E-text prepared by richyfourtytwo, bfx, and the Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net) Hinweise zur Transkription Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Grogeschriebene Umlaute waren im Original als Ae, Oe und Ue abgedruckt und wurden durch , und ersetzt. Offensichtliche Fehler und uneinheitliche Schreibweisen wurden korrigiert, bei Zweifeln wurde der Originaltext beibehalten. Eine Liste der vorgenommenen nderungen befindet sich am Buchende, die zahlreichen Korrekturen bei falsch gesetzten oder fehlenden Anfhrungszeichen sind nicht extra aufgefhrt. Textauszeichnungen wurden folgendermaen ersetzt: Sperrung: =gesperrter Text= Antiquaschrift: _Antiquatext_ Inselwelt. Gesammelte Erzhlungen von Friedrich Gerstcker. Erster Band. =Indische Skizzen.= Leipzig, =Arnoldische Buchhandlung.= 1860. Inhaltsverzeichni vom ersten Bande. I. In der Sdsee. Seite Der Wallfischfnger 1 Die Bootsmannschaft 82 Der Schooner 168 II. Im Ostindischen Archipel. Der Balinese 249 Der Menschentiger 313 Der Khris 374 I. In der Sdsee. Der Wallfischfnger. 1. In der weiten und bequemen Corallenbai von Monui, einer der Tonga-Inseln, ankerte im Januar des Jahres 18** ein englischer Wallfischfnger, die _Lucy Walker_, Provisionen, Holz und Erfrischungen einzunehmen, und da sich die Eingeborenen ziemlich freundlich gezeigt, hatte die Mannschaft in Abtheilungen Tag nach Tag Erlaubni bekommen, an Land zu gehen und mit den Eingebornen zu verkehren. Der Capitain selber, ein junger Mann, der seine erste Reise als Fhrer eines Schiffes machte, war viel zu entzckt von dem wundervollen Land, das er betreten, seine Freiheit nicht ebenfalls soviel als mglich bentzen zu sollen, und unter den freundlichen Menschen, von dem alten Huptling selber auf das herzlichste aufgenommen, vergingen die Tage in Zauberschnelle. Er schien zuletzt zwar ganz vergessen zu haben, da er des Wallfischfanges wegen in diese Breiten gekommen und selber gehen mte die Fische aufzusuchen, wenn er berhaupt deren fangen, und sein Schiff voll l bekommen wollte. Die Scenerie allein trug aber nicht die Schuld. Hua, Toanonga's liebliches Tchterlein, hatte sein Herz mit einer Leidenschaft entflammt, der er sich selber im Anfang nicht klar bewut war, die aber mit jedem Tage mehr berhand gewann. Ja, je mehr ihm Gelegenheit geboten wurde, sich dem Gegenstand derselben zu nhern, und je weniger nah er doch demselben dadurch kam, verga er zuletzt selbst seine Pflicht gegen sein Schiff sowohl, wie seine Mannschaft, um noch immer kurze Zeit lnger in der verfhrerischen Nhe des holden Mdchens zu weilen. Hua[1], nach ihrem heiteren, frhlichen Wesen so genannt, sah den fremden jungen Mann gern bei sich, der ihr, der Tonga-Sprache vollkommen mchtig, noch von frheren Reisen her, viel von fremden Lndern und Vlkern erzhlen, und mit dem sie lachen und sich freuen konnte. An eine ernstere Neigung dachte sie nicht, denn sie wute recht gut, da solche Schiffe nur immer auf kurze Zeit an eine ihrer Inseln anlegten und dann wieder fortfuhren, vielleicht nie mehr zurckzukehren -- was htte ihr seine Liebe gentzt? berdem war sie schon dem jungen Huptling eines Nachbarstammes versprochen, der jeden Tag eintreffen konnte, sie abzuholen. Die Zeit bis dahin war ihr denn auch schon recht lang geworden, und etwas Erwnschteres htte gar nicht kommen knnen, als das fremde Schiff mit den weien, wunderlichen und doch so freundlichen Mnnern. Toanonga befand sich am Besten dabei; der junge Englnder brachte, um ihn sich beliebt zu machen jeden Tag neue Geschenke, und er sah sich dadurch bald in dem Besitz einer so bedeutenden Anzahl von Ngeln, Glasperlen, kleiner Spiegel, Messer, Beile, Kattun, und vor allem Andern Tabak, dessen Gebrauch er auch schon kennen gelernt, da er schon anfing, sich als einen Capitalisten zu betrachten, der sich nun bald von seiner beschwerlichen Huptlingsschaft werde in das Privatleben zurckziehen knnen, von seinen Renten zu leben. So angenehm nun aber auch ein solches Leben der Mannschaft des Wallfischfngers war, der sich, nach dem beschwerlichen Dienst an Bord, ein frmliches Paradies hier ffnete, so bedenklich schttelten die Officiere -- Harpuniere und Bootsteuerer -- darber den Kopf. Eine Zeitlang hatten sich diese wohl mit ruhigem Behagen dem Stillleben der Inseln hingegeben; als dies aber immer noch kein Ende zu nehmen schien, gedachten sie auch ihres eigenen Nutzens, und wnschten ihr Geschft wieder aufzunehmen, wegen dem sie doch eigentlich an Bord gegangen waren: nmlich Geld durch den Fang der hier muthwillig versumten Fische zu verdienen. Zuerst erinnerte der erste Harpunier den Capitain, da es spter und spter in der Jahreszeit wrde, und sie schon gar nicht mehr daran denken drften, ihrer ersten Absicht nach, Neuseeland anzulaufen. Die Mahnung half aber weiter nichts, als da der Capitain noch einmal sechs Klaftern Holz bei den Eingebornen bestellte, zu denen diese, wie er recht gut wute, fast eben so viele Wochen brauchten, es zu schlagen, und doch hatten die Leute an Bord schon jetzt alle Winkel und Ecken davon vollgestaut, -- doch traten endlich die Officiere zusammen und erklrten ihrem Vorgesetzten, da sie ihm allerdings gehorchen und so lange hier bleiben mten, wie er es fr gut fnde, da sie aber bei ihrer Zurckkunft nach Liverpool jedenfalls Beschwerde oder vielmehr Klage auf Schadenersatz fr versumte Zeit gegen ihn einreichen wrden, wenn er jetzt nicht bald wieder die Anker lichte. Capitain Silwitch, so zum uersten getrieben und sich seinen Leuten gegenber auch im Unrecht fhlend, beschlo nun einen entscheidenden Schritt zu thun, und Toanonga selber um die Hand seiner Tochter zu bitten. Einer ihrer heidnischen Trauungsceremonien konnte er sich, als hchst unbedeutender Christ, leicht unterwerfen, und ehe er die Heimfahrt antrat, was noch ein paar Jahr dauern mochte, fand sich immer eine Gelegenheit, das Mdchen, wenn auch nicht genau an diese, doch vielleicht an eine der Nachbarinseln wieder abzusetzen -- mit nach Hause durfte er sie natrlich nicht nehmen. Toanonga sa mit Hua auf einer groen, aus langem Gras feingeflochtenen Matte, vor seiner Htte, im Schatten eines gewaltigen Toa-Baumes, der mit dem Duft seiner Blten die ganze Nachbarschaft erfllte. Es war ein reizender Platz, gerade an der Mndung eines kleinen, aus den Hhlen khl und pltschernd niedersprudelnden Bergbachs, der sich die klare Bahn unter wehenden Palmen und ber moosiges Gestein brach und Blumen und Frchte als Tribut dem Meere zufhrte. Mchtige Cocospalmen schttelten ihre federartigen, rauschenden Kronen ber seiner Fluth und die hohen, stattlichen Mapebume mit ihren breiten, magnolienartigen Blttern und wunderlich geformten Stmmen[2] deckten und beschatteten niedere Haine fruchtbeladener Orangen und Citronen und duftender Bltenbsche, die durch sie gegen die sengenden Strahlen der Sonne geschtzt wurden. Das Haus des Huptlings war nur wie das seiner geringsten Unterthanen aus trockenen, gelben Bambusstben aufgerichtet, und mit Zuckerrohrblttern fest, aber doch luftig und vollkommen regendicht, gedeckt. Ein kleiner dabei angelegter und mit dicht gesteckten dnnen Stangen umzunter Garten (eine Quantitt wild herumlaufender Ferkel daraus fern zu halten, denen der Besuch des Hauses jedoch vollkommen frei zu stehen schien) enthielt Reihen gepflanzter Bananen und sogar einige Yams, und in feuchten Gruben gezogene Taro-Pflanzen, whrend dichtgesteckte Brotfruchtbume, die jedoch auch berall wild gediehen, die Hauptnahrung der Insel anzeigten und ihre wohlthtigen pfel vor die Thr ihres Eigenthmers niederschtteln. Toanonga schwelgte in der Verdauung eines eben genossenen vortrefflichen Frhstcks, eines mit heien Steinen gersteten Ferkels und _Me_[3], und dieser gleichsam eine hhere Weihe zu verleihen, hatte er einen Theil der erhaltenen Geschenke, besonders eine Anzahl Ngel und Glasperlen, einige Uniformknpfe und vor allem Andern einen zerbrochenen Sporn, an dem das Rdchen aber noch gut war und wirbelte, vortrefflich vor sich ausgebreitet und betrachtete sie mit augenscheinlicher Genugthuung und Freude. Capitain Silwitch htte wirklich keinen glcklicheren Moment fr seine Werbung treffen -- und keinen unglcklicheren Erfolg haben knnen. Eine ganze Jagdtasche voll Geschenke fr den Knig; Gegenstnde, als ob ein Trdler seine Bude ausgerumt und den Schutt zurckgeworfen, die Quantitt vielleicht an den Eisenhndler zu verkaufen. Dazwischen fanden sich ein paar buntblitzende, blaue, grobeerige Glaskorallen, von enormem Gewicht; ein kleiner, gesprungener Rasirspiegel, eine unechte goldene Quaste von irgend einer Gardine, ein Argentan-Lffel und besonders eine plattirte Schuhschnalle bildeten aber die Hauptbestandtheile der Masse, die er, Hua dabei freundlich zulchelnd, vor dem erstaunten _Hou_ -- Huptling der Insel -- und auf die Matten zu den Knpfen und Perlen schttete. Tangaloa[4] segne mich! rief der wrdige Toanonga, als er die unvermutheten Schtze aus dem ganz unscheinbaren Lederbeutel auf sich frmlich herabregnen sah, ohne in dem Augenblicke eine Ahnung zu haben, welchem glcklichen Ereignisse er diese fabelhafte Freigebigkeit des fremden weien Mannes verdanke, -- der Fremde hat sein ganzes Canoe geplndert, die Augen seines Freundes mit seinen Schtzen glcklich zu machen, Si-li-wi -- (eine natrliche Verunstaltung des Namen Silwitch, da die Insulaner nur sehr schwer zwei Consonanten hinter einander in einer Silbe aussprechen knnen) soll Brotfrucht und Cocosnsse, Bananen und Taro, Ferkel und Fische haben, so viel er will auf sein Schiff. Si-li-wi ist ein Ehrenmann und darf sich eine Gnade erbitten. Und gebe Gott, da du sie erfllst, wrdiger Greis, sagte der junge Mann halb lachend, halb verlegen, ich komme allerdings heute Morgen mit einer groen Bitte an dich, oder eigentlich an -- Hua an deiner Seite, deren Erfllung mich unendlich glcklich machen wrde. An mich? fragte Hua errthend, whrend sie von ihrer Matte aufsprang und den Fremden berrascht ansah; willst du noch mehr von den wunderlichen wei- und rothgefleckten Corallen, die wir in der Bai da drben gesucht? oder soll ich dir Perlen holen lassen, unten vom Grund herauf? Ich wei auch -- Halt, halt, Mdchen, mach mich nicht toll mit deinen freundlichen Worten! bat der junge Mann abwehrend. Es ist mehr als alles Das, und nun, Toanonga, soll es auch heraus, denn lange Reden bin ich doch nicht im Stande zu machen. Hier sind die Geschenke, du sollst noch mehr haben, Tabak, Feuerwasser, Messer, Beile, Kattun -- auch ein Gewehr hab' ich fr dich bestimmt, das den Blitz und Donner in sich trgt, und womit du deine Feinde besiegen und dir unterthan machen kannst. _Mea fanna fonnua_[5]? rief Toanonga rasch, der bei der Aussicht auf solchen Besitz alles Andere in dem Augenblick verga. Wre nicht bel; Toanonga mchte ungemein gern _Mea fanna fonnua_ haben. Und du giebst mir Hua? rief der Englnder rasch und freundlich. Hua? sagte der alte Huptling erstaunt, whrend das Mdchen bestrzt und errthend dabei stand und kein Wort zu erwidern wagte. Hua gehrt nicht mein, kann ich nicht vergeben; gehrt _Tai manavachi_, ist _Tai manavachis ohana_. _Ohana?_ wiederholte der junge Mann bestrzt und erschreckt, denn das Wort bedeutet in der Tongasprache Braut sowohl als Frau. _Ohana?_ -- seit wann? Bah, nicht so lange, sagte der Alte kopfschttelnd und die vor ihm ausgebreiteten Geschenke ein wenig mehr nach sich herber schiebend, als ob er eine ungewisse Ahnung htte, da der Fremde, wenn er den angebotenen Tausch =nicht= eingehen wolle, diese am Ende auch wieder zurckziehen knne. Mu heute oder morgen kommen, sie zu holen. Holen? -- wohin? Nach Tongatabu -- groe Insel, groer Huptling, setzte der Alte mit einiger Selbstzufriedenheit hinzu; wird _Ohana_ dort und bekommt groe Strecke Land. =Wird= _Ohana_? rief Silwitch aber, denn noch ein Strahl von Hoffnung dmmerte, also =ist= sie noch nicht seine Frau, und wenn mich Hua lieber hat, als den braunen Burschen, da denk' ich, soll sie sich bei mir so wohl befinden, wie bei _Tai manavachi_, -- Und was sagt Hua selber? -- komm her Mdchen und sag' deinem Vater, da du mir gut bist und mich zum Mann haben willst. Ich dich zum Mann haben? lachte aber die Schne schelmisch, whrend ihr ein noch hheres Roth Wangen und Nacken frbte, und wer hat dir das gesagt, _Muli_[6]? Nenn' mich nicht =fremd=, denn ich bin es nicht mehr! rief der Englnder bittend. Wenn du es mir auch noch nicht mit klaren Worten gesagt, hat es doch jeder Zug deines Angesichts, selbst der Ton deiner Stimme, der Blick deines Auges schon gesprochen! Und willst du hier bei uns bleiben auf der Insel, und dein Schiff verlassen? frug der alte Huptling vorsichtig. Mein Schiff verlassen? -- jetzt? -- nein, das geht nicht, sagte der Fremde rasch, ich mu nach Norden hinauf und Fische fangen, aber im nchsten _Liha mua_[7] komme ich zurck mit Hua, wieder bei Euch zu wohnen. Mit Hua? rief der Alte erstaunt und mit eigenthmlichen, halb ernsten, halb drolligen Zug um die Lippen -- der tolle _Muli_ wr's im Stande. -- Wolltest du das Mdchen mitnehmen auf dein Schiff? Gewi will ich, rief der Seemann rasch, und sie soll's gut haben bei mir, und die Welt sehen. Toanonga, ich liebe deine Tochter so hei und glhend, wie ich dir es gar nicht beschreiben kann, und du =mut= sie mir zum Weibe geben. =Mu= ich, so? lachte der Alte gutmthig; Hua aber, noch mehr errthend, sagte leise und vorsichtig unter den halbgesenkten Wimpern zu ihm aufschauend. Und wenn Hua nun nicht will? Du nicht wollen, Mdchen, und weshalb? rief der junge Mann bittend. Und _Tai manavachi_? Bah, _Tai manavachi_! rief der Englnder verchtlich, was schirt der =mich= -- er soll kommen und dich holen, wenn ich dich erst einmal habe. Er ist ein tapferer Krieger! rief aber der Alte jetzt rasch, und hat seinen Namen danach bekommen. -- Schlimm fr den Feind, dessen Fhrte er folgt. Silwitch schttelte den Kopf rgerlich. Damit kommen wir nicht weiter, rief er rasch; ich frage dich, Toanonga, ob du mir Hua zum Weibe geben willst? Warum frgst du nicht Hua selber, ob sie dich haben will? sagte der Alte mit seinem trocknen Lachen. Weil ich ihrer Liebe gewi bin, rief der Englnder leidenschaftlich; sie wird mit mir gehen, wenn =du= ihr die Erlaubni giebst! Frag' sie, war Alles, was Toanonga erwiderte. Der junge Englnder wandte sich rasch dem schnen Mdchen zu, und streckte den Arm nach ihr aus, aber Hua wich ihm rasch und entschlossen aus und rief: Nein -- nein -- ich bin die Braut eines Andern, fort mit dir, _Pagalangi_[8], was willst du von mir? Hua! rief aber der junge Seemann erschreckt. Hua, ich kann nicht leben ohne dich und mu dich mein nennen, wende dich nicht ab von mir und sei mein Weib. Du bist unser Freund gewesen, sagte das Mdchen ernst und fast traurig mit dem Kopf schttelnd, und wir haben dich und die Deinen freundlich aufgenommen, was willst du mehr? Ich passe nicht zu euch, zu euren Sitten, eurer Sprache, eurer Religion, nicht zu den wilden Mnnern auf deinem Schiff. Ich will auf diesen Inseln bleiben, die meine Heimat sind. =Meine= Einwilligung hast du, lachte Toanonga in seiner trockenen Weise; ich hab' es dir vorher gesagt. =Deine= Einwilligung hab' ich, Toanonga? rief Silwitch rasch und in furchtbarer Aufregung, durch den Spott vielleicht nur noch mehr gereizt. Ja, die hast du, nickte der Alte lachend, aber Hua will nicht. Sei nicht so bs, weier Mann, sagte aber das Mdchen jetzt freundlich, ihm die Hand entgegenstreckend, sieh', was wrde _Tai manavachi_ sagen, wenn er kme und fnde mich als das Weib eines Andern; bliebest du selbst bei uns auf der Insel, die ich nun einmal nicht verlassen kann und will. Hua sieht dich gern, aber sie kann dir nie angehren. Silwitch nahm die Hand und drckte sie in heftiger Aufregung, barg dann die Augen kurze Zeit in seiner Linken, und Toanonga sah, wie er einen heftigen Kampf mit sich selber kmpfe; aber er bezwang sich und als er den Kopf wieder hob, sagte er ruhig und gefat: Es ist gut, Hua; wenn du mich nicht haben willst, kann ich dich nicht zwingen, aber -- ich hatte es gut mit dir gemeint und -- du hast mir weh -- recht weh gethan. Das ist jetzt vorbei und ich werde nun wieder fortsegeln von hier, und wahrscheinlich nie -- nie wieder zurckkehren, nach _Monui_ -- Wirst du noch manchmal meiner dann gedenken? Wenn ich ein Segel am Horizonte sehe, werde ich wnschen, da es das deine ist, sagte Hua in ihrer einfachen Herzlichkeit, ihm treu und kindlich dabei in's Auge schauend. Und wann willst du gehen, _cowtangata_[9]? frug der Alte jetzt, anscheinend gleichgltig, aber vielleicht mit dem unbestimmten Wunsch, das Gesprch auf einen fernen Gegenstand zu bringen, und nicht auf die noch vor ihm ausgebreiteten Geschenke zurckzufhren, die er eines nach dem andern, vorsichtig und sorgfltig hinter sich und aus Sicht brachte. Ich wei es noch nicht, erwiderte der Englnder ruhig; ich habe noch Holz bei deinen Leuten bestellt, das ich zuerst an Bord nehmen mchte. Willst du mich los sein? Nein, nein, bewahre! rief der Huptling rasch und erschreckt; du bist willkommen, so lange auf der Insel zu bleiben, wie es dir gefllt -- nachher kannst du gehen. -- Und wollen die _Pagalangis_ selber ihr Holz schlagen? Nein, ich habe deine Leute schon dafr bezahlt, sagte der Englnder, und glaube sie sind mitten in der Arbeit; bis morgen Abend soll ich es an Bord haben. Es ist gut -- ich will es dir wnschen, erwiderte der Alte mit einem etwas zweideutigen Lcheln. Ob es Silwitch aber bemerkte oder nicht, er schaute einen Augenblick sinnend vor sich nieder, nickte dann mit einem kaum unterdrckten Seufzer Hua, etwas lebendiger ihrem Vater zu, und schritt mit verschrnkten Armen und gebeugten Hauptes langsam dem Strande zu, wohin er sein Boot beordert hatte, ihn wieder an Bord zu rudern. 2. Die Bootsmannschaft hatte sich indessen, auf ihren Capitain wartend, die Zeit bestmglichst vertrieben, Cocosnsse abgepflckt, Orangen ausgesogen, getrunken, und sich dann, in den Schatten eines engverwachsenen Pandanus-Dickichts auf den brcklichen, fast pulverisirten Corallenboden niedergeworfen, sich von den Anstrengungen des Fruchtsammelns zu erholen. Es waren lauter englische Matrosen, und nur ein Schotte unter ihnen, Namens Mac Kringo, scherzweise gewhnlich Lord Douglas genannt. Das Gesprch drehte sich aber natrlich um das herrliche Leben, das sie hier gefhrt und das, wie sie jetzt fast frchten muten, bald ein Ende nehmen wrde, wenn sich der Capitain nicht, trotz den Officieren, noch einmal anders besnne und doch am Lande bliebe. Hol's der Teufel, Jungen! sagte der eine Matrose, den die andern seiner ungemein groen Vorliebe fr Fische wegen und in einer sonderbaren Verwirrung der heiligen Schrift =Jonas= nannten, wenn ich Capitain der _Lucy Walker_ wre, ich wollte den Teufel thun und ihr Kupfer so rasch wieder gegen Eisschollen reiben, wo ich selber hier einen solchen capitalen Hafen gefunden htte. Der Bse mag sich die Wallfische selbst fangen, wenn er sie haben will, ich bin nicht eigenntzig, und gnne ihm gern den Verdienst. Das glaub' ich, da =du= den Wallfischen das Wort redest, Jonas, lachte Mac Kringo, ihn von der Seite anblinzend, bei dir ist's alte Anhnglichkeit. Ah bah, mein _bonny scotsman_, brummte aber der Englnder, wenn du nichts Besseres weit, so bleib mit deinen abgedroschenen Witzen zu Hause; die sind auf meinem Namen schon lange stumpf geworden. Gieb uns aus deinem allzeit fertigen Hirn einen Rath, wie wir anstndiger Weise hier bleiben knnen, denn zum Weglaufen ist die Insel zu klein, und ich will dir dann zugestehen, da du wirklich Grtze im Kopfe hast. Bis dahin aber la mich zufrieden, mit dem was du =glaubst= oder nicht; sag' uns, was du =weit=. Guter Rath wre da nicht das erstemal an Narren fortgeworfen, brummte der unhfliche Schotte rgerlich in den Bart, und wenn der liebe Gott herunterkme und euch sagte, wie ihr's machen solltet, httet ihr noch drei Bedenken und fnf Aber. Nein, geht mir fort; mit euch ist nichts anzufangen, und =wenn= ich das wte, ich behielt's fr mich. Wenn er was wte, spottete ein Anderer, _Legs_ -- Beine -- von einem Paar etwas kurzer und eingebogener Extremitten so genannt. Lord Douglas thut wahrhaftig, als =ob= er etwas im Hinterhalt htte und uns nun nicht fr wrdig hielt, die Geschichte mit anzuhren. Das ist das billigste Mittel jedenfalls, dick zu thun. Nein, Kinder, unsere Zeit ist abgelaufen und ich mte mich, nach allen Vorbereitungen zu urtheilen, sehr irren, wenn wir nicht schon morgen Abend um diese Zeit wieder unsere regelmige Wacht gehen und uns die Hlse abdrehen, nach den Schwarzkitteln auszuschauen. Wasser und Provisionen sind genug an Bord, und auf das bestellte Holz kommts dann gerade auch nicht so sehr an, ob wir das einwerfen oder nicht. Der Raum ist berdies so voll, da wir's eine Zeitlang mitten auf Deck und im Weg lassen mten, und der erste Harpunier wrfe die verfluchten Scheite eigenhndig ber Bord, wenn er sich ein einzigesmal die Schienbeine daran stiee. Ja, auf =unsere= Schienbeine wrd' es da auch nicht besonders ankommen, knurrte ein Anderer, der den allerdings nicht empfehlenden Beinamen _Lemon_[10] hatte, weil er fortwhrend und selbst bei seinem allerdings sehr seltenen Lachen genau solch ein Gesicht schnitt, als ob er ganz pltzlich aus Versehen in eine Citrone gebissen htte. Es ist eine verwnscht kuriose Einrichtung in der Welt, man mag's betrachten wie man will, und wir armen Matrosen ziehen immer den Krzern. Schon beim Vertheilen, wir haben den hundertzwanzigsten, der Capitain hat den achtzehnten Theil, und wer fngt die Fische, wir oder er? Nun, =du= nicht, Lemon, mit deinem ewigen Raisonniren, brummte der Schotte, denn wenn dir nicht jedesmal beim Anrudern das Maul verboten wrde, kmen wir auch jedesmal zu spt zum Zulangen. Zankt euch nicht noch den letzten Tag, den wir vielleicht an Land sind, fiel Jonas hier rasch ein, als er sah, da Lemon boshaft darauf erwidern wollte; hier, mit festem Boden unter uns, sind wir doch Alle gleich, und die vom Lande fragen nicht darnach, ob wir an Bord den achtzehnten oder hundertachzigsten Theil bekommen. Jungens, Jungens, mir bricht das Herz ordentlich, wenn ich daran denke, da wir hier fort sollen. Herzbrechen? knurrte Lemon, das wre der Mhe werth; kommt auch gar nicht vor in der Welt, da Einem das Herz bricht, und ich wei nur einen einzigen Fall, wo wirklich einmal Jemand an gebrochenem Herzen gestorben ist. Aus =deiner= Bekanntschaft? rief Jonas unglubig. Aus =meiner= Bekanntschaft, erwiderte der Matrose ruhig; es war der lange Tom, wie wir ihn nannten, der hatte in Bristol, wo wir damals vor Anker lagen, mit einem andern Kameraden, ich wei nicht mehr um was, gewettet, er wollte einen verdammt schweren Wurfanker von seinem Dock bis zu dem, wo unser Schiff lag, ohne abzusetzen, tragen -- und er trug ihn auch, aber -- er lebte keine fnf Minuten mehr -- der Anker hatte ihm das Herz gebrochen. Die Anderen lachten, der Schotte blinzte Jonas aber heimlich und verstohlen mit den Augen an, und sah nach den Busch hinber, ein Zeichen, das dieser zu verstehen schien, denn er warf erst einen flchtigen Blick auf seine Kameraden, ob ihn Niemand beobachte, und nickte dann zurck, da er kommen werde. Wenn man's so bedenkt, sagte Legs nach einer kleinen Pause, die Augenbrauen fest zusammengezogen, und mit kleinen Stcken Coralle, die er vor sich aufnahm, nach einer noch unreifen, am Boden liegenden Orange werfend, wenn man's so bedenkt, was wir da drauen in See fr ein Hundeleben fhren, Tag und Nacht in Arbeit und Gefahr, mit schlechter, salziger Schiffskost und knappem Grog, kein freundliches Gesicht zu sehen als Lemon's, am Tag in einer Hundeklte zu rudern, da Einem die Arme mit den Wurzeln ausreien mchten, und Nachts die verdammten Stcken Blubber[11] an Deck zu werfen und auszukochen; einmal halberfroren, einmal halb verbrannt, und wenn man nachher von einer dreijhrigen Reise zurck kommt, vielleicht noch mit zehn Pfund Sterling Schulden im Buch fr Kleider und Schuhwerk, das man haben mute die Zeit ber, und dem Schiff zu bezahlen hat, als ob sie von Gold und Seide gewesen wren, -- nein, das soll verdammt sein. Und dann dagegen hier die rothen Schufte, was die fr ein Gtterleben in all ihren Bequemlichkeiten fhren; nicht rhren thun sie die faulen Knochen, als vielleicht einmal auf einem Brotfrucht- oder Cocosnubaum zu steigen, oder einen Fisch mit der Holzharpune aus dem seichten Wasser zu holen, die kleine Insel ist zum berlaufen voll von hbschen Mdchen und man kann den ganzen Tag in Hemdsrmeln gehn. -- Hol's der Henker, der liebe Gott htte mir keinen greren Gefallen thun knnen, als mich ebenfalls braun anzustreichen -- die Farbe hlt besser, und was spart man an berzgen. Ich htte auch nichts dagegen! rief ein Anderer, mit einer feinen, kreischenden Stimme dazwischen, der eigentlich Roberts hie, seines Organes wegen aber gewhnlich Pfeife genannt wurde, denn auf das Bischen Couleur wird Einem doch nichts zu Gute gethan; was will aber der Mensch machen? Wir mssen doch immer noch Gott danken, da er nicht in den ganz schwarzen Topf gegriffen, denn dann wren wir geleimt gewesen, zeitlebens. Bah, was sind wir besser als Sclaven? brummte Legs; die knnen doch wenigstens heirathen und an Land bleiben, und was knnen wir? Hol der Teufel das Seeleben; wenn man eine Weile drauen ist, gewhnt man sich zuletzt daran, und es kommt Einem sogar manchmal ganz hbsch vor, wie man aber nur wieder den Fu auf festes Land, und besonders auf =solches= Land setzt, ist auch der Teufel los und es zwickt und reit Einen wieder, da man sich ordentlich die Beine festhalten mu, nicht davon zu laufen. Der Schotte war indessen aufgestanden und am Strande hin, nach den einzelnen Cocospalmen hinaufschauend, als ob er sich eine Nu aussuchen wolle, langsam in den dichten Busch geschlendert, der den Corallenboden begrenzte, und Jonas erhob sich ebenfalls, zog sich den Bund seiner Segeltuchhose auf, spuckte sein Priemchen aus und bi ein frisches ab und setzte sich den auf der Erde verschobenen Hut wieder fester auf das in kleine, krause Lckchen gedrehte Haar. Nun, dir wird wohl die Zeit lang, sagte Pfeife, sich noch bequemer ausstreckend und ein Bndel Cocosnubast unter den Kopf schiebend, weicher darauf zu liegen, ich kann's abwarten -- zum Henker, da man nun nicht einmal das Glck hat, an irgend einer solchen Corallenbank hier -- und Zeug ist genug da -- ordentlich auf den Strand und fest zu kommen. Das wre doch ein kapitaler Spa, wenn wir nachher eine Colonie grndeten und uns huslich einrichteten -- ich wei auch, wen ich heirathete. Ja, wenn wir einmal auf den Strand kommen, knurrte Lemon dazwischen, so kannst du dich drauf verlassen, da es auch im Schnee und Eis und ohne Fausthandschuh ist; unser Glck kenne ich; rennen wir aber =nicht= auf, so magst du Gift darauf nehmen, Kamerad, da die _Lucy Walker_ droben noch drei volle Jahreszeiten[12] herumschwimmt, und nachher immer noch nicht voll ist. Ich habe =meine= Hoffnung jetzt auch nur auf nchsten Winter gesetzt, da wird der Alte schon dafr sorgen, da wir wieder hier anlaufen. Jonas hatte sich indessen, ohne weiter Theil an dem Gesprch zu nehmen, ebenfalls langsam und scheinbar ohne besondern Zweck von der in dem Pandanusschatten gelagerten Gruppe entfernt, und hier an einem Busch schttelnd, dort sich einen Zweig niederbiegend und vielleicht abbrechend, kam er nach und nach aus Sicht. Dann aber eine Richtung einschlagend, die ihn nher dorthin brachte, wo Mac Kringo vor ihm verschwunden war, traf er auch diesen bald, seiner harrend, unter einer kleinen Gruppe von Cocospalmen und Casuarinen, von wo aus er ihm winkte hinanzukommen. Was zum Teufel hast du denn nur, Douglas, sagte Jonas kopfschttelnd, als er das geheimnivolle Wesen des Kommenden sah. Du willst doch nicht etwa auskneifen, mein Bursche? -- das gib auf, denn du weit nicht, wie dick der Capitain mit dem alten Huptling ist, und wie er berhaupt nur auf eine anstndige Entschuldigung wartete, noch lnger hier liegen zu bleiben; der holte dich wieder und wenn er die ganze Jahreszeit darum versumen sollte. Schrei doch nicht, als ob du ein Segel drauen bei einem steifen Nordwester anrufen mtest, Mate, brummte der vorsichtige Schotte mit gedmpfter Stimme; es fllt mir nicht ein, solchen tollen Gedanken zu haben, aber -- httest du was dagegen, Kamerad, wenn wir hier an Land blieben und Brotfrucht und Schweinefleisch rsteten, wie Christen, anstatt hinter den alten, schmierigen Fischen herzufahren, wie ein Trupp Narren, und fr andere Leute, die zu klug sind, selber zu gehen, Brennl zu holen? -- Httest du was dagegen, mir zu helfen einen gescheuten Gedanken auszufhren, bei dem wir nicht die geringste Gefahr laufen, wenn wir -- das Maul halten und unser eigenes Geheimni bewahren knnen? Frag' mich, ob ich lieber Grog trinke, als Salzwasser, knurrte der Matrose; la die Vorrede und komm zur Sache, wenn du wirklich was hast, denn der Alte kann alle Augenblicke herunter kommen und pfeifen und dann mssen wir fort. Gut, Jonas, ich will keine Umschweife machen, sagte der Schotte leise, vorsichtig noch einmal dabei den Blick umherwerfend, aber schweigen mut du knnen, denn ein Bischen Gefahr ist am Ende doch dabei. Unsinn, -- ich werde mir nicht selber die Schlinge machen, in die sie mich hngen wollen, sagte der Matrose mrrisch ber die vielen Vorreden. Nun, gut denn, flsterte der Schotte, hast du die beiden Wraks gesehen, die vor Honolulu lagen, wie wir dort waren? Die Wraks von den zwei Wallfischfngern? -- gleich am Eingang vom Hafen? Dieselben. Ja wohl; und was ist mit denen? Du weit, wie sie dorthin gekommen sind. Es ist Feuer an Bord ausgebrochen, und die Schiffe sind verbrannt. Und die Mannschaft? Blieb nachher an Land, bis sie sich auf andere Schiffe verdingte, brummte Jonas, so haben sie's mir da wenigstens erzhlt; aber was hat das mit uns zu thun. Wirst gleich hren, Kamerad; wer hat die Schiffe angesteckt? Angesteckt? Nun ja, glaubst du, da ein Schiff im Hafen so leicht von selber zu brennen anfngt? lachte der Schotte, nein, wenn du's denn nicht weit, will ich dir's sagen; die Leute der beiden Wallfischfnger haben sich den Gefallen selber gethan, und was in der weiten Welt hindert uns hier, da wir nicht dasselbe thun? Was uns hindert? -- unser Hals, sagte Jonas kopfschttelnd, dem die Idee zu rasch gekommen war, sie sogleich vollstndig begreifen zu knnen, weit du, mein Junge, da sie uns einfach an die Raanocke[13] aufhngen, wenn sie uns dabei erwischen? Wenn sie uns erwischen, ja, lachte der Schotte, wer hat denn aber die erwischt, die die Schiffe in der Bai von Honolulu angesteckt haben, heh? -- Wer =kann= uns denn nachher berfhren, wenn wir unsere Sache nur einigermaen klug anfangen. Nein, Jonas, mit einem Schwefelholz haben wir's in der Gewalt, uns einen Aufenthalt auf diesen Inseln zu sichern, so lang wie er uns behagt, und ich glaube, unser Alter selber wr' ganz damit einverstanden, wenn er sich's nur eben drfte merken lassen. Aber die Andern? sagte Jonas, schon halb unschlssig mit der verfhrerischen Aussicht vor sich, dem traurigen Leben an Bord eines Wallfischfngers auf so leichte Art pltzlich enthoben zu werden. Wrden uns auch nicht verrathen, meinte der Schotte, brauchen aber auch gar Nichts davon zu erfahren; Muth haben sie doch nicht genug, dafr einzustehen, und ein Paar von ihnen trau' ich nicht eine Schiffslnge aus Sicht; Pfeife besonders, der Hallunke, ist mir ein Dorn im Auge, und bleiben wir lnger hier, spiel' ich dem auch noch einmal einen Possen. Und meinst du wirklich? =Meinen=, Jonas? rief Mac Kringo unwillig, was ist da noch zu meinen dabei? Etwas Einfacheres gibts auf der Welt nicht, und wenn du nur den zehnten Theil so viel Courage hast, wie ich dir frher zugetraut, so verlieren wir kein Wort weiter ber die Sache, und schlafen morgen Abend hier in einem Bambushaus am Strand in -- besserer Gesellschaft als dem dumpfigen Blubberloch von einem Logiskasten. -- Nun, was sagst du, ja oder nein? Und wann soll das geschehen? frug Jonas leise. Sobald wir die Gelegenheit dazu finden; wahrscheinlich heute Abend mit Dunkelwerden, wenn der Koch sein Schaffen[14] fertig hat. Sie sitzen dann Alle oben an Deck, die Officiere, die an Bord sind, kriechen auch nicht drauen herum, und Einer kann unten Alles besorgen, whrend der Andere nur oben Wache hlt, da er ein paar Minuten ungestrt bleibt; du magst Wache stehen, ich will selber das brige in Ordnung bringen. Bist du damit zufrieden? Hol's der Teufel, ja! sagte Jonas, sich im Voraus bei dem Gedanken an den Erfolg die Hnde reibend, stecken wir den alten Blubberkasten vor seinem Anker an. Wetter noch einmal, was der fr eine famose Fackel machen wird! Aber ruhig und keine Silbe zu -- Unsinn! brummte Jonas; werde mich hten -- wenn wir aber nur unsere Sachen retten knnten. Nimm dich in Acht! warnte ihn der Schotte, damit hat sich schon Mancher verrathen; wenns einmal brennt, ja, dann so schnell wie mglich, und fr ein Canoe in der Nhe will ich schon sorgen; aber vorher keine Hand angerhrt. Wenn =die= klug sind, da wollen wir nicht dumm sein. Gut denn, heute Abend -- Ein gellender Pfiff von der Gegend her, in welcher ihr Boot lag, unterbrach ihr Gesprch, und Mac Kringo dem Andern zuwinkend, da er sich wieder dorthin begebe, wo er hergekommen, damit sie nicht zusammen zum Strand zurckkehrten, lief rasch durch eine kleine Lichtung hin, die freie Corallenbank weiter oben zu erreichen. Hallo, hier Douglas, Seelwen und Haifische, wo steckt Ihr? rief ihm der Capitain, der in seinem Boot stand und ungeduldig nach ihm ausgeschaut zu haben schien, schon von Weitem entgegen; was habt ihr im Busch zu thun, wenn ihr auf Bootswacht seid? -- Wo ist Jonas? Ich wollte nur -- Ach, da kommt er; herein mit euch, -- Wetter noch einmal, das faule Leben hier an Land scheint euch zu behagen; wartet, ich will euch Beine machen, wenn ich euch wieder drauen in See habe, da die Glieder gelenk werden. Auf euere Sitze da vorn -- sind wir flott? Alles in Ordnung, Sir -- Stot ab denn, und legt euch in die Riemen[15], meine Jungen. Ist schon Holz heut von Land an Bord geschafft? Nein, Sir! sagte Jonas, der gleich hinten im Boot vor dem Capitain sa, whrend die rasch eingesetzten Riemen das scharfgebaute Boot pfeilschnell durch den glatten Wasserspiegel trieben; haben nichts gesehen. Schon gut -- macht nichts! lautete die kurze Antwort, und wenige Minuten spter lief das Boot unter die niederhngende Fallreepstreppe. Der Capitain sprang an Bord und die Leute wollten damit unter ihre Krahnen gehn, es wie gewhnlich aufzuheben, die Ordre aber lautete: es im Wasser zu lassen, da es wahrscheinlich gleich wieder gebraucht wrde. 3. Einer der Ungeduldigsten an Bord war der erste Harpunier, ein junger, krftiger Irlnder aus Galvay-Bai und dort erst kurz vor seiner Abreise verheirathet. Ihm brannte natrlich der Boden unter den Fen, und er wollte das Schiff wieder in See haben, Beute zu machen und nach Hause zurckzukehren. Was half =ihm= das mige Leben hier an Land. Mit diesem hatte der Capitain, als er an Bord zurckkehrte, eine lngere Unterredung, die den Wnschen des jungen Iren auch vollstndig entsprochen haben mute, denn er kam bald nachher mit frhlichem Gesicht gleich hinter dem Capitain an Deck und beorderte seine Bootsmannschaft, sich fertig zu halten, kurz vor Sonnenuntergang an Land zu rudern, etwas dort abzuholen. Die vier Matrosen mit dem Bootsteurer, die er befehligte, waren ebenfalls seine Landsleute, und die Schiffsmannschaft hatte deshalb das Boot auch das Irische getauft. An Bord der _Lucy Walker_ herrschte indessen rege Geschftigkeit; ein paar zum Ausbessern niedergeholte Segel wurden wieder angeschlagen, Taue gespliet, Pardunen angespannt, das Deck klar gemacht und berhaupt Manches vorgenommen, das auf einen baldigen Aufbruch schlieen lie. Als zwei der Leute deshalb, Legs und Pfeife, dem Capitain selber, der mit raschen Schritten auf seinem Quarterdeck auf- und abging, um kurzen Urlaub an Land baten, der ihnen, in einzelnen Abtheilungen natrlich, fast noch gar nicht verweigert worden war, schlug es ihnen dieser rund ab und schickte sie wieder nach vorn an ihre Arbeit. Siehst du, flsterte da der Schotte seinem Kameraden Jonas, mit dem er oben in den Marsen etwas nachzusehen hatte, zu, siehst du, mein Junge, da ich eine gute Nase habe? Es ist die hchste Zeit fr uns, unser kleines Geschft in Ordnung zu bringen, denn ich mchte jetzt kein Maul voll Tabak gegen eine monatliche Lhnung wetten, da wir nicht morgen Frh mit Tagesanbruch Anker auf und Segel gesetzt htten. Der Alte dahinten zeigt wenigstens den besten Willen, aber wir Beide, denk' ich, sollen ihm noch einen Strich durch die Rechnung machen. Das wr' ein schner Spa, so auf einmal, ohne nur Abschied von unsern Freunden und Mdchen am Land zu nehmen, wieder auf und davon und drauen herumrackern; _nai my bonny child_, hier sind auch noch Leute, die ihre Stimme dabei abzugeben wnschen, wenn sie auch nur eben den hundertzwanzigsten Theil bekommen von dem Fang und das Ganze mit ihrem Schwei und Mark bezahlen sollen. Am Ende will er gar noch heut Abend fort, sagte Jonas leise; nachher wren wir aber die Angefhrten. Nein, das nicht, beruhigte ihn der Schotte; ich habe gehrt, da er sich das Irische Boot bestellt hat, gegen Sonnenuntergang mit an Land zu fahren, und dann kommt er immer vor vier Glasen[16] nicht wieder zurck; aber auf morgen Frh hat er's abgesehen. Er frug uns ja auch, als wir von Land zurckkamen, ob sie Holz an Bord gebracht htten. Bah, so viel fr deine Berechnungen, -- und er schnalzte hchst selbstzufrieden mit den Fingern. Jonas hatte indessen seine Arbeit oben beendet und mute hinunter, wohin ihm der Schotte bald nachher folgte; als sich aber die Sonne mehr und mehr dem Horizonte nherte, wurde auch das Boot des ersten Harpuniers, der vorher einen seiner Mannschaft nach oben zum Ausschauen geschickt hatte, niedergelassen, und Legs, der in den Besahnwanten etwas auszubessern hatte, sah mit Erstaunen, da unter einer Matte, auf dem Boden des Bootes, als sie durch die Einsteigenden zurckgeschoben wurde, Waffen versteckt waren. Er hatte -- beschwren htt' er's wollen, -- ein paar Gewehrlufe darunter vorblitzen sehen? was zum Teufel war da wieder im Wind? Der Koch, die Abendmahlzeit noch vor Dunkelwerden am Deck beenden zu knnen, und nicht gezwungen zu sein, in das dumpfige Logis hinabzusteigen, war inde in der Cambse emsig beschftigt gewesen Thee zu kochen und Bananen und Brotfrucht zu braten, die mit dem kalten Fleisch von Mittag her keine ble Schiffskost abgaben. Nachdem er vorher bei dem jetzt commandirenden zweiten Harpunier die Erlaubni eingeholt, rief sein gellender, wohlbekannter Ruf bald darauf die Leute smmtlich nach vorn unter die Back, wo auf der Steuerbordseite des Schiffes die riesige kupferne Theekanne qualmte und der sonst in breiter hlzerner Mulde prsentirte harte Schiffszwieback jetzt fast vollkommen durch die nahrhafte, in Scheiben geschnittene und gerstete Brotfrucht verdrngt war. Der Schotte setzte sich auch mit hin auf Deck und schenkte sich seinen Thee in den breiten, niederen Blechbecher, der den Inhalt einer gewhnlichen Theekanne htte mit Bequemlichkeit fassen knnen, vermite dann aber sein Messer und stieg in den Raum hinunter, wo er es heute Morgen gebraucht und wahrscheinlich vergessen. Jonas indessen sa noch nicht und hatte ein kleines Fa mit seiner Wsche zu der groen Luke gezogen, nahm die Hemden einzeln heraus, rang sie aus und legte sie auf das um den Vormast gehende Nagelbret. Komm her, Jonas, rief ihn Legs an, hat den ganzen Tag nichts gethan und jetzt, nun der Thee an Deck steht, fllt's ihm auf einmal ein, da er Hemden in der Brh hat. Die Bananen werden kalt und schmecken nachher schlecht. Sie werden nachher gar nicht schmecken, lachte Pfeife mit seiner hchsten Stimme, denn ich glaube wir werden damit eher fertig, wie er mit seinen Hemden. Glaub's, wenn man sie euch vorstellte, brummte Jonas, mit einem halb verschluckten Fluch; aber der Koch hat noch mehr. Hallo! rief Pfeife aufspringend, da will ich mir gleich noch eine holen! und er kam mit seinem Blechteller zur Cambse, den Versuch wenigstens zu machen. Sieh einmal das Wetter, das herauf kommt, rief ihm hier der Koch zu, der in der niederen Thr stand und mit dem Arm nach Osten hinber deutete; zum Teufel das sieht schwarz aus, und sollte mich gar nicht wundern, wenn da eine tchtige Mtze Wind drein stke. Jedenfalls gibts Regen und wir thun besser die Luken zuzulegen; macht, da ihr mit eurem Essen da vorn fertig werdet. Der zweite Harpunier hatte indessen mit dem Fernrohr auf dem Quarterdeck gestanden, und unverwandt nach der niedrig auslaufenden Landspitze geschaut, hinter der das Boot vorher verschwunden war. Mac Kringo stieg in diesem Augenblick die Luke herauf und als der Koch auch gerade zusprang, nahmen sie die beiden genau passenden und schlieenden Lukendeckel, an den in den gegenberliegenden Ecken angebrachten eisernen Ringen und hoben sie in die Falze. Koch! rief des Harpuniers Stimme in diesem Augenblicke von dem Quarterdeck aus. Ay, ay, Sir! Rasch dein Essen wieder fort und in die Cambse -- _all hands on deck_[17] -- groe und Vormarsraae auf -- rasch mit euch, meine Jungen, werft die Falle los! -- Nun, was steht ihr da, wie verhagelt? die Marsraaen auf, und schnell, oder ich mache euch Beine! Halloh, was ist nun los? rief aber Legs, der eben einen Teller voll glcklich erbeuteter heier Bananen in Sicherheit bringen wollte und jetzt nicht wute, wohin damit, was soll das heien? Es blieb ihm aber nicht lange Zeit zur Besinnung, die Befehle folgten zu rasch nacheinander, und whrend unter dem Singen und Schreien der Mannschaft die schweren Raaen an ihren Ketten in die Hhe klirrten, schob und schleppte der Koch rasch das Abendbrot der Leute bei Seite und jetzt vorn in das Logis hinunter, damit er die Sachen nur einmal vor der Hand aus dem Wege bekme. An die Winde mit euch, rasch da vorn und ein Bischen lebhaft! rief jetzt der Officier, der nach vorn und mitten zwischen die Leute gekommen war, von denen sich die meisten noch gar nicht von ihrer ersten berraschung erholen konnten, denn es fing ihnen jetzt wirklich an klar zu werden, da sie ohne Weiteres in See hinaus und die Insel verlassen sollten; munter, meine Jungen, munter! rief der Harpunier, dabei auf die Back springend, die Leute besser bersehen zu knnen, her mit eurem Pumpgeschirr, und nun lat uns einmal sehn, wie rasch ihr den Anker herauf bekommen knnt. Wetter, Jungen, es sind nur fnfundzwanzig Faden Kette aus, mit denen mt ihr ja nur so weglaufen knnen. Den Teufel, Douglas! flsterte Jonas, in Todesangst an den Schotten hintretend, diesem in's Ohr, hast du's gethan? -- und jetzt sollen wir in See, das wre eine schne Geschichte. Hallo, da ihr Beiden! rief in diesem Augenblick, und ehe noch der Schotte etwas erwidern konnte, der Officier, dessen Adlerblick die beiden Miggnger dort schon entdeckt hatte. Hier Douglas -- herauf mit dir, mein Mann, und lse das groe Marssegel, und du, Jonas, auf die Vormarsraae; marsch mit euch, und nachher die Bramsegel auch frei, und du Bill, hinaus mit dir, und mach den groen Clver los. Auf mit dem Anker, auf meine Jungen! -- _Oh joli men hoy!_ Widerspruch gegen die gegebenen Befehle war nicht mglich, obgleich fast alle Matrosen erstaunt mit den Kpfen schttelten und sich diese bald abdrehten, um zu sehen, ob ihr Capitain noch nicht bald an Bord kme, ohne den sie doch unmglich in See gehen konnten. Einmal war es fast, als ob Mac Kringo zgere, und er machte sogar eine Bewegung nach dem Harpunier zu, aber er besann sich in demselben Momente, als dieser ihm ein paar Kernflche ber seine Sumigkeit entgegendonnerte, und lief jetzt rasch die Wanten hinauf nach oben, den gegebenen Befehl zu erfllen und die Segel zu lsen, die sie vielleicht bald Alle dem Verderben entgegenfhren wrden. Gestehen =durfte= er ja nicht was er gethan, er wre gebrandmarkt gewesen auf Lebenszeit, wenn man ihm wirklich das Leben geschenkt htte, und die Kameraden -- Ei, zum Teufel! zischte er dabei zwischen den zusammengebissenen Zhnen durch; krche ich jetzt zu Kreuz, die Schufte lieen keinen guten Faden an mir, so lang sie mich htten. Ich hab's nicht meinethalben allein gethan, so mgen's die Anderen auch mit ausbaden. Die Ankerkette rasselte indessen, mit den raschen Schlgen des eisernen Pumpgeschirrs, schnell an Deck, der Anker hing schon und das Schiff trieb mit der ausgehenden Ebbe der Mndung der Bai zu. Boot ahoy! rief da Einer der Leute an der Winde aus, der eben ber die Monkeyrailing das rasch anrudernde Boot erkennen konnte, und der Harpunier drehte sich, das Teleskop, das er noch in der Hand hielt, darauf richtend, schnell danach um. Flink, meine Jungen, flink! rief er dabei; hier hat's Eile -- Larbord Seite da, Einer von euch, werft die Brassen los -- Koch! rasch dahinten, die Brassen von den Ngeln -- Starbordseite groe und Fockbrassen -- _belay that anchor_[18] -- so, genug! -- Marsbrassen -- so, genug! und nun die Bramsegelschoten aus -- so, genug! So, nun auf mit dem Anker, unter die Klsen mit ihm, so rasch ihr laufen knnt. -- _Oh, joly men hoy!_ Der Schotte, der die Bramsegel gelst hatte, kam jetzt rasch an den Wanten herunter, als ihn der Harpunier sah. Hallo, da oben, Sir -- da du einmal gerade unterwegs bist, wirf den Royal[19] los -- heda -- hast du's gehrt, Bursche? hinauf mit dir, oder ich werde dir Beine machen. Wenn ich keinen von den Jungen gleich bei der Hand habe, wird es deinen faulen Knochen wohl auch nichts schaden, einmal nach oben zu gehen. -- Alle Wetter, da sind sie -- das war Zeit, da wir fortkommen, unterbrach er sich rasch, als pltzlich eine frmliche kleine Flotte von Canoes um die Landspitze bog. Die Aufmerksamkeit der Leute wurde aber rasch von dieser ab an Bord ihres eigenen Schiffes gelenkt, wo jetzt das vom Land zurckkehrende Boot, um das sie sich bis daher gar nicht hatten kmmern knnen, langseit legte, und im nchsten Augenblick, seinen Leuten voran, Capitain Silwitch an Bord sprang. 4. Toanonga hatte an dem Nachmittag noch recht herzlich ber den wilden, tollkpfigen Pagalangi gelacht, der da, aus irgend einem Land hergeregnet, gleich geglaubt, er knne so ohne weiteres die Tochter eines ersten Huptlings, aus dem Blut der Hau's oder ersten Knige auf seine Arme packen und in die weite See damit hinein fahren, wohin es ihm gerade beliebe. Guter Bursch, sagt er dabei auf seine gemthliche Weise hin, sehr guter Bursch; hat mir die ganze Tasche voll Sachen gebracht, und blieb' er hier bei uns, und _Tai manavachi_ wre nicht da, und Hua wollte ihn -- und er htte noch mehr solche Sachen, und brchte alles Das, was er versprochen, wer wei, ob nicht dann der Pagalangi und Hua doch Mann und Frau geworden wren. Der alte Huptling, still vor sich hinschmunzelnd, erging sich noch in einer Menge anderer Mglichkeiten, inde er sich zugleich auf sehr angenehme Weise mit dem Sortiren der verschiedenen Arten Knpfe und Ngel beschftigte, als ein Bote, einer seiner jungen Leute, von einem anderen Theil der Kste herberkam und die Ankunft vieler Kriegscanoes, wahrscheinlich den jungen Huptling _Tai manavachi_ fhrend, meldete, der jetzt komme, seine Braut heimzufhren. Kommt gerade recht, murmelte der alte Mann zufrieden vor sich hin; tollkpfiger Pagalangi htte am Ende noch dumme Streiche gemacht, und Hua ist nirgends besser aufgehoben, wie bei ihrem Mann -- aber was ist das? unterbrach er sich dann selbst, als ein Boot von dem drauen in der Bai liegenden Schiff ab nach der nchsten Landspitze, wo gar keine Wohnungen lagen, hinber hielt. Was wollen die Fremden da drben, wo Hua nur Abends mit ihren Frauen hinbergeht? -- Hm, hm, hm, wird sie noch einmal sprechen und fragen und gewinnen wollen -- ja, zu spt, _cowtangata_, zu spt -- wenn sie dich mchte, htte sie lange Ja gesagt. Eine Zeitlang blieb er so sinnend stehen und schien gewissermaen zu erwarten, da das Boot, wie jedes anderemal nach seinem gewhnlichen und ihm eigentlich auch vorgezeichneten Landungsplatz herber halte, von wo der Capitain des Wallfischfngers dann gewhnlich allein nach der andern kleinen Bai hinber gegangen war. Da das aber heute Abend augenscheinlich nicht in der Absicht der Fremden lag, und Toanonga sich dadurch gewissermaen, er wute selber eigentlich nicht recht warum, beunruhigt fhlte, beschlo er selber dort hinber zu gehen, und zu gleicher Zeit seiner Tochter die Ankunft ihres Brutigams zu melden. Mit einiger Beschwerde erhob er sich von seiner Matte, auf der er vorher jedoch sorgfltig seine Schtze in ein Stck braungefrbtes und gedrucktes Gnatu[20] eingeschlagen hatte, die er nun vor allen Dingen in seiner Htte in Sicherheit brachte. Dann winkte er den beiden Burschen, ihm zu folgen, und mit diesen langsam ein kleines Dickicht von Fruchtbumen durchschreitend, das den Hang des Hgels nach dieser Seite zu bedeckte, stieg er die leise Abdachung hinan, die von ihrem Gipfel aus einen berblick nach der Nachbarbai, mit ihrem stillen Wasser und wehenden Palmen gewhrte. Hierher kam Hua jeden Abend mit mehreren ihrer Gespielinnen sich zu baden und auf der klaren Fluth, ber den aufzweigenden Corallen hin in ihrem Canoe zu schaukeln. Silwitch hatte ihr da oft Gesellschaft geleistet und selige Stunden mit ihr vertrumt, whrend das Mdchen mit ihm plauderte und lachte, ihm die Legenden und Mrchen ihres Volkes erzhlte und ihn neckte und seiner spottete, ihm aber nie eine Freiheit gegen sich selber gestattete. Nie durfte er auch nur den Arm um sie legen, oder sie gar kssen, und zehnmal war er in bitterem, verzehrendem Unmuth fest entschlossen gewesen, nie wiederzukehren und die gefhrliche Nhe der so schnen wie sprden Maid auf immer zu fliehen, aber das herzliche, lchelnde _chio do fa[21]!_ mit dem sie ihm beim Abschied jedesmal die Hand unaufgefordert reichte, zwang ihn auch wieder zurck in ihre Nhe, bis er zuletzt nicht einmal mehr den Gedanken fassen konnte, sie zu fliehen. Auch heute hatte sie sich, noch nicht von der Ankunft des Geliebten benachrichtigt, hierher zurckgezogen, und sein Canoe mute auch in der That diese Bai passiren, wenn er Toanonga's Wohnort erreichen wollte, da auf der andern Seite der Insel ein breiter Corallendamm das Umschiffen derselben im Binnenwasser unmglich machte. Die Mdchen saen zusammen im Schatten eines breitstigen Toabaumes, dem einzigen auf dem kleinen, hier absichtlich von Unterholz befreiten Raum, ihr Haar mit wohlriechendem Cocosnul zu salben, als das Wallfischboot des Fremden um die Spitze der Bai scho und die Mdchen erschreckt aufspringen machte; nur Hua blieb ruhig sitzen und sagte lachend: Was frchtet ihr euch, tolle Dirnen, habt ihr den Pagalangi noch nie gesehen mit seinem Boot, und sieht er zu windwrts von der Landspitze da drauen anders aus als zu leewrts? Er wird uns sein Lebewohl sagen wollen, denn die fremden Mnner sind alle auf das Schiff zurckgefahren, und den ganzen Tag schon in den Seilen herumgeklettert. Er hat unsere besten Wnsche fr sein Wohl -- wir =frchten= ihn nicht! Aber was suchen die Fremden =hier=? rief eines der Mdchen, schchtern zu ihrem Sitz zurckkehrend; komm, Hua, wir wollen in den Wald gehen, bis sie vorbeigerudert sind -- siehst du, sie wollen landen. La sie, Mdchen, sagte des Huptlings Tochter verchtlich; wenn wir sie hier nicht lnger dulden wollen, schickt sie Hua wieder in See. _Chio do fa, Hua, chio do fa!_ rief in dem Augenblick die lachende Stimme des jungen Capitains zu ihnen herber; wartest du hier auf mich, Maid, zur rechten Stunde? ich komme, ich komme. Nicht auf dich, Pagalangi, sagte das Mdchen ruhig, sich halb von ihm abwendend; dieser Platz ist mein Eigenthum, und wer ihn betritt, kommt zu =mir=. Und sollen wir hier unser Haus bauen in spterer Zeit? flsterte der junge Mann, nher zu ihr hintretend und die Hand ausstreckend, die ihrige zu ergreifen. Wir? wiederholte die Jungfrau erstaunt. Zgert nicht lnger wie nthig ist, _Captain dear_! rief aber in diesem Augenblick der Mate oder Harpunier warnend, ich habe da oben auf dem Hgel eine Gestalt gesehen und die Canoes, die wir von Deck aus sahen, knnten auch bald hier sein, wenn sie beabsichtigt htten, hier herzulaufen. Es ist wahr, George, rief der Capitain zurck, ich habe berdies schon zuviel Zeit verloren, und sich rasch zu der Geliebten drehend, sagte er schmeichelnd: Komm mit mir, Hua -- da drauen liegt mein Schiff, in wenigen Minuten setzen wir die Segel und frisch und frhlich ziehen wir hinaus in die freie, offene See -- meine Seele hngt an dir, Mdchen, und ich kann nicht ohne dich leben. Zurck, Pagalangi, rief aber Hua, zum erstenmal vielleicht erschreckt, als er dreister auf sie zutrat und seinen Arm um sie zu legen suchte; zurck, _taima tangata_ -- eines Huptlings Tochter ist fr dich zu gut; such' dir ein Weib unter den Dirnen des Landes. Meinest du, Herz? rief der junge Mann jetzt, dem Zorn und beleidigte Eitelkeit das Blut in die Wangen jagte, dann will ich doch sehen, ob du an Bord dieselbe Sprache hast! und mit raschem Sprung die Strubende umfassend, ehe sie selbst im Stande war um Hilfe zu rufen, hob er sie vom Boden auf, und floh mit ihr dem vielleicht hundert Schritte davon entfernten Boote zu. Hilfe! Hilfe! schrie jetzt das arme Mdchen, die erst in dem Entsetzen der Gefahr, als sie das Boot vor sich sah und ihr Schicksal ahnte, die Sprache wieder fand. Hilfe, Toanonga, zu Hilfe -- zu Hilfe deinem Kinde! Sie hren dich nicht, Liebchen, lachte aber der junge kecke Seemann, seine se Last nur schneller dem Ziele zufhrend; dein Ruf dringt zu spt an ihr Ohr. Habt Acht, Capitain! rief aber in dem Augenblick der Harpunier, der mit dem Steuerriemen in der Hand hinten im Boot gestanden, den Befehl zum Abstoen zu geben, so rasch ihre Beute geborgen sei, und der jetzt zwei junge Burschen aus den nchsten Bschen herausbrechen und dem Mdchenruber folgen sah; habt Acht, sie sind hinter euch! Silwitch hatte aber, an keine Verfolgung denkend, nur Auge und Ohr fr sein erobertes Glck, und der junge, riesige Ire, die Gefahr von dem Haupt des Capitains abzuwenden, flog unbewaffnet wie er war, mit einem Satz so nahe er konnte, an Land, in die klare und hier seichte Fluth hinein, unbekmmert, ob sie hier einem ungleichen Kampf entgegengingen, warfen sich auch die beiden jungen Indianer auf den Capitain, ihres Huptlings Tochter aus seinem Griff zu retten. Der Ire aber zwischen den Capitain und seine Verfolger springend, ergriff den ersten beim Arm und schleuderte ihn wie ein Kind zur Seite, whrend er den Zweiten, strkeren der einen Schlag nach ihm fhren wollte, mit sicher gezieltem und gebtem Sto so derb zwischen die Augen traf, da er betubt und regungslos zu Boden schlug. Nun fort! rief er jetzt und stie, in das Wasser springend, das Boot, in das der Capitain seine Beute schon hineingehoben, ab von den Corallen, und sich nachschwingend, whrend zwei der Leute das Mdchen hielten, und die andern den Capitain zu sich herein zogen, setzte er rasch und dringend hinzu: an eure Riemen, meine Bursche, an eure Riemen, fr euer Leben, denn beim Teufel, dort kommt die ganze Canoeflotte hinter der Landspitze vor -- an eure Pltze und vorwrts! der Capitain wird die Dirne schon festhalten und du, Patrick, kannst ihr indessen ein wenig die Fe zusammenbinden, da sie nicht doch noch ber Bord springt; erst aber ein Tuch ber den Mund, da sie das verdammte Schreien lt. Und nun ein mit euren Rudern, und brecht sie, wenn ihr knnt! Das elastische Holz bog sich unter den krftigen Zgen der, ein jubelndes Hurrah ausstoenden Matrosen, denn die kecke Entfhrung hatte ihre ganze Sympathie, und das scharfgebaute Boot scho schumend durch die Wellen, dem nicht so gar weit davon ankernden Schiff zu. Die Fahrzeuge der Eingebornen dagegen, sieben vollbemannte und wunderlich geschmckte Kriegscanoes, die allerdings noch zu weit entfernt waren, den Hilferuf zu hren, konnten doch schon auf dem Corallensand des Strandes die hin und her laufenden dunklen Gestalten erkennen. Wenn sie deshalb auch vielleicht anfnglich die Absicht gehabt htten, nher am Land zu bleiben, wo die ihnen hier gnstige Strmung auch die strkste war, so schien das fremde Boot diesen Plan gendert zu haben. Sie hielten nun vor allen Dingen gerade auf die ziemlich in ihrem Cours, aber ihnen gegenber liegende Landspitze zu, wo sie die dunkle Gestalt eines Eingebornen entdecken konnten, von welcher sie jedenfalls Auskunft ber das etwas verdchtige Benehmen des Bootes zu erhalten hofften. Die Gestalt am Ufer war aber Niemand anderer als Toanonga selber, und nach einigen rasch gewechselten Worten mit dem ersten, festlich geschmckten, aber mit wohl zwanzig Kriegern bemannten stattlichen Canoe gab dieser den ihm folgenden Fahrzeugen durch schrill gerufene Laute irgend einen Befehl, und quer hinber schneidend ber die Bai, wo ihnen jetzt das die Segel setzende Schiff der Pagalangis in Sicht kam, suchten sie augenscheinlich diesem die Bahn abzugewinnen. Anker klar, da vorn! rief die helle, frhliche Stimme des Capitains ber Deck, als er kaum die Wanten seines Fahrzeugs erfate und die Railing bersprungen hatte. Alles klar, Sir! lautete der bestimmte Ruf des Harpuniers zurck. Her zu mir denn, mein Herz! jubelte er, als er die Arme ausstreckte, das ihm heraufgereichte und sich wild strubende Mdchen in Empfang zu nehmen; her zu mir, mein Herz, und nun hab' ich und halt' ich dich, und _Tai manavachi_ mu rasche Canoes und tapfere Krieger haben, wenn er dich wiederholen und aus meinen Armen reien will. Bind mich los, _tangata foi_! rief aber das schne Mdchen, als ihr das Tuch abgenommen war, das bis dahin ihren Mund bedeckt, in wildem Zorn: bind' mich los und [**gehrt vor "bind'"!]gib mich frei, falscher, verrtherischer Pagalangi, der du, wie der Dieb in der Nacht, dich in meines Vaters Haus geschlichen. Hotuas Fluch ber dich und dein Schiff! Bind' mich los! Da du mir ber Bord sprngst und den ganzen Spa verdrbest, lachte der junge Mann. Nein Herz, du bist jetzt vielleicht bs auf mich, aber das wird sich schon geben; ich bin nicht so schlimm, wie du mich machst, und wir werden hoffentlich noch recht gute Freunde werden. Jetzt aber, wildes Tubchen, mu ich dich auf kurze Zeit hinunter und aus dem Weg tragen, setzte er rasch hinzu, als ihn ein Blick berzeugt hatte, wie die Canoes einen nheren, ihnen wohl genau bekannten Canal durch die Riffe annahmen, den Lauf des Schiffes abzuschneiden, das die breite Ausfahrt halten mute. Wenn er auch ihren Angriff nicht zu frchten brauchte, denn selbst vor Anker htte er sich die Canoes abhalten knnen, wollte er doch, so lange das anging, jedes Blutvergieen, wie jede weitere Feindseligkeit vermeiden. So denn die geraubte Braut, die sich vergebens seinem Griff zu entwinden suchte, in die Arme fassend, trug er sie in die Cajte hinunter, deren Thre er rasch hinter ihr abschlo. Keine Zeit war es jetzt fr ihn, die Zrnende zu besnftigen, das Schiff trieb mit dem schumenden Corallendamme mehr und mehr entgegen, und nher und nher kamen die Canoes dem Feinde. Die Commando's am Bord den Steuernden zuzurufen, erforderten jetzt die ganze Aufmerksamkeit der Mannschaft, die an den Brassen, jeder an seinem Posten, stand, etwa gegebene Befehle zu anderer Stellung der Segel so rasch als mglich auszufhren, whrend der Capitain selber vorn von der Back aus, durch zwischen ihm und dem Steuernden aufgestellte Harpuniere, den Lauf des Fahrzeugs mit seiner Stimme lenkte. Die _Lucy Walker_ war brigens ein treffliches Seeboot und gehorchte dem Steuer rasch; so umschifften sie denn auch, mit der jetzt immer frischer einsetzenden Brise, die so scharf von Osten herberkam, da sie in eine B auszuarten drohte, die gefhrlichen Klippen, die ihnen rechts und links schumende Brandungswellen herberrollten und jetzt, von keiner Gefahr weiter bedroht, und gerade, als die Sonne in dem noch klaren Westen verschwand und die von gegenber aufsteigenden Wetterwolken mit ihrem rosigsten Lichte bergo, breitete sich die freie, offene See vor ihnen aus. Freie Bahn! rief da der junge Capitain in lustigstem bermuth, seinen Hut gegen die noch immer unverdrossen heranschumenden Canoes schwenkend, inde der Bug seines eigenen Fahrzeugs, die Segel von der frisch und stark aufkommenden Brise geblht, durch die krystallene Fluth scho und die klaren Wellen zu beiden Borden spritzend abwarf. -- Freie Bahn! und nun auf Wiedersehn, vielleicht fr nchstes Jahr. Armer _Tai manavachi_! setzte er dann lchelnd hinzu, als er noch einen Blick auf die Canoes warf, ehe er von der Back hinunter sprang, wenn du wirklich da drin bist, thust du mir wahrhaftig leid, so, nur wenige Minuten, die Zeit, versumt zu haben. Httest du nicht so lange Siesta gehalten, vielleicht lge die Braut jetzt in deinen Armen, statt in meiner Cajte. Zu spt nun deine Anstrengungen, mein Tapferer, zieh deine Ruder ein, tollkpfiger Bursch, oder das Wetter da drben schneidet dir auch zum Land zurck die Strae ab? Nun, meinetwegen, setzte er nach einer kleinen Pause hinzu, whrenddem er zu seinem Erstaunen sah, wie die Canoes wirklich die Passage in offener See forcirten und dem drohenden Himmel und der trostlosen Aussicht auf Erfolg zum Trotz die Verfolgung noch nicht aufgegeben zu haben schienen, wenn ihr's nicht besser haben wollt, so kann mir's recht sein; Nebenbuhler sind berdies gefhrliche Gesellen, und an Deck hinunterspringend und die jetzt zurckbleibenden Canoes keines Blickes weiter wrdigend, ging er wieder nach aft (hinten), dort die nthigen Befehle zu geben, einen Theil der Segel wieder zu bergen und fr ein doch mgliches Unwetter, das in diesen Breiten oft einen furchtbaren Charakter annehmen kann, wenigstens vorbereitet zu sein. Die _Lucy Walker_ lie die Insel, jetzt vor dem Wind laufend, rasch hinter sich, und vor ihnen war an dem, im Abendschein klar abgeschnittenen Horizont kein Land mehr sichtbar. 