Produced by Andrew Sly Belagerung von Mainz Goethe Montag den 26. Mai 1793 von Frankfurt nach Hchst und Flrsheim; hier stand viel Belagerungsgeschtz. Der alte freie Weg nach Mainz war gesperrt, ich mute ber die Schiffbrcke bei Rsselsheim; in Ginsheim ward gefttert; der Ort ist sehr zerschossen; dann ber die Schiffbrcke auf die Nonnenaue, wo viele Bume niedergehauen lagen, sofort auf dem zweiten Teil der Schiffbrcke ber den grern Arm des Rheins. Ferner auf Bodenheim und Oberulm, wo ich mich kantonierungsmig einrichtete und sogleich mit Hauptmann Vent nach dem rechten Flgel ber Hechtsheim ritt, mir die Lage besah von Mainz, Kastel, Kostheim, Hochheim, Weienau, der Mainspitze und den Rheininseln. Die Franzosen hatten sich der einen bemchtigt und sich dort eingegraben; ich schlief nachts in Oberulm. Dienstag den 27. Mai eilte ich, meinen Frsten im Lager bei Marienborn zu verehren, wobei mir das Glck ward, dem Prinzen Maximilian von Zweibrcken, meinem immer gndigen Herrn, aufzuwarten; vertauschte dann sogleich gegen ein gerumiges Zelt in der Fronte des Regiments mein leidiges Kantonierungsquartier. Nun wollt' ich auch die Mitte des Blockadehalbkreises kennen lernen, ritt auf die Schanze vor dem Chausseehaus, bersah die Lage der Stadt, die neue franzsische Schanze bei Zahlbach und das merkwrdig-gefhrliche Verhltnis des Dorfes Bretzenheim. Dann zog ich mich gegen das Regiment zurck und war bemht, einige genaue Umrisse aufs Papier zu bringen, um mir die Bezge und die Distanzen der landschaftlichen Gegenstnde desto besser zu imprimieren. Ich wartete dem General Grafen Kalckreuth in Marienborn auf, und war abends bei demselben; da denn viel ber eine Mre gesprochen wurde, da in dem Lager der anderen Seite vergangene Nacht der Lrm entstanden, als sei ein deutscher General zu den Franzosen bergegangen, worber sogar das Feldgeschrei verndert worden und einige Bataillons ins Gewehr getreten. Ferner unterhielt man sich ber das Detail der Lage berhaupt, ber Blockade und knftige Belagerung. Viel ward gesprochen ber Persnlichkeiten und deren Verhltnisse, die gar mancherlei wirken, ohne da sie zur Sprache kommen. Man zeigte daraus, wie unzuverlssig die Geschichte sei, weil kein Mensch eigentlich wisse, warum oder woher dieses und jenes geschehe. Mittwoch den 28. Mai bei Obrist von Stein auf dem Forsthause, das uerst schn liegt; ein hchst angenehmer Aufenthalt! Man fhlte, welch eine behagliche Stelle es gewesen, Landjgermeister eines Kurfrsten von Mainz zu sein. Von da bersieht man den groen landschaftlichen Kessel, der sich bis Hochheim hinber erstreckt, wo in der Urzeit Rhein und Main sich wirbelnd drehten und restagnierend die besten cker vorbereiteten, ehe sie bei Bieberich westwrts zu flieen vllige Freiheit fanden. Ich speiste im Hauptquartier; der Rckzug aus der Champagne ward besprochen; Graf Kalckreuth lie seiner Laune gegen die Theoristen freien Lauf. Nach der Tafel ward ein Geistlicher hereingebracht, als revolutionrer Gesinnungen verdchtig. Eigentlich war er toll, oder wollte so scheinen; er glaubte Turenne und Conde gewesen, und nie von einem Weibe geboren zu sein; durch das Wort werde alles gemacht! Er war guter Dinge und zeigte in seiner Tollheit viel Konsequenz und Gegenwart des Geistes. Ich suchte mir die Erlaubnis, Lieutenant von Itzenplitz zu besuchen, welcher am 9. Mai in einer Affre vor Mainz mit Schu und Schub verwundet und endlich gefangen genommen worden. Feindlicherseits betrug man sich auf das schonendste gegen ihn und gab ihn bald wieder heraus. Reden durft' er noch nicht, doch erfreute ihn die Gegenwart eines alten Kriegskameraden, der manches zu erzhlen wute. Gegen Abend fanden sich die Offiziere des Regiments beim Marketender, wo es etwas mutiger herging als vorm Jahr in der Champagne: denn wir tranken den dortigen schumenden Wein, und zwar im Trocknen beim schnsten Wetter. Meiner vormaligen Weissagung ward auch gedacht; sie wiederholten meine Worte: "Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr knnt sagen, ihr seid dabei gewesen." Wunderbar genug sah man diese Prophezeiung nicht etwa nur dem allgemeinen Sinn, sondern dem besondern Buchstaben nach genau erfllt, indem die Franzosen ihren Kalender von diesen Tagen an datierten. Wie aber der Mensch berhaupt ist, besonders aber im Kriege, da er sich das Unvermeidliche gefallen lt und die Intervalle zwischen Gefahr, Not und Verdru mit Vergngen und Lustbarkeit auszufllen sucht: so ging es auch hier; die Hautboisten von Thadden spielten ca ira und den Marseiller Marsch, wobei eine Flasche Champagner nach der andern geleert wurde. Abends 8 Uhr kanonierte man stark von den Batterien des rechten Flgels. Donnerstag den 29. Mai frh 9 Uhr Viktoria wegen des Siegs der streicher bei Famars. Dieses allgemeine Abfeuern ntzte mir, die Lage der Batterien und die Stellung der Truppen kennen zu lernen; zugleich war ein ernstlicher Handel bei Bretzenheim, denn freilich hatten die Franzosen alle Ursache, uns aus diesem so nahe gelegenen Dorfe zu vertreiben. Inzwischen erfuhr man, woher das Mrchen der gestrigen Desertion entstanden: durch seltsam zufllige Kombinationen, so abgeschmackt als mglich, aber doch einige Zeit umherlaufend. Ich begleitete meinen gndigsten Herrn nach dem linken Flgel, wartete dem Herrn Landgrafen von Darmstadt auf, dessen Lager besonders zierlich mit kiefernen Lauben ausgeputzt war, dessen Zelt jedoch alles, was ich je in dieser Art gesehen, bertraf, wohl ausgedacht, vortrefflich gearbeitet, bequem und prchtig. Gegen Abend war uns, mir aber besonders, ein liebenswrdiges Schauspiel bereitet; die Prinzessinnen von Mecklenburg hatten im Hauptquartier zu Bodenheim bei Ihro Majestt dem Knige gespeist und besuchten nach Tafel das Lager. Ich heftelte mich in mein Zelt ein und durfte so die hohen Herrschaften, welche unmittelbar davor ganz vertraulich auf und nieder gingen, auf das genauste beobachten. Und wirklich konnte man in diesem Kriegsgetmmel die beiden jungen Damen fr himmlische Erscheinungen halten, deren Eindruck auch mir niemals verlschen wird. Freitag den 30. Mai. Frh hrte man hinter dem Lager Kleingewehrfeuer, welches einige Apprehension gab; dies klrte sich dahin auf, da die Bauern den Fronleichnam gefeiert. Ferner ward Viktoria geschossen aus Kanonen und kleinem Gewehr, jenes glcklichen Ereignisses in den Niederlanden wegen; dazwischen scharf aus der Stadt und hinein. Nachmittag ein Donnerwetter. Hollndische Artillerie-flottille ist angekommen, liegt bei Ebenheim. In der Nacht vom 30. zum 31. Mai schlief ich, wie gewhnlich ganz angezogen, ruhig im Zelte, als ich vom Platzen eines kleinen Gewehrfeuers aufgeweckt wurde, das nicht allzu entfernt schien. Ich sprang auf und heraus und fand schon alles in Bewegung; es war offenbar, da Marienborn berfallen sei. Bald darauf feuerten unsere Kanonen von der Batterie vor dem Chausseehaus, dies mute also einem herandringenden Feinde gelten. Das Regiment des Herzogs, von dem eine Schwadron hinter dem Chausseehaus gelagert war, ruckte aus; der Moment war kaum erklrbar. Das kleine Gewehrfeuer in Marienborn, im Rcken unserer Batterien, dauerte fort, und unsere Batterien schossen auch. Ich setzte mich zu Pferde und ritt weiter vor, wo ich, nach frher genommener Kenntnis, ob es gleich Nacht war, die Gegend beurteilen konnte. Ich erwartete jeden Augenblick, Marienborn in Flammen zu sehen, und ritt zu unseren Zelten zurck, wo ich die Leute des Herzogs beschftigt fand, ein- und aufzupacken, auf alle Flle. Ich empfahl ihnen meinen Koffer und Portefeuille und besprach unsern Rckzug. Sie wollten auf Oppenheim zu; dorthin konnte ich leicht folgen, da mir der Fupfad durch das Fruchtfeld bekannt war, doch wollt' ich den Erfolg erst abwarten und mich nicht eher entfernen, bis das Dorf brennte und der Streit sich hinter demselben weiter heraufzge. In solcher Ungewiheit sah ich der Sache zu, aber bald legte sich das kleine Gewehrfeuer, die Kanonen schwiegen, der Tag fing an, zu grauen, und das Dorf lag ganz ruhig vor mir. Ich ritt hinunter. Die Sonne ging auf mit trbem Schein, und die Opfer der Nacht lagen neben einander. Unsere riesenhaften, wohlgekleideten Krassiere machten einen wunderlichen Kontrast mit den zwergenhaften, schneiderischen, zerlumpten Ohnehosen; der Tod hatte sie ohne Unterschied hingemht. Unser guter Rittmeister La Viere war unter den ersten geblieben, Rittmeister von Vo, Adjutant des Grafen Kalckreuth, durch die Brust geschossen, man erwartete seinen Tod. Ich war veranlat, eine kurze Relation dieses wunderbaren und unangenehmen Vorfalls aufzusetzen, welche ich hier einschalte und sodann noch einige Partikularitten hinzufge. * * * * * Von dem Ausfall der Franzosen in der Nacht auf Marienborn vermelde ich folgendes: Das Hauptquartier Marienborn liegt in der Mitte des Halbkreises von Lagern und Batterien, die am linken Ufer des Rheins oberhalb Mainz anfangen, die Stadt nicht gar in der Entfernung einer halben Stunde umgeben und unterhalb derselben sich wieder an den Flu anschlieen. Die Kapelle zum heiligen Kreuz, die Drfer Weienau, Hechtsheim, Marienborn, Drais, Gunzenheim, Mombach werden von diesem Kreise entweder berhrt oder liegen nicht weit auerhalb desselben. Die beiden Flgel bei Weienau und Mombach wurden vom Anfang der Blockade an von den Franzosen fters angegriffen und ersteres Dorf abgebrannt, die Mitte hingegen blieb ohne Anfechtung. Niemand konnte vermuten, da sie dahin einen Ausfall richten wrden, weil sie in Gefahr kamen, von