Produced by Jana Srna and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net [ Anmerkungen zur Transkription: Der Text stammt aus: Imago. Zeitschrift fr Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften IV (1915). S. 1-21. Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden bernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste der vorgenommenen nderungen findet sich am Ende des Textes. Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert. ] Zeitgemes ber Krieg und Tod. Von SIGM. FREUD. I. Die Enttuschung des Krieges. Von dem Wirbel dieser Kriegszeit gepackt, einseitig unterrichtet, ohne Distanz von den groen Vernderungen, die sich bereits vollzogen haben oder zu vollziehen beginnen, und ohne Witterung der sich gestaltenden Zukunft, werden wir selbst irre an der Bedeutung der Eindrcke, die sich uns aufdrngen, und an dem Wert der Urteile, die wir bilden. Es will uns scheinen, als htte noch niemals ein Ereignis soviel kostbares Gemeingut der Menschheit zerstrt, soviele der klarsten Intelligenzen verwirrt, so grndlich das Hohe erniedrigt. Selbst die Wissenschaft hat ihre leidenschaftslose Unparteilichkeit verloren; ihre aufs tiefste erbitterten Diener suchen ihr Waffen zu entnehmen, um einen Beitrag zur Bekmpfung des Feindes zu leisten. Der Anthropologe mu den Gegner fr minderwertig und degeneriert erklren, der Psychiater die Diagnose seiner Geistes- oder Seelenstrung verknden. Aber wahrscheinlich empfinden wir das Bse dieser Zeit unmig stark und haben kein Recht, es mit dem Bsen anderer Zeiten zu vergleichen, die wir nicht erlebt haben. Der Einzelne, der nicht selbst ein Kmpfer und somit ein Partikelchen der riesigen Kriegsmaschinerie geworden ist, fhlt sich in seiner Orientierung verwirrt und in seiner Leistungsfhigkeit gehemmt. Ich meine, ihm wird jeder kleine Wink willkommen sein, der es ihm erleichtert, sich wenigstens in seinem eigenen Innern zurechtzufinden. Unter den Momenten, welche das seelische Elend der Daheimgebliebenen verschuldet haben, und deren Bewltigung ihnen so schwierige Aufgaben stellt, mchte ich zwei hervorheben und an dieser Stelle behandeln: Die Enttuschung, die dieser Krieg hervorgerufen hat, und die vernderte Einstellung zum Tode, zu der er uns -- wie alle anderen Kriege -- ntigt. Wenn ich von Enttuschung rede, wei jedermann sofort, was damit gemeint ist. Man braucht kein Mitleidsschwrmer zu sein, man kann die biologische und psychologische Notwendigkeit des Leidens fr die konomie des Menschenlebens einsehen und darf doch den Krieg in seinen Mitteln und Zielen verurteilen und das Aufhren der Kriege herbeisehnen. Man sagte sich zwar, die Kriege knnten nicht aufhren, so lange die Vlker unter so verschiedenartigen Existenzbedingungen leben, so lange die Wertungen des Einzellebens bei ihnen weit auseinandergehen, und so lange die Gehssigkeiten, welche sie trennen, so starke seelische Triebkrfte reprsentieren. Man war also darauf vorbereitet, da Kriege zwischen den primitiven und den zivilisierten Vlkern, zwischen den Menschenrassen, die durch die Hautfarbe voneinander geschieden werden, ja Kriege mit und unter den wenig entwickelten oder verwilderten Vlkerindividuen Europas die Menschheit noch durch geraume Zeit in Anspruch nehmen werden. Aber man getraute sich etwas anderes zu hoffen. Von den groen weltbeherrschenden Nationen weier Rasse, denen die Fhrung des Menschengeschlechtes zugefallen ist, die man mit der Pflege weltumspannender Interessen beschftigt wute, deren Schpfungen die technischen Fortschritte in der Beherrschung der Natur wie die knstlerischen und wissenschaftlichen Kulturwerte sind, von diesen Vlkern hatte man erwartet, da sie es verstehen wrden, Mihelligkeiten und Interessenkonflikte auf anderem Wege zum Austrag zu bringen. Innerhalb jeder dieser Nationen waren hohe sittliche Normen fr den Einzelnen aufgestellt worden, nach denen er seine Lebensfhrung einzurichten hatte, wenn er an der Kulturgemeinschaft teilnehmen wollte. Diese oft berstrengen Vorschriften forderten viel von ihm, eine ausgiebige Selbstbeschrnkung, einen weitgehenden Verzicht auf Triebbefriedigung. Es war ihm vor allem versagt, sich der auerordentlichen Vorteile zu bedienen, die der Gebrauch von Lge und Betrug im Wettkampf mit den Nebenmenschen schafft. Der Kulturstaat hielt diese sittlichen Normen fr die Grundlage seines Bestandes, er schritt ernsthaft ein, wenn man sie anzutasten wagte, erklrte es oft fr untunlich, sie auch nur einer Prfung durch den kritischen Verstand zu unterziehen. Es war also anzunehmen, da er sie selbst respektieren wolle und nichts gegen sie zu unternehmen gedenke, wodurch er der Begrndung seiner eigenen Existenz widersprochen htte. Endlich konnte man zwar die Wahrnehmung machen, da es innerhalb dieser Kulturnationen gewisse eingesprengte Vlkerreste gbe, die ganz allgemein unliebsam wren und darum nur widerwillig, auch nicht im vollen Umfange, zur Teilnahme an der gemeinsamen Kulturarbeit zugelassen wrden, fr die sie sich als genug geeignet erwiesen hatten. Aber die groen Vlker selbst, konnte man meinen, htten soviel Verstndnis fr ihre Gemeinsamkeiten und soviel Toleranz fr ihre Verschiedenheiten erworben, da fremd und feindlich nicht mehr wie noch im klassischen Altertum fr sie zu einem Begriff verschmelzen durften. Vertrauend auf diese Einigung der Kulturvlker haben ungezhlte Menschen ihren Wohnort in der Heimat gegen den Aufenthalt in der Fremde eingetauscht und ihre Existenz an die Verkehrsbeziehungen zwischen den befreundeten Vlkern geknpft. Wen aber die Not des Lebens nicht stndig an die nmliche Stelle bannte, der konnte sich aus allen Vorzgen und Reizen der Kulturlnder ein neues greres Vaterland zusammensetzen, in dem er sich ungehemmt und unverdchtigt erging. Er geno so das blaue und das graue Meer, die Schnheit der Schneeberge und die der grnen Wiesenflchen, den Zauber des nordischen Waldes und die Pracht der sdlichen Vegetation, die Stimmung der Landschaften, auf denen groe historische Erinnerungen ruhen, und die Stille der unberhrten Natur. Dies neue Vaterland war fr ihn auch ein Museum, erfllt mit allen Schtzen, welche die Knstler der Kulturmenschheit seit vielen Jahrhunderten geschaffen und hinterlassen hatten. Whrend er von einem Saal dieses Museums in einen anderen wanderte, konnte er in parteiloser Anerkennung feststellen, was fr verschiedene Typen von Vollkommenheit Blutmischung, Geschichte und die Eigenart der Mutter Erde an seinen weiteren Kompatrioten ausgebildet hatten. Hier war die khle unbeugsame Energie aufs hchste entwickelt, dort die grazise Kunst, das Leben zu verschnern, anderswo der Sinn fr Ordnung und Gesetz oder andere der Eigenschaften, die den Menschen zum Herrn der Erde gemacht haben. Vergessen wir auch nicht daran, da jeder Kulturweltbrger sich einen besonderen Parnaß« und eine Schule von Athen geschaffen hatte. Unter den groen Denkern, Dichtern, Knstlern aller Nationen, hatte er die ausgewhlt, denen er das Beste zu schulden vermeinte, was ihm an Lebensgenu und Lebensverstndnis zugnglich geworden war, und sie den unsterblichen Alten in seiner Verehrung zugesellt wie den vertrauten Meistern seiner eigenen Zunge. Keiner von diesen Groen war ihm darum fremd erschienen, weil er in anderer Sprache geredet hatte, weder der unvergleichliche Ergrnder der menschlichen Leidenschaften, noch der schnheitstrunkene Schwrmer oder der gewaltig drohende Prophet, der feinsinnige Sptter, und niemals