5. Zum Teufel noch einmal, Legs, sagte Pfeife mit seiner feinen, quitschigen Stimme, als die eine Wacht ins Logis beordert war, rasch ihr Abendbrot einzunehmen, um an Deck bereit zu sein, wenn das Wetter die ganze Mannschaft oben verlangte, indem er an seinen indessen kalt gewordenen Bananen kaute, das riecht mir schon seit einer Weile so verdammt brandig hier unten -- hast du noch Nichts gemerkt? Mir ist's auch schon so vorgekommen, rief der Schotte jetzt rasch, der in tdlicher Ungeduld wie auf Kohlen gestanden und nur nicht gewagt hatte, selber das erste Wort darber zu sagen. Wre er sich seines Verbrechens nicht bewut gewesen, wrde er gar nicht daran gedacht haben, in der ersten Entdeckung ein Zeichen zur Anklage zu finden; wei der Henker, wo's herkommt, aber es riecht versengt und wir lassen Spunt lieber einmal nachsehen. Wo? frug =Spunt=, wie der Bttcher auf Wallfischfngern gewhnlich genannt wird. Nun, hier unten in den Ecken, oder wenn da nichts ist, unter Deck, sagte Douglas ausweichend. Na, hier werdet Ihr doch wohl auch selber die Nasen in die unteren Koyen bringen knnen, knurrte der Bttcher, der eben an einer hchst wohlschmeckenden Schweinsrippe kaute, Spunt -- immer nur Spunt; Spunt mu bei Allem dabei sein und damit seid Ihr gleich fertig. Alle an Deck! schrie da die gellende Stimme des Harpuniers, der zugleich mit einer aufgegriffenen Handspake auf die Logisluke schlug, seinen Worten greren Nachdruck zu geben; Alle an Deck da unten und reefen[22], herauf mit Euch, herauf! Mr. Mate! rief der Schotte jetzt, der zuerst die kleine schmale Leiter heraufsprang, whrend Legs und Pfeife indessen noch berall in den Ecken herumvisitirten und rochen, dem unverkennbar brandigen Duft auf die Spur zu kommen, da unten -- Reefen! schrie ihn aber der Harpunier an, nicht gewohnt, irgend eine Einrede zu gestatten; Reefen, hast du's gehrt, tauber Schotte? -- nach oben, wohin du gehrst, oder ich =bring= dich hinauf mein Bursche! Da unten riechts -- Will er das Maul halten und gehorchen, wenn ich ihm etwas sage? rief aber der rauhe Geselle, die hingeworfene Handspeiche in zorniger Drohung wieder aufgreifend. =Feuer= ist irgendwo unten! knurrte aber der Schotte fest entschlossen, sich diesmal nicht einschchtern zu lassen und das Hauptwort gleich vorrckend, den Officier ber die Wichtigkeit der Einrede nicht in Zweifel zu lassen; es riecht brandig und mu irgendwo brennen, und wenn =ihr's= wollt brennen lassen, kann's mir recht sein. Und damit, als ob er Alles gethan, was von ihm konnte verlangt werden, sprang er auf die Railing und lief, die Wanten fassend, an diesen hinauf, den gegebenen Befehl auszufhren. Wo brennt's? rief der Harpunier aber rasch, die Handspake niederwerfend, dem jetzt ebenfalls heraufkommenden Pfeife an; was ist da wieder los? -- was habt ihr da unten wieder angerichtet? Wir? schrie Pfeife, den Officier erstaunt ansehend; angerichtet? Unser angerichtetes Essen haben wir unten stehen lassen, um schnell herauf zu kommen. Der schottische Dickkopf da oben sprach von Feuer, rief der Harpunier nach oben sehend; na, komm du mir nur wieder herunter! Ja, brandig riecht's unten, bettigte dies aber ebenfalls der Matrose, und Spunt hat's jetzt auch herausbekommen und schniffelt in allen Koyen herum. Er soll nachher einmal unter Deck nachsehn, sagte der Harpunier; jetzt rasch nach oben, _boys_, legt euch aus, da wir die Segel klein bekommen, und zu dem Clverfall springend, warf er dieses selbst los, da der schwere, lange Clver in seinem Stag niederschnurrte, nachher bei mehr Mue auf dem Clverbaum festgeschnrt zu werden. Bis jetzt wehte nur noch erst eine steife Brise, die aber, wie schon gesagt, leicht in einem Sturm ausarten konnte, und Capitain Silwitch wollte sein Schiff keiner unnthigen Gefahr aussetzen. Durch die dichtgereeften Segel wurde aber auch ein Fortgang gehemmt, und wenn sie auch noch rasch genug durchs Wasser liefen, die ihnen trotzdem hartnckig folgenden Canoes, behielten sie doch, so lange nmlich die jetzt rasch einsetzende Nacht nicht ihren Schleier ber das schumende Meer warf, deutlich von Deck aus in Sicht. Der Harpunier hatte indessen ber dem ihm gemeldeten brandigen Geruch die seine ganze Thtigkeit in Anspruch nehmende Beschftigung des Segelreefens vergessen, und Capitain Silwitch, der bis dahin an Deck geblieben war, das aufsteigende Wetter und dessen Strke abzuwarten, wollte sich eben vor einem, in diesem Augenblick beginnenden tchtigen Schauer froh vielleicht, einen Vorwand zu haben -- in die Cajte hinabziehn, als Spunt nach dem Quarterdeck hinter kam und mit abgezogener Mtze seinem Officier meldete, der Feuergeruch wrde strker, und es wre nthig, da sie unten nachshen. Was gibt's? rief Capitain Silwitch, schon auf der Cajtstreppe und noch mit dem Kopf ber die Seitenrailing derselben schauend; was will der Mann, Sir? Die Leute wollen vorn einen brandigen Geruch bemerkt haben, rapporte der Harpunier, Spunt mag wohl einmal nach unten gehen und nachsehen? Einen brandigen Geruch? -- wo? rief der Capitain, rasch wieder an Deck springend, denn mit Feuer an Bord eines Schiffes ist nicht zu spaen. _Damn it_, mir ist's auch schon vorher einmal so vorgekommen. Reit die Luken auf, Bttcher, rasch, und seht nach; das httet Ihr schon lange thun knnen. Der Bttcher ging schnell zurck, von wo er gekommen, den Befehl auszufhren, als ihm auch schon der Ruf von mehreren Stimmen Feuer! Feuer! entgegen schallte, unter dem Luckendeckel hervor hatte Lemon, von oben herunter kommend, den feinen blauen Rauch herausquellen sehen, und als er zusprang, mit Spunt zusammen die eine Hlfte des Deckels abzuheben, schlug ihnen der dicke, schwere Qualm in furchtbarer Wirklichkeit entgegen. Feuer! gellte der Angstschrei der Leute ber Deck, Feuer! Boote nieder -- Boote in See -- wir sind verloren! Teufel! schrie der Capitain, in grimmer Wuth das Deck stampfend; Teufel -- und gerade jetzt; so, hinunter Einer von euch, und seht, ob noch zu lschen ist -- heda, Bttcher -- Zimmermann! Die Leute schienen aber alle den Kopf dermaen verloren zu haben, da sie gar nicht wuten, wo angreifen, wo helfen, und nur der Schotte, dem laut lamentirenden Jonas einen Sto in die Rippen gebend, sprang zum Rand der Luke, und suchte, mit den Fen unten nach den Einschnitten an der mittleren Sttze fhlend, in den Rauch hinein seine Bahn. Aber auch er mute es aufgeben, und den einen Arm emporwerfend, streckte er diesen, schon halb betubt von dem Rauch, nach Hilfe aus, und wurde rasch wieder an Deck gezogen, whrend der Capitain und Harpunier jetzt den Luckendeckel wieder zuwarfen, das Feuer, vielleicht in dem furchtbaren selbsterzeugten Qualm zu ersticken. Was da unten brannte, und wie das Feuer ausgekommen, war etwas, dem sie jetzt auch nicht einmal eine Vermuthung gnnen konnten. Wasser und Provisionen herbei! rief die Stentorstimme des Capitains ber Deck durch den Lrm; jede Bootsmannschaft ihr Boot so schnell als mglich verproviantirt und an Lanzen noch hinein was ihr habt. -- Hier Mr. Fergusen, wandte er sich dann rasch an den ersten Harpunier, sie besorgen die Instrumente in ihr Boot, Sextant, Compa und Chronometer -- haben sie nach dem Barometer gesehen, wie er steht? Er ist wieder gestiegen. Desto besser, ein Sturm jetzt und wir wren verloren. Und glauben Sie nicht, da wir das Schiff noch retten knnen? frug der Harpunier, selbst mit wenig Hoffnung im Ton. =Wie?= entgegnete der Capitain eintnig, ich begreife nicht, da es so lange unentdeckt bleiben konnte -- frher wre Hilfe vielleicht mglich gewesen, was sollen wir =jetzt= thun? Wenn man nur wenigstens wte, =was= brennt, sagte der Harpunier. Das Schlimmste, was brennen kann, erwiederte der Capitain, der seine Kaltbltigkeit wieder gewonnen, das l, haben sie das nicht an dem Qualm gesehen? Dann sind wir verloren! rief der Harpunier. Wir? -- das Schiff. -- Mit den Booten knnen wir leicht eine andere Insel erreichen. Aber die Canoes hinter uns, -- htten wir nur die verdammte Dirne an Land gelassen. Teufel, an die Canoes htt' ich gar nicht mehr gedacht. Wenn wir jetzt unsern Cours nderten, rief der Harpunier rasch, es ist dunkel und in kurzer Zeit -- Wird die Flamme lichterloh hier am Deck emporleuchten -- unsere einzige Hoffnung ist, ihnen vorher mit den Booten aus dem Wege zu kommen. So, rasch hinein -- mit dem Seitenwind laufen wir dann ein Stck nach Norden hinauf und sind morgen Frh hoffentlich, wenn die Sonne aufgeht, aus Sicht. Die Mannschaft hatte indessen in wilder Hast Alles herbeigeschleppt, was an Provisionen aus der ihnen geffneten und von dem Feuer noch nicht angegriffenen Proviantkammer zu erreichen war. Die kleinen, berdies immer bereiteten Wasserfsser fr jedes Boot waren gefllt und standen am Deck, jeden Augenblick hinuntergelassen zu werden, da man die oben in der Schwebe hngenden Boote, Unglck zu verhten, nicht so schwer beladen durfte, ehe sie auf dem Wasser ruhten. Der zweite Harpunier war inde beordert, Munition und Gewehre aus der vordern Cajte herbeizuschaffen, die Leute zu bewaffnen, und Capitain Silwitch sprang jetzt selber in seine Cajte hinunter, die Gefangene herauf zu holen, ehe sich das Feuer dorthinein etwa die Bahn gebrochen htte. Vor allen Dingen seine Papiere und Geld zu sich steckend, fr alle Flle gerstet zu sein, trat er zu Hua, die noch gebunden und regungslos in dem Sopha lehnte, auf das er sie gelegt. Mdchen, herauf mit dir! rief er ihr zu, nach ihren Armen fhlend, ihre Banden zu lsen. Das Schiff brennt und wir mssen flchten. Hotuas Fluch hat dich getroffen, lachte aber die Jungfrau zornig auf, seiner Rache bist du verfallen. Schon seit ich in deiner Macht bin, hab' ich den grimmen Feind gewittert, der in den Eingeweiden deines Schiffes whlt -- er ist von Minute zu Minute mchtiger geworden und da drinnen kannst du das frhliche Knistern hren, wie er sich die Bahn grbt ins Freie. Du bist verloren und der Sturm drauen lt dir die Wahl jetzt zwischen Feuer und Wasser -- zu verderben, wohin du dich wendest. Noch nicht, mein Herz, lachte aber der Seemann in fester, trotziger Entschlossenheit, so lange jene Canoes drauen in solchem Wetter leben knnen, brauchen wir auch in einem tchtigen, regelrechten Boot nicht viel zu frchten. Canoes? -- was fr Canoes? frug Hua rasch aufhorchend. Es ist gut, mein Schatz, sagte der Seemann ausweichend, den das Wort schon gereute, das er gesprochen; euere Fischercanoes mein' ich. Und nun komm! und ihre Banden mit einem Messer durchschneidend, fhrte er das Mdchen, die ihm jetzt willig folgte, an Deck hinauf. Der Rauch unten verstattete ihnen schon kaum noch das Athmen, whrend rasch die Nacht einbrach und ihren dunklen Schleier ber das Meer legte. Der erste Harpunier hatte inde die Mannschaft in ihre verschiedenen Boote gewiesen, whrend er das eigene fr sich und seine Leute wie fr den Capitain mit seiner Gefangenen freibehielt, auch die Instrumente und einen Theil der Waffen da hineinstaute. Die brigen sollten flott werden, so rasch sie knnten. An der Starbordseite hatte sich schon die Flamme durch das dnne Deck die Bahn gebrochen, und einmal nur erst ein wirkliches Luftloch fr die Gluth geffnet, und jeden Augenblick konnte dann das ganze Schiff in Flammen stehn. Die Boote blieben jetzt ihre einzige Rettung. Als sie das Deck erreichten, schaute Hua rasch und sphend umher, und horchte in peinlicher Angst in die Nacht hinaus, aber nichts lie sich weder erkennen noch hren und ihr nchster Blick, mit kalter Entschlossenheit nur einen Erfolg zur Flucht, sei diese so verzweifelt wie sie wolle, berechnend, musterte die Mannschaft der verschiedenen Boote erst und fiel dann auf das wild erregte Meer. Tief aufseufzend hob sich da ihre Brust, als sie das Trostlose eines jeden solchen Versuchs fhlte, und schaudernd wandte sie sich ab von dem Manne, der sie Allem entrissen, was ihr lieb und theuer war auf der Welt, und der sie jetzt umfate, sie wieder in das Boot zu heben, dem einen Element vertrauend, was das andere entfesselt bedrohte. Ihr Fu zgerte auch, als sie das Deck verlassen sollte; zog sie den Tod nicht solchem Leben vor? -- Aber =die Canoes=? -- das eine Wort, so unbestimmt und vague, hatte neue Hoffnungen in ihr geweckt. Wurden sie verfolgt, so lag Rettung im Bereich der Mglichkeit, denn ihre Landsleute sind berhmt selbst unter den khnen Nachbargruppen im Bau trefflicher Canoes, mit denen sie hunderte von Meilen weit die See befahren und nicht selten sogar Strmen trotzen. Komm, komm, mein Tubchen, mahnte sie aber der Englnder, ihr Struben fhlend, du kennst die Gefahr nicht, der wir hier mit jeder Secunde zgern ausgesetzt sind; an ein verwnschtes Fa Pulver unter Deck hab' ich bis jetzt noch gar nicht gedacht -- ber Bord Leute, ber Bord in euere Boote, wenn euch euer Leben lieb ist! und das Mdchen auffassend, schwang er sich in demselben Moment ber die Railing, als das Boot, von beiden Krahnen gesenkt, niederfiel auf das Wasser und noch von dem rasch die Fluth durchschneidenden Schiff den nachstrzenden Wellen immer wieder entfhrt wurde. Lemon behauptete inde das Ruder in all seiner sauertpfigen Hartnckigkeit, denn das Schiff mute die Bahn halten, bis smmtliche Boote frei waren. Eine Handspeiche neben sich, die er zuletzt in's Rad stecken wollte, es auf seiner Stelle zu halten, wenn er seinen Posten verlassen mute, stand er mit unerschtterter Ruhe den jetzt aus mehren Stellen an Deck brechenden Krater unter sich beobachtend und anscheinend vollkommen gleichgiltig, da Alle das Schiff verlieen und ihn allein auf dem brennenden Sarg zurcklieen. Rechts und links glitten schon die glcklich niedergelassenen Boote, mit ihren Segeln gesetzt, ab von dem seinem Geschick verfallenen Schiff, und nur noch das eigene hing unter den Krahnen. Eine helle Flammensule stieg in diesem Augenblick mit blendendem Strahl hoch auf in die Nacht; ein Theil des Decks war eingestrzt und die Gluth brach lodernd hinaus in's Freie. Nieder mit euch, nieder! schrie des Capitains Stimme ber das Wasser, der mit dem eigenen Boot dicht im Fahrwasser seines Schiffes folgte; nieder, oder ihr seid verloren! Der Schotte und Pfeife standen an den Tauen, vierten, auf den jetzt rasch gegebenen Befehl des Harpuniers, das Boot nieder, langseits dem Schiff und sprangen dann rasch hinein, Jonas und der ihm aus einem andern Boote beigegebene Legs mit Spunt, dem Bttcher, reichten ihnen die schon bereit liegenden kleinen Fsser mit Wasser und Proviant nach, und ihnen mit dem Harpunier folgend, war Lemon der letzte Mann an Bord. Komm von Bord, Sir! rief sein Officier, schnell! um dein Leben! Werdet doch wohl warten, bis ich komme? knurrte der sauertpfische Gast in voller Ruhe, und die Handspeiche einschiebend und ein dort liegendes Fall darumschlagend, da sie nicht wieder herausrutschen konnte, blieb er noch einen Moment stehen, das Deck kopfschttelnd zu berschauen und stieg dann rasch an der Seite nieder, von halbwegs ab auf eine der _thwarts_ oder Bootbnke springend. Das Boot hatte inde seine Segel schon gesetzt, lste das Springtau und kam frei, und allein fort scho der brennende Kolo, wie ein angeschossener Eber seine wilde unbewute Bahn, die Todeswunde im Herzen, da er nicht mehr entfliehen konnte in toller, blindstrmender Wuth. Habt Acht auf eure Segel! rief ihnen der Capitain zu, der mit seinem rascheren Boot gerade an ihnen vorberscho, whrend die jetzt vollkommen ausgebrochene Gluth am Bord der armen _Lucy Walker_ einen hellen Schein ber das Wasser warf und alle Gegenstnde deutlich erkennen lie; das obere Fall da hat sich umgeschlagen. Wirf es herber, Jonas! rief der Harpunier, der den Steuerriemen in der Hand hielt, wirf es herber, Mann, aber rasch, denn das Segel fat jetzt den Wind nicht genug, und wenn uns die nchste Welle erwischt, fllen wir -- Pest und Tod -- werft einen Theil der Ladung ber Bord, wir gehen ja fast bis an den Rand im Wasser und sind verloren, wenn uns eine einzige Welle berwscht. Jonas, berhaupt etwas ngstlicher Natur, und mit dem bsen Gewissen, Mitwisser der That zu sein, die sie Alle jetzt in Todesgefahr gebracht, stand zitternd von seinem Sitz auf, dem Befehl Folge zu leisten, whrend Andere noch unschlssig zwischen den eingestauten Sachen whlten, was sie hinauswerfen sollten. Rasch, Leute, rasch, _damn it_, ihr steht da, als ob euch der Compa gebrochen wre; fat zu! Ein schriller, jubelnder Schrei gellte in diesem Augenblick in so furchtbarer Wildheit ber das Wasser, da sich die Leute erschreckt danach wandten, und Jonas das schon gefate Tau seiner Hand wieder entgleiten lie. Teufel! fluchte der Harpunier, die Wilden! und in demselben Moment fast antwortete von dem vor ihnen dahinschieenden Boot des Capitains aus ein lauter, weit schallender Hilferuf Huas, dem herausfordernden Schlachtschrei ihrer Landsleute. Wahr' dein Segel, Mann, wahr' dein Segel! kreischte der Harpunier, als dieses, durch das verworfene Tau eingepret, den Wind nicht fate und zu flappen anfing. Eure Riemen, Boys, eure Riemen! gellte die entsetzte Stimme des Harpuniers, als die ihnen folgende Welle drohend hinter ihnen dreinstrmte. Die Leute griffen auch fast mechanisch nach den Rudern -- aber zu spt; hoch ber ihnen stand die glserne, von dem jetzt helllodernden Schiff noch grell beleuchtete See -- wenige Secunden fast war es, als ob sie in der Luft, ber der sicher gefaten Beute hing und jetzt ein gellender Aufschrei und die Mannschaft des geschwemmten, berladenen Bootes, rang mit der schumenden Fluth. 6. Durch die tanzenden Wogen, ber die leuchtende quillende Fluth schossen die dunklen Canoes der Eingebornen, die Mattensegel geschwellt, heran, und im Bug des vordersten stand eine hohe, edle Gestalt mit wehendem Haar und Hftentuch, die weite See mit dem Adlerblick berfliegend, wo ihn die strzende Woge auf ihren Kamm hob und in jagender Schnelle voranri. Es war der junge Huptling _Tai manavachi_, der dem Tod selbst trotzend, seine kleine Flotte dem frechen Ruber in Nacht und Wetter nachfhrte und verzweifelnd schon die trostlose Jagd hatte aufgeben wollen, als der Feuerschein des fremden Schiffes jubelnd von ihm entdeckt wurde. Auch auf den andern Canoes hatten sie schnell die Wahrheit des Unfalls ihrer Feinde begriffen, und der gellende Jubelruf, der Schlachtenschrei ihres Stammes, mit dem sie ihre Lanzen und Speere fester packten, war es, der das Blut des sonst wahrlich unerschrockenen jungen Englnders in den Adern gerinnen machte. Hua aber hatte in jauchzender Seeligkeit die Nhe der Freunde gehrt, und wenn auch der antwortende Schrei zu schwach war, gegen den Wind an die Retter zu erreichen, wute sie doch nun, da die Ihren, den Wogen trotzend, mit khnem Muth ihren Spuren gefolgt waren, und die einzelnen Boote ihnen jetzt gar nicht mehr entgehen konnten. Ruhig, mein Tubchen, ruhig! warnte sie aber drohend der neben ihr stehende Capitain; die Nacht ist dunkel und deine Stimme dringt doch nicht zu ihnen hinber, aber auch der Gefahr wollen wir uns nicht aussetzen und -- ich mchte dir kein Leides thun -- aber wirst du noch einmal laut, so mu ich dich wieder binden und knebeln, so weh mir das selber thte. Hua blickte wild und trotzig zu ihm empor, aber sie war auch schlau genug, nicht nutzlos den Zorn Derer zu reizen, in deren Gewalt sie sich noch befand, und kauerte von jetzt an still und schweigend im Boot, aber ihre Blicke forschten, die Sehkraft bis zum Schmerze angestrengt, in die Nacht hinaus, die Freunde zu entdecken. Ein blendendes Licht breitete sich in dem Augenblicke ber die See, und als sie rasch die Blicke dem brennenden Schiffe zuwandten, sahen sie einen hellen Strahl von seinem Deck emporschieen und ein dumpfer Krach verkndete die Explosion des Pulvers. Das Fchen hatte aber zu hoch unter Deck gelegen, dem Rumpf des Schiffes weiteren Schaden zu thun, als das Deck oben zu sprengen und den Besahnmast zu splittern, der jetzt in lichten Flammen einen Moment zur Seite schwankte, und dann schwerfllig und tausend und tausend Funken emporwerfend, ber Bord in See schlug. Mein armes Schiff! seufzte der Capitain und blickte traurig herber, da traf ein anderer Ton sein Ohr und ein Schu! rief fast die ganze Bootsmannschaft wie aus einem Munde. Ein Schu! -- Ein Schiff war in der Nhe, das ihre Noth erkannt, und das Signal gab zur Rettung -- ein Schu, und von Gefahr umringt, zeigte sich Hilfe. Der Schall kam aber vom Sden herauf, und sie muten ihren Cours jetzt ndern, die Boote deshalb zusammenrufend -- das Sinken des einen war in der Erregung des Augenblicks von den andern gar nicht bemerkt -- legten sie rasch ber den andern Bug, schrg von den Wellen abschneidend und konnten der Richtung, die ihnen jetzt ein zweiter und dann bald darauf folgender dritter Signalschu angab, genau folgen. Einmal an Bord und die Canoes, denen sie bis dahin zu entgehen hofften, waren ihnen nicht mehr gefhrlich. _Tai manavachi_ kam inde mit geblhten Segeln und sieben vollbemannten groen Kriegscanoes durch die Wellen schumend an; ein Brautzug hatte es werden sollen und war eine Jagd geworden auf den Ruber seines Theuersten, was er auf dieser Welt kannte, und wie die jetzt schon sehr gemigte, aber doch noch immer frische Brise mit den flatternden, wehenden Zierrathen am Bug der schlanken, wunderlich geschnitzten Fahrzeuge schlug und spielte, standen die wilden, trotzigen, kriegerischen Gestalten, hinaus in die Nacht sphend, am Bord, die geflchteten Boote zu erkennen und zu verfolgen. Ein Hilferuf traf ihr Ohr, neben ihnen im Wasser schrie sie ein Schwimmender an um Rettung, und treibende Ruder und Sitze verriethen ihnen rasch genug das Schicksal wenigstens eines der Boote. Einen ngstlich suchenden Blick warf der junge Huptling umher -- wenn gerade dies Boot -- doch nein, sein Herz zog ihn weiter, und nur dem nchsten Canoe ein paar Worte zurufend, das rasch zur Seite scho und seinen Bug gegen die nchsten Wellen anwarf, hier zu halten und die Verunglckten aufzunehmen, verfolgten die Rcher unaufgehalten ihre Bahn. Da drhnte auch zu ihnen der Krach des explodirenden Pulvers herber, aber mehr als das, der helle, blitzhnliche Strahl verrieth ihnen die wei leuchtenden Segel der Flchtigen, und als gleich darauf die fernen Kanonenschlge irgend eines zufllig in die Nhe gekommenen Fahrzeugs an ihr Ohr schlugen, zuckte ein triumphirendes Lcheln ber das Antlitz des jungen wilden Kriegers. Er kannte die Lage der Feinde, und da sie jetzt hinberhalten =mten=, dem Schiffe zu, wo sich ihnen allein noch Rettung bot. Dorthin aber war er im Stande ihnen den Weg abzuschneiden und wute sie jetzt in seiner Macht. Capitain Silwitch hatte sich indessen wohl gescheut, den hellen Wasserstreifen zu durchfahren, den das jetzt bis in die Masten hinauf brennende Fahrzeug zwischen sich und seinen Verfolgern lie, aber er durfte auch keine Zeit versumen, denn der Feind mute gewaltig schnelle und tchtige Canoes haben, da er es nur gewagt hatte, ihnen bis hier heraus zu folgen. So, auf ihre eigenen guten Boote vertrauend, hielten sie gerade nach Sden hinunter und einmal wieder weit genug von dem hellen Schein entfernt, hofften sie auch in der Dunkelheit der Nacht dem Feinde entgehen zu knnen. Ein neuer Signalschu des fremden Fahrzeugs, dessen Capitain den Booten die Stellung seines Schiffes zu zeigen wnschte, tnte schon um vieles nher, und Capitain Silwitch htte jetzt gern ein Gewehr abgefeuert, dem ziemlich unter dem Wind befindlichen Fremden die Richtung anzudeuten, in der sie sich selbst befanden, mute er nicht zugleich frchten, dadurch auch den vielleicht nhergekommenen Verfolgern die Stelle zu verrathen. Sein Boot, das grte Segel fhrend, war das erste, die andern vielleicht in zwei- und dreihundert Schritt Entfernung folgend, und Einer der Bootssteuerer war vorn in dem Bug postirt, scharf auszuschauen, ob er nicht vielleicht doch gegen den etwas helleren Horizont das jetzt keinesfalls so weit mehr entfernte Schiff entdecken knne. Hallo, Capitain! rief dieser pltzlich, da vorn sah ich eben etwas Dunkles, als sich das Boot auf der Welle hob, es sah aus wie ein Boot. Hab' Acht, wenn es wiederkommt, lautete die Antwort. Die nchste Woge, jetzt nicht mehr durch den Wind gepeitscht, aber noch immer in schwerer Dmmung, kam hinter ihnen drein, und rechts und links von dem Boot ihren zischenden, glhenden Schaum ausgieend, hob sie das schlanke Fahrzeug auf ihren Nacken ber die nchsten Wellen. Ehe aber nur der Mann eine weitere Meldung machen konnte, schallte ein gellender Jubelruf, schrill und furchtbar an ihr Ohr, und: Hierher, hierher, Tangata Tonga! jauchzte die emporspringende Maid den Rettern entgegen. -- Hierher zu Hilfe! und die Arme emporschlagend, wollte sie sich eben in die schumende See werfen, als Silwitch seinen linken Arm um sie schlang und die sich wild gegen ihn Strubende festhielt und zu sich zog. Aber _Tai manavachi_ hatte den Ruf gehrt und erkannt, und whrend die Europer in wilder Hast ihre Waffen aufgriffen und der Bug des Bootes, wie selber ein lebendiges Wesen, vor der Nhe des Feindes zurckscheuchend abfiel von seinem Cours, scho auch das mchtige dunkle Canoe heran, und zwanzig drohende Gestalten, unter denen her jetzt die andern Canoes preten und ihren antwortenden Jubelruf durch die Luft sandten, streckten die Arme aus, die Larbordseite des eingeholten Bootes zu fassen und zu halten. Durch die zerrissenen Wolken trat in diesem Augenblick die bleiche Mondessichel und warf ihr fahles silbernes Licht auf die wogende See. Ergib dich, Pagalangi, ergieb dich! schrie da der junge Huptling, der die Gestalt der Geliebten in dessen Arm sich winden sah; ergieb dich, denn ihr seid in meiner Hand! Zurck! oder Hua ist eine Leiche! donnerte ihm aber des Weien Ruf entgegen, der sein Messer aus der Scheide ri und es ber dem Mdchen zuckte -- er sah doch, da hier Widerstand vergebens war, und wollte das letzte Mittel versuchen, sich und die Seinen vor Gefangenschaft oder Tod zu retten, dachte aber gar nicht daran, der armen, durch ihn verrathenen Maid ein Leides zu thun, und flsterte ihr rasch und beruhigend in's Ohr: Frchte dich nicht, Hua -- dieser Arm sollte eher verdorren, ehe er =dich= trfe; und wenn sie mich tdteten, ich htte keine Waffe fr dich! =Frchten?= rief aber die Jungfrau, wild und zornig ihm in's Auge schauend; frchten? sto zu, Pagalangi, wenn du Muth hast, aber du bist verloren. Hierher, _Tai manavachi_! schrie sie dann in trotziger Khnheit nach dem Geliebten hinber; hier ist der Ruber deiner Braut -- triff ihn sicher und kehre dich nicht an mich! Hua, Hua! rief aber der junge Huptling, den Arm bittend und schtzend gegen sie ausstreckend; gib sie frei, Fremder, wirf das Messer von dir und deine Boote mgen ungehindert von mir jenes Schiff suchen -- schdige ihr aber nur eine Locke ihres Hauptes, und zerreien will ich dich auf langsamem Feuer! Du sicherst mir unser Leben und unsere Freiheit? rief der Europer. Ich geb' dir mein Wort! rief der Huptling stolz, whrend die beiden Fahrzeuge jetzt rasch und schumend neben einander hinschossen und die Matrosen ihre freilich von Seewasser durchnten Musketen und die gefhrlicheren Wallfischlanzen aufgegriffen hatten, dem grimmen Feind im Nothfall trotzig die Stirn zu bieten. So geh', Hua! sagte Silwitch traurig, sie freigebend aus seinen Armen; geh' und vergi den Fremden, der dir weh that, weil er dich so unendlich liebte. Hua erwiderte keine Silbe, aber ihr Fu stand auf dem Rand des Bootes und als der Bug des jetzt dicht an sie hinanschieenden Canoes rasch vorberglitt, sprang sie mit khnem Satz hinber und in die Arme ihres aufjauchzenden Geliebten. Fast ber ihren Kpfen hin drhnte in dem Augenblick der schmetternde Schlag eines Kanonenschusses und als sie berrascht emporschauten, war das fremde Schiff, dem das brennende Fahrzeug als Mark gedient, so nahe an sie herangekommen, da das Canoe selbst seinen Bug herumwerfen mute, nicht berfahren zu werden. Teufel! schrie Silwitch, ingrimmig mit dem Fue stampfend, so dicht am Ziel und doch zu spt! Aber in die Nacht hinein, rasch und pltzlich wie sie gekommen, verschwanden die Canoes. Hhnisch noch schlug ihr gellender Triumphschrei an sein Ohr, und Hua war auf immer fr ihn verloren. Das fremde Schiff, ein Bremer Wallfischfnger, brate seine Segel back, als es die gesuchten Boote so dicht unter seinem Bug sah, Taue wurden bergeworfen, die Mannschaft aufzuholen und die Schiffbrchigen sahen sich bald Alle an sicherem Bord. Nur ein Boot fehlte noch; auf und ab kreuzte das Schiff, von Zeit zu Zeit noch einen Schu feuernd nach dem vermiten Boot -- umsonst. Bis Tagesanbruch hielt es auf der Stelle, und als die Sonne sich ber den Horizont hob, wurden die Tops bemannt, von oben aus vielleicht etwas zu ersphen -- es lie sich Nichts erkennen. Nur in blauer Ferne lag das Land, kein Boot, kein Segel war weiter am Horizont zu sehen und mit scharfangebraten Segeln, dicht am Wind, hielt das deutsche Schiff mit der geborgenen Mannschaft der _Lucy Walker_ nach Norden auf, den Sandwichs-Inseln zu. Funoten: [1] Die Muntere. [2] Die sdseelndische Kastanie, _tuscarpus edulis_, ist ein stattlicher, mchtiger Baum mit immer grnen Blttern und der Kastanie hnlichen, doch stachellosen Frchten, aber das Eigenthmliche an ihm ist der Stamm, der etwa zehn oder zwlf Fu hoch aufsteigt, ehe er auszweigt, und bis zum 7. oder 8. Jahre ziemlich glatt bleibt, dann sich aber auf eine hchst wunderbare Weise vergrert. An vier, fnf und mehr Stellen desselben, von oben nach unten, von der Wurzel bis zum Stamme laufend, erhebt sich die Rinde und wchst -- der Baum behlt seine Strke und diese Streifen heben sich mehr und mehr, bis sie zuletzt frmlicher, mit grauer Rinde bedeckten, nicht selten ganz regelmigen Planken gleichen, die, nur wenige Zoll stark, oft zwei, drei, ja vier Fu breit, wie die Schaufeln eines Rades vom Baume abstehen. Je lter der Baum dabei wird, desto knorriger wird er, durch kranke Flecke ziehen sich diese bretartigen Auswchse hie und da zusammen und er sieht dann allem Andern hnlicher, als einem Baum. [3] _Me_, die Brotfrucht. [4] Tangaloa ist einer ihrer Hauptgtter, der die Tonga-Inseln beim Fischen mit einem Haken aus dem Meere gezogen haben soll. [5] _Mea fanna fonnua_, auch Kanone, wrtlich eine Waffe, die gegen das Land schiet. [6] Fremder. [7] Januar. [8] Englnder oder berhaupt Weier. [9] Freund. [10] Citrone. [11] Der Wallfischspeck [12] Die Jahreszeit des Fischfangs, also volle Jahre. [13] Die Raanocke, das uerste Ende der Raaen oder Querbalken, an denen die Segel befestigt sind. Auf der See werden bei etwa stattfindenden Executionen die Verurtheilten daran aufgezogen. [14] Essen. [15] Ruder. [16] Die Zeiteintheilung an Bord eines Schiffes geschieht nach Glasen, von den frheren Sandglsern so genannt. Jede Wacht von vier Stunden hat acht Glasen; diese zu bezeichnen, wird jede halbe Stunde, bis die Wacht aus ist, einmal mehr mit dem Klppel an die Glocke geschlagen, so da, von zwlf Uhr z. B. an gerechnet, halb ein Uhr einmal angeschlagen wird, um ein Uhr zweimal, halb zwei Uhr dreimal, um zwei Uhr viermal u. s. f. bis vier Uhr, was man durch acht Schlge oder Glasen angiebt. Ein viertel auf Fnf beginnt dann wieder mit =einem= Schlag, da vier Glasen Abends also zehn Uhr bedeuten wrde. [17] Die ganze Mannschaft an Deck. [18] Haltet mit dem Anker. [19] Royal oder Oberbramsegel, das oberste leichte Segel. [20] Eine zu Zeug verarbeitete und von der Rinde des chinesischen Maulbeerbaumes bereitete und gedruckte Masse. Ungedruckt hat sie den Namen Tapa. [21] Der Gru und Abschied der Tonga-Inseln. [22] Segel verkrzen. Die Bootsmannschaft. 1. Nur =einen= Theil der Mannschaft lie das wackere Schiff zurck, denn wie vorher erwhnt, schlug auf der Flucht eines der Wallfischboote um, und die Indianer nahmen die Meisten der Schwimmenden in das fr sie zurckgelassene Canoe. Den Morgen trotzend, blieb das schlanke Fahrzeug an der Stelle halten, wo es die ersten Opfer des Wracks getroffen, und der phosphorisirende Schaum der zngelnden Wellen half ihnen getreulich die dunklen, in Wasser schwimmenden Gestalten zu erkennen, so da sechs Verunglckte nach und nach ihrem nassen Grab entrissen wurden. Wohl kreuzten sie noch eine Weile dort auf und ab, zu sehen, ob noch ein Anderer ihre Hlfe in Anspruch nehmen wrde. -- Aber Alles blieb stumm und still auf der kochenden Fluth. Der schrille Ruf einer aufgescheuchten Mwe tnte hier und da durch die Dunkelheit, oder der Schaum zischte in dem schweren Niederschlagen eines sich berstrzenden Wogenkammes -- sonst war Alles ruhig wie das Grab. Da drhnte der Signalschu des fremden Schiffes durch die Nacht, dem der hhnende Jubelruf der Tonga-Insulaner antwortete, und dorthin schwang im Nu der Bug des flchtigen Canoes, die Freunde einzuholen und sich ihnen wieder anzuschlieen. Den Gefangenen befahl inde ein federgeschmckter dunkler Krieger, sich mitten in das Boot zu legen, und wenn sie seine Worte auch nicht verstanden, lie ihnen doch die drohende Geberde und gehobene Waffe keinen Zweifel ber seine Absicht. An Widerstand war berhaupt nicht zu denken, und so gehorchten sie denn schweigend dem Befehl. Das Fahrzeug war allerdings eines jener gerumigen, auerordentlich langen und trefflich gebauten Kriegscanoes; glcklicher Weise aber nicht fr den Krieg, sondern nur fr die Brautfahrt, mit vielleicht halber Mannschaft besetzt, so da sie ohne Gefahr fr sich selber die Schiffbrchigen -- und jetzt Gefangenen -- aufnehmen konnten. Nichts desto weniger muten sich diese vollkommen ruhig verhalten und lagen, auf dem Boden des Canoes lang ausgestreckt, eng und gedrckt genug, immer Zwei neben einander. Der Wind heulte mit erneuter Wuth ber die aufgeregte See; die Blitze zuckten, und der Donner prasselte in wilden jhen Schlgen schallend drein, whrend das schlanke Fahrzeug mit vollgeblhtem Segel mit den Wogen bumte und sank, und gar nicht selten zngelnde Spritzwellen ber Bord nahm. Jonas, der eine der Geretteten, fhlte dabei wohl, da er eng genug zusammen gepret einen seiner Kameraden neben sich hatte, war aber noch nicht im Stande gewesen, heraus zu bekommen, wer das sei, und auch bis zu diesem Augenblicke viel zu sehr mit sich selber beschftigt gewesen, besondere Nachforschung zu halten. Jetzt aber verrieth ihm ein auergewhnlich greller und langanhaltender Blitz das Gesicht seines Nebenmannes, und er erkannte den kleinen Legs. Legs lag, seine kurzen, etwas gebogenen Beine fest angezogen, auf dem Rcken, schlo die Augen und schien mit auf der Brust gefalteten Hnden vollstndig sich in sein Schicksal zu ergeben. Legs, flsterte da Jonas, der neben ihm auf dem Bauch lag, und sich nur mit einiger Schwierigkeit nach ihm herumdrehen konnte, Legs bist du das? Ich wollte, ich wr's nicht, sthnte der arme Teufel, ohne jedoch die Augen dabei zu ffnen -- das ist eine schne Lage hier fr einen ordentlichen Christen, wo einem das verdammte Seewasser am Nacken hinein und am ganzen Rcken hinunter luft -- das halbe Boot mu voll sein. Das sei Gott geklagt, sthnte Jonas, ich kann den Mund schon kaum ber Wasser halten, und habe mir den Hals beinah abgedreht. Wenn ich nur wenigstens auch auf den Rcken lge, wie du -- so wie ich mich aber rhre, hauen mir vielleicht die verwnschten braunen Bestien Eins ber. Prchtige Gelegenheit fr einen Menschen hier, als Ballast fr die wilden Hallunken im Boot zu liegen! Jedenfalls wollen sie uns erst einweichen, sthnte Legs in wahrhaft stoischem Gleichmuth, um uns nachher eher gar zu bekommen. Die Teufel wren's im Stande, uns auch noch zu braten, seufzte Jonas, und wenn ich das gewi wte, htt' ich groe Lust, das ganze Ding hier umzuwerfen und uns alle mit einander auszuschtten. Eben so gern oder noch lieber von einem verdammten Haifisch auf einmal verschluckt, wie von solch einer nichtswrdigen Rothhaut stckweis gerstet zu werden. Und daran ist nur der vermaledeite Capitain schuld, brummte Legs, der das Mdchen -- Heiland was fr ein Donner! -- der das Mdchen htte da lassen sollen, wo sie der liebe Gott hingesetzt. Jetzt haben wir die Geschichte -- den Teufel zu zahlen und kein Pech hei, und Legs wird wieder, wie gewhnlich, die Suppe ausessen mssen, die Andere fr ihn eingebrockt. Na, brummte Jonas, =du= sitzest dieses Mal nicht allein an der Schssel, und wenn -- der Satz wurde auf gewaltsame Weise unterbrochen, denn das Boot stieg in dem Augenblicke mit dem Bug auf die Spitze einer Woge, und das zurckschieende, darin befindliche Seewasser fllte den geffneten Mund des armen Teufels dermaen, da er durch Sprudeln und Spucken kaum wieder Luft und Athem bekommen konnte. Seine Lage wurde jetzt auch so unertrglich, ja, gefhrlich, da das Canoe reichlich Wasser eingenommen hatte, da er sich gewaltsam begann umzudrehen und Legs dadurch erbarmungslos gegen die Seitenwand drckte. Legs brigens, keineswegs in der Stimmung, sich das Mindeste gefallen zu lassen, fluchte laut und wurde nur zum Schweigen gebracht, als er die drohend ber sich gebeugte Gestalt eines der Wilden erblickte. Beim Leuchten eines Blitzes erkannte er aber den dunkeln Feind, wie den, mit der Waffe oder einem Ruder gehobenen Arm, und kniff mit einem kurzen Stoseufzer beide Augen fest zusammen. Die Gefangenen konnten jetzt hren, da sich ihr Fahrzeug wieder der kleinen Canoeflotte angeschlossen hatte, und dadurch gewannen sie wenigstens =einen= Vortheil. Die Indianer nmlich wandten nun ihre Aufmerksamkeit wieder dem eigenen Boote zu und begannen das bergeschlagene Wasser auszuschpfen -- nicht etwa aus Mitleid fr die am Boden liegenden Weien, sondern nur um ihr Canoe zu erleichtern und in dem Wettlauf, der Insel zu, nicht zurckzubleiben. Die Lage der auf dem Boden des Canoes ausgestreckten Gefangenen war dadurch um ein Wesentliches verbessert, und wenn die zrnenden Elemente ihre Herzen auch noch mit banger Furcht erfllten, schienen sie doch wenigstens fr den Augenblick der Gefahr enthoben zu sein, selbst in dem Boote zu ertrinken. Das war aber auch fr jetzt der ganze Vortheil, den sie davon hatten, denn mitten im Sturme und Ungewitter schossen die Boote dahin, und Jonas, der einmal den Kopf hob, zu sehen, wo sie eigentlich wren, begriff gar nicht, wie ihre Sieger in der stockfinstern Nacht nur berhaupt einen Cours halten konnten. -- Verfehlten sie aber das Land -- ein Fleckchen Erde von wenigen Quadrat-Meilen in dem weiten Ocean -- und hielten sie jetzt hinaus in die offene See, was sollte dann zuletzt aus ihnen werden? So schumten sie in toller Flucht durch die aufgerttelten Wogen. Der Sturm hatte schon ausgetobt, und nur noch mattleuchtende Blitze am nordwestlichen Himmel verriethen, welche Bahn er genommen; die See ging aber nichts desto weniger noch hohl, und es erforderte die ganze Geschicklichkeit und Kaltbltigkeit der Insulaner, ihre Fahrzeuge flott und unbeschdigt zu halten. Die englischen Matrosen hatten dabei keine Ahnung, in welcher Richtung das Land lag, welche Richtung sie selber steuerten. Das vordere Canoe schien jedoch dieselbe anzugeben, und ein in kurzen Zwischenrumen dort ausgestoener und langgezogener Schrei -- der wie ein Weheruf ber die Fluth schallte -- hielt die verschiedenen Canoes zusammen. So viel entging ihnen aber nicht, da der Wind ihnen nur wenig gnstig sei, denn das Mattensegel war scharf angebrat und die zu windwrts berschlagenden Wellen verriethen ebenfalls, da sie so dicht wie mglich am Winde lgen, gegen die hohe See also schwerlich raschen Fortgang machen wrden. Stunde nach Stunde verging auch, und noch war ihnen keine Nacht im Leben so lang vorgekommen wie diese, die gar kein Ende nehmen wollte. Da pltzlich hallte ein wilder, jubelnder Ton ber das Wasser, und als Jonas erstaunt den Kopf hob und danach aushorchte, herrschte in dem Augenblicke Todtenstille rings umher. Ihm selber aber war es, als ob er in der Ferne und zwar gerade voraus die Brandung hren knne, wie sie sich tosend ber den Riffen dieser Inseln bricht; und als ob auch die Indianer diesem willkommenen Laute -- dem Zeichen des nahen Landes -- gelauscht, so brach jetzt donnernd ihr Jubelruf durch die Nacht. Doch nicht allein der Brandung jauchzten sie entgegen, noch ein anderes, willkommneres Zeichen hatten sie erblickt, und zwar einen rothen Feuerschein, der mit seinem flackernden Licht zu ihnen herber glhte. Das war das Zeichen des befreundeten Stammes auf Monui, der das Feuer auf einer der vorragendsten Bergkuppen entzndet und unterhalten hatte, den khnen Schiffern als Leitstern zu dienen. Auf dem vorderen Boot hatten sie es zuerst entdeckt, und in froher Lust stimmten die Huptlinge, die sich im ersten Boot mit ihrem jungen Fhrer _Tai manavachi_ befanden, den Siegesgesang ihrer Heimat an. Kaum aber trug die Brise die geliebte Weise zu den anderen Canoes hinber, als diese jauchzend einfielen und der donnernde Chor das rauschende Brechen der Wogen selber bertubte. Im Osten dmmerte dabei der Tag -- immer breiter, immer lichter wurde der Streifen, und nur kurze Zeit noch verflo, bis sie die dstern Umrisse des nicht mehr so fernen Landes deutlich vor ihrem Bug erkennen konnten. Legs, so theilnahmlos er sich bis jetzt gegen alles gezeigt, was ihn umgab, hatte doch nicht umhin gekonnt, mit dem dmmernden Tag einen Ausguck zu halten. Kaum drehte er aber den Kopf herum, als er auch schon die zackigen Umrisse der nicht mehr fernen Kste am Horizont erkannte, und wieder in seine alte Lage zurckfallend, brummte er halb laut vor sich hin: Na ja -- da sind wir wieder. Die rothen Canaillen mssen Nasen wie die Sprhunde haben, da sie in der Nacht ihren Cours halten konnten -- und jetzt freue dich, Benjamin, und steh bei den Fallen, denn ich will ein Landlubber sein, wenn ich nicht schon das Feuer rieche, an dem wir geschmort werden sollen. -- Jonas! -- he, Jonas! -- schlfst du! Schlafen? knurrte der Angeredete, da soll einer auch schlafen, wenn diese rothen Heiden einen Spektakel machen, da die Fische auf dem Grunde auseinander fahren. Mir ist berhaupt nichts weniger als schlfrig zu Muthe. Hrst du die Brandung? Bah, schon seit einer halben Stunde, sagte Legs. Wir werden gleich Anker werfen. Schildkrten und Seeschlangen, wie sich die guten Leute auf Monui freuen werden, uns wieder zu sehen. Ja, kann ich mir etwa denken, brummte Jonas, und so eine drre Spiere, wie du bist, kann lachen! Die hat verdammt wenig dabei zu befrchten; aber wenn ich =meine= Rippen und Arme und Beine anfhle, ist mir's schon immer, als ob ich ausgenommen und mit heien Steinen gefllt und sauber in Bananenbltter eingepackt in einem von ihren verwnschten Backfen schwitzte. Meine einzige Hoffnung ist nur jetzt noch die, da ich vor lauter Gift und Galle ganz bitter schmecken und vollstndig ungeniebar sein werde. Na, ihr habt euch ja alle so schrecklich danach gesehnt, an Bord bleiben zu knnen, meinte Legs, jetzt knnt ihr das Vergngen genieen. Und du wohl nicht? sagte Jonas, den Kopf rasch nach ihm hinumdrehend, -- aber meinetwegen, setzte er, wieder in seine alte Lage zurcksinkend, hinzu -- mir ist's recht, und, wenn sie uns nicht geradezu todtschlagen und auffressen, befinden wir uns dann am Ende noch immer besser hier, als auf dem blutigen Blubberkocher der _Lucy Walker_, die jetzt wenigstens ihre Thranfsser sicher auf Meeresgrund gelscht hat. Erschreckt schaute er in die Hhe, denn wie er gerade aufsah, hing anscheinend dicht ber ihnen eine mchtige Woge mit silberblitzendem Kamm, die im nchsten Augenblick ber ihnen zusammenbrechen und ihr schwankes Fahrzeug rettungslos begraben mute. -- Aber die Woge blieb stehen, und der Jubel der Eingeborenen sagte ihm bald, da es die Brandung gewesen sei, die ber den Riffen ihre ewigen Sturzwellen thrmt -- da sie die Einfahrt in das glatte Binnenwasser glcklich erreicht, und nur noch kaum eine englische Meile von dem gestern Abends mit so ganz anderen Erwartungen verlassenen Lande entfernt seien. Vom Ufer aus begrte sie auch schon das Jubelgeschrei der Wilden, die alle mit einander am Strande versammelt schienen, die glcklich und siegreich Heimgekehrten zu begren. Die gefangenen Matrosen hoben wohl die Kpfe und blickten dort hinber, aber der Jubel galt =ihnen= nicht, das wuten sie recht gut, und mimuthig, und Manche wohl mit ngstlich pochendem Herzen sanken sie in ihre frheren Stellungen zurck, die Landung und damit den Befehl zum Aufstehen zu erwarten. Die Indianer, in deren Gewalt sie sich befanden, hatten sich brigens die ganze Zeit entsetzlich wenig um sie gekmmert, und nur nicht gelitten, da sie sich bewegten. Auerdem hatten die Gefangenen aber auch keine Ahnung, was aus ihrem Capitain und der brigen Mannschaft geworden sein konnte. Ob die Wilden ihre Kameraden gefangen oder smmtlich erschlagen und nur =sie= vielleicht fr ein ganz besonderes Festmahl aufgespart hatten, oder ob sie von dem Schiff, dessen Schsse sie gehrt, gerettet worden -- sie wuten's nicht und -- kmmerten sich auch in der That nicht viel darum. In diesem Augenblicke hatte Jeder zu viel mit sich selber und seiner eigenen Haut zu thun, um besonders viel auf den Nachbar zu denken. Von der frischen Brise getrieben, schossen die wackeren Canoes inde dem Landungsplatze entgegen, und der Federschmuck, mit dem die hochgeschwungenen Buge geziert waren, flatterte lustig im frischen Winde. Jetzt formten sie sich in langer Reihe, das Boot ihres jungen Huptlings mit Hua in seinen Armen voran, die anderen ihm folgend in wildem Jubel und mit Siegesliedern, und als die scharfgebauten Schnbel den Corallensand berhrten, da stieen die am Ufer versammelten Insulaner ein solches tolles entsetzliches Geschrei aus, da die Luft ordentlich erbebte und die Gefangenen in banger Ahnung zusammenschauderten. 2. Wohl waren sie an dem Raub des Mdchens vollkommen unschuldig, wrden aber diese Barbaren darauf Rcksicht nehmen? Sie gehrten mit zu dem Schiff, das die Gastfreundschaft der Eingeborenen in so undankbarer, bser Weise vergolten, und was der Capitain gesndigt, konnte jetzt wahrscheinlich die Mannschaft entgelten. Im Anfang nahm aber Niemand von ihnen auch nur die mindeste Notiz. Die Mannschaft der Canoes sprang, so wie ihre Fahrzeuge Grund berhrten, ber Bord und an Land, und schaute sich nicht einmal nach den Europern um. Diese blieben auch noch immer, eines weiteren Befehls gewrtig, im Boote und richteten sich nur jetzt halb auf, dem wilden Toben am Lande zuzusehen. Guten Morgen, Lemon, sagte da Jonas, als er den also benannten Kameraden dicht neben sich erblickte -- auch mit angekommen? -- und Spund, Pfeife und Lord Douglas sind auch mit da? Die ganze blutige Gesellschaft, knurrte Lemon mit einem Gesicht, als ob er sich und die ganze brige Welt htte vergiften knnen. Jetzt haben wir die Bescheerung! Und wo ist unser zweiter Harpunier? fragte Jonas, sich nach diesem unter den Gefangenen umsehend, denn =unser= Boot ist doch wenigstens hier beisammen. Das ist dem zweiten Harpunier seine Sache! knurrte Lemon. Wahrscheinlich frhstckt er heute Morgen mit irgend einem Haifisch -- hol' ihn der Teufel! Hallo, Mates, an Land! rief da der Schotte Mac Kringo seinen Kameraden zu -- seht ihr nicht, wie uns das dicke Rothfell da drben zuwinkt und schreit? -- Sie wollen die Canoes wahrscheinlich auf die Corallen ziehen. Na dann _look out for a squall_! murmelte Jonas vor sich hin, indem er langsam den voransteigenden Gefhrten folgte. Jetzt wird die Bombe platzen. Seine Befrchtung zeigte sich indessen, wenigstens fr den Augenblick, unbegrndet, denn die Insulaner, die fr jetzt noch viel zu sehr mit dem geretteten Mdchen, der Tochter des Huptlings, zu thun hatten, thaten gar nicht, als ob die weien Mnner auch nur auf der Welt wren. Ohne selbst bei dem Aufslandziehen der Boote ihre Hlfe in Anspruch zu nehmen, lie man den kleinen Trupp der eingebrachten Europer unbeachtet, selbst unbewacht am Ufer stehen, und Alles drngte sich jetzt nur um Hua her, Mnner, Frauen und Kinder, sie zu bewillkommnen, sie zu umarmen. In vielen Augen standen sogar Freudenthrnen, mit denen sie das geliebte und schon fast verloren gegebene Kind begrten. Whrend aber noch ein Theil der Insulaner so umhersprang und jubelte oder sich wieder und wieder die Abenteuer der letzten Nacht von den Freunden erzhlen lie, gingen andere mehr praktisch auf die nchsten Bedrfnisse der Neuangekommenen ein, die jedenfalls nach ihrer langen gefhrlichen Fahrt Hunger haben muten. Im Schatten der nchsten Palmen wurden ihre gewhnlichen Kochgruben zum Rsten der Ferkel rasch hergerichtet, Brotfrchte, Bananen und Fische herzugeschafft und Alles geordnet, ein baldiges und reichliches Mahl zu versprechen. Die Frauen verrichteten dabei gar keine oder nur die leichteste Arbeit, pflckten breite Bltter, besonders von den Hibiscusbumen, die zu Tischtchern und Servietten dienen sollten, holten in leeren Cocosnssen Seewasser herbei, das die Stelle des Salzes vertrat, und pflckten Frchte von den nchsten Bschen, welche dann die Knaben zu den beabsichtigten Epltzen trugen. Die Europer standen indessen noch immer auf einem Trupp und leise flsternd zusammen, sahen zu, wie die Ferkel ausgenommen und gerstet wurden, und wie die Gste schon Miene machten, ihre verschiedenen, ihnen durch den Rang angewiesenen Pltze einzunehmen. Da trat pltzlich Toanonga, der Huptling der Insel und Vater Hua's, aus dem Kreis der Seinen, wackelte gemthlich auf die Matrosen zu, vor denen er, beide Hnde auf seine Hften legend, stehen blieb, und sagte: _Chio do fa_, ihr Mnner -- _chio do fa_ -- ihr seid nicht lange fortgeblieben und habt schne Streiche mit eurem groen Canoe gemacht. Wi[23]! -- Wi, ihr Burschen, war das der Dank, da ihr so viel Brotfrucht und Cocosnsse und Bananen und Ferkel hier bekommen habt und so freundlich von uns aufgenommen worden seid? -- Wi! schmt euch -- und wie ihr jetzt da steht! -- Toanonga mchte nicht in eurer Haut stecken, nicht um alle Glasperlen der ganzen Welt. Wenn die Meisten der Schaar auch nicht die Worte verstanden, fhlten doch Alle deutlich genug, =was= der Mann eigentlich zu ihnen sagte, was er sagen und denken mute -- und er hatte Recht. Die armen Teufel befanden sich so unbehaglich wie mglich und sahen, nach einem sptern Vergleich Spund's, wirklich gerade so aus, wie ein Hund, den man beim Stehlen erwischt. Der alte wrdige Insulaner war dabei sehr ernst und finster geworden, und Spund, der Furchtsamste der Schaar, that schon einen Schritt vor, ihm wo mglich zu Fen zu fallen und um Gnade zu bitten. Mac Kringo jedoch, der Einzige von ihnen, der die Landessprache verstand und darin verkehren konnte, whrend die brigen bis jetzt nur Worte davon begriffen, trat da vor und sagte: Du hast Recht, Toanonga, es war ein schlechter Streich, den dir der Capitain gespielt -- aber was knnen =wir= dafr? Waren =wir= in dem Boot, das deine Tochter vom Lande stahl? Nicht ein Einziger. Frag sie selber, und sie mu dir meine Worte besttigen. Du bist deshalb auch zu vernnftig, uns das entgelten zu lassen, was ein Anderer verbrochen hat. Schweig du, bis du gefragt wirst, mein Bursche, rief aber Toanonga, der es fr unter seiner Wrde hielt, sich mit einer untergeordneten Person -- und er wute recht gut, da die Matrosen das an Bord der Schiffe waren -- in ein Argument einzulassen. Ihr steckt alle mit einander unter einer Decke, und wenn =du= in dem Boote gewesen wrest, wrdest du eben so gut gerudert haben, und wie die Anderen es gethan, sobald es dir dein Capitain befohlen. _Tai halla! tai halla!_ -- gewi! schrieen jetzt eine Menge junger Burschen, die sich herbeigedrngt, so wie sie sahen, da ihr Huptling mit den Papalangis sprach, und wilde Ausrufe, hier und da auch mit Verwnschungen gemischt, kreuzten toll und laut durch einander. Da hob Toanonga nur den Arm auf, und im Augenblick verstummte der Lrm. Auf ein zweites, eben so gebieterisches Zeichen bemchtigte sich aber eine Anzahl kleiner Burschen der Mnner und suchte sie unter Lachen und Schreien von ihrer Stelle hinweg und dem Holzrand zuzufhren. Widerstand wre unter allen Umstnden fruchtlos gewesen, und die Leute wollten dem Befehle schon ruhig gehorchen. Spund jedoch, der glaubte, da es jetzt an ihr Leben ginge, drngte sich bis zu Toanonga hin, und vor diesem richtig auf die Kniee fallend, bat er den alten ehrlichen Huptling im breitesten Irisch um sein Leben. ber das Gesicht des Alten stahl sich aber ein gutmthiges Lcheln, denn es that ihm wohl, nicht allein den Weien gegenber seine Autoritt gezeigt zu haben, sondern sich auch von ihnen gefrchtet zu sehen. Er war aber viel zu weichherzig, ihnen irgend ein Leid anzuthun. Seine Tochter hatte er wieder zurck, das Schiff, welches ihm hatte Schaden zufgen wollen, war verbrannt, und die paar davon an seine Insel verschlagenen Weien dachte er nicht fr Vergangenes zu bestrafen. Die jungen Burschen hatten im Gegentheil die Papalangis nur eben zum Frhstck fhren sollen, das etwas abseits von den Eingebornen fr sie hergerichtet worden, und als ihnen dies jetzt von dem alten Huptling erklrt wurde, war dem armen Teufel eine groe Last von der Seele gewlzt. Der leichte Muth, den Matrosen vor allen brigen Menschen so besonders eigen, gewann auch bald bei ihnen wieder die berhand, und als sie jetzt in einem kleinen Dickicht von Pandanus, Casuarinen und einzelnen hochstmmigen Cocospalmen, unbelstigt von einem der Eingeborenen, um das reichliche Mahl saen, kehrte die, wenn auch nicht frhliche, doch sorglose Laune rasch zurck. Und da htten wir endlich unseren Wunsch erfllt, brach Legs zuerst das Schweigen, da sen wir auf dem Trocknen mit Schweinebraten und Brotfrucht, statt Salzfleisches und Schiffszwiebacks, und Cocosmilch, statt faulen Wassers und dnnen Grogs. Jungens, wenn die Sache nicht schlimmer wird, so knnen wir es hier ruhig aushalten, und wenn erst ein paar Tage vorber sind, da von der fatalen Mdchengeschichte nicht weiter gesprochen wird, so drfen wir am Ende gar noch unserem Schpfer danken, uns aus dem alten verbrannten Kasten hieher zurckgefhrt zu haben. Sei nicht zu sicher, mein Bursche, brummte jedoch der Schotte, wir wissen noch gar nicht, ob uns der Brand des Schiffes zum Heil ausschlagen wird; denn ehe wir es uns versehen, kann uns die braune Rotte ber dem Halse sein. Der liebe Gott hat es jedenfalls gethan, besttigte aber auch Spund, eben mit einem delicat gebackenen Rippenstck beschftigt, und Spund gehrte berhaupt -- wo es ihm gerade pate -- einer streng religisen und zwar methodistischen Richtung an. Der liebe Gott hat es gethan, und da er euch nichtsnutziges Gesindel ebenfalls in seinen erbarmenden Schutz genommen, ist nur wieder einer von seinen unbegreiflichen, aber sicher zum Heil fhrenden Wegen. Na, wir wollen hier nicht untersuchen, ob wir es verdient oder nicht verdient haben, sagte da =Pfeife=, hier sind wir aber einmal, durch die gtige Frsehung von dem Wassertode und vielleicht noch vor Schlimmerem bewahrt, und wie ich die Insulaner bis jetzt gefunden, so glaube ich kaum, da uns noch eine Gefahr fr unser Leben droht. Htten sie Bses mit uns im Sinne, so brauchten sie uns nur einfach ersaufen zu lassen; kein Mensch htte ihnen dabei einen Vorwurf machen knnen. Kalter, berechneter Blutdurst liegt aber nicht in ihrer Natur, und da sie uns nicht im ersten Augenblicke die Schdel eingeschlagen haben, so denk' ich, drfen wir fr unsere Sicherheit auch weiter nichts frchten. Ich mchte nur wissen, knurrte da Lemon, einen Seitenblick nach dem Bttcher werfend, warum Spund um Gnade gebeten hat, wie sie uns zum Frhstck riefen. La du nur dein Spotten, Lemon, brummte, als die Anderen lachten, der also geneckte -- Gnade haben wir alle nthig, und ob das, was der Alte sagte, auf Tongaisch hie: Gieb ihnen ein Spanferkel und Brotfrucht, oder schneid' ihnen den Hals ab, hast du so wenig gewut wie ich. Wenn ich nur jetzt erst eine Ahnung htte, wie wir diesen Heiden wieder entgingen und von der Insel fortkmen! Fort? rief Legs erstaunt aus -- wer will denn wieder fort? -- ich wahrhaftig nicht. Ich danke meinem Schutzgeist, der mich hergebracht hat, und denke gar nicht daran, wieder an Bord irgend eines anderen blutigen Schiffes zurck zu gehen. Mgen die Thran sieden, die ein Vergngen daran finden; =ich= befinde mich wohl wo ich gerade bin, und denke Brger und Einwohner, wie sie bei uns sagen, auf Monui zu werden. Da kommt der Alte wieder, unterbrach Mac Kringo das Gesprch -- nehmt euch zusammen, Jungens, und macht ihn nicht bse. Er hat uns nun einmal in der Tasche, und wir mssen sehen, da wir ihn zum Freund behalten. Von Toanonga schien ihnen aber nichts Feindseliges zu drohen. Der gutmthige alte Mann, ohne jedoch seiner Wrde im Mindesten etwas zu vergeben, mochte sich im Gegentheil in dem Bewutsein behaglich fhlen, der Protector dieser von ihm abhngigen Papalangis zu sein. Mac Kringo hatte ihn auch darin bald durchschaut und sein Betragen schon ganz darnach geregelt. Er stand auf, sobald sich der alte Huptling ihrem Eplatz nherte, begrte ihn ehrfurchtsvoll und fragte ihn, was zu seinen Befehlen stnde, und Toanonga, den das sichtlich erfreute, winkte ihm huldreich mit der Hand und bedeutete ihm dann, da er sich freuen wrde, wenn die Fremden seinen Leuten keinen Anla zu Klagen geben wollten. Sie seien allerdings fr jetzt noch Gefangene, bis das Gericht der Egis oder Huptlinge ber sie entschieden htte; denn dem, was diese ber sie beschlieen wrden, mten sie sich allerdings fgen; aber er hoffe, da sie mit ihrer Lage zufrieden sein sollten. Das hnge jedoch, wie schon gesagt, lediglich von ihrem eigenen Betragen ab. Fr jetzt sei ihnen eine leerstehende Htte, die er Mac Kringo an einer vorragenden Landzunge zeigte, zum Wohnort angewiesen; dorthin wrden sie auch geschickt bekommen, was sie zum Leben brauchten. -- Auerdem sei ihnen aber fr jetzt der Verkehr mit den Eingeborenen, besonders den Frauen, untersagt, und er erwarte, da sie jenen Platz nicht verlassen wrden, bis sie abgeholt wrden. Damit, und als ob er sich jetzt genug mit den Leuten eingelassen, machte er eine hchst wrdevolle, wie verabschiedende Bewegung mit der einen Hand, drehte sich dann ab, und verlie die darber etwas verdutzten Matrosen, ohne irgend einen Einwand anzuhren oder nur zu erwarten. 