allen Seiten ins Gedrnge zu geraten, abgeschnitten zu werden, ohne irgend etwas von Bedeutung auszurichten. Indessen waren die Vorposten um Bretzenheim und Dalheim, Orte, die vor Marienborn in einem Grunde liegen, der sich nach der Stadt zieht, immer aneinander, und man behauptete Bretzenheim diesseits um so eifriger, als die Franzosen bei Zahlbach, einem Kloster nahe bei Dalheim, eine Batterie errichtet hatten und damit das Feld und die Chaussee bestrichen. Eine Absicht, die man dem Feinde nicht zutraute, bewog ihn endlich zu einem Ausfall gegen das Hauptquartier. Die Franzosen wollten -- so ist man durch die Gefangenen berzeugt -- den General Kalckreuth, der in Marienborn, den Prinzen Ludwig, Ferdinands Sohn, der auf dem Chausseehause einige hundert Schritte vom Dorfe in Quartier lag, entweder gefangen fortfhren oder tot zurcklassen. Sie whlten die Nacht vom 30. zum 31., zogen sich, vielleicht 3000 Mann, aus dem Zahlbacher Grunde, schlngelnd ber die Chaussee und durch einige Grnde bis wieder an die Chaussee, passierten sie wieder und eilten auf Marienborn los. Sie waren gut gefhrt und nahmen ihren Weg zwischen den streichischen und preuischen Patrouillen durch, die leider, wegen geringen Wechsels von Hhen und Tiefen, nicht an einander stieen. Auch kam ihnen noch ein Umstand zu Hlfe. Tags vorher hatte man Bauern beordert, das Getreide, das gegen die Stadt zu steht, in dieser Nacht abzumhen; als diese nach vollendeter Arbeit zurckgingen, folgten ihnen die Franzosen, und einige Patrouillen wurden dadurch irre gemacht. Sie kamen unentdeckt ziemlich weit vorwrts, und als man sie bemerkte und auf sie scho, drangen sie in der grten Eile nach Marienborn vor und erreichten das Dorf gegen 1 Uhr, wo man sorglos entweder schlief oder wachte. Sie schossen sogleich in die Huser, wo sie Licht sahen, drngten sich durch die Strae und umringten den Ort und das Kloster, in welchem der General lag. Die Verwirrung war gro, die Batterien schossen, das Infanterieregiment Wegner rckte gleich vor, eine Schwadron des Herzogs von Weimar, die hinter dem Orte lag, war bei der Hand, die schsischen Husaren desgleichen. Es entstand ein verwirrtes Gefecht. Indessen hrte man im ganzen Umkreis des blockierenden Lagers das Feuern von falschen Attacken, jeder wurde auf sich aufmerksam gemacht, und niemand wagte, dem andern zu Hlfe zu eilen. Der abnehmende Mond stand am Himmel und gab ein miges Licht. Der Herzog von Weimar nahm den brigen Teil seines Regiments, das eine Vietelstunde hinter Marienborn auf der Hhe lag, und eilte hinzu, Prinz Ludwig fhrte die Regimenter Wegner und Thadden, und nach einem anderthalbstndigen Gefechte trieb man die Franzosen gegen die Stadt. An Toten und Blessierten lieen sie 30 Mann zurck, was sie mit sich geschleppt, ist unbekannt. Der Verlust der Preuen an Toten und Blessierten mag 90 Mann sein. Major La Viere von Weimar ist tot; Rittmeister und Adjutant von Vo tdlich verwundet. Ein unglcklicher Zufall vermehrte den diesseitigen Verlust: denn als sich die Feldwachen von Bretzenheim auf Marienborn zurckziehen wollten, kamen sie unter die Franzosen und wurden zugleich mit ihnen von unsern Batterien beschossen. Als es Tag ward, fand man Pechkrnze und mit Pech berzogene Birkenwellen an allen Enden des Dorfes; sie hatten die Absicht, wenn der Coup gelnge, zuletzt das Dorf anzuznden. Man erfuhr, da sie zu gleicher Zeit versucht hatten, eine Brcke von einer Rheininsel an der Mainspitze, in die sie sich seit einiger Zeit genistet, auf die nchste Insel zu schlagen, wahrscheinlich in der Absicht, gegen die Schiffbrcken bei Ginsheim etwas vorzunehmen. Das zweite Treffen der Kette ward nher an das erste herangezogen, und des Herzogs Regiment steht nah bei Marienborn. Man wei, da beim Ausfall Nationaltruppen vorangingen, dann Linien-, dann wieder Nationaltruppen folgten; es mag daher das Gercht entstanden sein, die Franzosen seien in drei Kolonnen ausgezogen. * * * * * Den 1. Juni rckte das Regiment nher nach Marienborn; der Tag ging hin mit Vernderung des Lagers; auch die Infanterie vernderte ihre Stellung und man traf verschiedene Verteidigungsanstalten. Ich besuchte Rittmeister von Vo, den ich ohne Hoffnung fand; er sa aufrecht im Bette und schien seine Freunde zu kennen, zu sprechen vermocht' er nicht. Auf einen Wink des Chirurgen begaben wir uns weg; und ein Freund machte mich unterwegs aufmerksam, da vor einigen Tagen in demselben Zimmer ein heftiger Streit entstanden, indem einer gegen viele hartnckig behauptet: Marienborn, als Hauptquartier, liege viel zu nahe an der blockierten und zu belagernden Stadt, man habe sich gar wohl eines berfalls zu versehen. Weil aber berhaupt eine heftige Widerrede gegen alles, was von obenherein befohlen und veranstaltet war, zur Tagesordnung gehrte, so ging man drber hinaus und lie diese Warnung, so wie manche andere, verhallen. Den 2. Juni ward ein Bauer aus Oberulm gehangen, der beim berfall die Franzosen angefhrt hatte: denn ohne die genauste Kenntnis des Terrains wre das schlngelnde Heranziehen nicht denkbar gewesen; zum Unglck fr ihn wute er nicht ebenso gut mit den Rckkehrenden die Stadt zu erreichen und wurde von den ausgesandten Patrouillen, die alles auf das sorgfltigste durchsuchten, eingefangen. Ward Major La Viere mit allen militrischen Ehren vor den Standarten begraben. Starb Rittmeister von Vo. Waren Prinz Ludwig, General Kalckreuth und mehrere bei dem Herzog zur Tafel. Abends Feuern an der Rheinspitze. Den 3. Juni groe Mittagstafel bei Herrn von Stein auf dem Jgerhause; herrliches Wetter, unschtzbare Aussicht, lndlicher Genu, durch Szenen des Todes und Verderbens getrbt. Abends wurde Rittmeister von Vo neben La Viere niedergesenkt. Den 5. Juni. Man fhrt fort, an der Verschanzung des Lagers ernstlich zu arbeiten. Groe Attacke und Kanonade an der Mainspitze. Den 6. Juni war die preuische und streichische Generalitt bei Serenissimo zu Tafel, in einem groen, von Zimmerwerk zu solchen Festen auferbauten Saale. Ein Obristlieutenant vom Regiment Wegner, schief gegen mir ber sitzend, betrachtete mich gewissermaen mehr als billig. Den 7. Juni schrieb ich frh viel Briefe. Bei Tafel im Hauptquartier schwadronierte ein Major viel ber knftige Belagerung und redete sehr frei ber das Benehmen bisher. Gegen Abend fhrte mich ein Freund zu jenem beobachtenden Obristlieutenant, der vor einigen Tagen meine Bekanntschaft zu machen gewnscht hatte. Wir fanden keine sonderliche Aufnahme; es war Nacht geworden, es erschien keine Kerze. Selterswasser und Wein, das man jedem Besuchenden anbot, blieb aus, die Unterhaltung war null. Mein Freund, welcher diese Verstimmung dem Umstande zuschrieb, da wir zu spt gekommen, blieb nach dem Abschiede einige Schritte zurck, um uns zu entschuldigen, jener aber versetzte zutraulich, es habe gar nichts zu sagen: denn gestern bei Tafel habe er schon an meinen Gesichtszgen gesehen, da ich gar der Mann nicht sei, wie er sich ihn vorgestellt habe. Wir scherzten ber diesen verunglckten Versuch neuer Bekanntschaft. Den 8. Juni setzte ich meine Arbeit an 'Reineke Fuchs' fleiig fort, ritt mit durchlauchtigstem Herzog nach dem darmstdtischen Lager, wo ich den Herrn Landgrafen als meinen vieljhrigen unabnderlich gndigsten Herrn mit Freuden verehrte. Abends kam Prinz Maximilian von Zweibrcken mit Obrist von Stein zu Serenissimo; da ward manches durchgesprochen; zuletzt kam das offenbare Geheimnis der nchstknftigen Belagerung an die Reihe. Den 9. Juni glckte den Franzosen ein Ausfall auf Heiligkreuz; es gelang ihnen, Kirche und Dorf unmittelbar vor den streichischen Batterien anzuznden, einige Gefangene zu machen und sich nicht ohne Verlust hierauf zurckzuziehen. Den 10. Juni wagten die Franzosen einen Tagesberfall auf Gunzenheim, der zwar abgeschlagen ward, aber uns doch wegen des linken Flgels, und besonders wegen des Darmstdter Lagers, einige Zeit in Verlegenheit und Sorge setzte. Den 11. Juni. Das Lager Ihro Majestt des Knigs war nun etwa 1000 Schritte ber Marienborn bestimmt und angelegt, gerade an dem Abhange, wo der groe Kessel, in welchem Mainz liegt, sich endigt, in aufsteigenden Lehmwnden und Hgeln; dieses gab zu den anmutigsten Einrichtungen Gelegenheit. Das leicht zu behandelnde Erdreich bot sich den Hnden geschickter Grtner dar, welche die geflligste Parkanlage mit wenig Bemhung bildeten: die abhngige Seite ward gebscht und mit Rasen belegt, Lauben gebaut, auf- und absteigende Kommunikationsgnge gegraben, Flchen planiert, wo das Militr in seiner ganzen Pracht und Zierlichkeit sich zeigen konnte, anstoende Wldchen und Bsche mit in den Plan gezogen, so da man bei der kstlichsten Aussicht nichts mehr wnschen konnte, als diese smtlichen Rume ebenso bearbeitet zu sehen, um des herrlichsten Parks von der Welt zu genieen. Unser Krause zeichnete sorgfltig die Aussicht mit allen ihren gegenwrtigen Eigentmlichkeiten. Den 14. Juni. Eine kleine Schanze, welche die Franzosen unterhalb Weienau errichtet hatten und besetzt hielten, stand der Erffnung der Parallele im Weg; sie sollte nachts eingenommen werden, und mehrere davon unterrichtete Personen begaben sich auf diesseitigen Schanzen unseres rechten Flgels, von wo man die ganze Lage bersehen konnte. In der sehr finstern Nacht erwartete man nunmehr, da man die Stelle recht gut kannte, wohin unsere Truppen gesendet waren, Angriff und Widerstand sollten durch ein lebhaftes Feuer ein bedeutendes Schauspiel geben. Man harrte lang, man harrte vergebens; statt