warf er sich dabei vor, abtrnnig geworden zu sein der eigenen Nation und der geliebten Muttersprache. Der Genu der Kulturgemeinschaft wurde gelegentlich durch Stimmen gestrt, welche warnten, da infolge altberkommener Differenzen Kriege auch unter den Mitgliedern derselben unvermeidlich wren. Man wollte nicht daran glauben, aber wie stellte man sich einen solchen Krieg vor, wenn es dazu kommen sollte? Als eine Gelegenheit die Fortschritte im Gemeingefhl der Menschen aufzuzeigen seit jener Zeit, da die griechischen Amphiktyonien verboten hatten, eine dem Bndnis angehrige Stadt zu zerstren, ihre lbume umzuhauen und ihr das Wasser abzuschneiden. Als einen ritterlichen Waffengang, der sich darauf beschrnken wollte, die berlegenheit des einen Teils festzustellen, unter mglichster Vermeidung schwerer Leiden, die zu dieser Entscheidung nichts beitragen knnten, mit voller Schonung fr den Verwundeten, der aus dem Kampf ausscheiden mu, und fr den Arzt und Pfleger, der sich seiner Herstellung widmet. Natrlich mit allen Rcksichten fr den nicht kriegfhrenden Teil der Bevlkerung, fr die Frauen, die dem Kriegshandwerk ferne bleiben, und fr die Kinder, die, herangewachsen, einander von beiden Seiten Freunde und Mithelfer werden sollen. Auch mit Erhaltung all der internationalen Unternehmungen und Institutionen, in denen sich die Kulturgemeinschaft der Friedenszeit verkrpert hatte. Ein solcher Krieg htte immer noch genug des Schrecklichen und schwer zu Ertragenden enthalten, aber er htte die Entwicklung ethischer Beziehungen zwischen den Groindividuen der Menschheit, den Vlkern und Staaten, nicht unterbrochen. Der Krieg, an den wir nicht glauben wollten, brach nun aus und er brachte die -- Enttuschung. Er ist nicht nur blutiger und verlustreicher als einer der Kriege vorher, infolge der mchtig vervollkommneten Waffen des Angriffs und der Verteidigung, sondern mindestens ebenso grausam, erbittert, schonungslos wie irgend ein frherer. Er setzt sich ber alle Einschrnkungen hinaus, zu denen man sich in friedlichen Zeiten verpflichtet, die man das Vlkerrecht genannt hatte, anerkennt nicht die Vorrechte des Verwundeten und des Arztes, die Unterscheidung des friedlichen und des kmpfenden Teils der Bevlkerung, die Ansprche des Privateigentums. Er wirft nieder, was ihm im Wege steht, in blinder Wut, als sollte es keine Zukunft und keinen Frieden unter den Menschen nach ihm geben. Er zerreit alle Bande der Gemeinschaft unter den miteinander ringenden Vlkern und droht eine Erbitterung zu hinterlassen, welche eine Wiederanknpfung derselben fr lange Zeit unmglich machen wird. Er brachte auch das kaum begreifliche Phnomen zum Vorschein, da die Kulturvlker einander so wenig kennen und verstehen, da sich das eine mit Ha und Abscheu gegen das andere wenden kann. Ja da eine der groen Kulturnationen so allgemein miliebig ist, da der Versuch gewagt werden kann, sie als barbarisch von der Kulturgemeinschaft auszuschlieen, obwohl sie ihre Eignung durch die groartigsten Beitragsleistungen lngst erwiesen hat. Wir leben der Hoffnung, eine unparteiische Geschichtsschreibung werde den Nachweis erbringen, da gerade diese Nation, die, in deren Sprache wir schreiben, fr deren Sieg unsere Lieben kmpfen, sich am wenigsten gegen die Gesetze der menschlichen Gesittung vergangen habe, aber wer darf in solcher Zeit als Richter auftreten in eigener Sache? Vlker werden ungefhr durch die Staaten, die sie bilden, reprsentiert; diese Staaten durch die Regierungen, die sie leiten. Der einzelne Volksangehrige kann in diesem Krieg mit Schreck feststellen, was sich ihm gelegentlich schon in Friedenszeiten aufdrngen wollte, da der Staat dem Einzelnen den Gebrauch des Unrechts untersagt hat, nicht weil er es abschaffen, sondern weil er es monopolisieren will wie Salz und Tabak. Der kriegfhrende Staat gibt sich jedes Unrecht, jede Gewaltttigkeit frei, die den Einzelnen entehren wrde. Er bedient sich nicht nur der erlaubten List, sondern auch der bewuten Lge und des absichtlichen Betruges gegen den Feind, und dies zwar in einem Mae, welches das in frheren Kriegen Gebruchliche zu bersteigen scheint. Der Staat fordert das uerste an Gehorsam und Aufopferung von seinen Brgern, entmndigt sie aber dabei durch ein berma von Verheimlichung und eine Zensur der Mitteilung und Meinungsuerung, welche die Stimmung der so intellektuell Unterdrckten wehrlos macht gegen jede ungnstige Situation und jedes wste Gercht. Er lst sich los von Zusicherungen und Vertrgen, durch die er sich gegen andere Staaten gebunden hatte, bekennt sich ungescheut zu seiner Habgier und seinem Machtstreben, die dann der Einzelne aus Patriotismus gutheien soll. Man wende nicht ein, da der Staat auf den Gebrauch des Unrechts nicht verzichten kann, weil er sich dadurch in Nachteil setzte. Auch fr den Einzelnen ist die Befolgung der sittlichen Normen, der Verzicht auf brutale Machtbettigung in der Regel sehr unvorteilhaft, und der Staat zeigt sich nur selten dazu fhig, den Einzelnen fr das Opfer zu entschdigen, das er von ihm gefordert hat. Man darf sich auch nicht darber verwundern, da die Lockerung aller sittlichen Beziehungen zwischen den Groindividuen der Menschheit eine Rckwirkung auf die Sittlichkeit der Einzelnen geuert hat, denn unser Gewissen ist nicht der unbeugsame Richter, fr den die Ethiker es ausgeben, es ist in seinem Ursprunge _soziale Angst_ und nichts anderes. Wo die Gemeinschaft den Vorwurf aufhebt, hrt auch die Unterdrckung der bsen Gelste auf, und die Menschen begehen Taten von Grausamkeit, Tcke, Verrat und Roheit, deren Mglichkeit man mit ihrem kulturellen Niveau fr unvereinbar gehalten htte. So mag der Kulturweltbrger, den ich vorhin eingefhrt habe, ratlos dastehen in der ihm fremd gewordenen Welt, sein groes Vaterland zerfallen, die gemeinsamen Besitztmer verwstet, die Mitbrger entzweit und erniedrigt! Zur Kritik seiner Enttuschung wre einiges zu bemerken. Sie ist, strenge genommen, nicht berechtigt, denn sie besteht in der Zerstrung einer Illusion. Illusionen empfehlen sich uns dadurch, da sie Unlustgefhle ersparen und uns an ihrer Statt Befriedigungen genieen lassen. Wir mssen es dann ohne Klage hinnehmen, da sie irgend einmal mit einem Stck der Wirklichkeit zusammenstoen, an dem sie zerschellen. Zweierlei in diesem Kriege hat unsere Enttuschung rege gemacht: die geringe Sittlichkeit der Staaten nach auen, die sich nach innen als die Wchter der sittlichen Normen gebrden, und die Brutalitt im Benehmen der Einzelnen, denen man als Teilnehmer an der hchsten menschlichen Kultur hnliches nicht zugetraut hat. Beginnen wir mit dem zweiten Punkt und versuchen wir es, die Anschauung, die wir kritisieren wollen, in einen einzigen knappen Satz zu fassen. Wie stellt man sich denn eigentlich den Vorgang vor, durch welchen ein einzelner Mensch zu einer hheren Stufe von Sittlichkeit gelangt? Die erste Antwort wird wohl lauten: Er ist eben von Geburt und von Anfang an gut und edel. Sie soll hier weiter nicht bercksichtigt werden. Eine zweite Antwort wird auf die Anregung eingehen, da hier ein Entwicklungsvorgang vorliegen msse, und wird wohl annehmen, diese Entwicklung bestehe darin, da die bsen Neigungen des Menschen in ihm ausgerottet und unter dem Einflu von Erziehung und Kulturumgebung durch Neigungen zum Guten ersetzt werden. Dann darf man sich allerdings verwundern, da bei dem so Erzogenen das Bse wieder so tatkrftig zum Vorschein kommt. Aber diese Antwort