3. Die Leute waren ber diese Ankndigung, die ihnen Mac Kringo gewissenhaft bersetzte, allerdings etwas bestrzt. Da sie erst noch einem Gericht der Egis unterworfen werden sollten, hatten sie nicht mehr geglaubt. Wer wute denn, was diese ber sie beschlieen wrden? und da ihnen nicht alle Insulaner so freundlich gesinnt und auch nicht so gutmthig waren, wie der alte Toanonga, hatten sie lange schon gemerkt. brigens wurden sie bald gewahr, wie die Ausfhrung der Anordnung auf dem Fue folge; denn kaum hatte der Huptling sie verlassen, als sich ein junger Bursch ihnen als Begleiter vorstellte, sie nach ihrem vor der Hand einzunehmenden Hause oder Gefngni abzufhren. Da sie ihm gehorchen muten, verstand sich von selbst. Merkwrdig blieb aber dabei wie sehr sie von den brigen Eingebornen ignorirt wurden. Man that vollkommen, als ob sie gar nicht auf der Insel seien, und whrend die Mnner, die ihnen auf dem schmalen Pfade begegneten, ber sie hinweg in die Wipfel der Cocospalmen starrten, gerade als wenn sie dort in diesem Augenblick etwas hchst Interessantes entdeckt htten, glitten die Mdchen und Frauen und Kinder, die sie unterwegs trafen, scheu in das Dickicht, drckten sich dort hinter einen Busch oder Stamm und lieen sie ungegrt vorber ziehen. Alle die frohen und leichtherzigen Hoffnungen, die ihnen das Frhstck gebracht, zerstrte denn auch dieses unheimliche Betragen wieder. Sie kamen sich vor wie Ausgestoene, Verfehmte, die Jeder mied, und still und schweigend wanderten sie zuletzt ihre Bahn, dem etwa eine halbe Stunde Wegs entfernten Orte ihrer Bestimmung entgegen. Der Platz dort gefiel ihnen aber gar nicht. Eine schmale, an manchen Stellen kaum zwanzig Schritt breite Landzunge -- eigentlich nur ein mit Vegetation bedeckter Corallenstreifen -- lief zu dem Platz aus, auf dem eine alte, halb verfallene Bambushtte stand, und wenn die Eingeborenen wirklich etwas Bses gegen sie im Sinne hatten, waren sie dort ohne Waffen, ohne Boot, vollstndig in ihre Hnde gegeben. Daran lie sich aber nichts mehr ndern, der Befehl lautete: sie dort abzuliefern, oder vielmehr sie dort sich selber zu berlassen, und der Erfolg bewies, wie klug der alte Toanonga die Stelle ausgewhlt. Eine einzige Schildwacht nmlich, auf den schmalsten Theil der Landzunge postirt, konnte jede ihrer Bewegungen berwachen, und da sie sich dieser nicht mit Gewalt widersetzen durften, wuten sie recht gut. So vergingen ihnen acht volle Tage, in denen die Langeweile sie bald umbrachte. Der alte Huptling hatte ihnen allerdings ein paar hlzerne Harpunen geschickt, um sich ihre Fische selbst damit zu fangen, und ein altes, sehr kleines Canoe war ihnen ebenfalls gegeben worden. Der Raum aber, in dem sie umherfahren konnten, blieb immer sehr beschrnkt, da ein bis an die Oberflche steigender Corallengrtel die ganze Landzunge einfate. brigens wuten sie mit der leichten Harpune nicht ordentlich umzugehen und fingen wenig oder gar nichts damit. Nichts desto weniger litten sie keinen Mangel, denn jeden Morgen brachten ihnen ein paar Eingeborene Brotfrucht und Cocosnsse, mit denen sie sich freilich vor der Hand begngen muten. Die aber, die ihnen die Lebensmittel ablieferten, lieen sich auf gar keine Unterhaltung mit den Gefangenen ein. Die von Mac Kringo an sie gerichteten Fragen beantworteten sie kurz oder gar nicht, und nur das eine Wort _mawquaw_ -- wartet! hrten sie alle Tage. Die Eingeborenen hatten allerdings in der Zeit mehr zu thun, als sich mit den gefangenen Europern einzulassen. Die Verbindung Hua's mit _Tai manavachi_ wurde gefeiert -- wie Mac Kringo doch herausbekommen hatte -- und das _Cava_-Trinken beschftigte sie fast ausschlielich den ganzen Tag. Der Lrm ihrer Tnze und Snge schallte auch oft, von der Brise getragen, bis zu den armen Gefangenen herber; das war aber auch alles, was sie von der Feierlichkeit genossen, denn die weien Tuas[24] durften nicht Theil nehmen an einem Feste des ersten Huptlings. Am neunten Tage Morgens war Alles vorber, und _Tai manavachi_ fhrte seine junge Frau auf seiner kleinen Flotte mit hinweg, der eigenen Heimat zu. Die Insulaner gaben ihnen noch eine lange Strecke das Geleit; dann kehrten sie zurck, und es war jetzt pltzlich so still auf Monui geworden, da die sonst so lebendige Insel fast wie ausgestorben schien. Um Mittag herum waren die jungen Leute allerdings schon wieder zurckgekehrt, aber bei den Matrosen lie sich Niemand blicken als ihr gewhnlicher Bote, der die Lebensmittel brachte. Spund, vor allen Anderen, war damit nun allerdings vollkommen einverstanden. Er lag den ganzen Tag im Schatten einer mchtigen, unfern von ihrer Htte wachsenden Cocospalme, seinen Platz nur eben so viel verndernd, wie sich die Sonne drehte. Auch Jonas und Lemon schienen sich in diesem Leben wohl zu fhlen. Mac Kringo dagegen verlangte es nach einer Beschftigung, und whrend er die Morgenstunden darauf verwandte, meist verunglckte Versuche im Fischfang zu machen, benutzte er den Nachmittag, ein Kartenspiel aus Holz zu fabriciren. Er hatte nmlich eine Holzart dort gefunden, die sich ziemlich leicht spaltete, und war mit wahrhaft eiserner Geduld daran gegangen, mit seinem Taschenmesser, an dem sich eine kleine Sge befand, einen Stamm abzuschneiden und dnne Scheiben davon herzurichten. Wenn die Sache auch auerordentlich langsam ging, war es fr ihn doch eine Beschftigung und versprach spter sogar eine Unterhaltung. Legs hatte ihm im Anfange aufmerksam zugesehen. So lange er selber nichts zu thun brauchte, war es ihm recht, wenn ein Anderer arbeitete. Endlich aber bekam er auch selbst das Zusehen satt, nahm eine Harpune und schlenderte langsam hinaus, den Strand entlang. Dort versuchte er allerdings erst eine Weile, ein paar der in dem krystallklaren Wasser umherschwimmenden Fische zu harpuniren; im =tiefen= Wasser berstach er sie aber jedes Mal, und im seichten stie er die Harpune so oft und vergebens gegen die harten Corallen, da er bald die beinernen, berdies nicht sehr dauerhaften Spitzen abgebrochen hatte, das unntze Holz dann zu Boden und sich selber unter einen breitstigen Pandanusbaum warf, den Sonnen-Untergang hier in aller Ruhe abzuwarten. Eine halbe Stunde mochte er etwa so gelegen haben, und er fing schon an schlfrig zu werden. Die Augenlider wurden ihm schwer, und er war eben im Begriff, wirklich einzuschlafen, als er unfern von sich und schon halb trumend etwas auf dem Wasser pltschern hrte. _There she blows_, murmelte er halblaut vor sich hin, denn im Geist sa er oben im Top vom Vormast auf der _Lucy Walker_, nach Wallfischen ausschauend, und das Pltschern kam ihm wie das Blasen der Fische vor. Da es sich jedoch wiederholte, wurde er auch endlich wach, schlug die mden Augen auf und sah pltzlich, kaum hundert Schritt von sich entfernt, eines der wunderhbschen Tonga-Mdchen auf den Corallen im Wasser stehen. Der ganze weibliche Theil der Bevlkerung hatte sich nun bis jetzt -- den Befehlen des Huptlings nach -- so fern von den Papalangis gehalten, da ihnen die ganzen neun Tage hindurch keine einzige nur in Sicht gekommen. Um so mehr wunderte sich jetzt Legs, eine von ihnen so ganz in der Nhe, und zwar auf dem den Weien angewiesenen Fischgrunde zu sehen. Das Mdchen erweckte aber auch noch auerdem seine Neugierde, was sie dort eigentlich treibe, denn sie stand in dem seichten Wasser, das ihr bis ber die Knie ging, vollkommen ruhig, und schlug nur manchmal mit der rechten, flachen Hand darauf, da es weit hinausschallte. -- Auf solche Art konnte sie doch keine Fische fangen. Nun war ihnen allerdings streng untersagt worden, mit den Eingeborenen, besonders mit den Frauen, zu verkehren, wenn die aber selber zu =ihnen= kamen, glaubte Legs auch keiner Verantwortung unterworfen zu sein. Jedenfalls hatten sie die Erlaubni, dort, wo sich die Dirne befand, zu fischen, und wenn er davon Gebrauch machte und das Mdchen da drauen zufllig fand, war es nicht seine Schuld. Froh auch, etwas gefunden zu haben, die langweiligen Stunden rascher zu vertreiben, griff er die weggeworfene und jetzt vollkommen nutzlose Harpune wieder auf, um die Waffe wenigstens als Beweis seiner Beschftigung bei sich zu haben, glitt dann unter seinem Baume vor und langsam in das seichte warme Wasser hinein und nahm jetzt eine solche Richtung, da er dem Mdchen da drauen, wenn sie wieder zum Ufer zurck wollte, leicht den Weg abschneiden konnte. Er glaubte nmlich, da sie nur hier herausgekommen wre, weil sie keinen der Fremden in der Nhe vermuthet htte. So wenig als mglich Gerusch machend, nherte er sich dabei langsam dem jungen Ding, das viel zu sehr da drauen beschftigt schien, um auf irgend etwas Anderes zu achten. Der Boden aber, auf dem er ging, war nicht eben. Die Corallen bildeten allerdings hier einen ziemlich festen, bei niederem Wasser etwa zwei Fu tiefen Grund; hier und da waren aber doch durch ihre Verzweigungen nicht ausgefllte Lcher geblieben. Legs watete dort hinaus, achtete aber mehr auf das Mdchen als den Grund, auf dem er hinschritt, versah eines von jenen Lchern und schlug so lang -- oder vielmehr so kurz er war, aufs Wasser. Etwas bestrzt, raffte er sich allerdings wieder gleich empor und erwartete jetzt nichts Anderes, als die erschreckte Schne dem Lande zufliehen zu sehen. Das Mdchen aber, das sich nun nach dem Gerusch umgedreht hatte, blieb lachend stehen und schien sich nicht im Geringsten zu frchten, ja, ihn sogar zu erwarten. Legs, mit einem Kernfluch ber seine eigene Ungeschicklichkeit, lie sich denn auch nicht lange nthigen und watete, nur allerdings vorsichtiger geworden, langsam auf die Schne zu, die indessen ihre wunderliche Beschftigung ruhig und unbekmmert fortsetzte. Mit der Sprache der Leute konnte der Matrose nun allerdings noch nicht zu Stande kommen; einzelne Wrter und Benennungen hatte er sich aber doch gemerkt, besonders den Gru der Insulaner, ihr herzlich klingendes und so oft gehrtes _chio do fa_, das er auch vor der Hand zur Einleitung fr ein weiteres Gesprch verwandte. _Chio do fa_, lchelte das hbsche Kind zurck, und Legs, um weitere Vocabeln verlegen, fate sich endlich ein Herz und fragte auf gut Englisch, was sie da mache. Das Mdchen, eines der hbschesten der Insel, mit weiter keiner Bekleidung als einer wunderlich geflochtenen, schmalen Matte um die Hften und einem kurzen Stck Tapa ber den Schultern, das die Bewegung ihrer Arme keineswegs beeintrchtigte, schttelte aber als Antwort nur lachend mit dem Kopf -- ein Zeichen, da sie nicht verstehe, was er sage. Legs fand jetzt, da er das Englische aufgeben und sich mehr auf Zeichen beschrnken msse. Dehalb auf das Wasser deutend und mit der Hand ihre bisherige Bewegung nachahmend, sah er sie dabei so komisch fragend an, da das junge Ding in frhlichem bermuth wieder laut aufjubelte und dabei ein paar Reihen Zhne zeigte, die ihr wie Perlen zwischen den rosigen Lippen lagen. Jedenfalls hatte sie aber verstanden, was er meinte, denn sie nickte ihm freundlich zu und sagte: _Ang-a!_ _Ang-a_ -- ja wohl, brummte Legs vor sich hin -- jetzt bin ich so klug wie vorher. Was ist _Ang-a_? _=Ang-a!=_ wiederholte aber das Mdchen lauter als vorher und wie erstaunt, da der Fremde nicht wissen solle, was _Ang-a_ sei. Trotzdem schttelte Legs noch immer bedeutend mit dem Kopf, und da sie wohl merken mute, da ihm die so deutlich gegebene Erklrung doch noch immer nicht genge, setzte sie lchelnd hinzu -- _mawquaw!_ =Das= Wort verstand Legs. Die vollen neun Tage hindurch hatten sie das jeden Morgen von dem Burschen gehrt, der ihnen das Essen brachte -- warte ein wenig! -- und als er darauf rasch und befriedigt mit dem Kopfe nickte, drehte sich die Kleine von ihm ab und schlug aufs Neue, wie vorher, das stille Wasser mit der flachen Hand. Er sah jetzt, da sie im linken Arm ein kleines Bndel mit Stcken gersteter Brotfrucht und anderen Lebensmitteln trug -- aber wozu? -- Wollte sie so lange hier drauen im Wasser stehen bleiben, da sie sich ihr Mittagsessen gleich mit herausgenommen? -- Er war dabei nher zu ihr hinan getreten, und der weiche, elastische Krper des Mdchens, so in Arms Bereich von ihm gebracht, schimmerte ihm so verfhrerisch aus der leichten Umhllung entgegen, da er allen Warnungen zum Trotz seinen Arm langsam ausstreckte und um ihre Taille legte. Die Insulanerin nahm jedoch nicht die geringste Notiz davon, und Legs war selber so erstaunt ber den gnstigen Erfolg seiner Khnheit, da er ein paar Minuten regungslos in dieser Stellung verharrte, ohne sich natrlich weiter um das zu kmmern, was auf dem Wasser vorging. _Gia-hi!_ sagte da pltzlich die braune Schne, indem sie ein Stck der Brotfrucht nahm und neben sich ins Wasser warf. Legs konnte nicht umhin, den Kopf nach jener Richtung zu drehen, denn er sah sich dort pltzlich etwas bewegen. Im nchsten Augenblicke erkannte er aber auch zu seinem Entsetzen die Finne eines gar nicht etwa so sehr kleinen Haifisches, der sich in demselben Moment etwas auf die Seite warf und mit dem geffneten, bis ber die Oberflche reichenden Rachen das Stck Brotfrucht aufschnappte und verschlang. So nahe war ihnen die Bestie gekommen, da er sie htte mit der Hand auf den Kopf schlagen knnen. _Ang-a!_ lachte das Mdchen noch einmal laut auf, indem sie dem Ungethm einen neuen Leckerbissen zuwarf. _Ang-a =hell=!_ schrie aber Legs, der im Todesschreck einen Schritt zurckprallte, denn selbst der beherzte Matrose frchtet nichts mehr auf der Welt als den Hai, seinen rgsten Feind. Das ist ein =Hai=, bei allem, was da schwimmt! Unwillkrlich drckte er sich dabei hinter das kecke, wilde Ding, das sich ein solch gefhrlich Spielzeug ausgesucht. Die Insulanerin aber, mit einem schelmischen Blick auf den Fremden, dessen Entsetzen ihr nicht entgangen war, lie das nchste Stck Brotfrucht dicht neben sich und mehr nach rckwrts fallen, so da der Fisch in seinem nchsten Sprung danach in Wirklichkeit Legs' etwas ausgebogene Extremitten streifte. Das war diesem aber auer dem Spa, denn whrend der Fisch in die Hhe schnappte, den fr ihn hingeworfenen Bissen zu ergreifen, wute Legs jetzt wirklich nicht, ob der Angriff ihm oder der Brotfrucht galt, stie einen lauten Schrei aus und that, so weit er springen konnte, einen Satz zurck. Dabei fiel er aber wieder, so lang er war, ins Wasser und schlug jetzt aus Leibeskrften mit Armen und Beinen um sich, um durch lautes Pltschern und Lrmmachen, als =einziges= Hlfsmittel, den furchtbaren Feind fern von sich zu halten. Er hrte dabei nicht das laute glockenrein klingende Lachen der jungen Dirne, sah nicht, da der Hai, durch das ungewohnte Gerusch erschreckt, schon lange wieder hinaus aus der seichten Fluth und durch irgend ein Loch der Corallenwnde in tieferes Wasser gefahren war. Nur mit jeder, von ihm selbst aufgeschlagenen Welle, whrend er sich in aller Hast dem sicheren Ufer zuarbeitete, frchtete er das gefrige Ungeheuer dicht hinter sich, das vielleicht nur auf einen gnstigen Moment wartete, ihn zu ergreifen, und wlzte sich solcher Art schreiend und mit Armen und Beinen schlagend, bis zum nchsten Landvorsprung hin. Einen solchen furchtbaren Lrm hatte er dabei gemacht, da seine Kameraden erschreckt aufsprangen und der Richtung zueilten, von der sie die Hlferufe gehrt. Nicht wenig erstaunt waren sie aber, Legs in solcher Aufregung ankommen und das Mdchen drauen im Wasser so herzlich lachen zu sehen, ohne da sie auch nur die geringste Ursache fr Eines oder das Andere erkennen konnten. Von den Eingeborenen waren indessen ebenfalls Einige durch den Lrm herbeigerufen worden. Diese erriethen brigens, wie es schien, was da drauen vorgefallen, denn sie amsirten sich unter einander vortrefflich, ohne jedoch den Weien dabei zu nahe zu kommen. Jedenfalls verhinderte sie ein strenges Verbot ihres Huptlings, sie wrden diese Gelegenheit sonst gewi nicht versumt haben, sich nach Herzenslust ber den Fremden lustig zu machen. Legs behielt deshalb auch volle Freiheit, sein Abenteuer den Kameraden nach seiner eigenen Art zu erzhlen, und demnach war er drauen beim Fischen von einem furchtbar groen Hai angegriffen und verfolgt worden und nur durch seine Geistesgegenwart der Gefahr entgangen, von dem Ungeheuer erfat und unter Wasser gezogen zu werden. Mac Kringo schttelte freilich dazu den Kopf und fragte, wie es denn kme, da der Hai nicht das Mdchen da drauen angegriffen, und warum die Dirne so entsetzlich gelacht htte. Legs jedoch meinte, die Braunfelle htten gut lachen; an die ginge ein Hai gar nicht, und da sie sich selber sicher wten, so wre es keine Kunst, sich ber einen Anderen lustig zu machen. Die Aufmerksamkeit der Matrosen sollte aber bald auf etwas Anderes gerichtet werden, denn ein Bote von Toanonga kam gegen Abend, ihnen anzuzeigen, da sie sich am nchsten Morgen bereit halten sollten, zu der Rathsversammlung der Huptlinge abgeholt zu werden. Weiteres war nun aus dem Burschen nicht heraus zu bekommen. Entweder wute er selber nicht mehr, oder durfte nicht mehr sagen. Den Seeleuten war aber bei der ganzen Sache nicht wohl zu Muthe, denn die Vorladung, wie die ganze Versammlung wurde gar so feierlich gehalten. Was wollten sie denn eigentlich noch mit ihnen? Da sie an dem Raub der Huptlingstochter unschuldig waren, wute der alte Toanonga so gut wie sie selber, und konnte man sie also deshalb noch bestrafen? -- Wenn man sie also nicht bestrafen wollte, wozu dann eine Rathsversammlung halten? Jonas schlug jetzt vor, da sie suchen sollten, sich in der Nacht eines Canoes zu bemchtigen und damit aufs Gerathewohl in See zu gehen. Inseln lgen doch noch mehrere dort herum, und eine oder die andere wrden sie schon finden, wenn sie nicht gar unterwegs ein Schiff antrfen, das sie aufnehmen knnte. Das war aber ein verzweifelter Plan; denn erstens wuten sie, da sie streng bewacht wurden, dann hatten sie gar keine Waffen, um sich, wenn angegriffen, zu vertheidigen, und ohne Provision und Instrumente in See zu gehen, wo ihnen der nchste Sturm auerdem verderblich werden mute, wre mehr als Tollkhnheit, es wre einfach Wahnsinn gewesen. Mac Kringo, der berhaupt als Dolmetscher ein gewisses Ansehen bei den Kameraden gewonnen hatte, stimmte gleich dagegen und erklrte, da =er= auf keinen Fall sich bei einem solchen verzweifelten Unternehmen betheiligen wrde. Htten sie jetzt die ganze lange Zeit nutzlos verstreichen lassen, so bliebe ihnen nun auch weiter nichts brig, als das Letzte abzuwarten, und da sie nichts dabei fr ihr Leben zu frchten htten, glaube er ihnen mit Bestimmtheit versichern zu knnen. Die Eingeborenen seien viel zu gutmthig, ihnen mit vorbedachter Grausamkeit etwas zu Leide zu thun, und seiner Meinung nach wre die ganze Geschichte weiter nichts, als eine Idee des alten Toanonga, der sich, den Europern gegenber, gern ein wenig wichtig machen wolle. Das Ganze wrde darauf hinaus laufen, da man ihnen vorhalte, wie gut und gromthig die Bewohner von Tonga, und wie schlecht die Papalangis seien, und zuletzt wrde man sie auf der Insel ruhig gewhren lassen, zu treiben was ihnen gerade beliebe. Ob er nun das Richtige getroffen oder nicht, blieb sich gleich; darin hatte er jedenfalls Recht, da ein Fluchtversuch jetzt im letzten Augenblick Wahnsinn gewesen wre, und die Bootsmannschaft entschlo sich denn auch endlich, das Resultat, wie es auch ausfallen mge, geduldig abzuwarten. 4. Der nchste Morgen kam, und die Leute versuchten, soweit ihnen das irgend mglich war, =Toilette= zu machen. Damit sah es aber entsetzlich windig aus, denn bei ihrer Flucht von Bord hatten sie nur das Nothwendigste mitnehmen knnen, und bei dem Sinken des Bootes auch selbst das noch verloren. Nur Mac Kringo und Legs besaen Hte, nur Spund und Jonas Jacken, und ihre Schuhe waren von dem scharfen Corallenboden, auf dem sie =ohne= Schuhe gar nicht gehen konnten, schon so mitgenommen worden, da sie kaum noch zusammen hielten. Die einzige Verbesserung, die sie mit sich vornehmen konnten, war die, da sie ihre Hemden auswuschen, um wenigstens mit reiner Wsche vor den Huptlingen zu erscheinen, und was eine Kopfbedeckung betraf, so hatten die, welche mit einer solchen nicht mehr versehen waren, darin die Mode der Eingeborenen nachgeahmt und sich eine Art Kopfschutz aus den Blttern der Cocospalme gefertigt, der die Augen wenigstens gegen das blendende Sonnenlicht schirmte. Nur Pfeife, einer gewissen Phantasie dabei folgend, war daran gegangen, einen wirklichen Hut zu flechten -- was die Matrosen meist verstehen und sich oft ihre Strohhte selber machen. Das Cocosblatt zeigte sich aber nicht geschmeidig genug dazu, und wenn er auch wirklich eine Art Hut zusammen brachte, so hatte derselbe doch eine so wunderliche Form bekommen, da selbst Lemon lachte, als er ihn zum ersten Male sah. Die ersten Morgenstunden vergingen brigens, ohne da sie zu der erwarteten Zusammenkunft wren abgerufen worden. Nur ihr Frhstck erhielten sie wie gewhnlich, dann war Alles still -- nicht einmal ein Fischer-Canoe sahen sie in dem Binnenwasser der Riffe, so hatte die heute gehaltene Rathsversammlung das Interesse der Insulaner in Anspruch genommen. Endlich kam der, eines Theils gefrchtete, andern Theils aber auch wieder sehnlichst erwartete Bote; denn selbst die schlimmste Wirklichkeit kann in manchen Fllen oft weniger peinlich sein, als diese ewig zgernde Ungewiheit, in der sich des Menschen Herz in solchem Falle verzehrt. Ein junger Bursch, der auf der Insel Constabel-Dienste versah, sich sonst aber in nichts von den brigen auszeichnete, als wo mglich noch fauler als der Rest zu sein, kam endlich und meldete den Papalangis, da Toanonga und die Versammlung der Egis sie erwarte. Mac Kringo theilte den brigen die Botschaft mit, und Lemon brummte halblaut vor sich hin: Die Egis sollen verdammt sein! Das nahm der Botschafter aber entsetzlich bel; denn wenn er auch kein Englisch verstand, hatten die Eingeborenen jenes Wort verdammt doch so oft von dort landenden Fremden gehrt, um zu wissen, da es etwas sehr Bses und Hliches bedeute. Er hielt deshalb auch dem kleinen sauertpfischen Burschen eine lange und heftige Strafpredigt, die dieser jedoch mit weiter nichts als einem noch viel mrrischeren Geh zum Teufel erwiderte. Mac Kringo gab sich freilich alle Mhe, den Frieden wieder herzustellen und den Eingeborenen zu besnftigen, indem er ihn zu berzeugen suchte, da er den Papalangi ganz falsch verstanden habe. Der Bursche wute aber recht gut, was er selber gehrt hatte, und der Zug setzte sich endlich, von ihm angefhrt, langsam in Bewegung. Hrt einmal, Kameraden, sagte da Mac Kringo als sie schon unterwegs waren, indem er sich gegen die kleine Schaar wandte, ich habe euch schon versichert, da ich nicht glaube, wir htten irgend etwas von dem rothen Gesindel zu frchten. Sollten sie uns aber =doch= zu Leib wollen, und es ist immer gut, auch auf das Schlimmste vorbereitet zu sein, dann wollen wir uns auch nicht wie die Schafe zur Schlachtbank fhren lassen, sondern lieber wie englische Matrosen sterben und noch so vielen der rothen Brotfruchtfresser, wie mglich, die Schdel einschlagen. Seid ihr damit einverstanden? Gewi, rief Pfeife fr die brigen; irgend etwas wird man ja dort schon finden, womit man zuschlagen kann, und wenn das =nicht= wre, so hat jeder seine Fuste und sein Messer bei der Hand, die lumpigen Schufte nach Herzenslust zu bearbeiten. Gut, sagte Mac Kringo. In dem Falle liegt unsere einzige Aussicht auf Erfolg aber nur darin, da wir uns nicht =trennen= lassen, sondern fest zusammen halten. Sechs handfeste Burschen wie wir knnen es dann auch schon mit einem Schock solchen weichlichen Gesindels aufnehmen, und im schlimmsten Falle arbeiten wir uns zu einem Canoe durch, plndern einen Brotfruchtbaum und ein paar Cocospalmen und gehen in See. Das sind schne Aussichten! seufzte Spund, und bedenkt nur dabei, da wir sie durch Widersetzlichkeit immer noch erbitterter machen! Wenn =du= dich willst fressen lassen, kreischte Pfeife, so hat natrlich Niemand was dawider. Ich danke aber dafr, und wenn sie uns wirklich einmal zu Leib wollen, so liegt nachher verwnscht wenig daran, ob wir sie dabei in guter oder bser Laune behalten. Pst -- da sind sie! flsterte aber in diesem Augenblicke Mac Kringo, der durch die Bsche hin die hellen buntfarbigen Kleider der Eingeborenen schon erkannt hatte. Jetzt haltet euch ruhig, und im Nothfalle fest zusammen. Unsere Messer haben wir doch wenigstens alle im Grtel, und was sie auch vorhaben, sie sollen uns wenigstens nicht unvorbereitet finden. Weiteres Gesprch war jetzt auch unmglich geworden, denn wie sie den nchsten Busch umschritten, sahen sie sich pltzlich der ganzen Versammlung gegenber, die sie sich allerdings nicht so zahlreich gedacht. Die Einwohnerschaft der ganzen Insel schien aber hier versammelt und der groe weite Raum vor Toanonga's Htte, in dem die Egis den Mittelpunkt bildeten, schwrmte ordentlich von braunen lebendigen Gestalten beiderlei Geschlechts. Inmitten des Platzes stand ein riesiger Tamarindenbaum, um den herum neun hochstmmige Cocospalmen angepflanzt schienen. Dadurch erhielten sie dem Platz den Schatten, die Sonne mochte stehen, wo sie wollte[25], und konnten ihre Versammlungen zu jeder beliebigen Tageszeit halten. Dort waren feine Matten ausgebreitet, welche die Bewohner aller der Sdsee-Inseln so trefflich zu flechten verstehen, und die Egis von Monui bildeten, mit Toanonga in der Reihe sitzend, einen vollkommenen Kreis. In demselben nahmen die verschiedenen Huptlinge ihre Pltze ein, aber keineswegs nach Gutdnken, sondern sie waren ihnen vorher von dem Ceremonienmeister angewiesen worden. Toanonga behauptete den Ehrenplatz und sa, den Rcken seinem Hause zugedreht, mit dem Gesicht der reizenden Bai zugewandt, die hier durch rechts und links auslaufende Landzungen gebildet wurde. Zu beiden Seiten dann von ihm ab kamen ihm zunchst die Angesehendsten und vom edelsten Blut, bis sich mit den geringeren Huptlingen der Kreis ihm gegenber wieder schlo. Um die Egis aber her, und zwar so gedrngt, da sie fast deren Rcken berhrten, saen[26] die brigen Eingeborenen, Mnner und Frauen, bunt durch einander, und wer dem Kreise nicht so nahe kommen konnte, zu hren was da verhandelt wurde, lie es sich wenigstens von den nher Sitzenden mittheilen. Auerhalb dieses fast dicht geschlossenen Kreises hatten die Kinder ihren Tummelplatz gewhlt, sich haschend und berschlagend, und mit den nackten Fen auf dem scharfen Corallensande allerlei wilde Lust treibend. Die Berathung war indessen nicht gleich von Anfang an so ffentlich -- wenn auch im Freien -- verhandelt worden. Bis die Egis unter sich einig geworden, hatte man das Volk in ehrerbietiger Ferne gehalten, und erst als die Hauptsache vorber war, lie man die Neugierigen hinzu. Wollte jedoch der alte Toanonga die Galerieen wieder gerumt haben, so brauchte er nur ein Zeichen zu geben, und Keiner htte daran gedacht, sich dem Befehle zu widersetzen. Jetzt brigens, da die gefangenen Fremden in Sicht kamen, wurde eine andere Ordnung nthig, um sie wrdig zu empfangen, und einer der als Constabel agirenden Burschen schrie deshalb den Zuhrern zu, Raum zu geben. Diese muten auch schon wissen, um was es sich handle, denn sie wichen nach rechts und links zurck, die Fronte gegen die Bai offen lassend, whrend die mit dem Rcken nach dem Wasser zu sitzenden Huptlinge ebenfalls aufstanden. Geschftige Hnde ergriffen dabei rasch ihre Matten, und trugen sie hinter Toanonga und die ihm zunchst sitzenden Huptlinge, wo sie mit ihnen eine zweite Reihe bildeten. Dadurch war der Raum vor dem alten Huptling frei geworden, an beiden Seiten aber kauerte die Einwohnerschaft von Monui. Mate, sagte da Legs, indem er seinen Hosenbund etwas hher ber die Hften heraufzog und aus alter Gewohnheit -- denn Tabak hatte schon lange Keiner von ihnen mehr -- auf die Erde spuckte -- die Geschichte wird feierlich -- was sagest =du= dazu. Mein Leben lang will ich keine Schiffsplanke betreten, murmelte Pfeife zwischen den Zhnen durch, wenn ich nicht wnsche, da ich hier fort wre. Da stehen ein paar Hundert breitschulterige Kerle herum, mit den Waffen vielleicht hinter den nchsten Bschen versteckt, was sollen wir Sechs gegen die ausrichten? Bah, =so= viel fr die ganze Band', brummte der, fast um einen Kopf kleinere Matrose. Meinen Hals setz' ich zum Pfand, da die Kerle nicht einmal die Courage haben, uns etwas am Zeuge zu flicken. Ja, wenn wir Einer oder Zwei wren, aber einer ganzen Bootsmannschaft -- wenn auch unserem Harpunier und Bootsteuerer der Hals voll Wasser gelaufen ist -- kommen sie schon nicht zu nah. Du, der Alte fngt an, flsterte da Pfeife, indem er den Kameraden in die Seite stie, jetzt bin ich neugierig. Toanonga hatte indessen -- die Hnde in voller Ruhe auf seinem Bauch gefaltet -- die ankommenden Papalangis Einen nach dem Andern aufmerksam gemustert. Als sie aber auf Anordnung eines der Leute vor ihm niedergesessen oder vielmehr gekauert waren, und sich halb schchtern im Gefhl der sie umgebenden Menschenmenge, halb wieder trotzig und im schlimmsten Falle zum uersten entschlossen, im Kreise umsahen, nickte er ihnen mit seinem gutmthigen Lcheln zu und sagte: _Chio do fa, Papalangis -- chio do fa!_ 5. Die Leute, die aus dem freundlichen Gesicht des Alten neuen Muth schpften, erwiderten den Gru rasch, und dieser fuhr, den Kopf dabei langsam auf und ab neigend, einer in Bewegung gesetzten Pagoge nicht ganz unhnlich, fort: Ich habe euch rufen lassen, Freunde, um mit euch ein ernstes Wort ber euch und eure Zukunft zu sprechen. Du da vorn, wie heiest du gleich? -- verstehst ja wohl unsere Sprache genug, den Anderen wieder zu erzhlen, was ich dir gesagt habe? Mac Kringo heie ich, erwiderte der also angeredete Schotte, indem er den Kopf etwas neigte. Rede nur, Toanonga; ich verstehe Alles, und es soll kein Wort davon verloren gehen. Gut, Freund -- desto besser. So passe wohl auf, denn es kommt fr euch viel darauf an, da du auch eben recht verstehest. Du weit, unter welchen Umstnden wir euch auf diese Insel zurckbekommen haben. Es war nicht unser Wunsch, und wir htten euch lieber in eurem groen Canoe fortsegeln sehen. Du weit auch, da ihr oder euer Capitain -- das bleibt sich gleich, denn ihr gehrtet zusammen und standet einander bei -- mir hier, der ich euch alle freundlich aufgenommen, ein groes Leid anthun wolltet. Das war eure Dankbarkeit, ich will euch das aber nicht so bel nehmen, denn ihr Papalangis wit es vielleicht nicht besser, und wenn ihr erst einmal eine Zeit lang zwischen uns gelebt habt, werdet ihr schon gescheidtere und bessere Menschen werden. Trotzdem nun hat der wackere und tapfere _Tai manavachi_, whrend er eurem bsen Capitain mitten im Sturm seine Braut wieder abnahm, euch, seine Feinde, die ihr verunglckt waret, aus dem Meer gerettet und ans Land gebracht, und euch auch weiter nicht das geringste Leid zugefgt. Er hatte eurem Capitain versprochen, euch ungestraft ziehen zu lassen, wenn er Hua, die damals noch in eurem Canoe war, kein Leid zufgen wollte, und da euer Capitain sie darauf frei lie, glaubte er auch an euch sein Wort halten zu mssen. -- _Tai manavachi_ ist ein groer und edler Huptling, und sein gegebenes Wort war heilig. Die Hotuas hatten es gehrt, und er wute, da er es nicht brechen durfte. So -- sag' jetzt deinen Freunden erst einmal, was ich mit dir gesprochen. Mac folgte dem Befehl und bersetzte den brigen die kurze und einfache Rede. Die Matrosen hrten ihm aufmerksam zu, bis ihn Legs endlich unterbrach und ausrief: Schon gut, schon gut, das ist eine alte Geschichte, und das Meiste davon wissen wir schon. Er soll uns ein frisches Garn spinnen. Hol' der Bse die Saalbadereien! Nur Geduld, Mate! rief aber auch Jonas; wenn einer ein Schiff vom Stapel lassen will, mu er erst sehen, ob Alles dicht und in Ordnung ist. Er hat jetzt die Geschichte kalfatert und Masten eingesetzt und Takelwerk angeschlagen. Pa einmal auf, jetzt wird er die Segel setzen und 14 Knoten die Stunde gehen. Haben sie Alles verstanden, fragte Toanonga. Alles, sagte der Schotte, der klug genug war, den Alten so viel als mglich bei guter Laune zu erhalten, und sie bitten dich fortzufahren. Schn, erwiderte der alte Huptling, zufrieden dabei mit dem Kopfe nickend: Ich mu dir nun sagen, da ich im Anfang gar keine Lust hatte, euch hier auf der Insel zu behalten. Ihr waret Kriegsgefangene von _Tai manavachi_ und ich wollte, er sollte euch mit hinber nach Tonga nehmen. _Tai manavachi_ hat aber ein groes Herz. Er sagte, da seine jungen Leute sehr zornig auf euch wren, und er nicht wisse, ob er dann sein Wort halten knne: euch kein Leid zuzufgen. berdies knnte er euch auch nicht gebrauchen und wolle nichts mehr mit euch zu thun haben. Sehr freundlich von _Tai manavachi_, dachte Mac Kringo, erwiderte aber laut kein Wort und verzog keine Miene, und der Alte fuhr nach kurzer Pause fort: Da ihm aber nach unseren Gesetzen nun das Recht ber euch zusteht, so haben wir, die Egis des Landes, uns die Sache berlegt, euch ihm abgekauft und beschlossen, euch hier auf Monui zu behalten. =Abgekauft?= rief Mac Kringo erstaunt. Ja, Freund, sagte der Alte, ganz unbefangen und freundlich dabei lchelnd, =abgekauft=. Nicht etwa, denn ich wte nicht, was ich mit euch anfangen sollte, sondern die Egis, und zu welchem Zwecke, will ich dir gleich auseinandersetzen, wenn du den brigen erst meine Worte erklrt hast. Mac Kringo that das diesmal schnell genug, denn die Nachricht hatte ihn selber berrascht, Legs aber rief lachend aus: Da htte ich den Alten fr gescheidter gehalten. Wer =uns= kauft, ist bs angefhrt, denn ich will verdammt sein, wenn ich selbst mein =eigener Herr= sein mchte. Und was wollen sie da mit uns machen? fragte Spund erschreckt; da sollen wir wohl =arbeiten=? Bah! lachte Jonas; die Arbeit, die =die= faulen Burschen hier zu verrichten haben, knnte man recht gut vor dem Frhstck fertig bringen, ehe der Kaffee kalt wird; -- Lumpenvolk das, einen weien Christenmenschen zu =kaufen=! Aber so viel wei ich, da ich mich schon dumm genug anstellen werde. Und dazu brauchst du dich auch gar nicht zu verstellen, brummte Lemon. So viel ist aber sicher, und Legs hat Recht, ich htte die Rothhute auch fr gescheidter gehalten, als da sie Kerle wie Spund und Pfeife kauften. Na, sei du nur -- Ruhig! unterbrach aber Mac Kringo die Kameraden; ist das jetzt eine Zeit zum Necken? Hrt erst, was der Alte weiter zu sagen hat, nachher knnen wir darber reden. =Was= sagen sie? fragte Toanonga. Sie lassen dich nur bitten, fortzufahren, erwiderte Mac Kringo. Gut, sehr gut, nickte der Alte wieder, whrend jetzt besonders die Frauen unter den Zuhrern sich vordrngten, als ob sie kein Wort von dem verlieren wollten, was da verhandelt wrde. Die Egis haben euch also, wie ich dir schon vorher erzhlt, gekauft, und eigentlich blieb ihm nichts Anderes brig; denn was sollten wir mit euch machen? ihr habt keinen Tabak, keine Glasperlen, keine Beile, kein Zeug, fr das wir euch zu einer weiten Seefahrt ausrsten knnten, und ihr werdet doch wohl einsehen, da wir euch das nicht auch noch obendrein schenken knnen, weil ihr eines Egi Tochter habt entfhren wollen und dabei verunglckt seid. Aber wir knnen uns vielleicht selber ein Boot bauen oder ein Canoe aushauen, unterbrach ihn jetzt Mac Kringo, dem der Gedanke nicht recht behagen wollte, den rothen Gesellen kuflich berlassen zu sein. Womit? fragte ihn aber ganz trocken der Alte. Habt ihr selber Beile? Habt ihr Segel und Ruder? Habt ihr Proviant? Nein, Freund; wir haben schon Schaden genug durch euch gelitten und wollen jetzt auch einigen Nutzen aus euch ziehen. Aber was sollen wir thun? fragte der Schotte ungeduldig. Das wirst du gleich hren, lautete die ruhige Antwort des Alten. Die Egis haben euch allerdings gekauft, aber mit Gtern, die dem Lande selber gehren, deshalb knnen sie auch nicht und wollen sie nicht eure Dienste fr =sich= in Anspruch nehmen. Krieg haben wir jetzt nicht; wir leben mit allen benachbarten Inseln in Frieden, und _Tai manavachi_ ist unser mchtiger Bundesgenosse geworden. Wre das nicht der Fall, so wrden wir euch vielleicht in unseren Canoes verwenden knnen, deren Behandlung ihr bald lernen wrdet. berhaupt seid ihr Weien entsetzlich unwissende Menschen, fr die es ein groes Glck ist, da sie nach unserer Insel gekommen sind -- ihr knnt nicht einmal Fische fangen. Doch das alles werdet ihr wohl nach und nach begreifen, wenn ihr erst einmal selber fr euch und die Euren sorgen mt. Wenn wir das aber alles nicht knnen und verstehen, brummte Mac Kringo, was wollt ihr denn mit uns machen? Du bist entsetzlich ungeduldig, sagte Toanonga, ich war ja eben im Begriff, dir das zu erklren. Vor allen Dingen wollte ich dir nur erst begreiflich machen, da wir uns den Kopf zerbrochen haben, euch eine ordentliche Stellung hier anzuweisen, und ich selber habe da endlich einen Vorschlag gemacht, dem die anderen Egis nach reiflicher berlegung beigepflichtet sind. Unser Entschlu deshalb ist der folgende: Auf Monui leben, seit unsrem letzten Krieg im vorigen Jahre, einige Frauen ohne Mnner. Diese haben also auch niemanden mehr, der fr sie sorgt, und muten deshalb von den Egis oder vielmehr von dem Lande selber erhalten werden. Unter unsern Einwohnern hat sich aber bis jetzt noch niemand gefunden, der sie wieder heirathen wollte; der Mnner sind auch durch die vielen Kriege weniger geworden, und diese Frauen begannen fr uns eine Last zu werden. Mac Kringo hatte die Einleitung in immer wachsendem Staunen zugehrt, denn er begriff gar nicht, was ihre Verhltnisse mit dem der Wittwen auf Monui zu thun haben knnten. Eben so wute er recht gut, da in diesem gesegneten Lande niemand dem Andern zur Last sein =konnte=, denn wo die Leute eben so gengsam von Brotfrucht und Wasser oder Cocosnssen lebten und von allem diesem brig genug fr smmtliche Bewohner war, konnte auch von keinem Nahrungsmangel die Rede sein. Er schttelte deshalb unglubig mit dem Kopf und sagte: Hatten sie denn keine Brotfrucht, die sie essen, keine Fische, die sie fangen konnten? Du verstehst mich nicht, erwiderte ruhig Toanonga. Zu essen haben sie allerdings genug, Dank den Hotuas[27], die unsere Inseln mit Allem reichlich gesegnet haben. Frauen verlangen aber nicht blo zu essen, sie mssen auch einen Beschtzer haben, denn sie frchten sich, allein in ihren Htten zu wohnen. Wir haben ihnen deshalb bis jetzt ein groes Haus eingerumt, in dem sie zusammen leben konnten, aber sie wollten sich dort nicht mit einander vertragen. Sie haben sich gezankt und Streitigkeiten unter einander angefangen, die dann von den Egis wieder geschlichtet werden muten, und es ist kein Friede zwischen ihnen geworden. Segne meine Seele, knurrte Lemon, das ist ein langer Palaver, und mir schlafen die Beine schon ein. Was sagt er, Lord Douglas? Pst -- warte nur noch einen Augenblick, beschwichtigte ihn der Schotte, der zu begreifen begann, was man von ihnen verlange, und ein heimliches Lachen kaum unterdrcken konnte. Damit das anders werde, fuhr Toanonga langsam und bedchtig fort, haben wir =euch= ausersehen, und eurem Schutz sollen diese Frauen bergeben werden. Mac Kringo glaubte noch immer, der Alte wollte sich einen Spa mit ihnen machen; dazu aber sah er doch viel zu ernsthaft aus, und er fragte jetzt, immer noch seinen Ohren nicht recht trauend -- =Wir?= Ja, =Ihr=, erwiderte Toanonga, gravittisch mit dem Kopfe nickend. =Ihr= sollt sie =heirathen=, dann zieht ihr Jeder wieder in ein besonderes Haus, und der ewige Scandal hrt einmal auf. Es ziemt sich auch nicht, da die Frauen die Felder bestellen, _gumala_ und _ufi_[28] darin zu ziehen. Das ist des Mannes Sache, und ihr werdet das fortan bernehmen. Du weit jetzt unseren Willen und wirst ihn deinen Freunden mittheilen. Hast du mich verstanden? Gewi, rief Mac Kringo rasch, und mute an sich halten, da er nicht gerade hinaus lachte, denn die Sache kam ihm doch zu komisch vor. Was will er? fragte aber jetzt auch Spund, der sich vor Neugierde kaum lassen konnte. Nun, Messmates, redete da Mac Kringo die Kameraden an, indem er sich gegen sie wandte und so ernsthaft wie nur irgend mglich dabei auszusehen versuchte, jetzt =ist= die Bombe endlich geplatzt, und so viel kann ich euch vor der Hand sagen: gehngt werden wir =nicht=. Aber was ist's? -- was will das alte dicke Rothfell? -- wozu haben sie uns gekauft? fragten die brigen durch einander. Ja, es ist freilich was Erschreckliches, schmunzelte Mac Kringo, indem er die ziemlich abgerissene Schaar vor sich berblickte, und wenn man euch hier nach einander ansieht, sollte man eigentlich kaum glauben, da ihr recht dazu passen wrdet. Na, zum Teufel, Lord Douglas, rief jetzt aber auch Jonas, den bei der langen Vorbereitung schon ganz unheimlich zu Muthe wurde -- so schie einmal los! Was sollen wir denn thun? Wir sollen =heirathen=, antwortete Mac Kringo mit einem so ernsthaften Gesicht, als ihm das irgend mglich war; die fnf Seelen brachen aber in ein schallendes Gelchter aus, das, merkwrdiger Weise, auch die als Zuschauer umherkauernden Indianer anstecken mute. Was sich wenigstens an jungen Mnnern dort hinzugedrngt, stimmte pltzlich aus vollem Herzen in das Lachen mit ein, und die bis zu diesem Augenblicke noch so ernste Rathsversammlung schien in diesem Ausbruch unerwarteter Frhlichkeit ihren ganzen Respect zu verlieren. Da hob Toanonga den Arm empor, und whrend die Insulaner augenblicklich schwiegen, fhlten selbst die Seeleute, da sie den alten Huptling, in dessen Gewalt sie sich doch nun einmal befanden, nicht rgerlich machen durften. Hast du deinen Freunden gesagt, was ich dir mitgetheilt? fragte der Alte -- und weshalb lachen sie? Sie freuen sich, da du so gndig mit ihnen verfahren willst, erwiderte Mac Kringo, rasch gefat. Es gefllt ihnen hier auf der Insel, und sie wollen gern bei euch bleiben. Die Hauptsache freilich, da du uns jetzt die Frauen zeigest, die wir nehmen sollen, damit wir unsere Wahl treffen. Es ist gut -- das hat noch Zeit, erwiderte der Huptling. Vor allen Dingen mchte ich erfahren, wer ihr eigentlich selber seid. =Wir?= sagte Mac Kringo erstaunt -- nun, Seeleute. Ja -- das wei ich, erwiderte Toanonga, denn ihr seid alle auf dem groen Canoe gekommen. Aber ich wei auch, da ihr auf euren Canoes verschiedene Beschftigungen habt. Euer Capitain hat mir erzhlt, da es Unterhuptlinge darauf gibt, dann aber auch Leute, die das Holz bearbeiten und Boote machen, solche, die groe Fsser arbeiten, solche, die Eisen hmmern, solche, die mit Tauen und Segeln umzugehen wissen, und so weiter; Was seid =ihr= also? Was bist =du= gewesen? =Ich?= erwiderte Mac Kringo, der recht gut einsah, da er sich hier in den Augen der Eingeborenen, ohne da seine Kameraden das Geringste davon zu erfahren brauchten, einen hheren Rang und dadurch mehr Ansehen geben konnte. =Ich= war ein Unterhuptling. Das habe ich mir gedacht, sagte Toanonga, und die Anderen? Hm, brummte der Schotte, das mgen sie dir lieber selber sagen, und sich dann zu den Kameraden wendend, bersetzte er ihnen rasch, da der Alte ihren Stand am Bord zu wissen wnsche. Nun, ich bin Bttcher! rief Spund. Allerdings, nickte Mac Kringo -- der hier, Toanonga, ist der Mann, der die groen Fsser macht. Gut -- sehr gut! rief der Huptling, er mag deren hier fr uns machen, Cocosnul hinein zu thun -- und weiter? Du, Jonas, hast dem Zimmermann ja manchmal geholfen, redete diesen der Schotte an. Soll ich dich als Zimmermann auffhren? die Rothhute haben nachher mehr Respect. Meinetwegen, antwortete Jonas, viel zu zimmern werde ich hier doch nicht bekommen. Und dies, Toanonga, sagte der Schotte, ist der Mann, der das Holz behaut. Sehr gut! La die Zwei bei Seite sitzen. Nun, Lemon, wandte sich der Schotte jetzt an diesen, soll ich dich als Schmied vorstellen? Schmied, brummte der Matrose, ich habe in meinem Leben keinen Hammer in der Hand gehabt. Was thut das, lachte Mac Kringo, du wirst auch hier weder Hammer noch Ambo finden, um dadurch in Verlegenheit zu kommen. Dann meinetwegen, sagte Lemon, so lange sie kein Handwerkszeug haben, will ich wohl ihr Schmied sein, wenn sie dann nur Frieden geben. Toanonga wurde jetzt also auch mit dieser neuen Eigenschaft bekannt gemacht, schien sich aber ber eine solche Entdeckung noch mehr zu freuen, als ber die anderen Handwerker. Er machte sogar Miene, von seinem Sitze aufzustehen, besann sich aber doch noch in Zeiten, da sich das nicht recht fr ihn schicken wrde. Dem also entdeckten Schmiede winkte er jedoch sehr gndig mit der Hand und befahl ihm, als besondere Auszeichnung, da er an seine Seite kme. Lemon wute nicht recht, was er aus der ganzen Sache machen solle, und schnitt ein bitterbses Gesicht, folgte aber nichts desto weniger dem Befehle. Fast alle Matrosen sind halbe Segelmacher, und Pfeife wurde deshalb von dem Schotten als solcher vorgestellt. Jetzt blieb also nur noch Legs fr ein selbst zu erwhlendes Metier, und da die Leute gemerkt hatten, da ihnen das mehr Ansehen gab, wollte natrlich Keiner mehr gemeiner Matrose sein. Hol's der Henker, sagte Legs, wenn ihr Alles weggenommen habt, bleibt nichts weiter fr mich brig, wie Koch. Stell mich dem alten runzeligen Rothfell deshalb als Koch vor, Lord Douglas. Das geschah; diese Entdeckung schien aber die beabsichtigte Wirkung nicht hervorzubringen; denn Toanonga sah den kleinen Burschen mit einem halb mitleidigen, halb geringschtzigen Blicke an und wiederholte mehrmals das ihm von Mac Kringo genannte Geschft des Mannes: _Tangata fe-umu, Tangata fe-umu_, wobei er den dicken Kopf von einer Schulter auf die andere warf. Na? steht das dem Alten nicht an, fragte Legs, etwas bestrzt ber diese augenscheinlichen Beweise des Mifallens -- was schneidet er denn fr Gesichter? La nur gehen, Legs, beschwichtigte ihn aber der Schotte, ob es ihm recht ist oder nicht, bleibt sich gleich. Er wei nun alles, was er wissen will, und jetzt, denke ich, werden uns die Frauen vorgefhrt werden. =Ich= wei, wen ich nehme, schmunzelte da Legs, der an das wunderschne Mdchen dachte, das er drauen im Wasser gefunden. Nachher kann ich's hier schon eine Weile auf der Insel aushalten. Wenn wir nur Tabak htten! Sprich mir nur nicht von Tabak, brummte Spund, ich bin froh, wenn ich ihn einmal einen Augenblick vergessen habe. Wie ich das Wort nur nennen hre, luft mir das Wasser schon im Maul zusammen. Hallo, da kommen die Frauen! rief Legs, der indessen berall umher geschaut hatte, das Mdchen von gestern unter der Schaar heraus zu finden, sie aber bis dahin noch nicht entdecken konnte, na, nu wird's losgehen. 6. Legs hatte ganz recht gesehen. Unter den Frauen entstand in diesem Augenblicke eine auffallend lebhafte Bewegung, und whrend bis dahin die Mnner hauptschlich den innern Ring der Zuschauer gebildet hatten, drngte sich jetzt der weibliche Theil der Bevlkerung vor, um an der Verhandlung und ihrem weiteren Verfolge vielleicht thtigen Antheil zu nehmen. Jedenfalls geschah dieses auf ein Zeichen, vielleicht auf einen Befehl Toanonga's, der indessen seine Augen aufmerksam im Kreise umhergehen lie und die ihm nher drngenden Frauen zu mustern schien. War das wirklich der Fall gewesen, so kam er damit bald zu einem Resultate; denn er sah nach wenigen Minuten schon wieder still und nachdenkend vor sich nieder, nur dann und wann nach den Egis hinberhorchend, die indessen eine desto lebhaftere Debatte fhrten. Sie sprachen aber so rasch, da Mac Kringo nur einzelne Worte davon verstehen konnte. Der alte How oder Knig schien jedoch mit allem, was sie sagten, einverstanden; nur einmal protestirte er, und die Sache mute den neben ihm sitzenden Lemon betreffen, auf den er wiederholt deutete. Lemon merkte ebenfalls etwas hnliches, und der mrrische Blick, mit dem er den Alten betrachtete, hatte etwas unendlich Komisches. Toanonga nahm aber weiter nicht die geringste Notiz von ihm, und die brigen Egis schienen sich endlich seiner ausgesprochenen Meinung zu fgen. Ma Kino, sagte da pltzlich der Alte, indem er sich an den Schotten wandte, ich und die Egis sind darber einig geworden, wie sie euch versorgen wollen, und ich will dich kurz mit ihrem Entschlu bekannt machen, welche Frauen euch zugetheilt werden sollen. Zugetheilt? fragte der Schotte rasch, das ist in unserem Lande nicht Sitte und meine Kameraden sind vllig damit einverstanden, da wir uns lieber die, welche uns am besten gefallen, aussuchen wollen. Das glaube ich euch recht gern, sagte der alte Toanonga gutmthig, whrend die zunchst sitzenden Frauen unter einander kicherten und flsterten. Wenn aber hier berhaupt eine =Wahl= Statt finden sollte, so wren es unsere =Frauen=, die dazu ein Recht htten. Von =euch= kann gar keine Rede sein. Da die Frauen aber in Geschftssachen sehr kurzsichtig sind, und die Mnner fr sie denken mssen, so haben die Egis das bernommen, und du wirst jetzt hren, was wir darber beschlossen. Aber meine Kameraden werden damit nicht einverstanden sein, warf Mac Kringo ein. Bah -- ich habe dich fr einen vernnftigen Papalangi gehalten, sagte kopfschttelnd der Alte. Was wollt ihr denn thun? -- haben wir euch nicht gekauft? -- Knnten wir euch nicht die Schdel einschlagen, wenn wir sonst Lust dazu htten, und habt ihr das etwa nicht auch verdient? -- Wer kmmerte sich hier um euch, wenn wir euch in ein durchlchertes Canoe setzten und euch hinaus in die Bai ziehen lieen, dort nach Gefallen zu sinken oder zu schwimmen, he? also sprich nicht solch dummes Zeug und sei gescheidt. Wenn =ihr= etwas an der Sache ndern knntet, so htten wir euch um Rath gefragt. Da das nicht der Fall war, so habt ihr fr jetzt weiter nichts zu thun als zu gehorchen. Der Alte sprach diese Worte mit seiner gewohnten, gutmthigen Freundlichkeit, aber doch auch mit so viel Entschiedenheit im Ton, da Mac Kringo bald merkte, wie sie mit ihm und den Eingeborenen berhaupt standen. Die Schaar der Insulaner war sich, den unbewaffneten Weien gegenber, ihres bergewichts wohl bewut, und an Widersetzlichkeit von ihrer Seite war in der That nicht zu denken. Klug genug also, die nicht fr den Augenblick zu reizen, die einmal die Gewalt in Hnden hatten, beschlo Mac Kringo, sich vor der Hand allem zu fgen, was sie ber ihn und die Kameraden verhngen wrden. Mit der Zeit kam dann auch Rath, und sie fanden vielleicht Mittel und Wege, sich einer ihnen lstig werdenden Gefangenschaft zu entziehen. Toanonga kmmerte sich indessen wenig um das, was sein Dolmetscher etwa denken oder beabsichtigen mochte. Er hatte ihn mit dem Willen der Egis, der vor allen Dingen auch der seinige war, bekannt gemacht, und da der durchgefhrt werden mute, verstand sich von selbst. Ma Kino, begann er deshalb nach kurzer Pause, denn das Wort Mac Kringo konnte er nicht gut aussprechen, indem er den vor ihm sitzenden Schotten fest und scharf ansah, du bist, wie du sagst, auf eurem groen Canoe ein Egi gewesen, und es ist deshalb auch in der Ordnung, da mit dir der Anfang gemacht wird. Die Anderen kommen nachher in der Reihenfolge, die ihnen gebhrt. Da du nun unsere Sprache verstehst, gedenke ich dich in meiner Nhe zu behalten, welcher Ehre du dich hoffentlich wrdig machen wirst, und zu dem Zweck und um dich auch zugleich recht wohnlich bei uns einzurichten, habe ich dir eine passende Frau bestimmt, die du gut behandeln und fr die du sorgen wirst. Hast du mich verstanden? Mac Kringo nickte schweigend mit dem Kopf, denn der Alte fing an, ihm in seiner Ruhe und Bestimmtheit zu imponiren. Die Vernderung fiel ihm auch auf, wie sich Toanonga jetzt und damals benahm, als ihr Capitain noch mit seiner ganzen Schiffsmannschaft hier lag. Damals war er ihnen weit mehr als Freund und guter Bursche entgegengekommen, whrend er jetzt, von seinem ganzen Stamme umgeben und den wenigen Weien gegenber, nicht ernst und wrdevoll genug aussehen konnte. Doch das alles zuckte ihm nur in flchtigen Gedanken durch das Hirn, denn der gegenwrtige Moment war fr ihn selber viel zu entscheidend, um sich mit anderen Beobachtungen aufzuhalten. Toanonga winkte nmlich einer Frau, die, nicht mehr ganz jung, aber doch noch in den besten Jahren, den Kopf gebeugt, in dem vorderen Ringe sa. Auf das Zeichen, das sie unter den gesenkten Augenlidern vor gesehen haben mute, richtete sich aber etwas auf und sah Toanonga an. -- Mac Kringo war fr sie gar nicht da. Mefo Hupe, sagte Toanonga, die Frau anredend, du bekommst hier einen Versorger. Ma Kino wird mit dir in deine Htte ziehen und das Feld fr dich und deine Kinder bearbeiten. Deine Kinder? rief der Schotte erstaunt, whrend die Frau wieder, als Zeichen des Gehorsams, den Kopf senkte, sind denn Kinder auch dabei? Allerdings, erwiderte freundlich der alte How, und um so viel besser fr dich, denn du hast gleich eine Familie, in der du zu Hause bist. Mefo Hupe war die Frau eines tapferen Egi's, Luttanaki mit Namen, der in dem letzten Kampfe gegen die Hapai-Leute getdtet wurde. Er hatte vorher sieben Hapai-Krieger mit eigener Hand erschlagen; du wirst deshalb nicht verfehlen, die Frau ehrerbietig zu behandeln. Geh jetzt in deine Wohnung, Mefo Hupe, und bereite dich zu der blichen Feierlichkeit vor. Die Frau stand auf und verlie, ohne auch nur einen Blick auf ihren knftigen Gatten zu werfen, die Versammlung, und Mac Kringo wute wirklich kaum, ob das hier alles nur ein Scherz sein sollte, oder ob die Insulaner wirklich Ernst machten. An dem Letzteren brauchte er aber kaum zu zweifeln, denn Toanonga sah gar nicht wie Spaen aus. Wie er sich aber noch berlegte, ob es nicht vielleicht schicklich wre, da er wenigstens ein paar Worte mit seiner knftigen Frau sprche, wandte sich der Alte schon wieder an ihn, und zwar um zwischen ihm und dem jetzt an die Reihe kommenden Lemon zu dolmetschen. Nun war dem How oder Knig dieser Insel nichts erwnschter, als einen Schmied unter den Papalangis gefunden zu haben; denn den groen Nutzen, den ihnen eiserne Werkzeuge gewhrten, hatte er schon lange kennen gelernt. Diesen beschlo er deshalb auch unter seine ganz besondere Protection zu nehmen und fr sich selber zu benutzen. Da ein Schmied auch Werkzeug haben mu, ehe er eine Arbeit liefern kann, fiel ihm nicht ein. Der Fremde war nun einmal ein Schmied, und damit die Sache abgethan. Fr Lemon hatte er deshalb auch eine der jngsten zu vergebenden Frauen bestimmt, und Mac Kringo mute ihn mit dem seiner harrenden Glcke bekannt machen. Toanonga erstaunte aber nicht wenig, als der Matrose, der die ganze Sache immer noch fr einen schlechten Spa hielt und mrrischer als je war, ein Gesicht zu der Erffnung schnitt, als ob er den Dolmetscher htte umbringen knnen. Unsinn! knurrte er dabei, la dich doch nicht von dem alten Rothfell zum Narren haben, Lord Douglas! Aber er ist in vollem Ernst. Bah -- Dummheiten -- sag ihm nur, ich wollte keine Frau haben. Erstlich mcht' ich berhaupt nicht heirathen, und dann -- htte ich auch schon zwei Frauen in England. Zwei? rief der Schotte berrascht. Na, wenn die Erste nicht in der Zeit gestorben, brummte der sauertpfische Gesell -- ich habe mich wenigstens nie darum bekmmert, und wei jetzt nicht einmal wo meine =zweite= ist. Was sagt er, fragte Toanonga, der sich den sichtbaren Unwillen des Fremden nicht erklren konnte. Hm, meinte Mac Kringo -- er -- er sagt, er htte schon eine Frau, und nach unseren Gesetzen drfen wir nicht mehr nehmen. Oh -- weiter nichts? lachte Toanonga gutmthig, da sag' ihm nur, da er sich deshalb keine Sorgen mache, denn hier sind wir auf Monui, und ich selber habe =neun= Frauen. Doch das findet sich alles; ich erlaube ihm, da er die Frau nimmt, die ich ihm gebe, und an das Andere hat er sich nicht zu kehren. Auerdem wird er seine Htte auf meinem Grund und Boden haben und unter meinem ganz besonderen Schutze stehen. Sag' ihm das! Die zweite Frau stand auf ein Zeichen Toanonga's ebenfalls auf und verlie den Kreis. Lemon aber, den Mac Kringo den neuen und verschrften Befehl bersetzt hatte, konnte von dem Schotten nur mit Mhe beruhigt werden, da er sich hier nicht gleich vor der ganzen Versammlung widersetzte. Die ihm bestimmte Frau hatte er nicht einmal angesehn. Toanonga aber nahm weiter keine Notiz von ihm, da er noch die Verlobungen der vier anderen Weien zu beseitigen hatte. Mit diesen verfuhr er jedoch ziemlich summarisch, wenigstens nahm er Jonas, Pfeife und Spund zusammen, zeigte dabei auf drei neben ihm sitzende Frauen, von denen zwei kleine Kinder auf dem Schoo hatten, und lie die drei Matrosen durch Mac Kringo bedeuten, da sie dieselben zu Frauen bekommen sollten, wie sie gerade in der Reihe sen. Als Empfehlung wahrscheinlich bemerkte er nur nebenbei, da die eine vier, die andere drei und die dritte fnf Kinder habe. Auf eine Antwort der betreffenden Personen wartete er ebenfalls nicht. Kam es doch hier nur darauf an, da er eben seinen Willen kund that und die verschiedenen Partieen gewisser Maen einander vorstellte. Jetzt war nur noch Legs brig, der bis dahin vergebens gesucht hatte, Mac Kringo zu bewegen, ein gut Wort fr ihn in Betreff des Mdchens einzulegen, das er mit vielem Vergngen heirathen wolle. Mac Kringo aber war bis dahin von Toanonga viel zu sehr in Anspruch genommen worden, ihm willfahren zu knnen und erst jetzt, da der alte Huptling den sechsten Mann fast vergessen zu haben schien, hielt er es an der Zeit, die Aufmerksamkeit des Alten auf ihn zu lenken. Hier, How, sagte er dabei, ist noch Einer, der dir gern eine Bitte vortragen mchte. =Der?= sagte Toanonga, indem er einen fast verchtlichen Blick nach der Stelle hinber warf, wo Legs sa, ohne diesen selbst anzusehen -- der ist gut fr nichts -- das ist blos der Koch[29]. Der soll also gar keine Frau haben? fragte Mac Kringo, und bereuete schon, da er sich nicht selber als Koch anstatt als Egi angegeben hatte. O ja, erwiderte aber Toanonga -- es waren sieben Frauen da, fr euch sechs. -- Der Koch bekommt die beiden letzten. Sind ein Bischen alt und nicht gerade hbsch, haben aber zusammen sieben Kinder -- gut genug fr den Koch. Die da drben sind's. Mac Kringo mute an sich halten, da er nicht laut auf lachte. Legs gnnte er brigens die beiden; denn der kleine Bursche war, trotz seiner ansehnlichen Statur, immer der gewesen, der sich schon an Bord am unbndigsten gezeigt und nicht selten Streit angefangen hatte. Unendlich komisch kam es ihm dabei vor, sich den etwas krummbeinigen Kameraden als doppelten Familienvater zu denken, und da seine Ehe interessant und keineswegs langweilig werden wrde, dafr brgten die Gesichter der beiden Frauen. Schienen sie doch selbst in diesem Augenblick schon nicht bel Lust zu haben, einander in die Haare zu gerathen. Nun, Lord Douglas, was sagt er? fragte Legs, der sich schon so mit dem Gedanken vertraut gemacht hatte, ein wackerer Brger von Monui zu werden, da er die Zeit kaum erwarten konnte. Soll ich den kleinen Wildfang zur Frau haben? Hol's der Teufel, wir passen auch in der Figur zusammen und mssen ein prchtiges Paar geben! Legs, erwiderte aber Mac Kringo, der sich nicht enthalten konnte, bei dieser Bemerkung einen Blick nach den gebogenen Extremitten des Seemanns hinunter zu werfen, es thut mir leid, da der Alte deine Wnsche nicht bercksichtigen kann. Ob die fragliche Schne schon versprochen ist, oder ob er vielleicht selber ein Auge auf sie geworfen hat und sie zu seiner zehnten Frau machen will, wei ich nicht. Er wird dich aber, in Rcksicht deiner Verdienste, entschdigen, und du sollst zwei andere dafr bekommen. =Zwei?