dessen gewahrte man aber eine weit lebhaftere Erscheinung. Alle Posten unserer Stellung muten angegriffen sein, denn in dem ganzen Kreis derselben erblickte man ein lebhaftes Feuern, ohne da man dessen Veranlassung irgend begreifen konnte; auf der Stelle aber, von der eigentlich die Rede sein sollte, blieb alles tot und stumm. Verdrielich gingen wir nach Hause, besonders Herr Gore, als auf solche Feuer- und Nachtgefechte der Begierigste. Der folgende Tag gab uns die Auflsung dieses Rtsels. Die Franzosen hatten sich vorgenommen, in dieser Nacht alle unsere Posten anzugreifen, und deshalb ihre Truppen aus den Schanzen weg und zum Angriff zusammengezogen. Unsere Abgesendeten daher, die mit der grten Vorsicht an die Schanze herangingen, fanden weder Waffen noch Widerstand; sie erstiegen die Schanze und fanden sie leer, einen einzigen Kanonier ausgenommen, der sich ber diesen Besuch hchlich verwunderte. Whrend des allgemeinen Feuerns, das nur sie nicht betraf, hatten sie gute Zeit, die Wlle zu zerstren und sich zurckzuziehen. Jener allgemeine Angriff hatte auch keine weitern Folgen; die alarmierten Linien beruhigten sich wieder mit dem Einbruch des Tags. Den 16. Juni. Die immer besprochene und dem Feind verheimlichte Belagerung von Mainz nahte sich denn doch endlich; man sagte sich ins Ohr, heute nacht solle die Tranchee erffnet werden. Es war sehr finster, und man ritt den bekannten Weg nach der Weienauer Schanze; man sah nichts, man hrte nichts, aber unsere Pferde stutzten auf einmal, und wir wurden unmittelbar vor uns einen kaum zu unterscheidenden Zug gewahr. streichische, grau gekleidete Soldaten, mit grauen Faschinen auf den Rcken, zogen stillschweigend dahin, kaum da von Zeit zu Zeit der Klang aneinander schlagender Schaufeln und Hacken irgend eine nahe Bewegung andeutete. Wunderbarer und gespensterhafter lt sich kaum eine Erscheinung denken, die sich halb gesehen immer wiederholte, ohne deutlicher gesehen zu werden. Wir blieben auf dem Flecke halten, bis da sie vorber waren, denn von da aus konnten wir wenigstens nach der Stelle hinsehen, wo sie im Finstern wirken und arbeiten sollten. Da dergleichen Unternehmungen immer in Gefahr sind, dem Feind verraten zu werden, so konnte man erwarten, da von den Wllen aus auf diese Gegend, und wenn auch nur auf gut Glck, gefeuert werden wrde. Allein in dieser Erwartung blieb man nicht lange, denn gerade an der Stelle, wo die Tranchee angefangen werden sollte, ging auf einmal Kleingewehrfeuer los, allen unbegreiflich. Sollten die Franzosen sich herausgeschlichen, bis an oder gar ber unsere Vorposten herangewagt haben? Wir begriffen es nicht. Das Feuern hrte auf, und alles versank in die allertiefste Stille. Erst den andern Morgen wurden wir aufgeklrt, da unsere Vorposten selbst auf die still heranziehende Kolonne wie auf eine feindliche gefeuert hatten; diese stutzte, verwirrte sich, jeder warf seine Faschine weg, Schaufeln und Hacken wurden allenfalls gerettet; die Franzosen, auf den Wllen aufmerksam gemacht, waren auf ihrer Hut, man kam unverrichteter Sache zurck, die smtliche Belagerungsarmee war in Bestrzung. Den 17. Juni. Die Franzosen errichten eine Batterie an der Chaussee. Nachts entsetzlicher Regen und Sturm. Den 18. Juni. Als man die neulich miglckte Erffnung der Tranchee unter den Sachverstndigen besprach, wollte sich finden, da man viel zu weit von der Festung mit der Anlage geblieben sei; man beschlo daher sogleich, die dritte Parallele nher zu rcken und dadurch aus jenem Unfall entschiedenen Vorteil zu ziehen. Man unternahm es, und es ging glcklich vonstatten. Den 24. Juni. Franzosen und Klubisten, wie man wohl bemerken konnte, da es Ernst werde, veranstalteten, dem zunehmenden Mangel an Lebensmitteln Einhalt zu tun, eine unbarmherzige Exportation gegen Kastel, von Greisen und Kranken, Frauen und Kindern, die ebenso grausam wieder zurckgewiesen wurden. Die Not wehr- und hlfloser, zwischen innere und uere Feinde gequetschter Menschen ging ber alle Begriffe. Man versumte nicht, den streichischen Zapfenstreich zu hren, welcher alle andere der ganzen alliierten Armee bertraf. Den 25. Juni nachmittag entstand ein heftiges, allen unbegreifliches Kanonieren am Ende unsers linken Flgels; zuletzt klrte sich's auf, das Feuern sei auf dem Rhein, wo die hollndische Flotte vor Ihro Majestt dem Knige manvriere; Hchstdieselben waren deshalb nach Elfeld gegangen. Den 27. Juni. Anfang des Bombardements, wodurch die Dechanei sogleich angezndet war. Nachts glckte den Unsern der Sturm auf Weienau und die Schanze oberhalb der Kartause, freilich unerlliche Punkte, den rechten Flgel der zweiten Parallele zu sichern. Den 28. Juni nachts. Fortgesetztes Bombardement gegen den Dom; Turm und Dach brennen ab und viele Huser umher. Nach Mitternacht die Jesuitenkirche. Wir sahen auf der Schanze vor Marienborn diesem schrecklichen Schauspiele zu; es war die sternenhellste Nacht, die Bomben schienen mit den Himmelslichtern zu wetteifern, und es waren wirklich Augenblicke, wo man beide nicht unterscheiden konnte. Neu war uns das Steigen und Fallen der Feuerkugeln; denn wenn sie erst mit einem flachen Zirkelbogen das Firmament zu erreichen drohten, so knickten sie in einer gewissen Hhe parabolisch zusammen, und die aufsteigende Lohe verkndigte bald, da sie ihr Ziel zu erreichen gewut. Herr Gore und Rat Krause behandelten den Vorfall knstlerisch und machten so viele Brandstudien, da ihnen spter gelang, ein durchscheinendes Nachtstck zu verfertigen, welches noch vorhanden ist und, wohl erleuchtet, mehr als irgend eine Wortbeschreibung die Vorstellung einer unselig glhenden Hauptstadt des Vaterlandes zu berliefern imstande sein mchte. Und wie deutete nicht ein solcher Anblick auf die traurigste Lage, indem wir, uns zu retten, uns einigermaen wieder herzustellen, zu solchen Mitteln greifen muten! Den 29. Juni. Schon lngst war von einer schwimmenden Batterie die Rede gewesen, welche, bei Ginsheim gebaut, auf den Mainkopf und die zunchst liegenden Inseln und Auen wirken und sie besetzen sollte. Man sprach so viel davon, da sie endlich vergessen ward. Auf meinem gewhnlichen Nachmittagsritte nach unserer Schanze ber Weienau war ich kaum dorthin gelangt, als ich auf dem Flu eine groe Bewegung bemerkte: franzsische Khne ruderten emsig nach den Inseln, und die streichische Batterie, angelegt, um den Flu bis dorthin zu bestreichen, feuerte unausgesetzt in Prellschssen auf dem Wasser, -- fr mich ein ganz neues Schauspiel. Wie die Kugel zum erstenmal auf das bewegliche Element aufschlug, entsprang eine starke, sich viele Fu in die Hhe bumende Springwelle; diese war noch nicht zusammengestrzt, als schon eine zweite in die Hhe getrieben wurde, krftig wie die erste, nur nicht von gleicher Hhe, und so folgte die dritte, vierte, immer ferner abnehmend, bis sie zuletzt gegen die Khne gelangte, flcher fortwirkte und den Fahrzeugen zufllig gefhrlich ward. An diesem Schauspiel konnt' ich mich nicht satt sehen, denn es folgte Schu auf Schu, immer wieder neue mchtige Fontnen, indessen die alten noch nicht ganz verrauscht hatten. Auf einmal lste sich drben auf dem rechten Ufer zwischen Bschen und Bumen eine seltsame Maschine los; ein vierecktes, groes, von Balken gezimmertes Lokal schwamm daher, zu meiner groen Verwunderung, zu meiner Freude zugleich, da ich bei dieser wichtigen, so viel besprochenen Expedition Augenzeuge sein sollte. Meine Segenswnsche schienen jedoch nicht zu wirken, meine Hoffnung dauerte nicht lange: denn gar bald drehte die Masse sich auf sich selbst, man sah, da sie keinem Steuerruder gehorchte, der Strom zog sie immer im Drehen mit sich fort. Auf der Rheinschanze oberhalb Kastel und vor derselben war alles in Bewegung, Hunderte von Franzosen rannten am Ufer aufwrts und verfhrten ein gewaltiges Jubelgeschrei, als dieses trojanische Meerpferd, fern von dem beabsichtigten Ziel der Landspitze, durch den einstrmenden Main ergriffen und nun zwischen Rhein und Main gelassen und unaufhaltsam dahinfuhr. Endlich zog die Strmung diese unbehlfliche Maschine gegen Kastel, dort strandete sie ohnfern der Schiffbrcke auf einem flachen, noch vom Flu berstrmten Boden. Hier versammelte sich nun das smtliche franzsische Kriegsvolk, und wie ich bisher mit meinem trefflichen Fernrohr das ganze Ereignis aufs genauste beobachtet, so sah ich nun auch, leider, die Falltre, die diesen Raum verschlo, niedersinken und die darin Versperrten heraus und in die Gefangenschaft wandern. Es war ein rgerlicher Anblick: die Fallbrcke reichte nicht bis ans trockene Land, die kleine Garnison mute daher erst durchs Wasser waten, bis sie den Kreis ihrer Gegner erreichten. Es waren vierundsechzig Mann, zwei Offiziere und zwei Kanonen, sie wurden gut empfangen, sodann nach Mainz und zuletzt ins preuische Lager zur Auswechselung gebracht. Nach meiner Rckkehr verfehlte ich nicht, von diesem unerwarteten Ereignis Nachricht zu geben; niemand wollt' es glauben, wie ich ja selbst meinen Augen nicht getraut hatte. Zufllig befanden sich Ihro Knigliche Hoheit der Kronprinz in des Herzogs von Weimar Gezelt, ich ward gerufen und mute den Vorfall erzhlen; ich tat es genau, aber ungern, wohl wissend, da man dem Boden der Hiobspost immer etwas von der Schuld des Unglcks, das er erzhlt, anzurechnen pflegt. Unter den Tuschungen mancher Art, die uns bei unerwarteten Vorfllen in einem ungewohnten Zustande betreffen mgen, gibt es gar viele, gegen die man sich erst im Augenblick waffnen kann. Ich