zusammenknitterte, aufsprang und in die Apotheke lief. Dreiviertel Stunden mute er warten, bis das Rezept ausgefhrt war. Er sa auf einer Bank an der Wand und sah die Kufer kommen und gehen; Leute, die harmlose Dinge kauften wie Hustenbonbons, Watte, Lysoform; vergrmte Mtterchen, die gleich ihm auf Arzneien warten muten; kokette Dienstmdchen, die mit dem Provisor poussierten; und alle Menschen kamen ihm so beneidenswert, so glcklich vor. Als er wieder zu Hause eintraf, war das Gustavchen schon abgeholt. Er wollte wieder davonlaufen, nach dem Krankenhaus, aber Katharina hielt ihn gebieterisch zurck. Merr derf'n jedz net besuche! Morje Middag von drei bis vier, -- ich habb mich erkunnigt. Und der alte Bindegerst sagte: Des war e netter Mensch, der Dokter. So mitfiehlend. Die ganze Nacht hindurch studierte Adolf in dem Buch aus Bindegersts Bibliothek. Es war freilich ausgeschlossen, da in dem Geschlechtsleben des Menschen irgend ein Aufschlu ber Gustavs Krankheit zu finden war, aber Adolf dachte in seiner Verzweiflung, vielleicht stnde doch irgend ein Hinweis in dem Buch, der ihn belehre, der ihm Hoffnung geben knne. Vielleicht konnte er den rzten doch irgend etwas sagen, an das sie gerade nicht dachten. Drei Tage spter war Gustavchen tot. Der Scharlach hatte ihn dahingerafft. Wie ein Kriegsverwundeter in den meisten Fllen anfangs nur das Gefhl eines dumpfen Schlages hat, ohne wirklichen Schmerz zu verspren, bis dann beim Verbinden, beim Heilungsproze die unertrglichen Qualen einsetzen, so empfand Adolf zunchst nur eine dumpfe Betubung. Das Unglck war zu gro, um in seiner ganzen Schwere erfat werden zu knnen. Er hrte die Worte der Krankenschwester: Ihr Sohn ist leider gestern Abend sanft entschlummert, aber er konnte sich nichts dabei denken. Bis pltzlich der Gedanke: Du wirst Dein Kind nie, nie wieder sehen! die Wunde mit glhendem Eisen ausbrannte. Er fand nicht die Kraft, alle jene Gnge und Meldungen zu erledigen, die in unserem geordneten Staatswesen der Tod eines Familienmitgliedes den Hinterbliebenen auferlegt. Die, ach so praktische Katharina besorgte alle diese Dinge mit der Selbstverstndlichkeit und nchternen Klarheit, die sie in jeder Lebenslage bewies. Sie besorgte den Totenschein, bestellte den Pfarrer, kaufte den Sarg, die Blumen, nhte an Adolfs Kleiderrmel den Trauerflor, telephonierte ins Geschft, ihr Mann knne die nchsten drei Tage nicht kommen, garnierte einen schwarzen Schleier auf ihren Hut, schneiderte sich ein Kleid fr die Beerdigung. Nichts verga sie; man htte meinen knnen, sie htte seit Jahren Bestattungen arrangiert. Dann kam der Tag der Beisetzung. Die Firma Feldmann & Schrder hatte einen Kranz geschickt, von den Angestellten waren nur Herr Heinrich Baldrian und eine der Putzfrauen erschienen, denn der Herbstausverkauf war in vollem Gang. Einige Nachbarn hatten sich eingefunden, darunter der blondlockige Herr Hippenstiel in einem frischgebgelten, seidengeftterten berzieher, tadellos gebrstetem Zylinder und erstklassigen schwarzen Glachandschuhen. Adolf sah nichts, er weinte ununterbrochen, soda ihm Katharina whrend der Ansprache des Pfarrers einen Sto mit dem Ellbogen gab: Was solle dann die Leut denke! Zuletzt schritten die Menschen an ihm vorbei, drckten ihm die Hand, murmelten irgend etwas, was er nicht verstand und nicht verstehen wollte, und dann war er pltzlich wieder zu Hause, im Dachzimmerchen, und nach einer Weile hrte er Katharina schreien: Komm erunner, der Kaffee is aagericht! Sie hatte fr ihn kein Wort des Trostes. Sie hatte ihm