= rief Legs erstaunt auffahrend. Ja, mein Junge; die beiden Schnheiten da drben mit der braunen, etwas runzeligen Haut und den Unmassen Blumen und bunten Lappen um sich her gesteckt. Mach keinen dummen Spa! rief Legs rgerlich, indem er einen halb zornigen, halb scheuen Blick nach den beiden Unholdinnen hinberwarf. Na, wahrhaftig, mein Junge, sagte aber Mac Kringo gutmthig, es ist dem Alten da drben grimmiger Ernst, und nach Tisch, so viel ich verstanden habe, werden wir alle zusammengespliet werden. Von uns hat Jeder schon seinen Theil angewiesen bekommen, wie du ja auch gehrt hast, und die Beiden sind mit sieben dazu gehrenden Kindern fr dich aufgehoben. Na, hoffentlich fhrt ihr eine recht glckliche Ehe zusammen. Verdammt will ich sein, rief aber Legs, in allem Eifer in die Hhe springend, wenn ich mich solcher Art zum Narren halten lasse. Sollte der alte Holzkopf aber wirklich im Ernst meinen, da ich mich dazu hergbe, ein Alt-Weiber-Spittel und eine Klein-Kinder-Bewahr-Anstalt auf der Insel anzulegen, so kannst du ihm nur sagen, Lord Douglas, da er sich da verwnscht in der Person geirrt hat. Wenn er einen von uns dazu haben wolle, so konnte er Spund nehmen, mich aber soll er ungeschoren lassen, so viel wei ich. Und was willst du machen? Was ich machen will? dem den Schdel einschlagen, der mir irgendwie zu nahe kommt. Unsinn! sagte Mac Kringo ruhig, du siehst, da wir Andern uns alle in das Unvermeidliche gefgt haben, und du allein kannst nicht gegen die ganze Insel anspringen. Bietet sich einmal eine gnstige Gelegenheit, dann kannst du dich darauf verlassen, da Keiner von uns sumen wird, sie zu benutzen, und je fester wir dann zusammen halten, desto besser. Bis dahin aber bleibt uns nichts Anderes brig, als uns denen zu fgen, die fr den Augenblick das Heft in Hnden halten. Zeigst du dich ihnen widerspnstig, so ist gar nicht abzusehen =was= sie mit dir anfangen, und wenn sie dich selbst todtschlgen, kann sie kein Mensch daran verhindern und wrde sich Niemand spter darum kmmern. Und die beiden Vogelscheuchen sollt' ich heirathen? Du kommst in eine ganz anstndige Familie, lachte Mac Kringo -- aber jetzt pa auf, der Alte entlt die Versammlung und wird noch Auftrge fr mich haben. Halt' dich indessen zu Spund und den Anderen, damit ihr zusammen seid, wenn man uns verlangt. Toanonga winkte ihm auch wirklich in diesem Augenblick, denn es galt nichts Geringeres, als die nthigen Vorbereitungen fr die Trauungs-Ceremonie der Fremden zu treffen, die auf den Inseln auerordentlich streng genommen werden. Da diese alle heidnischer Art waren, versteht sich von selbst; den Weien konnten sie aber nicht erlassen werden, da nur =durch= dieselben ihre Ehen geheiligt und gesetzlich wurden. 7. Die verschiedenen Brute hatte man indessen schon entfernt, um sie fr die Feierlichkeit anzukleiden, und Toanonga bergab jetzt die Fremden einer Anzahl seiner jungen Leute, sie etwas anstndig und passend auszustatten. Ihre Kleider waren nmlich durch ihren letzten Unglcksfall so arg mitgenommen worden, da sie ihre Ble kaum mehr bedeckten; besonders hingen ihnen die Hemden in Lumpen von den Schultern. Toanonga lie deshalb Jedem ein Stck Tapa[30] reichen, und die Insulaner wiesen sie dabei auf das freundlichste an, wie sie sich mit Blumen und einigen anderen Schlingpflanzen wrdig schmcken konnten. Nur Mac Kringo jedoch, der klug genug war, ihnen zu Willen zu sein, und Spund, der dem Frieden noch immer nicht traute und Alles geduldig mit sich geschehen lie, fgten sich dem Vorschlage. Die brigen mit Lemon an der Spitze verweigerten jede solche Aufmerksamkeit fr ihre zuknftigen Frauen. Von den Eingeborenen hatten sie aber in der That nichts mehr zu befrchten, denn von dem Augenblick an, wo Toanonga und das Gericht der Egis ihre Aufnahme erklrt und dadurch geheiligt hatte, betrachteten die Leute sie als Freunde und als ihres Gleichen, und brachten ihnen jetzt sogar von verschiedenen Seiten Lebensmittel herbei, damit sie sich erholen und strken konnten. Nach der einfachen Sitte dieser Stmme hatten sie aber auch in der That weit mehr gethan, als irgend ein civilisirtes Volk, sei es noch so fromm und christlich, an ihrer Stelle gethan haben wrde. Die Leute, die ihnen, trotz aller empfangenen Wohlthaten und trotz der frheren freundlichen Aufnahme, vorstzlich Bses zugefgt und im Begriff gewesen waren, dem alten Huptling der Insel sein liebstes Kind zu stehlen, strafte man nicht allein nicht, als man sie in Hnden hatte, sondern man nahm sie sogar als gleichberechtigt mit den brigen Bewohnern des Landes auf, gestattete ihnen den Besitz von Grund und Boden, und lie sie unmittelbar in die Familien des Landes eintreten. Es ist wahr, der erste Antrag einzelner Huptlinge hatte dahin gelautet, kurzen Proze mit ihnen zu machen und die Gefangenen das ben zu lassen, was der Capitain oder Huptling derselben verbrochen, wie diese Stmme auch fast immer ihre Kriegsgefangenen tdten. Toanonga aber, neben seiner angeborenen und natrlichen Gutmthigkeit, war klug genug gewesen, auf einen Ausweg zu sinnen, durch den er die Gefangenen und ihre Krfte fr die Insel verwerthen konnte. Was htte er oder einer der anderen Insulaner davon gehabt, wenn man die Weien vor den Kopf schlug oder in die See warf? -- gar nichts. Die letzten Kriege hatten ihnen dagegen mehr waffenfhige Mnner gekostet, als die kleine Insel entbehren konnte, und jetzt halfen sie sich mit den Fremden so gut, wie sie eben konnten und so weit diese reichten. Mit dieser Aufnahme in ihren Staats- und Familienkreis war aber auch jeder Ha, jedes Gefhl der Rache oder Feindseligkeit gegen die Fremden aus ihrem Herzen geschwunden. Es waren eben keine Fremden mehr, denn sie gehrten von da an mit zu Monui so gut wie einer der dort Geborenen. hnliches findet man fast unter allen wilden Stmmen, die sehr hufig einzelne aus ihren Kriegsgefangenen, whrend sie die brigen mit durchdachter Grausamkeit zu Tode martern, zurckbehalten und mit der grten Herzlichkeit in ihre Familien als Shne aufnehmen. Anders betrachteten dieses allerdings die Matrosen, die sich durch solche gezwungene Heirathen auf das schlimmste mihandelt glaubten. Legs verlangte auch von den brigen, als die Eingeborenen ihre Versammlung aufgehoben und die Papalangis sich selber berlassen hatten, da sie sich gemeinschaftlich solchem Urtheilsspruch widersetzen sollten. Waffen htten sie dabei wohl auch bekommen knnen, sobald sie nur in des alten Toanonga Htte einbrachen. In der ersten berraschung wre ihnen das jedenfalls gelungen, und dort wurden, wie sie von frher wuten, eine Anzahl von Beilen und Keulen aufbewahrt. Hiergegen, als ein ganz wahnsinniges Unternehmen, das jedenfalls den Untergang Aller zur Folge haben mute, stimmte aber Mac Kringo, von Spund und Jonas untersttzt, auf das entschiedenste, und da Lemon und Pfeife ihren Zustand ebenfalls noch nicht so unertrglich fanden, um gleich zu einem so verzweifelten Mittel zu greifen, so wurde Legs vollstndig berstimmt. Die Ceremonie nahm indessen ihren Anfang und wurde, trotzdem, da man mit den Fremden nicht eben viel Umstnde nthig glaubte, doch ziemlich feierlich betrieben. Hier zeigte sich auch wieder die Gutmthigkeit der Insulaner. Diese wuten natrlich, da die Weien als Schiffbrchige an ihre Insel gekommen waren und gar nichts zum Leben Nthiges gerettet hatten, und brachten ihnen jetzt eine Menge Geschenke, um sie zu ihrem neu zu errichtenden Haushalt auszustatten: Tapa zum Kleiden und starke Matten zum Schlafen, Fischer-Gerthschaften und sogar Waffen, wie Keulen und Bogen und Pfeile, um bei einem mglichen Angriff eines Feindes in die Reihen der Krieger mit eintreten zu knnen. Als die Fremden nun mit allem ausgerstet waren, was sie zu ihrem anstndigen Erscheinen unter den Insulanern gebrauchten, denn um ihre Lebensbedrfnisse durften sie keine Sorgen haben, versammelten sich, wie es schien, fast alle Bewohner der Insel, um an der Festlichkeit Theil zu nehmen. Die sieben Brute waren schon in das fr die Trauung bestimmte Haus abgeholt, und Toanonga, an der Spitze seiner Egis, winkte die Fremden heran und berlieferte ihnen, mit einigen mahnenden Worten, sich gut zu betragen und ihrem neuen Vaterlande Ehre zu machen, ihre knftigen Frauen, die sich dann aber augenblicklich wieder in ihre verschiedenen Wohnungen zurckzogen. Den Fremden dagegen wurde bedeutet, zurckzubleiben, um an einem _Cava_-Fest -- der Hauptsache bei der ganzen Feierlichkeit -- Theil zu nehmen. Diese _Cava_[31]-Partie schien auch erst die vorhergegangene einfache Formalitt der Heirath zu besttigen und zu krftigen; denn dadurch, da die Huptlinge es der Mhe werth hielten, eine solche anzuordnen und die Fremden daran Theil nehmen zu lassen, heiligten sie den eben geschlossenen Bund, der jetzt ohne Toanonga's Bewilligung nicht wieder gelst werden konnte. Einen schweren Stand hatten die Seeleute aber erst noch bei dem _Cava_-Fest, denn die Bereitung dieses Trankes kannte Keiner von ihnen, nicht einmal Mac Kringo. Pfeife besonders, als er merkte, was dort vorging, wurde steinbel, und Legs wollte schon aufspringen und hinauslaufen. Der Schotte aber, der sich leicht denken konnte, da etwas Derartiges von den jetzt nur freundlich gesinnten Eingeborenen als die grte Beleidigung angesehen werden wrde, bewog sie mit groer Mhe, sitzen zu bleiben und auch dieses noch ber sich ergehen zu lassen. Spter konnten sie ja solchen Einladungen schon weit eher ausweichen. Spund stimmte ihm darin auch vollkommen bei, und whrend die Anderen, als die Schale an sie kam, nur so thaten, als ob sie schluckten, nahm er, seinen Willen und Gehorsam zu zeigen, einen langen und herzhaften Schluck. Das sollte er aber schwer ben. Kaum hatte er die Mischung hinunter, als sich ihm der Magen gewaltsam umdrehte, und er mute, unter dem Gelchter der Eingeborenen, von seinen Kameraden hinausgeschafft werden. Damit war indessen auch jedem Anspruch, den die Egis noch an sie machen konnten, Genge geleistet. Whrend die Insulaner noch bei ihrer Cava-Partie blieben, deren Freuden sie sich oft bis in spter Nacht hingeben, wurden die Seeleute, jetzt jeder Aufsicht und berwachung enthoben, von jungen Leuten in die ihnen zugewiesenen Wohnungen abgefhrt und durften sich von dem Augenblick an als Brger von Monui betrachten. Funoten: [23] Wie: Pfui -- schme dich. [24] Tuas werden die zur niedrigsten Classe gehrigen Bewohner der Insel genannt. berhaupt besteht auf den Tonga-Inseln -- wenn man es nicht gerade Kastengeist nennen will -- eine strenge Absonderung der verschiedenen Gesellschaftsschichten, die kaum schroffer in dem alten durch und durch civilisirten Europa sein kann. Mesalliancen kommen uerst selten vor, und bei jedem Festmahl wird die Rangordnung durch besondere Ceremonienmeister unerbittlich aufrecht erhalten. [25] Die Tonga-Inseln liegen, wie bekannt, innerhalb der Wendekreise S. Br. Die grte Zeit im Jahre haben sie also die Sonne um Mittag im =Norden=, einen kleinen Theil des Jahres aber, etwa um Mrz, im =Sden=. [26] In der Nhe der Huptlinge gilt es nicht fr schicklich, zu =stehen=. [27] Hotuas sind die obersten Gtter. [28] Se Kartoffeln und Yams. [29] Auf den Tonga-Inseln ist der Koch der verachtetste unter den verschiedenen Handwerkern. [30] Tapa ist das aus der Rinde verschiedener Bume ausgeschlagene Zeug, das die Frauen auf allen Sdsee-Inseln selber verfertigen. [31] Die _Cava_ ist die Wurzel einer pfefferartigen Pflanze (auf den brigen Inseln Ava genannt), aus der ein ghrendes und besonders bei festlichen Gelegenheiten benutztes Getrnk bereitet wird. Nur die Art der Zubereitung ist fr den nicht daran Gewhnten widerlich und abschreckend, indem die Wurzeln von den daran Theil nehmenden Eingeborenen =gekaut= und dann in eine Schssel gelegt werden, wo man sie nachher mit Wasser bergiet. Dieses Wasser, nachdem es den Saft aus den Wurzeln gezogen hat, wird als eine Delicatesse getrunken. Der Schooner. 1. Die Brotfrucht war zum zweiten Male gereift, und die Bume standen mit diesem wunderbaren Geschenk beladen, das ein gtiger Himmel den glcklichen Bewohnern jener Inseln gespendet. berall auf Monui herrschte berflu, und die leichtherzigen Eingeborenen htten jeden Tag als Fest feiern knnen. Das rege, thtige Leben auf der Insel galt aber einem andern Zweck, und nicht zu Lust und Frieden sammelten sich die Mnner in hufigen Berathungen und suchten aus allen Ecken die fast vergessenen Waffen wieder hervor. Was hilft den Menschen ein Paradies, wenn sie darin nicht ihre Leidenschaft zhmen knnen! Was hilft ihnen der berflu an allem zum Leben Nthigen, wenn sie sich mit dem, womit Gott sie in so reichem Maae berschttet, nicht begngen knnen oder wollen! Die Sdsee-Inseln sind uns darin ein lebendiges Beispiel. Hier bringt die Natur alles hervor, was der Mensch zum Leben braucht. Ohne Arbeit, ohne Anstrengung, von einer wundervollen Scenerie umgeben, in ihrem Familienleben glcklich, von Krankheiten wenig heimgesucht, knnten diese Menschen ein wahrhaft glckliches Dasein fhren -- wenn sie eben den Anderen das gnnten, was sie selber so reichlich besitzen. Selbst in diesem reizenden Lande schlummern aber die Leidenschaften nicht, und Herrschsucht, Ehrgeiz und Aberglauben lassen sie das nicht friedlich genieen, wonach sie in ihrer unmittelbaren Umgebung nur die Hand auszustrecken brauchten, um es zu erreichen. So hatten auch die Bewohner von Monui fast zwei Jahre in Frieden mit den Nachbar-Inseln gelebt. Kaum aber waren die Wunden der letzten Kmpfe oberflchlich verharrscht, als sie des ruhigen Lebens schon wieder berdrssig wurden. Von Hapai aus war ihnen bis jetzt nmlich, einem alten Abkommen nach, ein jhrlicher, hchst unbedeutender Tribut von Gnatu[32] und Cava-Wurzeln bezahlt worden, und das Ganze mehr eine Form gewesen, als da sie je einen wirklichen Nutzen davon gehabt. Diesen Tribut hatten die Hapai-Insulaner in diesem Jahre nicht bezahlt, und auf eine Mahnung deshalb die Bewohner von Monui wissen lassen, sie hielten sich nicht mehr fr daran gebunden. Das Ganze betraf auch in der That nur eine religise Ceremonie, die auf Monui schon lange abgeschafft worden. Wie das aber mit alten Verpflichtungen manchmal so geht, waren diese Geschenke noch eine Zeit lang beibehalten, bis es die Hapai-Leute selber mde wurden. Monui allein htte mit ihnen auch keinen Krieg anfangen knnen, das wuten sie recht gut; jetzt aber, da der tapfere _Tai manavachi_ Toanonga's Schwiegersohn geworden war, beschlossen die Egis oder Huptlinge, dessen Hlfe in Anspruch zu nehmen und mit Speer und Keule das einzutreiben, zu dessen Besitz sie sich berechtigt glaubten. Ihrer Meinung nach war es ihnen zur Ehrensache geworden, die paar Kleinigkeiten nicht aufzugeben; was kmmerte es sie, da sie um ein paar Stck Gnatu und einen Korb voll Wurzeln den Frieden ihres Landes und ihr Familienglck in die Schanze schlugen! Mglich ist dabei, da sie durch die Verstrkung der sechs Papalangis auf ihrer Insel noch mehr in ihrem kriegerischen Entschlu bestrkt wurden. Von einem Wallfischfnger, der vor einigen Monaten bei ihnen angelegt, hatte Toanonga zugleich mit einigem Handwerkszeug auch mehrere Musketen und Munition dazu eingehandelt, und allerdings konnten ihm da die Weien, die mit solchen Waffen ordentlich umzugehen wuten, eine wichtige Hlfe leisten. Als jenes Schiff anlegte, wute der alte schlaue Huptling, auer dem Schotten, alle seine Gefangenen fern davon zu halten. Er lie auch gar kein Boot ans Ufer, sondern trieb den Tauschhandel, nur von Mac Kringo begleitet, durch seine Canoes. So wurden denn jetzt auf Monui die Kriegsrstungen mit mglichstem Eifer betrieben, und ein Canoe war schon an _Tai manavachi_ abgeschickt worden, ihn zu einer bestimmten Zeit nach Hapai zu bestellen, auf welche Insel sie ihre Angriffe vereint machen wollten. Die sechs Europer hatten inde ihre Wohnungen auf Monui so zerstreut angewiesen bekommen, da sie einander nur selten zu sehen bekamen. Mac Kringo und Lemon behielt Toanonga jedoch, wie schon frher erwhnt, in seiner Nhe. Mac Kringo lebte berhaupt dabei am unabhngigsten, da er sich wohlweislich fr einen Egi seines Schiffes ausgegeben. In der That htte er auch mit dem neulich dort angelaufenen Wallfischfnger wieder in See gehen knnen; denn so bald er es verlangt, wrde ihn der Capitain schwerlich ausgeliefert haben. Einesteils mochte er aber die Kameraden nicht im Stich lassen, und anderntheils war ihm das bequeme, mige Leben am Lande noch viel zu neu, um es gleich wieder mit der harten Arbeit am Bord eines Wallfischfngers zu vertauschen. In den letzten Monaten aber, und besonders seit er erfahren, da sie sich alle mit an einem Kriegszuge betheiligen sollten, bei dem sie nicht das mindeste Interesse hatten und ihr Leben um nichts aufs Spiel setzen muten, fing er doch an, sich wieder hier fort zu sehnen, und bereute schon, die letztgebotene Gelegenheit nicht benutzt zu haben. Alle Matrosen machen es so, besonders die in der Sdsee kreuzenden. So lange sie an Bord sind, verwnschen sie ihr Schicksal, fhlen eine ungeheure Sehnsucht nach festem Lande und benutzen regelmig die erste, beste Gelegenheit, zu desertiren. So wie sie aber eine Weile auf dem festen Lande gelebt haben, auf das sie sich vorher so sehr gewnscht, wird ihnen die Sache langweilig, und sie ruhen nicht, bis sie wieder das Deck eines Fahrzeuges unter den Fen fhlen. Mac Kringo besonders hatte sich in der letzten Zeit viel mit allerlei Planen zu ihrer Flucht beschftigt, die aber jetzt viel schwieriger auszufhren schienen, als je. Da die Insulaner nmlich einen berfall auf Hapai beabsichtigten, und die Drohung, den Tribut von dort gewaltsam einzufordern, schon hinber gesandt hatten, muten sie auch von daher ein Gleiches frchten, und bewachten deshalb alle Landungspltze Tag und Nacht auf das Sorgfltigste. Wie sollte da ein Canoe unbemerkt, unverfolgt entkommen? Der Schotte gab brigens deshalb die Hoffnung nicht auf, und war ziemlich fest entschlossen, die erste passende Gelegenheit zu benutzen. So schlenderte er eines Tages durch die Berge der nicht sehr groen aber wunderschnen Insel, und zwar in der Absicht, den hchsten Gipfel ihrer Anhhen zu besteigen und von dort aus zu schauen, ob er nicht in irgend einer Richtung hin eine andere Insel erkennen knne. Gelang es ihnen nur, auf eine solche zu entkommen, wo sie nicht mehr als gekaufte Gefangene betrachtet wurden, so durften sie von dort auch weit eher hoffen, entweder von einem Schiff erlst zu werden oder vielleicht in einem Canoe Neuseeland oder Australien zu erreichen. Der Schotte konnte seinen Weg ziemlich ungehindert verfolgen, denn Monui war noch nicht so durch die aus Brasilien nach diesen Inseln gebrachten Guiaven-Bsche berwuchert worden, wie es einige der Gesellschafts-Inseln sind. Die schlanken Palmen und andere hochstmmige Waldbume hielten hier das kleine Holz noch ziemlich unter, und die Wlder in der Nhe des Strandes waren verhltnimig licht. Erst auf den Hhen wurden die Bsche dichter, und als Mac Kringo einmal die verschiedenen Anpflanzungen von sen Kartoffeln und Yams im Rcken hatte, mute er sich schon sorgfltiger seinen Weg suchen. Da hrte er pltzlich, in nicht gar weiter Entfernung von sich, die regelmigen Schlge eines Beils, denen er eine Weile horchte, denn er hatte keine besondere Lust, hier mit einem Eingeborenen zusammen zu treffen. Das anhaltende Arbeiten des Holzhackenden berzeugte ihn aber bald, da das kein Indianer sei, und ziemlich erfreut, einen seiner Kameraden da zu finden, drngte er sich rasch durch das Gebsch der Richtung zu, von der das Gerusch herber tnte. Er hatte sich auch nicht geirrt; denn vorsichtig aus einem kleinen Dickicht herausschauend, erkannte er bald seinen frheren Kameraden Jonas, und zwar emsig beschftigt, einen starken, hochstmmigen Baum zu fllen. Hallo! Jonas! rief er ihn endlich an, nachdem er dem Eifrigen eine kleine Weile zugeschaut, du arbeitest ja, als wenn du die Geschichte im Accord httest. Lord Douglas! so wahr ich lebe! rief der Matrose erfreut, indem er seinen alten Kameraden erkannte. Wo kommst du her, mein Bursche? Es ist eine halbe Ewigkeit, da wir einander nicht gesehen haben, und es thut dem Auge ordentlich wohl, eine weie Haut unter diesen Rothfellen zu treffen. Jetzt kann man doch wieder einmal ein vernnftiges Wort Englisch sprechen, denn die Zunge habe ich mir schon fast mit dem Radebrechen ihrer vermaledeiten Sprache abgedreht. Aber du siehst gut aus! rief ihm der Schotte entgegen. Das Leben als glcklicher Familienvater scheint dir vortrefflich zu bekommen! Wie befinden sich die jungen Jonasse? Der Matrose antwortete mit einem lsterlichen Fluche. Da kannst du auch noch lachen? setzte er dann hinzu, aber es ist wahrhaftig ein Scandal, einem ehrlichen Christenmenschen eine solche dunkelbraune Ehehlfte und ein Nest voll junger Heiden aufzuhngen. Verdammt will ich sein, wenn ich das diesem alten, wackeligen Toanonga nicht gedenke. Hast du nichts von Legs gehrt? fragte der Schotte. Jonas lachte. Das ist das Einzige, was mich noch trstet, schmunzelte er mit einem breiten Grinsen ber das Gesicht: der gromulige kleine Bursche ist noch schlimmer angekommen als wir. Und wie vertrgt er sich mit seinen Frauen? Er mu ja doch in deiner Nhe wohnen? Ja wohl, unsere beiden Huser stehen kaum fnfhundert Schritt aus einander, lachte Jonas, und ich habe in der ersten Zeit immer ganz genau hren knnen, wenn er sich mit seiner Familie unterhielt. Und jetzt nicht mehr? Jetzt haben sie ihn unter. Die ersten Wochen prgelte er seine Frauen abwechselnd, und, wie ich glaube, nach jeder Mahlzeit, wahrscheinlich um sich etwas Bewegung zu machen. Das bekamen sie aber bald satt, und nahmen sich Hlfstruppen ins Haus. Ein ganzer Schwarm Vettern und Basen, und was wei ich, wer sonst noch! quartierte sich bei ihm ein und zehrte von ihm, und als er die eines schnen Morgens hinauswerfen wollte, fielen sie ber ihn her und prgelten ihn, von den beiden Frauen redlich dabei untersttzt, windelweich. Ich hrte den Lrm und lief hinber; da man sich aber nicht in fremde Familienstreitigkeiten mischen soll, strte ich sie auch nicht in ihrem Vergngen und ging wieder zu Hause. -- Was macht denn Lemon? Lemon, sagte der Schotte, kommt aus dem grimmigsten rger gar nicht heraus, aber nur deshalb, weil es ihm so gut geht, und er gar nicht wei, worber er vernnftiger Weise schimpfen =knnte=. Er hat mir noch heute Morgens versichert: er wollte lieber auf dem schmierigsten Wallfischfnger Tag und Nacht Thran auskochen, ehe er noch acht Tage auf der Insel bliebe. Und wenn wir heute wieder an Bord sen, wre er der Erste, der sich fortwnschte. Weit du nichts von Pfeife? Keine Silbe. Seit sechs Monaten, glaube ich, habe ich den mit keinem Auge gesehen. Und wo steckt Spund? Spund wohnt auch eine Strecke von uns entfernt, kommt aber doch manchmal hinauf, da er fr den Alten zu arbeiten hat. Er beschftigt sich brigens jetzt eifrig mit der Bekehrung seiner Familie, die er absolut zu Christen machen will, und behauptet: der liebe Gott htte ihn nur zu dem Zweck auf die Insel gesetzt, den Heiden das Evangelium zu bringen. Auch mit dem alten Toanonga hat er schon ein paar Versuche gemacht, der ist aber so zh wie Leder und lt sich auf nichts ein. Wie das Schiff neulich da war, ruhte Spund sogar nicht eher, als bis ich ihm eine Bibel von Bord mitbrachte. Ein Schiff war da? rief Jonas erstaunt, und davon haben wir kein Wort erfahren? Ja, der Alte hat sich wohl gehtet, da Ihr's gewahr wurdet! lachte der Schotte. Die Boote durften nicht einmal an's Land, womit der Capitain auch vollkommen einverstanden schien; denn er frchtete wahrscheinlich, da ihm welche von seinen Leuten durchbrennen wrden. Lemon ist brigens mit dem Schiff der schlimmste Streich passirt, denn er hat Schmiedewerkzeug gekriegt, und soll nun arbeiten und kann nicht. Das Einzige, was er mit Mhe und Noth fertig bringt, sind Pfeilspitzen, die er gar klglich aus Ngeln zurecht hmmert. Hr' einmal, Lord Douglas, sagte er da, nachdem er eine Weile stillschweigend vor sich hingesehen, ich glaube doch beinahe, da wir damals mit dem -- mit dem Feuer, du weit schon -- einen dummen Streich gemacht! Je weniger wir dann davon reden, desto besser ist's, meinte der Schotte, denn geschehene Dinge sind nun einmal nicht zu ndern. Was hatten wir denn auf dem blutigen Blubberkasten, da wir nicht, wenn wir's hier einmal satt bekommen, auf jedem anderen Schiffe eben so gut wiederfinden? Das ist schon wahr, und wenn wir's htten haben knnen, wie wir's uns im Anfang gedacht, wr' ich der Letzte, der die Vernderung bereute; aber gleich als Versorger von einer Frau und vier Kindern hingestellt zu werden, das heit die Huslichkeit doch ein Bichen bertreiben. Wer steht uns auerdem dafr, da wir nicht, wenn ihnen hier wieder ein halb Dutzend Ehemnner wegsterben, vielleicht noch Jeder ein oder zwei Frauen zugelegt bekommen, und dann sieh Legs an, wie's dem jetzt geht! -- Hast du denn schon von dem neuen Kriegszug gehrt? Gewi; sie rsten schon mit aller Macht, und die Geschichte wird nchstens losgehen. Na, ja, sagte Jonas, und wir sollen auch dabei sein und unsere Haut zu Markte tragen; das ist aber gegen den Contrakt, und ich mte mich sehr irren, wenn ich nicht gerade in der Zeit sterbenskrank wrde. Hallo! ein Segel! rief da Mac Kringo pltzlich, der, whrend Jonas sprach, durch die Bsche hin auf das Meer hinausgesehen hatte. Das Weie dort drben =mu= ein Segel sein! Gewi ist das ein Segel! besttigte Jonas, nachdem er eine Weile -- seine Augen mit der Hand gegen die Sonne schtzend -- nach der angedeuteten Richtung hinausgeschaut hatte. Das mu aber noch weit sein, denn es kommt mir so klein vor. Kannst du ausmachen, nach welcher Richtung es steht? Spitz jedenfalls, und am Ende nach uns zu, denn wenn es hier vorbeigesegelt wre, htten wir es schon frher sehen mssen. -- Das kann auch kein Wallfischfnger sein, man kann ja den ganzen Rumpf erkennen, und doch zeigt er nicht viel Segel. Am Ende ist das einer der kleinen Schooner, sagte der Schotte, die zwischen den Inseln herumkreuzen und Cocosl und Perlmutterschalen eintauschen. Das wre am Ende eine Gelegenheit, von hier fortzukommen. Aber wer wei, wie wir es nachher finden? meinte Jonas, und solche kleine Fahrzeuge haben auch selten viel Platz an Bord. Ja, wenn man wte, da man damit nach Australien knnte! Dort soll ein tchtiger Arbeiter in ein paar Jahren ein reicher Mann werden. Auf einen Wallfischfnger gehe ich nicht wieder, so viel wei ich, sagte der Schotte; hol' der Teufel das Hundeleben, die Pferdearbeit, und die Capitaine, die wahrhaftig gar nicht wissen, wie sie einen armen Teufel von Matrosen nur genug qulen und schinden sollen! Wahrhaftig, das Schiff hlt gerade auf uns zu! rief jetzt Jonas, der indessen keinen Blick von dem fernen Segel verwandt hatte. Hinunter mchte ich doch jedenfalls, wenn es vielleicht ein Boot ans Land schickte. Hr einmal, Jonas, ich will dir was sagen, meinte der Schotte, nachdem beide eine Weile schweigend das ansegelnde Fahrzeug betrachtet hatten. Wozu ich selber Lust habe, wei ich in dem Augenblicke selbst noch nicht, und um zu einem Entschlu zu kommen, mu man natrlich doch erst wissen, was das fr ein Fahrzeug ist und wohin es geht. Jedenfalls wollen wir aber unten in der Nhe sein, wenn es wirklich landet oder wenigstens ein Boot herberschickt; denn in die Corallenriffe wird es sich keinesfalls hereingetrauen. Wann glaubst du, da es heran sein kann? Heute Abend kaum mehr, sagte Jonas, der Wind ist fast ganz eingeschlafen, und es kann nur langsam vorwrtsrcken. Hat es brigens Lust, Monui anzulaufen, so knnen wir uns fest darauf verlassen, da es morgen frh mit Tagesanbruch vor den Riffen liegt. Gut, dann sei du morgen, gleich nach Tagesanbruch, unten bei Toanonga; eine Ausrede wirst du schon finden; bringe aber Legs mit, denn es ist am Ende besser, da wir so viel als mglich von uns beisammen sind. Wenn wir nur wten, wo Pfeife steckt! Den hat der Alte jedenfalls in die Nhe der Canoes gesetzt, sagte Mac Kringo, das Segelwerk derselben in Ordnung zu bringen, und Spund wird dort wohl mit ihm zusammengekommen sein. Spund sehe ich aber jedenfalls heute Abend, denn Toanonga hat ihn hinbestellt, etwas mit ihm zu besprechen. Verstehen sie denn einander? Vortrefflich! Spund, in der festen berzeugung, da er die Leute hier bekehren mu, hat das Unglaubliche geleistet und spricht die Sprache schon fast so gut wie ich; dem Alten wird er aber langweilig, weil er ihn nie zufrieden lt. Seit wann ist denn da die Frmmigkeit bei ihm zum Durchbruch gekommen? Ach, du weit ja, lachte der Schotte, da er uns schon immer am Bord Predigten gehalten hat; es ist einmal seine schwache Seite. Aber ich will machen, da ich wieder hinunter komme, denn er mchte frher dort sein, und ich finde ihn nachher nicht mehr. Wird aber der Alte nichts merken, wenn wir dort alle zusammentreffen? fragte Jonas. Hm! meinte der Schotte, besser ist es freilich, wir lassen uns nicht gleich alle zusammen sehen, wenn wir nur in der Nhe sind. Legs mag deshalb auf die Landspitze hinaus gehen, wo wir damals die Woche gesessen haben, und dorthin soll Spund auch Pfeife schicken, wenn er ihn auftreiben kann. Wir brigen mssen dann sehen, wie wir uns am besten in der Nhe halten. Wirst du brigens fortgeschickt, so widersprich nicht, sondern geh' in den Wald hinein, als ob du nach Hause wolltest, und sieh dann zu, da du ebenfalls unbemerkt zu den Andern auf die Landspitze kommst. Und sollen wir Waffen mitbringen? Wenn es =heimlich= geschehen kann, ja! Man wei nie, was vorfllt; die Eingeborenen gehen ja auch jetzt alle schwer bewaffnet umher; aber je weniger ihr euch damit sehen lat, desto besser ist es. Gut, das wre also abgemacht. Auf Wiedersehen morgen! Hol's der Teufel! es ist doch endlich einmal eine Abwechselung in diesem so verzweifelt langweiligen Leben. Ob wir nun dableiben oder nicht, jedenfalls knnen wir doch von dem Schiff etwas Tabak bekommen, und ich kann dir versichern, ich habe einen ordentlichen Heihunger darauf. Donnerwetter, da fllt mir ein! hast du denn neulich von dem Wallfischfnger keinen mitgebracht? Ein verwnscht kleines Stckchen, sagte zgernd der Schotte. Die Leute waren schon drei Jahre aus, und der Capitain hielt sie furchtbar knapp mit Tabak. Hast du welchen bei dir? fragte Jonas gierig. Hm, ich wei selber nicht einmal -- einen Mund voll hchstens. Junge, Junge! und da lt du mich hier die ganze Zeit mit trockenem Maule stehen! Du wirst doch wahrhaftig mit mir theilen? Mac Kringo suchte eine lange Weile in seinen Taschen, endlich brachte er ein kleines Stckchen heraus, da er indessen mhsam von einem grern =in= der Tasche abgedreht. Das ist alles, was ich noch habe, kaum ein Bissen, aber schneide dir die Hlfte herunter, da du wenigstens einmal wieder den Geschmack davon bekommst. Hurrah! Tabak! schrie Jonas, der das Stck schon vorher mit den Blicken verschlang. Junge, wenn ich meine Familie gegen Tabak und Grog eintauschen knnte, so wollte ich mir kein besseres Leben, wie das hier auf der Insel, wnschen. Na, vielleicht bekommen wir morgen einen ordentlichen Vorrath. So viel wei ich, ich packe meiner Frau ganze Toilette morgen ein, um wenigstens zum Tauschen irgend etwas bei der Hand zu haben. Und nun _good-bye_! mit Tagesanbruch morgen frh bin ich unten bei Toanonga's Haus. Damit winkte er dem Freunde einen kurzen Gru zu und verschwand bald in den Bschen. Mac Kringo verharrte noch eine Weile auf seiner Stelle, sich ber die Richtung des Segels grere Gewiheit zu verschaffen. Es blieb aber bald keinem Zweifel mehr unterworfen, da es wirklich nher kam. Mit =dem= Winde htte es auch gar nicht von ihnen fortsegeln knnen, und darber beruhigt, stieg er den Weg zurck ins Thal, den er vorher herauf gekommen. 2. Mit Tagesanbruch am nchsten Morgen herrschte an der Landung von Monui ein auerordentlich reges Leben und Treiben. Schon gestern Abends hatten die Insulaner von ihrem Strand aus das nahende Segel erkannt, und Frchte und Gemse wurden gepflckt und ausgegraben und alle mglichen anderen Gegenstnde hervorgesucht, um, sobald das fremde Fahrzeug herankme, einen lebhaften Tauschhandel mit ihm zu erffnen. War doch schon vieles, was ihnen die weien Mnner bringen konnten, auf der sonst so einfachen Insel zum Bedrfni geworden, whrend sie jetzt bei dem bevorstehenden Krieg auch noch hofften, mehr Feuerwaffen und Munition und damit den gewissen Sieg ber die feindlichen Stmme zu erlangen. Mac Kringo hatte Spund noch am vorigen Abend getroffen und ihm seinen Plan mitgetheilt. Zu seinem Erstaunen schien der wrdige Bursche aber nicht die mindeste Lust zu haben, darauf einzugehen. Seit er nmlich die Bibel erhalten und fleiig darin gelesen hatte, war das, was bei ihm frher nur eine Art von stiller Neigung gewesen, zur wirklich fixen Idee geworden, da er nmlich berufen sei, diese Heiden zu Christen zu machen. Vergebens suchte ihm der Schotte eine solche Idee auszureden und ihm begreiflich zu machen, da er ganz gewi ein tchtiger Matrose und Bttcher sei, hchst wahrscheinlich aber einen nur sehr mittelmigen Prediger abgeben wrde. Spund lie sich nicht irre machen; entgegnete, da Petrus auch nur ein Fischer gewesen sei, also auch nicht einmal ein Bttcher, und Alles nur eben auf den Beruf ankomme. Dabei war er fest berzeugt, da ihr Schiff, die _Lucy Walker_, nur seinetwegen verbrannt sei, um ihn hier, an dieser fr ihn bestimmten Stelle festzuhalten, und die brigen -- Mac Kringo wie die anderen Kameraden -- konnten Gott danken, da sie mit ihm in einem Boote gewesen seien, sonst wren sie auch zu Grunde gegangen. ber den Brand des Fahrzeuges htte ihm nun allerdings der Schotte einen besseren Aufschlu geben knnen, und schien einmal nicht bel Lust dazu zu haben, berlegte sich aber doch die Sache anders und schwieg. Vergebens waren aber alle Versuche seinerseits, den Kameraden von dem einmal gefaten Vorsatz abzubringen. Nur dazu verstand er sich, ihren Planen, wenn sie wirklich fliehen wollten, kein Hinderni in den Weg zu legen, ja, sie eher nach besten Krften zu frdern. Und das geschah noch in seinem eigenen Interesse; denn von dem Christenthum der Kameraden hielt er auerordentlich wenig und frchtete eher, in seinen neuen und frommen Planen durch die Anderen gestrt und verspottet zu werden. Je frher sie also die Insel verlieen und ihm das Feld rumten, desto eher durfte er hoffen, ein Resultat zu erreichen. Das Fahrzeug war indessen mit der frischen Morgenbrise rasch nher gekommen, und es lie sich jetzt deutlich erkennen, da es keineswegs ein groer Wallfischfnger, sondern, wie die beiden Matrosen gestern Abends richtig gesehen hatten, nur ein kleiner Schooner von vielleicht hundert oder hundertzwanzig Tonnen war. Im Anfang hatten die Insulaner auch ihre Canoes bereit gehalten, mit denen sie das fremde Fahrzeug anlaufen wollten, und Mac Kringo berlegte sich schon dabei, ob es in dem Falle nicht mglich sein wrde, ein Canoe selbst mit Gewalt zu nehmen und einen offenen Fluchtversuch zu wagen. Da nderten die Indianer pltzlich ihren Plan. So wie das Fahrzeug nahe genug kam, die Strke desselben deutlich erkennen zu knnen, hatte Toanonga seine Egis zu einer raschen Berathung zusammenberufen. Die Unterredung mute auch sehr wichtig sein, denn sie besprachen sich lange und heimlich mit einander, und als sich ihnen der Schotte nhern wollte, wurde er zurckgewiesen. Das sah nun allerdings aus, als ob die Indianer etwas im Schilde fhrten; aber was konnten sie beabsichtigen? einen offenen Angriff? Ihre Canoes lagen smmtlich in einer kleinen, durch Mangrove-Bsche geschtzten Bai, um aber mit ihnen hinaus in See zu kommen, muten sie ber das offene, wohl eine halbe Stunde breite Binnenwasser, das zwischen den Corallenriffen und dem Ufer lag, und nur ein einziger schmaler Weg blieb ihnen durch die Riffe und die darber strzende Brandung ins Freie. Das fremde Fahrzeug htte also in einem solchen Falle entweder Zeit genug behalten, sich gegen einen solchen Angriff zu rsten oder demselben auch, mit der jetzt frisch wehenden Brise, leicht entgehen knnen. Das schien aber auch nicht in der Absicht der Eingeborenen zu liegen, denn ihre Canoes wurden nicht gerstet. Nur ein einzelnes, ganz kleines ruderte, von zwei Insulanern bemannt, hinaus, der Einfahrt zu. Bis jetzt hatte sich nun allerdings Mac Kringo als Dolmetscher der Insel betrachtet, und da Toanonga diesmal seine Hlfe nicht in Anspruch nehmen wollte, machte ihn stutzig. Jedenfalls aber bekam er dadurch einen Vorwand, den alten Huptling nach der Ursache zu fragen, und ging deshalb langsam auf ihn zu. Hatte er ein Geheimni, so wollte er es bald aus ihm heraus bekommen. Jonas war vor einer Viertelstunde, der gestrigen Verabredung gem, richtig eingetroffen, von dem Alten aber augenblicklich wieder fortgeschickt worden und befand sich jetzt mit Legs auf der Landzunge und ziemlich in der Nhe. Nur von Pfeife hatte der Schotte nichts erfahren knnen. Spund wute seiner Aussage nach allerdings die Stelle, wo seine Wohnung stand, wollte ihn aber in den letzten vier Wochen mit keinem Auge gesehen haben und behauptete nur, da er einige Mal lngere Unterredungen mit Toanonga selber gehabt. Der alte Huptling sa wie gewhnlich vor seiner Htte und nickte dem Schotten, als er ihn kommen sah, freundlich und herablassend zu. Willst du keinen Handel mit dem Schiff treiben, Toanonga? fragte ihn dieser, als er, neben ihm angekommen, sich bei ihm niedergelassen hatte. Brauchst du keinen Tabak und keine Beile mehr? Je nun, Ma Kino, schmunzelte der Alte, knnen immer Alles gebrauchen. -- Wenn Papalangis aber mit Toanonga handeln wollen, mgen sie selber herberkommen. Aber ein Canoe ist doch schon zu ihnen hinbergefahren. Ja, sagte der Alte gleichgltig, habe es auch gesehen; sind neugierige junge Leute, die vielleicht einmal zuschauen wollen, was die Papalangis an Bord haben. Mac Kringo wute recht gut, da sich der Alte nur so stellte, als ob jenes Canoe aus freien Stcken dort hinber gefahren sei. Ohne seine Erlaubni durfte nmlich gar kein Fahrzeug das Binnenwasser verlassen, mit irgend einem Schiffe Handel zu treiben. Er lie sich jedoch nichts merken und antwortete nur ruhig: Sie werden aber nicht verstehen, was die Papalangis zu ihnen sagen. Bah! lachte der Alte, ist auch nicht nthig! was werden die Papalangis viel sagen? Aber weit du, Ma Kino, was das fr ein Schiff ist? doch keines, das herumfhrt, Wallfische zu fangen? Ich glaube kaum, sagte der Schotte, und denke eher, da es zu euch kommt Cocosnul einzutauschen. Hm, das habe ich mir auch gedacht! Ob sie wohl Kanonen an Bord haben? Jedenfalls, meinte Mac Kringo, der dadurch alle etwaigen Gelste des Huptlings auf das Schiff abzuwenden suchte. Bewaffnet sind derartige Schiffe immer gut, denn sie wissen nie, ob sie Freunde oder Feinde auf den Inseln finden. Toanonga erwiderte nichts hierauf, sondern sah eine Weile nachdenkend vor sich nieder; endlich sagte er: Wr' ein vortrefflich Ding, wenn wir auch Kanonen htten; was meinst du, Ma Kino? knnten nach Hapai hinberfahren und die ganze Insel wegnehmen. Bum -- bum! wie die Hapai-Burschen laufen wrden, wenn Toanonga mit solchen groen Dingern zu ihnen kme! Die Papalangis verkaufen nur nicht gern ihre Kanonen, meinte der Schotte, sie brauchen sie immer selber und knnen hier keine anderen dafr wieder bekommen. Wr' auch gar nicht nthig, sagte Toanonga finster, brauchen hier nicht herzukommen und Tonga-Leute todt zu schieen -- Tonga-Leute gehen auch nicht zu den Papalangis und fangen dort Krieg an. Wieder machte er eine Pause, und Mac Kringo schwieg ebenfalls, da er nicht recht wute, was er ihm darauf erwidern sollte! Jedenfalls merkte er aber, da der Alte etwas auf dem Herzen habe und nur nicht recht mit der Sprache herauswollte. Sag einmal, Ma Kino, fuhr da endlich Toanonga fort, gefllt es dir auf Monui? Mir? gewi! erwiderte durch die Frage etwas berrascht der Schotte, denn bis jetzt hatte sich der alte Huptling entsetzlich wenig darum gekmmert, ob ihnen das Leben dort zusagte oder nicht. Und mchtest du wieder hinaus und Wallfische fangen? Ich danke schn, wenn es nicht sein =mu=, gewi nicht! lachte der Matrose. Toanonga schien mit der Antwort zufrieden, denn er nickte leise vor sich hin. Gut, sagte er dann, und wenn wir jetzt so ein paar Kanonen und solch ein groes Schiff htten, dann knnten wir's bald noch besser bekommen. Wenn Ma Kino mit nach Hapai geht und dort viel Beute macht, kann er sich Frauen nehmen, so viel er will, die Mdchen von Hapai sind jung und schn. Wo, zum Henker! will der Alte hinaus? dachte der Schotte. Hat er doch am Ende Absichten auf das Schiff, und sollen wir ihm die Castanien aus dem Feuer holen? darin irrst du dich aber, mein Bursche, denn was =du= wegschenkst, ist auch gewhnlich nicht werth, da man es aufhebt. Pfeife ist ein guter Bursche, sprang da pltzlich Toanonga auf ein anderes Thema ber, und Spund sehr gut, nur ein Bichen dumm, Jonas nicht viel werth, Schmied gar nicht, und Koch ganz schlechter Kerl -- werde ihm noch zwei Frauen geben, wenn er mit denen nicht Frieden hlt. Mac Kringo lachte, denn er dachte in dem Augenblicke daran, was ihm Jonas gestern Abends erzhlt und welche schwere Zeit der arme Legs schon jetzt mit seinen Frauen hatte. Die Gelegenheit war aber auch zu gnstig, etwas von Pfeife's Aufenthalt zu erfahren, und er fragte deshalb den Alten, wo er stecke und was er treibe. Pfeife, sagte Toanonga, der nur die Spitznamen der Matrosen erfahren hatte und sie danach nannte, Pfeife geht es sehr gut. Braver Papalangi, arbeitet fleiig und macht Segel fr die Canoes, und Lemon hilft ihm. Lemon ist bei ihm? rief Mac Kringo schnell. Toanonga antwortete ihm nicht darauf, denn seine Aufmerksamkeit wurde in diesem Augenblicke zu sehr durch den Schooner in Anspruch genommen. Dieser kreuzte jetzt dicht vor den Riffen und hatte gerade das zu ihm ausgekommene Canoe langseit genommen. Mac Kringo lag auch nichts daran, sich jetzt noch lnger hier aufzuhalten, denn er wute Alles, was er wissen wollte, und da Toanonga das Gesprch nicht wieder aufnahm, erhob er sich und verlie langsam, als ob er in den Wald wieder hineinschlendern wollte, den Platz. Sobald er dem Alten brigens aus Sicht war, eilte er, jeden gebahnten Weg vermeidend, so rasch er konnte, der Landspitze zu, auf der er die Kameraden wute. Diesen mute er seine Vermuthungen mittheilen und gemeinschaftlich mit ihnen einen Plan berathen. 3. Mac Kringo hatte geglaubt, seinen Weg ziemlich unbemerkt verfolgen zu knnen. Das, sah er bald, war nicht mglich, denn von allen Seiten kamen Insulaner und besonders Frauen herbei, und zwar die letzteren nur aus Neugierde, einen so seltenen Gegenstand, wie ein fremdes Schiff, zu betrachten. Im Anfange suchte er ihnen auszuweichen, da er aber dadurch Verdacht zu erregen frchtete, folgte er zuletzt dem offenen Fuweg und unterhielt sich mit denen, die ihm begegneten. Allerdings wurde er einige Male gefragt, warum er nicht am Strand bliebe und wohin er wolle; er gab aber ausweichende Antworten und meinte, es wrde wohl noch eine Weile dauern, bis die Weien ans Land kmen, und er knne vielleicht indessen selber einige Yams aus einem dort in der Nhe liegenden und ihm gehrenden Felde holen, um sie nachher gegen Tabak einzutauschen. So kam er endlich zu dem Gebsch, das die Landspitze begrnzte, und einmal dort, traf er auch Niemanden mehr, denn die da drauen stehende Htte lag unbewohnt. Nur die Fischer bernachteten manchmal in derselben, wenn sie von dort aus mit der Morgendmmerung auf den Fang gehen wollten. An der bezeichneten Stelle fand er brigens die ihn schon ungeduldig erwartenden Kameraden und zu seiner Freude auch Lemon, den Jonas in der Nhe der Canoes angetroffen und dorthin bestellt hatte. Donnerwetter! da ist gut, da du kommst, Lord Douglas! schrie ihm Legs, der eine mchtige Kriegskeule in der Hand trug, schon von Weitem entgegen. Ich wei hier ganz in der Nhe ein kleines Canoe, und in einer halben Stunde knnen wir drauen an Bord und in Sicherheit sein. Hol' der Teufel das Hundeleben auf der Insel! Ich hab's zum Sterben satt und will mein Lebtag an Monui denken. Unsinn! sagte aber Jonas, wenn wir jetzt hier mit einem Canoe abfahren, schneiden sie uns den Weg ab, ehe wir halb aus der Bai hinaus sind, und dann drfen wir uns nur jeden Gedanken an Flucht vergehen lassen. Wo ist Pfeife? fragte Mac Kringo, den drfen wir doch auf keinen Fall zurck lassen. Pfeife steckt drben bei den Canoes, rief Lemon, und nht Segel. Da mssen wir Spund aber auch mitnehmen, und wenn wir warten wollen, bis wir erst alle Sechse einmal zusammen haben, knnen wir uns auch darauf verlassen, da wir sitzen bleiben. Jungens, sagte da Mac Kringo, der indessen gesucht hatte, durch die dichten Mangrove-Bsche einen berblick nach der innern Bai zu gewinnen, mit eurem Plane ist es nichts. Da drauen fhrt eben das Schiffsboot, von dem Canoe begleitet, das heute Morgen hinausgegangen ist, durch die Riffe, und das anzurufen, dazu sind wir zu weit entfernt, und es wrde auch die Insulaner augenblicklich aufmerksam machen. Und weshalb brauchen wir es anzurufen? rief Legs rgerlich, la die immer fahren. Wenn wir nur erst einmal an Bord sind, sollen uns die Rothfelle wahrhaftig nicht wieder herunter bringen. Du redest, wie du's verstehst, erwiderte ruhig der Schotte, und glaubst du denn, Toanonga hat nicht Verstand genug, die Weien in dem Falle als Geiel an Land zu behalten? So wie der merkte, da wir ihm durchs Netz gingen, machte er die Klappe zu und htte die Anderen fest, und der Capitain von dem Schooner wird uns wahrhaftig nicht mit in See nehmen und seine eigenen Leute dafr zurck lassen. Dann ist die ganze Geschichte wieder faul! fluchte Legs; das kommt aber von dem ewigen Trdeln und Berathen her! Erst hat =der= ein Bedenken und dann =der=, und dabei bleiben wir richtig jedesmal in der Falle sitzen. Das sag' ich euch, wenn sich mir irgend eine Gelegenheit zur Flucht bietet, auf euch warte ich nicht, denn mit euren berklugen und ewigen Bedenklichkeiten kommt ihr berall zu kurz. Renn' du nur mit dem Kopf gegen die Wand, sagte Mac Kringo ruhig, so wirst du schon bei Zeiten finden, wo du bleibst. brigens sei so gut und schrei nicht so, denn wir sind keineswegs so weit vom Wege entfernt, und deine und Pfeife's Stimme hrt man eine Meile durch den Wald. Na gut, sagte Legs, der Warnung jedoch Folge leistend und nicht so laut als vorher, wenn du denn so genau weit, was wir thun und lassen mssen, so erzhl' uns auch jetzt, was nun werden soll und was du im Sinne hast! Ja, wenn ich berhaupt etwas im Sinne htte! entgegnete Mac Kringo, darber scheinen wir allerdings einig zu sein, da wir hier fort wollen, um auf irgend einer andern Insel als freie Mnner auftreten zu knnen. Ob das aber mit diesem Schiffe geschehen kann, ist noch die Frage. Wir wissen ja nicht einmal, ob der Capitain Platz fr uns an Bord und berhaupt Lust hat, sich mit uns einzulassen. Manche dieser Herren sind verdammt mitrauisch, und hten sich, besonders in der Nhe von Australien, englische Matrosen in grerer Zahl aufzunehmen. Sie trauen nicht, ob es nicht am Ende statt verunglckter oder entlaufener Seeleute entsprungene Strflinge aus den dortigen Colonien sind. Ja, wozu sind wir aber dann hier zusammengekommen? rief Lemon. Wenn wir nicht wenigstens einen Versuch machen, fhrt das Boot wieder ab, und wir bleiben so klug wie vorher. Lord Douglas steckt berhaupt immer voller Plane, aus denen nie etwas wird! rief Legs rgerlich. Wie klug konnte er damals sprechen, als die _Lucy Walker_ noch hier lag! und wre das Feuer nicht da zufllig ausgebrochen, so schwmmen wir jetzt wieder ganz ruhig mit dem alten Kasten im Eismeer umher und ruderten mit Fausthandschuhen hinter schmierigen Wallfischen drein. Ja, aber ... wollte Jonas etwas darauf entgegnen, der Schotte unterbrach ihn jedoch und sagte: Wenn wir mit dem Maul hier wegzubringen wren, Legs, dann glaube ich allerdings, da du uns allein helfen knntest. Jetzt aber sei so gut und la uns mit deinem Unsinn zufrieden, und hrt erst einmal meinen Vorschlag. Wit ihr dann was Besseres, so soll es mich freuen, ich bin gern erbtig, euch Folge zu leisten. Na, da komm endlich einmal klar, und reib' nicht so lange auf dem Sand herum! rief Lemon; die Zeit vergeht, und wir haben wahrhaftig keine brig. So hrt, sagte Mac Kringo, ich mu vor allen Dingen jetzt zum Alten, um dort zu dolmetschen, wenn die Fremden nichts von der Tonga-Sprache verstehen. Dort will ich mit dem Steuermann oder wer nun gerade an Land gekommen ist, schon Gelegenheit finden, ein paar Worte allein zu sprechen. Wollen sie uns mitnehmen, dann findet sich auch eine Gelegenheit, fortzukommen, und in dem Fall habe ich selber nichts dagegen, da wir es zum uersten treiben und Gewalt brauchen, wenn wir eben auf keine andere Weise fortkommen knnen. Knnen sie uns freilich nicht mitnehmen, dann bleibt es fr uns das Beste, uns so ruhig wie mglich zu verhalten. Jeder geht nachher wieder seiner Beschftigung nach, und wir warten eine gnstige Gelegenheit ab. Doch wie dem auch sei, von da drben werde ich euch ein Zeichen geben, damit ihr wit, was ihr zu thun habt. Seht ihr jene in die Bai auslaufende spitze Corallenbank, auf der ein einzelner Pfahl steckt? -- =Die= behaltet im Auge. Rudert das Boot dorthin, und winken sie euch von Bord aus, so gilt das als ein Zeichen, da sie uns mitnehmen knnen, dann kommt so rasch ihr knnt an die Landung, bringt auch irgend eine Waffe mit, im Nothfall unseren Weg mit Gewalt zu erzwingen. Bekommt ihr aber von dem Boot =kein= Zeichen, dann heit das so viel, da sie uns nicht haben wollen, und dann versteht es sich von selbst, da wir fr jetzt jeden Fluchtversuch aufgeben. Das klingt doch endlich einmal wie Vernunft, brummte Legs. Nun mach' aber, da du fortkommst, denn mir brennt der Boden schon unter den Fen. Ha, ha, ha, wie sich meine Familie freuen wird, wenn ich heute nicht zum Essen komme. Und was wird aus Pfeife? fragte Jonas. Ihr habt ja Zeit genug, dem unsern Plan mitzutheilen, entgegnete der Schotte; kommt ihr mit dem Canoe, so nehmt ihn ein; im andern Falle sagt ihm nur Bescheid, aber kommt mir nicht Alle in einem Klumpen, sondern vertheilt euch hbsch, da die Insulaner nichts merken. Es mu aussehen, als ob ihr nur zufllig an den Strand kommt. Und jetzt _good-bye_! wenn das Glck gut geht, sehen wir uns vielleicht an Bord wieder! Toanonga hatte indessen in aller Ruhe der Ankunft eines Bootes von dem fremden Fahrzeug entgegengesehen, und an ihm bemerkte man nicht das Geringste von der Aufregung, die unter den Egis selber zu herrschen schien. Da diese dagegen etwas Besonderes und Auergewhnliches erwarteten, war augenscheinlich. Waffen wurden herbeigebracht und in der Nhe versteckt, und in Toanonga's Hause selber die bis dahin eingepackten Musketen hervorgesucht und geladen, ohne da sich jedoch der alte Huptling im Geringsten selbst darum bemht htte. Er lie das alles seine Huptlinge besorgen, und wenn man ihn so dasitzen sah, wrde man kaum geglaubt haben, da all das thtige Leben um ihn her nur einzig und allein von ihm selber ausgegangen sei. Um die Papalangis hatte sich indessen Niemand bekmmert, und eigentlich war es Toanonga ganz recht, da sie sich gerade jetzt nicht am Strand befanden. Spund allein kam endlich langsam dort herauf geschlendert, und ohne sich an die geheimnivolle Geschftigkeit der Insulaner zu kehren oder selbst besonders auf das Schiff zu achten, das ihn doch eigentlich htte interessiren mssen, schien er ein ganz anderes Ziel im Auge zu haben. Feierlich schritt er auf den alten Huptling zu, mit dem er sich in seiner Sprache schon recht gut unterhalten konnte. Wenn es auch manchmal ein wenig verkehrt herauskam, verstand doch Toanonga immer, was er eigentlich sagen wollte. Ah Spund, redete ihn der Huptling freundlich an, es ist gut, da du gerade kommst. Ma Kino steckt wer wei wo im Busch, und wenn Papalangis ans Land kommen, mu doch Jemand da sein, der mit ihnen spricht; Papalangis schrecklich dummes Volk! mssen erst immer zu Tonga-Inseln kommen, um die Sprache zu lernen! Spund lie sich ohne Weiteres neben dem alten Huptling nieder und sagte. Ja, Toanonga, Papalangis mgen in Manchem dumm sein, aber sie haben doch wenigstens den rechten Glauben. Glauben? Glauben haben wir auch! sagte Toanonga. Ich glaube, da da drben von dem fremden Schiff gerade jetzt ein Boot abstt und zu uns herber kommen wird. Spund seufzte tief auf. Ach, sthnte er, da du nur immer an irdische Dinge denken willst, Toanonga! Weit du denn, was uns bevorsteht, wenn wir pltzlich sterben? Sterben? wer denkt an Sterben! lachte Toanonga. Wenn das kommt, ist es Zeit genug, und dann gehen wir hinber nach Bolutu[33] und werden Hotuas. Ja, Hotuas! chzte Spund, man wird euch behotuan! Sieh, Toanonga! setzte er dann gutmthig hinzu, du bist sonst ein braver Mann, und ich mag dich gern leiden, und deshalb thut es mir immer leid, wenn ich dich ansehe, und wei, in welcher entsetzlichen Gefahr du schwebst. Gefahr? sagte der alte Huptling, und sah rasch und mitrauisch in die Augen des Seemannes, und was weit du von Gefahr? Ich wei, was hier in dem Buche steht, sagte Spund, auf die Bibel zeigend, die er sorgfltig unter dem linken Arme trug. Und da wir einmal an einen sehr bsen Platz kommen, wenn wir uns hier nicht zum rechten Glauben bekehren. So? lchelte Toanonga, vollkommen beruhigt, denn die Bekehrungsversuche des Matrosen hatten ihn bisher auerordentlich gleichgltig gelassen. Er selber versuchte brigens nie einen der Weien zu der Annahme seines eigenen Glaubens zu bewegen, weil er sich nicht denken konnte, da Papalangis auf Bolutu zugelassen wrden. Was htte es ihm also geholfen, seine Zeit damit zu vergeuden? Seine augenscheinliche Gleichgltigkeit gegen die Schrecken nach dem Tode reizte den Matrosen aber nur noch mehr, ihm nachdrcklich in das Gewissen zu reden, und das Buch vor sich auf die gekreuzten Beine legend, rief er aus: So? du sagst ganz ruhig: so? wenn wir aber sterben, werden wir nicht mehr =so= sagen; dann kommen wir an einen Ort, wo da ist Heulen und Zhneklappern und ein schreckliches Feuer, in dem wir gebrannt werden von Ewigkeit zu Ewigkeit. Ist das euer Glaube? fragte Toanonga, und kommen die Papalangis wirklich an solchen Platz? Allerdings! rief Spund, der jetzt endlich des Huptlings Aufmerksamkeit dahin gelenkt hatte, wohin er sie haben wollte. Wenn wir nicht fromm und gottesfrchtig auf dieser Erde leben, wenn wir nicht an Gott glauben, wenn wir sndhafte, schlechte Menschen sind und uns nicht zu dem bekennen, was in diesem Buche steht, dann erleiden wir furchtbare Strafen, Strafen, wo einem jetzt schon die Haut schaudert, wenn man nur daran denkt. Und was sagst du nun, Toanonga? Der alte Huptling hatte ihm aufmerksam zugehrt und nickte dabei langsam mit dem Kopfe. Hm, hm, hm! sagte er dann, =das ist sehr schlimm fr Papalangis!