enthlt auch den Satz, dem wir widersprechen wollen. In Wirklichkeit gibt es keine Ausrottung des Bsen. Die psychologische -- im strengeren Sinne die psychoanalytische -- Untersuchung zeigt vielmehr, da das tiefste Wesen des Menschen in Triebregungen besteht, die elementarer Natur, bei allen Menschen gleichartig sind und auf die Befriedigung gewisser ursprnglicher Bedrfnisse zielen. Diese Triebregungen sind an sich weder gut noch bse. Wir klassifizieren sie und ihre uerungen in solcher Weise je nach ihrer Beziehung zu den Bedrfnissen und Anforderungen der menschlichen Gemeinschaft. Zuzugeben ist, da alle die Regungen, welche von der Gesellschaft als bse verpnt werden -- nehmen wir als Vertretung derselben die eigenschtigen und die grausamen -- sich unter diesen primitiven befinden. Diese primitiven Regungen legen einen langen Entwicklungsweg zurck, bis sie zur Bettigung beim Erwachsenen zugelassen werden. Sie werden gehemmt, auf andere Ziele und Gebiete gelenkt, gehen Verschmelzungen miteinander ein, wechseln ihre Objekte, wenden sich zum Teil gegen die eigene Person. Reaktionsbildungen gegen gewisse Triebe tuschen die inhaltliche Verwandlung derselben vor, als ob aus Egoismus -- Altruismus, aus Grausamkeit -- Mitleid geworden wre. Diesen Reaktionsbildungen kommt zugute, da manche Triebregungen fast von Anfang an in Gegensatzpaaren auftreten, ein sehr merkwrdiges und der populren Kenntnis fremdes Verhltnis, das man die Gefhlsambivalenz benannt hat. Am leichtesten zu beobachten und vom Verstndnis zu bewltigen ist die Tatsache, da starkes Lieben und starkes Hassen so hufig miteinander bei derselben Person vereint vorkommen. Die Psychoanalyse fgt dem hinzu, da die beiden entgegengesetzten Gefhlsregungen nicht selten auch die nmliche Person zum Objekt nehmen. Erst nach berwindung all solcher Triebschicksale stellt sich das heraus, was man den Charakter eines Menschen nennt, und was mit gut oder bse bekanntlich nur sehr unzureichend klassifiziert werden kann. Der Mensch ist selten im ganzen gut oder bse, meist gut in dieser Relation, bse in einer anderen oder gut unter solchen ueren Bedingungen, unter anderen entschieden bse. Interessant ist die Erfahrung, da die kindliche Prexistenz starker bser Regungen oft geradezu die Bedingung wird fr eine besonders deutliche Wendung des Erwachsenen zum Guten. Die strksten kindlichen Egoisten knnen die hilfreichsten und aufopferungsfhigsten Brger werden; die meisten Mitleidschwrmer, Menschenfreunde, Tierschtzer haben sich aus kleinen Sadisten und Tierqulern entwickelt. Die Umbildung der bsen Triebe ist das Werk zweier im gleichen Sinne wirkenden Faktoren, eines inneren und eines ueren. Der innere Faktor besteht in der Beeinflussung der bsen -- sagen wir: eigenschtigen -- Triebe durch die Erotik, das Liebesbedrfnis des Menschen im weitesten Sinne genommen. Durch die Zumischung der _erotischen_ Komponenten werden die eigenschtigen Triebe in _soziale_ umgewandelt. Man lernt das Geliebtwerden als einen Vorteil schtzen, wegen dessen man auf andere Vorteile verzichten darf. Der uere Faktor ist der Zwang der Erziehung, welche die Ansprche der kulturellen Umgebung vertritt, und die dann durch die direkte Einwirkung des Kulturmilieus fortgesetzt wird. Kultur ist durch Verzicht auf Triebbefriedigung gewonnen worden und fordert von jedem neu Ankommenden, da er denselben Triebverzicht leiste. Whrend des individuellen Lebens findet eine bestndige Umsetzung von uerem Zwang in inneren Zwang statt. Die Kultureinflsse leiten dazu an, da immer mehr von den eigenschtigen Strebungen durch erotische Zustze in altruistische, soziale verwandelt werden. Man darf endlich annehmen, da aller innere Zwang, der sich in der Entwicklung des Menschen geltend macht, ursprnglich, d.h. in _der Menschheitsgeschichte_ nur uerer Zwang war. Die Menschen, die heute geboren werden, bringen ein Stck Neigung (Disposition) zur Umwandlung der egoistischen in soziale Triebe als ererbte Organisation mit, die auf leichte Anste hin diese Umwandlung durchfhrt. Ein anderes Stck dieser Triebumwandlung mu im Leben selbst geleistet werden. In solcher Art steht der einzelne Mensch nicht nur unter der Einwirkung seines gegenwrtigen Kulturmilieus, sondern unterliegt auch dem Einflusse der Kulturgeschichte seiner Vorfahren. Heien wir die einem Menschen zukommende Fhigkeit zur Umbildung der egoistischen Triebe unter dem Einflu der Erotik seine _Kultureignung_, so knnen wir aussagen, da dieselbe aus zwei Anteilen besteht, einem angeborenen und einem im Leben erworbenen, und da das Verhltnis der beiden zueinander und zu dem unverwandelt gebliebenen Anteil des Trieblebens ein sehr variables ist. Im allgemeinen sind wir geneigt, den angeborenen Anteil zu hoch zu veranschlagen, und berdies laufen wir Gefahr, die gesamte Kultureignung in ihrem Verhltnis zum primitiv gebliebenen Triebleben zu berschtzen, d.h. wir werden dazu verleitet, die Menschen besser zu beurteilen, als sie in Wirklichkeit sind. Es besteht nmlich noch ein anderes Moment, welches unser Urteil trbt und das Ergebnis im gnstigen Sinne verflscht. Die Triebregungen eines anderen Menschen sind unserer Wahrnehmung natrlich entrckt. Wir schlieen auf sie aus seinen Handlungen und seinem Benehmen, welche wir auf _Motive_ aus seinem Triebleben zurckfhren. Ein solcher Schlu geht notwendigerweise in einer Anzahl von Fllen irre. Die nmlichen, kulturell guten Handlungen knnen das einemal von edlen Motiven herstammen, das anderemal nicht. Die theoretischen Ethiker heien nur solche Handlungen gut, welche der Ausdruck guter Triebregungen sind, den anderen versagen sie ihre Anerkennung. Die von praktischen Absichten geleitete Gesellschaft kmmert sich aber im ganzen um diese Unterscheidung nicht; sie begngt sich damit, da ein Mensch sein Benehmen und seine Handlungen nach den kulturellen Vorschriften richte, und fragt wenig nach seinen Motiven. Wir haben gehrt, da der _uere Zwang_, den Erziehung und Umgebung auf den Menschen ben, eine weitere Umbildung seines Trieblebens zum Guten, eine Wendung vom Egoismus zum Altruismus herbeifhrt. Aber dies ist nicht die notwendige oder regelmige Wirkung des ueren Zwanges. Erziehung und Umgebung haben nicht nur Liebesprmien anzubieten, sondern arbeiten auch mit Vorteilsprmien anderer Art, mit Lohn und Strafen. Sie knnen also die Wirkung uern, da der ihrem Einflu Unterliegende sich zum guten Handeln im kulturellen Sinne entschliet, ohne da sich eine Triebveredlung, eine Umsetzung egoistischer in soziale Neigungen, in ihm vollzogen hat. Der Erfolg wird im groben derselbe sein; erst unter besonderen Verhltnissen wird es sich zeigen, da der eine immer gut handelt, weil ihn seine Triebneigungen dazu ntigen, der andere nur gut ist, weil, insolange und insoweit dies kulturelle Verhalten seinen eigenschtigen Absichten Vorteile bringt. Wir aber werden bei oberflchlicher Bekanntschaft mit den Einzelnen kein Mittel haben, die beiden Flle zu unterscheiden, und gewi durch unseren Optimismus verfhrt werden, die Anzahl der kulturell vernderten Menschen arg zu berschtzen. Die Kulturgesellschaft, die die gute Handlung fordert und sich um die Triebbegrndung derselben nicht kmmert, hat also eine groe Zahl von Menschen zum Kulturgehorsam gewonnen, die dabei nicht ihrer Natur folgen. Durch diesen Erfolg ermutigt, hat sie sich verleiten lassen, die sittlichen Anforderungen mglichst hoch zu spannen und so ihre Teilnehmer zu noch weiterer