war gegen Abend ohne den mindesten Ansto den gewhnlichen Fupfad nach der Weienauer Schanze geritten; der Weg ging durch eine kleine Vertiefung, wo weder Wasser noch Sumpf, noch Graben, noch irgend ein Hindernis sich bemerken lie; bei meiner Rckkehr war die Nacht eingebrochen, und als ich eben in jene Vertiefung hereinreiten wollte, sah ich gegenber eine schwarze Linie gezogen, die sich von dem verdsterten braunen Erdreich scharf abschnitt. Ich mut' es fr einen Graben halten, wie aber ein Graben in der kurzen Zeit ber meinen Weg her sollte gezogen sein, war nicht begreiflich. Mir blieb daher nichts brig als drauf los zu reiten. Als ich nher kam, blieb zwar der schwarze Streif unverrckt, aber es schien mir vor demselbigen sich einiges hin und wider zu bewegen, bald auch ward ich angerufen und befand mich sogleich mitten unter wohlbekannten Kavallerie-offizieren. Es war des Herzogs von Weimar Regiment, welches, ich wei nicht zu welchem Zwecke ausgerckt, sich in dieser Vertiefung aufgestellt hatte, da denn die lange Linie schwarzer Pferde mir als Vertiefung erschien, die meinen Fupfad zerschnitt. Nach wechselseitigem Begren eilte ich sodann ungehindert zu den Zelten. Und so war nach und nach das innere grenzenlose Unglck einer Stadt, auen und in der Umgegend, Anla zu einer Lustpartie geworden. Die Schanze ber Weienau, welche die herrlichste bersicht gewhrte, tglich von einzelnen besucht, die sich von der Lage einen Begriff machen und, was in dem weiten bersehbaren Kreis vorginge, bemerken wollten, war sonn- und feiertags der Sammelplatz einer unzhlbaren Menge Landleute, die sich aus der Nachbarschaft herbeigezogen. Dieser Schanze konnten die Franzosen wenig anhaben: Hochschsse waren sehr ungewi und gingen meist drber weg. Wenn die Schildwache, auf der Brustwehr, hin und wider gehend, bemerkte, da die Franzosen das hieher gerichtete Geschtz abfeuerten, so rief sie: "Buck!" und sodann ward von allen innerhalb der Batterie befindlichen Personen erwartet, da sie sich auf die Knie wie aufs Angesicht niederwrfen, um durch die Brustwehr gegen eine niedrig ankommende Kugel geschtzt zu sein. Nun war es sonntags und feiertags lustig anzusehen, wenn die groe Menge geputzter Bauersleute, oft noch mit Gebetbuch und Rosenkranz, aus der Kirche kommend die Schanze fllten, sich umsahen, schwatzten und schkerten, auf einmal aber die Schildwache "Buck!" rief und sie smtlich flugs vor dieser gefhrlich-hochwrdigen Erscheinung niederfielen und ein vorberfliegendes gttlich-sausendes Wesen anzubeten schienen; bald aber nach geschwundener Gefahr sich wieder aufrafften, sich wechselsweise verspotteten und bald darauf, wenn es den Belagerten gerade beliebte, abermals niederstrzten. Man konnte sich dieses Schauspiel sehr bequem verschaffen, wenn man sich auf der nchsten Hhe etwas seitwrts auer der Richtung der Kugel stellte, unter sich dieses wunderliche Gewimmel sah und die Kugel an sich vorbeisausen hrte. Aber eine solche ber die Schanze weggehende Kugel verfehlte nicht Zweck noch Absicht. Auf dem Rcken dieser Hhen zog sich der Weg von Frankfurt her, so da man die Prozession von Kutschen und Chaisen, Reitern und Fugngern aus Mainz sehr gut beobachten und also zugleich die Schanze und die Wallfahrtenden in Schrecken setzen konnte. Auch wurde bei einiger Aufmerksamkeit des Militrs der Eintritt einer solchen Menge gar bald verboten, und die Frankfurter nahmen einigen Umweg, auf welchem sie unbemerkt und unerreicht in das Hauptquartier gelangten. Ende Juni. -- In einer unruhigen Nacht unterhielt ich mich, aufzuhorchen auf die mannigfaltigen fern und nah erregten Tne, und konnte folgende genau unterscheiden: "Werda!" der Schildwache vorm Zelt. "Werda!" der Infanterieposten. "Werda!", wenn die Runde kam. Hin- und Widergehen der Schildwache. Geklappere des Sbels auf dem Sporn. Bellen der Hunde fern. Knurren der Hunde nahe. Krhen der Hhne. Scharren der Pferde. Schnauben der Pferde. Hckerlingschneiden. Singen, Diskurieren und Zanken der Leute. Kanonendonner. Brllen des Rindviehs. Schreien der Maulesel. * * * * * Lcke. Da eine solche hier einfllt, mchte wohl kein Wunder sein. Jede Stunde war unglckstrchtig; man sorgte jeden Augenblick fr seinen verehrten Frsten, fr die liebsten Freunde, man verga an eigene Sicherheit zu denken. Von der wilden, wsten Gefahr angezogen, wie von dem Blick einer Klapperschlange, strzte man sich unberufen in die tdlichen Rume, ging, ritt durch die Trancheen, lie die Haubitzgranten ber dem Kopfe drhnend zerspringen, die Trmmer neben sich niederstrzen; manchem Schwerblessierten wnschte man baldige Erlsung von grimmigen Leiden, und die Toten htte man nicht ins Leben zurckgerufen. Wie Verteidiger und Angreifende nunmehr aber gegeneinander standen, davon wre im allgemeinen hier so viel zu sagen. Die Franzosen hatten bei androhender Gefahr sich zeitig vorgesehen und vor die Hauptwerke hinaus kleinere Schanzen kunstgem angelegt, um die Blockierenden in gewisser Ferne zu halten, die Belagerung aber zu erschweren. Alle diese Hindernisse muten nun weggerumt werden, wenn die dritte Parallele erffnet, fortgesetzt und geschlossen werden sollte, wie im nachfolgenden einzeln aufgezeichnet ist. Wir aber indessen, mit einigen Freunden, obgleich ohne Ordre und Beruf, begaben uns an die gefhrlichsten Posten. Weienau war in deutschen Hnden, auch die fluabwrts liegende Schanze schon erobert; man besuchte den zerstrten Ort, hielt in dem Gebeinhause Nachlese von krankhaften Knochen, wovon das Beste schon in die Hnde der Wundrzte mochte gelangt sein. Indem nun aber die Kugeln der Karlsschanze immer in die berreste der Dcher und Gemuer schlugen, lieen wir uns durch einen Mann des dortigen Wachtpostens, gegen ein Trinkgeld, an eine bekannte bedeutende Stelle fhren, wo mit einiger Vorsicht gar vieles zu bersehen war. Man ging mit Behutsamkeit durch Trmmer und Trmmer und ward endlich eine stehen gebliebene steinerne Wendeltreppe hinauf an das Balkonffenster eines freistehenden Giebels gefhrt, das freilich in Friedenszeiten dem Besitzer die herrlichste Aussicht gewhrt haben mute. Hier sah man den Zusammenflu des Main- und Rheinstroms, und also die Main- und Rheinspitze, die Blei-Au, das befestigte Kastel, die Schiffbrcke und am linken Ufer sodann die herrliche Stadt: zusammengebrochene Turmspitzen, lckenhafte Dcher, rauchende Stellen untrstlichen Anblicks. Unser Fhrer hie bedchtig sein, nur einzeln um die Fensterpfosten herumschauen, weil von der Karlsschanze her gleich eine Kugel wrde geflogen kommen, und er Verdru htte, solche veranlat zu haben. Nicht zufrieden hiermit schlich man weiter gegen das Nonnenkloster, wo es freilich auch wild genug aussah, wo unten in den Gewlben fr billiges Geld Wein geschenkt wurde, indes die Kugeln von Zeit zu Zeit rasselnde Dcher durchlcherten. Aber noch weiter trieb der Vorwitz; man kroch in die letzte Schanze des rechten Flgels, die man unmittelbar ber den Ruinen der Favorite und der Kartause tief ins Glacis der Festung eingegraben hatte und nun hinter einem Bollwerk von Schanzkrben auf ein paar hundert Schritte Kanonenkugeln wechselte; wobei es denn freilich darauf ankam, wer dem andern zuerst Schweigen aufzulegen das Glck hatte. Hier fand ich es nun, aufrichtig gestanden, hei genug, und man nahm sich's nicht bel, wenn irgend eine Anwandlung jenes Kanonenfiebers sich wieder hervortun wollte; man drckte sich nun zurck, wie man gekommen war, und kehrte doch, wenn es Gelegenheit und Anla gab, wieder in gleiche Gefahr. Bedenkt man nun, da ein solcher Zustand, wo man sich, die Angst zu bertuben, jeder Vernichtung aussetzte, bei drei Wochen dauerte, so wird man uns verzeihen, wenn wir ber diese schrecklichen Tage wie ber einen glhenden Boden hinber zu eilen trachten. * * * * * Den 1. Juli war die dritte Parallele in Ttigkeit und sogleich die Bocksbatterie bombardiert. Den 2. Juli. Bombardement der Zitadelle und Karlsschanze. Den 3. Juli. Neuer Brand in der Sankt-Sebastians-Kapelle; benachbarte Huser und Palste gehen in Flammen auf. Den 6. Juli. Die sogenannte Klubistenschanze, welche den rechten Flgel der dritten Parallele nicht zustande kommen lie, mute weggenommen werden; allein man verfehlte sie und griff vorliegende Schanzen des Hauptwalles an, da man denn freilich zurckgeschlagen wurde. Den 7. Juli. Endliche Behauptung dieses Terrains; Kostheim wird angegriffen, die Franzosen geben es auf. * * * * * Den 13. Juli nachts. Das Rathaus und mehrere ffentliche Gebude brennen ab. Den 14. Juli. Stillstand auf beiden Seiten, Freuden- und Feiertag; der Franzosen, wegen der in Paris geschlossenen Nationalkonfderation, der Deutschen, wegen Eroberung von Conde; bei den letzten Kanonen- und Kleingewehrfeuer, bei jenen ein theatralisches Freiheitsfest, wovon man viel zu hren hatte. Nachts vom 14. zum 15. Juli. Die Franzosen werden aus einer Batterie vor der Karlsschanze getrieben; frchterliches Bombardement. Von der Mainspitze ber den Main brachte man das Benediktinerkloster auf der Zitadelle in Flammen. Auf der andern Seite entzndet sich das Laboratorium und fliegt in die Luft. Fenster, Lden und Schornsteine dieser Stadtseite brechen ein und strzen zusammen. Am 15. Juli besuchten wir Herrn Gore in Klein-Wintersheim und fanden Rat Krause beschftigt, ein Bildnis des werten Freundes zu malen, welches ihm gar wohl gelang. Herr Gore hatte sich stattlich angezogen, um bei frstlicher Tafel zu erscheinen, wenn er vorher sich in der Gegend abermals wrde umgeschaut haben. Nun