= Fr Papalangis? rief Spund berrascht, den diese Wendung ganz auer Fassung brachte. Toanonga deutete aber mit ausgestreckten Armen auf die Bai, auf der das Boot der Weien jetzt, von einem Canoe begleitet, schon heranglitt, und das Gesprch war dadurch natrlich abgebrochen. Verdammter, dickkpfiger Heide! murmelte aber Spund in sehr unchristlicher Entrstung halblaut und rgerlich vor sich hin. Na, da du einmal den ganzen Weg bergunter gehst, wenn du stirbst, darauf kannst du dich doch fest verlassen. Toanonga nahm aber nicht mehr die geringste Notiz von ihm. Einer der Egis war wieder zu ihm getreten und hatte ihm etwas ins Ohr geflstert, und der alte Huptling stand auf, die Fremden zu begren. Die Leute im Boot lieen sich jetzt deutlich erkennen. Am Steuer sa ein Europer, die vier Rudernden waren aber sogenannte Kanakas, Eingeborene der Sandwichs-Inseln, die jedoch mit den Riemen ganz vortrefflich umzugehen wuten. Einige der Insulaner liefen ihnen entgegen, und halfen ihnen das Boot auf den Corallensand ziehen, whrend sie mit den Fremden ihre Begrungen wechselten. Die Sandwichs-Insulaner haben jedoch eine von den Tonga's sehr verschiedene Sprache, und die Indianer konnten sich nicht unter einander verstndigen, whrend der Fremde die Tonga-Sprache vollkommen gut und flieend redete. Es war eine breitschulterige, krftige und chte Seemanns-Gestalt, die den Englnder nicht verlugnen konnte, mit blauen, klaren Augen, wettergebrunten Zgen und festgelocktem hellbraunem Haar. Er ging auch ohne Weiteres auf Toanonga, den er bald als den How der Insel erkannt hatte, zu, schttelte ihm die Hand und redete ihn mit dem blichen Grue der Insel an. Auf Spund, der mit der Bibel unter dem Arm nicht weit davon stand, warf er nur einen flchtigen und wie berraschten Blick -- denn der Bursche sah in seiner halb indianischen halb Matrosen-Tracht, mit dem dicken Buch unterm Arm und dem gar nicht recht dazu passenden breiten Gesicht, komisch genug aus. Er nickte ihm aber nur zu und achtete weiter nicht auf ihn. Hatte er doch lange genug die verschiedenen Inselgruppen besucht, um daran gewohnt zu sein, Missionare und weggelaufene Matrosen auf ihnen zu finden, wenn er auch nicht gleich wute, zu welcher der beiden so verschiedenen Classen der Weie hier gehren mochte. Seine Absicht war, wie er Toanonga gleich von vorn herein erklrte, Alles von Cocosnul, was auf der Insel vorrthig sei, aufzukaufen und dafr Waaren, wie sie die Insulaner gerade gebrauchten, einzutauschen. Toanonga hrte ihm aufmerksam zu und sagte ihm dann, da er die nthigen Befehle dazu geben werde. Damit lie er den Fremden stehen und wandte sich seinen eigenen Leuten wieder zu, wo bald einer der jungen Bursche, der mit dem Canoe drauen an Bord des Fahrzeugs gewesen war, an seine Seite glitt. Nu, Tibi--ano, sagte da der Alte, als er weit genug von dem Fremden entfernt war, um nicht von ihm gehrt zu werden, wie viel Weie sind drauen auf dem groen Canoe? Noch fnf, Toanonga; lautete die Antwort, auer dem hier und noch drei Kanakas. Der hier Capitain. Ah, vortrefflich! nickte Toanonga, sehr gut das! und haben sie Kanonen? Zwei; nicht sehr groe. Der alte Huptling schmunzelte vergngt vor sich hin, und warf dabei vorsichtig den Blick umher, sich zu berzeugen, ob seine Anordnungen ausgefhrt wrden. Neben dem Schiffsboot standen zwei der Egis und sechs oder acht andere Insulaner, whrend die Kanakas, von einem der Monui-Leute gefhrt, zu einer kleinen Gruppe von Cocospalmen gegangen waren, dort eine Anzahl Nsse herunter zu werfen. Der Capitain des Schooners stand neben Spund, der ihm gerade Bericht ber den Untergang der _Lucy Walker_ abstattete. Eben jetzt kam Mac Kringo aus dem nchsten Pandanus-Dickicht und ging auf den Capitain zu. Zu seinem Erstaunen sah er aber, da nicht allein eine Menge Indianer bewaffnet waren, sondern ein Theil von ihnen sogar im Dickicht versteckt blieb. Mit den Sitten der Insulaner bekannt, zweifelte er keinen Augenblick daran, da sie irgend etwas Bses gegen die Fremden beabsichtigen, und je eher er deshalb den Bedrohten warnen konnte, desto besser. Der Fremde war indessen mit Spund in ziemlich lebhaftem Gesprch schrg an der Corallenbank hinausgeschritten. Toanonga hatte ihm eben gewinkt, zu ihm zu kommen. Dort aber, wo der Corallensand aufhrte und der Fruchtboden begann, stand ein kleiner Streifen von Casuarinen mit ein paar Pandanus-Bumen und einem Unterwuchs von einzelnen niederen Bschen. Im Schatten derselben lagen etwa acht oder neun Insulaner. So wie jedoch der Capitain an ihnen vorberschritt und hinter dem kleinen Buschstreifen vom Bord seines eigenen Schiffes aus nicht mehr gesehen werden konnte, sprangen diese pltzlich empor und warfen sich auf ihn. berrascht wie er war, gelang es dabei Zweien, sich seines linken Armes zu bemchtigen, aber sicher zu ihrem Schaden, denn mit dem rechten schlug er sie mit zwei rasch gefhrten Sten, auch schon im nchsten Augenblick bewutlos zu Boden. Die berzahl war jedoch zu gro; ehe er sich gegen die Anderen wenden konnte, hingen diese berall um ihn her, und trotz seinem wthenden Struben fand er sich bald gebunden und in der Gewalt der Feinde. Spund war ein hchst berraschter Zeuge des Ganzen gewesen, und Alles so schnell gekommen, da er wirklich gar nicht einmal daran dachte, dem Landsmann beizustehen. Mac Kringo, der ebenfalls in der Nhe war, hatte allerdings etwas hnliches gefrchtet, aber er bersah auch mit einem Blick, da sie hier mit Gewalt gegen die bermacht der Eingeborenen nichts ausrichten konnten und verhielt sich deshalb gleichfalls ganz ruhig. Hallo, ihr Halunken! schrie dabei der Englnder in der Tonga-Sprache, ist das eure Gastfreundschaft, mit der ihr einen Fremden bewillkommt, und ihm vorher euer verrtherisches _chio do fa_ entgegen ruft? und ihr da, wandte er sich gegen die Weien, als er Mac Kringo gerade erblickte, =zwei= Englnder und lassen mich hier von den verdammten Rothfellen mihandeln? Ihr seid schne Canaillen! htte ich nur =Einen= von meinen weien Leuten hier an Land, ein ganzes Schock dieser braunen Schufte wre mir nicht zu nahe gekommen. Die Kanakas hatten allerdings ihrem Capitain im Anfang zu Hlfe springen wollen, da sie aber von allen Seiten kriegerische und bewehrte Gestalten auftauchen sahen, wichen sie scheu zurck, es ihrem Fhrer berlassend, sich allein aus dieser Verlegenheit heraus zu arbeiten. Vollkommen ruhig bei diesem pltzlich hereingebrochenen Kampfe war Toanonga geblieben, der nun erst, als er den Weien gebunden und unschdlich gemacht sah, zu ihm trat. Ist das die Freundschaft, die du mir durch dein Canoe hast anbieten lassen, wortbrchiger Huptling? rief ihm der gereizte Englnder entgegen. Ruhig, mein Freund! suchte ihn indessen Toanonga zu beschwichtigen. Du bist jetzt in unserer Gewalt, und es ist auerordentlich leichtsinnig von dir, durch nutzloses Schimpfen einen mchtigeren Feind zu reizen. Wenn wir dir htten ein Leids zufgen wollen, so brauchten wir dir nur den Schdel einzuschlagen, und die Sache wre abgemacht gewesen. Wenn du dich aber ruhig verhltst und das thust, was wir von dir verlangen, so hast du nicht allein fr dich oder die Deinen nichts zu frchten, sondern kannst auch nach einiger Zeit deine Reise ungehindert fortsetzen. Und was verlangst du von mir? fragte der Fremde. Wenn es etwas ist, das ich erfllen kann, wr' es doch wohl vernnftiger gewesen, mich auf andere Weise darum zu fragen, als so ber mich herzufallen! Da du es erfllen =kannst=, wute ich vorher, erwiderte vorsichtig Toanonga, nur darauf kam es an, ob du es erfllen =wolltest=, und ich hielt es deshalb fr besser, mir eben diesen guten Willen vorher zu sichern. Eine verdammt schne Art! fluchte der Capitain, wenn du dich nur nicht darin geirrt hast! Ich glaube kaum, sagte vollkommen gleichmthig der Huptling. Wie heiest du? Jacobs, brummte der Fremde verdrielich. Und dein Schiff? Bonito. Sehr gut. Nun sieh, wir brauchen hier auf Monui dein Schiff und deine Kanonen, um nach Hapai hinber zu fahren, und die Huptlinge zu zchtigen, die ihre Verbindlichkeiten gegen uns nicht erfllt haben. Mein Schiff! schrie Jacobs wild emporzuckend, den Teufel auch! das brauche ich selber! und wenn ihr das haben wollt, so holt es Euch drauen; seid aber versichert, da euch mein Steuermann auf eine Art empfngt, die euch nicht behagen wird. Das habe ich mir etwa gedacht, lachte der Alte, und dich hier festgehalten, um uns die Mhe zu ersparen. Du bist in unserer Gewalt, wie du recht gut weit, und meine Egis haben beschlossen, dir das Leben zu nehmen, wenn du nicht nach unserem Willen thust. Fgst du dich aber in das, was du doch nicht mehr verhindern kannst, so verspreche ich dir, da wir dein Schiff allerdings jetzt nehmen und deine Kanonen gebrauchen werden, da du es aber wieder bekommen sollst, wenn wir in Hapai gesiegt haben. Der Teufel trau' euch! rief Jacobs, und im allergnstigsten Falle htte ich ein paar Monate von meiner besten Zeit verloren. Nein! Thut mit mir, was ihr wollt, aber das Schiff bekommt ihr nicht. Und darauf verlat euch, da mein Bruder, der Steuermann an Bord des Bonito ist, blutige Rache nehmen wird, wenn ihr mir ein Leides thut. Sei vernnftig, Freund! Was kann er uns zufgen? sagte Toanonga, er mu froh sein, wenn er unseren Canoes entgeht. Du hast nur noch fnf weie Mnner an Bord, und der Wind drauen wird schon schwcher. Wenn wir noch ein paar Stunden warten und rudern dann hinaus, so knnt ihr nicht einmal fort, und dann ist das Schiff unser, und du bekommst nie etwas davon wieder. Jacobs wollte heftig darauf erwidern, Mac Kringo aber, der indessen hinzugetreten war, blinzelte ihm heimlich zu und sagte dann zu dem Alten: La mich mit ihm reden, Toanonga; er wird Vernunft annehmen, wenn er einsieht, da er doch nichts daran ndern kann. Toanonga sah den Schotten etwas berrascht an, denn er hatte sein Kommen gar nicht bemerkt und mochte ihm auch vielleicht nicht so ganz trauen. Da er die Fremden aber ganz in seiner Gewalt wute, schien er dem Vorschlage nach einiger berlegung beizustimmen. Gut, Ma Kino, sagte er, sprich du mit ihm. Und was willst du, da er thun soll? fragte der Schotte. Er soll hinausschicken und die anderen weien Mnner an Land rufen. Er mag ihnen sagen lassen, da sie Messer und Tabak mitbringen, um dafr Cocosl einzutauschen! Da ich ein Esel wre! rief Jacobs. Ich soll mir selber die Hnde binden, nicht wahr? Seid ihr der Capitain des Schooners? fragte ihn der Schotte in englischer Sprache. Ja wohl, der bin ich. Waret ihr mit auf der _Lucy Walker_? Ja. -- Wie viel Weie habt ihr noch am Bord, auf die ihr euch fest verlassen knnt? Fnf, mit dem Steuermann. Den Steuermann knnen wir nicht rechnen, sagte der Schotte, der mu an Bord bleiben. Wissen die anderen Vier mit Gewehren umzugehen? Vortrefflich. Drei sind Franzosen von Taiti, und der Vierte ist ein Deutscher. Aber glaubt ihr wirklich, da die Rothfelle ihre Drohung ausfhren wrden? Ich frchte fast, ja. Sie sind sonst gutmthig und friedlich genug, aber jetzt gerade zu einem Kriege gerstet, und ich mchte euch nicht rathen, sie zum uersten zu treiben. Aber wenn ich das Boot ans Ufer kommen lasse, bin ich verloren, denn sobald sie ihre Canoes hinausschicken, kann mein Steuermann mit den paar Kanakas das Fahrzeug nicht allein halten. Habt ihr Musketen an Bord? Gewi. Mac Kringo schwieg eine Weile und sah nachdenkend vor sich nieder. Toanonga aber, der ein paar Schritte davon entfernt mit einem Huptling sprach, wurde schon ungeduldig und drehte sich nach ihnen um. So wie so ist es eine verzweifelte Geschichte, sagte da der Schotte. Gebt ihr euch ihnen nicht gutwillig, so brauchen sie Gewalt, und euer eigenes Leben ist dann in ihren Hnden. Mit so schwacher Besatzung httet ihr nicht so leicht an Land kommen sollen. Trotzdem ist es doch am Ende noch mglich, sie anzufhren, wenn ihr euch verpflichten wollt, uns Europer von dieser Insel mit fortzunehmen. Wie viel seid Ihr? Sechs; und so tchtige Matrosen, wie ihr euch wnschen knnt. Aber hier stehen wenigstens sechszig bewaffnete Insulaner um uns her. Deshalb mssen wir euere vier Leute noch vom Boot zu Hlfe haben. Und dann sollen wir uns mit Gewalt durchschlagen? Wir mssen es versuchen! Ich wei wenigstens keine andere Mglichkeit, euch zu helfen. Und wer brgt mir dafr, Freund, da =ihr= es ehrlich mit mir meint? sagte Jacobs. Ihr habt mich hier ohne Warnung den Rothfellen in die Hnde laufen lassen, und wie kann ich wissen, ob ihr nicht mit ihnen unter Einer Decke steckt! Das Mitrauen mu ich euch allerdings zu Gute halten, sagte Mac Kringo, und wenn ihr meinem ehrlichen Gesicht nicht glaubt, habe ich keine weitere Brgschaft fr euch, als die Versicherung, da uns allen, oder wenigstens Fnfen von uns, der Boden hier unter den Fen brennt, und wir Gott danken wollen, wenn wir die Insel im Rcken haben. Jetzt thut was ihr wollt; wenn ihr einen anderen Rath wit, euch zu helfen, so ist es mir lieb, wo nicht, so sagt mir euere Meinung bald, denn wie ich sehe, fngt der Alte da hinten an, die Geduld zu verlieren. Ihr habt Recht, sagte Jacobs nach kurzer Pause, es ist das die einzige Rettung. Im allerschlimmsten Falle kann dann mein Bruder, der Steuermann, doch am Ende noch mit den paar Kanakas und dem Fahrzeug entkommen, sobald er merkt, da fr uns Alles verloren ist. Aber auf welche Art kann ich ihm Kunde schicken? Wenn die Insulaner wenigstens meine Leute zurckrudern lieen! Ich glaube schwerlich, da Toanonga das zugiebt, sagte der Schotte, denn der gnstige Erfolg seiner ganzen List beruht nur darauf, da die am Bord keinen Verdacht schpfen. Aber da kommt er selber, jetzt wollen wir gleich hren, wie er sich die Sache weiter ausgedacht hat. Toanonga war wirklich ungeduldig geworden, denn da er sich nun einmal mit dem Gedanken vertraut gemacht hatte, das Schiff den Fremden wegzunehmen und zu seinen eigenen Zwecken zu verwenden, erschien es ihm hchst rcksichtslos von dem Papalangi, da er ihn auch noch so lange darauf warten lie. Nun mach rasch, Ma Kino, sagte er, als er zu ihm trat, meine Leute wollen nicht lnger warten, und wir haben auch keine Zeit zu verlieren, denn der Tag vergeht. Was sagt der Papalangi? Er fgt sich deinem Willen, erwiderte der Schotte; wenn ihr keinem von ihnen ein Leides thun und ihnen das Fahrzeug, sobald ihr es gebraucht habt, zurckgeben wollt. Nun versteht sich, versteht sich, erwiderte der Alte, ungeduldig mit dem Kopfe schttelnd. Aber der Steuermann hat Antheil an dem Fahrzeug, fuhr Mac Kringo fort, und wird es nicht gutwillig hergeben wollen. Nicht gutwillig hergeben wollen? lachte Toanonga, wenn wir die Weien erst an Land haben, brauchen wir ihn nicht lange zu fragen. Aber wie willst du die an Land bekommen, Toanonga? fragte der Schotte. Wer soll hinberfahren, sie zu holen? Denn eine Flagge haben wir nicht hier, ihnen ein Zeichen damit zu geben. Du hast Recht, sagte Toanonga, und sah sinnend vor sich nieder. Den Papalangi selber durfte er nicht schicken, der wre natrlich nicht wieder gekommen, und die Kanakas durfte er auch nicht hinber lassen, da die ja Zeuge des berfalls ihres Capitains gewesen waren. Mac Kringo, wie einem der anderen Weien auf der Insel traute er ebenfalls nicht, und das Einzige blieb, da er ein paar von seinen eigenen Leuten hinber rudern lie. Dabei konnte er sich aber nicht verhehlen, da die Fremden kaum einem Befehl Folge leisten wrden, der ihnen von den Eingeborenen einer fremden Insel gebracht wurde. Ein paar Mal kam ihm freilich der Gedanke, ohne Weiteres mit seinem Canoe hinauszufahren und den Schooner, der doch nicht ohne seinen Capitain absegeln konnte, zu entern; aber er frchtete die Kanonen und durfte seine kriegsfhigen, jungen Leute, gerade im Begriff, einen Kriegszug zu unternehmen, nicht also gefhrden; so lange er deshalb hoffen durfte, seinen Plan mit List durchzusetzen, wollte er jede Gewaltthat gern vermeiden. Spricht jemand bei euch an Bord die Tonga-Sprache? fragte da Mac Kringo, whrend der Alte noch mit sich zu Rathe ging, den fremden Capitain in englischer Sprache. Nein, kein Mensch, sagte dieser. Desto besser, nickte der Schotte und fuhr dann, zu Toanonga gewendet, fort: Darf ich dir einen Vorschlag machen, die Leute an Bord das wissen zu lassen, was du willst? Allerdings, sehr gern! rief der Alte, dem damit ein groer Gefallen geschehen wre. Nun gut, so schicke Spund mit zwei Tongaleuten hinber. Spund? fragte Toanonga, und schttelte bedenklich mit dem Kopf. Spund ist eine gute, ehrliche Haut, beruhigte ihn der Schotte, und wenn du dem drohest, du wrdest ihm den Schdel einschlagen, sowie er das Geringste verriethe, warnte er seinen eigenen Vater nicht. Auerdem braucht er gar nichts zu bestellen, denn du weit, da die Papalangis die Kunst verstehen, auf ein weies Stck Zeug Zeichen zu malen, die einem Anderen sagen, was er wissen soll. Da kann der Fremde aber darauf setzen, was er will! Er mag es in der Tonga-Sprache thun, und du kannst dich dann selber berzeugen, da er nichts sagt, als was du von ihm verlangst. Toanonga begriff noch nicht recht, wie das Ganze gemeint sei. Auf Spund glaubte er sich brigens am ersten verlassen zu knnen, und wollte jetzt wenigstens sehen, was die Fremden im Sinne htten. Er gab auch des Gefangenen Hnde frei, und dieser ging rasch auf Mac Kringo's Plan ein, nahm seine Brieftafel aus der Tasche, ri ein Blatt heraus und schrieb darauf in der Tonga-Sprache: Schicke mir augenblicklich die vier Papalangis herber und la sie Messer und Tabak mitbringen; darunter aber setzte er in Englisch nur die Worte: Verrath! schicke die vier Matrosen gut bewaffnet! Toanonga hatte neben ihm gestanden und ihm aufmerksam zugesehen, war aber sehr erstaunt, da der Fremde so rasch damit fertig wurde. Und da sollen sie jetzt wissen, was das bedeutet? fragte er lachend. Nun wartet, das wollen wir gleich erfahren. Geh' einmal weg, Ma Kino, der Fremde soll mir allein sagen, was er darauf gemalt hat. Der Schotte trat zurck, und Jacobs las Toanonga die im Tonga-Dialekt geschriebenen Worte langsam vor. Darauf ging der Huptling mit dem Zettel zu Mac Kringo, und war aufs uerste erstaunt, als dieser ihm jede Silbe genau wiederholte, wobei sich dieser jedoch wohl htete, das Englische mitzulesen. Toanonga traute aber noch immer nicht; denn die Beiden konnten sich auch ber diese Worte vorher verstndigt haben. Er ging also wieder zu Jacobs zurck und flsterte ihm zu, die beiden Worte =Monui= und =Toanonga= aufzuzeichnen. Davon konnte Mac Kringo jetzt nichts wissen, als er aber diesem das Blatt zeigte, und der die Worte ohne Schwierigkeit ablas, kannte sein Erstaunen keine Grnzen. Besonders konnte er sich gar nicht denken, da er Monui gleich erkannt habe, da die fnf sehr aufflligen Bergspitzen der Insel gar nicht darin zu unterscheiden waren. Er machte den Versuch auch noch mit ein paar andern Worten, und wrde sich wahrscheinlich den ganzen Tag damit unterhalten haben, htte die Zeit nicht gedrngt. Von dem also abgefaten Briefe versprach er sich aber einen auerordentlichen Erfolg, nahm Spund zur Seite und flsterte lange und heimlich mit ihm. Spund schien auch mit Allem einverstanden und nickte in Einem fort mit dem Kopfe. Die beiden Insulaner, die vorher mit dem Canoe an Bord gewesen waren, wurden dann in dem Boot der Weien mit Spund abgeschickt, und dieser wrdige Mann war jetzt nur in Verlegenheit, wohin er mit seinem Buche indessen sollte. An Land durfte er es nicht lassen; denn die Eingeborenen, die es sich einmal in den Kopf gesetzt, da es Beschwrungen und Zauberformeln enthalte, hatten ihm schon eine Menge Bltter herausgerissen, wo sie deren nur habhaft werden konnten. Mac Kringo wollte er es auch nicht anvertrauen, und beschlo deshalb, es lieber mitzunehmen. Der Schotte stand mit vorn am Bug, als sie das auf den Corallensand gezogene Boot wieder in tiefes Wasser schoben. Wie Spund aber bei ihm vorbei an Bord stieg, flsterte er ihm zu. Bringe Hlfe, oder wir sind verloren! Ja, aber! rief Spund ganz verblfft, da er der erhaltenen Befehle Toanongas gedachte. Mac Kringo lie sich jedoch auf keine weitere Erklrung ein, im nchsten Augenblick war das Boot flott, und die beiden Indianer ruderten es rasch dem Eingang der Bai entgegen. 5. Mac Kringo war jetzt mit seinem Plan im Reinen; die Kameraden durften keinen Fluchtversuch im Canoe machen, so lange noch der Capitain des Schooners am Ufer gefangen gehalten wurde. Ihre einzige Rettung lag im Gegentheil darin, da sie mit der Verstrkung vom Schooner, die jedenfalls Gewehre mitbrachte, ihre eigene Schaar herbeizogen, und dann den Indianern weit eher die Spitze bieten konnten. Langsam ging er deshalb auf die, seinen Schiffsgenossen schon im Voraus bezeichnete Corallenbank hinaus, blieb dort einen Augenblick stehen, und kehrte dann zum Ufer zurck. Er wute jetzt, da er die Kameraden bald in der Nhe hatte, und gelang es ihnen dann, sich bei dem Boote zusammen zu drngen und dieses in Besitz zu nehmen, so durften sie hoffen, ihre Flucht glcklich zu bewerkstelligen. Allerdings waren alle in der Nhe wohnenden Indianer an der Landung versammelt, da Toanonga seine Leute zusammen halten wollte, um die vier Matrosen in Empfang zu nehmen. Gelang es ihnen jedoch, das Boot zu besetzen, so hatten sie dadurch auch wieder den Vortheil, da die Indianer die wohl eine Viertelstunde entfernt liegenden Canoes nicht so rasch erreichen konnten und ihnen einen tchtigen Vorsprung lassen muten. In dem Bewutsein freilich, da sich jetzt der entscheidende Augenblick nherte, und da ihnen entweder Freiheit winkte, oder im Falle des Milingens die grte Gefahr von den gereizten Eingeborenen drohe, schlug ihm das Herz strmisch und ngstlich in der Brust. Die Minuten dehnten sich ihm zu Stunden aus, und in der Unruhe, in der er sich befand, schritt er den Bschen zu, vielleicht einem der Kameraden zu begegnen und ihm Vorsicht zu empfehlen. Dort kam er an Toanonga's Haus vorbei, und wenn die Eingebornen auch eines Huptlings Wohnung nicht betreten drfen, besonders wenn sich die Frauen darin aufhalten, ohne von ihnen dazu aufgefordert zu sein, hatte man es mit ihm, der als ein Huptling der Weien und als ein Fremdling betrachtet wurde, nie so genau genommen. Im Gegentheil war er von Anfang an den Frauen stets willkommen gewesen, da er, der Sprache mchtig, ihnen viel vom Lande und von den Frauen der Papalangis erzhlen konnte. So trat er auch jetzt einen Augenblick hinein, um die ihm nachschauenden Indianer glauben zu machen, er schlendre nur wie gewhnlich absichtslos in der Nachbarschaft umher. Hatte er sich aber wirklich dort nur ein paar Minuten aufhalten wollen, so nderte er bald seinen Plan; denn seinem scharfen in dem inneren Raum umhergeworfenen Blick entgingen nicht die in einer Ecke lehnenden sechs oder acht Musketen, die hier jedenfalls zu pltzlichem Gebrauch bereit gelegt schienen. Den Frauen kam er dabei sehr erwnscht, denn diese brannten vor Neugierde, etwas Nheres ber das zu hren, was auen vorging. Etwas Auergewhnliches war jedenfalls im Werke, darber konnten sie sich nicht tuschen, wren die Gewehre auch nicht hervorgeholt worden. Toanonga hatte ihnen jedoch nicht eine Silbe davon erzhlen wollen, und Niemanden sahen sie deshalb jetzt gerade lieber als Mac Kringo. Aber von dem Schotten bekamen sie im Anfang nur verworrene und unzusammenhngende Antworten; denn in dessen Kopfe bildete sich ein neuer Plan, ob er sich mit den Kameraden nicht vielleicht dieser Gewehre bemchtigen knnte. Nirgends aber entdeckte er die dazu gehrige Munition, und milang der Versuch, so waren sie alle verloren. Trotzdem gelang es ihm aber doch vielleicht, die Waffen wenigstens fr die Insulaner unbrauchbar zu machen, und darber mit sich im Reinen, begann er pltzlich eine lebendige Erzhlung. Er beschrieb den Frauen, wie sie nun bald in Besitz eines groen Schiffes mit Kanonen sein wrden, mit dem sie nach Hagai hinberfahren und die dortigen Insulaner zchtigen knnten. Dabei schilderte er mit lebhaften Gestikulationen ihre Landung dort und ihren Angriff, und erfate dazu, um das anschaulicher zu machen, eines der Gewehre. Die Frauen, die den Knall dieser fr sie furchtbaren Waffen kannten, wandten erschreckt die Kpfe und baten ihn, die Muskete hinzulegen. Mac Kringo that das, aber nicht ohne vorher den Stein aus dem Schlosse entfernt zu haben, den er geschickt in seine eigene Tasche schob. Immer aufs Neue kam er dabei auf den Angriff zurck, bis er von smmtlichen Gewehren die Steine entfernt hatte. Die Frauen aber schpften natrlich keinen Verdacht, denn sie konnten nicht wissen, da der Papalangi in solcher Schnelligkeit und vor ihren Augen im Stande sein sollte, die Waffen vollstndig unbrauchbar zu machen. Darber war wohl eine halbe Stunde vergangen, und der Schotte sah jetzt durch die offenen Bambusstbe der Htte, da Jonas drauen angekommen und von Toanonga gesehen war. Das Boot mute auch den dicht vor der Einfahrt kreuzenden Schooner schon erreicht haben, und es drngte ihn, zu wissen, ob die brigen Kameraden in der Nhe und seines Rufs gewrtig seien. Sein erster Blick, so wie er ins Freie trat, war nach dem Schiffe hinber. Dieses hatte eben gewendet und hielt von den Riffen ab, denn der Wind war so schwach geworden, da die Mannschaft an Bord nicht mit Unrecht frchten mochte, auf die Corallen getrieben zu werden. Aber das Boot war schon auf dem Rckweg, und die nchste halbe Stunde brachte ihnen entweder Hlfe oder sah sie schlimmer in Gefangenschaft als je. Toanonga schien inde gar nicht mit der Ankunft des andern Weien einverstanden, ging auch ohne weitere Umstnde auf Jonas zu und fragte ihn, was er da schon wieder wolle. Was ich da will? entgegnete dieser etwas verblfft, Tabak, bei Gott, wenn das Boot landet, denn ich denke, es ist lange genug, da wir keinen gesehen haben. Gut, Freund, entgegnete Toanonga ruhig, du sollst Tabak haben, jetzt aber geh hin, wo du hergekommen bist, und la dich nicht eher wieder hier sehen, als bis ich dich rufe. Aber ... sagte der Matrose, der jetzt nicht wute, ob er dem erhaltenen Befehle folgen solle oder nicht. Der alte Huptling lie ihn jedoch gar nicht ausreden. Hast du gehrt, was ich mit dir gesprochen? fragte er, und zwar viel ernster, als er ihn noch je gesehen. Komm her, Ma Kino, schicke mir den Zimmermann einmal fort; ich habe gesagt, er soll weggehen, und ich will ihn hier nicht lnger sehen. Mac Kringo war, schon nichts Gutes ahnend, herangetreten. Wollten sie sich aber jetzt schon dem Befehl widersetzen, so mute er frchten, da ihr ganzer Plan scheitern wrde. Unter einer Viertelstunde konnte das Boot nmlich nicht heran sein, und bis dahin wrden die Eingeborenen sie leicht bewltigt haben. Komm, Jonas, sagte er deshalb zu dem Kameraden, geh zurck in den Busch, es hilft jetzt nichts, wir mssen ihm gehorchen -- aber nicht zu weit fort. Wo sind die Anderen? Nicht hundert Schritte von hier, wo da drben die rothen Blumen stehen. Desto besser, in einer Viertelstunde kann das Boot da sein; so wie ihr mich aber Hlfe schreien hrt, kommt herbei, so rasch euch eure Fe tragen. Jonas ging fort. Toanonga hatte jedoch ihrem Gesprch mit unruhigem Blicke gelauscht. Es gefiel ihm nicht, da sich die Beiden jetzt gerade in ihrer Sprache so lange unterhielten, und natrlich wre es ihm sehr unbequem gewesen, Leute in der Nhe zu haben, die am Ende den andern Weien htten beistehen knnen. brigens lie er sich gegen Mac Kringo nichts merken, nahm eine junge neben ihm am Boden liegende Cocosnu auf und sagte zu dem Schotten. Hast du ein Messer bei dir? Ja wohl, erwiderte rasch dieser, dem daran lag, Toanonga nicht auch gegen sich mitrauisch zu machen. Soll ich sie dir ffnen? La nur sein, erwiderte der Alte, ich thue es selber. Damit nahm er das Messer und stach ein Stck aus der weichen Schale der Nu heraus, trank den Saft und warf die Schale bei Seite. Mac Kringo streckte die Hand aus, das Messer wieder zurck zu empfangen, Toanonga aber schob es mit vollkommener Gemthsruhe in sein eigenes Lendentuch und sagte: Warte noch ein wenig, Ma Kino, du brauchst es doch jetzt nicht, nachher sollst du es wieder bekommen. Sieh, das Boot ist schon beinahe am Ufer, und unsere Freunde werden gleich da sein. Der Schotte bi die Zhne auf einander vor Wuth, von der alten Rothhaut auf eine solche Art um seine einzige Waffe gebracht zu sein. Im ersten Augenblick hatte er auch nicht bel Lust, auf ihn zu springen und es ihm mit Gewalt zu entreien. Gerade jetzt aber kamen vier der Egis an ihm vorbei und gingen nach der Landung hinunter, whrend sich von den brigen Seiten die Insulaner ebenfalls herbeizogen, die ankommenden Weien gleich in Empfang zu nehmen. Wenn er sich nun doch mit den Kameraden in die Htte warf und die dort liegenden Gewehre aufgriff -- es war das vielleicht die letzte Hlfe, und in dem ersten panischen Schrecken der Eingeborenen durfte er hoffen, das rasch herbeischieende Boot zu erreichen. Aber auch zu jenen Waffen war ihm der Weg abgeschnitten, denn eine Anzahl dunkler Krieger sammelte sich eben vor dem Eingang der Htte. Da sah er, wie Toanonga langsam auf den Capitain des Schooners zuschritt und neben ihm stehen blieb, und in der Todesangst, seinen ganzen Plan gescheitert zu sehen, griff er zu dem letzten verzweifelten Mittel. Er schritt auf die Beiden zu und fragte den Englnder mit vor innerer Aufregung bebender Stimme, ob er keine Wehr, kein Messer, kein Pistol bei sich habe. Nichts, sagte dieser, als meine Hnde; ich habe keine Gefahr gefrchtet, und als ich vom Bord ging, nur mein kleines Taschen-Teleskop eingesteckt. Bei Gott, das thuts! lachte Mac Kringo wild vor sich hin. Zieht es heimlich in der Tasche aus, fasst dann den Alten, haltet es ihm vor den Kopf, und droht ihm, da ihr ihn ber den Haufen schieen wollt, so wie er sich rhrt. Mit dem Teleskop? fragte der Capitain berrascht. Was wissen die von einem Teleskop? rief Mac Kringo, sie sehen das blitzende Metall und halten das -- aber wir versumen die Zeit, es ist kein Augenblick mehr zu verlieren. Toanonga hatte den Schotten, whrend er sprach, aufmerksam betrachtet, als ob er den Sinn der ihm fremden Worte errathen wolle. Das Boot war aber kaum noch hundert Schritte vom Ufer entfernt, und die rudernden Matrosen hatten in diesem Augenblicke ihre Riemen eingeworfen, weil sie wahrscheinlich nicht nher an die vielen Eingeborenen fahren wollten. Toanonga wandte sich, dort hinunter zu gehen, als er pltzlich die Hand des Fremden auf seiner Schulter fhlte. Erstaunt drehte er den Kopf nach ihm um, stie aber ein berraschtes und erschrecktes _Oiau!_ aus, als er pltzlich vor seinen Augen das unbekannte drohende Instrument erblickte. Rhre dich, und du bist des Todes! schrie dabei der Englnder, und Hlfe! Hlfe! tnte Mac Kringo's gellende Stimme ber den Platz. Die ihm nchsten Insulaner wollten herzuspringen, ihrem Huptling beizustehen. Mit ausgebreiteten Armen warf sich ihnen aber Mac Kringo entgegen und rief. Halt! halt! um Toanonga's willen, er bringt ihn um, so wie ihr euch ihm naht! Hurrah, Jungen! Hurrah! tnte in diesem Augenblicke Legs' Jubelruf durch den Lrm, hier sind die Burschen! Nieder mit den Rothfellen! berrascht wandten die Insulaner dorthin den Kopf, als vom Wasser her schnell hinter einander zwei Schsse fielen und die Kugeln dicht ber ihnen in die Stmme der Palmen schlugen. Jacobs stie zugleich einen scharfen, eigenthmlichen Schrei aus, ein Zeichen fr seine Leute, und whrend die beiden Tonga-Insulaner, die mit im Boot waren, erschreckt ber Bord sprangen und dem Lande zu schwammen, griffen zwei der Leute wieder zu den Rudern, und die andern Beiden stieen Patronen in ihre abgeschossenen Gewehre nieder. Mac Kringo war aber indessen auch nicht mig gewesen. Mit raschem Griff hatte er sich wieder in den Besitz seines Messers gesetzt, und sein scharfer Pfiff zeigte den Gefhrten die Stelle, auf der er sich befand. Panischer Schrecken schien indessen die Insulaner erfat zu haben, die mit dem bedrohten How vor sich und den Feinden an beiden Seiten nicht wuten, welcher Gefahr sie zuerst begegnen sollten. Nach dem Boot! Nach dem Boot! rief Mac Kringo, der recht gut fhlte, da sie diesen ersten Moment der Bestrzung benutzen muten, und mit der Rechten Toanonga's Arm ergreifend, whrend er in der linken das gezckte Messer hielt, folgte Jacobs an der andern Seite seinem Beispiel. Dieser hielt aber sein Teleskop noch immer drohend vor, in dessen blitzender Nhe der erschreckte Huptling sein Leben aufs uerste gefhrdet glaubte. Auch die am Ufer postirten Indianer hatten bestrzt Raum gegeben, da sie nur unbewaffnete Weie zu empfangen gedachten, keineswegs aber darauf vorbereitet waren, den auf sie gerichteten Gewehren zu begegnen. Das Boot berhrte in diesem Augenblick den Strand, und Spund, der nur ein halb freiwilliger Theilnehmer des Angriffs gewesen war, sprang in demselben Moment ans Land, als Legs mit Jonas, Pfeife und Lemon durch die Schaar der am Ufer gedrngten Mnner und Frauen hindurchbrach, den sicheren Bord zu erreichen. Rechts und links theilten sie dabei Keulenschlge aus, und Jonas, Pfeife und Lemon erfaten schon den Rand des Bootes und schwangen sich hinein, als zwei der Frauen sich pltzlich und rcksichtslos auf Legs warfen und ihn schreiend zurckhielten. Du bist unser, du darfst nicht fort! schrien sie dabei, und eine ergriff die kurze Kriegskeule, die er gefhrt, und ri sie ihm aus den Hnden, whrend sich die andere an seinen Hals hngte und laute Wehklagen dabei ausstie. Mac Kringo und Jacobs hatten inde den ihnen Schutz gebenden Huptling bis fast zum Boote geschleppt. Jetzt aber brach auch die Wuth der Eingeborenen aus, die wahrscheinlich glauben mochten, die Papalangis wollten ihren How gefangen mit fortfhren. Mit wildem Aufschrei strmten sie herbei, und eben von Toanonga's Hause wieder kam ein kleiner Trupp von Kriegern mit den dort aufgegriffenen Musketen gesprungen. Hieher, Legs! hieher Spund! schrie da Mac Kringo, indem er Toanonga los lie und an Jacobs' Seite mit flchtigen Stzen zum Boot hinunter floh. Bestien! knirschte auch Legs zwischen den zusammengebissenen Zhnen hindurch, und ohne die geringste Rcksicht auf das zarte Geschlecht versetzte er den beiden Frauen ein paar so wohl gezielte Schlge zwischen die Augen, da sie mit einem Weheruf zurcktaumelten. Im nchsten Augenblicke war er frei und rannte an Toanonga vorber dem Boote zu. Die Eingeborenen aber, die jetzt ihren Huptling auer Gefahr sahen, sandten ihnen einen Hagel von Pfeilen nach, whrend die mit Musketen Bewaffneten anlegten, aber vergebens die Hhne schnappen lieen. Diese vorbeschriebenen Scenen waren blitzesschnell auf einander gefolgt. In demselben Moment aber, in dem Legs seinen beiden Frauen entsprang, war Spund vollstndig einig mit sich geworden, seine Kameraden allein flchten zu lassen. Zu seinem Entsetzen hatte er nmlich die halbe Mihandlung bemerkt, die Toanonga, den er sehr schtzte, erlitten, und eilte jetzt rasch auf ihn zu, ihm seine Hlfe anzubieten. Toanonga dagegen hielt gerade Spund fr den rgsten Verrther von Allen, da er, anstatt die Weien in seine Hnde zu liefern, die Leute an Bord jedenfalls gewarnt und sie bewaffnet herber gebracht hatte. So ruhig und leidenschaftlos er sich deshalb auch sonst benahm, so zornig und emprt war er jetzt. War nicht die Huptlingswrde in ihm geschndet? hatten die Weien nicht gewagt, Hand an ihn, den How dieser Insel, zu legen? Deshalb also dem ihm nchsten Krieger eine Keule entreiend, fhrte er einen so gutgemeinten und raschen Schlag nach dem Schdel des armen Teufels, da er ihm jedenfalls verderblich geworden wre. Zu seinem Glck schleppte Spund aber noch immer das Buch mit sich herum, da er fast unwillkrlich mit beiden Hnden empor hob, als er die Keule niedersausen sah. Allerdings brach der dicke Band die Gewalt des Schlages in etwas; derselbe war aber zu krftig gefhrt worden, um sich ganz aufhalten zu lassen, und wie das getroffene Buch auf Spund's Kopf niederprallte, warf es den Bttcher hinterrcks auf die scharfen Corallen. Toanonga sah ihn strzen, kmmerte sich aber nicht weiter um ihn, denn wichtigere Sachen erforderten seine Aufmerksamkeit. Nach den Canoes, nach den Canoes! donnerte seine Stimme die Bai entlang, und whrend die mit den Musketen bewehrten Insulaner noch immer umsonst versuchten, die verstmmelten Waffen abzudrcken, sprang die Mehrzahl der jungen Leute flchtigen Fues am Wasserrand hin, die Canoes zu erreichen. Konnten sie doch dem schwer geladenen Boot der Papalangis noch immer den Weg abschneiden. Einzelne waren jedoch noch zu Toanonga's Schutze zurckgeblieben und ein paar von diesen sprangen auf Spund zu, den also Niedergeworfenen vllig abzufertigen. Mac Kringo hatte aber im Boot die Gefahr des Kameraden gesehen, und whrend die Mannschaft desselben das halb auf den Strand gerathene Fahrzeug zurck in ein tiefes Wasser drckte, griff er eine der Musketen auf und feuerte sie ber die Kpfe der Insulaner in die Luft. Das rettete Spund. Bei dem Schu fuhren die Wilden unwillkrlich zurck, whrend derselbe auf den Matrosen gerade die entgegengesetzte Wirkung hervorbrachte. Mit einem Satze war er in die Hhe, und Buch wie Glaubenseifer hinter sich lassend, warf er sich Hals ber Kopf in das Wasser hinein, den Kameraden zu folgen. Der mit so grimmer Wuth nach ihm gefhrte Schlag des alten Huptlings hatte ihn, wenn auch nicht beschdigt, doch so erschreckt, da er gar nicht daran dachte, einen zweiten derartigen Angriff abzuwarten. 6. Die Englnder kletterten, so wie das Boot flott war, hinein und griffen die Ruder auf, whrend die Mannschaft des Schooners mit den Gewehren im Anschlag stehen blieb, ihren Rckzug zu decken. Das Boot ging aber durch die vermehrte Besetzung ziemlich schwer im Wasser und machte keineswegs so raschen Fortgang, wie Mac Kringo gehofft hatte. Teufel noch einmal! flsterte er Lemon, der auf der Ruderbank vor ihm sa, zu, die Rothfelle bekommen doch am Ende Zeit, uns mit ihren Canoes den Weg abzuschneiden. Wenn ich ihnen den Spa nicht verdorben htte! lachte aber Lemon ingrimmig vor sich hin. In alle die Canoes, die dort lagen, habe ich ein wunderhbsches Loch hineingebohrt, und bis sie die jetzt wieder ausschpfen und flott machen, sind wir lange drauen. Das war gescheidt, mein Bursche! rief der Schotte, hehehe, wie sie uns verwnschen werden, wenn sie den Streich merken! Das war aber auch nthig; denn das alte runde Ding hier schleicht gerade so durchs Wasser, als wenn wir in einem Splfa sen. Ein paar Schsse wurden in diesem Augenblicke vom Ufer ihnen nachgefeuert. Entweder hatten die Insulaner den Verlust der Steine bemerkt und ersetzt, oder noch andere Musketen gehabt. Keine der Kugeln traf jedoch das Boot; eine zischte vorber, und die anderen fielen schon zu kurz. Sie nherten sich jetzt dem schmalen Eingang der Riffe, als sie die ersten Canoes der Verfolger aus einer geschtzten Bucht vorschieen sahen. Durch Lemon's List waren sie aber hinlnglich aufgehalten worden, um den Flchtigen einen ziemlichen Vorsprung zu gestatten, und da Leute genug im Boot saen, einander abzulsen, so lieen sie die Ruder aus Leibeskrften arbeiten. Die Indianer schienen ihre Canoes auch nicht alle auf einmal flott bekommen zu haben; denn als das Boot die Riffe verlie, folgten ihnen erst zwei, und ein drittes wurde eben sichtbar; dann entzog die ber die Corallen strzende Brandung das innere Wasser der Bai ihren Blicken, und sie konnten nichts weiter von dem, was dort vorging, erkennen. Der Schooner lag etwa eine halbe englische Meile weiter drauen. Der Steuermann hatte aber vom Masttop aus die Flucht des Bootes und die verfolgenden Canoes bemerkt, ja, sogar die Schsse von dort herber gehrt und, trotz der Gefahr, die ihm selber von den Riffen drohte, die Segel backgebrat, seine Leute erst wieder aufzunehmen. Noch waren diese auch eine ziemliche Strecke vom Schooner entfernt, als die ersten Canoes schon im Eingang der Bai sichtbar wurden und mit reiender Schnelle nher kamen; aber berholen konnten sie das Boot nicht mehr. Jetzt lief es langseit, und wenige Secunden spter kletterten schon die Matrosen mit lautem Jubelruf an den ihnen zugeworfenen Tauen empor. Alle wuten aber, da sie sich trotzdem nicht eher fr gerettet halten konnten, als bis sie die Insel windwrts brachten und die drohenden Riffe hinter sich lieen. Die Segel flogen deshalb herum, um auch den geringsten Luftzug zu fangen, den ihnen die schwache Brise bot, und whrend der Bug nach Westen abfiel, an den Riffen hinzulaufen, sprang Mac Kringo an der Want des Vordermastes empor, einen berblick nach der Insel zu gewinnen. Er kannte nmlich das Binnenwasser von Monui genau und wute, da gerade nach Westen zu den brigen Canoes ein anderer Pa blieb. Den muten sie nehmen, wenn sie ihnen den Weg abschneiden wollten; und da der Schooner nicht nach Osten entkommen konnte, war den Eingeborenen bekannt genug. In dieser Vermuthung hatte er sich denn auch nicht geirrt, denn oben kaum angelangt, erkannte er schon sieben stark bemannte Canoes, die ber die glatte Bai herberschossen und denen der Schooner gar nicht mehr vorbeilaufen konnte. Es blieb ihnen jetzt nichts Anderes brig, als sich zu einem Kampfe zu rsten; denn da die Insulaner, solcher Art um die schon sicher geglaubte Beute betrogen, ihren Angriff mit erbitterter Wuth machen wrden, lie sich denken. Jacobs erfuhr brigens kaum die neue Gefahr, die ihm drohte, als er auch mit gutem Muth den Befehl gab, das Deck zum Kampfe klar zu machen. Die vier Kanakas hatte er allerdings an Land zurck lassen mssen -- und den Sandwichs-Insulanern schien diese Gelegenheit sehr erwnscht gekommen zu sein --, dafr war aber seine Mannschaft durch sechs tchtige Matrosen verstrkt worden, und mit den zwei kleinen Kanonen, die er am Bord fhrte, hoffte er sich die Wilden schon vom Leibe zu halten. Mac Kringo that es freilich leid, da er jetzt vielleicht genthigt sein sollte, auf die zu schieen, die ihn doch eigentlich freundlich aufgenommen. Dabei wute er aber recht gut, da sie keine Gnade zu erwarten htten, wenn sie zum zweiten Male in die Hnde der Eingeborenen fielen, und der Selbsterhaltung mute jede andere Rcksicht weichen. Ihre einzige Hoffnung war noch, da die Brise strker werden sollte, wo sie den Canoes dann bald entgangen wren. Im Gegentheil schien aber der Wind fast ganz einzuschlafen, und mit der Ungewiheit, nach welcher Richtung hin hier die Strmung ging, donnerte ihnen die Brandung schon drohend in das Ohr. Der Capitain lie allerdings das Senkblei werfen, aber sie fanden, obgleich gar nicht mehr so weit von den Riffen entfernt, keinen Grund. Gerade vor ihnen lief eine Corallenspitze ziemlich hoch nach Norden hinauf, und wenn sie diese umschiffen konnten, hofften sie an den dort mehr ablaufenden Riffen eher hinunter zu knnen. Gerade dort aber wurden jetzt die ersten Canoes sichtbar, whrend die drei, die ihnen gefolgt waren, ihren Angriff nur zu verzgern schienen, bis sie von ihren Freunden untersttzt werden konnten. Der Capitain des Schooners hatte nicht gern die Feindseligkeiten erffnen wollen, jetzt aber sah er ein, da ihm keine weitere Wahl blieb; denn einen Erfolg konnte er sich nur, bei der groen bermacht der Insulaner, in dem Falle versprechen, wenn es ihm gelang, sie etwas einzuschchtern. Die vorn am Bug stehende Kanone wurde deshalb gerichtet, Jacobs ergriff selbst die Lunte, und die Kugel schlug gleich darauf so glcklich ein, da sie das geschnitzte Hintertheil eines der Canoes wegri und, wie es schien, den Steuernden beschdigte. Das lieen sich die Insulaner brigens zur Warnung dienen; denn whrend sie bis jetzt ihre Fahrzeuge auf einem Trupp zusammen gehalten hatten, vertheilten sie dieselben, und es schien, da sie einen Angriff von allen Seiten und zu gleicher Zeit beabsichtigten. Da kommt die Brise! rief da pltzlich der Steuermann des Schooners, der seinen Stand an der hinteren Kanone bekommen hatte, und als sich alle Blicke dorthin wandten, sahen sie, wie sich in der That die Oberflche der See nach Osten zu dunkel frbte und kruselte. Aber die Canoes mochten das ebenfalls bemerkt haben und wuten jetzt, da sie ihren Angriff keinen Augenblick mehr verzgern durften. Die Ruderer strengten alle ihre Krfte an, die verschiedenen, ihnen angewiesenen Pltze so rasch als mglich einzunehmen, und dies erreicht, glitten sie von allen Seiten zugleich heran. Die Mannschaft des Schooners erwartete sie mit klopfenden Herzen, denn ber das ganze Fahrzeug zerstreut, konnten sie kaum mehr als einen Mann jedem Canoe zur Abwehr entgegen stellen. Nher und nher kam auch der dunkle Wasserstreifen geflogen. Schon konnten sie erkennen, wie sich die kleinen Wellen tanzend hoben, und jetzt -- jetzt schlugen die Segel flappend gegen den Mast und -- blhten aus. Vorn unter dem Bug kruselte und schumte das klare Wasser, und whrend sie sich den vorderen Canoes rasch nherten, lieen sie die hinteren zurck. Alle nach vorn, Jungens! jubelte da Jacobs' Stimme ber Deck. Das kam zur rechten Zeit! und Bill, du hltst den Schooner gerade auf das grte Canoe da vorne mitten darauf! Immer strker wurde die Brise, schon begann sich das schlanke Fahrzeug ein wenig zu neigen, und die hinter ihm befindlichen Canoes durften nicht mehr hoffen zur rechten Zeit heran zu kommen. Trotzdem gaben die vorderen den Angriff nicht auf. Sie wuten wie wenig Leute ihnen die Papalangis entgegenstellen konnten, und da die erste Kanonenkugel keinen greren Schaden angerichtet, hatte ihren Muth noch eher erhht. Noch ging das Fahrzeug auch nicht rasch genug durchs Wasser, da sie nicht htten anlaufen und entern knnen; aber mit immer grerer Anstrengung muten die an der Seite Befindlichen arbeiten, um nicht zurckgelassen zu werden. Vor dem Schooner hatten sich jetzt vier Canoes gesammelt, und als er heran kam, wichen sie eben genug aus, ihn hindurch zu lassen. Gegen den Wind, wuten sie recht gut, konnte er nicht weiter aufluven, und unter dem Wind lagen die Corallen. Jacobs kannte seinen Schooner, der nur aber bei mittelmiger Brise mit vier und einem halben Strich ganz vortrefflich segelte und dem Wind ordentlich in die Zhne lief. So wie er deshalb die Absicht der Eingeborenen merkte, war auch sein Plan gefat. Gebt Feuer, rief er, so wie ihr das Weie von ihren Augen sehen knnt! und dann selber an sein Steuer springend, lie er sein Fahrzeug trotz der Corallen wohl zwei Strich abfallen. Den von rechts herbeikommenden Canoes wich er dadurch aus und berraschte die beiden an der linken Seite so vollkommen, da der Bug des Bonito das Hintertheil des einen ergriff und bersegelte. Die Mannschaft desselben hielt sich allerdings zum Theil selbst an dem vorderen Tauwerk des Schooners und suchte an Bord zu klettern. Nachdem die Matrosen aber ihre Gewehre in die nchsten Canoes abschossen und dort Verwirrung verbreitet hatten, drehten sie die Musketen um, und wo sich ein Kopf ber der Schanzkleidung zeigte, traf ihn auch ein wohlgezielter Schlag. Noch heulten und tobten die Eingeborenen in wilder Wuth um sie her, als der Bug des Schooners schon wieder scharf gegen den Wind aufluvte. Im nchsten Moment schossen sie so dicht an der Corallenspitze vorber, da sie mit einem Steine htten in die Brandung werfen knnen, und lieen jetzt die letzten Canoes, die dieser Gefahr selber entgehen muten, zurck. -- Noch wenige Secunden, und sie waren gerettet, jede Gefahr lag hinter ihnen, und Bill, der Steuermann, sprang mit seiner Lunte an die hinterste Kanone, den Feinden noch eine Kugel zurck zu schicken. Das aber litt Jacobs nicht. La sie laufen, mein Junge, sagte er, indem er den Arm des Steuermannes zurckhielt. Sie werden Noth genug haben, von der Ecke dort weg zukommen; vor =uns= aber liegt die blaue weite See, und mit dem Bewutsein, all jenen Gefahren so glcklich entgangen zu sein, mag ich kein Menschenleben mehr zerstren. Funoten: [32] Das aus einer Art Baumrinde bereitete und gedruckte Zeug. Das ungedruckte heit Tapa. [33] Bolutu ist nach dem Glauben der Tonga-Inseln der Aufenthalt der Seligen. Sie denken sich diesen Ort als eine groe, wunderbar schne Insel, mit allen Frchten reich gesegnet, die weit gegen Nord-Westen liegt -- so weit in der That, da sie dieselbe mit ihren Canoes nicht erreichen knnen. Dort werden ihre Seelen zu Hotuas oder gttergleichen Geistern, die auch -- besonders die Seelen der Huptlinge -- im Stande sind, Einflu auf das Leben der Sterblichen auszuben. Sie erzhlen sich, da einmal ein Boot von den Tonga-Inseln dorthin verschlagen sei, und die Leute wren ans Land gesprungen und htten sich von den prachtvollen Frchten pflcken wollen; sie htten aber keine ergreifen knnen; denn unter ihren Hnden wurden sie zu Luft. Auch durch die Bume, die dort wuchsen, konnten sie gerade hindurchgehen. Sie standen leibhaftig vor ihnen, bildeten aber keinen festen Krper. Ein Hotua kam da zu ihnen und ermahnte sie, die Insel so rasch als mglich zu verlassen, und voll Angst schifften sie sich augenblicklich wieder ein. Der Wind blies auch so gnstig und scharf, da sie Tonga schon nach einigen Tagen erreichten; aber am Ufer angekommen, muten sie alle sterben. Ihre Krper hatten die Luft von Bolutu nicht vertragen knnen. An eine Strafe nach dem Tode glauben die Tonga-Insulaner nicht. II. Im Ostindischen Archipel. Der Balinese. stlich von Java, und von dieser Insel nur durch einen schmalen Seearm getrennt, liegt das zwar kleine, aber wunderschne, gebirgige Eiland =Bali,=, von einem kriegerischen, krftigen, arbeitsamen Volke bewohnt und bis in seine Berge hinauf vortrefflich cultivirt und angebaut. Trotz seiner Nhe bei dem schon lngst den Hollndern unterworfenen Java hatte es sich dennoch bis zur neueren Zeit seine vollkommene Unabhngigkeit zu bewahren gewut, und erst in den letzten Jahren gelang es den Hollndern, theils durch Verrath unter den Eingeborenen, theils durch ihre Truppen unter dem Commando Sr. Hoheit des Herzogs Bernhard von Weimar, die Rajahs Balis wenigstens dahin zu bringen, da sie ihre Oberherrschaft anerkannten. Die Balinesen sind, was die Missionre blinde Heiden nennen, d. h. sie haben ihre eigenen Gtter (Brachma, Schiwa und Wischnu) und ihren eigenen Glauben, den sie sich entschieden weigern abzulegen. Ihre Javanischen Nachbarn gingen ihnen darin allerdings schon seit lngerer Zeit mit gutem Beispiel voran, indem sie zum Islam bertraten. Von den muhamedanischen Priestern besonders, aber auch dann und wann von christlichen Missionren sind schon verschiedene Versuche gemacht, sie das abschwren zu machen, was andere Nationen eine =Irrlehre= nennen. Bis jetzt war es jedoch vergeblich, und wenn es irgend noch eines Beweises bedrfte, da die christliche Religion keineswegs unumgnglich nothwendig dazu ist, ein wildes Volk zu civilisiren, so liefern diese Balinesen als =Heiden=, und ihre Nachbarn, die Javanen, als =Muhamedaner= davon den schlagendsten Beweis. Was die Cultur Balis' betrifft, so lt diese nichts zu wnschen brig. Jedes Pltzchen, das Frucht liefern kann, ist benutzt, und die Balinesen bauen sogar weit mehr, als sie zu ihrem eigenen Bedarf brauchen. Manches Schiff hat dort schon fr den europischen Markt seine Ladung von Reis, Zucker, Kaffee und anderen Produkten eingenommen, whrend hunderte von Prauen (die inlndischen Fahrzeuge) der benachbarten Inseln, ja selbst bis von China herber, in stetem und lebendigem Verkehr mit dem kleinen Reiche stehen. Die Balinesen haben dabei ihre eigenen Rajahs oder Frsten, und die dem Lande dienlichen Gesetze werden mit unnachsichtlicher Strenge von ihren weltlichen und geistlichen Oberhuptern in Kraft gehalten. Auf allen schweren Vergehen, selbst auf Diebstahl, steht Todesstrafe. -- Auerdem sind sie aber auch noch in vielen Knsten geschickt und erfahren. Vorzglich ihre Stahl- und Goldarbeiten, ihre Korbflechtereien und Webereien sind berhmt in der ganzen Inselgruppe des ostindischen Archipels. Ihre Landestracht ist dabei anstndig und geschmackvoll, und dem Klima vollkommen angemessen. So viel als kurze Einleitung fr den Leser, der die kleine Insel bis jetzt vielleicht kaum dem Namen nach oder doch nur nach Beschreibungen kannte, welche ihre Bewohner beinah wie eine Ruber- und Piratenbande erscheinen lie. Jede Sache hat freilich ihre zwei Seiten. 1. Es war im September des Jahres 184*, als in dem sdlichsten Rayat von Bali, in Badong, ein junger Bergbewohner rstig aus der fruchtbaren Hochebene nieder der Sd-West-Kste der Insel und der Bai von Balikota zu stieg. Wohl fhrte eine breite, gut unterhaltene und fahrbare Strae von Badong zu dem kleinen Stdtchen Kota an dieser Bai hinab. Der junge Balinese htte aber, um auf sie zu gelangen, zu weit westlich aus dem Wege gehen mssen, und da er berdies auch nicht gewohnt war, einer breiten, bequemen Strae zu folgen, so suchte er sich lieber in gerader Richtung die nhere, wenn auch nicht eben so glatte Bahn. Diese fhrte ihn durch weite mit Mais und Zuckerrohr bepflanzte Flchen und an den schmalen Dmmen bewsserter Reisfelder hin, zu den Rndern steiler, dichtbewaldeter Ravinen, die das Land durchschnitten und mit ihrer wilden ppigen Vegetation in die urbar gemachten und in vollkommenster Cultur gehaltenen Felder gar wunderlich hinein griffen. Der Thau lag noch in voller funkelnder Pracht auf den Blttern und Blthen, und hing in schweren Tropfen an den blitzenden Halmen, das saftige Grn der Hnge mit zauberhaftem Schimmer bergieend. Hoch und khn daraus hervor ragte die stolze Cocospalme, die Knigin der Wlder, mit ihrer schwankenden, zitternden Blattkrone, die der Sdost-Monsoon hier nur in leichtem Suseln erreichen konnte, und die Arekapalme streckte aus kleinen Fruchtdickichten den schlanken, zierlichen, pfeilartigen Stamm. Tief und schattig in den reizenden Hainen lagen die Bambushtten der Eingeborenen gar still versteckt, und die dunklen Rnder derselben wurden nur hie und da durch die purpurrothe Blthenmasse des Tjanging[34] unterbrochen, der mit seinen unregelmig und reich ber die Landschaft gestreuten Bumen der ganzen Scenerie eine eigene wunderbare Frbung gab. Wo der junge Eingeborene seinen Pfad suchte, war noch wenig Leben. Hie und da arbeiteten erst einzelne Gruppen in den Feldern, meistens Frauen, die mit der Hand den reifen Reis abschnitten und auf die Rnder trugen. Der Sikup[35] strich noch einsam nach Beute ber die stille Gegend. Hie und da stand auch wohl ein einsiedlerischer Tjanga mit den langen Beinen und riesigem, fast unverhltnimig groem Schnabel am Rande der Reisfelder und trat dem rasch Heranschreitenden mehr, wie es schien, aus Hflichkeit, als aus besonderer Sorge fr seine eigene Sicherheit ein paar Fu aus dem Weg. Oder eine Schaar wilder Pfauen, die an dem Rand der Ravine gesessen und sich gesonnt hatte, bumte auf und schaute mit den langen Hlsen neugierig nach dem einzelnen Wanderer nieder. Dieser aber war viel zu sehr mit sich selber und seinen eigenen Gedanken beschftigt, um solchen, berdies durchaus gewhnlichen Gegenstnden auch nur einen Blick zu widmen. Rasch nur suchte er durch manche sich ihm in den Weg stellende Hindernisse seine Bahn, und hielt zum ersten Male an, als er eine Art Absatz oder Terrasse des Hanges erreicht hatte, von der aus sich eine weite Aussicht nach Sden und Sdwest ber die Kste und das ferne Meer gewinnen lie. ber Gebsch und Palmen hin, die den steilen, tiefablaufenden Hang bedeckten, konnte er den breiten Cocoshain berschauen, der das kleine Stdtchen Kota mit der ganzen dortigen Kste umgrtete, whrend das blaue freundliche Meer an dessen anderer Seite den Strand beschumte. Massen kleinerer Segel, meist inlndische Prauen, hie und da aber auch chinesische Dschunken, kreuzten durch das stille, von einer leichten Brise kaum bewegte Wasser, und nur ein einziges europisches Schiff lag gerade ber der Corallenbank und durch die sdlich auslaufende Spitze des Landes (von den Englndern Tafelhoek genannt) gegen den Sdost-Monsoon geschtzt, drauen vor Anker. Seine Segel waren zwar noch fest, aber es schien ziemlich schwer geladen und ging tief im Wasser, whrend einzelne Boote noch immer mehr Fracht hinber brachten. Die hollndische Flagge wehte von des Fremden Gaffel. Der junge Balinese blieb hier stehen und schaute lange und sinnend in das freundliche Thal hinab, das sich seinen Blicken ffnete. Aber seine Gedanken waren nicht mehr freundlicher Art. So frisch und froh vorher sein Auge dem niederen Lande entgegengeleuchtet hatte, so zog sich jetzt seine Stirn in dstere, krause Falten, und mit untergeschlagenen Armen schaute er schweigend zu dem fremden, unwillkommenen Gast, zu der ihm verhaten, feindlichen Flagge hinber. Es war eine edle, schne, schlanke und doch so krftige Gestalt, wie sie unter der einzelnen wehenden Palme stand. Und Hoheit und Schmerz lag in den Zgen, als ob der zrnende Gott der Berge selbst aus seines Waldes Schatten getreten sei und jetzt den Feind seines Landes, seines Volkes vor sich erblicke. Die Zge seines Gesichts konnten fast griechisch genannt werden. Die leicht gebogene Nase, die hohe Stirn, die schwellenden und doch zart geschnittenen Lippen schienen kaum einem indischen Stamme anzugehren; aber die dunkle Bronzefarbe der Haut, die dunklen feurigen Augen, das lange, rabenschwarze aber weichlockige Haar verriethen den Sohn dieser Kste, das Kind dieser Berge. Er ging ganz in die Landestracht gekleidet. Um den Kopf trug er fast turbanhnlich ein dunkelfarbiges, mit rothen und gelben Streifen durchzogenes Tuch, nur da oben die ppige Masse seines schwarzen, langen Haares herausquoll. Um seine Hften, bis fast zu den Knieen niederreichend, schlang sich ein gleiches von hnlicher Farbe, der sogenannte Kammen, und der Sappot, eine Art schottischer Plaid, aber auch aus inlndischem Zeug gewebt, hing ihm in leichtem, malerischem Wurfe ber die Schulter, mit dem einen langen Zipfel die rechte Brust bedeckend. In dem Kammen stak vorn, wie bei allen Balinesen, die Kompec oder Sirihtasche (zum Betelkauen) aus feingeflochtenem und buntgefrbtem Bambus verfertigt, und hinten, wie bei den Sdamerikanern, der lange Dolch oder Khris (im Balinesischen Radotan) in hlzerner, wunderlich geformter und mit Goldplttchen zierlich ausgelegter Scheide, whrend der Griff aus einem dunklen fein gravirten Metall bestand und ebenfalls mit Gold eingelegt war. An den Fen trug er zierlich genhte Ledersandalen mit einem schmalen, goldgestickten Band quer ber den Spann herber. Sonst waren Arme und Beine nackt, aber voll und krftig geformt, und nur um das Gelenk der linken Hand schlang sich ihm ein fast weibischer Schmuck, ein schmales Armband aus den purpurrothen, steinharten und herzfrmigen Beeren einer Akazienart aufgereiht und zum schmalen Bande zusammengeflochten. Als einzige Waffe hielt die Hand dabei ein langes dnnes Blasrohr, aus hartem schwerem Holz gebohrt, von etwa fnf Fu Lnge, an das oben mit Streifen Rattan (spanischem Rohr) eine eiserne Lanzenspitze so an der Seite befestigt war, da sie dem Schu des Pfeils oder Bolzens nicht hinderlich sein konnte. Der Kcher, der die kleinen aus Bambus gefertigten, mit einer Pflanzenmark-Mundspitze versehenen und mit Gift bestrichenen Pfeile trug, stak ebenfalls in Kammen, an der linken Seite. Die Waffe stemmte er jetzt auf einen Stein, und mit dem linken Arm sich daran sttzend, da sein Haupt sich sinnend an die Lanzenspitze legte, murmelte er mit leiser, halbunterdrckter Stimme vor sich hin: Wieder so ein Schiff mit seiner stolzen dreifarbigen Fahne, wieder und wieder eins, in Handel und Freundschaft scheinbar, und =uns= zum Nutzen, wie sie sagen, heimlich aber nur sich und ihr ruberisches Ziel im Auge. Halb =sind= wir ja schon besiegt, setzte er mit finsterem Grimm hinzu, die Worte durch die zusammengepreten Zhne zischend, und wenn nicht noch der wackere Dewa Argo dem Treiben fest entgegenstnde und mit aller ihm zu Gebote stehenden Macht an unsern Sitten und Gesetzen hielte, den Fremden keinen Fu breit Boden weiter gnnend, wie sh's um Bali aus! Hielt er die Hand nicht ber unser Land gestreckt, wie bald wrden die Fremden, die Brachma verdammen mge, das Land berschwemmen und den ganzen Fluch ihres Geschlechts ber uns bringen. In den Thlern wthet schon die furchtbare Radjadja[36], und die Leichen ihrer Opfer verpesten die Luft. Die alten Prophezeihungen werden wahr, fuhr der Einsame in seinem Selbstgesprch inzwischen fort. Der weie Jakal hat den schwarzen berlistet und wthet in seinem Jagdgrund, whrend unsere Gtter ihr Haupt abwenden, um die Schmach ihrer muthlosen Kinder nicht zu schauen. Der weie Tiger wird kommen und uns verschlingen, wenn wir ihm nicht gehorchen, sagt der Orakelspruch jenes weisen Rajah, der tausende von Armen schon entnervt und die Herzen mit Angst und Muthlosigkeit gefllt hat. Ei, er mchte kommen und es versuchen, und unsere Lanzen und Pfeilspitzen wrden sein Herz finden, da sein Blut den Boden dngte. Aber nur zusammen mten wir stehen, in innigem Bndni, nicht jeder Rajah fr sich selber aus kleinlicher, erbrmlicher Furcht das Bndni des Feindes suchen, um von sich selber dessen Rache abzuwenden, fr sich selber die Regierung zu erhalten. Das Wohl der Vlker, lgen sie dabei, htten sie im Auge, und nur ihr eigener Ehrgeiz macht sie blind gegen Ehre und Pflicht, und treibt sie, die Vlker, die ihrem Schutz durch Brachma anvertraut, nichtswrdig zu verrathen. Wie stehen wir jetzt dem Feinde gegenber? -- Unsere Prauen liegen mssig am Strande, unsere Arme werden durch gefhrliche Unterhandlungen gefesselt gehalten, und die Flagge jener Fremden weht stolz unseren Tempeln entgegen, und schndet uns und unsere Gtter. Fluch ber solche Unthtigkeit, ber das Zaudern und Zgern und Whlen und Frchten. Wenn das so fort geht, wird der Name Balinese bald gleichbedeutend werden mit Sklave und Feigling. O mein schnes, armes Vaterland! Er stand noch lange da, seinen finsteren, schmerzlichen Gedanken sich berlassend, als sein Auge pltzlich auf das Armband fiel, das er am linken Handgelenke trug, und ein freundlicherer Ausdruck seine schnen und edlen Zge belebte. Kassiar, murmelte er leise, indem ein flchtiges Lcheln ber sein Antlitz glitt, Kassiar, du Blume des Thales, dich wenigstens will ich dem giftigen Einflu jener Fremden entreien und mit mir in meine Berge fhren. Dort bieten wir dem fremden Einflu Trotz, und kommt einmal die Zeit, in der mein Vaterland den Fluch erkennt, den es sich selber muthwillig aufzuladen scheint, dann brechen wir hervor, und unser Schlachtschrei soll die Feinde zurck auf ihre Schiffe schrecken. -- Kassiar! Und mit dem Namen der Geliebten auf den Lippen, griff er die Lanze auf, und sprang mit leichtem Schritt den Hang hinab, der Richtung Kota's zu. Hier mute er freilich noch ein breites mit Zuckerrohr bepflanztes Feld durchschneiden, das nrdlich von dem kleinen in die Tanjong-Bai ausmndenden Kali oder Flusse lag. Eine Brcke gab es ber den Strom nicht, aber eine Cocospalme, die dicht am Uferrand gestanden, war von dem angeschwellten Wasser unterwhlt hinbergestrzt, da ihr Wipfel eben das jenseitige Ufer berhrte. Auf dieser lief er hinber, drngte sich durch den morastigen, mit niedrigen Bschen bedeckten Uferstrich, der die nrdliche Seite der von Tuban nach Kota fhrenden Strae und den Palmenwald begrenzte, und fand sich bald im Schatten der wundervollen Punjannjo's, der Cocospalmen, wo er auf glattem, ebenem Wege rstig dahin schritt. 