Entfernung von ihrer Triebveranlagung gezwungen. Diesen ist nun eine fortgesetzte Triebunterdrckung auferlegt, deren Spannung sich in den merkwrdigsten Reaktions- und Kompensationserscheinungen kundgibt. Auf dem Gebiete der Sexualitt, wo solche Unterdrckung am wenigsten durchzufhren ist, kommt es so zu den Reaktionserscheinungen der neurotischen Erkrankungen. Der sonstige Druck der Kultur zeitigt zwar keine pathologische Folgen, uert sich aber in Charakterverbildungen und in der steten Bereitschaft der gehemmten Triebe, bei passender Gelegenheit zur Befriedigung durchzubrechen. Wer so gentigt wird, dauernd im Sinne von Vorschriften zu reagieren, die nicht der Ausdruck seiner Triebneigungen sind, der lebt, psychologisch verstanden, ber seine Mittel und darf objektiv als Heuchler bezeichnet werden, gleichgiltig ob ihm diese Differenz klar bewut worden ist oder nicht. Es ist unleugbar, da unsere gegenwrtige Kultur die Ausbildung dieser Art von Heuchelei in auerordentlichem Umfange begnstigt. Man knnte die Behauptung wagen, sie sei auf solcher Heuchelei aufgebaut und mte sich tiefgreifende Abnderungen gefallen lassen, wenn es die Menschen unternehmen wrden, der psychologischen Wahrheit nachzuleben. Es gibt also ungleich mehr Kulturheuchler als wirklich kulturelle Menschen, ja man kann den Standpunkt diskutieren, ob ein gewisses Ma von Kulturheuchelei nicht zur Aufrechthaltung der Kultur unerllich sei, weil die bereits organisierte Kultureignung der heute lebenden Menschen vielleicht fr diese Leistung nicht zureichen wrde. Anderseits bietet die Aufrechthaltung der Kultur auch auf so bedenklicher Grundlage die Aussicht, bei jeder neuen Generation eine weitergehende Triebumbildung als Trgerin einer besseren Kultur anzubahnen. Den bisherigen Errterungen entnehmen wir bereits den einen Trost, da unsere Krnkung und schmerzliche Enttuschung wegen des unkulturellen Benehmens unserer Weltmitbrger in diesem Kriege unberechtigt waren. Sie beruhten auf einer Illusion, der wir uns gefangen gaben. In Wirklichkeit sind sie nicht so tief gesunken, wie wir frchten, weil sie gar nicht so hoch gestiegen waren, wie wirs von ihnen glaubten. Da die menschlichen Groindividuen, die Vlker und Staaten, die sittlichen Beschrnkungen gegeneinander fallen lieen, wurde ihnen zur begreiflichen Anregung, sich fr eine Weile dem bestehenden Drucke der Kultur zu entziehen und ihren zurckgehaltenen Trieben vorbergehend Befriedigung zu gnnen. Dabei geschah ihrer relativen Sittlichkeit innerhalb des eigenen Volkstums wahrscheinlich kein Abbruch. Wir knnen uns aber das Verstndnis der Vernderung, die der Krieg an unseren frheren Kompatrioten zeigt, noch vertiefen und empfangen dabei eine Warnung, kein Unrecht an ihnen zu begehen. Seelische Entwicklungen besitzen nmlich eine Eigentmlichkeit, welche sich bei keinem anderen Entwicklungsvorgang mehr vorfindet. Wenn ein Dorf zur Stadt, ein Kind zum Mann heranwchst, so gehen dabei Dorf und Kind in Stadt und Mann unter. Nur die Erinnerung kann die alten Zge in das neue Bild einzeichnen; in Wirklichkeit sind die alten Materialien oder Formen beseitigt und durch neue ersetzt worden. Anders geht es bei einer seelischen Entwicklung zu. Man kann den nicht zu vergleichenden Sachverhalt nicht anders beschreiben als durch die Behauptung, da jede frhere Entwicklungsstufe neben der spteren, die aus ihr geworden ist, erhalten bleibt; die Sukzession bedingt eine Koexistenz mit, obwohl es doch dieselben Materialien sind, an denen die ganze Reihenfolge von Vernderungen abgelaufen ist. Der frhere seelische Zustand mag sich jahrelang nicht geuert haben, er bleibt doch soweit bestehen, da er eines Tages wiederum die uerungsform der seelischen Krfte werden kann, und zwar die einzige, als ob alle spteren Entwicklungen annulliert, rckgngig gemacht worden wren. Diese auerordentliche Plastizitt der seelischen Entwicklungen ist in ihrer Richtung nicht unbeschrnkt; man kann sie als eine besondere Fhigkeit zur Rckbildung -- Regression -- bezeichnen, denn es kommt wohl vor, da eine sptere und hhere Entwicklungsstufe, die verlassen wurde, nicht wieder erreicht werden kann. Aber die primitiven Zustnde knnen immer wieder hergestellt werden; das primitive Seelische ist im vollsten Sinne unvergnglich. Die sogenannten Geisteskrankheiten mssen beim Laien den Eindruck hervorrufen, da das Geistes- und Seelenleben der Zerstrung anheimgefallen sei. In Wirklichkeit betrifft die Zerstrung nur sptere Erwerbungen und Entwicklungen. Das Wesen der Geisteskrankheit besteht in der Rckkehr zu frheren Zustnden des Affektlebens und der Funktion. Ein ausgezeichnetes Beispiel fr die Plastizitt des Seelenlebens gibt der Schlafzustand, den wir allnchtlich anstreben. Seitdem wir auch tolle und verworrene Trume zu bersetzen verstehen, wissen wir, da wir mit jedem Einschlafen unsere mhsam erworbene Sittlichkeit wie ein Gewand von uns werfen -- um es am Morgen wieder anzutun. Diese Entblung ist natrlich ungefhrlich, weil wir durch den Schlafzustand gelhmt, zur Inaktivitt verurteilt sind. Nur der Traum kann von der Regression unseres Gefhllebens auf eine der frhesten Entwicklungsstufen Kunde geben. So ist es z.B. bemerkenswert, da alle unsere Trume von rein egoistischen Motiven beherrscht werden. Einer meiner englischen Freunde vertrat einmal diesen Satz vor einer wissenschaftlichen Versammlung in Amerika, worauf ihm eine anwesende Dame die Bemerkung machte, das mge vielleicht fr sterreich richtig sein, aber sie drfe von sich und ihren Freunden behaupten, da sie auch noch im Traume altruistisch fhlen. Mein Freund, obwohl selbst ein Angehriger der englischen Rasse, mute auf Grund seiner eigenen Erfahrungen in der Traumanalyse der Dame energisch widersprechen: Im Traume sei auch die edle Amerikanerin ebenso egoistisch wie der sterreicher. Es kann also auch die Triebumbildung, auf welcher unsere Kultureignung beruht, durch Einwirkungen des Lebens -- dauernd oder zeitweilig -- rckgngig gemacht werden. Ohne Zweifel gehren die Einflsse des Krieges zu den Mchten, welche solche Rckbildung erzeugen knnen, und darum brauchen wir nicht allen jenen, die sich gegenwrtig unkulturell benehmen, die Kultureignung abzusprechen, und drfen erwarten, da sich ihre Triebveredlung in ruhigeren Zeiten wieder herstellen wird. Vielleicht hat uns aber ein anderes Symptom bei unseren Weltmitbrgern nicht weniger berrascht und geschreckt als das so schmerzlich empfundene Herabsinken von ihrer ethischen Hhe. Ich meine die Einsichtslosigkeit, die sich bei den besten Kpfen zeigt, ihre Verstocktheit, Unzugnglichkeit gegen die eindringlichsten Argumente, ihre kritiklose Leichtglubigkeit fr die anfechtbarsten Behauptungen. Dies ergibt freilich ein trauriges Bild, und ich will ausdrcklich betonen, da ich keineswegs als verblendeter Parteignger alle intellektuelle Verfehlungen nur auf einer der beiden Seiten finde. Allein diese Erscheinung ist noch leichter zu erklren und weit weniger bedenklich als die vorhin gewrdigte. Menschenkenner und Philosophen haben uns lngst belehrt, da wir Unrecht daran tun, unsere Intelligenz als selbstndige Macht zu schtzen und ihre Abhngigkeit vom Gefhlsleben zu bersehen. Unser Intellekt knne nur verllich arbeiten, wenn er den Einwirkungen starker Gefhlsregungen entrckt sei; im gegenteiligen Falle benehme er sich einfach wie ein Instrument zu Handen eines Willens und liefere das Resultat, das ihm von diesem aufgetragen sei. Logische