sa er, umgeben von allerlei Haus- und Feldgert, in der Bauernkammer eines deutschen Drfchens, auf einer Kiste, den angeschlagenen Zuckerhut auf einem Papiere neben sich; er hielt die Kaffeetasse in der einen, die silberne Reifeder, statt des Lffelchens, in der andern Hand; und so war der Englnder der ganz anstndig und behaglich auch in einem schlechten Kantonierungsquartier vorgestellt, wie er uns noch tglich zu angenehmer Erinnerung vor Augen steht. Wenn wir nun dieses Freundes allhier gedenken, so verfehlen wir nicht, etwas mehreres ber ihn zu sagen. Er zeichnete sehr glcklich in der Camera obscura und hatte, Land und See bereisend, sich auf diese Weise die schnsten Erinnerungen gesammelt. Nun konnte er, in Weimar wohnhaft, angewohnter Beweglichkeit nicht entsagen, blieb immer geneigt, kleine Reisen vorzunehmen, wobei ihn denn gewhnlich Rat Krause zu begleiten pflegte, der mit leichter, glcklicher Fassungsgabe die vorstehenden Landschaften zu Papier brachte, schattierte, frbte, und so arbeiteten beide um die Wette. Die Belagerung von Mainz, als ein seltener, wichtiger Fall, wo das Unglck selbst malerisch zu werden versprach, lockte die beiden Freunde gleichfalls nach dem Rhein, wo sie sich keinen Augenblick mig verhielten. Und so begleiteten sie uns denn auch auf einem Gefahrzug nach Weienau, wo sich Herr Gore ganz besonders gefiel. Wir besuchten abermals den Kirchhof, in Jagd auf pathologische Knochen; ein Teil der nach Mainz gewendeten Mauer war eingeschossen, man sah ber freies Feld nach der Stadt. Kaum aber merkten die auf den Wllen etwas Lebendiges in diesem Raume, so schossen sie mit Prellschssen nach der Lcke; nun sah man die Kugel mehrmals aufspringen und Staub erregend herankommen, da man sich denn zuletzt hinter die stehengebliebene Mauer oder in das Gebeingewlbe zu retten wute und der den Kirchhof durchrollenden Kugel heiter nachschaute. Die Wiederholung eines solchen Vergngens schien dem Kammerdiener bedenklich, der, um Leben und Glieder seines alten Herrn besorgt, uns allen ins Gewissen sprach und die khne Gesellschaft zum Rckzug ntigte. Der 16. Juli war mir ein bnglicher Tag, und zwar bedrngte mich die Aussicht auf die nchste, meinen Freunden gefhrliche Nacht; damit verhielt es sich aber folgendermaen. Eine der vorgeschobenen kleinen feindlichen Schanzen, vor der sogenannten Welschen Schanze, leistete vllig ihre Pflicht; sie war das grte Hindernis unserer vordern Parallele und mute, was es auch kosten mchte, weggenommen werden. Dagegen war nun nichts zu sagen, allein es zeigte sich ein bedenklicher Umstand. Auf Nachricht, oder Vermutung: die Franzosen lieen hinter dieser Schanze und unter dem Schutz der Festung Kavallerie kampieren, wollte man zu diesem Aus- und berfalle auch Kavallerie mitnehmen. Was das heie: aus der Tranchee heraus, unmittelbar vor den Kanonen der Schanze und der Festung, Kavallerie zu entwickeln und sich, in dsterer Nacht, damit auf dem feindlich besetzten Glacis herumzutummeln, wird jedermann begreiflich finden; mir aber war es hchst bnglich, Herrn von Oppen, als den Freund, der mir vom Regiment zunchst anlag, dazu kommandiert zu wissen. Gegen Einbruch der Nacht mute jedoch geschieden sein, und ich eilte zur Schanze Nr. 4, wo man jene Gegend ziemlich im Auge hatte. Da es losbrach und hitzig zuging, lie sich wohl aus der Ferne bemerken, und da mancher wackere Mann nicht zurckkehren wrde, war vorauszusehen. Indessen verkndigte der Morgen, die Sache sei gelungen, man habe die Schanze erobert, geschleift und sich ihr gegenber gleich so festgesetzt, da ihre Wiederherstellung dem Feinde wohl unmglich bleiben sollte. Freund Oppen kehrte glcklich zurck; die Vermiten gingen mich so nah nicht an; nur bedauerten wir den Prinzen Ludwig, der als khner Anfhrer eine, wo nicht gefhrliche, doch beschwerliche Wunde davontrug und in einem solchen Augenblick den Kriegsschauplatz sehr ungern verlie. Den 17. Juli ward nun derselbe zu Schiffe nach Mannheim gebracht; der Herzog von Weimar bezog dessen Quartier im Chauseehause; es war kein anmutigerer Aufenthalt zu denken. Nach herkmmlicher Ordnungs- und Reinlichkeitsliebe lie ich den schnen Platz davor kehren und reinigen, der bei dem schnellen Quartierwechsel mit Stroh und Spnen und allerlei Abwrflingen eines eilig verlassenen Kantonnements berset war. Den 18. Juli nachmittags auf groe, fast unertrgliche Hitze Donnerwetter, Sturm und Regengu, dem Allgemeinen erquicklich, den Eingegrabenen als solchen freilich sehr lstig. Der Kommandant tut Vergleichsvorschlge, welche zurckgewiesen werden. Den 19. Juli. Das Bombardement geht fort, die Rheinmhlen werden beschdigt und unbrauchbar gemacht. Den 20. Juli. Der Kommandant General d'Oyr berschickt eine Punktation, worber verhandelt wird. Nachts vom 21. auf den 22. Juli. Heftiges Bombardement, die Dominikanerkirche geht in Flammen auf, dagegen fliegt ein preuisches Laboratorium in die Luft. Den 22. Juli. Als man vernahm, der Stillstand sei wirklich geschlossen, eilte man nach dem Hauptquartier, um die Ankunft des franzsischen Kommandanten d'Oyr zu erwarten. Er kam: ein groer wohlgebauter, schlanker Mann von mittlern Jahren, sehr natrlich in seiner Haltung und Betragen. Indessen die Unterhaltung im Innern vorging, waren wir alle aufmerksam und hoffnungsvoll; da es aber ausgesprochen ward, da man einig geworden und die Stadt den folgenden Tag bergeben werden sollte, da entstand in mehreren das wunderbare Gefhl einer schnellen Entledigung von bisherigen Lasten, von Druck und Bangigkeit, da einige Freunde sich nicht erwehren konnten, aufzusitzen und gegen Mainz zu reiten. Unterwegs holten wir Smmerring ein, der gleichfalls mit einem Gesellen nach Mainz eilte, freilich auf strkere Veranlassung als wir, aber doch auch die Gefahr einer solchen Unternehmung nicht achtend. Wir sahen den Schlagbaum des uersten Tores von fern und hinter demselben eine groe Masse Menschen, die sich dort auflehnten und andrngten. Nun sahen wir Wolfsgruben vor uns, allein unsere Pferde, dergleichen schon gewohnt, brachten uns glcklich zwischen durch. Wir ritten unmittelbar bis vor den Schlagbaum; man rief uns zu: was wir brchten? Unter der Menge fanden sich wenig Soldaten, alles Brger, Mnner und Frauen; unsere Antwort, da wir Stillstand und wahrscheinlich morgen Freiheit und ffnung versprchen, wurde mit lautem Beifall aufgenommen. Wir gaben einander wechselsweise so viel Aufklrung, als einem jeden beliebte, und als wir eben von Segenswnschen begleitet wieder umkehren wollten, traf Smmering ein, der sein Gesprch an das unsrige knpfte, bekannte Gesichter fand, sich vertraulicher unterhielt und zuletzt verschwand, ehe wir's uns versahen; wir aber hielten fr Zeit, umzukehren. Gleiche Begierde, gleiches Bestreben fhlten eine Anzahl Ausgewanderte, welche, mit Viktualien versehen, erst in die Auenwerke, dann in die Festung selbst einzudringen verstanden, um die Zurckgelassenen wieder zu umarmen und zu erquicken. Wir begegneten mehreren solcher leidenschaftlichen Wanderer, und es mochte dieser Zustand so heftig werden, da endlich, nach verdoppelten Posten, das strengste Verbot ausging, den Wllen sich zu nhern; die Kommunikation war auf einmal unterbrochen. Am 23. Juli. Dieser Tag ging hin unter Besetzung der Auenwerke sowohl von Mainz als von Kastel. In einer leichten Chaise machte ich eine Spazierfahrt, in einem so engen Kreis um die Stadt, als es die ausgesetzten Wachen erlauben wollten. Man besuchte die Trancheen und besah sich die nach erreichtem Zweck verlassene unntze Erdarbeit. Als ich zurckfuhr, rief mich ein Mann mittleren Alters an und bat mich, seinen Knaben von ungefhr acht Jahren, den er an der Hand mit fortschleppte, zu mir zu nehmen. Er war ein ausgewanderter Mainzer, welcher, mit groer Hast und Lust seinen bisherigen Aufenthalt verlassend, herbeilief, den Auszug der Feinde triumphierend anzusehen, sodann aber den zurckgelassenen Klubisten Tod und Verderben zu bringen schwor. Ich redete ihm begtigende Worte zu und stellte ihm vor: da die Rckkehr in einen friedlichen und huslichen Zustand nicht mit neuem brgerlichen Krieg, Ha und Rache msse verunreinigt werden, weil sich das Unglck ja sonst verewige. Die Bestrafung solcher schuldigen Menschen msse man den hohen Alliierten und dem wahren Landesherrn nach seiner Rckkehr berlassen, und was ich sonst noch Besnftigendes und Ernstliches anfhrte; wozu ich ein Recht hatte, indem ich das Kind in den Wagen nahm und beide mit einem Trunk guten Weins und Bretzeln erquickte. An einem abgeredeten Ort setzt' ich den Knaben nieder, da sich denn der Vater schon von weitem zeigte und mit dem Hut mir tausend Dank und Segen zuwinkte. Den 24. Juli. Der Morgen ging ziemlich ruhig hin, der Ausmarsch verzgerte sich, es sollten Geldangelegenheiten sein, die man so bald nicht abtun knne. Endlich zu Mittag, als alles bei Tisch und Topf beschftigt und eine groe Stille im Lager sowie auf der Chaussee war, fuhren mehrere dreispnnige Wagen, in einiger Ferne voneinander, sehr schnell vorbei, ohne da man sich's versah und darber nachsann; doch bald verbreitete sich das Gercht: auf diese khne und kluge Weise htten mehrere Klubisten sich gerettet. Leidenschaftliche Personen behaupteten, man msse nachsetzen, andere lieen es beim Verdru bewenden, wieder andere wollten sich verwundern: da auf dem ganzen Wege keine Spur von Wache, noch Pikett, noch Aufsicht erscheine; woraus erhelle, sagten sie, da man von oben herein durch die Finger zu sehen und alles, was