2. Wie das ber ihm rauschte und zitterte, in einsamer, wundervoller Waldespracht! -- Wie das flsterte und raschelte, und mit den langen, herrlichen Blttern wehte und ineinandergriff! -- Hier war nichts Fremdes, nichts Verhates mehr; das war sein eigenes, schnes Vaterland, die Cocospalme seines Stammes Bild, und wie das Herz ihm wieder aufging in Stolz und Lust und die Sehnsucht nach der Geliebten es rascher schlagen machte, wurde sein Schritt auch leichter und elastischer, und freundlich nickte er den Leuten zu, die er am Wege traf, und die Reis und andere Feldfrchte, oder Matten und Krbe in die Stadt zu Markte trugen. Schon hatte er hier die Grten erreicht, die theils mit der rothblhenden Butju (_rosa sinensis_), theils mit der Buntaja (einer sehr giftigen Rankenpflanze, welche durch bloe Berhrung schon Entzndungen und Anschwellungen bewirkt) eingezunt waren, und hie und da schaute aus dem dunklen Laub einzelner Kaffee- und Muskatnubsche, oder zwischen den hochgezogenen Sirih-Ranken die stille, lauschige Bambushtte der Eingeborenen hervor, whrend die Cocospalmen in einem dichten Hain ihre Kronen in einander legten und khlen Schatten auf den zwischen ihnen durchfhrenden Weg warfen. Jetzt hatte er die ersten Wohnungen der Stadt erreicht; rechts am Wege leuchtete ihm schon das helle Dach des Gustis -- des Dorfoberhauptes -- entgegen, und von dort hinauf, der Cocosnulmhle zu, die von den Weien angelegt worden, gleich ber dem breiten Platz, der sich dort ausdehnte -- wie rasch das Herz ihm an zu pochen fing -- dort wohnte Kassiar, und mit fast kindischer, jubelnder Lust malte er sich schon im Geiste die berraschung der Geliebten aus, die keine Ahnung von seiner Nhe hatte. Mehrere junge Mdchen waren ihm begegnet; manche aufgeputzt, wie zu einem ihrer Feste, andere in das einfach gewebte Zeug des Landes gekleidet. Aber er achtete ihrer nicht; sein Auge suchte zwischen den an ihm vorbeigleitenden Dchern hin, die wohlbekannte Gruppe schlanker Arekapalmen, die das Haus der Geliebten umstanden, und jetzt -- schon wollte er um des Gustis Garten in die Strae einbiegen, denn dort ragten die schlanken Wipfel grend und freundlich nickend schon hervor, -- da schritt ein junges Mdchen die Strae herab, und sein Fu haftete wie angewurzelt an dem Boden fest. Das war Kassiar -- und wieder war sie's nicht. Die lieben dunklen Augen gehrten freilich ihr -- der schlanke Wuchs, der leichte elastische Gang, dem Kiedang ihrer Wlder gleich -- und dennoch schien sie ihm vollkommen fremd, denn Tracht und Sitte, wie er's bis jetzt an ihr gewohnt gewesen, glich sich gar nicht mehr. Das dunkle volle Haar war mit Blumen, rothen Beeren und kleinen farbigen Muscheln geschmckt, wie den Putz hnlich auch andere eingeborene Mdchen trugen, aber in den Ohren hingen ihr goldene Zierrathen, wie sie die verhaten Weien mit herber gebracht, den weichen runden Arm umschlo ein goldenes, steinbesetztes Band, und um die Schultern lag ihr ein himmelblau und roth gestreiftes seidenes Tuch und hing mit dem einen Zipfel vorn ber die linke Brust herab. Leichten Schrittes kam sie den Weg herab, der nach dem Strande nieder fhrte, und wenn ihr Blick auch auf den jungen Krieger ber die Strae herber fiel, war sie doch zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschftigt, um viel auf ihn zu achten. So wollte sie eben an ihm vorber eilen, als sein Ruf sie aufhielt und rasch nach ihm herber sehen machte. Kassiar! -- Der eine Blick gengte -- zitternd und erschreckt, die Hnde vorgestreckt, ihre Farbe, die selbst unter der zarten aber dunklen Haut sichtbar wurde, kommend und schwindend, die Arme halb nach dem geliebten Manne ausgestreckt, halb ihn damit abwehrend, stand das junge Mdchen einer schnen Statue gleich da. Glentek! hauchte sie dabei, wo kommst du her, oder liegt dein Krper oben in den Bergen, von scharfer Waffe oder Tigerzahn zerrissen, und nur dein Geist hat mich hier aufgesucht? Glentek barg einen Augenblick die Stirne in der Hand und strich sich die langen Haare dann zurck, indem er seinen Blick dabei scheu und erstaunt auf die Jungfrau heftete. Und das ist Kassiar? sagte er endlich halblaut und schchtern, indem er langsam ber die Strae hinber schritt und vor dem zitternden Mdchen stehen blieb; ist das das Weib, das ich mir in die Berge holen wollte, um sie der Gefahr hier zu entziehen, die ihr von Fremden und fremdem Glanz und Luxus droht? -- Es ist zu spt, wie ich sehe, und Kassiar hat nicht allein Glentek vergessen, sondern auch ihr Vaterland. Wie sie sich da aufgeputzt, mag sie wohl einem der fremden Mnner fr kurze Zeit gefallen; werden aber die jungen Leute von Bali ihr wieder ihre Heldenlieder singen? Glentek! bat das Mdchen, ihm die Hand entgegen streckend mit herzlichem, flehendem Ton, ist =das= dein Gru, mit dem du mich nach so langer Zeit der Trennung empfngst, und hast du in den Bergen oben deine Kassiar so ganz vergessen -- so ganz vergessen und verlernt sie zu lieben? Glentek erwiderte nichts darauf, aber sein Blick hing noch immer fest und vorwurfsvoll an dem bunten, fremdlndischen Staat, der die Geliebte schmckte, an den goldenen Ringen im Ohr und um den Arm, an dem seidenen Tuch, das ihre Schultern umschlo. Endlich sagte er langsam und traurig: Dich vergessen, Kassiar? -- Mchtiger Brachma, mein Herz verge ebenso leicht zu schlagen, mein Ohr den Ruf des Vaterlandes zu hren! Dich vergessen, Kassiar? -- Und bin ich deinetwegen nicht drei Tage gewandert und die letzte Nacht, um nur recht bald dein liebes Antlitz wieder zu schauen, deine Hand in der meinen zu fhlen, dem Flstern deiner Worte zu lauschen? Die Sterne haben mir von dir gesprochen, wenn sie vom dunklen Himmel niederfunkelten, der Wasserfall rauschte mir deinen Namen Tage lang, Nchte lang, und meiner Palmen Wipfel kannten keinen andern Laut. -- Dich vergessen, Kassiar? -- Jeder Vogel zwitscherte mir das liebe Wort, in jedem Tropfen perlenden Thaues sah ich dein Bild, und nur die Sehnsucht nach dir hielt Schritt mit der wachsenden Liebe -- und jetzt -- Und jetzt, Glentek? sagte das Mdchen und streckte ihm freundlich die Hand entgegen, war das nun der ganze Gru, den du deiner Kassiar bieten konntest? Ich wei nicht, entgegnete der junge Krieger leise und mit tief bewegter Stimme, ich wei ja gar nicht, ob es noch =meine= Kassiar ist. Die Augen lachen mich noch so freundlich an, wie vordem, wenn auch nicht so offen, so treuherzig mehr. Die se Stimme ist es immer noch, aber der uere Tand, der sie umschlossen hlt, der Schmuck des Fremden, der ihre schlanken Glieder entstellt, anstatt sie zu zieren -- der ist mir fremd, der verhllt mir Kassiar, da mein Auge das alte Herz nicht mehr darunter finden kann. Und ich wei nicht, =wem= es jetzt entgegenschlgt. Du bser Glentek, lchelte die Maid, seine Hand ergreifend und ihr Haupt an seine Schulter lehnend, =du= weit nicht, wem es schlgt? Von wem ist denn der Putz -- von wem das Tuch? sagte der junge Balinese noch immer nicht beruhigt. Wenn es dich rgert, nehm ich's ab und trag's im Leben nicht wieder, rief schnell Kassiar, das Tuch von ihren Schultern ziehend. Und wer gab es dir? fragte Glentek finster. Kassiar ist nicht so reich, da sie der Fremden kostbarste Stoffe mit Reis und Kaffee kaufen knnte. Du brauchst mich deshalb nicht so finster anzusehen, Glentek, sagte, mit einem halbscheuen Blick zu ihm empor, das junge Mdchen. Du weit, da -- da die Fremden jetzt alles thun, der Balinesen guten Willen zu erkaufen und sie zu Freunden sich zu machen -- und da -- Und da? wiederholte Glentek finster, aber seine Frage wurde berhrt. Rasches, donnerndes Pferdegestampf schallte die Strae nieder, die von Tuban herber fhrte, und als sich die beiden jungen Leute darnach umsahen, kam ein kleiner Trupp Europer, mit einer Dame an der Spitze, an deren Seite ein paar eingeborene Rajahs und auch der Gusti von Kota dahin sprengten. Sie wollten quer ber den mit Waringhis bewachsenen Platz hinber nach eines Hollnders Wohnung, die dort lag. Die Dame warf auch nur im Vorbeisprengen einen flchtigen Blick auf das junge Paar, als sie pltzlich ihrem Pferd rasch in die Zgel griff, da es aufbumte und schumend in sein Gebi knirschte und zurcklenkte, wo jene Beiden standen. Mein Tuch! rief sie dabei; beim Himmel, die Dirne dort hlt mein gestohlenes Tuch! Aber, liebes Kind! rief ihr Gatte, der Capitain des auf der Rhede liegenden hollndischen Schiffes, mach' hier keine Scene. Reite hinber zum Haus, ich werde das Tuch reclamiren und sehen, wie es sich damit verhlt. Die Dame aber, taub gegen die Vorstellungen, rief gereizt: Da mir die Diebin in die Hecken schlpft und sich nicht wieder an der Kste sehen lt, nicht wahr. Mich hat ein glcklicher Zufall hierher gefhrt, und den will ich benutzen. Was ist -- was gibt's? rief der Gusti, der ebenfalls sein Pferd rasch parirt hatte und gerade an ihre Seite sprengte, als sie vor dem trotzig zu ihnen aufschauenden Glentek und dem Mdchen hielten. Das Tuch ist, glaub' ich, gestohlen und Madame hat es wieder erkannt, dolmetschte ein anderer Europer dem eingeborenen Richter in balinesischer Sprache. =Gestohlen?= schrie Glentek, der die Worte gehrt hatte, wild emporfahrend, und seine Hand zuckte wie unwillkrlich nach dem Radotan. Ruhig, mein Bursche! rief aber finster der Gusti; die Sache wird sich finden. -- Her das Tuch, Kassiar -- zgerst du, Dirne? Kassiar hatte erbleichend die Beschuldigung gehrt, und ihr Auge haftete eine Weile in Angst und Schrecken auf dem einen Fremden, dem Capitain des Schiffs, als ob sie von ihm Schutz und Entschuldigung erwarten drfe. Der Gusti hatte ihr inde das Tuch aus der Hand genommen und der weien Frau hingereicht, damit sich diese berzeugen knne, ob es wirklich das ihre sei. Gewi -- gewi! rief aber diese, als sie es auf dem Pferd mit der einen Hand in die Hhe hob und einen forschenden Blick darauf geworfen. Das ist mein Tuch, das ich seit Jahren nicht mehr getragen und in meines Mannes Sekretr liegen hatte. Als ich aber neulich zufllig einmal darnach fragte und es zu sehen verlangte, war es verschwunden. Niemand konnte sich erklren wie, und jetzt trgt es die Dirne in der Hand. Und hast du keine Vertheidigung fr dich, Kassiar? rief mit unterdrckter Stimme, aber in Todesangst der junge Bergbewohner. Lt du die Fremden dich eine =Diebin= nennen, und wirfst ihnen die Lge nicht zurck in ihr Gesicht? Woher hast du das Tuch? fragte jetzt der Gusti das zitternde und mit niedergeschlagenen Augen vor ihm stehende Mdchen. Nun, wirst du deinem Richter antworten, Dirne? Wieder hob sich der Blick Kassiars scheu und flchtig zu dem Fremden empor, aber nur einen Moment weilte er dort. Erbleichend wandte sie ihr Haupt ab, dem Geliebten zu, und barg ihr Antlitz dann, wie ihre Schuld bekennend, in den Hnden. Man wird dich reden machen, sagte indessen ruhig der Gusti. Cheh Lascie, Maras, fhrt sie in mein Haus und haltet sie dort bewacht, bis ich selbst hinber komme. Und seinem Pferd die Sporen gebend, winkte er der brigen Gesellschaft freundlich, ihren Weg fortzusetzen. Die kleine Cavalcade sprengte auch gleich darauf wieder dem Hause des Hollnders zu, wo sie zahlreiche Diener empfingen, ihnen die Pferde abnahmen und sie in die Halle geleiteten. Sie waren alle dort zu Tische geladen, ebenso der Gusti von Kota, und es wurde neun Uhr Abends, ehe dieser wieder in seine Wohnung hinber ging, um der Verhafteten fr die Nacht in einem der Gefngnisse einen Platz anzuweisen. Das Hauptverhr sollte am nchsten Morgen sein. 3. Der nchste Morgen kam, und Maderai, der Gusti von Kota, hatte seinen Platz zwischen den brigen Richtern eingenommen, whrend das Volk in neugierigem, dichtem Schwarm den weiten Raum der groen Bambushtte fllte. Jedes Schmuckes baar, die Haare glatt und schlicht herabgekmmt, die Schultern mit einem dunklen selbstgewebten Zeug bedeckt, ohne Goldringe in den Ohren oder um die Arme, stand das wunderschne Mdchen seitwrts in einer kleinen Einfriedigung von Bambusstben und harrte der Klgerin, die vorgefordert war, gegen das des Diebstahls beschuldigte Mdchen aufzutreten. Das verhngnivolle Tuch hing an einem Stab neben des Gusti Sitz. Immer aber noch erschien die Klgerin nicht, und drauen das Schiff in der Bai, das seine Segel heute Morgen schon gelst, seine Flagge aufgehit und seine Boote an Bord genommen hatte, war augenscheinlich im Begriff, ihre Kste zu verlassen. Lieen die Weien also die Klage gegen das Mdchen fallen, so war sie frei. Von den Eingeborenen konnte ihr Niemand die Schuld beweisen. Da senkte sich wieder eins der Boote zum Wasser nieder, deutlich konnte man, selbst von hier aus, erkennen, wie der Capitain mit seiner Frau hineinstieg, die hellen Kleider der Europerin, die noch einmal an Land kam, um eins der eingeborenen Mdchen verurtheilen zu lassen, schimmerten bis hier herber, und langsam und regelmig fielen die Ruder ein, das scharfgebaute Boot zum Ufer treibend, das bald seinen scharfen Bug an dem Corallensand des Strandes scheuerte. Capitain Van Soeken kam aber nicht freiwillig heute Morgen zum Gericht. Das Schiff lag zur Abfahrt bereit mit Fracht und Wasser an Bord, Wind und Strmung waren gnstig, seine Papiere in Ordnung und selbst den Anker hatte er schon frh am Morgen heben lassen, um jeden Augenblick die Segel loswerfen und in See gehen zu knnen. Was liegt denn an dem Tuch? sagte er beschwichtigend, als seine Frau am frhen Morgen darauf drang, hinber zu rudern an Land und es beim Gusti, mit Hinterlegung ihrer Klage, abzuholen. Du mochtest es so nicht mehr tragen, und kommen wir nach Amsterdam zurck, so sollst du dir eins dafr aussuchen, wie es dein Herz verlangt. Mir liegt nichts an dem Tuch, entgegnete aber, den Blick fest und mitrauisch auf den Gatten geheftet, die Frau. Mir ist's der Sache selber wegen, die Diebin zu bestrafen. Drei- oder viermal hab' ich sie schon hier an Bord gesehen; was hatte sie anders hier zu thun, wenn nicht -- Gelegenheit auszuspren? Sie kam mit den andern Mdchen, sagte kopfschttelnd der Capitain, lieber Gott, bei dem Volke mu man der Neugierde auch etwas zu gut halten. Und wie kam sie in die Kajte hinunter und in den Sekretr? rief Madame, die Worte scharf betonend. Van Soeken, hier liegt, wie ich fast frchte, ein Geheimni zu Grunde, das die Schuld der Dirne um ein gewaltiges vergrert -- und =verringert=. Ich gebe dir mein Wort -- Aber liebes, gutes Kind, bat sie der Capitain, sei doch vernnftig, und setze dir nicht eine Menge thrichter Sachen muthwillig in den Kopf. Wenn wir hinber knnten zum Verhr, wrde ich dir rasch beweisen, wie das Ganze ein einfacher Diebstahl ist, wegen dem ich dich aber =recht herzlich= bitte, kein groes Aufheben zu machen und die Sache lieber fallen zu lassen. Du weit, wie furchtbar streng die Eingeborenen jeden Diebstahl unter sich strafen, wie die Frauen schwere jahrelange Gefngnistrafe in niederen Bambuskfigen und Verbannung, die Mnner den Tod zu gewrtigen haben. Die Eingeborenen sind dabei so unendlich freundlich und gastfrei gegen uns gewesen; la uns nicht mit einer solchen Erinnerung, einer solchen Kleinigkeit wegen, von ihnen scheiden. Wenn wir hinber =knnten=, sagst du? rief die Frau. So willst du =nicht= gehen? Aber siehst du denn nicht, da unser Fahrzeug segelfertig liegt und ich wahrhaftig vor meinen Leuten nicht verantworten kann, die schne Zeit zu versumen? Das Schiff ist dein -- ist unser Eigenthum, wir knnen damit thun, was wir wollen. -- Aber ich sehe schon, wie es ist. -- Rcksicht auf die Leute willst du nehmen -- auf dein Weib nicht. Und soll ich dir sagen, weshalb du dich frchtest, das Land wieder und jenen Gerichtshof zu betreten? Frchten? -- Aber, bestes Kind -- =Soll= ich's dir sagen, oder glaubst du gar, ich sei blind und htte den Blick nicht gesehen, den das Mdchen gestern auf dich warf, als ich sie des Diebstahls beschuldigte? Auf mich? Auf =dich=, hab' ich gesagt, und wagtest du heute, der Dirne mit einer =Klage= gegenber zu treten, wrfe sie dir entgegen, da =du= ihr das Tuch =geschenkt=. Aber liebe, beste Marie! Das Tuch =geschenkt=, sag' ich! rief die Frau, mehr und mehr in eiferschtigen Zorn gerathend, da die augenscheinliche Verlegenheit des Mannes ihren Verdacht nur mehr und mehr besttigte. Und wenn du mir das Gegentheil jetzt nicht =beweisest=, so schwr' ich dir, so wahr ich Marie heie und das Unglck habe, dein Weib zu sein, das Schiff hier zu verlassen und am Lande Schutz zu suchen. Aber Marie, so nimm doch nur Vernunft an! bat der Capitain. Und weigerst du dich, auch =mich= an Land zu setzen, dann, bei dem ewigen Gott, spring ich ber Bord und mache diesem Leben, das doch von da an nur Qual und Elend fr mich haben mte, ein rasches Ende. -- Verrathen und betrogen -- lieber nicht leben, als mit =der= Gewiheit dem Grabe langsamer aber ebenso sicher entgegen sehen. Aber so sprich doch nur vernnftig! rief Van Soeken, so gewissermaen zur Verzweiflung getrieben. Wenn dir das Schiff selber so wenig am Herzen liegt, einer solchen Bagatelle, einer wahnsinnigen Idee wegen Wind und Strmung zu versumen, gut, so sag' mir wenigstens, was du verlangst und eile damit. Was ich verlange? rief rasch triumphirend die Frau, augenblicklich mit dir an Land zu fahren und Zeuge der Gerichtsverhandlung zu sein. =Du= mit mir? weshalb? -- Einer gengt vollkommen, und wenn du es verlangst und wenn es dich beruhigt, will ich hinber fahren, die Klage einlegen und dir das Tuch, an dem dein Herz so hngt, zurckbringen. Du allein? -- Das glaub' ich dir! lchelte die Frau den Gatten hmisch an. Wenn du mich hier an Bord wtest, wr' das Geschft da drben wohl bald und glcklich abgemacht. Fort mit dir! =Euch allen= ist nicht zu trauen, und wo der Eine den Andern untersttzen kann, thut er's mit Freuden, gilt es ja doch nur, das arme, verrathene Weib zu tuschen. So komm denn, meinetwegen, sprach der Capitain, der keinen Ausweg weiter sah, der peinlichen Geschichte zu entgehen, du bist auch im Stande, eher den =Lgen= der Dirne zu glauben, wenn sie sich irgend eine Ausflucht suchen sollte, als deinem Mann. Aber komm, du sollst wenigstens sehen, da =ich= deine wahnsinnige Anklage nicht frchte und mit gutem Gewissen dem Verhr entgegen gehe. Ist mein Boot noch unten, Steuermann? rief er dann mit lauter Stimme dem vorn am Anker stehenden Officier hinber. Ja, Mynheer, lautete die Antwort zurck; soll gleich aufgeholt werden. Alles fertig. Halt! -- wir fahren noch einmal an Land. Noch einmal an Land? brummte der Steuermann nicht wenig erstaunt, na, da bitt' ich zu gren, Ebbe und Brise, wie sie im Buche stehen, alles klar, und noch einmal an Land? Wo so eine Schrze an Bord ist, hrt doch der ordentliche Dienst gleich auf. Hol's der Teufel, mchte nur wissen, was jetzt wieder im Wind ist. Das Brummen half ihm aber nichts. Die Jlle wurde langseits gehalten, der Kajtsjunge hing die Treppe wieder aus, und wenige Minuten spter schnitten die Ruder in die klare Fluth und trieben das schlanke Boot pfeilschnell dem Lande zu. 4. Lautes Murmeln durchlief die Versammlung der Eingeborenen, zu denen sich auch jetzt der auf Bali wohnende Europer eingefunden hatte, um Zeuge der Verhandlung zu sein. Dort kommt der Fremde mit der weien Frau -- arme Kassiar -- wie viel lange Jahre wird sie in dem Kfig sitzen mssen, des bunten Lappens wegen -- und wie bleich sie aussieht und geknickt! -- Wie rachschtig die Fremden sind und wie habgierig -- arme Kassiar! Zwischen den Eingeborenen lehnte ein junger Mann an einer der hlzernen Sttzen des Hauses. Er ging in die Tracht der Bergbewohner gekleidet, mit dem Radotan im Grtel, und sein Blasrohr mit der Lanzenspitze im Arm. Aber er sprach mit Niemand; kein Laut kam ber seine Lippen, kein Ton des Mitleidens mit dem Opfer, oder des Hasses gegen die Klger. Es war Glentek, und als Kassiars Blick ihn dort erspht, wo er stand, hatte ihr Auge den Boden gesucht und sich noch nicht wieder von dort gehoben. Jetzt traten die Fremden in den Saal. Der Hollnder war ihnen entgegen gegangen, die Dame zu dem fr sie bestimmten Sitz zu fhren. Der Gusti nickte ihnen freundlich zu, und als das Gerusch verstummt war, das ihr Betreten des Raumes verursacht hatte, erhob sich der Gusti von seinem Sitz, berflog mit flchtigem, aber strengem Blick die Versammlung, und begann dann mit seiner lauten, klangvollen Stimme die Anrede. Mnner von Bali! wir sind versammelt, die Anklage einer weien Frau zu hren gegen eine unseres Stammes, die des Diebstahls bezchtigt wird. Ihr wit, wie streng unsere Gesetze sind, wie sie den Diebstahl beim Mann mit dem Tode, bei der Frau mit schwerem Kerker strafen, und ihr werdet Zeugen sein, da den Fremden Gerechtigkeit werde in unserm Lande. Nach dieser Einleitung forderte er den der Bali-Sprache vollkommen mchtigen Europer, der sich erboten hatte, fr die Dame zu dolmetschen, auf, seine Klage vorzubringen und hier, ffentlich vor Gericht, zu besttigen, da das Tuch der Europerin und von Bord des Schiffes entwendet sei. Sie habe dabei anzugeben, ob es dort offen gelegen, oder aus einem verschlossenen Raum genommen wurde, was die Strafe fr das Vergehen noch verschrfen wrde. Die Klage lautete jetzt, von dem Dolmetscher in balinesischer Sprache vorgetragen, auf allerdings erschwerende Umstnde, da das Tuch von Bord, und zwar aus einem verschlossenen Kasten gestohlen sei. Hiergegen trat aber der Capitain selber auf, indem er erklrte, er habe mehrere jener Stcke Zeug vor einiger Zeit aus seinem Kasten genommen und drauen liegen lassen. Das Tuch knne darunter gewesen sein. Kassiar wurde jetzt gefragt, wie sie zu dem Tuch gekommen sei, ob sie es wirklich heimlich von Bord genommen, oder irgend etwas vorzubringen habe, was zu ihrer Entschuldigung in der Sache reden knne. Zitternd stand das Mdchen von ihrem Sitze auf. Mehrere Minuten gebrauchte sie, sich so weit zu sammeln, da sie den Blick zu ihrer Klgerin erheben konnte. Neben dieser stand der Capitain, und ihr Auge schweifte kurze Zeit von Van Soeken zu dessen Gattin und zurck, bis es sich endlich auf den Seemann heftete. Dieser aber konnte dem Blick, so viel Mhe er sich auch gab, nicht begegnen. Langsam erhob sich dabei ihr Arm, bis er auf den Klger deutete, und eine Weile stand sie so, einer wunderschnen Statue gleich, kein Glied des Krpers regend, nicht mit den Wimpern zuckend, dem Manne gegenber. Auch die Frau des Capitains war aufgesprungen, der nchste Moment sollte vielleicht schon ihren lngst gefaten Verdacht besttigen, und ihr Auge flog wild, in fast peinlicher Spannung, von den Lippen des Mdchens zu den unverkennbar bleichen Zgen des Gatten. Ihr wollt wissen, woher das Tuch in meine Hand gekommen? sagte da endlich Kassiar mit leiser, wunderbar ruhiger Stimme, ohne ihre Stellung auch nur mit dem Zucken einer Muskel zu verndern, -- und jene Frau dort klagt Kassiar des Diebstahls an -- so hrt denn -- ich habe jenes Tuch -- Dicht hinter dem Hollnder hob sich in diesem Augenblick die schlanke Gestalt Glenteks still und ruhig empor, und auch sein Blick hing in athemloser Spannung an den Lippen der Angeschuldigten. Da traf ihn Kassiars Auge, und pltzlich in sich zusammenbrechend, ihr Antlitz in den Hnden bergend, rief sie mit markdurchschneidender Stimme aus: =Gestohlen!= und sank bewutlos auf den Boden nieder. Armes Kind -- arme Kassiar! klang es von den Lippen der Eingeborenen, und einige der Frauen drngten sich durch die Wachen, die Ohnmchtige zu untersttzen und ins Leben zurckzurufen. Das Gestndni gengt, sagte da der Gusti ernst, der sich ebenfalls von seinem Sitze erhoben hatte, indem er das neben ihm hngende Tuch von dem Stabe herunter nahm und einem seiner Diener bergab, damit er es der Europerin, als ihr Eigenthum, zurckbringe. -- Das unglckliche, junge Mdchen mag inde der Sorgfalt der Frauen berlassen bleiben, bis es sich erholt hat, dann aber der Obhut der Gefngniwrter bergeben werden. In dem Krankeng be sie fnf Jahre lang. Halt! rief da eine ernste, klangvolle Stimme in den Tumult von Tnen hinein, der diesem Urtheilsspruch folgte, halt, hrt erst mich. -- Das Mdchen ist unschuldig! Wunderbar war die Wirkung, die diese wenigen Worte auf die Versammelten ausbten, und selbst die Ohnmchtige schienen sie ins Leben zurckgerufen zu haben. Zu gleicher Zeit sprang Glentek, der junge Krieger aus den Bergen, die Ballustrade, die ihn von dem innern Raume trennte, mit einem Satz berspringend, in diesen hinein und ging mit leichtem Schritt dem Gusti zu, vor dem er, auf seine kurze Lanze gesttzt und das Haupt vor ihm beugend, ehrerbietig, doch fest entschlossen stehen blieb. Wer bist du? fragte dieser freundlich den ihm fremden Krieger, indem sein Auge mit Wohlgefallen auf den schlanken, krftigen Gliedern, wie den offenen Zgen des Jnglings hafteten. Was weit du von der Schuld des Mdchens hier, das ihr Vergehen schon offen eingestanden? Ich selber bin der Dieb, sagte der Eingeborene, und wenn auch seine Lippen bei der Lge zitterten und seine Wangen sich entfrbten, begegnete er fest und unerschttert dabei dem Blick des erstaunt zu ihm niederschauenden Richters. Du wrst der Dieb? sagte da der alte Gusti nach langer, peinlicher Pause, inde er sorgfltiger als vorher noch die edle Gestalt des jungen Eingebornen gemustert hatte und ernst und zweifelnd dabei mit dem Kopfe schttelte; wer bist du und woher stammst du? Ich heie Glentek und meines Vaters Haus liegt in dem Hochland von Benoi. Bist du mit dem Rajah Glentek dort verwandt? rief rasch und erschreckt der Gusti. Er ist mein Vater, erwiderte mit kaum hrbarer Stimme der junge Balinese. Unglcklicher! rief der Gusti da, die Hand abwehrend vor sich ausstreckend, wozu bekennst du dich? Und weit du, welche Strafe =dir= bevorstnde? =Der Tod!= sagte Glentek ruhig und unerschttert -- ich wei es, Gusti; aber ein Glentek kann nicht dulden, da ein Weib =seinetwegen= unschuldig leide. Ein wildes Gemurmel durchlief wieder die Schaar der Eingeborenen, und der Hollnder war zu seinen Freunden hinber getreten, diesen die Wendung mitzutheilen, welche die Sache zu nehmen schien. Wie kann der Bursche dort der Dieb sein? rief da Mevrouw Van Soeken rasch und zrnend, ich habe ihn noch nie an Bord gesehen. Er hat, so viel ich wei, das Schiff in seinem Leben nicht betreten. Das ist eine Liebesgeschichte, sagte der Hollnder kopfschttelnd, ich glaube selbst nicht, da der junge Bursche mit der ganzen Geschichte etwas zu thun gehabt, und will dem Gusti wenigstens meine Meinung darber sagen. Du siehst nun, liebes Kind, flsterte der Capitain, dem sich bei dieser Wendung eine groe Last von der Seele wlzte, der Gattin zu, da dein Verdacht vollkommen grundlos war. Der Bursche dort ist sehr wahrscheinlich der Brutigam, vielleicht der Mann der Dirne, der jetzt bekennt, das Tuch entwandt zu haben, um der Geliebten ein seiner Meinung nach kostbares Geschenk damit zu machen. Wir wollen sehen, wir wollen sehen! murmelte Madame in fast fieberhafter Aufregung. Aber -- sie knnen ihn doch nicht deshalb ermorden? Der Balinesen Strafe auf Diebstahl ist der Tod, sagte der Capitain gleichgltig. Ich glaube nicht, da sie mit ihm eine Ausnahme machen werden. Doch will ich sehen, was sich bei dem Gusti fr ihn thun lt. Lieber Gott, wenn wir jetzt nur nicht Wind und Strmung damit versumten! Der Gusti hrte aufmerksam an, was ihm der Weie als Aussage der Klgerin mittheilte, und wandte sich dann langsam und ernst an den Jngling. Hast du das Schiff dort drauen je betreten, Glentek? fragte er ihn, und sein Auge haftete dabei fest und prfend auf den Zgen des jungen Mannes. Knnt' ich das Tuch sonst entwendet haben? entgegnete dieser finster. Zu welcher Zeit war das? Bei Nacht. Bei Nacht, und die Wachen entdeckten dich nicht? Die stumpfsinnigen Europer sind nicht so schlau, da sie ein Balinese nicht betrgen knnte, rief aber der Krieger zornig, Glenteks Fu berhrt den Boden, wie des Nachtvogels Flgel die Luft. Nicht der Tiger hrt ihn, wenn er im Teing Dickicht ihn beschleicht, nicht der scheue Hirsch im Alang Alang. Glentek! rief da Kassiars Stimme mit herzzerreiendem Ton ihn an. O glaubt ihm nicht, =meinet=wegen will er dem ehrlosen Tode trotzen. So edel jeder Tropfen Blutes in ihm, er =lgt=, wenn er sich meinetwegen schuldig nennt. Hrst du das Mdchen? sagte der Gusti auf die Jungfrau zeigend, die sich in angstvoller Hast jetzt vom Boden hob und, die Haare aus der Stirn streichend, auf den Jngling zustrzte, vor ihm zu Boden sank, seine Knie umfate und bittend ausrief: O Glentek, Glentek, kannst du deiner Kassiar verzeihen? Starr und regungslos blieb der Krieger stehen, und nur ein eigener Ausdruck von Schmerz und Liebe durchzuckte seine Zge. Doch auch diese Schwche, wenn es je etwas derartiges gewesen, schwand im Augenblick. Eisern wie vorher blieb das Antlitz der edlen, dunklen Gestalt, und er sagte finster: Hat das Wort einer Dirne hier Gewicht gegen die Aussage Glenteks von Benoi? -- Ihr seid Mnner, und euch gegenber erklre ich, da ich jenes Tuch vom Bord des Schiffes heimlich entwendet habe. Wie und weshalb, darauf weigere ich die Antwort. Jetzt thut mit mir nach dem Gesetz. Darnach bleibt nichts mehr zu erfllen als der Richterspruch, sprach feierlich und ernst der Gusti. Glentek von Benoi, bereite dich zum Tode, denn du hast keine Viertelstunde mehr zu leben. Ich bin bereit, erwiderte ruhig und mit fester Stimme der junge Balinese. Halt -- das geht nicht -- das kann nicht sein! rief aber hier der Capitain, der ebenfalls hinzugetreten war, und genug vom Balinesischen verstand, den Sinn des eben hier Verhandelten zu begreifen. Wei der Europer etwas, das die Schuld von den Hnden des Verurtheilten nimmt? sagte der Gusti rasch. Nein, das nicht, versetzte halb scheu und doch auch wieder entschlossen der Capitain; aber -- giebt es nichts in euren Gesetzen, das im Stande ist, den Urtheilsspruch zu mildern? -- Kann das Verbrechen nicht durch irgend eine Bue -- durch Geld vielleicht -- geshnt werden? Ich mag die Kste hier nicht verlassen und das Blut eines ihrer Kinder, die mich alle so freundlich hier empfangen haben, mit hinaus nehmen auf das blaue Wasser. -- Aus der Schaar der Eingeborenen war indessen auf des Gusti Wink ein Einzelner, der sich sonst in nichts von den brigen unterschied, heraus und vor den Verurtheilten getreten. Hier zog er langsam sein Messer, den balinesischen Radotan, aus dem Grtel und wartete der weiteren Befehle seines Oberen. Unsere Gesetze, sagte der Gusti ernst, verlangen fr solchen Diebstahl den =Tod= des Missethters. Aber das Verbrechen ist an einem Fremden verbt, und wenn er selbst auf Milderung besteht, =giebt= es einen Ausweg. Gott sei Dank! rief der Capitain, als er die Worte vernahm. Nennt mir die Summe. Ich will lieber einen groen Verlust leiden, als Blut -- dies Blut auf meiner Seele wissen. Die Summe ist nicht so gro, erwiderte der Gusti, und ebenfalls durch unsere Gesetze vorgeschrieben. Wenn der Fremde zwei Scke Kupfer (der Sack etwa dreiig Gulden) zahlt und sich verbindlich macht, den Verurtheilten, der von da an sein Sklave ist, mit fortzufhren und nie wieder an diese Kste zurck zu bringen, von der er verbannt ist fr immerdar, so ist sein Leben gerettet. Verbannt -- =ich= von Bali, von meinem Vaterland? rief da Glentek, wild emporfahrend und die Waffe, die er in seinen Hnden trug, fester fassend -- nie, nie im Leben! Ihr mgt mich tdten -- ich habe den Tod verdient und mag nicht lnger leben, aber =verbannen= knnt und =drft= ihr mich nicht. Ein Sklavenleben fr Glentek, fern von der Heimath, fern von meiner Palmen Wehen? -- Nie -- nie und nimmer! Ich zahle die zwei Scke Kupfer! rief aber rasch der Capitain. -- Gebt mir einen eurer Leute mit an Bord, Gusti, der mag sie zurckbringen, und mein Freund dort brgt euch indessen dafr. -- Lat den Verklagten hier und seiner Wege gehen. Er hat Strafe genug durch die Angst ausgestanden. Sein Urtheilsspruch ist gefllt, entgegnete finster der Gusti. Lieen wir um geringe Geldstrafe den Diebstahl frei, ihr Weien selber wret die Ersten, die Klage auf Klage huften und uns am Ende zwngen, unsere Gesetze zu ndern. Aber nicht allein das Verbrechen, setzte er mit einem ernsten Blick auf den jungen Mann hinzu, nein auch der =Wille= der Menschen mag seine Geltung finden. Er, dessen Adern noch junges, rasches Blut durchstrmt, =wollte= den Tod, und seines Vaters wegen freut es mich, da ich die Strafe in Verbannung mildern darf. Wer sich aber einmal eines solchen Verbrechens selbst geziehen, kann nicht in unserer Gemeinschaft lebend bleiben. Er hat sich selbst gerichtet. =Gusti!= rief der Gefangene, sich stolz, ja selbst drohend gegen den Richter wendend. Der alte Mann aber, ohne die Bewegung weiter zu beachten, schttelte nur langsam mit dem Kopf und sagte wieder finster: Sendet das Geld an Land und nehmt dafr den Gefangenen hier mit in See. Vielleicht macht ihr noch einmal einen tchtigen Matrosen aus ihm. -- Kein Wort weiter, setzte er rasch und fast ngstlich hinzu, als sich der Verurtheilte noch einmal an ihn wenden wollte; -- ich habe den Urtheilsspruch gefllt; an meinen Leuten hier liegt es jetzt, ihn ausgefhrt zu sehen. Und mit den Worten verlie er rasch das Haus. Gegen den Spruch des Gusti gab es keine Appellation. Wenn aber ein Wesen in dem weiten dichtgedrngten Raum in steigendem Interesse, in erwachender Hoffnung und endlich in jubelnder Lust der Wendung gefolgt war, die das Todesurtheil nahm, so war das Kassiar, die Angeklagte. Nur so lange des Gusti Gegenwart ihr Herz mit Scheu und Angst erfllte, wagte sie nicht zu sprechen, wagte sie nicht, ihren Gefhlen Worte zu geben. Jetzt aber, als er den Rcken gewandt und in der zusammendrngenden Masse der brigen verschwunden war, hob sie sich vom Boden auf, flog auf Glentek zu und bedeckte seine Hnde und Knie mit Kssen. Aber Glenteks Geist war weit von da, in seinen Bergen, die er von nun an nie wieder betreten sollte. -- Sein Auge blickte stier in die Leere und krampfhaft hielt inde die Rechte das treue Rohr, die Linke seinen Radotan gefat. Glentek, Glentek, bat da Kassiar, noch immer zu seinen Fen hingeschmiegt, -- o sage, da du mir nicht zrnst, sage, da du mich nicht hassest und ich dir folgen darf, wohin dein Schritt sich wendet -- weit ber das Meer, an ferne, wste Ksten, in nebelbedeckte Lnder, in de Steppen, wohin es ist, wenn nur dein Blick mir dort wieder freundlich lchelt, wenn nur dein Liebeslaut wie frher zu meinem Herzen dringt. Glentek hrte sie nicht. -- Still und regungslos stand er da und vor seinen Augen wehten die Farnpalmen seiner Berge, vor seinen Ohren rauschten die wilden pltschernden Quellen und tnte der schrille Ruf des wilden Huhns, der gellende Schrei des Tigers. Da berhrte eine Hand leicht seine Schulter, und als ob ihn ein elektrischer Schlag getroffen htte, zuckte er empor und sah wild um sich her. Es wird Zeit, Glentek, sagte da die freundliche Stimme des Hollnders, der gut genug mit den Sitten der Eingeborenen bekannt war, um zu wissen, da den Meisten Verbannung viel frchterlicher ist als der Tod, und der Mitleid mit dem jungen Burschen fhlte. -- Der Capitain will segeln, und du weit, da dir die Gesetze deines eigenen Landes nicht gestatten, lnger -- lebendig -- auf diesem Boden zu weilen. Es ist gut, entgegnete Glentek, der sich rasch sammelte und jetzt wohl fhlte, da er sich dem Unvermeidlichen auch wie ein Mann fgen msse. Es ist gut -- ich bin bereit. Und darf ich mit dir gehen, mein Glentek -- darf ich dir folgen, wohin dein Fu sich wendet? bat das Mdchen, noch immer an seine Knie geschmiegt. Der junge Bursche schttelte langsam mit dem Kopf. Fahre wohl, Kassiar, sagte er ernst aber ohne Bitterkeit im Ton, indem er leise mit seiner Hand ihr Haupt berhrte. Unsere Wege trennen sich hier. Ich trumte einst von einem Glck an deiner Seite -- das ist vorbei. Glentek! klagte in herzzerreiendem Tone das arme Kind. Lebewohl! sprach der Jngling und schob leise die Hand, die sein Gewand noch immer fest gefat hielt, zurck. Kassiar gehorchte der Bewegung und lie ihn los, whrend sie flehend die Arme zu ihm ausstreckte, aber er wandte sich langsam von ihr ab und schritt, dem Winken des Europers folgend, ohne auch nur noch einmal den Blick zurckzuwerfen, dem Strande zu. 5. Fnf Jahre waren nach den im vorigen Kapitel beschriebenen Vorgngen verflossen, und manches hatte sich indessen auf Bali verndert. Den Hollndern war der kriegerische Geist des Nachbarvolkes, der auch oft in bermthigen, seeruberischen Thaten ausbrach, schon lange lstig geworden, und sie hatten gesucht die Rajahs von Bali fr sich zu gewinnen, da sie wenigstens ihre Oberherrschaft =anerkannten=, wenn sie auch jetzt keine anderen Schritte weiter thaten. Dem entgegen stand aber stets der einflureichste Mann von Bali, der alte Dewa Argo, der Oberpriester der Insel. Dieser trat mit allen Krften fr die Unabhngigkeit der Insel in die Schranken, wollte von keinen Vertrgen mit den Fremden wissen und behauptete, da sie selbst noch so viel Gewalt wie Fhigkeit htten, ihre Insel zu regieren und in Ordnung zu halten. Allen versuchten Bestechungen blieb er ebenfalls unzugnglich, bis ihn ein pltzlicher Tod jhlings hinwegraffte. Die allgemeine Stimmung sagte, er sei durch Gift gestorben. Schon vorher hatten die Hollnder versucht, sich die Insel durch die Gewalt der Waffen zu unterwerfen. In offener Schlacht und im niedern Kstenland waren die Insulaner, obgleich sie sich mit wilder Tapferkeit den berlegenen Waffen der Feinde entgegenwarfen, auch besiegt worden, in ihren Bergen htten sie sich aber noch lange und fr immer halten knnen. Die Hollnder sahen das auch recht gut ein. Um das Leben ihrer eigenen Leute zu schonen, die bei einem fortgesetzten Kampf mit den zhen Bergvlkern den Gefahren des Klimas nicht allein, sondern auch den furchtbaren Strapazen und Entbehrungen ausgesetzt bleiben muten, begannen sie nach des Dewa Argo Tode friedliche Verhandlungen mit den Rajahs, die ihnen jetzt nicht mehr so feindlich entgegen standen. Diese wuten sie grtentheils fr sich zu gewinnen, brachen dadurch die Einigkeit derselben und rckten ihrem Ziele, das sie mit ihren Geschtzen und Bajonetten vielleicht im Leben nicht, oder doch nur mit furchtbaren und unverhltnimigen Opfern erreicht htten, durch Geduld und Schlauheit nher und nher. Der Gusti von Kota, einer der den Hollndern am meisten geneigten Balinesen und der intime Freund des jetzt dort installirten hollndischen Consuls, sa in dieser Zeit Morgens nach dem Frhstck, und eben aus einer langen europischen Pfeife rauchend, in seinem Hause, als ein Eingeborener in schmutzigen, zerrissenen Kammen, den Oberleib nothdrftig durch den ebenfalls zerfetzten Sappot bedeckt, selbst ohne Kopftuch, die wilden langen Haare nur durch Bast auf seinem Scheitel zusammengebunden, die Veranda betrat, und ohne sich vorher bei dem Richter anmelden zu lassen, ja ohne, wie es die Sitte gebot, auf der Erde knieend seinen Befehl zu erwarten, rasch an den Wachen vorber in das Zimmer schritt, in dem der Gusti sonst die kleineren Verhre abzuhalten und Bittende zu empfangen pflegte. Der junge Eingeborene glich aber keinem Bittenden. Den Radotan ausgenommen, der im Kammen stak, war er allerdings vllig unbewaffnet, doch seine ganze Haltung war trotz der zerrissenen Kleidung so khn und edel, da selbst die Gerichtsdiener, die das Haus umlagerten und den Hofstaat des Gustis bildeten, nicht wagten, ihn zurck zu halten. Nur an die Thr drngten sie sich, um dem leisesten Ruf ihres Gebieters rasche Folge leisten zu knnen, wenn der Fremde, den Niemand von ihnen kannte, etwa gar Unehrerbietiges oder Bses im Schilde fhren sollte. Da er ein Recht hatte, aufgerichtet zu ihrem Gusti hineinzutreten, konnten sie nicht bezweifeln, er htte es sonst nicht gewagt, da ihm die Strafe gleich auf dem Fue folgen mte. Der Gusti lehnte auf seinem mit weichen Kissen der Dapatwolle belegten Bambussopha und hob sich allerdings berrascht empor, als er die wilde Gestalt so khn und trotzig zu sich eintreten sah. Ist das Landessitte? sagte er strafend, indem er den Fremden dabei mit forschendem Blick musterte, in solcher Art den Gusti aufzusuchen? -- Waren keine Diener an der Thr, die dich melden konnten? Bist du hier zu Hause, auf deiner eigenen Schwelle, da du die schuldige Ehrfurcht vergissest, die dem Obern gebhrt? Verzeih den raschen Eintritt, Gusti! rief mit tiefbewegter aber unterdrckter Stimme, vielleicht um nicht von den auenstehenden Dienern gehrt zu werden, der Fremde. Aber der Zweck, um den ich komme, mag mich entschuldigen, mein Name dir brgen, da ich als Gleicher dir nahen darf. Kennst du mich noch? Der Gusti musterte die edlen, aber wild verstrten Zge des Fremden, die fahlen Wangen und eingefallenen Augen, dann sagte er kopfschttelnd: Nein. Zu viele Gestalten ziehen an meinem Blick vorber. Dein Antlitz ist mir bekannt, und doch wei ich nicht, wo ich zum letzten Mal dich sah. Dein Name? Glentek von Benoi. Glentek? rief der Richter, erschreckt von seinem Sitz emporspringend. Unglcklicher, was treibt dich wieder her zu uns? -- Weit du nicht, da dein Leben in dem Augenblick verfallen ist, wo du des Landes Kste wieder betrittst, das dich verbannte und von sich stie? Ich wei es, sagte Glentek ruhig, mein Leben aber wre von geringem Werth fr das, was jetzt mich herfhrt. Kassiar? rief der Richter, und ein Zug des Mitleidens zuckte ber das sonst so starre strenge Antlitz des Mannes. Sie ist todt, Glentek. Der Gram um dich vielleicht, vielleicht die Reue hat sie das erste Jahr hinweggerafft. Die khle Erde deckt ihr gebrochenes Herz. Arme Kassiar! seufzte Glentek leise. -- Doch ihr ist wohl -- wohler als mir, der ich fnf Jahre der Verzweiflung fern von meinem Vaterland gelebt. Nein, Gusti, nicht die Liebe zu dem Mdchen fhrt mich an diesen Strand zurck, -- seit jenem Tag schon war sie fr mich begraben, und was ich seitdem erlebt, hat mir bewiesen, da Kassiar Glenteks von Benoi doch nicht wrdig war. Sie ruhe sanft; ich habe ihr verziehen. Und was trieb sonst dich her? fragte erstaunt der Gusti. Mein Vaterland! rief der Balinese mit vor innerer Bewegung fast erstickter Stimme. Ich habe ertragen, fuhr er nach einer kleinen Pause, in der er sich gewaltsam sammelte, ruhiger aber immer noch in groer Aufregung fort, -- ertragen die langen Jahre hindurch, was nur ein Mensch ertragen kann. Die Feinde -- denn unsere =Feinde= sind jene Mnner, deren Flaggen jetzt von vielen Schiffen im Hafen drauen wehen, wenn sie auch freundlich und mit gleinerischer Zunge zu uns kommen -- die Feinde halten uns nun einmal fr eine untergeordnete Rae bestimmt zu gehorchen und ihnen Schtze anzusammeln, die sie weit berm Meere drben dann verprassen. Ich bin dort gewesen, ich habe ihre Macht und Gre gesehen, ihre zahlreichen Schiffe, ihre zahllosen Mannschaften, ihre knstlichen mrderischen Waffen, die Wagen, die mit Blitzesschnelle das Land durchfliegen, ihre Huser, in denen sie tausende von Menschen zu =einem= Zweck beschftigen. -- Aber ich habe auch ihre Waarenpltze gesehen, in denen sie die Produkte einer =Welt= aufhufen, und dort begriffen, wie ein Volk, das erst so weit gegangen, das solche Bedrfnisse fr sein =Leben= hat, nicht stehen bleiben kann und wird, mehr und mehr zu gewinnen, mehr und mehr an sich zu reien. Die Hollnder haben das Geld und die Macht in Hnden, und =Freundschaft= zwischen einem solchen Staat und uns ist nicht mehr denkbar. Der Schwache wird und mu des Strkeren Beute werden. Aber was hat das alles mit =dir= zu thun? sprach der Gusti, erstaunt den Beredten anschauend. Ich wei das alles, fgte er mit Stolz hinzu, es ist ein mchtiges Volk und unser Freund, -- und um mir das zu sagen, brauchtest du dein Leben nicht zu wagen. Mein =Leben=! rief der Balinese wieder, verchtlich mit dem Fue den Boden stampfend. Was gilt mein Leben hier, wo Balis Heil das Losungswort sein mu? Hre mich weiter. -- Ich wanderte, lebte fnf lange Jahre zwischen ihnen und lernte ihre Sprache, lernte lesen und schreiben mit =ihren= Zeichen und Worten und eine neue Welt erffnete sich mir. Nicht mehr auf Andere brauchte ich mich zu verlassen, um Nachricht aus der Heimath zu vernehmen. -- Mit eigenen Augen konnte ich in all den Blttern, die tglich dort im Volk verbreitet werden, selber lesen, wie sich mein Volk hier wacker allen Eingriffen in seine Rechte, die jene Fremden wagten, widersetzt. O wie mir das Herz pochte, als ich die Kunde mit eigenen Augen sah, da meine Landsleute mit Lanze, Bogen und Blasrohr herab ins flache Land gestiegen waren, dem Feind die nackte Brust entgegenzuwerfen und ihn zurck ins Meer zu treiben! O wie das da im Herzen stach und brannte, da ich nicht Theil nehmen durfte an ihren Kmpfen, an ihren Siegen, da ich =verbannt= von Bali war, ein Ausgestoener von meiner Mutter Erde, und doch fr sie die heie, brennende Liebe im Innern tragend! So war mir zu Muth, als ich von Balis Siegen las. Wie aber, als ich von unserer Niederlage hrte, von Vortheilen, die die Hollnder ber uns gewonnen, von Bedingungen, die uns vorgelegt wren, ihren Frieden anzunehmen und ihre Oberherrschaft anzuerkennen! Mich litt es nicht mehr in Europa. -- Lngst schon hatt' ich die Summe, die jener Weie fr mich gezahlt, abverdient -- mehr noch vielleicht, als er mir dankte. Ich rettete sein Weib bei einer Landung mit dem Boot in einer Stadt im brittischen Indien, und wenn ich das Verhltni recht begreife, in dem die beiden Gatten mit einander leben, so glaub' ich, hab' ich mich fr vergangenes Leid gercht. So, frei von ihm, schiffte ich mich auf einem andern Fahrzeug ein, das mich nach Soerabaja an der Javanischen Kste brachte, und hier -- Brachma versenge mich, wenn mich die Nachricht nicht wie ein Todessto im Herzen traf -- hrte ich, da das einzige Herz von Bali, das voll Kraft und Vaterlandsliebe im Stande war, die feindlichen und eiferschtigen Rajahs mit starker Hand zusammenzuhalten, da das einzige Herz in Bali, das, von reiner Liebe fr die Heimath beseelt, auch die Gefahr begriff, in der wir schwebten, da der Dewa Argo von feiger, verrtherischer Hand vergiftet und der Fremde im Begriff sei, mit vorgeschtzter Freundschaft mein Vaterland zu unterwerfen. Wohl hrte ich von tapferen Schaaren, die aus den Bergen mit Radotan und Speer hernieder stiegen, dem Feinde zu begegnen. Aber die =Seele= fehlt, die jetzt die Massen im Zgel halten knnte. Mein Vater selber ist alt; viele der anderen Rajahs standen schon frher im Verdacht, mit fremdem Gelde, wenn nicht gekauft, doch arg geblendet zu sein. Dumpfe Gerchte gingen dabei umher, da Bali Priester nach Indien abgesandt habe, die Lehre des Islam zu prfen und zu bestimmen, ob wir selber den alten Gttern treulos werden sollten. Da litt es mich nicht mehr in Feindes Land; die Gefahr, die meinem Leben drohte, durfte mich nicht schrecken. Mein Leben gehrt ja Bali, mein Arm, mein Herz. -- Fr das ersparte Geld erhandelte ich mir ein kleines Boot, setzte meine Segel und steuerte, selig in dem Gedanken, welchem Ziel ich entgegenflog, der vaterlndischen Kste wieder zu. In Tabannar wollt' ich landen und von dort meine Heimat erreichen, als mich der Sturm erfate, der vor wenigen Tagen diese Kste peitschte, und mich herunter in die Bai warf. Mein Kahn fllte sich und sank unfern von Sersek, und mit Schwimmen rettete ich mich wieder an die Kste, die mich vor so viel Jahren einst als Verbrecher von sich stie. Und was suchst du hier, Verblendeter? fragte der Gusti, der der leidenschaftlichen Erzhlung des Flchtlings ernst und kopfschttelnd gelauscht hatte. Was ich suche? rief aber Glentek staunend aus. Ein Heer, dem Feind zu begegnen! -- Die Schaaren der Unseren suche ich, die sich um die wehenden Lanzen ihrer Rajahs gesammelt haben, die Psse unserer Berge zu besetzen und Tod und Verderben in die Reihen der Feinde zu schleudern, wenn sie es wagen sollten, uns da anzugreifen. -- Dich hab' ich aufgesucht vor allen anderen, weil ich wohl wute, Gusti, du wrdest den Sohn deines Freundes, wenn du ihn einst auch zum Tode verurtheilen mutest, nicht =verrathen=, und dich bitte ich jetzt, mir die Psse zu nennen, in denen die Unseren stehen, da ich im Stande bin, mich ihnen anzuschlieen. Gram und Leid haben mir so tiefe Furchen in die Haut gegraben, da ich nicht frchte, dort erkannt zu werden, -- nur meinen Vater will ich sehen, und dann ja gern das Leben, das doch dem Vaterland gehrt, fr dieses opfern. Du trumst, Glentek, entgegnete ihm da ruhig der Gusti. -- Was sprichst du von gersteten Schaaren, von Feinden und Gefahren, die dem Lande drohen? Bali hat sich seit langer Zeit keines so ungetrbten Friedens erfreut als gerade jetzt. Nicht geschlagen, wenn auch in kleinen Gefechten besiegt, haben unsere Rajahs doch eingesehen, da es fr das Volk besser sei, sich die Freundschaft des mchtigen Nachbars zu erhalten. Dessen Truppen sind jetzt nach Java zurckgezogen, die wenigen ausgenommen, die er zum Schutz seines Handels hier zurckgelassen. Kein Blut wird mehr auf Bali vergossen werden, eingebildeter, thrichter Rechte oder Vorurtheile wegen. Kein Blut auf Bali vergossen? rief Glentek, einen Schritt entsetzt zurcktretend, und ist der Mord des Dewa Argo denn gercht? Der =Mord= des Dewa Argo? Wer sagt dir, da ein Mord geschehen sei? Der Dewa Argo starb natrlichen Tod. Und Bali ist nicht in Aufruhr? rief Glentek, kaum seinen Sinnen trauend; die Krieger ziehen nicht in Schaaren, um endlich den letzten Feind von unserem Boden zu vertreiben? Du trumst, sag' ich dir! sprach kopfschttelnd der Gusti. Bali ist ruhig, und wenn du hier herber kamst, die Hoffnung auf blutige Kmpfe im Herzen tragend, so hast du dich zu unserem Heil getuscht. Es wre dir besser gewesen, du httest Bali nie wieder gesehen. Friede und Freundschaft mit den Mrdern des Hohenpriesters! schrie da Glentek, sich mit blitzenden Augen emporrichtend. Ha, Gusti, da kennst du nicht die Stimme der Gebirge und ihren Geist! Hier im flachen Lande, unter Malayen und Chinesen magst du, an sklavische Sitten gewhnt, dich auch dem Willen fremder Eroberer haben fgen lernen, aber besser kenne ich dort =mein= Volk. Mein Ruf soll durch die Berge schallen, mein wohlbekanntes Flammenzeichen die Brder zusammenrufen und wenn sie in jubelnden Schwrmen aus den Klften und Schluchten unserer bergigen Heimath niederbrechen -- Wahnsinniger, halt ein! rief der Gusti, von seinem Lager emporspringend und den Arm in Zorn und Abscheu gegen ihn ausstreckend. Krieg und Verderben willst du aufs Neue in diese Thler bringen, in denen der Schlachtenschrei kaum erstorben, das Blut kaum ausgetrocknet und verdampft ist? Das Messer des Richters hngt ber dir, und du wagst es, uns mit Meuterei zu drohen! -- Weit du, da ein Wort von mir dich den drauen nur darauf harrenden Dienern in die Hnde wirft? Glaubst du, den Glentek fingen sie lebendig? lachte da der junge Balinese wild auf, wenn er sich nicht geben will? Denkst du, dieser Radotan wre nicht im Stande, sich die Bahn zu brechen? Und zehn Fu Vorsprung dann, mit all deinem Schwarm von Dienern auf den Fersen, brchte mich nicht in wenigen Minuten in die Dickichte dieser Wlder und unerreichbar frei von euren Sclaven? Hltst du es mit den, dann schlimm fr dich, wenn wir als rchendes Gericht wieder von den Bergen und ber dich hereinbrechen! Kein Erbarmen hast du dann von uns zu hoffen. Und nun thue dein Schlimmstes, denn in wenigen Minuten bin ich frei. Verblendeter! sagte aber der Gusti, ohne seine Stellung auch nur um eines Zolles Breite zu verndern. Zum Glck fr Bali kommt dein wilder Schlachtenschrei zu spt. Schon vor zwei Monaten ist der Handels- und Schutz- und Trutz-Vertrag mit Holland abgeschlossen, und whrend wir die Oberherrschaft der Fremden, die uns nun doch einmal in den Waffen und an Macht berlegen sind, anerkennen muten, haben wir uns heilig verpflichtet, die Waffen nicht mehr gegen sie zu ergreifen. Die Oberherrschaft der Fremden anerkannt? -- verpflichtet die Waffen nicht mehr aufzugreifen gegen den Feind des Vaterlands? rief Glentek entsetzt und seinen Ohren kaum trauend -- das ist =Landesverrath=! Ein Friedensbndni ist geschlossen; erwiderte der Gusti, und wer eine Waffe hebt, das zu brechen, den trifft nach unserem Gesetze der Tod. =Der Tod!= wiederholte Glentek in hohlem geisterhaftem Ton, und sein Schultertuch um das Haupt ziehend, blieb er viele Minuten lang zerknirscht, vernichtet stehen. Alles war verloren, worauf er noch seine Hoffnung gesetzt -- ihre Schwerter in die Scheiden zurckgestoen, ihre Hnde selber durch das Friedensbndni gekettet. Der Gusti fhlte Mitleid mit dem Jngling, und das eigene Mitrauen vielleicht, ob jenes Bndni fr Bali so segensreich wirken knne, wie er es einst gehofft, mochte ihn mit antreiben, die junge Kraft dem Vaterlande zu erhalten, sie nicht muthwillig zu zerstren. Du warst im Irrthum, Glentek, sagte er, aufstehend und freundlich seine Schulter berhrend, als du das Land in Waffen whntest. Es ist tiefer Friede, und wir knnen und wollen uns nicht lnger mit dem mchtigen Gegner messen, dessen Geschtze unsere jungen Leute zu Hunderten niedermhten. Die alten Gesetze dieses Landes sind aber noch in Kraft geblieben und denen wrst du verfallen, entdeckte auer mir auch noch ein anderer deinen Namen -- deine Schuld. Tritt hier hinein und erfrische deinen Krper erst mit den Speisen, die hier stehen, und dann geh' hinunter zum Strand. -- Gerade dem Wrack gegenber, das an der Kste liegt, findest du ein kleines grn gemaltes Boot. Es ist mein Eigenthum. Nimm es und kehre damit nach Java zurck. Glentek schwieg, und ohne seine Stellung zu verndern, barg er noch immer das Antlitz in dem Sappot. Als er die Arme endlich sinken lie, war sein Gesicht fahl und todtenhnlich geworden, und er sagte mit leiser, aber fest entschlossener Stimme: Ich bleibe hier! Unglcklicher! schrie aber der Gusti, willst du denn muthwillig in dein Verderben rennen? Tusche dich nicht, ich selber, wenn ich es wollte, knnte dich nicht schtzen. Das sollst du auch nicht, Gusti! sagte da der Jngling pltzlich, und ein eigenes wildes Feuer glhte aus den rastlos umherblitzenden Augen. Ich sehe, wie es ist; mein Vaterland ist verrathen und verkauft, unsere Tempel werden zerstrt, unsere Priester und Rajahs vertrieben, unser freier Boden selbst wird unter das Joch gedrckt, und ehe ein Jahrzehnt vergeht, weht von diesen Bergen die verhate dreifarbige Fahne. Stirb Glentek, stirb, du nicht allein bist Sclave, dein ganzes Volk hat sich verkauft -- verrathen! Wahnsinniger! rief der Gusti, seinen Arm ergreifend. Du wirst dich selbst den Hschern berliefern, die deinen Namen drauen vor der Thr gehrt. Zurck von mir! schrie aber Glentek, aus dessen Augen ein rothes wildes Feuer zu glhen schien. -- Zurck! -- Den Hschern berliefern? -- Hahaha, sie sollen's wagen, den Tiger zu halten, wenn er im Ansprung ist! =Uhi!= schrie er da pltzlich mit wildgellendem Ton, indem er mit der Rechten den Radotan aus der Scheide ri, whrend die Linke den Bast aus seinem Haar warf, da die langen rabenschwarzen Locken ihm wild die Schultern und Stirn umflatterten. -- =Uhi!= Glentek ist frei, aus den Bergen strzt sich der Strom ins flache Land, von Stein zu Stein den Abgrund niederspringend, aus dem Dickicht schnellt sich der Tiger seiner Beute zu. Die Anaconda liegt im Palmenwipfel und schiet, dem Pfeil gleich, von der Hhe nieder auf ihren Raub, und so bricht Glentek jetzt hinaus in's Freie -- =uhi!= Dewa Argo, wo sind deine Mrder, wo die feigen Schurken, die dich verrathen haben? -- Ich komme, ich komme dich zu rchen! Entsetzt war der Gusti zurckgesprungen und hatte die eigene Waffe von der Seite gerissen, um sich zu vertheidigen. Aber ihm galt der Angriff nicht, und mitten hinein zwischen die Hscher, die jetzt die Thr aufgerissen, den Rasenden zu fassen, sprang Glentek, den geflammten Radotan in der Faust. -- Da und da! schrie er, nach links und rechts hinberstoend, habt ihr Stahl -- theilt euch drein, =uhi!= Und wie die beiden zum Tod getroffen zusammenbrachen, flog der Rasende mit einem Satz ber sie fort dem Ausgang zu und auf die Strae hinaus. Wunderbarer Weise kommt dieser Zustand, der in seinem ganzen Wesen die vollkommenste hnlichkeit mit der beschriebenen Berserkerwuth unserer Vorfahren hat und im Norden jetzt ganz verschwunden scheint, sehr hufig auf den Inseln des indischen Archipels vor. Das Volk schreit dann Amok, Amok (ein Wahnsinniger), und alles, was nicht bewaffnet ist, flieht scheu zur Seite, whrend die Bewaffneten den Wthenden so rasch wie mglich zu tdten suchen -- wie man bei uns einen tollen Hund unschdlich machen wrde. Dieser Zustand von Raserei endet jedesmal mit dem Tode des Unglcklichen, den er erfat hat. Amok, Amok! schrie das Volk drauen und stob auseinander. Die Fruchtverkufer lieen ihre Krbe fallen und flohen in die Seitenstraen hinein, die Reistrger lieen ihre zusammengedrehten Bndel im Stich, die Frauen rafften ihre Kinder auf und flohen in die nchsten Huser, deren Thren zugeschlossen wurden; einzelne junge Burschen flchteten sogar vor der furchtbaren, den Weg niederrasenden Gestalt in Areka- und Cocospalmen hinauf, um dem unmittelbaren Anprall zu entgehen. Vom Hause des Gusti sprang der Unglckliche aber, unbekmmert um das ihm folgende Geschrei, quer ber den Marktplatz fort, mitten zwischen die Chinesen hinein, die hier feil hielten und Tische und Stnde berstrzend zur Seite stoben. Fnf oder sechs von ihnen verwundete oder tdtete der Rasende, wild und rcksichtslos nur nach allem stoend, was ihm in den Weg kam, gerade wie ein toller Hund schnappt und um sich beit, und bersprang jetzt, ohne Achtung auf Weg und Steg, einzelne der Butju und giftigen Buntajahecken, deren stachliche Zweige ihn blutig rissen. Der Schrei Amok zuckte indessen wie ein Blitz durch die Stadt, auch den Entferntesten Warnung gebend, und von allen Seiten strmten Bewaffnete herbei, den Rasenden unschdlich zu machen und sich selbst, wie Frauen und Kinder von der Gefahr zu befreien. Glentek hatte unter der Zeit die einzelnen Hecken bersprungen. -- Er fhlte es nicht, da ihm die Glieder brannten von dem Gift, und mit gezcktem Messer floh er jetzt gerade ber den nchsten offenen Zaun, in dem sich die Netzlegereien und Webereien befanden. Amok, Amok! tnte der Schrei hinter ihm her, und die Weber und Netzstricker flohen entsetzt zur Seite. Nur ein junger Bursche, ein Knabe von kaum mehr als zehn oder zwlf Jahren, fate keck und rasch ein quer ber den Platz liegendes Seil von Cocosbast, das an der andern Seite an einem Pflock befestigt war, und hob es in die Hhe. Der Rasende strmte heran, die Haare hingen ihm wild ber das Gesicht nieder, und mit der blanken Waffe stie er blind in die Luft. Da blieb sein Fu in dem ausgespannten Seile hngen, und whrend er der Lnge nach zu Boden schlug, entfiel seiner Hand die Waffe. Zwar raffte er sich im Augenblick wieder empor, aber ehe er den Radotan wieder ergreifen konnte, fielen die Weber und Netzstricker mit ihren Bumen und eigenen Messern ber ihn her. -- Amok, Amok! schrie die Schaar. Glentek griff des einen Arm, brach ihn mit Gewalt ab im Gelenk und warf sich dann auf einen andern, um ihn mit den Zhnen zu fassen und zu zerfleischen. Aber ein furchtbarer Schlag, der ihn ber die Stirn traf, warf ihn bewutlos zurck und zu Boden, und im nchsten Augenblick suchten die Waffen Aller seinen Krper -- whlten in seiner Leiche. Unten am Strand, zwischen diesem, dem Fahrweg, der von Kota nach dem Banksal fhrt, und den beiden malayischen Begrbnipltzen, steht eine einzelne, vom Wetter zerrissene, von unzhligen Orchideen berwachsene und von Pandanus und wilden Strandgewchsen dicht umgebene Cocospalme. Unter der ruht der Krper Glenteks von Benoi. Sein Land ist allerdings in Frieden mit den Fremden, die Waffen sind begraben und Friedenstraktate unterzeichnet worden. Aber die Macht und der Einflu der Hollnder wachsen dort von Tag zu Tag, ihre Flagge weht schon am Strand, und nicht lange wird es dauern, so flattert sie auch von den Bergen des einst freien Volkes. Funoten: [34] Tjanging, der westindische Corallenbaum, der in der letzten Hlfte des Jahres in Bali in Blthe steht, und dann gar keine Bltter trgt, so da ihn nur die langen, purpurrothen und bschelartig zusammenstehenden Kelche seiner Blumen vollkommen bedecken. [35] Eine rothe Falkenart mit weier Brust, welche die Balinesen wahrscheinlich Sikup, den Soldaten, nennen, weil ihre Krieger ein hnliches Schild vorn tragen. [36] Die Radjadja ist nmlich die Blatternkrankheit, die von den Europern nach Bali gebracht wurde. Die Seuche forderte dort ungeheure Opfer und trat mit seltener Bsartigkeit auf. Einem eigenthmlichen Aberglauben nach beerdigen die Balinesen die an dieser Krankheit Gestorbenen nicht wie ihre anderen Todten, sondern bedecken nur die Krper leicht mit Erde und lassen Kopf und Fe frei. Es ist leicht begreiflich, wie in dem heien Klima Bali's die Verwesung so vieler menschlicher Krper die Ansteckung der Seuche nur vermehren und die Luft im wahren Sinne des Wortes verpesten mute. Der Menschentiger. 