Argumente seien also ohnmchtig gegen affektive Interessen, und darum sei das Streiten mit Grnden, die nach _Falstaffs_ Wort so gemein sind wie Brombeeren, in der Welt der Interessen so unfruchtbar. Die psychoanalytische Erfahrung hat diese Behauptung womglich noch unterstrichen. Sie kann alle Tage zeigen, da sich die scharfsinnigsten Menschen pltzlich einsichtslos wie Schwachsinnige benehmen, sobald die verlangte Einsicht einem Gefhlswiderstand bei ihnen begegnet, aber auch alles Verstndnis wieder erlangen, wenn dieser Widerstand berwunden ist. Die logische Verblendung, die dieser Krieg oft gerade bei den besten unserer Mitbrger hervorgezaubert hat, ist also ein sekundres Phnomen, eine Folge der Gefhlserregung, und hoffentlich dazu bestimmt, mit ihr zu verschwinden. Wenn wir solcher Art unsere uns entfremdeten Mitbrger wieder verstehen, werden wir die Enttuschung, die uns die Groindividuen der Menschheit, die Vlker, bereitet haben, um vieles leichter ertragen, denn an diese drfen wir nur weit bescheidenere Ansprche stellen. Dieselben wiederholen vielleicht die Entwicklung der Individuen und treten uns heute noch auf sehr primitiven Stufen der Organisation, der Bildung hherer Einheiten, entgegen. Dem entsprechend ist das erziehliche Moment des ueren Zwanges zur Sittlichkeit, welches wir beim Einzelnen so wirksam fanden, bei ihnen noch kaum nachweisbar. Wir hatten zwar gehofft, da die groartige, durch Verkehr und Produktion hergestellte Interessengemeinschaft den Anfang eines solchen Zwanges ergeben werde, allein es scheint, die Vlker gehorchen ihren Leidenschaften derzeit weit mehr als ihren Interessen. Sie bedienen sich hchstens der Interessen, um die Leidenschaften zu _rationalisieren_; sie schieben ihre Interessen vor, um die Befriedigung ihrer Leidenschaften begrnden zu knnen. Warum die Vlkerindividuen einander eigentlich geringschtzen, hassen, verabscheuen, und zwar auch in Friedenszeiten, und jede Nation die andere, das ist freilich rtselhaft. Ich wei es nicht zu sagen. Es ist in diesem Falle gerade so, als ob sich alle sittlichen Erwerbungen der Einzelnen auslschten, wenn man eine Mehrheit oder gar Millionen Menschen zusammennimmt, und nur die primitivsten, ltesten und rohesten, seelischen Einstellungen brig blieben. An diesen bedauerlichen Verhltnissen werden vielleicht erst spte Entwicklungen etwas ndern knnen. Aber etwas mehr Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit allerseits, in den Beziehungen der Menschen zueinander und zwischen ihnen und den sie Regierenden drfte auch fr diese Umwandlung die Wege ebnen. II. Unser Verhltnis zum Tode. Das zweite Moment, von dem ich es ableite, da wir uns so befremdet fhlen in dieser einst so schnen und trauten Welt, ist die Strung des bisher von uns festgehaltenen Verhltnisses zum Tode. Dies Verhltnis war kein aufrichtiges. Wenn man uns anhrte, so waren wir natrlich bereit zu vertreten, da der Tod der notwendige Ausgang alles Lebens sei, da jeder von uns der Natur einen Tod schulde und vorbereitet sein msse, die Schuld zu bezahlen, kurz, da der Tod natrlich sei, unableugbar und unvermeidlich. In Wirklichkeit pflegten wir uns aber zu benehmen, als ob es anders wre. Wir haben die unverkennbare Tendenz gezeigt, den Tod beiseite zu schieben, ihn aus dem Leben zu eliminieren. Wir haben versucht, ihn totzuschweigen; wir besitzen ja auch das Sprichwort: man denke an etwas wie an den Tod. Wie an den eigenen natrlich. Der eigene Tod ist ja auch unvorstellbar, und so oft wir den Versuch dazu machen, knnen wir bemerken, da wir eigentlich als Zuschauer weiter dabei bleiben. So konnte in der psychoanalytischen Schule der Ausspruch gewagt werden: Im Grunde glaube niemand an seinen eigenen Tod oder, was dasselbe ist: Im Unbewuten sei jeder von uns von seiner Unsterblichkeit berzeugt. Was den Tod eines anderen betrifft, so wird der Kulturmensch es sorgfltig vermeiden, von dieser Mglichkeit zu sprechen, wenn der zum Tode Bestimmte es hren kann. Nur Kinder setzen sich ber diese Beschrnkung hinweg; sie drohen einander ungescheut mit den Chancen des Sterbens und bringen es auch zustande, einer geliebten Person dergleichen ins Gesicht zu sagen, wie z.B.: Liebe Mama, wenn du leider gestorben sein wirst, werde ich dies oder jenes. Der erwachsene Kultivierte wird den Tod eines anderen auch nicht gerne in seine Gedanken einsetzen, ohne sich hart oder bse zu erscheinen; es sei denn, da er berufsmig als Arzt, Advokat u.dgl. mit dem Tode zu tun habe. Am wenigsten wird er sich gestatten, an den Tod des anderen zu denken, wenn mit diesem Ereignis ein Gewinn an Freiheit, Besitz, Stellung verbunden ist. Natrlich lassen sich Todesflle durch dies unser Zartgefhl nicht zurckhalten; wenn sie sich ereignet haben, sind wir jedesmal tief ergriffen und wie in unseren Erwartungen erschttert. Wir betonen regelmig die zufllige Veranlassung des Todes, den Unfall, die Erkrankung, die Infektion, das hohe Alter, und verraten so unser Bestreben, den Tod von einer Notwendigkeit zu einer Zuflligkeit herabzudrcken. Eine Hufung von Todesfllen erscheint uns als etwas beraus Schreckliches. Dem Verstorbenen selbst bringen wir ein besonderes Verhalten entgegen, fast wie eine Bewunderung fr einen, der etwas sehr Schwieriges zustande gebracht hat. Wir stellen die Kritik gegen ihn ein, sehen ihm sein etwaiges Unrecht nach, geben den Befehl aus: De mortuis nil nisi bene, und finden es gerechtfertigt, da man ihm in der Leichenrede und auf dem Grabstein das Vorteilhafteste nachrhmt. Die Rcksicht auf den Toten, deren er doch nicht mehr bedarf, steht uns ber der Wahrheit, den meisten von uns gewi auch ber der Rcksicht fr den Lebenden. Diese kulturell-konventionelle Einstellung gegen den Tod ergnzt sich nun durch unseren vlligen Zusammenbruch, wenn das Sterben eine der uns nahestehenden Personen, einen Eltern- oder Gattenteil, ein Geschwister, Kind oder teuren Freund getroffen hat. Wir begraben mit ihm unsere Hoffnungen, Ansprche, Gensse, lassen uns nicht trsten und weigern uns, den Verlorenen zu ersetzen. Wir benehmen uns dann wie eine Art von _Asra_, welche _mitsterben, wenn die sterben, die sie lieben_. Dies unser Verhltnis zum Tode hat aber eine starke Wirkung auf unser Leben. Das Leben verarmt, es verliert an Interesse, wenn der hchste Einsatz in den Lebensspielen, eben das Leben selbst, nicht gewagt werden darf. Es wird so schal, gehaltlos wie etwa ein amerikanischer Flirt, bei dem es von vorneherein feststeht, da nichts vorfallen darf, zum Unterschied von einer kontinentalen Liebesbeziehung, bei welcher beide Partner stets der ernsten Konsequenzen eingedenk bleiben mssen. Unsere Gefhlsbindungen, die unertrgliche Intensitt unserer Trauer, machen uns abgeneigt, fr uns und die unserigen Gefahren aufzusuchen. Wir getrauen uns nicht, eine Anzahl von Unternehmungen in Betracht zu ziehen, die gefhrlich, aber eigentlich unerllich sind wie Flugversuche, Expeditionen in ferne Lnder, Experimente mit explodierbaren Substanzen. Uns lhmt dabei das Bedenken, wer der Mutter den Sohn, der Gattin den Mann, den Kindern den Vater ersetzen soll, wenn ein Unglck geschieht. Die Neigung, den Tod aus der Lebensrechnung auszuschlieen, hat so viele andere Verzichte und Ausschlieungen im Gefolge. Und doch hat der Wahlspruch der _Hansa_ gelautet: Navigare necesse est, vivere non necesse! (Seefahren mu man, leben mu man nicht.) Es kann dann nicht anders kommen, als da wir in der Welt der Fiktion, in