sich ereignen knnte, dem Zufall zu berlassen geneigt sei. Diese Betrachtungen jedoch wurden durch den wirklichen Auszug unterbrochen und umgestimmt. Auch hier kamen mir und Freunden die Fenster des Chausseehauses zustatten. Den Zug sahen wir in aller seiner Feierlichkeit herankommen. Angefhrt durch preuische Reiterei, folgte zuerst die franzsische Garnison. Seltsamer war nichts, als wie sich dieser Zug ankndigte; eine Kolonne Marseiller, klein, schwarz, buntscheckig, lumpig gekleidet, trappelten heran, als habe der Knig Edwin seinen Berg aufgetan und das muntere Zwergenheer ausgesendet. Hierauf folgten regelmigere Truppen, ernst und verdrielich, nicht aber etwa niedergeschlagen oder beschmt. Als die merkwrdigste Erscheinung dagegen mute jedermann auffallen, wenn die Jger zu Pferd heraufritten; sie waren ganz still bis gegen uns herangezogen, als ihre Musik den Marseiller Marsch anstimmte. Dieses revolutionre _Te Deum_ hat ohnehin etwas Trauriges, Ahndungsvolles, wenn es auch noch so mutig vorgetragen wird; diesmal aber nahmen sie das Tempo ganz langsam, dem schleichenden Schritt gem, den sie ritten. Es war ergreifend und durchtbar und ein ernster Anblick, als die Reitenden, lange hagere Mnner von gewissen Jahren, die Miene gleichfalls jenen Tnen gem, heranrckten; einzeln htte man sie dem Don Quichote vergleichen knnen, in Masse erschienen sie hchst ehrwrdig. Bemerkenswert war nun ein einzelner Trupp, die franzsischen Kommissarien. Merlin von Thionville in Husarentracht, durch wilden Bart und Blick sich auszeichnend, hatte eine andere Figur in gleichem Kostm links neben sich; das Volk rief mit Wut den Namen eines Klubisten und bewegte sich zum Anfall. Merlin hielt an, berief sich auf seine Wrde eines franzsischen Reprsentanten, auf die Rache, die jeder Beleidigung folgen sollte: er wolle raten, sich zu migen, denn es sei das letztemal nicht, da man ihn hier sehe. Die Menge stand betroffen, kein einzelner wagte sich vor. Er hatte einige unserer dastehenden Offiziere angesprochen und sich auf das Wort des Knigs berufen, und so wollte niemand weder Angriff noch Verteidigung wagen; der Zug ging unangetastet vorbei. Den 25. Juli. Am Morgen dieses Tags bemerkt' ich, da leider abermals keine Anstalten auf der Chaussee und in deren Nhe gemacht waren, um Unordnungen zu verhten. Sie schienen heute um so ntiger, als die armen ausgewanderten, grenzenlos unglcklichen Mainzer, von entfernteren Orten her nunmehr angekommen, scharenweis die Chaussee umlagerten, mit Fluch- und Racheworten das gequlte und gengstigte Herz erleichternd. Die gestrige Kriegslist der Entwischenden gelang daher nicht wieder. Einzelne Reisewagen rannten abermals eilig die Strae hin, berall aber hatten sich die Mainzer Brger in die Chausseegraben gelagert, und wie die Flchtigen einem Hinterhalt entgingen fielen sie in die Hnde des andern. Der Wagen ward angehalten, fand man Franzosen oder Franzsinnen, so lie man sie entkommen, wohlbekannte Klubisten keineswegs. Ein sehr schner dreispnniger Reisewagen rollt daher, eine freundliche junge Dame versumt nicht, sich am Schlage sehen zu lassen und hben und drben zu gren; aber dem Postillion fllt man in die Zgel, der Schlag wird erffnet, ein Erz-klubist an ihrer Seite sogleich erkannt. Zu verkennen war er freilich nicht, kurz gebaut, dicklich, breiten Angesichts, blatternarbig. Schon ist er bei den Fen herausgerissen; man schliet den Schlag und wnscht der Schnheit glckliche Reise. Ihn aber schleppt man auf den nchsten Acker, zerstt und zerprgelt ihn frchterlich; alle Glieder seines Leibes sind zerschlagen, sein Gesicht unkenntlich. Eine Wache nimmt sich endlich seiner an, man bringt ihn in ein Bauernhaus, wo er auf Stroh liegend zwar vor Ttlichkeiten seiner Stadtfeinde, aber nicht vor Schimpf, Schadenfreude und Schmhen geschtzt war. Doch auch damit ging es am Ende so weit, da der Offizier niemand mehr hineinlie; auch mich, dem er es als einem Bekannten nicht abgeschlagen htte, dringend bat: ich mchte diesem traurigsten und ekelhaftesten aller Schauspiele entsagen. Zum 25. Juli. Auf dem Chausseehause beschftigte uns nun der fernere regelmige Auszug der Franzosen. Ich stand mit Herrn Gore daselbst am Fenster, unten versammelte sich eine groe Menge; doch auf dem gerumigen Platze konnte dem Beobachtenden nichts entgehen. Infanterie, muntere wohlgebildete Linientruppen, kamen nun heran; Mainzer Mdchen zogen mit ihnen aus, teils nebenher, teils innerhalb der Glieder. Ihre eigenen Bekannten begrten sie nun mit Kopfschtteln und Spottreden: "Ei, Jungfer Lieschen, will Sie sich auch in der Welt umsehen?" und dann: "Die Sohlen sind noch neu, sie werden bald durchgelaufen sein!" ferner: "Hat Sie auch in der Zeit Franzsisch gelernt? -- Glck auf die Reise!" und so ging es immerfort durch diese Zungenruten; die Mdchen aber schienen alle heiter und getrost, einige wnschten ihren Nachbarinnen wohl zu leben, die meisten waren still und sahen ihre Liebhaber an. Indessen war das Volk sehr bewegt, Schimpfreden wurden ausgestoen, von Drohungen heftig begleitet. Die Weiber tadelten an den Mnnern, da man diese Nichtswrdigen so vorbeilasse, die in ihrem Bndelchen gewi manches von Hab und Gut eines echten Mainzer Brgers mit sich schleppten, und nur der ernste Schritt des Militrs, die Ordnung durch nebenhergehende Offiziere erhalten, hinderte einen Ausbruch; die leidenschaftliche Bewegung war furchtbar. Gerade in diesem gefhrlichsten Momente erschien ein Zug, der sich gewi schon weit hinweggewnscht hatte. Ohne sonderliche Bedeckung zeigte sich ein wohlgebildeter Mann zu Pferde, dessen Uniform nicht gerade einen Militr ankndigte, an seiner Seite ritt in Mannskleidern ein wohlgebautes und sehr schnes Frauenzimmer, hinter ihnen folgten einige vierzpnnige Wagen mit Kisten und Kasten bepackt; die Stille war ahndungsvoll. Auf einmal rauscht' es im Volke und rief: "Haltet ihn an! Schlagt ihn tot! Das ist der Spitzbube von Architekten, der erst die Domdechanei geplndert und nachher selbst angezndet hat!" es kam auf einen einzigen entschlossenen Menschen an, und es war geschehen. Ohne Weiteres zu berlegen, als da der Burgfriede vor des Herzogs Quartier nicht zuletzt werden drfe, mit dem blitzschnellen Gedanken, was der Frst und General bei seiner Nachhausekunft sagen wrde, wenn er ber die Trmmer einer solchen Selbsthlfe kaum seine Tr erreichen knnte, sprang ich hinunter, hinaus und rief mit gebietender Stimme: "Halt!" Schon hatte sich das Volk nher herangezogen; zwar den Schlagbaum unterfing sich niemand herabzulassen, der Weg aber selbst war von der Menge versperrt. Ich wiederholte mein "Halt!" und die vollkommenste Stille trat ein. Ich fuhr darauf stark und heftig sprechend fort: hier sei das Quartier des Herzogs von Weimar, der Platz davor sei heilig; wenn sie Unfug treiben und Rache ben wollten, so fnden sie noch Raum genug. Der Knig habe freien Auszug gestattet, wenn er diesen htte bedingen und gewisse Personen ausnehmen wollen, so wrde er Aufseher angestellt, die Schuldigen zurckgewiesen oder gefangen genommen haben; davon sei aber nichts bekannt, keine Patrouille zu sehen. Und sie, wer und wie sie hier auch seien, htten, mitten in der deutschen Armee, keine andere Rolle zu spielen, als ruhige Zuschauer zu bleiben; ihr Unglck und ihr Ha gebe ihnen hier kein Recht, und ich litte ein fr allemal an dieser Stelle keine Gewaltttigkeit. Nun staunte das Volk, war stumm, dann wogt' es wieder, brummte, schalt; einzelne wurden heftig, ein paar Mnner drangen vor, den Reitenden in die Zgel zu fallen. Sonderbarerweise war einer davon jener Perckenmacher, den ich gestern schon gewarnt, indem ich ihm Gutes erzeigte. -- "Wie!" rief ich ihm entgegen, "habt Ihr schon vergessen, was wir gestern zusammen gesprochen? Habt Ihr nicht darber nachgedacht, da man durch Selbstrache sich schuldig macht, da man Gott und seinen Oberen die Strafe der Verbrecher berlassen soll, wie man ihnen das Ende dieses Elends zu bewirken auch berlassen mute", und was ich sonst noch kurz und bndig, aber laut und heftig sprach. Der Mann, der mich gleich erkannte, trat zurck, das Kind schmiegte sich an den Vater und sah freundlich zu mir herber; schon war das Volk zurckgetreten und hatte den Platz freier gelassen, auch der Weg durch den Schlagbaum war wieder offen. Die beiden Figuren zu Pferde wuten sich kaum zu benehmen. Ich war ziemlich weit in den Platz hereingetreten; der Mann ritt an mich heran und sagte: er wnsche meinen Namen zu wissen, zu wissen, wem er einen so groen Dienst schuldig sei, er werde es zeitlebens nicht vergessen und gern erwidern. Auch das schne Kind nherte sich mir und sagte das Verbindlichste. Ich antwortete, da ich nichts als meine Schuldigkeit getan und die Sicherheit und Heiligkeit dieses Platzes behauptet htte; ich gab einen Wink, und sie zogen fort. Die Menge war nun einmal in ihrem Rachesinn irre gemacht, sie blieb stehen; dreiig Schritte davon htte sie niemand gehindert. So ist's aber in der Welt: wer nur erst ber einen Ansto hinaus ist, kommt ber tausend. _Chi scampa d'un punto, scampa di mille._ Als ich nach meiner Expedition zu Freund Gore hinaufkam, rief er mir in seinem Englisch-Franzsisch entgegen: "Welche Fliege sticht Euch, Ihr habt Euch in einen Handel eingelassen, der bel ablaufen konnte." "Dafr war mir nicht bange", versetzte ich; "und findet Ihr nicht selbst hbscher, da ich Euch den Platz vor dem Hause so rein gehalten habe? Wie sh' es aus, wenn das nun alles voll Trmmer lge, die