bei Lebzeiten des Kindes nie erzhlt, was der Junge getrieben hatte, sie sprach auch nach Gustavs Tode nie mit dem Vater von ihm. Und als Adolf anregte, eine Photographie Gustavchens vergrern und einrahmen zu lassen, sagte sie nur: Des kann merr ja! Sie sprach kein Wort, als Adolf das Kinderbettchen aus dem Schlafzimmer hinauftrug in seine Dachbehausung und es neben seinem Bett aufstellte. Sie lie ihn ruhig den Matrosenanzug, den Gustav Sonntags getragen hatte, hinaufnehmen und in dem Schrank mit dem kaputenen Schlssel verwahren. Und als dann das vergrerte Bild vom Photographen kam, hatte sie nichts dagegen einzuwenden, da Adolf es oben in seinem Zimmerchen aufhngte. Aber die Rechnung fand sie zu teuer. Bindegerst, dem der Verlust Gustavchens sehr nahe ging, ersufte seinen Kummer in Schnaps. Er war mitunter sinnlos betrunken und grhlte dann allerhand unanstndige Lieder, von denen man nicht recht wute, wo er sie eigentlich her hatte. In seinen nchternen Stunden arbeitete er an einem Grabkreuz fr sein Enkelkind. Und wie ehemals der Entstehung des Kinderbettes sah Adolf nun dem Werden des Totenzeichens zu. Aber sie scherzten nicht mehr bei der Arbeit, er machte keine Verschnerungsvorschlge, er redete auch den alten Bindegerst nicht mehr mit Grovadder an, sondern degradierte ihn zum Vadder. Und acht Tage nach der Einschaufelung Gustavchens gingen die beiden hinaus auf den Kirchhof und richteten das Holzkreuz auf. Adolf war seltsam ruhig whrend dieser traurigen Verrichtung, diesmal war es der alte Bindegerst, der seine Trnen nicht meistern konnte. Er jammerte ein ber das andere Mal: Wie merr der Bub fehlt... wie merr der Bub fehlt! Adolf konnnte das Jammern nicht mehr ertragen, er schlich whrend der letzten Spatenstiche davon, ging hinaus in den Stadtwald, in dem der frstelnde Herbsttag sein Totenamt hielt. Man hat auf Gemlden oft die Pest als einen Dmon dargestellt, vor dessen Hauch alles Leben dahinsinkt. Solch ein Pestdmon ist auch der Herbst. In seinen gelben Mantel gehllt, schreitet er ber die Erde, und unter seinem Geschwr-zerfressenen Fu sterben die Blumen und Grser. Er haucht die Bume an, und die Zweige verdorren, die Bltter werden vergiftet und fallen ab. Verwesung folgt seiner Spur. Adolf warf sich auf den kalten Boden und stierte in den Himmel. Vor langer Zeit, als ihn noch frhliche Trume umgaukelten, hatte er inmitten blhenden Sommers hier einmal versehentlich seinen Kopf auf einen Ameisenhaufen gebettet und hatte, erschrocken auffahrend, an dieses Migeschick mit resigniertem Humor lchelnde Betrachtungen geknpft. Diese Episode fiel ihm jetzt, durch eine eigenartige Gedankenverbindung, ein. Ach, wie htte es jetzt seinen Gram gekhlt, den Kopf in einen Ameisenhaufen stecken zu knnen und den Seelenschmerz durch krperlichen Schmerz zu betuben! Wie riesige Galgen kamen ihm die entlaubten Bume vor, die ihre leeren ste gleich Querbalken streckten, und er dachte: Merr sollt sich uffhenke! Da drowwe sollt merr sich uffhenke, unn der Wind dht ein schaukele, ganz samft unn schmerzlos, unn lang sollt's dauern, bis se ein finne! Unn e Eichhrnche km' gehippt unn dht mich aaglotze unn dht denke: >So'n groe Tannezappe haww ich meiner Lebdag noch kaan geguckt!< Unn e Vgelche km', unn dht sich uff mei Schulter hocke, unn lie' sich mitschaukele! Unn wann se mich dann haamgebracht htte, dann htt' der ahl Bindegerst widder e neu Kreuz zu schnitzele, unn des praktisch Kttche dht sage: >Jedz kann ich mei Trauerkleider gleich noch emal benitze unn braach merr kaa neue aazuschaffe