der Literatur, im Theater Ersatz suchen fr die Einbue des Lebens. Dort finden wir noch Menschen, die zu sterben verstehen, ja die es auch zustande bringen, einen anderen zu tten. Dort allein erfllt sich uns auch die Bedingung, unter welcher wir uns mit dem Tod vershnen knnten, wenn wir nmlich hinter allen Wechselfllen des Lebens noch ein unantastbares Leben brig behielten. Es ist doch zu traurig, da es im Leben zugehen kann wie im Schachspiel, wo ein falscher Zug uns zwingen kann, die Partie verloren zu geben, mit dem Unterschied aber, da wir keine zweite, keine Revanchepartie beginnen knnen. Auf dem Gebiete der Fiktion finden wir jene Mehrheit von Leben, deren wir bedrfen. Wir sterben in der Identifizierung mit dem einen Helden, berleben ihn aber doch und sind bereit, ebenso ungeschdigt ein zweites Mal mit einem anderen Helden zu sterben. Es ist evident, da der Krieg diese konventionelle Behandlung des Todes hinwegfegen mu. Der Tod lt sich jetzt nicht mehr verleugnen; man mu an ihn glauben. Die Menschen sterben wirklich, auch nicht mehr einzeln, sondern viele, oft Zehntausende an einem Tag. Er ist auch kein Zufall mehr. Es scheint freilich noch zufllig, ob diese Kugel den einen trifft oder den andern; aber diesen anderen mag leicht eine zweite Kugel treffen, die Hufung macht dem Eindruck des Zuflligen ein Ende. Das Leben ist freilich wieder interessant geworden, es hat seinen vollen Inhalt wieder bekommen. Man mte hier eine Scheidung in zwei Gruppen vornehmen, diejenigen, die selbst im Kampf ihr Leben preisgeben, trennen von den anderen, die zu Hause geblieben sind und nur zu erwarten haben, einen ihrer Lieben an den Tod durch Verletzung, Krankheit oder Infektion zu verlieren. Es wre gewi sehr interessant, die Vernderungen in der Psychologie der Kmpfer zu studieren, aber ich wei zu wenig darber. Wir mssen uns an die zweite Gruppe halten, zu der wir selbst gehren. Ich sagte schon, da ich meine, die Verwirrung und die Lhmung unserer Leistungsfhigkeit, unter denen wir leiden, seien wesentlich mitbestimmt durch den Umstand, da wir unser bisheriges Verhltnis zum Tode nicht aufrecht halten knnen und ein neues noch nicht gefunden haben. Vielleicht hilft es uns dazu, wenn wir unsere psychologische Untersuchung auf zwei andere Beziehungen zum Tode richten, auf jene, die wir dem Urmenschen, dem Menschen der Vorzeit zuschreiben drfen, und jene andere, die in jedem von uns noch erhalten ist, aber sich unsichtbar fr unser Bewutsein in tieferen Schichten unseres Seelenlebens verbirgt. Wie sich der Mensch der Vorzeit gegen den Tod verhalten, wissen wir natrlich nur durch Rckschlsse und Konstruktionen, aber ich meine, da diese Mittel uns ziemlich vertrauenswrdige Ausknfte ergeben haben. Der Urmensch hat sich in sehr merkwrdiger Weise zum Tode eingestellt. Gar nicht einheitlich, vielmehr recht widerspruchsvoll. Er hat einerseits den Tod ernst genommen, ihn als Aufhebung des Lebens anerkannt und sich seiner in diesem Sinne bedient, anderseits aber auch den Tod geleugnet, ihn zu nichts herabgedrckt. Dieser Widerspruch wurde durch den Umstand ermglicht, da er zum Tode des anderen, des Fremden, des Feindes eine radikal andere Stellung einnahm als zu seinem eigenen. Der Tod des anderen war ihm recht, galt ihm als Vernichtung des Verhaten, und der Urmensch kannte kein Bedenken, ihn herbeizufhren. Er war gewi ein sehr leidenschaftliches Wesen, grausamer und bsartiger als andere Tiere. Er mordete gerne und wie selbstverstndlich. Den Instinkt, der andere Tiere davon abhalten soll, Wesen der gleichen Art zu tten und zu verzehren, brauchen wir ihm nicht zuzuschreiben. Die Urgeschichte der Menschheit ist denn auch vom Morde erfllt. Noch heute ist das, was unsere Kinder in der Schule als Weltgeschichte lernen, im wesentlichen eine Reihenfolge von Vlkermorden. Das dunkle Schuldgefhl, unter dem die Menschheit seit Urzeiten steht, das sich in manchen Religionen zur Annahme einer _Urschuld_, einer Erbsnde, verdichtet hat, ist wahrscheinlich der Ausdruck einer Blutschuld, mit welcher sich die urzeitliche Menschheit beladen hat. Ich habe in meinem Buche _Totem_ und _Tabu_ (1913), den Winken von W. _Robertson Smith_, _Atkinson_ und Ch. _Darwin_ folgend, die Natur dieser alten Schuld erraten wollen, und meine, da noch die heutige christliche Lehre uns den Rckschlu auf sie ermglicht. Wenn Gottes Sohn sein Leben opfern mute, um die Menschheit von der Erbsnde zu erlsen, so mu nach der Regel der Talion, der Vergeltung durch Gleiches, diese Snde eine Ttung, ein Mord gewesen sein. Nur dies konnte zu seiner Shne das Opfer eines Lebens erfordern. Und wenn die Erbsnde ein Verschulden gegen Gott-Vater war, so mu das lteste Verbrechen der Menschheit ein Vatermord gewesen sein, die Ttung des Urvaters der primitiven Menschenhorde, dessen Erinnerungsbild spter zur Gottheit verklrt wurde[1]. [1] Vgl. diese Zeitschr. Bd.II. 1913. (Die infantile Wiederkehr des Totemismus.) Der eigene Tod war dem Urmenschen gewi ebenso unvorstellbar und unwirklich, wie heute noch jedem von uns. Es ergab sich aber fr ihn ein Fall, in dem die beiden gegenstzlichen Einstellungen zum Tode zusammenstieen und in Konflikt miteinander gerieten, und dieser Fall wurde sehr bedeutsam und reich an fernwirkenden Folgen. Er ereignete sich, wenn der Urmensch einen seiner Angehrigen sterben sah, sein Weib, sein Kind, seinen Freund, die er sicherlich hnlich liebte wie wir die unseren, denn die Liebe kann nicht um vieles jnger sein als die Mordlust. Da mute er in seinem Schmerz die Erfahrung machen, da man auch selbst sterben knne, und sein ganzes Wesen emprte sich gegen dieses Zugestndnis; jeder dieser Lieben war ja doch ein Stck seines eigenen geliebten Ichs. Anderseits war ihm ein solcher Tod doch auch recht, denn in jeder der geliebten Personen stak auch ein Stck Fremdheit. Das Gesetz der Gefhlsambivalenz, das heute noch unsere Gefhlsbeziehungen zu den von uns geliebtesten Personen beherrscht, galt in Urzeiten gewi noch uneingeschrnkter. Somit waren diese geliebten Verstorbenen doch auch Fremde und Feinde gewesen, die einen Anteil von feindseligen Gefhlen bei ihm hervorgerufen hatten[2]. [2] Siehe diese Zeitschr. Bd.I. 1912, Tabu und Ambivalenz. Und _Totem_ und _Tabu_. Die Philosophen haben behauptet, das intellektuelle Rtsel, welches das Bild des Todes dem Urmenschen aufgab, habe sein Nachdenken erzwungen und sei der Ausgang jeder Spekulation geworden. Ich glaube, die Philosophen denken da zu -- philosophisch, nehmen zu wenig Rcksicht auf die primr wirksamen Motive. Ich mchte darum die obige Behauptung einschrnken und korrigieren: an der Leiche des erschlagenen Feindes wird der Urmensch triumphiert haben, ohne einen Anla zu finden, sich den Kopf ber die Rtsel des Lebens und des Todes zu zerbrechen. Nicht das intellektuelle Rtsel und nicht jeder Todesfall, sondern der Gefhlskonflikt beim Tode geliebter und dabei doch auch fremder und gehater Personen hat die Forschung der Menschen entbunden. Aus diesem Gefhlskonflikt wurde zunchst die Psychologie geboren. Der Mensch konnte den Tod nicht mehr von sich ferne halten, da er ihn in dem Schmerz um den Verstorbenen verkostet hatte, aber er wollte ihn doch nicht zugestehen, da er sich selbst nicht tot vorstellen konnte. So lie er sich auf Kompromisse ein, gab den Tod auch fr sich zu, bestritt ihm aber die Bedeutung der Lebensvernichtung, wofr ihm beim Tode des Feindes jedes Motiv gefehlt hatte. An der