jedermann rgerten, leidenschaftlich aufregten und niemand zugute kmen? mag auch jener den Besitz nicht verdienen, den er wohlbehaglich fortgeschleppt hat!" Indessen aber ging der Auszug der Franzosen gelassen unter unserm Fenster vorbei; die Menge, die kein Interesse weiter daran fand, verlief sich; wer es mglich machen konnte, suchte sich einen Weg, um in die Stadt zu schleichen, die Seinigen und was von ihrer Habe allenfalls gerettet sein konnte, wiederzufinden und sich dessen zu erfreuen. Mehr aber trieb sie die hchst verzeihliche Wut, ihre verhaten Feinde, die Klubisten und Komitisten, zu strafen, zu vernichten, wie sie mitunter bedrohlich genug ausriefen. Indessen konnte sich mein guter Gore nicht zufrieden geben, da ich, mit eigener Gefahr, fr einen unbekannten, vielleicht verbrecherischen Menschen so viel gewagt habe. Ich wies ihn immer scherzhaft auf den reinen Platz vor dem Hause und sagte zuletzt ungeduldig: "Es liegt nun einmal in meiner Natur: ich will lieber eine Ungerechtigkeit begehen, als Unordnung ertragen." Den 26. und 27. Juli. Den 26. gelang es uns schon, mit einigen Freunden zu Pferd in die Stadt einzudringen; dort fanden wir den bejammernswertesten Zustand. In Schutt und Trmmer war zusammengestrzt, was Jahrhunderten aufzubauen gelang, wo in der schnsten Lage der Welt Reichtmer von Provinzen zusammenflossen und Religion das, was ihre Diener besaen, zu befestigen und zu vermehren trachtete. Die Verwirrung, die den Geist ergriff, war hchst schmerzlich, viel trauriger, als wre man in eine durch Zufall eingescherte Stadt geraten. Bei aufgelster polizeilicher Ordnung hatte sich zum traurigen Schutt noch aller Unrat auf den Straen gesammelt; Spuren der Plnderung lieen sich bemerken in Gefolg innerer Feindschaft. Hohe Mauern drohten den Einsturz, Trme standen unsicher, und was bedarf es einzelner Beschreibungen, da man die Hauptgebude nacheinander genannt, wie sie in Flammen aufgingen. Aus alter Vorliebe eilte ich zur Dechanei, die mir noch immer als ein kleines architektonisches Paradies vorschwebte; zwar stand die Sulenvorhalle mit ihrem Giebel noch aufrecht, aber ich trat nur zu bald ber den Schutt der eingestrzten schngewlbten Decken; die Drahtgitter lagen mir im Wege, die sonst netzweise von oben erleuchtende Fenster schtzten; hie und da war noch ein Rest alter Pracht und Zierlichkeit zu sehen, und so lag denn auch diese Musterwohnung fr immer zerstrt. Alle Gebude des Platzes umher hatten dasselbige Schicksal; es war die Nacht vom 27. Juni, wo der Untergang dieser Herrlichkeiten die Gegend erleuchtete. Hierauf gelangt' ich in die Gegend des Schlosses, dem sich niemand zu nhern wagte. Auen angebrachte bretterne Angebude deuteten auf die Verunreinigung jener frstlichen Wohnung; auf dem Platze davor standen, gedrngt ineinander geschoben, unbrauchbare Kanonen, teils durch den Feind, teils durch eigene hitzige Anstrengung zerstrt. Wie nun von auen her durch feindliche Gewalt so manches herrliche Gebude mit seinem Inhalt vernichtet worden, so war auch innerlich vieles durch Roheit, Frevel und Mutwillen zugrunde gerichtet. Der Palast Ostheim stand noch in seiner Integritt, allein zur Schneiderherberge, zu Einquartierungs- und Wachstuben verwandelt -- eine Umkehrung, verwnscht anzusehen! Sle voll Lappen und Fetzen, dann wieder die gips-marmornen Wnde mit Haken und groen Ngeln zerspengt, Gewehre dort aufgehangen und umher gestellt. Das Akademiegebude nahm sich von auen noch ganz freundlich aus, nur eine Kugel hatte im zweiten Stock ein Fenstergewnde von Smmerrings Quartier zersprengt. Ich fand diesen Freund wieder daselbst, ich darf nicht sagen eingezogen, denn die schnen Zimmer waren durch die wilden Gste aufs schlimmste behandelt. Sie hatten sich nicht begngt, die blauen reinlichen Papiertapeten, so weit sie reichen konnten, zu verderben; Leitern, oder bereinander gestellte Tische und Sthle muten sie gebraucht haben, um die Zimmer bis an die Decke mit Speck oder sonstigen Fettigkeiten zu besudeln. Es waren dieselbigen Zimmer, wo wir vorm Jahr so heiter und traulich zu wechselseitigem Scherz und Belehrung freundschaftlich beisammen gesessen. Indes war bei diesem Unheil doch auch noch etwas Trstliches zu zeigen; Smmerring hatte seinen Keller unerffnet und seine dahin geflchteten Prparate durchaus unbeschdigt gefunden. Wir machten ihnen einen Besuch, wogegen sie uns zu belehrendem Gesprch Anla gaben. Eine Proklamation des neuen Gouverneurs hatte man ausgegeben. Ich fand sie in eben dem Sinne, ja fast mit den gleichen Worten meiner Anmahnung an jenen ausgewanderten Perckenmacher; alle Selbsthlfe war verboten; dem zurckkehrenden Landesherrn allein sollte das Recht zustehen, zwischen guten und schlechten Brgern den Unterschied zu bezeichnen. Sehr notwendig war ein solcher Erla, denn bei der augenblicklichen Auflsung, die der Stillstand vor einigen Tagen verursachte, drangen die khnsten Ausgewanderten in die Stadt und veranlaten selbst die Plnderung der Klubistenhuser, indem sie die hereinziehenden Belagerungssoldaten anfhrten und aufregten. Jene Verordnung war mit den mildesten Ausdrcken gefat, um, wie billig, den gerechten Zorn der grenzenlos beleidigten Menschen zu schonen. Wie schwer ist es, eine bewegte Menge wieder zur Ruhe zu bringen! Auch noch in unserer Gegenwart geschahen solche Unregelmigkeiten. Der Soldat ging in einen Laden, verlangte Tabak, und indem man ihn abwog, bemchtigte er sich des Ganzen. Auf das Zetergeschrei der Brger legten sich unsere Offiziere ins Mittel, und so kam man ber eine Stunde, ber einen Tag der Unordnung und Verwirrung hinweg. Auf unseren Wanderungen fanden wir eine alte Frau an der Tre eines niedrigen, fast in die Erde gegrabenen Huschens. Wir verwunderten uns, da sie schon wieder zurckgekehrt, worauf wir vernahmen, da sie gar nicht ausgewandert, ob man ihr gleich zugemutet, die Stadt zu verlassen. "Auch zu mir", sagte sie, "sind die Hanswrste gekommen mit ihren bunten Schrpen, haben mir befohlen und gedroht; ich habe ihnen aber tchtig die Wahrheit gesagt: Gott wird mich arme Frau in dieser meiner Htte lebendig und in Ehren erhalten, wenn ich euch schon lngst in Schimpf und Schande sehen werde. Ich hie sie mit ihren Narreteien weiter gehen. Sie frchteten, mein Geschrei mchte die Nachbarn aufregen, und lieen mich in Ruhe. Und so hab' ich die ganze Zeit teils im Keller, teils im Freien zugebracht, mich von wenigem genhrt, und lebe noch Gott zu Ehren; jenen aber wird es schlecht ergehen." Nun deutete sie uns auf ein Eckhaus gegenber, um zu zeigen, wie nahe die Gefahr gewesen. Wir konnten in das untere Eckzimmer eines ansehnlichen Gebude hineinschauen, das war ein wunderlicher Anblick! Hier hatte seit langen Jahren eine alte Sammlung von Kuriositten gestanden, Figuren von Porzellain und Bildstein, chinesische Tassen, Teller, Schsseln und Gefe; an Elfenbein und Bernstein mocht' es auch nicht gefehlt haben, so wie an anderem Schnitz- und Drechselwerk, aus Moos, Stroh und sonst zusammengesetzten Gemlden und was man sich in einer solchen Sammlung denken mag. Das alles war nur aus den Trmmern zu schlieen: denn eine Bombe, durch alle Stockwerke durchschlagend, war in diesem Raume geplatzt; die gewaltsame Luftausdehnung, indem sie inwendig alles von der Stelle warf, schlug die Fenster herauswrts, mit ihnen die Drahtgitter, die sonst das Innere schirmten und nun zwischen den eisernen Stangengittern bauchartig herausgebogen erschienen. Die gute Frau versicherte, da sie bei dieser Explosion selbst mit unterzugehen geglaubt habe. Wir fanden unser Mittagsmahl an einer groen Wirtstafel; bei vielen Hin- und Widerreden schien uns das beste, zu schweigen. Wundersam genug fiel es aber auf, da man von den gegenwrtigen Musikanten den Marseiller Marsch und das _a ira_ verlangte; alle Gste schienen einzustimmen und erheitert. Bei unserm folgenden Hin- und Herwandern wuten wir den Platz, wo die Favorite gestanden, kaum zu unterscheiden. Im August vorigen Jahrs erhub sich hier noch ein prchtiger Gartensaal; Terrassen, Orangerie, Springwerke machten diesen unmittelbar am Rhein liegenden Lustort hchst vergnglich. Hier grnten die Alleen, in welchen, wo der Grtner mir erzhlte, sein gndigster Kurfrst die hchsten Hupter mit allem Gefolge an unbersehbaren Tafeln bewirtet; und was der gute Mann nicht alles von damastnen Gedecken, Silberzeug und Geschirr zu erzhlen hatte. Geknpft an jene Erinnerung, machte die Gegenwart nur noch einen unertrglichern Eindruck. Die benachbarte Kartause war ebenfalls wie verschwunden, denn man hatte die Steine dieser Gebude sogleich zur bedeutenden Weienauer Schanze vermauert. Das Nonnenklsterchen stand noch in frischen, kaum wieder herzustellenden Ruinen. Die Freunde Gore und Krause begleitete ich auf die Zitadelle. Da stand nun Drusus' Denkmal ohngefhr noch ebenso, wie ich es als Knabe gezeichnet hatte, auch diesmal unerschttert, so viel Feuerkugeln daran mochten vorbeigeflogen sein, ja daraufgeschlagen haben. Herr Gore stellte seine tragbare dunkle Kammer auf dem Walle sogleich zurechte, in Absicht, eine Zeichnung der ganzen durch die Belagerung entstellten Stadt zu unternehmen, die auch von der Mitte, vom Dom aus, gewissenhaft und genau zustande kam, gegen die Seiten weniger vollendet, wie sie uns in seinen hinterlassenen, schn geordneten Blttern noch vor Augen liegt. Endlich wendeten sich auch unsere Wege nach Kastel; auf der Rheinbrcke holte man noch frischen Atem wie vor alters und betrog sich einen