1. In den Preanger Regentschaften auf Java in Tji-dasang, einem kleinen Dorf oder Kampong, hatte sich schon seit einiger Zeit, und mit Bewilligung der hollndischen Behrden, ein chinesischer Kaufmann niedergelassen, der mit den Eingeborenen in seiner Nachbarschaft nicht allein einen eintrglichen Tauschhandel trieb, sondern auch ein ziemlich groes, dort in der Nhe gelegenes Gut gepachtet hatte, und Kaffee, Reis und andere Landesprodukte selber darauf zog. Im Handel mit den Eingeborenen nahm er alles an, was ihm diese bringen konnten: eingekochten Arenzucker und geflochtene Matten, Hte, gebadekte[37] Tcher und Sarongs, gewebte Zeuge, Hhner, Wild, Cocosl, kurz alles Mgliche. Er selber brachte ihnen dabei eine Masse Dinge von Batavia mit, die sie oft noch nicht einmal dem Namen nach kannten, lehrte sie Spiegel und Schmuck, bunte Kattune und andere Sachen kennen und that, als Vertreter der Civilisation in dieser Berggegend, sein Mglichstes, die einfachen Menschen mit so viel neuen Bedrfnissen bekannt zu machen, als irgend anging. Die Chinesen sind im Ganzen, wie sonst auch nur zu hufig ihre Moralitt beschaffen sein mag, ein ungemein fleiiges und unternehmendes Volk, und so geschah es denn auch hier, da Schang-hai, wie er nach seinem Geburtsort hie, obgleich er nur ein sehr kleines Kapital und einen geringen Waarenvorrath mit in die Berge gebracht hatte, bald sein Vermgen verzehn-, ja verhundertfachte und fr einen der Reichsten in der dortigen Gegend, jedenfalls unter den Eingeborenen galt. Die Javanen sind ziemlich aberglubischer Natur und haben, wenn sie sich auch meist zum Islam bekennen, doch noch manches von ihren alten heidnischen berlieferungen beibehalten, an denen sie mit auerordentlicher Hartnckigkeit hngen. Es kommt dazu, da dergleichen Aberglauben meistens von der wilden, sie umgebenden Natur nicht nur begnstigt, sondern oft auch durch sie begrndet wird. So schrieben sie auch Schang-hai, dessen rasch wachsenden Reichthum sie natrlich nicht allein von seinem Unternehmungsgeist und seiner Schlauheit abhngig glaubten, ebenfalls bald geheime Krfte und Knste zu. Da er sich gern im Wald aufhielt und oft Tage lang ausblieb -- wobei er in Wirklichkeit nur kleine geheimgehaltene Geschftsreisen machte -- konnte sie nur noch mehr darin bestrken. Ebenso schien er nicht die mindeste Furcht vor den in jener Gegend noch in ziemlicher Anzahl sich aufhaltenden Tigern zu haben, und das war ihnen besonders verdchtig. Der Tiger, wie die Gefahr, der sie von diesen wilden Bestien stets ausgesetzt waren, spielte berhaupt in ihrem ganzen Leben eine sehr bedeutende Rolle, und wunderliche Sagen ber das geheimnivolle Treiben dieser Thiere, das sie nur aus seinen furchtbaren Angriffen und blutdrstigen Verheerungen, wie aus seiner rcksichtslosen Grausamkeit kannten, waren dort berall im Umlauf. Eine der bekannteren ist die vom =Menschentiger=, die in mancher Hinsicht unserer deutschen Sage vom =Wehrwolf= entspricht. Es soll nmlich im Wald, nur von wenigen Auserwhlten gekannt, ein Kraut wachsen, da die wunderbarsten Krfte besitzt. Der Genu der Wurzel besonders verwandelt den Menschen in einen Tiger, und zwar in der wrtlichen Bedeutung des Wortes, in all seiner zhnefletschenden gestreiften Furchtbarkeit, und nur der Genu einer anderen heilwirkenden Wurzel ist im Stande, ihm seine menschliche Gestalt zurckzugeben. Diese Menschentiger sind dann die gierigsten, grausamsten Bestien in der ganzen Thierwelt, und besonders dem Menschen gefhrlich. Dabei haben sie ihren Menschenverstand bewahrt und wissen jeder ihnen drohenden Gefahr auch auf das Schlaueste und Geschickteste zu entgehen. Auch in der Nhe von Tji-dasang hatten die Tiger, trotz der vom Staat ausgesetzten Prmien von fnfzehn Gulden, sehr berhand genommen, und besonders in einzelnen Kampongs groe Verwstungen unter den Heerden angerichtet, ja gar nicht selten sogar die mit dem Auskochen von Arenzucker beschftigten Arbeiter berfallen und zu Holz geschleppt. Wohl waren die Eingeborenen auerordentlich thtig gewesen, durch Fallen und Gruben einen Theil dieser gefhrlichen Raubthiere in ihre Gewalt zu bekommen und unschdlich zu machen; aber dies gelang ihnen bei nur sehr wenigen, und Jger sind die Malayen und Javanen berhaupt nicht. Sie wissen zum Beispiel gar nicht mit Schiegewehren umzugehen, und wenn sie auch dann und wann einmal in Begleitung der Hollnder eine solche Waffe fhren, gefhrden sie sich selbst und ihre Nachbarn weit mehr damit, als das Wild. Selbst Bogen und Pfeile fhren sie nur zum Spiel, und ihre eigentlichen Waffen sind die Lanze, eine auf einen Bambus befestigte damascirte Stahlspitze, und der stets an der Seite getragene Klewang, eine Art kurzes Schwert, das ihnen hauptschlich dazu dient, sich in den Dickichten Bahn zu hauen. Dazu ist es freilich auch dadurch vortrefflich geeignet, da es vorn an der Spitze am schwersten ist und daher zum Hiebe die nthige Wucht erhlt. Den Khris oder Dolch haben sie fast alle im Grtel stecken; die Lanze tragen sie dagegen nur ausnahmsweise, auf der Jagd und bei besonders festlichen Gelegenheiten. Die Chinesen auf Java sind indessen noch viel weniger Jger, und fhren selbst nicht einmal eine Waffe -- es mte denn hie und da einmal heimlich geschehen, wozu sich aber wieder die leichte Nationalkleidung nicht eignet, die sie nach einem Gesetz der Hollnder auf Java tragen =mssen=. Schang-hai war unverheirathet. Wie sich indessen seine Vermgensverhltnisse von Tag zu Tag besserten, fhlte er auch das Bedrfni, eine Lebensgefhrtin zu whlen und sich damit endlich einmal eine husliche Bequemlichkeit zu schaffen. Es fing an ihm ungenehm zu werden, in seinem Hause allein zu sitzen, und als er alle seine brigen Geschfte besorgt hatte, glaubte er sich auch diesen Luxus -- wie er es bis dahin genannt -- gestatten zu drfen. Das wre nun allerdings vortrefflich gewesen, wenn er daran schon vor einer lngeren Reihe von Jahren gedacht und es ausgefhrt htte. Leider hatte aber der Chinese seine besten Lebensjahre damit verschwendet, Reichthmer aufzuhufen, und da er nie, selbst nicht in seiner Jugend, auf Krperschnheit Anspruch machen durfte, so konnte ihm das Alter in dieser Hinsicht noch weniger gnstig sein. Schang-hai war mit einem Wort ein kleiner, dicker, hlicher, unansehnlicher Chinese, dessen Zopf sich schon grau zu frben begann, und die kleinen, etwas feuchten, brennend schwarzen Augen bekamen durch einen schielenden Blick selbst einen widerwrtigen, abstoenden Ausdruck. Nichts desto weniger wute er, was ihm auch der Spiegel ber seine eigene Persnlichkeit sagte, doch recht gut, da in der Welt mit Geld vieles, wenn nicht alles zu erreichen ist, und vielleicht war dies auch die Ursache, da er seine beste Lebenszeit ebenso sorglos und unbekmmert hatte verstreichen lassen. Da er dabei vernnftig genug war, bei einer Heirath nicht an die Vergrerung seines Reichthums zu denken, sondern sich bereits entschlossen hatte, ein armes, aber hbsches junges Mdchen zu seiner Gattin zu erheben, so brauchte er, zumal da ihn die etwas wunderlichen gesellschaftlichen Verhltnisse des Landes, in dem er sich befand, darin begnstigten, an einem Erfolg nicht einen Augenblick zu zweifeln. Die Eltern, die eine unbeschrnkte Gewalt ber ihre Kinder, besonders ber ihre Tchter besitzen, verkaufen dieselben meist an gute Partieen, denn eine =Heirath= kann man ein solches Ehebndni kaum nennen. Der Mibrauch geht darin so weit, da die Europer auf Java sich oft Mdchen auf eine bestimmte Reihe von Jahren fr eine zwischen beiden Theilen bestimmte Summe ins Haus kaufen und dabei nicht einmal eine Ceremonie fr nthig halten. Das war brigens Schang-hai's Absicht nicht. Er wollte sich wirklich eine Frau nehmen, die ihm dann nicht bei der ersten passenden oder unpassenden Gelegenheit wieder davonlaufen und der Unbequemlichkeit der Wahl aufs Neue aussetzen konnte. Sein Auge fiel dabei auf die Tochter eines armen Javanen, den er sich in der letzten Zeit besonders verpflichtet und ihn so in Hnden hatte, da er berhaupt gar nicht seine Einwilligung htte verweigern knnen -- wenn ihm das berhaupt in den Sinn gekommen. Kelah, wie der Eingeborene hie, dachte aber auch nicht einmal an etwas derartiges, und wenn er den kleinen dicken Chinesen mit dem falschen Blick auch sicherlich mehr frchtete als liebte, fhlte er sich doch durch den eines Tages ganz unerwartet gestellten Antrag viel zu sehr geehrt, als da er mit seiner Einwilligung als Vater auch nur einen Augenblick htte zgern knnen. Was Laykas, die Tochter, anbetraf, so war es eine Sache, die sich ganz von selbst verstand, da sie weiter nichts zu thun hatte, als den ihr vom Vater gegebenen Befehlen zu folgen. Htte das Mdchen denn auch ein greres Glck, eine grere Ehre trumen knnen? Da Laykas den Chinesen =lieben= sollte, verlangte kein Mensch von ihr -- nicht einmal ihr Brutigam selber, und da sie diesen jetzt, wie alle Kinder und Mdchen des Kampongs, =frchtete=, und ebenso gern einem Tiger als ihm in den Weg gelaufen wre, wenn er einmal die Strae herab kam, war eine Sache, die sich jedenfalls -- wenn sie nur erst einmal seine Frau war -- von selber gab. Ihr Schicksal sollte ihr aber nicht lange verborgen, ja nicht einmal Raum zum berlegen bleiben. Schang-hai hatte nmlich schon seit einer Woche, ohne irgend Jemand zu sagen weshalb, die Vorbereitungen zu der Festlichkeit herrichten lassen, die er auf das Glnzendste auszustatten gedachte. Der reiche Chinese wollte den Eingeborenen einmal zeigen, was er im Stande sei an Glanz und Pracht in diesen Bergen zu leisten. Das Anhalten um die Braut selber verschob er natrlich als eine Sache, die in wenigen Minuten abgemacht werden konnte, bis zum letzten Augenblick. Bedurfte es ja doch unter solchen Umstnden auch nur eigentlich des Befehls, sie in sein Haus zu fhren. 2. Eines hatte er dabei bersehen oder, wenn es ihm je eingefallen, so gering angeschlagen, da es eine weitere Beachtung nicht verdiente, -- da nmlich seine von ihm ausersehene Braut schon eine andere frhere Zuneigung haben knne. Das Herz eines jungen Mdchens fragt ja auch nicht immer erst die Eltern, ehe es sich zu einem andern Herzen hingezogen fhlt. Darauf kam hier aber gar nichts an; das Herz verlangte Schang-hai berhaupt nicht weiter, als es eben zu seiner bequemen Huslichkeit unumgnglich nthig war; er wollte die Hand des Mdchens, und die gehrte bis jetzt noch Niemand. Laykas war eine wunderliebliche Maid, und der alte Chinese hatte keinen schlechten Geschmack in ihrer Wahl bewiesen. Schlank und voll von Krper, mit Reizen, die von der dunklen Bronzefarbe der Haut eher noch erhht als vermindert wurden, mit einem Antlitz von fast griechischer Schnheit, wie man es da oben in den Bergen auch gar nicht so selten findet, die dunklen Wangen von so sanfter Frische, da das steigende und schwindende Blut deutlich auf ihnen sichtbar ward, mit feurigen offenen Augen und Hnden und Fen, um die sie manche stolze Weie beneidet haben wrde, war sie die Zierde ihres Stammes, der Stolz ihrer Eltern, und selig wre der Mann unter ihren Landsleute gewesen, den sie einst mit ihrer Liebe beglckt htte. Leichten und frohen Herzens hatte sie sich dabei willig und gern jeder noch so schweren Arbeit in ihrer Eltern Hause unterzogen. Nie kam eine Klage ber ihre Lippen, und ein freundliches Wort, einen freundlichen Blick hatte sie fr alle -- konnte sie den Sturm ahnen, der sich ber ihrem Haupte zusammenzog? So kam sie auch heute, singend und mit den Kindern lachend, die neben ihr herliefen, den Berg herauf, denn sie hatte unten im Thale, in den breiten, hohen Bambusstcken[38] Wasser heraufgeholt. Nur einen Sarong[39] von blau und rothem, selbstgebadektem Stoff, der ihr bis zur halben Wade niederhing und die zarten feingeformten Knchel zeigte, trug sie um die schlanke Hfte festgesteckt; der Oberkrper, wie das in den Preanger Regentschaften meist Sitte ist, war vollkommen nackt, und die schwere Wucht des rabenschwarzen Haares hielt sie mit einer groen Schildplattnadel befestigt. Die beiden mit Wasser gefllten Bambusstcke, die wohl bei drei Fu Lnge, fnf Zoll und mehr im Durchmesser haben mochten, trug sie an einem Querstock, an dem sie vorn und hinten herunterhingen, auf der Schulter, und trotz der gar nicht unbedeutenden Last war doch der Schritt des jungen, frischen, krftigen Mdchens leicht und elastisch. In der Thr der Htte begegnete ihr aber schon der Vater, der eben, noch freudestrahlend, von Tji-dasang zurckgekehrt war und den Augenblick nicht erwarten zu knnen schien, wo er der Tochter die Freudenbotschaft mittheilen sollte. Was hast du, Vater? rief das Mdchen, dem die frhliche Bewegung in dem sonst ziemlich mrrischen, einsilbigen Alten nicht entgangen war, und mitten im Gang hielt sie, die Hnde zur Sttze auf die Hften stemmend, an, da die beiden Bambusrhren langsam herber und hinber schwankten. Was hast du, Vater? Es ist doch nicht -- und das Blut scho ihr in diesem Augenblick vor freudigem Schreck in Wangen und Schlfe, als sie daran dachte, da vielleicht Maono, der brave arme Bursch, hier bei ihrem Vater gewesen wre und -- sie konnte keinen Gedanken ausdenken, so wirr und toll schwirrten ihr die Vermuthungen durch den Kopf. Und so treu und rein war dabei der Jungfrau Seele, da kein schlimmer Verdacht, keine Furcht den Spiegel ihres Herzens trben machte. Lachte doch ihr Vater, und das konnte ja nur Gutes fr die Tochter deuten. Freu' dich mit mir, Laykas! rief ihr dieser, als er sie halten sah, entgegen, freu' dich mit deinen Eltern, denn dein und ihr Glck ist gemacht. Maono? war alles, was Laykas herausbringen konnte, und sie fhlte dabei, wie roth sie wurde. Maono? meinte der Alte, verchtlich mit den Schultern zuckend, whrend sich doch ein verschmitztes Lcheln ber seine Zge stahl, wer ist Maono? So viel fr den! Hat er doch nicht Reis genug fr den morgenden Tag und steckt nicht umsonst da mitten im Walde, um von Frchten und Waldfleisch sein Leben zu fristen! Laykas ist fr etwas Besseres aufbewahrt. Fr =Besseres=, Vater? sagte das Mdchen leise, und die mit Wasser gefllten Bambus wurden ihr in dem Augenblick so schwer, als ob sie sich in Blei verwandelt htten. Kaum konnte sie mit ihnen den letzten Gang bis zur Htte ersteigen. Fr was Besseres, Vater? wiederholte sie hier noch einmal. Ich verlange nichts Besseres von Allah -- mge er es mir gewhren. Nichts Besseres? lachte aber der Alte und konnte sich gar nicht wieder zufrieden geben. Wenn die Kinder nicht wissen, was ihnen gut ist, mssen's die Alten soviel besser verstehen. Aber hr', Laykas was ich dir sagen will, und fasse dich, denn solche Freude und Ehre wirst du nicht erwartet haben. Freude? -- Ehre? rief das arme Mdchen erstaunt und eingeschchtert, denn bei all den Vorbereitungen begann ihr nichts Gutes zu ahnen. Nun, ich will dich nicht lnger zappeln lassen, schmunzelte der Alte; so hre denn, =Schang-hai= hat dich von mir zum Weib begehrt. Schang-hai? rief Laykas, und der Stab glitt von ihrer Schulter nieder, da die beiden Bambus umfielen und das Wasser in sprudelndem Quell wieder den Berg hinunterschickten. Ja -- der reiche Schang-hai, erwiderte mit selbstzufriedenem Lcheln der Javane, den Schreck der Tochter natrlich der Freude und berraschung zuschreibend. Aber lt du nicht das ganze Wasser wieder den Berg hinunterlaufen, Laykas? Nun la nur sein, von jetzt an wirst du Diener haben, die das fr dich thun. Allah segne mich! Htte ich doch nie geglaubt, die Freude an meinem Kind -- und nur eine Tochter -- zu erleben! Aber morgen mit dem Frhsten gehst du zum Bach hinab und badest dich, bindest dann deinen besten Sarong um, und wenn die Sonne ber die Palmen steigt, werde ich dich zu deinem Brutigam fhren! Brutigam? sthnte Laykas, ihr Antlitz in den Hnden bergend und dann mit stierem, entsetztem Blick zu dem Vater aufschauend; Schang-hai -- der furchtbare, entsetzliche Mensch, mein -- mein =Brutigam=? Nun ja, =hbsch= ist er gerade nicht, lachte der Alte gutmthig, darauf kommt auch nicht viel an. Aber =reich= ist er -- steinreich, und dein Vater braucht jetzt nicht Haus und Feld aufzugeben und wieder in den Wald hineinzuziehen, wie ich es thun mte, wenn Schang-hai nur daran dchte, seine Forderung einzutreiben. -- Du bist ein braves Kind, mein Herz, und machst deinen Eltern viele, viele Freude. Laykas erwiderte kein Wort; wo sie stand, kauerte sie sich auf den Boden nieder und legte den Kopf auf ihren Arm. Sie wute, ihr Schicksal war besiegelt, ihres Vaters Wille Gesetz, und kannte den Alten zu gut, um auch nur einen Augenblick daran zu zweifeln, da er Ernst, bittern Ernst aus seiner Drohung machen wrde. Sie war das Weib des gefrchteten Schang-hai, dessen Nhe allein sie schon mit Entsetzen erfllte, und wenn die morgende Sonne ber die Wipfel ihrer Bume schien, -- ein Schauder berrieselte sie -- fhrte sie ihr Vater in die Arme des Schrecklichen, der von da an Macht und Gewalt ber sie haben sollte ihr Leben lang. Kelah betrachtete die ineinandergeknickte Gestalt der Tochter wenige Minuten schweigend. Er mochte wohl ahnen, was in ihr vorging, kannte er doch den Abscheu, den alle Kinder -- ja fast alle Erwachsene in den Bergen vor dem alten Chinesen hatten, und frchtete er ihn doch selbst weit mehr als er ihn liebte. Die Sache war aber einmal abgemacht und nichts weiter daran zu thun, und die Tochter mochte jetzt, ehe er weiter mit ihr darber sprach, mit dem Gedanken ein wenig vertraut werden. Da sie sich seinem Willen nicht widersetzte, verstand sich von selbst. Er ging deshalb in sein Haus zurck, um fr sich selber auf den morgenden Tag seinen besten Staat, Kopftuch und Sarong, die rothe Kattunjacke und seinen schnsten Khris hervorzusuchen. Es war ja auch eigentlich bei der ganzen Sache nichts weiter zu besprechen und alles Nthige so gut wie abgemacht. Staunend sahen inde Laykas' Geschwister die Trauer der Schwester, ber deren Ursache sie sich nicht Rechenschaft zu geben wuten. Was es bedeute, des Schang-hai Frau zu sein, wuten sie noch nicht, und darum brauchte Laykas doch nicht das mhsam heraufgetragene Wasser wieder den Berg hinunterlaufen und den Kopf hngen zu lassen. Nur ein unbestimmtes Gefhl sagte ihnen, da mit der geliebten Schwester doch eigentlich Alles wohl nicht so sei, wie es sein solle, und wie der Vater nur erst einmal ins Haus gegangen war, drngten sie sich ngstlich schchtern um sie her, zupften sie am Sarong und baten sie leise und schmeichelnd aufzustehen und sie wieder anzusehen wie vorher. Das Zureden der Kinder aber weckte den bis dahin gewaltsam zurckgedrngten Schmerz der Jungfrau. Alles, was sie bis dahin lieb gehabt, an dem ihr Herz gehangen, sollte sie jetzt verlassen und dafr das Furchtbarste eintauschen, was ihrer Seele nur in Schrecken und Entsetzen vorschwebte -- das Weib des Mannes zu werden, von dem sie jetzt nicht einmal wute, ob sie ihn mehr frchtete oder mehr verabscheute. Ihre Thrnen flossen unaufhaltsam, und der ganze zarte Krper zitterte in der furchtbaren, kaum mehr gebndigten Bewegung. Die Sonne sank, und sie sa noch immer auf der Stelle -- die Kinder waren zum Haus hinaufgelaufen, dem Vater zu sagen, da Laykas krank wre und weinte. Dieser bedeutete sie aber, die Schwester zufrieden zu lassen, sie wrde schon wieder von selber froh und heiter werden. Als es dunkelte, ging endlich die Mutter zu ihr hinaus. Laykas, sagte sie freundlich, die Hand auf ihre Schulter legend, komm herein ins Haus -- der Vater wird sonst bse, und der Thau fllt auch schon stark. Mutter, sthnte das arme Kind und fate die Hand der Frau; ich kann nicht -- ich =kann= nicht das Weib Schang-hai's werden. Der Vater hat's gesagt, seufzte die Frau leise und mitleidig, das zu ihr gewendete, von Thrnen berstrmte Gesicht des Mdchens streichelnd. Du weit, was der sagt, mssen wir thun. Mir wr's auch lieber, ein armer Javane htte sein Jawort erhalten, als der alte reiche Snder, aber -- was geschehen, ist nun einmal nicht zu ndern. So komm, Laykas, komm mit ins Haus und fasse Muth. Es wird vielleicht noch Alles besser gehen, als wir jetzt denken. Und Maono? seufzte das Mdchen mit angstgepreter, zitternder Stimme. Wer kann's ndern? meinte die Mutter, mit den Achseln zuckend. Unser Geschlecht ist dazu bestimmt, Leiden zu ertragen, und wir drfen nicht murren. Es ist Allahs Wille. Der arme Bursch thut mir auch leid, setzte sie leise hinzu, aber was kann er gegen den reichen Chinesen in die Wagschale werfen? Und opfert er jetzt nicht sein Leben, die Nachbarschaft von den gefhrlichen Tigern zu befreien? rief Laykas. Haust er jetzt nicht allein und abgeschieden mitten im Wald in steter Gefahr, von den Bestien selber erfat zu werden, nur um eine kleine Summe zu erschwingen, da wir zusammen den Hausstand beginnen knnten, gegen den selbst der Vater bis jetzt nichts einzuwenden gehabt? Das ist alles wahr, mein Kind, sagte die Mutter, das aufgeregte Mdchen freundlich begtigend, aber damals hatte Schang-hai noch nicht um dich gefreit, und du weit selber, welche groe Hlfe der fr uns ist. Das einzige Reisfeld, von dem wir unsere Nahrung ziehen, ist in den Hnden deines knftigen Mannes, selbst die Arenpalmen um unsere Htte her gehrten nicht mehr unser, wenn es Schang-hai gefiele, sie zu fordern. Die Bffel, die unser Feld bearbeiten, haben wir von ihm geborgt, er kann sie jeden Augenblick zurckfordern. Die Weide selbst, auf die wir sie treiben, gehrt dem Chinesen, und schon lange habe ich mir gedacht, da er nicht umsonst so nachsichtig und gtig mit uns gewesen und seinen Lohn wohl eines Tages einfordern wrde. -- Und doch hab' ich ihm unrecht damit gethan, denn er hat dich zum =Weibe= begehrt, und damit uns armen, niederen Leuten, wie auch dir, die grte Ehre erwiesen, die ein so hochstehender Mann Jemand nur erweisen kann. Ehre -- Ehre! jammerte das arme Mdchen, mir bringt diese Ehre den Tod -- und Maono, armer Maono! Sie stand langsam auf, schttelte die Thrnen von ihren Wimpern und folgte der Mutter langsam in das Haus, wo sie den Vater schon behaglich auf seiner Matte ausgestreckt und seine Pfeife rauchend fanden. 3. Laykas ging ruhig in die Ecke, in der ihr Lager auf einem niederen Bambusgestell bereitet war, und wenn sich der Alte auch ein paarmal nach ihr umdrehte und sie augenscheinlich anzureden wnschte, unterlie er es doch jedesmal wieder. Sie mochte sich die Sache die Nacht ber durchdenken, wenn sie nur morgen dann ein frhliches Gesicht zeigte -- nur bis die Feierlichkeit berstanden war. Nachher mochte Schang-hai allein sehen, wie er mit ihr fertig wurde. Nach und nach wurde es still in dem kleinen dunklen Raum; drauen rauschten die Palmen ihr flsterndes Nachtlied durch den Wald und der unten vorbeispringende Bergstrom sandte das Gerusch des fallenden Wassers in leisem, dumpfem Murmeln bis hierher. Dann und wann vielleicht unterbrach der gellende Schrei eines Nachtvogels die heilige Stille, und einmal tnte dumpf und hohl das gierige Gebrll eines Tigers vom Wald herber. Dann war alles wieder still. Laykas konnte ihr Herz schlagen hren, wie es mit ngstlichem Klopfen ihr den Schlaf von den Lidern trieb. Und morgen? -- Der Kopf brannte ihr im Fieber, wenn sie an den morgenden Tag dachte! So mute dem unglcklichen Verbrecher zu Muthe sein, der mit der nchsten Sonne zum Richtplatz gefhrt werden sollte und jetzt, an Ketten, im festen, verschlossenen Raum, des Henkers harrte, der ihn hinaus zum Galgen fhren sollte. -- Und =war= sie denn eingeschlossen und gefesselt? -- Als ob ein scharfer Khris ihr Herz getroffen, so fuhr sie bei dem Gedanken empor. -- Flucht -- Flucht vor der Gefahr war noch mglich -- aber wohin? -- Wohin? -- Gleichviel, und wenn in den Tod! Lieber die Glieder im tiefen Strom gebettet, als in das Haus jenes furchtbaren Menschen! Lieber von den Tatzen des gierigen Tigers zerrissen, als von den Armen des Gefrchteten umschlungen! Und hatte sie denn nicht des Vaters Spruch dem Tode schon geweiht? War denn das =Leben=, wenn sie Tage, vielleicht gar Wochen, Jahre in jenem furchtbaren Elend vergehen -- sterben mute? In immer rascheren Schlgen pochte ihr Herz, das die fest darauf geprete Hand nicht mehr zu bndigen vermochte, und der Athem stockte ihr, als sie sich leise und geruschlos auf ihrem Lager aufrichtete, um auf den Schlaf der Ihrigen zu lauschen. -- Sie athmeten tief und ruhig -- ihr Vater trumte wohl gar von dem Glck und Heil, das er mit der Tochter Opfer ber seine Htte gebracht, und sah im Geist sich schon geachtet und geehrt -- ja warum nicht auch =gefrchtet= von den Nachbarn. -- Fort! -- Das war der einzige Gedanke, der sie jetzt trieb. -- Fort aus der Heimath -- aus der Eltern Haus, von dem Herzen der Mutter fort, an der sie mit inniger Liebe hing, von den Geschwistern, fr die sie ihr Leben gern geopfert htte -- denn das war mehr als Tod, was man von ihr verlangte! In der Htte war es vollkommen dunkel; nur durch einen Spalt der geflochtenen Bambuswand schaute hell und blinkend ein Stern herein. Geruschlos glitt sie von ihrem Lager nieder und ber den Boden hin. Htten sie selbst gewacht, sie wrden die Flucht des Mdchens nicht vernommen haben. Wie sie die Thre erreichte, richtete sie sich auf und blieb an der Schwelle stehen. Ohne Abschied sollte sie fort, von allen, die ihrem Herzen theuer waren -- ohne ein freundliches Wort von der Mutter, ohne eine Umarmung von den Geschwistern? -- Aber sie durfte nicht zgern -- der Vater regte sich auf seinem Lager. Wenn sie jetzt entdeckt wurde, ehe sie das Freie erreicht hatte, war sie verloren. Sie ffnete den hlzernen Drcker der Thr so leise als mglich, und stand im nchsten Augenblick auf der Schwelle. Rasch fiel die Thr wieder hinter ihr ins Schlo, und whrend sie im Haus drin Stimmen zu hren glaubte, glitt sie ber den kleinen freien Platz, der ihre Wohnung umgab, hinweg und in den Schatten eines dichten Mangustengebsches hinein, das, mit anderen Fruchtbumen wechselnd, bis zum Rand der Reisfelder lief. In dunkler Nacht brauchte sie hier keine Verfolgung mehr zu frchten -- sie war gerettet. Gerettet? -- Guter Gott -- wie hatten noch gestern Abend diese Bume, unter denen sie jetzt stand und die ihrer Eltern Haus umgaben, diese Palmen und Pisang so traulich, so heimlich gerauscht, wie lieb war jedes Blatt ihr da gewesen, und jetzt! -- Stand sie nicht so wenige Stunden spter wie eine Fremde in dem trauten Hain, und lag die Welt, nur wenige Schritte von dem Vaterhaus entfernt, nicht pltzlich so kalt und de um sie her, als ob sie, inmitten all des Glckes und Segens, das Gottes Hand darber hingestreut, doch weiter nichts als eine Ausgestoene wre? Wohin jetzt? -- Wie sie zuerst den Gedanken an Flucht erfate, war es der Tod, den sie suchen wollte, um sich von aller Noth, von allem Elend zu befreien. Jetzt aber, wo der Himmel wieder hell und klar mit all seinen tausend und tausend Sternen ber ihr blitzte, wie sie wieder das Flstern der Bume, das Murmeln des Baches hrte, da klammerte das jugendliche Leben sich auch wieder fest und innig an die Welt, und unwillkrlich fast, ehe sie sich nur selber eines bestimmten Ziels bewut war, floh ihr Fu jetzt von der Richtung fort, in der der reiende und tiefe Bergstrom lag. In der Flucht aber, mit der freien Bewegung ihrer Glieder den Krper von der frischen Nachtluft gekhlt, mit dem Bewutsein, jetzt zum erstenmal in ihrem Leben selbststndig, unabhngig, ja sogar der Willkr ihres Vaters entgegen zu handeln, krftigte sich auch der Muth des armen flchtigen Kindes. Ihr Auge blitzte khner und entschlossener, ihre kleine Hand ballte sich fast krampfhaft und die fest zusammengepreten Zhne, die keck und trotzig aufgeworfenen Lippen verriethen das zu seinem Selbstbewutsein erwachte Weib. Unschlssig hatte sie allerdings noch einen Augenblick gestanden, als sie das nchste Thal erreichte. Aber nicht mehr ber das Ziel, dem sie zufliehen wollte, war sie in Ungewiheit -- =das= sollte Batavia sein, so fern dasselbe auch lag, denn dort zwischen den Fremden, von denen sie schon soviel erzhlen gehrt, durfte sie am leichtesten hoffen, unentdeckt zu bleiben. Arbeiten wollte sie ja, was ihre Krfte nur vermochten, und von frh bis spt; war sie das schwerste Mhen doch von Kindesbeinen auf gewohnt! -- Dorthin reichte auch nicht der Arm Schang-hai's, und einmal nur aus dem Distrikt hinaus, indem der Schreckliche zu herrschen schien, glaubte sie nichts mehr von ihm frchten zu drfen. Aber sollte sie ihre Berge verlassen, ohne ein Wort des Abschieds von dem Geliebten? -- Sollte er denn nicht einmal wissen, wohin sie den Fu gewandt? -- Schreiben, wie es die Weien und Chinesen thaten, konnte sie nicht, und wie htte ihn je eine mndliche Botschaft erreicht, die nicht zugleich ihren neuen Aufenthalt zu verrathen drohte? Dort drben, wo der dunkle Waldesschatten, vom Mond nur schwach beschienen, lag, oben am Hgelhang, mitten im wilden Dickicht, hauste er, und durfte sie dorthin, allein, bei Nacht den Fu zu setzen wagen? -- Jene Gegend war ihrer Tiger wegen gefrchtet, und grade deshalb hatte sich Maono dort niedergelassen, um desto eifriger den Fang betreiben zu knnen und sein hchstes Ziel, den Besitz seines treuen Mdchens, zu erreichen. Wohl getraute sie sich den Pfad zu finden, der zu der einsamen Htte fhrte -- denn mit der Mutter war sie vor noch gar nicht so langer Zeit einmal am Tage dort gewesen, um Arekansse zu holen. Wie aber durfte sie der Gefahr trotzen, von den lauernden Bestien berrascht zu werden? Nachts und im Dunkel, ob der Mond am Himmel steht oder nicht, kommt der Tiger aus seinen Dickichten, in denen er den Tag ber versteckt gelegen, hervor und schleicht ins Freie hinaus, seine Beute zu erlegen. Ein Rind, das er trifft, ein Pferd, ein Stck Wild, es ist ihm alles willkommen, und gleich gierig strzt er ber alles her. Die Bestien aber, welche schon einmal in frherer Zeit Menschenfleisch gekostet, und denen dasselbe wohl geschmeckt haben mochte, ziehen von da an diese Beute jeder andern vor. Das sind dann die gefhrlichsten Raubthiere, und dem Menschen mit ihrer furchtbaren Kraft, ihrer List und Blutgier vor allen anderen furchtbar. Der Javane nennt diese denn auch in ganz besonderer Auszeichnung die Menschenfresser. Laykas zgerte, aber es war nur ein Augenblick. Wie klein schien ihr diese Gefahr gegen die andere, der sie sich erst gewaltsam durch die Flucht entzogen! Stieg nicht der Mond gerade in all seiner Pracht und Klarheit, fast gefllt, am stlichen Himmel empor? Der leuchtete ihrem Pfad -- er und die Liebe sollten sie fhren! Und hatte sie Maono von ihrem Plan in Kenntni gesetzt, wute =er=, und nur er allein, wohin sie sich gewandt, und weshalb sie den verzweifelten Schritt gethan, dann konnte sie auch mit frhlichem Muth, mit leichtem Herzen ihren weiten, mhseligen Marsch durch fremde unbekannte Distrikte, zu fremden Menschen, in eine ihr fremde Welt antreten, und das arme hlflose Mdchen sah, trotz der Gefahren, die berall ihre Bahn umlauerten, mit froher, ruhiger Zuversicht der ungewissen Zukunft entgegen. Wie sie freilich in dem fernen Batavia, wenn sie es erst glcklich erreicht, ihr Leben fristen sollte, war ihr jetzt selber noch nicht klar. Nur das fhlte sie, da sie arbeiten konnte und wollte, und aus ihrer Gegend selbst waren ja schon in frherer Zeit Einzelne dorthin ausgewandert, und mit Geld und guten kostbaren Kleidern zurckgekehrt -- warum sollte es =ihr= dort fehlen? Rstig schritt sie, nur dann und wann einen scheuen Blick zurckwerfend, ob sie nicht verfolgt wrde, ihrem schmalen Pfade entlang, der sie, sobald sie das Fruchtdickicht ihrer eigenen Heimat verlassen, am Hgelhang hin, und zwischen einer Anzahl von Reisfeldern hindurchfhrte. Es war ein beschwerlicher Weg, bei dem unsicheren Licht des kaum aufgegangenen Mondes die schmalen schlpfrigen Raine zwischen den unter Wasser gesetzten Reisfeldern einzuhalten, aber sie kannte hier jeden Fu breit Boden und wute, da sie rascher vorwrts eilen konnte, sobald sie nur einmal die steinigen Hgelhnge, in denen ihr jetziges Ziel lag, erreicht hatte. Hier begann freilich auch das Gebsch, wilder Pisang, prachtvolle Farn- und einzelne Arekapalmen, mit einem dichten Unterholz anderer Laubbume -- hier begann fr sie die Gefahr in den Hinterhalt eines der furchtbaren Raubthiere, und der blutgierigen Bestie in den Rachen zu laufen, und als sie den dsteren Waldesschatten erreichte, in den der Mond jetzt seine wunderlichen Lichter warf, blickte sie im Anfang scheu und rasch umher und hielt auch wohl den flchtigen Schritt pltzlich an, um irgend einem fremdartigen Gerusch, einem Rascheln im Busch besser zu lauschen, das ihr Herz schneller klopfen machte. Das aber waren immer nur Momente; ihre Flucht hielt es nicht auf, und eine Ravine kreuzend, erreichte sie jetzt wieder, kaum noch tausend Schritt von der Htte entfernt, in der Maono seine Wohnung aufgeschlagen, einen offenen Strich Landes, durch den die breite, gut in Stand gehaltene Strae am Rand der Ravine hin lief. Diese Strae fhrte von Tji-dasang aus zuerst nach dem groen Gut eines Chinesen, und stand weiter unten mit der Javanischen Hauptpoststrae, die durch die ganze Insel luft, in Verbindung. Diese Strae mute sie ebenfalls kreuzen, der Pfad aber, den sie kannte, und der durch die ihr gegenberliegende Dickung fhrte, lag etwas weiter oben, gerade an der Stelle, wo eine wohl dreiig Fu hohe Farnpalme ihren federnartigen Wipfel ber dem Fuhrweg schaukelte. Gerade durch den Wald zu brechen wre ihr, selbst am hellen Tag nicht mglich gewesen, so dicht in einander flocht diese gewaltige Vegetation ihre Zweige und Lianen, und rasch der Strae aufwrts folgend, sah sie schon von weitem den Schatten der Palme ber die weie Strae hinber hngen, als sie, dicht neben sich im Weg sich etwas regen sah. Mit einem halben, kaum unterdrckten Aufschrei flog sie zurck, und wie gelhmt erstarrten ihr in dem Moment, vor dem entsetzlichen, jede Willenskraft vernichtenden Schreck die Glieder, denn vor ihr stand, halb scheu unter seinen groen Hut zurckgedrckt, und doch auch wieder fast eben so berrascht, wie sie selber, auf sie schauend, der furchtbare Schang-hai. Die kleine, breite, wie zum Sprung ineinandergeprete Gestalt war nicht zu verkennen, und seine Augen schienen wie glhende Lichter nach ihr herber zu funkeln. Allah schtze mich! sthnte die Jungfrau. Als ob aber mit den herausgestoenen Worten der Zauber gebrochen wre, der sie bis dahin gefangen gehalten, so floh sie jetzt, einem aufgescheuchten Reh gleich, mit Blitzesschnelle der Farnpalme zu, und dort mit einem Sprung den weiten Graben berfliegend, in den Wald hinein. Scheu drehte sie den Kopf zurck -- sie hrte Schritte hinter sich -- das Laub raschelte, und kaum ihrer Sinne noch mchtig, verfolgte sie ihre Flucht in wilder Hast immer den Pfad entlang, bis sie sich endlich an der wohlbekannten Gruppe von Arekapalmen fand. Wieder glaubte sie ein dumpfes Gerusch hinter sich zu hren, aber durch die Palmen hin kannte sie einen nheren Pfad zur Htte, und glitt wie eine Schlange in den dunklen Schatten des dichten Unterwuchses von Pisang- und Cacaobschen hinein. Jetzt hatte sie das Bambushaus erreicht -- die hohen Stufen flog sie hinan, prete den Drcker nieder, und als dieser dem Griff nachgab, und die Thr sich in ihren Angeln drehte, brach sie, nicht mehr im Stande die furchtbare Aufregung der letzten Stunden zu ertragen, auf der Schwelle ohnmchtig zusammen. 4. Mitten im wilden, dichten Wald auf Java, findet der Wanderer oder Jger, wenn er sich durch einen halbverwachsenen alten Pfad Bahn gehauen, manchmal weite Gruppen schlanker hochstmmiger Cocos- und Arekapalmen in der tiefsten Wildni stehn. Sonst sind dies stets, besonders die letzteren, sichere Zeichen von der Nhe menschlicher Wohnungen, und noch mehr besttigen gewhnlich schattige Fruchtdistrikte von Mangusten-, Romboutan-, Nangka- und Manga-Bumen, und wie die wundervollen Bume alle heien, solche Vermuthung, und scheinen dem Fremden wie bittend die beladenen Zweige entgegenzustrecken, da er sie nur in etwas von ihrem drckenden Reichthum befreien mge. Und doch wrde in den meisten Fllen der mit dem Land Unbekannte kaum ein Merkmal finden, da solche Stelle je bewohnt gewesen und noch andere Geschpfe als Tiger und Rhinoceros hier dem weichen Boden ihre Fhrten eingedrckt. Und dennoch standen dort frher die leichten Htten der Eingeborenen, deren Spur jetzt freilich der Zahn der Zeit vom Boden vertilgt, und ihre letzten berreste unter der verwesenden dichten Laubdecke dieser ppigen Vegetation begraben hat. Nur die Natur selber blieb ewig jung, und hher und krftiger noch hoben die Palmen ihre wehenden Kronen empor, und schauten stolz und khn aus dem dichten Laubmeer hervor, das sie ringsum berragten. Unter diesen Palmen und dem wilden Gewirr von Pisang, Farren, Lianen und andern Fruchtbschen hat in frherer Zeit einmal ein urbargemachtes Feld gelegen und des Menschen fleiige Hand dem Boden Nahrung fr sich abgezwungen. Kaum aber wurden die Menschen wieder abgezogen, so forderte der Wald sein Eigenthum mit herrischer Gewalt zurck, streute seinen Saamen darber hin, und trieb die alten, bis dahin nur mit Noth und Mhe zurckgehaltenen Wurzeln auf's neue in krftigen Schlingen empor. Was dabei die Vegetation allein zu leisten vermag, beweisen schon die Pisang oder Bananenstmme; denn in sechs Monaten treiben diese einen Stamm von Beinesdicke, um im nchsten Jahr den Boden damit zu dngen, und fnf oder sechs hnlichen Schlingen Saft und Nahrung zu geben. Solche todte Kampongs sind fast immer, und mit nur wenigen Ausnahmen, in frherer Zeit der berhand nehmenden Tiger wegen von ihren Bewohnern gerumt worden, die lieber ihre Fruchtbume und das mhsam bestellte Feld im Stich lieen, um nur der gefhrlichen Gesellschaft zu entgehen. Weiter dem bebauten Lande zogen sie dann zu, und wenn sie da auch ihre Arbeit von vorn beginnen, und das Wachsen neu gepflanzter Palmen und Fruchtbume erwarten muten, waren doch ihre Familien auch mehr gesichert, und Frau und Kinder brauchten nicht mehr, selbst in der Thr der Htte, wie das im Walde oft der Fall gewesen, den Angriff des gierigen Rubers zu frchten. Von den verlassenen Pltzen aber nahm der Frst der Javanischen Waldung, der Knigstiger, Besitz, und in der neu und dicht aufschieenden Wildni konnte er seine Tage sicher und ungestrt vertrumen, um dann erst Abends mit der Dmmerung seiner Beute nachzugehn. Auch diese Stelle, durch die der Fu der armen gengstigten Maid geflohen, war ein solcher todter Kampong, und die Tiger hatten sich in der Nachbarschaft so vermehrt, da sie sogar von dort aus die dicht besiedelten Nachbardrfer aufsuchten und Schrecken und Entsetzen unter den Bewohnern verbreiteten. Nicht allein sah sich die hollndische Regierung dadurch genthigt, in der letzten Zeit einen erhhten Preis auf die Einbringung oder Tdtung dieser gefhrlichen Raubthiere zu setzen, sondern die Eingeborenen selber waren zusammengetreten und sicherten noch besonders dem glcklichen Erleger eines Tigers reiche Belohnung zu. Konnten sie doch nur auf solche Art hoffen, von ihnen befreit zu werden, und ihre grimmen Reih'n gelichtet zu sehn. Bei den Eingeborenen ging aber dabei nicht allein das Gercht, sondern war in ihrem angsterfllten Hirn, von aberglubischer Furcht gestachelt, zur festen berzeugung herangewachsen, da zwischen ihnen ein =Menschentiger= sein entsetzlich Wesen treibe. Zu viele Menschen, und zwar lauter Javanen, waren gerade in den letzten Monaten im Wald und selbst bei ihrer Arbeit auf den dicht am Wald liegenden Feldern zerrissen worden, von denen man viele unversehrt, nur mit zerrissener Kehle wieder aufgefunden. Unter ihnen hatte jedenfalls ein solches Ungeheuer gewthet, und der Preis, den die Eingeborenen unter sich auf den Fang desselben gesetzt, wre hoch genug gewesen, den glcklichen Jger zum reichsten Mann des Kampongs zu machen, -- nur da sich der Menschentiger eben nicht fangen =lie=. Diese hohen ausgesetzten Preise waren denn auch die Ursache gewesen, da sich Maono, ein junger krftiger Sundanese -- wie die Bewohner der stlichen Gebirgshlfte von Java im Gegensatz zu den westlichen, den Javanen, eigentlich heien -- dem gefhrlichsten Handwerk, das seine Berge kennen, dem Tigerfang ausschlielich zugewandt. Er hatte es aber nicht aus Gierde nach Schtzen gethan, denn der wackere Bursch bedurfte deren fr sich selber nicht; sondern nur um sein Mdchen, seine Laykas, dem drngenden Vater abzukaufen, und fr sich selber dann, an ihrer Seite, ein neues stilles Leben zu beginnen, whlte er sein gefhrliches Geschft, durch das allein er hoffen durfte, in kurzer Zeit ein kleines Capital zurckzulegen -- wenn ihn nicht die Tiger selbst zerrissen. Ohne Laykas aber konnte er sich das Leben doch nicht denken, und was galt ihm jetzt die Gefahr, der er sich hier jede Stunde aussetzte, wenn er damit die Hoffnung gewann, ihren Besitz zu erkaufen! Dieser Platz schien ihm dabei vor allen andern passend, sein Vorhaben auszufhren, und in dem Dickicht selber, in dem er sich mit seinem Klevang einen kleinen Raum freigeschlagen, errichtete er aus Bambusstben seine feste Htte, deckte sie mit den Fasern der Arekapalme und Bambuslaub zu festen Matten geflochten, und stellte Fallen, legte Gruben an und fing in rascher Reihenfolge fnf starke Tiger, die er allein mit seiner Lanze in der Grube tdtete. Maono war an dem Abend erst mit der Dmmerung nach Hause gekommen. Vor einigen Tagen fast selber von einem riesigen Tiger berrascht, dessen Wechsel er in dem Pfad, nahe bei seiner Htte gesprt, hatte er kurz vor Dunkelwerden eine neue Grube beendet und mit der Lockspeise belegt, und sich jetzt, mde und erschpft vom schweren Graben und Balkenschleppen, auf sein Lager geworfen. Aber sein Schlaf, fortwhrend von Gefahr umgeben, war nur leicht, und wie der Griff seiner Thre niederklappte, diese sich ffnete und eine dunkle Gestalt auf seiner Schwelle zusammenbrach, griff er die Lanze auf, die immer dicht neben ihm an seinem Lager lehnte, und fuhr, sprungfertig wie der Tiger selber, empor, dessen Angriff er fast frchtete. Aber Alles blieb ruhig -- drauen rauschte der Wald, die Frsche quackten in dem nahen Sumpf, und laut und donnernd schlug pltzlich ein wild drhnendes Gebrll an sein Ohr. Ha? lachte der junge kecke Jger vor sich hin, hast du das Weite wieder gesucht, mein Bursche, wie du das Lager des Feinds gewittert? -- Aber nein -- das konnte der Tiger nicht sein, denn der steckt noch dort im Alang Alang[40] drauen, und folgt vielleicht jetzt gerade meiner ihm gelegten Witterung. Aber die Thr ffnete sich doch, und ich dchte, ich htte vorhin einen dunklen Schatten dort gesehen. Vorsichtig, mit vorgehaltener, zur Vertheidigung oder zum Angriff bereiter Lanze nherte er sich langsam der Thr; der Mondenschein fiel hell und voll darauf, und bald erkannte sein scharfes Auge eine da kauernde menschliche Gestalt. Der Menschentiger! knirschte er zwischen den Zhnen durch, und die krampfhaft gepackte Lanze drngte sich fast unwillkrlich zurck, zum Todessto ausholend. -- Aber das sah nicht wie ein Angriff aus; die Arme fortgestreckt vom Krper lag die dunkle Gestalt still und regungslos zu seinen Fen -- in seiner Gewalt. So htte sich ihm das Ungeheuer, das er mehr frchtete als alle Tiger der Welt, im Leben nicht preis gegeben. Das war ein Mensch. Und als er endlich, noch immer scheu und vorsichtig und sprungbereit dem fremden Wesen nher trat, und sich langsam und scheu niederbog, um es mit der Hand zu berhren, da fhlte er unter den Fingern das weiche warme zarte Fleisch und wute jetzt, da es ein jedenfalls im Wald verirrtes Weib sein mute, das vor den Tigern flchtend, hier bei ihm Schutz gesucht. Er stellte die Lanze neben die Thr, und beugte sich nieder, die Arme aufzuheben und in die Htte zu tragen, als der bewutlose Krper wieder Leben gewann. Die erste Bewegung aber war der scheu nach rckwrts gedrehte Kopf, ob der Entsetzliche ihr folge und -- Laykas! schrie Maono, und schlang staunend und erschreckt den Arm um die Geliebte. Schtze mich, Maono! war aber alles, was Laykas im Anfang ber die bleichen Lippen bringen konnte, und zugleich drngte sie sich jetzt scheu von der Thr hinweg. Frchte dich nicht, mein Herz, sagte Maono freundlich ihre Angst beschwichtigend. Wenn ich auch nicht begreife, wie du in Nacht und Dunkel den Weg -- Allah schtze mich! rief er pltzlich, in Todesschreck emporfahrend -- wie bist du denn zu dieser Htte gekommen? Den Pfad entlang? Den Pfad entlang, bis zum Pinangdickicht, und dann in wilder Flucht durch die Stmme und Dornen durch, die mir die Haut zerfleischten. Dich hat dein guter Geist beschirmt, sprach Maono, liebkosend ihr die Haare aus der feuchten Stirn streichend. Aber um deiner Liebe willen, Laykas, was fhrt dich in der Nacht in dieses Dickicht, das selbst die Mnner deines Kampongs nur am hellen Tag in Trupps betreten? Wenn du nun in die Klauen einer der gierigen Bestien gefallen wrst? Wie elend wre ich gewesen, ob ich auch deinen Tod blutig an ihnen gercht! Oder droht dir Gefahr von anderer Seite, als den wilden Thieren dieser Waldung? Das Mdchen hatte sprechen, hatte dem Geliebten die Vorgnge des letzten Abends erzhlen, und dann ruhig von ihm Abschied nehmen wollen, um ins weite ferne Land hinaus zu ziehn. Das Schreckbild aber, das in der letzten Stunde wie aus dem Boden herausgewachsen, vom Mondlicht bleich beschienen, vor ihrem entsetzten Blicke aufgetaucht war, hatte ihre Sinne und Gedanken so betubt, verwirrt, da nur das eine Wort Raum in ihnen fand. -- Schang-hai! Ha! -- was mit dem? fuhr Maono auf, drngte der alte Snder deinen Vater zum uersten? Den Tod ber ihn! Aber nicht lange mehr, so hat Maono Geld und wird --. Dort -- dort -- hinter mir! sthnte Laykas und deutete mit zitterndem Arm durch die noch offene Thr hinaus ins Freie, er folgt mir -- schtze mich! Wer? -- Schang-hai? rief Maono mit weit geffneten stieren Augen, indem ein furchtbarer Verdacht vor seiner mit all den Schreckbildern blinden Aberglaubens gefllten Seele emporstieg. Schang-hai -- jetzt im Wald? -- Auf deiner Fhrte? Und rasch und unwillkrlich suchte die Hand die fort gestellte Waffe. Nur mit unendlicher Mhe bezwang sich das arme, zum Tod erschpfte Mdchen endlich soweit, dem Jngling zuerst die Vorgnge der letzten Viertelstunde, die pltzliche Erscheinung des Chinesen und ihre wilde Flucht zu erzhlen, denn in des Geliebten Nhe fhlte sie sich wenigstens vor augenblicklicher Verfolgung sicher. Dann aber, wie sie sich mehr und mehr erhohlte, und Maono jetzt die Thre schlo, auf dem kleinen Herd ein prasselndes Feuer von drren Bambusstben entzndete, das Licht und Wrme verbreitete, und dann seine Matte zur Flamme zog, da sie ihnen als Sitz diene, da ging sie auch auf die Vorgnge des letzten Abends zurck, sagte, was ihr mit der heutigen Sonne gedroht und sie zur Flucht getrieben, und bat den Geliebten jetzt mit leiser ngstlicher Stimme sie am nchsten Morgen nur wenigstens bis durch den Wald zu geleiten, damit sie nicht etwa nach ihr ausgeschickten Verfolgern in die Hnde fiele, und vor allem -- dem furchtbaren Schang-hai nicht wieder begegnete. Maono hatte mit keinem Laut, keinem Wort ihre ganze leidenschaftliche Erzhlung unterbrochen -- nur seine Augen funkelten, seine Glieder zitterten, und wie unwillkrlich suchte oft die Rechte, whrend er mit der Linken die an ihm lehnende Geliebte umfat hielt, den im Grtel steckenden Khris. Laykas fr ihn verloren, einem Ungeheuer verkauft oder in die Fremde hinausgestoen -- es blieb sich fast gleich, und keine Hlfe -- keine Rettung aus dieser furchtbaren Noth! Blieb Laykas hier, so wute er recht gut, da schon am nchsten Morgen, noch dazu, da Schang-hai die Richtung ihrer Flucht wissen mute, Boten nach ihr ausgesendet wrden, um sie zurckzufordern; und setzte die Unglckliche auch ihre Flucht fort, was half es ihr -- allein da drauen im Wald -- allein in der Welt? --. =Allein?= rief er da pltzlich, und richtete sich rasch und hoch empor, nein Laykas, nicht allein la ich dich mehr hinaus in die fremde Welt, nicht allein selbst durch diese gefhrdeten Waldungen mehr. =Ich= fliehe mit dir -- die Berge kenn' ich alle, von den Reisfeldern, die an ihrem Fue liegen, bis zu den nackten Lavagipfeln ihrer glhenden Krater, und nicht nach Batavia gehen wir dann, zu den fremden Weien und ihren verdorbenen Sitten, wo dein Vater auch unsere Spur wieder auffinden und uns zurckfordern knnte in das alte Leid. Gerade Nord hinauf ziehen wir; in Indramaju lebt mir ein Bruder, und von dort fhr' ich dich in dessen Prau hinauf nach den tausend Inseln. Dorthin wagen sie nicht uns --. Er hielt pltzlich inne, denn gar nicht weit von der Htte entfernt tnte so drhnend, da das Laub auf dem Dach zu zittern schien, das tiefe furchtbare Gebrll eines Tigers herber, dem sich ein wilder, gellender Schrei, wie fast aus gequlter Menschenbrust kommend, beimischte. Der ist in der Grube! jubelte Maono, in seiner Jagdlust fast die augenblickliche Gefahr der Geliebten vergessend, und mit dem rasch aufgegriffenen Speer sprang er der Thr der Htte zu. Maono! bat aber Laykas, ngstlich seinen Arm ergreifend, gehe nicht fort von mir. La mich nicht hier allein, ich wrde vor Angst vergehen. Und wenn nun Schang-hai wirklich meinen Schritten gefolgt wre. Wre er's nur! zischte Maono, den Speer fester packend, zwischen den Zhnen durch. Aber horch, Laykas -- hrtest du nicht jetzt --? -- Er hatte die Thr aufgestoen und horchte, halb unschlssig, ob er gehen oder bleiben solle, in die Nacht hinaus. Ich hre nichts als das Rascheln des Windes im Wipfel der Bume, flsterte die Jungfrau; es ist so furchtbar todt und still da drauen! 5. Maono stand noch lange und lauschte in den Wald hinein. Es drngte ihn hinaus, um nachzusehen, ob er den grimmen Feind gefangen, und doch konnte er die Maid hier nicht allein zurcklassen. So verging die Nacht. Mehr aber befestigte sich auch dabei in ihm der einmal gefate Entschlu, die Geliebte nicht allein ziehen zu lassen, sondern mit ihr den fernen, nicht unter Hollndischer Botmigkeit stehenden Inseln zuzufliehen. Und nun komm mein Lieb! sagte der junge Jger, als das erste dmmernde Licht im Osten sichtbar wurde und rasch wachsend seinen grauen Silberschein in die dsteren Waldesschatten warf. Er band sich dabei sein Kopftuch fester um die langen schwarzen Haare, steckte seine Waffen in den Sarang, band etwas Reis in ein Tuch, das sich das Mdchen um die Schulter knpfte, und mit den unter den Fu geschnrten Sandalen trat er hinaus vor seine Thr, Laykas an der Hand. Erst freilich wollte er noch seine Gruben untersuchen, wenn er die gemachte Beute auch einem Andern berlassen mute, und rasch schritt er jetzt den schmalen Pfad voran, der Stelle zu, von wo, wie er glaubte, das letzte wthende Gebrll herber geschallt. Es war dies eben die letzte Grube, die er gegraben, und schon von weitem, so viel es ihm das matte Licht des jungen Morgens zu sehen gestattete, erkannte er die eingebrochenen Zweige der Decke, das sichere Zeichen einer gefangenen Beute. Ich hab' ihn! flsterte er halb zurckgewandt, mit blitzenden Augen seinem Mdchen zu ich hab' ihn! -- Da drinn wird er kauern scheu und tckisch und lauernd, die glutrothen Augen in Furcht und Ha zu mir aufgedreht, wenn ich die Decke hebe. Warte, Gesell, das soll meine letzte Arbeit hier im Lande sein, dir den Speer noch in den Leib zu werfen -- dann mag er verbluten da unten, und die Geier sich sein Fleisch zu Neste tragen. Er bog sich nieder, den Hauptzweig der Decke von der Grube zurckzuwerfen, als Laykas schchtern fragte: Und wird er nicht herausspringen knnen, wenn du die Decke wegnimmst? Nicht von dort, lachte nun der junge Mann, die Grube ist tief, und der Boden durch eingetriebene Stbe in der Mitte der Art bedeckt, da seine Hintertatzen nicht einmal einen festen Anhalt fassen knnen -- siehst du dort? -- Hlfe! tnte in demselben Augenblick eine Menschenstimme klglich zu ihm herauf, rettet mich! Ein Menschentiger! schrie der Sundanese in jubelnder Luft emporspringend, ich hab' ihn, ich hab' ihn! -- Nun Laykas, gehn wir nicht fort, nun braucht Maono nicht zu fliehn, und wenn ich deinem Vater mit vollen Hnden Geld in's Haus geschleppt, dann mag der alte tckische Chinese nur heimziehen nach seinem Zopf- und Opiumland. Aber Maono, bat Laykas in Todesangst, da unten in der Grube liegt ein Mensch. Ein Mensch? -- Ein Tiger ist's; ich hab' ihn selbst gesehn, seine funkelnden Augen, seine streifige Haut, seine fletschenden Zhne! -- Er hat die Wurzel nicht, da er sich wieder verwandeln kann. Da -- sieh dort! rief er, whrend er die bergelegten Zweige mit der Hand bei Seite ri, siehst du die lauernde, kauernde Gestalt? -- Siehst du, wie er sich sprungfertig hinein in die Ecke, und doch das breite boshafte Gesicht scheu zu Boden drckt, weil er sich schmt im Sonnenscheine ertappt zu sein? Hlfe! tnte da wieder leise und ngstlich, da sie gehrt wrde, dicht =unter= ihnen eine Menschenstimme, und wie Maono, jetzt selber erschreckt, die ihm nchsten Zweige bei Seite ri, erkannte er in immer steigendem Erstaunen erst eine menschliche Gestalt, fest und ngstlich in eine Ecke gedrckt, die chinesische Tracht derselben, und jetzt, als sich das Antlitz des da unten in so furchtbarer Nachbarschaft kauernden langsam zu ihm aufdrehte, die scheuen, widerwrtigen Zge seines Nebenbuhlers. Schang-hai! jauchzte aber der junge Sundanese, als er seinen Verdacht in solcher Weise gerechtfertigt und bewiesen sah, ohne daran zu denken, dem also Gefangenen Hlfe zu leisten. Hab' ich also recht gehabt? -- Bist du mir auf die Lockspeise gesprungen und hast die Grube drunter nicht gemerkt? -- Deine Wurzel hilft dir jetzt nichts mehr, ob du da unten auch noch so klglich thust! Hat doch der ganze Kampong schon die langen Jahre Verdacht auf dich gehabt, und endlich, endlich halt' ich dich! Schang-hai! sthnte auch Laykas und barg, zusammenschaudernd vor dem furchtbaren Gedanken, da sie dem Entsetzlichen hatte sollen zu eigen sein, ihr Antlitz in den Hnden. Zu sehr theilte sie brigens den Aberglauben ihres Volkes, um nicht aus vollem Herzen alles zu glauben, was an dunklen Gerchten ihren Stamm durchlief. Und htte der Mensch da unten in der Grube auch neben dem Tiger aushalten knnen, wre er nicht seines Gleichen gewesen? -- Nimmermehr! Das Raubthier wrde ihn hundertmal zerrissen haben. Wunderbar war es jetzt zu sehn, wie sich der Tiger in der Ecke der Grube vor dem hellen Sonnenstrahl, wie dem Laut der Menschenstimme immer mehr und mehr zusammendrckte, und whrend Maono in jubelnder Lust oben stand, den Triumph so glcklichen Fanges feiernd, erhob jetzt der unglckliche Chinese drunten mehr und mehr die Stimme und bat den Eingeborenen, ihn doch nur um Allahs Willen, wenn er =seine= Gtter nicht anerkenne, aus seiner furchtbaren drohenden Lage zu befreien. Er versprach, ihn dabei zum reichen angesehenen Mann zu machen -- versprach auf Laykas, deren Stimme er ebenfalls erkannt, zu verzichten -- er htte seine eigene Seligkeit verpfndet, wenn man es von ihm in diesem Augenblick verlangt, um nur von der entsetzlichen Todesgefahr befreit zu sein, nur seine Spanne Leben zu retten. Eine ebenso groe Gefahr drohte ihm aber in diesem Augenblick gerade von daher, von wo er Rettung erhoffte. Maono nmlich, in der festen berzeugung, da der gefangene Chinese wirklich ein =Menschentiger= sei, der nur, als er sich ertappt sah, seine menschliche Gestalt wieder angenommen, beschlo ohne Weiteres, die Gegend von diesem Ungeheuer zu befreien. Whrend der Chinese deshalb unten bat und flehte, befestigte Maono oben ganz ruhig und unbefangen die lange feste Leine am oberen Theil seiner Lanze, um diese nach dem Wurf wieder zurckziehen zu knnen, und trat dann an den Rand der Grube, die Waffe zum Todeswurf erhoben. Vorbereitung zum Tode, sagte er dabei ruhig, brauchst du drunten wohl nicht, denn wer in Nacht und Finsterni in =solcher= Verwandlung umherschleicht, wei genau, was ihm bevorsteht, wenn man ihn endlich einmal ertappt. So nimm denn -- Halt ein -- halt ein! schrie aber der Unglckliche, der die drohende Bewegung bemerkt, in Todesangst. Ich schenke dir Htte und Felder von Laykas' Vater, mit all den Thieren, die ihm zugehren. Ich schenke dir sechs meiner besten Bffel und die zwei groen Reisfelder, die hinter deinem neuen Hause liegen. -- Ich schenke dir vier Scke Deute auerdem und all die Arenpalmen, die auf dem Grundstck stehen, und du magst Laykas zur Frau nehmen, -- aber wirf den Speer weg, um meines Lebens willen -- wirf den Speer fort und reich' mir die Schnur herunter! Der Tiger dort in der Ecke wirft immer gierigere Blicke auf mich -- ich bin verloren, wenn du mich nicht rettest. Maono warf =nicht=; diese ungeheuern Versprechungen, die ihm der Gefangene machte, brachten seinen Entschlu, ihn zu tdten und seinen Fangpreis dafr einzuziehen, doch zum Wanken. Er war damit reicher als er es je gehofft, und in der Gewalt behielt er den Chinesen ja noch immer. Und wirst du halten, was du da gelobt? fragte er zgernd. Rette mich, und ich gebe dir mehr, als ich dir versprochen, winselte der Unglckliche. Du willst ihn nicht tdten? fragte Laykas erstaunt, wenn du ihn aufziehst, wird er seine Tigergestalt wieder annehmen und uns Beide vernichten. Dagegen giebt es ein Mittel, lachte der junge Sundanese, indem er jetzt, von einem neuen Plan ergriffen und rasch entschlossen, die starke Schnur von der Lanze warf, whrend er dem Mdchen die Waffe reichte. Da, Laykas, sprach er dabei, nimm du den Speer und fass' ihn fest, indessen ich den Burschen in die Hhe ziehe. Bleibt er, was er ist, so werd' ich schon allein mit ihm fertig, denkt er aber zu seiner alten List zu greifen, so bald er sich im Freien wei, siehst du das geringste Zeichen der gelben Streifen an den Seiten, der vorgestreckten Tatzen -- dann stt du ihm die Lanze bis ans Heft ins Herz, und mit meinem Khris schick' ich ihn rasch wieder in die Grube zurck. Und jetzt fass' an da unten! rief er, ohne sich weiter um den daneben liegenden Tiger zu bekmmern, dem Chinesen zu, indem er ihm die Leine niederwarf. Schling' dir die Schnur um den Leib und ich ziehe dich herauf zu mir. Schang-hai befolgte mit zitternden Hnden den gegebenen Befehl, scheu dabei den Blick fortwhrend nach der kauernden, aber regungslosen Bestie gewandt. Strker funkelten dabei die Augen des Tigers, als er seinen Mitgefangenen sich bewegen sah, fester drckte er sich zurck, auf die Hintertatzen zum Sprung zurckgebogen. Die tckischen Augen glnzten in einem grnen Feuer, die kurzen spitzen Ohren waren dicht an den Kopf zurckgelegt und die grimmen fletschenden blendendweien Zhne zeigten sich in ihrer vollen furchtbaren Pracht. -- Trotzdem wagte er den Sprung nicht und schien nur einen Angriff auf sich selber zu erwarten, dem er, so gerstet, begegnen wollte. Es war ein merkwrdiger Anblick, die Gruppe zu beobachten, die in diesem Augenblick oben an der Grube stand. Der Chinese, der sich die Schnur um den Leib geknpft und mit Hnden und Fen, wenn auch noch immer scheu den Kopf nach der ihm nchsten Gefahr zurckdrehend, nachgeholfen, hatte eben mit den Hnden den obern Rand erreicht. Maono lehnte, den linken Arm zum bessern Halt um eine schlanke dnne Arekapalme geschlagen, den Fu gegen ihre Wurzel gestemmt, das Seil in der Hand dort und zog aus allen Krften den schweren kleinen Chinesen aufwrts, und neben ihm, die gefllte Lanze zum Sto bereit in der Hand, mit funkelnden und doch in ngstlicher Scheu blitzenden Augen, halb Muth, halb Furcht in den belebten Zgen, stand das wunderschne Mdchen, nackt bis zum Grtel, die schwarzen langen Locken ihre Schultern umflatternd, die Verwandlung des Ungeheuers mit jedem Augenblick erwartend. Aber von dem armen kleinen Chinesen brauchten sie nichts zu frchten, und kaum hatte er den obern Rand vollstndig erreicht und sich in scheuer Angst einen Schritt davon hinweggeschleppt, als er, zum Tode erschpft und von dem Entsetzen der letzten Stunden aufgerieben, bewutlos neben der Grube zu Boden brach und es ruhig geschehen lie, da ihm der Sundanese Arme und Fe mit derselben Leine fest zusammenschnrte, an der er ihn heraufgezogen. 