Leiche der geliebten Person ersann er die Geister, und sein Schuldbewutsein ob der Befriedigung, die der Trauer beigemengt war, bewirkte, da diese erstgeschaffenen Geister bse Dmonen wurden, vor denen man sich ngstigen mute. Die Vernderungen des Todes legten ihm die Zerlegung des Individuums in einen Leib und in eine -- ursprnglich mehrere -- Seelen nahe; in solcher Weise ging sein Gedankengang dem Zersetzungsproze, den der Tod einleitet, parallel. Die fortdauernde Erinnerung an den Verstorbenen wurde die Grundlage der Annahme anderer Existenzformen, gab ihm die Idee eines Fortlebens nach dem anscheinenden Tode. Diese spteren Existenzen waren anfnglich nur Anhngsel an die durch den Tod abgeschlossene, schattenhaft, inhaltsleer und bis in spte Zeiten hinauf geringgeschtzt; sie trugen noch den Charakter kmmerlicher Ausknfte. Wir erinnern, was die Seele des Achilleus dem Odysseus erwidert: Denn dich Lebenden einst verehrten wir, gleich den Gttern, Argos Shn'; und jetzo gebietest du mchtig den Geistern, Wohnend allhier. Drum la dich den Tod nicht reuen, Achilleus. Also ich selbst; und sogleich antwortet' er, solches erwidernd: Nicht mir rede vom Tod ein Trostwort, edler Odysseus! Lieber ja wollt' ich das Feld als Tagelhner bestellen Einem drftigen Mann, ohn' Erb' und eigenen Wohlstand, Als die smtliche Schaar der geschwundenen Toten beherrschen. (OdysseeXI v.484-491) Oder in der kraftvollen, bitter-parodistischen Fassung von H._Heine_: Der kleinste lebendige Philister Zu Stuckert am Neckar Viel glcklicher ist er Als ich, der Pelide, der tote Held, Der Schattenfrst in der Unterwelt. Erst spter brachten es die Religionen zustande, diese Nachexistenz fr die wertvollere, vollgltige auszugeben und das durch den Tod abgeschlossene Leben zu einer bloen Vorbereitung herabzudrcken. Es war dann nur konsequent, wenn man auch das Leben in die Vergangenheit verlngerte, die frheren Existenzen, die Seelenwanderung und Wiedergeburt ersann, alles in der Absicht, dem Tod seine Bedeutung als Aufhebung des Lebens zu rauben. So frhzeitig hat die Verleugnung des Todes, die wir als konventionell-kulturell bezeichnet haben, ihren Anfang genommen. An der Leiche der geliebten Person entstanden nicht nur die Seelenlehre, der Unsterblichkeitsglaube und eine mchtige Wurzel des menschlichen Schuldbewutseins, sondern auch die ersten ethischen Gebote. Das erste und bedeutsamste Verbot des erwachenden Gewissens lautete: _Du sollst nicht tten._ Es war als die Reaktion gegen die hinter der Trauer versteckte Habefriedigung am geliebten Toten gewonnen worden, und wurde allmhlich auf den ungeliebten Fremden und endlich auch auf den Feind ausgedehnt. An letzterer Stelle wird es vom Kulturmenschen nicht mehr versprt. Wenn das wilde Ringen dieses Krieges seine Entscheidung gefunden hat, wird jeder der siegreichen Kmpfer froh in sein Heim zurckkehren, zu seinem Weib und Kindern, unverweilt und ungestrt durch Gedanken an die Feinde, die er im Nahekampf oder durch die fernwirkende Waffe gettet hat. Es ist bemerkenswert, da sich die primitiven Vlker, die noch auf der Erde leben und dem Urmenschen gewi nher stehen als wir, in diesem Punkte anders verhalten -- oder verhalten haben, so lange sie noch nicht den Einflu unserer Kultur erfahren hatten. Der Wilde -- Australier, Buschmann, Feuerlnder -- ist keineswegs ein reueloser Mrder; wenn er als Sieger vom Kriegspfade heimkehrt, darf er sein Dorf nicht betreten und sein Weib nicht berhren, ehe er seine kriegerischen Mordtaten durch oft langwierige und mhselige Buen geshnt hat. Natrlich liegt die Erklrung aus seinem Aberglauben nahe; der Wilde frchtet noch die Geisterrache der Erschlagenen. Aber die Geister der erschlagenen Feinde sind nichts anderes als der Ausdruck seines bsen Gewissens ob seiner Blutschuld; hinter diesem Aberglauben verbirgt sich ein Stck ethischer Feinfhligkeit, welches uns Kulturmenschen verloren gegangen ist[3]. [3] S. diese Zeitschr., Bd.II. l.c. Fromme Seelen, welche unser Wesen gerne von der Berhrung mit Bsem und Gemeinem ferne wissen mchten, werden gewi nicht versumen, aus der Frhzeitigkeit und Eindringlichkeit des Mordverbotes befriedigende Schlsse zu ziehen auf die Strke ethischer Regungen, welche uns eingepflanzt sein mssen. Leider beweist dieses Argument noch mehr fr das Gegenteil. Ein so starkes Verbot kann sich nur gegen einen ebenso starken Impuls richten. Was keines Menschen Seele begehrt, braucht man nicht zu verbieten[4], es schliet sich von selbst aus. Gerade die Betonung des Gebotes: Du sollst nicht tten, macht uns sicher, da wir von einer unendlich langen Generationsreihe von Mrdern abstammen, denen die Mordlust, wie vielleicht noch uns selbst, im Blute lag. Die ethischen Strebungen der Menschheit, an deren Strke und Bedeutsamkeit man nicht zu nrgeln braucht, sind ein Erwerb der Menschengeschichte; in leider sehr wechselndem Ausmae sind sie dann zum ererbten Besitz der heute lebenden Menschen geworden. [4] Vgl. die glnzende Argumentation von _Frazer_ in dieser Zeitschr., Bd.III. p.377. Verlassen wir nun den Urmenschen und wenden wir uns dem Unbewuten im eigenen Seelenleben zu. Wir fuen hier ganz auf der Untersuchungsmethode der Psychoanalyse, der einzigen, die in solche Tiefen reicht. Wir fragen: wie verhlt sich unser Unbewutes zum Problem des Todes? Die Antwort mu lauten: fast genau so wie der Urmensch. In dieser wie in vielen anderen Hinsichten lebt der Mensch der Vorzeit ungendert in unserem Unbewuten fort. Also unser Unbewutes glaubt nicht an den eigenen Tod, es gebrdet sich wie unsterblich. Was wir unser Unbewutes heien, die tiefsten, aus Triebregungen bestehenden Schichten unserer Seele, kennt berhaupt nichts Negatives, keine Verneinung -- Gegenstze fallen in ihm zusammen -- und kennt darum auch nicht den eigenen Tod, dem wir nur einen negativen Inhalt geben knnen. Dem Todesglauben kommt also nichts Triebhaftes in uns entgegen. Vielleicht ist dies sogar das Geheimnis des Heldentums. Die rationelle Begrndung des Heldentums ruht auf dem Urteil, da das eigene Leben nicht so wertvoll sein kann wie gewisse abstrakte und allgemeine Gter. Aber ich meine, hufiger drfte das instinktive und impulsive Heldentum sein, welches von solcher Motivierung absieht und einfach nach der Zusicherung des _Anzengruber_'schen Steinklopferhanns: _Es kann dir nix g'scheh'n_, den Gefahren trotzt. Oder jene Motivierung dient nur dazu, die Bedenken wegzurumen, welche die dem Unbewuten entsprechende heldenhafte Reaktion hintanhalten knnen. Die Todesangst, unter deren Herrschaft wir hufiger stehen, als wir selbst wissen, ist dagegen etwas Sekundres, und meist aus Schuldbewutsein hervorgegangen. Anderseits anerkennen wir den Tod fr Fremde und Feinde und verhngen ihn ber sie ebenso bereitwillig und unbedenklich wie der Urmensch. Hier zeigt sich freilich ein Unterschied, den man in der Wirklichkeit fr entscheidend erklren wird. Unser Unbewutes fhrt die Ttung nicht aus, es denkt und wnscht sie blo. Aber es wre unrecht, diese _psychische_ Realitt im Vergleiche zur _faktischen_ so ganz zu unterschtzen. Sie ist bedeutsam und folgenschwer genug. Wir beseitigen in unseren unbewuten Regungen tglich und stndlich alle, die uns im Wege stehen, die uns beleidigt und geschdigt haben. Das Hol' ihn der Teufel, das sich so hufig in scherzendem Unmut ber unsere Lippen drngt, und das eigentlich sagen will: Hol' ihn der Tod, in unserem Unbewuten ist es ernsthafter, kraftvoller