Augenblick, als wenn jene Zeit wiederkommen knnte. An der Befestigung von Kastel hatte man whrend der Belagerung immerfort gemauert; wir fanden einen Trog frischen Kalks, Backsteine daneben und eine unfertige Stelle; man hatte nach ausgesprochenem Stillstand und bergabe alles stehn und liegen lassen. So merkwrdig aber als traurig anzusehen war der Verhau rings um die Kasteler Schanzen; man hatte dazu die Flle der Obstbume der dortigen Gegend verbraucht. Bei der Wurzel abgesgt, die uersten zarten Zweige weggestutzt, schob man nun die strkeren, regelmig gewachsenen Kronen ineinander und errichtete dadurch ein undurchdringliches letztes Bollwerk, es schienen zu gleicher Zeit gepflanzte Bume, unter gleich gnstigen Umstnden erwachsen, nunmehr zu feindseligen Zwecken benutzt, dem Untergang berlassen. Lange aber konnte man sich einem solchen Bedauern nicht hingeben, denn Wirt und Wirtin und jeder Einwohner, den man ansprach, schienen ihren eigenen Jammer zu vergessen, um sich in weitlufigere Erzhlungen des grenzenlosen Elends herauszulassen, in welchem die zur Auswanderung gentigten Mainzer Brger zwischen zwei Feinde, den innern und uern, sich geklemmt sahen. Denn nicht der Krieg allein, sondern der durch Unsinn aufgelste brgerliche Zustand hatte ein solches Unglck bereitet und herbeigefhrt. Einigermaen erholte sich unser Geist von alle dem Trbsal und Jammer, bei Erzhlung mancher heroischen Tat der tchtigen Stadtbrger. Erst sah man mit Schrecken das Bombardement als ein unvermeidliches Elend an, die zerstrende Gewalt der Feuerkugeln war zu gro, das anrckende Unglck so entschieden, da niemand glaubte, entgegenwirken zu knnen; endlich aber, bekannter mit der Gefahr, entschlo man sich, ihr zu begegnen. Eine Bombe, die in ein Haus fiel, mit bereitem Wasser zu lschen, gab Gelegenheit zu khnem Scherz; man erzhlte Wunder von weiblichen Heldinnen dieser Art, welche sich und andre glcklich gerettet. Aber auch der Untergang von tchtigen wackern Menschen war zu bedauern. Ein Apotheker und sein Sohn gingen ber dieser Operation zugrunde. Wenn man nun, das Unglck bedauernd, sich und andern Glck wnschte, das Ende der Leiden zu sehen, so verwunderte man sich zugleich, da die Festung nicht lnger gehalten worden. In dem Schiffe des Doms, dessen Gewlbe sich erhalten hatten, lag eine groe Masse unangetasteter Mehlscke, man sprach von andern Vorrten und von unerschpflichem Weine. Man hegte daher die Vermutung, da die letzte Revolution in Paris, wodurch die Partei, wozu die Mainzer Kommissarien gehrten, sich zum Regiment aufgeschwungen, eigentlich die frhere bergabe der Festung veranlat. Merlin von Thionville, Reubel und andere wnschten gegenwrtig zu sein, wo, nach berwundnen Gegnern, nichts mehr zu scheuen und unendlich zu gewinnen war. Erst mute man sich inwendig festsetzen, an dieser Vernderung teilnehmen, sich zu bedeutenden Stellen erheben, groes Vermgen ergreifen, alsdann aber bei fortgesetzter uerer Fehde auch da wieder mitwirken und, bei wahrscheinlich ferner zu hoffendem Kriegsglck, abermals ausziehen, die regen Volksgesinnungen ber andere Lnder auszubreiten, den Besitz von Mainz, ja von weit mehr wieder zu erringen trachten. Fr niemand war nun Bleibens mehr in dieser verwsteten den Umgebung. Der Knig mit den Garden zog zuerst, die Regimenter folgten. Weiteren Anteil an den Unbilden des Krieges zu nehmen, ward nicht mehr verlangt; ich erhielt Urlaub, nach Hause zurckzukehren, doch wollt' ich vorher noch Mannheim wieder besuchen. Mein erster Gang war, Ihro Kniglichen Hoheit dem Prinzen Louis Ferdinand aufzuwarten, den ich ganz wohlgemut auf seinem Sofa ausgestreckt fand, nicht vllig bequem, weil ihn die Wunde am Liegen eigentlich hinderte; wobei er auch die Begierde nicht verbergen konnte, baldmglichst auf dem Kriegsschauplatz persnlich wieder aufzutreten. Darauf begegnete mir im Gasthofe ein artiges Abenteuer. An der langen, sehr besetzten Wirtstafel sa ich an einem Ende, der Kmmerier des Knigs, von Rietz, an dem andern, ein groer, wohlgebauter, starker, breitschultriger Mann; eine Gestalt, wie sie dem Leibdiener Friedrich Wilhelms gar wohl geziemte. Er mit seiner nchsten Umgebung waren sehr laut gewesen und standen frohen Mutes von Tafel auf; ich sah Herrn Rietz auf mich zukommen, er begrte mich zutraulich, freute sich meiner lang' gewnschten, endlich gemachten Bekanntschaft, fgte einiges Schmeichelhafte hinzu und sagte sodann: ich msse ihm verzeihen, er habe aber noch ein persnliches Interesse, mich hier zu finden und zu sehen. Man habe ihm bisher immer behauptet: schne Geister und Leute von Genie mten klein und hager, krnklich und vermfft aussehen, wie man ihm denn dergleichen Beispiele genug angefhrt. Das habe ihn immer verdrossen, denn er glaube doch auch nicht auf den Kopf gefallen zu sein, dabei aber gesund und stark und von tchtigen Gliedmaen; aber nun freue er sich, an mir einen Mann zu finden, der doch auch nach etwas aussehe, und den man deshalb nicht weniger fr ein Genie gelten lasse. Er freue sich dessen und wnsche uns beiden lange Dauer eines solchen Behagens. Ich erwiderte gleichfalls verbindliche Worte; er schttelte mir die Hand, und ich konnte mich trsten, da, wenn jener wohlgesinnte Obristlieutenant meine Gegenwart ablehnte, welcher wahrscheinlich auch eine vermffte Person erwartet hatte, ich nunmehr, freilich in einer ganz entgegengesetzten Kategorie, zu Ehren kam. In Heidelberg, bei der alten treuen Freundin Delph, begegnete ich meinem Schwager und Jugendfreund Schlosser. Wir besprachen gar manches, auch er mute einen Vortrag meiner Farbenlehre aushalten. Ernst und freundlich nahm er sie auf, ob er gleich von der Denkweise, die er sich festgesetzt hatte, nicht loskommen konnte und vor allen Dingen darauf bestand, zu wissen: inwiefern sich meine Bearbeitung mit der Eulerischen Theorie vereinigen lasse, der er zugetan sei. Ich mute leider bekennen, da auf meinem Wege hiernach gar nicht gefragt werde, sondern nur, da darum zu tun sei, unzhlige Erfahrungen ins Enge zu bringen, sie zu ordnen, ihre Verwandtschaft, Stellung gegeneinander und nebeneinander aufzufinden, sich selbst und andern falich zu machen. Diese Art mochte ihm jedoch, da ich nur wenig Experimente vorzeigen konnte, nicht ganz deutlich werden. Da nun hiebei die Schwierigkeit des Unternehmens sich hervortat, zeigt' ich ihm einen Aufsatz, den ich whrend der Belagerung geschrieben hatte, worin ich ausfhrte: wie eine Gesellschaft verschiedenartiger Mnner zusammen arbeiten und jeder von seiner Seite mit eingereifen knnte, um ein so schwieriges und weitlufiges Unternehmen frdern zu helfen. Ich hatte den Philosophen, den Physiker, Mathematiker, Maler, Mechaniker, Frber und Gott wei wen alles in Anspruch genommen; dies hrte er im allgemeinen ganz geduldig an, als ich ihm aber die Abhandlung im einzelnen vorlesen wollte, verbat er sich's und lachte mich aus: ich sei, meinte er, in meinen alten Tagen noch immer ein Kind und Neuling, da ich mir einbilde, es werde jemand an demjenigen teilnehmen, wofr ich Interesse zeige, es werde jemand ein fremdes Verfahren billigen und es zu dem seinigen machen, es knne in Deutschland irgend eine gemeinsame Wirkung und Mitwirkung stattfinden! Ebenso wie ber diesen Gegenstand uerte er sich ber andere; freilich hatte er als Mensch, Geschftsmann, Schriftsteller gar vieles erlebt und erlitten, daher denn sein ernster Charakter sich in sich selbst verschlo und jeder heitern, glcklichen, oft hlfreichen Tuschung mimutig entsagte. Mir aber machte es den unangenehmsten Eindruck, da ich, aus dem schrecklichsten Kriegszustand wieder ins ruhige Privatleben zurckkehrend, nicht einmal hoffen sollte auf eine friedliche Teilnahme an einem Unternehmen, das mich so sehr beschftigte und das ich der ganzen Welt ntzlich und interessant whnte. Dadurch regte sich abermals der alte Adam; leichtsinnige Behauptungen, paradoxe Stze, ironisches Begegnen und was dergleichen mehr war, erzeugte bald Apprehension und Mibehagen unter den Freunden: Schlosser verbat sich dergleichen sehr heftig, die Wirtin wute nicht, was sie aus uns beiden machen sollte, und ihre Vermittlung bewirkte wenigstens, da der Abschied zwar schneller als vorgesetzt, doch nicht bereilt erschien. Von meinem Aufenthalt in Frankfurt wte ich wenig zu sagen, ebensowenig von meiner brigen Rckreise; der Schlu des Jahrs, der Anfang des folgenden lie nur Greueltaten einer verwilderten und zugleich siegberauschten Nation vernehmen. Aber auch mir stand ein ganz eigener Wechsel der gewohnten Lebensweise bevor. Der Herzog von Weimar trat nach geendigter Campagne aus preuischen Diensten; das Wehklagen des Regiments war gro durch alle Stufen, sie verloren Anfhrer, Frsten, Ratgeber, Wohltter und Vater zugleich. Auch ich sollte von eng verbundenen trefflichen Mnnern auf einmal scheiden; es geschah nicht ohne Trnen der besten. Die Verehrung des einzigen Mannes und Fhrers hatte uns zusammengebracht und gehalten, und wir schienen uns selbst zu verlieren, als wir seiner Leitung und einem heiteren verstndigen Umgang untereinander entsagen sollten. Die Gegend um Aschersleben, der nahe Harz, von dort aus so leicht zu bereisen, erschien fr mich verloren, auch bin ich niemals wieder tief hineingedrungen. Und so wollen wir schlieen, um nicht in Betrachtung der Weltschicksale zu geraten, die uns noch zwlf Jahre bedrohten, bis wir von eben denselben Fluten uns berschwemmt, wo nicht verschlungen gesehen. 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