6. Unschlssig, was nun zu beginnen und welcher Weg am besten einzuschlagen, entschlo sich Maono endlich dazu, Hlfe vom nchsten Kampong herbeizuholen. Die Mnner dort sollten entscheiden, ob der also ertappte und berfhrte Chinese als ein entdeckter Menschentiger noch den Tod verdiene, wonach der Kampong selber den auf solchen Fang gesetzten Lohn gezahlt htte, oder ob er mit dem versprochenen Lsegeld freikomme, die Gegend aber auf immer verlassen solle. -- Das schien ihm nach kurzer berlegung das Beste; htten doch sonst die Nachbarn gar am Ende glauben knnen, er habe den Mann aus Eifersucht schuldlos ermordet. Laykas deshalb mit der Waffe bei dem Gebundenen zurcklassend, damit sie ihm dieselbe ins Herz stoe, sobald er den Geringsten Versuch mache, sich zu befreien, eilte er jetzt so rasch er konnte, den schmalen Pfad entlang, der aus dem Walde auf die Strae fhrte, um von dort aus den Kampong Tji-dasang zu erreichen. Die Mhe wurde ihm brigens erspart; denn da er die Lichtung erreichte, fand er sich einer Schaar von Mnnern, Laykas Vater, Kelah, an der Spitze, gegenber, die bis hierher der Spur des flchtigen Mdchens gefolgt waren, und jetzt eben unschlssig auf der stark betretenen Strae standen, welcher Richtung sie von hier aus folgen sollten. Maonos Ruf brachte sie bald an seine Seite, und mit wenigen flchtigen Worten schilderte er jetzt Kelah die Vorgnge der letzten Nacht, den Fang des so gefrchteten Menschentigers, mit einer mchtigen Tigerin zusammen. Ohne weiter eine Antwort abzuwarten, wandte er sich dann und schritt, von allen in schweigender Scheu gefolgt, den Pfad zurck, den er gekommen, bis zu der Stelle, wo er den Gefangenen unter Laykas Aufsicht zurckgelassen. Schang-hai hatte sich inde von seiner Ohnmacht erholt, und das junge Mdchen, das neben ihm die Wacht hielt, mit den flehendsten Worten gebeten, ihn loszubinden. Laykas wrde aber ebenso bald, ja vielleicht noch eher daran gedacht haben, den in der Grube gefangenen Tiger als den Gebundenen an ihrer Seite zu befreien, und der mit Ha und Furcht gemischte Blick, mit dem sie der geringsten seiner Bewegungen folgte, wie die oft drohend gehobene Lanze verrieth ihm, da er von ihr nichts zu hoffen hatte. Endlich schlug das Gerusch von Stimmen an sein Ohr, und mit einem leise, aber aus vollem Herzen gemurmelten Dank erkannte er den alten Kelah neben Maono an der Spitze des Zugs. Hatte er brigens gehofft, bei diesem unbedingten Schutz zu finden, so war er dabei im Irrthum und der alte Sundanese viel zu schlau, um nicht im Augenblick zu bersehen, wie die Sache stand. Einestheils stak er selbst zu tief in dem Aberglauben seines Volkes, um auch nur einen Augenblick zu zweifeln, da der Chinese das wirklich sei, dessen ihn Maono beschuldigt hatte. Wenn er aber die Versprechungen hielt, die er dem jungen Mann gethan und die ihm dieser unterwegs schon mitgetheilt, so stand er auch ganz anders neben dem Chinesen. Wie htte er berhaupt nach der jetzt gemachten Entdeckung noch daran denken drfen, ihm die Tochter zur Frau zu geben! Hierbei hatte er brigens zwischen den anderen, weit mehr angesehenen Eingeborenen auch nur eine ganz untergeordnete Stimme, und Schang-hai fand bald, da er zuerst einem frmlichen Verhr Rede stehen mute, ehe er hoffen durfte, selbst von diesen Leuten, die ihn sonst mit der hflichsten, oft kriechenden Artigkeit behandelten, in Freiheit gesetzt zu werden. Er erzhlte jetzt -- immer noch mit gebundenen Hnden, obgleich seinen Fen Freiheit gegeben war, da er erst spt Abends von der Plantage seines Landsmannes nach Tji-dasang hatte zurckkehren wollen, als er pltzlich eine Gestalt vor sich auf dem Weg gesehn, und wie er im Schatten eines Baumes stehn geblieben, beim hellen Licht des Mondes Laykas, seine =Braut= erkannt habe. Bei seinem Anblick sei sie in den Wald, und zwar den Fupfad hinein geflohen, der nach Maonos Htte zu fhrte; und nicht gesonnen, sie dort zu lassen, ohne seine, durch Einwilligung des Vaters gewonnenen Rechte auf sie geltend zu machen, sei er ihr dorthin gefolgt. Wie sie selber den Pfad entlang gekommen, wisse er nicht, aber er sei, als er dem dunklen Gang gefolgt, in die hier verborgene Grube gestrzt. Um Hlfe zu rufen, habe er sich nicht getraut, aus Furcht, vielleicht eines der gefhrlichen Raubthiere herbeizulocken, bis gegen Morgen die Tigerin, wahrscheinlich auf seiner Spur folgend, zu ihm hineingebrochen wre. Jetzt habe er mit gellender Stimme um Hlfe geschrieen und die Bestie, dadurch vielleicht gengstigt, den entgegengesetzten Winkel behauptet, ohne ihm ein Leides zu thun. Erst am Morgen sei Maono gekommen, der aber htte ihn fr einen Menschentiger gehalten und beinahe umgebracht, wenn er sich nicht sein Leben mit schweren Versprechungen erkauft. Schang-hai schien auch die ganze Sache wirklich fr abgemacht zu halten und nicht einmal daran zu denken, die gegebenen Versprechungen zu erfllen. Er verlangte jetzt mit finsterer Miene losgebunden zu werden, und drohte widrigenfalls das ganze Verfahren dem hollndischen Residenten (der obersten Gerichtsperson des Distrikts nach dem Gouverneur) anzuzeigen. Wenn er sich aber so weit sicher glaubte, hatte er sich doch geirrt. Die Eingeborenen, die fast smmtlich in dem letzten Jahr einen nheren oder entfernteren Verwandten durch die Raubthiere, und wie sie fest glaubten, hauptschlich durch einen Menschentiger eingebt, gedachten alle der dunklen wilden Erzhlungen, die schon seit langen Jahren ihre Nachbarschaft ber den kleinen Chinesen durchlaufen, und waren nicht gesonnen, den scheinbaren Beweis seiner Schuld so leicht und rasch wieder aus den Hnden zu lassen. Der Vorschlag wurde deshalb auch ohne Weiteres gemacht und ihm nicht einmal von Kelah widersprochen, in einer Art Gottesurtheil den Verdchtigen zu prfen. Er sollte nmlich wieder in die Grube hinunter, und zwar gerade =auf= die Tigerin geworfen werden. Griff ihn die dann an, so wollten sie suchen, ihn so rasch wie mglich wieder herauf zu ziehen und er durfte frei ausgehen, lie sie ihn aber unbelstigt, wie sie es die ganze Nacht gethan, so war es ein sicheres Zeichen, da er zu ihrem Geschlecht gehrte, und dann sollte er, wie die wilde Bestie selber, mit Lanzen getdtet werden. Seine Erzhlung, wie er in die Grube gekommen, glaubte ihm Niemand, und selbst die jetzt darum befragte Laykas erzhlte, da er unter der Palme am Weg wie ein Tiger gekauert, und sie seine Sprnge hinter sich her, wie die des wilden Raubthiers, gehrt und erkannt htte. Der alte Kelah selbst schmte sich, da er einem solchen Ungeheuer seine Tochter versprochen. Durfte Schang-hai doch jetzt nie daran denken, seine Schuld von ihm einzufordern, und so stimmte er auf das eifrigste fr dessen Tod. berhaupt thaten das alle, die dem Chinesen eine bedeutende Summe schuldig waren. Man band ihm jetzt die Hnde los und die Schnur wieder um den Leib, wie ihn Maono vorher heraufgezogen, und Laykas selber stand in sprachloser Erwartung dabei, ob die Tigerin da unten den verkappten Gefhrten erkennen oder in wilder Wuth ber ihn herfallen wrde. Schang-hai hatte aber keineswegs Lust, eins von beiden Resultaten, beide gleich schrecklich fr den Unglcklichen, abzuwarten. Mit Drohungen war inde nichts auszurichten und sein Leben soweit gefhrdet, da der nchste Augenblick schon jeden zu spt kommenden Entschlu nutzlos gemacht htte. Er lag auf der Folter -- ein Leugnen htte ihn zu der wilden Bestie hinunter geworfen, die schon bereit lag ihn, als einen vermutheten Angreifer, mit Klauen und Zhnen zu empfangen. Nur eine Rettung blieb fr ihn -- er kannte seine Leute, und mit bleichen, zitternden Lippen rief er: Halt! Hinunter mit ihm! tnte Kehlahs heisere Stimme. -- Lat mich reden, bat aber der Chinese, was ntzt euch mein Tod -- was mein Gestndni, =da= ich ein Menschentiger sei --. -- Er bekennt es! rief jubelnd Maono, und die Andern sahen mit scheuem, erschrecktem Blick auf den Unglcklichen. Dieser aber, den augenblicklichen Vortheil der wenigstens gestatteten Rede benutzend, fuhr rasch und ngstlich fort. Wenn ihr mich tdtet, verfllt mein Hab und Gut dem Staat -- den Hollndern. Ich habe keine Kinder -- keine Verwandte -- in meinen Bchern sind alle meine Schuldner angegeben. Die weien Mnner werden sie einzutreiben wissen. Schenkt mir das Leben und ich will nicht allein Maono geben, was ich ihm versprochen habe -- ich erlasse auch euch, die ihr hier seid, was ich noch sonst von euch zu fordern htte, und will selber in den nchsten Tagen dieses Land verlassen. -- Seid ihr das zufrieden? Ein Streit entstand jetzt unter den Sundanesen. Ein Theil, und zwar die, die ihm bis dahin noch am freundlichsten gewesen, riefen jetzt, da sie sein geglaubtes Gestndni gehrt, da er getdtet werden msse, denn er habe bekannt, da er ein Menschentiger sei, und in der nchsten Nacht werde er, wenn man ihn freilasse, nur soviel wthender ber sie herfallen, um die jetzige Mihandlung zu rchen. Andere dagegen, mit dem erlangten Gewinn zufrieden und doch auch vielleicht nicht ganz sicher, wie die Weien den =Mord= ansehn wrden, stimmten dafr, ihn unter der Bedingung, da er binnen drei Tagen den Distrikt verlasse, die drei Nchte aber den Fu nicht ber seine Schwelle setze, frei zu geben. Der Chinese versprach alles. Neben ihm lauerte der nackte Tod, in den ihn der tolle Aberglauben dieser Menschen jauchzend hineingeworfen htte -- und vor ihm lag das Leben! Seine Banden wurden jetzt gelst, und whrend Kelah, etwas verlegen allerdings, aber doch auch auer Stande, anders zu handeln, dem jungen wackeren Maono in derselben Zeit etwa die Tochter zusagte, als er sie, nach der Absicht des vorigen Abends, hatte in das Haus des jetzt gechteten Chinesen fhren wollen, schlich dieser, in scheuer Angst, da seine Freilassung die hinter ihm her jauchzende und tobende Schaar doch am Ende noch gereuen knne, den Wald entlang, bis er die Strae erreichte, und eilte dann, so rasch ihn seine Fe trugen, der eigenen Wohnung zu. Das Jauchzen, das Schang-hai gehrt, galt freilich nicht ihm, sondern dem Tod des gefangenen Tigers, auf den die jungen Bursche jetzt ihre Khrise und Klewangs schleuderten, bis Maono das vor Wuth und Schmerzen schumende, brllende Thier mit dem sicheren Wurf seiner Lanze erlegte. Mit Blitzesschnelle durchlief inde die Kunde von dem gefangenen Menschentiger, und dem Versprechen, das Schang-hai, sein Leben zu retten, gegeben, den Kampong. Ein hollndischer Unterbeamter, der sich gerade dort aufhielt, ging allerdings hierauf zu Schang-hai, forderte ihn auf, in seinem Besitzthum zu bleiben und sicherte ihm den vollen Schutz der hollndischen Gesetze zu, nach denen selbst die abgezwungenen Versprechungen nicht bindend waren. Schang-hai aber, der dem Tod unter den Hnden der Eingeborenen zu nahe gewesen, als da er ihnen noch einmal htte trauen mgen, und recht gut wute, da ihn auf den Verdacht hin, in dem er jetzt einmal unter den Sundanesen stand, alle Gesetze der Welt vor einem heimlichen Angriff nicht schtzen konnten, zog es vor, mit einem kleinen Verlust seiner Gter sein gegebenes Versprechen zu halten. Ein anderer Chinese bernahm seinen Pacht und kaufte ihm auch sein Waarenlager ab, und am dritten Morgen -- die Nchte hielt er sich in seinem Haus fest eingeschlossen, -- verlie er unter einer erbetenen und erhaltenen Bedeckung malayischen, dort in der Nhe stationirten Militrs die Preanger Regentschaften, um in ihre Grenzen wahrscheinlich nie mehr zurckzukehren. Funoten: [37] Badek heit auf Java eine eigenthmliche Art, weies Zeug in den verschiedenartigsten Mustern zu drucken und zu frben. Es wird nmlich zu dem Zweck die Zeichnung aus =freier Hand= mit einer kleinen Kupferrhre, aus der heies Wachs sickert, auf das Tuch =an beiden Seiten= aufgetragen und dieses dann erst gefrbt, wonach die Stellen, auf denen kein Wachs liegt, die Farbe annehmen. Bei schwierigen und theuern Mustern geschieht dies mhsame Auftragen der Zeichnung verschiedene Male, um ebensoviele Farben herauszubringen. [38] In den Javanischen Bergen dient der schilfartige Bambus zu sehr verschiedenartigen Verrichtungen und besonders benutzen die Frauen die strksten, oft vier bis fnf Zoll im Durchmesser haltenden Stcke, das Wasser darin zu tragen. [39] Ein rockhnliches Stck Tuch von vielleicht drei Fu Breite, unten und oben gleich weit, das ber den Hften eng zusammengezogen und durch einen in das Zeug hineingesteckten knoten gehalten wird. Es wird von beiden Geschlechtern getragen. [40] Alang Alang, das hohe schilfige Gras, das in der Wildni fast alle offenen Stellen ausfllt und der Lieblingsplatz der Raubthiere ist. Der Khris[41]. Am Kali Besaar[42] in Batavia, dem groen Handels-Viertel des Ostens, wo die Ostindische Maatschappy ihre gewaltigen Niederlagen, und der Batavische Kaufmann sein Comtoir und Waarenlager hat, war heute ein regeres Gedrnge als gewhnlich. Die Menschenstrmung, die sonst mehr an beiden Ufern des kleinen Flusses ziemlich gleich vertheilt auf- und abwogte, schien gerade heute auch mehr dem Mittelpunkt der Hauptstrae zuzupressen. Dort hatte sich unter den Bambus Schuppen und zwischen den aufgefahrenen Cabriolets und Cabs der Kaufleute, eine Masse Chinesischer und Javanischer Fruchtverkufer angesammelt und hielt ihre duftigen saftigen Waaren, vor den glhenden Sonnenstrahlen durch das hlzerne Dach geschtzt, feil. Es war eine Auction in einem der groen, dsteren Gebude, und zwar nicht von importirten Europischen Waaren oder veralteten Gtern, oder von inlndischen Producten, wie sie die Maatschappy oft hlt -- oder gar von spanischen Dollarn, wie sie vor noch gar nicht so langer Zeit hier ebenfalls stattgefunden, sondern nur von Naturalien, Waffen, Vogelblgen, Gerthschaften, Anzgen, Instrumenten etc. etc. der benachbarten Inseln, die den Nachla eines verstorbenen Deutschen Naturforschers bildeten, und jetzt hier, da kein Testament ber die Sammlung selber disponirte, ffentlich versteigert werden sollten. Alles das, woran ein tchtiger, wackerer, muthiger Mann seine ganze Lebenszeit gesetzt, es zusammenzubringen und der Nachwelt aufzubewahren, sollte hier, wie das eine Menschenherz zu schlagen aufgehrt, in wenig Stunden wieder in alle Winde zerstreut und verworfen werden, und lachend und erzhlend, zankend und schreiend, drngten sich inde die Fremden aus und ein, besahen die Schtze, die ihren Augen preis gegeben waren und die nur Wenige von ihnen zu wrdigen wuten, und packten das Gekaufte gleichgltig in ihre Cabriolets, es Abends mit nach Haus zu nehmen. Hier standen ein Paar Hollnder zusammen, die einen Bogen spannten und einen der Pfeile in die Luft hinaufschnellten, zu sehen, wie weit er tragen wrde, dort arbeitete sich ein Anderer, mit einem ausgestopften Affen unter dem Arm, aus dem Gedrnge, und wurde von seinen Bekannten jubelnd empfangen. Inlndische Diener schleppten Lasten von fremdartigen Gerthschaften und Schilden und Speeren heran, Andere trugen Schdel von Tigern und Krokodillen, und an einen Bambusstab geschlungen, den sie auf den Schultern trugen, keuchten zwei Javanen mit einem Elephantenschdel herbei, ihn zum Zierrath in das Landhaus des in Weltevreden oder Kramat wohnenden glcklichen Kufers hinaufzuschaffen. Zwei Weie, der Capitain eines vor einiger Zeit eingelaufenen Hollndischen Kauffahrers, und ein Amerikanischer Kaufmann, der sich schon seit lngeren Jahren in Batavia niedergelassen, waren ebenfalls durch das rege Leben und Treiben angelockt worden, das Haus zu betreten und die ausgestellten Sachen in Augenschein zu nehmen. Es kostete freilich Mhe, bis sie sich durch das Gedrnge von Chinesen, Javanen und Europern, die in allen Sprachen der Welt hier durch einander schrieen, Bahn machten. Endlich aber erreichten sie doch den weiten luftigen Raum, in dem die Waaren, theils an den Wnden hngend, theils auf den Seitentischen ausgelegt, wirr und unordentlich, wie man sie eben aus den Kisten gepackt, aufgeschichtet und zerstreut lagen. Auf den Tischen herum springende Chinesen schienen dabei das Ganze zu berwachen, auf die Gebote zu horchen, das Erstandene auszuliefern, und das Geld dafr in Empfang zu nehmen, wobei sie noch auerdem auf die Finger ihrer Landsleute zu passen hatten, die in dieser Hinsicht in eben keinem besondern Rufe stehen. Die Auction selber fand, von einem Liplap[43] gefhrt, in Hollndischer und Malayischer Sprache zugleich statt, und ganze Bndel seltener Speere und Pfeile, Bgen, Schilde, Schmuck von Muscheln und Zhnen, geflochtene Gerthschaften, geschnittene Gefe und knstlich und sauber verfertigte Zierrathen, wie Kasten mit ausgestopften Vogelblgen und Thieren, mit Schmetterlingen und Kfern, Sammlungen von Frchten, Conchilien und Mineralien, wurden um einen Spottpreis, oft gleich nach dem ersten flchtigen Gebot, den Kufern zugeschlagen. Die beiden Mnner hatten sich endlich mit nicht geringer Mhe dorthin Bahn gemacht, wo eine Anzahl sehr schner Waffen, besonders Khrise, auf einem kleinen Seitentische lagen, und eben, dem Wunsch eines Franzosen nach, zum Kaufe ausgeboten wurden. Manche davon waren sehr knstlich, ja kostbar gearbeitet, und mit Gold und Steinen eingelegt, wie mit herrlichen damascirten Klingen; andere wieder einfach und derb gearbeitet, mit glatter hlzerner Scheide und nicht selten mit dem Haarbschel der erlegten Feinde geziert, wie es auf Borneo die Sitte der Krieger ist. Der Franzose erstand eine ziemliche Anzahl derselben um einen ziemlich hohen Preis, whrend ein dicht neben ihm stehender Javane die einzelnen Waffen, jede besonders, aus der Scheide zog und aufmerksam betrachtete, ohne jedoch darauf mit zu bieten. Der Hollndische Capitain hatte indessen dem ganzen Handel ziemlich gleichgltig zugeschaut, bis der Franzose seine Einkufe gemacht und den Platz mit den Erstandenen Waffen gerumt hatte. Auch der Javane schien genug von dem ganzen Treiben gesehn zu haben, zog seinen Sarong fester um sich und verlie das Zimmer. Indessen entdeckte der Chinesische Aufseher unter den brigen Sachen noch einen zurckgebliebenen Khris und legte ihn auf den Tisch des Verkufers. Ach wahrhaftig, da ist =noch= einer! rief dieser, nun, meine Herren, wer bietet darauf, denn unser Khriskufer ist fort -- noch ein werthvolles Stck, mit prchtigen Granaten besetzt und fein damascirter Klinge -- dreiig Gulden zum Ersten, dreiig Gulden zum Ersten sag' ich, die Waffe ist hundert werth -- Ein und dreiig Gulden, bot der Hollndische Capitain. Ein und dreiig Gulden, guter Gott, ein Spottpreis, sagte der Auctionator, -- ein und dreiig Gulden zum Ersten. Vierzig! bot ein daneben stehender Englnder. Fnf und vierzig! der Capitain wieder, und erstand zuletzt die wirklich schne und geschmackvoll, wenn auch einfach gearbeitete Waffe, bis zu sieben und achtzig Gulden hinaufgetrieben. Augenscheinlich lag ihm aber sehr wenig daran, und sie in seine Tasche schiebend, sah er dem Verkauf der brigen Sachen noch eine kurze Weile zu, ergriff dann den Arm des Amerikaners wieder, und verlie den durch die zahlreiche Menschenmenge doch schwl und dumpfig gewordenen Raum, die freie Luft zu erreichen. Man sollte doch wahrhaftig schon aus Grundsatz nie eine Auction betreten, sagte er hier, als er die Waffe wieder vorzog und betrachtete, wenn man nicht irgend etwas Bestimmtes kaufen will und wirklich braucht. So fest ich mir vorgenommen hatte, mein gutes Geld nicht muthwillig an irgend einen nutzlosen Gegenstand zu verschleudern, hab' ich mich doch hier wieder mit dem Ding da anfhren lassen, und bin um ein Stck Eisen reicher, und um sieben und achtzig Gulden rmer geworden, als ich vorher war. Der Amerikaner hatte den Khris indessen aus der Scheide gezogen und prfend betrachtet und sagte lachend: Lieber Freund, das geht uns oft so auf der Welt, und wir vor allen Anderen knnen uns gratuliren, da die Menschen im Allgemeinen eben nicht das nur kaufen, was sie gerade nothwendig brauchen, denn unser ganzer Handelsstand beruht darauf, da sie das eben =nicht= thun. Der Mensch bedarf zu seinem Leben wirklich =nthig= entsetzlich wenig, und wollte er sich darauf beschrnken, wie sollte es dann mit Handel und Wandel, um Schifffahrt und Verkehr aussehen. Der Luxus gerade, fr den wir civilisirte Menschen gar keine Grenze mehr haben, weil er mit unserem einfachsten Leben schon so fest verwachsen ist, hlt die Sache in Gang, und bleibt eben nur so lange wirklich Luxus, als wir auch ihn nicht nothwendig brauchen, wo er dann zum =Bedrfni= und zu dem wird, was wir eben zum Leben haben mssen. Nun aber der Khris hier ist doch wirklich Luxus, lachte der Capitain. Fr Sie in diesem Augenblick, ja, aber wie lange vielleicht, und Sie brauchen ihn nicht allein nothwendig, sondern mssen sogar noch eine Menge anderer hnlicher Sachen dazu haben, ein =Naturalien-Cabinet= zu vervollstndigen. Mit =einer= Sache mu der Mensch anfangen, und das Eine zieht eben das Andere nach. Sehn Sie zum Beispiel den Javanen an; mit einer Handvoll Reis hlt er seine Mahlzeit; eine Bambushtte, die ihn eben nothdrftig gegen Thau und Regen schtzt, gengt ihm zur Wohnung, ein Stck Baumwollenzeug und ein Strohhut zur Kleidung, und was fr einen Gefallen glauben Sie wohl, da Sie einem solchen Menschen mit einer Astrallampen oder mit irgend einer Europischen Zimmer-Verzierung erweisen wrden? Gehen Sie aber zu einem der unter Hollndischen Einflu stehenden Huptlinge, und Sie werden Astrallampen und Zimmer-Verzierungen, Teppiche, Kronleuchter, Wandgemlde etc. etc. im wahren berflu als =nothwendiges Bedrfni= finden. Die Khrise spielen brigens in dem Leben der Javanen eine sehr bedeutende Rolle, und einzelne von ihnen erben von Vater zum Sohn und Enkel herab, und drfen nimmer verkauft werden. Viele davon sind jedoch in den letzten Kriegen in den Besitz der Weien gekommen, und fters ist es vorgekommen, da Javanische Huptlinge, die ihre Stammwaffe in fremden Hnden fanden, bedeutende Summen gegeben haben, sie wieder zu erlangen. Ich wollte, ein solcher Javanischer Huptling htte Lust zu =diesem= Khris, lachte der Capitain, die Waffe aus der Scheide ziehend und in der Sonne blitzen lassend, mit einigen Prozenten Gewinn knnte er ungemein leicht wieder Eigenthmer derselben werden. Dort steht gleich Einer, sagte der Yankee, und wenn ich nicht irre sogar derselbe, der da drben im Verkaufslokal die Waffen so genau betrachtete. Der kann uns wenigstens sagen, was das Messer wirklich werth ist, und wir erfahren dann gleich, ob Sie einen guten Kauf gemacht haben. Heh, Freund, komm einmal hier her, und sage, wie dir der Khris da gefllt. Der also Angeredete, der unfern von ihnen mit untergeschlagenen Armen an einem Pfeiler lehnte, war ein schlanker, stattlicher Bursch von ungefhr zwei bis drei und zwanzig Jahren, und die dunklere Hautfarbe, wie die edelgeschnittenen Zge und blitzenden Augen verriethen allerdings den Javanen, der sich von den Sunda'nern (wie die Bewohner der stlichen Insel genannt werden) wesentlich unterscheidet. So knechtisch diese aber den Hollndern, ihren jetzigen Herren, gegenber sind, so wenig nahm der Bursche hier Notiz von der Anrede, die er jedenfalls gehrt haben mute. Mit eben nicht ganz freundlichem Blick die Gestalten der beiden Mnner nur flchtig berfliegend, wandte er den Kopf halb zur Seite, und schien keineswegs gesonnen, auch nur ein Glied zu rhren, der Aufforderung Folge zu leisten. Hallo, der ist unabhngig, lachte der Amerikaner vor sich hin, und wir werden zu =ihm= gehen mssen, wenn wir etwas von ihm wissen wollen. -- Heda, Freund! setzte er dann in Malayischer Sprache hinzu, die Waffe dabei aus des Capitains Hand nehmend und auf den Javanen zugehend, kannst du mir sagen, was das Messer hier einmal gekostet? Der Javane zog die Brauen finster zusammen, richtete sich dann stolz und trotzig empor, und wollte sich eben, ohne ein Wort auf die Anfrage zu erwidern, von den ihm jedenfalls verhaten Weien abwenden, als sein Auge auf den Khris fiel und er in demselben Moment auch wie unwillkhrlich den Arm danach ausstreckte. Das Blut scho ihm dabei in die Schlfe und er suchte fest und forschend den Blick des Fremden, als ob er dessen Absicht in seinem Antlitz lesen wollte. Aber es war auch wirklich nur ein Moment, der Arm glitt zurck in seine alte Stellung, ebenso der Krper, der sich wieder nachlssig gegen den Pfeiler drckte; nur den Blick konnte er nicht losreien von der Waffe, und der Amerikaner mute seine Frage wiederholen, ehe er sie nur verstand. Wei ich nicht, sagte er dann, finster den Kopf zur Seite werfend, ist ein alter Khris -- wollt Ihr ihn verkaufen? Junge, Junge[44], sagte der Yankee, der schon lange im Ostindischen Archipel wohnte und die Sitten und Gebruche der Eingeborenen genau kannte, in Hollndischer Sprache zu dem Capitain, der Bursche da wei mehr von dem Khris, als er uns jetzt verrathen mag, und giebt sich umsonst die grte Mhe, gleichgltig dabei zu bleiben. Auerdem ist das auch gar kein gewhnlicher Eingeborener, wie ich im Anfang geglaubt. Was fr einen kostbaren Sarong er trgt, und welch' ein prachtvolles golddurchwirktes Kopftuch -- hm, hm, wenn der ihn haben will, soll er tchtig dafr bezahlen. Des Javanen Auge war indessen bei den ihm unverstndlichen Worten forschend von dem Antlitz des einen der Fremden zu dem des anderen geflogen, ohne da er jedoch seine Stellung auch nur um eines Haares Breite verndert htte, nur als der Amerikaner schwieg, ffnete er die Lippen wieder, als ob er die letzte Frage wiederholen wolle, zwang aber das Wort zurck, das Anerbieten lieber von Jenen zu erwarten. Fordert nur nicht =zu= viel, lachte der Capitain; wenn er wirklich Lust zum Kaufen hat, wollen wir ihn wenigstens nicht kopfscheu machen. Nur nicht ngstlich, entgegnete ihm der Freund, entweder liegt ihm daran, den Khris zu bekommen, dann ist kaum ein Preis zu hoch, den wir fordern =knnen=, oder es liegt ihm Nichts daran, was ich aber nach seinem ganzen Betragen kaum glaube, und dann wissen wir wenigstens, woran wir sind -- lat mich nur machen; und sich dann an den Javanen wendend, sagte er, indem er den Khris wieder aus der Scheide zog und die grau damascirte Klinge in der Sonne blitzen lie, knntet ihr uns nicht wenigstens sagen, was so ein Ding in eurer Gegend kostet, wenn man 's machen lie, und von welcher Insel es berhaupt stammt, -- von Java, oder vielleicht von Macassar oder Sumatra? Der Javane streckte langsam die Hand nach dem Khris aus, nahm die Waffe, betrachtete, ohne mehr als einen flchtigen Blick auf den Griff zu wenden, die Damascirung des Stahls mit prfendem Auge, und gab ihn dann ruhig zurck -- kein Muskel seines Gesichts verrieth mehr, da er irgend einen Antheil an der Waffe nehme. Und was ist er werth? sagte der Capitain ungeduldig. Mit funfzig Gulden ist Geld und Arbeit daran bezahlt, brach jetzt der Eingeborene mit tiefer klangvoller Stimme das Schweigen. Funfzig Gulden? Nun ja, fluchte der Capitain wieder in seiner eigenen Sprache, da habe ich wenigstens sieben und dreiig Gulden zum Fenster hinausgeworfen, -- hol' der Teufel die Auctionen. Und den Braunen habt ihr auch mit seiner Kauflust in falschem Verdacht gehabt. Dann hat er den Khris jedenfalls im Anfang fr einen Anderen gehalten, sagte der Kaufmann, aber das schadet nichts; es ist immer ein schnes, sauber gearbeitetes Stck, fr das euch ein Naturalien-Cabinet in der alten Welt leicht den vollen Preis wieder zahlt, solltet ihr es doch einmal verkaufen wollen. Und sich ohne weiteren Gru oder fernere Notiz von dem Javanen zu nehmen, von diesem abwendend, fate er den Arm des Capitains, und wollte mit ihm an dem Kali Besaar hinauf und der Brcke zugehn, die unter dem Chinesischen Viertel nach dem andern Ufer hinberfhrte, als der Eingeborene ruhig sagte: Wollt ihr den Khris verkaufen? Ja, wenn wir einen guten Preis dafr bekommen, erwiderte ihm der Kaufmann, sich halb nach ihm zurckwendend -- Und was nennt ihr einen guten Preis? frug der Eingeborene wieder. Fordert hundert Gulden, sagte der Capitain, der etwas vom Malayischen verstand, es aber nicht soviel sprach, sich in einen Handel einzulassen. Nur langsam, entgegnete aber der vorsichtigere Kaufmann, der Bursche fngt an, wrmer zu werden; schon da er nach dem Preis des Khrises fragte, wo er oben im Auctionszimmer die anderen wirklich schnen Waffen keines Gebots gewrdigt hatte, ist ein gutes Zeichen; wir wollen ihm da nicht vorgreifen und uns selber die Hnde binden -- =er= mag sagen, was er geben will, nachher steht es uns frei, sein Gebot anzunehmen oder zu verweigern. Und was nennt ihr einen guten Preis? wiederholte der Javane, der entweder ungeduldig wurde, oder auch glauben mochte, die Weien htten seine Frage nicht verstanden. Sag' du selber, was du geben willst, erwiderte ihm jetzt der Amerikaner, indem er den Khris noch einmal aus der Scheide zog, flchtig betrachtete, zurckstie und nachlssig in die Tasche schob, ich habe ihn erst gekauft und mchte mich nicht gern gleich wieder von ihm trennen. Dort unten? frug der Javane, mit dem Arm nach dem Auctionshause deutend, ich habe ihn dort nicht gefunden. Also hat er ihn gesucht --, lachte der Yankee still vor sich hin, das steigert den Preis, Kamerad; =die= Bemerkung war dir nicht ntzlich -- nun, was willst du geben? setzte er dann auf Malayisch hinzu. Der Khris ist funfzig Gulden werth, sagte der Javane gleichgltig, ich gebe funfzig. Und =ich= habe sieben und achtzig dafr gezahlt, rief der Capitain rasch auf Hollndisch. Nur ruhig, beschwichte ihn der Kaufmann, wir fangen eben erst an. -- Funfzig Gulden sind ein kleiner Preis, Freund, dafr knntest du kaum die Scheide bekommen, und du wirst verschiedene Male funfzig Gulden neben einander legen mssen, wenn du die Waffe haben willst. Du mut mehr bieten. Der Javane schien keine besondere Lust dazu zu haben, und erst, als sich die Mnner wieder zum Gehen wandten, sagte er langsam: Und was hast du dafr bezahlt? Das kann dir gleichgltig sein, lautete die Antwort, mehr brigens, als du zu glauben scheinst. So geb' ich dir fnf und siebenzig. Auch das reicht noch nicht, erwiderte der Yankee, und der Javane zgerte augenscheinlich mehr zu bieten, lie sich aber die Waffe noch einmal zeigen, betrachtete besonders die Damascirung wieder genau und prfend, und bot dann hundert. Der Kaufmann kannte brigens seinen Vortheil, und trieb den Eingeborenen, ohne sich darauf einzulassen, einen eigenen Preis zu nennen, endlich bis zu zwei- und dann zu dreihundert Gulden hinauf, und als ihn der Capitain jetzt selber bat, doch nur um Gotteswillen zuzuschlagen, da er ein weit besseres Geschft damit gemacht habe, als er je erwartet, erklrte er vollkommen ruhig, der Eingeborene msse erst so viele =tausend= Gulden bieten, wie er jetzt Hunderte genannt, und =dann= selbst wrde er sich noch besinnen. Aber das ist Wahnsinn, rief der Capitain. Und doch nicht ganz, lachte der Amerikaner, lehren Sie mich die Burschen kennen. Er wird zuletzt gar nichts weiter bieten, rief der Capitain ungeduldig werdend, und ich behalte den Khris. Wenn Sie das frchten, sagte der Kaufmann, so berlassen Sie =mir= die Waffe um den Preis, und den weiteren Handel mit dem Manne. Von Herzen gern, rief der Seemann, ich mchte berdies nicht gern mehr damit zu thun haben. Also die Sache ist abgemacht? ich zahle Ihnen dreihundert Gulden und der Khris ist mein? Mit dem grten Vergngen! Willst du dreihundert Gulden fr den Khris? frug der Javane jetzt wieder, der indessen ein ungeduldiger Zuhrer der in einer ihm fremden Sprache gefhrten Verhandlung gewesen war, es ist viel Geld fr das Messer. Und doch lange nicht genug, Freund, sagte der jetzige Eigenthmer der Waffe, du mut hher, weit hher bieten, wenn du es in deinen Grtel schieben willst -- aber ich habe jetzt nicht lnger Zeit, und behalte auch am Ende lieber den Khris, als da ich ihn um einen solchen Spottpreis verschleudere. Was liegt mir an den Paar hundert Gulden. So =nenne= deinen Preis, rief der Javane, die Lippen fest zusammengebissen und einen finsteren Blick auf den Europer schieend, ich kenne die Familie, aus der die Waffe stammt, und wenn es meine Krfte nicht bersteigt, mchte ich sie ihr wieder bringen. Du giebst mir doch nicht was ich dafr fordere, sagte der Kaufmann kopfschttelnd. Fordere, rief der Javane, in kaum zu migender Ungeduld mit dem Fu den Boden stampfend. Gut -- hast du Lust dreitausend Gulden an den Stahl zu wenden? frug jetzt der Amerikaner, und der Capitain wandte sich von ihm ab, denn er schmte sich selber der rasenden Forderung. Der Javane aber knirschte die Zhne zusammen und sagte finster: Dreitausend Gulden fr das Messer? -- du trumst, Weier, aber ich gebe dir tausend, und du hast den zwanzigfachen Werth. Ah bah, lachte der Kaufmann, ob ich die habe oder nicht, die machen mich nicht reich noch arm, und ich sehe schon, du hast keine Lust zum Handel, so _tabee_ -- und sich abdrehend von ihm, ergriff er wieder den Arm des Seemanns und schritt mit diesem langsam die Strae hinauf. Und sie wollen die tausend Gulden nicht nehmen? frug ihn dieser, jetzt wirklich zum uersten erstaunt, Wetter noch einmal, in fnf Minuten siebenhundert Gulden zu verdienen -- Nicht wahr das ist nicht schlecht? lachte der Amerikaner, wenn man seine Zeit nur ein paar Jahr auf hnliche Weise verwerthen knnte, liee sich schon ein ganz hbsches Vermgen zusammen scharren. Aber, Scherz bei Seite, Freund, der Zufall hat uns hier einen glcklichen Streich gespielt, und der Javane =mu= den Khris kaufen, wir mgen fordern was wir wollen. =Mu= ihn kaufen? frug der Capitain erstaunt, wer soll ihn zwingen? Seine eigene Sitte, rief der Yankee; schon aus frherer Zeit wei ich hnliche Beispiele, und es giebt ein altes Gesetz unter diesen Stmmen, da sie den Khris ihrer Vorfahren, den sie an eigenthmlichen, nur ihnen deutlichen Zeichen in der Damascirung kennen, wenn sie ihn verlieren und in fremden Hnden wiederfinden, um =jeden= Preis wieder an sich bringen =mssen=. Ich war selber dabei, wie ein Javane einst fr eine solche Klinge mit vollkommen werthlosem Heft zweitausend Gulden bezahlte, und =vier=tausend gegeben haben wrde, wenn er sie nicht anders bekommen htte. Dasselbe ist hier der Fall, und umsonst bot der Bursche wahrhaftig nicht tausend Gulden fr den Stahl. Nein, um hundert, wenn er sich klug dabei anstellte, htte er den Khris vielleicht kaufen knnen, denn was kann man weiter damit thun, als ihn an die Wand hngen, aber um =tausend= kauft er ihn jetzt nicht, soviel ist sicher, und an mir soll's nicht liegen, wenn ich ihn jetzt nicht so weit hinaufschraube, als das Gewinde reicht. Da er Ihnen dann nur nicht abfllt, sagte kopfschttelnd der Capitain, und berdies thut mir der arme Teufel leid. Wenn der Khris nun einmal in seine Familie gehrt und sein Herz so daran hngt, weshalb ihm den Wiedergewinn so entsetzlich, und auch ungerecht erschweren. Oh, hol' die braunen Hallunken der Teufel, fluchte der Amerikaner, ich kann schon die =Farbe= nicht leiden, und das Gesindel trgt dabei noch die Nase berhoch. Wo sie =uns= betrgen knnen, thun sie es auch, und wenn wir aus ihnen den grtmglichen Nutzen herauspressen, ben wir nicht mehr als unser Recht der Selbstvertheidigung. Auerdem fttert und erhlt die Hollndische Regierung nicht allein diese Faullenzer, sondern zahlt ihnen auch noch rasende Gehalte, die sie doch in Schmuck, nutzlosen Juwelen und Harems verschwenden. Es ist nicht mehr als Christenpflicht, ihnen einen kleinen Theil derselben wieder abzunehmen. Wenn er Sie aber jetzt mit dem Gebot gehen lt? sagte der Capitain. Da hinten kommt er schon, lachte der Amerikaner still vor sich hin, dessen sind wir sicher, und bis der Khris nicht in seinen Hnden ist, verlt der meine Spur nicht wieder. Als sie die Biegung ber die Brcke machten, und links wieder nach den Waarenhusern des Kali Besaar einbogen, konnten sie auch wirklich, ohne den Kopf besonders nach ihm umzudrehen, den Javanen erkennen, der bis dahin regungslos an dem Pfeiler lehnen geblieben war, als ob er die Rckkehr der Mnner erwarten wolle. Da sie aber =nicht= kamen, schien er jetzt selber zu frchten, da sie ihm entgehen knnten. Der Amerikaner hatte auch in der That ganz recht vermuthet; der Khris, den der Capitain so zufllig in der Auction erstanden, gehrte wirklich der Familie jenes Javanen; die geheimnivollen Zeichen der Damascirung lieen diesen nicht einen Augenblick darber in Zweifel, und er =mute= ihn wiederhaben. Aber wie? Hatten die gierigen, ehrgeizigen Weien ihn nicht Alles dessen beraubt, was er sein eigen nannte? war er nicht ein halber Bettler und Flchtling fast auf demselben Boden, den er frher als Frst beherrscht, und wute er sich nicht dabei noch mitrauisch berwacht, weil die Regierung recht gut sowohl den Einflu, den er frher ausgebt, wie auch den starren Sinn kannte, der sich der fremden Herrschaft nicht gutwillig und geduldig beugen wollte? Sein Pferd, ein wackerer Macassar-Hengst, und eine Handvoll Juwelen, die ihm sein Vater hinterlassen, war Alles, was er noch sein nannte; aber selbst das, wenn er es jetzt rasch verkaufen mute, brachte ihm kaum die ganze, von dem gierigen Weien geforderte Summe, und was blieb ihm zuletzt brig? -- In finsterem Brten folgte er den beiden Mnnern, die, ohne anscheinend weiter auf ihn Acht zu geben, vor einem der Geschftslokale stehen geblieben waren und den Herankommenden den Rcken zukehrten. Der Amerikaner hatte dem hollndischen Capitain eben die verabredeten dreihundert Gulden fr die Waffe, fr die er so viele Tausende zu gewinnen hoffte, ausgeliefert, und besah jetzt gerade wieder lchelnd den unscheinbaren Stahl, als der Javane zu ihm herantrat, die Hand auf seine Schulter legte und leise sagte. Ich gebe dir zweitausend Gulden fr die Waffe, und einen besseren Khris als diesen hier. La ihn mir. Ich habe mein Herz einmal darauf gesetzt, und mchte ihn mein nennen, wenn es auch thricht ist. Du bist ein wackerer Bieter, lachte der Amerikaner, aber =mein= Herz hngt besonderer Weise auch daran, und wir mssen nun sehen, welches schwerer ist, deines oder meines. Um zweitausend Gulden gebe ich ihn nicht her, hast du vielleicht Lust =dreitausend= dagegen zu wenden? Der Javane bi seine Unterlippe, da der Eindruck der scharfen Zhne darin zurckblieb; er fhlte, da der Fremde die Beweggrnde kannte, die ihn trieben, =wute=, da er entschlossen sei seinen Vortheil zu wahren, und zgerte dennoch mit dem Gebot, da ihn zum Bettler machen mute. Aber es blieb ihm keine andere Wahl; der heilige Khris war eines =Fremden= Eigenthum, und die Geister der Verstorbenen htten den Frevel gercht, wenn er die Waffe in jenes Hnden lie. Gut, sagte er endlich, whrend ein schwerer Seufzer sich seiner Brust entrang, sei hier an dieser Stelle eine Stunde vor Sonnenuntergang, ich bringe dir das Geld; und seinen Sarong fester um sich herziehend, und ohne sich weiter nach den Mnnern umzusehen, schritt er die Strae rasch zurck. Um die Lippen des Amerikaners zuckte ein triumphirendes Lcheln, der hollndische Capitain aber theilte seine Gefhle nicht und sagte ernst: Sie sind zu weit gegangen, Goodwin; dem armen Teufel wird es blutsauer werden, das Geld aufzubringen, und htt' ich =das= vorher gewut, wrd' ich es nicht geduldet haben. Das kann ich mir denken, lachte der Kaufmann, es thut Ihnen jetzt leid, da Sie mir nicht geglaubt, und frchteten, er liefe Ihnen mit dem Dreihundert-Gulden-Gebot davon. Hatt' ich Ihnen nicht vorher gesagt, da er so viele =Tausende= dafr geben wrde? Er bezahlt das Messer theuer genug damit, sagte der Hollnder. Und bekommt es noch nicht einmal dafr, rief der Amerikaner lachend. Bekommt es nicht dafr? Nein; er mu und wird mehr geben; hol's der Teufel, ich habe den Burschen jetzt einmal in Hnden, und will ihn pressen, so lange noch ein Gulden aus ihm herauszubringen ist. Solche Gelegenheit kommt mir sobald nicht wieder, und wer sie nicht benutzte, wre ein Thor. Lieber Goodwin, sagte der Hollnder ernst, ich verdiene auch gern Geld, und brauche es vielleicht so nthig, wie jeder Andere, aber -- auf solche Weise --! Bah, rief der Amerikaner, sich von dem Hollnder abwendend; =Sie= haben mehr als _200_ Procent fr den Khris genommen, =ich= gehe in die Tausende; der einzige Unterschied liegt in der Summe, und moralische Bedenklichkeiten wren Unsinn. Aber das ist Nebensache und abgemacht; =wann= gehen Sie an Bord, da ich Ihnen noch das Nthige besorgen kann? Heute Abend vor Sonnenuntergang, erwiderte der Hollnder, soeben habe ich die Nachricht bekommen, da die letzte Praue drauen lscht und das Wasser an Bord gekommen ist. Meine Papiere sind smmtlich in Ordnung, also hindert mich Nichts, mit dem Landwind morgen frh unter Segel zu gehen. Apropos, Sie wollten mir ja noch eins von den Schachspielen verkaufen, die Sie von China mitgebracht haben, sagte der Amerikaner. Es steht Ihnen gern zu Diensten, aber ich habe keins an Land. Gut, dann begleite ich Sie heute Abend an Bord und hole es selber; und nun auf Wiedersehen, denn ich habe noch Manches zu besorgen. Die beiden Mnner trennten sich hier, ihren verschiedenen Beschftigungen nachzugehen, und wir wollen indessen dem Javanen folgen, der, nur das eine Ziel vor Augen, in wilder Hast zurck in seine Wohnung eilte, sein Pferd, seine Juwelen zu verkaufen, um zur rechten Zeit an dem bezeichneten Platz zu sein. Kufer fand er allerdings dafr; der schlaue Chinese ist stets bereit, einen vortheilhaften Handel einzugehen, und Geld auf Waaren als Pfand vorzuschieen, oder auch diese selber anzukaufen, wenn er den sicheren Gewinn voraussehen kann. Aber die zhen Gesellen wollten die Juwelen nicht nach ihrem Werth, nur nach dem Drngen des Augenblicks bezahlen, und der Javane, dem es schon berdies die Seele zerschnitt, um den Nachla seines Vaters mit gierigen Mklern zu feilschen, mute von Einem derselben zum Andern laufen, die von dem Amerikaner geforderte Summe endlich zusammenzubringen. Als die Sonne noch eine Stunde hoch am Firmamente stand, eilte er mit dem Rest seines Vermgens, zu Fu und mit triefender Stirne, dem bestimmten Platz an Kali Besaar zu, und fand den Amerikaner dort schon seiner wartend, dicht am Flusse stehen. Hast du den Khris? frug der Huptling leise, als er zu ihm trat, und die Rolle mit Hollndischen Banknoten aus seinem Grtel nahm. Ah, _tabe_, mein brauner Freund, lachte der Amerikaner, als er seiner ansichtig wurde, bist du wieder da? ein Paar Minuten spter, und du httest mich nicht mehr getroffen. Hast du den Khris? sagte der Javane, ohne den Gru weiter zu erwidern. Den Khris? -- allerdings, hier ist er, mein brauner Tuwan. Und hier ist dein Geld dafr -- gieb mir die Waffe, sagte der Javane, ihm mit der linken Hand die Banknoten reichend und die rechte nach dem Messer ausstreckend. Halt, nicht so schnell, entgegnete ihm aber ruhig der Kaufmann, wie viel hast du in dem Bananenblatt da eingewickelt? Was du verlangt hast -- dreitausend Gulden, sagte der Eingeborene, mit finster zusammengezogenen Brauen, es ist mir schwer genug geworden, es zu schaffen. Mglich, lachte der Amerikaner, aber fr =dreitausend= Gulden gebe ich den Khris nicht her. Hast du ihn mir nicht um den Preis verkauft? rief der Javane, mit zornfunkelnden Augen emporfahrend, whrend die Rechte fast unwillkrlich nach dem Griff der eigenen Waffe fuhr, die er im Grtel trug. Nur ruhig, Freund, entgegnete ihm aber mit einem verchtlichen Lcheln ber die drohende Bewegung der kaltbltige Yankee, ich habe dich blo gefragt, =ob du Lust httest, dreitausend Gulden an den Stahl zu wenden=, dir aber nicht gesagt, mit keinem Worte, da ich ihn dafr lassen wrde -- Giebst du aber =vier=tausend, soll er dein sein. =Vier=tausend, rief der Javane, die Zhne zusammenknirschend, was ich an mir trage, ist mein ganzes Vermgen, ich habe nicht tausend Deute mehr, sie zuzulegen. Das thut mir leid, sagte der Amerikaner achselzuckend, dann frcht' ich, werd' ich den Khris behalten mssen. Der Khris ist =mein=! zischte da der Javane zwischen den zusammengebissenen Zhnen durch, du =darfst= ihn mir nicht vorenthalten. Hier ist dein Geld, es ist mein Alles, und ich gnne es dir, verdank' ich dir dann doch die Waffe meiner Ahnen, aber -- weigere mir sie nicht. Hm, ich dachte, du wolltest ihn nur fr einen =Freund= haben, lachte der Yankee, htte ich das gewut, wr' er mir nicht einmal um =vier=tausend feil; aber ein Mann ein Wort, und schaffst du mir =die= Summe, magst du ihn haben, unter dem aber um keinen Deut. Gib mir den Khris und nimm dein Geld, drngte der Eingeborene, ich =kann= dir, bei Allah, nicht mehr geben; treibe mich nicht zum uersten. Wo du die =Drei=tausend aufgetrieben hast, spottete der Amerikaner, wird dir auch wohl noch ein viertes zu Gebote stehen. Es ist mein letztes Wort, und jetzt la mich zufrieden, denn ich mu an Bord eines der Schiffe auf der Rhede fahren. Wenn du das Geld zusammen hast, so komm' morgen frh in das Amsterdam-Hotel. Und du verweigerst mir ihn fr dreitausend Gulden, frug der Javane mit leiser, von innerem Grimm fast erstickter Stimme; der Amerikaner aber, der an der ganzen Aufregung des Mannes wohl sah, da er sein Spiel gewonnen habe, antwortete ihm gar nicht darauf, sondern schritt, sich von ihm abwendend, langsam am Ufer des Flusses nieder. -- Er htte vielleicht besser gethan, ihm den Dolch zu geben. Etwas weiter unten stand sein Cabriolet, der braune Kutscher mit dem runden, backschsselfrmigen, vergoldeten Hut hatte ihn kommen sehen, und fuhr mitten in die Strae; Goodwin stieg langsam ein und einen flchtigen Blick zurckwerfend, suchte sein Auge die Gestalt des eben verlassenen Eingeborenen. Dieser aber war nirgends mehr zu sehen und der Yankee, dem Kutscher in ein paar Malayischen Worten das Steueramt am Kali Besaar als Bestimmungsort nennend, lehnte sich nachlssig in dem kleinen Fuhrwerk zurck, still vor sich hinlchelnd ber den vortheilhaften Handel. Als sie den Ort erreichten, an dem smmtliche Boote anlegen mssen, die den schmalen, zum Hafen fhrenden Canal passiren, ob sie nun ein- oder auswrts gehen, war die Jlle des Hollndischen Capitains noch nicht gekommen, und der Yankee ging eine ziemlich lange Weile mit wachsender Ungeduld am Strande auf und ab. Den Canal herunter kam eine kleine Praue von vier Malayen gerudert. Ein fnfter lag lang ausgestreckt und in einen schmutzigen alten Sarong gehllt, im Spiegel des schlanken Fahrzeugs. Die Praue glitt dicht und langsam am Steindamm des Steueramts hin, dem dort postirten Beamten -- einem Liplap -- zu zeigen, da sie nichts einer Abgabe Unterliegendes im Boote htten. In der That war sie auch vollkommen leer, und nur ein Paar Fruchtbndel Bananen oder Pisang, ein Dutzend Cocosnsse und ein Paar Krbe mit Reis und anderen Frchten lagen im Vordertheil derselben. Ein weiteres Anhalten war deshalb nicht nthig und das Fahrzeug trieb langsam vorbei. Nun, kann der faule Bursche da hinten nicht aufsitzen, wenn er die Steuer passirt? rief der Liplap mrrisch. Ist krank, sagte der eine Malaye, whrend er sein Ruder einsetzte, und gleich darauf scho das scharf gebaute Boot, die Strmung der Ebbe wieder erreichend, rasch das enge Fahrwasser hinab. Der Amerikaner hatte die Leute halten sehen, aber nicht weiter auf sie geachtet, denn das schon ungeduldig erwartete Boot kam endlich den Canal nieder, hielt einige Sekunden an dem Steinwerft, wo es den Yankee an Bord nahm und passirte dann, da der Capitain nur Hhner, Frchte und einige andere Sachen zur Verproviantirung seines Schiffes bei sich fhrte, unbehindert nach auen. Auf der Rhede berholten sie die Praue mit den fnf Malayen -- der eine Bursche lag noch immer auf seiner Bank ausgestreckt, und die brigen Ruderer schienen es auch nicht besonders eilig zu haben, denn sie trieben mit der ausgehenden Strmung langsam zwischen die dort vor Anker liegenden Schiffe hinein. Die Sonne war indessen untergegangen und Goodwin blieb mehrere Stunden an Bord des Hollnders, theils die bald eintretende Fluth, theils den Aufgang des Mondes abzuwarten, der Capitain frug ihn einmal nach seinem Handel mit dem Javanen, der Amerikaner aber gab eine ausweichende Antwort, besorgte, was er noch an Bord zu besorgen hatte, und verlie dann mit den Malayischen Bootsleuten, die jedes Europische Fahrzeug fr die Dauer seines Aufenthalts auf der Rhede von Batavia miethet, das Schiff, an Land zurckzukehren. Ein aufsteigendes Gewitter schickte eben eine frische Brise vom Ufer herber, und die Malayen muten zu den Rudern greifen, dieser entgegenzuarbeiten; die See war aber noch vollkommen ruhig, und der Mond schien hell und klar auf die leicht gekruselte, blitzende Fluth. Die Lastprauen, die ber Tag den Schiffen ihre Ladung zufhren, waren schon smmtlich in den Canal zurckgekehrt; nur hie und da glitt noch ein einzelnes versptetes Boot, eigentlich gegen das Gesetz, und dann und wann von dem Wachtschiff angerufen, durch die dort ankernden gewaltigen Fahrzeuge, und der regelmige Schlag der Ruder klang weit hin durch die Nacht. -- Ihnen gerade entgegen kam jetzt ein solches und der Amerikaner, der hinten am Ruder sa, sah es pltzlich so dicht vor sich auftauchen, da er kaum Zeit behielt, den Bug seines eigenen Bootes herumzuwerfen, um nicht mit dem des fremden zusammenzurennen. Holla, da vorn, zum Teufel, weshalb pat ihr nicht auf! rief er auf Englisch rgerlich den Begegnenden zu. Das fremde Boot vernderte seinen Cours aber nicht um eines Haares Breite, ja, folgte eher noch etwas der abweichenden Bewegung des anderen, dessen Planken es jetzt berhrte und scheuerte. Die Malayen behielten in der That kaum Zeit, ihre Ruder aus den Dollen zu werfen und in Sicherheit zu bringen. _Tabe Tuwan_[45]! rief dabei zu gleicher Zeit eine trotzige Stimme, die des Amerikaners Blut zu Eis erstarren machte, und eine dunkle Gestalt sprang, whrend zwei der fremden Bootsleute ihr folgten, und die beiden Fahrzeuge fest zusammenhielten, mit wildem Satz auf den Amerikaner zu. Hlfe! Mrder -- Ruber! schrie dieser und ri den Khris, den er in seiner Tasche trug, heraus, sich gegen den auf ihn einspringenden Feind zu vertheidigen. Ehe er aber den Stahl aus der hlzernen Scheide bringen konnte, hatte des Javanen schmchtige doch elastische Gestalt sich ber ihn geworfen und den Khris gefat. Hlfe, Mrder! tnte wieder der gellende Ruf des berfallenen, der jetzt in wilder Wuth sich von dem Griff des Feindes zu befreien suchte, und mit der rechten Faust wohl gut gemeinte, aber erfolglose Ste nach dessen Kopf fhrte. Meinen Khris will ich, knirschte der Javane dabei zwischen den zusammengebissenen Zhnen durch, gieb meinen Khris, oder du bist ein Kind des Todes. Verdammte braune Bestie, eher mein Leben! schrie der Yankee, jetzt zu wilder Wuth entflammt, warte Hallunke, =das= zahlst du mir theuer. Hierher, Malayen, helft mir den Schurken binden. Auf den benachbarten Schiffen, die den Lrm und das Hlferufen gehrt, wurde es laut, und das Knarren der Blcke auf dem nchsten verrieth dem gebten Ohr des Eingeborenen, wie ein Boot niedergelassen wurde. Auch aus der Gegend, wo das Wachtschiff lag, tnten rasche Ruderschlge herber, die das Ohr des Amerikaners ebenfalls trafen. Zu Hlfe hierher -- hurrah meine Bursche, ich halte die Canaille! schrie dieser jubelnd auf, hierher, ohoy. So hab' deinen Willen! zischte es in des Amerikaners Ohren, und ein gellender Angstschrei antwortete der schlangenhnlichen Bewegung des Javanen, der sich im nchsten Augenblicke aus den Armen des Weien wand, und zurck in sein eigenes Fahrzeug sprang. Her zu mir! rief er dabei seiner Bootsmannschaft zu, und nun fort! und blitzschnell folgten die braunen gewandten Gestalten dem Befehl, whrend des Amerikaners Malayen starr und entsetzt zurckblieben, und kein Glied zur Vertheidigung des angegriffenen Weien zu rhren wagten. Halt dort -- was fr ein Boot ist das? rief da eine tiefe Stimme ber das Wasser, und die rasch eingesetzten und wieder gehobenen Ruder blitzten im Mondenlicht. Segel auf! rief der Javane dagegen seinen Leuten zu, denen er jetzt selber ganz kaltbltig half, das Mattensegel zu setzen. Kaum aber hob sich dies mit seiner breiten Flche ber Deck, als es der immer schrfer einsetzende Wind auch schon fate, und das schlanke Boot vor sich hintrieb. Halt da, sag' ich! schrie die nher und nher kommende Stimme in malayischer Sprache, whrend von der andern Seite ebenfalls ein Boot herber scho, euer Segel nieder, oder ich gebe Feuer. Feuert! lachte der Javane trotzig zurck, feuert so viel ihr mgt! und das Steuer ergreifend, lenkte er den scharf gebauten Bug des kleinen Fahrzeugs gerade vor den Wind, da das riesige Segel weit ausblhte und die Fluth vorn wild und schumend emporspritzte. Drei, vier Schsse fielen jetzt hinter ihm her, aber sie erreichten das Boot nicht. Trotzdem gab das Wachtboot die Verfolgung nicht auf, sondern setzte jetzt ebenfalls ein Segel, den frischen Wind zu benutzen. Der commandirende Officier rief indessen dem zweiten herbeieilenden Boote, das von einem englischen Kriegsschiffe abgeschickt worden, zu, das andere, auf dem Wasser treibende Fahrzeug anzulaufen und zu untersuchen. -- Es war das Boot des Amerikaners, in dem die Malayen noch nicht wieder zu den Rudern gegriffen hatten, denn sie waren um die =Leiche= des weien Mannes beschftigt. Hlfe konnten sie ihm freilich nicht mehr bringen; der scharfe Khris hatte sein Herz mit furchtbarer Sicherheit getroffen. ber die See schumte indessen, des Verfolgers spottend, die flchtige Praue des Javanen den tausend Inseln zu, in deren Bereich sich das Wachtboot nicht einmal allein hineinwagen durfte, und wo auch weitere Verfolgung zwischen den vielen kleinen Inseln nutzlos gewesen wre. Nach zweistndigem Rennen mute es die Jagd aufgeben und kehrte langsam und unverrichteter Sache zu seinem Stationsschiff auf der Rhede zurck. Funoten: [41] Ein eigenthmlich geformter Javanischer Dolch. [42] Ein kleines Bergwasser, das eingedmmt durch Batavia fliet und von den Eingeborenen Kali Besaar, der groe Strom, genannt wird. [43] Mischling der Europischen mit der indischen Race. [44] Eine gewhnliche unter den Hollndern gebruchliche gemthliche Anrede zwischen vertrauten Bekannten. [45] Ich gre euch, Herr! * * * * * Liste der Korrekturen: Der Wallfischfnger sein Schiff voll l bekommen wollte sein Schiff voll l bekommen wollte. berdem war sie schon mit dem jungen Huptling eines Nachbarstammes versprochen berdem war sie schon dem jungen Huptling eines Nachbarstammes versprochen er sah sich dadurch bald in den Besitz er sah sich dadurch bald in dem Besitz nnd Toanonga selber um die Hand seiner Tochter zu bitten. und Toanonga selber um die Hand seiner Tochter zu bitten. so bedenklich schttelten die Offiziere so bedenklich schttelten die Officiere mit zu Hause durfte er sie natrlich nicht nehmen. mit nach Hause durfte er sie natrlich nicht nehmen. dichtgesteckte Brodfruchtbume dichtgesteckte Brotfruchtbume Gasperlen Glasperlen soll Brodfrucht und Cocosnsse, Bananen und Turo soll Brotfrucht und Cocosnsse, Bananen und Taro ist Tai manavachis ohana. ist Tai manavachis Ohana. eines nach dem andern eines nach dem Andern Und wollen die Pagalangis selber ihr Holz schlagen? Und wollen die Papalangis selber ihr Holz schlagen? Orangen ansgesogen Orangen ausgesogen auf einem Brodtfrucht- oder Cocosnubaum auf einem Brotfrucht- oder Cocosnubaum Brodfrucht und Schweinefleisch rsteten Brotfrucht und Schweinefleisch rsteten die Luci Walker droben noch drei volle Jahreszeiten die Lucy Walker droben noch drei volle Jahreszeiten tollkpfigen Pagalangi gegelacht tollkpfigen Pagalangi gelacht Hierher kam Hua jeden Abend mit mehren ihrer Gespielinnen Hierher kam Hua jeden Abend mit mehreren ihrer Gespielinnen zwei junge Bursche zwei junge Burschen das die Segel setzende Schiff der Pagalangis das die Segel setzende Schiff der Papalangis da sie eine B auszuarten drohte da sie in eine B auszuarten drohte rasch ihr Abendbrod einzunehmen rasch ihr Abendbrot einzunehmen den Offizier ber die Wichtigkeit der Einrede den Officier ber die Wichtigkeit der Einrede frug der Harpurnier, selbst mit wenig Hoffnung im Ton frug der Harpunier, selbst mit wenig Hoffnung im Ton entgegnete der Capitn eintnig entgegnete der Capitain eintnig Capitn Silwitch sprang jetzt selber Capitain Silwitch sprang jetzt selber der wir hier mit jeder Secunde Zgern ausgesetzt sind der wir hier mit jeder Secunde zgern ausgesetzt sind angeschlossener Eber angeschossener Eber werft einen Theil der Landung ber Bord werft einen Theil der Ladung ber Bord vor der Nhe Feindes vor der Nhe des Feindes Die Bootsmannschaft der hhnende Jubelruf der Jonga-Insulaner antwortete der hhnende Jubelruf der Tonga-Insulaner antwortete ein Schiff antrfen, da sie aufnehmen knnte. ein Schiff antrfen, das sie aufnehmen knnte. um ihre Canoe zu erleichtern um ihr Canoe zu erleichtern der wie ein Weheruf ber die Flut schallte der wie ein Weheruf ber die Fluth schallte Das ist dem zweiten Haarpunier seine Sache! Das ist dem zweiten Harpunier seine Sache! Auslandziehen Aufslandziehen jeden Morgen brachten ihn ein paar Eingeborene jeden Morgen brachten ihnen ein paar Eingeborene Was ist An-ga? Was ist Ang-a? hinaus aus der seichten Flut hinaus aus der seichten Fluth die hier durch rechts und links auslaufende Landzungen gebildet werde. die hier durch rechts und links auslaufende Landzungen gebildet wurde. auf die Erde spukte -- auf die Erde spuckte -- Du, Jonas hast dem Zimmermann Du, Jonas, hast dem Zimmermann gegen die Hagai-Leute gegen die Hapai-Leute sieben Hagai-Krieger sieben Hapai-Krieger von dem alten Rothfell zum Narren haben, Lord Donglas! von dem alten Rothfell zum Narren haben, Lord Douglas! Der Schooner neben ihn angekommen neben ihm angekommen nach Hagai hinberfahren nach Hapai hinberfahren noch schlimmer angekommen, als wir. noch schlimmer angekommen als wir. einen scharfen, eigentmlichen Schrei einen scharfen, eigenthmlichen Schrei endlich sagt er: endlich sagte er: fast dann den Alten fasst dann den Alten als zwei der Frauen sich pltzlich und rsichtslos auf Legs warfen als zwei der Frauen sich pltzlich und rcksichtslos auf Legs warfen Der Balinese die Arecapalme streckte aus kleinen Fruchtdickichten die Arekapalme streckte aus kleinen Fruchtdickichten Glenteck! hauchte sie dabei, Glentek! hauchte sie dabei, am Anker stehenden Offizier am Anker stehenden Officier Auch die Frau des Capitains war anfgesprungen, Auch die Frau des Capitains war aufgesprungen, whrend sie flehend die Arme zu ihm aufstreckte whrend sie flehend die Arme zu ihm ausstreckte verb nnte verbannte Handels- und Schutz und Trutz-Vertrag Handels- und Schutz- und Trutz-Vertrag Einem eigentmlichen Aberglauben nach Einem eigenthmlichen Aberglauben nach Der Menschentiger In den Preauger Regentschaften auf Java In den Preanger Regentschaften auf Java der furchtbare Schanghai. der furchtbare Schang-hai. Schanghai befolgte mit zitternden Hnden den gegebenen Befehl Schang-hai befolgte mit zitternden Hnden den gegebenen Befehl um von dort aus dem Kompang Tji-dasang zu erreichen. um von dort aus den Kampong Tji-dasang zu erreichen. sein Leben zu retten, gegeben, den Kompang. sein Leben zu retten, gegeben, den Kampong. Der Khris keine Muskel seines Gesichts verrieh mehr kein Muskel seines Gesichts verrieth mehr den sie an eigentmlichen, nur ihnen deutlichen Zeichen den sie an eigenthmlichen, nur ihnen deutlichen Zeichen Um zweitausend Gulden gebe ich ihn her Um zweitausend Gulden gebe ich ihn nicht her und sagte erst: und sagte ernst: Der commandirende Offizier Der commandirende Officier License: Share Alike