Todeswunsch. Ja, unser Unbewutes mordet selbst fr Kleinigkeiten; wie die alte athenische Gesetzgebung des _Drakon_ kennt es fr Verbrechen keine andere Strafe als den Tod, und dies mit einer gewissen Konsequenz, denn jede Schdigung unseres allmchtigen und selbstherrlichen Ichs ist im Grunde ein crimen laesae majestatis. So sind wir auch selbst, wenn man uns nach unseren unbewuten Wunschregungen beurteilt, wie die Urmenschen eine Rotte von Mrdern. Es ist ein Glck, da alle diese Wnsche nicht die Kraft besitzen, die ihnen die Menschen in Urzeiten noch zutrauten[5]; in dem Kreuzfeuer von gegenseitigen Verwnschungen wre die Menschheit lngst zugrunde gegangen, die besten und weisesten der Mnner darunter wie die schnsten und holdesten der Frauen. [5] Vgl. ber Allmacht der Gedanken in dieser Zeitschr., Bd.III. 1913. Mit Aufstellungen wie dieser findet die Psychoanalyse bei den Laien meist keinen Glauben. Man weist sie als Verleumdungen zurck, welche gegen die Versicherungen des Bewutseins nicht in Betracht kommen, und bersieht geschickt die geringen Anzeichen, durch welche sich auch das Unbewute dem Bewutsein zu verraten pflegt. Es ist darum am Platze darauf hinzuweisen, da viele Denker, die nicht von der Psychoanalyse beeinflut sein konnten, die Bereitschaft unserer stillen Gedanken, mit Hinwegsetzung ber das Mordverbot zu beseitigen, was uns im Wege steht, deutlich genug angeklagt haben. Ich whle hiefr ein einziges berhmt gewordenes Beispiel an Stelle vieler anderer: Im Pre Goriot spielt _Balzac_ auf eine Stelle in den Werken J.J. _Rousseau's_ an, in welcher dieser Autor den Leser fragt, was er wohl tun wrde, wenn er -- ohne Paris zu verlassen und natrlich ohne entdeckt zu werden -- einen alten Mandarin in Peking durch einen bloen Willensakt tten knnte, dessen Ableben ihm einen groen Vorteil einbringen mte. Er lt erraten, da er das Leben dieses Wrdentrgers fr nicht sehr gesichert hlt. Tuer son mandarin ist dann sprichwrtlich worden fr diese geheime Bereitschaft auch der heutigen Menschen. Es gibt auch eine ganze Anzahl von zynischen Witzen und Anekdoten, welche nach derselben Richtung Zeugnis ablegen, wie z.B. die dem Ehemanne zugeschriebene uerung: Wenn einer von uns beiden stirbt, bersiedle ich nach Paris. Solche zynische Witze wren nicht mglich, wenn sie nicht eine verleugnete Wahrheit mitzuteilen htten, zu der man sich nicht bekennen darf, wenn sie ernsthaft und unverhllt ausgesprochen wird. Im Scherz darf man bekanntlich sogar die Wahrheit sagen. Wie fr den Urmenschen, so ergibt sich auch fr unser Unbewutes ein Fall, in dem die beiden entgegengesetzten Einstellungen gegen den Tod, die eine, welche ihn als Lebensvernichtung anerkennt, und die andere, die ihn als unwirklich verleugnet, zusammenstoen und in Konflikt geraten. Und dieser Fall ist der nmliche wie in der Urzeit, der Tod oder die Todesgefahr eines unserer Lieben, eines Eltern- oder Gattenteils, eines Geschwisters, Kindes oder lieben Freundes. Diese Lieben sind uns einerseits ein innerer Besitz, Bestandteile unseres eigenen Ichs, anderseits aber auch teilweise Fremde, ja Feinde. Den zrtlichsten und innigsten unserer Liebesbeziehungen hngt mit Ausnahme ganz weniger Situationen ein Stckchen Feindseligkeit an, welches den unbewuten Todeswunsch anregen kann. Aus diesem Ambivalenzkonflikt geht aber nicht wie dereinst die Seelenlehre und die Ethik hervor, sondern die Neurose, die uns tiefe Einblicke auch in das normale Seelenleben gestattet. Wie hufig haben die psychoanalytisch behandelnden rzte mit dem Symptom der berzrtlichen Sorge um das Wohl der Angehrigen oder mit vllig unbegrndeten Selbstvorwrfen nach dem Tode einer geliebten Person zu tun gehabt. Das Studium dieser Vorflle hat ihnen ber die Verbreitung und Bedeutung der unbewuten Todeswnsche keinen Zweifel gelassen. Der Laie empfindet ein auerordentliches Grauen vor dieser Gefhlsmglichkeit und nimmt diese Abneigung als legitimen Grund zum Unglauben gegen die Behauptungen der Psychoanalyse. Ich meine mit Unrecht. Es wird keine Herabsetzung unseres Liebeslebens beabsichtigt, und es liegt auch keine solche vor. Unserem Verstndnis wie unserer Empfindung liegt es freilich ferne, Liebe und Ha in solcher Weise miteinander zu verkoppeln, aber indem die Natur mit diesem Gegensatzpaar arbeitet, bringt sie es zustande, die Liebe immer wach und frisch zu erhalten, um sie gegen den hinter ihr lauernden Ha zu versichern. Man darf sagen, die schnsten Entfaltungen unseres Liebeslebens danken wir der _Reaktion_ gegen den feindseligen Impuls, den wir in unserer Brust verspren. Resmieren wir nun: unser Unbewutes ist gegen die Vorstellung des eigenen Todes ebenso unzugnglich, gegen den Fremden ebenso mordlustig, gegen die geliebte Person ebenso zwiespltig (ambivalent) wie der Mensch der Urzeit. Wie weit haben wir uns aber in der konventionell-kulturellen Einstellung gegen den Tod von diesem Urzustand entfernt! Es ist leicht zu sagen, wie der Krieg in diese Entzweiung eingreift. Er streift uns die spteren Kulturauflagerungen ab und lt den Urmenschen in uns wieder zum Vorschein kommen. Er zwingt uns wieder, Helden zu sein, die an den eigenen Tod nicht glauben knnen; er bezeichnet uns die Fremden als Feinde, deren Tod man herbeifhren oder herbeiwnschen soll; er rt uns, uns ber den Tod geliebter Personen hinwegzusetzen. Der Krieg ist aber nicht abzuschaffen; solange die Existenzbedingungen der Vlker so verschieden und die Abstoungen unter ihnen so heftig sind, wird es Kriege geben mssen. Da erhebt sich denn die Frage: Sollen wir nicht diejenigen sein, die nachgeben und sich ihm anpassen? Sollen wir nicht zugestehen, da wir mit unserer kulturellen Einstellung zum Tode psychologisch wieder einmal ber unseren Stand gelebt haben, und vielmehr umkehren und die Wahrheit fatieren? Wre es nicht besser, dem Tod den Platz in der Wirklichkeit und in unseren Gedanken einzurumen, der ihm gebhrt, und unsere unbewute Einstellung zum Tode, die wir bisher so sorgfltig unterdrckt haben, ein wenig mehr hervorzukehren? Es scheine das keine Hherleistung zu sein, eher ein Rckschritt in manchen Stcken, eine Regression, aber es hat den Vorteil, der Wahrhaftigkeit mehr Rechnung zu tragen und uns das Leben wieder ertrglicher zu machen. Das Leben zu ertragen, bleibt ja doch die erste Pflicht aller Lebenden. Die Illusion wird wertlos, wenn sie uns darin strt. Wir erinnern uns des alten Spruches: _Si vis pacem, para bellum._ (Wenn du den Frieden erhalten willst, so rste zum Krieg.) Es wre zeitgem ihn abzundern: _Si vis vitam, para mortem._ (Wenn du das Leben aushalten willst, richte dich auf den Tod ein.) [ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile steht. Zwang war. Die Menschen die heute geboren werden, bringen ein Stck Zwang war. Die Menschen, die heute geboren werden, bringen ein Stck Ausdruck guter Triebregungen sind, dem anderen versagen sie ihre Ausdruck guter Triebregungen sind, den anderen versagen sie ihre englischen Rasse, mte auf Grund seiner eigenen Erfahrungen in der englischen Rasse, mute auf Grund seiner eigenen Erfahrungen in der Gemeinem ferne wissen mchten; werden gewi nicht versumen, aus der Gemeinem ferne wissen mchten, werden gewi nicht versumen, aus der Mit Aufstellungen wie diese findet die Psychoanalyse bei den Laien Mit Aufstellungen wie dieser findet die Psychoanalyse bei den Laien ] End of Project Gutenberg's Zeitgemes ber Krieg und Tod, by Sigmund Freud License: Share Alike